Carl von Ossietzky Sämtliche Schriften – Band IV: 1927-1928 Texte 680–829 1927 680 Lob der Außenseiter Vor Jahresfrist saßen ein paar Menschen in einem kleinen Klubzimmer zusammen und faßten den Beschluß, die im Parlament verfahrene Abfindungsfrage durch Volksentscheid zu lösen. Die große Presse erklärte die Leute sofort für verrückt. Ein paar Wochen später war die Fürsten-Enteignung Massenparole geworden. Ein paar Monate später war der Volksentscheid da, imponierend noch im Unterliegen. Heute haben die Hohenzollern ihr Geld, und Niemand spricht mehr davon. Typischer Verlauf einer Volksbewegung in Deutschland. Niemals ist so viel wie jetzt von der Konsolidierung der Republik und der wachsenden Werbekraft des republikanischen Gedankens gesprochen worden. Dennoch geistert überall ein Unbehagen, peinigt die Zufriednen ein halb unbewußtes Mißtrauen. Dennoch bauscht das Gerücht jede Regierungskrise sofort zur Krise der Republik. Dennoch droht bei jeder innenpolitischen Komplikation sofort der Artikel 48, das Giftfläschchen in der innern Rocktasche der Verfassung. Der liberale Demokratismus, in dessen Zeichen die sogenannte Stabilisierung sich vollzieht, erschöpft sich in der breiten Lobpreisung des Parlamentsstaates. Er sieht nichts Werdendes, verbeugt sich pietätvoll vor Vergangnem, ahnt nichts von einem Problem der Köpfe, geschweige denn von denen des Magens. Der böse Satz von Anatole France: »Das Gesetz verbietet in seiner majestätischen Gleichheit den Reichen wie den Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen«, kennzeichnet für immer die hohle sittliche Attitüde einer Demokratie, die nur in ihren Institutionen und für ihre Institutionen lebt. Hier aber ist die Grundlage der fortschreitenden Einigung zwischen Reaktion und mittelparteilichem Bürgertum. Sie finden sich auf dem Verfassungspapier der Republik. Finden sich in der unbedingten Ablehnung der Tatsache, daß selbst diese Republik revolutionären Ursprungs ist, daß es ohne den 9. November niemals einen 11. August gegeben hätte. Die bürgerliche Demokratie tanzt vor Wonne, wenn ihr der frühere – und jetzige? – kronprinzliche Nachrichtenoffizier Kurt Anker großmütig testiert, es habe 1918 wirklich keine Revolution gegeben, und Alles sei hübsch von selber gekommen. Deshalb keine Schuld, keine Anklage. Am Besten: gar nicht mehr davon sprechen. Das ist die neue Friedensformel: die endgültige Verankerung der Weimarer Demokratie im Sumpfe des Juste milieu. Die Anerkennung dieses Zustandes nennt man Realpolitik. Zweifel daran wird als Ketzerei, Phantasterei, Nörgelei abgetan. Die großen Realpolitiker vergessen nur, daß auch die Wirklichkeit ihre eignen Illusionen erzeugt. Sie nehmen den Dunstkreis selbst zugesprochner Bedeutsamkeit für die Ausdehnung der Welt. Dem Ritual des »Erreichbaren und Möglichen« rückhaltlos hingegeben, halten sie die Grenzen eignen Denkens und Wollens für die Grenzen des Möglichen überhaupt. Wir fragen: Was haben die großen Parlamentspolitiker, die unerhörten Strategen der Opportunität, eigentlich erreicht? Wo sind denn die überzeugenden Resultate des langjährigen changez-les-coalitions? Die Gleichgültigkeit der breiten Massen am politischen Betrieb ist unbeschreiblich. Die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit sind schärfer als jemals. Wehrmacht und Justiz frondieren. Die Hohenzollern haben ihre Millionen. Die Zensur ist wieder da. Das sind die Resultate. Doch was wäre selbst das bißchen Konsolidierung, auf das immer so stolz gepocht wird, ohne die spornende und peitschende Kraft verhöhnter und gemiedner Außenseiter? Keine der später verwirklichten Ideen ist aus der Mitte der großen Parteien gekommen. Jeder nationalistische Aberwitz hat seine demokratischen und sozialistischen Satelliten gehabt. Es gab eine einheitliche Noske-Front, eine Cuno-Front, eine Geßler-Front. Es gab eine geschlossene Front gegen die Reparationen, gegen den Völkerbund, gegen die deutsch-französische Verständigung, gegen die schüchternsten Maßnahmen zum Schutze der Republik. Es gab Einheitsfronten gegen Alles, was heute als innen- und außenpolitischer Fortschritt und ragende Staatsmannsleistung gefeiert wird. Ohne ein paar beherzte Einzelgänger hätte es keine Aufdeckung der Femeschande gegeben. Keinen Sturz Seeckts. Keine hallende Kritik an Reichswehr und Justiz. Kein Locarno, Thoiry und Genf. Und selbst die excercierende und paradierende Selbstgefälligkeit des Reichsbanners, in vernünftigen Dosen ganz nützlich, wäre undenkbar ohne die stachelnde Laune einiger Unzünftiger, mit denen sich kein patentierter Republikaner, um Gotteswillen, auf eine Bank setzt. Alles mußte erkämpft werden: gegen die kompakte Majorität, gegen die Parteien, gegen das Parlament. Heute ruhen die Stammgäste der guten Mitte wieder auf ihren Lorbeeren aus. Sie sehen das Erreichte an, finden es schön und dekretieren große Pause. Und wenn auch sonst weiter nichts stabilisiert ist, so doch der Kapitalismus. Auf Klagen von Unten antwortet der Harfenklang wohltemperierter Resignation: Dafür ist kein Geld da! Kein Geld für die Arbeitslosen, kein Geld für ein großes Wohnbau- und Siedlungs-Programm. Die Außenseiter, ohne Sinn für das schöne Ebenmaß des »im Rahmen des Gegebenen Möglichen« und ohne Respekt vor der stillen Lyrik des parlamentarischen Handwerks, aber fragen: Zu diesem Effekt eine welthistorische Umwälzung? Deswegen soll einmal die rote Fahne über Deutschland geweht haben, damit ein paar Oberbürgermeister Minister spielen können, was schließlich auch unter Wilhelm sporadisch gestattet war? Enthält nicht der revolutionäre Ursprung der Republik auch eine revolutionäre Verpflichtung? Die Professionellen, die Wohlerzogenen und Bedächtigen haben das teils vergessen, teils bewußt unterschlagen. Den Männern der positiven Arbeit, der täglichen Kleinarbeit, der gutgeölten Routine, die schuldige Reverenz. Aber wenn es seit 1914 immer nach ihnen allein gegangen wäre, gäbe es heute kein Deutschland mehr. Die Weltbühne, 4. Januar 1927 681 Idiotenführer durch die Regierungskrise Zur Theorie der Krise Das parlamentarische System ist in Deutschland allzu jungen Datums, um sich den glanzvollen Vorbildern in Frankreich und England wetteifernd zu nähern. Aber immerhin hat sich auch unsre Volksvertretung ein bescheidenes Spezialgebiet gesichert, auf dem Niemand sie überflügeln kann: Deutschland ist den alten Demokratien in der pfleglichen Behandlung der Regierungskrisen weit voraus. In der künstlerischen Dehnung und Streckung der Krisen zeigt sich eine frühe Meisterschaft des zur Mündigkeit erwachten deutschen Volkes, einig darin in allen seinen Stämmen. Hatten die frühern Krisen noch unter zeitlicher Einengung gelitten, wodurch bedauerlicherweise grade jene Eigentümlichkeiten nicht zur vollen Entfaltung kommen konnten, die unsern Reichstag so liebenswert gemacht haben, so hat man dies Mal von vornherein eine Krisendauer von mehreren Wochen festgesetzt. Sollte die Gefahr vorzeitiger Beendigung etwa in die Nähe rücken, so ist für so unliebsame Fälle ein totsicherer Apparat geschaffen, der Scholz genannt wird und vier, fünf Wochen garantiert. So werden wir allen Schwierigkeiten zum Trotz doch der permanenten Krise näherkommen, der absoluten Krise, der Krise an sich: dem hohen Ziel deutscher Staatskunst. Typischer Verlauf eines Krisentages Sofort nach feierlicher Kriseneröffnung begeben sich die Parteiführer zum Reichspräsidenten, der ihrem Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit lauscht. Positives wird nicht gesagt, da Keiner Spielverderber sein will. In der Wandelhalle des Reichstags erwacht ein fröhliches Leben. Alle frühern Minister und Staatssekretäre seit 1890 sind erschienen, und entwickeln, teils vor Interessenten, teils monologisierend, Ideen zur Steuerreform oder zur Innern Verwaltung. Zu den Gewesenen gesellen sich die möglicherweise Kommenden, die Ministrablen, worunter ganz besonders Diejenigen beachtet werden, die bereits in der Zeitung »genannt« wurden. Ein paar etwaige Reichswehrminister gehen mit soldatischer Straffheit durchs Restaurant; ein präsumptiver Külz deutet durch Nichtrasur Bereitwilligkeit an, mit dem Amt den Bart zu übernehmen (den Zopf sowieso). Heftig disputierende Gruppen. Ein kleiner Radikaler aus Sachsen erklärt: zunächst müsse mal in der Bendler-Straße ausgefegt werden. Ein längrer Genosse, der nicht aus Sachsen ist, es aber von Rechts wegen sein müßte, plaidiert für große Geste gegenüber monarchistischen Offizieren und wird von ein paar Herren der Mitte ob seiner staatspolitischen Einsicht gelobt. Plötzlich ein Raunen: Zentrum in Sonderverhandlungen mit Volkspartei; Gerüchte fliegen hin und her über das Maximum des vom Zentrum zu Gewährenden. »Was sagen Sie zu der Kombination, Herr Kollege?« Schnapp, da liegt die Kombination schon mitten entzweigeschnitten. Scholz hat funktioniert. Etwas sehr Wichtiges und Nichteingeweihten schwer Verständliches ist die Atmosphäre. Wenn zwei Fraktions-Chefs, deren Getreue sich sonst nur mit dem Stuhlbein zu traktieren pflegen, auf dem Korridor zusammenstehen, melden die Blätter: Wenn sie auch dies Mal noch keine greifbaren Resultate erzielen, so sind diese Unterhaltungen doch bedeutsam für die Schaffung einer geeigneten Atmosphäre. Die Kommunisten, die in den Vollsitzungen doch wahrhaftig nicht zu übersehen und zu überhören sind, laufen in den Krisenwochen unbeschäftigt herum. Sie wissen mit dem ganzen Trubel nichts Rechts anzufangen und betrachten Alles mit erstaunten Augen. Niemand bekümmert sich um sie; sie zählen gar nicht mit. Die Leute haben eben keine Atmosphäre. Die Demokraten, die bislang überall gezüngelt haben, ohne sonderliche Beachtung zu finden, erklären sich bereit, dem Vaterland das Opfer zu bringen, nicht nur den Kanzler zu stellen, sondern auch alle bisher innegehabten Ministerien zu behalten; ein prominentes Fraktionsmitglied hält der Presse grade Vortrag darüber und bittet dringend, diese Selbstentäußerung der Partei hinreichend zu würdigen. Wieder nichts. Die rechte Mittelgruppe der linken Außenseiter des rechten Flügels der Deutschen Volkspartei hat grob jede weitre Erörterung abgelehnt. Freudestrahlend stürzt der notable Demokrat ins Fraktionszimmer: »Hurra, wir haben eine Maulschelle bekommen, man spricht wieder mal von uns!« und stürmt wieder hinaus zur Presse: »Meine Herren, schreiben Sie, ›Ein taktischer Erfolg der Demokraten!‹« Ein überparteilicher Rechtsmann, bei der Volkspartei beliebt und beim Zentrum wohlgelitten, soeben aus Süd-Amerika zurückgekommen, auf dem sonnengebräunten Khaki-Anzug noch den Staub von Quito, konferiert mit Parteiführern. »Große Koalition gefällig?« Nein. Die Sozis zeigen wieder Mangel an Verantwortungsfreude. Dann Koalition der Mitte, mit Neutralität rechts und links. »Ganz nach Belieben, meine Herren!« Der Süd-Amerikaner macht, mit dem Sombrero unterm Arm, die Runde bei den Parteien. T.U. meldet: Das Kabinett gebildet! Neuer Knacks. Die Wirtschaftspartei fordert Beseitigung des zweiten Nachtrags zum Schankgesetz. Das Zentrum gibt nicht nach. Freundliche Zusprüche. Nix. Die Wirtschaftspartei steht wie ein rocher de beurre. Der Süd-Amerikaner geht wütend nach Haus und flüstert was von Artikel 48. Ein deutschnationaler Versuch, den Rechtsblock zu machen, läßt sich zunächst hoffnungsvoll an, scheitert aber an dem Verlangen der Bayrischen Volkspartei, die bayrische Weltsprache als obligatorisches Lehrfach in den höhern Schulen einzuführen.   Spät abends treffen sich die Fraktionsführer, freuen sich über die wohlgelungne Krise, drücken alle guten Wünsche aus, haschen sich freudig erhitzt mit den Händchen, machen Ringelreihe und tanzen eine Kukirolienne. Die Weltbühne, 4. Januar 1927 682 Die Nacht von Hankau Von chinesischen Soldaten zerniert, die die weißen Herrn des Erdballs vor den Steinwürfen des gelben Straßenvolkes schützten, sind die englischen Freiwilligen aus dem Konzessionsgebiet von Hankau abgezogen. Vielleicht hat inzwischen Tschiang Kai Shak, der Generalissimus Süd-Chinas, dem Repräsentanten der englischen Behörden die vom Dachfirst gerissene Fahne Britanniens mit höflicher Entschuldigung wieder zurückgegeben. Aber die Autorität Englands in China hat einen tötlichen Schlag erlitten. Mag auch die Diplomatie nochmals den Gang der Ereignisse verlangsamen: das chinesische Nationalbewußtsein hat seinen großen Ansporn. Im Foreign Office spürte man schon lange das kommende Ungewitter. Man versuchte deshalb nach allzu umständlichen Erwägungen, mit Canton, das man bisher als ein Banditennest, mindestens als eine maskierte russische Vorposten-Stellung betrachtet hatte, in Verhandlungen zu kommen. London empfand wohl die grenzenlose Ohnmacht der sogenannten Zentralregierung in Peking. Aber vielleicht hatte Wupeifu, der trotz seiner zahlreichen Unglücksfälle noch immer brauchbarste Degen, seine Subsidien noch nicht bis zum letzten Rest verzehrt; vielleicht rechnete man auch noch mit irgendeinem andern Truppenvermieter, der bereit sein würde, gegen gutes Geld seine kostbare Ware für England [zu] riskieren. Jedenfalls zeigte die englische Außenpolitik dies Mal nicht die gewohnte Initiative, jene oft mit Glück bewährte Courage, ohne viel Geräusch mit eingefressenen Traditionen zu brechen. Chamberlain behandelt den Fall China dilatorisch; nicht als kühler Cunctator, sondern hoffend, daß die erfolgreichen Streiter der neuen Unabhängigkeitsideen sich schließlich untereinander verschlingen würden. Doch als die Fortschritte der Armee Tschiang Kai Shaks nicht mehr zu ignorieren waren, da bequemte sich auch England endlich dazu, Canton als eine Macht in dem verworrenen Riesenreich anzuerkennen und versuchte, sich mit dem verschrienen Bolschewistenhort auf Vertragsbasis zu finden. Zunächst wurde Herr Lampson, ein Diplomat, als Spezialberichterstatter nach Canton geschickt. Dessen Rapporte klangen ziemlich pessimistisch, waren aber nicht geeignet, den dies Mal seltsam schweren Geist des Außenamtes zu beflügeln. Dann wurde in der Form eines Memorandums erste amtliche Fühlung mit der süd-chinesischen Republik versucht. Aber dabei widerfuhr England das Pech, von Frankreich im Stich gelassen zu werden. Der Quai d'Orsay hatte zunächst seine Zustimmung gegeben. Doch schien das pariser Kabinett in der Frage geteilt zu sein. Wenigstens zog Briand die anfängliche Zusage plötzlich mit der ironischen Begründung zurück, daß Frankreichs Position in China nichts zu wünschen übrig lasse, daß jedoch die Machtverhältnisse dort noch völlig ungeklärt seien: es empfehle sich deshalb nicht, sich schon jetzt so autoritativ auf eine bestimmte Seite zu schlagen. Cochin-China, Frankreichs Besitz, liegt dem revolutionären Infektionsherd, Süd-China, benachbart. Das dämmt das Vergnügen des Quai d'Orsay an neuen weltpolitischen Feuerwerken. Auch die andern Vertragsmächte zeigen plötzlich eine ungewohnte Zurückhaltung. England steht in China allein. England steht allein gegen China.   Noch bis vor wenigen Monaten glich Chinas innrer Krieg einem unentwirrbaren Knäuel provinzialer Feindseligkeiten. Bandenchefs, von fremden Mächten gespickt, führten zur Plage des Landvolkes Truppenbewegungen aus, die durch Berichte europäisch aufgetakelter Pressequartiere von Unkundigen fälschlich für Kämpfe gehalten wurden. Ein Mal nur, als Feng, der Unterbefehlshaber Wus, mit einem verwegenen Coup den Herrn plötzlich aus der Macht jagte und die eiserne Pranke auf Peking legte, schien plötzlich eine Idee geboren zu sein. Doch Feng, nur von den Russen unterstützt, mußte dem erneuten Zusammenschluß aller reaktionären Generale weichen. Nur Einer von diesen Spekulanten des Schwertes kann sich behaupten und scheint unverwüstlich: ein böser, alter Stacheligel, der Grausamste und Listigste von Allen, Tschangtsolin, der Despot der Mandschurei, ein Mongolen-Khan aus dem Bilderbuch in die moderne Zeit gesetzt. Tschang und Wu besiegen gemeinsam Feng. Aber geeint nur im Haß, konträr in allen Interessen, nutzen sie den Erfolg nicht aus, bleiben sie vor der Hauptstadt liegen, und nur die Hinrichtung russophiler Publizisten lehrt Peking, daß vor seinen Toren wieder einmal ein paar andre Marschälle gesiegt haben. Der Bürgerkrieg scheint an seinem eignen Widersinn zu verenden und ein Land ohne Führerenergien im tiefsten Marasmus zurückzulassen. Da dröhnt tief aus dem Süden plötzlich ein Gongschlag und übertönt alle andern Militär-Potpourris. Die Armee der Kuomintang marschiert, das Volksheer von Canton. Wer nicht stumpfe Ohren hat, kennt diese Marschmusik: das ist die Reveille von Valmy, der Trommelwirbel einer aufgehenden Zeit. Canton trägt die Standarte Chinas. In Kwantung, der Südprovinz, hat der große Sunyatsen das Arsenal der Befreiung organisiert. Als Doktor Sun im Jahre 1912 die welken Spätlinge der Mandschu-Dynastie entthronte und das asiatische Mittelreich zur Republik machte, da war er ausschließlich ein Exekutor liberal-demokratischer Ideen, die in das mittelalterlich-feudale China wie durch eine Hintertür unverhofft hereinbrachen. Doch das Fundament war zu schwach: in Peking wurde Sun bald durch den gerissnen Yüanshikai verdrängt, und die Zentralgewalt geriet nach dessen Tode in die Hände impotenter Patrizierklüngel, die nicht mehr waren als Spielbälle englischer, amerikanischer oder japanischer Diplomatie. Nach dem Süden zurückgegangen, erkannte Sun, daß alles nationale Freiheitsstreben wie Goldschaum versprüht, wenn es sich nicht auf soziale Tatsachen stützt. Um die ökonomische Diktatur durch die Fremden und ihre Grundlage: die Minderung der Souveränität durch Konzessionen und Vertragshäfen zu zerstören, dazu gehörten scharfkantigere Waffen als sie der liberale Demokratismus zu liefern vermag. Sun, der Asiat, überschaute die kapitalistische Welt und prüfte sie bis in ihre geheimsten Ängste hinein; er sah den Schatten über dem gedeckten Tisch – er sah das Proletariat. Gigantisches Unternehmen in einem Reiche, das ein Globus für sich ist und dessen Ackervolk sich noch großenteils in dem selben Zustand befindet wie vor mehr als sechshundert Jahren, als der Venezianer Marco Polo an den Hof Kublai Khans reiste, Begriffe des Sozialismus populär zu machen. In wenigen Jahren gelang es Sun, wenigstens in einigen großen Hafenstädten, wo der gelbe Mann stündlich erfährt, daß er in den Augen der Fremden nicht mehr bedeutet als ein Hund, die dumpfen Aufruhrgefühle einer mißachteten Rasse durch den Filter klassenkämpferischer Methodik in das spiegelblanke Becken moderner Massendisziplin zu leiten. Während im Norden Tschang und Wu ihre englischen oder japanischen Subsidien ziellos in die Luft schossen, kam aus den Häfen des Südens merkwürdige Kunde von Streik und Boykott, von demonstrierenden Industriearbeitern vor den Toren der Konzessionsviertel, von chinesischem Hauspersonal, das sich weigerte, für die Fremden gegen kargen Lohn und viel Fußtritte zu fronen. Aber Canton, obgleich Hongkong ungemütlich in den Nacken gesetzt, blieb doch in der Meinung der Welt das südliche Separatistennest: vielzüngige Rednerschule ohne Arm. Der alte Doktor Sun ist tot. Die Schlachtmusik seines Canton klingt am Jangtsekiang, hallt über ganz China.   Es ist wie ein Salut vor dem schweren Ernst der Wahrheit, daß in der Londoner Presse dies Mal weniger als sonst von »Bolschewismus« und »russischen Quertreibereien« lautbar wird. Denn mag die Kuomintang auch mit diplomatischen und militärischen Instruktoren moskauer Färbung ausgestattet sein – England weiß, daß es kein sozialistisches Ungetüm ist, das ihn drohend anbleckt, sondern der gute, alte chinesische Drache, das königliche Tier von vierhundert Millionen, das ein paar pfiffige Commerzleute für ewige Zeiten in der Tretmühle des Börsenprofits nutzbar machen wollten. (Moskau hat nur eine Idee übermittelt, hat sich als Lokomotive vor eine altmodische Wagenkolonne gespannt. Aber das Ende wird doch sein wie der Anfang: China, China, China!) Die englische Politik ist immer geschmeidig gewesen. Sie hat es zuletzt bewiesen, als sie zu Gunsten der Dominions das Reichsgefüge lockerte. Sie wird vielleicht nicht den Fehler der Habsburger-Monarchie gegenüber Turin und Belgrad wiederholen, sich einfach hinter das Autoritätsprinzip zu verschanzen: sie wird Konzessionen machen, zurückweichen, um innerlich desto fester zu binden. Aber ist noch Zeit dazu? Die Vorfälle von Hankau können sich an jedem andern Platz wiederholen, der Fall Shanghais ist vielleicht nur noch eine Frage von Wochen, und damit wäre auch das englische Prestige im Fernen Osten dahin. Es ist wie ein Vorzeichen kommender Stürme, daß Japan, das erst in China sehr aktiv, oft aggressiv war, sich seit einiger Zeit eine außergewöhnliche Reserve auferlegt. Sogar die Beziehungen zu dem ihm ergebnen und vielfach verpflichteten Gebieter der Mandschurei werden ostentativ vernachlässigt. Gerüchte wollen wissen, daß England, nachdem Suntschuangfang, der Militär-Gouverneur von Schantung, sich in seinem Interesse ruiniert hat, als letzte Karte den alten Tschangtsolin ausspielen wird. Dessen Ehrgeiz aber scheint nicht zu sein, Herr von All-China zu werden – Peking steht ihm seit Monaten offen, aber er zieht nicht ein –, hoffnungsvoller als ein solches Abenteuer dünkt ihn wohl, seine Mandschurei, wo die Bälle Rußlands und Japans hart karambolieren und die Tracen schicksaltragender Eisenbahnen am Pazific enden, zu einem selbständigen Staat zu machen, keinem Herrn mehr dienstbar. Erträumte Schluß-Apotheose eines alten Bravos, die jedoch den englischen Spekulationen schroff entgegensteht. Aber selbst wenn es dem Foreign Office gelingen sollte, einen neuen Preisfechter zu finden, die Entwicklung wird es nicht aufhalten können und nur neue Komplikationen schaffen. Schon heute lagern am Rand des Gelben Meeres Pulverfässer, neben deren Explosivkraft sich die in Europa selbst magazinierenden wie Christbaumschmuck ausnehmen. Es ist ein trüber Aspekt, und wenn es nicht geschmacklos wäre, Witze zu machen, könnte man fast nach dem Völkerbund rufen.   Während in Germanien und Mussolinien immer heißer der Platz an der Sonne begehrt wird, wackelt eine Kolonial-Feste nach der Andern. Der alte Imperialismus ist längst defensiv geworden. Der Appetit ist wohl noch da, nur haben sich die Herrschaften leider zwischen 1914 und 1918 gegenseitig die Schneidezähne eingeschlagen. Das Intermezzo von Hankau mag inzwischen durch offizielle Entschuldigungen erledigt sein, aber die Kunde von der Demütigung der englischen Macht wird geflügelt den Erdball umkreisen, und Millionen von Unterdrückten Glauben an die eigne Kraft verleihen. Als in der Nacht englische Soldaten von chinesischem Militär wie ein Haufen Landfahrer abgeschoben, zusehen mußten, wie Alt-Englands Hoheitszeichen vom Dach gerissen und besudelt wurde, da schwebte über diesem schweigenden, verbissnen Zug in den Lüften noch ein zweiter unendlich großer: die Geister Aller, die Europäerhabgier in fremden Zonen um Gold und Elfenbein, um Gummi und Zuckerrohr geschlachtet hat. Eine schreckliche Gespenster-Kavalkade: Rote vom Potomac, Schwarze vom Kongo, braune Kabylen, im Wüstensand verröchelt, Gelbe als Kanonenfutter des Kapitalismus in Gruben und Fabriken verbraucht. In dieser Nacht von Hankau hat Europa eine Schlacht verloren, nicht gegen eine andre Rasse, sondern, Gott sei Dank, gegen die Menschheit. Und mag auch solcher Nacht ein ungewisser Morgen folgen: das Herz kündet, daß Etwas doch anders geworden ist und es sich leichter atmen läßt. Eine Bastille ist weniger. Die Freiheit war wieder auf der Erde zu Gast. Die Weltbühne, 11. Januar 1927 683 An Herrn Harry Domela Lieber und verehrter Meister! Erlauben Sie einem bescheidnen Bewundrer Ihres allzu kurzen Auftretens als Prinz Wilhelm Ihnen ein aufrichtiges Bedauern zum Ausdruck zu bringen, daß es der Polizei gelungen ist, Sie der Rache der düpierten thüringer Ehrenbürger auszuliefern. Ihre Leistung war gut und rund. Wenn unsre republikanischen Politiker ähnlichen Witz aufbrächten, stünde es besser um uns. Es schmälert Ihre Meriten nicht, daß politische Absichten Ihnen völlig ferngelegen haben, und nur eine häßliche Bargeldlosigkeit Sie zu Ihrem kleinen Abenteuer in Thüringen veranlaßt hat. Junge Leute haben es heute schwer, und Sie haben nach manchem Graden und Krummen sich auch als Kohlenschipper versucht, der junge Herr dagegen, den Sie mit so viel Glück dargestellt haben, hat noch gar nichts versucht, eine rein hospitierende militärische Betätigung ausgenommen. Der Anstoß zu Ihrer gewiß nicht alltäglichen Rolle mag Ihnen wohl gekommen sein, als Sie ganz zufällig vor dem Spiegel unter hochgeschwungener Braue das blitzende Raubvogelauge der Hohenzollern entdeckten und die große, leicht gekrümmte Nase, die schon viele Rasseforscher zu profunden Untersuchungen über die Nürnberger Vergangenheit der Familie verleitet hat. Sie haben sich sicherlich nicht viel Gedanken gemacht über die traditionelle prinzliche tenue, die angeblich selbst in Lumpen überzeugt. Und unter den bürgerlichen und militärischen Honoratioren Thüringens wärs auch verschwendet gewesen. Sie haben nur Eines mitgebracht, was den seriösen und logischen Köpfen fehlt: Sie haben die Leute, die Sie rupfen wollten, für genau so dumm genommen, wie sie in Wahrheit sind. Sie haben, vielleicht durch ein frühes Erlebnis, traumhaft sicher erfaßt, daß es die höchste Seligkeit dieser Leute ist, vor einer schnarrenden Offiziersstimme, vor einem harten Herrenauge die Hacken zusammenzuknallen. Jahrelang haben Die vor der verwaisten Hoftheater-Maschinerie auf das Aufsteigen des Gottes gewartet. Plötzlich knackte es in den Scharnieren, es kam Jemand aus der Versenkung, und Alles lag auf dem Bauch. Doch mit Trauer lesen wir jetzt, verehrter Freund, daß Ihr Unterschlupf erst in der Herberge zur Heimat in Köln, dann bei der Fremdenlegion, nicht grade auf eine glänzende reale Ausbeute Ihres Unternehmens schließen läßt. Diese Weltfremdheit in finanziellen Dingen beweist schlagend, daß Sie kein echter Hohenzoller sind, und wären Ihre lieben Thüringer nicht hoffnungslos in Devotion ersoffen, an dieser stilwidrigen Bescheidenheit hätten sie die Wahrheit erraten müssen. Jetzt sind diese Krämerseelen auch noch undankbar und schreien nach Ihrem Blut. Wenn die Republik etwas mehr Humor hätte – denn Humor ist auch Geselligkeit –: sie würde Sie jetzt nicht dem Staatsanwalt überantworten, sondern Sie lebenslänglich im Prytaneion speisen und überhaupt als einen Mann behandeln, der sich ums Vaterland verdient gemacht hat. Sie haben da, wo der Verstand des Staates sanft schlief, als Liktor einer bessern Vernunft die Rutenbündel lustig tanzen lassen. Sie haben die Dummheit gezüchtigt. Sie haben unsern Herzen eine Freude bereitet. Wir danken Ihnen. Die Weltbühne, 11. Januar 1927 684 Bürgerblock-Ouvertüre Am Montag, dem 10. Januar beauftragt der Reichspräsident Herrn Doktor Curtius: »auf den Grundlagen der bisherigen Koalition, Gemeinschaftsarbeit mit der Deutschnationalen Volkspartei zu ermöglichen.« Die Deutschnationalen antworten sogleich: sie sähen darin den einzigen Weg zur Lösung, doch ruhe die Entscheidung beim Zentrum. Am Dienstag unterhandelt Westarp zum ersten Mal mit Curtius, lehnt aber jede bindende Äußerung ab, so lange nicht das Zentrum prinzipielle Bereitwilligkeit ausgedrückt habe, mit den Deutschnationalen zu arbeiten. Am selben Nachmittag erscheint Herr von Guérard bei Curtius. Hierauf vierstündige Beratung des Vorstandes der Zentrumsfraktion, unter Hinzuziehung des Herrn Wirth als Experten für republikanische Belange. Ergebnis: »schwere außenpolitische und innenpolitische Bedenken« gegen die Absichten des Herrn Curtius; dennoch soll der Entscheidung der Gesamtfraktion nicht vorgegriffen werden. Am Mittwoch faßt die Fraktion nach stundenlanger Debatte einen Beschluß, aus dem sich ergibt, daß sie die »Bedenken« des Vorstandes teilt. Am Donnerstag verhandeln Stresemann und Curtius mit Stegerwald und Guérard, die wieder ihre »Bedenken« geltend machen. Curtius erklärt, nochmals mit den Deutschnationalen sprechen zu wollen. Am Freitag konferiert Westarp zum zweiten Mal mit Curtius, der die »Bedenken« des Zentrums bekannt gibt und Übermittlung der deutschnationalen Antwort anbietet. Da endlich entschließt sich die Zentrumsfraktion, an Curtius zu schreiben, daß sie von seinen Bemühungen keinen Erfolg mehr erwarte, und Herr Curtius gibt seinen Auftrag zurück. Das ist, chronologisch geordnet und unter Weglassung aller ablenkenden und vertuschenden Decorativa, die Geschichte der Mission des schwarz-weiß-roten Heidenpredigers Curtius an den Gestaden des schwarz-rot-goldnen Zentrums. Und erstaunlich ist nur, daß die Oberpriester der Fraktion fünf ganze Tage brauchten, um zu einer Absage zu kommen, daß sie, anstatt den Versucher mit exorcistischen Formeln zu bannen, sich jedes Mal nach Empfang der unheiligen Botschaft ins Innre des Tempels zurückzogen, um mit ihrem republikanischen Glauben zu ringen.   Herr von Loebell ist ein Letzter jener alten preußischen Konservativen, deren Stärke in der Diplomatie lag, nicht wie bei den Epigonen, in der Demagogie. Der erfolgreiche Wahlmacher Hindenburgs ist zwar überzeugter Royalist, wenn auch mit der gefühlsmäßigen Einschränkung eines langjährigen wilhelminischen Ministers. Ein vielerfahrener Zyniker jedenfalls, der, um das deutsche Volk kennen zu lernen, es, abweichend von Gustav Freytags berühmtem Ratschlag, nicht bei der Arbeit, sondern beim Politisieren aufgesucht hat, und dem man deshalb nichts vormacht. Dieser wetterfeste Realist hat die Deutschnationalen kürzlich offen aufgefordert, doch mit dem langweilig werdenden oppositionellen Getue Schluß zu machen und frisch zu Locarnesen und Republikanern in die Regierung zu steigen, um sie dann an die Wand zu quetschen. Da die Deutschnationalen grade in jenen Tagen durch ihren Pressechef in »Le Journal« einen ersten schüchternen Versuch vornehmen ließen, sich den Franzosen als allianzfähig in Empfehlung zu bringen, sie jedoch andrerseits nicht wünschten, mit diesem Trip ins Pazifistische vor ihren Wählern Staat zu machen, so kam ihnen Herr von Loebell höchst ungelegen, und sie fertigten ihn mit einem überaus schroffen Desaveu ab, in dem noch ein Mal alle Poltergeister der Intransigenz bellikos rumorten, während der nach Paris beorderte Friedensengel schon zum ersten Kußmäulchen die Lippen europäisch spitzte. Herr von Loebell wird sich nicht schrecken lassen. Er weiß, daß ein beachtlicher Teil der Partei, die Landbünde voran, die bisherige Resistenz nicht mehr lohnend findet. Er weiß auch, daß mindestens die Hälfte der Deutschen Volkspartei nach gehorsamer Stabilisierung des Stresemannschen Außenprogramms durch die Linke keine Lust mehr nach Fortsetzung einer Gesellschaft verspürt, die mehr Not als Neigung hat entstehen lassen. Die Leute haben ihre Schuldigkeit getan und mögen sich trollen. Mag dem demokratischen Stimmvieh die Wahlzelle zum Schlachthaus werden – die Volkspartei wünscht sich möglich[st] weit weg von der innerlich zerfallenden demokratischen Nachbarin, die heute Stresemann für sich reklamiert, ihn den Executor »ihrer« Politik nennt und immer von neuem Versuche unternimmt, sich mit Hilfe der Großen Koalition zu erhöhen, so wie ein geschickter Stelzenläufer, mit ein paar Tüchern vermummt, im Unklaren lassen kann, wie lang oder kurz er eigentlich ist. Die Volkspartei denkt nicht daran, den Demokraten die Stelzen zu liefern. Sie sieht mit Sorge dem nächsten Wahlkampfe entgegen, wird ihn ganz gewiß nicht mit der Devise »Für Locarno, für Genf und Republik!« beginnen, sondern eine Kameradschaft von gestern ruhig den Wellen preisgeben, um sich selbst aufs Trockne zu bringen. Die Deutsche Volkspartei ist, unbeschadet der paar liberalen Vollbärte, eine Rechtspartei. Die schweifende Phantasie ihres Führers hat sie zu einer Odyssee verleitet, die gelegentlich in die abenteuerlichsten Regionen linksrepublikanischer Exotik führte. Heute ist die Fahrt beendet. Schon lange hätte zwischen Deutschnationaler und Deutscher Volkspartei, ohne die rüde Tonart der Rechtspresse, Alles glatt sein können. Hier sind Empfindlichkeiten zu überwinden. Hier beginnt auch die freiwillige Sendung des Herrn von Loebell, und man mag mit Recht seine geschickten Bellachini-Finger in folgendem Arrangement sehen: Als Herr Stresemann neulich in Hamburg war, folgte er einer Einladung des jungen Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh, wo er am Frühstückstisch – völlig überraschend natürlich – den Grafen Westarp fand! Wunderbare mise-en-scène! Die Manen des Eisernen Kanzlers zürnend um Stresemann, der mit der Demokratie gebuhlt hat. Aus dem nächtlichen Sachsenwald dröhnt die Stimme des Alten: Seid einig, einig, einig! Wunderbare Berechnung der Wirkung auf das Gemüt des zweiten Tenors von Dresden, der sich als Außenpolitiker zwar immer mehr in Grossisten-Mentalität hineingelebt hat, aber als Innenpolitiker stets der kleine Detaillist seiner Anfänge geblieben ist, der überall, ob im Genfer Luxus-Hôtel, ob in der betörenden Vegetation Italiens, die deutsche Eiche rauschen, die deutsche Kaffeekanne klappern, das deutsche Pique-Aß auf den deutschen Stammtisch knallen hört. Da der junge Bismarck-Enkel bisher weder gezeigt hat, daß er ein besondres Vergnügen an intrikaten politischen Situationen empfindet, noch, daß er mit dem Spleen eines alten Engländers behaftet ist, der sich lauter Gäste einladet, die sich nicht leiden können, so dürfte die Regie schon auf einen schärfer kalkulierenden Kopf zurückzuführen sein: auf den alten, oft erprobten Hexenmeister aus Pommern, dem immerhin schon das Kunststückchen gelungen ist, aus einem ruhebedürftigen General einen ganz vifen Präsidenten gemacht zu haben.   Kaum war vor vier Wochen die Marx-Regierung gestürzt, als sofort das Gerücht umging, der Reichspräsident beabsichtige, ein rechtes Minderheitskabinett zu bestellen, das nur die Aufgabe habe, den Reichstag aufzulösen und die Wahlen zu machen. In solcher parlamentslosen Zeit läßt sich von geschickten Leuten schon einiges ausrichten. Die nächstliegende Lösung wäre ein andres Marx-Kabinett gewesen, und wenn auch ein paar neue Prothesen die alte Carcasse nicht reizvoller gemacht hätten, so wäre es doch wohl wieder für eine Weile gegangen. Statt dessen wird, nachdem wochenlang Diktaturpläne um Scholz und Westarp gespukt haben, Herr Doktor Curtius ausersehen, eine Rechtskoalition zu schaffen. Und Herr Curtius, der in der volksparteilichen Fraktion und im Reichsministerium stets eine Art Flügeladjutant Stresemanns gewesen ist, beginnt seine Arbeit sogleich sehr konsequent, indem er erklärt, es drehe sich jetzt nicht mehr um die Große Koalition und ähnliche erledigte Sachen, sondern nur um die Gewinnung der Deutschnationalen. Demgemäß verfährt er: die Sozialdemokratie wird nur »unterrichtet«, und Erich Koch, der sonst überall dabei sein muß, schaltet sich diesmal, ärgerlich geworden, selber aus. Curtius aber geht so vor, als gäbe es überhaupt nur zwei Parteien: Deutschnationale und Zentrum. Man muß zugestehen, daß diese Taktik ihre psychologischen Wirkungen hat: das Zentrum wird sichtlich nervös und äußert gegenüber einem völlig undiskutabeln Vorschlag immer nur »Bedenken«, verzettelt sich von Montag bis Freitag in vielstündigen Beratungen, um schließlich nur eine flau stilisierte Absage zu produzieren. Curtius hat erreicht, der Zentrumsfraktion vorübergehend zu suggerieren, daß zur Zeit eine andre Bindung als solche nach rechts gar nicht denkbar sei, und da die Unterhändler der Fraktion, die Herren von Guérard und Stegerwald, auch im Ernst niemals etwas Andres gewollt haben, so hat Herr Curtius bei Scheitern seiner persönlichen Mission doch für einen Größern, einen Luther, Jarres oder Stegerwald selbst, ein beträchtliches Stück Vorfeld erstritten. Augenblicklich bemüht sich Herr Marx wieder. Und in der gesamten Rechtspresse wird wie auf Kommando die Losung ausgegeben: auch die Vollmachten von Marx seien limitiert; auch Marx habe nur den Auftrag, Anlehnung nach rechts zu suchen, und übrigens werde die Deutsche Volkspartei in diesen Tagen förmlich beschließen, keiner Regierung mehr beizutreten, die von der Toleranz der Sozialdemokraten abhänge. Das steht bei Hugenberg, und braucht deshalb nicht wahr zu sein. Aber Tatsache bleibt, daß sich durch solchen Alarm der Ring der für die Regierungsbildung in Betracht kommenden Parteien dauernd verengt, und alle Eventualitäten nach rechts weisen. Es besteht kein Zweifel mehr: der Reichspräsident möchte auf alle Fälle den Bürgerblock kreieren; die Kreise um Loebell, die in entscheidenden Momenten stets seine politischen Einbläser bildeten, bemühen sich, die Barrieren zwischen den Rechtsgruppen zu beseitigen; Stresemann ist schon völlig gewonnen, und nur das Zentrum ziert sich noch. Vergessen werden darf auch nicht, daß hinter allen Bemühungen für die Rechtskoalition Einer treibend und befeuernd waltet, von dem man in letzter Zeit nicht viel gehört hat: Herr Otto Geßler, der auf Geheiß der Sozialdemokraten über die Klinge springen müßte, wenn doch wider Erwarten ein Kabinett der Mitte mit Stützung von links zurückkehren sollte. Nach einer Meldung von sonst ausgezeichnet informierter Seite steht der Austritt Herrn Geßlers aus der Demokratischen Partei unmittelbar bevor – als Protest gegen die an ihn gerichtete Beschwerde Erich Kochs über den Schimpfartikel des Generals Reinhardt in der ›Deutschen Allgemeinen Zeitung‹. Verläßt Geßler die Partei, die ohnehin nicht mehr die Absicht hat, ihn zu halten, und geht er zur Volkspartei, oder, wie auch vermutet wird, zur Wirtschaftspartei, trotzt er der Linken im Amt, so wird der Kampf um den Bürgerblock zugleich ein Kampf um Geßler. Die Bürgerkoalition rettet nicht nur Geßlers Ministerschaft, sondern sichert auch sein Werk, die Reichswehr, selbst vor den zagsten Reformen. So ist beiden Teilen geholfen, und leidtragend bleibt nur die Republik.   Das wäre also das Ende! ruft der Pessimist. Nein! Als Herr Silverberg im vergangnen Sommer an die Tür pochte, applaudierte das republikanische Lager. Als sich Herr von Loebell jüngst anmeldete, wurde er gleichfalls freundlich akklamiert. Napoleons berühmte Prophezeiung: »In hundert Jahren wird Europa entweder republikanisch sein oder kosakisch!« mag anderswo Geltung haben, auf Deutschland trifft sie in ihrer majestätischen Grundsätzlichkeit nicht zu. Hier, wo die synthetischen Talente überwiegen, ist man jetzt grade daran, aus diesen beiden Begriffen einen dritten zu mixen. Die Weltbühne, 18. Januar 1927 685 Demaskierungen Immer mehr wird der tägliche parlamentarische Situationsbericht für den politisch interessierten Staatsbürger zu einem äußerst komplizierten Lustwäldchen mit vielen fremdartig gekrümmten Wegen, zu abgelegnen Winkeln führend, die keines Fremden Auge je erspäht. Leider beschränken sich die Ortskundigen, die Diplomaticusse der großen Presse, darauf, nur die an der Peripherie produzierten dürren Partei-Bulletins zu übermitteln, anstatt Freund Zeitungsleser einmal wirklich durch das pikante Labyrinth zu leiten. Was in den Couloirs getuschelt wird, ist gewiß nicht die volle Wahrheit, aber verleiht mehr Ahnung von Tatsachen, als die stets calmierende Taktik fraktioneller Erklärungen. Es ist schon beachtlich, wie die Herren Abgeordneten unter sich Geheimnisse aus der Mission des Herrn Curtius erzählen. So soll die bekannte Anfrage der ›Germania‹ an Herrn Stresemann, ob er denn von einem Rechtsblock eine so hervorragende Förderung seiner Außenpolitik erwarte, auf eine Unterhaltung des Ministers mit Müller-Franken zurückzuführen sein, in der er sich über eine solche Möglichkeit äußerst skeptisch aussprach. Das Zentrumsblatt wollte nun Herrn Stresemann aufreizen, das auch öffentlich zu wiederholen. Aber der Effekt war ganz anders. Denn Stresemann verweigerte kategorisch jede öffentliche Äußerung, unter Zusicherung seiner Bereitwilligkeit, sich in einer Konferenz mit Zentrumsführern eingehend auszulassen. In dieser Unterredung mit den Herren von Guérard und Stegerwald aber sagte er das völlige Gegenteil dessen, was er dem sozialdemokratischen Vertreter auf den Weg gegeben hatte; er drückte vielmehr die feste Zuversicht aus, daß sich mit den Deutschnationalen ganz ausgezeichnet regieren ließe. Dies aber, versichern die Eingeweihten weiter, sei nur ein ganz besondrer Schachzug gewesen: Herr Stresemann sei unbedingt gegen eine Bindung nach rechts, aber das habe er nicht sagen dürfen mit Rücksicht auf den anwesenden Parteifreund Curtius, der ihn sofort bei den Deutschnationalen verpetzt hätte. So tuschelt die vielzüngige Fama. Und mag es wahr sein oder nicht, es offenbart mehr als die steifleinenen Erläuterungen, die die Herren Fraktionsführer der Presse zu geben geruhen. Äußerlich scheint es in diesen Tagen, als gäbe es im Reichstag ein erbittertes Ringen der Überzeugungen. Näher gesehen, erscheint der Furor aufgeschminkt, das Auftrumpfen des Einen, das Zögern des Andern einstudierte Komödianterie. »Wir spielen Alle; wer es weiß, ist klug«, sagt Arthur Schnitzlers Paracelsus. Freund Zeitungsleser ist nicht klug.   Herr Geßler hat die Demopartei versetzt, und dessen Blätter sagen ihm jetzt alle Schlechtigkeiten nach. Von wannen kommt den Köchen diese fröhliche Wissenschaft? Geßler in neuer Beleuchtung? In den Jahrgängen der ›Weltbühne‹ steht die Geschichte seiner republikanischen Sendung aufgezeichnet. In sozialistischen und demokratischen Blättern ist ungeheures Material gehäuft, und ergibt, leicht zusammensetzbar, Steinchen auf Steinchen, ein Mosaikbild von absurder moralischer Koloristik. Die Demoblätter zetern über Undank und Untreue. Es scheint uns, daß, an seinen sonstigen Leistungen gemessen, sein Verhalten gegen die Partei fast honorig zu nennen ist. Wenn die alten Mitkombattanten heute schreiben, Geßler habe den Artikel General Reinhardts nicht nur geduldet, sondern sogar veranlaßt, so möchten wir dem nicht widersprechen. Sie müssen ihn kennen, denn sie waren ja mit ihm verheiratet. Komisch, wie sie ihn jetzt als nachtschwarzen Intriganten schildern. Wer nicht durch die demokratischen Augengläser sah, wußte es seit Jahren: grade so darf der Reichswehrminister nicht aussehen! Aber die Demokraten haben ihn sich nicht nur gefallen lassen, sie sind mit ihm durch Dick und Dünn gegangen. Sie haben auf den Parteitagen Debatten über ihn verhindert und die paar ungläubigen Parteigenossen terrorisiert und hinausgedrängt. Ist es denn nicht mehr als ein Jahr her, daß ein gewisser Roenneburg im Reichstag den Minister mit den Resten seiner Reputation deckte und nachher stolz in der Wandelhalle promenierte, ein glückhaftes Lächeln um den wohlgebildeten Mund, daß grade ihm, dem schlichten Bürger Roenneburg aus Braunschweig, die Ehre zugefallen war, zur Glorifizierung des großen Mannes das nötige Blau vom Himmel herunterzuholen? Vergeblich versichern die Haas und Koch heute, daß sie genau so militaristisch seien wie er. Nicht einmal jetzt können sie sich zu der verspäteten Geste des Hinauswurfs entschließen, sondern blamieren sich mit dummen nationalistischen Zitaten. Mit Hohnlachen wirft jener die Demokratenkappe fort. Die Partei hat für ihn weder Reiz noch Zweck mehr. Sie hat ihm Charakter und Prinzipien geopfert, sie ist, mit dieser Prominenz auf dem Aushängeschild, zu einer bloßen Fiktion geschwunden. Weil ein paar der gelesensten deutschen Blätter sich demokratisch nennen, deshalb glaubt man noch an die Existenz einer Demokratischen Partei. An ihrem Geßler ist die Partei verdorben. Es gibt eine Gerechtigkeit.   Wenn der deutsche Parlamentarismus etwas mehr Haltung hätte, so müßte diese Regierungskrise seit dem Eingreifen Hindenburgs eigentlich eine Präsidentenkrise sein. Wegen geringrer Dinge schickte das siegreiche Kartell im Mai 1924 Herrn Millerand in die Pension. Es war alles leidlich geschickt vorbereitet. Zuerst das Geplänkel des Herrn Curtius an der rechten Zentrumsflanke. Die Partei, deren Führer innerlich längst zum Abmarsch zu Westarp vorbereitet waren, wird nervös. Immer wieder heißt es: Kommt die Sache nicht zustande, tragt ihr die Schuld! Und anstatt diese in den Augen jedes Republikaners höchst ehrenwerte Schuld auf sich zu nehmen, verzettelt man sich in langen Palavers, bei denen auch der geölte Pfaffe Brauns seinen unheilvollen Einfluß spielen läßt. Dabei besteht gar kein Zweifel, daß die Masse der Zentrumswählerschaft republikanisch ist, daß sie aber weder imstande ist, ihre Führer zu kontrollieren, noch sie durch andre zu ersetzen. Es besteht aber auch leider kein Zweifel, daß die Aufforderung des Herrn von Hindenburg, nun doch endlich in den Bürgerblock zu gehen, nicht den gleichen Eindruck gemacht hätte, wenn sie etwa von einem Präsidenten mit geringrer militärischer Vergangenheit ausgegangen wäre. Einem schlichten Zivilisten hätte man wahrscheinlich ganz prosaisch geantwortet: Sagen Sie mal, was geht Sie das eigentlich an! Und am gleichen Tage wäre die Affäre erledigt gewesen. Obgleich Hindenburgs Brief sorgfältig alle Schnarrtöne meidet und eine nicht ungeschickte onkelhafte Betulichkeit darüber hinwegtäuschen soll, daß es sich hier um einen höchst willkürlichen Eingriff handelt, so unterstreicht doch der hohe militärische Rang des Briefschreibers jedes einzelne Wort, und in den Ohren braver Zentrumsmänner echot der Anschnauzer des Herrn Generals Groener: »Wer wagt es zu streiken, wenn Hindenburg befiehlt!« Und trotz dieser guten Vorbereitung, trotz der zunehmenden Ohnmachtsanfälle im Zentrum, hat man diesmal nicht das Gefühl, daß auf der Rechten eine kräftige und agile Hand dirigiert. Bei den Deutschnationalen scheint die Konfusion nicht geringer zu sein als in der Mitte. Wenn der Führer Westarp willens gewesen wäre, sich an der neuen Koalition zu beteiligen, hätte er nicht unmittelbar vor der Verbrüderungsaktion eine ultra-royalistische Rede gehalten, die gradezu imprägniert war mit allen Stoffen, die auf Stresemanns Partei abschreckend wirken. Aber diese Partei, von einer madigen Angst vor den Wahlen geschüttelt, will sich nicht abschrecken lassen. Sie ist eher bereit, die Axiome des Verfassungslebens Stück für Stück preiszugeben, als sich jetzt den Wählern zu stellen. Deshalb klammert sie sich an die Rechte, deren jüngre Elemente langsam anfangen, sich von der starren Doktrin der Parteimarschälle zu emanzipieren. Es mag auffallen, daß man in diesen Zusammenhängen überhaupt nicht mehr von der Sozialdemokratie spricht. Welche strategischen Erwägungen die Partei veranlassen, sich so bescheiden im Hintergrund zu halten, vermögen wir nicht zu ergründen. Tatsächlich ist ihr wieder einmal ein unerhörtes Glück recht unverdient zugefallen; sie rückt in die Opposition und damit bei den augenblicklichen Verhältnissen auf den besten und zukunftsreichsten Platz. Sie hat nichts dazu getan, die Andern haben sie nur nicht gewollt. Sie braucht es nicht plakatieren zu lassen, daß sie im Dezember noch die Große Koalition angeboten hat – das an der Bettkante refüsierte Mädchen kann draußen noch immer erzählen, daß die Tugend gesiegt habe. Die Sozialdemokratie kann, was auch geschehen möge, bei halbwegs richtiger Erkenntnis der Chancen zur Oppositionspartei par excellence werden und damit zum Sammelplatz aller Unzufriedenen. Hat man die Grundsatzlosigkeit der Partei in den vergangnen Monaten nicht vergessen, so kann man doch nicht umhin, ein wenig an jener Gerechtigkeit zu zweifeln, die die Demokraten mit ihrem Geßler so hart getroffen hat. Die Weltbühne, 25. Januar 1927 686 Opposition? Hier stehe ich. Ich möchte fast sagen: ich kann nicht anders. Hergt In der gesamten europäischen Politik herrscht zur Zeit ein offenkundiger Talentmangel. Auch in England, dem mit politischen Begabungen ehemals oft überreich gesegneten England, wachsen die Führergestalten heute nicht mehr wild. Aber in Deutschland steht es ganz besonders schlimm: hier wird nicht einmal mehr mäßiger Durchschnitt produziert. Der babylonische Wirrwarr um die Regierungsbildung läßt sich viel eher auf eine ziemlich gleich verteilte überfraktionelle Unzulänglichkeit zurückführen als auf besonders ränkevolle Manipulationen der Deutschnationalen und ihrer Helfer. Auch die Rechte, die noch leidlich geschickt begonnen hat, kompromittiert sich jetzt, indem sie ihre Differenzen zwischen Appetit nach Ämtern und eingefrorener royalistischer Überzeugung öffentlich austrägt. Trotzdem wirken Westarps naive Jonglierversuche fast hoheitsvoll neben den desperaten Anstrengungen republikanischer Zentrumsmänner, wenigstens halbwegs Figur zu machen. Wir nehmen Herrn Marx aus. Denn Herr Marx ist ein zuverlässiger richterlicher Beamter, der in jedem Geschirr seine Pflicht getan und jede Fuhre gezogen hat, wenn er nur ein energisches Hott hörte: eine Strafkammer, einen Volksblock, ein Ermächtigungsgesetz und eine Reihe verschieden gefärbter Partei-Konstellationen. Er wird auch zwischen deutschnationalen Deichseln so geduldig traben wie früher zwischen schwarz-rot-goldnen. Aber Herr Wirth, den die Rechtspresse noch immer fälschlich als eine Art von badischem Robespierre verschreit? Hier hätte er endlich einmal die zu seinem geistigen Wohlbefinden erforderliche Aufregung mit einigem Nutzen loswerden können, und grade hier »wahrt er Disziplin« und beteiligt sich zum Überfluß noch an der Verfertigung der sogenannten Richtlinien, die nicht einmal Herr Marx in den Vorverhandlungen mit den Deutschnationalen beachtet hat. Die Sozialisten und Demokraten aber stehen nicht besser da als die Überläufer der republikanischen Mitte: Sie haben der andern Seite die Initiative überlassen und mit erstaunten Äuglein den Abmarsch verfolgt. Sie übersehn, daß es in der innern Politik gar keine zündendere Parole gibt als die gegen einen Bürgerblock. Das ist doch für jede linke Partei, die sich auf Propaganda versteht und nach populären Wirkungen lechzt, ein Gottesgeschenk! Als das Reichsoberhaupt mit einem verfassungswidrigen Eingriff die blauschwarze Allianz einfach dekretierte, da war für die beiden republikanischen Gruppen der Augenblick gekommen, Alarm zu schlagen, auf die Straße zu gehn – jawohl, auf die Straße zu gehn! – und dem unbedingten Kampfeswillen tönend Ausdruck zu geben. Und als Herr Marx ernstlich daran ging, den verfassungswidrigen Auftrag anzunehmen, da wäre es Aufgabe selbstbewußter republikanischer Gruppen gewesen, ihn, ihren einstigen Präsidentschaftskandidaten, öffentlich als Renegaten zu defamieren. So und nicht anders leitet man Opposition ein. Man muß wissen, was man will, und es in guter Laune sagen. Man kann sich in so glücklicher Situation Alles erlauben, was sonst nicht geht – sogar Geist. Auch die Demoblätter schreiben jetzt in großen Buchstaben: Opposition! Und der ›Vorwärts‹ hebt drohend die schwielige Proletarierfaust, die schon so viele Kapitalistenhände geschüttelt hat. Doch zur Beruhigung etwa aufgescheuchter Gemüter versichert die Linkspresse gleich, die Republikaner würden nicht Opposition treiben wie die Andern: sie würden nicht hetzen, nicht verleumden, nicht schießen, sondern stets verantwortungsbewußt und von staatspolitischer Einsicht erfüllt bleiben. Danach weiß man, was kommen wird. Der Deputierte Ludwig Haas, zum Beispiel, einer der glücklichen Teilhaber der augenblicklich zur Disposition gestellten Republikanischen Union, erzählte erst vor ein paar Tagen den thüringischen Wählern: wenn die Sozialdemokraten nicht das Kabinett Marx gestürzt hätten, dann wäre das Alles nicht so dick gekommen und mit der Großen Koalition würde das ja künftig etwas schwierig werden, etcetera. Daß die guten Leute schon aus Eignem kein Temperament aufbringen können, wissen wir. Daß sie aber nicht einmal zu federn beginnen, wenn sie ein paar Stiefelspitzen im Sitzfleisch spüren, geht gegen alle physikalischen Erfahrungen und erklärt sich nur durch die hoffnungslose Abstumpfung dieser Körperpartie bei den Demo-Haasen. Noch jetzt wissen sie nichts Bessres als die erneute Empfehlung der Großen Koalition. Wir möchten nicht der Donquichotterie schuldig werden, dies Gespenst nochmals zu erschlagen. Doch das sei hier dennoch wiederholt: niemals ist eine jahrelang mit dem Hirnfett der besten republikanischen Leitartikler geschmierte Illusion kläglicher zerplatzt. Daß sich die Herren bei der Einschätzung der Deutschen Volkspartei gründlich verkalkuliert haben, ist hier oft und bis zur eignen Ermüdung vorgerechnet worden, daß sie aber nicht einmal bemerkt haben, was im vielfach befreundeten Zentrum vor sich ging, macht ihre Niederlage zur Katastrophe. Sie haben bewiesen, daß es ihnen nicht nur an der selbst zuerkannten Divinationsgabe gefehlt hat, sondern auch an ganz normaler Fähigkeit zu hören und zu sehen. Was sind das für Wettermacher, die von blauem Himmel faseln, während ihnen die Schlossen breit auf die Nase klatschen! Sie glaubten im Besitz aller realpolitischen Erkenntnisse gewesen zu sein, weil sie die Reichweite ihrer Tintenspritzer irrtümlicher Weise für die Grenzen der realen Welt gehalten haben; heute müssen sie ihre Artikel überschreiben: Abschied vom Zentrum – Abschied von der Weimarer Koalition! Es ist bitter. Jetzt wollen die Gepantschten in die Opposition steigen. Gegen was und für welche Ideen? Sie haben nur die alten Walzen zum Aufdrehen, und was sie als Ziel hinstellen, ist das Selbe, was die Entwicklung soeben auf die Kehrichthaufen geworfen hat. Wer Opposition machen will, die das Volk aufrüttelt und die Gemüter packt, muß andres wollen und anders sein als Die, gegen die der Kampf sich richtet. Hier aber sehen sich die Gegner so verzweifelt ähnlich. Die Demokraten waren bis vor ein paar Tagen zu jedem ersinnbaren Bündnis bereit, und die Sozialdemokraten haben noch am 18. Dezember ihre Geneigtheit erklärt, mit Hinz und Kunz zusammenzugehn. Opposition? Nein, diese kuriosen Frondeure treibt nicht Grundsatz und Charakter. Die sitzen jetzt lamentierend draußen, weil man sie nicht mehr nötig hat, weil man ihnen einfach die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Sie haben Alles getan, was man von ihnen verlangt hat und hätten das auch in Zukunft so gehalten. Jetzt flennen sie über Undank wie fristlos entlassene Domestiken, starren zur verschlossnen Beletage hinauf und träumen von den Latrinen, die sie nicht mehr fegen dürfen. Die armen Schlucker können einen Hund jammern. Warum gehn sie nicht zum Gewerbegericht?   Die Veröffentlichungen des ›Manchester Guardian‹ über das deutsch-russische Granatengeschäft haben nicht nur unser Außenamt erregt, dessen bevorzugtes Organ, die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹, soeben die Ausweisung des mißliebig gewordenen Herrn Voigt gefordert hat, sondern auch in Moskau ein paar Unerbittliche auf die Zinne gerufen. Da jedoch die russischen Außenpolitiker und ihr journalistischer Anhang ein außerordentlich entwickeltes Gefühl für Blamagen haben, hielten sie sich zurück und überließen den erprobten Kapitolgänsen des Exekutivkomitees, den nötigen Alarm zu schlagen. Das geschieht in der Wochenschrift dieses notablen Gremiums, wo zu lesen ist: »Die von der deutschen Sozialdemokratie auf offne Bestellung der internationalen Bourgeoisie veranstaltete Hauptprobe einer Kriegsprovokation ist ins Wasser gefallen. Die Massen hegen ein derartiges Vertrauen und eine derartige Sympathie für die Sowjetmacht, daß den Lockspitzeln die Hauptsache mißglückte: die Massen durch die Plötzlichkeit ihrer Erfindungen zu betäuben, sie durch die ›Sensation‹ ihrer ›Enthüllungen‹ stutzig zu machen; es mißlang ihnen, sich die Bestürzung der überraschten Massen zunutze zu machen, um sie vor die vollendete Tatsache aggressiver Handlungen zu stellen, die in ihrer weitern Entwicklung zu einer Kriegskatastrophe führen.« Dazu wäre in aller Ruhe zu bemerken, daß diese Art von Argumentation peinlich überrascht. Dies entspricht nicht dem hohen intellektuellen Niveau moskauer Polemiken, die grade der Gegner achten gelernt hat. Der unbekannte Verfasser schwadroniert spottschlecht an der Sache vorbei, und völliges Schweigen wäre besser als diese Expektoration, aus deren klotziger Gesinnungstüchtigkeit auf einige Meilen das schlechte Gewissen duftet. Immerhin wird auch das hemmungslose Geschimpfe des Exekutivmannes aus der Sorge vor der prekären außenpolitischen Situation Rußlands erklärlich. Schließlich kann auch das durch Locarno und Genf festgelegte Deutsche Reich zu einem willenlosen Instrument der Westmächte werden. In Deutschland selbst ergibt sich kaum ein Grund zu solchen Befürchtungen; das müßten auch die russischen Beobachter wahrnehmen. Wo finden sich denn aggressive Tendenzen gegen Rußland? Ohne Übertreibung läßt sich sagen: der deutschen Arbeiterschaft ohne Unterschied der Richtung ist die Unantastbarkeit Rußlands heilige Sache; jede Regierung, die sich durch irgend eine londoner oder pariser Zumutung von ihrer neutralen Haltung abbringen ließe, würde über Nacht einem in Deutschland unerhörten spontan ausbrechenden Anti-Militarismus gegenüberstehen, wie ihn niemals eine Kriegsgefahr am Rhein zeitigen könnte. Moskau ist schlecht unterrichtet, wenn es die deutsche Sozialdemokratie zu einem Werkzeug westlicher Kriegsprovokateure stempeln möchte. Die Sozialdemokratie denkt gar nicht an Krieg, sondern ist ehern entschlossen, Das fortzusetzen, was sie seit sieben Jahren tut, nämlich: zu schlafen. Sonst würde sie längst geahnt haben, daß alle politische und militärische Vorbereitung in diesen Jahren nur den einen Sinn gehabt hat: den Krieg an der Weichsel, und zwar einen Krieg, der sich nicht gegen Rußland richtet. Auch das deutsche Bürgertum hegt lange keine feindlichen Gefühle mehr gegen Moskau, mindestens, seit dieses aufgehört hat, in Deutschland Weltrevolution zu machen. Im Gegenteil, die deutschen Nationalisten sympathisieren lebhaft mit dem völkerbundfeindlichen Kurs Tschitscherins, und die Rote Armee hat in gewissen rechten Bezirken wärmere Freunde als in den Reihen der Kommunistischen Partei. Jetzt aber, wo die Partei der militaristischen Reaktion offen von der Regierung Besitz ergreift, schwindet für Rußland auch der letzte Anlaß zur Beklemmung. Gewiß werden die Deutschnationalen nicht gleich mit Schwertgeklirr und Wogenprall beginnen; sie werden sich zunächst keine Verstöße gegen die Locarno-Politik erlauben, im Gegenteil, um eine gute Presse in Frankreich äußerst besorgt sein und erst, wenn ihnen das nicht gelingt, die alten Künste wieder spielen lassen. Da durch den Umschwung auch die bescheidensten Möglichkeiten einer Reichswehrreform an den Schornstein zu schreiben sind, so steht nichts im Wege, daß auch die Wehrmacht wieder ihre eigne standesgemäße Politik eröffnet. Herr Otto Geßler selbst, das hat vor einer Woche der Parteifreund Bergsträßer in einem Zeitungsartikel ganz harmlos ausgeplaudert, ist Anhänger der Ost-Orientierung. Was man darunter zu verstehn hat, ist bekannt. Geßler ist nach seiner sozialen Überzeugung kein Leninist, seine östliche Orientierung bezieht sich mehr auf militärtechnische Angelegenheiten, und da dieser erstaunliche Russophile dies Mal in Begleitung deutschnationaler Kollegen erscheint, so bedeutet das für die gestrengen Herren in Moskau fast so viel wie eine Lebensversicherung. Damit wäre Alles wieder in Ordnung. Soweit die Kommunikation in letzter Zeit bedauerlicher Weise unterbrochen war, wird der Schaden bald repariert sein. In verklungenen imperialen Zeiten hat es bekanntlich vor einem deutschen Gericht einen Prozeß wegen Hochverrats gegen das russische Reich gegeben. Darüber lachte damals die ganze Welt. Heute sieht das nicht mehr so heiter aus. Vielleicht werden die Landesverratsanzeigen aus der Bendler-Straße künftig in Moskau gegengezeichnet werden. Die Weltbühne, 1. Februar 1927 687 Sieg des Zentrums Die Eröffnungs-Vorstellung der Rechtsblock-Regierung hat den hinter ihr stehenden Parteien feuchte Finger gemacht. Das Ensemblespiel haperte; die Inszenierung war spottschlecht. Nicht einmal eine gemeinsame Erklärung der neuen Verbündeten war zustande gekommen, und ihre Redner polemisierten gegeneinander. Bei Herrn Marx langt es nicht zum Inspizienten, geschweige denn zum Regisseur. Dieser Wirrwarr im Rechtslager hätte von den Sprechern der Sozialisten viel amüsanter ausgebeutet werden können als von den Herren Hermann Müller und Erich Koch. Beider Bestimmung ist nicht die Offensive. Trennungsschmerz überschattete ihre kleinen Sticheleien, und das zum Streit entrollte Banner weht nicht keck in der Luft, sondern wurde als Sacktüchlein mit dicken Manneszähren benetzt. Je drückender die Verlegenheit der neuen Regierer, desto leichter hätte auf der andern Seite die gute Laune flattern müssen. Auch die Kommunisten sind längst den heitern Waffen der Obstruktion, den Kindertrompeten und blauen Brillen, entwachsen; auch auf der linkesten Linken sitzen heute ernste, beim Diätenempfang gereifte Männer.   Es wäre indessen verfehlt, die Unstimmigkeiten im frischgebacknen Kartell kurzweg auf innre Schwäche zurückzuführen. Schwenkungen sind im Parteileben alltäglich, das Kunststück ist nur, sie der geduldigen Wählerschaft plausibel zu machen. Umfallexperten gibt es auch im Reichstag mehr als genug – aber es fehlt an geschmeidigen Talenten, die es dem Wähler so sagen, daß er eine offenbare Grundsatzlosigkeit für einen hochkarätigen Charaktersieg hält. So verlief die Premiere über die Maßen kläglich. Die Herren litten unter der Diskrepanz von Konzept und Wirklichkeit: sie begannen zu extemporieren und verhedderten sich, und es bleibt der Eindruck von Schauspielern, die verkleidet und geschminkt plötzlich im grellen Rampenlicht ihre Privatsachen zu erzählen beginnen. An und für sich bedeutet das Regierungsprogramm mit den Reden der Herren Führer nicht mehr als eine buntscheckige Maskerade, wobei, heutigem Brauch entsprechend, die Blößen bedeutsamer sind als das Kostüm, nur daß diese nicht zu ästhetisch belustigender Betrachtung aufmuntern. Herr Marx trug Biedermeierschnitt mit unzeitgemäß enger Corsage; viel Draht und Fischbein, vernachlässigtes Unterfutter, doch äußerlich farbenfroh wie Palettendreck. Westarp: Locarno-Stilkleid in bleu mourant (in der vorigen Saison von Stresemann getragen). Scholz: aschgrauer Pierrot (Kennwort: Lendemain). Karneval, in seiner steifen Dürftigkeit zum Lachen reizend. Nur darf darüber nicht vergessen werden, daß nach allen voraufgegangnen Koalitionen hier zum ersten Mal eine völlig organische und innerlich logische steht: Zentrum und Deutschnationale, religiöser und politischer Konservativismus haben sich endlich gefunden. Vieles trennt sie, geeint sind sie durch den unbedingten Willen zur Autorität. Deshalb ist es auch gar nicht so wichtig, was sie etwa im ersten Lampenfieber verkehrt machten; ihre Handlungen werden präziser sein als ihre Reden. Um die politische Gleichberechtigung der deutschen Katholiken zu erringen, mußte die katholische Partei, zwischen protestantisches Kaisertum und Republik gestellt, für die Republik optieren. Die Gleichberechtigung der Katholiken ist längst erreicht; heute handelt es sich darum, den weltlichen Staat wieder »christlich« zu machen, der Kirche eine gesicherte Vormachtstellung zu verschaffen. Deshalb wird das Bündnis mit der Jakobinermütze gekündigt, und automatisch geht der Anschluß an die Vertreter der monarchistischen und militaristischen Reaktion vor sich, die selbst dringend Sukkurs brauchen: denn sie haben zwar Geld, um Wahlen zu machen, aber keine Macht mehr über die Seelen. Die Grenzen des beiderseitigen Entgegenkommens sind ganz deutlich gezogen: die Deutschnationalen haben das kontraktlich vereinbarte Bekenntnis zur Weimarer Verfassung mühsam herausgewürgt; das Zentrum dagegen hat durch die Ablehnung des Radauantisemiten Graef als Justizminister ganz klar ausgedrückt, daß ihm nur Leute mit glatten parlamentarischen Manieren genehm sind, die die Aufrechterhaltung der Fiktion möglich machen, es handle sich hier nur um eine aus verzwickten parlamentarischen Mehrheitsverhältnissen begreifliche Episode und nicht um eine durchaus konsequente Interessengemeinschaft. Rückversicherung bildet Preußen, wo an der Allianz mit den Sozialisten nichts geändert werden soll. Rücksicht auf Preußen war wohl auch der wirkliche Anlaß zu dem Sturmlauf gegen Graef: Hergt sollte ins Justizministerium abgeschoben werden, denn dieser alte konservative Kampfhahn als Reichsinnenminister hätte bei der ersten besten Gelegenheit mit Preußen Streit angefangen, um das Kabinett Braun zu stürzen und die Deutschnationalen auch hier ans Ruder zu bringen. Der schwarz-blaue Bund ist Tatsache, ernstere Tatsache, als alle 80 frühern Koalitionen. Was zwischen den beiden großen Regierungsparteien noch steht, sind Gespenster abgestorbner Kämpfe aus den Tagen Erzbergers und Wirths. Ob diese Schatten noch Macht haben, wird sich bald zeigen. Die ersten Abstimmungen schon werden entscheiden, ob der Versuch nicht zu früh unternommen wurde. Überlebt der Block den ersten Monat, dann werden wir ihn so bald nicht wieder los.   Die sogenannte Opposition glaubt noch immer nur an eine momentane Geschmacksverirrung einiger Zentrumsführer und täuscht sich damit über die Sachlage. Deshalb ist auch Kamerad Hörsing schlecht beraten, wenn er die zunehmende Unzufriedenheit in seinem Lager mit einer gutartigen Beschwichtigung zu dämpfen sucht. Die Kameraden Marx und Köhler, meint Hörsing, seien nicht schlechtere Kameraden, nur weil sie nach der andern Seite gegangen seien; vielleicht sind sie morgen schon wieder da und löffeln wieder mit den alten Kameraden aus einem Kochgeschirr. Der Stubenälteste des Reichsbanners hat seine unleugbaren Qualitäten, wird jedoch jedes Mal unsicher, wenn er auf der Generalstabskarte der großen Politik Fähnchen steckt. Er mag sich für einen agilen Taktiker halten, vielleicht auch für einen überaus gerissnen Opportunisten, der sich schließlich doch über alle superklugen Prinzipienreiter ins Fäustchen lacht, aber seine Auffassung von Opposition erinnert an die trübsten Zeiten der alten Nationalliberalen. Man will zwar Opposition machen, aber, um Himmelswillen, nur hübsch vorsichtig, denn vielleicht sitzt man morgen schon wieder mit den Andern zusammen. Und plötzlich begreift man das ganze politische Elend dieses Landes: diesen erschrecklich rumorenden Republikanern kommt es niemals auf die Macht, immer nur auf das Zusammensitzen mit den Andern an.   Von der Linken droht dem blau-schwarzen Block so bald keine ernste Gefahr. Ernster steht es mit der Außenpolitik. Die neue Regierung hat in der Welt, abgesehn von nicht grade empfehlenden Glückwünschen aus Moskau und Rom, eine miserable Presse. Die Beunruhigung ist überall groß und wird nur durch das Vertrauen auf Stresemann etwas gemildert, den man scheinbar für einen Muskelmenschen ohnegleichen hält, stark genug, um die deutschnationalen Löwen durch den Reifen springen zu lassen. Diese Einschätzung unsres prominentesten Außenpolitikers ist schmeichelhaft, aber abwegig: Herr Stresemann verfügt nur über die normale Ellenbogenkraft des tüchtigen Parlamentariers, die weniger den politischen Gegnern als vielmehr den Fraktionskollegen gefährlich wird. Es war immer seine Sehnsucht gewesen, mit den Deutschnationalen zu regieren; die ist nun erfüllt. Das weitre ist seine Sache. Immerhin ist sich Stresemann darüber klar, daß etwas geschehn muß, um das Mißtrauen in London und Paris zu dämpfen. Wenn nicht Alles trügt, ist Herr Otto Geßler dazu ausersehn, die Kosten für die Verlängerung des Stresemannschen Führungsattestes zu tragen. Seit einer Woche etwa beeilen sich volksparteiliche Blätter ganz ungefragt zu versichern, daß Herr Geßler der Partei völlig gleichgültig sei; volksparteiliche Redner erklären desgleichen, die Partei stünde Herrn Geßler »mit Reserve« gegenüber. Dem steht nicht im Wege, daß Herr Stresemann fast gleichzeitig emphatisch ausruft: »Hände weg von der Reichswehr!« Denn unser kleiner Talleyrand hat ja niemals ganz ohne reservatio gearbeitet. Später kann er dann immer sagen, er habe mit diesem freundlichen Zuruf Geßler gemeint. Die Schwierigkeit liegt nur bei den Deutschnationalen, die eine Exmission des Reichswehrministers durch Stresemann nicht zulassen würden. Das Duell zwischen den Beiden ist nicht neu, auch wird Geßler Stresemann nicht die Torpedierung seiner Präsidentschaftskandidatur vergessen haben. Hier ist die Möglichkeit zum ersten großen Krach. Die Weltbühne, 8. Februar 1927 688 Doehrings Höllensturz Der frühere Hofprediger Herr Doktor Doehring ist, wie sein erlauchtes Vorbild Martinus Luther, ein gar rundlich Mann mit imposanten Backentaschen, die voll sind des evangelischen Zornes über ein Volk, das sich in den Niederungen der Materie wälzt und dem Kaiser nur mit Seufzen den schuldigen Zins entrichtet. Dann kann Herr Doehring fluchen wie ein Türke, sonst aber ist sein Seelenleben fein sänftiglich, sein Wandel gottgefällig und sein Geist genügend gefestigt, um den Lockungen des Denkens erfolgreich zu widerstehen. Eine unerforschliche Vorsehung hat ihn erkoren, die annoch lutherische Christenheit Germaniens völlig zu ruinieren. Und seine jache Ausstoßung bezeuget nur, daß selbiges bereits geschehen und nichts mehr zu retten ist. Niemand war ungeeigneter als dieser gelahrte Herr, für seine Kirche, der es bekanntlich schon lange nicht mehr gut geht, auch nur ein respektheischendes Abschiedsgefecht zu liefern. Ein granitschädliger Zelot wie Adolf Stoecker konnte durch viele Jahre wirken; ihn drängte sein breites Demagogenpathos mitten auf den Markt. Der Herr Hofprediger a. D. aber ist kein Mann, der dem Volk aufs Maul schaut, sondern ein in die Theologie verwehter Militäranwärter, dessen Gottesidee in Willys Helmspitze sichtbarlich verkörpert war. Zu fein, um zum gemeinen Mann herabzusteigen, zu eitel, um auf Echo zu verzichten, regierte er seinen evangelischen Verein getreu der selbst zuerkannten Sendung: ein Prügelstock zu sein auf dem Buckel der Kaiserleugner und Römlinge. Daneben blieb ihm noch Zeit, in der ›Täglichen Rundschau‹ ein Gärtlein voll von geistlichem Ergötzen zu bestellen, das sich recht seltsam ausnahm neben den mehr weltlichen Traktaten konfessionell gemischter Stresemann-Redakteure. Hier bescherte er in kräftiger Mischung politischer und religiöser Vermahnung seiner Herde ein strammes Exerzierreglement evangelischen Geistes. So sollte die Erneuerung des deutschen Protestantismus vor sich gehen. Ganz fern vom Volk, im Naturschutzpark eines Vereinchens. Hier schwang Doehring den Bakel. Jetzt hat die Herde zuchtvergessen aufgemuckt und den streitbaren Herrn plötzlich aus Glanz und Glorie gejagt; der Verein hat ihn gekippt und selbst das Zeitungsgärtlein wird fürder ein Andrer wässern. Harmlose Gemüter sehen darin einen Sieg republikanischer Aufklärung, aber die dürre Wahrheit ist, daß seine engern Freunde selbst ihn in die Wüste geschickt haben, weil dieser handfeste Katholikenverschlinger sich wenig eignet, den neuen Bund zwischen den pommerschen Granden und der römischen Belialsbrut mit frommem Zuspruch zu stärken. So mußte Doehring fort als ein Hindernis für das bereits heimlich abgeschlossene Konkordat. Die letzte evangelische Kulturkampffahne ist niedergeholt, auch das Zentrum, das solche Geschenke zu würdigen weiß, wird als Gegenleistung das eine oder das andre Fähnlein in aller Stille zusammenrollen. An Rom sterben die Völker! hat der eifernde Doehring einst in den Tagen seiner Machtfülle verkündet. Die Deutschnationalen werden nicht an Rom sterben, sondern mit Rom Geschäfte machen. Das karmesinfarbne Tier der Apokalypse, das der Herr Hofprediger in einer beklemmenden Vision von Deutschland Besitz ergreifen sah, zieht höchst manierlich ein und läßt sich von einem Hohen Konsistorium tätscheln. Der letzte summus episcopus der Evangelischen Landeskirche wird zur legendären Figur, und sein Prügelstock liegt zerbrochen in der Ecke. Die Weltbühne, 8. Februar 1927 689 Coolidge und Keudell Jeder Präsident der Vereinigten Staaten fühlt eine pazifistische Sendung. Das war schon vor 1914 so, wo von Washington aus die liebenswürdigen Mahnungen an die Welt gingen, sich doch hübsch zu vertragen und alle Streitereien durch Schiedsgerichte fromm zu schlichten. Darüber wurde die eigne maritime Wehrhaftigkeit nicht vernachlässigt, und die Union entwickelte sich im Laufe eines Jahrhunderts von einer kleinen behenden Eidechse zu einem schwer gepanzerten Leviathan. Der Widerspruch zwischen dem friedetriefenden Wort und der imperialistischen Handlung mochte die Mac Kinley, Roosevelt und Taft nicht arg belästigen – ein gutmeinender Präzeptor wie Woodrow Wilson mußte daran tragisch scheitern. Denn er verstand nicht die Sprache des Augurenlächelns. Cal Coolidge ist weder ein hochgespannter Idealist noch ein kleinkalibriger Amateur machiavellistischer Kniffe. Wenn er jetzt die so oft gehörte Friedensbotschaft wieder an die Welt ergehen läßt, so bleibt er dabei ein besonnener, reputierlicher Politiker, der weiß, daß man nach abgeblasenem Kriegslärm einen beschwichtigenden Kontrast bieten muß. Das mögen die Leute gern. Wie lange ist es her, seit Admiral Latimers Marinetruppen in Nicaragua landeten und der Kreuzzug antipapistischer Presbyterianer gegen Calles, den Feind der römischen Kirche, gepredigt wurde? Der bellikose Vorstoß hat mit einer klaffenden Wunde der Regierungsmacht geendet, für die jetzt ein Pflaster gesucht wird. Und mag diese Methode nicht mehr recht zugkräftig sein: die Andern sträuben sich, krümmen sich jedes Mal in äußerster Verlegenheit. Das allein rechtfertigt den Schritt: die Abwehr der andern Mächte illuminiert die eigne Tugend. Aus dem Schwefeldampf der bösen Militaristen Europas bildet sich eine kostenlose Gloriole um Calvin Coolidges schmuckbedürftiges Staatsmannshaupt. Besonders lebhafter Widerspruch kommt dies Mal aus Frankreich. Dort hat man noch von der ersten Washingtoner Abrüstungskonferenz genug und fühlt sich schon im voraus über die Löffel barbiert. Natürlich ist man wieder um die Sicherheit besorgt. Morgen wird das selbstverständlich erledigt sein. Morgen wird man sich dieser zur Schau gestellten Bangigkeit schämen und die neue Form für den hübschen, glättenden, egalisierenden Friedensschwatz gefunden haben, und der Komplimenteaustausch mit dem Weißen Haus kann beginnen. Vor ein paar Jahren noch konnte man sagen: es ist nützlich, daß über ein so platonisches Ding wie Abrüstung überhaupt gesprochen werde. Heute ist es gefährlich: denn diese emphatischen Unverbindlichkeiten lullen ein, beduseln Die, die immer betrogen sein wollen und cachieren Tatsachen. Seit Locarno ist jeder aus rauher Kehle kommende Kriegsruf wertvoller als das Europäischparlieren der Patriotarden von gestern: denn es gilt, einen Zustand zu entlarven und die Dämmernden aus den Daunen zu jagen. Auch Aristide Briand, der Polyglott Kuntze aller beflissnen Kosmopolikanten, hat so seine Momente. Am 6. Februar präsidierte er zum Beispiel einem Bankett des Verbandes ehemaliger Orientkämpfer, und hielt, von zwei Generalen flankiert, dem Genius der Tafel entsprechend, eine Rede, wie sie Stresemann etwa in Chemnitz gehalten haben könnte. Eine Rede, die von der deutschen Presse nur knapp berührt worden ist und auf deren Verbreitung der beliebte Nobelpreisträger wohl selbst nicht viel Wert gelegt haben wird. Briand begann damit, sich gegen den Vorwurf des Messianismus zu verteidigen, den ihm irgend ein psychologiefremder Militarist gemacht hat. Mit großem Humor, berichten die pariser Blätter, habe Herr Briand gesagt: er habe sich selbst genau untersucht und kein Symptom von Schwäche gefunden. Dann erinnerte Briand daran, was er so im Laufe der Zeit alles zur Kräftigung der militärischen Energie Frankreichs unternommen habe. Er sei es gewesen, der 1912 als Ministerpräsident auf Nachrichten, die ihm von auswärts zugegangen waren, die Verantwortung für die Vorlage über die dreijährige Dienstzeit übernommen habe, auch sei es ihm damals gelungen, außerhalb des Budgets eine Ausgabe von achtzig Millionen durchzudrücken, um die Zahl der Geschosse der 75-mm-Batterie von sechshundert auf fünfzehnhundert zu erhöhen. Und Herr Briand krönte seine Erinnerungen mit dem Ausruf: was wohl passiert wäre, wenn er damals diese Initiative nicht ergriffen hätte. Ja, was wohl passiert wäre, wenn er damals diese Initiative nicht ergriffen hätte? Ja, was wohl passiert wäre, ruhmumglänzter Laureat des Nobelpreises? Vielleicht ... vielleicht wäre der Weltkrieg nicht ausgebrochen. Eine Kriegervereinsrede. Eine französische Gambrinusrede. Wiegt sie schwerer oder leichter als die pathetischen Improvisationen auf der Rostra des Völkerbundes? Niederschlagendes Ergebnis solcher Exklamationen bleibt nur, daß die in Genf mit ausladender Geste zerschlagenen Kanonen zu Hause wieder zusammengelötet werden, und der gleiche Mund den Krieg preist, der in der Runde wissender Diplomaten auf den Frieden getoastet hat. Der offizielle Pazifismus ist noch neuen Datums und doch schon so ausgeleiert. Das sei festgestellt, aber: wo wäre selbst dafür ein Ersatz? Wo sind die Sozialisten und Demokraten, das wahrzumachen, was die Briands behaupten? (Der dritte prämierte Friedenskünstler schickt grade Soldaten nach China.) Das Fähnchen von Bierville flattert verlassen im Wind; vereinsamte Schillerkragen diskutieren über das Dritte Reich, während die Führer der Demokratie es sich noch in diesem wohl sein lassen. Amerika kündet sein Weltfriedensmonopol an. Mit klaffenden Kiefern kriecht Leviathan aus dem Röhricht, um die Hut des Karpfenteiches zu übernehmen.   Ein großes Feuerwerk ist umsonst verknallt. Die meisten Raketen gingen gar nicht los; das Pulver war feucht, und statt eines sprühenden Flammenreigens am nächtlichen Himmel lohnte die Harrenden Gestank. Der republikanische Aufruhr ist abgebogen; der Olympier v. Keudell bleibt oberster Wächter der freiesten Verfassung der Welt. Es mochte die Opposition gereizt haben, der Regierung gleich beim ersten Auftreten einen Eckzahn auszubrechen. Das hätte jede Opposition getan. Aber diese versuchte es mit verschmitztem Blinzeln, ohne Mut zu entschlossner Destruktion, immer mit dem verteufelt schlauen Hintergedanken, – es dem Zentrum doch noch beizubringen, daß mit den Deutschnationalen nichts zu machen sei und der Rückkehr in alte Freundesbeziehungen nicht das Mindeste im Wege stehe. Doch das Zentrum wollte eben nicht. Zwar wirkte die Enthüllung über v. Keudells kappistische Vergangenheit und olympische Gegenwart zunächst wie ein nasses Handtuch im Hochzeitsbett, aber bei eingehenderer Betrachtung mußte das Zentrum sich sagen, daß es wohl unter den Deutschnationalen überhaupt keinen Ministeranwärter mit republikanisch intaktem Lebenslauf gäbe und daß sich gegen jeden andern Kandidaten vielleicht noch Ärgeres vorbringen lasse. So erhielt der Beanstandete sein Visum und darf das von der freiesten Verfassung der Welt in Regie nehmen, was sein spitzbärtiger Vorgänger noch übrig gelassen hat. Den hat auch als derzeitigen Oppositionellen seine Besonnenheit nicht verlassen: vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum entfernte er sich schnell aus dem Saal. Die Demokratenblätter haben Das unterschlagen.   Übrigens gestehn die Entrüster selbst zu, daß Herr v. Keudell gesellschaftlich beliebt sei, sehr musikalisch und für einen Rechtsmann äußerst liberal. Warum also die Aufregung? Und wer war Mitte März 1920 ohne Fehl? Wenn empörte Republikaner nicht vergessen können, wer damals zu Kapp übergelaufen war, so brennt in unsrer Erinnerung, daß frisch nach Wiedereinsetzung der exmittierten Ebert-Regierung, die schleunigst wieder »regierungstreu« gewordene Soldateska auf die Arbeiter schießen durfte, die Kapp zu Tode gestreikt hatten. Waltete nicht damals Herr Severing als Zivilgouverneur im Ruhrgebiet, während das Gesindel des Generals v. Watter unter dem Proletariat Massakers anrichtete? Wurden nicht damals vor den Toren Berlins, unter den Augen der siegreichen Republik, Streikführer standrechtlich erschossen? Die sozialistischen Arbeiter haben das Säbelregiment der Lüttwitze niedergekämpft; die Republik, vor einer imaginären Roten Armee bibbernd, hat ihre Retter den enttäuschten Generalen bedingungslos ausgeliefert. Der damalige Landrat v. Keudell hat einen dummen Aufruf plakatiert und die Brücke von Zäckerick für den Verkehr gesperrt. Deshalb steht er heute im Steinbombardement von Leuten, die großtun dürfen, weil das Gesetz der Vergeltung bekanntlich nicht automatisch zu funktionieren pflegt. Und was »Olympia« betrifft und die kleinen militärischen Übungen auf seinem Gut: – soll man Herrn v. Keudell verdammen, weil er an diese Art von Wehrhaftmachung länger geglaubt als Herr Wirth oder die Demokraten? Bald wird die Entrüstung verknallt sein. Wie lange noch, und die lautesten Oppositionshelden werden an dem verrufenen Kappisten v. Keudell nicht nur gesellschaftliche, sondern auch politisch angenehme Seiten entdecken. Alte Kenner der Wilhelm-Straße wissen: kein frischgebackner Minister, und würde er mit faulen Eiern empfangen, braucht vor dem ersten Pressetee zu verzweifeln. Die Weltbühne, 15. Februar 1927 690 Bagatellen In der alten ›Täglichen Rundschau‹ trieb ein Balte namens Stein sein Unwesen, der als Parlaments-Chroniqueur »A« das Spülklosett in die politische Polemik eingeführt hat. Heute fabriziert der Mann unter dem Pseudonym »Rumpelstilzchen« Berliner Briefe, die durch irgend eine Matern-Korrespondenz verbreitet an einige Hundert Provinzblätter gehen. Da steht so eine Schilderung vom Presseball: »Meine größte Freude ist aber doch der rote Genossinnentisch ... gewesen, wo ... Frau Reichstagspräsident Löbe, die zu solchen seltenen Gelegenheiten von Breslau herüberkommt, mit einem Messer die Mayonnaise zu den vielen russischen Eiern geschickt in den Mund zu löffeln verstand, ohne sich zu schneiden. Das ist nicht leicht. Aber man lernt's, wenn man schon im achten Jahr zur regierenden Kaste gehört. Einmal hat ... Hindenburg sie als Tischdame bekommen und ihr nachher korrekt die Hand geküßt. Das ist ihm von altmodischen Leuten verübelt worden. Aber warum denn? Soll er sich auf einmal anders benehmen, als er es schon als Kadett gelernt hat? Frau Löbe ist doch sonst eine kreuzbrave Frau; und es hat in der alten Armee keinen Hauptmann gegeben, der beim Kompagnieball nicht den ersten Tanz von der Frau Feldwebel erbat. « Aber Rumpelstilzchen kann auch neckisch sein: »In einem Parlament der Reichshauptstadt gibt es eine Parlamentarierin, von der man – als einziger ihres Berufes – wohl sagen kann: sie ist jung und schlank und knusprig. Auch aus guter Familie: ein Onkel war Generalleutnant ... Aber sie trug immer krankenschwesterhaft lange dunkle Kleider. Direkt zum Drauftreten. Ich habe schon manchmal gedacht: gebt mir sie für vier Wochen in Obhut, und ich mache einen entzückenden Schmetterling aus ihr. Und nun beginnt schon das Wunder der Entpuppung. Im Parlament macht alles Stielaugen. ›Sie‹ trägt ein kurzes Kleid! ›Sie‹ hat ja ganz wohlgeformte Beine!« Rumpelstilzchen versteht sein Gewerbe. Neben den Frauen der »schon im achten Jahr regierenden Kaste« fühlt sich jede Bureauvorsteher-Stellvertreters-Gattin als Dame der großen Gesellschaft, neben der jungen Parlamentarierin jede in die Jugendfürsorge abgedrängte Frigidität als künftige Mondäne, die nur noch des Wunders der Entpuppung harrt. Über den Spender dieser Heiterkeiten kein Wort. Er schaltet dort, wo die Feder ihr Recht verliert, die Bezirke der Klopfpeitsche beginnen.   Den Ministerialräten geht es schlecht. Sie fühlen sich als Angehörige der Besoldungsgruppe XIII benachteiligt, weil die zu Weihnachten gewährten besondern Beihilfen nur bis zur Besoldungsgruppe XII, also bis zu den Oberregierungsräten, zur Ausschüttung gelangt sind. Dazu fürchten die Herren Ministerialräte weitres Unrecht durch Herrn Köhler, dem neuen Finanzchef, der aus der mittlern Beamtenkarriere hervorgegangen, für die höhern Gruppen kein Herz haben soll. Deshalb haben sich die Ministerialräte, zwohundert an der Zahl, dieser Tage zum Reichspräsidenten begeben, um ihm eine Denkschrift zu überreichen und auch mündlich über ihre Pariastellung Klage zu führen. So melden die ›Zeit-Notizen‹, die die amüsanteste und informierteste aller Zeitungs-Korrespondenzen. Es ist ein Jammer, daß man bei sowas nicht dabei sein darf. Die Herren Ministerialräte herabgestiegen aus der Wolkenhöhe von Stufe XIII, demonstrierend wie janz jewöhnliche Arbeeter, Ministerial-Proletariat, das außer seinen Ketten nur noch den Gehrock zu verlieren hat – das ist ein Signal sozialer Revolution! Die Weltbühne, 15. Februar 1927 691 Zwei feine Familien Auf rauhe Schlachten folgt Gesang und Tanz. Wo eben der starre, schwer ergründbare Seeckt mit Donner und Blitz versunken ist, steigt der fröhliche Bonvivantkopf des Generals Heye auf, von einem Regenbogen mit ganz kleiner weimarer Gösch umstrahlt. Das Zeichen des neuen Bundes. So stellt sich Herr Heye im Haushaltsausschuß den Parlamentariern vor. Die Oppositionellen darunter waren kritikgeladen gekommen, rechneten mit einer Panzerfront, stießen statt dessen auf einen weichen Vertrauensbauch und ließen sich von liebenswürdig fließender Rede gern entwaffnen. Paul Löbe, der vor ein paar Monaten den Anstoß zur Debatte über die Republikanisierung der Reichswehr gegeben hat, wohnte der Sitzung als Zuhörer bei. Und wird es bleiben. Der neue Chef der Heeresleitung erleichtert der Opposition den Übergang zum Nichtstun. Noch vor wenigen Tagen hat Herr Geßler dem gleichen Ausschuß den Wunsch nach einem parlamentarischen Staatssekretär in der von ihm gewohnten Art abgeschlagen. Herr Heye weiß seine Leute besser zu nehmen. Er gesteht unumwunden zu, daß vieles zu rügen sei, aber »im Grunde« sei die Reichswehr doch eine gute Truppe. Monarchistische Offiziere habe es auch in der französischen Armee, sogar unter den republikanischen Zeloten Cromwells gegeben. Das wären fast immer die besten gewesen. Aber Herr Heye gibt auch zu, daß im Volk Mißtrauen gegen die Reichswehr herrscht. Dergleichen wurde früher nicht gehört. Das ist nicht mehr der Standpunkt näselnder Superiorität und nach Geßlers Korporalston sehr viel, aber auch Herr Heye denkt nicht daran, den Herrn Deputierten mehr Konzessionen als solche rein rhetorischer Art zu machen. Denn wo wirkliche Forderungen vorgelegen haben, wurden sie, hübsch in Watte gepackt und mit einem Gott-grüß-dich-Bändchen geschmückt, den Herrn zurückgereicht. Gab es nicht vor kurzem noch großen Lärm um die Ersatzfrage? Sollte nicht die Rekrutierung dem diskretionären Ermessen der Herrn Kompagnieführer entzogen, damit die Verbindung zwischen Wehrmacht und Wehrverbänden zerschnitten werden? Hierin war doch alles, von Wels bis Stresemann, einig. »Das beste Verhältnis«, führte Herr Heye aus, »ist immer, wenn der Kompagniechef mit den Anverwandten des Soldaten Fühlung hat; die Reichswehr ist doch eine große Familie«. Herrn Heye liegt gewiß fern, die Opposition mit Spott heimzuschicken. Aber ironischer läßt sich die Abwehr unerwünschter Kontrolle nicht formulieren. Die Herren Abgeordneten hörten zu und lachten nicht. Keiner dachte, die von der trauten Familie begangenen Excesse wieder und wieder aufzuzählen und nach Garantien für die Zukunft zu forschen. Keiner dachte, die böhmischen Wälder des Etats zu durchqueren. Herr v. Richthofen, Sprecher der Demokraten und in der letzten Weihnachtswoche designierter Reichswehrminister, meinte nur, daß die Höhe des Etats in Frankreich bereits Anstoß und Mißtrauen erregt habe. Wie schrecklich! Gott strafe Frankreich! Keiner der Tadler kam über Belanglosigkeiten hinaus. Vor diesen Kritikern hat es der neue Mann leicht. Aber er vertritt auch sein Programm nicht ungeschickt. Die Deutschnationalen wünschen Vertrauen im Ausland. Das Zentrum wieder ist lebhaft interessiert, daß der neue Verbündete sich als republikanisch stubenrein erweise und die Allianz nicht durch Dummheiten gefährde. Das Ziel der Deutschnationalen aber heißt: Preußen! Nicht im Sturm soll die Festung genommen werden, das Zentrum selbst die Tore öffnen. Bis dahin muß alles vermieden werden, was böses Blut machen könnte. Bis dahin ist Ruhe nicht nur Bürger-, sondern mehr noch Soldatenpflicht. Keine dummen Reden, keine antirepublikanischen Provokationen mehr. Für monarchistische Schaugepränge, für die Kaiserhochs der wilhelminischen Generalität werden keine Uniformierten mehr ausgeliehen. Münsingen war Höhepunkt und jäher Absturz zugleich. Die neue Koalition könnte Skandale solcher und andrer Art nicht vertragen. Die Reichswehr wird für die nächste Zeit aus dem politischen Getümmel, damit auch aus dem Bereich von Reformversuchen gezogen und in die Kaserne gesperrt. Da ist die Familie unter sich. Herr Heye hat seine Aufgabe verstanden.   Auch die Justiz ist sozusagen eine große Familie, die ihre eignen Interessen hat, ihre eigne Zunge und, vor allem, ein eignes hochgezüchtetes Sippenbewußtsein. Das errichtet für den Laien eine sichtbare Barriere, die zu übersteigen, ihn nicht gelüstet. Deshalb muß auch alle Kritik im Parlament, selbst von rechtsgelehrten Advokaten geübt, verhallen; während die Anklagen und Besserungsvorschläge von richterlichen Personen als Verstöße wider die Familienehre empfunden werden. Wer sich Das hat zu schulden kommen lassen, wird als Bastard oder ungeratenes Kind betrachtet. Herr Landgerichtsdirektor Marschner gehört zu denen, die Mutter Freude machen. Sein Prozeß gegen den ›Montag Morgen‹ hat mit Verurteilung zu hanebüchnen Geldstrafen geendet. Ein Erfolg war, daß zum ersten Mal ein Geschworenenzimmer wie ein Raritätenkabinett zur Besichtigung geöffnet wurde. Aber das Entrée ist zu hoch, und die Neugierigen werden sichs in Zukunft überlegen. Viel billiger ist dagegen in Potsdam ein Mitglied der Dynastie Kähne davongekommen. Einen Arbeiterjungen blutig zu schlagen, wiegt nicht ein Zehntel so viel wie die Anzweiflung der Methoden des Herrn Marschner, seine Geschworenen zum Strammstehen zu bringen. Die Hoffnungen, die sich im Sommer an den Fall Haas geknüpft haben, sind inzwischen zerplatzt. Zwar trat der Juristentag weniger großsprecherisch auf als sonst, und der damalige Reichsjustizminister Doktor Bell gab offen die Vertrauenskrise zu. Aber es ist das Schicksal des gutmeinenden Herrn Bell, immer etwas an den Feind ausliefern zu müssen: 1919 die Kolonien an die Entente, 1927 die Justiz an Herrn Doktor Hergt.   Die Reichswehr steht jenseits des sozialen Alltags. Da es keine Wehrpflicht gibt, würde sie ohne ihre Bemühungen um politische Präponderanz friedlicher und stiller vegetieren als irgend eine bemooste Katasterei. Die Justiz dagegen ist die vitale Sache jedes Bürgers. Mißtrauen gegen sie in den Volksmassen bedeutet den moralischen Staatsbankrott. Früher war wenigstens das Reichsgericht, wenn auch in seinen einzelnen Entscheidungen oft klassenmäßig beengt, eine Körperschaft siebenmal gesiebter juristischer Intelligenz. Heute geht die höchste Instanz in politischen Prozessen, wie bei der Verurteilung der kommunistischen Buchhändler und jetzt der Buchdrucker, auf Heiterkeitserfolge aus und leistet sich Stücke, die jeder vor Revisionsgründen zitternde Amtsgerichtsrat sorgfältig vermeidet. Die Unabsetzbarkeit des Richters ist ein altes demokratisches Palladium. Soll das preisgegeben, dem Zufall der jeweils regierenden Parteikonstellation ausgeliefert werden? Die Fachmänner raten, selbstverständlich, ab. Auch die paar Menschen, die in Deutschland die Avantgarde der politischen Linken bilden, sind geteilter Meinung. Aber eines ist gewiß: geht es im bisherigen Trott weiter, dann wird die Justiz einmal etwas ganz Irreparables anrichten, was selbst dieses geduldige Volk zum Kochen bringt. Und dann werden auch die zahmsten Demokraten plötzlich wild nach Rache schreien, nach sofortiger Wandlung, nach der eisernen Faust und nach, weiß Gott, nicht was. Dann werden sie, wie beim Landsberger Femeprozeß, plötzlich die Forderungen der bespöttelten und ignorierten Außenseiter aufnehmen und tun, als ob sie das immer gesagt hätten. Die Justiz treibt einem Münsingen zu, dem offnen, durch keine Konzession zu dämpfenden Skandal. Aber wenn die reaktionären Parteien selbst die Reichswehr mit pfiffigem Kompromiß aus dem politischen Getümmel ziehen können, um die erregten Köpfe zu beschwichtigen – die Justiz als ungleich wichtigeres Instrument ihrer Herrschaft können sie nicht einmal äußerlich neutralisieren. Je mehr die Rechtsparteien gouvernemental werden, das heißt: auf Agitation verzichten müssen, desto fester müssen sie sich an diese Justiz klammern. Denn der Haustyrann kann zur Not auf die Fußangeln und Selbstschüsse im Hof verzichten, nicht aber auf den Knüppel hinterm Schrank. Die Weltbühne, 22. Februar 1927 692 Die Belange von Kuhschnappel »Ich stehe vielmehr auf dem Standpunkt, daß Preußen, das etwa drei Fünftel des Reiches darstellt und das bereits durch den Friedensvertrag erheblichen Land- und Bevölkerungsverlust gehabt hat ... in seiner Geschlossenheit und Größe unbeeinträchtigt aufrecht erhalten werden muß, da es zweifellos den Kern für einen deutschen Einheitsstaat bilden wird ...« Und weiter: »Die preußische Regierung glaubt hervorheben zu sollen, daß ihr eine baldige Wiederaufnahme etwaiger Verhandlungen zwischen beiden Ländern nicht dringlich erscheint.« Ja, was ist denn wieder los? Geben denn die verdammten Polen noch keine Ruh? Wer spricht denn so, daß man selbst bei friedlicher Zeitungslektüre deutlich den Küraß klirren hört als Begleitmusik zu solchen erzgeschienten Worten, »... baldige Wiederaufnahme etwaiger Verhandlungen ... nicht dringlich!« Gott und unser scharfes Schwert! Wir haben Zeit. Doch, Ernst beiseite, es handelt sich hier nicht um eine verspätet publizierte, im Drang der Ereignisse übersehene Kriegsrede, sondern um Darlegungen des Herrn preußischen Ministerpräsidenten in der Groß-Hamburg-Debatte des Landtags. Es handelt sich nicht um den Konflikt mit einer fremden Macht, sondern um eine innerdeutsche Angelegenheit. Es wird also wieder mal ein bißchen Sechsundsechzig gespielt; Wappentiere werden aufeinander gehetzt, und der zum preußischen Premierminister avancierte internationale Sozialdemokrat empfindet zwingend, daß er der historischen Situation gerecht werden müsse, um als Verteidiger, lieber noch, als Mehrer preußischen Bodens den republikanischen Schulbüchern der Zukunft überliefert zu werden. Ohne Otto Brauns Überschwang betrachtet, liegen die Dinge so: Das vom großen Nachbarstaat fest umklammerte Hamburg muß, um seinen Hafen auszubauen und neues Wohngelände zu gewinnen, sein Gebiet arrondieren. Darum ziehen sich jetzt jahrelang Verhandlungen hin, die, dank preußischer Unnachgiebigkeit, immer mit zugeknallten Türen endeten. Daß die Einwohner der Elbeorte, die bei einer Neuregelung hamburgisch werden müßten, sich aus manchen praktischen Gründen, nicht zuletzt steuerlicher Art, widersetzen, ist begreiflich, und darüber läßt sich reden. Aber wenn der Herr preußische Ministerpräsident sich hinstellt und etwas von »hamburgischer Großmannssucht« schmettert und überhaupt bei der Gelegenheit alle Feinde Brandenburgs in den Staub wirft – darüber läßt sich gar nicht reden. Das ist ganz einfach komisch und wird nur ernst, weil ein uraltes deutsches Thema, das deutsche Thema par excellence, hier aufgerührt wird. Ist denn die Entwicklung der deutschen Handelskapitale nicht den Verzicht auf ein paar Streifen Landes in Hannover und Schleswig-Holstein wert, zwei Provinzen, die bekanntlich auch nicht grade durch Kauf oder Erbschaft an die preußische Hausmacht gelangt sind? Es dreht sich doch nicht um eine Abtretung an den Feindbund. Weshalb also der Lärm? Hätte der Genosse Otto Braun das preußische Geld nur ebenso tapfer gegen die Hohenzollern verteidigt wie jetzt jeden Fußbreit preußischen Bodens gegen den hamburgischen Nachbarn! Aber die preußische Regierung läßt ihren Chef nicht nur reden wie einen alten kurbrandenburgischen Seneschall, sondern diesen Worten unglücklicherweise noch eine Tat folgen: eine Gesetzesvorlage nämlich, in der die Hamburg umfassenden preußischen Städte durch Eingemeindungen verstärkt, gegen die große Schwester »konkurrenzfähig« gemacht werden sollen. Statt des Versuches einer Einigung nur gesteigerte Einengung Hamburgs. Statt des Versuches, die Grundlagen der künftigen wirtschaftspolitischen Einheit Groß-Hamburg zu schaffen, neue Abgrenzung, demonstrative Scheidung. Statt der nüchternen Zweckmäßigkeit zu folgen, wird ein völlig unorganisches Groß-Altona konstruiert und »konkurrenzfähig« gemacht, um auf diesem Umwege der ihrer galanten Heimindustrie wegen ehemals weltberühmten Stadt zu neuer Blüte zu verhelfen. Die Bureaukratie siegt über die Vernunft. Was die Andern können, das können wir auch. Die Hauptsache: es wird wieder einmal organisiert; es wird eingemeindet, es gibt Schreibereien; der Kanzleibetrieb hat wieder seine große Zeit. Und während das mit schicksalhafter Zwangsläufigkeit vor sich geht, wird am Vereinstisch munter von deutscher Einheit geschwafelt, wird bei Banketten gesinnungsstark und nibelungentreu auf Groß-Deutschland getoastet. Schilda als Metropolis maskiert.   Der Genosse Braun indessen wollte nicht nur wettern, sondern ganz staatsmännisch, ganz bismärckisch, auch höhere Gesichtspunkte aufweisen. Man muß ihm aufrichtig dankbar sein, daß er nicht gleich die Reichsexekution beantragt hat, o nein, er läßt es beim Rade bewenden: er empfiehlt ganz einfach Anschluß an Preußen. Aber das ist gar nicht so einladend, wie er denkt. Der Genosse Braun übersieht in der Zufriedenheit des Autochthonen, daß der Begriff Preußen sich nicht nur südlich des Mains keiner überzeugenden Werbekraft erfreut. Schon der Westdeutsche hat dabei eine Vorstellung von etwas Unbehaglichem, von Steifheit, kastenmäßiger Absonderung und überheblicher Beamtenhierarchie. An diesen Gefühlen hat auch die derzeitige Linksregierung nichts ändern können und wollen. Ist Preußen deshalb beliebter geworden, weil seit ein paar Jahren sozialdemokratische Minister dort sitzen? Bedeutet das schon moralische Eroberung und Überwindung tief wurzelnder volkstümlicher Empfindungen? Preußisch gilt, trotz Abrüstung, noch immer als militärisch. Daran hat sich nichts geändert. Wenn der Genosse Braun den borussischen Geist für die Dauer einer Parlamentsrede aufs Turnierpferd setzt und die Tartsche schwingen läßt, ergötzt das Niemanden als die ihm unterstellten wilhelminischen Geheimräte, und auch da werden die meisten mitleidig die Achseln zucken: Gott, was sich der Sozi für Mühe gibt ... Es gibt einen falschen Föderalismus, der am liebsten von München aus Weltpolitik machen möchte, und es gibt einen falschen Unitarismus, der die einzige Lösung in der Verschlingung Deutschlands durch Preußen sieht. Beide Methoden sind unmöglich. Überlebt und unbrauchbar geworden ist der heutige Zustand mit den Landesregierungen, Landesparlamenten, Gesandschaften etcetera – getreuen Kopien des befehdeten berliner Regierungsbetriebs. Bismarcks Fürstenbund von Versailles war eine großartige Kompromißleistung. Die Fürsten sind fort, die Grenzen zwischen den Ländern geblieben. Die Wirtschaft hat in aller Ruhe eine neue Gliederung des Reiches vorbereitet, die Politik hat die Frage noch nicht einmal nachdrücklich zur Diskussion gestellt. Kostspieliger Leerlauf, Vergeudung von Volksgut; denn die Belange von Kuhschnappel kosten Geld, und ihre Wahrnehmung erfordert einen ungeheuerlich aufgeblähten Apparat. Otto Brauns Parteifreund Scheidemann hat einmal die trefflichen Worte gesprochen, daß man nicht jeden Grenzstein zu respektieren brauche, den vor hundert Jahren ein lange vermoderter Diplomat gesetzt habe. Das bezog sich auf Belgien, und Der es sagte, wird heute über diese Erinnerung nicht erfreut sein. Aber wenn man schon extra muros so großzügig war, ehrwürdige Dokumente als chiffons de papier zu betrachten, wie viel mehr gilt das nicht für die Angelegenheiten im eignen Kral! Daß die Auseinandersetzung darüber nicht in Fluß kommen will, daran ist nicht zuletzt die zähe behauptete preußische Vormachtstellung schuld. Denn das ist allerdings evident: dieses aus den verschiedensten Teilen zusammengesetzte Preußen ist seit dem Abgang der Monarchie nur noch eine Fiktion. Hausmachtswille einer Dynastie hielt es zusammen; mit ihrem Sturz zerfiel es in seine natürlichen Teile. Heute ist es mit seinem Verlangen nach Suprematie ein Hindernis der Einung und eine Bekräftigung der Anschauung, daß es, wie vor Bismarcks Tagen, noch immer eine deutsche Frage gibt. Erst wenn Preußen nicht mehr da ist, wird Deutschland geboren werden.   Herr Unterrichtsminister Doktor Becker hat ein ausgesprochnes Pech. Schon ließ er sich als Sieger im Studentenkrieg feiern, und nun wollen die jungen Herrn sich plötzlich drücken; sie desavouieren ihre Vertreter und suchen der Vereinbarung mit dem Ministerium eine Deutung zu geben, die, wenn sie von Hörern der juristischen Fakultät herrühren sollte, zu den schönsten Hoffnungen auf eine Richtergeneration von Köllings und Niedners eröffnet. Herrn Doktor Becker wird jetzt nichts übrig bleiben, als seine Energie zu beweisen, falls die Studentenschaften nicht doch noch im letzten Augenblick einen diplomatischen Dreh finden sollten, um sich und den Herrn Minister aus der Klemme zu ziehen. Herr Becker ist ein vorsichtiger und trotzdem immer von Mißgeschicken verfolgter Mann. Er hat lange zugesehn. Wehrverbände gingen pleite, große rechtsradikale Gruppen lösten sich in kleine, miteinander raufende Konventikel auf. Die völkische Bewegung ist müde geworden. Nur die Universitäten blieben wie in den Tagen des Rathenau-Mordes. Nichts hat sich seit Jahren dort geändert. Herr Becker verhielt sich dazu wie ein kaum beteiligter Zuschauer, der nur in Aktion trat, wenn ihm die Steine hageldicht durchs Fenster prasselten. Endlich mußte sich selbst dieser behutsame Mann entschließen. Er legte den Studentenschaften eine Konkordienformel vor und ließ ihnen ein paar Monate Zeit zum Nachdenken. Es ist so gekommen, wie alle Kenner des akademischen Bürgertums von heute erwartet haben: die Studenten haben nach Ablauf dieser Frist Ja gesagt und versuchen jetzt daran zu deuteln und wollen es gar nicht so gemeint haben. Denn unsre jungen Teutonen sind in der Rabulistik am stärksten und drehn an einem deutschen Manneswort so lange herum, bis sie es endlich auf den Rücken gelegt haben. Warum aber diese plötzliche Fronde? Herr Becker ist ja gegen seine buntbemützten Kindlein sowieso kein Herodestyrann. Er hätte ihre Unterschrift zur Kenntnis genommen und Alles wäre geblieben, wie es war. Rechnen die Studenten damit, daß Herr Doktor Becker nicht mehr allzu lange Minister sein wird, daß sich in Preußen überhaupt demnächst etwas verändern wird? Jedenfalls waren die Jüngelchen bisher immer gut beraten, und vielleicht ist ihnen dies Mal die Aufgabe zugefallen, die Feindseligkeiten gegen die preußische Regierung als Avantgarde zu eröffnen. Zwar versichern die republikanischen Blätter, die Koalition stehe bombenfest. Aber die Luft ist voll Konfliktstoff; an allen Ecken wird versucht, Streit zu entfesseln. In dieser Stimmung wird der Studentenkrieg seine Wirkung haben; die jungen Leute haben sich bisher immer brauchbar erwiesen. Trotzdem braucht der Universitätskrakehl nicht überschätzt zu werden. Nicht das Radauheldentum der Studenten, die Gesinnungslosigkeit vieler Herren Professoren ist das ärgste Übel. Studentische Selbstverwaltung? Die kulturelle Rolle der deutschen Universitäten ist einstweilen ausgespielt. Ob Becker siegt oder seine Gegner – auch hier geht es um Belange von Kuhschnappel. Die Weltbühne, 1. März 1927 693 Der kranke Imperialismus Wieder Völkerbundsrat. Ohne böse Aspekte diesmal; ohne Krach im Hintergrund. Die Welt ist nicht ruhiger geworden, aber der Völkerbund geht an den Unruhen vorüber und beschränkt sich auf das Nichtaufregende. Mitteleuropa rückt mit der Behandlung der Saarfrage und des oberschlesischen Schulstreites ins Zentrum. Das Zusammentreffen Stresemanns mit Zaleski wird neugierig erwartet. Ob sich daraus für das künftige Verhältnis zwischen Deutschland und Polen Besserungen ergeben werden, bleibt abzuwarten. Überhaupt ist vor Prognosen zu warnen. Die gründliche Verhetzung in beiden Ländern nimmt den Außenministern die notwendige Ellbogenfreiheit. Versuchen sie, sich in Vernunft zu einigen, was für beide Teile Verzichte fordert, erwartet sie zu Haus ein Trommelfeuer von Beschimpfungen. Dennoch ist die deutsch-polnische Begegnung zu begrüßen. Aber für ein Völkerbundsprogramm ist das etwas mager. So vital diese Fragen für Mitteleuropa sein mögen, so drittrangig wirken sie neben Dem, was sonst auf der Erdkugel rumort. An die Brandstellen Asiens wagt der Völkerbund nicht zu rühren.   Der englisch-russische Konflikt um China zeigt die Politik Britanniens zum ersten Mal in der Defensive. Das Kabinett Baldwin steckt eine klatschende Ohrfeige wie die Entgegnung Litwinows auf seine Note ruhig ein, und selbst die lautesten Jingoblätter meinen, jetzt, wo auf beiden Seiten die Insultationen glücklich heraus seien, stünde einer weitern Unterhaltung in gesitteten Formen eigentlich nichts mehr im Wege. Ja, Sir Robert Horne, das Finanzgenie der Stockkonservativen, führte sogar im Parlament aus, selbst der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen London und Moskau brauche das Geschäft nicht unbedingt zu gefährden. Beweis dafür sei Amerika, das die Sowjetregierung nicht anerkannt habe, ihre Agenten rücksichtslos aus dem Lande treibe und trotzdem einen größern Russenprofit aufweise als England, das Friedfertige. Eine Lehre scheint der Krieg doch eingebleut zu haben: die Regierungen sind in Fragen des point d'honneur dickfellig geworden. Das Prestige wird nicht wichtiger genommen, als es ist. Ein Zehntel der zwischen London und Moskau gewechselten Grobheiten, ein Hundertstel der Vorfälle in Hankau und Shanghai hätten früher zum diplomatischen Bruch und zur Mobilmachung geführt. Dafür ist aber auch Englands Vormacht umstrittener als jemals. Bewaffnete Aufstände in den Kolonien hat das Imperium oft erlebt und stets überwunden. Doch dies Mal steht es einer irrationalen Gewalt gegenüber, die unsichtbare Feinde ins Feld führt. Die Völker wollen nicht mehr: das ist das Ganze. Indien erwacht aus jahrhundertelanger Indolenz; Chinas gestaltlose Sklavenmassen strömen aus dem Dunkel der Geschichte handelnd in die Welt von Heute und gewinnen Gesicht. England hat immer die Lockung seiner zivilisatorischen Formen für sich wirken lassen und die von seinen Generalen Besiegten kulturell aufgesogen. England nahm den Besiegten die Freiheit und gab ihnen dafür seine Kleider, sein Frühstück, seine Tauchnitzbände, seine politisch-ökonomischen Doktrine und seinen bürgerlich beruhigten Gott. Das alte Rezept beginnt zu versagen. England kollidiert mit Völkern, die immun sind gegen die verführende Gebärde seiner Denkungsart und seines Lebensstils. Jetzt versteht man erst, warum der deutsche Versuch zur Entthronung Albions so kläglich danebengehen mußte. Denn der deutsche Welteroberer trat dem englischen Weltbeherrscher nicht mit dem Willen zum Anderssein entgegen, sondern mit den Gefühlen neidischer Konkurrenz und als ungeschickter Kopist. Die kaiserliche Politik suchte den berühmten Platz an der Sonne wie der in die Halle des Hôtel Ritz verwehte Provinziale einen Stuhl: etwas verlegen und etwas wütend, und dabei voll Eifersucht auf diese furchtbar feinen Leute, die sich so ungezwungen bewegen, steif und gelassen zugleich, die mit einem Stirnrunzeln zehn Boys und den Herrn Direktor in Galopp bringen und sich mit den elegantesten Damen durch einen Blick verständigen. Es hat während des Krieges gewiß nicht an deutschen Versuchen gefehlt, Englands Satelliten aufzuwiegeln, aber was den pompösen Verheißungen Berlins nicht gelang, das erreicht die moskauer Propaganda heute spielend: denn hier ist eine neue Idee am Werk und nicht ein neuer Imperialismus. Stünde Britannien mit einer andern Großmacht im Kampf, Die könnte es bekriegen und vernichten. Doch sein Feind ist unangreifbar: in einem zähen Kleinkrieg revolutioniert er die Köpfe und lehrt die Menschen, die Dinge anders zu sehen. So gleicht die heutige Lage des Imperiums in manchem der des Römischen Reiches in seiner beginnenden Krise, als aus Wald und Steppe die Barbaren hervorbrachen und den civis romanus respektlos mit Knütteln totschlugen, weil sie nie die Suggestion dieses Begriffes an sich erfahren hatten.   Wie ist England für diesen unerhörten Kampf gerüstet? Seine Politik erscheint, im Gegensatz zu sonst, tastend und ein wenig zittrig. Austen Chamberlain hat sich zunächst zu einem dilatorischen Vorgehen entschlossen; die gewonnene Zeit soll zur Arbeit in Polen und den Randstaaten benutzt werden, um Rußland wieder in Europa zu beschäftigen. England verfügt heute über keinen Pitt oder Disraeli, aber die Männer, die es auszuspielen hat, sind sicher nicht schlechter als früher, und nur die veränderte Situation verkleinert sie. Churchill und Birkenhead, die Befürworter der gepanzerten Faust gegen Rußland, sind gewiß ebenso unbedenklich unternehmungslustig, so lebenskräftig und bulldoggenhaft wie einst die Minister Seiner Majestät, die durch Horatio Nelson die Flotte der dänischen Seemacht verbrennen ließen und den schutzsuchenden Bonaparte einfach nach Sankt Helena verfrachteten. Das ist eine politische Genialität, die in der Faust sitzt und ihren Triumph feiert, wenn sie den Gegner mitten auf die Nase trifft – die aber nicht ganz am Platz ist, wo es nicht gegen Armeen und Schiffe, sondern gegen die erwachte Dämonie eines Erdteils geht. Deshalb wirken die kriegerischen Drohungen der Herren Minister nicht ganz ernst, etwas verjährt, und poltronhaft zudem. Aber Englands Machtmittel und intellektuelle Gaben sind noch immer groß. Unvermindert war bis jetzt seine Kunst der Menschenbehandlung, seine Fähigkeit, ganz unerwartet Biegsamkeit an Stelle von Starrheit zu setzen. Der alte Lloyd George, nach scheinbar unaufhaltsamem Niedergang wieder zu Ansehen gelangt, attackiert die bellikosen Baldwin-Minister hart und verkündet laut, daß er die Patentlösung in der Tasche habe. Das konservative Regime wirtschaftet ab; innenpolitisch hat es schon verspielt. Der Imperialismus ist schwer krank, sein Kampf erscheint im Hinblick auf den Endeffekt hoffnungslos. Aber noch ist er wehrhaft, und in welchem Stadium wir uns befinden, das weiß kein Mensch. Das muß in aller Ruhe den deutschen Kommunisten gesagt werden, die weltpolitische Fragen im Lustgarten zu erledigen pflegen, und mit weniger Ruhe den knalldeutschen Stammtischen, die schon jetzt in Gedanken die endlich erlegte britische Midgardschlange als Rollmops verzehren. Der deutsche Spießer denkt nun einmal in Katastrophen; er sieht fortwährend Schicksalsstunden und Weltwenden, und das ist kein Wunder in einem Milieu, wo jeder kleine Vereinskrakehl sofort zur Götterdämmerung wird. Seit Stresemann angefangen hat, in Kontinenten zu denken, hat Chemnitz sein neues Gesellschaftsspiel gefunden. Die guten Leute sitzen beim Bier und reden was furchtbar Ernstes von transsibirischer Bahn und Pacific und Isthmus von Panama und tränken ihren geopolitischen Docht so lange, bis sie Isthmus mit Asthma verwechseln. Nein, das Drama Chinas taugt weder für lächerliche noch für ernsthafte Spekulationen. Blut wird dort vergossen, kostbares Menschenblut, und wenn unsre heißen Wünsche bei dem chinesischen Volk sind, so geschieht es, weil wir hoffen, daß Erbin dieses Freiheitskampfes nicht eine neue waffenstarrende Großmacht, sondern die ganze Menschheit sein wird. Die Weltbühne, 8. März 1927 694 Billies Prozeß Das hat sich grade jetzt vor dreihundert Jahren in London zugetragen: eines Abends erschienen im Bücherladen von Jeremias Peacock in der Straße Zur kleinen Vergnüglichkeit in Southwark, nicht weit vom Theater Die Weltkugel, ein paar bewaffnete Männer, geführt von einer Magistratsperson mit fuchsroter Perücke, um den Buchhändler zu verhaften. Der war über Land gefahren, und um nicht unverrichteter Sache abzuziehen, notzüchtigten die Gerichtsdiener derweilen des Meisters Frau und junge Töchter. Denn in dieser lebensfrohen Zeit wußte man auch der tristesten Amtshandlung eine heitre Seite abzugewinnen. Aber als die Häscher fortgingen, fiel ihnen ein kleiner fünfzehnjähriger Struwelkopf auf, Billie, der Ladenjunge, der, während die Gerechtigkeit über ihm waltete, unbekümmert die Stufen fegte und dazu Dideldum sang. Diesen Knaben ließ die Magistratsperson mitnehmen und in Eisen legen. Was aber war der Grund dieses obrigkeitlichen Besuches? Die frommen Gemeindeältesten hatten Ärgernis genommen an einem stattlichen Folioband, den Meister Jeremias in seinem Laden zum Kauf anbot, weil darin die Schauspiele eines verstorbenen Komödianten namens Shakespeare gesammelt waren, höchst verwerfliche Possenreißereien, vollgestopft mit greulicher Unzucht und Indiskretionen aus königlichen Familien, in knalliger Aufmachung überaus geeignet, dem Volk destruktive Tendenzen nahe zu bringen. Da Meister Peacock indessen vornehme Kundschaft hatte und wohl gelitten war bei Lady Topsey-Turvey, der Gespielin von des Königs jüngstem Bruder, so durfte er ungehindert das Land verlassen. Doch Billie, der Ladenjunge, wurde in den Tower geworfen, dringend verdächtig, den Hochverrat literarisch vorbereitet zu haben. Um den schüchternen, wenig redegewandten Knaben gesprächiger zu machen, ließ ihn der Untersuchungsrichter mit Zangen zwicken und seine Gelenke auskugeln. Dann fragte er ihn mit der natürlichen Liebenswürdigkeit eines Mannes, der über seinem Beamtencharakter nicht sein Menschentum vergißt, ob er wohl wisse, daß die Werke jenes Shakespeare wahre Breviarien seien für Königsmord und Konspiration, Bibeln des revolutionären Umsturzes und der frevelvollen Kunst, das Volk aufzuhetzen. Jammernd erwiderte Billie: er sei nur ein ungelehrtes Kind, könne nicht lesen noch schreiben, wisse überhaupt nicht, was in den Büchern stehe und pflege sie nur an der Farbe des Umschlags zu unterscheiden; übrigens habe er sie gar nicht verkauft, sondern nur jeden Morgen abgestäubt. Dabei blieb er in gottloser Verstocktheit. Auch als Angeklagter vor des Königs Obergericht wollte er sich zu keinem Geständnis bequemen. In dieser Atmosphäre von zurückhaltendem Richterstolz und herber Sachlichkeit, die sich dem Außenstehenden nicht so leicht erschließt, gelang es auch ihm nicht, sich zu erschließen, und er wiederholte nur das in den peinlichen Verhören Gesagte. So erkannte ihn das Gericht schuldig des todeswürdigen Verbrechens, Umsturzliteratur mit dem Staubwedel pfleglich behandelt zu haben, anstatt sie, wie pflichtgemäß, dem Feuer zu überliefern. Bald darauf wurde Billie, nachdem man ihn vorher mit Ruten gestrichen, nach Newgate gebracht und dort gehängt. Doch in den Wochen vor seiner Hinrichtung hatte Billie in einer Zelle gelegen mit einem frommen Schwärmer, dem sich in trunknen Visionen die freieste Verfassung der Welt offenbarte, ein Saeculum der Gedankenfreiheit und der gewaltlosen Harmonie. Dieses Mannes Reden erhitzten Billies armen Kopf, und sie mögen den seltsamen Traum verursacht haben, den er in seiner letzten Nacht hatte: Er stand plötzlich in einem fernen Jahrhundert und sah seinen Fall verhandelt von Richtern in feierlichen roten Talaren. Und deren Ältester erhob sich und sprach mit der scharfen, beizenden Stimme des Lord Oberrichters: Was Billie da vorbringe, seien Flausen; die literarischen Qualitäten des Herrn Shakespeare wären ja unbestritten, doch das schließe nicht aus, daß ein Andrer die Bücher dieses Autors für strafbare politische Zwecke geeignet finde und sie in strafbarer Weise gebrauche. Er, Billie, aber habe als Angestellter der Firma Peacock, ohnehin durch andre Beschlagnahmungen gewarnt, die Pflicht zur sorgfältigen eignen Prüfung, gegebnenfalls auch zur Erkundigung gehabt. Das habe er versäumt, und deshalb sei er zu verdammen. Während Billie schmerzlich aufschrie, zerplatzte sein Traum. Die Büttel ergriffen ihn und servierten ihn erst dem Priester, dann dem Henker. Der Verkünder des Dritten Reichs hatte sich umsonst bemüht. Billie, der Ladenjunge, von seiner Zeit verstoßen, starb ohne Glauben an die Zukunft. Die Weltbühne, 8. März 1927 695 Der Oberreichsanwalt Durch eine Reihe von Vorfällen irre geworden an Dem, was er bisher für Justiz gehalten hat, greift der Chronist, um aus der Quelle zu schöpfen, zum großen Brockhaus und findet hier: Justiz, siehe Rechtspflege; und: Rechtspflege, siehe Gerichtsbarkeit. Die Justiz ist also lexikalisch nicht da, und auch die Rechtspflege muß dem dürren administrativen Begriff Gerichtsbarkeit weichen. Wir sagen aber immer Justiz oder Rechtspflege und verlangen damit etwas, was es höchstwahrscheinlich gar nicht gibt, denn sonst hätte es gewiß der gelehrte Encyklopädist gebührend gewürdigt. Die Erkenntnisse der höchsten deutschen Instanz in politischen Fällen vertiefen diese Auffassung. Wer nach den Buchhändlerprozessen die Erwartung aufgab, das vom Reichsgericht servierte Leipziger Einerlei könnte noch ein Mal sensationell unterbrochen werden, sieht sich merkwürdig widerlegt. Unter der roten Robe war noch ein Trumpf verborgen und jetzt liegt er auf dem Tisch ... Durch die Blätter geht die Nachricht, der Herr Oberreichsanwalt habe gegen den Schriftsteller Berthold Jacob und gegen den Herausgeber und verantwortlichen Redakteur des Wochenblattes ›Das andere Deutschland‹ Anklage wegen versuchten Landesverrats erhoben. Grund dieses Vorgehens bildet ein Artikel Berthold Jacobs »Das Zeitfreiwilligengrab in der Weser«, im April 1925 erschienen, kaum zwei Wochen nach dem furchtbaren Pontonunglück von Veltheim, das 81 Menschen das Leben gekostet hat. In diesem Artikel wird unter anderm gegen den General v. Seeckt der inzwischen auch offiziell gerechtfertigte Vorwurf erhoben, die Reichswehr zum Tummelplatz aller schwarz-weiß-roten Geister gemacht zu haben; weiter wird eine Darstellung des Zeitfreiwilligen-Unfugs und der schwarzen Rüsterei gegeben, soweit das auf Grund des damals vorhandenen Materials möglich war. Dieser Artikel bedeutete im Frühjahr 1925 einen Akt von Zivilcourage. Zwar hatte der Reichskanzler Luther in seiner Antrittsrede im Januar 1925 zum ersten Mal zugegeben, daß eine heimliche Wehr bestanden habe und damit die Unterhaltungen darüber gleichsam legalisiert, aber die republikanische Presse, teils Geßlers Wünsche respektierend, teils den Staatsanwalt fürchtend, folgte nur langsam. Doch seitdem haben die Fememordprozesse Licht in die Dinge gebracht, und selbst das zagste liberale Blatt ist inzwischen über Das hinausgegangen, was Berthold Jacob damals behauptet hat. Schon am 28. Mai 1925 führte in der Reichstagsdebatte über das Veltheimer Unglück der Demokrat Doktor Haas aus: »Die Pazifisten, die solche Illegalitäten ans Licht bringen, begehen keinen Landesverrat. Landesverrat begehen die Staatsanwälte, die Anklage erheben.« Das war für die republikanischen Parteien die erlösende Formel und ist auch das Schlußwort geblieben. Auch die Anklagebehörden bremsten ihren Tatendrang. Es kam im Mai vorigen Jahres die Entdeckung der Olympia-Verschwörung; es kam im Spätsommer der Sturz Seeckts: es kam der Schulz-Klapproth-Prozeß, das Mahraunsche Memorandum, das Bekanntwerden der militärischen Kommunikation mit Rußland. Es setzte eine wahre Enthüllungshausse ein, die Diskussion wurde allgemein, und den großen großen Redaktionen fielen volle und leere Denkschriften hageldicht ins Haus. Hätten die Staatsanwälte hier eingreifen wollen, es wäre ihnen schon quantitativ unmöglich gewesen. Heute zweifelt auch der allernationalste Mittelparteiler nicht mehr, daß die heimlichen Rüstungen keine Bedrohung Frankreichs, sondern nur eine empfindliche Störung der innern Ordnung bedeutet haben. Und ebenso hat es sich herumgesprochen, daß die Geheimnisse, über die bei uns nicht geschrieben werden durfte, im Ausland lange bekannt waren.   Was bezweckt der Oberreichsanwalt, wenn er nach zweijähriger Ruhezeit die Akten Jacob-Küster wieder öffnet? Herr Doktor Werner, von Herrn Marx entdeckt, ist, wie man weiß, ein rechtsgerichteter Mann, aber, wie sein Gönner scharfsinnig erkannt hat, mit dem Herzen bei der Republik. Was bewegt diesen partiellen Republikaner, die Zeitmaschine auf den Status von 1924 zurückzustellen? Juristisch gibt die Anklageschrift nichts her. Desto mehr sagt sie über die politische Denkungsart des Herrn Oberreichsanwaltes aus. Wenn es bei der Wiedergabe der Personalien Küsters heißt: er habe schon während des Krieges den »sogenannten Militarismus« bekämpft; wenn weiter von dem »ehemaligen Feindbund« die Rede ist; wenn schließlich die Anwendung der Amnestie bestritten wird: »mit Rücksicht auf die Hartnäckigkeit des verbrecherischen Willens der Angeschuldigten und die schwere Schädigung der vaterländischen Belange«, so verbirgt zwar vor diesem deutschen Stil der Genius der Sprache schaudernd sein Haupt – aber dies Schöpfen aus der nationalistischen Phraseologie, da, wo sie am dümmsten ist, entlarvt die politischen Motive der Anklage. Die kräftige Unterstreichung der vaterländischen Belange, die gewiß in irgend einem Bierkomment, aber noch nicht im Strafgesetzbuch paragraphiert sind, enthüllt diesen Oberreichsanwalt, der als strebsamer Ministerialbeamter ohne Praxis in der Rechtspflege – pardon – Gerichtsbarkeit, seinem Chef aufgefallen ist und von diesem in Leipzig inthronisiert wurde, wo ihm inzwischen seine einzige hochoffiziell bestätigte republikanische Körperpartie gründlich abhanden gekommen ist. Kein Politiker von Vernunft hat Freude an dieser Aufrührung hoffentlich vergangner Dinge, nur der Herr Oberreichsanwalt nimmt Rache an ein paar Publizisten, die dem Reichswehrministerium eine Reihe unangenehmer Stunden bereitet haben. Er verweigert ihnen die Amnestie unter Hinweis auf ihren hartnäckigen verbrecherischen Willen; er verfolgt nicht ihre Handlungen, sondern ihre Gesinnung. Der Eine, Fritz Küster, hat schon im Kriege den »sogenannten Militarismus« bekämpft: Grund genug für das Reichsgericht, nachzuholen, was die Militärgerichte versäumt haben. Der Andre, Berthold Jacob, hat in seiner Zeitungskorrespondenz den Skandal von Münsingen aufgedeckt und auch sonst den Herren Geßler und Seeckt einige gehörige Bataillen geliefert. Grund genug für den Herrn Oberreichsanwalt, einen verbrecherischen Willen, der sich vornehmlich mit dem sogenannten Militarismus beschäftigt, mit den Mitteln der sogenannten Justiz lahmzulegen. Es gibt kein internationales Recht, das politische Gruppen schützt, die ihre Regierung zur strikten Beachtung eines unterzeichneten und vom Parlament ratifizierten Friedensvertrages anhält. Während die Minister den guten Willen der Regierung beteuern, können die Gerichte seelenruhig Politiker als Verräter justifizieren, die darauf dringen, daß die ministeriellen Beteuerungen Tat werden. Integre Persönlichkeiten müssen es sich gefallen lassen, wie Spione oder Agenten, wie bezahlte Subjekte behandelt zu werden, weil ihnen der Friede der Welt mehr gilt als die Interessen des Landes. Sie sind Freiwild. Hier besteht eine ungeheure Gefahr für die Unabhängigkeit des gesamten politischen und geistigen Lebens. Wenn wir uns für Fritz Küster und Berthold Jacob einsetzen, so geschieht es nicht, weil der Eine mit viel Mut und Selbstlosigkeit seit Jahren als Herausgeber eines pazifistischen Blattes wirkt, der Andre von der ›Weltbühne‹ lange als hervorragender Mitarbeiter geschätzt wird und ihrem Freundeskreis ein guter Kamerad ist: – es geht um die Freiheit der Presse überhaupt. Behauptet sich die neuerdings in Leipzig beliebte Judikatur, dann ist das Organ keiner Richtung mehr sicher; die Gerichte übernehmen einfach die Funktionen der seligen Militärzensur, und der erste Prokurator der Republik sinkt zu einer Art Nicolai in gehobner Gehaltsklasse herab. Der Fall Jacob-Küster ist vielleicht die letzte Chance, den Kampf um die Justiz zu einer Entscheidung zu führen. Wir nehmen die Sache nicht leicht; wir sehen ausdrücklich von der stereotypen Floskel ab, den Angeschuldigten zu versichern, daß sie der Entwicklung mit Ruhe entgegensehen können. Wir meinen vielmehr, daß höchste Unruhe am Platze ist: denn das Tribunal vor das sie treten, ist das Reichsgericht, und ihr Ankläger ist Herr Doktor Werner.   Der neue Oberreichsanwalt trat sein Amt am ersten September vorigen Jahres an. Am Tage darauf wurde der Assessor Doktor Dietz in Elberfeld verhaftet. Er soll Landesverrat begangen haben, indem er sich vor nunmehr fünf Jahren bei dem amerikanischen Botschafter bemüht hatte, seinem Freund, einem Doktor Goldmann, eine Anstellung als Ballistiker zu verschaffen. Ebenso hatte Dietz einen Zentrumsabgeordneten schriftlich gebeten, sich für ein ballistisches Projekt seines Freundes beim Reichswehrministerium einzusetzen. Wochenlang nach dieser Verhaftung wurde bekannt, daß Dietz etwas viel Ärgres verbrochen hatte als die Preisgabe artilleristischer Intimitäten: er ist nämlich der Mann, der die Putschpläne des Herrn Claß an Severings Polizei verraten hat. Das genügte Herrn Werner, Dietz als mauvais sujet zu betrachten. Eine Haussuchung brachte Durchschläge der höchst verjährten ballistischen Korrespondenz zu Tage, und das lieferte den Vorwand zur Verhaftung. Der Hauptzeuge gegen Wiking und Olympia sitzt mit seinem Freunde Goldmann seit Monaten im Elberfelder Untersuchungsgefängnis, den Inquisitionsmethoden eines Richters namens Hofius ausgeliefert, der auf Grund dieses Befähigungsnachweises schleunigst nach Magdeburg versetzt werden sollte. Man faßt sich an den Kopf, fragt sich, wie das möglich ist. Antwort gibt Ebermayers berühmter Kommentar zum Strafgesetzbuch (Auflage von 1925), wo Herrn Werners Vorgänger zum Artikel Landesverrat folgendes ausführt: »Nur für wahre Tatsachen kommt eine Geheimhaltungspflicht in Frage ... Die Verbreitung falscher Nachrichten kann höchst nachteilig sein, fällt aber nicht unter § 92 Ziffer 1. Hält der Täter die Nachricht für wahr, so kann Versuch vorliegen. Als Nachrichten, die geheimzuhalten sind, erachtet die Rechtsprechung u.a.: Mitteilung über versteckte Waffenlager, Schwarze Reichswehr, nationale Verbände, Oberschlesischen Selbstschutz. Nach der neuern Rechtsprechung soll aber die bloße Mitteilung oder Veröffentlichung solcher Tatsachen nicht genügen, vielmehr muß gleichzeitig der deutschen Regierung ausdrücklich oder stillschweigend der Vorwurf gemacht werden, sie wisse, dulde oder fördere entgegen den in Versailles übernommenen Verpflichtungen derartige Zustände.« Dem fügt sich als Pointe erst eine Fußnote an: »Als fremde Regierung im Sinne dieser Bestimmung kann auch die Regierung eines Bundesstaates gelten.« Und Ebermayer teilt mit, daß das Reichsgericht in diesem Sinne drei Entscheidungen getroffen habe, unveröffentlicht bisher, also Geheimurteile. Die Aktenzeichen sind: R.G. Fer. Sen. 7 J. 69/23 vom 28. VIII. 23; V. 7 J. 10/23 vom 1. XII. 23; V. 7 J. 61/24 vom 16. X. 24. Wenn Dietz nicht der Verrat militärischer Geheimnisse nachgewiesen werden kann, so ist es noch immer möglich, ihn des Landesverrats zu zeihen, weil er das Techtelmechtel gewisser Reichswehrstellen mit militärischen Geheimverbänden an Preußen verraten hat. Ebermayers Halsgerichtsordnung gibt Handhabe dazu. Was Herr Claß mit seinen Verbänden projektierte, war ein Narrenfasching. Was die gelehrten Juristen, die Beamten der Republik, hier gebraut haben, ist ärger. Es ist ein Attentat gegen die Einheit des Reiches, wie es keinem konspirierenden Separatisten bisher im Traum eingefallen wäre. Wenn das möglich ist, dann läßt sich auch mit einer Fußnote die ganze Verfassung zum Teufel interpretieren. Justizreaktion und Militarismus haben sich vereint. Durch das Medium der Justiz holt der Militarismus die seit 1914 versäumten Siege nach.   Während sich solches zu Haus begibt, wirbt Stresemann in Genf um das Vertrauen Europas. Die Weltbühne, 15. März 1927 696 Viribus unitis Vor mehr als zwanzig Jahren hat Alfred H. Fried, der niemals ersetzte Publizist des kämpfenden Pazifismus, die These aufgestellt, daß die Außenpolitik eines Staates nichts Andres sein könne als die Ausstrahlung der in seinem Innern herrschenden Tendenzen. Seit geraumer Zeit bemühen sich die europäischen Regierungen, die Wahrheit dieses Satzes zu widerlegen. Alle betonen sie etwas auffällig das Primat der Außenpolitik. Ein wichtig klingendes, ein gefährliches Wort, das immer dann gern gebraucht wird, wenn die innern Voraussetzungen einer bestimmten außenpolitischen Haltung zu schwinden beginnen. Die meisten der europäischen Kabinette sind heute Instrumente verschärften Klassenkampfes; Mobilgarden des Kapitalismus, die Gewehre schußbereit auf die Arbeiterschaft gerichtet. Selbst ohne jene weder durch den Völkerbund noch durch die Sicherungspakte gemilderte Rüstungsfrenesie müßte dieser überreizte innre Zustand der Großmächte mißtrauisch machen gegen den zur Lektüre Vorübergehender amtlich ausgehängten Pazifismus. Auch Herr Doktor Stresemann hat sich in ein Dilemma manövriert. Er möchte die Politik von Locarno fortsetzen und lieber heute als morgen auch das Gespräch von Thoiry wieder aufnehmen, aber er hat den ohnehin schwachen Unterbau seiner Außenpolitik selbst erschüttert, indem er die Bildung einer Rechtskoalition erst gefördert und dann, trotz bessrer Einsicht, nicht verhindert hat. Läßt sich unter der Kontrolle des Grafen Westarp der Vorrang der Außenpolitik wahren? Stresemann hat es geglaubt und bemüht sich jetzt um den wenig hoffnungsvollen Nachweis. Von Außen gesehen, bedeutete diese Tagung des Völkerbundsrates mit einem deutschen Vorsitzenden einen Triumph seiner Politik. Mag man über die Tiefenwirkung der Idee von Locarno denken, wie man will, – aber welch beispielloser Erfolg einer Politik! Welch unerhörter Aufschwung seit 1923! Es gehört die ganze Stumpfheit der öffentlichen Meinung in Deutschland dazu, um Das nicht zu empfinden und die berechtigte Genugtuung darüber dem Ärger über die künstlich gebauschten Saar-Querelen zu opfern. Stresemann und Briand, die sich sonst im Nu verständigt hatten, waren dies Mal genötigt, als Vertreter bitter ernster nationaler Interessen zu agieren. Wie auf Stresemann die Deutschnationalen, drückten auf den französischen Kollegen die reaktionären Poincaré-Minister, die Herren Marin und Tardieu. Die beiden Außenminister haben sich nicht ohne Talent aus der Klemme gezogen, indem sie unter dem Blinzeln der Wissenden zur Erbauung ihrer vaterländischen Hörerschaft ein kleines Rededuell arrangierten. So kann Jeder zu Haus erzählen, wie er ausgelegt, wie er die Klinge geführt hat.   Deutschland hätte gut getan, die Genfer Apotheose seiner Außenpolitik bereitwilliger mitzugenießen, denn deren Kulminationspunkt scheint damit auch überschritten zu sein. Seit einiger Zeit mehren sich draußen die Anzeichen zunehmender Verstimmung gegen die deutsche Politik. Ein spontaner Mißtrauensausbruch in der ganzen Welt hat die neue Regierungskoalition empfangen. Die französischen Reden werden wieder schärfer, Begleitmusik zur neuen Militärvorlage, und selbst der belgische Allerweltsvermittler Vandervelde verfiel kürzlich vor seinem Parlament in prälocarnische Töne. Hinzu kommt eine neue Schwenkung Englands, das zur Ableitung der russischen Energien von Asien nicht nur im Baltikum Fuß gefaßt, sondern auch in Warschau, Frankreichs Influenz verdrängend, eine Filiale errichtet hat. Mag man sich in Berlin trösten, daß England nur beabsichtige, Rußland wieder in Europa zu engagieren: Moskau ist weit, die Sowjetunion mehr noch als durch ihre rote Armee durch ihre geographische Lage und durch die Brisanzkraft ihrer roten Propaganda geschützt, und England ist nicht grade nach Krieg zumute. Effekt der britischen Machinationen im Osten wird nicht eine ernsthafte Bedrohung Rußlands, sondern eine neue Einkesselung Deutschlands sein. Denn ohne Zweifel wird Polen nicht auf das schon traditionell gewordene französische Protektorat verzichtet haben ohne Gewißheit der englischen Garantie für seine im Friedensvertrage festgesetzten Westgrenzen. Die Befürchtungen der Hugenbergblätter vor einem Ost-Locarno sind also völlig überflüssig. Die antipolnische Richtung in der Wilhelm-Straße, die sich eifrig bemüht, Deutschland wenigstens einen Erbfeind zu sichern, hat damit eine bösartige Schlappe erlitten, die leider von der Öffentlichkeit kaum bemerkt wird. Wieder einmal hat das Foreign Office die Nibelungentreue der deutschen Diplomatie übel belohnt und einen täppischen Kontinentaldegen schlicht verabschiedet. Abschiedstimmung ist um Stresemanns Glück. Er war der Erste, der am Ende einer langen Nacht den Silberstreifen am Horizont sah. Heute liegt über seinem Werk die Abendröte. Dazwischen aber war ein Tag. Und dieser Tag ist schlecht genutzt worden.   Ein englischer Schriftsteller, der soeben aus Deutschland zurückgekehrt ist, hat seine Meinung dahin zusammengefaßt, daß die Rückkehr zur Monarchie unvermeidlich sei und Wilhelm III. sozusagen in der Luft liege. Ist Das die Übertreibung eines Sensationsschreibers oder mehr? Daß die Deutschnationalen Alles tun werden, um das bißchen formale Republik zu sterilisieren, ist selbstverständlich. Trostlos ist nur die völlige Reglosigkeit der sogenannten Opposition. So darf der neue Innenminister von Keudell im Reichstag eine Rede wagen, die nicht eine der strittigen Fragen seines Amtes berührt. Herr von Keudell spricht weder über das Konkordat, noch über das Reichsschulgesetz, noch über die Verlängerung der Republikschutzgesetze. Dafür äußert er ein paar Belanglosigkeiten zum Lobe des Föderalismus und schließt unter allgemeinem Erstaunen mit dem Wahlspruch der Habsburger: Viribus unitis. Wahrscheinlich war der ruhmvolle Organisator der zäckericker Vendée der Meinung, der Republik schon eine gewaltige Konzession gemacht zu haben, indem er seine inhaltsvollen Ausführungen nicht grade mit »Suum cuique«, der Devise der Hohenzollern, pointierte. Welch eine herrliche Gelegenheit für eine zielsichere Opposition, dem schweigsamen Redner die wohlbeherrschte Zunge zu lockern. Ironie der Ochsentour jedoch erkor als Sprecher für die größte Oppositionspartei Herrn Sollmann, der sicherlich stolz darauf ist, daß in seinem Blut kein Tröpfchen Champagner moussiert, und der mit der Gravität eines sozialdemokratisch imprägnierten Külz seinen Bedenken gegen den Mangel an ministeriellen Eröffnungen submissest Ausdruck verlieh. Herr von Keudell ist gewiß kein glücklicher Redner, aber sein Glück ist, daß er das Reden gar nicht nötig hat. Denn diese Regierung denkt gar nicht an parlamentarische Schaustücke. Sie plant vielmehr den Reichstag vom Mai bis zum November in die Ferien zu schicken, um sich für ihre großen Aufgaben in Ruhe vorzubereiten. Zwar läuft im Sommer das Republikschutzgesetz ab, womit Exkaisers Heimkehr nichts mehr im Wege stünde ... Wie Herr von Keudell in einem Anfall von Gesprächigkeit erklärte, befaßt sich das Reichsjustizministerium zur Zeit allerdings mit der Angelegenheit. Wilhelm unterliegt also der Kompetenz des Ressorts Hergt.   Aus England wurde vor einigen Tagen berichtet, man rechne dort mit Neuwahlen im Herbst. Das Kabinett Baldwin verfügt über eine sichere parlamentarische Grundlage, dennoch fühlt es die Notwendigkeit, sich sein Mandat abermals bestätigen zu lassen. So kontrolliert England sich selbst, so schützen sich seine Regierungen selbst vor Überalterung. Das kläglich zusammengeflickte Kabinett Marx jedoch, hervorgegangen aus einem früh senil gewordnen Reichstag, – eine Regierung, die eine Niederlage nach der andern erleiden würde, wenn das deutsche Wahlsystem Nachwahlen erlaubte, flüchtet in einen diktatur-ähnlichen Zustand, anstatt sich mutig dem Volke zu stellen. Hätte die Opposition auch nur ein Fünkchen Temperament und Selbstbewußtsein, sie müßte den Herren den Ruf nach Neuwahlen in die Ohren gellen, daß ihnen das Behagen an der gewünschten Sommerruhe vergeht. Das hieße aber offne Kampfstellung, hieße auch Front gegen das mit den Deutschnationalen verbündete Zentrum. Hier aber ist die Opposition gebunden: schlägt sie Alarm, so kündigt das Zentrum auch in Preußen die Regierungskoalition. Deshalb darf die Opposition zwar den Deutschnationalen die Haut ritzen, aber bei Leibe nicht das Zentrum blessieren. Diese glückliche Partei aber richtet sich indessen häuslich ein: während sie in Preußen die Linksregierung noch gestattet, betreibt sie im Reich das mit dem Zensurgesetz begonnene Werk der geistigen Verfinsterung weiter. Nachdem die erforderlichen Maßnahmen getroffen wurden, die Jugend vor lasciven Büchern zu schützen, soll sie jetzt auch vor dem Anblick von Nuditäten bewahrt bleiben. Denn das Zentrum eingedenk des milden christlichen Gebotes, die Nackten zu kleiden, hat stets seine vornehmste sozialpolitische Mission darin gesehen, nackten Marmorfrauen ein Hemd anzuziehen, was sicherlich angenehmer und einfacher ist als die vor Elend Halbnackten mit heilen Röcken zu versorgen. Aber schließlich ist auch das Zentrum nicht völlig glücklich zu preisen, denn mag es von Rechts wie von Links gleich lebhaft umworben sein, in seinen Bemühungen um die Zurückgewinnung der bayrischen Sezessionisten ist es selbst in die Rolle des Werbenden geraten und deshalb gezwungen, seinem ins Reichsbanner delegierten republikanischen Singchor mehr Sordine anzuempfehlen, um dem königstreuen Gehör der nur scheu zurückkehrenden Vettern aus Tuntenhausen nicht zu viel auf einmal zuzumuten. Das erinnert an den herrlichen alten Witz aus dem ›Simplicissimus‹, wie beim Militärgottesdienst der Leutnant den frommen Rekruten anpfeift, der ihm seinen Choral grade in die Ohren trompetet: »Kerl, laß dein unverschämtes Brüllen! Der liebe Gott hört dich auch, wenn du leise singst.« Die Republikaner im Zentrum singen schon bedeutend leiser.   Es ist kein Wunder, daß ein ausländischer Beobachter aus der Unbeweglichkeit der deutschen Politik auf die beginnende Agonie der Republik schließt. Denn gegen die wachsende Reaktion fehlt das Gegengewicht: die rücksichtslose, geistig behende Opposition, die nur das Ziel kennt, die Regierenden baldmöglichst zum Teufel zu jagen. Diese Opposition hier ist innerlich und äußerlich unfrei, denn das Zentrum hält sie gebunden, und sie darf nicht einmal das Naturrecht aller Oppositionen ausüben: sie darf nicht einmal laut werden. Denn sonst sagt die katholische Partei auch in Preußen die Freundschaft auf. Regierende und Oppositionelle sind miteinander verflochten, ihre Interessen sind vielfach verzahnt. Die Linke ist, ob sie will oder nicht, ihren Gegnern verkettet; sie muß deren Spiel mitmachen. Viribus unitis, sagte Herr von Keudell. Aber es ist nicht anzunehmen, daß er es so gemeint hat. Die Weltbühne, 22. März 1927 697 Noskes Schatten In diesen völlig unrevolutionären März fällt mit Recht das Jubiläum einer völlig unrevolutionären Partei. Vor sechzig Jahren ist aus einer Sezession der alten Fortschrittler die Nationalliberale Partei entstanden. Das war gewiß ein Anlaß, den Humpen zu bekränzen. Da der verehrte Führer, der Reichsaußenminister, zur Zeit jedoch ernstere Sorgen hat, hielt sich das befürchtete Sängerfest in glimpflichen Formen, und es wurde nicht mehr Eichenlaub mit Donnerhall und Wogenprall verabfolgt als bei solchen Gelegenheiten unbedingt erforderlich. Dabei hätte grade diese Partei, die sich heute unter dem Künstlernamen Deutsche Volkspartei nur mühsam verbirgt, allen Grund zu triumphieren. Denn wenn sie auch ebensowenig gesiegt hat wie irgend eine andre liberal-demokratische Partei, so hat ihr Geist doch das gesamte politische Leben der Nation erfaßt und durchsäuert. Wohin man auch blicken mag, überall stößt man auf das, was seit Jahrzehnten zur Vermeidung unhöflicherer Bezeichnungen nationalliberal genannt wird. Auch die radikalsten Parteien haben unter der Rostra, von der ihre Tribunen zum Volke schmettern, ganz geheim jene Drehvorrichtung, die bei der ehrwürdigen Jubilarin längst in aller Öffentlichkeit angekurbelt wird.   Die Sozialdemokratie hat sich jetzt nach Äußerungen namhafter Führer endgültig entschlossen, nicht gegen die Reichswehr, sondern um die Reichswehr zu kämpfen. Die Genossen im Lande finden das rabulistisch und murren. Besonders beunruhigt ist das westfälische Industrierevier, wo starke Strömungen vorhanden sind, die prinzipiellere Militärkritik und überhaupt Ablehnung des Etats für Reichswehr und Marine verlangen. So veranstaltete das Patriarchat in der Linden-Straße also eine Rednertournée notabler Genossen, um es zunächst mit der pénétration pacifique zu versuchen. Es muß zugegeben werden, daß die dazu auserkornen Genossen Hermann Müller und Severing, ihrer Art gemäß, sehr koulant auftraten und die Irrlehren der antimilitaristischen Schwärmer in milder Form zu widerlegen trachteten. Was sie sachlich auszuführen hatten, war allerdings recht spärlich. Immer wieder betonten sie, es sei geschäftsordnungsmäßig nicht möglich, den Militäretat abzulehnen, ohne den Gesamtetat zu verweigern. Aber, meine Herren, ist denn das eine so grausame Zumutung für die repräsentative Oppositionspartei? Sind Sie denn für das Wohlergehn der Regierung Marx-Keudell-Hergt verantwortlich? Da das Budgetrecht des Reichstags ohnehin durch die Manipulationen des Reichswehrministeriums fast illusorisch gemacht worden ist, wäre hier nicht nur Ablehnung, sondern – horribile dictu! – Obstruktion am Platz. Doch da die Herren beschlossen haben, nicht gegen die Reichswehr, sondern um deren Seele zu kämpfen, so ist wohl die Frage erlaubt, welches ihre Gedanken und Pläne sind. Wie wir erinnern, hat Herr Heye selbst Loebes zahme Propositionen zur Reform der Rekrutierung entschieden abgelehnt. Und seitdem ist es ganz still.   Auch der Genosse Stücklen pilgert alljährlich ins Ruhrrevier, um den Kumpels zu erzählen, daß wir eine Reichswehr brauchen, weil die verdammten Polen noch immer keine Ruhe geben wollen. Geht Hermann Müller versöhnlich wie ein innrer Missionar vor, so gleicht der Genosse Stücklen mehr jenen eifernden Heidenpredigern, die mit dem Ochsenziemer nachhelfen, wenn das Glauben nicht fix genug geht. Genosse Stücklen, seit über fünfzehn Jahren militärischer Expert der sozialdemokratischen Fraktion, hat kürzlich in Elberfeld über die Reichswehr gesprochen und die günstige Gelegenheit benutzt, nicht um gegen die Reichswehr, sondern um gegen die ›Weltbühne‹ offensiv zu werden. Nach sozialdemokratischen Blättern führte er aus: »Im übrigen solle man sich hüten, seine Informationen über Reichswehr und Reichswehretat aus der ›Weltbühne‹ zu holen, da die Leute, die diese Zeitung herstellen, sich keine Mühe gäben, den Etat zu studieren und – wie der Redner kurz nachwies – nicht vergleichbare Größen gegenübergestellt hätten.« Ach, wenn man diesen Nachweis nur in extenso hätte; aber auch diese schlichte Abkürzung hat ihre Schönheiten. Der Genosse Stücklen ist seiner Zeit in einen unverdient guten Ruf gekommen, als er am 10. Dezember vorigen Jahres im Reichstag flagrante Verletzungen des Etatsrechtes durch das Reichswehrministerium festgestellt hat. Um irgendwelchen optimistischen Schlüssen entgegenzutreten, sucht sich der Genosse jetzt durch eine plumpe und unwahrhaftige Attacke gegen die ›Weltbühne‹ zu salvieren. Das ist das Bonzentum, wie wir es jetzt seit Jahren erleben. Das fühlt sich in seiner Würde gekränkt, weil irgendwo außerhalb des Parteiclans ein paar Menschen, ein Blatt, treiben und spornen; das sieht sein kümmerliches Monopol ins Wackeln geraten und seine Parteisergeantenknöpfe bedroht, weil die Arbeiter im Lande, vielleicht unter Berufung auf ebendies Blatt, das Tempo der Fraktion allzu gemächlich finden und unbequeme Fragen stellen. Solche Frechheit muß gezüchtigt werden, und lieber stellt sich der Genosse schirmend vor Geßlers Offiziere, als daß er den Unbotmäßigen auch nur ein Fingerbreit nachgäbe. Daß der Genosse Stücklen die allein richtige Exegese des Militäretats für sich in Anspruch nimmt, ist ein Stück fachmännischer Überheblichkeit, das wir ihm gern nachsehen wollen, wenngleich es, höflich gesagt, eine bedauerliche Überspannung von Konkurrenzgefühlen bedeutete, wenn er mit seiner unwirschen Bemerkung etwa auf Konrad Widerholds mit höchster Akribie und glänzender Sachkenntnis durchgeführte Etatskritik in Nummer 4 der ›Weltbühne‹ angespielt hätte. Der Fluch des Genossen Stücklen ist uns ebenso gleichgültig wie sein Segen. Es geht um die politische Wirkung. Und wir fragen die Stücklen aller republikanischen Parteien: Was hat eure superkluge Katzbuckelei bisher erreicht? Ihr habt eine Position nach der andern verloren und seid überall auf dem Rückzug. Es hat sich alles um euch gewandelt, nur geruhtet ihr nicht, die Tatsachen zu sehen, und vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, wo die Tatsachen euch nicht mehr sehen werden.   Fast kalendermäßig mit dem Scheiden Herrn Doktor Friedensburgs von Berlin fiel das Wiederaufleben ungewohnt gewordener Straßenkrawalle zusammen. Hakenkreuzler eröffneten in einem Vorortsbahnhof gegen eine Minorität von Roten Frontkämpfern eine Schlacht und zogen dann johlend und Passanten mißhandelnd durch den ganzen Westen ihrem klassischen Kampfplatz an der Gedächtniskirche zu, wobei ein paar Ausländer niedergeschlagen und gefleddert wurden. Die Polizei zeichnete sich durch bemerkenswerte Selbstbeherrschung aus. Weniger am nächsten Abend in Charlottenburg, wo eine vorübergehende Verwirrung in einem kommunistischen Demonstrationszug erst mit Schreckschüssen und dann mit forschem Dreinschlagen behandelt wurde. Man mußte an solchen politisch erhitzten Tagen Herrn Doktor Friedensburg gesehen haben, wie er selbst an den bedrohten Stellen war und durch seine bloße Anwesenheit Beruhigung verbreitete. Soll jetzt die Zuchtlosigkeit der Ära Richter wieder einreißen? Friedensburgs Nachfolger, Herr Doktor Weiß, hat sich bei seiner Ernennung ausdrücklich ausbedungen, mit der Schutzpolizei nichts zu tun zu haben, da er von früher her keine glücklichen Erfahrungen hat; sein Interesse gehört der Kriminalpolizei und der Abteilung IA. Da Herr Zörgiebel, der oberste Chef, auf die Herren Offiziere nicht den geringsten Eindruck macht, so ist die Berliner Schutzpolizei tatsächlich ohne rechte Leitung, und nichts hindert sie, ihren vor randalierenden Stahlhelmern heroisch domptierten Amtseifer an Linksradikalen desto freier ausleben zu lassen. Es ist katastrophal, daß die Rede des Ministers Grzesinski vor dem Landtag diesem Zustand die gesetzlichen Weihen verschafft hat. Das war gewiß nicht beabsichtigt, aber die Wirkung ist so. Seltsam, daß diese sozialistischen Staatshüter immer noch Noske kopieren müssen, wenn sie mit der äußersten Linken zanken. Immer dies Drohen, dies Trumpfen auf die blanke Plempe der überparteilichen Staatsautorität, von der jedes Kind weiß, daß sie in praxi immer nur nach einer bestimmten Seite zu fallen pflegt. Wann findet endlich ein sozialdemokratischer Minister für die Kommunisten einen neuen, freien, nicht von Erinnerung an jahrelangen Bruderzwist durchtränkten Ton? Die republikanische Presse applaudiert dem Minister, aber er möge sich nicht täuschen: seine ohne Grund einseitig gegen die Kommunisten zugespitzte Rede hat keine andren Wirkungen, als diese neu zu erbittern und in haßvolle Isolierung zurückzutreiben. Dabei ist Herr Grzesinski ein Mann von vielen Qualitäten: gewissenhaft und selbständig; kein Platzhalter, sondern ein Eigner. Doch diese Rede ist politisch verderblich; in einigen schneidig trompeteten Sätzen wird ein politisches Kapital verschleudert. Noskes Schatten über Grzesinski? Schade, schade. Die Weltbühne. 29. März 1927 698 Adria, Kanton und Kyrill Die Sozialdemokraten in Opposition gegen Geßler. Mißtrauensvotum; Antrag auf Streichung des Gehalts. Ein Manegeschaustück für die Unzufriednen draußen im Land. Sogar die Demopresse lächelt. »Stücklen erstattet den Bericht nicht nur mit der dem Auftrag angemessenen Objektivität, sondern auch mit unverkennbarem Wohlwollen. Nicht anders Schöpflin ... Man merkt, er meint es vollkommen ehrlich, wenn er den Vorwurf zurückweist, die Sozialdemokratie stehe der Reichswehr feindselig gegenüber«, schreibt das ›Berliner Tageblatt‹. Und die ›Vossische Zeitung‹: »Der Abgeordnete Schöpflin, der Vertreter der größten Oppositionspartei, ist in seiner Kritik um Das herumgegangen, was hätte gesagt werden müssen. Mit allgemeinen Konstatierungen, daß die Reichswehr der großen Mehrheit des Volkes fremd gegenüberstehe, ist es heute leider nicht mehr getan.« Erst in der zweiten Garnitur findet, auf Drängen des linken Flügels, der Abgeordnete Doktor Leber schärfere Akzente. Aber es ist zu spät, den Sieg der unverkennbar Wohlwollenden zu hindern. Während ein völkischer Redner den Saal leert, steigt Herr Geßler vom Podium und spricht angelegentlich mit Hermann Müller. Nachher attackiert der Minister die Kommunisten, und in der sozialdemokratischen Fraktion ist man glücklich. Nein, diese Partei ist nicht feindselig gegen die Wehrmacht. Sie will sie ja nicht bekämpfen, sondern erobern, und ihr gelegentliches Aufbegehren erklärt sich nur aus der Nervosität einer überlangen Wartezeit. So wie auch der weltgewandteste Mensch vor einer verschlossnen Toilettentür den Sachverhalt zunächst nicht begreift, sondern turbulent an der Klinke rüttelt. Aber es hilft nichts: die Reichswehr ist besetzt. Die verehrten Republikaner sind wie immer zu spät gekommen; auch heute haben sie noch nicht begriffen, daß die entscheidende Frage nicht Reform, sondern Liquidation dieser Reichswehr bedeutet.   Wie wenig Kriege in Wahrheit geeignet sind, endgültige Lösungen herbeizuführen, beweist der neue Ausbruch des Adriakonflikts. Früher standen sich Rom und Wien gegenüber; heute ist an Wiens Stelle Belgrad getreten, aber der Konflikt ist geblieben. Der Kampf um die Adria geht fort. Italien ist im Friedensvertrag territorial gut weggekommen, es hat Welschtirol und Triest geschluckt, und dennoch fühlt es sich heute eingeengter denn je. Das neue Italien ist nicht weniger länderhungrig als das alte der liberalen Freimaurer, dessen irredentistische Jugend Gabriele d'Annunzio vor fünfzehn Jahren mit seinem Ruf »Aufs Meer! Aufs Meer!« in helle Flammen setzte. Wo Gabriele nur zu singen brauchte, muß Benito handeln. Der Vertrag von Tirana hat das Protektorat über Albanien gesichert und Jugoslawien ein italienisches Schilderhaus vor den Ausgang gestellt. Obgleich der Konflikt zur Stunde seinen Höhepunkt überschritten zu haben scheint und unter verdächtiger Vermittlung des Foreign Office ein Befriedungsversuch angebahnt wird, ist damit die Gefahrenquelle nicht verstopft. Der Fascismus muß expansiv, muß unruhig sein, oder er wird nicht sein. Und die Adria ist das Meer seines Schicksals. Leider wird bei den Verwünschungen, die sich in diesen Tagen so reichlich auf Mussolinis Politik häufen, gewöhnlich übersehen, daß diese ohne die nachdrückliche Billigung und Unterstützung Englands nicht möglich wäre. So lange MacDonald am Ruder war, ging es Benito schlecht, und selbst seine Bewundrer gaben ihm nur noch kurze Frist; doch seitdem ihn Chamberlain seinen Freund nennt und der robuste Churchill auch seine innerpolitischen Methoden als praktikabel preist, hat sich die Bewertung des Mannes in England sehr geändert. Vor zwei Jahren noch sah man in ihm nicht viel mehr als einen in die Politik verwehten Landpiraten, und der beliebte konservative Publizist Wickham Stead gab dem Normalempfinden der City Ausdruck, als er an Vittorio Emmanuele einen offnen Brief richtete, in dem er unter Aufzählung aller fascistischen Untaten diesem armen, auf den Umfang seines Sitzkissens beschränkten Monarchen bittre Vorhaltungen machte, wie er der Verletzung der Konstitution durch seinen Premierminister so ruhig zusehen könne. Long, long ago. Seitdem hat Italien nicht nur Frankreich zu schaffen gemacht, sondern auch durch die Ratifizierung des Bessarabien-Vertrages seine platonischen Bindungen an Rußland gelöst und damit offen für England Stellung genommen. Um solchen Preis läßt sich die britische Politik schon ihre schale sittliche Limonade mit einem Tröpfchen Fegefeuer schärfen. Überhaupt hat sich das klassische Land der Bürgerfreiheit immer mehr zum Patron aller großen und kleinen europäischen Militärdiktaturen entwickelt. England favorisiert Pilsudski und Woldemaras; England allein stützt den blutigen Horthy. Mit englischer Hilfe amtieren die bulgarischen und rumänischen Schergen, und auf dem Umweg über Mussolini nimmt England auch den Ahmet Zogu von Albanien in Generalpacht. Es steht heute kein Galgen in Europa, so dessen Seile nicht von der englischen Börse gefettet werden. Alles, um die geheiligte Demokratie und die Errungenschaften des Liberalismus vor moskowitischer Diktatur zu schützen.   Der Streitfall zwischen Belgrad und Rom hat in unsrer Rechtspresse einige Talente ermutigt, Betrachtungen anzustellen, ob nicht auch für Deutschland dabei etwas herauszuholen sei. Der Gedanke liegt nahe, schon weil Jugoslawien überhaupt ein alter Erbfeind ist. Man müsse sich, so folgern diese erfindungsreichen Köpfe weiter, wenns losgeht, eng an Italien anlehnen, dann könne man nachher für bewiesne Treue Kompensationen in Südtirol erhalten. Die Treue ist nämlich, Unorientierten sei es gesagt, ein besonders haltbares Stück vom eisernen Bestand unsrer Außenpolitik. Man muß immer Jemandem treu sein. Was unsre Außenpolitik seit Bismarcks Scheiden an Geist verloren, hat sie an Treue gewonnen. Zuerst wars Österreich. Mit Ährenthal und Berchthold ging es durch Dick und Dünn, durch Not und Kot. Dann kam England an die Reihe, zwischendurch Rußland, dann wieder England; und jetzt soll es mit Mussolini versucht werden, dem verruchten Schänder der deutschen Weihnachtsbäume. Denn so wenig die Treue im innenpolitischen Assortiment geschätzt und geführt wird, so gern wird sie goldbronziert ins Schaufenster gehängt. Es gibt keine dümmere und frivolere Idee als die, den durchaus korrekten deutsch-italienischen Schiedsvertrag zum Bündnis zu erweitern und damit der Bravo der englisch-italienischen Allianz und damit auch aller großen und kleinen Militärdiktaturen Europas zu werden. Und ganz nebenbei sei wieder erinnert, daß das Geschick Südtirols uns nur menschlich angeht, aber nicht politisch. Mit dem gleichen Recht könnte sich Österreich in Paris über schlechte Behandlung Elsaß-Lothringens beschweren. So etwas zu bemerken, ist gewiß zur Zeit nicht populär, aber es ist besser, es wird jetzt von deutscher Seite gesagt als später vom englischen Kabinett, wenn unsre genialen Spekulanten in London die Rechnung für bewiesne Treue präsentieren.   Die Pariser Linkspresse mahnt die französische Regierung dringend, sich bei der weitern Behandlung der chinesischen Angelegenheiten nicht an England zu binden. Denn in Paris ist man überzeugt, daß die Zeit der Fremdenherrschaft in China beendet ist, und daß es Wahnsinn wäre, dem sterbenden Prestige zu Ehren noch ein kleines Feuerwerk abzubrennen. Augenblicklich bilden die Mächte ein Bild waffenstarrender Ratlosigkeit. Im Hafen von Shanghai liegen mehr als fünfzig Schlachtschiffe. Für eine Flottendemonstration an der Jangtse-Mündung hält, nach englischen Quellen, Japan zwanzig Panzerschiffe, neunzehn Zerstörer und eine Reihe von U-Booten bereit; Amerika schickt dazu elf Panzerschiffe, zwanzig Zerstörer und die entsprechende Anzahl von U-Booten. Das Ergebnis ist ebenso drohend wie grotesk. Denn was sollen die stählernen Ungetüme anfangen? Leben und Eigentum der Fremden garantieren? Das ganze ungeheure Chinesenreich ist in Aufruhr, und das Veto der imperialistischen Mächte endet mit der Reichweite ihrer Schiffsgeschütze. London hat auf Uneinigkeit im Lager Südchinas gerechnet, aber so gewiß es dort, wie bei jeder Revolution, Berg und Gironde gibt, und dazu unsichre Kantonisten und Kantonesen, so gewiß ist die kriegerische Gebärde der Großmächte geeignet, die Gegensätze nicht vorzeitig zur Explosion kommen zu lassen. Das revolutionäre China wächst mit jedem Tag; aber erst wenn seine Fahnen über Peking wehen, wird jene Spaltung in klassenmäßig bedingte Parteigruppen beginnen, die Englands Ranküne vor der Einnahme von Shanghai herbeiführen wollte.   Seit einigen Jahren treibt sich in Deutschland ein gewisser Kyrill herum, der sich als Nachfolger des letzten Zaren betrachtet und in Koburg, seinem Wohnsitz, auch als solcher respektiert wird. Da Herr Kyrill nicht allein prätendiert, sondern Konkurrenz hat, wurde er bisher nicht sonderlich beachtet. Neuerdings haben ihm jedoch die Deutschnationalen ihre Aufmerksamkeit zugewandt; ein antiparlamentarisches Manifest des ehemaligen Großfürsten hat es ihnen angetan, und ihr Pressechef v. Jecklin macht offen für ihn Reklame. Dieser Herr v. Jecklin hat, wie man sich erinnert, im vergangnen Herbst in Paris auf eigne Faust rapprochement gemacht, ohne übrigens viel Gegenliebe zu finden. Er suchte den Franzosen die Notwendigkeit eines kontinentalen Blocks gegen das bolschewistische Rußland plausibel zu machen. Nahm er schon damals die Interessen Kyrills wahr? Oder ist die Sache erst jetzt richtig in Schwung gekommen, seitdem die Deutschnationalen gewichtige Regierungspartner sind? Auffallend ist, daß in den letzten Wochen die russischen Monarchisten in Deutschland, die schon fast vergessen waren, wieder eine lebhafte Tätigkeit entfalten. Sie liefern wieder, wie früher, untereinander Schlachten und verprügeln Kompatrioten liberal-demokratischer Gesinnung. Woher diese plötzliche Munterkeit im Mausoleum des russischen Monarchismus? Welch beschwörende Stimme hat diese armen müden Gespenster nochmals zum Tanzen gebracht? Die Giftgasfeundschaft zwischen Moskau und der deutschen Rechten ist ruhmlos beendet. Der Bolschewik hat seine Schuldigkeit getan. Unermüdlich im Ersinnen internationaler Blamagen und Katastrophen dürften die Deutschnationalen in einem Bündnis mit dem Kadaver des Zarismus eine neue, bis heute noch ungeahnte Möglichkeit erspäht haben. Wenn der Herr Außenminister, der augenblicklich grade von einem Plauener Schöffengericht verschrottet wird, sich von seinem Ärger erholt hat, sollte er doch einmal von seinen lieben Koalitionsfreunden Aufklärung über ihre allerneusten russischen Projekte verlangen. Die Weltbühne, 5. April 1927 699 Die Mayerlinge Als ich noch ein kleiner Junge war und neugierig die Buchstaben abtastend mich durch die Schlinggewächse einer Zeitungskolumne mühte, las ich zum ersten Mal: Die Tragödie von Mayerling. Ein tüchtiger Kerl, der Mayerling! dachte ich in meiner Unschuld und stellte mir darunter einen emsig schreibenden, ältlichen Herrn vor; lang, schmal und etwas blaß, die großen träumerischen Poetenaugen, vom vielen Tragödienschreiben Wasserfarben geworden, mit goldgerandetem Kneifer bewehrt. Seitdem sind an die dreißig Jahre vergangen, und unser fleißiger Verfasser hat nicht gerastet. Eher ist mit den Dezennien seine Produktivität gewachsen, und seine Werke füllen schon eine geräumige Bibliothek. Er hat natürlich Schule gemacht, und alle jungen Nachfolger, einerlei, welcher Methode sie huldigen, der seriösen Forschung oder dem medisanten Auspacken von Palastgeheimnissen, kennen nur ein Thema: das traurige Ende des Kronprinzen Rudolf und der Mary Vetsera. Grade jetzt tritt ein neuer Mann auf den Plan, ein Italiener mit dem phonetisch gefälligen Namen G.A. Borgese, und der Merlin-Verlag zu Heidelberg präsentiert sein Buch. Herrn Borgese gebührt die Palme vor allen Vorgängern. Dem Sammeleifer einer geduldigen deutschen Archivassel gesellt sich harmonisch eine glänzend trainierte Reporterphantasie; doch zwischen diesen scheinbar polaren Gegensätzen zeigt ein stockernster Gelehrter plötzlich weite geschichtliche Aspekte auf, und philosophische Soffitten hängen in eine Szene, in die mit allem Komfort von 1916, ein Vater-Sohn-Drama eingebaut ist. Ein solider Plauderer und flotter Historiker, der zu denjenigen Wahrheitsforschern gehört, die die Muse der Geschichte immer dann interviewen, wenn sie grade abgeschminkt im Bett liegt. Aber Clio ist dankbar und segnet ihren Gast mit einem Füllhorn von Daten und Fakten. So beherrscht Herr Borgese seinen Stoff mit leichter Anmut: »Mary hat sich also am 13. Januar, einem Sonntag, dem Kronprinzen Rudolf hingegeben«. Und er kommentiert das mit eleganter Menschenkenntnis: »Sicherlich ging die Initiative von Mary aus. Und die Zeugnisse beweisen übereinstimmend, daß Rudolfs Vorgehen relativ zurückhaltend und vorsichtig war. Ein Zyniker, dem es nur darauf ankam, koste es, was es wolle, zu genießen, hätte die gute Gelegenheit ganz anders ausgenutzt.« Das ist gewiß sehr interessant. Aber wem ist nun mit der Feststellung gedient, daß die Hingabe grade am Sonntag erfolgte? Wenn sich irgend ein junger Bursche mit seiner Mizzi im Prater totschießt, so erschöpft die Zeitung die Problematik des Falles mit der simplen Registrierung: Liebeskummer. Was die Mayerlinge und ihre aufnahmefreudigen Leser reizt, ist nicht das verständliche Verlangen, eine vermeintliche Schicksalstragödie zu enträtseln, sondern die Sensation des höfisch-dynastischen Hintergrundes und die prickelnde Genugtuung des schlichten Bürgers, die Problematik allerhöchster Herrschaften psychologisch wie coitologisch in tiefster Devotion untersuchen zu können. Und nach Herrn Borgeses gründlicher Leistung wünscht man, jetzt wäre endlich Schluß damit. Aber vielleicht ist das Heil näher als man ahnt. Denn da Herr Borgese bereits von einem Mythus des Kronprinzen Rudolf spricht, so dürfte der Augenblick bald da sein, wo ein Mayerling der gehobenen Intellektualsphäre um Spengler oder Pannwitz den von seinen Vorgängern so profan gewürzten Stoff zu einem dreibändigen »Rudolfinischen Mythos« sublimiert (Bd. I: Propädeutik zur Morphologie des tragischen Eros). Und damit wäre eine Affäre voll von Groschenromantik und chronique scandaleuse endgültig in den reinen Lichtkreis der Ismen und der gebildeten Langeweile entrückt. Die Weltbühne, 5. April 1927 700 Politisches Aprilwetter Graf Bethlen, der Geohrfeigte von Genf, wird in Rom als großer Mann gefeiert. Denn er erscheint nicht nur als bedeutende außenpolitische Akquisition, sondern auch als Vertreter einer seelenverwandten Staatsraison. Es war wohl mehr als eine der gebräuchlichen Höflichkeitsformeln, als er in einem römischen Blatt versicherte, er werde demnächst Kommissionen nach Italien schicken, um die Arbeiterprobleme des fascistischen Staates zu studieren. Eine schlimme Aussicht für die Arbeiter beider Länder, wenn die Pronays mit den Farinaccis Erfahrungen austauschen, wie man am raffiniertesten füsiliert, henkt, ersäuft! Vielleicht haben die Mussolinier darin nicht mehr allzuviel zu lernen, aber als monetarische Sachverständige können die neuen Verbündeten in Budapest wertvolle Winke für schlechte Zeiten geben. Von Außen besehen wirkt der Vertrag zwischen Italien und Ungarn nicht besser oder schlechter als die zahlreichen andern Pakte der letzten Jahre. Man schließt im ersten Paragraphen »dauernden Frieden und ewige Freundschaft«, limitiert jedoch im fünften Paragraphen, dem hastenden Wechsel der Möglichkeiten entsprechend, die Ewigkeit zunächst auf zehn Jahre; dazwischen befindet sich die obligate Schiedsgerichtsklausel. Mit diesem Vertrag tritt Ungarn, das sowieso bald von der Militärkontrolle befreit sein wird, wieder ins Spiel der hohen Politik. Italien aber verfügt zwischen Mittel- und Ost-Europa über einen zu Allem fähigen, zu Allem bereiten Mietsoldaten. An der römischen Leine darf Horthys Staat wieder Selbständigkeit posieren und die Prinzipien seiner Innenpolitik, wenn auch zunächst mit einiger Vorsicht, nach Außen kehren. Der fascistische Block in Europa festigt sich. Durch diese neue Komplettierung ist die Kleine Entente Vergangenheit geworden; Benesch, der tätigste Staatsmann Mitteleuropas, seit Locarno ohnehin durch Stresemann in den Hintergrund gedrängt, ist völlig lahmgelegt. Jugoslavien aber, Italiens intimster Gegner, wird enger eingekreist als Deutschland je war. Vor 1914 machte man so etwas mit Drei- und Vierbünden, wo die Freundschaft offen und ehrlich Waffenfreundschaft genannt wurde. Seit Versailles ist die diplomatische Kunst zartnerviger und verlogener geworden. Man schließt Garantieverträge ab, in deren inhaltsschwachen Text ein fader flauto solo Friedensmelodien trillert, während zwischen den Zeilen die militanten Tatsachen Alarm trommeln. Als wirtschaftliche Gratifikation für seine Gefälligkeit soll Ungarn einen Fiumer Freihafen erhalten, was allerdings einen Transitverkehr durch Jugoslavien notwendig macht, worüber demnächst in Belgrad Verhandlungen eröffnet werden sollen. So vernünftig und friedenfördernd eine solche Regelung unter normalen Verhältnissen wäre, so gefährlich wird sie unter dem Druck einer expansiven italienischen Adriapolitik: Jugoslavien, von zwei Militärdespotien gepackt, denen sich das physisch und moralisch verelendete, von Revanchephantasien durchschüttelte Bulgarien automatisch anschließt, ist auf diesem Wege bedroht, zum ungarischen Korridor zu werden. Wieder ein Volk, dem der Landgewinn durch die Friedensverträge zum Unsegen geworden ist. Umso schlimmer, weil es sich hier um einen hoffnungsreichen demokratischen Staat handelt, der unter dem Hohngelächter der ganzen europäischen Reaktion, nicht zum wenigsten der deutschen, von einer fascistischen Allianz umklammert wird. Aufs innigste zu wünschen wäre, daß Jugoslavien nicht der Psychose eines Belagerten verfiele und nicht durch eine gereizte Rüsterei oder durch praktisch nutzlose Gegenbündnisse seine Isolierung nur noch deutlicher unterstriche. Hier, wo die Ansätze einer natürlichen Bauerndemokratie lange vorhanden sind, kann ein Staatswesen wachsen, das eingekeilt zwischen vergänglichen Militärdespotien ein Stück bessrer Zukunft darstellt. Möge Belgrad sich mit seinen nationalen Minoritäten aussöhnen und auch im Innern die Ideen verwirklichen, die es einst gegen Wien und Budapest verfochten hat und die seine Sache im Weltkrieg zur bessern gemacht haben. Denn solche Gedanken haben werbende Kraft und springen über die Grenzen, dringen schließlich in das eigne Haus des Bedrängers ein ... Gegen den würgenden Griff der Diktaturen gibt es nur eine beschwörende Formel: – die Freiheit.   Die Auseinandersetzung um das Konkordat müßte zeigen, ob in Deutschland überhaupt noch ein Kampf um geistige Dinge möglich ist. Wir meiden ausdrücklich die Bezeichnung: Kulturkampf. Das ist ein schrecklich abgegriffenes Wort und erinnert allzu sehr an Polizeiplumpheiten, an pathetisch geblähte liberale Hemdbrüste und an Sprühregen aus zeternden pastoralen Mundwerken. Die katholischen Mitbürger sollen nicht nur bei ihrem Glauben selig werden können, sondern auch öffentlich die Überzeugung vertreten dürfen, daß wir Ungläubigen alle einmal in der Hölle braten müssen. Aber es soll ihnen verwehrt sein, einen staatlichen Zustand herbeizuführen, den wir bei Lebzeiten mindestens schon als Purgatorium empfinden würden. Weltlicher Staat und weltliche Schule sind für das Denken unsrer Zeit Axiome und Ergebnisse einer Hirnarbeit von Jahrhunderten, die sich nicht durch eine harmlos klingende Vereinbarung mit dem päpstlichen Stuhl ausradieren lassen. Das ist ein Bewußtsein, das sich nicht etwa auf die politische Linke allein erstreckt, und wenn das im vorigen Heft der ›Weltbühne‹ von Heinz Pol so eindringlich geschilderte Juste milieu im Laufe der nächsten Zeit überhaupt einen Knacks bekommen kann, so aus diesem Anlaß. Bis jetzt hat es nur einen ganz kleinen Knacks gegeben, der aber sofort zurückgenommen wurde. Beides hat unser Stresemann bewirkt, der sich in ein paar Tagen fünf Mal zur Konkordatsfrage ausgelassen hat und fünf Mal verschieden. Das ist etwas zu viel; selbst für seine kummergewohnten Spezialisten, die sich lange damit abgefunden haben, daß Gustav S. manchmal nicht weiß, was S. Gustav tut. Das erste Mal extemporierte Stresemann altliberal, antiklerikal; tausend lange verstorbne Vollbärte rauschten geisterhaft Zustimmung – dann sprach er nacheinander dämpfend, beschwichtigend und endlich völlig revozierend. Selbstverständlich hat Herr Doktor Stresemann nicht aus dem unkontrollierbaren Impuls eines Rückfalls in prähistorische liberale Heldenzeiten das Zentrum verstimmt. Seine Rede war als Signalballon gedacht, als warnendes Zeichen, daß er auch anders kann. Denn Herr Stresemann, der in den frühern Kabinetten der Mittelpunkt war, ist es in diesem nur in dem Sinne, wie es der Zernierte ist. Dabei wird ihm das Konkordat noch die geringste Sorge machen. Schwerer wiegt die Bindung seiner außenpolitischen Energien durch die Deutschnationalen. Die Zurückdrängung seiner Partei durch die größern Koalitionspartner machte endlich einen Gegenstoß erforderlich, und deshalb deutete Stresemann einen Ausfall, die Möglichkeit einer Flucht aus der Regierung an. So sollte seine Rede verstanden werden. Als vorsichtiger und stets mit Rückversicherungen arbeitender Kopf attackierte er aber nicht den zuständigen Kollegen Reichsinnenminister, sondern den Kultusminister der preußischen Linkskoalition. So kann möglicherweise der Kampf um das Konkordat nach Preußen abgeleitet werden, in den Zänkereien darum das Kabinett Braun stürzen und ein volksparteilicher Kultusminister in einer Rechtsregierung Das tun, was Stresemann an der Politik des Herrn Doktor Becker als zu schlaff verurteilt. Gelingt es ihm, den Deutschnationalen Preußen auszuliefern, dann werden sie ihm im Reich vielleicht wieder für ein paar Monate Entlastung gewähren. Diesen unverfälscht nationalliberalen Tatbestand herauszuschälen, hat die Opposition im Reichstag sträflich unterlassen. Sie begnügte sich zu kitzeln, anstatt zu knuffen. Bei festerm Zupacken hätte sich Stresemanns gefünfteltes Seelenleben um wenigstens zwei Felder vereinfachen lassen. Doch die braven Demokraten, staatsbejahend aus Prinzip, alles bejahend aus Faulheit, konnten sich nicht einmal entschließen, den Etat abzulehnen. Selbst ihre eigne Presse findet das kümmerlich. Soll man von den Demokraten Courage und Haltung erwarten? Welche Zumutung! »Seit wann bläst deine Großmama Posaune? Das hat die alte Frau doch nie getan!« Wenn Herr v. Keudell Orden und Ehrenzeichen wieder einführt, dann sollte er auch die Opposition und ihre an dem Wohlergehn der derzeitigen reaktionären Regierung ganz besonders beteiligten Führer nicht vergessen. Nicht nur über Herrn Marx, auch über die linke Opposition, wacht Monsignore Pacelli, der Nuntius, dessen schwarzer Rock auch dies Mal wieder sichtbar durch die Ereignisse wehte. Die klassisch geformten Hände, die sich oft segnend über der Weimarer Demokratie wölbten, können sich, wenn es auf hart geht, auch zum Anathema ballen. Seltsamer Zustand! Das Zentrum empfängt seine Direktiven aus Rom; die Kommunisten beziehen sie aus Moskau, wogegen nichts einzuwenden ist, weil es offen und ehrlich geschieht; für die Locarnesen bringt Breitscheid die Parole aus London mit. Nur wenn man für Freundschaft mit Frankreich und Polen eintritt, schändet man das Heiligtum der nationalen Politik. Die Weltbühne, 12. April 1927 701 Begegnung mit einem bon juge Die Propheten und Sibyllen des Moabiter Heiligtums hatten ihn uns als guten Richter geschildert, den Herrn Doktor v. Holten, vor dessen Kammer wir erschienen waren, um gegen ein Urteil des Schöffengerichts Berufung einzulegen. Ein bescheidner Anlaß nur: Erich Weinert hatte im vergangnen Sommer im ›Montag Morgen‹ ein satirisches Gedicht über die bekannten Vorfälle beim Besuch des Kreuzers »Hamburg« in Los Angeles veröffentlicht. Deshalb Strafantrag gegen den Verfasser; ich als damaliger verantwortlicher Redakteur mußte Gesellschaft leisten. Das Schöffengericht hatte die Lästerung fünfhundert Mark schwer gefunden. Jetzt standen wir also vor dem Doktor v. Holten, der als Verfasser einer Broschüre gegen das Külzgesetz achtenswerten Bürgermut bekundet hat. Er spricht sehr gewählt, sogar etwas geziert und mit altfränkischen Wendungen durchsetzt. Aber sehr liberal. Hatte die Vorinstanz noch offensichtlichen Horror vor der Annahme gezeigt, ein Matrose könnte sich während eines Landurlaubs erotisch betätigen, so sieht der Vorsitzende der Berufungskammer einer Tatsache, die schon den Dichter der Odyssee beschäftigt hat und die bisher wohl nur von jenem Berliner Schöffengericht bestritten wurde, mutig ins Auge und supponiert ohne weitres, daß »ein Seemann an Land wohl irgend eine Schöne karessiere«. Das ist gewiß eine Sprache, die nach Lavendel und Gellerts Fabeln duftet; wir auf der Anklagebank aber, als Objekte der Justiz nicht verwöhnt, hören darin schon das Flügelrauschen eines modernen Geistes. Doch plötzlich verfliegt das milde Aroma. Aus dem Idylliker wird ein bissiger, rechthaberischer Magister. Eine stichelnde und stochernde Dialektik sucht die Konzeption einer satirischen Verszeile zu zerlegen. Der feine, etwas altmodische Gentleman, der die Sitzung eröffnete, ist fort, geblieben ist nur ein gereizter altmodischer Jurist. Zwischendurch betont dieser Richter Familienbeziehungen zur Marine, erzählt, daß er selbst jahrelang Mitglied des Marineoffiziers-Gesangvereins gewesen sei, und da in dem inkriminierten Poem etwas von Syphon und Konkubine gestanden hat, so untersucht er diese mysteriösen Worte mit höchster Akribie. Syphon, so erläutert er mit einer Gewiegtheit, die sich nichts vormachen läßt, Syphon kenne er gut aus der Zeit, als er noch Gesellschaften gegeben habe; doch seit er durch die Inflation sein Vermögen verloren habe, könne er sich das nicht mehr leisten ... Was soll das im Gerichtssaal? Warum muß man sich solche autobiographischen Details anhören? Alle dürfen nur zur Sache sprechen: Angeklagte, Zeugen und Anwälte. Nur der Vorsitzende darf sich privatest verbreiten. Dieser hier wird beim Plaudern nicht gemütlicher, sondern immer bissiger, immer herrischer. Er droht einem Kollegen vom Pressetisch mit Hinauswurf, weil er Paul Levi, unserm Verteidiger, einen Zettel herüberschickt; er fordert Levi brüsk auf, diesen Zettel herzugeben, was der Anwalt sehr entschieden, aber mit einer Konzilianz, die den meisten der Herren Gerichtspräsidenten fehlt, ablehnt. Der fahrplanmäßige Krach ist da. Paul Levi zieht die Berufung zurück, weil unter diesem Vorsitzenden eine Weiterverhandlung zwecklos ist. So endete meine erste Begegnung mit einem bon juge. Ist denn auch im liberalsten Richter ein geheimer Niedner verborgen, der köpfen will? Mir sind die offnen lieber; man weiß von vornherein, woran man ist ... Gute Nacht, Herr v. Holten. Die Weltbühne, 12. April 1927 702 Szenenwechsel in China und anderswo Die chinesische Revolution hat einen traurigen Rückschlag erlitten. Das ist beklagenswert, auch wenn man nicht zur Auffassung neigt, daß Revolutionen sich wie Paraden entwickeln müssen. Die innere Gruppierung der Kuomintang in nationale Bewegungsmänner und russisch inspirierte Sozialrevolutionäre war lange offenkundig. Jetzt ist der Konflikt allzu früh, noch vor Sicherung des Endsieges, ausgebrochen. Während die Truppen Tschangtsolins erfolgreich vorrücken, verflucht das linksradikale Hauptquartier von Hankau den Generalissimus Tschiangkaischek als Konterrevolutionär, eröffnet dieser in Shanghai Jagd auf kommunistische Agitatoren. Hatten die besten Kenner Chinas die Eroberung Pekings durch die Südarmee noch für das Ende dieses Jahres vorausgesagt, so scheint dieses Ziel jetzt in weite Ferne gerückt. Kantons Vorteil gegenüber den vom Ausland bezahlten Bürgerkriegsgeneralen war, daß es eine zentrale Idee besaß und alle seine politischen und militärischen Energien in den Ring eines einheitlichen Wollens gespannt waren. Dieser Reif ist nun gesprungen. Gewiß mag die Befreiung Chinas vom fremden Imperialismus damit nur hinausgeschoben sein und vielleicht nur für kurze Frist. Aber es dürfte für die Zukunft nicht gleichgültig sein, wer sich schließlich in Peking behauptet: eine in den Massen wurzelnde Partei oder ein abenteuernder General, der sich im Wirrwarr der Parteiungen durch den längsten Atem auszeichnet. Kantons Niederlage verleitet die englische Regierungspresse zu wilden Freudensprüngen. Das ist nicht verwunderlich, aber beachtenswert bleibt doch, daß Sir Austen Chamberlain, der Außenminister, nicht merken läßt, ob er diesen Jubel teilt. Hier mag nicht nur die unerschütterliche Haltung eines Gentleman bestimmend sein, der in jedem kleinen Lächeln schon eine höchst verwerfliche Exhibition privater Empfindungen sieht, sondern auch die Einsicht, daß Englands Suprematie im Fernen Osten faktisch beendet ist und es nur noch gilt, Zeit für eine nicht direkt blamierende Rückzugsformel zu finden. Ein Rückzug vor einer chinesischen Nationalregierung ließe sich zur Not noch ganz leidlich drapieren: Selbstbestimmungsrecht der Völker, Geist der neuen demokratischen Ära etcetera. Bei der Freigabe Irlands hat Britannien zuletzt gezeigt, wie viel es konzedieren kann, ohne an Prestige zu verlieren. So lange jedoch Rußland in China entscheidend spielt und die chinesische Revolution von Moskau nicht nur ideell subsidiert wird, so lange kann England einen Rückzug nicht wagen. Denn das hieße Moskau weichen, hieße Rußland als Patron aller Völker anerkennen, die heute noch in der Welt England untertan sind. Die Uneinigkeit im Lager des Südens hat nun der britischen Politik ganz unerwartet einen Ball zugeworfen. Sie kann jetzt die eine Partei als kleineres Übel begönnern, den weitern Lauf der Ereignisse mitbestimmen und schließlich die Tatsache verdecken, daß sie, wie die Dinge auch kommen mögen, der unterliegende Teil ist. Was den jähen Umschwung in China bewirkt hat, läßt sich auf Grund der spärlichen Nachrichten nicht ohne weiteres beurteilen. Man möge auch nie vergessen, daß die Parallelen mit an sich naheliegenden europäischen Ereignissen zu nichts führen und China als ein kleiner Kosmos mit eignen Naturgesetzen betrachtet werden muß. Schon die Tatsache, daß chinesische Kriege ziemlich unblutig verlaufen und nicht mehr sind als strategische Manöver ohne den Endeffekt der Zerstampfung des Gegners, demonstriert den Abstand zwischen der Seelenhelle des angeblichen asiatischen Fanatismus und der stumpfsinnigen Folgerichtigkeit des europäischen Militarismus, der nicht eher ruht, bis Alles kaputt ist. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß Tschiangkaischek sich mit dem radikalen Flügel seiner Partei schon lange schlecht verträgt und ihm Diktaturgelüste nachgesagt werden. Nach der Einnahme von Shanghai hat sich seine Stellung sehr gefestet; die massenweise zum Sieger übergelaufenen Truppen des Nordens gaben ihm die Möglichkeit, sich auf eine Armee zu stützen, die nicht mehr die alte, von einem Parteigebot regierte Kantonarmee war: das inzwischen mächtig angewachsene Heer ist nicht mehr homogen; ein Vorteil für den Generalissimus, der dem Zentralkomitee inmitten einer bedenkenlosen Soldateska trotzen kann. Das linksradikale Hauptquartier von Hankau fühlt sich einstweilen mattgesetzt, und da ihm militärische Kräfte noch fehlen, sucht es den General mit den Mitteln der Propaganda zu werfen, so wie es damit die alten Machthaber aus dem Sattel gehoben hat. Der General fühlt die Gefahren der Umzingelung durch eine Armee von agitationsgewandten Zungen sehr wohl, und er antwortet mit Verhaftungen, Pressezensur und Redeverboten. Die Feindseligkeiten zwischen beiden Lagern der Revolution sind eröffnet. Nach dem Fall Shanghais sah Tschiangkaischek die Möglichkeit nahe, mit Tschangtsolin ein Abkommen zu treffen, das diesen auf seine Mandschurei beschränkt, um dann nach Peking zu marschieren und dort die Kapitulation der schattenhaft gewordenen Nordregierung entgegenzunehmen. Japans Billigung scheint schon lange im Geheimen gesichert zu sein. Ein solcher Ausgang wäre aber nicht nach dem Geschmack jener Kräfte in der russischen Politik gewesen, die China nicht nur befreien helfen, sondern in Zukunft auch beherrschen wollen. Moskaus Verdienste um die Revolutionierung Chinas können und sollen nicht verkleinert werden. Der Pakt zwischen Sunyatsen und Moskau hat die Bewegung nicht nur geschaffen, sondern ihr auch Rasanz und Tempo gegeben. Kein verständiger Mensch verwehrt dem Täufer dieser Revolution, auch deren Nutznießer zu werden. Doch Rußland scheint auf dem besten Wege zu sein, sich selbst um seinen Gewinn zu prellen, indem es den unbestreitbaren Sieg, den seine Außenpolitik in der Mobilisierung Chinas gegen England errungen hat, zu einem Sieg der sowjetistischen Ideen, zu einem Triumph der Kommunistischen Internationale in China, über China, umbiegen möchte. Rußland hat den Chinesen den befreienden Funken geschenkt, der zur mächtigen Flamme geworden ist. Aber wenn Rußland versucht, die innern Angelegenheiten eines ganz anders gearteten Landes entscheidend zu gestalten, so enthüllt es nur seine Schwäche und gibt einer andern Nation nur das Danaergeschenk sozialer Rätsel, die es im eignen Hause nicht lösen konnte. Da, wo die Revolution aufhört offensiv zu sein und konstruktiv werden will, da werden die Grenzen des russischen Einflusses sichtbar, da kann die moskauer Doktrin der chinesischen Freiheitspartei nicht mehr geben als Das, was sie allen andern befreundeten und verbündeten Parteien bisher gegeben hat –: Bruderkampf und Spaltung, Spaltung, Spaltung! Die Überspannung der russischen Kräfte in Ostasien ist umso bedauerlicher, als Tschitscherins Diplomatie in einer andern Zone wiederum glänzend gearbeitet hat. Diese Diplomatie bewährt sich immer aufs beste, wenn sie nüchtern und ohne Rücksicht auf propagandistische Bedürfnisse sich ausschließlich am Maßstab der Tatsachen orientiert. Die neue Annäherung an Frankreich, die Aussöhnung mit der Schweiz beweist, daß die russische Außenpolitik nicht daran denkt, sich auf Gedeih und Verderb in Asien zu engagieren, sondern daß sie wieder willens ist, in Kontinentaleuropa Fuß zu fassen. England hat sich in den Randstaaten festgesetzt, die Favorisierung Polens übernommen, Italien zur Ratifizierung des Rußland kränkenden bessarabischen Abkommens bewogen: die Isolierung schien vollendet zu sein. Da setzt die russische Diplomatie mit leichtem Sprung über die Quarantäne hinweg und erscheint in Paris. Während England allenthalben die Konterrevolution päppelt und auf dem Umweg über Mussolini den Ungarn die Licenz erteilt, sich wieder einen König anzuschaffen, wendet Rußland seine Aufmerksamkeit endlich wieder den antifascistischen Staaten zu. Gelingt die völlige Verständigung zwischen Moskau und Paris, so hat Englands augenblickliche europäische Politik einen ganz schweren Schlag erlitten, aber auch für die Superklugen der berliner Wilhelm-Straße beginnt erst dann der Ernst des Lebens. Es wäre besser gewesen, auf das Frühstück von Thoiry ein Diner folgen zu lassen. Tschitscherin, der nicht wie Stresemann stets beachten muß, ob die nationalistische Galerie applaudiert, wird nicht zögern, mit Briand ausgiebig zu speisen.   Prinz Max von Baden, der letzte Kanzler des Kaiserreichs, hat seine Erinnerungen erscheinen lassen. Sie geben nicht viel Neues: weder über die Persönlichkeit des Schreibers noch zur Beurteilung der Ereignisse und sind dennoch ein interessanter Beitrag zur Naturgeschichte der deutschen Republik. Wir lernen erkennen, daß sie ein Kind war, das eigentlich abortiert werden sollte und das den Eltern deshalb auch keine Freude machte, als es schließlich da war. Maxens Erinnerungen enthalten nichts so Aufregendes wie den von Herrn Groener im münchner Dolchstoßprozeß mitgeteilten Pakt zwischen Ebert und der Obersten Heeresleitung zur Niederringung der Revolution, aber sie verraten doch, daß sich der erste Präsident der Republik bis zum letzten Augenblick um die Erhaltung der Monarchie bemüht und den Prinzen aus Baden gebeten hat, die Reichsverweserschaft zu übernehmen. Das wollte Max nicht, und er schildert das letzte Zusammensein: »An der Tür wandte ich mich noch einmal zurück: ›Herr Ebert, ich lege Ihnen das Deutsche Reich ans Herz.‹ Er antwortete: ›Ich habe zwei Söhne für dieses Reich verloren.‹« Hier sehen wir sozusagen einen historischen Augenblick durchs Schlüsselloch. Was sich in solchen inhaltsschweren Sekunden zwischen Menschen abspielt, das erfahren wir selten in unmittelbarer Intimität, sondern stets in der Verdickung pathetisierender Historiker, im Rotfeuer melodramatischer Beleuchtung oder zu Stein gefroren auf dem Sockel eines Denkmals. Und da ist das Erstaunliche, daß sich so etwas in Wahrheit genau so geschwollen, so falsch betont und belichtet abspielt, wie das später etwa ein minimaler Historienromanschreiber schildert. Wir wollen nicht Splitterrichter sein. Mit der Attitüde berühmter Männer in entscheidenden Augenblicken ist es eine eigne Sache. Es gibt da sehr viel Angstschweiß, der auch dem privatesten Memorial nicht anvertraut wird. Der angeblich eiserne Bismarck streifte oft die Grenzen der Hysterie. Die Emanzipation vom Sensorium ist überhaupt nur einem Ludendorff gelungen, der dafür auch immer nur das Gipsmodell eines großen Mannes geblieben ist, das beim ersten Anstoß zusammenfiel. Aber was jene Beiden, der Vertreter der scheidenden, der Vertreter der kommenden Macht sich da sagten, das war weder ein steif formaler Komplimentenaustausch, noch läßt es etwas Menschliches schwingen; zwei Kriegervereinler machen historische Scene. Der Autor des ›Gneisenau‹ könnte neidisch werden, sie nicht erfunden zu haben. Welch ein Aktschluß! Auf dem Kalenderblatt der neunte November. Draußen erste Hochrufe auf die Republik. Der Vorhang fällt. Der Vorhang hebt sich wieder. Scenenwechsel im Regierungsviertel. Draußen letzte Hochrufe auf die Republik. Im Arbeitszimmer des Herrn v. Keudell hat man die Ausmerzung der letzten hohen republikanischen Beamten beschlossen. Die Leute fliegen. Die Linkspresse zetert etwas von Krippenwirtschaft und bedrohtem Staatswohl und daß sie in den Zeiten der republikanischen Regierungen stets auf Parität gedrungen habe. Ja, das ist wahr, und wir sehen den Effekt. Man hat durch all die Jahre ohne Fundament regiert, und was geschaffen wurde, trug Episodencharakter und ist lange verweht. Die Herren Hergt und v. Keudell sind als Persönlichkeiten oder politische Intelligenzen ganz gewiß nicht weniger durchschnittlich als ihre Vorgänger von der Linken. Aber wir glauben nicht, daß sie gerührt gewesen sind, als Vater Marx sie berief, um ihnen das Deutsche Reich ans Herz zu legen. Sie haben keine larmoyanten Sentenzen geprägt: sie haben sich auf ihren Ministerstuhl gesetzt ... und los! Die Weltbühne. 19. April 1927 703 Sexual-Kochbücher I. Generationenlang hat die sexuelle Aufklärung in schlechten Holzpapierbroschüren ein unterirdisches Dasein geführt, begehrtes Objekt pädagogischer Recherchen. Heute, wo die geheime Lehre lange aus den Katakomben gestiegen und anerkanntes Dogma geworden ist, können brave, um das Wohl der Menschheit besorgte Mediziner diesen Wandel zu allerletzt erfassen und bemühen sich in dicken Wälzern, Zeitgenossen, die längst vier B greifen können, in die Tonleiter einzuweihen. So ist eine reichhaltige Sexualliteratur entstanden mit prätentiös ausgebreiteten Erkenntnissen, über die jeder Quartaner grinst, – eine Literatur, die ein gereifter Praktikus höchstens benutzt, um einmal zu kontrollieren, ob seine façon d'aimer dem heutigen Stand der sexuologischen Wissenschaft entspricht. Man liest diese Bücher mit gleichem Vergnügen wie eine Dissertation über gestörte Abdominalfunktionen. Die Herren Autoren sind feste Charaktere mit bohlendicken Prinzipien; es gelingt ihnen mühelos, auch den leisesten Hauch von Grazie fernzuhalten, um nicht in den Geruch von Lüsternheit zu kommen. Wenn sie auch auf hunderten von Seiten immer wieder den einen Moment behandeln, immer nur den einen Moment – lüstern sind sie nicht, und es wird ihnen nicht eine Sekunde mulmig. Und ob sie auch die erregendsten Vorgänge schildern, niemals verläßt sie der launetötende akademische Ernst. Es ist, als ob ein ungeschickter Feuerwerker seine Raketen mit nassen Pfoten abbrennen will. II. Herr Dr. med. Heinrich F. Wolf in Wien hat ein Buch erscheinen lassen: »Strategie der männlichen Annäherung.« Welch herrliches Thema! Wieviel wäre da aufzudecken, wieviel unbewußte Komödie zu entlarven! Das wäre Aufgabe nicht grade für einen berufsmäßigen Gefühlszersäger, sondern für einen passionierten Beobachter der menschlichen Oberfläche, für einen heitern Kenner des menschlichen Gesichts in allen Widerspiegelungen der Empfindung. Unser Liebesstratege hat jedoch die Bücher eingehender studiert als die Menschen. Wie ein Symbol seiner erotischen claire voyance steht ein Literaturverzeichnis voran, an dem benützte Quellen zu ersehen sind. Wo hat sich der fleißige Herr Doktor über die Liebe unterrichtet? Wir lesen: Schönherr: Der Weibsteufel, Sudermann: Im Zwielicht, Porto-Riche: L'Amoureuse, Mommsen: Römische Geschichte, Anton Menger: Sozialistisches Staatsrecht. So bereitet sich ein Beschreiber galanter Dinge vor. Das Ergebnis: er charakterisiert nicht, sondern katalogisiert. Er teilt die Männer ein in Kluge, Dumme, Sentimentale, Rohe, Anständige und Tückische, die Frauen in Emanzipierte und Primitive. Ohne zu ahnen, daß das Leben alltäglich solche papierne Typik übern Haufen wirft, und der Zustand der Verliebtheit schon vollends sich um die Masken der Stegreifburleske nicht kümmert. Das ist ja die wunderliche Magie der Erotik, daß sie die Temperamente auswechselt, dem Klugen einen Eselskopf aufsetzt, den Grobian lyrisch gurren, den Schwachmatikus kraftmeiern läßt, den grundehrlichen Kerl plötzlich zum ganz gemeinen Luder macht. Diesen Witz hat der Herr Doktor nicht erfaßt, denn das wird sich vielleicht in einem Alkoven ahnen lassen, aber nicht vor Mengers Sozialistischem Staatsrecht, und deshalb wird dieser Stratege, der als Zweck seines Buches nennt: der Frau die mangelnde Erfahrung zu ersetzen und sie für ihre Stellung im Kampfe mit dem Mann zu waffnen, seine Schutzbefohlenen, soweit sie überhaupt für den Kampf mit dem Mann gewaffnet sein wollen, in eine höchst blamable Marneschlacht hineinführen. Denn der Mann, dem sie etwa begegnen, wird auch ohne Kochbuch die uralte Praxis der Küche beherzigen: Man nehme ... III. Es ist etwas viel zur Theorie der Sexualität geschrieben worden, und sowohl der findige Psychoanalytiker, der sich zumutet, ein Seelenleben wie einen Kehlkopf auszupinseln, als auch der gelehrte Physiologe haben aus der allereinfachsten Sache der Welt mit deutscher Gründlichkeit sofort eine Weltanschauung gemacht. Warum so viel Wichtigkeit? Der Zerfall der alten Bürgermoral hat das Leben freier und freundlicher gemacht. Man geht nicht mehr mit Nietzsche-Zitaten als Übermensch ins Bett, um als verdüsterter Strindbergbüßer wieder in die Pantoffel zu fahren. Heute sind wir auf dem Wege, den Schwafel von Seelenproblematik durch den medizinischen zu ersetzen. Diese schreibenden Herren Doktoren sind gewiß tüchtige und gewissenhafte Rezeptverfasser, und ihr langweiliger Stil läßt unbedingt an ihre handwerkliche Zuverlässigkeit glauben. Man kann ihnen blind die Nase anvertrauen, aber unterhalb des Magens hört ihre Zuständigkeit auf. Die Weltbühne, 19. April 1927 704 Die neue Entente In Genf beginnt Anfang Mai wieder eine jener internationalen Konferenzen, die eigens dazu erfunden zu sein scheinen, um öffentlich darzutun, wie sehr alle Internationalität noch in den Kinderschuhen steckt. Während Handel, Industrie und Technik übernationale Verbindungen geschaffen haben, die auch der rabiateste vaterländische Stammtisch nicht übersehen kann, humpeln die Führer von Politik und Wirtschaft hinterdrein, um Das, was ohne ihr Zutun geworden ist, nunmehr zu Nutzen des Friedens zu kodifizieren. Da aber grade die Herren der erdkreisumfassenden Wirtschaft im eignen Kral die schofelsten nationalistischen Krähwinkeleien aushecken und die dümmsten Chauvinblätter auf die Menschheit loslassen, so sind sie auf internationalem Forum am gehemmtesten, und wo die schlichte Vernunft in unverbogenen Worten den Ausschlag geben könnte, da muß eine wässerige Diplomatik des Ausdrucks, die kein positives Ergebnis aufkommen läßt, Rückversicherungen gegen die Geister schaffen, die sie zu Haus selbst bezahlen. Deshalb wird auch diese sogenannte Weltwirtschaftskonferenz im günstigsten Fall nicht über unverbindliche Konversationen hinausführen. Unter den deutschen Delegierten befindet sich auch Herr Hermes, der gekippte Finanzengel von 1923, dem inzwischen die Schwingen wieder nachgewachsen sind. Jedes andre Land hätte diesen Unglücksvogel zur Warnung kommender Geschlechter ins Panoptikum gestellt. Deutschland schickt ihn als Repräsentanten ins Ausland. Und vielleicht werden wir ihn bald als preußischen Minister wiedersehen.   Vor ein paar Jahren hätte so eine internationale Wirtschaftsbesprechung noch als Auftakt und Verheißung eine gewisse Bedeutung gehabt. Gut, hätte man gesagt, wenn schon nichts Praktisches dabei herauskommt, so lernt man sich doch kennen, Vorurteile werden abgeschliffen und, vor Allem, es wird eine bestimmte, für die Zukunft günstige Atmosphäre erzeugt. Heute genügt das aber nicht mehr. Denn man hat sich inzwischen so gut kennen gelernt, daß man sich schon fast wieder satt hat, und was die Atmosphäre anbelangt, so haben ein halb Dutzend reisender Breitscheide verschiedener Nationen davon so viel entwickelt, daß es eigentlich dringend nötig ist, mal wieder die Fenster zu öffnen. Gebot grade dieser Wochen ist nicht koulantes Verschleiern von Tatsachen, sondern dürre Konstatierung. Aus London prasselt ein Nachrichtenhagel über eine neugeplante englisch-französische Entente unter Patronanz der Vereinigten Staaten und der Besuch des Präsidenten Doumergue in England soll zur Einweihung bestimmt sein. Das würde eine völlige Umgruppierung in der Konstellation der Mächte, eine kleine Eindämmung von Mussolinis außenpolitischer Aktivität bedeuten, aber auch eine neue Koalition gegen Rußland und ein englischer Versuch zudem, Teilhaber für ein schlechtes Chinageschäft zu gewinnen. Wird Frankreich, das sich in den chinesischen Fragen bis jetzt weise zurückgehalten und gegen Moskau zu seinem Nutzen nur seinen eignen Interessen gemäß gehandelt hat, wirklich auf diesen Leim kriechen? Es ist kein Zweifel, daß England in der Gesellschaft Mussolinis und einiger Randstaatenbravos sich auf die Dauer weder einladend noch vorteilhaft flankiert sieht und wieder Anschluß an eine europäische Großmacht sucht. Es ist auch kein Zweifel, daß die Baldwinregierung, die vielleicht schon im Herbst in sehr erregten Wahlen vor dem Volke nicht nur das Chinaabenteuer, sondern auch eine wahrhaft katastrophale Wirtschafts- und Sozialpolitik zu verantworten haben wird, nach einem außenpolitischen Erfolge Ausschau hält. Aber es darf dabei eines nicht vergessen werden: in all diesen Jahren hat bei jedem wichtigen Anlaß der alte englisch-französische Gegensatz sich immer stärker erwiesen als die papiernen Stipulationen oder der offizielle Komplimentenaustausch. Mag England wirklich versuchen, zur Wahrung seines Besitzstandes in der Welt die französische Diplomatie zu einer Art von Heiliger Allianz zu verpflichten; grade der französische Geist ist für solche Metternichstreiche der ungeeignetste Partner, und ganz automatisch wird, wie immer, die Hemmung einsetzen, wenn die Probe aufs Exempel gemacht werden soll. Daß man dies projektierte Abkommen »Entente« nennen will, zeugt von keiner glücklichen Hand und kennzeichnet nur die innere Unsicherheit. Weil die Sache hohl ist, muß für den Namen eine glorreiche Reminiszenz herhalten. Doch das gefundene Wort riecht modrig, denn die Welt ist anders geworden. Als die alte Entente abgeschlossen wurde, waren mindestens zwei Kontinente noch voll von Freigut; da gabs noch etwas zu teilen. Und heute? Nein, dieser frische, frohe Imperialismus, wie er in der alten Entente verkörpert war, findet für seine Tüchtigkeit kein Feld mehr. Er ist ja längst defensiv geworden: er erobert nicht mehr, sondern muß sich selbst seiner Haut wehren. Deshalb berührt es auch ein wenig komisch, wenn aus London berichtet wird, Briand und Chamberlain seien sich darin einig, daß Mussolinis Tatendrang zur Entlastung Jugoslaviens vom Balkan abgelenkt und nach Kleinasien umgeleitet werden müsse. So einfach ist das doch nicht mehr. So einfach läßt sich die Vorkriegssprache doch nicht mehr anwenden. Denn es gibt, im Gegensatz zu früher, keine Ausbeutungssphären mehr, die sich stumpf und schweigend in Besitz nehmen und auspressen ließen. Auf ein Stück Landkarte in Afrika oder Asien ein europäisches Fähnchen pflanzen, das bedeutet nicht ruhigen Genuß, sondern: Rebellion, Krieg und nochmals Krieg! Frankreich hat das in Marokko, in Syrien erfahren, und nichts Bessres wird Mussolini erleben, wenn er seine durch leichte Siege über Redaktionen und Gewerkschaftshäuser verwöhnten Rizinussoldaten nach Arabien oder Syrien schickt. Der Imperialismus rechnet nur mit Erz- und Öllagern, und nicht mit den Menschen. Diese Menschen aber sind in Bewegung gekommen; die Sklaven haben ein Gesicht gewonnen, ein böses, revoltierendes Gesicht. Die europäischen Mächte aber möchten noch immer, wie einst, Weltverteilungssyndikat spielen. Doch ist ihre intuitive Kraft ebenso dahin wie die Forschheit der Muskeln.   Wieder eine Umgruppierung im Mächtesystem. Die wievielte seit 1918? Ja, die wievielte nur seit einem Jahr? Die letzte Entwicklung zeigte Frankreich isoliert, die kleine Entente im Zerfall, England an der Seite Italiens, bei wachsendem Einfluß in Polen und den Randstaaten und immer enger mit Amerika liiert. Jetzt soll wieder umrangiert werden. Selbstverständlich nur, um dem friedlichen Ausgleich zu dienen. Jetzt soll unter Englands Vermittlung Polen von Amerika Geld bekommen, in Ostasien durch geschlossenes Zusammenwirken der Großmächte ein Status geschaffen werden, der den Freiheitswünschen Chinas entspricht und zum Überfluß auch durch französisches Entgegenkommen eine englisch-russische Verständigung angebahnt werden. Damit wären alle zufrieden und dem definitiven Ausbruch des goldnen Zeitalters stände nichts mehr im Wege. Der Eine kriegt Geld, zwei Andre vertragen sich, und Mussolini wird nach Asien abgeleitet. (Zwar las man noch vor einer Woche, daß England über die französisch-russische Annäherung sehr verstimmt sei. Was tut das?) Mögen die Auguren aus den Vogeldärmen die Gründe für diese jähe Häufung von Glücksfällen erkunden, uns will scheinen, daß das Bündnissystem der letzten Jahre anfängt, in ein manisches Stadium zu treten. Die Verträge überpurzeln sich. Ihre Bedeutung scheint an die Saison gebunden und endet mit ihr. Diese Diplomatenarbeit diagnostiziert dem Erfahrenen nicht die Gesundung, sondern die schwere Erkrankung Europas. Denn die Verträge binden nicht, sie zersetzen; sie nehmen jedes Richtmaß für die Entwicklung; sie verpflichten jeden Partner auf so viel Kontrakte, daß er schließlich keinen mehr als Realität empfindet. Es gibt nur ein Bündnis, das gut und organisch gewachsen wäre: das deutsch-französische. Das wäre die erste und einzige unter allen alten und neuen Allianzen, die sich nicht gegen einen Dritten richtet. Es wäre die Allianz für Europa. Die Weltbühne, 26. April 1927 705 Stahlhelm ante portas Der Abgeordnete Doktor Rosenberg hat die Kommunistische Fraktion verlassen. Wieder Einer. Gewiß, er ist nicht ausgeschlossen worden, sondern von selbst gegangen, aber doch nur, weil er seinen Lebensraum immer enger werden sah. Die Reihen der kommunistischen Führerschaft lichten sich: aber ob Gemäßigte oder Ultra-Linke, immer sind es die Intelligenzen, die aussortiert werden, und nur die Dienerschaft der heiligen Apparatur, die Sozietät der Funktionäre steht unerschütterlich. Die Parteisultane und ihre Paschas steigen und stürzen; die Janitscharen und Eunuchen bleiben und behaupten sich als Verwalter von Kasse und Kartothek oder als Wächter vor dem Serail der buhlenden Phrasen. Das soll bei Leibe keine Philippika ausschließlich gegen die Kommunisten sein, denn auch bei den andern Parteien stehen die Männer der Idee immer dem tarpejischen Fels am nächsten. Doch gebietet die Gerechtigkeit anzuerkennen, daß es eine Partei gibt, die den Geist nicht nur so nebenbei toleriert, sondern ihm feierlich huldigt. Das ist die Deutsche Demokratische Partei, die sich auf ihrem Hamburger Kongreß soeben schon ganz spiritualisiert gezeigt hat, was ihr allerdings nicht schwer wird, weil sie keine Körperlichkeit mehr zuzusetzen hat. Es war überhaupt mehr eine Seelenmesse für dahingeschwundene Mandate als eine Parteiveranstaltung. Die Demokraten haben es gut, seitdem sie der irdischen Kruste ledig sind. Sie können jetzt ungestört ihre Traditionen pflegen, und ihre liebste Beschäftigung, sich in Erinnerung zu versenken an die Männer der Paulskirche und an Hoffmann von Fallersleben, den Dichter des alten republikanischen Sturmliedes: Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm. Zwar will Herr Koch jetzt endlich den Einheitsstaat in Schwung bringen, Herr Erkelenz die Sozialpolitik, Herr Reinhold die Finanzen. Aber die Herren werden nichts mehr in Schwung bringen, und wenn sie ihren Reinhold als den besten deutschen Finanzminister akklamieren, so denken die Zeitgenossen mehr an den langjährigen Ehrendemokraten Geßler, der in seiner Art auch von niemandem überboten werden kann. Um die innre Unwirklichkeit der Séance auch nach Außen hin ganz deutlich zu machen, war der repräsentative Kulturschwafel, soweit er nicht von Herrn Hellpach bestritten wurde, der Frau Doktor Bäumer anvertraut, die als Verteidigerin der Külzgesetze ihre Eignung dazu allerdings glänzend bewiesen hat und mit ihrem quasi männlichen Gegenstück Theodor Heuß heute am unleidlichsten jenes zitaten-geschwollne Gouvernantentum am deutschen Geist verkörpert, das sich bemüht, das Gemächt des Riesen mit Papiergirlanden zu umwinden und sicherlich angstschreiend bis zu den Antipoden flüchten würde, wenn es ihm einmal einfallen sollte, den Plunder abzureißen.   »Nicht um begrüßt zu werden oder um uns für irgend etwas zu bedanken, kommen wir am 8. Mai nach Berlin, sondern um es ohne Waffen zu erobern. Man erobert nicht etwas, was einem freundlich gesinnt ist, sondern was einem feindlich gegenübersteht. Nachdem wir jahrelang um die Festung Berlin herumgezogen sind, fassen wir sie jetzt und nehmen sie im Sturm, unbekümmert um das Wut- und Wehgeheul der Roten und Rötlichen.« Man kennt diesen Stil zur Genüge. Dieses falsche, durch die Nase gepfiffene Gottvaterpathos, dieses Getue mit militärischen Ausdrücken. So kann nur ein früherer Reserveoffizier sprechen, der sich im Vorstand irgend eines Kriegervereins ein spärliches Surrogat seiner größten Zeit geschaffen hat. Man kennt auch diesen Typ, der auf dem Kontorbock wie auf dem Schlachtroß sitzt und Sonntags auf seinem Mietgaul wie auf dem Kontorbock. Herr Likörfabrikant Seldte, der Oberdada der Stahlhelmscharen, die am 7. und 8. Mai Berlin heimsuchen wollen, unterscheidet sich von den kleinern Krautern nur durch die Quantität des von ihm beherrschten Reiches. Das preußische Innenministerium hat sich zu einem Verbot nicht entschließen können. Es vertritt den Standpunkt, daß man Ausübung verfassungmäßiger Rechte nicht hindern dürfe. Man ist doch nicht so zimperlich, wenn es sich um Arbeitslosenumzüge handelt! Vergleiche mit den Aufmärschen von Reichsbanner und Rotfront sind nicht stichhaltig, denn diese Verbände haben oft bewiesen, daß sie Ordnung halten können und wollen und Autorität über ihre Anhänger behalten. Ganz im Gegensatz zu den Rechtsverbänden, deren Paraden noch niemals ohne Radau abgegangen sind und deren junge Leute oft so disziplinlos und verlottert auftraten, wie sich die Leser der ›Deutschen Zeitung‹ etwa die Novembersoldaten vorstellen. Die Berliner aber wollen sich gar nicht »im Sturm nehmen lassen«. Kämen Seldtes Krieger nicht als wilde, verwegne Jagd, sondern als friedliche Apostel ihrer Ideologie, die überwiegende Mehrzahl unsrer Mitbürger würde sich kaum umgucken. Die berliner Bevölkerung will von diesem ganzen pseudo-militärischen Klimbim nichts mehr wissen und findet diesen Stechschritt, diese Musik, diese Abzeichen, diese Visagen, dieses ›Augen rechts‹ und ›Meldung von der Spitze‹ einfach zum Kotzen. Wenn die Leute sich schon zusammenrotten müssen, sollen sie dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst oder Herr Seldte seine Destillate auf Flaschen zieht. Die Kommunisten haben Gegendemonstration angekündigt, was im Interesse einer halbwegs friedlichen Abwicklung sicher unklug ist, aber politisch durchaus begreiflich. Wie will die Polizei Zusammenstöße verhindern? Wie will die Polizei rein zahlenmäßig die nötigen Kräfte aufbringen, um abends in den Vororten nach Auflösung der Züge jene Reibereien zu vermeiden, aus denen sich bei erregter Stimmung allzu leicht Straßenschlachten entwickeln? Wie kann durch Visitationen allein festgestellt werden, ob die Besucher Knüppel oder Revolver mitbringen? Die Waffen werden längst da sein. Die Absichten der Stahlhelmer sind nicht friedlich. Die ersten Aufrufe der Bundesleitung waren offne Pogromhetze. Ihre letzten viel zahmern Parolen sind bereits als Schwindel entlarvt, denn es bestehen Geheimparolen. Und wenn man den oben zitierten Gallimathias des Herrn Seldte auf seinen schlichten Sinn zurückführt, so bleibt die typische Proklamation eines Bürgerkriegsgenerals an eine eroberte Stadt: Mitbürger! Wir kommen als Freunde. Stellt euer Geld und eure Weiber bereit, dann wird euch nichts geschehen. Zuwiderhandlungen werden mit dem Tode bestraft. Es lebe die Ordnung! Wenn nicht im Reiche eine Rechtsregierung thronte, möchte man sagen: es riecht wieder nach Kapp.   Zweimal ist Seldte mit Stresemann sozusagen epochal in Fühlung gekommen. Das erste Mal im Herbst 1923, als er ihm feierlich die Diktatur anbot. Was vielleicht nicht allzu viel besagen will, denn welchem volljährigen Deutschen wurde damals nicht die Diktatur angetragen? Das zweite Mal im vergangnen Sommer, als der gewaltige Bundesführer dem Außenminister allergnädigst die Erlaubnis zum Eintritt in den Völkerbund erteilte. Zwar munkelte man damals von militärischen Gegenleistungen: engere Bindung des Stahlhelms an die Reichswehr, Bezirkskommandos ... Dies Mal kommt Seldte in Begleitung von 80 000 Mann. Und das heißt: Wir sind da! Daß in Berlin nicht viel Sympathien für eine Idee zu holen sind, die bisher nur in der Provinz Furore gemacht hat, das weiß selbst die Bundesleitung. Darauf kommt es ihr auch nicht an. Der Zweck der Veranstaltung ist: der republikanischen Reichshauptstadt zu zeigen, daß sich die Machtverhältnisse geändert haben. Der schwarz-blaue Block hat die Republikaner bei Seite geschoben. Hier, in Berlin, dem Sitz der preußischen Linksregierung hat man nicht viel bemerkt. Welcher Berliner kennt die Herren v. Keudell und Schiele, ja selbst Herrn Hergt? In der Provinz, wo die Bureaukratie ohnehin ziemlich unkontrolliert antirepublikanisch schalten darf, weiß man besser, daß sich etwas geändert hat und was sich geändert hat. Jetzt soll das auch dem roten Berlin plausibel gemacht werden. Staunend wird es die Maifeier der Reaktion erleben. Stahlhelm ante portas.   Der Ausfall der Wahlen in Österreich lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf dessen Sozialdemokratie, die Jahre hindurch wirklich sozialistisch gearbeitet hat. Die völlige Ausschaltung der Kommunisten beweist nur, was eigentlich niemanden überraschen sollte, daß deren Aktion überall da verpufft, wo eine sozialistische Partei am Werk ist, die die Lebensinteressen der Arbeiter ebenso rücksichtslos wahrnimmt wie bürgerliche Parteien die Profitinteressen der hinter ihnen stehenden sozialen Schichten. Man darf allerdings nicht außer Acht lassen, daß einer solchen reinlichen Entwicklung Österreichs besondre Verhältnisse selten günstig sind. Die gründliche Entfettung durch die Friedensverträge hat die Entstehung einiger Streitfragen verhindert, die anderswo die Parteigruppierung nuanciert und verändert haben. Es gibt in Österreich mangels Masse nur zwei große Fraktionen: die Christlichsoziale Partei, katholisch, mittelständlerisch, agrarisch, liberal, judenfresserisch und börsenfreundlich zugleich, umfaßt das gesamte Bürgertum; die Sozialdemokratie die Arbeiterschaft. Weil der Staat Österreich in der Außenpolitik ein Zéro ist, was nicht herabsetzend, sondern konstatierend gemeint ist, hat sich seine ganze Politik nach Innen gekehrt. Weil alles fehlt, was mit dem Drängen nach äußerer Geltung zusammenhängt und Bank- und Bettskandale die bei uns quartalsmäßig fälligen vaterländischen Erhebungen ersetzen, deshalb bietet sich auch kein Anlaß für demokratischpazifistische Sammelparolen, die soziale Kontraste vorübergehend verschleiern können. Alles dreht sich um lokale Schmerzen, und die Wiener Gemeindesteuern turbulieren die Köpfe und Bäuche mehr als hierzulande Erfüllungspolitik, Konkordat, Reichswehr, Republikschutz und politische Morde zusammengenommen. Jahrelang haben die Siegermächte Österreich einfach hungern lassen, dann reglementierten sie den Hunger und hießen das allzu großartig: Sanierung. Österreich kann allein nur eben vegetieren. Aber die Einen verbieten ihm den Anschluß an Deutschland, die Andern an eine Donauföderation, und seit dem Abschluß des Paktes zwischen Mussolini und Horthy sieht seine Zukunft wieder recht ungewiß aus. Ein Land, das keine Freunde, sondern nur Gönner hat, die es bald streicheln, bald stupsen, doch immer bevormunden. Ein armes Hascherl in der Zange der Mächtigen. Nein, hier ist kein Glacis für den Aufmarsch von Arbeiterheeren zur Eroberung Europas, wie man in triumphierenden Sozialistenblättern jetzt lesen kann. Aber den Stadtrat Breitner lieben wir. So einen Kerl brauchten wir in dem angeblich knallroten Berlin. Die Weltbühne, 3. Mai 1927 706 Zentrum und Stahlhelm Der Zentrumsabgeordnete Adam Roeder, Protestant und alter Konservativer, der sich aus Protest gegen Chauvinismus und Parteiterror der Deutschnationalen der katholischen Partei angeschlossen hat und von ihr in den Reichstag geschickt wurde, hat einen Klageruf in die Welt gehen lassen, der besser als alle diffizilen Untersuchungen die Wandlung im Zentrum sichtbar macht. Vor ein paar Jahren noch sah Herr Roeder im Zentrum die Mittelpartei par excellence: hier war es gut, hier konnten Alle Hütten bauen, die von der Rechten nichts hielten, ohne deshalb nach Links zu finden; hier war der Ruheplatz für Alle, die der Wanderung zwischen den Klassenfronten müde, sich nach einem Lagerplatz sehnten, nach einer Rast mit schönem beruhigenden Traum von Harmonie und Gottesfrieden zwischen Arbeiterschaft und Unternehmertum. Wer wollte leugnen, daß das Zentrum nicht vor wenigen Jahren noch Anlaß zu solchen Illusionen gab? Das war weniger eine fest gegliederte Partei, die von ihren Mitgliedern nur Ducken und Nachplappern forderte, als vielmehr eine große Kameradschaft, in der ein gemeinsames Gefühl stärker war als jene Tagesdifferenzen, die anderswo zu Gruppenbildungen und gehässigen Auseinandersetzungen führen. Vorbei, vorbei. Die damals in diese Oase flüchteten, sind erwacht und sehen mit Schrecken, daß die Quellen versiegt sind, über freundlichem Grün grauer Sand liegt, kurzum, daß sich das Idyll wieder in Wüste verwandelt hat. Herr Roeder beklagt, daß die Partei jene Prinzipien verleugnet, die sie für Einzelgänger so einladend gemacht habe und auf dem Wege sei, eine großbürgerliche Partei zu werden und dauernde Genossin Derer, die Feinde jedes sozialen Fortschritts sind. »Wenn das Zentrum mit solcher Leichtigkeit seinen Charakter einer Mittelpartei in den einer Rechtspartei verändern kann, so verstößt das doch irgendwie gegen Treu und Glauben.« Herr Roeder vergißt, daß er in der Partei nur ein sehr junger Adam ist und deshalb nicht fähig, mit einem viel ältern Adam in Konkurrenz zu treten, nämlich: mit Herrn Stegerwald, dessen Saat jetzt herrlich aufgeht. Wer hat zuerst die Republik zur Sonntagsangelegenheit erklärt? Wer hat zuerst bei gemeinsamen Aktionen der Zentrumsarbeiter mit sozialistischen Arbeitern so demonstrativ die Bremse gezogen? Der gute alte Adam kann zufrieden sein. Es ist noch Einer, der sich mitfreut. In der Wandelhalle des Reichstags trifft man stets einen behäbigen Schwarzrock, bei den Journalisten beliebt wegen seiner legeren Mitteilsamkeit. Das ist der Herr Domkapitular Leicht, der Fraktionsführer der Bayrischen Volkspartei. Auf der Rednertribüne verflüchtigt sich der günstige Eindruck. Dann wendet der Würzburger Kleriker gern eine platte Witzelei an, die aber bei dem Niveau dieses Parlaments gewöhnlich mit dem Vermerk »Große Heiterkeit« honoriert wird. Herr Emminger wirkt essigsauer; die meisten andern Herren der Fraktion poltern durchs parlamentarische Dasein auch als Rhetoren mit Nagelschuhen, die noch der selige König geweiht hat. Herr Leicht allein ist beliebt. Und das hat sich gelohnt. Leicht und Stegerwald haben gesiegt. Der linke Flügel des Zentrums ist völlig in die Ecke gedrängt. Nicht die Bayern kommen zum Zentrum zurück, wie früher von den Republikanern gehofft wurde, sondern das Zentrum paßt sich den Bayern an. Der bayrische Gedanke in Deutschland siegt. Partikularismus und Kantönliwirtschaft in den Ländern, und in der Reichsregierung Bündnis mit Rechts. Bürgerblock, Bürgerblock! Das war ja aller bayrischen Exzesse schlichter Sinn. Allmählich kommen die in München geübten Praktiken nach Berlin. Das Reich bajuvarisiert sich. Je näher Reichsschulgesetz und Konkordat rücken, desto mehr wird diese Entwicklung offenbar werden. Seit hundert Jahren war Bayern die deutsche Versuchsanstalt für vatikanische Politik. Die Zeit der Experimente ist zu Ende, das Dekokt versandfertig, Berlin reif zur Aufnahme. Die Republik muß allerdings auf Invalidenrente gesetzt werden. Das Zentrum tröstet sich wohl damit, daß es eigentlich genug für sie getan hat. Gewiß mag ihm die neue Bundesgenossenschaft manchmal auf die Nerven fallen, aber hat nicht die Kirche in frühern Jahrhunderten zum Schutz gegen allerchristliche Könige sogar mit dem Großtürken paktiert? Die mit Getöse in Berlin einziehenden Stahlhelmer mögen sich einbilden, daß sie die Zukunft im Schnappsack tragen, in Wahrheit sind sie nur die Wegbereiter für ein stilles schwarzes Heer, das von Süden kommt und immer klug genug war, auf Fanfaren und Triumphbogen zu verzichten. Die Kirche hat es nicht nötig, verschlossne Tore einzurennen. Stets hat sie für die grobe Arbeit eine bereitwillige Herde von massiven, elefantenfüßigen Dummköpfen zu Diensten gehabt.   Auch den erfolgreichen Diplomaten zieht es immer wieder an den Tatort zurück. Lord d'Abernon ist kürzlich ein paar Tage in Berlin gewesen und hat auch mit seinem Zögling Stresemann eine lange Unterhaltung gehabt. Einiges davon ist durchgesickert, von der großen Presse allerdings bis jetzt ignoriert worden. Nach einer bestimmten Version soll Lord d'Abernon versucht haben, Deutschland in China zu engagieren; er soll unter anderm angeregt haben, deutsches Kapital an der Finanzierung der chinesischen Ostbahn zu beteiligen. Diese Bahn befindet sich im Territorium Tschangtsolins und wird von französischen Banken beherrscht. Die Beteiligung würde Deutschland also nicht nur mitten in die Chinawirren bringen, sondern auch in Rivalität mit französischen Interessen. Eine vortreffliche Kalkulation! Da der alte Herr jedoch in seinem Diplomatenbesteck nicht nur den Erisapfel, sondern auch den Ölzweig führt, so mahnte er Stresemann, bei der Mitte Juni in Genf beginnenden Ratstagung möglichst nicht über die Rheinlandräumung zu sprechen, sondern noch etwas zu warten. Es ist nicht bekannt, wie der Außenminister darauf reagiert hat. Wahrscheinlich wird ihm sein ehemaliger Mentor zum ersten Mal recht lästig geworden sein. Daß es ihm grade jetzt nicht auf Zurückhaltung, sondern auf Forschheit ankommt, beweist die neue Demarche in Paris. Hier war ein höhrer Wille als der des englischen Beraters maßgebend. Am Stahlhelm-Sonntag mußte in den Zeitungsüberschriften etwas über einen neuen deutsch-französischen Konflikt stehen. Das brauchte die Reichsregierung als Liebesgabe für Halle und Magdeburg. Aber vielleicht wird das auch der alte Herr aus London begriffen haben. Der hat ja tiefer in den Stahlhelm geschaut als ein andrer Sterblicher sonst.   Liberale Blätter hatten den sogenannten Frontsoldatentag vor Allem mit dem Argument bekämpft, daß dadurch der Fremdenverkehr leide. Ein gut deutsches Argument. Weil die Käserundfahrt gestört wird, muß die Revolution auf einen andern Tag verlegt werden. Es ist nicht so schlimm geworden. Sonntag Mittag im Lustgarten. Hier war in den Bürgerkriegsjahren das Forum der republikanischen Parteien. Man darf heute nicht an den Rathenautag denken, diesen kalten, regnerischen Junitag, wo hier ein Ozean von Menschenleibern brandete, auch ohne diese Erinnerung wirkt dieser Versuch offenkundiger Provinzregisseure, eine Massenszene zu gestalten, höchst jämmerlich. Die Comparserie steht verdattert herum und weiß nicht recht, was los ist. Bittre Enttäuschung. Statt erwarteter Ehrenpforten das caudinische Joch einer rigorosen Verkehrsordnung. Ordonnanzen flitzen über den Platz und markieren Dienst. Blechbeladne Offiziere schreiten irgendwelche Fronten ab. Nein, es ist nur für den Pressephotographen. Ein burgundernasiger General stelzt melancholisch herum und scheint an dem eroberten Gelände keine Freude zu haben. Es ist eine grandiose Pleite. Denn wäre das Bild viel martialischer als es ist, wären noch zweimal so viel gekommen als hier versammelt sind, der Eindruck würde nicht stärker sein. Denn wo Militär ist, da müssen auch Zivilisten sein, denen imponiert wird; es müssen doch Leute da sein, die vor dem Marschtritt erzittern und denen das Trompetengeschmetter wie eine Voranzeige des jüngsten Gerichtes in die Ohren dröhnt. Hier ist Militär, sogar sehr viel Militär, hier sind Streiter für eine Idee. Für welche? Wahrscheinlich für die letzte, auf die sich Duesterburg und Seldte nach erregter Vorstandsdebatte geeinigt haben. Aber es ist Militär ohne Anwendung. Denn es gibt keinen Feind und, vor Allem, kein Publikum, das zuguckt. Die Polizei hält alle Zufahrtsstraßen zum Lustgarten gesperrt. Hier mögen achtzigtausend Mann zusammen sein, aber abgesondert und von einer Zone obrigkeitlich anbefohlnen Schweigens umfriedet, glaubt man eher in ein Konzentrationslager zu blicken als in eine politische Kundgebung. Aber auch ohne Quarantäne wäre der Eindruck nicht wuchtiger gewesen. Schon in den Anmarschstraßen ist der Andrang Neugieriger gering. Soweit Zurufe erfolgen, drücken sie gewöhnlich nicht Sympathie aus. Die Polizei hat von zehn bis zwölf Musik verboten. Ein Demonstrationszug ohne Musik ist wie eine Revue ohne nackte Mädchen. Schattenhafte Kolonnen ziehen vorüber, in den Arbeitervierteln von Pfiffen verfolgt. Was haben diese Menschen nicht alles aufgepackt! Schwere Tornister, Brotbeutel und allen Zubehör eines veritablen Feldzugs. Wozu eigentlich, und für wen? Alles wird sinnlos, weil die Anteilnahme fehlt: eine leerlaufende Maschine wälzt sich durch die Straßen. Es sollte gezeigt werden, was »rings um Berlin entstanden ist«, aber Berlin interessiert sich für den Artikel nicht mehr, was gewiß für Herrn Seldtes Fabrikantenherz sehr kränkend ist. Während des ganzen Aufzugs wird man das Gefühl nicht los, daß hier mit mächtigem Kraftaufwand ins Leere gestoßen wird. Was wir durch lange Jahre schaudernd als Realität erlebt haben, präsentiert sich noch ein Mal gespenstisch als leere Form. Die es angeht, die Herren von der Reichsregierung sind ausgekniffen, um Huldigungen zu entgehen. Das Volk aber drückt deutlich seine Ablehnung aus. Vielleicht werden diese Heerscharen später einmal wiederkommen, anders als jetzt, und nicht von einer vorsorglichen Polizei in Watte gewickelt. Vielleicht werden sie sich dann rächen und uns für jenen offenkundigen Mangel an Reverenz an die Laternenpfähle hängen. Erobern werden sie diese Stadt nie.   Man gesteht gern zu, daß der Polizei hier eine wirklich große Leistung gelungen ist. Sie hat die Pläne der Bundesleitung sterilisiert und die Ausführung zum leeren Vereinsklimbim herabgedrückt. Die Schupo hat ihren Dienst straff, höflich und ohne Überreiztheit getan, obgleich der mehrtägige Alarmzustand gewiß sehr anstrengend war. Man wünscht ähnliche Nervendisziplin, wenn einmal wieder rote Standarten auf der Straße sein werden ... Doch muß das Lob, das man der überlasteten Polizei gern erteilt, eine gewisse Einschränkung erfahren. Schon in den Straßen der Arbeiterquartiere, wo gelegentlich ein kleiner Sowjetsternschnuppenfall den Marschtritt der Vaterlandsretter zu erschüttern drohte, wurde sehr kräftig zugegriffen. Hören wir einen Zeitungsbericht, der mit Anerkennung für die Schupo sonst nicht geizt: »... linksradikale Störungsversuche wurden von der Polizei im Keime erstickt. Es ging dabei nicht immer sanft ab; der Gummiknüppel wurde häufiger geschwungen, als selbst in politisch stürmisch bewegten Zeiten.« Vor ein paar Tagen ging die Meldung durch die Blätter, im Polizeipräsidium beabsichtige man, den Roten Frontkämpferbund für Berlin zu verbieten, falls es am Sonntag zu ernstern Reibereien kommen sollte. Zwar wurde sofort dementiert, aber man weiß aus Erfahrung, daß jede gegen Rechts betätigte Courage durch einen verdreifachten Hieb gegen Links wieder wettgemacht wird. Das ist des Landes so der Brauch. Soll für die Auflösung der Hitlergarde durch eine entsprechende Maßnahme gegen Rotfront wieder eine Kompensation geschaffen werden? Es wäre schlimm, wenn ein solcher Einfall auch nur eine Minute ernsthaft diskutiert würde. Der moralische Sieg, den die preußische Regierung am Sonntag über die Stahlhelm-Invasion davongetragen hat, wäre dahin. Die Weltbühne, 10. Mai 1927 707 Republikschutz und andere Lustbarkeiten Grade jetzt vor einem Jahr stöberten Beamte von IA in den Schubfächern indignierter Industriegebieter. Die Pläne der Herren Claß und Sodenstern waren ans Licht gekommen. Man erfuhr, daß die Rekrutendepots der Reichswehr von verfassungsfeindlichen Bünden beliefert würden. Noch ein Mal tönte von Marx bis ganz Links der alte einende Kriegsruf: Der Feind steht rechts! Das ist erst ein Jahr her und scheint doch eine Ewigkeit. Denn inzwischen ist der Feind von Rechts nach ganz Rechts gerückt, da, wo die kümmerliche Brut der einst so stolzen Hitlerlegion horstet, und die anno 1922 mit dem großen republikanischen Fluch belegten Deutschnationalen sind mit Josef Wirths Partei verbündet, um dem Volke die Religion wiederzubringen. Diese Koalition ist für alle Beteiligten ungemütlich, aber äußerst nützlich, ihre Kündigung wegen der Unstimmigkeiten um das Republikschutzgesetz deshalb wenig wahrscheinlich. Das Zentrum will sein Konkordat unter Dach haben; daran ist nicht zu rütteln. Die Deutschnationalen wollen sich zunächst im Reich behaupten, um von hier aus Preußen zurückzuerobern. Die Volksparteiler, obgleich bei dieser Allianz nur die Mitgeschleiften, lassen sich doch gern schleifen, weil sie wissen, daß diese Regierung besser als alle sonstwie denkbaren die Interessen des Großkapitals wahrnimmt. So weit wäre alles in Butter, wenn nicht die Beteiligten durch allzu oft und leichtfertig herausgeschnatterte Agitationsphrasen deren Sklaven geworden wären. Es zeigt sich hier wieder der grobe Mißstand, daß die Herren Fraktionsführer nicht allein auf der Welt sind. So muß zur Beruhigung der lieben Wählerschaft eine kleine Komödie aufgeführt werden: keinem darf das Ja zu den Vorschlägen des Andern flott aus der Mundhöhle glitschen, und wenn das Kompromiß schließlich perfekt ist, dann muß es so aussehen, als wäre hier durch eine ganz, ganz schwere Entsagung wieder mal der Staat gerettet worden. Der französische Parlamentarismus macht sowas viel graziler: monsieur le député, in Tarascon als Ultraradikaler gewählt, hüpft leichtfüßig zur andern Seite; fertig!; und die Presse trällert dazu ein kleines Chanson. In der deutschen Politik dagegen geht selbst eine Hundsfötterei nicht ohne Orgelbegleitung ab. Die Deutschnationalen als jüngste Regierungspartei, sind im Gegensatz zu den andern Parteien, die schon regiert haben, noch nicht genügend staatspolitisch erzogen, um das richtig zu begreifen. Ihre Domäne war bisher die lebfrische, primitive Lüge, die von keiner Erwägung Blässe angekränkelte Lüge. Das war ihr Vorsprung vor allen andern Parteien, denen Unglücksfälle jeder Art lange das Gewissen geschärft haben, wenn auch das Gewissen meistens im Rücken sitzt. Als Regierungspartei verlieren die Deutschnationalen ihr frisches Aroma; sie müssen diplomatisieren, verschleiern, Kraftmeiertum durch Zungenfertigkeit ersetzen und laufen dazu noch Gefahr, der enttäuschten Wählerschaft so dubios zu werden, wie die übrigen Parteien auch. Der neue Kurs hat die richtigen Talente noch nicht gefunden. Wenn Herr Hergt den Polen den Krieg erklärt, Westarp das Kaisertum proklamiert, so weiß man: die Stärke der Herren liegt in der Behauptung, nicht in der Exegese. Der deutschnationale Machiavell, der ein Republikschutzgesetz so begründet, daß sein Publikum zwischen den Zeilen das Kaiserhoch hört, ist noch nicht da.   Das Gebalge der Regierungsparteien um Kaiserparagraphen und Staatsgerichtshof könnte uns gleichgültig bleiben, wenn nicht einige ewig hoffnungsvolle Toren auf der Linken dadurch eingelullt würden. Obsiegt das Zentrum und müssen Hergt, Keudell und Schiele gegen Wilhelms Rückkehr votieren und sogar ihre kleinen Trabanten anhalten, das Gleiche zu tun, so wird im Nu das Freudengeheul über die Festigung der Republik wieder losgehen. Ist dazu Anlaß? Hören wir die andre Seite. Der Abgeordnete von Freytagh-Loringhoven, ein Wortführer der intransigenten Monarchisten, schrieb kürzlich in der ›Deutschen Zeitung‹: »So ist denn das Gesetz in den letzten Jahren nur verhältnismäßig selten angewandt worden und wenn es geschah, waren es überwiegend nicht die Gegner der Republik aus dem rechten Lager ... sondern Kommunisten, die nicht die Republik, sondern den Staat als solchen bekämpften.« Das ist nicht neu, aber als Eingeständnis Eines von der Gruppe, gegen die das Gesetz gemacht wurde, wertvoll. Das Republikschutzgesetz ist niemandem gefährlicher als den Republikanern. Es kommt bei Anwendung von Ausnahmegesetzen nur auf Energie und Machtwillen an. Dieser Staat, bei dem Gedanken an seine republikanische Form immer leicht erbebend, hat niemals die Macht verkörpert und mußte sich deshalb am eignen Schwert verletzen. Wenn die Monarchistenpartei schließlich doch das Republikgesetz hinnimmt, so mag ihre saure Miene für die Herren von der Linken sehr ergötzlich sein, aber ihr Votum gilt nicht mehr als ein Windhauch. Nichts kann der Republik verhängnisvoller werden als solche Scheinsiege. Ihre dauernde Sicherung liegt nur in der völligen Beherrschung des Apparates. Militär, Justiz, Lehrerschaft und Verwaltung zu erfassen und zu beherrschen, das ist ihre wirkliche Aufgabe. Wo sie heute etwa energisch wird, fühlt man allzu sehr eine Art künstlicher Aufputschung oder krampfiger Selbstberauschung für einen Tag. Selbst ein so achtunggebietender Kraftaufwand wie die Domptierung der Stahlhelmer in Berlin wirkt bei schärferm Zusehn zwiespältig: hier ging es weniger um Republik, denn um bürgerliche Ordnung; paritätisch erstickte die Polizeifaust das Ehrhardtlied ebenso wie das antwortende Hoch auf die Republik. Ergebnis alleräußerster Anspannung ist eben nur, daß für ein paar Ausnahmestunden die Monarchisten ebenso schlecht behandelt werden wie sonst die Republikaner. Zwei Tage nach der historischen Leistung des Polizeipräsidiums droschen die Hakenkreuzler wieder ungestört am Kurfürstendamm ...   Mit einem Interessegrad unter Null wird im Reichstag das sogenannte Lustbarkeitsgesetz beraten. Ein Tendenzgesetz schlimmster Art, ein Ausnahmegesetz, auch wenn es hübsch ehrpusselig unter der entwerteten Schutzmarke der Jugendwohlfahrt durchgepascht wird. Wir wollen uns nichts vormachen: die Täuschung der Öffentlichkeit ist gelungen; Künstler- und Schriftstellerverbände sind mit ihren Protesten vereinsamt geblieben. Leidenschaftslos wird ein Anschlag bornierter Rückwärtser gegen das geistige Eigenleben unsrer Jugend bei leerem Hause durchgesprochen und zugelassen; die Presse beschränkt sich auf kleine Auszüge. Das ist des Zensurgesetzes zweite Auflage und Vervollständigung. Die Harmlosen werden gewiß sagen: Warum Aufregung? Auch die Lex Külz ist nicht so böse geworden, wie es zuerst schien. – Nein. Es ist noch immer nicht recht begriffen worden, daß der Reaktion zur Zeit gar nichts an aggressivem Auftreten liegt. Noch fühlt sie sich unsicher, noch ist sie auf dem neuen Terrain nicht eingespielt. Noch muß sie die Genugtuung, an der Regierung teilzuhaben, mit jämmerlichen Konzessionen erkaufen. Sie meidet die groben Herausforderungen und bereitet damit jenen angenehmen Dämmerzustand vor, der stets das untrügbare Merkmal rückschrittlicher Zeitläufte war. Sie arbeitet für die Zukunft, für ihre Zukunft, sie zerniert alles Freiheitsbewußtsein in einem Gehege von Stacheldraht. Das Schund- und Schmutzgesetz, dies Gesetz zur Fesselung der Jugend – das alles ist nur Vorarbeit für kommende Zeit. Wir sind schon eingeschlossen und wissen es nicht; wir träumen dahin. Wenn wir einmal erwachen, werden wir wissen, wie solide die Blauen und Schwarzen zerniert haben. Die Arbeiterschaft ist apathisch geworden, gefesselt durch die Sorge ums Brot. Die Regsamsten sind in die Richtungskämpfe ihrer Parteien verflochten. Kein zwingender Gedanke von proletarischer Einheit lebt mehr. Selbst die einst vielgeschmähten Lohnkämpfe erscheinen immer als Stück heroischer Vergangenheit. Und das Bürgertum ist über Nacht in einen Börsenkrach getaumelt, wie er seinesgleichen nicht hat. Das politische Interesse sinkt tiefer als die Kurse, die große Armee der geknickten Existenzen erhält Zuzug, und wie viele mögen noch in Reserve liegen? Aber auch die Lüge von der neuen Prosperität ist gescheitert, der großmäulige Wiederaufstieg-Optimismus mit der pompösen expansiven Geste jäh versackt. Das System der Rationalisierung, dieser schamlosesten Auspowerung der arbeitenden Massen, hat seinen schwarzen Freitag gefunden. Der deutsche Kapitalismus, eben noch in siegestrunkener Weltbeherrscherpose gespreizt, steht plötzlich in grauem Entsetzen erstarrt. Die Weltbühne, 17. Mai 1927 708 Rache für Hankau Die große Überschwemmung des Mississippi hat weite Landstrecken der Vereinigten Staaten verwüstet. Durch die notgedrungene Durchstechung der Dämme sind blühende Agrardistrikte ersäuft worden. Der Mann, der für diese harte Maßnahme verantwortlich ist, den die verzweifelten Farmer, die sich um Vergangenheit und Zukunft betrogen fühlen, mit Fluchen und Flintenschüssen begrüßten, ist Herbert Hoover, Amerikas fähigster Organisator. Ein Rücksichtsloser, gewiß, aber doch Einer, der auch Wunden heilen kann. Hat ihn Europa schon ganz vergessen? Weiß niemand mehr, daß in den Hungerjahren der Demobilisierung einige Staaten unsres Erdteils von ihm gelebt haben? Amerika ist heute als Shylock, als unbarmherziger Schuldeneintreiber verschrien. Eine freundlichere Erinnerung sollte lebendig werden. Was wäre damals aus den verelendeten Ländern der Kriegsverlierer ohne die amerikanische Hilfsaktion geworden? Ein paar Menschen bei uns haben sich erinnert und zur Sammlung für die amerikanischen Überschwemmungsgebiete aufgerufen. Der Appell blieb erfolglos. Ich weiß nicht, wieviel Blätter davon überhaupt Notiz genommen haben. Lieber Gott, wir sind ein armes Volk und können uns den Luxus tätiger Nächstenliebe nicht mehr gestatten ... Wir haben keine Kolonien mehr, man gönnt uns nur hunderttausend Mann Militär, die allerdings so viel kosten, als ob wir mindestens mit einem kleinen Nachbarstaat im Krieg lägen; wir müssen auch unsre abgedankten Fürsten standesgemäß ernähren und Pensionen zahlen für die glorreichen Führer des Weltkriegs, gleichsam als Reuegeld dafür, daß wir sie im Stich gelassen haben, grade als der ersehnte Sieg so freundlich gewesen war, zum Greifen nahe zu kommen. Zwischendurch wird allerdings ein unerhörter Aufschwung proklamiert, mit Feldherrnblick auf die Güter der Welt: Wir werdens schon schaffen! Jedenfalls wäre U.S.A. gegenüber eine kleine Gegenleistung für jahrelanges erfolgreiches Anschnorren recht nützlich gewesen. Hier ist eine selten günstige Gelegenheit verpaßt worden. Aber wir sind nun halt ein armes Volk. »Bitte die Spesenrechnung für die Reichswehr, Herr Geßler! Ein bißchen reichlich, was? Na, wird Alles prompt beglichen werden ...«   Revanche für Hankau. Haben Borodins chinesische Freunde den Engländern Ungelegenheiten bereitet, indem sie deren Konzessionen in chinesischen Hafenstädten besetzten, so nimmt Britannia jetzt Rache, indem sie in das Herz der russischen Konzession in London eindringt. Scotland Yard wird mobilisiert, und eine komisch erfolglose Haussuchung gefährdet seinen in zehntausend Kriminalnovellen bestätigten Ruf. Brave londoner Bobbies erbrechen die Tresors der Russischen Handelsgesellschaft und bepacken ein paar Lastwagen mit Aktenbündeln. Revanche für Hankau. Revanche, nicht planvoll ersonnen und gestuft, sondern der hörnertollen Wut entsprungen. England hat bisher den Ruf genossen, zur Bewältigung aller Schwierigkeiten stets die geeignetsten Talente zur Hand zu haben. Von Disraeli bis Curzon eine ununterbrochene Reihe blanker staatsmännischer Begabungen, lauter große Umlerner, Überwinder eingekerbter Doktrine und übernommener Vorurteile. Ist Englands Fähigkeit, politische Köpfe zu produzieren, zeitweilig erschöpft? Fast scheint es so. Mindestens das Baldwin-Kabinett stellt sich als eine Kollektion temperamentvoller Unzulänglichkeiten dar. Birkenhead, Churchill und Joynson-Hicks, die Diehard-Minister, sind robuste Klassenkämpfer, deren Furor den ordnenden Verstand erstickt hat. Aber vielleicht ist die letzte Ursache der gegenwärtigen politischen Verwirrung Englands doch, daß kein großes Industrievolk mehr eine Regierung von konservativen Prinzipien ertragen kann, und daß andrerseits keine konservative Partei, mag sie selbst die erlauchte Vergangenheit der englischen haben, mehr imstande ist, ein Volk zu regieren, das sich in sozialer Gärung befindet. Die Konservativen mögen gut gewesen sein für Zeiten weltpolitischer Expansion, als es kaum eine Arbeiterfrage gab und das Proletariat noch treu und brav die Statisterie für die beiden großen Parteien stellte. Der Piratenklugheit der Vorväter eines Churchill verdankt das Imperium Ausdehnung und Macht. Vor dem jähen Wandel der Zeit ist die Klugheit verblaßt und nur die Piraterie geblieben. Und das genügt nicht mehr. Die Politik ist diffiziler geworden. Ausnahmegesetz gegen die Gewerkschaften, Einschränkung der Koalitionsfreiheit für die Arbeiter? Nicht das verbohrteste Industriesyndikat würde anderswo auch nur davon zu träumen wagen. Behandlung des russischen Konfliktes nicht nur mit Drohungen, sondern mit offenen Beleidigungen und Verletzungen exterritorialer Bereiche? Die Welt ist ja nach einer Reihe von Katastrophen so abgehärtet, und die schreienden Herren Minister mit ihrem riesengroßen Polizeiaufgebot erregen Lächeln, nicht Entsetzen. Vor etwa fünfzehn Jahren wurden in einem Hause des Londoner Elendsviertels Houndsditch ein paar bewaffnete Banditen von der Polizei belagert, und die illustrierten Blätter zeigten den damaligen Innenminister Churchill von einem beschützten Torweg aus die Operationen leitend. Damals wurde in der europäischen Presse diesem Ereignis mehr Raum gewidmet als heute dem Feldzug gegen die Roten. Aber wenn man die Reden der Herren Minister liest: dies Trumpfen auf die Macht, dies dumpfe Herausstöhnen von Bürgersehnsucht nach Ruhe und Ordnung und problemloser Profitverdauung, dann wird man das Gefühl nicht los, dies Alles erst ganz kürzlich und im vertrauten Heimatidiom gehört zu haben. Ist John Bull wirklich schon auf den Stahlhelm gekommen?   Um gerecht zu sein: ganz leicht haben es die Russen der englischen Regierung wahrscheinlich nicht gemacht. Vielleicht ist es ganz begreiflich, daß Baldwins Minister einmal aus der Haut fuhren, und als Politiker würde sie nur richten, daß sie nicht sofort wieder zurückgefunden haben. Denn die Russen haben aus den Jahren ihres weltrevolutionären Dranges einige konspirative Neigungen bewahrt, Reliquien aus Sinowjews Propagandakiste, die den Spießer erschrecken und Moskau unnützerweise mit einem höchst gefährlichen Odium umgeben. Spionagezentralen hat auch der Zarismus unterhalten, aber das war für den Durchschnittsbürger mehr Sensationskitzel als drohende Wirklichkeit; den Sowjetvertretern aber traut man zu, die Bakterien der roten Revolution einzuschleppen. Rebellenstimmung im Proletariat: die City führt es nicht auf Arbeitslosigkeit und soziale Depression zurück, sondern auf den »Bolschewismus«. Hier täte Rußland richtiger, Ärgernisse zu vermeiden und sich auch agitatorisch die größte Reserve aufzuerlegen. Wahrheit ist, daß Englands Arbeiterschaft durch Hungerlöhne und eine knutende Gesetzgebung in Verzweiflung getrieben ist. Wahrheit ist aber auch, daß Rußland noch in keinem Lande die Führung der Arbeiterschaft hat an sich reißen können. Rußland hat bisher zwei Revolutionen verpfuscht: die deutsche und die chinesische; dem blutigen Horthy hat Rußlands Emissär Bela Kun den Weg bereitet, und Rußlands Propaganda hat in Italien als Gegenbewegung den Fascismus reifen lassen. Rußlands Rolle als Erwecker und Ausstreuer von Gedankensaat soll und darf nicht bestritten werden, aber es hat bisher bei der Behandlung von Revolutionen eine ausgesprochen unglückliche Hand gehabt, und die von ihm geschaffenen kommunistischen Parteien der einzelnen Länder haben sich bisher ausnahmslos als schlechte Medien erwiesen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Moskauer mit einer K.P.E. mehr Freude erleben werden als mit ihrer K.P.D.   Aber auch Rußland leidet an der Zwiespältigkeit aller europäischen Politik von heute. Es ist nicht nur offensiv, sondern auch ruhebedürftig. Diese andre Seite, diese resignierende und elegische Seite seiner Politik zeigte sich in Genf. Ist es wirklich ein Prestigebluff Moskaus, wenn es durch seine Delegation von der kapitalistischen Welt die Anerkennung seines selbstgeschaffenen Wirtschaftssystems fordert? Nur ein isolierter und vielfach bedrohter Staat kann eine solche Forderung stellen; für ihn bedeutet die Anerkennung seines wirtschaftlichen Organismus nicht etwa ein Stück Papier oder Befriedigung einer Eitelkeit, sondern seine magna charta, sein Attest auf Lebensrecht in einer ganz anders gearteten Welt. Die Häuptlinge dieses Völkerbundes aber wittern überall Überrumpelung. Sie sehen nur das brandrote Schreckgespenst, sie sehen nur die kommunistische Propaganda, die ihnen zu Haus jahrelang eingeheizt hat, aber sie sehen nicht, daß Rußland nach Europa zurück will. Erkennen sie dieses Werben nicht noch eben rechtzeitig, so wird die Geschichte über sie die gleiche Verdammnis aussprechen wie über jene Macht, die sich in entscheidenden Augenblicken den Zeichen der Zeit verschloß: – Deutschland auf den Haager Konferenzen. Ein trauriger Vergleich. Traurig, daß ein solcher Vergleich noch immer möglich ist. Die Weltbühne, 24. Mai 1927 709 Peter Panters Pyrenäenbuch Es gibt eine romanische Philologie, Sektion Frankreich, und die Verwalter dieses Fachs sind ernste Männer, die sich vornehmlich darauf beschränken, die Deutschheit der erkorenen Untersuchungsobjekte nachzuweisen. Und es gibt deutsche Baedeckerpariser, die sich beim Verlassen eines salon de beauté als Cosmopoliten dünken und ihr trautes Weib daheim als eine Naturverirrung betrachten. Es gibt ... Aber es soll hier nicht weiter aufgereiht werden, denn darzulegen, wie Deutsche auf Frankreich reagieren, würde zu einer Historie der deutschen Seele werden. Peter Panter aber ist in die französische Provinz gezogen. Der gütigste Panter, der jemals suchend unter die Menschen ging. Kein Schriftsteller, der Eindrücke wildert, kein Erlebnisjäger à tout prix, der so lange sucht, bis grade beim Kapitelschluß Stimme und Syntax ergriffen bibbern. So seltsam es klingt: dies Buch von einer Reise durch Baskenland zeigt einen Lernenden. Das Buch liegt jetzt vor. Der Verlag der Schmiede hat es liebevoll ausgestattet, aber für mein Gefühl etwas zu schwer, zu gewichtig. Es ist ein seltsames Buch, so ganz persönlich und apart geschrieben, wie man heute nicht mehr schreibt, wo der kleinste Krauter kollektivistisch tut und sich als Diktaphon der Massenseele gebärdet. Hier hat ein Einzelner Augen und Ohren gebraucht. Ein Einzelner. Man liebt ihn, nicht weil er Andorra und Lourdes, Gebirgsfahrten und Stierkämpfe, Kathedralen und Toulouse-Lautrec so unerhört eindringlich schildert, sondern weil das Alles der Anlaß war, daß sich hier ein virtuoser Beherrscher des kleinen Formats zum ersten Mal als gesammelte Persönlichkeit zeigt. Weil er den Mut hatte, unterzutauchen als Observator der tausend kleinen Dinge, deshalb treten Die jetzt, nach abgeschlossener Arbeit zurück, und der Mensch steht im Vordergrund, den er nicht gesucht hat. Die Pyrenäen haben Peter Panter entdeckt. Nicht umgekehrt. Gelegentlich mischt sich des Autors nähere Verwandtschaft ein. Ein Tiger knurrt drohend im Dschungel. Aus einer zeitweilig unkontrollierten Ecke zischt Ignaz Wrobel plötzlich antimilitaristische Invektiven, doch Panters Geschäftsführung ist straff genug, um die Zwischenrufer schnell verstummen zu machen. Das vermerkt der kritische Freund hiermit als gewissenhafter Buchbesprecher. Aber ein Wunsch bleibt doch: man möchte euch Alle einmal zusammen unter einem Buchdeckel sehen, samt Kaspar Hauser, dem so rar gewordenen schüchternen Waisenknaben, und K.T., dem legendären Wandrer von Rheinsberg. Das müßte ein lustiges Symposion werden ... Die Weltbühne, 24. Mai 1927 710 Der Kieler Parteitag Am Rande der Stadt, wo auf kümmerlichem Grün die kleinen Leute ihre Sommerhäuschen errichtet haben, sieht man ein rotes Fähnchen nach dem andern. Das Fahnentuch sagt nicht aus, ob Kommunist oder Sozialdemokrat; Rot ist die Farbe Beider. Und wollte man in die Lauben gehen und mit den Leuten reden, man würde das Gleiche hören: Klagen über schlechte Zeiten, Hungerlöhne, Unternehmerwillkür, – über Ohnmacht der Partei und schwache Führung. Die gleichen Klagen überall. Denn überall die gleichen politischen und sozialen Tatsachen. Man muß in die Zeitungen sehen, die auf dem Tisch herumliegen, um zu wissen, welche Partei gemeint ist. Ja, man muß in die Zeitungen sehen, um zu wissen, welche Partei gemeint ist.   Sozialistenkongreß in Kiel. Gerüchte, von bürgerlichen Blättern in großen Überschriften festgehalten, flatterten vorauf: Große Auseinandersetzung zwischen Parteileitung und Opposition bevorstehend. Oder: Absage an den Koalitionsgedanken? Oder: Wird die Sozialdemokratie wieder reine Agitationspartei? Schon der Auftakt belehrte, daß Fama wieder zu eifrig gewesen war. Was sich in Kiel entwickelte, war nicht eine Geistesschlacht oder auch nur ein grimmiges Gerauf zwischen rechter und linker Seite, sondern die obligate Reichsbanner-Festivität mit Musik, Tombola und Republikrettung. Warum fehlen hier Ludwig Haas und Josef Wirth? Warum darf zwischen Otto Braun und Friedrich Stampfer nicht Erich Koch sprechen, um den radikalen Charakter der Assemblée sichtbarer zu machen? Die Berichterstatter der bürgerlichen Blätter wissen bald, was los ist; immer magerer werden die Telegramme, schon vom zweiten Tag an muß man in den tiefsten Kamin der verstecktesten Beilage hinabsteigen, um zu erfahren, daß Die in Kiel noch immer beisammen sind. Welch ein aufregendes Ereignis waren nicht früher die sozialdemokratischen Parteitage. Über viele Spalten zogen sich die Berichte hin. »Rededuell Bebel-Vollmar« – »Kautsky gegen David« – »Ledebour gegen die Revisionisten«. Wer hat nicht noch solche Überschriften in Erinnerung, die immer wie Alarmrufe durch die Behäbigkeit der wilhelminischen Ära schrillten? Heute ist der Jahreskongreß der größten Partei eine Begebenheit untergeordneten Grades. Über den preußischen Zentrumstag kürzlich wurde eingehender berichtet; selbst über den Parteitag der Kommunisten. In dieser drittrangigen Behandlung liegt ein tiefes Verstehen. Denn was besagen Reden und Beschlüsse, etwaige Plattformen zur Herstellung der reinen Lehre, Absagen an diese oder jene Koalition? Schließlich macht der Sanhedrin in der Linden-Straße doch, was er will. Aufsässigkeit mehr linksgestimmter Gruppen? Für diese Eventualität ist Hörsings Hauptquartier da, das Gestellungsbefehle versendet; die Malcontenten werden an die Reichsbannerfront geschickt, Windjacke und Gleichschritt verwischen Gesinnungsdifferenzen; zwischen den Schlachten bimsen die Magdeburger Unterrichtsoffiziere mißvergnügte Rekruten auch politisch. Wie im Kriege ist die Führung anfechtbar, aber der Apparat ausgezeichnet. Die Gedanken fliegen um fast zwei Jahrzehnte zurück. Ein großer verräucherter Versammlungssaal. Viel tausend Menschen dicht zusammengedrängt. Arbeiter, Arbeiter. Es ist schon heldenhaft, hier in diesem stickigen Pferch stundenlang auszuhalten. Und plötzlich bricht ein Orkan von Begeisterung aus. An der Rampe ist ein kleines gelblich-graues Männchen erschienen, ein gebücktes, kränkliches Männchen mit mächtigem schneeweißem Haarschopf. Der Alte ist schon schwerkrank. Die Ärzte haben ihm Schonung auferlegt; er soll nach Möglichkeit nicht mehr öffentlich reden. Doch wie er zu sprechen beginnt, weicht dieser Eindruck von Hinfälligkeit. Breite ausholende Gesten, helle, jugendlich timbrierende Stimme. Kommandostimme, gewohnt, Hunderttausende in Gleichtakt zu bringen, und die mächtige weiße Tolle weht dazu wie ein Helmbusch. Aber der Alte ist mehr als ein effektsicherer Sprecher, nicht Beredsamkeit trägt ihn: er reitet auf einer Woge von Vertrauen, August Bebel, mehr als ein Abgeordneter und Parteiführer von diktatorischem Gehaben, nein, der eigentliche Erwählte des Volkes, der Präsident einer unsichtbaren deutschen Republik, der Gegenkaiser der Massen gegen Den mit der Bartbinde. Einen Volksdichter hat ihn Friedrich Naumann in einem Nachruf genannt. In der Tat, er spielt auf dem Volk wie auf einem edlen Instrument; er bringt es zum Klingen, er entlockt ihm Liebe und Haß, bittre Seufzer und sternklare Sehnsucht. Plötzlich senkt er die Stimme, sein Gesicht wird ganz böse, er schwingt den Zeigefinger wie einen Bakel: »Man hat euch das Wahlrecht verschlechtert, und ihr habt euch das gefallen lassen!« Und diese dreitausend Männer werden plötzlich zu heruntergeputzten Schulbuben: sie senken die Köpfe, sie schämen sich. Schweigen. Doch da wirft der Alte das Haupt in den Nacken, Jubel bricht fanfarenhaft aus der Stimme: »Das ist eine Scharte, die muß ausgewetzt werden, kann ausgewetzt werden! Ich habe Vertrauen zu euch, daß ihr es tut. Wenn ich wieder in eure Stadt komme, wird alles wieder in Ordnung sein – das weiß ich.« Ein einziges leidenschaftliches Ja braust auf wie ein vieltausendstimmiger Fahneneid für die heilige Sache. Das ist lange her, und historisch betrachtet wirkt es nicht so rauschhaft wie damals als Erlebnis. Einschränkungen melden sich. Auch die Heroenzeit zeigt nachträglich ihre Schwächen. Doch die Erinnerung ist schön. Was vergangen, kehrt nicht wieder, aber ging es leuchtend nieder ... Es ist im August 1914 niedergegangen.   Für die Beurteilung der heutigen Sozialdemokratie muß eine Erkenntnis maßgebend sein, wenn man sich nicht in vage Spekulationen verlaufen will: diese Partei ist durch irgend welche radikalere Konkurrenz nicht zu schmeißen. Der einstige Elan ist fort, die Struktur geblieben. Ihre Leute sind unzufrieden, aber sie hat sie fest in der Hand. Sie knurren, aber sie fügen sich. Genug ist von der mystischen Aura von einst geblieben, um aktuelle Sünden vergessen zu machen. Über allen Zweifel obsiegt die Hoffnung, daß die Partei einmal wieder wird, was sie war. So behauptet sie sich nicht nur zahlenmäßig, sondern kann auch noch, wie jetzt in Mecklenburg, Fortschritte machen. Der kommunistische Anprall hat sich erschöpft, von dieser Seite droht keine Gefahr mehr. Keine zweite sozialistische Partei wird die Sozialdemokratie mehr ängstigen, nicht von außen her wird sie getrieben werden, der veränderten Zeit entsprechend neue und weiter links gelegene Positionen aufzusuchen. Sie muß den Stachel dazu in sich selber fühlen. Die Mehrzahl der organisierten Genossen sieht wohl, daß die Proprietärsphilosophie der zentralen Leitung, die gute und zweifelhafte Errungenschaften mit gleichem Eifer behütet, hierzu am ungeeignetsten ist, aber diese Mißstimmung verdichtet sich nicht zu Handlungen und verqualmt in ziellosem Ärger. Man hatte für dies Mal beträchtliche Temperamentsausbrüche in der linken Ecke erwartet. Der Verlauf zeigt, daß es zwar oppositionell gerichtete Gruppen und Personen gibt, aber keine Opposition. In der alten Partei gewann jeder Widerstand von Rechts oder Links sofort ein Gesicht. Bernstein, David, Eisner, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Vollmar – es wäre müßig, weiter aufzuzählen – aber welch eine Fülle von scharfen Profilen! Doch die oppositionellen Regungen von Heute bleiben eben nur Regungen, die gestaltlos herumgeistern und nicht ein tönendes Mundstück finden. Der alleräußerste aller in der Partei nur denkbaren Radikalismen wird von Kurt Rosenfeld vertreten, dem warmherzigen Advokaten und unglücklichen Debatter, der sich in der Erhitzung allemal verheddert und was Andres sagt, als er meint. Da haben es die Genossen Otto Braun und Wels leicht. Keine konkrete, keine zentrale Forderung hat der linke Flügel; niemand kommt über Bekrittelung von Einzelheiten hinaus, und die Weitestlinken versteifen sich nur auf »mehr Marxismus!« oder »mehr Klassenkampf!«, ohne zu bedenken, daß man mit so angenehm flexibel gewordenen Begriffen ebenso gut auf die Barrikade steigen wie mit Stresemann frühstücken kann. Dennoch hatte der Parteivorstand mit einem kleinen Sturm gerechnet, umsomehr als .... nein, deshalb erschien kurz vor dem Kongreß, pünktlich wie die Grippe bei Temperatursturz, der von kundigen Thebanern lange mit Spannung erwartete Artikel des Genossen Löbe, in dem der bewährte Spezialist für proletarische Gemütstöne sich plötzlich die Kritik der Opposition zu eigen machte und Rückkehr zu den alten Grundsätzen forderte. Man kennt diesen Vorgang nun allmählich: indem Paul Löbe an die Spitze einer Opposition tritt, legalisiert er sie; der Intimus der Zentrale als Fürsprech der Opponenten macht sie hoffähig. Und still versickert die Bewegung irgendwo ... Mag dieser starre republikanisch-sozialistische Verrina noch so schrecklich dräuen: im Ernstfall wird er eher selbst ins Wasser springen als den Herzog hineinwerfen. So bleibt der Opposition sogar versagt, eine Tür aufzustoßen, um einen frischen Luftzug ins Haus zu bringen. Es wird genörgelt, nicht Fraktur gesprochen. Tadel fällt auf den ›Vorwärts‹; niemand sagt, daß der seit langem weder mit Demokratie noch mit Sozialismus etwas zu schaffen hat, sondern das Privatvergnügen des Genossen Stampfer geworden ist, der mit wiener Suffisance über die Tadler hinwegnäselt. »Wir tragen deshalb Tatsachenangaben aus Baldwins Rede nach. Aus ihr erhellt, mit welchem frivolen Leichtsinn die Sowjetunion um ihrer Umsturzpropaganda willen ihre Beziehungen mit England aufs Spiel gesetzt hat und ihrem erklärten imperialistischen Gegner Blößen gegeben hat.« Solches ist zu lesen in dem Blatt, das laut Titelkopf Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist. Vergebens fahndet man in der ganzen deutschen Presse nach einer zweiten brüllenden Bêtise dieser Art; überall wird in Erkenntnis einer gefahrvoll dunklen Zukunft Neutralität geübt oder wenigstens versucht, die Schuldanteile der beiden streitenden Mächte gerecht abzuwägen; dem sozialdemokratischen Zentralorgan bleibt es vorbehalten, in sturer Parteiverblendung zu den Zelten der britischen Diehards zu laufen. Solches geschieht im offiziellen Parteimoniteur, während in Kiel noch immer diskutiert wird. »Halten zu Gnaden, das ist zu stark«, sagt die Opposition. Sie rügt, sie krittelt, reicht devotest Besserungsvorschläge ein. Niemand ist da, der in spontaner Empörung den Willen von Hunderttausenden exekutiert und dem Genossen Chefredakteur sein Jammerpapier rechts und links um die Ohren schlägt.   Nein, diese Partei ist durch nichts zu erschüttern. Jede andre würde bei solchen Anlässen in lichterlohen Brand geraten. Selbst für Stresemanns Nationalliberale bedeuten Bündnis mit den Deutschnationalen und Konkordatsfrage ernste Erregungen. Wenn die Genossen vom Vorstand ihre Leutchen aber so fest am Band halten, daß sie jeden Schritt vom Wege mit der Drohung der Exkommunikation verfolgen, dann möchte man auch wissen: wofür diese Kraftanstrengung, auf einer Linie zu bleiben, die sich seit geraumer Zeit als bedenklich krumm erweist. Denn klar ist doch, daß diese Millionenpartei von keiner Seite die ihrer Stärke zukommende Würdigung erfährt. Sie regiert zwar in Preußen mit, muß dafür aber im Reich in mühevoller Zwiespältigkeit aushalten: sie darf Herrn v. Keudell bekämpfen, muß aber die Außenpolitik des Herrn Stresemann gegen dessen selbstgewählte Bundesbrüder retten. Schlägt sie etwa auf den Tisch, so droht nicht nur das Zentrum mit Kündigung in Preußen, sondern auch Stresemann verkündet feierlichst die Pflicht, den Geist von Locarno vor den brutalen Hufen seiner Alliierten zu schützen. Das ist keine sehr imponierende Haltung für die stärkste Partei: sie ist von der Reichsregierung ausgeschlossen, andrerseits aber mit einem Teil der Verantwortung bepackt. Die Führer haben das Prekäre dieses Zustandes wohl erkannt und streben deshalb wieder in die Reichsregierung hinein. So wäre sehr wohl Anstoß zu Debatten über Zweck und Nutzen von Koalitionen gegeben und ob sich solche mit den alten Grundsätzen vertragen, und das geschieht ja auch reichlich; aber diese Auseinandersetzungen über die Koalition bleiben akademisch, weil sich gegen früher etwas geändert hat: die Andern wollen nämlich nicht. Sehr blamabel für die stärkste Partei, aber man muß den Tatsachen ins Gesicht sehen. Das Zentrum will nicht, weil es sein Konkordat und seine Schulgesetze endlich haben will; Stresemann darf nicht, weil sonst mindestens die Hälfte seiner Partei davonläuft; die Demokraten aber werden heute schon so angesehen, wie sie nach den nächsten Wahlen höchst wahrscheinlich aussehen werden: man zählt sie nicht mehr mit. Die Unterhaltung über die Eventualitäten kommender Bündnisse mit andern Parteien ist gewiß sehr interessant, aber wozu eigentlich die Umstände? Die Möglichkeit liegt ja gar nicht vor. Doch. Und das ist sehr bedenklich. Wenn das Zentrum erst seine Herzenswünsche verwirklicht hat, kann es sehr leicht wieder seine republikanischen Ideale entdecken und, müde der Strapazen, Herrn Hergt zu domptieren, die unangenehmen Weggenossen wieder nach Hinterpommern und Olympia schicken. O, wenn das Konkordat erst unter Dach ist, wird Josef Wirths Weizen wieder blühen. Der Republikanischen Union steht noch eine große Zukunft bevor. Wenn das Zentrum nichts mehr zu wünschen übrig hat, wird es auch die vergessenen Reize von Weimar wieder entdecken. Die sozialdemokratischen Führer wehren sich gegen einen Zustand unfruchtbarer Opposition. So nennen sie es. Muß gesagt werden, daß der Begriff deutschen Ursprungs ist? Nur in Deutschland kann wohl Opposition unfruchtbar sein. Die Partei, so verkünden die Führer, darf sich nicht auf Agitation und Verneinung beschränken, sie muß wieder mitregieren. – Das ist nicht neu, und wir kennen es seit einigen Jahren als geläufige Phrase. Die Partei hat sehr oft Glück gehabt, und ganz besondres aber durch die Erkenntnis der Andern, daß man sie eigentlich gar nicht braucht. Sie wäre sonst mit verantwortlich geworden für Alles, was unter den letzten Kabinetten geschehen ist. Oder zweifelt man etwa nach allen Erfahrungen, daß sich nicht auch ein sozialdemokratischer Marx, Köhler oder Külz gefunden hätte? Die Sozialdemokratie hat unerhörtes Glück gehabt. Wenn es nach ihren Hilferdingen gegangen wäre, läge jetzt ein beträchtlicher Schuldanteil auf ihr. Die Isolierung hat sie davor bewahrt und ihre Zugkraft für die Massen wieder wachsen lassen. Wenn sie Pech hat, wird ein breites, gesättigtes Zentrum im Herbst von neuem finden, daß »die Arbeiterschaft wieder zur Mitverantwortung am Staat herangezogen werden müsse«, wie die schöne offizielle Formel bekanntlich lautet. Und wenn die Partei dann Ja sagt, denn der ganze Ehrgeiz der Führer geht doch darauf, sich wieder heranziehen zu lassen – was dann? Soll die größte Partei ihr Wahrzeichen setzen auf den von der klügsten Partei geschaffenen Zustand, einen Zustand, den sie nicht mehr ändern kann? Eine ärgere Zumutung an ihr Selbstbewußtsein wäre nicht vorstellbar. Mit den Andern regieren zu dürfen, bedeutet noch gar keine Macht. Die beginnt erst da, wo eigner Wille sich gestaltend durchsetzt. Die Zukunft der Sozialdemokratie liegt nicht in den Koalitionen, sondern in einer fruchtbaren Isolierung, die nur ein Ziel kennt: die Einigung der Arbeiterschaft in einer großen, fest geschlossenen Partei.   In Kiel ist davon nicht die Rede gewesen, und auch die Kommunisten taumeln ahnungslos und lärmend durch die deutsche Landschaft, und wenn sie Einheitsfront sagen, meinen sie Spaltung. Die triste Wirklichkeit von Heute ist die unerbittliche Rivalerie von zwei Arbeiterparteien. Jawohl: Arbeiterparteien! Ihre Kämpfe bedeuten die Ohnmacht der Republik, ihre Zänkereien die Omnipotenz der Unternehmerschaft, den Verfall der Sozialpolitik. Bei den Kommunisten ist ungeachtet aller Verbohrtheit und Dogmenseligkeit viel Wirbel und Jugend, bei den Sozialdemokraten noch immer der Kern der Arbeitermassen. Kindlich wäre es, wieder und wieder zu versuchen, die Partei von Außen her zu erschüttern. Die Arbeiter verzweifeln fast an ihr, aber sie bleiben. Die Partei hat sie um einen pfiffigen Fraktionskalkul hundert Mal verkauft. Sie hat Noske, hat die Bürgerkriegsgenerale auf sie losgelassen. Breit und gewichtig wie ein pompöser vollgestopfter Wollsack liegt die Partei mitten im politischen Leben herum. Und doch halten die Massen zu ihr und glauben an sie. Dieses Geschehen muß einen Sinn haben. Mag der Spiritus verflogen sein, die selbstlose Hingebung der Massen hat den Parteikörper intakt gehalten. Die Zukunft wird lehren: wofür. Denn der heutige Zustand, daß die Partei das Unterfutter für den republikrettenden Mischmasch Reichsbanner liefert, kann nicht Entscheidung und Ausgang sein. Noch sind solche Gedankengänge neu, und eine Propaganda dafür würde bei dem ungeheuren gegenseitigen Mißtrauen eher schädlich als nützlich sein. Aber in beiden Lagern sollte man doch erwägen, ob eine Fortführung des Bruderkriegs in den bisherigen Formen bei der immer wachsenden Wirtschaftsnot und der immer offensiver werdenden Reaktion noch lange möglich ist. Sozialdemokrat und Kommunist führen beide das rote Fahnentuch. Wenn du mit ihnen sprichst, hörst du die gleichen Klagen über Proletarierelend, über die schwache Partei und ihre Führung. Aber du mußt in ihre Zeitungen sehen, um zu wissen, welche Partei gemeint ist.   Ein Spottvogel pfeift, daß bei der Kieler Eröffnungszeremonie das Niederländische Dankgebet mit einem neuen Text von Kurt Eisner gesungen werden sollte. Da aber niemand die neuen Worte kannte, so standen sie Alle da, alterprobte Sturmgesellen, und sangen, wie die Stahlhelmer: Wir treten zum Beten ... Es muß über die Maßen erhebend gewesen sein. Diesen altniederländischen Charakter werden sich die Genossen in Zukunft abgewöhnen müssen. Die Weltbühne. 31. Mai 1927 711 Weber-Film Dieser Film ist ein Anfang, ein Silberstreifen am Horizont nach langer Nacht. So muß man ihn bewerten, anstatt Einzelheiten zu bekritteln. Erfreulich, daß ein bedeutendes, aber oft an Niedlichkeiten vergeudetes Talent wie Zelnik hier einen Weg beschritten hat, der nicht unbedingt in die Publikumsgunst zu führen braucht. Was fehlt, ist die pittoreske Natürlichkeit der Volkstypen, wie sie Russen und Amerikaner einzusetzen haben, auch die Ausstattung riecht zu sehr nach frischem Firnis. Die Aufruhrszenen sind effektvoll herausgearbeitet, aber man darf nicht an den »Potemkin« denken und nicht an die fegende Vehemenz von Ingrams »Scaramouche«. Aber in Deutschland ist das Genre ja überhaupt nicht beheimatet und warum soll die Filmregie da reussieren, wo die politische Regie stecken blieb? Fr. Carlsen und Willi Haas, den Verfassern des Manuskriptes, ist hoch anzurechnen, daß sie nichts melodramatisch verbrämten, sondern das Elend in krasser Nacktheit wirken ließen; ebenso seien die vorbildlich knappen Zwischentitel hervorgehoben. Unter den Darstellern fällt besonders Dieterle als Moritz Jäger auf, und, holdes Wunder, Paul Wegener zeigt sich hier zum ersten Mal seit langem nicht als sein eignes Denkmal, sondern gelockert und vermenschlicht. Für die Aufführung im Capitol hat Schmidt-Gentner eine Musik geschaffen, die da packt, wo das Bild leer läßt, und das Weberlied mit seinem schnellen, stoßenden Rhythmus verdiente schon ein Publikum, das sich faszinieren läßt und mit geballten Fäusten den Text mitstampft. Hier waren bei der zehnten Aufführung lauter gesittete Leute, die ihre gute Kinderstube auch gegenüber der sozialen Revolution bewahrten und nur ein Mal, wenn Moritz Jäger der Weberfrau verwehrt, die silbernen Löffel zu stehlen, begeistert applaudierten. So siegte zwischen Aufruhr und Unannehmlichkeiten für einen etwas zu schroffen Arbeitgeber der unerschütterliche Glaube ans deutsche Volkstum. Die Weltbühne, 31. Mai 1927 712 Zwischen London und Moskau Wir sind neutral. Nicht in Erinnerung an jenes Belgien, das unsre Truppen überschwemmten, weil laut amtlicher Erklärung der von allen Seiten Bedrohte sich durchschlagen muß, wie er irgend kann. Niemand denkt an das Beispiel Belgien. Wir sind neutral, nicht, weil wir so wollen, sondern weil wir vielfach gekettet sind. Weil uns der eine Pakt nach Osten, der andre nach Westen bindet. Weil wir in einem so engmaschigen Netz von Verträgen verhaspelt sind, daß auch der gewiegteste Staatsjurist kaum mehr zu ergründen vermöchte, welches von den zahlreichen Engagements das hauptsächlich verpflichtende ist. Das ist ein absonderlicher Zustand, den wir, weil das gemünzte Wort fehlt, Neutralität nennen. Die große Presse ist entzückt und sonnt sich in der neuen Rolle. Wir haben seit zehn Jahren alle politischen Moden hingebend mitgemacht. Eine stand noch aus und wird erst jetzt reichlich ausgekostet: wir sind Neutralien. Symbol dieser Haltung ist kaum der Genius des Friedens, der in Deutschland noch immer als lästiger Ausländer behandelt wird, als vielmehr der finanzkundige Gott mit der geflügelten Ferse. Herr M. Philips Price, ein englischer Publizist, der Deutschland und Rußland gleich gut kennt, schreibt im ›Labour Leader‹: »Die Entwicklung des russischen Marktes ist von größter Bedeutung für Deutschland geworden. Während die City an die deutsche Regierung, an deutsche Kommunen, wie Hamburg, und an das deutsche Kalisyndikat Geld ausleiht zu sieben und acht Prozent, gewähren die deutsche Regierung und die Industriesyndikate dem russischen Staat Exportkredite zu zehn und zwölf Prozent ... 1926 wurden zwei bedeutende Kredittransaktionen zwischen Moskau und Berlin abgeschlossen. Zuerst kam eine kleinere Anleihe von sechzig Millionen Mark mit einer Frist von sechs Monaten zustande. Dieser Betrag wurde von der Sowjetregierung pünktlich mit Zinsen zurückgezahlt. Dann folgte eine große Anleihe in Höhe von hundert Millionen Mark, rückzahlbar in ein bis zwei Jahren. Seither wurde noch ein weitrer Kredit von sechzig Millionen Mark gewährt. Der Erfolg dieser Politik einer Kreditgewährung an Rußland ist der, daß verschiedene große deutsche Maschinenfabriken für Monate voraus mit Aufträgen für Maschinen für Rußland versehen sind. Natürlich herrschen in Deutschland noch immer wirtschaftliche Depressionen und große Arbeitslosigkeit, die Löhne sind geringer als in England und die Preise für viele notwendige Agrarprodukte infolge der durch die Junker stark beeinflußten Gesetzgebung des letzten Jahres höher als die Weltmarktpreise. Aber die gegenwärtigen kapitalistischen Herren Deutschlands haben die Notwendigkeit eingesehen, den Handel mit Rußland mit Hilfe von Staatskrediten zu forcieren und sie haben das bis heute mit keinem schlechten Erfolg getan. Indirekt haben sie das Geld dazu verwandt, das sie sich in England zu diesem Zweck zu einem billigern Zinssatz gepumpt haben.« Das nennt man Neutralität. Die Motive: Profit und Verlegenheit, sind etwas verschmiert und riechen nicht schön. Aber in Anbetracht schlimmerer Möglichkeiten muß zugegeben werden, daß diese Haltung der Vernunft noch am nächsten kommt. Und es fragt sich auch, ob die politische Vernunft, bei uns und anderswo, vornehmere Eltern hat und jemals haben wird.   Aber wird selbst diese Linie gewahrt werden können? Nach Westen zieht doch die Mitgliedschaft beim Völkerbund und die Mehrzahl der vertraglichen Verpflichtungen; nach Osten das Geschäft. An Rußlands Seite zieht der Haß gegen Polen und der Kurs der leitenden Militärs, wenngleich die Anhänger der deutsch-russischen Giftgasfreundschaft durch das Ausscheiden des Generals von Seeckt ihren führenden Kopf verloren haben. Auch sonst kommt noch einiges hinzu, was den Russophilen unter der Generalität das Konzept verdirbt. Die Herren waren auf ganz andre politische Konstellation als die jetzige eingerichtet. Im Mittelpunkt ihrer Berechnungen stand ein Polen, das von dem andern Erbfeind Frankreich unterstützt wird, während sie sich England als wohlwollenden und an Deutschlands Sache nicht ganz uninteressierten Zuschauer dachten. Diese Rechnung stimmt nicht mehr. Nicht mehr Frankreich hat das Patronat über Polen, sondern England. Nicht Frankreich, nach einer bei uns geglaubten Legende der traditionelle Unruhestifter Europas, sondern England hat unvermittelt einen die ganze Welt beunruhigenden Konflikt vom Zaun gebrochen. Bei der Auseinandersetzung zwischen London und Moskau, hält sich die französische Politik bis jetzt, und hoffentlich auch in Zukunft, vorsichtig zurück. Vater aller Verlegenheiten ist der geneigte Inspirator unsrer Außenpolitik, ist England. Das erklärt die unerwartete Schweigsamkeit unsrer Militaristen, aber auch die plötzliche Mattigkeit der Offiziellen in der Wilhelm-Straße. Zugleich zeigt sich, daß die vielgepriesene Wiederflottmachung unsrer Außenpolitik unter Stresemann nur ein Phantom ist. Wir sind weitergekommen, gewiß, aber nur auf vorgeschriebener Strecke und mit geborgter Kraft. Das Sausetempo unsres Fortschritts in diesen Jahren verdanken wir englischen Motoren und einer von England sorgfältig festgelegten Route. Stresemann durfte nur chauffieren. Die Fahrt ist einstweilen zu Ende. Der Wagenlenker ist verwirrt abgestiegen und gibt sich redliche Mühe, die neuen Signale nicht zu hören. Die englische Orientierung, von Fridericus bis Stresemann, von Pitt bis d'Abernon, die deutsche Außenpolitik immer beeinflussend, oft beherrschend, hat einen bitterbösen Chok erlitten. Diesen Tatbestand herauszuschälen, wäre grade jetzt eine Aufgabe unsrer Presse. Doch grade darüber liest man sehr wenig. Die Blätter registrieren sorgfältig, was die englischen und russischen Machthaber zu sagen haben, aber wir erfahren nicht, wie Deutschland steht. Und vielleicht ist der Augenblick nicht mehr fern, wo das Foreign Office die Rechnung für die erwiesenen Freundlichkeiten präsentieren wird.   Die englische Orientierung hat bisher keine einzige Probe bestanden, doch sie scheint unverwüstlich. Auch dieser neue Stoß ist schon überwunden. Alle Enttäuschungen sind dazu da, um vergessen zu werden. Bethmann, händeringend und schluchzend vor Bunsen – vergessen. Rosenberg, am leeren Schreibtisch auf Englands machtvolles Schiedswort harrend – vergessen, vergessen. Hat es auch dies Mal wieder blaue Flecken gegeben, so ist doch der Mann mit der heilenden Salbe schon da: – Lloyd George. Die deutsche Fähigkeit zur Illusion hat wieder ein Narkotikum gefunden, sich in neuen Rausch zu steigern. Der Glaube an die Zukunft des alten Lloyd George muß über die gefährliche dünne Luft der Gegenwart hinweghelfen. Der Glaube an die überwältigende staatsmännische Genialität von Lloyd George hat für unsre Linkspresse überhaupt den Wert eines außenpolitischen Axioms. Zugegeben, daß der noch immer sehr wetterfeste alte Herr in seiner erbarmungslosen Kritik der Baldwin-Regierung den gesunden Menschenverstand für sich hat. Zugegeben selbst, daß er nach den nächsten Wahlen etwa in einem Koalitionskabinett MacDonald thronen wird – was besagt das für die Gegenwart? Und welche Garantien bedeutet grade der viel wollende Außenpolitiker Lloyd George, daß er das als vernunftvoll Erkannte auch im Besitz der Macht weiter verfolgt? Dieser eminente Innenpolitiker und Sozialreformer hat, vom Flackerlicht des Ehrgeizes hin und her getrieben, in den Bereichen der Weltpolitik stets eine bis zur Kriminalität frivole Hand bewiesen. In England hat man die Erinnerung an seine Escapaden besser bewahrt als bei uns. Hier, wo noch immer an den Ketten von Versailles gezerrt wird, weiß man nicht mehr, daß Lloyd George der Schöpfer der Europakarte von Versailles ist, daß er es war, der in Genua Deutschland mit der Verantwortung für das Scheitern der Konferenz belud und damit Poincaré zum Fraß vorwarf. In England aber hat man die Erinnerung an noch mehr bewahrt, zum Beispiel: an den griechisch-türkischen Krieg von 1922, mit dem Brand von Smyrna und der vernichtenden Niederlage des armen griechischen Mietsoldaten. Doch in Deutschland denkt man nicht kritisch zurück. Alle politische Sehnsucht hier rankt sich gern um einen fernen Helden, der schaffen soll, was man selbst nicht schaffen kann.   Einstweilen scheint die Unternehmungslust der englischen Regierung gestillt zu sein. Dennoch treten wir jetzt in eine Zeit der Gefahren, wo sehr schnell irgend ein dummer Zwischenfall zu militärischen Aktionen führen kann. Die Diehards und Blockheads der englischen Regierung hoffen, Rußland durch eine Wirtschaftsblockade dem innern Verfall entgegenzutreiben und das gegenwärtige Regime an Auszehrung eingehen zu lassen. Aber grade ein schonungslos eingekapseltes Rußland könnte in letzter Stunde einen Ausfallspunkt suchen, und damit wäre die Katastrophe da. Noch befindet sich die Entwicklung im Anfang, und für dieses Stadium mag unsre Neutralität, diese Mischung aus Geschäft und Angst, genügen. Doch für die Dauer ist das zu wenig. Mit einer katzbuckelnden Neutralität ist da nicht gedient. Sie muß bewußt werden. Sie muß eine Waffe werden. Die deutsche Neutralität muß fruchtbar werden für Europa. Hier muß sich alles kristallisieren, was auf unserm Erdteil noch an Friedenswillen und Vernunft lebt. Es soll hier kein deutscher Schiedsversuch für den englisch-russischen Streitfall vorgeschlagen werden. Deutschlands Aufgabe kann nur Abwehr sein und Sammlung aller friedengewillten Kräfte. Für einen Makler sind die beiden Streitenden zu groß und zu eigenwillig. Beide müssen von selbst wieder an den Verhandlungstisch finden. Je isolierter sie bleiben, je ruhiger die Welt ihre Kampfrufe aufnimmt, desto kürzer wird die leidige Frist sein.   Rotfront demonstriert in Berlin für Rußland. Wie im vorigen Jahr ein schöner, stattlicher Aufmarsch. Lauter famose, adrette Gestalten; Die sehen ganz anders aus als die revanchedurstenden Heringsbändiger der nationalen Verbände. Sie haben Schliff und tragen sich wie Soldaten. Alles klappt wie am Schnürchen. Nur wird man das bedenkliche Gefühl nicht los, daß man dies Alles ja schon beim preußischen Kommiß gesehen hat. Dieser Stechschritt! Wirklich, das bißchen Verstand, das die Potsdamer noch zuzusetzen hatten, scheint den Jungens hier definitiv in die Kniekehlen gefahren zu sein. Das sagt nichts gegen den Einzelnen, der aufopferungsvoll und gutgläubig hergekommen ist und der sich gewiß als Kombattant einer Revolutionsarmee fühlt. Ihr armen Leute, weiß Gott, für wen ihr noch einmal marschieren werdet. Das populärste Plakat des Aufzugs proklamiert: Krieg dem imperialistischen Kriege! Das heißt also, daß die obern Kommandostellen mit sich reden lassen, wenn man ihnen nachweist, daß der nächste Krieg kein imperialistischer ist. Da dieser Nachweis schon ein Mal, 1914, bei den Sozialdemokraten aufs beste geglückt ist, so steht nicht an, zu bezweifeln, daß der Dreh auch ein zweites Mal bei ihren radikalern Söhnen gelingen wird. In visionärer Erkenntnis kommender Dinge sehen wir schon das beliebte Lehrbuch der Geschichte von Neubauer vor uns, Ausgabe von 1956, und lesen darin die folgende markante Stelle: « ... sehr verdient gemacht um die Erhaltung der deutschen Volkskraft in einer Periode trauriger pazifistischer Erschlaffung hat sich auch der Rote Frontkämpferbund unter Führung des Kommunisten Thälmann. Nicht zum wenigsten dieser militärischen Durchdringung der Arbeiterschaft verdanken wir unsre herrlichen Siege in Frankreich und Polen. Wenn auch die Ziele dieses Bundes ursprünglich rein parteipolitische waren, so hat er sich doch in der Stunde der Gefahr dem Vaterland nicht versagt, und wir nennen den einstigen Revolutionär Thälmann, der noch heute rüstig unter uns weilt, ehrenvoll zusammen mit dem geliebten Namen des Turnvaters Jahn.« Die Weltbühne, 7. Juni 1927 713 Bella und der Teufel Jean Giraudoux arbeitet da, wo der Klatsch zweier Kontinente zusammenläuft: in der Presseabteilung am Quai d'Orsay. Es ist für einen Dichter schwer, es in solcher Stellung zu bleiben, namentlich, wenn sein erwähltes Sujet ihn nötigt, zwei Vorgesetzte zu behandeln: die Herren Poincaré und Berthelot, die als Rebendart und Dubardeau ihre Rivalitäten ausfechten. Erwarten Sie keinen Schlüsselroman. Dieser Autor verzichtet auf den naheliegenden Reißertitel und gibt seinem Buch den musikalischen Namen »Bella« (in deutscher Sprache soeben im Insel-Verlag erschienen). Es ist eine hauchzart aquarellierte Liebesgeschichte, und über die politischen Prominenzen, die die Liebe stören, ergeht ein Strafgericht voll lukianischer Heiterkeit. Giraudoux ist ein Meister der feinsten epigrammatischen Spitze, was ihn nicht hindert, gelegentlich statt des Floretts den Stock zu führen. So schildert er den Denkmalenthüller Poincaré: »Es gab weder ein Podium noch eine Stufe. Er begann vom Boden aus zu sprechen. Er schien diesmal leibhaftig aus dem Grab gesprungen. Er spreche, sagte er, im Namen dieser jungen Menschen ... Und er log.« Oder er schildert den Besuch des jungen Dubardeau im Hause Rebendart: »Ich setze mich so, wie es kein Rebendart getan hätte. Ich hatte die Lehne vor meinem Bauch. Ich war nicht gegen Deutschland, gegen den Rhein gerichtet ... Rebendart in solcher Stellung, das hätte bedeutet, daß es keinen Erbfeind mehr gäbe –.« Dies Buch voll gallischer Laune um eine melancholische Liaison, ist in einem edlen, strengen Stil gehalten. In vielen Partien mehr Essay als Roman, mehr ciceronische Abhandlung als Geschichte aus dem Paris von 1920. Die kühle, antike Form entrückt. Wenn von Auto oder Radio gesprochen wird, denkt man eher an Dinge, die in Pompeji ausgegraben sind, als an Gegenwärtiges. Aber der Geist ist der jenes unbesiegbaren Lateinertums, das, oft von christlichen Gegenströmungen zurückgedrängt, immer wieder lehrend oder spottend Europa erobert hat und vielleicht der wahre Geist Europas ist.   Im deutschen Roman dagegen herrscht Mittelalter. Auch Alfred Neumanns flinkes Virtuosentalent schreibt eine Geschichte von Politikern, aber sucht nicht Männer von Heute, sondern Ludwig XI. und Karl den Kühnen. So wie die deutsche Politik nach verunglücktem modernen Klimmzug in die Vergangenheit flüchtet, so steigt auch ein Schriftsteller mit Tastsinn für politische Problemstellung in eine gestorbene Zeit. Der preisgekrönte Roman »Der Teufel« (erschienen in der Deutschen Verlagsanstalt) zeigt einen Frühfertigen, der in der Maskerade der Stile und Formen geschickt sein eignes Gesicht zu verbergen weiß. Neumann kann sehr viel. Er kann sogar einen historischen Roman mit Hofrancünen und Tyrannenlaunen schreiben, ohne für einen Augenblick in die unfreiwillige Komik des abgelebten Genres zu gleiten. Aber immer bleibt das unbehagliche Gefühl: Jetzt kommt der Absturz, jetzt wird sofort irgend eine Klischeefigur, irgend eine herkömmliche Phrase ein paar hundert Seiten glatter Prosa kläglich kompromittieren. Doch immer wahrt die Disziplin des Autors die gefährliche Linie. Ja, es geht über einen Bodensee von Lächerlichkeit, es knirscht manchmal leicht, doch es kracht nicht. Sehr elegante Komposition, glänzende Verteilung der Spannungen und Erschütterungen, doch wir bleiben ganz ungerührt. Unter den burgundischen Wamsen klopft kein Herz. Wo sich ein Gefühl regt, wird es mit allen Schikanen einer bewährten Romanpsychologie ekrasiert. Denn diese Henker, Spione und Meuchelmörder sind alle nicht böse, sondern leiden nur ganz furchtbar am Leben. Charaktere, die nach Jodoform riechen, Seelen mit frischen Operationswunden. Diese Menschen morden mit klagenden Augen, lieben mit dem lastenden Bewußtsein, mit aller Sünde seit Adams Tagen behaftet zu sein. Wie in allen bessern gotisch empfindenden Familien beginnen sie die erotische Karriere mit etwas Blutschande, was überhaupt zum Kennzeichen neuern Romanmittelalters gehört. Gibt es nicht schon ein Schema: Altertum gleich Knabenliebe, Mittelalter gleich Blutschande, ab Renaissance ... Ehebruch? Der deutsche Roman von Heute ist eine melancholische Sache. Er weiß nichts von der Zeit. Hat er sich etwa durch die Nebel der Geschichte gearbeitet, bleibt er in einem Sanatorium von 1910 stecken. Alfred Neumann ist die lang entbehrte Synthese von Mittelalter und Sanatorium gelungen. Die Weltbühne, 7. Juni 1927 714 Feuer im Osten Jedes Mal, wenn in Genf getagt wird, ist etwas los in Europa. Von der jetzt eröffneten Sitzung des Völkerbundsrates hatte man sich in Deutschland viel versprochen, erhoffte man doch eine Minderung der Besatzungstruppen, obgleich die Stellung der Regierung bezüglich der Kontrolle über den Abbau der Ostfestungen zeitweilig ein wenig konfliktlustig aussah. Westarps Freunde machten scharf, um auf diesem Wege die ersehnte außenpolitische Niederlage zu erzielen – jene außenpolitische Niederlage, die sich noch immer als die stärkste Triebkraft deutschnationaler Erfolge in der Innenpolitik erwiesen hat. Allerdings war eine Schlappe ziemlich sicher: seit Doumergues Besuch in London hat die englisch-französische Politik gegenüber Deutschland wieder eine gewisse Einheitlichkeit gefunden, die sich zunächst in frostiger Zurückhaltung äußert. Daß sich die deutschen Militärs der Besichtigung der geschleiften Ostfestungen durch Beauftragte der Besatzungsmächte so zähe widersetzen, ist auch nicht geeignet, das Vertrauen zu erhöhen. Inzwischen sind die deutschen Fragen weit in den Hintergrund gerückt; ein größeres Schicksal als das der Steine von Küstrin wird jetzt ausgewürfelt. Die Ermordung des russischen Gesandten in Warschau hat die Temperatur in Osteuropa zur Unerträglichkeit gesteigert, und sollte selbst dieser Fall friedlich beigelegt werden, so bedeutet das noch gar keine Sicherheit selbst für die nächste Zukunft. Zwar hat der besonnene polnische Außenminister Zaleski sich bisher bemüht, Rußland diejenige Genugtuung zu geben, die es verlangen darf und im übrigen versucht, die begreifliche Überreiztheit Litwinows durch kluges Entgegenkommen zu entwaffnen. Die polnische Außenpolitik, die oft genug unter dem Druck eines zügellosen Chauvinismus stand, hat hier, das muß anerkannt werden, ihre erste Leistung für Europa vollbracht. Die Lästerer Polens unter uns sollten sich fragen, was wohl schon geschehen wäre, wenn statt des verantwortungsbewußten Zaleski jetzt ein Vertrauensmann der Haller und Korfanty die Behandlung des Konflikts in Händen hätte?   Wenn auch das Ärgste nicht sogleich eingetreten ist, schließlich ist doch nur ein Aufschub erreicht worden und mehr nicht. England und Rußland haben die Beziehungen abgebrochen, ein Zustand, der sonst unmittelbar in den Krieg führt, dies Mal statt dessen in eine Wartefrist von unbekannter Dauer. Wenn in dieser Frist das moskauer Regime nicht zusammenbricht, wird Englands Geduld erschöpft sein und die Toryregierung zu neuen Schlägen ausholen. Zwar hat Rußland in China als bewegende Kraft einstweilen ausgespielt. Aber die Generale Cantons, die gestern noch mit ihm verbündet waren, sind heute wieder in siegreichem Vormarsch, bedrängen den alten Tschangtsolin und streben Peking zu, um dort die neue Ära der nationalen Freiheit zu verkünden. England aber will die Befreiung Chinas auf jeden Fall verhindern; es ist ihm dabei recht gleichgültig, ob diese unter russischer oder nationalchinesischer Fahne vor sich geht. Aber kann es schon China nicht niederzwingen, Rußland ist ihm erreichbar; an Rußland kann sein Zorn ein Exempel statuieren und eine mächtige Warnung aufrichten für alle Völker, die es sich einfallen lassen könnten, an den Säulen des britischen Imperiums zu rütteln. Hier sind noch die wahnwitzigsten Komplikationen denkbar. Aber neben diesem großen, alles beherrschenden Konflikt gibt es noch einen andern, weniger beachteten: den an der Adria. Belgrad hat die Beziehungen zu Albanien, Italiens Satrapie, gelöst; ein Affront, der sich nicht gegen Valona, sondern gegen Rom richtet. Der Gegensatz zwischen England und Rußland ist verhängnisvoll, doch man weiß: hier stehen sich zwei Riesen in offener Feindschaft gegenüber – beide kennen ihre Stärken und Schwächen und hüten sich. Hier herrscht ein klares Verhältnis: die Häupter zweier Konspirationen stehen sich unmaskiert gegenüber und die erschreckten Satelliten drücken sich scheu zur Seite. Doch die an der Adria sind von irgendwem abhängig, irgendwem dienstbar. In wessen Interesse fechten sie, wer hält die Leine bald lockerer, bald fester? Und wen werden sie mitreißen, wenn sie, besinnungslos vor Zorn aufeinanderstürzen und nicht mehr zu halten sind? Es ist also sehr viel los in Europa, aber nicht deswegen sind die Herren vom Völkerbundsrat zusammengekommen, sondern weil der Termin schon lange festgesetzt war. Viel lieber würden sie die Tagung abblasen, denn bei solcher Gelegenheit könnten immerhin einige Naseweise vom Völkerbund verlangen, seiner Bestimmung gemäß, als Mittler aufzutreten. Denn der Artikel 11 von dessen Satzung erklärt ausdrücklich: daß jeder Krieg oder jede Kriegsgefahr, möge dadurch eines der Bundesmitglieder unmittelbar bedroht werden oder nicht, den ganzen Bund angeht und daß dieser alle Maßregeln zur wirksamen Erhaltung des Völkerfriedens treffen muß; in diesem Fall hat der Generalsekretär unverzüglich auf Antrag eines jeden der Bundesmitglieder den Rat zu berufen; ebenso hat jedes Bundesmitglied das Recht, die Aufmerksamkeit der Vollversammlung oder des Rates auf jeden Umstand zu lenken, der die internationalen Beziehungen beeinflußt. – Das ist gesatzt, und wer macht nun davon Gebrauch? Eine Frage, die vor ein paar Tagen von der ›Frankfurter Zeitung‹ also beantwortet wurde: »In diesem Zusammenhang auf den Völkerbund zu verweisen, wäre banal. Gewiß, er ist da, er hat sich auch gelegentlich bei Kriegsgefahren als recht nützlich gezeigt. Aber bisher ist er nicht stark genug gewesen, um in Krisen einzugreifen, an denen Großmächte beteiligt sind.« Entspricht diese Resignation wirklich der Meinung aller Völkerbundsfreunde?   Alarm in Moskau. Das Vaterland ist in Gefahr! Und zugleich, uraltes Abwehrmittel aller revolutionären Regierungen, wird der Terror proklamiert. Massenhinrichtungen. Anhänger des alten Regimes, seit Jahren vergessen hinter Gittern, werden herausgeholt und niedergemacht. Eine Barbarei und ein schwerer politischer Fehler. Wir vermerken das und erklären uns zu weitrer Aufregung darüber unfähig. Wir überlassen die Entrüstung jenen Ordnungsfreunden, die die Niedermetzelung der Rosa Luxemburg mit einem erleichterten ›Gott sei Dank!‹ aufgenommen haben. In dem einen Lande wird auf der Flucht, in dem andern von vorn erschossen; die Engländer beliebten dagegen, indische Aufrührer vor die Kanone zu binden. Andre Länder, andre Sitten. Aber was dachten sich die Moskauer bei der Verhängung des Terrors? Wären die Exekutierten wirklich, wie behauptet wird, Agenten der frühern diplomatischen Vertretung Englands gewesen, so wäre damit nur erwiesen, daß trotz Diktatur und Tschekaregime im Herzen des Landes und fast unter den Augen der Machthaber noch immer Umtriebe möglich sind. Sollte damit aber Eindruck gemacht werden auf die Massen, so muß doch gesagt werden, daß Hinrichtungen sich noch niemals als geeignet erwiesen haben, ein Volk im Augenblick der Gefahr hinter seine Führer zu bringen. Im allgemeinen wird ein Schreckensregiment als Anfang vom Ende gedeutet. Das Moskauer Massaker hat nicht Furcht und Schrecken verbreitet, sondern, im Gegenteil, lange erledigte Zweifel über die Dauerbarkeit der Sowjetregierung wieder rege gemacht. Seit ein paar Tagen fragt man wieder, ob die Stabilisierung der Sowjets nicht doch Illusion sei und Rußland nicht vor neuen mächtigen Umwälzungen stehe. So eine Frage wäre vor zwei Wochen noch undenkbar gewesen. Heute erscheint alles wieder möglich ... Revolutionärer Terror ist stets elementar gewachsen aus zwei Kräften: Begeisterung und Verzweiflung, die, obwohl Gegenpole, doch zum gleichen Ende trieben. Die Massenschlächter der französischen Revolution waren leidenschaftliche Patrioten; Uritzki, der 1918 von Sozialrevolutionären Ermordete, war Henker aus politischem Fanatismus, und Dsershinski, der Organisator des Schreckens, eine Torquemadafigur von dunkler Großartigkeit. Doch diese neuen Exekutionen kommen nicht aus einer blutstrotzenden Kraft, die sich ihre eignen Gesetze macht und mit der alten Zeit auch die alten Menschen zertritt, sondern aus einer verirrten diplomatischen Kalkulation. Sie wollen etwas demonstrieren und die Welt blickt auf und fragt erstaunt: was? Jeder sucht einen andern Sinn, jeder deutet anders und gemeinsam ist nur der Abscheu. Kann eine Demonstration schlimmer daneben geraten. Namentlich in England zuckt man ironisch die Achseln. Die zwanzig von der Tscheka Gewürgten werden Churchill nicht ein Frühstück verderben. Man vergesse doch nicht: die terroristischen Maßnahmen werden nicht von einem blind wütenden Revolutionskomitee ergriffen, sondern von einer gesetzmäßigen Regierung; die obzwar auf diktatorischer Grundlage, sich doch in allen Äußerlichkeiten mehr und mehr denen der demokratischen Staaten angepaßt hat. Namentlich die Diplomatie sieht so aus wie jede andre Diplomatie auch. Und vergessen wir nicht: die heutigen Regenten Rußlands werden auch von zahlreichen Kommunisten, und grade von den Paladinen der Heroenzeit, nicht mehr als »echt« empfunden, ja, von den erbittertsten Oppositionellen ohne weitres der Konterrevolution gleichgesetzt, und in der Anhängerschaft Sinowjews mag mancher sein, der im geheimen Stalin und Rykoff als Verbrechern an der Revolution den Tod durch das Schwert der Revolution zugedacht hat. In der Tat, verglichen mit dem Rat der Volksbeauftragten, wie er aus der Oktoberrevolution hervorging, nimmt sich die heutige Regierung wie das Direktorium nach dem Wohlfahrtsausschuß aus. Revolution, die sich selbst gebändigt hat, konsolidierte, staatgewordene Revolution, die, wie aller Staat, andre Götter sucht als die, die seine ersten Bahnbrecher gelenkt haben, das ist Rußlands Zustand heute. Die heutigen Herrscher sind Kompromißler, und Kompromißlern glaubt man keine Blutorgie. So bleibt nur eine ganz einfache Erklärung: sie haben die Nerven verloren, die starknervigsten Menschen der Welt. Jahrelang haben die Moskauer unerhört angespannt auf dem Posten gestanden, nicht weich in den Mitteln; aber sie haben sich auch selbst nicht geschont, sie haben geschuftet wie die niedrigsten Heloten und sich tausendfach ausgegeben. Und nun ist der Grad erreicht, wo der maschinegewordene Mensch nicht mehr mitkann: defekt. Tausend Hoffnungen sind zerflattert, tausend Pläne liegen zerfetzt. Moskau hat auf die Genossen in Europa gesetzt, und Die haben versagt – überall. Es hat auf China gesetzt, und China hat es abgeschüttelt. Überall haben die Bolschewiken für ihre Lehre gewühlt und gebohrt, und überall haben sie nur Aufruhr gegen sich selbst erzeugt. Sie haben den Kapitalismus einkesseln und abschnüren wollen, und heute sind sie selbst abgeschlossen und blockiert und verfallen der Psychose des Belagerten, der nach klammernder Depression in sinnlosen Ausfall stürmt. Sie haben an die bürgerliche Welt eine Konzession nach der andern gemacht. Ihre Wirtschaftspolitik biegt sich gemäß den Bedürfnissen der verhaßten westlichen Finanz. Aber ihre Anhänger sind überall geächtet, ihre Propagandisten Freiwild der Justiz; zwei ihrer Gesandten sind bisher ermordet worden, und rachsüchtige Emigranten harren wieder, wie in den Tagen der weißen Generale, ränkespinnend an den Grenzen. Das Bild hat sich seltsam gewendet. Aus der Weltverschwörung des Bolschewismus ist die Weltverschwörung gegen den Bolschewismus geworden.   In dieser Zeit jäh losbrechender Konflikte ist die innenpolitische Entwicklung Deutschlands sorgfältig zu beachten. Wachsende Reaktion bedeutet wachsende Neigung zu außenpolitischen Abenteuern und Ausschaltung kontrollierender Faktoren. Mag Stresemann mit Hilfe des Zentrums sich bemühen, die aggressiven Impulse der Deutschnationalen niederzuhalten, die Rechte ist es ihrem Ansehen bei der Wählerschaft schuldig, bei Gelegenheit ein kleines Feuerwerk abzubrennen. Bezeichnend für die steigende Energie der Deutschnationalen ist die Zurechtweisung des Herrn Josef Wirth durch den Reichskanzler Marx und die feierliche Bestätigung der Rüge durch die Leitung des Zentrumspartei. Wenn man die republikanische Presse liest, hätte allerdings Wirth gesiegt. Wenigstens moralisch. Zieht man indessen die Rechtsblätter zum Vergleich heran, sieht die Erledigung des Zwischenfalls für Herrn Wirth weit weniger glorreich aus. Während die Linke zum Teil in dem parteiamtlichen Wischer nur eine formale Rüge sehen will, spricht die Rechte ganz offen von einer dem abgedankten Großwesir überreichten Seidenschnur. Das braucht selbstverständlich nicht wahr zu sein, denn die Rechte hat ein großes Interesse daran, die Bindung des Zentrums nach dieser Seite hin so fest wie möglich erscheinen zu lassen. Aber stutzig macht es doch, wenn man in Rechtsblättern liest, was die Linksblätter zum größten Teil zu erwähnen vergaßen, daß in jener Vorstandssitzung, in der Josef Wirths Rüffelung beschlossen wurde, nachher noch ein Punkt auf der Tagesordnung stand, nämlich: Bericht über die Einigungsverhandlungen mit der Bayrischen Volkspartei. Die Kundigen wissen es lange, daß das Zentrum nichts eifriger betreibt als die Wiedergewinnung der abgefallenen Brüder im Süden, und wer Die kennt, weiß, daß sie auch nach einer Verschmelzung nicht auf ihr bayrisches Fahnentuch verzichten, sondern es sichtbarlich aus dem Fenster des Parteivorstandes wehen lassen werden. Das Zentrum ist einstweilen auf eine resolute klerikale Politik eingerichtet und denkt gar nicht daran, das, was es sicher haben kann, durch eine Abschweifung nach Links zu gefährden. Herr Wilhelm Marx ist gewiß kein großes Kirchenlicht, aber noch immer energisch genug, um als Einpeitscher dieses Kurses prompt zu funktionieren. Und alle kuschen. Wo sind sie, die republikanischen Legionen des Zentrums? Wo steckt Herr Joos, der Mann mit dem zart geröteten Sozialethos? Wo sind die so radikal redenden Arbeitersekretäre? Schweigen um München-Gladbach. Josef Wirth ist isoliert. Er spricht nicht für eine hinter ihm stehende Masse, sondern hält höchstpersönlich Monologe, flankiert von Sozis und Demoparteilern, die ihrerseits eine maßlose Angst haben, er könnte plötzlich in einem Anfall von Rappelköpfigkeit wieder seine Partei verlassen und etwa anderswo beitreten. Die Demokraten zittern bei dem Gedanken, die sechs Mandate, die sie bei der nächsten Wahl noch zu gewinnen hoffen, könnten durch einen neuen Anwärter bereichert werden. Und die Sozialdemokraten, die für ihre Führerschaft seit langem den numerus clausus eingeführt haben, sind für einen so temperamentvollen Zuzug schon gar nicht zu haben. Eher fühlen sie sich gewiß imstande, eine ganze kommunistische Sezession zu verdauen als einen Josef Wirth. Vorüber die Zeit, wo die Partei der natürliche Sammelplatz für alles Rebellentum war. Herr Wirth, mit dem Makel der Disziplinlosigkeit behaftet, würde unter den sozialdemokratischen Skorpionen ächzend mit tiefer Sehnsucht an die Rutenstreiche des Zentrums zurückdenken. Gewiß darf gegen einen Politiker nicht die Tatsache seiner Isolierung ausgespielt werden. Aber Josef Wirth ist ein Redender und kein Handelnder und als Redner ein Polterer und kein Kämpfer. Lob und Preis Jedem, der an den Gitterstäben der Partei rüttelt. Wenn Exkanzler Wirth auszubrechen versucht und das Signal an Alle gibt, ein Gleiches zu tun, muß er wissen: zu welchem Ende. Hier hapert es. Das Gefühlsrepublikanertum, unter dem er einst seine rhetorischen Triumphe erfocht, langt nicht mehr. Es ist für heute zu wenig, republikanische Sammlung zu fordern. Man muß klar und deutlich sagen: wozu. Wir Alle, die wir vor sechs, sieben Jahren angefangen haben, die Republikaner aus dem Schlaf zu trommeln, wissen heute, daß man mit den Parolen von damals nichts mehr ausrichtet. Straßendemonstrationen und schwarz-rot-goldne Fahnen, Freiligrath und Paulskirchengeist – alles gut für eine erste Epoche des Mahnens und Weckens. Schön klingende Worte; Melodrama und nicht politische Verpflichtung. Der Kampf um die Republik ist heute ganz und gar ein sozialer Kampf geworden, in dem aller Farbenstreit wesenlos wird. Republikanische Sammlung heißt heute mit Stresemann, mit Silverberg und Duisberg gehen, heißt morgen vielleicht schon Seite an Seite mit einem von monarchistischen Illusionen befreiten deutschnationalen Flügel marschieren. Und dafür bedanken wir uns bestens. Wirth hat in seinem rednerisch stärksten Augenblick gesagt: die Stunde der Gefahr werde ihn an der Seite der Arbeiterschaft sehen. Ein prachtvolles Wort, aber die Gefahr ist für die Arbeiterschaft eine andre als für Wirth. Für Wirth ist die Gefahr da, wenn Westarp eine dumme vaterländische Bravade rasselt, für die Arbeiterschaft ist die Gefahr, daß ihr ein aus Monarchisten und Republikanern paritätisch zusammengesetztes Konsortium das Brot verknappt und ihre Lebensmöglichkeiten vermindert. Für die Wirth-Republikaner geht es um das Symbol, für die Arbeiter um die bittre Tatsache. Für die Einen geht es um die Heilighaltung des einen Verfassungstages, für die Andern um Licht, Luft und Nahrung für die übrigen 364 Tage. Das ist eine schmerzliche Diskrepanz im deutschen Republikanertum. Der Kapitalismus hat so gründlich gesiegt, daß er es gar nicht mehr nötig hat, sich mit den verschlissenen Wappentieren von Monarchismus und Militarismus zu schmücken. Es ist kein Kampf um die Fahne mehr, sondern ein tägliches, bittres Ringen ums Brot. Wirths Gegner vertreten die schlechtere Sache. Aber vertreten sie mit der primitiven, ungebrochenen Logik des gesunden kapitalistischen Appetits, und deshalb sind sie die Stärkern. Vielleicht trennt Wirth nur eine kleine Spanne noch von der Erkenntnis, daß seine jetzige Opposition romantisch ist und die soziale Wirklichkeit nicht berührt. Vielleicht wird es ihm auch einmal gelingen, die Grenze zu überschreiten. Aber dann werden Die zuerst davonlaufen, die ihm heute zujubeln und den Ihren nennen. Die Weltbühne, 14. Juni 1927 715 Fürsorgezögling Hintze Der Neuköllner Jugendrichter ärgert sich über einen langen Schlacks mit drahtigem Kraushaar und abstehenden Ohren. Er nennt ihn arbeitsscheu und denkfaul und gibt sich auch sonst alle Mühe, aus dem wortkargen sechzehnjährigen Bengel so etwas wie ein menschliches Gefühl herauszulocken. Es mißlingt. Der Junge bleibt verstockt und setzt der feierlichen Prozedur ein bissiges Schweigen entgegen. Das ist der Fürsorgezögling Willi Hintze, der vor ein paar Monaten wohlhabende Häuser mit einem sehr üblen Trick gebrandschatzt hat. Er erschien bei gewissen Familien und erzählte, einer der Angehörigen sei bedenklich verunglückt und er, Hintze, sei beauftragt, Geld für Medikamente und ärztliche Behandlung zu holen. In der großen Bestürzung, die diese Kunde erregte, ist es ihm in fast dreißig Fällen gelungen, ziemlich beträchtliche Summen zu bekommen. Ein widerwärtiger Trick, der mit Recht den Zorn des Jugendrichters hervorrief, und auch hier soll für den Fürsorgezögling Willi Hintze nicht Charpie gezupft werden. Auf die wiederholte Frage, ob er denn niemals nachgedacht habe, in welch namenlose Angst er damit Familien versetzt habe, antwortete er ganz ruhig: »Ich habe mir das nicht weiter überlegt. Ich habe mir keine Gedanken gemacht. Für mich war das Geld die Hauptsache.« Angeklagte, die so sprechen, sind nicht beliebt. Denn was er sagte, war mehr als ein persönliches Bekenntnis: es war das unverhüllte Credo der kapitalistischen Gesellschaft überhaupt, seltsam anzuhören aus dem Munde eines halbflüggen Proletarierjungen, der hier zur Rechtfertigung kleiner schmutziger Gaunereien ganz intuitiv das sagt, was ergraute Wirtschaftsführer auf der Höhe der Erfolge als Quintessenz ihres Seins auch sagen können, aber leider nur sehr selten sagen und kaum öffentlich. Der selige Stinnes hat bekanntlich immer nur für seine Familie gescharwerkt. Aber dieser von allen Geistern der Selbsterhaltung verlassene Hintze weiß nicht, wie günstig etwas Familiensinn wirkt. Der Herr Vorsitzende, um aus diesem Kieselstein ein Fünkchen zu schlagen, erinnert ihn an seine Mutter. So, jetzt muß doch die Stimme brechen, die Träne rieseln. Doch der besagte Hintze klappt nicht zusammen, sondern erwidert ganz mucksch: »Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel, die hat hier in der Sache nichts zu tun.« Ist jemals ein Richter so schroff zur Sache gerufen worden? Ist jemals die ranzige Routine richterlicher Güte so prompt abgeführt worden? Dieser junge Bursche will nicht Untersuchung seiner Psyche und Gemütsart, keine Fahndung nach mildernden Umständen, kein Sentiment, sondern seine Strafe und damit Schluß. Und dem letzten Versuch, seine Bockigkeit zu durchdringen, setzt er eine Antwort entgegen, die Zehntausende von gutgemeinten Büchern zu Makulatur degradiert und einige tausend Meter gemüttriefende Filmleinwand jäh zerreißt. Das Gericht hat ihn wegen mangelnder Willensbestimmung freigesprochen, nachdem der Staatsanwalt sechs Monate Gefängnis beantragt hatte. Der Antrag des Staatsanwalts war hart, aber es galt hier nicht ein Verbrechen zu bestrafen, sondern eine Natur. Dafür kennt ein Staatsanwalt nichts, was milder stimmen könnte. Der Fürsorgezögling Hintze trägt den Katechismus der bürgerlichen Ordnung, den Andre sich mühsam und schmerzenvoll aneignen müssen, im Blut. Daß ers nicht verhehlte, macht ihn so odios. Aber er wird nicht untergehen. So etwas kann nicht untergehen. Man soll seine Seele nicht lammherzigen Jugendverbesserern zur Reparatur geben. Er gehört in ein Industriesyndikat. Die Weltbühne, 14. Juni 1927 716 Die Kriegspartei Das Standgericht in Warschau hat den Mörder des Gesandten Woykow, den jungen Boris Kowerda, zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Russen finden die Strafe nicht hoch genug, und einige ihrer deutschen Freunde fordern gleich den Kopf des Attentäters. Warum plötzlich so rigoros? Und mit welcher Legitimation will man künftig die Amnestierung der von der Reaktion eingekerkerten Kameraden fordern, wenn man selbst nach Bluturteilen schreit? Gegen das warschauer Standgericht wird wahrscheinlich mit Recht der Vorwurf erhoben werden können, daß es den Hintergründen des Attentats nicht genügend nachgegangen ist, sondern sich mit der Versicherung Kowerdas zufrieden gab, er habe aus eignem Entschluß und ohne Beeinflussung von irgendeiner Seite gehandelt und sei auch nicht Teilnehmer irgendeiner Konspiration. Doch wir wissen aus eigner Erfahrung, daß Gerichte in aufgeregten Zeiten und in Fragen nationalen Prestiges lieber auf das Gejohle der Straßen hören als auf die Gebote der Vernunft. Daß Kowerda trotz der antirussischen Stimmung im Lande überhaupt verurteilt werden konnte, zeugt von dem starken Willen der polnischen Regierung. So traurig die Folgen der Tat eines überreizten jungen Menschen auch sein mögen – europäische Kriegsgefahr, Erschießung von zwanzig Geiseln in Moskau –, so darf doch nicht vergessen werden, daß die Grausamkeiten der Bolschewiki-Revolution und die schreckliche Konsequenz der Tscheka in den Bürgerkriegsjahren durchaus geeignet waren, Exaltados zu züchten, die sich für das, was ihnen und ihren Freunden widerfahren, durch einen Demonstrationsakt von ohnmächtiger Verrücktheit rächen wollen. Auch Mussolinis Reich ist von Beleidigten und Rachedurstenden umstellt. Ein trauriger Erfolg der Diktaturen: in aller Welt lauern heute solche Kowerdas, von deren zufälliger Nervenverfassung die Entscheidung über Krieg und Frieden in Europa abhängen kann. Der jetzt nach Rußland zurückgekehrte Tschitscherin wird mit den Kollegen ein ernstes Wort zu reden haben. Er ist der Gegner einer Gewaltpolitik, die mehr hysterisch scheint als kraftvoll, und er ist auch ein Gegner jener überscharfen Tonart, wie sie in letzter Zeit von einigen seiner Freunde angewendet wurde. Denn es gibt unter den in Moskau Regierenden eine Gruppe, die nichts weniger als eine Entscheidung mit der Waffe zum Ziele hat und sich in diesem Wunsche unglücklicherweise mit einer gewissen Gruppe im englischen Kabinett begegnet. Tschitscherin hat in diesen krisenreichen Wochen Europa aufs intimste belauscht, und das beharrliche Schweigen des sonst so interviewfreudigen Mannes läßt seine Sorgen um die Zukunft und sein Entsetzen über das, was in Moskau geschehen, erraten.   Es gibt heute – abgesehen von Italien, das eine ganz exceptionelle Stellung einnimmt – kein Land in Europa, wo eine Partei regiert, die bewußt auf kriegerische Auseinandersetzung in nächster Zeit hinarbeitet. In England und Frankreich, in Deutschland und Rußland amtieren Außenminister, die Freunde friedlicher Lösungen sind und es bewiesen haben. Aber keiner kommt zur rechten Entfaltung, denn jeder muß die Macht mit entgegenstrebenden Köpfen teilen. Briand hat seinen Marin auf den Fersen, Chamberlain seinen Churchill, Stresemann seinen Hergt, Tschitscherin seinen Woroschilow. Nirgends stehen sich Pazifisten und Bellizisten sauber geschieden als Gegner gegenüber, wie eigentlich der Normalzustand sein müßte, sie sitzen vielmehr an einem Regierungstisch. Viele Leute verzeichnen das mit Genugtuung, aber man kann die Dinge auch anders sehen. Tatsächlich herrschen in den meisten europäischen Ländern heute ganz ungeklärte Mehrheitsverhältnisse; man hat sich einstweilen fast überall auf ein Juste milieu geeinigt – auch das Stalin-Regime in Rußland ist eines – die Konturen sind verwaschen, Müdigkeit an prinzipiellen Auseinandersetzungen überwiegt und aus einer notgedrungenen treuga Dei entwickelt sich eine Unklarheit, die den Vertretern des Nationalismus günstiger ist als den Freunden des Friedens. Diese aus Extremen zusammengesetzten Regierungen gleichen paritätisch verwalteten Janustempeln, nur daß es den Aufsehern der kriegerischen Seite des doppelgesichtigen Gottes dank einer größern Fingerfertigkeit stets gelingt, diesen im entscheidenden Augenblick rotieren zu lassen und grade dann, wenn die Welt die sonnig lächelnde Partie erwartet. Es gibt eine große internationale Kriegspartei, deren nationale Sektionen sich in der Form von Beschimpfungen, Hetzcampagnen und Konstruktion von Zwischenfällen gegenseitig unterstützen. Durch diese Art von internationaler Kooperation sind die Hoffnungen zertrampelt worden, die sich an das Zusammentreten der Abrüstungskonferenz geknüpft haben. Diese Verschwörung der alten Mächte hat das junge Vertrauen aus den Tagen von Locarno und Thoiry schnell verdorren lassen. Sie arbeiten sich gut in die Hände, sie, die sich hassen. Wenn nur die Andern so konsequent, so zielbewußt und rücksichtslos wären!   Das erklärt auch das traurige Versanden der eben beendeten genfer Ratstagung. Die Herren Delegierten kamen mit begrenzten Vollmachten; keiner wagte zu handeln oder bindende Versprechen zu geben; keiner in dieser Zeit ärgster Krisen den Apparat des Völkerbundes in Bewegung zu setzen, aus Furcht, sofort von seinem Kabinett desavouiert zu werden. Private Gespräche traten an die Stelle der vorgesehenen Tagesordnung, und als die Situation zu knifflich wurde, erinnerte sich Herr Briand der Beschwerden seiner vorgerückten Jahre und reiste ab. Dennoch weiß Herr Stresemanns Presse deutsche Erfolge zu berichten: in kurzer Zeit, wenn die Kontrolle der geschleiften Ostfestungen beendet ist, soll auch die ersehnte Verminderung der Okkupationstruppen eintreten ... Warten wir ab. Dagegen ist Deutschland jetzt in die Mandatskommission aufgenommen worden. Ein kleines Geschenk an die liebe Eitelkeit. Und wenn es England beliebt, wird sich deutsche Tüchtigkeit in absehbarer Zeit in irgend einem Malariadistrikt zwischen rebellierenden Schwarzen erproben können. Aber auch Herrn Chamberlain ist es nicht gelungen, die von England geplante europäische Allianz gegen Moskau fertig zu bringen, und in grauer Verlegenheit endete die Séance.   Noch kurz vor der Abreise hatte Stresemann mit Chamberlain eine zweistündige Unterhaltung, die streng geheim gehalten wurde und deshalb Anlaß zu zahlreichen Gerüchten gegeben hat. Chamberlain, dem die Offensivpläne der Diehards gegen Rußland wenig Vergnügen bereiten, soll gewisse Wünsche geäußert haben. Übrigens, so wird gemunkelt, soll auch Herr Tschitscherin am Vorabend der Ratstagung in einer ähnlich mysteriösen Unterhaltung mit unserm Außenminister Wünsche zum Ausdruck gebracht haben, die sich in ziemlich gleicher Richtung bewegten wie die Chamberlains – kurzum: die Stresemannblätter sehen den Himmel wieder voller Geigen. Ein neuer Berliner Kongreß schwebt im Hintergrund; wir werden wieder ehrlicher Makler sein und europäischer Schlichter, wie Bismarck auf der Höhe der Macht. Lassen wir ganz die Frage beiseite, ob solche Aufgabe nicht doch Stresemanns Kräfte überspannt: hier ist für die deutsche Sektion der internationalen Kriegspartei, repräsentiert durch die deutschnationalen Bundesbrüder Stresemanns, eine Grenze erreicht. Man ist doch schließlich nicht in die Regierung gegangen, um etwas für den europäischen Frieden zu tun. Man ist zwar unter schwersten Bedenken in den Völkerbund gestiegen und nur unter der festen Voraussetzung, daß das nicht eben viel zu bedeuten habe. Man spekulierte auf Erlaubnis zur Aufrüstung, auf mehr Kanonen und Schiffe; auf Kolonien. Und jetzt soll man sich etwa bemühen, den Streit zwischen England und Rußland mit seinem für die Rechte höchst erwünschten Halbdunkel zu beenden? Das hieße vorzeitig die Partie verderben.   Die Deutschnationalen sind aufs äußerste beunruhigt. Sie fühlen immer mehr, daß Europa kein chimärischer Begriff ist, daß eine übernationale Solidarität im Entstehen ist, deren Bindungen sich heute schon bemerkbar machen. Die Deutschnationalen werden entweder sich selbst aufgeben oder ausbrechen müssen, denn der heutige Zustand, zugleich als Regierungspartei und als außenpolitische Opposition, als »nationale Opposition«, fungieren zu müssen, erfordert eine Diplomatengabe, die ihrer jetzigen Führergarnitur nicht zur Verfügung steht. Das Wutgeheul, das den aus Genf zurückgekommenen Außenminister begrüßt, kennzeichnet die außerordentliche Verwirrung der Rechten. Was jetzt geschehen wird? Herr Stresemann wird, wie immer, die Linke anschirren, seine Außenpolitik zu retten, und wird, um die Rechte zu besänftigen, ihr neue innenpolitische Kompensationen gewähren müssen. Was wird dies Mal der Kaufpreis für die Erlaubnis zur Fortführung der Außenpolitik sein?   Zu dem noch immer nicht erledigten Verfahren Dietz-Goldmann veröffentlichten die ›Zeit-Notizen‹ am 14. Juni das folgende bemerkenswerte Dokument (ein Schreiben des Oberstaatsanwalts in Elberfeld auf eine Beschwerde des Doktor Goldmann gegen den Untersuchungsrichter Hofius): Der Oberstaatsanwalt 4 J 257/27.                        Elberfeld, den 2. Juni 1927. Auf die Anzeige vom 19.4.1927 gegen den Landgerichtsrat Hofius. Das Verfahren habe ich eingestellt. Nach Ihrer Darstellung soll der Beschuldigte auf Ihren Hinweis, Deutschland habe alle Geschütze abgeliefert, und die Erfüllung des Friedensvertrages sei durch die Reichskanzler Wirth und Marx bestätigt worden, geantwortet haben: ›Das ist ja Unsinn; das war nur, um den Gegnern Sand in die Augen zu streuen, 10–12mal betrügen wir täglich die Gegner‹. Ob der Beschuldigte eine Äußerung in dieser Form gemacht hat, kann dahingestellt bleiben. Wenn Sie aus einer derartigen Äußerung entnehmen, der Beschuldigte habe die genannten Reichskanzler der Lüge bezichtigt, so findet eine solche Auffassung in dem von Ihnen behaupteten Wortlaut keine Stütze. Daß der Beschuldigte nicht daran gedacht haben kann, die Reichskanzler Marx und Wirth zu beleidigen, ergibt sich daraus, daß er offenbar der Ansicht war, es sei im vaterländischen Interesse, ›den Gegnern Sand in die Augen zu streuen‹, und daß die Äußerung, soweit sie überhaupt auf die Reichskanzler Bezug haben kann, gerade eine Anerkennung ihrer Handlungsweise bedeuten würde. Auch der Zeuge v. Eberhardt hat nicht das Empfinden gehabt, als hätte der Beschuldigte den jetzigen und den früheren Reichskanzler herabsetzen wollen. Ein Vergehen gegen § 8 Ziff. 1 des Gesetzes zum Schutze der Republik kommt schon um deswillen nicht in Frage, weil es sich nicht um Äußerungen handelt, die öffentlich oder in einer Versammlung getan sind. gez. Hepke.« Den Gegnern »Sand in die Augen zu streuen« gilt als eine höchst anerkennenswerte Handlung, ja, als höchstes Ziel der Außenpolitik überhaupt. Wir leben jetzt mindestens seit 1924 im Zeichen der Verständigungspolitik, aber was man sich im Lande darunter vorstellt, zeigt ein Dokument wie dies. Der Nationalismus ist gegen früher maßvoller geworden, vielleicht auch besonnener, wenigstens exponiert er sich weniger. Aber der neue Kurs wird nicht geistig verarbeitet, sondern nur eben toleriert und nur unter der Voraussetzung, daß er nur zur Maskierung der eigentlichen Absichten dient. Herr Stresemann hat oft pazifistisch gehandelt, aber wenn er zu seinem Volke redete, es immer geleugnet, um seiner Partei ihre nationalistische Anhängerschaft zu erhalten. Es wird schwer, an die Dauer dieses amtlichen Pazifismus zu glauben. Man kann den Krieg heimlich vorbereiten, aber nicht den Frieden. Der Pazifismus kann nicht, wie Herr Stresemann möchte, durch eine Art von Krümpersystem durchgeschmuggelt werden. Die Weltbühne. 21. Juni 1927 717 Maß für Maß in Bremen Leopold Jeßners Staatstheater hat soeben Shakespeares Kuppler- und Bordellkomödie in einer achtenswerten Einstudierung herausgebracht. Die Kritik rühmt der Regie besonders nach, sie habe die heute beliebte Mode vermieden, klassische Stücke in der Gewandung dieser Saison zu geben, sondern sich streng an das dem Inhalt entsprechende elisabethanische Kostüm gehalten. Der Zufall will, daß zur selben Zeit auch in Bremen ein altmodisches Kupplerstück neueinstudiert herauskommt, leider nicht im Stadttheater, sondern vor einer Strafkammer, und als Darsteller erscheinen nicht Herren mit Mühlsteinkragen und Wollperücken und Damen in Reifröcken, sondern Bürger und Bürgerinnen unsrer hellen Gegenwart. Aber das Thema ist wie bei Shakespeare: Rigorismus toter Buchstaben gegen die Natur. Frau Kolomak ist zu acht Monaten Gefängnis verurteilt worden. Schon der Zuchthausantrag des Staatsanwalts gab bösen Vorgeschmack. Aber nicht der Ausgang ist bei diesem Kriminalfall entscheidend, sondern wie verhandelt wurde. Die Justiz muß automatisch jeder Anzeige, jedem Verdacht nachgehn. Sie mußte auch den Verdacht gegen Frau Kolomak auf seine Stichhaltigkeit prüfen. Das ist ihre Pflicht. Aber mag eine Pflicht noch so peinlich sein, niemandem ist verwehrt, sie menschlich und mit einem gewissen Aufwand von Geist zu tun. Die bremer Strafkammer aber beginnt ein umständliches Interrogatorium, dessen Unmöglichkeit überall außerhalb dieses Saales schallende Heiterkeit hervorgerufen hätte. Hier wird ein kleines Gelächter am Pressetisch schnell durch eine scharfe Rüge erstickt. Wahrscheinlich hätte Frau Kolomak drei Töchter ungehindert verkuppeln können, wenn sie nicht die Todsünde begangen hätte, eine Behörde zu ängstigen. Ihr Buch ›Vom Leben getötet‹ hat die Apparatur der Sittenpolizei der Öffentlichkeit preisgegeben. Keine Behörde vergißt eine Beängstigung. Schnell sind die Sbirren der Sitte mit ihren Recherchen da: Verdacht, die Tochter verkuppelt zu haben. Aus Klatsch und Nachbarinnenfeindschaft wächst die Anklage, als deren Kronzeugin eine Prostituierte figuriert. Jeder Privatmann, der auf sich hält, würde sich schämen, seine Sache so flankiert zu wissen. Nur Vater Staat, der ein überpersönliches Autoritätsprinzip zu wahren hat, kann es sich erlauben, mit solchen Hilfstruppen zu erscheinen. Hier soll nicht ein Plaidoyer für Frau Kolomak vorgetragen werden. Dieser Prozeß erschüttert nicht durch sein Material von Schuld oder Unschuld, sondern durch die Aufdeckung von sozialen Tatsachen, die stärker sind als menschliche Charaktere. Das ist eine herzlich alte Erkenntnis und alle Menschen sehen so, nur das Gericht sieht nicht. Das Gericht will einen Schulderweis bringen und übersieht darüber die Wirklichkeit. Es weiß nicht, wie die Menschen aus der Schicht der angeklagten Frau leben. Es weiß nichts von der eignen Moralität dieser Schicht. Dieses Gericht kennt nur ein vor zweitausend Jahren in einem bescheidenen Distrikt Vorderasiens entstandenes Sittengesetz, das auch durch den neuen Strafgesetzentwurf bestätigt wurde. Das Gericht unterstellt bremer Proletariermädel kategorischen Imperativen, die sich eher für Heroinen verstaubter Jambendramen eignen als für lebende Menschen. Das Gericht fällt Werturteile über das Liebesleben von Arbeitertöchtern, aber es weiß nichts von dem dumpfen proletarischen Stadtmilieu, nichts von der warmen Sehnsucht junger Dinger herauszukommen: immer am Rand der Prostitution, manchmal einen Schritt darüber. Das Gericht kennt nur ein imaginäres Sittengesetz und heischt ein Sühneopfer für dessen Verletzung. Ist es die Tochter nicht, die durch eine zu heftig geratene Salvarsanspritze von weitern Gelegenheiten zum Sündigen befreit worden ist, dann die Mutter, weil sie von einem Liebessold der Tochter vielleicht ein paar Mark eingestrichen hat. Eine Frau Landgerichtsrat würde in ähnlicher Situation vielleicht rufen: O Schmach! O schnöder Sündenlohn! Die Proletarierfrau steckt seufzend die paar Mark ein. Kuppelei ist ein typisches Verbrechen armer Leute. Kuppelei gehört zur Wohnungsnot. Es wird ziemlich unmöglich sein, der Inhaberin einer Zehnzimmer-Wohnung nachzuweisen, daß sie ihre Tochter verkauft. Weltfremdheit feiert Orgien. »Wußten Sie, daß Ihre Tochter Herrenverkehr hatte?« Hat, der so fragt, nicht einmal selbst zum Herrenverkehr eines Mädchens gehört? »Duldeten Sie, daß Ihre Tochter sich schminkt?« Und fast wäre ein Friseur zitiert worden, um das Gericht zu belehren, daß nach der Mode von heute fast alle Frauen sich schminken. Der Herr Staatsanwalt lenkt ein: »Es mag sein, daß die amerikanische Sitte oder Unsitte des Gesicht-Bemalens an sich nicht unsittlich ist ...« Wie das herauskommt: »Amerikanische Sitte oder Unsitte ...«, wie das herauskommt, giftig zensurierend, ein Millionenvolk gleichsam um ein paar Grade sittlich her abstoßend! Hier führt eine unsichtbare Hirnbrücke zur politischen Justiz. Auch im Schminktöpfchen und Lippenstift der Mädel steckt ein Stück Landesverrat. In dieser Verwerfung »amerikanischer Sitten« tanzen unter der Schwelle des Bewußtseins Wilsons vierzehn Punkte, rasseln die Ketten von Versailles, und aus ungelüftetem Gefühlsplunder stäuben schwarz-weiß-rote Zikaden. Doch es hieße das Thema viel zu eng abstecken, wollte man die Art dieser Richter einfach mit politischer Voreingenommenheit deuten. Sie sind ja nicht gegen die Republik, Demokratie oder Sozialismus. Sie sind gegen die Zeit. Sie sind ebenso gegen kurzes Haar und kurze Kleider wie gegen die Weimarer Verfassung. Sie sind gegen die neue Selbständigkeit der jungen Mädchen ebenso wie gegen den ›Potemkin‹ oder gegen George Grosz. Denn sie sind gegen die Zeit. Sie schützen einen Zustand, den es nicht mehr gibt. Sie schützen eine patriarchalische Moral, die der Krieg niedergelegt hat, und über deren Trümmer heute seidenbestrumpfte Beinchen lustig tanzen und gelegentlich stolpern und versinken. Die nächste Generation wird schon viel sicherer tanzen. Nicht der Kampf um das Konkordat, der Kampf gegen die Justiz ist unser Kulturkampf. Wir danken den Regisseuren der bremer Kupplerkomödie, daß sie uns das wieder einmal so überaus deutlich gemacht haben. Dieses Gericht über eine Mutter, die in ihrer armen Behausung in langen Nächten die mühsamen Schriftzeichen ihres toten Kindes nachgemacht hat, gehört zu den ärgsten Herausforderungen unsres Gegenwartsgefühls. In jenem schmalen Büchlein zuckt eine verlorene Seele noch einmal wie ein kleines Flämmchen auf und erlischt. Ein religiöses Jahrhundert hätte diese Frau Kolomak vielleicht als Hexe verbrannt. Aber um sie mit dem Kuppeleiparagraphen zu justifizieren, dazu war schon der moderne Rechtsstaat notwendig. Wir aber fühlen, wie die Zeit wieder wächst und die überlieferten Symbole klein werden. Die majestätische Themis von einst ist zur tristen alten Vettel geworden. Wir wollen sie nicht durch die amerikanische Sitte oder Unsitte des Gesicht-Bemalens zu restaurieren versuchen. Keine Reformen, die kaum das Antlitz betupfen. Sie gehört in die Schreckenskammer zu den Requisiten toter Jahrhunderte. Wir wollen ein Recht schaffen aus unsrer Zeit, aus unserm Kopf, aus unserm Blut. Die Weltbühne. 21. Juni 1927 718 Stresemann und Poincaré Es gibt auch in der Politik eine ewige Wiederkehr. Scheinbar Erledigtes ist plötzlich wieder da. Diese vergangene Woche stand im Zeichen der Diskussion über die deutsch-französischen Beziehungen. Gespenster vergessener Kämpfe standen wieder auf. In den Leitartikelspalten rumorten Poltergeister von 1923. Wäre in diesen Tagen ein Minister zurückgekommen, der irgendwo ein dummes Nein mannhaft herausgeschmettert hätte, am Potsdamer Platz hätten sich die Zehntausende, der Straßenordnung spottend, gestaut, und hoch vom Verkehrsturm hätte ein ordenbehängter Würdengreis den Gefühlen Ausdruck gegeben, so in diesem Augenblick Allteutschland bewegen. Es kam aber niemand an, nur Herr Stresemann reiste still ab, um in Oslo die Police der Nobelversicherung für dauernden Frieden in Empfang zu nehmen.   Anlaß dieser Zusammenrottung nationaler Affekte war Herr Poincaré, der wieder einmal ein Denkmal eingeweiht und dabei eine Rede gehalten hatte, die nach Darlegung der ganz-, halb- und nebenamtlich tätigen Verteidiger unsrer Außenpolitik in der Presse geeignet war, in Deutschland als große Herausforderung empfunden zu werden. »Stresemann wird antworten; Stresemann wird dem alten Poltron nichts schuldig bleiben«, so las mans. Pazifistische Neophyten, denen das europäische Taufwasser noch frisch von den nationalen Posaunenbäckchen rann, hatten den feierlichen Akt schon ganz vergessen und schrien wieder: Nun aber Schluß mit Locarno! – So gings an die drei Tage. Bis Maximilian Harden, ganz unerwartet aus der Reserve tretend, in einem Brief an die ›B.Z.‹ mit einem höflichen Kratzfuß daran erinnerte, daß es zu einer Polemik gegen eine Rede doch notwendig sei, deren Text zu kennen. Um für eine so profunde Erkenntnis Stimmung zu machen, mußte der berühmteste deutsche Publizist sein Ansehen öffentlich in die Wagschale werfen. Ein lehrreicher Vorgang zur Beurteilung unsrer öffentlichen Meinung. Alles Verständigungsgerede kann nicht hindern, daß eine einzige falsche Meldung oder ein Verschweigen oder eine allzu beflissene Textbearbeitung die mühsam zitierten Friedensgeister wieder verjagen können. Das reizt zur Karikatur, nötigt aber auch zur ernsten Frage: wie viele Blätter es eigentlich noch gibt, die sich nicht bei jeder Gelegenheit vom Auswärtigen Amt ins Schlepptau nehmen lassen. Gibt es noch eine unabhängige Presse oder nur noch Instruktion durch Pressekonferenzen? Hier schwanden auch innerhalb der republikanischen Zeitungen alle Nuancen; es gab keine Russophilen und Anglophoben mehr, es gab nur noch die eine wohlbekannte Einheitsfront, die nach den Erfahrungen seit 1914 das untrügliche Kennzeichen jeder großen Dummheit bildet. Alle republikanischen Redaktionen hatten plötzlich ihre Spezialliebhabereien vergessen, verfluchten den lothringischen Ruhestörer und waren sich einig, daß jetzt Briands Prestige in Frage gestellt sei, Poincaré die auswärtige Politik wieder in die Hand genommen habe und der Rückfall in die Ruhrpolitik vollkommen sei. Doch nirgends war zu lesen, was der vielbefehdete Denkmalsredner nun wirklich gesagt hatte. Zum Ersatz dafür aber erhielt man – natürlich gehört das dazu, um das Bild zu runden – die obligaten londoner Pressestimmen, aus denen sich entnehmen ließ, daß der französische Ministerpräsident ein unbelehrbarer Starrkopf sei, in seiner chauvinistischen Verblendung eine Gefahr für Europa: wieder habe er Deutschland sozusagen mitten im Frieden überfallen, und niemand empfinde das lebhafter als die englische Öffentlichkeit, die die Erregung Deutschlands durchaus begreife. Solches und ähnliches wurde prompt gekabelt. Als dann, dank Hardens wirkungsvoller Intervention, sich schließlich der Eine oder Andre für den Originaltext zu interessieren begann, ergab sich, daß sich Herr Poincaré keine chauvinistische Rodomontade geleistet hatte, sondern redlich bemüht gewesen war, den neuen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Der angebliche Haßgesang erwies sich als Verständigungsrede. Daß das Organ des alten Herrn nicht für Stresemannsche Tenorpartien geschaffen ist, weiß man. Nicht jedes Land ist so glücklich, über einen Außenminister zu verfügen, der zugleich ein Sänger und ein Diplomat ist. Was Poincaré sagte, war als Konzession an einen neuen Geist gedacht, aber es kam schartig und verknurrt heraus. Wir haben immer betont, daß Poincaré, obzwar von nationalistischer Grundrichtung, dennoch als trockener Realist und in Ermangelung jedes abenteuerlich romantischen Einschlags stets unbedingten Respekt vor Tatsachen empfindet – auch vor pazifistischen. Als er im vorigen Jahr wieder Premierminister wurde, hatte sich Briands Versöhnungspolitik in Frankreich durchgesetzt, und der angebliche Exponent des Kriegsgeistes hat nicht ein einziges Mal versucht, das Steuer herumzureißen; seine Aufgabe war die des Finanzsanierers und an die allein hat er sich gehalten. Vielleicht lag in dieser Beschränkung sogar eine gewisse Pose, ein wenig gespielte Selbstentsagung: Seht, ich bin nicht nur der nationale Trompeter, ich bin der Mann der stillen, unerbittlich sachlichen Arbeit! Das liegt jedoch auf einer persönlichen Linie und berührt uns deshalb hier nicht. Festzuhalten bleibt nur die große Entschlossenheit, mit der das gegenwärtige Frankreich, das Frankreich nach dem Ablauf der Blockherrschaft, das nicht mehr links ist und noch nicht rechts, an der Verständigung festhält. Locarno, auch für den politisch denkenden Deutschen etwas schwer Bestimmbares, Wunsch und Aussicht mehr als Abschluß alten Streites, bedeutet für Frankreich eine Tatsache. Die bewährt sich so stark, daß auch dieser Premierminister mit der kriegerischen Vergangenheit ihr seine Reverenz erweist. Er ist als alter Advokat ganz Wirklichkeitsmensch, er verbeugt sich nur vor dem, was ist. Einerlei, ob es ihm gefällt. Das sollte man in Deutschland nicht übersehen. Und deshalb war das Entrüstungsspiel in vergangener Woche, der künstlich arrangierte Alarm unter Verhüllung des Tatbestandes eine unerhörte Frivolität. Bemerkenswert und aufrüttelnd nur als Probe aufs Exempel. Es entzieht sich unsrer Kenntnis, was zur Zeit in der Bendler-Straße gesponnen wird. Aber die geistige Mobilisierung klappt noch immer.   »Stresemann wird antworten.« Selbstverständlich wird er. Wenn Einem irgendwo eine Rede aus dem Mund gelaufen ist, kann er nicht Abstinenz üben. Er braucht auch eine Herausforderung, um sich vor den rechten Bundesbrüdern zu rehabilitieren. Die sind ihm furchtbar bös, weil er aus Genf nichts mitgebracht hat als ein Kompromiß über die Ostfestungen. So mußte es als Abschlagszahlung wenigstens eine dröhnende Fanfare geben. Dazu war die außenpolitische Debatte vorgesehen. Und jetzt das wohlbekannte Bild: nach Geflüster über mögliche Krisen die nichtssagende Erklärung der Regierungsparteien, vorgetragen dies Mal vom Prälaten Kaas aus Trier. Dann die Oppositionsredner: Breitscheid etcetera. Sie sind glücklich, daß ihr Gegner für sie Politik macht und geben diesem Glück rückhaltlos Ausdruck. Breitscheid witzelt etwas ... Kleine kritische Knallerbsen; aber er schießt nicht ab, legt seine Munition gleichsam auf den Tisch des Hauses; die Abgeordneten stehen herum und freuen sich über die Dinger. Nichts geschieht. Stresemann, der innerhalb der Koalition viel Ärger hat, erlebt wenigstens an seiner Opposition Freude. Aus dem Rahmen fällt nur eine sehr würdige Rede des Abgeordneten Grafen Bernstorff. Eine völkerbundgläubige Rede, bei der nicht die Opportunität als Patin stand. Über gewisse Widersprüche kann auch Bernstorff nicht hinweghelfen, aber hier spricht ein klarer, sauberer Kopf, dem es nicht auf Schönrednerei ankommt, weder auf Silberstreifen noch auf zerbrochene Kanonen, sondern ein alter Berufsdiplomat, dem man nicht so leicht ein X für ein U vormacht. Sehr eindringlich klingt seine Warnung vor den Folgen der schwarzen Rüsterei. Und wieder empfindet man einen Wandel der Zeit. Wie lange ist es her, daß man über das heikle Thema kaum in vertrautesten Kreisen sprechen durfte? Heute berührt ein alter Liberaler wie Bernstorff die Frage wie etwas ganz Selbstverständliches, ohne daß Entrüstungsausbrüche einsetzten oder Herr Geßler sich etwa aufgeregt zum Wort meldete. Wir »Landesverräter« haben doch eine große Pionierarbeit geleistet. Das von uns zu Tage geförderte Material wird auch von den mildesten Demokraten nach Belieben verwendet. Hüten wir uns sorgfältig vor dem Hochmutsteufel. Nichts ist gefährlicher in Deutschland als gegen alle Ressourcen der nationalistischen Politik einer Wahrheit dennoch zum Durchbruch verholfen zu haben.   Bernstorff hat sehr schlicht und eindringlich gesprochen. Stresemann dagegen wappnet sich wieder mit den prunkhaftesten Stücken aus seinem rhetorischen Arsenal. Er muß wieder aus allen Fenstern zugleich sprechen. Er muß für die Rechte allerschärfste nationale Töne finden, darf aber andrerseits die linken Reserven nicht verstimmen. Komisch, dieses Mosaikbild. Er muß so grelle Farben nehmen, wie Hergt verlangt, aber zu grell, nein, das würde wieder Frankreich mißfallen; dämpft er aber zu stark, dann würden Die drüben sagen, daß die Mischung zu matt ist, und sie werden die Drohung belächeln. Man braucht nicht zu sagen, daß unser gewandter Stresemann es auch dies Mal allen recht gemacht hat. Die Einen lobten die Entschiedenheit, die Andern die kluge Nuancierung in den entscheidenden Partien. Alle zusammen das hohe staatsmännische Verantwortungsgefühl des beliebten Nobelpreisträgers. Was aber die Attacke gegen Poincaré angeht, auf die alle Welt mit Spannung wartete, so hat dieser glänzend ripostiert: Er hat nämlich auf eine Antwort verzichtet. Stresemann hat buchstäblich ins Leere geredet: der Feind war nicht da. Der Feind hat die außenpolitische Debatte bis zum Herbst vertagt. Deutlicher kann man seinen Friedenswillen nicht dokumentieren, deutlicher nicht sagen, daß es zu nichts führt, wenn die Staatsmänner Deutschlands und Frankreichs sich mit rhetorischen Zweikämpfen die Zeit vertreiben. Stresemann hat dank Poincarés Verzicht das letzte Wort gehabt; aber dieses Wort klang scharf und deshalb nicht gut. Mit neu bestätigter und getätigter Friedlichkeit begibt sich Herr Poincaré in die Sommersaison. Was für Anstrengungen es ihn gekostet haben mag, ihn, den Beredten, die Schleusen der Beredtsamkeit bei solcher Lockung geschlossen zu halten, mögen die Götter wissen. Aber der saure alte Herr war dies Mal nicht nur klug, sondern von wirklich witziger Überlegenheit. Die deutsche Presse aber findet kein Sterbenswörtchen von Anerkennung dafür. Sie ahnt nicht einmal den Humor der Sache oder will ihn nicht ahnen. Und vergebens sucht man in den Zeitungen eine Andeutung davon, wie man eigentlich jetzt in England über Poincaré denkt.   Die Camelots du roi haben ihren Führer Léon Daudet aus dem Kerker geholt, in dem er bei Champagner und Austern schmachtete. Die Befreiung geschah auf sehr heitre Art, und die Öffentlichkeit lohnt den Streich mit homerischem Gelächter, während die geprellten Hüter des Staatsapparats trauern. Am nettesten ist bei der ganzen Geschichte, daß die Camelots nicht nur ihre eignen Leute, sondern auch einen politischen Gegner, nämlich den Kommunisten Sémard, mitgenommen haben. Kann man sich das in Deutschland vorstellen? Würde Herr Ehrhardt etwa Max Hölz mitgenommen haben, wenn er in der Zelle nebenan gesessen hätte? Im günstigsten Fall würde er ihn unterwegs auf der Flucht erschossen haben. Glückliches Volk, wo selbst die düsterste Reaktion geistige Grazie hat und mehr Witz als anderswo die radikalen Männer, die alles umstürzen wollen. Die Weltbühne, 28. Juni 1927 719 Fritz Thyssen als Fundamentalist Herr A.B. Farquhar, ein amerikanischer Industrieller, der es von bescheidenen Anfängen zu hohem Wohlstand gebracht hat, greift als Achtziger zur Feder und erzählt zur Nutzanwendung der Jugend sein Leben. Seine Maximen und Reflexionen faßt er unter dem Titel zusammen: Die erste Million – die schwerste (deutsch bei Grethlein \& Co. in Leipzig). Da liest man Erkenntnisse der Art, daß Schwierigkeiten da sind, um überwunden zu werden, daß man sich selbst treu bleiben muß, daß Gott sich nicht spotten läßt, daß der wertvollste Besitz Freunde sind. – Mit so guten Grundsätzen ist der alte Farquhar zur ersten Million gekommen, der sich dann zur Belohnung viele andre angeschlossen haben. Großpapa Farquhars zinstragende Weisheit aber wird in deutscher Edition eingeleitet von Fritz Thyssen, unserm großen nationalen Märtyrer, der sich die schlichte Theorie des Amerikaners zu eigen gemacht hat und sie in seiner temperamentvollen Weise vorträgt: »Das unbeugsame, zähe Festhalten am Willen zur wirtschaftlichen Größe des Einzelnen, die verständnisvolle Mitwirkung aller an der Erfüllung dieses Willens, zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Werk, in der Erkenntnis, daß die Wohlfahrt aller durch die persönliche Wohlfahrt der möglichst vielen herbeigeführt und gesteigert wird.« So spricht Fritz Thyssen und vergißt nicht hinzuzufügen, daß das beste an Farquhars Grundsätzen deutschen Ursprungs sei, um dann allerdings mit einer Verdammung Wilsons und der erpreßten Friedensverträge zu schließen – kleiner Rückfall des profunden Ethikers in die kurze Epoche seines Nationalheldentums. Bei dem alten Farquhar ist das Verhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern ein Vertrag vor Gott, in den sich keine irdische Instanz, sei es Staat oder Arbeitersyndikat, zu mischen hat. Mit Sparsamkeit und Selbstbescheidung werden die Leute schon durchkommen. Merkwürdig, diese Männer von der Großindustrie, die wir, von unsrer Phantasie verleitet, gewöhnt sind, als die Übermenschen, die Wikinger oder Condottieri unsrer Zeit zu sehen. Wenn sie sich zeigen und zu uns sprechen, scheinen sie eher Heilige aus dem Laienbrevier, steife, archaische Gestalten auf Goldgrund; das zur Seite geneigte Haupt bedeutet Hingabe an ein Ewiges, und der Zeigefinger richtet sich gotisch spitz nach oben, wo das göttliche Gesetz wohnt, und von wo aller Segen quillt. Nur gelegentlich dringt in dies Sanctuarium ein schriller Ton von Weltlichkeit; wenn zum Beispiel Herr von Borsig, von Rotglut übergossen, wie ein kinderfressender Herodes poltert, daß es in Deutschland zu viel Menschen gibt, seufzt die Gemeinde der Heiligen und schweigt. Papa Farquhar ist religiös tolerant, aber in Dingen des Kapitalismus guter amerikanischer Fundamentalist, der an den übersinnlichen Ursprung der Geldmacht so fest glaubt wie die Bürger von Dayton an die naturwissenschaftliche Stichfestigkeit der Genesis. Indem Fritz Thyssen diese Weisheit aufnimmt, verwirft er jeden modernen Gedanken an eine Affenabstammung des Kapitalismus, wie sie von Marx, Sombart und andern Schmähern seiner Gottheit behauptet wird. Wenn er die Prinzipien des alten Farquhar besonders unterstreicht: daß der wertvollste Besitz im Leben Freunde sind, und daß der beste Weg, Freunde zu finden, ist, ein Freund zu sein; daß man auch nie nach etwas trachten soll, wofür man nicht bereit ist, den vollen Gegenwert zu geben, so weilen unsre Gedanken andachtsvoll bei seinem hochseligen Herrn Vater, der mit diesen schätzbaren Maximen allein den kolossalen Reichtum aufgebaut hat, auf dem heute Fritz Thyssen, der Erbe, thront, ein großer Industrieller und ein franziskanisches Gemüt. Die Weltbühne, 28. Juni 1927 720 Nationalfeiertag In der demokratischen Fraktion, wo schon so manche wertvollen Anregungen zum Schmuck der republikanischen Außenseite entstanden sind, keimte zuerst die Idee, den 11. August zum Nationalfeiertag zu erklären. Seit den armen Demokraten auch die bescheidenste Einflußnahme auf die Innenarchitektur verwehrt ist, bemühen sie sich desto eifriger um die farbenfreudige Ausgestaltung der Fassade. So gelang es vor Jahresfrist Herrn Erich Koch, den Flaggenstreit zur cause célèbre zu machen. Mit dem unerwarteten Effekt allerdings, daß nicht ein Kabinett Koch kam, sondern ein mittelmäßiges Kabinett Luther durch ein ganz schlechtes Kabinett Marx abgelöst wurde, womit jener Rechtsabmarsch der ohnehin ewig schaukelnden Mittelparteien begann, der dann zu Hergt und Keudell geführt und damit gewiß noch nicht sein Ende gefunden hat. Über den nunmehr vorliegenden Antrag der Demokraten, den Verfassungstag zum gesetzlichen Feiertag avancieren zu lassen, ließe sich disputieren, wenn die Herrschaften nicht in einer so bedenklichen Selbsttäuschung gefangen wären. Würden sie ihren Antrag nur als Demonstration betrachten, als Versuch, der gegenwärtig regierenden Koalition noch mehr Verlegenheiten zu bereiten, so könnte man ihren Eifer sogar noch anspornen. Denn es ist das gute Recht der Opposition, den Regierenden Knüppel zwischen die Beine zu werfen und sie durch Vexierfragen zur Selbstentlarvung zu zwingen. Aber solche Teufeleien liegen der Demopartei fern. Sie meint es bierehrlich. Wenn am 11. August Herr v. Keudell befrackt auf schwarz-rot-golden drapierter Regierungsestrade erscheint, wenn Herr Schiele eine strohtrockne liberale Professorenrede über die Ideologie des Volksstaates schluckt wie ein orthodoxer Jude eine den rituellen Vorschriften zuwiderlaufende Mahlzeit, dann wird man in den großen demokratischen Redaktionen schlau blinzeln und den geduldigen Lesern verkünden: »Seht, wie es vorwärts geht, langsam zwar, doch so groß ist die Macht der republikanischen Tatsachen, daß sie selbst die deutschnationalen Reichsminister zur Reverenz zwingt.« Nie wird man es den guten Menschen beibringen, daß mit ihrem Antrag nur ein einziges ernsthaftes Risiko verknüpft ist: er kann nämlich angenommen werden.   Für die demokratischen Blätter ist der Verfassungsfrack des Herrn v. Keudell eine dominierende Tatsache. Sie sehen nicht und wollen nicht sehen, daß in diesen Jahren sich nur das Decorum der Republik konsolidiert hat, daß bei dieser Entwicklung aber der Sinn der Republik hoffnungslos unter die Räder geraten ist. Gewiß war die Hindenburgwahl ein schwerer Chok und geeignet, selbst die Harmlosesten aufzutrommeln. Aber da der Marschall-Präsident sich widerspruchslos in die republikanische Form einordnete, waren schnell alle Sorgen begraben. Seinem Beispiel ist das offizielle Deutschland gefolgt, die hohe Bureaukratie und alles, was zum Rayon der Wilhelm-Straße zählt. Die früher alltäglichen Herausforderungen haben aufgehört. Der oberflächliche Beurteiler kann danach leicht zu verfehlten optimistischen Schlüssen gelangen. Fragen wir lieber, wie es außerhalb dieser engbegrenzten Bezirke aussieht. Hier lautet die Antwort weniger befriedigend. Ein Blick in die Zeitungen belehrt, daß es überall im Lande, wo sich die Weimarer Farben zeigen, Tumulte gibt. Man holt sie zwar nicht mehr von den Amtsgebäuden herunter wie früher, aber jede Einzelperson, die ein schwarz-rot-goldnes Bändchen trägt, ist selbst mitten im roten Berlin einem Scheltwort, einer Anrempelung ausgesetzt. Republikanische Kundgebungen imponieren immer durch die Masse der Teilnehmer, aber es gibt kaum eine, wo nicht nachher in den Vororten kleine Gruppen von Heimziehenden von Stahlhelmern oder Bismarckbündlern angefallen werden. Die schändliche Ermordung eines Reichsbannermanns in Arensdorf ist ein schrilles Signal dessen, was eigentlich los ist und ein härteres Faktum als die offizielle Republikanisierung innerhalb der Bannmeile. Die Fahrt eines berliner Reichsbannerwagens durch ein märkisches Kaff genügt, um die Bewohner in hörnertolle Wut zu versetzen. Wie Amokläufer stürzen sie auf den nachfolgenden Radfahrer und schlagen auf ihn ein. Ein unzurechnungsfähiger Narr kommt hinzu, sieht die Raufszene, hört die Hetzreden, holt aus dem väterlichen Hause das schlecht bewachte Gewehr und schießt blindlings zwischen die Menschen mit den Farben der Republik. Das war mehr als die Tat eines Verwirrten, der plötzlich Rot sieht und nicht mehr zu bändigen ist. Dieser Bursche mit dem sichern Attest des § 51 in der Tasche hat für alle gehandelt, die dabei waren. Er hat auf das geschossen, was sie alle gleichermaßen hassen. Es war ein Schuß gegen die Republik, und alle Erbitterung sturer Menschen hatte dies Gewehr geladen. Denn niemals wird ein Krieg zwischen Völkern mit so stupider Unerbittlichkeit geführt wie der zwischen Bürgern eines Landes. Der Krieg zwischen den Völkern ist für den einzelnen Kombattanten aufgezwungene Pflicht; Morden ist Dienst wie Kartoffelschälen oder Latrinenfegen. Wo Capulet und Montague gegeneinander stehen, gibt es keine Momente von Müdigkeit und Überdruß, keine großartige und kostenlose Geste gegen den schwächern Feind; persönliche Überzeugung stachelt anders als Kommandorufe und kennt nur ein Ziel: die Ausrottung der Andern. Wenn der Weltkrieg mit solchem Fanatismus geführt worden wäre, gäbe es in Europa heute keine Männer mehr.   Was besagen gegenüber den Ausbrüchen so instinktiven Hasses die stattlichen Zahlen von Reichsbanner und Rotfront? Wo das Weichbild der großen Stadt endet, ist auch der Wirksamkeit ihrer Ideen die Grenze gesetzt. Der Mordfall von Arensdorf hat auch die republikanische Presse gesprächig gemacht. Jetzt wird verraten, daß auch diese Bluttat sich auf klassischem Femeboden ereignet hat, daß dort nicht etwa der preußische Landrat regiert, sondern ein früherer Roßbachoffizier, daß diese Gegend überhaupt ein kleines Dorado der Wehrverbände bildet, die, ebenso wie vor ein paar Jahren, hier als Komitatschis das Feld beherrschen und unmittelbar vor den Toren Berlins ein wahres Mazedonien geschaffen haben. Warum muß solche Erkenntnis so spät mitgeteilt werden? Muß denn immer erst Einer gemeuchelt werden, ehe ein Stückchen Wahrheit durchkommt? Der preußische Justizminister hat jetzt versprochen, in die Untersuchung des Falles mehr Dampf zu bringen. Man kann überzeugt sein, daß Herr Doktor Schmidt sein Wort halten wird. Aber dieses ministerielle Eingreifen war auch bitter notwendig. Denn die Behörden haben sich wie gewöhnlich vorsichtig zurückgehalten. Was sich in Arensdorf rund um die Bluttat abgespielt hat, ist ein Skandal für sich. Auf der Landstraße lag ein zu Tode Getroffner zwischen zehn Schwerverletzten. Es dauerte Stunden, ehe Polizei zur Stelle war. Mürrisch waltete ein Arzt seines Amtes, um schnell wieder zu verschwinden. Der Vertreter des auf Urlaub befindlichen Regierungspräsidenten von Frankfurt an der Oder war für den Sonntag nach Berlin gefahren und lehnte ab, zurückzukommen, obgleich er von dem Vorgefallenen unterrichtet worden war. Der Amtsvorsteher weigerte sich, eine Untersuchung anzustellen; alles, was Behörde war, verschanzte sich hinter Sonntagsruhe und mangelnder Kompetenz. Es war auch nur ein Republikaner erschlagen worden. Mehr nicht, mehr nicht. Jetzt, wo ministerielle Autorität treibt und stößt, wird sich das Bild gewiß geändert haben. Aber das scheint uns eben auch das Deprimierende zu sein, daß ein Mord an einem linksgerichteten Mitbürger von dem amtlichen Apparat zunächst als Privatsache der Beteiligten behandelt wird. Die höchste Spitze muß erst drohend zur Erscheinung kommen, ehe sich ein paar Gendarmenbeine in Bewegung setzen. Die Beamtenhierarchie, die vor einem kleinen Flurschaden oder einem zerbrochenen Lattenzaun automatisch in Funktion tritt, bleibt vor einem erschlagenen Republikaner regungslos. Dabei ist die Art, wie Reichsbannerleute behandelt werden, wahrscheinlich noch höchst honorig zu nennen neben dem Vorgehen gegen Kommunisten. Da wird wohl gleich scharf geschossen.   Es mutet bei solcher Situation seltsam an, die Verfassung, die so etwas möglich macht, durch gesetzlichen Akt zum anbetungswürdigen Gegenstand zu erheben. Gewiß, man könnte sich den Verfassungstag als ragendes Kampfsymbol denken, aber das will man doch eben nicht, das will man doch eben nicht. Man will durch eine laue Festivität einen Zustand heiligen, den zu ändern es an Kraft und Willen fehlt. In dieser Art von Feierei liegt kein begeisterndes »Wir wollen weiter!«, sondern nur ein sanft zuredendes »Es ist genug!« Man schaut sich um, freut sich, es so herrlich und weit gebracht zu haben und schickt die Kindlein nach Hause. Man hat Furcht, sich die Republik zu erkämpfen und versucht nun, sie zu erfeiern. Es ist aber ein Unding, freudige und freiwillige Devotion für ein Verfassungsdokument zu fordern, das mindestens von der Hälfte des Volkes abgelehnt wird. Die Einen verwerfen es, weil sie Monarchisten sind, die Andern, weil sie als Parteigänger des Kommunismus in der Verfassung selbst schon den Sieg der Gegenrevolution sehen. Wenn aber der Nationalfeiertag Sinn haben soll, dann muß sich doch mindestens die Hälfte der Staatsbürger zu seiner Idee bewußt bekennen. Es würde auch niemand auf den Gedanken kommen, einem protestantischen Volke einen katholischen Feiertag aufzunötigen oder ein katholisches Land den Gedenktag der Reformation festlich begehen zu lassen. Alle Parteien haben sich im Kalender ihre denkwürdigen Daten rot angekreuzt. Die Sozialisten begehen den 1. Mai, die Kommunisten den Tag der russischen Revolution, die Konservativen kleben am 18. Januar und mögen dort kleben bleiben, und in einigen bayrischen Städten hat man für den 28. Juni Tanz und öffentliche Lustbarkeiten untersagt, weil das bayrische Staatswesen so schrecklich unter den Folgen des Friedensvertrages schmachtet. Alle Parteien haben also die Frage für sich selbst gelöst, und jetzt tritt der Staat selbst auf den Plan, um an seinen Geburtstag zu erinnern. Und wenn irgend etwas kennzeichnend ist für dies sogenannte neue Deutschland: selbst dieses Datum ist eine Fälschung. Die deutsche Republik ist am 9. November 1918 geboren und nicht am 11. August 1919. Was in Weimar beschlossen wurde, ist nur eine nachträgliche und sehr schüchterne Legalisierung des neuen Zustandes, ein Grundgesetz, bei dessen feierlicher Erwähnung wir uns nur erinnern, daß seine wichtigsten Sätze nie und nirgends in die Praxis umgesetzt worden sind. Daß neben sehr unglücklichen und steifleinenen Formulierungen auch sehr gute und nützliche Dinge drinstehen, werden wir gern anerkennen, wenn sie zur täglichen, selbstverständlichen Übung geworden sind. Bis jetzt ist die Konstitution von Weimar niemals die magna Charta der Freiheit, niemals der große Schutzbrief des Werdenden gewesen, sondern immer nur der nachsichtige Paravent reaktionärer Schändlichkeiten. Wenn sich heute immer mehr Kreise der Rechten mit ihr abfinden, so ist das nicht ein Beweis ihrer wachsenden Werbekraft, sondern nur, daß sie nicht mehr stört. Sie ist Kompromißprodukt; nicht aus dem Elan, nicht aus der Flamme geboren, sondern die bewußte und gewollte Ignorierung jener revolutionären Tatsachen, in deren Schatten Deutschland damals noch stand. Die Legislatoren von Weimar, großenteils Mitglieder des letzten wilhelminischen Parlaments, wollten die Ruhe, die fette, satte bürgerliche Ruhe. Für sie war die Republik ein Zwischenstadium, das steht zwar nicht in der Verfassung, aber so haben sie gemeint, und so ist es geworden. Dieser Geist, in dem die Verfassung beschlossen wurde, hat sich stärker erwiesen als ihr Buchstabe. Deshalb still vom 9. November! Denn das wäre auch Erinnerung an beklagenswerte Unordnung, an Matrosenrevolte, rote Fähnchen und vor allem: an den Zusammenbruch des alten Militarismus. Die Weltbühne, 5. Juli 1927 721 Der Militärattaché Vor einigen Wochen machte Agathon in der ›Weltbühne‹ einige militärisch-politische Bemerkungen zu dem jüngsten Aufenthalt des Herrn v. Seeckt in Italien. Mit besonderem Nachdruck legte unser Mitarbeiter dar, daß Herr v. Seeckt als Vertrauensperson der Rechtsparteien nach Rom gegangen sei, um dort über gewisse Abmachungen im Fall eines Krieges gegen Frankreich zu verhandeln – Abmachungen, die gegenseitige Rückendeckung und Waffenhilfe sichern sollen, wofür Deutschland allerdings versprechen muß, die Fascisierungsmethoden in Südtirol fürder nicht mehr zu bekritteln. Eine ähnliche Glossierung der Seecktschen Italienreise ist nunmehr in vergangener Woche auch in der französischen Presse vorgenommen worden, und wie auf ein Klingelzeichen von oben setzten in den deutschen Blättern erregte Dementierversuche ein, wobei sich besonders Organe des linken Republikanismus emsiglich bemühten, das schale amtliche Gebräu durch Zutaten aus dem eignen Spezereienschrank gehörig zu schärfen. Ein seltsamer Rückfall in jene vorgeschichtlichen Zeiten, wo Herr v. Seeckt noch für die Demokratenblätter als der treue Wachtmann der Republik galt und schwarz-rot-goldne Radikalinskis, die sonst gar nicht zu bändigen sind, sich bereit erklärten, auf seine Tugend das Abendmahl zu nehmen. Der klügste aller neudeutschen Militärs mag unendlich mokant gelächelt haben bei dieser Fülle unverhoffter Vertrauensvoten. Warum muß aber gleich so wild dementiert werden? Ist es denn so unbekannt, daß die deutschen Nationalisten keine Landesfarbe suspekt genug finden, um nicht doch Fühlung zu suchen? Treuhänder der deutschen Patriotenschaft sind nacheinander bei de Valera, Horthy, Kemal und Abd el Krim, bei den roten Zaren wie bei den weißen Häuptlingen im Baltenland und auf dem Balkan als Beobachter, Anstachler oder Unterhändler aufgetreten. Nirgends loderte in diesen Jahren eine rechte oder linke Rebellion, ohne daß nicht die deutschen Nationalisten versucht hätten, durch ihre diplomierten Weltbrand-Ingenieure und ihre oft bewährten Ragnarök-Maschinisten für den Hausgebrauch wenigstens ein paar Fünkchen aufzufangen. Gewiß braucht man sich weder Herrn Stresemann noch Herrn v. Schubert als Protektoren solcher Tollheiten vorzustellen. Aber es ist nicht gleichgültig, welche Kräfte rings um die Regierung am Werk sind, um sie von ihrer Linie abzudrängen und einseitig zu binden. Die Bemühungen, in dem englisch-russischen Konflikt jene strikte Neutralität zu wahren, die dem deutschen wie dem europäischen Wohlbefinden gleich dienlich ist, werden neuerdings nicht nur von Innen angefochten, sondern auch durch Lockungen von Außen schwer auf die Probe gestellt.   Der Zufall wollte, daß fast gleichzeitig mit dem Dementi die Meldung durch die Blätter ging, England habe die vormals feindlichen Regierungen eingeladen, seinen diplomatischen Auslandsvertretungen wieder wie früher Militärattachés beizuordnen. Welche gefährliche Bedeutung diese Aufforderung grade augenblicklich hat, war auch unsrer Linkspresse sofort klar. Sie fuhr sichtlich zusammen, versuchte sich aber damit zu salvieren, daß die Sache ja nicht dränge und man Zeit genug zur Überlegung habe. Das war zwar nicht beherzt, doch leidlich vernünftig, und schlug leider völlig um, als aus Paris die Nachricht kam, daß das Kabinett Poincaré Schwierigkeiten machen werde. Jetzt konnte man Gott sei Dank wieder Fäustchen machen gegen das böse Frankreich, jetzt durfte man sich mit der Auslegung des Artikels 179 des Friedensvertrages befassen, der nur Militärmissionen verbietet, aber gegen Militärattachés nichts einwendet etcetera. Kurzum, man hat die gewünschte Ablenkung, man kann den Militärattaché fordern trotz deutlicher Bewußtheit der gefährlichen Konsequenzen, rein um die Franzosen zu ärgern. Denn Recht muß doch Recht bleiben, und wenn uns der Friedensvertrag ein Rasiermesser gestattet, so wollen wir es auch haben, und wenn wir uns damit den Hals abschneiden. Niemand kam darauf, daß zwischen Seeckts diplomatischer Sendung und Englands freundlicher Einladung ein kaum bestreitbarer Zusammenhang besteht. Denn, wie nicht allgemein bekannt, ist Ungarn, die scheußlichste aller heutigen Militärdespotien, grade im Begriff, einen Militärattaché nach London zu schicken. Die Horthy-Regierung wieder ist durch Vertrag Mussolini verbunden, und der Gebieter Italiens genießt noch immer die hohe Gönnerschaft des englischen Kabinetts. Ungarn ist vorangegangen, eine Tatsache, die abstempelt. Die Auszeichnung annehmen, heißt in ein Satellitentum eingehen.   Niemals, seitdem die Friedensverträge in Kraft sind, hat die englische Politik Deutschland etwas ohne Gegenleistung gegeben. Doch die Kalkulatoren vom Foreign Office wissen um ihre Leute; sie kennen das deutsche Geltungsbedürfnis und haben durchschaut, daß hier alles Weh und Ach aus einem Punkte zu kurieren ist. Man muß der lieben Eitelkeit einen Köder hinhalten, das kostet nichts, aber verpflichtet den Andern. Wann hätte sich Englands Politik im Ernst bemüht, die Ketten des Vertrages von Versailles mit Sammet zu umwickeln? Wo hätte Englands Politik versucht, von Deutschland ein offenbares Unrecht abzuwehren oder es auch nur in seinen Elendsjahren um eine Bürde zu erleichtern? Die Gewährung von Militärattachés ist ein mehr als billiges Vergnügen; das zaubert dem Beschenkten eine Illusion von Großmachtstellung vor, von Handlungsfreiheit und Gleichberechtigung im Rate der Völker, und bedeutet doch in Wahrheit nicht eben viel mehr als ein gemalter Polarhimmel im Eisbärzwinger. Der Militärattaché ist eine veraltete Institution, die in unsrer Zeit nichts mehr zu suchen hat. Wäre der Völkerbund nicht so entsetzlich zag in allem, was der Festigung des Friedens dient, so hätte er hier längst den Schlußstrich unter ein unrühmliches Kapitel ziehen müssen. Denn das Bureau der den diplomatischen Vertretungen beigegebenen Offiziere ist durch die Bank nicht mehr als eine einzige große Spionage- und Sabotagezentrale. Kein Botschafter kann gut machen, was ein tatengieriger militärischer Attaché ruiniert. Erinnert man sich nicht mehr der Herren Boy-Ed und v. Papen, die vom sichern Port der Washingtoner Botschaft einen kleinen Krieg gegen die Vereinigten Staaten eröffneten und damit Bernstorffs Anstrengungen vereitelten, den Anschluß Amerikas an die Alliierten zu verhindern? Vestigia terrent. Es braucht nicht bezweifelt zu werden, daß die Leiter der deutschen Außenpolitik die Bedeutung der Neutralität und jede Abweichung davon durchaus zu würdigen wissen. Aber seit wann wäre Außenpolitik bei uns ausschließlich in dem dafür bestimmten Ressort gemacht worden? Obgleich die Fernhaltung vom russisch-englischen Konflikt von der großen Mehrheit des Volkes fraglos gebilligt wird, so ist es doch nach allen Erfahrungen dieser Jahre schwer vorstellbar, daß die Häupter der Reichswehr den gleichen vernünftigen Auffassungen zugänglich wären. Wir wollen heute noch die in letzter Zeit kursierenden Gerüchte über bestimmte Reorganisationspläne bei der Reichswehr auf sich beruhen lassen, klar ist jedoch, daß Untätigkeit in so kritischer Zeit die Nervendisziplin der Herren übersteigt. Es ist leicht auszumalen, was ein offizieller militärischer Delegierter der Bendler-Straße in London anrichten könnte. Die Giftgasfreundschaft mit Moskau war eine böse Episode, die nun liquidiert ist; eine ähnlich intrigant vorbereitete Annäherung an den britischen Imperialismus würde viel fester binden, denn die Macht des Foreign Office ist tausendmal größer als die des Kreml. Die Gefahr ist, daß Eigenmächtigkeit der Militärs die Politik in eine Richtung weist, wie sie weder von der Mehrheit der Nation, noch von der außenpolitischen Leitung gewünscht wird. Sehen wir aber selbst von den letzten bösartigsten Konsequenzen ganz ab: schon die Tatsache, daß in dieser Zeit äußerster Spannung ein Repräsentant der deutschen Heeresmacht zwischen englischen Kameraden einhergeht, muß wie die Versinnbildlichung einer geheimen militärischen Entente wirken. Und England wird sich alle Mühe geben, diesen Eindruck zu stärken. Der Schein soll der Wirklichkeit vorangehen, der Schein soll die späteren Tatsachen schaffen helfen. Es heißt jetzt alle Aufmerksamkeit darauf richten, daß dies verhängnisvolle Blendwerk nicht zustande kommt.   Stresemanns Politik, heute durch seine eigne Schuld an die Rechte gekettet, muß mindestens in den nächsten beiden Jahren zwei große Erfolge erringen, wenn sie nicht an innenpolitischen Widerständen zerschellen soll: die baldige Aufhebung der Rheinland-Okkupation und die Erlaubnis zu erneuter Aufrüstung. Weder Locarno noch Genf haben das erzielt, und der Gedanke von Thoiry ist versackt. Für die Vertreter der Machtpolitik ist die versuchsweise angewandte pazifistische Methode, weil sie zu langsam arbeitet, lange erledigt. Sie waren bereit, selbst auf das große Vielleicht eines Zusammenspiels mit den Bolschewiken einzugehen, aber ein Geschäft mit England wäre viel realer und ihrer Art viel eher entsprechend. Daß bei diesem Handel Deutschland die Blutopfer bringen müßte, bei übrigens noch sehr zweifelhafter Ausbeute, wird selbstverständlich nicht bedacht. Denn es gibt nichts was ungewisser wäre als der Lohn des Mietsoldaten. Gegenüber derartigen Versuchen, Deutschland von einer Haltung abzubringen, wie sie nicht nur der primitivsten politischen Moral, sondern auch seinen politischen Interessen entspricht, muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß abenteuerliche Spekulationen, mögen sie auch durch Versprechungen des gegenwärtigen Kabinetts der englischen Weltmacht stabilisiert scheinen, nur in neue internationale Verwicklungen führen, bei denen Deutschland in Gefahr läuft, die Rolle des Aufmarschfeldes zu übernehmen. Die Fortdauer der Rheinland-Besetzung mag hart sein und das nationale Selbstbewußtsein kränken: um diesen Preis wollen wir ihr Ende nicht erkaufen. Das wäre eine Befreiungspolitik von wahrhaft verbrecherischer Kurzsichtigkeit, die das Aufhören der französischen Herrschaft in einem Grenzstück des Landes mit der Errichtung der englischen Herrschaft über das ganze Land bezahlen wollte. Eine dümmere und kostspieligere Teufelsaustreibung wäre nicht denkbar. Gewiß, die Versuchung ist groß und der gütigst gewährte Militärattaché nur ein erster bescheidener Köder. Aber mag selbst die Genehmigung zu einer Verdoppelung der Reichswehr die liebe nationale Eitelkeit kitzeln: die zweihunderttausend Mann mit ihrem schwarz-weiß-roten Fahnenschmuck und klingendem ›Fridericus‹ werden nicht »unsre Reichswehr, unsre herrliche Armee« sein, sondern der gemietete Stoßtrupp einer fremden Macht, zum Verbluten für landfremde Interessen bestimmt ... beurlaubte Tote des nächsten europäischen Krieges. Es gibt nur ein Remedium: kein Techtelmechtel mit der britischen Politik, auch nicht in der faulen Hoffnung, die Herren in Downing-Street schließlich doch über die Löffel barbieren zu können, sondern direkte Verständigung mit Frankreich, freimütige Aussprache über alle noch schwebenden Fragen und besonders über die osteuropäische Gefahrzone. Denn mag die pariser Politik auch oft schwer verdaulich sein, mag sie unter gelegentlichen neurasthenischen Rückschlägen in häßliche alte Tonarten leiden: Gefahren gleich denen, wie sie sich aus der Versippung mit britischen, und nur britischen!, Angelegenheiten ergeben, birgt sie nicht. Deutschland und Frankreich, eng liiert, bilden einen Schutzwall quer durch Europa, groß genug, um östliche wie westliche Eingriffe auszuschließen. Nimmt Deutschland die englische Einladung an, wieder Militärattachés zu entsenden, so ist damit ein langer Schritt vom Wege endlicher Befriedung getan und Britannia hat wieder einmal über Europa gesiegt. England war immer groß in der Konstruktion von trojanischen Pferden, und niemals hat es an tatendurstigen kontinentalen Dummköpfen gemangelt, die sich bereitwillig ins Dunkel verfrachten ließen. Auch heute ist das Holzpferd wieder fertig. Fehlen nur noch die Passagiere. The Germans to the front! Die Weltbühne, 12. Juli 1927 722 Wiener Bastillensturm Die Welt, einmal aufgewühlt, will nicht mehr zur Ruhe kommen. Ein Justizskandal, der bei uns nur eben Anlaß zu einem zweitägigen Zeitungsorkan gegeben hätte, hat jetzt in Österreich zu einer kleinen Julirevolution geführt. Wer allerdings mit den österreichischen Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß der eine Funke nicht die verheerende Wirkung gehabt hätte, wenn nicht so entsetzlich viel Explosivstoff aufgehäuft gewesen wäre. Es ging dort unten schon lange hart auf hart. Vor ganz kurzer Zeit erst hat Otto Bauer in einem Zeitungsartikel dargelegt, daß nach seiner Auffassung die Anschlußfrage nur durch eine neue revolutionäre Bewegung in Europa gelöst werden könnte. In Deutschland hielt man das entweder für die Theoretisiererei eines orthodoxen Marxisten oder für einen taktischen Versuch, die österreichischen Sozialisten, die sich für eine Vereinigung mit Deutschland sehr ins Zeug gelegt hatten, wenigstens für die Dauer der gegenwärtigen berliner Rechtsregierung vorübergehend zu desengagieren. Die Ereignisse der letzten Tage bewiesen die Irrigkeit dieser Meinung. Denn Otto Bauer hat jetzt wieder gezeigt, daß er kein trockener Schreibtisch-Dogmatiker ist, sondern eine vitale Energie, ein Politiker von Witterung für die Stimmung und die seelischen Unterströmungen der Massen. Er wußte, wie furchtbar die Erbitterung der Arbeiterschaft unter dem neuen Kabinett Seipel gewachsen war. Und rückblickend müssen auch wir Außenstehenden jetzt erkennen, daß der letzte Wahlkampf im Frühjahr schon Formen angenommen hatte, die an Bürgerkrieg grenzen, und daß der Kampf um Breitner, Wiens Finanzminister, schon einen Zustand geschaffen hatte, der eigentlich nur zwei Möglichkeiten offen ließ: entweder Revolution von unten oder Staatsstreich von oben. Denn in diesem unseligen Staatswesen, diesem Stiefkind Europas, sind zwei Mächte, die sich in Todfeindschaft gegenüberstehen, zum Zusammenleben verurteilt: die Stadt Wien, die Industriestadt, und die agrarischen und klerikalen Bundesländer. Seit Kriegsende ein zähes, fanatisches Ringen. Das Land möchte seine Stadt wie einen Fremdkörper ausstoßen, und die Stadt wieder, die große und doch so enge Stadt, möchte das Land erfassen und es ihrem Geiste Untertan machen. Denn die Stadt ist Gegenwart, bei aller Wirtschaftsmisere und allen überstandenen Hungerkrisen, doch ein Teil unsrer passionierten Gegenwart, die vom Heute zum Morgen durchdringen will, grandioser Versuch einer Synthese von europäischer Demokratie und russischer Arbeiterdiktatur; aber ringsum das Land, dies herrlich gesegnete Land, lebt im Zeichen des Posthorns beschaulich dahin, in halb bezaubernder, halb aufreizender Mittelalterlichkeit. Und in der Stadt selbst vegetiert ein einstmals herrschendes Bürgertum, das den Walzertakt seiner heitern, leichten Vergangenheit nicht vergessen kann und mit der ganzen Verständnislosigkeit eines unvermittelt auf halbe Ration gesetzten Phäakenvölkchens zusehen muß, wie ein sozialistischer Säckelmeister seine nicht grade glänzenden Profite wegsteuert, seine Luxusbedürfnisse mit Reugeldern umflort und von dem Ertrag Wohnhäuser baut, Bibliotheken, sanitäre Anstalten für die Industriemenschen, für die Arbeiterschaft. Das ist Österreich von Heute: ein Staat an sich und in sich nicht lebensfähig. Kein Wunder, daß hier jede Idee prosperiert, die irgend einen Anschluß, irgend eine Vereinigung mit Irgendeinem verkündet. Den Bürgern dieses Staates ist er zur Last, sie möchten ihn am liebsten liquidieren, um in einer größern Gemeinschaft unterzutauchen. Und deshalb suchen sie alle: die Sozialisten bald die Internationale, bald die größere deutsche Partei, die Bürger abwechselnd Deutschland, Italien oder Ungarn. Wie sollen Die zusammenleben? Es ist kein Staat, sondern ein Interniertenlager. Und jetzt morden sie sich. Morgen wird der Blutrausch vorüber sein. Morgen werden sie gemeinsam ihre Toten begraben.   Natürlich wußten die ersten wiener Meldungen sofort von »kommunistischer Mache« zu erzählen. Der österreichische Kommunismus ist so schwach, daß er es bei den letzten Wahlen nicht auf ein Mandat bringen konnte. Ein paar Agitatoren sollten Hunderttausende an sich reißen? Gewiß waren Provokateure dabei. Die fehlen bei solchen Gelegenheiten nie. Aber ausschließlich Kommunisten? Man geht wohl nicht fehl, auch die aktive Teilnahme von schwarz-gelben Agenten anzunehmen, auch mögen Spitzel und Hetzer Horthys und Mussolinis dabei gewesen sein. Denn letzterer wartet schon lange auf den Anlaß, übern Brenner zu gehen, um Jugoslavien in den Rücken zu kommen, und Horthy hat sich der österreichischen Bourgeoisie schon oft als Retter empfohlen. In Wahrheit hatte der Aufruhr viel einfachere Ursache. Der Freispruch im Schattendorfer Prozeß hatte die Arbeiterschaft empört, ganz spontan bildete sich in den Morgenstunden ein Zug zum Justizpalast. Eine Demonstration wie viele. Aber aus der Demonstration wurde ein Putsch, nicht ein Arbeiterputsch, sondern einer des Polizeipräsidenten Schober, der, entgegen den strikten Weisungen seines Vorgesetzten, des Bürgermeisters und Landeshauptmanns Seitz, die Polizei scharf schießen ließ. Der Herr Polizeipräsident, großdeutsch, das heißt: reaktionär und antisemitisch von spezieller wiener Crescenz, war über die Gelegenheit entzückt, endlich, endlich turbulierende Arbeiter vor die Gewehrläufe zu bekommen. Jetzt war die heiß ersehnte Chance da, jetzt konnte endlich »Ordnung« geschaffen und jener, ach, so wohlbekannte Plan exekutiert werden, der als harmlose Polizeiaktion beginnen läßt, was als wohlgeratene Gegenrevolution aufhört. Jetzt konnte, heidi!, auf der Flucht erschossen werden, jetzt konnte wohl auch eine verirrte Kugel den verhaßten Finanzminister treffen, den selben Breitner, der an der Spitze eines Löschzuges sich verzweifelt bemühte, den Justizpalast zu retten; gewiß nicht aus Freude an der dort applizierten Gerechtigkeit, sondern aus rein ökonomischen Gründen. Man ist nun einmal Sparkommissar ... Diese glatte Rechnung des Herrn Polizeipräsidenten und seiner Drahtzieher machte die sozialistische Partei zu schänden, indem sie an die Spitze der Bewegung trat, nicht um sie abzuwürgen, sondern um sie besser zu formieren und weiterzutreiben. Offene Erklärung der Partei: wir haben die Bewegung nicht verursacht und billigen ihre Exzesse nicht. Das erklärt die Partei offen. Aber zugleich tut sie das, was jede richtige Volkspartei tun müßte: sie bibbert nicht vor der »Straße«, zetert nicht über Eingriff in verletzte Führerprivilegien, sie widersetzt sich nicht der Stimmung der Massen, sondern sanktioniert, was in heißer Wallung des Augenblicks entstand. Sie hat den Zusammenhang mit dem Proletariat nicht verloren. Sie tut das genaue Gegenteil der deutschen Schwester, die, wenns losgeht, immer auf die andre Seite der Barrikade flüchtet und die Müller und Watter schalten und schießen läßt. Man denke sich unsre sozialdemokratische Führerschaft in solcher Lage! Schon jetzt wandeln die Obergenossen aus der Linden-Straße mit Grundeis durch den schönen Hochsommer und warnend hebt der ›Vorwärts‹ den oft geschwungenen Pädagogenfinger: »... leichten Herzens und ohne genügenden Grund beschließen erprobte alte Gewerkschaftsführer, die in Wien ebenso in der Leitung sitzen wie in Berlin, den Generalstreik nicht! Freilich sollten grade die Genossen am Klappenschrank bedenken, daß die Unterbindung des Auslandsverkehrs grade auch der Arbeitersache sehr nachteilig sein kann!« O, du herziges Blauveiglein-Gemüt! Wie da Mißbilligung zwischen den sanften Worten knurrt. Nein, ›Vorwärts › würde es den Genossen zur Pflicht machen, mit verdoppelter Treue am Klappenschrank auszuharren, und wenn der ganze Schnee verbrennt! Und ›Vorwärts‹ vergißt, daß die österreichischen Gewerkschaftler zwar alt sind und erprobt, daß sie aber trotzdem die Tuchfühlung mit Demokratie und Sozialismus nicht verloren haben, und daß die Partei Viktor Adlers in überragender Weisheit grade diejenigen Genossen, die sie für ihre eigne Front d.u. befunden, den berliner Genossen zur besondern Verwendung dediziert hat, nämlich: Hilferding und Stampfer.   Die österreichischen Sozialisten wußten sofort, was zu tun. Arbeiterblut war geflossen. Konnte da die Parteinahme strittig sein? Sie traten an die Spitze der Bewegung und gaben dem jähen Ausbruch durch Proklamation des Generalstreiks politische Gestalt. Damit haben sie namenloses Unheil abgewendet. Denn hallt der Schreckensruf ›Bolschewismus in Wien!‹ rund um die Welt, dann wird für die lauernden Marodeure in Budapest und Rom der ersehnte Vorwand da sein, und die reaktionären Elemente in den Provinzen werden vielleicht selbst um Intervention bitten. Diese Gefahr vor der Hand abgebogen zu haben, ist das Verdienst der österreichischen Sozialistenführer. Ein europäisches Verdienst. Denn jede ungarisch-italienische Einmischung birgt die Eventualität neuer europäischer Komplikationen.   Für die deutschen Republikaner aber sollten die wiener Geschehnisse ein brennendes Erlebnis sein. Freund Zeitungsleser, der sich vorwiegend an das Dickgedruckte hält, hat wahrscheinlich die paar magern Kompreßzeilen übersehen, aus denen sich ergibt, daß die Regierung Seipel zögerte, die wiener Garnison einzusetzen, weil sie deren Zuverlässigkeit bezweifelte. Heeresminister ist drüben Herr Vaugoin, ein Geßler ohne schwarze Hintergründe, doch ein ebenso verstockter Reaktionär, und in dem forschen Zugriff, unbequemen Tatsachen das Gesicht nach hinten zu drehen, dem deutschen Kollegen nahe verwandt. Aber auch dieser tüchtige Herr hat es nicht vermocht, aus der kleinen Wehrmacht ein ausschließliches Instrument der herrschenden Klassen zu machen. Mögen die Regimenter in Steiermark und Tirol inzwischen auch mit sturen Bauernjungen gefüllt sein, der republikanisch-sozialistische Grundstock der wiener Truppen mindestens ist nicht zu erschüttern gewesen und bewährt sich in dieser verhängnisvollen Stunde. Und schließlich der Anlaß des ganzen Aufruhrs? Ein Justizskandal, ein Freispruch von Arbeitermördern, ein Verdikt wie aus reichsdeutscher Richtergesinnung. Die Wiener schlucken nicht halb so viel wie wir. Dies eine Urteil wird ihnen zur öffentlichen Sache, die jeden angeht. So ziehen sie durch die Straße, keine Parteiinstanz kann ihnen wehren, sie zerschlagen den Laden; die Akten, die kurulischen Sessel, die grünen Tücher fliegen ins Feuer, und am Abend ist von der Residenz der Gerechtigkeit nicht mehr da als ein ausgebranntes steinernes Skelett. Pöbel! schreiben die Zeitungen wegwerfend. Pöbel? Und wäre es so, schlimm genug, daß die Zerlumpten aufstehen müssen, um den Wohlgekleideten erst das Beispiel zu geben. Ein Bastillensturm war, was in Wien geschah, und alle Bastillen der Welt sind bisher nur von der gesichtlosen Masse niedergelegt worden; eine unbekannte kleine Frau Legros ist es, die schürt und spornt, weil sie das Bollwerk der Tyrannei in ihre Träume verfolgt, weil sie der Gedanke nicht schlummern läßt, daß dies Gemäuer ein Verbrechen ist gegen menschliches Gewissen und menschliche Würde. Dem deutschen Republikaner aber sei gesagt: Du hast dir begeistert die Bier- und Bratenreden der Anschlußbankette angehört. Jetzt ist die einzige und nicht wiederkehrende Gelegenheit da, dem oft apostrophierten Brudervolk deine großdeutsch-republikanische Gesinnung zu beweisen. Vielleicht siegt in Österreich die Partei der Freiheit; vielleicht. Denkbar ist auch das Gegenteil. Denkbar ist auch, daß bald die Standgerichte mit Füsilladen und Galgen arbeiten, und der weiße Schrecken ein neues Stück Erde erobert hat. Jetzt, Republikaner, rede dich nicht aus, daß dich das nichts angeht, daß das Ausland ist etcetera. Mag es auch nur ein kleines, grausam zur Ader gelassenes Land sein, ein um ein paar Längen neben die Weltgeschichte gefallener Staat, was dort verhandelt wird, ist deine Sache, deine Sache, deine Sache. Die Weltbühne, 19. Juli 1927 723 Das Reichsgericht im Sommer »Absender: Reichsanwaltschaft Abschrift Beschluß. In der Ermittlungssache gegen die Schriftstellerin Berta Lask in Berlin, die Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten G.m.b.H., Berlin, die Uns-Produktivgenossenschaft in Leipzig wegen Vorbereitung zum Hochverrat wird auf Antrag des Oberreichsanwalts das Buch »Leuna 1921, Drama der Tatsachen«, nebst dem »Nachspiel«, Verfasserin: Berta Lask, Verleger: Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten G.m.b.H., und die zur Herstellung und Vervielfältigung beider Schriften dienenden Platten und Formen gemäß §§ 81 Ziff. 2, 86 StGB., § 27 des Reichspreßgesetzes, § 98 StPO. beschlagnahmt, da aus dem gesamten Inhalt beider Schriften, insbesondere aus Seite 15, 32, 44, 47, 48, 56, 60, 64, 66, 72, 74, 76, 85, 86, 91, 94, 111, 114, 117, 120, 125, 139 bis 141, 151, 152 des Buches und Seite 2 bis 4 des Nachspiels sich ergibt, daß sie der Aufforderung zum Bürgerkrieg und zu gewaltsamer Änderung der Verfassung zu dienen bestimmt sind, wobei der Zeitraum des Umsturzes als nahe bevorstehend hingestellt wird (S. 32, 47, 85, 86, 88, 140, 141, 151 des Buches), und da mit Rücksicht auf die einheitliche Richtung des gesamten Inhalts der Schriften eine Ausschließung einzelner Teile der Schriften von der Beschlagnahme nicht möglich ist. Berlin, den 10. Juni 1927. Das Amtsgericht Berlin-Tempelhof, Abt. 15. gez. Reblin. Ausgefertigt: Berlin NW 52, den 17. Juni 1927, Turmstr. 89. L. S. gez. Schaefer, Kanzleisekretär, als Gerichtsschreiber des Amtsgerichts Berlin-Tempelhof. Vorstehende Abschrift stimmt mit der Urschrift überein. Leipzig, den 23. Juni 1927. Sekretariat 14a der Reichsanwalt. M ...., Regierungsoberinspektor.«   Die berliner Schriftstellerin Berta Lask hat vor einigen Monaten bei der Viva ein Buch erscheinen lassen: Leuna 1921 – Drama der Tatsachen. Erwin Piscator war entschlossen, das Stück in der nächsten Saison zu inszenieren, und auch eine große süddeutsche Bühne interessierte sich dafür. Eine berliner Aufführung sollte schon im April stattfinden, aber Schikanen der Theaterpolizei verhinderten das. Dann kam das Buch heraus und wurde sofort auf Anweisung der Reichsanwaltschaft konfisziert, weil es nach ihrer Auffassung gedichteter Hochverrat ist, so wie sie früher schon einmal rezitierten Hochverrat angenommen hat. Was ist denn so schreckliches passiert? Wer das Buch gelesen hat, findet nur die Erklärung, daß dem Herrn Reichsanwalt eben die janze Richtung nicht paßt. Die Verfasserin hat sich erlaubt, ein Stück Revolution aus frischer, noch blutender Vergangenheit zu behandeln. Sie hat den mitteldeutschen Aufstand von 1921 zum Vorwurf genommen und hat es getan als Anhängerin der Sache, um die es damals ging. Wer das Buch ohne Scheuklappen liest, muß zugestehen, daß die Verfasserin ihre Arbeit mit feinfühliger Schlichtheit durchgeführt hat. Sie hat sich streng an die Fakten gehalten, wie sie in dem Bericht des preußischen Untersuchungsausschusses und in geprüften Aussagen von etwa vierzig Augenzeugen und Teilnehmern enthalten sind. Bei der Lektüre bleibt überhaupt der Eindruck, daß sie den protokollierten Tatsachen zu viel Platz einräumt, damit den dramatischen Impetus knickt und die Endwirkung schwächt. Eine weichere Menschlichkeit überschattet die politische Tendenz; diese Hand glättet mehr als sie revolutioniert, und über vielen dieser Bürgerkriegsbilder schwimmt wie ein Nebelschleier die stille Trauer einer empfindsamen Frau über so viel Unmenschlichkeit. Sie ahnen nicht, Herr Reichsanwalt, was ein robuster Mann aus diesem Thema hätte machen können. Die Beschlagnahme stützt sich hauptsächlich darauf, daß in dem Buch Stellen enthalten sein sollen, aus denen sich ergibt, »daß sie der Aufforderung zum Bürgerkrieg und zu gewaltsamer Änderung der Verfassung zu dienen bestimmt sind, wobei der Zeitraum als nahe bevorstehend hingestellt wird«. Bei der Prüfung der beanstandeten Partien finden wir unter anderm einen Dialog zweier gefangener Arbeiter. Und da sieht die gewaltsame Änderung der Verfassung also aus: Wieland: Jetzt schmachten wir im Silo als gefangene Sklaven, aber einmal wird das Leunawerk unser sein. Die Andern: Das Leuna wird unser sein. Ist die Hoffnung auf einen spätern Besitzwechsel, ohne daß etwas über die Mittel gesagt wird, schon Hochverrat? Doch diesen für den Herrn Prokurator höchst aufrührerischen Worten geht folgendes voraus: Wieland: Wir werden noch einmal alle aufstehn und zusammentreten, Gewehr in der Faust. Alter Arbeiter: Ja, ihr werdet noch einmal alle aufstehn und zusammentreten, Gewehr in der Faust. Aber das wird nicht heute sein und nicht morgen. Benno: Man kann nicht warten, bis das Leben vergeht. Alter Arbeiter: Nicht warten, arbeiten, arbeiten Tag für Tag und Jahr für Jahr unter den Proleten, bis die vielen aufwachen, wie wir aufgewacht sind. Wieland: Ich hab solch ein Feuer in der Brust, das zerfrißt mich. Alter Arbeiter: Sollst das Feuer behalten, sonst taugt die Arbeit nichts. Aber das Feuer allein taugt auch nichts. Sollst das Feuer ausbreiten, bis alle Proleten ein Feuer in der Brust haben wie du. Dann werdet ihr eine Mauer sein, dann werden sich die dort die Köpfe einrennen und werden ihnen keine Maschinengewehre mehr nützen und keine Geschütze. Wo dröhnt hier der Marschschritt der Revolution? Hat der Reichsanwalt von seiner Beschäftigung mit linksradikaler Literatur die Nase so voll von Petroleum, daß er diesen Geruch nirgends los wird? Oh, Herr Reichsanwalt, hunderte von Büchern könnten wir Ihnen aufzählen, die nicht nach Petroleum duften, dem klassischen Brennstoff der Revolution, sondern nach Gas, nach dem Giftgas des nächsten Krieges, und Sie behelligen diese Bücher nicht, denn die sind von einwandfreien Patrioten, die ein bißchen Krieg brauchen, um ihre frigidgewordene Muse aufzupulvern. Nein, wer nur ein wenig Sinn für Rhythmus hat, wird in den oben zitierten Worten nicht Rebellion hören, sondern Elegie. Besiegte kauern da zusammen und reden wie alle Besiegten von der Hoffnung, von der Stunde, die schließlich doch den Triumph bringt. Doch der Herr Reichsanwalt ist unerbittlich: er konfisziert sogar die Tränen. Aber die oberste republikanische Anklagebehörde wird uns erwidern, daß die von Berta Lask dramatisierten Geschehnisse alle gleichsam noch warm sind und selbst die armen Hoffnungen dieser niedergeworfenen Leuna-Arbeiter aufreizend wirken müssen, weil ihr Ziel »als nahe bevorstehend hingestellt wird«. Also soll es überhaupt verboten sein, sich von Revolutionen dichterisch packen zu lassen, die nicht in grauer Vergangenheit liegen. Darf man nur zu Marc Antons Demagogenkünsten applaudieren? Darf man nur bei Georg Büchner klatschen, wenn Saint Just seine wahnwitzige Begründung des Terrors aus Elementarereignissen, wie Erdbeben und Taifunen, herunterdeklamiert? Niemals ist das Recht auf Blutvergießen, auf Ausrottung der Gegner mit so hirnkranker Folgerichtigkeit proklamiert worden, und doch schließt sich das ganze Theater jedes Mal hingerissen und bedenkenlos der Aufforderung des Redners an, diesen erhabenen Augenblick mit ihm zu teilen, und alle Kommerzienräte im Parkett fühlen den Dolch des Brutus unterm Gewande. Wo ist der historische Zeitpunkt zu suchen, wo Verherrlichung einer Revolution erlaubt, wo eine Vision revolutionärer Zukunft nicht mehr, oder noch nicht strafbar ist? Wir bitten höflichst um eine reichsgerichtliche Entscheidung, um die wünschenswerte Einheitlichkeit der Judikatur herbeizuführen und uns, seien wir Künstler oder Genießende, von schwerem Gewissensalbdruck zu befreien. Ist zum Beispiel 1848 noch verbotene Zone oder ist die Schutzfrist für die Obrigkeit von damals schon abgelaufen? Und wie steht es gar mit 1525? Zwar war Stresemann neulich im ›Florian Geyer‹ vor Begeisterung kaum zu halten, aber es besteht doch noch immer eine kleine Unsicherheit, ob sich nicht etwa die Reichswehr beleidigt fühlen könnte, wenn es einem jungen Dramatiker einfallen sollte, den Truchseß von Waldburg, so wie er uns überliefert ist, auf die Szene zu stellen. Und hat Florian Geyer heute tatsächlich die höhern Weihen empfangen, so harrt Thomas Münzer noch immer des gültigen polizeilichen Sichtvermerks. In einem Fall ist er nämlich mit dem Kleistpreis ausgezeichnet, in einem andern, wie die Leunatragödie, beschlagnahmt worden. Hier müßte endlich Klarheit geschaffen werden. Das Reichsgericht hätte da ein schönes, dankbares Arbeitspensum für den Sommer. Wenn im Herbstmond erst wieder die täglichen Landesverrate laufen, ist für solche Fragen geistig-künstlerischer Art keine Muße mehr. Die Weltbühne, 26. Juli 1927 724 Die Rüstungspartei Das Wiesbadener pazifistische Wochenblatt ›Die Menschheit‹ veröffentlicht ein langes Dokument, dessen Inhalt dem belgischen Kriegsminister de Brocqueville bekannt gewesen sein soll, als er jüngst gegen Berlin vom Leder zog. Irgend ein schlichter Ehrenmann wird es ihm still in die Hände gespielt haben. Heute sitzt der Brave vielleicht wieder im Kreise projektebrütender deutscher Patrioten, vor sich das Stenogrammheft und im Geiste die Angebote fremder Agenten. Die Spione gehören zum militärischen Geheimbetrieb wie der Erpresser zum heimlichen Sünder. Um die kalte Mordatmosphäre der Militärkabinette lauert Lüge und Verrat, und wer die Wahrheit weiß, sage sie, sage sie im eignen Lande, ehe sie von schmutzigen Fingern transportiert auf dem Wege über die Grenze abermals zur Lüge wird. Das Dokument der ›Menschheit‹ basiert auf einem Bericht über zwei Referate, die kürzlich in den Räumen des Flugverbandhauses am Schöneberger Ufer vor Mitgliedern des Marineflieger-Offiziersvereins gehalten wurden. Redner waren Rittmeister v. Freiberg-Allmendingen, Luftschutzoffizier der III. Division, und besonders Major a.D. v. Stephani, der berliner Stahlhelmchef. Unter den 30-35 Anwesenden befanden sich auch zwei Direktoren der Lufthansa. Diese Besprechungen finden in gewissen Zeiträumen statt, nach Darstellung der ›Menschheit‹ nimmt immer ein Reichswehroffizier teil, denn Zweck dieser Abende soll sein, die Reichswehr und die sogenannten nationalen Führerschichten in gemeinsame Ideenfront zu bringen. Fassen wir die beiden Referate knapp zusammen, so ergibt sich folgendes Bild: Die Reichswehr hat seit 1923 gelernt und sagt deshalb der schwarzen Rüsterei Valet. Aus innenpolitischen Gründen müßten auch allgemeine Wehrpflicht und Miliz abgelehnt werden, weil man damit nur Sozialisten und Kommunisten bewaffne. »Die Armee muß aus einem einheitlichen politischen Guß sein. Hierin liegt einer ihrer bedeutendsten Überlegenheitsfaktoren gegenüber den auf der allgemeinen Wehrpflicht aufgebauten Armeen andrer Staaten.« Entscheidend wird in Zukunft Qualität, nicht Quantität sein. Also keine illegale Aufrüstung mehr wie früher, sondern offene Vertretung der deutschen Wehrinteressen beim Völkerbund: »Der Plan dafür ist im Reichswehrministerium schon vollständig ausgearbeitet, wobei natürlich fraglich ist, ob alles durchgeht, oder ob man sofort mit allen Wünschen in die Öffentlichkeit treten kann. Um sich den bestehenden internationalen Verträgen äußerlich anzupassen, basiert der neueste Aufrüstungsplan der Reichswehr – im Gegensatz zu allen früheren ähnlichen Plänen – auf dem 115 000-Mann-Heer (inkl. Marine). Diese 115 000 Mann sollen sich auch weiterhin auf 12 Jahre verpflichten müssen, davon aber nur drei Jahre aktiv sein und die übrigen neun Jahre als Reserve geführt werden. Damit hat die deutsche Armee auch weiterhin 115 000 Mann Friedensstärke, aber nach wenigen Jahren 345 000 Mann Reserven und damit eine Kriegsstärke von 460 000 Mann. Diese Armee von einer halben Million wird dann die am besten ausgebildete europäische Armee sein. Während also das jährliche Rekrutenkontingent der Reichswehr heute etwa 10 000 ist, werden nach dem neuen Plan jährlich 40 000 Mann eingestellt. Durch eine besondere Klausel glaubt man sogar, jährlich 10- bis 15 000 Rekruten mehr einstellen zu können, die dann nach etwa einjähriger Dienstzeit aus beruflichen Gründen oder aus Gründen militärischer Tauglichkeit wieder entlassen werden. Diese ›Einjährigen‹, etwa 100- bis 115 000 Mann innerhalb von 12 Jahrgängen, sollen dann im Mobilmachungsfall als Hilfstruppen verwendet werden, wo die militärische Ausbildung eine mehr untergeordnete Rolle spielt, z.B. als Munitionskolonnen, Etappenformationen, Hilfsmannschaften für technische Spezialtruppen, Heimatschutztruppen u.a.m. Das Reichswehrministerium glaubt in dieser Richtung am wenigsten Widerstand im Völkerbund zu finden, da das äußere Gesicht der militärischen Stärke gewahrt bleibt.« Jetzt ergibt sich für den Projektemacher die sorgenvolle Frage, was aus den Leuten werden soll, wenn sie ihre drei oder vier Jahre aktiven Dienstes abgerissen haben. Denn es ist unmöglich, jedes Jahr 40-50 000 Mann in den Staatsapparat zu schieben, nur ein kleiner Teil könnte bei Post und Eisenbahn untergebracht werden. »Auch die Industrie wird etwas davon aufnehmen können, da sie Garantie hat, darin zuverlässige Arbeiter und Angestellte zu besitzen. 10 000 bis 15 000 Mann können so jährlich untergebracht werden, aber nicht die restlichen 20- bis 25 000 Mann. Für diesen Rest ist nun vorgesehen eine großzügige Ansiedlung ... in Ostpreußen, Pommern, der Grenzmark, Ostbrandenburg und Ostgrenze von Schlesien, wo die am dünnsten besiedelten Räume Deutschlands bestehen. Diese Ansiedlung muß reichsgesetzlich geregelt und festgesetzt werden und bildet einen festen Bestandteil der Vergünstigungen des zukünftigen Reichswehrsoldaten ... An eine Rückgewinnung des eigentlichen posenschen Gebietes denke niemand in der Reichswehr. Im Falle einer Rückgewinnung des polnischen Korridors würde die ganze dortige polnische Bevölkerung evakuiert und durch Deutsche ersetzt werden. Dasselbe gilt auch für Rückeroberung von Ostoberschlesien.« Nach der Behauptung des Herrn v. Stephani ist die Deutschnationale Partei über den Organisationsplan unterrichtet und deshalb auch für die Weiterbeteiligung an der Reichspolitik zu großen Kompromissen bereit, um in Stille für die Heranbildung neuer militärischer Machtmittel zu wirken. (Nebenbei: Stresemann und Marx traut Stephani nicht die nötige Entschlossenheit zu, um die erforderlichen Gesetze im Parlament durchzudrücken. Er empfiehlt deshalb als Kanzler – – Herrn Geßler.) Interessanter als der militärische Gallimathias der Referate ist das, was sich der berliner Stahlhelmchef an innenpolitischen Ausblicken leistet. Hier kennt er nur ein Ziel: Eroberung der Macht im Innern durch den Stahlhelm! Hören wir: »So darf auch die neue Parole des Stahlhelms: ›Hinein in den Staat‹ nicht als Anerkennung des gegenwärtigen Staates aufgefaßt werden, sondern es handelt sich hier um eine Art ›Zellenbildung‹, 100 um Formierung von ›Widerstandsnestern‹, die dazu dienen sollen, den Kampf um den neuen nationalen Staat vorzubereiten oder zu unterstützen. Die Parole ›Hinein in den Staat‹ macht grundsätzlich vor dem Parlament Halt, da man dieses Feld restlos der deutschnationalen Volkspartei überläßt. Die Zellenbildung hat weniger den Zweck, an dem Ämterschacher beteiligt zu sein, als diesem im gewissen Zusammenarbeiten mit Behörden solche Organe zu schaffen, die als Positionen für die künftige Machtergreifung angesehen werden.« Sollten irgendwo Skeptiker annehmen, der Bericht wäre ein Falsifikat, wovon es in diesen militärischen Regionen ja so viele gibt, so würde ein solcher Einwand durch diese Partie entkräftet werden: das kann auch der geschickteste Dokumentenmacher nicht erfinden, das ist waschecht Stahlhelm. Die Dämpfung abenteuerlicher außenpolitischer Hoffnungen, Liquidation der anarchonationalistischen Hitlerei, Einordnung in ein großes wohlgeordnetes Gefüge und Benutzung aller Außenpolitik letzten Endes nur zum einen innenpolitischen Zweck, die Macht zu erringen: das ist die besondre Note, die der Stahlhelm in die nationalistische Bewegung gebracht und die ihm Superiorität über alle andern Verbände verschafft hat. Für die Häupter der alten Wehrvereine war das A und O der Revanchekrieg gegen Frankreich; der Stahlhelmführer begreift dessen Unmöglichkeit. Aber er besteht auf dem wohlbekannten »kleinen Krieg« gegen Polen, »da die Machteroberung immer von militärischen Aktionen begleitet sei ... Die in einem zukünftigen Krieg – etwa gegen Polen – auf den Schlachtfeldern zusammengeschmiedete neue Frontarmee in Verbindung mit einer Wirtschaft und Heimat schützenden Heimatwehr, wird nach Beendigung eines solchen Krieges nicht die Waffen weglegen, sondern mit den Waffen in der Hand in die Großstädte der Heimat einrücken, um dort andre politische Verhältnisse zu schaffen.«   Wir erwarten die Frage: Welche Bedeutung hat ein solches Projekt, welche Bedeutung hat es, wenn ein ehemaliger Offizier, der seinen Ehrgeiz nicht zügeln kann, in Conventikeln von ähnlichen Erscheinungen seine Meinungen zum Besten gibt? Es ist kein Zweifel: Herr v. Stephani wird viel Spreewasser in seinen Wein tun müssen. Denn viel davon hängt von innenpolitischen Verschiebungen ab, die mindestens eine Vertagung bedeuten können, viel auch, ob man sich in Genf so leicht einseifen läßt, wie man sich das im Flugverbandhaus denkt; auch wird Herr Stresemann nicht viel Neigung zeigen, sich vor dem Forum der internationalen Politik grade für die Wunschträume des im Auslande so verrufenen Stahlhelms zu exponieren. Wir glauben nicht recht an die Realisierbarkeit grade dieses Programms, wir nehmen es dagegen bitter ernst als erschütterndes Symptom für die geistige Haltung in Deutschland ein Jahrzehnt nach dem Kriege. Gibt es einen gräßlichern Gedanken als den der oben zitierten Kolonisierung des Ostens, das heißt: der langsamen, systematischen Verwandlung eines ganzen Volkes in Militäranwärter und Berufssoldaten?! Welche Pervertierung des Hirns gehört dazu, so etwas auszudenken! ›Gen Ostland wollen wir reiten‹, hat Herr Hergt neulich gerufen, und wir dürfen darin vielleicht die pathetisch-balladeske Umformung der Kolonisationsidee suchen. Und bedürfte es noch eines Beweises, daß unsre Militärgewaltigen vor großen Plänen schwitzen, so braucht man nur auf die plötzlich einsetzende Konjunktur in Landesverratsverfahren zu verweisen. Solche Prozesse haben immer wachsende Aktivität im Wehrministerium angekündigt. Sie ziehen auch dies Mal wie ein Krähenschwarm den neuen Heereskolonnen voraus.   Die größte Gefahr liegt darin, daß über kurz oder lang Deutschland in irgend einer Weise die Verstärkung seiner Wehrkräfte wieder gestattet wird. Denn man kann einer Wirtschaftsmacht wie Deutschland auf die Dauer nicht etwas verweigern, was es immer wieder und mit immer wachsender Energie fordert. Ferner bleibt die Möglichkeit, daß bei etwaiger Verschärfung des Konfliktes zwischen London und Moskau England deutsche Rüstungswünsche gegen den Widerstand andrer Mächte verteidigt und durchsetzt, um sich mit einem Federzug eine billige Kontinentalarmee zu verschaffen. Ein ungenannter deutscher Staatsmann hat vor ein paar Tagen dem berliner Vertreter der ›Neuen Freien Presse‹ erklärt, daß bewaffnete Verbände keinerlei Wert hätten, sondern bloße Bürgerkriegstruppen seien: »Das war auch einer der Gründe für den Konflikt zwischen Geßler und dem General Seeckt, dem früheren Kommandanten der Reichswehr, der die Verbände förderte, weil es sein Ideal war, ›der moderne Scharnhorst‹ zu werden, und der nicht begriff, wie sehr die Zeiten und die Verhältnisse sich geändert haben, seit Scharnhorst nach der Niederlage von 1806 die Wehrkraft Preußens wiederherstellte.« Die Verbände mit den kindlichen Paraden und dem lachhaften konspirativen Getue sind abgehalftert. In einer kritischen internationalen Konstellation soll ein neuer und offener Weg gefunden werden. Der »moderne Scharnhorst« ist erledigt, weil er zu moskovitisch roch, und auch von dem richtigen Scharnhorst will man nichts mehr wissen, weil der von Carnot ausging und der Massenerhebung; ein preußischer Sansculotte. Der neue Militarismus kehrt wieder zu den Ausgangspunkten des alten zurück, greift das System des Großen Kurfürsten wieder auf, der vor mehr als 250 Jahren das erste stehende Heer aus Berufssoldaten schuf, während seine Nachfolger die ausgedienten Soldaten in eroberten Provinzen ansiedelten, um ein Reservoir von gelernten Prätorianern zu sichern. Der preußische Militarismus hat alle Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft; irre an der Zeit flüchtet er in ein totes Jahrhundert. Der Kreis ist geschlossen. Die Weltbühne, 2. August 1927 725 Chronik Man kann in der Epidemie der Landesverratsprozesse die Psychose eines verlorenen Krieges und eines durch den Friedensvertrag gehemmten Militarismus sehen. Es ist aber daneben nicht unbeachtlich, daß es unter uns einen Mitbürger gibt, der schon heute die diesbezüglichen Maßnahmen studiert, die nach dem nächsten gewonnenen Krieg notwendig sein werden. Das ist ein Beamter aus dem Machtbereich des schwäbischen Staatsoberhauptes Bazille, ein Herr Fritz Breuling, Regierungsrat im württembergischen Justizministerium. Er hat eine Broschüre verfaßt »Immunität und Republik« (W. Kohlhammer, Stuttgart), worin er die Immunität der Abgeordneten als Kardinalübel unsres Staatswesens anprangert. Er erblickt darin einen Krebsschaden fürs Gemeinwohl, fordert deshalb die strafrechtliche Haftbarmachung der Deputierten für das, was sie auf der Parlamentstribüne sagen und möchte überhaupt am liebsten jeden neuen Volksvertreter zwingen, im Bureau seine Bertillonmaße zu hinterlegen. Als juristische Leistung gibt die Arbeit nicht viel her; der Gedankengang ist pathetisch verquatscht, zum Schluß bricht der Verfasser sogar in Verse aus, in richtige gereimte Verse, aber was da so gesagt und nur halb gesagt wird, das ist von jener knorrigen Rabulistik, jener wurzelhaften Verschlagenheit und blauäugigen Chuzpe, die so kennzeichnend ist für einen bestimmten neudeutschen Beamtentyp, der in der deutschnationalen Republik sein Glück sucht und alles verabscheut, was ihn sein Eid zu verteidigen zwingt. Herrn Breuling läßt die Vorstellung keine Ruhe, daß wir um die Früchte künftigen Sieges etwa durch eine defaitistische Opposition geprellt werden könnten; er ist deshalb schon jetzt für Anfertigung eines juristischen Panzerhemdes gegen den nächsten Dolchstoß: »Es bedarf keiner weiteren Ausführung darüber, daß das öffentliche Interesse an der Verhütung von Hochverrat und Landesverrat das öffentliche Interesse an der Redefreiheit der Abgeordneten bei weitem überragt, daß auch von Abgeordneten im politischen Kampf das in dieser Richtung erforderliche Maß von Überlegung und Beherrschung verlangt werden kann, und daß unsern deutschen Gerichten die einwandfreie Feststellung, ob Hochverrat oder Landesverrat vorliegt, zugetraut werden darf, auch wenn der Angeklagte als Abgeordneter gehandelt hat. Die Gefahr der Strafverfolgung Unschuldiger muß eben in Kauf genommen werden wie bei jedem Strafgesetz.« Das ist überaus einfach, und auch sonst hat dieser Stuttgarter Rechtsbeflissene tüchtige Einfälle. Die Justizkritik paßt ihm natürlich gar nicht; er sieht schon die Unabhängigkeit der Rechtsprechung durch Parlamentskritik bedroht, er fürchtet die Ablösung der Kabinettsjustiz früherer Zeiten durch eine Parlamentsjustiz. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß hier ein durch den Ruf nach Aufhebung der richterlichen Unabsetzbarkeit in seiner Verdauung aufgescheuchter Ministerialbureaukrat ein neues und nicht unbedenkliches Gegenargument ausspielen möchte. Soll das Privileg der Richter fallen, warum nicht auch das der Abgeordneten? Wenn sich die Abgeordneten allzu sehr um die Justiz bekümmern, warum soll sich die Justiz nicht ein Mal mit den Abgeordneten befassen? Herr Breuling ist kein großer Denker, vieles an seinen Deduktionen bestrickt auch durch unfreiwillige Komik, aber er hat Gefühl für schwache Punkte. Wenn sich unsre republikanischen Volksvertreter von den Strapazen der Verfassungsfeier erholt haben, sei ihnen das Studium der Gedankengänge dieses bescheidenen württembergischen Bazillenträgers dringend anempfohlen.   Die internationale Politik ist wieder unruhig geworden. Und zwar steht jetzt nicht mehr Rußland im Vordergrund, wie vor wenigen Wochen noch, sondern wieder Deutschland. Ein kleiner Zorn flackert in Brüssel und Paris, und selbst englische Organe, sonst in Berlin gern zitiert, runzeln die Stirn ein wenig. Die deutschen Republikaner wie Monarchisten haben sich einstweilen auf eine neue organisierte Deutschlandhetze geeinigt. Die Rechtsblätter fordern dagegen einen energischen Abwehrschritt bei der Regierung der Locarnomächte. Auch die Linksblätter deuten an, daß so etwas im Hintergrunde steht, aber jetzt noch nicht, erst nach dem achtzigsten Geburtstag des Reichspräsidenten. Gott bewahre, mag lustig weitergehetzt werden, man darf sich doch die Gratulationscour nicht entgehen lassen und nicht den von Alleuropas Glückwünschen garnierten Geburtstagsbraten. Erst nach dem 2. Oktober schlägt es fuffzehn, dann aber wird der Frack ausgezogen, und in Hemdsärmeln weitergefeiert. Die Regierung befindet sich arg in der Klemme. Der rechte Flügel ihrer Anhängerschaft fordert dringend, daß jetzt ›etwas Energisches‹ unternommen werden müßte. Ihr ist aber gar nicht so zu Mute, und viel eher dürfte Stresemann versuchen, im nächsten Monat in Genf in privaten Aussprachen eine freundlichere Stimmung herbeizuführen. Dafür spricht auch die Wahl des Genossen Breitscheid als Adlatus. Das ist der altbewährte Spezialist für Atmosphäre. Wir zweifeln nicht, daß der Genosse Breitscheid auch dies Mal das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen wird. Er hat wirklich flair für jenes schwierige Zwischenreich, wo die Politik noch nicht ganz aufgehört und der Modebericht noch nicht recht angefangen hat. Er wird wieder französisch parlieren mit der Munterkeit einer gelegentlich über vorgeschriebene syntaktische Bahnen sprühenden Kaskade. Die Damen der Diplomatie wird er mit seiner schlanken Taille bezaubern, die Herren mit seinen verkehrten Konjunktiven. Wie der ›Vorwärts‹ erklärt, hat ihm die Partei, die sich ja zur Zeit hauptamtlich mit Opposition beschäftigt, Urlaub zur Rettung der Regierung bewilligt. Unsre Kindeskinder noch werden sich an Geschichten über die gute, alte Zeit freuen, wo das Oppositionmachen so gemütlich war.   Seit den blutigen wiener Ereignissen wird wieder viel über die Grenzziehung in Mittel-Europa disputiert und es muß gesagt werden, daß sich die deutsche Presse dies Mal nicht mit dem gewohnten hellen Timbre beteiligt. Die wiener Julirevolution hat die Schwäche der Anschlußbewegung in Reichsdeutschland und ihre verschiedenartigen parteipolitischen Motive überdeutlich dargelegt. Die Deutschnationalen, die sonst hinter jedem Stück Land wie der Fleischerhund hinterm Knochen her sind, lassen durch ihre ›Kreuzzeitung‹ erklären, daß ihnen ganz Österreich keinen Spaß mehr mache, und auch die sozialdemokratische Zentrale blickt lustlos auf die wiener Genossin. Die Scherlpresse triumphiert über das Einschreiten der fremden Kontrolloffiziere gegen die angeblich knallrote wiener Gemeindewache; wenn Seitz Auflösung der Heimatwehren fordert, wirds wieder Landesverrat sein. Und in Österreich selbst hat Otto Bauer unmißverständlich erklärt, daß es mit dem Anschluß an die schwarz-weiß-rote Republik nichts sei, während der schwarz-gelbe Seipel ganz unerwartet seine Sympathien für Berlin entdeckt hat. So laufen die Motive durcheinander und gegeneinander. Aber so sieht keine Volksbewegung aus. Das dürfte selbst der großdeutsche Vorsänger Paul Löbe von Fallersleben begreifen, dessen Name bisher der Bewegung ein gewisses Ansehen gegeben hat. Aber auch dieser vorgebliche Ultraradikale sollte es sich endlich überlegen, ob es seiner politischen Würde entspricht, sich mit Leuten, die ihn sonst als Internationalen ablehnen, gemeinsam national aufzupusten. Überhaupt wird man das Gefühl nicht los, daß einen beträchtlichen Teil unsrer Anschlußfreunde am stärksten die Tatsache anspornt, daß man großdeutsche Feten in Paris nicht gern sieht. Hauptsache, daß sich jemand ärgert. Aus solchen und ähnlichen Gründen pflegt bei uns nationale Begeisterung zu entstehen. Würde Poincaré heute sagen: Kinder, vereinigt euch!, so würden die selben Leute wahrscheinlich schleunigst eine Abwehrorganisation bilden. Die Karre ist verfahren.   Etwas Unerhörtes, Niedagewesenes begibt sich in diesen Tagen: die diplomatischen Vertretungen der Vereinigten Staaten von Amerika in allen Hauptstädten der Erde stehen unter verzehnfachtem polizeilichen Schutz. Denn der Name der Mutter aller europäischen Demokratien ist über Nacht odios geworden, odioser als der Zarismus je in der Blüte seiner Sünden war. In Paris, London, Berlin, Buenos Aires, überall wachsen Proteste zu Demonstrationen und morgen vielleicht zu Gewalttaten. Der Fall Sacco-Vanzetti, die Beharrlichkeit der Oberrichter, an einem von den besten Juristen der Welt als Fehlspruch bezeichneten Todesurteil festzuhalten, hat die moralische Reputation der Vereinigten Staaten in wenigen Tagen ruiniert. Liberty trägt eine Henkerfratze, und die hocherhobene Fackel wird zur Todesfackel ihrer eignen ruhmvollen Vergangenheit. Auf dem ganzen Erdenrund bäumen sich die Herzen gegen die Vollstreckung eines Todesurteils an zwei Schuldlosen. In New York, in Baltimore krachen Bomben; die Polizei ist bis auf die letzten Reserven aufgeboten; ein Heer von Detektiven hat das Landhaus des Präsidenten zerniert. Der Versuch desperater Freunde der beiden Verurteilten, die Staatsorgane durch Terror einzuschüchtern, ist heroisch, aber ganz sinnlos. Eine empfindlichere Obrigkeit, eine zartnervigere Justiz mag dadurch geschreckt werden. Doch der amerikanische Staat ist gesund und glaubt an sich; er hat ein vorzügliches Gebiß und hält in seiner jugendfrischen Roheit den Elan seiner Schneidezähne für sittliche Qualität. Keine Skepsis bohrt in ihm wie in den alten Plutokratien Europas. Er glaubt an seine Mission, die heutige soziale Ordnung zu schützen, und an die Verdienstlichkeit, Ketzerei und Zweifel daran auf dem elektrischen Stuhl verzucken zu lassen. Die Bilder zeigen den Urheber des Skandals: den Gouverneur Fuller, als rundlichen, energischen Herrn, mit freiem Blick und wohlentwickelten Kauwerkzeugen, Das Erschreckende ist, daß dieser Mann wohl keinen Augenblick daran denkt, wie entsetzlich er handelt; die beiden Proletarier, seit sieben Jahren todgeweiht, seit sieben Jahren täglich und stündlich des letzten Weges harrend, mögen ihn keine Minute ernsthaft gestört haben. Keine Furche geheimer Angst hat sich in das glatte gutrasierte Fett dieses Gesichts gekerbt. Die Verurteilten sind anders geartet, sie leugnen das Eigentum; der Herr Gouverneur zählt sie nicht zur Menschheit. Vielleicht sind sie sogar unschuldig? Was tut es? Tötet sie alle, Gott kennt die Seinen! Das Klassengefühl hat alle andern Empfindungen und Erwägungen erstickt. Die Richter der ganzen Welt sollten heute in Washington interpellieren, es ist ihre Sache, um die es geht, denn was die amerikanische Justiz hier verbrochen hat, das wird ein Mal an der Justiz aller Reiche der Welt geahndet werden. Wenn sich ein Mal das Arbeitsvolk des ganzen Erdkreises erhebt, so wird es auf seinen Bannern die geweihten Namen Saccos und Vanzettis vorantragen, und im Namen Saccos und Vanzettis wird der Sklavenaufruhr der Zukunft die Justizpaläste in Trümmer legen. Auch das kämpfende Proletariat hat seine heiligen Märtyrer, auf Goldgrund wird es die Köpfe Saccos und Vanzettis verehren, wie die junge Christenheit in den Katakomben ihre Gekreuzigten und Gevierteilten. Als die Wächter in die Zelle Saccos und Vanzettis traten, um ihnen mitzuteilen, daß ihr letzter Einspruch verworfen, lagen die Beiden hingestreckt auf ihre Pritschen und schliefen. Sieben Jahre haben sie gewacht, Sekunde für Sekunde den Tod erlitten. Nun liegen sie entspannt und schlafen. Zwei Helden von der großen Art: der leidenden. Als sie in diese Zelle kamen, kannte niemand ihre Namen. Heute gibt es kein Dorf, wo man die nicht kennt, und in den letzten Winkel hinter der Welt dringt klagend eine Ahnung von der Unendlichkeit des Leidens der Beiden. Unter einer Kruste von Gleichgültigkeit und Habgier regt sich ein gemeinsames Gewissen, Scham vor sich selbst wühlt die Menschheit auf. Zwei kleine Soldaten der Freiheitsarmee haben das vollbracht. Jetzt liegen sie auf die Pritsche gestreckt, in der traumlosen Versunkenheit erfüllter Pflicht, einerlei, ob das Erwachen Freiheit oder Ende bringt. Die Wächter stoßen sich an, tuscheln und gehen auf Fußspitzen hinaus. Sacco und Vanzetti schlafen. Sacco und Vanzetti dürfen wieder schlafen. Die Weltbühne, 9. August 1927 726 Frohe Feste, saure Wochen Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Das ist ein Leitsatz seelischer Hygiene, den auch die deutsche Politikerschaft beherzigt, und das wäre auch die Erklärung für diese breite Feier einer Verfassung, die eigentlich niemals in der richtigen Verfassung war und von der man immer nur gesprochen hat, wenn sie allzu unverschämt durchbrochen wurde. Daß diese Verfassung keine schlechte Arbeit ist und Deutschland staatsrechtlich wenigstens auf dem Papier aus der Feudalzeit in dieses Jahrhundert befördert, soll gar nicht bestritten werden. Doch der Wert einer Konstitution liegt nicht im Sein, sondern in der Anwendung. Sollte es wirklich einmal zu einer lebendigen deutschen Demokratie kommen, so werden viele Palimpseste entfernt werden müssen, die Militär, Justiz und Verwaltung über das geduldige Original gekritzelt haben. Zugegeben, daß dies Mal die Verfassungsfeier eine früher nicht geahnte Ausdehnung erreicht hat. Aber die republikanischen Blätter täuschen sich über den Sinn dieser Massenbeteiligung. Für die Arbeiterschaft handelte es sich dabei nicht um eine Bejahung des gegenwärtigen politischen und sozialen Zustandes, sondern um einen Protest gegen alle in der Luft liegenden Revisionen selbst dieses Zustandes und nicht zum wenigsten auch um eine Demonstration gegen die von Geßlers Generalen bestimmte deutsche Gegenwart. Das alles bedeutet keine Zustimmung zu dem weimarer Brimborium und zu den knochenweichen Elogen auf die angeblich demokratischste aller Demokratien, sondern eher eine ernste Warnung. Wäre Schwarz-Rot-Gold nur eine Staatsfahne, die repräsentativ dann und wann über jedem Katasteramt hängt, so wäre nicht viel Aufhebens zu machen. Doch sie ist Kampfsymbol geworden und steht heute schon gleichberechtigt neben Rot, und zwar nicht als Ausdruck großdeutscher Sehnsucht, wie die private Metaphysik der Herren Festredner wähnt, sondern weil sie auch sozialistischen Arbeitern durch den ewigen Schmutzregen von Rechts legitimiert erscheint. Die Arbeiter wollen das Vaterland nicht größer, sondern besser haben. Und sie verwünschen Schwarz-Weiß-Rot, weil es die Fahne der Kaiserei und des Kriegsbetrugs war, die Fahne, die weniger im Kampfe wehte – was soll in vergasten Gräben eine Standarte? –, als vielmehr über den Etappen und jenen Teilen der Heimat, wo am großmäuligsten von Annektionen geredet und am dreistesten verdient wurde. Übrigens weiß man bei den Kompromißrepublikanern und nationalliberalen Mitläufern über diese Volksstimmung viel besser Bescheid als in den Quartieren der Linken. Das belegen gewisse Vorkommnisse. Irgendwo verließen Herrn Geßlers republikanische Militäroffiziere empört das Haus, als ein Festredner sich etwas Tadelndes über die frühern Dynastien zu sagen erkühnte. Und in volksparteilichen Blättern kann man Beschwerden lesen, daß sogar hier und da ein Hoch auf die Republik ausgebracht wurde, was doch sehr taktlos sei. Die neueste nationalliberale Pfiffigkeit hat eine Trennung gemacht zwischen Verfassung und Republik. Verfassung, das ist: unverrückbare Ordnung, Polizeigewalt, Klassenstaat; Republik: eine Unverbindlichkeit, über die zu gelegener Stunde noch zu reden sein wird. Schon Herr Heinrich Rippler, Stresemanns Leibjournalist, nennt in der ›Täglichen Rundschau‹ den Farbenwechsel »unglücklich und würdelos«. Das im offiziösen Blatt. Deshalb ist auch der Jubel mancher Demokraten über das bereitwillige Mitspielen der deutschnationalen Herren des Reichskabinetts so nichtig. Die republikanische Front ist nicht stärker geworden, sondern länger, grade so wie 1918 die Ostfront von Finnland bis nach Damaskus reichte, und damals wie heute sieht man in jeder Frontverlängerung einen Sieg. Nein, an dieser triumphsichern Zufriedenheit hatte das Volk nicht teil. Die Reden hallten an seinem Ohr vorbei. Keiner der Sprecher fand ein Wort, das den Mann auf der Straße gepackt hätte, so wie in allen Demokratien oder Diktaturen führende Männer heute volkstümliche Formulierungen finden, die ein Gefühl von Gemeinschaft ausdrücken oder vortäuschen. Die Suada des Orientalisten Becker in der Funkhalle ging so spurlos vorbei, als wäre sie in einer dem gelehrten Redner hier allein geläufigen vorderasiatischen Mundart gehalten gewesen. Der Reichstag hatte als große Attraktion den Herrn Abgeordneten v. Kardorff aufs Podium gestellt. Ein Mann, wie geschaffen, um dieses Auditorium abgebrühter Routiniers lyrisch schwingen zu lassen. Ein Mann, der bisher immer »Einsicht«, aber nur ein Mal in langen Jahren großen Stil gezeigt hat, als er nach der Erfindung der Dolchstoßgeschichte den Deutschnationalen entrüstet den Rücken kehrte. Man findet in andern Parteien analoge Schicksale: er ist der ewige kommende Mann und Führer von morgen, der ewige ungekrönte König, dem immer dann das Pferd fehlt, wenn das Königreich zu haben ist. Früher ein erleuchteter Konservativer, jetzt ein etwas finsterer Liberaler, ist er in dieser Zwitterhaftigkeit des Denkens der richtige Mann, um zu nichts verpflichtende Feiertagserkenntnisse in kleinen Dosen zu verabreichen. Er hechelt ein bißchen die Stupidität der Parteiwesen durch, ein kleiner Nasenstüber auch für den alten Staat. Abends wird die Ampel seiner Weisheit wieder verhängt sein. Nur ein Mal wird er aktueller, und hier spitzt alles die Ohren, denn der Festredner verlangt Stärkung der Stellung des Reichspräsidenten, und da setzt die Sensation ein, denn jeder der erfahrenen Thebaner im Saal weiß, daß das kaum für den alten Herrn in der Wilhelm-Straße gesagt sein kann, dem vor solcher Machtvollkommenheit sicher bange würde, sondern ... Doch das ist eine komplizierte Geschichte. Herr v. Kardorff gehörte in den letzten Jahren in seiner Partei zu einer Gruppe Mißvergnügter, die, wie der frühere Minister v. Raumer, sich von Stresemann gekränkt und zurückgesetzt fühlten und deren Politik stets ganz exakt durch diese Gegnerschaft bestimmt wurde. War Stresemann für ein Bündnis mit Rechts, so etikettierten sie sich ultralinks, wollte Stresemann die Große Koalition, so plädierten sie für Westarp. Bei Stresemanns häufigem Wechsel war eine so konträre Haltung natürlich anstrengend und auch etwas diskreditierend, und Herr v. Kardorff ist denn auch ziemlich still geworden. Durch seine Vermählung mit dem Haupt dieser Gruppe von Malkontenten, mit Katharina v. Oheimb, die mit dieser Verehelichung auf eine Fortführung der eignen politischen Laufbahn verzichtet hat, ist Herr v. Kardorff nun endgültig in ein Spiel geraten, das aus der Muffigkeit der Fraktionsstuben in das Rosagewölk jener Coterien führt, wo Damenwünsche Karrieren ebnen und unter Ministerplätzen terrestrische Erschütterungen hervorrufen. So etwas macht die französische Politik seit Jahrhunderten so amüsant. Aber im Bereich der oheimbschen Ehrgeize wird, gut deutsch, aus Grazie Betriebsamkeit. Esprit wird durch Tüchtigkeit ersetzt; Aphorismen gleiten nicht aus dünnen mokanten Lippen, sondern werden mit dem Ellenbogen gestupst und die Intrige manifestiert sich im Lautsprecher. Das Boudoirtischchen, das liebenswürdigere Geheimnisse bergen sollte, verliert den traditionellen Reiz und wird zum Musterkoffer für Kandidaten und Karrieristen. »Ein Reichskanzler gewünscht? Haben wir massenhaft auf Lager, in jeder Ausführung. Da fühlen Sie mal an, prima prima. So, Sie wollen nicht so viel anlegen? Da haben Sie was Billigeres. Es ist nicht so eins A, aber zum Strapazieren.« Vanity fair. Und inmitten, endgültig in der Sphäre einer zielbewußten Frau kreisend, der Politiker, der nie recht gewußt hat, wo er eigentlich hingehört: Siegfried v. Oheimb, geborener v. Kardorff, sehr vornehm und etwas beklommen von den Gerüchten, die ihn zum dritten Reichspräsidenten machen wollen und an denen er nicht ganz unschuldig ist. Seine Verfassungsrede ist als Kandidatenrede ausgelegt worden; seine Äußerungen über die Stärkung der Präsidialgewalt weisen ausschließlich in die Zukunft. Aber es gibt auch noch andre Positionen zu stärken als so hochpolitische, und der präsumtive Herr Präsident hat einstweilen ja Zeit, für sein kommendes hohes Amt entsprechend zu trainieren. Wir aber wollen nicht vergessen, daß uns beinahe schon ein Mal ein Reichspräsident katharinischer Prägung beschert worden wäre, nämlich: Herr Otto Geßler, für den damals die ganze katharinische Presse das Gong schlug, bis Stresemann – man muß ihm doch viel abbitten! – scharf abwinkte. Seitdem ist man im oheimbschen Hause Stresemann noch böser als bisher, und das eröffnet angenehme Aspekte auf die Kandidatur Kardorff. Das alles bringt so eine Verfassungsfeier mit sich. Jetzt ist das frohe Fest verrauscht. Man zankt wieder um Besatzungsfragen, und der Gedanke an die nächste genfer Tagung guckt wie ein schwarzer Kater durchs Fenster. Es wäre zum Verzweifeln ohne die Aussicht auf den 2. Oktober. Jedenfalls hat die Republik stimmungsvoll gefeiert und damit ihre Pflicht getan. Jetzt sind die Fähnchen wieder zusammengerollt, und nur in kleinen Provinzblättern findet man noch verspätete Abdrucke von hauptstädtischen Festartikeln, wie Pasteten, die beim Bankett vom Tisch gefallen, nachher vom kleinen Volk aufgelesen werden. Die Weltbühne, 16. August 1927 727 Chronik Das Bundesgericht von Massachusetts hat den Einspruch Saccos und Vanzettis verworfen und sie damit dem Henker überliefert, wenn nicht im letzten Augenblick noch ein Wunder geschehen sollte. Zum ersten Mal packt den mißvergnügten Bürger der deutschen Republik so etwas wie nationaler Hochmut. Das wäre wirklich in Deutschland nicht möglich. Das wäre überhaupt nirgends möglich. Es gibt keinen Staat, dessen Justiz nicht in diesen Jahren ein Mal der geschlossenen Stimmung der Welt nachgegeben hätte. Auch Horthy und Mussolini sind vor dieser Stimmung zurückgeschreckt, weil sie erkannt haben, daß der moralische Ruf kein leeres Gerede bedeutet. Auch das revolutionäre Rußland, das doch ganz abseits steht und nicht den Maßen des liberalen Demokratismus unterworfen werden darf, hat nach dem häßlichen Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre den Angeklagten schließlich ein viel weniger herbes Schicksal bereitet, als das rote Tribunal ihnen zugedacht. Wenn Gerechtigkeit ein Volk erhöht, so stärkt Milde die Position der Machthaber und »oderint dum metuant!« sagt keiner mehr, der klug ist. Daß die Richter und Sbirren von Massachusetts nicht kapieren, was Protestmeetings in europäischen Städten gegen sie bedeuten, mag denkbar sein. Aber wie steht es mit den Gewaltigen in Washington? Weiß denn nicht Herr Kellogg, der das Auswärtige macht und jahrelang auf wichtigen diplomatischen Posten in Europa stand, was die Vereinigten Staaten in diesen letzten Wochen an Prestige verloren haben? Es sind doch nicht nur die Linksradikalen in Aufruhr: die Bewegung hat alles gepackt, was noch menschlich fühlt. Man kann nicht länger bei einer Fiktion von ›bolschewistischer Mache‹ bleiben, wo selbst Vatikan und Quirinal beunruhigt sind. Gobernator Fuller, vielleicht, weiß vom Papst ebenso viel wie eine pommersche Stallmagd vom Lebenden Buddha und von Mussolini nur, daß er früher Sozialist gewesen ist, daß man ihm also nicht übern Weg trauen darf. Aber darf Herrn Fullers verfassungsrechtlich gesicherte Stellung einen Justizmord heiligen und den ganzen Globus gegen U.S.A. aufbringen? Findet sich denn in diesem vorgeblich so unbureaukratischen Lande nicht ein Einziger, der die jämmerliche Porzellanfahrt von richterlichen Instanzenzügen mit ein paar Federstrichen beendet? So wie vor Jahresfrist Herr Hörsing, amtlich nicht ganz befugt, aber sehr tapfer, den Fall Haas den Talenten des Richters Kölling entriß. Damals atmete ganz Deutschland befreit auf. Erfolgt in diesen Tagen die Hinrichtung der beiden grenzenlos Gequälten wirklich oder wird ihr Martyrium ins Ungewisse fortgesetzt, so wird sich ein Abgrund zwischen den Vereinigten Staaten und der übrigen Welt auftun, den kein bejubelter Ozeanflieger überbrücken kann. Man wird die Repräsentanten der Regierung von Washington mit faulen Eiern begrüßen, wo sie sich künftig zeigen werden, um den Gefühlen der gemeinsamen hohen Zivilisation Ausdruck zu verleihen. Und hier in Deutschland möchte man ganz besonders Herrn Professor Schurmann, dem zitatefrohen Goethekenner, der nirgends fehlen darf, wo sich ein paar behördliche Spitzenpersonen wichtig tun, größere Zurückhaltung nahelegen.   Der preußische Justizminister hat dem Landtag eine Novelle zum Disziplinargesetz der Richter zugehen lassen, durch die für die richterlichen Disziplinarverhandlungen die Öffentlichkeit eingeführt werden soll. Da die Annahme ziemlich sicher ist, so werden im Laufe der Herbstmonate die Fälle Kußmann und Caspary, Hoffmann und Kölling nach der neuen Bestimmung öffentlich verhandelt werden. Das wäre die erste bedeutsame Konzession an das ungeheure Mißtrauen gegen die Justiz und zugleich ein schwerer Schlag gegen das Richterprivileg überhaupt. Eine nützliche Entwicklung zur Realität: was sonst hinter verschlossenen Türen abgehandelt wird, erscheint bloßgelegt; die Methodik von Untersuchungsverfahren, die Wurzeln von Urteilsfindungen werden sichtbar. Damit wird eine falsche Feierlichkeit zerfetzt und eine mystisch drapierte »Sendung« einfach zu einem Beruf wie andre auch, und deshalb der Kontrolle unterliegend. Es geht nicht an, daß sich eine Tischrunde von Schwarzröcken gegen das bessere Empfinden und Wissen der ganzen Welt stemmen kann, nur weil die garantierte Unantastbarkeit ihrer Amtsstellung ihnen gestattet, ein offensichtliches Unrecht bis zum Justizmord zu treiben und ein Verdikt exekutieren zu lassen, nicht, weil es nach ihrer besten Überzeugung richtig ist, sondern weil ihr amtlicher Hochmut Revisionen nicht gestattet. Auch der Richter Thayer von Debham fühlt sich nicht befangen ... Der selbe Richter Thayer, gegen dessen Urteil seit sieben Jahren die besten Juristen kämpfen und dessen Irrtümer flagrant erscheinen, fühlt sich nicht befangen! Und es gibt kein Mittel, diesem Richter, der schon lange Angeklagter geworden ist, die Akten Sacco-Vanzetti aus den Händen zu winden. Die Unabhängigkeit des Richters, ein liberales Palladium einst, ist zum Unsinn geworden. Der Fortschritt von gestern zur Plage von heute. Die Frage ist keine deutsche allein.   Unser Herr Reichswehrminister hat seinen gläubigen republikanischen Kindlein eine Freude bereitet: er hat was für Schwarz-Rot-Gold getan. Hat der Mann ein Glück! Nach der Vergangenheit nun plötzlich gerührte Absolution, nur, weil er seinen Offizieren untersagt hat, sich mit den Farben der Monarchisten zu zeigen! Wenn wir die Angelegenheit etwas weniger animiert betrachten als die Demoblätter, kommen wir zu nicht so erquicklichen Schlüssen. Schließlich hat Herr Geßler jetzt ein paar recht beschwerliche Sachen auf dem Buckel: nicht nur die neuen Enthüllungen über das Zusammenspiel von Reichswehr und Stahlhelm, sondern auch die Geschichte mit den Filmsubventionen durch seine republikanische Marine. Als vorsichtiger Mann bemüht er sich, die wachsende Entrüstung rechtzeitig zu dämpfen. Den Fraktionen der Linken etwas zum Fraß vorzuwerfen, ehe sie sich ausgehungert niedersetzen, um ein paar gallenbitterböse Interpellationen zu verfertigen. Und wie könnte man die grollenden Gemüter besser besänftigen als mit einem Flaggenerlaß, der nicht mehr kostet als einen kleinen Sturm in der hoffnungslos vernagelten ›Kreuzzeitung‹, über die doch jeder lacht? Es ist doch kümmerlich bestellt um die weimarer Farben. Wenn sie schon mal herausgeholt werden dürfen, dann fungieren sie totsicher nur als Kompensationsobjekt. Geßler hatte die Wahl zwischen Schwarz-Rot-Gold und weitgehenden parlamentarischen Belästigungen. Also entschied er sich für Schwarz-Rot-Gold. Wo die Sache ernst wird, hapert es natürlich mit dem neuen republikanischen Elan. Was geschieht zum Beispiel mit jenem Herrn Oberstleutnant Fritz, der bei der Verfassungsfeier von Gießen mit Mann und Musik entrüstet das Haus verließ, weil ihm der Festredner zu republikanisch war? Einstweilen hat das Ministerium ein Eingreifen abgelehnt, weil die vorliegenden Berichte es von dem »parteipolitischen« Charakter der Ausführungen des Redners überzeugt haben. Nun ist, was weniger bekannt ist, jener Herr Oberstleutnant zugleich Landeskommandant der republikanischen Streitkräfte in Hessen, also von Amts wegen zu gutem Einvernehmen mit der Landesregierung verpflichtet. In Hessen regiert eine weimarer Koalition. Warum läßt sie sich diesen auf die Nase gesetzten Landeskommandanten gefallen? Man mag sich gar nicht vorstellen, was die bayrische Regierung etwa täte, wenn der Militärchef, Herrn v. Lossows Nachfolger, plötzlich einen republikanischen Rappel bekäme. Er wäre sofort geschaßt. Die Hessen sind geduldiger, und Geßler denkt nicht, den republikanischen Fahnenmast in die Wolken wachsen zu lassen. Es kam ihm auf den Applaus der Demokraten an, und der ist erreicht. Die merken auch nicht, daß die neue republikanische Großtat in fatal hinterhältiger Form verabfolgt wurde. Gegner der Reichswehr, sagt Geßler, sind auch Feinde der Republik. Normalerweise müßte es umgekehrt sein. Praktisch wird sich das so auswirken: Gegner des Militäretats werden auch Gegner der Reichswehr und folglich auch Gegner der Republik sein. Und das ist noch die harmloseste der vielen, vielen Möglichkeiten. An Geßlers republikanischer Exegetik werden wir noch lange zu knabbern haben. Die Weltbühne, 23. August 1927 728 Das Buch vom Russenfilm Das schönste und erregendste Buch dieser Tage ist ein Bilderbuch, und ein ganzes Volk hat dazu Modell gestanden. Ich liebe die Schriftsteller, die etwas von der Buntheit der Gegenwart auffangen, ich liebe das beschwingte Tempo und die minutiöse Genauigkeit, die sich nicht bestechen, nicht prellen läßt, ich liebe Sinclair Lewis und Ilja Ehrenburg ... Aber ich vergesse sie vor den 144 Tafeln des Buches ›Russische Filmkunst‹ (mit einem Vorwort von Alfred Kerr bei Ernst Pollak in Berlin erschienen). Man könnte sagen: es ist einfach das Neue, das dich überrumpelt, Freund, und du bist ein bißchen Snob geworden, wo etwas frisch hereinbricht, da bist du enthusiasmiert und schwelgst superlativisch, um nachher langsam und unmerklich zu subtrahieren ... Aber diese russische Filmkunst ist nicht Mode, kann es nicht werden, weil der Geist eines ganzen Volkes in den Bildern lebt, und wenn man Formen kopieren kann, Teufelsfratzen aus Insulinde ebensogut wie die hochgeschossenen Figuren des Greco, der Geist eines Volkes wird Geheimnis bleiben. Die fingerfertigen Imitatoren werden ein paar technische Kniffe adaptieren, aber das Geheimnis nicht ergründen. Seit ein paar Wintern kennen wir jetzt Russenfilme. Aber gibt es schon einen russischen Stil, der heute dernier cri ist, morgen kaum Pfennigwert hat? Es gibt keinen, wird keinen geben. »Was ist schon großes mit dem Eisenstein?« schrieb vor Jahresfrist ein deutscher Filmregisseur, »der russische Staat gibt ihm für seine Aufnahmen die ganze Stadt Odessa mit allem lebenden Inventar, und noch ein paar Kriegsschiffe dazu. Mit den Mitteln könnten wir das auch!« In Weiträumigkeit und Opulenz der Regiemittel sieht der deutsche Filmmann den ganzen Dreh. Alfred Kerr aber schließt sein Vorwort so: »... mancher von diesen weltfördernden Filmen wuchs, vor Jahr und Tag, inmitten von Frost und Hunger. Es gibt großes, wenn Künstler Heilige sind.« Und darin scheint das Geheimnis des Russenfilms beschlossen zu sein. Die Weltbühne, 23. August 1927 729 Steine ins Glashaus Hindenburg hat zwar für Schwarz-Rot-Gold ein freundliches Wort gefunden, aber die feinen Leute bleiben bei den alten Farben. Wenn sie auch nicht mehr vorhaben, die Republik heut oder morgen zu entthronen, so wollen sie doch an ihre Existenz wenigstens nicht da erinnert werden, wo sie gut essen und weich gebettet schlafen. Diese Abneigung ist bekannt genug, um von den Hütern ihres Essens und Schlafens sorglich beachtet zu werden. Deshalb haben auch die großen berliner Hotels die Fehdeansage des Magistrats Berlin und der preußischen Regierung mit Hohngelächter aufgenommen und sich kurzerhand exterritorial erklärt oder unter den Schutz der amerikanischen Flagge gestellt, deren delikater Blutgeruch grade in diesen Tagen den hochgeborenen Gästen angenehm in die Nase zieht. Denn diese großen Hotels um die Linden sind nicht etwa Geschäftsunternehmen gleich andern, wie man denken könnte, sondern richtige Feudalburgen, Stammsitze trutziger Lehnsherren, der Staatsmacht in der Wilhelm-Straße drohend vorgelagert. Die strengen Herren lassen sich von so einem bißchen Republik nicht leicht imponieren; der Pfalzgraf von Adlon, der Herr Truchseß von Bristol oder die Vicomtesse d'Esplanade, verwitwete Stinnes, wissen sehr wohl, was sie einem Publikum von Trägern des nationalen Wohlstandes und Damen der internationalen Verschwendung zumuten dürfen, von den echten und falschen Domelas ganz abgesehen, und lassen nicht eine Fahne aufs Dach pflanzen, die von ganz gewöhnlichen Arbeitern bei Straßendemonstrationen vorangetragen wird. Die deutlichsten Konsequenzen haben Aschingers gezogen, indem sie als Hauptaktionäre der Hotelbetriebsgesellschaft zwar den Beschluß zur Obstination mitmachten, aber für ihre vielen Stätten in der City, wo die mindere Kundschaft mit den historischen Löffelerbsen Murmeln spielt, die Weimarer Farben gestatten. Dagegen hat der Großkonnetabel vom Excelsior feierlich verlautbart, jede gesetzmäßige Regierung zu unterstützen. Gott sei Dank, von der Seite droht der Republik keine Gefahr. Und nun fragt man sich, was wohl komischer ist: die Fehdeansagen oder diese Loyalitätsbekundung. Boeß und Braun müssen jetzt durchhalten. Verzwickt ist die Sache nur für die Reichsregierung mit ihren deutschnationalen Mitgliedern und für Herrn Marx, der in zahlreichen Kämpfen schon so verschiedenartig koloriert wurde, aber hoffentlich für unvorhergesehene Fälle noch ein paar weiße Felder freigehalten hat. Wie werden sich die Herren herauswinden? Einstweilen krümmen sie sich wie auf jener ungemütlichen Lagerstatt, die Prokrustes bereitet hat, der sagenhafte Begründer des Hoteliergewerbes. So wird also nach dem ehrlichen Makler gesucht. Doch bis dahin dauert der Boykott fort. Es sei einem schlichten Untertan vergönnt, hier offen auszusprechen, daß er diese Karenzzeit als sehr nützlich begrüßt. Es wird nämlich in Berlin etwas zu viel offiziell bankettiert, jubiliert, empfangen und verabschiedet. Kommt Irgendwer nach Berlin, sei es ein Literaturchampion oder ein Kapitalmagnat oder ein vor so viel Begeisterung schier aus den Wolken gefallener Flieger, so setzen sich nicht nur die nächstbeteiligten Branchen sofort in Bewegung, sondern auch die entlegensten »Spitzen«; »führende Persönlichkeiten« jeder Art, denen man bisher beides nicht geglaubt hat, stürmen als Gratisstaffel an den reich gedeckten Tisch, gefolgt von sonst schrecklich oppositionellen Parlamentariern, die aus der Gesellschaftskluft überhaupt nicht mehr herauskommen und denen sozusagen der Frack näher sitzt als das Hemd, mit dem ihre Wähler sie bekleidet haben. Zwar sind die Formen heut zivilisierter als in jenen vorgeschichtlichen Tagen, wo die Wiege der Republik in Schwanenwerder geschaukelt wurde. Wie werden die Leute die Schließung ihrer heitern und billigen Garküche ertragen? Gewiß wird der Boykott bald an den knurrenden Magen ein heftiges Hindernis finden, und die »führenden Persönlichkeiten« werden drängen, der gräßlichen bankettlosen Zeit so schnell wie möglich ein Ende zu machen.   Bei den genfer Tumulten nach der Hinrichtung Saccos und Vanzettis ging ein Hagel von Steinwürfen auf das Völkerbundhaus nieder und richtete in dem berühmten Glassaal arge Verheerungen an. Obgleich Ziel der Empörung das amerikanische Konsulat war und die Steine nur in der Hitze des Gefechts in den Völkerbund flogen, sollten die Diplomaten, die sich jetzt dort versammeln werden, sich nicht damit trösten, daß auch die Nemesis manchmal daneben treffe. Auch von dem Palais des Völkerbundes kann der Volkszorn einmal Rechenschaft fordern. Heut äußert sich die Stimmung noch in Indifferenz. Doch die Ereignisse häufen sich, die die innere Krise des Bundes augenfällig machen. Vor kurzem hat Frankreichs Vertreter Henri de Jouvenel mit schneidender Begründung resigniert, und ihm scheint nunmehr Lord Robert Cecil zu folgen. Verschieden wie die Persönlichkeiten sind die Motive beider. Aber dem Entschluß zur Abdikation liegt hier wie dort das Bewußtsein zugrunde, daß die Ämter leere dekorative Formen geworden sind und alle entscheidende Politik den Kabinetten der Mächte vorbehalten bleibt. Herr de Jouvenel ist ein eleganter Dutzendpolitiker, früher Nationalist, dann Locarnist; heut zu nichts verpflichtet, morgen bereit, für das Eine oder Andre in Briands Amtszimmer einzuziehen. Lord Robert Cecil dagegen ist mit den wenigen guten Stunden des Bundes aufs engste verknüpft. Früher, als genfer Vertreter der Südafrikanischen Union, hatte er mehr Spielraum. Als Baldwinminister blieb er gebunden. Sein Ausbruch aus dem Kabinett wird zu einer flammenden Demonstration gegen den jetzt ganz den reaktionärsten Tories hörigen Chamberlain.   Übrigens hat es auch in Paris beträchtliches Glasklirren gegeben. Auf der Interparlamentarischen Union, allwo unser Loebe zum ersten Mal in die bessere Außenpolitik gestiegen ist. Man kann nämlich den ornamentalen Bedürfnissen des Reichstags durchaus genügen und auf internationalem Terrain doch erheblich absacken. Glattes Eis, ein Paradeis – für Den, der drauf zu tanzen weiß. Herr Loebe wurde zunächst eifrig beklatscht, weil man ihn nicht verstand und weil er beim Reden immer so freundlich aussieht und zu seinen Pointen so nett blinzelt. Als aber der Text nachher in die diversen Muttersprachen übersetzt wurde, machten die Leute alle ein böses Gesicht. Herr Loebe hat mit seinem wohlgemeinten Impromptu der deutsch-französischen Diskussion keinen Gefallen erwiesen. Wahrscheinlich meinte er: ein offener, grader Mann, der frei heraussagt, wie ihm ums Herz ist, genüge schon, um alles ins rechte Lot zu bringen, und vielleicht hat man nur dem Poincaré bisher noch nicht richtig zugeredet. So platzte denn in ein Gremium geschliffener, bis zur Perfidie geschliffener Dialektiker eine Bravourarie aus dem deutschen Bezirksverein mit der bekannten köstlichen Simplifizierung auch der heikelsten Fragen. Diese offenen, graden Männer, die immer mal wieder ihr Herz ausschütten müssen, haben in den deutsch-französischen Beziehungen gewöhnlich das meiste Unheil angerichtet. Das war doch das unbestreitbare Verdienst von Briand und Luther in Locarno, die Sache einmal ganz kühl und geschäftsmäßig anzupacken, nachdem sie vorher alle offenen und graden Männer sorgfältig aus dem Porzellanladen entfernt hatten. In Spaa verlangte die deutsche Delegation offen und grade schwere Minenwerfer und mehr Kanonen, um besser Bürgerkrieg führen zu können. In London fuhr Simons offen und grade in die Katastrophe. Seeckt kniff lächelnd sein Monokel ein. In Genua machte Herrn Wirths offene Gradheit den besten Eindruck – und eines Morgens war der Russenvertrag da. Offen und grade erklärte der redliche Kaufmann Cuno in der Telegraphenstangen-Affäre sein ›non possumus‹. Jedes deutsch-französische Mißgeschick ist mit offenen, graden Männern verknüpft, die nur das Eine nicht wissen, was alle Welt weiß: daß sie nämlich leicht getäuscht und ahnungslos die Geschäfte von Männern führen, die weder offen noch grade sind. Das Ausland hat für Deutschland kritische und von keinem Lyrismus verklärte Augen und sieht deshalb einen gewissen Politikertypus schärfer als wir: – den eingeseiften Demokraten. Auch Poincaré, der angeblich so gehässige, so unversöhnliche Poincaré, hat seine Begrüßungsrede nicht benutzt, um ein Kriegermonument einzuweihen. Aber Paul Loebe hat in Paris ein unsichtbares Reichsbannerdenkmal enthüllt. Man kann heut einem Parkett von französischen Politikern eine ganze Reihe Offenheiten sagen, aber diese wohlbekannten deutschen Moralpredigten, wie das alles so schön werden wird, wenn man nur dem deutschen Standpunkt erst in allem nachgegeben hat, das kann man nicht mehr vertragen. Dazu kennt man Weise und Text, Sänger und Souffleure zu gut. Herr Loebe und seine republikanischen Freunde übersehen, daß alles, was sie über Okkupation, Abrüstung etcetera zu verkünden haben, doch eben die Themen sind, die erst zur Diskussion stehen sollen und die sie als judiziert vorwegnehmen. Es ist nach den Buntheiten der deutschen Militärpolitik ein Unding, immer wieder gerührt auf das abgerüstete Deutschland zu verweisen. Man soll froh sein, wenn die Andern nicht davon anfangen. Wenn man attackiert wird, ist noch immer Zeit genug, die Mappe zu öffnen und den oktroyierten Pazifismus statistisch zu belegen. Aber man täte gut, sich endlich den Brustton zu verkneifen und die Mahnungen, dem deutschen Beispiel zu folgen. Man kann doch nicht, wie Loebe in einem spätem Interview, eine Erklärung abgeben wie die, daß ›potentielle Kriegsrüstungen nur in der Einbildung bestünden‹; denn es geht nicht an, die Überzeugungen der andern Seite von vornherein zu bagatellisieren, wenn man mit Erfolg verhandeln will. Was Loebe da als Hirngespinst abtut, ist nämlich die grundlegende These der gegenwärtigen französischen Militärpolitik und maßgeblich für ihre Betrachtung aller andern konkurrierenden Militarismen. Die deutschen Verständigungsmänner aber schieben das leicht bei Seite, denn sie hören immer dort auf, wo das Thema erst beginnt. Und wundern sich dann, wenn auf französischer Seite eine Frage wie die der Rheinland-Okkupation dilatorisch behandelt wird oder Zugeständnisse, wie jetzt die neue bescheidene Truppenverminderung, durch kleine Kalkulationskniffe entwertet werden. Selbstverständlich müßte über die Rheinbesetzung recht bald Klarheit geschaffen werden. In Frankreich wird man das kaum weniger quälend empfinden als bei uns. Aber wer die Debatte fördern will, darf nicht vergessen, daß auch England noch zu den Okkupationsmächten gehört; und wie Herr Chamberlain jetzt manipuliert hat, das werden wir wohl erst erfahren, wenn wir alles wissen, was zu Lord Robert Cecils Demission geführt hat. Herr Loebe aber macht es wie fast alle deutschen Verständigungsmänner: er appelliert halb zürnend, halb verliebt an Frankreich. Die englische Politik sieht er nicht und fragt nicht nach ihrem Spiel. Die republikanische Presse hat ihn als Helden gefeiert, und hoffentlich ist er mit diesen Lorbeeren seiner Extratour ins Außenpolitische zufrieden. Daß sich auch der ›Lokalanzeiger‹ über ihn lustig macht, soll uns nicht in der Meinung beirren, daß sein Auftreten in Paris dilettantisch war und der Sache geschadet hat.   Die Gerüchte, der Reichspräsident beabsichtige nach seinem achtzigsten Geburtstag zurückzutreten, wollen trotz Dementis nicht verstummen. In parlamentarischen Kreisen munkelt man jetzt, der preußische Ministerpräsident habe Herrn v. Hindenburg solche Pläne ausgeredet mit dem Hinweis, daß das große Werk der Volksversöhnung noch nicht vollendet sei. Nein, es ist wirklich noch nicht ganz vollendet, das große Werk, und man brauchte auch gar nicht darauf einzugehen, wenn dieses Wort des Genossen Otto Braun nicht den neuen Curialstil in vollendetem Ausdruck zeigte. Die Republik gewinnt Form, Phrase und Etikette. ›Das große Werk der Volksversöhnung noch nicht vollendet‹ – wie so etwas glatt und leicht aus dem Mund fließt. Und damit ist die Sache erledigt. Was weiter geschieht, liegt beim Reichsanwalt, liegt bei Niedner. Die Weltbühne, 30. August 1927 730 Rothermeres Einfall in Mitteleuropa Ein kleines Novum in der wechselreichen Geschichte moderner Außenpolitiken: ein Zeitungskonzern hat gegen ein selbständiges Staatswesen Krieg eröffnet. Mit allen Mitteln heutiger Kriegstechnik: Vergasung, Vernebelung und Blockade. Dem angegriffenen Staat wird, von einem Zeitungskonzern!, nachgesagt, daß er der Existenzberechtigung entbehre, seine Grenzziehung ganz willkürlich sei und seine Methoden, nationale Minoritäten zu behandeln, ihn zu einer Gefahrzone ersten Ranges, ja, zum Pulverfaß Europas machten. Zu bemerken wäre noch, daß der Staat, dem jener Zeitungskonzern immerhin zugehört, mit dem andern im tiefsten Frieden lebt. Damit könnte man die Sache auf sich beruhen lassen, vielleicht sogar einen gewissen komödialen Einschlag konstatieren. Aber das Haupt jenes Zeitungskonzerns ist Lord Rothermere, der begabteste aller journalistischen Giftmischer Europas, neben dem sich unser Hugenberg wie ein grüner Präparant ausnimmt, der Asa foetida mit Aqua toffana verwechselt. Der angegriffene Staat ist die tschechoslowakische Republik, die gewiß nicht die beste aller möglichen Republiken ist, aber sich heut ehrlich bemüht, mit ihren Kinderkrankheiten fertig zu werden und insbesondere einen etwas krampfigen Nationalismus zu überwinden, der noch aus der Zeit der Unterdrückung durch die schwarz-gelbe Bureaukratie stammt. Die Deutschen haben heut an der Regierung teil, und die intransigenten Alttschechen des Herrn Kramarsch stehen knurrend beiseite. Ein im ganzen recht wohnlicher Kerker. Sehr wohnlich besonders neben Horthys Ungarn, dem Lord Rothermeres Patronisation gilt. Denn die Teilnahme des englischen Zeitungsmagnaten gehört dem Land der weißen Krieger, seit es ungarischen Aristokraten gelang, ihn zu überzeugen, daß ihr Land wieder größer werden müsse, um seiner Sendung als Ordnungsfaktor völlig gerecht zu werden. So griffen Mylord selbst zur Feder, um nachzuweisen, daß das böhmische Volk auf Kosten des ausgesogenen Ungarn lebe, und seine ›Daily Mail‹ ergeht sich in Beschimpfungen des tschechischen Staates und fordert dessen finanziellen Boykott. Also Blockade. Nun sind die Grenzen durch die Friedensverträge von Saint-Germain, Neuilly und Trianon nicht weiser als die von Versailles. Aber grade die Tschechoslowakei konsolidiert sich zusehends und die Wunden vernarben. Warum interessiert sich Rothermere nicht, beispielsweise, für Bessarabien, wo die seinen magyarischen Freunden entsprechende rumänische Offizierskamarilla unter der eingesessenen Bevölkerung dermaßen wütet, daß die sich nach Rückkehr unter die Sowjets sehnt? Warum appelliert er nicht generell für eine Revision der Friedensverträge ...? So etwas scheinen die deutschen Nationalisten zu erhoffen, die zwar nicht das Gras, bei ihren guten Beziehungen zu dem Gott der Schlachten aber das Eisen wachsen hören, und deshalb zu Rothermeres Unternehmen leidenschaftlich applaudieren. Wie lange ist es her, daß Rothermere und ›Daily Mail‹ Inbegriff aller Schändlichkeiten waren? Nannte man diesen Konzern nicht früher einen mit Vorliebe Deutsche verspeisenden Leviathan? Und wurde nicht immer gemunkelt, daß die Wiege seines Gründers in Frankfurt gestanden habe? Vergessen, vergessen. Glauben die Leute wirklich, daß Mylord mit ihnen nächstens, als Dank für den Sukkurs, gen Ostland reiten werde, durch den Korridor ...? Das glauben wohl selbst die beflissenen Adepten der Northcliffe-Rothermere-Chemie im ›Lokalanzeiger‹ nicht. Es ist das alte Schauspiel: das Bedürfnis nach Anschluß an die internationale Reaktion überwiegt endlich nationale Querelen. Das gilt für Rothermere so gut wie für seine neuen deutschen Bewunderer. Auch die Ungarnfreundschaft des englischen Pressebeherrschers ergibt sich nur aus der Notwendigkeit des britischen Imperialismus, auf dem Kontinent neue Büttel zu werben. Auch die englische Sympathie für Horthy, in dem die feine Gesellschaft von Mayfair vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch so etwas wie einen in die Politik verlaufenen Zigeunerprimas gesehen hat, ist nur ein neues Glied in der Kette des Kampfes gegen Moskau. Längst hat sich die offizielle londoner Politik Mussolinis und Horthys und aller andern weißen Diktatoren versichert. Der nichtamtliche Rothermere aber geht ein paar Schritte weiter und macht schon Stimmung für eine opulente Belohnung eines der tüchtigen Lieblinge, und es ist kein Zufall, daß die Kosten für das Benefizium ein Staat tragen soll, der von anständigen Prinzipien regiert wird und ein Stück demokratischer Zukunft darstellt. Wir kennen solche Vorgänge aus dem Bürgerkrieg: erst gehts gegen den Bolschewismus allgemein; nachher ist alles ein Aufwaschen, und jeder ehrliche Demokrat erscheint als Bolschewik und ausrottenswert. Schon in der leidigen Falschgeldaffäre hat England zwar nicht Ungarns Ehre, wohl aber das Fell seiner Minister gerettet. Die Politik der englischen Regierung ist heute schon so weit, in jedem demokratischen Staatswesen Helfer Moskaus zu wittern. Deshalb die Päppelung aller Fascismen. Deshalb die kürzlich von amerikanischer Seite aufgedeckten Pläne Mussolinis mit Hilfe Englands und der deutschen Nationalisten, als Krönung des Werkes, den Magyaren schließlich einen italienischen Prinzen als König zu bescheren. Das amtliche England verhält sich zu Rothermeres Einbruch in Mitteleuropa auffallend still. Gewiß, dieser Pressediktator ist zwar ein einflußreicher Politiker, aber doch nur eine Privatperson. Wer will ihm wehren, seine Meinung zu sagen, das gleiche Recht also wahrzunehmen, das jeder Sonntagsredner im Hydepark hat? Wenn man ihm zu arg übern Mund fährt, wird er schließlich schweigen, wenn er Glück hat, kann man – ihm folgen. So hat Britannia immer erobert. Die Weltbühne, 6. September 1927 731 Canarisfilm und Völkerbundstheater Vor zwei Jahren gelang es im parlamentarischen Untersuchungsausschuß einem Vertreter des Reichsmarineamts, durch Affrontierung republikanischer Abgeordneter einen beträchtlichen Radau hervorzurufen. Damals wurde der Öffentlichkeit zum ersten Mal der Herr Korvettenkapitän Canaris bekannt. Wir haben in der ›Weltbühne‹ in der letzten Zeit wiederholt auf die Laufbahn des Herrn Canaris hingewiesen, um damit den Streit um das Reichsmarineamt, der ja zunächst nur von den Film Subventionen ausging, militärpolitisch schärfer zu profilieren und damit nicht in Vergessenheit gerate, daß in dieser Behörde neben Finanzgeschäften auch noch andre getätigt würden, die an sich besser zum Ressort passen, aber zu der staatserhaltenden Aufgabe einer Wehrmacht im Widerspruch stehen. Es gehen nun seit ein paar Wochen merkwürdige Geschichten um, wonach Herr Canaris Anschluß an einige Redakteure eines großen demokratischen Tageblattes gesucht und gefunden habe. Diesen Herren, so wird erzählt, habe Herr Canaris neues Material zur Filmaffäre in Aussicht gestellt – Material, das nicht nur den ohnehin belasteten Kameraden Lohmann, sondern auch seinen Vorgesetzten, den Herrn Admiral Zenker, einbezieht. So wird sehr geheimnisvoll erzählt, und da Journalisten ebenso wenig diskret sein können wie Offiziere, so ist einiges davon weiter gedrungen, was wir hier mit aller Reserve wiedergeben. Obgleich die Angelegenheit, wenn sie stimmt, mehr charakterologisches als politisches Interesse hat, so sollte doch darüber Klarheit geschaffen werden. Bis jetzt sieht man nur einen Filmstreifen ohne Textierung – Personen, die gestikulieren, den Mund öffnen, die Hände beschwörend heben und dergleichen, aber man weiß nicht recht wozu. Vielleicht nimmt jetzt Herr Canaris das Wort.   Das war wieder eine lange Rednerparade in Genf, und jedem einzelnen der Herren wird von seiner Presse attestiert, das große Ereignis gewesen zu sein. Man kann gewiß sein, daß heute in Kowno Herr Woldemaras als der Demosthenes gefeiert wird, dem ein Parkett von Staatsmännern hingerissen folgte. Ungarn hat ein venerables nationales Altertum delegiert, den Grafen Apponyi, der nach dem ›Lokalanzeiger‹ mit einem Zukunftsgemälde von Frieden und Gerechtigkeit sein Auditorium erschütterte, das gewiß noch viel erschütterter gewesen wäre, wenn Horthy einen seiner blutigen Bandenführer geschickt hätte. Italien wird durch den zähen Juristen Scialoja vertreten, der alle Verhandlungen durch Tifteleien schwierig macht, was jedoch die Meinung erwecken kann, als nähme man in Italien Rechtsfragen buchstäblich und pedantisch, anstatt sie kurzerhand à la russe zu erledigen. Was vollends Herrn Stresemanns Presse angeht, so kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, daß der Völkerbund eigens geschaffen worden sei, um dem großen Mann einen interessantem Rahmen zu geben als die heimatlichen Bezirksvereine und Unternehmerbünde. Nimmt man sich jedoch die Reden gründlich vor, so erkennt man, daß alle Herren mit viel Aufwand nichts gesagt haben. Und dies Nichtssagen ist das ungeschriebene aber faktische Programm dieser Tagung. Auch Aristide Briand, der hellste Kopf und das wärmste Temperament, war dies Mal unsagbar trist. Vor einem Jahr noch forderte er mit grandioser Geste auf, die Mitrailleusen zu zerschlagen. Man mochte sich dabei still fragen, was wohl geschehen würde, wenn seine Landsleute in blauen Blusen damit Ernst machten. Dennoch, es war ein hallendes Wort, keine zage rückversicherte Formulierung. Und dies Mal? »Wir müssen den Frieden den Völkern so lange in die Ohren schreien, ihnen so lange immer wieder zurufen: Macht den Frieden! Macht ihn, wie Ihr wollt, in juristischen Formeln oder ohne juristische Formeln, aber beschäftigt Euch mit dem Frieden! Wir müssen den Frieden zu jener mystischen Gewalt machen, die sich in der Seele der Völker unwiderruflich festsetzt.« Verkehrte Welt! Der Vertreter eines schwer bewaffneten Staates ruft den Vertretern andrer nicht leichter bewaffneten Staaten zu, ihren Völkern das Kriegmachen auszureden. Dabei ersehnen die Völker nichts mehr als den Frieden und sehen nur in ihren Regierungen das Hindernis. Das ist die Wahrheit. Daß ein kluger Mann wie Briand in der Hitze des rednerischen Moments die Dinge einfach auf den Kopf stellt, beweist nur, daß in Genf, wo immer besser gesprochen als gehandelt wurde, jetzt selbst die Rhetorik bankrottiert hat. Was gestern noch klingende Phrase war, ist heute einfach Blague. So hielt die repräsentative Rede ein Kandidat für den Rat der Großen, der Grieche Politis, der die Kritik der kleinen Mächte abwiegelte und einen wahren Hymnus auf das Nichtstun sang. Der hat, glatt und schlau, den Großen aus der Seele gesprochen. Es hat alles Zeit! Die genfer Devise unter dem Protektorat der Militär- und Seemächte. Die Kleinen aber streben zu den Ideen des Protokolls von 1924 zurück. Das war der Sinn des überraschenden holländischen Vorstoßes, auch der Bemühungen Polens, zu einem Sicherungsabkommen für den Osten zu gelangen. Die kleinen Staaten sind durch die Locarnoverträge aus der Weltpolitik radikal hinausgeworfen worden. Sie sind ohne Einfluß auf den Lauf der Dinge und dürfen nur nachträglich in Genf protestieren. England hat die Abrüstung ruiniert und schafft sich überall in Europa Trabanten zur Einkesselung Rußlands. Der Locarnofriede war ihm nicht mehr als die Erledigung mitteleuropäischer Quengeleien zur Formierung einer großen reaktionären Bürgerfront gegen das Land der sozialen Revolution und gegen alle soziale Revolutionierung im eignen Haus und überall. Seitdem ist sein Interesse am Völkerbund erloschen, und weil Locarno schließlich doch nicht zum Ziel führte, auch sein Interesse an diesen Verträgen, und es fördert offen und brutal alle fascistischen und weiß-militaristischen Strebungen. Deshalb ist es auch ziemlich belanglos, ob jetzt in Genf noch eine gemeinsame Plattform gegen den Angriffskrieg gefunden wird. In dieser bösen europäischen Luft verlieren Schiedsklauseln und Beteuerungen, niemals angreifen zu wollen, ihren Wert. Das Rüstzeug des Vorkriegspazifismus erweist sich jetzt, wo es endlich umgeschnallt werden soll, als rostig. Was 1910 Epoche gemacht hätte, ist 1927 zur Lüge geworden. Zukunft und Würde des Völkerbundes ruht nicht bei den Regierungen der großen Mächte, sondern bei ihren linken Oppositionen, und, vor allem, bei der englischen Arbeiterpartei. Das Jahr des großen Durchbruchs zum Frieden war 1924, das Jahr Herriots und MacDonalds. Neue Entlastung der Weltpolitik kommt nicht mit neuen Pakten in Ost oder West, sondern nur durch den Sturz der konfliktsüchtigen englischen Reaktion. Bis dahin festzustehen und den Widerstand so weit zu spannen, daß die halsbrecherische Außenpolitik des Torykabinetts auch zu einem innern Risiko wird, ist die historische Aufgabe der englischen Opposition.   Wir erhalten das folgende Schreiben: »Der Preußische Ministerpräsident. Berlin W. 8, den 7. September 1927. In Nr. 35 der ›Weltbühne‹ vom 30. August wird das Gerücht erwähnt, der Herr Reichspräsident beabsichtige nach seinem 80. Geburtstage zurückzutreten, und im Zusammenhang damit wird gesagt, ›in parlamentarischen Kreisen munkle man jetzt, der Preußische Ministerpräsident habe Herrn v. Hindenburg solche Pläne ausgeredet mit dem Hinweis, daß das große Werk der Volksversöhnung noch nicht vollendet sei.‹ Dazu bemerke ich in aller Kürze, daß ich schon deshalb dem Herrn Reichspräsidenten nicht ›solche Pläne ausgeredet‹ habe, weil mir von diesen Plänen nichts bekannt ist. gez. Braun« Wir freuen uns sehr, daß der Herr Ministerpräsident so entschieden dementiert. Mit uns werden sich die Parteien freuen, die schon lange den Wahlkampf gefürchtet haben, und wohl auch ein wenig der Herr Ministerpräsident selbst, dem die Kandidatensorgen erspart bleiben. Die Weltbühne, 13. September 1927 732 Der erhobene Krummstab Der Leidensweg des deutschen Republikaners ist noch nicht beendet. Erst trieb man ihn unters Joch des Militarismus, dann unter das des Richters. Jetzt kommt als Dritter der Priester und meldet seine Ansprüche an. Der Generalangriff der katholischen Partei auf die Schule zerreißt die kulturpolitischen Stipulationen der Weimarer Verfassung und damit das letzte, was uns die Fiktion aufrechterhalten ließ, wir lebten in einem liberal-demokratischen Staat. Artikel 149 besagt: »Der Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach der Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien (weltlichen) Schulen. Seine Erteilung wird im Rahmen der Schulgesetzgebung geregelt.« Dieser Rahmen soll jetzt geschaffen werden, und man ist daran, ihn so weit zu spannen, daß dabei auch der Spitzensatz des Artikels 137: »Es besteht keine Staatskirche« praktisch einbezogen, also unwirksam gemacht wird. Damit endet ein kurzer, nicht immer krisenloser Traum: Das Zentrum als Stütze des demokratischen Staates, des Staates der Gedankenfreiheit und Toleranz. Volkstribun Erzberger ist begraben und vergessen, mit ihm der republikanische Radikalismus seiner Partei; der Tag gehört dem mausgrauen Herrn Marx, vor zwei Jahrzehnten schon Verkünder der konfessionellen Schule. Der ewig wandelbare Katholizismus zeigt wieder ein andres, ein strengeres Gesicht als vor kurzem noch. Wir wollen nicht vergessen, daß von allen alten Autoritäten die katholische Kirche im Kriege am besten standgehalten hat. Während die katholischen Parteien in den einzelnen Ländern willenlos von der Kriegsfurie fortgerissen wurden, blieb das römische Pontifikat in geistig überlegener Neutralität. Während die furchtbar roten Sozialisten in Stockholm anstatt sich zu einigen, sich gegenseitig des Annexionismus und der blutigsten Atrozitäten bezichtigten, unternahm Benedict, der große Papst des Weltkrieges, den einzigen ganz ernsten Friedensschritt. Mit gesteigerter moralischer Macht kam die Kirche in das unfriedliche Europa der Friedensverträge, und ihre bissigsten demokratischen und sozialistischen Gegner kapitulierten innerlich und bewunderten den erhabenen zweitausendjährigen Bau. Ja, in diesem Europa voller Nahrungssorgen, in diesem Europa der gelösten alten Bindungen ohne neue, erkannte man im steinernen Schweigen gotischer Kathedralen, in der betäubenden Luft goldprunkender Barockkirchen die letzte große Macht einer seelischen Einheit, die keine Fragen zuläßt, bewunderte man die Weisheit einer Institution, die alle Extreme des Lebens vom Rausch bis zur Zerknirschung, von der Wollust bis zur Entsagung umfaßt und noch unter die grüne Verwesung des Crucifixus eine schöne Frau stellt. Das ist groß und erhaben, und wer nie im Kreuzgang eines Klosters für Minuten nur die brave Uffklärung sozialistischer Bildungsarbeit vergessen hat, der mag ja ein ganz strammer Klassenkämpfer sein, aber daß auch die Phantasie eine Macht ist, und deshalb ein Aktivum, das wird er nie begreifen und deshalb stets in Rückstand kommen. Wenn im Kriege Gott mit den stärkern Bataillonen ist, so siegt auf dem politischen Schlachtfeld schließlich immer die Armee mit der stärksten Imagination. Wenn nur der katholische Alltag dem schönen Bild entspräche! Da ist nichts mehr von der romanischen Farbenfreude des alten Kultes zu finden. Da flammen die Bannstrahle oberpriesterlicher Autorität gegen eine weibliche Turnhose, und eine ehrwürdige Moraltheologie wird bemüht, um den etwas zu eng sitzenden Badeanzug eines Mädels zu verketzern. Die Kirche der großen Madonnenmaler und der venusdienenden Päpste, die mit einem Vers Anakreons auf den Lippen das Hochamt betraten, hat als ecclesia militans keinen Zug von Liberalität mehr, und namentlich, wo sie sich mit Protestanten balgen muß, sucht sie die verhorntesten Konsistorialräte an verkniffener Prüderie zu überbieten. Ein Zwiespalt klafft zwischen katholischem Wesen und dem Leben von Heute. Kunst und Literatur? Die Kirche setzt jedes Werk, das uns wert ist und wo wir unsern Atem spüren, auf den Index. Sport und Leibesübungen? Sie wittert Konkurrenz und lehnt ab. Unsicher und oft verkennend steht sie vor den sozialen Kämpfen. Wer Knecht ist, soll auch Knecht bleiben. Das ist ihrer Weisheit letzter Schluß, der dadurch nicht schmackhafter wird, daß sie den Industriegebietern christliches Erbarmen zur Pflicht macht. Die Familie zerfällt. Die Kirche aber verkündet die Biedermeier-Tugend eines »christlichen Hauses«, das schon lange von ganz andern Bewohnern bezogen ist. Die Kirche, die sonst stets das eben noch verwünschte Neue durch Hintertüren eingelassen hat, findet jetzt den Anschluß nicht. Sie koppelt den alten Glauben, der noch immer lebt, mit der alten Moral zusammen, die es nicht mehr gibt. Sie verbündet sich mit einem Leichnam. Ihr Gesetz will, daß der Staat der Kirche untertan sei. Als in grauer Vergangenheit die Christuslehre aus den Katakomben stieg, nahm ihr oberster Priester den leeren Platz der Cäsaren ein. Das war der erste Sündenfall der neuen Weltreligion. Aber es atmete eine große Idee darin: das Gottesreich, das Reich des Gewissens, übergeordnet aller Gewalt der weltlichen Herren und Ämter. Doch die machten mit der Kirche halbpart, was sie zwar nicht vergeistlichte, die Kirche aber in Weltlichkeit verkommen ließ. Heute kann die Kirche nicht mehr über den Staat herrschen, ihre Superiorität bleibt ein papierner Anspruch, deshalb will sie durch ihn herrschen. Und deshalb muß sie als Gegenleistung seine Interessen und die seiner herrschenden Klassen wahrnehmen. Und die Herrin der Gewissenskräfte steht kläglich Schildwache vor Fabriken, Kasernen und Kerkern. Noch hält das Band des Glaubens. Noch stehen Massen von Arbeitern, Landleuten und Kleinbürgern zu ihr. Wenn der Evangelische Bund seine Getreuen zusammenkratzt, braucht man nicht hinzusehen, um zu wissen, daß nicht viel los ist. Aber wenn die Kirche ruft: Euer Glaube ist in Gefahr, man will eure Kinder zu Heiden machen! dann erheben sich Millionen. War nicht eben noch die Zentrumspartei eine etwas dissolut werdende Masse mit mehreren verzankten Flügelgruppen? Jetzt steht sie wieder wie aus einem Guß. Jetzt sprechen nicht mehr die Parteikanzleien, nicht mehr die Führer und Funktionäre, weltliche Stimmen einer geistlichen Gewalt. Jetzt redet diese selbst: die Bischöfe geben die Parole aus, der Schatten erhobener Krummstäbe fällt über die andächtig hingeknieten Parteiregimenter, und Herrn Josef Wirth, der eben noch hingerissen Opposition deklamierte, versiegt die Rede. Ein kleines verdutztes Sträuben noch, und er kniet mit. Aber tut die Kirche recht daran, das offen zu fordern, was sie auch ohne geschriebenen Titel haben konnte? Die Revolution hat die Katholiken-Emanzipation gebracht. Die muffige Pietisterei des verkrachten Bismarckstaates wollte die »papistische Götzendienerei« nicht als gleichberechtigt anerkennen. Das ist zu Ende. Das Zentrum ist die wichtigste Partei geworden. Ihre Stabilität ist geschätzt, niemand hätte sie angetastet. Die Bürgerlichen und Sozialisten schon gar nicht, während die Kommunisten nicht verstehen, im katholischen Volk Wurzel zu fassen. Ein unkritisches, mystiksuchendes Geschlecht ging aus dem Kriege hervor. Heute, wo auch der okkultistische Nepp der Inflationsjahre mit einem großen Kater geendet hat, blieb noch eine Luft von Toleranz und Indifferenz, die der Kirche äußerst nützlich ist. Man schlug sich um Staatsform, um Wirtschaft, um Dawes und Locarno, aber nicht um religiöse Meinungen. Das hat sich mit einem Schlag geändert. Man blickt auf und erkennt mit Staunen die Wundmale des Klerikalismus an den Händen der weltlichen Republik. Das Schulgesetz des gutevangelischen Märkers v. Keudell hat alarmiert. Denn so lässig man in Deutschland in geistigen Dingen auch geworden sein mag: der weltliche Staat als Hüter religiösen Selbstbestimmungsrechtes ist das Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklungen, die man nicht einfach fortradieren kann. Kulturkampfstimmung ist wieder da, und was die frommen Zentrumsväter hübsch im Halbdunkel durchschmuggeln wollten, liegt jetzt als Kampfobjekt mitten auf dem Markt. Das war nicht gewollt. Zu allen andern Zankäpfeln ist jetzt noch einer von unbestrittener Deutschheit gekommen: der theologische. Die verfilztesten liberalen Vollbärte rauschen protestantisch protestierend, und in Versammlungen werden wieder Resolutionen für oder gegen den lieben Gott angenommen. Derweilen wird in den Parteiquartieren gefeilscht und nach Kompensationen gesucht. Munter klappert Münze und Rede. Bruder Tetzel, Politiker geworden, zieht wieder mit seinem Ablaßkasten durchs Land. Aber alle parlamentarischen Kunststücke, die Priesterkontrolle über die Schule zu einem ertragreichen Tauschhandel zu machen, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Volk mißtrauisch und erbittert ist. Wenn zu allen andern Reaktionen auch noch die religiöse, die kulturpolitische tritt, wenn sich zu Geldsack, Paragraphenbuch und Säbel auch noch der Krummstab gesellt, dann darf man sich nicht wundern, wenn der lange schlummernde Volksinstinkt gegen alles Pfaffentum wieder wach wird und alle republikanischen Leistungen der katholischen Partei die keimende Erkenntnis nicht ersticken, daß Kreuz und Krone von je zusammengehörten und deshalb zusammen fallen müssen. Die Weltbühne, 20. September 1927 733 Hindenburg und sein Ruhm Wir haben ihm zum Schluß gar nicht mehr gesagt, wo die einzelnen Corps standen. Oberst Bauer Der Generalfeldmarschall von Hindenburg gehört zu jenen artigen Kindern Fortunas, die schon bei Lebzeiten in die große Legende eingehen. Scharfkantigen Geistern und geladenen Temperamenten wird solch ein Vorzug nicht zuteil. Auch die Göttin des Glücks ist bequem wie alle Erzieher. Wir verdanken dem seligen Lichtenberg jene tiefe psychologische Bemerkung über den Mann, der seinen Homer so gründlich im Kopfe trug, daß er immer Agamemnon statt angenommen las. Welch wunderbare Bloßlegung einer winzigen seelischen Geheimzelle, welch wunderbare Entdeckung einer geheimen Strömung, die den flachen Wellengang des Alltags pathetisch kräuselt! Hindenburgs märchenhafter Ruhm? Sein deutsches Publikum will Agamemnon, will den Helden. Und sieht deshalb die nüchterne Wirklichkeit in einer Verklärung von Kriegsglanz und Staatsmannsweisheit. Und sieht deshalb seinen Helden in einem hochbetagten Mann, der schon vor dreizehn Jahren, als man ihn aus seiner Pensionsruhe holte, ein überalterter General war, der seine Erhöhung vornehmlich einer noblen Geduld verdankte, die ihn ebenso fähig machte, sein Podagra wie eine Reihe ehrgeiziger, genialisch flackernder Unterführer zu ertragen. Anfang August 1914 zweifelte er lebhaft an seiner Reaktivierung und ahnte nicht im Traum, was sein Kaiser und gar noch die Republik mit ihm vorhatte. Die Legende ist ihm immer treu geblieben. Den vorlauten, hoffärtigen Schüler Ludendorff hat sie verworfen und schließlich auf der Eselsbank abgeladen, den schlichten Hindenburg, der stets nur geantwortet hat, wenn er gefragt wurde, dagegen zum Primus gemacht. Sie hat Tannenberg anekdotisch ausgeschmückt, indem sie die Geschichte von der jahrelang zurückliegenden Konzeption der Ostpreußenschlacht erfand. Ja, sie erfand die freundliche Idyllik des pfeifeschmauchenden Pensionärs zu Hannover, der sich die Mußestunden mit der Skizzierung der Idee vertreibt, wie man am besten hunderttausend Russen ersäuft. In Wirklichkeit hat sich der alte Herr ebensowenig für Masuren wie für Timbuktu interessiert. Sogar seinen Kaiser soll er in einer Manöverkritik hart mitgenommen haben, deshalb der frühe Ruhestand. Solche Geschichten machen schnell volkstümlich. Ein konservativer General zwar, aber einer, der selbst Wilhelm die Wahrheit sagt, murmelten die Liberalen und Sozis. Die Legende ist fertig. Sie bleibt ihm treu. 1918 finden wir ihn auf dem Boden der Tatsachen. Das war vernünftig, aber nicht ganz royalistisch. Verachtung kommt über die türmende Dynastie. Doch dem alten Generalissimus jauchzt man zu. Er hält zum Volk, posaunt Fama. Vergessen, daß sein beliebter Name ebenso wie der Ludendorffs die Politik der Kriegsverlängerung gedeckt hat. Vergessen sein entsetzlich ahnungsloser Ausspruch, daß ihm der Krieg wie eine Badekur bekommt. Vergessen, daß er noch 1918 das barbarische Anbinden zur Erhaltung der Manneszucht notwendig hielt. Vergessen, daß er so ganz nebenbei auch den Krieg verloren hat. In dieser Stunde wird die Legende vom Retter geboren, und ein paar Jahre später hat die erstarkte Reaktion den Tip für ihre historische Rechtfertigung. In den Tagen allgemeiner Auflösung, heißt es, hat ein kaiserlicher General das Heer geordnet zurückgeführt und Deutschland aus der Anarchie gerettet. Wenn man die Gloriolen abzieht, bleibt ein auffallend rüstiger alter Herr, niemals sehr regen Geistes, ein Hausvater von vielen Qualitäten, im Amt bescheiden und taktvoll und, da ohne Reibungsflächen, beliebt und gern dorthin gestellt, wo begabte aber sonst schwer genießbare Untergebene einen weniger geruhigen Vorgesetzten zur Raserei bringen könnten. Als Kommandierender wird ihm Bernhardi zugewiesen, der spätere alldeutsche Poltron, als Militär ein unbequemer, streitlustiger Modernist. 1914 sucht man einen Chef für den als Talent hochgewerteten, aber sonst mürrischen und kritiksüchtigen Ludendorff. Die Wahl fällt folgerichtig auf den Mann, den kein Bernhardi ins Grab ärgern konnte. Die ausländische Militärkritik durchschaut diese Berühmtheit besser. Die deutsche Strategie, von Tannenberg bis zur letzten französischen Sommerschlacht, verbucht sie auf Ludendorffs Konto. Hindenburg ist ihr nur ein Name. Wie stand es um den Kriegesfürsten des deutschen Millionenheeres? »Wir sagten ihm zum Schluß gar nicht mehr, wo die einzelnen Corps standen«, verriet der mitteilsame Oberst Bauer in einem Gespräch mit Hans Delbrück. Und der Nestor der deutschen Kriegshistorie teilt das mit und nennt den Feldherrn Hindenburg im Anschluß daran eine »ehrwürdige Null«. Das war allerdings noch vor dem letzten großen Avancement.   Er hat den Locarnopakt und den Beitritt zum Völkerbund unterzeichnet. Ein guter Präsident der parlamentarischen Demokratie, der pflichtgemäß unterzeichnet, ob sein Herz dabei ist oder dagegen, nicht wahr? Doch zwei Mal ist er seinen eignen Weg gegangen, und da ist er den Leuten gefolgt, die seine Leute sind trotzalledem, und nicht den Schwarz-Rot-Goldnen, die ihm »als vom Volke gewählten Präsidenten alle schuldige Achtung erweisen.« Das eine Mal, als er die staatliche Besitzergreifung der Fürstenvermögen in dem berühmten Brief an seinen Wahlmacher v. Loebell Raub nannte. Das andre Mal jetzt in Tannenberg, wo er unter dem Jubel aller Revanchefreunde seine Kriegsschuldbotschaft an die Welt richtete. Es ist seltsam, daß grade die tollsten Militaristen nicht schlafen können, wenn man sie der Kriegsanstiftung bezichtigt. Diese Philosophen der Kraft müßten es doch als ein Verdienst ansehen, etwas zur Ausrottung des skrophulösen und brustschwachen Packs getan zu haben, das den heldischen Herrenrassen den Lebensraum verengt. Wenn wir uns recht erinnern, hat doch während der Verhandlungskrise von Brest-Litowsk ein alldeutsches Blatt geschrieben, man müßte Gott auf den Knien danken, daß der Friede nicht zustande gekommen sei. Diesen so vorzüglich betonierten Gewissen kann es wohl auf das bißchen Kriegsschuld nicht ankommen. Doch die Wahrheit ist, daß diese Schar von Unschuldslämmern aus lauter guten Monarchisten und Revanchards besteht, die immer nur an die Reinwaschung der Monarchie denken, während sie den Protest gegen die angebliche Verunglimpfung des deutschen Volkes im Munde führen. Mag ihr Marschall-Präsident ruhig den Rheinpakt unterschreiben. Sie glauben ja nicht an Verträge. Die Schuldfrage ist ihnen wichtiger. Würde der Präsident sich hier verweigern, wäre er des Kaisers Freund nicht mehr. Und so sagt er gehorsamst das Credo des deutschen Nationalismus auf – nachdem zwei Tage vorher sein Außenminister in Genf ein paar deutsche Pazifisten Lügner und Lumpen genannt hat, weil sie der Meinung Ausdruck gegeben haben, daß es mit der geistigen Abrüstung zu Haus nicht so weit her sei, wie der Herr Außenminister immer behaupte. Ein Vorschlag zur Güte: warum verschließt man sich draußen eigentlich dem deutschen Verlangen nach einer unparteiischen Untersuchung der Schuldfrage? Warum ist man in London und Paris immer so schrecklich böse, wenn eine deutsche Celebrität ihre Unschuld in den Lautsprecher stöhnt? Es ist doch noch sehr die Frage, wer bei einer objektiven Untersuchung schuldig befunden würde.   Der 2. Oktober wird zu einem ungeheuren Jubelfest aller Schwarz-Weiß-Roten, zu einem Generalappell aller werden, die Agamemnon für angenommen lesen. Die Leute können zufrieden sein. Der alte Herr hat seine Sache als Probekaiser gut gemacht. Die Kritik der Demokraten und Sozialisten geht nicht über das Zimmer seines Kabinettchefs, trifft ärgstenfalls seine Berater und macht vor seinem ehrwürdigen Alter halt. Auch bei der rötesten Opposition hat man im Grunde viel für ihn übrig. Und es gibt allerhand wilde Linksradikale, die, wenn man Hindenburg sagt, jenes geheime Beben verspüren wie manche überzeugte Atheisten, wenn der Name Gottes fällt. Während ein matter Burgfriede der Republik zu Scheinsiegen verhilft, steigt die Reaktion tiefer und tiefer in die Macht. Keine noch so sorgliche Beachtung der gebotenen Formen kann die Tatsache verdecken, daß dies Oberhaupt des Reiches von seinen Anhängern nur als historisches Provisorium, als Übergang in ein Ungewisses betrachtet wird. Hinter ihm steht nicht mehr die Gewißheit republikanischer Kontinuität, sondern ein gefährliches Vielleicht. Die Weltbühne, 27. September 1927 734 Hindenburg und Hölz The quality of mercy is not strain'd ... Ein halbes Jahr Diskussion über Amnestie. Der achtzigste Geburtstag des Reichsoberhauptes schien wie ein Gottesgeschenk, um endlich etwas von dem gut zu machen, was die Justiz gesündigt. Das Ergebnis: eine Reichsamnestie von 75 Fällen. Nicht einmal für jedes Lebensjahr des hohen Geburtstagskindes ein Gnadenakt! Die Art dieser Gnade waltet mit schlechtem Gewissen, sie trägt das trockene Bureaukratengesicht des Reichsjustizministers Hergt. Noch am Sonntag nachmittag weiß man nicht genau, wen der Gnadenstrahl trifft. Man spricht von Major Buchrucker und den Scheidemann-Attentätern. Man hätte nichts gegen einen Gnadenerweis für Buchrucker, den Reingefallenen von Küstrin. Damals hing ja alles an einem dünnen Faden. Ebenso gut hätte die offizielle Reichswehr mit Gudovius putschen und Buchrucker mit der inoffiziellen Reichswehr die Republik retten können ... Besser scheint das Ergebnis der preußischen Amnestie zu sein. Doch man weiß auch hier noch nichts Genaues. Man weiß nur, daß Max Hölz nicht dabei ist.   Bayern läßt den tragikomischen Verschwörer Fuchs laufen, begnadigt endgültig den Mörder Eisners, der sich schon lange wieder frei bewegt. Gnade dem Meuchelmörder, doch keine dem romantisch beschwingten Klassenkämpfer Hölz. Auch Max Hölz hat sich eine messianische Sendung zugesprochen, hat sich für den Retter gehalten. Der arrivierte Retter im Präsidentenpalais hat keinen Blick für den kleinen gescheiterten Kollegen in Sonnenburg. Der Fall Hölz bleibt also unerledigt, und wir müssen ihn weitertreiben, koste, was es wolle. Aber der Präsident hat seine historische Stunde versäumt. Hat den Augenblick versäumt zu großen, gütigen, überparteilichen Gesten. Hier hätte der Marschall-Präsident zeigen können, daß in ihm trotzalledem ein eigner Funke glimmt. Er tat, was er lebelang getan hat: er folgte seinen Beratern.   Im Regierungsviertel drängen sich die vaterländischen Deputationen mit dem bekannten Klamottenkram aus Blech und Fahnentuch. Verkniffene Kleinbürger, die sich sichtlich aufbauen am Bild der Größe, der sie sich verwandt fühlen. Jedes gelernte Familienoberhaupt kommt sich als ein kleiner Hindenburg vor. Übrigens ist es vornehmlich der Tag der Provinz. Die Provinz hat Berlin überflutet. Berlin verhält sich ziemlich neutral. Es ist zu abgebrüht für so primitiven Schützenvereinsklimbim. Aber guten Tag, meine Herrn! Das ist aber nett, daß Sie auch gekommen sind! – Man sieht sie überall dazwischen, die lieben jungen Leute, die bei Ehrhardt Erschießen gelernt haben. Sie strahlen. Ja, die Republik macht sich. Richtige Flitterwochenstimmung. Das bißchen weimarer Tuch, das da noch rumhängt, wird auch noch verschwinden. Der Herr v. Keudell ist grade dabei, die Handelsflagge zur Nationalflagge zu erheben. Die Helden verkriechen sich hinter der Händlerfahne. Kann sich die regierende Koalition besser symbolisieren als durch die Schacherfahne?   »Du, der das deutsche Leid uns niederringt, von dessen Taten unsre Seele singt, Du Adelsfürst der Treue und der Pflicht, Du deutschen Volkes leuchtend Glaubenslicht, Du Deutscher, deutschester in weiser Tat, Du Eckehard, in unsres Volkes Rat, Du Großer, der uns wieder Zukunft weist, Du, dessen Name alle Tugend preist – dem Gotte, der Dich einst zu uns gerufen, dem beugen wir uns vor des Altars Stufen, ein ganzes Volk in einer Bruderhand: Herr, schütze Hindenburg dem deutschen Vaterland!« Was ist das? Eine Festgabe in berliner Schulen. Wie mag es da in Pommern aussehen!   In der nationalen Presse ergeht sich Byzanz. Solche Überschriften hat es seit 1914 nicht gegeben, so dumm, so feist und verlogen. Die republikanischen Blätter fühlen sich etwas depossediert. Sie möchten sich so gern mitfreuen, aber man erlaubt es ihnen nicht. Da sie politisch an dem hohen Jubilar nichts Anziehendes finden, feiern sie wenigstens seinen Charakter und versichern, daß ihre Huldigungen nur dem Amt und nicht dem Manne zugedacht seien. Quatsch mit Sauce. Millionen von Wählern haben gegen den derzeitigen Inhaber der Präsidentenwürde gestimmt, weil sie ihn für völlig ungeeignet hielten. Wäre er durch die Tatsache der Wahl geeigneter geworden? Hätte er seine Eignung seitdem erwiesen, grade die Republik zu repräsentieren? Während die Republikaner pietätvoll drucksen und die Kummerfalten feiertäglich ausbügeln, reist Westarp herum und rühmt sich, Inspirator der Tannenbergrede zu sein und verkündet laut, daß der Herr Reichspräsident Monarchist sei und sich nur als Kaisers Statthalter fühle ... Was wäre die Antwort darauf? Mannhafte Opposition, nicht mit Höflichkeit und Ehrerbietung imprägnierte Rügen, die immer über das eigne Wenn und Aber stolpern. Posaunenstöße, nicht Flötentriller. Ansage unerbittlichsten Kampfes gegen diesen Präsidenten der Monarchisten und Revanchefreunde, gegen diesen Präsidenten gegen die Republik. Eine Bande schlechter Intriganten hat ihn aus seiner Pensionsruhe geholt, und keinen Augenblick hat er bisher bewiesen, daß er etwas andres ist als ihr ahnungsloser Sprechautomat. Schicken wir ihn bald wieder nach Hannover zurück und seine junkerlichen Ankurbler nach jenseits des Korridors. Die Weltbühne, 4. Oktober 1927 735 Die große Verwirrung Gesetzt den Fall, es käme jetzt um den serbisch-bulgarischen Streit zum Kriege, welcher von den beiden Staaten wäre dann wohl der Angreifer? Makedonische Patrioten haben einen jugoslawischen General ermordet, das ist wahr, aber es ist ebenso wahr, daß in Serbo-Makedonien ein tolles Säbelregiment herrscht, das den Eingesessenen Bürgerrecht und Sprache raubt. Das fordert die Empörung Bulgariens heraus, das seinerzeit zwischen 1912-18 viel Unrecht getan hat, dem dafür bei den Friedensschlüssen zur Sühne viel Unrecht widerfahren und das seitdem verbissen der Stunde harrt, wo es alles erlittene Unrecht verdreifacht heimzahlen kann. Gesetzt, es käme jetzt zum Abbruch der diplomatischen und zur Eröffnung der militärischen Beziehungen, die gelernten Völkerbundjuristen mögen sich den Kopf zerbrechen, welcher von den beiden Staaten der ruchlose Angreifer, welcher der mitten im tiefsten Frieden Überfallene ist, dem nichts übrig bleibt, als seufzend die Kanone zu ziehen. Weiter. Dem Hörensagen nach gibt es zwei rote sozialistische Internationalen und außerdem einen weltumspannenden Gewerkschaftsring. Alle drei sollen sich wiederholt zu bestimmten Maßnahmen bei Kriegsgefahr verpflichtet haben. Wo sind die Parolen, die die Geister straffen und aus Millionen von müden, am Alltag zerwetzten Arbeitssklaven eine lebende Mauer gegen den Krieg formen? Wo bleibt der Generalappell für die Arbeiter der Waffen- und Munitionsfabriken, der chemischen Industrien aller Welt? Glaubt man wirklich, ein Balkankonflikt ließe sich so leicht lokalisieren? Doch man kann gewiß sein: sind erst ein paar Städte von fliegenden Kammerjägern ausgeschwefelt worden, dann wird man sich auch in Amsterdam oder Zürich in einem Konferenzsaal finden, um vorbereitende Maßnahmen zur Vorbeugung von Wiederholungen so peinlicher Zwischenfälle unverbindlich zu bereden.   Auch Litauen ist ein verwundetes, beleidigtes Land. Vor sieben Jahren hat ihm Polen seine große Stadt Wilna gestohlen. Das kann Litauen nicht verschmerzen, und, um den gepreßten Gefühlen Motion zu verschaffen, quält die herrschende Klasse von Großgrundbesitzern einstweilen die eignen nationalen Minoritäten und verhängt über die eignen Landeskinder eine ebenso alberne wie harte militärische Diktatur. Besonders das Memelland hat nichts zu lachen, denn hier wird so etwas wie eine Arrangierprobe zur Behandlung künftiger Eroberungen zelebriert. Vor einer Woche war Ministerpräsident Woldemaras in Berlin, man tauschte Versprechungen aus, und alles schien in Butter. Doch kaum war Herr Woldemaras wieder in Kowno, da scherte er sich einen blauen Teufel darum, und die Malträtierungen der Deutschen gingen weiter. Jetzt speit die nationale Presse Feuer und macht dem Auswärtigen Amt Vorwürfe, ein Ehrenwort von Woldemaras ernstgenommen zu haben. Das hätte man auch vorher wissen können. Aber ist es wirklich so schwierig, grade mit Litauen zu einem stichfesten Kontrakt zu gelangen? Herr Smetona, der Staatslenker, ist doch ein alter Bekannter noch von Oberost her, intimer Förderer aller Pläne, einen deutschen Dynasten in Kowno als Fürsten zu installieren, und die Herren Offiziere der heutigen Republik Litauen haben aus den deutschen Heeresbeständen nicht nur Stahlhelme und Monokel, sondern auch ihre Ansprüche auf Beherrschung des Staates geerbt. Während sich kürzlich noch die Offiziösen beider Länder gegenseitig abrieben, machten litauische Offiziere grade eine Studienreise durch Deutschland, begleitet von Herrn Geßlers Offizieren, ohne daß man in der Bendler-Straße ob solcher nationalen Würdelosigkeit Zustände gekriegt hätte. Die wirklichen Beherrscher beider Staaten verstehen sich ganz ausgezeichnet und lachen sich ins Fäustchen über die papiernen Erregungen ihrer zivilen Beauftragten. Schließlich gibt es doch einen gemeinsamen polnischen Gegner, und die Feindschaft ist für die Galerie bestimmt und real nur für die armen Memelländischen, auf deren Rücken sie ausgeklopft wird.   Eine bescheidene Frage: lebt eigentlich unser Herr Außenminister noch? Wie schweigsam ist er geworden! Wir vermögen nicht zu glauben, daß sich in der Sonne internationaler Berühmtheit der Überbetriebsame plötzlich in einen Abgeklärten gewandelt hat, der Vielredner in einen Gemessenen, der das Beste, was er weiß, der profanen Menge nicht preisgibt. Wenn es um Herrn Stresemann so still geworden ist, so sind die Gründe nicht in kontemplativen Neigungen zu suchen, sondern weil es ihm sonst in die Bude hageln würde. Der Stresemann von heute leidet an Bismarcks cauchemar des coalitions, aber nicht außen-, sondern innenpolitisch. Ohne uns in Stresemanns Unterbewußtsein psychoanalysierend einzumischen – wie oft mag er sich in Angstträumen winden, den hölzernen, eisenbenagelten Hindenburg aus dem Tiergarten mitten auf der Brust! Die regierende Koalition will ihren innenpolitischen Sieg genießen und teilt rücksichtslos die Beute auf. Monumental, wie es einer säkularen Erscheinung gebührt, tritt der Reichspräsident der Deutschnationalen mitten in den Porzellanschrank der Außenpolitik, und der Herr Minister dieses zerbrechlichen Ressorts erklärt gepreßt seine Billigung, weil ein Wort des Mißfallens die latente Unstimmigkeit sofort akut machen würde. Noch in Genf hatte Stresemann behauptet, seine Politik werde von der übergroßen Masse des deutschen Volkes, von einigen Nörglern abgesehen, getragen. Das ist, mit Verlaub, irreführend. Man braucht die versprengten Ludendorffleute gar nicht mitzurechnen, denn sie bedeuten nichts. Aber Stresemanns Politik wird geschlossen nicht nur von den Kommunisten bekämpft, sondern auch von dem überwiegenden Teil der alliierten Deutschnationalen. Angesichts des erbitterten Tones der Rechtspresse gegen alle und jede Friedenspolitik wirkt es wie ein Hohn, wenn der nominelle Führer Westarp im Lande herumreist und zwischen ähnlichen Invektiven auch die dünne Versicherung mitfließen läßt, daß diese Politik »die zurzeit einzig mögliche sei«. Stresemann hat keine Basis bei den Deutschnationalen und ebenso wenig in der eignen Partei, deren Presse aus Angst vor der Konkurrenz von rechts die noch an Nationalismus zu überbieten sucht. Herr Stresemann ist heute eine internationale Berühmtheit, aber wo sind denn die deutschen Publizisten, die ihm dienen? Um einen solchen Mann müßten sich doch die Talente scharen! Wahr ist, daß er über gar keine eigne Presse verfügt und sein bißchen deutsche Autorität heute nur noch auf den taktischen Rücksichten der großen liberalen Oppositionsblätter ruht. Sollte etwa die Freundschaft mit Georg Bernhard und Theodor Wolff in die Brüche gehn, dann ist die ganze Herrlichkeit dahin. Die offiziöse ›D.A.Z.‹ ist doch nur noch eine sauber aufgeräumte Ruine, und bei Herrn Rippler, dem Sonntagsprediger der ›Täglichen Rundschau‹, spürt man allzu deutlich die innern Zweifel und wie ihm als Interpreten des Völkerbundsgeistes dabei das alldeutsche Herz vor Kummer fast zerspringen will. Die deutsche Außenpolitik hat keine innere Führung mehr. Für das gute Bürgertum, das Stresemann in den Jahren seiner oratorischen Hochkonjunktur mehr überredet als überzeugt hat, bedeutet sie nur ein Interim, das jederzeit gekündigt werden kann. Gustav Stresemann hat seine Schwarz-Weiß-Roten, deren Sinn eigentlich nach ganz andrer Richtung führte, sehr geschickt erst zu Dawes, dann nach Locarno und nach Genf lanciert. Das ging so schnell, daß sie gar nicht wußten, was los war. Mars war ihr Ziel, und unter der Friedenspalme wachten sie auf. Jetzt sind sie wieder ganz wach und sehr wütend und jubeln aus tiefster Seele dem monumentalen Präsidenten zu, der so gar keinen Respekt vor Porzellanschränken hat.   Der Rakowski-Konflikt ist ausgesprochen englische Mache, auch wenn es in Frankreich selbst nicht an Intriganten und Dummköpfen fehlte. Doch für England wäre die russisch-französische Verständigung ein schwerer Schlag gewesen; grade jetzt, wo es Rußland in China gedämpft hat, hätte es dessen neuen diplomatischen Geländegewinn in Europa als Niederlage empfinden müssen. So inszenierten pariser Blätter unter englischer Influenz den Fall Rakowski, und wenn jetzt auch der formale Bruch wahrscheinlich nicht eintritt, so wird doch eine Trübung bleiben. Rakowski, in Moskau zur Opposition gehörend, wie die meisten heute Fünfzigjährigen, die Lenins Emigration teilten, hat einmal einen Aufruf unterzeichnet, in dem das internationale Proletariat aufgefordert wird, seine Vaterländer von hinten zu erdolchen, wenn es die gelüsten sollte, Sowjet-Rußland mit Krieg zu überziehen. Es hieße Eulen nach Athen und Resolutionen nach Moskau tragen, wollte man feststellen, daß, so rigorosen Maßen unterworfen, jeder Politiker schon etwas getan hat, was ihn zu einer Auslandsvertretung unmöglich macht, und daß zum Beispiel kein deutscher Politiker als Botschafter für Paris gefunden werden könnte, da schon fast jeder mindestens ein Mal in seinem Leben das feierlich unterschrieben hat, was Hindenburg in Tannenberg nur gesagt hat. Wie immer, wenn ihm nicht die Bleikugeln der Dritten Internationale an den Beinen baumeln, hat Tschitscherin würdig und vollendet logisch geantwortet und vor allem den Beweis erbracht, daß der Fall Rakowski ein künstlich konstruierter sei. Aber damit ist die Sache nicht erledigt. Frankreich, das klassische Land der konservativen Demokratie, leidet an der wachsenden kommunistischen Agitation im Innern und an jenem überreizten Gemütszustand, in dem das Grauen der Inflation noch nachzittert. Sarraut, der Innenminister, hat eine muntere Kommunistenjagd eröffnet, während Barthou, der Kollege von der Justiz, Strafen aufbrummen läßt, die einen Niedner neidisch machen können. Die Demokratie in Deroute, in Angst vor sich selbst, das ist ein wenig rühmliches Bild. Aber andrerseits drängt sich die Frage auf, ob die Moskauer klug handeln, grade jetzt auf Frankreich den Kommunistenschrecken loszulassen. Die Russen müssen sich klar werden: wünschen sie diplomatische Beziehungen und damit Verbindungen, die ihre eigne Wirtschaft stärken oder erfolgreiche Agitation unter leicht aufgewühlten Massen, die sie, wie manches andre Beispiel gezeigt hat, doch nicht dauernd an sich binden können? Propagandazentrale oder Staat? das ist die Frage. Überall, wo der neue Staat Rußland auftrat, heimste er überraschend schnell Erfolge; überall, wo die Propagandazentrale Moskau ihre Künste spielen ließ, mußte der Staat die Kosten zahlen. Will Moskau Annäherung an Frankreich und ein vernünftiges Schuldenabkommen, so verschafft es sich damit einen kontinentalen Schutzpanzer, den keine englische Ranküne unwirksam machen kann. Oder will es eine zeitweilig florierende K.P.F., die morgen schon veruneint, gespalten sein kann wie alle andern auch? Von dieser Entscheidung hängt das europäische Schicksal für Jahrzehnte ab. Die Weltbühne, 11. Oktober 1927 736 Keudells Niederlage Der Herr Reichsminister des Innern läßt durch gefällige Zungen verbreiten, die Ablehnung der durch Konzessionen an Preußen leicht veränderten Schulvorlage im Reichsrat sei von ihm gewünscht gewesen und mit Bewußtsein herbeigeführt worden, um dem Reichstag nunmehr unwiderruflich den ursprünglichen, den unverwässerten Text vorlegen zu können. So durchtrieben ist Herr v. Keudell. Bis jetzt hat sich der Herr Minister allerdings noch nicht ein einziges Mal als glückhafter Schüler Machiavellis gezeigt. Sein parlamentarisches Auftreten war selbst für deutsche Verhältnisse erstaunlich hölzern, sein Reden und Schweigen über den Fall Treskow kompromittierend und ganz ohne die Keckheit seiner Standesgenossen. Was für ein Kerl war da der Januschauer! Nur innerhalb seines Ressorts, innerhalb eines intimen Kreises von Borussengesichtern ist Herr v. Keudell ein starker Mann. Dort rottet er rücksichtslos die bescheidenen Residuen republikanischer Kabinette aus; das Reichsministerium des Innern ist heute schon erfolgreich feudalisiert und eine Bastion der alten wilhelminischen Bureaukratie. Aber überall, wo mehr erforderlich ist als die durchschnittliche professionelle Gerissenheit eines konservativen Landrats, erweist sich der Herr Minister als blutiger Dilettant. Herr v. Keudell, der ein guter Kammermusiker sein soll, gehört nicht zu denen, die die Klaviatur der öffentlichen Meinung beherrschen. Als Politiker lebt er in einem Aroma von Zweideutigkeit. Er spricht wenig, was er wohl für sehr klug hält – aber man glaubt ihm auch dies Wenige nicht. Dem Trockenen, dem Ungelenken nimmt man Unaufrichtigkeit doppelt übel. Selbst dieser Reichstag ohne artistische Ansprüche will mit etwas Charme betrogen werden. Herr v. Keudell, der emeritierte Gouverneur der neumärkischen Kappkolonie, wäre wohl leidlich geeignet für ein Direktorium, das die Beantwortung von Fragen Standgerichten überläßt, aber die gegenwärtige blau-schwarze Koalition erfordert ganz andre Gaben. Aus widerstrebenden Elementen zusammengesetzt, darf sie nirgends anecken; ihre vornehmste Aufgabe ist, sich so harmlos wie möglich zu zeigen. Den Deutschnationalen ist es um die Herrschaft in Preußen zu tun, dem Zentrum um die Schule. Dazu häufen sich jetzt die Schwierigkeiten. Immer hörbarer knistert es im Gebälk. Jetzt rührt sich wegen finanzieller Unstimmigkeiten sogar die Bayrische Volkspartei, die sich doch so sehr um den Bürgerblock bemüht hat, und zum ersten Mal widerfährt auch einer Rechtsregierung das holde Erlebnis eines Konfliktes mit dem bayrischen Naturschutzpark. Alles ist wieder sehr unsicher geworden – auch weiß niemand recht, was Herr Stresemann vorhat und ob er nicht etwa den allgemeinen Wirrwarr benutzen wird, um sich und seinen gefährdeten außenpolitischen Fundus bald an die rettenden Gestade einer mehr linksbetonten Koalition zu bringen. Es gehört sehr viel Gutherzigkeit dazu, glauben zu wollen, Herr v. Keudell habe aus taktischem Raffinement im Reichsrat seine Avantgarden geopfert, um nachher im Reichstag desto wirksamer die Haupttruppen ins Treffen zu führen. Selbstverständlich ist die Schlappe der Schulgesetze im Reichsrat nicht durch einheitlich gerichtete Kräfte bewirkt worden. Die Motive waren bis zur Unübersichtlichkeit nuanciert, aber gemeinsam war doch die Abneigung. Es ist außer Frage, daß dem Zentrum das unverdünnte Weihwasser des Originaltextes am liebsten ist, aber die Wahrheit ist, daß an dieser Vorlage außer den Schwarzröcken auch niemand Spaß hat. Bei der Deutschen Volkspartei rumort es plötzlich wieder liberal und protestantisch, und selbst den Deutschnationalen ist wenig behaglich bei dem Gedanken, den Klerikalismus allzu mächtig werden zu lassen. So ist alles wieder sehr ungewiß geworden, und die Rechtskoalition, die eben noch für die Ewigkeit gebaut schien, trägt sichtbarlich hippokratische Züge. Es ist möglich, daß die Geschicklichkeit der Zentrumsführer nochmals die Frist verlängert. Aber sehr wahrscheinlich ist es nicht. Wir stehen also vor schweren, innenpolitischen Kämpfen mit Parlamentsauflösung und Neuwahlen im Hintergrunde. Aber mag es um Westarp, Guérard und Stresemann schon reichlich verworren aussehen, auch um Hermann Müller und Wels ist das Terrain nicht einfacher. Es fehlt noch immer ein der veränderten Situation angemessenes Programm, und keine der dringendsten Fragen ist bis jetzt zur Diskussion gestellt. Früher war alles viel bequemer, früher konnte man mit großer Haltung sagen: Der Feind steht rechts!, ohne sich mit der Definition dessen aufzuhalten, was unter »rechts« zu verstehen sei. Man konnte Herrn Cuno stürzen, um sich gleich darauf mit Herrn Scholz und Herrn Geßler zu verbinden. Man konnte abwechselnd bald weimarer, bald große Koalition spielen. Die Sozialdemokratie sollte sich darüber klar werden, daß diese beiden Möglichkeiten nicht mehr bestehen. Mit Herrn Stresemanns schwarz-weiß-roter und schwerindustrieller Partei ist eine Allianz ebenso undenkbar wie mit dem Zentrum, das seiner konfessionellen Geschäfte wegen diesen Bürgerblock arrangiert hat. Der Feind steht eben nicht mehr »rechts«, sondern ist inzwischen ganz bedenklich in die Mitte gerückt und streift die Linke hart. Leider hören wir aus dem sozialistischen Lager nichts andres als Reichsbannerparolen, die zur republikanischen Einung auffordern, Parolen, die in andern Zeitläuften durchaus legitimiert waren, aber heute, bei gründlich veränderten Verhältnissen lange Makulatur geworden sind. Was die kommenden Wahlen auch bringen werden, es werden keine Kartellwahlen sein, keine Linksblockwahlen, keine Maiwahlen, keine Wahlen des fröhlichen Aufräumens, wo die Pointen von selber zufliegen. Die Sozialdemokratie wird ganz isoliert sein; wenn ihr die Demokraten auch in manchem sekundieren, deren Ziel ist doch immer eine große oder kleine Koalition, und das würde die Partei von neuem ins Dickicht führen. Sie hat bisher sehr viel Glück gehabt; die Wähler tragen ihr nicht nach, was sie getan hat und daß sie den gegenwärtigen Zustand hat bereiten helfen; die hamburger Wahlen haben eben wieder die glänzend disziplinierte Geduld ihrer Arbeiterwähler gezeigt. Aber diese Geduld darf nicht immer wieder gefährlichen Belastungsproben ausgesetzt werden, und das wäre es, wenn die Partei etwa wieder mit Marx in eine Regierung ginge, um dem Zentrum die Gefälligkeiten zu erweisen, die es von Westarp nicht erreichen konnte. Draußen im Lande hat die unerträglich gewordene soziale Spannung jetzt endlich wieder zu Auslösungen geführt. Die Arbeiterschaft bäumt sich wieder gegen die niederdrückende kapitalistische Omnipotenz. Es gibt wieder Massenbewegungen, wieder Streiks. Die stumpfe Ergebung in ein scheinbar unabwendbares wirtschaftliches Fatum ist zu Ende. Hier, nicht in republikanischer Einigung, nicht bei Fahnenweihen, liegt das Zukunftsland der Sozialdemokratie. Hier liegen alle Möglichkeiten künftiger Arbeiterpolitik. Die Schlappe des Herrn v. Keudell ist gewiß kein historisches Ereignis. Aber man hat doch das Gefühl, daß hier zum ersten Mal wieder ein Fenster aufgestoßen wurde. Es war der Rechten in letzter Zeit etwas zu viel gelungen; nun künden sich die Rückschläge an. Aber die Hauptsache bleibt doch: wie steht es links? Habt ihr, verehrte Freunde, nichts Wertvolleres zu tun vor als die Wiederholung der alten Sünden, so ist es besser, ihr laßt den Keudell weiter machen. Die Weltbühne, 18. Oktober 1927 737 Die Schuldebatte Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Reichskanzlers Doktor Marx, im Reichstag nicht das Wort zu nehmen, wenn es sich um die politischen Herzensangelegenheiten seiner Person und seiner Partei handelt. Das Schund- und Schmutz-Gesetz, ein schwarzes Dekokt mit dem sichtbaren Firmenstempel des Zentrums, mußte der Herr Doktor Külz verteidigen und bei der Gelegenheit die unansehnlichen Reste seiner liberalen Reputation einbüßen. Für das Schulgesetz steht der kurmärkische Protestant v. Keudell gerade. Herr Doktor Marx hat sich in der ganzen Kampagne bisher darauf beschränkt, auf dem Katholikentag von Dortmund seinem Volke den Wunsch der Herren Bischöfe mitzuteilen. Einen politisch-religiösen Kompetenzkonflikt gibt es für den gewesenen republikanischen Präsidentschaftskandidaten nicht. Roma locuta, causa finita. Man kann eine schlechte Sache mit schlechtem Gewissen geistvoll verteidigen. Das sind welsche Advokatenkniffe, für die kein Raum ist in deutschem Gemüt. Der Herr v. Keudell hat die schlechte Sache sicherlich mit dem allerbesten Gewissen vertreten, aber, by Jove, wie hat er sie vertreten! Ein ungewandter Redner mag stottern – auch Camille Desmoulins hat gestottert – aber trotzdem kann in seiner Art sich zu geben oder in seiner Gedankenführung etwas sein, was zum Aufmerken zwingt. Doch hier stotterte nicht nur der Mann, hier stotterte schon das Manuskript, aus dem er vorlas. Der sachliche Teil dieser, sagen wir mal ... Rede war kaum ein Achselzucken wert, während die Schlußpartie mit ihren hilflosen Versuchen, das Gesetz weltanschaulich zu fundieren, ein Bombardement mit faulen Eiern rechtfertigte. »Die rechte Entwicklung eines Menschen ist nur möglich, wenn sie zurückgeht auf die Quellen des Ewigen. Dieser Grundgedanke hat die Reichsregierung bei ihrem Entwurf geleitet ... Das Volk hat einen Anspruch auf ein erneutes Bekenntnis seiner Regierung zu den Grundgedanken der christlichen Kultur. Wahre Freiheit besteht nur da, wo der Mensch gebunden ist an Gott.« Welches Parlament auf der Welt ließe sich so ranzige Traktätchen vorsetzen, ohne mit knallenden Türen zu reagieren? Und unter den 50 Millionen Deutschen sind mindestens 25, die es sich nach Art ihrer Schulbildung oder legitimiert durch persönliches Bemühen um bessere Bildung, Wissen, gestuften Geschmack durch Lektüre verbitten können, von Regierungsseite mit dem Abfall von pietistischen Abfällen regaliert zu werden. Herr v. Keudell jedoch erhielt »Beifall rechts und in der Mitte«, und ihm folgten Fraktionsredner, die sich eifrig mühten, auf das also gedrückte Niveau niederzusteigen. Welch eine Debatte! Welch ein Parlament! In jedem andern bemüht man sich, wenn es um die Schule geht, die besten Köpfe vorzuschicken und den Feinden der Bildung des Volkes die Erlesensten, die Kultiviertesten, die unbestrittensten Repräsentanten des Geistes entgegenzustellen. Hier im Reichstag brannte keine Fackel, da war nicht einmal ein raketenspritzendes Lästermaul. Welch ein Genuß ist es heute, die Rededuelle zwischen Bismarck und Windthorst in den Kulturkampfdebatten nachzulesen. Welch reiche und anspruchsvolle Form, und wie stark das Streben nach äußerster Transparenz des Ausdrucks! Kampf zweier blanker Intellekte, die hier sogar auf sonst geübte demagogische Tricks verzichten, auf die Taschenspielereien alter Berufspolitiker, dafür aber Fechtkunst zeigen, gewählte Fechtkunst mit edlen Damascenerklingen. Und zwanzig Jahre liegen die Kämpfe zurück, bei denen Adolph Hoffmann, mit zweifelhafter Deklination zwar, aber mit unbezweifelbarem Witz und lachender Helligkeit des Verstandes die Talare und Bratenröcke von der Rechten heimschickte. Welch Abstieg gegen damals selbst! Die Sozialdemokraten betrauten den Genossen Schreck aus Bielefeld, der schon lange kein Bürgerschreck mehr ist und ein bißchen über Kulturreaktion lamentierte; aber auch dieser Sprecher der stärksten Oppositionspartei fand kein klares Bekenntnis für die weltliche Schule, sondern beschränkte sich auf Verlangen nach Anerkennung der »Verfassungsschule«. Hier ahnt man bereits die Konturen künftigen Kompromisses ... Denn die vom Genossen Schreck bekämpfte »Kulturreaktion« ist ja anderswo bekanntlich noch immer umworbene Regierungspartnerin. Wie denn auch die Rede des Zentrumsvertreters, Herrn Rheinländer, Hoffnungen auf Ausgleich durchblicken ließ. Aber auch dieser Verfechter der klerikalen Interessen exponierte sich nicht sehr; die Frömmigkeit hatte die katholische Partei vorsichtigerweise ausschließlich dem Protestanten v. Keudell überlassen. Wenn man den Berichten der großen demokratischen Zeitungen Glauben schenken will, bedeuten die Ausführungen der Frau Doktor Bäumer den geistigen Alpengipfel der Diskussion. Das mag sein. Zugegeben, daß diese sehr belesene Dame engere Beziehungen zu Kant und Hegel unterhält als die Herren vor und nach ihr, was will das besagen? Denn diese guten Beziehungen zur klassischen deutschen Philosophie und zu den alten liberalen Maximen gedanklicher Freiheit haben die Dame nicht gehindert, sich vor einem Jahre mit aller Energie für das Zensurgesetz zu engagieren, das, wie festgehalten werden muß, die Arrangierprobe zu dieser Schulvorlage war. Damals klappte die blau-schwarze Belle-Alliance zum ersten Mal, und damals rieb man sich links noch sehr erstaunt die Augen. Heute sind die Herrschaften lange eingespielt. Und damals waren es in der liberalen Ecke grade die gebildeten Leute, die mit dem deutschen Geist und der klassischen Philosophie legal Vermählten, die ihren Liberalismus in den Wind schlugen; es waren die Heuß und Bäumer, denen die Humboldt- und Fichte-Zitate sonst nur so aus dem Schnabel laufen, die den Parteien von Marx und Keudell freiwillig Sukkurs leisteten. Ein Jahr später darf die Frau Doktor Bäumer wieder die Seele der Demokratie, den deutschen Geist und weiß Gott, was sonst noch repräsentieren. Und in den Parteien und Blättern der Opposition ist nicht Einer, der ihr wenigstens mit der Narrenpritsche über den zitatvollen Mund fährt. Das Ergebnis? Das Zentrum wird schließlich, von unbeträchtlichen Konzessionen abgesehen, seinen Willen bekommen. In den Ausschußberatungen wird schon was gedeichselt werden. Bemerkenswert, daß keiner von den Streitern wider Kulturreaktion die Fiktion vom christlichen Staat grundsätzlich abgelehnt hat. Das Zentrum, unterstützt von der schmalen aber lauten evangelischen Orthodoxie, hat seine These so gründlich in die Köpfe gehämmert, daß sie überall mindestens im Unterbewußtsein herumgeistert. Und doch wäre grade da ein festes Wort vonnöten. Wann wäre dieser Staat jemals christlich gewesen? Wann hätte er sich jemals ganz primitiv nach der Moral der zehn Gebote gerichtet? Dieser Staat tötet, stiehlt, läßt durch seine Vertreter falsch Zeugnis ablegen und neidet seines Nachbarstaates Gut. Dieser Staat ist nicht christlich, kann es nicht sein, sonst läge sein Apparat am ersten Vormittag still. Man soll diesem Staat überhaupt nicht mehr Ethik aufpacken als er verarbeiten kann. Der moderne kapitalistische Staat ist eine Kinderfibel, eine Gendarmenfaust, ein Paragraph, eine Kehrichtschaufel, eine Steuerkarte und bestenfalls eine Bettelsuppe. Ihn zum Träger sittlicher und religiöser Gedankenkreise zu machen, ist eine ideologische Verblasenheit und führt zur Heuchelei. So wars früher und ists geblieben, die sogenannte Revolution hat »das morsche, alte Ding, den Staat« nicht, wie Freiligrath hoffte, jung gehämmert, sondern nur vorübergehend jung geschminkt, und heute täte wieder dringend etwas Rouge not.   Vielleicht trug zur Unergiebigkeit der Kulturdebatte bei, daß bald Schatten aufstiegen, die sie verdunkelten. Es krachte im Gefüge der Koalition. Aus den bayrischen Finanzforderungen an das Reich wuchs ein Konflikt. Während Keudell sein schlechtes Manuskript schlecht ablas, der Genosse Schreck seine Donnerkeile schleuderte, die Bäumer ihre letzten Zitate zusammenklaubte, unterhielt man sich draußen in den Wandelgängen über Geldsorgen. Das Beamtenbesoldungsgesetz, das der Regierung stramme Wählerkolonnen liefern sollte, hat sich als Niete erwiesen. Zuerst stieg eine kleine Teuerungswoge, dann trat ein, was jeder Vernünftige voraussehen konnte: die Erhöhung der Beamtengehälter wurde für viele unterbezahlten Arbeiter- und Angestelltenkategorien das Signal, die lange zurückgehaltenen Forderungen endlich zu stellen. Das aber bedeutete auch das Ende des angeblichen Wirtschaftsfriedens und die Eröffnung einer neuen Ära von Lohnkämpfen. Und dann kam der Reparationsagent. Nun sucht der Herr Reichsfinanzminister die Gemüter zu beruhigen, indem er von einem versteckt gehaltenen Sparstrumpf erzählt, der zwar bisher für die Deckung der durch das Schulgesetz entstandenen Mehrkosten reserviert gewesen sei, jetzt aber an die Länder gehen könne, um die Aufstockung der Beamtengehälter programmgemäß durchzuführen. Das hat wieder zu erbitterten Auseinandersetzungen im Zentrum geführt. Die Instanz, die etwa dreinreden und ein paar aufschlußbegehrende Fragen stellen könnte, das Parlament, hat man in die Vertagung geschickt. Nicht einmal die Streikinterpellation kam zur Verhandlung. Das Kabinett Marx aber hat seine Katastrophe nicht abgewendet, sondern nur gestreckt. Merkwürdig, daß noch keine Rechtsregierung in der Republik bisher selig gestorben ist. Auch um diese, obgleich sie nach Herrn v. Keudell mit den Quellen des Ewigen sozusagen auf bestem Fuße steht, riecht es schon vor dem Exitus bedenklich nach Schwefel. Wenn die Regierung klug wäre, schaffte sie sich ein wenig Erleichterung durch Ausbootung einiger beschwerlicher Kollegen. Doch das wäre wohl zu viel verlangt von einem Kabinett, in dem zwar ein paar Gerissene sitzen, aber nicht ein Kluger. Die Weltbühne. 25. Oktober 1927 738 Deutschlands Zukunft im Postschließfach Die deutsche Regierung hat weder die Absicht noch ist sie praktisch in der Lage, ein geheimes Aushebungs- und Bewaffnungssystem durchzuführen. General Heye in einem amerikanischen Interview Man weiß doch, was Bezirkskommandos sind? Sie führen die Stammrollen der militärdienstpflichtigen männlichen Bevölkerung, sie besorgen Untersuchung, Kontrolle und Einberufung der Militärdienstpflichtigen und sind somit das wichtigste Instrument für Vorbereitung und Durchführung der Mobilmachung. Da die allgemeine Wehrpflicht bei uns abgeschafft ist, gibt es also auch keine Bezirkskommandos mehr.   Ein Mal allerdings wurde behauptet, daß es dergleichen, wenn auch in andrer Form und mit geminderten Funktionen, doch noch gäbe. Das geschah in der bekannten Mahraunschen Denkschrift, deren Inhalt zuerst hier in der ›Weltbühne‹ vor fast einem Jahre der deutschen Öffentlichkeit unterbreitet wurde; darin war ein System von heimlichen Bezirkskommandos aufgezeigt worden. Es gab dann bei der großen Militärdebatte im Reichstag Anfang Dezember deswegen etwas Krach, und Herr Geßler versprach, wie so oft, Änderung. Das abgeschworene System besteht jedoch weiter. Wir werden heute bündige Beweise vorlegen, daß der Reichswehrminister wiederum Parlament und Volk bewußt getäuscht hat. Wie liegen die Dinge? Die neuen »Bezirkskommandos« hätten nach dem Januar-Abkommen zwischen dem Reich und Preußen abgebaut werden müssen. Am 6. April hat der amtliche Preußische Pressedienst einen Erlaß des Ministers Grzesinski veröffentlicht, nach dem für Einstellungen in die Reichswehr künftig ein im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Innern und dem Reichswehrminister aufgestelltes Formblatt (zu deutsch: Formular) zu verwenden sei. In diesem Blatt sei unter anderm zu bescheinigen, daß gegen den Empfänger des Führungszeugnisses keine Untersuchung schwebe, daß keine Umstände vorlägen, die Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit begründeten (zum Beispiel: Freispruch aus § 51 StGB.) und endlich, daß er sich nicht im staatsfeindlichen Sinne betätigt hätte. Dieses Abkommen sollte die Mitwirkung der preußischen Polizei an der Rekrutierung der Reichswehr sichern und eine gewisse Garantie liefern für die republikanische Zuverlässigkeit des Ersatzes. Diese Konvention ist fast überall gebrochen worden. Die »Bezirkskommandos« arbeiten wieder ganz auf eigne Faust. Sie schieben nur die ihnen genehmen Leute in die Reichswehr. Man kann zwar diese »Bezirkskommandos« nicht ohne weiteres denen von früher gleichsetzen, aber sie sind doch wiederum mehr als nur bloße Werbestellen der Reichswehr. Man hat in den unruhigen Jahren zwischen 1920–24 im Osten des Reiches, in der Grenzmark und in den beim Reiche verbliebenen Teilen Westpreußens und Schlesiens mit Billigung der preußischen Staatsregierung einen Grenzschutz aufzustellen versucht. Diese Versuche sind immer gescheitert. Ein Mal rebellierten die Kaders gegen ihre Gründer, das andre Mal wurde aus der Organisation ein Waffenschieber-Konsortium. Geheim blieben diese Vorgänge selbstverständlich auch nicht. Rund um Deutschland wußte man recht genau, was gespielt wurde. Und so entstanden nur Kosten, die aus andern Etattiteln gedeckt werden mußten, wie etwa dem der bäurischen Kolonisierung in Ostdeutschland. Es ging in jenen Gegenden in diesen Jahren etwas turbulent zu, und daraus mögen die Urheber des Grenzschutzes eine gewisse Rechtfertigung für ihr Beginnen herleiten. Aber diese Vorbereitungen verloren ihren Sinn, soweit sie im Innern des Landes, soweit sie gar an der Westgrenze, nahe den Brückenköpfen der entmilitarisierten Zone an Rhein, Main und Weser getroffen wurden. Hier konnte man nicht gut mit dem Schlagwort Landesverteidigung operieren. Denn hier gabs nichts zu verteidigen. Trotzdem sind auch hier »Bezirkskommandos« entstanden. In Gießen leitet sie, wie früher schon, Oberst a.D. Franz; in Kassel, am Sitz des Stabes des Generals Reinhardt, wird in gleicher Weise gearbeitet. Und in Münster, beim Freiherrn von Ledebur, besteht die Organisation gleichfalls. Wie man sich dort die Zeit vertreibt, mag das folgende »Formblatt« zeigen. Das hier abgedruckte Schriftstück stellt einen originalen Stammrollen-Auszug dar, wie sie von den »Bezirkskommandos« täglich verwandt werden. Der Verkehr der »Ämter« untereinander geschieht, soweit die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel sich nicht umgehen läßt, über Postschließfächer der Reichspost. Sollte die Echtheit obigen Dokumentes angezweifelt werden, so steht eine Reihe ähnlicher zur Verfügung. Wir erwarten mit Ergebung das Dementi aus der Bendlerstraße.   Nein, wir verzichten darauf, Geßler zu fragen, wer und was Franke und Jüngling sind, und warum sie solche »Formblätter« austauschen. Denn es sagt schon der deutsche Klassiker Friedrich Hebbel: »Eher zeigt sich dir das Mägdlein nackt, als solch ein Jüngling dir das Herz entblößt ...« Wir verzichten darauf, nach Wert und Wesen dieser Armee zu fragen, deren Zukunft einstweilen noch im Postschließfach ruht. Wir finden, daß auch diese neue schwarze Affäre einen leicht operettenhaften Beigeschmack hat, wie alles, was bisher mit dem heimlichen Mars zusammenhing. Wir sind aber nicht dazu da, um unsre Zivilistenhirne für die Herren Militärs anzustrengen. Wichtig ist etwas andres. Die These von der vollendeten deutschen Abrüstung wird heute von allen Parteien der Linken gestützt; auch die meisten Pazifistenführer haben sie sich zu eigen gemacht. Niemand darf den Herren den guten Glauben absprechen. Man mag ihn auch nicht Herrn Doktor Stresemann absprechen, der noch kürzlich in Genf zwei deutsche Publizisten, die eine gegenteilige Meinung geäußert hatten, mit Ausdrücken belegt hat, wie sie bei einem bessern Tee nun mal üblich sind. Uns scheint Herr Doktor Stresemann der am empfindlichsten Betroffene zu sein. Seine Sache wäre, zu verhüten, daß im benachbarten Kriegsministerium Scherze geleistet werden, die geeignet sind, seine Kreise zu stören und seine Verständigungspolitik vor aller Welt zu diskreditieren. Denn der Verständigungspolitik wird nur dauernder Erfolg beschieden sein, wenn man den Militärs endlich verwehrt, ihre dreisten Fragezeichen dahinter zu setzen. Noch sind die Postschließfächer reichlich komisch. Aber man muß sie ausleeren, ehe sie zu Pandorabüchsen werden. Die Weltbühne, 25. Oktober 1927 739 Rettungen Herr Justizrat Claß hat gute Beziehungen höhern Orts; genauer: – auch nach Doorn. Herr Claß hat gute Beziehungen überall; es gibt kaum eine Koryphäe des alten Regimes, die mit Herrn Claß nicht in Briefwechsel gestanden hätte. Dieser tüchtige alte Berufspatriot ruhte selbst dann nicht, als nach dem Niederbruch Ludendorffs und Hitlers die Putschkonjunktur ein für alle Mal erloschen schien. Er machte seine Studien über Diktaturen, stand mit Freunden im regen Verkehr deswegen – Herr Hugenberg, der Schloßherr von Roebraken, könnte darüber Auskunft geben –, bestimmte Verbände sorgten für entsprechende Rekrutierung der Reichswehr ... Im Mai vorigen Jahres deckte die preußische Polizei die Verschwörung auf. Ein paar großindustrielle Schreibtische wurden zwangsweise geöffnet. Die Mitglieder von Claßens erstem Diktaturkabinett wurden bekannt, die Beziehungen der Militärs zu rechtsradikalen Verbänden bloßgelegt. Jetzt erfahren wir, daß das Reichsgericht das daraufhin gegen Herrn Claß eröffnete Verfahren eingestellt habe – aus Mangel an Beweisen. Das diffizilste der Gerichte hat die Diktaturpläne, durch die ein gewisser Neumann aus Lübeck zum deutschen Vereinsvorstand erhoben werden sollte, als harmlose private Studien bewertet. Es hat sich nicht bemüht, die Tätigkeit des Herrn Claß seit 1920 näher zu untersuchen: nicht seine Beziehungen zur münchner Novemberrevolte, nicht seine klägliche Rolle im Thormann-Grandel-Prozeß, wo er unter der Wucht unbequemer Fragen käseweiß und schlotternd dastand, nach Atem ringend, Ausflüchte suchend – ein lange verborgener Conspirator, auf den plötzlich entlarvendes Tageslicht fiel. Herr Claß wäre verloren gewesen, wenn er nicht einen galanten Richter gefunden hätte, der im Augenblick höchster Seenot zu fragen aufhörte. Wenn sie es mit dem Genre Claß zu tun haben, sind unsre Gerichtshöfe so nachsichtig wie eine pariser Jury, wenn eine schöne Frau um ihren Kopf spielt. Aus Mangel an Beweisen also. Außerdem meint das Reichsgericht: da der Artikel 48 der Verfassung ja Ausnahmemaßregeln zulasse, so habe sich Herr Claß bei seinen Diktaturprojekten ganz im gesetzmäßigen Rahmen gehalten. Das Reichsgericht übersieht, daß die Ausführung selbst dieses gemeingefährlichen Artikels an bestimmte Amtspersonen gebunden ist und daß die Errichtung der politischen Diktatur nicht die Sache eines Privatmannes ist, dessen Beziehungen es zudem erlaubten, in die Wehrmacht die seinen Plänen ergebenen Leute hineinzustopfen. Wahrscheinlich hat noch nie ein Obergericht eine Entscheidung gefällt, die so offensichtlich Umsturzbestrebungen entschuldigt. Wenn die republikanische Verfassung so weitherzig ausgelegt wird, dann läßt sich in den fatalen Artikel 48 auch ganz gemütlich die Monarchie einbauen. Hier hat das Reichsgericht gradezu ein Schnittmuster für den Krönungsmantel Wilhelms des Nächsten geliefert.   Jahrelang haben unsre lieben Demokraten sich gegen alles gesperrt, was auch nur entfernt nach Völkerverständigung aussah. Sie haben gegen Genf gewettert, und ihre pazifistischen und völkerbundfreundlichen Mitglieder entweder hinausgedrängt oder in die Armesünderecke verwiesen. Inzwischen ist die Partei sehr mager geworden, und mit dem Fett schwanden auch die sündigen Gelüste. Und da sie nicht mehr kunnten so von wegen hohen Alters, schrieb seine Sprüche Salomon und David seine Psalters. Anschlußsuchend, völkerversöhnend, menschenverbrüdernd schaukeln die schönen Reste der Partei in sanfter Promiscuität durch eine meistens ablehnende Gegenwart. Drüben in England geht es den Liberalen auch nicht viel besser. Deshalb haben sie sich gefunden und machen für einander Reklame. Vor ein paar Monaten haben sie sogar eine gemeinsame Sonntagsschule abgehalten, und jetzt mag man einen Preis ausschreiben, ob das eine Erfindung unsrer stets pädagogisch beflissnen Heußdemokraten war oder eine der bibelfesten englischen Methodistenprediger. Wer das vor ein paar Jahren vorausgesagt hätte! Mindestens die Demopartei hätte ihn im Gleitflug hinunterbefördert. Das wäre gewiß nicht sehr aufregend, wenn nicht die Macht einer einflußreichen Presse dahinterstünde. So haben unsre demokratischen Blätter einen neuen Fetisch entdeckt und der immer illusionshungrigen Öffentlichkeit mit weihevoller Begleitmusik serviert. Die große Hoffnung der deutschen Demokratie heißt Lloyd George – das ist der Mann, der Europa wieder in Ordnung bringen soll, und der Herr Chefredakteur des ›Berliner Tageblattes‹ hat sich selbst aufgemacht, um das Weltwunder zu interviewen. An und für sich wäre die Neugier durchaus verständlich, den Mann zu sehen und zu hören, der der Hauptschuldige an den Friedensverträgen von 1919 ist, der verantwortlich ist für jene Grenzziehungen, die Europa noch heute in Unruhe halten. T.W. schildert den alten Herrn über fünf Spalten: seine Ansichten, seinen netten Landsitz, seine Kritik des Versailler Vertrags, seine Familie, seinen Eßtisch mit der Mahagoniplatte ohne Decke, kurz, den großen Lloyd George und alles, was dazu gehört – er schildert das mit der bekannten erlesenen Wortkunst und einem bei ihm sonst unbekannten Mangel an Geschmack. So ganz mit der okkupierenden Geste des situationsbewußten Pressevertreters, der die Weltgeschichte vertraulich um die Taille faßt und zum Besitzstück seiner Firma erklärt. Was soll das? Der alte Lloyd George hat seine großen Verdienste als Sozialpolitiker, als Bodenreformer, als furchtloser Verfechter kapitalbelastender Budgets. Da hätte der deutsche Liberalismus von ihm lernen können. Der Außenpolitiker Lloyd George, der Mann mit den diktatorischen Vollmachten, ist ein einziges europäisches Unglück gewesen. Er hat den alten Asquith gestürzt, nicht um schneller zum Frieden zu kommen, sondern um den Krieg desto vehementer zu führen. Er hat in den ersten Wahlen nach dem Waffenstillstand, in den berüchtigten Khakiwahlen, eine Schlammflut von Nationalismus über England gebracht, die heute noch nicht so beseitigt ist, wie es die deutschen Anglophilen wahrhaben wollen. Er hat jenes blutige Abenteuer inszeniert, den griechisch-türkischen Krieg, der in den Flammen von Smyrna endete, hat die weißen Generale, die Denikin und Wrangel auf Rußland losgelassen. Heute gibt er dem deutschen Besucher wertvolle Winke, wie der Friedensvertrag am besten zu revidieren wäre, der Vertrag, den er selbst gemacht, den er gegen Wilson, gegen alle Verständigen im eignen Lande durchgedrückt. Das ist der neue europäische Schutzgott der deutschen Demokraten! Gewiß, er ignoriert mit der Sicherheit des ganz großen Demagogen die eigne Vergangenheit, aber schon jetzt, wo sein Stern wieder schüchtern zu blinken beginnt, findet er sich zur Verteidigung des blutigen Horthy mit Rothermere, dem Verbündeten von einst. Wir gönnen dem alten Löwen den reizenden Landsitz, gönnen ihm alles, was T.W. als hingerissner Rhapsode dem deutschen Publikum mitteilt: den angenehm gewärmten, mit breiter Behaglichkeit eingerichteten Salon, den Eßtisch, dessen Mahagoniplatte kein Tuch verdeckt, die klug lächelnde Tochter, die schöne Schwiegertochter – alles, alles. Denn er hat viel für Englands Demokratie getan. Aber gegen den Außenpolitiker zeugen seine eignen Werke. An dem ist nichts mehr zu retten. Die Weltbühne, 1. November 1927 740 Wahlkreis Europa Es ist heute überall eine ähnliche Stimmung, wie im Winter 1923/ 24. Wieder hat sich ein System stumpf gelaufen, und ein neues ist noch nicht da. Deshalb Enttäuschung überall; Kompromisse; Ritardando statt Fortschreiten. In summa: Reaktion. Im Jahre 1928 wird in einigen von den hauptsächlichen Ländern Europas gewählt werden, und wie 1924 werden diese Wahlen für ein paar Jahre entscheidend sein. Im Grunde wird Europa in diesem Winter über alle Grenzen hinaus ein einziger Wahlkreis sein, um den gekämpft wird, und so viele Zählkandidaturen auch aufgestellt werden – es wird im Ernst nur zwei große Bewerber geben: Krieg und Frieden. In England hat sich die Arbeiterpartei wieder gefestet. Ihre Chancen sind bedeutend. Aber so erschüttert das Ansehen des gegenwärtigen Torykabinetts auch sein mag, der Vorsprung der Konservativen ist gewaltig, und dies Mal werden sie alles hinter sich bekommen, was imperialistisch und sozialreaktionär ist. Gar nicht zu reden von den Legionen kleiner Angstbürger, denen die Bolschewikenfurcht in den Gedärmen wühlt. Die Liberalen werden, günstigstenfalls, den Tories eine Reihe von Wahlkreisen abnehmen, aber niemals wieder ersten Rang erobern. Denkbar wäre allerdings eine Regierungskoalition zwischen Labour und Liberalen – denkbar, doch kaum wünschenswert. Denn die Arbeiterschaft ist radikalisiert, und diese Radikalisierung trägt die Partei und ist die Voraussetzung aller ihrer Erfolge. Koalition aber bedeutet Verzicht und abermals Verzicht. Und Resignation als höchste Pflicht läßt sich wohl gedrillten Funktionären einhämmern, aber nicht Proletariermassen, die sich hoffend durch alle Qualen von Streiks und Arbeitslosigkeit geschleppt haben. Koalition wäre neue Enttäuschung, schneller Absturz nach schnellem Sieg – im Endeffekt: Spaltung. Das sei in aller Freundlichkeit unsern Demokraten gesagt, die sich so emsiglich abmühen, den Engländern vorzurechnen, was für ein gutes Geschäft die Koalition sei. Überhaupt scheinen sich unsre Demokraten, seit sie im eignen Haus nichts mehr zu verrichten haben, wenigstens die Generalkontrolle über alle innenpolitischen Koalitionen auf Gottes weiter Erde gesichert zu haben. Man verleide ihnen das Vergnügen nicht; allerdings müßten sie der Vollständigkeit halber auch hinzufügen, wohin sie die berühmte Politik der Mitte gebracht hat und was aus der deutschen Republik dabei geworden ist. Auch Frankreich leidet augenblicklich schwer unter der Nervosität unausgetragener Gegnerschaften. Das gegenwärtige System hat alle Register gezogen und vergebens gezogen und flüchtet sich deshalb in völlige Systemlosigkeit. Und dennoch kommt plötzlich ein helles Signal von drüben. Auf dem Jahreskongreß der Radikalen wirft ein unerwarteter Coup der Jüngern Deputierten die alten, in Sieg und Niederlage gleich bewährten Führer übern Haufen. Bittere Vorwürfe werden laut gegen Die, die den glorreichen Maisieg von 1924 haben versanden lassen, die schließlich als hilflose Wracks bei Poincaré gestrandet sind, die auf einer Ministerbank sitzen mit Herrn André Tardieu, dem Odiosesten der Rechten, dessen Korruptionsskandale die Pamphletisten der Linken im letzten Wahlkampf mit blutiger Genugtuung immer wieder aufzählten. Die Radikale Partei schien, von Außen besehen, teils verkümmert, teils verkommen zu sein. Und plötzlich regen sich die Jungen, halten Gericht über ihre Parteimarschälle und schieben sie einfach in die Ecke. Sie reißen die Führung an sich; Männer treten in die erste Reihe, deren Namen bisher nur lokale Bedeutung hatten. An Stelle von Maurice Sarraut wird Daladier zum Parteichef gewählt – Daladier, der in der Kammer das Haupt einer Gruppe von Grollenden war, die gegen den Willen der Fraktionsleitung schon seit Monaten demonstrativ mit den Sozialisten gestimmt hat und gegen das Mischmaschkabinett. Vergebens interpelliert (leider, leider) Herriot, auf Wunsch Poincarés; die Opponenten lassen sich nicht einschüchtern und setzen ihren Willen durch gegen die Arrivierten und die Celebritäten. Es ist aufs herzlichste zu begrüßen, daß sich die Radikalen dieser Radikalkur unterzogen haben. Denn sie sind die Vertreter der letzten Bourgeoisie, die sich noch freiheitliche Traditionen bewahrt hat. Vieles davon ist gewiß papieren raschelnde Deklamation geworden, aber vieles wurzelt dennoch im echten Gefühl. Frankreich ist weder das mächtigste noch modernste Land Europas, aber es war immer das Schicksalsland unsres Kontinents, und es zeigte stets am deutlichsten den Pegelstand der europäischen Freiheit an. Reaktion in Frankreich, das bedeutete stets Dumpfheit und Verzagen überall. Aber wenn in Paris wieder die Carmagnole gepfiffen wurde, dann pfiff die ganze Welt mit, und es war plötzlich wieder heller. Möglich, daß in absehbarer Zeit Moskau, das die jüngern Formeln hat, die von 1917, während Paris noch von 1789 zehrt, Frankreich in dieser Rolle ablösen wird. Aber noch steckt Rotrußland allzu sehr im nackten Existenzkampf, was zu wenig wählerischen Mitteln und gelegentlich zu seltsamen Schlafkameradschaften zwingt, als daß es schon jetzt die Patenschaft über die europäische Freiheit mit guter Figur übernehmen könnte ... Auf diesem so bedeutsamen Kongreß der Radikalen gastierten auch ein paar deutsche Delegierte. Die hatte die Demokratische Partei entsandt, welche jetzt überall Schwesterparteien entdeckt. Hoffentlich haben die Herren dort gut zugehört, denn es gab gewiß viel zu lernen. Aber ich halte jede Wette: wenn man die Herren nach ihren Eindrücken befragt, so werden sie gewissenhaft berichten, wer drüben bei den Radikalen für eine Rückgabe der deutschen Kolonien oder wer gegen eine deutsche Aufrüstung gesprochen hat; denn nach solchen Maßstäben geschieht noch immer die Einteilung in antideutsch und prodeutsch – wenig hat sich da seit zehn Jahren geändert. Aber das Mirakel dieses Kongresses: die Verjüngung einer Partei durch einen jähen Vorstoß unverbrauchter und unkompromittierter Intelligenzen, das werden sie kaum beachtet, geschweige denn begriffen haben. Die Verjüngung durch einen von unten, von den kleinen Leuten einer Partei aufsteigenden Willen, das ist das Wunder dieser Tagung, und das ist bei unsern republikanischen Größen die böseste, die ausrottenswerteste Ketzerei. Die Weltbühne, 8. November 1927 741 Stalin und Trotzki »Auch Sowjetrußland hat dem Proletariat nicht das gehalten, was es versprochen hatte. Die schwerste Enttäuschung, die es ihm zugefügt hat, ist die Haltung der regierenden Partei gegen seine frühern mit ihr verbündeten Freunde und revolutionären Mitkämpfer ... Für sie hat sich wenig geändert, seit der Zarismus gestürzt wurde ... Mit welchem Recht fordert Ihr von den kapitalistischen Regierungen Freilassung aller proletarischen politischen Gefangenen, solange bei Euch, wo der Wille des Proletariats den Zarismus beseitigte, noch proletarische Brüder ... hinter Zuchthausmauern festgehalten werden ...« Das steht nicht irgendwo in einem verlästerten sozialistisch-demokratischen Zeitungsblatt, sondern in einer Manifestation freier, nicht parteigebundener Sozialisten, die großenteils dem anarchosyndikalistischen Gedankenkreis angehören. Wir nennen hier nur Henriette Roland-Holst, Rudolf Rocker und Erich Mühsam. Störend wirkt nur, daß man sich auch hier Frau Karin Michaelis als Anstandsdame zugelegt hat. Warum? Aber die Manifestation ist ein schneidender Klageruf – ›J'accuse‹ von Ultralinks. Der hochoffizielle Parteikommunismus, der gern etwas bramsig auftritt, muß sich daran gewöhnen, daß er heute nicht mehr die äußersten Linksplätze frequentiert. Die Gruppen von Ausgestoßenen und grollend Geschiedenen stehen ihm im Rücken. Vielleicht sind diese Sezessionen ziffernmäßig gar nicht stark, die Tatsache, daß linkerhand noch etwas da ist, drängt sacht und kaum wahrnehmbar nach rechts. Wo die kommunistischen Häupter heut auftreten, schreit ein erregter Chorus: »Verräter, Verräter!« So schrie einst Spartakus gegen USP, vorher USP gegen SPD, und, vor grauen Zeiten die Sozialdemokratie gegen die bürgerliche Demokratie. Dieser Tage hat in Berlin eine Versammlung von Opponenten den redlichen Pieck, der ausgeschickt war, sie zu belehren, rauh angefaßt. Wie lange wird es dauern und Höllein wird reden wie Otto Wels ... Der Mann, der diesen nützlichen Klärungsprozeß verhindert, ist der Herr Oberreichsanwalt Doktor Werner. Wenn die unsinnigen Verfolgungen endlich aufhören, wird man sehen, daß Spartakus schon lange ein gestärktes Vorhemd trägt.   Diese Kämpfe sind aber nur Reflexe innerrussischer Auseinandersetzungen. Da die moskauer Diktatur die Redefreiheit rationiert, werden die Gegensätze unglücklicherweise erst im Ausland richtig ausgetragen. So kommt es, daß Köln-Nippes plötzlich »für Trotzki« ist, während Köln-Kalk treu »zu Stalin hält« und den bedingungslosen Hinauswurf von Köln-Nippes fordert. Die Kommunisten in Deutschland und überall hätten besseres zu tun als das zu Ende zu pauken, was in Rußland nur halb gesagt wird. Denn die Fragen, die die russische Partei spalten, gibt es anderswo überhaupt nicht; sie hängen nur mit der jetzt ein Jahrzehnt bestehenden und lebendig wirkenden Herrschaft zusammen. Moskau, das ungemein geschickt operiert hat bei der Behandlung kolonialer und halbkolonialer Völker, versagte stets bei der Leitung der europäischen Bruderparteien. Anstatt die Parteien auf eignem Boden selbständig wachsen zu lassen, hat es sich willenlose Trabanten ziehen wollen, stumme Diener; und es ist kein Wunder, daß viele davon, die jetzt endlich die Zunge gefunden haben, sie zunächst benutzen, um den Meister zu verfluchen, dem sie ihre Golemexistenz verdanken. Wenn die Russen, die für die Wiedererrichtung ihrer Wirtschaft so viel Vivazität und saftvolle Energie einzusetzen hatten, nur endlich darauf verzichten wollten, die für die Praxis nicht brauchbaren Parteigrößen als Priester und Tempelhüter der reinen Lehre anzustellen! Als Präpositus der Dritten Internationale ist auf den unsagbaren Sinowjew zwar der bedeutendere Bucharin gefolgt. Aber im Grunde ist da kein größerer Unterschied, als daß Bucharin durch die linke Tür bugsieren läßt, während sein Vorgänger die rechte bevorzugte. Diese Theoretiker ruinieren das Proletariat, sie treiben es in die Eisfelder der Abstraktion; ihr motu proprio hetzt die Arbeiter gegeneinander und läßt sie endlich glaubenslos und politikmüde liegen.   Was in der deutschen Kommunistenpartei nur wie ein Gespensterkrieg aufgenötigter oder kopierter Parolen wirkt, das ist in Rußland allerdings kein Duell von kalten Theoremen, sondern ein sehr lebendiger Gegensatz, der von zwei überragenden Gestalten verkörpert wird – von Stalin und Trotzki. Man behandelt auch außerhalb der kommunistischen Reihen diese Dinge ohne Bemühung zur Realität. Man spricht entweder von persönlichen Rivalitäten beider, von Trotzkis brennendem Ehrgeiz – grade als sollte hier schon ein Muster zu einem künftigen zeitgeschichtlichen Drama von Alexej Tolstoj zurechtgeschnitten werden – oder spielt die angeblichen Programme beider gegeneinander aus. In Wahrheit ist das, was beide Teile sagen, gar nicht wägbar. Denn beide suchen sich an Radikalität zu übertrumpfen: einer wirft dem andern vor, revolutionäre Orthodoxie durch Reformismus ablösen zu wollen. Kommt hinzu, daß die Opponenten nur ein Katakombendasein führen, andrerseits aber die revolutionäre Terminologie der Stalingruppe, der herrschenden Mehrheit also, nur demagogische Bemäntelung einer faktisch opportunistischen Politik zu sein braucht. Das ist hier ganz unübersichtlich und kann darum nicht untersucht werden. Zudem ist der außenpolitische Druck auf Rußland ungeheuer. In solcher Bedrängung klingt alles laut und schrill. Weltpolitisch betrachtet spielt die englische Regierung die gleiche Rolle wie bei uns der Herr Oberreichsanwalt: sie verhindert die klare Sicht. Wir sehen nur ein gehetztes Land, wie bei uns eine gehetzte Partei. Nein, es wäre sinnlos, die Ideologien beider Richtungen zu untersuchen. Zweck hat nur zu betrachten, was die herrschende Gruppe darstellt und was diese und jede andre Opposition erreichen könnte. Diese Frage stellen, führt aber zu dem unbedingten Wunsch, Stalin möchte sich behaupten. Denn Stalin ist die Bestätigung, daß eine Revolution auch nur ein einmaliges Ereignis ist und deshalb nicht streckbar; und daß sie Konstruktion werden muß, wenn nicht alles wieder verloren gehen soll, was ihr Elan errang. Dabei büßt sie selbstverständlich ihren Glanz ein und gewöhnlich auch noch mehr als den Glanz. Das Rußland, wie es heut ist, das mit Eisenfaust Hunger und Anarchie niederringt und trotz der englischen Verrufserklärung, trotz den Fehlschlägen in China lebt und arbeitet, das ist Stalin. Seine Zukunft liegt beim Typus Stalin. Denn Leo Trotzki, der Carnot der Sowjets, ist heute schon eine glorreiche Reminiszenz. Einer, den das Sentiment bestimmt, der über die große Epoche seiner Vergangenheit nicht hinwegkommt und das gleiche Lied immer spielen will. Was könnte er mit seinem buntgemischten Anhang erreichen? Wenn man seinen deutschen Anbetern glauben will, verlangt er die Wiederherstellung der »reinen Lehre« Lenins: Streichung der Konzessionen an die kapitalistischen Mächte, neue Propaganda der Weltrevolution im Stil von 1920 – kurzum, alle Rigorositäten der ersten Epoche, jener Epoche, die auch seine Glanzzeit einschließt, Rückgang auf eine Linie, die Lenin selbst in der Not der Zeit verlassen hat. Kann man zweifeln, daß dies das Ende wäre? In Westeuropa würden längst begrabene Kreuzzugspläne effektvoll wiedererstehen; kein größerer Glücksfall wäre denkbar für Churchill, den Regisseur Denikins und Wrangels. Bleibt noch die andre Möglichkeit: – Trotzki müßte sich nach Bundesgenossen umsehen, Anlehnung suchen an die Menschewiki und den Emigranten aller Art die Grenzen wieder öffnen. Ein solcher Umschwung aber würde Bürgerkrieg, mindestens bürgerkriegsähnliche Zustände bedeuten, womit aber alles wieder in Frage gestellt und der rückläufigen Bewegung der Weg freigemacht wäre: von Trotzki zurück zu einem neuen Kerenski, von dem zu Miljukoff, von da, nach Putschen, ausländischen Interventionen, gewährten und zurückgezogenen amerikanischen Anleihen ... zu einem neuen Zaren. Moskaus Feinde wittern das sehr wohl: obgleich Trotzki sehr radikal spricht, setzen sie überall auf ihn und am höchsten in England, dem er vor ein paar Jahren erst in einem großartigen Pamphlet die blutigste soziale Revolution vorausgesagt hat. Trotzki verkörpert die revolutionäre Romantik, Stalin die nüchterne und keineswegs schöne Realität. Der Kontrast ist da, und daß er so böse Formen annimmt, liegt großenteils daran, daß in Rotrußlands Vokabularium das Wort Freiheit nicht gelitten ist. Die Tscheka, die sich bisher nur mit wirklicher oder angeblicher Konterrevolution befaßte, rückt jetzt den Gurgeln der verstoßenen Oberpriester bedenklich nahe. Jetzt entdeckt selbst ein Sinowjew plötzlich das ewige menschliche Recht auf freie Rede. Der nächste Schritt wird wohl der berühmte feurige Appell an das Gewissen der Welt sein. Es gibt keine heißern Demokraten als abgestürzte Diktatoren. Die Weltbühne. 15. November 1927 742 Lawrence Im Oktober 1916 fand viele Meilen hinter dem arabischen Hafen Djidda am Roten Meer eine Begegnung zwischen einem Engländer und einem Araber statt, die weltgeschichtliche Folgen zeitigen sollte. Der Engländer schildert später den Araber als einen großen säulenhaft schlanken Mann in langen weißseidenen Gewändern – »... seine Lider waren gesenkt und das bleiche Gesicht mit dem schwarzen Bart wirkte wie eine Maske gegenüber der seltsamen regungslosen Wachheit seines Körpers. Die Hände hielt er vor sich über seinen Dolch gekreuzt.« Dann gehen beide in einen kleinen dämmrigen Raum, wo braune Männer sie ernst und schweigend anstarren. Der Araber eröffnet ein konventionelles Gespräch und fragt schließlich: »Und wie gefällt dir unsre Stellung im Wadi Safra?« – »Gut, aber sie ist weit von Damaskus«, antwortet der Fremde, und er notiert: »Das Wort war wie ein Schwert unter sie gefahren.« Das scheint pittoresk genug und könnte sich ebenso zwischen dem großen Saladin und einem Boten des englischen Richard Coeur de Lion abgespielt haben. Aber es hat sich, wie gesagt, im Herbst 1916 zugetragen; der arabische Emir ist Faisal, der heutige König vom Irak, der Engländer ein Mr. T.E. Lawrence, der seine Erlebnisse in Arabien in einem sehr merkwürdigen Buch zusammengefaßt hat: »Aufstand in der Wüste«, das jetzt in deutscher Übersetzung bei Paul List in Leipzig erschienen ist. Und dieses Buch ist nicht nur eine einzigartige Geschichtsquelle, sondern auch eine ganz gewaltige Schreibleistung, die den Verfasser jenen seltenen Köpfen anreiht, die dieses schwer packbare, ungestalte Gewimmel repräsentieren dürfen, das man nach stiller Übereinkunft Menschheit nennt, weil ein parlamentarischer Ausdruck dafür noch nicht gefunden ist.   Jener Lawrence war achtundzwanzig Jahre alt, als er in der Wüste auftauchte und bis dahin einer jener verachteten intellektuellen Schlappiers gewesen, deren eingewurzelte Disziplinwidrigkeit den hohen Kommandostellen oft mehr Kopfschmerzen bereitet hat als ein wohlvorbereiteter feindlicher Frontalstoß. Lawrence, Student von Oxford, Archäologe und Orientalist, war für den Waffendienst untauglich befunden und ins Kriegsministerium gestopft worden, wo er sich durch Faulheit und Schnoddrigkeit unmöglich machte. Dann sielt er sich als akademisch gebildeter Schwejk zwei Jahre in den militärischen Kanzleien Kairos herum. Er ist sprachenkundig, und um ihn irgendwie zu verwenden oder auch für immer los zu werden, schickt man ihn nach Djidda, um über den Aufstand einiger Nomadenstämme gegen die Türken zu berichten. So kommt er zu Faisal, und hier wird der untaugliche Soldat etwa das, was der Genosse Borodin in Canton war: der Instrukteur einer nationalen Revolution. Wobei allerdings zu bezweifeln bleibt, ob der Genosse Borodin jemals, wie sein englischer Kollege, höchst persönlich Brücken in die Luft gesprengt hat.   Damaskus! »Das Wort war wie ein Schwert unter sie gefahren ...« Lawrence fand in Djidda eine höchst fragile Rebellion kleiner Wüstenkönige gegen die Türkenherrschaft vor. Im Herbst 1918 zieht die arabische Nationalarmee in Damaskus ein. Den Führern werden stürmische Ovationen bereitet, aber der lauteste Jubel gilt einem sonnenverbrannten Individuum in zerlumpter Beduinentracht, das »Urens« gerufen wird und niemand anders ist als Mr. T.E. Lawrence, der vor zwei Jahren im adretten Khakianzug in Arabien gelandet war. In diesen zwei Jahren hat der schlechte Soldat aus einer bis dahin wildwachsenden Erhebung ein wohlorganisiertes Unternehmen gemacht. Er hat das Wunder fertig gebracht, das keinem Sohn des Landes in Jahrhunderten geglückt war. Er hat aus Nomadenstämmen ohne jegliches Gemeinschaftsgefühl, die primitiv, tapfer und verlaust, in einem von Raubzügen und Blutrache ausgefüllten Dasein nicht anders als in den Tagen des Propheten dahinlebten, ein Volk gemacht, das für die Idee eines großarabischen Reiches glühte. Mit einer bizarren Leibgarde, inmitten der konfisziertesten Visagen Arabiens zieht er durch die Wüste von einem Scheikh zum andern, den einen mit guten Worten, den andern mit guten englischen Banknoten überzeugend. Er ist der Feldherr, der Staatsmann, der Propagandist, der Finanzier, der Marketender seiner schnell improvisierten braunen Armee. Der Aufstand Faisals war für die Türken zunächst wohl nur eine lokale Belästigung gewesen. Sorglos lassen sie die Flanke nach der Wüste zu offen, während sie Palästina gegen die Engländer verteidigen. Aber jetzt wird die tote Wüste lebendig. Zehntausende von einsam schweifenden Kamelreitern sammeln sich, stören die rückwärtigen Verbindungen der Türken, sprengen die Eisenbahnlinien, die Brücken – ein ungläubiger Hund, den niemand kennt, und auf dessen mysteriösen Kopf der türkische General eine abenteuerlich hohe Belohnung aussetzt, hat die Beduinen gelehrt mit Sprengstoffen umzugehen, Maschinengewehre zu bedienen und Deckung zu suchen, wenn ein Flugzeug erscheint, anstatt auf dem Platz zu bleiben und in die Hände zu klatschen, wenn die Bomben mitten unter ihnen krachen. Und diesem hellhäutigen Ungläubigen, der ihre Sprache fließend spricht, Mantel und Kopftuch trägt wie sie und bloßfüßig über Sand und Fels läuft, vertrauen sie, die sonst so mißtrauisch und abwehrend sind gegen Fremde und die trotz großen Bemühungen keiner der britischen Militärs und Propagandisten bisher an Englands Kriegswagen hatte binden können. Die großen Feldherren der Weltgeschichte, hat Bernard Shaw einmal geschrieben, waren immer begabte Zivilisten.   Der Mann, der so Abenteuerliches erlebt und bewirkt hat, ist indessen gar kein Abenteurer, wie er im Buch steht. Er schreibt höchst leger und oft mit recht schlenkriger Geste. Wenn er todmüde nach endlosem Kamelritt in den Sand gesunken ist oder die türkischen Kugeln ihm um die Nase pfeiften, beginnt er zu meditieren: Was mich das alles eigentlich angeht? Am besten, ich fahre nach Kairo in die komfortable Etappe zurück, wo man sich waschen und rasieren kann, und lasse meine Vorgesetzten die Sache ausessen. – Dann wieder setzt er sich mit Hingebung für seine braunen Freunde ein. Er kämpft für sie mit der obstinaten, verständnislosen englischen Militärbureaukratie, er fährt mit der Generalität Schlitten, daß es eine Lust ist. Er, der Amateursoldat, schüttet blutigen Hohn aus über die richtigen Generale, die genau das tun, was sie auf der Kriegsakademie gelernt haben. Aber dann kommt das Erlebnis, das ihm die zynisch-blasierte Attitüde verleidet. In den letzten Kapiteln wächst das Buch zu wirklicher Größe. Vor Damaskus trifft er wieder mit seinen Landsleuten zusammen – und sie sind ihm fremd geworden. Ja, alles an ihnen erscheint ihm fremd, komisch, widerwärtig: ihre Korrektheit, ihr Mangel an Phantasie, ihre Verständnislosigkeit für fremde Rassen, ihre Prätentionen, die Welt zu beherrschen, nur weil sie weißhäutig sind. Der politische Agent, der ahnungslosen Naturkindern im Interesse seines Vaterlandes mit der vagen Idee eines großarabischen Reiches den Kopf verkeilen sollte, wird plötzlich zum tragischen Don Quichotte – er glaubt an dies Arabien, das er erfunden, es ist seine Liebe geworden, und ihn quält bittere Reue, weil er große Hoffnungen vorgegaukelt hat, die das englische Reich keineswegs zu halten gewillt ist. Er rät Faisal, beizeiten und geordnet in die Stadt einzuziehen, keinen Anlaß zum Einschreiten zu geben und sofort eine provisorische Regierung zu bilden. Wenn die Engländer einmal da sind, gehen sie nicht mehr fort, bemerkt er verbissen. Und hier zweifelt der Leser kaum, daß er bei einem etwaigen Straßenkampf zwischen Engländern und Muselmännern auf Arabiens Seite stehen und fallen würde. Unvergeßlich diese Schilderung der Nacht vor Damaskus. Wie er in zerlumpter Beduinentracht durch die englischen Biwaks geht. Er war in die Majestät der Wüste versunken, er hat in schlaflosen Nächten seine Seele an die Sterne des Morgenlandes verspielt, und hier ist Europa wieder, das Vaterland wieder mit seinen kleinen bösen Anmaßungen, seiner Uniformität, seiner Korrektheit. Er findet den Anschluß nicht mehr. Müde und traurig geht er zu seinen Nomaden zurück: »Rings um die Biwaks der Soldaten lagerten die Araber in freien Schwärmen, ernst dreinblickende Männer einer andern Welt. Mein verschrobenes Pflichtgefühl hatte mich zwei Jahre lang in ihre Mitte verbannt. In dieser Nacht heute stand ich ihnen näher als den Truppen, und ich empfand das als einigermaßen beschämend. Dieser sich mir aufdrängende Kontrast, gemischt mit Heimweh, schärfte meine gereizten Sinne mehr denn je; ich sah nicht nur die Ungleichheit der Rasse, hörte die Ungleichheit der Sprache, sondern konnte auch ihre Gerüche unterscheiden – die schwere stickige, geronnene Säuerlichkeit verschwitzter Baumwolle über den arabischen Haufen, und den muffigen Brodem der englischen Soldaten: diesen warmen Pißdunst zusammengepferchter Männer in Wollkleidern, beißend und atemversetzend wie Ammoniak, einen scharfen, gärenden Naphthageruch. –« (Sätze wie die, und es sind viele solche in dem Buch, haben nichts mehr mit Abenteuer, Krieg und Politik zu tun – sie sind ganz einfach große Literatur.) Am andern Morgen wird von einem indischen Unteroffizier ein Weißer in arabischer Kleidung als suspekt aufgegriffen und erst auf Intervention freigelassen.   Er hat die londoner Politik richtig eingeschätzt, Arabien wurde zwar der türkischen Despotie ledig aber zugleich in eine Anzahl von kleinen Reichen und Mandatsgebieten zerstückelt. Verbittert zog sich Lawrence aus der Politik zurück. Mit achtundzwanzig Jahren hat er sie als Emissär und Spion betreten und mit dreißig Jahren als leidenschaftlicher Anwalt der Freiheit und des Selbstbestimmungsrechtes farbiger Menschen verlassen. Heute wissen wir, daß das koloniale Zeitalter zu Ende geht und der alte Imperialismus selbst ein hippokratisches Gesicht trägt, und wir sehen mit Erschütterung, wie diese Erkenntnis schon das Bewußtsein eines jungen Mannes zerrissen hat, dessen historische Aufgabe es gewesen ist, unter der unschuldigen Sonne Arabiens alle Furien des europäischen Krieges zu entfesseln. Die Weltbühne, 15. November 1927 743 Wiener Anschlußparade Schicksalsgemeinschaft. Kulturgemeinschaft. Rechtsangleichung. Große Staatsvisite. Händedruck zwischen dem schwarzen Marx und dem schwarzen Seipel. Friedensreden, die niemand bestellt hat und deshalb niemand abholt. Man nennt die Summe von solchen Geräuschen neuerdings den »schweigenden Anschluß«. Die pariser Presse wahrt dies Mal Reserve. Kein Alarm, kein verletzendes Wort. Briand, der Schlaue, mag es eingepaukt haben, daß Pläne, deren Gedeihen man nicht wünscht, am sichersten durch Nichtbeachtung sterilisiert werden. Demonstranten, die niemanden zum Aufblicken nötigen, gehn bald nach Haus. Nicht so diszipliniert halten sich die Sukzessionsstaaten. Hier wird warnend auf die Verträge hingewiesen und auf Österreichs für die Sanierung übernommene Verpflichtung, seine staatliche Selbständigkeit zu bewahren. Wozu bemerkt werden muß, daß es ebenso unvernünftig ist, zwei Völker, die zueinander streben, durch Machtgebot zu trennen, wie zwei Menschen, die sich vereinen wollen. Das mögen grade die Sukzessionsländer bedenken, die doch alle durch das Selbstbestimmungsrecht legitimiert, dem k.u.k. Arrestlokal entwichen sind. Etwas andres ist nur, ob die beiden beteiligten Völker die Vereinigung wirklich als so dringend empfinden, daß sie bereit wären, alle Schranken der Konvention, alle Fesseln der Verbote zu sprengen. Nun, die Beziehungen zwischen Deutschland und Österreich sind nicht nur ausgezeichnet, sie sind sogar warm, sie sind herzlich, und die Beiden sind sich in der Vergangenheit wiederholt so nahe gewesen, daß sie sich schließlich nicht mehr riechen konnten. Jedenfalls: die Beziehungen sind brillant, aber kaum so, daß einer für eine Stunde der Umarmung nächtlich durch den Hellespont schwimmen möchte und durchaus noch in dem Stadium, wo der Kopf das Herz zu zügeln vermag. Deutschlands Grenzen am Rhein und an der Weichsel bilden heute noch immer langgestreckte Gefahrenfelder. Was wäre durch eine Verlängerung nach Südosten und Süden mehr zu gewinnen als der europäische Rekord in der Problematik der Grenzen! Das würde nicht nur rundum Erregung und Mißtrauen hervorrufen, sondern Deutschland selbst mißtrauisch und unsicher machen. Wenn heute die drei skandinavischen Staaten sich vereinen wollten, so gäbe es nur eine einmütige Gratulationscour, denn diese Länder bleiben bewußt den weltpolitischen Schußlinien fern. Käme aber etwa Finnland hinzu, so würde Rußland sofort sein Veto einlegen. Denn an Stelle eines zwischen Arroganz und Verzagtheit schwankenden Kleinstaates wäre ihm an seiner Nordwestgrenze plötzlich eine Großmacht vorgelagert. In Skandinavien aber würde man sich sehr ernsthaft fragen, ob es sich lohnt, den heutigen komfortablen Zustand gegen einen Machtzuwachs einzutauschen, der Beteiligung an allen europäischen Händeln bedeutet. Deutschland leidet ohnehin an einem Übermaß von »Marken«; es hat genug Grenzländer, deren Nervosität selbst in die Psyche der räumlich Entferntesten züngelt. Und nun stelle man sich vor: Deutschlands Grenze am Brenner, Deutschland in Balkannähe, Deutschland als Nachbar Mussolinis und der italienisch-jugoslawischen Rivalität, die grade in diesen Tagen durch den Vertrag Paris–Belgrad neuen Heizstoff erhalten hat. Welch Wust von neuen Streitfragen und welch ungeahnte Aspekte für die nationale Hysterie! Aber wird bei uns der Anschluß wirklich als lebenswichtig empfunden? Ist das eine Sache, die den durchaus nicht mythischen Mann auf der Straße berührt? Gewiß, unser Reichsbanner läßt gern »Großdeutschland« hochleben, aber das ist nicht so schrecklich wörtlich zu nehmen: man braucht halt ein nationales Visum, sonst springen die Bürgerlichen ab ... Was bisher appelliert und proklamiert wurde, war durchweg das Produkt eines betriebsamen berliner Klubbismus, in dem redliche Ideologie etwas unbeholfen neben der schoflen Kalkulation jener geschäftigen Mehrer des Reiches steht, die in Gedanken schon die künftigen Rekrutenziffern errechnen, so wie sie vor zehn Jahren Polen »befreiten«, weil das eigne Kanonenfutter anfing, rar zu werden. Übrigens hat man für die wiener Parade einen etwas seltsamen Zeitpunkt gewählt. Grade jetzt blüht dort unten die Reaktion; in Marschbereitschaft gegen das rote Wien die bewaffneten Heimatwehren – Monsignore Seipel hat einstweilen gesiegt. Zähneknirschend steht die Sozialdemokratie zurück, weil sie weiß, daß die Reaktion mit dem ungarischen, mit dem italienischen Fascismus versippt ist, und jeder Revolver, der etwa in Wien losgeht, die Intervention in die Nähe rückt. Wenn in diesem Augenblick ein so breiter Sympathienaustausch zwischen der Republik Hindenburgs und der Seipels für notwendig gehalten wird, muß die Frage schon gestattet sein, an wen eigentlich angeschlossen werden soll? An das zerspaltene, zur Hälfte rote Österreich oder ... an Horthys Ungarn, den Vorposten des fascistischen Blocks ...? Als im Sommer das wiener Justizpalais brannte, hatten Seipels deutsche Freunde plötzlich keine Lust mehr. Westarp winkte scharf ab. Seit Seipels Sieg ist Österreich wieder viel appetitlicher geworden. Und war nicht Seipel selbst, als bei uns die Weimarer regierten, Anschlußgegner? Es gilt, aus den Erfahrungen seit 1919 das Fazit zu ziehen: die Anschlußidee hat bisher für keinen Politiker von Grad und Einfluß einen absoluten Wert besessen – sie war, hier wie dort, stets abhängig davon, wer drüben regierte. Das bestimmte die Temperatur der Gefühle. So sieht aber keine Schicksalsgemeinschaft aus. Zu fordern bleibt: macht ein Ende mit dem schweigenden Anschluß! Im Interesse Deutschlands wie Österreichs darf nicht heimlich ein Gericht zusammengekocht werden, das mal plötzlich überlaufen kann, wenn die Küchenchefs grade nach der andern Seite gucken. Offene Diskussion tut not, kritische Diskussion, nicht das jetzt beliebte sentimentale Gebrabbel. Die Weltbühne. 22. November 1927 744 Die Ursache Am 4. Dezember 1926 standen wir, ein paar eilig benachrichtigte Freunde, am späten Nachmittag in dem schmalen Gehäuse am Königsweg, das mit all seinen Büchern und Papierstößen plötzlich leer geworden war. Wir waren äußerlich ruhig und nüchtern, aber es war eine Stimmung unterdrückter Tränen, und wir vermieden, nach der kleinen, so bekannten Samtjacke zu blicken, die am Kleiderhaken hing. Es war so unwahrscheinlich, was geschehen war. Unwahrscheinlich war diese Gruppe von Menschen, die hier im Zwielicht um den Schreibtisch stand, über die nächste Fortführung der ›Weltbühne‹ beratend, scheu das betastend, was S.J. gehörte, was sein Erarbeitetes, sein Geschaffenes war. Hier hatte das Fatum einen schrecklich ungerechten Spruch vollstreckt, ein Leben voller Struktur zerstört, etwas sinnvoll Geordnetes, bis in die letzten Winkel Gegliedertes. Vielleicht ist nicht oft Einer aus der schnell vergessenen Gilde der Publizisten so betrauert und so gehaßt worden. Trauer und Haß halten das Bild eines Menschen lebendig, lebendiger als der Versuch, es literarisch einzufangen. Man sucht das Geheimnis der Wirkung dieses einen Mannes. Auch für die, die ihn haßten, ist er heute noch nicht gestorben. Tagtäglich belegen Zeitungsausschnitte, daß noch immer papierne Teutonenkeulen auf »Jacobsohns Weltbühne« dreschen, als sollte bewiesen werden, daß eines Redlichen Wort genügt, um die martialischen Pfahlbauten der guten Patrioten ins Wackeln zu bringen. Dabei war er als Schreibender immer seltener geworden; Administration und Redaktion hatten ihn verschluckt. Befragte man ihn deswegen, pflegte er das einfach zu konstatieren, und er tat das ganz selbstverständlich und ohne eine Geste, die Resignation angedeutet hätte. War es dennoch ein Verzicht? Ist es ihm schwer gefallen? Niemand kann das beantworten. Aber er war ein Schriftsteller von seltenen Gaben; er beherrschte die Sprache, verstand wie wenige, einen Satz zu modellieren, voll Biegsamkeit und Kraft und beseelendem Klang. Nur ein ungewöhnlicher Schriftsteller konnte so auf andre Schriftsteller von Rang wirken, so befeuernd, beflügelnd und steigernd. Gebildet hatte er sich in den zwei Jahrzehnten vor dem Krieg, in der Zeit der höchsten artistischen Exklusivität, des üppigsten Ästhetizismus, der vom Volk abgewandten Kunst. Und dann ging er plötzlich mitten in die Politik, die ganz andre Waffen braucht, die viel sinnfälliger, rauher, gröber arbeiten muß. Es war eine Abkehr von seinen ureignen Mitteln. Man sage, was man will: kein Schriftsteller verläßt leichten Herzens das Land, in dem er sich in jungen Jahren die Meisterschaft geholt hat. Nicht Ehrgeiz, Knopf auf dem Kirchturm zu werden, trieb ihn in die neuen Bezirke. Er hatte tief eingewurzelt einen Instinkt für das Rechte. Um politisch zu werden, brauchte er nicht die Kabbala der Ismen. Die Entbehrung war seine frühe Begleiterin gewesen. Ein Blick zurück in der wirbelnden Welt der Kriegsjahre: die dünne Schicht Ästhetizismus war abgefallen, der Revolutionär, der immer in ihm gelebt hatte, war wieder freigeworden. Als blutjunger Mensch hatte er nach rapidem Aufstieg grausamen Absturz erfahren; zwanzig Jahre, bevor er die militärische Feme aufdeckte, war er das Opfer der sozialen Feme geworden. Es muß wohl jemand dies Inferno durchlitten haben, um den Mut zu finden, zum Mundstück des Gebüttelten und Niedergedrückten zu werden in dieser freiesten Republik unter der Sonne, die den, der die Wahrheit sagt, in einen Hohlweg drängt, wo rechts der Totschläger, links der Paragraph lauert. In der kleinen Schrift über seinen »Fall«, die die persönlichsten Bekenntnisse eines Herzens enthält, das sonst nicht zu Konfidenzen neigte, stehen ein paar unvergeßliche Zeilen: »Als Kind mußte ich immer eingesungen werden. Eins meiner Lieblingslieder hieß: Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt ... Es ist gar kein Wiegenlied, sondern ein Turnerlied; aber mein inneres Tempo war immer so vehement, daß ich selbst für den Schlaf einen Marschrhythmus brauchte.« Diesem innern Tempo vertraute er sich lebelang an, es führte ihn sicher, vom Versuch zur bewußten Formung, vom einmaligen Vorstoß zum dauernden Einfluß, vom Instinkt zum Wollen. Weil er wollte, konnte er bewegen und bewirken. Weil er den Marschrhythmus in sich nicht erstickte, konnte er, der Außenseiter, Dinge in Fluß bringen, wo die abgeklärten Kapazitäten der Politik die Achseln zuckten. Etwa eine Woche vor seinem Tode antwortete er im vertrauten Kreis auf die Frage, ob er nicht bedaure, als Theaterkritiker so sehr in den Hintergrund getreten zu sein: »Und wenn ich nichts getan hätte als die Aufdeckung der Fememorde, so wäre mir das genug ...« Wer so dachte, konnte etwas bewegen. Der konnte dem schreienden Karneval der Erfolglosigkeiten fernbleiben, den man bei uns öffentliche Meinung nennt, der brauchte nicht hinein in die buntscheckige Parade der Prominenzen. Er hat immer lachend abgewehrt, prominent genannt zu werden. Er hatte es nicht nötig, weil er ein bedeutender Mann war.   Der innere Marschrhythmus hat der deutschen Demokratie gefehlt vom ersten Tag an, und wo sie ihn hämmern fühlte, hat sie ihn unbarmherzig erstickt. Deshalb können die Republikaner noch heute nichts mit der Revolution anfangen, deshalb sprechen sie lieber von Max von Baden als von den Kieler Matrosen, und ihre Helden stammen aus einer Kategorie von halben Liberalen, die, durch die Ereignisse emporgehoben, ihre Stellung benutzten, um die alten Mächte zu konservieren. So befindet sich der deutsche Liberalismus auf einer ewigen Heldensuche, und er kann nicht wählerisch sein, weil die Auswahl nicht sehr groß ist. So schreiben jetzt die Demoblätter, daß Deutschland elend in Scherben gegangen wäre ohne den General Wilhelm Gröner. Anlaß zu dieser beachtlichen Feststellung gab Herrn Gröners sechzigster Geburtstag. Die liberale Presse mit ihren guten Manieren und ihrer ausgesprochenen Einflußlosigkeit ist die geborene Gratulantin, so ceremoniöse Akte gelingen ihr ganz ausgezeichnet. Aber es fragt sich doch, ob sie nicht des Guten zu viel getan und zur Ergötzung des Volkes einen Monumentalgröner aus Zeitungspapier aufgebaut hat, der sich als Ganzes recht stattlich macht, aber bei einer Besichtigung, die weniger auf Figur gibt als auf akkurate Einzelheiten, qualitativ verliert. Herr Gröner ist übrigens an dieser Berühmtheit nicht ganz unschuldig. Im münchner Dolchstoßprozeß hat er zuerst den Novemberpakt zwischen dem Volksbeauftragten Ebert und der O.H.L. als schallenden Trumpf ausgespielt, und in einem Nachruf auf Friedrich Ebert dessen unerschrockenen Patriotismus gelobt: »Er war jederzeit und vorbehaltlos bereit, seine persönlichen und politischen Anschauungen und Wünsche zurückzustellen, wenn es galt, der Not des Vaterlandes gerecht zu werden. Auf diesem gemeinsamen Boden haben sich die damalige Oberste Heeresleitung und Friedrich Ebert zum festen Bunde die Hände gereicht, um der Revolution Herr zu werden und dem deutschen Volke Recht und Gesetz wiederzugeben.« Wäre Herr Gröner der große Politiker, so hätte er diese Konfessionen hübsch bei den Akten liegen lassen als historisches Material für eine spätere Generation, die bei der Enthüllung eines Geheimvertrages keinen Stachel mehr fühlt, weil die Mächte nicht mehr da sind, die ihn abgeschlossen haben. Herr Gröner ist kein großer Staatsmann, aber er hat Geruch für effektvolle Demagogie. Glaubt er wirklich, mit dem patriotischen Führungsattest für Ebert auch nur einen einzigen Konservativen zu überzeugen? Die Leute wollen alle Gewalt, und sie pfeifen darauf, ob Ebert ein guter oder schlechter Patriot gewesen ist. Wohl aber muß solche Eröffnung erschütternd auf die Arbeiterschaft wirken. Und es war wohl auch mehr Herrn Gröners Absicht, der Sozialdemokratie einen Dämpfer zu geben, als den toten Ebert zu entlasten. Denn was hätte es auch für einen Sinn, einen Mann in den Augen von hundert Konservativen zu rehabilitieren, der durch die gleiche Aussage für eine Million Sozialisten zum Verräter gestempelt wird? Für Herrn Gröners politischen Scharfsinn wird gern ins Feld geführt, daß er als Vertrauter Erzbergers den Herren Offizieren die Annahme des Versailler Vertrags mundgerecht gemacht habe. Aber noch im Dezember 1918 wollte der gleiche Gröner, der doch einen Monat vorher in Spaa ohne Zweifel begriffen hatte, daß der Krieg verloren war, die Volksbeauftragten zu einer Expedition nach Ostland überreden, um Posen zurückzuholen. Im Dezember 1918, im allgemeinen Debakel, wo nichts mehr kompakt war als der Bankrott! Die Volksbeauftragten wollten übrigens nichts davon wissen; nur des Genossen Otto Landsberg roter Shylockbart nickte Zustimmung. Wie die tägliche Beeinflussung Eberts durch Gröner war und empfunden wurde, darüber besitzen wir einwandfreies Zeugnis in der Aussage des Abgeordneten Dittmann im Ledebourprozeß. Herr Dittmann führte nach dem stenographischen Protokoll aus: »Nun stellte sich aber sehr bald beim Zusammenarbeiten im Rat der Volksbeauftragten heraus, daß die drei Mitglieder der mehrheitssozialistischen Partei – Ebert, Scheidemann und Landsberg – fortgesetzt geneigt und willens waren, Konzessionen zu machen an die alte Bureaukratie, an die Vertreter der kapitalistischen Parteien und an die Vertreter des alten Militärregimes ... Es war für uns sehr bezeichnend, daß besonders die Einwirkung des Generals Gröner, des Leiters des Großen Hauptquartiers, auf Ebert an jedem Morgen bemerkbar war: abends um 11 Uhr pflegte er sich mit dem Großen Hauptquartier telephonisch zu verständigen über die Dinge, die sich am Tage vorher ereignet hatten und am nächsten Tage vielleicht brennend wurden; dann war am andern Morgen stets der Einfluß Gröners bei ihm bemerkbar. Wir unabhängigen Sozialdemokraten hatten dann fortgesetzt dagegen anzukämpfen, daß wieder die alten militärischen Anschauungen bei den Regierungsmaßnahmen zur Geltung gebracht wurden. Das setzte sich unausgesetzt bei jeder einzelnen Regierungshandlung fort, so daß sich im Rat der Volksbeauftragten ein stiller Kampf abspielte ...« Das Reichsbanner hat neulich ein Dreimännerdenkmal Ebert, Erzberger; Rathenau vorgeschlagen. Die Zusammenstellung ist nicht ganz glücklich. Man sollte sich auf ein Ebert-Gröner-Denkmal beschränken, das die Beiden darstellt, so wie sie sich im Novemberpakt die Hände reichen. Das Schicksal der Republik von Gestern und Heut und für das ungewisse Morgen liegt in diesem Händedruck. Die Weltbühne, 29. November 1927 745 Russischer Friede Der Hohn, mit dem der russische Abrüstungsvorschlag in Genf überschüttet wird, trübt die Erinnerung daran, daß der Bolschewismus Rußland als erste Großmacht aus dem Weltkrieg gezogen hat. Während die Diplomaten vergebens Verbindungen zu knüpfen suchten, die Sozialdemokraten in Stockholm aller Welt ihre Ohnmacht offenbarten, brachen Lenin und Trotzki den Krieg einfach ab. Die erste Leistung des Bolschewismus war eine pazifistische, und erst in den Bürgerkriegen wurde sein Name so furchtbar. Die Bolschewiken, die jetzt vor zehn Jahren in Brest-Litowsk als Unterhändler erschienen, waren noch gläubig wie Kurt Eisner, als er an Clemenceau appellierte. Es ist allzu billig zu sagen, Moskau habe nur bluffen wollen, Litwinow habe das radikale Entwaffnungsprogramm nur entwickeln können, weil er vor einer ernsten Zustimmung, geschweige denn Annahme sicher war. Gut. Aber Pazifismus, verehrte Locarnisten, bedeutet doch Abrüstung. Die von Rußland proponierte gründliche Entwaffnung – Entwaffnung bis zur Schleifung von Festungswerken – das nennt man gemeinhin doch Pazifismus, also das, was ihr zu treiben vorgebt. Forderte nicht der brillante pariser Rhetor unter allgemeinem Jubel auf, die Geschützrohre zu zerschlagen? Doch die genfer Tafelrunde hörte Litwinow halb belustigt, halb erbittert zu. Der englische Herr, Lord Robert Cecils Nachfolger, drohte sogar Zustände zu bekommen, und dieser hochkarätige Friedensengel selbst erklärte sofort in der Zeitung, die Russen hätten sich nur einen schlechten Witz erlaubt.   Der Marschall Pilsudski gehört zur Kategorie der Retter. Das erklärt seine phänomenale Beliebtheit, seine nicht zu werfende innenpolitische Position. Ein hochgewachsener Mann von bester Haltung; festes, knochiges Gesicht; buschig Schnurrbart und Brauen; der Blick verrät Willenskraft und Güte, aber auch sehr viel Trotz. Der richtige Abgott für eine Rasse, die leicht dem Zauber pittoresker Männlichkeit verfällt und selbst an ihren Retter dekorative Anforderungen stellt. Als grüner Gymnasiast hat er Eisenbahnen in die Luft gesprengt, dann ein paar Jahrzehnte als conspirierender Emigrant in den Hauptstädten Europas verbracht, sehnsüchtig der Stunde harrend, wo krachende Ekrasitpatronen wieder etwas Leben ins ewige Einerlei brächten, bis er 1914 seine historische Rolle als Freikorpsführer begann. Ein Kampfhahn, ein Haudegen, immer ein grader, aufrechter Kerl, aber wo er die Politik berührt, explodiert er in romantischem Ausbruch. Auch dies Mal ist die Explosion trefflich gelungen. Und eigentlich ist das gut, denn erst Pilsudskis Drohungen an Litauen, seine Drohungen, sich im Falle ungünstiger Entscheidung dem Völkerbund nicht zu fügen, haben die Gefahren des polnisch-litauischen Konfliktes recht deutlich gemacht. Daß er sich dabei zu der Behauptung verstieg, Herr Woldemaras, sein Gegner, wäre geisteskrank, ist mehr als eine temperamentvolle Verirrung, ist auch bei diesem ungestümen Mann eine schwer verzeihliche Disziplinlosigkeit. Lassen wir Herrn Woldemaras aus dem Spiel, auch Pilsudski zeigt sich wenig vernünftig. Schließlich präsidiert er nicht mehr einer bunten Gruppe von Emigranten, sondern einem Staat, der eigentlich größere Sorgen haben sollte, als solche der territorialen Arrondierung. Vielleicht hält es Pilsudski, eingedenk seiner revolutionären Vergangenheit, auch für seine Pflicht, Litauen von seinem Tyrannen zu befreien und zu seiner demokratischen Konstitution zurückzuführen. Ein Mussolini schilt den andern Diktator. Daß wegen des polnisch-litauischen Konfliktes alarmiert wurde, war richtig. Weniger, daß der Alarm grade von Berlin ausging und grade während der Anwesenheit Litwinows und grade so, als handle es sich hier gleichsam um ein gemeinsames Communiqué. Als dadurch verleitet Herr Woldemaras Berlin zustrebte, um den Kollegen Stresemann gleichfalls zu umarmen, sprang dieser schleunigst in den Zug nach Nürnberg.   Herr Seldte, der Stahlhelmchef, hat die Deutsche Volkspartei verlassen, und die Linkspresse widmet dem hoffnungsfrohe Betrachtungen. Dabei werden leider die frühern Beziehungen Seldtes zu Stresemann außer Acht gelassen. Denn Herr Seldte ist es gewesen, der Stresemann im Herbst 1923 zwei Mal die Diktatur angeboten hat, und mit Seldte hat Stresemann 1925 jenes denkwürdige Abkommen getroffen, das ihm gestattete, nach Locarno zu gehen, ohne von den nationalen Verbänden zerschmettert zu werden. Seldte verlangte als Gegenleistung allerdings ein innigeres Zusammenarbeiten zwischen Stahlhelm und Wehrmacht. So ist der in jeder Beziehung mitteldeutsche Likörfabrikant zum Paten des Friedenspaktes geworden; zugleich aber beschließt das Abkommen die schwarze Epoche der Reichswehr. Der offene Kampf um die Aufrüstung beginnt. Dabei wird eine scharfe Grenze gegen den Pazifismus gezogen, der die Stimmung für Locarno doch vorbereitet hat; eine neue Ära von Landesverratsprozessen setzt ein. Das Gesicht der deutschen Politik verschwimmt: in Genf Abrüstung, zu Haus Geßler. Herrn Seldtes Abmarsch, frohlocken Linksblätter, befreie Stresemann von unerwünschten Bindungen. Aber Seldtes Abmarsch befreit die Deutsche Volkspartei auch von vielen Wählerstimmen. Stresemann wird sich hüten, den Völkerbundgeist grade jetzt in vollen Schalen auszugießen. In der innern Politik dreht es sich nicht um den Geist von Genf, sondern um die Seele von Zwickau.   In die verfahrenen, verheuchelten Abrüstungsdebatten hat die russische Radikalforderung einen neuen Klang gebracht. Gewiß, es war nur ein diplomatischer Akt, gewiß waren die Russen von vornherein ohne Zweifel über den Effekt. Ihr Ziel war einfach, sich friedensgewillt zu zeigen, und wenn sie auch hier, wie vor zehn Jahren sich »An Alle« wandten, so war es doch im besondern eine ernste Ansprache an England. Die lustige Laune der Herren Diplomaten über den »schlechten Witz« kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die englische Regierung bei ihrer elenden Lage dringend einen Erfolg braucht und den Konflikt mit Rußland gern liquidieren möchte, denn die City spürt heute nichts mehr von dem frohen Enthusiasmus des Tages, an dem Sir Austen Chamberlain Scotland Yard die Außenpolitik übertrug. Die Weltbühne, 6. Dezember 1927 746 Großwardein Über Clausenburg, über Großwardein und andern Städten Neurumäniens wehte wieder einmal die gelbe Pogromfahne. Zuerst schwindelten die amtlichen Bulletins etwas von einer Kundgebung für den König und die Regentschaft. Das war zu komisch, um auch nur für Minuten Glauben zu finden. Dann gestanden sie einzelne »Ausschreitungen« zu, und jetzt sind sogar ein paar Verhaftungen vorgenommen worden. Die oppositionellen Blätter aber beginnen auszupacken, daß die von den vaterländischen Studenten heimgesuchten Städte einem Schlachtfeld glichen und der angerichtete Sachschaden sich auf eine Million Lei belaufe. So haben die jungen walachisch-völkischen Scholaren gewütet, deren Bestimmung ist, für das nächste Menschenalter rumänischer Geschichte die Richter und Advokaten, die Administratoren und Politiker, die Professoren und wissenschaftlichen Forscher, die Spezialärzte und Schöngeister zu stellen. Wieviel Menschen abgeschlachtet, wieviele verstümmelt und geschändet wurden, wird wohl niemals bekannt werden. Im bukarester Parlament und in einigen wagemutigen Zeitungen ist mit großer Offenheit herausgesagt worden, daß die Metzelei in Großwardein von Mitgliedern der gegenwärtigen Regierung angestiftet worden sei, um der bösen innenpolitischen Hochspannung eine dem Kabinett ungefährliche Auslösung zu verschaffen. Denn Rumänien ist kostbarer alter Pogromboden, und der Regierung des zweiten Bratianu, eingeklemmt zwischen den Anhängern des verjagten Kronprinzen und der mächtig aufstrebenden Bauernpartei, geht es in der Tat herzlich schlecht. Wir möchten zur Ehre der Menschheit annehmen, daß diese Behauptung nicht stimmt, sondern daß die Minister Bratianus des Zweiten selbst nur die Opfer der während der langen Tyrannis Bratianus des Ersten geschaffenen amtlichen Apparatur sind, die in Bestialität und Betrug jeder Art allerdings ein System ausgebildet hat, das jede europäische Konkurrenz schlägt. Mit Korruption und Schrecken hat der ältere Bratianu regiert; sein Werkzeug war die Siguranza, die gefürchtete politische Polizei. Es gab schließlich keine sozialistische oder kommunistische Partei mehr, es gab keine Opposition mehr, kein öffentliches Leben – es gab nur die Siguranza und das Standgericht. In diesem Land hat seit 1918 der Ausnahmezustand niemals wirklich aufgehört, und er lastet vor allem auf den nationalen Minoritäten. Aus den Nationalitätenkämpfen hat sich der Fall des Doktors Boris Stepanow entwickelt, der schon wiederholt die westeuropäische Presse beschäftigt hat. Boris Stepanow ist Bulgare, er stammt aus jenem Stück Land an der Donau, das am Ende des Balkankrieges Bulgarien entrissen wurde. Dieser Zwangsrumäne ist in Wort und Schrift für die Autonomie der eroberten Gebiete im Rahmen des großrumänischen Staates eingetreten. Er zählt zur kommunistischen Partei, was nicht allzu viel besagt, da er aus einem Ackerbaudistrikt stammt und ein Vertreter jenes primitiven Agrarsozialismus ist, der in allen Balkanländern zu Haus ist und wohl auch als ihr eigenster politischer Willensausdruck gelten kann. Er wurde des Hochverrats, der verbrecherischen Verbindung mit Moskau bezichtigt und verhaftet; man wollte, da er Abgeordneter ist, sein Mandat kassieren, und da das nicht gelang, löste man endlich seine Partei auf. Jetzt erträgt er seit anderthalb Jahren rumänische Inquisition, oft schrecklichen Folterungen ausgesetzt. In einem an die Außenwelt gelangten Bericht hat er die Methoden der Siguranza geschildert. Man hat ihm die Handgelenke mit Eisenklammern zusammengeschraubt und dann mit Gummiknüppeln auf ihn eingeschlagen, bis er in Ohnmacht fiel. Der Gefängnisarzt, anstatt die mißhandelten Hände zu verbinden, ließ sie mit dicken Stricken fesseln, die tief ins Fleisch schnitten. So vorbereitet, wartet der Angeklagte Stepanow auf seine Richter. Siebenmal war die Verhandlung vor dem Kriegsgericht schon angesetzt und immer verschoben worden. In den nächsten Tagen soll sie endgültig beginnen. Wird man die Verurteilung wagen? Die Affäre Stepanow hat in Westeuropa Sensation gemacht; namentlich die pariser Linksblätter haben ihr ergreifende Schilderungen und erregte Proteste gewidmet. So ist es immer: es müssen viele, viele grausam sterben, ehe ein verruchtes System erkannt wird. Wer fragt nach den 15 000 hingeschlachteten Bessarabiern? Aller Widerstand klammert sich schließlich an einen Namen. Boris Stepanow ist kein Hochverräter, seine Arbeit war immer legal. Er ist kein Aufrührer, seine Propaganda galt den nationalen Minoritäten, für deren politische und kulturelle Gleichstellung hat er gekämpft. Seine Verurteilung nach fast zwei Jahren namenloser Torturen würde eine spontane Empörung des Rechtsgefühls hervorrufen und Rumänien mit einer Zone von Abscheu und kalter Verachtung umgeben. Der alte Bratianu in der Fülle seiner Macht konnte dergleichen wagen. Daß selbst er es endlich nicht mehr wagen konnte, beweist seine erste und letzte große Niederlage acht Tage vor seinem plötzlichen Tode: der Freispruch von Manoilescu, Carols Vertrautem. Selbst ein Bratianu konnte seine Kreaturen im Kriegsgericht nicht mehr lenken. Die rumänische Diktatur krachte in allen Fugen. Ihre einzige Leistung war die Verschleierung der wirklichen Zustände. Seit dem jüngsten Pogrom ist auch der letzte Zweifel gelöst, wie es um Rumänien steht, wie es seit Jahren dort ausgesehen hat. Die Mauer von Lüge und diplomatischer Höflichkeit, die Rumänien dem kritischen Blick verborgen hat, ist nicht mehr. Die Trümmer von Großwardein machen die Aussicht frei über ein gräßliches Leichenfeld. Alles was von jetzt an dort geschieht, steht unter schärfster Observation. Der Prozeß Boris Stepanow wird die erste Probe sein, ob Bratianus Erben, erschreckt durch das Echo der Pogrome, den Rückweg zur Gesetzlichkeit suchen werden, oder ob sie den alten Blutpfad weitergehen wollen, bis plötzlich ein riesiger schwarzer Schlund sich auftun wird ... Die Weltbühne, 13. Dezember 1927 747 Die Republik der kleinen Leute Doch behielt die Republik noch Parteigänger und Schützer. Wenn sie an die Treue ihrer Beamten nicht glauben durfte, konnte sie auf die Ergebenheit der Handarbeiter zählen, deren Elend sie nicht gelindert hatte, und die, um sie in den Tagen der Gefahr zu verteidigen, in Massen aus Steinbrüchen und Arbeitshäusern kamen und in langer Reihe, abgezehrt, schwarz, finster, vorüberzogen. Sie alle wären für die Republik gestorben; sie hatte sie hoffen lassen. Anatole France, »Die Insel der Pinguine« Ich las neulich im Antwortenteil einer jungen rechtsradikalen Zeitschrift: »Nein, wir sind nicht von Hugenberg gekauft; Ihre Anfrage hat uns eine heitere Viertelstunde bereitet.« Ich glaube nicht an diese heitere Viertelstunde. Die jungen Leute wollen imponieren, und führen deshalb den Namen des Herrn Hugenberg unnütz im Munde. Denn floriert das Unternehmen, so werden die braven Jungen nicht mehr lange unbeaufsichtigt ihren Gesinnungsbrei kochen, und Hugenberg kauft sie eben mit Mann und Roß auf, und sie werden eingehen in das große Reich von Film und Zeitung, über das der Gewaltige gebietet, wo Jud und Christ einträchtiglich nebeneinander arbeitet, jeder nach seiner Façon selig, unter der Bedingung, daß alle nach einer Façon schreiben. Hugenbergs Macht ist größer als die der pariser und londoner Zeitungskönige. Denn Die haben nur ein Sensations-, ein Unterhaltungsbedürfnis zu versorgen, der deutsche Patriot aber stellt an sein Blatt metaphysische Ansprüche, ohne deshalb auf Klamauk und Kitzel verzichten zu wollen. Wenn man liest, wie Herr Hussong über der Zeiten Schande jammert und den Geist der deutschen Klassik gegen moderne Verflachung zu Hilfe ruft, glaubt man nicht, daß der Lokalanzeiger einen Filmteil haben kann oder einen Bericht über ein Sechstagerennen oder, ein paar Seiten weiter, eine sympathische Betrachtung über die ungebundene Sinnenfreude des berliner Nachtlebens. Aber es ist trotzdem so. Seit Hugenberg beginnt, seine Hausflagge auch auf den Kinos aufzupflanzen, ist man links nervös geworden. Wenn nicht alles trügt, wird der Kampf gegen Hugenberg die hauptsächliche Parole des nächsten Wahlkampfes werden. Denn da die Linke selbst nicht recht weiß, was sie will, kann sie nur gegen etwas und nicht für etwas kämpfen. Es ist möglich, daß die Deutschnationalen dabei etliche Mandate verlieren werden, aber größer als ihr Verlust wird Hugenbergs Gewinn an Abonnenten sein. Und damit hätte sich ja gar nichts verändert. Der Einfluß der Zentrale aller deutschen Reaktion bleibt. Und dieser Einfluß reicht bis in die letzte Kätnerhütte, denn eine glänzend funktionierende Organisation beliefert die kleinste Winkelpresse mit Stoff. Von der großen Giftküche in der Zimmerstraße erhält die Pogromstimmung gegen alles Republikanische im Land ihr Kraftfutter. Die republikanischen Parteien blasen Victoria, wenn sie in Berlin Hunderttausende auf die Beine bringen oder wenn ein Industriedespot eine knappe Verbeugung vor dem Geist von Locarno macht, aber ein paar Wegstunden von der Hauptstadt beginnt unerforschtes Land, dessen Art niemand kennt. Wir sind heute besser unterrichtet über den Geist der Auslandsdeutschen in Sao Paolo oder Mexiko City als über die Ansichten der Inlandsdeutschen rund um die Warthe. Weil Hitler jetzt den beredten Mund hält, Roßbach Tanzstunden gibt, Ehrhardt mit dem ewigen »Rin in den Staat! – Raus aus dem Staat!« das nationale Lager in einige Konfusion bringt, hält man es schon für aufgehoben. Gewiß ist mancher der früher üppig wuchernden Bünde verfallen oder gar nicht mehr da, jedoch die Saat ist herrlich aufgegangen. Der Prozeß um die Ahrensdorfer Bluttaten hebt nur ein Zipfelchen von der deutschen Vendée, aber selbst das Wenige, was da zur Erscheinung kommt, reicht hin, um das Bild einer Wirklichkeit zu geben, deren Kanten nicht durch den selbstverständlichen Liberalismus großstädtischen Lebens abgeschliffen werden. Das eine durch den Ort fahrende Reichsbannerauto genügte, um ein Rudel Dorfleute in Hörnertollheit zu versetzen. Sie fallen wie böse Tiere über einen Radfahrer her, bald wälzt sich alles in allgemeiner Prügelei. Ein ältlicher Mann schreit seinem Sohn zu: »Aujust, schieß mitten mang!« Der Junge, ein geistig zurückgebliebener Bursche, hat schnell ein Jagdgewehr aus dem Schrank geholt. Und Aujust sieht rot und schießt mitten mang, und ein paar Menschen liegen blutend auf der Landstraße. Delirium, nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde von dem Hirnblitz erhellt, es könnte strafrechtliche Folgen haben, die Ladung Rehposten in einen Menschenhaufen wie zwischen Holzpflöcke zu senden. Vater Schmelzer fürchtet keine Obrigkeit. Denn soweit sein Horizont reicht, ist der Staat der benachbarte Herr Udo v. Alvensleben, der über Stahlhelm und Wehrwolf als Janitscharentruppe verfügt. Dieser Herr hat nun geruht, höchstdieselbst an Gerichtsstelle zu erscheinen, und wir sahen einen hagern, spitznasigen Junker, der an eine gut gelungene Maske von Ralph Arthur Roberts erinnert. Herr v. Alvensleben trat mit der ruhigen Festigkeit eines Mannes auf, dem die Grenzen weltlicher Gewalt bewußt sind; er beschränkte sich selbst in seinen Provokationen auf das zur Wahrung seiner Gottähnlichkeit unbedingt erforderliche Maß. Denn er weiß, was vielen Klügern nicht bekannt ist, daß dieser Staatsanwalt aus Berlin mit besondern Instruktionen der preußischen Regierung, daß diese rötlich schimmernde Woge von hauptstädtischen Journalisten morgen wieder fort ist. Ja, morgen ist das Gastspiel der Republik wieder beendet, morgen sitzt dieser nur im eignen Salon angeschwärmte Star wieder im Schnellzug – aber er, Udo v. Alvensleben, bleibt. Neben dem ausgezeichneten Strafverteidiger Bloch, der immer geholt wird, wenn Holland in Not ist, und der als zuverlässig gilt, weil er am väterlichen Gebetsriemen so martialisch den Ehrenrevolver der schwarzen Feme trägt – neben diesem erprobten juristischen Nothelfer sitzt ein junger Mann, der ein Stenogramm der Verhandlung anfertigt. Das wird dann Herrn v. Alvensleben überreicht werden, der daraus ersehen wird, wer von seinen Untertanen in der Stunde der Gefahr das Vaterland im Stich gelassen hat. Was ahnen die Dorfleute von solchen Teufelskünsten? Der Schmied, die Pferdeknechte und Stallschweizer bilden sich ein, man müßte vor Gericht die Wahrheit sagen. Und sie stammeln in rührender Unbeholfenheit von dem Ungeheuern Druck, unter dem sie leben, von der Leibeigenschaft, in der sie gehalten werden und was passiert, wenn Einer Herrn v. Alvensleben und seinen dienstbaren Wehrwölfen nicht pariert. Arme Leute, tapfere Leute. Ihr Geschick hat sie zur Stummheit verurteilt. Weil die Rede nicht fließen will, vermögen sie nicht zu sagen, wie ihnen ums Herz ist. Aber wem Gott diese schöne Gabe gegeben hat, wie dem Herrn Reichskanzler Marx, der kann es. Der hat sich soeben dahin ausgelassen, daß er weder Monarchist noch Republikaner sei, sondern einfach verfassungstreu. Er ist also verfassungstreu aus Prinzip, er ist jeder zufällig bestehenden Verfassung treu. Überflüssig zu erinnern, daß bei einer Wahlschlacht für Herrn Marx ein junger Republikaner auf dem berliner Pflaster sein Blut verspritzte. Passé, passé. Der vorjährige Marx war schon eine harte Prüfung. Damals trat er mit Herrn Külz auf, und wir dachten, es ginge nicht weiter. Jahrgang 1927 brachte einen von Herrn v. Keudell akkompagnierten Marx, und wir fragen neugierig, was erst das nächste Jahr bescheren wird. Wenn der stattliche Alcalde von Zittau bei aller malmenden Talentlosigkeit doch über eine natürliche sächsische Suada verfügte, so wirkt Herr v. Keudell in seiner tristen, verknurrten Schweigsamkeit, die nur gelegentlich von ein paar nationalen Gutturallauten unterbrochen wird, seit seinem Eid auf die republikanische Verfassung vollends wie ein kupierter Fenriswolf. Aber vielleicht würde Herr v. Keudell als preußischer Innenminister viel gesprächiger werden, auch weniger kopfhängerisch scheinen. Da Herr Marx jetzt bekannt hat, weder Monarchist noch Republikaner zu sein, hat er damit förmlich die jahrealte Stegerwaldsche These von der »Sonntagsangelegenheit« aufgenommen, über die wir alle einmal furchtbar gelacht haben. Man sollte es sich in der deutschen Politik abgewöhnen zu lachen, wenn Einer eine Dummheit dumm formuliert. Denn die abgestandensten Sottisen von gestern sind immer die Konkordienformeln von morgen. Die Bayern strömen wieder zum Zentrum. Das ist wichtiger als das bißchen Republik, das einem Marx einmal den höchsten Platz angeboten hat. Im preußischen Landtag hat der rheinische Katholik Doktor Heß plötzlich einen überraschenden Vorstoß gegen den Ministerpräsidenten gemacht, weil er für den Einheitsstaat redet, und gegen den demokratischen Finanzminister, weil er für die Katholiken zu wenig Herz hat. Merkwürdige Geschichte. Hat der Herr Heß sein persönliches Steckenpferd geritten oder hat ihm die Fraktion ein Streitroß gesattelt? Will das Zentrum auch in Preußen die alte Koalition sprengen und beginnt es jetzt, die nötigen Vorwände für den spätern Krach zu sammeln? Die republikanischen Parteien, wie gesagt, machen etwas Campagne gegen Hugenberg und spitzen sich im übrigen auf die Große Koalition. Das soll also das Ziel eines mit so lautem Tamtam eingeleiteten Wahlkampfes sein? Neue Allianz mit dem Zentrum, dessen Marx sich soeben in den Lebensfragen der Republik neutral erklärt hat, und der sich vielleicht grade den Kopf zerbricht, wie die Deutschnationalen am schnellsten auch in Preußen einzulassen sind! Die Zeugen von Ahrensdorf, der Schmied, die Pferdeknechte, die Landarbeiter, kleine Leute nur, und den profunden taktischen Erkenntnissen ihrer Parlamentsvertreter weder verwandt noch verschwägert; aber sie stehen für ihre Republik grade, und sie werden wohl noch viel dafür dulden müssen. Doch die Republik ist wieder abgereist, wie sie sich immer schnell auf die Strümpfe macht, wenn es um die kleinen Leute geht, die sich für sie schlagen. Arme Leute, ihr habt eine bessere Republik verdient! Die Weltbühne, 20. Dezember 1927 748 Der Femeprozeß Mein Freund und Kollege Berthold Jacob und ich sind von dem erweiterten Schöffengericht Charlottenburg zu einer Gefängnisstrafe von 2 Monaten respektive 1 Monat verurteilt worden. Das Delikt wird erblickt in einem Artikel Jacobs »Plaidoyer für Schulz«, hier erschienen am 22. März dieses Jahres und von mir verantwortet. Strafantrag hatte gestellt der Herr Reichswehrminister für die Herren Oberst von Schleicher, Oberst von Bock und Hauptmann Keiner. Der Staatsanwalt, ein höflicher und zurückhaltender Herr, hatte nur die Verhängung finanzieller Sanktionen beantragt, jedoch die Charlottenburger Emmingerkammer, aus einem Landgerichtsdirektor, einem gelehrten Richter und zwei ungelehrten Volksrichtern bestehend, entschied sich für Prison. Also Prison. Wir sind nicht pathetisch genug veranlagt, das zum Anlaß zu nehmen, die Hände zum Himmel zu recken, wo unveräußerlich die ewigen Rechte wohnen; wir haben Freunde und Sekundanten, wir sind nicht wehrlos, und, vor allem, wir sind illusionslos. Dennoch mußten wir einen kleinen Ärger überwinden, als wir das Urteil vernahmen, das uns für ein paar Wochen aus dem geselligen Treiben der Reichshauptstadt verbannt, wenn die Berufungsinstanz es bestätigen sollte. In der Urteilsbegründung wird nämlich als straferschwerend betrachtet, daß wir beide erst in diesem Jahre wegen Beleidigung durch die Presse zu Geldstrafen verdonnert worden wären. Was Jacob ausgefressen hat, weiß ich nicht, aber mein eigner Fall steigt noch leuchtend in der Erinnerung auf. Von meiner frühern Tätigkeit her, als verantwortlicher Redakteur des ›Montag Morgen‹, schwebte gegen mich (und Erich Weinert) noch ein vom Reichsmarineamt beantragtes Verfahren; wir waren zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt worden, und vor der Berufungskammer kam es zu einem erregten Auftritt zwischen dem Vorsitzenden und dem Verteidiger. Daraufhin zog Paul Levi die Berufung demonstrativ zurück, und so bin ich vorbestraft. Man soll, wenn man mit der Justiz zu tun hat, ein für allemal großartige Gesten vermeiden. Dennoch war auch dieser Gang nach Moabit lohnend, weil er uns die Bekanntschaft mit der Richterpersönlichkeit des Herrn Doktor Crohne vermittelte. Es ist hier und anderswo im Lauf der Jahre manches Bittere über die Richter geschrieben worden, manches was von Galle durchtränkt war und bei einem spätern Nachlesen oft karikaturistisch verbogen schien. Es bleibt das Verdienst des Herrn Doktor Crohne, unsre gelegentlichen innern Zweifel an dem Richterbild der deutschen Linkspresse behoben zu haben. Sein Auftreten wirkt wie eine ungewollte und deshalb umso stichhaltigere Bestätigung für alles, was von Bewersdorff bis Niedner über die Richter geschrieben worden ist. Dieser Richter, dessen Tatendrang nicht Objektivität, geschweige denn Konzilianz hemmt, verfügt über eine unermüdliche Eloquenz; er redet, redet, redet. Bald autoritativ und herunterputzend, bald mit der striemenden Ironie eines durch sein Amt vor ähnlichen Waffen Gesicherten; sofort nach Eröffnung pfeift er uns, die Angeklagten, an, wie es ein Richter von Herz und Takt nicht bei ein paar verstockt leugnenden Langfingern tun würde; er macht durch sein Dazwischenreden unsre Vernehmung unmöglich, er handhabt die richterliche Superiorität wie einen Gummiknüppel, der ständig dem, der außer ihm noch zu reden wagt, übern Mund fährt. Wir sind unsern Verteidigern Alfred Apfel und Georg Löwenthal, die eigentlich immer mit der Hand an der Mappe, zum Exodus bereit, dastehen, zu höchstem Dank verpflichtet, daß sie ungeachtet dieser hyperboreischen Verhandlungsformen bis zum überraschungslosen Ende ausharren. Dieser Vorsitzende herrscht den Zeugen Schulz an, der erregt am Zeugentisch steht und als zum Tode Verurteilter einiges Recht zur Erregung hat, und ein Mal nervös mit zwei Fingern untern Cut fährt: »Nehmen Sie die Hand aus der Tasche!« Ein Mann auf der Zuhörerbank, ein Mann mit der gelben, schwarzpunktierten Binde um den Arm, ein Kriegsblinder, der sich zu einem Zwischenruf bekennt, wird mit einem kurzen »Raus damit!« aus dem Saal verwiesen. Die Aphoristik dieser zwei abgehackten Worte aus einem sonst so zur Ausdrucksfülle neigenden Munde, der für die Herren vom R.W.M. sogar die umständliche Anrede in der dritten Person findet, ist unüberbietbar. Apotheose zweier langer Verhandlungstage bleibt die Begründung des Urteils. Sie soll hier nicht in ihren Einzelstücken gewogen werden. Denn sie ist improvisiert, auf Grund von Skizzen zum Teil frei vorgetragen, und es bleibt abzuwarten, ob die Schlußfassung gewisse Ausdrücke und Partien enthalten wird, die schon bei der Verlesung ungläubiges Staunen und nachher in der Presse scharfe kritische Glossierung gefunden haben. Es bleibt abzuwarten, ob die Schlußfassung für die Würdigung der wichtigsten Zeugenaussagen die legere Wendung »Olle Kamellen« beibehalten wird, ob die auffallenden persönlichen Ausfälle gegen die Verteidiger nicht doch noch umgemodelt werden. Aber außer Frage steht, daß ein paar Ungeheuerlichkeiten bleiben werden, die weder entfernt noch umgeformt werden können, weil sie die Tragbalken des ingeniösen Spruches darstellen. Sogar unsre Beweisanträge werden als straferschwerend angesehen; ein juristisches Novum. Ein politischer Epilog führt in die hohe Politik. Der Richter hat den politischen Charakter des Prozesses bestritten, doch er selbst breitet in seinem Schlußwort eine Übersichtskarte seiner politischen Meinungen aus. Da wird zur Rechtfertigung der Gründer schwarzer Kaders unter anderm gesagt, daß diese unsre Ostgrenze gegen einen polnischen Einfall zu schützen hatten, da es, wie Oberschlesien, Posen und Wilna gezeigt hätten, die polnische Methode sei, durch vorgeschickte Horden ein fait accompli zu schaffen. Das mag als Meinung eines Politikers oder einer politischen Korporation gelten, aber es ist nicht Sache eines Gerichtes, einen Staat, mit dem grade wichtige Handelsvertragsverhandlungen gepflogen werden, also zu regalieren. Die Begründung wirft uns »gemeine Angriffe« gegen die drei Offiziere vor, sie hält eine Geldstrafe für ungenügend, da diese keine Gewähr bieten, uns von weitern Angriffen auf die Ehre andrer abzuhalten. Hier hört das Humoristikum auf und das Interesse der ganzen deutschen Pressegilde beginnt. Denn damit werden zwei Publizisten, die sich seit Jahren in einem politischen Kampf befinden, rund und nett als Ehrabschneider gebrandmarkt und gleich für die Zukunft verwarnt. Herr Crohne mag den inkriminierten Artikel beurteilen, wie er will, dagegen gibt es Rechtsmittel und im äußersten Fall sitzt man die Strafe ab in dem Bewußtsein, daß eine in solcher Form auferlegte und mit solcher Argumentation servierte Pönitenz nicht die Haut ritzt. Jeder Publizist, der mit ganzem Herzen für eine Sache eintritt, wird mit Empörung eine Drohung auf die Zukunft ablehnen. Man mag uns verurteilen heute, morgen, übermorgen, wir werden es hinnehmen, aber unser Stolz wird sein, nicht »gebessert«, sondern nur energischer, schärfer, dichter und zäher zu werden. Dafür sind wir Publizisten und stehen wir im Dienst der Öffentlichkeit. Unser Beruf hat in diesem Land der schneckentempofahrenden Instanzenzüge und der wabbeligen Parlamente ein unsichtbares Volkstribunat inne, wir verwalten ein unsichtbares Anklägertum, Richtertum und Verteidigertum. Es ist ein Unterschied zwischen Beleidigung und Beleidigung. Es ist ein Unterschied zwischen einem feilen Sudler, der mit Behagen in der Geschlechtssphäre wühlt und grinsend den Phallus des Gegners dem verehrten Publikum präsentiert, und Schriftstellern, die für Ideen kämpfen, selbst wenn sie fanatisiert etwa die Gebote der Höflichkeit verletzen. Das Gericht hat sich keinen Augenblick bei der Tatsache aufgehalten, daß der beanstandete Artikel ein Plaidoyer für jenen Oberleutnant Schulz darstellte, den die ›Weltbühne‹ zuerst aufgestöbert hat, zu dessen Überführung der Verfasser des beanstandeten Artikels nicht wenig Material beigetragen hat. Ist das ein »gemeiner Angriff«, für den Mann einzutreten, den man selbst hat stellen helfen? Ist das ein gemeiner Angriff, laut zu erklären, auch Dieser war nur ein Opfer, ein Getriebener, nicht Letztverantwortlicher, sondern nur Teilchen jenes mörderischen Mechanismus? So soll Verleumdung und Ehrabschneiderei aussehen? Inkriminiert war in dem Artikel folgendes: »Schulz hat Anspruch auf den ordentlichen Richter. Aber Der soll nicht außer Acht lassen, daß der Oberleutnant nur erteilte Befehle ausgeführt hat und daß man neben ihn auf die Anklagebank mindestens den Hauptmann Keiner und den Oberst Bock, wahrscheinlich aber auch den Oberst von Schleicher und den General von Seeckt setzen müßte.« Unbeanstandet gelassen war dagegen der Passus von dem »unwahrscheinlichen Eid« des Herrn Oberstleutnants Held, jenes Offiziers, der Major Buchrucker in Küstrin von seiner bevorstehenden Verhaftung telephonisch unterrichtet haben soll. Die Verhandlungsführung legte uns die wörtliche Interpretation des beanstandeten Satzes und damit auch einen unmöglichen Beweis auf. Nach dieser Auffassung müßte sich ein Fememord also abgespielt haben: Herr Geßler, nachdem er einen Bericht aus Küstrin geschluckt hat, mit herodischer Gebärde zu seinem Adjutanten: Man töte diesen Wilms! Der mit dem Befehl weiter zu Herrn von Schleicher und dann über alle Zuständigen weiter bis zu den Klapproths. So primitive Vorstellungen hat kein verständiger Mensch von dem Hergang gehabt, und so etwas war weder hier noch anderswo behauptet worden. So etwas aber sollten wir beweisen, und unsre klar zutage tretende Unfähigkeit, das zu beweisen, verschaffte Herrn Crohne seine dialektischen Triumphe. Was dieser Prozeß trotzdem zur Evidenz gezeigt hat, das war die namenlose Gemütlichkeit, mit der das R.W.M. den schwarzen Komplex behandelt hat. Alle Herren verschanzten sich hinter ihrer Unzuständigkeit. Niemanden ging die schwarze Geschichte etwas an. Dabei war diese sekrete Wehrmacht rund um Berlin stationiert. Wilde Formationen, die in Oberschlesien im Morden und Stehlen geübt waren, lagen rund um Berlin, geführt von republikfeindlichen Offizieren mit privaten Putschabsichten. Das Urteil meint überschlau, was wir wohl für Gesichter gemacht hätten, wenn die Polen wirklich gekommen wären und Herr Geßler nur das schwache legale Heer zur Verfügung gehabt hätte. O die Polen! Aber was geschehen wäre, wenn diese Landsknechtsbanden schließlich aus den Forts und Zitadellen geschwärmt wären auf Berlin zu, darüber schweigt das Urteil. Nicht die Fememorde, die der Zeuge Buchrucker mit mysteriösem Lächeln als »sachlichen Fehler« bezeichnet, sind die Grundsuppe des Übels, sie sind in aller ihrer Scheußlichkeit trotzdem nur Symptom. Der politische Aberwitz, dem diese Bluttaten entsprangen, war das Bestehen einer illegalen und durch und durch unzuverlässigen Truppe, für die niemand zuständig war, die im Dunkeln vegetierte, von der niemand amtlich Kenntnis haben durfte, die dank mangelnder Kontrolle den »sachlichen Fehler« beging, Leute, die sie für Verräter und Spitzel hielt, durch Selbstjustiz auszusortieren. Die bizarre Symbolik des Zufalls will, daß jener Offizier, dessen dienstliche Berührung mit den »Arbeitskommandos«, diesen Niemandsländern, diesen Bankerten der mit unbedingter Vertragstreue gesalbten Seecktschen Militärpolitik, am wenigsten geleugnet werden kann, den Namen Keiner führt. Die Femekampagne war für uns niemals eine Hetzjagd hinter irgendwelchen armen Teufeln, die heute vielleicht in einem friedlichen bürgerlichen Beruf stecken und an ihre küstriner Zeit wie an einen wirren Traum zurückdenken. Unser Ziel war nicht die juristische Sühne für jedes einzelne heute schwer erkundbare Verbrechen, sondern die Feststellung der letzten politischen Verantwortlichkeit dafür. Der Reichswehrminister hat mit dieser schwarzen Schöpfung eine grauenvolle Gefahr über das Land gebracht. Dafür müßte er Rechenschaft ablegen, selbst wenn er nicht Geßler hieße. Die Siegertkammer, vor der der Wilmsprozeß geführt wurde und die Schulz zum Tode verurteilt hat, ist gefährlich nah an die Frage jener tiefern Verantwortung herangekommen: »Wenn man die Geheimhaltung erzwingen wollte, so mußte mit der brutalsten Gewalt gekämpft werden ... Die Feme, das war die Einrichtung, die sich notwendig ergeben mußte, wenn die Geheimhaltung über alles ging.« Kein Wunder, daß Herr Geßler das nicht als letzten Spruch gelten lassen wollte, und eine günstigere Lesart suchte. Sein Vertrauen, daß kein zweites Tribunal das Verdikt der Siegertkammer übernehmen würde, hat ihn nicht getäuscht. Künftig kann er auf den neuen Schein pochen: »Die moralische Mitschuld der Reichswehr, die Schulz mit angeführt hat, fällt damit ins Wasser. Von allem ist nichts übrig geblieben als lediglich schon die in frühern Schwurgerichtsurteilen ausgesprochene sogenannte moralische Verantwortlichkeit des Reichswehrministeriums. Das Gericht läßt es dahingestellt sein, ob überhaupt eine moralische Verantwortlichkeit des Reichswehrministers angenommen werden kann.« Du hast gesiegt, Galiläer. Der böse Geist ist erfolgreich abgeschlagen. Otto Geßler hat sich ums Vaterland verdient gemacht, und seine Offiziere stehen hier, in der dritten Person angeredet, vom mindern Volk unterschieden, und zucken mit einer in mehreren Prozessen erworbenen Routine die Achseln. Es sind noch zwei Außenseiter da, zwei Ausgefallene, zwei in Zivil: – Buchrucker und Schulz. Der Putschführer von Küstrin spricht mit der leisen Stimme und dem feinen ironischen Lächeln des Erfahrenen. Der hat genug bis an sein Lebensende. Unendlich überlegt und behutsam spricht er, meisterlich besteht er die schwere Situation, alte Beziehungen, die er nicht mehr liebt, weder preiszugeben noch reinzuwaschen. Hier, wo so viele beamtete Personen Verantwortlichkeit abstreiten und zuständig für die Schwarze Reichswehr am Ende nur noch unser Vater im Himmel bleibt, der sich auch um die Lilien auf dem Felde kümmert, leuchtet der abgeurteilte Rebell als Intellekt und Charakter. Paul Schulz hat jetzt die graue Gefängnisfarbe, er gestikuliert nervös und fahrig, aber seine Aussage ist zusammenhängend und konzentriert. Er weiß jetzt seine Vereinsamung, weiß, daß es um den Kopf, und, wenn der gerettet, um die Freiheit geht. Auch er gibt niemanden preis, aber betont immer wieder den »Druck der Verhältnisse« damals, ohne sich über den Druck und die Verhältnisse näher auszulassen. Zögernd gesteht er zu, daß anno diaboli 1923 auch die Behörden ungesetzliche Maßnahmen getroffen hätten. Und warum haben die Behörden die geheimen Morde nicht verfolgt, warum ließen sie die Akten liegen? Schulz fragt das immer wieder. Die Urteilsbegründung attestiert Schulz, Großes für den Staat geleistet zu haben. Nein, er hat nichts Großes geleistet, aber er hat ohne Zweifel beträchtliche Gaben, und sein krankhafter Ehrgeiz hat ihn in eine höllisch faule Sache verwickelt. Jetzt ist der Firnis der Wichtigtuerei abgeblättert. Jetzt steht da ein Abgehärmter und Verlassener, der am Ende des ersten Verhandlungstages mit verlorenen Augen in das Gewimmel von Leuten sieht, die nach Hause gehen. Jetzt steht nur ein großer Schuljunge da, der nachsitzen muß. Mit verschwimmenden Blicken sieht er die wehenden Schals und wie die Mäntel angezogen werden. Die Offiziere entfernen sich sporenklirrend. Alle gehen nach Haus. Auch der mürrische Schließer hinter ihm geht einmal nach Haus. Einer bleibt. Der Letzte, bei dem die Kette der Verantwortung für die grausig-tragische Kategorie der Fememorde endet. Der Letzte, den nach dem braven alten Wort die Hunde beißen. Die Weltbühne, 27. Dezember 1927 749 Frank Harris contra Mary Fitton Frank Harris, der glänzende Publizist, der sich in einem langen Leben mit so vielen Männern gezankt und mit noch mehr Frauen vertragen hat – Frank Harris, der alte Kampfhahn, hat nun ein mit allen Salzen durchtriebener Pamphle[ti]stik gewürztes Anklageverfahren gegen Jemand eröffnet, der weder in der Presse noch sonstwie antworten kann: – gegen Mary Fitton, weiland Hofdame der englischen Elisabeth. Und die Anschuldigung lautet: William Shakespeare, Englands größten Dichter, ruiniert zu haben. Denn Mary Fitton, so übernimmt Harris von altern Forschern, ist die geheimnisvolle schwarze Dame der Sonette, zu der William zwölf Jahre zarte und unzarte Beziehungen unterhielt. Sie hat sein Leben verpfuscht, ihm Blut und Hirn vergiftet, sie hat seinen hochfliegenden Geist ihrem seidenweichen, goldbraunen Fleisch versklavt, sie, Mary Fitton, das Modell der stolzen Buhlerin Cleopatra. Zwölf Jahre war er an die trügerischen Launen der eleganten Dame gebunden – sie gibt seinen Lustspielfrauen die Serenität ihres Witzes, von ihr haben die Portien, Rosalinden, Beatricen die grazienreich spitze Zunge, ihr gelten die Flüche Timons, die Raserei Othellos, der schrecklich hilflose Ausbruch des Knaben Troilus: »Man glaub' es nicht, der Weiblichkeit zu Ehren! Wir hatten Mütter, denkt ...« Sie hintergeht ihn mit seinem vornehmen jungen Freund und Mäzen William Herbert, Lord Pembroke; schließlich verheiratet sie sich und geht von London fort. Bald darauf zieht auch er, verlassen, erledigt, aus der Capitale, um sich nach ein paar tristen Kleinstadtjahren zum Sterben zu strecken. Das stellt Frank Harris in einem außerordentlichen Buch dar, fortreißend und mit vielen Spannungen geladen – der Fluch aller Anglisten ist ihm sicher. (Shakespeare der Mensch und seine tragische Lebensgeschichte. Deutsch von Antonina Vallentin, S. Fischer Verlag.) Er entdeckt die dramatischen Elemente im Leben des dramatischsten Dichters aller Zeiten. Wie die Theorie fundiert ist? By Jove, ich glaube, ziemlich windig. Er hält sich auch nicht groß mit Urkunden und Quellen auf. In »Love's labours lost« sagt Biron von Rosaline: »Ein bläßlich Ding mit samtnen Augenbrauen – mit zwei Pechkugeln im Gesicht statt Augen –«. Dann die schwarze Dame der Sonette, dunkel ist Cleopatra ... Daß ein bestimmter brünetter Frauentyp in einer Reihe von Stücken wiederkehrt, Beweis genug für Shakespeares Vernarrtheit in die schwarze Mary Fitton. Das ist gewiß eine etwas magere Argumentation, aber Harris trägt seine Meinung mit so viel Temperament und Überschuß an Geist vor, daß sie überredender wirkt als die Spekulationen der gelehrten Literatoren, die vergessen, daß hinter dem philologisch sezierten Text einmal ein Herz geschlagen hat. Dieser Shakespeare war mangels eines intakt hinterlassenen Lebenslaufes ohnehin so unpersönlich geworden, daß man ihn schließlich selbst für ein Fabelwesen erklärt und seine Werke unter Herren aufgeteilt hat, die bei der Gelehrtenwelt bessere Legitimationen deponiert haben. Aber Harris stürzt das traditionelle Bild von dem ernsten, gemessenen Dichter, er nimmt ihn einfach körperlich und erklärt ihn aus einem Punkt. Sein Shakespeare ist ein willenloser Erotomane, der Alwa Schön einer adligen Lulu, ihr Besessener, ihr Helot, ein armer Tagelöhner der Liebe, der mit wenig Hoffnung auf das Vielleicht der Nacht harrt und oft vor verschlossener Tür. Drinnen tuschelt es; eine Männerstimme knurrt, ein kleines Lachen: »O, es ist nur William, der arme Kerl ... « Dann zieht er fröstelnd den Mantel enger, und hält, an die graue Gartenmauer gelehnt, einen jener Monologe, die später seine leidenden Männer so glaubhaft machen. Armer Klassiker ... Wahrheit oder Fiktion, der gerupfte Dichterfürst überzeugt besser als der in geschlechtloser Integrität. Ach, wenn sich Harris auf dies Bild beschränken würde! Aber leider verführt ihn sein polemischer Furor zu grimmigen Ausfällen gegen Mary Fitton, die den Mann kaputt gemacht und schließlich ausgepumpt nach Stratford zurückgeschickt hat. Eine furchtbare Kanonade dröhnt auf Mary Fittons dreihundert Jahre altes Grab herab. Wahrscheinlich war bei der armen Mary der Sinn für Beständigkeit zu kurz gekommen, und dann teilt sie überhaupt das Los aller Frauen, die sich mit Künstlern eingelassen haben und schließlich nicht wissen können, daß ihr Liebhaber einmal unsterblich werden wird, was man ihnen nicht übel nehmen kann, weil es die zeitgenössischen Rezensenten gewöhnlich auch nicht wissen. Hätte zum Beispiel Armande Béjard, Molières leichtfertige junge Frau, auch nur im Traum geahnt, daß ihr Lebenswandel später einige Tausend hungriger Biographenaugen auf sich ziehen würde, sie wäre gewiß viel besser auf der Hut gewesen, sie hätte kaum, wie ein deutscher Forscher schaudernd festgestellt hat, ihren ersten Seitensprung noch dazu im Freien begangen, sondern sich zu diesem Zweck wenigstens um ein anständiges Dach bemüht. Mary Fitton war eine kluge, eine kunstliebende Frau. Umschmeichelte Hofdame, selbständig in einer Zeit, wo die Weiber kaum Piep sagen durften, fühlte sie sich auch frei und ungebunden in der Liebeswahl. Viele Aristokraten haben sie gehabt ... Der Herr Shakespeare aber war nur »the king's servant«, sozial auf einer Stufe mit einem Hoflakai, ein Komödiant von snobistischen Allüren, der auch Sonette schrieb im Stil der feinen Herren. Sich mit ihm einzulassen, dazu gehörte mehr, als wenn sich heute eine Dame von Welt mit einem Boxer abgibt. Vielleicht hätte sie lieber mit ihm über seine Dramen geplaudert, anstatt in seinem Lebensdrama mitzuspielen. Er war nicht mehr jung, er neigte ein wenig zur Korpulenz, und – alas poor Yorick, alas! – sein Haar lichtete sich schon, wenngleich sie gewiß später an dem Haarausfall beteiligt war. Vielleicht hat sie ihn nur genommen, weil er immer so traurige Augen machte, weil er bitter sagte: »Warum bin ich nicht ein Cecil oder Rutland, sondern nur Sohn eines falliten Handwerksmeisters aus Stratford ...« Da mag sie wohl nachgegeben haben, weil sich ihr Stolz empörte, denn die Freundin der Künste kannte kein Vorurteil. Dreihundert Jahre nachher verdammt sie ein glänzender Pamphletist zum ewigen Höllenfeuer, weil sie einen Dichter gequält hat, der außerhalb seiner Manuskripte nicht mit Frauen fertig werden konnte. Dreihundert Jahre nachher eröffnet ein blendender Psycholog einen Prozeß gegen die Launen eines weiblichen Sexus. Auch ohne die Verjährung kein schöner Rechtsfall. Und wäre Mary Fitton die Ärgste ihres Geschlechtes gewesen, auch über ihrem Grab steht unsichtbar der simple Spruch, den William Shakespeare sich selbst geschrieben hat, den sich gewiß auch Frank Harris wünscht, wie wir uns alle ihn wünschen: »In Jesu Namen, Freund, laß' Du – den hier verschlossnen Staub in Ruh. – Gesegnet sei, wer schont den Stein, – verwünscht, wer störet mein Gebein!« Die Weltbühne, 27. Dezember 1927 1928 750 Über Helden und Heldentum Jeder Mensch trägt im Innern das Bild einer außergewöhnlichen Erscheinung, der er in irgend einer Weise nachzueifern versucht. Jeder Mensch hat seinen Helden. Das war immer so und wird auch so bleiben, und wo eine neue Zeit Denkmäler stürzt, geschieht es nur, um andre zu errichten. Es ist unser aller Schicksal, daß unser Heldenideal zumeist nicht durch die Erfahrung, sondern durch die Bücher gebildet wird. Namentlich unsre früheste Lektüre bestimmt die Begriffe dessen, was wir für heldenhaft halten, und später wundern wir uns, wenn wir damit nicht viel anfangen können. Denn der Held der Bücher, die uns in der Jugend begeistern, ist fast immer laut und immer ungewöhnlich. Man sieht ihm sofort an, daß er der Ungewöhnliche und die Andern die Alltäglichen, die Gleichgültigen sind. Wir leben aber nicht in Büchern, sondern in einer recht anders aussehenden Wirklichkeit und müssen uns unsre Begriffe und Anschauungen selbst bilden. Einen Wertmesser gibt es dafür nicht. Ein großer Teil der Weltgeschichte handelt unglücklicherweise von Kriegen oder Schlachten, und jeder Mensch muß sich leider seinen Kopf mit Daten und Zahlen blutiger Begebnisse anfüllen, wenn auch das Meiste davon Gottseidank bald wieder vergessen wird. Der militärische Heldenbegriff paßt aber nicht in eine Zeit, die völlig andre Tugenden fordert. Das beste daran: die tüchtige Ausbildung des Körpers, wache Sinne, präzise Aufmerksamkeit, alles das wird durch Sport und Leibesübung gefördert, die ja heute auch eine ganz andre Rolle spielen als früher. Aber da das militärische Ideal als letztes Ziel die Vernichtung des Gegners im Auge hat, ist es für unser von hastiger Berufsarbeit ausgefülltes Leben nicht recht zu brauchen. Natürlich sollst du in der Arbeit mit Andern wetteifern und sie zu überflügeln suchen. Aber welcher vernünftige Mensch käme auf den Gedanken, den Konkurrenzkampf mit seinem Nachbarn auf die Weise zu erledigen, daß er ihm Handgranaten in den Laden werfen wollte? Und da höre ich den Einwand: Pfui, das ist doch häßlich, tapferes Soldatentum, das schließlich doch sein eignes Leben in die Schanze schlägt, blutiger Schlächterei gleichzusetzen. Schließlich war es immer Dienst für das große Ganze, Dienst für Volk und Vaterland! Das stimmt natürlich, denn der Soldat steht immer in Gefahr, für jeden getroffenen Schuß mit dem höchsten Zahlungsmittel, das es gibt, den Gegenwert zu leisten: mit dem Leben. Aber ich frage: Bietet denn unser Dasein heute nicht Tag für Tag größere Möglichkeiten, alle Eigenschaften zu entfalten, die einst den Soldaten groß machten? Ist denn nicht auch unser bürgerliches Dasein von vielen Gefahren umgeben, die Mut erheischen, Zähigkeit, Zielbewußtsein – Eigenschaften also, die seit ein paar tausend Jahren von dem guten Kriegsmann gefordert werden, mögen auch die Kampfesmittel sich geändert haben? Hier soll nicht die Rede sein von dem lautlosen Heldentum, der Gedankenkraft. Nicht von dem Dulden großer Künstler, Gelehrter oder Erfinder, die Verfolgung, Spott und Hunger den Glauben an ihre Idee trotzig entgegensetzten. Viele sind unbekannt und bettelarm gestorben, und die Nachwelt hat erst ihr Streben gerechtfertigt und ihre Namen unter die Großen der Menschheit gesetzt. Wir wollen auch nicht reden von den verwegenen Männern, die augenblicklich weltberühmt sind, weil sie auf kleinen, der Gewalt der Elemente gegenüber lächerlich schwachen Flugzeugen Ozeane und Wüsten überqueren. Sie sind die Pioniere kommender Verkehrsmöglichkeiten. Sie zeigen viel, viel Mut. Denn noch ist bei allen Unternehmungen dieser Art der Tod näher als der Siegespreis. Aber viele davon lockt eben der Preis, sie setzen alles auf eine Karte, auf Ruhm und Geld, auf die Gefahr hin, das Todeslos zu ziehen. Das Beispiel besonderer Leistungen auf dem Gebiet des Sports hat eine höchst ungesunde Rekordjägerei mit sich gebracht. Jeder richtig verstandene und betriebene Sport aber strebt die Höchstleistung einer Gruppe an und nicht die sogenannte Spitzenleistung eines Einzelnen. Der Tagesruhm eines Läufers oder Kanalschwimmers verblaßt schnell, denn jeder Rekord ist dazu da, um überboten zu werden. Und er wird heute so schnell überboten, daß oft mehr der Eindruck eines Glückspiels entsteht, als der einer wohlgelungenen Tat. Unser Ziel soll nicht der Rekord sein, sondern eine gewisse Gleichmäßigkeit der Leistungen, zu der jeder sein Bestes hergibt. Auch in den körperlichen Übungen soll sich der Wille zur Kameradschaftlichkeit äußern, nicht nur zum Übertrumpfen, nicht nur zum Besiegen des Andern. Die Männer der höchsten Rekorde sind zwar bewundernswert, aber Vieles spielt sich täglich und stündlich um uns ab, was, als selbstverständlich geworden kaum mehr beachtet wird und doch nicht minder gefährlich ist als ein Ozeanflug oder die Besteigung eines Alpengletschers. Die Wahrheit ist, daß unser tägliches Dasein nur deshalb ungestört und ungefährdet ablaufen kann, weil viele, viele Menschen gegen kargen Lohn einen Beruf ausüben, der Leben und Gesundheit ständig bedroht. Ja, es gibt Berufe, denen die Lebensgefahr so zur Selbstverständlichkeit geworden ist, wie dem Soldaten nach drei Jahren im Schützengraben. Damit wir wohnen, essen, heizen, des Nachts ruhig schlafen können, müssen Unzählige in Bergwerken, Fabriken, technischen, chemischen Betrieben minütlich ihr Leben riskieren. Wenn wir, behaglich in die Ferien reisend, nächtlich aus dem Fenster blicken, sehen wir Gestalten vorüberhuschen, Streckenarbeiter ... wieviele hat nicht schon die Lokomotive gepackt und zermalmt, weil die Luft voll Nebel war oder das Geheul des Windes sie das Signal überhören ließ! Bekannt genug sind die großen Unglücksfälle in den Bergwerken, die oft Dutzenden von Bergleuten das Leben kosten. Denn der Bergmann ist umlauert von Gefahren, und der Tod blickt ihm immer über die Schulter. Aber man braucht nicht in die Kohlenbezirke zu fahren, um zu wissen, was für schreckliche Opfer Berufsarbeit fordern kann, nimm nur einmal für ein paar Tage die Zeitung deiner eignen Stadt vor. Da findest du täglich, gar nicht sonderlich groß gedruckt, Nachrichten aller Art: Sechs Arbeiter bei Erdarbeiten verschüttet! Zwei als Leichen geborgen! – Gerüsteinsturz am Anhalter Bahnhof. Drei Bauarbeiter abgestürzt, einer tot, zwei hoffnungslos verletzt! – Explosion in den Chemischen Werken N. Drei Tote, zahlreiche Verletzte. – Und so fort, und so fort. Und zahlreiche Industrien gibt es, wo nicht Tod oder Verstümmelung das Los sind, das dem Arbeiter stündlich droht, sondern wo böse Dämpfe die Luft verpesten und die Gesundheit der Arbeitenden langsam zerfressen. Es gibt Industrien, wo hohlwangige, ausgemergelte Männer und Frauen jeden Morgen in die Fabrik ziehen. Sprichst du einen davon, und fragst du ihn nach den Arbeitsbedingungen, so antwortet er dir bitter: »Bei uns ist jeder mit Fünfunddreißig erledigt ...« Hast du schon einmal mit solchen Menschen gesprochen, in ihre müden, traurigen Augen gesehen? Du wirst so etwas über kurz oder lang sehen, und ich sage dir das, damit du es siehst, damit du nicht darüber hinwegblickst, wie Viele, die es sich zum Grundsatz gemacht haben, Elend nicht zu bemerken, weil das die gute Laune stört. Und ich sage dir das, damit du nicht glaubst, Heldentum, Todesverachtung, Mut vor der Gefahr, gedeihe nur im Kriege oder bei Erkämpfung von Rekorden. Nein, alles das ist stündlich um dich, und wäre es nicht, könntest du nicht essen, hättest du kein warmes Zimmer, könntest du nicht reisen, könntest du keine deiner Gewohnheiten, deiner Annehmlichkeiten aufrecht erhalten. Der ungeheure und unübersichtliche Mechanismus unsres Daseins beruht darauf, daß Abertausende ihr Leben wagen. Und sie sind gar nicht stolz darauf, sie wissen es kaum, sie tun es einfach nur des Broterwerbs wegen. Sie erhalten keine Auszeichnung dafür. Niemand singt ihnen das Lied vom braven Mann. Was sie tun, ist Beruf, ist Pflicht und damit basta. Wenn dir das aber zu trocken, zu wenig romantisch erscheint, dann höre noch Folgendes: Vor kurzer Zeit kam aus China die traurige Nachricht, daß der berühmte Forschungsreisende Wilhelm Filchner im Innern von Tibet von fremden, feindlichen Priestern ermordet worden sei. Die Meldung ist noch unbestätigt und wird auch hoffentlich nicht bestätigt werden. Aber von Freunden des Forschers wird erzählt, daß er diese schwere und gefahrvolle Expedition in ein unbekanntes Land mit feindseliger Bevölkerung höchstwahrscheinlich begonnen habe, ohne auch nur eine Waffe mitzuführen. Sie meinten, das passe ganz zu seiner Art. Ist das nicht seltsam? Er hatte im Kriege, sagten die Freunde, Bluttat und Gewalttat hassen gelernt. Ja, darin liegt wirkliche Größe, mögen die Klugen auch sagen, daß ein paar Revolverschüsse ihn vielleicht gerettet hätten. Denn darin liegt ein höherer Mut, als der, mit Eisen gegen Eisen zu kämpfen, nämlich das, was alles gute, echte, männliche Heldentum auszeichnet: Ergebung in das Schicksal, das wir doch nicht ändern können und Vertrauen in die Menschen. Jahrbuch Jugend und Welt 1928 751 Marinierte Millionen ... als Atlas trug er, aller Welt zum Spotte, die niemals flotte deutsche Flotte. Dingelstedt Der Reparationsagent Parker Gilbert, allgemein als höflicher, taktvoller Herr gerühmt, hat neulich das Finanzgebaren der deutschen Kommunen sanft bemängelt. Denn die Städte, findet der Amerikaner, leisten zu viel Kulturpolitik, zu viel Sozialpolitik. Da könnte gespart werden. Nach den Gesetzen der bürgerlichen Wohlanständigkeit verstößt es nicht gegen den Takt, die Anlage von Volkssportplätzen oder die Errichtung von Tuberkuloseheilstätten als Luxus zu bezeichnen. Hier trifft sich der Fronvogt aus Wallstreet mit dem gleichfalls seines Taktgefühls wegen berühmten Herrn Hjalmar Schacht. Doch welch Hallo hätte es gegeben, wenn Gilbert sein ökonomisch geschultes Auge etwa auf unsre Wehrmacht geworfen hätte! Wahrscheinlich werden die guten Patrioten, die uns mit dem StGB. auf dem Tisch kontrollierend lesen, in einer solchen Bemerkung einen Wink für den Reparationsagenten sehen, also Landesverrat potenziert. Nur ruhig. Auch ein weniger taktvoller Gilbert würde nicht deutsche Aufwendungen für Wehr und Waffen rügen, kein Politiker von Rang in den ehemaligen Feindbundstaaten würde das heute tun, ausgenommen vielleicht der alte Clemenceau, der nicht mehr zählt. Auch der zeternde Poincaré beschränkt sich letzten Endes darauf, den Deutschen vorzuwerfen, daß sie ihre Alleinschuld am Krieg noch immer nicht wahrhaben wollen. Der deutsche Militäretat ist gewiß groß und verdächtig, aber er gedeiht prächtig im heißen Schweißgeruch der noch viel größern Angst vor Rußland. Bei uns vertritt man ziemlich übereinstimmend die Auffassung, daß man das wenige vom Versailler Vertrag Belassene auch ganz ausnützen müsse. Die Mehrzahl der Republikaner unterscheidet sich darin kaum von den dezidierten Nationalisten. Auch die Republikaner meinen, daß der Staat nicht nur Beil und Rute brauche, sondern auch ein Schwert, mag es auch im Vergleich zu dem Andrer nur Taschenmessergröße haben. Unsre Frage muß weitergehen als die der Republikaner, wir müssen nach dem Sinn und Nutzen dieses Heeres fragen. Denn diese Diminutivarmee ist nicht ohne weitres andern gleichzusetzen: sie ist laut Friedensvertrag verurteilt, effektlos zu bleiben. Jeder andre Militarismus der Welt trägt seinen Sinn, weil er in der Bestimmung dessen, was für sein Funktionieren notwendig ist, nicht von außen gehemmt wird, und weil alles, was zu seiner Komplettierung unternommen wird, mit Hinblick auf den »Ernstfall« geschieht. Dem deutschen Militär aber ist laut Vertrag der »Ernstfall« untersagt. »Das Heer soll ausschließlich zur Aufrechterhaltung der Ordnung innerhalb des Gebiets und als Grenzschutz verwandt werden«, heißt es im Artikel 160, eine Klausel, die dieses Heer, mag es sich auch noch so martialisch gebärden, zur Rolle des Jahrmarktslöwen verurteilt, der schrecklich wild tut, wenn ihm die Kinder bunte Konfettischlangen durchs Gitter werfen. Mag die Außenpolitik seit zwei Jahren auch Deutschland größere Bewegungsfreiheit gestatten, ein deutscher Militarismus, der plötzlich auf der eignen Spur einhertritt, würde, wie einst, der geschlossenen Abwehr der ganzen Welt gegenüberstehen. Die letzte und traurigste Möglichkeit zur Aufrüstung liegt nur in einem Kreuzzug gegen Moskau; da könnte ein großes deutsches Heer mit andern Trabanten Britanniens irgendwo auf der unermeßlichen russischen Steppe ein allerdings echt deutsches Schicksal erfüllen. Vor einer Reihe von Jahren hat in der ›Frankfurter Zeitung‹ ein früherer General den Plan entwickelt, ganz auf die Imitation großer Armeen zu verzichten und unsre sogenannte Wehrmacht einfach in ein nur für innere Zwecke organisiertes Gendarmeriekorps von 60 000 bis 70 000 Mann umzuwandeln. Das wäre nicht nur viel billiger, sondern auch viel klarer und ehrlicher, womit allerdings das große Getue einer Armee aufhören würde, deren Kanonen doch ausschließlich für die innere Front bestimmt sind. Und würde in der nächsten Zeit selbst die Erhöhung ums Doppelte bewilligt werden, was bedeutet das angesichts der modernen Riesenheere und wo noch dazu alles verboten ist, was den Krieg heut erst zum Krieg macht: die große Artillerie, die chemischen Waffen, die Luftgeschwader, die Unterseeboote! Man braucht nicht nur antimilitaristische Motive, um diese Reichswehr bekämpfenswert zu finden. Es scheint trotzdem notwendig, auf der republikanischen Linken, die sich in Abneigung und Mißtrauen ziemlich einig ist, eine Klärung herbeizuführen. Es kommt, dürr gesprochen, nicht darauf an, die Reichswehr zu republikanisieren, sondern sie loszuwerden. Bitte, keine Ohnmachtsanfälle! Vor ein paar Jahren wurde man auf der Linken als Quertreiber abgelehnt, wenn man für das eintrat, was man heute die Republikanisierung der Reichswehr nennt. Damals fand man die Führung höchst loyal und schob die monarchistischen Exzesse aufs Konto temperamentvoller Unterführer. Inzwischen ist über die Loyalität in den höchsten, und über das Temperament in den untern Kommandostellen der letzte Zweifel getilgt, und die verehrten Republikaner sind den Kritikern von damals langsam nachgewackelt. In zwei, drei Jahren wird Reichsbanner etcetera wahrscheinlich so weit sein, ziffernmäßige Herabsetzung und radikale Umformung der Wehrmacht zu fordern. Aber dann können die neuen Tatsachen schon wieder stärker sein als das Resolutionspapier.   Zum ersten Mal ist Herr Geßler mit einer Millionenforderung auf ernsten Widerstand gestoßen. Dank preußischer Initiative ist sein Schlachtschiff von 10 000 Tonnen im Reichsrat abgelehnt worden. Er war verstimmt und verdutzt; dies erste Exemplar einer neuen Armada sollte doch nur 80 Millionen kosten. Deswegen wollen die Deutschnationalen jetzt im Landtag eine kleine Seeschlacht arrangieren, und ein pensionierter Meergott wie Herr Brüninghaus behauptet in der ›Täglichen Rundschau‹ allen Ernstes, daß dieses eine Schlachtschiff durchaus in der Lage sei: »jedem mutmaßlichen Angreifer in der Ostsee mit Erfolg entgegenzutreten«. Auch wenn die Russen die großen Dinger in Kronstadt auslaufen ließen? Da Herr Brüninghaus Fachmann ist, sollte man ihm, wenns losgeht, höchstpersönlich das Kommando über diese aussichtsvolle Expedition geben. Aber der Herr Admiral ist vor allem ein tüchtiger Journalist, und journalistische Begabung mit leichtem Münchhausen-Einschlag gehört zur stärksten Marinetradition von Tirpitz her. Auch die Betriebsamkeit gehört dazu. Denn Wilhelms Lieblingskind, die Kriegsmarine, konnte sich nur schwer gegen die Konkurrenz auf dem Trocknen durchsetzen. Heute ist die Flotte tabu. Der alte Großadmiral hatte noch ewig mit Volldampf arbeiten müssen; heute genügt ein Veto des Herrn Zenker, um einen Rüffel für jenen Kapitän Kolbe zu verhindern, der die Zeitgeschichte um ein schwimmendes Münsingen bereichert hat. Und dennoch war der taktisch sonst so sichere Geßler dies Mal nicht gut beraten, indem er sein Schiffsbauprogramm mitten in die Aufregung um die verfilmten Marinemillionen platzen ließ. Nur jemand, der an bedingungslose Annahme, auch der ausschweifendsten Forderungen, gewöhnt ist, wird einen solchen Lapsus begehen. Laut neuer Feststellung des ›Berliner Tageblattes‹ betragen die verfilmten Gelder nicht, wie zuerst angenommen, 6, sondern 10 Millionen, und ob das schon die Endsumme ist, weiß wohl nur der unerbittliche Kontrolleur Saemisch. Seit Wochen wird jetzt Veröffentlichung des Berichtes über diese Vorgänge verlangt, aber der Herr Sparkommissar, dessen Rechnungsräte sonst die Forschungsinstitute, die den einzelnen Ämtern angegliedert sind und manche nützliche Arbeit leisten, bei der Anschaffung auch des notwendigsten Handwerkszeugs gehörig kujonieren, zeigt sich hier als ein seiner Verantwortung gegenüber den Interessen der Wehrmacht bewußter Ephorus. Die Spatzen pfeifen in die Redaktionsfenster, daß in dieser langen Wartezeit von dem sekreten Bericht eine wohlfeile Volksausgabe hergestellt wird, an der sich Parlament und Presse belustigen können, während das unverdünnte Original den höchsten Stellen zur privaten Benutzung verbleibt. Den Begriff Etatvergehen kennt man hierzulande nicht. Allerdings paßt das alles ganz gut zum Stil unsrer Militärpolitik: hier ist Erfüllung und Leistung wenig und Propaganda alles, und 10 in Salzwasser versenkte Millionen sind gut angelegtes Kapital, das in Marinebegeisterung und künftiger Bewilligungsfreudigkeit seine Zinsen trägt, auch wenn dabei, was nicht beabsichtigt war, für eine den Wassergöttern attachierte Nereïde eine behaglich möblierte Zwölfzimmergrotte am Lützowufer abfällt. Seefahrt tut trotzdem not, und weiß man in Tuntenhausen, wenn man sich dort an der »Eisernen Braut« delektiert, von den verkapselten Zahlen des Herrn Saemisch? Diese Flotte, auch wenn sie verantwortungsvoller verwaltet worden wäre, ist militärisch ohne Sinn. Ihre Existenz ist eine Aquariumexistenz. Hier hätte die Linke eine herrliche Parole für den Wahlkampf. Wird sie davon Gebrauch machen? Drei Kriegsmarinen hat Deutschland gehabt, und über jeder funkelte ein boshafter Stern. Die erste deutsche Flotte, die des Deutschen Bundes, wurde ruhmlos versteigert. Die zweite liegt auf dem Grund von Scapa Flow. Die dritte sollte ins Trockendock gezogen werden, ehe sie an faulen Finanzgeschäften völlig havariert. Die Weltbühne, 3. Januar 1928 752 Auftakte Heuer feierten die republikanischen Blätter Neujahr, als wäre ein glücklich erreichter Kalenderabschnitt schon ein politischer Sieg. Die Begrüßungsartikel für das Jahr 1928 waren zum Teil sehr schön. Kampfjahr 1928! Doch man wird sich hüten, die Artikel an die Flaggenstange zu heften, wenn der Kampf glücklich gewonnen ist. Dann wird wieder zu lesen sein, daß sich der wahre Politiker eben in der Begrenzung zeigt. Einstweilen wird innerhalb der Regierungsparteien hart um den Wahltermin gestritten. Die Deutschnationalen sind selbstverständlich fürs Strecken, die Mehrheit der Volkspartei sekundiert und die Herren Zentrumsführer machen auch mit. Dabei ist die Majorität der Zentrumswähler gewiß gut republikanisch und für linke Politik. Dennoch werden Herr Marx, Herr von Guérard, der gesalbte Herr Brauns und ihr kleiner, die Fraktion beherrschende, die Partei gängelnde Klüngel am Ende stärker sein als die Millionen. Man wende nicht ein: das konfessionelle Band, der Hirtenstab der Herren Bischöfe – – gewiß, das bedeutet sehr viel. Aber auch die andern Parteien haben ihre Bischöfe, nur nennt man sie anders, und was hier der katholische Glaube, ist dort die Tradition, die Einheit der Partei, jawohl, die dreimal heilige Einheit. Sind die Massen der Sozialdemokraten, der Kommunisten eigentlich weniger kritiklos und glaubensbesessen als die Zentrumswähler in Arbeiterschaft und Kleinbürgertum? Sind die roten, die rötlichen und schwarzrotgoldnen Funktionäre so sehr von der schwarzen Klerisei unterschieden? Wie nervös die großen Parteien gleich werden, wenn jemand an ihrer Majestät rütteln möchte, beweist ihr unfaires Vorgehen gegen jene Aufwertungs- und Sparergruppen, die unter mannigfachen Namen sich überall aufgetan und in dem deutschnationalen Dissidenten Doktor Best einen energischen Führer gefunden haben. Diese Gruppen wirtschaftlich Geschädigter, deren einziges Band die Enttäuschung ist, sollten durch Mittel der Gesetzgebung, durch völlig verfassungswidrige Mittel kaputt gemacht werden. Die Gerichte haben anders entschieden und der Effekt ist, daß in einigen Ländern neugewählt werden muß. Es handelt sich nicht darum, ob diese schnell improvisierten Parteichen nützlich oder sympathisch sind. Es gilt nur aufzuzeigen, wie sehr alle großen Parteien plötzlich einig sind, wenn sich Außenseiter melden, die vor den großen Herren keinen Respekt haben. Es gibt aber nicht nur alte finanzielle Forderungen, sondern auch altes politisches Gedankengut aufzuwerten. Reüssieren die Einen, könnte das auch Andre verlocken, aus der Reihe zu tanzen. Das Listensystem verhindert die interessanten, anregungsvollen Eingänger. Das Listensystem konserviert die Omnipotenz der Parteibureaus und zwingt die Malcontenten zum Ducken und Mitlaufen. Wie anders wäre der Fall Wirth verlaufen, wenn wir Einzelpersonen wählten ... Der Parlamentarismus dörrt aus, wenn die Abgeordneten den Wählern aufgenötigt werden. Deshalb bilden in Deutschland, anders als in England oder Frankreich, die Abgeordneten aller Parteien eine geschlossene Interessengemeinschaft gegen ihre Wähler. Das Parlament hört auf, das Forum unter freiem Himmel zu sein, es wird zu einem Klub, dessen exklusiver Ritus Verständnis der Laienschaft ausschließt, und die Kämpfe werden laute Maskeraden, um den bittern Ernst der Institutionen gelegentlich zu erhärten.   »Der Einheitsstaat ist unaufhaltsam auf dem Marsch ...« Das Schlagwort ist ohne Zweifel recht populär, und die Linksparteien spielen es unbestreitbar ganz geschickt aus. Es wird auch da der Mund etwas zu voll genommen, denn schließlich ist noch das durch und durch föderalistische Zentrum da, das man doch nach Niederringung des Verführers Westarp wieder liebend umarmen will. Die Deutschnationalen, preußisch-partikularistisch durch Tradition und durch die Zielsetzung von gestern und heute: Preußen zu beherrschen, nur Preußen! fühlen sich durch die Propaganda für den Einheitsstaat ins Hintertreffen verwiesen und wollen sich wenigstens fürs Wahljahr als maßvolle Begönnerer der Einheitsidee empfehlen. So haben jetzt zweihundert deutsche Männer einen »Bund zur Erneuerung des Reichs« gegründet, der für Festigung der Reichsgewalt eintreten, aber andrerseits auch »ein Übermaß von Zentralisation« vermeiden will. »Nur das Lebensnotwendige soll einheitlich sein, auf keinen Fall soll alles zentralisiert werden«, erklärte in einer Pressekonferenz der oberste Manager des Bundes, der frühere Reichskanzler Luther, »vielmehr soll das wirklich Eigentümliche außerhalb der Zentralinstanz vielleicht sogar noch aufgefrischt werden«. So, das wird man in Bayern gern hören. Denn Herr Doktor Luther will das Eigenleben der dem Reich eingegliederten Länder nicht in Frage stellen, »wo das Bewußtsein dieses Eigenlebens vorhanden ist«. Dafür aber soll das Nebeneinander der Zentralgewalten des Reichs und Preußens »durch andre Gestaltung« überwunden werden. Das sieht mehr nach einem Attentat gegen die gegenwärtige preußische Regierung aus als nach einem Programm für den Einheitsstaat. Die Unterzeichner gehören, mit Ausnahme von ein paar als Deckblatt verwandten Liberalen und Sozialdemokraten, der Rechten an; die meisten vertreten starke Wirtschaftsmächte. Da sind neben Kalckreuth und Hepp vom Landbund, Cuno, Krupp, Röchling, v. Siemens, Louis Hagen, Stimming, Vögler, Fritz Thyssen auch die frühern reaktionären Staatssekretäre Busch und v. Simson, und schließlich auch v. Berg-Markienen, ehemals Wilhelms Generalbeauftragter. Und wenn man dazu die Namen v. Batocki, Freiherr v. Gayl, Graf Behr, Exminister Albert und Rabbethge fügt, so fühlt man sich vollends in den Herbst 1923 zurückversetzt, in die frohe Zeit der Adlon- und Esplanadekonferenzen, deren Ergebnis immer ein paar Direktoriumslisten waren mit eben jenen Herren als Stammgästen. Ganz überflüssig, daß Herr Doktor Luther sich mit Händen und Füßen gegen einen Vergleich mit Bennigsens Nationalverein für das liberale Deutschland aus den sechziger Jahren sträubte. Wer ist nur auf so eine verrückte Idee gekommen? Schon der alte Nationalverein war nicht so schön, wie er später von nationalliberalen Historikern gemacht wurde. Und wie charaktervoll hebt er sich von diesem neuen uneigennützigen Patriotenbund ab! Und schon der alte Nationalverein wurde von einem der bösen Radikalen von damals, von Georg Herwegh, mit diesem freundlichen Spruch begrüßt: Das sind die Kämpfer für Wahrheit und Licht! Ich sehe manch alten Bekannten – ich sehe auch manches Schafsgesicht und manchen Komödianten ... Die Außenpolitik stagniert. Nicht nur Doktor Stresemanns plötzliche ernste Erkrankung hemmt. Überall sterbende Kabinette, man hat keine rechte Lust mehr, etwas anzupacken. Einfallsreiche Köpfe sind auf den famosen Gedanken gekommen, Litauen für Polen »freizugeben« und als Gegenleistung dafür den Korridor zu verlangen. Man kann nicht etwas »freigeben«, was man nicht hat, der Einfall ist heller Wahnsinn und bezeichnend nur für gewisse Hirne, die vor Eintritt in den Völkerbund für Deutschland gleich das Protektorat für alle kleinen Nationen und gedrückten nationalen Minoritäten in Anspruch nahmen. Hoffentlich setzen die verantwortlichen außenpolitischen Stellen derartige Ratgeber glatt vor die Tür. Mögen in Berlin und Paris die Kabinette dahinsiechen – es gibt auch Regierungen, die nicht sterben. In Rom und Budapest sind solche. Der jetzt an der ungarischen Grenzstation Sankt Gotthard von österreichischen Zöllnern aufgedeckte Waffenschmuggel nach Ungarn zeigt aufs traurigste die europäische Situation auf. Mussolini beliefert Horthy mit Kriegsmaterial und Waffen, das ist der Sinn ihres Bündnisses. Vergeblich bemühten sich die christlich-sozialen Herren der Republik Österreich, aus einem internationalen Skandal eine kleine Affäre wegen falscher Deklaration zu machen – hoffentlich nimmt der arme Beamte, den der Zufall zum Finger Gottes erhoben hat, nicht Schaden an seiner Karriere – aber kein Seipel kann jetzt mehr vertuschen. Der Entschluß der Kleinen Entente, an den Völkerbund zu appellieren, mag erfolglos bleiben und in Beschwichtigungen erstickt werden, der Zustand wird doch endlich publik. Eine schändliche und gefährliche Geheimtuerei ist jäh zerblasen. Ungarn, eben von der Militärkontrolle befreit, rüstet. Ungarn, von einem großen englischen Zeitungskonzern in Szene gesetzt, von der englischen Regierung favorisiert, von Herrn Lloyd George schon mit Zusagen von der nächsten bedacht, hat unter den Augen der Großmächte ein Wehrsystem aufgezogen, das weit über seinen Stand und seine Mittel hinausgeht. Englands und Italiens Protektion haben seine Machthaber vor der offenen Anklage wegen Falschmünzerei bewahrt. Die echten Waffen ließen über falsches Geld und falsche Schwüre hinwegsehen. Ein großungarisches Königtum sollte die Belohnung sein für treuen Dienst in der Konterrevolution. Die Kleine Entente wird in Genf nicht viel erreichen. Aber daß plötzlich von der magyarischen Satansküche das Dach weggerissen worden ist und sie offen vor aller Augen liegt, ist unendlich wertvoll für die Zukunft. Die englische Politik hat eine Kontinentalschlacht verloren, Horthy ist einen Kilometer vor der Endstation entgleist. Die Weltbühne, 10. Januar 1928 753 Das Geschrei um Georges Blun Der berliner Herr von ›Le Journal‹ hat in seinem Blatt vom Silvestertreiben der Reichshauptstadt eine unfreundliche und offenbar ungerechte Schilderung entworfen. Unsre Zeitungen sind darüber sehr empört und fordern Repressalien. Wahrscheinlich weiß Herr Blun nicht, daß man in der Metropole außerhalb der hohen Politik keinen Karneval kennt und in der Silvesternacht dafür orgiastisch ausbricht. Herr Blun zeigt erstaunlich viel Humorlosigkeit; er glossiert das leichte Ereignis nur moralpolitisch. Ihn chokiert die pantagruelische Lebensfreude der Berliner, und er würde das Geld für die verschlungenen Pfannkuchen lieber aufs Reparationskonto abgeführt sehen. Er bemerkt auch mit Mißbilligung leicht bekleidete Damen, die den Männern auf der Straße die freimütigsten Angebote machen. Die berliner Presse sieht darin eine tödliche Kränkung unsrer Frauen und schreit nach Blut. Sollte man sich nicht besser über Herrn Bluns Zimperlichkeit lustig machen? Was die freimütigen Angebote betrifft, so wissen wir doch: das hängt halt von der Stimmung ab und auch davon, wer freimütig offeriert. So schrecklich sind die Berlinerinnen nun nicht. Wirklich, es ist Ihr Schade, Georges Blun! Doch dieser strenge Savonarola ist nebenbei Vorsitzender des Vereins der Auslandsjournalisten, und ein paar demokratische Blätter fordern jetzt seinen Hinauswurf. Das ist wieder sehr deutsch. Anderswo wäre es dem Sünder vielleicht ärger ergangen, nirgendwo komischer. In Amerika wäre er geteert und gefedert worden, in Italien hätte man ihn mit Ricinus behandelt, in England in einen Boxring geschleppt – doch in Deutschland schmeißt man jemanden aus einem Verein. Das ist für die Deutschen die Vision des Höllensturzes, der Inbegriff letzten Pariatums, Versetzung in die unterste Klasse der Menschheitszugehörigkeit. Er ist aus dem Verein geflogen, er ist nicht mehr organisiert – sein Fleisch gehört den Vögeln in der Luft, den Fischen im Wasser ... Daran beteiligten sich auch ein paar geschätzte Kollegen, deren jakobinische Radikalität sonst überhaupt nicht zu halten ist. Ach, auch in dem Freiheitsdurstendsten unsrer Mitbürger steckt ein geheimer Hausknecht verborgen, der expedieren will. Die Weltbühne, 10. Januar 1928 754 [Antworten] Justizverwaltung Du läßt durch deine Pressestelle eine Erklärung verbreiten: »In dem Bericht über die Gerichtsverhandlung gegen die Redakteure der ›Weltbühne‹, Salomon und v. Ossietzky, war in einem Teil der Presse dem Landgerichtsdirektor Crohne der Vorwurf gemacht worden, daß er einen ›Kriegsblinden‹, der einen Zwischenruf gemacht hatte, in einer rücksichtslosen Form aus dem Gerichtssaal verwiesen habe. Die Ermittelungen der Justizverwaltung haben ergeben, daß der Herausgewiesene ein junger Mann ist, der bei Beendigung des Krieges neun Jahre alt war. Sein Augenleiden rührt aus einer in frühester Kindheit erlittenen Scharlacherkrankung her, beschränkt seine Erwerbsfähigkeit nur um 10 v.H. und gestattet ihm, tagsüber sich ohne Begleitung und ohne Stock auf der Straße zu bewegen. Seine Nachbarn im Zuhörerraum hatten sich bereits durch seine früheren Zwischenbemerkungen belästigt gefühlt. Der Herausgewiesene selbst erklärt, daß er die von Landgerichtsdirektor Crohne gewählte Lösung als milde gegenüber der an sich verwirkten Ungebührstrafe empfunden habe.« Die Ermittlungen haben ergeben ... Was war denn zu ermitteln? Der Tatbestand war doch ganz klar: auf die wiederholte Aufforderung des Herrn Vorsitzenden, der Zwischenrufer möge sich melden, erhob sich endlich der Blinde und wurde mit dem schnell Büchmann-reifgewordenen »Raus damit!« dem Wachtmeister überantwortet. Dieser Hinauswurf hat die wirkliche oder vermeintliche Ungebühr gesühnt. Die Ermittlungen der Justizverwaltung verschieben das Thema. Nicht der Blinde steht zur Debatte, sondern Herr Crohne, dessen Form sein von niemandem bestrittenes Hausrecht wahrzunehmen, unerhört war, auch wenn der Missetäter auf beiden Augen gesehen hätte. Was die Öffentlichkeit von der Justizverwaltung erwartet hatte, war nicht Untersuchung, ob der Mann kriegsblind ist oder nicht, war nicht seine Krankengeschichte, sondern ein kleiner Wink an Herrn Crohne, seine Macht künftighin in Formen auszuüben, wie sie unter gesitteten Menschen üblich sind. Dabei entbehrt es nicht der Komik, daß zur Entlastung des Herrn Crohne jetzt die Meinung des Blinden selbst angeführt wird, er hätte die Hinausweisung gegenüber der verwirkten Ungebührstrafe selbst als »milde« empfunden. Hat er übrigens die Justizverwaltung autorisiert, von dieser doch wohl ganz privaten Äußerung öffentlich Gebrauch zu machen? Das wäre zu ermitteln. Ebenso, wer denn eigentlich die Nachbarn sind, die sich schon durch frühere Zwischenrufe von ihm belästigt gefühlt haben sollen. Ich könnte mit einwandfreien Zeugen aufwarten, die in der unmittelbaren Nähe des Blinden gesessen haben, daß er sich nicht nur mucksmäuschenstill verhalten hat, sondern die auch die Meinung vertreten, er habe auch den fraglichen Zwischenruf gar nicht getan, sondern sich nur dazu bekannt, um ein gespanntes Intermezzo zu beenden, das bei der kraftvollen Haltung des Richters Crohne höchst wahrscheinlich mit der Räumung der Zuhörerbänke geendet hätte. Das wäre zu ermitteln, wenn man schon ermitteln will. Aber es ist ja überflüssig. Denn der Tatbestand steht fest. Und auch Herr Crohne steht mit schmerzlicher Deutlichkeit im Lichte der Zeitgeschichte. Die Weltbühne, 10. Januar 1928 755 Cachin und Trotzki Es gibt kein trüberes Schauspiel, als wenn ein Parlament mit demokratischer Mehrheit sich selbst zum Instrument antidemokratischer Gewalten degradiert. Herr Barthou, der französische Justizminister, forderte von der Kammer die Auslieferung der kommunistischen Deputierten Cachin und Vaillant-Couturier zur Abbüßung einer Gefängnisstrafe. Die Parteiführer drehten und krümmten sich, auch Poincaré und den radikalen Ministern war dabei nicht wohl, doch Louis Barthou, der alte Bürgerblockspezialist, bestand auf seinem Schein. Es war auch eine wunderbare Gelegenheit, die Radikalen, die grade ihre tönenden Wahlkampfparolen memorieren, sich öffentlich kompromittieren zu lassen. Es gelang über die Maßen gut. Dabei darf zugegeben werden, daß die äußern Formen dieses parlamentarischen Dramas recht würdig waren. Poincaré zeigte sich gar nicht als vom Rotkoller besessener Ordnungshüter, sondern erkannte mit viel Noblesse die Qualitäten des Gegners an. Dieser Gegner war allerdings auch kein X-beliebiger, sondern Marcel Cachin, ein erfahrener, alter Politiker aus der Schule des großen Jaurès, der bedeutendste Kopf heute im nichtrussischen Kommunismus. Wie Albert Thomas oder Marcel Senbat gehörte er im Kriege zum patriotischen Flügel, bis man ihn 1918 mit Marius Moutet als Beobachter nach Moskau schickte. Moutet referierte unfreundlich, doch Cachin sprach für Lenin, für die Unterstützung der Bolschewiken. Der Konvertit wurde der eifrigste Verkünder der neuen Lehre. Daß Marcel Cachin nicht einfach eine radikale Maultrommel ist, sondern ein wirklicher, ein taktisch überlegener Führer, bewies er erneut in dem Verzicht, seinen Fall als agitatorisches Spektakelstück aufzuziehen. Wie leicht wäre es gewesen, mit einem Coup à la Daudet die Lacher auf seine Seite zu bringen oder eine jener Hinauswurfkomödien zu provozieren, wie sie in deutschen Parlamenten üblich sind. Er, der Verfolgte, das Opfer, verhinderte, daß ein törichtes Intermezzo zur Affäre wurde. Die Blamage klebt an dem einzigen Aufgeregten, dem einzigen Unhöflichen bei so viel Politesse auf allen Seiten, dem Herrn Justizminister Louis Barthou. Frankreich hat die Schrecken der Inflation durchgemacht, und da niemand der neuen Stabilität des Geldes recht trauen will, hat sich auch das Gemütsleben noch nicht konsolidiert. Die öffentliche Nervosität sucht nach immer neuen Objekten, sich zu entzünden. Früher war es die deutsche Gefahr, jetzt ist es die kommunistische. Das hat unter dem Bürgerblockregime zu einer Omnipotenz der Polizei geführt, die einmal abzubauen sehr schwer sein wird. Der Fall Cachin ist von Barthou und der politischen Polizei arrangiert und der Regierung wie der Kammer aufgenötigt worden. Die Kompromittierung der radikalen Partei, deren innere Zerfahrenheit so unbarmherzig aufgezeigt wurde, bedeutet für die Reaktion eine sehr erwünschte Nebenwirkung. »Da habt ihr eure liebe Demokratie!« rufen die Kommunisten hohnlachend und verweisen auf Frankreich. Gewiß, es geht den Kommunisten sehr schlecht. Sie sind überall für Polizei und Justiz Outlaws, Freiwild. Und in China, wo sie noch vor einem Jahre die Siegesfahnen hißten, werden sie wie Hunde erschlagen. Und ist ihnen selbst Rußland noch ein Refugium? Mag der Genosse noch so tapfer gekämpft haben, erlaubt er sich etwa eine bescheidene Abweichung von der vom Heiligen Synod der Dritten Internationalen zur Zeit als orthodox erklärten Lehre, läuft er in Gefahr, nach Sibirien, nach dem Weißen Meer, nach Astrachan verschickt zu werden. Wie Trotzki, Rakowski, Radek und die Andern. Ich möchte nicht mißverstanden werden: mir scheint Stalins Programm viel vernünftiger, viel wirklichkeitstreuer zu sein als das der Opposition. Käme Die jetzt ans Ruder, würde sie entweder das Selbe tun oder die U.S.S.R. ins Unglück kutschieren. Aber will Stalin mit Pobjedonozew wetteifern? Der Opposition fehlen alle Mittel, die Macht an sich zu reißen, ihr Einfluß reicht nicht weit, ihr Gefolge ist zahlenmäßig gering. Was sie verlangt, ist nicht mehr als das Recht zu kritisieren, ist das freie Wort. Das soll ein Verbannung rechtfertigendes Verbrechen sein? Brave Parteikommunisten, die seit zehn Jahren alles und jedes nachgebetet haben, was aus Moskau kam, sagen jetzt mit überlegen geschürzten Lippen: »Bürgerliche Sentiments, das ist eben Kollektivismus, daß der Führer ersten Ranges, wenn er nicht pariert, ebenso behandelt wird wie der einfache Arbeiter!« Ahnen die Kindsköpfe denn nicht, wie sehr sie damit einen Arbeiterstaat kompromittieren, wo man den »einfachen Arbeiter« so, so behandelt? Knebelung des Wortes, administrative Verschickung in Steppen, Eiswüsten und Pestgestank ... ist das eine Waffe gegen Genossen? Und es gibt auch ganz Schlaue, welche sagen: »Das versteht ihr nicht. Rußland darf nicht den Maßen des Westens unterworfen werden, es hat seine eignen Gesetze.« Das ist nicht neu. Das haben wir alles schon von den Henkern und Prügelmeistern des Zarismus gehört, wenn sie bei der verachteten westlichen Zivilisation Visite machten. Gewiß hat Rußland sein Eigentümliches und Unbegreifliches, wie jedes andre Land auch. Aber niemand kann mir einreden, daß Rußland ein eigner Kosmos sei, mit eignen Sonnen und Sternen, von andern Wesen bewohnt, infolgedessen mit andern Lust- und Schmerzgefühlen. Das bißchen Freiheitsgefühl in jeder atmenden Brust kennt auch der geschundenste Muschik, es ist allgemeines Teil der Menschheit und es in unterdrückten Klassen und Völkern neu geweckt zu haben, ist ja grade die historische Leistung der Moskauer. Stalin hat die Macht. Er ist gegen Trotzki und die Seinen sachlich wahrscheinlich sogar im Recht. Doch er gefährdet sein Recht, wenn er, wie der Großinquisitor, das, was nach Freiheit verlangt, lieber der Verwesung hingeben will. Er mag in seinem Kreml Sieger bleiben, draußen in der Welt wird er den Kürzern ziehen. Die in Moskau erstickte Parteiung wird in jeder kommunistischen Sektion auf dem ganzen Erdenrund aufflackern und die Genossen zerreißen. Wo der russische Agitator gestern noch von Gelben, Braunen, Schwarzen als Lichtbringer umjubelt wurde, wird er morgen nur ein Bote der Zwietracht, also der Ohnmacht sein. Etwas so angenehmes wie Stalins jäher Cäsarenwahn ist dem englischen Imperialismus seit Jahren nicht widerfahren. Die Weltbühne, 17. Januar 1928 756 Weingärtner \& Co. Die hübsche kleine Villa steht in der dahlemer Parkstraße, nicht weit vom Roseneck. Sie ist in jenem biedern Landhausstil gebaut, den die neue Architektur verdammt, und den wir aus den Fünfstockhäusern unbeirrt für das erträumte Zuhause halten. Dort im Grünen wohnten Weingärtner \& Co., dort produzierten und verhandelten sie ihre Ware. Herr Weingärtner selbst, in guten Zeiten Generalkonsul von Montenegro geworden, war ein seit Jahren nicht mehr glücklich agierender Kaufmann; Stammer, der Sozius und Verwandte, auch ein Mann, der viel versucht hatte, als Amateur der Chemie geschickt und wagemutig, nebenbei vom Erfindertic besessen. Dort im Keller wurden offiziell Cosmetica, Gesundheitstees und Lebenselixiere hergestellt, daneben auch ganz andre Dinge. Und das waren zuletzt wohl die einzigen, die was brachten. Am Sonntag, den 8. Januar, zur Stunde des Morgenkaffees, gab es plötzlich eine gewaltige Detonation, und die Hälfte des gemütlichen Zuhause nebst einer kleinen Garage flog in die Luft. Nachher fand man Stammer und sein Hausmädchen scheußlich deformiert unter den Trümmern. Der Herr Generalkonsul aber schrie durch den Garten: »O Gott, hat er denn wieder experimentiert!« Ja, er hatte wieder experimentiert, aber nicht mit einem Absud für Zahnpasta oder Laxiertee, sondern mit dem, was die Firma nährte. Das freundliche Haus am Grunewald verbarg Niedergang. Zum 15. Januar sollte ein Teil der Wohnung vermietet werden. Ein bürgerliches Drama von Größe und Niedergang, eine Episode aus jenem vagen Grenzland des Kapitalismus, wo es keine langsamen Übergänge mehr gibt, sondern jeder Schritt den Absturz bringen kann. Die Dramatiker der naturalistischen Zeit haben mit Vorliebe das geschminkte Grau solcher Milieus geschildert. Es gab da immer einen Gerichtstag, den Tag, wo die Masken fallen, die morschen Träger der Gesellschaft zusammenbrechen, und der still angesammelte Zündstoff Wohlstand und Reputation in die Luft sprengt. Zum Schluß verzehrt ein Feuerbrand das falsche Glück, arm, aber geläutert sitzen die Mitwirkenden am Wegrand und reden von der bessern Zukunft. Katharsis, die Reinigung. Hier überlebte die Lüge die Katastrophe. Schreiend rennt der Herr Generalkonsul durch den Garten, so, daß recht viele ihn hören: »O Gott, hat er denn wieder experimentiert!« Das Stichwort ist gefallen, der lange präparierte Text muß heraus. Nein, er wußte nicht, daß Explosivstoff im Hause war. Die zwei Familien wissen es auch nicht. Auch die Dienstboten nicht, die man auf der Bahre davonträgt. Das ist schrecklich: das Theater ist abgebrannt, aber die Leute spielen draußen ihre Rollen immer weiter. Jahrelang war dies Haus ein Pulvermagazin, und davon hat es gelebt. Oben: »Aber bitte, Herr Generaldirektor ...« – »Wie meinten gnädige Frau ...?« Unten hantierte Stammer derweilen mit Ekrasit. Man möchte doch wissen, wie alle die Leute nachts geschlafen haben. Die Weltbühne, 17. Januar 1928 757 Was hat Georges Blun geschrieben? Mein Freund Lucius Schierling hat im vorigen Heft der ›Weltbühne‹ die Erregung über Herrn Bluns Silvesterartikel im ›Journal‹ abfällig glossiert. Dabei war für den optimistischen Lucius die Voraussetzung, daß der von den Entrüstern herangezogene Text auch richtig gewesen sei. Angeblich lautete der inkriminierte Satz: »Die Frauen, trotz der Kälte leicht gekleidet, brüllten Zoten laut heraus und machten den Männern die freimütigsten Angebote.« In Wirklichkeit stand im ›Journal‹: »Die trotz der recht grimmigen Kälte kurz und leicht gekleideten Frauen lachten zu den etwas plumpen Anzüglichkeiten und zu den bewußt dreisten Witzen der Männer, die scharf hinter ihnen her waren. Und da nun in Deutschland in jener Nacht, die den Anbruch des neuen Jahres bedeutet, eine weitgehende Toleranz üblich ist, konnte man häufig Leute antreffen, die sich zwar nie im Leben gesehen hatten, aber noch und noch küßten, ohne daß irgend jemand daran Anstoß nahm.« Das ist immerhin ein Unterschied. Wichtiger als die Textkritik scheint mir trotzdem zu sein, daß man sofort gegen Herrn Bluns Vorstandsamt im Verein der Auslandsjournalisten getrommelt hat, vom Verein seine Absägung gefordert hat. Das hätte nicht sein dürfen. Was der Journalist in Ausübung seines Berufes für sein Blatt schreibt, geht eine in Gesinnungsdingen neutrale Berufsorganisation nichts an. Ob seine Artikel richtig oder falsch sind, nützlich oder schädlich wirken, geht seinen Verein nichts an und deswegen kann er nicht diszipliniert werden. Und in was für eine krumme Situation kämen erst die Vertreter fremder Blätter, ob sie nun in Berlin, Paris, Moskau oder Timbuktu sitzen! Sie wären ständig unter Zensur, sie wären gezwungen, »günstig« zu schreiben, weil sie sonst nicht gelitten würden. Welch tolle Konsequenz! Wie viele Zeitungen aller Zungen bringen nicht seit hundert Jahren schaurige Schilderungen über das »Sündenbabel Paris«? Die Offensive gegen Herrn Blun war patriotisch, aber sehr unklug. Die Weltbühne, 17. Januar 1928 758 Das glückhaft Schiff von Kiel Wenn man nicht wüßte, daß der General Groener ein breites süddeutsches Temperament wäre, jovial bei sehr viel Berechnung, ehrgeizig aber mit Bonhommie fein abgetönt, rücksichtslos genug, um gehörig anzuecken, aber doch diplomatisch genug, um, mit der einen Seite verkracht, sogleich der Held der andern zu werden, ein Stratege der guten Rückendeckung – – wenn man das nicht wüßte, würde man wohl geneigt sein zu sagen: »Ärmster, lieber in die sizilianischen Schwefelgruben, denn als Minister in die Bendlerstraße einziehn!« Es erübrigt sich, die letzten großen Stationen eines so wohlbekannten Lebenslaufes aufzuzählen. Die Ereignisse zeigen einen vielwendigen Mann, der den kecken Vorstoß nicht scheut, doch stets auf schnelle Kompensationen bedacht bleibt. Die Gewerkschaften bringen ihm im Kriege mehr Vertrauen entgegen, als irgend einem andern; die Schwerindustrie unterminiert seine Stellung. Aber grade jetzt vor zehn Jahren schleudert er den streikenden Munitionsarbeitern einen Satz entgegen, der wie ein Peitschenhieb knallt. Als Ludendorffs Nachfolger eben vor Torschluß gibt er dem ohnmächtigen Kriegsherrn brüsk den Ratschlag, sofort die Armee zu verlassen; verhindert damit den Bürgerkrieg, um ihn ein wenig später durch den Geheimvertrag mit Ebert erst recht zu entfesseln. Der gleiche Mann, der die Dynastie über die Grenze schiebt, mobilisiert auch die Konterrevolution. Noch im Dezember Achtzehn, in diesem tragischen Monat des Hungers, der Unordnung, der letzten Erschöpfung, will er den Volksbeauftragten die Erlaubnis ablisten, mit den Trümmern des Heeres gen Ostland zu reiten, um Posen wiederzuholen. Doch als ein halbes Jahr später, am Vorabend von Versailles, Offiziersemeute droht, weiß Erzberger keinen Bessern als ihn, um den Herren einzupauken, daß Widerstand Wahnsinn wäre. Widerspruch über Widerspruch vereint in der kraftvollen Physis eines glänzend begabten schwäbischen Plebejers, den die Geschichte eigens geschaffen zu haben scheint, um zu beweisen, daß die Zeit der geschnürten wilhelminischen Hofgenerale mit ihren vermoderten politischen Ansprüchen und Ehrgeizen zu Ende. Jetzt steht er vor Otto Geßlers hinterlassenem Kompost. Kein Verständiger wird erwarten, daß er den in einem Tage fortschaufelt. Aber für ihn gilt nicht, wie für seine beiden Vorgänger, die Ausrede, daß er ein Außenseiter sei und sich erst ins Milieu einleben müsse. Der kann, wenn er will. Und ob und wie er will, wird sich bald zeigen. Ein Groener kennt den Bau, dem können die Ministerialoffiziere nicht mit »technischen Bedenken« kommen. Vor diesem in allen Zweigen des Handwerks Geübten muß das Augurenlächeln der Schleicher erstarren. Und nun bleibt nur noch übrig, den großen Demoblättern zu gratulieren, daß es ihnen endlich gelungen ist, ihren Favoriten ... nein, daß man ausgerechnet ihren Favoriten für das gefährlichste Ressort ins Rechtskabinett geholt hat. Eine kalte Douche für die Wahlparolen. Vergeblich stellen die Herren sich heute unbeteiligt und sagen weise: »Wir müssen erst mal sehn, wie er sich entwickelt.« Als Wilhelm Groener vor zwei Monaten sechzig Jahre alt wurde, erstickte er fast unter demokratischen Blumensträußen. Findet er es richtig, vor den Wahlen überhaupt nichts mehr zu tun, um sich nirgends zu binden, ist die ganze Agitation der Linken vermasselt. Akklimatisiert er sich dagegen in seiner neuen Umgebung, kann Herr Marx zu allen Beschwerden sanft abwimmelnd sagen: »Bitte schön, meine Herren, Ihr Mann, Ihrer ...« Die Republikaner gehn an sehr kurzer Leine in den Wahlkampf.   Was ist eigentlich mit dem mysteriösen Munitionsschiff los, das neulich in Kiel von pflichttreuen Zöllnern angehalten wurde? Wie ein Fliegender Holländer spukte es durch ein paar nicht sonderlich überredende amtliche Erklärungen. Bekannt ist bisher, daß das norwegische Schiff »Akka« mit 300 Tonnen Gewehren und Gewehrmunition in Kiel festgehalten wurde. Die Waffen sollen als Metallschrott aus Torgau gekommen sein. Diese Herkunft wird bezweifelt, ebenso ist das Ziel nicht bekannt. Eine sehr dunkle Geschichte. In parlamentarischen Kreisen zerbricht man sich heftig den Kopf darüber. Gerüchte fliegen hin und her, Informierte machen mit gesenkten Mundwinkeln triste Andeutungen. Faßt man zusammen, was gesagt wird, so ergibt sich etwa dies Bild: während wir das konfiszierte Schiff noch fest an der Kette glauben, ist es, allen Bräuchen von Polizei und Zollbehörden zuwider, bereits seit einigen Tagen freigegeben und schwimmt mit seiner Ladung dem unbekannten Ziel entgegen. Meeresstille und glückliche Fahrt. Aber kehren wir aufs Trockene zurück. Als das Schiff von den kieler Zöllnern angehalten wurde, hatte sich durch die erste Untersuchung der dortigen Polizei herausgestellt, daß ein Marineleutnant Protze, der Leiter der Spionageabwehrstelle der Marinestation der Ostsee, in irgendeiner Verbindung dazu stand. In den Akten der Politischen Polizei wurde Herr Protze als schlichter Privatmann geführt, erst als er vernommen werden sollte, stellte sich heraus, daß er noch aktiver Offizier ist und zurzeit bei der Marinebehörde in Berlin. Es ist hier in der ›Weltbühne‹ vor Monaten schon berichtet worden, daß Herr Protze jener Offizier war, der vor dem Hitlerputsch mit Herrn Canaris und einem Korvettenkapitän a.D. Götting ansehnliche Waffenbestände aus den Marinedepots ins Ausland bugsiert hat, um mit dem Erlös die schwarzen Fonds zu stärken. Darüber liegen polizeiliche Vernehmungsprotokolle vor. (›Weltbühne‹ 1927, Nummer 34.) Zur völligen Aufklärung dieses unerquicklichen Sachverhalts ist bisher herzlich wenig geschehen. Die Herren Abgeordneten sind zwar außer sich – aber man weiß aus frühern Erfahrungen die Grenze, die sie nicht überschreiten. Und wie steht es mit der Untersuchung durch die Organe des Staates? Die Antwort lautet nicht ermunternd, obgleich die Untersuchung in den Händen der Politischen Polizei in Berlin liegt, die bei andern Gelegenheiten viel Initiative bewiesen hat. Allerdings ist diese Sache einem politisch rechtsstehenden Herrn anvertraut worden, der gewiß keine vaterländischen Gefühle verletzen wird. Zum Überfluß hat jetzt auch noch die kieler Staatsanwaltschaft die Akten okkupiert, aber es sieht nach allem nicht so aus, als ob sie tief genug loten wird. Praktisch bedeutet ihre Einmischung wohl kaum mehr als Vertagung ad calendas graecas. Liegt dieser Fall schon reichlich im Düstern, so ist ein zweiter kaum richtig bekannt geworden. Nur durch wenige Blätter ist die Mitteilung gegangen, daß erst vor Kurzem in Tampico, dem großen mexikanischen Ölhafen, ein Dampfer von den Zollbehörden festgehalten worden ist, weil er von oben bis unten mit Kriegsmaterial befrachtet war. Es handelt sich um den Dampfer »Schleswig-Holstein«, der Ocean-Reederei Flensburg gehörig. Er liegt sagenumwoben in Tampico an der Kette, und niemand bekennt sich dazu.   Auch unsre öffentliche Meinung liegt unglücklicherweise an der Kette. Wozu die Geheimtuerei? Sie ist die fatalste Errungenschaft der Ära Geßler, und hat dem Vertrauen zu amtlichen Erklärungen eine Katastrophe nach der andern bereitet. Die Geschichte der Reichswehr besteht aus einer Kette von Mysteriosa, die es nur für die deutschen Staatsbürger waren. Wir sind jetzt an einem Wendepunkt, könnten es wenigstens sein. Man pflegt das Haus zu lüften, wenn Einer ausgezogen ist. Jeder Vernünftige weiß, daß alle militärischen Heimlichkeiten grober Unfug sind und stets nur geschadet haben. Es ist von unsrer tapfern Marine gewiß aller Ehren wert, wenn sie versucht, die verflimmerten Millionen auf anderm Wege wieder hereinzubringen. Ihre Betriebsamkeit, ihre kommerziellen Talente sind nicht mehr zu bezweifeln. Unser Neptun führt keinen Dreizack, sondern die Couponschere. Man kann es als Pazifist sogar nützlich finden, wenn sie ihr Pulver an alle gelben und braunen Revolutionen und Reaktionen der Welt verscherft, anstatt es in näherliegenden Zonen zu verknallen. Aber mag das Geschäft finanziell noch so lukrativ sein, politisch zahlen wir am Ende doch die Kosten, so wie wir bisher für jede Dummheit mit Wucherzinsen heimzahlen mußten. Mehr als je hat der Reichstag es heute in der Hand, volle Klarheit zu fordern und auch zu erlangen. Manche Bedenken, manche Vorurteile, die vor Jahresfrist noch turmhoch schienen, sind nicht mehr. Mindestens in den republikanischen Parteien hat man heute begriffen, daß gewisse Dinge, die angeblich den Interessen der Wehrmacht dienen sollten und deshalb großmütig übersehen wurden, in Wahrheit nur geheimen Umsturzplänen förderlich waren und auch nur zu diesem Zwecke geschehen sind. Deshalb heraus mit der Sprache! Deshalb endlich die Wahrheit über das kieler Glücksschiff und am besten auch gleich über das andre in Tampico. Was ist an diesen Gerüchten? Wo kam die Ladung her? Zuerst hieß es, es handle sich um eine tschechische Waffenschiebung. Doch dann wurde gleich die Vermutung ausgesprochen, daß es schwarze Bestände wären und China das Ziel. Stimmt es, daß das Schiff, trotzdem seine Fracht verdächtig genug war, wieder freigegeben worden ist? Und auf wessen Intervention? Das wäre klipp und klar zu beantworten.   Und nun wollen wir den Daumen drücken, daß der Herr Oberreichsanwalt nicht die pflichttreuen kieler Zöllner wegen Landesverrats einbuchtet. Die Weltbühne, 24. Januar 1928 759 Die Pfaffengasse Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht – seufzte einst der verpönte rheinische Jude und mangelhafte deutsche Patriot Heinrich Heine. Auch Monsieur Bazille, den erkorenen Staatspräsidenten von Württemberg, drückt der Alb, wenn er nicht an Deutschland, sondern an das von ihm gepflegte Ländle denkt. Er bangt um Schwabens Eigenstaatlichkeit, ja, bei dem bloßen Wort »Einheitsstaat« hört er schon im schwäbischen Dachfirst die Funken knistern, die den nächsten Weltbrand entfachen werden. »Sollte dieser Weg (zum Einheitsstaat) beschritten werden, so wird eine unmittelbare Gefahr für den Bestand des Reiches heraufbeschworen. Denn nichts ist irriger und gefährlicher, als die Meinung, die Länder würden sich schließlich in ihr unvermeidliches Schicksal fügen. So wie die Dinge in Europa liegen, kann dieses Spiel mit dem Feuer den ganzen Kontinent in Brand stecken.« So weit Monsieur mit echt gallischem Temperament. Das ist in der republikanischen Presse sehr unfreundlich kommentiert worden. Fast am selben Tage konnte man noch viel heftigere Bemerkungen zu dem so eruptiv beendeten kölner Limbourgprozeß lesen. Entgangen ist den eifernden Glossatoren jedoch, daß Monsieur so ziemlich auf dem gleichen Wege karrt wie die Brüder Limbourg, daß der Vergleich beider Fälle durchaus angebracht ist, weil die Bazilles wie die Limbourgs bestimmt werden durch einen rasend gewordenen Provinzialismus, der die freundlichen Laren des heimischen Herdes mit den lenkenden Geistern des Erdkreises verwechselt. Die kölner Kammer hat wieder mal etwas eilfertig Weltgeschichte analysiert. Seit die deutschen Gerichte juristisch immer weniger hergeben, tun sie sich mit Vorliebe als historisch-politische Kollegien auf. Wir sind nicht verbohrte Patriotarden, brauchen deshalb auch den Bazilles und Limbourgs nicht ernste und ehrenhafte Motive abzusprechen, Motive, über die sich diskutieren läßt. Was wissen wir zum Beispiel vom rheinischen Separatismus 1919 bis 1923? Wo hätte man bisher in untendenziöses dokumentarisches Material Einblick nehmen können? Wir haben durch alle die Jahre das Projekt der Dorten, Matthes und Smets, die selbständige Rheinlandrepublik, abgelehnt. Aber zur objektiven persönlichen und politischen Beurteilung dieser Männer wissen wir rein gar nichts. Sie haben mit Deutschland va banque gespielt? Wer hat es nicht getan zwischen Compiègne und Locarno? Wer hat damals immer Kopf und Nerven beherrscht? Wir haben Cuno, Hermes, Havenstein, Kahr, Lossow und viele, viele andre Bodenseereiter erlebt und erlitten. Und wir kennen sehr solide linke Parlamentarier, die rappelköpfig geworden sind, als die Wasser hoch gingen. Erinnern wir uns recht, geruhten kurz vor der Unterzeichnung des Friedensvertrages selbst der Vorsichtigste der Vorsichtigen, Exzellenz Bernhard Dernburg, mit der Verhängung des Bolschewismus über Deutschland zu drohen, damit die Franzosen nichts haben sollten – was sicherlich sehr komisch geworden wäre, dieser Bolschewismus mit Sowjets, Proletkult und Tscheka, alles von Exzellenz Dernburg eigenhändigst entworfen. Es ist vielleicht zu hart, an den einmaligen Raptus eines sonst so ordentlichen Bürgers zu erinnern, namentlich, wo jetzt seine Schreibmaschine weit weniger laut klappert als früher. Aber es soll nur gezeigt werden, wie desperat es damals selbst bei den Ganzkorrekten ausgesehen hat. In den Prozeßberichten liest man, daß Joseph Limbourg Großgrundbesitzer und Großagrarier sei, und das klingt wie mißbilligend, selbst in Zeitungen, die sonst nicht proletarisch-klassenkämpferisch gerichtet sind und die Embleme des Kapitalismus nicht als Anstößigkeiten empfinden. Aber richtig ist, daß die rheinische Reichsflucht damals vornehmlich Sache der besitzenden Schichten war, die zitterten, in ein etwaiges deutsches Débâcle hineingezogen zu werden. Richtiger noch, daß es zwei Separatismen gab: einen französisch orientierten (Dorten), dem die niemals erloschene rheinische Preußenfresserei zu Hilfe kam, und einen englisch orientierten, der sich auf das kölner Geldpatriziat und die Industrie stützte, im Gegensatz zu ersterem sich sehr still verhielt und statt der Rheinischen Republik nur bundesstaatliche Stellung des Rheinlandes im Reich zu wünschen vorgab, wobei Englands Gunst erhofft wurde. Dazwischen wimmelte die Klerisei, von einem neuen katholischen Staat träumend. Schließlich war man nicht umsonst in der historischen Pfaffengasse. So mancher Zentrumspolitiker von der heutigen rechten, wieder ganz nationalistischen Ecke dröhnte damals in kleinen ländlichen Versammlungssälen Lob und Preis der heiligen Rheinlandfahne. Und weit über dem Gehudel die großen, aber stummen Rollen: die Adenauer, Louis Hagen etcetera. Schließlich sah man auch in Berlin keine andre Möglichkeit mehr als die »Versackung«. Daß es nicht so gekommen ist, daran sind nicht die hochpatriotischen Versacker schuld. In einem jener großen unberechenbaren Verzweiflungsausbrüche von 1923, die hier hitlerisch, dort rot waren, erhob sich die Straße, erhob sich das durch das Elend und die Schikanen der Okkupation zur Verzweiflung gebrachte Proletariat und zertrampelte den Separatismus. Und über dem leichenbedeckten Feld erschienen die Herren Versacker mit ihren diversen schwarzweißroten und schwarzrotgoldnen Fahnen, erklärten das Vaterland gerettet und sprachen fürder nicht mehr vom Versackenlassen. Wenn man sich das vor Augen hält, versteht man auch, wie Joseph Limbourg, der doch so leicht zu überführen war, überhaupt wagen konnte, die Gerichte anzurufen. Jeder Zeitungsleser wird den Kopf geschüttelt haben. Herr Limbourg wollte sich eben nicht allein Separatist und Sonderbündler schelten lassen; nach seiner Meinung waren die andern nicht besser als er. Er übersah nur, daß er falsche Couleur getragen hatte. Strafbar sind bei uns nur Sympathien für Frankreich. Ich glaube, man kann in London halb Deutschland zum Kauf anbieten, und kein Reichsanwalt wird sich einmischen. So verlor Limbourg nicht nur sein Spiel, sondern das kölner Weltgericht bestätigte auch seinen Gegnern ausdrücklich, daß sie gut vaterländisch gehandelt hätten. Und wenn der Herr Vorsitzende in seinem Schlußwort gar betonte, daß Ende 1918 und Anfang 1919 die »Verhältnisse in der Reichshauptstadt sehr unsicher waren«, so öffnete er, ohne zu wollen, die letzte Herzkammer seiner gut vaterländischen Männer. »Die unsichern Verhältnisse in der Reichshauptstadt« – die hätten sich sehr leicht aus einer roten Regierung ergeben können oder einer, die Herr Louis Hagen so genannt hätte. Das war keine Sonderbündelei, findet das Gericht, den Gedanken eines Rheinlandstaates, »natürlich im Rahmen des Reiches« erwogen zu haben. Natürlich? Verehrtes kölner Weltgericht, das ist in seiner Harmlosigkeit weder Politik noch Geschichte, das sind doch kölsche Krätzche. Was wäre wohl geschehen, wenn Herr Adenauer eines Tages die Verhältnisse »so unsicher« gefunden hätte, um sich noch zur selbigen Stunde unter dem Jubel von Tünnes und Schäl als Präsident des neuen Bundesstaates vorzustellen? Wie lange wäre dieser Bundesstaat, von Engländern und Franzosen besetzt, wohl »im Rahmen des Reiches« verblieben? Ein ehrlicher Mann wie Hellmuth von Gerlach muß sich noch heute von der den Herren Versackern nahestehenden Presse ankläffen lassen, weil es ihm 1918 nicht gelang, das bereits verlorene Posen zu halten. Wie würde wohl heute das Urteil über die Adenauer, Hagen oder Jarres ausfallen, wenn etwa die Ereignisse damals über sie hinweggegangen wären? Wäre das nicht der Anfang vom Ende Deutschlands gewesen und im Effekt das selbe wie die rheinische Republik der Separatisten? Wo ist der Unterschied zwischen Dorten und den Versackern? So wäre das Gericht zu befragen. Aber ein Gericht antwortet nicht, es urteilt nur. Joseph Limbourgs Klage war herzlich naiv. Er ist bloßgestellt, die Andern sind dekoriert. Aber wer die Aussagen der gegen ihn bekundenden Zeugen nicht für kanonische Texte nimmt, wird finden, daß eigentlich noch recht wenig geklärt ist und daß aus Akten und Memoiren in späterer Zeit erst wird festgestellt werden können, was wirklich gewesen ist, und ob es zum Beispiel stimmt, daß zwei heute wieder ganz intakte Patrioten sich von Herrn Poincaré mit den Worten verabschiedet haben: »Wir kommen wieder!« Es ist damals viel gemanscht und gemuddelt worden; am besten ist, den Mantel der Liebe drüber zu decken. Und wieder sagt der gute Rheinländer Heinrich Heine: – es heißt am Rhein: auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein.   Die Etatsdebatte im Reichstag hat ein recht lustiges Bild gezeigt: da jeder weiß, daß diesem Parlament bald die letzte Stunde schlägt und Opposition gegen dies Jammerkabinett populär ist, machte alles wie auf Verabredung Opposition. Stresemanns Partei ließ durch ihren linkesten Mann, Herrn Cremer, scharfe Attacke reiten, der gesetzte Zentrumsführer Herr von Guérard, kein leichter Spaßvogel, in der Tat, quälte sich ein paar Gutturaltöne wahrhaft republikanischer Demagogie ab. Im Zentrum selbst lamentieren Stegerwald und Imbusch gegen Vater Marx. Und zum Überfluß erhebt die Deutsche Volkspartei, eingedenk plötzlich ihrer tausend Mal verratenen und verschacherten liberalen Tradition, wegen des Schulgesetzes einen Höllenlärm gegen das Zentrum. Sauve qui peut. Alles flüchtet in die Opposition. Das wäre alles schön und gut, wenn die Linke nicht die Herren von Guérard und Stegerwald über Gebühr tragisch nähme. Man hält die Kampfspiele für bittern Ernst und sieht nicht, daß aus Vater Marxens Theaterwunden Himbeersaft tropft. Man glaubt steif und fest an eine linke Kehrtwendung des Zentrums. Was aber wird geschehen, wenn das Zentrum sein Schulgesetz in diesem Reichstag nicht mehr durchbringt? Wer glaubt, das Zentrum würde sein klerikales Programm preisgeben, um nach den Wahlen entklerikalisiert, gut liberal in ein Kabinett der Großen Koalition zu gehen? Der gegenwärtige römische Kurs sieht nicht sehr nach Liberalismus aus, und die jähe linksradikale Meuterei des Herrn Imbusch wird die päpstliche Kurie nicht zum Verzicht bewegen. Der neue Fürstprimas von Ungarn, Kardinal Seredi, hat vor ein paar Tagen dem Häuptling der österreichischen Monarchisten, dem Obersten Wolff, seine besten Grüße übermittelt: »Möge es den österreichischen Legitimisten unter Ihrer Führung und den ungarischen unter der Führung des Grafen Apponyi bald gelingen, eine Plattform zu finden, wobei jeder Klassen- und Rassenhaß ausgeschlossen erscheint. An der unverbrüchlichen Treue zur angestammten Dynastie und in dem Festhalten an der noch zu Recht bestehenden Pragmatischen Sanktion liegt einzig und allein Österreichs Zukunft begründet.« Die Erwähnung der Pragmatischen Sanktion mag eine Verbeugung vor der besondern Geistesart dieses Ungarn sein, aber daß ein junger geschmeidiger Prälat und erlesener Favorit des Vatikans gleich bis auf Maria Theresia zurückgeht, erscheint doch ziemlich kräftig. Wahrscheinlich wird der Heilige Vater diplomatisch genug sein, dem deutschen Volke nicht gleich die Beschlüsse des Konzils von Konstanz als politisches Glaubensbekenntnis abzufordern, aber wer Ohren hat, sollte hören, woher der Wind pfeift. Die Zeit, wo katholische Parteien im Interesse der Kirche mit allerlei Jakobinergezücht zusammengehen durften, ist vorbei. Der Freiheitsbaum steht entblättert und wird bald Holz hergeben müssen für Scheiterhaufen. Auch der Weg der Großen Koalition führt durch die Pfaffengasse. Wollen die Demokraten, die Sozialisten gar, den Schwarzen Gesellschaft leisten? Wenn die Oppositionsparteien nicht den letzten Kredit verlieren wollen, müssen sie auf Klarheit dringen. Mit dem Zentrum zusammen Wahlkampf gegen Rechts und nachher wieder ihm dienend, seine Geschäfte besorgend, das geht nicht. Die Stimmung ist heute für Links. Desto ärger wird später die Enttäuschung sein. Die Weltbühne, 31. Januar 1928 760 Kehraus Wenn man den republikanischen Parteien glauben will, steht ihnen ein Sieg bevor, wie in Deutschland noch keiner gebacken wurde. Das Getöse ist heftig genug, aber das ist in Wahlzeiten immer so und besser als Mangel an Bewegung. Wir möchten auch beileibe nicht den prachtvollen Elan bekritteln, möchten uns nicht mokieren, wenn sich in der Hitze des Gefechtes etwa ein Löwenfell verschiebt und ein ganz anders geartetes Wesen blicken läßt. Der Ausgang des Wahlkampfes ist wenig zweifelhaft, die Rechte wird ein paar Federn lassen müssen, und die Deutschnationalen werden zum ersten Mal das Risiko der süßen Gefahr des Regierens kennen lernen. Aber das hindert uns nicht, wieder und wieder die Herren von der Linken zu fragen: Was dann –? Es ist heute nicht so schwer, die Deutschnationalen gepantscht nach Haus zu schicken, aber es handelt sich nicht darum zu siegen schlechthin, sondern für bestimmte Ziele zu siegen. Und hierauf weiß der prächtige Elan der Kombattanten von dem kaum zu haltenden republikanischen Heißsporn von Guérard bis zu dem erprobten Torstürmer Rudolf Breitscheid keine rechte Antwort. Wenn nicht die gemunkelten Ministerlisten der Großen Koalition eine Antwort sein sollen. Gemeinhin gruppieren sich Wahlkämpfe um Führergestalten. Man mag Lloyd George oder MacDonald bejubeln oder verwünschen, zweifellos sind sie werbekräftige Persönlichkeiten, Menschen, um die man sich raufen kann, Signum ihrer Sache. Bei unsern verehrten Linksparteien aber dominieren Zentralbureaus und nicht Führer. Und es ist kein Trost, daß es rechts nicht besser steht und die Deutschnationalen nicht den mit der natürlichen Grazie eines Holzpferdes versehenen Herrn von Keudell in die Arena schicken können. Wie sich die zentralen Instanzen der Linken den kommenden Bastillensturm vorstellen, bewies in unüberbietbarer Schlagkraft die Nachricht, daß, zum Beispiel, die Sozialdemokratie ernsthaft plane, Gustav Noske an die Spitze einer Liste zu stellen. Das nennt man republikanische Renaissance, nicht wahr? Über die Gräber der Gemordeten und über die Racheschwüre ist Gras gewachsen. Man kann es versuchen. Also los. Wollte man aber die Herren Obergenossen fragen, welcher blaue Teufel ihnen eigentlich die Vorstellung einer Kandidatur Noske eingeblasen habe und ob sie denn nicht wüßten, daß dieser alte Held auch für die Masse der eignen Anhänger bête noire sei, so würden sie vermutlich entgegnen: »Grade deshalb!« Denn man muß den Massen die Selbständigkeit austreiben, sie müssen sich gewöhnen, ob es mundet oder nicht, die schwarze Suppe zu löffeln, die der allmächtige und allwissende Vorstand ihnen vorsetzt. In diesen Tagen hat den aufmerksamen Republikaner die kleine Nachricht erfrischt, daß sich die sogenannten Altsozialisten sächsischer Herkunft nun endgültig mit Stahlhelm und Hakenkreuz und der ganzen andern Nationaille zusammengetan haben. Es ist noch gar nicht so lange her, da pflegte ein auch sonst rühmlich bekanntes Mitglied des Parteivorstandes sächsische Genossen abzukanzeln: »Nicht ihr, die Andern (nämlich die Heldt und Buck), das sind die richtigen Sozialdemokraten!« Hoffentlich fragen die guten Sachsen diesen scharfsinnigen Präzeptor einmal, ob er auch jetzt noch dieser Meinung sei. Den Veteranen der Instinktlosigkeit im Parteivorstand muß man schon mit dem Hakenkreuz kommen, um ihre politische Witterung etwas aufzukitzeln. Immerhin ist die Sozialdemokratie eine konsolidierte Partei; ihre Wähler werden auch die schwärzesten Suppen löffeln, die Demopartei dagegen hat mit zartem Konstitutionen zu rechnen. Grade diese Partei hat heute noch immer viel zu verteidigen, nicht ein paar Mandate mehr oder weniger, sondern die nackte Existenz. Wenn eine Partei Ursache hat, den Kampf mit dem Messer zwischen den Zähnen zu führen, so die. Wenn man die Herren reden hört, so nimmt sich das, gemessen an früher, allerdings wie eine Art Amoklauf aus. Aber wie kompromißlerisch, wie wenig der propagandistisch günstigen Situation entsprechend ist das Handeln. Aus dem noch immer leidlich fetten Humus von Potsdam II hat man jetzt den alten Herrn Dernburg herausgeholt und in die magere Topferde der Reichsliste verpflanzt, um für den Herrn Staatssekretär a.D. Oscar Meyer Platz zu machen. Wir haben vor acht Tagen hier einige Unfreundlichkeiten gegen Bernhard Dernburg gesagt, um ein notgedrungenes Beispiel zu illustrieren. Aber welch ein Gigant, welch ein Heros, welch ein Tempelritter der Demokratie ist der alte Herr Dernburg neben dem geschmeidigen Herrn Oscar Meyer, dem Syndikus der Handelskammer, einem Vertreter des schalsten Börsenliberalismus! Wahrscheinlich werden Herr Oscar Meyer und die Burgstraße nicht unerkenntlich sein für den prominenten Platz. Aber was hat die Partei davon außer ein paar blanken Zechinen? Glaubt man wirklich, daß Herr Oscar Meyer so anziehend wirkt? Wenn die Demopartei hier in Berlin überhaupt prosperieren will, muß sie die besten, die schärfsten, die radikalsten Köpfe präsentieren. Statt dessen offeriert sie einen schwunglosen Interessenvertreter, der in der Partei selbst in der rechtesten Ecke wohnt und eifriges Mitglied jener traurig bekannten Liberalen Vereinigung ist, die noch einmal die Totenglocke der bürgerlichen Demokratie in Deutschland läuten wird. Erinnert man sich nicht mehr, daß dieser Erzdemokrat unter jenem Aufruf der Liberalen Vereinigung stand, der ein paar Tage vor der Volksabstimmung über die Fürstengelder herauskam und, ganz im Sinne der Monarchisten, Stimmenthaltung, also Sabotage, also Denunziation der Votierenden, anriet? Herr Meyer hat damals bestritten, seine Unterschrift hergegeben zu haben. Eine dünne Ausrede, und deshalb sei hier nochmals gefragt, ob die Unterschrift mit Zustimmung oder ohne Wissen des Herrn Spitzenkandidaten für Potsdam II unter das skandalöse Manifest geraten ist. Es dürfte auch einige zehntausend Demokraten interessieren, ob der Mann, den sie wählen sollen, in sein weites Herz nicht nur die Börse, sondern auch die Fürstentresors eingeschlossen hat. Zu Herrn Oscar Meyers Erhöhung paßt vortrefflich die Abschiebung der Frau Lüders von Berlin nach Potsdam an weniger aussichtsvolle Stelle. Also hat Herr Merten disponiert, die Koryphäe des mumifiziertesten Kommunalfreisinns, der seine historische Aufgabe dahin begriffen hat, den jungen Leuten von heute zu demonstrieren, warum das liberale Bürgertum so entsetzlich auf den Hund kommen mußte. Die Frau Abgeordnete Lüders ist nämlich für das Gemeindebestimmungsrecht eingetreten, davon erwartete Herr Merten üble Rückwirkungen auf den – milde gesagt – gewerbetreibenden Mittelstand. So wurde Frau Lüders strafversetzt, um die hochwogende Kampfstimmung nicht zu dämpfen. Ein paar Stimmen von Alkoholinteressenten sind eben mehr wert als eine Abgeordnete, die sich in sozialen Dingen immer recht fortschrittlich gezeigt hat. In Sachsen kandidiert dafür an erstem Platz Herr Brodauf, der Verteidiger der Todesstrafe. Zehn Tage vor den Wahlen wird aber das fällige »Kulturprogramm« veröffentlicht werden, der bekannte »Appell an die geistigen Arbeiter«; die belesene Gertrud Bäumer sprüht dazu Humboldtzitate. Die Ausführung liegt in den Händen von Merten und Oscar Meyer, in der Alliance von Stumpfheit und Pfiffigkeit, von Geistlosigkeit und Geld.   Herr Stresemann hat gesprochen, Herr Briand hat gesprochen, und ihre journalistischen Schriftgelehrten setzen die Auslegung der Texte fort. Darf man so fein wägen, was die beiden Herren, schon von der Wahlschlacht umbrandet, gesagt haben? Beide pflegen ja auch unter günstigern Bedingungen nicht sehr festlegend zu sprechen. Es waren Schlußreden, Abschiedsworte an die Zeit nach Locarno, mit unverbindlichen Ausblicken. Erst wenn die beiden Parlamente neu gewählt sind ... Und übrigens können die beiden Herren sehr viel und auch sehr anders. Abwarten. Trotzdem ist zu bedauern, daß die französische Außenpolitik grade jetzt feiern muß. Denn die pariser Passivität kommt dem englischen Kabinett sehr zu gute, das sich heftig gegen Wahlen in diesem Jahr sträubt, neuerdings einen recht erholten Eindruck macht und eine starke äußere Aktivität entfaltet, um möglichst viel sichere Tatsachen zu schaffen und die Erben möglichst an die alte Route zu binden. Man spürt die neue Lebendigkeit der englischen Politik wieder an allen Ecken und Enden. Man spürt sie vor allem in der plötzlich unsichern Haltung der bisher französisch inspirierten Mächtegruppe der Sukzessionsstaaten. Herr Titulescu, der rumänische Außenminister, macht zurzeit eine europäische Rundfahrt, die ihn auch zu einem Rendezvous mit Doktor Stresemann führen wird. Titulescus Reise hat den Zweck, Rumänien, das in den letzten Jahren ziemlich lautlos im Kielwasser der Kleinen Entente schwamm, bei dieser oder jener Firma als wertvollen Bundesgenossen zu empfehlen. Solche Diplomatenreisen bringen immer Unruhe in die Politik. Die alten Geschäftsfreunde werden mißtrauisch, die neuen Bekanntschaften taxieren nervös, wieviel die Freundschaft dieses Besuchers wert sei. Und die rumänische Regierung, die moralisch nicht viel zu bieten hat, wird gewiß nicht vergessen, daß nur die balkendicke Treue billig ist und die Wechselhaftigkeit stets am fettesten bezahlt wird. Die erste Tuchfühlung mit Mussolini in Rom hat in Belgrad und Prag erregte und scharf abwehrende Kommentare hervorgerufen. In der Tat hat der englisch-italienische Block einen Erfolg erzielt, indem Titulescu die gemeinsame Aktion der Kleinen Entente beim Völkerbund wegen des ungarisch-italienischen Waffengeschäftes durchkreuzt hat. An Stelle einer gemeinsamen Note treten die Staaten der Kleinen Entente gesondert auf und Rumänien am leisesten. Eine Schwächung, die jetzt schon einem Freibrief für Horthy gleichkommt. Es ist auch behauptet worden, Titulescu nehme für Mussolini Wünsche an Stresemann mit, für Ungarn zu plädieren gegenüber französischen Drohungen und Forderungen. Ebenso ist behauptet worden, Stresemann habe sich auch ohne dies schon für Ungarn bemüht. Mussolinis Interesse für Mitteleuropa wächst neuerdings beträchtlich. Das alldeutsche Mittagsblättchen des Herrn Paul Oestreich, das sich auch sonst durch eine vorbildliche Indiskretion auszeichnet, behauptete vor ein paar Tagen steif und fest, Kenntnis zu haben, daß Mussolini in Warschau eine bescheidene Anregung gegeben habe, Deutschland den Korridor zurückzuschenken, um die häßlichen Streitigkeiten in Mitteleuropa zu beenden. Das ist vielleicht etwas naiv und gewiß nicht unbedingt pazifistisch gemeint, grade von jenem Mussolini, der in diesen Tagen seine wildeste Kriegsrede gehalten hat. Aber es paßt dazu, daß unsre nationalistische Presse die Klagen um Südtirol fast ganz eingestellt und auch Herr Stresemann verzichtet hat, die sonst übliche Träne für die unerlösten Brüder an der Etsch zu zerdrücken, während sein verbissener Feind vom Belt, Herr v. Freytag-Loringhoven, im Reichstag ganz offen ein Bündnis mit Italien gefordert hat. Mussolini als Friedensstifter? Es ist eine der trübsten Erfahrungen dieser Jahre, daß stets die Schlichtung der kleinen Streitigkeiten nur benutzt wird, um Raum zu schaffen für die Austragung der großen. Die englische Locarnoidee war auch nur, den Zwist um den Rhein zu beenden, um den europäischen Block gegen Rußland fertig zu machen. Wenn Mussolini den Zank an der Weichsel erledigen will, handelt er nicht als Friedensfürst, sondern als Einpeitscher einer erträumten europäischen Partei, der weißen Partei, der fascistischen Partei Europas. Daß er Deutschland so ohne weiteres dazu rechnet, ist für die freieste aller Demokratien nicht sehr schmeichelhaft. Es gehen wichtigere Dinge vor als die überbewerteten Reden Stresemanns und Briands. Für Beide beginnt eine außenpolitische Pause. Aber während ihre leergewordenen Parlamentshäuser von geschäftigen Besen sauber gekehrt werden, ist man draußen nicht müßig. Deshalb möchte man den französischen Wählern ans Herz legen, in den kommenden Monaten ihre Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf den Franc zu richten, den deutschen, daß es neben Schwarzweißrot und Schwarzrotgold und Luthers Eisenbahnsitz noch andre, noch schicksalsvollere Fragen gibt. Die Weltbühne, 7. Februar 1928 761 Lombard Wieder eine kapitale Pleite mit kriminellem Brandgeruch. Wieder krabbelt aus dem Schutthaufen bemakelt eine Koppel von Ehrenbürgern, höhern Beamten – Leute, die durch Amt und soziale Stellung nicht nur zur Tugend, sondern auch zur Rechtskunde verpflichtet sind. In dem angerichteten Chaos verschwindet der Demiurg, Herr Bergmann vom gleichnamigen Lombardhaus. Er ist kein Großer der Branche, kein John Law; die Therese Humbert hat länger und großartiger gespielt. Ein kleiner Volpone, wissend, daß wir aus solchem Stoff gemacht sind, wie dem zu raffen. Ein Expert der gierigen Instinkte, beachtlich durch die schlichte Selbstverständlichkeit, honorige Männer in Geschäfte zu ziehen, von denen sie wissen mußten, daß sie nur in den Katakomben des Kommerzes gefingert werden. Denn eine Kapitalseinlage, die mit 48 % verzinst wird, erzählt mir nichts ... Und Warenlombard ist ohnehin nichts Feines. Nur die Versinkenden und die Desperados unter den Kaufleuten frequentieren das. Die Profiteure des Bergmannschen Unternehmens hätten sich ebenso gut an einer Leichenberaubung beteiligen können. Mir tun nur die kleinen Leute darunter herzlich leid, die wieder mal am ärgsten versackt sind. Das ist nämlich die bizarre Klassenmoral des Schicksals, die immer so hart die kleinsten, ärmsten Teufel trifft, die, angeregt durch weit größere Beispiele, ihre paar zusammengekratzten, zusammengehungerten, zusammengeerbten Sechser auf den Hasardtisch werfen, in der Hoffnung, sich mit einem Coup gesund zu machen für immer. Und was die Großen angeht ... Ei, da ist ja auch ein berühmter Name ... das Schlachtenglück ist halt nicht vererblich ... alle schuldige Reverenz, dennoch. Und da ist auch der unvermeidliche Staatsanwalt. Armer Staatsanwalt, durch dein Amt zum Pharisäertum verpflichtet, verpflichtet, mir und dir die Leviten zu lesen, wenn wir die moralische Verkehrsordnung übertreten haben, von Amts wegen berufen, kategorische Imperative zu schleudern und schwierigste Lebensknoten in wenigen Worten überlegen zu lösen. Und nun selbst diesem Gericht der Pharisäer unterworfen – armer angeklagter Ankläger! Amt, Würden, Titel, öffentliche Ehren – auch das ist nur geliehener Schein, auch das nur Lombardgeschäft, nicht sehr reell und nicht mal lohnend und schrecklich am Zahltag. Firma Bergmann ist versiegelt. Ein goldnes Kalb ist gestürzt. Etwas Geschwätz und Gejammer noch, und die wilde Jagd geht weiter. An der Ecke wartet schon das nächste. Die Weltbühne, 7. Februar 1928 762 Höhere Gewalten Der neue Wehrminister hat sich dem Reichstagsausschuß vorgestellt und durch seine bloße Existenz schon seinen augenblicklichen Zweck erfüllt: die Kritik zu dämpfen. Da hat man seit Monaten die Messer gewetzt, und nun steht an Stelle Geßlers Herr Groener, der Kandidat der Kritisierenden, und wo eine große Schlacht fürs Parterre inszeniert werden sollte, verplätschert ein leises langweiliges Kammerspiel. Groener war gewandt genug, sich nicht programmatisch zu verwickeln. Seine Rede enthielt nicht viel mehr als das auch von Herrn Heye bei seinem Amtsantritt Gesagte. Verbeugung vor der Tradition für Rechts. Für Links die Versicherung, daß die romantische Periode der Reichswehr vorüber. Er werde sich bemühen, die Armee aus der politischen Drecklinie zu ziehen. Nun, niemand hat sie hineingezogen, sie selbst ist in breiter Front dorthin marschiert, und viele zerstampfte Straßen der Politik mit zurückgelassenem Unrat kennzeichnen ihre Route. Über das Gastspiel des Prinzen Heinrich bei der Kriegsmarine deckte er freundlich seinen Generalsmantel. Den Phöbusskandal, bei dem sich allerdings nichts mehr bemänteln läßt, gab er zu. Doch wer außer Geßler hätte hier eine Verteidigung gewagt? Dennoch waren die Sätze über Lohmann ein Plaidoyer. Wahrscheinlich wird die Marine überhaupt die meisten Schwierigkeiten machen. Es war ein recht übler Streich des Herrn Admirals Zenker, wegen der kieler Munitionsaffäre das ›Berliner Tageblatt‹ vor den Kadi zu fordern. Man kann darin wohl einen Versuch sehen, den Minister zu präjudizieren und grade jene Presse zu verärgern, bei der er seinen natürlichen Rückhalt gefunden hätte. Herr Groener meinte beschwichtigend, die Klage wäre nur der bessern Aufklärung halber erhoben worden, denn jetzt müßten die angegriffenen Herren schwören. Eine etwas naive Methode. Denn kommt die Sache vor einen marinetrunkenen Richter, so schwören die Herren, deren Geschäfte aufgeklärt werden sollen, die Beschuldigungen mit Verachtung in Grund und Boden, und der Redakteur wird verdonnert. Ob die Herren Offiziere unter Geßler große Truppenführer geworden sind, soll nicht untersucht werden, aber Prozeßführung haben sie gelernt. Wenn wir es nicht gewußt hätten, so erfahren wir es jetzt durch den ›Lokal-Anzeiger‹: – der Reichspräsident ist das Stiefkind der Verfassung. Deshalb tanzt man bei Hugenberg vor Entzücken, daß er wenigstens die ihm belassenen kärglichen Rechte wahrgenommen und an den Herrn Reichskanzler einen Brief geschrieben hat. Und so bescheiden dieser Beitrag des Herrn Reichspräsidenten zur aktuellen Politik auch ist – wohl der erste wieder seit der Tannenbergrede – so genügt er doch – immer in den Grenzen der geringen Befugnisse des Absenders – einer kurzluftig gewordenen Politik wieder etwas Sauerstoff einzupumpen. Denn Herr von Hindenburg mahnt den Reichstag, nicht auseinander zu laufen, ehe er nicht seine wichtigsten Arbeiten, als da sind Verabschiedung des Etats, das Liquidationsschädengesetz, Gewährung von Liebesgaben für die Landwirtschaft und die Strafgesetzreform, beendet habe. Im Namen Hindenburgs ist diese Koalition gebildet worden. In seinem Namen soll jetzt den Davoneilenden noch ein Mal Halt geboten werden. Dabei besitzt dieses Parlament nicht einmal mehr das moralische Anrecht, über einen Pfennigwert abzustimmen. Und nun soll es die Strafgesetzreform, das wichtigste Gesetzgebungswerk für eine Generation durchpeitschen! Im Parlament ist alles verfahren. Zentrum und Deutschnationale stehen sich verzankt gegenüber. Zentrum und Volkspartei zerkratzen sich das Gesicht. Es macht die Liebe nicht größer, wenn man Zwei, die sich nicht mehr mögen, zusammen im Bett festbindet. Daß dennoch dieser komische Versuch von so hoher Stelle unternommen wird, erklärt sich nur daraus, daß man Links das schon ganz für den Wahlkampf berechnete Schlachtgetümmel innerhalb der Koalition lebhaft überschätzt. In Wahrheit sind – auch im Zentrum – starke Einflüsse tätig, die Koalition auch über die Wahlen zu retten. Am liebsten aber diesen Reichstag zu galvanisieren, bis das schwarze Werk beendet, bis alles unter Dach und Fach, was zu ergattern der Zweck des Bündnisses gewesen war. Daß der Brief vom Schulgesetz schweigt, scheint nur oberflächlich betrachtet eine Unterlassung. Bleibt das Parlament zusammen, bieten sich neue Möglichkeiten – – und schließlich ist auch nach den Wahlen nicht alles aus. Und Herr von Hindenburg? Er ist der Präsident des Rechtsblocks. Er hat ihm zum Leben verholfen, er stützt ihn jetzt in seiner Schwäche gegen den Willen der großen Mehrheit des Volkes. Als die französische Linke im Mai 1924 überwältigend siegte, war ihr erster Schritt, Herrn Millerand zur Abdankung [zu] zwingen. Wird die deutsche Opposition von Heute als Siegerin das Gleiche tun? Es gibt keinen nur halbwegs normal funktionierenden Parlamentarismus mit einer höhern, mit einer außerparlamentarischen Gewalt darüber. Die Weltbühne, 14. Februar 1928 763 Ein kritischer Klopffechter Wer der Klügste unsrer berliner Kritiker ist – Gott sei's anheimgestellt. Daß aber Herr Paul Fechter der Dümmste davon ist, darf kühnlich behauptet werden, selbst wenn Herr Franz Servaes vor Neid erblassen sollte. Jetzt gibt es in Berlin ein paar Ausstellungen französischer Maler, und das macht Herrn Fechter einen furchtbaren Roches. Er findet die französische Malerei überhaupt dünn und substanzlos und die Impressionisten wertloses Zeug, grade gut genug als Exportware für Deutschland. Daß auch der große Manet darunter ist, stört ihn nicht. Darauf hat Flechtheim geantwortet, doch in einer weitern Bemerkung erhebt Herr Fechter die sittliche Forderung, französische Kunst zu meiden, solange noch französische Soldaten am Rhein stehen. Was in der ›D.A.Z.‹ geschieht, dem Organ des Locarnoministers. Ich halte eine Bilderausstellung noch nicht für eine pazifistische Tat. Aber wenn schon ein paar Manets die nationalen Fechter zu so wütenden Ausfällen reizen, dann können auch die sanftesten Völkerverständiger einpacken, und keine geistige Hemmung ist mehr, in Paris deutsche Musik auszupfeifen, die man dort vielleicht mehr liebt als bei uns französische Malerei. Dem Einwand Flechtheims, daß doch auch der alte Fritz sich mit den Franzen gedroschen und trotzdem Paters und Watteaus gekauft habe, begegnet Herr Fechter mit dem pfiffigen Einwand: Ja – Friedrich hat auch die Franzosen verhauen, und deshalb durfte er das auch! Ein ganz neues Prinzip für Kunstliebhaberei: – man hängt sich die Bilder der besiegten Nationen wie Trophäen an die Wand, weniger um sich an Kontur und Koloristik, denn an dem Gefühl nationaler Überlegenheit zu delektieren. Aber gesetzt, nicht wir schleppten die Ketten von Versailles, sondern die Andern die von Potsdam – die nationalen Klopffechter würden es für unwürdig und undeutsch erklären, sich das Geschmiere der zertretenen gallischen Pygmäen vor die Nase zu hängen. Doch genug. Herr Fechter hat es nun mal mit dem Rhein. Unter seinem Richteramt wurde vor zwei Jahren an Karl Zuckmayer der Kleistpreis für den »Fröhlichen Weinberg« verliehen. Davon hat sich Herr Fechter heute noch nicht erholt. Während der Dichter trotz Preis und Erfolg recht manierlich und besonnen blieb, ist dem Preisrichter die Sache zu Kopf gestiegen. Und während der Dichter es sorglich vermied, zur erotischen Rheinromantik die nationale zu fügen, holt das sein Patron in reichstem Maße nach. So verschroben geht es auf der Welt zu. Die Weltbühne, 14. Februar 1928 764 Der letzte Liberale Das Foreign Office schickt Sir William Tyrrell, der während der letzten Jahre sein leitender Mann war, als Botschafter nach Paris. Sir William war der Einpeitscher der anti-russischen Politik, der Inszenierer der Polizeiaktion gegen die russische Handelsvertretung, der Urheber aller Maßnahmen, die endlich zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen führten. Das Intrigennetz dieses Diplomaten reicht um die ganze Welt; er ist der wahre Gegenspieler Tschitscherins, nicht der korrekte Chamberlain, und er setzt eine böse, alte Tradition fort, die heute nicht an wachsendem Gewissen, sondern an Mangel an Begabungen langsam ausstirbt. Die Aufgabe Tyrrells in Paris ist nicht so sehr, wie besorgte deutsche Zeitungen vermuten, die Verständigung zwischen uns und Frankreich zu hintertreiben, sondern Frankreich in den antirussischen, den antidemokratischen Block zu spielen, der England die Herrschaft über den Kontinent sichert. Die erste Leistung soll die Versöhnung Frankreichs mit Mussolini sein. Der Augenblick der Sendung Tyrrells ist raffiniert genug gewählt. Die französische Linke durch Uneinigkeit erschüttert; kein cartel de gauche steht mehr hinter einem pazifistischen Außenminister. Und in Moskau selbst zwingt neu ausbrechende Not zu äußerster Bescheidenheit. Hunger über Rußland, Verwirrung – vielleicht bald Verzweiflung. Wieder sieht das Foreign Office die Zukunft der Sowjets als Fragezeichen. Das Torykabinett erwartet seinen Sturz. Auch in England wird wahrscheinlich noch in diesem Jahre gewählt werden. Arbeiterpartei und Liberale werden mit neuem Programm, mit neuen Verheißungen von Frieden und Wohlfahrt siegreich in Westminster einziehen. Deshalb heißt es für die Nochregierenden rechtzeitig vorbauen. Als vor vier Jahren das Kabinett MacDonald vor der Tür stand, leitete Lord Curzon sehr kulant seine Politik in die zu erwartende Richtung der Nachfolger. So viel Generosität ist von Chamberlain, Churchill, Birkenhead und den Andern nicht zu erwarten. Im Gegenteil, sie entwickeln kurz vor Torschluß eine unheimliche Initiative. Sie schaffen in aller Eile die Tatsachen, an denen sich die Nächsten wundstoßen werden. Das ist unzweifelhaft die fatalste Seite des parlamentarischen Systems, daß auch die jämmerlichste, die diskreditierteste Regierung noch dem Wollen der Erbin die Grenzen abstecken kann. Auch wir in Deutschland werden das bald fühlen, o hochgemute Opposition!   In seinem Buch über den Ursprung des Krieges schildert der alte Asquith die Zusammenkunft zwischen Sir Edward Grey und dem amerikanischen Botschafter Page am Nachmittag des 4. August. Und Sir Edward Grey, der »warmaker«, der rote Belial der deutschen Unschuldspropaganda, jammert recht kindlich über den Zusammenbruch der Zivilisation: »Er saß in charakteristischer Haltung: die Ellenbogen auf die Seitenlehnen des Stuhles gestützt, die Hände unter dem Kinn gefaltet, den ganzen Körper erregt vorgeneigt, suchte er mit den Augen die seines amerikanischen Freundes ... ›Doch müssen wir bedenken, daß es zwei Deutschlands gibt. Da ist das Deutschland der Männer gleich uns – der Männer wie Lichnowsky und Jagow. Und dann das Deutschland der Männer der Kriegspartei. Die Kriegspartei hat die Oberhand gewonnen.‹ An dieser Stelle füllten sich Sir Edwards Augen mit Tränen. ›So sind die Bemühungen eines Menschenlebens für nichts dahin. Ich empfinde wie ein Mensch, der sein Leben vergeudet hat.‹« Also Edward Grey, der in der deutschen Propaganda als Mephistopheles Kostümierte. Es wäre überhaupt lohnend, aus den Selbstzeugnissen der damaligen Minister festzustellen, wie viel an jenem 4. August 1914 in den europäischen Kabinetten geweint worden ist. Selbst der angeblich frostige, kaltschnäuzige Grey war aus der Fassung geraten und erging sich in larmoyanten Beteuerungen. Bethmann redete schluchzend und händeringend auf Goschen, den englischen Botschafter, ein. Berchthold, der Ausgekochteste von Allen, krümmte sich vor irgendwelchen Devotionalien in Tränen und Gebet.   Auch der alte Asquith war ein ausgesprochen schlechter Staatslenker für Kriegszeiten. Ein Besonnener und Ausgleichender. Diese Politiker der guten Mitte können bestenfalls nur Defaitisten sein, niemals aktive Beender des Krieges. Selbst während der höchsten Blüte der Gott-strafe-England-Konjunktur entsinnt man sich keiner schoflen deutschen Karikatur auf ihn. Teils weil Greys Hakennase und blaue Brille die zeichnenden und schreibenden Pamphletisten mehr reizte, teils weil der Mann wirklich zu wenig Anlaß bot. Die Wahrheit ist, daß Gott das kriegslustige Albion mit einem Premier ohne Fünkchen Perfidie gestraft hatte, mit einem klugen, noblen Skeptiker, der den Krieg als Mittel verabscheute, allerdings auch keines wußte, um mit ihm fertig zu werden. Herbert Henry Asquith, jetzt hochbetagt als Lord Oxford gestorben, ist eine allzu sehr englische Gestalt, um auf dem Kontinent richtig gewürdigt zu werden. In summa findet man ihn in Deutschland zu schwach. Richtig, daß er den Krieg weder gewollt, noch verhindert, noch beendet hat. Nein, er war nicht stark im deutschen Sinne. Und doch muß der sehr gebildete Mann einer lautlosen Energie fähig gewesen sein, die keine großen Worte macht. Schließlich war er der Premier des Kabinetts der Sozialreformen und des populären Budgets Lloyd Georges, gegen das alle Geldsäcke putschten. Schließlich hat er jene Reformen durchgedrückt, die das Oberhaus zu einem Altertumsmuseum degradiert und der endgültigen Befreiung Irlands den Weg geebnet haben. Es war wenige Monate vor Kriegsausbruch, als der Kampf um Homerule gefährliche Formen annahm. In Ulster predigte der Ultra-Jingo Sir Edward Carson die offene Rebellion. Das Offizierkorps begann – für England unerhört – zu politisieren und reichte, unterstützt vom Kriegsminister, einem Militär, Adressen gegen Homerule an den König ein, und George V. sympathisierte offen mit den erregten Herren von der Garde. Da kam der gutgezielte Hieb des liberalen Ministeriums. Der meuternde Kriegsminister wurde kurzerhand in die Versenkung geworfen, und der Premier, der freundliche, milde Herr Asquith, Prototyp des Zivilisten, übernahm selbst das War Office, und der Aufruhr war zu Ende. In Deutschland, wo das Bürgertum grade die Blamage von Zabern hinter sich hatte und der alte Oldenburg-Januschau soeben unter dem Applaus allerhöchster Herrschaften dem Parlament den berühmten Leutnant mit den zehn Mann auf den Hals gewünscht hatte, stierte man fassungslos auf diese ganz ohne Krach vor sich gegangene Lösung. Wie groß die staatsmännische Leistung des, wie gesagt, so ganz unenergischen Asquith war, kann man vielleicht heute erst ermessen, wo die deutschen Demokraten und Sozialisten vergeblich versuchen, die paar der Republik gebliebenen Divisionen, die alle Ansprüche der Grande armée guillaumienne übernommen haben, der Konstitution und der Kontrolle des Parlaments unterzuordnen. Was für Britannias soliden Liberalismus ein Federstrich war. In seinem obenerwähnten Buch (Der Ursprung des Krieges. Verlag für Kulturpolitik, München, 1924) ergeht sich Asquith sehr ausgiebig und nach unsrer Meinung sehr überschätzend über den Baron Marschall, den frühern Staatssekretär und spätern Botschafter in London. Er meint, daß Marschall der einzige deutsche Diplomat gewesen wäre, der den Krieg hätte verhindern können, aber nach diesen etwas übertriebenen Lobsprüchen fährt er ganz dürr fort: »In allem Wesentlichen der Politik und Staatskunst waren seine Ansichten von dem eines englischen liberalen Ministers so weit entfernt wie die Pole voneinander.« In Fragen der innern Politik sieht der englische liberale Staatsmann also keine Brücke zu einem aufgeklärten deutschen Konservativen. Und mit einem deutschen Liberalen von damals wäre es ihm ohne Zweifel nicht anders ergangen.   Und heute? Englands Liberalismus ist ein galvanisierter Leichnam, einmal noch aufgepulvert durch die allgemeine Oppositionsstimmung gegen die Mißwirtschaft der Tories und durch die federnde Kraft des überlebensgroßen Konjunkturisten Lloyd George, der einen britischen Sowjetismus sicherlich ebenso stilgerecht bedienen könnte wie früher den rüden Nationalismus der Khakiwahlen. Nein, dieser Liberalismus führt nur noch eine Scheinexistenz. Es spricht nicht dagegen, sondern dafür, daß sich die Liberalen neuerdings mit unsrer Demopartei in einem sympathischen Komplimentenaustausch befinden. Zwei Tote auf Urlaub, die sich gegenseitig ihr gesundes Aussehen bestätigen. Die wirtschaftliche Realität hat diesen Liberalismus zum Untergang verurteilt. Jahrzehntelang hat er, in England und anderswo, das politische Selbständigwerden der Arbeiterklasse für eine verdammenswerte Marotte gehalten und immer heimlich gehofft, daß sich das schließlich doch noch von selbst geben werde. Der Schwerkapitalismus hat die Bürgerregimenter schrecklich dezimiert. Es gibt keine Citoyens mehr. Die Reichgebliebenen sind Bourgeois geworden und Reaktion – die Andern sind Angestellte, Arbeitnehmer, die ihre Stunden absitzen, sich freudlos durch die Woche werken, von den brutalen Zufälligkeiten der Konjunktur die Lohnskala hinauf-, hinabgeworfen. Wie trübe klingt Diesen die Botschaft von Manchester ... So starb der letzte Liberale vereinsamt. Der Freundeskreis hatte sich verzogen, nach rechts, nach links. Vor vierzig Jahren hat Asquith begonnen als Verteidiger von John Burns, dem Führer im großen Dockarbeiterstreik, den er mit Mut und überlegenem Witz dem Gericht entlotste. Im Sommer 1926 das letzte Aufflackern: eine banal zeternde Manifestation gegen die streikenden Bergarbeiter. Zwei Daten, die mehr bezeichnen als Aufstieg und Sinken eines Lebens, sondern das einer großen, einst herrschenden Bewegung: helle lustige Fanfare am Morgen und bei Einbruch der Nacht ein müdes, glaubenloses Veto gegen den Geist einer andern Zeit. Die Weltbühne, 21. Februar 1928 765 Zehn Jahre rote Armee Moskau feiert den zehnten Geburtstag seiner Armee. Dröhnende Manifeste. Rauschende Paraden. Je unsicherer die innere Haltung eines Landes wird, desto imposanter werden die militärischen Schaustellungen. Die Rote Armee ist des Pazifisten Schrecken. Wenn er mit dem guten militärgläubigen Bürger in die Wolle gerät, bleckt der ihn triumphierend an: Na, und die Rote Armee? Ein Argument, horndumm, aber von populärer Schlagkraft. Denn kein Pazifist nennt Rußland die ideale Heimstätte des Friedens, und die Machthaber im Kreml würden dem, der sie Pazifisten zu heißen wagt, die Tscheka auf den Hals schicken. Das Argument der Militaristen ist dumm. Aber viele Pazifisten handeln nicht intelligenter, wenn sie Rußland verdammen, weil ein sozialistischer Staat keine Armee halten dürfe. Denn die Existenz von Militär allein braucht noch nicht Militarismus zu bedeuten. Der beginnt erst, wenn die Militärs den ausschlaggebenden Einfluß im Staat beanspruchen. Das heutige Rußland mag eine Despotie sein, militaristisch ist es nicht. Das Heer ist ganz der zivilen Leitung unterworfen. Kein Heer dient mehr als das russische dem Zweck, der von allen Monarchien und Republiken der Welt vorgeschützt wird: – der Verteidigung. Denn Sowjet-Rußland ist die bedrohteste Macht der Welt. Zugegeben, daß die Nachbarn des fascistischen Italien es nicht leicht haben – das beweist jetzt wieder Mussolinis löwenmutige Attacke auf das arme Österreich, dessen schwarzer Seipel mit ihm ach, wie gern, Arm in Arm ginge. Zugegeben, daß Polen zwischen zwei Großmächten eingeklemmt schwer atmet, und dabei gelegentlich Zustände bekommt. Alles schwere Fragen, und doch nicht unlösbare; Fragen, die selbst die Genfer mit einigem guten Willen friedlich erledigen können. Nur Rußland steht ganz isoliert. Und der Völkerbund steht gegen Rußland. Die Moskauer haben oft gedroht. Doch keiner der Großen dort hat je solche Bravaden geschmettert wie Mussolini, Churchill, Poincaré oder unser Hergt. Wären die deutschen Außenminister seit 1918 stets so vorsorglich behutsam gewesen wie Herr Tschitscherin, wir wären in keinen Ruhrkampf geschlittert und die Reparationen ein paar Jahre vor Dawes und milder geregelt worden. Rußland mag, neben Italien, der perfekteste Polizeistaat sein – ein Militärstaat ist es nicht. Das sei um der Wahrheit willen gesagt. Aber aus gleichem Grunde sei nicht verschwiegen, daß der Verruf der Roten Armee weniger von den Russen selbst verschuldet ist, als vielmehr von ihren täppischen Satelliten in den einzelnen kommunistischen Parteien. Diese Braven lassen außer acht, daß die Rote Armee nicht der Revolver in der Faust des internationalen Proletariats ist, sondern in erster, zweiter und dritter Linie das Instrument des russischen Staates, der, wie bekannt, auch eine so absonderliche Schlafkameradin wie die deutsche Reichswehr nicht verschmäht hat. Es ist illusionär und bestem sozialistischem Fühlen widersprechend, den Glauben zu nähren, die Befreiung der Arbeiterklasse sei allein mit dem Maschinengewehr zu erkämpfen und zu vollenden. Wer sie leidenschaftlich bejaht, wird die Verrohung und Entgeistigung des Klassenkampfes beklagen, die hier von persönlich höchst harmlosen Funktionären betrieben wird, denen nichts besseres einfällt als der Propagandastil der selig entschlummerten Kriegspressequartiere. Man möchte ein für allemal an der Belehrbarkeit der Menschheit verzweifeln, wenn man die Bilder betrachtet, die selbst ein vielfach verdientes und gut geleitetes Blatt wie die ›Arbeiter-Illustrierte‹ ihren Lesern zu diesem Jubiläum vorsetzt. Rote Truppen aller Gattung, reklamehaft posiert; Infanterie im Rauchschleier, eine ziemlich lebensgroße Gasmaske, sogar ein Tank ... kurzum, Herr Kriegstod mit allem technischen Komfort. Das ist gar nicht revolutionär, sondern überaus deutsch, und das kundige Ohr hört hier weniger den Marschtritt von Arbeiterbataillonen als vielmehr das Hackenknallen treuer Militäranwärter. Vor zehn Jahren waren die roten Krieger noch zerlumpte Sansculotten. Mit Zähnen und Klauen haben sie die weißen Heere vernichtet. An der Spitze junge Führer wie Budjonny und alte Zarengenerale, wie Brussilow und Kuropatkin, so flutete eine wilde, regellose und dürftig equipierte Masse bis vor die Tore Warschaus, und so ein heroischer Taumel war nicht mehr gewesen seit Valmy und Jemappes. Heute marschiert eine gut gebimste Truppe, vorzüglich uniformiert, im Gleichschritt. Die Bauernburschen werden aus der Dumpfheit und dem Schmutz des Dorfes gerissen, lernen lesen und schreiben ... Auf dem Umweg übers Militär zieht Europa ins Rußland ein. Und zu welchem Ende das geschieht, weiß niemand. Doch eines möchte man den roten Kriegern zu ihrem Freudentag wünschen: Mög ihnen nie ein Bonaparte beschieden sein ... Die Weltbühne, 28. Februar 1928 766 Carmer und Lichnowsky Wenn der Novellist in die Politik vorstößt, läuft er in Gefahr, politisch bewertet zu werden. Der Erzähler Bruno Frank beherrscht sein Handwerk wie nicht viele, ein Belletrist, der gelegentlich der Dichtung ziemlich nahekommt. So entdeckte er den vereinsamten, den empfindsamen Fridericus. Der Beifall ist bei ihm. Die Republikaner applaudieren, weil er eine Legendenfigur nicht etwa zerstört, sondern nur neu vermenschlicht hat; und auch die Potsdamer sind zufrieden, weil er ihren Heros nicht nur unangetastet gelassen, sondern ihm sogar eine neue Seite abgewonnen hat. So bleibt ein sehr deutscher Vorgang: ein runder, allseitiger Erfolg durch Kompromiß. Wenn die Zeit erst etwas Staub darüber gesammelt hat, wird der Franksche Fridericus von dem der Schulmeister kaum mehr zu unterscheiden sein. Der Kinofriedrich, der Friedrich der Geschichtslüge und der Schulbücher und der sentimentale König des Bruno Frank – in den »Zwölftausend« streifen sie sich schon. Wann werden sie identisch sein? Durch die Friedrichbücher ist der Schriftsteller Bruno Frank, nehmt alles nur in allem, eine öffentliche Macht geworden. Und so überblickte er sinnend die Gegenwart. Der Pariser Jean Giraudoux hat ein seltsames kleines Buch geschrieben – »Bella« – eine Mischung von Roman und politischem Traktat, Liebe und Zeitsatire, persönlicher Konfession und Ministerialkabalen, amüsant und traurig durcheinander. Die Geschichte der Rivalerie zwischen Poincaré und Philipp Berthelot macht es etwas zum Schlüsselroman, aber die graziöse Hand des Verfassers gibt nie das Letzte preis, und nach Kabale und Liebe, Pathos, Satire und Aktualität bleibt als Erinnerung nur ein feiner Duft. Wo das Buch laut wird, schlägt das Cartel de gauche die Pauke, und Poincaré ist der Feind (der übrigens nicht unterließ, Herrn Giraudoux, alltags am Quai d'Orsay in der Presseabteilung waltend, seine Glückwünsche auszusprechen). Zeitgeschichte, von delikaten, wählerischen Fingern durcheinander gemischt. Der Deutsche Bruno Frank, der eben Friedrich in die bessere Literatur eingeführt hat, überschaut die Gegenwart, und sein Auge bleibt auf Locarno haften. Er hat den durch Geschmack gezähmten Sinn für Modewerte. Er hat Courage genug, um eine ewig unbelehrbare Minorität herauszufordern. Er mag sich verwegen vorkommen, grade Locarno zum Thema zu nehmen. Aber Locarno wird heute von gut 80 Prozent aller Deutschen als Realität anerkannt, freudig oder unfreudig, jedenfalls anerkannt. Auch die nicht ganz verrannten Nationalen hüben und drüben machen ihre Verständigung, man tauscht wieder geistige Güter aus ... es ist, wie vor dem Krieg. So schreibt Bruno Frank die »Politische Novelle«. Sie wird das gelesenste, das meist übersetzte deutsche Buch des Jahres sein. Zweite Garantie des Erfolgs: das modische Schlagwort »Paneuropa«. Locarno und Paneuropa – die beiden von Amts wegen gestatteten Formen von Pazifismus. Die einzigen hoffähig gewordenen Formeln für Pazifismus: den Kriegsdienstverweigerer schütteln pazifistische Republikaner als Extremisten ab, den Militärkritiker sperren die Richter der Locarnoregierung als Landesverräter ein. Locarno und Paneuropa, und doch, wie Viele mußten kämpfen und bluten, um selbst diesen zahmen Phrasen etwas Legitimität zu erobern. Auch die Friedensschlacht ist von den kleinen Leuten geschlagen worden, und nachher erst kamen die Stäbe der hohen Politik aus dem Unterstand. Bei Bruno Frank ist die Plebs radikal entfernt. In feiner, dünner Luft führen ein Deutscher und ein Franzose platonische Dialoge. Aristide Briand ist da als Achille Dorval, ein stilisierter Briand, fertig für den Gebrauch der Nachwelt. Nicht der fuchspfiffige alte Rhetor, der Krieg ebenso gut kann wie Frieden, sondern ein milder, geläuterter Greis, mit lateinischer Kultur, aber auch prima gallischem Erdgeruch, ein Voltairianer mit großer, gütiger Kinderseele, ein weiser hundertjähriger Mandarin, dessen Schweigen schon Sinnspruch wird. Wie würde sich als Gegenspieler da unser Stresemann ausnehmen? Selbst ein Bruno Frank verzagt, unsern Stresemann zu sublimieren. Deshalb wird ein idealer Deutscher gebaut. Carl Ferdinand Carmer, der Familie jenes von Carmer entstammend, der das Preußische Landrecht geschaffen hat, aber aus einer Linie dieses Hauses, die aus Bürgerstolz auf Nobilitierung verzichtet, hat nicht den Germanenbart der Helden Hermann Burtes, sondern das geistige Gesicht und den gut trainierten Körper des Romandeutschen dieser Tage. Er ist heimisch in der großen Welt – beinahe blaublütig, übt morgens am Punching-Ball, bewegt sich zu Hause so ungezwungen wie in dem besten Hotel, reist ohne Baedecker durch Italien – o Wunschbild des Deutschen! – behandelt mit lässiger Dandygeste die Frage, ob er ein Portefeuille annehmen soll und endet im Hurenviertel von Marseille, eine schöne Mischblütige umfangend, von einem Zuhälter in den Rücken gestochen. So pflegen deutsche Parlamentarier zu leben und zu sterben. Die beiden Hauptfiguren flankiert von zwei Sekretären, die bei Stefan George und Mallarmé beheimatet sind. Auch die Nebenrollen sind gut und teuer. Tschitscherin erscheint, als belanglose Episode, in einem Spielsaal. Josephine Baker tanzt in einem Zirkel von Geldkönigen. Es ist ein merkwürdiges Europa, um das da gekämpft wird. Ein Europa der feinsten Leute. Ein Europa ohne Völker, ein Europa der Luxuszüge und Luxusplätze, und die Massen ragen nur hinein als das Riffraff aus den Bordellgassen von Marseille. Wäre dies Sybaris wirklich Europa, es wäre reif zum Schnitt, reif zur Überflutung durch die Barbaren. Aber dies Europa ist zurechtgeschneidert für eine Politische Novelle, die mit Politik nichts zu tun hat. Sie trägt eine falsche Etikette. Sie enthält nicht mehr als den Untergang eines unleidlich versnobten Zeitgenossen, der ganz gleichgültig wird, wenn man ihm die politische Graduierung nimmt. Und die Pointe sticht ins Leere. Denn dieser Carmer endet in einem Zufallsabenteuer. Aber die gemeuchelten Friedensfreunde sind nicht erlegt worden von Bestien unbestimmbarer Nationalität, die gar nicht wußten, wen sie trafen. Zum mindesten wußten es die Auftraggeber. Keiner der großen politischen Morde, die wir kennen, ist in pittoresken Dirnengassen ausgeheckt worden, sondern in blanken Industriekontoren, in sauber gescheuerten militärischen Amtsstuben und ausgeführt, affektlos und präzis, bei hellem Tageslicht. Nicht die armseligen Deserteure von Marseille, Völkerabfälle von vielen Armeen, symbolisieren die Unterwelt Europas, die Stätte, wo Verderben schwelt, sondern die legitimen Existenzen im Auto, die Smokingexistenzen, die Aufsichtsratsexistenzen; die Pestilenz, die das nächste Millionensterben über Europa bringen soll, geht sauber gebürstet, gut gebadet, gescheitelt und mit Hornbrille, Börsenkurse im Kopf, nüchtern durch den klaren Tag. Was aber an Locarno wirklich Leistung war, das war nicht Leistung edler Peripatetiker, die in erhabenen Gesprächen dahinwandern, sondern die von Luther, Stresemann, Briand, die mittlerer Bürger also, die weder den deutschen noch den französischen Geist vertreten, die ganz einfach als gute Geschäftsleute gekommen waren, um es mal mit dem Frieden zu versuchen. Daß sie dabei gegen Erziehung, Tradition und innerstes Empfinden anzugehen hatten, daß nur der brillante Redner Briand mühelos die neue europäische Phrasierung mühelos fand, während die andern nur stammelten und mit Schrecken an den Empfang zu Haus dachten, das ist der wirkliche Konflikt der Männer von Locarno. Und der eignet sich weit eher für eine aristophanische Komödie als für einen platonischen Dialog. Man kann entgegenhalten: Warum so heftig, wo doch Einer Europa, unser aller Vaterland, besingt? Vor sieben Jahren war Artur Dinter obenauf, heute Bruno Frank – ist das nicht ein Fortschritt? Wären es nur abweichende Nuancen, es lohnte sich kein Wort. Aber dies Buch, das seinen Weg über die ganze Welt nehmen wird, ist schädlich, weil es Gefahren maskiert und Illusionen weckt. Weil es ein Europa inthronisiert, ein Sybariseuropa, ein Capuaeuropa, ein Grandhoteleuropa, das es gar nicht gibt. Weil es Staatsmänner präsentiert, die es nicht gibt. Weil es die Tatsache eines millionenfachen Arbeitsvolkes ignoriert und eine chinesische Mauer gegen den Osten aufrichtet. Es mag ein liebenswürdig gesüßter Elementarunterricht sein für die wenigen Hoffnungslosen, die heute noch nicht glauben wollen, daß die Franzosen etcetera auch Menschen sind. Aber es ist keine Waffe gegen die vielen, vielen, vielen, die auf die andern Nationen losschlagen wollen, weil sie auch Menschen sind. Seine Moral verbreitet einen angenehmen rosigen Nebel; sie weckt nicht, sie lullt ein. Noch ein paar solcher Bücher, und wir werden den nächsten Krieg nicht eher spüren, als bis die Flieger über den Dächern surren.   Das Leben des Fürsten Carl Felix Lichnowsky war eine politische Novelle, von der deutschen Wirklichkeit gedichtet. Unwahrscheinlich war die Berufung; kaiserliche Laune warf dem gelernten Diplomaten nach Jahren des Verzichts auf öffentliche Wirksamkeit den wichtigsten Botschafterposten zu. Teils weil Stand und Vermögen ihn zu großer Repräsentanz für London befähigten, teils, weil er als Anhänger der Tirpitzereien galt, teils, weil es Wilhelm eben so wollte. In England fühlt Lichnowsky zunächst nur eine gesellschaftliche Mission; er sieht in Höflichkeitsbezeugungen zunächst irrtümlicherweise politische Akte. Dann wächst er in das Amt und die Verantwortung; warnende Berichte gehen nach Berlin, von denen er sich Eindruck verspricht – sie werden heiter ad acta gelegt, und der Effekt ist nur, daß man ihn nicht mehr richtig instruiert. Er könnte was merken und stören. Bei hereinbrechender Katastrophe glaubt man in Berlin noch an Englands Neutralität, vergeblich sendet der Botschafter seine Beschwörungen. Der Krieg ist da. Lichnowsky hat seinen Höllensturz erlitten. Er hat nicht nur das Unheil nicht aufhalten können, er weiß jetzt, daß man mit ihm gespielt hat. Man hat ihn uninstruiert wirtschaften lassen, weil als Werkzeug zu einem Betrug niemand besser zu verwenden ist als der Ahnungslose. Die berliner Politik hat den Grandseigneur öffentlich zum Hanswurst gemacht. Jetzt, wo er zusammengebrochen aus England zurück ist, machen sie sich über ihn lustig. Die Geste haben die Herrschaften bis heute beibehalten. Sie ist gedrungen bis ins amtliche Aktenwerk, sie treibt noch 1927 den pedantischen Archivar Thimme zu einer überflüssigen und innerlich unwahren Polemik. Die Republik hatte keine Verwendung für den Verfasser der historisch gewordenen Denkschrift. Sie bediente sich nicht seines geachteten Namens; sie schnitt ihn, boykottierte ihn wie alle, die schon im Krieg zur Opposition gestanden hatten. Grade in ihrer ersten Zeit hätte sie bitter nötig gehabt, alle zu sammeln, alle in vorderster Reihe zu verwenden, die außerhalb der deutschen Grenzen auf Sympathien zu rechnen hatten. So schritt man stolz nach Versailles, um dann entgeistert zu unterschreiben. Der Fürst Lichnowsky ist als verbissener Greis gestorben. Er war ein guter Typus des vornehmen Diplomaten der alten Schule. Aber die Schriften seiner letzten Lebensjahre beweisen, daß er sich leicht in die neue Zeit und ihre Methoden hineingefunden hätte. Doch die Republik wollte ihn nicht. »Carl Ferdinand Carmer war unter der Republik dreimal Minister gewesen, einmal Minister in Preußen und zweimal Minister des Reichs.« So denkt sich der politische Novellist die republikanische Karriere eines Demokraten aristokratischen Blutes, eines Weltmanns und Politikers von künstlerischer Intuition, der zudem noch Kriegsfeind gewesen war. Lichnowsky ist still, wie im Exil, gestorben. Und das war wohl noch das mildeste Ende. Wäre er nochmals hervorgetreten, hätte ihn vielleicht der Herr Oberreichsanwalt konfisziert. Die Weltbühne, 6. März 1928 767 Antworten [Erwin Piscator] Erwin Piscator. Sie schreiben: »Seit einiger Zeit scheint die ›Weltbühne‹ ein Sprachrohr für diejenigen geworden zu sein, die meine Arbeit an der Bühne entweder nur von der technischen Seite her als interessant, im Grunde genommen aber als belanglos (Eloesser), oder aber gradezu als schädigend für das Theater empfinden (Kahn). Nun fühle ich mich durchaus nicht etwa über Kritik erhaben. Aber die Art, wie hier an meiner Arbeit Kritik geübt wird und die Bedeutung, welche diese Kritik durch ihren Platz in der ›Weltbühne‹ erhält, zwingt mich zur Auseinandersetzung. Wie stehen wir? Ich habe bisher geglaubt, mit der ›Weltbühne‹ in einer gemeinsamen Kampflinie gegen einen gemeinsamen Feind zu marschieren. Ich habe die ›Weltbühne‹ für eines der wenigen Blätter gehalten, denen der Kampf gegen alles Gestrige nicht nur eine literarische Haltung bedeutete, genau so wie mir meine Arbeit in erster Linie eine politische scheint, und nun erheben sich aus eben diesem Blatt gegen mich und unser Theater wieder dieselben bösartigen Phrasen, die gleichen nichtssagenden Schlagworte, dieselben platten ästhetischen Einwände, die noch von einer Zeit her, wo ich mit Hilfe der ›Weltbühne‹ einen Kampf gegen die Verständnislosigkeit einer reaktionären Kunstclique führte, in peinlicher Erinnerung sind. Es ist dasselbe stark angeschimmelte Gericht, das mir Herr Hussong von Zeit zu Zeit aufwärmt. Es ist der gleiche Hohn auf die ›konsequente Lebensanschauung‹ (Eloesser), die Sehnsucht nach der gedankenlosen Unverbindlichkeit des ästhetischen Vorkriegsbetriebes, der ganze literarische Kramladen einer Generation, die sich leider selber überlebt hat, jener Generation, deren Feigheit und Gedankenlosigkeit uns in die Schützengräben jagen half. Was sie, scheinbar in Angelegenheiten der Kunst, immer wieder vorbringt, sind Argumente, die in Wirklichkeit ihre 1914 jämmerlich-grausig bankerott gegangene Welt rechtfertigen sollen. Was hat es mit jener ›Menschenseele‹ (Kahn) auf sich, die so laut gegen mich aufgerufen wird? Vielleicht sehen Sie sich ein wenig in der Welt um! Was sind die entscheidenden Faktoren unsrer Entwicklung geworden, Seele oder Petroleum? Wonach geht die kapitalistische Gesellschaft, nach Menschlichkeit oder Profit? Wo erdrückt die Maschine die Ihnen so teure Einzelpersönlichkeit? Wo wird die ›Diktatur des toten Apparates‹ (Kahn) proklamiert? In der Fabrik, im Bergwerk, im Zuchthaus, auf dem Kasernenhof, im Krieg. Das, was jene Kritik für ihre letzte Forderung an die Kunst hält, das ist unsre erste Forderung ans Leben gewesen. Ihre Forderungen in allen Ehren, meine Herren, aber Sie haben sich in der Hausnummer geirrt! Fangen Sie die Tour bei Herrn Krupp von Bohlen-Halbach an, dann werden wir uns schneller verständigen. Das, was Sie so schön mit den ›Blau ins Blaue träumenden, völlig unirdischen Augen‹ (Kahn) charakterisiert haben, ist in dieser Gesellschaft eine Angelegenheit der herrschenden Klasse, die Sie irrtümlich mit der ›Welt‹, mit dem ›Heute und immerdar‹ verwechseln. Kein Wunder, daß nach den ästhetischen Gesetzen, die diese Klasse für ihre Kunst aufstellen ließ und die Sie begreiflicherweise für ewig halten, Seele die Substanz der Kunst ›ist und bleibt‹. Irgendwohin müssen wir die Seele ja plazieren. Nehmen wir die Kunst, da kann sie wenigstens keinen Schaden anrichten. Und so fahren wir wieder einmal ›schlittenklingelnd über die schneebedeckte Heimaterde‹ (Kahn) den nächsten Massengräbern entgegen. Meine Aufgabe ist es nicht, diese Art von Kunst den Besitzenden zu liefern. Meine Aufgabe ist es nicht, ihre ästhetischen Gesetze, deren Wert mir fragwürdig erscheint, fortzuentwickeln. Der Gesichtspunkt, unter dem unser Theater arbeitet, ist ein andrer. Wir können begreifen, daß eine im Niedergang begriffene Klasse, der das von ihr angestiftete Unheil langsam über den Kopf wächst, sich gern von dem ›Allzu-wirklichen‹ in ein ›phantastisch Unwirkliches‹ (Eloesser) entführen lassen möchte. Wir haben dieses Bedürfnis nicht. Unser Ausgangspunkt ist grade dieses Allzuwirkliche, und das zu gestalten ist uns jedes Mittel recht. Was geht uns Film, Aufklappbühne, Maschinerie und Schmieröl an! Sie sind uns nichts als Mittel. Unser Ziel liegt in der Wirklichkeit. Wir kamen aus dem Dreck des Krieges, wir sahen ein halbverhungertes, zu Tode gequältes Volk. Wir sahen, wie man seine Führer meuchlings ermordete, wir sahen, wohin wir blickten, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Qual, Blut. Sollten wir nach Hause gehen und über unsern Schreibtischen, Zeichenbrettern, Regiepulten weiter dem phantastisch Unwirklichem nachträumen, dem Schlittengeklingel lauschen? Unsre Kunst wurde aus der Erkenntnis des Wirklichen geschaffen, mit dem Willen, diese Wirklichkeit abzuschaffen. Wir haben das politische Theater gegründet (wahrhaftig nicht aus Liebe zur Politik), um unser Teil beizutragen an dem großen Kampf um die Neugestaltung unsrer Welt. Unsre Kunstwerke können weder den geistigen Inhalt haben, den nach staatlich gebilligten Regeln ein Kunstwerk haben muß, um als solches zu gelten, noch kann ihre Form mehr dem überlieferten Begriff des Kunstwerkes entsprechen. Aber wir haben nie gesucht, daraus ästhetisch einen ›Stil‹ zu machen, wir haben nie ein Dogma aufgestellt, wie Kunst auszusehen habe, uns genügt es vollkommen, wenn es gelingt, hundert von den tausend Zuschauern, die täglich unser Theater besuchen, zu einer gewissen Nachdenklichkeit über die ›Ordnung‹ zu bringen, in der sie leben. Das ist der einzige Maßstab, den wir gelten lassen. Wir wollen nicht Theater, sondern Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist noch immer das größere Theater. Was soll uns in einer Welt, in der die wahren Erschütterungen von der Entdeckung eines neuen Goldfeldes, von der Petroleum-Produktion und vom Weizenmarkt ausgehen, die Problematik von Halbverrückten! Wir sehen Zustände, politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und ihre Einwirkung auf Menschen oder deren Einwirkung auf sie. Das versuchen wir zu gestalten, sicherlich noch in Vielem mangelhaft. Glauben Sie nicht, daß wir gegen ›Blaublick‹ wären, wenn sich damit die Welt auch nur um einen Zoll vorwärts rücken ließe. Wir wären gern bereit, um diesen Preis blau und nichts als blau zu blicken. Man kann die Entmenschlichung der Welt beklagen, man kann beklagen, daß unsre besten Gefühle so wenig Einfluß auf den Weizenmarkt besitzen und daß unsre tiefsten Gedanken keiner 16zölligen Granate standhalten. Aber dann ziehen Sie die Konsequenz daraus. Machen Sie das Morgen, um das wir kämpfen, nicht zu einer Nachtisch-Angelegenheit, behandeln Sie es nicht als ästhetische Forderung an die Kunst, sondern als Kampfparole an die heutige Welt und ihre Vertreter. Sonst sind Sie wirklich nichts andres, als Schleppenträger einer Gesellschaft, die mit Fusel und Fußtritten zugleich Traktätchen zur Rettung ihrer ewigen Seele an hungernde Eingeborene austeilt. Das muß ich schon von meinen Kritikern verlangen, wenn ich sie ernst nehmen soll: daß sie mir ein Beispiel geben in meinem Kampf, daß aus ihrer Kritik die Forderung an sich selbst erwächst. Wenn Kritik nur bedeutet, geschmäcklerisch die Reizungen der eignen Sinnes- und Seelenfäden festzustellen, wenn sie sich auf das Nirgendwo einer Kunst bezieht, zu feige oder zu schwach zu einer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, wenn sie die ›lieben alten Kriegsbilder‹ bespöttelt, statt an die nächsten zu denken und an die Möglichkeit, sie zu verhindern, wenn sie für mich keinen andern Maßstab besitzt, als für den Film vom ›Alten Fritz‹, dann ist diese Kritik nicht nur sachlich unernst, eine Salonplauderei, die mich einen Dreck angeht, sondern selber ein Stück dieser untergehenden hassenswerten Welt. Eine geistige Umwälzung war immer vom Entstehen neuer technischer Mittel begleitet. Soviel zur Technik. Die soziale Revolution mag sich ruhig des laufenden Bandes bedienen, wenn sie damit rascher zum Ziel kommt. Aber wenn die Seele‹ im Anmarsch ist, dann ist es meistens im Parademarsch.« – – Ich habe viel Respekt vor dem hellen Temperament Ihres Briefes, aber etwas nimmt ihm die Wirkung: Sie argumentieren nicht, Sie dekretieren. Glauben Sie mir, Herr Piscator, die ›Weltbühne‹ ist für Belagerungszustände kein fügsames Objekt ... Es ist richtig, daß wir Sie gegen die Bureaukratie der Volksbühne unterstützt haben, und Sie werden uns immer an Ihrer Seite finden, wo Mucker gegen Sie Alarm schlagen und den Polizeiknüppel rühren wollen. Das ist zu selbstverständlich, um erneut und immer wieder betont zu werden. Aber Begeisterung für Ihre Leistungen, Vorzugsbehandlung – nein, das können Sie nicht schlankweg dekretieren. Ich persönlich mache kein Hehl daraus, daß ich nicht an ein in Permanenz politisches Theater glaube. Ich glaube wohl, daß von einem Theater politische Wirkung ausgehen kann. Sie kann ausgehen von einem Stück, von einem Regisseur, ja, von einem einzigen Schauspieler. Aber ein Theater, das Abend für Abend ohne eigne Phantasiezugabe paukt, was in Zeitungen und Meetings auch gepaukt wird, das ist ein Theater ohne Fluidum, ohne Schwingung und Strahlung, ein Theater nicht zum Mitgerissenwerden, sondern zum Abgewöhnen. Mir scheint, die einzige Möglichkeit politisches Theater zu machen, haben Sie versäumt. Es gibt in Deutschland eine imaginäre Linke, die bei allen Kämpfen gegen Militarismus und Justiz in der Avantgarde gestanden hat, unorganisiert, freizügig, freiheitliebend, uneinig oft, aber einig in der Parteiverdrossenheit. Anstatt sich auf diese gute echte Revolutionstruppe zu stützen, verkoppelten Sie Ihre Sache mit der Partei der Revolutionsphrase, mit der KPD., mit der zerriebenen, zerrissenen Partei, die sich bisher am wenigsten tauglich gezeigt hat für Gemeinschaftsbildung, und von der die Massen ebenso schwinden wie die charaktervollen Wortführer. Die ›Weltbühne‹ ärgert Sie, weil sie nicht loben kann? Überlegen Sie: keiner der bedeutenden Theatermänner der letzten Jahrzehnte ist so mühelos durchgedrungen wie Sie, um keinen waren von vornan so stark die Sympathien meinungmachender Kritiker, kein Brahm oder Reinhardt begann so mit Vorschußlorbeeren umkränzt wie Sie. Ich habe in diesen Monaten ganz andre Kritiken in Händen gehabt als die von Arthur Eloesser und Harry Kahn. Ich habe in diesen Monaten gut zwei Dutzend Zuschriften junger Linksradikaler in Händen gehabt – erregte Verwahrungen, wehe Klagen, daß an Stelle des erhofften Revolutionstheaters ein Bourgeoistheater entstanden sei, ein Kurfürstendamm-Ereignis ohne Band mit der besten rebellischen Jugend. Haben Sie einem einzigen jungen Dichter ans Licht verholfen? Sie haben ein Stück von Toller gespielt, vor dem kein bürgerlicher Direktor zurückgezuckt wäre, dann, das Ärgste, den »Rasputin« eines schlechten russischen Konjunkturisten; schließlich den dramatisierten »Schwejk«, von dem Sie die großartige Blasphemie der Schlußszene einfach strichen. Waren es Bedenken vor der Zensur, waren es Erwägungen, ob die Steigerung ins Unwirkliche etwa der Doktrin zuwiderliefe? Ich weiß es nicht. Die »Weber«, das klassische Proletarierstück, ließen Sie Jeßner, den aufreizenden »Toboggan« des jungen Menzel wird ein sehr bürgerlicher Direktor wagen, Brechts englische Soldatenkomödie blieb der verspotteten Volksbühne. Ich glaube, Sie leiden nicht unter zu viel Anfeindung, sondern unter zu viel Lob. Befreien Sie sich von Ihren Korybanten. Die haben ein ganz entzückendes Rezept gefunden: bezweifelt man den politischen Sinn einer Aufführung, so wird tiefsinnig die ästhetische Bedeutsamkeit ausgespielt. Rührt man aber an diese, so heißt es nicht minder tiefsinnig: aber die Politik ist doch gut! Mit Verlaub, so was ist gar nicht proletarisch-revolutionär, sondern sehr glitschig-liberal. Ein Mann von Ihren Gaben, Ihrer Begeisterungskraft und Energie, hat es nicht nötig, in eine Lage zu kommen, auf die der alte Scherz paßt: »Es wird höflichst gebeten, auf den Herrn am Klavier nicht mit Messern zu werfen, er tut sein Bestes«. Hauen Sie die Bürger ruhig in die Pfanne, provozieren Sie Ihr Parkett, daß es heulend sein Geld zurückverlangt, aber lassen Sie das durch einen Dichter besorgen, nicht durch Maschinerie und Parteiphrase. Die Maschinerie wird als Sensation begrüßt, die Jesinnung sanft begrinst. Sie haben uns revolutionäre Taten versprochen und herausgekommen ist eine berliner Sehenswürdigkeit. Entkapitalisieren Sie Ihren Betrieb, ersetzen Sie die teuren Preise durch Kartenverlosung zu einem Einheitspreis, und Sie haben das geschaffen, was wir von Ihnen erhofften und weshalb wir Sie in Ihrem Kampf gegen die Volksbühne unterstützten: – das Volkstheater, das erste richtige Arbeitertheater. Aber ich weiß, daß ich hier an die Grenze des Möglichen gehe. Auch Ihr Theater ist den Gesetzen der kapitalistischen Welt unterworfen, die zu perhorreszieren und als die einzige Wirklichkeit von Heute zu entlarven, Sie als Ihre vornehmste programmatische Aufgabe empfinden und die, ich bedaure das sagen zu müssen, bisher in Betrieb und Geschäft Ihres Theaters deutlicher demonstriert worden sind als in dessen szenischer Leistung. Die Weltbühne, 6. März 1928 768 Die Erniedrigten Der Farmer Langkoop war gewiß sein Lebelang rechtschaffen wie Michael Kohlhaas und wäre doch beinahe wie dieser einer der entsetzlichsten Menschen seiner Zeit geworden. Sein Mißverständnis: er wollte einen Beamten entgelten lassen, was der Staat gesündigt. Von dem schrecklichen anonymen Etwas, Staat genannt, hatte er keinen Begriff. Daß der Staat, der Wahrer von Besitz und Schirmer der Ordnung, seit Jahren von Expropriationen lebt, das konnte er nicht wissen. So verkannte er, daß durch neue festgefügte Tatsachen sein guter Rechtsanspruch zum baren Unsinn geworden war. Und um diese Tragikomödie würdig zu schließen: – der Geheimrat, sonst Urtyp bibbriger Weltfremdheit, bleibt kühler, nervenstarker Realist, während der verzweifelte Kämpfer ums Recht in seiner Handtasche nicht nur Sprengstoff, sondern auch den Moder verjährter Texte und Titel mitschleppt, die besser in Ordnung sind als die Höllenmaschine, aber ebenso wenig funktionieren. Die geht nicht los, und der arme Höllenmaschinist wird abgeführt. (Ein Schmollis dem Herren Kollegen, der in einer Augenblicksbesichtigung frappante Ähnlichkeit des Attentäters mit Pirandello feststellte.) Es gibt viele Liquidationsgeschädigte, und wir haben Wahlzeit, und die Parteien sind deshalb sehr beflissen, Anklagen zu rollen und Hilfe zu versprechen. Aber auch die Herren von Links, die heute anheimelnd die Arme ausstrecken, werden morgen als Regierende etwas von »tragischer Notwendigkeit« und »Opfer bringen alle« murmeln. So unerbittlich kann der Staat sein, der Panzerschiffe baut, zur Stärkung des Nationalgefühls Filme dreht und auf Kosten seiner Zensiten Speck räuchert. So bleibt dem armen Langkoop nichts als die allgemeine Sympathie. Handelte es sich um einen armen Erdarbeiter, so wäre nicht einmal die sicher, und die gleichen Blätter, die Langkoop melodramatisch exploitieren, würden über Proletenfrechheit und kommunistische Hetze greinen. Aber Farmer, das klingt so erzgermanisch, so beruhigend unproletarisch. Zudem wollte der Mann keine Bettelsuppe, sondern 100 000 Mark. Er verlangte kein Almosen, sondern ein rundes Stück Kapital. Ein selten stubenreiner Fall von sozialer Auflehnung also. Der Pirandellobart wächst zu Cheruskerlänge. Möge der unglückliche Langkoop weder Richter finden, die ihn zum Anlaß für ein Exempel nehmen, noch solche, die die Urteilbegründung benutzen, um einen Sehnsuchtsschrei nach Kolonien in die Welt zu gellen.   Gemessen an den ungeheuren Umwälzungen der Zeit erleiden auch die Südtiroler nur ein Privatschicksal. Sie sind brave, fromme und sehr unrebellische Leute; ihr Verbrechen besteht darin, sich ihre Muttersprache nicht abgewöhnen zu können. Deshalb sollen sie zertreten werden. Denn der Fascismus lebt von imaginären Gegnern. Mussolini, dieser Napoleon des innern Krieges, braucht immer neue Gegner, um an innenpolitischen Marengos und Wagrams seine Sendung zu erhärten. Die Fiktion der ewigen Bedrohung gehört zu den Lebensnotwendigkeiten des Fascismus, grade so wie die Moskauer das weiße Gespenst über die rote Mauer huschen lassen, wenn irgend eine Bilanz schlecht aussieht. Nicht verkannt soll werden, daß die Aufregung der klerikalen Partei in Österreich nicht viel mehr ist als ein Krakehl für die Galerie. Monsignore Seipel ist ein viel zu sicherer schwarzer Stein auf dem Felde der europäischen Reaktion, als daß er grade gegen Italien mehr als Verwahrungen deklamieren könnte. Das aber spricht wieder für Mussolinis unverfälschtes Cäsarentum: – den schwächlich gespielten Aufruhr seiner Trabanten dämpft er mit echten Tritten. Es ist wie bei der Komödie: die Statisten, die mit dem ersten Helden fechten, dürfen ihn um Himmelswillen nicht berühren, er aber versetzt richtige Stöße und Püffe, und die armen Teufel kriechen braun und blau in die Kulissen. Daß Mussolini, immer für großzügige Expedition, auch den Völkerbund gleich mit abseifte, erweckte törichte Hoffnungen auf ein ernstes Wort in Genf. Man hat es nicht gehört, aber in den Couloirs, wird versichert, werde Italien scharf kritisiert. In den Couloirs! Auch unser Stresemann hält sich an das Wort Larochefoucaulds, daß sich nichts leichter ertragen läßt als das Mißgeschick unsrer Mitmenschen. Wo ist das vor dem Eintritt in den Bund verheißene machtvolle Wort für die unterdrückten nationalen Minderheiten geblieben? Heute tut man sich bramsig im Rat der Großen und überhört im Konzert der Mächte das kleine, hilfeheischende Kinderstimmchen von der Etsch. Nicht so viel Druckerschwärze hat die nationalste Presse dafür übrig, wie für den Autonomistenrandal von Hagenau. Alle Energien für leidende Minoritäten konzentrieren sich auf – Ungarn.   Die Regierung Bethlen zieht sich aus der Waffenschmuggelaffäre mit blauem Auge. Eine Untersuchung wird erfolgen, die keine »Investigation« sein soll und – was gilt die Wette? – kaum eine flüchtige Kontrolle werden wird. Der Optantenstreit aber ist wieder vertagt worden. Wie dreist und gottesfürchtig spielt dieser kleine, eisenstarrende Raubstaat den armen Krüppel! Was für täuschende Herztöne zwischen unverschämten Provokationen! Dabei ist der Optantenkonflikt ein mindestens ebenso kräftiges Stück wie der Vorfall von Szent-Gotthard. Leider gibt der bisherige Verlauf den Budapestern Recht. Denn gegen Rumänien sind in Genf eigentlich alle gewesen. Es ist hier manches Unfreundliche gegen den rumänischen Staat und seine Gewalthaber gesagt worden, umso lieber soll anerkannt werden, daß Minister Titulescu dies Mal die bessere Sache vertrat. Denn die rumänische Bodenreform, typisch für die Agrarpolitik der Sukzessionsstaaten überhaupt, ist eine volkstümliche Maßnahme gegen den Großgrundbesitz. Deshalb die internationale Koalition. Deshalb auch die Animosität der deutschen Politik, die eben noch, den Großagrariern zu Liebe, eine ziemlich überflüssige harte Geste gegen das kleine, immer friedliche Estland unternommen hat. Herrn Titulescus Sträuben gegen ein Schiedsgericht mag taktisch falsch sein. Aber es heißt den großen Gedanken der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit um den Kredit bringen, wenn er dazu herhalten muß, volksfreundliche Gesetze eines Staates im Effekt zu schwächen. Daß Herr Stresemann, der ja ein Freund der Fürstenabfindung war, sich jetzt auch für eine besonders reichliche Entschädigung der durch die rumänische Agrarreform betroffenen ungarischen Herrschaften einsetzt, braucht nicht zu verwundern, obgleich er so viel Energie für die deutschen Liquidationsgeschädigten und Aufwertungsopfer noch nicht gefunden hat. Der ungarische Delegierte Tanczos ist bei der M.G.-Affäre mit einer Offenheit, die die münchener Dorfpolitiker neidgelb machen könnte, herausgeplatzt, daß das Verhältnis Ungarns zu seinen Nachbarstaaten »keineswegs ausgezeichnet« sei. Eine plumpe Herausforderung, die Titulescu in Hitze brachte und die schwierigen Debatten erst entfesselte; man schien sich vorher unter der Hand schon einig geworden zu sein. Einen Versuch zur Sanierung des ungarischen Gefahrenherdes hat jetzt Herr Benesch unternommen mit dem Plan eines zentraleuropäischen Locarnos. Ein wenig aussichtsvoller Plan, in dem man in Deutschland, zum Beispiel, nur ein neues Attentat gegen den Anschluß sieht und mehr nicht. Unsre deutschen Linksleute täten gut, einmal ihre phlegmatische Auffassung von Horthys Ungarn etwas zu revidieren. Vor ein paar Tagen schrieb die ›Prager Presse‹: »Was vollends den letzten Zweifel an dem Wesen der politischen Orientierung Ungarns hinsichtlich seiner Nachbarn benimmt, ist die leidenschaftliche Unruhe, die in dieser Politik bemerkbar wird, so oft es im Völkerbunde oder in der europäischen Politik überhaupt zu einer breitern Lösung des Sicherheitsproblems kommt, und so oft die Möglichkeit in den Vordergrund tritt, daß irgendein Staat zu einem guten Verhältnis zu seinen Nachbarn gezwungen würde.« Das ist sehr scharf und richtig ausgedrückt, wenn auch das offiziöse prager Blatt aus Gründen der Höflichkeit weder die Ursachen andeutet noch Konsequenzen zieht. Denn dies Ungarn Horthys und Bethlens treibt nicht für eignes Plaisir und Risiko eine Politik, die jedem andern der Besiegtenstaaten lange den Hals gebrochen hätte. Es ist heute der wichtigste und skrupelloseste Preisfechter der europäischen Reaktion, die hier für den in Mitteleuropa gottseidank allmählich aussterbenden nationalistischen Banditismus den letzten Naturschutzpark geschaffen hat und mit vielen Unkosten erhält. Deshalb muß Ungarn äußerlich isoliert bleiben, ein erniedrigtes, beleidigtes, wundenbedecktes Land. Rumänien verteidigt, und uns scheint mit Recht, seine Agrarreform als innere Angelegenheit. Bedeuten die Morde, die Gemetzel, die Notenfälschungen der ungarischen Tyrannis weniger als die Schädigungen einiger Grundbesitzer durch Geldentwertung? Zwischenstaatliche Organisation ist heute nicht mehr wegdenkbar. Aber sie wird zum Unfug und Unrecht, wenn das von einem Staat in eignem Haus vergossene Blut sie nicht in Bewegung setzen darf, wohl aber die fürs Gemeinwohl geschehene Zerschlagung von Latifundien. Der weiße Block, von London gestiftet, von Mussolini getragen, stellt sich schirmend vor Ungarn. Briand resigniert, und was er Kritisches einwendet, Unbehagliches fragt, ist mehr Neckerei als Ernst. Und Gustav Stresemann hält aus diesem Anlasse seine beste Rede für die Sicherung des Weltfriedens. Damit Ungarn in seiner heutigen Wohlgestalt erhalten bleibe, damit es weiter seine Nachbarn bedrohen, weiter Waffen verschieben kann. Dafür – dafür ...!   Wird die alte Methode der englischen Politik, sich Hetzhunde zu halten, um durch Uneinigkeit der Andern die eigne Allmacht zu sichern, nicht doch einmal irgendwo einen irreparablen Rückschlag erleiden? In China hat sich das Prinzip nochmals bewährt. Aber in Arabien beginnt jetzt eines der sonst gern gebrauchten Instrumente sich selbständig zu machen, jener Ibn Saud, der Wahabitensultan, Herrscher im Nedsch, durch Vertreibung König Husseins auch im Hedschas, Herr der arabischen Wüste also wie der Rotenmeerküste mit den heiligen Stätten. Ein durchtriebener Despot eines religiös fanatischen Wüstenvolkes, der sich im Krieg klug neutral hielt und nachher von der englischen Politik benutzt wurde, um die neuen unter ihrer Hoheit stehenden Reiche Hedschas und Irak in Schach zu halten. Jener geniale Abenteurer Lawrence, der den Aufstand der Wüste gegen das Osmanenreich organisierte, hatte auf ein Großarabisches Reich unter Feissals Führung mit Damaskus als Kapitale gesetzt. Doch England fand es besser, Arabien in Stücke zu schlagen, und Lawrence zog sich erbittert zurück. Nun droht die Saat aufzugehen. Der Mächtigste und Unabhängigste der Wüstenkönige droht gegen die kleinen, künstlich klein gehaltenen Konkurrenzen zu Felde zu ziehen, um mit Blut und Eisen den großarabischen Gedanken durch Eroberung der englischen Satrapien Irak und Transjordanien zu verwirklichen. Und abermals Aufruhr in der Wüste. Und in Kairo wird auf den Straßen gekämpft. Auch dies Mal hat allzu brutales Vorgehen die Erhebung gespornt. Plänkelnde Nomaden, die sich um Dörfer balgen und von der Rigorosität moderner Grenzziehungen nichts wissen, haben wiederholt verbotene Zonen betreten. Dafür wurden zur Züchtigung Fliegergeschwader ausgesandt, die über die armen braunen Krieger und ihre Weiber und Kinder in elenden Lehmhütten gewiß herrliche Triumphe davongetragen haben. Das hat die Wahabiten zum Widerstand entflammt. Wer darf heute Erniedrigter, wer Besiegter sein? Die Ruhe ist aus der Welt, das Dulden nicht mehr da. Über den Kuppelhorizont des genfer Theaterhimmels flammt wieder Rot, und Verheißungen kommender Abrechnungen werden laut, gegen die das klassische Vae victis! wie ein Engelsgruß klingt. Die Weltbühne, 13. März 1928 769 [Zu Gorkis 60. Geburtstag] Vor vielen Jahren hat Maxim Gorki einer jungen deutschen Generation das Beispiel gegeben, daß Einer ein großer Dichter und dabei doch ein Mensch von leidenschaftlichem politischen Wollen sein könne. Damals war es sehr finster, und man wußte mit solcher Haltung nicht viel zu beginnen. Dann kam Schützengraben und Barrikade, und heute schleicht Einer nach dem Andern nach Haus, und es wird wieder sehr leise, sehr finster. Doch Allen, die müde werden, lebt der Mann mit dem zerfurchten Gesicht, in dessen Augen das Leid Rußlands liegt. Vieles was er geschrieben hat, wird bleiben, doch sein Größtes und Bestes ist sein Leben, dies wunderbar beispielhafte Leben. Berlin, 14. März 1928 Carl v. Ossietzky Herausgeber der ›Weltbühne‹ AdK-O Berlin, N Maud v. Ossietzky 770 [Antworten] Stadtbaurat a.D. Bruno Taut Sie schreiben: »Ich hatte schon die Absicht, vor dem Brief Piscators in Nr. 10 der ›Weltbühne‹ wegen des ›Schwejk‹ an Sie zu schreiben. Ich will von den beiden ersten Aufführungen Piscators nichts sagen, wohl aber vom Schwejk, weil ich den Eindruck habe, daß fast die gesamte Berliner Theaterkritik einschließlich der ›Weltbühne‹ sich dabei ein wenig blamiert hat. Als ständiger Leser Ihrer Zeitschrift tut mir das leid. Ob es nun eine Folge der Debatten über Politik oder Nichtpolitik im Theater oder über die Diskrepanz zwischen Bühnentendenz und dem Hauptteil der Zuschauer ist – jedenfalls haben sich die Kritiker wie regelrechte ›Fachmänner‹ verhalten. Sie gingen quasi mit dem Buch ›Schwejk‹ in der Tasche zu ihrem Sperrsitz, verglichen Vorführung und Buch und kamen zu dem Schluß, daß der Roman viel besser, daß das auf der Bühne Vorgeführte überhaupt kein Drama sei. Ja selbst Pallenberg muß daran glauben, weil er den Schwejk eigentlich gar nicht zu spielen brauche. Nach solchen Kritiken geht man etwas voreingenommen ins Theater und faßt sich nach Schluß des Stückes beim Gedanken an die Kritiken an den Kopf: ja, was wollten die Herren eigentlich? Das war doch einmal ein ungetrübter Abend mit einer Heiterkeit, die die drei Stunden ohne Nachlassen der Frische ausfüllte. Pallenberg, sein Schwejk, ähnlich wie Chaplin, ein Engel aus andern Welten, der alles entwaffnet, ein Meteor, das aufleuchtet, wenn es in die Erdatmosphäre kommt. Die Szenenausschnitte so, daß sie ohne Kenntnis des Buches die Gestalt rund und einfach charakterisieren, und mit ihnen die Aufführung musikalisch aufgebaut, so daß nach dem komischen Zickzack bis zur Pause die Komposition ins Adagio (Marsch nach Budweis) und schließlich in ein breit ausladendes Finale (4268) übergeht, wo sie plötzlich abreißen muß, weil das Spiel mit der Zahl schließlich endlos weitergehen könnte. Piscators Regieleistung verwendet die technischen Mittel in voller Harmonie zu diesem Ablauf: im ersten Teil eben auch das optische Zickzack, im zweiten Teil die volle Auswertung des laufenden Bandes, das im Marsch nach Budweis zum ersten Mal auf der Bühne eine Schauspielerleistung hervorruft, die über das Sprachliche hinaus das Plastisch-Rhythmische erreicht, also das mit enthält, was der Film bietet, und darüber hinaus noch die plastische Körperlichkeit. Von sonstigen Regieeinfällen abgesehen, wie von der Darstellung der Statisterie durch tatsächliche Attrappen (eine glänzende Bildhaftigkeit der ›Statisterie‹) folgt der von der Kritik so übel vermerkte technische Apparat äußerst leicht und elastisch den Geschehnissen der Bühne. Ja, selbst wer schon einmal mit irgendwelchen Vorurteilen über Dramatik und Nichtdramatik hineingegangen ist, muß merken, daß das besagte laufende Band ein sinnfälliges Zeichen für das Wesen dieser Vorstellung ist; sie zeigt ein Stück einer Wanderung, eben der Wanderung eines Meteors durch unsre giftige Erdluft.« – Ich zögere nicht, dies Plaidoyer für Piscators Regieleistung hier in vollem Umfang wiederzugeben. Meine Meinung über die eigentlichen Differenzpunkte, die der Herr Einsender auch gar nicht berührt, habe ich hier im vorigen Heft dargelegt und möchte mich nicht wiederholen. Was die Beurteilung des ›Schwejk‹ betrifft, so erlaube ich mir, dem ausgezeichneten Baumeister Bruno Taut entgegenzuhalten, daß er selbst sich hier etwas fachmännisch verbeißt. Das Architektenauge verliebt sich eben in den szenischen Aufbau, dem wir leider nicht den Vorrang zugestehen können. Wie an andrer Stelle ausgeführt wird, hat der jüngst verstorbene erste prager Darsteller des Schwejk, Karl Noll, auf kümmerlichen Vorstadtbühnen eine ideale Verkörperung geschaffen. Pallenbergs Schwejk wäre auf einem schlechten Bretterpodium nicht weniger leuchtend, und es scheint mir, man sollte die Verspieltheit in die Aufmachung, die das Theater vor ein paar Jahren glücklich überwunden hatte, nicht auf dem Umweg über die Technik wieder hineinschmuggeln. Die mag der Film bis in ihre letzten Chancen ausnutzen. Daß er es vermag, wissen wir. Das zitternde Manometer im ›Potemkin‹ erschüttert mehr als mancher Mime. Das Theater aber soll kein Guckkasten sein. Was es davon noch hat, mag es ruhig dem Film übergeben. Nicht der Maler, nicht der Maschinenmeister ist sein wirklicher Herr, sondern nur Einer: – der Schauspieler. Die Weltbühne, 13. März 1928 771 Der Ponton-Prozeß Zuchthaus hat der Herr Reichsanwalt Jörns gegen die beiden Angeklagten des letzten leipziger Landesverratsprozesses beantragt. Ein kleines cadeau gewiß, den Manen der Fuchtelschwinger des Vormärz zugedacht, deren angebliche Besiegung vor achtzig Jahren die republikanische Presse in diesen Tagen feiert. Wir kennen Berthold Jacob als Freund und nahen Mitarbeiter und respektieren Fritz Küsters tapfere Arbeit. Dem Versuch des Herrn Reichsanwalts, die beiden ins Zuchthaus zu bringen, begegnen wir mit jener tiefinnerlichen, aus dem Herzen kommenden Mißachtung, die immer die einzige würdige Geisteshaltung gegenüber schlechter Justizmacherei bedeutet. Das Gericht hat sich, angeweht vielleicht von ähnlichem Empfinden, schließlich für neun Monate Festungshaft entschieden. Aber auch dieser mildere Spruch bleibt ein unentschuldbarer politischer Tendenzakt, ein Salut vor dem Militarismus, ein Plaidoyer für die Manager jener heimlichen Militärspielerei, die der böse Engel der ersten sieben Jahre der Republik war. Mag das Urteil auch im Namen des Reiches gefällt sein, es hat mit dem »Reich« so wenig zu tun wie mit dem Recht. Es ist geboren aus der Denkweise des neudeutschen militärischen Jesuitentums im Wehrministerium, dessen Politik zwar der neue Herr Minister, sei es aus Überzeugung oder aus taktischer Verlegenheit jetzt sehr gründlich preisgegeben hat, die aber während der durch Herrn Groener hervorgerufenen Interruption von dem höchsten deutschen Gericht wenigstens kommissarisch wahrgenommen wird. Das ist der Sinn seiner Conclusion im Fall Jacob-Küster: daß sich trotz offizellem Pazifismus und trotz Beteuerungen und Verheißungen des neuen Wehrministers nichts geändert hat, nichts ändern soll. Im Mai 1925 ist im ›Andern Deutschland‹ der inkriminierte Artikel erschienen. Es war darin behauptet worden, daß sich unter den beim Veltheimer Pontonunglück ertrunkenen Soldaten Zeitfreiwillige befunden hätten. Ein paar Monate zuvor hatte Reichskanzler Luther zuerst die Erklärung abgegeben, daß zeitweilig Freiwillige eingestellt worden wären, zugleich aber versichert, daß das jetzt zu Ende sei. Das Verfahren kroch im Schneckentempo. Im August 1927 lag dem Reichsgericht ein Gutachten des Auswärtigen Amtes vor, worin die Frage, ob der Artikel den deutschen Interessen abträglich gewesen wäre, mit einem schallenden Ja beantwortet wurde. Doch zwei Monate später drückte sich das hohe Offiz schon viel gewundener aus. Die beiden Seelen unsrer Außenpolitik, die immer Gegenpole umspannen möchte. Schließlich, letzte Äußerung, ein synthetischer Versuch: Im Juni 1925 habe die Frage der Zeitfreiwilligen zu einem Rüffel durch die Mächte geführt, doch im Januar 1927 sei die Sache endgültig bereinigt worden. Das heißt, aus dem Auswärtigamtlichen in unser geliebtes Deutsch übertragen: als dieser Artikel erschien, gab es noch gewisse Dinge, die ... Doch durch diese und andre Publikationen wurde ihre Abschaffung gefördert. Politisch heißt das: die Jahre des getarnten Mars waren die elendesten der deutschen Republik. Die heimliche Militärspielerei schuf innere Unruhe, Drangsalierungen und überflüssige Demütigungen von außen. Die Entwicklung hat den Warnern recht gegeben. Kein Politiker von Verantwortung wünscht heute mehr die einst vielgefeierten Herren Geßler und von Seeckt zurück. Beide haben die öffentliche Meinung jahrelang irregeführt, der eine mit verlognen Reden, der andre mit verlognem Schweigen. Die Veröffentlichungen über die schwarzen Kadres und über die Verbindung der Wehrmacht mit den bewaffneten Verbänden waren nicht Denunziationen, sondern Desinfektionen. Sie waren von den segensreichsten Folgen. Sie haben der Geheimbündelei ein Ende bereitet, der Konsolidierung gedient, der Festigung der Republik. Für das Reichsgericht bedeuten sie ... Landesverrat. Trotzdem oder deshalb?   Vor zwei Wochen hat Oliver hier in knapper Dialogisierung von dem deutschen Gastspiel des sehr ehrenwerten John D. Gregory erzählt, weiland Direktor des Ressorts Osten im Foreign Office. Was hat sich damals abgespielt? Durch den oft erwähnten Herrn Kapitän Götting kam 1923 eine Verbindung zwischen Gregory einerseits, Ehrhardt und Claß andrerseits zustande, bei der der Engländer naturgemäß der finanzierende Teil war. Dabei dachte Gregory weniger an einen glorreichen Marsch von München nach Berlin als vielmehr an das Nächstliegende, an die Nordseeküste, an Schleswig-Holstein meerumschlungen, wo ein eignes Putschunternehmen etabliert wurde. Bei einem allgemeinen Durcheinander in Deutschland, so war Gregorys Plan, sollte England Hand auf Schleswig-Holstein legen und als Pfand für seine Reparationsforderungen einstweilen okkupieren, und zwar unter der Oberhoheit des politisch dilettierenden Herzogs von Schleswig-Holstein, um dem Kind einen anständigen deutschen Namen zu geben. Der Herzog wurde von Claß und Ehrhardt unterrichtet, aber siehe, der Herzog war gescheiter. Er entwich augenblicklich nach Italien, verfolgt von den Verwünschungen der enttäuschten deutsch-englischen Patrioten. Ein Mal wollte die Kommunikation noch funktionieren. Man erinnert sich noch, oder man hat es vielmehr vergessen, daß 1926 durch die temperamentvolle Beredsamkeit eines hohen republikanischen Beamten, der dafür durch Verschickung in die Provinz büßen mußte, bekannt wurde, es habe eine Verabredung bestanden, wonach die englische Korrespondenz des Herrn Claß durch das Bureau des Reichspräsidenten in die diplomatische Post geschmuggelt werden sollte. Das hört sich alles ein wenig wild an und liegt doch aktenmäßig bei der preußischen Regierung fest. Die sollte jetzt diese Dinge nicht mehr als Staatsgeheimnisse behandeln. Außenpolitische Rücksichten? Was geht es uns an, daß im Foreign Office, unter den Respektabelsten der Respektabeln, jahrelang ein Abenteuerer seinen Unfug getrieben hat!   Man hat Jacob und Küster zum Vorwurf gemacht, sie hätten der Regierung illegale Handlungen nachgesagt und seien schon aus diesem Grunde strafbar. Als der Reichsanwalt einem der Angeklagten vorhielt, auf ein Waffenlager bei Hamburg seien die Franzosen erst durch Zeitungen aufmerksam geworden, erwiderte dieser: »Das sind doch Stahlhelmwaffen gewesen!« Worauf Herr Jörns in köstlicher Unbefangenheit bemerkte: »Das ist doch ganz gleich, ob Stahlhelmwaffen oder nicht ...« Hier liegt der Sinn der Anklage offen: nicht die gute Reputation des Reiches war zu schützen, sondern die Waffe, einerlei, ob Reichswehr- oder Stahlhelmwaffe. Waffe ist Waffe, also sakrosankt. Die Blätter der Linken rühmen dem Vorsitzenden, Herrn Senatspräsidenten Reichert, vornehme Verhandlungsführung nach. Gewiß wars nicht à la Niedner, es ging ohne Krach, Polizei und alkoholische Intermezzi ab. Aber war der Endeffekt anders? Der Publizist steht rechtlos vor diesem Tribunal. Berthold Jacob muß sich von Herrn Jörns fragen lassen, ob sein in Paris lebender Bruder nicht Beziehungen zum Deuxième Bureau, der französischen Spionageabteilung, unterhalte. Und der abgeklärte Vorsitzende fragt einmal tiefsinnig, ob ein Staatsbürger wohl das Recht habe, von sich aus auf Einhaltung der Gesetze zu dringen. Den Journalisten hält er zur politischen Beurteilung nicht für kompetent. Denn dem Journalisten fehle die Übersicht über das Ganze ... Doch der Richter hat sie. Der kann kraft einer mystischen Vereinigung mit dem Weltgeist über alles urteilen. Er kann zum Beispiel die Behauptung aufstellen, die jedem politisch Geschulten die Haare zu Berge treibt, daß es ein Unsinn sei, von Beziehungen der Reichswehr zu irgendwelchen Verbänden zu sprechen. Infolgedessen werden auch konsequent alle Zeugen abgelehnt, die etwa das Gegenteil beweisen könnten. Denn wo das Recht des Bürgers, auf Einhaltung der Gesetze zu dringen, fraglich wird, da wird auch die Pflicht des Gerichtes, die Wahrheit zu finden, fragwürdig. Nicht die Wahrheit ist das Ziel, sondern ein schönes rundes Urteil. Dieser Prozeß war der erste einer Serie von dreizehn. Das Reichsgericht läßt verlauten, daß es nicht die Absicht habe, von seiner bewährten Praxis abzugehn. Zwölf also liegen noch vor uns. Das ist die Hybris, die den Umschwung anzukünden pflegt. Die Pontonkatastrophe von Veltheim, die vielen Dutzend Soldaten das Leben kostete, ist durch die Gottähnlichkeitsgefühle eines jungen Offiziers entstanden, der sich sagte, es wird schon gehen, wie es immer gegangen ist. Dem Reichsgericht ist bisher nur die Gerechtigkeit untern Ponton geraten, ein irrelevanter Bestandteil seines Fundus also nur, was seinen Betrieb gewiß nicht stören wird. Aber wie es seine dreizehn Fälle über die schwanke Notbrücke schleppen wird, ohne dabei selbst ins Wasser zu fallen, das ist noch ungelöst. Dreizehn ist eine Unglückszahl. Denk es, Reichsgericht! Die Weltbühne, 20. März 1928 772 Bundschuh und Escarpins Ist der Arme Konrad zum dritten Mal auferstanden? In kleinen Landstädten fliegen Steine in die Finanzämter. Um schwarze Fahnen, von Männern in schwarzen Hemden getragen, versammeln sich wild gestikulierende und durcheinander redende Bauerngruppen, schreckliche Flüche ausstoßend gegen die widerrechtlich Obrigkeit mimenden Novemberusurpatoren. In Göttingen wird dunkel mit einer Weißen Armee gedroht; zu Nimptsch in Schlesien gründet ein Junker v. Schimpff den Bund der Sänger zur heitern Lerche; zu Parchim in Mecklenburg verkündet ein Agitator, es werde demnächst blutig hergehen im deutschen Vaterland. Das sind höchst unziemliche Reden, die nach Bundschuh, Armem Konz, Florian Geyer und eifernden Prädikanten klingen und eine Vision von Bauernkrieg heraufbeschwören. Aber Bangemachen gilt nicht. Es geht nicht ums Tausendjährige Reich und um die Heilbronner Artikel, die Aufwiegler sind keine brennenden Evangelisten wie Karlstatt, Hubmeier oder Münzer, die gegen den Zehnten, den Übermut der Großen und das Jus primae noctis lamentieren, sondern brave zuverlässige Parteibeamte und Verbandssekretäre. Dieses Mal wird Jäcklein Rohrbach den Helffensteiner nicht durch die Spieße jagen, und das ist auch kein Wunder, denn er ist ja von ihm angestellt. Unsre Republik, die immer mehr zu einer Mustersammlung von Paradoxen geworden ist, erlebt jetzt einen Bauernaufruhr, der von den Junkern, den Herren, den Großgrundbesitzern selbst geleitet wird. Der Landbund, dieses Instrument der Agrarmillionäre, hat den Bundschuh aufgepflanzt. Das ist nicht viel anders als eine Arbeiterrevolution unter der Regie des Reichsverbandes der Industrie. Dummdreiste Wahldemagogie, aber glänzend gemacht. Nachdem die Deutschnationalen jetzt lange genug regiert haben, nachdem ihr Herr Schiele das Ernährungsministerium innegehabt hat, nachdem sie reichlich Agrarsubventionen gewährt haben, selbstverständlich noch immer viel zu wenig für den unverdorbenen Appetit des Reichs-Landbundes, fürchten sie grade jetzt zu den Wahlen einen Stimmungswechsel der durch eine Kreditkrise verwirrten Bauernschaft, und leiten den Ärger sehr geschickt in eigens dazu geschaffene Kanäle ab. Der große Trick, das ist die Bildung kleiner Bauernparteien, Abkommandierung bisheriger Bauerndeputierten dorthin, damit nicht Stimmen an andre Parteien geraten oder von Splittergruppen aufgefangen werden, wo sie ungenützt verkommen. Die Fäden laufen selbstverständlich beim Landbund zusammen, dieser gewaltigen Ressource der deutschnationalen Reaktion. Ohne Rücksicht auf frühere Bindungen kann jetzt im Dorf Sturm geläutet werden, wobei auch nicht zu übersehen ist, daß – o herrlicher Segen der föderalistischen Verfassung – der Aufruhr nicht etwa das schwer faßbare Abstraktum Reichsregierung überschwemmt, sondern die verhaßte, als rot denunzierte preußische Regierung, deren Exekutivorgane den Verkehr zwischen dem in unerreichbarer Wolkenhöhe schwebenden Reich und den Bewohnern der staatsbürgerlichen Niederungen vermitteln. Von Schiele, dem Gewährer und Versager aller Subventionen, mag sich das fromme, starke Landvolk nur sehr unklare Vorstellungen machen, desto packendere aber von dem sozialistischen Landrat, dem Gebieter der Landjäger, der sonst nicht weiter beachtet, doch sofort zum Büttel tyrannischer Mächte wird, wenn er eine autoritätswahrende Geste zeigt. Das ist vielleicht das Gefährlichste an diesem Popanz von Agrarrevolte: die preußische Linksregierung muß büßen für das, was die Rechtsregierung im Reiche getan oder nicht getan hat. Das ist gewiß beklagenswert. Und dennoch – Tu l'as voulu, Georges Dandin; tu l'as voulu! Zwei Unterlassungssünden hat die Revolution von 1918 begangen, die zu Todsünden gegen die junge Republik geworden sind: sie hat versäumt, in einer Zeit, wo alle alte Bindungen gelockert waren und alles ungeheuer aufnahmebereit war, den Einheitsstaat zu proklamieren, und sie hat die Zerschlagung der Latifundien, die Aufteilung des Großgrundbesitzes versäumt. Sie hat alle Chancen versäumt, das ganze weite Land mit einem ihr zu Dank verpflichteten Kleinbauerntum zu überziehen, sie hat darauf verzichtet, die auch unter der dicken reaktionären Verkrustung schlummernden revolutionären Instinkte des Bauern zu entfesseln und zu befriedigen, und ihre eigne Schuld ist es, wenn heute der Landmann sich vom Junker gängeln läßt wie früher, statt nach seinem Boden zu verlangen. Auch in dieser Frage hat die Sozialdemokratie den historischen Moment verpaßt. Teils weil sie überhaupt nichts Fundamentales wollte, teils weil ihr auf der Bildungsschule des alten Kautsky eingeimpft war, daß das kleine bäuerliche Eigentum vor dem erhabenen marxistischen Dogma ein Ärgernis sei. Vor mehr als 25 Jahren schon haben die Leute von den Sozialistischen Monatsheften das bekämpft und sind verketzert worden dafür. Aber sie haben Recht behalten. Die Bauern, geborene Fanatiker des Eigentums, haben niemals eine Beziehung zum Sozialismus und zum Industrievolk finden können, sie haben die Kämpfe des Industrieproletariats stets mit abergläubischer Scheu verfolgt. Ach, wenn die Sozialdemokratie, die so viel ererbten orthodoxen Hausrat unbeschwerten Sinnes über Bord geworfen hat, auch diesen ehrwürdigen Schinken aus Kautskys Weisheitskiste hinterher geschickt hätte! Es mutet an wie eine Parodie auf diese falsch angebrachte Prinzipienfuchserei, daß die rigorosesten Marxisten, die Moskauer, ihr sozialistisches Regiment grade auf den kleinbäuerlichen Besitz gegründet haben. In Deutschland aber schwingen die Kulaken die Sturmfahne wider die demokratische Republik ... Phantasierende Studienräte haben die Phrase von dem »Volk ohne Raum« aufgeschnappt und heischen Kolonien. Wo hätte dies Volk keinen Raum? Wenige Stunden von der großen Stadt liegt unermeßlicher grüner Grund, von Stacheldraht umzäunt ... Wird aber die Unzufriedenheit der Bauern nicht doch von einer wirklichen Not gespornt? Es wäre übertrieben, von einer allgemeinen Agrarkalamität zu sprechen, dennoch liegen ohne Zweifel gewisse Kreditschwierigkeiten vor, die bei der wirtschaftlichen Gesamtsituation nicht absurd sind und abgestellt werden können. Man darf bei dem Gejammer nicht übersehen: wer seit dreißig Jahren auch regiert hat, immer war die Landwirtschaft das verhätschelte Kind; Zölle, Subventionen, Liebesgaben vielfacher Art, immer mußte der schreiende Liebling bei Laune gehalten werden; er ist denn auch fast immer recht passabel durch den Winter gekommen. Wo wäre denn auf dem Lande jemals diese krallende, blut- und seelensaugende Not lange Zeit zu Gast gewesen, die die unsichtbare Beherrscherin der großen Städte ist? Gewiß, sie spukt in den nicht menschenwürdigen Quartieren der Landarbeiter, wo ein paar Meter hinterm vollen Rauchfang der Hungerödem grassiert, aber das Bauerntum wird von ihr kaum berührt. Was wissen die spektakelnden Landbündler von der Verelendung städtischen Proletariats? Bei Langenöls sind die Demonstrationen angeblich durch ein paar Zwangsversteigerungen ausgelöst worden. Das wäre Anlaß zum Aufruhr? Tägliches Schicksal in den Städten, Unglück, das ganz als privates empfunden wird; schweigend tauchen die Ausgepfändeten irgendwo unter. Wer fragt nach den Millionen von Arbeitslosen, wer nach den täglichen Hungertragödien in Arbeiterhäusern und in langsam versinkenden Bürgerfamilien? Die Zeitung registriert nüchtern die Selbstmorde wegen Exmittierung, nur wenn die Quantität imponiert, gibts eine fettere Überschrift. Man weiß, daß in Berlin allein heut an die zwanzigtausend Wohnungslose gezählt werden. Zwanzigtausend kampieren in Lauben, Schuppen, Giebeln und Kellern, zwischen morschen, undichten Planken, unter Dachpappe und Wellblech. Tüchtige Reporter entdecken Troglodyten am Rande der Stadt, die sich, von keinem Bauamt behelligt, in die barmherzige Erde eingewühlt haben. Kein Pesthauch solchen Elends streift auch nur den kümmerlichsten Rübenbauern. Die Leiden der Landwirtschaft sind nicht mehr als vorübergehende Depression. Dafür hat sie, weiß Gott, ihre fetten Jahre gehabt. In der Zeit der Inflation stand sie breitbeinig unter Fortunas Horn. Während die Bürger der Städte die letzten Sachwerte ins Lombardhaus schleppten, schafften die Agrarier Steinwayflügel an und dicke Polstergarnituren und garantiert echte Kunstgemälde, was ihnen nicht mißgönnt sei. Aber ebensowenig können wir heute Sentimentalität aufbringen, wo die Konjunktur mal wieder anders rum geht und die nützlichen Gebrauchsgegenstände wieder verscherft werden müssen. Der Landbund ist keine sympathische Korporation, aber etwas von seiner speckschwammigen Unverschämtheit wäre den Demokraten und Sozialisten schon zu wünschen. Das alte Rezept des seligen Herrn v. Diest-Daber, daß man schreien muß, wenn man was haben will, haben die noch immer nicht begriffen. Ein Lamm Gottes unter den Peitschenhieben ihrer Richter, Beamten und Militärs hält die Republik geduldig still. Ein berliner Gericht hat soeben Herrn Friedrich Hussong freigesprochen, der im ›Lokalanzeiger‹ der Weimarer Verfassung ein paar Galanterien in die rosige Ohrmuschel geflüstert hat. Denn, so folgerte das Gericht, man kann zwar die Revolution verwünschen, deshalb aber der Verfassung, ihrem sichtbarsten Effekt, die aufrichtigste Devotion entgegenbringen. Bravo, Gericht! Was kümmerts die Tochter, wenn man die Mutter Metze heißt? Wir gratulieren dem glänzend begabten Pamphletisten zum Freispruch und bedauern nur, daß er nicht noch ganz anders drauflos gewalkt hat. Dafür hat die liberale Presse die große Genugtuung des Phöbus-Skandals. Skandal? Wo und wieso? Wen interessiert das eigentlich, wer spricht darüber, und wer empfindet das als Skandal? Machen wir uns nichts vor: – der Mann auf der Straße liest was von dreißig verpulverten Millionen und bleibt ganz ungerührt. Denn schließlich waren es Offiziere, die so freundlich gewesen waren, und weil Militär dabei war, wird die Sache wohl auch einen Sinn gehabt haben. Die großen Demoblätter täuschen sich über den Grad der öffentlichen Teilnahme an ihrem groß aufgemachten Fall. Und das geschieht ihnen recht. Denn sie behandeln den Casus als etatsrechtlichen anstatt als strafrechtlichen. Hier muß laut gefragt werden: wo bleibt denn der Staatsanwalt, der vor ein paar Jahren, zum Beispiel, die glorreiche Umzingelung von Schwanenwerder unternommen hat, und der jetzt gegen die Kriegsgefangenen von damals, die Barmats, einen wahnwitzig hohen Strafantrag stellt? Damals mußte der Fall Barmat eine Wahlkampagne eröffnen, und heute werden die Urteile grade rechtzeitig zu einer neuen herauskommen, und dank der größern Unbedenklichkeit der Rechten wird der Name Barmat die entscheidenden Wochen beherrschen und nicht der Name Lohmann. Im Reichstag hat sich vor ein paar Tagen der auch als Sozialist streng abstinente Herr Sollmann über den afghanischen Ordenssegen beschwert und damit Herrn v. Keudell zu seinem ersten beabsichtigten und berechtigten Heiterkeitserfolg verholfen. Denn Herr v. Keudell konnte feststellen, daß ein republikanischer Innenminister dem Präsidenten Ebert seinerzeit dringend geraten habe, den angebotenen peruanischen Orden »Die Sonne« anzunehmen, und das sei kein andrer als Herr Sollmann gewesen. Tableau. Escarpins tragen die Herren, Escarpins! Die Andern bevorzugen derberes Schuhzeug, schrecken selbst vor dem Bundschuh nicht zurück. Wie scharf, wie unerbittlich und ellenbogenhart Interessen vertreten werden müssen, das mögen die Herren von den Agrariern lernen. Auch die Generalkommission der Gewerkschaften, allwo das sanftlebende Fleisch des Herrn Leipart thront, der es nicht ungern hört, wenn man ihn »Herr Staatsminister« tituliert. Aber die kleinen Kompromißler, die das Erbe des großen Taktikers Legien verwalten, sind schon selig, wenn man ihre Besonnenheit und die Disziplin der von ihnen Geführten rühmt. Darauf legt der Landbund nun gar keinen Wert. Es wird noch viel Zeit vergehen, ehe die Herren von Links begreifen, daß ihre Diplomatenschuhe nicht recht zum Marsch der Arbeiterbataillone taugen. Wenn man vor Kapitalismus, Militarismus und Justiz nicht gleich die Hosen voll macht, braucht man deswegen noch kein Bolschewik zu sein. Das ist es, was die zarten Seelen nicht glauben. Die Weltbühne, 27. März 1928 773 Dostojewski ohne Gott Wäre Ilja Ehrenburg ein Allegoriker, er hätte dem Roman von Michael Lykow etwa den Untertitel gegeben: Die Plagen des Lebens. Denn in diesem starken Band (im Malik-Verlag deutsch erschienen) geht es nur um die Widerwärtigkeiten des Lebens, um Krieg und Pestilenz, Straßenkampf, Hunger, Füsilierung und immer wieder Felonie. Ein schauerlich exaktes Bild von der Auflösung einer Gesellschaft, ein rigoroser Naturalismus, neben dem der alte Zola zum milden Märchenonkel wird. Im Mittelpunkt ein kleiner Schieber, Michael Lykow, von seinem Autor bis zur Zärtlichkeit gehaßt, ein kleiner Profiteur des werdenden Sowjetsystems, das seinerseits von der Pfiffigkeit und der desperaten Courage solcher und ähnlicher Lykows profitiert, bis es ihnen schließlich als räudigen Schafen kaltblütig das Fell abzieht. Ehrenburg, der Pathoslose, ist auch in diesem schnell heruntergeschriebenen Buch unter allen Satirikern der Zeit Swift und Voltaire am nächsten. Diese jagende, pausenlose Häufung von Unglücksfällen, das ist die Technik des unsterblichen ›Candide‹. Ein paar Sätze nur – es handelt sich um eine Besserungsanstalt für minderjährige Verbrecher und Prostituierte, wo sich der Lebenskater der Aufseherschaft in Philanthropie umsetzt und es statt Brot und Kleidern Dekrete gibt: »Des Nachts ließen sich die kleinen Mädchen an einem Strick hinabgleiten und liefen mit dem Schrei: ›Onkelchen, wir können schon!‹ zu den Rotarmisten. Die ›Onkelchens‹ belohnten diese Wunderkinder aus Dankbarkeit für ihre in diesen Kriegszeiten notwendigen Dienste mit Krautsuppe, Wurst und Syphilis. Die Knaben hingegen entwischten vornehmlich zu allerhand Bandenführern. Die weniger Unternehmungslustigen überfraßen sich vor Hunger an Futterrüben und gingen an Dysentrie zugrunde.« Das ist der Stil eines Buches von über 500 Seiten, schrecklich rasant; ein Zynismus, der nicht mehr Männer und Institutionen bewitzelt, sondern nach dem Leben selbst sticht, sich selbst streitsuchend am Leben wetzt und wundwetzt. Über den Qualen Dostojewskis thront ein Gott. Bei dem Russen dieser Tage ist Gott delogiert und der Mensch allein. Das Umschlagbild zeigt Ehrenburgs schmales, zerfurchtes Gesicht mit großen, bitter suchenden Augen, die ahnen lassen, daß auch hinter den Verwünschungen dieses neuen Thersites die ewige Klage von Indras Tochter zittert: Es ist schade um die Menschen! Die Weltbühne, 27. März 1928 774 Kreml und Vatikan Zeitungen kolportieren ein moskauer Gerücht, daß Tschitscherin amtsmüde sei und demissionieren wolle. Klatsch oder Tatsache? Die feinste aller politischen Künste wird in Moskau ausgeübt von einem stillen Arbeitsmenschen, der die auswärtigen Angelegenheiten dieses ganz isolierten Staates zu führen hat, dessen Tendenz ist, seine frisch erlebte Revolution durch die ganze Welt zu tragen, der aber andrerseits Verträge schließen, um wirtschaftliche Annäherungen, um Sympathien werben muß wie andre, wie kapitalistische Staaten auch. Das ist eine in ihrer Zwiespältigkeit aufreibende Aufgabe, die oft zu Ränke, oft zu falschen Freundschaftsgrimassen, aber öfter noch zu ehrlichen Seufzern zwingt, wenn der revolutionäre Elan der Dritten Internationale grade dann ein Feuerwerk abbrennt, wenn der Diplomat mit Brustton Ruhe garantiert hat. Das ist lange Zeit bald richtig, bald schief gegangen, und heute gelingt den Russen nichts mehr. Der innere Unfriede zwingt zu sehr lauter Sprache; um die radikalere Opposition zu depossedieren, wird ein revolutionärer Taumel entfacht, der störend in die Zirkelzüge der Außenpolitik tritt. Es ist bezeichnend, daß an die Stelle Tschitscherins immer mehr der geräuschvollere und witzigere und zum Affichieren von Propagandaparolen weit besser geeignete Litwinow in den Vordergrund tritt. England und Frankreich sind, einstweilen, verloren. Um jede einzelne Macht hat Tschitscherin mit Herkuleskräften gekämpft. Erfolglos. Und wenn nicht alles trügt, kann er jetzt auch Deutschland auf die Verlustliste schreiben. Seit der Verhaftung der deutschen Ingenieure, in Verbindung mit dem Donez-Komplott, folgt eine Absage der andern. Den Reaktionären, die seit dem Sturze Seeckts und der Aufdeckung geheimer militärischer Manipulationen den Spaß an der russischen Freundschaft ohnehin verloren haben, folgen jetzt die Liberalen. Die Politik von Rapallo, der sie einst Hymnen sangen, wird gründlich abgebaut. Die prominentesten demokratischen Vertreter dieser Richtung verkünden heute enttäuscht, daß ihre Hoffnungen nicht erfüllt seien und es überhaupt unmöglich wäre, mit den Russen Politik zu machen. Die Klagelieder sind nicht klüger als einst die Jubelchöre. Rapallo war keine staatsmännische Leistung, sondern ein Bluff, ein fehlgeschlagener Versuch, die Westmächte durch Verbrüderung mit dem roten Mann zu schrecken. Erster Effekt war damals, daß Lloyd George willkommenen Vorwand fand, Wirth-Rathenau die Verantwortung für das Scheitern der Konferenz von Genua aufzuladen. In Deutschland aber entstand ein neues gefährliches Gefühl, bei den Versuchen, die Friedensverträge zu zerreißen, sekundiert zu sein – die Politik, die zum Ruhrkrieg führte, ist an einem frostigen Morgen in einer Villa von Santa Margerita geboren worden. Während in der Folge die äußern Beziehungen zu Rußland demonstrativ gepflegt wurden – immer um die Westmächte zu ärgern–, wurde innenpolitisch der Kurs gegen Moskaus linksradikale Freunde immer bösartiger. Während man um Moskau glühend warb, nannte Reichsrichter Niedner, auf dem curulischen Sitz thronend, Rußlands Fahne »Sowjetlappen«. Heute blasen die demokratischen Blätter, die eigentlich Herrn Tschitscherin erst entdeckt und seinen Weltruf gemacht haben, zum Rückzug. Jetzt scheinen ihnen alle Bemühungen vergeudet, die wirtschaftlichen Ergebnisse und die Chancen für die Zukunft gleich Null. Und alles wegen der Verhaftungen am Don. Ferdinand Timpe hat hier im vorigen Heft den russischen Standpunkt dargelegt. Man mag den für unberechtigt halten, aber braucht deswegen den Russen den guten Glauben nicht abzusprechen. Denn schließlich liegt über keinem andern Land ein so enges Spionagenetz, und Sabotage ist kein leerer Wahn bei einer jungen, schwachen, von aller Welt befehdeten Wirtschaft, die noch dazu auf ausländische technische Instruktoren angewiesen ist. Existiert das ganze Industriekomplott aber nur in gewissen neurasthenischen Vorstellungen der G.P.U., so sollte doch nicht vergessen werden, daß auch bei uns eine sehr vornehme Behörde der Verratriecherei manisch verfallen ist, und daß man billigerweise von den russischen Inquisitoren nicht mehr Klugheit, Einsicht, Weitläufigkeit und Gefühl für außenpolitische Zusammenhänge verlangen kann als etwa von Herrn Jörns. So wird unter die östliche Orientierung ein Strich gesetzt. In Genf nur assistiert Bernstorff noch ein Mal Litwinow. Es ist das Abschiedsbenefiz einer Politik, die sich selbst ihren Lorbeer spenden mußte, weil sich kein andrer zahlender Bewunderer fand. Deutschlands Unterstützung der radikalsten Abrüstungsforderung, die je gestellt wurde, gilt nicht als Empfehlung. Es will die Ablehnung abwarten, um dann freie Hand für neue Aufrüstungswünsche zu haben, so munkelt man. Ist aber die östliche Orientierung erledigt, was dann? Wir werden auf der Hut sein müssen! Der Gedanke liegt nahe, daß das Foreign Office den aus der Rapallo-Trunkenheit Erwachenden mit Vergnügen ein kleines Katerfrühstück servieren wird. Alles das ist für den Kreml nicht sehr glücklich. Dazu hat ihm die schroffe Behandlung der Opposition viel moralisches Gewicht geraubt. So kann sein Friedensangebot leicht als Impromptu mephistophelisch blitzenden Hohnes ausgelegt werden. Aber welcher Art die Motive auch sein mögen, nicht vergessen werden kann ein Satz wie der: »Im Laufe von vier Jahren nach dem Inkrafttreten dieses Übereinkommens werden alle organisatorischen Einheiten und der ganze Personalbestand der Landheere, Kriegsmarinen, Luftstreitkräfte, sowohl in den Mutterländern, wie in den überseeischen Besitzungen aufgelöst und ihre Existenz in Zukunft nicht mehr zugelassen, weder in offener noch in versteckter Form.« So und nicht anders wird die Schlußformel der Generalabrüstung einmal aussehen.   Zwei Gestirne sind auf ihrer engen Bahn zusammengestoßen: Mussolini und die Kirche. Die Tragödie der Kirche, daß ihre Strahlungen durch die Welt kreisen, daß sie durch den Wohnsitz ihres Oberhauptes aber eine Lokalangelegenheit der Stadt Rom und außerdem ein Gegenstand der italienischen Nationalpolitik ist. Vielleicht begreift bei diesem Konflikt auch der Nichtkatholik zum ersten Mal den Sinn ihres Verlangens nach einem weltlichen, staatsrechtlich beglaubigten Territorium. Und daß, immer von der katholischen Seite gesehen, das Wort von dem »Gefangenen im Vatikan« doch mehr bedeutet als eine weinerliche Phrase zur Füllung von Opferstöcken. Ein Mal mußten sie kollidieren, Vatikan und Fascismus. Sie wohnen auf zu schmalem Raum zusammen, und gleichen sich zu sehr in ihren Ansprüchen. Natürlich war der Anlaß klein. Der Papst sprach seine Mißbilligung aus über eine von katholischen Jugendverbänden unterlassene Devotion, und Mussolini reagierte sofort echt napoleonisch mit dem Verbot aller kirchlichen Jugendorganisationen und was etwa damit zusammenhängt. Wahrscheinlich wird der Heilige Vater trotz des schweren Affronts sich zunächst darauf beschränken, gegen Mussolini zu beten. Denn der offene Konflikt würde bald zeigen, über wie viel reale Kraft die Römische Kurie noch verfügt, und dieser Probe dürfte sie ausweichen. Seit Jahrzehnten bestand ihre Stärke vornehmlich darin, sich bei weltpolitischen Komplikationen neutral zu halten. Das verlieh ihr gewaltige Autorität und hier konnte sie auch ihre genialen diplomatischen Fertigkeiten spielen lassen, sie, die über die älteste Diplomatie der Welt verfügt. Bricht der Kampf aber aus, so werden wir etwas namenlos Beispielhaftes erleben – den Kampf zwischen der absoluten Idee und dem absoluten Biceps. Dies Duell braucht für Mussolini nicht gut auszugehen, denn die heilige Kirche war in der Wahl der Verbündeten niemals sehr prinzipiell. So wie die Päpste der Renaissance die Küsten beider Sizilien von türkischen Galeeren brandschatzen ließen, so wird die Diplomatie ihres spätem Nachfolgers den Weg zu Freimaurern, Liberalen und Sozis finden. Aber dennoch dürfte die Kirche versuchen, das Jusqu'au bout zu meiden. Nicht nur, weil das Dulden ihr immer besser stand als das Verfluchen, sondern auch, weil ... die Sache trotzdem nicht ganz sicher ist. Die Kirche hat nicht nur ihr triumphierendes Canossa erlebt, sondern auch Spaltung und babylonische Gefangenschaft, und mehr als ein Mal haben fremde Krieger die Engelsburg geplündert. Schließlich ist es auch den Konkurrenzen schlecht gegangen. Der griechische Patriarch mußte vor den Bolschewiken ducken, das Kalifat ist aufgeflogen. Kapitalismus und Sozialismus entgöttlichen die Welt gleichermaßen. Und wer weiß, ob nicht schließlich der Fascismus, der Konservator aller Reaktionen, durch eine jener nicht sehr seltenen welthistorischen Ironien dazu ausersehen ist, das zu vollenden, was den roten Jakobinern bisher nicht gelungen ist? Diese Ironie kennt die Kirche sehr wohl, und sie hat oft genug von ihr profitiert. Aber sie besitzt mehr Selbsterhaltungstrieb als Humor, und deshalb dürfte sie gern auf die Probe verzichten, ob der Geist der Geschichte auch in diesen prosaischen Zeiten noch zu einem witzigen Seitensprung zu haben ist. Die Weltbühne, 3. April 1928 775 Zwei politische Romane »Die Nacht nach dem Verrat« heißt ein Roman von Liam O'Flaherty, der bei Theodor Knaur erschienen ist und schon vor einiger Zeit beim Abdruck in der ›Frankfurter Zeitung‹ berechtigte Beachtung gefunden hat. Wer ist Liam O'Flaherty? Es ist gelegentlich nützlich, vom Autor nichts zu wissen: man kommt nicht in die Versuchung zu klassifizieren. Ich pflege nicht von einem ersten Eindruck niedergeworfen zu werden ... Nun, dieser Roman ist ein gutes rundes Meisterstück. Eine Geschichte aus dem Slums von Dublin, nüchtern und ohne melodramatische Zutaten erzählt, robust im Griff, sparsam in den Mitteln. Zwei junge Arbeitslose treffen sich im Asyl. Der Eine hat während eines Streiks einen Sekretär vom gelben Verband niedergeschossen; ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt – der Andre verdient sich den Preis. Abends um sechs hat die Begegnung stattgefunden, am nächsten Morgen ist das Blutgeld schon dahin, und Der es sich erwarb, schleppt sich, von den rächenden Kugeln der Genossen zerfetzt, in ein Gotteshaus, um die arme Seele zu verhauchen. Ein Thema Georg Kaisers. Aber dessen Held flüchtet aus der kleinbürgerlichen Geborgenheit in die soziale Unterwelt. Für diese Arbeitslosen und Asylisten hier sind alle Wege verrammelt. Die Grenzen ihrer Klasse sind ihre eignen, ihre Klasse ist ihr Schicksal; nur ein junges Mädchen, ein Zug, der die Menschenkenntnis des Autors glänzend attestiert, findet die Hintertür ins Bürgertum. Der irische Autor schreibt ohne Anklagepathos, nur gelegentlich fällt ein greller Witz auf das traditionelle Verschwörertum seiner Landsleute. Aber grade, weil er den Arbeiter so wichtig nimmt, wie ein bürgerlicher Romancier seine Buddenbrooks oder Forsytes, und die Arbeiterwelt hier eignes Gesicht hat und kein Plakatfinger sie mit Entdeckerfreude demonstriert, deshalb erinnert dies Buch wie kein zweites an die neue russische Literatur. Lion Feuchtwanger hat kürzlich ausgeführt, die breite Wirkung englischer Autoren liege großenteils darin, daß sie nicht an einer Einzelpsyche herumbastelten, sondern sich immer um ein Gesellschaftsbild bemühten. Das trifft auf O'Flaherty zu, und ist wohl auch das Geheimnis der Weltberühmtheit Arnold Bennetts, dessen in England wild umstrittener »Lord Raingo« jetzt bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart herausgekommen ist. Ein Politikerroman, ein Schlüsselroman, der mit kaltschnäuziger Respektlosigkeit die Zimmer der Männer öffnet, die das Empire regieren. Dabei bleibt die Diktion äußerst gelassen, der Autor schwingt keine juvenalischen Geißeln, er ist zu gut erzogen dazu, um zu schreien; wie viel Bitterkeit zu diesen Porträts von Lloyd George, Churchill, Curzon etcetera den Griffel geführt hat, bleibt der Ahnung und dem Tastsinn des Lesers überlassen. Wir schreiben Frühjahr 1918, und ein reicher Parvenu soll in das Kriegskabinett eintreten. Ein zynischer Egoist, nicht mit Rhetorik oder einem Weltruf zu düpieren. Er sieht die Führer Britanniens als hohle Pathetiker, krasse Streber und windige Phraseure. Die Aura um den politischen Betrieb verdunstet. Wir erleben Kabinettssitzungen, Fabrikation von Siegesmeldungen, einen großen Tag im Parlament und seine Ausstrahlungen auf Publikum und Presse. Immer wieder das Leitmotiv: so tun die Menschen in der Politik und so sind sie wirklich. Weil aber eine siebenfach verriegelte Kammer hier so vorbehaltlos geöffnet wird, deshalb ist das Ergebnis doch mehr als eine skandalöse Sensation. Ein höllisch wachäugiger Beobachter spürt die ungeschriebenen Gesetze einer herrschenden Schicht auf. Man weiß nach dem Buch mehr von England als bisher. Die Weltbühne, 3. April 1928 776 Kandidat Zéro In diesem Jahre wird in einigen der entscheidenden Staaten des Erdballs gewählt werden. In Frankreich, in Deutschland, wahrscheinlich auch in England; U.S.A. nominieren einen neuen Präsidenten. In der versunkenen Welt vor 1914 waren Parlamentswahlen höchst akzidentell. Sie liefen gleichgültig nebeneinander. Nichts und niemand sagte dem französischen Bürger am deutschen Wahltage: Es ist deine Sache, um die dort gelost wird! Niemand sagte dem deutschen Wähler an den Tagen, als in England die Asquith-Liberalen die Tories, die französischen Demokraten die Generalscliquen der Dreyfuszeit schlugen: Jetzt ist die Stunde da, wo drüben keine Säbelrassler mehr sitzen, keine Militärs und Chauvins, sondern Parteien, die für Annäherung und Aussöhnung zu haben sind. Nur die große Wirtschaft zeigte sich interessiert. Für sie ging es ja um Handelsverträge, um Zölle. Ob Protektionisten oder Freetraders im andern Land war ihr wichtig, ob Nationalisten oder Friedfertige gleichgültig. Heute wird der Gedanke übernationaler Verbundenheit Aller nicht mehr ohne weiteres als Dummheit oder Hochverrat betrachtet. Aber heute wie einst muß die Vernunft noch vornehmlich unter der Flagge der Wirtschaft fahren, sie muß als Armenpassagier Zwischendeck reisen. Das »Nie wieder Krieg!« dient nur als ideologischer Aufputz herkömmlicher Plattitüden und nimmt nur einen bescheidenen Rang ein neben der Aufzählung von Nützlichkeitsgründen und dem Herunterreißen der Andern. Es gibt eine Zeichnung des großen Daumier: – aus einer Wahlurne springen munter die Stimmzettelchen, und im Hintergrund sieht man auf ein Feld von Erschlagenen. Unterschrift: »Das da hat Die getötet!« Mörder Stimmzettel. Das Bildchen sollte in jedem Wahllokal hängen.   Wenn man den liberalen Blättern Glauben schenkt, fühlt sich die Mehrheit unsrer Wähler heute schon als Optanten für Europa. Man bekommt da die Erkenntnis vorgesetzt, daß dies seit 1919 die ersten Wahlen in gereinigter Atmosphäre sind, daß der Bürger im Vollbewußtsein seiner Verantwortlichkeit gegenüber Europa, mindestens gegenüber Paneuropa, zur Urne schreitet. Mit der Feinheit eines zur Feststellung und Messung von terrestrischen Erschütterungen funktionierenden Apparates gibt der Bürger seine Stimme ab, wissend, daß eine verkehrte Wahl in räumlich weit entfernten Staatswesen die Erdrinde reißen und Mauern wanken läßt. Um zu so optimistischen Schlüssen zu gelangen, muß man, wie viele deutsche Linksblätter, mit der natürlichen Gabe für falsche Diagnosen auf die Welt gekommen sein. Die wittern neuerdings auch eine Renaissance des alten Liberalismus. Richtig ist, daß einige extreme Flügelgruppen seit 1924 zusammengebrochen sind. Richtig ist weiter, daß einige der gröbsten agitatorischen Dummheiten inzwischen an der eignen Nichtsnutzigkeit krepiert sind. Eine gewisse allgemeine Ermüdung ist eingetreten. Eine gewisse Verdrossenheit an den lautesten und breitesten Phrasen. Der Messianismus von 1919, der sozialistische wie der nationalistische, begegnet erlahmten Gehören. Aber aus dieser unbestreitbaren Ermüdung schon einen liberalen Aufschwung zu folgern, das ist kühn und etwas töricht zugleich. Ermüdung ist nicht der natürliche Zustand für die neue Erhebung einer Idee. Und wenn die Herren den Halbschlaf der Welt als besonders günstig für die freie Entfaltung ihrer Idee empfinden, so scheint uns das nicht besonders für die Idee zu sprechen. In Frankreich geht die bürgerliche Linke diskreditiert und zerfallen in den Wahlkampf. In England hofft die Liberale Partei, die es schon fast nicht mehr gab, durch den großen Blender Lloyd George in die Nachbarschaft der Arbeiterpartei geführt, von der allgemeinen Erbitterung gegen die konservative Regierung zu profitieren. Der Erfolg der Union zwischen Labour und Liberalen ist bis jetzt allerdings nur, daß die Kommunisten zum ersten Mal selbständig in sechzig Wahlkreisen auftreten, und MacDonalds Leute die große populäre Attraktion, »äußerste Linke« zu sein, einbüßen. In Deutschland dagegen steht die Demokratische Partei vor sehr ungewissen Chancen. Gewiß, sie hat im letzten Jahre täuschend Opposition imitiert. Not lehrt beten, Not lehrt opponieren. Aber unsre Demopartei ist heute schon eine ehrwürdige Invalidin, Konkurrentin nicht etwa den großen Parteien mehr, den Parteien von Westarp, Stresemann und Guérard, sondern der Wirtschaftspartei, der Partei der Bäcker, Milchhändler und Hausagrarier. Folgerichtig siegte in Berlin bei der Kandidatenauslese ein biederer Malermeister über den Professor Bonn. Da hat man zwei Jahre mit viel Geräusch Geist markiert, sich zum Parteitag gar – horribile dictu – den großen Heinrich Mann verschrieben. Und wo es drauf und dran geht, siehe, da zeigt es sich, daß in Berlin, zum Beispiel, die Partei noch immer der dicke Merten regiert, der in seinen altväterlichen Rockschößen den ganzen Mief des seligen Kommunalfreisinns in unsre besser gelüftete Zeit hinübergerettet hat.   Merten heißt bei den Sozialdemokraten Wels, bei den Kommunisten Thälmann. Er heißt in jeder Partei anders, aber er ist überall, er sitzt überall breit auf der Bundeslade und trommelt siegreich den Dessauer Marsch. Ein pariser Publizist hat hier im vorigen Heft eine kleine Charakteristik der Männer gegeben, auf die Frankreich rechnet. Die Franzosen sind bekanntlich das konservativste Volk Europas und halten deshalb noch immer an der Tradition fest, beim Beginn des Wahlkampfes die Köpfe Revue passieren zu lassen, auf die sie hoffen. Kämen wir in ähnliche Versuchung? Das gute 8-Uhr-Abendblatt hat die Probe gemacht, um schließlich resigniert zu gestehen, daß die Sache ziemlich unnütz wäre, da ja doch alle wiederkommen werden. Das ist es. Alle, die in der Führung gesessen haben, sind doppelt und dreifach gesichert. Ihnen kann nichts geschehen. Ein Einzelgänger wie Wirth dagegen muß sich hin- und herschieben lassen. Herr Hellpach, nicht wegen allzu argen Radikalistentums, sondern wegen des weit schlimmern Ludergeruchs der Intellektualität, wird in der Pfalz hoffnungslos plaziert und erst nach Protesten besser gebettet. Das sind nur kleine Stichproben, doch charakteristisch für Alle, für Alle. Denn das deutsche System ist nicht Wahlkampf, sondern Mandatsversicherung der Privilegiertenschicht in den Parteien. Diese deutschen Wahlen sind anonym. Es ist alles da, was sonst zum Wahlstreit gehört, nur die Kandidaten sind nicht da. Wir wählen gleichgültige Listen und nicht Personen, die uns angehen. Wir wählen Zéro in der Erwartung, daß schließlich doch eine Größe daraus wird. Noras Hoffnung auf das Wunderbare, im Ehedrama sanft komisch geworden, ist bei uns jetzt Hauptmotiv des politischen Theaters. Dieses Manko soll durch Getöse ersetzt werden. Es ist verdächtig, daß jetzt aller Ecken die Prokuratoren der unsichtbaren, aber immer vorhandenen Würdepartei vor Ausschreitungen, vor Roheiten, vor einem allzu stürmischen Wahlkampf warnen. Ausgezeichnet – aber wo wäre denn die Neigung dazu? Wer sollte denn so roh sein, die Ehre des Bürgers Zéro zu besudeln oder ihm gar die Gegnerschaft mit der Heugabel zu beweisen, nur weil er irgendwo auf einer Liste steht? Es kennt ihn ja niemand. Deshalb kann auch niemand auf die absurde Idee verfallen, dem Bürger Zéro roh zu kommen. Der Zweck der wohlgemeinten Warnungen ist durchsichtig: es soll der Öffentlichkeit ein Interesse imputiert werden, das gar nicht besteht. Die großen politischen Parteien werden von Disziplin zusammengehalten, da tanzen die Wähler nicht aus der Reihe. Auch die großen beruflichen Korporationen haben ihre Kandidaturen, aber was dazwischen steht, die Unorganisierten, die sollen erfaßt werden. Für die wird das ganze Theater aufgeführt, spritzen alle Raketen. Um die heranzuschleppen, wird das bißchen Temperament verpulvert, das der deutsche Politiker zuzusetzen hat. Aber Roheiten, Exzesse? Ich fürchte nur, daß die Würdepriester nach etwas anderm hinzielen. Ich fürchte nur, wenn Du und ich etwa in eine sozialistische Versammlung gehen und fragen, wie sich denn die Sozialdemokratie verhalten werde, wenn das Zentrum den Eintritt in eine Linksregierung etwa von der Annahme gewisser Schulforderungen abhängig mache, wir dann sofort, als unverbesserliche Rohlinge gebrandmarkt, aus dem Tempel fliegen würden. Denn der Wahlkampf, versteht sich, muß in vornehmen Formen geführt werden. Und es ist nicht vornehm, nach dem zu fragen, worauf es ankommt.   Denn jeder Wahlkampf muß ein Ziel haben. Es muß dem Wähler auch ohne demagogische Spritzen eingehen, wodurch sich die Opponierenden von den Regierenden unterscheiden. Es muß klar sein, was sie anders machen wollen, und wer nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, muß auch ahnen, was sie anders machen können. Wodurch unterscheiden sich die Herren Wettbewerber? Wodurch hat sich das jetzige Reichskabinett von dem vorigen unterschieden, in dem Demokraten saßen? Und wodurch unterschied sich das von dem letzten Kabinett, in dem Sozialisten mitwirkten? Rätselfragen. Camouflage, Camouflage! Es gibt keine Plattformen, keine Parolen, keine Ziele. Wird um eine der Fragen gestritten, die dies Parlament beschäftigt haben? Geht das Ringen ums Schulgesetz? Die linke Opposition spricht nicht davon, um das Zentrum, auf das es rechnet, nicht zu verstimmen. Spricht man vom Schund- und Schmutzgesetz? Herr Külz, der Schutzherr der Pressa, hat es durchgedrückt. Spricht man vom Marineskandal? Von Herrn Reinhold, dem Demokraten, existiert eine Sanktionierung Lohmannscher Schiebungen. Spricht man von der Reichswehr? Geßler, der Demokrat, hat sie in jahrelanger Mühe zur monarchistischen Elitetruppe gemacht, und jetzt ist ein Neuer da, der erst abwartet, wie es nachher wird und zu jedem Auskunftsuchenden mit Bedauern sagt: »Was wollen Sie, ich bin ja eben erst ins Geschäft eingetreten ...« Spricht man vom Reichsgericht? Herr Landsberg, der designierte Justizminister, wird sich schön hüten. Denn an die Absetzbarkeit der Richter denkt niemand. So bleibt nichts weiter als ein nebuloser Kampf »gegen Rechts«, an dem sich einstweilen Zentrum und Stresemann munter beteiligen. Wie ernst es dem Zentrum damit ist, beweist, man muß es immer wieder sagen, daß es willens war, den Mann still abzusägen, der zuerst die Parole ausgegeben hat: Der Feind steht rechts! Alle treten ohne Parole, ohne Ziele an. Für die Bürgerparteien dreht es sich nur um Koalitionen, um Ministersitze. Die Sozialisten, trotz ihrer imponierenden Größe, wirken nur wie ein unsymmetrisches Anhängsel der Kochdemokraten. Die Kommunisten gebärden sich überlaut, um vergessen zu machen, daß ihnen jetzt selbst Opposition in die linke Flanke sticht. Von parlamentarischen Parteien, die regieren wollen, müßten deutliche Formulierungen erwartet werden. Will man die Große Koalition? Sie wäre schon in diesem Parlament zu haben gewesen. Will die Sozialdemokratie in einer Regierung mit Stresemann sitzen? Und vor allem, will ... Stresemann selbst? Alles das ist ungeklärt, bleibt in qualligen, wolkigen Worten verborgen. Alle Fragen, die entscheidend waren, die schließlich zur Krise geführt haben, hat man vorher beiseite getan. Das Schulgesetz ist still verschwunden. Aber niemand, der das Zentrum kennt, wird glauben, daß es für immer verschwunden ist. Und deshalb wird aller Aufwand nur dazu dienen, einen Reichstag zu schaffen, der, von kleinen Verschiebungen abgesehen, dem vorigen bis auf die Glatze ähnlich sieht. Noch immer rechnen die Parteien damit, daß der Bürger »seine Pflicht« erfüllt, ohne sich die Leute anzusehen, die er wählt. Und die republikanischen Parteien, die uns hier allein angehen, wissen, daß bei ihren Wählern der Wille zur Republik stärker entwickelt ist als das Gefühl, daß sie an die Gewählten geistige und moralische Anforderungen haben. In dieser weichen Bescheidenheit wächst jede Mittelmäßigkeit in eine höhere Dimension, wird Stresemann zum Tatriesen, Breitscheid fast zum Gentleman, und der ehrwürdige Kahl drückt schließlich seinen niederträchtig vorsintflutlichen Strafgesetzentwurf durch, nur weil niemand dem alten Herrn einen Schmerz zufügen will. Nichtwählen wäre Torheit. Aber man soll ohne Dusel wählen. Und den Kampf, der von den Parteien nur camoufliert wird, rücksichtslos in sie selbst hineintragen. Und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir ihn schließlich nicht doch noch aus seinem bequemen Ledersessel treiben, ihn, der an der Republik mehr gesündigt hat als hundert Ehrhardts, den Herrn Deputierten Zéro, der vielfach betitelt, vielfach variiert, doch immer derselbe ist: der Parteisekretär Genosse Zéro, der Herr Verbandssyndikus oder Oberbürgermeister Zéro, der Herr wirklicher Geheimrat Professor Doktor von Null. Die Weltbühne, 10. April 1928 777 Corriger la justice Man mag alle Argumente des Verstandes gegen den politischen Mord auffahren, er wird wie jede andre Form von individuellem Terror in der politischen Auseinandersetzung nicht zu verhindern sein, wenn den Bürgern die gesetzlichen Wege versperrt werden, eine Änderung der staatlichen Verhältnisse herbeizuführen. Wenn der Mund verstopft wird, sprechen die Revolver. Wenn die harmlosen rhetorischen Explosionen in Presse und Meetings nicht mehr zugelassen sind, krachen die Bomben. Die despotisch regierten Länder schlagen den Rekord in Attentaten. Der amtlich regulierten Höllenmaschinerie des Zarismus arbeitete als dämpfendes Korrektiv die viel bescheidenere Höllenmaschine der verfolgten Sozialisten entgegen. Das neue Rußland, eine Despotie zwar, wenn auch von der alten nach Ziel und Mitteln viele Gestirne weit entfernt, paralysiert die gefährlichen Wirkungen seiner Regierungsform, indem es den Regierten was zu tun gibt. Das schlampigste Land von einst ist zum klassischen Exempel konstruktiver Neuordnung geworden, in die jeglicher tätig eingespannt ist. Ein ökonomischer Furor hat sie alle ergriffen, Bauern, Arbeiter, Bürger, und selbst das parasitäre Soldatengeschöpf schwitzt über Schreibtafel und Rechenmaschine. Wo alle zu tun haben, bleibt keine Zeit zum Konspirieren. Der italienische Versuch, die Kluft zwischen Staat und Mensch zu überbrücken und alles in den einen Ring der Nation zu pressen, ist weniger genial konzipiert, aber noch viel radikaler in der Durchführung. Da die ökonomische Ordnung sich nicht geändert hat, wird der ganze Aufwand nur vertan, um die Herrschaft eines Mannes und einer Partei zu sichern. Das ist zum Teil geglückt: wenigstens wird die Oberfläche der italienischen Erde nur noch von solchen belebt, die die Mütze schwenken, wenn der Tribun übers Forum geht. Die organisierte Unzufriedenheit ist ekrasiert – die andre hat sich in die tiefsten Kellerhöhlen der Seele verkrochen, und kein vom Denken ausgemergelter Finsterling wagt sich zwischen die zum Fascismus animierenden Rundlichkeiten um des Allerhöchsten Nähe. In solchem Klima gedeihen Attentate. Wenn der Zar von Petersburg nach Moskau reiste, wurden, die Eisenbahnlinie entlang, ein paar Divisionen mobilisiert. Entschwundene Idyllik. Die italienische Diktatur lebt im permanenten Kriegszustand. Dies Mal galt es dem König. Dem König? Wirklich, man entsann sich plötzlich, daß Italien noch eine Monarchie ist, und daß dort wohl, wie vor einigen zwanzig Jahren, der re bambino noch immer König spielt. Vittorio Emanuele; früher ein musterhaft konstitutioneller Monarch, hat die Entmachtung durch den Fascismus so ertragen, wie es die Könige immer getan haben, wenn es nicht die Demokratie war, die sie in die Ecke drückte, sondern die Reaktion: – er hat alles geduldig hingenommen und den Rebellen mit einem freundlichen Gruß empfangen, anstatt seiner Garde Befehl zum Feuern zu geben. Ihre Richelieus, Bismarcks oder Mussolinis, ihre groben, gewalttätigen Hausmeier haben die gesalbten Herren stets viel passabler gefunden als die Möglichkeit, auch nur ein Titelchen ihrer verbrieften Rechte dem Volk zu opfern. Nicht Republikaner, sondern kapitelfeste englische Konservative haben dem König von Italien bittere Vorwürfe gemacht, daß er die beschworene Konstitution von Mussolini in den Schmutz treten ließ ... Aber das ist lange her, und seitdem ist der Fascismus das Protektionskind grade der englischen Tories geworden. Dieser König wäre jetzt in Mailand fast das Opfer eines Komplotts geworden. Mussolini, der Zielpunkt allen Hasses, war zur Zeit des Attentats in Rom, und wohl nur, um re bambino nicht auf sein unheimliches Prae eitel werden zu lassen, berichteten seine Zeitungen auch von Mordabsichten gegen den Duce. Mit Recht ist die Frage aufgeworfen worden, wer wohl ein Interesse haben soll, diese Attrappe von einem König auffliegen zu lassen. Für die Entwicklung bedeutet er gar nichts. Zwar gilt der Thronfolger als liberal – welcher Kronprinz wäre es nicht? – aber wenn nicht ein Wunder geschieht, würde der Sturz des Fascismus zugleich das Ende der Dynastie bedeuten, die vor ihm kapituliert hat. Das ist nicht nur eine Erkenntnis von diesseits der Berge, auch wer in Italien noch heute den Dolch des Brutus im Gewande führt, weiß das. Die »Anarchisten«, von denen die Bulletins fabeln, sind nicht dumm genug, um sich ihr eignes Grab zu schaufeln, es warten viele zehntausende fleißiger Hände darauf, das auch ohne besondern Anlaß zu tun. Dies Komplott stinkt bis Ultima Thule nach bestellter Arbeit. Es wäre nicht das erste Mal, daß die Polizei Bomben gefüllt hätte. Denn das Regime Mussolinis kann nur von Gewalttaten leben. Da in dem eingeschüchterten, ausgebluteten Lande keine Neigung zur Auflehnung mehr vorhanden ist, muß der innere Feind künstlich geschaffen werden. Die Toten und Verstümmelten von Mailand sollen schrecklich gerächt werden! heult die fascistische Presse. Dies Regime muß immer was zu rächen haben. Die Rache, die Verfolgung ist sein Lebenselement. Keine Sorge, die »Schuldigen« werden schon gefunden werden. Doch gesetzt, das spielte sich nicht in so gefährlich hohen Regionen ab, der König wäre etwa Seniorchef einer Firma, und Mussolini der viel jüngere, ellenbogenkräftigere Sozius, der Kompagnon, den alle hassen – – den Untersuchungsrichter möchte ich sehen, der nicht auch den angenehmen Sozius in den Kreis seiner Recherchen einbezöge!   Eine besondere Art des politischen Mordes hat Deutschland aufgezüchtet: den Mord mit Lebensversicherung für die Täter, den Mord mit tadellos stimmendem Auslandspaß und froher Hoffnung auf Anstellung im bayrischen Staatsdienst. Harmodios und Aristogiton mit Pensionsberechtigung, Tyrannenschlächter mit Beamtenaspiration, das ist der gutgebügelte deutsche Beitrag zu einem der blutigsten Kapitel der Weltgeschichte. Fanatiker, Heilige, Hooligans und Tollhäusler haben Dolche geschliffen und Bomben geschleudert – der Typ Killinger mordet auf dienstlichen Befehl, und meldet hackenknallend, daß: Befehl ausjeführt! Heute ist die flotte Konjunktur der Killinger, der Tillessen vorüber. Man kann nicht sagen, daß die Republik Terror mit Terror erstickte. Die Morde haben eben einmal aufgehört, die Republik ist in vielem den Herren Mördern so nahe gekommen, daß der Anlaß fehlte. Ihre Mission: die Ausrottung der Roten, der Novemberlinge, Defaitisten und Verräter, ist schon lange nicht mehr der wildwachsenden Zufallsaktion überlassen, sondern reglementiert und planvoll eingegliedert in die politische Judikatur oberster Gerichte. Das ist sehr bekannt, und deshalb hat auch die Entrüstung der Rechtspresse über die gewaltsame Befreiung eines kommunistischen Untersuchungsgefangenen, der demnächst die bittere Fahrt nach Leipzig antreten sollte, nur dünne Resonanz gefunden. Hat sich der ›Lokalanzeiger‹ etwa aufgeregt, als Herr Ehrhardt seinerzeit aus Leipzig echappierte, der Marineoffizier Boldt seine schlanke Taille durch die Luftklappe zwängte? Da freute man sich bei Hugenberg und sang: – Freiheit, die ich meine ... Die Öffentlichkeit hat aus dem moabiter Zwischenfall mehr Sensation geschlürft als Empörung. Daß ein politischer Häftling von seiner jungen Freundin besucht wird, daß sich ein paar düster entschlossene Männer ins Zimmer drängen, mit erhobenen Pistolen den Beamten ein »Hände hoch!« zurufen, und das Pärchen derweilen abmarschiert, das ist eine sehr lustige Moritat, mehr Kinoromantik als harte Gewalt, mehr Köpenick als Wildwest. Die jungen Kommunisten, die den Streich ausführten, haben viel mehr Aktivität und, vor allem, vielmehr Humor bewiesen als ihre in Kasuistik, Pathos und Schwafel schier hoffnungslos versackten Agitatoren. Denn wirklich bekämpfenswert ist nicht die gar nicht so erschröckliche Radikalität der KPD., sondern ihre dumpfe Humorlosigkeit, ihr Mangel an Laune. Nichts moussiert da; die Partei der äußersten Linken, die noch für lange Zeit von den Sorgen der andern frei sein wird, ist leider auch die schwerfälligste von allen, mit verbohrter Gewissenhaftigkeit ihrem Buchstabenkram hingegeben. Wenn die hohe Obrigkeit, der man ein Schlachtopfer gleichsam vom rauchenden Altar weggeschnappt hat, noch ein Fünkchen Besinnung bewahrt hat, wird sie die Verfolgung der Sünder nur mit Maßen betreiben. Der Herr Oberreichsanwalt sollte für jeden Anlaß dankbar sein, durch den die Zelebrierung seiner noch aufgespeicherten Prozesse verhindert wird. Die Anklage gegen den Redakteur Otto Braun liest sich allerdings schrecklich, aber wir wissen allmählich, wie diese Akkusationen schrumpfen, wenn auch der Andre zu Worte kommt. Inzwischen hat man den Angeklagten ja mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft gehabt ... Es ist gefährlich, als Roter gestempelt vor das hohe Tribunal zu treten, wie denn das Reichsgericht in politischen Prozessen für Unschuldige überhaupt zu einem bedenklichen Risiko geworden ist. Etwas von dem angerichteten Unheil durch Amnestie gutzumachen, hat der verflossene Reichstag schmählich versäumt. Wie Gott sich zu seiner Beleidigung durch George Grosz stellen wird, bleibt abzuwarten, im Falle des Herrn Braun und seiner Freundin hat er dagegen offensichtlich zunächst gegen die ihn protegierenden Instanzen Stellung genommen. Wir haben in der Schule gelernt, daß der Gedrückte, der nirgends Recht finden kann, sich die ewigen Rechte vom Himmel holt. Voilà ... Das Reichsgericht hat keine Ursache zur Klage, wenn seine Praktiken allmählich das Verlangen nach Selbsthilfe immer brennender machen. Die jungen Leute, die die romanhafte Befreiung durchführten, haben eine fehlerhafte Justiz korrigiert, mehr nicht. Daß sie dabei ein paar Paragraphen lädierten, ist in ihrem Interesse zu bedauern, leider nicht auch in dem des Staates, dem es bis heute nicht gelungen ist, seine Autorität auch auf seine Richter auszudehnen. Mögen die Befreier, mögen der Befreite und seine Freundin den Verfolgungen glücklich entgehen. Die besten Wünsche aller anständigen Menschen sind mit ihnen. Die Weltbühne, 17. April 1928 778 Keudell, der Kommunistenretter Der deutsche Wahlkampf, triste und farblos begonnen, hat nun endlich Physiognomie. Er hat einen Kernpunkt und ein Streitobjekt. Herrn von Keudell, der sich sonst mit der Grazie eines Ladestockes auf dem politischen Tanzparkett bewegt, ist eine Intrige geglückt, welche die ihm nachgesagte musikalische Begabung zum ersten Mal öffentlich beglaubigt. Der Versuch, Rotfront zu verbieten, streut in den schalen Wahlstreit das nötige Quantum Pfeffer. Hauptsache ist nämlich nicht, daß alle Länder, bis auf Bayern, geschlossen gegen Herrn von Keudell stehen, sondern daß den Kommunisten von Außen eine Aufpulverung zuteil wird, zu der sie aus eigner Kraft kaum mehr fähig waren. Diese Partei, die ihre besten Leute verworfen hat, lebt ohnehin schon lange nur von der Tapsigkeit ihrer Gegner. Der durch die Opposition angerichtete Schaden wurde stets schnell durch das Reichsgericht ausgeglichen. Das Verbot der roten Frontkämpfer hemmt die innern Streitigkeiten, hält die Abfallenden zurück. Der redliche Keudell konnte den Schritt leicht wagen. Er und seine Ratgeber wissen ganz genau, daß nichts riskiert wird. Denn die Kommunisten kämpfen nicht gegen rechts. Die Kommunisten sehen nicht Deutschland, nicht Europa, unglücklicherweise nicht einmal Rußland – sie sehen nur die Erledigung ihrer alten Rechnung mit der Sozialdemokratischen Partei. Bräche heute ein Erdbeben aus, zwischen wankenden Mauern und berstenden Straßen würde die kommunistische Zentrale es nicht wahrhaben wollen und mit dem altgewohnten Schlachtruf »Der ›Vorwärts‹ lügt!« in den Tartaros fahren. Um der Gerechtigkeit willen soll nicht verschwiegen werden, daß es bei der Sozialdemokratie nicht viel besser aussieht. Die beiden Gegner mögen sich gewiß durch Ozeane getrennt fühlen. Aber der forschende Beobachter läßt sich von dem Qualm der verfeuerten Malediktionen nicht die Augen trüben. Wo zwei sich so hassen, wo zwei so ausschließlich nur ihrem Ressentiment leben, da ist trotz alledem ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Blutsfremde bekämpfen sich nicht so. In den letzten beiden Jahren klangen die Kampfchoräle gedämpfter. Die Reaktion begann den Druck paritätischer zu verteilen. Die Familienkrieger, durch externe Belästigungen abgelenkt, vernachlässigten das gewohnte Zeremoniell des Haders. Die einschlafende Krachstimmung neu zu entfachen, brannte Herr von Keudell sein Feuerwerk ab. Der Erfolg gibt ihm recht. Schon gehaben sich die Kommunisten wieder, als hätte die preußische Regierung gemeinsam mit den republikanischen Parteien den Anschlag ausgeheckt. Die Linke steckt wieder im Bürgerkrieg. Den Kommunisten, die eben noch Trotzkis Verbannung mit kruden Phrasen verteidigten, fällt nun die dankbare Pose der armen Vergewaltigten und Mundtotgemachten zu. Herr von Keudell hat viel für sie getan. Sie sollten ihn zum Ehrenkosaken ernennen. Erfreulich ist, daß dies Mal die Mittelparteien die Absicht durchschauten. Das ist gewiß ein Zeichen politischer Vernunft. Nur schade, daß die in Deutschland immer passiv ist, immer in der Defensive, daß sie nie selbst in Angriffsstellung geht, daß sie sich, günstigstenfalls, immer nur regt, um etwas zu verhindern. Die Rechte hat Unrecht, die Rechte ist schlecht geführt, innerlich zerrissen, ohne Moral, ohne Takt, ohne Intelligenz ... Nicht wahr, verehrte republikanische Leitartikler, so ist es doch? Nur hat die Rechte leider immer die Initiative. Herr von Keudell, der Undiplomat, gilt als das enfant terrible unsrer Reichsregierung. Das enfant terrible des englischen Kabinetts ist der Earl of Birkenhead, der kürzlich in Berlin geweilt hat, um bei Herrn Guttmann in Wannsee Golf zu spielen. Eine Wolke von Gerüchten folgt den Tracen des notablen Gastes. Die Labourpresse, zum Beispiel, meint, er, mit dem Freunde Winston Churchill der Matador der Russophoben, habe sich in Berlin um die Schaffung eines antirussischen Blocks bemüht und außerdem noch Herrn Stresemann einen Plan dargelegt, Sir Austen Chamberlain, das hauptsächliche Hindernis, auffliegen zu lassen. Demoblätter dementieren heftig. Warum? Kein Verständiger wird im Ernst an diese Golfreise glauben. Der geschäftigste der englischen Russenfeinde, der durch seine Barschheit und seine polternde Beredsamkeit ganz gewiß nicht zum Diplomaten geboren ist, sich aber im Ausland wiederholt als glänzender Propagandist bewährt hat, sollte als friedlicher Sportamateur diese Reise unternommen haben? Wozu noch hinreichend bekannt ist, daß Seiner Lordschaft persönliche Neigungen öfter in den Weinkeller fuhren als auf den Golfplatz. Der Earl of Birkenhead war früher ein simpler Herr Josiah Smith, Advokat in London, und als solcher jahrelang beliebter Scheidungsanwalt. Der Fähigkeit, lästige Allianzen geschickt und schmerzlos auseinander zu bringen, verdankt er wahrscheinlich den Glauben an die Berufung, die deutsch-russische Scheidung einzuleiten. Ein gut gewählter Augenblick grade jetzt, wo die Beziehungen auf beiden Seiten frostig geworden sind und das Auswärtige Amt durch die Donezaffäre tief verstimmt ist. Daß der ehrgeizige Herr auch etwa daran denkt, Austen Chamberlain zu stürzen und ins Foreign Office einzuziehen, braucht nicht tragisch genommen zu werden. Die englischen Russenfresser stehen zurzeit nicht sehr gut, das konservative Kabinett sieht seine Ablösung näher kommen, und nur die Gruppe Churchill-Birkenhead möchte die Position nicht räumen, ohne vorher noch einen großen Coup gewagt zu haben. Es darf nicht übersehen werden, daß Lord Birkenhead durch seine Neigung zu Bravaden und seine oft bewährte Taktlosigkeit in England nicht grade mehr bitter ernst genommen wird. Man freut sich über seine Muskelprotzerei, seinen kraftmeiernden Imperialismus, was alles einer beliebten John-Bull-Tradition entspricht, aber auch drüben sind nicht die Männer allein lenkend, die, wie Fähnrich Pistol, die Welt wie eine Auster mit dem Schwert öffnen möchten. Im Effekt wird Birkenhead den Moskauern ebenso nützlich wie Keudell den deutschen Kommunisten. Es ist jetzt nicht die Saison der Lauten, der Gewalttätigen. Die so furchtbar starken Männer bilden sich ein, viel zu bewegen und richten doch nur in kleinem Kreise und oft zu eignem Nachteil Unfug an. Man soll dennoch diese Freunde von Katastrophenpolitik nicht unterschätzen, auch wenn sie nur im Badezimmer Sintflut probieren. Die Weltbühne, 24. April 1928 779 Der letzte Kaiser Die Franzosen haben schon so lange keinen König mehr und wissen nichts Rechtes mehr von der Monarchie. Sie kennen die Könige nur noch als friedliche Vergnügungsreisende, die tags offiziell bei der Republik bankettieren und nächtens privat in den Mysterien der Amüsierindustrie verschwinden. Dergestalt ist der König in den festen Fundus pariser Schwankiers eingegangen. Nur in den Nationen, wo die Monarchie noch heute Gegenwart oder frische Vergangenheit bedeutet, leben auf dem Theater noch die massiven Herodestyrannen, die bösen und die milden Richarde und Heinriche. So stark wirkt die Beschwörung noch immer, daß selbst in Alfred Neumanns historischem Mummenschanz gelegentlich noch eine Maske zeitgenössisch anmutet. Doch die Franzosen haben ihrem Lilienkönig den Kopf abgeschnitten, und seitdem gelingen ihnen keine Könige mehr. Der elegante, wohlerzogene Herr in Jules Romains' »Diktator« scheint kaum um ein so ernstes Ding wie eine Krone zu spielen, viel eher gleicht er in seiner Gentilezza dem reisenden König, der es verschmäht, wegen einer Hotelrechnung zu zanken, und bei Jean-Richard Bloch vollends ist der junge Prinz Roger nur der zärtliche Königssohn, der hinter kleinen Grisetten her ist und in Montmartrekneipen mit roten Agitatoren auf den Untergang der Bourgeoisie toastet. Aber das Schicksal hat Großes mit Bubi vor. Der kaiserliche Onkel und dessen Sohn kommen bei einem Eisenbahnunglück um, und Bubi ist mit einemmal Kaiser. Der Junge hat mit Nutzen das Neueste von vorvorgestern gelesen: Adolph Stoecker und Damaschke und Friedrich Naumanns »Demokratie und Kaisertum«. Er will ein Volkskaiser, will der Arbeiterkaiser werden. Liberale Erlasse ergehen. Der herrschsüchtige alte Kanzler wird verabschiedet. Konflikt mit dem kaiserlichen Hause, den Militärs, den Kapitalisten. Kriegsgefahr. Der junge Monarch ist für den Frieden, aber die Patriotenliga hat schon den Acheron zum Schäumen gebracht. Der Kriegstaumel droht den Thron umzureißen, doch siehe, da bricht die kommunistische Revolution aus, der Kaiser wirft das Scepter hin, um fortan als Genosse unter Genossen zu leben. Denn die Zeit der großen Einzelmenschen ist vorüber, die der Masse angebrochen, so verkündet als Schlußmoral der Genosse Janvier, nachdem er eben seine proletarische Anhängerschaft mit der Routine eines alten Kompagniefeldwebels belobt, gerüffelt und nach Gutdünken hin und hergeschoben hat. Es braucht nicht gegen das Stück zu sprechen, daß das Königtum nirgendwo untergegangen ist, weil es zu Sozialrevolutionär war, aber Herr Bloch, wie gesagt, kennt eben die Könige nicht, und selbst, wenn er sie besser kennte, würde das wenig nützen, weil er eben kein Dramatiker ist, und weder für eine gute noch für eine schlechte These werben kann. Was hat aber Piscator damit zu schaffen? Seit wann schwört man da auf Friedrich Naumann? Das Programmheft verrät: »Es scheint, als hätte Bloch uns das Vorbild eines Fachmanns zeichnen wollen, als er uns die Geschichte seines Kaisers erzählte: des Fachmanns der Macht, der kommt, um seinen Platz inmitten des aufstehenden Proletariats einzunehmen.« Die richtigen Revolutionen haben bisher auf diese Fachleute verzichtet, in Rußland besonders hat man nicht nur dem angestammten Spezialisten der Branche, sondern auch seinen ahnungslosesten Anverwandten den Hals umgedreht. Die Republik mit dem Großherzog an der Spitze ist eine deutsche Erfindung, und wenn Bloch und Piscator sie aufnehmen, so zeugt das leuchtend für die triumphale Siegeskraft typisch deutscher Marotten. Natürlich hat sich das Stück auf der Reise von Paris bis zum Nollendorfplatz etwas verändert. Ein paar aktuelle Flicken beleben die graue Eintönigkeit. Der Zettel nennt Herrn Bloch als seinen eignen Bearbeiter, und das ist gewiß ein weiter Sprung von der blutlosen, redseligen Sentimentalität des heiligen Originals bis zur grobdrähtigen Gesinnungstüchtigkeit der Einlagen und Anhängsel. Es soll wohl eine Konzession an die neue Sachlichkeit sein, wenn ein junger Matrose das Lapidarwort »Scheiße« breit und wuchtig hinlegt, so hübsch langsam, wie mit der Schaufel heraufgeholt, was in den letzten Parterrereihen ein leises, schmerzliches Stöhnen hervorruft, weil die guten Leute sich vom Theater gebildetere Vorstellungen machen, während das abgebrühte Parkett leicht darüber hinweglächelt, aber man darf doch bezweifeln, ob grade das der robustere Bloch II dem sensiblen Bloch I abgerungen hat, oder ob wir es hier nicht vielmehr mit dem diesmal einzigen Resultat der simultanen Anstrengungen des dramaturgischen Beirats zu tun haben. Der Regisseur Karlheinz Martin erweist sich wieder als das wendigste Talent der berliner Theater. Wie mühelos er in einen neuen Stil schlüpft! Es ist, bis auf den Charakter, alles da. Das erste Bild auf dem Panzerschiff: Piscator mit Volldampf. Das Zimmer im Schloß mit den vielen Türen, dem Gewimmel der Befrackten und Uniformierten: tüchtiges moskauer Theater. Packend das vermottete Prunkzimmer der Kaiserin-Witwe, wo Frieda Richard, wie eine giftige alte Spinne thront, unter Photographien von Hofzelebritäten von 1900. Die Schauspieler sind wieder von Gog und Magog geholt. Eine Assemblée von Prominenzen. Morgen wird Ernst Deutsch wieder bei Reinhardt oder Barnowsky echte Könige spielen, vielleicht den castilischen Alfonso, der nach Esther von Toledo girrt und an der mißhandelten Leiche des Idols doch die Staatsraison akzeptiert, Frieda Richard, Steinrück, Forest, Werner-Kahle, morgen werden sie wieder bei Barnowsky oder Saitenburg sein. Gäste alle, keiner wurzelt. Und Alexander Granach, der Lenin, der eiserne Stratege des Blochschen Klassenkampfes? Ein kleiner, geschwollener Bierbankpolitiker, der bald unverständliches schreit, bald unverständliches murmelt, kein Diktator, sondern die Karikatur eines radikalen Deputierten, der Hannibal Käsmeier des Herrn Hussong und ein erschreckender Beweis dafür, wie eine große Begabung in einer kurzen Saison verschludern kann, wenn das Herz des Theaterführers mehr bei den Maschinen ist als bei den Menschen. Die Weltbühne. 1. Mai 1928 780 Die Autonomisten Sie nennen sich Autonomisten. Sie haben einen Heimatbund gegründet und unterhalten ein paar kleine, aber sehr lebhafte Zeitungen. Wiederholt sind sie mit der pariser Zentralgewalt heftig karamboliert, und jetzt stehen ihre Führer vor Gericht in jenem Colmar, dessen Bürgermeister Blumenthal 1914 zu den Franzosen übergegangen ist und dessen Bürgerschaft heute den neuen Deputierten Ricklin, der in der kaiserlichen Zeit ein Wortführer der Gemäßigten war, lebhaft akklamiert, wie er auf der Armensünderbank erscheint. Die Angeklagten nennen sich gute Franzosen, wie sie sich früher gute Deutsche genannt haben. Man glaubte ihnen damals so wenig wie heute. Sie sind ganz einfach Elsässer, Kinder eines Grenzlandes, das vom Vertrag von Verdun bis zum Vertrag von Versailles Gegenstand blutigen Geraufes zweier Großstaaten war. Sie kommen in manchem den Schweizern am nächsten, und als im Kriege Karl Kautsky in einer noch heute lesenswerten Studie ihre Helvetisierung forderte, kam er wohl der Wahrheit am nächsten. In tausend Jahren stürmischer Geschichte hat sich bei ihnen ein zänkisches Selbstgefühl entwickelt, und wer über sie herrschen will, bekommt ihre Querköpfigkeit in einem listenreichen Heckenkrieg zu spüren. Vor fünfzehn Jahren erst war Zabern. Damals trieben preußische Leutnants elsässische Patrioten in den Pandurenkeller; eine Farce von Kriegsgericht wob um die Schnösel eine ranzige Gloriole. Heute ahmt ein französisches Gericht mit Glück die Formen der preußischen Justiz nach, und die Administration wetteifert in Plumpheiten und Rankünen mit den alten Gouverneuren des »Reichslandes«. Kulturen und Unkulturen zweier Nationen sind durch die Elsässer hindurchgeweht, aber sie sind unter dieser wie unter jener Fahne geblieben, was sie waren: brave süddeutsche Föderalisten und Partikularisten, unträtabel und gar nicht willens, gefügiger zu werden. In diesem Prozeß ohne substantiierte Anklage und von überhaupt etwas wilden Formen ist bisher nur ein klärendes Wort gefallen. Das war, als Herr Ricklin erzählte, wie er Autonomist geworden sei. Als deutscher Staatsbürger, führte er aus, hätten seine Sympathien durchaus Frankreich gehört. Doch dann habe er eine Studienreise nach Bayern unternommen, wo er das stärkste Unabhängigkeitsgefühl, den ausgesprochensten Partikularismus kennen gelernt habe, der auf der ganzen Welt überhaupt zu finden sei, und das habe ihn zum Anhänger der Autonomie gemacht. Jetzt begreifen wir auch, daß es zwischen der Anklagebank und dem Gerichtstisch, wo Herr Mazoyer als Vorsitzender und Herr Fachot als Prokurator streng amtieren, nicht einen Moment des Verstehens geben kann. Denn um was hier debattiert wird, ist auch für den polyglotten Franzosen Chaldäisch. Das ist nämlich eine kerndeutsche Sache, das ist unser heißgeliebter Föderalismus, der berühmte gesunde Föderalismus bayrischer Prägung, wo jeder das gegen den andern tut, was er will, jeder sein eignes auswärtiges und inwendiges Ministerium ist, jeder seine eigne Wilhelmstraße, sein eigner Quai d'Orsay. Nun hat aber Frankreich den gediegensten Zentralismus, der sich denken läßt, und hier kollidiert ein bis in den letzten Winkel mechanisierter Staat mit der »Eigenpersönlichkeit« einer Provinz, die von der Geschichte heftig genug gebeutelt worden ist und infolgedessen abgehärtet gegen alle Versuche der Großen, ihr imponieren zu wollen. Frankreich hat nur die kleinste, die sichtbarste Seite der elsäßischen Schwierigkeiten wahrgenommen: den Klerus. Von dessen Omnipotenz hat Frankreich in der deutschen Zeit profitiert, der Klerus war ja damals vorwiegend französisch gesinnt, und deshalb führte die laizistische Republik in dem wiedererlangten Lande die Trennungsgesetze nicht durch. Darin erblicken die Radikalen und Sozialisten eine reaktionäre Maßnahme, eine Konzession an den Vatikan, dem sie nicht gern auch nur den kleinen Finger reichen, und deshalb verdunkelt sich auch für sie die elsäßische Frage, weil sie hier nur die klerikale Enklave und die nur kulturkämpferisch sehen. Schon früher gab es zwischen der roten Republik in Paris und den elsäßischen Priestern, die die Erinnerung an Frankreich nicht erkalten ließen, gelegentlich Unstimmigkeiten. Vor 25 Jahren, als der Abbé Wetterlé, der Unversöhnlichste der elsäßischen Politiker, in Frankreich erschien, um eine Brandrede gegen die Trennungsgesetze zu halten, wurde er von dem radikalen Ministerium Combes brüsk über die Grenze geschoben. Heute richtet sich die Wut der Heimatbündler vornehmlich gegen Sozialisten und Demokraten, die nicht nur zentralistisch sind, sondern auch kirchenfeindlich. Und deshalb findet man auch in der französischen Linkspresse vorwiegend intolerante Kommentare, während die ultra-nationalistische ›Action Française‹ von Léon Daudet und Charles Maurras für eine freie Volksabstimmung im Elsaß eintritt. Eine Forderung, die auf der Linken nur von der ›Volonté‹ aufgenommen wird. Dieses Blatt bedauert auch, daß man in Colmar absichtlich neben ehrliche Männer dunkle Existenzen auf die Anklagebank gesetzt habe, um die ganze Bewegung zu kompromittieren. Wir enthalten uns eines Urteils darüber, so lange dieser Prozeß schwebt, möchten nur gegenüber gewissen allzu eifrigen deutschen Stimmen bemerken, daß es sich hier um eine durchaus innerfranzösische Angelegenheit handelt. Ist die Prozeßführung in Colmar schlecht und tendenziös, so wird sie der Kritik der ganzen freiheitlich denkenden Welt unterliegen, wie jede andre schlechte und tendenziöse Justiz auch, und daß es dabei um Angehörige früherer deutscher Landesteile geht, ist sekundär und soll es bleiben. Das Elsaß ist für Deutschland verloren. Nicht nur die ungleiche Machtverteilung, nicht nur die Verträge stehen im Wege, wer die Aussagen der Angeklagten unvoreingenommen liest, wird fühlen, daß hier nichts mehr zurückführen kann. Wenn man das zusammenstücken wollte, was sich in den besten und redlichsten Köpfen des Heimatbundes spiegelt, so käme nur ein ungeheurer Wirrwarr heraus, eine tragikomische Donquichotterie, der krause Idealismus einiger Traditionsgetreuer, die den Begriff einer »Heimat« konservieren wollen, die es gar nicht mehr gibt. Die Zeit steht gegen überlieferte Landschafts- und Stammesidyllik, alles arbeitet hin auf Konzentration, auf Zentralisation. Straßburg mag sich gegen die Entwicklung sträuben, die es von einer kleinen in sich selbst ruhenden kulturellen Kapitale zur Provinzstadt wie andre auch degradiert. Überall wird die schöne und unschöne Lyrik des Partikularismus zu Grabe getragen, und hoffentlich erleben wir noch den Tag, wo sich über der Gruft von Bayerns eigenstaatlicher Herrlichkeit eine Pyramide von irdenen Bierkrügen türmt. Für das Elsaß aber wäre zu wünschen, daß die schwierige Zeit der Assimilation von den pariser Politikern verständnisvoller und, vor allen Dingen, mit etwas besserm Humor betreut würde als bisher. Es war ein guter und richtiger Einfall der Verteidigung, auch René Schickele als Zeugen zu laden. Der Dichter, der das Schicksal des Vogesenlandes erkannt hat wie kein Zweiter, der mitten im Kriege in einem siegestrunkenen Deutschland mit seinem »Hans im Schnakenloch « um Verstehen für seine Landsleute geworben hat, wird jetzt vor einem französischen Gericht in gleicher Sache Zeugnis ablegen. Ein Vorgang, der überall, wo man über wiedergewonnenes Land jubelt, um entrissene Provinzen trauert, zu fruchtbarer Nachdenklichkeit Veranlassung geben könnte. Die Weltbühne, 8. Mai 1928 781 Lendemain Was nun? Der gleichgültigste, der langweiligste und charakterloseste aller Wahlkämpfe hat sein Ende erreicht. Man sage doch nicht, daß der Stumpfsinn dieser Campagne das beglückende Zeichen für die endgültige Wiederkehr normaler Verhältnisse sei. Gewiß, im geregelten Kreislauf friedlicher Jahre erinnert auch am allgemeinen Stimmrecht wenig mehr an seinen revolutionären Ursprung. Wie die im ehelichen Pfühl gezähmte Liebe schließlich nicht mehr verrät, daß sie eigentlich von Zigeunern stammt, so tritt auch die amour sacrée de la patrie in der langen Kette von Wählern, die hübsch ordentlich anstehen, um ihre staatsbürgerliche Pflicht auszuüben, in die Phase von Reglement und Nüchternheit. So gemütlich, fast möchte man sagen: so apathisch ging es bei den Wahlen der wilhelminischen Zeit nicht zu; um die Bülowschen Blockwahlen, um den gewaltigen sozialistischen Aufschwung von 1912 wirbelten Ideen, lockten Hoffnungen. Der deutsche Geist zeigte sich zwar damals auch nicht grade zu Pferde, aber doch hinlänglich aufgekratzt. Ja, man wagte damals sogar Gedanken und Pläne zu entwickeln. Die Kandidaten beantworteten Fragen, stellten sich offen in Diskussionen, anstatt in der Unpersönlichkeit von »Kundgebungen« zu verschwinden, die mit Deklamation eröffnet und mit Musik beschlossen werden. Einzig Georg Bernhards explosives Temperament brachte an der Peripherie Berlins Leben in die allgemeine Uninteressiertheit. Hier kämpfte Einer, während die Andern sich tragen ließen. Lassen wir uns nicht dadurch irreführen, daß es an vielen Orten blutige Köpfe und sogar ein paar Tote gegeben hat. Diese traurigen Intermezzi ergeben sich nicht aus einer gradezu in der Luft liegenden Offensivlust, sondern weil sich alle Parteien eben ihre uniformierten Leibgarden halten. Diese Janitscharen, die sehr verschiedene Farben tragen und sich viel ähnlicher sehen als sie wahrhaben wollen, lieferten untereinander ihren kleinen Krieg. Doch der Bürger schaute milde und verständnislos zu. Schade um die jungen Leute, die ihren eifernden Idealismus irgendwo ausleben wollen. Man sehe sich so eine Liste von Gewählten an! Sind die Herren alle zusammen auch nur ein zertrümmertes Nasenbein wert? Mir liegt eine Kapuzinade gegen die »deutsche Zwietracht« fern. Nicht die Überschärfe, sondern die Verwaschenheit ist das traurige Signum unsres politischen Lebens. Wo gab es in diesen Wochen Zielsetzungen, Grenzzeichen, präzise Formulierungen des Wollens? Hat zum Beispiel auch nur ein sozialdemokratischer Redner klar ausgedrückt, was die Partei im Fall eines großen Mandatszuwachses tun würde? Ein Haus weiter predigte der Demokrat die Große Koalition. Die Sozialdemokratie aber hat nicht widersprochen, sondern sich munter der allgemeinen Stimmung anvertraut, die dies Mal »Gegen rechts« war, wie sie 1914 für Westarp, 1920 für Stinnes war. Keiner der führenden Sozialdemokraten hat gegen das Gerede von der Großen Koalition gesprochen. Kein Wunder, denn die wäre auch im letzten Reichstag zu haben gewesen, wenn nur das Zentrum gewollt hätte. Und nur das Zentrum hat die Mißregierung der Deutschnationalen möglich gemacht. Früher gab es bei jeder Wahl sehr charakteristische Niederlagen. Durch die Listenwahl sind diejenigen, mit denen ernsthaft zu reden wäre, der Abrechnung entrückt. Der Ärger der Enttäuschten trifft die Komparserie und nicht den Chorführer. Da der Ausgang von vornherein ziemlich feststeht, entbehrt das Endergebnis jeder Sensation. Viel beachtlicher ist heute die Nominierung der Kandidaten durch die Parteizentralen. Wer wird gehalten, wer fallen gelassen? Das ist viel interessanter und wichtiger als der Umstand, ob die großen festgefügten Parteien ein paar Plätze gewinnen oder verlieren. Die Art, wie Herr Doktor Wirth von seiner Partei aus zwei Wahlkreisen herausgedrängt und schließlich als Stipendiat der Zentrale in der Reichsliste untergestellt wurde, ist viel bedeutungsvoller als der endliche Wahleffekt. Denn die Brüskierung eines in allen republikanischen Parteien so angesehenen Mannes wie Wirth zeigt die künftige Politik des Zentrums an und was von dessen angeblicher Linksorientierung zu halten sei. Was die Deutschnationalen angeht, so hat ein von der demokratischen Presse wiedergegebener vertraulicher Brief Graf Westarps die Vorherrschaft Hugenbergs wieder überdeutlich enthüllt. Der Gutsherr von Roebraken ist nicht unerkenntlich, wo es sich um alte Mitverschworene handelt. So wurde der Oberfinanzrat Bang einem Wahlkreise aufgenötigt, dessen bisherige Obmänner protestierend zurücktraten. Zwar zweifelt außerhalb der ›Deutschen Zeitung‹ niemand, daß der Herr Oberfinanzrat ein sächselndes Großmaul von erschütternder Niveaulosigkeit ist; unvergessen die Suada, die er im Jagowprozeß entwickelte. Aber Hugenberg regiert die Partei, und das bedeutet unbedingte Radikalisierung. Am Montag früh liegen noch wenig Resultate vor. Die Sozialdemokratie hat stark gewonnen, die Rechte gehörig verloren. Auf die republikanischen Parteien wird jetzt eine ungeheure Last fallen. Sie haben viel versprochen und wenig Pläne entwickelt, sie sind nur die selbstverständlichen Profiteure einer Volksstimmung, die, oft irregeführt, jetzt abwechselungshalber nach der andern Seite pendelt. Ihre Aufgabe wird schwer sein, selbst wenn sie stärkere Köpfe und Prinzipien einzusetzen hätten. Denn Opposition von rechts, das ist besonderer Wuchs. Denn deren Mittel sind nicht durchweg parlamentarische. Ganz davon abgesehen, daß auf der Seite der Reaktion die großen Wirtschaftsmächte sind, wenn die Linksregierung die ersten Gehversuche macht, dann werden wieder Geister lebendig werden, die man für ewig ausgetrieben dachte. Die Diktatur wird wieder umgehen, geängstigte Kapitalisten werden den Wehrverbänden wieder Geld zukommen lassen, kurz, es wird alles wiederkehren, was wir schon oft erlebt und für immer begraben wähnten. Schon wird in Hugenbergs Montagsblatt ausgerechnet, daß Sozialdemokraten und Kommunisten möglicherweise Zweidrittelmehrheit erlangen könnten, und Herr Doktor Kriegk schreibt dazu bedenklich, daß ein solches Parlament »im Sinne des politischen Ordnungsstaates kaum aktionsfähig« zu nennen sei. Fern rauscht der Artikel 48 ... Die Mittelparteien allerdings haben eine sehr spekulative Idee, um alle Unzufriedenheiten wirtschaftlicher Art in Zukunft zu erledigen. Es soll deshalb sehr bald eine sogenannte Wirtschafts- oder Ständekammer geschaffen werden, in der Vertreter aller deutschen Wirtschaftsgruppen sitzen werden, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, alles. Dadurch entsteht natürlich ein neues Parlament, das auch bei bestimmten Wirtschaftsfragen Mitbestimmungsrecht haben soll. Das mag für Demokraten und Volkspartei, die immer unter der Konkurrenz kleinbürgerlicher Jammerparteien stöhnen, eine Lösung sein. Aber die Sozialdemokratie? Die Sozialdemokratie, die mit der Tatsache des Mitregierens auch nicht den Klassenstaat weghexen kann, wird zum ersten Mal seit lange wieder die Gegensätze im Innern spüren. Die Zeit der Opposition hat sie einschlummern lassen. Die mitregierende und mitverantwortende Sozialdemokratie wird bald die Beute schärfster Auseinandersetzungen werden, die sich aus der wirtschaftlichen Not unsrer Arbeiterschaft ergeben und nicht mit den Sprüchelchen aus dem republikanischen Wahlkatechismus zu beenden sind. Ich prophezeie nicht gern, und tue es hier nur, um den ganzen Ernst einer Entscheidung deutlich zu machen: geht die Sozialdemokratie in die Große Koalition, wird sie in mindestens zwei Jahren gespalten sein. Es ist nicht grade populär, Skepsis zu äußern, wenn rundum die Hörner zum Victoriablasen gestimmt werden. Aber morgen schon wird die Ernüchterung der Gewählten da sein, morgen schon wird der Kuhhandel beginnen, der dies Mal nicht weniger Zeit füllen wird als sonst. Übermorgen werden auch die Wähler wieder nüchtern werden. Und dann?   Im Reichsmarineamt erscheint Herr Dillenz mit einem ausländischen Rechtsanwalt ... Vor ein paar Tagen hat sich im Reichsmarineamt, bisher unbekannt und von allen Beteiligten peinlichst vor der Öffentlichkeit verschwiegen, ein Vorfall ereignet, der in seinen Konsequenzen die Möglichkeiten einer europäischen Sensation trägt. Ein früherer Geheimagent des in der ›Weltbühne‹ wiederholt genannten Korvettenkapitäns Canaris ist in Begleitung eines ausländischen Rechtsanwalts bei dem Nachfolger des Kapitäns Lohmann im Reichsmarineamt erschienen und hat diesem Amt eine Rechnung von nicht weniger als 20 Millionen Goldmark präsentiert, die auf Grund von Verträgen gefordert werden, die die »Severa«, die bekannte Gründung Lohmanns, mit der ausländischen, und zwar hauptsächlich mit der schwedischen, aber auch mit der englischen Rüstungsindustrie geschlossen hat. Diese Rechnung ist dem Kapitän zur See Lahs vorgelegt worden, der angeblich von der Existenz dieser Verpflichtung nichts wußte und dem der Besuch so ungelegen kam, daß er die Absicht hatte, die beiden Unterhändler durch die politische Polizei hoppnehmen zu lassen. Die Unterhaltung verlief ergebnislos; der ausländische Rechtsanwalt begab sich wieder zu seinem Auftraggeber und wird nunmehr die Klage gegen das Deutsche Reich auf Anerkennung einer Schuld aus den Lohmannverträgen von, wie gesagt, nicht weniger als zwanzig Millionen Goldmark einleiten. Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, ist dieser Vorgang dem Reichswehrminister Groener verschwiegen worden. Die Vorgeschichte dieser Affäre ist etwas kompliziert, und man tut am besten, wieder bei Herrn Canaris zu beginnen, der bei dem Skandal um das Reichsmarineamt mit der Gelenkigkeit seiner hellenischen Vorfahren hinter dem geduldigen Rücken des Kameraden Lohmann verschwunden und leider auch nicht genügend gesucht worden ist. Wir haben uns hier wiederholt mit Herrn Canaris befaßt, und zwar mit jener Vorsicht, die durch außenpolitische Rücksichten bedingt war, immerhin haben wir deutlich zu machen versucht, daß sich dieser unternehmungslustige Marineoffizier in Spanien vielfältig engagiert hat. Um das Monopol für den spanischen Luftverkehr bewerben sich zur Zeit zwei Fluggesellschaften, von denen die eine der Deutschen Lufthansa und dem Reichswehrministerium nahesteht. Die andre wurde von der »Severa« gegründet und hat ihren finanziellen Rückhalt am Reichsmarineamt – sie steht in engster Verbindung mit den Junkerswerken. Diese Gesellschaft ist durch Vermittlung des Herrn Canaris geschaffen worden. Solange Herr Lohmann noch das Scheckbuch betreute, flossen ihr die Gelder reichlich zu. Doch nun hat der Segensstrom aufgehört, und die andre Fluggesellschaft hat die besten Chancen, recht bald das spanische Monopol zu erwerben. Aber Herr Canaris hat nicht nur in Spanien Interessen, sondern auch in Schweden. Das ist sehr anstrengend, denn man kann nicht alles allein machen. Den Kurierdienst zwischen Skandinavien und Hispanien versah ein Herr Dillenz, der Gatte jener wiener Schauspielerin Frau Lilly Dillenz, die sich augenblicklich eifrig bemüht, die Mittel zu einem Transozeanflug zusammenzubringen. Herr Dillenz, ein früherer österreichischer Offizier, gänzlich verarmt und eine etwas abenteuerliche Existenz, fuhr zwischen Spanien und Lintham in Schweden hin und her, allwo sich eine »Actiebolaget for Flygtindustrie« befindet. Diese Gesellschaft ist zwar schwedischen Ursprungs, in Wirklichkeit jedoch eine Junkers-Gesellschaft, und wird von einer Konzern-Firma kontrolliert, der der frühere Junkersdirektor Sachsenberg vorsteht und die den eigenartigen Namen »Vermögensanteil Professor Junkers« führt und ebenfalls in Schweden domiziliert ist. Das ist die Gesellschaft, an die die »Severa« einen großen Teil der obenerwähnten Millionenaufträge gegeben hat. Was in Schweden und England alles für diese Riesensummen bestellt worden ist, entzieht sich in Einzelheiten noch der Kenntnis. Doch man kann sicher sein, daß es sich dabei um Dinge handelt, die weit eher in das eigentliche Ressort des Reichsmarineamts fallen als zum Beispiel die Herstellung von Filmen. In der ›Weltbühne‹ hat vor Monaten einmal das »Märchen von den Canarischen Inseln« gestanden, die seltsame Geschichte von den geheimnisvollen Schiffen des Herrn Canaris in Spanien. Wichtig ist jetzt festzustellen, daß Herr Dillenz auch weiterhin die Verbindung mit vier deutschen Marineoffizieren aufrechterhalten hatte, die in – Teneriffa noch heute sitzen. Dieser Art sind also die Auslandsaufträge der »Severa«. Als der Lohmann-Skandal die bekannten ansehnlichen Dimensionen annahm, ging der frühere Chef der sogenannten »See-Transport-Abteilung«, der geistige Vater aller dieser Unternehmungen, Herr Canaris, auf Reisen. Zur Zeit ist sein Ziel Südamerika. Brüsk brach er alle kompromittierenden Verbindungen ab, so daß Herr Dillenz plötzlich in der Luft schwebte. Aber die »Severa« sicherte sich sofort diesen Vielwissenden, und da es der sehnlichste Wunsch der Frau Lilly Dillenz ist, einmal etwas über den Ozean zu fliegen und dabei Ehre und hohe Gagen einzukassieren, so schenkte ihm die generöse Firma zunächst ein Flugzeug, das aber inzwischen etwas verbogen wurde und nunmehr untauglich ist. Für die »Severa« war es nun von höchstem Interesse, daß die Auslandsaufträge weiter bezahlt und infolgedessen auch geliefert wurden, da diese Firma im Grunde nichts weiter als eine Art Handelszentrale für solche und ähnliche Geschäfte ist. Um diese Absicht zu erreichen, unternahm sie nun einen wahrhaft phantastischen Coup. Herr Dillenz wurde nämlich ins Vertrauen gezogen und veranlaßt, sich mit dem oben erwähnten englischen Rechtsanwalt zu treffen. Dillenz übernahm die Führung, und so fanden sie sich bei dem Kapitän Lahs ein, der jetzt für die bessern Sachen zuständig ist. Der Engländer war des Deutschen kaum mächtig, desto mehr aber Herr Dillenz, der immer dringender wurde. Um die Herren loszuwerden, verabredete der Kapitän eine neue Unterredung, zu der aber weder Herr Dillenz noch der Advokat erschienen. Dillenz, weil ihm hinterbracht worden war, daß man ihn verhaften wollte, der fremde Rechtsgelehrte, weil er sich von einer gerichtlichen Austragung mehr versprach. Seitdem irrt der Gatte der scharmanten Ozeanfliegerin enttäuscht umher. Seine Hoffnungen auf eine lohnende Notlandung sind hin ... Die Sanierung war so gedacht: dem englischen Anwalt waren für die Einbringung der Forderungen zehn Prozent Provision versprochen worden, wovon Herr Dillenz den vierten Teil erhalten sollte. Nachdem den beteiligten Firmen der Überrumpelungsversuch mißglückt ist, wollen sie nunmehr die schwere Artillerie des Zivilprozesses einsetzen.   ... und da hätte eigentlich der neue Reichstag gleich etwas zu tun! Die Weltbühne, 22. Mai 1928 782 Gasangriff auf Hamburg In der ›Weltbühne‹ vom 6. September 1927 (Nummer 36) nannte Oliver unter den Herren, die 1923 an den rechtsradikalen Umtrieben der Marinestation Ostsee teilhatten, auch einen ehemaligen Leutnant v. Borries. Dieser Herr v. Borries betrieb mit seinem Bruder in Holstein eine Milchkonservenfabrik, die eines üblen Tages in Konkurs geriet. Mit Hilfe der jungen Männer einer bekannten republikanischen Organisation rettete der eine der Brüder nächtlich seine Möbel über die dänische Grenze, indessen der zweite im Lande verblieb und die Milchkonserven mit einem andern Volksernährungsmittel vertauschte. Er wurde auf dem Wege über den Landbund Handelsbevollmächtigter jener »Gefu«, die sich dann »Wiko« nannte und in Berlin W. 62, Kleiststraße 11 das historische Waffengeschäft mit Rotrußland betrieb, während im gleichen Hause die »Mologa« der Herren Joseph Wirth und Ludwig Haas sich vergebens abmühte, mit etwas zivilern Waren auf den grünen Zweig zu kommen. Das war damals die große Zeit der östlichen Orientierung. Heute taucht der ehemalige Büchsenmilchfabrikant wieder als Vertreter einer »Müggenburg G.m.b.H.« auf, die im hamburger Hafen eine Quantität Phosgen zu stehen hat, die nach Meinung Sachverständiger hinreicht, um ganz Norddeutschland auszuräuchern. Zwar liegt ihm jetzt nicht viel an seinem Besitzerrecht – da spielt noch ein Kriegschemiker Doktor Stoltzenberg mit, der unter Geschäftsaufsicht steht –, aber die Besitzverhältnisse sind überhaupt noch dunkel, und ziemlich klar ist nur, daß von dieser neuen Gesellschaft des Herrn v. Borries die Spuren zurück zur »Gefu« führen, jener berüchtigten Reichswehrzentrale. Leider bleibt die große Presse wieder die Zusammenhänge schuldig. Man liest lamentable Erzählungen des Herrn Doktor Stoltzenberg, der bejammert, daß man ihn um sein kostbares Gut betrogen habe. Man vergißt darüber, daß das in der Nachbarschaft menschlicher Wohnungen lagernde Teufelszeug seit Jahr und Tag ständige Todesgefahr über die zweitgrößte deutsche Stadt brachte – was die Zeitungen präsentieren, ist »Ein deutsches Erfinderschicksal«, Ballade mit Leiermusik. Wieder müssen die außenpolitischen Rücksichten herhalten, um eine radikale innere Entseuchung zu verhindern. Gewiß ist die Erregung draußen nicht gering. Besonders in Amerika schlägt man harte Register an. Verklungen ist Herrn Schurmanns »Old Heidelberg, dear city«, vergessen das Verbrüderungskarmen beim Fliegerempfang – wären sie am vergangenen Montag angekommen, es hätte eine selbst Hünefelds Monokel erschütternde Szene gegeben –, und in den new yorker Blättern findet man bedenkliche Reminiszenzen an die Zeit des »Lafayette, wir kommen!« Eine eindringliche Demonstration gegen die neuerdings beliebte Überbewertung von gesellschaftlichen Ereignissen internationalen Charakters. Die neue Internationale der Festessen wird auch nicht schaffen, was die der Darbenden versäumte. Wenn aber jetzt drüben gleich nach Völkerbundskontrolle verlangt wird – mit Verlaub, meine Herren, [woher] bezöge der Völkerbund die moralische Legitimation, dies Richteramt auszuüben? Und sind nicht auch amerikanische Firmen als Abnehmer dieser Handelsware benannt worden? Es bleibt nur der Appell an den Völkerbund, das allgemeine Verbot zur Herstellung von Kampfgasen endlich auszusprechen. Deutschland aber hat die Pflicht, unabhängig von dem, was die Andern tun und sagen, den letzten Ursachen der hamburger Katastrophe nachzugehen. Kein Zufall, daß die grade in diesem Hafen eintrat, denn hier ist seit geraumer Zeit ein Hauptstapelplatz des internationalen Waffenschmuggels. Und auch die glücklichen Inhaber dieser Gastanks wußten wohl, warum sie sich nach Hamburg wandten, wo ihnen die hanseatische Munificenz nicht nur einen Lagerplatz zur Verfügung stellte, sondern auch weitherzige Aufsicht zukommen ließ. Wenn man bestimmten Gerüchten Glauben schenken darf, hat das Gas wiederholt den Besitzer gewechselt, und einer davon soll ein bekannter Inflationsmagnat gewesen sein, dessen politischer Ehrgeiz ihn in sehr hohe Regionen brachte. Dieser Gute soll einmal in Freundeskreisen das Rätselwort fallen gelassen haben: »Gestern habe ich 40 Kühe bezahlen müssen ...«, und erst viel später dämmerte den Hörern der Sinn auf, als sie erfuhren, daß er ein jüngst aufgekauftes militärisches Lager wieder abgestoßen habe. Von kompetenter Seite sind Zweifel ausgesprochen worden, ob man es hier überhaupt mit Phosgen zu tun, das eine gelbliche Färbung aufweise, während das ausgeströmte Gas ganz farblos gewesen sei, es sich hier also um einen noch unbekannt gebliebenen wissenschaftlichen Fortschritt handle. Man wird richtig tun, sich nicht von amtlichen Beschwichtigungen einnebeln zu lassen. Stellen doch zurzeit auch militärisch geschulte Köpfe Erwägungen an, ob nicht zum Beispiel auch das Raketenauto sich etwa für Kampfzwecke verwenden lasse. Zur Ehre des Herrn Fritz von Opel sei gesagt, daß er sich mit den Leuten nicht eingelassen hat. Jedenfalls hat diese Giftgasattacke auf die große Stadt Hamburg, herbeigeführt durch die unverantwortliche Dummheit von Behörden und die verbrecherische Geschäftemacherei kommerzbegabter Exmilitärs eine Note schrecklich einleuchtender Pädagogik: – So wird der nächste Krieg sein! So wird es sein! Was sich da an der Grenze trister Arbeitervororte abspielte, das war gewiß viel weniger als eine Generalprobe, aber wer nicht von Gott geschlagen ist, wird den Sinn verstehen. Friedliche Menschen werden plötzlich mit verzerrten Gesichtern hinsinken, andre, die sich durch Flucht zu retten suchen, sich durch die eilende Bewegung nur schneller erschöpfen und mit giftgedunsenen Lungen fallen. Die freiheitlichen Jugendverbände Hamburgs rüsten zu einer großen Agitation. Möchten sie gehört werden! Die Kommunisten sind nicht dabei. Für sie hat ihr Redner in der hamburger Bürgerschaft diese markante Erklärung abgegeben: »Wir geben ohne weiteres zu, daß die Erzeugung der Giftgase notwendig ist zur Verteidigung Sowjet-Rußlands gegen die imperialistischen Mächte. Es ist außerdem selbstverständlich, daß die Sowjetregierung mit den kapitalistischen Staaten Wirtschaftsbeziehungen anknüpfen muß, um Phosgen für medizinische und industrielle Zwecke zu erhalten.« Man sollte nicht zu hart sein mit diesem armen Schlucker, den mißverstandene Treue zu Moskau im Schlingkraut so jämmerlicher Rabulistik verstrickt. Nur darf man nicht fragen, was der Mann dazu sagen würde, der der Gründer seiner Partei war und als Erster in Europa mitten in einem siegesrasenden Land die Faust erhoben hat gegen den Krieg, gegen den Krieg. Die Weltbühne, 29. Mai 1928 783 Die Stunde der Sozialdemokratie Die Sozialdemokratie steht vor ihrer schwersten Entscheidung. Sie hat am 20. Mai unverhofft überreichen Gewinn heimsen dürfen, aber mehr noch als ihr Plus bedeutet das Minus der Rechten. Die Deutschnationalen haben zum ersten Mal in zehn Jahren den Ernst des Lebens kennen gelernt; die demokratische Institution des allgemeinen Stimmrechtes, der sie, die Volksfeinde par excellence, sich bisher unbedenklich anvertrauten, hat sie plötzlich sacken lassen. Vielleicht eine Schramme, die narbenlos verheilen, vielleicht eine Wunde, deren Blutverlust Schwächung für immer hinterlassen wird. Grade dieser rapide Absturz der bisher vor wie hinter den Kulissen dominierenden Partei legt der Sozialdemokratie eine lastende Verpflichtung auf. Denn die Riesenscharen zugewanderter Wähler fragen den Teufel nach den Bindungen des Erfurter oder Görlitzer Programms, nach den Erwägungen sozialistischer Theoretiker und Taktiker, wie weit die Sozialdemokratie sich in der Mitverantwortung für den immerhin existenten Klassenstaat engagieren dürfe – sie sind ganz einfach enttäuscht von den Kunststücken der Rechten und wollen es nun mit der andern Seite versuchen. Ein geringerer Erfolg hätte nur Anerkennung für tüchtige Opposition bedeutet. Doch dieses Votum heißt: Ihr sollt regieren. Es ist schwer, auf einen solchen Appell ausschließlich mit taktischen Bedenken zu antworten. Kommt noch hinzu, daß die Wahlen im Ausland ungeheure Sensation gemacht haben und daß man sie dort, in Verkennung der innerpolitischen Sachverhalte, für Stresemann-Wahlen hält. Dort sah man die Große Koalition, die doch erst geschaffen werden soll, schon im Wahlkampfe wirkend. Würde die Sozialdemokratie, wenn auch mit triftigsten Gründen diese Kombination zunichte machen und damit einen neuen Bürgerblock inthronisieren, man würde sie nicht verstehen, würde ihr die Schuld aufbürden, wenn die Außenpolitik nicht weiter kommt und dem neuen, in Carcassonne manifestierten Poincaré eine kümmerliche, klebrige Regierung der rechten Mitte entgegentritt, die aus nationalen Gründen beleidigt lächelt, anstatt den zugeworfenen Ball aufzunehmen. Das sind starke Argumente für die Allianz mit Stresemann. Ich habe in der Wahlnacht, unter den Eindrücken der ersten Resultate, hier an dieser Stelle geschrieben, daß eine Sozialdemokratie, die sich in das Abenteuer der Großen Koalition einläßt, in zwei Jahren gespalten sein wird. Ich wählte diese zugespitzte Formulierung mit Bedacht, um das Risiko aufzuzeigen, das die Partei eingeht, wenn sie, dem eilfertigen Ehrgeiz einer unverbesserlichen Sorte ewiger Ministrabler blind nachgebend, mit Schwertgeklirr und Wogenprall in ein unbesehenes Bündnis steigen sollte. Das hieße allerdings die Einheit der Partei in Frage stellen, einen zweiten Hinauswurf wie den von 1923 könnte selbst die Sozialdemokratie nicht mehr ertragen. Ich will nicht zu der bittern Untersuchung einladen, was die Partei heute noch an Elan, Entschlossenheit und Geist zu bieten vermag. Ihr wirklicher Wert liegt nicht in äußern oder intellektuellen Reizen, sondern in ihrer Einheit, die sie ihrem völligen Mangel an Problematik und einer netten, gesäßigen Nervenlosigkeit verdankt, die auch in erregtesten Zeitläuften nicht aus der Fasson zu bringen war. Käme auch die zweite sozialistische Partei der Republik noch ins Fließen, würde auch da, wie bei der kommunistischen Nachbarschaft ein Mal im Quartal aussortiert und exmittiert, dann: »– Fahre wohl, Doria, schöner Stern! Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du!« Zur Ehre der sozialdemokratischen Führer sei gern gesagt, daß sie dies Mal die Gefahr sehen, daß sie nicht munter auf das schwellende Prokrusteslager hüpfen, sondern sich mit ihren Erwägungen Zeit lassen und die, hoffentlich!, benutzen, um Bedingungen auszuarbeiten, die es den Andern nicht zu leicht machen. Mögen die Demokraten das auch Shylockkontrakt nennen, es muß festgehalten werden: nicht nur die Deutschnationalen sind geschlagen, sondern auch die Mittelparteien! Leider ist man auf dem linken sozialdemokratischen Flügel etwas zittrig geworden und redet dort wieder von der Weimarer Koalition. Warum soll das Bündnis mit Stresemann verwerflich sein, das mit Koch und Guerard dagegen mit den Prinzipien vereinbar? Kurt Hiller hat hier im vorigen Heft die Zusammenarbeit der kulturpolitisch liberalen Parteien, unter Ausschließung des Zentrums also, empfohlen, in der klaren Erkenntnis selbstverständlich, antizipierend zu sprechen, da in den Vorstellungen, die sich die ungläubigen Parteien vom Zentrum machen, noch immer ein sehr naiver Wunderglaube vorherrscht. Das Mirakel wird nicht eintreten. Das Zentrum hat zwar nicht seine Gestalt gewechselt, aber findet langsam seinen alten Charakter wieder. Die sozial-radikale Episode ist vorüber. Das Zentrum wird wieder, wie unter Bachem-Trimborn, eine schroff konfessionelle Partei, gelegentlich aufmuckend, weil das die Rücksichtnahme auf die Arbeiterwähler erfordert; aber die Partei eines traditionell gebundenen Christentums muß heute, wo alle alten Gefüge wackeln, zwangsläufig zu einer konservierenden Partei werden. Das hat auch Hellpach in seinen in manchen Stücken recht anfechtbaren, aber im Ganzen sehr anregenden und beachtlichen »Politischen Prognosen« ausgeführt. Nach seiner Meinung wird das Zentrum mit der Überwindung der Pubertätskrämpfe der Republik seine Bedeutung als Partei des Ausgleichs verlieren, immer weiter nach rechts rücken und endlich der linke Flügel des zukünftigen Konservativismus werden: neben den Nationalistisch-Konservativen, die Christlich-Konservativen. Ist das nicht schon heute so? Nur auf der Linken will man es nicht sehen. Und es ist eine schwer begreifliche Verblendung, daß man grade bei der linken Sozialdemokratie das Zentrum für zuverlässiger hält als Stresemanns Gefolgschaft und sich abmüht, die Unterschiede auf der Apothekerwage festzustellen. Die Sozialdemokratie handelt also taktisch durchaus richtig, wenn sie den Mittelparteien nicht gleich liebeglühend um den Hals fällt. Denn schließlich geht auch bei den Andern einiges vor, und der Chok über den Wahlausgang ist viel stärker als sie in ihrer Presse merken lassen. Zunächst wird geplant, jene Arbeitsgemeinschaft der Mittelparteien ernstlich wiederaufleben zu lassen, die 1922 gegründet wurde, als die Vereinigung mit den Unabhängigen bevorstand und man von Crispien und Breitscheid noch die rote Verseuchung der alten Partei erwartete. Diese Arbeitsgemeinschaft ist unverdient in Vergessenheit geraten, weil sie nur ein Mal ganz effektiv wurde, und diese Leistung allerdings sollte in Erinnerung gerufen werden: es war die Mißgestaltung des Republikschutzgesetzes, für dessen schiefe Prägung die Mittelparteien verantwortlich sind, weil sie damals – noch war das Reichsbanner nicht erfunden! – in einem energischen Republikschutz den Beginn jakobinischen Terrors fürchteten. Darüber möge man nicht im Zweifel sein: auch die neue Gemeinschaft der mittlern Fraktionen würde vornehmlich die Aufgabe haben, der Sozialdemokratie enge Grenzen zu ziehen. Denn, um es zu wiederholen, der Chok in den Mittelparteien ist viel größer als die Bonhommie ihrer Blätter verrät ... Wenn die Sozialdemokratie wirkliche antikapitalistische Politik versuchen sollte, wird sich zeigen, wie wenig Verbindung noch zwischen ihr und den republikanischen Sonntagsrednern der Mittelparteien besteht. Es liegt übrigens auch noch keine autoritative Äußerung der Deutschen Volkspartei vor, ob dort überhaupt die Große Koalition gewünscht wird. Stresemann, der im Ausland irrtümlicherweise für den Bannerträger eines cartel de gauche gehalten wird, ist, wie wir wissen, in Wirklichkeit der virtuose Jongleur der wechselnden Mehrheiten, sein Herz jedoch ist beim Bürgerblock. Das Übergewicht der Deutschnationalen war ihm zuletzt sicher sehr lästig und störend – – aber, gesetzt, die Deutschnationalen würden ihrer herabgeminderten Zahl entsprechend heute ein taktisch klügeres und nachgiebigeres Angebot machen, mit der Garantie, in Zukunft trätablere Personen vorzuschicken als den plumpen Provokateur Keudell ... wer weiß? So entwaffnet ist man in den mittlern Fraktionen nicht, in der Großen Koalition die einzige und letzte Chance zu sehen und alle Anstrengungen grade darauf zu richten. Das ist ein falscher Eindruck, der besonders von der Demopartei hervorgerufen wird, die ja nicht mehr viel zu sagen hat und wie eine Dame von fröhlicher Vergangenheit, die allmählich in die Jahre kommt und immer weniger Aufforderungen zum Mitspielen erhält, sich jetzt, höflich gesprochen, aufs Vermitteln geworfen hat. Einstweilen wird von Herrn Erich Koch sehr eifrig das Werben für die große Liberale Partei betrieben, was, nüchterner ausgedrückt, nicht mehr als Übernahme der demokratischen Stoffreste in das stärker assortierte Lager der Volkspartei bedeutet. Da die Demokraten nur Geist mitbringen, bemühen sie sich, um wenigstens etwas Nahrhaftes zu bieten, auch um die Überredung der Wirtschaftspartei, und als die erste Frucht der Bemühungen dürfte im Reichstag bald ein engeres Zusammengehen der drei liberalen Gruppen sichtbar werden. Nun steht es jedem frei, seine Interessen wahrzunehmen, so gut er kann. Aber einleuchtend dürfte auch sein, daß die konstruktiven Versuche in den Mittelparteien die Sachlage ein wenig verändern, daß die Anstrengungen, die Mitte neu zu organisieren und fester zusammenzubringen, vornehmlich Abwehrmaßnahmen gegen die Sozialdemokratie vorbereiten und damit auch gegen die Arbeiterschaft. Die gleichen Parteien, die stets den blutigsten Klassenkampf wittern, wenn die Arbeiter auf ihre einfachsten vitalen Rechte pochen, ziehen selbst einen Grenzstrich zwischen sich und die Arbeiterschaft und suchen eine festere Untermauerung ihrer klassenmäßigen Stellung. Für sie ist die Sozialdemokratie nur eine genehme Alliierte, wenn sie sich »verantwortungsfreudig« zeigt, das heißt, wenn sie die bestehende Gesellschaftsordnung mitverantwortet. Nun braucht eine sozialistische Partei nicht zwei Mal täglich »Revolution!« zu trommeln, wie die Kommunisten wünschen, aber als dauernde Lebensversicherung der bürgerlichen Gesellschaft zu fungieren, das wäre auch von den zahmsten Sozialisten zu viel verlangt. Es gibt in der Gegend von Stresemann und Guérard Gemütsmenschen, die sagen: »Wenn die Sozialdemokratie machtlüstern ist, soll sie in Gottes Namen drauflosregieren. Wir wollen nicht knausrig sein. Es soll auf ein paar Ministersitze nicht ankommen. Was die Sozis damit anfangen, ist ihre Sache, aber in ein paar Monaten werden sie sich abgewirtschaftet und blamiert wieder trollen ...« In dieser freundlichen Spekulation liegt das größte Risiko für die Sozialisten. Man möchte sie vor Schwierigkeiten stellen, an denen sie die Grenze ihrer Kraft fühlen ... Wenn die Genossen in der Wilhelmstraße sitzen, wird das alte Lied von den »roten Ketten« wieder losgehen; Konflikte werden provoziert werden; die Unternehmerschaft wird die Hungerpeitsche kräftiger schwingen, um den Arbeitern zu bedeuten, daß sich gar nichts ändert, wenn ihre Leute regieren. Im Gegenteil. So soll der Weg frei gemacht werden für den bürgerlichen Mischmasch. Aber der Weg wird zu Hugenberg führen ... Das ist die bittere Entscheidung für die Sozialdemokratie. Sagt sie ab, enttäuscht und verstimmt sie. Akzeptiert sie, ist es ein Sprung ins Unbekannte. Aber Koalition oder nicht, das ist doch nicht die letzte Frage. Was die Partei auch unternimmt, es kommt darauf an: mit welchen Mitteln und welchen Männern! Sie mag regieren oder opponieren, beides wird ihr kaum schaden, wenn sie es ohne falsche Rücksichtnahme und ohne Schielen tut. Wenn sie gezwungen ist, heute oder in einem Jahr die Tür hinter sich zuzuschlagen, dann soll sie es so tun, daß es durch ganz Deutschland knallt. Möge sie die richtigen Männer vorschicken, die verantwortungsfreudig sind, nicht gegenüber Herrn Marx oder Herrn Stresemann oder gegenüber irgendwelchen anonymen Couloirklüngeln, sondern gegenüber den Millionen draußen im Lande, die sie gewählt haben, weil sie auf sie hoffen. Die Weltbühne. 5. Juni 1928 784 Städte und Jahre Das Buch, das diesen Namen trägt, hat in Deutschland ein unverdientes Schicksal gehabt. Die Presse, die den Erfolg macht, verschweigt es. Der Verfasser, Konstantin Fedin, ein junger Russe, hat eine Art neuer histoire contemporaine schreiben wollen, er hat versucht, die überquellende Stoffmasse der Jahre 1913–1921 in einen Roman von normalem Umfang zu pressen. Die Zeitgeschichte des Anatole France ist ironisch und sozial-idealistisch. Doch dieser Russe, den die Epoche Lenin geformt hat, ist nur ironisch, soweit er das in seinen Augen Tod und Fäulnis geweihte Westeuropa betrachtet, in seinem Rußland sieht er unpathetische Arbeit. So werden die Westlichen zu Karikaturen und Puppen, die Russen stehen ernst, wenn auch unverschönt in der Handlung. Das bedeutet auch kompositorisch einen Bruch. Der Verfasser hat nicht den erzählerischen Wirbel Babels, nicht die Teufelsgrazie Ehrenburgs, die über Blut und Kot noch ihre Raketen verspritzt. Aber dieser Roman von Kriegselend, Verschwörungen, Bürgerkrieg, Soldatenräten und Revolutionskomitees ist mit zupackender Festigkeit geschrieben. Es sind Szenen aus dem Deutschland der Kriegszeit drin, die uns unsre Romanciers schuldig geblieben sind. Der Roman ist im Malik-Verlag erschienen.   »Die kritischen 39 Tage von Serajewo bis zum Weltbrand« von Eugen Fischer sind ein historischer Roman und nicht, wie man glaubt, eine historisch-politische Untersuchung. Der Herr Verfasser ist zwar Sachverständiger des parlamentarischen Untersuchungsausschusses für die Kriegsschuldfragen, hat gewiß eine beträchtliche Aktenkenntnis erworben, aber hier macht er wenig Gebrauch davon, sondern begnügt sich mit einer gemütvollen Zubereitung. Während sonst in Kriegsschuldbüchern aller Welt nur Schurken und Unschuldlämmer agieren, sieht Herr Fischer in den Staatsmännern von 1914 arme Getriebene, Gezeichnete des Schicksals, die unter bittern Gewissensqualen das große Sterben über die Menschheit verhängten. Es ist jedenfalls nett, daß Einer diesem vielbehandelten Stoff nun auch eine seelsorgerische Seite abgewonnen hat. Gewiß, es fällt kein böses, verletzendes Wort – selbst Grey und Poincaré sind die Satanshörner abgeschraubt, selbst Lichnowsky widerfährt Gerechtigkeit – auch ich empfinde es etwas fatal, daß der deutsche Schuldanteil dabei diminutiv wird und wo sich ein Fleckchen zeigt, es sogleich vom allgemeinen Tränenregen fortgespült wird. Das österreichische Ultimatum erscheint Herrn Fischer als ein ziemlich normaler diplomatischer Akt, er begreift die Aufregung darum nicht. Was hätte es schon geschadet, wenn Serbien für geraume Zeit unter die gute Zucht der österreichischen Monarchie gekommen wäre? »Auch Serbien«, meint der Herr Verfasser nämlich, »war ein Land, dem die geistige und sittliche Führung durch eine hochentwickelte Großmacht des europäischen Kulturkreises noch lange Zeit hätte nützen können«, und blickt uns aus guten tübinger Theologenaugen fragend ins betroffene Antlitz. Das Buch ist bei Ullstein erschienen, aber es gehört zu Diederichs. Die Weltbühne, 5. Juni 1928 785 Wankende Despotien Preußischer Polizeiskandal Vor zwei Wochen hat der Herr stellvertretende Polizeipräsident von Berlin in einem fachlich versierten Zeitungsartikel den alten Brauch der Kopfprämien gegen den polizeitechnischen Laien Bernard Shaw verteidigt. Daß die Beamten auch ohne den Anreiz der Prämie ihre Pflicht tun, dürften sie ein paar Tage später bewiesen haben, als Herr Doktor Weiß bei dem Tumult an der Frankfurter Allee selbst unter den Punktroller geriet. Denn es ist doch nicht anzunehmen, daß irgend eine Stelle dafür eine Belohnung ausgesetzt hatte. Die kalmierende Verlautbarung des Herrn Zörgiebel kann nicht verhindern, daß die Wahrheit durchsickert. Herr Zörgiebel deckt in einem Manifest von beschämendem Deutsch die Roheiten seiner Leute. Obgleich sein Vizechef dabei selbst blau geprügelt wurde, bleibt der Herr Polizeipräsident sehr gelassen. Am Unglück unsrer Mitmenschen, bemerkte schon Larochefoucauld, mißfällt uns immer etwas nicht ganz. Herr Zörgiebel ist hauptsächlich besorgt, bei den Beamten nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, »es würden ihnen durch einengende Bestimmungen bei diesen Zusammenstößen die Hände gebunden« oder sie fänden in Fällen, »in welchen sich der Gebrauch der Waffe nicht vermeiden läßt«, bei ihm nicht den erforderlichen Schutz. Wie bisher, so will Herr Zörgiebel auch in Zukunft für seine Beamten »voll und ganz« eintreten. Ausgezeichnet. Bei seinem Vize langte es kaum für halb und halb. Von Augenzeugen wird versichert, daß Herr Weiß nicht nur einen milden Ritterschlag abbekam, sondern wie andre Tumultuanten auch zu Boden geschlagen wurde. Er wandte sich an Herrn Oberst Hellriegel, den Lenker dieses Frontabschnitts, der seine Klagen überhörte und stürmisch ausrief: »Jetzt werde ich schießen lassen!« – Darauf Herr Weiß wütend: »Wollen Sie sofort wegfahren!« – »Warum?« – Herr Weiß erregt zum Chauffeur: »Fahren Sie den Herrn Oberstwachtmeister fort!« – So wurde der Straßenkampfstratege vom Schlachtfeld entfernt. Was waren Herrn Zörgiebels nächste Erwägungen? Er plante, den Minister noch in gleicher Nacht um das Verbot von Rotfront anzugehen. Chef und Unterchef sprachen nicht miteinander. Am Sonntag abend fuhr Herr Weiß nach Köln, um dem Minister Grzesinski zu berichten. Ob er die Absetzung seines Vorgesetzten verlangt hat, kann nicht bewiesen werden. Doch sagt man so. Die Position des Herrn Weiß ist recht unangenehm. Da die Attacke gegen die Kommunisten ging, finden die sozialdemokratischen ebenso wie die meisten bürgerlichen Blätter den Vorfall nicht zur Weiterbehandlung geeignet. Da man den Kommunisten keinen Triumph gönnt, wird nach Möglichkeit gedämpft und vertuscht. Kommt noch hinzu, daß Herrn Zörgiebels Machtstellung stärker geworden ist. Bis vor kurzem hat man sich im Präsidium seinetwegen kein Bein ausgerissen. Der sozialdemokratische Wahlsieg hat ihn über Nacht zur gewichtigen Person gemacht, zum Exponenten der größten Partei an hervorragendem Platz. Herr Weiß ist Demokrat, gehört also zu einer zurzeit sehr kleinlauten Partei. Wenn die Sozialdemokraten schon mal imponieren wollen, tun sies gewöhnlich an falschem Ort. Der Minister täte richtig, die preußische Polizeipolitik wieder einer gehörigen Revision zu unterziehen. Wie ist es möglich, daß jener Polizeioffizier, der sich während der letzten Kurfürstendammkrawalle neutral erklärte, als Lehrer an die Polizeischule versetzt wird? Und, ist etwas Wahres daran, daß Herr Tenholt, der unvergeßliche Sherlock Holmes von Magdeburg, als erster Kommissar in eine große westfälische Stadt versetzt worden ist? Im berliner Polizeipräsidium herrscht Desorganisation und tiefe Unzufriedenheit. Beamte, die in den vergangenen stürmischen Jahren oft für die Republik gehandelt, man darf ohne Übertreibung sagen, sie mehr als ein Mal gerettet haben, fühlen sich zurückgesetzt und über die Achsel angesehen. Es wird auch geklagt, daß Herrn Zörgiebels Energie sich ausschließlich in rustikalen Umgangsformen erschöpft, die auf seine Untergebenen verletzend wirken. Herrn von Jagow nahm man ein bißchen Schnauzerei nicht übel. Er war in seinem Rayon ein tüchtiger und humorvoller Kerl. Wer ist Herr Zörgiebel? Man muß den in hohen Staatsstellungen befindlichen Sozialdemokraten immer wieder bedeuten, daß die Ausrottung der Kommunisten nicht ihre einzige Aufgabe ist. Daß die Kommunisten sich in die gleichen Nebelschwaden von Gehässigkeit verbiestert haben, ist keine Entschuldigung. Dafür bekleiden sie auch keine wichtigen Staatsämter. Die Oberleitung der berliner Polizei hat ihren Leuten den Rotkoller eingeimpft, und dies System hat jetzt zu einer Blamage geführt, die evident ist, auch wenn Herr Zörgiebel die Beamten »voll und ganz« deckt und den Vorgang »menschlich durchaus verständlich« findet. Was für eine Katastrophe muß eigentlich eintreten, um Herrn Zörgiebel endlich ad absurdum zu führen? Tschangtsolin Noch am 3. Juni meldete eine Telegraphenagentur: »Der Marschall hat Peking heute morgen ... mit einem Spezialzug verlassen ... Er winkte seinen Truppen mit lächelnder Miene zu, als er seinen Salonwagen bestieg.« Das liest sich so urgemütlich, daß man eher an einen andern Marschall denkt. Am nächsten Tag stieß der Spezialzug im nahen Umkreis des siebenfach gepanzerten Mukden auf eine Höllenmaschine, und seitdem weiß man nichts mehr von Tschangtsolin. Verwundet oder tot? Während die Generale um Peking Wettlaufen, ist der Hauptspieler der letzten zehn Jahre plötzlich ins Dunkel gestürzt. Er ist für Jung-China das Plakatscheusal. Das konterrevolutionäre Prinzip. Der Trabant Japans und Schildhalter des fremden Imperialismus – Inbegriff alles Hassenswerten. Der Verräter, Bandit und Blutsäufer. Nun, auch die Andern sind keine Engel. Die Provinzgouverneure, die sich Generale nennen und nur Geschäftsleute in Menschenfleisch sind. Oder Feng, das Reklamestück amerikanischer Missionstätigkeit, der skrupellos von einer Partei zur andern wechselt. Oder die politisierenden Generale des Südens mit den Allüren europäischer Generalstabsoffiziere, die nicht, wie der mandschurische Barbar durch Henkershände erwürgen lassen, sondern die demokratische Methode der Standgerichte vorziehen. Übrigens gab es selbst zwischen Sunyatsen und Tschangtsolin ein Mal Berührung, fast Bündnis. Das war Ende 1924, als Feng mit seinem bekannten Handstreich Wupeifu und den korrupten Reichsverweser Tsaokun davongejagt hatte. Damals kam der sterbenskranke Doktor Sun zu Verhandlungen nach Peking, und sein Tod nur verhinderte den Abschluß. Vor vierzig Jahren war Tschangtsolin nur ein kleiner Strauchdieb, dem nicht einmal sein Name gehörte. Gustav Amann erzählt in seinem aufschlußreichen Buch »Sunyatsens Vermächtnis«, daß Träger des Namens ein Räuberhauptmann war, der sich einen kleinen Jungen als Schreiber hielt. Da dem Banditen sonst nicht beizukommen war, zog man ihn zum Militär ein. Da ihm aber das Geschäft zu unsicher erschien, stattete er den Schreiberknaben mit seinem Namen aus und schickte ihn zu Soldaten. So begann diese malerische Karriere ... Die Macht in der Mandschurei verdankt Tschangtsolin noch Jüanschikai, dem ersten Präsidenten der chinesischen Republik. Äußerlich hat er in die von ihm beherrschten rückständigen, noch ganz im Feudalismus vegetierenden nördlichen Provinzen Bewegung und Prosperität gebracht. Dennoch war sein System im ganzen nicht mehr als sorgfältig organisierte Plünderung des wehrlosen Volkes. Mukden blühte zu einer Capitale der internationalen Spekulation auf. Hier war Japans Einflußsphäre, hier wimmelte es von russischen Emigranten, von Jobbern aller Welt, Spezialisten für Waffenhandel und Valutageschichten. Gelegentlich wurde zur bessern ökonomischen Säfteregulierung ein Rudel allzu waghalsiger Geschäftsleute hingerichtet. Ende 1925 erlebte Tschangtsolin seine schlimmsten Tage. Sein Vertrauter, General Kuosunglin war plötzlich abgefallen und nahte sich Mukden in Eilmärschen. Der Diktator hatte nur ein paar Kavallerie-Detachements zur Verfügung. Doch die Japaner besetzten Mukden; der verdutzte Kuo hielt inne, zauderte, witterte Verrat; Tschangtsolins Sohn kam als Unterhändler – da fegte der Marschall mit einer rasanten Flankenattacke den zehnfach stärkern Gegner hinweg. Am nächsten Tag wurden in Mukden die blutigen Häupter Kuos und seiner Frau auf Pfählen herumgetragen. 1926, nach Fengs Rückzug, ziehen die gutgedrillten mandschurischen Divisionen in Peking ein. Eine Schreckenszeit beginnt für die Riesenstadt, die eben die Propaganda der Kuomintang aufgewühlt hat. Der Mann aus Mukden kennt keinen Pardon. Er vertritt den starrsten Feudalismus, der aus Eignem nicht mehr leben kann, und sich den fremden Mächten, den Bedrückern und Ausbeutern Chinas verschrieben hat. Jetzt soll mit Feuer ausgebrannt werden, was das Eisen nicht schlagen konnte. So muß Alba über Flandern gekommen sein. Vor zwei Jahren hat Jules Sauerwein den Marschall aufgesucht, und wie er den Mann zeichnet – zischend, wutspeiend, häufig mit der Hand die Bewegung des Kopfabhackens machend – das entspricht doch zu sehr den Vorstellungen, die man sich von ihm in Berlin oder Paris macht, um nicht ohne Übertreibungen zu sein. Pittoresk, aber durch Schlichtheit überzeugend, ist ein Bericht von Pierre Daye, einem jungen französischen Publizisten, der gleichfalls 1926 in Mukden war. Pierre Daye schildert zunächst den Empfangsraum: viel kostbare alte Seidenstoffe und edle Möbel, mit Perlmutter und Schildkrot inkrustiert, daneben ein paar unsagbare europäische Bazarfauteuils, vier vergoldete Pendulen und ein riesiges, grell bemaltes Orchestrion, wie man es sonst nur in den Hafenkneipen von Neapel zu finden pflegt. Herein tritt ein kleiner zartgliedriger Herr von einigen fünfzig Jahren, in eine Robe von lichtblauer Seide gekleidet, darüber eine kurze schwarze Kasacke, auf dem Kopf ein schwarzes Käppchen mit scharlachrotem Knopf. Nichts an dieser Erscheinung wirkt brutal. Der Blick ist lebhaft, die Gesten sind knapp. Seine Sprechweise ist gewählt, nicht ohne Feierlichkeit und erinnert mehr an einen Stubengelehrten als an einen Militär. Er unterhält seinen Gast sehr liebenswürdig, aber das Interview will nicht recht steigen, denn der Interviewer selbst ist der Ausgefragte. Endlich will er zum Thema kommen, aber der Marschall fragt ihn – nach dem Stande der Frankenstützung. Er hat selbst grade eine neue Order gegen die Spekulation herausgebracht, am nächsten Tage werden zwölf Bankiers und der Direktor einer Zeitung wegen Zuwiderhandlung erschossen werden, und da möchte er gern wissen, wie man in Europa mit solchen Leuten fertig wird. Er dürfte nicht viel gelernt haben ... Zum Abschied erzählt Daye, daß er über Rußland zurückfahren wolle. Es kommt kein Verwünschungshagel über die Bolschewiken, nur ein kleines ironisches Lächeln: »Seien Sie klug in diesem Lande!« So sah ein Europäer den letzten starken Vertreter einer alten Zeit. Den Letzten einer verrotteten, schon gar nicht mehr lebenden Sache. Ist er wirklich dahin, hat Jung-China eine Bataille gewonnen. Doch bewahrheiten sich die Gerüchte von Tod oder hoffnungsloser Verstümmelung nicht, dann ist auch nicht zu zweifeln, daß dieser oft Niedergeworfene, doch immer Wiedererstandene noch einen neuen Gang wagen wird. Man kann sich diesen zierlichen, höflichen Willensmenschen, diesen rettungslos dem kalten Machtdelirium Verfallenen nicht friedlich pensioniert im Bett sterbend vorstellen. Viel eher in einer letzten Phantasie von Sieg und Rache hinsinkend wie der artverwandte Cesare Borgia bei Gobineau: »Solange ich einen Atemzug im Leibe habe, ist es ein Atem des Hasses und des Begehrens ...« Die Weltbühne, 12. Juni 1928 786 Herbert Ihering gegen die Volksbühne Vor ein paar Wochen hat Herbert Ihering im Selbstverlag eine kleine Broschüre erscheinen lassen: »Der Volksbühnenverrat«, die in schärfster Weise unsre gegenwärtige theaterpolitische Situation beleuchtet. Diese sechzehn Druckseiten bilden in ihrer Zurückhaltung und stilistischen Gediegenheit eines jener heute immer seltener werdenden publizistischen Meisterstücke. Daß der Ruf eines grade von der jungen Generation hochgeachteten Kritikers fast resonanzlos geblieben ist, scheint mir aber zu beweisen, daß die Gründe des Verfalls tiefer liegen als die von ihm aufgezeigten. Seine Schrift ist eine schroffe Akkusation gegen die Volksbühne und gegen die jetzige Direktion Neft besonders. Ihering geht historisch vor. Er legt dar, daß das schöne, große Theaterhaus am Bülowplatz von Anfang an schlecht betreut war. Sein erster Leiter war Emil Lessing, ein Regisseur aus Otto Brahms Hinterlassenschaft, der 1914 mit einem Programm von 1890 schon seltsam verjährt erschien: »ein Handweber im Zeitalter der Maschine.« Dann folgt eine Reinhardt-Episode: Max Reinhardt ist »das Gegenprinzip der Volksbühne, der geniale Vollender des bürgerlichen Theaters«. Das ist »der Wendepunkt der Volksbühne, Bruch der Bewegung, Verrat und Beginn des Abstiegs«. Von jetzt ab herrscht nicht mehr die Sehnsucht nach Vollendung des eignen Typs, sondern der Wunsch ebenso fein zu sein wie das bürgerliche Theater. Man versäumt, sich Jeßner zu verpflichten. Friedrich Kayßler kommt: »Ein Priester der Schauspielkunst, Bühne als Kathedrale. Das Publikum nahte sich auf Filzpantoffeln. Nur kein Laut. Ruhe, der Meister predigt. Schlummer, Grabesstille.« Mit dem schattenhaften Fritz Holl setzt die Omnipotenz des Vorstandes ein. Doch man wünscht »nicht einmal den Schein des künstlerischen Direktors«. Nach dem Piscatorkonflikt wird nicht nur die Opposition eskamotiert, auch Holl muß gehen, und der geheime Gewaltige, der Verwaltungsdirektor Neft wird nun auch künstlerischer Leiter. Doktor Nestriepke, der Einpeitscher des Volksbühnenverbandes sorgt für eine dementsprechende Außenpolitik: Koalition mit der schwarzen und schwarz-weiß-roten Gesellschaft des Herrn Gerst. Burgfriede. Das ist der Stand von heute. Die Volksbühne ist nur noch eine Abonnentenorganisation. »Aus einer geistig politischen Bewegung wurde ein Konsumverein.« Dem Charakter als Massentheater ist sie in dreizehn Jahren drei Mal gerecht geworden, notiert Ihering: in Fehlings Inszenierung von Tollers »Masse Mensch«, in Erich Engels »Mann ist Mann« und in den von Piscator beherrschten Aufführungen. Eine jämmerliche Bilanz. Die Volksbühne hat am Bülowplatz von Anfang an nur Nutznießerstreben gezeigt, nur Rentnerehrgeiz gehegt. Sie hat nicht nur die militante Vergangenheit verleugnet, sie hat auch keine Dichter oder Schauspieler entdeckt und gefördert. Sie hat nur traditionsgebundenes Theater gegeben, und dies oft weit unterhalb der traditionellen Qualität, und heute, von Herrn Neft sozusagen künstlerisch geleitet, läßt sie sich von jedem bürgerlich-kapitalistischen Privattheater schlagen. Das gesichertste der berliner Theater ist das trägste und tristeste. In jedem noch so kommerziell geführten Theater gibt es Dramaturgen und Regisseure, die Experimente befürworten und wagen. In der Volksbühne regiert als geistige Zentrale Herr Julius Bab, ein schätzenswerter Theaterhistoriker, als unsichtbarer künstlerischer Berater ein lederner Pedant, der seine erstaunliche Belesenheit zur Auskramung aller Langweiligkeiten der Weltliteratur benutzt. Wie soll da Wandel geschaffen werden? Ihering ruft die Mitglieder auf, sich des Instanzenapparates zu bemächtigen und sich nicht weiter von einem Bäckerdutzend gängeln zu lassen. Aber die Mitglieder sind ganz zufrieden. Alle Kritik, sei sie politisch oder ästherisch radikalisierend, fließt an ihnen vorüber. Von der geschäftlichen Übereinkunft mit der Piscator-Bühne machen etwa dreizehn Prozent Gebrauch. Eine charakteristische Zahl. Aber das Elend der Volksbühne ist nur Abbild des geistigen Zustandes der Arbeiterparteien überhaupt. Der falsche Kollektivgeist, der verlogene Appell an die »Solidarität« hat die Aktivität der Einzelnen gelähmt, den Glauben an die Unfehlbarkeit der Organisation unerschütterlich gemacht. Der Arbeiter rückt der bürgerlichen Gesellschaft nicht als Verfolger, sondern als Parvenü nach – in der Politik wie im Theater nimmt er die von ihr verlassenen Stühle mit kritikloser Genugtuung in Besitz und delektiert sich am Chik von vorgestern. Es ist kläglich aber wahr, daß die Kämpfe um die Volksbühne bisher vornehmlich von radikalen Bürgerlichen geführt wurden, die wohl in proletarischen Jugendorganisationen etwas Echo fanden, aber nicht unter den alten Mitgliedern der Volksbühne selbst. Die haben alles mit gleicher Andacht geschluckt, und ihr Ideal wäre gewiß ein roter Wildenbruch, ein Alt-Heidelberg mit Reichsbannerabzeichen. Ein großer Augenblick allerdings ist versäumt worden. Der Krach um Piscator hätte ausgenutzt werden müssen. Damals war die Volksbühne so aufgelockert, wie es diese zähe, trockene Masse nur sein kann. Aber Piscator verzichtete auf den Kampf innerhalb der Volksbühne; die schmetternde politische Demonstration ging ihm über den schweigenden Kampf um jeden Fußbreit Terrain. Der Mann, der im Laufe kurzer Zeit der Führer und Erneuerer der Volksbühne hätte werden können, stürzte sich selber in ein hoffnungsloses Unterfangen. Herbert Ihering wirft den Leitern der Volksbühne »Verrat« vor. Ach, verraten zu sein, ist immer der Trost der Geschlagenen. Was die Herrschaften auch verfehlt haben, sie könnten nicht jahrelang ruhig ihre Allmacht genießen, wenn nicht heute das Theater selbst in die dritte Reihe gerückt wäre. Es hat nicht mehr die alte Bedeutung. Deshalb wird es auch nicht mehr als Kampfobjekt betrachtet. Es geht den Theatern wieder leidlich gut; sie sind nicht gestorben, wie man vor ein paar Jahren prophezeit hatte. Sie sind gut besucht und leben in einer einschmeichelnden Richtungslosigkeit. Ein milder Eklektizismus herrscht vor. Die Kritik hat ihren streitbaren pamphletistischen Charakter verloren und verzichtet darauf, Programme zu vertreten. Sie begnügt sich mit der Feststellung, ob ein Stück innerhalb seines Genres gelungen ist oder nicht und vermeidet höflich die Frage, ob nicht das ganze Genre in den Abtritt gehört. Alle Zeiten und Stile sind durcheinander gequirlt; es ist eine Gespenstermaskerade von Sophokles bis Edgar Wallace. Lasset die Toten ihre Toten begraben. Es gilt nur zu wachen, daß nicht die paar Lebenden mit eingesargt werden. Nicht die Vergangenheit anzuklagen, aber festzustellen, was noch lebt, tut jetzt not. Die Weltbühne, 12. Juni 1928 787 Die große republikanische Partei Sehr verehrter Herr Theodor Wolff –! Seit Sie unter dem Eindruck der demokratischen Wahlniederlage den Gedanken der großen republikanischen Partei zur Erörterung gestellt haben, will mich die Erinnerung an den Winter 1924 nicht verlassen, wo zwei Redakteure der ›Berliner Volkszeitung‹, Karl Vetter und ich, das Palais Mosse verlassen mußten, weil sie sich an der Gründung der kleinen republikanischen Partei beteiligt hatten. Ich will nicht verschweigen, daß Sie damals so gütig waren, sich um eine friedliche Beilegung des Konfliktes zu bemühen, obgleich Sie für unsre Anschauungen und Pläne nicht viel übrig hatten. Von uns wurde damals Eintreten für die Demokratische Partei im bevorstehenden Wahlkampf verlangt; Ihr Vorschlag ging dahin, daß wir wenigstens nichts gegen die Partei unternehmen sollten. Seltsam, jetzt sind Sie schon lange nicht mehr Mitglied jener Partei, die in Ihrem Redaktionszimmer gegründet worden ist, und daß Sie in Ihrer Umrißzeichnung neuer Möglichkeit[en] die Namen Stresemann und Wirth im Vordergrund plazieren und keinen der Demokratenführer erwähnen, zeigt überdeutlich, wie gründlich bei Ihnen das Kapitel Demopartei zu Ende ist. In Ihrer Konzeption lebt eine Partei mit neuen Führern und auf andre Schichten gestützt. Ich möchte keine Parallele wagen zwischen unserm bald zerschellten Unternehmen und Ihren Plänen. Wir hatten kein großes, machtvolles Gebilde im Auge; jeder von uns fühlte sich als Vorposten, als enfant perdu. Die schweren Parteikolonnen der Linken ließen die Republik in den Händen ihrer Gegner. Es mußte ein Signal aufsteigen, mußte begonnen werden, einerlei, wer schließlich fortsetzte. Trotzdem war damals die Situation günstiger als heute. Noch zitterte die Erregung von 1923 nach, und in den linken Parteien war die Erbitterung gegen die ewig gängelnden und hemmenden Bureaukratien aufs höchste gestiegen. Noch war das Reichsbanner nicht erfunden, um den natürlichen Opponier- und Protestiertrieb der jungen Leute aufzufangen und abzulenken. Heute herrscht überall wieder Ruhe und Ordnung. Aber ob eine große oder kleine Partei gegründet werden soll, die Frage ist doch, an wen sie sich zu wenden hat. Hier sehe ich sehr dunkel. Denn wo, wo sind im deutschen Bürgertum die Massen für eine demokratisch-republikanische Partei, die nicht sozialistisch ist, aber gegen den Sozialismus doch mehr und besseres verteidigt als Tresorinteressen – wo sind sie? Im November 1918 formulierten Sie als Aufgabe der Demokratischen Partei (ich zitiere aus dem Gedächtnis): Nicht mitzuhindern, mitzuhelfen bin ich da! Etwas andres können Sie der neuen Partei auch nicht auf den Weg geben, und wo wäre man im Bürgertum bereit, aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit der Arbeiterschaft etwa Positionen einzuräumen, die mehr als nur papierne Bedeutung haben? Die deutsche Bourgeoisie hat den Militarismus knurrend preisgeben müssen, was ihre nationalistische Grundüberzeugung nur mit dickerer Hornschicht überzogen hat. Sie wird, im Laufe der Zeit, auch über den Nationalismus mit sich reden und handeln lassen, aber ihre kapitalistischen Positionen wird sie nur umso stärker befestigen. Mir scheint, daß Sie die Geistesbeschaffenheit unsres Bürgertums zu arglos einschätzen. Mir scheint aber auch, daß Ihr Entschluß, neuen Boden zu schaffen, zu spät kommt. Ich würde es für eine Plumpheit halten, Ihnen wieder und wieder zu versichern, daß ich Sie als bewunderungswürdigen Publizisten verehre, und ich betone es hier nur, weil ich glaube, daß Ihnen die Geister der Sprache williger gehorchen als die der Politik. Ich weiß, daß Sie sich nach langem Schwanken und Schwenken im Endeffekt doch stets nach der richtigen und bessern Seite geschlagen haben. Aber ich kann auch nicht verschweigen, daß Sie oft sehr spät nachgerückt sind, daß ohne Ihren Montagskrieg gegen Poincaré und Benesch die deutsche Öffentlichkeit sich ein paar Jahre eher vor jenen außenpolitischen Tatsachen gebeugt hätte, die heute nur noch in München geleugnet werden, und daß uns viel Leid erspart worden wäre, wenn Sie nicht unbegreiflicherweise Herrn Cuno für einen Staatsmann gehalten hätten. Ihre außenpolitische Intransigenz zwischen Versailles und Locarno mußte irritieren, umso mehr, da wir wußten, daß Sie selbst in den tollsten Zeiten der Kriegszensur nicht einen Augenblick vor dem nationalen Tumult kapituliert haben. Die Demopartei ist aber grade in den Zeiten der außenpolitischen Wirrnisse aufs engste mit dem ›Berliner Tageblatt‹ liiert gewesen. Wir haben da oft schmerzlich auf ein regulierendes Wort gewartet. Es ist nicht gekommen. Und wenn Sie jetzt die Partei verlassen haben – ich bitte um Verzeihung, wenn ich hier Unrichtiges unterstellen sollte – es war das doch kein Bekennerakt, sondern eine taktische Präventivmaßnahme, um das größte deutsche Blatt rechtzeitig von einer fragil werdenden Partei abzulösen. Das Schund- und Schmutzgesetz bot die wirkungsvolle Gelegenheit dazu. Denn was bedeutete es, dies Protektionskind einiger liberaler Philister, betreut von Theodor Bäumer und Gertrud Heuß, rührigen Windelwäscherinnen der deutschen Bildung, – was bedeutete es ernsthaft neben der jahrelangen Mißhandlung der Republik durch Geßler und seine Satelliten? Auch Sie selbst tragen ein Stück Mitschuld, daß sich innerhalb des demokratischen Bürgertums ein linker Flügel nicht entwickeln konnte. Und diesem Bürgertum muten Sie heute ein Programm zu, das es als wahrhaft jakobinisch empfinden muß! Zu meinem Bedauern sehe ich die Schicht nicht, aus der die neue Partei wachsen soll. Aber mir scheint es auch mit den Führern nicht besser zu stehen. Sie nennen Wirth und Stresemann. Joseph Wirth, gut. Aus der katholischen Partei geschieden, ein mit dem Bannfluch Belegter; ein Kandidat ohne Wähler. Ein Mann der Versammlungserfolge, mit einem Publikum, das andre Parteien wählt. Aber gar Gustav Stresemann als sozial-radikaler Republikaner! Ich bin nicht verbohrt genug, um in ihm nicht den erfolgreichsten deutschen Politiker seit Jahrzehnten zu sehen. Aber deshalb ist er noch immer kein deutscher Caillaux – denn eine solche Erscheinung müßte der Führer doch sein –, sondern ein maßvoll konservativer Ordnungspolitiker, ein Industriepolitiker, der Pazifismus und Demokratismus notgedrungen anwendet, gleichsam mit Gummihandschuhen, um auch nur die kleinste Infektion zu vermeiden. Stresemann ist ebenso wenig pazifistischer Demokrat wie Bismarck Lassalleaner war, weil er von Lassalle das allgemeine Wahlrecht übernommen hat. Wenn aber die neue Partei Sinn haben soll, dann hat sie nicht nur die außenpolitische Konsolidierung der letzten Jahre zu wahren, ihre vornehmste Aufgabe wird innenpolitisch sein, sie wird sich mit der Wehrmacht und mit der Justiz ernsthaft auseinandersetzen müssen, und sie wird sich vor allem dem Faktum eines äußerst verschärften Klassenkampfes gegenübersehen. Um da mehr zu leisten als die beiden jetzigen liberalen Parteien, dazu gehört die Entschlossenheit, nicht vor dem Weg ins Unbekannte zurückzuschrecken. Daran aber fehlt es. Und wie viel daran fehlt, das hat niemand glücklicher formuliert als Herr Erich Koch, der vor ein paar Tagen in einem Artikel zur Rechtfertigung seiner Partei geschrieben hat: »... schließlich kann man doch eine Partei nicht gründen, um Gelegenheit zu haben, aus ihr auszutreten. Lieber als das Nomadenzelt des unsteten Wanderers ist mir schließlich doch noch das Weekendhaus.« Citoyen Koch hat sich hier, an eine Wendung von Ihnen anknüpfend, einen kleinen Scherz erlauben wollen, aber ahnungslos eine schreckliche Wahrheit decouvriert. Das ist nämlich das Elend der Demokraten gewesen, dieser Wochenend-Radikalismus, der am Alltag »der Politik des Möglichen und Erreichbaren« Platz zu machen hatte. Der Charakter als Sonntagshose, der Geist als Patentkocher, auf dem die Mahlzeit für die Weekendgäste hergerichtet wurde. Sonntags gab es Heinrich Mann, werkeltags Külz. In allen wichtigen Dingen entschied man sich für die praktische, das heißt: für die bequemste Lösung. Keinen der Irreführer und Versager hat man hinausgesetzt: die Gothein und Schiffer sind von selbst gegangen, und nicht einmal Geßler ist geflogen, sondern nach einem von ihm arrangierten Krach mit selbstbewußtem Gepolter abmarschiert. Wenn man jetzt sogar liest, daß bei den liberalen Einigungsplänen wieder der Herr Staatsminister a.D. Fischbeck herumfummelt, dann fragt man sich, wie es möglich ist, daß diese unsagbare alte Carcasse von einem Fortschrittsmann, der Sie schon vor zwei Jahrzehnten mit einem glänzend versifizierten Stoß ein paar Rippen verbogen haben, noch immer eine Rolle spielen kann. Hier könnte man über publizistische Wirksamkeit zu sehr trüben Schlüssen gelangen: einem Verderber und Schädling des alten Liberalismus sind eben nur ein paar Rippen verbogen worden, die schärfste Abschüttelung durch das führende liberale Blatt hat den Mann für seine Partei nicht erledigen können. Zwanzig Jahre später wirkt er, noch etwas mehr verbeult, aber sonst noch leidlich frisch, im alten Sinne an gleicher Stelle. Daß Sie die Personenfrage nicht richtig einschätzen, bezeugt mir Ihre kurze, etwas wegwerfend spöttelnde Bemerkung über Hellmut von Gerlach. Sehen Sie, hier ist ein Mann, der seit Jahrhundertbeginn im Geiste dessen wirkt, was Sie jetzt wollen, und der immer wieder gelästert und gehemmt wurde, nicht nur von den Fischbecks, sondern auch von Ihnen und Ihrer Zeitung, weil er immer ein paar Jahre voraus war. Wenn er seine polemische Begabung heute vornehmlich zu spitzen Glossen gegen die ›Deutsche Jägerzeitung‹ verwendet und als große Lösung Vereinigung von Demopartei und Stresepartei propagiert, so ist das nicht, wie Sie zu glauben scheinen, Schlappmacherei, sondern das Ergebnis bitterer Erfahrungen, nach vielen Fehlschlägen eine mimosenhafte Scheu vor allem, was experimentell aussieht und ins Vage zu führen scheint. Der Spott war umso weniger gut angebracht, als Hellmut von Gerlach zu den nicht sehr zahlreichen Demokraten zählte, die im Kriege in bewußter Opposition gestanden haben und deshalb nachher auch promptest aus der Partei hinausbugsiert wurden, wobei sich gewisse Herren besonders hervortaten, die sich mit dem neuen weimarer Mundwasser noch nicht einmal richtig die Kaiserhochs ausgegurgelt hatten, die ihnen noch im Halse klebten. Damit kommen wir zu einem leidigen, jedoch unvermeidlichen Punkt. Es ist das ärgste Übel des deutschen Republikanismus, daß man diejenigen, die mindestens in den letzten Jahren des alten Regimes schon Republikaner gewesen sind, kaum mit der Diogeneslaterne finden kann. Begibt man sich auf die Suche, gerät man nicht etwa auf eine unterirdische revoluzzernde Geheimliteratur, sondern auf höchst legitime Kaisergeburtstagsreden und ähnlichen Festtagsschmaus. Schweigen wir von Herrn Külz, auch Citoyen Koch hat einiges geleistet, und von Herrn Minister Becker, dessen Verdienste ich gar nicht verkleinert wissen möchte, ist jetzt eine Schrift zum Preise Wilhelms ans Licht gekommen, die ihn gewiß bereuen läßt, sie nicht in einer der ihm geläufigen vorderasiatischen Mundarten abgefaßt zu haben, um etwaiger Popularität vorzubeugen. Nun kann sich gewiß aus einem Royalisten ein Anhänger des Freistaates entwickeln, aber wer einmal Byzantiner gewesen ist, wird niemals ein guter Republikaner werden, weil ihm das Hudeln und Wedeln zur Natur geworden ist und sich tief im Unterbewußtsein festgesetzt hat. Wenn ich resumieren soll: ich wünsche Ihnen guten Erfolg, aber daran zu glauben vermag ich nicht. Ich bin leider überzeugt, daß für den republikanischen Demokraten, wie Sie ihn proklamieren, das den Festgesessenen so suspekte Nomadenzelt die einzige Behausung sein wird, jetzt und in Zukunft. Das ist ohne Spott gesagt; ich würde ja die eigne Vergangenheit schlagen, wollte ich über Ihren jetzt von allen Opportunismen endlich freigewordenen Willen scherzen. Mag Herr Erich Koch in seinem Wochenendhaus das Heckerlied singen – grade in den Kämpfen dieser Epoche, wo die Parteien so schön satt und kugelrund dasitzen, ist ein Stamm von Nomaden notwendig, von Unseßhaften und Beweglichen – Eilboten der Idee. Sie sind friedlos und nirgends gern gesehen, sie streifen suchend durch die Nacht. Der Schein ihrer Feuer zeigt an, daß nicht alles schläft. Die Weltbühne, 19. Juni 1928 788 Amundsen und Nobile Wenn ein armer Irrer die Fassade des berliner Doms hinaufklettern will und irgendwo kläglich hängen bleibt, kommt die Feuerwehr und holt ihn herunter. Die Transozeanflüge, die aviatischen Versuche, den Nordpol zu erreichen, sind häufig nicht viel sinnvollere Unternehmungen. Die Expedition des Generals Nobile war aerotechnisch vielleicht einwandfrei, aber es zeigte sich, daß für die immerhin mögliche Notlandung die Ausrüstung versagte. Die meisten Teilnehmer sind Südländer, und mit Staunen las man, daß sie nicht alpinistisch vorgebildet, nicht einmal Skiläufer sind. Man muß in Betracht ziehen, daß diese Expedition trotz allen Versicherungen nicht wissenschaftlichen Zwecken dient, sondern ein fascistischer Propagandaakt ist. Nobile und seine Leute sollen Zeugnis ablegen für den Heroismus des unter Mussolini regenerierten Italiens. Der Fascismus wollte den Nordpol stürmen wie seinerzeit Fiume. Die Natur läßt sich nicht mit Elan bluffen. Der Ballon scheiterte im Nebel. Die Besatzung, in mehrere Kolonnen getrennt, treibt auf dem Eis. Tagelang glaubt niemand mehr an Rückkehr. Zugleich aber werden die Spezialisten des nördlichen Eismeeres lebendig. Sie lassen sich interviewen und künden Hilfsexpeditionen an. Amundsen wendet sich nach Amerika an Ellsworth, seinen Finanzier. Ein Wettlauf der Hilfstruppen scheint bevorzustehen. Da kommen die ersten schwachen Hilferufe der Verunglückten, und mit einem Mal wird die Corona der Spezialisten skeptisch. »Die ungünstige Jahreszeit ...« »Kein Schiff kann jetzt herankommen ...« »Für Flieger kein Landungsplatz ...« Etcetera. In Kingsbay tut sich ein kleines Polarparlament auf. Ja, man disputiert über »Maßnahmen« im Tempo einer Parlamentskommission, wo jede Stunde entscheidend sein kann. Amundsen erklärt, Ellsworth sei uninteressiert. Unwidersprochen geht die Meldung durch die Welt, daß Rijser Larsen vergeblich mit einer deutschen Gesellschaft verhandelt habe, um geeignete Flugzeuge zu mieten. Umsonst, die Forderungen waren zu hoch ... Wahrscheinlich sollten die Ehrenpforten für Hünefelds dabei herauskommen. Endlich dampfen die Hilfsschiffe ab. Ein ganz besonderes Stück leistet sich das berliner ›8-Uhr-Abendblatt‹, das grade in den Tagen, wo Nobiles Hilferufe immer matter und verzweifelter werden und seine Familie den rasenden Schmerz in Gebeten ertränkt, eine Artikelserie Amundsens bringt, die ein wütendes Geschimpfe auf den italienischen Konkurrenten in der Nordpolbranche enthält. Man fragt sich, wie eine solche Roheit möglich ist. Hat der Herr Redaktor den Text wirklich gelesen oder sich damit begnügt, in jeder fünften Zeile zu spationieren, in jeder zehnten zu fetten, ohne sich den Inhalt einzuverleiben? Mindestens hätte der Parität halber gesagt werden müssen, daß Amundsen, der große Roald Amundsen, in einem Land nicht geschätzt ist, und das ist Norwegen, und daß es überhaupt ein Land gibt, wo man vom Nordpol nicht viel hält, und das ist wieder Norwegen. Denn die Herren von Oslo und Bergen sind Kaufleute von etwas trägem, altem Schlag, und Roald Amundsen hat sich in Europa und Amerika eine beträchtliche Gerissenheit angeeignet, die von seinen Compatrioten wenig geschätzt wird. Daß die Beziehungen zu Nobile während der gemeinsamen Fahrt sehr unharmonisch waren, kann man sich vorstellen, denn Amundsen sah seine Lorbeeren durch die raffinierte fascistische Propagandatechnik geschmälert, und was sich in der Gondel der »Norge« zwischen den beiden Nordpolindustriellen abgespielt haben mag, für den sacro egoismo bei beiden wäre ein Schilderer wie Johannes V. Jensen notwendig ... Für die nächste Zeit aber möchte man gütlich vorschlagen, diese Expeditionen etwas zu stoppen. Hunderte von plastischen Schilderungen haben uns überzeugt, daß es dort oben sehr kalt ist, und seit den Bemühungen Amundsens und Andrer, wissen wir auch, daß der geographische Pol eine ziemlich ausgedehnte Wasserlache darstellt, deren Problemlosigkeit evident ist. Und es mag auch zu denken geben, daß der liebenswerteste aller Polarfahrer, daß Frithjof Nansen nicht umsonst sich auf der Höhe des Lebens einem bessern Material zugewendet hat als dem toten Eisblock: dem Menschen. Die Weltbühne, 19. Juni 1928 789 Das Debakel der Mitte In dem letzten Jahrfünft vor dem Kriege, als in den Gängen des Reichstags von den Möglichkeiten eines parlamentarischen Regimes noch so vorsichtig gesprochen wurde, als handle es sich um eine nicht ganz einwandfreie utopische Lockung, regierte unten in Baden der Großblock, die Allianz von Nationalliberalen, Fortschrittlern und Sozialisten. Es war die erste organisch gewachsene parlamentarische Koalition in Deutschland. Sie richtete sich gegen die reaktionären Mächte: Konservative und Zentrum und sicherte ein für die damalige Zeit ungewöhnliches Maß von Fortschritt und bürgerlicher Freiheit. Neiderfüllt blickte man aus dem Norddeutschland der Klassenwahlrechte auf das kleine badische Land, wo sich zum ersten Mal ein demokratischer Gedanke als Wille stabilisierte. Der Großblock ist viel gescholten worden. Liberale Angstbürger lehnten ihn ab als leichtfertiges Zugeständnis an eine der Ernstheit deutschen Wesens fremde Asphaltdemokratie. Ärgernis nahmen auch die dogmentreuen Sozialisten, und auf mehr als einem Parteitag wurde mit jener der alten Sozialdemokratie eignen Vivazität um die Blockpolitik gerauft. Passé, passé. Weihen wir dem Großblock ein pietätvolles Gedenken. Denn bei einem Minimum an Zugeständnissen aus der Sphäre des Charakters bedeutete er in einer Zeit lauter und leerer Protestiererei den Versuch, alle liberalen und demokratischen Gruppen gemeinsam zu praktischem Handeln zu bringen. Auf den Parteitagen, wo der alte Bebel die Badenser als Kompromißler und Schlappmacher abkanzelte, saß auch ein junger Novize des Parteivorstandes, Hermann Müller mit Namen, den der Alte, ebenso wie Fritz Ebert, aus dem Dunkel der Provinz geholt hatte, um nach seinem Scheiden die Schätze radikaler Überlieferung zu verwalten und zu mehren. Lächelt nicht der heutige Präses der Sozialdemokratie, wenn er angesichts des gigantischen parlamentarischen Schachergeschäfts, das von ihm verlangt und erwartet wird, an die Munitionsmenge zurückdenkt, die damals um einen so kleinen Handel alljährlich verfeuert wurde? Eine Phrase war allerdings damals noch nicht erfunden: – die Politik der Mitte. Sprach man 1910 bei Liberalen und Sozialisten von einem Kartell, so war es ein Linkskartell. Erst seit 1914, mit dem Ausbruch des Burgfriedens, kommt das Zentrum mit an die Partie. Damit ist der Gedanke der deutschen Linken unterhöhlt. Alle Koalitionen, die von jetzt ab gebildet werden, haben nicht mehr den Sinn, gemeinsam irgend Etwas erzwingen zu wollen, sondern gemeinsam allen Unannehmlichkeiten auszuweichen. Das mag für eine bürgerliche Partei ein Verzicht auf manche Forderung für die Dauer eines Ministeriums bedeuten. Für eine sozialistische Partei bedeutet es hingegen den Verzicht auf sozialistische Wirksamkeit überhaupt. Sie opfert am meisten und muß deshalb rechtens auch die weitgehendsten Forderungen stellen. Denn es ist für den Sozialisten dabei immer etwas von einem Seelenverkauf, während der Liberale höchstens seine Uhr versetzt. Die Politik der Mitte schließt große Umformungen von vornherein aus. Sie bedeutet nicht Änderung, sondern Kontinuität. Man nimmt einfach die Plätze ein, die ein paar Andre eben verlassen haben und sitzt dort so lange, bis man durch ein neues Wahlergebnis wieder abkomplimentiert wird. Diese Politik raubt der Linken jede Aktivität, denn sie zwingt sie fortzusetzen und von den Vorgängern geschaffene Zustände zu verantworten. Die Wahlen vom 20. Mai aber sind eine klipp und klare Absage an alles, was seit vier Jahren zusammenregiert worden ist. Es waren Linkswahlen, und die Wähler erwarten neue, von der Linken ausgehende Kräfte. Die Deutschnationalen tragen zwar die Kosten der Niederlage, aber die geistig Geschlagenen sind die Marx und Scholz, die die Deutschnationalen, ebenfalls mit der Begründung, Politik der Mitte zu machen, herangeholt haben. Zwei Wochen hat Hermann Müller jetzt ergebnislos hin und her verhandelt. Die Einigung mit der Deutschen Volkspartei ist mißlungen. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die Große Koalition nur eine Erfindung der demokratischen Blätter ist, um ihrer Partei die letzte Chance für ein paar Ministersitze zu retten. Jedenfalls wird die Große Koalition nicht von der Partei betrieben, auf die es ankommt, nämlich der Deutschen Volkspartei. Es hat keinen Sinn, für diesen Mißerfolg allein Herrn Scholz zu perhorreszieren, der außer einer beträchtlichen Dickfelligkeit gewiß keine Qualitäten aufweist, aber grade wegen dieser einen Qualität zum Torwächter seiner Fraktion bestimmt worden ist. Diese Partei der wendigsten Talente hat nicht ohne Absicht den Ungelenkigsten zum Unterhändler bestallt. Was Herr Scholz als Bedingung aufstellte, gewährt eine herrliche Anschauung dessen, was man sich in der Stresepartei unter einer Politik der Mitte vorstellt. Die Sozialdemokraten sollen nicht nur das Panzerschiff A bauen – wer A sagt, muß auch B sagen –, sie sollen neben vielem Andern auch augenblicklich die Große Koalition in Preußen einführen. Es wird Zeit, endlich offen auszusprechen, daß hier eine perfide Falle gestellt wird. Denn sollen Reich und Preußen homogene Regierungen haben, dann fällt auch automatisch die preußische Regierung Braun, wenn das Reichskabinett der Großen Koalition etwa nach kurzer Zeit straucheln sollte, und der Bürgerblock würde nicht nur im Reich, sondern auch in Preußen, dem viel heißer ersehnten Ziel, einziehen. Die Große Koalition ein taktisches Manöver, um endlich Preußen zu erobern! Seht ihr nicht die Falltür mitten in der Politik der Mitte? Herr Scholz ist mit andern Granden seiner Fraktion geschätztes Mitglied im Stahlhelm, und wenn einer der Angeklagten im Don-Prozeß, der Ingenieur Otto, dem moskauer Ankläger treuherzig erzählte, er sei nur zum Stahlhelm gegangen, weil sich dadurch Gelegenheit zum Tanzen geboten hätte, so braucht für diese Herren nicht dasselbe zuzutreffen. Otto Brauns Veto hat wenigstens die akute Gefahr abgeschlagen. Die Große Koalition ist gescheitert. Das liegt nicht an der Verhandlungsmethode Hermann Müllers, statt mit einzelnen Personen zunächst mit den Fraktionen gesprochen zu haben, sondern weil die Volkspartei der Sozialdemokratie zumutet, das Ergebnis des ganzen Wahlkampfes zu ignorieren. Man verlangt von ihr die Durchführung dessen, was der Rechten, inklusive Volkspartei, die Niederlage eingetragen hat. Diese Taktik zielt ganz deutlich auf Bürgerblock und Ausschaltung der Sozialisten. Was hier von Stresemanns Partei gefingert wird, ist eine Mißachtung des Volkswillens, wie man sie sich rabiater schwerlich vorstellen kann. Jetzt allerdings, nachdem den Sozialdemokraten haargenau bekanntgegeben ist, wie wenig ihr Sieg den Geschlagenen imponiert – jetzt allerdings soll durch einen taktischen Dreh der gefährliche Eindruck nach außen ausgelöscht werden. Jetzt soll mit einem Mal ein »Kabinett der Köpfe« gebildet werden, jetzt soll mit »Persönlichkeiten« verhandelt werden, nicht mehr mit den Fraktionen. Als ob das etwas änderte! Denn auch die über Nacht zu Persönlichkeiten avancierten Herren werden wohl nicht ohne Marschroute beurlaubt werden. Die Sozialdemokratie würde einen verhängnisvollen Fehler begehen, sich darauf einzulassen. Aber was soll sie sonst tun? Die Weimarer Koalition zerschellt – Gottseidank! – an der Bayrischen Volkspartei. Also Resignation und die Andern murksen lassen? Nein. Noch bleibt die großartige propagandistische Chance des Minderheitskabinetts, des rein sozialistischen Kabinetts, das durch sorgfältig gewählte Spezialisten entsprechend zu verstärken wäre. Man wird sagen, daß dieses Kabinett schon in der ersten Sitzung stürzen kann. Gut. Aber das würde eine sehr wohltätige Klarheit schaffen. Die englische Arbeiterpartei steht nicht weiter rechts oder links als unsre Sozialdemokratie. Und trotzdem hielt sie es für Ehrensache, sich offen herauszustellen, ohne die Garantie sicherer Unterstützung durch die Liberalen. Zu diesem Entschluß muß die Partei sich aufraffen, wenn sie ihre Erfolge nicht ruhmlos verspielen will. Was bei dem »Kabinett der Köpfe« herauskommen kann, zeigen die vorläufigen Vorschläge. Zeugt es von einem Linksruck, den Intriganten und Unsozialpolitiker Brauns, den Manager des Rechtskurses, weiter im Arbeitsministerium zu lassen? Und das Ärgste: das Justizministerium soll Herrn Erich Koch ausgeliefert werden, und zwar nur, damit Herr Hilferding Finanzminister werden kann. Herr Hilferding, der ewige Ministrable, muß endlich untergebracht werden. Dabei ist das Justizministerium jetzt das entscheidende. Seit langem war Herr Landsberg designiert, und jetzt ist plötzlich Herr Koch an der Reihe, der sich schon im Innenministerium schreckerregend bewährt hat und von dem der ›Vorwärts‹ vor Jahren einmal schrieb, daß man nach den Erfahrungen mit ihm den Appetit verloren hätte, ihm künftig auch nur ein Landratsamt anzuvertrauen. Das ist der Justizminister der Großen Koalition! Ein Besen, nicht hart genug für eine Puppenstube. Die letzten Jahre der deutschen Politik standen ganz im Zeichen Stresemanns. Mit dem außenpolitischen Monopol hielt Herr Stresemann alle Parteien rechts und links unter Druck. Genau so wie Poincaré mit dem finanzpolitischen Monopol die Radikalen und Sozialisten, seine Gegner, gefesselt hielt. Solche gut gespielten Unentbehrlichkeiten werden gewöhnlich in dem Augenblick überflüssig, wo man die Arbeit für vollendet hält. In Frankreich zeigt die Nationale Einigkeit bedenkliche Risse, und wenn nicht alles trügt, wird Poincaré, der Stabilisator, bald Anlaß haben, über den Undank der Menschheit zu jammern. Stresemanns Unentbehrlichkeit als Leiter der Außenpolitik ist fast zum Axiom geworden. Sehr richtig bemerkte die ›Germania‹, seine Partei führe die Koalitionsverhandlungen so, als läge ihr nichts daran, daß ihr Führer sein Amt behalte ... Erscheinungen wie Stresemann und Poincaré sind wichtig in Zeiten, wo eine Frage herrschend in den Vordergrund tritt. Sie sind natürliche Figurationen einer Sammlung, die sich nicht aus einem Willen, sondern einem Zwang von Außen ergibt. Heute kann man den Regierungen der Nationalen Einigkeit keine günstigen Prognosen mehr stellen, weil sich neue Ansprüche melden, alte Grenzzeichen wieder sichtbar werden. Die Epoche der Koalitionen ist im Versickern. Die Millionen, die am 20. Mai sozialdemokratisch gestimmt haben, wollten ganz gewiß nicht, daß ihr Votum vor den Verhandlungskünsten des Herrn Scholz illusorisch werden soll. Aber von den Feueranbetern der Koalition sollte auch nicht übersehen werden, daß der Wähler nun einmal eine Partei wählt und nicht eine Allianz. Es heißt, sein Vertrauen unnütz auf die Probe stellen, seine Geduld mißbrauchen, wenn die Kontraste des Wahlkampfes schon ein paar Wochen später in Harmonien aufgelöst werden. Der Wähler entscheidet sich für eine Farbe; sein Wille ist, daß sie sich durchsetzt. Die Sozialdemokratie darf nicht zulassen, daß ihre Farbe auf einer schmierigen Palette verschwindet. Die Weltbühne, 26. Juni 1928 790 [Antworten] Chemnitzer Volksstimme Du schreibst: »Wenn kürzlich der Leitartikler einer angesehenen linksbürgerlichen Zeitschrift sich in den härenen Mantel des Propheten warf und in längstens zwei Jahren die Spaltung der Sozialdemokratie verkündete, wenn sie in die Koalition ginge, so zeigt das nur die verblüffende Unkenntnis dieser politisierenden Literaten über den innern Zusammenhalt der Sozialdemokratie – und was noch wichtiger ist – über die Gesetzmäßigkeit, mit der eine solche Riesenpartei unter dem Druck von Klasse gegen Klasse ganz von selbst auf den richtigen Weg getrieben wird.« Du bist ein wacker oppositionelles Blatt, aber, mit Verlaub, kann man denn mit euch verehrten Herren Genossen niemals diskutieren, ohne gleich das Wort »Literat« als äußerste Mißachtung an den Kopf zu bekommen? Das ist doch etwas ärmlich, nicht wahr? Ich will dem Herrn Verfasser gern zugestehen, daß er ein ausgezeichneter Politiker ist, aber ein Literat ist er ganz gewiß nicht. Ich habe mir eine ernste Mahnung an die Sozialdemokratie erlaubt, denn ich glaube nicht an die »Gesetzmäßigkeit, mit der eine solche Riesenpartei unter dem Druck von Klasse gegen Klasse ganz von selbst auf den richtigen Weg getrieben wird.« »Ganz von selbst«, verehrter Herr Radikaler, ja, das könnte Ihnen so passen! Jedes Mal, wenn es brenzlig wird, dann verschanzt ihr euch hinter »Gesetzmäßigkeiten«, die ihr aus dem Marx herausgelesen habt. Es gibt aber noch etwas andres: die bewußte Gestaltung. Wenn ihr dazu nicht den Willen habt, wird die Riesenpartei, trotzdem sie jetzt wieder so nett kugelrund geworden ist, bei dem »Druck von Klasse gegen Klasse« schließlich doch noch an die Wand gedrückt werden. Die Weltbühne, 26. Juni 1928 791 Fahne und Kreuz Während alle Welt Hilfsexpeditionen ausrüstet, um Roald Amundsen zu retten, häufen die norwegischen Zeitungen Verwünschungen auf das ingeniöse Haupt des Herrn Nobile und werfen wehklagend die Frage auf nach dem Sinn eines Unternehmens, das, wie sie sagen, mit großem Aufwand schließlich doch nur bewerkstelligt hat, am nördlichsten Punkt der Erdkugel eine Fahne und ein Kreuz zu deponieren. Kleines Resultat bei so hohem Einsatz. Kreuz und Fahne, treffliches Symbol für alle, die, von der leeren Gebärde des Ruhmes verführt, blind ins Feuer rennen, oder, wie Prinz Hamlet meditiert: »zum Grab gehn wie ins Bett.« Vielleicht ist diese Symbolik um einiges zu gewichtig für die Dreiwochenfarce dieser Kabinettsbildung, ein Feld also, auf dem es von vornherein mehr Schläge zu ernten gab als Ruhm. Aber um was für Attrappen von Prinzipien hat man sich gezankt! Um was für gespreizte Velleitäten! Ranküne, die auf Holzpantinen mitten durch die deutsche Gegenwart klapperte, Intrige, die sich durchs Megaphon ausgröhlte, – das alles in einem Lande, wo der Parlamentarismus ohnehin nicht mehr viel Beliebtheit zuzusetzen hat und wo ein solcher Spagatregen von Unzulänglichkeit doppelt abschreckend wirkt nach einem Wahlergebnis, in dem doch die Hoffnung von Millionen ausgedrückt war. In diesen drei Wochen hat der Klüngel der Fraktionsführer, der das parlamentarische Monopol innehat, seine letzte Kümmerlichkeit enthüllt. Denn es ist gewiß ein unbestrittener Erfahrungssatz, daß man wohl für längere Zeitdauer mit etwas angelerntem Phrasenputz Charakter heucheln kann, selbst Wissen, aber niemals Talent. Wenn Einer, der den Wohllaut einer verstimmten Nebelkrähe im Kehlkopf führt, immer wieder erzählt, wie herrlich er singen kann, muß er des Augenblicks gewärtig sein, wo sich jemand ans Klavier setzt und sagt: »Nun los!« Über diesen Augenblick haben sich die Herren republikanischen Führer, die seit einem Jahr und länger davon reden, wie heftig sie gewillt seien, die Macht zu ergreifen, scheinbar keine Gedanken gemacht. Denn sonst hätten sie nicht ihre Talentlosigkeit so eklatant enthüllt und mindestens Vorsorge getroffen, die engere Auswahl unter den Ministrablen nicht, wie geschehen, in einen Boxkampf durcheinandertobender Aspirationen ausarten zu lassen. Zum Gelächter der ganzen Welt. Herr Scholz intrigierte gegen seinen Meister Stresemann, dieser wieder gegen ihn sowie gegen Herrn Wirth. Das Ende ist, daß Herr Wirth grollend draußen geblieben ist und das Zentrum auch seinen unauffälligsten und gefährlichsten Mann, Herrn Brauns, geopfert hat. Eine magere, verbrannte Omelette nach so viel Geschrei. Nicht nur, daß die Koalition an der Volkspartei scheiterte, jetzt ist auch das Zentrum noch böse und beteiligt sich sozusagen nur auf Spekulation. Wie schließlich diese ganze unmenschliche Verknotung von Ehrgeizen und Interessen doch so weit gelöst wurde, daß nur ein Fall Wirth übrig blieb und alle fascinierte, das deutet auf einen großen Regisseur der politischen Komödie hin, auf eine Meisterhand, hinter der man wohl den Rekonvaleszenten von Bühlerhöhe vermuten könnte, wenn der Verdacht nicht eher in die eigne Fraktion Josef Wirths führte. Aber vielleicht darf man auch bei den Herren nicht so viel Teufelei voraussetzen, und das Geheimnis liegt bei dem immer zufrieden lächelnden Hermann Müller, der es aus dem Palais des Herrn Reichspräsidenten brachte ... Wenn wir uns recht erinnern, sollte dem Zentrum doch zunächst in Herrn von Guérard das Vizekanzleramt zufallen, und erst als Herr Wirth plötzlich, wie aus dem Ärmel gezaubert, an der Rampe stand, regte sich Protest. Fragt sich, wer den Protest zuerst ausgesprochen hat. Der alte Herr ist gewiß recht wacker republikanisch, doch mit Maß; und Herr Wirth hat es wirklich allzu republikanisch getrieben, und der alte Herr liebt mehr die stillen Bekenner, die es im Herzen tragen und hinter den Ohren, und nicht die eifernden Diener am Wort. Das alles weiß gewiß Herr Müller am besten. Aber der lächelt versöhnlich und schweigt. Und daß er sich so verhält, graduiert ihn gewiß zu einem erstklassigen Sicherheitskommissar, wenn auch nicht grade zum Volkstribun. Doch wie und wo der Einspruch auch geformt wurde, tragikomisch bleibt, wie Herr Wirth reagierte. Er übersah, daß er, soeben in der Partei gründlich durchgefallen, abgelehnt in zwei Wahlkreisen, kümmerlich mit einem Freibillet für die Reichsliste ausgestattet, kaum zum ersten Rang prädisponiert war, und begann wie ein rasender Ajax unter den schon an andre Republikaner vergebenen Ressorts zu wüten. Dabei geriet er zur Verstimmung aller Koalitionsfreunde auch an Herrn Severing, den andern republikanischen Heiligen, und zur Nervenstärkung der gesamten Reaktion stieß ein Heiliger den andern öffentlich vor den Schein. Herrn Wirths Griff nach dem Vizekanzler war um so überflüssiger, da Herr von Guérard auch ohne großen Titel sowieso der oberste Minister für alle vom Zentrum in diesem Kabinett besetzten Gebiete geworden wäre. Jetzt hat sich alles in den tiefsten Ärger hineinmanövriert und am meisten Herr Wirth selbst, der sich in einem langen und dies Mal sehr vielsagenden Kommentar Arm in Arm mit Stegerwald zeigt, dem alten Feind, zwar beruhigend versichernd, sie hätten sich lange ausgesprochen und sich gegenseitig nichts geschenkt. Aber jetzt werden sie wohl einig sein und in Zukunft den Andern nichts schenken. Der große Cid der Republikanischen Union findet plötzlich wieder urtümliche Zentrumstöne, sogar ein großartiges Kompliment für Herrn Brauns, den Antipoden, und eine ernste Warnung vor einem liberal-sozialistischen Block. Das sind alles nur so die Nebenwirkungen einer richtigen deutschen Kabinettsbildung. Das Eigentliche kommt erst, wenn die Herren regieren. Auf der rechten Seite wäre der Profit davon gewiß größer, wenn nicht im Augenblick dort gleichfalls Querelen losgebrochen wären, die die Aktionsfreiheit einengen. Schon bald nach dem 20. Mai konnte man ahnen, daß sich die Deutschnationalen nicht weiter kritiklos dem Leader Westarp anvertrauen würden. Nur wußte man nicht, in welcher Ecke der Aufruhr losgehen und wer beginnen würde. Nun hat der Abgeordnete Walter Lambach das Signal gegeben, und zwar überraschenderweise mit einem harten Coup gegen den Monarchismus, den er für ihn überaltert und nicht mehr attraktionsfähig erklärt. Herr Lambach tut das mit der schnoddrigen Sicherheit eines Mannes, der nicht nur von seiner bessern Logik überzeugt ist, sondern sich auch als Haupt einer großen Berufsorganisation im Besitz der erforderlichen Rückendeckung fühlt. Wenn er schroff ausspricht, daß für die junge Generation die Könige nur noch Gestalten von Bühne und Film sind, so fegt er damit Westarps Legitimismus einfach in die historische Rumpelkammer, und der Stoß ist so rücksichtslos, daß der alte Graf sehr leicht selbst mitwandern kann. Neue Aktivität, pietätlos, aber wirtschaftlich gut geschult und mit viel Realsinn, steht auf gegen konservative Ideologie, die nur noch von den immer schwächer werdenden Strömen kleinbürgerlicher Kaisersehnsucht gespeist wird. Der Graf aber ist ein ehrwürdiges Fossil aus der Periode der versunkenen preußischen Herrenhausgranden, aus seinen Reden kräht das Hipp-Hipp-Hurra! der wilhelminischen Verkafferung von 1910. Was soll man mit einem Führer, den man westlich vom Korridor nicht zeigen kann, ohne eine Pfeiforgie herauszufordern! Die Jüngern Herren aber sind von einem Liberalismus angeweht, nicht grade von einem geistigen, aber doch von einem geschäftlichen, sie betrachten den städtischen Kommerz nicht unbedingt vom Kassenschalter des Landbundes aus. Sie sehen das Weltnetz der Industrie, sie ahnen auch, was Stresemann will. Sie halten es weniger mit dem alten Tirpitz als vielmehr mit den Jüngern Marineoffizieren, die ihre navigatorischen Fähigkeiten einstweilen in Filmbureaus erproben und ihre konservativen Überlieferungen mollig mit neuem Stoff durchtränken. Wäre Helfferich am Leben geblieben, hätte die Partei schon lange den Führer für die Zeit der Mauserung gehabt. So hat sie vier Jahre unter Westarp brach gelegen, der niemals begreifen wird, daß eine wehende Fahne zwar ein schönes Symbol ist, daß es aber auch Zeiten ruhiger geschäftsträchtiger Windstille gibt, wo man sie am besten zusammengerollt läßt. Auch in der französischen Republik waren die Royalisten eines Tages nicht mehr da, bis auf ein paar Unerbittliche, die sich noch mit der königlichen Lilie garnierten. Es fehlt übrigens neuerdings auch nicht an Versuchen, die deutsche Rechte zu intellektualisieren. (Vor ein paar Jahren lag die deutschnationale Geistigkeit noch in den Händen von Adolf Bartels und Artur Dinter.) Es entstehen Zeitschriften, die nicht mehr unbedingt zeitscheu sind, sondern sich freimütig mit Themen befassen, die den Menschen von Heute betreffen. Hier ist alles noch recht ungeklärt; durchweg wollen die Herren so viel, daß sie selbst nicht recht wissen, was sie wollen, aber den strammen, bierfrommen Monarchismus der alten Garde, den wollen sie nicht. Sie stellen den Nationalismus in den Vordergrund. Aber es ist nicht mehr der alte Pangermanismus mit seiner krankhaften Magenerweiterung; es finden sich unbefangene Beurteiler der Freiheitskämpfe in Asien und Afrika, und auch die besondern deutschen Interessen werden nicht mehr durch die verschobenen Brillen der Claß und Reventlow betrachtet. Es laufen zwar noch immer viel große Worte von Heroismus und Opfer unter – ein kleiner Krieg muß eben mitgenommen werden – und man denkt da manchmal an den von Chamfort wiedergegebenen Dialog zwischen einem englischen Cavalier und einem Gastwirt: »Mylord haben heute nacht im Rausch den Kellner erschlagen ....« – »Setzen Sie ihn auf die Rechnung!« Die Herren sind großzügig und setzen bei ihren gottseidank vorerst nur literarischen Waffenspielen allzu leicht das Volk auf die Rechnung. Aber durch diese Turniere ist in die deutsche Rechte wieder einmal Bewegung gekommen, und Lambachs Emeute, auch wenn sie nicht gleich Revolution werden sollte, hat die Frage mitten auf den Tisch geworfen: konservative Mumienkammer oder demagogische Massenpartei? Es ist wohl zu viel verlangt und würde gewiß übel aufgenommen werden, grade in diesem Augenblick der nunmehr regierenden Linken so einen Lambach zu wünschen, der ihren Hausrat einmal kritisch abklopft! Denn das Kabinett Hermann Müller startet, und niemand weiß, ob es eine glückliche Fahrt sein wird oder ein kurzer Nobileflug mit jubilierenden Funksprüchen und bösem Ende. Aber eines ist gewiß: wenn das Zentrum auch nur einen einzigen Herrn mit auf die Reise gegeben hat, es wird nicht vergessen, sein Kreuz zu deponieren. Ob von dem Wirken der Sozialisten dagegen auch nur ein paar Ellen Fahnentuch zurückbleiben, braucht nach frühern Erfahrungen nicht als sicher angenommen werden. Wir werden das erst wissen, wenn sich die beiden großen Gegner vom 20. Mai bei Philippi wiedergesehen haben. Und Pessimisten meinen, daß der Weg bis dahin gar nicht mehr weit ist. Die Weltbühne, 3. Juli 1928 792 Disraeli Um 1860. Im Parlament von Westminster vor den Bänken der Konservativen ein schwarzgekleideter Herr von hier fremdartigem brünetten Typus. Die ursprünglich olivfarbene Haut ist im Laufe der Jahre bräunlich geworden; die Unterlippe springt stark vor; ein seltsamer schwarzer Kinnbart fällt auf die weiße Hemdbrust. Dieser Herr ist der Führer einer starken Gruppe flachsbärtiger, blauäugiger Gentlemen-Landjunker und Industrielle. Er hat seine Leute gut am Bande, aber es ist wenig Liebe dabei, denn die Squires kennen wohl seine geistige Überlegenheit, doch ist ihnen der Mann etwas unheimlich, der vor einigen zwanzig Jahren als verschuldeter Literat zu ihnen kam, der noch heute, als Respektsperson, Romane veröffentlicht. Im Stillen schämen sie sich wohl auch ein bißchen, einem Bücherschreiber und Intellektuellen gehorchen zu müssen. Es ist etwas Hexerei um den Mann. Die Witzblätter zeichnen ihn als Mephisto, der Faust, den Konservativen, führt. Das ist Herr Benjamin Disraeli, Sohn des Isaak d'Israeli, eines reichen Sonderlings von literarischen Neigungen, dessen Vater einst aus Florenz zugewandert war. Im Juni 1878 wartet ganz London auf Lord Beaconsfield, den Premierminister des Reiches, der soeben in Berlin auf dem Kongreß nicht nur die Sache seines Landes glänzend verfochten, sondern auch den europäischen Frieden gerettet hat. Am Arm seines Sekretärs wankt ein gebückter, uralter Mann, kaum fähig mehr, ohne eine stimulierende Droge eine Ansprache zu halten. Noch ein paar Jahre lebt er, ein unwahrscheinliches Gespenst im roten Schlafrock, vereinsamt in seinem Landhause. Die Geschichte dieses seltsamen Lebens hat nunmehr André Maurois geschrieben, ein Franzose, der England gut kennt und auch Shelley eine bemerkenswerte Studie gewidmet hat. Seine Biographie Disraelis ist jetzt in ausgezeichneter Verdeutschung bei S. Fischer erschienen, ein Werk von sehr klassischer Haltung, glücklich geleitet von der besondern französischen Gabe, Dunkelheit in Lichte aufzulösen oder gar nicht zu bemerken; ein Hauptstück der in den letzten Jahren wieder entdeckten Kunst, Biographien zu schreiben. Was früher mit historisch-politischen Details befrachtet gewesen wäre, lebt und schwebt jetzt frei von Fußnoten und gewichtigen Quellennachweisen. Es wird um den Helden keine »Zeit« entwickelt, sparsam ausgewählt nur sind die zur Illustrierung der Epoche erforderlichen Beispiele, in ihm selbst manifestiert sich das Zeitalter. Erstaunlich gut versteht Maurois, die zahlreichen politischen Fragen, die mit dem Thema verquickt sind, zu behandeln. Er nimmt nicht Partei, versucht auch nicht viel zu erläutern, leidenschaftslos, knapp und klar beschränkt er sich aufs unbedingt Notwendige; er schreibt ganz unpointiert, ganz ohne Blick auf Aktualitäten. Nirgendwo versucht er seinen Leser zu verleiten, Benjamin Disraeli für eine große tragende Figur der Geschichte zu halten; seine ruhige Geste, diese Gestalt darzubieten zeigt die Distanz, mehr noch zeigt sie der immer etwas verschleierte Stil, ein Stil, der sich in einer fast unmerklichen Vergilbtheit trägt und diesem Werk eines Autors von Heute, einen kleinen herbstlichen, fast altmodischen Reiz verleiht. In diese Zurückhaltung legt er sehr noble Kritik. Nichts ist uns heute ferner als die Zeit, in der unsre Väter jung waren. Es wird eines recht deutlich: das neunzehnte Jahrhundert war die Epoche der großen Parlamentarier. Heroische Redekämpfe wurden in den Kammern ausgefochten. Noch ist der nivellierende Restaurationsbetrieb nicht in die Parlamentshäuser eingezogen; nachts warten die Frauen draußen am Themseufer im Wagen, für Minuten eilen die Deputierten hinaus, um eine kalte Pastete zu verschlingen. Denn die Sitzungen gehen oft bis zum Morgen. Es ist ein großes Geschlecht, das hier seine Turniere auskämpft. Ein Kapitel, wie Disraeli, von der eigenen Fraktion abfallend, gegen den gewaltigen Toryführer Sir Robert Peel aufsteht, ist von einer mächtigen dramatischen Spannung und heute in keinem Parlament mehr denkbar. Und wie großartig wird in diesen Reden Geist vergeudet, wie anspruchsvoll ist die Form, wie schwer machen es sich alle diese Männer! Doch auch die Minusseite wird deutlich: Die hier wahrhaft wie große Herren kämpfen, sind alle aus einer Schicht. Sie mußten alle über die Teppiche der Gesellschaft von Mayfair gehen, alle diese Karrieren ruhen auf seidenen Kissen. Die Wahl selbst ist eine schlechte Posse, die durch Stimmenkauf erledigt wird, aber sie kostet ein Vermögen und wird nur durch reiche Gönner und Freundinnen möglich. Alle Politiker müssen sich von der großen Welt ins Parlament tragen lassen; sie werden von Frauen lanciert oder lancieren selbst welche; sie müssen die besten Clubs passieren, die auffallendsten Diners geben, bei dem elegantesten Schneider arbeiten lassen, durch die teuersten Maitressen glänzen und den stets möglichen Ruin mit Gelassenheit hinnehmen. Der junge Disraeli, den man gern »Dizzy« nannte, war Dandy und Literat, aus dem Judentum früh ausgeschieden, von einem romantisch ritterlichen und, alles nur in allem, gräßlich versnobten Engländertum erfüllt. Was ihn über diese fade Gesellschaft erhebt, ist sein grenzenloser Machthunger, der seinem eher spitzen, kritischen und ruhelosen Intellekt wahre Wunder abzwingt. Als ein berühmter Minister den Verfasser einiger Moderomane, den Amuseur, den Pagen, und oft wohl auch Parasiten vornehmer Damen einmal fragt, was er denn eigentlich werden wolle, antwortete er keck und knapp: »Premierminister ....« Und ein ander Mal, als in einer kleinen Konversation mit drei Salonschönheiten die schwere Frage erörtert wird, welches Los das begehrenswerteste sei, da bricht der junge Stutzer wahrhaft bonapartisch aus: »Ein glänzender, ununterbrochener Triumphzug von der Jugend bis zum Grabe.« Solche Reden machen suspekt. Obgleich Herr Disraeli die elegantesten Röcke trägt und mindestens so viel Schulden hat wie ein Herr von Geblüt, ist eine frostige Zone um ihn. Der Verfasser von Tendenzromanen, von Emanzipationsromanen, der außerdem die Bedeutung der Arbeiterfrage früh erkannt hat, während Manchester noch Trumpf ist, bleibt eine verdächtige Erscheinung. Man traut ihm viel gefährliche charakterlose Durchtriebenheit zu oder nimmt ihn ganz einfach als Phantasten. Er hat Imagination, Sarkasmus und eine deklamatorische Beredsamkeit, die nach schöner Literatur schmeckt. Er ist im Grunde viel englischer als man denkt. Seine Neigungen gehen auf ein schönes, altes, englisches Haus, in einem schönen, alten, englischen Park. Er möchte Landherr sein wie die Freunde, mit denen er im Club spielt und trinkt. Als Politiker debütiert er erfolglos bei den Radikalen, dann schwenkt er, ohne Übergang, zu den Tories. Bei den Konservativen findet er das gute bodenständige und unverbrauchte Engländertum, das er innig liebt; diese Leute sind zwar rückständig aber ganz sie selbst. Bei den Liberalen verachtet er die Hypokrisie, das humanitäre und puritanische Geschwätz, das so oft merkantile Interessen verbirgt. Aber niemals, auch nicht in seinem späten überwältigenden Triumph verläßt ihn das Gefühl tragischer Einsamkeit. Als Jüngling hat er den leuchtenden Kometenzug Byrons erlebt, die Pose Don Juans, die Pose von Melancholie und Verruchtheit, die beliebte Kavaliersgeste von 1830 ist ihm ins Blut gegangen, eine ästhetische Salonhaltung ist in ihm Wahrheit geworden. Vor sich selbst ist er immer wie einer der abtrünnigen Engel Miltons. Und die Andern wissen es; sie beugen sich, aber keiner liebt diesen mit Fegefeuer getauften Juden. Vieles an dieser Jugend erinnert an Ferdinand Lassalle .... Vielleicht wäre auch Disraeli ein großer Radikaler geworden. Die Erkenntnis dazu hatte er. Doch mit zweiunddreißig Jahren kommt er als Konservativer ins Parlament. Unter schwarzgekleideten Gentlemen ein Dandy in flaschengrünem Rock mit weißer, kettenbehängter Weste. Erstaunt und belustigt blickt alles auf den affektierten Herrn, dessen mattovales Gesicht, von schwarzen, sorgsam gekräuselten Locken umrahmt, exotisch wirkt. Seine Beredsamkeit fällt hier ab. Er legt sich mit irischen Abgeordneten an, die Sache der Tories mit dem Pathos Dantons vertretend. Es gibt einen ungeheuren Skandal. Die Whigs und die Iren pfeifen ihn aus. Die Freunde gucken steif in die Luft. Da geschieht, was diese respektable Versammlung noch niemals erlebt hat. Der Debütant, anstatt sich zu trollen, schreit, die Hände erhoben, den Mund weit aufgerissen, mit übermenschlicher Stimme in den Tumult hinein: »Ich setze mich jetzt; aber die Zeit wird kommen, da Sie mich anhören!« So schreit ein verwundeter Ehrgeiziger, ein junger Bonaparte, der nicht General werden darf, sondern warten muß, warten .... Im Saal ist es ganz ruhig geworden. Achselzucken. Lord Stanley, sein Parteiführer, nimmt das Wort und geht nicht mit einer Silbe auf den Zwischenfall ein .... Doch der Debütant hat gelernt. Seine Rede wird von nun an schmuckloser. Später spricht er ganz und gar mit jener nüchternen Präzision, die immer die besten politischen Rhetoren Englands ausgezeichnet hat. Aber durch Jahrzehnte noch bleibt das Mißtrauen um ihn. »Weiß doch niemand recht, an wen der glaubt ....« Der Aufstieg erfolgt langsam. Bonaparte muß sich ans Warten gewöhnen. Jugend schwindet. Pathos weicht der Berechnung. Ein kalter unbarmherziger Dialektiker ist es, der als Zweiundvierzigjähriger den großen Premierminister Sir Robert Peel stürzt, den Konservativen, der sich Cobdens Freihandelsprinzipien verdächtig genähert hat. Jetzt ist Disraeli in der Leadership. Er wird drei Mal Schatzkanzler, zwei Mal Premier. Das letzte Mal hält er sich von 1874–80. Es ist das große Kabinett der Bildung des Empire und des Konfliktes mit Rußland, der auf dem Berliner Kongreß mit Englands Sieg endet. Die außenpolitische Superiorität, die unter den liberalen Führern Lord John Russel und Gladstone verloren gegangen ist, wird wiederhergestellt, innere Reformen kommen hinzu, die den Whigs Wind aus den Segeln nehmen. Benjamin Disraeli wird der Schöpfer jenes bürgerlichen England, das sich in seiner seltsamen Mischung von Reaktion und Fortschritt bis in unsre Tage hält und dem erst heute im roten Rußland ein neues, seine Existenz bedrohendes System gegenübersteht. Der alte Disraeli humpelt gichtbrüchig und asthmatisch durch seinen Triumph dem Grabe zu. Aber der Geist im verfallenden Körper ist leichter und beherrschter als je. Spielend leitet der Greis die schwer behandelbare Königin, die den korrekten Gladstone verabscheut. Denn sein Vortrag ist grazil und mit Anekdoten gespickt, er nimmt die Königin ganz als Frau, während der ehrenfeste Whig Gladstone in ihr vornehmlich eine verfassungsmäßige Institution sieht, an die er mit einer in Massenversammlungen erprobten Stimme seine Ansprachen richtet. Der alte Disraeli, der als junger Beau mit den Töchtern Sheridans kokettiert hat, bringt einen letzten späten Hauch von Rokoko in die gähnende Langweiligkeit der königlichen Gemächer. Es ist nicht ohne Ironie, daß dieser letzte große Courtisan, der gewiß einer neuen Semiramis würdig gewesen wäre, eben nur der Seladon der Queen Victoria war, die nach kurzem, romantischem Eheglück prüde und philiströs wurde, solide englische Küche liebte und stark in die Breite ging. Die andre und größere Ironie, die des historischen Geschehens aber ist, daß der Mann des endgültigen bürgerlichen Durchbruchs in England eben der Führer einer Partei war, die man gemeinhin mit dem Rückschritt identifiziert. Jetzt erst ist in der Politik das Monopol der Feudalherren erledigt, die Aristokratie wird zur pomphaften heraldischen Attrappe; die Regierung gehört von nun an den Männern, die die Zeit braucht. Von nun an ist der Weg frei für die begabten Außenseiter, für den robusten Radikalen Lloyd George, der den Krieg gewinnen, für Rufus Isaacs, der als Lord Reading nach Indien gehen und noch ein Mal das Imperium retten wird. In seinen letzten Jahren sieht Disraeli im Unterhaus einen Abgeordneten von Birmingham, dessen selbstbewußte Art, sein Monokel zu tragen, den Stutzer von 1830 ärgert. Es ist Joe Chamberlain, der sein Werk fortsetzen wird .... André Maurois beherrscht die große Kunst, die Geschichte eines solchen Lebens ganz zeitlos vorzutragen. Das ist um so schwieriger, da vieles, um was vor fünfzig Jahren gestritten wurde, auch noch heute nicht ausgekämpft ist, vieles nur den Namen gewechselt hat. Die kluge Dämpfung ist die besondere Virtuosität des Herrn Maurois, und er zeigt seine schriftstellerischen Gaben nirgends glänzender als wenn er von Gladstone spricht, Disraelis heftigstem Rivalen, dem er gewiß ähnliche Gefühle entgegenbringt wie die alte Dame von Windsor. »Gladstone hatte sein ganzes Leben hindurch sich wie der kleine Junge in der Sonntagsschule geführt. In Eton sprach er morgens und abends sein Gebet. In Oxford tranken 1840 die jungen Leute weniger, weil 1830 Gladstone dort gewesen war.« Kann man eleganter einen Abgrund von Hohn aufzeigen? Gewiß sind es Stöße mit umwickelter Spitze, aber die Waffe ist edel, und man liebt die Hand, die sie führt. Grade bei solchen Sätzen wird von neuem kund, daß sie nur in einer Sprache gedacht werden konnten und weshalb diese Sprache für ein paar Jahrhunderte Europa beherrscht hat. Die Weltbühne, 10. Juli 1928 793 »Die Bahn, die uns geführt Lassalle« Das ist das alte Bundeslied der Sozialdemokratie, jahrzehntelang gesungen von treuherzig gläubigen Massen, in die gelegentlich die preußische Polizei sordinierend einbrach; heute eine Pièce für beruhigten Männergesang, aus der Du ebenso wenig erregende Erinnerung heraushörst wie aus dem Niederländischen Dankgebet das Hellebardengeklirr der Geusen, wenn es etwa von einem evangelischen Jünglingschor vorgetragen wird. Wohin die Bahn einstweilen geführt hat, das sehen wir seit geraumer Zeit, über den Beginn aber wissen wir etwas mehr, seit ein geduldiger preußischer Aktenschrank, jäh zusammenbrechend, die zwischen Bismarck und Lassalle gepflogene Korrespondenz hergegeben hat. Nicht nur ein alter Schrank ist geborsten, auch ein sonst noch leidlich intaktes Heldenbild hat einen Sprung bekommen. Bismarck und Lassalle, ein heikles Kapitel. Man kann es nicht so abtun, daß man einfach sagt, die Beiden wären ja lange tot und mit dem Ehrendiplom der Nachwelt [in] die große Rangloge der Weltgeschichte eingegangen. Denn in ihren Schöpfungen wirken ihre Kräfte noch weiter, und ihr Zweikampf ist noch lange nicht beendet. Es wäre ganz gewiß unsinnig, die Herme Ferdinand Lassalles tiefer stellen zu wollen, weil der Mann mit dem Volksfeind freundliche Grüße getauscht hat, aber ganz anheimelnd ist die Geschichte nicht, und die Sozialdemokratie befindet sich etwa in der Position jener Enkelin der Georges Sand, die am liebsten die Tugend ihrer amoureusen Großmutter durch einen verspäteten Gerichtsbeschluß rehabilitieren möchte. Natürlich konnte Lassalle bei aller divinatorischen Gabe den spätern Bismarck nicht vorausschauen; er unterhielt sich ja schließlich nicht mit der Phantasiefigur der patriotischen Historik von 1910, nicht mit dem Roland vom Elbberg, sondern mit dem preußischen Ministerpräsidenten der Konfliktszeit, einem stockreaktionären Junker, der grade daran war, sich seine innenpolitischen Nöte durch einige gewagte außenpolitische Manipulationen vom Halse zu schaffen. Diesem rücksichtslosen, streitsüchtigen Reaktionär gab der mit den Demokraten verfehdete Radikale ein paar Tips, wie die gemeinsamen Feinde am besten in der Flanke zu fassen. Solche private Fühlung zwischen Vertretern extremer Gruppen, die sich sonst unter den Linden nicht grüßen, hat es immer gegeben; siehe: Seeckt und Tschitscherin. Lassalle, der Parteigründer, ist nicht über die Anfänge hinausgekommen, aber seine historische Leistung umfaßt doch mehr, bedeutet doch die Entdeckung und Erweckung einer ganzen Klasse: des Arbeiterstandes, diesem Riesenspielzeug der Bourgeoisie, dem er das Losungswort zuwarf. Wie mit einem Mosesstab schlug er auf hartes Gestein, und frische Quellen rieselten, er ahnte Kanaan mitten in der Wüste. Nicht der politische Zweck ist bei dem Versuch der freundlichen Tuchfühlung mit dem Feinde verwerflich: der Gesamtton dieser Schreiben und die zwischen den Zeilen lauernde Ambition hat etwas Degoutantes. Eine überlebensgroße Eitelkeit tastet sich an die andre heran; nicht nur der bedenkenfrei spekulierende Politiker, der Gesellschaftslöwe, der Snob versucht eine aristokratische Eroberung, versucht sie in einem raffinierten Stil, der nicht einfach Schmeichelei ist, aber so wirkt durch die geschickte Art, dem Andern eine Rolle zuzusprechen, die dieser gar nicht wünscht. Denn nichts wünschte der Bismarck der sechziger Jahre weniger, als der Vollstrecker der radikalen Ideen des Herrn Doktor Lassalle zu werden. Wo er sie später aufgriff, bedeuteten sie ihm nur einen Schachzug, den man später zurücknehmen kann. Das freie Wahlrecht hat er dann oft zu allen Teufeln gewünscht, und auch von den Sozialreformen spricht er in der intimen politischen Beichte seiner Erinnerungen nur so kühl wie von einem Geschenk, das besser unterblieben wäre. Man ist sich bei jenem Lassalle, der sich an Bismarck heranmacht, nicht recht klar, ob er ein politisches oder ein gesellschaftliches Ereignis vorbereitet. Man hat bei diesen Briefen das Gefühl, einen abgleitenden Menschen zu verfolgen. Diesem Ehrgeiz genügen nicht mehr die Arbeitervereine, er sucht nach neuem Feld und tappt langsam in die Tragödie hinein. Ein paar Jahre später ist sein Intimus Lothar Bucher Bismarcks willfährigste Kreatur. Das Schicksal des an die Macht Verkauften. Hier rechtfertigen keine geheimen moralischen Reservate. Nach Lassalles Tode gerät der Arbeiterverein in kläglichste Zerrüttung. Sein Nachfolger Johann Baptist von Schweizer wird, gewiß zu Unrecht, wie auch Franz Mehring annimmt, verdächtigt, Bismarcks Agent zu sein. Mißtrauen zerfrißt die kleine Gruppe. Ferdinand Lassalle ist zur rechten Zeit für seinen Ruhm gestorben. Macht läßt sich nicht erschleichen. Heute befindet sich die Sozialdemokratie, wenn auch mit viel gröberm Schuhzeug, wieder auf der Bahn, auf der selbst ein Lassalle schließlich ausgleiten mußte. Um nicht eigenbrödlerisch zu sein, wirklichkeitsfremd oder dogmatisch, oder wie es die liberale Presse sonst nennen mag, setzt die Sozialdemokratie Namen und Ansehen für eine schwache Regierung ein, obgleich heute schon mindestens die Hälfte der Genossen im Lande dies Beginnen für lichterlohen Wahnsinn hält, der in kurzer Zeit den großen Maisieg verbrannt haben wird. Die glänzenden Strategen werfen mit Lassallezitaten um sich, um ihren Realismus durch einen notablen Zeugen zu erhärten. Aber wie ungeheuer ist auch hier der Abstand! Der Realsinn dieses Mannes ging trotz alledem auf ein Jahrhundert, der seiner Epigonen klammert sich an das kurze Dasein eines Kabinetts. Es gab, nachdem die vielberedete Große Koalition zerschellt war, nur die eine Möglichkeit: ein Minderheitskabinett, ein rein sozialistisches Kabinett mit einem weitgesteckten und propagandistisch wirksamen Programm. Das hätte auch die Kommunisten endlich einmal vor eine nützliche Entscheidung gestellt. Wäre auch die Lebensdauer dieser Regierung kurz gewesen, ein solcher Akt hätte Achtung erzwungen. Grade wer den Parlamentarismus bejaht, muß auf so saubere Klarstellungen halten. Wenn unser Parlamentarismus nicht funktionieren will, liegt es nicht an der leidigen deutschen Zwietracht, sondern weil alles durch Kompromisse und Spekulationen verschmuddelt ist. Dies sogenannte Kabinett der Köpfe ist ein fauler Ausweg. Lassen wir ruhig gelten, daß die teilhabenden Herren alle Köpfe sind – jedenfalls sind ihre Hände gebunden und an ihren Füßen hängt die Partei mit Zentnergewicht. Nur die Sozialdemokratie hat liebenswürdigerweise verzichtet, ihre Herren zu binden: sie läßt das lieber von der Volkspartei mitbesorgen. So hat der Auftakt der Regierung nur höchst blamable Mißerfolge gebracht. Bei der sehr unerquicklichen Amnestiedebatte ließ sich die sozialistische Fraktion von einem kommunistischen Dutzendgeschimpfe zu einer gouvernantenhaften Würdegeste bewegen; doppelt peinlich, weil die Partei, von einigen auf dem linken Flügel stehenden Anwälten abgesehen, bisher für die Amnestie wenig getan hat. Einzelne linksbürgerliche Blätter und Politiker haben hier viel mehr geleistet. Niemals hat die Sozialdemokratie vergessen können, daß die meisten der Eingekerkerten Linksradikale sind. Hier gab immer das Ressentiment den Ausschlag. Zugegeben, daß Herr Geschke nur abgestandensten agitatorischen Kohl aufwärmte – warum platzte nicht ähnliche Entrüstung, als bei der Debatte um die Lohnsteuer Herr Doktor Becker-Hessen als Sprecher der mitregierenden Deutschen Volkspartei für seine Ablehnung eine Sprache bevorzugte, die sich von der des Kommunisten nur um einige Bildungsgrade unterschied? Es ist kein Ruhm dabei, daß sich Hilferdings sehr bescheidene Vorlage, die der ›Vorwärts‹ zu einer sozialreformatorischen Tat großen Kalibers aufbläst, nur mit Unterstützung der Hitlerfraktion durchdrücken ließ, die dafür noch tapfer höhnte. Diese Regierung kann nicht gehn, und sie sollte ihre schüchternen »Rührt-Euch!«-Bewegungen von ihren Freunden nicht als Siebenmeilenstiefelschritte ausposaunen lassen. Wenn dieser Gabelbissen einer Steuerreform schon so böse aufgenommen wird, wie soll es erst im Herbst werden, wenn Herr Hilferding die ganze Mahlzeit servieren will? Der Nationalfeiertag. Auch hier eine mit Getöse angekündigte Aktion, deren offene Niederlage nur durch Aufschub verhindert wird. Wieder sind es zwei zu den Herrn Köpfen im Ministerium gehörige Fraktionen, die nicht mitspielen: die Deutsche Volkspartei und die Bayrischnationalen. Daß grade die Deutsche Volkspartei gegen den elften August als Nationalfeiertag Rücksichten auf die Erntearbeiten geltend machte, ist gewiß der beste Witz dieser salzlosen politischen Saison. Man denke sich diese Industriepartei, diese Partei der Generaldirektoren und Syndici, fromm um das Gedeihen des vaterländischen Getreidebaus besorgt! Gustav und Käthe Stresemann auf dampfender Ackererde, gottergeben das Haupt gesenkt beim Angelusgeläut ... welch schönes Stück längst vergessener Heimatkunst! Ach, keine Partei ist von so trauter Idyllik weiter entfernt, selbst der venerable Kahl sät nur Paragraphen, und allein um Herrn Scholz, den obersten Fraktionsbullen, weht ein würziger Ruch von frischem Frühstücksheu ... Es gibt wichtigere Dinge als den Nationalfeiertag, alles, was mit der Symbolik dieses republikanischen Staates zusammenhängt, ist lange verfahren. Es gibt eben nur einen Gedenktag, der Massen entflammen könnte: den neunten November, den Tag, an dem Kaisertum zusammenbrach und der Krieg endete. Die Beschränkung auf die Verfassungsfeier bedeutet schon eine faustdicke Konzession an das Ordnungsbürgertum, dem bei dem Gedanken an Revolution die Haut schauert und das viel lieber als einen Bastillensturm die Grundsteinlegung einer Bastille feiert. Herrn Stresemanns Republikaner aber konzedieren nicht einmal den milden elften August; sie wollen nicht, daß man die Republik unnütz im Munde führt. Am besten ist, man spricht gar nicht davon. Jedenfalls möchte man der Reichsregierung dringend raten, nachdem sie bisher mit so viel Glück manipuliert hat, lieber die Vorlage ganz zurückzuziehen, sonst bekommen wir am Ende doch noch den achtzehnten Januar als Nationalfeiertag aufgebrummt. Man erlaubt sich weiter zu fragen, was denn nun eigentlich im Herbst geschehen wird, wo alle die einstweilen in den Schrank gestellten Sachen wieder hervorgeholt werden sollen, und gar, wenn die Volkspartei auf ihrem Panzerkreuzer besteht, weil ihr das Landleben auf die Dauer zu langweilig wird. Der Zufall der Jahreszeit ermöglicht der Regierung, alle Fragen mit Ferien zu beantworten. Die Sozialdemokratie aber sollte die Sommermonate zur Überlegung benutzen, ob es nicht am besten wäre, gleich zu Beginn der Herbsttagung einen Herrn vorzuschicken, um nach dem berühmten Beispiel des kleinen Theaterdirektors zu erklären, daß wegen Unpäßlichkeit des alten Moor die Vorstellung leider nicht stattfinden könne. Von allen denkbaren Lösungen noch die am wenigsten desperate. Rideau, Rideau! Die Weltbühne, 17. Juli 1928 794 [Antworten] Rechtsanwalt Dr. Apfel Sie schreiben: »Lieber Herr von Ossietzky, ich will, Ihrem Wunsche entsprechend, gern versuchen, über den augenblicklichen Stand des Falles Max Hoelz zu berichten, obschon es sich dabei um einen Ausflug in die geheimsten Jagdgründe der juristischen Fachsimpelei handelt. Die Verteidigung hat am 3. Februar des Jahres den Wiederaufnahme-Antrag beim Reichsgericht eingereicht. Dieser Antrag stützte sich auf acht Tatsachen. Der Antrag mußte zunächst, den gesetzlichen Vorschriften entsprechend, von der Reichsanwaltschaft begutachtet werden. Dort hat man vier Monate lang an dem Votum gearbeitet, das bekanntlich zustimmend ausgefallen ist. Etwa Mitte Juni gelangte dies Votum an den Vierten Strafsenat, der über die sogenannte ›Zulassung‹ der Wiederaufnahme zu entscheiden hat. Diese Entscheidung hat in nichtöffentlicher Sitzung in einer Besetzung von drei Mitgliedern zu erfolgen. Die Beratungen des Senats sind, trotzdem das Gesetz dies nicht vorschreibt, unter Heranziehung der Verteidigung erfolgt. Ich begehe wohl keine Indiskretion, wenn ich mitteile, daß zunächst im Mittelpunkt der Erörterung die von einem Mitglied des Senats aufgeworfene Frage stand, ob es rechtlich überhaupt zulässig sei, im Falle der ›Idealkonkurrenz‹ die Wiederaufnahme wegen eines einzelnen Deliktes zu begehren, ohne daß eine Änderung des Strafmaßes zu erzielen sei. Populär ausgedrückt dreht es sich um folgendes: Max Hoelz ist wegen insgesamt etwa zwanzig Verstößen gegen das Strafgesetzbuch von dem Sondergericht verurteilt worden. Seine sämtlichen Taten wurden als eine sogenannte ›einheitliche Tat‹ aufgefaßt. Die Bestrafung erfolgte also nicht einzeln wegen des Falles Heß, der Sprengstoffdelikte, Widerstand gegen die Staatsgewalt etcetera, sondern wurde dem Hochverrats-Paragraphen des Strafgesetzbuches (§ 81), als dem schwersten Tatbestand, entnommen. Dieser Paragraph kennt nur lebenslängliche Zuchthaus- oder Festungsstrafe (und nur bei Annahme mildernder Umstände geringere Strafe). Wenn nun, so fragte man im Senat, die Verurteilung von Max Hoelz im Falle Heß (wegen Totschlages) aufgehoben wird, – bleibt dann nicht die lebenslängliche Strafe des Hochverrats bestehen? Was soll das ganze Wiederaufnahmeverfahren, so fragte man weiter, dann für einen Zweck haben? Demgegenüber war darauf hinzuweisen, daß derselbe Senat (damals nannte er sich allerdings noch Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik) bereits im Jahre 1922, als Max Hoelz sein erstes Wiederaufnahmegesuch einreichte, ausdrücklich entschieden hatte, daß eine Wiederaufnahme, die nur auf den Fall Heß beschränkt ist, durchaus zulässig sei, da der Antrag, wie es wörtlich heißt: ›nicht lediglich die Änderung der Strafe bezweckt, sondern die Änderung der Verurteilung (!) im Falle des am Gutsbesitzer Heß verübten Totschlages‹. Auch das Votum des Oberreichsanwalts befaßt sich in sehr ausführlichen Darlegungen mit dieser Frage und kommt zu der Ansicht, daß die Beschränkung des Antrages auf den Fall Heß die Zulassung nicht hindern dürfe. Weil weder die grammatikalische, noch die historische, logische oder die Auslegung nach dem Zweck im Recht hindernd im Wege stehe. Während diese Erwägungen noch schwebten, beriet der Reichstag über das neue Amnestiegesetz. Als ich am 13. dieses Monats mit dem Senat die Sachlage erörterte, gewann die Ansicht Oberhand, daß die Bedenken, die geäußert worden waren, wahrscheinlich durch das neue Gesetz hinfällig würden und daß eine Zulassung der Wiederaufnahme durch den Senat, entsprechend seiner frühern Stellungnahme und derjenigen des Oberreichsanwalts, im Bereich der Möglichkeit liege. Es tauchte allerdings auch die weitere Frage auf, ob das Reichsgericht für die Entscheidung überhaupt noch zuständig bleibt, wenn das Hochverrats-Delikt meines Mandanten wegamnestiert ist. Aus all diesen Gründen wurde eine Einigung zwischen dem Senat und der Verteidigung dahingehend erzielt, daß man die Entscheidung noch ein paar Tage zurückstellen müsse, bis der ganze Wortlaut des Amnestiegesetzes vorliege und die neue Rechtslage geprüft sei. Der Senat erklärte sich bereit, jederzeit auf Antrag der Verteidigung, auch während der Ferien, zu einer Beschlußfassung zusammenzutreten. Soweit die Rechtslage. Weit interessanter ist natürlich für das große Publikum die Frage, warum denn, zum Donnerwetter, kein Mensch den Mut hat, auch ohne Entscheidung des Reichsgerichts, Max Hoelz aus der Haft zu entlassen. Nehmen Sie es mir, bitte, nicht übel, wenn ich heute noch nicht mir all die Bitterkeit vom Herzen schreibe, die mich angesichts des mangelnden Mutes der in Betracht kommenden Stellen, von denen keine die Verantwortung übernehmen will, erfassen muß. Ich setze noch eine letzte Hoffnung auf den neuen Reichsjustizminister, Herrn Doktor Koch, mit dem Anfang dieser Woche die Verteidigung erneut verhandeln wird und dem ich sehr beachtliche Äußerungen höchster Richter übermitteln kann, daß jeder Tag, den Max Hoelz nach der Publikation des Amnestie-Gesetzes so noch hinter Mauern verbringt, dem Wortlaut und dem Sinne des Gesetzes widerspricht. Aber allzu optimistisch wollen wir nicht sein, und ich sehe im Geiste schon eine Eskorte von zwanzig Schupos in kostspieligem Transport Max Hoelz in irgendein Gefängnis überführen.« So weit Herr Dr. Apfel, dem ich sehr dankbar bin für die Darstellung einer Situation, die wohl heute von keinem Nichtjuristen mehr begriffen wird. Dabei übergeht der verehrte Schreiber allerdings einige in Betracht kommende politische Momente. Denn die Amnestiefrage ist keine rein juristische Frage, sondern eine der politischen Aktion und erst die Aktionsunlust der Herren Politiker schiebt sie auf den ins Unendliche laufenden Schienenstrang der Juristerei. Das gilt besonders für den sogenannten Reichs-Amnestie-Ausschuß, der sich sehr beharrlich seiner eigentlichen Aufgabe entzogen hat. Sein Vorsitzender ist der Herr Doktor Moses, der geachtete Vertreter der parlamentarischen Medizin, der seine Höhepunkte erlebt, wenn ein deutschnationaler Abgeordneter einen Wadenkrampf kriegt und der sich weit weniger flott bewegt, wenn es sich um die Befreiung von Opfern der Klassenjustiz handelt. So bleibt die Liquidation des Falles Hoelz bei dem neuen Reichsjustizminister, der hier zum ersten Mal zu zeigen hat, ob er seine Selbständigkeit wahren kann, oder ob er der reaktionären Ministerialbureaukratie folgt, die auch unter der Linksregierung munter weiter amtiert. Wer spricht noch davon, ob Herr Joel, der Staatssekretär, bald durch eine liberalere Persönlichkeit ersetzt werden soll? Die Bureaukratie, die den Fall lange verschleppt und mit allen Mitteln eine endgültig reinigende Amnestie konterkariert hat, versucht noch ein letztes verschleppendes Rückzugsgefecht. Eine Torheit, sinnlos und nur geeignet, die geschehenen Grausamkeiten nochmals in böseste Beleuchtung zu rücken, anstatt, wie klug wäre, das Vergessen zu fördern. Der Fall Hoelz ist durch Jahre eine Wunde am Rechtskörper gewesen. Sie aufgezeigt zu haben, ist die Leistung der letzten Verteidigung Alfred Apfel, Felix Halle und Kurt Rosenfeld, wobei besonders Ihnen, Herr Dr. Apfel, das Verdienst zufällt, Ihr Wissen, Ihre Beredsamkeit und Ihre diplomatischen Fähigkeiten einem Fall zugewendet zu haben, der dadurch zum Brennpunkt aller Amnestiedebatten überhaupt geworden ist. Die Weltbühne, 17. Juli 1928 795 Freund Hein Wir sind in Deutschland in den letzten Monaten ganz unversehens in einen Kulturkampf eingetreten. Aus Zeitungsartikeln, aus Nachprüfungen gerichtlich längst erledigter Fälle hat sich ein Kampf gegen die Todesstrafe entwickelt, der in absehbarer Zeit aus Presse und Versammlung ins Parlament getragen sein wird, wenn die gegenwärtige Regierung sich behauptet. Die Ursachen sind mannigfaltig. Zum Teil ist dieser Kampf einfach ein Symptom des immer weiter fassenden Mißtrauens gegen die Justiz. Kann man einer Rechtspflege, die nicht nur in politischen Dingen so oft talentvoll danebengriff, überhaupt noch eine Entscheidung über Leben und Tod anvertrauen? Das war der Ausgangspunkt. Es kam noch hinzu, daß lange judizierte Fälle plötzlich wie Revenants umgingen; Zweifel an der Richtigkeit von Urteilen setzte ein, die bei der Verkündung keinen Widerspruch gefunden hatten, weil damals das Material lückenlos schien. Der Fall Haas, der dann ein Fall Schröder wurde, und dabei immer nur ein Fall Hoffmann-Kölling gewesen war, gab einen tristen Einblick in provinzielle Untersuchungsmethoden. Dann kam der große Alarm: der Fall Jakubowski, dessen Genesis jetzt Rudolf Olden und Josef Bornstein in einer Broschüre geschildert haben, vor deren gediegener Gründlichkeit sich viele Fachleute schämen sollten. Und schließlich folgten andre, noch revisionsmögliche Affären: Dujardin, Leyster etcetera. Alle paar Wochen liest man jetzt von Wiederaufnahmeanträgen aus dem Zuchthaus, von verzweifelten Aktionen gegen Urteile, die auf Indizien beruhten und gefällt wurden in den wirren Demobilmachungsjahren, wo die Gerichte überlastet waren und die Polizei, namentlich auf dem flachen Lande, aus Mangel an Kräften und oft wohl auch von politischen Vorurteilen beeinflußt, nicht immer wasserdichte Untersuchungsarbeit geleistet hat. Und schließlich wird grade in diesen Tagen Oscar Slater von der englischen Justiz rehabilitiert; sein bester Fürsprecher war Sir Arthur Conan Doyle, der in ungezählten Detektivgeschichten Schuldige überführt, Verdächtigte gereinigt hat und der mit der Befreiung Slaters in die unsichtbare Ehrenlegion jener einrückt, die gegen den Unfehlbarkeitswahn beamteter Juristen gekämpft haben. Wir haben dem Gehirn des Staates mißtrauen gelernt, wir haben in politischer und wirtschaftlicher Not seine Unbehülflichkeit erlebt, wir kennen seine oft ausprobierte Methode, die Autorität schließlich durch eine Gewaltlösung zu retten. Der Hoheitsbegriff des Staates hat niemals verschmäht, sein locker werdendes Gefüge mit Blut zu leimen und seinen Mangel an Gewissen mit einer billigen metaphysischen Verbrämung als gottgewollte Pflicht aufzumachen. Aber der Tod ist irreparabel, und der Freispruch überm Grab stellt nur »die Ehre« wieder her. Unvergeßlich jenes Kapitel in Jakob Wassermanns »Maurizius«, wo der Staatsanwalt nach vielen Jahren wieder die Akten durchstudiert und wie er das, was ihm einst als Bau von zwingendster Logizität und geschlossenster Konsequenz erschien, rissig und sprüngig geworden, zerfallen und zerbröckelnd wiederfindet, zu jedem Zweifel an seiner Weisheit von damals berechtigend. Man braucht den Freunden des Köpfens gar nicht zu verhehlen, daß es auch genügend Mordfälle gibt, die eine humane Stimmung schwer werden lassen. Was für wilde Racheschreie gellten nicht vor ein paar Monaten um den Mörder Johann Hein! Eine Bestie, ein Entmenschter, nicht wahr? Zum Tode verurteilt wurde jetzt ein sehr seltsamer Mensch, über dessen Charakter alle Zeugen das Beste aussagten. »... aus diesem Täter«, führt Inquit, Slings ausgezeichneter Nachfolger in der ›Vossischen Zeitung‹ aus, »lassen sich diese Taten nicht ableiten – die Brücke fehlt.« Der mehrfache Mörder, das Plakatscheusal, wird als fleißig und lenksam geschildert. Von einem physischen Mangel niedergedrückt, einem bösen Freunde gefährlich ergeben, dessen Ruhe und gesammelte Kraft er, der von Minderwertigkeitsgefühlen Geplagte, bewundert – das ist der Mörder Johann Hein. Er liebte das Abenteuer, er liebte Waffen; liebte es, die Kühle eines metallenen Revolverlaufs in der Hand zu fühlen. Maßlos als Angreifender, verteidigte er nachher seine Freiheit wie ein unzähmbares Tier. Dem Delirium der Waffe war er, wenn es zum Kampf ging, haltlos verfallen. Erinnert man sich recht, so wurde im Kriege so etwas als höchste soldatische Qualität bewundert und eigens Schnaps verteilt, um ähnliche Stimmungen zu erwecken und aus jedem schmalbrüstigen Kontorsklaven einen Ritter sans peur zu machen ... Nein, auch der Räuber und Mörder Johann Hein ist kein Schulbeispiel, um die Dogmatik des Richtbeils neu zu erhärten und zu prolongieren. Es ist unnötig, diese blutige Gestalt zu sentimentalisieren, die psychologische Erklärung hilft weder dem Mörder noch seinen Opfern. Wenn wir die Todesstrafe beseitigen wollen, so leiten uns nicht sentimentale Beweggründe, sondern Achtung auch vor dem verworfensten Leben, und Träger dieses vornehmsten Prinzips: der Achtung vor dem Leben soll eben der Staat sein, nicht Inhaber einer monopolisierten Vendetta. Die Aufforderung: »die Herren Mörder mögen vorangehen«, ist ein schal gewordener Witz. Es wäre jämmerlich, wenn dem Staat der respektablen Leute nichts Besseres einfiele, als die Herren Mörder zu kopieren. Einen ganz vorzüglichen Dienst wird in den kommenden Debatten um die Todesstrafe eine soeben erschienene Publikation leisten. Sie ist von E.M. Mungenast herausgegeben und heißt »Der Mörder und der Staat«. Sie enthält außer einer historischen Einleitung das Ergebnis einer Rundfrage, an der sich sechzig notable Persönlichkeiten beteiligt haben. Das Resultat ist in vieler Hinsicht beachtlich und gibt dem Buch dokumentarischen Wert. Wenn auf dem Umschlag steht, es handle sich um Beiträge von »Sachverständigen, Psychiatern und Zeitgenossen«, so klingt das zunächst absurd, erweist sich aber schon beim ersten Durchblättern als wohlgewählte Unterscheidung. Denn diese Herren Psychiater, von einigen ehrenwerten Ausnahmen abgesehen, rangieren nicht unter den Zeitgenossen, denn sie gehören ins Jahrhundert des Hexenhammers, und auch nicht unter den Sachverständigen, denn sie wissen nichts vom Menschen, ihrem Arbeitsfeld. Keine Charitas hat sie angeweht, kein Wissen um Vererbung: ihr Weltprinzip ist die Zwangsjacke. Herr Professor Hoche, Freiburg, zum Beispiel: »Hält man die Todesstrafe im Interesse der Gesamtheit für erwünscht, soll man nicht von prozentual verschwindend kleinen Irrtumsmöglichkeiten sentimentalen Rat nehmen ... Im übrigen ist es völlig irrig, anzunehmen, daß die Guillotine eine inhumane Einrichtung sei; der Tod ist vollkommen schmerzlos ... Eine Partei, die den Umsturz der heutigen Gesellschaftsordnung ... verkündet, muß natürlich gegen die Todesstrafe sein, die ihr die erwünschte Aussicht entzieht, im Fall der bei Putschen regelmäßig versuchten gewaltsamen Öffnung der Gefängnisse Verbrecher, die sich als kalt, energisch und skrupellos bewährt haben, in ihre Sturmreihen einreihen zu können.« Soweit der Herr Direktor der Nervenklinik Freiburg. Ich möchte ihm nach dieser Probe nicht meinen Regenschirm zur Kur anvertrauen, geschweige denn ein verstörtes Menschenwesen. In die Nachbarschaft der Herren Psychiater rückt Frau Gertrud Bäumer, die zwar grundsätzlich gegen die Todesstrafe ist, aber nur wegen der ihr anhaftenden Irreparabilität: »nicht wegen der mit der Vollstreckung verbundenen Brutalität.« Um Gotteswillen, nur keine weichliche Schwachheit vorschützen! Ein bißchen sozusagen unsittliche Literatur, verehrte Dame, verletzt zwar Ihre Empfindlichkeit, aber Blut, Blut ist ein besonderer Saft! Die meisten der Damen und Herren, die sich an der Rundfrage beteiligt haben, gehören der liberalen Welt an, sie sind durchweg Exponenten des kulturellen Liberalismus, wobei die individuelle Färbung sie entweder mehr traditionsgebunden zeigt oder radikalern Anschauungen zuweist. Sie sind in ihrer Mehrzahl Gegner der Todesstrafe. Ihre Argumentation ist im allgemeinen weder reichhaltig noch sehr tiefsinnig, sondern wiederholt nur die seit hundert Jahren vertrauten sittlichen und religiösen Einwände. Und dagegen läßt sich gar nichts sagen, denn es ist ziemlich unmöglich, neues über eine Frage zu produzieren, die mindestens theoretisch so lange entschieden ist. Bei gewissen Dingen muß man, um das Richtige und Wirksame auszusprechen, einfach den Mut zur Wiederholung finden. Es ist auch sehr lehrreich, daß der Einzige, der sich hier profund gebärdet, von allen am plattesten wirkt. Das ist Herr Otto Flake, von dem man nicht recht weiß, zu welcher der obengenannten drei Kategorien er zu rechnen ist. Man könnte still darüber hinweggehen, wenn nicht der Fall Flake damit definitiv zum Trauerfall würde. Aus einer früher oft denkerischen Erscheinung ist ein exklusiver Modeschreiber geworden, einer, der mit dem Netz unermüdlich nach Nuancen jagt, aber statt bunter Schmetterlinge nur Küchenkäfer einfängt. Wem diese Meinung hart erscheint, der versuche nur die Melodik dieser Sätze: »Ohne Zweifel liegt auf der Scheußlichkeit der Vollstreckung das ganze Gewicht der Abneigung. An sich ist der Tod eine tiefe Angelegenheit, und an sich ist nicht einzusehen, weshalb das Tiefe nicht auch im modernen Leben seinen Platz haben sollte. Auch entspräche der Tiefe der Tat die Tiefe der Sühne. Die Todesstrafe als in sich unmoralisch zu verwerfen, ist für mich wenigstens ein flacher, ja sentimentaler Gesichtspunkt.« Nach dieser auch stilistisch vielversprechenden Introduktion landet Herr Flake schließlich bei einer metaphysisch affichierten Neutralität: »Ich glaube, daß wir sie abschaffen wollen, da wir so wenig wie möglich mit dem Töten zu tun zu haben wünschen. Unmoralisch, weil wir auch das Leben des Mörders für unendlich wertvoll hielten, finde ich die Todesstrafe nicht. Dafür spielt in meiner Philosophie die stoische Idee des Risikos, des Verspielthabens, des vollwertigen Einsatzes eine große Rolle.« Tod, wo ist dein Stachel, wenn Einer nur »seine Philosophie« für den Tod Andrer parat hat? Dieser Philosoph des Verspielthabens weiß selber nicht, wie gründlich er verspielt hat. Hier hat er in tiefsinniger Gespreiztheit, ohne es zu ahnen, die eigne geistige Existenz dekapitiert. Früher war er ein skeptischer wärmeloser Grübler, aber doch ein Grübler; heute geht er umher wie der heilige Dionysius: den Kopf unterm Arm. Neben der Barbarei der Zeit steht der »Freund aller Welt«, Stoizismus predigend, aber vor jeder praktischen Frage in die Mauselöcher seiner selbst erfundenen Philosophie kriechend. Vielleicht hält er seine Geste für sehr männlich ... Es ist das alte Malheur deutscher Schriftsteller, wenn sie sich besonders masculin geben wollen, daß sie dann nur dumm wirken. Herr Flake, der Zweifler von gestern, trägt sich heute gutbürgerlich mit etwas mussolinischem Faltenwurf, aber doch noch so, daß das gute Europäertum eben glaubhaft bleibt. Noch ein Flakon Männlichkeit mehr und der weitere Kurs ist nicht mehr unklar. Ich grüße den Herrn Kriegsberichterstatter von 1935! Die Weltbühne, 24. Juli 1928 796 [Antworten] Sänger Es gibt kein Plaisir, das man in Deutschland nicht mit sehr gewichtiger Politik belastete. Vierzigtausend Sänger fahren nach Wien und flugs wird daraus eine machtvolle Anschlußkundgebung. Man mag zur Anschlußfrage pro oder contra stehen – auf einer Vergnügungsreise wird sie nicht entschieden werden. Und was ist diese Sängerfahrt mehr? Würde dies frohe Fest irgendwo in Deutschland stattfinden, bliebe es eine Angelegenheit der Lokalanzeiger, und die Linksblätter würden über die geschwollenen Männerbrüste und über den Massentransport von blonden Vollbärten ihre Scherze machen, die Musikreferenten es empört ablehnen, sich mit dieser Liedertafelei näher zu befassen und der Rest gehörte den Witzblättern. Und mit Recht. Denn diese Sängerbündelei gilt sonst als Gipfelung des Philistertums, ist gleichsam die Wirtschaftspartei in Musik gesetzt. Dennoch wäre es unsinnig, den guten Leuten ihre Ideale rauben zu wollen; sie mögen die alten Eichen so oft rauschen lassen, wie es ihnen Spaß macht. Aber warum macht man daraus eine hochpolitische Sache, die Alldeutschland in Wallung bringt? Warum müssen die sozialistischen Herren Severing und Loebe sich grade hier als Protektoren gerieren und sich recht überflüssig vor aller Welt exponieren? Das erste Echo des vereinten Männersangs ist sehr mißtönend gewesen. Pariser Chauvinisten ist wieder das bequeme Stichwort von der deutschen Expansionslust hingeworfen worden. Grade in diesen Tagen, wo die Frage der Rheinlandräumung wieder in den Vordergrund tritt, wäre es ein Unfug, durch ein neues Moment die Debatte zu verschärfen. Die sozialdemokratischen Exzellenzherren, deren innere Bilanz einstweilen so kläglich ausgefallen ist, täten gut, wenigstens nach außen hin die kraftstrotzenden Gesten zu vermeiden. Europäische Dinge werden nicht auf einem Sommerfest für altgewordene Kinder entschieden. Was die ästhetische Seite der Sache betrifft, so gibt es einen Leidtragenden, dessen hier mit schwachem Seufzer Erwähnung getan werden soll: – Franz Schubert, in dessen freundlichem Namen diese pompöse Tonfülle in die Ohren der erstaunten Welt braust. Er kann sich nicht wehren, der Arme. Die Weltbühne, 24. Juli 1928 797 Wien, Wien, nur du allein ... In der wiener ›Stunde‹, die seit der großen Tempelreinigung ein kreuzbraves Lokalblatt geworden ist, wird eine gastronomische Bilanz des Sängerfestes gezogen. »Wien hat sein Debüt als Fremdenstadt auch in dieser Hinsicht glänzend bestanden«, resümiert die ›Stunde‹. »18 000 Hektoliter Bier, 10 000 Hektoliter Wein, 250 000 Kilogramm Fleisch, 200 Kilometer Würste komsumieren die Festgäste in fünf Tagen ... Zur gastronomischen Bilanz gehört auch der Kaffeekonsum: zirka 500 000 Schalen täglich, das sind 2 500 000 Schwarze, Braune und Melangen.« Zählt man dazu einen Tabakumsatz von einer Million Schilling und eine Hochkonjunktur der Autotaxi, die auf 750 000 Schilling zu schätzen ist, so ergibt sich das Bild einer höchst opulenten Hochsaison; man beglückwünscht die gastfreie Stadt zu ihrem Sukzess und freut sich aufrichtig, daß ihr das Sterben so brillant bekommen ist. Leider haben die fröhlichen Tage nicht nur eine gastronomische, sondern auch eine politische Bilanz, die weniger verlockend aussieht und deren Minus wir zu tragen haben. Denn es ist nicht nur gesungen, nicht nur pokuliert, sondern auch politisiert worden. Der reichsdeutschen Anschlußpropaganda ist es gelungen, selbst dieses harmlose Kindervergnügen unter ein politisches Banner zu bringen, doppelt überflüssig, weil es sich bei den Teilnehmern vornehmlich um friedfertigstes Kleinbürgertum handelte, um Mitbürger also, denen wir kein Unrecht tun, wenn wir sagen, daß sie ihre Feste sonst unter der Devise zu feiern pflegen, die auf jedem Bierfilz zu lesen ist: Sauf dich voll und friß dich dick und halts Maul von Politik! Man stellt nicht ohne Herzschmerzen fest, daß es wieder der sehr wohlmeinende Herr Loebe gewesen ist, der dem heitern Unternehmen eine Note beigemischt hat, die nicht nur falsch am Platze war, sondern als unerwünschte Folge neues Mißtrauen rings um Deutschland gesät und pariser Alarmbläsern die hoch erwünschte Gelegenheit gegeben hat, mit lange nicht mehr gewohnter Verve ins Clairon zu stoßen. Wenn das wiener Lokalblatt ausrechnet, daß für die etwa eine Million Paar verfutterter Würstchen eine Länge von zwanzig Millionen Zentimeter zu setzen wäre, was zweihundert Kilometer sind und dem Weg von Wien bis Linz entspricht, so muß leider gesagt werden, daß der von Herrn Loebe angerichtete Schaden, in ähnlicher Weise umgerechnet, eine via triumphalis ergibt, die nicht nur bis Linz führt, sondern, wie wir sehen mußten, bis Paris. Herr Loebe, ein liebenswürdiger Innenpolitiker, wird, wenn er sich außenpolitisch verbreitet, jedes Mal ein Unglück auf Laufrädern. Wie kann ein alter, erfahrener Parteimann wie Paul Loebe über die Akkumulation von 200 000 teutschen Stimmbändern, die – siehe oben – nicht nur Vaterlandsliebe befeuchtet hat, in den begeisterten Satz ausbrechen: Das Volk hat gesprochen!? Was hätte die sozialdemokratische Presse gehöhnt, wenn ein Minister der frühern Regierung, ein Keudell oder Schiele, sich ähnlich geriert hätte? Politischer Takt hätte Herrn Loebe verbieten müssen, eine nette Spießerfete also aufzuplustern, politische Klugheit hätte ihm das ärgerliche Echo voraussagen müssen. Seit den Maiwahlen bereitet sich eine entscheidende Debatte um die Rheinlandräumung vor, die durch keine neuen Momente erschwert werden dürfte. Man weiß, wie die Franzosen dazu stehen: teils möchten sie gern nachgeben, teils können sie sich von ihren alten Vorstellungen von Pfand und Sicherheit nicht freimachen. Hier handelt es sich darum, eine Entwicklung ruhig zu fördern, Vorurteile sich an der kühlen Überlegung langsam zersetzen zu lassen, anstatt sie neu zu füttern. Bekanntlich haben sich die französischen Sozialisten eben erst für die bedingungslose Räumung ausgesprochen. Das war das Ergebnis des 20. Mai und ein großer Erfolg deutscher Verständigungspolitik. Es ist kein Gegenbeweis, daß die Partei Léon Blums deswegen lebhafte Anfeindung und wenig Zustimmung erfuhr. Das hat jeder zu erwarten, der zuerst eine Tatsache ausspricht, die beim Gros der Andern erst an die Tür des Bewußtseins klopft. Niemals ist dem Glauben an ein gewandeltes Deutschland so spontan Ausdruck gegeben worden wie in dieser sozialistischen Plattform. Jetzt wäre eine kurze störungslose Zeit für ruhiges Wachstum nötig gewesen. Da dröhnen die Posaunen von Wien herein, die mildere Stimmung ist zerblasen, der alte gereizte Ton wieder da und aus einem nicht sehr wichtigen Okkupationskonflikt wird plötzlich eine bissige Auseinandersetzung, die Stresemanns pariser Reise gefährdet. Denn auch die nachsichtigsten Franzosen verlieren den Humor, wenn sie expansive Tendenzen Deutschlands wittern. Viele der deutschen Anschlußfreunde denken dabei nichts Alldeutsches, die meisten, offen gestanden, überhaupt nichts. Aber in einigen unsrer Nachbarländer riecht man, wenn das Wort fällt, sofort Pangermanismus. Es kommt nicht darauf an, ob die Leute in Paris oder Prag Gespenster sehen, sondern darauf, ob deutsche Politiker Dinge tun, die geeignet sind, ihnen welche zu suggerieren. Der Anschluß ist keine Sache der Propaganda, sondern eine der europäischen Situation. Es liegt über allem noch viel Unklarheit, und es wäre unsinnig, da forcieren zu wollen. Vielleicht wird sich Österreich doch allmählich den slawischen Nachbarvölkern zuneigen, vielleicht wird sich der Anschluß einmal ganz schmerzlos und unter dem Beifall Europas vollziehen. Nur sollte man nicht so wichtige Dinge wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker ausspielen oder an jene großartigen nationalen Einigungen erinnern, die grade das alte Österreich ein Säkulum verhindert hat. Südslawen lebten in mehreren Staaten verstreut, Italien war ein Bündel von kleinen autochthonen Despotien und lästigen Fremdherrschaften. Hier aber handelt es sich um einen sehr großen, in rapidem Tempo erstarkenden und um einen sehr kleinen und schwachen Staat, und beide sind unabhängig. Das sollte doch nicht ganz übersehen werden. Das Größenverhältnis der Partner ist allzu verschieden; im Effekt würde der Zusammenschluß beider nicht eine »nationale Einigung« bedeuten, sondern nur eine Arrondierung des größern. Deutschland wird erweitert werden, Österreich verschwinden, seine besondere Artung in einem riesigen preußisch geheizten Schmelztopf untergehen. Wenn man sich mit Österreichern darüber unterhält, so betonen sie gern die prekäre Lage ihres Landes, seine Zukunftslosigkeit und die Notwendigkeit, aus wirtschaftlichen Gründen irgendwo Zuflucht zu suchen. Dabei erscheint ihnen der Anschluß an Deutschland noch als die mildeste Lösung, aber sie sprechen davon doch wie eine alternde Salondame vom Übergang ins Mütterfach. Man braucht auf die erste Konfrontation in einem staatlichen Gefüge nicht neugierig zu sein. Herr Loebe ist ganz gewiß ein tüchtiger Pazifist, und er glaubt sich schon salviert, wenn er die alldeutsche Phraseologie meidet und sich auf das Wilsonprinzip der nationalen Selbstbestimmung beruft. Aber er vergißt, daß pazifistisches Reden heute zwischen Locarno und Kellogg-Pakt nicht mehr viel heißt und daß ein Staatsmann oder Militär alter Schule, der noch munter die Tugenden des Krieges preist, so fremd wirkt wie eine eben gefundene Grammophonplatte aus der Steinzeit. Und er vergißt, daß es heute nur eine Entscheidung gibt: entweder die völlige Neugestaltung der Grenzen nach streng nationalen Prinzipien – das hieße folgerichtig: die Proklamierung der deutschen Irredenta in allen vier Himmelsrichtungen – oder die langsame Aufhebung der Grenzen überhaupt: – die Vereinigten Staaten von Europa! Von dieser Entscheidung sollte der internationale Sozialist Paul Loebe eine Ahnung haben.   Während sich Augen und Ohren der deutschen Presse nach Wien wenden, hat sich indessen ein Zwist mit der französischen Regierung entwickelt, der noch eben und eben glimpflich zu enden scheint. Die Linksblätter sind etwas verlegen, bei Hugenberg tanzt man. Da die Beziehungen zu Frankreich noch immer recht zerbrechlich sind und die Freundlichkeiten noch recht jungen Datums, ist es nicht ohne Belang, wer Deutschland in Paris vertritt. In der deutschen Botschaft amtet Herr von Hoesch. Er wohnt in Paris, aber lebt dort nicht mehr. Er lebt in dem luftleeren Raum einer selbsterdachten Politik. Bei der Beurteilung dieses Diplomaten darf man gewiß nicht seine Meriten vergessen. Er hat als Geschäftsträger während des Ruhrkampfes und nachher die schwerste Zeit der deutsch-französischen Nachkriegsirrungen durchgemacht, und damals gerettet, was zu retten war. Der Maisieg der französischen Linken von 1924 steckte ihn fast mit einem radikalen Jakobinismus an. Dann kam Poincaré wieder, und zu ihm fand Herr von Hoesch keine andre Haltung als die Mehrzahl der deutschen Demokraten, die feindselige Resignation des Hebbelschen Wortes: »Darüber kann kein Mann weg!« Wir brauchen aber einen pariser Vertreter, der darüber hinwegkann, der mit den Mächten umgehen kann, die da sind, nicht mit den Bildern seiner Wünsche. So ist heute der seltsame Zustand da, daß man in der Wilhelmstraße die Möglichkeiten der Verständigungspolitik in Paris viel optimistischer einschätzt als in der dortigen Botschaft. Die ist kein Relais des guten Willens mehr, sondern in Wahrheit eine Barriere, ein Abschluß. Stop. Der Herr Botschafter zehrt von seinen alten Verdiensten, denen er allerdings auch seine frühe Karriere verdankt. Es mag sein, daß er sich seit Locarno etwas in die zweite Reihe gedrückt fühlt. Seit die Außenminister sich in Genf in persönlichen Begegnungen aussprechen, hat die deutsche Botschaft manches von ihrer Bedeutung von 1924 eingebüßt. Die Methoden des Herrn von Hoesch, die Wichtigkeit aus eignem zu erhöhen, können nicht als sehr glücklich bezeichnet werden. Die neue Rolle separiert Herrn von Hoesch nicht nur von den Franzosen, sondern auch von seinen Landsleuten. Deutsche Journalisten klagen über ein nicht immer gewünschtes Patronat; gesellschaftliche Konflikte verderben die Stimmung. Aus dem gewandten, legeren Herrn, der er vor ein paar Jahren noch war, ist der würdevolle, unnahbare Schirmherr des allmählich ranzig werdenden kulturellen Rapprochements geworden. Früher, als er noch ein freundlicher Gesellschafter war und noch nicht the right Honourable, erzählte er deutschen Besuchern gern, wie er sich in seiner Amtszeit in Madrid für Stierkampf interessiert habe. Er hat damals sogar das Stierkämpfen praktisch gelernt, indem er Unterricht bei einem richtigen Torero nahm und sich einen jungen andalusischen Kampfstier hielt. Die Geschichte ist indessen nicht so blutig, wie man meinen könnte, denn dem Stier waren vorsichtigerweise die Hörner wattiert worden, während die Degenspitze seines Gegners durch einen Korken unschädlich gemacht war. Trotzdem muß es ein Anblick von schöner Sinnbildlichkeit gewesen sein, wie sie da umeinander herumtanzten, der junge Professional der subtilsten politischen Kunst und der Repräsentant der unzähmbaren militanten Naturkraft. Der arme Stier wird inzwischen lange auf gelbem Sand verblutet sein, aber sein einstiger Teilhaber am Spiel hat es weit gebracht. Nur schade, daß sich in ihm manchmal auch hauptamtlich die Torerogelüste wieder regen. Das Auswärtige Amt würde nützlich handeln, ihm einen dicken Pfropfen auf den Degen zu stecken, denn die französische Politik stößt trotz alledem auch lieber mit wattierten Hörnern.   Wenn nicht einige besondere Unglücksfälle eintreten, wird in ein paar Wochen in Paris der Kellogg-Pakt von vierzehn Außenministern feierlich unterzeichnet werden. Es besteht nämlich noch immer die Möglichkeit, daß Herr Kellogg in der eignen Heimat, wo er zu den weniger geschätzten Politikern gehört, havariert. Ganz von dem zu schweigen, was sich etwa in Europa noch ereignen kann. Wer glaubt an den Friedenspakt? Er ist nicht der allgemeinen Überzeugung entsprungen, sondern ein Zierstück der Diplomatie, die in ihrer Weise ein großes pazifistisches Dokument schaffen möchte, ohne an den bestehenden Zuständen etwas zu ändern. Man könnte Herrn Kelloggs Werk noch viel schärfer kennzeichnen, man könnte es leicht eine Verbeugung der Heuchelei vor der Tugend nennen. Von den Kriegern des Generals Sandino wird wohl keiner eingeladen werden ... Dennoch darf der Wert selbst solcher Gesten nicht mit kalter Schulter abgetan werden, denn Kelloggs Plan ist immerhin ein imponierender Versuch, die imperialistischen Wallungen der Nachkriegswelt zu zivilisieren. Es fehlt den Großmächten heute bei aller Ausgestaltung ihrer Kampfmittel an der festen zupackenden Roheit von früher. Die Bestialität ist nachdenklich geworden und reflektiert über die Folgen ihrer Exzesse. Die Route jedes Kriegswagens führt heute in ein Ungewisses: in die Revolution. Bleibt also der Kellogg-Pakt, so lange die Mächte nicht an Abrüstung denken, bestenfalls ein Stück Papier, so wird er schlimmernfalls eine drohende Gefahr, wenn Rußland nicht in seinen Plan einbezogen wird. Dabei sollte man sich nicht durch Moskaus unfreundliche Sprache abschrecken lassen. Die russische Sehnsucht, den Weg in die Welt zurückzugewinnen, ist realer als die noch immer herausfordernd gezeigte Attrappe der roten Revolution. Das System der Amerikaner ist nicht unbedingt gegen Rußland gerichtet, aber es kann in einem kritischen Augenblick sehr leicht zum Rahmen einer antisowjetistischen Weltallianz werden. Hier eine Annäherung zu fördern, wäre eine großartige Aufgabe der deutschen Politik, wäre ein entscheidender Beitrag zur Entbarbarisierung Europas. Gibt es in Deutschland heute noch ein Ostprogramm? Die sogenannte östliche Orientierung aus dem Geiste der Reichswehr ist glücklicherweise an dem eignen Gasgeruch verendet. Der einzige bürgerliche Politiker, der noch eine bedeutende Konzeption der Ostfragen im Kopfe führt, ist der konservative Professor Hoetzsch. Die Sozialdemokraten sehen in den Leuten, die in Moskau regieren, Ausbrecher, die eigentlich reumütig zu Erzvater Kautsky zurückkehren müßten. Sie sehen die russische Politik ausschließlich unter dem Aspekt des sozialistischen Bruderkrieges, und wenn man ihnen auch konzedieren kann, daß ihnen die Kommunisten eine andre Haltung nicht leicht machen, so hilft das auch nicht weiter. Es fehlt auf beiden Seiten ein Genie der Synthese. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg, und hier soll nur dargetan werden, daß unsre Außenpolitik im Osten vitalere Positionen zu erobern hat als im Südosten. Es ist billig, durch gelegentliche Grobheiten gegen Polen in Moskau flüchtigen Applaus zu finden, aber nicht auf dies fatale Spiel kommt es an, sondern auf die Rückführung Rußlands nach Europa. Deutschland steht durch sein geopolitisches Schicksal dieser Frage räumlich am nächsten. Und sie sei deshalb unsern Herrn Außenpolitikern mit besonderer Sorgfalt ans Herz gelegt, wenn sie aus der Stadt ihrer Träume zurückgekehrt sind. Die Weltbühne, 31. Juli 1928 798 Raditsch und Förster Seit 1918 ist Bayern im Deutschen Reich das Stellwerk, das nicht funktioniert. Das hat zu mehr als einer Entgleisung geführt, deren Schaden stets das Reich zu tragen hatte und mit einer kaum mehr irdischen Geduld getragen hat. Das sozialistische Sachsen wurde von Reiches wegen exekutiert; Bayern blieb mit Mann und Roß als politischer Naturschutzpark erhalten. Jetzt hat eine Kette von jämmerlichen Unglücksfällen schonungslos den Rost an der Apparatur aufgedeckt. Die französischen Regiebahnen an der Ruhr, klagt das regensburger Blatt des Herrn Ministerpräsidenten, liefen sicherer als unsre kirchlich gesegneten Waggons. Die berühmte bayrische Staatspersönlichkeit, die wir so gut kennen gelernt haben, kann zwar ihr Veto nach Berlin donnern, aber nicht einen Schienenstrang in Ordnung halten. Die fünfzig Toten, die der bayrische Eisenbahnbetrieb in den letzten Monaten gekostet hat, sind zu Ehren jenes »gesunden Föderalismus« geopfert worden, den der klerikale Herr Premierminister Held ebenso gern im Munde führt, wie der so schrecklich rote Herr Erhard Auer. Aber was die politischen Katastrophen nicht bewirken konnten, das holt diese letzte von Dinkelscherben nach: man befaßt sich mit Bayern. Man betrachtet seine dem Reich abgeluchsten Gerechtsamen kritisch. Der Herr Generaldirektor Dorpmüller, von dem man nicht sagen kann, daß ihm das soziale Salböl auf den Gehrock trieft, ist durch münchen-augsburger Attacken tückisch geworden und kompromittiert mit ziffernmäßig unbestreitbaren Angaben die verkehrstechnischen Künste der bayrischen Eigenstaatlichkeit bis aufs Blut. Bayern hat sich sogar aus der verruchten Dawes-Versklavung seine Privilegien herausgeholt, und wenn es auch an politischer Offensivlust seit 1923 einiges verloren hat, so hat es doch in seinem Eisenbahnbetrieb nicht ohne Erfolg Sechsundsechzig gespielt, und Siegelsdorf und Dinkelscherben und zwei Katastrophen in München selbst sind die traurigen Merksteine. Während in Deutschland die Diskussion über die Neugliederung des Reiches allmählich dichter wird, wenn auch die entsprechenden Taten gewiß noch in weiter Ferne liegen, haben sich die Stämme des jungen Südslawischen Königreichs in einen innern Konflikt verwickelt, der zu einem Rückfall in lange Überwundenes führen würde, wenn er mit einem Erfolge der heutigen Opposition enden sollte. Der Gegensatz zwischen Belgrad und Agram hat nicht nur seine wirtschaftlichen Motive, lange Jahre südslawischer Geschichte senden plötzlich ihre alten Parolen wie Gespenster in die Gegenwart. Obgleich an der Bildung dieses Staates viele Kräfte sowohl in Altserbien als auch im Habsburgerreich selbst gearbeitet haben, so ist er doch schließlich mehr eine historische Improvisation geworden als Werk des planenden Willens. Grade in Kroatien hat es viele angesehene Politiker gegeben, die bis in die letzten Kriegstage an die Möglichkeit einer südslawischen Autonomie im Rahmen des alten Reiches geglaubt und für Wien und Budapest auch nicht die schmierigsten Propagandageschäfte verschmäht haben. Ihre Beteiligung an der Begründung des gemeinsamen Staates der Serben, Kroaten und Slowenen war in manchen Fällen weniger Begeisterung und Wille als Flucht vor den italienischen Heeren, die nach dem österreichischen Zusammenbruch am Isonzo Dalmatien, Krain und Steiermark zu überfluten drohten. Die italienische Serbenfeindschaft ist ja nicht neuen Datums. Schon im Kriege widmete die römische Regierung ihre besondere Aufmerksamkeit der kommenden Adriamacht, die sich selbst als Nachfolgerin Österreichs designiert hatte. Das Interesse der Altserben zielt nach dem Balkan. Die Kroaten dagegen fühlen sich der Adria verbunden. Italien ist der unruhige, sprungbereite Nachbar. Deshalb sträuben sie sich gegen die in Belgrad gemachten Freundschaftsverträge von Nettuno, wie denn von jeher mißtrauische Grenzbewohner sich von der weit abliegenden Hauptstadt verraten sahen. Noch heute verweisen die Altserben gern auf ihre ungeheuren Blutopfer zu einer Zeit, wo die Repräsentanten Kroatiens noch unentwegt k.u.k. Kriegspolitik trieben. Wie 1917 in einer Sitzung im kroatischen Landtag bekannt wurde, planten in der wüsten Woche nach dem Attentat von Serajewo die Behörden von Agram den »Volkszorn« gegen einige nationalradikale Führer zu organisieren. Unter denen, die als Serbenfreunde der Lynchjustiz geopfert werden sollten, befand sich auch der Demokratenführer Svetozar Pribitschewitsch, der heute mit Raditsch zusammen die Opposition gegen Belgrad führt. Übrigens gibt es auch in den Memoiren des Erzgauners Ignaz Strassnow ein anmutig duftendes Kapitel über die Begegnung mit einem der Herren Tribunen von Agram. Der Gegensatz zwischen Serben und Kroaten ist also nicht neu, aber daß die Feindschaft die letzte gefährliche Verschärfung erhielt, dazu gehörte die Wahnsinnstat eines großserbischen Fanatikers, der vor ein paar Wochen mitten in der Parlamentssitzung in die Reihen der kroatischen Führer hinein seinen Revolver abfeuerte und neben andern Abgeordneten auch Stephan Raditsch, den vergötterten Bauernkönig, schwer und vielleicht zu Tode traf. Stephan Raditsch gehört zu den merkwürdigsten Gestalten der Gegenwart. Ein primitiver und komplizierter Mensch, phantastisch und kalt berechnend durcheinander. Bald ein Staatsmann von Mäßigung, bald ein roher, aufreizender Rhetor, nicht nur von der Pracht seiner Bilder berauscht. Oft ein Künder großer Konzeptionen, oft wie ein Groschenprophet à la Häusser. Seit 1905 steht er an der Spitze der kroatischen Bauernpartei, aber wie groß und wie häufig seine Wandlungen auch waren, niemals hat er die Gunst seiner Gefolgschaft eingebüßt, ob er, wie im alten Österreich glühender Anhänger der Monarchie war, ob er, wie im neuen Jugoslawien, bald mit Moskau paktierte, bald König Alexanders Minister war. Das Weltbild dieses streitbaren und streitsüchtigen Menschen ist trotzdem eine pazifistische Utopie. Der Bauernhof ist sein Horizont, und sein Europa nicht mehr als eine Konföderation von ungezählten friedlich nebeneinander arbeitenden Bauernhöfen – die echte Vision eines christlichen Slawen, ein Panagrarismus, in dem kein Fabrikschornstein Platz hat. Mit einer rührenden Inbrunst hat er in frühern Jahren den Träger dieser Idee in – dem Kaiser Franz Joseph gesehen. Ja, der riesengroße habsburgische Völkerkäfig war ihm nur das Reich der europäischen Mitte, das Reich einer christlichen Demokratie, bereit, alle Nachbarn freundlich aufzunehmen. Den Krieg sogar betrachtete er lange Zeit als eine Art Kreuzzug gegen die Ungläubigen, die sich diesem Ideal nicht beugen wollten. Wenigstens hat er es seinen Schäflein so gepredigt. Selbstverständlich teilen die demokratischen Kroatenführer von Agram, die Advokaten und Journalisten sind, wie andre bürgerliche Politiker auch, diese verstiegenen Spekulationen nicht im geringsten und seufzen gewiß oft bitter über ihren phantasievollen Alliierten. Aber Raditsch ist die Macht, die die bäuerlichen Massen beherrscht. In Belgrad hat man indessen gegen den Frommen aus innerm Beruf einen Frommen von Profession gestellt, den katholischen Priester Koroschetz, den Slowenenführer, der bereits dem ersten Kabinett des geeinten Königreiches, dem Triumvirat Protitsch-Koroschetz-Trumbitsch angehört hat. Der Priester Koroschetz hat als slowenischer Politiker unter der seligen Dynastie für den Trialismus geschwärmt, von dem die gemäßigten slawischen Politiker Österreich-Ungarns alles Heil erwarteten. Es ist die besondere Ironie der Geschichte, daß heute Raditsch und seine Getreuen von Agram aus die Dreiteilung nach Stämmen für das Jugoslawische Königreich fordern, während der slowenische Partikularist von einst Einheit und Unantastbarkeit der Zentralgewalt vertreten muß. Es gibt heute vielleicht nur noch einen Mann in Europa, der so gläubig an dem Weltbild seines Wunsches hängt wie Stephan Raditsch, das ist Friedrich Wilhelm Förster. Sie sollen bei Leibe nicht mit einander verglichen werden, denn sie sind nach Charakter und Wissen himmelweit voneinander geschieden. Der Eine ist bei aller Verschwärmtheit trotzdem ein bauernschlauer Demagog und Praktiker, wie er im Buch steht, der Andre ein Gelehrter in teilweise selbstgewollter Isolierung. Aber beide verkünden sie die christliche Demokratie, die Gesellschaft der einfachen Menschen, deren Staat kein Machtgebilde ist, sondern dem friedlichen Wesen seiner Bewohner entspricht. Försters Staat ist eine Lehrkanzel, der nichts zu Gebote steht als die Idee, und Förster ist der letzte Künder der Theokratie in einer götterlos werdenden Zeit. Man kann das ablehnen, man kann seine katholisch durchtränkte Sittenlehre ablehnen, man kann seinen Föderalismus heute antiquiert finden. Aber man kann den Mann nicht wie einen bösen Feind und Schädling behandeln. Es ist schwer zu begreifen, daß sich die demokratische Presse jetzt Förster mit Vorliebe zur Zielscheibe nimmt, nachdem die reaktionäre es schon fast aufgegeben hat. Und es muß mit besonderm Bedauern gesagt werden, daß ein feines und manierliches Blatt, wie die ›Frankfurter Zeitung‹, das sich sonst nie ohne Gummischuhe in eine Polemik begibt, um die Lackkappen zu schonen, sich dies Mal vor Förster so weit vergißt, die Gummischuhe auszuziehen und damit loszudreschen, wie nur irgend ein Lokalanzeiger. Förster hat seiner Skepsis gegen die Anschlußpropaganda ehrlichen Ausdruck gegeben, und die Frankfurterin schmettert wie in Konkurrenz mit Herrn Hussong etwas »von jenen Pazifisten, die in ihrem leidenschaftlichen Bedürfnis nach ewigem Frieden nicht Ruhe geben werden, als bis sie die Völker im Sinne jenes Arztes zur Strecke gebracht haben, dessen Operation gelang, aber dem Patienten das Leben kostete«. Sieh, sieh, dann gehört also wohl ein kleiner stärkender Krieg dazu, um die Völker wieder auf die Beine zu bringen? Und dann sucht die Frankfurterin nach der berühmten »kleinen Schar verantwortungsvoller Freunde hüben und drüben«, die nicht nur gegen die chauvinistischen Kriegshetzer gerichtet ist, sondern auch »gegen die fanatischen Friedenshetzer von der Art F.W. Försters«. Wenn man die Sache nicht hübsch gemütlich betreibt, wenn das Tempo der kleinen Schar verantwortungsvoller Freunde zu heftig ist, so bedeutet das »Friedenshetze«. Ich weiß nicht, ob die Prägung original ist oder Stresemanns genfer Teerede entnommen. Wenn das der Fall ist, hat man in Frankfurt allerdings ein paar besonders schmückende Worte, die Stresemann damals gebrauchte, in der Eile vergessen. Übrigens deutet die ›Frankfurter Zeitung‹ selbst etwas über die »Kompliziertheit« der Anschlußfrage an und daß es mit »einer gefühlsmäßigen Fundierung« wie jetzt in Wien nicht getan sei. Hier kontrolliert das Unterbewußtsein besser als der wache, augenblicklich durch Zornesausbrüche echauffierte Verstand. Die Anschlußpropaganda, wie sie jetzt betrieben wird, ist die letzte Seifenblase aus Friedrich Naumanns ehrwürdiger Mitteleuropa-Schaumpfeife, die von den meisten liberalen Blättern reichlich benutzt worden ist. Nach dem ersten größern außenpolitischen Unglücksfall wird man das auch in Frankfurt freimütig zugeben. Warum aber einen Mann stäupen, der es schon heute weiß – und sagt? Die Weltbühne, 7. August 1928 799 Die Stillen im Lande In Brüssel findet zurzeit ein internationaler Kongreß der sozialdemokratischen Parteien statt. Die Zweite Internationale hält Musterung, das noch immer größte Parteigefüge des Erdkreises. Das müßte eigentlich ein Ereignis sein. Doch die große Nachrichtenpresse starrt unverwandt nach Olympia, und die rekordhungrigen Ellenbogen und Kniekehlen von Fräulein Soundso sind ihr viel wichtiger als die versammelten sozialistischen Denkerprofile von Brüssel. Früher konnte ein Sozialistenkongreß die Welt tagelang in Erregung halten, heute nimmt man tagelang überhaupt keine Notiz davon. Selbst in der Berichterstattung der gewissenhaftesten Blätter klaffen ganz große Lücken, man bekommt überhaupt kein Bild von dem, was in Brüssel geredet wird, wie die Kräfteverteilung in den verschiedenen Gruppen ist. Nur daß Herr Vandervelde sich jetzt bezüglich der Rheinlandräumung den französischen Sozialisten angeschlossen hat, wird rot unterstrichen. Aber es handelt sich hier auch um eine akute Frage, die ganz Europa angeht, und Herr Vandervelde ist ein bekannter Mann, der nicht des Sozialistenkongresses als Hintergrund bedarf, um mit Aufmerksamkeit gehört zu werden. In Deutschland, in Frankreich etcetera achtete man wohl auf das, was zu einzelnen Dingen gesagt wurde, weil einzelne der Herren Regierungen nahestehen oder ihnen bald wieder angehören werden. Aber niemand kümmerte sich darum, daß es Sozialisten sind, die da zusammenkamen, und daß sie die Sprecher von millionenstarken Arbeiterparteien sind. Das fiel ganz untern Tisch, und was die Herren etwa an wirtschaftlichen Erleuchtungen zu vermelden hatten, wurde kaum erwähnt. In diesem Unterlassen liegt die schärfste Kritik der Veranstaltung und der Veranstalter, eine schärfere als die der kommunistischen Gegner, die jetzt mit Marxkommentaren bewaffnet den Nachweis beginnen werden, daß die in Brüssel gehaltenen Reden und die entsprechenden Beschlüsse nicht dogmentreu sind, sondern reformistisch und opportunistisch. Überflüssiges Bemühen. Denn diese Parteien haben sich alle mit einem Zustand ausgesöhnt, den sie die Wirklichkeit nennen. Dadurch wird einiges Gute geschaffen, weil Personen und Schichten in die vordere Reihe kommen, die früher als revolutionär ausgeschlossen waren. Aber den Profit davon hat die bürgerliche Gesellschaft, denn an die Stelle welkender Traditionalisten treten Unverbrauchte. Aber zugleich bedeutet der Friedenspakt mit den Sozialisten eine gründliche Vertagung aller Radikalitäten, und namentlich sozialer. Niemals ist der Kapitalismus besser geborgen als in den Zeiten, wo Sozialisten am Ruder sitzen. Denn deren Bemühen richtet sich immer vornehmlich darauf, ihre Wähler, die sich einbilden, jetzt wo ihre Leute oben sitzen, käme die Ernte, gut in Disziplin zu halten. Und wenn die Regierung dann endlich ihre Reformvorlagen ankündigt, muß sie schon wieder gehen. Man hat diesen Turnus jetzt in verschiedenen Ländern hinreichend kennen gelernt. So werden voraussichtlich die englischen Konservativen bald die Regierung neidlos an die Labourists abtreten. Die dürfen dann die üble Rußlandpolitik liquidieren, an den Wirtschaftsnöten hilflos herumdoktern und müssen sich dafür Verräter und Dilettanten schelten lassen, um schließlich diesen Vorwürfen zu erliegen. Deshalb kann für die Sozialisten ein Wahlsieg verhängnisvoller werden als für die Andern eine Niederlage. Die sozialistischen Arbeiterparteien haben in bezug auf Lautstärke und Entfaltung vitaler Energien lange nicht mehr das Prae. Es gibt stark konservative Gruppen, die sie an Lebendigkeit weit übertrumpfen. Bauernführer, wie Maniu oder Raditsch, haben noch vor Kurzem eine Sprache geführt und eine Stoßkraft entwickelt, wie sie mächtige Gewerkschaftspräsidenten in ihren rötesten Träumen schaudernd ablehnen würden. Die sozialistischen Parteien sind überall wie automatisch an den Platz der alten Liberalen getreten, wobei nur fatal ist, daß sie nicht die stürmische Jugend und die kraftvolle, bewußte Mannheit ihrer Erblasser zur Nachahmung reizt, sondern daß sie überganglos deren sanfte Altersreife fortsetzen.   Was würde zum Beispiel Eugen Richter zu Hermann Müller sagen, der sich jetzt von den Koalitionsgenossen in Volkspartei und Zentrum doch noch zum Bau des Panzerkreuzers A drängen läßt ...? Als Erklärung wird auf die frühern Beschlüsse dieser Parteien verwiesen, keine Rolle spielt jetzt mehr die scharfe Gegnerschaft, die dieser Bauplan noch vor ein paar Monaten im Reichsrat gefunden hat, und zwar unter Preußens Führung. Die Versicherungen, daß dafür an andern Positionen im Wehretat gespart werden soll, wollen wir mit jener wachsamen Nüchternheit aufnehmen, die bei der Ankündigung okkulter Überraschungen am Platze ist. Die Sozialisten haben sich jedenfalls breitschlagen lassen, und in der nächsten Zeit werden wir wohl einiges hören über die tiefe Tragik einer republikanischen Regierung, die so gern so vieles möchte und die doch gezwungen ist, auszuführen, was ihre böse Vorgängerin beschlossen. Die Tragik der Kontinuität ... Daß die Herren vom Zentrum und der Deutschen Volkspartei an ihren alten Beschlüssen festhalten, ist gewiß recht prinzipienfest. Aber die Sozialdemokraten, die sich davon imponieren lassen, sollten nicht verkennen, daß diese beiden Parteien eben deswegen im Wahlkampf so schlecht weggekommen sind. In der Tat spielte dies vom Kabinett Marx erfundene Panzerschiff im Wahlkampf eine große Rolle, man sah darin nur einen Prestigewunsch des grade durch den Lohmannskandal so übel mitgenommenen Marinismus. Soll die Linksregierung jetzt das ausführen, was die Rechtsregierung zum Straucheln brachte? Dann war doch der ganze Aufwand gar nicht nötig! Dann müßte man doch ohne Aufschub realisieren, was die Regierung Marx-Keudell sonst noch als Material hinterlassen hat! Die Republikaner sind sehr still. Namentlich in der sozialistischen Presse herrscht jenes pietätvolle Schweigen, das immer ausbricht, wenn die Partei zu regieren beginnt.   Ein Mal im Jahre werden die Stillen laut. Das ist am 11. August. Da freut man sich unbändig, wie gut man mit der Beschwörungsformel von Weimar das Chaos gebändigt hat. Die Herren sehen an, was sie gemacht haben und finden es gut. Es sei. Die repräsentative Festrede war dies Mal Herrn Professor Radbruch anvertraut worden, dem man, auch wenn man wenig von dem unterschreibt, was er sagte, gern bestätigt, daß seine Rede die klingendste und wirkungsvollste und ganz gewiß die interessanteste war, die bisher auf einer Verfassungsfeier gehalten wurde. Herr Professor Radbruch hat sorgfältig die Plattheiten, den Sedanfeierstil gemieden, der bisher republikanische Feten oft verunschönt hat. Es muß gewiß berücksichtigt werden, daß er zu einem überparteilichen Auditorium sprach. Aber war es wirklich notwendig, die sozialistische Herkunft so zu verleugnen und sich auf einen freundlichen schwyzer Bürgerliberalismus zurückzuziehen mit einem Minimum von Beziehungen zu dem, was ist? Es gehört ein so ausgezeichneter Redner wie Radbruch dazu, um in solchen Partien glücklich um die blanke Trivialität herumzukommen. Die Devotion vor Herrn von Hindenburg macht der Höflichkeit seines Herzens alle Ehre, ist aber geeignet, in seiner eignen Partei Verwirrung anzurichten. Der Herr Reichspräsident ist eine Institution, die nur schmähen wird, wer für diese Institution eine andre wünscht: wer also kein Republikaner ist. Eine besondere Liebe zu der Zufälligkeit der Person braucht damit nicht verknüpft zu sein. Herr Professor Radbruch hat zum Preise Hindenburgs einen breit dahin wallenden Vers von Stefan George zitiert. Andre werden mit weniger gewähltem Geschmack deklamieren, und wir sind dann wieder mitten in Kaisergeburtstagslyrik und Byzantinertum. Vestigia terrent. Würde in Frankreich wohl ein Redner auf die Idee kommen, Herrn Doumergue eine Strophe von Paul Valéry zu dedizieren? Ein besonderer Teil von Herrn Radbruchs Rede war einer Art republikanischer Seelsorge für die vom Parteitreiben Verärgerten gewidmet, und manches erinnert da in der Klangfärbung etwas an eine Philippika, die der Herr Redner vor einiger Zeit gegen den »Weltbühnenradikalismus« gehalten hat. So nannte er eine bestimmte kritische Haltung gegen unser Parteiwesen. Ich möchte keine Unklarheit aufkommen lassen: wir denken gar nicht daran, den Leuten ihre Parteien verekeln zu wollen, aber was wir wünschen ist, daß sie besser funktionieren sollen. Daß sie ihren Begabungen den rechten Platz geben, das Werdende nicht niederdrücken, als Regierung halten, was sie als Opposition versprochen. Bei dem Kampf um die Justizreform, zum Beispiel, stößt man überall auf gefährliche Hemmungen, die nicht etwa unter einem reaktionären Justizminister wie Herrn Hergt oder Herrn Emminger geschaffen worden sind, sondern unter der Ära eines auch Herrn Radbruch bekannten aufgeklärten Rechtsgelehrten, den das linke Deutschland seiner Zeit mit den freudigsten Hoffnungen begrüßt hat ... Solche und ähnliche Kritik sollte man nicht als beklagenswerten Fanatismus verabscheuen, nicht der ohnehin mehr zu Tode geredeten als zu Tode gedolchten »deutschen Zwietracht« aufs Konto schreiben. Wenn man in unsern Parteien mehr Verwaschenheit als Gefühl für notwendige Distanzierungen findet, wenn parlamentarische Koalitionen, die sachlich wohl zu rechtfertigen sind, in der Praxis auf ein Verhältnis frère et cochon hinauslaufen – wenn man das ankreidet, so ist das nur pflichtbewußte demokratische Kontrolle und nicht Schürerei von Zwietracht. Auch das »Kriegserlebnis« hat Herr Radbruch wieder aufleben lassen. Es gibt Erlebnisse, von denen am besten nicht gesprochen wird. Es wird kein Einzelmensch erzählen: Dann und dann kam ich ins Tollhaus. Auch als Volk sollte man nicht mit solchen Daten renommieren. Wenn das Kriegserlebnis schon für unerläßlich gehalten wird, dann sollte man lieber erinnern, wie man belogen und betrogen wurde, und wie selbst, grade vor zehn Jahren jetzt, als die Niederlage kaum mehr zu vertuschen war, die öffentliche Meinung noch immer auf Sieg geschminkt wurde. Und es hätte auch nichts geschadet, an diesem Verfassungstag an den von 1923 zu erinnern, wo Herr Cuno käseweiß und fahrig herumlief. Berlin stand im Streik, der Verkehr war stillgelegt, Zeitungen erschienen nicht, in den Arbeitervierteln ballten sich die Massen – es war wieder wie 1919. Zwei Tage später demissionierte das Inflationskabinett. Das ist erst ein Jahrfünft her, und wer denkt heute noch daran. Und doch wäre das ein trefflicher Text für eine Verfassungspredigt, wohin die Republik kommt, wenn sie sich von einem nationalistischen Gaukelspiel ködern läßt. Aber die mise-en-scène verträgt keine ernsten Farben. Nun ist das Fest absolviert, das Feuerwerk verbrannt. Die schöne Freiheitskulisse hat ihren Dienst getan und wandert wieder auf den Schnürboden. Bis zum nächsten 11. August. Die Wand verabschiedet sich: Ich, Wand, hab meinen Part tragiert, drum Wand sich jetzt empfiehlt und abmarschiert ... Die Weltbühne, 14. August 1928 800 Kompromiß Venetia Es ist nicht alltäglich, daß ein junger Unterhaltungsschriftsteller von blendenden Gaben, der sich auf den ersten Anhieb Welterfolg geholt hat, plötzlich seine Ziele weiter steckt, ohne darüber die Vorzüge seines Metiers zu verlieren. Michael Arlen ist bei Kriegsende blutjung und bettelarm mit nichts als einem langen armenischen Namen und mangelnden englischen Sprachkenntnissen in London eingezogen. Dann kamen ein paar mit früher Virtuosität geschliffene Gesellschaftsromane, die ihn zum Mann des Tages machten. Vor ein paar Wochen zeigten die großen Modemagazine Bilder von der Hochzeit des Herrn Michael Arlen mit der Contessa Mercati in Cannes. Doug und Mary waren Gäste, dazu etliche amerikanische Finanzgrößen, die gelegentlich ein paar europäische Börsen durch den Reifen springen lassen. Schöne Frauen, pikfeine Automobile, Anzüge zum Entzücken; Hochzeit in Cannes. Es ist wie ein Traum von Kasimir Edschmied. Jetzt stellt sich der erfolgreiche Michael Arlen mit einem vielumfassenden Zeitroman vor, der beweist, daß er in Sybaris nicht entnervt und versüßlicht, sondern nur verfeinerter, hellhöriger und beweglicher geworden ist. Das Buch heißt in der deutschen Ausgabe »Kompromiß Venetia« (Weller \& Co., Leipzig), spielt in Krieg und Nachkrieg, zeigt Aufschwung und Hoffnung der Jugend und ihren Verfall und die Kompromisse und die schließliche Einordnung nach allem Spektakel. Das ist mit Bissigkeit und Laune und mit sehr, sehr viel Menschenkenntnis geschrieben. Nichts gemahnt mehr an Galsworthy, den soliden Porträtisten der guten englischen Familie. Dem steckt, auch wo er tadelt, die Ehrfurcht tief in den Knochen. Er ist der Eingeborene, der nicht nur die Gesetze, sondern auch die nationalen Vorurteile achtet. Nicht nur das rapidere Temperament trennt Arlen von dem Chronisten der Viktorianer. Denn er sieht Britannia mit den Augen des Fremden, mit den Augen des nichtgeladenen Ballgastes, der toleriert wird, weil er gut gekleidet und amüsant ist und der seinerseits die ganze Gesellschaft zum Totlachen findet, ohne die Krähenfüße zu vergessen, die geheimer Kummer den Leuten um die Augen gekritzelt hat. Kaum bietet sich dem Gesellschaftskritiker ein besseres Objekt als England, denn nirgends war die Konvention eherner, nirgends ihr Sturz katastrophaler. Das Chaos, fünf Minuten nach diesem Weltuntergang, hat hier seinen damit nicht unzufriedenen Interpreten gefunden. Während Oscar Wilde sein Lebelang in einem Salon seine memorierten Pointen abbläst, Shaw seit vierzig Jahren einen unsichtbaren internationalen Fabierklub apostrophiert, hat Michael Arlen sich mit schöner Ungezwungenheit mitten im geheiligten britischen Schlafzimmer niedergelassen, ohne sich von den von der Schicklichkeit gezogenen Pentagrammen Pein machen zu lassen. Die Heldinnen der englischen Romanciers bleiben sonst immer Klippschülerinnen der Liebe, ihre Sünderinnen reden wie Diakonissen, die sich einen guten Tag machen wollen, und meistens bleibt der Herr Autor die Antwort schuldig, worin die Sünde eigentlich besteht. Man frage einen ergrauten Anglisten wie Wolf Zucker, wann die letzte Romanengländerin im Bett gesehen ward? Man muß wohl in die aufgeräumten Zeiten von Fielding und Smollett zurückpilgern. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Venetia, die schöne Tochter eines Finanzmagnaten, die früh vereinsamt, in dem Dunstkreis einer lasciven väterlichen Lebensführung zu einem seltsam verschlossenen und verschrobenen Geschöpf wird. Jahrelang hat sie eine Liebschaft mit einem viel ältern, verheirateten Politiker, um dann einem erfolgreichen Schriftsteller zuzufallen, ohne den andern aufgeben zu können. Das Kompromiß zerbricht: die beiden Männer sind engherziger, egoistischer als das liebenswürdige Mädchen. Sie pochen auf Besitzrechte, entwickeln desperate Szenen. Venetia aber hat einen vagen Traum von weiblicher Freiheit, von Selbstbestimmung; sie möchte sich schenken. Doch es ist der Bessere von den Beiden noch, der erwidert: »Die weibliche Spitzfindigkeit, daß Frauen nur sich selbst gehören, wird in der Praxis hinfällig.« Venetia geht in eine Ehe mit einem jungen, harmlosen Trottel. Um diese mit Grazie, mit Heiterkeit, etwas Traurigkeit, mit viel Menschenkenntnis und gelegentlich auch einigem Bluff erzählte Geschichte gruppiert der Autor die Figuren einer bestimmten Schicht zwischen 1914-24, Politiker, Finanziers, Zeitungsleute – Piraten und Geplünderte. Wie sie unter sich über den Krieg sprechen, über Irland, über Geschäfte und Streiks, das ist nicht nur erstaunlich scharf dialogisiert, sondern auch oft vor böse schwarze Hintergründe gesetzt. Man weiß nicht, ob dieser Roman eine neue Entwicklung seines Verfassers anzeigt, oder nur die lässige Geste eines Erfolgreichen bedeutet, der in ein paar Jahren einige zehntausend Pfund verdient hat und es sich erlauben kann, dem geschätzten Publikum ein Mal zum Spaß auch die andre Seite seines Talentes zu offerieren. Aber selbst dann möchte man den freundlichen Salut einem Romanschreiber nicht versagen, der empfindet, daß eine männliche Eleganz durch ein Stück Courage nicht verunziert wird. Die Weltbühne, 14. August 1928 801 Verlorene Illusionen Ach, die Venus ist perdü – klickeradoms – von Medici ... Der Siebentagesturm ist beendet. »Fraktion und Parteiausschuß halten die Beteiligung an der Regierung mit Rücksicht auf das Gesamtinteresse der Arbeiterschaft für außerordentlich wichtig.« Hermann Müller scheint die Genossen eindringlicher bearbeitet zu haben als die Herren Ministerkollegen, die von ihrem Panzerschiff nicht lassen wollten. Eine Konkordienformel, eine Verlegenheitsformel, die nur begreiflich wird, wenn man im Auge behält, daß die hitzige Auseinandersetzung zwischen Fraktion und Ministern nicht mehr war als ein Duell zweier Mißverständnisse. Auf beiden Seiten fehlt die ganz reale Erkenntnis. Die Fraktion macht sich von der Lage ihrer Minister im Kabinett übertrieben günstige Vorstellungen. Sie sieht nicht und will nicht sehen, daß bei der Art, wie dieses Kabinett zustande kam, ihre Minister nicht viel mehr sind als die Gefangenen ihrer bürgerlichen Kollegen. Sie sind nicht die Lenker des Kurses, sondern die Geisel für das Wohlverhalten der Arbeitermassen, Paravent gegen radikale Forderungen. Die Fraktion hätte diese Koalition nicht gestatten dürfen. Deshalb liegt auch ein Teil der Schuld bei ihr. Als ich in einem in der Wahlnacht geschriebenen Artikel der Partei eine aschgraue Prognose stellte und die Möglichkeit einer Spaltung im Laufe von zwei Jahren an die Wand malte, wurde ich von sozialistischen Blättern als Friedensstörer und Quertreiber abgekanzelt. Heute mache ich mir eher den Vorwurf, zu rosig gesehen zu haben. Nach noch nicht zwei Monaten steht die Einheit in Lebensgefahr! Das Mißverständnis der Herren Minister wiegt trotzdem schwerer. Nachdem sie einmal, um – im Gesamtinteresse der Arbeiterschaft, selbstverständlich – in das Reich, die Macht und die Herrlichkeit zu gelangen, nicht verschmäht hatten, durch das kaudinische Joch des Herrn Scholz zu gehen, hätten sie, dort angekommen, mit einem dröhnenden Gongschlag beginnen müssen. Sie hätten ein Zeichen geben müssen, das hieß: Wir sind da! Statt dessen ließen sie sich gemütlich nieder, steckten mit der schönen Sicherheit einer oft gegerbten Haut die ersten Niederlagen ein und spielten fünftes Kabinett Marx. Als vor vier Jahren in Frankreich die Linke ähnlich schnell aufstieg, war ihre erste Tat die Verstoßung des reaktionären Präsidenten. An eine solche Kraftleistung wollen wir in Deutschland gar nicht denken, aber wenn eine neue Gruppe an die Regierung kommt, muß sie ein deutliches Signal der Wandlung geben, eine unbedingte, unmißverständliche Absage an die bis dahin vorherrschenden Tendenzen. Hier unterblieb nicht nur die Absage, im Gegenteil, man setzte fort. Fünftes Kabinett Marx. Das Wichtigste an dieser ganzen kläglichen Affäre ist nicht einmal die alberne Blechkiste von einem Panzerkreuzer, von deren Nutzlosigkeit eigentlich jedermann überzeugt ist, sondern die legere Art, die Dinge zu behandeln. Dieser Mangel an Psychologie bei den Repräsentanten einer Millionenpartei, diese Ahnungslosigkeit über das, was in der eignen Partei vorgeht, ist noch nicht dagewesen. Sie haben jahrelang in Opposition gestanden, sie haben diesen Wahlkampf im alleinigen Zeichen »gegen Rechts!« geführt, sie haben in der kleinsten Versammlung grade diesen Panzerkreuzer torpediert – und dann schenken sie ihn ihren Wählern grade zum Verfassungsfest. Ein sinnvolles Angebinde, ein genial ausgeklügelter Zeitpunkt. Das ist ein Skandal, wie man ihn selbst in der langen Reihe flauliberaler Angstkabinette vergebens sucht. Nicht alle Verheißungen eines Wahlkampfes reifen, sagt der hausbackene Mittelbürgerverstand. Aber daß man mit so heiterer Unbefangenheit alles verleugnet, noch ehe der ›Vorwärts‹ zum dritten Mal gekräht hat, und daß man dabei nicht einmal ahnt, was man angerichtet hat, das zeigt eine noch nicht gewesene Instinktlosigkeit. Ein durchtriebener Machiavellist könnte eine solche Komödie spielen. Diese Herren gehören nicht zur perfiden Sorte, viel ärger: sie wissen einfach nicht, was los ist. Sie verschanzen sich hinter etatsrechtlichem Formelkram, sie erzählen ganz gelassen, daß hier vollzogene Tatsachen vorlägen, gegen die nichts zu machen sei und unterstreichen noch, daß man sich im Kabinett nicht etwa gezankt habe, sondern nach fünf Minuten einig gewesen sei. Fast möchte man annehmen, es wäre den Herren mehr darum zu tun gewesen, Zentrum und Volkspartei von ihrer guten Führung zu unterrichten, als ihre eignen erregten Leute zu beruhigen. Die Koalition ist nicht bedroht, das war der Tenor der Verlautbarung. Gott sei Dank. Die Partei droht zwar zu ersaufen, doch die Katz', die Katz' ist gerettet ... Was der Fall Lambach rechts, hat dieser Konflikt links schonungslos bloßgelegt: die ungeheure Diskrepanz zwischen Führern und Geführten. Eine Honoratiorenkaste, die jahrelang in der Partei nach Gutdünken schaltete, hat hier ihr hundertmal verdientes Debakel erfahren. Sie sind so sehr an die dünne Luft der parlamentarischen Verhandlungszimmer gewöhnt, die Herren, daß sie überhaupt nicht interessiert, was draußen vorgeht. Unzufriedenheit zu dämpfen, sind ja die Funktionäre da. Deshalb rieben sie sich verwundert die Augen, als plötzlich das ganze Millionenheer schimpfend im Anmarsch war. Nirgends gibt es weniger natürliches demokratisches Gefühl als bei den sozialistischen Excellenzen. Kein Westarp hat so wenig Gehör für die Untertöne der Massenstimmung, wie die Severing oder Hilferding, die gewiß nicht unfähig sind, deren innere Kontrolluhr für die Schwankungen und Erschütterungen der Menge jedoch schon lange nicht mehr funktioniert. Sie lebten in einem parlamentarischen Panoptikum und sind jetzt fassungslos, wo sie wirklichen Menschen gegenüberstehen. So mußte es endlich doch zu einer Führerkatastrophe kommen, von deren Ausdehnung und Wirkungen sich im Augenblick noch gar kein Bild machen läßt. Daß die lendenlahme Einigungsformel den Riß wieder vernäht, ist schwerlich zu glauben. Ein beträchtlicherer Staatsmann als Kanzler Müller hätte wenigstens für den unseligen Kreuzer etwas eingehandelt. Aber er hat nicht einmal den Verfassungstag oder andres dafür erhalten, er hat überhaupt nichts erhalten als eine Reihe schlechter Zensuren durch die mittelparteilichen Blätter. Man muß sich Politiker suchen, die so viel nazarenische Selbstlosigkeit aufbringen. Die Sozialisten sind keine Kompromißler, nein und nochmal nein, sie geben ohne Gegenwert. Während die sozialdemokratischen Minister noch immer etwas verdattert untersuchen, ob sie es nur mit einer Emeute oder doch mit einer richtigen Revolution zu tun haben, steht eine Person unberechtigterweise im Hintergrund und betrachtet gleichmütig die Nöte der roten Kollegen. Das ist Herr Kriegsminister Gröner, ein beachtlicher Diplomat, der im vergangenen Frühjahr in der allgemeinen Rührung über seine wohlgerundete republikanische Konfession, seinen Kreuzerplan sehr geschickt durchgeschmuggelt hat. Niemand spricht von diesem immerhin zuständigen Ressortminister, bei dem doch der Schlüssel liegt. Großmütig hat er Ersparnisse in andern Winkeln seines Etats zugestanden. Aber die Sozialdemokraten hätten von ihm die Formel verlangen müssen, die Ausführung des Bauplans ad calendas graecas zu verschieben. Wäre der Wille dazu vorhanden gewesen, hätte es auch Wege gegeben, um den Reichstagsbeschluß herumzukommen, in dem die Herren republikanischen Minister scheinbar ein Naturgesetz sehen, gegen das nichts auszurichten ist. So geht der ganze Streit buchstäblich um Herrn Gröner, von dem niemand spricht, weil er sich selbst nicht meldet, für ihn holen sich letzten Endes die Kollegen blutige Köpfe, für ihn büßt Herr Severing seinen guten Ruf ein. Wenn die Herren Kollegen genügend durchgedroschen sind, wird wohl auch Herr Gröner aufhören, schweigsam zu sein, und man braucht sich über das, was man danach von ihm zu erwarten hat, keine Illusionen machen. Sobald die sozialdemokratische Opposition wieder etwas abgeschwollen ist, sollte sie ihre Aufmerksamkeit auch dem Herrn Kriegsminister zuwenden, der schließlich der bemühte Patron des Streitobjektes und auch sonst nicht ganz belanglos ist. Herr Gröner hat bisher mehr als ein Mal bewiesen, daß er auch nach weniger erfreulichen Seiten hin entwicklungsfähig ist, ein Mann, der gern Gelegenheiten ergreift, und wenn er nach diesen optimistischen Erfahrungen mit den Sozikollegen, die sich für seinen Ressortappetit geduldig durch den Wolf ziehen lassen, kein Geßler wird, so müßte er ein Heiliger sein. Die sozialdemokratische Fraktion hat der allgemeinen Unzufriedenheit ein paar Ventile geöffnet. Sie hat es gewiß mit schwerem Herzen getan, denn einige der beteiligten Genossen unter den Reichsministern zählen gradezu zu den venerabelsten Figuren des deutschen Republikanertums. Es handelt sich ja nicht um Tinneff wie Gustav Bauer oder Südekum, sondern um eine bessere Legierung. Und auch der benachbarte Herr Erich Koch wird noch von vielen, denen eine schleimige Superklugheit nicht auf die Nerven geht, als großer Mann betrachtet. Es war richtig, daß die Partei Reveille trommelte, aber es war unkonsequent, nach etwas Spektakel wieder nach Haus zu gehen und Abregung zu propagieren. Wünschte man nur ein Führungsattest der Kommunisten wegen? Die werden grade aus dieser Halbheit ihren Profit ziehen. Schon kleben ihre Aufrufe zum Volksbegehren an den Säulen. Sie sind fürwahr die Herren der Situation, sie haben die beste Anwartschaft auf die der Sozialdemokratie zugeströmten Wählermassen. Das Referendum ist ein furchtbares Druckmittel. Stellt sich die sozialistische Partei ihm entgegen, läßt Severing als Reichsminister des Innern sich dazu gebrauchen, die Rolle des Külz zu spielen, gibt die Partei die Parole aus gegen eine Volksabstimmung, die das generelle Verbot von weitern maritimen Rüstungen zum Ziel hat, dann kann sich die Sozialdemokratie ihr Ansehen getrost auf eine Mark abschreiben lassen. Wehe, wenn jetzt gewählt würde! Am 20. Mai war die Wahl mit dem rauschenden Triumph der Linken. Ein Quartal später ist alles verspielt. Der Koalitionsgedanke ist zerschlagen, die Illusionen sind dahin. Es ist ein halsbrecherischer taktischer Fehler der Fraktion, eine neue Galgenfrist zu setzen. Sie hätte die Minister unbedingt zurückziehen müssen. Glaubt denn jemand, daß die also Heruntergeputzten bei den Kollegen noch Respekt finden werden, bei den Massen noch Autorität? Auch ohne das läuft die Zeit der Allianzen ab. Herr Doktor Stresemann hat sich zwar von seinem schweren Krankheitsanfall weit genug erholt, um jetzt die Reise nach Paris wagen zu können, aber seine Gesundheit gilt noch immer als recht fragwürdig, und vielleicht wird er demnächst doch gezwungen sein, sich für unbestimmte Zeit von jeder öffentlichen Tätigkeit zurückzuziehen. Für ihn war schließlich diese Koalition gezimmert, für seine Person, für seine Politik. Tritt er beiseite, läßt sich die heutige Konstellation nicht für einen weitern Tag verteidigen. Denn dann wird Herr Scholz alleiniger Regent der Volkspartei, und es ist gewiß nicht anzunehmen, daß er den Sozialisten und selbst den Demokraten ein längeres Bleiben möglich machen wird. Stresemann war der Makler, der Mittler gegen den Willen vielleicht des überwiegenden Teils seiner eignen Partei. Sein Scheiden würde automatisch Schluß und nochmals Schluß bedeuten. Es gilt also, rechtzeitig die traurige Episode zu beenden. Wenigstens, ehe man hinausgesetzt wird. Schneller Abgang ist die letzte Chance, um etwas Ansehen noch zu retten. Das ist ein sehr unbehaglicher Ausweg, und von allen sonst erdenklichen noch der gangbarste. Ein ungeheures Kapital an Begeisterung und Vertrauen ist stümperhaft verzettelt worden. Welch ein Kunststück, diese geduldige, schweigsame, sanft verfettete Sozialistenpartei in ein paar Tagen vor Wut die Wände hochgehen zu lassen! Wer hätte das vor einer Woche noch für möglich gehalten? Die Herren Führer haben zwar gezeigt, daß sie jetzt die Republik feiern können, aber weiteres wissen sie noch nicht mit ihr anzufangen. Sie haben ihr einen schönen Mantel gekauft und Schmuck und ein großes Bankett arrangiert. Aber eine Frau will mehr. Die Weltbühne, 21. August 1928 802 Der Denunziant Coßmann Thomas Mann, in schlechter Laune über den in München um die Amerikaflieger entfesselten Betrieb, hat dieser in einem privaten Brief einen Ausdruck über die Gefeierten verliehen, den er bei größerer Publizität vermieden hätte. Zwischen einer privaten Verstimmung und einer möglichen öffentlichen Äußerung über den gleichen Gegenstand entsteht ein Hohlraum, der fatal wirkt, wenn er aufgezeigt wird. Macht sich jemand die Mühe, in diesen Hohlraum hineinzukriechen, so ist aus der Kleinigkeit eine Affäre geworden, und Herr Thomas Mann mag heute noch so gescheit und witzig argumentieren – die Differenz ist unleugbar und nicht schön. Aha, so spricht der feine, wohlerzogene Herr Thomas Mann, wenn er sich nicht gehört glaubt, sagen die Einen. Das haben wir erwartet, sagen die Andern, jetzt will er sich mit einem Kompliment für die Herren Flieger salvieren! Warum wiederholt er nicht öffentlich, was er einem Brief anvertraute? Mangel an nationaler Gesinnung, heult man rechts, Mangel an Bürgerstolz, knurrt man links. Beides braucht nicht zu stimmen, aber von beidem bleibt etwas. Es ist ein infames Kunststück, einen Arglosen in solche Lage hineinzumanövrieren. Es ist ein selten perfides Sykophantenstück, jemanden erst sorglich zu umwerben, um ihn nach der Ablehnung wegen einer privaten Äußerung zu diskreditieren, die ganz gewiß keine Rolle gespielt haben würde, wenn die Werbung zum guten Ende geführt hätte. Der heute schon fast klassische Spezialist für die oft sehr engen Hohlräume zwischen privat und öffentlich ist Herr P.N. Coßmann, der Gebieter der ›Süddeutschen Monatshefte‹, ein hocherfreuliches Exemplar jener Gattung deutscher Juden, die mit dem Fenriswolf gut stehen wollen und deren ewige innere Unsicherheit sie zu immer höhern Leistungen antreibt. Sein Weg ist gezeichnet durch die Denunziationen Veit Valentins und Fechenbachs, durch den münchner Dolchstoßprozeß und die Veröffentlichung des unfreundlichen Briefwechsels zwischen Bethmann-Hollweg und Tirpitz im Jahre 1916, der die ganze Kluft zwischen Diplomatie und Kriegführung aufdeckte und in seiner ruinösen Wirkung alles übertraf, was fanatische Defaitisten an bewußter Siegessabotage hätten vollbringen können. Aber es muß schließlich auch Mittel geben gegen solche Existenzen, die sich klugerweise in der Nachbarschaft politischer Tendenzen angesiedelt haben, die am günstigsten zur Befriedigung gewisser charakterlicher Eigenheiten zu gebrauchen sind. Ich glaube, es gibt nur eine Waffe: den strikten Boykott. Dieser Herr P.N. Coßmann muß so gezeichnet werden, wie die Generation von 1830 ihren Wolfgang Menzel gezeichnet hat, der für sein langes Leben immer nur »der Denunziant« geblieben ist. Vielleicht ist das im Falle Coßmann nicht immer so einfach, denn er ist das Haupt einer Zeitschrift, die nicht nur politische Interessen pflegt; er kann, politisch geschlagen, ganz unvermutet in der litterarischen Sparte wieder auftauchen. Als litterarischer Mittler näherte er sich auch Thomas Mann, um ihn für ein Zweigblatt der ›Münchner Neuesten Nachrichten‹ zu gewinnen, und so erschien er ihm auch in der Unterhaltung »in einer Art nachdenklicher Toleranz«. Also nicht der teutsche Allerweltszensor Herr Coßmann, sondern plötzlich ein Intellektueller, von konservativer Grundhaltung zwar, aber doch einsichtsvoll und gern geneigt, kritische Einwände zu verwerten. Es war ein bitterer Fehler von Herrn Thomas Mann, sich zu einer Aussprache mit Herrn Coßmann bewegen zu lassen, dessen Vorgeschichte ihm doch auch damals bekannt war. Daß dieser Coßmann ein gelesenes Blatt ediert, die Ausdrucksformen eines gebildeten Menschen hat, über moderne Litteratur plaudern kann und sich nicht mit dem Obstmesser die Nase popelt, das macht ihn noch nicht als Gesprächspartner möglich. Es ist jammerschade, daß der Schriftsteller, der in seiner Art wie kein zweiter Distanzgefühl verkörpert, wenn er es auch manchmal lächelnd überbrückt, dafür nicht die Witterung gehabt hat. Er ist der Leidtragende. Denn Herr Coßmann hat zwar nicht für seine Blätter den ersehnten Mitarbeiter gewonnen, aber doch das erreicht, was er für die Prolongation seines Kontraktes mit der germanischen Mythologie so dringend braucht: einen neuen Fall. Die Weltbühne, 21. August 1928 803 Klabund Et meure Paris et Helaine quiconques meurt, meurt à la douleur ... François Villon Während grade in einigen Zeitungen über die Zukunft oder die Zukunftlosigkeit der Lyrik disputiert wird, stirbt der letzte freie Rhapsode, der Letzte aus dem alten Geschlecht dichtender Vaganten, dem das Versemachen so sehr Element war, daß es diesen gebrechlichen Leib für lange Jahre allein an die Erde zu binden schien. Seine Begabung war unruhig und zuckend; in Beweglichkeit und Maskenkunst ohne Grenze. Es floß immer in einem schmalen Bändchen alles durcheinander: Heine, Rimbaud, Exoten, Rudolf Baumbach, Wedekind, Eichendorffs Mondscheinlyrik und Dialektwitz; Pathos, Melancholie und Biertischzote. Aus dem Einfall wurde blitzschnell Rhythmus, Wort, Refrain. Und über allem schwebte die einschmeichelnde Libertinage des Namens Klabund. Er hatte keine Zeit und wußte es. Vieles von dem eilig Hingedichteten wird verwehen, trotzdem mehr übrigbleiben als von den meisten bändereichen Lyrikern seit Heinrich Heine. Vielleicht auch »Moreau«; gewiß »Bracke«. Von seinen siebenunddreißig Jahren waren zwanzig eine rohe, handgreifliche Auseinandersetzung mit dem Tode. Ewige Flucht ins Sanatorium, Flucht vor dem kühlen Luftzug, Erbeben vor einem kleinen Kratzen im Halse, das den nächsten Anfall anzeigt. Das ist ein unmißverständliches Schicksal. Die Herren Poeten pflegen sonst immer sehr allgemein »am Leben« zu leiden. Die Herren Lyriker namentlich pflegen von früher Jugend an mit dem Tod auf gutem Versfuß zu stehen, seinen Namen unnütz zu führen, um doch bald solide zu heiraten, und kleine Kinder und dicke Romane zu zeugen. Im Fall Klabund war das Leiden grausam deutlich lokalisiert. Unter seinen vielen Schriften gibt es einen kleinen, wohl ganz vergessenen Band: »Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde«, der vor acht Jahren in einer Serie herausgekommen ist, die sonst bitter ernsten Bildungszwecken diente. Da wird über verstaubte Größen der Literaturgeschichte, die kein Scherer sonst ungeschoren läßt, so freundlich und kurzweilig abgehandelt wie hier: »Heinrich Laube (aus Sprottau, 1806-1884) schlug die dramatische Pauke, daß einem Sehen und Hören verging. Sein Graf Essex war das erste Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama solchen Eindruck auf mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller zwölfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle Schauer jagen mir im Gedächtnis daran über den Rücken, und ich drücke den vereinigten Geistern von Laube und Essex pietätvoll und gerührt die Hand.« Klabund (Alfred Henschke aus Crossen, 1891–1928) wird in die Literaturgeschichte und Nachschlagewerke eingehen. Möge er Federn finden, die so anmutig die Erinnerung an sein kurzes, krankes, melodienreiches Leben wahren. Die Weltbühne, 21. August 1928 804 Ja und Nein Der Herr Verfasser hat zehn Mal recht, so weit er einen bestehenden Zustand schildert. Grauenhaft, kulturentwürdigend, menschheitsentwürdigend sind die Stapelplätze der Erholungsindustrie, wo sich die Großstädter zusammenpferchen, um »auszuspannen«. Nepp, minderes Essen, schlechtes, teures Quartier. Das abseits gelegene, nicht überlaufene Fleckchen zu finden, ist nicht jedermanns Sache. Und dabei ist es gar nicht so schwierig. Hier stimme ich ganz mit Herrn Reiner überein, aber an andrer Stelle flutet seine Philippika über die Grenzen. Ich weiß nicht, ob die Fünftagewoche ein erreichenswertes Ziel ist, aber »Veredelung der Arbeit«, »intime Anpassung an den Produktionsprozeß« – pst, lassen Sie das nicht den Herrn Syndikus der Zellstoffbranche oder sonst irgend einen Hochmögenden hören. Wir wollen nicht vergessen: der jährliche Urlaub der Angestellten ist eine mühsam erkämpfte Sache. Etwas andres, daß er schlecht und spießerlich angewendet wird. Aber er ist trotzdem ein Sieg, dem Evangelium der unbedingten Ausbeutung mühsam abgerungen. Ich möchte auch nicht in einer ganz akademischen Diskussion nur eine Bemerkung entgleiten lassen, die die Unternehmerschaft als Zugeständnis auffassen kann. Man darf wohl auch nicht beiseite lassen, daß für den größten Teil der Menschheit die paar kargen Urlaubswochen die einzige Chance zum Reisen sind, um fremde Länder, fremde Städte kennen zu lernen. Wenn nicht jemand durch seinen Beruf kreuz- und quergetrieben wird, bleiben nur die paar Sommerwochen übrig, um sich jenseits der Grenze umzuschauen. Aus Mangel an Zeit und an Mitteln ergibt sich wieder der fatale Zwang, sich an eine jener Reisegesellschaften anschließen zu müssen, die im Caracho von Berlin nach Ägypten sausen und die Pyramiden unterschlagen, wenn grade Regenwetter ist. Übrigens tut die Jugend heute schon einiges, um die Majestät oder Lieblichkeit der Landschaft von Alpakabestecken zu reinigen. Sie trifft sich in Jugendquartieren, in Sammellagern; es wird dadurch sortiert, und es kommen Menschen zusammen, die durch Alter, Anschauungen und Gewohnheiten zueinander passen, an Stelle der öden Häufung durch den Zufall, der Berufe, Altersklassen, Bildungsstufen in einer Pension wahllos durcheinander mischt und nur die Sachsen ziemlich paritätisch verteilt. Alle diese Dinge sind Fragen persönlicher Kultur, die nicht gelöst werden durch »Anpassung an den Produktionsprozeß«. Ich glaube eher, daß diese Anpassung den persönlichen Fundus, den der Einzelne noch zuzusetzen hat, gründlich ruiniert. Es wird am Ende nichts übrig bleiben als diesen Prozeß dem Willen der Arbeitenden zu unterwerfen, anstatt sich von ihm unterjochen zu lassen. Erst dann wird wieder ein Recht geltend werden, das ein wunderbares Menschenrecht ist, obgleich man seit Adams Tagen wenig davon gesprochen hat: – das Recht auf Faulheit. Der arbeitende Mensch von heute schleppt auch in seine sogenannten Ferien ein verquetschtes Gewissen mit: es ist ihm immer so als versäume er eine Pflicht. Über seine Dejeuners im Grünen fällt der Schatten des Kontokorrentbuchs, in dem jetzt ein andrer wütet, der vielleicht gar nicht so Bescheid weiß. Die Weltbühne, 28. August 1928 805 Das Wunder Daumier Seit zwei Jahren etwa gibt Hans Rothe im Verlag von Paul List das zeichnerische Werk Daumiers in schönen, fast sträflich billigen Einzelbänden heraus. Unser Lieblingsthema, der Vorwurf gegen das teure deutsche Buch, trifft hier nicht zu. Ein Quartband von 64 makelfreien Tiefdruckreproduktionen für fünf Mark, das ist eine hochachtbare Verlegerleistung. Der neue Band heißt »Daumier und die Justiz«, und enthält damit Wichtigstes aus des Künstlers Schaffen, denn als der klassische Karikaturist des Richtertisches und des Barreaus ist er vor allem auf die Nachwelt gekommen, die erst spät sein malerisches Werk entdeckt und den zeichnenden Journalisten zu den großen Meistern der Farbe gezählt hat. Daumier ist immer wieder hinreißend. Welch eine grenzenlose Phantasie und welch eine Fülle von Formen steht dieser unermüdlichen Hand zu Gebote, das innerlich Geschaute zu halten. Diese Karikatur ist überlebensgroß, ihr Grollen gewittergleich, aber die Hand hält Schritt mit der Vision, Gewolltes verliert sich nicht in ungefüllten phantasmagorischen Konturen – die barocke Ausschweifung der Linie mündet jedes Mal in klassischer Präzision am Ziel. Es bleibt ein Wunder, wie ein einzelner Mensch durch vierzig, fünfzig Jahre das leisten konnte, Tag für Tag. Schon rein manuell bleibt diese Arbeit rätselvoll. Das Schwarz-Weiß dieser Blätter leuchtet und beschämt eine immer wieder mit dem Wandel des Zeitgeschmacks verblassende Koloristik. Hängt ein paar Blätter davon in einen Saal mit durchschnittlicher Malerei – arme Malerei! Honoré Daumier blühte in der Zeit des Bürgerkönigstums und des zweiten Napoleonismus. Seine Themen sind, seiner journalistischen Pflicht entsprechend, lokalgebunden, und die Anlässe lange verfault. Seine Gesellschaftskritik erhebt die Objekte der Karikatur ins Riesenhafte. Die Anknüpfung war dabei ganz ungezwungen. Denn der französische Gerichtssaal ist – schon im Gegensatz zum deutschen – sehr laut, sehr bewegt. Prokurator und Verteidiger schreien sich verzerrten Maules an und gestikulieren wie irrsinnig. Immer wieder variiert er die Motive. Da ist der Präsident des Ausnahmegerichtes, siebenundachtzig Jahre, ein müder, alter Geierkopf, die Augen sind zugefallen – wahrscheinlich spricht der Angeklagte grade, nachher wird er, ohne die Augen zu öffnen, sein ›Schuldig‹ röcheln – ein Gespenst, das Gespenster produziert. Oder der Staatsanwalt, der die Hand auf die Brust legt: »Mit aufrichtigem Schmerz ...«, die kleinen Augenschlitze gehen nach oben, das Gesicht ist breit und flach, der Mund geöffnet, als entwiche ihm ein letzter Seufzer. Eine Totenmaske. Der Gipsabguß eines grade gestorbenen Gewissens. Lemurenhaft, vampirhaft sind sie alle. Schmutzig, wie Plastiken aus Koprolith. Alle Teufelsfratzen, alle verzerrten Ängste der Höllenstürze romanischer und flämischer Meister sind projiziert in die Tintensphäre der Magistrate und Justizpersonen. Manchmal spielt der Löwe gutartig, und Humor plänkelt um einen provokanten Bauch oder eine spitze Nase. Daumier ist sehr alt geworden. Das bekannteste Porträt zeigt einen gerundeten festen Greisenkopf, etwas an Schopenhauer oder Goyas Altersbild erinnernd. Dieser Ausgang in ein ruhiges, arbeitsames Patriarchentum ist vielleicht das größte Wunder. Es gehört viel Kraft dazu, die Welt so zu sehen, ohne einmal der Versuchung nachzugeben, die Erfahrung der Augen mit einem schnellen Gurgelschnitt zu beenden. Die Weltbühne, 28. August 1928 806 Die pariser Niederlage Herr Kellogg hat den gespendeten goldnen Füllfederhalter eingesteckt und ist wieder abgefahren. Die Unterzeichnungszeremonie ist vollzogen. Die Welt hat ein feierliches Dokument mehr. Der Krieg ist exkommuniziert, gehört jetzt den Vögeln in der Luft, den Fischen im Wasser. Die Kriegsministerien aller Länder werden schon dafür sorgen, daß dieser Outlaw heil und nicht allzu hungrig über den ersten Schrecken kommt. Für die meisten der Staaten war die Unterzeichnung nur ein Höflichkeitsakt, nachdem das mächtige Amerika die Anregung gegeben, und erst Rußlands Anmeldung verleiht weltpolitische Wichtigkeit. Nur in Deutschland erwartete man mehr als moralische Fruktifizierung. Der Erfolg ist ausgeblieben. Deutschlands Zustimmung zum Pakt geschah mit überschneller, fast gewaltsamer Geste. Die zum Brudergruß (oder zum Heimsen?) ausgestreckte Hand blieb leer. Die Niederlage ist eklatant. Es war bei alledem nicht überflüssig, daß Stresemann den französischen Ministerpräsidenten aufgesucht und seiner körperlichen Beeinträchtigung diese anderthalb Stunden schärfster Konzentration abgezwungen hat. Gewiß dürfte grade Poincaré für den deutschen Kollegen Verständnis haben, der ja, wie er selbst, erst spät seine nationalistischen Anschauungen moderiert und den Weg zur europäischen Versöhnung mehr aus realpolitischer Kalkulation denn aus brennender Überzeugung sucht. Aber diese gewiß recht sympathischen Gefühle für einen von Sorgenbürde bedrückten Kollegen haben Herrn Poincaré nicht konzessionsbereiter gemacht. Er denkt nicht daran, in eine frühere Rheinlandräumung ohne Gegenleistung einzuwilligen, und positive Angebote dürfte Stresemann, der in Deutschland vorwiegenden Stimmung entsprechend, kaum gemacht haben. Es läßt sich nicht verschweigen: die deutsche Politik hat sich wieder einmal totgelaufen. Die vor dem Eintritt in den Völkerbund erträumte Arbiterrolle bleibt den bewährten Stars unter den Nationen vorbehalten. Im Gewimmel von Genf wird regelmäßig die in Berlin zurechtgebügelte Haltung zerknittert. Auch Herr Hermann Müller, ein umsichtiger Fraktionspapa, aber als Kanzler ein Stück Malheur, wird nicht reüssieren, wo Stresemann und Schubert nicht durchdrangen. Der pariser Besuch ist eine diplomatische Schlappe. Deutschland steht wieder isoliert. Nirgends denkt man an Abrüstung. Nirgends sieht man im Völkerbund oder im Kelloggpakt verläßliche Stützen, überall sucht man Schutz in Sonderverträgen und Allianzen. Während die Interparlamentarier in Berlin tagten, brach verstörend die Nachricht von dem englisch-französischen Marineabkommen herein. Die Kommentare aus Downing Street suchen abzuschwächen. Danach soll der Vertrag nur eine Defensivmaßnahme sein und im Endzweck sogar der Abrüstung dienen, aber was nicht offiziös erzählt wird, klingt fataler. Da ist die Rede von einer Einigung über die maritime Kontrolle auf allen Meeren der Welt. Gemeinsam wollen beide arbeiten im atlantischen und pazifischen Ozean, besonders auf der Route Rotes Meer – China. Das bedeutet Ankoppelung Frankreichs an Englands überseeische Schicksale. Geteilt werden soll die Bewachung des Mittelmeeres, und da Frankreich die westliche Hälfte zufällt, so heißt das nicht weniger als die Ausschließung Italiens aus der Gemeinde der Heiligen. Auch ohne diese pessimistischen Gerüchte hat man den neuen Flottenvertrag in Rom so verstanden und mit erschrecklichen Verwünschungen auf das rote Frankreich beantwortet. In England ist die Opposition nicht wenig erregt und verlangt Veröffentlichung des Textes, da sie in dem Abkommen die offene Affrontierung Amerikas sieht. Daß die Möglichkeit eines englisch-amerikanischen Krieges nicht nur zu den Angstvisionen vereinzelter Schwarzseher gehört, beweist das unlängst auch deutsch erschienene Buch des sehr nüchternen Labourabgeordneten Kenworthy »Vor kommenden Kriegen«, wo dieser trüben Eventualität ein paar aufschlußreiche Kapitel gewidmet sind. Die deutsche Politik ist wieder zwischen sämtliche vorhandenen Stühle geraten. Die englische Regierung hat ihr die eilfertige Zustimmung zu Kelloggs Vorschlag als pressierend verübelt. Man sah darin eine Option für Amerika, und es scheint überhaupt, als habe Herr Schurmann die Nachfolge Lord d'Abernons in der höhern Beratung der Wilhelmstraße übernommen. Man wirft sich in Berlin immer der jeweils größten Macht an den Hals. Rußland dagegen ist durch Aufbauschung der Donezaffäre verstimmt worden, während sich Frankreich durch die Anschlußpropaganda chokiert fühlt und kaum in die frühere Rheinlandräumung einwilligen wird, ehe nicht ein Ost-Locarno die Beziehungen zu Polen saniert. Grade hier aber wird die deutsche Politik obstinat, und auch die gewieftesten Rapprocheure kriechen wieder in die muffigen Unterstände des Nationalismus zurück. Man wird um eine Auseinandersetzung über diese Frage nicht dauernd herumkommen. Die heutige deutsche Ostpolitik ist unmöglich: bald wird der kleine Woldemaras stark gemacht, bald werden Projekte ausgeheckt, ihn gegen territoriale Gegenleistung an Warschau auszuliefern. England und Frankreich haben sich wiedergefunden, nicht nur im Flottenabkommen, sondern auch auf dem trockenen Boden eines gemeinsamen Rheinlandmanövers. Das ist die Auferstehung der Entente cordiale, und ihr Patron ist Sir Austens Stellvertreter Lord Cushendun, ein Diehard mit dem verbissenen Jingotum des irischen Orangeman, der zwar als Person antiquiert wirkt und in seiner Sprache wie eine Reliquie aus der Zeit Paul Cambons und Lord Fishers, der aber immerhin die Leitung des Auswärtigen Amtes in der Hand hat. Da man ihn gewähren läßt, ist doch wohl anzunehmen, daß er sich in der Linie der allgemeinen Kabinettspolitik hält. So bleibt augenblicklich nur noch die diplomatische Chance, sich bei Italien und seinen Satelliten anzusiedeln, neben Horthy und Achmet Zogu. Damit kämen wir wieder in die Nachbarschaft der weißen Diktaturen, und darin mag wohl eine tiefere Bedeutung liegen. Die nationale Presse unterdrückt denn auch wieder mannhaft die Tränen um Südtirol. Daneben läuft noch die kleine private Spekulation des Herrn von Seeckt, der gern als Nachfolger Sthamers nach London gehen möchte. Das hieße: Eingliederung Deutschlands in Englands antirussisches System. Der Geschlagene von Münsingen hat seinen Feldherrnruf durch einen Zeitungsaufsatz rehabilitiert, in dem er seine besondere Methode entwickelte, Krieg zu machen, ohne die rote Revolution in den Nacken zu bekommen. Wer einen so begehrten Artikel führt, kann auf internationale Sympathien auch dort rechnen, wo man den frühern kaiserlichen General und Organisator der Schwarzen Reichswehr nicht liebt. Er geht im Auswärtigen Amt ein und aus, behandelt dort als Supernumerar militärische Fragen und lernt nebenbei Botschafter. Seeckt, der Ehrgeizige und Revanchelustige, deutscher Vertreter beim Kabinett von St. James? Eine halsbrecherische Übung. Seit Delcassé nach Petersburg ging, hat es keine diplomatische Mission mit verhängnisvolleren Aspekten gegeben. Die Weltbühne, 4. September 1928 807 [Antworten] Leipziger Volkszeitung Die Glosse »Herr Fräser Gustav Schmidt«, die Hans Natonek hier vor ein paar Wochen veröffentlicht hat, bewegt das Hauptorgan der sächsischen Sozialisten zu einem stilistischen Temperamentsaufwand, der in keinerlei Verhältnis steht zu dem durch die Lektüre veranlaßten Nachdenken. Einige der Hans Natonek mit Vehemenz an den Kopf geschleuderten Freundlichkeiten scheinen sich aus lokalen Reibungen zu ergeben, weshalb ich mich auch außerstande erkläre, sie zu analysieren. Vielleicht wird auch die catonische Unerbittlichkeit der Diktion durch die Tatsache bestimmt, daß Natonek Redakteur bei der Konkurrenz ist, und vielleicht wird er sich hier selbst einmal dazu äußern. Was mich zur Behandlung reizt, sind einige Unterstellungen, die sich sowohl gegen Hans Natonek als auch gegen die ›Weltbühne‹ richten. Wenn wir uns mit dem ›Vorwärts‹ oder dem rechtssozialistischen Durchschnitt herumstreiten, bekommen wir immer die artige Etikette »Mitläufer der KPD.« an die Rockschöße gesteckt. Dazu ist die Leipzigerin zu klug, und dazu hat sie auch selbst viel zu viel Butter auf dem Kopf. Sie versucht es deshalb andersherum und supponiert eine »vertarnte sozialreaktionäre Gesinnung«, einen Hilfsdienst für jenes Unternehmertum, das sich seinen Betriebsabsolutismus nicht verkümmern lassen will. Ich frage: war das, grade das aus den Bemerkungen Natoneks herauszulesen? Herabsetzung der Arbeiterschaft? Verhöhnung ihres Klassenkampfes, weil ein untauglicher Typus zu zeichnen versucht wird? Man muß dazu seltsam verbogene Gehörläufe haben. Nicht einer Geringschätzung hat Natonek Ausdruck gegeben, sondern einem tiefen Zweifel, der viele packt, die die Mühseligkeit sehen, mit denen die Arbeiter in Institutionen des Kapitalismus ihre Rechte zu vertreten suchen und die große Hoffnungslosigkeit, die über diesen Institutionen liegt, wenn sie von Arbeiterdelegierten besetzt werden, die sich dabei langsam von ihrer Klasse entfernen, vielleicht unbewußt, einem Vorgesetztenideal zusteuern. Es ist seltsam, daß immer grade Parteisozialisten die Arbeiterschaft nicht sehen können, wie sie wirklich ist. Sie haben sich einen Normalproletarier geschaffen, den muskulösen Klassenkämpfer aus den Gewerkschaftsemblemen. Aber wie die Menschen, mit denen sie arbeiten, mit denen sie die neue Gesellschaft bauen wollen, als seelische Existenzen beschaffen sind, das sehen sie nicht. Und deshalb fühlen sie sich unangenehm gestört, wenn ihnen jemand sagt, daß ihre Klassenkämpfer sich überall, mindestens in äußern Formen, dem Bürgertum angleichen und daß dessen Lockungen ihnen durchaus nicht gleichgültig sind. Es liegt in dieser Feststellung keine Herabsetzung, der Vorgang ist sogar sehr begreiflich. Aber man kann nicht Politik machen, wenn man nicht sehen will, wenn man sich den Tatsachen des Auges verschließt. Das war das Unglück der alten Sozialdemokratie, deshalb konnte sie 1914 plötzlich das wahrmachen, was sie niemals gesagt hatte. Die neue sozialistische Linke aber, die von den Kommunisten nicht weniger bedrängt wird als von ihren eignen Bonzen, hat die triftigsten Gründe, sich über die Beschaffenheit der Truppen klar zu werden, die sie einmal in den Kampf führen soll. Dazu gehört Mut zur Wirklichkeit und nicht nur eine Dosis Radikalismus mehr als die Andern im Munde führen. Das Unteroffizierideal hat in der Arbeiterschaft nichts verloren. Es auszurotten, sollte die Pflicht aller sein, die den Namen des Proletariats nicht unnützlich führen wollen. Insofern begrüße ich diese Auseinandersetzung als notwendig. Aber sie bleibt nutzlos, wenn selbst ein Blatt vom hohen Rang der ›Leipziger Volkszeitung‹ in einigen kritischen Bemerkungen nicht mehr erblickt als eine Majestätsbeleidigung an der Arbeiterschaft. Die Weltbühne, 4. September 1928 808 Volksentscheid Die kommunistischen Abgeordneten Münzenberg und Pieck haben ein Volksbegehren angemeldet: »Der Bau von Panzerkreuzern und Kriegsschiffen ist verboten.« Lothar Persius hat hier im vorigen Heft dargelegt, warum dieser Wortlaut nicht einwandfrei ist. Es ist kümmerlich, daß zwei Abgeordnete zusammen nicht imstande sind, einen sachgemäßen Antrag zu formulieren. Doch das ist nicht das Wichtigste, der Sinn dieses kurzen Satzes ist unmißverständlich und ist zu bejahen. Zu einem kleinen Verweilen zwingt indessen die Prüfung der Legitimation zu solchem Antrag. Das Verlangen, jede Verstärkung der Kriegsmarine zu verbieten, was in praxi auch die heute vorhandenen maritimen Kriegsmittel wertlos machen würde, ist ohne Zweifel pazifistisch. Zu gleicher Zeit mit ihrer Propaganda dafür eröffnen die Kommunisten aber eine heftige Campagne gegen die deutschen Pazifisten, die fast den Verdacht offen läßt, als wollten sie sich gegen Sukkurs von dieser Seite sichern. Ich weiß, daß die Führer der KPD Gemüter ohne Arg sind und zu so viel Diabolismus gar nicht fähig. Doch ein Erfolg ist schon da: die Pazifisten halten sich abseits. Ein betrüblicher Entschluß. In der Politik kann auch der berechtigten Verärgerung nicht das letzte Wort zufallen. Während die Kommunisten zu einer eminent pazifistischen Aktion trommeln, steht in ihrer Presse einiges dieser Art: »Jedenfalls haben die Kommunisten niemals einen Zweifel darüber gelassen, daß sie keine Pazifisten sind ... Der Pazifismus ist als politische Richtung kein Verbündeter der Arbeiterklasse, sondern ein Gegner.« Oder: »Unter den deutschen Pazifisten gibt es zweierlei Arten. Die einen reden den Herrschenden gut zu ... Die andre Sorte von Pazifisten, teils als eigne Organisationen, teils als die offizielle Meinung der sozialdemokratischen Parteien, besteht darin, die Arbeiter überzeugen zu wollen, daß sie die pazifistischen Bestrebungen nach Schiedsgerichten und Verständigung, nach Abrüsten mit allen Kräften unterstützen müßten. Auch diese Sorte von Pazifismus ist ein Betrug, mag es auch mancher Pazifist, mancher Kriegsdienstverweigerer ehrlich meinen, persönlich ein mutiger Mann sein.« Merci beaucoup. Aber nun frage ich: ist das Verbot, Kriegsschiffe zu bauen, etwa keine Abrüstung? Mein guter Freund, ich rat euch drum, zuerst collegium logicum ... Ich möchte trotzdem die gehaltvollen Deduktionen der roten Fähnriche nicht mit mehr Kopfzerbrechen behandeln als sie den Herren Verfassern selbst bereitet haben. Daß sich die Marinefreunde mit einem wahren Orgasmus von Genugtuung auf solche und ähnliche Zitate werfen, ist kein Wunder. Sie wären Esel, wenn sie es unterließen. Aber wir wären die größern Esel, wenn wir uns durch verstimmte Begleitmusik abhalten ließen, eine Sache zu verfolgen, die vernünftiger ist als einige ihrer Befürworter. Herr Paul Loebe, der bei innern Schwierigkeiten der Sozialdemokratie eine Opposition mit dem sichtbaren Eichvermerk des Vorstandes zu stellen pflegt, hebt auch dies Mal die wattierte Protestlerfaust und versucht ganz nebenbei die unangenehme Diskussion auf einen angeblichen russischen Seemilitarismus abzulenken. In der ›Welt am Abend‹ hat ihm Persius kürzlich nachgewiesen, daß seine Behauptung, die russische Seerüstung sei »größer und finanziell schwerer als die deutsche« nicht mit den Tatsachen in Einklang zu bringen sei. Loebe hat für Deutschland errechnet: sechs Linienschiffe, sechs Kreuzer, vierundzwanzig Torpedoboote und Zerstörer; U-Boote fehlen. Für Rußland: vier Linienschiffe, neun Kreuzer, siebenundvierzig Torpedoboote und Zerstörer, zwanzig U-Boote. Durch die Bemerkung »jetzt schon« deutet Loebe an, daß die russische Kriegsmarine Verstärkungen vorbereitet. Demgegenüber erklärt Persius, der sich hier vor zwei Wochen ausführlich über den Stand der deutschen Kriegsmarine, über ihre Vorbereitungen und Reserven geäußert hat, daß auf keiner russischen Werft irgend ein Typ von Kriegsschiff oder Zerstörer oder Torpedoboot auf Stapel liegt, während Deutschland, von dem noch strittigen Herrn A abgesehen, jetzt 4 Kreuzer, 6 Zerstörer und ein kleines Torpedoboot zu erwarten hat. Nach dem von Persius zitierten »Taschenbuch der Kriegsflotten« von 1928 verfügt die Sowjetunion zurzeit über: 4 Linienschiffe, 1 Panzerkreuzer (vom Jahre 1906), 2 Geschützkreuzer, 1 Schulschiff, 36 Torpedoboote und Zerstörer und 10 U-Boote; die letztern sollen sich noch im Bau befinden. Das russische Exempel langt also nicht zur Rettung der sozialistischen Minister, die ja sonst nicht grade eifrige Kopisten Moskaus sind. Überdies dürfen die gelegentlichen martialischen Reden einiger Sowjethäupter nicht darüber hinwegtäuschen, daß Rußland schon seine heutigen Rüstungen als finanziell schwer tragbar empfindet und heilfroh wäre, seine schwache Wirtschaft von dieser Last zu befreien. Wenn Litwinow in Genf nicht ohne selbstgefälligen Zynismus den radikalsten Abrüstungsantrag begründete, der je eingebracht wurde, wenn Tschitscherin jetzt ohne jede polemische Zutat den Beitritt zum Kelloggpakt anmeldet, so bedeutet das nicht einfach eine Vernebelung des diplomatischen Terrains, um sich desto besser in Heimlichkeit militärisch ausstaffieren zu können. Die russische Außenpolitik, obgleich oft kraus und intrigant, war doch immer von vitalen Notwendigkeiten bestimmt und niemals so weltbrüderlich, so todfeindlich gegen alle Bourgeoisstaaten gestimmt wie die reisenden Missionare der Dritten Internationale. Gewiß, Rußland hat seine Rote Armee, ein sehr achtunggebietendes Heer – für Pazifisten oft ein Anstoß. Aber glaubt wirklich jemand, das Sowjetregime wäre nicht längst ekrasiert, wenn es sich nicht diesen Stachelpanzer geschaffen hätte ...? Es fehlt eben für die Staaten der ganzen Welt noch die Gleichheit der Voraussetzungen. Was Rußland gerettet hat, wäre Deutschlands Verderben geworden. Eine Befolgung des russischen Beispiels hätte zu Invasion, Auflösung und Ende der staatlichen Existenz geführt. Gleichheit der Voraussetzungen für Alle zu schaffen ist die Aufgabe von Heute. Die gereizte Machtgebärde der Großen ebenso zu entwaffnen wie die nicht minder gefährliche Angstneurose der Kleinen, darum geht es. Noch halten sich Friedenspakte und Kriegsbündnisse die Wage. Deutschland hat einen beachtlichen Vorsprung. Es ist, im Sinne des versailler Vertrages, entwaffnet. Lassen wir hier beiseite, was in seiner Metallindustrie, in seinen hochgezüchteten chemischen Werken, in seiner vorzüglich entwickelten Aviatik etwa an Wehrpotenzen zu mobilisieren wäre. Im Sinne des Vertrages ist Deutschlands Rüstung abmontiert und verschrottet. Aber noch zittert um die einstmals kompakteste Militärmacht das Mißtrauen, und der kleine Finger wirkt hier bedrohlicher als bei andern die breite Pranke. Der deutsche Schlachtengott ist exiliert, aber seine Altäre stehen noch, und sein Kult geht in feierlicher Verbissenheit weiter. Wir haben jetzt die einzige und unwiederbringliche Gelegenheit, ihm den stets reichlich gespendeten Obolus zu versagen. Das Referendum gegen die Panzerkreuzer wird den deutschen Friedenswillen mächtiger bekunden als eine Unterschrift in Locarno oder Paris. Der Panzerkreuzer ist militärisch eine Lappalie, gefährlich nur als Eröffnung einer Serie. Aber der Kampf darum zeigt, daß Deutschland nicht eine Renaissance seiner Militärmacht will, daß es die Wiederkehr einer gottseidank versunkenen Glorie nicht einmal im Miniaturformat wünscht. Die europäische Resonanz mag den Kommunisten gleichgültig sein. Aber in der Tat arbeiten sie für das, was ihre Artikelschreiber verfluchen. Ob der Volksentscheid aussichtsvoll ist oder nicht, mag spätere Sorge sein. Zunächst müssen die vier Millionen Stimmen für das Volksbegehren aufgebracht werden. Mögen die Kommunisten auch wenig einladend offerieren, es ist nicht ihre Sache allein, und es gilt im Notfall sogar, den Sinn der Sache gegen die Veranstalter zu verteidigen. Es geht darum, endlich jenen perfiden Militarismus zu treffen, der tausend Mal bankrott und kompromittiert, immer wieder den Weg durch die Seitentüren gefunden hat. Er schoß als Mörder aus dem Hinterhalt, er wütete in Geßlers schwarzer Klapprothgarde, er lächelte verständnisinnig um Seeckts versiegelte Lippen, er schlug seine persiflierenden Kapriolen in Lohmanns Betriebsamkeit, er übertölpelte; mit dem harmlosen Papier eines parlamentarischen Mehrheitsbeschlusses gedeckt, ein paar kompromißselige sozialistische Minister. Vielgestaltig und gut maskiert hat er sich immer wieder in die erste Reihe gespielt, vernünftige Handlungen verhindert, dem Staat das Odium der Unehrlichkeit und des Vertragsbruches verschafft und eine Krise nach der andern verschuldet. In zehn Jahren ist er die geheime Krankheit, der Tumor am Hirn der Republik gewesen. Wir haben ihn oft entlarvt, seine Schliche aufgedeckt, seine Finten durchkreuzt. Wir haben ihn oft zum Rückzug gezwungen, aber nie wirklich getroffen. Zum ersten Mal sind wir ihm ganz dicht an der Gurgel. Wer zögert da? Die Weltbühne, 11. September 1928 809 Aristides Für Brockdorff-Rantzau hat sich die Todesfackel zu früh gesenkt. Zwei Tage mehr, und sein verlöschendes Leben wäre im strahlenden Bewußtsein des Sieges verflackert. Die letzte Genugtuung ist ihm nicht mehr widerfahren, dem Mann mit dem Ressentiment von Versailles in Kopf und Herz, dem unermüdlichen Frondeur gegen die Ära Stresemann. Er stand gegen Locarno und Genf, in der Bindung an den Osten sah er die deutsche Zukunft. Der 10. September von Genf brachte die große Niederlage seiner Gegner im Auswärtigen Amt und in den demokratischen Parteien. Was hätte Brockdorff an diesem Abend nicht ausrichten können, wo die Armee von Locarno, aufs Haupt geschlagen, nach allen Richtungen auseinanderstob? Schnell lüften die Nekrologisten den Trauerzylinder, murmeln, an die bittern Tage von Versailles erinnernd, ein kurzes Stoßgebet und eilen an einen andern Katafalk. Denn unten in Genf liegt aufgebahrt ein Schemen, eine Phantasmagorie, der illusionäre pazifistische Doppelgänger des Aristide Briand, die der Inhaber der leiblichen Gestalt mit ein paar harten rhetorischen Faustschlägen höhnend ins Schattenreich der unerfüllten Wünsche gejagt hat. Ein Hoffmannsches Motiv. Die deutsche Politik hat einen guten Mann verloren und ihr war er mehr. Statt des liebenswürdigen alten Onkels der Politischen Novelle sehen die Deutschen unerwartet ein neues grimmiges Antlitz: – Briand-la-guerre. Bei den Nationalisten herrscht infolgedessen Ausgelassenheit. Die Linke liefert wieder Charpie für die Wunden, die der Streit Hugenberg-Lambach geschlagen. Ein größeres Göttergeschenk konnte nicht kommen. Erst der Kreuzerskandal, jetzt ein heftiger Echec der Außenpolitik. Nach ein paar Tagen sammelt sich die alte Garde der Locarnoarmee wieder. Schämt sich der jäh ausbrechenden Mutlosigkeit, sucht nach Erklärungen. Am Dienstag noch sah es anders aus. »Man hätte gewünscht, die heutige Rede Briands ... zu einem großen Teile nicht gehört zu haben. Sie wird dem Ansehen, dessen sich der französische Außenminister bisher bei allen Völkern erfreut, wenig hinzufügen, aber ihm viele Sympathien entfremden.« (Julius Becker.) »Aber wenn man daraus die Konsequenz ziehen will, die Briand anzudeuten sich nicht scheute, so zeigt das nur, daß für diejenigen, die kein Vertrauen haben wollen, es überhaupt keinerlei stichhaltige Probe von Aufrichtigkeit und Friedensliebe gibt.« (Georg Bernhard.) »... seien wir doch, sage ich, aufrichtig genug, hier festzustellen, daß der Völkerbund dem deutschen Volke trotz Locarno und Thoiry, trotz London, pariser Kellogg-Tage und des angeblich guten Willens des armen Herrn Briand, bis heute eine Enttäuschung nach der andern bereitet hat ... Der Völkerbund ist die kostbare Zeit, die deutsche Minister und Beamte so oft an ihn verschwenden, überhaupt nicht mehr wert.« (Victor Hahn.) Erst als die ärgste Panik sich gelegt hatte, wurde die Frage aufgeworfen, warum Briand mit solcher Unbeherrschtheit auf Hermann Müllers ziemlich schüchterne Anzapfungen geantwortet, warum er, was sonst in Genf nicht üblich ist, selbst auf die parteipolitische Stellung des Reichskanzlers boshaft angespielt habe. Die ersten Erläuterungen hinkten. Man konnte sogar die Version lesen, Briand habe eine Kandidatenrede für die Nachfolge Poincares gehalten, auch: daß er gereizt gewesen sei, weil verschiedene deutsche Blätter neuerdings direkt an Poincare appelliert, ihn also umgangen hätten. Denn daß Briand und Poincare in der Behandlung der deutschen Fragen scharfe Gegner sind, gehört leider noch immer zu den Axiomen der Wilhelm-Straße. Briands Rede verfolgte verschiedene Tendenzen, und man muß zunächst einmal sortieren. Die an die Adresse des Reichskanzlers gerichteten Unfreundlichkeiten sind kaum das Hervorstechendste, mindestens nicht das Hauptsächliche. Die Anspielung auf die Parteizugehörigkeit des Kanzlers war eine Abwiegelung der Zweiten Internationale, die sich soeben in Brüssel für die Rheinlandräumung ausgesprochen hat. Im übrigen dürfte sich Briand über die sozialistische Internationale keine übertriebenen Vorstellungen machen, hat er doch selbst Herrn Paul-Boncour, einen der geachtetsten Vertreter der Sozialdemokratien, der sich einen blauen Teufel um deren Beschlüsse schert, als ersten Sekundanten zur Seite. Viel wichtiger war die Partie über die Abrüstung. Das war eine generelle Absage, ganz ohne das gewohnte deklamatorische Beiwerk. Mit unüberbietbarer Deutlichkeit hat Briand das ausgedrückt, was so viele in den europäischen Kabinetten denken: So, der Krieg ist jetzt auf dem Papier geächtet. Genug davon. Wehe dem, der an Realisation denkt! Und Finger weg von den Mitrailleusen ...! Kann man diese Rede milder interpretieren? So sprach der selbe Mann, der vor zwei Jahren mit seinem Appell an die Friedensliebe der Völker einen wahren Begeisterungsrausch erweckt hat. Ein zynischer Schauspieler, der die pazifistische Tartüfferie der großen Kabinette ohne Schminke ins grelle Rampenlicht rückt und auf die täuschenden Attrappen verzichtet. Daß der Kelloggpakt nur als chiffon de papier zu nehmen ist, niemand hat es bisher so brutal herausgesagt. Und damit nicht genug, daß auch nicht ein Krümchen Zweifel in den Hirnen liegen bleibt: die Rede läuft in einen heftigen Frontalstoß gegen Rußland aus, gegen »den Staat, der rüstet und hierher kommt, um von uns vollständige Abrüstung zu verlangen.« Und das unmittelbar, nachdem Tschitscherin selbst Moskau zum Kelloggpakt angemeldet hat. Niemals war der Augenblick für eine solche Warnung, wäre sie in ehrlicher Verkennung der Dinge erfolgt, schlechter gewählt gewesen. Aber Briand ist nicht mangelhaft orientiert, es wäre Unsinn, das anzunehmen, aus seinen Worten schrie förmlich die Angst, das Sowjetreich könnte es aufrichtig meinen und sich freiwillig dem System des Friedenspakts einordnen, nicht um es zu sprengen, sondern um selbst Entlastung von drückenden Rüstungen zu finden. Wer glaubt da an die Improvisation eines impulsiven Momentes? Kurz vor Eröffnung der genfer Tagung war Herr Berthelot zwei Wochen in London und in enger Fühlung mit dem Foreign Office. Berthelot ist der Vertreter der proenglischen Richtung am Quai d'Orsay. Was mag da gemischt worden sein? In Amerika hat Moskaus Bereitwilligkeit, den Pakt zu unterschreiben, angenehmes Erstaunen hervorgerufen. Der rote Dämon verliert seinen Schrecken grade jetzt, wo England und Frankreich durch ihre Marinekonvention Amerika tief verstimmt haben. Auf seiner Rückreise meidet Herr Kellogg London, läßt sich aber in Irland feiern. Ist man in Paris so blind, wieder das alte englische Spielbrett zu betreten? Briand, der diplomatischste der Diplomaten sonst, leiht seine blendende Rhetorik der englischen Sache, exponiert sich, schiebt sich laut gestikulierend in den Mittelpunkt einer durchaus nüchternen, langweiligen Tagung, zieht sich die allgemeine unfreundliche Kritik zu, riskiert für ein Nichts seine traditionelle Beliebtheit. Später erst spricht der alte, knurrige Lord Cushendun, ein Diehard sans merci, dessen Rede sonst wie durch das verrostete Eisengitter einer alten Sturmhaube dröhnt. Hier kann der irische Raufbold, der zu Hause Parlamentsgrößen wie dumme Jungen anfährt, sehr manierliche Töne finden. Er hält sich an eine höfliche Farblosigkeit, die auch den von Briand zusammengestauchten Deutschen nicht wehe tut. Der französische Degen war als einziger aus der Scheide gefahren. Der alte Aristide spielt mit jugendlichem Elan den d'Artagnan der bedrohten Demokratie. Briand-la-guerre. Nachdem jetzt der erste Schrecken verflogen ist, beginnt man in Deutschland zu untersuchen, ob für die Rede des Reichskanzlers zwingende Gründe vorlagen. Man ist auch dies Mal, trotz allen Versicherungen, nach Genf nicht besser ausgestattet gegangen als vor ein paar Wochen nach Paris. Daß Hermann Müller die Abrüstung aufs Tapet brachte, entspricht ohne Zweifel dem Willen der vielen Millionen, die am 20. Mai republikanisch gewählt haben. Vielleicht war hier sogar eine viel stärkere und farbigere Sprache gewünscht worden. Aber der Reichskanzler, der um keinen Zoll über das Mittelmaß der deutschen Politik hinausragt, konnte hier nur einen Querschnitt durch die Fabrikate der deutschen Mittelmäßigkeit geben. Man kämpft grade in den Abrüstungsfragen stürmisch gegen die französischen Normalanschauungen, aber man bequemt sich nicht, sie einmal näher zu prüfen. Die deutsche Auffassung ist: Wir haben abgerüstet, sind im Sinne des Friedensvertrages entwaffnet. Basta. Die französische These dagegen behauptet: Nicht darauf kommt es an, wieviel Mann und Roß ein Staat im Laufe von ein paar Tagen mobilisieren kann, sondern welche wirtschaftlichen Faktoren ihm zur Verfügung stehen, wie viel Industrien er in die Kriegführung setzen kann, welche technischen Kräfte ihm zur Verfügung stehen, welche Transportmittel. Das ist der berühmte »potentiel de guerre« der These Paul-Boncour. Man kann diese Meinung bekämpfen, man kann sie praktisch für undurchführbar halten, aber man kann sie nicht einfach ignorieren und für eine Phrase erklären, denn sie ist die offizielle Auffassung der Führer des Staates, mit dem man über einige lebenswichtige Dinge ins Reine kommen will. Selbst in Zeitungen, die sonst das Gras der pariser Ministerien wachsen hören, konnte man gelegentlich lesen, daß es sich hier nur um einen privaten Spleen des Herrn Paul-Boncour handle. Deshalb mußte es wie eine ungeheure Überrumpelung wirken, als die deutsche Delegation diese belächelte These plötzlich aus Briands Munde hörte und dazu das mit einer Anzahl von Argumenten, die grade alle Elemente jenes Denkstoffes enthielten, dem man bisher sorgfältig ausgewichen war. Die Überraschung wäre nicht so katastrophal geworden, hätte man sich selbst und die deutsche Öffentlichkeit besser vorbereitet, hätte man sich nicht stets so wegwerfend, so spöttisch über die französischen Sicherheitswünsche geäußert. Auch die Debatte über die Rheinlandräumung wird durch eine ähnliche selbstgeschaffene Hemmung erschwert. Hier war im letzten Jahre der französische Standpunkt sehr klar geworden: Frankreich will in die Räumung vor den vertraglich festgesetzten Terminen wohl eingehen, wenn es Kompensation durch eine günstige Regelung der Kriegsschuldenfrage erhält. Nun aber versteift sich die deutsche Politik in diesem Punkt auf eine orthodoxe Auslegung des Friedensvertrages und verwahrt sich gegen Verquickung von Okkupation und Reparation. Das heißt: man weigert sich vornherein, in sonst nicht sehr aussichtsvollen Verhandlungen den einzigen Boden zu betreten, auf dem man sich mit dem Gegner zur Aussprache finden kann. Man redet also ins Leere. Schließlich aber wird die Lösung, wenn überhaupt, so oder ähnlich kommen. Anstatt sich rechtzeitig auf diese Möglichkeit vorzubereiten, legt man sich zunächst auf feierliche Verwahrungen, verpufft man der Öffentlichkeit zum Spaß etwas nationales Feuerwerk, bis man schließlich, weil nichts andres übrig bleibt, sich doch den Intentionen des Andern anbequemen muß, und dann sieht es wie eine Niederlage aus, wie eine neue Opferung des nationalen Stolzes. Hier spukt ein letztes Mal die sinnlose, verderbliche Resistenz der Reparationskomödien von 1920 bis 1924, von Spaa bis Dawes. Sozial-demokratisch-pazifistischer Weihrauch allein wird die Franzosen nicht aus der dritten Zone vorzeitig zum Abmarsch bewegen. Schon heute sieht man den Umriß künftiger Kompromisse. Aber wird das Kabinett Müller dies Ziel wirklich erreicht haben, so wird ihm auch kein Dank werden. Von Hugenberg bis Scholz wird man »Verrat« schreien, die Volksseele wird wieder überkochen. Mit besserer Vorbereitung der Stimmung in Deutschland wäre das leicht vermieden worden. Tu l'as voulu ... Übrigens lief auch dies Mal, wie immer in Genf, ein freundliches kleines Intrigenspiel mit. Hermann Müller hat seine Rede nicht ganz leichten Herzens gehalten, es hat nicht an Bemühungen gefehlt, ihm die Zunge zu binden. Durch zwei beliebte sozialistische Notable, den neuen Deputierten Herrn Sascha Grumbach und den gleichfalls polyglotten Vorwärtsredakteur Herrn Victor Schiff, hatte Paul-Boncour den Genossen Müller wissen lassen, daß Briand die Behandlung von Rheinlandräumung und Abrüstung in öffentlicher Sitzung übel aufnehmen würde. Müller schwankt. Er ist vorsichtig und ahnt den großen Krach. Doch nun setzt die Stresemannschaft des Auswärtigen Amtes ein. Herr von Schubert bearbeitet den Kanzler. Es wäre unsinnig, wenn er verzichten wollte. Denn er als Sozialist könne auf viel stärkere internationale Resonanz rechnen als irgend ein Andrer. Das sei ein Positivum, das nicht ungenützt bleiben dürfe. Herr von Schubert dringt durch. So erklimmt denn Kanzler Müller, der Warnung der andern Seite eingedenk, nicht ohne seelischen Druck die Rostra und hält jene Rede, die eine so ungemütliche Erwiderung hervorruft. Die Kalkulation der Herren gelernten Diplomaten ist köstlich. Wozu hat man schon einen Sozialdemokraten, wenn man aus dieser Tatsache nicht alle möglichen Profite holt? Geht die Sache schief, nun, dann hat sich eben ein Sozialdemokrat verbraucht, was kein so großes Unglück ist. Schon heute schwingt in den Kommentaren der journalistischen Intimen Stresemanns so ein bedenklicher kleiner Unterton mit: dem Meister wäre das vielleicht doch nicht passiert, seine Vertrautheit mit der genfer Atmosphäre, wo Herr Müller wirklich noch Neuling ist. Und so. Man kennt diese kleinen Neckereien, die auch eine solidere politische Konstitution als die Hermann Müllers langsam zu Tode kitzeln können. Wenn gar nichts Andres übrig bleibt, sollen die Reste der Locarnofracht auf Kosten Kanzler Müllers geborgen werden. Aus dem Versagen der Diplomatie und ihres nach Genf mitgeschleppten Anhangs soll schließlich eine persönliche Niederlage Müllers herausdestilliert werden. In Paris schreibt man schon ähnlich. Müller sei weit negativer gerichtet als Stresemann. Er habe nicht einmal die deutschen Vorschläge von Thoiry wieder präsentiert, sondern bedingungslose Räumung verlangt. Das sei sehr erstaunlich, denn Müller habe doch von Stresemann eben noch in Baden-Baden die Marschroute vorgeschrieben bekommen. Deshalb Briands Erregung. Armer Müller, den das abwesende Genie verdunkelt. Genf will den Star selbst, nicht den Ersatz. Und man sollte auch nicht vergessen, wie sehr die tadellos zuvorkommende Behandlung Stresemanns in Paris absticht von der Art, wie man Müller in Genf antichambrieren ließ. Unmittelbar nach dessen Ankunft stand Briand dem Kollegen zur Verfügung, der Regierungschef dagegen mußte in Genf drei Tage zappeln, ehe es ihm gelang, an Herrn Briand heranzukommen. Nun mag die französische Diplomatie manche Fehler haben, aber einen gewiß nicht: Mangel an Höflichkeit. Deshalb wirkt die Formlosigkeit, mit der Herr Müller drei Tage in Quarantäne gehalten wurde, so befremdend. Dinge gehen vor im Mond ... Aber auch der große Magier selbst hätte kaum ein besseres Resultat erzielt. Denn die deutsche Verständigungspolitik hat eine schwache Spekulation, die sich über kurz oder lang einmal rächen mußte: sie kennt Herrn Briand nicht. Sie nimmt ihn für eine idyllische Natur, oder für einen Unwandelbaren, einen peinlich Gerechten, wie es der Mann war, dessen klassisch republikanischen Namen er in gut jakobinischer Tradition trägt. Unbeugsamkeit, Starrköpfigkeit, nein, daran leidet Aristide Briand nicht. Er ist ein sehr flexibler Charakter. Man weiß von ihm bei uns eigentlich nicht mehr, als daß er einmal Sozialdemokrat gewesen ist. Was nicht viel besagen will, denn das war, zum Beispiel, auch Hilferding einmal. Aber Briand ist zeitlebens ein Überläufer in Kontinuität gewesen. In den neunziger Jahren vertritt er auf dem Gewerkschaftskongreß Internationalität und rigorose Durchführung der Maifeier; als Anhänger des Generalstreiks und brandroter Antimilitarist streift er den Anarchismus. 1904/05 in der Ära Combes ist er Berichterstatter für die Trennungsgesetze und Feind Millerands, der als erster Sozialist in eine bürgerliche Regierung gegangen war. Bald darauf thront er selbst als Minister in einem demokratischen Kabinett und hat die Scheidung von Jaurès vollzogen. Im Kabinett Clemenceau findet er zum ersten Mal Caillaux. Es ist ein Kabinett der »Köpfe«, der Ehrgeizigen und Vordergrundsucher.` »Was bedeute ich als Chef«, sagt der alte Clemenceau in giftiger Heiterkeit, »wo der Eine meiner Minister sich für Napoleon, der Andre für Jesus Christus hält?« Briand wird Nachfolger Clemenceaus und hält sich von 1909/11. Der große Streik bei der Nordbahn zeigt den Ultraradikalen von einst gewillt, den Klassenkampf des Bürgertums auch mit den schärfsten Waffen zu führen: er läßt im Norden mobilisieren, die Streikenden werden mit dem Gewehrkolben zur Arbeit gestoßen, ihre Syndikate geschlossen, die Führer verhaftet. Die Radikalen verlassen ihn schließlich, er geht. Ein Jahr später erscheint er wieder im Ministerium Poincaré, das von der Linken bekämpft wird. Interessant genug charakterisiert ihn Poincaré in seinen Memoiren: »Er bewegte sich mit erstaunlicher Geschmeidigkeit zwischen den Parteien. Einstmals hatte er auf den sozialistischen Kongressen eine Sprache geführt, deren revolutionäre Kühnheit das Heer empörte und die Bürger erzittern ließ; aber das war im Dezember 1899, und es waren mehr als zehn Jahre seither vergangen. Die Armee hatte vergessen, und die Bürger hatten verziehen. Sie verzeihen gern denen, die sie bedrohten, falls sie sie für ihre Verteidigung geeignet glauben ... Alle Fraktionen bemühten sich wetteifernd um ihn. Er entglitt ihnen zwischen den Fingern, aber mit einer derartigen Behendigkeit und Gewandtheit, daß man nicht müde wurde, ihn zu bewundern. Er war hervorragend in der Ausgleichung von Gegensätzen und der Kunst fortwährender Anpassung. Auch schien er geheime Sinnesorgane zu haben, um die Gelegenheiten zu wittern, die Ereignisse vorauszufühlen, die Gedanken mit ihm Redender zu ergründen und die Durchschnittsmeinung eines Auditoriums auszulösen. In schwierigen Augenblicken konnte er ein wertvoller Ratgeber sein.« Der ernste Lothringer ist ganz gewiß kein Autor, der Wert auf espritglitzernde Einfälle legt, aber die Art, den Kollegen Briand zu analysieren, erinnert fast an Anatole France, der in seiner »Insel der Pinguine« die Sozialistenminister dieser Jahre glänzend verspottet: »In jener Zeit war es eine der feierlichsten, strengsten, härtesten und, wenn ich so sagen darf, furchtbarsten und grausamsten Gepflogenheiten der Politik, in jedes Ministerium, das den Sozialismus bekämpfen sollte, ein Mitglied der sozialistischen Partei zu setzen, damit die Feinde des Eigentums die bittere Schmach zu kosten bekämen, von einem der Ihrigen gezüchtigt zu werden und damit sie sich nicht versammeln könnten, ohne nach dem zu spähen, der morgen ihre Geißel sein würde.« Nachdem Poincaré 1913 Präsident geworden ist, tritt Aristides als der Premierminister der dreijährigen Dienstzeit wieder vor die Kammer. Er muß wieder der Linken weichen. Jetzt ist er völlig abgeglitten und gehört, wie Alexandre Millerand, zu dem halbreaktionären Mischmasch, der gegen die radikalen Kabinette anrennt. Ende 1913 ist auf Barthou, der die Militärgesetze durchgedrückt hat, Gaston Doumergue gefolgt, der heutige Präsident der Republik. Finanzminister ist Joseph Caillaux, der später durch das Attentat seiner Frau auf den Figaromann Calmette zu Fall gebracht wird. Es kommt in der Kammer zu einer turbulenten Szene zwischen Briand und Caillaux. Die Beiden beschimpfen sich wie Straßenjungen. Von da ab sind sie bitter verfeindet, und erst die Maiwahlen 1924 bringen sie wieder zusammen. Als ein Genie der Gelenkigkeit und Anpassungsfähigkeit hat ihn Poincaré geschildert. Er ist ein Virtuose der Zweideutigkeit, er kann, während er noch eine Sache tönend verteidigt, schon kommende Entwicklungen nach einer andern Seite hin ahnen lassen. So scheint er oft, während er die Freunde noch enthusiasmiert, bereits die Hoffnung der Gegner. Als Premierminister in den Kriegsjahren feiert er, wie keiner vor oder nach ihm, im mächtigen Schwünge die gloire, den blutigen Ruhm der Schlachten, für den es erhaben ist zu sterben, selbst wenn der Sieg versagt bleibt. Der gleiche Mann, der als Redner in das schwärmerische Patriotentum des Charles Maurras verfällt, steht im Verdacht des geheimen Defaitismus und gerät durch seinen Vertrauten Malvy an die Grenze jener Skandale, die später Caillaux ruinieren. Der Allerweltshasser Georges Clemenceau hat ihn in diesen Tagen in seinem ›Homme enchaîné‹ in den bösen Konturen der Deputiertengestalten Daumiers gezeichnet, wie er lässig und etwas träge in den Couloirs flaniert und Komplimente macht; langhaarig, in salopper Kleidung, die zerdrückte Papyros zwischen den gelben Fingern: so geht er von einer Gruppe zur andern, Flatterien austeilend, Gegner mit Gefälligkeiten sanft entwaffnend. Nach dem Kriege kehrt er als Ministerpräsident wieder. Gegenüber Deutschland hält er an der unversöhnlichen Tonart fest. Es gelte, den säumigen Schuldner am Kragen zu nehmen, ruft er in einer der heftigsten Reden. Maximilian Harden hat oft darauf verwiesen, daß Poincare auch in seinen härtesten Momenten niemals sich solcher Klobigkeiten schuldig gemacht habe. Dennoch trauen ihm die Nationalisten nicht; Raymond Poincaré stürzt ihn während der Konferenz von Cannes. Schon damals hat man in Deutschland auf ihn Hoffnungen gesetzt, doch erst in Locarno sieht man ihn wieder. Das ist der Mann, auf dem die Spekulation der deutschen Verständigungspolitiker ruht. Man wird zugeben, daß man sich eine weniger schwanke und weniger durch Falltüren komplizierte Plattform denken kann. Aber er ist jedenfalls der Politiker, bei dem sich die Stresemänner geborgen fühlen. Poincaré ist ihnen entweder ein blutiger Kriegsverbrecher oder ein komischer Tartarin, Herriot ein idealistischer Don Quichote, und die Sozialisten zählen überhaupt nicht mit. Nur in Briand erkennen sie den großen Realisten und die Erfüllung eines geheimen Wunschbildes. Jeder nach seinem Geschmack. Jetzt ist die große Enttäuschung da. Denn es ist genau das geschehen, was man immer vermeiden wollte: jetzt muß Deutschland, um in der Räumungsfrage weiterzukommen, sich den französischen Begriffen von sécurité fügen oder verzichten. Briand hat die Deutschen mit hartem Stoß erst in die Ecke gefegt, nun müssen sie kapitulieren oder ergebnislos heimkehren. Es bleibt die Frage, welche von den beiden Schlappen ärger ist. Zerblasen der bunte Schaum einer Verständigungspolitik, die sich stets um die Wirklichkeit herumgedrückt und in klingelnden Phrasen getummelt hat. Während ein paar Schaufeln Erde auf Brockdorffs Sarg schollern, flüstert man sich wieder die neue Parole »Ostorientierung« zu, falls sich auch die kärglichsten der an Genf geknüpften Erwartungen nicht erfüllen. (A propos ... wie sollen eigentlich die deutschen Sozialisten östliche Orientierung machen? Preisfrage.) Der nette französische Gegenspieler des Helden der Politischen Novelle hat sich plötzlich in einen reißenden Oger verwandelt. Was werden sie jetzt anfangen, die Flötenbläser und Mänaden des Rapprochements, die kulturverschleißenden Chapironen und kosmopolitanischen Dudelsackpfeifenmacher? Der Friede ist eine zarte Blume, die sorglich gepflegt werden muß, hat der alte Mitrailleusenzertrümmerer und Bajonettebrecher gesagt. Nach seiner Meinung wird der Friede am besten gepflegt, indem man Kanonenläufe über die ganze Erdkugel richtet. Das ist die Weisheit von 1910. Nach Krieg und Friedenskonferenzen wieder das Dogma vom bewaffneten Frieden. Circulus vitiosus. Nicht die Enttäuschung, die Briand seinen deutschen Feueranbetern bereitet hat, ist das Schlimmste. Das kann sogar pädagogisch wirken. Viel schlimmer ist die kalte Geste, mit der er die Friedenssehnsucht aller Völker, die sich in dem Wunsch nach Abrüstung praktisch durchsetzen will, wie lästigen Staub fortwischte. Das ist die Täuschung eines Vertrauens, das überall Entmutigung und Abkehr hervorrufen wird. Viel ist von der Idee von Genf ohnehin nicht mehr lebendig. Briand hat den dürftigen Rest in Frage gestellt. Schon heute, wo ihnen der Schreck noch in allen Gliedern schlottert, beginnen Stresemanns Intime wieder das geborstene Piedestal ihres Helden zu kitten. Vergebliches Beginnen. »Um die Politik zu verbessern, muß man zunächst die Lügen entlarven«, schreibt Alfred Fabre-Luce, der Mutigste unter den jungen französischen Publizisten. Dieser Aristides hat es leicht gemacht: er hat sich selbst entlarvt. Die Weltbühne. 18. September 1928 810 Der rote General Da in diesen Tagen des beginnenden Herbstes der Herr Rezensent der Jahreszeit eine Kontribution in Form einer kleinen Bettlägrigkeit entrichtet, muß der politische Teil wieder einspringen. Es lockt um so mehr, nach der Königgrätzer Straße zu gehn, da sich Hermann Ungars Drama mit einem in der Zeit liegenden Stoff befaßt, der fast mehr die politischen Instinkte herausfordert als die ästhetischen, die übrigens nicht einmal in Deutschland immer Gegensätze zu sein brauchen. Es ist ein Stück aus der russischen Revolution, die Tragödie des jüdischen Revolutionärs, der die Sowjetarmeen zum Siege führt, aber schließlich nicht nur um seinen Lorbeer, sondern auch um sein Leben geprellt wird. Denn das Judentum, im Metaphysischen wurzelnd, scheint auch der roten Revolution verdächtig. Zwar schlägt der Muschikgeneral Brutzkin sich tapfer für Hammer und Sichel, aber die Duldsamkeit ist nicht größer geworden, und der Einzug in die podolische Stadt beginnt, wie unter dem Zarenadler, mit einem Pogrom. Die Tragödie Ahasvers, die ewige Isolierung. Hermann Ungar hat ein bewegtes, buntes, oft krasses Theaterstück geschrieben, aktuell im Vorwurf, nicht neu in den Mitteln, das Drama eines Romanciers, der als Psychologe zur letzten Zerfaserung gelangte und, aus der Analyse von Wahn und Krankheit auftauchend, soliden Theaterboden sucht, Handlung und einfaches Gefühl und breit fließendes Pathos. Wenn man auch heuer in der Königgrätzer Straße so beginnt, wie man im vorigen Winter am Nollendorfplatz endete, nämlich mit der Internationale, so vergißt man doch keinen Augenblick, daß die rücksichtslose Gebärde von einer feinen Geistigkeit bewegt wird, und daß das Drama, wenn schon klassifiziert werden soll, am ehesten in die Richtung der Revolutionsstücke Rollands weist. Maxim Podkamjenski, der Sohn des Mendel Frischmann, ist der Oberbefehlshaber der roten Armee. Sein Rivale ist der volksbeliebte General Brutzkin, der Bauernsohn, der Pogrome zuläßt; in einem davon fällt der alte Frischmann. Der Sohn ist nicht gewillt, sein Empfinden dem kollektivistischen Prinzip zu opfern; er fordert Gericht über Brutzkin. Doch die Volksbeauftragten denken an die Politik. Hier Brutzkin, der die Massen für sich hat, da der jüdische Intellektuelle, der sein Leben im Exil verbracht hat, durch Bildung und Rasse den Bauern fremd und suspekt bleibt. Der rohe, prahlerische Liniengeneral siegt über den Geistigen. Podkamjenski legt den Oberbefehl nieder und soll zur besondern Verwendung ins Ausland gehen. Ahasver. Am gleichen Abend wird er von ein paar weißen Offizieren im Bahnhof niedergeschossen. Opfer einer Verschwörung, der die geliebte Freundin selbst durch eine Unbedachtsamkeit das Stichwort gegeben hat. Hermann Ungar verwahrt sich im Programmheft dagegen, die Erscheinung Trotzkis zum Vorbild genommen zu haben. »Der dargestellte Konflikt ist in jeder Zeit und in jedem Land denkbar, wo eine Masse Gleichgearteter dem Einzelnen, dem Blut oder Geist nach Andersgearteten, gegenübersteht. Ich habe Rußland zum Schauplatz gewählt, weil es für unsre Zeit das Land der großen Umwälzung ist. Die Kulisse ist imaginär. Die Darstellung des tragischen Schicksals Podkamjenskis soll nicht zur Idee der russischen Revolution Stellung nehmen.« Halt. So stark ist die Gestalt wieder nicht, um aus eigner Magie ohne die Erinnerung an Trotzki zu leben. Trotz des Dichters Abwehr liegt der Name Trotzki auf aller Lippen. Würde dieser Schatten versinken, bliebe nur ein roter Coriolan, der von der kompakten Majorität zertrampelt wird. Auch die dankbaren dramatischen Konflikte sind an Zeit und Land gebunden. Noch ist die russische Revolution Gegenwart, wir durchschauen ihre eignen Gesetze zu deutlich, deshalb sträuben wir uns, daß ein Konflikt dorthin verpflanzt werden soll, der auf diesem Boden so nicht wachsen kann. Der Konflikt ist wirklich, aber ihn auf eine beliebige Ebene, nur des wirkungsvollen dramatischen Hintergrundes wegen zu projizieren, nimmt ihm die Natürlichkeit. Vielleicht – wahrscheinlich – ist der Antisemitismus auch im heutigen Rußland noch nicht überwunden. Aber was die Führerschicht schließlich zersplittert hat, war nicht die Judenfrage, sondern die Ökonomie. Man hat als seelischen Antrieb des Bolschewismus den alttestamentarischen Haß des Juden gesucht, der sich durch fanatische Egalisierung für die Mißhandlungen und Unterdrückungen vieler Jahrhunderte rächen will. Daran glaubt der superkluge Hilaire Belloc ebenso fest wie der superdumme Adolf Hitler. Aber schon der orthodoxe Vollrusse Lenin hatte mehr von diesem lodernden Prophetenzorn, als die Kamenew oder Sinowjew. Man lese bei John Reed über Trotzki in den zehn entscheidenden Tagen: er ist nicht nur der Stratege, sondern auch ihr Spaßmacher, neben dessen Aktivität die Andern glaubensstark, aber dumpf erscheinen. Er ist in seiner Agilität mehr ein Pariser der Revolution, denn ein traditionsgebundener Jude, der beim Minieren der bürgerlichen Gesellschaft ein uraltes Ressentiment befriedigt. Ich glaube, man kann eine dramatische Fabel nur dort entwickeln, wo sie zu Hause ist. Die Tragödie Podkamjenskis ist real, gewiß, aber sowjetrussisch ist sie nicht. So wird auch dies Revolutionsdrama von vornherein ein Untergangsstück wie Danton und Florian Geyer: der Held kämpft nicht, er ist gezeichnet und verloren schon beim Beginn. Auch hier liegt die Entscheidung schon in der ersten Szene: wenn der rote Brutzkin den alten Frischmann andonnert, weiß man, daß sich der Stärkere präsentiert hat und niemand gegen diese Viehheit aufkommen wird. Wir sehen Podkamjenski nicht handelnd, sondern leidend, durch das Blut isoliert, langsam absinkend. Um an seinen Aufstieg zu glauben, muß sich immer wieder die Erinnerung an Trotzki einstellen. Und trotz alledem lebt dieses Drama nicht von einer künstlichen Erregung, es stellt sich der Zeit, und hinter den nicht neuen Intrigen fühlt man das heiße Herz. Die Aufführung unter Erich Engels Leitung war, obgleich grade jetzt in Berlin nicht schlecht Theater gespielt wird, doch erst der richtige Gongschlag, der die Saison eröffnet. Seit langem war Kortner nicht mehr so herrlich wie hier als roter General. Das war wirklich Israels leidvolles Antlitz, seit zweitausend Jahren von der Christenheit abwechselnd mit Steinen und mit Toleranz beworfen. Kortner erscheint hier klarer und reiner als früher oft in seinem klassischen Repertoire. Kein Prunken mit stimmlichen Möglichkeiten mehr; es klingt alles einfach und bestimmt. Wenn er der kleinen Ordonnanz auf die Schulter klopft: »Junge, achtzehn Jahre bist du ... achtzehn Jahre ...!«, dann möchte man ihm einfach die Hand schütteln. Die unfreiwillige Delila dieses weichen Simson ist Eleonora von Mendelssohn. Sie ist noch gehemmt und ungelöst, was ihr hier zum Vorteil wird. Aber ihre Sprache ist schlicht, sie kann das Haupt wundervoll sinken lassen, und wenn sie mit Tränen kämpfend auf der Schreibmaschine klappert, ist sie Kortners würdige Partnerin. Es sind viele gute Spieler eingesetzt. Die rote Bestie: Herr Ferdinand Hart. Die weiße Bestie: Herr von Wangenheim. Der Kopf des Rates: in leninähnlicher Maske Herr Stahl-Nachbaur. Aber was an diesem Abend, zwischen Liebesgeflüster und Revolutionsmusik, an Fragen aufgeworfen wird: Juda und die Christenheit, Rußland und Europa, das ganze gedankliche Register von der schwarzen Pest bis zum großen Krieg, [darüber] könnte niemand besser disputieren als der Herr Doktor Egon Friedell. Aber er darf nicht, er muß mitmachen. Er spielt einen heimtückischen polnischen Kaplan, einen Westentaschen-Domingo, und er spielt ihn mit erstaunlicher Hinterhältigkeit. So geht es uns Literaten. Kommt einer von uns schon mal richtig auf die Bretter, muß er die unangenehmen Kerle spielen. Nachher in der Garderobe höre ich hinter mir eine Dame ihren Freund mit ungnädiger Betonung belehren, daß Herr Friedell, der den ränkevollen Priester spielte, eigentlich Schriftsteller sei. So was fällt immer gleich auf den ganzen Stand zurück. Die Weltbühne, 25. September 1928 811 Die Blauen und die Roten Also las man in diesen Tagen: »Die blaue Armee kommt unter leichten Nachhutgefechten zurück ... Die rote Armee hat sie indessen zurückgedrängt und ist auf der Verfolgung. Aber neue Kräfte der blauen Armee rollen vom Westen her an. Der Führer hat inzwischen die ganze Stärke der neuen feindlichen Truppen erkannt ... Vor diese neue Aufgabe gestellt, entschließt er sich, über die Höhe von Gruna zunächst nicht hinauszugehen, sondern sich in breiter Front vorzulegen.« Das ist aus einem der vielen görlitzer Manöverberichte und muß gewiß sehr spannend gewesen sein. Es ist die Zeit der Herbstmanöver, die zwar noch nicht Ernstfall bedeuten, aber doch der Ausprobierung von Spielregeln dienen. Aber lassen wir unsre Strategen ruhig an der Höhe von Gruna, die Farben, die sie tragen, sind uns wohlvertraut, es sind die wirklichen Farben der beiden großen feindlichen Heerhaufen in der deutschen Republik. Daneben verschwinden die viel heftiger umstrittenen zwei Trikoloren.   Die blaue Armee, am 20. Mai auseinandergehauen, ist unter leichten Nachhutgefechten zurückgekommen. Da die Roten zurzeit regieren, machen die Blauen wieder einen vorzüglich erholten Eindruck. Bei den Roten ist trotz breit vorgelegter Front offensichtlich Pause, die tapfern Krieger gehn augenblicklich Essenholen, und ganz deutlich sieht man im Hintergrund die liebe alte Gulaschkanone von ›Vorwärts‹ in voller Würde dampfen. Bei den Blauen dagegen rollt Verstärkung an, und um zu zeigen, wie gut sich alles macht, hat sich der blaue Generalstab vor ein paar Tagen in einem großen Meeting an der Hasenheide den Freunden und Abonnenten vorgestellt. Es ist ziemlich wild geredet worden, von dem Lambachzank war nichts mehr zu spüren, die Stahlhelmführer heischten ein Plebiszit zur Änderung der Verfassung, ein Herr mit dem historischen Namen Struensee sandte Grüße an die Dynastie. Man kann das Arrangement persiflieren, aber man sollte nicht vergessen, daß seit 1923 die Rechte nicht mehr so maskenlos, nicht mehr mit so unverfrorener Sicherheit aufgetreten ist. Die Demopresse benörgelt das intellektuelle Niveau der Versammlung, aber anzunehmen, daß Alldeutschlands gesamte Dummheit sich ausschließlich auf der rechten Seite konzentriert, ist ein Aberglaube, der einer allzu kritiklosen Parteifrömmigkeit entspringt. Die Republikaner verfügen wohl über mehr intellektuelle Potenz, aber die Rechte hat dafür eine gesunde knusprige Bauernschläue einzusetzen, die inzwischen neben dem Auftrumpfen auch noch das Theaterspielen gelernt hat und nicht mit verfassungsrechtlichen Darlegungen zu schlagen ist, sondern die Faust unter der Nase spüren muß. Lächelnd überschaute Graf Westarp sein Kriegsvolk, das vor einem Monat noch allerorten meutern wollte. Denn er hat eine mächtige Allianz: die allgemeine ungeheure Enttäuschung über die Roten, die davon übrigens selbst nichts merken. Es gab auf diesem Treffen vielerlei Fanfaronaden, viele kalte Theaterflammen und Magnesiumblitze. Wer eine gute Nase hat, wird dennoch den Brandgeruch wittern. Es ist noch nicht der Ernstfall, aber ein Herbstmanöver.   Grade jetzt vor zehn Jahren ging es den Blauen erbärmlich schlecht. Ihr Krieg brach zusammen. Ihr Kaiser wollte sich durch plötzliche Etablierung der Parlamentsherrschaft retten. Man suchte nach einem passablen Reichskanzler und fand den liberalen Zähringerprinzen. Pax durch Max, flüsterten die Fraktionsgeronten einander hoffnungsfroh zu. Oktoberwende ... Die O.H.L. schreit verzweifelt nach Waffenstillstand. Die Halbgötter erklären sich besiegt. Das neue Bürgerregime, das sie bei anderm Ausgang mit Kolbenstößen auseinandergejagt hätten, soll den Krieg noch möglichst selbigentags abblasen. Am 6. Oktober schreibt der alte liberale Abgeordnete Conrad Haußmann nach einer Sitzung im Parteiausschuß in sein Tagebuch: »Fischbeck referiert über ... das Waffenstillstandsangebot. Die Heeresverwaltung habe eröffnet, jeder Tag koste zehntausend Tote. Ersatz sei nicht mehr vorhanden. Die Bataillone von achthundertfünfzig auf fünfhundert zusammengeschmolzen ... Die Westfront stehe noch, aber die Heeresleitung habe das höchste Interesse an einem Waffenstillstand, um Schlimmeres, das nahe gerückt sei, zu vermeiden. Die zahlreich Versammelten äußern sich entrüstet über die Lügen, nachdem Fischbeck mitgeteilt, dem Vernehmen nach habe Heydebrand in der konservativen Fraktion des Abgeordnetenhauses geäußert, die konservative Partei gehe zugrunde an den Lügen der Heeresleitung ...« Und am 9. Oktober: »Der Nachtbericht klingt fast katastrophal aus Cambrai, als ob dort das Zentrum durchlöchert sei. Alle politischen Akte seit Jahr und Tag zu spät, zu spät!« Nun wird der kardinale Fehler begangen, den Halbgöttern die Verantwortung für das Debakel abzunehmen. Sie, die sich vier Jahre angemaßt hatten, jeden Winkel des zivilen Lebens zu kontrollieren und zu reglementieren, treten plötzlich bescheiden zurück, anstatt das Papier, das ihre Niederlage manifest macht, mit ihrer Unterschrift zu bekräftigen. Ein Jahr später ist die Legende vom Dolchstoß da, die Parteien der Linken werden als defaitistisch und verräterisch defamiert. »Der Sieg war zum Greifen nah ...« »Das unbesiegte Heer ...« Conrad Haußmann notiert am 11. Oktober: »Angesichts der Gefahr einer Kapitulation der Armee, die die verantwortliche Heeresleitung für vorliegend erklärt hat – indem sie im besondern den Durchbruch und die Aufrollung der Front ins Auge gefaßt hat, ohne im besten Falle eine Besserung der Gesamtlage versprechen zu können –, muß die Regierung handeln und keine Stunde verlieren.« Großmütig nehmen die Roten den Blauen die Bürde ab, und noch heute sind auf ihren Schultern die Male zu sehen. Der arme Erzberger mit seiner unseligen Sehnsucht, sich in den Vordergrund der Weltgeschichte zu spielen, betritt schließlich den Salonwagen im Walde von Compiegne. Zum Dank dafür haben die Blauen ihn später abgeschossen. Dieser großartig gemeinte, politisch törichte Opfergang hat den Blauen eine Geschichtslüge beschert, an der sich ihre Reputation in Zeiten der Schwäche immer wieder erfolgreich regenerieren darf. Und in den nächsten Jahren wird sich der Vorgang oft wiederholen, immer werden in letzter Entscheidung die Roten die Geschäfte der Blauen besorgen. In diesen Tagen wird mit einiger Rührung an die kurze Ära Max erinnert werden. Doch schon dieser eine Monat zeigte in nuce alle Unzulänglichkeiten und Wirrnisse unsres spätem Parlamentarismus. Auch das war nur Herbstmanöver, bis das flammende Signal von Kiel aufstieg.   Wenn man irgendwo liest: »Grade der Soldat wird alle Bestrebungen begrüßen, die auf Verminderung der Kriegsmöglichkeit hinzielen, aber er zieht nicht auf die Straße unter dem Schlagwort ›Nie wieder Krieg‹, weil er weiß, daß über Krieg und Frieden höhere Gewalten entscheiden als Fürsten, Staatsmänner, Parlamente, Verträge und Bündnisse, nämlich die ewigen Gesetze des Werdens und Vergehens der Völker ...« – wenn man das liest und erfährt, daß ein General der Verfasser, weiß man augenblicklich: diese mit so mystischer Feierlichkeit angerufenen ewigen Gesetze tragen Offiziershosen mit breiten roten Streifen. Nicht ohne Bedauern überzeugt man sich, daß der Autor nicht einer jener senilen Sonntagsnachmittags-Strategen ist, die sich bei Hugenberg militärisch verbreiten, sondern der Generaloberst von Seeckt, dessen intrikate Klugheit außer Zweifel steht. Doch weiter: »Wer aber für solche Schicksalskämpfe sein eignes Volk bewußtlos wehrlos machen will, wer es lieber im Bund mit den feindlichen Nachbarn schwächt, als den Volksgenossen bei der Vorbereitung berechtigter Abwehr unterstützt, der Pazifist gehört noch immer an die Laterne – und wenn es auch nur eine moralische ist.« Es kommt selten vor, daß der Herr General einmal die Haltung verliert und das vorzüglich eingebaute Monokel zu zittern beginnt. Aber dies Thema bringt selbst die Sphinx ins Schaukeln. Es ist sehr gütig, daß uns Herr von Seeckt einstweilen nur die moralische Laterne zudenkt. Wir sollen einstweilen gleichsam nur akademisch gehenkt werden, »in a merry Sport«, wie Shylock sagt, um den häßlichen Kontrakt akzeptabel zu machen. Später kann die Sache vielleicht einmal konkreter werden, bis dahin muß man sich eben mit einem kleinen Manöverspiel begnügen. Herr von Seeckt ist es doch, auf den ein bekannter Industrieller, der ihn bei einem Besuch an der Ostfront kennen lernte, von seiner geistvollen Art bezaubert, das geflügelte Wort gemünzt hat: »Es ist schade, daß dieser Mensch nur das Morden gelernt hat!« Es ist schade, daß Herr von Seeckt seitdem nichts zugelernt hat. Die Weltbühne, 2. Oktober 1928 812 Ernst Glaesers erster Roman Ernst Glaesers Roman »Jahrgang 1902« ist in diesen Tagen bei Kiepenheuer in Potsdam herausgekommen. Die Leser der ›Weltbühne‹ haben im Laufe dieses Jahres zwei Kapitel daraus kennengelernt: »Pfeiffer« und »Das Schützenfest«. Vielleicht bin ich nicht der rechte Mann, um das fertige Buch zu beurteilen, von dem mir vor Monaten schon Bruchstücke vorgelegen haben, Bruchstücke, in die ich mich hemmungslos verliebt habe, weil mir dieser Klang einzig schien in jener Generation, die heute gemütlich über die Schwelle der Literatur säuselt und den Eindruck erweckt, als lebten wir schon in einem neuen Biedermeier. Jener Glaeser ist vor ein paar Jahren durch ein frühes Drama bekannt geworden, das die kasseler Richter in Bewegung setzte, aber die berufenen Kunstrichter ziemlich unbewegt ließ. Sturm und Drang; eine mit Explosivstoff bestrichene Visitenkarte, die bei der Berührung etwas knatterte, aber nicht sehr viel. Bald darauf traf man ihn im Feuilleton der ›Frankfurter Zeitung‹ wieder und zweifelte zunächst ein wenig an der Identität. Denn nichts erinnerte hier mehr an die dramatische Insurrektion, die, wenn mich mein Gedächtnis nicht verläßt, dem Herrn Ankläger Gelegenheit gab, darin Gotteslästerung, grobe Unzucht oder ähnliche Leckerspeisen von der juristischen Frühstückskarte zu entdecken. »Jahrgang 1902«, das ist ein programmatischer Titel, denn es geht hier um diejenigen, welche zunächst dran gewesen wären, wenn der Krieg etwa noch weitergegangen wäre. Sie waren 1914 zwölf Jahre, ihr gehirnliches Erwachen, ihre Pubertät fällt in den Krieg. Als sie sich erstmalig umblickten, war Deutschland eine blockierte Festung, ihre Lebensfreude war auf Kohlrübenfutter standardisiert, und als sie in das Alter kamen, wo die Jungen sonst, des häuslichen Alltags und der Schule überdrüssig, planen, nach Amerika auszurücken, siehe, da trat Amerika in den Krieg ein. Von ihren Erschütterungen, ihren frühen Ernüchterungen, von dem kalten Paroxysmus des Hungers, der schließlich den heißen des Patriotismus abgelöst hatte, handelt Glaesers Roman. Der Vergleich liegt nahe mit dem andern Kriegsroman, der vor Jahresfrist von ganz Deutschland als ein spätes Hochgericht über die »große Zeit« empfunden wurde: mit Arnold Zweigs »Grischa«. Beide Bücher treffen sich im sittlichen Empfinden, in der Abneigung gegen den Krieg. Aber sonst sind sie grundverschieden. Bei dem Jüngern fällt der Verzicht auf die Arabeske in die Augen; er unterstreicht oder verwischt nicht, er egalisiert, es ist kein Verweilen, der Blick ist gradeaus aufs Ziel gerichtet. Aber der Wille, der diese Galoppade, dies unermüdliche Vorwärtssprengen aushält, ist großartig. Der Stil ist scharf und schnell. Es gibt kein Pathos, keine anklägerischen Tiraden, aber so wie die Erwachsenen, die diese Welt angerichtet hatten, in Großmäuligkeit und Kleinmut, in ihrer seelischen Zwitterhaftigkeit festgehalten werden, das ist viel schrecklicher als Karikatur oder gewollte Verzerrung: das ist eben die Wahrheit, wie sie ein paar unbestechliche Knabenaugen sahen. »Wir waren ganz unsern Augen ausgeliefert. Was wir sahen, haben wir behalten«, schreibt Glaeser. Er beansprucht nicht, einen Roman geschrieben zu haben. Vielleicht hat er recht, und es ist nur eine Folge von Bildern und Charakteristiken. Aber ich glaube es ist mehr: nämlich eine Bestandsaufnahme der Figuren und Gesichter seiner Phantasie. Niedergeschrieben, um selber einmal klar zu sehen. Es ist schwer, solche Fragen zu beantworten und vor allem bei einem jungen Autor voll von Möglichkeiten, und wir wollen uns nicht bei Formproblemen aufhalten. Roman oder nicht, man müßte plumpe Sinne haben, wenn man hier nicht den Dichter ahnte. Dies Buch, manchmal abrupt, manchmal gehetzt, ist ein junges Meisterstück. Es holt nach, was die deutschen Romanschreiber bisher übersehen haben: wie die Heimat im Krieg war. Die Weltbühne, 2. Oktober 1928 813 Erna Anthony Vor dem Schwurgericht in Moabit steht ein schmächtiges junges Mädchen unter der Anklage des Mordes. Es ist leichte Arbeit, denn die angeklagte Kontoristin Erna Anthony war schon bei der Vernehmung im Polizeipräsidium geständig, die Scheuerfrau Schüler ermordet zu haben. Der Fall weckte Sensation, ohne sensationell zu sein. Der Saal war überfüllt, die Zeitungen berichteten spaltenlang und gaben noch Bilder dazu. Die kleine Erna Anthony, eine kärglich bezahlte Angestellte, war verlobt, hatte daneben ein Verhältnis mit ihrem Chef, hatte Furcht, daß dessen Frau etwas davon erfuhr, erlaubte sich hin und wieder Ausgänge, die mit unbeträchtlichen Geschenken endeten, hatte all dieser Dinge wegen ein schlechtes Gewissen, und da ihr Einkommen nicht gestattete, sich bei einem Psychoanalytiker zu erleichtern, beichtete sie der im Kontor beschäftigten Scheuerfrau Schüler, die daraus gelegentlich Nutzen zog und wohl auch gelegentlich Bruch der Diskretion in Aussicht stellte. Man weiß nicht, ob ihre Andeutungen wirklich so erpresserisch gemeint waren, wie sie aufgefaßt worden sind, und bis zu diesem Punkt sehen wir durchaus nur Figuren und Szenarium jener unfreiwilligen Possen, wie sie sich tagtäglich vor den Beleidigungskammern abspielen. Aber Erna Anthony sah ihre ärmliche Welt, die sich auf Notlügen stützte, in Gefahr, sie fühlte einen Vampir, sah sich beim Bräutigam, bei der Frau des Chefs verklatscht, sah sich entlassen, arbeitslos, ihrer bescheidenen Vergnügen beraubt, aus ihrer bürgerlichen Reputation gestoßen, am Rande des sozialen Nichts, und schnitt eines Abends der Scheuerfrau Schüler den Hals durch. Die gerichtlichen Experten behaupten, noch niemals einen so schrecklichen Schnitt gesehen zu haben. Die irrsinnige Angst eines jungen Weibes hatte den magern Arm geführt. Das Schwurgericht hat trotz alledem versucht, den Besonderheiten des Falles gerecht zu werden und das liebe Publikum enttäuscht, das auf ein Todesurteil und eine haltlos zusammenbrechende, um Erbarmen wimmernde Sünderin wartete. Das Gericht hat keine verworfene Herzensverrohung darin gesehen, daß die Angeklagte am gleichen Abend noch mit ihren am Mordmesser verletzten Fingern Klavier spielte, es hat wegen Totschlages auf fünf Jahre Gefängnis erkannt, obgleich niemand über die Angeklagte viel Gutes ausgesagt hat, dagegen alle des Lobes voll waren über die Ermordete. Die eine Frage drängt sich beherrschend auf: – wie muß sich ein junges unbescholtenes Ding gepeinigt gefühlt haben, um zum Messer zu greifen? Nachher mag sie sich über die nächsten Tage keine Illusionen mehr gemacht haben. Als Erna Anthony an dem verhängnisvollen Abend nach Hause kam, war sie, wie ihre Angehörigen bekunden, noch nervöser und fahler als sonst; sie wollte nicht essen, sie setzte sich nachher ans Klavier mit den zerschnittenen Händen. Der Vorsitzende fragte, warum sie sich nicht geweigert habe, und sie antwortet ganz apathisch: »Mir war ja alles so egal!« Etwas später legte sie sich hin, und wie sie weiter gefragt wird, was sie sich da für Gedanken gemacht habe, schweigt sie beharrlich. Ist es wichtig, was den zerstörten Kopf gemartert hat? Der Richter hört auf zu inquirieren, und das ist vernünftig, denn dies Schweigen erzählt mehr als ein Ausbruch. Nur zu selten begegnet man einem Richter, der das Schweigen eines Angeklagten ehrt. Nur zu oft begegnet man Richtern, die sich vor den Mördern blamieren. So entscheidet Gottseidank nicht die berühmte »ehrliche Reue«, die man bald mit dem Richtbeil ins Museum stellen sollte, es entscheidet auch nicht der racheheischende Schatten des Opfers. Der Ermordeten wurden die besten Zeugnisse ausgestellt, und das ist gewiß keine Unwahrheit. Aber ebenso wahr ist sicherlich auch Erna Anthonys Aussage: »Frau Schüler hat nicht gesagt: ›ich will Geld haben, dann sage ich nichts‹, aber wenn wir in Streit kamen, dann sprach sie immer von ›der Sache mit dem Chef‹, und ich gab ihr daraufhin Geld. Auf diese Art fühlte ich mich erpreßt.« Hier beginnt die schreckliche Tragikomödie der Irrungen. Denn so einer Frau Schüler begegnet jeder in jedem Lebenskreise einmal. Sie ist vertrauenerweckend und ihr wird anvertraut, und wenn sie diese geringen, dummen und doch für eine hilflose Existenz so wichtigen Geheimnisse erfahren hat, dann ändert sich das Wetter plötzlich, aus Wohlwollen wird unbestimmte Drohung, die Erpressung nicht ausgesprochen, aber sie liegt in der Luft; das offenherzige Gemüt sieht sich einer verkniffenen Starrheit gegenüber und glaubt vorbeugen zu müssen, um sich Schweigsamkeit zu sichern. Diese Tribute erschüttern den proletarischen Etat der Kontoristin Anthony, und die Drohung besteht weiter. Vielleicht war es der Frau gar nicht so ernst, und vielleicht wollte auch sie sich nur wichtig machen und sich an der Gewalt über eine jüngere, hübschere Schwester laben. Es sind schließlich nur läßliche Sünden gewesen, die sie angehört, und auch ihre eigne Schuld ist nur läßlich. Es wird viel geklatscht, viel gedankenlos gedroht, aber selten nur so teuer dafür bezahlt. Und das ist wohl das grausamste: daß diese beiden Frauen, beide unter dem gleichen Druck leidend, beide dem Begriff »Kontor« rückhaltlos versklavt, beide immer am Rande des gräßlichen sozialen Nichts, sich blind ineinander verkrampfen; die Eine, weil sie sich durch das Wissen um ihre Geheimnisse ausgesogen und ins Leere gezerrt fühlt, die Andre durch das gleiche Wissen innerlich erhoben und äußerlich überlegen geworden, bis schließlich das Messer das gespenstische Duell zweier konkurrierender Geltungstriebe entscheidet. Vor Gericht erscheint Erna Anthony laut und exaltiert, sie macht erregte Zwischenrufe, ihr Auftreten wirkt manchmal theatralisch und wie für die Öffentlichkeit pointiert. Der letzte Akt des Dramas ist da, und dieser Akt bringt nach dem Geständnis die Exhibition. Es sind viele neugierige Menschen da, der Pressetisch ist voll von Reportern und Zeichnern. Und sie fühlt, daß dieser Augenblick ihr gibt, was das Schicksal ihr immer vorenthalten hat: sie weiß sich als Mittelpunkt. Sie weiß, es geht nur um sie. Sie weiß auch, daß es um ihren Kopf geht, aber sie spielt um ihren Kopf, um des andern, des wichtigeren Spieles willen. Sie weiß plötzlich, daß sie diesen Gaffern rundum etwas schuldig ist, und sie erfüllt es. Sie erhebt sich zuckend und sinkt wieder zusammen, sie sucht fiebernd nach großen Gesten: »Die Frau des Chefs sollte nichts erfahren, sie tat mir leid ...« Der Staatsanwalt fragt, ob es wahr sei, daß die Angeklagte verschiedenen Leuten Unterstützung gegeben habe. Und sie fährt auf und schreit: »Keinen Namen nennen, keinen Namen nennen!« Jetzt, wo alles bald vorüber ist und sie das Ende ihrer Rolle ahnt, soll noch das erregende Aroma letzter Geheimnisse gewahrt bleiben. Es werden sich wieder Moralisten finden, denen böse Worte wie »Faselei« oder »Lüge« leicht im Munde sitzen und die sich auch sonst noch eingehend verbreiten über die Verderbnis der Jugend und der weiblichen besonders. Aber diese unerbittlichen Puritaner vergessen, daß das heutige gesegnete Wirtschaftssystem die ganze Welt in eine Uniform zwängt und in eine ungeheure Fabrik oder in ein Fabrikkontor verwandelt und damit dem Einzelnen eine tragische Frage auferlegt, die jeder nach seiner Fasson beantworten muß. Die meisten werden dumpf und stumpf und sind zufrieden, wenn sie irgendwo für Augenblicke das Nummernschild abreißen dürfen, das ihr Gesicht verhüllt. Der Eine sucht einen irrsinnigen Rekord zu brechen und bricht den Hals dabei, der Andre nimmt gleich den Umweg über den Hals des Andern. Doch gemeinsam ist das leidenschaftliche Verlangen, herauszubrechen aus dem Einerlei, sich zu zeigen, sein Besonderes aufzuweisen, nicht so zu versacken in der namenlosen, gesichtslosen Menge, nicht wortlos unterzugehen in Fron und Pflichten. Die arme schmächtige Erna Anthony hat, aus dem Alltag springend, vor dem Gericht, das sie aburteilte, das erste und einzige Schaustück ihres Lebens geliefert. Morgen wird sich die Gefängnistür hinter ihr schließen und nach fünf Jahren zu hoffnungsloser Freiheit wieder öffnen. Die Leute, die sie eben anstarrten und furchtbar interessant fanden, verschlingen schon die Berichte aus Dresden, wo eine noch viel aufregendere Affäre begonnen hat, und was mitten im allgemeinen Vergessen übrig bleibt, ist in irgend einem kriminologischen Archiv ein verstaubter Aktenfaszikel mit der Etikette: Nr. ..., Fall Erna Anthony. Die Weltbühne, 9. Oktober 1928 814 Heiterkeit auf allen Bänken Nicht nur in Deutschland allein wird schlecht regiert. Auch in England, der Mutter der politischen Weisheit, fehlt es heute beträchtlich an Talenten und scheint die Hand der Herrschenden ungeschickt. Stanley Baldwin hat zwar für den Chef einer Partei von Land- und Industriejunkern ein unbezahlbar joviales Gesicht, aber er kann sich im Guten nicht durchsetzen und Schlimmes nicht verhüten. Sir Austen ist krank und auf Reisen. An seiner Stelle wirtschaftet der alte Cushendun, ein Lord Cidevant, der ins Towermuseum gehört und nicht in die Diplomatie. So ist es dem Foreign Office gelungen, den Marinevertrag mit Frankreich fertig zu bringen, das dümmste und gefährlichste Dokument seit langem. Einer jener englischen Publizisten, die kontinentale Blätter mit optimi[sti]schen Bulletins über die englische Politik zu bepflastern pflegen, Herr George Glasgow, spricht in der ›Prager Presse‹ noch immer »von einer gänzlich fiktiven anglo-französischen Entente« und schimpft auf die Leute, die die Sache ernster betrachten. Aber auch Herr Glasgow meint schließlich, daß taktisch nichts ärger sein konnte als der Versuch der englischen und französischen Regierung, ihren Plan vor der Niederschrift nicht in Washington zu unterbreiten, und er nennt das »eine der unwahrscheinlichsten Episoden der kontemporären Geschichte«. In Paris verlor man zuerst die Nerven, angesichts der großen Erregung rundum empfand man das künstlich geschaffene Schweigen um das Mysterium drückend; man wollte lieber publizieren. Aber Lord Cushendun sagte Nein und zog sich ins amtliche Gemäuer von Downing-Street zurück, Interpellanten und Interviewer schroff ablehnend. Gerüchte über Sonderklauseln schossen üppig auf; das Geheimnis vergiftete die Luft. Bis endlich Herr Horan, Hearsts pariser Korrespondent, die Lösung brachte. Erst wurde dementiert, dann zugestanden, dann wieder dementiert. Jetzt hat die politische Polizei in Paris mit Glück versucht, die Sache auf ein andres Gleis zu schieben. Sie hat Herrn Horan mit einem Aufwand arretiert, der an Herrn Kußmanns Erstürmung von Schwanenwerder erinnerte, sie hat ihn zuerst ausgewiesen, dann mit Gefängnis bedroht, dann abermals ausgewiesen, dann nochmals in die Verhörzange genommen, sie hat ihn, kurzum, so behandelt, als wäre er der Veranlasser und Verfasser der fatalen Schriftstücke und nicht lediglich der Vermittler für Textkritik. Herr Horan beendigte die Situation, indem er bei Nacht und Nebel nach Brüssel ausrückte. Aber aus dem Fall Marinevertrag ist nunmehr der Fall Horan geworden. Es bleibt wohl kein Zweifel, der sehr gewandte Journalist hat sich die Dokumente auf jene Weise verschafft, die man früher in Wien halb ehrlich, halb fröhlich nannte. Wie erzählt wird, habe es sich dabei sogar um Herrn Berthelots höchsteignes Exemplar gehandelt, und Herr Randolph Hearst soll es bereits intus gehabt haben, als er neulich mit dem frühern Besitzer der Zwiesprache pflog. Marineverträge haben schon immer einen etwas kriminellen Duft ausgeströmt; schon der gute alte Conan Doyle hat vor Jahren eine sehr spannende Geschichte von Diebstahl und Wiedererlangung eines solchen Papiers erzählt. Doch bringen dies kriminelle Aroma wohl nicht allein die Leute mit, die das Papier stehlen, als vielmehr, wie gesagt, die, die es verfaßt haben. Die Hearstpresse erhebt keinen Anspruch, als moralische Anstalt zu gelten. Aber wenn jemals, so hat Sensationsgier, hat Nachrichtenhunger eines großen Zeitungsunternehmens hier ein gutes Werk verrichtet. Ein gefährliches, verpestendes Geheimnis ist jäh offenbar geworden, und unter Umständen, die ein paar Kontinente zu schallender Heiterkeit hinreißen.   Wenn der Verstand der Verständigen eine Suppe zusammengerührt hat, die auch die vereinte Dummheit der Dummen nicht schlimmer hätte machen können, dann ist der Augenblick für einen großartigen Bluff, für einen Meisterwitz da. Deutschland hat zurzeit, wie man weiß, eine Regierung der Köpfe, eine Regierung der Persönlichkeiten. Man muß zugeben, daß sie besser aussieht als eine Reihe der vorangegangenen, daß es eine sehr stattliche demokratische und sozialistische Regierung ist. Aber es ist auch augenscheinlich, daß sie absolut nichts tut, sondern sich wie eine schöne Frau hält, die am vorteilhaftesten in der Ruhe wirkt, in Negligé und Spitzenhäubchen. Man verzeihe den Vergleich, die Regierung Hermann Müller ist eine solche Bettschönheit. Sie verliert an Reiz, wenn sie aufsteht, dann werden Unebenheiten der Figur bemerklich, aber am schlimmsten ist die Entzauberung, wenn sie den Mund auftut. Es ist eine Regierung zum Angucken. Alles stagniert in Deutschland, die Republik hat wieder einmal gesiegt und macht es sich darauf bequem. Es sind Monate voll von Unentschiedenheiten, aber auch voll von Ahnungen und wetterleuchtenden Unzufriedenheiten. Da platzt das wunderbar geschickt komponierte Kommunistenattentat auf den Rundfunk herein, das, wie jeder gute Witz von öffentlicher Wirkung, nicht nur den bureaukratischen Alltagstrott einer gut geölten Institution lustig ad absurdum führt, sondern vor allem aufzeigt, daß der Geist über dem Lande eine dicke wollene Schlafmütze trägt. Es klappt alles nur noch gewohnheitsmäßig, das Salz ist wieder dumm geworden. Niemand hat das besser begriffen als Herr Victor Schiff, indem er den seiner Sache widerfahrenen Spott wenigstens mit einem Fausthieb wettmachen wollte. Das ist die ohnmächtige Wut des Aufgestörten, es ist die hektische Energie, die ratlos und hilflos in ein paar Brillengläser schlägt, weil sie eine unbestimmte, ungreifbare, aber spornende und hetzende Macht an den Fersen spürt. Was Herrn Schulz und seinen Helfern gelungen ist, war ein Witz von brillanter Präzision, nicht geringer als der Streich der jungen Leute von der ›Action Francaise‹, die seinerzeit ihren Léon Daudet aus dem Gefängnis holten. Einstweilen erstickt das allgemeine Gelächter die weiterführenden Betrachtungen. Heiterkeit auf allen Bänken, in die sogar der zweite Ephorus für die guten Sitten Berlins, der Herr stellvertretende Polizeipräsident Doktor Weiß in einem Zeitungsartikel einstimmt. Das heißt, Herr Doktor Weiß freut sich nur mit der durch sein Amt gebotenen Einschränkung. Er freut sich, sozusagen, nur »rein als Mensch«, aber als Magistratsperson hebt er den sorgengefurchten Pädagogenfinger, was bedeutet, daß bei aller Lustigkeit er sowas doch nicht öfter hören möchte. Und das läßt sich durchaus mitfühlen, denn auch Herr Doktor Weiß ist damals zu Pfingsten an der Frankfurter Allee so etwas ähnlichem wie einer Köpenickiade zum Opfer gefallen, als er unter den Punktroller seiner eignen Leute geriet. Nein, es war doch keine richtige Köpenickiade, denn alle Mitspieler waren echt, und auch die Schläge waren es. Das Bild stimmt also nicht ganz, aber wir möchten die Gelegenheit doch wahrnehmen, Herrn Zörgiebel zu fragen, was die Untersuchung über die Mißhandlung seines Unterchefs eigentlich zu Tage gefördert hat. Es sind viele Monate seitdem vergangen, und man muß mindestens sagen, daß der Herr Polizeipräsident die Prügel, die seinem Stellvertreter verabfolgt wurden, mit großer Ruhe erträgt. Aber vielleicht ist bei solchen Geschichten der Mantel der Liebe oft ein besserer Abschluß als das Armesünderhemd, und da in Sachen Schulz der Rundfunk Rache schnaubt, der ›Vorwärts‹ nicht minder, und da die Gefahr besteht, daß der Arm des Staates mobil gemacht wird, obgleich nichts zu Schaden gekommen ist als die gute Laune des Herrn Schwarz, so sei dem verehrten Polizeipräsidium hiermit der Wunsch submissest zu Gehör gebracht, diese lustigen Missetäter nicht eifriger zu suchen als die harten Schläger von der Frankfurter Allee. Eulenspiegel hat sein eignes Recht in dieser Welt der ordentlichen Leute, und es ist denen, die es verletzten, immer schlecht gegangen. Die Weltbühne, 16. Oktober 1928 815 Eckener oder Der Triumph der Betriebsamkeit Zu Lebzeiten des alten Grafen Zeppelin schon wurden gegen die praktische Verwertung seines Werkes jene Einwände erhoben, die seitdem die Erfahrung bestätigt hat und die nur in den letzten vierzehn Tagen in Vergessenheit geraten sind: Kosten und Aufwand stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Das leicht manövrierbare und billigere Flugzeug hat auf der ganzen Linie gesiegt; in allen Ländern bilden die Lenkballons heute nur eine Dependance der Kriegsmarine. Diese Feststellung besagt nichts gegen die Sehnsucht des Grafen Zeppelin, einen Lieblingstraum der Menschheit endlich zu erfüllen. Der Krieg brachte seine zu Bombenflügen mißbrauchte Schöpfung in schlechten Kredit. Viele der Luftschiffe endeten unter Projektilen oder in Sturm und Feuer. Einem gelang der Bravourflug von Konstantinopel ins innere Afrika; über den Quellen des Nils erreichte ihn durch Funkspruch neue Order, und er kehrte wohlbehalten zurück. Nach dem Kriege hatte man andre Sorgen. Dazu kam der große Erfolg neuer Flugzeugtypen. Um das Interesse an den Zeppelinen von neuem zu entfachen, dazu mußte jemand gehören, dem es gelang, der Öffentlichkeit zu suggerieren, daß sie kommerziell und politisch ungeheures bedeuteten, daß sie Luftbeherrschung der Zukunft, ständigen Flugverkehr von Gog zu Magog ermöglichten. Herr Doktor Hugo Eckener hat das nie mit so grober Deutlichkeit gesagt, aber niemals auch viel weniger. Mit ungewöhnlicher propagandistischer Geschicklichkeit hat er eine Vision entstehen lassen, die heute von gut dreiviertel aller Deutschen für bare Münze genommen wird. Herr Doktor Eckener ist in diesen Wochen wieder der populärste Mann Deutschlands infolge des häufig vorkommenden Irrtums, daß man den sehr talentierten Reklamechef für das gestaltende Genie hält. Herr Eckener ist vornehmlich als Typus beachtlich, und wir würden uns trotzdem jetzt nicht mit ihm befassen, wenn nicht sein neuestes Unternehmen von einigen Nebengeräuschen begleitet gewesen wäre, die auch nach der newyorker Festmusik noch in den Ohren summen. Es kann auch nicht verschwiegen werden, daß die Welt in der letzten Amerikafahrt eine Niete erblickt. Denn grade dieser Ozeanflug sollte die Probe für den regulären transozeanischen Personenverkehr werden, und grade das scheint, mit allem Respekt gesagt, nicht völlig gelungen zu sein. Diese Fahrt litt vom Anfang bis zum eben noch glücklichen Ende unter Herrn Eckeners Prestigewillen. Man startet bei ungünstiger Witterung, so gebietet es das Prestige, und muß deswegen einen gewaltigen Umweg machen. Man gerät in Sturm, und havariert beinahe. Zwist zwischen Eckener und Commander Rosendahl, ob ein Hilferuf opportun. Steuerlos für Stunden über dem Ozean, während ein paar Tapfere unter gefährlichsten Umständen die Reparatur ausführen. Aus einer Rekordfahrt wird eine von über hundert Stunden. War die Konstruktion für das stürmische Wetter wie für die Verlängerung der Route doch nicht stabil genug? Das Prestige verlangte ein Wagnis. Summa summarum: ein widriger Wind am letzten Tag hätte eine Katastrophe herbeigeführt. Das Prestige mußte gewahrt bleiben. Nach den Maßlosigkeiten der Propaganda galt es biegen oder brechen. Man hatte Heroismus inszeniert und sich dadurch verpflichtet. Man brauchte diese Unfreundlichkeiten nicht zu sagen, wäre das Unternehmen nicht so pampig aufgemacht gewesen. Aus dem privaten Unternehmen einer Firma, die seit zwanzig Jahren solche Luftschiffe baut, wurde wieder eine nationale Sache. Die deutsche Technik triumphierte wieder mal, in Ermangelung von Franzosen oder Polen, über Weltmeere. Das schlimmste: sie triumphierte im voraus. Cyklone zogen sich verschüchtert in ihre Schlupfwinkel zurück, denn der deutsche Gedanke erhob sich auf Adlerfittichen in sein ureigenstes Gebiet, nämlich in den blauen Dunst, tief unter sich die Pygmäenvölker Europas, die, zur Entschädigung für ihre Minderwertigkeit, dafür auf Erden besser Bescheid wissen. Reklame hatte seit Wochen vorgearbeitet. Ein Rundflug mit prominenten Gästen, die sich in der Luxuskabine wie im Bristol fühlten, und der Öffentlichkeit diese Meinung nicht vorenthielten, sorgte für Stimmung. Aus einer Höhe von tausend Metern funkte Kathinka von Kardorff, daß es Schmorbraten mit Nudeln gab, der Zeitungsleser atmet erleichtert auf und weiß jetzt, zu welchem Ende der alte Zeppelin dreißig Jahre lang fanatisch gekämpft hat. Bei der Ankunft in Lakehurst wurden dann andre Stimmen laut, namentlich von Leuten, die bezahlt hatten. Ein Amerikaner jammerte über fehlende Ventilation, es wäre rein zum Ersticken gewesen. Trinkwasser war nicht genug mitgenommen worden, dafür Alkohol in schließlich ekelerregender Abundanz. Das alles war aber neben dem, was sie nach der Landung erwartet, noch ein Prolog im Himmel. Zu Tausenden durchbrechen die Sensationsgierigen die Sperre, harte Matrosenfäuste beschwichtigen auf ihre primitive Art die Nervosität. Die Zollbehörde waltete ihres Amtes mit der seit der Einführung der Prohibition üblichen Ungemütlichkeit. Minister Grzesinski verbittet sich diese Methoden und droht, allen öffentlichen Empfängen fern zu bleiben. Wahrscheinlich haben die braven Zöllner in den Herrschaften, die sich als Löwen des Tages fühlten und Ehrenpforten erwarteten, nicht viel mehr als des Alkoholschmuggels verdächtige Individuen gesehen, und vielleicht wird man sie deswegen nicht allzu hart verurteilen dürfen, wenn man sich vorzustellen versucht, in welcher Verfassung die Passagiere wohl angekommen sein mögen: – übernächtig, halbtot nach Luftkrankheit, Strapazen und Schrecken, ungelüftet, ungewaschen, dafür mit Cognac und Rotspon durchtränkt; jeder eine Zone komplexer Gerüche, unter denen Hennessy in siegreichem Vorrang den Prohibitionsbeamten in die professionell geschärften Nasen zog. Doch nicht erst mit der Landung setzte die Konfliktstimmung ein. Eckener verweigerte unterwegs selbst Positionsmeldungen nach Lakehurst zu geben, weil sich ein paar Zeitungskonzerne das Nachrichtenmonopol gesichert hatten. Gesetzt, es wäre schlimmer gekommen, so hätten Mannschaften und Passagiere in dem heroischen Bewußtsein versinken können, daß sie nicht nur der Etikette des Prestiges genügten, sondern auch den Abmachungen mit den Konzernen, die einen etwa von der Konkurrenz aufgefangenen Hilferuf als schimpflichste Felonie betrachtet hätten; diskretes Verschwinden im Ozean wäre daneben das kleinere Übel gewesen. Die Tagespresse hat sich über das Nachrichtenmonopol genugsam beschwert und mit Fug hervorgehoben, daß die Mittel für den Bau dieses Luftschiffs das Ergebnis einer öffentlichen Sammlung seien. Bekanntlich war zuerst ein Flug nach dem Nordpol vorgesehen. Dafür kam nicht genug Geld zusammen, außerdem hat auch Herr Nobile diese Aufgabe inzwischen vorweggenommen. Aber viel ärger als alle Geschäftlhubereien und Taktfehler ist die grausame Tatsache, daß für die Mannschaft nicht hinreichend gesorgt, nicht einmal genug Trinkwasser vorhanden war. Denn diese Leute sind nicht aus Vergnügen oder Sensationskitzel mitgefahren, bei ihnen lag die Verantwortung, lag die Arbeit. Auch in Wolkenhöhe über dem Meere behalten die ehernen Gesetze des Klassenstaates ihre Geltung. Keine äußerste Gefahr kann sie mildern. Die Leitung hatte den Fahrgästen ein fliegendes Hotel vorgegaukelt, das mußte sie halten. Dafür spielte sie Vabanque, handelte sie unmenschlich gegen ihre unermüdlichen, todesmutigen Helfer, über deren Löhne man übrigens gern etwas erfahren möchte. Herrn Eckeners Ruhm aber wird durch solche Kleinigkeiten nicht erschüttert, man liebt hier Vabanque, und wenn er zurückkehrt, wird er, falls er nur wünscht, ein Denkmal bekommen oder Präsident werden oder was man sonst so mit beliebten Leuten macht. Rechtsradikale Blätter haben es zuerst gesagt: Eckener ist nur die repräsentative Person des Unternehmens, nicht Konstruktor, nicht Schöpfer. Wer kennt die Namen der beiden Kommandanten, denen die Navigation anvertraut war? Der Erbauer war Chefingenieur Dürr, der dies Mal kaum genannt wurde. Vor vier Jahren, bei der ersten Amerikafahrt, wurde Herr Dürr zwar in den Vordergrund gebracht, aber auf Kosten des genialen Arnstein, der ein Jude aus Prag ist, und dessen Anteil deswegen sorgfältig geschmälert worden ist. Vanity fair. Der Manager triumphiert über den Schöpfer, die Betriebsamkeit über den Geist, der sich nicht zu inszenieren versteht. Die Überschätzung des Organisators ist überhaupt das schärfste Merkmal der deutschen Gegenwart. Wenn man irgendwo auf schwere Mißgriffe, auf Taktfehler, auf Unmenschlichkeiten stößt, und das alles eingewickelt in ein Gerede über sachliche Notwendigkeiten, so weiß man, ohne lange zu fragen: hier hat einer organisiert. Organisieren heißt: zunächst die große Schnauze haben und andern einen Arbeitsmodus aufnötigen, von dem vorausgesetzt wird, daß der Erfinder ihn selbst befolgt. Die größenwahnsinnig gewordenen Reklameagenten sind die wahren Erben der Generalstäbler von einst. Der Propagandaoffizier ist unter die Händler gegangen, seine Ruhmredigkeit, sein Pathos haben eine friedliche Menschensorte zur Nachahmung gereizt. Immer den Blick nach oben: Wir werdens schon schaffen! Deshalb wohl die Verehrung, die dieser Typ genießt, und die Widerspruchslosigkeit, mit der sein Dazwischenkommandieren überall aufgenommen wird. Aber Deutschland freut sich, daß es so großartige Kerle hat, und wenn es etwas noch mehr anbetet, so ist es die Technik. Wenn der Zeppelin in vierzehn Tagen zurückkommt, wird es einen unsäglichen Begeisterungstaumel geben, und Hunderttausende werden sich so betragen, als hätten wir einen Krieg gewonnen. Man ist leicht bereit, aus tausenderlei fernliegenden Anlässen nationale Erbauung zu holen, und so bösartig entwickelt der Chauvinismus anderswo auch sein mag, das Land muß man lange suchen, wo eine patriotische Simultanfeier veranstaltet wird, weil eine Maschine gut funktioniert hat. Ein so radikal technisiertes Land wie die Vereinigten Staaten käme dann überhaupt nicht mehr aus dem Feiern heraus. Wenn russische Muschiks mit ehrfürchtigem Glotzen vor einer Maschine stehen, ist das begreiflich, denn sie kennen so etwas nicht, sie fürchten den schnaubenden und stampfenden Dämon, und ihre Sowjets verübeln ihnen die Heiligenbilder. Aber die Technik ist uns nicht fremd, und wir leben auch nicht in einem so heiter zurückgebliebenen Land wie Andalusien, wo jede Vicinalbahn nur unter großem Trompetengeschmetter aus dem Bahnhof schaukelt. Wir kennen das Bild der Technik, denn es ist nur ein Stück gewöhnlichen Alltags. Und doch werden bald wieder Hunderttausende stundenlang harren, arme Menschen mit schlechter Wohnung und schlechter Nahrung, und in hemmungslosen Jubel ausbrechen, wenn sich endlich hoch oben in der Luft das seltsame silbergraue Ding zeigt. Seitlich betrachtet, wirkt es in seiner linearen Starrheit wie ein Kontrast zu den natürlichen Wellen des Horizonts, wie nachträglich und ohne Sinn für Proportion in das Bild hineingezeichnet. Doch wenn es plötzlich in eleganter Kurve wendet, langgestreckten Leibes vorüberzieht, dann bleibt der Eindruck eines gutartigen Riesentieres der Fabelzeit, von einer krausen Laune Gottes aus Jahrtausendschlaf geweckt und in den Äther gehoben. In seinen massigen Formaten symbolisiert es den Triumph der Technik ganz anders als das bescheidene, alltäglich gewordene Flugzeug. Patriotische Legende klebt daran, glorreiche Erinnerung und halb bewußte Hoffnung, und die nicht minder gefährliche Legende von der allmächtigen Schaffenskraft des Kapitalismus. Hier schuf er eine Gottheit fürs Volk; es vergißt darüber gern, daß die Macht, die dies Wunder bewegt, auch die Grenzen seines eignen armen Lebens bestimmt. Welch eine Gigantenfaust, die dies ausrichtet, dies bewegt! sagt der kühne, ruhige Flug, Sinnbild gebändigter Kräfte. Nur in den Wolken einer dünnen Idolatrie für des kleinen Mannes Haus ist der Zeppelin ein Wunder. In der Welt der sozialen Wirklichkeit wird er eine Attrappe, ein glitzernder Irrwisch, ein fliegendes Potemkinsches Dorf. Die Weltbühne, 23. Oktober 1928 816 König Hugenberg Jockey of Norfolk, be not too bold, for Dickon thy master is bought and sold Richard III. Wir sollen wieder mal gerettet werden. Es ist sehr merkwürdig, wie viel Trara jemand daraus macht, daß er Parteivorsitzender geworden ist. Gewiß, es geht den Deutschnationalen nicht sehr gut heuer, und es läßt sich begreifen, daß die Erneuerung der Spitze besonders wirkungsvoll beleuchtet werden soll. Mit welcher Ruhe wird in England die Umetikettierung einer Partei vorgenommen! Auch dort kommen Parteien untern Schlitten, und müssen hervorgeholt und wieder aufgebessert werden. So hat vor sechs Jahren Bonar Law die Unionisten reorganisiert, so arbeiten jetzt die Liberalen unter Lloyd George und Herbert Samuel in aller Stille, und wie solide sie arbeiten, zeigt ihr großes Wirtschaftsprogramm, das in seiner Art turmhoch über allen irgendwo von Parteizentralen ausgebrüteten Willenskundgebungen rangiert. Aber keinem dieser Männer würde es einfallen, sich deswegen als Retter zu präsentieren, gleichsam als Athlet der guten Sache, von höhern Mächten erkoren und gespornt, und aus innerer Not und Gewissenspflicht getrieben. Diese Pose ist sehr deutsch und vor allem möglich durch den gründlichen Mangel an Humor in politischen Dingen. Ein einziger ausgelachter Retter, und die ganze Konjunktur ist verpatzt. Übrigens wird Herrn Hugenbergs deutsche Sendung mindestens von der Hälfte der eignen Parteigenossen angefochten, und die Schilderhebung ist schließlich nur durch eine Art von Putsch gelungen, eine Spezialität, die dem Häuptling und den Intimen seines Kreises ohnehin eng vertraut ist. So kommt es, daß nur Hugenberg selbst für die Hochstimmung der Situation die passenden Worte findet, während in den nicht seinem Konzern eignen deutschnationalen Blättern das Jubelgeschrei nicht über ein gedämpftes »Rhabarber, Rhabarber« hinauskommt. Nur in der ›Deutschen Zeitung‹, dem schon klassischen Podium für teutonische Bouffonerien, schlägt Herr Bang, des Königs Hofnarr, seine allersächsischsten Kapriolen, während selbst im ›Lokalanzeiger‹ des Königs Herold, Herr Hussong, der sonst, um eine kleine republikanische Bonzendummheit zu verspotten, mehr Worte gebraucht als Juvenal, um alle Perversitäten des imperialen Rom zu perhorreszieren, mit einem ungewohnten stockernsten Gratulantengesicht antritt, den neuen Alexander zu feiern. Man kann dem vorzüglichen Publizisten den schweren Ernst der Verpflichtung durchaus nachfühlen, das richtige Ceremoniell zu finden, wenn der Chef vons Janze, die halbe Anonymität seines bisherigen Seins aufgibt und plötzlich öffentlich in Geist exzediert. In der Partei aber weiß man, daß Herr Hugenberg bei der letzten Wahl nicht gut abgeschnitten hat, daß, wo er öffentlich hervortrat, sein nervöser Patriotismus chokierte, und daß die Deutschnationalen, auf seine gewiß große Geldmacht gestützt, nun vornehmlich eine Zeitungspartei werden. Wie wenig das ein Unterpfand des Sieges und eine reale Machtstellung bedeutet, das hat grade die Rechte als Erklärung des unaufhaltsamen Niedergangs der Demopartei oft gesagt. Jene Deutschnationalen, die keine industriellen Interessenvertreter sind, wissen das und glauben deshalb nicht an die suggestive Gewalt des Hauses Hugenberg. Und das ist richtig, denn der Einfluß der deutschen Presse ist vornehmlich negativ. Es läßt sich mit Hilfe bedruckten Papiers viel eher ein ehrlicher Mann in die Grube hetzen als ein einziges Reichstagsmandat erobern. So bedeutet das Regime Hugenberg zunächst Zunahme äußerster Radikalisierung auf der Rechten, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß sich viele der bisherigen kompromißfreudigen Wortführer in der Hoffnung auf bessere Zeiten und baldiges Lahmlaufen der Intransigenz neutral halten werden. Allerdings kann es noch ärger werden, wenn Hugenberg wirklich Ernst machen sollte, in der Partei selbst als Tempelreiniger zu wirken. Das würde Krach und Spaltung mit sich bringen. Da der große Mann bisher mit seinen literarischen und rhetorischen Emanationen ziemlich sparsam umgegangen ist, so muß man sich, um seine Absichten zu ergründen, schon an seine Blätter halten. Und dann ergibt sich, daß sein Programm nicht nur Revision der Friedensverträge, Zerreißung des Dawespaktes und Austritt aus dem Völkerbund enthält, sondern auch Wiederaufrichtung der Monarchie, Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, Erziehung des Volkes zu Arbeitsamkeit und Anspruchslosigkeit; soziale Reaktion also nach der politischen. Das ist ein überreicher Plan für einen Mann, und besonders beachtenswert ist daran, daß die Führung der großen Rechtspartei nach ein paar Jahren unter alten Konservativen wie Hergt und Westarp, die schlecht und recht Anschluß an die veränderte Zeit gesucht haben, nunmehr zum ersten Mal seit Helfferichs Tod wieder an ein ausschließlich schwerkapitalistisch orientiertes Demagogentum zurückfällt. Der Industriekapitalismus löst die Landjunker ab. Seine Mittel und Methoden sind in keiner Weise zu unterschätzen, und seine Parolen wären bei aller ihrer fast sich selbst travestierenden Überlautheit gar nicht so ungefährlich, wenn nicht das beruhigende Moment Herr Hugenberg selbst wäre. Gewiß ist dieser Mann eine Industriemacht, eine Zeitungsmacht, eine Filmmacht. Über alles, was zur Massenagitation nötig, verfügt er im Überfluß. Aber der Mensch entspricht hier weder dem Geld noch dem Apparat. Zeitungskönige gibt es überall, rücksichtslose Arrivisten, die Geschäfte oder Ämter raffen, ihre Blätter dazu verwenden, um Minister zu machen oder zu kippen. Rothermere oder Bunau-Varilla – auf die Herrschaft kommt es ihnen an, und auf ihrer Macht thronend, blicken sie immer über Menschen und Dinge. Aber Hugenberg ist damit nicht zu vergleichen, denn er ist um keinen Deut klüger als die Leser seiner Blätter, für die doch die ungeheure Benebelungsmaschine in Betrieb gesetzt wird. Wo Herr Hugenberg selbst als Redner oder Publizist das Wort nimmt, überrascht er durch die Primitivität, um nicht zu sagen: Einfältigkeit seiner Gedankengänge. Dieser Industriedespot entwickelt außerhalb seiner erlernten Branche eine dünnflüssige nationale Sechserideologie, politische Belehrungen eines provinziellen Margarinefabrikanten für den Filius, ohne Niveau und Horizont, letzter Aufguß alter alldeutscher Phrasen, von so ausgefallenen Figuren wie Bang und Claß besorgt. Hugenberg als führender Geist, das ist die letzte Entlarvung des deutschen Industriekapitalismus, der so großspurig auftritt, so pompöse moderne Fassaden errichtet, der immer den Taktstock der Zeit führt und mit ihrem Intellekt auf Du steht. Hugenberg, das ist nach allen großen Worten der losgelassene Genius des Geldschranks selbst, spärlich und philiströs. Auch dieser große Herr Hugenberg ist nur ein erprobter Spezialist und Fachmann, und in andern Bereichen ein Banause. Die republikanischen Blätter haben diese trotz allen Vorspielen doch ziemlich unverhoffte Inthronisation sehr verschieden aufgenommen. Die Einen schlugen Alarm, die Andern meinten ruhig, es wäre ganz nützlich, daß der unsichtbare Mann, der bisher nur den Geldgeber gespielt, einmal persönlich ein Amt und damit auch dessen Verantwortung übernehme. Ausgezeichnet. Nur daß für die Herrschaften von der andern Seite der Barrikade das Wörtchen Verantwortung nicht die gleiche mystische Bedeutung hat. Auf der Linken geht man »nur aus Verantwortungsgefühl« in die Regierung, nicht der Macht und des Genusses der Macht wegen, o nein – geht man aus dem gleichen edlen Impuls in widernatürliche Allianzen, verzichtet man aus der gleichen noblen Wallung, den andern einmal seinen Willen aufzunötigen, gewährt man Panzerkreuzer etcetera. Gewiß verschmäht auch Herr Hugenberg die populäre Rettergeste nicht, und man kann auch ohne weiteres annehmen, daß er felsenfest von sich überzeugt ist und ganz durchdrungen davon, daß unter allen nationalen Matadoren er allein imstande ist, den Laden zu schmeißen. Aber von einer Sorge ist er frei, und das unterscheidet ihn von den taubenherzigen Ethikern der Linken: von der Sorge um die Verantwortung. Denn über etwas sehr Wichtiges ist er sich ganz im klaren: wenn auch alles schiefgehen und er nur Trümmer hinterlassen sollte, den Schaden bezahlt er nicht. Diese frohe Gewißheit ist das Geheimnis seiner Stärke. Das republikanische Deutschland hat bisher jede von der andern Seite hinterlassene Sintflut ausgetrocknet und bezahlt, und sich dessen nachher mit Stolz gerühmt. Auch heute trifft man schon wieder Anstalten, Herrn Hugenberg und seinen Freunden einmal ein möglichst gut gefegtes Haus zu hinterlassen. Die neue Schwenkung der Rechten zu unerbittlicher Intransigenz hätte von der Linken als willkommener Anlaß genommen werden müssen, um ihrerseits den trockenen Ton aufzugeben und in ähnlicher Eindeutigkeit aufzumarschieren. Statt dessen wird eifriger noch um die Große Koalition gehandelt, das heißt: man rückt nach der Mitte, also weiter nach rechts, also näher an Hugenberg heran, statt nach einer schroffen linken Schwenkung ihm die Front zu bieten. Ob er große Energien einsetzen wird, um den verheißenen Kaisergedanken zu stabilisieren, bleibe dahingestellt, aber daß er alles aufbieten wird, um jede bessere soziale Entwicklung zu hemmen, das ist gewiß. Hier aber, nur hier ist das Feld, wo er geschlagen werden kann. Sein Monarchismus und seine stürmischen außenpolitischen Bravaden kommen aus Wolkenkuckucksheim, aber seine Geldsäcke sind von dieser Welt. Nicht mit Reichsbannerversammlungen, sondern mit bessern und stärkern sozialpolitischen Gesetzen, mit großen volksfreundlichen Steuervorlagen ist Hugenberg zu treffen. Die sogenannte wirtschaftsfriedliche Arbeiterbewegung der Rechten und der Mitte empfindet seine neue Führerrolle als Faustschlag und Herausforderung. Sie weiß, was er als Großkhan der Schwerindustrie bedeutet. Bei diesen geduldigen Trabanten der Rechten herrscht Aufruhrstimmung. Es ist eine einzigartige Gelegenheit für die Linke, für die Sozialdemokratie ... Aber freilich, Reichskanzler ist Herr Hermann Müller, oberster Steuerwart der couragierte alte Klassenkämpfer Hilferding. Und so wird gegen Hugenberg niemand mobilisiert werden als der Genosse Severing, Minister für die schönen Künste republikanischer Rhetorik. Die Weltbühne, 30. Oktober 1928 816a Où va l'Allemagne? Questions et Réponses par un Allemand Le brillant écrivain qui dirige aujourd'hui la courageuse Weltbühne nous adresse, sur notre demande, l'article suivant, écrit spécialement pour le Flambeau , et dont nos lecteurs goûteront l'esprit et la raison. I – Vous voudriez savoir un peu où en est l'Allemagne? Vous voudriez me poser un tas de questions? Très bien, mais permettez-moi d'abord quelques mots d'introduction: Ces prolégomènes indispensables ne seront pas très amusants, j'en ai peur. Mais l'utile doit passer avant l'agréable. Chaque nation a son mystère. Dans l'héritage de chacune, il y a un élément latent qui, à de longs intervalles, intervient soudainement pour troubler l'évolution, ou l'arrêter net: après quoi, il disparaît de nouveau, se volatilise. Ah oui! il est énigmatique, cet élément, et son essence cause bien des migraines aux penseurs politiques. Peut-être pourrions-nous le définir: la quintessence de l'histoire nationale? Mais toute tentative d'exégèse du phénomène le complique, au lieu de l'expliquer. Les interprètes, doctoralement, lèvent l'index, déclarent le cas mystique, et, avec des circonlocutions pédantes, esquivent tout pronostic un peu net. En pratique, dans tous les grands États du monde, tout paroxysme de mystique nationale est généralement suivi d'un nouveau projet de loi militaire. C'est ainsi qu'ont toujours été les choses; c'est ainsi qu'elles ne devraient plus être ... L'irrationnel, dans la politique allemande, resulte d'un passé de dechirements et de particularisme. Le grand processus de centralisation, qu'en France et en Angleterre la royauté a si magistralement poursuivi et mené à bien, ne s'est pas produit en Allemagne. Non seulement l'Allemagne n'a pas connu de révolution qui l'ait ébranlée jusque dans ses fondements, mais elle n'a pas eu davantage un monarque vainqueur de la féodalite. Jamais elle n'a connu un »grand coup de balai«, jamais une nuit du 4 août. Jusque dans la réalité d'aujourd'hui, se prolongent et s'enchevêtrent formes et tendances d'époques révolues. Le Symbole de notre capacité créatrice, en politique, était le Kleinstaat . Notre esprit est profondément empreint de ce type. Si, d'après le mot célèbre, »chaque Anglais est une île«, pareillement, chaque Allemand est à lui-même son propre État, avec manie de l'autorité, intolérance, animosité à l'égard des voisins ... C'est cela qui rend la politique allemande si peu »gemütlich«, si haineuse et hargneuse. La démocratie n'a point changé cela. Elle ne se manifeste guère que bureaucratiquement. Impitoyablement, elle ostracise les têtes libres, les cerveaux clairs. II lui arrive de les prendre à l'essai, mais elle ne les garde point. Bismarck avait peut-être conscience de cette maladie nationale. II s'efforça de la guérir, mais sa cure fut un peu brutale. Saisissant le patient de son poing de géant, il lui »chahutait« rudement les os, mais il lui abîmait, en même temps, l'épine dorsale. Le passé allemand signifie: émiettement en d'innombrables petits États égoïstes. Le passé allemand signifie: despotisme et bureaucratie ... Mais le passé allemand signifie aussi: dissensions religieuses, guerres de religions, menées avec la logique du fanatisme. Les princes ont vécu; les mœurs du passé allemand ont survécu. Partis, syndicats, corporations économiques et politiques, sont animes de la prétention, de la vanité et de l'esprit bureaucratique de jadis. Nulle part on ne voit de l'aisance, du scepticisme, du sourire; chaque parti se sent comme une église, chaque usine comme un état parfaitement capable de se suffire à lui-même. La mode nouvelle de l'américanisme n'a pas changé grand chose à tout cela. Elle n'a fait que polir quelques formes un peu trop frustes. Un type nouveau de chef, j'ai dit nouveau, mais non pas hélas meilleur, le kaufmann , le technicien, adorateur d'une idole qui est l'esprit de business américain, saisit l'hégémonie. II a beau être ultra-moderne d'aspect; intérieurement, il n'a pu réussir à s'émanciper de l'ancien prototype de l'officier de la garde. II combine la tradition féodale et romantique de celui-ci avec les appétits prosaïques et réalistes, les appétits de pouvoir de l'homme d'affaires. Ce type est anti-social, saturé, si l'on peut dire, de »conscience de classe« bourgeoise. Le résultat, c'est une militarisation complète de l'Allemagne »quotidienne«, militarisation qui prend les formes les plus absurdes. Aussi l'Allemagne, vue du dehors, est-elle tenue pour incorrigiblement belliciste. On y parle encore de la guerre, on parle constamment et partout de la guerre. Non de la guerre contre un adversaire déterminé, sur lequel il s'agirait de prendre sa revanche: mais de la guerre en général. On ne veut pas perdre le souvenir des vertus guerrières du passé. Dans toute conversation entre bons bourgeois, pourvus d'une formation »académique«, c'est-à-dire ayant passé par l'Université, on entend les opinions les plus aventureuses sur les causes de notre défaite dans la grande guerre. Très rares sont ceux qui avouent que nos armées finirent par être battues, et ce très régulièrement, en rase campagne. Il y a aujourd'hui encore des professeurs d'Université qui sont fermement convaincus qu'en septembre 1918, nous étions tout près de la victoire finale, et que cette victoire ne nous a été arrachée que par une conspiration entre défaitistes allemands et hommes d'affaires internationaux. II Voilà, direz-vous, un bien fâcheux pronostic pour la paix européenne. Attendez! J'ai sous les yeux un journal qui m'annonce que M. Hugenberg vient d'être élu chef des Nationaux-Allemands . Certes, nous connaissons l'existence des Nationaux-Allemands . Mais j'ignore si vous connaissez M. Hugenberg. M. Hugenberg, pendant la guerre, fut directeur-général chez Krupp. II jeta dans la balance tout le poids politique et économique de sa situation, au profit des intransigeants et annexionistes nationaux. Plus tard il s'en sépara, mais seulement pour occuper, dans l'industrie lourde westphalienne, une place nouvelle, une place bien à lui. C'est un des rois de la mine. Pendant l'inflation, il commença à acheter des journaux, entre autres le célèbre Berliner Lokalanzeiger , un pamphlet nationaliste sans scrupules, que feu Siegfried Jacobsohn, dont j'ai l'honneur de diriger la Revue, appelait toujours l'organe des idiots de la capitale de l'empire. Après que M. Hugenberg se fut créé un trust de journaux comme il n'y en a pas un second en Allemagne, il tourna son intérêt vers le film et acquit l' Ufa , qui sans doute est la plus puissante entreprise cinématographique qui soit en Europe. Vous m'interrompez: »Certes, je n'ai pas l'avantage de connaître M. Hugenberg. Mais je connais cette espèce d'hommes; c'est l'ambitieux magnat des journaux, qui veut jouer un rôle en Bourse, dans la politique, qui se délecte à l'idée que le ministère tremble devant lui et qui n'hésite pas, si ses intérêts l'exigent, à commander à ses feuilles d'écrire dans un sens social-radical«. – Non, vous vous trompez. M. Hugenberg n'est pas un casuiste raffiné. On ne peut le comparer ni avec Rothermere, ni avec Bunau-Varilla, ni avec Coty, ni avec aucun autre roi des journaux. M. Hugenberg est tout simplement et tout bêtement un patriote. Il n'a pas une once d'esprit de plus que les lecteurs du Lokalanzeiger , qui doit sa popularité à la ténacité avec quoi, pendant les années révolutionnaires, il ajoutait à tout fait-divers concernant un accident de bicyclette ou une fracture de tibia, la réflexion catonienne: »Il ne se serait pas passé des choses pareilles sous le Kaiser !« En fait, le »roi Hugenberg« n'est qu'un sinistre Philistin. Ses propres productions rhétoriques et littéraires sont d'une indescriptible simplicité; ses articles sont plats comme la sagesse d'un fabricant provincial »à la douzaine«. Le parlementarisme et la démocratie sont détestables. Le peuple allemand doit travailler davantage et réclamer moins de salaires, et tout s'améliorera. C'est l'indigente idéologie d'un petit parvenu qui est celle de M. Hugenberg. Physiquement, c'est une figure assez mesquine, avec des cheveux gris, en brosse, une redingote noire, assez correcte, un col raide à la mode d'hier: bref il a l'extérieur d'un employé, de second ordre, de l'ère wilhelmine; quant à ses »émanations« intellectuelles, elles sont tout à fait médiocres. Telle est l'apparence de l'homme qui est le bailleur de fonds du parti nationaliste, parti qui, bon gré mal gré, évolue au commandement de son sifflet. Il veut non seulement restaurer la monarchie, mais reviser le traité de Versailles, arrêter les paiements Dawes, déchirer le pacte de Locarno, faire sortir l'Allemagne de la Société des Nations, rétablir le service militaire général, gouverner, à l'intérieur, avec sévérité, et faire que le peuple soit laborieux, modeste et vertueux comme devant. Mais comment le propriétaire de l' Ufa s'accordera-t-il avec le prédicateur qui tonne contre la soif de plaisir des hommes de la grande ville? Les deux âmes de Hugenberg décideront de ce conflit. Ce qui nous intéresse, c'est que l'homme qui dispose d'une puissance si formidable, ne dépasse pas l'horizon étroit du Spiessbürger allemand. Mais nous n'hésitons pas à déclarer que, pour l'Allemagne et l'Europe, c'est un grand bonheur qu'à cette place il n'y ait pas un homme d'imagination, mais quelqu'un qui, par la petitesse de son esprit et l'énormité de ses contradictions, partout où il se montre, devient immédiatement le personnage comique. III A propos ... vous voudriez aussi savoir, si l'Allemagne est encore en République? – Mais certainement, certainement ... – En novembre 1918, la République fut proclamée par Scheidemann. Lorsque l'Empereur tomba, les leaders des partis de gauche, qui se voyaient, d'une manière si prématurée, maîtres de l'Empire, eussent préferé, et de beaucoup, le tutelle du petit-fils de Guillaume, avec application du »système anglais«. – Mais Berlin était alors très rouge, et Spartacus défilait par les rues aux sons de l' Internationale. Ce chant accéléra la proclamation de la République. C'est pourquoi la dite République fut, au début, si décriée. On ne voyait en elle qu'un intermède imposé. Ensuite, la contre-révolution se déploya. Toutes les défaites, tous les échecs, toutes les misères elle en rendit responsable ... la République. On mit à la charge de la République la signature du traité de paix, la débâcle monétaire, le chômage. La bourgeoisie, désespérément prolétarisée pendant les années de l'inflation, fit retomber sur la République la responsabilité de phénomènes politiques et sociaux, dont elle ne comprenaît pas la genèse. Car, entre 1920 et 1923, la bourgeoisie fut radicalement expropriée. Lénine n'a pas fait de moins bon travail que Hugo Stinnes. Ainsi s'explique l'effondrement subit d'une couche sociale séculaire. Le patriciat urbain, qui, depuis les jours de la littérature classique, avait donné à la vie du citoyen ses lois civilisatrices et morales, parut se dissoudre en une nuit. Des conseillers intimes, des commerçants aux principes solides, d'une austère intégrité, passèrent dans le camp des trafiquants en devises, ou, de sang-froid, acceptèrent des pots-de-vins; leurs femmes et leurs filles apprirent à se vendre pour des dollars. Dissolution, descente aux Enfers de la vieille morale. La République fut le bouc émissaire de toute cette honte. Ensuite vint le crime de la Ruhr, le criminel étant Cuno. Le sieur Cuno et sa bande se laissèrent célébrer comme des héros; mais leurs lauriers coûtèrent fort cher à la République. Puis ce fut l'ère des meurtres politiques. Erzberger et Rathenau tombèrent. Puis, guerre civile, »guerre de gauche«: émeutes communistes, bagarres de la faim. Les chefs des démocrates et socialistes de droite, surpris par l'avènement soudain de la République, à laquelle, dans leur for intérieur, ils ne s'étaient jamais ralliés, n'avaient plus d'autre ressource – à présent surtout qu'ils n'étaient plus qu'à quelques pas de la lanterne – que de se solidariser, à la vie et à la mort, avec le nouveau régime. Alfred Döblin, un de nos plus brillants romanciers, écrivait en 1919 que les Allemands ne savaient que faire de la République, n'en connaissant pas le mode d'emploi. C'est seulement à l'issue des années de misère qu'une pratique s'élabora. Des chefs des partis moyens déclaraient maintenant que la question République ou monarchie? n'était pas opportune. M. le Dr Stresemann, qui, quelques années auparavant, parlait encore du problème comme un nationaliste effréné, trouvait qu'il avait cessé d'être actuel; M. Stegerwald, de la droite cléricale, l'appelait un »sujet de vacances« . Car, sur ces entrefaites, les ouvriers, eux aussi, avaient fait connaître leurs exigences; la rationalisation de l'industrie, suite de la nouvelle stabilisation, amena des licenciements en masse, le paupérisme, le chômage. On vit dans la république bourgeoise un palliatif plus fort contre le radicalisme socialiste que dans la propagande monarchiste, qui ne promettait guère de succès, faute d'un prétendant présentable. Un compromis tacite s'établit, plutôt qu'il ne fut conclu. Les petits propagandistes continuent à couvrir d'injures la République, mais les gros messieurs de la Droite la tolèrent. Ils n'entreprennent rien directement contre elle, mais ne font rien pour elle. Cette Situation se »fixa« solennellement par l'élection du maréchal Hindenburg comme président d'Empire. Les ouvriers socialistes sont certainement d'ardents républicains, prêts à monter sur les barricades pour la République. Mais leurs chefs ne sont, soit dit poliment, ni des hommes de génie, ni des hommes de tempérament. La coalition gouvernementale prussienne, bourgeoise-socialiste, fait une honorable exception. Sous la direction d'Otto Braun, elle a fait merveille. La réaction et les barons de l'industrie, coalisés avec elle, ne se mettent plus aujourd'hui martel en tête pour supputer les chances de la monarchie. Ils laissent ces calculs à un die hard , petit bourgeois comme M. Hugenberg. La nouvelle idéologie réactionnaire est fasciste. A son Service sont le Casque d'acier et les groupements nationalistes. Jusqu'à présent, ces gens n'ont point de Mussolini. Le fabricant de liqueurs Seldte, de Magdebourg, qui, dans le privé, est le propriétaire de la marque de genièvre Frontgeist , c'est-à-dire Esprit du Front , se tient peut-être pour le Duce de demain. En attendant, tout le mouvement sent un peu trop les alcools de son chef. Ses intimes l'appellent Primo de Liqueura . IV Vous m'interrogez sur l'armée avec un sourire narquois et méfiant. Je n'ai aucune raison de refuser de répondre, même si vous devriez ne point me croire. Eh bien, l'armée aussi s'est consolidée. L'ère Gessler, avec ses mensonges, est close, et avec elle le chapitre des bandes armées et des jeux dangereux et clandestins. L'armée n'est pas encore républicanisée: vous ne voudriez pas!, mais le nouveau ministre, le général Groener, l'a tirée avec une merveilleuse adresse, de la lutte des partis. Il essaie tout au moins de la neutraliser. Les gauches provocations des officiers monarchistes ont cessé. On parle beaucoup moins de la Reichswehr , alors que naguère les journaux étaient pleins de scandales militaires. M. Groener possède un talent diplomatique considérable: il rend l'armée invisible. Mais ce ministre ne travaille pas gratis. Il exige une rémunération pour les bons offices prêtés à la république, et cela sous la forme de crédits militaires. Et l'on peut être sur que si la République ne consentait pas le budget que le général considère comme absolument nécessaire, les choses se gâteraient: car le loyalisme de la Reichswehr est, entre les mains de son chef, un excellent moyen de pression. Il n'y a aucun doute: sous M. Groener, qui n'est pas un général de cour de l'ère wilhelmine, ni un officier prussien de casino, mais un travailleur, un organisateur; sous Groener, qui fit en 1914 une mobilisation foudroyante, et qui, pendant toute la guerre, dirigea les transports et tout l' Arbeitsdienst ; sous Groener, dis-je, la Reichswehr ne connaîtra point de crise, mais, si peu nombreuse qu'elle soit, deviendra un instrument militaire de première classé. Groener est un catholique du Sud, au caractère jovial et expansif: tout cela, dans l'ordre du sentiment, le sépare des cliques nobiliaires. Mais il aura de grandes exigences; et il peut exiger tant qu'il veut, car il sait que nulle part on ne lui trouverait un successeur. Tout politicien républicain tremble de peur à l'idée qu'on pourrait lui confier le portefeuille du ministre de l'armée. La position de M. Groener est, comme nous disons, bombensicher , à l'épreuve de la bombe. Aucun ambitieux, aucun arriviste, n'envahira plus ce département. Depuis Noske et Gessler, on en a assez de ces gens-là. D'ailleurs, jusque dans les milieux réactionnaires, on doute fort que la Reichswehr soit en état de guerroyer, même contre un voisin de taille moyenne. Les limitations du traité de Versailles, croit-on, l'empêchent d'être une véritable armée de campagne. Cela est-il vrai? Le général von Seeckt, dont ses adversaires eux-mêmes ne contestent pas le grand talent, a tout récemment exposé, dans un article de journal, que le temps des grandes armées est révolu. La guerre future sera surtout menée par des moyens techniques, et seulement avec des armées réduites. En revanche, il est indispensable de dresser la majorité des citoyens pour le service auxiliaire de l'armée et de les organiser en formations chargées de seconder l'armée de campagne. Le général von Seeckt est un homme d'une adresse jésuitique. Il a retenu les enseignements de la révolution russe et de la révolution allemande. Il veut empêcher que, derrière le dos des armées battues, la révolte n'éclate, que ces armées, par leur immensité même, ne favorisent l'éclosion de cellules révolutionnaires. Son idée est pleine d'astuce. Si M. von Seeckt a raison, l'Allemagne posséderait dès à présent l'armée du nouveau type et serait, à cet égard, en avance sur les autres pays. Cette conception est naturellement en contraste marqué avec la conception française, qui, dans la loi Paul-Boncour, a réalisé une fois encore l'idée de la Grande Révolution, celle de Jean Jaurès, la levée en masse. Mais qui a raison? Je suis un profane en matière militaire, un profane enchanté de son ignorance. Et je termine notre »entretien«, qui fut surtout un soliloque, par un voeu que vous partagez sans doute. Puisse l'Europe, notre plus grande patrie, ne jamais plus se trouver dans le cas d'éprouver, de comparer la vertu et la vérité des diverses conceptions militaires. Non jamais, jamais plus! Carl van Ossietzky Directeur de la Weltbühne (Traduit par H. G.) Le Flambeau, 1. November 1928 817 Deutschland ist ... Deutschland ist jetzt zehn Jahre Republik, und diese neue Staatsform hat das Land aus seiner größten Katastrophe gerettet und vor Zertrümmerung bewahrt. Ein von der Dynastie unterzeichneter Friede hätte wahrscheinlich dazu geführt, daß sich die süddeutschen Potentaten, ihre Unschuld am Kriege sanft beteuernd, nach irgendwo hin verfügt hätten, so wie es Bayern auch als angeblicher Volksstaat versucht hatte. Der Verband des Reiches wäre auf alle Fälle gesprengt worden. Die Republik hat den denkbar günstigsten unter allen möglichen Frieden geschlossen.   Deutschland ist unter allen Ländern des Krieges das einzige, das mit Fug sagen kann, der Friedensvertrag habe ihm Nutzen gebracht. Es hat zwar Gebiete verloren, es muß schwere Reparationen leisten, und noch ist ein Stück Rheinufer besetzt. Dafür aber ist es aus der Sphäre des Imperialismus heraus, und es hat kein Deutschland Übersee zu verteidigen. Es kann ruhig schlafen, wenn in China oder Marokko die Gewehre losgehn. Es ist von der Qual der Wehrpflicht befreit, gemessen an den militärpolitischen Sorgen der andern sind die seinen für die Katz. Die Sieger werden ihrer Eroberungen nicht froh, ihr Budget kommt durch Rüstungsaufwendungen aus der Balance, und in den jungen Staaten balgen sich die Nationalitäten. Deutschland ist wieder angesehen und thront im Rat der Großen, ohne deren Beängstigungen zu teilen.   Deutschland ist undankbar. Es hat sich sehr schnell erholt und wäre ohne das Ruhrverbrechen des Herrn Cuno schon vor einigen Jahren so weit gewesen. Die Ketten von Versailles waren immer nur papierne. Zugegeben, daß Clemenceau keine charitativen Absichten dabei gehabt hat, jedenfalls ist er Deutschland ebenso wenig zum Verderben geworden wie Napoleon, der den König von Preußen bis nach Tilsit gejagt und ein Bündel vermotteter Staaten so rücksichtslos durchgelüftet hat, wie das deutsche Pietät niemals zuwege gebracht hätte. Was wäre eigentlich, wenn wir gesiegt hätten, wenn die Vaterlandspartei der Ludendorffe ihre großen Eroberungsabsichten verwirklicht hätte? Dann wäre bis heute noch kein Frieden in der Welt gewesen, jeder erwachsene Deutsche einerlei welchen Geschlechts, würde draußen in der Welt günstigenfalls Etappendienst machen und aufpassen, ob die von den Alldeutschen geschmiedeten Ketten auch richtig sitzen; alle Deutschen wären nach zehn Jahren noch immer unterwegs, und im Land wäre nichts als – die Zentrale für Heimatdienst. Zur Abwickelung.   Deutschland ist das einzige Land, das nicht imstande ist, eine Verbesserung zu begreifen. In Frankreich hoben sich mit der Stabilisierung offensichtlich die Lebensgeister, und auch in England ist man wieder heiterer, weil die Auseinandersetzung mit Moskau einstweilen vertagt ist. In Deutschland dagegen hat sich seit 1920 die Sprache seiner Politiker kaum verändert. Noch immer das alte Elendslied, die Verwünschung des Gewaltfriedens. Kein Politiker irgend einer Partei verschmäht, von der Verarmung und Verelendung zu sprechen, und zwar nicht von der durch die eignen Kapitalisten bewirkte, sondern von der Pauperisierung durch Versailles und Dawes, und niemand spricht mehr von der Inflation, diesem gigantischen Raubzug der Schwerindustrie durch die Ersparnisse der kleinen Leute. Es gibt kein Bankett mit Kapaun und Rotspon, wo nicht irgend ein Schmerbauch feierlich versichert, daß wir nunmehr ein armes Volk sind. In diesem Punkte wird es zwischen Rechts und Links, zwischen Hörsing und Seldte, kaum eine Unstimmigkeit geben, von dieser kümmerlichen Phrase leben alle. Herr Duesterberg hat neulich phantasiert: »Nicht Auswanderung, Geburtenbeschränkung und Internationalisierung können uns retten, sondern nur Änderung des deutschen Gesamtschicksals, vor allem Sprengung der Grenzen, die uns einengen. Das deutsche Schicksal ist eine Raumfrage.« Das deutsche Schicksal ist keine Raumfrage. Aus der Philosophie von Herrn Hans Grimm in die Politik überführt, gewinnt das Wörtchen Raum überhaupt eine höchst fatale Wolkigkeit. Wenn wir heute das Land um Vogesen oder Weichsel wiederbekämen, so bedeutete das für den Einzelnen keineswegs mehr »Raum«. Es kommt nicht darauf an, wie viel Platz ein Volk unter der Sonne einnimmt, sondern wie die Güter darauf verteilt sind. Wenn die herrschende Klasse über die Niederlage lamentiert und sich nicht beruhigen kann, weil es ihr versagt ist, Siegesmale zu errichten, so muß ihr gröblich klar gemacht werden, daß ihre schönen Häuser, ihre Vergnügungsstätten, die glanzvollen Fassaden ihrer Industriepaläste die Monumente eines viel beweiskräftigeren Sieges sind: des Sieges über das eigne Volk.   Deutschland ist das einzige Land, wo Mangel an politischer Befähigung den Weg zu den höchsten Ehrenämtern sichert. So wie gewisse Naturvölker Schwachsinnigen göttliche Ehren entgegenbringen, so verehren die Deutschen den politischen Schwachsinn und holen sich von dorther ihre Führer. Darin überbieten sie ohne Zweifel die wilden Völker, die sich auf die Adoration beschränken und die scheue Bewunderung, aber sonst mit ihren Dorfkretins weder in den Krieg ziehen noch in den Frieden.   Deutschland ist infolgedessen auch das einzige Land, das ohne Erhebung an seine Revolution zurückdenkt. Im Grunde weiß man durchschnittlich von ihr nicht mehr, als daß sie unsern gloriosen Heerführern freventlich in den zum letzten Schlag erhobenen Arm gefallen ist. In keiner Schule wird gelehrt, daß sie lange veraltete Einrichtungen beseitigt, viel Schutt und Moder fortgefegt hat. Die Leute, die sie emporgetragen hat, heißen die Novemberverbrecher, und daran sind sie selbst schuld, denn sie zitterten vor der Macht, die ihnen plötzlich zufiel. Sie waren stolz darauf, möglichst viel unversehrt gelassen zu haben. So lebt die Revolution kaum mehr als Erinnerung, und einzelne Episoden daraus wirken heute schon unglaubwürdig und wie aus einer Fabelwelt. Wo sind die Bemühungen, den 9. November zu feiern? Verlautet irgend etwas von einer Kundgebung der Regierung? Dieses gegenwärtige Kabinett ist hervorgegangen aus den Parteien, denen der Umsturz den Weg zur Herrschaft frei gemacht, den sie aus eigner Kraft niemals gefunden hätten. Vielleicht würde es doch große Revolutionsfeiern geben, wenn die Sozialdemokratie nicht in der Regierung wäre, sondern noch in der Opposition stünde. Aber heute als Regierung ... pst, pst ... Der 9. November ist der schwarze Tag, der Tag, von dem man nicht spricht. Unbekannte Matrosen haben der wackelnden Despotie den letzten Tritt gegeben; den Dank der Republik hat der Leutnant Marloh in einem Hof in der Französischen Straße abgestattet.   Deutschland ist jetzt zehn Jahre Republik, und es hat mindestens fünf davon gedauert, ehe sich Republikaner in größerer Anzahl meldeten. Den Wendepunkt bildete der Hitlerputsch von 1923, bei dem sich zeigte, wie wenig zum gewaltsamen Umsturz bereite Gegner die Republik hatte und was für Narren dabei die Oberhand hatten. Dass die bürgerliche Republik durchgehalten hat, verdankt sie viel weniger der Entschlossenheit ihrer Führer als vielmehr der Deroute auf der anderen Seite und bestimmten außenpolitischen Rücksichtnahmen. Im allgemeinen hat man erkannt, dass auch in der neuen Form der Geist der Kaiserei weiterexistieren kann. Deutsche Revolution – ein kurzes pathetisches Emporrecken, und dann ein Niedersinken in die Alltäglichkeit. Massengräber in Berlin. Massengräber in München, an der Saale, am Rhein, an der Ruhr. Ein tiefes Vergessen liegt über diesen Gräbern, ein trauriges Umsonst. Ein verlorener Krieg kann schnell verwunden werden. Eine verspielte Revolution, das wissen wir, ist die Niederlage eines Jahrhunderts. So brechen wir auf ins zweite nachrevolutionäre Jahrzehnt. Die Weltbühne, 6. November 1928 818 The Revolt of German Women Much has changed in Germany in the last ten years, but still more, despite new trappings, remains the same at heart. The politicians are not much cleverer than they used to be. The tradespeople have a somewhat larger spirit and feel injured when one charges them, even in jest, with respectability. They adopt a pose of refined and lax business morals. They consider that international and, if you will excuse my saying so, American. But behind this frivolous attitude one occasionally catches a glimpse of a good old-fashioned German donkey's ear. All this is not new. Even the high military officers are just the same as they used to be, and if they were not so weak they would repeat the old stupidities. The only thing in Germany which has fundamentally changed is the German woman. I am aware that there is a certain exaggeration in so summary a judgment. I know that there is a great working-class Stratum, a sort of sub-humanity, whose conditions of life have not changed since Pharaoh's day. There woman is the traditional beast of burden for men and children; feminity dies in the endless march from stove to washtub. And I do not deny that in the bourgeoisie there is a type which preserves its morals, prejudices, and clothes unchanged from a vanished age, which wears its hair as the Crown Princess did in 1905, as a sort of shibboleth against the madness of today, or twists it into a thin knot at the back of the neck as an expression of the protest of the German spirit against those forces which have taken away from us not only the Kaiser but the holiness of matrimony and the sacred shimmer of virginity. I am thinking, however, of the vast army of women who have been forced by modern progress into industrial life, who are working in every conceivable profession, and have even created new professions for themselves. They make the picture of the great cities. They determine the forces of our outer life wherever industry, business activity, and production are at hand. The independent working woman is the representative of her sex in Germany today, not the woman whose activity is confined to the domestic circle. Berlin reporters are always happy when distinguished foreigners inform them that Berlin women are the chicest and most elegant whom they have seen upon their travels. I do not take that very seriously and I am convinced that the gentlemen would make the same comment in San Luis Potosi or in Vladivostok. But I should like to emphasize the fact that the Berlin streets are never more charming than in the afternoon between five o'clock and eight when the women are Coming home from business. There is a breath of serenity, of freedom in these armies of women, some of whom are going home, not for the rest or pleasure, but to more work and domestic duties, and almost all of whom are overburdened with financial worries. In the old days the streets were at their brightest in the promenade hours, at Shopping time, when the ladies of the virtuous middle class took their clothes out on display, when their daughters promenaded with their intendeds, and the daring married woman with her cicisbeo. But that is all gone. The type of the German woman today is precisely the same as everywhere else in the world – short hair, short skirts, fleshcolored stockings. The current lines of fashion are strictly adhered to; gymnastics determine the figure, Coty the perfume and color. The articles of clothing which are not usually visible are the empire of the new silk industry in Germany. It is the same as everywhere else – equalization, standardization. Class distinctions are being erased. Caste characteristics are disappearing. Perhaps the change was sharper and more violent in Germany than elsewhere. The war took the women out of their protected homes and heaped upon them a burden of responsibilities. The revolution bestowed upon them civil rights for which they had never fought a mass battle. The high priestesses of women's rights never had much volume in their voices. The struggle of the individual woman who had become conscious of the narrowness of her bourgeois existence was always directed rather to social and human than to political emancipation. She was fighting for self-determination against the dominance of her family, for the right to win or lose a living; fighting, in sum, to make her own choice of a husband or to share her life with the man of her choice without a wedding certificate. This is the classical theme of emancipation literature from George Sand on. In 1914 the case of women's freedom in Germany was still desperately bad. The women and girls who espoused such ideas were considered either outlawed or insane. Ten years later the battle had been won along the entire front, and today anyone bothering to discuss the right of a woman to her own social and erotic existence would make himself absurd. Freedom has conquered. As often occurs, the battle was won quite accidentally without a conscious struggle or a program. None of the old apostles of women's rights dreamed of such a dizzy victory for their ideals. The great magician who accomplished the change was inflation. Inflation disappropriated the old bourgeoisie which had lived upon its income more radically than any German Lenin could have done. The war destroyed the conventional sex morality, and love emerged, stripped of imported romance, as an imperative physical necessity. The public liquidation occurred in the winter of 1919 when the men came back from the war; it arrived in Berlin, and later in all the big cities, in the form of costume balls at which all the avidity of a long-suppressed vitality broke out with orgiastic vehemence. That winter the old morality was strangled by confetti streamers to an accompaniment of fiddles and clarinets. The new principles were simple enough: we want to live, and life is short ... Then came the three years of depreciation when money lost its value. Poverty, instead of skirmishing about the upper and lower borders of society, struck straight at its heart and dispossessed the strata which for a century had been the bearers of German civilization and had crystallized their ethical standards into law. Fortunes exploded between morning and evening. Property which had been nursed and increased through generations turned into mere handfuls of bank notes which at a telephone call from the Stock Exchange degenerated into a matter of pennies. Then a new and shameful army of parvenus marched upon this ruin as into a conquered city and dragged the women of the conquered houses with them like camp-followers. There was an unprecedented clearance sale of the moral accumulations of a century. Good solid married women who had had to carry the burden of keeping the family going sold themselves for hard cash, and their husbands looked in the other direction when they did not themselves take over the management of the business. Sheltered girls in whose presence no improper word had ever been spoken sold themselves; their parents kept silence when they did not act as intermediaries. Sexual morality does not drop upon us out of the ether, but is very primitively related to the general economic circumstances. The year 1923 was an impressive demonstration for those who would derive morality from an inborn instinct for the noble and beautiful. We are back in a period of calm today. The bacchanal reached its end, and the maenads looked about for work, and when they found it, it seemed as if they had always had it. The matter-of-course manner in which they went into purgatory and came out of it is perhaps the most important characteristic of these years. No emotion, no pathos. Many sank into the lost army of street prostitution, which in Germany as elsewhere recruits its members from the unemployed in times of crisis. Today the new status has established itself. Women are an intimate part of industrial life and even those who do not need it seek a profession. The good, do-nothing, home girl who was led about by a holy alliance of aunts and relatives and had to wait for a husband chosen by her parents has entirely disappeared. The number of wives who are so dependent upon their husbands that they have to put up with their ill humors has markedly decreased. There has been a vast increase in the number of free unions which can be dissolved without great external difficulty. The trend to erotic self-determination has won the day with the women; and thus a new element has come into society, which cannot be described in traditional terms. The forms of the new feminine society are still uncertain. This at least is sure: the women are constantly evolving toward a new class predestined by the possibilities of their sex. They have one common trait: they have broken the solidarity of the old classes. The ex-aristocrat is attracted by bourgeois life, and the daughter of a common laborer, as salesgirl or stenographer, is striving toward the same goal. The middle-class girl throws herself into art and literature, enlarges the population of Bohemia, and popularizes the ideas of her friends. It would take too long to go into the tragedies and comedies of this still undeveloped movement. But I may add a few words about the men, who, after all, are not quite indifferent. They have shown a certain talent in adaptation, but certain types formerly common have suffered a pretty complete defeat: the Philistine and the Don Juan. The first has lost his market value. His virtues no longer seem impressive, and his domestic constancy contradicts the desire for breadth and tempo. And what is there left for Don Juan? His melting eyes seem ludicrous, for they are no longer turned upon women who never look up without blushing. The lady killer can find no subjects to work upon. When women talk freely upon intimate subjects, openly stress the amusingness of love, and no longer load it down with the bad conscience and dark problematics of Ibsen's day – what is there left for the seducer? Poor Don Juan! Self-determination, and self-control; freedom, but renunciation of distant and cloudy Utopias – that is the unwritten but deeply felt program of our women of today. I should like to add as a postscript a document which once landed upon my editorial table and which shows how a clever woman who has much esprit and little money faces reality: »The trouble with modern men is their neuroses. Learn to understand their worries and juggle before their eyes a paradise of possible methods of escape. If you are yourself weak, for heaven's sake do not turn to your lover but go to a clever nerve specialist; he will advise you how to get along with neurotic men. Have nothing to do with men who dominate you. Sex docility may create a short and stormy joy, but you will buy it at the expense of your own personality. Never delude yourself with the dream of 100 per cent happiness. That is a criminal speculation. Content yourself meanwhile with 20 to 70 per cent cases; in the end they will add up into a stately total, and the time is short. And always remember that it is more blessed to give than to receive! Amen.« Amen. The Nation, 7. November 1928 819 Der Mann von der Grenze Es ist wieder ganz anders gekommen als die deutschen Blätter dachten. Der Kongreß von Angers war doch kein Scheingefecht, dessen Pulverdampf nur ein neues Kompromiß decken sollte. Die Radikalen unter Daladier und Montigny sind nicht gewichen, und ihre Minister haben parieren müssen. Einige unsrer republikanischen Blätter spotten. Nun, ich möchte die sozialistischen Minister erleben, wenn auf einem Parteitag die Gruppe Paul Levis unverhofft siegen sollte. Die Radikalen haben diesen letzten Poincaré-Block nur mitgemacht, weil ihnen nach dem Mißlingen der Frankenstabilisierung nichts andres übrig blieb. Poincaré hat wenig Freude gehabt an diesen Alliierten, aus deren Reihen ihn die feindseligen Gesichter von Caillaux und Malvy ansahen. Es gab da alte Rechnungen zu begleichen. Aber die Mehrzahl der Radikalen war weniger gegen Poincaré gestimmt als vielmehr gegen das Bündnis mit der Gruppe Marin. So sehr der Ministerpräsident die Eigenheiten der Linken respektierte, so deutlich unterstrich er doch den Koalitionsgedanken. Denn die union sacrée ist ja seine Generalidee. Er ist der bedeutendste und auch der erfolgreichste Koalitionspolitiker, den es überhaupt gegeben hat. Fast immer sind solche Gebilde Pfuscherei und die Versuche, eine Politik der Mitte zu machen, Selbstbetrug. Poincaré hat nicht nur experimentiert, seine Allianzen sind immer Meisterstücke gewesen. Er wurde im Winter 1912 zum ersten Mal Premierminister und begann sogleich mit überrumpelnder Wucht. Caillaux, der nach dem Intermezzo von Agadir den Marokkovertrag mit Deutschland unter Dach gebracht hatte, war einer der wilden Attacken Clemenceaus erlegen. Noch war die bürgerliche Linke im Vordringen, sie hatte die Laiengesetze durchgekämpft, die Steuerreform, sie war stark pazifistisch durchsetzt. Das Großkapital betrachtete sie mit Argwohn, der Generalstab plante ein neues Militärgesetz. Konservative Kräfte regten sich, um den Strom, der schließlich in das Meer Jaurès hätte münden müssen, zu regulieren und mit Schleusen zu versehen. Der Mann des retardierenden Programms war Raymond Poincaré. Diese entscheidungsvolle Zeit ist neuerdings in einer im besten Sinne gründlichen Studie geschildert worden: Max Clauß, »Das politische Frankreich vor dem Kriege« (G. Braun, Karlsruhe), eine Arbeit, die viel zum Verständnis des schwer übersichtlichen französischen Parteiwesens beiträgt und deshalb grade heute sehr aktuell ist. Man braucht sich dabei nicht alle Werturteile zu eigen machen. Es ist wohl übertrieben, wenn der Verfasser, auf Fabre-Luce gestützt, den Poincaré von 1912 einfach mit der Offensiv-Doktrin der jüngern Generalstäbler identifiziert, dem Glauben an die Schicksalsmäßigkeit des Krieges zur Rückeroberung der verlorenen Provinzen. Seiner vorsichtigen Art entsprechend war sich Poincaré gewiß immer der schrecklichen Verantwortung eines Krieges bewußt. Er hat Frankreichs Friedensliebe oft beteuert, und unter seinen vielen damaligen Reden befindet sich keine einzige unbedachte. Wenn Caillaux leidenschaftlich den Frieden verteidigte, weil er ein seiner Zeit vorauseilender Wirtschaftspolitiker war, und den Krieg für ein elendes Geschäft hielt, so war auch Poincaré, der solide Jurist, sicherlich von der Zweifelhaftigkeit des Waffenspiels überzeugt, und schon von Berufs wegen dem Turnier am Verhandlungstisch eher zugeneigt. Um den Krieg zu entfesseln, dazu gehörten nicht nur die Häupter der Triple Entente, dazu gehörte auch die katastrophale Unzulänglichkeit der deutschen Außenpolitik und das verbrecherische Geschrei unsrer Imperialisten nach einem größern Deutschland. Aber man kann sagen, daß Poincaré in einer ganz andern Weise unheilvoll geworden ist, indem er nämlich das Koalitionsprinzip der Innenpolitik mit gleicher Intensität in die auswärtigen Angelegenheiten übertrug. Sein an Pedanterie grenzender Ordnungssinn hat die Entente, eine Improvisation bis dahin, erst richtig einexerziert. Dieses wildgewachsene Ding wurde von ihm erst hübsch gepflegt und in das exakte Linearsystem klassizistischer Gärten gebracht. Leider fehlte es in Berlin an einem ähnlichen Talent, das sich einmal die deutsche Bündnispolitik gehörig angesehen und der Zeit entsprechend zugestutzt hätte. Es ist sehr schwer, diesem Manne gerecht zu werden. Die Architektonik des Begriffs Poincaré ist nüchtern und von rechteckiger Präzision, aber ohne Plaudernischen; das »rein Menschliche« fehlt ganz. Auch seine Memoiren, die jetzt deutsch erscheinen (Paul Aretz, Dresden), zeigen nur die Werkstatt eines Staatsmanns, wenig von der Person, die darin wohnt. Und dennoch sollte dieser dickleibige, ein besonderes Studium erfordernde Band in alle Volksbibliotheken eingehen, denn er zeigt erschütternd, wie die große Politik vor dem Kriege beschaffen war. Und es könnte auch gar nichts schaden, wenn in unsern höhern Schulen an Stelle des vergilbten »Charles XII.« oder der verschwollenen »Histoire des girondins« ein paar Kapitel daraus gelesen würden, nicht einiger besonders anregender Konjunktive wegen, sondern weil ungeheure Summen von Beobachtungen und Erfahrungen darin enthalten sind; auch der Pauker würde daran nicht sterben, ebensowenig wie am Julius Cäsar, der ja auch für die teutonisch Bewußten keine sehr aufheiternde Lektüre bedeutet. Poincaré ist kein redseliger Memoirenschreiber, sondern ein Fanatiker der Sachlichkeit. Aber so wenig man den Überbeelzebub der deutschen Legenden findet, so wenig lassen sich doch die Grenzen seiner Politik verkennen. Sicherlich hat er niemals etwas bewußt gegen den Frieden unternommen, aber was hat er dafür getan? »Das republikanische Frankreich ist aufrichtig friedliebend«, sagte er in seiner Kammerrede vom 6. Februar 1912, »aber es sieht die beste Gewähr des Friedens in der eifersüchtigen Bewahrung seiner Militär-, Flotten- und Finanzmacht, in der Aufrechterhaltung unsrer großen nationalen Überlieferungen, in einer aufmerksamen und zähen Verteidigung unsrer Rechte und Interessen.« Und in einer Rede von Ende 1912: »Wir müssen in uns die ganze Geduld, die ganze Energie, den ganzen Stolz eines Volkes wachhalten, das den Krieg nicht will und ihn dennoch nicht fürchtet.« Diese Sprache ist gewiß frei von der Großmäuligkeit deutscher Politiker jener Zeit, die so brünstig und so abgründig dumm nach dem Platz an der Sonne verlangten, aber mit welcher Kälte wird hier der Eventualität Krieg ins Auge geblickt. Dieser prinzipielle Jurist wird von keinem Gorgohaupt erschüttert. Er bleibt immer der Lothringer, immer der Mann von der Grenze, wachsam, mißtrauisch, in nationalen Dingen mehr als sensibel. Clauß zitiert nach Albert Thibaudet aus einer Rede von 1913: »Seit meinen Anfängen im politischen Leben bin ich überall von einem Gefolge lothringischer Ideen beschützt gewesen.« Ein Grenzwächter, ein Roland. Heute gehört Poincaré-la-guerre der Vergangenheit an. Von den Staatsmännern der alten Entente hat er als der Letzte abgerüstet, erst in jener Mairede von Carcassonne fand er den Weg von Lothringen nach Europa, aber man kann sicher sein, daß der unbeugsame Tatsachensinn, der ihn lange den Mitteln des Friedens mißtrauen ließ, ihn auch zu dessen härtestem Defensor machen wird, wenn er den guten Willen, und besonders in Deutschland, als eine Macht, also als eine Realität achten lernt. In seinen Erinnerungen widmet er wichtige Partien seinem jungen Gegner Alfred Fabre-Luce, dem Verfasser von »La victoire« und »Locarno sans rêves«. Nur hier wird er polemisch, nur hier gelegentlich erregt. Nicht, weil ihm der Andre schreckliche Blessuren beifügt. Man darf ohne weiteres glauben: wenn Fabre-Luce Dokumente zitiert und Poincaré widerspricht, so hat Poincaré recht. So leicht ist der Mann nicht zu schlagen, das sollten auch die Verfertiger unsrer Unschuldsliteratur endlich begreifen, diese sanften Margueriten mit dem Küchenmesser in der Rockfalte. Aber Fabre-Luce spricht für die Dreißigjährigen, die die Situation von 1910 überhaupt nicht mehr verstehen, nicht mehr das geheime Getue, das die Beziehungen zwischen den Staatsmännern so konspiratorisch gemacht hat. Es ist sehr seltsam, daß Poincaré, der die Gleichaltrigen nicht schont, für diesen zähen, scharfen Gegner manchmal freundliche, fast väterliche Worte findet, als ahnte er hier die Kommenden, die Bürger einer Zeit, die das Mißtrauen zwischen den Völkern nur noch als ein legendäres Gespenst betrachten werden. Sind die Radikalen, die ihn jetzt zu Fall gebracht haben, schon diese Ablösung? Gewiß, sie handeln charaktervoll, wenn sie sich nicht weiter als Karyatiden einer zweifelhaften nationalen Einigkeit gebrauchen lassen wollen, und wenn sie die Laiengesetze, ihr Palladium, nicht durchlöchern lassen. Aber sie sind nur Verteidiger, nur Konservatoren des Combismus, und es fehlt die neue Generalidee. Es steht nirgends mehr gut um die bürgerliche Demokratie. Vielleicht wird Poincaré in ein paar Tagen wieder da sein, vielleicht in einem halben Jahr. Es ist sehr schwer, sich Frankreich ohne ihn vorzustellen. Die Weltbühne, 13. November 1928 820 Groeners beinahe legaler Putsch Dem alten Marschall ist eine große Freude widerfahren: er hat zum ersten Mal seit Masuren wieder einen Sieg errungen. Daß es kein Sieg in offener Feldschlacht war, sondern nur ein paar hundert Parlamentarier in die Sümpfe getrieben wurden, wird die Genugtuung nicht mindern. Denn der Deputiertenrock war von jeher der Erzfeind der Militärs. »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten«, so hieß es früher und bewährt es sich noch heute. Wie bei Tannenberg Ludendorffs planender Kopf, entschied Wilhelm Groeners durchgreifende Forschheit die Schlacht um den Panzerkreuzer. Er ist der Stabschef dieses glorreichen Sieges über die demokratische Konstitution. Herr Groener ist das liebste Ziehkind der republikanischen Parteien. Er war für viele Demokraten und Zentrumsmänner der republikanische Säulenheilige, der liberale General, der durch sein Bündnis mit Ebert das erste Fundament der jungen von Parteikämpfen durchschüttelten Republik geschaffen hat. Er ist auch für einen großen Teil der Sozialdemokraten der einzig denkbare Wehrminister. Diesem Glauben oder Aberglauben verdankt Herr Groener seine überragende Position, und deshalb ist ihm auch ein Pronunciamiento gegen die demokratische Republik gelungen wie noch keinem der offenen Putschisten vor ihm. Keiner hat bisher die Patentlösung gefunden: mit leidlich legalen Methoden alle zivilen Instanzen zu vergewaltigen. Die Generale Kapps sind gestorben und verdorben. Hans von Seeckt vertreibt sich seine tatenlose Emeritierung mit dem Gedanken an gehängte Pazifisten. Exeunt – – finis. Was keinem von ihnen völlig glückte: die Niederzwingung der Parlamente unter den Willen der Militärs, die rücksichtslose Zertrampelung der Verfassungsbuchstaben, und alles mit beinahe legalen Mitteln, das hat dieser Veteran der süddeutschen Gemütlichkeit erreicht. Ein Pronunciamiento nennt man in den Ländern spanischer Zunge einen Generalsputsch. Was Herr Groener getan hat, verdient kaum einen andern Namen. Gewiß wird er, der Roland der bürgerlichen Republik, sein rundlichstes Lächeln aufsetzen, wenn man ihm vorwerfen wollte, er habe illegal gehandelt, als er sehr opulente Vorbestellungen auf eine noch gar nicht bewilligte Rate machte. Er hat sich in einer durch W.T.B. verbreiteten Verlautbarung auf die Haushaltsordnung berufen, aber dabei einen entscheidenden Satz der Verfassung außer Acht gelassen, den Artikel 56 nämlich: »Der Reichskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür gegenüber dem Reichstag die Verantwortung. Innerhalb dieser Richtlinien leitet jeder Reichsminister den ihm anvertrauten Geschäftszweig selbständig und unter eigner Verantwortung gegenüber dem Reichstag.« Es war nicht zu besorgen, daß bei Hermann Müller diese Richtlinien allzu rigoros ausfallen würden, aber Herr Groener baute energisch vor, um selbst die Richtlinien zu bestimmen und etwaigen Widerspruch des Reichstags durch vollzogene Tatsachen irrelevant zu machen. Mindestens seit Mitte August wußte jeder, daß der Panzerkreuzer nochmals den Reichstag beschäftigen und die sozialistischen Minister ihre Stellungnahme revidieren würden. Dann lief das kommunistische Referendum. Nach dessen Niederlage kam der sozialdemokratische Antrag auf Aussetzung des Baus. Damit war der Panzerkreuzer keine interne Ressortsache mehr, sondern ein Gegenstand der allgemeinen Politik. Doch was auch geschah, Herr Groener ließ sich nicht stören und baute an seinem Kreuzer weiter wie Aristides an den Mauern von Athen. Es war ein Wettkampf zwischen Gesetz und Gesetzesverachtung. Das Gesetz lief langsamer. Trotzdem konnte Herrn Groener nicht entgehen, daß der Endkampf zweifelhaft war. Die Sozialdemokraten in Wallung, die Mittelparteien überwiegend zur Ablehnung geneigt. An den militärischen Wert des Panzerkreuzers glaubten schließlich nur noch die Kommunisten, hypnotisiert von den eignen Parolen. Der Herr Minister sah seine flottbewimpelte Fregatte langsam absaufen und spielte die stärkste seiner Künste aus: er kurbelte den Reichspräsidenten an. Herr v. Hindenburg machte den Kreuzer zur eignen Sache, und es zeigte sich, daß dem greisen Marschall die Republik wie eine Badekur bekommen war. Er trumpfte mit größter Energie. Die Grundpfeiler des juste milieu wankten, nicht nur der Kriegsminister drohte mit Demission, auch das Oberhaupt des Reiches schien sich ihm anschließen zu wollen. Das hilflose Kabinett faßte keinen bindenden Entschluß: es gab für seine Mitglieder die Abstimmung frei. So boten die beiden entscheidenden Reichstagssitzungen ein Bild jämmerlichster Anarchie, einzigartig selbst in der an Unglücksfällen so reichen Geschichte der Parlamente. Groener wollte seinen Kreuzer haben, sonst ... Das war sicher. Die Abgeordneten mußten etwas einem Kampfe Ähnliches agieren, ohne sich und andre im Gedränge zu verletzen. Peinigende Ungewißheit für Talente, die nur fürs Volksstück langen und nicht für die spitzere Komödie. So ergaben sich die Seelenqualen des Lanzelot Gobbo: »Mein Gewissen sagt: ›Nein, hüte dich, ehrlicher Lanzelot, lauf' nicht, laß das Ausreißen bleiben!‹ ›Marsch!‹ sagt der Feind, ›fort!‹ sagt der Feind, ›um des Himmels willen ermanne dich‹, sagt der Feind, ›und lauf!‹ Mein Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, daß es mir raten will, zu bleiben. Der Feind gibt mir einen freundschaftlicheren Rat: ich will laufen! ich will laufen!« Das Gewissen sprach durch den dunklen Bariton des Genossen Otto Wels, es verpaßte die Stichworte und redete sich in einen Aufwand hinein, der in Haberlands Festsälen, zwischen Lagerbier und Bockwürsten, mit Applausdonner honoriert wird, hier aber das feinere Empfinden verletzte, das sich bereits fürs Davonlaufen entschieden hatte. Herr Wels erinnerte wenig taktvoll an den neuen Ruhrkampf und die unerfüllten sozialen Aufgaben. Was, die Mittelparteien hätten kein Herz fürs Volk? Das war wider die Abrede. Das wurmte. Zentrum und Demokraten erklärten die Lage für gespannt. Die Revolver wurden entsichert. Stegerwald ging um. Und was jetzt geschah, war ein Einfall von abgründiger Perversität, doppelt unverständlich bei der Phantasielosigkeit unsrer Fraktionspräsiden. Man ist gewohnt, daß zur Begründung eines Umfalls gewöhnlich die schon im Ausgedinge verdämmernden Invaliden hervorgeholt und abgestaubt werden, um ein paar Albernheiten zu stottern, für die eine bessere Garnitur zu schade ist. Demokraten und Zentrum entschieden sich dies Mal für das umgekehrte Verfahren: sie sandten, um der Sozialdemokratie den Text zu lesen, nicht ihre indifferentesten, sondern ihre markantesten Leute vor, ihre Revoluzzer, ihre Marathonmannschaft. Grade diejenigen, die oft und oft mit der Sozialdemokratie paktiert hatten, waren heute auserkoren, sie mit Skorpionen zu züchtigen. Natürlich hatten die sozialdemokratischen Minister schärfsten Tadel verdient. Sie hatten entgegen allen Wahlversprechen den Panzerkreuzer im Kabinettsrat vom 10. August ruhig passieren lassen, und waren nachher von dem Sturm in der eignen Partei wieder in die ursprüngliche Opposition zurückgeweht worden. Aber zur Entrüstung nicht berechtigt waren diejenigen, die bis zu Groeners Machtwort selbst entschlossen waren, nunmehr endgültig gegen den Weiterbau zu stimmen. Für eine der Beredsamkeit des Herrn Fischbeck angepaßte Aufgabe bestellten die Demokraten Ernst Lemmer, den Radikalsten der Radikalen, der sonst immer aus der Reihe zu tanzen pflegt. Herr Lemmer kämpfte mit Todesverachtung alle Skrupel nieder, ohne aber selbst in dieser mechanten Mission zu vergessen, daß er auf der politischen Bühne nun einmal das Rollenfach Hans Brausewetters innehat: den frischen Jungen. So brachte er es übers Herz, als bestellter Befürworter der lächerlichsten und dümmsten Kneiferei einen Protest der Jugend gegen die Mächeleien der eingefrorenen Berufspolitiker zu formen; mit echt brausewetterscher Frische sprudelte er los für Gradlinigkeit und Einfachheit in der Politik – und das als Verteidiger eines verteufelt krummen Handels. Joseph Wirth dagegen entdeckte plötzlich, daß der Feind sich links aufhält. Lockt der Vizekanzler so sehr –? Herr Groener kann mit seinem Erfolg zufrieden sein. Er hat allen Widerstand fortgefegt. Keiner der Redner fand die richtige Zurückweisung für die Anmaßung eines Generals, der seinen Willen gegen die Ergebnisse einer Reichstagswahl, gegen die Auffassung der heutigen Mehrheit des Reichstags durchdrückt. Herr Groener hat Boulangismus gemacht, wenn er auch in seiner alemannischen Jovialität nicht viel von dem bunten Chanteclair der französischen Revanchards an sich hat; Boulanger mit Spätzle. »Der Reichskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik ...« Der Reichskanzler hat die Richtlinien nicht bestimmt, sondern es jedem überlassen, in seiner Art vor dem Kriegsminister zu kapitulieren. Sein Ausweg, die Entscheidung dem Gutdünken der einzelnen Minister zu überlassen, ist der Tod der parlamentarischen Demokratie. Einmal war Herr Hermann Müller auf der rechten Fährte, als er in einer Anwandlung von Sarkasmus dem hohen Hause zurief, man möge ihn doch stürzen. Herr Müller weiß, wo die Wurzeln seiner Macht liegen, aber er ist zu höflich, um über einen andeutenden Scherz hinauszugehen. Die Furcht vor Neuwahlen steckt allen Parteien in den Knochen. Der Kanzler hat diskret gedroht, der Kriegsminister überdeutlich. Der Kriegsminister hat gesiegt. Die Sozialdemokratie ist kreuzbrav geblieben, und nachdem sie diese Pferdekur lebendig überstanden hat, rücken endlich die Paradieseswonnen der Großen Koalition in greifbare Nähe. Die Verschnittenen läßt man ruhig im Serail, Tag und Nacht. Gegen ein geselliges Zusammensein liegen keine Bedenken mehr vor. Die Weltbühne, 20. November 1928 821 [Antworten] Frl. Hauptmann, Sekretärin bei Herrn Bert Brecht Sie übersenden mir zum Abdruck den folgenden in Schreibmaschinenschrift mit »Brecht« gezeichneten Brief, dessen Echtheit ich indessen nicht zu bezweifeln wage, da ich durch Lesen von Brechtkommentaren beschlagen genug bin, auch in dieser bescheidenen Nebenarbeit den oft gerühmten balladesken Stil Ihres hohen Prinzipals zu erkennen. Also: »Kleiner Brief an einen Kahn. Werter Herr, ich sehe mich leider gezwungen, Ihnen zu gestehen, daß ich einen Fehler gemacht habe. Als Sie vor der 25. Aufführung der Dreigroschenoper, wo ich mich, um die schönen Scherenschnitte der Lotte Reiniger aufhängen zu helfen, im Foyer herumtrieb, auf mich zustürzten mit dem Ersuchen, Ihnen einen besseren Platz zu verschaffen, hätte ich Sie zweifellos nicht abweisen sollen. Es war reine Hybris, Sie haben vollständig recht, wahrscheinlich war mir der Erfolg zu Kopf gestiegen. Sie sagten gleich, es wäre im Interesse einer objektiven Kritik wichtig, daß ich Ihnen einen Platz weiter vorn verschaffte. Ich meinte damals, daß Ihr Platz für eine objektive Kritik nicht zu weit hinten sei, aber da habe ich mich eben getäuscht. Jetzt Ihre Kritik lesend, sehe ich ein, daß ich unrecht und Sie recht hatten: Ihr Platz war für eine objektive Kritik zu weit hinten. Brecht.« Hierzu schreibt uns Harry Kahn, obgleich ich ihn dringend bat, von einer Darstellung abzusehen: »Sechs Wochen nach meiner Besprechung der ›Dreigroschen-Oper‹, jetzt auf einmal geht Herrn Brecht auf, wo der Hase im kritischen Pfeffer liegt; jetzt auf einmal weiß er, warum ich in den Korybantenchor um das von ihm mitverfaßte Werk nicht einstimmen konnte. Was er aber anscheinend nicht weiß, das ist die Tatsache, daß ich erst darüber schrieb, nachdem ich es, und zwar von einem (durch den Dramaturgen des Hauses selbst freundlicherweise besorgten) ausgezeichneten Platz, mehr als eine Woche nach jenem Renkontre mit dem Mitverfasser, zum zweiten Mal genossen hatte. Aber trotzdem hat der selbstverständlich mit seinem Verdacht ganz recht: ich habe ja auch (in der Nummer vom 17. Januar 1928!) seiner Komödie ›Mann ist Mann‹ allerhand am Zeuge geflickt, weil ich zwar von der Volksbühne einen glänzenden Platz, aber keine Gratiswürstchen bekommen hatte; und ich habe drei Wochen darauf (in der Nummer 7) bedauert, daß ›die größte Hoffnung‹ (der jungen deutschen Dramatik) ›sich in unwegsame Dschungel verlaufen‹ habe, aus keinem andern Grund als, weil ich auf die herrliche Lederjacke dieser Hoffnung, Bert Brecht geheißen, neidisch war. Aber ›Leatherjackett or Plusfours‹ – um im anglomanen Jargon seines Kreises zu bleiben –: ich attestiere Brecht gern, daß die ›Dreigroschen-Oper‹ weit mehr Humor aufweist als sein jüngstes, mir gewidmetes Opus, und daß ich mich für ihn sehr freue, wenn er an ihm so viel verdient, daß er die Ruhe zum Ausreifenlassen des wirklichen Dramas der Zeit gewinnt, das wir alle noch von ihm erwarten.« Ich war nicht der Meinung, daß Harry Kahn Veranlassung hatte, auf eine so unqualifizierbare Verdächtigung zu antworten. Kahn hat damals sachlich geurteilt, Herr Brecht erwartet Lob und unterstellt niedrige Motive, weil unser Kritiker ihm nicht das gewünschte Quantum Lorbeer geliefert hat. Ein törichter Terrorisierungsversuch, eines Dichters wie Brecht nicht würdig. Die Weltbühne, 20. November 1928 822 Ist Schacht geeignet? Wenn man um die Jahrhundertwende einen Mann nennen wollte, der die inkarnierte Sozialreaktion war, so nannte man den Freiherrn von Stumm, den Despoten von Saarabien. Heute nennt man in gleicher Eigenschaft Herrn Hjalmar Schacht, der bald mit dem Vertrauen aller schaffenden Stände beladen als deutscher Reparationskommissar dem Feindbund die Stirn bieten soll. Hjalmar Schacht ist in seine jetzige Rolle erst sehr spät aber dann sehr schnell und gründlich hineingewachsen. Der Währungskommissar vom Spätherbst 1923 war ein moderner sozial denkender Mann, der natürliche Widerpart Havensteins und Helfferichs, der Kandidat jenes linken Republikanertums, das man etwa in der ›Kreuzzeitung‹ den »Asphaltliberalismus« zu nennen pflegt, und das damals, weitestem Volksempfinden entsprechend, einen unverbrauchten Mann wünschte gegen die schwerindustriellen Cliquen und gegen die bösartige Fronde der vermotteten Reichsbankpaschas. Die waren gegen den Eindringling aufs äußerste erbittert. Sie wünschten Helfferich, der noch heute in der nationalen Legende als Währungsstabilisator fortlebt. Und als der greise Havenstein, erschüttert über das frühe Ende der Inflation, sich in jenen Himmel begab, wo unter einem assignatengeschmückten Baldachin John Law zum Empfang harrte, da begegnete Schachts Kandidatur einem ungewöhnlich wilden Widerstand. Daß diese Resistenz mit erheblicher Schärfe durchgeführt wurde, das war auch damals nicht unbekannt, was für Formen sie indessen angenommen hatte, das ergibt sich erst heute aus ein paar Schriftstücken vom Dezember 1923, die uns ein liebenswürdiger Zufall auf den Tisch geweht hat. Ich lasse die Dokumente hier folgen; sie bedürfen keiner Erläuterung. »Reichsratsausschüsse II und V. Berichterstatter: Staatsrat Dr. von Wolf. Reichsbankdirektorium. Berlin, den 17. Dezember 1923. Auf das gefällige Schreiben vom 14. Dezember 1923. Nach reiflicher Prüfung sind wir einstimmig zu der Auffassung gelangt, daß der Währungskommissar Herr Dr. Schacht sich für den Posten des Reichsbankpräsidenten in keiner Weise eignet. Herr Dr. Schacht war bisher in der Leitung von Kreditbanken tätig und ist in dieser Eigenschaft nach außen hin wenig hervorgetreten. Eine irgendwie hervorragende Stellung nahm er im Bankwesen nicht ein. Mit dem Betrieb einer Notenbank, der sich von dem Geschäftsbetriebe der Kreditbanken durchaus unterscheidet, hatte er bisher kaum eine Berührung; praktisch ist er damit nicht vertraut und theoretisch hat er sich unsres Wissens auf diesem Gebiete kaum betätigt. Vor allem aber vermissen wir an ihm die schöpferische Kraft, deren wir zur Wiederaufrichtung unsrer Währung bedürfen. Wie die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ (Nr. 581 vom 14. diesen Monats) berichtet, hat er allerdings in Hamburg am 13. dieses Monats in einer über den Stand des Währungsproblems gehaltenen Rede sich dahin geäußert, daß es ihm gelungen sei, seit dem 20. November die Mark zu stabilisieren, eine seit Jahren zwar erhoffte, aber nie eingetretene Tatsache. Aber die hier mit Recht konstatierte Befestigung der Mark ist, wie jeder Kenner weiß, durchaus die Folge der Durchführung des Rentenbankprojekts, das bekanntlich nicht von Herrn Schacht, sondern von Herrn Dr. Helfferich herrührt, und dessen Verwirklichung Herr Dr. Schacht bekämpfte und zu hindern versuchte. Überdies hat grade er nach Einführung der Rentenmark sich mit Entschiedenheit dafür eingesetzt, daß der von der Reichsbank festgehaltene Dollarkurs über den Betrag von 4,2 Billionen hinaufgesetzt werde und er ist davon erst auf unsre dringenden Gegenvorstellungen hin abgekommen. Unter diesen Umständen können wir aus seiner bisherigen Tätigkeit als Währungskommissar einen Grund für seine Qualifikation zum Reichsbankpräsidenten nicht entnehmen. Im Gegenteil, bei mehreren Verhandlungen, an denen wir beteiligt waren, haben wir an ihm die Festigkeit vermißt, deren es für die Durchführung eines bestimmten klaren Währungsprogramms unbedingt bedarf. Dazu kommt der bekannte Vorgang in Brüssel. Die Schriftstücke, die auf diesen Vorgang sich beziehen, und die der Reichsbank seinerzeit amtlich zugingen, sind in dem der Reichskanzlei übermittelten Aktenstück vereinigt. Ihr Inhalt darf von uns als bekannt vorausgesetzt werden. Die Akten ergeben zunächst, daß Herr Dr. Schacht, welcher der Dresdner Bank als (stellvertretender) Direktor angehörte, aber in die Bankabteilung beim Generalgouvernement berufen war, im Interesse der Dresdner Bank Anträge auf Überweisung belgischer Noten bei der Armeeintendantur gestellt hat. Damit verstieß er gegen die Pflichten, die ihm seine amtliche Stellung auferlegte. Wir möchten indessen diesen Verstoß nicht streng beurteilen, denn Herr Dr. Schacht gehörte eben seiner ganzen Ausbildung und bisherigen Tätigkeit nach nicht der Beamtenwelt, sondern der Geschäftswelt an, und es ist an sich denkbar, daß ein Geschäftsmann in solchem Falle sich für berechtigt halten mochte, so zu handeln, wie Herr Dr. Schacht tat. Viel bedenklicher und für uns entscheidend ist, daß er in der Referentenbesprechung vom 3. Juli 1915, über den Sachverhalt befragt, die dieserhalb an ihn gerichteten Fragen unaufrichtig beantwortete und am 5. Juli 1915, als die Unaufrichtigkeit seiner Angaben erwiesen war, sich durch eine »spitzfindige Auslegung« seiner Äußerungen zu rechtfertigen suchte. Seine Unaufrichtigkeit ergibt aber auch, daß das, was er im Interesse der Dresdner Bank getan hatte, ihm selbst offenbar nicht unbedenklich erschien, denn andernfalls hätte er sein Verhalten in der Referentensitzung offen zugegeben. Dementsprechend hat der Staatssekretär des Innern die Verfehlung des Herrn Dr. Schacht, der inzwischen sein Amt in der Bankabteilung niedergelegt hatte, durch den Bescheid vom 3. August 1915 getadelt, und mit Fug und Recht schließt der damalige Geheime Oberfinanzrat, jetzige Staatssekretär, Dr. Schröder seine aktenmäßige Aufzeichnung vom 6. Juli 1915 mit den Worten: Die (gegen Herrn Dr. Schacht festgestellte) »Verschleierung stellt einen solchen Mangel an Offenheit dar, daß ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten mit ihm mir nicht möglich erscheint«. Der ganze Vorgang ist in weiten Kreisen bekannt. Er schließt unsres Erachtens die Berufung des Herrn Dr. Schacht an die Spitze des Reichsbankdirektoriums aus, mag er ihn auch für andre Stellungen nicht disqualifizieren. Denn der Reichsbankpräsident muß unter allen Umständen eine absolut makellose Vergangenheit haben; seine unbedingte Uneigennützigkeit, Lauterkeit und Zuverlässigkeit darf nicht der leisesten Anzweiflung unterliegen, an ihm darf nicht das kleinste Stäubchen haften; andernfalls verliert er das Vertrauen in der Bevölkerung und die Autorität in der Geschäfts- insbesondere in der Bankwelt. Weiterhin aber verliert er auch die Autorität gegenüber der ihm unterstellten Beamtenschaft, deren unbedingt erforderliche Integrität Schaden leiden muß, wenn sie den an ihrer Spitze stehenden Mann selber nicht für unbedingt integer hält. Wir bitten, diese große und schwere Gefahr nicht zu unterschätzen; sie ist umso größer und schwerer, als die leidige, wie erwähnt schon jetzt in weiten Kreisen bekannte Angelegenheit für den Fall der Wahl des Herrn Dr. Schacht sicher zur Kenntnis der breitesten Öffentlichkeit gelangen wird. Nach alledem lehnt das Reichsbankdirektorium die Berufung des Herrn Dr. Schacht einstimmig und entschieden ab. Wir bitten dringend und hoffen zuversichtlich, daß uns nicht eine Persönlichkeit als Präsident aufgezwungen wird, mit der auch uns, um die Worte des jetzigen Staatssekretärs, Herrn Dr. Schröder, zu gebrauchen, »ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten nicht möglich erscheint«. Wir halten uns für verpflichtet, unter diesen Umständen eindringlichst und ausdrücklichst noch einmal zu betonen, daß unsrer festen Überzeugung nach der von uns in dem Schreiben vom 4. dieses Monats vorgeschlagene Dr. Helfferich die einzige uns bekannte Persönlichkeit ist, welche die Qualifikation zum Reichsbankpräsidenten im vollsten Maße besitzt. Neben genauester theoretischer Kenntnis und neben Vertrautheit mit dem Geschäftsleben hat er allein die schöpferische Kraft, deren wir unbedingt bedürfen, um die deutsche Währung wieder aufzurichten. Das von ihm entworfene und zur Verwirklichung gebrachte Projekt der Rentenbank beweist dies. Er besitzt die Fähigkeit, auf der von ihm geschaffenen Grundlage einen Neubau zu errichten. Er besitzt in den Kreisen der Landwirtschaft, des Handels, der Industrie und der Bankwelt das erforderliche Vertrauen. Er besitzt unsres Wissens dies Vertrauen auch im Ausland. Daß er aus dem politischen Leben für den Fall seiner Ernennung zum Reichsbankpräsidenten ausscheiden würde, ist von uns bereits erwähnt. Bei der ganz außerordentlichen Wichtigkeit, welche der Neubesetzung des Postens nach Lage der Verhältnisse zukommt, können unsres Erachtens parteipolitische Erwägungen, die sich auf die Vergangenheit des Herrn Dr. Helfferich gründen, überhaupt nicht maßgebend sein; sie müssen zurücktreten, wo es sich um eine für den wirtschaftlichen Aufbau unsres Vaterlandes überaus wichtige, vielleicht entscheidende Frage handelt. Wir richten deshalb an die Reichsregierung und die Regierungen der Länder die inständige und dringende Bitte, der Reichsbank in der schwierigsten Lage, in der sich vielleicht jemals eine Notenbank befunden hat, den Führer nicht zu versagen, dessen sie bedarf und dem sie mit Vertrauen folgen kann. Eine Aufzeichnung über die vom Zentralausschuß abgegebene Meinungsäußerung fügen wir bei. Dem Herrn Berichterstatter des Reichsrats haben wir im Interesse der Beschleunigung eine Abschrift dieses Schreibens zugehen lassen. Reichsbank-Direktorium, gez von Glasenapp.                   gez v. Grimm. An den Herrn Staatssekretär in der Reichskanzlei, Berlin.« »Reichsbank Berlin, den 17. Dezember 1923. In der heutigen Sitzung des Zentralausschusses der Reichsbank, welcher die in der Anlage genannten Mitglieder des Zentralausschusses beziehungsweise Stellvertreter von Mitgliedern beiwohnten, gab der Vorsitzende den Erschienenen von dem Inhalt des Schreibens des Herrn Staatssekretärs der Reichskanzlei vom 14. dieses Monats Kenntnis, wonach das Reichsbankdirektorium ersucht wird, zu der Eignung des Währungskommissars Dr. Hjalmar Schacht zum Präsidenten des Reichsbankdirektoriums Stellung zu nehmen und eine gutachtliche Äußerung des Zentralausschusses der Reichsbank darüber herbeizuführen. Es fand eine eingehende Besprechung über die Eignung des Herrn Dr. Schacht für diese Stellung statt. Dabei bat Herr von Siemens um Auskunft über Gerüchte, die sich an die frühere Tätigkeit des Herrn Dr. Schacht in Brüssel knüpften. Auf diese Anfrage hin brachte der Vorsitzende den von Herrn Geheimen Oberfinanzrat Schröder verfaßten Bericht vom 6. Juli 1915 und das Schreiben des Herrn Staatssekretärs des Reichsamt des Innern an Herrn Dr. Schacht vom 3. August 1915 zur Verlesung. Im Verlaufe der Erörterungen sprachen sich für die Eignung des Herrn Dr. Schacht zum Reichsbankpräsidenten die Herren v. Mendelssohn, Kube und Kopetzky aus, während die Herren v. Schwabach, Dr. Salomonsohn, Baron v. Oppenheim, v. Siemens, Baltrusch, Jursch und Dr. Roesicke sich aus den verschiedensten Gründen gegen diese Kandidatur aussprachen. Aus den Darlegungen dieser Herren ist hervorzuheben, daß Herr Freiherr v. Oppenheim erklärte, er halte sich für ermächtigt, namens des besetzten Gebiets, und zwar nicht allein namens der Banken, sondern auch namens der Industrie und des Handels ganz offen zu erklären, daß Herr Dr. Schacht im besetzten Gebiet nicht das Ansehen genieße, welches ein Reichsbankpräsident ihrer Ansicht nach haben müsse. Herr v. Schwabach stellte schließlich den Antrag, durch Beschluß auszusprechen, daß der Zentralausschuß den Herrn Dr. Schacht für die Stellung des Reichsbankpräsidenten nicht für geeignet halte; nach wie vor der Meinung sei, daß Herr Dr. Helfferich der weitaus geeignetste Kandidat für dieses Amt sei. Bei der Abstimmung wurde der Antrag zu 1 mit allen gegen die Stimmen der Herren v. Mendelssohn, Kube und Kopetzky, der Antrag zu 2 mit allen gegen die Stimme des Herrn Kube angenommen. Verhandelt wie oben gez v. Glasenapp.                               gez Schneider.   Zentralausschußsitzung vom 17. Dezember 1923, 4 Uhr nachmittags. (Anwesenheitsliste.) Mitglieder: Geschäftsinhaber der Berliner Handelsgesellschaft Fürstenberg Kommerzienrat Gustav Bardt Bankier Carl Joerger Hermann Kube Kommerzienrat Clemens Löweneck in München Bankier Franz v. Mendelssohn Bankdirektor Henry Nathan S. Alfred Frhr. v. Oppenheim in Köln Dr. Gustav Roesicke in Görsdorf bei Dahme (Mark) Geschäftsinhaber der Disconto-Gesellschaft Dr. Salomonsohn Bankier Dr. P. v. Schwabach Geschäftsinhaber der Darmstädter und Nationalbank G. v. Simon Stellvertreter: Bankier Fritz Andreae Geh. Kommerzienrat Ed. Arnhold F. Baltrusch Kommerzienrat Paul Boehme Kommerzienrat Paul Herz Stadtrat a.D. Jursch Geh. Kommerzienrat W. Kopetzky Geh. Kommerzienrat E. J. Meyer Bankier Bruno Edler v. d. Planitz Geh. Kommerzienrat Dr. Ravené Bankdirektor Dr. Reinhardt Bernhard Graf v. d. Schulenburg in Grünthal (Mark) Rittergutsbesitzer Schurig in Markee bei Nauen Carl Friedrich v. Siemens, Der Heinenhof bei Potsdam.« Nur Herr von Mendelssohn, der altliberale Herr Kopetzky und der Gewerkschaftsvertreter Herr Kube sind damals für den Kandidaten der demokratischen Presse eingetreten. Man kann Hjalmar Schacht den Mut nicht absprechen, schließlich nach erfolgter Wahl doch in diesen Löwenrachen gestiegen zu sein. Denn seine Herren Gegner beschränkten sich nicht auf eine sachliche Argumentation, sondern schreckten auch vor ehrenverdächtigenden Vorwürfen nicht zurück. Es ist ihm gelungen, sich in überraschend kurzer Zeit, ihr Vertrauen zu erwerben und die häßlichen Flecken vergessen zu machen, die damals noch seine Reputation in den Augen des Herrn v. Glasenapp ebenso verunzierten wie in denen des Herrn Karl Friedrich v. Siemens. Wenn es gilt, begangene Missetaten nicht durch Reue und Buße, sondern durch Werke zu sühnen, so ist es dem Reichsbankgouverneur Schacht geglückt, die Sünden zu tilgen, die der Bankier und Währungskommissar zu himmelschreienden Höhenmaßen gehäuft. Es ist wenigstens nicht bekannt, daß vor seiner Wiederwahl neulich solche Memoranden und Protokolle zirkulierten. Herr Schacht hat die bürgerliche Linke verlassen, er ist der Garant der Schwerindustrie, des sozialpolitischen Rückschrittlertums geworden. Er hat sich zur Kolonialpolitik bekehrt, er predigt öffentlich Sparsamkeit, während für die Erneuerung seiner amtlichen Wohnungseinrichtung eine sehr, sehr stattliche Summe ausgeworfen werden mußte. Innenpolitisch ein Vertreter schroffsten Herrentums, ein enragierter aber formloser und deshalb unkluger Klassenkämpfer der Großbourgeoisie, hat er in außenpolitischen Dingen kein Hehl daraus gemacht, daß er ein Gegner der wirtschaftlichen und politischen Verständigung ist und an Einsicht wenig die Leute überragt, die er vor fünf Jahren abgelöst hat. Wie er, der sich einen äußerst diktatorischen Verhandlungsstil angewöhnt hat und keine Debatte ohne Brüskierung der Partner beenden kann, den große diplomatische Gaben erfordernden Rang des deutschen Vertreters in den Reparationsverhandlungen einnehmen soll, das mögen diejenigen verantworten, die heute seine Kandidatur fördern, unter sich aber über seine Eignung den Kopf schütteln. Die Reichsbank und ihre Leute haben Helfferich gewünscht. Sie haben ein Surrogat bekommen, das nach kurzer Zeit ganz und gar Farbe und Geschmack des Originals angenommen hat. Die oben wiedergegebenen Dokumente kennzeichnen eine bestimmte historische Situation, die lange überwunden ist. Die Abneigung gegen Hjalmar Schacht damals war ehrender für ihn als das üppige Vertrauen heute. Die Weltbühne. 27. November 1928 823 Memoiren eines schwarzen Schafs Mrs. Clare Sheridan stammt aus der anglo-irischen Aristokratie, aus einem Elternhaus, das hinter pompöser Fassade Dalles barg. Nach vergeblichem Ausgebotenwerden Heirat mit einem armen Manne: sie wird Kriegswitwe, erlernt nacheinander Bildhauerei, Romanschreiben und Journalismus, reist also dreifach gerüstet in die Nachkriegswelt hinein, tummelt sich in Sowjetrußland zu einer Zeit, wo noch niemand hineindurfte, flirtet mit Kamenew, läßt sich von Trotzki imponieren, wird von Mussolini blaguiert, von Kemal freundlich aufgenommen, aber von seiner Braut geschnitten, von Chaplin bewundert und mit ihm ins Gerede gebracht, wandert durch Mexiko wie durch die irische Rebellion de Valeras, gerät in Berlin in Kokaintaumel – man könnte das mühelos seitenlang fortsetzen, aber diese Kette von Abenteuern und Erregungen hat ein höchst prosaisches Motiv: Mrs. Sheridan hat ein paar Kinder zu Hause, die leben müssen. Verlorene Tochter, schwarzes Schaf einer Familie, die durch Winston Churchills Mitgliedschaft besonders ausgezeichnet ist. Ich weiß nichts von ihren Porträtbüsten und stelle sie mir schauderhaft vor. Ich kenne ihre Romane nicht und stelle sie mir noch schlimmer vor. Ich kenne ihre Presseberichte nicht und bin überzeugt, daß darin keine richtige Tatsache steht und günstigstenfalls das, was ihr grade ein Politiker diktiert hat, der nicht des männlichen Charmes entbehrte. Aber ihre Selbstbiographie: »Ich, meine Kinder und die Großmächte der Welt« (Paul List Verlag, Leipzig) liest sich amüsant. Wahrscheinlich wird die Anregung dazu von einem Verleger gekommen sein, dem sie einen Roman angeboten hat und der richtig erfaßte, daß das Interessanteste, was diese Frau zu bieten hat, ihr Leben ist, und daraufhin zunächst mal Vorschuß zahlte. Sie hat von den Triebkräften der Zeit keine Ahnung, sie sieht nur die Oberflächen, aber die eröffnen ihr viel, ihr weiblicher Instinkt leitet sie sicher. Ein Bolschewik oder Fascist oder mexikanischer General ist ihr zunächst auch nur ein Mann, ergo wird er wohl nicht viel anders sein als andre Männer auch. Im ganzen teilt sie die Männer in gute und schlechte Modelle ein. Wer beim Zeichnen oder Interviewen still sitzt, bekommt ein gutes Zeugnis, weshalb zum Beispiel Lenin die bessre Zensur erhält als Winston Churchill. So schreibt und flirtet und bildhauert sie sich durch die Landkarte der Friedensverträge von 1919, nicht etwa von einer bizarren Laune gejagt, sondern weil die Kinder zuhause nach Brot schreien, der Vater alles verspekuliert und der Mann nichts hinterlassen hat. Eine ehrbare Abenteurerin. Ein schwarzes Schaf, eine verlorene Tochter, aber eine treu sorgende Mutter. Die Weltbühne, 27. November 1928 824 Trotzkis Tragödie Fast gleichzeitig mit einem neuen heftigen Linksruck Stalins erscheint in deutscher Sprache eine leidenschaftliche Anklage gegen Rußlands Lord-Protektor, in der er des maskierten Revisionismus, der Auslieferung des sozialisierten Staates an die Großbauern und an eine neue Klasse von Besitzenden bezichtigt wird. Der Verfasser dieser stürmischen Streitschrift ist Stalins Widerpart, Leo Trotzki, heute in Sibirien Verbannter. Es ist kein einheitliches Buch, sondern eine Zusammenstellung von Memoranden, Controversen, Reden, Selbstverteidigungen, kleinen programmatischen Schriften und Erinnerungen an Lenin. Der Titel »Die wirkliche Lage in Rußland«, wahrscheinlich von deutschen Freunden ausgewählt, die das Buch deutsch (für den Avalun-Verlag in Hellerau) ediert haben, trifft nicht ganz zu, weil die meisten der Stücke nicht mehr neu genug sind, um die letzten innerrussischen Entwicklungen zu charakterisieren. Es fehlt auch die Bindung durch einen zentralen Gedanken. Stücke aus Trotzkis oppositionellen Jahren sind ziemlich beziehungslos aneinandergereiht worden; im Endergebnis überwiegen Dokumente des Unmutes, des Hasses. Eine Publikation, die den großartigen Pamphletisten Trotzki neu bestätigt. Den Politiker weniger. Dies Fragmentarische wird indessen nicht durch Trotzkis Absichten bestimmt, sondern durch den Zwang, unterirdisch zu arbeiten. Eine hinterm Rücken der G.P.U. veranstaltete Ausgabe kann keinen Anspruch auf Vollkommenheit erheben. Wenn das Buch schließlich mit einer Reihe von Fetzen eher erlischt als aufhört, hat man das Gefühl, daß hier ein Mund mitten im Sprechen durch einen Knebel gewaltsam stumm gemacht wurde. Trotzkis Waffe war eine Reihe beschriebener Blätter voll von Manifestationen, Beschwörungen, Entwürfen und Zahlen. Das Argument der Andern hieß: Sibirien. So pflegten auch die früheren Besitzer des Kreml Diskussionen zu beenden. Diese Entstehungsgeschichte des Buches muß in Betracht gezogen werden. Dennoch kann auch Unfertiges überzeugen – Trotzki überzeugt nicht. Man schreibt es nicht ohne Bedauern nieder: alle Anklagen und Beteuerungen des eignen leninorthodoxen Glaubens weisen nur zu deutlich auf, wer der Geschlagene ist. Der Andre mag der an Vielfältigkeit der Qualitäten Ärmere sein – er hat eine Generalidee, Trotzki nur Klagen und Rückblicke. Grade wenn Trotzki wieder und wieder ihn bezichtigt, daß er sich von den Grundsätzen der heroischen Ära entferne, dann fühlt der Leser, der weder auf Stalins noch auf Trotzkis Marxexegese eingeschworen ist, daß eben hier das Neue zu suchen ist, die Macht der Tatsachen, die über die Ideen und Handlungen einer großen Generation erbarmungslos hinweggeht. Trotzki ist neben dem Gegner der Konservierende, der Defensive, und daran ändert nichts, daß es die Revolution ist, deren reinen, unverfälschten Gehalt er zu wahren versucht. Es ist außerordentlich schwierig, diesen Sachverhalt festzustellen. Denn beide Gruppen treten kostümiert auf, beide entfalten um den Kern ihrer Meinung einen Maskenball von recht ähnlichen Worten. Beide wollen sich an Radikalität übertrumpfen, beide holen ihre Sprache aus dem marxistischen Wortschatz. Wer etwa eine Rede Bucharins liest mit ihren flammenden Invektiven gegen die plutokratischen Nationen, mit ihren ketzerrichterlichen Abkanzelungen der europäischen Sozialdemokraten, wird kaum auf den Gedanken kommen, daß dieser selbe Bucharin heute eine Art von rechtem Flügel bildet und im Verdacht steht, heimlich eine Annäherung an diese Sozialdemokratien zu betreiben! Auch Trotzki sucht für Stalins Maßnahmen gegen die Opposition konterrevolutionäre Motive, er sieht darin »nur eine blinde und unbewußte Erfüllung von sozialen Befehlen andrer Klassen«, und ruft prophetisch: »Die schlechtesten Elemente, durch Macht verdorben, durch bureaukratischen Haß verblendet, bereiten mit aller Kraft den Thermidor, den Tag der Vernichtung der Revolution, vor ... Wir sagen offen zur Partei: die Diktatur des Proletariats ist in Gefahr.« Das ist wie die Stimme Robespierres, am Tage vor dem Untergang den pariser Gemeinderat gegen den Konvent aufrufend, um die Revolution zu retten. Aber dieser gleiche Trotzki, der den Stalin zu überstalinisieren scheint, ist zugleich – o, Ironie! – die Hoffnung aller europäischen Demokraten, der Mann, von dem man in Westeuropa erwartet, er werde die Diktatur brechen und der Demokratie den Weg bereiten. Nehmen wir noch dazu, daß auch Stalin die Diktatur des Proletariats bald von den Kulaken, bald von der »dritten Kraft«, dem Bürgertum, bedroht sieht und sich selbst als den einzigen Erhalter und Verkünder der reinen Lehre geriert, so ist der Widersprüche kein Ende. Sind sie nicht alle Gefangene ihrer Worte? Trotzkis Programm auf knappste Formel gebracht, bedeutet nach Innen und Außen Rückkehr in die Zeit des Bürgerkrieges, und seine Durchführung würde auch mit ziemlicher Gewißheit die damals herrschenden Verhältnisse wiederkehren lassen. Die Weltrevolution ist ganz gewiß mehr als ein Traum hysterischer Propagandisten, das muß mit aller Deutlichkeit gegenüber den Ordnungssozialisten aller Länder betont werden, aber es ist chimärisch, sie in den Formen zu erwarten, wie sie um 1920 geträumt wurden. Seitdem haben sich nicht nur die kapitalistischen Mächte gründlich erholt, auch das Kartenbild von Versailles, damals als Anfang vom Ende empfunden, ist heute in die Gewohnheit der Völker übergegangen. Die Schwäche Trotzkis enthüllt sich auch in seiner Stellung zur chinesischen Revolution. Er wirft den Stalinisten vor, daß sie sich auf Gedeih und Verderb den liberal-demokratischen Cantongeneralen verbündet hätten, die nach ihren ersten Erfolgen sofort Proletariermetzeleien veranstalteten. Er schreibt: »Schon 1920 schlug Lenin den Chinesen vor, Sowjets, Räte zu schaffen, und wie sehr er damit das Richtige traf, zeigt die ganze Lage der Jahre 1926 und 1927, in denen ein chinesisches Rätesystem eine Bauernherrschaft unter Führung des Proletariats herbeigeführt hätte.« Hier stutzt man. Glaubt das ein alter, erfahrener Politiker, der sich in seinem ganzen Leben keine Flausen vorgemacht hat, wirklich selbst? Wie wäre es möglich gewesen, dieses ungeheure Land, von dem nur ein winziger Teil bisher von modernen Ideen und Produktionsformen erfaßt worden ist, mit einem dichtmaschigen Netz von Sowjets zu überziehen? Und hat nicht grade Aufschwung und jäher Bruch dieser Revolution gezeigt, daß die chinesische Bourgeoisie sich in ihrer nationalen Erhebung zwar gern von Moskaus militärischen Instrukteuren bevormunden ließ, daß sie aber für die Verbreiter seiner sozialen Ideen verteufelt wenig Wohlwollen übrig hatte? Ein in China forcierter Sowjetgedanke hätte wahrscheinlich das besitzende Bürgertum von vornherein in den Schatten der schützenden Kanonen der sonst so verhaßten imperialistischen Mächte getrieben, und es wäre nicht einmal der heutige Zustand erreicht worden, der immerhin eine große Etappe auf dem Wege zur endgültigen Befreiung und eine schwere Blessur der alten europäischen Expansionstendenzen bedeutet. Es ist eine harte Enttäuschung, hier bei Trotzki die Orthodoxie der ersten Jahre des Bolschewismus auferstehen zu sehen, einen Rigorismus, der außerhalb Rußlands überall kläglich gescheitert ist und als einzige Schöpfung eine Reihe sehr turbulenter, aber sonst machtloser und in sich uneiniger kommunistischer Parteien hinterlassen hat. Deren Politik hat sich so sehr verrannt, daß sie nicht von der eignen Kraft, auch nicht von Moskaus Attraktion leben, sondern nur von den Fehlern der sozialdemokratischen Parteien. Was immerhin, selbst in Zeiten der Flaute, ein Existenzminimum verbürgt. Aber die ideale Daseinsform ist das nicht. Revolutionärer Impetus zielt weiter. Käme Trotzki heute, was sehr unwahrscheinlich ist, durch einen coup d'état wieder nach oben, so würde er kein ärgeres Hindernis vorfinden als die in seinem eignen Protestbuch niedergelegte Plattform, und es bliebe ihm nichts andres übrig, als der Hechtsprung in die Demokratie, falls er es nicht vorziehen sollte, Stalins Linie, die er als konterrevolutionär verflucht, einfach fortzusetzen. Insofern sind die westlichen Spekulationen auf Trotzki doch nicht so phantastisch. Der Held der zehn Tage, die die Welt erschütterten, dieser kaltblütige, heroische und dabei von einem wahrhaft gallischen Witz elektrisierte Revolutionär, den John Reed in einem klassischen Porträt festgehalten hat, ein Deportierter, ein Geketteter, der sich in Verbissenheit und romantischen Vorstellungen sein Narkotikum sucht, um der Gegenwart zu entrinnen. So sagt sein Buch über die wirkliche Lage in Rußland recht wenig, aber sehr viel darüber, wohin es führt, wenn ein Staat die Bindung der Zungen zum obersten Prinzip erhebt. Das Gros auch sogenannter Revolutionäre hat diesen Zustand zwar immer mit einem buntfarbigen Behang von Phrasenlappen umkleidet und das Maulhalten als höchste Tugend verklärt – es sind die stärksten Charaktere, die heißesten Temperamente immer, die dagegen rebellieren. Die Gesinnungsathleten, die Danton und Desmoulins auf dem Wege zur Guillotine verhöhnt haben, sind später als napoleonische Geheimräte dekoriert worden, ohne den Dolch des Brutus aus der Toga zu ziehen. Man braucht nicht zu zweifeln, daß auch Stalins unerbittliche Jakobiner die künftigen klimatischen Wechsel der russischen Staatsverfassung in ähnlich guter Gesundheit überstehen werden. Man kann dem Praktiker Stalin recht geben und doch Trotzkis kalte Erledigung als eine Schande empfinden, nicht geringer als die Meuchelung Matteottis durch Mussolinis Bravos. Hier winkt den nichtrussischen kommunistischen Parteien eine großartige Aufgabe. »Du magst tausend Mal recht haben, Genosse Stalin«, müßten sie sprechen, »du bist der stärkere Ökonom, und auf dir lastet die Verantwortung, für alle Brot zu schaffen. Aber du hast nicht recht, wenn du den Zaren kopierst!« Sie werden nicht so sprechen, denn sie sind günstigstenfalls Bureaubeamte der Revolution, und in ihren Herzen brennt nichts. Wenn sie aber, wie es sich gebührte, den Mund auf tun würden – Genosse Stalin ist der Mann der Realitäten. Doch sie haben nichts zu verlieren als ihre Parlamentsdiäten und ihre Ansprüche an die Parteikasse, also alles, und dafür läßt sich schon eine Kette ertragen. Kollektivismus bedeutet noch nicht persönliche Courage. In einem grauen sibirischen Nest vollendet sich langsam, unerträglich langsam, Trotzkis Tragödie. Der rote Generalissimus wird in die Welthistorie eingehn; spätere Generationen werden sein Bild umkränzen. Für die Unsterblichkeit muß immer teuer bezahlt werden. Was im Lied soll ewig leben, muß im Leben untergehn ... Die Weltbühne, 4. Dezember 1928 825 Americana Merkwürdige Bücher kommen aus Amerika. Was mag dort vorgegangen sein? Die alten Tafeln sind demoliert. Amerika übt sich in allen Literaturstilen der alten Welt, auch in denen, die früher als Monopole des frivolen Gallien betrachtet wurden. Virginia hat auf ihren Namen keinen Anspruch mehr. Mit Ernest Hemingway ist also Paul Morand über den Ozean gekommen. Sein Roman »Fiesta« (Ernst Rowohlt, Berlin) nimmt eine Bande amerikanischer Journalisten und Literaten vor, die in Paris zwischen Alkohol und Liebe das Puritanertum der Heimat vergißt und zwischendurch einen Ausflug nach Pampelona unternimmt, um eine Fiesta (Stierkampf und Karneval) mitzumachen. Im Mittelpunkt eine englische Dame, eine gutartige Mänade, die keinen zu kurz kommen läßt. Hemingway ist kein richtiger Romancier, aber ein blendender Feuilletonist, ein Sammler von raffiniert aneinandergereihten Bagatellen, und, vor allem, er läßt die Leute in ihrer Alltagssprache reden, in dem Rotwelsch der Redaktionsstuben, der Cafés und Bars. Amerikaner auf Reisen ist auch das Thema Booth Tarkingtons. »Der Mann mit den Dollars« (E.P. Tal \& Co., Wien) ist nicht so provokant wie Hemingways Morandisieren, doch Tarkington ist der bessere Erzähler. Übrigens fließt auch hier genug Gin, um die zu Haus gebliebenen Hüter der Prohibition zu chokieren. Ein junger Dramatiker mit einem schweren Gepäck intellektueller Aufgeblasenheit belastet, kämpft mit einem reichen Industriellen aus der Provinz, einem richtigen Barbaren, um eine bezaubernde Französin. Der Schriftsteller unterliegt nicht nur, weil er der weniger Wohlhabende ist, sondern auch, weil der Wilde der bessere Mensch ist. Der Literat heiratet schließlich die Tochter des Millionärs und verspricht, weiterhin keine moralverletzenden Stücke mehr zu schreiben. Nur ein Intellektueller kann den Bruder im Geist so grausam richten. Zwei reizvolle Bücher. Aber Thornton Wilder ist kein Feuilletonist, sondern eine großartige epische Begabung. »Die Brücke von San Luis Rey« (ebenfalls bei E.P. Tal) ist ein Novellenkranz: das Leben von ein paar Menschen, die bei einem Brückeneinsturz umkommen bis zum Augenblick der Katastrophe. Hier ist mehr als Geschicklichkeit, nämlich dichterische Gnade. Und schließlich ein Buch über Amerika. Hendrik van Loon schildert von »Columbus bis Coolidge« (Rudolf Mosse Verlag) in einer Reihe von kleinen Kapiteln die Geschichte der Staaten von den Anfängen bis heute. Keine dürre Belehrung, sondern fesselnde, nuancenreiche Erzählung, mit bitterm Humor vorgetragen. Van Loon ist gegen das Evangelium des Geldmachens, gegen die kapitalistische Prosperität so skeptisch wie Alfons Goldschmidt. Ein Unikum von einem Historiker: er zeichnet selbst für sein Buch Bildchen von skurriler Primitivität. Hogarth als Geschichtsschreiber. Die Weltbühne, 4. Dezember 1928 826 Die Historiker sind ernstlich böse Vor mir liegen ein paar Bücher, die demnächst gewürdigt sein wollen. Biographien bedeutender oder wenigstens schicksalsvoller Menschen. Die Verfasser sind Journalisten, Politiker, freie Literaten. Kein Mann vom historischen Fach ist dabei. Das nötigt zu einigen Bemerkungen. Die »Historische Zeitschrift«, das Verbandsorgan der Geschichtsforscher, hat nämlich unter dem Titel »Historische Belletristik« eine Sammlung von Rezensionen herausgegeben, die bei ihr über die bekannten Bücher von Ludwig, Hegemann, Eulenberg und Wiegler erschienen sind. Die Kritiker gehören verschiedenen Schulen und Lebensaltern an, aber sie sind sich einig in einem unbedingten Anathema. Sie legen sich darauf, Irrtümer nachzuweisen und die Autoren als Seichtbolde zu verdammen, aber es gelingt ihnen nur zu überzeugen, daß sie ein Datum oder Faktum besser wissen. Sie verekeln uns weder die Autoren noch ihre Bücher. Und sie beweisen vor allem nicht, daß Einer ihrer Gilde befähigter zu der Aufgabe ist als die von ihnen Abgekanzelten. Sie zeigen nur auf, daß es mit der Historik zurzeit nicht gut steht. Der Herausgeber, Herr Schüßler, spricht den großen Bannfluch gegen »die neueste Literatur im Stile Hegemanns, Ludwigs, Eulenbergs u.a.« Er verkündet: »Mag deren Darstellung noch so feuilletonistisch gehalten sein; das ist in diesem Fall unwichtig; die Behauptung dieser Literaten jedoch, daß ihre Machwerke Wissenschaft seien oder sie ersetzen könnten, ist zurückzuweisen ... keiner weiß, was historische Anschauung und Wertung ist; kurz unsre Wissenschaft erlebt es, daß Barbaren einbrechen ... Das allgemeine Kulturniveau ist so gesunken, daß die vorliegende ›historische Belletristik‹ – ein buntes Gemisch von plumpster politischer Tendenzmacherei, Feuilletonismus und bodenlosester Kritiklosigkeit – die geistige Nahrung ungezählter gläubiger Leser sind.« Das ist die eherne Stimme der Wissenschaft, die jeden hinausweist, der tänzelnd in den Vorhof kommt. Das ist die voraussetzungslose Wissenschaft; ihre Wage funktioniert unerbittlich gerecht. Doch Herr Schüßler fährt fort: »Das ist aber auch deshalb nicht gleichgültig, weil, wie gesagt, die politische Tendenz aller dieser Werke völlig eindeutig ist. Ihre Verfasser, soweit sie sich mit deutscher Geschichte befassen, sind höhnende, ungerechte, deshalb verständnislose und jetzt noch haßerfüllte Gegner des alten Kaiserreiches, das Bismarck errichtet hat.« Daher der Tränenerguß. Damit wäre also die voraussetzungslose Dame schon von ihrem erhabenen Sitz gerutscht und paddelt munter in dem Pfuhl, wo Parteileidenschaften brodeln. Mit dieser Feststellung könnte diese Betrachtung eigentlich zu Ende sein, denn Herr Schüßler scheint Objektivität nur dort zu finden, wo die Kaiserei verhimmelt wird. Aber ich möchte den Herren doch den Gefallen tun und ihnen in das Röhricht ihrer Argumentation folgen. Ich möchte sie so behandeln, als ob sie wirklich voraussetzungslose Diener ihrer Wissenschaft wären und nicht erboste deutschnationale Parteisekretäre. Sie toben darüber, daß sich Dilettanten in ihre geheiligten Bezirke drängen, aber sie bemerken nicht, daß sie selbst uns jene Leistungen schuldig geblieben sind, die stärker als ein entrüstetes Odi profanum Unwürdige abschrecken. Die Freude an der Geschichte, an bedeutenden Ereignissen und Schicksalen ist wieder da, aber die Männer vom Fach bemerken das nicht. Daß sich das allgemeine Interesse gerade der Zeit von 1850 bis 1914 zuwendet, ist ein überdeutliches Zeichen, daß diese Zeit höchst gründlich abgelaufen ist, daß Inventur gemacht wird. Dem Bedürfnis nach Bestandsaufnahme dienen die verketzerten Bücher. Sie mögen ungleichmäßig sein – sie haben den Vorzug, daß sie vorhanden sind. Die Fachwissenschaft glänzt durch Fehlanzeige. Wo sie sich tummelt, ergibt ein Verzeichnis von Beiträgen, die in den letzten Jahren im Historikerblatt erschienen sind. Nur ein paar Beispiele: Das Erzstift Magdeburg und der Osten – Calvins Staatsanschauung – Zur Geschichte der Flibustier – Die Diplomatie um 1500 – Mittelalter und Küchenlatein – Das Problem der Renaissance in Byzanz – Der tierische Magnetismus in Preußen vor und nach den Freiheitskriegen. (Wieso? Ruhte der tierische Magnetismus während der Freiheitskriege? Wollte er nach dem Tilsiter Frieden nicht mehr recht klappen, wuchs er nachher ins Ungemessene, weil Preußen Magdeburg und Rheinland geschluckt hatte? Und warum nicht: Die innere Medizin vor und nach dem Kapp-Putsch? Rätsel über Rätsel.) Ein einzelner Temperamentvoller wagt sich an eine Studie über Benedict Waldeck. Ein jugendlicher Wagehals vollends getraut sich bis an den Bericht des Professors Bredt, also nahe an die randalierendste Aktualität, und wird sich wahrscheinlich nachher wie der Reiter übern Bodensee vorkommen und für den Rest seiner Tage reuig in der Spätantike versinken. Die gelehrten Herren sind noch nicht bei der Gegenwart angelangt. Wenn sie endlich bei der deutschen Republik halten, dann werden sich die leichtfertigen Belletristen ganz gewiß schon mit Wilhelm dem Elften beschäftigen. Die Herren sind Spezialisten geworden, die am liebsten unter Efeuhügeln stöbern. Die Eule der Athene hat das Fliegen verlernt, und eine flotte Fußgängerin ist sie nie gewesen. Jede Wissenschaft, die nicht mehr ganz frisch ist, hüllt sich gern in einen geheimnisvollen Dunst. Sie schafft immer eine Region um sich, nur dem Eingeweihten zugänglich, die sich nicht dem hellen, forschenden Geist, sondern nur dem geduldigen Sitzleder erschließt. Bei der Historik heißt das Geheimnis: Quellenkunde! Was ist daran so geheimnisvoll? Ist ein an andern Aufgaben für die Erkennung des Wichtigen geschulter, sprachkundiger Schriftsteller für die Auffindung und Prüfung von Quellen etwa so ungeeignet wie ein Dachdecker für chemische Analysen? Die Quellenkunde ist Handwerk und deshalb für den Intelligenten erlernbar. Ein Mann wie Wiegler, um nur ein Beispiel zu nehmen, hat für seine Literaturgeschichte mehr zusammengelesen als eine ganze Bieruniversität, die Pedellen inbegriffen. Hegemann kommt von der Bauwissenschaft und ist der geschätzte Herausgeber wichtiger Schriften und Bilderwerke. Ist diesen Schriftstellern die Quellenkunde wirklich ein Schloß im Mond? Der ehrwürdige Delbrück allerdings schreibt mit höchster Akribie: Emil Ludwig (Cohn). »Wie schlecht steht Possenreißern weißes Haar!« (William Shakespeare: Heinrich der Vierte, Zweiter Teil, fünfter Akt, fünfte Szene.) Außenseiter wie Carlyle oder Krapotkin haben mit minutiösester Genauigkeit gearbeitet, und der große Anatole France hat sich in seiner »Jeanne d'Arc« so weit in fachliche Gewissenhaftigkeit versponnen, daß große Strecken des Werkes so langweilig sind wie von einem richtigen Herrn von der Sorbonne abgefaßt. Die Zunft sieht Niedergang, Verfall, Entweihung – den Einbruch der Barbaren. Die Barbaren haben niemals nur zerstört, sondern oft eine neue große Epoche angekündigt. Die politisch-historische Literatur ist wiedererstanden, und wird, vor allem, wirklich gelesen. Es ist die eigne Schuld der Schulhistorik, daß sie daran nicht teil hat. Die Weltbühne, 11. Dezember 1928 827 Flucht aus dem Bagno Die spannendste Abenteurergeschichte unsrer Tage hat nicht irgend eine Kolportagephantasie ersonnen, sondern die Wirklichkeit, die reich genug ist, neben der kleinen Langeweile des Alltags auch die absonderlichen Erlebnisse des Eugene Dieudonné zu gestalten. Jener Dieudonné, ein junger Arbeiter mit stark intellektuellem Einschlag, besuchte 1911 in Paris anarchistische Gruppen, geriet an Mitglieder der berühmten Bande Bonnot, der »Automobilbanditen«, wird fälschlich des Mordes bezichtigt und als Komplize Bonnots und Garniers zum Tode verurteilt. Poincaré begnadigt ihn, weil ihm das Verfahren nicht wasserdicht schien. Aber die »Gnade« heißt nicht Wiederaufnahme, sondern – Deportation nach Guyana. Fünfzehn Jahre hält der Unschuldige im Bagno aus, während sich sein Verteidiger, Maître de Moro-Giafferi, vergeblich um ein neues Verfahren bemüht. Dieudonné, dem das zu lange dauert, bricht aus und gelangt nach tollkühner Flucht unter unsäglichen Strapazen nach Brasilien. Hier beginnen neue Gefahren und Verfolgungen, bis er endlich den französischen Paß in den Händen hält, der die Freiheit bedeutet. In Rio de Janeiro hat Albert Londres, der pariser Kisch, einer der glänzendsten Journalisten unsrer Tage, den Flüchtling entdeckt und läßt sich von ihm seine Geschichte erzählen, die er in seinem Buche »Die Flucht aus der Hölle« festhält (Deutsch erschienen im Neuen Deutschen Verlag, Berlin). Das ist nicht nur ein Dokument schrecklichster Sträflingsqualen, sondern auch noch ein Epos von Kraft und Kühnheit: Irrfahrten in den Tropen, Flucht in einer elenden Barke, Todesängste des Gejagten, Nächte auf dem Amazonas, in den Sümpfen Brasiliens, nach fünfzehn Jahren Bagno erste Berührung mit der Zivilisation im Konfettiregen des Karnevals von Para. Ein Wirbel von Ereignissen und Erregungen, von Albert Londres in knappem, hastigem Stil und mit viel trockenem Humor niedergeschrieben. Die Übersetzung von Milly Zirker hat das Fluidum des Originals. Die Weltbühne, 11. Dezember 1928 828 Picadores Der große Arenaroman des Blasco Ibañez hat die herkömmlichen Escamillos abgelöst und den Stierkämpfer zu einem Sozialwesen gemacht. Der viel jüngere Ramon Gomez de la Serna arbeitet nicht mehr mit dem Verismus von 1900, sondern wirft in seinem »Torero Caracho« (Deutsch bei Weller \& Co., Leipzig) Naturalistik und Phantastik bizarr durcheinander. Sein berühmter Torero ist nicht nur temperamentvoll und immer wieder temperamentvoll, sondern eher ein kühler Techniker, ein Fachmann der Corrida. Dieser spanische Autor, der sich Europa erobern wird, ist tatsachenhart wie ein moderner Amerikaner, aber in jeder Fiber beschwingt, agil und leuchtend, ein iberischer Mensch, in dem schon Afrikas Wildheit rumort und lateinische Tradition das Ungestüm in kühle klare Form zwingt. So sieht er in der Arena die tiefste Erfüllung seiner Rasse; immer wieder schüttet er Pathos und Zynismus, Bewunderung und Abscheu über den blutigen Sport, der Hispaniens Leidenschaft ist, oder, wenn man will, seine Schande. Es gibt bösere Stierkämpfe als die auf gelbem Sand. Die schlimmsten Biester laufen nicht in der Arena herum. Meistens tun sie nichts, wenn man sie nicht reizt, aber wer den Picador im Blut hat, kann trotzdem nicht umhin ... Den breiten Heuochsen die bei uns andalusische Toros ersetzen, stellt sich Rudolf Arnheim in einem entzückenden kleinen Essayband »Stimme von der Galerie« mit fünfundzwanzig gesammelten Aufsätzen entgegen, von denen einige unsern Lesern nicht unbekannt sind. Kino, Psychoanalyse, Spiritismus, Erziehung – das wird hier vorgenommen von einem jungen Kulturkritiker von früher Schreibekunst und von einer heute selten gewordenen guten Laune und Unbeschwertheit in puncto Dogmen. Noch wird die hohe Torerokunst des Abkillens nicht geübt. Arnheim ist noch mehr der Banderillero, der Pfeilspitzen wirft, an denen bunte Fähnchen flattern. Es ist noch nicht die letzte grobe Metzgerarbeit des Polemikers. Noch kommt es auf die Fähnchen an und nicht auf die Spitzen. Was in die Zukunft weist, ist ein scharfer Instinkt für Qualität, der Wille, sich nicht bluffen zu lassen von dem, was Ältere – und Gleichaltrige! – servieren. Hans Reimann hat eine gerührte Einleitung beigesteuert, in der er seine Vaterschaft geltend macht, die ich, als fauler Patriot dem Code Napoléon näher als dem B.G.B., nicht zu recherchieren wage. Aber wer freut sich nicht, wenn Reimann sich freut! Karl Holtz, der phantasievollste unsrer zeichnenden Humoristen, lieferte Bildchen. Die Weltbühne, 18. Dezember 1928 829 Der deutsch-polnische Krieg Der letzte Tag der öden und mißvergnügten Konferenz von Lugano endete doch mit einem harten und unerwarteten Zusammenprall, der geeignet war, den schon verzagenden Vertretern der Weltpresse dankbaren Telegrammstoff zu liefern. Übrigens hat das Duell Stresemann-Zaleski den in Watte und Geschenkkartons verpackten Sottisen, die sich die Ratsmitglieder sonst gegenseitig verabreichen, die Wahrheit des Zustandes voraus, den dieser erregte Wortwechsel reflektierte. Ein ehrlicher Zank im Völkerbund ist besser als das sonst beliebte Verschweigen oder Darüberweggleiten. Aber – In der Auseinandersetzung zwischen dem deutschen und dem polnischen Außenminister bleckte der Haß die Zähne. Allein auf sich angewiesen, würden beide Mächte knurrend und fauchend nebeneinanderliegen, aber dabei doch ernste Angriffe meiden, weil sie viel zu verlieren haben. Das Unglück ist, daß sie sich nicht allein fühlen, sondern ganz deutlich um ihre Bestimmung als Repräsentanten von zwei feindlichen Lagern Europas wissen. Der Ausbruch Stresemanns sowohl als auch der Zaleskis war von durchaus ungezügelter Echtheit. Der Plan dazu allerdings richtige Comédie. Man kann auch nicht sagen, daß Stresemann so völlig überrumpelt war, denn Zaleski hatte ihn vorher verständigen lassen. Aber beide brauchten ihr Gemetzel aus innenpolitischen Gründen, beide mußten, wenn sie schon nicht Erfolge mit nach Hause bringen konnten, wenigstens den Nachweis führen, daß sie dem Gegner eins ausgewischt hätten. Zaleski fühlte sich durch die Sonderverhandlungen der Big three etwas in die Ecke gedrängt und mußte zeigen, daß er auch noch da wäre. Unser Stresemann dagegen wollte von seinem patriotischen Parterrepublikum nicht wieder als Memme verschrien werden. Hatte nicht wiederholt selbst Westarp Hermann Müllers genfer Rede gelobt und dem Kanzler mehr nationale Energien zugesprochen als dem Außenminister? Das durfte nicht sein. Da Stresemann nicht wagte, sich an Briand oder Chamberlain zu rehabilitieren, so kam ihm Zaleskis Einladung zum Schaufechten sehr gelegen. Aber während Herr Zaleski sich im ganzen bemühte, eine formale Beschwerderede zu halten und nur in der Hitze des Handgemenges ein paar Mal mit ungesicherter Klinge zustieß, antwortete Stresemann grob und turbulent und dies Mal ganz zur Zufriedenheit der Hugenbergpresse. Nicht nur zu Hugenbergs Zufriedenheit. Auch die Sozialdemokraten waren ganz einverstanden, und keines ihrer Blätter fühlt, daß der Außenminister in Lugano nicht in dieser seiner wichtigsten Eigenschaft gesprochen hat, sondern als Führer einer reaktionär-nationalistischen Mischmaschpartei, die nur mit umnebeltem Hirn in eine pazifistische Politik gegängelt werden kann. Daß Stresemann aber überhaupt keine Kritik in Deutschland fand und alle gleichermaßen über sein mannhaftes Auftreten entzückt waren, beweist nur, daß es in Deutschland eine Einheitsfront gegen Polen gibt, ein höchst bedenklicher Zustand, an dem auch ein endlich glücklich vollbrachter Handelsvertrag nicht viel ändert. Mindestens jene Parteien, die den Frieden im Programm führen, sollten sich nicht auf die gelegentlichen pariser Expeditionen ihrer Notablen beschränken, sondern mehr Gewicht auf eine Aussprache mit Warschau legen, um wenigstens die ärgsten Giftkeime zu töten. In Deutschland wird die Grenzziehung im Osten allgemein als ungerecht empfunden. Das braucht durchaus nicht die bittersten Konsequenzen zu haben, denn im Grunde rechnet kein Vernünftiger mit einer Änderung in absehbarer Zeit. Aber auch die Parteien der Linken müssen ihren schwarzen Mann haben, an dem sie ihren Patriotismus billig erhärten können. Die Kommunisten wieder sind durch die russische Binde blind gemacht. Außerdem wissen sie aus ihrem falsch verstandenen Marx, daß große Kriege die Lokomotiven der Weltgeschichte sind. Sie vergessen dabei die Menschen im Zug, die wichtiger sind als die Geschwindigkeit. So ist die Deklamation gegen Polen allmählich in die liebe Gewohnheit eingegangen, wobei unglücklicherweise die [polnische] Politik immer genau diejenigen Schritte unternimmt, die notwendig sind, um die deutschen Unmutsgefühle zu stärken. Dabei ist Graf Zaleski alles andre als ein Provokateur, sondern ein verbindlicher Diplomat der mittlern Linie, der dem nationalen Appetit nach Sensationen nur dann Bissen zuschiebt, wenn er es für unvermeidlich hält. Es ist durch nichts gerechtfertigt, grade Zaleski zur Verkörperung des bösen, absolut deutschfeindlichen Geistes zu machen. Aber die Haltung Polens in ihrer Gesamtheit ist noch immer von einer Nervosität, die auch auf die westlichen Nachbarn ausstrahlt. Die Mehrzahl der Presse schreibt überreizt. Und oft genug reden die Politiker so, als stünde Hannibal morgen vor den Toren. Die nervöse Lautheit der polnischen Politik täuscht über manche segensvollen Verbesserungen hinweg. Man sollte auch in Deutschland nicht übersehen, daß zum Beispiel der odiose Herr Korfanty heute abgetakelt und ein stiller Mann ist. Das ist das deutliche Zeichen einer Veränderung. Aber Polen hat noch immer eine unglückliche Hand in der Behandlung seiner Minoritäten. Die Deutschen in Oberschlesien sind es ja nicht allein, die klagen. Man könnte sogar sagen, daß sie etwa neben den Ukrainern noch recht glücklich dran sind, weil sie eine hochzivilisierte Schicht bilden und zum Teil über beträchtliche wirtschaftliche Abwehrmittel verfügen. Sie können sich wehren und tun es auch. Ost-Oberschlesien ist mit allen seinen administrativen Rauhheiten kein Südtirol, und Stresemann hätte mit mehr Berechtigung Herrn Grandi anschreien können als den polnischen Außenminister. Aber die polnischen Erregungszustände werden weniger durch die deutsche Nachbarschaft hervorgerufen als vielmehr durch die russische. Hier liegt der Cardinalfehler der polnischen Politik, daß sie sich von den antibolschewistischen Mächten Europas als Vorposten mißbrauchen läßt. Polen muß nicht nur mit Deutschland zu einem erträglichen Verhältnis gelangen, sondern ebenso mit Rußland. Ich weiß, daß das Zukunftsmusik ist, aber ein neugebildeter in sich noch nicht geschlossener Staat wird aus einer Angstneurose in die andre fallen, wenn er sich dauernd von beiden Seiten bedroht sieht. Mindestens mit einem der Nachbarn sollte Polen endlich ins Reine kommen. Was den warschauer Politikern auch von den Westmächten versprochen wird, über eines dürfen sie sich nicht täuschen: – in einem zweiten russisch-polnischen Krieg würde Deutschland bei der ersten polnischen Niederlage den Korridor besetzen, um – Europa vor der Überflutung durch den Bolschewismus zu schützen. Und die Ärgsten unter den Bolschewistenfeinden Europas würden applaudieren. Denn die Angst vor dem roten Moskau ist stärker als die Sympathien für Polen. Wie die Dinge auch kommen mögen, Polen hat nur zu verlieren. Hinter dem Rededuell Stresemann-Zaleski steht die häßliche Wahrheit, daß zwei Staatsmänner, die hier nationaler Erbitterung Ausdruck verliehen haben, darin wirklich die Wortführer ihrer Nationen gewesen sind. Das kommt sehr selten vor. Hier war es einmal Wirklichkeit. Sonst liegt das Ressort Nationalhaß in den Händen versierter Berufspatrioten. Im Falle Deutschlands und Polens sind zwei Völker in ihrer Gesamtheit hineingehetzt worden. Wie weit mag der Weg bis zum Abgrund noch sein? Kluge Leute in England und anderswo erwarten im Frühjahr 1929 die russische Katastrophe, Stalins Sturz und die Möglichkeit, mit dem roten Zauber gründlich aufzuräumen. Wehe, wenn sie Recht behielten! Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Polen muß erkennen, daß die ihm zugedachte Rolle als Fußsoldat gegen Rußland ihm eine Zukunft eröffnet, in der alle Schrecken seiner Vergangenheit wiederkehren können. Deutschland –? Es muß sich endlich bequemen, den Versailler Vertrag als Tatsache anzuerkennen. Er hat seine Härten und Schiefheiten, aber er hat neue Nationalstaaten ans Licht gebracht, die leben wollen und, wenn sie klug sind, auch leben werden. Das ist eine historische Tatsache, die keine Protestlerfaust zu zerschlagen vermag. Die Weltbühne, 25. Dezember 1928