Fritz Reuter Ein gräflicher Geburtstag. Die Feier des Geburtstages der regierenden Frau Gräfin, wie sie am 29. u. 30. Mai 1842 in der Begüterung vor sich ging. Die gräflich Hahn' sche »Begüterung« in Mecklenburg ist gemeint. Erster Tag. Motto: Lustig leben die Kosacken. Eines schönen Morgens, es war am 29. Mai 1842, sah ich vor dem Hause eines Freundes einen Wagen halten, den dieser mein Freund mit einem andern Freunde, der uns beiden gehörte, eben besteigen wollte. »Wohin?« frag' ich. »»Nach S.,«« ist die Antwort. »Was habt Ihr denn dort zu thun?« – »»Oh,«« schreiet mein lebhafter Freund Fischer: »»Geburtstag – venetianische Regatta – Bucentaur – kleine Engel – Warensche Fischerknechte – Kanonen – Fischerstechen – Bier und Branntwein – Volk – Gräfin X. – Bratwurst.«« »Daraus werde ich nicht klug,« sag' ich; »lieber Meier, Die beiden Freunde heißen jedoch eigentlich mit dem ersten Buchstaben nicht Meier und Fischer, sondern anders. Anmerk. des Verfassers. sage Du mir, was es eigentlich giebt.« – »»Ich bin auch nicht klug daraus geworden,«« sagt Meier, »»nur so viel weiß ich, daß ich einen Brief gelesen habe, so eine Art Programm, worin von vielen Festlichkeiten die Rede war, von denen ich bei uns zu Land noch nimmer gehört; zuletzt aber stand in dem Briefe ein Passus, den habe ich verstanden, denn er lautete sehr populär: ›An den Ufern des Sees sollen Feuer angemacht werden; an diesen soll sich das Volk lagern, soll daselbst mit Bier und Branntwein, Kartoffeln und Wurst tractirt werden und soll Hurrah! rufen, und soll dieses Hurrahrufens kein Ende sein!‹«« Das Alles war zu verlockend; ich sprang auf den Wagen und wir fuhren nach S. Das erste, was mir allda vor Augen kam, war eine schöne, laubumwundene Ehrenpforte. Oben auf der Spitze derselben prangte die Grafenkrone und unter derselben der Namenszug der Gräfin A. H. Ich wollte eben die Pforte passiren, da gewahrte ich eine schwarzleibige und schwarzbeinige hagere Gestalt, in der Hand eine Papierrolle haltend und in großer Unruhe unter der Ehrenpforte hin und her laufend. Ach Gott, dacht' ich, das ist auch wieder so ein armer Schulmeister aus der Begüterung, der eine Bittschrift anbringen will. Mit diesen mitleidigen Gefühlen schreite ich weiter; aber plötzlich hält mir der Schwarze die Papierrolle unter die Nase. »Lieber Freund,« sage ich, »Sie irren mit Ihrer Bittschrift, ich bin keine hohe Herrschaft, ich bin Volk;« und dabei schwebte mir so ein dunkles, aber hoffnungsreiches Bild von Bier und Branntwein, Kartoffeln und Wurst vor. – »»Was Bittschrift, was Volk,«« sprudelte mich das Kerlchen an, »»ich bin der Capellmeister R. und soll darauf sehen, daß kein ungeweihter Fuß den Boden unter der Ehrenpforte betritt, bevor er nicht Die getragen, deren Strahlen bald hinter jenen Fichten aufgehen werden; Leute, wie Sie, gehen durch die kleine Pforte hier nebenan.«« – Während ich mich nun zum Gehen durch die Nebenehrenpforte umwandte, erschaute ich in geringer Entfernung einige grüne Leute mit gelben Blechinstrumenten unter dem Arm, welche mich lebhaft an Spinat mit Eiern erinnerten. – »Wer sind diese?« frag' ich. – »»Wenn sie roth und weiße Jacken tragen,«« sagt Fischer, »»sind sie Stallknechte; sehen sie aber grün aus, dann sind sie Capelle.«« – »Das ist ein sonderbarer praktischer Dualismus, der hier herrscht,« dachte ich; »der Capellmeister ist zugleich Portier und die Stallknechte Capelle!« – Doch wir zogen ein durch die enge Pforte in das Paradies hochgräflicher Lustbarkeiten. Hinter der Ehrenpforte standen ungefähr 20–30 kleine bunte Kinder, angethan mit rothen, blauen, gelben und gestreiften Jäckchen und weißen Pumphöschen: alle aber hatten rothe Schlafmützen auf, und sahen justement aus wie die bunten Papierschnitzel, die ich als Knabe an den Schweif meines Drachens zu binden pflegte; der Capellmeister aber war der Drachen. – »Ich bitte Dich, lieber Fischer,« sag' ich, »wie kann man so kleinen Kindern schon Schlafmützen aufsetzen; was sollen sie denn im Alter tragen?« – »»Dieses sind keine gewöhnliche Schlafmützen,«« sagt Fischer belehrenden Tones, »»sondern phrygische, wie sie zu Neapel und Ischia getragen werden; auch sind dies keine Tagelöhnerkinder aus der Begüterung, sondern wirkliche kleine Fischerkinder aus Castellamare und Sorrent, die sich die Mühe gemacht haben, expreß hierher zu kommen, um etwas zu singen, und zwar sind's Männlein und Fräulein.«« – »Du scherzest,« sag' ich; »das letztere wenigstens kann ich nicht glauben, denn Jungen sind's doch gewiß alle.« –»»Du wirst's gleich sehen,«« sagt Fischer, und geht an das bunte Gewimmel hinan. »Guten Tag, Kinder,« ruft er, und siehe da! er hatte Recht: die Hälfte der armen Kleinen nahm die Schlafmützen ab und die andere Hälfte machte einen tiefen Knix, ganz ihrer Beinkleider vergessend. Wir befanden uns jetzt in einer breiten Fichtenallee, die an den Strand des schönumuferten Sees hinabführte. Schon früher war ich in S. gewesen, hatte aber noch nie so einen Baumgang bemerkt. Um mich zu orientiren, wandte ich mich an einen Tagelöhner, der in seinem ›Sünndagnahmiddagschen‹ und auf seinen Handstock gestützt, das Ganze mit einem verteufelt nachdenkenden Blicke ansah. – »Mein Lieber! ist diese Allee schon immer hier gewesen?« – »»O, wat woll't Herr, hir stünnen süs schöne Plummenböm; dei hewwen s' æwer afhau't un uns de ollen Fichten ahn Wötteln inplant't; so 'n Herrschaften hewwen männigmal so 'n Infäll!«« – »Nehm' Er sich in Acht,« sag' ich, »was Er da sagt, ist ja Rebellion.« – Bestürzt stottert der hochgräfliche Unterthan: »»Ach nehmen 't de Herr nich æwel, ick dacht, Sei wiren kein von de B.schen!«« und erschlug sich seitwärts in die Büsche. Am Ende der Allee, am Ufer des Sees, der tief blau vor uns da lag, fing ein Gerüst an, das eine ziemliche Strecke in den See hineinragte und so eine Art von Molo vorstellen sollte; das äußerste Ende desselben war durch ein Zelt gegen die Sonnenstrahlen geschützt, und dies war der Punkt, von wo ans die Noblesse das zu erwartende Schauspiel mit ansehen sollte. Rechts und links von obbesagtem Molo aber war ein kleines Eselfuhrwerk mit einer Cofent-Tonne Tonne mit Cofent: dünnes, schwaches Bier (von conventus Zusammenkunft). in den See hineingefahren, und auf dem einen derselben stand der Schweinejunge, auf dem andern der Gänsejunge, beide in Bacchusse verpuppt, und brüllten Mecklenburgische Dithyramben: »Hurah, de Fru Gräfin sall leben!« Ihre Verpuppung war außerordentlich einfach durch ein Shirting-Hemde und einen Weinlaub-Kranz bewerkstelligt; ihr Attribut war ein hölzerner Becher, der genau so aussah, wie das Gefäß, in das die Meierinnen die Butter einzupfunden pflegen. Bei diesem Anblick ward mir wunderlich melancholisch zu Muthe und ich jammerte: Ihr armen Götterjünglinge! Eure Götterschaft hat heute Nachmittag schon ausgespielt; Euer Becher wird sich morgen in den Dreizack verwandelt haben, nicht in den des Neptun, nein, in den des Misthofs, und Eure Schultern, blendend jetzt durch die Unschuldsfarbe des griechischen Shirting-Gewandes, werden in allen Regenbogenfarben spielen, wenn der Wirthschafter merkt, daß Ihr die göttliche Cofent-Tonne noch nicht vergessen, oder daß Ihr Euch nach Art der alten Heiden-Götter in ein dolce far niente einwiegen wollt. Diese trüben Betrachtungen wurden plötzlich durch ein kläglich Gewimmer von Kinderstimmen unterbrochen. Ich weiß nicht wie es kam, es schreckte mich der Gedanke an den Kindermord von Bethlehem auf; mich umsehend gewahrte ich den schwarzen Capellmeister, wie er gleich einem Zauberer wunderbare Kreise über die kleinen bunten Kinder schwang, die sich um ihn herumdrängten und aussahen, wie die heraufbeschworenen Geister des Trödels. Ich .         Was weben die dort um den schwarzen Mann? Freund Fischer . Weiß nicht, was sie kochen und schaffen. Ich . Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich. Freund Fischer . Eine Sängerzunft. Ich . Sie streuen ihr Weihrauch, Freund Fischer . Und singen dazu. Ja wohl! sie sangen, und was sie sangen, ward uns durch herumgereichte, gedruckte Zettel kund. Da ich noch so einen Zettel besitze, so will ich ihr Lied dem geneigten Leser nicht vorenthalten. Empfang. Heil Dir, Du Blüthenkranz Herrin im Anmuthsglanz: – Heil Agnes Dir! Fühle, wie tiefbewegt, Heut' jedes Herz sich reg't: Wenn uns Dein Engelsbild, Segnend erscheint! – Grüß Dich Gott, unser Gott! Segne Sie, treuer Gott! Väterlich-mild. – Die da mit frommem Sinn Ueber die Erd' weit hin! Freundlich den Blick uns lenkt; Treu Dein gedenkt. – \&c. \&c. Kaum waren die dünnen Kinderstimmen verhallt, als plötzlich eine Schaar reisiger Reiter in Form und Gestalt mecklenburgischer Gensd'armen, unter Kanonendonner und lautem Ruf auf das Volk eindrang. »Platz, Platz für die Hohen Herrschaften!« Das Volk riß aus, die Krieger behaupteten das Feld, ganz wie bei einer Pariser Emeute. Hier galt rascher Entschluß: entweder Gänsehirt oder Schweinehirt, entweder links oder rechts; ich hielt mich rechts und schwur zur Fahne des göttlichen Sauhirten. Als sich nun Alles so recht fest und mich mit einem Fuß in den See gedrängt hatte, herrschte ein stummes Schweigen der Erwartung und aus purer Devotion rief das Volk nicht ein einziges Mal Hurrah. Jetzt wäre es sonst an der Zeit gewesen, denn die Königin des Festes nahete langsamen Schritts, schwanenweiß und auch so stolz, und hinter ihr die Festordner und Festordnerinnen, hier aufmunternd, winkend, dort zürnend, dann die Gäste, dann die homines minorum gentium , als da sind Kammerzofen und Lakaien, und zuletzt der bunte Schweif des Drachen, die kleinen Fischerkinder, deren Aufgabe noch nicht vollständig gelös't war. Je näher der Zug unserm Bacchus kam, desto unruhiger wurde Letzterer, und als die Gefeierte des Festes ihm gegenüberstand, brach er in ein so ungeheures Freudengebrüll aus, daß wir uns davor entsetzten und sogar sein eigener Esel den Versuch, ihn zu übertreffen, kopfschüttelnd unterlassen mußte. Darauf seinen Becher leerend, schwenkte er denselben um sein mit Weinlaub umkränztes Haupt und rief: »Prosit Schwester!« Leider aber hatte dieser unbesonnene junge Gott die Anfangsgründe seiner Bacchusschaft schlecht studirt und eine übergroße Nagelprobe in seinem Gefäß gelassen, die nun in den Lüften einen Halbkreis beschrieb, der bei dem weißen Gewande seiner Gebieterin begann und bei meinem weißen Strohhute endigte, uns gewissermaßen durch eine Cofent-Kette in Rapport setzend. – »Tausend,« sagt Fischer, »das war eine feine Schmeichelei!« – »»Nun höre mal,«« sag' ich, »»wenn Du das schmeicheln nennst, wenn man Damen Cofent auf die Kleider gießt, so ist es leicht den Angenehmen zu spielen; ich bin auch schön beschmeichelt worden, sieh' mal meinen neuen Hut an.«« – »Ach. wer redet denn von dem Begießen,« entgegnet Fischer; » diesen Theil des Actus nahm die Gnädigste, wie es mir schien, auch ziemlich ungnädig auf; ich meine die Worte ›Prosit Schwester‹.« – »»Und was findest Du anders darin als Unverschämtheit?«« frage ich. – »Lieber Freund,« antwortete er, »Du scheinst in der Mythologie schlecht bewandert: der alte Jupiter gebar, ich weiß nicht in welchem Jahre seiner Weltregierung, den Bacchus aus seiner Hüfte, und ferner gebar er aus seinem Hirnkasten die Sinnigste, Klügste aller Göttinnen, die Minerva, – ergo !« – »»Nun, ergo ?«« – » Ergo , wenn Bacchus sagt: Prosit Schwester, so heißt dies für den Kenner: Prosit Göttin Minerva!« Ein hoher Adel hatte sich derweil in das für ihn bestimmte Zelt begeben, und ein verehrungswürdiges Publikum stand gaffend und drängend am Ufer des Sees, als wiederholt Kanonendonner vom Land auf den See und vom See auf das Land uns das Zeichen gab, daß die Spiele ihren Anfang nähmen. Mitten auf dem See lag die Flotte von bunt bewimpelten und bunt bemannten Fahrzeugen und in ihrer Mitte das Admiral- oder Orlogschiff. Freilich Alles in Miniatur, aber doch recht nett, denn die Flotte bestand aus Kähnen, das Admiralschiff aus einem großen Holzkahn, Prahm genannt, seine Caronaden waren gepumpte Königsschuß-Böller und der Admiral ein Fischermeister. Die Mannschaft war mit respective blauen oder rothen Jacken und weißen weiten Beinkleidern bekleidet; auch fehlten die phrygischen Schlafmützen nicht. Sie waren in zwei feindliche Parteien getheilt, von denen die Blauen die Farben der Gräfin verfochten, die Rothen die des Grafen. Mit dem ersten Kanonenschusse begann der Kampf; paarweise ruderten die Kämpfer in edlem Wetteifer dem Ziele zu, dem Zelte nämlich, und wie einst auf dem Hippodrom zu Constantinopel der Kampf der Grünen und Blauen Hof und Volk in ängstlicher Spannung erhielt, so harrete hier Hof und Volk ängstlich der Entscheidung zwischen den Rothen und Blauen. Endlich war das letzte Paar an's Ziel gelangt und nun erhob sich ein fragendes Gemurmel unter dem Volk: Wer hett wunnen? – De Graf hett wunnen, war die Antwort. – Und wirklich, in diesem Kampf hatte der Graf gewonnen. Beinahe wäre dies Veranlassung zum ersten Hurrahruf geworden, – doch Der Respect und die Polizei Die schreckten den Bauer zurück auf's Neu'; Und Alles noch stumm blieb, wie zuvor. Da erhob der Kapellmeister sich nebst Chor: Sie sangen von Herz und von Liebe, Von seliger goldener Zeit, Von Treue, von Frauenwürde, Von Stolz und von Mütterlichkeit; Sie sangen von allem Schönen, Was Menschenaugen gesehen; Sie sangen von allem Hohen; Wir konnten's nur nicht versteh'n. Es war uns zu hoch und zu wunderlich, Wir konnten es nicht begreifen, Und die Gefühl', die da regten sich, Sie thäten an's Lachen streifen. Sie sangen nach der Melodie der Barcarole aus der Stummen von Portici folgenden Sang: Oh fühlt's, wie strahlend reicher Segen, Heut hier uns nah't: Geburtstag tagt! Besingt den Tag, der Gottes Wegen, Den frohen Dank, aus Herzen sag't. Doch fühl't es tief, zu Gottes preise! Gefühl! rege Dich! – Wie mütterlich, gut, klug und weise – Gefühl! rege Dich! – \&c. \&c. Ich mache hier darauf aufmerksam, daß die beiden angeführten Festlieder wörtlich von mir copirt sind, und daß ich auch in der Interpunction nichts geändert habe, die in solchen exaltirten, gleichsam übersinnlichen Formen sich wohl einen großen Luxus von Zeichen, namentlich von Gedankenstrichen und Ausrufungszeichen erlauben darf. Jean Paul's Regel für die Interpunktion: Wenn der Sinn halb aus ist, machst du ein Komma, wenn der Sinn ganz aus ist, machst du ein Punktum, und wenn du etwas geschrieben hast, worin gar kein Sinn ist, kannst du Komma und Punktum setzen, wo du willst; diese Regel, sage ich, leidet hier durchaus keine Anwendung. Jetzt, mein liebes Vaterland, mein liebes Mecklenburg, muß ich dich apostrophiren! Wir haben zwar manche poetische Produkte in die Welt gesetzt; aber diese undankbare Welt, die wir durch selbige zu beglücken meinten, ist der Ansicht, wir producirten bei weitem nicht so schöne Gedichte, wie Weizen. Doch ich kann dich, mein liebes poetisches Mecklenburg, trösten mit der Versicherung, daß du obige beiden Gedichte nicht vor dem Richterstuhle der gesunden Vernunft und des guten Geschmacks zu vertreten nöthig hast; sie gehören der Ukermark an, und die mag sich denn auch darüber verantworten, – wir können uns nur daran ergötzen. Die Gerechtigkeit gegen die Ukermark verlangt jedoch, daß ich auch einen unserer Dichter, der Vergleichung wegen, anführe, wenn auch mein Dichter freilich nicht den Vorzug einer hohen Geburt in Anspruch nehmen kann. Also: Hört! Hört! ›Gedichte eines Bauernjungen.‹ An seinen Schulmeister. Sowie die Sonn' am Firmament Den Bauern auf die Pelze brennt, So bist Du liebes Schulmeisterlein, Ein allerliebstes Männelein. Ein poetischer Vergleich, der vielleicht noch vieles zu wünschen, aber nichts zu hoffen übrig läßt. Der Jäger und sein Hund. Eine Fabel. Ein Jäger und sein Hund Verfolgten einen Hasen, und Wollten ihn greifen, aber Der Has' lief in den Haber. Nun vergleicht und wählt, Ihr Kunstrichter; doch fürchte ich, die Ukermark siegt, wenn anders der Ausspruch wahr ist, daß gerade die schönsten Melodien und Lieder Gemeingut des Volkes werden. Ich habe nämlich das Gedicht ›Gefühl, rege Dich‹ auf den Straßen einer kleinen Stadt singen hören, freilich mit der Version: Gefühl rege Dich, un holl Di jo nich, so nich up! Das Wettrudern war zu Ende; die Preise waren vertheilt; der Gesang verstummt; da begann der zweite Theil des actus , das Fischerstechen ( des joutes sur l'eau , wie es auf dem Gebrauchs-Zettel heißt). Dieser Theil des Festes war für mich von minderem Interesse; desto größeren Jubel aber erregte er bei denjenigen aus dem Volke, denen die Mitspieler persönlich bekannt waren, und die nicht unterließen, ihre Bekannten laut zur Tapferkeit anzufeuern. »Johann Krischan! slah tau! Johann Jochen! wehr Di!« so erscholl es laut um mich her, und wenn einer der Kämpfer in das Wasser gestoßen wurde, war Freude und Gelächter groß. Jetzt begann nun der dritte und letzte Act, das Wettschwimmen; er wurde ebenfalls mit Kanonendonnner introducirt. Ein übelgesinnter Spaßvogel neben mir meinte, dies ewige Kanoniren komme ihm vor wie der Titel des Shakespeare'schen Dramas ›Viel Lärm um Nichts.‹ Dem sei nun, wie ihm wolle, unsere Aufmerksamkeit wurde von Neuem auf den See gelenkt und zwar zunächst auf ein Gerüst, welches genau so aussah, wie ein Galgen, dann aber aus fünf arme Sünder, angethan mit weißen Sterbekleidern und höchst widerstrebend die Hinrichtungs-Maschine besteigend. »Was Teufel!« fragte ich, »sind das Todes-Candidaten?« – »»Oh ne! bitt' um Entschuldigung, dieses weniger,«« antwortete ein wohlaussehender und wie ein Bürgersmann gekleideter Mensch; »»der eine ist ein Drechsler, der zweite ein Schornsteinfeger und die drei Kleinen sind Straßenjungen von ordentlichen Eltern aus unserer ehrsamen Stadt M.; alle sind begierig, den ausgesetzten Preis von zwölf Thalern preußisch Courant zu gewinnen!«« Hier wurde seine Rede durch die Geschütze unterbrochen, und Plumps, Patsch! purzelte Einer nach dem Andern von dem Gerüste in den See. »Ach wie schön!« sagte hier eine junge, blaßgesichtige Dame, die sich vielleicht etwas in Belletristik übernommen hatte, »so stürzte sich einst im weißen Gewande Sappho vom Leukadischen Fels.« – »»Ja,«« rief Fischer boshaft, »»oder so springen zwei Neufundländer und drei Pudel ins Wasser, um sich einander einen hineingeworfenen Knochen streitig zu machen.«« Der eine der Schwimmer zog es vor, alsbald dem nächsten Ufer zuzurudern, wo er sich hinter einem Busch barg und aus dem Shakespeare'schen Sommernachtstraum aufführte: ›Diese Weißdornhecke soll mein Ankleidezimmer sein‹; drei andere erreichten das Ziel nicht, oder doch zu spät, und mußten zum Theil von Kähnen aufgefischt werden, um sie vor den Umarmungen der Wassernixe zu bewahren. Nur der Drechsler erreichte das Ziel und ward Sieger. Und vor dem ganzen Diener-Troß Die Gräfin ihn erhob, Aus ihrem schönen Munde floß Sein ungehemmtes Lob; Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht Denn er hatt' ja das Bürgerrecht; Ihr klares Auge mit Vergnügen Hing an den wohlgestalten Zügen. Und gütig, wie sie nie gethan, Nahm sie ihn bei der Hand, Und führt' ihn zu dem Grafen hin, Der nichts davon verstand. Wenn übrigens unter den Anwesenden sich Jünger oder Jüngerinnen der bildenden Künste befunden hätten, so hätten sie hier die beste Gelegenheit gehabt, die Lehre von den nassen Gewändern zu studiren; wunderbar genau und durchsichtig schmiegte sich der nasse Shirting an den Körper des Siegers. »Er sieht aus,« sagte Fischer, »wie eine männliche Tochter der Niobe aus dem Berliner Museum.« Die Festspiele zu S. waren geschlossen; etwas Kanonendonner, etwas Wagengerassel, und Alles war vorbei. Da erhob das Volk seine Stimme, nicht um Hurrah zu rufen, nein! »Nach B.« scholl es; »nach B.!« scholl es wieder aus tausend Kehlen; so mögen die ersten Kreuzfahrer auf den Gefilden von Clermont gerufen haben, »nach Jerusalem, nach Jerusalem!« Fischer, Meier und X. ( notabene ich bin hier X., die dritte unbekannte Größe) bestiegen ebenfalls ihr bescheidenes Gefährt und fuhren gen B. – Da wären wir nun; aber wie unter Dach und Fach kommen? Das Gasthaus war voll zum Ersticken: ›das weite Haus faßt nicht die Zahl der Gäste, die wallend kamen zu dem Völkerfeste.‹ Endlich durch List, durch Ueberredung, vorzüglich aber durch Schulterblätter gelang es uns Posto zu fassen in den Räumen des Hotels. Kaum waren wir drinnen, so wünschten wir uns auch schon wieder aus diesem Dunstbade hinaus; aber dies war unmöglich; das Haus glich der Unterwelt der Alten, hinein konnte man wohl, hinaus konnte keiner, außer Orpheus und Theseus; der eine war aber ein Sänger, der andere ein Held und wir waren keine Sänger und eben auch keine Helden; so mußten wir uns denn geduldig pressen lassen. Endlich war ich so glücklich, ein Fenster zu erobern; aus diesem lehnte ich mich, theils um frische Luft zu schöpfen, theils auch, um durch die weichen Theile meines Körpers die Stöße meiner Opponenten zu paralysiren. Wer die Kissen an dem hintern Theile der Waggons auf den Eisenbahnen gesehen hat, wird dieses mein Verfahren als richtig und in der Mechanik begründet anerkennen. So lag ich lange anderthalb Stunden, wurde dann aber herrlich für meine ausgestandenen Stoß- und Drangsale belohnt. Zuerst blitzte ein Licht durch das dunkle Laub der Bäume, darauf zwei, drei, bis endlich tausende von Flammen das schöne Dorf beleuchteten, welches dalag von strahlender Helle übergossen, und doch wieder, gleichsam schüchtern, sich hinter das Laub der Bäume verkriechend, wie ein schönes Landmädchen, welches, zum erstenmale in ungewohntem Schmucke, nicht weiß, ob es sich dem fremden Auge zeigen, oder sich verbergen soll. – Wir eilten hinaus und mischten uns unter die auf- und abwogende Menge, die wie Mücken um die Lichter schwärmte und schwirrte. Es war ein zauberischer Abend und rein zum Sentimentalwerden. Ich spürte schon gewaltige Lust dazu und wäre auch wohl dazu gekommen, wenn mich nicht die Neugierde nach dem schön erleuchteten Schlosse hingezogen hätte. Da wurde mir aber das Sentimentalwerden gründlich ausgetrieben durch einen neckischen Kobold, der sich hinter transparente Inschriften am Schlosse verborgen hatte, und mir die Thräne unauslöschlichen Gelächters auf die Wangen trieb. Die Inschriften waren alle höchst einfach durch lateinische Initial-Buchstaben ausgedrückt (und ich möchte wohl fragen, ob es eine edlere, sinnigere Einfachheit giebt, als diese starren, gradlinigen, dicken und dünnen Pfähle und Pallisaden); in der Farbe war ihnen jedoch wieder die größte Mannigfaltigkeit beigebracht; sie brannten grün und blau, roth und gelb, wie die Flicken einer Hanswurstjacke. Das erste Transparent lautete: Grab' B . . . . diesen Tag in Erz und Marmor ein, Auf daß er Kindes Kind soll unvergeßlich sein. Das zweite war specieller auf die Verhältnisse der Transparentausstellerin zu der Königin des Festes berechnet, hatte aber bei aller Klarheit der dahinter gestellten Talglichter doch manche dunkle Stelle. Es hieß: Heil Dir oh Herrin aller Kräfte Zu weihen im Berufsgeschäfte Mit treuem Fleiß und treuem Sinn Nimm gnädigst dies Gelöbniß hin Des Schlosses treu ergeben                                         unterthänigste Dienerin. Da hier jede Interpunktion fehlte, so wage ich nicht die fehlenden Zeichen hineinzusetzen und überlasse dies einer Akademie der Inschriften. Weiter waren wir zu dem hellerleuchteten Speisesaal gelangt und machten, da es dem Volke erlaubt war, sich von ferne an den Speisen und Getränken der Tafel zu erquicken, von dieser Erlaubniß sehr ungenirt Gebrauch; ich, für mein Theil, mit großem Nutzen, zwar nicht für meinen Magen, denn der schrie Zeter über die Praerogative der vornehmeren Mägen und deklamirte: Ohne Zahl verteilt die Gaben, Ohne Billigkeit das Glück! sondern dadurch, daß sich mir eine Betrachtung über öffentliche Tafeln aufdrängte, die ich dem Leser nicht vorenthalten will. In den ältesten Zeiten, in den Zeiten der babylonischen, assyrischen, chaldäischen, ägyptischen u. s. w. Könige, der Prototypen des Absolutismus, gab es keine öffentlichen Tafeln, und außer von Nebukadnezar habe ich von keinem Regenten jener Zeit gelesen, der öffentlich gespeiset hätte; Nebukadnezar aber fraß Gras, wie ein Ochse, auf einer gut bestandenen Kleeweide vermutlich, also wohl öffentlich. Die griechischen Kaiser, jedenfalls die würdigsten Vertreter des Absolutismus in einer späteren Zeit, hüteten sich wohl, ihrer Gottähnlichkeit durch öffentliche Befriedigung ihrer Bedürfnisse Abbruch zu thun. Die Beherrscher der Orientalen haben heut zu Tage gewiß durch Ohrenabschneiden und Bastonaden den richtigsten Takt in dem Absolutismus erlangt, und sind in dieser Art wirklich bewunderungswürdig, vielleicht auch für einige Liebhaber beneidenswürdig; aber, frage ich, würde wohl Abdul-Medschid öffentlich seinen saffrangewürzten Pillau mit höchsteigenen Fingern in seinen höchsteigenen Mund stopfen? oder würde der Dalai Lama, dieser Repräsentant des geistlichen und weltlichen Despotismus, wohl eine seiner berühmten wohlriechenden Büchsen verkaufen können, wenn Jedermann sähe, welche Ingredienzien er zur Bereitung ihres Inhaltes verbrauchte, und wenn etwa ein Thibetanischer Chemiker auf dem Wege der Analyse zeigte, daß ein Jeder diesen Inhalt der Büchse selbst machen könne? – – So weit war ich in meinen Betrachtungen gekommen, da rauschte plötzlich aus der einen Ecke des Saales hinter Laub und Blumengewinden ein Etwas hervor, welches alsbald einstimmig von den Zuschauern für einen Engel erklärt wurde, da es mit Flügeln versehen sei, und nebenbei für einen wirklichen Engel, da es lebte; aber wie unglücklich sah dies kleine himmlische Wesen aus, wie unglücklich-ängstlich schwebte es an der Zimmerdecke hin an den Stricken eines Flaschenzuges, wie tiefes Mitleiden mit diesem Himmelsbürger fühlte unsere Menschenbrust! Wenn alle Engel so aussehen und sich so vor dem Falle fürchten, dacht' ich, so muß das Engelthum nur ein schlechtes Metier sein. Der Engel ließ sich vor der Gebieterin (es ist dies der jetzige Modeausdruck in der Begüterung) nieder und überreichte ihr ein Marzipan-Herz, groß und breit, ein gleichsam vierschrötiges Herz, und draußen bei uns vor dem Fenster hob ein vierstimmiger Sang an, dessen Worte ich so glücklich bin meinen Lesern mittheilen zu können: Dich grüßt ein Englein schon, grüßt Cuno's Herz, ja Herz, ein Herz bringe Cuno's Herz, ach wenn Dein Cuno naht, Fühlt Dein Herz so wohl, so fühlt ja Dein Herz, Dein Herz so wohl! \&c. \&c.                                               (Ukermärkisches Produkt.) »Na,« sagte die breite Stimme eines breiten vollwichtigen Mannes, »dies geht mich doch über Kreid' und Rothstein; derentwegen sich einen eig'nen Meschantikus aus Berlin kommen zu lassen! dieses is noch doller, als die Pferde in 'n Kutschwagen zu fahren, davon bitt' ich mir auch 'n jungen Ableger aus, aber von 't Herz, nich von den Engel, denn so 'ne Ableger hab' ich selber genug zu Hause.« »»Oh,«« sagte ein anderer Jemand, »»der Spaß ist noch nicht zu Ende, nun kommt noch ein Fackelzug.«« Den wollten wir aber nicht mehr abwarten, wir trollten uns davon und waren bald auf dem Wagen und auf dem Weg nach Hause. Ich saß vorne beim Fuhrmann, Fischer und Meier auf der hinteren Bank, und beide wetteiferten bald in melodischen Nasentönen, welche der kleine Fischer im Falset, der vollblütige (im plebejischen Sinne des Wortes genommen) Meier im Grund-Baß schnarchte. Vor uns stand der Mond, klar und voll, und schaute so vornehm-indifferent auf uns herab, als ob ihn nichts bei uns interessire; ich war aber ein alter Intimus von ihm und hatte ihn zur Zeit meines ersten Verliebtseins vielfach cultivirt, ja sogar mit sentimentalen Gedichten incommodirt, ward aber später durch Verhältnisse von ihm getrennt und suchte nun heute wieder eine Liaison mit ihm anzuknüpfen. Zuerst als ich ihn mit dem alltäglichen Gruß »Guter Mond, du gehst so stille« begrüßte, schien er mich noch nicht kennen zu wollen, als ich aber zu ihm sprach »Füllest wieder Busch und Thal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz,« da konnte er sich nicht länger halten, denn dies war immer das Stichwort gewesen, wodurch ich seine Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hatte, und er lächelte nun so freundlich mir zu mit seinem breiten, wohlwollenden Gesicht, daß mir Anfangs war, als sei ich 15 Jahre jünger geworden. Doch plauderten wir keinen Liebeswahnsinn, sondern ganz vernünftig zuerst über Tagespolitik, dann speciell über die des soeben abgewichenen Tages, wobei er frech genug behauptete, er sei eigentlich die causa movens der ganzen Fest-Geschichte gewesen; durch sein Licht übe er nämlich, wie männiglich bekannt, eine gewaltige Macht aus auf das Gehirn einzelner Menschen, und diese wolle er denn fürder auch nach besten Kräften anwenden, um nur nicht ganz aus der Mode zu kommen, dieweil er wohl gemerkt habe, daß sein früherer süßer Cultus bei der jetzigen Generation wegen Eisenbahnen und Repräsentativ-Verfassung im Abnehmen begriffen sei, wie er selber zuweilen. Endlich sprach er über seinen Einfluß auf die organische Materie im Allgemeinen, gab mir eine kurze Kritik von Liebig's organischer Chemie, die ihm nicht ganz gefiel; aber aus dem lächerlichen Grunde, weil sein Einfluß darin nicht genügend hervorgehoben sei. Dann sprach er viel über den Segen, den er der Landwirtschaft brächte; er sei es, behauptete er unter Anderm, der es verhindere, daß die Erdflöhe die jungen Erbsen auffräßen, und doch hielten die dummen Menschen, seine Persönlichkeit leugnend, ihn dermalen nur für eine bloße Himmelslaterne. Kurz, aus dem sanften mitfühlenden Freund und Vertrauten meiner Jugendjahre und Jugendträume war ein alter, von Hypochondrie geplagter, gelehrter Faselhans geworden; eben wollte er durch Aufstellung einiger himmelskörperlicher Paradoxen der Sache die Krone aufsetzen, als er urplötzlich anfing, Gesichter zu schneiden, als wenn unser Einem Tabacksrauch in die Augen geblasen wird. »Was fehlt Dir Luna,« frage ich, »wird Dir unwohl?« – »»Ach!«« entgegnete er, »»sieh Dich nur einmal um.«« – Als ich dies that, sah ich einen dicken gerötheten Qualm aufsteigen und ›schwarz röthete sich der Himmel‹, wie der Verfasser von ›Kuno, der schöne Jägerbursche‹ sagt. »Das ist der Fackelzug,« sprach ich. – »»Ja,«« sagte der Mond, »»das ist der Fackelzug, durch den die Menschen mein sanftes, reines Licht verhöhnen, und die alte Sonne, die Du alleweil nicht siehst, sitzt jetzt da unten bei Deinen Antipoden und lacht mich aus und spottet meiner, aber warte! dir wird es morgen nicht besser ergehen. O, über diese Menschen! und für solche Menschen muß ich scheinen!«« – So rief schluchzend der Mond, griff nach einer Wolke, wischte sich die Augen damit, wie mit einem Taschentuch, und verzog sich kummervoll hinter die Coulissen des Himmelsgewölbes. Ich aber dachte darüber nach, was er wohl mit seiner Macht über das Gehirn der Menschen gemeint haben mochte, und ob er wohl sich selbst an Hochgeborene Gehirne wagen dürfe. Da dies zwei Fragen waren, die Vieles pro et contra hatten, und solche Fragen mich regelmäßig in eine unauflösliche Verwirrung und demnächst in einen Halbschlummer stürzen, so geschah dies auch heute. Das Schnarchen meiner Gefährten, das jeweilige Einnicken des Fuhrmanns, der träge Schritt der müden Ackergäule, das Mahlen der Räder im Sande, das ewig in gleicher Melodie und bei jeder Umdrehung um seine Axe sich wiederholende Gekreisch des einen saueren Rades, dem meine Phantasie die Worte ›Gefühl, rege Dich‹ als Text gab, alles dies vereinigte sich, um mich vollständig in den Schlaf zu bringen. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich auf einem Wagen in Schlaf kam; aber, lieber Leser, denke Dir auch nur die Worte ›Gefühl, rege Dich‹ einige tausendmal von einem saueren Rade vorgesungen und Du wirst mir zugeben, daß man davon zuerst in ein heftiges Kopfweh und dann in einen betäubenden Schlummer verfallen muß. Plötzlich, durch einen Ruck und ein nachfolgendes Gekrach und Geprassel erwachte ich; erschrocken blickte ich nach hinten und sah zu meinem größten Erstaunen da, wo früher meine beiden Gefährten der Ruhe gepflegt hatten, zwei paar Beine in die Luft starren, die alsbald auf die abenteuerlichste Weise zu manövriren anfingen. »Halt, Kutscher, Halt!« quiekte Fischer. »»Halt, Kutscher, Halt!«« brüllte Meier. Die hinteren Riemen ihrer Bank waren gerissen, beide waren dem Gesetze der Schwere gefolgt und lagen nun da, wie ein paar mediatisirte Fürsten auf dem Wiener Congreß, Jeder sich auf Kosten des Andern auf die Beine zu bringen suchend. Fischer suchte und fand einen Stützpunkt an Meier's Glatzkopfe, den er in dieser Zeit der Noth nicht mehr respectirte, als eine alte Kegelkugel; Meier legte aber seine breite. butterweiche Hand quer über das scharfe, schneidende Profil von Fischer, als wolle er einen Abklatsch davon machen. Beide wollten sich nun auf Kosten ihres gegenseitigen Stützpunktes heben, eine nach allen Regeln der Statik und Dynamik unmögliche Aufgabe; dabei spielten die Beine ihre Rolle als Balancirstangen unermüdlich fort und gaben einen richtigen Thermometer der Kraftanstrengung und Barometer des gegenseitigen Drucks ab. Unten fochten die Arme und Hände ihre Sache aus, oben, ganz unabhängig davon, scharmüzelten die Beine; bald siegten die leichten Truppen von Fischer's weißen Pantalons, bald wurden sie aus dem Felde geschlagen von den Meier'schen Stolpenstiefeln, als schwerer Cavallerie. Schlachtrufe, Seufzer und Gestöhn ließen sich hören. Seine Behendigkeit half dem kleinen Fischer hier nichts: bleiern, wie ein Alp, lagerten auf ihm Meier's Fleischmassen. Nichts half dem Meier seine Wucht: er konnte sie nicht in die Lage bringen, in welcher sie die Bank wieder nach vorn hätte überkippen müssen, – ob er auch gleich schnaubte wie ein Nordkaper. Der Fuhrmann und ich waren ein paar ganz unparteiische Zuschauer. »Herr,« sagte jener, und wollte sich eine frische Pfeife stopfen, »warum uns drein mengeliren, lassen Sie die Beiden allein ihre Sache ausmachen!« – Doch ging dies nicht länger; das Meier'sche Vollblut drohte mit einem Schlagflusse und das Fischer'sche Profil ging seiner allmählichen Auflösung entgegen. Der Fuhrmann mußte denn nun die Stolpenstiefeln arretieren und ich fing die weißen Pantalons ein, worauf denn die Beine zuvörderst für sich einen Separatfrieden abschlossen, dem bald die Arme und Hände nachfolgten. Wir hoben und schoben so lange, bis das Gleichgewicht hergestellt war; es war ein schwer Stück Arbeit und hat mir einen ungefähren Begriff davon gegeben, wie schwer es sein mag, ein gestörtes politisches Gleichgewicht wieder herzustellen. Dies letzte Malheur hatte den armen Meier so attaquirt, daß er auf meine Frage, ob er am folgenden Tage nicht nach F. wolle, um auch die dort arrangirten Festlichkeiten mit anzusehen, sich hoch und theuer verschwor, lieber einen ganzen Tag nichts zu essen, sondern auf Erbsen zu knieen, als noch einmal solchen Tollheiten beizuwohnen, wie er sich auszudrücken beliebte. Der kleine Fischer aber sagte: »Allemal Derjenige, welcher!« Wir trennten uns nach dieser Verabredung, und ich schlief bald darauf ein mit derjenigen Frage an die Zukunft, die der Landmann unverdrossen jeden Abend ihr vorlegt: »Was es wohl morgen für Wetter sein wird?« Zweiter Tag. Die Nachfeier zu F. Motto:             Wir singen und sagen vom Grafen so gern, Doch lieber noch von der Frau Gräfin. Denn wer nur lobte den gnädigsten Herrn, Der bitterste Tadel, der träf' ihn; Er schaffet zwar viel, doch Sie noch mehr, Sie ist werth unsers Rühmens und Lobens, Denn von Allem, was grad' ist und was ist verquer Ist doch Sie nur die causa movens . Am folgenden Morgen stieg Phoebus u. s. w., goldenen Wagen u. s. w., rosenfing'rige Eos u. s. w., schwamm das Silbergewölk hin! u. s. w. Kurz es war ein prächtiger leuchtender Tag und die Sonne schien über ganz Land Mecklenburg und hoffentlich und allem Anscheine nach auch über Pommerland und die Ukermark; denn wir sind nicht solche Egoisten, wie die Unterthanen derer von Reuß-Greiz-Schleiz und Lobenstein, die nur für sich selbst sorgen und vor etlichen 20 Jahren noch beteten: Herr Gott! gieb Regen und Sonnenschein Für Reuß-Greiz-Schleiz und Lobenstein, Und woll'n die anderen auch was haben, So können sie Dir das selber sagen. Fischer, den ich verabredungsgemäß zu unserer heutigen Festfahrt abholen wollte, kam mir schon reisefertig entgegen und verzog seinen Mund zu einem freundlichen Guten Morgen. Wenn ich hier von dem Munde meines Freundes Fischer rede, so ist dies, wie ich als gewissenhafter Geschichtsschreiber bemerke, nur eine euphemistische Floskel, denn der Arme hat nicht das, was meine schönen Leserinnen sich unter einem Mannesmund denken, sondern die Natur hat ihm als Surrogat desselben nur ein rundes Loch mit ledernen Klappen gegeben, in das er heute Morgen eine schöne vollaufgeblühte Rose gesteckt hatte. – Nachdem ich ihm die zärtlichsten Vorwürfe über die horrible Zusammenstellung von Gelb und Rosa gemacht hatte, gingen wir ab. Ich will nicht schildern, wie wir durch grüne Auen und Haine schleuderten, durch des Korns hochwallende Gassen, unsern Gedanken überlassen, ich will nicht erzählen, was wir uns erzählt, ich will nicht darüber philosophiren, worüber wir philosophirt, sondern will einfach melden, daß wir nach einigen Stunden die Grenzen der Begüterung erreichten und ihre Marken überschritten. Durch Vorübergehende erfuhren wir, daß es »noch nicht angegangen sei«, und so beschlossen wir denn, uns zuvörderst etwas durch ein Stück Grabenborte zu stärken. Mein kurzbeiniger Freund war durch die Tour etwas angegriffen, – kein Wunder, da er stets zwei kurze statt meines einen langen Schrittes hatte machen müssen, so daß wir wohl, da ich voranging, den etwaigen Zuschauern wie ein dactylus auf Reisen erschienen sind: –  ˘ ˘  –  ˘ ˘  . Wir hatten einige Zeit geruht, da sahen wir in der Ferne eine Wolke Staubes aufwirbeln, der langsam eine menschliche Gestalt voraufschritt. Fischer, leicht fertig mit dem Wort, sagte: »Siehe, eine Herde Fetthämmel, die ihrem Führer ganz gehorsamst auf dem Fuße folgt.« Ich fand diese Hypothese ganz plausibel, zumal die Berliner um diese Jahreszeit schon ›wat Jrienes und junge Mohrrieben‹ zu haben pflegen, wo dann auch sogar ein Fetthammel sehr ›angenehm‹ ist. Wir hatten uns aber bedeutend geirrt; es waren keine Wollträger, sondern Flachsträger, die flachshaarige Jugend der Begüterung nämlich, die, von ihrem Schulmeister angeführt, als Acteurs des heutigen Tages nach F. commandirt waren. Mager, dürr, wie die sieben mageren Kühe Pharaonis, stapeiete der Schulmeister einher; üppig, feist, wie die sieben fetten, schubsten und kollerten sich die zukünftigen Mannen der Begüterung hinter ihm drein; sie waren nicht costümirt, denn sie spielten Natur, baarfüßig und baarhäuptig glichen sie der Ewigkeit, sie hatten keinen Anfang und kein Ende; ausgelassene Lust platzte aus ihren ziegelrothen Gesichtern und darüber schattete das Strohdach ihres Haupthaars; Balgerei zuckte in ihren braunen Fäusten, und mit dem Humor, der in ihren Augen leuchtete, hätte ich die Schulmeister-Zunft von ganz Deutschland auf ewige Zeiten verproviantiren wollen. Und dieser ausgelassenen Schaar schritt vorauf ihr gefürchteter Despot, durch Huld und Gunst der Gebieterin neu equipirt. Er trug ein grau nanking Beinkleid, einen grau nanking Rock, eine grau nanking Mütze und ein grau nanking Gesicht; er sah aus, wie eine Grau in Grau gemalte Schulstube, wie die wandelnde Probekarte eines Reisenden κατ' εξοχην, der in grau Nanking macht, wie ein in Chocolade getunkter › Muschüken ‹. So schritt er einher, wie die Präposition ante vor einem Haufen irregulärer Participia, und erregte in mir ein unnennbares Gemisch von Gähnen und Lachen. »Lache nicht!« sagte Fischer, »denn wisse. dieser Arme ist ursprünglich ein Löwe des Katzengeschlechts, welches Mensch genannt wird: primus inter pares et fruges consumere natus , geboren zu rothem Kragen und rothen Ausschlägen, hat er mit grau Nanking geendet; ein neidisches Geschick hat die Vorzüge der Geburt neutralisirt und ihn zu der Einsicht gezwungen, daß sogar das Vollblut aus Mangel der Ernährung versiegen müsse; kurz er ist ein verarmter Edelmann: Es ist 'ne alte Geschichte, Doch bleibt sie ewig neu, Und wem sie just passiret Dem reißen die Hosen entzwei. »Glaube aber ja nicht,« fährt Fischer ernsthaft fort, »daß ich über den alten Menschen meinen Spott ausschütten will, mein Spott gilt allein dem Dilemma, in das ihn die boshafte Zeit geführt, er gilt der Art, wie eine Standesgenossin ihn aus demselben gezogen hat. Aus tiefer Noth schreit er nämlich zur Gebieterin der hiesigen Begüterung; diese nimmt sich auch seiner an und macht ihn zum Dorfschulmeister, – aber seinem angeborenen Adel, seinem Erstgeburtsrechte muß er für dieses Linsengericht entsagen und das Wörtchen: von , es wird von ihm genommen, damit es nicht von dem Schulstaube befleckt werde, so wie man den sonntäglichen Rock auszieht, wenn man an eine schmutzige Arbeit geht.« »»Fischer! Fischer!«« rief ich aus, »»das ist unglaublich, das wäre ja die tollste Inconsequenz und Principlosigkeit, das hieße ja die ganze, Jahrhunderte lang mit genauer Noth aufrecht erhaltene, auf Inzucht begründete Lehre vom Blut umstoßen. Nein, wie könnte ein Edelmann von Gottes Gnaden veranlaßt werden, und sei's auch durch einen Edelmann von noch höheren Gottes Gnaden, das Wörtchen von vor seinem Namen, das Wörtchen Hoch vor seinem Wohlgeboren aufzugeben?! und dann: wie soll er seine körperlichen Abzeichen, als da sind: kurze Ohren, kleine Hände und andere, verläugnen? Das heißt ja, uns Canaille die Augen öffnen, uns sehen lassen, wie das Geld ein notwendiges Ingrediens des Adels ist, wie der Adel also nichts Immanentes, Sacramentales, Indelebiles ist! das wäre ja, wie Talleyrand sagt, mehr als ein politisches Verbrechen, das wäre ein politischer Fehler!«« »Aber, mein liebes Kind,« erwiderte mir Fischer, »bist Du denn so sehr von gestern, daß Du nicht siehst, wie die Principlosigkeit auch sogar in das ehrwürdige Institut des Adels eingedrungen ist und dasselbe durch Mesalliancen und bürgerlichen Erwerb destruirt? Leben und vor Allem Gutleben gilt heutzutage mehr als alles Princip; eine Schulmeisterstelle von 200 Thalern wird dem Adel vorgezogen, weil man denselben nicht mehr wie vor Zeiten in die Münze historischer Vorurtheile schicken und seine blanken harten Thaler dafür in Empfang nehmen kann. Und was die Lehre vom Vollblut und von den gemischten Ehen betrifft, so ist man mit den Engländern der Meinung geworden, daß das Halbblut sich besser zum praktischen Gebrauch eigene, und daß die Vermählung des Wörtchens von mit einem vollen bürgerlichen Geldsack ein Product liefere, welches am leichtesten über die Mühen des Lebens hinweghelfe. Sieh, mein Junge: Ueberzeugungen giebt's alleweile nicht mehr; der Jude, der sich in eine Christin verliebt hat, läßt sich ohne Weiteres taufen – freilich kommt Einem so 'n Kerl dann vor, wie das weiße Blatt zwischen dem alten und neuen Testament – und der Adlige wirft ohne Weiteres seinen Adel über Bord, wenn er ihn genirt, denn erst kommt das Geld und dann der Adel. Darum adeln sie auch keinen, der kein Geld hat, wenn sie ihn auch noch bei Lebzeiten unter die Heiligen versetzen, sondern nur Rittergutsbesitzer, wovon wir viele warnende Beispiele im Lande haben.« Aengstlich hatte ich mich während dieser Diatribe umgesehen, und mit einem dankbaren Stoßseufzer rief ich aus: »Gottlob! Gensd'armen sind nicht hier!« während Fischer fortfuhr, seine alles Ehrwürdige, sogar das Lehnrecht umstoßenden Reden zu führen; ich aber suchte in meinem Herzen diese Reden durch dicke Censurstriche auszulöschen, um nur nicht aller Ehrfurcht vor dem recipirten Adel und seinen Jungfrauen-Klöstern Der Genuß der Einkünfte \&c. der drei meckl. Jungfrauen-Klöster Malchow, Dobbertin und Ribnitz wird vom sog. eingeborenen und dem durch Reception ihm gleichgestellten recipirten Adel allein beansprucht. verlustig zu gehen. Mit großer Heftigkeit bestritt dieser Fischer namentlich meine Ansicht, daß sich gewisse körperliche Vorzüge, wie kurze Ohren, kleine Hände, angeborene Epaulettes u. s. w. beim Adel ausgebildet hätten; er führte mehrere leider nicht wegzuleugnende Beispiele von ganz gewöhnlichen, ja sogar von außergewöhnlich langen Ohren bei dieser Menschenrace an, welches letztere Phänomen vorzüglich bei einer großen Steifigkeit des Genicks anzutreffen sei. »Du scheinst Dir in Deiner Einfalt,« fuhr Fischer warm und grob werdend fort, »die Sache so zu denken, daß, gleich wie man einen Deutschen, der nach Texas auswandert, immer als einen solchen erkennen wird, so müsse man auch einen Adeligen, der, wie die Freimaurer sagen, gedeckt hat und sich meinetwegen Herr Fischer nennt, doch immer unter den Bürgerlichen, wie ein Merino unter den Schmierschafen, herausfinden können. Das ist eine ungeheure Simpelei von Dir, denn ich sage Dir, ich habe den Cavalier am vollendetsten darstellen sehen von als Gauner reisenden Kellnern und Barbiergesellen, welche sich für Edelleute ausgaben, und habe dagegen geborne Adlige kennen gelernt, die wegen ihrer Verdienste um die Erleichterung, wenn auch nicht der Staatsabgaben, doch der Staatscasse in den Bürgerstand versetzt worden waren, und die man platterdings nicht von andern Canaillen unterscheiden konnte.« – Ich sehnte mich begreiflich sehr danach, diesen unpolitischen Fischer'schen Vorlesungen zu entkommen, und war daher unendlich erfreut, als wir endlich, es war Nachmittags 4 Uhr, auf dem Schloßhofe zu F. anlangten. Ebendieselben Verzierungen von abgehauenen Tannenbäumen wie zu S. am Tage vorher; selbst der Dunghaufen war damit verziert, welches ihm einen die Festlichkeit sehr hebenden Charakter verlieh. Die hohen Herrschaften aber tafelten noch, und wir konnten uns also einstweilen in die durch die verheißenen Festlichkeiten herbeigezogene Menge tauchen und nach Bekannten suchen. Der erste, der uns aufstieß, war jener breite, vollwichtige Mann, der am Abend vorher sich einen Ableger vom Marzipanherzen gewünscht hatte; er stand da und schwitzte, oder wie ein Arzt meiner Bekanntschaft zu sagen pflegt, wenn er mit Damen spricht: er duftete. Von Zeit zu Zeit aber quoll aus seinem Munde der Ausruf: »Markwürdig! Höchst markwürdig!« und dabei sah er starr aus die Fenster des hochgräflichen Schlosses. »»Herr N.,«« sagte ich, »»wohin sehen Sie? ich sehe nichts!«« – »Ich och nich,« war die Antwort. – »»Nun was ist denn merkwürdig?«« – »Die Illum'natschon,« versetzte er. – »»Illumination? und das des Nachmittags um 4 Uhr am 30. Mai? Ich sehe ja keine.«« – »Ich och nich!« war die Antwort, aber » sind soll eine;« – dabei setzte er, von uns gefolgt, seine Körpermasse in Bewegung und zeigte, näher gekommen, triumphirend nach den Fenstern des gräflichen Schlosses, die richtig durch eine doppelte Reihe von brennenden Kerzen, wenn auch nicht beleuchtet, doch bequalmt wurden. »Na! hören Se mal!« rief er dann aus, »gestern mit dat Herz und den Engel, dat war doll, aber ein Deubel geht immer übern andern! Dat hätt' ich mir nicht gedacht, dat die Lichtzieher und Seifensieder noch mal mit der lieben Sonne Wettbahn laufen thäten, wer den andern über würde; dat globt mir meine Frau nu un nimmermehr, un die globt doch noch an 't Pusten und an den Vierschillingskalender!« – Der kleine Fischer, der in solchen Fällen sogleich eine Conjectur bereit zu haben pflegt, erklärte diese Illumination für eine sublime Finanzspeculation: die Holländer, meinte er, hätten in früheren Zeiten einmal auf dem Markte von Amsterdam ihren ganzen Vorrath von Gewürzen verbrannt, um die Preise dieses Artikels steigen zu machen. So, meinte er, gehe man hier damit um, die Preise des Fettvieh's durch eine sonst allerdings ganz zwecklose und unerklärliche Talgconsumtion ›angenehmer‹ zu machen. Ich aber dachte an das Seitenstück dieser Illumination bei Sonnenschein, nämlich an den Fackelzug, durch den man am gestrigen Festabend den Mondschein verdunkeln wollte, und klar wurde mir plötzlich die gestrige Behauptung des Mondes, daß er durch den Einfluß, den er selbst auf hochgeborne Gehirne ausübe, bei unserer Festgeschichte auch ein Wörtchen mitgesprochen habe. Mittlerweile war die hochgräfliche Tafel aufgehoben und zu dem dreist schon vorweg in den Park eingedrungenen Volke gesellte sich, wenn dieser Ausdruck anders nicht zu familiär ist, der bevorrechtete Theil der Zuschauer, unter denen, wie ich erst heute entdeckte, sich auch einige zahme Engländer befanden, deren Gegenwart sich durch ihre gurgelnden, zischenden, mundausspülenden Worte hinlänglich verrieth. Wie neidisch diese stolzen Insulaner wohl auf unsere Plaisirs geworden sind; so 'n zugeknöpfter Engländer läßt sich das nur nicht so merken. Leider waren nun heute keine Komödienzettel und auch keine ukermärk'schen Festgedichte unter das Volk vertheilt; vielleicht sollte das Ganze dadurch einen mehr improvisirten Charakter erhalten. Um jedoch die jetzt folgenden Scenen dem geneigten Leser anschaulicher zu machen, habe ich denselben nachträgliche Komödienzettel voraufgeschickt: Auf hohen Befehl wird heute am 30. Mai 1842 durch Zusammenwirken mehrerer ausgezeichneter Künstler zum erstenmale ausgeführt:. Vorwärts! oder: Nur dem reisen Volk als Lohn Giebt man Constitution. Originalposse in 4 Acten. Personen: dargestellt von Zwei junge Daniels als Richter über die Völker     2 jungen adligen preußischen Lieutenants. 50–60 verschiedene Völker, worunter Deutsche, Baschkiren und Botokuden 50–60 Jungen aus der Begüterung. 1 Schwein 1 wirkl. Faselschwein. Der Schauplatz ist ein grüner Rasen. Im Hintergrunde steht eine aufgerichtete Stange, oben mit Tüchern geziert, unten mit Seife beschmiert. Bei Anfertigung des Komödienzettels bin ich davon ausgegangen, daß der Festordner die Intention gehabt habe, die sogen. großen Fragen der Zeit als Mittel gegen die Langeweile nutzbar zu machen und zugleich durch heitere Allegorie denselben mehr Eingang zu verschaffen, so wie man den lieben Kleinen den Zittwersamen, damit er glatt eingehe, mit Honig versetzt. So muß man den ersten Act dieses Stücks für ein politisches Ballet ansehen, und wie ein transcendentaler Kopf ausfindig gemacht hat, daß Fräulein Taglioni Geschichte tanze, so kann man auch dreist behaupten, daß die Jungen aus der Begüterung hier philosophische Betrachtungen über den Völkerfortschritt tanzten. ›Ein tiefer Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.‹ Ferne sei es jedoch von mir, meine Auslegung dieses kind'schen Spiels dem Leser aufdringen zu wollen; es steht hier allen möglichen und unmöglichen Conjecturen ein großer Spielraum zu Gebote, wenigstens ein größerer als den Beinen der Jungen, die im ersten Act bis an die Mitte des Körpers höchst decent in Säcke gehüllt waren, welches, beiläufig gesagt, auf königlichen und Nationalbühnen vom Ballet nachgeahmt zu werden verdiente. Von den beiden preußischen Lieutenants, als Leuten vom Fach, in Reihe und Glied gestellt und commandirt, stolperten und purzelten die Jungen in ihren Säcken nach gegebenen Zeichen dem Ziele zu, wo aufgestellte Preissemmeln ihrer harreten. »Diese Allegorie ist klar wie Kloßbrühe,« sagte Fischer. »Die Jungen sind die Völker, die Semmeln die Constitutionen, die Säcke die Censur, die hochadligen Zuschauer die Potentaten, die sich über das Sacklaufen der Völker königlich amüsiren, die zuschauende Canaille der antike Chor, und das Ganze ist eine Darstellung des Völkerfortschritts. Und siehst Du wohl den Jungen da, welcher um eines Hauptes Länge über die andern hervorragt, wie wailand Saul über seine Brüder: der Junge ist der Repräsentant der Mecklenburger in diesem Völkerfortschrittsspiel.« – Es war dies eine außerordentlich gutmüthige, ruhige und zufriedene Erscheinung; die Devise seines Schildes war: ›Halte fest, was du hast,‹ und ›Gieße nicht unreines Wasser weg, bevor du reines hast.‹ Sein Wahlspruch war: ›Was deines Amts nicht ist, da lass' deinen Vorwitz,‹ und auf seinem runden Antlitz las man: ›Leben und Leben lassen!‹ Angethan war unser Mecklenburger mit einem Paar altehrwürdiger bocklederner Hosen, an denen unten immer von Jahr zu Jahr, je nachdem der Insasse mehr und mehr ausgewachsen, ein neuer Ring von Bockleder angestückt worden, so daß man an diesen chronologischen Hosen mit Leichtigkeit sein Alter erkennen konnte, wie bei den Kühen an den Jahrringen der Hörner. Ihm neue Hosen zu geben, das litt die Pietät gegen die alten nicht, und so trug er immer noch die alten Hosen aus der Zeit der Reversalen. Urkunden vom 2. und 4. Juli 1572 und 23. Februar 1621, worin die Rechte der mecklenb. Stände verbrieft sind. Und wohlconservirt waren diese Hosen noch, das muß man sagen, aber kleidsam oder gar modern und bequem waren sie nicht, nein gewiß nicht. Denn auf die allmähliche Ausdehnung des armen Jungen in die Breite hatte man durchaus gar keine Rücksicht genommen, so daß sich derselbe nur höchst langsam und unbeholfen bewegen konnte – und nun sollte er gar mit sans-culottes und anderm leichten Gesindel sacklaufen nach der Constitutionssemmel! Kann es uns wohl bei so bewandten Umständen Wunder nehmen, wenn der lange Lümmel gleich beim ersten Schritt in seinem Sack wie ein Büffel hinstürzte, und ihm keine von den Preissemmeln zu Theil wurde, welche die obbenannten jungen Daniels unter die übrigen Jungens verteilten? Nein, ehrlich Spiel! Soll dieser Mecklenburger mit Erfolg sacklaufen nach der Constitutionssemmel, so emancipirt ihn erst von seinen christlich-germanischen Hosen. Sehr neugierig war ich, wie er sich bei seinen getäuschten Hoffnungen geberden würde; ich erwartete eine Art komischer Verzweiflung oder einen neidischen Blick auf die Glücklicheren; nichts von alle dem war zu bemerken; als er sah, daß er keine Semmel bekomme, daß sein Hoffen und Wünschen gescheitert sei, langte er ruhig in die Tasche seiner historischen Hose, holte eine verschimmelte Brodrinde hervor, die so alt schien, wie die mecklenburgischen Landtage, und begann, sich daran die Zähne zu zerbrechen. Der zweite Act des ersten Stücks bestand in einem Syrups-Semmel-Vergnügen. Es waren Semmel ausgehöhlt, mit Syrup gefüllt und an Fäden aufgehangen. Die Aufgabe der Jungen war nun, sich ohne den Gebrauch der Hände diese Semmeln, die etwas höher hingen, als sie selber waren, sammt ihrem süßen Inhalt zu Nutzen zu machen. Wie viele starr auf die süßen Schätze gerichtete Augen, wie viele offene und hoffende Mäuler waren hier zu schauen! Welche Anstrengungen! welches Schnappen und Lecken! Hatte Einer das große Glück, das Ende der Semmel zu durchschnappen, und träufelte auf sein dankbar verklärtes Gesicht der Segen des süßen Syrups hernieder, so stürzten seine Nachbarn auf ihn los und es begann ein Küssen und Lecken auf seinem Antlitz; die Zungen verwirrten sich bei diesem Geschäft, wie bei der babylonischen Sprachverwirrung, und alles lös'te sich endlich in die Sprache der Hottentotten auf, die bekanntlich größtentheils aus Schmatzen und Schnalzen besteht. Doch malen wir dies nicht weiter aus, denn ein weiserer Mann, als ich, hat schon den Satz aufgestellt, daß alle Affecte der menschlichen Natur einer poetischen Auffassung fähig wären, nur nicht der Ekel. »Fischer! wo ist denn unser Mecklenburger mit seinen chronologischen Hosen geblieben?« fragte ich. – »»Oh! dort steht er,«« antwortete Fischer, »»sein Antlitz glüht vor Wonne und Syrup wie ein siebenfach geheizter Ofen; bei diesen , beiläufig gesagt, im Gegensatz zu den Constitutionssemmeln die materiellen Interessen symbolisirenden Semmeln kommt ihm seine Länge ausnehmend gut zu Statten, er braucht nicht zu hüpfen und zu schnappen, er frißt seine Syrups-Semmel wie ein Pferd von der Raufe, er braucht mit Niemandem zu theilen, keine Zunge reicht an ihn, und nur mit der Wurfschaufel seiner eigenen reinigt er bisweilen sein gesegnetes Angesicht!«« »Was! Donnerwetter!« erscholl da hinter uns eine Stimme, und mit Heftigkeit drängte sich ein Wirthschafter der Begüterung zwischen uns durch; »was Donnerwetter! ich denke, der verdammte Junge ist beim Klutenklopfen, und er steht hier und leckt Syrup! Wie kommst Du hier her, Du Schlingel?« – »»Oh, Herr,«« antwortete der Klutenklopferdeserteur, »»ick hadd doch so grote Lust dortau.«« – »Herr W.,« sagte Fischer, »dagegen läßt sich nichts sagen, der Jüngling hat Lust dazu, wie er sagt, und Talent hat er auch dazu, wie ich behaupten möchte, und da ihn seine Hose nicht daran hindert, auch der Sack nicht, so seien Sie nicht so grausam, ihn in seinen Syrupsvergnügungen zu stören; auch später nicht in seiner Verdauung, denn in gestörter Verdauung haben Ideen ihren Ursprung, und Sie werden doch keine Hofjungen mit Ideen haben wollen?« – Aber, sei es, daß er Hofjungen mit Ideen gerade vorzugsweise gerne hatte, sei es, daß er es für zu gewagt hielt, unter den Augen der Gebieterin sich eine Saumseligkeit in der Erfüllung seiner Pflichten zu Schulden kommen zu lassen, er blieb ungerührt von Fischers Reden und von unsers Mecklenburgers Bitten. Der arme Junge mußte fort; aber so ruhig, wie im ersten Act ging er nicht, so ruhig gab er nicht sein Syrupsparadies auf; thränenden Auges und zögernden Schrittes trennte er sich von seiner halbverzehrten Semmel, dann allmählig in Zorn übergehend, streckte er die Zunge aus, uns jedoch in Ungewißheit lassend, ob es der Verhöhnung oder des Syrups wegen sei, und schlug sich in die Büsche. Mit seinem uufreiwilligen Abgang vom Schauplatz verlor die Sache sehr, namentlich an nationalem Interesse, und die beiden jetzt folgenden Acte waren offenbar die schwächsten der ganzen Vorstellung, da im dritten Act, in welchem die eingeseifte Stange, welche nach Fischer den Freiheitsbaum vorstellen sollte, und die flatternden Tücher an ihrem Gipfel mitspielten, eigentlich gar nichts vorgestellt ward, weil die Jugend in der Begüterung nicht im Stande war, sich vom Boden los zu machen und sich über ihren gewöhnlichen Standpunkt zu erheben, also endlich voll Verzweiflung beschloß, das zu bleiben, was sie sei, nämlich glebae adscripti . In diesem Acte spielte von allen Personen die glatte Stange mit der grünen Seife ihre Rolle am Besten; und wenn die scharfsinnige Definition von Lustspiel und Trauerspiel wahr ist, wonach dasjenige ein Lustspiel ist, worin ›sie sich kriegen‹, und das ein Trauerspiel, worin ›sie sich nicht kriegen‹, so war dieser Act jedenfalls ein Trauerspiel, denn die bunten Tücher auf der Stange und die Jungen kriegten sich nicht. Der nun folgende vierte und letzte Act dieses ersten Stückes, worin das Faselschwein debütirte, war jedoch im Gegensatz zum vorigen ein Lustspiel und zwar ein dreimal destillirtes, indem das Kriegen hier mit solcher Leichtigkeit Statt fand, daß sich hier alles kriegte: die Jungen und das Faselschwein und das Faselschwein und die Jungen. Oft erwähntes Faselschwein sollte nämlich von den anderen zweibeinigen Acteurs unter vielen kurzweiligen Anstrengungen gegriffen werden; sowie es aber in den glänzenden Kreis der hochadligen Zuschauer gebracht wurde, fühlte es seine eigene Nichtswürdigkeit so sehr, daß es sich zu den Füßen eines hohen Adels prosternirte und sich von jedem greifen ließ, der es irgend haben wollte; alles so demütig und respectvoll, daß man in Versuchung kam zu glauben, in dasselbe sei vor 1800 und einigen Jahren der Teufel des Servilismus gefahren. – Hiemit schloß das erste Stück. Ich für meine Person bin zu sehr für Kinder und Kinderspiele und Possen eingenommen, als daß ich dieselben mit unparteiischer Strenge kritisiren könnte, und muß solches daher dem geneigten Leser überlassen. Es folgten jetzt noch einige Zwischenspiele, von denen das eine den Vorteil hatte, sehr wenig Aufwand von Geist mit vieler Beliebtheit zu verbinden; es wurde Geld (im Ganzen 2 Thlr. pr. Cour.) unter das Volk ausgeworfen, ein echt aristokratischer und doch zugleich liberaler Act. Darauf: Zweites Stück. Die Füchse in der Klemme oder: Was du nicht willst, das dir geschicht, Das thu' auch keinem Andern nicht. Frei nach dem Englischen. Personen: dargestellt von Zwei junge Füchse mit gebrochenen Beinen     2 jungem Füchsen. 6 Dachshunde 6 Dachshunden. Einleitend unterhielten uns die grün und gelben musikalischen Stallleute, der aufgewärmte Spinat mit Eiern von gestern, mit Variationen des Liedes: Füchse, Hasen und Studenten Leiden gleiches Ungemach, Jenen jagen Jäger, Hunde, Diesen die Philister nach. Ich dachte noch über dies Lied einer guten alten Zeit nach, als ich zwei junge Füchse in dem zweiten Theaterstücke auftreten sah. Doch was sage ich ›auftreten‹, dies konnten sie nicht, da ihnen die Beine gebrochen waren. Beide jung, in der Blüthe ihrer Jahre, nicht etwa in Schlauheit und Schelmerei ergraut, wie der neue Reinecke, lagen sie da mit gebrochenen Beinen und gebrochenem Herzen und wurden ein Opfer angestammten Adelshasses. (Der Adel ist hier der Hassende und nicht der Gehaßte.) Sie starben mit Muth und Entschlossenheit unter Beihülfe von sechs Dachshunden durch adlige Hand. Und der ganze vornehme Zirkel der Fuchsjäger drängte sich zu dem Schauspiel, und die Herren drückten sich die Hände vor Freude und begratulirten sich, und die Damen blickten lieblich milde, wie Vollmondsschein, und die beiden Lieutenants sahen stolz aus, und Fischer gab in der Aufregung einem Jungen ein paar Maulschellen, weil er einem Maikäfer die Beine ausgerissen hatte. Es ist wahrhaft stärkend und erhebend für die schwache Menschennatur, so raisonnirte ich hiebei inwendig, wenn man bemerkt, wie einzelne Menschen, ja ganze Stände, mit eiserner Consequenz einen großen Zweck unablässig verfolgen und durch diese Fähigkeit auch das Schwerste vollführen. In den alten Zeiten war es die Aufgabe des Adels, unsere Jungfrauen gegen Drachen und Lindwürmer und anderes Ungeziefer zu schützen; er hat mit solcher Hartnäckigkeit dieser Aufgabe obgelegen, daß dergleichen Gethier auf Erden nicht mehr zu finden ist, und unsere Jungfrauen den Zudringlichkeiten verliebter Lindwürmer nicht mehr ausgesetzt sind; darauf hat sich sein Vertilgungskrieg gegen Bären und Wölfe gerichtet, um die Lämmer gegen dieselben zu schützen; auch diese sind bei uns verschwunden; und so, vom Großen zum Kleinen herabsteigend, ist hochderselbe jetzt auf den Punkt gelangt, unsere Gänse gegen die Füchse in Schutz zu nehmen. Auf der andern Seite hat aber ein anderer achtbarer Stand, der der Rattenfänger und Kammerjäger, ebenfalls unablässig die geringeren Racen des Ungeziefers zu vertilgen gestrebt, so daß beide Theile sich jetzt leicht in's Gehege kommen können und anscheinend die Zeit nicht mehr fern ist, wo die Jagdgründe dieser beiden Jagdvölkerschaften genauer durch Landesgesetze festgestellt und die beiderseitigen Privilegien gegen Uebergriffe geschützt werden müssen. Und leider muß ich sogleich einen solchen Uebergriff von Seiten des Adels mittheilen. Kaum lagen unsere jugendlichen Fuchs-Märtyrer auf dem blutigen, kühlen Rasen, als man uns wieder mit einem Gericht Spinat und Eier tractirte. Es war ein wehmüthig Gericht und paßte sehr gut zu dem Schluß des voraufgegangenen Trauerspiels; aber plötzlich fielen alle Instrumente mit einer schwunghaften Cadenz in die Melodie des preußischen Volksliedes: ›Gottlob, daß ich ein Preuße bin‹; nur das Fagot, welches sich wohl der Tendenz des Liedes erinnerte, nicht aber der Melodie, spielte immer: ›Prrr! Prrr! Russia sei's Panier! Vivallera!‹ und führte so auf ganz zwanglose Manier das folgende Stück ein, welches auf dem Komödienzettel als eine Uebersetzung aus dem Russischen bezeichnet ist. Fischer aber, der allenthalben mit dreinsprechen muß, trat an das Fagot und sprach zu ihm: »Liebes Fagot, Sie irren sehr, es heißt nicht Russia, sondern ›Borussia‹, und dessen Feldgeschrei heißt nicht ›Prrr! Prrr!‹ sondern ›Vorwärts!‹« – Es folgt also: Zum Beschluß: Der Ratten Noth oder: Quäle nie ein Thier zum Scherz, Denn es fühlt, wie du, den Schmerz. Schauerstück in 1 Act. Frei nach dem Russischen Personen: dargestellt von 100–150 Ratten     wirklichen Ratten. 6 Dachshunde 6 Dachshunden. So wie Napoleon zum endlichen Ausschlage sich der alten Garde, seiner Haupttruppe bediente, wie sich der Sänger seine Bravourarie bis zuletzt aufspart und das Kind den schönsten Leckerbissen, so hatte man auch das nun folgende Haupt- und Spectakelstück, diesen süßen Rahm des ganzen Festes, diesen überzuckerten Eierkuchenrand der Lust an's Ende des Tages versetzt, um den Zuschauern einen, den Festlichkeiten überhaupt entsprechenden Nachgeschmack zu geben. Ich habe manchen eigenen Geburtstag gefeiert und manchem hochgräflichen in der Begüterung beigewohnt, ich habe gesehen, wie man einen Kahn auf einem vierspännigen Wagen in freier Luft von Fischerknechten rudern ließ; ich habe neuerdings einer frommen Feier des Geburtstages beigewohnt, wo ich nicht in's Klare gekommen bin, ob man dem lieben Gott oder der Gebieterin mehr Weihrauch streute; ich habe erlebt, daß gute, ehrsame Spießbürger in Ekstase gerathen sind und eine junge unverheiratete Gräfin, die in einen geistlichen Orden zu treten die Absicht hatte, mit Psalmen angesungen haben; ich habe von Augenzeugen gehört, daß in den alten fröhlichen Zeiten der Begüterung von hochgräflichen Personen, Männern wie Frauen, in weißen übergezogenen Hemden bei nächtlicher Zeit im Mondschein zu Pferde eine Darstellung der wilden Jagd geliefert worden ist; aber dies – – – dies nun folgende Schauspiel habe ich auch erlebt, ja, was noch mehr sagen will: es überlebt. Schon einige Tage vor dem Geburtstage war ein Gebot ausgegangen von hoher Hand und in dem Curialstyl der Begüterung › selbsteigen, eisern ‹ befohlen, auf die Ratten zu fahnden; den einzelnen Inspectionen war ausgegeben, unter den Ratten die Aufruhracte zu verlesen, das Viehhaus zu F. war in Belagerungszustand erklärt, und vier handfeste Hofjungen wurden, mit dicken Handschuhen bewaffnet, als Reichsexecutionstruppen gegen das Volk der Ratten commandirt. Die Ratten minirten, die Jungen contreminirten, und endlich, nachdem alle festen Positionen und Außenwerke genommen, auch ihre Citadelle im Schweinekoben gestürmt war, mußten sich die bedrängten Ratten, 300 an der Zahl, auf Gnade und Ungnade ergeben, und wurden als Kriegsgefangene in die Bergwerke einer Futterkiste abgeführt. Auf einem Schimmel brachte eine Estafette der Residenz B. den Frieden, meldete die Siege und forderte Instructionen in Betreff der Gefangenen. Die eingehenden Instructionen lauteten dahin: daß kriegsgefangene Ratten auf keine Weise schon jetzt massacrirt, sondern bis zum Geburtstage der Gebieterin conserviret werden sollten, damit sie an diesem gesegneten Tage ad majorem gloriam Hochderselben von Hunden todtgebissen würden. Diesem Befehle zufolge wurden die Ratten auf alle Weise in der Kiste verpflegt, auch ihnen in Gestalt von Roggenschrot manche Erheiterung gewährt; aber vergebens: ein junges begeistertes Rattenmännchen, oder Rattenkater, oder Ratterich, ich weiß mich nicht auszudrücken, trat auf und hielt eine Rede, in der er den Tod als das einzige Asyl der Ratten schilderte, die schöne Gotteswelt so schlecht als möglich machte und damit schloß, daß er sich selbstmordete. Unverzagt, wie Pariser Grisetten, folgten ihm Alle in den Tod, und am andern Morgen, als die Inspection die Futterkiste inspicirte, erblickte sie statt 300 kriegsgefangener Ratten 300 todte Cato's von Utica, und thränenden Auges die Futterkiste schließend sprach sie mit vor Rührung zitternder Stimme: »dat heww 'ck mi woll dacht!« – Der schauerliche Vorfall wurde, wie sich gebührt, durch neue Estafetten höheren Orts gemeldet, aber – man bewundere die consequente Durchführung eines selbsteigenen eisernen Befehls – der Plan eines Ratten-Autodafé wurde nicht aufgegeben, sondern in der Residenz selbst Ratten eingefangen und selbige am Morgen des heutigen Tages nach F. geschafft, wo sie in dem sog. Schießhause, dessen Fußboden zu diesem Zweck mit Latten neu ausgedielt war, um den Durchbruch zu verhindern, als letzte délice aufbewahrt wurden. Als nun, wie oben erzählt, die beiden kleinen Fuchsmärtyrer auf dem kühlen, blutigen Rasen lagen und Alles glücklich war, gingen die beiden Lieutenants zum Schießhaus; Alles folgte und sah allda mit hoher Bewunderung, daß die Lieutenants sich gar nicht fürchteten, sondern in den ›furchtbaren Zwinger‹ und ›der Ungeheuer Mitte‹ mit der Heiterkeit vollendeter Helden traten. Zur Sicherheit und der Bequemlichkeit wegen nahmen sie jedoch Dachshunde mit. Und nun ging die Schlacht von Statten; Hunde fielen jetzt den Ratten         In die Klatten, Und den armen kampfessatten,         Todesmatten Sie nicht Ruh' noch Rast gestatten, Bis nach blutigen Debatten Hin sie sanken auf die Matten, Auf die platten, glatten Latten, Eingeh'n in das Reich der Schatten Und sich mit dem Tode gatten. Jetzt die Hunde auch ermatten, Und die beiden Helden hatten Bis an ihrer Waden Watten Nichts als Ratten, Ratten, Ratten! Hoch aufgethürmt lagen die Leichen der Erschlagenen und mitten drinne standen wie zwei Marse die hochgeborenen preußischen Lieutenants und plätscherten im Blute. Wäre der Anblick nicht so schrecklich, er wäre schön gewesen. Das Volk schrie Victoria! die Stallleute spielten: ›Heil Dir im Siegerkranz;‹ die Hunde bellten Siegeslieder, und Fischer declamirte: Wie sich die platten Bursche freuen! Es ist mir eine rechte Kunst, Den armen Ratten Gift zu streuen. Dann spie er auf eine unnachahmliche Weise wie ein Bootsknecht aus und sagte: »Wäre der Fall umgekehrt und hätten die Ratten die beiden Lieutenants untergekriegt, dann wäre ich dem Thierquälerverein beigetreten!« – Ich gebrauchte einige Zeit, um den Sinn dieser Aeußerung ganz zu fassen, und beschloß dann in meinem Herzen, um nicht compromittirt zu werden, nie wieder mit dem malitiösen Menschen auf gräfliche Geburtstage zu reisen; für heute war er mir nun einmal angetraut und ich mußte, wohl oder übel, meine Heimreise mit ihm antreten. So schloß dies Fest. Wir gingen ab, und wie's zu gehen pflegt, wenn man zu viel Süßigkeiten genossen hat, wir hatten das Gefühl von einem verdorbenen Magen, welches sich bei mir bis zum Ekel steigerte. Doch bald mußte diese unangenehme Empfindung der belebenden Frische des reinen Abends weichen, und mit raschen dactylischen Schritten eilten wir durch die hereinbrechende Dämmerung, bis wir dicht vor uns einen wandernden Handwerksburschen erblickten, der uns mit demüthiger Miene seine Mütze hinhielt und leise in einem fremden Dialekt um eine Gabe bat. Stille Ergebenheit lag auf einem Gesicht, dessen Jugend kaum noch durch das Alter seines Elends hindurch schimmerte und davon ergriffen fragte ich mitleidig nach seiner Heimath und nach seinem Gewerbe. – »Nu, su gärne,« war die Antwort, »ich bin ok ein armer Weberg'sell aus Schläsingen.« – Wir gaben ihm ein kleines Viaticum und wurden, nachdem wir von ihm geschieden, aus der vorwurfsvollen Träumerei, die sich unserer bei seiner demüthig stillen Erscheinung bemächtigt hatte, durch seinen Gesang erweckt, der sich leise wie Abendthau über die grüne Erde hinzog und dann rein, wie Frühlingslust, und süß, wie Blumendüfte, als ein demüthiges Opfer zum Himmel emporstieg. Er sang in seiner Landesmundart: Warum is denn auf Erden hienieden Jedes Menschen sei' Stand so verschieden? Warum is denn der Eene a Grafe, Un der And're, der hüt't em de Schaafe? Warum is denn der Eene su reich, Un der And're su arm.? Vur dem Herrne Durt uben sein Alle doch gleich? I nu, mein Gott, su gärne! Jeder Mensch hat wohl seine Stature, Ihren Gang hat die ganze Nature, Un der Fuchs un die Maus un die Ratze, Jeglich Wesen hantirt uf sei'm Platze, Jeglich Wesen folgt stille un stumm; Dadraus du Menschenkupp lärne: Sei bescheeden! un fra't Eens: warum? I nu, mein Gott, su gärne! Wenn se fra't mit dem kirschruthen Maule: »Warum wünscht a sich Füße vom Gaule, Warum wünscht a sich Fliegel vom Sturche, Un vollführet a solches Gehurche, Warum liebt a mich immer noch su? Ei der Längde de Zeit, ei de Ferne, Warum läßt a mer gar keene Ruh?« I nu, mein Gott, su gärne! Letzte Strophen eines Holtei'schen Gedichts: »Su gärne«, mit kleinen Abweichungen von Wortlaut und Rechtschreibung des Originals. Es lag in diesem wunderlichen Liede und in seiner Sangweise so viel Ergebung, es klang darin so viel Liebe, so viel Hoffnung, ja es schallte darin durch tiefes Elend hindurch so viel Jubel triumphirender Treue, daß ich peinlich durch die Vergleichung der Freuden des Sängers mit den seit zwei Tagen von uns genossenen betroffen wurde. Sogar Fischer, dieser unverwüstliche Hampelmann der ›Fidelität‹, schien ernster gestimmt und hatte auf Augenblicke seine schlechten politischen Witze vergessen; doch dauerte dies natürlich nicht lange; er begann alsbald mit einer wahrhaft erbärmlichen Stimme, die einer Nachtwächter-Knarre auf ein Haar glich, höchst erbärmliche Fibelverse abzusingen. Mit dem A anfangend, sang er den uralten Vers: Der Affe gar possirlich ist, Zumal wenn er vom Apfel frißt, und schloß denselben mit einem Refrain, der mir das Trommelfell zu zersprengen drohte und auf Deutsch lautet: Schnetterdeng, deng, deng, Schnetterdeng. Darauf fuhr er fort, den Vers für B und C zu singen; beim G sang er: Der Gard'officier sich schnüret ein, Der Gimpel ist ein Vögelein u. s. w. Beim H aber stockte er und konnte sich nicht auf einen dazu passenden Vers besinnen; er mußte endlich davon abstehen, in der Reihenfolge zu bleiben, und sang nun sein schreckliches Charivari ohne alphabetische Ordnung zu Ende; doch schien er sich noch immerfort mit dem Vers für das H zu quälen. Endlich kamen wir vor seiner Behausung an und unsere Wege trennten sich. Als ich um die nächste Ecke bog, ruft der Fischer noch hinter mich her: »Du! höre! nun weiß ich den Vers für das H!« – »»Ach,«« sag' ich, »»was frag' ich nach Deinen Versen.«« – »Nein! Du mußt ihn hören: Wenn die Henne kräht und es schweigt der Hahn, Dann ist das Haus gar übel dran! Schnetterdeng, deng, deng, Schnetterdeng!«