François Rabelais Gargantua und Pantagruel Inhalt Einführung An meine Leser Erstes Buch 1. Kapitel : Von des Gargantua Antiquität und Stammbaum 2. Kapitel : Wie Gargantua elf Monden im Mutterleibe getragen ward 3. Kapitel : Auf welch seltsame Art Gargantua geboren ward 4. Kapitel : Wie Gargantua benamset ward, und wie er sich zur Tränk hielt 5. Kapitel : Wie man Gargantua kleiden tät 6. Kapitel : Von des Gargantua Jugend 7. Kapitel : Von des Gargantua Steckenpferden 8. Kapitel : Wie Grandgoschier des Gargantua wunderbaren Verstand an Erfindung eines Arschwisches erkannte 9. Kapitel : Wie Gargantua durch einen Sophisten im Latein unterwiesen ward 10. Kapitel : Wie Gargantua andern Pädagogen untergeben ward 11. Kapitel : Wie Gargantua gen Paris geschickt ward, und von der ungeheuren Mähre, so er ritt, und wie sie den Kuhfliegen im Beaucerlande den Garaus macht 12. Kapitel : Wie Gargantua den Parisern sein Willkomm bezahlt, und wie er die großen Glocken von Notre-Dame abnahm 13. Kapitel : Wie Jonas Fochtelnburg an den Gargantua abgeschickt ward, die großen Glocken wiederzuholen 14. Kapitel : Des Meisters Jonas Fochtelnburg Anred an den Gargantua um Wiedererlangung der Glocken 15. Kapitel : Wie der Sophist sein Tuch davontrug, und wie er mit den andern Meistern Prozeß bekam 16. Kapitel : Von des Gargantua Studien unter seinen sophistischen Lehrern 17. Kapitel : Wie Gargantua beim Ponokrates solcher Lehrzucht teilhaft ward, daß ihm nicht eine Stund vom Tag verlorenging 18. Kapitel : Wie sich Gargantua bei Regenwetter die Zeit vertrieb 19. Kapitel : Wie zwischen den Weckenbäckern von Lerné und des Gargantuas Landsleuten der große Streit entstund, daraus ein schwerer Krieg erwuchs 20. Kapitel : Wie die von Lerné, auf Geheiß ihres Königs Pikrocholus, unversehens die Hirten des Gargantua überfielen 21. Kapitel : Wie ein Mönch von Seuillé den Abteigarten vor der Feinde Plünderung schützte 22. Kapitel : Wie Pikrocholus die Clermaldsburg mit Sturm einnahm und wie schwer und ungern Grandgoschier sich zum Kriegführen anließ 23. Kapitel : Inhalt des Briefs, den Grandgoschier dem Gargantua schrieb 24. Kapitel : Wie Ulrich Gallet an den Pikrocholus abgesandt ward 25. Kapitel : Des Gallets Rede an Pikrocholus 26. Kapitel : Wie Grandgoschier um des Landfriedens willen die Wecken zurückerstatten ließ 27. Kapitel : Wie etliche Hauptleute des Pikrocholus ihn durch übereilten Rat in die äußerste Gefahr brachten 28. Kapitel : Wie Gargantua von Paris aufbrach, sein Land zu retten, und wie Gymnastes unter die Feinde geriet 29. Kapitel : Wie Gymnastes den Hauptmann Kuttler nebst anderm Volk Pikrochols säuberlich abfing 30. Kapitel : Wie Gargantua das Schloß an der Furt Vede zerstörte, und wie sie über die Furt gingen 31. Kapitel : Wie Gargantua sechs Pilger im Salat aß 32. Kapitel : Wie der Mönch vom Gargantua herrlich traktieret ward, und von den schönen Tischreden, die er führt' 33. Kapitel : Warum die Mönche weltflüchtig sind, und warum man an etlichen längere Nasen findet als an andern 34. Kapitel : Wie der Mönch den Gargantua in Schlaf bracht' und von seinen Honoris und Brevier 35. Kapitel : Wie der Mönch seinen Gefährten Mut einspricht, und wie er an einem Baum hing 36. Kapitel : Wie Gargantua auf des Pikrocholus Vortrab stieß, und wie der Mönch den Hauptmann Vorneweg umbrachte, darauf er von den Feinden gefangen ward 37. Kapitel : Wie der Mönch sich seiner Wächter entledigt, und wie des Pikrochols Vortrab zerstreut ward 38. Kapitel : Wie der Mönch die Pilger einbrachte, und wie ihnen Grandgoschier gute Lehren gab 39. Kapitel : Wie Grandgoschier den gefangenen Starenstör glimpflich behandelt 40. Kapitel : Wie Grandgoschier seine Scharen versammelte und Starenstör Frühträubeln erschlug, dann auf Pikrocholus Befehl erschlagen ward 41. Kapitel : Wie Gargantua den Pikrocholus in Clermaldsburg angriff und dessen Heer aus dem Felde schlug 42. Kapitel : Wie den Pikrocholus auf der Flucht das Unglück ereilt, und was Gargantua nach der Schlacht tat 43. Kapitel : Die Anrede, die Gargantua an die Überwundenen hielt 44. Kapitel : Wie die siegreichen Gargantuisten nach der Schlacht belohnet wurden 45 : Wie Gargantua für den Mönch die Abtei Thelem erbauen ließ 46. Kapitel : Wie die Abtei der Thelemiten erbauet und fundieret ward 47. Kapitel : Aufschrift des großen Tors zu Thelem 48. Kapitel : Wie die Wohnung der Thelemiten war 49. Kapitel : Wie die Ordensbrüder und Schwestern von Thelem gekleidet gingen 50. Kapitel : Wie der Thelemiten Lebensart reguliert war Zweites Buch Des Autors Prolog 1. Kapitel : Von der Geburt des gestrengen Pantagruel 2. Kapitel : Wie Gargantua um sein Weib Hängemunden Leid trug 3. Kapitel : Von Pantagruels Kindheit 4. Kapitel : Von Jugendtaten des edlen Pantagruel und wie er nach Paris kam 5. Kapitel : Wie Pantagruel zu Paris von seinem Vater Gargantua ein Schreiben erhielt; nebst Abschrift desselben 6. Kapitel : Wie Pantagruel den Panurg traf, den er sein ganzes Leben lang liebhatte, und wie dieser seine Flucht aus der Gefangenschaft der Türken erzählt 7. Kapitel : Von Sitten und Lebensart Panurgens 8. Kapitel : Wie Panurg Ablaß kaufte und die alten Weiber verheiratete, und was für Prozesse er in Paris hatte 9. Kapitel : Wie ein großer Gelehrter aus England mit Pantagruel disputieren wollt und vom Panurg überwunden ward 10. Kapitel : Wie Panurg den englischen Zeichenfechter ad absurdum führte 11. Kapitel : Wie Panurg in eine hohe Pariser Dame verliebt war 12. Kapitel : Wie Panurg der Pariser Dame einen Streich spielt', der nicht zu ihrem Vorteil war 13. Kapitel : Wie Pantagruel, auf Botschaft vom Einfall der Dipsoden ins Amaurorenland, von Paris aufbrach, und warum die Meilen in Frankreich so kurz sind 14. Kapitel : Wie des Pantagruels Gefährten Panurg, Karpalim, Eusthenes und Epistemon 660 Reitern sauber den Garaus machten 15. Kapitel : Wie Pantagruel mit seinen Gesellen das Pökelfleisch zum Ekel ward, und wie Karpalim Wildbret jagen ging 16. Kapitel : Wie Pantagruel auf absonderliche Weise den Dipsoden und Riesen obsiegt 17. Kapitel : Wie Pantagruel die dreihundert Riesen in Werksteinrüstung, nebst Wärwolf, ihrem Hauptmann, erschlug 18. Kapitel : Wie Epistemon geschickt von Panurgen kuriert ward nebst Nachricht von den Verdammten und Teufeln 19. Kapitel : Wie Pantagruel in die Amauroten-Hauptstadt seinen Einzug hielt, und wie Panurg den König Anarchos verheiratete und ihn zum Grünsuppen-Ausrufer machte 20. Kapitel : Wie Pantagruel mit seiner Zung ein ganzes Kriegsheer deckte und was der Autor in dessen Mund sah Drittes Buch 1. Kapitel : Wie Pantagruel eine Utopische Kolonie in Dipsodien einführte und den verschwenderischen Panurg zum Burgvogt machte 2. Kapitel : Wie Panurg die Schuldner und Borger lobt und wie Pantagruel sie verabscheut 3. Kapitel : Wie Panurg den Floh am Ohr trug und seinen prächtigen Hosenlatz ablegte 4. Kapitel : Wie Panurg sich beim Pantagruel Rats erholt, ob er freien sollt' oder nicht 5. Kapitel : Wie Pantagruel dem Panurg expliziert, daß es ein kitzlich Ding sei um einen Ehestandsrat, und das Los der Würfel für unerlaubt erklärt 6. Kapitel : Wie Pantagruel durch Vergilianische Verse Panurgens Ehestandsglück erforscht 7. Kapitel : Wie Pantagruel Panurgen rät, seines Ehestands Wohl oder Wehe in Träumen zu erkunden 8. Kapitel : Panurgens Traum und Deutung desselben 9. Kapitel : Wie Pantagruel dem Panurg rät, mit einer Sibylle von Panzoust zu reden 10. Kapitel : Wie Panurg mit der Sybille von Panzoust spricht 11. Kapitel : Wie Pantagruel und Panurg die Reime der Sibylle von Panzoust verschiedentlich erklären und deuten 12. Kapitel : Wie Pantagruel den Rat der Stummen lobt 13. Kapitel : Wie Schafsnas dem Panurg mit Zeichen antwortet 14. Kapitel : Wie sich Panurg bei einem altfränkischen Poeten namens Großmurrnebrod Rats erholt 15. Kapitel : Wie sich Panurg der Bettelmönche annimmt 16. Kapitel : Wie Panurg vom Epistemon Rat nimmt 17. Kapitel : Wie sich Panurg beim Herrn Trippa berät 18. Kapitel : Wie Panurg beim Bruder Jahn von Klopffleisch Rat nimmt 19. Kapitel : Wie Bruder Jahn Panurgen lustigen Rat gibt 20. Kapitel : Wie Bruder Jahn dem Panurg in seiner Hahnrei-Angst Trost einspricht 21. Kapitel : Wie Pantagruel wegen Panurgens Skrupeln einen Theologen, einen Mediziner, einen Juristen und einen Philosophen beruft 22. Kapitel : Wie Pantagruel wegen Panurgens Skrupeln einen Theologen, einen Mediziner, einen Juristen und einen Philosophen beruft 23. Kapitel : Wie Rundibilis der Arzt Panurgen berät 24. Kapitel : Wie Rundibilis Hahnreischaft für ein natürliches Zubehör des Ehestands erklärt 25. Kapitel : Wie der Arzt Rundibilis ein Mittel wider Hahnreischaft gibt 26. Kapitel : Wie die Weiber gewöhnlicherweise nach verbotenen Dingen trachten 27. Kapitel : Wie Stülphändsch der Philosophus die Ehestandsbedenken traktiert 28. Kapitel : Stülphändschs fernere Antworten 29. Kapitel : Wie Pantagruel Panurg beredet, sein Heil bei einem Narren zu versuchen, und zwar bei Triboullet 30. Kapitel : Wie Pantagruel dem Termin des Richters Gänszaum beiwohnte, der die Prozesse nach dem Los der Würfel entschied 31. Kapitel : Wie Gänszaum die Gründe angibt, warum er die Prozesse erst durchsähe, die er durchs Los der Würfel entschied 32. Kapitel : Wie Gänszaum die Geschichte von dem Prozeßvergleicher erzählt 33. Kapitel : Wie die Prozesse zur Welt kommen und wie sie groß wachsen 34. Kapitel : Wie Pantagruel den Gänszaum wegen der Würfelgeschichte entschuldigt 35. Kapitel : Wie Panurg bei Triboullet sich Rat holt 36. Kapitel : Wie Pantagruel und Panurg das Orakel der göttlichen Flasche zu besuchen sich entschließen 37. Kapitel : Wie Gargantua vorstellt, daß den Kindern ohn ihrer Eltern Wissen und Willen zu heiraten nicht gestattet sei Viertes Buch 1. Kapitel : Wie Pantagruel nach dem Orakel der Göttin Bakbuk in See ging 2. Kapitel : Wie Pantagruel auf dem Eiland Nirgendwo allerhand schöne Sachen kauft 3. Kapitel : Wie Pantagruel von seinem Vater Gargantua einen Brief erthielt, und auf welch sonderbare Art man aus fremden und entlegenen Ländern in kurzem Nachricht haben kann 4. Kapitel : Wie Pantagruel seinem Vater Gargantua antwortet und ihm allerhand schöne und rare Sachen schickt 5. Kapitel : Wie Pantagruel auf ein Schiff mit Reisenden traf, die aus dem Laternenland kamen 6. Kapitel : Wie nach des Streites Beilegung Panurg mit Zinshahn um einen Hammel feilscht 7. Kapitel : Panurgs fernerer Handel mit Zinshahn 8. Kapitel : Wie Panurg den Kaufmann samt seinen Hammeln im Meer ersäuft 9. Kapitel : Wie Pantagruel auf das Eiland Plattnasien kam, und von sonderbaren Verwandtschaften in diesem Land 10. Kapitel : Wie Pantagruel auf der Insel Cheli landete, wo Sankt Panigon König war 11. Kapitel : Warum die Mönche gern in der Küche sind 12. Kapitel : Wie Pantagruel nach Notarien ging, und von der seltsamen Lebensart der Schick-aner 13. Kapitel : Wie, nach dem Beispiel Meister François Villons, der Herr von Basché seine Leute lobt' 14. Kapitel : Fortsetzung der in dem Haus des Basché abgebläuten Schick-aner 15. Kapitel : Wie der Schick-aner die alten Hochzeitsbräuche erneuern will 16. Kapitel : Wie Bruder Jahn die Schick-aner probierte 17. Kapitel : Von der seltsamen Todesart des Windmühlenfressers Schnautzhahn, und wie Pantagruel mit genauer Not einem schweren Sturm entrann 18. Kapitel : Wie sich Panurg und Bruder Jahn während des Sturms gebärdeten und das Ende des Sturms 19. Kapitel : Wie nach überstandenem Sturm Panurg den lustigen Bruder machte 20. Kapitel : Wie Bruder Jahn dem Panurg beweist, daß er sich während des Sturmes ohne Ursach geängstigt habe 21. Kapitel : Wie Pantagruel nach dem Sturm an den Makräoneninseln landete 22. Kapitel : Wie der gute Makrobier Pantagruel vom Aufenthalt und Hinschied der Heroen erzählte und dieser vom Tod der Heroen berichtete 23. Kapitel : Wie Pantagruel an dem Eiland Duckdich vorbeikam, wo Fastnacht regierte 24. Kapitel : Wie Pantagruel bei dem Grimm-Eiland einen ungeheuern Walfisch sah 25. Kapitel : Wie Pantagruel den ungeheuern Walfisch erlegte 26. Kapitel : Wie Pantagruel am Grimm-Eiland, dem alten Stammsitz der Würste, ankam 27. Kapitel : Wie die schwer ergrimmten Würste dem Pantagruel einen Hinterhalt legen 28. Kapitel : Wie wir Menschen die Menschen nicht verachten sollen 29. Kapitel : Wie Bruder Jahn sich mit den Köchen gegen die Würste zum Krieg verband 30. Kapitel : Wie Bruder Jahn die »Sau« aufschlagen ließ und Pantagruel die Würste übers Knie brach 31. Kapitel : Wie Pantagruel mit der Wurst-Königin Bimmelbammel parlamentierte 32. Kapitel : Wie Pantagruel aufs Eiland Ruach kam 33. Kapitel : Wie kleine Regen große Winde stillen 34. Kapitel : Wie Pantagruel auf das Eiland der Papfeiger kam 35. Kapitel : Wie das Teuflein von einem Papfeiger Bauern betrogen wurde 36. Kapitel : Wie der Teufel von einer alten Papfeige betrogen wurde 37. Kapitel : Wie Pantagruel aufs Papimanen-Eiland kam 38. Kapitel : Wie uns Papimanen-Bischof Schlottig die vom Himmel gefallenen Dekretalien zeigte 39. Kapitel : Wie Schlottig uns eines Papstes Urbild zeigte 40. Kapitel : Kurze Tischgesprächlein zum Lob der Dekretalien 41. Kapitel : Wie man durch die Kraft der Dekretalien das Gold aus Frankreich geschickt nach Rom zieht 42. Kapitel : Wie Schlottig dem Pantagruel Gute-Christ-Birnen gab 43. Kapitel : Wie Pantagruel mitten im Meer verschiedne aufgetaute Worte hörte 44. Kapitel : Wie Pantagruel unter den gefrorenen Worten auch etliche Zötlein fand 45. Kapitel : Wie Pantagruel an den Wohnort Junker Gasters, des ersten Kunstmeisters der Welt, kam 46. Kapitel : Wie Pantagruel am Hof des Groß-Ingenieurs die Bauchredner und Bauchdiener verabscheute und wem diese opferten 47. Kapitel : Wie an magern Speck-Festtagen die Bauchdiener ihrem Gott opfern 48. Kapitel : Wie Gaster Mittel und Wege fand, Korn zu gewinnen und aufzugeben 49. Kapitel : Wie Pantagruel in Heuchelingen einschlief, und die Probleme, die man bei seinem Erwachen sich aufgab 50. Kapitel : Wie Pantagruel mit seinen Leuten das Wetter hob 51. Kapitel : Wie bei dem Eiland Stibitzki auf Pantagruels Befehl die Musen salutiert wurden 52. Kapitel : Wie sich Panurg vor Höllenangst beschiß und die große Katze Speckmaul für einen kleinen Teufel hielt Fünftes Buch 1. Kapitel : Wie Pantagruel auf die Glockeninsel kam, und von dem Lärm, den wir hörten 2. Kapitel : Von den Bewohnern der Glockeninsel, die in Vögel verwandelt worden waren 3. Kapitel : Warum auf der Glockeninsel nicht mehr als ein Papling ist 4. Kapitel : Wie die Vögel der Glockeninsel lauter Zugvögel waren 5. Kapitel : Wie die Vögel auf der Glockeninsel ernährt werden 6. Kapitel : Wie Panurg dem Ädituus die Fabel vom Roß und dem Esel erzählt' 7. Kapitel : Wie uns Papling mit genauer Not gezeigt wurde 8. Kapitel : Wie wir aufs Werkzeug-Eiland kamen 9. Kapitel : Wie Pantagruel auf dem Knobel-Eiland eintraf 10. Kapitel : Wie wir nach Verwahrsam fuhren, wo Krellhinz wohnte, der Erzherzog der Katzenbälger 11. Kapitel : Wie uns Krellhinz ein Rätsel aufgab 12. Kapitel : Wie Panurg Krellhinzens Rätsel auslegte 13. Kapitel : Wie die Katzbälger von Schmiere leben 14. Kapitel : Wie Bruder Jahn Kopffleisch die Katzenbälger zusammenzuhauen gesonnen war 15. Kapitel : Wie wir Vorwärts passierten 16. Kapitel : Wie unser Schiff auf den Sand geriet und eine Gesellschaft Quinten-Fahrer uns wieder flottmachte 17. Kapitel : Wie wir ins Reich der Quintessenz oder Entelechia kamen 18. Kapitel : Wie die Quintessenz ihre Kranken mit Liedlein heilte 19. Kapitel : Wie sich die Königin nachmittags die Zeit vertrieb 20. Kapitel : Wie das Hofgesind der Quintessenz verschiedentliche Hantierungen trieb, und wie uns Ihre Majestät zu Abstraktoren ernannte 21. Kapitel : Wie die Königin beim Abendessen bedient wurde, und wie sie aß 22. Kapitel : Wie in Gegenwart der Quintessenz ein lustiger Ball in Turniergestalt gegeben wurde 23. Kapitel : Wie wir auf die Weginsel kamen, wo die Wege unterwegs sind 24. Kapitel : Wie wir aufs Eiland der Schlappen kamen, und von dem Brummbrüder-Orden 25. Kapitel : Wie Panurg einen Brummbruder ins Verhör nahm und lauter einsilbige Antworten von ihm erhielt 26. Kapitel : Wie Epistemon mit dem Brauch der Fasten unzufrieden war 27. Kapitel : Wie wir auf das Atlaseiland kamen 28. Kapitel : Wie wir Hörensag auf Atlasland sahen, der eine Zeugen-Schule hielt 29. Kapitel : Wie wir Laternenland entdeckten 30. Kapitel : Wie wir im Hafen der Lychnobier landeten und nach Laternien kamen 31. Kapitel : Wie wir zu dem Orakel der Flasche kamen 32. Kapitel : Wie wir nach dem Flaschentempel unter die Erde stiegen, und warum Chinon die erste Stadt der Welt ist 33. Kapitel : Wie wir die vierfachen Treppen hinabstiegen, und von Panurgs Todesangst 34. Kapitel : Wie die Pforten des Tempels wunderbarerweise von selbst aufgingen 35. Kapitel : Wie des Tempels Pflaster herrlich mit Bildern verziert war 36. Kapitel : Wie in dem Tempel-Mosaik die Schlacht abgebildet war, die Bacchus den Indiern abgewann 37. Kapitel : Wie des guten Bacchus Sturm und Angriff auf die Indier geschildert war 38. Kapitel : Wie uns die Priesterin Bakbuk im Tempel einen phantastischen Brunnen zeigte, und wie des Brunnens Wasser den Trinkern in ihrer Einbildung nach Wein schmeckte 39. Kapitel : Wie Bakbuk Panurg ausstaffierte zur Einholung des Flaschen-Wortes 40. Kapitel : Wie die Priesterin Bakbuk Panurg der göttlichen Flasche vorstellte 41. Kapitel : Wie Bakbuk das Flaschenwort interpretiert 42. Kapitel : Wie Panurg und die übrigen im poetischen Wahnsinn reimen 43. Kapitel : Wie sie von Bakbuk Abschied nehmen und das Flaschenorakel verlassen Einführung »Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder – denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben ...« Mit diesen Worten wendet sich Maistre Alcofribas Nasier (Anagramm von François Rabelais) im Vorwort zu seinem Höchst erstaunlichen Leben des großen Gargantua (1534) an seine Zeitgenossen. Eine Anrede von zweifelhafter Herzlichkeit! Die »sehr trefflichen Zecher« von 1534 aber waren weniger zimperlich. Lockere Sitten in Liebesangelegenheiten waren in den besten Familien an der Tagesordnung, und was das Zechen betrifft, so hat es noch nie als ehrenrührig gegolten, ein trinkfester Saufbruder zu sein. Nein, die damaligen Leser der unerhörten Heldentaten des Gargantua und Pantagruel waren entzückt. Da war endlich jemand, der ihre Sprache redete – eine Sprache, die die Dinge beim Namen nannte, so unverhohlen und eindeutig, daß die gelehrten ›Abstraktoren‹ jener Zeit es mit der Angst bekamen: »Euch aber soll Antonius' Feuer brennen, soll fallende Sucht zu Boden werfen, Krebs fressen, Blutfluß abzapfen, Aussatz, fein wie Kuhhaar, mit Quecksilber verfeuert, in den Hintern fahren, und ihr sollt wie Sodom und Gomorrha in Schwefel, Feuersglut und Höllengestank umkommen, wenn ihr nicht getreulich alles glauben werdet, was ich euch in dieser gegenwärtigen Chronik berichten tue.« Das war ein ganz neuer Ton, ein Stil, der sich den Teufel scherte um jede erzieherische oder bildende Absicht einer Ars Poetica. Die Gebildeten, die echten wie die falschen, fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Der Sorbonne, der allmächtigen Regentin über Wissen und Gewissen, fiel es nicht schwer, schockiert zu sein. Ihr genügten die Freiheiten des Pantagruel (1532), um das Buch in Grund und Boden zu verdammen. Doch auch die Humanisten sahen zunächst in Pantagruel nicht viel mehr als einen groben, unanständigen Ulk. »Was fällt dir ein, Rabelais?« schreibt 1533 der Dichter Nicolas Bourbon, ein Freund Rabelais'. »Immer mehr lenkst du unsere Scholaren von ihren Pflichten ab, vom Studium der Literatur und von der Liebe zu den heiligen Büchern. Willst du denn zusehen, wie sie ihre schöne Jugend ... in deinen frivolen und finsteren Volksmären ... in unwürdigen Gemeinheiten, im Mist, im Schlamm verlieren? « Erst zwei Jahre, später, nach der Veröffentlichung des Gargantua, entdeckte man »la sustantificque mouelle«, das »substantialische Mark« dieser anscheinend so groben Knochen. Die hochgelehrte Welt der Sorbonnisten und Scholastiker verdarb sich daran gründlich den Magen. Die Humanisten und Reformatoren aber wußten den Nährwert zu schätzen. Und was empfindet der unbefangene Leser von heute? Mehr an Ordnung gewöhnt, wird ihn die wild wuchernde Sprache, die Unförmigkeit des Ganzen verwirren. Geschult am pointierten Stil, an der diskreten Formulierung, die mehr andeutet als ausspricht, wird es ihm manchmal schwerfallen, über Rabelais' grobkörnigen Witz zu lachen. Andererseits entschädigt ihn die Fülle für die mangelnde Form. Dies ist kein Spaziergang durch den wohlproportionierten Park von Versailles – dazu ist es noch ein Jahrhundert zu früh –, sondern ein rauher Marsch durch die Wildnis, voller Überraschungen und nicht immer angenehm. Denn daß in der freien Natur nicht alles nach Eau de Cologne riecht, weiß jeder Naturfreund, und dem Philosophen ist klar, daß dies eben in der Freiheit der Natur begründet ist. Mit anderen Worten: es geht – um das Ärgernis gleich vorwegzunehmen – nicht darum, Rabelais' berühmte Unanständigkeit zu entschuldigen. Es geht darum, sie zu verstehen, aus der Zeit, aus der Anlage des Gesamtwerkes. Man hat Rabelais' gesunde Schamlosigkeit mit der eines großen, nackten Babys verglichen. Damit ist im Grunde nicht viel gesagt. Urwüchsigkeit und Infantilität sind ja hier nicht Gegenstand, sondern Form der Auseinandersetzung. Man vergißt über den Spaßmacher zu leicht den Gelehrten. Der gleiche Rabelais, der über »Gargantua, Pantagruel, Saufaus, die Würdigkeit des Hosenlatzes, Speckerbsen cum commento etc. « schrieb und zu schreiben sich vornahm, hat Galenus ex cathedra gelehrt und die Aphorismen des Hippokrates nach dem griechischen Urtext kommentiert. In seinen fünf Büchern ist ein Wissen von enzyklopädischer Breite aufgespeichert. Die zahllosen Zitate, Anspielungen, Reminiszenzen aus der Antike und dem Mittelalter, geschöpft aus allen Wissensbereichen, vermag heute kaum noch jemand ohne einen wissenschaftlichen Kommentar zu verstehen. Rabelais' Gelehrsamkeit will ernst genommen sein. Sie ist nicht, wie etwa das romantische Rittertum des Don Quichotte, sich selbst ein Gegenstand überlegener Ironie. Trotz der Angriffe auf Pseudo-Wissen und Pro-forma-Bildung, trotz der Versuche, die Zwangsjacke der Scholastik zu sprengen, hat Rabelais seine eigene scholastische Erziehung so wenig verleugnen wie verwinden können. Es ist übereilt, aus ihm einen Pionier der Neuzeit zu machen, ihn als den ersten großen Realisten zu feiern oder ihn gar für sozialistische Ideologien in Anspruch zu nehmen. Rabelais hat noch an einem großen Packen kritiklos übernommenen Bildungsballastes zu schleppen. Wie schwer ihn diese Last drückte, mag man an der Grobheit seiner Ausfälle ablesen. Rabelais' Zweideutigkeit ist die Zweideutigkeit seiner Zeit. Diese Zeit läßt sich nicht in eine Formel bringen. Die französische Renaissance im 16. Jh. ist Bewegung, Gärung, nicht Ruhe im Zustand. Die Vergangenheit ist noch nicht überwunden, und die Gegenwart, unendlich bereichert durch die Entdeckung der Alten und der Neuen Welt, ist noch nicht verarbeitet. Die Wissenschaft gerät in Widersprüche, resultierend aus dem Bemühen, die Entdeckungen mit der Überlieferung in Einklang zu bringen. Das ganze Leben jener Zeit, deren Friedensjahre man an den Fingern abzählen kann, macht den Eindruck eines riesigen Bauplatzes: Neubauten schießen aus dem Boden, baufällige Ruinen brechen zusammen, andere, solidere Bauten werden gestützt und ausgebessert. Geistesgeschichtlich ist dies der Prozeß der reifenden Autonomie des Individuums. Die Emanzipation des Geistes, die man als das entscheidende Kriterium der Neuzeit ansieht, beginnt im späten Mittelalter und verwirklicht sich zum erstenmal in Shakespeare. Rabelais liegt in der Mitte – nicht zeitlich, aber entwicklungsmäßig. Aus seinen Büchern spürt man eine der stärksten Regungen des Neuen im Schoß des Alten, des autonomen Geistes in der mittelalterlichen Geborgenheit. Ob man die Neuzeit mit ihm beginnen läßt oder schon mit ihren verborgenen Ansätzen im Spätmittelalter oder erst mit dem Auftreten Shakespeares, ist lediglich eine Frage der Größenordnung, für das Ereignis selbst aber ohne Belang. Diese ungeordnete Zeit spiegelt sich wider in den Schicksalen der Menschen, die in ihr lebten. Das 16. Jh. kennt wenige Persönlichkeiten, deren Leben in klaren, geordneten Bahnen verlaufen wäre. Vieles an ihnen erscheint uns heute ungereimt. Etienne Dolet, später gefeiert als ›Märtyrer der Renaissance‹, verschrieb sich gestern dem Geist der Reformation, verfaßte heute ein Gedicht zu Ehren der heiligen Jungfrau, machte sich morgen über die Wallfahrten lustig und endigte schließlich auf dem Scheiterhaufen. Clément Marot, Dichter am Hofe Franz I., saß unter der Anklage, während der Fastenzeit Speck gegessen zu haben, im Gefängnis und schrieb dort einige seiner geistvollsten Gedichte. Das Leben François Rabelais' war nicht weniger bunt und abenteuerlich. »Wundersames Leben und unerhörte Taten des Meisters Rabelais, Franziskaner, Benediktiner und abtrünniger Mönch, fahrender Scholast, Doktor der Medizin und Dichter, Humanist, Weltbürger, Evangelist und Pfarrgeistlicher« – nicht lang und barock genug könnte ein solcher Titel über seiner Lebenschronik sein. Tatsächlich weiß man über seine Person nicht allzu viel. Manches liegt im Dunkel, verbirgt sich hinter der Vielfalt der Erscheinungen. Anderes ist Legende oder unsichere Anekdotenüberlieferung, zu der gerade Rabelais ideale Anlässe bietet. Trotzdem bleibt eine Fülle von Tatsachen. Nur in groben Umrissen kann an dieser Stelle auf das Wichtigste eingegangen werden. François Rabelais (geb. wahrscheinlich 1494) stammt aus Chinon in der Touraine, dem ›Garten Frankreichs‹, der von Ronsard über Descartes zu Balzac so viele große Genies hervorgebracht hat. Über seine Jugend weiß man am wenigsten. Vermutlich wurde er in einem Franziskanerkloster bei Angers erzogen und dort für den Priesterberuf vorbereitet. Die scholastische Philosophie und Theologie des Duns Scotus, in die er damals eingeweiht wurde – nicht nach dem Urtext, sondern nach den Schriften der Kommentatoren –, hat er später nicht genug verspotten können. Mit dem Jahr 1521 beginnt in dem Franziskanerkloster Fontenay-le-Comte in Poitou Rabelais' Mönchsleben, das fünfzehn Jahre dauern sollte. Für seine Bildung und Formung waren es die entscheidendsten. Zwei Erfahrungen bestimmten seine ganze spätere Haltung: die Mißstände im Klosterleben und der Humanismus. Gegen den geistigen und religiösen Verfall der Klöster, gegen die Heuchelei und Zügellosigkeit der Mönche richtete Rabelais später seine schärfste Satire. Dem Kontakt mit einigen großen Humanisten seiner Zeit, u.a. mit Guillaume Budé, verdankte er seine humanistische Bildung, vor allem die Kenntnis des Griechischen. Darauf beginnt die unruhige Zeit seines Lebens. Rabelais wird Weltgeistlicher, bereist Frankreich und studiert in Montpellier Medizin. 1537 treffen wir ihn in Lyon, wo er bei einer öffentlichen anatomischen Demonstration die Leiche eines Gehenkten seziert, ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen; denn damals waren die Leichen nicht so geduldig wie heute. Sie sträubten sich noch hartnäckig gegen die Anatomie, aus Furcht, womöglich ihre spätere Auferstehung zu komplizieren. ›Citra adustionem et incisionem‹ – nur ohne Brennen und Schneiden, also nur ohne die eigentliche ärztliche Praxis war es kirchlicherseits Doktor Rabelais erlaubt, die Medizin auszuüben – nach unserer modernen Auffassung eine Absurdität. Aber es sollte noch lange dauern, bis die Medizin sich dazu bequemte, vom Katheder herunterzusteigen. Noch ein Jahrhundert später lieferten die Herren Mediziner von der Fakultät, die ihre Kranken mit Latein zu kurieren pflegten, einem Molière den dankbarsten Komödienstoff. Inzwischen hatte Rabelais Pantagruel (1532) und Gargantua (1534) publiziert und im Gefolge seines großen Protektors, des Kardinals Du Bellay, zwei Romreisen unternommen. Das Dritte Buch (1546), nach Ansicht der Theologen »vollgestopft mit den verschiedensten Häresien«, trug seinem Verfasser zwei Exiljahre in Metz ein. Nach einer dritten Romreise und der Veröffentlichung des Vierten Buches (1552) verlieren sich Rabelais' Spuren. 1553 war er nominell Pfarrer in Meudon bei Paris, und er starb vermutlich Anfang April des gleichen Jahres in Paris. Erst nach seinem Tode, 1564, erschien das Fünfte Buch . Man ist sich noch immer nicht einig, ob und wieweit Rabelais der Verfasser ist. Vermutlich wird sich diese Frage nie eindeutig entscheiden lassen. Kaum ein dichterisches Werk hat so sehr die literarische Forschung strapaziert wie diese fünf Bücher Rabelais'. Phantasie und Scharfsinn interpretierten um die Wette, für alles suchte und fand der philologische Eifer eine Erklärung. Indessen wurden die Unklarheiten nicht beseitigt – im Gegenteil, sie vermehrten sich proportional der einander oft widersprechenden Deutungen. Die Forschung wurde zum Selbstzweck, verlor sich in Einzelheiten und übersah oder leugnete den Zusammenhang. Kommentar gelungen – Dichtung tot. Erst seit kurzem verzichtet man ein wenig auf die Detailinterpretation zugunsten einer großzügigeren Gesamtanalyse. – Es ist nicht leicht, über Gargantua und Pantagruel summarisch etwas auszusagen. Der Stoff ist so reich und vieldeutig, daß die Entscheidung über die Auswahl genauso schwerfällt wie die über die Art der Darstellung. Letztlich ist es Sache des Lesers, ob er das »substantialische Mark« heraussaugen und darin »einen anderen Schmack und tief verborgenere Lehre« finden wird. Was veranlaßte Rabelais zu seinen burlesken Erzählungen? Soll man seiner treuherzigen Versicherung glauben, daß er sie allein zur »Erheiterung der Kranken, Siechen und Gichtbrüchigen« geschrieben habe? Wohl kaum! Seine »Naivität« ist ja die Tarnung, hinter der sich die Satire verbirgt. Für Rabelais' Zwecke eignete sich besonders gut die Chronik eines Riesengeschlechtes; denn es kursierte bereits zu seiner Zeit mit großem Erfolg ein harmloses Volksbuch, anonym erschienen unter dem Titel Die große und unschätzbare Chronik vom großen und gewaltigen Riesen Gargantua. Was lag näher, als dieses beliebte Sujet auszubeuten? So wurde Rabelais' Riesenchronik – riesig in jeder Hinsicht: in der Unzahl der Ereignisse, der Anspielungen, in der Breite des Wissens, im Ausmaß der sprachlichen und stilistischen Formen – zu einer riesigen Zeit- und Gesellschaftskritik. Rabelais' schärfste Satire richtet sich gegen das Mönchswesen. Die langen Jahre im Kloster hatten in ihm einen Haß geschürt, den er zeit seines Lebens nicht verwinden konnte. Kein Ausdruck ist ihm zu unflätig, kein Tier abscheulich genug zur Bezeichnung der Kuttenträger, der feigen, geilen und verlogenen Parasiten der menschlichen Gesellschaft. Rabelais bleibt jedoch nicht in der Beschimpfung stecken; seine Satire dringt tiefer als die übliche Mönchspolemik des Mittelalters. Sie trifft die Wurzel des Übels, nämlich jene mönchische Haltung, die jede geistige und religiöse Regung einem ebenso starren wie bequemen Formalismus unterordnet und auf Kosten Gottes und der Mitmenschen zu einem tatenlosen Opportunismus einlädt. Die Mönche der Abtei von Seuillé (Gargantua, Kap. 21) greifen angesichts der bevorstehenden Plünderung nicht etwa zu den Waffen: sie flüchten sich wie scheue Hasen in die Kirche, empfehlen sich der Güte Gottes und intonieren ihr »Impetum inimicorum«. Rabelais läßt es aber nicht bei der negativen Kritik bewenden. Der prächtige Bruder Jahn, ebenso hochherzig wie seine Mitbrüder duckmäuserisch, weiß nicht, was er lieber tut: ob mit dem Kreuzholz auf die Feinde dreschen oder mit einem Humpen Wein seinen ewigen Durst löschen. Die Abtei von Thélème, mit der er von Gargantua für seine Taten belohnt wird, ist Rabelais' ›Sozialutopie‹. »Tu, was du willst« – das ist die einzige Ordensregel der Thélèmiten, die Formel für jedes menschliche Zusammenleben; denn nur im Klima der Freiheit – der richtig verstandenen Freiheit – können Kunst, Wissenschaft, Tugend und auch die Liebe gedeihen. Man hat viel über die Abtei von Thélème geschrieben, hat in ihr die Quintessenz des ganzen Werkes und darüber hinaus »das Gedicht der Renaissance« sehen wollen. Vielleicht geht das zu weit. Thélème ist wohl in der Hauptsache ein antiklösterliches Pamphlet, die Rache eines abtrünnigen Mönches, der sich, wie Bruder Jahn, »seine Religion im Gegensatz zu allen anderen einrichtete«. Daß der Ex-Franziskaner Rabelais nicht als einziger am Klosterwesen Anstoß nahm, beweisen die Schriften des Ex-Augustiners Erasmus. Rabelais hat Erasmus nicht nur bewundert und als den »unbesiegbaren Champion der Wahrheit« gepriesen; er verdankt ihm auch allerlei, wenn nicht das Wesentliche. Parallel der Auflehnung gegen die klösterlich-scholastische Enge erhebt sich in den Werken Rabelais' ein Protest, den man als »Protest des Fleisches« bezeichnen könnte. Sein wichtigster Repräsentant ist Panurge, Konglomerat aus Intelligenz, Feigheit, Nonchalance, Treue und Unsittlichkeit. Panurges Worte und Werke sind nicht geeignet zur Wiedergabe in Damengesellschaft; mit ihm stellt sich das Problem der berüchtigten Rabelaisschen Obszönität – ein Problem, das seine unverdiente Stellung wohl nur der Tatsache verdankt, daß es lange unter falschen Voraussetzungen angegangen wurde. Man unterstellte dem Unanständigen eine unanständige Absicht, nahm es mit großem Bedauern in Kauf und formulierte Entschuldigungen oder Aggressionen, je nach dem offiziellen Grade der Schamhaftigkeit und der mutmaßlichen Empörung des Lesers. Anstatt es einfach als das zu erklären, was es ist: eine Reaktion. Ob und wieweit diese Reaktion übers Ziel hinausschießt, darüber zu urteilen ist nicht Sache der Nachwelt; denn die Maßstäbe liegen im 16. Jh., nicht im 20. Es ist dies das Jahrhundert des Pseudogeistes und der Scheinmoral auf trügerischem religiösem Goldgrunde, das Jahrhundert gleichzeitig der fanatischen Askese und der päpstlichen Ehebruchskinder. Rabelais protestiert nicht gegen den Geist an sich, vielmehr gegen die widernatürliche Verachtung des Fleisches auf Kosten beider, gegen die Zerlegung des Menschen in edle und gemeine Bestandteile. »Ich werde dir die Kehrseite dieser hochmütigen Demut zeigen. Du wirst sehen, wohin die Vergewaltigung der Naturgesetze führt. Schau nur auf dich selbst. Deine Gelüste bringen dein Büßerhemd zum Platzen. Dein Unschuldskleid paßt dir nicht mehr: aus allen Löchern verrät es dein wollüstiges Fleisch. Zwischen zwei Litaneien oder zwei Sophismen stopfst du dich voll mit Essen bis zum Platzen. Da siehst du, was man erreicht, wenn man unsere erste Heimat, die Erde, verachtet. Wer sich zum Engel erhöhen will, der wird zum Tier erniedrigt.« Mit diesem Zitat ist über das heikle Thema eigentlich alles gesagt. Auch Rabelais' vieldiskutierte Geringschätzung des weiblichen Geschlechts ist im Grunde eine Reaktion auf den saft- und kraftlosen, in äußeren Formen erstarrten Frauenkult seiner Zeit. Dagegen halte man Panurges unzweideutige Liebeswerbung: »Madame, dem Staat wär es ersprießlich, Euch ergötzlich, Euerm Stammbaum zur Ehre gereichend und mir notwendig, wenn Ihr Euch mit meiner Rasse belegen ließet.« Dies und alles andere, was sich unterhalb des Gürtels abspielt, wird so ohne jede unanständige Verschleierung beim Namen genannt, daß die polemische Absicht viel zu deutlich ist, als daß die Gefühle des Lesers ernstlich verletzt werden könnten – es sei denn, er leide unter der gleichen scholastischen Verdrängung. Mit der gleichen Treffsicherheit polemisiert Rabelais gegen das Erziehungswesen, gegen die Rechtsmißbräuche, die Dummheit und Eitelkeit der Gelehrten und vieles andere mehr. Unmöglich, das alles anzuführen. Doch es stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang, nach einem roten Faden innerhalb des Ganzen. Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck eines ungeordneten Panoptikums, ohne tiefere Organisation. Bis heute wird zum großen Teil an dieser Meinung festgehalten. Vielleicht macht man es sich damit zu leicht. Denn schließlich hat jedes dichterische Werk seine eigene, manchmal verborgene Kohärenz, seinen Ausgangspunkt und sein Ziel. In Gargantua und Pantagruel wird nach dem Muster der mittelalterlichen Ritterromane über Jugend, Ausbildung und kriegerische Taten der Helden berichtet. Das Dritte Buch behandelt im wesentlichen die Frage, ob sich Panurge verheiraten soll. Sieht man von den Personen ab, so ist diese Episode nicht so willkürlich an diese Stelle gesetzt, wie es den Anschein hat. Die Heirat ist für jeden Mann eine gewichtige Angelegenheit, ein entscheidender Schritt ins Leben; geht es doch auch – und sogar vor allem – dabei um Nachkommenschaft, – Erhaltung der Rasse usw. (Rabelais selbst hatte mindestens drei uneheliche Kinder) – also um ernste und dringliche Fragen. Das Risiko allerdings, das jede Heirat mit sich bringt, läßt sich nicht durch Ratschläge Fremder beseitigen. Auf Panurges Frage, ob seine zukünftige Frau ihm Hörner aufsetzen wird, gibt es seitens der Wissenschaft keine beruhigende Antwort. Die vielen Konsultationen im Dritten Buch bleiben ohne Ergebnis und motivieren das Vierte und Fünfte Buch , nämlich die lange Reise zum Orakel der Göttlichen Flasche. Man muß den Sinngehalt all dieser Episoden und Bilder begreifen, um die in ihnen verborgene Wahrheit aufzuspüren. Zu Anfang des Dritten Buches entwirft Rabelais im »Lob der Schulden« eine harmonische Welt, ein Ideal. Die Harmonie der Ehe ist auch ein Ideal. Die beschwerliche Suche nach dem Ideal können dem Suchenden die anerkannten Ratgeber der Welt weder ersparen noch erleichtern. Das institutionelle Wissen muß abdanken und den Weg freigeben für die höchstpersönliche Fahrt zur Göttlichen Flasche – ein langer und gefährlicher Weg. Aber selbst die Göttliche Flasche orakelt keine Patentlösung, im Gegenteil: ihre Antwort »Trink« ist die Aufforderung zum eigenen aktiven Handeln. In vino veritas – allerdings. Aber trinken muß man selbst. Man hätte Rabelais vergessen, wäre sein Werk nichts weiter als eine zeitgebundene Satire. Aber »... die guten Leute, die mit toten Steinen bauen, stehen im Buch meines Lebens überhaupt nicht verzeichnet, denn ich baue nur Lebendiges, d.h. Menschen«. Und dieses Lebendige hat die Jahrhunderte überdauert. Es ist heute so frisch und aktuell wie vor 400 Jahren. Oder wäre etwa der Eroberungswahn eines Diktators vom Schlage Pikrochols heute ein Anachronismus, die Demagogie seiner Hauptleute etwas uns völlig Fremdes? Gibt es heute keine volksverdummenden Disputationen mehr, wo der Publikumsbeifall proportional der Anzahl der leeren Worte steigt? Die Menschen haben sich weniger geändert, als es die Geschichte wahrhaben möchte. Nicht nur ist alles schon einmal dagewesen: es kommt offenbar alles auch einmal wieder. Jedenfalls liefert uns Rabelais dafür einen ergötzlichen Beweis, und eben das garantiert die Wahrheit und den Fortbestand seiner Dichtung. Die vorliegende Ausgabe beruht auf einer späteren Bearbeitung (von Ulrich Rauscher, 1913) der ältesten deutschen Gesamtübertragung von Gottlob Regis (1832-41). Der Umfang des Stoffes machte eine Auswahl notwendig. Gekürzt wurden aber lediglich die weitschweifigen Exkurse, zahllosen Belege und Zitate von antiken Schriftstellern u.ä. Selbstverständlich gehört zu einem genauen Studium Rabelais' die Kenntnis seines Gesamtwerkes. Dessen Übersichtlichkeit und flüssigere Lektüre aber werden durch eine solche Einbuße eher gefördert. Die von Regis in bewußt altertümlichem Deutsch gehaltene Übersetzung wurde nur dort geändert, wo sie in Wortgebrauch und Formulierung dem modernen Leser unverständlich erschienen wäre. Helmut Müller An meine Leser Freund, der du dies Buch durchblätterst, Laß dich nicht in Harnisch bringen, Daß du mir nicht tobst und wetterst, Denn du find'st von schlechten Dingen Nichts darin. Ob arg viel Gutes? Weiß ich nicht, 's wär' denn das Lachen! Und ich will euch lachen machen. In der Dumpfheit eures Blutes Kann euch ja kein Scherz gelingen! Eure Tränen steh'n euch schlecht: Lachen! das ist Menschenrecht! Des Autors Prolog Sehr treffliche Zecher und ihr, meine kostbaren Venusbrüder (denn euch und sonst niemandem sind meine Bücher zugeschrieben): Alcibiades, in dem Gespräch des Platon, Gastmahl betitelt, sagt unter anderen Reden zum Lob seines Meisters Sokrates, welcher unstreitig der Weltweisen Kaiser und König war, daß er sei gleich den Silenen gewesen. Silenen waren einstens kleine Büchslein, wie wir sie heut in den Läden der Apotheker sehen, von außen bemalt mit allerlei lustigen, schnakischen Bildern, als sind Harpyien, Satyrn, gezäumte Gänslein, gehörnte Hasen, gesattelte Enten, fliegende Böcke, Hirsche, die an der Deichsel ziehen, und andre vergnügliche Bilder mehr, zur Kurzweil konterfeiet, um einen Menschen lachen zu machen: wie denn des guten Bacchus Lehrmeister Silenus auch beschaffen war. Hingegen im Innersten derselben verwahrte man die feinen Spezereien, als Balsam, Bisam, grauen Ambra, Zibeth, Amomum, Edelstein und andre auserlesene Dinge. So, sagt er, war auch Sokrates; weil ihr denselben von außen betrachtend und äußerm Ansehn nach schätzend nicht einen Zwiebelschnitz für ihn gegeben hättet: so häßlich war er von Leibesgestalt, so linkisch in seinem Betragen, mit einer Spitznas, mit Augen wie eines Stieres Augen, mit einem Narrenantlitz, einfältigen Sitten, bäurisch in Kleidung, arm an Vermögen, bei Weibern übel angesehen, untauglich zu allen Ämtern im Staat, immer lachend, immer jedem zutrinkend, immer Leute foppend, immer und immer Verstecken spielend mit seiner göttlichen Wissenschaft. Aber, so ihr die Büchse nun eröffnet, würdet ihr inwendig gefunden haben himmlisch unschätzbare Spezereien: einen mehr denn menschlichen Verstand, wunderwürdige Tugend, unüberwindlichen Starkmut, Nüchternheit sondergleichen, feste Genügung, vollkommenen Trost, unglaubliche Verachtung alles dessen, darum die sterblichen Menschen so viel rennen, wachen, schnaufen, schiffen und raufen. Wohin (denkt ihr in euern Gedanken) zielt doch dies Vorspiel, dieser Probschuß? Dahin, daß ihr meine guten lieben Jüngerlein und etliche eurer Mitmaulaffen, wann ihr die lustigen Titel etlicher Bücher von unsrer Erfindung leset, als: Gargantua, Pantagruel, Saufaus, die Würdigkeit des Hosenlatzes, Speckerbsen cum commento etc ., allzu leichtfertig urteilt, es werde darinnen nichts abgehandelt als eitel Spottwerk, Narreteien und lustige Lügenmärlein, da ja ihr äußerlich Sinnschild (das ist der Titel) ohne weitre Untersuchung gemeinlich für Possen und Schimpf geachtet wird. Aber also leichtfertig ziemt sich nicht Menschenwerk abzuschätzen; denn ihr pflegt doch selbst zu sagen, daß das Kleid nicht den Mönch mache, und mancher ist verkappt in eine Mönchskutte, der innerlich wenig vom Mönchtum weiß; geht auch wohl mancher im spanischen Mantel, dem sein Sinn nimmer nach Spanien stehet. Derhalb soll man das Buch recht auftun, und was drin ausgeführt, sorglich erwägen. Dann werdet ihr merken, daß die Spezerei drin wohl von einem andern und höheren Wert ist, als euch die Büchse verhieß: will sagen, daß die hie behandelten Materien nicht alle so töricht sind, als es die Überschrift vorgeschützt. Und den Fall gesetzt, daß ihr auch im buchstäblichen Sinn genugsam lustige Dinge anträfet, die sich wohl zum Namen schickten, sollt ihr doch gleichwohl hieran nicht haften bleiben wie am Sirenensang, sondern vielmehr im höheren Sinn auslegen, was ihr vielleicht nur Scherzes halber gesagt zu sein vermeint hattet. Zogt ihr je einer Flasche den Pfropf aus? Ei potz Zäpel! So denket zurück, wie ihr euch dazu angestellet. Oder sahet ihr je einen Hund, wann er ein Markbein am Wege fand? Dies ist, wie Plato Lib. 2 de Rep. schreibt, das philosophischste Tier der Welt. Wenn ihr's gesehen habt, habt ihr wohl merken können, wie andächtig er es erspäht, wie eifrig er's wahrt, wie hitzig er's packt, wie schlau er's anbricht, wie brünstig zerschrotet, wie emsig aussaugt. Wer treibt ihn an, also zu tun? Was ist die Hoffnung seiner Hundsmüh? Was vermeint er hieraus Gutes zu erlangen? Nichts weiter als ein wenig Mark: wenn schon in Wahrheit dieses Wenig weit köstlicher denn alles Viel der anderen Dinge ist, da denn das Mark eine Nahrung, die zur Vollkommenheit der Natur ist erwirket worden, wie Galenus spricht III. facult. nat. et XI. de usu partium . Nach dessen Fürbild nun ziemet euch Klugheit, daß ihr fein riechen, wittern und schätzen mögt diese edeln saftigen Schriften, die man zwar leichtlich pürschen mag, schwer aber treffen; daß ihr dann mittels fleißigen Lesens und steter Betrachtung den Knochen erbrecht und das substantialische Mark draus sauget, in gewisser Hoffnung, daß euch solch Lesen witzigen und erleuchten wird. Denn ihr sollt wohl einen anderen Schmack und tiefverborgenere Lehre drin finden, die euch höchst überschwengliche Sakramente und schaudervolle Mysterien offenbaren wird, sowohl unsre Religion als auch Welt- und Regentenstand und die Hauszucht betreffend. Glaubt ihr auch wohl, auf euern Eid, daß Homer, als er die Ilias und Odyssee schrieb, jemals an die Allegorien gedacht habe, die aus ihm auskalfatert Plutarch, Eustatius, Phornutes, Heraklit, Pontiquus und was aus ihnen Politian gestohlen hat? Wo ihr es glaubt, kommt ihr weder mit Händen noch Beinen zu meiner Meinung, die besagt, daß dem Homer dergleichen so wenig im Traum erschienen, als dem Ovid in seinen Metamorphosen die evangelischen Sakramente, wie sie ein Bruder Hungerleider und wahrer Mückensieber sich drin zu erweisen sich gemartert hat, ob er vielleicht mehr Narren wie er und, wie das Sprichwort sagt, Deckel auf seinen Topf fänd. So ihr es aber nicht glaubt, ei! was hindert euch, mit dieser muntern und neuen Chronik nicht eben auch also zu tun? Wiewohl ich, derweil ich's diktiert, so wenig dran gedacht hab' wie ihr, die ihr wohl so gut trinkt wie ich. Der ich mit Herstellung dieses sehr herrlichen Buches nicht mehr Zeit vertan noch verdorben hab', als die ich mir zu Einnahme meiner Leibesnahrung vorbestimmt hätt', nämlich während Essens und Trinkens. Auch ist dies just die rechte Stund, da man von so erhabenen Dingen und tiefen Wissenschaften schreiben soll. Wie sich gar wohl darauf verstanden Homer, der Spiegel aller Schriftgelehrten, und Ennius, der lateinischen Poeten Ziehvater; wie Horaz bezeuget: wenn auch ein Wirrkopf behaupten will, daß seine Verse mehr nach Wein denn nach Öl röchen. Dergleichen sagt nun ein Hanswurst auch von meinen Büchern. Aber ich acht ihn einen Quark. Weingeruch, o wie weit nützlicher, schützlicher, kützlicher, himmlisch holdseliger ist er doch als der des Öles! Und werd er mir's zu keinem geringern Ruhm anrechnen, daß man von mir sag, ich hab in Wein mehr aufgehn lassen denn in Öl, als Demosthenes tat, da man ihm nachsagt', er hätt' in Öl mehr vertan denn in Wein. Ich für mein Teil kann nur Ehr und Ruhm davon haben, so man mich für einen guten Schlucker und Kunden mitgelten und laufen läßt. Bin unter dem Namen gern gesehen bei allen guten Pantagruelsbrüdern. Dem Demosthenes hat's ohnehin ein Sauertopf längst vorgeruckt, daß seine Reden wie eines alten garstigen Ölhökers Lumpen röchen. Derhalb legt meine Wort und Werk zum allervollkommensten aus, habt Ehrfurcht vor dem käsförmigen Hirnbrei, der euch mit diesen schönen Schaumbläschen ätzet und, so viel an euch, bleibt mir fein allzeit guter Dinge. Nun, so erlabt euch dran, liebe Schätzlein: lest es fröhlich zu Leibestrost und Nierenfrommen. – Aber halt! Daß euch der Wolf ins Gesäß schlag! Wollt ihr mir gleich meinen Gottslohn zutrinken? Salu! Ich tu euch Bescheid! Erstes Buch Erstes Kapitel Von des Gargantua Antiquität und Stammbaum Wollt' Gott, ein jeder wüßt' seinen Stammbaum vom Kasten Noah bis diese Stund! Ich halt dafür, es sind gar manche heutzutag Kaiser, Könige, Herzöge, Fürsten und Papst auf Erden, welche von einigen Ablaßhausierern und Ballenbindern das Leben haben. Und wiederum gar manche sind Spitalbrüder, elende Lumpen und Hungerleider, die vom Geschlecht und Blute großer Könige und Kaiser entsprossen sind, hinsichtlich der erstaunlichen Versetzung der Staaten und Königreiche: Assyriens in Medien, Mediens in Persien, Persiens in Mazedonien, Mazedoniens in Rom, Roms in Griechenland, Griechenlands in Frankreich. Und daß ich mich, der ich's euch sag', allein zu einem Exempel aufwerf', so glaub' ich gänzlich, daß ich etwa von einem reichen König oder Fürsten der Vorzeit herkomm'; denn ihr habt euer lebelang keinen Menschen gesehen, der einen stärkern Trieb, König und reich zu sein, in sich verspürt hätt', als mich: auf daß ich auch im Saus könnt' leben, nix schaffen noch sorgen dürft' und meine Freunde und alle frommen und geschickten Leut daneben auch stattlich reich machen möcht'. Aber ich tröst' mich wiederum damit: ist es nit hie, so ist es dort; ja wohl weit mehr, als ich mir jetzt zu wünschen erkühnt. Tröstet auch ihr euch in euerm Unglück mit diesen oder besseren Gedanken, und ist es tunlich, habt allzeit frisches Getränk bei euch. Um jetzt wieder auf besagten Hammel zu kommen, sag' ich, daß uns durch höchste Schenkung des Himmels die Antiquität und Stammbaum Gargantuas vollständiger sind erhalten worden als irgendeiner, ohn des Messias Stammbaum, von welchem ich nicht sprechen mag, denn es geziemt mir nicht: auch sind die Teufel (das sind die Heuchler und falschen Betbrüder) dawider. Er ward gefunden durch Hans Audeau auf einer Wiesen, so er hätt unweit der Gualeauer Schleusen unter Olive auf der Seit gen Narsoy Die Namen sind alle aus der Umgebung Chinons, dem Geburtsort Rabelais', genommen. . Wie der die Gräben dort stechen ließ, da stießen die Gräber mit ihren Hacken auf ein großes Grab von Erz; lang ohnemaßen, denn sie konnten nimmer ein End davon finden, weil es bis weit in die Vienner Gemarkung strich. Als sie solches an einem Ort erbrochen hatten, wo ein Becher gezeichnet war und mit etruskischen Lettern rings umhergeschrieben: ›Hic bibitur‹ , fanden sie da neun Flaschen in Ordnung stehen, wie man die Kegel in Gasconien zu setzen pflegt, und unter deren mittelster lag ein klein graugrün, artig, schartig, ziemlich schimmelig Büchlein, das stärker denn Rosen, aber nicht besser roch. In selbigem hat man ermeldten Stammbaum der Läng nach mit Kanzellarschrift geschrieben funden, nicht auf Papier noch Pergament, auch nicht auf Wachs, sondern geschrieben auf Ulmenrinden, wenn schon vor Alter so abgenützt, daß man davon mit Müh drei Ziffern in gleicher Reih gewahren mocht. Ich nun (wiewohl der Ehr unwürdig) ward dazu hin berufen, wo ich sodann mit guter Brillenhilfe die Kunst des Aristoteles, wie man unscheinbare Lettern liest, ausgeübt und, so wie ihr hie sehen könnt, verdolmetscht hab' zum Frommen aller Pantagruelleser, Der erste Band des Pantagruel erschien vor dem Gargantua, war also den Lesern dieses Buches schon bekannt. nämlich der becherschwingenden frohen Leser der schauderhaften Pantagruelstaten. Zweites Kapitel Wie Gargantua elf Monden im Mutterleibe getragen ward Grandgoschier So übersetzt Fischart den Namen Grandgousier, Großkopf (eine Art Kropfgans), der schon in alten Märchen vorkommt. Nach einer alten Tradition, die auch Voltaire teilt, soll Rabelais mit Grandgousier Ludwig XII. gemeint haben. Gargantua soll Franz I. und Pantagruel Heinrich II. sein. war zu seiner Zeit ein guter Schäker, liebt' sowohl als irgendeiner damals auf Erden, rein auszutrinken, und aß gern Gesalzenes. Zu dem End führt' er für gewöhnlich einen ganzen Schub Mainzer und Bayonner Schinken, Rauch-Zungen die schwere Meng, Würst im Überfluß, wann die Zeit war, und gepökelt Rindfleisch mit Senf. Als er mannbar geworden, nahm er zum Weibe Gargamelle, die Tochter des Königs der Millermahler, ein schönes Frauenzimmer, hübschen Visiers, und machten die beiden öfters zusammen das Tier mit zween Rücken, rieben sich den Speck aneinander lustiglich, bis sie von einem schönen Sohne schwanger ward, und denselben trug bis in den elften Monat. Denn so lang und länger können die Weiber Leibesfrucht tragen, insonderheit wenn es ein Wunderwerk der Natur ist und eine Person, die ihrer Zeit mannhafte Taten verüben soll. Die Art und Weis, wie Gargamelle ins Kindbett kam, war folgende: und wo ihr's nicht glaubt, entgehet euch das Fundament. Das Fundament entging ihr eines Nachmittags am dritten Hornung, als sie zu viele Bauntzen gessen. Bauntzen sind feiste Magendärm von Barrenrindern. Barrenrinder sind an der Kripp und auf Zwirentwiesen gemästete Ochsen. Zwirentwiesen sind die, so zweimal im Jahr Gras tragen. Von selbigen feisten Ochsen nun hatten sie 367 014 geschlagen zum Einsalzen auf Fastnacht, daß sie im Frühjahr fein zeitigs Pökelfleisch die Füll erzielten; denn sie wollten gern zur Mahlzeit Anfang auch ihr Wörtlein mit Gesalznem reden, weil der Wein drauf noch einmal so gut schmeckt. Der Kutteln waren viel, wie ihr von selbst einseht, und waren so köstlich, daß jeder darnach die Finger leckt'. Aber der Teufel dabei war nur, daß man sie unmöglich lang verwahren noch sparen konnt'; denn sie wären verfaulet, welches sich nicht gebühren wollt. Ward also beschlossen, mit Stumpf und Stiel sie aufzuessen. Hierzu luden sie alle Leut von Sainnais, Seuillé, Laroche-Clermaud, Vaugaudry, vergaßen auch nicht die von Couldray, Montpensier, von Gué de Vede und andere Nachbarn – alles gute Kunden, gute Zecher, wackere Kegelschieber. Der gute Mann Grandgoschier hatte daran sein herzlich Lust und Freud und ließ es ihnen mit Scheffeln messen, warnet' aber dabei sein Weib, daß sie davon das wenigste äße, weil sie nah auf ihrem Ziel ging und dies Gedärm just keine sehr ratsame Speis war. »Denn«, sprach er, »der muß große Lust zum Dreckkäun tragen, der diese Säck' ißt.« Dieser Ermahnungen doch ungeachtet, aß sie deren doch sechzehn Ohm, zwei Tonnen und sechs Eimer auf. O schöne fäkalische Materie, die ihr den Leib auftreiben sollt'! Nach dem Mittagsimbiß zogen sie all kopfüber unter das Weidicht hinaus und tanzten da auf dem dichten Gras nach hellen Pfeiflein und süßen Schalmeien so fröhlich, daß es eine himmlische Lust war, sie dergestalt sich tummeln zu sehen. Drittes Kapitel Auf welch seltsame Art Gargantua geboren ward Während sie noch dergestalt sich verlustierten, fing Gargamelle über Leibschmerz zu klagen an; daß Grandgoschier vom Gras aufstund, ihr liebreich zusprach in Meinung, es wären die Kindeswehen, und zu ihr sagt', es wär ihr dort zu frisch gewesen in dem Weidengebüsch und würd gewiß nicht lang mehr währen, so würd sie junge Beine kriegen; müßt also sich auch ein frisch Herze fassen zur frischen Ankunft ihres Püppleins, und wenn ihr der Schmerz auch ein wenig streng däucht', so würd er doch bald ein Ende nehmen, und die drauf folgende Freud ihr all dies Leid vertreiben, also daß sie gar nicht mehr dran denken würd. »Denn«, sprach er, »ich beweis' es euch: unser Heiland im Evangelium Johannis sechzehn, sagt er nicht: ›Ein Weib, wenn es gebärt, so hat sie Traurigkeit; wenn aber sie das Kindlein erst zur Welt geboren, gedenkt sie nicht mehr an die Angst‹?« – »Ei«, sprach sie, »daran sagt ihr recht, und diese evangelische Reden hör' ich weit lieber und tun mir besser, als wenn mir einer ein langes und breits das Leben der heiligen Margret vorsagt und mehr dergleichen Pfaffengewäsch.« – »O du Lamms-Courage!« sprach er, »schafft dies fort, so machen wir bald sein neues.« – »Ha!« sprach sie, »was doch ihr Mannsleut für gut reden habt. Nu, mit Gottes Hilfe will ich mich zwingen, weil's euch lieb ist. Aber ich wollt zu Gott, daß er euch abgehauen wär.« – »Wer? Was?« sprach Grandgoschier. – »Ha«, antwortete sie, »wie blöd ihr tut! Ihr versteht's ja wohl.« – »Mein Hahn?« sprach er, »Potz Zickelblut! Wenn euch dies ansteht, schafft doch gleich ein Messer her!« – »Ach«, sprach sie, »ach bei Leib nit! Gott verzeih mir's, ich meint's nit von Herzen! An meine Reden dürft ihr euch nicht kehren, weder wenig noch viel. Aber heut werd ich wohl mächtig zu schwitzen kriegen, so Gott mir nicht beisteht, und das alls um eures Hähnchens willen, damit's euch wohl wär.« »Nur Herz gefaßt, nur Herz«, sprach er, »bekümmer dich des weitern nicht, und laß die vier Ochsen da vorn nur ziehen. Ich geh jetzt und trink' noch ein paar Schlückel, werd aber gar nicht weit sein; wo dich indeß ein Weh anstieß', bin ich auf einen Pfiff in die Hand flugs wieder bei dir.« Bald fing sie zu ächzen, zu lamentieren, zu schreien an. Alsbald erschienen Hebammen haufenweis von allen Enden; die befühlten sie zuunterst und fanden ein Geschling von ziemlich argem Geschmacke, dachten, es wär das Kind: allein es war das Fundament, das ihr entging durch die Erweichung des graden Darmes (welchen ihr den Mastdarm nennt), weil sie zu viele Kutteln gegessen, wie wir zuvor berichtet haben. Da gab ihr eine alte Vettel aus der Gevatterschaft, die für eine große Ärztin geachtet, ein entsetzliches Stopfmittel, welches ihr alle Karunkeln im Leib dermaßen zusammenschnürt' und räutelt', daß ihr sie mit genauer Not mit den Zähnen hättet erlockern mögen – was schauderhaft zu denken ist: zumal der Teufel doch in der Meß des heiligen Martin, als er das Getratsch der beiden Sibyllen aufschrieb, sein Pergament mit schönen Zähnen gar wohl zu prolongieren wußt. Durch diesen Unfall öffneten sich die Mutterdrüsen der Gebärmutter oberwärts, durch welche das Kind kopfüber hupft' in die hohle Ader, dann durch das Zwerchfell weiter kroch bis über die Achseln (wo sich gedachte Ader in zwei teilt) und, seine Straß zur linken nehmend, endlich durchs linke Ohr zu Tage kam. R. verspottet hier die Theologen, die behaupten, Maria habe durch das Ohr empfangen. Ein alter Kirchengesang lautet: Gaude, virgo, mater Christi, Quae per aurem concepisti. Sobald es geboren war, schrie es nicht, wie die andern Kinder, mi mi mi!, sondern mit lauter Stimm: zu trinken! zu trinken! zu trinken!, gleich als ob es die ganze Welt zu trinken ermahnt', so hell auf, daß es die ganze Gegend von Beusse und Bibaroys vernahm. Ich bild' mir ein, ihr werdet an diese verwundersame Nativität nicht steif und fest zu glauben wagen. So ihr's nicht glaubt, ficht's mich nix an: aber ein Biedermann, ein Mann von Verstande, glaubet allzeit das, was man ihm sagt und was er in Schriften findet. Sagt nicht Salomo Sprichwörter am Vierzehnten: ›Der Unschuldige glaubt jedes Wort‹ usw.? Und der heilige Paulus ersten Korinther 13: ›Die Liebe glaubet alles?‹ Warum wollet ihr's also nicht glauben? Weil man es nimmer ersehn hat, sagt ihr. Ich aber sag' euch, daß ihr eben um dieser einen Ursach willen ihm vollen Glauben schenken müßt. Denn die Sorbonnisten nennen den Glauben einen Beweis derer Ding, die man niemals mit Augen siehet. Läuft's etwa wider unser Gesetz, wider Glauben, Vernunft oder Heilige Schrift? Ich, meines Orts, kann in der Bibel nichts finden, was dawider wär. Und wenn es Gott so gefallen hätt', meint ihr, er hätt's nicht tun können? Ei, ich bitt' euch doch um alles, umnebelkäppelt euch nicht die Köpf mit solchen eiteln Gedanken: ich sag' euch, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und wenn er wollt', so brächten von Stund an die Weiber ihre Kinder also durchs Ohr zur Welt! Kam Bacchus nicht aus dem Schenkel des Jupiter? Fliegenschnäpper aus seiner Ammen Pantoffeln zur Welt? Minerva – entsprang sie nicht durchs Ohr aus Jupiters Hirn? Adonis durch eines Myrrhenbaums Rinden? Kastor und Pollux aus einem Ei, das Leda gelegt und ausgebrütet? Wie aber sollt ihr erst erstarren und staunen, wenn ich euch jetzt gleich das ganze Kapitel des Plinius auslegen wollt', in welchem er von seltsam unnatürlichen Geburten handelt? Gleichwohl bin ich noch lang kein so dreister Lügner als er. Lest nur in seiner Naturgeschichte das dritte Kapitel des siebenten Buchs und quält mir nicht länger die Ohren damit. Viertes Kapitel Wie Gargantua benamset ward, und wie er sich zur Tränk hielt Während der gute Mann Grandgoschiere noch zecht' und mit den andern schwärmet', hört' er das mörderliche Geschrei, welches sein Sohn bei seinem Eintritt in dieses Licht der Welt erhub, als er zu trinken! zu trinken! brüllte, und sprach: »I gar! Kannt du aa schon fein dursten!« Im Original: »Que grand tu as!« (supple le gousier). R. gibt hier eine scherzhafte Ableitung des Namens Gargantua. Welches als die Gäst vernahmen, sagten sie, daß er um dieserwillen durchaus Gargantua heißen müßt', weil dies das erste Wort seines Vaters bei seiner Geburt gewesen wär, nach Fürgang und in Nachahmung der alten Hebräer. Hierin war derselbe ihnen auch gern zu Willen, gefiel auch seiner Mutter wohl. Und um ihn zufrieden zu stellen, brachten sie ihm zu trinken, was oben hinein wollt': und ward nach frommer Christen Sitt zur Tauf getragen und getauft. Und wurden 17913 Küh von Pautillé und Brehemond verschrieben, für gewöhnlich ihn zu säugen; denn eine hinlänglich ergiebige Amme zu finden, war im ganzen Land unmöglich, in Betracht der großen Mengen Milch, die zu seiner Nahrung erforderlich waren. Zwar wollen ein Paar Doktoren behaupten, daß seine Mutter ihn gestillt hab' und daß sie 1402 Eimer und neun Maß Milch auf jeden Ruck aus ihren Brüsten hab' melken können. Aber es ist der Wahrheit nicht ähnlich, und ist dieser Satz von der Sorbonne pro scandaloso wehmütigen Ohren ärgerlich und schon von weitem nach Ketzerei ausdrücklich stinkend erkläret worden. In solcher Weis bracht' er ein Jahr und sechs Monden hin, um welche Zeit man nach dem Rat der Ärzte ihn anfing auszutragen, und ward ein schöner Ochsenwagen gebauet, in selbem kutschierte man ihn fröhlich umher: und war eine Lust, ihn anzusehen, denn er hatt' ein hübsch Göschlein, wohl zehn Kinn am Hals, schrie auch fast wenig; dafür aber bekackt' er sich zu allen Stunden, denn er war eines ungebührlich durchschlägigen Gesäßes, teils aus natürlicher Komplexion, teils durch zufälligen Habitus, den ihm das viele Saugen des September-Traubenmüsleins zuzog. Doch sog er davon keinen Tropfen ohn Ursach; denn wenn sich's traf, daß er verdrüßlich, dickschnutig, bös oder grandig war, wann er schrie, strampelt', heult', und man bracht' ihm zu trinken, gleich kam er auch wieder zu sich und war ganz still und guter Ding. Seiner Wärterinnen eine hat mir's bei ihrem Heiligsten geschworen, er hätt' dies also in der Art, daß er beim bloßen Schall der Kannen und Flaschen schon in Verzückung kam, als ob er die Freuden des Paradieses im voraus schmeckt'; derhalb sie in Betrachtung dieser göttlichen Eigenschaft, um ihn am frühen Morgen aufzuheitern, mit einem Messer an die Gläser klinkten, oder mit Flaschenspunden, oder mit Kannendeckeln klirrten: auf diesen Schall würd er gleich lustig, hüpft' auf und wiegt' sich selber ein, mit dem Kopfe wackelnd, trillert' mit den Fingern und brummte Bariton mit dem Hintern. Fünftes Kapitel Wie man Gargantua kleiden tät Als er in das Alter gekommen, befahl sein Vater, ihm Kleider zu machen nach seinen Farben, weiß und blau. Da ward sogleich Hand angelegt, und wurden gemacht, genäht, geschneidert nach damal kursierender Landesmod. Aus den alten Archiven der Rechnungskammer zu Montsoreau erseh ich, daß er in folgender Art bekleidet war: Zu seinem Hemd wurden ausgehoben 900 Ellen Leindwand von Chastelleraud, und 200 zu den Zwickelkißlein unter die Achseln. Und ward nicht gefältelt; denn das Fälteln der Hemden ist erst aufkommen, seit die Näherinnen die Spitzen ihrer Nadeln zerbrochen haben und mit dem Öhr zu hantieren begonnen. Zu seinem Wams wurden ausgehoben 813 Ellen weißer Atlas, und zu den Nestelschnüren 1509 und ein halb Hundshäut, denn damals fing die Welt an, die Hosen an das Wams zu henken, nicht das Wams an die Hosen, denn es läuft dies der Natur zuwider, wie ausführlich dartut Ockam im Kapitel über die Exponibilien des Meisters Beinkleiderios. Zu seinen Hosen wurden erhoben 1105 und ein drittel Ellen weißen Sammets, und waren geschlitzt in Form geriefter, krenelierter Säulen hinten, damit sie ihm nicht die Nieren erhitzten; die Mützen aber mit blauem Damast innwenig geflitzert so viel als nötig; und ist zu merken, daß er sehr schön beschienbeint war und in der rechten Proportion zu seiner übrigen Leibesstatur. Zu seinem Hosenlatz wurden erhoben 16 und ein Viertel Ellen des nämlichen Zeuges, und war wie ein Strebebogen gar lustig zwischen zwei schöne güldene Rinken gespannet, in die zwei Heftel von Glockenspeis eingriffen, und in jedem derselben war ein dicker Smaragd von der Größ eines Pomeranzapfels eingefaßt. Denn es hat dieser Stein (wie Orpheus Libro de Lapidibus , und Plinius Libro ultimo lehren) erektivische und stärkende Kraft des natürlichen Gliedes. Des Latzes Schlitz war einen Stab lang, geschlitzt wie die Hosen und mit blauem Damast gepufft wie oben. Hättet ihr aber erst die schöne gestickte Verbrämung gesehen und das artige Goldschmiedwerk dran, besetzt mit feinen Diamanten, feinen Rubinen, feinen Türkisen, feinen Smaragden und persischen Perlen, so würdet ihr ihn einem schönen Horn des Überflusses verglichen haben, wie ihr auf den Antiken seht, und wie sie Rhea den beiden Nymphen Adrastea und Ida, den Ammen Jupiters, verehrt'. Stets prächtig, trächtig, übersäftig, immer grünend, immer blühend, früchtesprühend, voller Blüten, voll aller Frucht und Herrlichkeit. Gott sei mein Zeuge, ob nicht der Latz ein stattliches Aussehn hätt', doch werd' ich euch davon noch ganz andre Ding berichten in dem Buch, das ich von der 'Würdigkeit der Lätze' verfaßt hab'. Eins aber sollt ihr dennoch wissen: daß er, obschon so lang und breit, doch innerlich sehr wohl verproviantieret und beschlagen war, in keinem Stück den heuchlerischen Scheinlätzen einer ganzen Schar von Schleckern ähnlich, in welchen zu großem Leidwesen der Weibsleut gar nichts enthalten ist denn Wind. Zu seinen Schuhen wurden erhoben 406 Ellen karmesinblauen Sammets. Zur Besohlung derselben nahm man 1100 braune Kuhhaut, geschnitten nach der Stockfischschwänzenart. Zu seinem Leibrock wurden erhoben 1800 Ellen blauen Sammet, rings mit schönem Laubwerk bordiert und in der Mitten mit silbernen Bechern von Cantille, umgestülpt unter güldenen Sparren mit dichten Perlen, anzuzeigen, daß er ein guter Stürzbecher zu seiner Zeit werden würd. Sein Gürtel war aus 300 und einer halben Ellen Seidenserge, halb weiß, halb blau, wofern ich nicht sehr irre. Sein Degen war nicht von Valencia, noch auch sein Dolch von Saragossa, denn sein Vater haßte dies ganze vermauschelte und verkommene Hidalgovolk wie den Teufel, sondern er hatte einen schönen Degen von Holz und einen Dolch von gummiertem Leder, so fein verguldet und gemalt, wie sich's nur einer wünschen mocht. Sein Säckel war aus dem Hodensack eines Elefanten gefertigt, den ihm Mynheer Prakontal, Statthalter in Lybien, verehret. Zu seinem Mantel wurden erhoben 9600 weniger zwei Drittel Ellen blauen Sammet, wie oben, ganz mit Gold durchfadelt in diagonalischer Figur: welches nach richtiger Perspektive eine unbekannte Farbe gab, wie ihr an Turtelhaubenhälsen sehet, allen denen die ihn sahen, ein unvergleichlicher Augentrost. Zu seinem Barettlein wurden erhoben 302 und ein Viertel Ellen weißen Sammet, und war die Form desselben weit und rund nach Umfang des Hauptes. Sein Vater sagte, daß diese heutigen Barettlein auf Marrabesisch, wie ein Pastetensatz gestaltet, noch eines Tages ihren Verstutzten schlimme Händel zuziehn würden. Statt Federbusches trug er eine schöne große blaue Feder von einem Onokrotalus aus dem wilden Hyrkanien, die ihm gar zierlich übers rechte Ohr hing. Zu seiner Medaille führt' er in einer güldenen, 68 Mark schweren Platten eine Figur von gleichem Schmelzwerk, worin ein menschlicher Leib graviert war mit zwei Köpfen, den einen gegen den andern gedreht, vier Armen, vier Beinen und zwei Hintern, wie Plato in Symposio sagt, daß die menschliche Figur in ihrem mystischen Ursprung beschaffen gewesen, und stund darum mit ionischen Lettern geschrieben: ΑΓΑΠΗ ΟΥ ΖΗΤΕΙ ΤΑ ΕΑΥΤΗΣ Die Liebe suchet nicht das Ihre.« (Luther.) Korintherbrief, 1, 13. Sein gülden Kettlein, das er am Hals trug, wog 25063 Mark Goldes, in Form großer Beeren, mit grünen, rauh geschliffenen Jaspissteinen durchzogen, die wie Drachen graviert und geschnitten waren, sämtlich mit Strahlen und Funken umzirkelt, wie einst der König Necepsos trug, und hing ihm bis zum obern Wulst des Bauchs herunter; davon er dann sein Lebelang den Nutzen spürte, welches den griechischen Ärzten bewußt ist. Zu seinen Handschuhen wurden verschnitten 16 Koboldsfelle, und zum Vorstoß dran 3 Wehrwolfshäut; und wurden ihm also zugericht nach dem Rat der Kabbalisten zu Saintlouand. Von Ringen (deren ihn sein Vater zu Erneuerung des Zeichens alter Ritterschaft tragen ließ) hatt' er am Zeigefinger der Linken einen Karfunkel von der Größe eines Straußeneies, in feines Seraphsgold zierlich gefaßt. Am Zeigefinger eben dieser Hand hatt' er einen Ring aus den vier Metallen allzumal, auf die wunderbarste Art verfertigt, die man noch je mit Augen gesehen; denn weder verschlang der Stahl das Gold, noch bracht das Silber das Kupfer unter. Alles gemacht durch Hauptmann Chappuys und seinen guten Faktor Alcofribas. Am Zeigefinger der Rechten hatte er einen Ring in spiralischer Form, darein ein vollkommner Balas-Rubin, ein ausgespitzter Diamant und ein Smaragd vom Physon, unschätzbaren Wertes, gefaßt waren. Denn Hans Carvel, Groß-Juwelier des Königs von Melindien, schätzt' sie zusammen auf 69 894 018 lange Wollenhammel. So hoch haben's auch die Fugger von Augsburg geschätzet. Sechstes Kapitel Von des Gargantua Jugend Die meisten Ausleger sehen in diesem und im folgenden Kapitel eine Satire auf die Erziehung der Fürsten, deren Hauptbeschäftigung Essen, Trinken und Schlafen sei. Viele der Züge, die R. seinem Helden gibt, passen auf Franz I. Gargantua ward vom dritten bis zum fünften Jahr in aller gebührlichen Zucht gepflegt und auferzogen nach dem Willen seines Vaters, und bracht' die Zeit zu, wie die kleinen Kinder des Landes pflegen: nämlich mit Trinken, Essen und Schlafen, mit Essen, Schlafen und Trinken, mit Schlafen, Trinken und Essen. Allzeit wälzte er sich im Kot, vermaskeriert' sich die Nas, bedreckt' sich's Gesicht, trat seine Schuh hinten über, gafft' gern nach den Mucken und lief den Millermahlern fleißig nach, über die sein Vater das Regiment hatte. Er seicht' in seine Schuh, macht' in sein Hemd, schneuzt' sich in Ärmel, rotzt' in die Suppen und patscht' überall durch; trank aus seinem Pantoffel und kraut' sich den Bauch für gewöhnlich an einem Korb. Stochert' sich die Zähn mit einem Holzschuh, wusch seine Hand in Fleischbrüh, strählt' sich mit einem Humpen, setzt' sich ärschlings zwischen zwei Stühl an die Erd, trank unter die Suppen, aß seinen Wecken ohn Brot, biß lachend, lacht' beißend, leckt' vorn, kratzt' hinten, pißt' gegen die Sonnen, versteckt' sich ins Wasser vorm Regen, bespie sich, schoß die Katz fürn Hasen, spannt' die Ochsen hinter den Karren, zog die Würm aus der Nasen, kratzt' sich, wo's ihn nit biß, packt' viel an und hielt wenig fest, verzehrt' sein Weißbrot vorneweg, beschlug die Graspferd, füttert' die Wetzstein, kitzelt' sich selbst zum Lachen, guckt' weidlich in die Töpf, behielt das Korn, gab Gott das Stroh, sang Magnificat zur Metten und meint', es paßt' sich trefflich wohl, aß Kohl, schiß Mangolt, ließ keiner Muck ein Bein am Leib, zerhudelt das Papier, verschmiert' das Pergament, riß aus wie Schafleder, macht' seine Rechnung ohn den Wirt, schlug auf den Busch und fing nicht den Vogel, sah den Himmel für einen Dudelsack und Hagel für Zuckererbsen an, schnitt zwei Pfeifen aus einem Rohr, schlug auf den Sack und meint' den Esel, macht' aus seiner Faust einen Schlägel, fing die Kranich im ersten Sprung, sah dem geschenkten Gaul allzeit ins Maul, setzt' sich vom Pferd auf den Esel, hofft, die Lerchen gebraten zu fangen, wenn der Himmel einfiel, macht' aus der Not eine Tugend, frug weder nach Geschabt noch Geschoren. Alle Morgen bespie er sich. Seines Vaters kleine Hunde aßen mit ihm aus einer Schüssel, er desgleichen wieder mit ihnen, er biß sie in die Ohren, sie zerkrellten ihm die Nas, er blies ihnen in den Hintern, sie leckten ihm das Schnäuzel. Und sollt ihr's glauben? Daß euch der Teufel frikassiere! Dies kleine Hurenjägerlein betastet seine Wärterinnen schon hinten und vornen, oben und unten harri hotto! in einem fort, und fing schon an sein Hosenlätzlein zu exerzieren. Selbiges schmückten seine Wärterinnen alle Tag mit schönen Sträußlein, schönen Bändern, schönen Blumen, schönen Flunkern, schönen Quästlein; und hatten ihre Kurzweil dran, wann er wie ein Rollpflästerlein ihnen unter die Hand geriet. Dann kicherten sie, wann er die Ohren spitzt', gleich als ob ihm das Spiel behagt'. Siebtes Kapitel Von des Gargantua Steckenpferden Hierauf, damit er all sein Lebtag ein guter Reiter wär, macht' man ihm ein schönes großes Pferd von Holz: das ließ er paradieren, tummeln, wenden, sprengen, tänzeln, alles zugleich, im Schritt, im Trott, im Mittelschritt, Galopp, Paß, Hoppas, im Kleppergang, im Kameltrott, Harttrab, Waldeseltritt, und färbt' ihm das Haar um, wie die Mönch ihre Alben nach den Festen in braun, in fuchsrot, apfelgrau, rattenfarb, hirschhaar, rotschimmel, kühfahl, scheckigt, weiß. Er selbst macht' sich aus einem großen Holzklotz ein Pferd zur Jagd, ein andres aus einem Trottbaum zum täglichen Brauch, und aus einem dicken Eichenstamm ein Maultier samt der Schabrack fürs Zimmer. Außerdem hatt' er ihrer noch zehn bis zwölf zur Umspann und sieben zur Post, und nahm sie auch nachts alle mit zu Bett. Einmal besucht' der Herr von Qualimsack seinen Vater mit großer Suite und Anhang, auf welchen Tag desgleichen auch der Herzog von Offentisch und der Graf von Nasengüsel schon bei ihm eingesprochen waren. Mein Treu! Da ging das Logement etwas knapp her für so viel Volk, und sonderlich die Pferdeställ. Der Hofmeister also nebst dem Furier besagten Herrn von Qualimsacks, um zu erforschen, ob es im Haus noch sonst wo ledige Ställ hätt', wandten sich an das junge Männlein Gargantua und fragten ihn heimlich, wo die Ställ für die großen Pferd wären, denn sie dachten, daß Kinder gern alle Ding ausschwatzen und offenbaren. Da führt' er sie die große Schloßtrepp hinan, durch den zweiten Saal auf einen langen Gang, aus dem sie in einen dicken Turm kamen. Wie es nun wiederum andere Stiegen hinauf ging, spricht der Furier zum Hofmeister: »Das Kind narret uns, denn niemals sind doch die Ställ zu oberst im Haus.« – Frug also den Gargantua: »Mein kleiner Schatz, wo führt Ihr uns hin?« »Zum Stall«, sprach er, »wo meine großen Pferd stehen; werden gleich da sein, steigt nur noch die paar Stiegen.« Darauf bracht' er sie wieder durch einen andern großen Saal und führt' sie endlich in seine Kammer, zog die Tür zurück und rief: »Da sind die Ställ, die ihr begehrt, da ist mein Spanier, mein Wallach, mein Schweißfuchs, mein Gasconier.« Und nahm einen schweren Hebebaum, packt' ihn den beiden auf und sprach: »Diesen Friesländer schenk ich euch; hab ihn von Frankfurt, er soll aber euer sein. Ist ein gut Rößlein; so klein es ist, so hart und arbeitsam ist es. Mit einem Habichtmännlein, einem halben Dutzend Bracken und ein paar Windhunden seid ihr Hasen- und Hühnerkönige den ganzen Winter.« »Beim Sankt Johannes!« sprachen sie, »da kommen wir schön an. Diesmal sind wir die Angeschmierten.« – Hie ratet nun, ob sie sich eher vor Scham in die Erd verkriechen oder vor Lachen hätten bersten mögen über den Schnack. Enteilten also spornstreichs wieder hinunter ganz verblüfft und kamen in den untersten Saal zurück, wo die ganze Gesellschaft beisammen war, erzählten da diese neue Mär; da lachten alle wie ein Rudel Fliegen. Achtes Kapitel Wie Grandgoschier des Gargantua wunderbaren Verstand an Erfindung eines Arschwisches erkannte »Die Willkür, mit der Franz I. die städtischen Freiheiten und Privilegien verhöhnte, beschnitt, kassierte, sich gleichsam daran den Hintern wischte, wenn er zu seinen Ausschweifungen Geld bedurfte, wird hier versinnbildet.« Bernier. Gegen das End des fünften Jahres, als Grandgoschier von seinem Sieg über die Canarier heim kam, besucht' er seinen Sohn Gargantua. Da ward er erfreut, wie ein solcher Vater, der einen solchen Sohn ansiehet, sich erfreuen durft': halset' und küßt' ihn und fragt ihn allerlei kleine kindische Fragen, trank auch zum Willkomm eins mit ihm und seinen Wärterinnen. Die befragt er unter andern gar besorglich, ob sie ihn auch fein sauber und reinlich gehalten hätten. Wogegen ihm Gargantua zur Antwort gab, er hätt' hierauf sich so beflissen, daß im ganzen Land kein reinerer Knab als er zu finden war. – »Ei wie dann so?« frug Grandgoschier. »Ich hab«, antwortet' Gargantua, »durch lange Praktik und Erfahrung das allerherrlichst, trefflichst und probatste Mittel mir den Arsch zu wischen erfunden, dergleichen man noch je erhöret.« – »Nun, was ist's?« frug Grandgoschier. – »Was ich Euch gleich erzählen werd«, sprach Gargantua. »Ich wischt' mich einmal mit dem sammetnen Schleier einer Dame und fand's gut, denn die Weichheit der Seide macht' mir am Sitzfleisch eine ziemliche Wollust. Ein andres Mal mit einer Haube von eben derselben, und war desgleichen. Ein andres Mal mit einem Brusttuch: wieder ein andermal mit den karmesinatlasnen Ohrhäublein; aber ein läusegüldener Plunder von Perlen und Gebräms daran zerschund mir den ganzen Hintersten. Schlag doch der Blutschiß dem Goldschmied auf den Arschdarm, der's gemacht hat, und dem Weibsstück, das es trug! Dies Übel verging, als ich mich mit einem Pagenbarett wischt', auf Schweiz'risch mit Federn wohl beblümt. Hernach, wie ich einmal mein Notdurft hinter einem Busch tat, fand ich da eine Märzkatz und wischt' midi dran. Ihre Krallen aber verschwulsteten mir den ganzen Mastdarm. Ich heilt' mir's am andern Morgen, da ich mich mit meiner Mutter wohlparfümierten Handschuhen wischt'. Darnach wischt' ich mich mit Salbei, mit Fenchel, Majoran, Anis, mit Rosen, Kohl, mit Kürbisblättern, Weinlaub, Eibisch, mit Wollenkraut, mit Lattichblättern, mit Spinat – und tat alles meinem Bein sehr wohl; mit Bingeln, mit Wasserpfeffer, mit Nesseln, mit Rittersporn, aber davon kriegt' ich die Lombardische Blutscheiß. Kuriert' mir's wieder, als ich mich mit meinem Latz wischt'. Darauf wischt' ich mich mit Laken, Decken, Umhäng, mit einem Kissen, mit einem Teppich, mit der grünen Tapete, Schneuztüchel, Salveten, mit einem Puderhemd. Und hat mir alles wohler gedäucht als dem Räudigen, wenn man ihn krauet.« – »Wohl!« sprach Grandgoschier, »aber welcher Arschwisch bedünket dir der beste zu sein?« – »Ich komm' schon drauf«, sprach Gargantua, »gleich sollt ihr das Kurz und Lang davon hören. Ich wischt' mich mit Heu, mit Stroh, mit Werg, mit Haar, mit Woll, mit Papier, allein: Wer mit Papier sein wüscht Loch fegt, Stets einen Zundel läßt am G'mächt.« »Ei was!« rief Grandgoschier, »mein kleiner Hodenmatz, ich mein, du hast zu tief in die Kann geguckt, daß du schon reimest?« – »Hui«, antwortet' Gargantua, »ich reim' was Zeug hält, mein Herr König, und reim' mich oft unreimisch drüber. Merket, diesen Rundreim: Als ich mich eines Tags laxiert, Beroch ich meine Leibesfracht. Das stank weit mehr, als ich gedacht. Ich war davon ganz parfümiert. O daß mir einer hergeführt Diejenige, nach der ich schmacht.   Beim Scheißen. Denn alsbald hätt' ich ihr pitschiert Ihr Harnloch grob und ungeschlacht, Derweil sie mit den Fingern sacht Mein Loch vom Kote renoviert   Beim Scheißen. Nun sagt hinfort mehr, daß ich nix könn'. Und hab' es doch, beim Exkrement! nicht einmal selbst gemacht. Vielmehr, die Frau Bas dort hat mir's oft vorgesagt, da hab' ich's dann im Ränzel meines Gedächtnis so aufgespart.« »Aber«, sprach Grandgoschier, »wiederum auf unsere Sach zu kommen –« »Auf welche?« frug Gargantua, »aufs Kacken?« – »Nein«, sprach Grandgoschier, »auf die Arschwische.« – »Aber wollt ihr«, sprach Gargantua, »auch ein Lägel Bretannierwein zahlen, wenn ich in dieser Materie euch lahmleg?« – »Ei freilich!« antworte Grandgoschier. »Den Arsch zu wischen«, spricht Gargantua, »tut nicht not, es sei denn Dreck dran. Dreck kann nicht dran sein, wenn man nicht zuvor gekackt hat: gekackt also muß sein, eh man den Arsch kann wischen.« – »Ei, mein klein Bürschlein«, spricht Grandgoschier, »wie bist du g'scheit! Dieser nächsten Tag laß ich dich zum Doktor der lustigen Künste schlagen. Du hast bei Gott mehr Verstand denn Alter. Nur fahr jetzt fort, ich bitt' dich drum, in dieser arschwischlichen Wissenschaft! Und bei meinem Bart, statt eines Lägels sollst du sechzig Tonnen haben, und zwar von diesem edlen Bretannier, der gar nicht in Bretannien wächst, sondern hieselbst in unserm guten Land Verron.« »So wischt' ich mich«, sprach Gargantua, »weiter mit einer Nachtmütz, mit einem Pantoffel, mit einem Kopfkissen, mit einem Ränzel, mit einem Spreukorb; aber, oh, des sehr unlieblichen harten Wisches! Darauf mit einem Hut, und hiebei merket, daß von diesen Hüten etlich glatt sind, etlich rauh, etlich sammten, etlich von Atlas. Die besten von allen sind die rauhen, denn sie bewirken eine sehr gute Entfernung der Fäkalmaterie. Hernach wischt' ich mich mit einem Huhn, mit einem Hahn, mit einem Küken, mit einem Kalbsfell, mit einem Hasen, mit einem Kolkraben, mit einer Taube, mit eines Advokaten Schriftsack, mit einer Mütze, mit einem Federball. Sag' aber schließlich und bleib' dabei: es geht kein Arschwisch in der Welt über ein wohl geflaumet junges Gänslein, so man ihm den Kopf sanft zwischen die Bein hält; dieses glaubt mir auf meine Ehr; denn ihr verspürt am Arschloch eine unglaubliche Wollust, teils von der Sanftheit des Flaumes, teils von der temperierten Wärme des Gänsleins, welche leicht zum Arschdarm und den übrigen Därmen schlägt, ja bis in die Gegend des Herzens und Gehirns aufsteigt. Und glaubt nur nicht, daß der Halbgötter und Heroen Seligkeit in den elysischen Feldern, in ihrem Asphodill und Nektar oder Ambrosia besteht, wie diese alten Vetteln schwatzen. Nach meiner Meinung ist's eben dies, daß sie sich mit jungen Gänslein die Arsch wischen. Und der Meinung ist auch der fromme Meister Jahn von Schottland gewesen.« Neuntes Kapitel Wie Gargantua durch einen Sophisten im Latein unterwiesen ward Als ihn der gute Mann Grandgoschier so reden hört', kam er vor Wundern schier außer sich; denn daraus sah er seines Sohnes Gargantua erstaunlichen Geist und tiefen Sinn, und sprach zu seinen Wärterinnen: »Philippus, König in Mazedonien, erkannt' seines Sohnes Alexanders guten Verstand an geschickter Zureitung eines Pferdes. Und ich sag' euch: aus diesem einen Gespräch, so ich jetzt in euerm Beisein mit meinem Sohn Gargantua gepflogen hab', erkenn' ich, daß in seinem Verstand etwas Göttliches ist: so scharf, spitzfindig, hell und tief befind' ich ihn, und so er recht belehret wird, mag er der Weisheit höchste Staffel gar wohl erreichen. Derhalb will ich ihn einem Gelehrten übergeben, der ihn nach seiner Fähigkeit recht unterweis, und nichts dran sparen.« Alsbald zeigt' man ihm einen großen sophistischen Doktor namens Meister Thubal Holofernes an, der trieb ihm sein Abc-Täflein so in den Kopf, daß er es vor- und rückwärts konnt, und bracht' damit fünf Jahr und drei Monat zu. Darnach las er ihm den Donatus, den Facetus, Theodoletus und Alanus in parabolis , und damit bracht' er wiederum zu dreizehn Jahr, sechs Monat und zwei Wochen. Aber merket wohl, zu gleicher Zeit lehrt' er ihm auch auf Gotisch zu schreiben; denn er schrieb all seine Bücher, weil die Druckkunst noch nicht im Brauch war. Drauf lehrt' er ihn die Sternkund, bei welcher er an die sechzehn Jahre und zwei Monat blieb, als sein ernannter Präzeptor das Zeitliche segnet'; im Jahr 1420 starb er an der Lustseuch', das verstand sich. Nach diesem kriegt' er einen andern alten Huster namens Meister Hiob Zäumlein, der las ihm Hugutio, Hebrardi Gräcismum , das Doktrinal, das Partes, das Quid est , das Supplementum , Memmendreck , De moribus in mensa servandis , Seneca de quattuor virtutibus cardinalibus , Passavantus cum commento , und 's Dormi secure an Festtagen; nebst etlichen mehr desselben Schrotes, durch deren Lesung er so klug ward, daß er grad so viel wußte wie vorher. Zehntes Kapitel Wie Gargantua andern Pädagogen untergeben ward Indessen ward sein Vater gewahr, daß er zwar allerdings fleißig studiert' und alle seine Zeit dran wandte, gleichwohl aber in nichts vorrückte und, was das ärgste war, davon ganz töricht, damisch, faselig und blöd im Kopfe ward. Dessen beklagt' er sich eines Tags bei dem Don Philipp, des Marays Vizekönig in Widerpapenheim. Der gab ihm zu verstehen, es würd' ihm weit nützlicher sein, gar nichts zu lernen, als solche Bücher unter solchen Lehrmeistern, weil ihr Wissen eitel Viehzeugs und ihre Weisheit nichts als leeres Stroh war, welches die guten edeln Geister verbastardiert' und alle Blüt der Jugend erstickt'. »Denn zum Beweis, daß ihm so sei«, sprach er, »nehmt einen dieser jungen Knaben her, von der heutigen Welt, der nicht länger als zwei Jahr studiert hat: wo er nicht ein viel besseres Urteil, bessere Wort und Ausdrück als Euer Sohn, einen bessern Anstand und Sittsamkeit vor der Welt hat, so haltet mich Euer Lebtag für einen Lügenbeutel.« Dies gefiel Grandgoschier sehr wohl, und befahl alsbald, daß man's versuchte. Des Abends beim Imbiß führet' der von Marays einen seiner jungen Pagen, Eudämon mit Namen, herein, so wohl geschmückt, gestutzt, frisiert, so sauber ausgestäubt, gebügelt und so sittsamen Wesens, daß er vielmehr einem kleinen Engelein als einem Menschen ähnlich sah, und sprach darauf zum Grandgoschier: »Sehet Ihr dieses junge Kind hier? Es ist noch nicht zwölf Jahr alt. Lasset uns nun, wenn's Euch genehm ist, sehen, was Unterschieds zwischen der Weisheit Eurer verplapperten Phantasten aus der alten Zeit und unsern jungen Leuten von heut sei.« Die Prob gefiel dem Grandgoschier, und hieß dem Pagen sein' Sach vortragen. Darauf trat Eudämon, nachdem er seinen Herren, den Vizekönig, um Erlaubnis dazu gebeten, die Mütz in der Hand, mit klarem Antlitz, rotem Mündlein, unerschrockenen steten Augen, den Blick auf den Gargantua richtend, in jugendlicher Bescheidenheit vor ihn hin und fing ihn an zu loben und zu verherrlichen, erstlich wegen seiner Tugend und guten Sitten, zweitens wegen seiner Gelehrtheit, drittens wegen seines Adels, viertens um seiner leiblichen Schönheit willen; und zum fünften ermahnt' er ihn mit sanften Worten, seinem Vater in allen Stücken ehrerbietig und folgsam zu sein, welcher ihn wohl unterrichten zu lassen so große Sorge trüg. Schließlich bat er, ihn unter seine geringsten Diener mit aufzunehmen; denn größere Gnaden könnt' er ihm dermalen vom Himmel nicht erbitten, als daß ihm nur das Glück zuteil würd, ihm einen gefälligen Dienst zu erweisen. Dies alles ward mit so schicklichen Gebärden, so beredsamer Stimm, so deutlichem Ausdruck, in so zierlicher Sprache und feinem Latein von ihm vorgebracht, daß man ihn eher für einen Gracchus, Cicero oder Aemilius der Vorzeit, als für einen jungen Knaben dieses Jahrhunderts gehalten hätt'. Dagegen bestand des Gargantua ganze Antwort in weiter nichts, als daß er euch wie eine Kuh zu heulen anfing, sein Hütlein vors Gesicht klappt', und man eher einem toten Esel einen Furz hätt' entlocken mögen, als ihm auch nur einziges Wörtlein. Darob erzürnet' sich sein Vater so schwer, daß er den Meister Zäumlein umbringen wollt'; doch der von Marays hielt ihn durch gute Worte noch ab, daß sich sein Zorn etwas legte. Befahl darauf, ihm seinen Lohn bar auszuzahlen, auch ihm noch einen Wegtrunk Weines zu geben. »Dann aber«, sprach er, »kann er zu allen Teufeln gehn. Zumindest wird er heut seinem Wirt nichts kosten, wenn er etwa so sackvoll wie ein Engelländer sterben sollte.« Als Meister Zäumlein aus dem Haus war, beratschlagt' Grandgoschier sich mit dem Vizekönig, was man ihm für einen Präzeptor geben sollt', und ward unter ihnen ausgemacht, zu diesem Amt den Ponokrates, den Pädagogen des Eudämon, anzustellen, und sollten all mitsammen gen Paris ziehen, wo sie sich umtun könnten, wie es derzeit mit dem Studieren der jungen Leut in Frankreich bestellt war. Elftes Kapitel Wie Gargantua gen Paris geschickt ward, und von der ungeheuren Mähre, so er ritt, und wie sie den Kuhfliegen im Beaucerlande den Garaus macht Um diese Zeit schickt' auch Fayoles, der vierte König in Numidien, dem Grandgoschier aus Afrika eine ungeheure Mähre, das größte Monstrum und Wundertier, so je ersehen war (wie ihr wißt, daß Afrika immer was Neues bringt); denn sie war so groß wie sechs Elefanten, und ihre Füß in Finger gespalten, wie bei dem Pferd des Julius Cäsar, auch lange Schlappohren hatt' sie, wie die Geißen in der Languedoc, und ein klein Hörnlein am Hintersten. Im übrigen von Farb ein Brandfuchs mit grauen Apfelsprossen getigert. Vor allem aber hatt' sie einen erschrecklichen Schwanz! Denn fast war er so dick wie die St. Marssäule unweit Langès, auch so geviereckt, und die Strähnen dran so ineinander gehäkelt, wie man's an einer Kornähr sieht. So ihr hierüber euch verwundert, ei, so wundert euch doch vielmehr über die Schwänz der kythischen Hammel, die über dreißig Pfund schwer wogen, oder über die syrischen Schafböck, denen man (wenn Steffen nit lügt) einen Wagen zur Nachführung der Schwänz an ihre Ärsch mußt' vorschuhn lassen, so lang und mastig waren sie. Ihr wenigstens habt keine solchen, ihr Hurenböcke vom platten Land. – Und ward zur See auf drei Lastkähnen und einer Brigantin geführet in den Hafen zu Olone in Thalmondien. Als Grandgoschier die sah, sprach er: »Sieh da, ein gut Geschirr, darauf mein Sohn gen Paris mag reiten! Wohlan, Gott walt's, es wird all's wohl vonstatten gehen, er wird ein mächtiger Doktor werden zu seiner Zeit.« Am folgenden Tage nach dem Frühwein (wie ihr von selbst einseht) brachen sie auf, Gargantua, sein Präzeptor Ponokrates nebst seinen Leuten, und mit ihnen Eudämon, der junge Page. So zogen sie lustig ihre Straß und hielten aller Orten große Gelage bis über Orleans. In der Gegend war ein geraumer Wald, in die Läng auf fünfunddreißig Meilen, und in die Breit an siebzehn oder ohngefähr. Derselbige war so grausam fruchtbar und voll von Brämen und Kuhfliegen, daß es eine wahre Schinderei für die armen Lasttiere, Esel und Pferd war. Aber unseres Gargantua Mähre rächt' allen Unbill, der ihr und den andern Tieren ihres Geschlechts erwiesen, sehr wacker durch einen solchen Streich, dessen sie sich mitnichten versahen. Denn alsbald sie in den Wald kamen und die Brämen Sturm auf sie liefen, da zog sie ihren Schwanz vom Leder und fuchtelt' und muckt' sie so preislich ab, daß sie das ganze Holz kreuz quer, links rechts, ricks racks, kopfüber kopfunter, in die Läng in die Breit umhieb, und Holz schlug wie ein Mäther Heu. Dergestalt, daß es forthin da weder Holz noch Brämen mehr hatt' und das ganze Land zur Ebenen ward. Ihr ganzer Imbiß aber auf diesmal bestund in Maulaffen, als woran noch zum Gedächtnis bis jetzt die Junker in Beauce zum Morgenimbiß Maulaffen feil han und verspeisen; stehen sich auch ganz wohl dabei und kotzen nur desto besser darnach. Letzlich kamen sie zu Paris an, da er sich zwei, drei Tag erquickt' und mit seinen Leuten wohl sein ließ, auch unter der Hand erkundigt', was es dermalen für Gelehrte am Ort hätt' und was für Wein man allda tränk. Zwölftes Kapitel Wie Gargantua den Parisern sein Willkomm bezahlt, und wie er die großen Glocken von Notre-Dame abnahm Nachdem er sich etliche Tag erquickt, ging er aus, die Stadt zu beschauen, und alle Leute betrachteten ihn voll Staunens und Verwunderung. Denn das Pariser Volk ist so läppisch, gaffigt und albern von Natur, daß ein Taschenspieler, ein Ablaßkrämer, ein Maultier mit seinen Zimbeln, ein Leiermann auf der Gassen mehr Leut um sich her versammelt als der beste Evangelienprediger. Und sie drangen ihm also beschwerlich zu Leib, daß er zuletzt gezwungen war, sich auf die Türme von Notre-Dame zu retirieren und niederzulassen. Wie er nun da saß und dies viele Volk um sich her sah, sprach er laut: »Ich glaub, die Schlingel meinen, daß ich ihnen hie mein Pflastergeld und meinen Willkomm zahlen soll. Ist billig; sollen ihren Wein han, aber par ris, per risum , spottweis.« – Da lupft' er lächelnd seinen schönen Hosenlatz, zog sein Ablaufrohr an die Luft herfür und bebrunzelte sie so haarscharf, daß ihrer 260 018 elend ersoffen, ohn die Weiber und kleinen Kinder. Eine Anzahl derselben aber entrann dieser Seichschwemm durch Behendigkeit der Füß. Und als sie nun schwitzend, schnaufend, speiend, außer Atem zur höchsten Stell bei der Universität ankamen, ging es an ein Fluchen, ein Lästern, etlich im Zorn, andre lachendes Mundes par ris , Schariwari, Schariwari: hilf heiliges Fräulein, der Ries' hat uns par ris getauft! Darnach seitdem die Stadt Paris geheißen ward, die man vorher Leucetia nannte, wie Strabo meldet lib. IV. , das ist auf griechisch Weißheim, von den weißen Beinen der Frauen des Orts. Und gleichwie nun bei dieser neuen Namensstiftung ein jeder in der Meng bei dem Phariser und Heiligen seines Kirchspiels schwur, so sind die Pariser, als ein Volk aus allen Enden und Stücken geflickt, von Haus aus gute Schwörer und Störer und ein wenig oben hinaus. Daher auch Joaninus de Baranco, libro de copiositate reverentiarum der Meinung ist, daß sie mit einem griechischen Namen Parrhesier, das ist erschreckliche Plaudertaschen, genannt worden sind. Hiernächst besah er die großen Glocken auf selbigen Türmen und ließ sie harmonisch zusammen läuten; und während er also dies noch trieb, kam ihm zu Sinn, daß sie als Schellen seiner Mähre gut zu Hals stehn müßten, die er seinem Vater, mit Käsen von Brie und neuen Heringen wohl beladen, wieder heimschicken wollte; nahm sie also mit in sein Herberg. Da kam die ganze Stadt in Aufruhr, wie ihr wohl wißt, daß sie dazu gar leicht geneigt ist, dergestalt, daß sich die fremden Nationen über der Könige Geduld in Frankreich entsetzen, warum sie diesen Hang nicht durch gute Justiz mehr im Zaum halten, hinsichtlich dessen vielen Nachteil, so tagtäglich daraus entstehen. Wollt' nur Gott, ich wüßt' die Werkstatt, wo diese Monopolien und Schismata geschmiedet werden; so wollt' ich sie den Brüderschaften meines Sprengels wohl offenbaren. Dies glaubt, die Stätte, wo das Volk ganz nuppig und rapplig zusammenlief, war Nesle, wo damals, jetzt nicht mehr, das Orakel von Leucetien war. Da ward der Handel fürgebracht, und der aus Ablösung der Glocken besorgliche Schaden dargetan. Nachdem sie nun viel pro et contra argumentieret und diskutieret, ward zum Schluß beschlossen, den Ältesten und Würdigsten der Fakultät an den Gargantua abzuschicken, daß er ihm den grausamen Schaden dieses Glockenverlustes fürhielt. Und ohnerachtet zwar etliche von der Universität abrieten und meinten, daß sich dies Geschäft mehr für einen Orator als einen Sophisten schickt', ward doch zu dieser Legation der Meister Jonas Fochtelnburg zuletzt bestellt und auserkoren. Dreizehntes Kapitel Wie Jonas Fochtelnburg an den Gargantua abgeschickt ward, die großen Glocken wiederzuholen Meister Jonas, wie Cäsar kahlgeschoren, seine Kapuze nach altem Stil über die Schultern hergeworfen, den Magen mit Backofen-Latwerg und heiligem Keller-Weihbrunn wohl geschützt, schritt sofort zur Herberg des Gargantua. Vor ihm her trieb er drei rotschnauzige Pedellenkälber, und hinterdrein folgt' ihm ein Schlepp von fünf Magistris inertibus Wortspiel, statt: lat. magister in artibus – franz. inerte = träge, untätig. oder sechsen, bis über die Ohren wohl bedreckt von wegen Wasserersparnis. An der Tür begegnet' ihnen Ponokrates und erschrak bei sich, als er sie so verkappt sah, dacht', es wären tolle Fastnachtsbutzen. Darnach befragt' er sich bei einem der inertischen Magistri vom Nachtroß, was der Mummschanz sollte. Der antwortet ihm, sie wären wegen der Glocken da, daß man ihnen die wiedergäbe. Alsbald er diesen Bescheid vernommen, lief Ponokrates zum Gargantua und bracht' ihm die Nachricht, daß er auf eine Antwort denken und auf der Stell erwägen möcht, was er zu tun hätt'. Gargantua, hievon belehrt, nahm auf die Seit Ponokrates seinen Präzeptor, Philotim seinen Haushofmeister, Gymnast seinen Waffenträger und den Eudämon und beriet sich mit ihnen summarisch, was zu tun und zu antworten war'. Da waren sie denn all der Meinung, daß man sie sollt' zum Schenktisch führen und auf bäuerisch eins trinken lassen; und damit dieser Huster sich nicht überheb, als ob man die Glocken ihnen auf sein Gesuch hätt' wiedergeben, wollt' man (derweil er schöppelt') den Schultheiß, den Rektor von der Fäkultät und den Pfarrer des Kirchspiels rufen lassen und ihnen, ehe der Sophist seine Kommission vorbrächt, die Glocken aushändigen, hernachmals aber in ihrem Beisein seinen schönen Sermon anhören. So geschah es; und als die Obgenannten erschienen, ward der Sophist in vollen Saal hereingeführt. Da hub er hustend folgendermaßen zu reden an: Vierzehntes Kapitel Des Meisters Jonas Fochtelnburg Anred an den Gargantua um Wiedererlangung der Glocken Ehem, hem, hem, bonsdies, Gestrenger, bonsdies: et vobis liebe Herrn. Es wär doch halt nit mehr als billig, wenn ihr uns unsre Glocken wolltet wiedergeben. Denn sie tun uns gar sehr vonnöten. Hem, hem, hasch! Wir haben wohl eher schon gut Geld dafür ausgeschlagen, so uns die von Londen in Cahors anboten, desgleichen die von Bordeaux in Brie, welche sie haben kaufen wollen wegen der substantifikalischen Qualität der elementaren Komplexion inthronifizieret innerhalb der Terrestrität ihrer quidditativischen Natur zur Extraneisierung der Halonen und Turbinen von unsern Reben, wenn auch nicht der unsrigen, doch dicht beian. Denn verlieren wir das Rebenblut, so verlieren wir alles, Mut und Gut. Gebt ihr sie auf mein Bitt uns wieder, verdien' ich sechs Stab Würst daran und ein guts Paar Hosen, die meinen Beinen wahrlich werden zustatten kommen, so sie ihr Wort nicht wie Schelme halten. Ho, Domine , bei Gott, ein Paar Hosen ischt guet et vir sapiens non adhorrebit illud . Ha, nicht jeder Mann hat ein Paar Hosen, der möcht, das weiß ich wohl an mir. Schauns Domine , es sind nun schon an die achtzehn Tag her, daß ich an dieser schönen Red spintisier' und kau'. Reddite quae sunt Caesaris Caesari, et quae sunt Dei, Deo. Ibi jacet lepus. Mein Treu, Domine , wann ihr bei mir zu Nacht wollt essen in camera bei dem Sanct Chrisam charitatis nos faciemus bonum cherubin. Ego occidi unum porcum, et ego habet bonum vino . Aber von einem guten Wein red' man gut Latein. Wohlan, de parte Dei, date nobis Glockas nostras . Schauns her, ich schenk und übergeb euch auch von unsrer Fakultät ein Sermones de Utino, utinam , daß ihr uns unsre Glocken wollt geben. Vultis etiam Ablassios ? Per Diem, vos habebitis, et nihil zaletis . O Herr Domine, glockidonaminor nobis! Ohe! est bonum urbis . Brauchts alle Welt. Seins eurer Mähren etwan g'sund? Ei, unsrer Fakultät nicht minder, quae comparata est jumentis insipientibus, et similis facta est eis, psalmo nescio quo , obschon ich mir's auf meinem Papierl gar wohl notiert hab', et est unum bonum Achilles , hem, ehehem, hem, hasch: he! Ich beweis' euch's, daß ihr's uns geben sollt und müßt. Ego quidem sic argumentor. Omnis Glocka glockabilis in glockerio glockando, glockans glockativo, glockare facit glockabiliter glockantes. Parisius habet glockas. Ergo Klotz . Ha, ha, das heißt parliert, das! Ist in tertio primae in Darii oder wo anders. Auf mein Seel, ich hab' die Zeit g'sehen, da ich hab' Teufel mit Argumentieren angestellt; jetzt aber kann ich nix mehr denn faseln. Nun bekommt mir nix besser als ä gut Weinl, gut Bett, den Rucken am Feuer, den Bauch beim Tisch und ein fein tiefe Platten. Hei Domine , ich bitt euch doch, in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti, amen , daß ihr uns unsre Glocken wiedergebt. So helf euch Gott vom Übel und unsre liebe Frau von der Gesundheit, qui vivit et regnat per omnia saecula saeculorum, amen . Hem, hasch, chasch, rax hem, hasch. Verum enim vero, quando quidem, dubio procul. Aedepol quoniam ita certe meus deus fidius , eine Stadt ohn Glocken ist wie ein Blinder ohn Stecken, ein Esel ohn Schwanzriem und ein Kuh ohn Schellen. So wollen wir, bis ihr's uns wiedergebt, nicht ablassen, hinter euch drein zu schreien wie ein Blinder, der seinen Stecken verloren, zu brällen wie ein Esel ohn Schwanzriem, zu muhen wie ein Kuh ohn Schellen. Ein gewisser Latinisator (er wohnt beim Spittel) sagt' einmal, und berief sich auf das Ansehn eines Taponus, er möcht' wünschen, daß sie von Federn wären, die Glocken, und der Schwengel ein Fuchsschwanz drin, weil er nur allezeit die Chronik in den Kutteln seines Hirns davon hätt', wenn er seine Carmina macht'. Er ward aber, rix, rax, puff, paradauz zum Ketzer proklamiert – wir machen sie wie die Suppenklößel. Mehr sagt jetzt Deponent nicht. Valete et plaudite, Calepinus recensui .« Fünfzehntes Kapitel Wie der Sophist sein Tuch davontrug, und wie er mit den andern Meistern Prozeß bekam Der Sophist hatt' nicht sobald geendigt, da brachen Ponokrates und Eudämon in ein so gründliches Gelächter aus, daß sie den Geist Gott aufzugeben vermeineten, nicht mehr noch minder als Crassus, da er den Eselshengst sah Disteln fressen, und als Philemon, welcher über einen Esel, der die zum Imbiß ihm bestellten Feigen aufaß, vor Lachen starb. Nebst ihnen fing auch Meister Jonas mit in die Wett zu lachen an, was hast was kannst, daß ihnen sämtlich das Wasser aus den Augen schoß durch die heftige Erschüttrung der Hirnsubstanz, der diese tränige Feuchtigkeit erpreßt und die optischen Nerven entlang verflößet ward. Als nun dies Lachen gänzlich gestillet, beratschlagt' sich Gargantua mit seinen Leuten, was zu tun wär. Da riet Ponokrates, daß man den schönen Redner wiederum über den Humpen schicken sollt': und weil er ihnen mehr Kurzweil und Lachen als alle Possendichter zusammen bereitet hätt', so sollt' man ihm die in der lustigen Red erwähnten zehn Stab Würst gewähren, auch ein Paar Hosen, dreihundert Scheit Stockholz, fünfundzwanzig Ohm Wein, ein Bett mit dreifachen Decken von Gänseflaum und einen ziemlich weiten und tiefen Napf, welches, wie er sagt', seinem Alter vonnöten wäre. Solches alles ward vollstreckt, wie es der Rat beschlossen hat. Aber das best' war, wie der Huster ganz keck in öffentlicher Versammlung bei den Maturinern seine Hosen und Würst noch einmal fordert'; denn sie wurden ihm peremptorie abgeschlagen, weil er sie – laut darüber erholter Zeugnis – schon vom Gargantua erhalten hätt. Er repliziert' dagegen, es wär solchs gratis und eine freiwillige Gab von ihm gewesen, wodurch sie mitnichten ihres Versprechens entledigt wären. Es ward ihm aber zur Antwort gegeben, daß er sich eines Billigen vergnügen sollt und für ihn weiter nix setzen würd. »Was Billigen!« sprach Jonas, »billig! Es ist nicht Brauchs hie unter uns; ihr leidigen Verräter taugt den Teufel nicht, der Boden trägt kein ärger Schelmenvolk als ihr seid. Ich kenn euch wohl, o hinket nur nicht vor den Lahmen. Denn ich hab' die Schelmerei mit euch getrieben. Beim heiligen Milz! Dem König will ich die greulichen Frevel, die hie im Schwang gehn, offenbaren; all eure Ränke und Diebskniffe. Und der Aussatz treff mich, wenn er euch nicht all lebendig verbrennen läßt als Ketzer, Landsverräter, Leutverführer, als aller Tugend und Gottes Feind!« Auf diese Wort stellten sie wider ihn Artikel – er andernteils zitiert' sie und setzt' ihnen einen Tag. In Summa, der Prozeß ward bei dem Hofgericht anhängig und hängt noch da. Die Magistri schwuren von Stund an, sich den Dreck nicht eher abzuwischen, und Meister Jonas samt seinem Anhang, sich die Nas nicht eher zu schneuzen, bis drüber durch endlichen Spruch erkannt wär. Von dem Gelübd an sind sie dreckig und rotzig verblieben bis diesen Tag; denn das Gericht hat noch nicht alle Punkte und Stücke zu End ergrabelt. Der Spruch soll auf den nächsen griechischen Neumond gefällt werden, das will sagen, nimmermehr. Sechzehntes Kapitel Von des Gargantua Studien unter seinen sophistischen Lehrern Nachdem die ersten Tag also verbracht und die Glocken an ihren Ort gebracht waren, erboten sich die Pariser aus Dankbarkeit für solche Großmut, seine Mähre, so lange er wollt', zu unterhalten und zu ernähren, welches er auch gern geschehn ließ. Sie schickten sie in den Forst von Biere auf die Weid. Ich glaub, jetzt ist sie nicht mehr da. Darnach wollt' er mit aller Macht nach Ponokrates' Anweisung studieren lernen. Dieser aber verordnet', daß er fürs erste noch bei seiner alten Weis und Gewohnheit bleiben sollt', damit man dahinter kommen möcht', durch welch Verfahren ihn seine alten Lehrmeister in so langer Zeit so gar unwissend blöd und damisch gemacht hätten. Also teilt' er seine Zeit dergestalt ein, daß er für gewöhnlich zwischen acht und neun sich ermuntert', es mocht nun Tag sein oder nicht. Darauf strampelt', wälzt' und sielt' er sich eine Zeitlang im Bett herum zur Erfrischung seiner Lebensgeister und kleidet' sich nach der Jahreszeit an: doch trug er gern einen langen großen Rock von dickem Fries mit Füchsen gefüttert. Darauf strählt' er sich mit dem Schwäbischen Kamm, das sind die vier Finger und der Daumen. Denn seine Lehrer pflegten zu sagen, wer anders sich strählt', wüsch' oder säubert', verdürb die Zeit nur in dieser Welt. Darauf schiß er, pißt' er, kotzt' er, rülpst' er, furzt' er, spie er, hustet', räuspert', niest' und rotzt' wie ein Archidiakonus und frühstückt' – den bösen Tau und Nebel zu legen – feinen Rostbraten, schöne Bratkutteln, schöne Schinken, leckre Rebhuhntunken und Frühsuppen vollauf. Ponokrates verwies ihm zwar, so jählings vom Bett weg zu füttern, eh er zuvor ein Übung gehabt hätt'. »Ei was Übung!« antwortete ihm Gargantua, »hab' ich nicht Übung genug gehabt? Ich hab, eh ich aufstund, sechs bis sieben Gänge im Bett herum turniert: ist das nicht genug? Papst Alexander tat es auch so, nach dem Rat seines jüdischen Arztes, und lebt', bis er starb, seinen Neidern zu Leid. Meine ersten Meister haben mich dran gewöhnt und gesagt, das Frühstücken mach ein gut Gedächtnis, tranken derhalb auch immer vorweg. Ich befind mich gar wohl dabei, ich speis' nur desto besser drauf zu Mittag.« Als er nach allem Vorteil nun wohl gefrühstückt, ging er zur Kirchen, und trug man ihm in einem großen Korb ein dick verpantoffelt Brevierbuch nach, das wog im Schmeer, Klausuren und Pergament elf Zentner sechs Pfund, was weniges darunter oder drüber, da hört' er dann etwa sechsundzwanzig bis dreißig Messen. Inzwischen kam sein Kaplan auf den Platz, in seiner Kapuze steckend wie ein Wiedehopf, auch seinen Atem mit Weinbeersirup geziemendlich balsamiert. Mit dem mämmelt' er all sein Kyrieleisli und körnt' sie so sorgsam aus, daß auch nicht ein einzigs Sämlein davon zur Erden fiel. Wann er dann wieder aus der Kirch ging, führt' man ihm auf einer Ochsenschleif einen großen Rosenkranz von Sankt Claudi nach, jedwede Kugel dran so schwer als ein Kinderkopf. Damit ging er im Kloster, im Kreuzgang oder im Garten auf und ab, und betet' ihrer mehr denn sechzehn Klausner an den Fingern herunter. Darnach studiert' er ein leidig halb Stündlein, die Augen starr auf sein Buch gerichtet, aber sein Seel (wie der Komikus sagt) war in der Küche. Seicht' sodann ein Nachtgeschirr bis an den Rand voll und setzt' sich zu Tisch; und weil er phlegmatischer Natur war, fing er seine Mahlzeit mit etlichen Dutzend Schinken, geräucherten Ochsenzungen, Würsten und andern dergleichen Durstschürern an. Mittlerweil warfen ihm vier seiner Leut ohne Unterlaß einer nach dem andern Senf mit vollen Schaufeln ins Maul. Drauf tat er einen erschrecklichen Zug weißen Weins, um die Nieren zu kühlen. Aß dann, was just die Jahreszeit gab, so viel ihm beliebt', und hört' alsdann mit Essen auf, wann ihn der Bauch spannte. Im Trinken hatt' er kein Maß noch Regel; denn, sagt er, des Trinkens Schrank und Ziel wär, wenn des trinkenden Kerls Korksohle in den Pantoffeln um einen halben Schuh auflief und in die Höhe schwöll. Siebzehntes Kapitel Wie Gargantua beim Ponokrates solcher Lehrzucht teilhaft ward, daß ihm nicht eine Stund vom Tag verlorenging Als Ponokrates die falsche Lebensart des Gargantua erkannt, beschloß er, ihn in seinen Studien anders zu führen: doch übersah er's ihm noch die ersten Tag, da die Natur nicht ohn große Gewalt eine plötzliche Ändrung erleiden mag. Um also desto reiflicher sein Werk zu beginnen, ersucht' er einen gelehrten Arzt derselben Zeit, mit Namen Meister Theodor, darauf zu denken, wie man den Gargantua auf bessern Weg geleiten möchte. Selbiger purgiert' ihn kanonisch mit Nieswurz von Anticyra und reinigt' ihm durch solche Arznei das Hirn von aller Alteration und bösen Gewohnheit. Auch bracht' ihm Ponokrates durch dies nämliche Mittel alles in Vergessenheit, was er unter seinen alten Lehrern erlernt hatt'. Solches besser ins Werk zu richten, führt' er ihn in die Versammlungen der gelehrten Leut ein, die es dort gab, aus deren Nachahmung ihm der Geist und das Verlangen wuchsen, auf eine andere Art zu studieren und sich besser herfürzutun. Darnach half er ihm dergestalt ins Gleis der Studien, daß er auch nicht eine Stund vom Tag verlor, vielmehr sein' ganze Zeit mit edler Kunst und Wissenschaft zubrachte. Es erwacht' demnach Gargantua gegen vier Uhr des Morgens. Während man ihn abrieb, ward ihm eine Seite aus der Heiligen Schrift laut und vernehmlich hergelesen mit jeden Kapitels schicklichem Vortrag, und war dazu ein junger Knab angestellt, namens Anagnostes. Auf Anlaß und Inhalt selbiger Lektion erging er sich öfters im Gebet, Lobpreis und Danksagungen gegen den guten Gott, des Majestät und wunderbares Gericht ihm die Schrift offenbaret hätt'. Dann begab er sich auf den heimlichen Ort, um sich der natürlichen Verdauungsmaterie zu entladen. Da wiederholet' ihm sein Präzeptor, was gelesen worden war, und legt' ihm die schwerverständlichsten Punkte aus. Kamen sie dann wieder zurück, so beschauten sie sich den Stand des Himmels, ob er noch war, wie sie ihn abends zuvor gemerkt, in welche Zeichen die Sonn am selbigen Tag einträt, desgleichen der Mond. Wenn dies vollbracht war, ward er gekleidet, gestrählt, geputzt und parfümieret, währenddes man mit ihm die Lektiones des vorigen Tages repetiert'. Die sagt er selbst auswendig her und gab dazu allerlei praktische Fäll und Exempel aus dem Weltlauf an, welches mitunter an zwei, drei Stunden währt'; hörten jedoch meist auf damit, sobald er fertig gekleidet war. Darauf ward drei volle Stunden lang mit ihm Lektion gehalten. Hierauf gingen sie aus und sprachen dabei vom Inhalt der Lektür, ergötzten sich im Ballhaus oder auf den Wiesen mit Ballspiel, dem Handball oder Dreiball, übten ebenso weidlich nun den Leib, als sie zuvor die Seelen geübt. Ihr ganz Spiel war nach Lust und Freiheit, denn sie ließen davon ab, wann es ihnen wohlgefiel, und hörten gemeinlich zu spielen auf, wann sie am Leib von Schweiße trieften oder sonst ermüdet waren. Da wurden sie aufs beste getrocknet und abgerieben, zogen frische Hemden an und schlenderten sacht davon, zu sehen, ob der Imbiß gargekocht wär'. Während sie nun darauf warteten, sagten sie deutlich und beredsam etliche Sprüche her, so sie aus der Lektion behalten. Inzwischen kam Herr Appetit, und sie setzten sich mit guter Ordnung zu Tisch. Da ward zu Anfang des Essens etwa eine feine Geschichte von alten Heldentaten verlesen, bis man erst einen Trunk getan hätt'. Dann, wenn es gefällig, fuhr man in der Lektüre fort, oder sie fingen auch miteinander lustig zu diskurrieren an, handelten zuvörderst von Tugend, Kraft, Eigenschaften und Natur alles dessen, was ihnen bei Tisch servieret ward: vom Brot, Wein, Wasser, Salz, Fleisch, Fischen Früchten, Kräutern, Wurzeln und deren Zubereitung. Durch welch Verfahren er in kurzem alle hierauf bezügliche Stellen im Plinius, im Athenäus, Dioskorides, Julius Pollux, Galen, Porphyrius, Oppianus, Polybius, Aristoteles, Heliodorus, Aelianus und vielen andern kennen lernt'. Ließen auch öfters noch solchen Gesprächen zur größeren Vergewisserung Bücher an die Tafel bringen: dadurch er die gedachten Stücke so fein und tief ins Gedächtnis prägt', daß dazumal kein Arzt war, der nur halb so viel davon als er verstanden hätt'. Dann sprachen sie von den früh gelesenen Lektionen und endeten ihre Mahlzeit mit einem Quittenkonfekt; da stochert' er sich die Zähn mit einem Mastixstengel, wusch Händ und Augen in schönem frischem Wasser, und sie brachten Gott in etlichen guten, zum Lobe göttlicher Huld und Milde verfaßten Liedern ihren Dank dar. Wenn dies vorüber, trug man Karten auf, nicht um zu spielen, sondern daraus viel tausend kleine neue Fündlein und Artigkeiten zu erlernen, die all in die Rechenkunst einschlugen, wodurch er selbige Zahlenweisheit sehr liebgewann und sich alle Tag die Zeit nach Mittag- und Abendessen damit so angenehm vertrieb, als weiland mit den Würfeln und Karten. Und nicht allein hierin, sondern auch in den andern mathematischen Scienzien, als Geometrie, Astronomie und Musik. Denn während sie die Verdauung ihrer Speisen abwarteten, machten sie tausend kleine zierliche geometrische Instrumente und Figürlein, praktizierten auch die astronomischen Kanones. Nach diesem verlustierten sie sich musikalisch zu vier, fünf Stimmen, oder über ein Thema zu singen, was nur zum Hals heraus wollt'. Und von musikalischen Instrumenten lernt' er spielen das Spinett, die Laut, die Harf, die deutsche Zwergpfeif und die neunlöchrige, die Viola und die Baßposaun. Nachdem man diese Stund also verwandt und die Verdauung vollbracht hatt', purgiert' er sich des natürlichen Überlastes und ging darnach drei Stunden oder länger wieder an sein hauptsächliches Studium, teils die Morgenlektion zu wiederholen, sein vorgenommen Buch und Materie auszuführen, teils auch schreibend die alten römischen Lettern zu zeichnen und formieren zu lernen. Wenn er damit fertig, gingen sie aus ihrem Quartier nebst einem jungen Edelmann aus Touraine mit Namen Gymnastes, seinem Waffenträger, der lehrt' ihm die Reitkunst. Da wechselt' er die Kleider und bestieg ein Rennroß, einen Spanier, Holsteiner, Berber, ein leichtes Pferd. Dem gab er hundert Karrieren, ließ es in die Luft springen, über Pfähl und Gräben setzen, kurz im Kreis traben, links und rechts. Da brach er nicht etwa die Lanz, sondern sprengt' mit seiner starken stählernen Waffe ein Tor auf, zerspellt' einen Panzer, stutzt' einen Baum, spießt' einen Ring, entführt' einen Rüstsattel, einen Halsberg, einen Handschuh, und dies Getänzel und ritterliche Spielen zu Roß verstund kein Mensch so gut als er. Vornehmlich war er wohl geübt, von einem Pferd schnell auf das andre überzuspringen, ohne die Erd zu streifen; die Lanz in der Faust von beiden Seiten aufzusitzen, ohn Stegreif; ohn Zaum nach seinem Willen das Roß zu lenken. Denn solche Wagstück dienen zur Kriegszucht. Einen andern Tag übt' er sich mit der Streitaxt, die er so wacker ansetzt', so kräftig nach einem jeden Stoß wieder einholt', so geschmeidig im Rundhieb schwenkt', daß er im Feld und allen Proben für einen geschlagenen Ritter galt. Dann schwang er die Piken, focht mit dem breiten zweihandigen Schwert, mit dem Bastardschwert, dem spanischen, mit dem kurzen Degen, dem Dolch, mit und ohn Harnisch, mit Schild, im Mantel, und mit dem Rundschild. Hetzt' den Hirschen, den Rehbock, den Bären, den Damhirsch, den Eber, den Hasen, das Rebhuhn, den Fasan, den Trappen. Schlug den großen Ball und prellt' ihn in die Höh, sowohl mit Füßen als mit Fäusten. Schwamm in vollem Strom, grad, rücklings, auf der Seit, mit ganzem Leib, mit den Füßen allein, eine Hand in der Luft, darin er ein Buch hielt; so rudert' er, ohn daß dies naß ward, über den ganzen Seinefluß und zog seinen Mantel in den Zähnen nach, wie Julius Cäsar. Drauf schwang er sich auf einer Hand mit großer Gewalt in einen Kahn, stürzt' sich daraus von neuem ins Wasser, den Kopf voran, sondiert' den Grund, durchforscht' die Klippen, taucht' in die Strudel und Abgründ unter, dreht' dann den Kahn, und steuert', fuhr jählings, langsam, stromauf, stromunter, hielt ihn an im vollen Schuß, lenkt' ihn mit einer Hand, mit der andern tummelt' er ein mächtiges Ruder, strafft' das Segel, stieg auf den Stricken zum Mast hinan, lief aufs Gestäng, richtet' den Kompaß, bracht' die Bolinen untern Wind, spannt' den Helmstock. Wenn er dann aus dem Wasser kam, lief er mit Macht den Berg hinauf und gleichen Sprunges wieder hinunter, erklettert' die Bäum wie ein Katz, sprang wie ein Eichhorn von einem zum andern, stieg mit zwei wohlgestählten Dolchen und zween probrechten Reiterböcken auf den First eines Hauses wie ein Ratz hinan und wieder herunter mit so geschickt verschränkten Gliedern, daß ihm kein Fall ein Leids tun konnt'. Man band ihm ein Tau an einen hohen Turm, das bis zur Erden reichte: an selbem haspelt' er mit beiden Händen hinan, dann fuhr er wieder so stramm und sicher daran herunter, daß ihr's auf gleicher Weisen nicht besser könntet. Man steift' ihm einen starken Balken zwischen zwei Bäum, daran hing er sich mit den Händen und ruscht' so flink dran hin und wider, ohn mit den Füßen wo anzustoßen, daß man ihn in gestrecktem Lauf nicht ereilt hätt'. Auch um sich die Lung und den Thorax zu üben, brüllt' er so laut wie tausend Teufel. Ich hab' ihn einmal den Eudämon von Sankt Viktorspforten her bis zu Montmartre rufen hören. Stentor im Treffen vor Troja hatt' fürwahr noch lang kein solche Stimm. Und um die Flechsen zu kräftigen, hatt' man ihm ein Paar große Bleimulden gegossen, eine jede 8700 Zentner schwer, die er Hanteln nannt'. Dieselben nahm er von der Erd auf, in jede Hand eine, und hub sie über den Kopf in die Höh: hielt sie also unverwandt dreiviertel Stunden und länger empor, was eine unnachahmliche Stärke war. Wann er nun also die Zeit verbracht und sich getrocknet, abgerieben, gewischt und mit neuen Kleidern erfrischt hatt', zog man ganz langsam wieder heim, und da nahmen sie ihren Weg etwa über die Wiesen oder Örter, wo Kraut und Gras wuchs; da beschauten sie sich die Bäum und Kräuter und hielten sie gegen die Bücher der Alten, so davon geschrieben haben, und brachten alle Händ voll mit nach Haus davon, wo es ein junger Edelknecht namens Rhizotomus aufbewahrte. Sobald sie nun nach Haus gekommen, wiederholten sie, derweil man das Nachtbrot rüstet', etliche Punkte von dem, was sie gelesen hatten, und saßen damit bei Tisch. Hie merket, daß sein Imbiß nüchtern und mäßig bestellt war, denn er aß allein nur so viel, um das Bellen des Magens zu beschwichtigen. Aber sein Nachtmahl war vollauf und reichlich, denn er nahm dann ein, soviel ihm zu seiner Leibesnahrung und Unterhalt vonnöten war. Welches auch die wahre Diät nach guter und zuverlässiger Vorschrift der Arzeneikunst ist, soviel auch ein Troß mauläffischer Ärzte, in der Sophisten Werkstatt versauert, dawider meinen und belfern mögen. Während der Mahlzeit ward die Lektüre vom Morgenimbiß fortgesetzt, so lang es ihnen gefällig war, und die übrige Zeit mit guten, gelehrten und nützlichen Reden verbracht. Drauf nach verrichtetem Dankgebet fing man wiederum musikalisch zu singen und auf wohlgestimmten Instrumenten zu spielen an, oder die kleinen Zeitvertreib mit den Karten, Würfeln und Bechern. Blieben dabei im vollen Jubel zusammen und unterhielten sich zu Zeiten damit bis Schlafengehn. Bisweilen auch besuchten sie die Versammlungen gelehrter Leut und solcher, die fremde Länder gesehen. Um Mitternacht, bevor sie sich zur Ruh begaben, stiegen sie auf den freiesten und höchsten Söller ihres Hauses, des Himmels Antlitz zu beschauen; und gaben da auf die Kometen acht, wann's ihrer hatt', auf die Figuren, Aspekten, Stellungen, Oppositionen und Konjunktionen der Gestirne. Dann rekapituliert' er kurz nach der Pythagoräer Art mit seinem Lehrer alles, was er im Lauf des Tags gehört, verkehrt, getan und gelesen hatt'. Und sie riefen Gott den Schöpfer im Gebet an, stärkten ihren Glauben zu ihm, lobpriesen seine unendliche Güte, und gleich wie sie ihm Dank für alles Vergangene sagten, so befahlen sie sich auch in alle Zukunft seiner göttlichen Gnad und Huld. Wann dies vollbracht war, gingen sie schlafen. Achtzehntes Kapitel Wie sich Gargantua bei Regenwetter die Zeit vertrieb Begab sich's, daß das Wetter regnicht und trüb war, so bracht' man die ganze Zeit vor Mittag wie gewöhnlich zu, außer daß er ein schön hell Feuer anmachen ließ, die Feuchtigkeit der Luft zu mildern. Aber nach dem Mittagessen blieben sie, statt der sonst üblichen Leibesübungen, zu Haus und unterhielten sich aus Gründen der Hygiene mit Heubinden, mit Holzspalten und Sägen und Garbendreschen in der Scheun. Dann trieben sie die Malerei und Schnitzkunst; oder brachten auch das alte Knöchleinspiel wieder auf die Bahn und gedachten unter dem Spielen der Stellen in den alten Autoren, da dieses Spieles Meldung geschieht oder ein Gleichnis daraus entlehnt ist. Oder gingen auch aus und sahen, wie man die Metalle schmolz und schied, oder Geschütz goß, oder besuchten die Goldschmiede, die Juweliere, Steinschneider, Alchimisten und Münzer, desgleichen die Weber, Sammet- und Tapetenwirker, die Uhrmacher, Spiegelschleifer, Orgelbauer, Drucker, Färber und mehr dergleichen Handwerksleut, und überall wo sie hinkamen, da teilten sie Trinkgelder aus, wogegen sie die Industrie und Erfindsamkeit der Gewerbe betrachteten und einsehn lernten. Wohnten auch den öffentlichen Lektionen, den feierlichen Akten, Repetitionen, Deklamationen, Zeugenverhören der artigen Anwälte, den Sermonen der evangelischen Priester bei. Oder man trieb sich durch die Säle und Schulen, wo gefochten ward, schlug sich daselbst auf alle Waffen mit den Meistern und bewies ihnen augenscheinlich, daß er davon soviel als sie, ja mehr verstünd. Und statt des Herborisierens gingen sie in die Spezereigewölb, zu den Kräuterhändlern und Apothekern, untersuchten da aufmerksam die fremden Wurzeln, Blätter, Frücht und Sämereien, Salben, desgleichen, wie man sie verfälscht. Besucht' die Gaukler, Taschenspieler und Marktschreier, und betrachtet' sich ihr Treiben, ihre Finten, Gesten, Kapriolen und rastloses Mundwerk, sonderlich derer von Chaunys in Pikardien; denn dies sind von Haus aus die allergrößten Schwadronierer und Possenreißer. Wenn sie sodann zum Abendbrot heimkamen, aßen sie um vieles mäßiger als die andern Tag, und mehr austrocknende, dünnende Speisen, damit die unvermeidlich dem Körper mitgeteilte feuchte Luft dadurch verbessert würd' und ihnen nicht nachteilig wär', weil sie nicht, wie gewöhnlich, eine Leibesübung zuvor gehabt. So ward Gargantua geleitet und schritt tagtäglich weiter vor in diesem Gleise, profitierend, wie ihr selbst einseht, daß ein junger Mann seines Alters von guten Gaben bei also fortgesetzter Übung wohl profitieren muß. Um ihm eine Fristung von so schwerer Geistesarbeit zu geben, erkor Ponokrates in jedem Monat einen schönen hellen Tag aus, an dem sie morgens früh aus der Stadt aufbrachen und entweder gen Gentily oder gen Boulogne, Montrouge oder Charantonsbrucken, gen Vanves oder Saint Clou zogen. Da brachten sie den ganzen Tag in aller nur ersinnlichen Lust mit Schäkern, Jauchzen, Spielen, Singen, Tanzen und Runda trinken hin, wälzten sich auf den grünen Wiesen, nahmen Spatzen aus, strichen Wachteln, fischten Krebs und haschten Frösch. Neunzehntes Kapitel Wie zwischen den Weckenbäckern von Lerné und des Gargantuas Landsleuten der große Streit entstund, daraus ein schwerer Krieg erwuchs Zu selbiger Zeit – es war um die Weinlese und Herbsten Anfang – hüteten die Hirten des Landes draußen die Reben, auf daß die Stare die Trauben nicht fräßen. Um die Zeit kamen die Weckenbäcker von Lerné mit zehn bis zwölf Karrenlasten Wecken, die sie zur Stadt führen wollten, den großen Heerweg dahergefahren. Gedachte Hirten nun baten sie bescheidentlich, ihnen für ihr Geld davon nach dem Marktpreis etliche abzustehen. Denn ihr sollt wissen, daß es zum Frühstück ein recht himmlisch Futter ist: frische Wecken mit Trauben, zumal zu den Zirbeln, Knusseln, Muskateller, Spantrauben und dem Rumor, wenn einer etwa verstopften Leibes ist; denn sie treiben's einen Knebelspieß lang, und oft, wenn du denkst ein Fürzlein zu lassen, fällt noch was anderes hervor; daher man sie nur die Weinbergsdenker heißet. Ihrem Begehren aber wollten die Weckenbäcker keineswegs willfahren, ja (was noch ärger war) schimpften sie auch noch gröblich aus und schalten sie Breitmäuler, fratzige Rotköpf, Zähnklaffer, Schabkrätzer, Bettseicher, Duckmäuser, Tagedieb, Schlecker, grobe Hachen, Taugenix, Lümmel, Schwengel, Brockenschnapper, Leutfopper, saubere Ziemer, Lappscheißer, Haderlumpen, Mollköpf, Knollfinken, Hundstaschen, Hetzenschwätzer, Hanswurst, Kuhfläder, Dreckhirten, und noch mehr dergleichen ehrenrührige Wort; und sagten ihnen dabei, sie wären nicht wert, solch edle Wecken zu fressen, sondern grob Kleienbrot tät's ihnen auch. Auf solchen Unbill trat einer von ihnen, namens Forgier, ein wohlgestalter wackrer Mann und schmucker Junggesell, herfür und antwortet' ihnen sänftlich: »Ei, seit wann sind euch die Hörner g'schossen, daß ihr so bockstolz worden seid? Ihr pflegtet's doch sonst uns gern zu geben, und jetzt weigert ihr euch? Das ist nicht nachbarlich, und wir machen's nicht also, wenn ihr bei uns die gute Frucht holt zu euren Fladen und Butterwecken. Man hätt' euch von unsern Trauben wohl noch obendrein in Kauf gegeben. Aber bei dem heiligen Kindsdreck! Es kann euch gereuen, und kann sich noch schicken, daß ihr einmal mit uns zu tun kriegt; so wollen wir euch mit gleicher Münz beschlagen, und da gedenket dran.« – Darauf fing Marcket, Großknüttelführer der Weckenbrüderschaft, an und sprach zu ihm: »Wahrlich, du machst dich mächtig patzig diesen Morgen; hast nächten g'wiß zuviel Hirsbrei gessen. Komm her, komm her, ich will dir von meinen Wecken reichen.« – Da trat Forgier in aller Einfalt zu ihm hin und zog einen Dreier aus seinem Leibgurt, vermeinend, Marcket sollt' ihm von seinen Wecken auftun. Aber er gab ihm mit seiner Geißel ein so saftiges um die Bein, daß die Knoten sich abdrückten, und nahm flugs reißaus, und wollt davonfliehn. Aber Forgier schrie Zeter mordio was er konnt', und warf ihm zugleich einen dicken Knüppel nach, den er unter dem Arm trug, womit er ihn über der rechten Schläfe so gründlich traf, daß Marcket von der Mähren fiel und mehr einem toten Menschen glich als einem lebendigen. Mittlerweile liefen die Meier, die da herum Nüß brachen, mit ihren langen Bengeln herbei und droschen diese Weckenbäcker wie grünes Sommerkorn zusammen. Desgleichen kamen die andern Hirten und Hirtinnen auf des Forgier Geschrei mit ihren Schleudern und Schlingen und sausten mit großen Wackensteinen so haarscharf hinter ihnen drein, daß man vermeint', es hagelt'. Holten sie endlich ein und nahmen von ihren Wecken ohngefähr vier bis fünf Dutzend, zahlten's ihnen jedoch nach dem gebräuchlichen Anschlag und schenkten ihnen noch dazu einhundert Wallnüß und drei Korb Gutedel. Darnach halfen die Weckner dem Marcket wieder auf seine alte Stute, denn er war schmählich blessiert, und kehrten wieder heim gen Lerné, ließen den Weg auf Pareillé für diesmal liegen, schwuren aber hoch und teuer und bedräuten alle Hirten, Schäfer und Meier von Seuillé und von Sinays schwer. Als dies vollbracht war, ließen sich's die Hirten und Hirtinnen bei den Wecken und edeln Trauben trefflich wohl sein, schwenkten sich nach der muntern Bockspfeif miteinander im Kreis herum und spotteten der großmauligen Herren Weckenritter, daß es ihnen so übel ergangen, weil sie sich nicht mit der guten Hand frühmorgens das Kreuz gesegnet hätten. Und sie wuschen dem Forgier mit Traubensaft so säuberlich die wunden Bein, daß er bald heil ward. Zwanzigstes Kapitel Wie die von Lerné, auf Geheiß ihres Königs Pikrocholus, unversehens die Hirten des Gargantua überfielen Sobald die Bäcker wieder heim gen Lerné kamen, rannten sie stracks, eh sie weiter was aßen noch tranken, aufs Kapitol und trugen da ihrem König Pikrocholus, seines Namens dem Dritten, ihre Klage vor, wiesen ihm ihre zerbrochenen Körb, zerknüllten Hüt, zerrissenen Röck, zerplackten Wecken, fürnehmlich den enorm blessierten Marcket und bezeugten, daß dies alles von den Hirten und Meiern unseres Grandgoschier am großen Fuhrweg jenseits Seuillé verübt worden wär. Da geriet derselbe plötzlich in einen rasenden Zorn und ließ ohn alle weitere Nachfrag, wie oder wann, durch sein ganzes Land den Heerbann ausschrein, und daß jedermann bei Stranges Straf um Mittag auf dem großen Platz vorm Schloß gewappnet erscheinen sollte. Zur Bekräftigung seines Vorhabens ließ er die Trommeln durch die Stadt um rühren, ging selbst aus, derweil man ihm den Imbiß rüstet', und ließ sein Geschütz auf Achsen ziehen, sein Feldpanier und Oriflamm entfalten, schwere Munition an Feld- und Magenfutter aufschütten. Zwischen dem Essen bestellt' er die Ämter und Kommissionen, und ward sofort auf seinen Befehl der Signor Zottlich zum Obersten über die Vorhut ernannt, die 16014 Schützen und 30011 Schwärmer stark war. Zum groben Geschütz, bestehend aus 914 ehernen Stücken an Kanonen, Doppelkanonen, Basilisken, Kulverinen, Feldschlangen, Kartaunen, Falkaunen, Spirolen, Passevolanten und anderm Kaliber, ward der Großschildhalter Starenstör befehliget; das Hintertreffen kommandiert' der Herzog Batzenschraper, und in der mittleren Schlachtordnung hielt der König selbst mit den Prinzen des Reiches. Also aus dem gröbsten gerüstet, schickten sie vor ihrem Aufbruch noch dreihundert leichte Pferde unter dem Hauptmann Schluchsenwind auf Kundschaft aus, ob etwa wo ein Hinterhalt im Gau versteckt läg': fanden aber nach fleißiger Durchspähung die ganze Landschaft ringsum ruhig und still, ohne irgendeine Zusammenrottierung. Welches Pikrocholus nicht sobald vernahm, als er befahl, daß alle Fähnlein schleunig marschieren sollten. Da fielen sie sonder Zucht noch Ordnung all durcheinander querfeldein; verdarben und verwüsteten alles, wohin sie kamen, schonten weder reich noch arm, weder heilige noch profane Stätten, entführten Ochsen, Kälber, Küh, Farren, Schaf, Schöpsen, Geißen und Widder, Hühner, Kapphähn, Küchlein, Gäns, Schwein, Säue, Ferkel, schlugen die Nüß ab, herbsteten den Wein, verschleppten die Rebstöck, schüttelten alles Obst von den Bäumen – es war ein Unfug, nicht zu sagen, den sie verübten. Und fanden auch nirgend Widerstand, sondern alles ergab sich ihnen auf Gnad und Ungnad und baten sie fußfällig, mit ihnen doch glimpflicher umzugehn, in Ansehung, daß sie von jeher ja gute Freund und Nachbarsleut gewesen wären und ihnen nie etwas zu Leid noch Schimpf getan, dafür man sie so jählings übel plagen sollt' – und Gott würd' sie dafür gewiß in kurzem strafen. Es ward ihnen aber auf ihre Bitten nichts weiter zur Antwort, als daß man sie ein andermal wohl Wecken essen lehren wollte. Einundzwanzigstes Kapitel Wie ein Mönch von Seuillé den Abteigarten vor der Feinde Plünderung schützte Und trieben's immer schindend und plagend, raubend und stehlend also fort, bis sie gegen Seuillé kamen; zogen Mann und Weib aus, nahmen, was sie nur erlangen mochten: es war ihnen nichts zu heiß noch zu schwer. Wiewohl die Pest in den meisten Häusern war, liefen sie doch in alle hinein, mausten alles heraus und keiner nahm einen Schaden. Welches wohl ein fast erstaunlicher Fall war; denn die Priester, die Prediger, die Pfarrherrn, Ärzte, Feldscherer und Apotheker, die die Kranken besuchten, Beichte hörten, warnten, warteten, kurierten, trösteten und verbanden, waren schon alle an dem Gift gestorben, und diese Teufelsräuber und Mörder kam auch nicht ein Schauder an. Woher kommt dies, ihr Herrn? Ich bitt', denkt doch nach. Als nun der Flecken so ausgesackt war, stürmten sie mit erschrecklichem Getümmel auf die Abtei los, fanden sie aber sehr wohl verriegelt und verwahrt; demnach das Hauptheer fürbaß auf den Furt von Vede zuzog, bis auf sieben Fähnlein Fußvolks und zweihundert Lanzen, die dablieben und die Gartenmauern zerrissen, damit sie vollends den Weinberg verdürben. Die armen Teufel, die Mönche, wußten nicht, welchem Heiligen sie in der Angst sich geloben sollten. Gleichwohl aber ließen sie auf allen Fall zur Kapitelsitzung läuten. Darin ward beschlossen, daß sie einen stattlichen Umgang halten wollten mit schönen Litaneien contra hostium insidias und mit schönen Responsen pro pace . In der Abtei war dazumal ein Klostermönch, Bruder Jahn von Klopffleisch mit Namen, ein Wagherz, jung, rüstig, wacker, wohlgemut, behend, keck, hitzig, lang und hager, mit gutem Maulwerk und fester Nas, ein tüchtiger Horahetzer, Vigilienbürster und Meßabzäumer: in Summa ein echter Mönch, so jemals einer, seit die mönchende Welt mit Mönchen bemönchelt gewesen, erfunden ward. Im übrigen ein Kreuzlateiner bis an die Zähne in Breviermaterien. Selbiger, als er den Lärm, den die Feinde in ihrem Weingarten machten, vernahm, lief aus, zu sehen, was los wär. Und als er sie fand, wie sie den Garten abernteten, daran ihr Tischtrunk des ganzen Jahrs hing, rannt' er wieder ins Chor der Kirche, wo die andern Mönch, schier verdutzt wie die Glockengießer, in einem fort Im-im-pe-e-e-e-e-e-tum, in-i-ni-mi-co-o-o-o-o-o-rum-um sangen, und rief: »Ich scheiß auf euer Gesings! Potz heiliger Gott, so singt doch lieber: Ade, ade Partie, der Wein der ist dahin! Ich sei des Teufels, wo sie nicht schon in unserm Garten sind und Stöck und Trauben so rein ausfegen, daß – bei des Herrn Leichnam! – in vier Jahren nix drin wird nachzubeeren sein. Ei, beim Sankt Jakobsränzl! Was sollen wir armen Teufel derweil trinken? O du mein Herr Gott da mihi potum! « – Da sprach der Prior des Klosters: »Was will doch der Trunkenbold hier! Man führ ihn gleich in Verwahrsam! Also die Handlung im Glauben zu stören!« – »Mitnichten«, antwortet' der Mönch, »die Wandlung der Trauben lasset uns vor Zerstörung schützen. Denn ihr, Herr Prior, trinkt selbst gern vom besten; und das tut jeder Ehrenmann; ein adlig Blut haßt nimmermehr den guten Wein, ist ein echtes Mönchswort. Aber diese Responsen, die ihr da singt, bei Gott die schicken sich jetzt schlecht. Warum sind unsre Horen zur Ernt- und Herbstzeit kurz, und um Advent und den ganzen Winter über so lang? Bruder Matz Schlehdorn, dessen Seel Gott tröste, ein wahrer Eifrer für unsern Glauben, sagt' mir einst, ich entsinn mich noch wohl, die Ursach wär, daß wir um die Zeit den Wein fein einbringen sollten und warten, im Winter aber ihn saugen. So folgt mir denn, ihr Herrn, die ihr den Wein liebhabt, und beim Kreuz Gottes, mir nach! Denn Sankt Anton soll mich zu Kohlen brennen, wenn der von euch auch nur einen Tropfen sieht, der nicht die Reben wacker beschützt hat. Heilige Marter Gottes! Was? Das Kirchengut? Ha nein, nein, Teufel! Dafür ließ Sankt Thomas von Engelland sein Leben, und wenn ich's nun auch dafür ließ, würd ich nicht eben auch wie er ein Heiliger? Aber ich laß es darum noch nit, es sollen es für mich wohl andre lassen.« Mit diesen Worten warf er sein weit Gewand ab und erwischt' den Kreuzstock, der von hartem Kernholz, lang wie ein Reisspieß, rund in der Faust, und hie und da mit halb erloschenen Lilien bemalt war. Also in Hosen und Wams fuhr er hinaus, hing seine Kutte als Schärpe um die Achsel und strich mit dem Kreuzstock haarscharf unter die Feinde, die ohn all Ordnung, Fahnen, Trommeln noch Drommeten im Garten den Wein abzwackten. Denn die Fähndrich und Bannerleut hatten ihre Banner und Fähnlein an die Mauern angelehnt, die Trommler ihre Trommeln oben entledert und mit Trauben geladen, und die Drommeten staken voller Beerenbüschel. Alles war in bunter Reih. Er aber stieß, ohne einmal Wer da! noch Kopf weg! zu rufen, so gröblich darunter, daß er sie links und rechts wie die Schweine niederdrosch nach der alten Parade. Etlichen zerrührt' er das Hirn, andern zerschmiß er Arm und Bein, andern versprengt' er die Wirbel im Hals, andern zermatscht' er die Weichen und Lenden, knickt' Nasen, bohrt' Augen auf, spaltet' Kiefern, schlug Zähn im Hals entzwei, zerknirscht' die Schulterblätter, zermalmt' die Schienbein, entheftelt' Hüften, barst Röhren. Wo einer sich unter die dichtesten Rebstöck verkriechen wollt', zerbläuet' er ihm das ganze Rückgrat und schlug ihn platt wie einen Frosch. Wenn einer sich durch die Flucht retten wollt', gab er ihm eins aufs Hirn, daß ihm der Schädel in Stücke sprang. Wenn einer auf einen Baum stieg und dacht', er wär da sicher, spießt' er ihn mit seinem Stock von unten durch den Hintern auf. Wenn einer von alter Kundschaft her ihm zuschrie: »Ha, mein Bruder Jahn, mein Freund, ich ergeb mich, Bruder Jahn!« – »Das mußt du wohl«, versetzt' er, »aber ergib nur auch deine Seel allen Teufeln!« Und gab ihm stracks den Nickfang. Und wo einer sich von Tollheit gar so weit verblenden ließ, daß er ihm offen hätt' trutzen wollen, da zeigt' er die Kraft seiner Muskelwülst und Fäust; denn Brust und Herz und Bauchfell durchrannt' er ihnen auf einen Stoß. Glaubt nur, es war das greulichste Spektakel, so je ersehen ward. Etliche riefen Sankt Barbara, etliche den Ritter St. Jörgen, etliche Sankt Schonemein, andre unsre Liebfrauen von Cunault, von Laureto, von der guten Mär. Einige gelobten sich zum Sankt Jakob, andre zum heiligen Schweißtuch gen Chambrey (doch brannt' dies drei Monat hernach so glatt weg, daß man auch nicht ein Fäslein davon hat retten mögen), etliche gen Cadouin, andre zum Sankt Johann von Angely, und tausend andern guten kleinen Heiligenmännlein. Etliche starben, ohne zu sprechen, andre sprachen, ohne zu sterben; etliche starben sprechend, andre sprachen sterbend. Welche schrien mit lauter Stimm: »Beicht! Beicht! confiteor, miserere! In manus ,« Es war ein solch Geschrei der Zermetzelten, daß der Prior des Klosters mit all seinen Mönchen selbst hinauszog; und als sie die armen Leut im Garten so tödlich blessiert und zerbläuet sahen, hörten sie ihrer etlich die Beicht ab. Während aber die Priester sich mit Beichten Zeit und Weil vertrieben, liefen die kleinen Mönchlein dahin, wo Bruder Jahn war, und fragten ihn, worin sie ihm behilflich sein könnten. Da befahl er ihnen, alle die abzumurxen, die auf der Erd lägen. Worauf sie ihre großen Kutten auf den nächsten Rebhalter warfen und stracks anhuben, die von ihm bereits Zerbläuten vollends zu würgen und abzutun. Und wißt ihr auch mit was für G'wehr? Mit saubern Kneiflein: das sind die kleinen Taschenmesser, womit die Kinder bei uns zu Land die Nüß schälen. Hierauf pflanzt' er sich mit seinem Kreuzstock in die Bresch, die der Feind gemacht hatt'. Und wie die, so gebeichtet hatten, durch selbige Bresch davonziehen wollten, drosch sie der Mönch mit Streichen darnieder und sprach dabei: »Die haben gebeichtet und bereuet und haben den Ablaß davon; sie fahren grad wie eine Sichel gen Himmel.« Also ward dann durch seine Mannheit der ganze Heereshaufen erlegt, der in den Garten eingefallen, an 13622, ohne Weiber und kleine Kinder, wie sich allzeit von selbst versteht. Nimmer hat sich der Klausner Maugis mit seinem Pilgerstab so tapfer wider die Sarazenen gehalten, von denen man in den Geschichten der vier Haimonskinder liest, als unser Mönch mit seinem Kreuzstock wider die Klosterfeind hantierte. Zweiundzwanzigstes Kapitel Wie Pikrocholus die Clermaldsburg mit Sturm einnahm und wie schwer und ungern Grandgoschier sich zum Kriegführen anließ Während der Mönch sich, wie eben erzählt, mit denen im Garten herumscharmützelt', zog Pikrochol mit seinem Volk in großer Eil über den Furt von Vede und stürmt' die Clermaldsburg, allwo er nicht den mindesten Widerstand fand. Und weil's schon Nacht ward, ging er zu Rat, in selbiger Stadt mit seinem Volk Quartier zu schlagen und seinen scharfen Ingrimm abzukühlen. Des Morgens früh nahm er die Wäll und das Schloß mit Sturm ein, befestigt' es gut und versah es mit der benötigten Munition, in Hoffnung daselbst einen Halt zu haben, so man ihn etwa wo andersher überfallen sollte. Denn der Ort war fest, sowohl durch Kunst als von Natur, nach seiner Lag und Haltsamkeit. Aber wir wollen sie nun da lassen und wieder auf unsern guten Gargantua zu reden kommen, der in Paris den edeln Wissenschaften und den athletischen Leibesübungen obliegt; und auf seinen Vater, das liebe alte Biedermännlein Grandgoschier, das nach dem Abendbrot bei einem schönen, lustigen, hellen Feuer sich die Schellen wärmte und, während er harrte, daß die Kastanien platzen, mit einem angebrannten Stecken, womit man das Feuer schürt, etwas auf den Herd malte und seinem Weib und Hausgesind allerlei artige Geschichten von alten Abenteuern erzählte. Um diese Stund erschien vor ihm der Hirt, einer von der Wacht im Weinberg, namens Plackart, und erzählt' ihm ausführlich, was für Unfug Pikrocholus, der König von Lerné, in seinem Land und Gebiet verübt, und wie er den ganzen Gau verheeret, geplündert und gebrandschatzt hätt', ausgenommen den Klostergarten von Seuillé, welchen Bruder Jahn Klopffleisch zu seinem großen Ruhm verteidigt; und wie ernannter König jetzt zu Clermaldsburg war, wo er sich samt seinem Volk aufs beste verschanzet. »Hallo, hallo!« rief Grandgoschier da aus. »Was ist dies, liebe Leut? Träumt mir, oder ist's wahr, was man mir sagt? Pikrocholus, mein alter Stamm- und Bundesfreund seit ewigen Zeiten, kommt er mich zu befehden her? Was treibt ihn dazu an? Was reizt ihn? Was bewegt ihn? Ho ho ho, mein Gott, mein Heiland! Hilf mir, rat mir, erleucht mich, was hier zu tun! Ich protestier', ich schwör' vor dir, so wollest du mir gnädig sein, als ich ihm jemals ein Leids getan, noch seine Leut geschädigt oder in seinen Staaten ein Unbill verübt hab'. Sondern im Gegenteil, hab' ich ihm mit Gab und Gunst, mit Rat und Tat überall treulich beigestanden, wo ich sein Bestes nur absehen mocht'. So er nun solcherweis' mich kränket, muß es vom bösen Geist herkommen. Wäre er etwa toll geworden, und du, guter Gott, hättest mir ihn dahergeschickt, ihm das Gehirn zurechtzusetzen, o so verleihe mir Kraft und Weisheit, ihn unter das Joch deines heiligen Willens durch gute Zucht zurückzubringen! Ach, mein Alter sollt' hinfür nur Ruh erfordern, und all mein Lebtag hab' ich mir nichts so eifrig gewünscht als Frieden zu haben; aber ich seh nun, es muß wohl sein, daß ich jetzt noch meine armen, schwachen, müden Schultern mit der Last des Harnisch beschweren und in die zitternde Hand den Speer und die Axt zu Schutz und Schirm meines armen Volkes nehmen muß. Die Billigkeit erheischet es; denn von ihrer Arbeit werd' ich erhalten, ihr Schweiß ernähret mich samt meinen Kindern und Hausgesind. Dennoch will ich keinen Krieg anfangen, ich hab' denn noch zuvor erst alle Weg und Mittel zum Frieden versucht. Des entschließ ich mich.« Demnach berief er seine Rät und hielt ihnen das Geschäft so vor, wie's stund. Da ward beschlossen, man sollt' einen klugen Mann an Pikrochol senden, zu erforschen, warum er sich so plötzlich aus seiner Ruh erhoben und in ein Land einbräch', daran er keinerlei Recht hätt'. Weiter sollt' man den Gargantua und seine Leut aufrufen lassen, daß sie des Landes in solcher Not zu wahren und es zu schirmen kämen. Welches alles dem Grandgoschier gefiel, und er befahl, ihm nachzukommen. Fertigt' also auf der Stell den Basker, seinen Lakaien, an Gargantua ab, in aller Schnell ihn abzurufen, und schrieb ihm wie folget. Dreiundzwanzigstes Kapitel Inhalt des Briefs, den Grandgoschier dem Gargantua schrieb Wiewohl der Eifer Deiner Studien erfordert hätt', daß ich noch in langer Zeit Dich nicht von dieser Deiner philosophischen Ruh abziehen sollte, so hat dennoch das Vertrauen in unsre alten Freunde und Verbündete gegenwärtig die Sicherheit meines Alters hintergangen. Und weil nun dies des Schicksals Schluß ist, daß ich von denen, derer ich mich zumeist getröstet, betrübt werden soll, zwingt mich die Not zum Schutz von Land und Leuten, die durch natürliches Recht Dein eigen sind, Dich heimzurufen. Denn gleichwie äußerliche Wehr ohnmächtig ist, wo guter Rat nicht im Hause wohnet, so bleibt auch das Studieren vergebens und der Rat unnütz, wenn er nicht zur rechten Zeit durch Tugend vollstreckt und ins Werk gesetzt wird. Mein Zweck ist nicht Beleidigung, sondern Sühne, nicht Überfall, sondern Verteidigung; nicht Eroberung, sondern Verwahrung meiner treuen Untertanen und Erblandschaften, in welche Pikrocholus ohn allen Grund noch Anlaß feindlich eingebrochen und noch tagtäglich sein wütiges Treiben mit unerträglichem Unfug fortsetzt. Ich hab' mich verbunden geachtet und hab' ihm zu Begütigung seiner cholerischen Tyrannei alles erboten, was ich nur dachte, daß ihm genehm war, auch bei ihm zu mehren Malen durch gütliche Botschaft erkundigen lassen, worin, durch wen und wie er sich für beleidigt hielt: hab' aber nichts als frechen Trutz von ihm zur Antwort erhalten können, und daß er nur mein Land begehrt', weil es ihm anstünd. Daraus ich denn ersehen hab', daß ihn der ewige Gott in die Gewalt seines Eigendünkels und zügellosen Willens gegeben hat – welcher nicht anders als bös sein kann, wenn er durch göttliche Gnad nicht stets regieret wird – und ihn mir zur Beschwer gesendet, damit er soll zur Erkenntnis geführet werden. Derhalben, mein geliebter Sohn, komm des ehesten, so Dir nur möglich – alsbald auf Lesung dieses Schreibens – zurück zum Beistand, weniger meinetwillen, was Du gleichwohl kindlicher Lieb nach schuldig bist, als für die Deinen, die Du von Rechts wegen beschützen und schirmen magst. Mit mindest möglichem Blutvergießen wollen wir die Sach zu schlichten suchen, und wo nur tunlich auf kürzerem Weg, durch Handstreich und durch Kriegeslisten, alle Seelen erretten und fröhlich in ihre Heimat ziehen lassen. Vielgeliebter Sohn, der Friede Christi unsers Erlösers sei mit Dir. Grüße von mir den Gymnastes, Eudämon und Ponokrates. Den zwanzigsten September. Dein Vater Grandgoschier.« Vierundzwanzigstes Kapitel Wie Ulrich Gallet an den Pikrocholus abgesandt ward Sobald der Brief diktiert und petschiert war, hieß Grandgoschier dem Ulrich Gallet, seinem vortragenden Rat, einem weisen, bescheidenen Manne, dessen Tugend und guten Rat er in mancherlei strittigen Fällen erprobt hatt', zum Pikrochol zu gehen, ihm darzulegen, was sie beschlossen. Der Ehrenmann Gallet reiste auch noch zur selbigen Stund ab, ging über die Furt und erkundigt' sich beim Müller, wie es um den Pikrochol stünd. Der antwortete, daß ihm sein Volk weder Hahn noch Henn gelassen und sich in Clermaldsburg gesetzt hätt' und daß er ihm nicht wollt' raten, weiterzugehen von wegen der Patrouillen; denn die wären hundstoll. Dies glaubt' er unschwer und blieb die Nacht beim Müller. Morgens früh verfügt' er sich mit der Trommel ans Schloßtor und fordert' die Wach auf, daß man ihn mit dem König Pikrocholus zu seinem Besten reden ließe. Als dies dem König angesagt ward, gab er schlechterdings nicht zu, daß man das Tor ihm auftät, sondern ging selbst auf den Wall und sprach zu dem Gesandten: »Was gibt es Neues? Was willst du sagen?« Da trug der Legat sein Sach vor wie folget. Fünfundzwanzigstes Kapitel Des Gallets Rede an Pikrocholus Wenn deinem Land und Leuten von uns ein Unrecht geschehen wäre, wenn wir deinen Widersachern Gunst oder Vorschub geleistet, dir in deinen Händeln nicht beigestanden, durch unsre Schuld deine Ehr und guten Namen hätten schmälern lassen, oder besser zu sagen, wenn der Lügengeist, dich zu plagen erpicht, durch trügliche Blendwerk und sinnbetörende Hirngespinste dir in das Ohr geraunet hätt', als wenn wir irgend etwas unsrer alten Freundschaft Unziemliches an dir verübt, so mußtest du zuvor die Wahrheit erforschen, dann uns des erinnern, und wir hätten nach deinem Wunsch dich so vergnügt, daß du mit uns zufrieden solltest gewesen sein. Aber, heiliger Gott! Was ist dein Vorsatz? Willst du so als meineidiger Tyrann das Reich meines Herren verwüsten und plündern? Hast du ihn also feig und blöde erfunden, daß er nicht wollte, oder so machtlos an Volk, Geld, Rat und Kriegskunst, daß er nicht könnt' sich zur Wehre setzen wider dein bösliches Ungetüm? Zieh ab von Stund an und sei längstens bis morgen wieder in deinem Land, ohne allen Tumult noch Gewalt unterwegs. Und zahl unterwegs. Und zahl eintausend Byzantiner in Gold für den Schaden, so du im Land verübt hast. Die eine Hälft, die zahlst du morgen, die andre auf nächsten Maien-Idus, und lässest einstweilen uns hie zu Geiseln die Herzogen von Schwindelhirn, Arlottern und Kleinitz, nebst dem Fürsten von Schäbigsheim und dem Vicomt van der Filzlaus.« Sechsundzwanzigstes Kapitel Wie Grandgoschier um des Landfriedens willen die Wecken zurückerstatten ließ Hiemit schwieg der brave Mann Gallet. Aber Pikrocholus erwiderte auf seine ganze Rede nichts weiter als: »Versucht's, versucht's, kommt her und holt sie: sie haben lange Schieber, sie werden euch Wecken backen lehren.«. – Also kehrte er wieder heim zum Grandgoschier, den er barhäuptig auf seinen Knien in einem Winkel seines Kämmerleins liegen fand, Gott bittend, daß er Pikrochols Koller erweichen und ihn in gutem wollt zur Vernunft bringen. Als er den braven Mann wiedersah, frug er ihn: »Ha, mein Freund, mein Freund! Was bringst du für Nachricht?« – »Da ist«, sprach Gallet, »keine Ordnung mehr: denn dieser Mann ist gar von Sinnen und Gott verlassen.« – »Aber doch«, sprach Grandgoschier, »mein Freund! Was für Ursach dieses Frevels gibt er vor?« – »Er hat mir«, sprach Gallet, »kein Ursach dargetan, als daß er im Koller etlich Wort von Wecken ließ fallen. Ich weiß nicht, ob man vielleicht seinen Weckenbäckern ein Leids getan hat?« – »Dennoch«, sprach Grandgoschier, »will ich's zuvor erst hören, eh ich was weiteres vornehme.« Befahl also dem Handel näher nachzufragen. Da befand sich, daß des Pikrochols Leuten etliche Wecken genommen worden, und Marcket mit einem Knüppel einen Streich aufs Haupt erhalten hätt'. Wär aber gleichwohl alles richtig bezahlt worden, und hätt' ernannter Marcket zuerst dem Forgier mit seiner Geißel die Bein zerhauen. Auch war sein ganzer Rat der Meinung, daß er notwendig sich wehren müsse. – »Demungeachtet«, sprach Grandgoschier, »weil es an nichts als etlichen Wecken liegt, will ich ihn suchen, zufriedenzustellen, denn es will mir gar nicht ein, einen Krieg darum anzufangen.« Er erkundigt' sich demnach, wieviel man ihnen Wecken genommen hätt', und als er hört': vier bis fünf Dutzend, befahl er deren noch selbige Nacht fünf Karren voll zu backen, den einen mit lauter Wecken von guter Butter, gutem Eigelb, gutem Safran und edlem Gewürz, die man dem Marcket zustellen sollte. Auch für seinen Schaden gab er ihm 700003 Philippstaler, den Baderlohn für den Verband seiner Wunden zu zahlen, und noch dazu den Meierhof Pommadiere zu freiem Erblehn ihm und den Seinen. Welches alles auszurichten und zu vollziehen Gallet gesandt ward, der unterwegs bei dem Weidicht einen Haufen großer Schilf- und Rohrzweige abhaun und alle Karren und Kärrner damit ringsum bestecken ließ. Er selber hielt auch ein solches Rohr in der Hand, womit er sagen wollte, daß sie nichts weiter als Frieden begehrten und ihn zu erkaufen herkämen. Als sie nun an das Schloßtor kamen, verlangten die von Grandgoschier, mit dem Pikrochol zu reden. Aber er ließ sie nimmer ein, noch wollt' er auch draußen mit ihnen sprechen, sondern ließ ihnen sagen, er hätt' Geschäfte und sie sollten nur ihre Sach beim Hauptmann Starenstör anbringen, der eben auf der Mauer ein Geschütz postiert'. Der Starenstör zeigt' alles, was er sah und hörte, dem Pikrochol an, und hetzt' ihn immer ärger auf in seinem Sinn. »Die Lümmels«, sprach er, »haben einmal rechtschaffen Furcht. Der arme Weinschlucker Grandgoschier, er macht bei Gott! noch in die Hosen! Es ist sein Stärk nicht, Krieg zu führen, wohl aber die Krüg zu leeren weiß er. Mein Meinung wär, man behielt dies Geld und die Wecken hier und förderte im übrigen fleißig unser Schanzwerk und gutes Glück. Schmier den Schelmen, so schiert er dich: schier den Schelmen, so schmiert er dich.« – »Sa, sa, sa!« sprach Pikrocholus, »beim heiligen Jakob! sie sollen's finden. Tut, wie ihr sagt!« – »Eins aber wollt' ich Euch dennoch raten«, sprach Starenstör. »Wir sind hie eben nicht sonderlich verproviantiert und mit Magenpflaster fast mager beschlagen. Wenn Grandgoschier uns belagern sollte, wollt' ich von Stund an alle Zähn mir ausziehn lassen bis auf drei, und Eurem Volk desgleichen; damit kämen wir unserm Brotsack nur noch allzu zeitig auf den Grund.« – »Ei was!« antwortet Pikrocholos, »wir werden Futter vollauf han. Sind wir um Fressens willen hier, oder Streitens?« – »Um Streitens willen, freilich wohl«, sprach Starenstör, »aber voller Wanst doch besser tanzt, und wo Hunger regiert, da bleibt die Stärke aus.« – »Genug geschwätzt!« schrie Pikrocholus. »Greift alles auf, was sie mitgebracht.« – Da nahmen sie Geld, Wecken, Karren und Ochsen und schickten sie ohne ein Wort wieder heim, als nur, sie sollten nicht wieder so nahe kommen aus Ursbach, die man ihnen morgen bedeuten würd. So zogen sie denn unverrichter Sachen wieder zum Grandgoschier und erzählten ihm alles, mit dem Bescheid, es sei kein Hoffnung mehr übrig, sie zum Frieden zu bringen außer mit offenem Krieg und Gewalt. Siebenundzwanzigstes Kapitel Wie etliche Hauptleute des Pikrocholus ihn durch übereilten Rat in die äußerste Gefahr brachten Nach ausgepfändeten Wecken erschienen vor dem Pikrochol der Herzog von Kleinitz, Graf Bravo und Hauptmann Dünnschiß und sprachen zu ihm: »Gnädigster Herr, heut machen wir Euch zum glücklichsten, streitbarsten Prinzen, der je gelebt hat seit dem Tod Alexanders von Mazedonien.« – »Bedeckt euch«, sprach Pikrocholus, »bedeckt euch.« – »Dank, Herr«, sagten sie, »wir tun nur unsre Schuldigkeit. Das Mittel ist dieses: Ihr lasset einen Hauptmann hier in Garnison mit kleiner Schar zur Deckung des Platzes, der uns fest genug bedünkt – teils von Natur, teils auch durch Eure Verschanzungen. Euer Kriegsheer teilt Ihr in zwei Teile, wie Ihr selbst am besten zu tun verstehet. Das eine Teil davon fällt über diesen Grandgoschier und sein Volk her: schlägt ihn aufs Haupt im ersten Anschuß. Da findet Ihr Geld im Überfluß, denn der Filz hat's bei der Schwere. Filz sagen wir, weil ein adlig Herz, ein rechter Fürst niemals auch nur einen roten Heller haben muß. Taler sparen ist Filzenhandwerk. Das ander Teil ziehet derweil auf Onys, Sainckonge, Angomoys und Gasconien, auf Perigort, Medoc, Eslanes. Ohn Widerstand gewinnen sie Städte, Festen, Schlösser. Zu Bajonn, zu Sankt Jean de Luc und Fontarbaien nehmt Ihr alle Schiff, damit Ihr gegen Galizien und Portugal streift und alle meeranstößige Land bis Lissabon plündert, wo Ihr Zufuhr jedes Kriegsbedarfes für einen Eroberer schon finden werdet. Hol mich St. Velten, Spanien ergibt sich Euch, denn es sind eitel arme Strohköpf. Nun fahrt Ihr durch die Sibyllische Meereng und richtet da zwei Säulen auf, viel stattlicher als des Herkules, zu ewigem Denkmal Eures Namens, und wird dieselbe Meerenge darnach das Pikrocholinenmeer geheißen. Habt Ihr das Pikrocholinenmeer erst hinter Euch, so stehet auch schon der Afrikaner Rotbart dort und will Euer Sklav sein.« – »Ich nehm ihn zu Gnaden an«, sprach Pikrocholus. – »Wohl, aber er muß sich taufen lassen«, sagten sie. »Erstürmet dann die Königreiche Tunis, Algier, kühnlich die ganze Barbarei. Geht weiter, so fallen Euch in die Hand Mallorka, Minorka, Sardinien, Korsika samt den übrigen Inseln des ligustischen und balearischen Meeres. Wendet Euch links und schaltet frei über das ganze Narbonische Gallien, Allobrogien, die Provence, Genua, Lukka, Florenz und – Gott gnad dir alsdann – Rom. Der arme Junker Papst ist schon des Tods der Schrecken.« – »Bei meiner Treu, ich werd ihm nicht lang den Pantoffel lecken«, antwortete Pikrocholus. – »Jetzo ist Welschland Euch Untertan, da habt Ihr Neapel, Kalabrien, Apulien, Sizilien alles im Sack und Malta mit. Ich wollt nur, daß sich die schnakischen Herrn Weilandritter von Rhodus Euch ein wenig widersetzen, daß man ihnen das Wasser beschaun könnt.« – »Doch ging ich auch«, sprach Pikrochol, »gern gen Laureto.« – »Nix da, nix, das kommt auf dem Rückweg«, sagten sie. »Von da ab nehmen wir Candien, Zypern, Rhodus und die Cycladischen Inseln und werfen uns auf Morea. Wir haben's schon, Sankt Trinian! Gott schütz Jerusalem; denn der Sultan kann sich nicht messen mit Eurer Macht.« – »So werd ich«, sprach er, »den Tempel Salomonis bauen.« – »Nein«, sagten sie, »noch nicht! Verziehet noch ein wenig. Seid doch nur niemals so jähling in Euren Unternehmungen. Wißt Ihr, was Kaiser Octavian sagt? Festina lente! Ihr müßt zuvor Kleinasien, Karien, Lycien, Pamphylien, Cilicien, Lydien, Phrygien, Betunien, Carazien, Satalien, Samagerien, Castamena, Luga, Savasta, bis an den Euphrat haben.« – »Werden wir«, frug Pikrocholus, »auch Babel und den Berg Sinai sehen?« – »Es ist zur Zeit«, antworten sie, »noch nicht vonnöten. Heißt es nicht satt sich abgeplackt, wenn man das hirkanische Meer durchschifft hat, die beiden Armenien und die drei Arabien beritten?« – »Mein Treu!« sprach er, »wir sind vertan. Ach arme Leut!« – »Wieso denn?« frugen sie. – »Was werden wir trinken in dieser Wüst? Denn wie man sagt, ist Kaiser Julianus mit seinem ganzen Heer drin Dursts gestorben!« – »Wir han dem allen schon Rat erfunden«, versetzten sie. »Im Syrischen Meer habt Ihr 19 014 große Schiff, mit dem besten Wein beladen, den die Erd trägt. Die sind in Joppe bereits gelandet. Dort haben sich 220 000 Kamele und 16 000 Elefanten eingefunden, die Ihr auf einer Jagd bei Sigeilme, als Ihr nach Libien kamt, gefangen. Und außerdem habt Ihr auch noch die ganze Karawane von Mekka erbeutet. Brachten die Euch nicht Wein satt?« – »Schon wahr«, sprach er, »aber wir hatten drum kein kühl Getränk.« – »Ei, daß mich doch bald was anders biß!« antworteten sie, »ein Held, ein Landzwinger, einer, der nach der ganzen Weltherrschaft aus ist und trachtet, kann's nicht immer gemächlich haben. Dankt Gott, daß Ihr mit Euerm Volk gesund und frisch bis zum Tigris seid kommen.« »Aber«, sprach er, »was tut derweil unser ander Heer, das den armen filzigen Schlucker, den Grandgoschier, geschlagen hat?« – »Sie feiern auch nicht«, sagten sie; »werden Ihnen alsbald begegnen. Sie haben Bretanien, Normandie, Flandern, Hennegau, Brabant, Artoys, Holland, Seeland für Euch erobert, auch hat ein Teil davon Luxemburg, Lothringen, Champagne, Savoyen bis gen Lyon bezwungen, an welchem Ort sie Eure Besatzungen auf der Rückkehr von ihren Seeviktorien im Mittelländischen Meere gefunden; und haben sich, nachdem sie Schwaben, Württemberg, Bayern, Österreich, Mähren und Steiermark gewältiget, wieder in Böhmen zusammengeschlagen. Sind darauf mit aller Macht vereinigt auf Lübeck, Norwegen, Schweden, Rügen, Dazien, Esterlingen, Gothland, Grönland bis an das Eismeer geflogen, wonach sie die Orkadischen Inseln erobert, auch Schottland, Engelland und Irland unterjocht haben; sind von da das Sandmeer und die Sarmaten durchschifft und haben Preußen, Polen, Litauen, Rußland, Walachei, Siebenbürgen, Ungarn, Bulgarien, Türkei besiegt, gebändigt und sind bereits in Konstantinopel.« – »Macht nur«, sprach Pikrochol, »daß wir bald zu ihnen kommen; denn ich will auch Kaiser von Trapezunt sein. Soll'n wir nicht all diese Türkenhund und Mahometisten erwürgen?« – »Ei, was Teufel anders?« antworten sie, »ihr Land und ihre Güter schenkt Ihr dann denen, die Euch redlich gedienet.« – »Wie billig«, sprach er, »von Rechts wegen. Ich schenk euch Carmanien, Syrien und ganz Palästina.« – »Ha«, riefen sie, »da tut Ihr wohl dran, gnädigster Herr! Wir danken schön. Gott woll Euer Wohlfahrt allzeit mehren!« Damals war auch ein Alter vom Adel mit zugegen, in mancherlei Wagnis und Kriegsläuften wohl erfahren, namens Echephron, der sprach, als er die Reden hört': »Ich sorg fast sehr, daß all dieser Anschlag werd ausfallen, wie der Schwank vom Milchtopf, daran sich der Schuster im Traum bereichert, drauf als der Topf in Scherben brach, nichts zu schmausen hatt'. Worauf zielt Ihr doch mit diesen stolzen Eroberungen? Was wird das End all dieser Kreuz- und Querzüg sein?« – »Wird sein«, antwortete Pikrocholus, »daß wir, wenn wir heimkommen, uns gemächlich zur Ruh begeben.« – »Und wenn Ihr etwa«, frug Echephron, »zufälligerweis' nicht wiederkämet? Denn der Weg ist weit und gefährlich; wär's nicht besser, daß wir uns jetzt gleich zur Ruh begäben, eh wir in die Gefahr uns wagten?« – »Oh, um Gott!« schrie Bravo, »seht mir doch den armseligen Fasler! Ich mein, wir hockten uns lieber gar auf die Ofenbank und brächten da unser Zeit und Weil bei den Frauen mit Perlenfädeln und Spinnen zu, wie Sardanapalus. Wer nichts wagt, hat weder Pferd noch Maul, spricht Salomon.« – »Und wer zuviel wagt«, sprach Echephron, »der verlieret Pferd und Maul.« – »Basta, vorwärts!« schrie Pikrochol, »ich fürcht mich nur vor dieses Grandgoschiers Legion Teufeln, wenn sie etwa, derweil wir in Mesopotamien stäken, uns in die Schlepp kämen. Was aber dann?« – »Gar wohl, gar wohl«, antwortet' Dünnschiß. »Ihr schickt den Moskowitern nur ein klein Depeschlein zu, das stellt Euch in einem Umsehn 450 000 erlesenes Kriegsvolk auf die Bein. Oh, wenn Ihr mich zu Eurem Leutnant setzen wolltet, ich freß Euch ein Dukaten für 'ne Laus auf. Ich mord, ich tob, ich schmeiß, ich zerreiß, schlag tot ohn Gnod!« – »Auf!« schrie Pikrochol, »macht euch fertig, und wer mich liebhat, folge mir!« Achtundzwanzigstes Kapitel Wie Gargantua von Paris aufbrach, sein Land zu retten, und wie Gymnastes unter die Feinde geriet Um eben die Stund war Gargantua, der flugs nach Lesung des Briefes seines Vaters aus Paris gereist war, auf seiner großen Mähre bereits über die Nonnenbruck gegangen, er selbst, Gymnastes, Ponokrates und Eudämon, die ihm auf Postpferden folgten. Sein übriger Anhang kam in gesetzten Tagereisen und führt' ihm all seine Bücher und philosophisch Heergerät nach. Als er gen Pareillé kam, zeigt' ihm der Pächter von Gouguet an, wie Pikrocholus sich in Clermaldsburg verschanzt und den Hauptmann Kuttler mit vieler Mannschaft vorausgeschickt hätt', den Forst von Vede und Vaugaudry zu überrumpeln, und daß sie bis zur Billardskelter das Huhn im Topf ergatterten; der Mutwill war schier unerhört und kaum glaublich, den sie im Land verübten. Also daß er Gargantua Schrecken einjagt' und dieser nicht gleich wußt', was er beginnen noch sagen sollt'. Aber Ponokrates riet ihm, beim Herren von Vauguyon erst einzusprechen, der von jeher ihr alter Bundesfreund gewesen war und ihnen in allen Stücken bessern Bescheid könnt' geben. Ritten also gleich zu ihm hin und fanden ihn auch wohl gesonnen, ihnen zu helfen. Und war sein Rat, daß er etliche seiner Leut auf Erspähung des Landes ausschicken sollt', zu erforschen, wie der Feind sich hielt, damit man nach gegenwärtigem Stand der Ding einen Zuschnitt machen könnte. Gymnastes erbot seine Dienst dazu, es ward jedoch für sicherer befunden, daß ihn einer begleiten sollt', der alle Steg und Weg, auch Gewässer der Gegend wohl innen hätt'. So ritt er dann mit Vorleck, dem Knappen des von Vauguyon, aus, und sie spionierten unerschrocken nach allen Seiten, während Gargantua mit seinen Leuten sich etwas letzt', ein wenig futtert', auch seiner Mähre ein Mäßlein Haber aufschütten ließ, das 74 Wispel und 3 Scheffel hielt. Gymnastes ritt mit seinem Gesellen so lang herum, bis er die Feind ansichtig ward, die ganz zerstreut und außer Ordnung alles raubten und stahlen, was ihnen vor die Hand kam. Sobald sie ihn sahen, rannten sie haufenweis' auch schon herbei, ihn auszuziehen. Er aber rief ihnen entgegen: »Liebe Herren, ich bin ein armer Teufel! Ich bitt euch, habet Mitleid mit mir. Ich hab' noch etliche Taler hier, die wolln wir miteinander versaufen: es ist aurum potabile . Auch dieses Roß hier mag man verkaufen, euch meinen Willkomm zu bezahlen. Ist dies getan, so behaltet mich bei euch. Denn der Mensch lebt nicht, der Hühner besser mausen, spicken, sieden, braten – ja, will's Gott – transchieren und schnabulieren könnt' als ich, der ich hier vor euch steh. Und für mein Proficiat trink ich hier aufs Wohlsein aller guten Gesellen.« Damit zog er seine Feldflasch heraus, und ohn auch nur die Nas zu färben, tat er draus einen ziemlich derben. Die Lümmel gafften ihn an und sperrten die Gurgeln schuhweit auf, ja hingen die Zungen so lang wie Windhund, in Hoffnung, nach ihm auch zu trinken; aber da kam ihr Hauptmann Kuttler just hergelaufen und wollt' auch sehen, was wär. Dem bot Gymnast sein Fläschlein und sprach: »Nehmt, Hauptmann, trinket frisch daraus! Hab's schon kredenzt, es ist Gewächs von der Faye Moniau.« – »Was!« schrie Kuttler, »ich glaub', der Kumpan da will uns foppen. Wer bist du?« – »Ein armer Teufel«, sprach Gymnast. – »Ho, ho«, sprach Kuttler, »armer Teufel! So du das bist, ist es billig, daß du weiter trabest, denn arme Teufel gehn überall frei ohn Zoll und Geleit. Ist aber nicht bräuchlich, daß arme Teufel so wohl beritten sein; darum, Herr Teufel, steigt nur ab und her mit dem Klepper, und wenn er nicht gut zu reiten ist, so reit ich euch selber, mein Herr Teufel; denn solche Teufel reit ich gern.« Neunundzwanzigstes Kapitel Wie Gymnastes den Hauptmann Kuttler nebst anderm Volk Pikrochols säuberlich abfing Wie sie dergleichen Reden hörten, kam etlichen unter ihnen der Schreck an, und bekreuzten sich mit allen Händen, vermeinend, es wär ein verkappter Teufel. Und einer davon, Traut-Hänsel mit Namen, der Freimauser Hauptmann, zog alsbald sein Horenbüchel aus dem Latz und schrie laut: » Hagios ho theos! Bist du von Gott, so rede; bist du des andern, hebe dich hinweg!« Er hub sich aber drum nit. Dies hörten etliche von der Rott, und stahlen sich ab aus der Gesellschaft; Gymnast sah alles wohl und merkte sich's. Tat dann, als wenn er jetzt vom Pferde wollt' heruntersteigen, und während er so von der Steigseit hing, macht' er behend den Bügelsprung, schlüpft' unten durch, schnellt' in die Luft und stand mit gleichen Beinen im Sattel, den Steiß dem Pferdskopf zugekehrt. Drauf macht' er in selbiger Position, wie er stund, einen Luftsprung auf einem Fuß, schwenkt' sich links um und traf genau seinen vorigen Stand bei einem Haar. – »Ha!« sagt' Kuttler, »den tu ich Euch für heut nicht nach, und das aus Ursach.« – »Quark!« sprach Gymnast, »ich hab' gefehlt: der Sprung soll nicht gelten.« – Itzt setzt' er den Daumen der rechten Hand auf den Sattelbogen und schwang sich mit dem ganzen Leib in die Luft; und dreht' sich also dreimal um. Beim viertenmal überschlug er sich mit ganzem Leib, ohne anzustoßen, hupft' zwischen des Pferdes Ohren, streift' den ganzen Leib auf dem linken Daumen in der Luft und schlug in solchem Stand ein Mühlrad, klatscht' mit der flachen Hand jetzt mitten auf den Sattel und gab sich dabei einen solchen Schwung, daß er auf die Kruppe zu sitzen kam wie die Jungfern. Drauf mit einem Schneller erhob er sich wieder ganzen Leibes in die Luft und stand so mit geschlossenen Beinen zwischen den Bogen: da rädelt' er wohl hundertmal herum, die Hände kreuzweis ausstreckend, und schrie dazu mit heller Stimme: »Ich rase, hui Teufel! ich rase, ich rase hui Teufel, halt mich, halt Teufel, halt!« Während er also voltigiert', sprachen die Lümmel in großer Bestürzung einer zum andern: »Beim heiligen Kindsdreck, es ist ein Kobold oder so ein verkappter Teufel. Ab hoste maligno libera nos, domine! « und nahmen querfeldein Reißaus und blickten immer hinter sich, wie der Hund mit dem Flederwisch am Schwanz. Wie Gymnast seinen Vorteil ersah, springt er vom Pferd ab, zieht vom Leder und fegt mit schweren Reiterhieben unter die allerflottesten drein, streckt sie zu ganzen Haufen, wund, zerbläut, zerfetzt, zerschroten darnieder; es setzt sich ihm nicht einer zur Wehr, vermeinten all, es wär ein ausgehungerter Teufel, teils wegen der erschrecklichen Sprüng, die er tat, teils auch der Reden halber, die Kuttler mit ihm führt', als er ihn einen armen Teufel hieß. Gleichwohl versucht's der Kuttler von hinten, mit seinem Landsknechtdegen ihm den Schädel zu spalten; er war aber so wohl bestahlhauptet, daß er von dem Streich nichts als den Prall spürt'; kehrt' sich also flugs herum, schoß einen Springstock auf ihn ab, und während sich Kuttler von oben wollt' decken, zerschlitzt' er ihm mit einem Hieb den Magen, Grimmdarm und die halbe Leber, daß er zur Erd fiel und im Fallen mehr denn vier Häfen voll Supp und unter der Suppen die Seel mit von sich gab. Dreissigstes Kapitel Wie Gargantua das Schloß an der Furt Vede zerstörte, und wie sie über die Furt gingen Als er ankam, erzählt' er, wie er die Feind getroffen hätt', und den an ihrer ganzen Schar von ihm allein vollführten Streich: beteuert', es wären eitel Diebe, Strauchhähne und Räuber, die gar nichts verstünden vom Kriegshandwerk, sie sollten sich nur frisch an sie machen, denn es würd ihnen ein leichtes sein, sie wie das liebe Vieh zu schlachten. Demnach beschritt Gargantua, in Begleitung seiner obigen Freunde, die große Mähre, und unterwegs traf er einen gewaltigen hohen Baum an, den man gewöhnlich Sankt Martinsbaum nannt', weil er aus einem Pilgerstab erwachsen war, den vor Zeiten der heilige Martin dorthin gepflanzet. Da sprach er: »Siehe da, was mir fehlt! Dieser Baum soll mir zum Spieß und Pilgerstecken dienen.« Damit riß er ihn leichtfertig aus der Erden, streifte die Äst herunter und putzet' ihn zu seinem Vergnügen. Unterdessen wässert' seine Mähr, sich die Blas zu leeren, tat solches aber so im Überfluß, daß auf sieben Meilen ein Flut draus ward und aller Brunzt in die Furt von Vede lief. Die schwemmt' es so gewaltsam wider den Strom an, daß des Feindes Geschwader mit Mann und Maus elendiglich daselbst ersoffen, außer etlichen, die ihren Weg links über den Berg genommen hatten. Als Gargantua vor dem Forst von Vede ankam, warnte ihn Eudämon, daß im Schloß noch etliche Feinde verborgen lägen. Welches zu erfahren Gargantua, so laut er konnte, rief: »Seid ihr drinnen oder nicht? Wenn ihr drinnen seid, so drückt euch! Seid ihr nicht drin, bedarf's nicht der Worte!« Ein Bengel aber von Schützenmeister hinter der Schußscharte richtet' eine Kanon auf ihn und traf ihn grausam an die rechte Schläf; es tat ihm aber nicht weher, als wenn er ihn mit einer Zwetschen geworfen hätt'. – »Was ist dies?« sprach Gargantua, »werft ihr uns hier mit Traubenkernen? Der Herbst soll euch noch teuer kommen!« Denn er meint' nicht anders, die Stückkugel wär ein Traubenkern gewesen. – Diejenigen, die sich im Schloß den Schnappsack lustig füllten, liefen, als sie den Lärm hörten, auf Türm und Bollwerk und taten aus Falkonetten und Büchsen mehr denn 9025 Schüsse auf ihn, zielten ihm alle nach dem Kopf und hagelten so hageldicht, daß er ausrief: »Ponokrates, mein Freund! Die Fliegen da blenden mich! Oh, lange mir doch einen Zweig von diesen Weiden her, sie zu verscheuchen!« Denn er sah die bleiernen Kugeln und die Steine aus dem Wurfgeschütz für Kuhfliegen an. Ponokrates bedeutet' ihn aber, daß es die Fliegen aus den Kanonen im Schlosse wären, die man ihm zuschösse. Da rannt' er mit seinem großen Baum wider das Schloß an, zermalmt' mit schweren Stößen Türm und Bollwerk und schleift' es alles dem Boden gleich, dergestalt, daß alle darinnen zerschmettert und erschlagen wurden. Von da weiter kamen sie an die Mühlenbruck und fanden dort die ganze Furt so gehäuft voll Leichen, daß sie den Mühlgang verstauten. Dies waren aber eben die in der Mähr-Harnflut Ersoffenen. Gingen also zu Rat, wie sie drüber kam, in Betracht der Stauung dieser Kadaver. Gymnastes aber sprach: »Sind die Teufel hinüberkommen, will ich auch wohl hinüber.« – »Die Teufel«, sagt Eudämon, »sind 'nüber kommen, als sie die verdammten Seelen holten.« – »Nun beim Sankt Trinian!« rief Ponokrates, »so muß ich notwendig auch hinüber.« – »Ei!« sprach Gymnast, »das mein ich auch, oder ich will unterwegs bleiben.« Gab damit seinem Pferd die Sporen und setzt' rasch über, ohn daß das Pferd einmal vor den Toten gescheut hätte. Die andern dreie folgten ihm ohn Anstoß nach, bis auf Eudämon, dessen Pferd mit dem rechten Fuß einem großen feisten Schelmen, der da rücklings ersoffen war, bis ans Knie in den Wanst einbrach und ihn nicht wieder herausziehn konnte. Mußt' auch so lang drin stecken bleiben, bis Gargantua mit seinem Stab die übrigen Kutteln des Schelmen vollends in den Grund bohrt', damit das Pferd den Schenkel 'rausrenken konnt'. Und (was wunderbar in der Roßarzneikunst zu merken) so war dies Pferd von einem Überbein, das es an selbigem Fuß hatt', bloß durch die Anrührung der Gedärm dieses groben Lümmels geheilt und aus dem Grund kuriert worden. Nicht lange darauf, nachdem sie das Ufer der Vede erstiegen, kamen sie in Grandgoschierens Schloß an, der ihrer mit großem Verlangen harrte. Herzten und drückten einander zum Willkomm mit offenen Armen; euer Leblang habt ihr nicht frohere Leut gesehen. Und es ist lautere Wahrheit, daß, nachdem sich Gargantua mit frischen Kleidern angetan und mit seinem Strähl (der, hundert Stab lang, mit ganzen Elefantenzähnen bezahnt war) strählt', ihm auf jeden Zug über sieben Ballen Kugeln aus den Haaren fielen, so darin bei Demolierung des Vedischen Forstes hangengeblieben. Einunddreissigstes Kapitel Wie Gargantua sechs Pilger im Salat aß Die Sach erheischt, daß wir berichten, was mit sechs Pilgern sich begab, welche von St. Sebastian bei Nantes kamen und selbige Nacht, in Furcht vor den Feinden, zu einem Unterstand sich in das Bohnenstroh im Garten unter Kohl- und Lattichstauden verkrochen hatten. Gargantua spürt' ein wenig Durst und frug, ob man nicht Lattich haben könnt', einen Salat zu machen. Und als er hört', daß es im ganzen Land die schönsten und größten da hätt', denn sie waren so groß wie die Nuß- oder Pflaumenbäum, ging er vor Lust selbst hin und bracht' in seiner Hand so viel davon mit, als ihm gut deucht'; und zu gleicher Zeit bracht' er auch die sechs Pilger mit, die sich vor großer Furcht und Angst weder zu reden noch husten trauten. Wie er den Lattich nun am Brunnen vorläufig abwusch, sagten die Pilger mit leiser Stimme zueinander: »Ei, ei, was da zu tun? Wir ersaufen hier unter dem Lattich. Sollen wir reden? Reden wir aber, so tötet er uns gewiß als Kundschafter.« Während sie also noch ratschlagten, warf sie Gargantua mitsamt dem Lattich in einen Küchennapf, so groß wie das Faß zu Cisteaux, und aß sie mit Essig, Öl und Salz zu seiner Erfrischung vorm Abendbrot. Und hatte bereits fünf Pilger verschlungen. Der sechste lag noch im Napf verborgen unter einem Lattichblatt, bis auf den Pilgerstab, der drüber hervorguckte. Als den Grandgoschier sah, sprach er zu dem Gargantua: »lch glaub, da ist ein Schneckenhorn. Iß es nit.« – »Warum?« sprach Gargantua, »die sind gesund diesen ganzen Monat.« Ergriff damit den Stab und hub den Pilger daran zugleich mit auf und aß ihn lustig. Tat darauf einen schauderhaften Zug Zirbelwein, bis das Nachtessen fertig wäre. Die so verschluckten Pilgersleut wandten sich, so gut ihnen möglich, aus den Mahlsteinen seiner Zähne und meinten, man hätt' sie ins unterste Gewölb eines Kerkers hinabgestoßen. Als aber Gargantua den großen Trunk tat, dachten sie nicht anders, denn sie müßten ihm all im Maul ersaufen; auch hätt' sie der Strom des Weins beinah in den Abgrund seines Magens geschwemmt: doch halfen sie sich mit ihren Stäben und sprangen daran, nach Art der Älpler so weit, bis sie am Rand der Zähne aufs Trockene kamen. Aber zum Unglück stieß einer von ihnen, wie er mit seinem Pilgerstab das Land sondiert', ob sie festen Boden gewonnen hätten, so heftig in die Grub eines hohlen Zahnes und traf den Nerv des Kiefers, daß dem Gargantua sehr weh geschah, und er vor wütendem Schmerz laut aufschrie. Doch dem Übel zu steuern, ließ er sich seinen Zahnstocher bringen, ging hinaus an den Walnußbaum und hub die lieben Pilgervöglein da aus dem Nest. Den einen erhascht' er beim Bein, den andern bei den Schultern, den dritten beim Bettelsack, den vierten bei der Sparbüchs, den fünften beim Skapulier; und den armen Schelm, der ihn angebohret hatt', ergrapscht' er gar durch den Hosenlatz. So flohen die entnisteten Pilger im vollen Trott über Heck und Zaun, und das Zahnweh legte sich. Zu gleicher Zeit kam auch Eudämon, ihn zum Essen abzurufen, denn alles war fertig. – »So will ich dann«, sprach er, »auf den Schrecken mein Übel abschlagen.« Und fing damit so mächtig zu harnen an, daß das Wasser den Pilgern den Weg verschlug und sie das große Mühlwehr durchwaten mußten. Von da weiter am Busch entlang, gerieten sie auf gleicher Straß alle miteinander, bis auf einen, Fournillier, in ein Zuggarn, welches daselbst den Wölfen gestellt war. Entkamen aber wieder daraus durch die Geschicklichkeit ermeldeten Fournilliers, der die Strick und Schnüre zerriß. Hieraus erlöset, lagen sie dieselbige Nacht in einem Schuppen unweit Couldray, und wurden da über ihr Unglück getröstet durch die guten Wort eines unter ihnen, namens Renndichmüd, der, ihnen dartat, daß diese Abenteuer schon im Psalm von David verkündiget worden: »Wenn die Menschen sich wider uns setzen, so verschlingen sie uns lebendig – als man uns in dem Salat mit Salz aß –. Wenn ihr Zorn über uns ergrimmete, so ersäufete uns Wasser – als er den großen Suff tat –. Ströme gingen über unsere Seele – als wir das große Mühlwehr passierten. Es gingen Wasser allzu hoch über unsere Seele – als sein Harn uns den Weg verhieb. Gelobet sei der Herr, daß er uns nicht gibt zum Raube in ihre Zähne. Unsere Seele ist entronnen, wie ein Vogel dem Strick des Voglers – als wir ins Wolfsgarn fielen. Der Strick ist zerrissen – durch Fournillier – und wir sind los. Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn.« Zweiunddreissigstes Kapitel Wie der Mönch vom Gargantua herrlich traktieret ward, und von den schönen Tischreden, die er führt' Als nun Gargantua bei Tisch saß und die ersten Bissen hinunter hatt', fing Grandgoschier den Anlaß und die Ursach des Krieges zwischen ihm und Pikrochol zu erzählen an, und kam auf den Punkt vom Bruder Jahn Klopffleisch, wie selbiger in Verteidigung des Klostergartens gesieget hätt', und erhob seine Taten über die Taten des Camillus, Cäsar, Scipio, Pompejus und Themistokles. Da begehrt' Gargantua, daß man sogleich nach ihm schicken sollte, mit ihm des weiteren Rats zu pflegen. Auf ihr Geheiß ging sein Hofmeister nach ihm und führt' ihn auf Grandgoschiers Maultier lustig mit seinem Kreuzstock daher. Als er ankam, da gab's nichts als Herzen und Küssen, tausend Umfangens, tausend Willkommen und Zärtlichkeiten. – »He, Bruder Jahn, mein Freund! Bruder Jahn, mein großer Vetter! Bruder Jahn, in des Teufels Namen, umärmelt mich auch! Sa sa, du Hodenmatz, ich erdrück dich vor Lieb!« Und Bruder Jahn walzt' hin und her, nie hat man einen so höflichen, galanten Menschen ersehen. – »Sa, sa«, sprach Gargantua, »setz ihm einen Schemel hier neben mich, auf diese Eck!« – » Deposita cappa «, sprach Gymnastes, »tut erst die Kutt ab.« – »Da sei Gott vor, mein Herr!« sprach der Mönch, »es ist in Statutis ordinis ein Kapitel , dem würd' der Handel nicht gefallen.« – »Ei, Quark, Quark«, sprach Gymnast, »Euer Kapitel! Die Kutt erdruckt Euch die Achseln, tut's ab.« – »Laß«, sprach der Mönch, »laß mir's mein Freund, denn, bei Gott, ich sauf nur desto besser drin, sie erhält mir den Bauch ganz warm und lustig. Zudem hätt' ich auch weder Hunger noch Durst ohne Kutt. Setz' ich mich aber in diesem Rock zu Tisch, bei Gott! so sauf ich dich nieder samt deinem Gaul. Und nun frisch auf! Ich hab' zwar wohl zu Nacht gespeist, werd' aber drum nicht minder schlingen; ich hab' einen Magen, der ist gepflastert und hohl, und allzeit steht er offen, wie eines Advokaten Schnappsack. Unser Prior ißt gern das Weiße an den Kapaunen.« – »Darin«, sprach Gymnastes, »gleicht er just nicht den Füchsen, denn die fressen von den Kapaunen, Hühnern und Küchlein, die sie fangen, niemals das Weiße.« – »Warum?« sprach der Mönch. – »Weil sie«, antwortet Gymnast, »keine Köch han, die's ihnen kochen, und wenn sie nicht kompetentlich gekocht sind, bleiben sie rot und werden nicht weiß. Die Röte des Fleisches zeiget an, daß es nicht sattsam gesotten ist; ausgenommen die Hummern und Krebs, die man erst zu Kardinalen siedet.« – »Potz Stab und Stola!« rief hier der Mönch aus, »unser Klosterkrankenwart muß also einen sehr schwachgesottenen Kopf han, denn die Augen sind ihm so rot, als wie ein Hahnenkamm! Dies Hasenbeinel ist gut gegen Gicht. Aber a propos , warum sind die Schenkel der Jungfern stets frisch?« »Dies Problema«, sprach Gargantua, »steht weder im Aristoteles noch im Plutarch.« – »Es geschieht«, spricht der Mönch, »aus dreierlei Gründen, dadurch ein Ort natürlich erfrischt wird. Primo , weil das Wasser fein nach der Läng daran ablauft. Secundo , weil es ein schattiger, dunkler und finsterer Ort, da nimmer keine Sonn hinscheint. Und drittens, weil er beständig durchs Wetterloch des Windes, des Hemdenzephyrs, auch überdies des Hosenlatzes durchlüftet wird. Jetzt holla, frisch auf! Bub zum Zapfen! Schlap, schlap, schlap. O des grundgütigen Gottes; der uns den edlen Trunk erschafft! Aufgepaßt, Freund! Lang mir doch von dem Spanferkel. Diavol! ist auch kein Most mehr da! Ich will des Tods sein, wenn ich nicht Dursts sterb. Dieser Wein ist nicht der böseste. Kennt ihr den Bruder Claudi von Hault Barois nicht? O des schmucken Gesellen! Aber was hat ihn für eine Muck gestochen, daß er itzt, ich weiß nicht seit wann, nichts weiter als Studieren treibt? Ich studier' gar nicht, für mein Teil. In unserm Kloster wird halt nimmer studiert, aus Furcht vorm Ohrenfluß. Unser seliger Abt sagt', ein gelehrter Mönch wär wie ein ungestalt Meerwunder anzusehen. Bei Gott, mein gnädigster Herr und Freund, was ein rechter Mönch ist, pfeift auf die Gelehrsamkeit! Die Rebhühner fressen uns heuer die Ohren noch ab. Ich hab keine Lust am Streichgarn, denn ich verschlag mich nur dabei. Wenn ich nicht allzeit lauf' und hetz', ist mir nit wohl. Wiewohl meine Kutt brav Haar läßt, wenn ich so über Zäun und Sträuch spring'. Ich hab' einen edeln Windhund erhalten: schenk' ihn dem Teufel, wenn ihm ein Has entgeht. Ein Lakai wollt' ihn dem Herrn von Maulevrier zuführen: aber ich hab ihn weggeschnappt. Tat ich übel daran?« – »Mitnichten«, sprach Gymnast, »mitnichten, Bruder Jahn! Ins drei Teufels Namen, mitnichten!« – »Darum halt dich nur fein an den Teufel, weil er warm ist«, versetzt' der Mönch. »Potz heiliger Gott! Was hätt' das Hinkebein damit getan! Bei des Herrn Leichnam! Es ist ihm lieber, wenn man ihm ein gut Joch Ochsen schenkt.« – »Wie?« sprach Ponokrates, »Bruder Jahn! ihr flucht?« – »Ich tu's nur, mein Red damit zu schmücken«, antwortet' der Mönch. »Das sind so Färblein Ciceronischer Rhetorik.« Dreiunddreissigstes Kapitel Warum die Mönche weltflüchtig sind, und warum man an etlichen längere Nasen findet als an andern So wahr ich ein Christ bin«, sprach Eudämon, »ich sinn mich schier zum Narren über die gute Lebensart dieses Mönchs. Denn er macht uns hier alle fröhlich und guter Ding. Wie kommt's dann aber, daß man die Mönch nur Freudenstörer zu schelten pflegt und sie aus aller guten Gesellschaft stößt, wie die Immen die Drohnen von ihren Stöcken jagen?« – Darauf antwortete Gargantua: »Es ist nichts wahrer, als daß die Kutt und Kapuz' allen Abscheu, Fluch und Verwünschungen der Welt auf sich ziehen, gleichwie der Wind die Wolken anzieht. Die hauptsächliche Ursach ist, weil sie den Dreck der Welt essen, das ist: ihre Sünden. Drum stößt man sie als Unflatnager in ihre heimlichen Abtritte, das sind ihre Klöster und Abteien, von der politischen Gemeinschaft abgesondert, wie die Abtritte in unsern Häusern. Wenn ihr aber wißt, warum ein Aff in einem Haus allzeit gefoppt und vexiert ist, werdet ihr auch einsehen, warum die Mönch in aller Welt bei jung und alt verabscheut sind. Der Aff, er hütet nicht das Haus wie der Hund; er zieht nicht den Pflug wie der Ochs; er bringt weder Woll noch Milch wie das Schaf, trägt auch kein Lasten wie das Pferd. Sein ganzes Tun ist nur alles bescheißen und verderben. Daher er dann von jedermann verspottet und geschlagen wird. Da ist unser guter Bruder Jahn ein andrer Gesell; derhalb wünscht ihn auch jeder sich zum Kameraden. Er ist kein Gleisner, geht nicht zerrissen; brav, resolut, lustig ist er, ein guter Kumpan. Er arbeitet, schafft, beschirmt die Unterdrückten, tröstet die Traurigen, hilft den Angefochtnen, nimmt sich des Klostergartens an.« – »Ich tu wohl mehr«, versetzt' der Mönch, »denn wenn wir im Chor unsre Metten und Begängnis abtun, mach ich dazwischen Armbrustschnüre, schnitz Pfeil und Spannwinden, strick Netz und Garn zur Karnickeljagd. Müßig geh ich nimmer. Aber zu trinken, holla, ha! zu trinken, das Obst her! Bei Gott, ich trink aus allen Pfützen wie eines Rechtsverdrehers Gaul.« – »Bruder Jahn«, sprach Gymnastes zu ihm, »tut aber doch dies Tröpflein ab, das Euch da an der Nas hängt.« – »Ha ha«, sprach der Mönch, »soll ich darum ersaufen, weil mir das Wasser bis an die Nas steht? Nein, nein, Quare? Quia es wohl herauslauft, nicht hinein; denn ich hab's wohl verpicht mit Wein.« »Wie aber«, sprach Gargantua, »kommt es doch, daß unser Bruder Jahn so ein schön Näslein hat?« – »Daher«, antwortet' Ponokrates, »weil er der erste auf dem Nasenmarkt war; da las er sich die schönst und größt aus.« – »Sonst noch was!« sprach der Mönch, »nach echter Mönchsphilosophie ist's daher kommen, daß meine Säugamm weiche Brüst hatt'; wann sie mich säugt', da druckt' sich meine Nas ein wie in Butter und wuchs und lief drinnen auf, wie ein Teig in der Mulden. Die harten Brüste der Ammen machen den Kindern nur stumpfe Schafsnasen. Aber lustig, lustig! So lang wie die Nas, ist auch noch anders was! Ich eß mein Lebtag kein Konfekt. Aber zum Zapfen, Bub! Und ein Teller Kastanien!« Vierunddreissigstes Kapitel Wie der Mönch den Gargantua in Schlaf bracht' und von seinen Honoris und Brevier Nach geendeter Mahlzeit ratschlagten sie von dringenden Sachen und fanden für gut, daß man um Mitternacht auf die Streif ausreiten sollt', die Feinde zu beobachten, was sie für Wacht und Ordnung hielten, mittlerweil aber etwas ausruhn, damit man desto frischer wär. Gargantua aber konnte nicht schlafen, wie er sich auch legt' und krümmt'. Da sprach der Mönch zu ihm: »Ich schlaf nimmer nach Herzens Wunsch als in der Predigt, oder beim Beten; ich ersuch Euch also: laßt uns hier beid miteinander die sieben Bußpsalmen vornehmen, ob Ihr nicht bald entschlafen sein werdet.« Die Erfindung gefiel dem Gargantua sehr wohl; sie fingen also den ersten Psalm zu beten an, und bei dem Vers: Beati quorum waren sie nebeneinander entschlafen. Aber der Mönch verfehlte niemals, vor Mitternacht sich zu ermuntern – so gar war er der Mettenstund im Kloster gewohnt, und wie er wach war, ließ er auch niemand weiterschlafen, sondern fing aus voller Kehlen das Lied zu intonieren an: »Ho Reinald, wach auf, erwache! O Reinald, ermuntere dich!« Und als sie nun alle auf den Beinen waren, sprach er: »Ihr Herren, man sagt, die Frühmetten fängt an mit Husten und das Nachtessen mit Trinken. Laßt es uns umdrehn: fangen wir jetzt unsre Metten mit Trinken an, und heut abend, wann das Essen kommt, woll'n wir dafür eins husten, was hast, was kannst.« – »Wie?« sprach Gargantua, »sogleich trinken auf den Schlaf? Das wär der Vorschrift der Ärzte zuwider, man muß sich den Magen zuvor fein säubern von allem Abgang und Überlast.« – »Das heiß ich mal gearztet«, sprach der Mönch. »Es fahren mir doch gleich hundert Teufel zu Leib, wo's nicht mehr alte Säufer auf Erden denn alte Ärzte gibt. Ich hab mit meinem Hunger und Durst den Pakt getroffen, daß er sich allzeit mit mir muß legen; wenn ich dann aufsteh, ist er auch wieder auf mit mir. Säubert Euch nur immerzu von Eurem Kot, solang Ihr Lust habt; ich muß zu meinem Gezerr schaun.« – »Was für ein Gezerr? was meint Ihr damit?« frug Gargantua. – »Ei, mein Brevier«, antwortet' der Mönch; »denn wie die Falkenierer etwa ihren Vögeln, ehe sie sie atzen, ein Hühnerfüßel zu zerren geben, ihnen das Phlegma aus dem Herz zu purgieren und Lust zum Fraß zu machen, so ich des Morgens, wenn ich dies kleine holdselige Brevierlein in die Hand nehm, laxier ich mir die ganze Lung und bin flugs wieder zum Trinken geneigt.« »Auf welche Weis'«, frug Gargantua, »betet Ihr diese edeln Horas?« – »Nach der Weis' von Fecan«, sprach der Mönch, »drei Psalmen, drei Lektionen, und wer keine Lust hat, der läßt's ganz bleiben. Ich unterwerf mich niemals den Stunden; die Stunden sind des Menschen halben, und nicht der Mensch für die Stunden gemacht. Darum mach ich's mit meinen Horasgebetlein wie mit den Steigriemen, kurz oder lang, nachdem mir's g'fällt. Kurz' Sprüchlein steigt rascher zum Himmel an. Ein langer Zug leert jede Kann'. Wo steht das g'schrieben?« – »Mein Treu, ich weiß nit«, sprach Ponokrates, »aber traun, du bist Goldes wert, liebs Kuttenmännel!« – »So schlag ich Euch nach«, sprach der Mönch. »Aber kommt, laßt uns trinken!« Da wurden Braten die Füll und schöne Frühsuppen zugericht, und der Mönch trank nach Herzenswunsche. Etliche taten ihm Bescheid, die andern enthielten sich. Zog darauf ein jeder sein Wehr und Rüstung an und sie wappneten auch den Mönch, wider seinen Willen; denn er wollt' kein ander Geschmeid als seine Kutt vor dem Magen und in die Faust den Kreuzstock. Aber es half nix, er ward geharnischt von Kopf zu Fuß, ein langer Säbel ihm umgehangen, und sie setzten ihn auf ein stattlich Roß. Gleichergestalt Gargantua, Ponokrates, Gymnast, Eudämon und fünfundzwanzig der wildesten von Grandgoschiers Hofgesind, alle schwer gewappnet, die Speer in Fäusten, beritten wie Sankt Jörg, und jeder einen Schützen hintenauf. Fünfunddreissigstes Kapitel Wie der Mönch seinen Gefährten Mut einspricht, und wie er an einem Baum hing So zogen die edeln Streiter denn auf ihre Abenteuer aus, mit gutem Vorsatz, zu erspähen, wo sie den Feinden zu Leibe gehen, oder wovor sie sich hüten müßten, wenn der Tag der großen erschrecklichen Schlacht käm. Und der Mönch sprach ihnen Mut ein und rief: »Seid nur ohn Furcht und Sorgen, Kinder! Ich führ euch sicher. Gott mit uns, und Sankt Benedikt! Hätt' ich die Kraft wie den Mut, Tod und Teufel! Ich wollt' sie euch wie eine Ente rupfen! Ich fürcht' mich vor nichts als dem groben Geschütz: doch weiß ich einen Segen dafür, unser Klosterküster lehrt' mir ihn; der schützt den Mann vor allen Kugeln; aber er wird mir eben nix helfen, denn ich setz keinen Glauben darauf. Aber mein Kreuzstock soll Teufel tun. Bei Gott! Wenn einer unter euch wäre, der etwa Reißaus nehmen wollt', ich sei des Teufels, wo ich ihn nicht an meiner Statt zum Mönch mach und ihm mein Kuttenhalfter umzäun'. Es ist ein Arzenei darin für feige Leut'. Habt ihr nicht von des Herrn von Meurles Windhund gehört, der ins Feld gar nicht taugen wollt', bis er ihm eine Mönchskutt an den Hals hing? Bei des Herrn Leichnam, von Stund an entwischt' ihm weder Has noch Fuchs, und was mehr ist: alle Hündinnen im ganzen Land belegt' er, und war zuvor doch kreuzlahm, de frigidis et maleficiatis .« Der Mönch ritt, während er diese Worte im Zorn sprach, unter einem Nußbaum unfern des Weidichts: da spießt' ihm ein dicker Nußzanken durch das Helmvisier. Nichtsdestoweniger stach er grimmig sein Pferd an, welches sporenscheu war und vorwärts bäumt'. Da ließ der Mönch, der sein Visier loshaken will, den Zügel gehen und hing sich mit der Hand an die Äst, derweil das Pferd unter ihm durchlief. Solchergestalt blieb der Mönch am Nußbaum hangen, schrie hilf und mordio und protestiert' Verräterei. Eudämon ward ihn zuerst gewahr und rief den Gargantua: »Herr, Herr! Kommt und sehet da den Absalon hängen!« Gargantua kam, beschauet sich die Art und Haltung des Mönchs, wie er da hing, und sprach zum Eudämon: »Dem Absalon vergleicht Ihr ihn? Das trefft Ihr schlecht; denn Absalon behing an den Haaren, aber dieser beschorene Mönch hie henkt an den Ohren.« – »Ins Teufels Namen, helft mir«, schrie der Mönch; »ist's jetzt Spottens Zeit? Ihr mahnt mich an die Dekretalienprediger; die lehren auch, wenn einer seinen Nächsten in Todesnöten sieht, soll er bei Straf des dreizackigen Bannstrahls ihn viel eher zur Beicht ermahnen und an den Gnadenstand, als ihm helfen. Wenn ich nur solche G'sellen einmal im Wasser zappeln seh, hart am Ersaufen, will ich ihnen auch anstatt der Hilf und Handreichung einen lieben langen Sermon über die Abkehr dieser eiteln Welt halten, und wenn sie dann stocksteif sind, aus der Patsch ziehen.« – »Halt doch still, mein Schätzel«, sprach Gymnast, »wart, bis ich komm, ich will dich langen, du artiger kleiner Monachus! Mönchlein, drin in der Klausur, Giltst du mir zwei Eier nur. Aber treibst du's draußen fleißig, Giltst du mir wohl an die dreißig. Ich hab wohl bei fünfhundert sehn henken, aber keinen, der mit so feinem Anstand gebaumelt hätt' wie du, und stünd's mir auch nur halb so gut, so wollt' ich baumeln mein Leben lang.« – »Habt Ihr bald ausgepredigt?« rief der Mönch, so helft mir denn um Gottes willen, wenn Ihr's nicht um des Teufels willen wollt. Bei dem Kleid, das ich trag, es soll Euch seinerzeit teuer zu stehen kommen.« Da sprang Gymnast von seinem Gaul, stieg auf den Nußbaum, hub den Mönch mit einer Hand bei den Achselbändern und hakt' mit der andern sein Visier vom Zanken los; ließ ihn zur Erden fallen und sich darnach. Sobald der Mönch unten war, riß er sich sein ganzes Waffengeschmeid vom Leib und schmiß es Stück für Stück ins Feld, nahm seinen Kreuzstock und setzt' sich wieder auf sein Pferd, das ihm Eudämon unterdes gefangen hatt'. So ritten sie lustig ihres Weges immerfort auf das Weidicht zu. Sechsunddreissigstes Kapitel Wie Gargantua auf des Pikrocholus Vortrab stieß, und wie der Mönch den Hauptmann Vorneweg umbrachte, darauf er von den Feinden gefangen ward Pikrocholus kam auf den Bericht derer, die dem Gemetzel, in welchem Kuttler entkuttelt ward, entronnen waren, vor schwerem Zorn schier außer sich, als er vernahm, wie die Teufel sein Volk überfallen hätten, und hielt Rat die ganze Nacht, darin Frühträubel und Starenstör beschlossen, sein Heer wär mächtig gnug, daß er damit alle Teufel der Höll, wenn sie kämen, ins Bockshorn jagen könnte. Welches Pikrochol zwar gänzlich nicht glaubt', doch auch darin kein Mißtraun setzte. Er schickte also unter Kommando des Grafen Vorneweg sechzehnhundert Reiter aus, das Land zu erforschen, allesamt auf leichten Pferden zum Scharmützel, mit Weihbrunn alle wohl eingesprengt, und, als Feldzeichen, jeder von ihnen mit einer Pfaffenstol beschärpet, auf alle Fäll, wenn die Teufel kämen, sowohl durch Kraft des heiligen Wassers als der Stolen, sie auszutreiben und zu verscheuchen. Selbige ritten also vor, bis Vauguyon, bis an das Siechenhaus, trafen aber nirgend auch nur eine redende Seele an, derhalb sie wieder auf der Höh zurückritten und bei Couldray im Hirtenhäuslein und Schuppen die fünf Pilger fanden, welche sie weidlich verschnürt und geknebelt als Spione mit sich führten, ungeachtet alles Schwörens, Klagens und Flehens, so sie erhuben. Von da gen Seuillé hinunterreitend, wurden sie vom Gargantua gehört, und der sprach zu seinen Leuten: »Gesellen, hier kommt ein Trupp heran, und sind an Zahl weit über zehnmal mehr denn wir. Sollen wir einhaun?« – »Teufel, was sonst?« antwortet der Mönch; »schätzt Ihr die Leut nach der Zahl, und nicht nach Tugend und Tapferkeit? Ho Teufel, haut ein! haut ein!« Als die Feind dies vernahmen, meinten sie nicht anders, es wären wahrhafte Teufel, und fingen an mit verhängtem Zaum davonzustreichen, bis auf den Vorneweg, der seinen Speer einlegt' und im vollen Ritt dem Mönch hart auf die Brust rannte. Aber sowie er auf die erschreckliche Kutt anprallt', bog sich das Eisen um, wie wenn ihr mit einem dünnen Wachsstock wider einen Amboß schlüget. Darauf gab ihm der Mönch mit seinem Kreuzstock zwischen Hals und Halskraus aufs Schulterblatt ein so mörderlichs, daß er ihn, ganz verdutzt und aller Besinnung und Bewegung beraubt, unter die Füß seines Gaules streckte. Und wie er die Stolen sah, die er als Schärp umhatt', sprach er zu dem Gargantua: »Es sind eitel Priester, das ist nur erst ein Anfang zum Mönch. Beim heiligen Jahn! Ich aber bin ganzer Mönch, ich will sie Euch wie die Mucken plätzen!« Er jagt sodann im gestreckten Galopp hinterdrein, bis er die letzten ertappt', und senset' sie der Kreuz und Quer wie Roggen zusammen. Unterdessen frug Gymnast den Gargantua, ob sie ihnen nachsetzen sollten. Aber Gargantua sprach: »Mitnichten. Denn nach rechter Kriegsart soll man niemals den Feind zur Verzweiflung treiben, weil solche Not ihm die Kraft nur mehrt und den Mut erfrischt, der schon erloschen und kleinlaut war.« – Während die andern nun unter den Nußbäumen hielten, jagt' der Mönch immer vorauf und schlug ohn Gnad alles tot, was er antraf, bis er einen Reiter ereilt', der einen von den armen Pilgern hinter dem Sattel mit sich führt', und er wollt' ihm eben den Garaus machen; da schrie der Pilger: »Ha, Herr Prior! Mein Freund, Herr Prior, helft mir! ich bitt Euch!« Als die Feinde dies vernahmen, ritten sie zurück, und wie sie niemanden als den Mönch da sahen, der diesen Teufelsspuk machte, beluden sie ihn mit Hieben wie einen Esel mit Holz; aber er spürt' gar nix davon, zumal was auf die Kutten fiel, so eine harte Haut hatt' er. Drauf gaben sie ihm zwei Schützen zur Bewachung, drehten die Pferd um, und als sie sahen, daß niemand wider sie ankam, meinten sie, Gargantua wär mit seinem Geschwader davongeflogen. Sie rannten demnach so rasch sie konnten auf das Nußhölzchen zu, ihnen nach; und ließen dort den Mönch allein mit seinen beiden Wächtern, den Schützen. Gargantua aber hört' das Getümmel und Pferdegewieher und sprach zu den Seinen: »Ihr Gesellen, ich hör' die Spur unsrer Feinde und erkenne auch schon etliche aus dem Schwarm, der wider uns ansprengt. Lasset uns hier zusammenschränken, die Straß in Reih und Glied einnehmen: so woll'n wir sie empfangen, ihnen zum Schaden und uns zur Ehr.« Siebenundreissigstes Kapitel Wie der Mönch sich seiner Wächter entledigt, und wie des Pikrochols Vortrab zerstreut ward Wie sie der Mönch so außer Ordnung davonstieben sah, mutmaßt' er wohl, daß sie über Gargantua und sein Volk herfallen wollten, und betrübte sich aus der Maßen sehr, daß er ihnen nicht beistehen sollte. Darauf beschaut' er sich seine beiden Wächter und sah ihnen an den Mienen an, daß sie dem Haufen gern nachgerannt wären, auch von der Beut etwas zu erfischen, und daß sie allzeit nach dem Tal zu schielten, da sie hinuntergeritten waren. Da sprach er bei sich selbst: »Dies Volk hier weiß nicht viel vom Kriegsbrauch, denn sie haben nicht einmal einen Eid von mir genommen, noch meinen Säbel mir abbegehrt.« Zückte also plötzlich besagten Säbel und hieb dem Schützen zur rechten Hand Hals und Kragen nebst der Gurgel mitten durch, dann zog er den Streich zurück und zerschlitzt' ihm zwischen dem zweiten und dritten Wirbel das Rückgrat. Da fiel der Schütz bocksteif zur Erden. Und der Mönch warf seinen Gaul linksum und strich auf den andern, der, als er seinen Gesellen tot und den Mönch im Vorteil sah, mit lauter Stimm ihn anrief: »Ha! Herr Prior, ich ergeb mich! Mein Herr Prior, mein Freund! Mein Herr Prior!« – Und der Mönch dagegen ruft wieder: »Mein Herr Posterior! Mein Freund! Mein Herr Posterior! Jetzt kriegt Ihr's auf Eure Posteriora.« – »Ha, mein Herr Prior!« sprach der Schütz, »mein Herzblatt, mein Herr Prior! Gott mach Euch doch nächster Tag zum Abt!« – »Bei meinem Chorrock, den ich trag«, antwortet' der Mönch, »und dich will ich zum Kardinal machen! Ich will dir stracks mit dieser Hand den roten Hut aufsetzen!« – Damit hieb er ihm den Kopf ab auf einen Streich, und blieb der Schädel hinten an seinem Fell über den Achseln hängen in Gestalt eines Doktorhütleins, oben schwarz, inwendig rot. Da fiel der Mann maustot zur Erden. Auf solche Tat gab der Mönch seinem Pferd die Sporen und ritt dem Pfad nach, welchen die Feind einschlugen, die den Gargantua und seine Gesellen am Heerweg trafen und durch das unglaubliche Gemetzel, das dort Gargantua mit seinem großen Baum, Gymnast, Ponokrates, Eudämon und die andern verführten, bereits an Zahl so verringert waren, daß sie sich hurtig zu flüchten begannen, schier wie verrückt und besinnungslos vor Furcht und Grausen, als ob sie des Todes leibhaftiges Bild und Gespenst mit offenen Augen sähen. Da nun der Mönch sah, daß ihr Sinn allein aufs Fersengeben stund, sprang er von seinem Roß und stieg auf einen großen Felsen am Weg, nahm seinen langen Säbel und schlug mit runden Volten ohn Fint noch Schonung unter diese Flüchtigen drein, deren er so viele erschlug und darniederfällte, bis ihm sein Säbel in zwei Stücke sprang. Alsdann gedacht' er bei sich selbst, daß nun des Mords und Totschlags genug wär und daß man auch etliche müßt' laufen lassen, die Nachricht zu bringen. Nahm also von einem der Erschlagenen eine Axt in die Faust und stellte sich wieder auf seinen Felsen zum Zeitvertreib, die Feind laufen zu sehen, und wie sie über die Leichnam stürzten. Doch mußten sie ihm alle ihre Piken, Degen, Speer und Büchsen lassen. Auch ließ er die, so die Pilger gebunden führten, absteigen, händigt' den Pilgern ihre Pferd aus und behielt sie nebst Starenstör, welchen er gefangennahm, bei sich. Achtunddreissigstes Kapitel Wie der Mönch die Pilger einbrachte, und wie ihnen Grandgoschier gute Lehren gab Nachdem dies Scharmützel beendigt war, zog Gargantua mit den Seinen, außer dem Mönch, nach Haus, und sie erschienen mit grauendem Tag vor Grandgoschier, der Gott für sie in seinem Bett um Heil und Sieg bat. Und als er sie alle frisch und gesund sah, umarmt' er sie herzlich und fragt' gleich, wie es um den Mönch stünd. Gargantua aber antwortete ihm, daß zweifelsohn die Feind den Mönch hätten. »So wird er ihnen«, sprach Grandgoschier, »keinen Segen bringen.« Wie auch wahr blieb, und ist daher noch das Sprichwort im Brauch: ›Einem den Mönch stecken.‹ – Alsobald befahl er, den Imbiß aufs best zu rüsten, damit sie sich erfrischen sollten. Und als alles nun bereit war, rief man den Gargantua; es tat ihm aber so leid, daß sich der Mönch nicht sehen ließ, daß er weder essen noch trinken mocht. Urplötzlich kommt der Mönch daher und ruft schon von der Hoftür: »Frischen Wein! ho, frischen Wein, Gymnast, mein Freund!« – Gymnastes lief hinaus und sah, daß es Bruder Jahn war, der fünf Pilger nebst Starenstören gefangen brachte. Gargantua ihm also flugs entgegen, sie empfingen ihn aufs freundlichste und führten ihn zum Grandgoschier, der ihn nach all seinen Fahrten frug. Der Mönch erzählet' ihm auch alles, wie er gefangen worden wär, wie er der Schützen sich entledigt, und das Gemetzel, so er am Heerweg verübt, auch wie er die Pilger ertappt und den Hauptmann Starenstör einbracht hätt'. Darauf huben sie all mitsammen fröhlich zu bankettieren an. Während sie sich verlustierten, so trat der Mönch ganz keck zu den Pilgern herzu und frug sie: »Nu, woher des Landes, ihr armen Gäuch?« – »Von Sainct Genou«, antworteten sie. – »Und wie lebt«, sprach der Mönch, »Abt Tranchelion, der gute Zecher? Wie schmeckt's den Mönchen? Beim Kreuz Gottes, während ihr auf der Romfahrt wallet, kehren sie euch die Weiber herum.« – »Na, na«, sprach Renndichmüd, »für meiner hab ich kein Sorg nit, denn wer die am Tag sieht, wird sich den Hals nicht drum brechen, daß er bei Nächten zu ihr komm.« – »Da lauft ihr schief an«, sprach der Mönch, »und wenn sie so schwarz als Proserpina wär; bei Gott, sie kriegt doch ihr Stößchen, wo Mönch im Gau sind. Ein guter Tischler bohrt alle Bohlen. Ich will die Räud han, wo ihr nicht, wenn ihr heimkommt, eure Weiber gesegneten Leibes findet; denn wo ein Klosterturm auch nur den Schatten hinwirft, da verfängt's.« »Nun so gehet dann«, sprach Grandgoschier, »ihr armen Leut, in des allmächtigen Gottes Namen, der euer steter Geleitsmann sei; und seid hinfort nicht so geschwind zu diesem faulen, unnützen Wandern. Stehet euerm Haushalt vor, ein jeder scharf das Seine, dazu er berufen ist, zieh seine Kinder und tu, wie ihn der liebe Apostel Sankt Paulus lehret.« Darauf führte sie Gargantua in den Saal, mit Speis und Trank sie zu erquicken, ließ ihnen auch in ihre Taschen zu essen, und Wein in ihre Flaschen tun, und gab einem jeden ein Pferd zum Ausruhen auf der übrigen Reis, nebst etlichen Karolin zur Zehrung. Neununddreissigstes Kapitel Wie Grandgoschier den gefangenen Starenstör glimpflich behandelt Auch Starenstör ward Grandgoschier vorgestellt und über Pikrochols Tun und Treiben von ihm vernommen, was er mit seinem stürmischem Einfall bezweckt'. Da antwortet' er, es wär sein Vorsatz und Entschluß, das ganze Land zu erobern, wenn er könnt', wegen der seinen Weckenbäckern erwiesenen Schmach. – »Dies heiß ich zu viel unternommen«, sprach Grandgoschier, »wer zu viel faßt, hält wenig fest. Die Zeit ist nicht mehr, da man also die Land zum Schaden seines nächsten Christenbruders erobern konnte. Was weiland die Sarazenen und die Barbaren Tapferkeit hießen, das heißen wir heutzutag Raub und Gewalt. Besser hätt' er daran getan, er wär in seinem Haus geblieben und hätt' es königlich bestellt, statt daß er hie meines überfällt und feindlich plündert. Denn durch gute Bestellung hätt' er's gemehrt; durch Plünderung von meinem wird er zerstört. Ziehet hin in Gottes Namen; dient guter Sach, stellt Euerm König die Fehler vor, die Ihr nun einseht, und ratet ihm nimmer zu Euerm eigenen Nutzen; denn mit dem gemeinen gehet auch das eigne zugrund. Was Euer Lösegeld betrifft, schenk ich's Euch gar, und will auch, daß man Euch Pferd und Waffen wiedergeb. Also muß man mit alten Freunden und Nachbarn handeln, in Erwägung, daß diese unsere Fehde im Grund kein wahrer Krieg ist.« Nachdem er diese Wort gesprochen, rief er den Mönch und frug ihn vor allen: »Bruder Jahn, mein guter Freund, habt Ihr den hier anwesenden Hauptmann Starenstör gefangengenommen?« – »Herr«, sprach der Mönch, »er steht hie selbst, auch ist er alt und verständig genug: es ist mir lieber, Ihr hört's von ihm, denn aus meinem Mund.« – Darauf antwortet' Starenstör: »Ja, Gnädigster, er ist's in Wahrheit, der mich gefangen hat, und ich geb mich ihm frei zu seinem Gefangenen.« – »Habt Ihr«, frug Grandgoschier den Mönch, »ihm ein Lösegeld genannt?« – »Nein«, sprach der Mönch, »mich kümmert dies nicht.« – »Wieviel«, sprach Grandgoschier, »wollt Ihr für ihn zum Lösegeld?« – »Nix, nix«, antwortet' der Mönch, »ich tu's nit darum.« – Alsobald ließ Grandgoschier dem Mönch im Beisein des Starenstör 62 000 Gulden für diesen Fang auszahlen, welches während dem geschah, daß man dem Starenstör den Imbiß auftrug. Grandgoschier fragt' ihn daneben, ob er bei ihm bleiben wollt' oder lieber zu seinem König wieder heimziehn. Starenstör antwortet', er wollt' tun, was er ihm riete. – »Nun«, sprach Grandgoschier, »so ziehet heim zu Euerm König, und Gott sei mit Euch.« – Schenkt' ihm darauf einen schönen Vienner Degen mit güldener Scheid, von schönem getriebenem Laubwerk und eine güldene Halskett, 702000 Mark schwer, mit edeln Steinen eingelegt, auf 160000 Dukaten an Wert geschätzt, und 10000 Taler zum Ehrenpräsent. Nach diesen Gesprächen stieg Starenstör zu Pferd. Ihm gab Gargantua zu seiner Bedeckung dreißig Schwergewappnete mit und zwei Schock Schützen unter Gymnastens Befehl, auf daß sie ihn bis an das Tor der Clermaldsburg geleiteten, wenn's Not hätt'. Kaum war der hinweg, so gab der Mönch dem Grandgoschier die 62000 Salus, die er empfangen, zurück und sprach: »Herr, jetzt ist's nicht Zeit, dergleichen Gaben zu spenden. Wartet bis zu dem End des Kriegs, denn man weiß nicht, was fürfallen möcht', und ein Krieg ohn gute Barschaft hat kurzen Atem und ein schwach Zugloch. Der Feldzüg Nerven, das sind die Batzen.« – »Nun, so will ich's«, sprach Grandgoschier, »dir ehrlich auf die Letzt vergelten, und allen denen, die mir treu gedienet haben.« Vierzigstes Kapitel Wie Grandgoschier seine Scharen versammelte und Starenstör Frühträubeln erschlug, dann auf Pikrocholus Befehl erschlagen ward Um eben die Zeit schickten nun auch alle benachbarten Ortschaften ihre Gesandten zum Grandgoschier, anzeigend, wie sie die vom Pikrochol an ihm verübte Unbill erfahren und ihm an Volk und Geld und anderen Kriegsbedarf, was nur in ihren Kräften stund', aus alter Bündnis zu Dienst entböten. Das Geld belief sich laut mitfolgenden Katastern auf 134 Millionen und dritthalb Goldgulden. Des Volkes waren: 15 000 schwere Reiter, 32 000 leichte Pferd, 89 000 Hakenschützen, 140 000 Fußgänger, 11 000 Kanonen, Doppelkanonen, Basilisken, Spirolen. Schanzgräber 47 000, sämtlich verproviantiert und besoldet auf sechs Monat und vier Tag. Welches Anerbieten Gargantua weder abschlug noch auch gänzlich annahm. Sondern er bedankt' sich höflich bei ihnen, vorgebend, er wollt' diesen Krieg mit guter Art schon dahin schlichten, daß so viele redliche Leut zu bemühen nicht nottun würde. Auch fertigt' er nur einen ab, der ihm die Scharen, die er gewöhnlich in seinen Wällen zu Devinier, zu Cavigny, Gravot und Quinqenais hielt, in guter Ordnung zuführen mußt', an Zahl 2500 Schwerbewaffnete, 66 000 Fußknecht, 26 000 Schützen, 200 grobe Feldstuck, 22 000 Schanzer und 6000 leichte Pferd, all in Banden und Fähnlein gemustert, so wohl erfahren in Kriegsübung, so gut gewappnet, so ihren Fahnen gewärtig und folgsam, so flugs gehorchend auf Wort und Wink ihrer Hauptleut, so behend zum Anlauf, so strack zum Sturm, so klug im Treffen, daß sie mehr einer harmonischen Orgel und wohlgestelltem Uhrwerk glichen, als einer Armee oder einem Heereszug. Starenstör, sobald er zurückkam, stellt' dem Pikrochol sich vor und erzählt' ihm nach der Läng, was er getan und gesehen hätt'. Riet ihm zuletzt nachdrücklichst an, mit Grandgoschieren sich zu vergleichen, welchen er als den treuesten Menschen von der Welt erfunden hätt', beifügend, daß es weder billig noch nützlich wär', seine Nachbarsleut, von denen man lauter Liebes und Gutes genossen hätt', also zu kränken. Und, was die Hauptsach wär, so würden sie aus diesem Handel nimmer ohn merklichen Schaden und Unglück entkommen, denn des Pikrochol Macht sei nicht von der Art, daß nicht Grandgoschier sie leichtlich möcht' ins Bockshorn jagen. – Er hatt' dies Wort noch nicht ausgesprochen, da fiel Frühträubel ihm überlaut in die Red und rief: »Das ist fürwahr ein unglückseliger Fürst, der Diener hat, die sich so leicht bestechen lassen, wie ich's am Starenstör hie seh; denn sein Mut, merk ich, ist so umgewandelt, daß er sich lieber mit unsern Feinden verräterischerweis' zum Krieg wider uns verbunden hätt', wenn sie ihn nur behalten wollten.« Auf solche Wort zog Starenstör unwillig seinen Degen vom Leder und durchstach damit Frühträubeln, ein wenig über der linken Brustwarz, daran er unverzüglich starb. Zog dann die Wehr aus dem Leib und sprach freimütig: »Also fahre hin, wer treue Diener verleumden will.« Pikrocholus entbrannt' darüber in jähem Zorn und sprach, als er den bunten Degen und die schön verzierten Scheiden sah: »Hat man dir darum die Kling gegeben, daß du in meiner Gegenwart mir böslich meinen so guten Freund Frühträubel solltest ums Leben bringen?« Darauf befahl er seiner Leibwache, ihn in Stücke zu hauen, welches auch auf der Stell so gräulich vollstreckt ward, daß das ganze Gemach mit Blute gepflastert war, und ließ darnach Frühträubels Leichnam ehrlich bestatten, aber den Körper des Starenstör in den Graben über die Mauern werfen. Die Nachricht dieses Frevels ward im ganzen Heer ruchbar, und viele fingen wider Pikrochol zu murren an, bis endlich einer namens Rebenklau zu ihm sprach: »Herr, ich weiß nicht, was noch zuletzt aus diesem Handel werden soll; ich seh wohl, Euer Volk ist nicht besonders guten Mutes. Es ist ihnen kein Hehl, daß wir hie schlecht mit Proviant versehen, auch schon an Zahl durch zwei bis drei Ausfälle um vieles vermindert sind. Zudem stößt Euern Feinden viel und mächtige Verstärkung zu: wenn wir erst einmal belagert würden, seh ich nicht ab, wie unser aller Untergang zu vermeiden stund.« – »Ei Quark, Quark!« sprach Pikrocholus, »ihr seid wie die Äl von Melun, schreit, eh man euch schindet. Laßt sie nur kommen.« Einundvierzigstes Kapitel Wie Gargantua den Pikrocholus in Clermaldsburg angriff und dessen Heer aus dem Felde schlug Gargantua führt' das Oberkommando des ganzen Heeres: Sein Vater blieb in seiner festen Burg daheim und macht' ihnen Mut durch gute Wort und Verheißung reichlicher Gaben für die, so tapfer fechten würden. Darauf rückten sie gegen die Furt von Vede vor und setzten mit Hilf leicht gezimmerter Kähn und Brücken hinüber in einem Strich. Besichtigten da die Gelegenheit der Stadt, die hoch und sicher lag. Da ward die Nacht über Rats gepflogen, was zu tun wär. Gymnastes aber sprach zum Gargantua: »Gnädigster Herr, es ist die Art und Natur der Franzosen, daß sie nichts taugen als in erster Hitz und Anlauf; da sind sie ärger als Teufel; läßt man sie aber erst ruhen, dann sind sie weniger denn Weiber. Mein Rat wär, daß Ihr Euer Volk jetzt auf der Stell, sobald es nur ein wenig verschnauft und gefuttert hat, Sturm laufen ließet.« – Der Rat gefiel ihm; er führt' also sein ganz Heer ins Feld und stellt' das Hilfsvolk gegen die Halden. Der Mönch nahm mit sich sechs Fähnlein und Fußknecht und 200 Schwerbewaffnete. Inzwischen lief der Sturm an; Pikrochol brach wütig herfür mit einem Banner Reiterei seines Hofgesindes, und ward allda zum Willkomm mit schwerem Geschütz empfangen, das wider die Höhen hagelte, welchem mehr Spielraum zu gewähren die Gargantuisten sich talwärts zogen. Die in der Stadt verteidigten sich, so gut sie konnten, aber die Schüss gingen überhin und trafen keinen. Etliche von dem Banner, die dem Geschütz entkamen, rückten tapfer gegen unser Volk, aber schafften wenig, denn sie wurden alle in die Reihen eingeschlossen und da zu Boden gestreckt. Dies spürend, wollten sie wieder rückwärts, aber der Mönch hatt' ihnen inzwischen den Paß verrannt; da gaben sie sich ohn Halt noch Ordnung in Flucht. Es wollten zwar etliche sie verfolgen, aber der Mönch hielt sie zurück, besorgend, daß sie auf der Jagd nach den Flüchtigen ihre Stellung verlören und die aus der Stadt derweil auf sie anstürmen möchten. Jetzt besetzt' Gargantua die Höhen linker Hand, damit dem Pikrocholus die Einflucht zu diesem Tor verhauen war, und schickt' vier Schwadronen hin, aber sie hatten den Berg noch nicht sobald erreicht, als sie mit dem Pikrocholus und seinem Schwarm Bart gegen Bart zusammenstießen. Da hieben sie denn derbe drauf. Gleichwohl ward ihnen von denen auf den Mauern auch ein ziemlicher Schaden zugefügt mit dem Wurfgeschütz und der Artillerie. Sobald es Gargantua inne ward, eilt' er ihnen mit großer Macht zu Hilf, und seine Stücke fingen dermaßen auf den Teil der Mauern zu spielen an, daß, die ganze Kraft der Stadt hin entboten ward. Als nun der Mönch dies Teil, das er belagert hielt, von Volk und Wachen entblößt sah, rückt' er heldenmütig gegen die Burg und ließ nicht ab, bis er oben stund nebst etlichen der Seinigen, des Glaubens, daß mehr Furcht und Schrecken die stiften, die sich in ein Treffen plötzlich mengen, als die nach bestem Vermögen schon drin kämpfen. Gleichwohl macht' er eher nicht Lärm, als bis seine ganze Schar auf den Mauern droben stund, ohn die 200 Schwerbewaffneten, die er draußen ließ für alle Fälle. Drauf erhub er mit seinen Leuten ein mörderlich Geschrei, sie erschlugen ohn Widerstand am selbigen Tor die Wachen, eröffneten es und rannten in vollem Ungestüm alle miteinander nach dem Tor gen Morgen, wo das Gemetzel war, und warfen alle feindlichen Haufen von hinten darnieder. Da nunmehr die Belagerten an allen Enden ihre Stadt von den Gargantuisten erobert sahen, ergaben sie sich dem Mönch auf Gnad und Ungnad. Der Mönch nahm ihnen ihre Wehr und Degen ab, logiert' und sperrt' sie sämtlich in die Kirchen ein, nahm aber zuvor alle Kreuzstöck 'raus und stellt' an die Pforten Wächter, die niemand ausließen, öffnet' ihnen dann das Tor gen Osten und zog dem Gargantua zu Hilf hinaus. Pikrochol aber meint', die Hilf käm ihm aus der Stadt, und wagt' sich tolldreist weiter denn zuvor heran, bis Gargantua ausrief: »Bruder Jahn, mein Freund, Bruder Jahn! Zur guten Stund bist du gekommen.« – Da, als Pikrochol und sein Volk nun einsahen, daß alles ohn Rettung verloren, rissen sie aus nach allen Winden. Gargantua setzt' ihnen nach bis gen Vaugaudry, mit Mord und Totschlag. Dann aber ließ er zum Rückzug blasen. Zweiundvierzigstes Kapitel Wie den Pikrocholus auf der Flucht das Unglück ereilt, und was Gargantua nach der Schlacht tat Pikrocholus entfloh also verzweifelt nach der Bouchardsinsel, und auf dem Weg gen Riviere stolpert' und fiel ihm seine Mähre, darob er sich so schwer entrüstet', daß er in seiner Wut sie mit dem Degen darniederstach. Und weil er niemanden fand, der ihm wieder zu Pferd half, wollt' er aus einer Mühlen in der Näh einen Esel nehmen. Aber die Müller zerdraschen ihn mit Knütteln breiweich, zogen ihm die Kleider aus und hingen ihm einen armseligen Kittel zur Bedeckung über. Also zog der arme Choleriker fürbaß auf Port Hulaux, setzt' da übers Wasser und erzählt den Leuten sein Unglück. Da wahrsagt' ihm denn eine alte Runkunkel, daß ihm sein Königreich wieder erstattet werden würd', wenn die Ziegenböck Milch gäben. Seit der Zeit weiß man nicht, wo er hinaus ist kommen. Doch hab' ich gehört, daß er jetzt ein armer Taglöhner zu Lyon sei, cholerisch wie zuvor, und immerfort horcht' er bei allen Fremden herum, ob die Ziegenböck noch keine Milch geben wollten, weil er alsdann, nach der Prophezeiung der alten Hex, steif und fest hofft, in seine Staaten wieder eingesetzt zu werden. Nach Abzug des Feindes zählt' Gargantua zuvörderst sein Volk und fand, daß dessen nur wenig im Feld geblieben war. Ließ dann auf dem Burgplatz alle, die von Pikrochols Partei noch überblieben, vor sich fordern und redet' im Beisein aller seiner Fürsten und Hauptleut zu ihnen wie folget: Dreiundvierzigstes Kapitel Die Anrede, die Gargantua an die Überwundenen hielt Unsre Ahnherrn, Väter und Vorvordern, solang wir denken können, sind immer der Meinung und Neigung gewesen, daß sie ihrer gewonnenen Schlachten Triumphgedächtnis und Ehrenmal lieber mit Siegestrophäen und Zeichen in die Herzen der Überwundnen durch Gnad, als in die eroberten Länder durch Baukunst haben stiften wollen. Denn sie achteten der Menschen lebendige, durch Freundlichkeit gewonnene Erinnrung höher als die stummen Überschriften, der Bögen, Säulen und Pyramiden, welche der Unbill der Witterung und eines jeden Mißgunst bloßstehen. Die Zeit, die alle Dinge anfrißt und mindert, mehret dagegen und häuft die Wohltat; dieweil einem vernünftigen Menschen gern erwiesener offener Freundesdienst in edlem Gedächtnis und Erinnrung allzeit fortwächst. Auch wir wollen mitnichten aus der angestammten milden Art unsrer Väter schlagen, sondern hiemit euch los und ledig, frank und frei wie zuvor erklären. Überdem soll man jedem zum Abzug in den Toren drei Monat zahlen, daß ihr wieder in eure Heimat und Freundschaft kommen könnt, und mein Marschall mit 600 Reisigen und 8000 Fußvolk soll euch sicher geleiten, damit euch die Bauern kein Leides tun. Gott sei mit euch. Vom Grund des Herzens ist mir leid, daß nicht Pikrocholus hie zugegen; denn ich hätt' ihn gemahnen wollen, daß dieser Krieg nicht mir zur Lust, noch zur Hoffnung, mein Gut und Namen zu mehren, erhoben worden. Aber weil er verschollen ist und man nicht weiß, wie oder wo er abhanden kommen, will ich, daß seinem Sohn sein Reich unangetastet verbleiben soll. Welcher, da er noch allzu jung (denn er ist noch nicht gar fünf Jahr alt) von den ältesten Landesfürsten und klugen Männern des Königreichs erzogen und gelenkt werden soll. Und weil ein solch verlassen Reich gar leicht zugrund gerichtet wird, wenn man den Geiz und die Begehrlichkeit der Verweser desselben nicht im Zaum hält, will und verordne ich: Ponokrates soll mit dazu benötigter Vollmacht über all seine Lehrer und Pfleger Aufseher sein und um das Kind getreulich bleiben, bis er es selber zu regieren geschickt und tauglich befinden wird. Ich bedenk', daß allzu weichlich schlaffe Nachsicht gegen die Übertreter ihnen nur desto größeren Anlaß gibt, von neuem zu sündigen, bestärkt durch diesen schädlichen Trost der Vergebung. Dessentwegen will ich, daß ihr vor euerm Abzug mir zuvörderst diesen saubern Marcket aushändiget, dessen eitler Dummtrotz dieses Krieges erster Zunder und Samen gewesen; zweitens auch seine Gesellen, die Weckenbäcker, welche sich säumig finden lassen, ihm auf der Stell sein töricht Gehirn zurecht zu rucken. Drittens endlich alle Rät, Hauptleut, Beamten und Dienerschaft des Pikrocholus, die ihn etwa zu solchem uns beschwerlichen Ausfall angereizt, darin bestärkt oder zugeraten.« Vierundvierzigstes Kapitel Wie die siegreichen Gargantuisten nach der Schlacht belohnet wurden Nach Beendigung dieser Red wurden dem Gargantua die von ihm begehrten Unruhstifter ausgeliefert, bis auf Bravo, Dünnschiß und Kleinitz, welche sechs Stunden vor Anfang des Treffens entflohen waren, ohne Umsehn noch Atemholen unterwegs, und zwei Bäcker, die in der Schlacht geblieben waren. Gargantua tat ihnen weiter kein Leides, als daß er sie in seiner neu errichteten Buchdruckerei an die Pressen stellt' zur Bedienung. Gab drauf den Toten ein ehrlich Begräbnis, und die Verwundeten ließ er heilen und pflegen. Demnächst gedacht' er, was der Stadt und den Bürgern etwa zu Leid geschehen wär, und ließ ihnen allen ihren Schaden auf ihre eidlich erhärtete Aussag vergütigen. Baut' auch ein festes Schloß daselbst mit guten Wachen wohl bemannet, damit es künftig auf plötzliche Überläuf besser gedeckt wär. Beim Abschied dankt' er huldreich allen Söldnern seiner Legionen, die mit im Treffen gewesen waren, und schickt' sie in ihre Winterquartier und Garnisonen, ausgenommen etliche, die er im Streit sich tapfer hatt' hervortun sehen, und die Hauptleut der Fähnlein, die er mit sich zum Grandgoschier nahm. Unmöglich zu beschreiben wäre, wie hoch erfreut der Biedermann war, als er sie kommen sah. Er gab ihnen alsobald den köstlichsten, reichsten, auserlesensten, herrlichsten Schmaus, den man seit König Asveri Zeiten ersehen hat. Zum Schluß der Tafel verteilt' er ihnen Mann für Mann sein ganzes Kredenzgeschirr, das 1 800 014 Bisantinen Goldes wog, an großen, antikischen Gefäßen, Häfen, Becken, Schalen, Kelchen, Kandelabern, Körben, Schifflein, Blumentöpfen, Zuckertellern und anderm mehr dergleichen Geschirr von lauter massivem Gold; den Schmelz, die Edelstein und Arbeit daran nicht mitgerechnet, die den Goldwert nach aller Schätzung überstiegen. Weiter ließ er ihnen bar aus seiner Schatulle einem jeden zahlen 1 000 000 Taler. Auch noch überdem beschenkt' er jeden auf ewige Zeiten (außer im Fall sie ohn Erben stürben) mit einem seiner Schlösser und Lehen der Nachbarschaft. FünfundvierzigstesKapitel Wie Gargantua für den Mönch die Abtei Thelem Das Wort bedeutet im Griechischen ›Wille‹; in Bruder Jahn sehen die Kommentatoren den Kardinal du Bellay, den großen Gönner Rabelais', in Thélème dessen Abtei in St. Maur, nahe bei Paris. erbauen ließ Blieb jetzt allein der Mönch noch zu bedenken übrig, den Gargantua zum Abt von Seuillé machen wollt': aber er schlug es aus. Dann wollt' er ihm die Abtei zu Bourquel schenken, oder auch die zu Sainct Florent, welche ihm selbst die liebste wär, oder auch beide, wenn er sie gern hätt': aber der Mönch gestand ihm frei, daß er von Mönchen weder Vogt noch Vormund sein möcht'. »Denn«, sprach er, »wie sollt' ich andre regieren, der ich mich selbst nit regieren kann? Wenn es Euch aber bedeucht, als hätt' ich Euch angenehme Dienste geleistet, oder möcht' sie in Zukunft noch leisten, so vergönnet mir eine Abtei nach meinem eigenen Sinn zu stiften.« Die Bitt gefiel dem Gargantua, und er bot ihm sein ganzes Land Thelem, am Loirefluß gelegen, dazu an. Da bat er den Gargantua, daß sein Orden das Gegenteil aller andern sein dürft'. – »So muß man«, sprach Gargantua, »erstlich schon keine Mauern darum ziehen; denn alle andern Abteien sind erschrecklich vermauert.« – »Freilich«, sprach der Mönch, »und von Rechts wegen. Wo Mauern sind, da ist hinten und vorn nur Murren und Knurren, Trauern, Versauern, Neid, einer lebt dem andern zu Leid.« – »Ferner«, sprach Gargantua, »weil es in etlichen Klöstern dieser Welt Brauch ist, daß, wenn ein Weibsbild (ich mein ein frommes und sittsames) hineinkommt, man den Platz säubert, da sie hingetreten ist, so wird geordnet, daß, wenn von ungefähr etwa ein Mönch oder ein Nönnlein dorthin käm, man hinwieder ihnen säuberlichst alle Schritt und Tritt nachfegen soll. Und weil in den Stiftern dieser Welt alles nach Stunden eingeteilt, verschränkt und klausulieret ist, so wird beschlossen, daß da weder Uhr noch Zeiger sein soll, sondern ein jedes Geschäft nach Schick und Gelegenheit verrichtet wird.« Denn, sprach Gargantua weiter, der einzige Zeitverlust, den er wüßt', wär' das Stundenzählen. Was hätt' man davon? Und wär die größte Narrheit der Welt, sich nach dem Schall einer Glocken zu richten, statt nach des Geistes Stimm und Sinn. »Item, weil man derzeit niemand ins' Kloster stieß, als blinde, lahme, hokrige, häßliche, mißgeschaffne, unreimische, törichte, verhexte, vertrackte Weiber, desgleichen nur die verkrüppelten, blöden, lendenlahmen, hauslästigen Männer: – (» Ad vocem! « fiel der Mönch hie ein: »Ein Weib, das weder schön noch fromm ist, wozu nutzt es?« – »Ins Kloster zu stecken«, antwortet' Gargantua. »Recht«, sprach der Mönch, »und Hemden zu machen.«) so wird verfügt, daß man da niemand als schöne, wohlgestaltete, wohlgeartete Frauen, und niemand als schöne, wohlgestaltete, wohlgeartete Männer aufnähm. Item, weil Männer in Frauenklöster nicht anders als heimlich kommen könnten – oder im Sturm, wird dekretiert, daß da kein Weib sein sollt', es wär denn ein Mann dabei, noch auch ein Mann, wo nicht ein Weib wär. Item, weil so Männer als Weiber, einmal ins Kloster aufgenommen, nach ihrem Probjahr lebenslang darin zu verharren gezwungen werden, wird festgesetzt, daß jeder Mann und jedes Weib da aufgenommen, wann's ihnen gut deucht', frei und gänzlich wieder heraus marschieren dürfen. Item, weil die Ordensleut gemeinlich drei Gelübd tun, nämlich Keuschheit, Armut und Gehorsam, so wird verordnet, daß man allda in Ehren möcht beweibt sein, daß ein jeder reich sei und in Freiheit leben soll. Anlangend das rechtmäßige Alter, soll man die Frauen mit zehn bis fünfzehn, die Männer mit zwölf bis achtzehn Jahren aufnehmen.« Sechsundvierzigstes Kapitel Wie die Abtei der Thelemiten erbauet und fundieret ward Zu Bau und Einrichtung der Abtei ließ Gargantua 2 700 831 Langewollen-Hammel bar ausbezahlen, und jedes Jahr, bis alles angebaut wär, wies er auf den Dive-Zoil 1 669 000 Sonnentaler an, und eben so viele Siebensterntaler. Zur Fundierung und zum Unterhalt derselben gab er auf ewige Zeiten 2 369 514 Rosenobel unablöslich amortisierte Grundrent, zahlbar jährlich an der Abteitür, und fertigt' ihnen gute Stiftbrief darüber aus. Des Gebäudes Figur war sechseckig, dergestalt, daß auf jedes Eck ein dicker runder Turm zu stehen kam, sechzig Schritt im Durchschnitt ihres Umfangs, und an Dicke und Umriß waren sie all einander gleich. Auf der Seit gen Norden lief der Loirefluß, an dessen Ufer stund einer von den Türmen namens Arktike, von da gen Morgen ein andrer, namens Kalaer. Der folgende hieß Anatole. Der folgende Mesembrine, der nächstfolgende Hesperie, der letzte Kryere. 312 Schritt betrug von einem Turm zum andern der Zwischenraum; zu sechs Gestocken alles erbauet, die Keller im Grund mit eingerechnet. Der zweite Stock war korbhenkelförmig gewölbt, die andern mit Flandrischem Gips in Lichtstockart bekleidet. Das Dach auf feinem Schiefer mit Bleirücken voller kleiner Tier- und Männerfigürlein wohl geschmückt und übergüldet, wie auch die Regentraufen, die aus der Mauer zwischen den Fensterbögen sprangen, diagonalisch mit Gold und Azur bemalt bis zu ebener Erden, da sie in weite Röhren liefen, welche sämtlich unter dem Haus in den Fluß ausgingen. Selbiges Gebäud war tausendmal prächtiger als Schloß Bonivet, denn es waren darin 9332 Gemächer, jedes mit Hinterkammer, Klosett, Kapell, Garderob und Austritt in einen großen Saal versehen. Zwischen jedem Turm inmitten der Mauern des Hauses selbst war eine Schneckentrepp quer durch das Haus gebrochen; die Stufen derselben teils Porphyr, teils numidischer Stein, teils Serpentin, zweiundzwanzig Schuh lang; die Dick betrug drei Finger; der Abstand von einer Treppenruh zur andern mit zwölf Stufen berechnet. In jeder Ruh waren zwei schöne antikische Bögen, durch die der Tag einfiel, und man kam durch sie in ein durchbrochnes Gemach von gleichem Umfang mit der Treppen, stieg dann weiter bis über das Dach, da sie in einem Pavillon zu Tag ausging. Nach allen Seiten trat man von dieser Schneckentrepp in einen großen Saal, und aus den Sälen in die Gemächer und Zimmer. Zwischen den Türmen Arktike und Kryere waren die schönen großen Büchereien in Griechisch, Lateinisch, Hebräisch, Französisch, Toskanisch, Hispanisch, nach den Sprachen in die verschiedenen Stockwerk verteilt. Zumittelst war eine wunderbare Schneckentrepp, auf welche man von außen herein durch einen sechs Klafter breiten Bogen passiert', und der war von solchem Umfang und Ebenmaß, daß sechs Reisige die Speer in den Hüften, bis auf das Dach des ganzen Hauses nebeneinander hinaufreiten konnten. Zwischen den Türmen Anatole und Mesembrine waren schöne geräumige Galerien mit lauter alten Heldentaten, Historien und Erdbeschreibungen gemalt. Zumittelst war eben ein solches Tor und Stieg wie auf der Wasserseiten gemeldet worden, und über dem Tor mit großen alten Lettern geschrieben was folget: Siebenundvierzigstes Kapitel Aufschrift des großen Tors zu Thelem Entweicht von hier, bigottes Heuchlerpack, Ihr kahlen Bäuche, schweinisch vollgepreßt, Verlognes Volk, das seinen Bettelsack Im Namen falscher Götzen füllen läßt. Heimliche Sünder, geile Kuttenschleicher, Der Kirche sehr devote Rossetäuscher, Du fahler Heerbann aller Lüge, weiche! Hier ist kein Ort für fromme Lumpenstreiche! Der Falschheit Klumpfuß schändet unsre Fluren, Wir singen nicht mit Buben und mit Huren! Entweicht von hier, die ihr den letzten Knopf Dem Ärmsten feig und wucherisch geraubt, In deren Bettsack, Kasten, Strumpf und Topf Das Gold, das angebetete, verstaubt, Und die doch nie genug gehamstert haben, Und würd' man sie auch ganz in Gold begraben. Schert euch zum Teufel oder schachert weiter: Herr Urian heizt schon für euch die Scheiter. Weit fort mit euch, gierige Tiergesichter, In Thelem ist kein Platz für euch Gelichter. Ihr aber tretet ein und seid gegrüßt, Ihr, die ihr edel seid an Leib und Geist. Hier ist der Ort, wo jeden Tag versüßt Mit tausend Wonnen sich das Leben weist Für jeden, der in ritterliche Minne Gleich mir erhebt die Herzen und die Sinne, Der froh und stolz bei Scherz und Heldentaten: Kurz, für den wahren treuen Kameraden! Hier wollen wir den schönsten Orden weihen Und kein Gemeiner tret' in seine Reihen! Und dann, ihr hohen Damen, kommt auch ihr, Ergreift die Hand, die froh die eure drückt, Seid der Gemeinschaft holde Blumenzier, Seid schön und stolz, seid weise und beglückt! Dies ist das Tor zu reinen Seligkeiten, Für euch ließ ich Palast und Flur sich breiten, Den Wünschen, die aus Frauenherzen steigen, Verdank' ich Thelem: euch drum sei's zu eigen. So nehmt, was wir euch frohen Mutes schenken, Und dankt es uns durch freundliches Gedenken. Achtundvierzigstes Kapitel Wie die Wohnung der Thelemiten war Inmitten des Hofs war ein herrlicher Brunnen von schönem Alabasterstein; darauf standen die drei Grazien mit den Hörnern des Überflusses und gaben das Wasser aus Brüsten, Ohren, Mund, Augen und andern Öffnungen des Leibes von sich. Der innere Bau des Hauses über dem Hofe stund auf mächtigen Pfeilern von Achat und Porphyr mit schönen antikischen Bögen, innerhalb welcher schöne lange, geräumige Galerien waren, verziert mit Schildereien, mit Hörnern vom Hirsch, Rhinozeros, Einhorn, Flußpferd, mit Elefantenzähnen und andern Merkwürdigkeiten. Das Frauenquartier ging vom Turm Arktike bis zum Tor Mesembrine; im übrigen wohnten die Männer. Vor dem gedachten Frauenquartier, zu ihrer Augenweide, waren zwischen den beiden ersten Türmen außerhalb die Übungsplän, der Reitplan, das Theater, die Schwimmplätz nebst den prächtigen dreistöckigen Bädern, wohl versehen mit allem Bedarf, und mit Myrrhenwasser die Hüll und Füll. Auf der Flußseit war der schöne Lustgarten, und mitten darin das artige Labyrinth gelegen. Zumittelst der beiden andern Türm das Ballspiel. Dem Turm Kryere gegenüber war der Fruchtgarten voller Obstbäum angepflanzet, hinter demselben das große Geheg von allen Arten Gewildes wimmelnd. Zwischen den dritten Türmen war der Schießstand für Bogen, Büchs und Armbrust. Küchen und Kellerei vor dem Turm Hesperie, dahinter der Marstall. Vor den Küchen die Falknerei von kunsterfahrnen Falkonieren versehen, und ward alljährlich von den Kandiern, Sarmaten und Venetianern versorgt mit allen Sorten Mustervögeln, Adlern, Falken, Sperbern, Habichten und andern, so wohl dressiert und abgericht, daß sie, wann sie zur Last vom Schloß ins Feld ausflogen, auf alles stießen, was ihnen vorkam. Die Jägerei lag ein wenig weiter nach dem Gehege zu. Alle Zimmer, Säl und Gemächer waren nach den Jahreszeiten verschiedentlich tapeziert, die Böden alle mit grünem Tuch bedeckt, die Betten von Stickerei. In jeder Hinterkammer hing ein kristallener Spiegel in feines Gold gerahmt, ringsum mit Perlen eingefaßt; und war so groß, daß man sich drin in Lebensgröß von Kopf bis Fuß beschauen konnte. Vor den Sälen des Frauenquartiers stunden die Haaraufputzer und Parfümierer, durch deren Hand die Männer gingen, wann sie die Frauen besuchen wollten. Dieselben besprengten alle Morgen die Zimmer der Frauen mit Rosenwasser, mit Engel- und Pomeranzblütwasser und reichten einer jeglichen das köstliche Räucherpfännlein dar, von allen Spezereien duftend und aromatischem Wohlgeruch. Neunundvierzigstes Kapitel Wie die Ordensbrüder und Schwestern von Thelem gekleidet gingen Die Frauen in der ersten Zeit der Stiftung kleideten sich nach ihrem eignen Wohlgefallen und Belieben. Nachmals aber wurden sie reformiert, mit ihrer freien Genehmigung und auf die prächtigste Weise. Die Männer waren nach ihrer Weis' gekleidet, kostbar in Stoff und Stickerei, und so groß war die Einigkeit zwischen den Männern und Frauen, daß sie tagtäglich überein gekleidet gingen. Und um hiegegen nie zu verstoßen, waren besondere Kavaliere dazu angestellt, es jeden Morgen den Männern zu melden, welche Farb an selbigem Tag den Frauen zu tragen gefällig wäre. Denn alles und jedes ward nach der Frauen Belieben getan; und denkt nur nicht, daß mit so reichem, stattlichem Anzug je einer oder eine von ihnen irgend Zeit verloren hätt'. Denn die Garderobemeister hatten sämtliche auf jeden Morgen so flink bei der Hand, und die Kammerfrauen waren so trefflich eingeübt, daß sie in einem Augenblick von Kopf zu Fuß gekleidet waren. Und um die Geschmeide und Anzüge in desto besserer Ordnung zu halten, stund in der Näh des Thelemer Waldes ein großes mächtiges Gebäud, wohl eine halbe Meile lang, fein hell und wohleingerichtet; darin wohnten die Goldschmiede, Juweliere, Sticker, Schneider, Sammetweber, Goldzieher, Tapeten- und Teppichwirker und arbeiteten da ein jeder in seinem Handwerk, lediglich für diese Ordensbrüder und Schwestern. Wenn etliche Perlen veralten wollten und etwa den weißen Glanz verloren, erneuerten sie sie durch ihre Kunst dadurch, daß sie sie einem schönen Hahnen zu fressen gaben, so wie man den Falken Purganz eingibt. Fünfzigstes Kapitel Wie der Thelemiten Lebensart reguliert war Ihr ganzes Leben ward nicht geführt nach Satzung, Regel noch Statuten, sondern nach eigner freier Wahl. Sie stunden vom Bett auf, wann ihnen gut schien; tranken, aßen, arbeiteten, schliefen, wann sie dazu das Verlangen ankam. Keiner weckt' sie, keiner zwang sie, weder zum Trinken noch zum Essen, noch sonst etwas. Denn also war es vom Gargantua eingerichtet. In ihrer Regel war nicht mehr als dieses einzige Gebot: TU WAS DU WILLST, weil wohlgeborene, freie, wohlerzogene Leut in guter Gemeinschaft aufgewachsen, schon von Natur einen Sporn und Anreiz, der sie beständig zum Rechttun treibt und vom Laster abhält, in sich haben, welchen sie Ehre nennen. – Aus dieser Freiheit erwuchs in ihnen ein löblicher Wettstreit, alles zu tun, wovon sie sahen, daß es dem einen angenehm war. Wenn einer oder eine sprach: »Lasset uns trinken«, so tranken sie alle. Sprach er: »Lasset uns spielen«, so spielten sie alle. Sprach er: »Kommt ins Feld spazieren«, so gingen alle gleich hinaus. Wollten sie auf die Vogelbeize oder Jagd, so setzten sich die Frauen auf schöne Zelter, und jede trug, zierlich behandschuht, auf ihrer Faust ein Sperber, Habicht oder Falken. Die Männer trugen die andern Vögel. So adlig waren sie all erzogen, daß unter ihnen auch nicht einer noch eine war, die nicht hätt' lesen, schreiben, singen, musizieren, fünf bis sechs Sprachen reden und sowohl reimweis' als in ungebundener Red darin diktieren können. Niemals hat man so wackre, galante Ritter ersehen, so fertig zu Fuß und Roß, so rüstig und regsam, so wohl in allen Waffen bewandert, als es da gab. Niemals hat man so stattliche Frauen, so artige, so wohlgelaunte, zur Hand, zur Nadel, ja zu jeder ehrlichen freien weiblichen Kunst geschicktere Frauen gesehen als da. Daher dann, wann die Zeit erschien, daß einer auf seiner Freund Begehren oder sonst einen andern Grund aus diesem Stift austreten wollte, er eine der Frauen mit sich nahm, die ihn etwa zu ihrem Getreuen erkoren hätt', und wurden dann zusammen vermählt, und hatten sie in Thelem treu und einig gelebt, so fuhren sie im Ehestand noch besser damit fort und liebten einander am letzten Tag ihres Lebens wie an dem ersten Hochzeitstag. Zweites Buch Des Autors Prolog Sehr treffliche und mannhaftige Degen, edle freie gestrenge Herren und all ihr andern, die ihr euch gern jedweder Anmut und Tugend befleißigt: ihr laset unlängst die große unschätzbare Chronik des ungeheuren Riesen Gargantua und habt als wahre Gläubige daran so steif und fest geglaubt als an ein heiliges Evangelium oder unfehlbaren Bibeltext; habt auch manchmal euch die Zeit damit nebst den ehrsamen Frauen und Fräulein vertrieben, wenn ihr ihnen – just müßig – daraus fein lange und schöne Geschichten erzähltet. Derhalben gebühret euch denn groß Lob und ein unsterbliches Ehrengedächtnis. Und wenn es meinem Willen nachging, sollt sich ein jeder seiner besondern Geschäft entschlagen, sich um sein Gewerb nicht kümmern, all seine sieben Sachen gar aus dem Sinn tun, um lediglich hierin zu leben mit äußerlich ganz unzerstreuten, gesammelten Sinnen, bis man's zuletzt auswendig wüßt'. Daß, wenn die Kunst zu drucken etwa durch Zufall abkäm, oder künftig die Bücher alle zugrunde gingen, ein jeder es seinen Kindern haarklein einlernen könnte, und von Hand zu Hand auf Erben und Nachfahren weiter pflanzen, wie eine heilige Kabbala. Denn es ist weit mehr Frucht darin, als sich ein ganzer Haufen grober Narren und Grindköpf träumen läßt, die von diesen kleinen Fröhlichkeiten soviel verstehn als ein alter Steißtrommler. Arme Gichtbrüchige und Venerische haben wir oftmals gesehen, wenn man sie eben gesalbt und über und über eingeschmiert hatte, daß ihnen die Gesichter wie Schlösser an einem Beinhaus leuchteten und die Zähn im Halse klappten wie ein Spinett oder Orgelklavier, wenn man drauf spielt, und ihnen der Schaum vorm Mund stand wie einem Eber, den der Hund im Garne zaust! Was taten sie dann? Ihr einziger Trost war, eine Seite aus unserm Gargantua verlesen hören. Und wir haben ihrer darunter gesehen, die sich zu hundert steinalten Teufeln verschworen haben, wo sie aus Lesung dieses Buchs nicht merkliche Schmerzenslinderung schöpften, mitten in der Schwitzkur. Nicht mehr noch minder als die Weiber in Kindesnöten, wenn man ihnen das Leben der heiligen Margret vorliest. Ist dies ein Kleines? Zeiget mir, in welcher Fakultät, Sprache oder Wissenschaft ihr das Buch wollt, das solche Tugend, Eigenschaft oder Vorzug hätt', und ich zahl die nötige Nierenspülung. Nein, nein, ihr Herrn, es ist unvergleichlich, ohne Beispiel, es hat seinesgleichen nicht. Ich behaupt's bis zum Feuer exclusive . Auch hat die Welt durch unumstößliche Erfahrung den großen Gewinn und Nutzen erkannt, der ihr aus dieser Gargantuachronik erwachsen ist; denn die Buchdrucker haben in zwei Monden mehr davon verkauft, als man neun Jahr lang Bibel kaufen wird. Derhalb ich dann (als euer untertäniger Sklave) auf Mehrung eurer Kurzweil bedacht, jetzt euch ein ander Buch von gleichem Schrot und Muster darbring, nur daß es noch etwas manierlicher und glaubhafter ausfallen wird denn jenes: nämlich, von den erschrecklichen Heldentaten und Abenteuern Pantagruels, dem ich, seit ich die Kinderschuh vertreten hab', bis diese Stund um Lohn gedienet; da ich dann mit seinem Urlaub einen Rutsch in meine alte Kuhweid auf Besuch gemacht hab', mich umzuschauen, wer noch etwa von meinen Leuten das Leben hätte. Drum, diesem Vorwort ein End zu machen: gleichwie ich mir zu meinem Teil mit Leib und Seel, mit Darm und Dung hunderttausend Teufel auf den Hals wünsch, wo auch nur ein einzig Wort in der ganzen Geschicht erlogen ist – so seng euch das höllische Feuer, Sankt Asmus' Haspel zerwirr euch die Därm, Krätz und Wolf fress' euren Leib, und ihr müsset wie Sodom und Gomorrha in Feuer und Schwefel zum Abgrund gehn, wo ihr nicht festiglich alles glaubet, was ich in gegenwärtiger Chronik euch nach der Reih berichten werd. Erstes Kapitel Von der Geburt des gestrengen Pantagruel Gargantua erzeugte in seinem 524. Jahr seinen Sohn Pantagruel mit seinem Weibe Hängemunden, der Tochter des Amaurotenkönigs in Utopien, die im Kindbett starb; denn er war so unmäßig groß und stämmig, daß er nicht zur Welt kommen konnt', ohne seine Mutter mit zu ersticken. Aber damit ihr die Ursach und Bedeutung seines Namens, der ihm in der Tauf erteilet ward, gründlich verstehen mögt, so sollt ihr wissen: es war im ganzen Land Afrika dasselbe Jahr so große Dürre, daß sechsunddreißig Monat, drei Wochen, vier Tag, dreizehn Stunden und etwas weniges darüber ohne Regen verstrichen, bei so erschrecklicher Sonnenglut, daß die ganze Erd davon verdorrte. Das ganze Land saß auf dem Trockenen. Die Müh und Angst der Sterblichen, dem schauderhaften Verdursten zu steuern, war kläglich anzusehen. Denn man hatt' alle Händ voll zu tun, daß nicht gar der Weihbrunn in den Kirchen aufgeleckt ward. Doch wußten die Herren Kardinäle und der Heilige Vater dafür bald so guten Rat, daß niemand mehr denn einen Segen davon zu nehmen sich getrauet'. Ja, wenn ein Mensch in die Kirche kam, hättet ihr wohl an zwanzig arme Durster hinter dem, der das Wasser austeilt', offenen Mundes daherziehn sehen, ob sie ein Tröpflein erschnappen möchten, wie der reiche Mann, auf daß nichts umkäm. O selig, wer in diesem Jahr einen kühlen und vollen Keller hatt'! Eines Freitags nun, als alle Welt der Andacht pflog, und ein schöner Umgang mit Litaneien und Inprofundis schockscheffelweis' gehalten ward, Gott den Allmächtigen beschwörend, daß er in solchem Mißgeschick mit seinem Auge der Erbarmung sie gnädiglich ansehn wollt' – da sah man handgreiflich dicke Wassertropfen der Erd entquellen, wie wann eins stark schwitzet. Das arme Volk fing sich schon an zu freuen, als wenn es ihnen zum Heil und Labsal gewesen wär. Denn etliche sprachen, weil die Luft nicht einen Tropfen Feuchtigkeit mehr hätt', davon noch Regen zu hoffen stünde, hilf nun die Erde dem Mangel nach. Andre Leut, die Studierten, meinten, es wär halt Antipodenregen. Aber sie waren angeführt. Denn als nach abgehaltenem Umgang alles den Tau zu schöpfen lief und in vollen Zügen trinken wollt', fanden sie, daß es nichts andres war denn Heringslake, so bitter und salzig wie kein Seewasser nimmermehr. Und weil auf eben diesen Tag Pantagruel geboren ward, gab ihm sein Vater diesen Namen; denn Panta bedeutet auf Griechisch alles , und Gruel in arabischer Sprach so viel als durstig – anzuzeigen, daß alle Welt in seiner Geburtsstunde durstig gewesen; auch weil er zugleich im prophetischen Geist zum voraus sah, daß er dereinst Beherrscher der Durstigen sein würd, welches ihm außerdem noch durch ein offenbares Zeichen in eben der Stund erwiesen ward. Denn als seine Mutter Hängemunde mit ihm im Kreißen begriffen war und die Hebammen seines Empfanges harrten, kamen aus ihrem Leib voraus achtundsechzig Saumroßtreiber, und jeder führt' am Halfter ein Maultier mit eitel Salz beladen nach. Auf diese folgten neun Dromedare mit Schinken und geräucherten Rindszungen, sieben Kamele voll kleiner Aale, drauf fünfundzwanzig Karren mit Zwiebeln, Lauch, Porree, Knobloch und Schalotten. Die Hebammen waren baß erschrocken, und ihrer etliche sprachen zusammen: »Hie hat's gut Futter, weil wir zeither im Trinken zu schüchtern und allzu nüchtern waren. Dies Zeichen bedeutet uns nur Glück. Danach läßt sich's saufen.« – Und wie sie so noch untereinander plauderten, siehe! da trat heraus Pantagruel, über und über rauh wie ein Bär. Und eine prophezeiet' und sprach: »Er kommt mitsamt dem Haar zur Welt, er wird erstaunliche Dinge tun und, wenn er lang lebt, zu Jahren kommen.« Zweites Kapitel Wie Gargantua um sein Weib Hängemunden Leid trug Der aber über Pantagruels Ankunft gar außer sich und schier verdutzt war, das war sein Vater Gargantua. Denn einesteils sah er sein Weib Hängemunden tot, und andernteils seinen Sohn Pantagruel geboren, so schön und groß – da wußt' er nicht, was er beginnen noch sagen sollte. Und war der Zweifel, der ihn in seinen Gedanken peinigte: ob er müßt' weinen vor Traurigkeit über sein Weib, oder lachen vor Freuden über seinen Sohn. »Muß ich jetzt heulen?« sprach er. »Ja. Denn warum? Mein teures Weib ist tot, die beste hin, die beste her, die man auf Erden nur finden mocht'. Ich werd' sie nimmer wiedersehen, krieg' auch so eine halt nimmer wieder; ist mir ein unschätzbarer Verlust! O du mein Gott, was tat ich dir, daß du mich also hart bestrafest? Warum nahmst du mich nicht eher von hinnen? Denn ohne sie zu leben, ist mir nur ein Siechtum. Ach, du armer Pantagruel! Du bist um deine liebe Mutter, um deine süße Amme gekommen. Ach, falscher Tod, wie bist du so tückisch, wie handelst du also schmählich an mir, daß du mir diese rauben mußt, der die Unsterblichkeit mit Recht gebühret hätt'?« Und wie er dies sprach, heult' er wie eine Kuh. Doch plötzlich lacht' er wieder hell auf wie ein Kalb, wenn ihm Pantagruel einfiel. »Ho! Ho!« rief er, »mein kleiner Sohn, lieb's Hosseloddel, wie bist du so artig! Wie dank ich Gott, daß er mir einen so schönen, muntern, lachenden, artigen Sohn gegeben! Lassen wir alle Traurigkeit fahren; bring vom besten, spül die Gläser, deck den Tisch, jag die Hund 'naus, blas das Feuer auf, steck's Licht an, mach die Tür zu, schneid die Suppen ein, laß die Armen 'rein, gib ihnen, was sie haben wollen. Da nimm mein Kleid, daß ich mir's leicht mach, daß ich mich besser umtun kann und die Gevatterinnen bedienen.« Bei diesen Worten hört' er die Mementos und Litaneien der Priester, welche sein Weib zu Grabe trugen. Da vergaß er der guten Vorsätze wieder, ward plötzlich wie weit weg verzückt und sprach: »Herr Gott! muß ich mich dennoch von neuem betrüben?« Dies verdrießt mich. Ich bin nit mehr jung, ich werd nun alt, das Wetter ist bös, ich könnt' ein Fieber davon han, so läg' ich auf der Nas. Bei meinem Ritterwort, besser ist, man weint was weniger und trinkt dafür was Wein mehr. Mein Weib ist tot. Wohlan! So Gott mir helf, mein Heulen weckt sie doch nimmer auf; sie hat's gut, ist im Himmel zum wenigsten, wenn nicht noch höher. Nu, Gott helf weiter, ich muß schaun, wie ich zu einer andern komm. Aber was ich euch sagen wollt'«, sprach er zu den Hebammen, »gehet ihr mit bei ihr zur Leich; ich will derweil meinen Sohn hier wiegen, denn ich spür einen grausamen Durst, und könnt' leicht krank werden. Aber trinket zuvor noch eins! Es wird euch guttun, dies glaubt mir auf mein Ehrenwort.« – Ihm also folgsam, gingen sie mit zu der Leich und zum Begräbnis, und der arme Gargantua blieb zu Haus und macht' derweil das Epitaphium, welches er ihr wollt' setzen lassen, das so lautete: Im Kindsbett tat sie, die mein Herz erfreut, Frau Hängemunde, ihren letzten Hauch, Rebekken war sie gleich an Lieblichkeit, Von spanischer Figur mit einem Schweizerbauch. Ein kurz Gebetlein tut, die ihr hier weilt, Hier ruht ihr Leib, sie hielt ihn stets in Ehren. Gott möge fröhl'che Urständ ihr gewähren. Sie starb am Tag, da sie der Tod ereilt. Drittes Kapitel Von Pantagruels Kindheit Pantagruel nun nahm schier unglaublich zu an Leib und Leibeskräften in kurzer Zeit, und Herkules, der die zwei Schlangen in der Wieg erdrückt', war nichts dagegen; denn die Schlangen waren doch nur klein und gebrechlich. Pantagruel aber in seiner Wiege vollbracht' die schauderhaftesten Dinge. Eines Morgens, als man ihm eine seiner Milchküh zum Säugen brachte (denn andre Ammen hatt' er niemals, so viel uns die Geschichte lehrt), macht' er sich aus den Wiegenbändern, darin er geschnürt lag, einen Arm frei, packt' euch das Kühlein unterm Knie und aß ihm beide Euter und den halben Bauch ab samt Leber und Nieren, ja hätt' es gänzlich aufgezehrt, wenn es nicht mörderisch geschrien hätt', als ob es die Wölf an den Beinen zausten. Auf solches Geschrei lief alles zu, und sie entzogen die Kuh dem Pantagruel; es ging aber doch nicht so säuberlich ab, daß er das Knie nicht in der Hand behalten hätt', wie er's just hielt. Das aß er rein auf, wie ihr eine Wurst äßet; und als man ihm den Knochen nehmen wollt', schlang er ihn hinunter gleich wie das Walroß ein kleines Fischlein. Wie seine Wärter dieses sahen, banden sie ihn mit starken Seilen fest. Als aber einmal ein großer Bär, den sein Vater hielt, entsprungen war und auf ihn zukam, und ihm das Gesicht belecken wollt', denn die Zofen hatten ihm just das Schnäuzel nicht allzusauber gewischt, entschlug er sich des Seiles so flink wie Simson unter den Philistern, packt' euch den Monsieur Bären an und riß ihn wie ein Hühnel in Stücke, worauf er ihn zu seiner Mahlzeit als guten warmen Braten verspeiste. Da ließ Gargantua, besorgt, daß er sich einen Schaden tun möcht', vier schwere eiserne Ketten schmieden und ihn damit festbinden. Ihr findet von diesen Ketten noch eine zu Rochelle, womit man alle Abend die beiden großen Hafentore sperret. – Nun blieb er still und geduldig, denn die Ketten konnt' er nicht so leicht zerreißen, zumal er in der Wiege nicht genug Spielraum für die Arme hatte. Nun aber merket, was einmal an einem hohen Fest sich zutrug, als eben sein Vater Gargantua allen Prinzen seines Hofs einen schönen Schmaus gab. Ich glaub's gern, sämtliches Gesind im Haus hatte mit den Gästen so viel zu schaffen, daß man sich um den armen Pantagruel nicht groß kümmert' und ihn also im Stich ließ. Was tat er? Was er tat, ihr lieben Leut? Nun höret: Er stampfte einfach mit den Beinen so lang, bis er der Wiege den Boden eintrat, und wie er jetzt die Füß heraus hatte, ruckt' er sich so weit er konnt' herunter, bis er mit den Füßen die Erd erreichte. Darauf erhub er sich mit Macht und trug also gebunden die Wieg auf dem Rücken davon wie eine Schildkröt, die an einer Mauer hinankreucht. Solchergestalt begab er sich in den Saal, wo bankettiert ward, und erschreckte die da Versammelten fürwahr nicht wenig. Weil ihm aber die Händ inwendig geschlossen waren, konnt' er nichts zu essen erreichen, sondern bückt' sich mit schwerer Müh, ob er etwa mit der Zung einen Bissen erwischen könnte. Als dies sein Vater sah, erkannt' er, daß man ihn ohne Nahrung gelassen, und befahl auf den Rat der versammelten Fürsten und Herren, daß man ihm die Ketten abnehmen sollte; zumal auch des Gargantua Leibärzt der Meinung waren, daß, wenn man ihn so in der Wiege hielt, er sein Lebtag am Nierenstein und Grieß würde zu leiden haben. Als er nun los war, ließ man ihn mit niedersitzen: da hieb er sehr tapfer ein und schlug seine Wiege in mehr denn 500 000 Stücke mit einem einzigen Faustschlag, den er im Ärger mitten darauf vollführt' – mit dem Protest, in seinem Leben nie einen Fuß mehr drein zu setzen. Viertes Kapitel Von Jugendtaten des edlen Pantagruel und wie er nach Paris kam So nahm Pantagruel täglich zu und gedieh sichtbar. Des freute sich sein Vater aus natürlicher Liebe und ließ ihm, wie er noch klein war, eine Armbrust zur Kurzweil machen, nach den Vögeln damit zu schießen. Heutzutag führt sie den Namen der großen Armbrust zu Chantelle. Darnach tat er ihn auf Schulen, daß er da lernen und seine jungen Jahre zubringen sollte. Er probierte der Reihe nach die hohen Schulen durch, fand aber keine so nach seinem Geschmack, wie die große Universität in Paris. Als er aber gen Paris mit seinen Leuten kam, lief bei seinem Einzug dort alle Welt hinaus, ihn zu sehen; wie ihr denn wohl wißt, daß das Volk in Paris die meisten Maulaffen feilhält. Sie betrachteten ihn mit großem Entsetzen, ja nicht ohne Furcht, daß er ihnen das Stadthaus etwa wo andershin, irgendwo nach Tripstrill trüge, wie sein Vater weiland die Glocken von Notre-Dame für seine Mähre zum Halsband nahm. Und nachdem er daselbst eine Zeitlang gewohnt und alle sieben freien Künste mit allem Fleiß getrieben hatt', sagt' er, es wär' eine gute Stadt, darin zu leben, nicht aber zu sterben, weil sich die Spittelleute zu Sankt Innozenz an den Knochen der Toten die Hintern wärmten. Fünftes Kapitel Wie Pantagruel zu Paris von seinem Vater Gargantua ein Schreiben erhielt; nebst Abschrift desselben Die ganze Zeit studierte Pantagruel sehr brav, wie ihr leicht denken könnt, und bracht' auch was Stattliches hinter sich, denn er hatt' einen doppelt genäheten Geist und ein Gedächtnis so weit, wie der größte Weinschlauch, und eines Tages, während er daselbst sich aufhielt, überkam er von seinem Vater ein Schreiben, welches lautete wie folgt: »Vielgeliebter Sohn! Unter den Gnadengütern und Vorzügen, womit der allmächtige Weltenschöpfer die Natur des Menschen in ihrem Ursprung begabt hat, scheinet mir vor allen herrlich und einzig zu sein, durch unsres Leibesabkunft im rechtmäßigen Ehestand schon im sterblichen Zustand eine Art von Unsterblichkeit zu erlangen. Nun aber verbleibt, auf diesem Wege samlicher Fortpflanzung, in den Kindern, was den Eltern verlorenging, und in den Enkeln, was den Kindern abhanden kam, und immer so fort bis zur Stund des Jüngsten Gerichtes. Derhalb ich dann wohl eine gerechte und billige Ursach hab, Gott meinem Erhalter zu danken, daß er mich dahin aufgesparet, mein graues Alter in deiner Jugend wiederum neu erblühen zu sehen. Denn wann dereinst auch meine Seel diese irdische Wohnung verlassen muß, werd ich mich doch nicht gänzlich für gestorben achten, vielmehr von einem Orte nur an einen andern zu gehen meinen, weil ich in dir und durch dich mit meiner sichtbaren Leibesgestalt auf dieser Erde lebend, sehend, in der Gemeinschaft wackerer Leut und meiner Freunde, so wie ich pflog, zurückverbleibe. Die Freude, die mir daraus erwächst, wär aber klein, wenn ich nun sehen und denken müßt', daß nur der geringste Teil von mir, welches der Leib ist, überblieb, und der beste, die Seel', die unsern Namen unter den Menschen im Segen erhält, entartet und verkümmert wäre. Solches sag' ich nun nicht etwa aus Mißtrauen gegen deine Tugend, die ich vorlängst erprobt, vielmehr, um dich zu immer besserem Wachstum im Guten dadurch aufzumuntern. Und was ich dir jetzt schreibe, ist nicht sowohl dahin gemeinet, daß du dies Tugendleben erst führen, sondern also zu leben oder gelebt zu haben dich freuen solltest, und deinen Mut auch für die Zukunft dazu bestärken. Darum, mein Sohn, ermahn' ich dich, deine Jugend mit allem Fleiß den Studien und der Tugend zu widmen. Du bist in Paris, hast deinen Lehrer Epistemon; der kann dich sowohl durch löblich Beispiel als lebendigen mündlichen Rat unterweisen. Weil aber nach Salomons wahrem Wort die Weisheit nicht kommt in die Seelen der Bösen, und Wissen ohn Gewissen nichts anders als der Seelen Tod ist, so sollst du Gott dienen, ihn lieben, fürchten und auf ihn dein ganzes Sinnen und Hoffen setzen. Trau nicht dem Irrsal der Welt. Hänge dein Herz nicht an Eitelkeit; denn dieses Leben ist vergänglich, aber des Herren Wort bleibet ewig. Sei allen deinen Nächsten gern zu Diensten, liebe sie wie dich selbst. Ehre deine Lehrer, fliehe die Gemeinschaft derer, denen du nicht willst gleich sein, und die Gaben, die du von Gott empfangen hast, laß sie dir nicht umsonst verliehn sein. Und wenn du vollends spüren wirst, dort alle Weisheit erworben zu haben, komm wieder zu mir, daß ich dich seh und meinen Segen dir geb', eh ich sterbe. Mein Sohn, der Friede und die Gnade unseres Herren sei mit dir. Amen. Aus Utopien am siebenzehnten des Märzmonats, dein Vater Gargantua.« Nach aufmerksamer Lesung dieses Schreibens faßte Pantagruel frischen Mut und ward zum Lernen mehr als je zuvor entzündet, dergestalt, daß ihr, wenn ihr ihn hättet studieren und in Erkenntnis wachsen sehen, von seinem Geist hättet sagen müssen, daß er unter den Büchern wär, was die Flamm im dürren Reisig – so unermüdlich rasch und lodernd. Sechstes Kapitel Wie Pantagruel den Panurg traf, den er sein ganzes Leben lang liebhatte, und wie dieser seine Flucht aus der Gefangenschaft der Türken erzählt Als eines Tags Pantagruel mit seinen Leuten vor der Stadt, nach der Abtei Sankt Anton zu, spazierenging, traf er euch einen Menschen an, von schöner Statur und wohl formiert in allen Leibesproportionen, aber an mehreren Stellen elend zerlumpt und so übel zugericht, daß er den Hunden entlaufen schien, oder einem Kesselflicker ähnlich sah. Sobald Pantagruel ihn von weitem erblickte, sprach er zu seinen Gefährten: »Seht ihr den Menschen, der dort von der Charentonbrücke auf uns zukommt? Er ist, bei meiner Treu, nicht arm als durch Unglück; denn ich sage euch, seiner Physiognomie nach zu schließen, hat die Natur ihn aus einem reichen und adligen Geschlecht erzeugt. Aber die Schicksale der Wißbegierigen haben ihn so in Dürftigkeit und Mangel gebracht.« – Und wie er nun bis mitten unter sie gekommen war, rief er ihn an: »Mein Freund, ich bitt' Euch, wollet allhie ein wenig verziehen und mir auf meine Fragen Bescheid tun; es soll Euch auch fürwahr nicht reuen, denn ich hab' große Neigung, Euch beizustehen in Eurer Not, darin ich Euch seh. Ihr jammert mich sehr. Darum, mein Freund, sagt mir: wer seid Ihr? von wannen kommt Ihr? wohin geht Ihr? was sucht Ihr? und wie heißet Ihr?« – Der Gesell antwortet' ihm hierauf in germanischer Sprache: »Junker, Gott geb Euch Glück und Heil zuvor. Lieber Junker, ich laß Euch wissen, das, da Ihr mich von fragt, ist ein arm und erbärmlich Ding, und wer viel darvon zu sagen, welches Euch verdrüslich zu hören und mir zu erzelen wer, wiewol die Poeten und Orators vorzeiten haben gesagt in iren Sprüchen und Sententzen, daß die Gedechtnus des Ellends und Armuot vorlangst erlitten ist ain grosser Lust.« Wörtlich nach Original. – Da sprach Pantagruel: »Mein Freund, ich versteh dieses Kauderwelsch nicht; drum redet eine andre Sprache, wenn Ihr wollt, daß man Euch verstehe.« – Und der Gesell antwortet' ihm: »Albarildim gotfano dechmin brin alabo dordio falbroth ringuam albaras. Nin portzadikin almucatin milko prin alelmin en thoth dalheben ensouim: kuthim al dum alkatim nim broth dechoth porth min michais im endoth, pruch dalmaisoulum hol moth danfrihim lupaldas im voldemoth. Nin hur diavosth mnarbotim dalgousch palfrapin duch im scoth pruch galeth dal Chinon, min foulchrich al conin butathen doth dal prin.« Ein von Rabelais erfundenes Kauderwelsch. »Versteht ihr was?« frug Pantagruel die Versammelten. – »Ich glaub«, antwortete Epistemon, »das ist die Sprache der Antipoden; der Teufel selber kapiert da nix davon.« – Drauf sagte Pantagruel: »Gevatter, ich weiß nicht, ob Euch etwa die Mauern verstehen, doch von uns hier versteht kein Mensch ein Wort.« – Da sprach der Gesell: »Signor mio, voi vedete per essempio che la cornamusa non suona mai, s'ella non ha il ventre pieno: corsi io parimente non vi saprei contare le mie fortune, se prima il tribulato ventre non ha la solita refectione. At quale è adviso che le mani e li denti habbiano perso il loro ordine naturale e del tutto annichillati.« Italienisch: »Mein Herr, Ihr seht an meinem Beispiel, daß der Dudelsack nicht aufspielt, wenn er nicht den Bauch voll hat. So kann ich Euch auch meine Schicksale nicht erzählen, wenn der kasteite Leib nicht zuvor seine gewohnte Erfrischung erhält.« – »Es ist all eins; eins wie das andre«, antwortete Epistemon. – Da sprach Panurg: »Lord, if you be so vertuous of intelligence, as you be naturally releaved to the body, you should have pity of me: for nature hath made us equal, but fortune hath some exalted, and others deprived; nevertheless is vertue often deprived, and the vertuous men despised: for before the last end none is good.« Englisch: »Herr, wenn Ihr an Einsicht so mächtig seid, als von Natur erheblichen Leibes, so solltet Ihr Mitleid mit mir haben, denn die Natur hat uns gleich erschaffen, doch das Glück hat einige erhöht und andere erniedrigt; dessenungeachtet wird die Tugend oft erniedrigt und der Tugendhafte verachtet, denn vor dem letzten Ende ist niemand gut.« – »Noch weniger«, antwortete Pantagruel. – So sprach Panurg: »Jona andie guaussa goussy etan beharda er remedio beharde versela ysser landa. Anbat es otoy y es nausu ey nessassust gourray proposian ordine den. Nonyssena bayta facheria egabe gen herassy badia sadussu noura assia. Aran hondavan gualde cydassu naydassuna. Estou oussyc eg vinan sory hien er darstura eguy harm. Genicoa plasar vadu.« Ziemlich korrumpiertes Baskisch: »Mein Herr, alle großen Unglücksfälle bedürfen der Abhilfe: man muß sich gegenseitig beistehen. Laßt mich, wenn es Euch beliebt, Euch meine Anliegen vortragen, die von der Art sind, daß sie keinen Namen haben; es gibt Leute, die leicht in Zorn geraten, habt Mitleid mit meiner Unruhe; gebt mir, was Ihr wollt. Ich werde, so Gott will, nicht vergessen, für das erkenntlich zu sein, was Ihr und Eure Leute an mir tun werdet.« – »Habt ihr's jetzt weg?« antwortete Eudämon, »gelt, Genicoa?« »Ich will Hans heißen«, rief Karpalim, »wenn ich's nicht bald verstanden hätt'!« – Panurg antwortet': »Prust frest frinst sorgdmand strochdt drnds pag brlelang Gravot Chavigny Pomardiere rusth pkaldracg Deviniere bey Nays. Hod kalmudi monadi drupp del meupplist rincq drlnd dodelb up drent Loch minc stz ring jald die Win ders Franzkan bur jocst plckholzen.« Erfundenes Kauderwelsch für eine slawische Sprache. – Darauf sagte Epistemon: »Redest du christlich, Freund, oder Patelinisch? Nein, es ist die Laternensprache.« Panurg fuhr fort: »Heere, ik en spreeke anders geen täle dan kersten däle; my dünkt noghtans, al en seg ik u niet een woordt, mynen noot verklärt genögh wat ik begeere: geeft my uyt bermhertigheyt yets waar van ik gevont magh zyn.« Holländisch: »Herr, ich rede keine andere Sprache, als die christliche; mich dünkt, auch wenn ich kein Wort sagte, daß meine Art genügsam erklärt, was ich begehre. Gebt mir aus Barmherzigkeit etwas zu essen.« – »Desgleichen«, sprach Pantagruel. – Panurg versetzt': »Señor, de tanto hablar yo soy cansado, porque sublico a vuestra reverentia que mire a los preceptos evangelicos, para que ellos movan vuestra reverentia a lo que es de conscientia, y sie ellos non bastaren, para mover vuestra reverentia a piedad, yo suplico que mire al a piedad natural, la qual yo creo que le movera como es de razon: y con esso non digo mas.« Spanisch: »Herr, von so viel Reden bin ich müde, daher flehe ich Eure Würden an, auf die evangelischen Gebote zu achten, damit sie Eure Würden zu tun veranlassen, was das Gewissen gebietet. Und sollten sie nicht genügen, Eure Würden zum Mitleid zu bewegen, so bitte ich, folgt dem natürlichen Mitleid, das Euch leiten wird, wie es soll; mehr sage ich nicht.« – Darauf antwortete Pantagruel: »Ei Freund, ich zweifele keineswegs, daß Ihr nicht mehrere Sprachen reden könnt, aber sagt uns, was Ihr wollt, in einer, die wir verstehen können.« – Da sprach der Gesell: »Min Herre, endog ieg med ingen tunge talede, ligesom börn, oc uskellige creature. Mine klädebon oc mit legoms magerhed uduiser alligeuel klarlig huad ting mig best behof gioris, som er sandelig mad oc dricke. Huorfor forbarme dig ofuer mig, oc befal at giue mig noguet, af huilcket ieg kand styre min giöendis mage, ligeruiis som mand Cerbero en suppe forsetter. Saa skalt du lefue länge oc lycksalig.« Dänisch: »Mein Herr, und wenn ich die Sprache der Kinder und unvernünftigen Kreaturen redete, so müßten meine Kleider und meines Leibes Magerkeit Euch deutlich sagen, wessen ich dringend bedarf, nämlich Essens und Trinkens. Deshalb habe Erbarmen mit mir und befiehl, daß man mir etwas gebe, bis ich meinen lallenden Magen beruhigen kann, so wie man dem Cerberus eine Suppe vorsetzt. So wirst du lang und glückselig leben.« – »Ich glaub«, sprach Eusthenes, »so haben die Goten geredet und, gefiel' es Gott, würden wir so mit dem Arsche reden.« Itzt sprach der Gesell: »Adon, scalôm lecha: im ischar harob hal hebdeca bimeherah thithen li kikar lehem; chanchat ub laah al Adonai cho nen ral.« Hebräisch: »Mein Herr, ich grüße Euch: Wenn es Euch gefällt, Euern Diener zu verpflichten, werdet Ihr mir schleunig ein Stück Brot geben, wie geschrieben stehet: Wer sich des Armen erbarmet, der reichet dem Herrn.« Darauf antwortet Epistemon: »Jetzt hab ich's verstanden, es war Hebräisch und gut rhetorisch ausgedrückt.« Der Gesell sprach weiter: »Despota tinyn panagathe, diati sy mi ouk artodotis? horas gar limo analiscomenon eme athlion, ke en to metary me ouk eleis oudamos, zetis de par emou ha ou chre. Ke homos philologi pantes homologousi tote logous te ke remata peritta hyparchin, hopote pragma afto pasi delon esti. Entha gar anankeï monon logi isin, hina pragmata (hon peri amphisbetonmen), me prosphoros epiphenete.« Griechisch: »Wohlan, gütigster Herr, warum gibst du mir kein Brot? Du siehst mich Armen vor Hunger vergehen, und doch hast du inzwischen kein Mitleid mit mir, sondern fragst mich nach unnötigen Dingen. Denn noch stimmen alle Gelehrten darin überein, daß Reden und Worte überflüssig sind, wo die Sache von selbst allein klar ist. Denn Worte sind allein nur dann nötig, wenn die Dinge, über die man streitet, nicht ohne weiteres klar sind.« – »Was? was?« sprach Karpalim, Pantagruels Leiblakai, »dies ist ja Griechisch: ich hab's verstanden. Ei wie denn? hast du in Griechenland hausiert?« Und der Gesell sprach: »Agonou dont oussys vous denagnez algarou: nou den farou zamist vou mariston ulbrou, fousques voubrol tam bredaguez moupreton den goulhoust, daguez daguez nou cropys fost pardonnoflist nougrou. Agou paston tol nalprissys hourtou lod ecbatonous, prou dhouquys brol pany gou den bascrou noudous caguos goulfren goul oustaroppassou.« Wieder Kauderwelsch. »Dies mein ich zu verstehen«, sprach Pantagruel; »denn es ist entweder meine Utopische Landessprach, oder kommt ihr doch dem Schall nach ziemlich nah.« – Und wie er nun eben ein Gespräch anfangen wollte, sprach der Gesell: »Jam toties vos per sacra perque deos deasque omnes obtestatus sum, ut si qua vos pietas permovet, egastatem meam solaremini, nec hilum proficio clamans et ejulans. Sinite, quaeso, sinite, viri impii, quo me fata vocant abire, nec ultra vanis vestris interpellationibus obtundatis, memores veteris illius adagii, quo venter famelicus auriculis carere dicitur.« Lateinisch: »Schon so oft habe ich Euch bei allem, was heilig ist, bei allen Göttern und Göttinnen beschworen, mir, wenn einiges Mitleid Euch noch rühren kann, in meiner Armut beizustehen, aber nichts hilft mir mein Klagen und Jammern. Laßt mich, ich bitt' Euch, laßt mich, Ihr Hartherzigen, gehen, wohin mich mein Schicksal führt, und betäubt mich nicht länger mit Euren eiteln Zumutungen, des alten Sprichworts eingedenk, daß ein hungriger Magen keine Ohren hat.« »Aber, mein Freund«, sprach Pantagruel, »könnt Ihr denn nicht Französisch reden?« – »Ei freilich, Herr«, antwortete der Gesell, »ist Gott sei Dank meine leibliche Sprache, meine Muttersprache, denn ich bin im Garten von Frankreich, in Touraine, geboren und groß erzogen.« – »Nun dann, so sagt uns,« sprach Pantagruel, »Euern Namen und wo Ihr herkommt; denn meiner Treu, ich hab Euch schon so sehr ins Herz geschlossen, daß, wenn Ihr mir willfährig sein wollt, Ihr mir nicht von der Seiten kommen sollt, und Ihr und wir wollen ein neues Freundespaar werden, wie Äneas und Achates.« »Gestrenger Herr«, spricht der Gesell, »mein eigentlicher und wahrer Taufnam ist Panurg, und ich komm eben aus der Türkei, wohin ich in Gefangenschaft gebracht wurde; ich wollt' Euch gern meine Fata erzählen, die wunderlicher als die Fahrten des Ulysses gewesen sind; weil es Euch aber einmal beliebt, mich bei Euch zu behalten, und ich das Erbieten gern ergreif', mit der Beteuerung, nimmer von Euch zu lassen, und wenn Ihr zu allen Teufeln ginget – so werden wir wohl ein andermal bei guter Weil und gelegenerer Zeit davon reden können. Denn für jetzt hab' ich fast dringende Essenslust, leeren Magen, scharfe Zähne, verdürrte Gurgel, brüllenden Hunger; alles ist darauf eingerichtet. Wenn Ihr mir Arbeit geben wollt, wird es ein Fest sein, mich mumpfen zu sehen. Oh, um Gottes willen, bestellt es!« – Da befahl Pantagruel, daß man ihn in sein Quartier brächt' und ihm tüchtig zu essen auftrüg; wie es auch geschah. Er aß zu Abend meisterlich, ging mit den Hühnern zu Bett und schlief bis andern Tags zur Tischstund, da er dann wieder mit drei Schritten und einem Sprung vom Bett am Tisch war. Da trank nun der arme Panurg heldenmäßig, denn er war hohl wie ein ausgenommener Rauchhering. Und wie er so in der Hälfte eines mächtigen Humpens voll Rotwein nach Luft schnappt', da ermahnt' ihn einer und sprach: »Gevatter, nur sacht! Ihr ziehet ja wie ein Besessener.« – »Zum Henker auch!« antwortet' Panurg, »ich bin keiner von euren kleinen Pariser Schluckern, die nicht mehr nippen als ein Fink und denen man erst die Schwänz muß streichen, wenn sie die Schnäbel nur netzen sollen, wie den Spatzen. Heißa Kam'rad, wenn ich so tapfer steigen könnt', als ich zu Tal laß, ich wär längst überm Mondenhimmel. Aber zum Teufel, ich weiß nicht, was dies heißen soll; es ist ein sehr guter und köstlicher Wein, aber je mehr ich davon trink, je mehr durstet's mich. Ich glaub, der Schatten des gnädigen Herrn Pantagruel macht durstige Leut, wie der Mond den Husten und Schnupfen.« – Darüber mußten alle lachen, die es hörten. Als Pantagruel dies sah, sprach er: »Nun, Panurg, was gibt's? was lacht Ihr?« – »Gnädigster Herr«, antwortet' er, »ich erzählt' ihnen eben, wie diese armen Teufelstürken so elend dran sind, daß sie auch nicht ein Tröpflein Wein zu saufen kriegen. Wenn in des Mahomets Koran auch sonst nichts Unrechts weiter stünd', ich möcht' seinen Glauben schon darum nicht.« – »Nun aber«, sprach Pantagruel, erzählt mir, wie Ihr ihnen entkamet.« – »So helf mir Gott, gestrenger Herr«, versetzt' Panurg, »wenn ich Euch auch nur ein Wörtiein dran lüge. Die Türkenlümmel hatten mich an den Bratspieß gesteckt, wie ein Karnickel um und um gespickt, dieweil ich so hundsdürr war, daß ohnedies mein Fleisch zäh und nicht zu essen gewesen wäre, und brieten mich solchergestalt lebendig. Derweil ich nun also gebraten ward, befahl ich mich der göttlichen Gnade, denn ich gedacht' des guten Sankt Laurentius und hoffte beständig zu Gott, daß er mich dieser Pein überheben würde, wie bald darauf auch wunderbarerweis' geschah. Denn während ich vom Grund der Seelen mich Gott befahl und rief: ›Mein Herr Gott, erlöse mich aus diesen Martern, die mir hier diese Höllenhund um deines Glaubens Befolgung antun‹ – siehe! da entschlief der Brater nach Gottes Ratschluß. Wie ich nun merk', daß er nicht mehr am Spieße drehte, schau ich ihn an und seh, er schläft. Da nehm' ich einen Feuerbrand am andern End, wo er nicht glühet, zwischen die Zähn und werf ihn meinem Bratenwender in den Schoß, und einen andern, so gut ich's treffen mocht', unter ein Feldbett, das beim Kamin stund, darauf der Strohsack meines Herrn Braters lag. Urplötzlich schlägt das Feuer zum Stroh, vom Stroh ins Bett, vom Bett ins Dach, das mit Tannenbalken verschlagen war. Das Lustigste war aber, daß das Feuer, so ich dem Strauchdieb von Bratenwender erst in den Schoß geworfen hatt, ihm schier sein ganzes Bauchhaar verbrannte; aber der Stinkhals roch's nicht eher, als bis er auch die Feuersbrunst merkte, wie ein verdutzter Bock aufsprang und was er konnt': ›Dal Baroth! dal Baroth!‹ aus dem Fenster schrie, was ›Feuer! Feuer!‹ bedeutet. Dann stürzt er geraden Weges auf mich los, denn er wollt' mich vollends ins Feuer werfen; schon hatt' er die Strick zerhauen, damit mir die Händ gebunden waren, und schnitt mir an den Beinen herum. Jetzt aber kam der Herr des Hauses auf das Feuergeschrei und den Rauch von der Gassen, wo er eben mit etlichen andern Paschas und Muftis spazierenging, so eilig er konnt' zu Hilf und Rettung seiner Sachen herbeigelaufen. Und wie er kommt im vollen Schuß, packt er den Spieß, daran ich stak, und sticht meinen Brater mitten durch. Ich nun, wiewohl ich, als er mir den Spieß aus dem Leib zog, zwischen die Feuerböcke zur Erden fiel, nahm doch weiter nicht sonderlichen Schaden davon, denn der Spickspeck hielt die Gewalt des Stoßes auf. Mein Pascha aber, als er sein Haus verbrannt und sein Hab und Gut unwiederbringlich verloren sah, wollt sich mit meinem Bratspieß den Garaus machen und 's Herz durchstoßen: setzt' ihn sich auch an die Brust an, aber er kam nicht durch damit, weil er zu stumpf war; er stieß, so derb er konnt', drauf zu, bracht's aber doch nicht fertig. Da trat ich vor ihn hin und sprach zu ihm: ›Herr Schelm, du verlierst nur deine Zeit damit; denn auf die Art wirst du dich niemals ums Leben bringen; willst du aber, so stech' ich dich hier ganz ordentlich ab, daß du davon gar nicht einmal was spüren sollst; du kannst mir's glauben, denn ich hab' wohl schon andre erstochen, denen es wohl bekommen ist.‹ – ›Ha‹, sprach er, ›Freund, ich bitt' dich drum, und so du's tun willst, schenk ich dir auch meinen Säckel; da nimm ihn, es sind sechshundert Seraphinen und etliche feine Diamanten und Rubinen drin.‹« – »Wo sind die jetzt hingekommen?« frug Epistemon. – »Beim heiligen Jahn«, antwortet' Panurg, »schon ziemlich weit, wenn sie in dem Tempo wie ich von mir fortmarschieren.« – »Nu mach ein End, ich bitt dich«, sprach Pantagruel, »daß wir endlich erfahren, wie du den Pascha abgetan hast.« – »Auf Ehrenwort«, antwortet' Panurg, »ich lüg' kein Wörtlein. Ich band ihm mit meinen Stricken so recht auf bäurisch Arm und Bein, daß er sich weder regen noch rühren konnt'; darauf jag' ich ihm meinen Bratspieß durch die Gurgel und häng ihn damit an ein paar starken Haken auf, woran die Hellebarden staken, mach' ein lustig Feuer drunter und röst Euch meinen gnädigsten Herrn, wie man die Hering im Kamin dörrt. Pack mir dann seinen Beutel zu, nebst einem kleinen Jägerspieß, und fort im vollen Trott; und weiß Gott was für einen Bocksstank ich von mir gab. Unten auf der Gassen fand ich das Volk in hellen Haufen versammelt mit vielem Wasser zum Feuerlöschen, und wie sie mich halb gebraten sahen, gossen sie aus natürlichem Mitleid all ihr Wasser über mich her und erfrischten mich auf das lieblichste, was mir ein großes Labsal war; brachten mir dann auch was zu leben, aber ich aß nicht, denn sie gaben mir nichts zu trinken als pures Wasser nach ihrer Art. Sonst taten sie mir aber nichts zuleid, außer ein kleiner vertrackter Türk, der vorn bucklig war, schnappt' mir heimlich nach meinem Speckwickel, aber ich zog ihm mit meinem Spießle eine Gesalzene über die Finger, daß er's nicht noch einmal probiert'. Wohlgemerkt vertrieb mir die Braterei ein Lendenweh, daran ich länger denn sieben Jahr schon laborieret', just an der Stell, wo mich mein Brater, als er einschlief, anbrennen ließ. So entkam ich frisch und gesund.« Siebtes Kapitel Von Sitten und Lebensart Panurgens Panurg war mittlerer Leibesstatur, weder zu groß noch zu klein; er hatte eine etwas gebogene Adlernase, wie ein Schermesserstiel, und stund damals in seinem fünfunddreißigsten Jahr oder da herum. Er taugte soviel wie ein blecherner Säbel, dabei war er von Person ein gar stattlicher Mann, nur etwas liederlich und von Natur mit der Krankheit behaftet, die zu jener Zeit Geldmangel hieß. Gleichwohl hatte er immer an dreiundsechzig verschiedne Mittel bereit, um sich Geld zu machen, so viel er jederzeit bedurfte, davon das gewöhnlichste und ehrlichste noch der Weg des heimlichen Mausens war. Ein Taugnichts, Gauner, Saufaus, Bummler und Pflastertreter wie keiner mehr in ganz Paris; im übrigen aber der bravste Knabe auf Gottes Erden. Und allzeit hatte er's mit den Häschern und der Scharwache zu tun. Einstmals bracht' er drei bis vier handfeste Bauernlümmel zusammen, ließ sie des Abends sich besaufen wie die Templer, dann führt' er sie bis oben auf die Anhöhe bei Sankt Genoveven und zu der Stunde, wenn die Schwarwache da hinanzog, nahm er mit seinen Gesellen einen Karren, dem gaben sie einen derben Schub, daß er mit aller Macht zu Tal schoß und so die arme Scharwache sämtlich wie die Schweine in den Kot hinstreckte. Dann wischten sie auf der andern Seit davon; denn in weniger als zwei Tagen kannte er alle Gassen, Gäßlein und Schlupfwinkel von Paris im Kopf auswendig wie sein Vaterunser. Ein andermal streute er auf einen schönen freien Platz, darüber eben diese Wache passieren mußt', einen Streifen Kanonenpulver aus, und als sie mitten drauf war, steckte er's in Brand und hatte sein Kurzweil dran, zu sehen, wie sie so zierlich Reißaus nahmen, als ob ihnen das höllische Feuer schon in den Beinen saß. In seinem Wams führt' er über sechsundzwanzig kleinere Taschen und Täschlein, allzeit voll und wohl versehen: das ein mit etwas Bleiwasser und einem kleinen scharfen Messer, wie es die Kürschner gebrauchen; damit schnitt er die Beutel ab; das ander mit scharfem Traubensaft, den er den ihm Begegnenden ins Gesicht spritzte, ein andres mit Kletten, voll feinen Gäns- oder Hühnerflaums befiedert, die warf erden armen Leuten auf Röcke und Mützen und machte ihnen öfters artige Hörnlein draus, welche sie durch die ganze Stadt, ja etliche Zeit ihres Lebens trugen. Ebensolche setzte er auch den Weibern zuweilen hinten an ihre Hauben, in Gestalt eines männlichen Gliedes. In einem andern trug er einen Haufen Tütlein voll' lauter Flöh und Läus, die er den Spitalern zu Sankt Innozenz abfing und mit kleinen Röhrlein oder Schreibfederspulen den zartesten Fräulein in die Mieder schnellte, vor allem in den Kirchen; denn niemals ging er oben aufs Chor, sondern blieb allezeit unten im Schiff bei den Weibern, sowohl in der Messe und Vesper, als während der Predigt. In einem wieder stak ein ganz Besteck voll Haken und Heftel, womit er öfters in Gesellschaft, wenn's gedrängt zuging, Männer und Weiber aneinanderflickte, zumal wo etwa eine ein Kleid von dünnem Taft trug; wenn's dann zum Aufbruch kam, zerrissen sie sich die ganzen Kleider. In einem andern bewahrte er ein Feuerzeug mit Schwefel, Zundel, Stein und übrigem Zubehör. In noch einem andern zwei bis drei Brenngläser, mit denen er dann und wann Männer und Weiber in der Kirchen schier toll machte und außer aller Fassung brachte. In einem andern war Nadel und Zwirn, damit trieb er tausend Teufelsstreiche. Als eines Tags im großen Vorsaal des Parlaments ein Franziskaner die Messe zu lesen hatte, half er ihn kleiden und ausstaffieren; aber während des Anziehens nähte er ihm die Stola an Rock und Hemd fest an. Als am Schluß der arme Frater die Stola abtun wollte, zog er auch Kleid und Hemd mit vom Leder, denn sie hingen fest zusammen, streifte sich auf bis unter die Achseln und zeigte allen Leuten öffentlich sein Fitzlibutzli, das traun nicht klein war. In einem fort zerrte und zog der Frater, aber je mehr er zerrte, je mehr deckte er sich auf, bis endlich einer der Ratsherren sprach: »Was! Will uns etwa der saubere Pater hier seinen Steiß statt der Monstranz zum Küssen reichen?« – Von der Zeit an ward verordnet, daß sich die armen Meßpfäfflein nicht öffentlich mehr entkleiden durften, sondern in ihrer Sakristei, besonders wo Weiber zugegen wären, denn man befürchtete, sie auf heimliche Sünden lüstern zu machen. Ein ander Täschlein war voller Juckpulver, das streute er den geschniegelsten Dämlein in den Rücken, daß sie vor aller Welt sich entblößen und ausziehen mußten, und etliche tanzten wie Hähne auf glühenden Kohlen darnach, und wie sie sich entkleideten, warf er ihnen seinen Mantel über den Rücken, als ein galanter und sittiger Mann. – In noch einem andern war nichts als lauter kleingestoßnes Niespulver, und darein tauchte er ein feines Schneuztuch von zierlicher Stickerei, das er der schönen Nähterin entwendet hatte, als er ihr einen Floh von der Brust fing, den er ihr gleichwohl doch selber erst darauf gesetzt. Und wenn er dann in einer Gesellschaft mit ehrbaren Frauen zu sprechen kam, bracht' er alsbald die Rede auf das Weißzeug, befühlte ihre Miederspitzen und frug: »Was für Gespinst ist dies? Von Flandern oder von Hennegau?« Zog darauf sein Schneuztuch hervor und sprach: »Da seht her, da ist eine Arbeit drin! Dies hab' ich aus der Fickardie, es ist von Vecheln.« Dazu schüttelte er's ihnen derb unter die Nase, daß sie vier Stunden in einem Atem weg niesen mußten. Er aber unterdessen ließ einen fahren wie ein Karrngaul; wenn dann die Weiber lachten und sprachen: »Wie? Ihr furzt, Panurg?«, antwortete er: »Nicht doch, Madame, ich mach' nur den Konterbaß zu Eurer Nasenmelodei.« Wieder in einem andern war ein Dietrich und anderes Diebesgerät, dem kein Kasten und keine Tür widerstehen konnte. Achtes Kapitel Wie Panurg Ablaß kaufte und die alten Weiber verheiratete, und was für Prozesse er in Paris hatte Eines Tages traf ich In diesem Kapitel mischt sich der Verfasser persönlich in die Handlung. Panurg ein wenig still und kopfhängerisch an, dacht' also wohl: er hat kein Geld mehr, und sprach zu ihm: »Panurg, Ihr seid krank, ich seh's auf den ersten Blick und ich kenn' auch das Übel; es ist der Durchfall in Eurem Beutel; aber grämt Euch nur weiter nicht, ich hab' noch sechs Gröschel und einen halben, da Vater und Mutter nix von weiß, die werden Euch in der Not nicht fehlen, so wenig als die Franzosenkrankheit.« – Darauf gab er mir aber zur Antwort: »Ach was, Geld! Ich werd' bald nicht mehr wissen, wohin mit; denn ich hab' einen Stein der Weisen, der zieht mir das Geld aus dem Beutel wie der Magnet das Eisen. Aber«, sprach er, »wollen wir zwei zusammen gehen und Ablaß kaufen?« – »Nun«, sagte ich drauf, »ich bin sonst eben nicht hitzig darnach in dieser Welt; wer weiß, wie's in der andern sein wird; doch laßt uns gehen in Gottes Namen; um einen Pfennig, nicht mehr noch minder.« – »Aber«, sprach er, »leiht mir dazu einen Pfennig auf Zinsen.« – »Nix, nix«, sagte ich, »ich schenk' ihn Euch aus gutem Herzen.« – »Vergelt's Gott«, antwortet' er. So gingen wir denn zusammen aus und fingen bei Sankt Gervasen an; da nahm ich mir mein Ablaßbrieflein am ersten Schrein und weiter nicht, weil ich bei diesem Artikel mit wenig vorlieb nehm'. – Er aber kauft' an allen Schreinen und zahlt' einem jeden Ablaßmann überall Geld hin. Von da begaben wir uns weiter zu Notre Dame, zu Sankt Anton, Sankt Johann und in die andern Kirchen, wo Ablaß feil war; ich meinesteils kauft' weiter nichts, er aber, wo er nur hinkam, küßte an allen Schreinen die Reliquien und gab jedem. Zuletzt, auf dem Heimweg, führt' er mich ins Weinhaus zum Schloß und wies mir zehn bis zwölf seiner Täschelchen, ganz mit Geld gespickt. Ich bekreuzte mich und frug ihn: »Woher habt Ihr dies viele Geld in der kurzen Zeit?« Da gab er mir zur Antwort drauf, er hätt's aus den Ablaßbecken genommen. »Denn«, sprach er, »immer den ersten Pfennig, den ich ihnen gab, den steckt' ich so sänftlich in die Büchse, daß er ein schwerer Taler zu sein schien, nahm darauf mit der einen Hand zwölf Pfennig, oder auch zwölf Dreier oder Zweier zum wenigsten, und mit der andern drei bis vier Groschen, und immer so in allen Kirchen, wo wir gewesen sind.« – »Hört einmal«, sprach ich, »da fahrt Ihr ja kopfüber, kopfunter zur Höll! Ihr Dieb und Kirchenräuber!« – »Ja doch«, sprach er, »wie Ihr meint, aber ich mein es anders; die Ablaßhöker schenken mir's ja, wenn sie mir die Reliquien zum Küssen reichen und dabei sagen: ›Centuplum accipies‹ , für einen Pfennig nimm dir hundert. Zudem hat mir ohnhin Papst Sixtus einst fünfzehnhundert Taler Renten auf den Kirchenschatz verschrieben; denn ich kuriert' ihn damals von einer bösen Lustseuch, die ihm so zusetzte, daß er daran Zeit seines Lebens zu hinken meinte. Ich mach' mich also auf eigne Hand aus seinem Kirchenschatz bezahlt.« »Hui«, fuhr er fort. »Freund! Wenn du wüßtest, wie ich mein Schäfchen bei dem Kreuzzug geschoren hab', du würdest erstaunen. Der hat mir mehr denn sechstausend Gülden eingebracht.« – »Wo Teufel«, sagte ich, »sind die aber? Du hast ja nicht einen Deut mehr davon.« – »Da wo sie hergekommen waren«, antwortet' er, »sie haben bloß die Herren verwechselt. Doch hab' ich wohl dreitausend davon mit Heiratsstiften und Ausstattungen vertan, nicht etwa junger Dirnen, denn diesen fehlt es so nicht an Männern, sondern alter unsterblicher Vetteln, die keinen Zahn mehr im Schnabel hatten. Der einen gab ich hundert Gülden, der andern zwei Schock, der dritten dreihundert, je nachdem sie recht gräulich, grausig und scheußlich waren; denn je furchtbarer und gräßlicher, je mehr mußt' ich ihnen geben; sonst hätt' sie der Teufel nicht hernehmen mögen. Flugs also hol' ich mir von der Gaß einen derben stämmigen Lastträger und schließ' die Eh gleich selbst mit ihm; doch eh ich ihm noch die Alten zeig', halt ich ihm das Geld hin und sprech: ›Komm her, mein Bruder, schau, dies ist dein, wenn du mal drüber willst, daß die Federn stieben.‹ – Von Stund an fingen die armen Gäuch zu rossen an wie alte Maulhengste. Ich setzt' ihnen brav zu essen vor, zu trinken vom besten, stark gewürzt, damit die Alten in Brunst gerieten und hitzig würden. Das End vom Lied war, sie gingen los wie alle guten Geister, und nur den allererschrecklichsten und schauderhaftesten Fratzen darunter hing ich einen Sack vors Gesicht. Außerdem hab' ich auch mit Prozessen viel sitzen lassen.« – »Was für Prozeß konntest du haben?« frug ich ihn, »hast du doch weder Haus noch Hof.« – »Mein Freund«, sprach er, »die Jungfern hier in der Stadt hatten auf Eingebung des höllischen Feinds eine Art von Mieder oder steife Kragen erfunden von hohem Schnitt, die ihnen die Busen so verrammelten, daß man auch nicht eine Hand mehr drunter bringen konnt'; denn der Schlitz war hinten dran, und vorn alles zu. An einem schönen Dienstag nun geb' ich ein Schreiben ans Gericht ein und werf mich gegen genannte Jungfern zum Kläger auf und lege dar, wie ich dabei viel Abbruch litt. Mit einem Wort, ich hab' den Jungfern so scharf zugesetzt, daß von Rechts wegen die hohen Mieder ihnen zu tragen verboten wurden, wofern sie nicht vorn einen angemessenen Schlitz hätten. Es kostet' mich aber ein schön Stück Geld. Dann rechne noch dazu, was mich die kleinen Extrakurationen kosten, die ich den Schloßbuben immerfort aus meiner Tasche geb'.« – »Und wofür?« frug ich. – »Mein Freund«, antwortet' er, »du hast auch keinen Spaß auf der Welt; ich aber hab' dessen mehr als der König; und wenn du dich mit mir verbünden wolltest, wir würden selbst den Teufel drankriegen.« – »Nein, nein«, sagte ich, »da sei Gott vor, denn du wirst eines Tags gehangen.« – »Und du«, sprach er, »wirst eines Tags beerdigt. Was ist ehrlicher, Luft oder Erde? O armes Schaf! Hing nicht der Herr Christus selbst in der Luft? Aber zur Sache! Derweil die Buben nun schmausen, halt ich ihnen die Maultiere und schneid unmerklich dem einen und andern die Steigriemen auf der Schrittseite entzwei, so daß sie nur noch an einem dünnen Ende hangen. Wenn dann der dicke Wanst von Rat oder was er ist im vollen Schwung aufsitzen will, fährt er Euch vor allen Leuten, wie ein Schwein, der Läng nach hin und macht uns einen Heidenspaß. Ich aber lach' noch einmal so gut, denn wenn sie erst nach Hause kommen, dann lassen sie den Monsieur Buben dreschen wie grünes Sommerkorn. Da schmerzt mich dann die Zech nicht groß, die ich für sie hab' aufgehen lassen.« Kurz und gut: er hatte, wie schon gesagt, dreiundsechzig Mittel und Weg, sich Geld zu machen, aber deren zweihundertundvierzehn, es zu vertun, ganz abgesehen vom Humpenheben. Neuntes Kapitel Wie ein großer Gelehrter aus England mit Pantagruel disputieren wollt und vom Panurg überwunden ward In eben diesen Tagen kam auch ein grundgelehrter Mann mit Namen Thaumastos auf das Gerücht und den Ruf von Pantagruels unvergleichlicher Weisheit aus England an, in der einzigen Absicht, ihn zu sehen und kennenzulernen und zu erproben, ob seine Weisheit fürwahr so groß wär', als man sie rühmt'. Gleich nach seiner Ankunft in Paris kam er ins Quartier Pantagruels, der in dem Hof Sankt Denys wohnte und mit Panurgen just zu der Zeit, im Garten spazierend, philosophische Zwiesprach hielt. Zwar bei dem ersten Eintritt schrak er vor Furcht zusammen, als er ihn so groß und stark sah, grüßte ihn aber alsbald fein höflich nach der Sitte und sprach zu ihm: »Der Ruf von deiner unschätzbaren Weisheit ist bis zu uns erschollen, darum hab' ich Vaterland, Haus, Hof und Freundschaft verlassen und hieher mich aufgemacht, nur um dich zu sehen und mich mit dir über etliche Punkte zu beraten, über die ich Zweifel hege und die mein Gemüt nicht beschwichtigen kann. Wenn du mir aber die möchtest lösen, ergeb' ich mich dir von Stund an zum Knecht, nebst meinem Samen für und für; denn andre Gaben hab' ich nicht, die ich für wichtig achten möcht', es dir zu lohnen. Nur aber merke dir die Art, wie ich zu disputieren meine: durch Zeichen nämlich allein, ohn alle Worte, weil es sich um so subtile Materien handelt, daß keine menschliche Sprache imstand ist, sie auszudrücken wie ich möchte.« Auf diese Rede antwortete ihm Pantagruel geziemend und sprach: »Lieber Herr, von den Gaben, die ich von Gott empfangen hab', möcht' ich, soviel an mir ist, niemandem mitzuteilen mich weigern. Die Art der Unterredung, die du erkoren hast, lob' ich höchlich, nämlich durch Zeichen ohne Worte; denn damit werden du und ich einander verstehen, unbelästigt von diesem albernen Händegeklatsch, das die Sophisten immer erheben, gerade wenn man bei einem gelehrten Gespräch im besten Argumentieren ist. Ich werde also morgen nicht verfehlen, zu rechter Zeit und an dem Ort, den du mir angeben wirst, mich einzufinden.« Voll Dankbarkeit entfernte sich Thaumastos, und Pantagruel warf sich ins Zeug und wälzte ohn Umsehn die ganze Nacht ein Buch um das andere, bis endlich Panurg ihm zusprach: »Gnädiger Herr, entschlagt Euch nur all dieser Gedanken und legt Euch schlafen; denn ich seh, Ihr habt Euch den Geist schon so erhitzt, daß Euch dies strenge Studieren bald ein Fieber zuziehn muß. Trinkt lieber noch zuvor so fünfundzwanzig bis dreißig gute Schluck, dann legt Euch aufs Ohr und schlaft getrost, denn morgen werd' ich dem Herren Engländer schon respondieren und demonstrieren; und wenn ich ihm nicht das Maul stopf und ihn ins Bockshorn jag', so heißt mich einen schlechten Kerl.« Pantagruel war es zufrieden, und Panurg zechte und knöchelte mit den Pagen die ganze Nacht durch, verspielte seine letzten Hosennestel, und endlich zu der bestimmten Zeit führt' er seinen Herrn und Meister Pantagruel an den bewußten Ort. Jetzt nahm Panurg das Wort und sprach zum Engländer: »Lieber Herr, bist du kommen, strittigerweis' über die Sätz, die du gestellt hast, zu disputieren, oder aber um Lernens und der Wahrheit willen?« – Darauf antwortet' ihm Thaumastos: »Herr, ich verfolge weiter keinen Zweck, als Wissenschaft und redliches Verlangen, weil ich bis heute weder ein Buch noch Menschen gefunden habe, die meine Zweifel mir zu Dank hätten erledigen können.« »Also«, versetzte Panurg, »wenn ich nun, der ich doch nur ein kleiner Schüler meines gnädigen Herrn und Meisters Pantagruel bin, dir überall und in allen Stücken genugtun kann, wär' es nicht ziemlich, diesen meinen Meister damit zu behelligen.« .– »Wahrlich«, sprach Thaumast, »dies ist sehr wohl gesprochen. Laßt uns zur Sache kommen.« Zehntes Kapitel Wie Panurg den englischen Zeichenfechter ad absurdum führte Während nun alles mäusleinstill umherstand und die Ohren spitzte, erhob der Engländer beide Hand getrennt hoch in die Luft, wobei er alle Spitzen der Finger in der Figur zusammenkniff, die man um Chinon herum Hühnerburzel nennt, und mit den Nägeln der einen viermal gegen die andre schlug. Alsbald erhob Panurg die Rechte, steckte den Daumen ins rechte Nasenloch, hielt die vier Finger ausgestreckt und gegen das Nasenbein, wobei er das linke Aug ganz zudrückte und mit dem Rechten blinzelte, so daß die Braue und die Wimper tief heruntergepreßt waren. Da fing Thaumast zu zittern an und ward ganz bleich und machte dies Zeichen: Mit dem mittelsten Finger der Rechten schlug er gegen den Handtellermuskel, der unter dem Daumen ist; drauf steckte er den Zeigefinger der rechten Hand durch zwei Finger der Linken. Jetzt schlug Panurg die Hände zusammen und hauchte darein, steckte abermals den Zeigefinger der rechten Hand in die Linke, zog und schob ihn wiederholt zwischendurch, hängte dann das Kinn lang und betrachtete Thaumast aufmerksam. Die Leute, die nichts von diesen Zeichen verstanden, sahen doch wohl, daß er damit Thaumast pantomimisch fragen wollte, was er darauf zu sagen hätte. Thaumastos fing schon dicke Tropfen zu schwitzen an und schien in tiefer Beschaulichkeit wie außer sich verzückt. Darnach bedachte er sich, legte alle Nägel der linken Hand an die Nägel der rechten, spreizte die Finger in halben Zirkeln auseinander und hob in dieser Positur die Hände, so hoch er konnte, empor. Worauf Panurg einen Finger der Linken in den Hintern steckte und mit dem Mund die Luft einsog, wie wenn man Austern in Schalen ißt oder Suppe schlürft; dann öffnete er den Mund ein wenig und schlug flach mit der rechten Hand drauf, daß es laut und tief klang, als ob der Schall von der oberen Fläche des Zwerchfells durch die Luftröhre käme, und dies machte er an sechzehnmal. Thaumastos aber fauchte immerzu wie eine Gans. Schließlich steckte Panurg den rechten Zeigefinger in den Mund, klemmte mit den Muskeln des Mundes ihn fest ein und zog ihn wieder heraus, daß beim Herausziehn ein lauter Schall ertönte, wie wenn die Kinder mit Rüben aus Holderbüchsen schießen. Aber es schien, als sei Thaumast nicht zufrieden hiemit, denn er legte seinen linken Daumen an die Nasenspitze und schloß die übrigen Finger derselben Hand. Da legte Panurg die zwei Mittelfinger an beide Mundwinkel, zog den Mund, so weit er konnt', auseinander und zeigte sein ganz Gebiß, wobei er noch mit beiden Daumen die Augenwimpern so tief wie möglich herabdrückte, so daß er nach übereinstimmendem Urteil der Versammelten eine sehr leidige Fratze schnitt. Als er das gesehen hatte, stand Thaumastos auf, zog sein Barettlein, bedankte sich bei Panurg freundlich und konnte sich nicht genug tun im Lobe des hochgelehrten Herrn Pantagruel. Darnach bankettierten alle zusammen aufs fröhlichste, und nicht einer war drunter, der nicht mindest fünfundzwanzig bis dreißig Ohm getrunken hätte. Was aber die Auslegung der Thaumastischen Streitsätze und die Erklärung der Zeichen, womit sie disputierten, anlangt, so wollt' ich euch dieselben nach ihrem mündlichen Bericht erklären; aber ich hab' gehört, daß Thaumastos ein großes Buch hierüber zu London hat drucken lassen, worin er alles und jedes aufs genauste erläutert. Dieserhalb will ich's für heut bewenden lassen. Elftes Kapitel Wie Panurg in eine hohe Pariser Dame verliebt war Panurg kam nachgerad zu Ansehn in Paris durch diesen Sieg über den Engländer und trug von Stund an seinen Hosenlatz höher, und das Volk lobpries ihn öffentlich und machte auf ihn einen Gassenhauer, der in aller Mund war. Er war auch in allen Damenzirkeln sehr gern gesehen. Da schwoll ihm bald der Kamm so hoch, daß er sich an eine der ersten Damen der Stadt zu machen wagte. Flugs und ohne Umschweife, wie sie heute Mode sind, sagte er einst zu ihr: »Madame, dem Staat wär es ersprießlich, Euch ergötzlich, Euerm Stammbaum zur Ehre gereichend und mir notwendig, wenn Ihr Euch mit meiner Rasse belegen ließet. Glaubet mir's nur, denn die Erfahrung wird es Euch lehren.« – Bei diesem Wort stieß ihn die Dame auf hundert Meilen weit von sich und sprach: »Verhaßter Narr, geziemt Euch diese Sprach zu mir? Wen meint Ihr, daß Ihr vor Euch habt? Nun packt Euch fort und kommt mir nur nie mehr vor Augen! Denn wenig fehlt, und ich laß Euch Arm und Bein zerschlagen.« »Hum«, sprach er, »mich ficht's wenig an, ob man mir Arm und Bein zerschlägt, wenn Ihr und ich nur unser Späßlein einmal zusammen haben könnten; ich mein das Spiel vom Tier mit den zwei Rücken; denn sehet hier! (und er wies auf seinen langen Latz) hier wohnt mein Musikant, der soll Euch einen Hopser spielen, daß Ihr ihn bis in das Mark der Gebeine verspürt.« Die Dame antwortete: »Fort, Ihr Unflat! Nur fort! Wenn Ihr mir noch ein Wort sagt, ruf ich die Leute herbei und laß Euch durchbläuen, bis Ihr liegenbleibt.« – »Ho«, sprach er, »Ihr seid doch nicht so schlimm, als Ihr Euch stellt. Nicht doch! Da müßt' ich mich sehr in Euerm Gesicht betrügen. Eure Schönheit ist so ausbündig, einzig, himmlisch, daß ich glaub', die Natur hat in Euch ein Muster geschaffen, um uns sehen zu lassen, wieviel sie tun kann, wenn sie all ihre Macht und Weisheit gebrauchen will. Wie selig wird der sein, dem Ihr in Gnaden gönnet, Euch zu umfangen, zu küssen und an Euch seinen Speck zu reiben! Ha bei Gott! Und der bin ich, das seh ich klar, denn schon liebt sie mich inniglich. Ich erkenn's, ich bin dazu von den Feeen prädestiniert. Frisch also, keine Zeit verloren, drauf und dran und aufgebockt!« Damit wollt' er sie umfangen, aber sie stellte sich, als wenn sie die Nachbarn aus dem Fenster zu Hilfe rufen wollt'; aber Panurg entwich sofort und sprach noch auf der Flucht zu ihr: »Wartet, Madame, ich komm' gleich wieder, ich hol' sie selbst, bemühet Euch nicht.« Tages darauf begab er sich um die Stunde, wenn sie zur Messe ging, an die Kirche und reichte ihr in der Tür mit einer tiefen Verneigung das Weihwasser. Darauf kniete er traulich neben ihr nieder und sprach: »Madame, wißt, ich bin so verliebt in Euch, daß es mir Stuhlgang und Wasser verschlägt. Ich weiß nicht, was Ihr davon denkt; wenn mir ein Unglück passiert, was sollt' denn draus werden?« – »Geht, geht!« sprach sie, »mich kümmert's nicht, und laßt mich hier mein Gebet verrichten.« – Dann erwiderte Panurg: »Habt die Gnade und reicht mir doch mal dies Rosenkränzel.« – »Da nehmt«, sprach sie, »und plagt mich nicht weiter.« Mit diesen Worten wollt' sie ihm ihren Rosenkranz, der von Zedernholz mit großen güldnen Kugeln war, reichen; aber Panurg zog hurtig eins von seinen Messern und schnitt ihn glatt ab, steckte ihn in seine Diebstaschen und frug sie: »Wollt Ihr etwa mein Messer?« – »Nein, nein«, sprach sie. – »Es steht Euch aber doch gern zu Dienst, mit allem Drum und Dran.« – Der Dame inzwischen war es nicht gar wohl um ihren Rosenkranz zumut, denn er war ihr in der Kirche die vornehmste Herzstärkung, und sie dacht' bei sich: ich werde so bald meinen Rosenkranz wohl nicht wiedersehen. Was wird mein Mann dazu sagen? Er wird mir zürnen; aber ich werd ihm sagen, es hätt' ihn in der Kirch ein Dieb mir abgeschnitten: das glaubt er leicht, wenn er das Band noch am Gürtel sieht. Nach dem Essen ging Panurg wieder hin zu ihr und fing an: »Welches von uns beiden hat wohl das andre lieber, Ihr mich, oder ich Euch?« – Da antwortete sie: »Was mich betrifft, hasse ich Euch nicht, denn ich hab' alle Menschen lieb, wie Gott befiehlt.« – »Ja aber«, sprach er, »ich mein', ob Ihr nicht in mich verliebt seid?« – »Hab' ich Euch nicht schon so vielmal gesagt«, antwortete sie, »daß Ihr mir nicht mehr solche Reden führen sollt? Sprecht Ihr mir nur noch ein Wort davon, werd ich Euch zeigen, ob ich eine Frau bin, der Ihr von Unzucht schwatzen dürfet. Hinweg! Und meinen Rosenkranz gebt mir zurück, daß nicht mein Mann mich danach fragt. Sonst will ich nichts von Euch!« »Nun, bei Gott«, antwortete er, »ich aber will von Euch was, und es kostet Euch nichts und macht Euch nicht ärmer. Schauet her! (hier wies er auf seinen langen Latz) hier ist ein Tausendsasa, der sucht Quartier!« Und damit wollt' er sie umarmen. Aber sie fing an zu schreien, allerdings nicht gerade übermäßig laut. Da schnitt Panurg ein schiefes Gesicht und sprach: »So wollt Ihr denn in gutem mich nicht ein wenig machen lassen? Ei, schad für Euch, Ihr seid der Ehr und des hohen Glückes gar nicht wert. Aber bei Gott, jetzt bring' ich Euch auf den Hund!« Und damit floh er im scharfen Trab auf und davon, aus Furcht vor Schlägen, denn er war stockscheu von Natur. Zwölftes Kapitel Wie Panurg der Pariser Dame einen Streich spielt', der nicht zu ihrem Vorteil war Tags darauf war das hohe Fronleichnamsfest, an welchem alle Weiber sich in ihren höchsten Kleiderstaat warfen – und so machte es auch die erwähnte Dame. Am Feierabend zuvor spionierte Panurg in allen Gassen so lang umher, bis es ihm gelang, eine läufige Hündin aufzutreiben; die band er sich an seinen Gurt fest, führte sie auf seine Kammer, fütterte sie den Tag und die Nacht aufs beste, früh am Morgen aber schlug er sie tot und nahm davon das, was der Naturkundige wohl kennt, hackte es in kleine Stückchen, so fein er konnte, verbarg es wohl und ging damit an den Ort hin, wo die Dame, um zu dem Zug zu stoßen, erscheinen mußte, wie es der Brauch am selbigen Fest ist. Als er sie nun kommen sah, reichte er ihr mit höflichem Gruß das Weihwasser dar; während sie nun ihr Gebet sprach, besäete Panurg sie hurtig von hinten mit seiner Spezerei an vielen Stellen, besonders in den Falten der Ärmel und des Kleides, und sprach dann zu ihr: »Gestrenge Frau, den armen Liebhabern geht es oft hart; was mich betrifft, so hoff' ich, es werden die schlimmen, stürmischen Nächte, die ich um Euch erduldet hab, mir von der Fegefeuerspein dereinstmals noch in Abzug kommen. Bittet zum wenigsten Gott für mich, daß er mir in meinem Elend Geduld bescheren wolle.« Er hatte noch nicht ausgeredet, als alle Hunde, soviel nur in der Kirche waren, auf die Dame zuschossen, weil sie die Spezerei an ihr witterten. Groß und kleine, dick und dünne, kamen sie scharenweis', spitzten die Glieder, umschnoperten und bewässerten sie dann über und über! Es war der leidigste Spuk von der Weit. Panurg verscheuchte sie ein klein wenig, beurlaubte sich von ihr und schlupfte in eine Kapelle, um die Hatz mitanzusehen. Denn das Hundsgeschmeiß bekackte und beharnte ihr die ganzen Kleider, bis endlich gar ein großer Windhund ihr aufs Haupt pißte, etliche in die Ärmel, andre aufs Gesäß, und die ganz kleinen seichten ihr auf die Schuh, all die andern Weiber daneben konnten sich mit genauer Not vor den Hunden retten. Da lachte Panurg und sprach zu einem der Herrn von der Stadt: »Ich glaub', die Dame ist läufig, oder es hat sie ein Windhund frisch belegt.« Aber das Beste kam bei der Prozession, bei der Ihr über 600 014 Hunde zur Seite gingen und tausend gebranntes Herzeleid antaten; denn überall wo sie ging und stand, folgten ihr immer neue Hunde auf der Spur nach und beseichten den Weg, wo sie mit ihren Kleidern gestreift war. Und als sie sich nach Haus gerettet hatte, kamen auf eine halbe Meile alle Hunde herbei und brunzelten so hitzig gegen die Tür des Hauses, daß aus dem Harn ein Bach entstand, darin hätten die Enten schwimmen können. Ja helf mir Gott! Dreizehntes Kapitel Wie Pantagruel, auf Botschaft vom Einfall der Dipsoden ins Amaurorenland, von Paris aufbrach, und warum die Meilen in Frankreich so kurz sind Bald darauf kam dem Pantagruel Botschaft, daß die Dipsoden aus ihrer Gemarkung ausgefallen seien, ein großes Stück des Utopierlandes verwüstet hätten und jetzt die große Stadt der Amauroten belagert hielten. Er also, ohn auch nur einem Menschen »Behüt dich Gott« zu sagen, brach von Paris auf, denn die Sache eilte, und kam gen Rouen. Unterwegs nun, als Pantagruel bemerkte, daß die französischen Meilen gegen die der anderen Länder allzukurz wären, frug er Panurg nach Grund und Ursach dieser Erscheinung. Da erzählte ihm dieser eine Geschichte aus dem Buch von den Kanarischen Königstaten, wonach vor alters die Länder weder nach Meilen noch Stadien eingeteilet gewesen wären, bis König Pharamund sie in folgender Weise vermaß: er sammelte zu Paris einhundert junge schmucke Bürschlein, leistungsfähig und resolut, und dazu hundert artige Dirnlein aus der Picardie, ließ sie acht Tage lang aufs beste verpflegen und alimentieren, gab dann einem jeden Burschen sein Dirnlein und ein tüchtiges Zehrgeld und hieß sie wandern nach allen Straßen, hiehin und dahin. Und an jedem Ort, wo einer sein Schätzel auf den Rücken legen würd', da sollt' er einen Meilenstein hinsetzen. So zogen also die lieben Brüder fröhlich von dannen, und weil sie fein munter und ausgeruht waren, so probierten sie's auf jedem Feldrain – und daher kommt es, daß die französischen Meilen so kurz sind. »Als sie nun aber ein ordentliches Stück Wegs zurückgelegt und sich müd und matt wie die armen Teufel gelaufen hatten und ihnen das Oel im Krügel schier ausging, da kriegten sie's nicht mehr so oft fertig, und nahmen (ich mein die Burschen) mit einem einzigen, lumpigen Mal des Tags vorlieb. Und daher kommt es, daß die Meilen in Bretannien, Deutschland und andern mehr entlegnen Ländern so lang sind. Andre geben zwar noch andre Gründe dafür an, doch dieser scheint mir der beste.« – Dies ließ sich dann Pantagruel auch wohl gefallen. Von Rouen weiter kamen sie gen Hommefleur, wo sie sich bei gutem Wind einschifften und in wenigen Tagen im Hafen von Utopien einliefen, drei Meilen weit von der Hauptstadt der Amauroten. Vierzehntes Kapitel Wie des Pantagruels Gefährten Panurg, Karpalim, Eusthenes und Epistemon 660 Reitern sauber den Garaus machten Während sie da nun an Land steigen wollten, sahen sie an 660 leichte Reiter auf schnellen Gäulen des Weges kommen, dem Hafen zu, um das Schiff in Augenschein zu nehmen, so eben angelandet war; sie rannten mit verhängten Zügeln daher, um es wenn möglich abzufangen. Jetzt sprach Pantagruel: »Kinder, geht ins Schiff, dort kommen welche von unsern Feinden; aber ich will sie euch erschlagen wie das Vieh, und wären ihrer zehnmal soviel; inzwischen geht und habet euere Kurzweil dran.« – Darauf antwortete ihm Panurg: »Herr, nicht doch! Es wär ja nicht recht, daß Ihr so tätet, sondern geht vielmehr Ihr und die andern ins Schiff; denn ganz allein will ich sie hie abfangen. Aber es gilt kein Zaudern. Eilet!« – »Wohlgesprochen!« riefen die andern. »Herr, entfernet Euch, wir wollen Panurg helfen, und Ihr sollt sehn, ob wir was können!« – Panurg nahm nun zwei große Schiffstaue, band sie an die Winde auf dem Deck und warf sie in einem großen Kreis aufs Land, das eine weiter, das andere weniger weit innerhalb des ersten, und sprach zum Epistemon: »Lauft aufs Schiff, und wenn ich Euch zuruf, so drehet die Winde auf dem Deck fleißig um, und immer die beiden Taue nach dem Schiff zu.« – Eusthenes und Karpalim aber befahl er: »Kinder, bleibt hier, haltet dem Feind gutwillig stand, gehorchet ihm und tut, als ob ihr euch ergäbet; aber hütet euch wohl, daß ihr nicht in den Ring der Taue hier kommt, sondern haltet euch immer draußen.« – Damit sprang er plötzlich auf das Schiff, nahm eine Last Stroh und eine Tonne Kanonenpulver, streute es in den Kreis der Taue und stellte sich mit einer Lunte dicht dabei. Wie nun die Reiter im vollen Schuß daherkamen, schrie Panurg: »Ihr Herrn! Wir ergeben uns euch zu Gnaden.« – So riefen auch seine beiden Gefährten und Epistemon vom Verdeck. Derweil machte sich Panurg davon, und als er sie nun alle mitten im Kreis der Taue und seine beiden Gesellen weit zur Seite sah, weil sie den Reitern Platz gemacht hatten, rief er plötzlich dem Epistemon zu: »Dreh! Dreh!« und Epistemon drehte die Winde um. Da verschlangen sich die beiden Taue um die Pferde und streckten sie unschwer samt den Reitern zu Boden. Als die dies sahen, zogen sie blank und wollten sie zerhauen. Aber Panurg warf das Feuer mitten unter den Haufen und äscherte sie mit Roß und Mann wie die verdammten Seelen ein; und nur einen nahmen sie gefangen, der sich heimlich davonmachen wollte. Dieses Sieges freute Pantagruel sich königlich, lobte seine Gesellen wegen ihrer Geschicklichkeit und ließ sie fröhlich am Meeresstrand sich setzen und tapfer zechen, bis ihnen die Bäuche zur Erde hingen. Fünfzehntes Kapitel Wie Pantagruel mit seinen Gesellen das Pökelfleisch zum Ekel ward, und wie Karpalim Wildbret jagen ging Während sie nun so tafelten, rief Karpalim: »Hol mich der oder jener, solln wir denn nimmermehr Wildbret essen? Dies Pökelfleisch versalzt einem die ganze Gurgel. Ich werd euch einen Schinken von den gebratenen Pferden dort holen; er wird jetzt wohl gar sein.« Und wie er aufstand und es tun wollte, da erblickte er von weitem am äußersten Saum des Waldes einen schönen, großen Rehbock. Karpalim sah ihn, sprang auf ihn zu, haschte ihn in einem Augenblick, und während des Laufens griff er noch mit seinen Händen aus der Luft sieben Birkhähne, 26 graue Rebhühner und 32 rote, 16 Fasanen, 9 Schnepfen, 19 Reiher, 32 Ringeltauben, und mit den Beinen zertrat er zehn bis zwölf Stück kleines Wild, halb Hasen, halb Karnickel, die auch schon die Kinderschuh vertreten hatten, ferner 15 Frischlinge, zwei Dachse und drei große Füchse. Dann gab er dem Rehbock mit seinem Hirschfänger eins über den Schädel, daß er starb, las auf dem Rückweg das andre Wild, die Hasen, Frischlinge und Fasanen zusammen. Epistemon schnitzte neun schöne hölzerne Bratspieße, Eusthenes half abziehn, und statt der Brandböcke stellte Panurg geschickt ein paar Sättel von den Reitern auf; dann begannen sie die Spieße zu drehen und brieten ihr Wildbret am selbigen Feuer, bei dem sie zuvor die Reiter geschmort hatten. Da sprach Pantagruel: »Wollt' Gott, daß jeder von euch an seinem Kinn zwei Paar Meßschellen hängen hätte und ich an meinem die großen Glocken von Rennes, Poitiers, Tour und Cambray; das sollte eine Musik geben, die wir mit unsern kauenden Kinnbacken anheben würden.« – »Aber«, fing Panurg an, »besser wär's doch, wir dächten ein wenig auf unsre Sache und wie wir die Feinde bezwingen können.« – »Wohl bedacht«, sprach Pantagruel und frug sofort den Gefangenen: »Jetzt, Freund, sag uns ohn Lug und Trug die lautere Wahrheit, wenn du nicht lebendig geschunden werden willst. Denn wisse, ich bin derjenige, welcher die kleinen Kinder frisset. Darum meld uns genau des Feindes Anzahl, Ordnung und Heeresmacht.« Darauf antwortete der Gefangene: »Herr, die Wahrheit Euch zu sagen, wisset: Es sind im Heer 300 Riesen, in steinernen Harnischen und wundergroß, wiewohl nicht ganz so groß als Ihr, bis auf einen, ihr Oberhaupt, der Wärwolf geheißen ist; 163 000 Mann Fußvolk, ganz in Koboldshaut, beherzte Leut und stark. 11 000 Reiter, 3600 Doppelkanonen, 94 000 Schanzgräben und 150 000 Huren, schön wie die Göttinnen (– »Futter für mich!« fiel Panurg hier ein –) und zwar von allen Ländern und Zungen.« – »Aber«, frug Pantagruel, »ist auch der König dabei?« – »Ei wohl, Sire«, antwortet der Gefangene, »er ist in eigner Person dabei und nennet sich Anarchos, der König der Dipsoden, das will sagen: der durstigen Leut, denn nimmer saht Ihr ein durstiger und zechlustiger Volk. Sein Zelt steht mitten unter den Riesen.« – »Genug schon!« rief Pantagruel. »Auf, Kinder! Seid ihr entschlossen, mit mir daran zu gehen?« – »Verdamm Gott den«, antwortete Panurg, »der von Euch läßt. Ich hab' mir schon ausgedacht, wie ich sie Euch all miteinander totschlagen will wie die Schweine. Nur hab ich noch ein klein Bedenken.« – »Und welches?« frug Pantagruel. – »Wie ich«, sprach Panurg, »all die Huren, die mit ihnen sind, an einem einzigen Nachmittag so hurtig verarbeiten soll, daß auch nicht eine mir entkommt, die ich nicht mit dem gleichen Bogenstrich gefiedelt hätte.« – »Ha, ha, ha«, lachte Pantagruel. – Und Karpalim: »Daß dich der Teufel! Ich werd bei Gott auch eine anzapfen.« – »Und wie dann ich?« sprach Eusthenes, »was? Ich, dem nun der Zeiger seit Rouen nicht gestanden hat, zumindest nicht bis auf Zehn oder Elf, und dabei ist er so stark und hart wie hundert Teufel.« – »Verlaß dich drauf«, antwortete Panurg, »die allerderbsten und fettesten, die sollst du haben.« – »Was?« sprach Epistemon, »alle wollen reiten, und ich soll nicht aufsitzen dürfen?«– »Nix, nix da«, sprach Panurg, »schwing du dich nur in den Sattel und reit mit den andern!« – Und der gute Pantagruel lacht' zu dem allen mit; darauf sprach er zu ihnen: »Ihr macht die Rechnung ohn euern Wirt; ich fürchte fast, daß euch vor heut nacht die Reitlust vergehen wird, wenn man erst mit schweren Pikenstößen und Lanzen auf euch losgeht.« – »Ja, Dreck!« rief Panurg, »mein Latz hier, mein bloßer Latz kartätscht euch das Mannsvolk, so viel ihrer sind; und der Ladestock drinnen die Weibsen.« – »Auf dann«, sprach Pantagruel, »vorwärts Kinder! Marsch, marsch!« Sechzehntes Kapitel Wie Pantagruel auf absonderliche Weise den Dipsoden und Riesen obsiegt Nach allen diesen Gesprächen rief Pantagruel ihren Gefangenen, entließ ihn und sprach: »Geh hin zu deinem König in sein Lager und sag ihm: Sobald nur meine Galeeren da sind, also spätestens morgen mittag, werd ich mit 1 800 000 Mann Kriegsvolk und 7000 Riesen ihm dartun, daß er unvernünftig und albern daran getan hat, mein Land mit Krieg zu überziehen.« – Damit täuschte Pantagruel dem Mann vor, daß er ein großes Heer zur See habe, ferner gab er ihm ein Schächtelchen voll dursterzeugender Materie, hieß es ihm seinem König bringen und sagen, daß, wenn er davon eine Unze essen könnte, ohne drauf zu trinken, der Sieg ihm sicher sei. – Nachdem der Gefangene weg war, sprach Pantagruel zu den übrigen: »Kinder, ich hab' dem Gefangenen zu verstehn gegeben, daß wir zur See ein Kriegsheer hätten und keinen Sturm vor morgen mittag auf sie machen wollten, damit sie aus Furcht vor dem zahlreichen Feind die Nacht mit Rüstung und Schanzen verbringen. Derweil ist meine Absicht aber, sie um die Stunde des ersten Schlafs zu überfallen.« Hier verlassen wir Pantagruel samt seinen Jüngern und reden von dem König Anarchos und seinem Heer. Als der Gefangene ankam, ging er sofort zum König, meldete ihm die Worte Pantagruels und gab ihm darauf das Schächtlein mit dem Fruchtmus. Aber kaum hatte er einen Löffel voll davon verschluckt, als er im Schlund ein solches Brennen verspürte, daß ihm die Haut von der Zungen schwoll und nichts helfen wollte, als zu saufen ohn Unterlaß; denn sowie er den Becher vom Mund brachte, wollt' ihm die Zunge im Gaumen verbrennen. Als seine Hauptleute und Leibtrabanten das sahen, kosteten auch sie die Arznei, ob sie wirklich so dursterregend sei, es ging ihnen aber wie ihrem König, und alle fingen an, so hitzig zu bechern, daß alsbald durch das ganze Lager das Gerücht lief, der König und seine Obersten präparierten sich auf eine bevorstehende Schlacht, und zwar durch Saufen, was ihnen nur in die Hälse ginge. Da legt sich denn desgleichen jeder im Heer aufs Schöppeln und Zechen und trank so oft und noch mal oft, bis alle besoffen wie die Schweine im Lager durcheinander und übereinander fielen. Jetzt kommen wir aber wieder zum guten Pantagruel und melden, wie er in diesem Strauß sich hielt. Beim Abzug vom Landungsplatz nahm er den Mastbaum von ihrem Schiff statt eines Pilgersteckens in seine Hand, packte in den Mastkorb 237 Fässer weißen Weins von Anjou, lud das Schiff ganz voller Salz und hing's so leicht an seinen Gurt, wie die Landsknechtsweiber ihre Körblein zu tragen pflegen. Nicht weit mehr vom Lager des Feinds machten sie halt und räumten unter den 237 Fässern so gründlich auf, daß auch kein Tröpflein überblieb. Als sie dies gute Werk vollendet, sprach Pantagruel zum Karpalim: »Geh in die Stadt, klimm auf die Mauer wie ein Ratz und sag dem Volk drin, daß sie jetzt auf der Stell mit aller Macht einen Ausfall auf den Feind machen sollen. Wenn du's gesagt hast, spring zurück, nimm eine brennende Fackel und steck mir alle Zelte und Baracken im Lager in Brand damit, dann schrei so laut du kannst und eil aus dem Lager zu uns zurück.« – »Wär's nicht auch gut«, frug Karpalim, »ihr ganzes Geschütz ihnen zu vernageln?« – »Nicht doch, nicht doch«, sprach Pantagruel, »aber zünd nur ihr Pulver an.« – Alsbald dazu bereit, schoß Karpalim fort und führte Pantagruels Befehle aus. Alles wehrhafte Volk in der Stadt machte einen Ausfall, er aber warf das Feuer in die Zelte und Baracken, ohne daß die Besoffenen etwas davon spürten. Als er nun aus den Verhauen heraus war, schrie er so mörderlich, als wären alle Teufel der Hölle los, und von dem Schrei erwachte der Feind, aber so hundsdämlich verkatert wie beim Morgengrauen. Mittlerweil fing Pantagruel an, das Salz, das er in seinem Schiff mit sich führte, auszusäen, und weil den Feinden im Schlaf die Mäuler weit offen standen, so versalzte er ihnen die Hälse bis oben herauf. Da schluckten und druckten die armen Wichte und schrien: »Ach Pantagruel! Pantagruel! machst du uns die Dursthöll so heiß?« Aber plötzlich kam Pantagruelen das Brunzen an, und er brunzte so überschwenglich in ihr Lager, daß er sie alle zusammenschwemmte und auf neun Meilen in die Runde eine richtige Sintflut entstand. Als sich die Feinde nun ermuntert hatten und einerseits ihr Lager in Flammen und sie andrerseits das Harnmeer sahen, wußten sie weder, was sie raten noch denken sollten. Etliche meinten, daß der Welt Ende und Jüngstes Gericht erschienen wär; die andern glaubten, des Meeres Götter verfolgten sie, zumal das Wasser in Wahrheit einen salzigen Beigeschmack hatte. Um aber jetzt den Kampf Pantagruels mit den 300 Riesen erzählen zu können, mußte ich einen Becher vom besten Wein vor mir haben, den je einer derjenigen gekostet hat, die diese wahrhaftige Geschichte lesen werden. Siebzehntes Kapitel Wie Pantagruel die dreihundert Riesen in Werksteinrüstung, nebst Wärwolf, ihrem Hauptmann, erschlug Als nun die Riesen ihr ganzes Lager ersoffen sahen, trugen sie ihren König Anarchos, so gut sie konnten, auf ihren Schultern aus dem Verhau. Kaum sah Panurg das, so sprach er zum Pantagruel: »Schauet, Herr, da ziehn die Riesen! Nun schlagt mal ritterlich drunter mit Eurem Mastbaum, denn nun ist's Zeit, sich wacker zu zeigen. Wir an unserm Teil wolln Euch auch nicht im Stiche lassen. Nur Herz gefaßt und dreingeschlagen auf Hieb und Stoß!« – »Ei«, sprach Pantagruel, »was Herz? Herz hab ich für mehr denn fünfzig Franken. Aber mit zwei auf einmal hat's Herkules selbst wohl bleiben lassen.« – »Scheiße!« sprach Panurg. »Wie? Ihr vergleicht Euch dem Herkules? Und habt doch bei Gott mehr Stärke in den Zähnen und mehr Verstand im Hintern als Herkules in Leib und Seel zusammengenommen! Der Mann ist das wert, wofür er sich hält!« Während sie noch so sprachen, siehe! da kam Wärwolf mit allen seinen Riesen herbei, und als er sah, wie Pantagruel so allein war, ward er ganz übermütig und tolldreist, denn er hoffte, das arme Männlein stracks zu erlegen. Er sprach also zu seinen Gesellen, den Riesen: »Holla, ihr Bankertbande, wenn einer von euch mit diesem da sich anzubinden untersteht, so seid ihr bei meinem Bart des blassen Todes. Den werd' ich schon unterkriegen! Ihr könnt meinetwegen zuschauen.« Flugs retirierten alle Riesen nebst ihrem König auf die Seite, wo die Flaschenbatterie stand, und ihnen folgte mit seinen Gesellen Panurg, der sich anstellte, wie wenn er erst vor kurzem von der Franzosenkrankheit genesen wär; denn er verdrehte den Hals und verkrümmte die Finger und sprach mit heiserer Stimme: »Kam'raden, Kott verfluck mir, wenn wir Kriegsleut sind! Wir schlagen uns nit. Gebt uns bei euch zu essen, und laßt unsre Herren sich ruhig das Leder gerben.« – Der König und die Riesen waren des wohl zufrieden und ließen sie mit ihnen trinken. Währenddessen schwang Wärwolf gegen Pantagruel eine massive stählerne Keule, 9700 Zentner und zwei Viertelpfund schwer, mit dreizehn Diamantspitzen beschlagen, deren kleinste so dick wie die größte Glocke auf Notre Dame zu Paris war. Dieselbe war gefeit, so daß sie niemals entzweibrechen konnt', sondern daß alles, was sie berührte, kurz und klein brach. Wie er so daherschritt, schlug Pantagruel seine Augen gen Himmel auf, befahl sich Gott aus ehrlichem Herzen und tat das Gelübde, daß er in seinen Landen immer den lauteren Glauben lehren und predigen lassen wolle. Hierauf erscholl vom Himmel eine Stimme und sprach: »Hoc fac et vinces!« das heißt: ›Tu es, und du wirst siegen.‹ – Jetzt, wie Pantagruel den Wärwolf mit offenem Schlund anrennen sah, ging er ihm kühn entgegen und schrie, so laut er konnt': »Stirb, Unhold! stirb!« und warf ihm über 18 Pfund Salz aus seinem Schiff ins Gesicht, verschüttete ihm damit den ganzen Mund, Schlund, Gaumen und Gurgel, Nas und Augen. Ergrimmt holte Wärwolf zum Schlag aus, aber Pantagruel, nicht faul, sprang zur Seite und traf ihn mit seinem Mastbaum gerade zwischen die Beine, so daß der Mastkorb entzweiging und 3 bis 4 Ohm Wein abliefen. Wärwolf aber dachte, er hätte ihm die Blase entzweigeschlitzt, und der Wein, der auslief, wär' sein Harn. Da holte er aufs neue aus, aber Pantagruel wich wiederum geschickt zur Seite, und Wärwolfs Keule fuhr über 73 Schuh tief ins Erdreich mitten durch einen starken Felsen, daß ein dicker Feuerstrahl hervorsprang. Wie nun Pantagruel sah, daß er sich damit aufhielt, seine Keul aus dem Gestein und Erdreich wieder herauszuziehen, rannte er auf ihn zu und wollte ihm das Haupt glatt abhaun; aber zum Unglück traf er mit seinem Mastbaum ein wenig an den Schaft der Keule des Wärwolf, die, wie gesagt, gefeit war, so daß der Mast ihm in der Hand zersplitterte. Da erschrak er wie ein Glockengießer und schrie laut auf: »Hoho, Panurg! Panurg! Wo bist du?« – Als es Panurg hörte, sprach er zu dem König und den Riesen: »Bei Gott, sie werden sich ein Leides tun, wenn keiner sich drein legt.« – Aber die Riesen waren bei ihrem Becher vergnügt wie die Hochzeiter und wollten von Kampf und Streit nichts hören. Jetzt sprang Karpalim auf und wollte seinem Herrn helfen, aber ein Riese ermahnte ihn: »Beim Golfarin, des Mahoms Neffen! Wo du dich rührst, steck ich dich in meinen Hosenboden statt Stuhlzäpfleins; ich bin ohnhin harten Leibs und kann nichts machen, wenn ich die Zähn nicht zusammenbeiß.« Da Pantagruel jetzt unbewaffnet und wehrlos war, versuchte er's auf andere Weise: er gab dem Wärwolf mit dem Fuß einen so schweren Tritt vor den Bauch, daß der der Länge lang hinfiel, die Beine gen Himmel streckte. So schleift' er ihn über einen Bogenschuß weit an der Erden hin, und Wärwolf schrie in einem fort: »O Mahom! Mahom! Mahom! Mahom!« wobei ihm das Blut aus dem Schnabel schoß. Auf dies Schreien erhuben sich alle Riesen, um ihm beizustehen. Aber Panurg sprach: »Bleibt davon, ihr lieben Herrn, folgt mir! Denn unser Herr ist toll, er haut der Kreuz und Quer und sieht nicht, wo er zuschlägt.« Die Riesen achteten aber nicht drauf, weil sie ihn ohne Waffen sahen. Wie sie Pantagruel kommen sah, packte er den Wärwolf an beiden Beinen, hielt seinen Leib steif in die Luft statt einer Pike und stieß mit ihm unter die steingewappneten Riesen so rüstig drein, daß sie zerbröckelten wie Ziegel unterm Hammer, und keiner vor ihm Stich halten konnte. Panurg, Karpalim und Eusthenes erschlugen vollends die, welche an der Erd zerstreuet lagen, und glaubt mir, daß auch nicht ein Mann davonkam, und wie ein Schnitter war Pantagruel anzuschauen, welcher mit seiner Sense (dem Wärwolf) das Gras auf dem Anger (die Riesen) mähte. Zu guter Letzt, als er sie all erschlagen sah, warf er mit Macht den Leichnam gegen die Stadt; da fiel er mitten auf den Marktplatz platt wie ein Frosch hin auf den Bauch und erschlug im Fallen einen begossenen Hund, eine Märzkatze, eine Kirchmaus und einen Schnapphahn. Achtzehntes Kapitel Wie Epistemon geschickt von Panurgen kuriert ward nebst Nachricht von den Verdammten und Teufeln Nach errungenem Sieg zog sich Pantagruel an den Ort, wo die Flaschenbatterie stand, zurück und rief Panurg und die übrigen, die sich auch sämtlich frisch und gesund einfanden, bis auf Eusthenes, dem einer der Riesen ein wenig das Gesicht zerkratzt hatte, und Epistemon, der vermißt wurde. Darüber war Pantagruel untröstlich, weinend suchte er mit den andern das Schlachtfeld ab und als sie ihn stocksteif dort liegen fanden, seinen Kopf ganz blutig zwischen den Armen haltend, wollte Pantagruel sich schier entleiben. – Panurg aber sprach: »Nur ruhig, Kinder! Weinet nicht. Er ist noch ganz warm, ich mach' ihn euch wieder so heil wie zuvor.« Damit nahm er den Kopf und hielt ihn dicht gegen seinen Hosenlatz, damit er sich nicht in der Luft verkühlte. Darauf wusch er den Hals rein ab mit gutem weißem Wein und dann den Kopf desgleichen, bestrich beides dann, ich weiß selbst nicht mehr mit was für einer Salbe, fügte beides genau aufeinander, Ader auf Ader, Nerv auf Nerven, Wirbel auf Wirbel, daß er nicht etwa ein Kopfhänger würde, nähte ihm alles darauf noch rings mit fünfzehn bis sechzehn Nadelstichen fest und legte ein wenig Pflaster drum, das er sein Auferstehungspflaster nannte. Alsbald fing Epistemon an zu atmen, dann schlug er die Augen auf, dann gähnt er, dann niest er, und endlich ließ er einen gewaltigen Hausmannsfurz. »Jetzt«, sprach Panurg, »ist er gewißlich hergestellt!« und gab ihm ein Glas weißen, herben Bauernkrätzer zu trinken und ein geröstetes Zuckerbrot. So wurde Epistemon geschickt kuriert; nur blieb er noch über drei Wochen lang heiser und behielt einen trockenen Husten, den er nur mit Trinken bekämpfen konnte. Sobald er wieder sprechen konnte, erzählt' er von seinem kurzen Aufenthalt in der Hölle und gab den Teufeln vor allen Leuten das Zeugnis, es wären gute Gesellen. Was die Verdammten anbetraf, meinte er, so wär' es ihm fast leid gewesen, daß ihn Panurg so bald auferweckt hätt'. »Denn«, sprach er, »die zu betrachten ist ein besonderes Vergnügen.« – »Wieso denn?« frug Pantagruel. – »Man hält sie«, antwortete Epistemon, »gar nicht so schlimm, als Ihr wohl glaubt, aber ihr Stand ist aufs seltsamste verändert. So sah ich Alexander den Großen, der flickte alte Hosen und verdient' damit sein elend Brot. Xerxes schrie Senf aus. Romulus war Salzsieder. Cyrus Kuhhirt. Themistokles Glaser. Brutus und Cassius Feldmesser. Achilles aussätzig. Agamemnon Tellerlecker. Nestor Schnapphahn. Darius Abtrittausleerer. Hasdrubal war Laternenputzer. Priamus handelt' mit alten Fähnlein. Sämtliche Ritter der Tafelrunde waren armselige Tagelöhner, schwitzten am Ruder und fuhren über, wenn sich die Herren Teufel einmal ein Wasservergnügen machen wollen, just wie die Fährleut in Lyon und die Gondoliere zu Venedig. Auch die zwölf Pairs von Frankreich sind da, hab' aber nicht gesehen, daß sie was täten. Ihr ganz Gewerb, von dem sie leben, ist, daß sie sich Backenstreiche, Fußtritte und schwere Faustpüffe gutwillig in die Zähn lassen geben. Nero war Leiermann und der Riese Fierabras sein Famulus, aber der behandelte ihn wie einen Hund, gab ihm schwarzes Brot zu essen und sauern Wein zu trinken. Er selber aber aß und trank vom Besten. Julius Cäsar und Pompejus waren Schiffspechner. Papst Julius schrie Pastetlein aus. Papst Bonifazius der Achte war Topfabschäumer. Papst Alexander war Kammerjäger und Papst Sixtus schmierte die Venerischen ein.« »Wie?« früg Pantagruel, »hat's auch dort unten venerische Leut?« – »Ei wohl«, antwortet' Epistemon, »ich hab' ihrer nirgend so viel gesehen. Denn glaubt nur, wer in dieser Welt das fränkische Übel nicht gehabt hat, kriegt's in der andern.« – »Wetter!« fiel ihm Panurg ins Wort, »dann brauch' ich mich im Jenseits nicht zu fürchten.« Epistemon fuhr fort: »Die vier Haymonskinder sind Zahnbrecher. Melusine Spülmädel. Kleopatra Zwiebelhökerin. Helena Magdverdingerin. Semiramis Bettlerlauserin. Dido ging mit Pilzen hausieren. Lucretia Spittelmeisterin. Aber die Philosophen und die andern, die auf Erden Hunger gelitten haben, waren dort wiederum große Herren. Ich sah den Diogenes prächtig im weiten Purpurmantel, mit einem Zepter in seiner Rechten, wie einen Prälaten einherstolzieren; Alexander der Große mußte Blut schwitzen, wenn er ihm seine Hosen nicht aufs beste geflickt hatt'. Epiktet sah ich in einer schönen Laube galant à la Française geputzt, mit einem Haufen schmucker Dirnlein sich tummeln, zechen, tanzen und schmausen; sein Wahlspruch stand oben über dem Rebengitter in diesen Reimen: ›Springen, Tanzen, Saus und Braus Beim roten und beim weißen Wein, Und gespielt Jahr ein, Jahr aus Mit blanken Sonnentälerlein.‹ Wie er mich sah, lud er mich höflich ein, mit ihm zu trinken, was ich gern annahm. Mittlerweil kam Cyrus und bat ihn um einen Heller, weil er sich zum Abendbrot ein paar Zwiebeln kaufen wollt. ›Nix, nix da‹, sprach Epiktet, ›ich spiel's nicht mit Hellern; da ist ein Taler, Schelm, sei ehrlich!‹ Cyrus war heilfroh, daß er diesmal einen so guten Fang getan hatt', aber das andre Diebsgelichter von Königen da drunten, Darius, Alexander etcetera, mausten's ihm wieder über Nacht.« »Schön, schön«, unterbrach ihn Pantagruel, »spar deine schönen Geschichten auf ein andermal und erzähl uns nur noch, wie man die Wucherer dort unten hält!« – »Ich sah sie«, antwortete Epistemon, »eifrig bemüht, aus den Straßengossen die rostigen Nadeln und alten Nägel herauszulesen. Aber der Zentner von diesem Krimskrams gilt nicht mehr als eine Brotrinde, und dazu haben diese armen Tröpfe zuweilen über drei Wochen lang weder zu brocken noch zu beißen. Sie arbeiten aber doch Tag und Nacht in der Hoffnung auf den nächsten Markt und sind so verwünscht erpicht drauf, daß sie der Plag und Arbeit gar nicht denken, wenn sie am End des Jahres nur einen lumpigen Heller damit verdienen.« »Auf!« sprach Pantagruel, »laßt uns nun einen guten Bissen essen, und trinkt eins, Kinder, ich bitt' euch, diesen Monat schmeckt's noch einmal so gut!« – Da hoben sie ein fröhliches Zechen an und vergaßen auch das Essen nicht darüber. Nur der arme König Anarchos konnt' dabei nicht fröhlich sein. Da frug Panurg: »Was für ein Handwerk wolln wir unsern Herrn König da lehren, damit, wenn er zu seiner Zeit dort unten zu allen Teufeln kommt, er schon in einer Kunst erfahren ist?« – »Fürwahr, das hast du wohl erwogen«, versetzte Pantagruel, »tu du mit ihm nach deinem Wohlgefallen; ich schenk ihn dir.« – »Ei, Herr!« sprach Panurg, »die Gabe ist nicht zu verachten, ich nehm's mit schönstem Dank von Euch an.« Neunzehntes Kapitel Wie Pantagruel in die Amauroten-Hauptstadt seinen Einzug hielt, und wie Panurg den König Anarchos verheiratete und ihn zum Grünsuppen-Ausrufer machte Nach diesem wunderwürdigen Siege ließ Pantagruel in der Hauptstadt der Amauroten durch Karpalim ausrufen und zu wissen tun, daß König Anarchos gefangen und alle Feind aufs Haupt geschlagen wären. Alsbald zogen die sämtlichen Einwohner der Stadt in Reih und Glied und fröhlich wie die Götter ihm entgegen, um ihn mit stolzem Triumphgepräng in ihre Stadt zu geleiten. Da brannten lustige Freudenfeuer rings in der Stadt, und in den Gassen waren Tische, mit Speis und Trank erschwert, aufgestellt. Aber in voller Ratsversammlung sprach Pantagruel: »Ihr Herren, man soll das Eisen schmieden, solange es warm ist; deshalb hab' ich, eh wir uns hie noch fester fressen, beschlossen, das ganze Dipsodische Königreich mit Sturm zu erobern; also wer mit mir kommen will, der sei bereit morgen nach dem Frühtrunk; denn um die Zeit werd ich ausziehn. Denen, die mit mir marschieren, will ich in Dipsodien das ganze Land als eine Kolonie geben, und ihr wißt, es ist vor allen Ländern der Welt schön, fruchtbar und lieblich.« – Sofort wurde dieser sein Beschluß ruchbar in der Stadt, und am andern Morgen fanden sich beim Rathaus auf dem Markt 1 056 011 Seelen ein, ohne die Weiber und Kinder. Die machten sich flugs nach Dipsodien auf den Weg, und zwar in einer so guten Ordnung, daß sie den Kindern Israels glichen, wie sie einst aus Ägyptenland dem Roten Meer entgegenzogen. Eh ich aber diese Fahrten weiter beschreibe, will ich euch melden, wie Panurg seinen Kriegsgefangenen, den König Anarch, hielt. Eines Tages kleidete er ihn ganz neu und spaßig an und schnallte ihm einen stattlichen Leibgurt um, halb gelb, halb weiß. »Denn die Livree«, sagte er, »schickt sich ganz gut für ihn, weil er ein Naseweiß und ein Gelbschnabel gewesen ist.« In diesem Aufzug führte er ihn zum Pantagruel und sprach zu ihm: »Gestrenger Herr, kennt Ihr wohl diesen Stoffel?« – »Nein, fürwahr nicht«, sprach Pantagruel. – »Es ist unser Herr Drei-Wecken-König. Ich will einen wohlgesitteten Menschen aus ihm machen. Die Teufelskönige hier zu Land sind eitel Kälber, zu nichts nutz und wissen nichts weiter, als ihre armen Vasallen zu schinden und alle Welt mit Krieg zu plagen. Ich will ihn ein Handwerk lehren, er soll mir Grünsuppen-Ausrufer werden. Jetzt fang mal an: Wer kauft Grünsuppen?« – Da schrie der arme Tropf. – »Zu tief!« fiel Panurg ein und nahm ihn beim Ohr, »mußt höher singen, ge, sol, re, ut! So, Teufel! Hast eine gute Kehl; es ist wirklich dein Glück, daß du vom Regiment gekommen bist.« Zwei Tag darauf verheiratete ihn Panurg mit einer alten Vettel und richtete ihm selber die Hochzeit aus. Nach dem Essen führte er sie aufs Schloß zu Pantagruel, wies auf die Braut und sprach zu ihm: »Die läßt auch keinen Kracher mehr streichen.« – »Warum nicht?« frug Pantagruel. – »Weil sie schon gut angeschnitten ist«, sprach Panurg. – »Was sind dies wieder für Rätsel?« frug Pantagruel. – »Sehet Ihr nicht«, versetzte Panurg, »wie die Kastanien am Feuer, wenn sie ganz sind, krachen, daß alles pufft, und um dies Krachen ihnen zu legen, schneidet man sie an. So ist auch nun diese junge Frau unten herum schon lang angeschnitten, daß man von ihr keinen Kracher mehr hören wird.« Darauf gab ihnen Pantagruel eine kleine Bude in der Vorstadt und schenkte ihnen einen steinernen Mörsel zum Kräuterstoßen. Da trieben sie ihr Krämlein zusammen, aber die Frau soll ihn wie Gips dreschen und er darf sich nicht wehren, der arme Narr: so täppisch ist er. Zwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel mit seiner Zung ein ganzes Kriegsheer deckte und was der Autor in dessen Mund sah Sowie Pantagruel in Dipsodien an der Spitze seiner Scharen einzog, war alles Volk vergnügt darüber und ergab sich ihm ohn Verzug, und aller Orten, wo er hinkam, da brachten sie ihm die Schlüssel der Städte aus freien Stücken entgegengetragen – bis auf die Salzburger, die sich ihm nur gegen gute Sicherheit ergeben wollten. »Was!« sprach Pantagruel, »Sicherheit! Wollen sie eine bessere haben als Hand am Krug und Faust am Glas? Wohlan, kommt und treibt mir sie zu Paaren!« Sogleich rückten alle in Reih und Glied zum Sturm entschlossen gegen sie an. Doch unterwegs auf einer großen Ebene überraschte sie ein dichter Regenschauer, daß sie sich schüttelten und zusammendrängten. Als Pantagruel dies sah, wollte er ihnen ein Obdach geben, streckte deshalb ein wenig die Zung heraus und deckte sie damit zu, wie eine Gluckhenn ihre Küchlein. Da ich, der ich euch diese wahrhaftigen Taten hie erzähl, nicht mehr gut Platz darunter fand, so eng ging's zu, stieg ich, so gut ich konnte, an Pantagruel hinauf und wanderte wohl zwei Meilen weit auf seiner Zunge hin, bis ich ihm endlich in den Mund kam. Aber, o ihr Götter und Göttinnen! Was erblickt' ich da! Ich spazierte darin umher wie in der Sophienkirche zu Konstantinopel und sah mächtige Felsenblöck, groß wie die Berge in Dänemark – ich glaub', es sind seine Zähne gewesen –, große Wiesen, dichte Wälder, auch feste wohlverschanzte Städte, nicht kleiner als Poitiers oder Lyon. Der erste, den ich da antraf, war ein guter Gesell, der baute Kraut auf seinem Acker; ganz verwundert frug ich den: »Ei, mein Freund, was schaffst du hier?« – »Ich bau halt Kraut«, antwortete er. – »Ja, wieso denn? und zu was?« – »Hm«, sprach er, »Herr, wir können eben nicht alle reich sein. Hiermit verdien' ich mir mein Brot und trag's zum Markt in die Stadt dort hinten.« – »Jesus!« sagte ich, »ist hier wohl gar eine neue Welt?« – »Ist weiter just nix Neues dran«, antwortete er; »s' gibt Leut, die sagen, da draußen wär auch eine Welt und hätt' auch Sonn und Mond und alles vollauf zu leben darin; die hier ist aber doch älter.« – »Schon gut, mein Freund«, sagte ich zu ihm, »und wie heißt die Stadt, wo du dein Kraut zu Markt hinführest?« – »Kehl, Herr; recht wackre Leut, und lauter gute Christen drin, die Euch trefflich aufnehmen werden.« – Kurz, ich entschloß mich, hinzugehen. Wie ich nun so weiter zog, traf ich auf einen Buben am Weg, welcher den Tauben Netze stellte. Den fragte ich: »Freund, woher kommen denn Eure Tauben?« – »Mein Gott, die kommen von der andern Welt«, antwortete er. – Da dacht' ich mir, daß, wenn Pantagruel einmal gähnte, die Tauben wohl zu ganzen Flügen, in der Meinung, es wär ein Taubenschlag, ihm in das Maul zogen. Ich ging dann vollends in die Stadt, die ich recht schön und fest befand; und voll guter Luft. Aber die Pförtner vor dem Tor wollten meinen Paß sehen. Betroffen fragte ich: »Wie, meine Herren, hat's irgend hier wegen der Pest Gefahr?« – »Ach Gnädigster!« versetzten sie, »unweit von hier, da sterben Euch die Leut auf den Gassen dutzendweis'.« – »Ei heiliger Gott!« sprach ich, »und wo denn?« – Darauf sagten sie mir, es wär in Laringen und in Pharingen, zwei großen und reichen Handelsstädten, wie Rouen und Nantes. Der erste Ursprung der Pest wär ein fauler und giftiger Brodem gewesen, unlängst vom Abgrund aufgestiegen, an dem über 2 060 016 Menschen seit acht Tagen verblichen seien. Da überschlug, erwog und erkannt' ich, daß dies ein stinkender Atem aus dem Magen des Pantagruel gewesen war, als er den vielen Knoblauch aß, wie ich oben erzählt habe. Von hier schlug ich mich ins Gebirg, das heißt seine Backzähn, und stieg so lang, bis ich oben auf einem stand. Da fand ich den schönsten Ort der Welt; schöne große Ballspielplätze, schmucke Laubengänge, schöne Triften, Rebenhügel im Überfluß und eine unzählbare Menge kleiner artiger Gasthäuslein nach welscher Manier in den Auen gelegen und alles rings voll Fröhlichkeit. Hier verblieb ich fast vier Monat, und ich hab' mein Lebtag seit der Zeit nicht wieder so flott gelebt wie damals. Dann stieg ich an den hintersten Zähnen nach dem Zahnfleisch hinunter; aber in einem tiefen Wald, unweit der Ohren, wurde ich von Räubern ausgezogen. Schließlich fand ich im Tal einen kleinen Flecken (der Name ist mir entfallen), wo ich mir's noch besser gehen ließ und mir sogar ein Zehrgeld verdiente. Und wißt Ihr wie? Mit Schlafen! Denn dort dingt man die Leute zum Schlafen tagweis'; man verdient den Tag fünf, auch wohl sechs Dukaten damit; die, welche aber recht laut schnarchen können, stehen sich bis sieben und achtehalben. Hier erzählte ich's den Ratsherrn, wie ich im Tal geplündert worden sei; die stimmten mir bei und sagten, dies Volk da hinten sei ein böses Gesindel und von Natur erzräuberisch. Daraus sah ich nun klar: wie wir das Land bei uns zu Haus in vor und hinter den Bergen teilen, so heißt's dort: vor und hinter den Zähnen; vorn ist aber weit besseres Leben, und auch eine weit gesündere Luft. Da noch keiner dies Land beschrieben hatte, in dem doch mehr als fünfundzwanzig bewohnte Königreiche liegen, die Wüsten und ein breiter Meerstrich nicht mitgerechnet, habe ich ein großes Buch darüber verfaßt, ›Der Maulinger Geschichte‹ betitelt; denn so hab' ich sie getauft, weil sie im Maul meines Herrn und Meisters Pantagruel wohnen. Endlich wollt' ich auch wieder heim; da stieg ich an seinem Bart hinab und schwang mich ihm auf die Schultern, von wo ich weiter zu Tal abglitt und vor ihm platt auf die Erd hinfiel. Als er mich sah, frug er mich: »Ei mein Alcofribas, woher kommst du?« – »Aus Euerm Maul, Herr«, antwortete ich. – »Und wie lang«, sprach er, »warst du darinnen?« – »Seit Ihr«, sprach ich, »den Feldzug in Halmyrodien unternahmt.« – »Das ist schon über sechs Monat her«, sagte er; »und wovon lebtest du, was aßest du, was trankst du?« – »Herr«, sagte ich, »dasselbe, von dem Ihr lebt, und von den leckern Schleckereien, die durch Euern Schlund passierten, erhub ich mir den Zoll.« – »Wohl«, sprach er, »doch wohin schissest du?« – »In Euern Hals, Herr.« – »Ha ha ha! Du bist fürwahr ein artiger Knabe! Wir haben jetzt mit Gottes Hilf das ganze Dipsodierland bezwungen; ich schenk' dir die Burgvogtei Salmigundien.« – »Vergelt's Euch Gott, Herr!« sprach ich zu ihm, »Ihr tut mir weit mehr Liebs und Guts, als ich um Euch verdienet habe.« Drittes Buch Erstes Kapitel Wie Pantagruel eine Utopische Kolonie in Dipsodien einführte und den verschwenderischen Panurg zum Burgvogt machte Nachdem Pantagruel ganz Dipsodien erobert hatte, führte er in das Land eine Utopische Kolonie von 9 076 043 010 Männern, ohne die Weiber und kleinen Kindlein; Handwerksleut aus allen Zünften, Professoren aller ersinnlichen freien Künste, um dies Land, das sonst nicht sehr bewohnt und meist verödet war, zu restaurieren, zu bevölkern und wiederum in Blüte zu bringen. Hiebei bemerket nun, ihr Zecher, daß es der rechte Weg nicht ist, ein neu erobert Land in Pflicht und Gehorsam zu erhalten, wenn man, wie tyrannische Geister zu ihrem Schimpf und Schaden irrig vermeint haben, die Völker kränkt, plackt, schindet, martert, druckt, beraubt und sie mit eisernen Ruten züchtigt. Sondern man muß sie wie ein neugeboren Kindlein wiegen, säugen, ihnen schöntun; wie einen neugepflanzten Baum sie schützen, schirmen und vor allem Windbruch, Unbill und Wetterschaden hüten. Wie einen Menschen, der von schwerer langwieriger Krankheit wiederum sich zur Genesung erholen will, muß man sie warten, schonen und stärken; bis sie in ihren Herzen selbst der Meinung werden, daß sie von allen Königen und Fürsten der Welt keinen so ungern zu ihrem Feinde, keinen lieber zum Freund haben möchten. Als Pantagruel nach diesem Rezept die ganze Dipsodische Landesverwaltung in Ordnung gebracht hatte, verlieh er an Panurg die Burgvogtei von Salmigundien, die jährlich 6 089 006 089 Goldgulden fix eintrug ohne die Einkünfte aus der Schnecken- und Maikäferzucht. Da hielt nun der neue Herr Burgvogt so wohl und ratsam Haus damit, daß er in noch nicht vierzehn Tagen alle Einkünfte der Vogtei auf drei Jahr verputzt hatte. Nicht etwa, wie ihr vielleicht denkt, mit Klösterstiften, Tempelbauen, Gründung von Schulen oder Spitälern, oder daß er seinen Speck sonst vor die Hunde geworfen hätte, sondern mit tausenderlei kleinen ergötzlichen Saufereien und Festlichkeiten, wo offene Tafel für jedermann gehalten wurde, insbesonders für gute Kameraden, junge Mädel und schmucke Dirnlein. Er schlug Holz, verbrannte die großen Stämme, damit er die Asche verkaufen könne, nahm Geld zum voraus auf, kaufte teuer, schlug wohlfeil los und aß sein Korn auf dem Halm. Als Pantagruel den Handel erfuhr, ward er darüber keineswegs bös, unwirsch oder mürrisch. – Er nahm Panurg bloß auf die Seite und hielt ihm liebreich vor, daß, wenn er nicht besser Haus halte, es ganz unmöglich oder zum mindesten doch sehr schwer sein werde, ihn jemals reich zu machen. »Reich?« sprach Panurg, »stand Euer Sinn Euch darnach, mich – mich reich zu machen in dieser Welt? Alle gute Geister! Denkt lieber darauf, daß wir ein lustiges Leben führen; all andre Sorg, all andrer Kummer sei doch fern von dem hochheiligen Sitz Eures himmlischen Gehirns, dessen Klarheit nimmer auch nur das kleinste Wölklein von Trübsinn oder Griesgram trüben möge! Wenn Ihr frisch, fröhlich und guter Ding seid, hab ich des Reichtums voll und satt.« Zweites Kapitel Wie Panurg die Schuldner und Borger lobt und wie Pantagruel sie verabscheut Wann aber«, frug Pantagruel, »werdet Ihr außer Schulden sein?« – »Anno nimmermehr«, antwortete Panurg, »wann alle Welt vergnügt sein wird, und jeder sein eigner Leibeserbe. Gott woll nicht, daß ich je aus den Schulden herauskäm! Dann fänd' ich ja keinen Menschen mehr, der mir auch nur einen Heller leiht. Habt Ihr allezeit einen Gläubiger, so wird er ohn Unterlaß Gott für Euch um Glück und Segen und langes Leben bitten, aus Furcht, sein Geld zu verlieren; wird immerdar in Gesellschaft von Euch nur lauter Liebes und Gutes reden, Euch immer neue Gläubiger werben, damit Ihr ihm sein Loch mit fremdem Zeug stopft. Glaubet nur: mit desto heißerer Andacht werden Euere Gläubiger Gott für Euch um Leben bitten und vor Euerm Tod erzittern, als ihnen der Ärmel näher denn der Arm, der Beutel lieber denn Leben ist, so wie die Wucherer, die sich unlängst erhenkten, weil sie sahen, daß der Wein und das Getreide im Preis abschlage und eine billige Zeit komme.« Als hierauf Pantagruel keine Antwort gab, fuhr Panurg fort: »Potz Blitz! Ihr bringt mich, wenn ich mir's recht bedenk', fürwahr ganz aus dem Häuschen mit Euerm Tadel meiner Schulden und Gläubiger. Und doch halte ich mich gerade in diesem Punkt allein für herrlich, hoch und hehr, weil ich aus dem Nichts heraus Geschöpfe hervorbringe. Was schaff' ich? So viel schöne und gute Gläubiger. Denn Gläubiger sind schöne, gute, fromme Geschöpfe. Wer aber nichts herleiht, das ist ein häßliches, erzböses Geschöpf. Was mach' ich? Schulden. O seltnes Glück! O edles Kleinod! Schulden, sag' ich, an Zahl die Silben übersteigend, die aus der Verbindung der Vokale mit allen Konsonanten entstehn! Glaubt mir, daß mir sauwohl wird, wenn ich jeden Morgen diese so demütigen, dienstbaren Gläubiger scharwenzelnd um mich versammelt seh'; wenn ich den einen ein wenig freundlicher anschau', ihn etwas besser traktier' als die andern, denkt der Esel gleich, er werd' sein Saldo zuerst erhalten, und nimmt mein Lächeln für bar Geld. Dann ist mir's, als wenn ich noch wie früher bei der Karfreitagspassion Gottvater spielen würde, umgeben von allen seinen Engeln und Cherubim. Und dies Sonntagsglück wollt Ihr mir rauben? Und Ihr fragt mich, wann ich schuldenfrei sein würde? Ja, was noch ärger ist! Denn Gott sei mein Zeuge, wenn ich nicht all mein Lebtag Schulden für eine Kette und Brücke zwischen Himmel und Erde gehalten habe. Zum Beweise, stellt Euch einmal eine Welt ohne Schulden vor! Da werden die Gestirn aus allen ihren Gleisen weichen. Nichts wie Verwirrung. Jupiter, weil er Saturnen nichts mehr schuldet, wird ihn aus seiner Sphäre stoßen. Der Mond wird blutigrot und finster bleiben; wofür sollt' ihm die Sonne ihr Licht leihn? Sie ist doch nicht dazu verpflichtet. Die Sonne wird nicht mehr auf Erden scheinen, die Sterne nicht mehr mit gutem Einfluß herunterleuchten, denn die Erd gibt ihnen ihre Dünste und Nebel ja nicht mehr zur Nahrung, von denen, wie Cicero lehrt, die Sterne gespeist werden. Aus Erden wird kein Wasser kommen, das Wasser nicht in Luft sich wandeln, aus Luft kein Feuer entstehn, das Feuer die Erde nicht wärmen. Unter den Menschen wird keiner dem andern mehr beistehn, wie laut er auch um Hilfe, Mord, Feuer, Wasser und zeter schreit – niemand wird kommen: warum? Er hat nichts hergeliehen, man war ihm nichts schuldig, niemand hat Schaden von seinem Brand, von seinem Schiffbruch, Tod und Verderben. Er hat nichts verliehen, dafür leihet man ihm nun wieder nichts. Kurz, Glauben, Lieb und Hoffnung werden aus dieser Welt verbannet sein; denn die Menschen sind dazu geboren, einander zu helfen und beizustehn. Und stellt Ihr Euch jetzt nach dem Muster dieser verdrossenen, dickschnutigen, nichts leihenden Welt die andre kleine Welt vor, den Menschen, da werdet Ihr erst einmal Eure blauen Wunder erleben! Das Haupt wird seiner Augen Licht zur Leitung der Hände und Füße nicht herleihn; die Füße werden sich zu tragen weigern; die Hände ihren Dienst versagen. Das Herz, so vieler Pulsschläge müde, die Glieder nicht bewegen, ihnen nichts weiter leihen. Die Lunge wird dem Leib das Darlehn ihres Odems entziehn; die Leber ihm zu seinem Bedarf kein Blut mehr schicken, die Blase nicht mehr in der Nieren Schuld sein wollen, der Harn gesperrt sein. Das Gehirn wird dank dieser Weigerungen tranig werden und weder den Nerven Empfindung noch den Muskeln Nahrung reichen. Kurz, Ihr werdet in dieser vertrackten weder Leiher- noch Borgerwelt eine schmähliche Verschwörung sehen, und sie wird zweifelsohne zugrund gehn, und das in Bälde! Denket Euch aber im Gegenteil eine andre Welt, wo jeder leiht, jeder schuldig ist, eitel Schuldner und Gläubiger wohnen. O welche Harmonie wird da in den stetigen Himmelsläufen ertönen! Mir deucht, ich hör' sie so gut als Plato seinerzeit. Oh, wie wird da Natur ihrer Werk und Wesen sich freuen! Unter den Menschen wird Friede herrschen, Eintracht, Liebe, Treue, Ruh; Schoppenstechen, Flaschenhalsbrechen, Braten wenden, Geldverschwenden! Gold, Silber, Scheidemünze, Ringe, Ketten, Kleinode, Kaufmannsgüter werden von Hand zu Hand gehen. Da wird kein Krieg, kein Prozeß, kein Streit sein, kein Wuchrer, Knicker, Filz. Du lieber Gott! Und dies wär' nicht das goldne Zeitalter? Das Urbild der olympischen Zonen, wo jede andre Tugend aufhört, bloß Liebe allein herrscht, thront, siegt, waltet, triumphieret? Alle werden dann gut sein, alle schön und gerecht. O glückliche Welt! O glückselige Menschheit! O dreimal selig und viermal! Ist mir doch, als wär' ich schon drin. Ich schwör' Euch bei dem und jenem, wenn diese himmlische, allen leihende, nichts versagende Welt einen Papst hätt' mit einem ganzen Sack voll Kardinälen und der heiligen Synode zur Seite, Ihr würdet da in wenig Jahren die Heiligen dichter wachsen, mehr Wunder tun, mit mehr Gebeten, Gelübden, Kerzen und Kreuzen bedeckt sehen als heute in der ganzen Pfaffengasse!« »Ich versteh'«, antwortete Pantagruel, »Ihr scheint mir sehr erpicht auf Euern Satz, Ihr Silbenstecher! Predigt aber bis Pfingsten, bei mir werdet Ihr doch nichts ausrichten. Mit allen Euern schönen Reden könnt Ihr mich nicht in Schulden locken. Was sagt der heilige Apostel? »Seid niemand nichts schuldig, als daß ihr euch untereinander liebet und wert haltet.« Eure Sprüchlein und Beispiele gefallen mir auch ganz wohl. Ich sag' Euch aber: wenn ein frecher Borger und prellender Prahlhans in eine Stadt zuzieht, die schon vorher sein Laster kennt, so werdet Ihr finden, daß die Bürger vor seiner Ankunft mehr erzittern und schaudern werden, als wenn die Pest in eigener Person angerückt käme. Ich will nicht behaupten, man dürfte im Leben nie was borgen, im Leben niemand etwas leihn: es ist kein Mensch so reich, der nicht zuweilen was schuldig wäre; kein Mensch so arm, von dem man nicht zuweilen was lehnen möchte. Aber es ist eine große Schand', wenn einer immer und überall von einem jeden Geld borgen will, statt daß er arbeitet und sich's verdienet: man sollte, mein' ich, nur dann leihen, wenn einem Menschen Müh' und Fleiß nichts einbrachten oder er unerwartet plötzlich das Seine verloren hätt'. Damit genug von dieser Sach', und meidet mir künftig die Gläubiger.« Drittes Kapitel Wie Panurg den Floh am Ohr trug und seinen prächtigen Hosenlatz ablegte Tags darauf ließ sich Panurg sein rechtes Ohr auf jüdisch durchbohren und hing ein kleines güldenes Reiflein daran. Im Kasten desselben war ein Floh eingesperrt, und der Floh war schwarz, damit ihr's genau wißt. Dieses Flohes Unterhalt kam ihm alles in allem ungefähr wie die Beköstigung einer hyrkanischen Tigerin, also auf 609 000 Gulden zu stehen. Ein also ungebührlicher Aufwand verdroß ihn aber, als er nun ohne Schulden war, darum entschloß er sich, ihn, nach der Tyrannen und Advokaten Art, mit Schweiß und Blut seiner Untertanen zu nähren. Sodann nahm er vier Ellen grobes Sacktuch, warf es um wie einen langen Mantel, legte seine Hos' ab und hing eine Brille an sein Barett. In solchem Aufzug trat er vor den Pantagruel, der die Vermummung seltsam fand, zumal als er an ihm seinen schönen prächtigen Hosenlatz vermißte, der doch sonst seine letzte Zuflucht, gleichsam sein heiliger Anker in allem Unglücksschiffbruch war. Weil nun der gute Pantagruel dies Rätsel nicht lösen konnte, frug er ihn, was dieser Aufzug zu bedeuten habe. – »Ich hab'«, antwortete, ihm Panurg, »den Floh im Ohr. Ich will heiraten.« »Schön!« versetzte Pantagruel. »Dies freut mich sehr, ich möcht' darauf allerdings kein glühend Eisen in Händen tragen. Es ist aber nicht der Verliebten Brauch, mit schlotternden Strümpfen zu gehn und das Hemd ohn Hose bis übers Knie herunterhängen zu lassen. Auch dies Sacktuch ist unter braven sittsamen Leuten als Mantel fast ungehörig. Mir mißfällt diese neue Sitte, und daß Ihr den allgemeinen Brauch höhnt.« »Ich mein' es aber ganz ehrlich mit meiner Tracht«, versetzte Panurg. »Dies Sacktuch ist mein Tuchsack, mein Säckel; den will ich künftig selber führen und zu meinen Sachen sehn. Jetzt, wo ich schuldenfrei geworden bin, könnt Ihr Euch keinen steiferen Peter denken als mich. Schaut hier meine Brille! Von weitem schwürt Ihr, ich sei ein Klosterhocker. Gebt acht, ich predig' Euch noch einmal den Kreuzzug. Seht Ihr auch dies Sacktuch? Glaubt, es steckt in ihm eine heimliche Tugend, die wenig Leut' kennen: ich trag's erst seit heut morgen, und schon kribbelt; juckt und brennt mich's auf allen Nähten nach Hochzeit, bis ich auf meinem Weib wie ein härener Teufel herumrammle, ohne Furcht vor Schlägen. O edler Hauswirt, der ich sein werd'! Nach meinem Tod verbrennt man mich auf hohem Holzstoß cum gloria , und hebt die Asch' auf zum Denkmal und Fürbild des trefflichen Hauswirts. Beschaut mich vorn und hinten, es ist die wahre Form der alten Toga, des Römerkleides in Friedenszeiten: ich hab's entlehnt von der Trajanssäul' in Rom, von des Septimius Severus' Triumphbogen. Ich bin des Kriegs müd' und hab Helm und Säbel satt. Mein Rücken ist mir vom Kürbistragen ganz wund. Weg mit dem Heergerät, her mit dem Friedenskleid! Zum mindesten fürs nächste Jahr, wenn ich mir ein junges Weib genommen hab'!« Viertes Kapitel Wie Panurg sich beim Pantagruel Rats erholt, ob er freien sollt' oder nicht Als Pantagruel nichts erwiderte, fuhr Panurg fort und sprach zu ihm mit einem tiefen Seufzer: »Herr, Ihr habt jetzt meinen Entschluß vernommen: ich will Hochzeit machen. Wenn nun der böse Feind nicht alle Löcher verkeilt, versperrt und verrammelt hat, fleh ich Euch bei Eurer oft bewiesenen Liebe an, sagt mir, was Euch bedünkt dazu.« – »Da Ihr«, versetzte Pantagruel, »den Wurf einmal getan, also fest es beschlossen habt, ist weiter nichts zu sagen; bleibt nichts übrig, als daß Ihr Euch ans Werk macht.« – »Aber ich möcht's doch«, sprach Panurg, »nicht gern ohn Euern guten Rat und Meinung tun.« – »Ich mein' aber«, antwortete Pantagruel, »daß Ihr's tun sollt und rat' Euch dazu.« – »Doch wenn Ihr etwa wissen solltet«, sprach Panurg, »daß mir besser wär', ich bleibe, was ich bin, blieb ich doch lieber unbeweibt.« – »Nehmt also kein Weib«, antwortete Pantagruel. – »Wollt Ihr denn aber«, sprach Panurg, »daß ich so einsam all mein Lebtag ohn Ehegespan bleiben soll? Ihr wißt, geschrieben steht: ›Wehe denen, so allein sind!‹ Der Mensch allein hat nimmermehr den Trost wie der im Ehstand.« – »Dann heirate also um des Himmels willen«, sprach Pantagruel. – »Wenn aber«, sprach Panurg, »mein Weib mir Hörner aufsetzt (Ihr wißt, heuer ist ein fruchtbares Hornjahr), dann hätt' ich daran allein genug, um aus der Haut zu fahren. Ich bin den Hahnreis gut, es scheinen mir hübsch brave Leut zu sein, geh auch ganz gern mit ihnen um, möcht' aber beileibe doch selbst keiner sein.« – »Dann heirat nicht, Freund«, antwortete Pantagruel, »denn der Spruch des Seneca bleibt ohn Ausnahm wahr: ›Was du den andern hast getan, das tun sie dir auch selber an.‹« – »Sagt er das«, frug Panurg, »ohn' Ausnahme?« – »Ohn Ausnahme«, antwortete Pantagruel.« – »Daß der Teufel!« rief Panurg, »ob er nun in dieser Welt meint oder in jener. Weil ich nun aber ohne Weib nicht sein kann, so wenig als ein Blinder ohn Stecken (denn traben muß mein Fuchs, sonst sterb' ich), wär's dann nicht besser, wenn ich mich zu einer braven und ehrbaren Frau tät, statt mich von einer zur andern zu schleichen, Tag für Tag in steter Furcht vor Prügelsuppen, ja was noch schlimmer, vor der Franzosenkrankheit? Denn aus den tugendhaften Weibern (was ihren Männern nicht mißfallen wird) hab' ich mir nie nicht viel gemacht.«. – »Heirate also in Gottes Namen«, versetzte Pantagruel. – »Wenn's aber nun Gottes Will wär«, sprach Panurg, »und es sich begäb, daß ich ein sittsam Weib bekäm', das mich schlüge, da müßt' ich ja Hiobs leiblicher Schwager sein, wenn ich nicht toll mit Haut und Haar würd'. Denn wie ich hör', sollen diese so ehrbaren Weiber gewöhnlich teufelsharte Köpf haben und scharfe Laugen in der Küche führen. – So ein Krach wär mir aber für das nächste Jahr recht unangenehm, ich meine also, ich laß das Heiraten lieber.« – »Bleib also ledig«, antwortete Pantagruel. – »Ja aber«, sprach Panurg, »wenn mir's nun geht, wie mir's jetzt geht, daß ich ganz schuldenfrei und auch dazu noch ledig bin (merkt wohl, schuldenfrei sag' ich, hol's die Pest! Denn wenn ich brav in Schulden stäk, sorgten wohl meine Gläubiger ohndies für meine Vaterschaft), dann hätt' ich auch nicht eine Seele, die nach mir fragt und mir solche Lieb erweist, wie es in der Ehe sein soll. Und würd' ich etwa gar krank, würd's mit der Wartung auch ärschlings gehn. Der Weise spricht: ›Wo keine Hausfrau ist (darunter versteh' ich die Mutter oder Ehewirtin), da gehet der Kranke in der Irr.‹ Ich hab' der Exempel genug gesehn an Päpsten, Legaten, Kardinalen, Bischöfen, Äbten, Prioren, Priestern und Mönchen; den Spaß will ich Euch nicht machen.« – »Freit also doch um Gottes willen«, antwortet' Pantagruel. – »Wenn aber«, sprach Panurg, »ich krank und ungeschickt zur ehlichen Pflicht wär' und mein Weib aus Unlust über meine Schwachheit sich einem andern an den Hals hing und nicht allein mir in der Not nicht beistünd, sondern mir noch zum Schaden den Spott fügte, ja, am Ende gar mich bestöhle, wie ich's oft erlebt hab' – das wär doch, um im bloßen Hemd davonzulaufen!« – »Hemmt also Eure Heiratslust«, antwortet' Pantagruel. – »Ja aber«, sprach Panurg, »so werd' ich auch nimmermehr rechtmäßige Söhn und Töchter haben, denen ich meinen Namen und Wappen vererben und mein Vermögen und Ersparnis hinterlassen könnt', die mein Herz erfreuen möchten, wenn ich sonst mürb und schachmatt wär, wie sich ja täglich Euer so frommer leutseliger Vater an Euch erheitert.« – »Heirat in Gottes Namen also«, antwortet' ihm Pantagruel. Fünftes Kapitel Wie Pantagruel dem Panurg expliziert, daß es ein kitzlich Ding sei um einen Ehestandsrat, und das Los der Würfel für unerlaubt erklärt »Euer Rat«, sprach Panurg, »ist, mit Verlaub zu melden, eine Art von Retourkutsch, nichts wie Gespött, Doppelsinn, Sarkasmen und Widersprüche in einem Atem. Eins hebt immer das ander auf. Ich weiß nicht, woran ich mich halten soll.« – »Eure Fragen«, versetzte Pantagruel, »sind überfüllt mit Wenn und Aber, so daß ich darauf nichts baun noch schließen möcht'. Ihr wißt selbst nicht, was Ihr wollt! Hier heißt's: Augen zu und eingebissen! Im übrigen befiehl dich Gott! Gewissern Trost weiß ich Euch auch nicht zu geben. Doch, gefällt es Euch, könnt Ihr noch eins tun. Bringet mir die Schriften des Vergil her. Wir wolln sie mit einer Nadel dreimal aufschlagen, und nach der Zahl der Verse, die wir zusammen ausgemacht haben, Euer Ehstandslos erkunden.« »Mit drei blanken Würfeln«, sprach Panurg, »wäre es geschwinder abgetan.« – »Mitnichten«, antwortete Pantagruel, »dies Los ist trüglich, unerlaubt und höchst anstößig. Baut darauf nie. Gleichwohl, um Euch Euern Willen zu tun, erlaub' ich gern, daß Ihr drei Wurf auf diesen Tisch tut. Nach der Zahl der Augen, die da fallen werden, wolln wir die Verse des Blattes wählen, das Ihr dann aufschlagt. Ihr führt doch Würfel in Euerm Sack da?« – »Die schwere Huck voll«, antwortete Panurg, »die sind des Teufels Losungswort; bedenkt, wenn ich dem Teufel ohne sie begegnete.« – Nun nahm er sie heraus und warf, und die Würfel fielen auf fünf, sechs, fünf. – »Macht sechzehn«, rief Panurg, »wir wolln Vers sechzehn des Blattes nehmen; die Zahl gefällt mir, ich mein', wir treffen's gut. Ich schieß' mich zu allen Teufeln querfeldein wie eine Kugel in ein Spiel Kegel, wenn ich mein junges Weiblein nicht die erste Nacht just so viel Mal besohlen will.« – »Ich hab' keinen Zweifel dran«, antwortete Pantagruel, »Ihr braucht Euch nicht so erschrecklich drum zu verschwören. Das erste Mal wird ein Fehlschuß sein, und den läßt du fünfzehn gelten; früh beim Aufstehn bringt ihr's dann ein, so werden's sechzehn.« – »Ja«, sprach Panurg, »wie Ihr halt meint! Mein wackrer Schütz da drunten, der für mich Schildwach steht, der weiß von keinem Fehlschuß. Habt Ihr mich je unter den Fehlschützen mitlaufen sehn? Nun und nimmermehr, beim großen Nimmermehrstag, niemals!« – Währenddem brachte man Vergils Werke herbeigetragen. Eh sie noch eröffnet wurden, sprach Panurg zum Pantagruel: »Das Herz pocht mir im Leib wie ein Schmiedehammer; fühlt nur mal her an meinen Puls. Wär's nicht gut, eh wir weiter gehn, wenn wir zuvor zum Herkules und den Schicksalsgöttinnen flehten, die, wie man sagt, im Losgericht den Vorsitz führen?« – »Weder zum einen noch den andern«, sprach Pantagruel, »schlagt nur das Buch mit der Nadel auf!« Sechstes Kapitel Wie Pantagruel durch Vergilianische Verse Panurgens Ehestandsglück erforscht Wie nun Panurg das Buch aufschlug, fand er auf Zeile sechzehn den Vers: ›Nec deus hunc mensa, dea nec dignata cubili est.‹ ›Diesen verwarf der Gott, am Tisch sein Gast zu sein, Noch ließ die Göttin ihn zu ihrem Lager ein.‹ »Dieser ist nicht zu Euerm Vorteil«, sprach Pantagruel; »er zeigt an, daß Euer Weib eine Hure sein wird, und mithin Ihr ein Hahnrei. Die Göttin, die Euch nicht wohl will, ist Minerva, eine gar sehr zu fürchtende Jungfrau und allgewaltige Donnergöttin, der Hahnreie, Buhler und Ehebrecher ein Greuel sind, ebenso wie die schlüpfrigen Weiber, die ihren Männern ihr Wort nicht halten und sich an andre verschenken. Der Gott ist Jupiter, der vom Himmel donnert und blitzt.« – »Ei Potz Bauch auf Bauch!« versetzte Panurg, »würd' ich etwa gar noch Vulkan, von dem der Poet schreibt? Aber nein! Denn ich bin nicht lahm, ein Kipper und Wipper, kein Schmied, wie er. Es kann sich wohl fügen, daß mein Weiblein so schön wie seine Venus sein wird, aber kein Hur wie sie, noch ich ein Hahnrei wie er. Ließ sich das alte Hinkbein nicht in figura öffentlich durch aller Götter Mund und Urteil zum Hahnrei schlagen? Darum ist der Sinn des Orakels umgekehrt. Dies Los zeigt an, mein Weib wird treu, keusch, züchtig sein, und keineswegs geharnischt, muckisch, bockig und spröd wie Pallas. Der feine Jupiter soll mir auch nicht ins Geheg kommen, oder in meine Brüh sein Brot tunken, wenn wir etwa an einen Tisch zu sitzen kämen. Bedenkt nur seine saubern Streich und Fahrten. Das war doch schon der ärgste ... Hurenhengst, der je gelebt hat. Höll und Teufel! Hat er nicht auf einen Tag ein Drittel der Welt mit Vieh und Menschen, Berg und Flüssen zusammengerammelt? Nämlich Europa! Wenn ich ihn bei mir erwische, wißt Ihr, was ich dann tu mit ihm? Potz Blitz, was Saturn mit seinem Himmelsvater tat – kastrieren würd' ich ihn, so glatt, daß auch kein Stümplein überbleibt.« – »Sacht, sacht! mein Söhnlein«, sprach Pantagruel, »nur fein gelassen! Schlagt auf zum andernmal!« Da fand er den Vers: ›Membra quatit, gelidusque coit formidine sanguis.‹ ›Die Glieder mürbe bläut und das Gebein zerstampft, Daß alles Blut die Furcht im Leib zu Eis erkrampft.‹ »Das heißt, sie wird Euch Arm und Bein zerschlagen«, sprach Pantagruel. – »Im Gegenteil«, antwortete Panurg, »von mir gilt dies Prognostikon und heißt: Ich werd sie bläun wie ein Tiger, wenn sie mich wild macht. Dafür wird Hans Bakel schon sorgen; und tät er's nicht, der Teufel soll mich fressen, wo ich nicht sie lebendig äß, wie König Kambles in Lydien die seinige.« – »Ihr seid sehr mutig«, sprach Pantagruel. »In dieser Wut käm Herkules selber nicht aus mit Euch.« – Zum dritten traf er diesen Vers: ›Faemineo praedae et spoliorum ardebat amore.‹ ›Entbrennete in weiblich wilder Wut Zu plündern und zu rauben Hab und Gut.‹ »Das heißt, sie wird Euch bestehlen«, sprach Pantagruel; »ich seh' Euch schon ganz wohl geborgen! Nach den drei Losen werdet Ihr ein Hahnrei, ein geschlagner und ein bestohlener Ehemann sein.« – »Im Gegenteil«, versetzte Panurg, »der Vers zeigt an, daß sie mich brünstig lieben wird. Der Satirikus hat nie ein wahrer Wort geredet, als da er sprach: ›Ein Weib, die's gut meint, ein Weib, von höchster Lieb' entbrannt, findet manchmal ein Vergnügen daran, ihrem Freund etwas zu stehlen.‹ Und wißt Ihr was? Einen Handschuh, einen Nestel, daß er's dann suchen muß, ein Nichts, eine Kleinigkeit. So sind auch diese kleinen Streiche und Händel, die man zuzeiten bei Verliebten findet, nur frischer Liebreiz und Sporen; wie wir den Messerschmied zum Beispiel oft seinen Wetzstein hämmern sehn, damit er das Eisen besser schärfe. Derhalb lege ich mir die drei Lose zu allerschönsten Gunsten aus; wo nicht, so appellier' ich dawider.« – »Was appellieren!« sprach Pantagruel. »Das gilt nicht wider Schicksals Ausspruch und was durch Los entschieden ist!« Siebtes Kapitel Wie Pantagruel Panurgen rät, seines Ehestands Wohl oder Wehe in Träumen zu erkunden »Doch weil wir in der Auslegung der Lose nicht einig sind, wohlan, so lasset uns nunmehr einen andern Weg der Weissagung versuchen.« – »Und welchen?« frug Panurg. – »Einen guten, alten, authentischen«, sprach Pantagruel; »nämlich durch Träume. Denn wenn die Seele nach den Regeln träumt, sieht sie die Zukunft oft voraus. Ich brauch's Euch nicht lang zu beweisen; Ihr sehet's an dem Hausgleichnis der Kinder. Wenn man sie wohl gesäubert, gefüttert und gesäugt hat, und sie nun fest schlafen, dann gehn die Ammen ihrer Kurzweil nach, und es ist ihnen so lang zu tun vergönnt, was ihnen gut dünkt, denn sie haben jetzt bei der Wiege nichts mehr zu schaffen. So ist's auch mit unsrer Seele, wann der Leib schläft, wann die Verdauung durchgehends beendigt und nichts weiter bis zum Erwachen nötig ist, erholt sie sich und sucht den Himmel, ihr Vaterland. Dort wird sie ihres ersten göttlichen Ursprungs wieder im reichen Maß teilhaftig und merkt nicht die vergangenen Dinge allein in ihrem tieferen Wandel, sondern auch die künftigen. Denn der Mensch empfängt die Gotteskraft der Weissagung nur, wenn in ihm das göttlichste Teil von seinem Selbst still, friedsam, ruhig, von fremder Lust und Trieben ganz unzerstreut und ungetrübt ist.« – »Ich will es«, sprach Panurg. »Muß man zu Nacht viel oder wenig speisen? Ich frag's Euch nicht ohn guten Grund. Denn wenn ich nicht gut und reichlich zu Nacht eß, so nützt mein Schlaf nix, und ich fasl nur des Nachts und träum' so leeres Zeug, als zu der Zeit mein Magen ist.« – »Nicht essen«, sprach Pantagruel, »wär wohl das beste, zumal Ihr doch ganz gut genährt und gewöhnt seid. Die Mittelstraß ist aber in allen Dingen löblich und ehrenwert; die schlagt ein; drum esset zu Nacht nicht Bohnen, Hasen oder anderes Fleisch; nicht Backfisch, nicht Kohl oder andre Speisen, die Eure Lebensgeister trüben oder verdunkeln können. Sondern gute Bergamottenbirnen, dazu einen Kurzstielapfel, ein paar Pflaumen, etliche Kirschen aus meinem Garten, und trinkt gutes reines Wasser aus meinem Brunnen.« – »Dies Faktum«, sprach Panurg, »dünkt mir ein wenig hart. Doch schlag' ich ein: ein Wort, ein Mann. Ich verlange nur den Imbiß morgen früh möglichst zeitig auf diese Traumwassersuppe hin.« Achtes Kapitel Panurgens Traum und Deutung desselben Um die siebente Stunde des andern Morgens erschien Panurg vor Pantagruel; im Zimmer waren noch gegenwärtig Epistemon, Bruder Jahn von Klopffleisch, Ponokrates, Eudämon, Karpalim nebst andern mehr. Zu denen sagt' Pantagruel, als er Panurgen kommen sah: »Sehet, da kommt unser Träumer!« – »Jawohl«, sprach Panurg, »ich hab' geträumt, trotz den Siebenschläfern! Zeugs die Menge, ich weiß aber nicht, was es heißen soll. Ausgenommen, daß ich im Traum ein jung, schmuck, bildschön Weib besaß, die mich aufs zärtlichste pflegte und hielt wie ihren Liebsten; nimmermehr ist's einem so kreuzwohl ergangen. Die hätschelt', tätschelt', zwickt' und zwackt' mich, herzt' mich und küßt' mich, und macht' mir zum Spaß zwei artige Hörnlein an die Stirn. Da riet ich ihr scherzweis, sie sollt' mir's doch lieber unter die Augen setzen, damit ich sehn könnt', wohin ich zustieß. Aber die Schelmin drückte sie trotz meiner Warnung nur noch fester in die Stirn, was wunderbarerweise gar nicht weh tat. Nicht lang darauf schien mir, als wär ich, weiß selbst nicht wie, eine Pauke worden, und sie eine Eule. Da ging mein Schlaf zu End, und ich fuhr mit einem Satz ganz mürrisch, fuchswild und verdutzt in die Höh. Jetzt hab ich euch mein ganzes Traumhorn ausgeschüttelt: da labt euch dran und legt's euch aus, wir ihr's versteht. Und jetzt, marsch fort zum Imbiß, Karpalim, Herr Kammerherr!« »Ich seh wohl«, sprach Pantagruel, »wenn ich mich irgend auf Traumschau und Bedeutung versteh, daß Euer Weib Euch nicht wirkliche Hörner, die man mit Händen greifen kann, aufsetzen wird, wie sie die Satyrn tragen; aber sie wird Euch die ehliche Treu und Pflicht nicht halten, nach andern gehn und Euch zum Hahnrei machen. Ferner werdet Ihr nicht wirklich in eine Pauke verwandelt werden, wohl aber schlagen wird sie Euch, wie eine Heerpauke. Auch wird sie nicht zur Eule werden, aber bestehlen wird sie Euch, wie der Eulen Art ist. Ihr sehet also, daß Eure Träume den Vergilianischen Losen gleichlauten: Ihr werdet Hahnrei sein, man wird Euch schlagen, man wird Euch bestehlen.« – »Im Gegenteil«, versetzte Panurg, »mein Traum wahrsagt: in meiner Ehe werd alles Guten die Hüll und Füll sein, wie im Horn des Überflusses! Ihr sprecht von Satyrnshörnern! Amen, Amen! Mög es so kommen! Dann bin ich in Ewigkeit leistungsfähig wie die Satyrn, was jeder wünscht, aber der Himmel nicht vielen gibt. Und damit Hahnrei nun und nimmermehr! Denn gerade der Mangel dieser Leistungsfähigkeit ist Ursach sine qua non und alleiniger Grund, warum die Männer zu Hahnreis werden. Was treibt die Tagediebe zum Betteln? Daß sie zu Haus nicht Futter genug für ihr Ränzel haben. Was macht die Weiber läufig? Ihr versteht mich zur Genüge und Ihr scheinet mir (verzeiht, wenn ich fehlschieß) darin handgreiflich zu irren, daß Ihr aus Hörnern auf Hahnreischaft schließt. Die Hörner, die mir mein Weib aufsetzte, sind Überfluß- und alles Guten Füllhörner, da steh ich dafür. Im übrigen werd ich fröhlich sein wie ein Hochzeitspauker, stets musizieren, stets dudeln, sumsen, pupen, pumpsen. Glaubt mir, es ist mein zeitliches Glück! Mein Weib wird hold und niedlich sein wie ein schönes Käuzlein; und wer's nicht glaubt, der bring sich um! Das ist mein Evangelium!« »Ich«, sprach Pantagruel, »erwäg den letzten Umstand, den Ihr meldet, und halt ihn zusammen mit dem ersten. Im Anfang Eures Traumes schwammt Ihr in eitel Seligkeit, zuletzt fuhrt Ihr mit einem Satz ganz mürrisch, fuchswild und verdutzt in die Höh.« – »Freilich«, fiel ihm Panurg ins Wort, »denn ich war hungrig zu Bett gegangen.« – »Alles wird schiefgehen, ich seh's zum voraus, denn glaubt nur sicher: jeder Schlaf, der jählings endigt mit einem Satz, und den Menschen fuchswild und mürrisch nachläßt, bedeutet Böses oder verkündigt's. Es belehrt uns hinsichtlich der Seele und deren Traumschau, daß ihr vom Schicksal irgendein Unheil beschieden und zugedacht sei, welches in kurzem über sie kommen werde.« »Gott«, sprach Panurg, »helf allen denen, die gut sehn und kein Wörtlein hören. Ich seh Euch wohl, hör aber nix und weiß nicht, was Ihr haben wollt. Der hungrige Magen hat keine Ohren. Mein Seel! Ich tob', ich brüll' vor Hunger wie ein Besessener. Die Strapaze ging mir ein wenig übern Spaß. Wer heut mich wieder ans Traumbett kriegt', müßte ein Tausendsasa sein! Marsch fort zum Imbiß, Bruder Jahn! Wenn ich erst tüchtig gefrühstückt und meinen Magen sattsam versorgt und gestopft habe, will ich, wenn's sein müßt' und Not an Mann ging, das Mittagsbrot im Stich lassen – aber das Nachtessen? Nein, zum Teufel! Es ist ein Irrtum, ist ein Skandal in der Natur! Denn die Natur erschuf den Tag zu Müh und Arbeit. Am Abend löscht sie sacht ihr Licht aus und sagt stillschweigend: liebe Kindlein, ihr seid kreuzbrave Leut und habt jetzt genug geschafft, die Nacht ist da; drum sollt ihr eure Arbeit nun wegtun und euch erquicken mit gutem Brot, mit gutem Wein, mit gutem Fleisch; darnach euch ein wenig verschnaufen und dann schlafen gehn, daß ihr morgen früh wieder zur Arbeit frisch und fröhlich wie zuvor seid. Dies verstund der wackre Papst sehr wohl, der das Fasten erfand; er befahl, es soll gefastet werden nicht länger als bis zur Vesperstund; der Rest des Tages war Futterzeit. Vor Zeiten hielten nur wenig Leut das Mittagessen, außer den Mönchen und Chorherrn, denn sie haben ja so nix weiter zu tun, alle Tag haben sie Feiertag und halten getreulich am Klostersprüchel: von der Kirch' in die Küch'! Zu Nacht hingegen aß alle Welt, ein paar Hanswürst von Traumnarren etwa ausgenommen. Und jetzt marsch, mein Freund Jahn! Komm mit in des drei Teufels Namen! Mein Magen bellt vor Hunger wie ein wütiger Hund. Wir wollen ihm brav Suppe in den Rachen werfen, daß er still schweigt, nur muß ein Stück vom gepökelten Ackersmann drin schwimmen, dem man neun Lektionen gegeben hat.« – »Ich versteh«, antwortete Bruder Jahn, »dieses Bild ist dem ›Klösterlichen Küchenbüchlein‹ entnommen. Der Ackersmann ist der Ochs, der ackert oder geackert hat. Zu neun Lektionen, das heißt, vollkommen gar gekocht. Denn die frommen Patres zu meiner Zeit, nach einem besonderen heiligen Brauch der Alten, machten früh, wenn sie sich zu der Metten erhoben, und vor dem Kirchgang, allerlei notwendige Vorbereitungen: sie kackten erstlich in Kackatorio, brunzelten in Brunzelio, kotzten in Kotzerio, husteten in Husturio melodisch und träumten in Tromitorio, damit sie nichts Unreines mit zum Gottesdienst brächten. Wann dies getan, verfügten sie sich andächtiglich in ihr heiliges Betstüblein – so hieß nämlich in ihrem Rotwelsch die Klosterküche –, und da hielten sie devotest an, daß jetzt gleich der Ochs zum Imbiß der Herren Patres und Fratres unsers Herrn und Meisters ans Feuer gestellt wurde, ja sie machten selbst wohl auch öfters das Feuer unter den Topf. So mußten sie dann, wenn die Metten neun Lektiones lang war, notwendig auch früher aufstehn, so daß ihr Hunger und Durst bei so langem Lamentieren auch hitziger wurde, als wenn die Mette bloß eine oder drei Lektiones lang war. Je früher sie aufstanden, je eher kam der Ochs ans Feuer; je länger beim Feuer, je garer; je garer, je mürber, weicher und zarter war er; je minder griff er ihnen die Zähne an, je mehr erfreute er den Gaumen, je minder druckt' er den Magen, je besser nährt' er die frommen Patres. Dieses aber war eben der Stifter alleiniger Zweck und erste Absicht, weil sie ja nicht essen sollten, um zu leben, sondern nur leben, um zu essen, und auf der Welt nichts weiter haben als ihr Leben. Jetzt komm, Panurg.« Neuntes Kapitel Wie Pantagruel dem Panurg rät, mit einer Sibylle von Panzoust zu reden Nicht lang darauf ließ Pantagruel Panurg rufen und sprach zu ihm: »Die in mir durch langen Zeitlauf zu Euch befestigte Lieb ermahnt mich, auf Euer Heil und Bestes zu denken. Hört meine Meinung. Ich hör', zu Panzoust bei Croulay soll eine berühmte Sibylle sein, die alle künftige Ding weissaget. Nehmt Epistemon mit, verfügt Euch hin zu ihr und höret an, was sie Euch sagt.« – »Es wird wohl«, sprach Epistemon, »irgendeine Hexe sein. Ich glaub' es darum, weil dieser Ort deshalb verrufen ist, daß es dort mehr Hexen geben soll als irgendwo anders. Werd ungern hingehn! Zudem ist's auch ein unerlaubter, in Mosis Gesetzen verbotener Handel, wie ich bei einem ziemlich feinen, gelehrten Autor gelesen hab'.« – »Wir«, sprach Pantagruel, »sind aber nicht Juden, und außerdem ist es noch gar nicht zugegeben noch ausgemacht, daß sie eine Hexe sein müßte. Sie steht im Ruf, mehr zu wissen und klüger zu sein, als sonst Brauch des Landes und Geschlechtes ist. Was kann es schaden, immer zu hören, immer zu lernen, und wär es auch von einem Topf, von einem Tropf, von einem Stoffel oder Pantoffel? Mich bedünkt, die Natur hab' nicht ohn guten Grund die Ohren offen erschaffen ohne Deckel oder Verschluß, wie die Augen, die Zung und andere Leibesöffnungen. Der Grund ist, mein' ich, der, daß wir so Tag als Nacht in einem fort hören und durchs Gehör andauernd lernen sollen; weil dieser Sinn vor andern geschickt zum Unterricht ist.« – »Ihr redet gut«, antwortete Epistemon, »werdet mich aber so leicht nicht glauben machen, daß es viel nutz wär, bei einem Weib, und zwar bei einem solchen Weib in solchem Land, sich Rat und Weisung zu erholen.« – »Ich«, sprach Panurg, »steh mich ganz gut beim Weiberrat, zumal der alten, und hab' darauf stets ein paar Stuhlgänge extra. Freund! dies sind die wahren Spür- und Leithunde, weil sie uns allzeit nützliche und heilsame Mahnungen geben. Fragt nur den Pythagoras, Sokrates, Empedokles und unsern Meister Ortuinus. Und bis in den Himmel lob' ich die Sitte der alten Deutschen, die, was ein altes Weib ihnen riet, mit Gold aufwogen und heilig hielten.« – »Nun wohlan«, sprach Epistemon, »ich begleit' Euch; doch mit Protest, und wenn ich etwas von Zauberei oder Hexenkunst verspür' in ihrer Antwort, so laß ich Euch am Tor im Stich und tu keinen Schritt mehr.« Zehntes Kapitel Wie Panurg mit der Sybille von Panzoust spricht Ihr Weg ging sechs Tagreisen weit. Am siebenten wies man ihnen das Haus der Prophetin auf der Spitze eines Berges unter einem großen, breiten Kastanienbaum. Sie traten unschwer in die Strohhütte, die schlecht gebaut, mit schlechtem Gerät versehn und ganz verräuchert war. – Sie fanden das Mütterlein beim Kamin im Winkel. »Das ist«, rief Epistemon, »ja das wahre Sibyllenkonterfei.« – Die Alte war nicht gut beieinander, schlecht angetan, hundsdürr, triefäugig, zahnlos, nasentröpflich und schachmatt und machte sich eben ein Gerichtlein Grünkohl mit einer gelben Speckschwarte und alten Knochen zurecht. – »Potz grün und gelb!« rief Epistemon, »wir sind verloren, wir werden aus ihr kein Wörtlein herausbringen, denn wir haben den güldenen Zweig nicht.« – »Ich hab' mich darauf schon vorgesehn«, antwortete Panurg, »ich hab' ihn hier in meinem Ränzel, in Form eines Reifens von purem Gold, nebst schönen lustigen Dukaten.« – Mit diesen Worten verneigte Panurg sich tief vor ihr und präsentierte ihr sechs geräucherte Ochsenzungen, einen großen Buttertopf voll Mais, einen Humpen mit Wein und einen Hammelsack voll neugeprägter Dukaten. Zuletzt, mit einem tiefen Bückling, steckte er ihr an den Zeigefinger ein schönes Reiflein von Gold, in das ein Krötenstein prächtig gefaßt war, und zeigte ihr mit kurzen Worten die Absicht seines Besuches an und bat sie höflich um ihren Rat und um die Prophezeiung guten Glückes für seine Hochzeit. Die Alte blieb eine Zeitlang stumm, tiefsinnig und mit verbissenen Zähnen; dann setzte sie sich auf einen umgestülpten Eimer und nahm drei alte Spindeln zur Hand. Die drehte und wandte sie verschiedentlich zwischen den Fingern um, versuchte die Spitzen und behielt die spitzigste. Schließlich nahm sie ihr Spulrad und drehte es neunmal um; beim neunten Male sah sie dem Lauf des Rades zu und wartete ab, bis es ganz still stand. Dann sahen sie sie einen ihrer Holzschuhe ausziehn, ihre Schürz, wie die Mönche ihre Kapuze beim Meßlesen, über den Kopf tun und unterm Kinn mit einem alten buntscheckigen Bändlein zusammenbinden. In dieser Vermummung nahm sie einen mächtigen Zug aus dem Humpen, zog drei Dukaten aus dem Hammelsack, steckte sie in drei Nußschalen und legte sie auf einen umgestürzten Federtopf. Machte im Kamin drei Besenstriche, warf in das Feuer ein halbes Reisbund und einen dürren Lorbeerzweig; sah still dem Brennen zu und merkte, daß es ohn alles Geräusch und Knistern verbrannte. Da schrie sie furchtbar auf und murmelte dabei zwischen den Zähnen allerlei barbarische Worte von so befremdlichem Klang, daß Panurg zum Epistemon sprach: »Kreuz Gottes! Ich zittre, ich glaub', ich bin verhext. Sie redet nicht wie ein Christ, schau her! Ob sie nicht um vier Spannen länger ist worden, seit sie die Schürz umnahm! Was soll dies Wackeln der Kinnbacken? Was will sie mit diesem Schlottern der Schultern? Zu was schmatzt sie so mit den Lefzen wie ein Aff, wenn er Krebse zerknackt? Mir gellen die Ohren, ich mein', die Teufel werden gleich hier sein; hu, was für greuliche Tiere! Kommt fort, ich sterb' vor Angst. Ich hab' die Teufel nicht lieb, mir ekelt vor Teufeln, es sind leidige Bursch! Kommt, laßt uns fliehen, ade Madam! Viel Dank der Ehr, ich heirat' nicht, nein, nein, ich versprech's für nun und ewig!« – Damit wollte er sich aus dem Staub machen. Allein die Alte mit ihrer Spindel kam ihm zuvor und lief in ein Höflein am Haus. Da war ein alter Maulbeerbaum, den schüttelte sie dreimal und schrieb mit ihrer Spindel auf acht Blätter, die runterfielen, rasch ein paar kurze Reime, warf sie darauf in den Wind und sprach zu ihnen: »Gehet und sucht sie, wenn Ihr wollt, findet sie, wenn Ihr könnt – darauf steht Euer Ehstandslos geschrieben.« – Mit diesen Worten entschlüpfte sie wieder in ihre Höhle, hob auf der Türschwelle Rock, Kittel und Hemd auf bis an die Achseln und ließ sie ihren Hintersten sehen. Panurg gewahrte es und sprach sofort zu Epistemon: »Helf uns der liebe Himmel, das ist das Sibyllenloch, wo schon manche verunglückt sind, die drein geguckt haben. Flieht dies Loch!« – Flugs machte sie das Pförtlein hinter sich zu und ward nicht mehr gesehen. Da liefen sie nach den Blättern und sammelten sie mit viel Müh und Arbeit, weil sie der Wind durch das Gebüsch im Tal verstreut hatte, fügten sie zusammen und fanden diesen Reimspruch: »In aller Leute Mund Kommst durch dein Weiblein du! Dann wird ihr Bäuchlein rund, Doch du kannst nichts dazu! Sie saugt zu jeder Stund' An dir wie eine Wanz', Schindet dich weh und wund, Aber nicht ganz!« Elftes Kapitel Wie Pantagruel und Panurg die Reime der Sibylle von Panzoust verschiedentlich erklären und deuten Nachdem sie die Blätter zusammengelesen hatten, zogen Panurg und Epistemon wieder heim an Pantagruels Hof, teils fröhlich, teils verdrießlich; fröhlich wegen der Heimkehr, doch verdrießlich wegen der Beschwer des Wegs, den sie holprig, steinig und schlecht fanden. Sie statteten Pantagruelen von ihrer Fahrt und dem Treiben der Sibylle ausführlichen Bericht ab und zeigten ihm die Maulbeerblätter und Verse darauf. Nachdem Pantagruel alles gelesen, sprach er mit Seufzen zum Panurg: »Da habt Ihr's schön bekommen! Die Prophezeiung der Sibylle zeigt handgreiflich, was wir schon zuvor sowohl aus den Vergilischen Losen als Euern eignen Träumen ersehn, daß Euer Weib Euch entehren wird, es mit andern hält und von andern schwanger wird; daß sie Euch irgendwas Gutes stehlen wird, und daß sie Euch schlagen und ein Glied am Leib zerquetschen und schinden wird.« – »Ihr versteht«, antwortet' Panurg, »von Auslegung dieser neuesten Prophezeiung soviel als die Kuh von der Muskatnuß! Haltet zu Gnaden, daß ich so red', aber ich bin etwas ärgerlich. Anders rum wird ein Schuh daraus. Nehmt meine Worte zum besten. Die Alte spricht: Wenn ich nicht durch mein Weiblein in aller Leut' Mund käm', also würd' auch meine Tugend und mein Wert nie ruchbar werden, wenn ich nicht verehelicht wär. Erst wenn ein Mensch zur Führung der Geschäfte berufen ist, erkennt man wahrhaft, was an ihm sei, und wieviel er wert ist. Vorher und im Privatstand weiß man mit Sicherheit nicht mehr von ihm als von einer Bohne in ihrer Hülse. Dies dien Euch auf den ersten Punkt. Der zweite sagt: Meines Weibel Bäuchlein wird rund werden, und ich könne nichts dazu! Potz Fisch, ich glaub's. Von einem kleinen artigen Büblein dick werden wird sie: schon lieb ich's zärtlich, schon bin ich ganz vernarrt darein. Hoch leb die Alte! Wollt Ihr denn, daß mein Weib mich in ihrem Schoß trüge, empfing und gebäre? Und daß man spräch': Panurg ist ein zweiter Bacchus, er ist zweimal geboren worden? Sein Weib war schwanger mit ihm? Irrtum! Das glaubt Ihr selber nicht! Zum dritten: Sie saugt zu jeder Stund an mir! Das hoff' ich; denn Ihr seht wohl auch, daß dies auf den Bengel zielt, der zwischen meinen Beinen bammelt. Ich schwör' Euch heilig und gelobe, daß ich ihn immerdar in Saft und Kraft werd halten. Nicht umsonst sollt sie dran saugen, verlaßt Euch drauf! Der kleine und große Bär soll ihr tanzen in Ewigkeit. Ihr nehmt den Text allegorisch und bezieht's auf Entwendung und Diebstahl. Ich lob' die Auslegung, die Allegorie gefällt mir, doch nicht Euerm Sinn nach. Soviel ich glaube, wißt Ihr von selbst, daß Diebstahl an diesem Ort die süße Liebesfrucht bedeutet, die Venus verstohlen und insgeheim gepflückt will haben, weil dies Tänzlein, heimlich zwischen zwei Türen aufgeführt oder auf einer Stiege, hinterm Umhang, im Husch, auf einem zerrauften Reisbund, der Göttin von Cypern mehr behagt als offnes Spiel am hellen Tag oder unter güldnen Gardinen prächtiger Himmelbetten, während man mit purpurseidenem Wedel sich der Mücken wehrt und die Dame dazu mit einem Strohhalm, den sie derweil aus der Matratze gezaust hat, sich die Zähne stochert. Zum vierten: Mein Weib schindet mich weh und wund, aber nicht ganz! O edles Wort! Ihr deutet's auf Schläg' und Quetschungen. Das paßt just wie die Faust aufs Aug. Gesetzt den Fall, doch nicht zugestanden, daß mir mein Weib, auf Anreizung des höllischen Feinds, einen schlimmen Streich zu spielen gedächte, daß sie mich hörnen wollte, hinten und vorn, mich plündern und plagen – sie käm' damit doch nie zu Streich, was ich Euch aus den Tiefen der Mönchsüberlieferung beweisen will, wie mir's mein Freund Rammelfinger mitgeteilt hat. Die Weiber (bei Erschaffung der Welt oder bald darnach) verschwuren sich, die Männer lebendig zu schinden, weil sie in allen Stücken die Herren sein wollten. Aber, o eitles Trachten der Weiber! O des gebrechlichen Frauenvolks! Sie huben den Mann zu schinden an, aber bei dem Teil, der ihnen am besten mundet, das ist: bei dem bewußten hohlen und nervigen Glied. Dies dauert jetzt schon über sechstausend Jahr, und sie haben doch gleichwohl bis dato noch nicht mehr als den Kopf davon geschunden. Da wird mein Weib auch keine Ausnahme machen; sie wird mir ihn schinden, wo er schon geschunden ist, aber nicht ganz! Dies glaubt nur sicher, mein guter König!« Zwölftes Kapitel Wie Pantagruel den Rat der Stummen lobt Pantagruel schwieg auf diese Worte eine gute Weile und schien in tiefen Gedanken. Dann sprach er zu Panurg: »Der böse Geist betört Euch; aber höret mich. Ich hab' gelesen, daß die Orakel, die man vor alters schriftlich oder mündlich gab, nicht eben die gewissesten und untrüglichsten gewesen sind. Öfters sind daran selbst die Leute, die man für fein und sinnreich hielt, irr worden; wegen der verblümten, zweideutig dunkeln Worte als auch wegen der Kürze der Sprüchlein. Deshalb holet Euch ohne alle Worte durch Zeichen Rats bei einem Stummen.« – »Ich bin's zufrieden«, antwortete Panurg. – »Aber«, versetzte Pantagruel, »jetzt bleibt noch die Frage, ob Ihr diesen Rat bei einem Mann oder einem Weib holen wollt.« »Ich holt' ihn wohl gern«, meinte Panurg, »bei einem Weib; nur fürcht ich mich vor zweierlei. Erstens: Was man Weibern gegenüber auch für Zeichen, Winke und Gebärden macht, das beziehn und deuten sie alles und jedes gleich aufs Bürzelspiel; da wären wir also schlecht beraten; denn ein Weib hielt all unsre Zeichen für venerische. Denkt an das, was sich 260 Jahre nach Roms Erbauung daselbst ergab. Ein junger römischer Kavalier begegnet' auf dem Cölier Berg einer lateinischen, taub und stumm geborenen Dame mit Namen Verona und frug sie mit allerlei lebhaften Gebärden (weil er von ihrer Taubheit nichts wußte), wie viel es auf der Tarpejischen Turmuhr geschlagen hab'. Da sie nun nicht verstand, was er ihr sagte, dachte sie, er wolle, was sie selber im Sinn hatte und junge Leute gemeiniglich von Weibern begehren. Sie lockte ihn daher mit Zeichen (die in der Liebe ungleich beredsamer, eindringlicher und bündiger als alle Worte sind) beiseit in ihr Haus, bedeutete ihm, daß ihr das Spiel behage: kurz, ohn ein Sterbenswörtlein machten sie sich ans Werk, daß die Federn stoben. Zweitens: Eine Frau würde auf unsre Fragen uns gar keinen Bescheid geben, sondern gleich auf den Rücken fallen, zu tätlicher Bekräftigung unsres stummen Begehrens. Oder, wenn sie auf unsre Fragen ja uns Zeichen und Gebärden zur Antwort gäbe, würden sie so possierlich und toll sein, daß wir ihre venerische Absicht selbst darin sähen. Ihr wißt doch wohl, wie einst zu Brignoles die Nonne Hinterstück von dem jungen Klosterbruder Stechzu geschwängert worden war. Als ihre Schwangerschaft herauskam, ließ sie die Äbtissin vor das Kapitel zitieren und beschuldigte sie der Unzucht. Sie versicherte, daß sie nicht darein gewilligt, sondern durch Notzwang des Bruders Stechzu vergewaltigt worden sei. Darauf erwiderte die Äbtissin: ›O du abscheuliches Frauenzimmer; es war im Dormitorium, was schriest du nicht Feuer! Wir wären dir alle zu Hilf gelaufen.‹ Antwort: Sie hätte sich nicht im Dormitorium zu schreien getraut, weil dort ewiges Schweigen herrschen müsse. – ›Aber‹, sprach die Äbtissin, ›warum, o du Abscheuliche! gabst du nicht deinen Stubennachbarn ein Zeichen?‹ – Antwort: ›Ei, ich gab ihnen Zeichen mit dem Hintern, so viel ich konnte, aber kein Seel kam mir zu Hilfe.‹ – ›Aber, o Abschaum!‹ sprach die Äbtissin, ›was kamst du nicht auf der Stelle zu mir und verklagtest ihn, wie sich gebühret? So hätt' ich, wenn mir's passiert wär, zum Beweis meiner Unschuld getan.‹ – ›Weil ich‹, antwortete die Nonne, ›aus Furcht, in Sünd und Verdammnis zu bleiben, wenn mich ein schneller Tod ereilt hätt', ihm beichtete, und er zur Buß mir auflegte, es keinem zu sagen oder mitzuteilen. Ein allzu schauderhaftes Vergehn wär es gewesen, die Beichte zu verraten, allzu abscheulich vor Gott und Engeln. Das Feuer des Himmels hätt' dafür leicht das ganze Kloster verschlingen können, und wir wären alle miteinander zur Hölle gefahren.‹« »Ihr bringt mich doch nicht zum Lachen«, sprach Pantagruel. »Ich weiß lang, das Mönchsgesindel samt und sonders scheut sich weit minder, Gottes Gebot, als seine Klostersatzung zu übertreten. Nehmet also einen Mann. Der Schafsnas scheint mir geschickt dazu; er ist taubstumm geboren.« Dreizehntes Kapitel Wie Schafsnas dem Panurg mit Zeichen antwortet Schafsnas ward herbeigeholt und kam Tags darauf. Zum Willkomm schenkte ihm Panurg ein fettes Kalb, ein halbes Schwein, zwei Lägel Wein, ein Last Getreide und 30 Franken. Dann führte er ihn vor Pantagruel und machte ihm im Beisein der Kammerherrn dies Zeichen: er gähnte eine gute Weile und beschrieb im Gähnen vor dem Mund mit dem Daumen der rechten Hand die Figur des griechischen Buchstaben Tau, zu öftern Malen. Hub darauf die Augen gen Himmel und drehte sie im Kopf um, wie eine Geiß im Wochenbett, hustete dabei und seufzt' tief auf. Jetzt wies er auf seinen mangelnden Latz, nahm unterm Hemd dann mit ganzer Faust sein Flintenrohr und klatschte damit melodisch gegen die Schenkel, bog sich aufs linke Knie und blieb so in kniender Stellung, mit beiden Armen kreuzweis über der Brust gefaltet, sitzen. Schafsnas betrachtete ihn aufmerksam. Drauf hob er die linke Hand in die Höhe und ballte alle Finger, bis auf den Daumen und Zeigefinger. – »Ich seh schon«, sprach Pantagruel, »was er mit diesem Zeichen meint. Es bedeutet Hochzeit. Ihr werdet also freien.« – »Ei«, sprach Panurg und wandte sich zum Schafsnas, »großen Dank für die Mitteilung, prächtiger Kamerad!« – Drauf hub Schafsnas die Linke noch höher und streckte und spreizte die fünf Finger daran, so weit er konnte, auseinander. – »Hiemit zeigt er Euch«, sprach Pantagruel, »noch deutlicher an, daß Ihr freien werdet, und nicht nur Freite, Verlöbnis und Hochzeit halten werdet, sondern auch Beiwohnung.« – »Oh«, rief Panurg, »der gütige Schafsnas! Ich will ihm einen Meierhof schenken, und eine Windmühle dazu.« Jetzt hub der Stumme mit großer Gewalt und Leibeserschütterung zu niesen an, wobei er sich zur Linken kehrte. – »Potz Hosenlatz! Was ist dies?« sprach Pantagruel. »Das bringt Euch keinen Segen; es zeigt, daß Eure Ehe unglücklich sein wird. Wenn man zur Rechten niest, bedeutet's, daß man sein Werk getrost angreifen, kühn darauf zugehn soll, daß Anfang, Fortgang und Verlauf gut und beglückt sein wird. Zur Linken aber bedeutet's das Gegenteil.« – »Ihr«, sprach Panurg, »kehrt alles nur zum Übel! Ich glaub' Euch kein Wort davon.« Jetzt hob Schafsnas die rechte Hand, ballte sie und setzte sie Panurgen auf den Nabel, bewegte den Daumen in einem fort und ließ die Hand, wie auf zwei Beinen, auf dem kleinen und auf dem Zeigefinger, Panurgen allmählich von unten auf, vom Bauch zum Magen, Brust und Hals bis an das Kinn marschieren, und steckte ihm endlich den wackelnden Daumen ins Maul. Sodann rieb er ihm die Nase damit, stieg zu den Augen fort und stellte sich, als wenn er sie ihm mit dem Daumen ausstoßen wollte. Dies verdroß Panurgen, und er suchte sich von ihm zu befrein und loszumachen. Schafsnas aber fuhr immer fort, ihm bald die Augen, bald die Stirn und Mützenränder mit seinem wackelnden Daumen zu tupfen. Endlich schrie Panurg: »Potz Element! Herr Narr, laß ab, oder es setzt Püffe! Narrt Ihr mich länger, so papp ich Euch mit dieser Faust eine gehörige auf Euer Hundsgesicht.« – »Er ist ja taub«, sprach Bruder Jahn, »er hört nicht, was du ihm sagst, Kamerad! Mach ihm das Zeichen des Maulschellenhagels.« – »Was Teufel«, rief Panurg, »erkeckt sich doch dieser Faxenmacher! Drückt einem die Augen fast aus dem Kopf! Ein Dutzend Ohrfeigen mit Kopfnüssen untermischt kann er kriegen!« – Da sprach Pantagruel: »«Wenn Euch die Zeichen schon verdrießen, oh, wieviel mehr erst werden's die Sachen, die sie bedeuten! Punkt für Punkt reimt sich das Wahre zu dem Wahren. Der Stumme zeigt an und bedeutet Euch, daß Ihr frein werdet, daß man Euch zum Hahnrei machen, schlagen und bestehlen wird.« – »Das Frein«, antwortet' Panurg, »geb' ich zu! Das andre leugn' ich; Ich bitt' Euch, tut mir die Liebe und glaubt, daß nie ein Mensch mit Weibern und Pferden auf Erden noch solch Glück gehabt hat, als mir vorbestimmt ist.« Vierzehntes Kapitel Wie sich Panurg bei einem altfränkischen Poeten namens Großmurrnebrod Aus Großbrod, dünkelhaft, und Murrner, Katernatur, in Übereinstimmung mit dem Originalwort Raminagrobis. Rats erholt Ich hätt' doch nimmer gedacht«, sprach Pantagruel, »daß ein Mensch so starr auf seinem Sinn bestehen könne wie Ihr. Gleichwohl lasset uns, um Eure Zweifel aufzuklären, alle Hebel in Bewegung setzen. Hört meine Gedanken. Wie die Schwäne erst kurz vor ihrem Tode zu singen anfangen, so werden auch die Poeten, die in des Apollo Schutz stehn, wenn es mit ihnen zum Sterben kommt, gemeiniglich Propheten, singen und offenbaren durch Apollinische Eingebung die Zukunft. Wir haben nun hier im Lande einen alten Mann und Poeten zugleich, Großmurrnebrod mit Namen. Ich hör', er liege in den letzten Zügen und just im rechten Todeskampf. Begebt Euch zu ihm, hört seinen Sang an. Vielleicht, daß Ihr von ihm erlangt, was Ihr begehrt, und Euch Apollo Eure Zweifel durch ihn benimmt.« – »Ich will's«, versetzt' Panurg. »Komm mit Epistemon, und das auf der Stell, damit uns nicht der Tod zuvorkomm. Willst auch mit, Bruder Jahn?« – »Ei wohl«, sprach Bruder Jahn, »und gern, weil du's bist, mein Liebling, denn ich bin dir recht von dem Grund der Leber gut.« Sie machten sich alsobald auf den Weg und kamen zur Poetenklause, wo sie den guten alten Mann im Sterben mit fröhlicher Gebärde, offenem Antlitz und leuchtenden Augen liegen fanden. Panurg begrüßt' ihn und steckt' ihm dabei zum Präsent an den Zeigefinger der linken Hand ein gülden Reiflein, mit einem schönen, großen, orientalischen Saphir verziert. Hierauf verehrte er ihm, nach dem Beispiel des Sokrates, einen schönen weißen Hahnen, der, sobald man ihn auf sein Bett setzte, voll Freudigkeit das Haupt erhob, die Federn schüttelte und sofort mit lauter Stimm zu krähen begann. Worauf Panurg ihn höflich bat, ihm über seine Heiratszweifel sein Urteil und Ermessen zu sagen. Der gute Alte befahl, daß man ihm Tinte, Feder und Papier brächt', was alles geschwind verabreicht ward. Dann schrieb er: Nimm sie oder nimm sie nicht! Nimmst du sie, so bist du schlau; Nimmst du sie dir nicht zur Frau, Dann bist du erst recht ein Licht. Galoppier, doch fein im Schritt, Rückwärts sollst du vorwärts gehen, Nimm sie – oder laß sie stehen, Fastend eß für zwei gleich mit. Wo man baut, da reiß was ein, Wo man einreißt, bau mir fein, Wünsch ihr Leben und Vergehen, Nimm sie – oder laß sie stehen! Diesen Vers gab er ihnen in die Hand und sprach: »Geht, Kindlein, Gott der Allmächtige geleit' euch, und plagt mich fürder nicht hiemit, noch sonst mit irgend etwas. Ich hab' heut, als am letzten Tag des Mai und meines Lebens, hie aus meinem Haus mit viel Not und Müh einen Schwarm abscheulicher, säuischer, pestilenzialischer Tiere vertrieben, schwarz, scheckig, rotfahl, weiß, grau, sprenklig, die mich nicht wollten sanft sterben lassen und mich mit ihren tückischen Stichen, ihrem Hornißungestüm und Harpyienkniffen, Gott weiß im Rüsthaus welcher untilgbaren Freßgier geschmiedet, aus meinen süßen Gedanken störten, darin ich verharrend das Glück und Heil, so der gütige Gott seinen auserwählten Getreuen im andern Leben und in der ewigen Herrlichkeit aufspart, schon sah, schaut', schmeckt' und mit Händen griff. Flieht ihre Wege, gleicht ihnen nicht, quält mich nicht weiter und lasset mich in Frieden. Darum fleh ich euch an.« Fünfzehntes Kapitel Wie sich Panurg der Bettelmönche annimmt Als Panurg aus Murrnebrods Kammer herauskam, schrie er, ganz blaß vor Entsetzen: »Hilf, heiliger Gott! Ich glaub', er ist gewiß ein Ketzer, oder ich will des Teufels sein. Schimpft auf die guten Bettelväter, die Franziskaner und Jakobiner, welche doch die beiden Hemisphären der Christenheit sind, die die heilige römische Kirche, wenn Ketzergefahr droht, immer wieder ins Gleichgewicht bringen. O alle Teufel! Was taten ihm die armen Teufel Kapuziner und Franziskaner? Sind sie nicht so schon elend genug dran, die armen Teufel? Nicht etwa schon in Jammer und Elend sattsam verräuchert und eingeschmaucht, die armen Wichte und Hungerleider? Auf deine Ehr, sprich, Bruder Jahn! Kann er im Stand der Gnaden sein? Er fährt, bei Gott! kopfüber zur Höll wie ein Teuflein, in dreißigtausend Säck voll Teufel. Auf diese guten und wackern Pfeiler der Kirche zu schimpfen! Heißt ihr dies etwa poetische Wut? Ich kann mich damit nicht zufriedengeben; er sündigt abscheulich, er blasphemiert die Religion, ich nehm' schwere Ärgernis daran.« – »Da scher' ich mich«, sprach Bruder Jahn »keinen Knopf drum. Sie schimpfen auf alle Welt, wenn alle Welt sie wieder schimpft, was ficht's mich an? Weist her, was schreibt er?« – Panurg las mit Bedacht die Schrift des guten Alten, dann sprach er zu ihnen: »Potz Bock! Wie schlau er seine Worte wägt, daß er ja fein bestehen kann; denn wenn da auch nur die eine Hälfte wahr wird, hat er immer noch wahr genug gesprochen. Doch welch ein Teufel plagt diesen Meister Murrnebrod, daß er so unnütz ohne allen Grund auf unsre armen frommen Väter Jakobiner und Franziskaner schimpft? Ich nehm' großes Ärgernis daran, auf Ehr! und kann dazu nicht schweigen. Er hat zu grausam schwer gesündigt.« – »Ich kann Euch nicht begreifen«, sprach Epistemon. »Ihr selber ärgert mich schwer, weil Ihr verkehrterweise vom Orden der Bettelbrüder verstehen wollt, was der gute Poet von schwarzen, fahlen und andern Tieren sprach. Dergleichen Anspielungen meint er, soviel ich weiß, gar nicht damit, sondern er sprach einfach von den Flöhen, Wanzen, Mucken, Schnaken, Läusen und anderm solchen Ungeziefer, teils schwarz, teils fahl, teils grau, gelb-lohbraun, welche nicht nur der Kranken, sondern auch der starken und gesunden Leute Hauskreuz, Tyrannen und Pfähle im Fleisch sind. Ihr tut nicht wohl daran, sein Wort anders auszulegen, und versündigt Euch nicht nur verleumderisch an dem guten Poeten, sondern auch eben gegen diese Mönche, indem Ihr ihnen solches Gift zur Last legt. Immer soll man an seinem Nächsten alles fein zum Besten kehren.« – »Lehrt Ihr mich nur«, antwort' Panurg, »die Mucken in der Milch erkennen. Er ist, so wahr mir Gott helf, ein Ketzer, und das ein ausgemachter, zum Feuer reif wie ein hölzerner Uhrenkasten. Seine Seele fährt in dreißigtausend Säcke voll Teufel; und wißt Ihr wohin? Potz Puff! Mein Freund, grad unter den Nachtstuhl Proserpinas, recht in den höllischen Zuber, darin sie die Grundsuppe ihrer Klistiere absetzt. Lasset uns«, fuhr Panurg fort, »wieder hin zu ihm, ihn an sein ewiges Heil ermahnen. Ja, kommt in Gottes Namen, kommt um Gottes willen! Wir tun daran ein christlich Werk; zum wenigsten, wenn er auch Leib und Leben müßt' lassen, wollen wir doch seine Seele retten. Wir werden ihn zur Zerknirschung seiner Sünden bringen, daß er die frommen Väter, ab- und anwesende, um Verzeihung bittet; das nehmen wir gleich zu Protokoll, damit sie ihn nicht nach seinem Tod in Bann tun und zum Ketzer sprechen. Auch soll er zur Sühnung des Frevels in allen Klöstern dieses Gaues den guten Vätern brav Spenden, Messen und Seelämter auf seinen Sterbetag stiften und ein fünffaches Mittagessen für immer und ewig, und große Humpen voll besten Weins für alle vom Bruder Gärtner und Laien bis zum Priester und Chorherrn. So mag ihm Gott noch gnädig sein. Ho, ho, ich irr', ich schwatz' ins Blaue! der Teufel hol mich, wenn ich hingeh. Gotts Wetter, die Stube ist schon voll Teufel: ich hör' sie schon, wie sie sich zausen und teuflisch prügeln, wer die Großmurrnebrodische Seel erschnappen, wer sie zuerst dem Teufel seiner Großmutter zuspedieren soll. Hebt euch weg, ich geh nicht hin, der Teufel hol mich, wenn ich hingeh. Die machten wohl gar ein X für'n U und erwischten statt Murrnebrods den armen Panurg, jetzt, wo er schuldenfrei ist! Sie gingen ihm so schon hart ans Fell, als er noch im Pfeffer saß und in Schulden bis über die Ohren. Hebet euch weg, ich geh nicht hin. Bei Gott, ich sterb' vor höllischer Hundsangst. Wenn er verdammt wird, mag er's haben. Was schimpft er auf die lieben Patres? Warum verjagt er sie aus der Stube, just jetzt, wo ihm ihr Beistand, ihr frommes Gebet, ihr heiliger Zuspruch am meisten not tät? Warum vermacht er zu Testament ihnen nicht mindestens ein paar Knöchlein, ein Magenpflaster, den armen Leuten, die nichts in der Welt als ihr Leben haben? Geh hin, wer mag, der Teufel hol mich, wenn ich hingeh. Wenn ich hinging, holte mich der Teufel sicherlich. Pest! hebt euch weg!« Sechzehntes Kapitel Wie Panurg vom Epistemon Rat nimmt So verließen sie zusammen den Wohnort des Poeten und zogen heim zum Pantagruel. Auf dem Rückweg wandte sich Panurg an Epistemon und sprach zu ihm: »Mein Gevatter und alter Freund, Ihr seht die Verwirrung meiner Seele, Ihr wißt so viele gute Mittel – könnt Ihr mich nicht beraten?« – Da nahm Epistemon das Wort und warnte Panurg, weil alle Welt ihr Gespött mit seiner Verkleidung hätte, und riet ihm dabei, doch etwas Nieswurz zu nehmen, der ihm die böse Stimmung vertreiben werde, und seine gewöhnliche Kleidung wiederum anzulegen. – »Gevatter Epistemon«, versetzte Panurg, »mein Sinn steht nun einmal aufs Freien, aber ich fürcht' mich vor Hörnern und Hauskreuz in meinem Ehstand. Darum hab' ich meinen Heiligen das Gelübde getan, so lang die Brille an meiner Mütze und meine Hose ohne Latz zu tragen, bis mir in dieser meiner Seelenangst ein klarer Bescheid zuteil werden würde.« »Fürwahr«, antwortete Epistemon, »ein feines Gelübde, ein possierliches Gelübde!« »Redet nur«, sprach Panurg, »Ihr foppt mir damit mein härenes Kleid doch nicht vom Leib. Ich laß die Stummen brummen und tu nach meinem Gelübde. Es ist nun schon so lang, daß wir einander Treu und Freundschaft zugeschworen haben; drum gib mir deinen Rat, sag an: soll ich heiraten oder nicht?« – »Fürwahr«, antwortete Epistemon, »der Fall ist kitzlich; Euch hier zu beraten, bin ich lang noch nicht klug genug. Wohl hab' ich allerhand Gedanken, wie wir uns über Eure Zweifel Rats erholen könnten; aber sie scheinen mir doch nicht klar genug; etliche Platoniker lehren, daß, wer seinen Genius sehen könnt', auch sein Schicksal erfahren könnte. Ich versteh nicht viel von ihrer Kunst, und rat' Euch nicht, darauf zu bauen. Es ist viel Dunst dabei. Dies war der erste Punkt. Zum zweiten: Wenn die alten griechischen Orakel noch florierten, würd' ich vielleicht (vielleicht auch nicht) Euch raten, daß Ihr sie befragt, was sie zu Eurem Handel meinten. Aber sie sind, wie Ihr wohl wißt, sämtlich so stumm wie die Fische geworden seit jenes Herrn und Heilands Ankunft, der allen Orakeln und Propheten ein End und Ziel gesetzet hat. Aber selbst wenn sie noch am Leben wären, würd' ich Euch doch schwerlich raten, ihren Sprüchen Glauben zu schenken; nur zu viel Leut sind schon damit betrogen worden.« »Ich weiß was Beßres«, sprach Panurg. »Nicht weit vom Hafen Sankt Malo sind die Ogygischen Inseln. Dahin laßt uns eine Fahrt tun, wenn wir zuvor mit unserm König gesprochen haben. Auf einer von den vieren, der am westlichsten gelegenen, sagt man (ich hab's aus guten alten Autoren), daß allerlei Wahrsager, Seher und Propheten wohnen sollen. Da soll Saturn in einem Berg von Gold an schönen goldenen Ketten gebunden liegen und mit Ambrosia und Götternektar genährt werden, welches ihm täglich im Überfluß vom Himmel gebracht wird durch ich weiß nicht was für eine Art von Vögeln; vielleicht sind es dieselben Raben, die in der Wüst den ersten Klausner ernährten. Und einem jeden, der sein Geschick erforschen will, soll er sein Los und was ihm bevorsteht klar offenbaren. Es könnt' uns doch viel Müh ersparen, wenn wir ihn in meinen Skrupeln ein wenig zu Rate zögen?« – »Der Betrug«, sprach Epistemon, »ist allzu grob; die Fabel allzu fabelhaft. Da geh ich nicht mit.« Siebzehntes Kapitel Wie sich Panurg beim Herrn Trippa berät »Hört an«, fuhr Epistemon fort, »was Ihr, wenn Ihr mir folgen wollt, noch tun könnt, eh wir wieder heim zu unserm König gehn. Hier unweit der Insel Bouchard wohnt Herr Trippa. Ihr wißt, daß er durch Astrologie, Geomantie, Chiromantie und andre Künste vom gleichen Schlag alle zukünftigen Dinge weissagt. Laßt uns von Eurer Sach mit ihm verhandeln.« – »Davon«, sprach Panurg, »weiß ich just nix, wohl aber weiß ich, daß ihm einmal, während er sich mit dem großen König von himmlischen und übernatürlichen Dingen besprach, die Hoflakaien auf der Treppe beim Hinterpförtlein nach Herzenslust sein Weib kartätschten, das traun nicht schlecht war. Und er, der alle ätherischen und irdischen Dinge ohn Brille erkannte und Vergangenheit und Gegenwart am Schnürlein hatte und alle Zukunft voraussagte, sah nur sein Weib nicht wackeln und hat's auch nimmermehr erfahren. Wohl! Laßt uns zu ihm, weil Ihr's wollt. Man kann nie zuviel lernen.« – So kamen sie des andern Tages zu dem Herrn Trippa ins Quartier. Panurg verehrte ihm einen Wolfspelz, ein großes, schön vergoldetes Bastardschwert mit samtener Scheide und fünfzig bare Goldtaler und setzte ihm seine Sache vertraulich auseinander. Alsbald zum ersten Willkomm schaute ihm Herr Trippa ins Gesicht und sprach: »Du hast die Metoposkopie und Physiognomie eines Hahnreis, und zwar eines famosen notorischen Hahnreis!« Drauf betrachtete er von allen Seiten Panurgens rechte Hand und sprach: »Der falsche Strich da über diesem Muskel hier, den hat eigentlich weiter gar kein Mensch in der Hand als ein Hahnrei.« – Dann machte er hurtig mit einem Griffel eine Anzahl verschiedener Punkte, addierte sie zusammen auf geomantische Art und sprach: »Die Wahrheit ist nicht so wahr, als es gewiß ist, daß du alsbald nach deiner Hochzeit zum Hahnrei werden wirst.« – Hierauf befrug er Panurg um das Horoskop seiner Geburt, und als er's erhalten hatte, stellte er darnach sein himmlisches Haus in allen Teilen, beschaute den Stand und die Aspekte, dann seufzte er schwer und sprach: »Ich sagt' dir's schon vorhin expreß, du würdest Hahnrei werden, da hilft kein Gott. Hier seh ich's nun aufs neu bestätigt und schwör dir's zu, daß du ein Hahnrei werden mußt. Zudem wirst du von deinem Weib geschlagen und von ihm bestohlen werden; denn ich seh im siebenten Haus die schlimmsten Aspekte und eine Schlägerei aller gehörnten Zeichen, Widder, Steinbock, Stier et cetera. Ach! dir wird's hart gehn, armer Mann!« – »Und dir werd ich die höllische Grippe anhusten, alter Narr, Geck, Unhold, der du bist!« versetzt' Panurg. »Wenn alle Hahnreis beisammen sind, mußt du ihnen die Fahne voraustragen. Du bist so ein Kerl, der weiter nichts treibt als ander Leut Elend und Not zu erforschen und auszuspüren, derweil dein Weib zu Haus die Fickmühl dreht! Kommt, laßt dies Kalbsgehirn, diesen schäumenden Hundstagsnarrn, den man an Ketten legen sollte, hier mit seinen Hausteufeln storchen, so lang er Lust hat. Ich werd' wohl glauben, daß die Teufel solch einem Trottel zu Diensten ständen! Er hat noch nicht einmal das Abc der Weisheit los, das Kenndichselbst; rühmt sich, den Splitter in seines Nächsten Aug' zu sehn, und sieht den dicken Balken nicht, der aus seinen beiden wächst. Kommt, laßt uns wieder zu unserm König; ich weiß, es wird ihm gar nicht recht sein, wenn er hört, daß wir in dieses vermummelten Teufels Spelunke gewesen sind. Mich reut, daß ich herging. Potz Sakerdamm! Er hat mich mit seinem Teufelsspuk und Wust, mit seinen Zauber- und Hexenkünsten ganz eingeschwafelt! Also nehm ihn der Teufel auch zu sich. Sprecht Amen dazu, und kommt mit mir zur Tränk. Mir schmeckt kein Bissen zwei Tage lang mehr oder gar vier.« Achtzehntes Kapitel Wie Panurg beim Bruder Jahn von Klopffleisch Rat nimmt Panurg war also von des Trippa Reden arg mißmutig geworden. Als sie nun den Flecken verlassen hatten, wandte er sich an den Bruder Jahn, kratzte sich dabei im linken Ohr und sprach mit meckernder Stimm zu ihm: »Komm, mach mir etwas Lustigs vor, mein Hosseloddel; der Geck hat mir mit seinem teuflischen Geträtsch den Kopf ganz durcheinander gebracht. O Bruder Jahn, mein Freund! Vor dir hab' ich den größten Respekt; dich hab' ich mir zum besten Bissen aufgespart. Jetzt bitt' ich dich, gib mir deinen Rat: sprich, soll ich freien oder nicht?« – Bruder Jahn antwortete ihm munter und sprach: »Ei, frei in Teufels Namen, frei! Und das je eher, je lieber! Noch heut abend bestell dir meinethalben das Aufgebot, daß die Bettstell kracht. Potz Kuckuck, worauf willst warten? Weißt du auch, daß der Welt Ende nicht mehr weit ist? Wir sind ihm heut schon um zweieinhalb Meilen näher denn ehegestern. Der Antichrist ist schon geboren; man hat mir's gesagt. Zwar kratzt er erst seine Ammen und Kindermägd, er zeigt noch nicht die Reiche der Welt, denn er ist noch klein. Willst du denn am Jüngsten Tag mit vollen Eiern erfunden werden beim großen Gericht?« – »Du hast«, versetzte Panurg, »einen heitern und sehr hellen Kopf, mein Bruder Jahn, und redest, wie sich's gehört. Dies war auch der Grund, warum Leander, als er vormals über das Hellespontische Meer zu seiner Liebsten Hero schwamm, alle Meergötter bat: Gebt ihr hinüberwärts mir Heil und Glück, Ersauf' ich gern, kehr' ich zurück. Er wollte nicht mit vollen Eiern sterben. Das will ich zum Gesetz machen: wann die Justiz hinfür bei mir in Salmigundien einen armen Sünder aufhängen will, soll man ihn ein paar Tag zuvor waldeselmäßig rammeln lassen, bis er in all seinen Samenbläslein auch nicht so viel mehr hat, daß man damit ein griechisch Ψ schreiben kann. Solch köstlich Ding darf nicht unnütz verlorengehn. Vielleicht stirbt er ohn Kummer, wenn er einen Menschen gezeugt hat und so einen Stellvertreter zurückläßt.« Neunzehntes Kapitel Wie Bruder Jahn Panurgen lustigen Rat gibt »Beim heiligen Rock! Panurg, mein holder Freund«, sprach Bruder Jahn, »ich rat' dir nichts, was ich nicht selbst tät, wenn ich wie du wär. Nur dies eine nimm wohl in acht: gib fein dicht und unabläßlich Feuer! Wenn du dazwischen ruhst, bist du verloren, armer Schelm, und es geht dir wie den Ammen: wenn sie die Kinder nicht fleißig stillen, bleibt ihnen die Milch aus. Ich hab's an manchen erlebt, die's nimmer konnten, wann sie wollten, weil sie's zuvor nicht exerziert hatten. Denn durch den Nichtbrauch gehn alle Privilegien verloren, so spricht der Schreiber. Darum, mein Sohn, halt du den kleinen Bürgersmann da drunten in steter Arbeit und leid nicht, daß er wie faule Edelleut nur müßig von seinen Renten zehrt.« »Nix da! Bruder«, sprach Panurg; »ich will dir folgen, alter Stecher; du hast mich ohn Wenn und Aber und Umschweif all meiner Angst, die mich noch bedrückte, enthoben. Erhalt dich Gott dafür noch allzeit steif und straff zum Dienst. Wohlan! Auf dein Wort will ich frein, und zwar unfehlbar, das schwör' ich dir, all Elemente ermahnen mich ja, dies Wort sei dir eine eherne Mauer. Was aber den zweiten Punkt angeht, so scheinst du mir allerlei Zweifel, ja Mißtraun in meine Könnerschaft zu setzen, als ob mir der steife Gott nicht allzu hold wär? Ich bitt' dich zum schönsten, tu mir die einzige Lieb und glaub, daß ich ihn allzeit zu Befehl, allüberall auf Wort und Wink gelehrig, dienstbar, resolut, fix und alert hab'. Und wenn mein künftig Weib aufs Venusspiel verseßner wäre als Messalina, glaub du mir, mein Tröster ist noch rüstiger. Zwar weiß ich gar wohl, was Salomo, als gelehrter und kundiger Mann, sagt: Weibsbrunst ist an sich unersättlich. Aber auch mein Beschlag ist von gleichem Schrot und unermüdlich. Hast du je die Kutte des Mönchs von Castres gesehen? Sobald man sie wo in ein Haus brachte, sei's öffentlich oder heimlich, gerieten durch ihre erschreckliche Kraft flugs alle Wohn- und Mietleut drin, Vieh und Menschen, Mann und Weib, ja Ratzen und Katzen in Brunst und Rammel. Nun schwör' ich dir's, in meinem Latz hab' ich einmal noch weit abnormere Kraft verspürt. Als ich eines Tags zu Sainct Maixant in die Bude kam, da die Passion aufgeführt wird, sah ich, wie plötzlich durch die geheime Tugendkraft meines Latzes das ganze Volk, soviel darin war, Spieler und Zuschauer durcheinander, in so furchtbare Anfechtung kamen, daß weder Mensch noch Engel, Teufel noch Teufelsmutter einen anderen Gedanken hatten, als stracks zu rammeln. Der Einbläser ließ sein Buch im Stich; der, welcher den Sankt Michel agierte, schoß mit der Flugmaschine herunter; die Teufel fuhren aus der Hölle und holten all die armen Weiblein; selbst Luzifer riß seine Kette entzwei. Kurz – ich, als ich das Durcheinander sah, trollte mich sacht aus dem Tempel hinaus und mochte weiter gar nicht zuschaun, nach dem Beispiel Cato des Zensors, als er das Floralienfest um seinethalben gestört sah.« Zwanzigstes Kapitel Wie Bruder Jahn dem Panurg in seiner Hahnrei-Angst Trost einspricht »Versteh schon«, antwortete Bruder Jahn, »allein die Zeit bricht alle Dinge, selbst Marmor und Porphyrstein. Wenn es mit dir auch noch zur Zeit so weit nicht ist, wirst du in etlichen Jährlein schon ein ander Lied singen und eingestehn, daß mancher manches Ding bloß noch zum Wasserlassen braucht. Ich seh, das Haar wird dir schon grau auf deinem Kopf; dein Bart schaut aus wie eine Weltkarte mit den grauen, weißen, schwarzen und braunen Flecken. Bei meiner Kehle, Freund! Wann der Schnee erst auf den Bergen liegt, ich mein auf Haupt und Kinn, dann ist die Hitze im Hosental auch nicht mehr groß.« – »Daß dich das Mäuslein beiß!« antwortete Panurg. »Wenn der Schnee auf den Bergen liegt, ist in den Tälern Blitz und Donner, Sturm und alle Teufel los. Du spottest meiner grauen Haare und bedenkst nicht, daß es auch des Knoblauchs Natur ist. Hat er nicht einen weißen Kopf und grünen, stracken, saftigen Schwanz? Eine Art von Altersindizium (doch eines rüstigen grünen Alters) spür' ich allerdings schon: daß ich nämlich den guten Wein noch mehr nach meinem Geschmack find als wie sonst, und noch mehr als sonst dem Krätzer aus dem Weg geh. Hierin, merk wohl! steckt ein, ich weiß nicht was, von Sonnenuntergang, es zeigt, daß der Mittag vorüber ist. Allein was tut's mir gutem Gesellen, so frisch als je, mehr als zuvor? Meine Sorge ist nur, wenn unser Herr Pantagruel einmal auf lange Zeit verreist und, ging er gleich zu allen Teufeln, ich ihm Gesellschaft leisten müßt', daß dann mein Weib mich zum Hahnrei krönen könnte.« – »Ich will dich«, sprach Bruder Jahn, »ein Mittel lehren, wie dich dein Weib ohne dein Wissen und Willen nimmer zum Hahnrei machen soll.« – »Oh«, rief Panurg, »sag an, mein Freund, mein liebster Hodenmatz, ich bitt' dich drum, erzähl!« – »Bediene dich«, sprach Bruder Jahn, »des Ringes, den Hans Carvel, Großjuwelier beim König in Melindien, besaß. Hans Carvel war ein kluger Zeisig, ein welterfahrner, betriebsamer Mann, von gutem Verstand, gesundem Urteil, kreuzbrav, leutselig, liebreich, spendabel, ein lustiger Philosoph, im übrigen aber der beste Gesell und Schäker, ein wenig dick von Leibsstatur, schon ein bißchen wackelig und nicht allzu flink mehr auf dem Zeug; Auf seine alten Tage freite er die Tochter des Amtsmanns Goncordat, schön, jung, flink, nett, mit Gesind und Nachbarn nur allzu zutunlich und freundlich. Daher war er nach Verlauf etlicher Wochen auf sie so eifersüchtig wie ein Tiger und argwöhnte, daß sie sich woanders am Zeug flicken lasse. Dem zu steuern, erzählte er ihr nun Tag und Nacht die schönsten Geschichten von dem Unheil des Ehebruchs, las ihr öfters die Legende von den klugen Jungfern vor, predigte ihr Keuschheit, schrieb ihr ein Buch vom Lob der ehelichen Treue, worin er die Bosheit verbuhlter Frauen bis in die Höll' verwünschte, und schenkte ihr ein schönes Halsband, reich besetzt mit orientalischen Saphiren. Nichtsdestoweniger sah er sie mit seinen Nachbarn so vertraut und guter Dinge, daß er tagtäglich nur immer eifersüchtiger wurde. Als er nun wieder eines Nachts bei ihr in solchen Gedanken lag, träumte ihm, daß er mit dem Teufel spräche und dem sein Leid klage. Der Teufel sprach ihm Mut ein, steckte ihm einen Ring an den mittelsten Finger und sprach: ›Ich schenk' dir diesen Ring; solang du ihn am Finger tragen wirst, wird nimmer ohne dein Wissen und Willen ein andrer fleischlich dein Weib erkennen.‹ – ›Ei, großen Dank, Herr Teufel!‹ sprach Carvel, ›Ihr sollt mich holen, wenn ich ihn je vom Finger laß.‹ – Der Teufel verschwand, Hans Carvel wachte ganz fröhlich auf und spürte auf einmal, daß er seinen Finger in dem Wasistdas seiner Frau hatte. – Ist dies nun nicht ein untrügliches Mittel? Darum folg du meinem Rat und nimm dir ein Exempel dran: zu keiner Zeit laß deiner Frau Ring vom Finger.« So endigten ihr Gespräch und Weg. Einundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel wegen Panurgens Skrupeln einen Theologen, einen Mediziner, einen Juristen und einen Philosophen beruft Als sie im Schloß nun angekommen, erzählten sie dem Pantagruel den ganzen Hergang ihrer Reise und zeigten ihm Großmurrnebrods Sprüchlein. Als Pantagruel es gelesen und wieder gelesen, sprach er: »Noch niemals hat mir eine Antwort so wohl gefallen. Er zeigt damit summarisch an, in Heiratssachen soll jedermann seiner eignen Gedanken Schiedsherr sein und niemand zu Rat ziehn als sich selber. Dies war auch immer meine Meinung. Allein ich weiß noch wohl, Ihr hattet im Herzen Euern Spott darüber. Greift's dann anders an. Alles, was wir sind und haben, besteht aus drei Stücken: Seele, Leib und Gut. Zur Wahrung jedes dieser drei Dinge sind heutzutag dreierlei Arten von Leuten bestellet: Die Theologen für die Seele, die Ärzte für den Leib, und die Juristen für Hab und Gut. Mein Rat ist, auf nächsten Sonntag laden wir bei uns zum Imbiß einen Theologen, einen Mediziner und einen Juristen. Mit ihnen wolln wir insgesamt von Euern Skrupeln konferieren.« – »Helf mir der und jener«, antwortete Panurg, »da werden wir eben nicht klüger werden; ich seh's schon kommen. Schau eins nur unsern verschusterten Weltlauf! Unsre Seelen befehlen wir den Theologen aufzuheben, die doch meistenteils Ketzer sind; unsre Leiber den Medizinern, die alle Arznei verabscheun und selbst nie nix brauchen, und unsre Habe den Advokaten, die untereinander niemals Prozeß zusammen führen.« – »Ihr redet wie ein Hofmann«, sprach Pantagruel, »doch ich bestreit' den ersten Satz; denn seh ich nicht die guten Theologen einig und lediglich darum bemüht, mit Wort und Schrift die Ketzereien und Irrlehren auszurotten? Den zweiten lob' ich, weil die guten Mediziner auf den gesundheiterhaltenden Teil ihres Handwerks so wohl bedacht seh, daß sie der Heilung durch Arzenei entraten können. Den dritten geb' ich zu, weil ich in der Tat die guten Anwälte mit ihren Repliken und Reden zugunsten fremden Rechts so viel beschäftigt seh, daß sie keine Zeit haben, das eigne wahrzunehmen. Darum laden wir auf nächsten Sonntag als Theologen unsern frommen Vater Hippothadäus, als Medikus unsern Meister Rundibilis, als Juristen unsern guten Freund Gänszaum. Ja, ich wär selbst der Meinung, daß wir noch als vierten Mann unsern getreuen Philosophen Stülphändsch zuziehen, zumal der wahre Philosoph auf jeden erhobenen Zweifel Bescheid gibt. Karpalim, tragt Sorg dafür, daß wir sie alle vier auf nächsten Sonntag zum Imbiß haben!« »Ich glaub, Ihr hättet«, sprach Epistemon, »schwerlich unter der ganzen Zunft eine bessere Auswahl treffen können, nicht bloß hinsichts der hohen Gaben eines jeden in seinem Stand, sondern, was noch mehr: weil Rundibilis beweibt ist und es vorher nicht war, Hippothadäus es niemals war noch ist; Gänszaum es war und nicht mehr ist und Stülphändsch es ist und immer war.« Zweiundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel wegen Panurgens Skrupeln einen Theologen, einen Mediziner, einen Juristen und einen Philosophen beruft Sobald der Imbiß sonntags drauf gerüstet war, erschienen die Geladenen außer Gänszaum. Als der Nachtisch kam, sprach Panurg mit tiefer Verneigung: »Ihr Herren, es handelt sich um eine Frage: Soll ich heiraten oder nicht? Könnt ihr den Zweifel mir nicht lösen, muß ich ihn für unlösbar halten. Denn ihr seid auserkorene Leute, erkiest, erprobt und auserlesen ein jeder in seinem besondern Fach, wie feine Erbsen auf dem Küchenbrett.« Auf Einladung Pantagruels und unter Verneigung aller übrigen antwortete ihm Vater Hippothadäus mit schier unglaublicher Sittsamkeit: »Mein Freund, Ihr fordert Rat von uns; zuvor müßt Ihr Euch aber selbst im klaren sein. Spüret Ihr in Eurem Leib das Ungestüm des Fleischesstachels?« – »Gar stark«, versetzte Panurg, »und nehmt's nicht für ungut, mein Vater.« – »Ich tu es nicht, mein Freund«, sprach Hippothadäus, »aber, habt Ihr in dieser Not die besondere Gabe und Gnade der Enthaltsamkeit von Gott empfangen?« – »Mein Treu, mitnichten!« antwortete Panurg. – »Nun dann, mein Freund, so freiet zu«, sprach Hippothadäus; »denn es ist besser freien, denn Brunst leiden.« – »Das heiß ich«, rief Panurg, »einmal ein Wort! Ein gutes, wackres Wort! Ihr geht nicht lang um den Brei herum. Großen Dank, mein Vater! Verlaßt Euch darauf, ich werd freien, denn Brunst leiden. Das heiß ich einmal Hahn und Henn! Da soll's hoch hergehn. Ich will Euch auch um das Ehrentänzlein mit der Braut bitten, wenn Ihr mir so viel Lieb und Ehr erzeigen wollt! Jetzt bleibt nur noch ein kleines Nüssel zu knacken – klein sag' ich; ist so gut als nix. Werd ich auch nicht zum Hahnrei werden?« – »Ei nicht doch«, sprach Hippothadäus, »mein Freund! Wenn Gott will, nicht.« – »Hui«, rief Panurg, »bewahr uns der Herr in Gnaden! Wo schickt ihr mich hin, ihr lieben Leut? Zum Wenn und Aber, wo alle Art Unmöglichkeiten und Widersprüche zu Haus sind! Wenn mein transalpinisches Maultier flög', so hätt' mein transalpinisches Maultier Flügel. Wenn Gott will, werd ich nicht Hahnrei sein; und ich werd Hahnrei sein, wenn Gott will? Ja, wenn's noch unter einer Bedingung geschäh', die man verhindern könnt', wollt' ich nicht gänzlich verzweifeln. Ich denk, mein Vater, es wird Euch wohl am rätlichsten sein, Ihr bleibt von meiner Hochzeit weg. Der Lärm und Tumult der Hochzeitsgäste würd' Euch nur das Konzept verrucken. Ihr liebt Ruhe, Stille und Einsamkeit. Ihr bleibt da weg, denk' ich mir wohl. Zudem tanzt Ihr auch ziemlich schlecht und würdet Euch nur schämen, wenn Ihr den ersten Reigen führen solltet. Ich werd' Euch von den Resten aufs Zimmer schicken, da könnt Ihr, wenn's Euch beliebt, auf unser Wohlsein trinken.« – »Mein Freund«, antwortete Hippothadäus, »legt meine Wort zum besten aus! Ich bitt' Euch drum. Wenn ich Euch sag': wenn Gott will! tu' ich Euch damit Unrecht? Heißt das nicht einfach: eingestehen, an seinem Segen sei alles gelegen, daß wir nichts sind, nichts gelten, wenn er nicht seine heilige Gnade über uns ausgießt? Mein Freund, Ihr werdet nicht Hahnrei werden, wenn Gott will. Der gute Gott hat uns aber die Gnade erwiesen, daß er uns in der heiligen Schrift seinen Willen deutlich angezeigt und beschrieben hat. Da werdet Ihr finden, daß Ihr nimmer Hahnrei sein werdet, daß heißt, daß Eurer Weib nicht liederlich sein wird, wenn Ihr braver Eltern Kind dazu erwählt, in Sittsamkeit und Tugend erzogen, die nichts weiß von bösem Umgang noch Gemeinschaft, Gott liebt und fürchtet, ihm fröhlich dient im Glauben, sich scheut, ihn zu erzürnen durch Übertretung seines göttlichen Gesetzes, in welchem Ehebruch streng verboten ist. Wie man auch den Spiegel nicht für den besten und volkommensten hält, der am meisten mit Gold und Steinen verziert ist, sondern vielmehr den, der die Gestalten wahrhaft zeigt, so ist das Weib nicht am höchsten zu schätzen, das reich, schön, zierlich, von hohem Haus stammt, sondern die sich vor Gott zumeist der guten Zucht befleißigt und sich nach ihres Mannes Art bequemt.« – »Das heißt«, sprach Panurg (und zog an seinen Schnauzbartspitzen), »ich soll das vollkommene Weib frein, das Salomo beschrieben hat? Die ist tot, maustot, ich wenigstens hab sie noch nicht gesehen, nicht daß ich wüßt', verzeih mir's Gott. Doch, großen Dank, mein frommer Vater. Eßt dies Schnittlein Marzipan, wird Euch die Verdauung schärfen, und trinkt ein Glas guten Roten drauf; er ist gesund und wärmt den Magen. Jetzt weiter im Text!« Dreiundzwanzigstes Kapitel Wie Rundibilis der Arzt Panurgen berät Nun wandte sich Panurg an Rundibilis und sagte: »Also frisch, mein lieber Meister Rundibilis, macht's kurz, sprecht: soll ich frein oder nicht?« – »Bei meines Maultiers Paßgang!« antwortete Rundibilis, »ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ihr bezeugt, daß Ihr den Stachel der Sinnlichkeit scharf in Euch spüret. Die Medizin lehrt nun, daß die Fleischeslust durch fünferlei Mittel gebändiget werden kann.« »Durch den Wein – das will ich glauben«, sprach Bruder Jahn, »wann ich sternvoll bin, verlangt mich nach weiter nichts als Schlaf.« – »Sagen wir durch Wein, im Übermaß genossen«, sprach Rundibilis. »Denn des Weines Übermaß im menschlichen Körper bewirkt Erkältung des Geblüts, Erschlaffung der Nerven, Verdünnung des erzeugenden Samens, Abstumpfung der Sinne, kurz alles dessen, was den Beischlaf hindert. Zweitens durch allerlei Medikamente und Kräuter, durch die der Mensch zur Zeugung kalt, ungeschickt und unfähig wird. Allerdings gibt es auch andre, die zum Liebeswerk erhitzen, den Menschen spornen und tauglich machen.« – »Die tun mir, Gott sei Dank! nicht not«, versetzte Panurg; »Euch etwa, Meister? Doch nichts für ungut, ich hab' die Frag nicht bös gemeint.« »Zum dritten«, sprach Rundibilis, »durch anhaltende Arbeit, die den Leib dermaßen erschöpft, daß das zur Erhaltung der einzelnen Glieder nötige Blut nicht Zeit findet, jene spermatische Feuchtigkeit und Ersparnis von der dritten Verdauung auszuscheiden. Die Natur behält es für sich selbst zurück, denn es ist ihr weit nötiger zur Erhaltung ihres Geschöpfs als zur Fortpflanzung der Spezies des Menschengeschlechtes. Wenn man den Müßiggang von der Welt vertilgen könnte, dann hätte Cupidos Kunst bald ein End; sein Bogen, Pfeil und Köcher wären ihm ein unnütze Last, er würd' damit niemandem mehr ein Leids antun, denn er ist nicht der Schütz darnach, daß er den Kranich in der Luft, den fliehenden Hirsch im Wald trifft, sondern er verlangt sein Wild in Ruh, stillsitzend, liegend, faul und müßig. Viertens: Durch emsig eifriges Studieren. Denn dies erschlafft die Geister unglaublich. Habt einmal acht auf einen Menschen, der fleißig über ein Studium nachdenkt. Alle Adern des Hirns an ihm werdet Ihr gleich der Armbrustsehne immer gespannt sehn, um ihm behend die nötigen Geister zuzuführen zur Füllung der Kammern des Menschenverstandes, der Empfindung und Einbildung, der Schluß- und Urteilskraft. An einem so vertieften Menschen sind alle Naturfunktionen wie aufgehoben, alle seine äußern Sinne stocken, kurz man könnte ihn für leblos halten. Fünftens: Durch den Liebesakt.« – »Da hab' ich«, fiel Panurg ein, »nur drauf gelauert und nehm's für mich. Hol sich das andere, wer Lust hat.« – »Dies ist«, sprach Bruder Jahn, »was der Prior zu Sankt Viktor Ertötung des Fleisches nennt. Und ich glaub', daß die Thebaischen Klausner ihren Leib nicht besser kasteien und den Aufruhr des Fleisches ersticken können, als wenn sie's des Tages fünfundzwanzig bis dreißigmal machen.« – »Ich seh, Panurg ist«, sprach Rundibilis, »von guter Leibesproportion und voll wirksamer Säfte, sein Geist ist wohlgebildet, sein Alter paßlich, die Zeit gelegen; er hat den redlichen Willen zu frein; findet er ein Weib vom gleichen Schlag, so werden sie Kinder mitsammen zeugen, die eines Throns würdig sind. Er tut dazu je eher, je lieber, wenn er die Kinder noch versorgt sehn will.« »Ich werd's auch, Meister«, sprach Panurg, »und nächster Tag schon; da zweifelt nicht. Während Eures gelehrten Sermons hat mich mein Floh im Ohr hier mehr als je gezwickt. Ihr seid mein Gast, und hoch soll's hergehn, und noch einmal hoch! Verlaßt Euch drauf. Bringt Euer Weib mit, wenn's Euch beliebt, auch ihre Basen und Nachbarinnen, das versteht sich. Natürlich alles mit Züchten.« Vierundzwanzigstes Kapitel Wie Rundibilis Hahnreischaft für ein natürliches Zubehör des Ehestands erklärt »Bleibt«, fuhr Panurg fort, »nur noch ein kleiner Punkt zu erörtern: Werd ich auch nicht zum Hahnrei werden?« – »Potz Dausig!« rief Rundibilis, »was fragt Ihr mich? Ob Ihr Hahnrei sein werdet? Mein Freund, ich bin ein Ehemann, Ihr werdet mir folgen und einer werden; aber mit ehernem Griffel schreibt Euch dies Wort ins Hirn: jedweder Ehemann schwebt in Gefahr, ein Hahnrei zu werden. Die Hahnreischaft ist ein natürliches Zubehör des Ehestandes. Der Schatten folgt dem Leibe nicht natürlicher als Hahnreischaft den Eheleuten. Und wo Ihr einen die drei Worte: Er ist beweibt, aussprechen hört und ihr entgegnet: Ergo ist er entweder, war, wird oder kann ein Hahnrei sein, so werdet Ihr traun so ziemlich ins Schwarze getroffen haben.« »Potz Hypochonder und tausend Teufel!« schrie Panurg, »was sagt Ihr mir?« – »Mein Freund!« versetzte Rundibilis, »als Hippokrates einmal verreiste, schrieb er einen Brief an seinen alten Freund Dionysius, worin er ihn bat, sein Weib zu ihren Eltern zu geleiten, sie sorgsam zu hüten und wohl Achtung zu geben, was sie mit ihrer Mutter für Wege ginge und was für Leut bei ihren Eltern zu ihr kämen. ›Nicht‹, schrieb er, ›daß ich in ihre Tugend und Sittsamkeit ein Mißtraun setze, die ich seither ganz wohl erprobt und bewährt erfunden habe, sondern nur, weil sie ein Weib ist.‹ – Da habt Ihr's gleich mit einem Wort, mein Freund. Denn, sag' ich: Weib, so mein' ich ein so veränderliches, gebrechliches, unbeständiges, wandelbares und unvollkommenes Geschlecht, daß die Natur mir (mit Respekt und aller schuldigen Ehrfurcht zu reden) von jenem richtigen Verstand, womit sie alles sonst erschaffen hat, abgeirrt zu sein scheint, als sie das Weib erfand. Und wenn ich's auch hundert und hundertmal bedenk', komm' ich zu keinem andern Schluß, als daß sie mit Erschaffung des Weibes mehr auf des Mannes gesellige Lust und Mehrung des Geschlechtes bedacht war als auf Vollkommenheit des Weibes in sich selbst. Fürwahr, auch Plato weiß nicht, zu welcher Klasse er sie zählen soll, ob zu den vernünftigen Wesen oder zu dem blöden Vieh. Denn ihnen hat die Natur an einen geheimen, inneren Teil ihres Leibes ein Tier, ein Glied gesetzt, das der Mann nicht hat, darin sich allerhand ätzendscharfe, prickelnde und bitterkitzelnde Säfte erzeugen, durch deren Stiche (zumal dies Glied voll Nerven und lebendiger Empfindung ist) ihr ganzer Leib erschüttert wird, all ihr Sinne außer sich kommen und die Gedanken in Aufruhr geraten. Wenn die Natur ihnen nicht noch ein wenig Scham eingegeben hätte, würdet Ihr sie wie rasend den Männern nachlaufen sehen. Glaubt mir, daß das Verdienst der züchtigen Frauen nicht klein ist, die keusch und untadlig gelebt und so viel Tugend besessen haben, dies unbändige Tier in sich im Zaum der Vernunft zu erhalten. Drum wundert Euch nicht, wenn wir in steter Gefahr sind, Hahnreis zu werden, da wir doch nicht zu allen Stunden mit barer Münz zu genügender Zahlung versehen sind.« »Ei, daß mich doch das Mäuslein beiß!« versetzte Panurg; »wißt Ihr dagegen denn gar kein Mittel in Eurer Kunst?« – »Doch, doch, mein Freund«, sprach Rundibilis, »und ein sehr gutes; ich brauch's selbst. Es steht in einem berühmten Autor schon über achtzehnhundert Jahr. Vernehmt.« Fünfundzwanzigstes Kapitel Wie der Arzt Rundibilis ein Mittel wider Hahnreischaft gibt »Zu der Zeit«, sprach Rundibilis, »als Jupiter seinen olympischen Hofhalt und Staatskalender aller Götter und Göttinnen machte, einem jeden Tag und Jahreszeit seines Festes anberaumte und die Orakel- und Wallfahrtsörter austeilte –« »Machte er's etwa«, fiel Panurg ihm in die Rede, »wie der Bischof Tinteville von Auxerre? Der edle Prälat hielt große Stücke auf guten Wein, wie jeder Ehrenmann drauf hält und halten muß. Daher trug er auch besondere Liebe und Sorgfalt für den Rebenstock. Nun aber sah er manch liebes Jahr die Weinblüte elend zerstört durch Nachtfröste, Reif, Schnee, Eis, Hagel und scharfen Wind um die Zeit der Fest Sankt Görgen, Marci, Vitalis, Eutropii, Philippi, Kreuzfindung, Himmelfahrt und andere, die um die Zeit fallen, wann die Sonne in das Zeichen des Stiers tritt. Daraus schloß er, diese Heiligen wären nur Schnee- und Hagelheilige und Verderber der Rebenblüte. Derhalb wollte er ihre Feste in den Winter verlegen zwischen Weihnacht und Dreikönigstag: da stellte er ihnen bescheidentlich und alleruntertänigst frei, zu schneien und zu hageln, so lang sie wollten, weil da der Schnee den Blüten nicht schädlich, sondern vielmehr im Gegenteil gedeihlich und ersprießlich sei.« »– Da vergaß«, fuhr Rundibilis weiter fort, »Jupiter die arme Teufelin Hahnreischaft, die zu der Zeit verschwunden war; denn sie war eben auf dem Rathaus zu Paris, wo sie einen Hurenprozeß für einen ihrer Lehensleute betrieb. Bald darauf erfuhr Hahnreischaft, was man ihr für einen Streich gespielt hatte, ließ ihre Sache fahren, aus Sorge, ihres Hofamts verlustig zu gehen, und erschien vor dem großen Jupiter in Person; sie berief sich auf ihre Verdienste und bat inständig, sie nicht ohne Fest, ohn Opfer und Ehrenbezeigung zu lassen. Weil nun im ganzen Kalender kein Platz mehr frei war, legte Jupiter ihr Fest auf den Tag der Göttin Eifersucht. Ihre Herrschaft erstreckte sich über die Ehemänner, besonders über die, die schöne Weiber hatten, und ihre Opfer waren: Argwohn, Mißtraun, Griesgram, Bewachen, Spionieren, Belauern der Weiber durch die Männer, nebst strengem Befehl an jeden Mann, ihr Dienst und Ehrfurcht zu erweisen, ihr Fest gedoppelt zu begehn und ihr die genannten Opfer zu bringen bei Straf und Drohung, daß Hahnreischaft all denen, die sie nicht nach der Vorschrift ehren würden, auch nicht hilfreich, günstig oder gewärtig sein werde, nach ihnen nicht fragen, nie in ihr Haus gehn, nimmer Umgang mit ihnen pflegen werde, sondern sie mit ihren Weibern ganz allein ohn Nebenbuhler auf alle Zeiten versauern lassen und sie als Ketzer und Gottesleugner ewiglich fliehen werde. Hingegen gelobte sie heilig, daß sie denen, die ihren Feiertag heiligen, Handel und Wandel einstellen, nichts andres tun würden, als ihre Weiber mit Eifersucht quälen, einsperren und belauern, wie es der Opferbrauch von ihnen erheischte, allzeit hold sein, sie lieben, besuchen, bei Tag und Nacht ihr Haus bewohnen und zu keiner Zeit ihr Antlitz ihnen entziehen wolle. Dixi.« »Ha, ha, ha«, sprach Karpalim lachend, »das ist noch ein kurioseres Mittel als Carvels Ring. Der Teufel hol mich, wenn das nicht wahr ist. Der Weiber Art ist einmal so, daß sie ihres Geistes Kraft, Verschlagenheit und Widerstand allzeit nur auf das setzen, was sie untersagt und verboten wissen.« Sechsundzwanzigstes Kapitel Wie die Weiber gewöhnlicherweise nach verbotenen Dingen trachten »Zu der Zeit«, fuhr Karpalim fort, »als ich noch Kuppler in Orleans war, hatte ich kein triftigeres Argument, um die Damen aufs Stroh und zum Liebesspiel zu bringen, als wenn ich ihnen fein bündig, kräftig und recht abscheulich vorstellte, daß ihre Männer eifersüchtig auf sie wären. Steckt ihnen dieser Glauben nur erst einmal im Kragen, dann machen sie euch, so wahr mir Gott helfe, ihre Männer unfehlbar zu Hahnreis, und wenn sie's gleich weiß nicht wie anstellen müßten.« – »In der Tat«, sprach Pantagruel, »ich hörte einmal vom Papst Johann dem Zweiundzwanzigsten erzählen, daß, als er einst durch Fonthevrault kam, ihn die Äbtissin und frommen Mütter um einen Erlaß gebeten hätten, kraft dessen sie untereinander sich selbst Beicht hören dürften, weil doch die Ordensfrauen allerhand kleine heimliche Schwachheiten an sich hätten, die sie aus Scham sich scheuten, einem männlichen Beichtiger zu verraten. Weit freier und vertraulicher würden sie sich's einander selbst unter dem Siegel der Beicht bekennen. – ›Es ist nichts in der Welt‹, versetzte der Papst, ›das ich nicht gern euch gönnte; aber bedenkt: die Beicht muß verschwiegen bleiben, und ihr Frauen bewahrtet sie schwerlich.‹ – ›Erst recht besser als ein Mann!‹ versetzten sie. – Da gab ihnen der Heilige Vater ein Schächtelchen zur Aufbewahrung, in welches er einen kleinen Hänfling hatte stecken lassen, und bat sie hoch und heilig, sein Schächtelchen an einem geheimen und sichern Ort zu verschließen; dabei versprach er ihnen auf sein päpstliches Ehrenwort, ihre Bitte zu gewähren, wenn sie's wohl verborgen hielten, und legte ihnen zugleich ein scharfes Verbot auf, daß sie's bei Strafe der Kirchenzensur und ewigen Exkommunikation in keiner Weis öffnen dürften. Kaum war das Verbot ergangen, da juckte es ihnen schon in den Fingern, zu sehn, was drin wär, und sie lauerten darauf, bis nur einmal der Papst erst weg wäre, damit sie darüber herfallen könnten. Der Heilige Vater erteilte ihnen den Segen und begab sich wieder in sein Quartier. Er war noch nicht drei Schritte von der Abtei entfernt, da rannten schon die guten Schwestern haufenweis nach dem verbotnen Schächtlein hin, um es aufzumachen und zu sehn, was drin sei. Des andern Tags besuchte sie der Papst, wie sie glaubten in der Absicht, ihnen den Erlaß zu verleihen. Eh er jedoch ein weitres Wort sprach, befahl er, ihm das Schächtlein zu bringen. Es ward gebracht, das Vöglein aber war nicht mehr drin. Da bedeutete er sie freundlich, daß es doch wohl ein allzu schweres Stück für sie sein dürfte, die Beicht zu verschweigen, da sie dies ihnen so teuer befohlene Schächtlein auch nicht ein Weilchen zu hüten vermocht hätten.« – »Um wieder auf unsern Hammel zu kommen«, sprach Panurg, »so heißt Euer Spruch aus dem Arztlatein ins Französische übertragen: ich soll nur immer keck drauf los frein und mich an keine Hörner stoßen. Das heiß ich mir mächtig schön getroffen, wie mit der Nas auf den Ärmel! Meister, ich denk', auf meinen Hochzeitstag werdet Ihr wohl anderwärts mehr zu tun haben mit Euern Kunden und werdet schwerlich erscheinen können? Ich exkusiere Euch. Es heißt ja: Der Mist kann hoch so schmierig sein, Der Salbenschmierer kniet sich drein Und fischt aus jeder Jauchenflut Vergnüglich sich sein Hab' und Gut.« »Ihr habt's nicht wohl behalten«, sprach Rundibilis, »der zweite Vers heißt: Wir sehen's uns auf Krankheit an, Doch ihr habt euer Maul daran.« »Nichts, nichts«, antwortete Panurg, »dies zieht nicht. Versäumt nicht Eure pressanteren Sachen.« Drauf ging er sacht zu ihm hin und steckte ihm, ohne ein Wort zu sagen, vier Dukaten in die Hand. Rundibilis ließ sie nicht fallen, dann sprach er wie erschrocken, ganz entrüstet zu ihm: »He, he, he! das war nicht nötig, Herr! Doch vielen Dank, wenn's halt sein muß. Von schlechten Leuten nehm' ich nie nix; von braven Menschen schlag' ich nix aus. Ich steh Euch allzeit zu Befehl.« – »Für gute Zahlung?« frug Panurg. – »Versteht sich«, antwortete Rundibilis. Siebenundzwanzigstes Kapitel Wie Stülphändsch der Philosophus die Ehestandsbedenken traktiert Nach diesen Worten sprach Pantagruel zu dem Philosophen Stülphändsch: »Nun, lieber Getreuer, ist die Lamp' aus Hand in Hand zu Euch gekommen. An Euch ist nun die Reih, zu reden. Soll Panurg freien oder nicht? – »Beides«, sprach Stülphändsch. – »Was sagt Ihr da?« frug Panurg. – »Was Ihr gehört habt«, antwortete Stülphändsch. – »Was hab' ich gehört?« frug Panurg. – »Was ich gesagt hab'«, antwortete Stülphändsch. – »Ha, ha, ha!« rief Panurg, »sind wir jetzt so weit? Ich passe ohn Trumpf. Heraus damit! Muß ich heiraten oder nicht?« – »Keins von beiden«, antwortete Stülphändsch. – »Der Teufel hol mich«, sprach Panurg, »wo ich nicht rapplig werd', und hol mich noch einmal, wo ich Euch kapier'. Wart, daß ich meine Brill hier ein wenig aufs linke Ohr ruck', ich hör' so besser.« – In diesem nämlichen Augenblick sah Pantagruel an der Saaltür den kleinen Hund des Gargantua, den er mit Namen Kyne hieß, wie des Tobiä Schoßhündlein. Da sprach er zu der ganzen Gesellschaft: »Unser König ist nicht weit, lasset uns aufstehn.« Er hatte dies Wort noch nicht ausgesprochen, als Gargantua zu ihnen in den Speisesaal trat, und jeder aufstund, ihm Reverenz zu machen. Nachdem Gargantua die ganze Versammlung liebreich begrüßt, sprach er zu ihnen: »Ich bitt' euch, liebe Freunde, tut mir die Liebe, behaltet Platz und laßt euch in euern Gesprächen nicht stören! Gebt mir einen Stuhl ans Tischende und gebt mir einen Becher, daß ich aufs Wohlsein der ganzen Gesellschaft trinke. Nun saget an, wovon sprachet ihr?« – Pantagruel erzählte ihm, wie Panurg beim Nachtisch die Frage aufgeworfen habe, ob er freien solle oder nicht; darauf hätten ihm schon Hippothadäus und Meister Rundibilis Bescheid gegeben. Jetzt aber eben hätte der getreue Stülphändsch geredet, und zwar, wie ihn Panurg frug: soll ich frein oder nicht? habe er ihm zuerst geantwortet: Beides zugleich, und nachher aber: Keins von beiden. Panurg beschwert sich nun über so verschiedene Reden und Widersprüche und schwört, daß er daraus nicht klug werde. – »Ich merk wohl«, sprach Gargantua, »die Antwort lautet fast wie die, welche einst ein alter Weiser gab, als er befragt ward, ob er das und das Weib zur Frau habe. ›Ich hab' sie‹, sagte er; ›sie aber hat mich nicht; ich besitze sie, bin nicht von ihr besessen.‹« – »Gleichen Bescheid«, sprach Pantagruel, »gab auch eine Dirne in Sparta. Man frug sie, ob sie mit Männern zu schaffen gehabt hätte. ›Niemals‹, sprach sie, ›wenn schon zuweilen die Männer mit mir.‹« – Achtundzwanzigstes Kapitel Stülphändschs fernere Antworten »Ihr redet nichts als Weisheit«, sprach Panurg, »aber mir ist, als wenn ich unten in dem finstern Brunnen säß, in dem die Wahrheit stecken soll. Ich seh keinen Stich, ich versteh nix, ich fühl mich in allen Sinnen wie zerschlagen und fürchte sehr, man hat mich behext. Jetzt soll's aber aus einem andern Ton gehen. Holla, lieber Getreuer, bekennt! Weicht nicht aus! Andre Karten her! Und laßt uns ohn Umschweife reden; diese verdrießen Euch nur, das merk' ich wohl. Wohlan dann, in des Herrn Namen! Soll ich frei'n? Stülphändsch : Es hat den Anschein. Panurg : Und wenn ich nicht frei? Stülphändsch : Seh ich dawider kein Bedenken. Panurg : Seht Ihr keins? Stülphändsch : Keins, oder mein Gesicht betrügt mich. Panurg : Und ich seh ihrer mehr denn fünfhundert. Stülphändsch : Zählt sie auf! Panurg : Nun wohl, ich kann ohne Weib nicht sein, bei allen Teufeln! Stülphändsch : Laßt den Teufel aus dem Spiel! Panurg : Nu meinethalben dann bei Gott! Denn meine Salmigundier sagen: allein, ohne Weib schlafen, heißt wie das liebe Vieh gelebt; und so meint's auch Dido in ihrem Klaglied. Stülphändsch : Wie Ihr meint. Panurg : Dürft mir's glauben! Also: soll ich frei'n? Stülphändsch : Vielleicht. Panurg : Und wird mir's auch wohl geraten? Stülphändsch : Je nachdem es fällt. Panurg : Und wenn mir's gut fällt, wie ich verhoff, werd ich dann glücklich sein? Stülphändsch : Genugsam. Panurg : Jetzt anders 'rum: und wenn es schlimm fällt? Stülphändsch : Kann ich nix zu. Panurg : Herrgott! Gebt mir doch einen Rat. Was soll ich tun? Stülphändsch : Was Ihr wollt. Panurg : Potz Donner und Wetter! Stülphändsch : Ich bitt Euch, flucht nicht! Panurg : In Gottes Namen. Nur gebt mir Rat. Was ratet Ihr mir? Stülphändsch : Nichts. Panurg : Soll ich frei'n? Stülphändsch : Ich dacht nicht dran. Panurg : Ich werd also nicht frei'n. Stülphändsch : Ich kann's nicht hindern. Panurg : Und frei ich nicht, kann ich kein Hahnrei werden? Stülphändsch : Das erwog ich eben. Panurg : Setzt den Fall, ich hätt' gefreit. Stülphändsch : Wohin soll ich ihn setzen? Panurg : Ich sag', nehmt an, ich hätt' gefreit. Stülphändsch : Da hab ich andres zu tun. Panurg : Ei! So hol Euch doch ... Hui, wer jetzt fluchen dürfte! Nun, Geduld. – Also: frei ich, so werd ich wohl zum Hahnrei? Stülphändsch : Man sollt' es denken. Panurg : Wenn aber mein Weib fromm und keusch ist, werd ich wohl nicht zum Hahnrei werden? Stülphändsch : Mir scheint, Ihr habt ganz recht. Panurg: Hört an! Stülphändsch : So lang Ihr wollt. Panurg : Wird sie auch fromm und keusch sein? Denn da sitzt's. Stülphändsch : Ich bezweifel's. Panurg : Ihr habt sie nie gesehen? Stülphändsch : Nicht daß ich wüßt'. Panurg : Warum also bezweifelt Ihr, was Ihr nicht kennt? Stülphändsch : Aus Erfahrung. Panurg : Und wenn Ihr sie kenntet? Stülphändsch : Dann noch mehr. Panurg : He, Bub! Mein Schatz, da nimm meine Mütz' und spring in den Hof und fluch für mich ein halbes Stündel. Ich will auch für dich mal wieder fluchen! – Wer aber wird mich zum Hahnrei machen? Stülphändsch : Jemand. Panurg : Nun, jemand, Schwerenot! Euch will ich hahnreien, mein Herr Jemand. Stülphändsch : Wie Ihr meint. Panurg : Der Teufel und seine Großmutter hol' mich mitsammen, wenn ich nicht meinem Weib ein Vorhängschloß anleg, so oft ich von meinem Taubenschlag geh. Stülphändsch : Redet etwas anständiger. Panurg : Verflucht! Ich scheiß aufs Reden, kommt zum Schluß. Stülphändsch : Mir ist's recht! Panurg Halt! Weil ich auf dem Weg Euch kein Blut abzapfen kann, will ich ein andre Ader probieren. Seid Ihr beweibt, oder seid Ihr's nicht? Stülphändsch : Keins von beiden, und dennoch beides. Panurg : Gott steh uns bei! Heiliger Florian, ich schwitz vor Anstrengung, mein ganzer Habitus ist durcheinandergewürfelt, vor lauter Müh', Euch zu verstehen. Stülphändsch : Geht mich nix an. Panurg : Also nochmals, lieber. Getreuer! Seid Ihr beweibt? Stülphändsch : Ich will's meinen. Panurg : War't Ihr's schon vorher einmal? Stülphändsch : Wohl möglich. Panurg : Bekam's Euch wohl, das erstemal? Stülphändsch : Ist nicht unmöglich. Panurg : Und wie bekommt's Euch zum zweitenmal? Stülphändsch : Wie Gott will. Panurg : Nicht doch! Im Ernst, bekommt's Euch wohl? Stülphändsch : Es ist wahrscheinlich. Panurg : Nun helf mir Gott und seine Heerscharen! Lieber will ich einem toten Esel einen Furz entlocken denn Euch eine Antwort. Jetzt aber fang' ich Euch dennoch. Lieber Getreuer, dem höllischen Feind zum Possen, bekennt die Wahrheit: War't Ihr je Hahnrei? Ich meine Ihr hier vor mir, nicht Ihr da drunten beim Ballspiel. Stülphändsch : Nicht, wenn es nicht vorher bestimmt war. Panurg : Beim Fleisch, ich entsag'; beim Blut, ich hör' auf, bei des Herrn Leichnam, ich verzicht! Er entwischt mir!« Bei diesen Worten erhob sich Gargantua und sprach: »Dem guten Gott sei Lob für alles. Die Welt ist, seh ich wohl, ein feiner Fant geworden, seit ich sie jung gekannt hab. Sind wir soweit? Fürwahr, hinfort wird man den Leuen leichter bei der Mähne, das Roß beim Haar, den Stier beim Horn, den Büffel bei der Schnauz, den Wolf beim Schwanz, die Geiß beim Bart, den Vogel bei den Beinen greifen, als einen solchen Philosophen bei seinen Worten und Redensarten. Gott sei mit euch, ihr guten Freunde!« – Mit diesen Worten begab er sich aus der Gesellschaft weg. Es wollten Pantagruel und die andern ihm folgen, aber er ließ es nicht zu. Nachdem Gargantua aus dem Saal war, sprach Pantagruel zu den Gästen: »Mir fehlt der Plato unsrer Ratgeber. Wo ist denn Gänszaum, unser Freund?« – Darauf erwiderte Epistemon, Gänszaum sei eben nach Schwatzenbach geladen worden, um daselbst persönlich zu erscheinen und vor den Ratsherrn Rechenschaft von einem Urteil abzulegen, das er gefällt hatte. – »Ich muß doch hören«, sprach Pantagruel, »was dies ist. Seit länger denn vierzig Jahren ist er nun Richter in Fonsbeton. Die Zeit her hat er mehr als 4000 Urteile erlassen: 2309 der von ihm gefällten Urteile sind von den leidtragenden Parteien bei dem Oberhofgericht angefochten, aber all durch Spruch desselben approbiert und bestätiget und die Berufungen umgestoßen und für nichtig erklärt worden; daß man ihn jetzt auf seine alten Tag persönlich vorlädt, ihn, der die ganze Zeit so heilig in seinem Beruf gelebt hat, kann nicht mit rechten Dingen zugehn. Ich will ihm mit aller meiner Macht nach Billigkeit beistehn; ich weiß wohl, die Bosheit der Welt ist heutzutag so mächtig, daß das beste Recht des Beistands bedarf. Ich will alsbald dazutun, daß man uns nicht zuvorkomm.« Neunundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel Panurg beredet, sein Heil bei einem Narren zu versuchen, und zwar bei Triboullet Nach Tisch, auf dem Weg in sein Gemach, sah Pantagruel Panurg, der sich ganz dämlich wie im Traum gebärdete und mit dem Kopfe wackelte, und sprach zu ihm: »Ihr kommt mir vor wie eine Maus im Pech: je mehr sie sich herausarbeiten will, desto tiefer rutscht sie in das Mus. Hört an. Ich hab' wohl öfters schon sagen hören, ein Narr könnt' einen Weisen lehren. Weil Euch nun der Weisen Bescheid nicht zufriedenstellt, beratet Euch doch mit einem Narren. Ihr wißt wohl, wie viele Fürsten, Könige und Staaten schon durch Narrenratschlag, -eingebung und -prophezeiung erhalten, wie viele Schlachten gewonnen, wie viele Zweifel erledigt worden sind. Laßt Euch nur ein Beispiel von Narrenweisheit erzählen, und zwar vom Vater Jean, dem berühmten Narren von Paris. Der Fall ist dieser: Zu Paris, in der Garküch zum kleinen Schlössel, verzehrte ein Packträger am Herd des Garkochs sein Brot beim Bratenrauch und fand es, so durchräuchert, gar lecker. Der Garkoch ließ ihn gewähren. Zuletzt, als er sein Brot nun aufgegessen, erwischte der Koch den Packträger beim Kragen und verlangte die Zahlung für seinen Rauch. Der Packträger meinte, er hätt' ihm keinen Schaden getan an seinem Fleisch, ihm von dem Seinen nichts entwendet und sei ihm also auch nichts schuldig. Der Rauch, den er bezahlt haben wolle, flög' auf und ging verloren so oder so; nie hätt' man noch in Paris erhört, daß Bratenrauch wär bezahlt worden. Der Koch entgegnete, er hätt's nicht nötig, die Packträger mit seinem Rauch zu füttern, und schwur, wenn er's ihm nicht bezahle, nehme er ihm seinen Tragriemen. Der Packträger zog seinen Knüppel und setzte sich zur Wehr. Der Zank wurde hitzig, das Pariser Maulaffenvolk drängte sich von allen Enden zu dem Streit herbei, und auch Vater Jean, der Narr und Bürger von Paris, kam wie gerufen mit dazu. Wie den der Koch sah, frug er den Packträger: ›Willst du diesen edeln Meister, den Vater Jean, unsern Zwist schlichten lassen?‹ – ›Beim Antlitz Gottes‹, sprach der Packträger, ›das will ich.‹ – Als Jean nun den Handel vernommen, befahl er dem Packträger, aus seinem Gurt ein Stück Geld zu langen. Der Packträger gab ihm einen Silbergroschen. Jean nahm ihn, legte ihn sich auf die linke Schulter, als wollt' er probieren, ob er das Gewicht habe, drauf klingelte er mit ihm in der rechten Hand, als wollt' er sehen, ob er die richtige Währung hätte; drauf hielt er ihn dicht an sein rechtes Aug, ob er auch wohl geprägt sei. All diesem schaute das Maulaffenvolk in tiefstem Schweigen, der Koch mit fester Zuversicht, der Packträger voll Verzweiflung zu. Zuletzt ließ er das Geldstück mehrmals auf den Herd aufklingen. Schließlich, mit Präsidentenmajestät, die Narrenpritschte in der Faust, als wenn es ein Zepter wär, und seine Narrenkappe von Affenpelz übers Haupt gezogen, räusperte er sich vorläufig zwei- bis dreimal laut, dann sprach er mit vernehmlicher Stimme: ›Der Gerichtshof entbeut euch, daß der Packträger, der sein Brot bei dem Rauch des Bratens verzehrt hat, den Koch zu Recht zu bezahlen habe mit dem Klang des Geldes. Und ist des hohen Gerichtshofs Befehl, ein jeder geh in sein vier Pfähl. Ohne Kosten. Von Rechts wegen!‹ Dies Urteil des Pariser Narren hat den gelehrten Doktoren so gerecht und billig, ja so erstaunenswert bedünkt, daß sie, im Fall auch der Handel selbst im Parlament oder gar vor dem Areopag entschieden worden wäre, bezweifelten, ob da gerechter erkannt worden wäre. Deshalb bedenket Euch, ob Ihr nicht auch von einem Narren Rat holen wollt.« »Bei meiner höchsten Seel! Ich will es«, antwortete Panurg; »ich spür', jetzt geht der Stuhlgang wieder! Aber, wie wir erst den feinsten Milchrahm der Weisheit zu Rat gezogen haben, möcht' ich nun auch, daß einer, der Narr im höchsten Grad ist, in unsrer Synode das Präsidium führt.« – »Triboullet«, sprach Pantagruel, »scheint mir genugsam Narr zu sein.« – »So kommt denn«, rief Panurg, »laßt uns zu ihm unverzüglich! Er steckt uns sicher ein neues Licht auf, darauf hoff ich bestimmt.« »Ich will«, versetzte Pantagruel, »auf den Termin des Gänszaum reisen. Während ich nach Schwatzenbach geh, send' ich Karpalim, daß er uns den Triboullet von Blois herbeiholt.« – Also ward Karpalim abgefertigt; Pantagruel und seine Genossen Panurg, Epistemon, Ponokrates, Bruder Jahn, Rhizotomus, Gymnastes und die übrigen begaben sich nach Schwatzenbach. Dreissigstes Kapitel Wie Pantagruel dem Termin des Richters Gänszaum beiwohnte, der die Prozesse nach dem Los der Würfel entschied Tags darauf zur bestimmten Stunde kam Pantagruel in Schwatzenbach an. Vorsitzender, Schöffen und Ratsherrn ersuchten ihn, mit hineinzugehn und die Entscheidung der Beweggründe anzuhören, die Gänszaum für sein Urteil anführen werde, das dem Zentumviralhof nicht allerwegen billig schien. Pantagruel ging gern mit ihnen. Da fand er den Gänszaum in den Schranken sitzen, wo er statt aller andern Gründe und Ausflüchte weiter nichts zur Antwort gab, als daß er alt geworden wär und nicht mehr so helle Augen hätt' wie vormals. Deshalb erkenne er die Augen der Würfel nicht mehr so deutlich wie früher, und so könne es ihm wohl passiert sein, daß er, nach Art des alten Isaak, der den Jakob in seiner Blindheit für Esau nahm, auch bei Entscheidung des fraglichen Prozesses etwa eine Vier für eine Fünf genommen hätte, zumal er sich seiner kleineren Würfel damals bedienet habe; daß aber von Rechts wegen Naturgebrechen nicht für Verbrechen zu achten seien ( ff. de re milit. l. qui cum uno ff. de reg. jur. l ), und wer ihm daraus einen Vorwurf mache, nicht den Menschen, sondern die Natur verklage ( l. maximum vitium. C. de lib. praeter ). »Was für Würfel«, frug Breitmaul, Großpräsident des Gerichtshofs, »meint Ihr, mein Freund?« – »Die Würfel des Rechts«, antwortete Gänszaum ( 26. quaest. 2 cap. sort l. nec. emptio. ). Dieselben Würfel, deren ihr andern Herren in diesem Oberlandesgericht euch für gewöhnlich selbst bedient ( not. gl. in c. fin. de. sortil. et. l. sed cum ambo ff. de jud. ). Denn es steht geschrieben, daß zur Erledigung der Prozesse und strittigen Fälle das Los gar nützlich, gut, nötig und anständig sei ( Alex. C. communia de leg. l. si duo ).« – »Und wie«, frug Breitmaul, »macht Ihr dies, Freund?« – »Ich mach's halt«, sprach Gänszaum, »wie ihr andern Herrn, und nach dem Gerichtsbrauch, welcher von uns in unsern Rechten allezeit zu beobachten ist ( ut not. extra, de consuet. c. ex litteris. et ibi Innoc. ). Hab' ich zuvor erst wohl studiert, durchwälzt, gelesen, wiedergelesen, repetieret und revidieret die Petitiones, Zitationes, Komparitiones, Informationes, Präliminaria, Produktiones, Allegationes, Intentiones, Kontradiktiones, Inquisitoria, Suppliken, Dupliken, Tripliken, Exzeptiones, Gesetz', Antizipatoria, Gravamina, Deklinatoria, Kompulsoria, Salvationes, Repetitiones, Konfrontationes, Kreuzverhör', Klagschriften, Bericht', Reskripta, Prinzipes, Evokationes, Appellationes, Rejektiones, Konklusiones, Inhibitiones, Provisoria, Läuterungsurteil, Geständnis, Rügen und mehr dergleichen Zuckerbrot und Annehmlichkeit auf beiden Seiten, wie die Pflicht des guten Richters es erheischt ( ejus quod not Spec. de ordination. ), so leg' ich in meiner Schreibstube sämtliche Akta des Beklagten auf ein End des Tisches und werf zuerst für ihn, wie ihr andern Herrn ( not. l. favorabiliores ). Wann dies geschehen, leg' ich, just wie ihr andern Herrn, des Klägers Akta aufs andre End ( opposita juxta se posita magis elucescunt ), und werfe für ihn zu gleicher Zeit auf die gleiche Weise.« »Aber woran«, frug Breitmaul, »Freund, erkennt Ihr die Dunkelheit der von den Parteien bestrittenen Rechte?« – »Wie ihr andern Herrn«, antwortete Gänszaum, »daraus, daß auf beiden Seiten viel Akta liegen. Dann nehm' ich, wie ihr andern Herrn, meine kleineren Würfel zur Hand ( Lex sempere in stipulationibus ff. de regulis juris ). Ich hab' auch noch andere große Würfel, mit denen werf' ich, wie ihr andern Herrn, wenn die Sach schon spruchreifer ist, das heißt, wenn nicht so viel Akta da sind.« – Da frug Breitmaul: »Und wie faßt Ihr das Urteil ab?« – »Wie ihr andern Herrn«, antwortete Gänszaum, »ich geb's für den ab, für den ich den höchsten Wurf getan habe. Also erfordert's unser Recht ( ff. qui pot. in pig. l. creditor. c. de consul. l. 1 ).« Einundreissigstes Kapitel Wie Gänszaum die Gründe angibt, warum er die Prozesse erst durchsähe, die er durchs Los der Würfel entschied »Ganz gut, mein Freund«, frug Breitmaul weiter; »wenn Ihr nun aber nach Los und Würfeln Eure Urteile macht, warum würfelt Ihr nicht gleich ohne weiteren Verzug am Tag und Termin, wenn die Parteien vor Euch erscheinen? Wozu braucht Ihr erst diese Schriften und all den Aktenwust?« – »Wozu ihr andern Herrn«, antwortete Gänszaum, »sie gleichfalls braucht, zu drei besondern, trefflichen Dingen. Erstens zur Form, in deren Ermangelung nichts gültig ist, was man getan hat ( Spec. 1 tit. de instr. edit. ). Zudem wißt ihr selbst am besten, wie oft in Prozessualibus Formalia die Materialien und Substanz umwerfen ( Forma mutata mutatur substantia ). Zweitens, just wie euch andern Herrn, dient mir's zu einer heilsamen und wohlanständigen Leibesbewegung. Zum Beispiel: als ich einstmals Anno 1489 bei den Herrn Schössern auf dem Rentamt ein Geldsache hatte und durch ein größeres Trinkgeld an den Türsteher hineingelangte, fand ich sie all beim Muckenspiel, das sie zu heilsamer Leibesbewegung vor oder nach Tisch trieben. Denn nota bene das Muckenspiel ist ein wohlanständiges, gesundes, altes und rechtliches Spiel ( a Musco inventore ). Die es spielen, sind vor Gericht entschuldigt ( l. 1. C. de excus. artif. lib. 10. ). Doch um mich zusammenzufassen, behaupt' ich mit euch andern Herrn, es gibt in unsrer ganzen Ratswelt kein so erlesenes Spiel als Akten kramen, Zettel heften, Seiten paginieren, Aktenständer räumen und Prozesse visieren ( ex Bart. et Joan. de Pra. in l. falsa ). Drittens erwäg' ich, wie ihr andern, daß die Zeit alle Dinge zur Reife bringt, alles durch Zeit ans Licht kommen muß, die Zeit der Wahrheit Mutter ist ( gloss. in l. 1. C. de servit, authent. de restit. ). Deshalb, wie auch ihr andern Herrn, verschieb', verspät' und vertag' ich das Urteil, daß der Prozeß, fein durchgeklaubt und klein geschrotet, im Lauf der Zeit zur Reife gedeihe. Denn wollt' man gleich auf frischer Tat so roh und grün den Spruch drauf setzen, so könnte leicht der Nachteil draus entstehn, der nach der Erfahrung der Ärzte eintritt, wenn man ein Geschwür vor der Zeit aufstechen und die bösen Säfte, ehe sie noch recht gar geworden sind, aus dem Leib abzapfen wollte ( Authent. haec constit. in Innoc. de constit. princ. ). Zudem lehrt die Natur uns, das Obst zu brechen und zu essen, wann es reif ist ( Inst. de rer. div. § is ad quem ), und die Töchter zu verehelichen, wann sie reif sind ( ff. de donat. inter. vir. et. uxor. l. cum hic status ).« Zweiunddreissigstes Kapitel Wie Gänszaum die Geschichte von dem Prozeßvergleicher erzählt »Dabei fällt mir ein«, fuhr Gänszaum fort, »wie ich noch unter dem Magister Strafgesetz die Rechte studierte, da war in Semerve einer namens Peter Bumbaum, ein respektabler Ehrenmann und braver Bauer, schon etwas bei Jahren, wohl angesehen, der, wie er sagte, den werten Mann Lateran-Konzil in seinem großen roten Hut noch wohl gekannt habe, samt dessen Weib, der guten Dame Sanktio Pragmatika in ihrem rostbraunen Atlaskleid und mit dem schweren Pfund-Paternoster von schwarzem Achat. Dieser Ehrenmann verglich euch mehr Prozesse, als jemals bei allen Gerichtshöfen Frankreichs zusammen erledigt worden sind. Alle Händel, Prozesse und Zwiste wurden nach seinem Spruch wie in oberster Instanz geschlichtet, wenn er auch kein Richter war, sondern nur ein Ehrenmann. ( Arg. in l. sed si unius. ff. de jurejur. ) In der ganzen Nachbarschaft ward kein Schwein geschlachtet, wovon er nicht Würste und Metzelsuppe erhalten hätte, und fast alle Tag war er zu Gast, zum Schmaus, zur Hochzeit, Kindtauf, Kirchgang und in der Schenk, um Vergleiche abzuschließen, wohlzumerken! Denn nie verglich er die Leute zusammen, sie hätten denn zum Zeichen der Aussöhnung, vollkommnen Eintracht und neuen Freundschaft eins miteinander getrunken ( ut not. per Doct. ff. de peric. ). Dieser treffliche Mann hatte auch einen Sohn, mit Namen Töffel Bumbaum; der wollte sich gleichfalls mit aufs Prozeßvergleichen legen, wie ihr denn wohl wißt. Der gab sich selbst den Titel ›Prozeßvergleicher‹ und war in diesem Handwerk so rührig und vigilant, daß, wie er nur irgendeinen Prozeß oder Streit im Land roch, er spornstreichs zufuhr und die Parteien vergleichen wollte. Es glückte ihm aber so schlecht damit, daß er auch nicht einen einzigen Streit zu schlichten vermochte, auch nicht den kleinsten. Anstatt die Leute zu versöhnen, verhetzte und erbitterte er sie nur ärger; denn ihr wißt wohl, ihr Herren: Schwätzen tun alle Leut, Aber nicht alle gescheit! Da klagte er einmal seinem Vater sein Leid und schob die Schuld davon auf die Verkehrtheit der Menschen. ›Mein Sohn Bumbaum‹, antwortete der Vater, ›mußt's anders machen. Hier liegt der Has just nicht im Pfeffer. Du bringst nie einen Vergleich zu Weg. Warum? Du nimmst die Händel im Anfang, wenn sie noch frisch und grasgrün sind. Ich aber, ich vergleich' sie alle. Warum? Ich nehm' sie erst am End, laß sie fein reif und zeitig werden. Weißt du nicht, was das gemeine Sprichwort sagt: Wohl dem Arzt, den man rufen läßt, wann die Krankheit zu End geht? Die Krankheit ging von selbst zur Neige, wenn auch kein Arzt dazugekommen wäre: so auch neigten sich meine Bauern von selbst zum End des Streites, denn ihr Beutel war leer. Sie ließen von selbst das Hadern und Klagen, weil sie nichts mehr im Sack hatten, mit dem sie ihren Streit weiterführen konnten. Es fehlte ihnen nur noch an einem, der gleichsam den Braut- und Mittelsmann machte, der von Vergleichung zu reden anfing und ihnen beiden die ewige Schande ersparte, daß man gesagt hätte: der hat zuerst von einem Vergleich geredet, er ist's zuerst sattgeworden, sein Recht war eben nicht das beste. Ich sag' dir, Bumbaum, mein Sohn, daß ich auf diesem Weg, wenn nicht Frieden, so doch Waffenstillstand stiften wollt' zwischen dem großen König und den Venezianern, zwischen Kaiser und Schweizern, zwischen Engländern und Schotten, zwischen dem Papst und Ferrara.‹ Dreiunddreissigstes Kapitel Wie die Prozesse zur Welt kommen und wie sie groß wachsen Deshalb wart ich nun«, fuhr Gänszaum fort, »wie ihr andern Herrn, so lang, bis der Prozeß ganz reif und gewachsen ist in allen Gliedern, das heißt in seinen Sätzen und Akten. Denn ein Prozeß, wann er zur Welt kommt, scheint mir, wie auch euch andern Herrn, unförmlich, roh und mißgestalt. Wie ein junger neugeborener Bär weder Hand noch Füße, Haut, Haar noch Haupt hat, nichts als ein roh unförmiges Stück Fleisch ist, dem die Bärin durch Lecken erst die Glieder bilden muß. Wie ihr andern Herrn, so machen auch die Schergen, Häscher, Büttel, Anwälte, Schikanierer, Prokuratoren, Kommissarien, Advokaten, Inquisitoren, Registratoren und Kanzelisten, indem sie hitzig und immerzu an den Beuteln der Kunden saugen, ihren Prozessen Köpfe, Füße, Hände, Zähne, Schnäbel, Klauen, Adern, Venen, Nerven, Muskeln und Säfte, mit einem Wort: Akten ( Gloss. de cons. d. 4, accepisti ).« »Schon recht, schon recht«, sagte Breitmaul; »doch wie, mein Freund, verfahrt Ihr in Kriminalfällen, wenn man den Schuldigen in flagranti betroffen hat?« – »Just wie ihr andern Herrn«, sprach Gänszaum. »Zu Eingang des Prozesses heiße ich den Kläger tüchtig ausschlafen, und dann wiederum vor mir erscheinen mit gutem und gültigem Schlafattest ( gloss. 37. q. 7. c. Si quis cum ). Dieser Vorgang zeugt ein neues Glied, dies wieder eins, wie aus Masche für Masche das Panzerhemd gefertigt wird. Kurz, endlich sehe ich meinen Prozeß durch Information geklärt und in allen Gliedern wohl ausgewachsen. Jetzt greif' ich wieder zur Entscheidung, zu meinen Würfeln.« Vierunddreissigstes Kapitel Wie Pantagruel den Gänszaum wegen der Würfelgeschichte entschuldigt Hiemit schwieg Gänszaum. Breitmaul hieß ihn aus dem Verhörsaal sich entfernen; darauf sprach er zu Pantagruel: »Erlauchter Prinz, nicht nur um der Verpflichtung willen, die Ihr durch Eure unzähligen Wohltaten diesem Parlament und unserm ganzen Markgrafentum auferlegt habt, sondern auch wegen Eures hohen Verstandes und reifen Urteils erfordert es die Billigkeit von uns, daß wir Euch die Entscheidung überlassen in dieser so befremdlichen, neuen und paradoxen Sache des Gänszaum, der in Eurem Beisein nach dem Ausschlag der Würfel zu richten gestanden hat. Wir ersuchen Euch demnach, hierüber zu erkennen, was Euch selbst gerecht und billig dünken wird.« Darauf antwortete Pantagruel: »Ihr Herrn, es ist, wie ihr wohl wißt, nicht meines Amtes noch Berufs, Prozesse zu entscheiden; weil ihr aber mir soviel Ehre erzeigen wollt, will ich, anstatt des Richters Amt hier zu verwalten, des Beklagten Anwalt sein. Denn ich nehme an unserm Gänszaum mehrere Eigenschaften wahr, derethalben ihm meines Erachtens in diesem Fall verziehen werden möchte. Erstens Alter, zweitens Einfalt, die, wie ihr selbst am besten wißt, nach unsern Rechten und Satzungen gar leicht für ein Vergehen Gnade und Vergebung erwirken. Drittens find' ich zu Gänszaums Gunsten in unsern Gesetzen noch einen andern Punkt erwogen: daß nämlich sein geringer Fehler versenkt werden muß in den unendlichen Ozean so vieler billiger Urteilssprüche, wie er sie während seiner Amtstätigkeit gefällt hat. Aus all diesen Gründen bitte ich euch, daß ihr für diesmal ihm verzeihn wollt, und zwar unter zwei Bedingungen: Erstens, wenn er dem durch das beanstandete Urteil geschädigten Teil Genugtuung gegeben oder dazu verpflichtet hat. Zweitens, daß ihr ihm zum Beistand in seinem Amt einen jüngeren, gelehrten, klugen, rechtschaffnen und erfahrnen Rat zugebt, mit dessen Hilfe er künftig seinen Rechtsgeschäften vorstehen soll. Und im Fall ihr ihn seines Amtes gänzlich entsetzen wollt, erbitt' ich mir ihn inständig zu freier Verfügung von euch. Ich werde der Plätze und Stellen schon genug in meinen Staaten finden, wo ich ihn hintun und brauchen kann.« Mit diesen Worten verneigte er sich vor dem ganzen Gerichtshof und ging aus den Schranken. Am Tor fand er Panurg, Bruder Jahn, Epistemon und die andern. Da stiegen sie zu Pferd und machten sich auf den Weg zu Gargantua. Unterwegs aber erzählte Pantagruel ihnen Punkt für Punkt die Geschichte von dem Gänszaumischen Rechtsverfahren. Fünfunddreissigstes Kapitel Wie Panurg bei Triboullet sich Rat holt Am sechsten Tag drauf kam Pantagruel zur selben Stunde nach Haus, als Triboullet von Blois zu Wasser angelangt war. Panurg verehrte ihm zum Willkomm eine pralle, klappernde Schweinsblase, denn es waren Erbsen darin; ferner einen hölzernen, schön vergoldeten Degen, ein Täschlein von Schildpatt, eine Korbflasch voll Bretanischen Weins und einen Korb voll Äpfel. – Triboullet schnallte den Degen und das Täschlein um, nahm die Schweinsblase in die Hand, aß die Äpfel zum Teil auf und trank den Wein ganz aus. Panurg betrachtete ihn aufmerksam und sprach: »Ich hab' noch keinen Narren gesehn, und sah sie doch schon schockweise, der nicht gern und in langen Zügen getrunken hätte.« Darauf trug er ihm in wohlgesetzten rhetorischen Reden seine Sache vor. Er war noch nicht zu End damit, da gab ihm Triboullet mit der Faust einen derben Knuff zwischen die Schultern, händigte ihm die Flasche wieder aus, benasenstüberte ihn mit der Schweinsblase und gab weiter keine Antwort von sich, als daß er, stark mit dem Kopfe schlotternd, zu ihm sprach: »Ho, ho, he, Narr wie keiner meh, dem Pfaff paß auf, tüchtig hinten drauf!« Mit diesen Worten entlief er aus der Gesellschaft, spielte mit seiner Blase und ergötzte sich an dem melodischen Schall der Erbsen. Mehr war nicht aus ihm zu bringen, und als Panurg ihn weiter fragen wollte, zog Triboullet seinen hölzernen Degen und wollt' ihn schlagen. »Wahrlich«, rief Panurg, »da sind wir schön gefahren! Ein saubrer Bescheid! Ein Narr zwar ist er, das ist nicht zu leugnen; aber noch mehr ein Narr war der, der ihn brachte; und ich der größte, der ich ihm meine Gedanken vertraut hab'.« – »Soll das auf mich gehen?« antwortete Karpalim. – »Ohn uns weiter zu ereifern«, sprach Pantagruel, »lasset uns seine Worte und Gebärden in Betracht ziehn. Darin hab' ich bedeutende Mysterien erkannt und mich befremdet jetzt weniger als ehedem, daß solche Narren bei den Türken als Propheten verehrt werden. Habt Ihr wohl acht gegeben, wie sein Haupt hin und her schlottert' und wankte, eh' er den Mund zum Reden auftat? Nach der Lehre der alten Weisen und den Wahrnehmungen der Rechtsgelehrten könnt Ihr ermessen, daß diese Unruhe durch die Inspiration des prophetischen Geistes in ihm erregt wurde, der, wenn er stürmisch in ein kleines und schwächliches Wesen fährt, es dergestalt erschüttert, daß nach ärztlicher Erfahrung die Glieder des menschlichen Leibes ein Zittern befällt, teils wegen des zu schweren Gewichts der ertragenen Last, teils wegen der Schwäche im tragenden Organ und den Kräften des Trägers. Er schilt Euch Narr. Und was für einen Narrn? ›Wie keiner mehr‹, daß Ihr Euch noch auf Eure alten Tage ins Joch des Ehstands beugen und schmiegen wollt. Er sagt Euch: ›Dem Pfaff paß auf!‹ Bei meiner Ehre, ein Pfaff wird Euch zum Hahnrei machen. Ich setz' mein Ehre zum Pfand; was Größers hätt' ich nicht, und wenn ich Erb- und unumschränkter alleiniger Herr von ganz Europa, Asien und Afrika wär. Die andern Orakel und Weisungen ernannten Euch nur schlechthin zum Hahnrei, aber besagten noch nicht deutlich, wer Euer Weib zum Ehebruch verleiten und Euch zum Hahnrei machen werde. Hier dieser edle Triboullet lehrt's. Wie! Muß Euer Ehebett durch Pfaffen besudelt und verunkeuscht werden? Weiter sagt er, Ihr würdet ›tüchtig hinten drauf kriegen!‹ Merkt weiter: wie er Euch mit der Schweinsblase nasenstüberte und einen Fauststoß auf's Rückgrat gab, da deutete er an, daß sie Euch schlagen, nasenstübern, bestehlen wird, so wie Ihr selbst die Schweinsblase erst den kleinen Kindern im Dorf gestohlen hattet.« »Im Gegenteil«, versetzte Panurg. »Nicht daß ich mich schamlos vom Narrengau lossagen wollt': bin da zu Haus, gehör« hinein, ich geb's gern zu. Die ganze Welt ist närrisch. Alles steckt voll Narren. Salomo spricht, der Narren Zahl ist unendlich. Und ein Narr wär ich wie keiner, wenn ich, als Narr, mich für närrisch nicht halten wollte. – Doch seine übrigen Worte und Gesten sind für mich. Er sagt zu meinem Weib: ›Dem Pfaff paß auf!‹ Das ist aber ein kleiner Dompfaff, an dem sie sich erlustigen wird, wie des Catullus Lesbia an ihrem Spatz; der wird Mucken fangen, mit dem wird sie sich Zeit und Weil so fröhlich vertreiben, wie noch nie. Dann sagt er: sie wird ländlich und hold sein, sie wird hinten rum was Tüchtiges haben. Wie wohl erkennt doch dieser wahrhaftige Triboullet mein Naturell und meine innersten Passionen! Denn dies beteur' ich Euch: weit lieber hab' ich die muntern Dirnen, die Schäfermaidlein im fliegenden Haar, denen der Steiß nach Heu riecht, als die vornehmsten Damen bei Hof und reichen Schlampen, parfümiert mit Bisam und Moschus. Ein treuer Narr, ein biedrer Narr! Ich bin gut für ihn. Wer Übels von ihm denkt, tut Sünde. Ich vergeb' ihm vom Grund der Seele. Er hat mich genasenstübert: das sind die kleinen Schäkerein, die ich und mein Weiblein treiben werden, wie alle jungen Eheleute tun.« Sechsunddreissigstes Kapitel Wie Pantagruel und Panurg das Orakel der göttlichen Flasche zu besuchen sich entschließen Aber einen ganz andern Punkt bedenkt Ihr nicht, und just da steckt der Knoten. Er hat mir die Flasche wieder eingehändigt. Was heißt das? Was will das sagen?« – »Vielleicht«, antwortete Pantagruel, »daß Euer Weib betrunken sein wird?« – »Im Gegenteil«, versetzte Panurg, »denn sie war leer. Ich schwör' Euch bei dem Rückenbein des heiligen Joseph: unser Triboullet der Würdige weist mich damit an die Flasche! Und hier erneuere ich mein erstes Gelübde und schwör' in Eurer Gegenwart, weder eine Brille an der Mütze noch einen Latz an der Hose zu tragen, bis ich mir das Wort der göttlichen Flasche zu meinem Vorhaben eingeholt habe. Ich hab einen klugen Mann zum Freund, der weiß genau Ort, Land und Gau, wo ihr Orakel und Tempel ist; er wird uns sicher hingeleiten. Laßt uns zusammen hin, ich fleh Euch an, schlagt mir's nicht ab. Ich werd' Euch auch der treueste Gesell auf dem ganzen Weg sein. Ich hab' Euch seit lang schon als Freund des Wanderns erkannt, und daß Ihr gern alle Tag was Neues sehen und lernen mögt. Wir werden wunderwürdige Ding sehn, traut meinem Wort.« »Ganz gern«, versetzte Pantagruel, »allein bevor wir diese weite Fahrt voll Wagnis, voll augenscheinlicher Gefahren –« »Was für Gefahren?« fiel Panurg ein. »Die Gefahren laufen von mir auf sieben Meilen in die Runde, wo ich auch sein mag; wie die Obrigkeit abtritt, wenn der Fürst kommt, wie vor der Sonne die Nacht entweicht.« – »Ehe, sag' ich«, fuhr Pantagruel fort, »wir uns auf diese Reise begeben, muß dies und jenes berichtigt sein. Erst laßt uns den Triboullet wieder gen Blois heimsenden. Zweitens bedürfen wir guten Rat und Urlaub vom König, meinem Vater. Ferner müssen wir eine Sibylle uns zum Dolmetsch und Wegweiser suchen.« – Darauf antwortete Panurg, sein Freund Xenomanes wär hierzu tauglich, und überdies gedächte er auch durch das Laternenland zu reisen und sich da mit einer weisen ersprießlichen Laterne zu versehen, die ihnen für diesen Weg das sein solle, was die Sibylle für Aeneas war auf seinem Gang in Elysium. – »Nach meiner Rechnung«, sprach Pantagruel, »werden wir eben nicht Grillen fangen unterwegs, das spür' ich schon. Es ist mir nur leid, daß ich nicht fertig Laternisch spreche.« – »Ich«, antwortete Panurg, »sprech's für euch alle, ich versteh's wie meine Muttersprache, mir ist es geläufig wies Abc: Brißmarg dalgotbric nubstzne zos Jsquebfz prusq; albok cringqs zacbac. Misbe dilbarlkz morp nipp stancz bos. Strombtz, Panurge walmap quost grufz bac. Phantasiesprache Jetzt rate, Epistemon, was das heißt.« – Epistemon antwortete: »Es sind Namen von irrenden Teufeln, von fahrenden Teufeln, von kriechenden Teufeln.« – »Wahr gesprochen, mein schöner Freund«, versetzte Panurg, »es ist die Hoflaternensprache; ich will dir unterwegs darüber ein schönes Wörterbüchel machen, das sollst du so schnell intus haben, wie ein Maß Wein.« »Bleibt also«, sprach Pantagruel, »nur übrig, daß wir den Willen des Königs, meines Vaters, hierüber hören und seine Erlaubnis dazu erbitten.« Siebenunddreissigstes Kapitel Wie Gargantua vorstellt, daß den Kindern ohn ihrer Eltern Wissen und Willen zu heiraten nicht gestattet sei Als nur Pantagruel in den großen Schloßsaal trat, fand er daselbst den guten Gargantua, der eben aus dem Staatsrat kam; er erstattete ihm summarischen Bericht von ihren Abenteuern, setzte ihm ihr Vorhaben auseinander und bat, daß sie's mit seiner Gunst und Genehmigung ausführen dürften. Der Ehrenmann Gargantua hielt zwei große Bündel erwogner Suppliken und zu erwägender Pro Memoria in den Händen, die er seinem alten Archivar gab, nahm darauf den Pantagruel beiseite und sprach mit froherer Miene als sonst zu ihm: »Mein vielgeliebter Sohn, ich danke dem Herrn, der Euch bei tugendhaften Gedanken erhält; es ist mir ganz lieb, daß Ihr die Reise vollführt, doch wollt' ich, daß Ihr nun gleichermaßen auch dran dächtet und Verlangen trügt, Euch zu vermählen. Mir bedünkt, Ihr tretet nachgerad dazu in das erforderliche Alter. Panurg hat sich genug bemüht, die Zweifel zu heben, die ihm etwa im Weg stehn möchten; sprecht jetzt für Euch.« »Grundgütiger Vater«, erwiderte ihm Pantagruel, »ich habe hieran noch nicht gedacht, sondern dies ganze Geschäft Euerm väterlichen Gebot und guten Willen anheimgestellt. Gott bitte ich, lieber tot und starr, mit Euerm Willen, Euch zu Füßen zu liegen, als jemals lebendig gegen denselben vermählt zu sein. Noch hab' ich von keinem Gesetz gehört, sei es heilig oder profan, das die Kinder ohne Zustimmung ihrer Väter, Mütter, Blutsfreunde und Sippschaft sich zu verehelichen ermächtigt; denn diese Wahl haben die Gesetzgeber insgesamt den Kindern genommen und den Eltern zuerkannt.« »Geliebter Sohn«, sprach Gargantua, »ich glaub' es Euch und danke dem Herrn, daß durch die Fenster Eurer Sinnen in Eures Geistes Wohnhaus nichts als lautere Wissenschaft Zutritt findet. Denn zu meiner Zeit gab es ein Reich, wo eine besondere Zunft duckmäuserischer Pfaffen dem Ehestand so abhold waren wie die Priester der Cybele in Phrygien, als wenn es Kapaune und nicht mutwillige, geile Hähne wären. Die haben dann den Eheleuten über die Ehe Gesetze erteilt; und ich weiß nicht, wovor man sich mehr entsetzen soll, ob vor der tyrannischen Einbildung dieser gefürchteten Duckmäuser, die innerhalb der Schranken ihrer mystischen Tempel nicht rasten können und sich in Dinge mischen, die ihrem Beruf schnurstracks zuwider und fremd sind, oder vor dem Aberglauben der dummen Eheleute, die so böse, barbarische Satzungen angenommen, ihnen Folge geleistet haben und nicht einsehn (was doch klarer ist als der Morgenstern!), wie solche Heiratsordnungen sämtlich den Vorteil der Pfaffengilde und auch nicht eine das Wohl und Frommen der Eheleute bezwecken. Denn, wie Ihr ganz richtig sagt, kein Recht auf Erden erteilt den Kindern die Freiheit, ohne ihrer Eltern Rat und Wissenschaft sich zu vermählen. Aber nach den Satzungen, von denen ich redete, ist im ganzen Gau kein Kuppler, Schelm, Schalk, Galgendieb, kein so stinkiger, müffiger, schäbiger Schnapphahn, Bandit oder Böswicht, der nicht jedes Mägdlein nehmen könnte, das ihm nur ansteht, und wenn es noch so vornehm, schön, reich, keusch und sittsam wär, wenn sich der Kuppler nur einmal erst mit einem Pfaff verständigt hat, der von dem Raub zu seiner Zeit sein Teil abkriegt. Geliebter Sohn, nach meinem Hinscheiden baue vor, daß solche Gesetze in diesem Reich nicht Eingang finden! So lang ich selbst in diesem Leib noch atme und lebe, werd' ich darauf gar wohl bedacht sein. Weil Ihr denn nun Eure Heirat mir anheimstellt, bin ich's zufrieden und will's besorgen. Schicket Euch mit Panurg zur Reise an. Nehmt Epistemon mit und Bruder Jahn und wen Ihr noch sonst erwählt. Mit meinen Schätzen schaltet nach Euerm freien Gefallen; was Ihr auch tut, es kann mir nichts mißfällig sein. Nehmt aus meinem Arsenal Gerät, soviel Ihr wollt, Piloten, Schiffsleute, Dolmetscher, Rudrer, wie Ihr wollt, und segelt aus mit gutem Wind in des behütenden Gottes Namen. In Eurer Abwesenheit werd' ich dann für Euch sowohl ein Weib beschaffen, als auch ein Fest rüsten, welches ich zu Eurer Hochzeit geben will, so stattlich als nur je eins war.« Viertes Buch Erstes Kapitel Wie Pantagruel nach dem Orakel der Göttin Bakbuk in See ging Im Monat Juni, am Tag des Vestalienfestes, dem nämlichen, an welchem Brutus Spanien bezwang und die Spanier sich unterwarfen, an welchem auch der geizige Crassus von den Parthern besiegt und getötet wurde, beurlaubte sich Pantagruel von seinem Vater, dem guten Gargantua, unter dessen heißen Gebeten für seines Sohnes und seiner Gefährten glückliche Fahrt, und ging im Hafen von Thalasse zur See, begleitet von Panurg, Bruder Jahn von Klopffleisch, Epistemon, Gymnastes, Eusthenes, Rhizotomus, Karpalim und andern alten Dienern und Hausgenossen; desgleichen auch von Xenomanes, dem großen Pilgrim und Durchkreuzer gefährlicher Wege, der auf Panurgs Erfordern etliche Tage vorher zu ihnen gestoßen war. Die Zahl der Fahrzeuge hab' ich euch im dritten Buch erzählt; alle waren wohl equipiert, kalfatert und von Pantagruel reichlich versehen. Die Versammlung sämtlicher Offiziere, Dolmetscher, Steuermänner, Hauptleute, Schiffer, Matrosen, Bootsknechte und Rudrer war auf dem Thalamegus. So hieß das große Admiralsschiff Pantagruels; am Hinterkastell führte es als Sinnbild eine große geräumige Flasche, halb aus blankem, hellpoliertem Silber, halb Gold mit Schmelzwerk. Dies zeigte an, daß Weiß und Rot die Farben der edeln Pilger waren und daß ihre Reise geradenwegs nach dem Orakel der heiligen Flasche ging. Am Hinterkastell des zweiten stand hoch aufgerichtet eine antike Laterne, aus durchsichtigem Stein geschickt verfertigt, um anzuzeigen, daß sie durch das Laternenland passieren würden. Des dritten Gallion Bild war ein schöner und tiefer Humpen von Porzellan. Das vierte trug ein güldenes Krüglein mit zwei Henkeln, wie eine antike Urne. Wieder ein anderes einen köstlichen Efeubecher in Gold getrieben, das daneben einen Humpen von feinem Jungferngold. Kein Mensch konnte so traurig, mürrisch, betrübt oder melancholisch sein, der, wenn er dies edle Schiffsgeschwader an seinen Devisen erkannte, nicht von neuem lustig geworden, frisch von der Leber weg gelacht und geschworen hätte, daß die Mannschaft drauf lauter tapfere Zecher und brave Leut sein müßten, und ihnen das sichre Prognostikon gestellt hätte, daß ihre Fahrt hin- als heimwärts gedeihlich und erfreulich vonstatten gehen würde. Auf dem Thalamegus also war aller Versammlung. Da hielt ihnen Pantagruel eine kurze und fromme Ermahnung, gespickt mit Bibelsprüchen über Seefahrt, und nach deren Endigung sprachen sie ein lautes und vernehmliches Gebet zu Gott, daß alle Leut und Bürger von Thalasse, die auf den Molo strömten, um die Einschiffung mit anzusehn, es deutlich verstehn und hören konnten. Nach Schluß des Gebets schlug man die Tafeln auf dem Verdeck auf und trug die Speisen flink herbei. Auch die Thalassier am Ufer ließen aus ihren Häusern brav Wein und Zehrung bringen, und nun tranken sie sich herüber und hinüber fleißig zu. Nach oft und fleißig wiederholtem Umtrunk ging ein jeder auf sein Schiff, und zu guter Stunde lichteten sie mit Nordostwind die Anker. Zweites Kapitel Wie Pantagruel auf dem Eiland Nirgendwo allerhand schöne Sachen kauft Diesen und die zwei folgenden Tage sahen sie weder neues Land noch sonst was Neues, denn sie waren des Wegs schon öfter gekommen. Am vierten entdeckten sie ein Eiland namens Nirgendwo, gar schön und lustig anzusehen wegen der großen Zahl hoher, marmorner Leuchttürme, womit der ganze Umkreis desselben verziert war. Pantagruel frug nach dem Landesherrn und hörte, daß es der König Philophanes war, der soeben verreist und auf der Hochzeit seines Bruders Philotheamon mit der Infantin des Königreichs Engys sei. Sie landeten also im Hafen und nahmen, derweil das Schiffsvolk Wasser lud, allerlei Schildereien, Tapeten, verschiedene Tiere, Fische, Vögel und andre ausländische fremde Kaufmannswaren in Augenschein, die auf dem Molo und in den Hafenhallen zum Kauf ausstanden. Denn es war just der dritte Tag des großen und solennen Markts daselbst, wozu alljährlich die berühmtesten und reichsten Kaufleute aus Afrika und Asien kamen. Von denen kaufte sich Bruder Jahn zwei auserlesene und rare Bilder. Auf dem einen war eines Leichenbitters Gesicht natürlich nach dem Leben gemalt; das andere war das Konterfei eines Bedienten, der einen Herrn sucht, nach allen benötigten Qualitäten, Gang, Mienen, Handstellung, Gebärden und Physiognomie. Bruder Jahn zahlte sie mit Wartegeld. Panurg kaufte ein großes Bild, nach dem weiland durch Philomele verfertigten Stickwerk gemalt, darin sie ihrer Schwester Prokne abbildete und schilderte, wie ihr Schwäher Tereus sie entjungfert und der Zunge beraubt, daß sie den Frevel nicht klagen konnte. Ich schwör' euch beim Stiel der Axt, daß es ein treffliches und wundersames Bild war. Ihr könnt's jetzt noch in Thelem sehen, es hängt im obern Gang links von der Tür. Pantagruel ließ durch Gymnast Achillens Leben und Taten kaufen in achtundsiebzig vier Klafter langen, drei Klafter breiten Gobelins, sämtlich von phrygischem Seidenstoff mit Gold- und Silberstickerei. Die Tapete fing an mit der Hochzeit Peleus' und Thetis', ging dann fort zu Achillens Geburt und dessen Jugend, zu seinen Werken und Waffentaten, Tod und Leichenbegängnis und schloß zuletzt mit der Erscheinung seines Schattens. Auch drei schöne junge Einhörner ließ er kaufen, ein männliches von Schweißfuchsfarben und zwei Weiblein, grauscheckig wie die Apfelschimmel. Drittes Kapitel Wie Pantagruel von seinem Vater Gargantua einen Brief erthielt, und auf welch sonderbare Art man aus fremden und entlegenen Ländern in kurzem Nachricht haben kann Während Pantagruel mit dem Einkauf der fremden Tiere beschäftigt war, vernahm man vom Molo her zehn Böllerschüsse und fröhlichen, lauten Zuruf von allen Schiffen. Pantagruel wandte sich nach dem Hafen und sah, daß einer von den Schnellseglern seines Vaters Gargantua angekommen war, namens Schwalbe, weil an dem Hinterteil desselben eine Meerschwalbe aus korinthischem Erz angebracht war. Dies ist ein Fisch, so groß als ein Loire-Salm, ganz fleischig, ohne Schuppen, hat knorplige Flügel nach Art der Fledermäuse, sehr lang und breit, damit ich ihn öfters klafterhoch über dem Wasser über einen Bogenschuß weit hab' fliegen sehen. So war dann auch dies Schiff so flink wie eine Schwalbe, und auf demselben war Malicorn, Marschall des Gargantua, von ihm ausdrücklich abgesandt, nach dem Befinden und Wohlergehn des guten Pantagruel, seines Sohnes, sich zu erkundigen und ihm Botschaft zu bringen. Pantagruel umarmte ihn freundlich und frug, eh er noch den Brief eröffnete, den Malicorn: »Ist Gosal mit Euch, der himmlische Bote?« – »Ja«, antwortete er, »hier unterm Tuch ist er, im Körblein.« Dies war eine Taube, aus dem Taubenschlag des Gargantua entnommen, wo sie zur Zeit der Abfahrt der Schwalbe über ihren Eiern saß. Wär dem Pantagruel nun ein Unglück zugestoßen, so hätt' er ihr eine schwarze Schnur an den Fuß gebunden; weil ihm aber alles ganz wohl und nach Wunsch ergangen war, band er ihr, nachdem er sie aus dem Tuch genommen, ein Bändlein von weißem Taft an den Fuß und ließ sie ohne weitern Verzug sogleich frei in die Luft entfliegen. Die Taube griff alsbald aus und flog mit unglaublicher Schnelligkeit dahin, so daß sie in noch nicht zwei Stunden den langen Weg durch die Luft zurücklegte, zu dem die Schwalbe mit Rudern und Segeln und steifem Wind drei Tag und drei Nächte gebraucht hatte. Wie nun der biedre Gargantua hörte, daß sie das weiße Bändlein trage, ward er fröhlich und getrost ob seines Sohnes Wohlergehen. Als der Gosal aufgeflogen war, las Pantagruel seines Vaters Gargantua Schreiben, dessen Inhalt dieser war: Vielgeliebter Sohn! Die Neigung, die ein Vater von Natur zu seinem teuern Sohn hegt, ist bei mir so hoch gestiegen, in Anbetracht und Wertschätzung der Dir nach Gottes freier Wahl verliehenen besondern Gnaden, daß sie seit Deinem Abschied mich mehr denn einmal aller andern Gedanken beraubt und mir im Herzen einige bange Furcht hinterlassen hat, es möcht' Dir etwa bei Deiner Einschiffung ein Unstern oder Trübsal begegnet sein – wie Du denn weißt, daß treuer und aufrichtiger Liebe Gefährtin allzeit die Furcht ist. Und weil nach Hesiods Ausspruch eines jeden Dinges Anfang schon die Hälfte des Ganzen ist und das Brot, wie man zu sagen pflegt, darnach gerät, wie man's in den Ofen schiebt, hab' ich sofort, um mein Gemüt von solchen Sorgen zu befreien, den Malicorn expreß gesandt, daß ich durch ihn von Deinem Befinden während der ersten Tage Deiner Reise unterrichtet würde. Denn wenn sie glücklich und nach meinen Wünschen verlief, werd' ich das Weitre dann leicht voraussehen können. Der Friede des Höchsten sei mit Dir. Grüße Panurg, Bruder Jahn, Epistemon, Xenomanes, Gymnasten und Deine andern Treuen, meine guten lieben Freunde. In Deinem väterlichen Haus, am 13. Juni. Dein Vater und Freund Gargantua Viertes Kapitel Wie Pantagruel seinem Vater Gargantua antwortet und ihm allerhand schöne und rare Sachen schickt Nach Lesung des Briefs besprach Pantagruel mit dem Marschall Malicorn allerlei und blieb mit ihm so lang zusammen, bis Panurg ihm in die Rede fiel und frug: »Und wann trinket Ihr? Wann trinken wir? Wann trinkt der Herr Marschall? Habt Ihr noch nicht genug gesprochen für den Durst?« – »Wohl gesprochen!« antwortete Pantagruel; »laßt hier im Wirtshaus nebenan, zum Reitenden Satyr, den Imbiß rüsten.« – Unterdessen setzte er sich und schrieb dem Boten die Depesche an Gargantua wie folgt: Grundgütiger Vater! Wie bei jedem unverhofften, unvorgesehenen Ereignis in diesem flüchtigen Erdenleben unsre Sinne gewaltsamer und lähmender erschüttert werden, als wenn man sie zuvorbedacht und erwartet hat, so hat mich auch die unvermutete Erscheinung Eures Marschalls Malicorn höchlich erschüttert und bestürzt, da ich weder einen Eurer Diener zu sehen noch von Euch Nachricht vor Beendigung unsrer Reise zu hören vermeinte. Weil Ihr aber durch die Wohltat Eures gnädigen Schreibens mir nun zuvorgekommen seid, tut es mir jetzt not, was ich seither freiwillig tat, nämlich den höchsten Erhalter zu preisen, daß er Euch durch seine göttliche Güte so lang bei so vollkommnem Wohlsein erhalten hat, und dann Euch nun und immerdar zu danken für diese Eure heiße und herzinnige Liebe zu mir, Euerm treuergebenen Sohn und unnützen Diener. Im übrigen heg' ich das Vertrauen in den Beistand unsers Herren, daß das Ende von unsrer Fahrt dem guten Anfang entsprechen und alles fröhlich und gesund vollbracht werden wird. Ich werde auch nicht ermangeln, den ganzen Verlauf der Reise in Tagebücher einzutragen, damit Ihr einst den treulichen Bericht davon bei unsrer Heimkunft lesen könnt. Ich hab' hier einen Scythischen Taranden gefunden, ein fremdes Tier und darum wunderbar, weil es die Farbe des Felles und des Haares verändert, je nachdem ihm etwas Farbiges nahe kommt. Laßt Euch denselben wohlgefallen. Er ist so handlich und leicht zu füttern als ein Lamm. Ich send' Euch desgleichen drei junge Einhörner, kirrer und zahmer als kleine Kätzlein. Ich hab' schon mit dem Boten gesprochen und ihm die Art und Weise gezeigt, wie man sie halten muß. Sie weiden nicht von der Erde, ihr langes Horn an der Stirn verhindert sie, darum ist es nötig, daß sie von Obstbäumen oder aus Raufen fressen, oder auch aus der Hand, Getreide, Kraut, Äpfel, Birnen, Gersten, Dinkel, kurz alle Arten Früchte und Gemüse. Mich wundert's, wieso unsre alten Autoren sie für so wild, unbändig und gefährlich ausschrein konnten. Ihr werdet leicht an ihnen das Gegenteil ausproben und sehen, daß es die artigsten Tiere der Welt sind, wenn man nur nicht sie böslich reizet. Ich send' Euch desgleichen Achilles' Leben und Taten auf schönen, künstlichen Tapeten und versprech' Euch fest, was ich auf unsrer ganzen Fahrt an Tieren, Pflanzen, Vögeln, Steinen nur Neues finden und kriegen kann, mit unsers Herrgotts Hilf Euch mitzubringen. Nirgendwo, am 15. Juni. Panurg, Bruder Jahn, Epistemon, Xenomanes, Gymnastes, Rhizotomus, Karpalim, Eusthenes grüßen, nebst untertänigem Handkuß, Euch hunderttausendmal wieder. Euer gehorsamer Sohn und Diener Pantagruel Nachdem der Brief beschlossen war, bankettierte Pantagruel mit dem Marschall und verehrte ihm eine schwere goldene Kette, achthundert Taler wert, an welcher je das siebente Glied mit großen Diamanten, Rubinen, Smaragden, Türkisen und Perlen wechselweis besetzt war. Jedem seiner Schiffsleute ließ er fünfhundert Sonnentaler reichen. Seinem Vater Gargantua schickt' er den Taranden, geschmückt mit einer goldgestickten Decke von Atlas, nebst den Teppichen mit des Achilles' Leben und Taten, und den drei Einhörnern. Darnach fuhren sie ab von Nirgendwo, Malicorn heim zu Gargantua, Pantagruel auf seiner Route weiter. Fünftes Kapitel Wie Pantagruel auf ein Schiff mit Reisenden traf, die aus dem Laternenland kamen Am fünften Tag, als wir uns schon sacht um den Pol vom Äquator abwärts zu drehn begannen, entdeckten wir ein Handelsschiff, das auf uns zukam. Die Freude war nicht gering, sowohl bei uns als bei den Handelsleuten – bei uns, daß wir vom Meer, bei ihnen, daß sie vom Festland Nachricht erhielten. Als wir zusammenkamen, sahn wir, daß es Südfranzosen waren. Aus dem Gespräch und Verkehr mit ihnen erfuhr Pantagruel, sie kämen aus dem Laternenland; da war er, wie auch die ganze Schiffsmannschaft, noch einmal so froh. Denn auf unsre Erkundigungen nach dem Land und Sitten des Laternenvolks ward uns gemeldet, daß Ende nächsten Juli das laternische Generalkapitel anberaumt wäre, und wenn wir alsdann dorthin kämen, wir eine schöne, würdige und lustige Laternengesellschaft vorfinden würden; man träf' dazu schon große Anstalten, als wenn man recht aus dem Grund laternen wollte. Ferner teilten sie uns mit, daß, wenn wir das große Königreich Gebarim passierten, uns der Herr desselben, König Ohabé, stattlich empfangen und pflegen werde; denn er nebst seinem ganzen Volk sprächen französisch, und zwar Tourainer Mundart. Während wir dies noch erkundigten, bekam Panurg mit einem Kaufmann, namens Zinshahn aus Taillebourg, Streit. Der Anlaß war folgender. Wie dieser Zinshahn den Panurg ohne Hosenlatz und mit der Brille an der Mütz sah, sagte er zu seinen Gefährten: »Schaut mal die saubre Hahnreifratz!« – Panurg, der wegen seiner Brille weit leiser denn gewöhnlich hörte, frug, als er diese Worte vernahm, den Handelsmann: »Wie Teufel soll ich Hahnrei sein, der ich noch nicht einmal ein Weib hab, wie du's hast? Denn das seh ich schon an deinem ungewaschnen Maul.« »Wohl«, sprach der Kaufmann, »hab' ich eins, und gäb's nit hin für alle Brillen in ganz Europa, und nicht um die Lupen von Afrika. Denn, mit Verlaub, ich hab' eins der allerschönsten, bravsten und züchtigsten Weiber im ganzen Ort. Ich bing' ihr auch von meiner Reise einen schönen roten, elf Zoll langen Korallenzinken zum heiligen Christ mit. Was schiert's dich? Worein mengst du dich? Wer bist du? Woher kommst du? Wenn du von Gott bist, so gib Antwort, du saubrer Brillenaffe.« »Ich frag' dich«, sprach Panurg, »wenn ich mit Fug und Übereinstimmung der vier Elemente jetzt dein so schönes, braves und züchtiges Weiblein schickschackuranzirapunzuliert hätte, so daß ihr der steife Gartengott Priapus, der hie frank und frei, von keinem Recht gefesselt, wohnt, so unglückseligerweise im Leib säß', daß er nicht wankt' und nicht wich und auf ewig drin bleiben müßt' wo du ihn nicht mit den Zähnen auszögst – was tätest du? Ließest ihn drinnen ewiglich? Wie? Oder zögest ihn heraus mit scharfem Zahn? Gib Antwort, o du islamitischer Hammel, der du von allen Teufeln bist!« – »Ich gäb dir«, antwortete ihm der Kaufmann, »einen Schwertstreich auf dein bebrilltes Ohr und schlüg dich, wie einen Hammel, tot.« – Damit griff er zu seinem Schwert. Allein er brachte es nicht vom Leder, wie ihr wohl wißt, daß alles Eisen zur See leicht Rost ansetzt, von wegen der vielen salzigen Feuchtigkeit. Panurg floh zu Pantagruel, aber Bruder Jahn zog seinen frischgewetzten Bangel und hätte den Kaufmann grimmig erschlagen, wenn nicht der Schiffspatron und die andern Passagiere Pantagruel gebeten hätten, auf seinem Schiff keinen Skandal zu gestatten. So ward ihr Zwist denn bald gestillt, Panurg und der Kaufmann schüttelten sich die Hände und tranken sich zum Zeichen vollkommener Sühne einen Ganzen zu. Sechstes Kapitel Wie nach des Streites Beilegung Panurg mit Zinshahn um einen Hammel feilscht Nachdem der Streit schon beigelegt war, sprach Panurg heimlich zu Epistemon und Bruder Jahn: »Geht ein wenig auf die Seite und paßt auf, was ich anstelle. Es gibt einen guten Schwank, wenn der Strick nicht reißt.« Damit ging er zu dem Kaufmann und brachte ihm noch einen Humpen voll guten Laternenweins. Dann bat Panurg ihn devotest, ihm doch, um Gunst, einen seiner Hammel abzulassen. Der Kaufmann antwortete: »Ei, ei, mein Freund, Herr Nachbar, wie Ihr doch arme Leut so zum Narren halten könnt! Ihr seid mir traun ein feiner Kunde! Seh eins den wackern Hammelkäufer. Weiß der Teufel! Mehr wie ein Beutelschneider als ein Hammelkäufer schaut Ihr mir aus. He, he, he, wer Euch nicht kennte, dem gäbt Ihr's schön zu raten auf. Schaut ihn nur an, ihr lieben Leut, ob er nicht tut wie so ein Lügenschreiber!« »Sacht, sacht, nur sacht«, antwortete Panurg, »doch, wie ich sag', verkauft mir aus besonderer Gunst einen Eurer Hammel. Was kost' das Stück?« – »Was«, spricht der Kaufmann, »denkt Ihr, mein Freund, Herr Nachbar? Dies sind Langwollenhammel; von denen ist der Goldene Vliesorden entsprungen. Levantische Hammel, Hochstammhammel! Schmeerbauchhammel!« – »Wohl«, sprach Panurg; »allein, um Gunst, verkauft mir einen. Ich zahl' Euch bar und dafür in Geld von zu Haus. Was kost' das Stück?« »Mein Freund, Herr Nachbar«, antwortete der Kaufmann, »horcht mal ein wenig auf, da drüben mit Euerm andern Ohr.« Panurg: Zu dienen. Der Kaufmann: Ihr reiset nach Laternenland? Panurg: Ja. Der Kaufmann: Und Ihr wollt die Welt sehn? Panurg: Ja. Der Kaufmann: Mit Pläsier? Panurg: Ja. Der Kaufmann: Hans Schöps ist, glaub' ich, Euer Name? Panurg: Wenn's Euch beliebt. Der Kaufmann: Nichts für ungut. Panurg: Ich mein's auch so. Der Kaufmann: Ihr seid, glaub' ich, des Königs Hofnarr? Panurg: Ja. Der Kaufmann: Ha, ha! Schlagt ein. Ihr reist also, um die Welt zu sehen, Ihr seid des Königs Hofnarr, Euer Name ist Hans Schöps. Seht mal den Schöps da: er heißt just Hans, wie Ihr; Hans, Hans, Hans, Hans, bäh, bäh, bäh, bäh! Was für eine schöne Stimme! Panurg: Gar schön und lieblich! Der Kaufmann: Hört den Pakt an, Herr Freund und Nachbar, den wir zusammen schließen wollen. Ihr, der Ihr Hans Schöps seid, stellt Euch hier in die Waagschale; mein Hans Schöps da in die andre; ich wett' einhundert echte Austern: mit seinem Gewicht, Wert und Gehalt schnellt er Euch flugs so hoch und schnell in die Höh, als Ihr am Galgen einst hängen und baumeln werdet! »Sacht«, sprach Panurg, »nur sacht. Tut's mir und Euren Erben zu Gefallen und verkauft mir den oder einen kleineren, Euer Gestrenger.« – »Mein Freund, Herr Nachbar«, sprach der Kaufmann, »aus diesen Hammelfellen macht man das feine Tuch von Rouen. Aus der Haut macht man den schönen Saffian, den man für türkischen verkauft. Aus den Därmen dreht man die Geigen- und Harfensaiten, und die kommen Euch so hoch zu stehn wie die Münchner. Wo denkt Ihr hin?« – »Wenn's Euch beliebt, verkauft mir einen«, sprach Panurg. »Will dafür stets Euch verbunden sein. Schaut her, hier ist bar Geld. Wie teuer?« Und damit wies er ihm sein Täschlein voll neuer Dukaten. Siebtes Kapitel Panurgs fernerer Handel mit Zinshahn »Mein Freund, Herr Nachbar«, antwortete der Kaufmann, »meine Hammel sind nur für Könige und Fürsten. Ihr Fleisch ist so auserlesen saftig, zart und delikat, daß es ein wahrer Balsam ist. Auch bring' ich sie aus einem Land, wo, Gott verzeih mir's, die Schweine nichts als Muskatnüsse fressen, die Säue im Kindbett (mit Erlaubnis der Herrn) mit eitel Pommeranzenblüte gefüttert werden.« – »Doch«, sprach Panurg, »verkauft mir einen; und ich zahl' ihn Euch königlich, auf Bauernwort. Wie teuer?« – »Mein Freund, Herr Nachbar«, antwortete der Kaufmann, »es sind die leiblichen Enkel desjenigen, der Phrixus und Helle weiland durchs Hellespontische Meer trug.« – »Blitz!« rief Panurg, »Ihr seid am End gar ein Studierter?« »Was ich sagen wollt'«, sprach der Kaufmann, »überall wo meine Hammel aufs Feld hinbrunzen, wächst das Korn so hoch, als wenn der liebe Gott es selbst getan hätte, und weder Mist noch Jauche braucht's da. Ja noch mehr: aus ihrem Harn ziehn die Destillierer den allerbesten Salpeter der Welt. Mit ihrem Mist, wenn ich so sagen darf, kurieren die Ärzte bei uns zu Haus über achtundsiebzig Krankheitsarten! Wo denkt Ihr hin, Herr Freund und Nachbar? Und wie hoch sie mich zu stehen kommen.« »Hoch hin, hoch her«, versetzte Panurg, »es gilt schon; nur verkauft mir einen für gute Zahlung.« – »Mein Freund, Herr Nachbar«, sprach der Kaufmann, »bedenkt ein wenig, was für Wunder der Natur in diesem Vieh, wie Ihr's da seht, verborgen sind, und in einem Glied, das Ihr wohl gar für unnütz hieltet. Nehmt nur die Hörner da, stampft sie ein wenig mit einem eisernen Stößel oder mit einem Feuerbock; vergrabt sie dann im Sonnenschein, wohin Ihr wollt, und begießt sie fleißig: in wenig Monden habt Ihr den schönsten Spargel der Welt! Sagt an, wo habt Ihr Herren Hahnreis in Euern Hörnern wohl solche Tugend und Wunderkraft?« »Nur sacht«, antwortete Panurg, »und macht ein End.« – »Und wie erst«, fuhr der Kaufmann fort, »mein Freund, Herr Nachbar, werd ich Euch die innern Teile nach Würden preisen! Den Bug, die Schlägel, die Keulen, die Fettseite, Brust, Leber, Milz, Kutteln, Blase, womit man Ballen spielt, die Rippen, den Kopf, daraus man, mit ein wenig Schwefel, den wunderkräftigen Absud kocht, um hartleibige Jagdhunde abzuführen?« »Ei Quark, Quark!« fiel der Schiffspatron dem Kaufmann in das Wort, »dies heißt zu lang um den Brei herumgelaufen! Wenn du willst, verkaufs ihm, oder halt ihn nicht länger zum Narren.« – »Ich will's«, antwortete der Kaufmann, »Euch zulieb. Doch soll er drei Pfund fürs Stück bezahlen, und hat die Wahl frei.« – »Dies ist sehr teuer«, sprach Panurg. »Bei mir zu Haus krieg' ich wohl fünf bis sechs für das Geld. Seht wohl zu, ob's nicht zu viel ist! Denn Ihr wäret der erste auch nicht von meinen Bekannten, der, weil er allzu jählings reich und feist werden wollte, hinterrücks in Armut fiel, ja wohl mitunter den Hals brach.« – »Daß dich Gotts Marter schänd!« schrie hier der Kaufmann, »grober Bauer, Narr, der du bist; beim heiligen Nastuch der Veronika, der kleinste Hammel von denen da ist viermal mehr wert als der beste bei dir zu Haus.« »Großwürdigster«, antwortete Panurg, »Ihr erhitzt Euch in Euerm Zorn, soviel ich seh und spüren kann. Wohlan, nehmt hin, hier ist das Geld.« – Nachdem Panurg den Kaufmann bezahlt hatte, erkor er aus der ganzen Herde einen schönen und großen Hammel und trug ihn schreiend und blökend davon, daß all die andern ihn blöken hörten und gleichfalls wieder blökend zusahn, wohin man ihren Kamerad trage. Unterdessen sprach der Kaufmann zu seinen Hirten: »Ei, wie schlau der Kunde gewählt hat! Er versteht sich mein Treu darauf, der Hurensohn. Bei meiner Seel, gerade den dachte ich dem Herrn von Cancale zu. Der ist nie froher und aufgeräumter, als wenn er euch eine Hammelkeule in der linken Hand fein leicht und maulrecht schwenken kann wie eine Ballpritsche; gebt ihm dazu ein scharfes Messer, und Gott weiß, wie er alsdann losschleckert.« Achtes Kapitel Wie Panurg den Kaufmann samt seinen Hammeln im Meer ersäuft Auf einmal, ich weiß selbst nicht wie, die Sache ging fix, ich konnte so schnell nicht Achtung geben, schmeißt Panurg, ohne ein Wort zu sagen, seinen schreienden, blökenden Hammel Knall und Fall ins hohe Meer. Die andern Hammel, all miteinander, schreiend und blökend wie aus einem Maul, ihm nach, und schnurgerad ins Meer. Es war ein Drängen um die Wette, wer seinem Kameraden als erster nachspräng'. An ein Aufhalten war nicht zu denken! Denn ihr kennt ja der Hammel Art, daß sie stets ihrem Vordermann, wohin er geht, nachlaufen und treten. Auch nennt sie Aristoteles mit Recht das dümmste und albernste Tier der Welt. Der Kaufmann, ganz bestürzt, sein Vieh vor seinen Augen untergehn und ersaufen zu sehen, sputete sich aus aller Macht, um es zu verhindern und aufzuhalten; aber umsonst. Sie sprangen all schnurstracks ins Meer und ertranken. Endlich erwischte er noch einen der größten und stärksten Hammel beim Fell, auf dem Verdeck des Schiffs, in der Hoffnung, ihn zu halten und mit ihm auch den Rest zu retten. Aber der Hammel war so mächtig, daß er den Kaufmann mit sich ins Meer riß. Die andern Hirten und Schafknechte versuchten's gleich ihm, hingen sich, wie's kam, teils an die Hörner, Beine und Felle an, wurden desselbengleichen alle mit in das Meer hinabgerissen und ersoffen elendiglich. Panurg hatte ein Ruder ergriffen, nicht etwa um den Hirten herauszuhelfen, sondern um sie vom Schiff abzuhalten, daß sie nicht in die Höh dran klettern und dem Schiffbruch entrinnen könnten. Da predigte er ihnen mit viel rhetorischer Kunst vom Elend dieser Welt und vom Glück und Heil des ewigen Lebens, pries auch die Toten weit seliger denn die Lebendigen hienieden in diesem Jammertal, und versprach, jedem von ihnen ein schönes Ehrenbegräbnis zu baun hoch oben auf dem Cenis-Berg, bei seiner Heimkunft aus Laternien. Sollten sie jedoch das Zeitliche noch nicht verschmähen und das Ersaufen beschwerlich finden, so wünschte er ihnen viel Glück und einen Walfisch, der sie wie den Propheten Jonas nach drei Tagen frisch und gesund an irgendein Milch- und Honigland ausspeien möge. Neuntes Kapitel Wie Pantagruel auf das Eiland Plattnasien kam, und von sonderbaren Verwandtschaften in diesem Land Zephyr mit einem kleinen Beisatz von Südwest blieb uns getreu, und so fuhren wir einen Tag, ohne Land zu sehn. Am dritten Tag erblickten wir ein dreieckiges Eiland, das seiner Gestalt und Lage nach fast Sizilien glich; man nannte es das Verwandtschaftseiland. Die Männer, Weiber und Kinder, die da wohnen, haben alle Nasen, die wie ein Treff-As gestaltet sind. Aus dieser Ursache war des Eilands alter Name Plattnasien; und alle waren, wie sie sich rühmten, untereinander versippt und verwandt. Ihre Freundschaft und Verwandschaft war aber von ganz besondrer Art. Denn obwohl sie alle miteinander verwandt und befreundet waren, sahn wir bei ihnen doch weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester, Vettern noch Neffen, Ohm noch Base, Schwieger noch Eidam, Patenkinder noch Paten. Ausgenommen einen alten, baumhohen Plattnasier, der wirklich ein kleines Dirnlein von drei, vier Jahren ›Papa‹ nannte, und das Dirnlein nannte ihn ›meine Tochter‹. Die Sipp- und Verwandtschaft unter ihnen bestand darin, daß einer zu einem Weib sprach: »Mein Magerfisch«, das Weibsbild nannt' ihn: »Mein Kabeljau.« – Einer rief eine dralle Jungfer mit lachendem Mund an: »Guten Tag, mein Fuchsschwanz!« Sie grüßte ihn wieder und sprach: »Schön Dank, mein Striegel.« – »He, he, he«, rief Panurg, »seht da einen Striegel, einen Fuchs und einen Schwanz! Heißt dies nicht den Fuchsschwanz striegeln? Dies Fuchsschwänzlein mit dem schwarzen Streifen mag wohl fleißig gestriegelt werden.« – Ein andrer grüßte seinen Schatz und sprach: »Behüt dich Gott, o mein Kanzlei!« Sie antwortete ihm: »Dich auch, mein Prozeß.« – »Nun, bei Sankt Aktuarius«, sprach Gymnastes, »dieser Prozeß liegt auch wohl oft auf dieser Kanzlei.« – Einer nannte eine andre mein Kalb, sie ihn ihr Fell. – »Die laufen brav dem Kalbsfell nach«, sprach Epistemon. – Ein andrer grüßte seine Anverwandte und sprach: »Schönen Tag, mein Beil!« Sie antwortete: »Glück zu, mein Stiel.« – »Potz Puff!« schrie Karpalim, »wie doch dies Beil so schön verstielt, wie dieser Stiel so wohl verbeilt ist!« Ich kam weiter und sah einen Stromer, der grüßte seine Anverwandtin und hieß sie eine Matratze; sie ihn ihr Bettuch. In der Tat sah er einem ungewaschenen Bettuch ähnlich. Ein andrer grüßte die Seine und sprach: »Gott helf dir, meine Schale!« Sie antwortete ihm: »Dir auch, meine Auster.« – »Der ist also die Auster in der Schale«, sprach Karpalim. – Ein andrer großer Strolch kam auf großen Holzpantoffeln einher getrabt, begegnete einer kurzen, dicken, derben Dirn und sprach zu ihr: »Gott tröste dich, mein Kreisel.« Sie antwortete ihm ganz schnippisch: »Trost um Trost, meine Peitsche.« – »Potztausend!«, rief Xenomanes, »ist er auch die Peitsche darnach, um den Kreisel zu treiben?« Ein andrer nannte die Seinige: mein Korb; sie ihn ihren Hahn. Da dachte ich, daß dieser Hahn wohl auch gern Hahn in diesem Korb wär. Nachdem wir des Eilands Lage und der Plattnasier Sitten fleißig betrachtet hatten, traten wir in ein Wirtshaus ein, um uns ein wenig zu restaurieren. Da hielt man just Hochzeit nach Landesart, wobei eben nicht sehr gedurstet wurde. Da kopulierten sie in unserm Beisein gar lustig eine Birne, ein stattliches Frauenzimmer unsers Bedünkens (wiewohl die, welche von ihr gekostet hatten, meinten, daß sie schon etwas teigig wär), mit einem jungen, milchbärtigen Käs; sein Haar fiel etwas ins Rötliche. In einer andern Stube sah ich einen jungen Pantoffel eine alte Latsche heiraten, und man sagte uns, er tät es nicht um ihrer Schönheit oder Anmut willen, sondern aus Geiz und Lüsternheit nach ihren Batzen, womit sie über und über kontrapunktiert sei. Zehntes Kapitel Wie Pantagruel auf der Insel Cheli landete, wo Sankt Panigon König war Der Südwest blies uns auf die hohe See, und wir ließen diese fade Vetternwirtschaft mit ihren Treff-As-Nasen und fuhren weiter. Mit sinkender Sonne ankerten wir an der Insel Cheli, einem großen, reichen, bevölkerten, fruchtbaren Eiland, wo Sankt Panigon König war. Der hatte sich, begleitet von seinen Kindern und den Prinzen des Hofs, zum Empfang Pantagruels bis an den Hafen begeben und führte ihn in seine Burg. Am Burgtor stand die Königin mit ihren Töchtern und Ehrendamen. Panigon wollte, daß sie nebst ihrer ganzen Gefolgschaft Pantagruel samt seinen Leuten küssen sollte; denn dies war des Landes höfischer Brauch; es geschah auch pünktlich, ausgenommen mit Bruder Jahn, der sich drückte und unter des Königs Gesind verlor. Panigon wollt' inständiglich Pantagruel diesen Tag und den folgenden bei sich behalten. Pantagruel aber redete sich aufs heitere Wetter und die Gunst des Windes aus, den sich der Schiffer öfter wünscht, als habhaft wird, und wann er kommt, benutzen muß, da er nicht stets und jederzeit kommt, wenn man ihn braucht. Auf diese Vorstellungen hin entließ uns Panigon, nachdem wir noch an fünfundzwanzig- bis dreißigmal uns die Kehlen genetzet hatten. Wie nun Pantagruel im Hafen den Bruder Jahn nicht sah, frug er, wo er wär, und warum er nicht mit den andern käm. Panurg wußte nicht, womit er ihn entschuldigen sollte, und wollte ins Schloß zurück, um ihn zu holen, als Bruder Jahn ganz wohlgemut gesprungen kam und voller Freuden »Juchhe!« rief, »Vivat hoch! Es lebe der edle König Panigon! Potz Sackerdamm, der hält auf Küche! Ich komm' draus her, da wird nicht gespart! Ich dachte, ich wollt' mir da einmal meinen werten Bauch recht pfäffisch polstern.« – »Ei, ei, mein Freund! Stets in der Küche«, ermahnte ihn Pantagruel. – »Potz Hahn und Henne!« antwortete Jahn, »da versteh ich mehr davon, als so mit diesen Weibsen zu scharmieren, Lirum Larum Löffelstiel, und hätschel tätschel und Reverenz und Scherliwenz, ich küß Eur Gnaden, ich küß Eur Majestät die Hand, geruhen Majestät! Ei papperlapapp! Hui, ich sag' drum nicht, daß ich nicht auch mal nach meiner bäurischen Manier ein Maul voll mitnähm, wenn sich's gerade schickt; allein der Kratzfuß-Schnickschnack ärgert mich mehr als ein saurer Schluck! Ja zum Teufel, warum verfügen wir unsre Gefühle nicht lieber zur edeln Gottesküche und betrachten allda den Schwung der Bratspieße, die Harmonie der Bratenwender, das Wunder der Spicknadel, die Temperatur der Tunken, Rüstung zum Nachtisch und Ordnung des ganzen, herrlichen Küchenkultus? Selig sind, die unterwegs sich nicht beflecken. Dies sind mein Seel die wahren Gebetsprüchlein!« Elftes Kapitel Warum die Mönche gern in der Küche sind »Das nenne ich doch«, sprach Epistemon, »recht wie ein echter Mönch geredet. Du erinnerst mich wieder an lustige Dinge, die ich vor etwa zwölf Jahren in Florenz gesehn und gehört hab'. Wir waren ein stattliches Häuflein lernbegieriger Leute, gern in fremden Ländern, und auf die welschen Gelehrten, Raritäten und Altertümer versessen. Wir beschauten uns eben aufmerksam die schöne Lage und Pracht von Florenz, den Bau des Doms, die herrlichen Tempel und stolzen Paläste und kamen dabei in einen Wettstreit untereinander, wer sie durch würdige Lobsprüche am besten erheben könne, als uns ein Mönch aus Amiens, namens Bernard Dickwanst, ganz verdrießlich und muckisch zur Rede stellte: ›Ich weiß doch‹, sprach er, ›beim Teufel nicht, was ihr da groß zu rühmen findet. Hab' mir's so gut wie ihr beschaut und bin nicht blinder als ihr geboren, und was ist's denn eigentlich? Schöne Häuser sind's; das ist alles. Aber Gott und unser werter Herr Schutzpatron Sankt Bernard helf uns, wenn ich in dieser ganzen Stadt auch nur eine einzige Garküche gesehn habe! Ich hab' mich doch fleißig umgeschaut, wohl aufgepaßt, recht wie ein Spion bald links bald rechts herumgelugt, und hab' zählen wollen, wie viele Bratspieße und auf welcher Seit die meisten wir wohl finden würden. In Amiens, auf einem vier-, ja dreimal kürzern Weg, als wir ihn jetzt durchlaufen haben, hätt' ich euch über vierzehn der ältesten, würzigsten Küchen zeigen wollen. Ich weiß nicht, was für Spaß euch's macht, die Löwen dort bei dem Wartturm anzuschaun. Meine Treu, ihr Kunstfexe, lieber säh ich eine gute, feiste Gans am Spieß. Porphyr und Marmel sind ja schön; ich schelt sie nicht; allein nach meinem Schmack weit besser sind doch die Butterbrezeln von Amiens. Diese antikischen Statuen sind wohlgemacht, will's glauben; aber, bei allen Heiligen, die jungen Dirnlein bei uns zu Haus sind tausendmal zutunlicher.‹« »Was es nur heißt und sagen will«, frug Bruder Jahn, »daß ihr die Mönche allzeit in der Küche trefft, und niemals Könige, Päpste oder Kaiser?« »Ich will euch«, versetzte Pantagruel, »etwas erzählen, ohn mich weiter auf dies Problem einzulassen. Ich entsinn mich, gelesen zu haben, wie eines Tages Antigonus, der König von Mazedonien, als er in seine Feldküche kam, dort den Poeten Antagoras fand, der einen Meeraal schmorte und selbst die Schmorpfanne dazu hielt. Da frug er ihn mit aller Freundlichkeit, ob auch Homer wohl, als er die Taten Agamemnons beschrieb, Meeraal geschmort hätte? ›Und du‹, antwortete Antagoras dem König, ›meinst du denn auch, daß Agamemnon, als er die Taten ausführte, neugierig nachfrug, ob einer in seinem Lager Aal schmort?‹ – Dem König dünkte es nicht wohlanständig, daß der Poet in seiner Küche kochte, und der Poet verwies es ihm als noch weit ungebührlicher, wenn man den König in der Küche fände.« »Jetzt aber hört«, sprach Panurg, »was einst Breton Villandry dem Herrn Herzog von Guise antwortete. Sie sprachen eben von einer Feldschlacht König Franzens mit Kaiser Karl dem Fünften, bei der sich Breton über und über geharnischt, ja gar mit stählernem Fußgeschmeid und Schienen auf einem Streitroß gezeigt hatte, gleichwohl aber im Treffen selber nicht erschienen sei. ›Bei meiner treu! Ich war wohl im Treffen‹, antwortete Breton, ›und kann es leicht beweisen; ja, an einem Ort, da Ihr Euch selber nimmer hingetrauet hättet.‹ – Dies Wort mißfiel dem Herrn Herzog als zu vermessen und prahlerisch, und schon wollt' er aufbegehren. Doch Breton, mit einem lauten Gelächter, versöhnte ihn leicht und sprach: ›Ich war beim Troß, Herr; woselbst sich Eure Hoheit schwerlich hätten verstecken mögen, wie ich es tat.‹« – Unter diesen kleinen Gesprächlein gelangten sie auf ihre Schiffe und verließen das Eiland Cheli. Zwölftes Kapitel Wie Pantagruel nach Notarien ging, und von der seltsamen Lebensart der Schick-aner Unsre Straße weiter ziehend, kamen wir tags drauf nach Notarien, welches ein ganz versudeltes und verschmiertes Land ist; ich konnt' nichts davon erkennen. Da sahen wir Notaner und Schick-aner, beides sehr borstige Leute; sie boten uns weder zu trinken noch zu essen an. Bloß sagten sie uns unter unzähligen gelehrten Reverenzen, daß sie uns alle zu Diensten stünden für Geld. Ein Dolmetsch unter uns erzählte dem Pantagruel, wie dies Volk auf seltsame Weise sein Brot verdiene, nämlich durchs Geschlagenwerden. »Die Art ist«, erzählte der Dolmetsch, »diese: Wenn irgendein Mönch, Pfaff, Wuchrer oder Anwalt einen Edelmann seines Landes ärgern will, schickt er ihm einen dieser Schick-aner. Der Schick-aner lädt ihn vor, zitiert, schimpft, schmäht ihn unverschämt, kraft seiner Instruktion und Vollmacht, so lang, bis endlich der Edelmann, wenn er nicht vor den Kopf geschlagen und dümmer als eine Kaulquappe ist, ihm ordentlich Prügel geben, oder einen Schwertstreich übern Kopf, oder den Pferderiemen um die Waden, oder besser: ihn aus den Zinnen und Fenstern seines Schlosses werfen muß. Ist dies geschehn, so ist mein Schick-aner reich auf vier Monate, als wenn die Stockschläg recht seine Ernte und Atzung wären. Denn von dem Mönch, dem Wuchrer, dem Anwalt erhält er ein sehr gutes Gehalt, und von dem Edelmann Schmerzensgeld, zuweilen ein so unbillig hohes, daß der Edelmann dadurch um Haus und Hof kommt, mit Gefahr, elend im Kerker zu verfaulen, als wenn er den König geschlagen hätt'.« »Für solchen Unfug«, sprach Panurg, »weiß ich ein sehr probates Mittel, das einst der Herr von Basché braucht'.« – »Und welches?« frug Pantagruel. – »Der Herr von Basché«, sprach Panurg, »war ein tugendhafter, mutiger, hochherziger Ritter. Als er einst aus einem langen Krieg nach Haus kam, in dem der Herzog von Ferrara sich mit dem Beistand der Franzosen tapfer gegen Papst Julius des Zweiten Wut verteidigt hatte, ward er tagtäglich vorgeladen, zitiert und schikaniert, je nachdem den feisten Prior von Saint Louant dazu die Laune und der Kitzel ankamen. Eines Tages, während er mit seinen Leuten das Frühmahl hielt (denn er war gütig und wohlgesinnt), ließ er seinen Bäcker rufen, namens Loire, nebst dessen Weib und dem Pfarrer des Kirchspiels, namens Oudart, der ihm, wie es damals in Frankreich der Brauch war, als Kellermeister und Schreiber diente; in seiner Kavaliere und andern Diener Beisein sprach er zu ihnen: ›Kinder, ihr seht, was für Verdruß mir diese Hunds-Schick-aner täglich antun. Ich bin schlüssig worden und will, wofern ihr mir nicht beisteht, ganz aus dem Land gehn und mich zum Sultan und allen Teufeln schlagen. – Also das nächste Mal, wann sie wiederkommen, haltet Euch fertig, Ihr, Loire; mit Euerm Weib Euch einzufinden in meinem großen Saal, in Euern Hochzeitskleidern, wie wenn man Euch trauen wollt'. Hie habt Ihr hundert Goldgülden, nehmet; ich schenk' sie Euch, um Eure Sonntagskleider instand zu setzen. Ihr, Herr Pfarrer Oudart, säumt auch nicht, in Eurer guten Stola und Chorhemd und mit dem Weihwasser Euch einzustellen, als wenn Ihr sie kopulieren wolltet. Ihr, Trudon (so hieß sein Heerpauker), kommt desgleichen mit Eurer Pauke und Pfeife. Und wenn der Segen gesprochen und die Braut geküßt ist, gebt ihr beim Paukenschall euch all einander das gebräuchliche Hochzeitsgeschenk, die kleinen Faustschläge, darnach wird euch das Nachtbrot nur desto besser schmecken. Wenn aber die Reihe an den Schick-aner kommt, dann schlagt mir zu wie auf alt Eisen; schenkt ihm nichts, pufft, knufft und wamst ihn, was Ihr könnt, ich bitt' Euch drum. Da nehmt, ich geb' Euch diese neuen Fausthandschuhe, sie sind mit Geißfell überzogen; zählt Eure Streich nicht lang, schlagt rechts und links drauf los, wie's fällt; den werd ich für meinen treuesten Diener halten, der ihn am besten trumpft. Und sorgt nicht, daß die Justiz Euch dieserhalb zur Red setzen werde, ich steh für alles. Die Schläge gebt ihr ihm im Spaß, wie es auf allen Hochzeiten Sitte ist.‹ Denselben Tag noch fügte es Gott und führte einen alten, dicken, roten Schick-aner her. Er schellte am Torweg, und der Pförtner erkannte ihn gleich an seinen großen schmierigen Gamaschen, an seiner schlechten Mähre und an einem leinenen Sack voll Zitationen, der ihm am Gurt hing. Der Pförtner neigte sich tief vor ihm, er ließ ihn höflich ein und zog dann die Schelle. Auf dies Signal warfen sich Loire und sein Weib in ihre guten Kleider und traten sehr gravitätisch in den Saal. Oudart hing Stola und Chorhemd über; wie er aus seiner Schreibstub trat, begegnete er dem Schick-aner, führte ihn mit sich hinein in seine Schreibstub, setzte ihm da weidlich zu trinken vor, derweil man sich allerseits behandschuhte, und sprach zu ihm: ›Ihr hättet's nicht besser treffen mögen; heut hat unser Herr seinen guten Tag, es wird bald bei uns hoch hergehn, alles wird mit Scheffeln gemessen werden: wir han heut Hochzeit; trinkt, langt zu, seid lustig.' Während der Schick-aner trank, und als Basché all seine Leute im Saal in der gehörigen Ordnung sah, ließ er den Oudart rufen. Oudart kam mit dem Weihwasser, der Schick-aner folgte ihm. Wie er in den Saal eintrat, machte er einen Haufen tiefer Kratzfüße und zitierte den Basché. Basché machte ihm die größten Schmeicheleien von der Welt, schenkte ihm einen Dukaten und bat ihn, dem Kontrakt und der Trauung beizuwohnen. Wie's auch geschah. Zu guter Letzt ging's an ein Fäusteln, und als die Reih an den Schick-aner kam, ward er mit schweren Handschuhpüffen so zugedeckt, daß er ganz mürb und morsch auf dem Platz blieb; ein Aug wurde ihm butterbraun gestoßen, acht Rippen zerschroten, das Brustbein zerknickt, die Schulterblätter in vier Stücke, der untere Kiefer in drei Fetzen zerspalten, und alles nur im Scherz. Gott weiß, wie Oudart paukte und seinen schweren stählernen, mit Hermelin verbrämten Handschuh unterm Ärmel des Chorhemds barg; denn er war ein gar starker Bulle. Der Schick-aner kehrte wie getigert nach seiner Heimat zurück, aber doch mit Herrn von Basché sehr zufrieden; er lebte mit Hilfe der guten Feldscherer seines Ortes weiß nicht wie lang. Es war nicht weiter die Rede davon, denn das Gedächtnis daran erlosch mit dem letzten Schall der Sterbeglocken, die ihn zu Grabe läuteten. Dreizehntes Kapitel Wie, nach dem Beispiel Meister François Villons François Villon (geb. 1431), der originelle Vaganten- und Gaunerdichter. Seine Gedichte und Balladen sind die ersten Zeugnisse einer autonomen französischen Lyrik. , der Herr von Basché seine Leute lobt' Als der Schick-aner aus dem Schloß und wieder auf seiner alten Mähre saß, ließ Basché unter die Rebenlaube seines Gartens sein Weib, ihre Zofen und all sein Hausgesind zusammenholen, ließ Festwein bringen, nebst einer Zahl Pasteten, Schinken, Käse und Obst, trank da mit ihnen nach Herzenslust und sprach darauf: ›Meister François Villon wohnte auf seine alten Tage zu Saint Maixent in Poitou, wohin er sich unter den Schutz des braven Abtes dieser Stadt begeben hatte. Daselbst gedachte er zum Ergötzen des Volks das Leiden Christi in Poitevinischer Mundart aufführen zu lassen. Als nun die Rollen ausgeteilt, die Spieler überhört, der Schauplatz aufgeschlagen war, zeigte er dem Bürgermeister und den Schöffen an, daß das Mysterium gegen Ende des Jahrmarkts zu Niort vor sich gehn könnte, es fehlte ihm nur noch an passenden Kleidern für die Personen. Der Bürgermeister und die Schöffen gingen zur Hand. Er selbst erbat sich zum Anputz eines alten Bauern, der Gott den Vater spielen sollte, vom Bruder Steffen Turncül, Franziskaner-Sakristan allda, eine Kutte und Stola. Turncül aber schlug es ihm ab, da, wie er sagte, es nach ihren Provinzialstatuten bei Strafe verboten sei, den Spielern etwas zu leihen. Meister Villon replizierte zwar, dies Statut bezöge sich nur auf Possen, Mummereien und lose Spiele, so wär's auch in Brüssel und anderwärts; half aber alles nichts; Turncül erklärte ihm rund heraus, er möchte sich anderswo versehen, wenn's ihm beliebe, aus seiner Sakristei hätt' er nichts zu erwarten. Villon erzählte dies voll Entsetzen seinen Spielern und sagte dabei, daß Gott in kurzem an dem Turncül ein schreckliches Rach- und Strafexempel vollziehn werde. Samstags drauf hörte Villon, daß Turncül auf der Klostermähre nach Saint Ligaire auf die Betteltour geritten sei und gegen zwei Uhr des Nachmittags heimkehren werde. Da musterte er sein Teufelsheer zwischen der Stadt und dem Markt. Die Teufel gingen alle in Wolfs-, in Kalbs- und Widderfell vermummt, verbrämt mit Hammelköpfen, Farrenhörnern und langen Schürhaken; dazu hatten sie sich dicke Riemen umgürtet, an denen große Maultierschellen und Kuhglocken hingen, und machten damit einen Zeterlärm. In den Händen schwangen etliche schwarze Stecken mit Schwärmern, andre lange Feuerbrände, mit denen sie ganze Fäuste von brennendem Harz in alle Gassenecken warfen. Nachdem er sie so zur Lust des Volks und großem Schrecken der kleinen Kinder entlanggeführt hatte, trieb er sie endlich zur Tränke in eine Wirtschaft dicht vorm Tor, wo man nach Saint Ligaire zugeht. Und wie sie an die Wirtschaft kamen, sah er den Turncül schon aus der Ferne von seiner Bettelfahrt heimkehren und sprach in küchenlateinischen Versen zu ihnen: ›Sein Vaterland ist in Halunkia, Den Sack voll alter Brocken bringt er da!‹ ›Gotts Tod!‹ schrie'n da die Teufel, ›er hat Gottvater nicht einmal eine arme Kutte leihn wollen; kommt, laßt uns ihn schrecken!‹ – ›Wohl gesprochen‹, antwortete Villon, ›doch versteckt euch, bis er kommt, und nehmt eure Schwärmer und Feuerbrände.‹ Sowie jetzt Turncül näher kam, stürzten sie im vollen Sturm alle auf den Weg ihm entgegen, warfen Feuer auf ihn und seine Schindmähre, schellten mit ihren Glocken und heulten teufelsmäßig: ›hho hho hho hho brrrurrrurrrs hrrrurrrs rrurrrs he he he hho hho hho, Bruder Steffen, spielen wir nicht die Teufel gut?‹ – Die Mähre, ganz erschreckt, fing an zu traben, zu furzen, zu kurven, zu galoppieren, bäumte und schäumte, bockte und schmiß so lang, bis sie den Turncül abwarf, obgleich er sich aus aller Macht am Sattelbaum anhing. Seine Stegreifen waren ein Strick, und sein Schuh auf der einen Seite so eng darin verwickelt, daß er ihn nimmer herausziehn konnte. So schleppte ihn die Mähre schindärschlings dahin, schlug nach ihm immer hitziger aus und stob vor Angst über Stock und Stein, Büsche, Zäune und Gräben – dergestalt, daß sie ihm den Kopf zerschlug, das Gehirn beim nächsten Steinkreuz herausfiel, dann stückweis' die Arme abgingen, der eine hiehin, der andre dahin, und schließlich auch die Beine, so daß, als die Mähre endlich im Kloster ankam, sie von ihm nichts weiter als den rechten Fuß und den verwickelten Schuh mit heimbrachte. Wie Villon sah, daß es geraten war, wie er zuvor es sich ausgedacht, rief er seinen Teufeln zu: ›Ihr werdet eure Sachen prächtig machen, ihr Herren Teufel, es wird gut gehn; da steh ich für: ei, ei, wie gut ihr's machen werdet!‹ ›So, liebe Freunde‹, fuhr Basché fort, ›seh ich zum voraus, daß auch ihr hinfüro diese tragische Posse gut machen werdet, weil ihr schon bei der ersten Probe und Musterung den Schick-aner so beredsam gepocht, gezwickt und ausgerieben habt. Ich geb' euch allen gedoppelten Lohn von Stund an. Ihr, mein Schatz (so sprach er zu seinem Weib), macht Eure Spenden, wie's Euch gefällt; all meine Barschaft habt Ihr in Euerm Verschluß und Gewahrsam. Ich für mein Teil trink' jetzt auf euer aller Wohlsein, meine guten Freunde. Lieber einhundert Keulenschläge auf den Helm erdulden in unsers guten Königs Dienst, als mich von diesen Hunds-Schick-anern ein einzig Mal zitieren lassen, solch einem feisten Prior zum Spaß.‹ Vierzehntes Kapitel Fortsetzung der in dem Haus des Basché abgebläuten Schick-aner Vier Tage drauf ging ein andrer, junger, langer, hagrer Schick-aner ab, den Herrn von Basché auf Ersuchen des feisten Priors zu zitieren. Bei seiner Ankunft ward er gleich vom Pförtner erkannt, der die Schelle zog. Auf deren Schall wußt' jedermann im Schloß, wieviel's geschlagen hatt'. Loire machte eben seinen Teig ein, sein Weib siebte Mehl. Herr Oudart war auf seiner Schreibstube, die Kavaliere schlugen Ball, der Herr von Basché spielte Dreihundertdrei mit seinem Ehgemahl und die Offiziere Karten. Flugs merkte alles, daß ein Schick-aner im Land war: Oudart fuhr in sein Priesterzeug, Loire und sein Weib in die Hochzeitskleider, Trudon blies auf seiner Pfeife, rührte seine Pauke und alles lachte und machte seine Handschuhe bereit. Basché ging in den Hof hinunter, traf da den Schick-aner, der vor ihm das Knie beugt, um Verzeihung bittend, wenn er von wegen des feisten Priors ihn zitiere. – ›Wahrlich!‹ sprach der Burgherr, ›nicht eher sollt Ihr mich zitieren, als bis Ihr von meinem guten alten Wein von Quinquenais getrunken und unsrer Hochzeit beigewohnt habt, die eben vonstatten gehen soll. Mein Herr Oudart, labt ihn, gebt ihm genug zu trinken, dann führt ihn in meinen Saal. Ihr seid willkommen.‹ – Wohl gefüttert und getränkt begab sich der Schick-aner mit Oudart in den Saal, woselbst schon die Personen des Schwankes alle in guter Ordnung fertig standen. Bei seinem Eintritt fingen sie alle zu lächeln an. Der Schick-aner lachte zur Gesellschaft mit, als Oudart über die Brautleute die mystischen Worte aussprach, sie sich die Hände gaben, die Braut geküßt und jedermann mit dem Weihwasser eingesprenkelt ward. Während nun Wein und Konfekt gebracht wurde, marschierten die Faustpüffe auf. Der Schick-aner gab Oudart eine Zahl, aber Oudart hielt seinen Handschuh unter dem Chorhemd versteckt, er zog ihn an wie eine Pelzklaue und Schick-aner schwipp, und Schick-aner schwapp! Von allen Enden hagelte es kräftige Handschuhhiebe auf den Schick-aner. ›Brautsupp!‹ schrie'n sie, ›Brautsupp! Denkt daran!‹ Und dann puderten sie ihn so weidlich zu, daß ihm das Blut aus Mund, Nas, Ohren und Augen schoß. Endlich fiel er die Länge lang hin. Man schüttete ihm brav Wein ins Gesicht, band ihm die schöne Brautschleife an seinen Wamsärmel, grün und gelb, und setzte ihn auf sein dürres Tier. Ob ihn daheim sein Weib und die Bader des Landes wohl gepflegt und verbunden haben, weiß ich nicht; es war nicht weiter die Rede davon. Am andern Tag ging's wieder so, weil man im Sack und Ränzel des hagern Schick-aners sein Protokoll nicht gefunden hatte. Der feiste Prior sandte einen neuen Schick-aner ab, den Herrn von Basché zu zitieren, nebst zwei Zeugen zu seiner Sicherheit. Der Pförtner zog die Schelle, und das ganze Haus wurde froh, wie es den Schick-aner merkte. Basché saß just mit seinem Weib und den Kavalieren beim Mittagsbrot. Er ließ den Schick-aner rufen, setzte ihn neben sich, die Zeugen neben die Zofen, und so aßen sie wohlgemut nach Herzenslust zusammen. Beim Nachtisch stand der Schick-aner von der Tafel auf und zitierte den Basché in Gegenwart und Anhörung der Zeugen. Basché ersuchte ihn höflich um eine Kopie seiner Instruktion; die war schon fertig. Er registrierte die Vorladung, und der Schick-aner und seine Zeugen erhielten vier Sonnentaler. Jedermann stand schon auf seinem Posten: Trudon hub zu pauken an; Basché bat den Schick-aner, bei der Trauung eines seiner Diener zu assistieren und den Kontrakt drüber aufzunehmen gegen gute Gebühr. Der Schick-aner verneigte sich, zog sein Schreibzeug vom Leder, nahm hurtig Papier zur Hand, die Zeugen neben ihm. Loire kam zu der einen Tür in den Saal, sein Weib und die Zofen zu der andern, in ihren Hochzeitskleidern. Oudart im Priesterornat, nahm ihre Hände, erheischte das Jawort, gab ihnen dann den Segen und schonte das Weihwasser nicht. Der Ehekontrakt ward punktiert und vollzogen. Von einer Seite kamen Wein und Konfekt, von der andern Brautschleifen die Fülle, weiß und braun, und von der dritten rückten sacht die Handschuh an. Fünfzehntes Kapitel Wie der Schick-aner die alten Hochzeitsbräuche erneuern will Nachdem der Schick-aner ein groß Glas Bretanierwein hinuntergeschlappt hatte, sprach er zum Burgherrn: ›Gestrenger Herr, was denkt Ihr doch? Teilt man bei Euch kein Brautsuppe aus? Kreuz Sackerlot! Alle guten Bräuche gehn bei uns schlafen; man findet keinen Hasen mehr auf seinem Loch, es gibt keine Freunde auf Erden mehr. Denkt, hat man nicht die alten Weihnachtstrinkgelage an mehrern Kirchen schon abgestellt? Es geht zur Neige mit der Welt, Aufgeschaut! Das ist Brautsupp, Brautsupp, Brautsupp!‹ Damit schlug er auf Basché und sein Weib, auf die Zofen und auf Oudart los. Da sausten die Handschuhe so kräftiglich, daß des Schick-aners Kopf an neun Stellen zermalmt ward; dem einen Zeugen ward der rechte Arm aus der Pfann gehauen, dem andern der Oberkiefer ausgehängt, daß er ihm halb das Kinn zudeckte, nebst sehr beträchtlichen Verlust an Stock-, Backen- und Schneidezähnen. Auf ein neues Paukensignal verbarg man die Handschuh unvermerkt, frisches Naschwerk wurde aufgetragen, das Prassen ging von neuem an. Während die guten Käuz nun soffen und Bescheid taten, vermaledeite und verfluchte Oudart die Brautsupp; er behauptete, der eine Zeuge hätte seine ganze eine Schulter zertrümmert. Der entkieferte Zeuge faltete die Hände und bat ihn schweigend um Pardon, denn reden konnt' er nicht. Loire beschwerte sich, der entarmte Zeuge hätt' ihm den einen Ellenbogen so arg zerboxt, daß er davon ganz aus dem Knorren experuckatzigarambolierunkulawenzelt wär. ›Was aber‹, sprach der Pauker Trudon, und verbarg sein linkes Aug im Schneuztuch, wobei er auf den eingeschlagenen Boden seiner Heerpauke wies, ›was hab' ich ihnen zuleid getan? Man schlägt wohl Hochzeitspauken, aber den Pauker, den traktiert man, den hält man hoch, den schlägt man nicht. Jetzt kann sich der Teufel 'ne Mütz draus machen.‹ – ›Bruder‹, sprach der Schick-aner mit dem Armstumpf zu ihm, ›ich geb dir ein schönes, großes, altes Patent vom vorigen Jahr, ich hab's hier im Quersack; da kannst du dir dein Pauke mit flicken, und um Gott und unser lieben Frauen willen, vergib's uns, ich hab's nit bös gemeint.‹ Einer der Kämmerer hinkte und ächzte, und er hielt sich an den Zeugen, der den Kiefer statt eines Sacktuchs vorm Maul trug, und sprach zu ihm: ›Seid Ihr Klipp-, Klopp- oder Klöppelbrüder? War's nicht genug, daß Ihr uns alle obern Teile mit schweren Sohlentritten kataxamomischimaruffelt habt, mußtet Ihr auch noch mit spitzigen Stiefeln uns solche Patunkamaschariparummelpüff auf die Schienbeine geben? Nennt Ihr das Spaß treiben?‹ – Mit gefaltenen Händen schien ihn der Zeuge um Pardon anzuflehen und murmelte immer mit der Zunge, mum mum berlum wum wum, wie ein Meeraff. Der Haushofmeister hielt seinen Arm wie ganz morschabikamatscht in der Schärpe. ›Die Hochzeit49, sprach er, ›hat mich der Teufel mit feiern heißen; mir sind will's Gott die ganzen Arme davon kaponikuranzomaschuckert. Nennt ihr das eine Trauung? So mag der Schinder trauen.‹ – Der Schick-aner sprach nicht weiter. Die beiden Zeugen entschuldigten sich, daß sie nicht aus böser Absicht geschlagen hätten; man möcht's ihnen um Gottes willen diesmal verzeih'n. So zogen sie ab. Eine halbe Stunde später fühlte der Schick-aner sich etwas unwohl. Die Zeugen kamen zu Haus an, bezeugten laut und öffentlich, daß sie noch nie einen bravern Mann als Herrn von Basché gefunden hätten, nie ein so stattliches Haus wie seins, und einer solchen Hochzeit in ihrem Leben nicht beigewohnt hätten; die Schuld läg' aber an ihnen allein, weil sie zuerst geschlagen hätten. Seitdem glaubte alles steif und fest, daß Baschés Geld den Schick-anern, Schergen und Zeugen verderblicher und tödlicher sei als gestohlenes Opfergeld, und fortan ließ man den Herrn in Ruh, und Baschés Hochzeit wurde im Volk zum Sprichwort.« Sechzehntes Kapitel Wie Bruder Jahn die Schick-aner probierte »Die Erzählung«, sprach Pantagruel, »wär ganz artig, wenn wir nicht die Furcht Gottes allzeit müßten vor Augen haben. Dabei fällt mir der alte römische Ritter Lucius Neratius ein. Er war aus edlem Geschlecht und reich für seine Zeit, allein von so grausamem Temperament, daß er, wenn er aus seinem Palast ging, die Säckel seiner Diener mit Gold- und Silbermünzen füllen ließ, und wo er irgend auf den Gassen wohlgeputzte, galante Herrlein in ihrem besten Staat antraf, da gab er ihnen aus purer Lust, ohn daß sie ihm etwas zu Leid getan hätten, die derbsten Faustschläge ins Gesicht. Aber gleich darauf zur Sühne, und daß sie ihn nicht gerichtlich belangen sollten, zahlte er ihnen von seinem Gelde so viel aus, bis sie ganz vergnügt und befriedigt waren. So brachte er sein Vermögen mit Leuteprügeln durch.« »Nun, bei Sankt Bendix' heiligem Stiefel!« rief Bruder Jahn, »da will ich bald sehn, was dran ist.« Er sprang sofort ans Land, fuhr mit der Hand in seinen Säckel, langte zwanzig Sonnentaler 'raus und sprach mit lauter Stimme in Gegenwart eines großen Schick-anerhaufens: »Wer will zwanzig Taler verdienen, wenn er sich teuflisch prügeln läßt?« – »Ich, ich, ich«, wieherten sie alle; »schlagt zu, Herr, bis wir stürzen; es gilt! Hier gibt's einen schönen Verdienst.« Troßweis' rannten sie um die Wette daher, wer Nummer eins so teure Prügel erwischen möcht. Bruder Jahn erkor aus dem ganzen Trupp einen rotschnauzigen Schick-aner, der an dem Daumen rechter Hand einen großen, breiten, silbernen Ring trug. Kaum hatte er den erwählt, da sah ich, daß das ganze Volk zu murren anfing; und einen langen, jungen, hagern Schick-aner (sonst ein feiner Mann, geschickter Schreiber und, wie der Ruf ging, in Kirchensachen gewissenhaft), den hört' ich bitter klagen und murren, daß ihnen der Rotschnauz all ihre Kunden wegfische, und wenn's im ganzen Gau nicht über dreißig Stockschläge zu verdienen gäb', so schnappe er doch allzeit achtundzwanzigthalben davon in seinen Sack. Dies Murren aber und Klagen war alles purer Neid. Bruder Jahn zerbläute dem Rotschnauz mit harten Stockschlägen Bauch und Rücken, Arm, Bein, Kopf, Rumpf und alles so weich und windelweich, daß ich ihn auf den Fleck für tot hielt. Darauf gab er ihm die zwanzig Taler. Und siehe da, mein Hans Aff springt in die Höh, froh wie ein König. Die andern schrie'n auf Bruder Jahn ein: »Herr Bruder Teufel, wenn's Euch beliebt, für weniger noch etliche von uns zu dreschen, wir stehn Euch all zu Dienst, Herr Teufel, alle Euch zu Dienst mit Haut und Haar, Tinte, Feder, Sack und Pack und allem.« Der Rotschnauz fuhr auf sie los und rief mit lauter Stimme: »Kreuz Element! Ihr Hundsfötter, kommt ihr mir in den Markt? Wollt ihr mir meine Kunden verlocken und abhold machen? Ich zitier' euch vor'n Weihbischof; die andre Woche sitzt ihr mir alle im Hundeloch. Und schikanieren will ich euch wie der Teufel von Vauverd!« – Dann wandt' er sich mit lachendem Mund ganz aufgeräumt zum Bruder Jahn und sprach zu ihm: »Ehrwürdiger Vater in Beelzebub, wenn Ihr mich als eine gute Haut erfunden habt, mein Herr, und Ihr möchtet mich zu Euerm Spaß noch ein bissel schlagen, so tu ich's auch fürs halbe Geld. Schont mich nur nicht, ich bitte, ohn Umstände! Ich bin ganz und aberganz zu Euern Diensten, mein Herr Teufel, Kopf, Lunge, Därme und alles zusammen: ich mein, es gut mit Euch.« – Bruder Jahn machte dem Gespräch ein End und kehrte ihm den Rücken. Die andern Schick-aner liefen zu Panurg, Gymnastes, Epistemon und den andern, beschworen sie fußfällig, doch für ein Geringes sie durchzubläuen, weil sie sonst sehr lang fasten müßten. Doch keiner wollte drauf hören. Siebzehntes Kapitel Von der seltsamen Todesart des Windmühlenfressers Schnautzhahn, und wie Pantagruel mit genauer Not einem schweren Sturm entrann Denselben Tag noch passierte Pantagruel die zwei Inseln Tohu und Bohu, auf denen wir nichts zu fressen fanden. Schnautzhahn, der ungeheure Riese, hatte alle Pfannen, Pfännlein, Kessel, Kacheln, Kasserollen und Töpfe des Landes aus Mangel an Windmühlen aufgefressen, die sein gewöhnlich Futter waren. Daher war er nicht lang vor Tagesanbruch um die Verdauungsstunde auf einmal todsterbenskrank geworden, und zwar nach der Ärzte Ermessen dadurch, daß seines Magens von Natur auf Verarbeitung scharf sausender Windmühlen gestellte Verdauungskraft die Pfannen und Kacheln nicht genügend zersetzen konnte. Um ihm aufzuhelfen, probierten sie diverse Mittel, aber das Übel war mächtiger denn alle Kunst, und der edle Schnautzhahn erstickte am selbigen Morgen an einem frischen Butterwecken, den er auf Vorschrift seiner Ärzte an einem heißen Ofenloch aß. Am folgenden Tage stießen wir leewärts auf neun Dreimaster voller Mönche, teils Jakobiner, Jesuiten, Kapuziner, Eremiten, Augustiner, Bernhardiner, Cölestiner, Theatiner, Egnatiner, Amadeaner, Franziskaner, Karmeliter, Minimiter und andre fromme Väter mehr, die aufs Konzilium nach Chesil fuhren, um die Glaubensartikel wegen der neuen Ketzer und Schismatiker durchzukrebsen. Als Panurg die sah, wurde er über die Maßen fröhlich, weil er nun alles guten Glücks für diesen und viele kommenden Tage auf lange Zeit sich versichert hielt, und nachdem er die würdigen Patres höflich gegrüßt und sein Seelenheil ihren brünstigen Stoßgebetlein und milden Bitten anbefohlen hatte, ließ er an 78 Dutzend Schinken, Fässer Kaviar und Zervelatwürste ihnen an Bord ihrer Dreimaster hissen, nebst zweitausend blanken Engeldukaten für Seelenmessen. Pantagruel saß ganz tiefsinnig und schweigsam auf Deck. Bruder Jahn gewahrte es und frug ihn, woher ihm eine so ungewohnte Schwermut käm'; aber im selben Augenblick kündigte der Steuermann eine gewaltige Donnerbö und ein jähes Wetter an, so daß flugs alles auf die Beine sprang, sowohl Matrosen und Bootsknechte als auch wir Passagiere, um alle Segel einzuziehen. Bald fing die See an, hoch zu gehn, vom tiefsten Abgrund auf zu tosen; die hohen Wogen peitschten um die Schiffsbäuche; der Nordwest, begleitet von entsetzlichen Wasserhosen und tödlichen Wirbeln, pfiff durchs Gestäng. Von oben donnerte, wetterte, regnete, blitzte und hagelte der Himmel; die Luft verdunkelte sich dick und schattig, daß wir weiter kein Licht als von den Wetterstrahlen, den Blitzen und feurigen Wolkenrissen vor Augen sah'n. Keiner konnt' mehr aus den Augen schaun, es ging uns alles im Kreis herum: die schrecklichen Wirbel trieben alles Meer zu Bergen auf. Glaubt nur, uns war's, als wollte das Chaos wieder kommen, in dem Feuer, Luft, Wasser, Erde, kurz alle Element in widerspenstigem Aufruhr tobten. Nachdem Panurg mit dem Inhalt seines Magens frank und frei die Fisch gespeist hatte, rief er halb tot zu allen himmlischen Heiligen und Heiliginnen, schwur, er wolle zur Beicht gehn tempore et loco ; dann schrie er laut vor Angst und spracht »Ho, Kellermeister, mein Freund, mein Vater, mein Oheim, bringt nur was Gepökeltes, es wird bald drauf genug zu saufen geben, das spür' ich schon. Iß wenig, aber trink viel, wird hinfür wohl mein Wahlspruch bleiben. O wollt' doch Gott und unsre liebe hochgelobte heilige Frau, daß ich jetzt auf der Stelle noch die Minute, auf festem Land in meiner Ruh wär! O dreimal selig und viermal sind, die ihren Acker bestellen! O was spannet ihr Parzen mich nicht zum Krautbauer! O wie gar klein ist doch die Zahl derer, die Jupiter so hoch begnadigt, daß er sie zum Krautbauen auserlesen hat! Denn allzeit haben sie doch ein Bein am Land, das andre ist auch nicht weit. Streit über Glück und höchstes Gut, wer will; die aber Kraut anbauen, erklärt mein Spruch hiemit von Stund an für selig! Die Welle da verschlingt uns all, hilf Heiland! Ach meine Freund, ein Tröpflein Essig! Ich schwitz schon durch und durch vor Angst. Auwai! Die Segel bersten, der Kiel ist auch durch, all unsre Kabel sind schier kapores. Auwai, auwai! Es ist alles futschikato. Auwai! Wer wird dies Wrack wohl erben! Mein Treu, ich hab' Furcht, ich hab' stolze Furcht. Bubububububu, 's ist aus mit mir; ich bescheiß mich vor hochnotpeinlicher Furcht. Bubububu! Ottotototototi! Ottotototototi! Bububuhuhuhububububu! Ich ersauf, ich ersauf, ihr lieben Leut! Ich sterb', ich ersauf!« Achtzehntes Kapitel Wie sich Panurg und Bruder Jahn während des Sturms gebärdeten und das Ende des Sturms Nachdem Pantagruel vorläufig zum großen Gott, dem Helfer aller, um Schutz gefleht und sein Gebet mit heißer Andacht öffentlich verrichtet hatte, hielt er den Mastbaum auf den Rat des Steuermannes mit beiden Armen fest umschlungen. Bruder Jahn, bis aufs Wams entkleidet, half den Matrosen, ebenso Epistemon, Ponokrates und die übrigen. Panurg allein saß heulend und winselnd nach wie vor auf seinem Loch auf dem Verdeck. Bruder Jahn kam das Deck entlang, sah ihn da sitzen und sprach zu ihm: »Kreuz Gottes! Panurg! Hans Kalb, Hans Greiner, Hans Heularsch, weit gescheiter wär's, du hilfst uns hier, statt daß du so flennst wie 'ne alte Kuh.« – »Bebebebububu«, antwortete Panurg, »Bruder Jahn, mein Freund, mein liebster Vater, ach ich ersauf, ich ersauf, mein Freund, ich ersauf. Mit mir ist's aus, mein geistlicher Vater, mein Freund! Rein aus. Schon läuft mir das Wasser durch den Kragen in die Schuh. Bubu päsch, hühühühahahahaha, ich ersauf'. Die Satanswelle da (Herr, straf mich nicht!), ich mein' die Gotteswelle, wird uns das Schiff einschmeißen. Auwai, Bruder Jahn! Mein Vater, mein Freund, laß mich beichten! Seht, ich knie' schon: Confiteor . Euern heiligen Segen!« »Hui, Rabenaas, in drei Teufels Namen!« schrie Bruder Jahn, »jetzt scher dich her und hilf! Na, wird's bald?« – »O nicht fluchen! mein Freund, mein Vater«, sprach Panurg, »nur jetzt nicht! Morgen soviel du willst. Holololo auwai, das Schiff zieht Wasser; ich ersauf'; auwai, auwai! 1 800 000 Taler Leibrente gäb ich drum, wenn mich wer aufs Trockne brächte, bedreckt und befleckt, wie ich da bin. Au, auwai, Confiteor! Nur ein Wörtlein von Testament, oder letzter Verfügung zum mindesten!« »Daß doch dem Hahnrei gleich tausend höllische Teufel in den Magen schlügen!« rief Bruder Jahn. »Kreuz Gottes! Schwatzest du jetzt von Testament, jetzt, da wir in Not sind und uns ein Herz zu fassen ziemt? Wird er bald hergehn? Hieher, Gymnast! Da auf den Auslug! Bei des Herrn Leichnam, heut geht's uns nah an die Kehl. Schaut hin, die Latern ist auch aus. Das geht kopfüber zu allen Legionen Teufeln.« – »Auwai, auwai«, wehklagte Panurg, »hier also muß gestorben sein? Holoholo, ihr lieben Leut, ich ersauf', ich sterb'. 's ist aus mit mir.« »Ei lirum, larum«, schrie Bruder Jahn; »pfui, wie er aussieht, der Mist-Heularsch, der häßliche Greiner! Daß dich der Donner und 's Wetter!« »Ach«, sprach Panurg, »ach, Bruder Jahn, mein geistlicher Vater, mein Freund! Nicht fluchen! Ihr sündigt schwer. Auwai, auwai. Ich ersauf', ich sterb', meine Freund! Ich vergeb' allen Menschen. Ade! Sankt Michel von Aure, Sankt Niklas! Ich tu euch hier und unserm Herrgott ein streng Gelübde, wenn ihr mir helft in diesem Kreuz, ich mein', wenn ihr aus dieser Not mich an Land setzen wollt, will ich euch auch ein schönes großes, kleines Stift baun, oder zwei, zwischen Quande und Monsoreau, da weder Heu soll wachsen noch Stroh. Auwai, auwai, über achtzehn Eimer oder zwei hab' ich nun schon ins Maul gekriegt. Bubububububu, ach wie das bitter und salzig schmeckt!« – »Bei des Fronleichnams Blut und Fleisch, Bauch, Kopf und Schopf!« schwur Bruder Jahn, »wenn ich dich Heulziege noch länger winseln hör', bürst' ich dich wie einen Seewolf ab. Potz Sackerdamm, was wirft man ihn nicht auf den untersten Grund des Meeres?« »Ach!« sprach Panurg, »mein Bruder Jahn flucht sich mutwillig in die Hölle! Oh, ich verlier' einen teuern Freund an ihm! O nur ein Wörtlein vom Testament und letzten Willen, Bruder Jahn, mein Vater! Mein Freund, o mein Achates, Xenomanes, mein alles! Ach! Ich ersauf', ich ersauf'. Zwei Wörtlein Testament!« »Jetzt zu testieren«, sprach Epistemon, »jetzt, da wir, wenn wir nicht scheitern wollen, uns selbst ermannen und unsrer Mannschaft beispringen müssen, scheint mir wahrlich übel am Ort und ungereimt. Es ist die Narrheit des Kärrners, der, als ihm sein Karren in einem Loch umgefallen war, auf seinen Knien den Herkules um Hilfe anrief, aber weder seine Ochsen antrieb noch eine Hand an die Räder legte, um den Karren aufzurichten. Was hilft es Euch, ein Testament zu machen? Entweder entkommen wir dieser Not, oder ersaufen. Entkommen wir, so hilft's Euch nichts. Ersaufen wir aber, dann ersäuft's zugleich mit uns. Wer wird's zum Exekutor tragen?« »Irgendeine fromme Welle«, antwortete Panurg, »wird es ans Land spein, wie den Ulysses; irgendein Prinzeßlein wird bei schönem Wetter spazierengehen, wird's finden, ausführen lassen und mir am Meeresstrand irgendein kostbares Denkmal setzen lassen!« »Rappelt's bei dir?« sprach Bruder Jahn, »hilf hier in fünfmalhunderttausend Millionen Teufel Namen! Hilf! Sitzt unser Schiff fest? Heiliger Gott! Wie bringen wir's flott? Alle Teufel sind auch in dem Wasser auf einen Schub los. Es kommt von uns kein Schwanz davon, oder ich geb' mich allen Teufeln.« Da vernahm man einen Angstruf von Pantagruel; er rief laut und sprach: »Herr, hilf uns! Wir verderben. Doch geh es nicht nach unserm Rat, sondern dein heiliger Wille geschehe.« – »Gott und die hochgelobte Frau sei mit uns allen!« sprach Panurg; »ich ersauf', ich ersauf'. Bebebebebuu. Ach wahrer Gott! Nur einen Delphin schick mir zu, der mich ans Land trägt wie einen schönen kleinen Arion, ich will auch die Harfe recht artig spielen, wenn sie nicht aus dem Leim gegangen ist.« »Allen Teufeln ergeb' ich mich«, sprach Bruder Jahn – (»Gott sei bei uns!« murmelte Panurg durch die Zähne). »Land! Land!« rief mir einem Male Pantagruel; »ich seh Land, Kinder! Nur Courage! Wir sind nicht weit vom Hafen mehr; schon seh ich im Norden den blauen Himmel: es klärt sich. Spürt ihr den Südwind?« – »Mut, Kinder!« sprach der Steuermann, »das Wasser fällt. Jetzt Marsree auf! Hiß auf! Hiß auf! Helmstock eingehangen! Läufer straff! Halt gut an! Tauwerk aufgeschossen! Halsen klar, Bolinen klar! Backbordbrassen angeholt, Schotten klar, Steuer in Lee! Steuerbordschoten angeholt, du Hurensohn!« – »Mut! Kinder, Mut!« rief Pantagruel; »nur herzhaft, Kinder! Seht, da kommen schon dicht an unser Schiff zwei Kähne und vier Gondeln und sechs Fregatten, die uns die guten Leute vom nächsten Eiland zum Beistand senden. Wer ist aber nur der Faulpelz da drunten, der so untröstlich heult und brüllt? Hielt ich den Mastbaum denn nicht fest in meinen Armen, und wahrlich straffer als keine zweihundert Kabeltau?« – »Es ist der arme Teufel Panurg«, antwortete Jahn; »er hat's Kalbsfieber, er zittert und bebt vor Furcht wie ein schlaffer Bauch.« »Wenn er auch«, sprach Pantagruel, »in diesem schauderhaften Blast und grimmigen Wetter Furcht gehabt hätte, so acht' ich ihn, wenn er sonst so mutig ist, nicht um ein Härlein minder drum. Denn – wie es allerdings ein Merkmal blöder und weibischer Herzen ist, vor einem jeden Dreck zu erbeben – so zeigt auch der, der gar nichts fürchtet, wo ihm ein sichtliches Schrecknis droht, wenig oder keinen Verstand. Ist nun, nächst der Versündigung an Gott, hienieden noch was zu fürchten, so will ich nicht sagen, daß es der Tod sei. Ich sag' nur: diese Todesart durch Schiffbruch sei zu fürchten, oder im Leben nichts. Denn, wie Homer spricht, ist es ein gar zu schauderhaft, entsetzlich unnatürliches Ding, im Meer zu ertrinken. Bei Gott, in unserm Haus ist's wild ergangen! Dies Wrack will gut ausgebessert sein. Nun, seht nur zu, daß wir nicht stranden.« Neunzehntes Kapitel Wie nach überstandenem Sturm Panurg den lustigen Bruder machte Ha, ha!« rief Panurg, »das geht ja gut. Der Sturm ist vorbei! Ich bitt' recht schön, laßt mich doch zuerst hinaus! Ich möcht' gern mein Sach ein wenig verrichten. Kann ich euch etwa noch wo helfen? Mut hab' ich genug, das ist sicher! Furcht wenig. Nur her, mein Freund, nur immer her! Auch nicht für einen Stüber Furcht. Zwar, diese Nordsee vorhin, die über Back und Schanz schlug, hat mir den Puls ein wenig alteriert. Segel gestrichen! Wie, Bruder Jahn? Und Ihr schafft nix? Ist's jetzt zu trinken Zeit? Wer weiß denn, ob nicht der Böse uns noch ein neues Wetter braut? Muß ich Euch etwa noch dorten helfen? Ha ha! bei Gott, das geht ja gut. Muß ich noch helfen? Nur her, nur her! Ich werd's schon machen, oder es müßt' ja mit dem Teufel zugehn!« Epistemon, dem die eine Hand von einem Tau, das er stramm gehalten, inwendig ganz wund und zerschunden war, hatte auf Pantagruels Reden gehört und sprach: »Herr, glaubt mir nur, ich hab' nicht minder Angst und Furcht gehabt wie Panurg; allein was tat ich? Ich hab' die Kräfte zum Dienst gespart. Ich meine, wenn wirklich der Tod ein unvermeidliches Schicksal ist, so steht's doch in Gottes heiligem Willen, ob wir zu dieser Stund oder jener, auf die oder die Art, sterben sollen. Ihn also muß man unablässig anrufen, bitten, zu ihm flehn und beten, aber es dabei nicht bewenden lassen und müßig bleiben, sondern uns für unser Teil ermutigen und, wie der Apostel sagt, Mitarbeiter des Herrn werden. Wenn der Mensch in Gefahr und Not nachlässig, faul und schläfrig ist, ruft er umsonst die Götter an; sie zürnen ihm, sie sind beleidigt.« »Ich sei des Teufels«, rief Bruder Jahn (»Jetzt fluch' ich mit dir«, sprach Panurg), »wenn nicht der Weingarten von Seuillé rein geplündert worden wär, wenn ich nichts als Contra hostium insidias gesungen hätte wie unsre andern Satansmönch, anstatt mit meinem guten Kreuzstock das Rebgelände wider die Schnapphähne von Lerné zu verteidigen.« »Fahr zu, mein Schifflein!« sprach Panurg, »das geht ja gut. Nur Bruder Jahn hier tut auch gar nix! Bruder Faulpelz sollt' man ihn heißen; er schaut mir zu, wie ich keuch und schwitz und diesem braven Matrosen aus Leibeskräften gern beistehn möcht'. Herr Maat, auf ein Wort: Nix für ungut; wie dick schätzt Ihr wohl die Planken dieses Schiffs?« – »Sie sind«, antwortete ihm der Steuermann, »zwei gute Finger dick; sorgt nur nicht.« – »Hilf Himmel!« sprach Panurg, »so sind wir denn also stündlich nur zwei Finger vom Tod entfernt? Ha, Maat, Ihr tut ganz wohl daran. Meßt Ihr nur die Gefahr fein nach der Furcht-Elle. Ich, für mein Teil, ich kenn' keine Furcht. Ich nenn' mich Wilhelm ohne Furcht. Nur mit der Gefahr treib' ich keinen Scherz.« Zwanzigstes Kapitel Wie Bruder Jahn dem Panurg beweist, daß er sich während des Sturmes ohne Ursach geängstigt habe »Nun, ihr Herren alle miteinander!« sprach Panurg weiter. »Ihr seid ja samt und sonders wohl. Gott und euch sei Lob dafür! Kann ich euch etwa dort noch helfen? Ich lechze nach Dienst und Arbeit wie vier Ackerochsen. Ihr Kinder, bedürft ihr noch meiner Hilfe? Um Gottes willen, schont nur nicht den Schweiß meines Angesichts. Unser Herrgott, wie ihr wohl wißt, will, daß wir im Schweiß unsres Angesichtes unser Brot essen sollen, und nicht in Faulheit, wie dieser große Schlaps von Mönch hier, der Bruder Jahn, der sich besäuft vor Todesangst. Jetzt erkenn' ich erst, wie wahr und wohl erwogen jenes Wort des edeln Philosophen Anacharsis war, als man ihn frug, welches Schiff ihm das sicherste scheine, und er antwortete: ›Das im Hafen!‹« »Bei meiner teuern Kutte, die ich trag'!« sprach Bruder Jahn zu Panurg, »mein Freund, du hast dich traun ohne allen Grund während des Sturms geängstigt. Denn es ist dir gar nicht beschieden, im Wasser zu sterben; du wirst ohnfehlbar einst hoch in Lüften aufgehenkt oder lustig geröstet bei einem hellen Feuerlein, wie ein Ketzerbraten. Gestrenger Herr, wollt Ihr einen guten Regenrock? Dann laßt nur Panurg das Fell abziehn und tut es um. Nehmt Euch in acht, daß Ihr dem Feuer nicht zu nahe kommt; denn in einem Nu wär's Staub und Asche. Allein dem Regen, dem Schnee, dem Hagel trutzt darin, so lang ihr wollt. In Gottes Namen taucht in das Wasser bis auf den Grund, es wird euch wahrlich kein Finger naß. Drum, Freund Panurg«, fuhr Bruder Jahn fort, »hab du nur keine Furcht vorm Wasser, ich bitte dich drum: das Element, das deinem Leben ein End macht, ist ein andres.« – »Ja doch!« sprach Panurg, »allein die höllischen Köche versehn sich und stören mitunter gegenseitig ihren Dienst und setzen oft zum Sieden an, was braten sollte – wie schon bei uns in unserer Schiffsküche die Herren Köche oft Feldhühnlein, Turtel- und Ringeltauben spicken; man dächt', sie wollten's braten lassen; gleichwohl hat man schon oft erlebt, daß sie die Hühner mit Kohl, die Turteln mit Schnittlauch und die Ringeltauben mit weißen Rüben gesotten haben. Jetzt hört mich an, ihr schönen Freunde! Vor dieser edeln Versammlung erklär' ich hiermit feierlich: was das Stift anlangt, das ich dem heiligen Monsieur Nikolas zwischen Quande und Monsoreau gelobt habe, da versteh ich drunter einen Drahtstift; weder Heu noch Stroh soll darin wachsen, denn ich werf ihn ins Wasser, wo's am tiefsten ist.« – »Nun seht den Zeisig!« rief Eusthenes, »den feinen Zeisig, den saubern Zeisig! Der macht das Lombardische Sprichwort wahr: Der Heiligen Schar Lacht man nach der Gefahr. Einundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel nach dem Sturm an den Makräoneninseln landete So landeten wir unverweilt im Hafen einer Insel, die man die Makräoneninsel hieß. Die guten Leute am Ort empfingen uns ehrenvoll. Ein ältlicher Makrobier (so hießen sie ihren obersten Schultheiß) wollt' den Pantagruel aufs Stadthaus führen, sich zu erquicken und auszuruhn und etwas Stärkung zu sich zu nehmen; aber er wollte nicht vom Molo weg, bis all seine Leut am Ufer wären. Nachdem er sie gemustert, hieß er einen jeden frische Kleider antun und alle Schiffsvorräte am Land ausladen, daß die ganze Mannschaft sich gütlich tun könne. Das geschah sofort, und Gott allein weiß, wie da getrunken und geschmaust wurde. Alles Volk vom Platz bracht' Zehrung in Menge herbei; noch mehr dagegen empfing es von den Pantagruelern, wennschon ihr Proviant etwas vom Sturm versehrt war. Zum Beschluß der Mahlzeit bat Pantagruel sie samt und sonders, mit allem Eifer auf Ausbesserung der lecken Schiffe bedacht zu sein; das taten sie auch gern und willig, und das Geschäft ward ihnen leicht, denn alle Leute der Insel waren Zimmerer und Handwerksleut. Auf unser Bitten wies uns der alte Makrobier, was auf der Insel sehenswert und bedeutsam war, und führte uns im weiten, schattigen Wald zu manchen alten verfallenen Tempeln, Obelisken, Pyramiden, Denkmälern und antiken Gräbern. Währenddem sprach Panurg zum Bruder Jahn: »Hier ist das Eiland der Makräonen. Makräon heißt auf griechisch ein betagter Mann, der viele Jahre auf dem Buckel hat.« – »Und was soll ich mir daraus machen?« frug Bruder Jahn, »soll mich das grämen? Ich war mit keinem Fuß im Land, als man's so taufte.« – »Die Sach ist diese«, sprach Panurg, »ich glaub', die alten Kuppelmakrelen führen ihren Namen daher. Der alten Makrelen Sach ist das Kuppeln, der jungen das Wackeln. Also sollt' man schier daraus schließen, daß diese Insel das Prototyp und Mutterland der Makreleninsel zu Paris sei. Komm, laß uns Grundeln fischen gehn.« Der alte Makrobier befrug Pantagruelen auf ionisch, wie und durch welche Künste und Mühen ihm heut, bei diesem schauderhaften Aufruhr der Luft, es geglückt war, in ihrem Hafen zu landen. Pantagruel antwortete ihm, daß der barmherzige Gott die Einfalt und lautern Herzen seiner Leute angesehen hätte, die nicht nach Vorteil noch Handelprofit gingen, weil nur ein Grund sie zur See trieb, nämlich: ihr brünstiges Verlangen, das Orakel der Göttin Bakbuk mit Augen zu sehen, einzuholen, kennenzulernen und zu besuchen und das Flaschenwort zu vernehmen über etliche Zweifel, die einer aus ihrer Gesellschaft erhoben hätte. Wär aber doch nicht ohn schwere Drangsal und augenscheinliche Gefahr des Schiffbruchs abgegangen. Zu gleicher Zeit frug er ihn, was ihm der Grund dieses grimmigen Wetters zu sein bedünke, und ob die See um dies Eiland her für gewöhnlich von Stürmen bedroht sei. Zweiundzwanzigstes Kapitel Wie der gute Makrobier Pantagruel vom Aufenthalt und Hinschied der Heroen erzählte und dieser vom Tod der Heroen berichtete Darauf antwortete der gute Makrobier: »Ihr Freunde und Pilger, dies ist eine von den Sporaden; nicht von euern Sporaden im Ägäischen Meer, sondern von den Sporaden im Ozean. Vor Zeiten war sie reich, voll Leben, Wohlstand, Handel, sehr bevölkert und dem König von Bretanien untertan; jetzt aber ist sie im Lauf der Zeit, und da sich's mit der Welt zum Ende neigt, wie ihr seht, arm und einsam geworden. Der dunkle Wald, den ihr hier seht, über 78 000 Parasangen Persisches Längenmaß. lang und breit, ist der Heroen und Dämonen Wohnung, die jetzt alt geworden sind. Wir glauben, weil der Komet, der uns drei ganze Tag zuvor schien, jetzt nicht mehr leuchtet, daß von ihnen gestern einer gestorben ist, bei dessen Hintritt der schreckliche Sturm ausgebrochen ist. Denn solang sie leben, ist auf unserm Eiland und den andern Nachbarinseln an allem Guten Überfluß, schönes, stilles Wetter zur See und immerwährende Heiterkeit. Wie aber von ihnen einer hinfährt, hören wir jedesmal im Wald ein lautes, erbärmliches Wehgeheul und sehn im Land Pest, Windbrüche, schwere Plagen; in den Lüften Finsternis und Aufruhr, im Meer Orkan und Sturm.« »Was Ihr da sagt«, antwortete ihm Pantagruel, »scheint mir sehr glaublich. Denn wie die Fackel oder das Licht die ganze Zeit, solang es lebt und brennen bleibt, den Leuten leuchtet, alles ringsumher erhellt, jeden erfreut, mit seinem Schimmer jedem dient, niemandem schadet noch lästig fällt, sobald es aber erlischt, durch seinen Dunst und Qualm die Luft verderbt, die Menschen kränkt und einem jeden mißbehagt – so verhält es sich auch mit diesen edeln, erlauchten Seelen. Die ganze Zeit, die sie in ihren Leibern hausen, ist ihre Wohnung friedsam, still, gedeihlich, heimlich, segensreich, erquicklich, hehr; im Augenblick, da sie verscheiden, bricht gewöhnlich auf Inseln wie auf festem Land und in den Lüften wilder Aufruhr aus, Verfinstrung, Donner, Hagel, Blitz; im Erdball Dröhnen und Beben, im Meer Orkan und Ungewitter, Wehgeheul der Völker, Wandel der Religionen, Zerstörung der Königreiche und Ausrottung der freien Staaten.« »Davon«, sprach Epistemon, »haben wir erst noch kürzlich das Beispiel gehabt beim Tod des tapfern gelehrten Ritters Wilhelm von Bellay, bei dessen Leben sich Frankreich solchen Glücks erfreute, daß alle Welt drauf neidisch war, alle Welt mit ihm in Bund trat, alle Welt sich vor ihm fürchtete. Kaum war er aber dahin, alsbald war es vor aller Welt verachtet auf lange Zeit.« »Ich möcht' den Meersturm«, sagte Pantagruel, »der uns so hart geplagt und geschüttelt hat, nicht ungeschehen machen, wenn ich dafür entbehren sollte, was dieser gute Makrobier hier uns mitteilt. Ich bin auch gern geneigt, zu glauben, was er von dem Kometen, der etliche Tage vor solchem Sterben am Himmel erschien, uns gesagt hat. Denn manche dieser Seelen sind so adlig, herrlich und heldenhaft, daß uns der Himmel ihren Auszug und Abschied etliche Tage zuvor verkündigt. Ja, er tut noch mehr. Um zu zeigen, daß unsre Erde und wir irdischen Menschen so hoher Seelen Gegenwart nicht würdig sind, betäubt, erschreckt er uns mit erschreckenden Vorzeichen. Wie wir es mehrere Tage vorm Hingang der hohen, herrlichen Heldenseele des tapfern und gelehrten Ritters von Bellay, dessen Ihr gedachtet, mit angesehn haben.« »Wohl weiß ich's noch«, sprach Epistemon, »und mein Herz zittert und bebt, wenn ich der mannigfaltigen und schauderhaften Wunder gedenke, die wir mit unsern offnen Augen fünf bis sechs Tag vor seinem Tod gesehen haben. Dergestalt, daß seine Freunde, Hausgenossen und alten Diener sich ganz bestürzt ohne einen Laut einander ansah'n, wohl aber alle in ihren Herzen erkannten und zum voraus wußten, daß Frankreich nun in kurzem eines so vollkommnen und zu seinem Ruhm und Schirm so nötigen Ritters verlustig gehn würde, weil ihn der Himmel, als sein gebührend Eigentum, zurückbegehre.« »Potz Kutten-Bammel!« rief Bruder Jahn. »Ich hab ein ziemlich gutes Gedächtnis, wenn mir recht ist. Aber ich frag' Euch auf Euern Eid, wie unser König seine Leute und die Königin ihre Mägde: Diese Heroen und Halbgötter, von denen Ihr eben gesprochen habt, können die auch mit Tod abgehn? Du liebes Leben! Da hab' ich immer in meinen dummen Gedanken gedacht, sie müßten alle unsterblich sein wie die lieben Engel, verzeih mir's Gott! Und nun erzählt uns dieser hochwürdigste Herr Makrobier, daß sie zuletzt verenden müßten!« – »Ich glaube«, versetzte Pantagruel, »daß alle vernünftigen Seelen frei von den Scheren der Atropos sind. Unsterblich sind sie alle, Dämonen, Engel und Menschen. Ich will Euch aber bei diesem Anlaß eine gar seltsame Geschichte erzählen, die von manchem gelehrten und kundigen Geschichtsschreiber bestätigt wird: Einstmals fuhr ein Schiff voll allerhand Waren und Reisender aus Griechenland nach Italien, als sich des Abends unweit der Echinadischen Inseln, zwischen Morea und Tunis, der Wind legte und das Schiff gen Paxos getrieben wurde. Wie es nun dort still lag und von den Passagieren etliche schliefen, etliche wachten, andre zechten und Nachtmahl hielten, vernahm man von der Insel Paxos eine Stimme, die laut ›Thamus!‹ rief, worüber alle erschraken. Dieser Thamus war nämlich der Steuermann, aus Ägypten gebürtig, aber dem Namen nach nur wenigen von der Gesellschaft bekannt. Zum zweiten Male erscholl die Stimme mit schrecklichem Geschrei nach Thamus. Und als ihr auch jetzt noch niemand eine Antwort gab und alles bang verstummte und zitterte, erscholl die Stimme zum dritten Male, noch schrecklicher denn zuvor. Nunmehr erhub sich Thamus und sprach: ›Hier bin ich. Was begehrst du? Was muß ich tun?‹ Darauf vernahm man die Stimme noch lauter, die ihm befahl, sobald er gen Palodes käme, dort zu verkünden, daß der große Pan tot sei. Diese Worte erschreckten alle Passagiere und Schiffer sehr, und sie pflogen miteinander Rats, was besser wäre, ob man die Botschaft bestellen oder verschweigen sollte. Da schlug Thamus vor, daß, wenn sie steifen Fahrwind hätten, sie ohne weiteres fürbaß fahren, wenn aber Meeresstille wäre, sie sich ihres Auftrags entledigen wollten. Als sie nun bei Palodes waren, begab es sich, daß sie weder Wind noch Wasser hatten. Thamus also stieg auf das Vorderdeck, die Augen nach dem Land gerichtet, und sprach, wie ihm geboten war, der große Pan sei tot. Er hatte noch nicht das letzte Wort gesprochen, als man am Land ein großes Schluchzen und Wehklagen hörte; nicht wie von einer Person allein, sondern von vielen durcheinander. Das Gerücht von dieser Sache wurde in Rom bald ruchbar, und Tiberius, der damalige Römische Kaiser, ließ den Thamus rufen; er maß seiner Erzählung Glauben bei, erkundigte sich bei den Gelehrten seines Hofes, wer dieser Pan wäre, und erfuhr aus ihrem Bericht, daß er ein Sohn des Merkur und der Penelope und der Gott der Natur gewesen sei. Ich aber für mein Teil beziehe es lieber auf jenen großen Erlöser der Gläubigen, der in Judäa durch Neid und Bosheit der Priester, Schriftgelehrten, Mönche und Pfaffen mosaischen Glaubens schmählich erwürgt ward. Und diese Deutung dünkt mich nicht ungereimt. Denn mit gutem Fug mag er auf griechisch Pan Pan = alles. geheißen werden; weil er doch unser alles ist. Alles was wir leben, haben, hoffen, ist er, ist in ihm, von ihm, durch ihn. Er ist der gute Pan, der große Hirte, der nicht seine Schafe allein nur liebt und wert hält, sondern auch die Schäfer. Bei seinem Tod war Heulen, Schluchzen, Bestürzung, Jammer und Betrübnis im ganzen Bau des Weltalls, Himmel, Erde, Luft, Meer und Unterwelt. Zu dieser meiner Auslegung paßt auch die Zeit; denn dieser milde, große Pan und alleinige Heiland starb bei Jerusalem eben zu der Zeit, als Kaiser Tiberius in Rom regierte.« Als Pantagruel dies gesprochen, blieb er tief in stumme Betrachtung versunken. Nicht lang darauf sah'n wir die Tränen ihm dick wie Straußeneier aus den Augen stürzen. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich nur ein bißchen übertreib. Dreiundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel an dem Eiland Duckdich vorbeikam, wo Fastnacht regierte Nachdem die muntre Flotte wieder instand gesetzt und repariert und mit Lebensmitteln frisch versehn war, stachen wir am andern Tag mit hellem holdem Nordwind lustig in See. Am hohen Tag wies uns von fern Xenomanes das Eiland Duckdich, wo Fastnacht regierte, von dem Pantagruel zuvor schon erzählen hören und den er gern von Angesicht gesehen hätte. Doch widerriet's ihm Xenomanes, sowohl des großen Umwegs halber, als weil man auch, wie er behauptete, sehr magern Spaß auf dem ganzen Eiland sowie am Hof des Königs fände. »In Bausch und Bogen«, sprach er, »seht Ihr an ihm einen großen Topfauslecker, ein unersättliches Heringsmaul, einen gewaltigen Maulwurfsfänger und halb ausgewachsenen Riesen mit Milchbart und Doppeltonsur, gebürtig aus Laternenland, auch selbst ein großer Laternenmucker, Großbannerherr der Fischfresser, Diktator des Senftopfs, Kleinkinderprügler, Aschenstreuer, Vater und Brotherr aller Ärzte, von Indulgenzen, Stationen und Ablaß strotzend, ein frommer Gesell, Betbruder und eifriger Katholik. Dreiviertel des Tages heult und greint er. Zu keiner Hochzeit kommt er. Allein die Wahrheit zu gestehen: Ihr findet keinen geschickteren Spicknadelmacher und Bratspießschnitzer in vierzig Herren Ländern als ihn. Es sind etwa sechs Jahr her, da kam ich einmal durch Duckdich und nahm zwölf Dutzend davon mit; ich hab' sie nachmals den Fleischermeistern in Quande verehrt; die hielten große Stücke darauf, und das mit Recht. Bei unsrer Heimkunft will ich Euch noch ein paar davon weisen, die über der großen Kirchtür hängen. Seine Speisen, von denen er lebt, sind eingepökelte Pickelhauben, Salzkästen, gesalzene Brücken und Waffen, die ihm oft das Wasserlassen schwermachen. Seine Kleidung ist gar lustig von Farb und Schnitt; denn grau und luftig geht er, hat weder hinten noch vorn was an. Die Ärmel sind aus demselben Stoff.« »Es wird mich freuen«, sprach Pantagruel, »wenn Ihr, wie Ihr mir seine Nahrung, Kleidung, Sitten und Lebensweise geschildert habt, nun auch seine Gestalt und Leibesstatur nach allen Teilen beschreiben wollt.« – »Tu's, mein Herzenssack«, sprach Bruder Jahn, »ich bitt' dich drum; denn in meinem Brevier da steht er auch, und nach den beweglichen Festen entwischt er.« – »Ganz gern«, antwortete Xenomanes. »Vielleicht erfahren wir mehr von ihm, wenn wir das Grimm-Eiland passieren, wo die quapplichen Fleischwürste wohnen, seine Todfeindinnen, mit denen er ewig Krieg führt; und wenn der edle Herr Karneval, ihr alter Schirmvogt und Nachbar, ihnen nicht Hilfe leistete, hätt' dieser grobe Laternenschmied Fastnacht sie längst von Haus und Hof vertrieben.« – »Sind das Männer oder Weiber?« frug Jahn, »haben sie Rock oder Hosen an? Sind's Engel oder sterblich Leut? Noch Jungfern oder schon gefreit?« »Sie sind«, antwortete Xenomanes, »von sterblicher Natur und weiblich von Geschlecht und Angesicht, etliche Jungfern, andre nicht.« – »Ich sei des Teufels«, rief Bruder Jahn, »wenn ich nicht für sie bin! Ist dies in der Natur auch wohl erhört, mit Weibern Krieg zu führen? Rechtsum! Und laßt uns diesem Lümmel die Haut abziehn.« – »Was! Krieg mit Fastnacht?« schrie Panurg; »o alle Teufel, so vermessen und tolldreist bin ich wahrlich nicht. Wem geschieht ein Gefallen, wenn wir nun zwischen Würste und Fastnacht mitten rein kämen, wie zwischen Hammer und Amboß? Pest! fort, fort von hier! Fahr zu! Servus, Herr Fastnacht! Ich rekommandier Euch die Würst; vergeßt mir auch die Schlackwürst nicht!« Vierundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel bei dem Grimm-Eiland einen ungeheuern Walfisch sah Am hohen Tag sah Pantagruel in der Gegend des Grimm-Eilands von fern einen ungeheuer großen Walfisch, der brausend, schnarchend, strotzend, höher als die Maste der Schiffe, grad auf uns ankam. Wasser spie er aus seinem Rachen vor sich her, man dachte, es wär ein mächtiger Strom, der sich von den Gebirgen stürzt. Pantagruel zeigte ihn dem Steuermann und Xenomanes. Auf des Steuermanns Rat bliesen sämtliche Drommeten des Thalamegus alsobald Feurio; auf dies Zeichen stellten sich alle Fahrzeuge, Gallionen, Fregatten und Liburnerschiffe, nach ihrem Seedienst, in die Figur und Ordnung, wie sie das griechische Y, der Pythagoreische Buchstabe zeigt, welche Form ihr die Kraniche in ihrem Flug beschreiben seht, wie an einem spitzen Winkel, vor dem sich der Thalamegus zu tapferm Widerstand bereit hielt. Bruder Jahn sprang resolut mit den Bombardierern aufs Vorderkastell. Panurg fing kläglicher als jemals zu heulen und zu wimmern an. »Willewauwauwau! das geht uns«, schrie er, »ärger als vorm Jahr. Flieht, flieht! Das ist, schlag mich der Donner, Leviathan, wie ihn Moses, der edle Prophet, im Leben des frommen Manns Hiob beschreibt. Er wird uns all mit Mann und Maus wie Pillen verschlucken. In seinem großen höllischen Rachen wiegen wir so federleicht wie ein Zuckerkandel in Esels Schlund. Jetzt kommt er! Flieht! Macht, daß wir landen! Ich glaub', es ist das wahre Meerscheusal, das die Andromeda weiland fressen sollte. Wir sind all verratzt. O käm nur diesmal, ihn zu töten, ein tapfrer Perseus!« – »Mag's ein Bär oder Walfisch sein«, sprach Pantagruel, »ich schieß' ihn Euch; seid außer Furcht.« – »Kreuz Gottes!« rief Panurg, »schafft uns nur erst aus dem Bereich der Furcht. Wann wollt Ihr, daß ich Furcht soll haben, wenn nicht in sichtlicher Todesgefahr?« »Wenn Euch«, antwortete Pantagruel, »das Schicksal, das Euch Bruder Jahn jüngst prophezeite, beschieden ist, müßt Ihr Euch vor den berühmten flammenspeienden Sonnenpferden fürchten, die aus den Nüstern Feuer blasen. Vor Walfischen, die weiter nichts aus Schlund und Ohren als Wasser spein, darf Euch nicht grauen. Ihr Wasser ist Euch nicht lebensgefährlich. Dies Element wird Euch vielmehr beschützen und verteidigen als kränken und schaden.« »Glaub's ein andrer!« sprach Panurg, »da kommt Ihr schief an. Potz Fischel! Au au! Jetzt kommt's! Ich kriech da 'nunter. Diesmal ist's unser Allerletztes. Da droben auf den Mastkörben sitzt schon die böse Parze, die arge Atropos, mit ihrer frisch geschliffnen Schere, schon ganz parat, die Lebensfädlein uns allen zu kappen. Kopf weg! Jetzt kommt's! Hu! Wie so grausig und scheußlich du bist! Hast ihrer wohl schon mehr ersäuft, die sich nicht weiter damit rühmen konnten. Ja, spie er nur noch alten, guten, roten und weißen Firnewein, statt dies gallenbittre, stinkige Wasser, dann wär's doch noch einigermaßen zu leiden; es wäre eine Art Geduldprobe für uns, nach dem Beispiel des englischen Lords, der, seiner Sünden überwiesen, zum Tod nach seiner eigenen Wahl verdammt ward, und in einem Faß Malvasier zu ersaufen beliebte. Jetzt kommt er! Hu Teufel! Satanus! Hu Leviathan! Ich kann dich nicht sehn, so gräulich und abscheulich bist du. Marsch, laßt ihn durch einen Schickanen-Gerichtsvollzieher holen!« Fünfundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel den ungeheuern Walfisch erlegte Der Walfisch kam unter die Kiele und Schanzen der Schiffe und Gallionen und spie Wasser tonnenweis' auf die vordersten; man dachte, es wären die Schnellen des Nils in Äthiopien. Speere, Pfeile, Wurfspieße, Partisanen, Lanzen flogen auf ihn von allen Enden. Bruder Jahn war nicht faul, Panurg vor Angst des blassen Todes. Das Geschütz donnerte und hagelte drein wie Teufel und tat, was seines Amts war, um ihn im Nassen trocken zu stellen; aber es fruchtete wenig; denn die groben eisernen und ehernen Ballen, wenn sie ihm in das Leder fuhren, schienen zu Brei zu zergehn wie bleierne Ziegel an der Sonne. Da ersah sich Pantagruel den Vorteil und die Gelegenheit, reckte seine Arme und zeigte, was er vermochte. Ihr sagt's, und es steht geschrieben, der römische Tagdieb und Kaiser Commodus sei ein so trefflicher Schütz gewesen, daß er aus weiter Ferne die Pfeile durch die aufgehobnen Finger junger Knaben, ohn im mindesten sie zu verletzen, geschossen habe. Auch von einem indianischen Bogner zu der Zeit, als Alexander der Große Indien eroberte, erzählt ihr uns, der so geübt im Schießen war, daß er von weitem seine Pfeile durch einen Ring schnellte, obwohl die Pfeile drei Schuh lang und das Eisen daran so groß und schwer war, daß er damit Stahlpanzer und dicke Schilde durchbohrte, sie mochten so hart, fest, dauerhaft, stark und massiv sein, als ihr wollt. Ungleich bewundernswerter in der Kunst des Speer- und Pfeilwurfs war der edle Pantagruel. Denn er, mit seinen furchtbaren Pfeilen und Schleuderstangen (die den großen Brückenpfeilern zu Nantes, Saulmur, Bergerac und zu Paris an der Wechsler- oder Müllerbrücke an Länge und Dicke, Gewicht und ehernem Beschlag vollkommen glichen) spießte auf tausend Schritt die Auster in der Schale auf, ohne auch nur an die Ränder zu streifen; schneuzte ein Licht, ohn es auszulöschen, bohrte den Elstern die Augen aus, trennte die Sohle von einem Stiefel, ohne ihm zu schaden, nahm das Futter unversehrt aus einem Käppchen, wandt' in Bruder Jahns Brevier die Blätter eins nach dem andern um, ohne daß er auch nur ein Rißlein machte. Mit solchen Pfeilen, deren er viele bei sich im Schiff führte, spießte er auf den ersten Schuß dem Walfisch in die Stirne, dergestalt, daß er ihm beide Kiefern samt der Zung vernagelte, und er so das Maul nicht mehr auf tun und kein Wasser mehr schlucken noch ausspein konnte. Der zweite Schuß stach ihm das rechte, der dritte das linke Aug aus. Damit noch nicht zufrieden, schoß ihm Pantagruel einen vierten Pfeil auf den Schwanz. Dann drei andre auf das Rückgrat und zuletzt schnellte er ihm in die Seiten noch fünfzig rechts und fünfzig links, so daß des Walfischs Leib dem Schiffsrumpf einer dreimastigen Gallione mit abgemessen darin gefugten Balken gleichsah, als wären es die Rippen des Kiels. Darauf kehrte sich der Walfisch, wie alle toten Fische, im Sterben auf den Rücken; und als er so die Spieße unterwärts ins Wasser streckte, glich er schier der hundertfüßigen Seeschlange, wie sie der weise Nikander beschreibt. Sechsundzwanzigstes Kapitel Wie Pantagruel am Grimm-Eiland, dem alten Stammsitz der Würste, ankam Die Matrosen vom Laternenschiff zogen den Walfisch im Schlepptau auf den Strand der nahen Insel Grimm-Eiland, um ihm das Nierenfett auszuschneiden, das, wie sie sagten, zur Kurierung einer gewissen Krankheit, die sie Geldmangel nannten, ganz besonders heilsam und unentbehrlich sei. Pantagruel geruhte, ein wenig am Grimm-Eiland vor Anker zu gehn, damit sich diejenigen seiner Leute laben und trocknen könnten, die der garstige Walfisch ganz benetzt und versaut hatte, in einer kleinen stillen Bucht schön südlich und lustig gelegen bei hohen Bäumen, unter denen ein Bächlein süßen Wassers herrlich und silberhell hervorquoll. Da schlug man unter schönen Zelten die Küchen auf und schonte kein Holz. Nachdem sich jedermann beliebig umgekleidet hatte, zog Bruder Jahn das Glöcklein. Auf dies Zeichen wurden die Tafeln gedeckt und schnell besetzt. Während nun dort Pantagruel mit seinen Leuten fröhlich schmauste, sah er, als eben der Nachtisch kam, etliche kleine, appetitliche Würstlein auf einen hohen Baum beim Schenktisch klimmen und klettern, mäusleinstill. Er frug Xenomanes: »Was für Tiere sind dies?« denn er meinte, es wären Eichkätzlein, Wiesel, Hermeline oder Marder. – »Ei, das sind Würste«, antwortete ihm Xenomanes, »denn hier ist eben das Grimm-Eiland, von dem ich Euch heut früh erzählte. Seit langen Zeiten ist zwischen ihnen und dem Fastnacht, ihrem alten bösen Feind, der blutige Krieg; und ich glaub' fast, die Kanonade auf den Walfisch hat sie erschreckt und alarmiert, ob etwa ihr Feind mit seinen Truppen im Anzug wäre, um sie zu überfallen oder die Insel zu plündern, wie er es schon mehrmals, vergebens und mit schlechtem Erfolg, probiert hat; denn es stand ihm allzeit die große Vorsicht und Wachsamkeit der Würste im Weg, die die Bosheit und die Nachbarschaft ihres Feindes in einem fort auf ihrer Hut und wachsam zu sein zwang.« – »Ei«, sprach Pantagruel, »schöner Freund, wenn Ihr ein redliches Mittel wißt, wie wir dem Krieg ein Ende machen und sie mitsammen versöhnen können, so zeigt mir's an, ich werd' mich dafür von Herzen gern verwenden und nichts sparen, soviel an mir ist, um die strittigen Punkte auf beiden Seiten zu schlichten.« »Ist vor der Hand unmöglich«, antwortete Xenomanes; »schon vor vier Jahren, als ich hier und durch Duckdich kam, ließ ich mir's angelegen sein, zwischen ihnen Frieden zu stiften, oder doch einen langen Waffenstillstand zum wenigsten. Sie könnten längst die besten Freunde und Nachbarn sein, wenn sie sich ihres Eigensinns in nur einigen Artikeln auf beiden Teilen entschlagen wollten. Der Fastnacht wollte die wilden Schlackwürste und die gebirgischen Schwartenmagen, ihre alten guten Gevattern und Bundsgenossen, platterdings nicht mit in den Friedenstraktat aufnehmen. Die Würste verlangten, daß man ihnen die Festung Heringstonnenheim in ihre Gewalt gäbe, wie sie schon die Sulzenburg befehligen, und daß daraus, ich weiß nicht was für altes stinkiges Banditen- und Raubgesindel, das sie besetzt hält, verjagt werden solle. Dies wollte man nicht eingehn: die Bedingungen schienen dem andern Teil zu hart, und so kam es unter ihnen zu keinem Vergleich. Doch seit dem Bannfluch des Nationalkonzils in Chesil, der sie ganz in Grund und Boden verdammt hat und den Fastnacht für einen ruppigen, kreuzlahmen Schelm und Stockfisch erklärt hat, wenn er mit ihnen den kleinsten Vergleich oder Umgang versuche, sind sie so krötenbitterbös, kreuzspinnefeind, furchtbar erzürnt und obstinat in ihren Herzen aufeinander, daß nichts mehr anschlägt. Eher könntet ihr Katz und Maus, Hund und Hasen zu Freunden machen.« Siebenundzwanzigstes Kapitel Wie die schwer ergrimmten Würste dem Pantagruel einen Hinterhalt legen Während Xenomanes noch so sprach, sah Bruder Jahn so fünfundzwanzig bis dreißig junge schlanke Würste am Hafen, die mit scharfem Schritt nach ihrer Stadt, Burg, Zitadelle oder Rauchfangtürmlein eilten; da sprach er zu dem Pantagruel: »Da setzt's Krakeel, das seh ich schon. Diese sehr respektabeln Würste sehn Euch wohl gar für Fastnacht an, wenn Ihr ihm auch in keinem Stück gleicht. Kommt, lassen wir dies Tafeln hier sein und setzen uns in Positur, damit sie uns gerüstet finden.« – »Der Vorschlag«, sprach Xenomanes, »ist nicht so übel. Würste sind Würste, allzeit verkappte Bösewichter und Mucker.« Da erhob sich Pantagruel sofort von der Tafel, um sich vor den Bäumen umzusehn; er kam bald zurück und zeigte uns an, daß er links einen Hinterhalt sehr quapplicher Würste erspähet habe, und rechter Hand eine halbe Meile von da ein großes Bataillon starker Gigantenwürste, die in geschlossenen Reihen wütend an einem kleinen Holm entlang auf uns anmarschierten unter dem Schall von Tuten und Schwegeln, Blasen und Därmen, lustigen Pfeifen, Trommeln, Zinken und Drommeten. Nach Überschlag von 78 Fähnlein, die er gezählt hatte, konnten wir sie für nicht viel schwächer als 42 000 schätzen. Aus ihrer Ordnung, dem stolzen Marsch und den dreisten Mienen schlossen wir, daß es nicht etwa junge Nestlinge, sondern alte Kriegswürste seien. Die Vorderreihn bis an die Fähnlein gingen sämtlich schwer gewappnet in ganzer Rüstung, mit kleinen Piken, wie uns von weitem schien, jedoch sehr wohl gestählt und scharf gespitzt. Die Flanken deckte eine große Schar Jägerwürste und Schwartenmagen zu Roß: das waren lauter Leute von schöner Statur und grimmbärtiges Insulanervolk. Pantagruel war ganz bestürzt, und nicht ohn Ursache. Obschon Epistemon zu erwägen gab, ob es im Wurstland wohl Sitte und Brauch sei, gewappnet fremde Freunde zu empfangen, wie ja auch die edeln Franzosenkönige von ihren guten Städten des Reichs bei ihrem ersten Einzug nach der Salbung und Krönung eingeholt und bewillkommt würden. »Vielleicht«, sprach er, »ist's nur die ordinäre Leibwache der Landesfürstin, der die jungen Signalwürste auf den Bäumen dort gemeldet haben, wie im Hafen das schöne stattliche Geschwader Eurer Schiffe gelandet sei, und die, in Euch einen reichen und mächtigen Prinz vermutend, Euch in Person besuchen kommt?« – Gleichwohl berief Pantagruel seinen Kriegsrat, summarischen Bedenkens halber, was sie in dieser bangen Klemme unsichrer Hoffnung und offenbarer Besorgnis zu tun hätten. Der Beschluß des Rates war: sie wollten für alle Fälle auf ihrer Hut sein. Da ließ Pantagruel durch Gymnastes und Karpalim die Kriegsleute vom »Humpen«, dessen Oberst Worstschlucker war, und vom »Krüglein« rufen, dessen Oberst Spaltendarm der Jüngere war. »Ich werd' Gymnastes die Müh ersparen«, sprach Panurg; »er ist Euch sowieso hier unentbehrlich.« – »Bei meiner Kutte!« rief Bruder Jahn, »du willst dich aus dem Treffen drücken auf Nimmerwiederkehren, so wahr ich lebe! Na, na, der Schaden wär just nicht so groß; denn er tät doch nix, als daß er jammerte, heulte und schrie und uns die guten Soldaten verschüchterte.« – »Doch!« sprach Panurg, »gewiß, ich komm' wieder, Bruder Jahn, mein geistlich Vater! Und bald. Nehmt nur die Schiffe in acht, daß diese widerwärtigen Würste die nicht erklettern! Während des Treffens werd ich zu Gott für Euch um Sieg flehn, nach Mosis Beispiel, des tapfern Hauptmanns und Führers der Kinder Israel.« »Die Namen«, sprach Epistemon zum Pantagruel, »von Euern beiden Obersten, Worstschlucker und Spaltendarm, verheißen uns die Oberhand und gutes Siegsglück in diesem Strauß, wenn uns die Würste wirklich attackieren sollten.« – »Ihr deutet's wohl«, antwortete ihm Pantagruel, »und es ist mir lieb, daß Ihr aus unsrer Obersten Namen uns Siege weissagt.« Doch seht, da kommen ja schon die beiden Obersten mit den Soldaten, ganz wohl gewappnet und kampfbereit. Pantagruel ermahnte sie nun, sich in dem Treffen tapfer zu halten, wenn sie überhaupt gezwungen wären (denn noch konnte er nicht glauben, daß die Würste so treulos wären), aber nicht selbst den Sturm zu beginnen. Die Parole aber war Karneval! Achtundzwanzigstes Kapitel Wie wir Menschen die Menschen nicht verachten sollen Jetzt lacht ihr wohl über mich, ihr Zecher, und glaubt nicht, was ich euch erzähle. Dagegen kann ich nichts machen. Glaubt es, wenn ihr wollt; wenn nicht, so geht hin und schaut selber zu. Doch weiß ich wohl, was ich gesehn hab': 's war auf dem Grimm-Eiland, ich sag's euch ja. Denkt an die Schlange, die Eva versucht hat, die war auch wurstähnlich; gleichwohl steht von ihr geschrieben, daß sie vor allen Tieren des Feldes schlau und verschmitzt gewesen sei. So auch die Würste! Noch heut wird auf mancher hohen Schule gelehrt, daß dieser Versucher die sogenannte Mannswurst gewesen sei, in die der liebe Meister Priapus vor Zeiten verwandelt worden sei. Die heutzutag so kriegerischen und kühnen Schweizerdegen, wer weiß, ob sie vor Zeiten nicht Schwartenmägen gewesen sind? Ich schwör' keinen Eid drauf. Wenn solche Gründe eurer Gestrengen Zweifelmut noch nicht zerstreuen, so begebt euch stracks (nämlich nach geleerter Kanne) nach Lusignan, Partenay, Vovant, Mervant und Ponzauges in Poitou: da werdet ihr alte, glaubhafte Zeugen von echtem Schrot und Korn finden, die euch's beim Arm Sankt Rigomés zuschwören werden, daß Melusine, ihre Stifterin, einen Weiberleib bis an das Täschlein gehabt, und von da niederwärts eine Schlangenwurst gewesen sei, oder auch Wurstschlange. Dennoch führte sie einen stolzen stattlichen Schritt, den ihr auch die Bretanischen Tänzer in ihren Schnalzhopsern bis diesen Tag sehr wohl nachahmen. Also lasset nur euere schlechten Späße beiseit' und glaubt: es geht nix übers Evangelium. Neunundzwanzigstes Kapitel Wie Bruder Jahn sich mit den Köchen gegen die Würste zum Krieg verband Als Bruder Jahn die wütigen Würste so herzhaft anmarschieren sah, sprach er zu Pantagruel: »Das wird einen guten Krieg geben, ich spür's schon. O des stolzen Ruhms, o des unsterblichen Ehrennamens, den dieser Sieg uns einbringen wird! Ich wollt', Ihr säht diesem Treffen aus Euerm Schiff ruhig zu und ließet mich mit meinen Leuten die Sache ausmachen.« – »Was für Leute?« frug Pantagruel. – »Klosterwissenschaft!« antwortete Bruder Jahn; »warum ward Potiphar, der Oberküchenmeister des Pharao, derselbe, der den Joseph kaufte, dem der Joseph, wenn er nur gewollt hätte, die schönsten Hörner hätt' andrehn können, warum ward er wohl Oberfeldmarschall der ganzen ägyptischen Reiterei? Warum ward Nabusardan, König Nebukadnezars Küchenvogt, vor allen Generalen auserwählt, die Stadt Jerusalem zu belagern und zu zerstören?« – »Ich merk' schon«, sprach Pantagruel. – »Beim heiligen Leichnam«, rief Bruder Jahn, »ich wollt' wohl schwören: Weil sie zuvor recht viel Würst erlegt hatten und weil Leute, die man nicht höher einzuschätzen pflegt als Würste, von niemand besser bekämpft, gedämpft und kleingemetzelt werden als von Köchen, besser als durch alle Kriegsknecht, Söldner und Reisigen der ganzen Welt.« »Ich merk', was Ihr meint«, sprach Pantagruel. »Weil wir mit Würsten uns zu schlagen haben, schließt Ihr, daß dies ein Küchenkrieg sei, und wollt Euch mit den Köchen verbinden. Tut, wie Ihr denkt. Ich werd' hier warten und der Kampagne Ende mit ansehn.« Jetzt sprang Bruder Jahn spornstreichs in die Küchenzelte und sprach munter und liebreich zu den Köchen: »Kinder! Heut helf' ich euch allen zu Ruhm und Sieg, heut sollen Taten durch euch geschehn, wie unsre Zeit noch nicht erlebt hat. Potz Bauch auf Bauch! Sind tapfre Köche nicht mehr geachtet? Auf! Haut mir diese Hurenwürst in Stücke. Ich will euer Hauptmann sein. Getrunken, Freunde! Sassa, Courage!« – »Recht so! Herr Hauptmann!« riefen die Köche; »wir sind zu Euerm Dienst. Unter Euerm Kommando wolln wir leben und sterben.« – »Leben«, sprach Jahn, »genügt; nicht sterben; das ist Wurstsache. Wohlan, macht euch fertig, marsch! Nabusardan soll eure Losung sein.« Dreissigstes Kapitel Wie Bruder Jahn die »Sau« aufschlagen ließ und Pantagruel die Würste übers Knie brach Da schlugen, auf Bruder Jahns Geheiß, die Ingenieure die große »Sau« auf, ein Kriegsgerät, ähnlich dem trojanischen Pferd. Dies war ein wundersames Gerüst und so erbaut, daß es aus starken Schleudern, die in Reihen rings daran angebracht waren, steinerne Ballen und stahlbefiederte Quadern abschoß. Zweihundert Mann und drüber konnten in seinem Bauch gemächlich fechten und sich verbergen. In die Sau begaben sich all die edeln wackern Köche, kampflustig, munter, frank und frisch. Bruder Jahn, mit seiner langen Plempe, schlupfte hinter allen als letzter hinein und verriegelte die Tür von innen. Schon rückten die Würste so nah heran, daß Pantagruel sehen konnte, wie sie die Arme auseinanderspreizten und die Lanzen einlegten – da schickte er Gymnastes zu ihnen, um zu hören, was ihr Begehr sei und welcher Groll sie so ohne alle Kriegserklärung zum Angriff ihrer alten Freunde, die weder mit Worten noch mit Werken ihnen etwas zuleid getan, bewogen hätte. Gymnastes machte an der vordersten Front eine mächtig tiefe Verneigung und schrie so laut er konnte: »Ganz, ganz, ganz der eure! Zu Befehl, und ganz gehorsamst! Lauter Lehnsleute eures Kaisers Karneval!« – Nachher ist mir von einigen versichert worden, daß er nicht Kaiser, sondern Scheißer gesagt habe. Wie dem nun auch sei, kurz, auf dies Wort schoß eine wilde quappliche Hirnwurst vor die Front des Bataillons und wollt' ihn bei der Gurgel packen. – »Ei«, schrie Gymnast, »so wahr mich Gott! Dich nehm ich stückweis', denn ganz ging's doch nit.« Hob damit seinen guten Degen Hintenauf (wie er ihn hieß) mit beiden Händen aus der Scheide und hieb die Hirnwurst mitten durch. Hilf heiliger Gott! wie feist die war! Glaubt mir, daß sie nicht weniger als vier Finger dick Schmeer auf dem Leib hatte. Nach so enthirnter Hirnwurst fielen die Würste Gymnastes an und droschen ihn elend darnieder, als ihm Pantagruel mit seinen Leuten in starkem Schritt zu Hilf eilte. Jetzt ging holterpolter die blutige Schlacht los. Spaltendarm spaltete Därm. Worstschlucker schluckte Wurst. Pantagruel gar brach die Würste übers Knie. Bruder Jahn in seiner »Sau« hielt sich ganz still und sah und merkte sich alles wohl. Da plötzlich stürzten die Weißwürst aus ihrem Hinterhalt mit großem Geschrei auf Pantagruel. Wie Bruder Jahn den Tumult und Wirrwarr sah, tat er die Pförtlein seiner Sau auf und brach mit seinen Helden hervor. Die einen schwangen eiserne Bratspieße, andre Feuerböcke, Ofengabeln, Brandruten, Pfannen, Pfännlein, Kacheln, Bratröste, Zangen, Kasserollen, Besen, Häfen, Mörser, Mörserstampfer, brüllten und heulten aus einem Hals wie ein Mordbrennerhaufen: Nabusardan, Nabusardan, Nabusardan! Mit solchem Zetermordio fuhren sie unter die Weißwürste und Schwartenmägen. Sobald die Würste die frische Verstärkung erblickten, stoben sie davon, gestreckten Laufs, als wenn sie alle Teufel der Hölle gesehen hätten. Bruder Jahn schoß sie mit seinen Schleudern wie Mucken um, und seine Schar war auch nicht faul; es war ein Anblick zum Erbarmen. Das Feld lag ganz voll toter und zerfetzter Würste, und es heißt, daß, wenn nicht Gott für sie gewacht hätte, die ganze Wurstrasse von dieser Küchensoldateska ausgerottet worden wäre. Aber da begab sich ein Wunder; jetzt glaubt davon, soviel ihr wollt. Von Norden her kam ein großes, graues, grunziges Schwein mit langen breiten Flügeln, gleich Windmühlflügeln. Seine Federn waren karmesinrot wie an einem Flamingo. Die Augen dunkelrot, die Ohren grün, die Zähn topasgelb, der Schwanz sehr lang und schwarz wie lucullianischer Marmor, die Füße durchsichtig klar und weiß wie Demant, mit breiten Pfoten wie Gänsfüße. Um den Hals hing ihm ein gülden Halsband, rings mit allerlei griechischen Lettern beschrieben, davon ich mehr nicht als zwei Worte ‛ΥΣ ’ΑΘΗΝΑΝ (Hys Athenan) lesen konnt'; das heißt: das Schwein, das die Minerva lehren will. Das Wetter war klar und sonnenhell; doch als dies Ungetüm erschien, da donnerte es zur Linken so laut, daß wir uns alle entsetzten. So wie die Würste es sahen, warfen sie ihre Wehr und Waffen hin, knieten nieder, falteten die Hände und hielten sie stumm empor, als wenn sie es verehren wollten. Bruder Jahn und seine Leute schlugen immer zu und spießten Würste an. Auf Befehl Pantagruels ward aber gleich Rückzug geblasen und aller Fehde ein End gemacht. Nachdem das Tier zwischen beiden Heeren verschiedene Mal hin und wider geflogen war, warf es über 27 Faß Senf zur Erde und verschwand sofort in den Lüften; dabei schrie es unablässig: »Karneval! Karneval! Karneval!« Einunddreissigstes Kapitel Wie Pantagruel mit der Wurst-Königin Bimmelbammel parlamentierte Wie sich das Untier nun entfernt hatte und beide Kriegsheere schweigend dastanden, begehrte Pantagruel mit der Dame Bimmelbammel zu parlamentieren (so hieß man die Königin der Würste), die unweit der Fahnen in ihrer Kutsche saß. Dies wurde sofort genehmigt; die Dame stieg aus, grüßte den Pantagruel freundlich und sah ihn gern bei sich. Pantagruel beschwerte sich über diesen Krieg; sie dagegen entschuldigte sich höflich und erzählte, daß ein falsches Gerücht an diesem Irrtum schuld sei, weil ihr ihre Späher gemeldet hätten, daß ihr alter Erbfeind Fastnacht gelandet sei und zum Zeitvertreib den Walfischen das Wasser beschaute. Hierauf bat sie, den Fehler ihnen großmütigst zu verzeihn, da man doch in Würsten eher Dreck als Galle fände, unter der Bedingung, daß sie und alle Bimmelbammel nach ihr auf ewige Zeiten dies ganze Reich und Eiland von ihm und seinen Leibeserben zu Lehen tragen wollten. Außerdem verpflichtete sie sich, ihm jährlich 78 000 Royalwürste zu senden, daß sie ihm an seiner Tafel sechs Monate lang beim Voressen den Dienst versehen. Dies geschah sofort, und tags darauf wurde die genannte Wurstzahl ungesäumt dem guten Gargantua auf sechs großen Brigantinen zugesandt, unter Geleit der jungen Bimmelbammel, Infantin ihres Königreichs. Der edle Gargantua schickte sie wieder dem großen König von Paris zum Präsent; allein sowohl vom Wechsel der Luft, als auch aus Mangel an Senf, dem natürlichen Wursterwecker und Lebensbalsam, starben fast alle und wurden auf Befehl des großen Königs haufenweis' an einem Ort in Paris begraben, der heut noch die »Wurstpflasterstraße« heißt. Durch Verwendung der Damen am Hof des Königs ward die junge Bimmelbammel erhalten und standesgemäß traktiert. Nach der Zeit machte sie auch eine gute reiche Heirat und gebar viel schöne Kinder, Gott sei Dank! Pantagruel dankte der Königin liebreich, erließ ihr alle Schuld, verbat sich ihr Anerbieten und verehrte ihr ein artiges Prager Messerlein. Dann frug er sie neugierig wegen der Erscheinung des Ungeheuers. Sie antwortete ihm, dies wäre das Urbild Karnevals, ihres Schutzpatrons in Kriegszeiten, des ersten Stifters und Ahnherrn der gesamten Wurstrasse. Darum glich er auch einem Schwein, weil die Würste vom Schwein abstammten. Pantagruel frug sie, warum oder nach welcher Kurmethode er so viel Senf zur Erd geworfen habe. Die Königin antwortete ihm, Senf wär ihr Himmelselixier und heiliger Gral; sowie man nur davon ein wenig in die Wunden der zu Boden geschmetterten Würste tät', heilten in kurzem die Verstümmelten, und die Toten stünden wieder auf. Weitere Reden pflog Pantagruel keine mit der Königin und begab sich auf sein Schiff zurück. Desgleichen auch die andern guten Gesellen mit ihrer Sau und ihren Waffen. Zweiunddreissigstes Kapitel Wie Pantagruel aufs Eiland Ruach kam Zwei Tag darauf gelangten wir aufs Eiland Ruach, und dies schwör' ich euch bei dem Siebenhühnergestirn, daß ich des Volkes Lebensart seltsamer fand, als ich beschreiben kann. Sie leben von gar nichts weiter als von Wind; sie essen nichts, sie trinken nichts als eitel Wind. Statt Häuser sieht man nur Wetterhähne. In ihren Gärten bauen sie nichts als die drei Arten der Windrose; die Raute und andre blähende Kräuter jäten sie sorgsam aus. Gemeine Leute sorgen für ihre Nahrung durch Wedeln von Federn, von Papier oder Leinwand, wie's jeder haben und zahlen kann. Die Reichen leben von Windmühlen. Wenn sie ein Festessen oder Schmäuslein geben, schlägt man die Tafeln unter ein oder zwei Windmühlen auf; da schmausen sie dann so lustig wie die Hochzeitsleute und disputieren über Tisch von der Güte, Gesundheit, Herrlichkeit und Rarität der Winde; just so wie ihr Herrn Zecher bei euern Schmäusen von Weinsorten philosophiert. Der eine lobt den Sirokko, der andere den Föhn, der dritte den Biswind, der vierte den Zephir, der fünfte den Westwind, der sechste die Meerluft, und so fort. Ein andrer wieder den Hemdenwind für die verliebten Süßholzraspler und Jungfernknechte. Den Kranken geben sie Zugwind ein, wie man bei uns Zugpflaster legt. »Ach!« sprach zu mir ein kleines puffiges Männlein, »wer doch nur eine Blase voll von dem guten Languedoker Wind, der dort Circe heißt, haben könnte!« – »Doch!« sprach Panurg, »wie denkt Ihr über eine dicke Tonne des guten Languedoker Weins aus Canteperdris, Mirevaulx und Frontignan?« Dort sah ich einen sehr stattlichen Menschen, rund wie die Windrose; der war auf zwei von seinen Leuten schwer erzürnt, einen dicken Großknecht und ein winziges Büblein, und schlug und trat sie mit harten Stiefeln teuflisch zusammen. Da ich nun des Zorns Ursach nicht wußte, dacht' ich, es hätten's ihm seine Ärzt etwa geraten, weil es beiden Teilen gesund wär, dem Herrn zu zürnen und zu treten; dem Knecht, getreten zu werden. Da hört' ich aber, wie er dem Knecht schuld gab, daß ihm ein Schlauch Zephirwind, den er als teuern Leckerbissen sich auf das Spätjahr aufgehoben hatte, halb ausgestochen worden sei. Sie kacken nicht, sie brunzen nicht, sie spucken nicht aus auf diesem Eiland. Dafür fisten, furzen, rülpsen sie überschwenglich. Alle Krankheitssorten und Arten erleiden sie; doch ihre Erbseuche ist Windkolik, wogegen sie gewaltige Schröpfungen brauchen, durch die viel Wind von ihnen geht. Sie sterben alle an der Trommelsucht, und zwar die Männer furzend, die Weiber fistend, und ihre Seele entfährt durchs Arschloch. Als wir weiterspazierten, sah ich, daß, wie ihr Zecher über Land eure Reisefläschlein, Buddel und Karaffen bei euch führt, jeder von ihnen an seinem Gurt ein kleines niedliches Pfeiflein trug. Wenn ihnen einmal zufällig der Wind ausging, brauten sie sich hurtig mit diesen artigen Pfeiflein frischen, denn ihr wißt, daß Wind, nach seinem wahren Urbegriff, nichts weiter als flutendströmende Luft ist. Im selben Augenblick ward uns von Königs wegen angezeigt, daß wir binnen dreier Stunden weder Mann noch Weib des Landes in unsre Schiff einnehmen sollten, weil man ihm eben einen Darm voll echten Windes gestohlen hätte, den einst der gute Windgott Äolus bei Meeresstille Ulyssen mitgab, um die Schiffe zu treiben; den habe er wie einen zweiten heiligen Gral andächtig verwahrt und mehrere enorme Seuchen damit geheilt, indem er den Kranken nur soviel davon heraus- und zugehn ließ, als zu einem Jungfernfürzlein nötig ist; was unsre frommen Ordensschwestern in ihrer Sprache Verlegenheitsfürzlein heißen. Dreiunddreissigates Kapitel Wie kleine Regen große Winde stillen Pantagruel lobte ihre Wirtschaft und Art zu leben; darauf sprach er zu ihrem Landvogt Windig: »Wenn Ihr der Meinung Epikurs seid, welcher als höchstes Gut die Luft pries, muß ich Euch glücklich nennen; denn da Euer Leben aus Wind besteht, so kostet's Euch nichts, oder doch wenig. Ihr dürft nur blasen.« – »Wohl wahr«, versetzte der Landvogt, »nur daß leider in diesem irdischen Leben kein Glück vollkommen ist! Oft, wenn wir uns eben über Tisch an einem guten scharfen Wind Gottes, recht wie an einem himmlischen Manna, froh wie Prälaten erlustigen, flugs kommt ein kleiner winziger Regen und stiehlt ihn uns vorm Maule weg und legt ihn lahm. So kommen wir um manchen Schmaus, aus Mangel an Futter.« – »Das ist ja«, sprach Panurg, »wie Hänsel von Quinquenais, der seiner Gret auf den Hintern brunzte und dergestalt den müffigen Wind legte, der daraus hervorquoll. Jüngst macht' ich den artigen Vers darauf: Der Hans probiert den Federweißen Und hat die Gretel schon geheißen, Daß sie das Essen fertig hätt', Denn heut geht's möglichst früh ins Bett. Man ißt, man trinkt, man springt ins Nest, Der Hans ist rasch noch lieb gewest, Jetzt streckt er sich ... Gottsakrament, Wenn er doch bloß jetzt schlafen könnt'. Aus Gretel, pünktlich nach der Uhr, Ein Fürzlein um das andere fuhr. Der Hans nicht faul, brunzt ihr nach hinten Und spricht: ›Auch bei den größten Winden Hilft allemal ein kleiner Regen, Damit sie sich auf einmal legen.‹« »Dazu«, sprach der Landvogt, »haben wir auch noch jährlich eine große und schwere Landplage auszustehn. Ein Riese mit Namen Schnautzhahn nämlich, der auf der Insel Tohu wohnt, kommt alle Jahre im ersten Frühling auf den Rat seiner Ärzte hierher, um sich auszukurieren, und dann schlingt er uns eine große Zahl Windmühlen hinunter wie Pillen; darauf ist er sehr erpicht. Uns aber macht das großen Schaden und beschert uns jährlich drei bis vier Fasttage, der besondern Buß- und Bettage nicht zu gedenken.« »Könnt Ihr aber«, frug Pantagruel, »dem nicht steuern?« – »Auf den Rat unsrer Herrn Ärzte«, antwortete ihm der Landvogt, »tun wir um die Jahreszeit, wo er gewöhnlich zu uns kommt, eine ganze Menge Hähne und Hühner in die Mühlen. Das erstemal, nachdem er sie verschlungen hatte, wär er bei einem Haar daran gestorben; denn sie krähten ihm im Leib und flogen ihm im Magen umher, daß er in Ohnmacht, Herzschwäche und schauderhaft gefährliche Verzückungen fiel; nicht anders, als wenn ihm eine Schlange durchs Maul in den Magen gefahren wäre.« – »Dies Gleichnis«, sprach Bruder Jahn, »paßt nicht; denn ich hab' vorlängst gehört, daß eine Schlange im Magen niemandem Leids tue und gleich wieder ausfahre, wenn man den Kranken bei den Beinen nimmt und ihm ein Pfännlein warmer Milch vor den Mund hält.« – »So habt Ihr's«, sprach Pantagruel, »wohl sagen hören, und die gleichfalls, die's Euch erzählten; aber niemals hat man die Kur mit Augen gesehen oder gelesen.« »Ferner«, fuhr der Landvogt fort, »rannten auch alle Füchse des Landes den Hühnern nach, ihm in den Hals; und er wäre des Todes gewesen, wenn er nicht den Rat eines schnurrigen Zaubrers befolgt hätte und als Gegengift, just in der Stunde des Paroxysmus, einen Fuchs geschunden hätte. Seitdem hat man's noch schlauer probiert und gibt ihm jetzt ein Klistier dagegen aus Roggen- und Hirsekörnern für die Hühner, und von Gänslebern für die Füchse. Auch läßt man ihn Pillen einnehmen von Dachs- und Windhundsfleisch. Ist das nicht Kreuz genug für uns?« – »Seid nur ohn Furcht, ihr lieben Leut, hierfür«, sprach Pantagruel. »Denn dieser große Windmühlenfresser Schnautzhahn ist tot, ich kann's bezeugen; und zwar erstickte er an einem frischen Butterwecken, den er auf Vorschrift seiner Ärzte an einem heißen Ofenloch aß.« Vierunddreissigstes Kapitel Wie Pantagruel auf das Eiland der Papfeiger Papefigue, papafico, eigentlich Feigenschnepfe, hier für Sykophant (Aufpasser, Schikaneur, Verleumder. Die Papfeiger sollen, wie auch Voltaire annahm, die Protestanten sein, die dem Papst die Feige bieten, seiner spotten. Mit den Fröhlingern sollen die Deutschen gemeint sein, die sich bei verschiedener Gelegenheit, wie bei der Plünderung Roms (1527), sehr munter aufführten. Gegenfüßler sind die Papimanen, die Papstnarren. kam Am andern Morgen erreichten wir das Eiland der Papfeiger, das war einst ein reiches und freies Volk gewesen, denn sie hießen die Fröhlinger; nun aber waren sie elend, arm und den Papimanen unterwürfig. Die Ursache war folgende: An einer der jährlichen Prozessionen waren die Bürgermeister, Syndici und Oberrabbiner von Fröhlingen erholungshalber und um das Fest mit anzusehen, nach dem nahegelegnen Eiland Papimanien hinübergefahren. Als nun einer von ihnen des Papsten Bildnis sah (wie es bei jeder Prozession die löbliche Gewohnheit war, es öffentlich der Welt zu zeigen), bot er ihm die »Feige«, was in dem Land ein offenbares Zeichen der Verachtung und des Hohnes ist. Zur Rache hierfür erhoben sich nun ein paar Tage darauf in Waffen sämtliche Papimanen, riefen nicht lang erst Kopf weg!, überfielen, plünderten und verwüsteten das ganze Fröhlinger-Eiland, ließen alles über die Klinge springen, was Haar am Kinn hatte; nur den Weibern und jungen Knaben verziehen sie unter ähnlichen Bedingungen wie weiland Kaiser Friedrich der Rotbart den Mailändern. Die Mailänder hatten in seiner Abwesenheit wider ihn sich aufgelehnt und sein Gemahl, die Kaiserin, mit Schimpf und Schande auf einem alten Maultier aus der Stadt vertrieben, ärschlings reitend, mit dem Steiß nach des Maultiers Kopf, mit dem Gesicht nach dem Schwanz gekehrt. Als Friedrich nun, nach seiner Rückkehr, sie von neuem unterworfen und eingeschlossen hatte, ruhte er nicht eher, als bis er dies berühmte Maultier in seine Gewalt bekam. Jetzt mußte der Henker mitten auf dem großen Marktplatz auf seinen Befehl eine Feige in die Schamteile des Maultiers stecken, in Gegenwart der gefangenen Bürger. Dann rief er bei Drommetenschall laut in des Kaisers Namen aus: daß, wer von ihnen dem Tod entgehn wolle, mit seinen Zähnen öffentlich die Feige herausziehn und darauf ohn Hilfe der Hand auch wieder an ihren Ort stecken müßte. Wer sich weigern würde, den sollt' man sofort aufhängen und strangulieren. Etliche unter ihnen nun erschraken sehr und schämten sich vor einer so abscheulichen Strafe, vergaßen darüber die Todesfurcht und wurden gehängt; bei andern wieder überwog die Todesfurcht die Schande; die zogen mit scharfem Zahn die Feige heraus, hielten sie in die Höhe und sprachen dazu mit lauter Stimme: Ecco lo fico! Hier ist die Feige! Mit gleicher Schmach ward auch der Rest der armen geschlagnen Fröhlinger vom Tod errettet und lebengelassen. Sie wurden Sklaven und hörig, und der Name Papfeiger wurde ihnen gegeben, weil sie dem Bildnis des Papstes die »Feige« entboten hätten. Seit der Zeit hatten die armen Leut in nichts mehr Glück; jahraus jahrein gab's Hagel, Teuerung, Pestilenz und Wetterschaden und tausend Kreuz bei ihnen, als die ewige Strafe für die Versündigung ihrer Väter und Vorfahren. Weil wir nun des Volks Elend und Not sah'n, wollten wir nicht tiefer ins Land, sondern traten nur, um Weihwasser zu nehmen und unsre Andacht zu verrichten, unweit des Hafens in eine kleine Betkapelle, die ganz verfallen, ohne Dach und wüst war. Als wir da drin das Wasser nahmen, sahen wir in dem Weihbrunnkessel einen mit der Stola bekleideten Menschen, der völlig unter dem Wasser stak wie eine Tauchente, bis auf ein Zipflein der Nasenspitz zum Atemholen. Um ihn standen drei wohlgeschorene, glatzige Pfaffen, die lasen den Hexenhammer und beschworen die Teufel. Pantagruel fand den Fall seltsam, und auf Erkundigung, was für Possen man da treibe, wurde ihm zur Antwort, daß diese letzten drei Jahr im Eiland eine so grimmige Pest grassiert hätte, daß das Land zur Hälfte und drüber ausgestorben und Grund und Boden fast herrenlos verblieben wäre. Nachdem die Pest vorüber war, hätt' der Mann da in dem Weihbrunnkessel ein großes Stück Feld gehabt und es mit Dinkelkorn bestellt, just zu der Stunde und Tageszeit, als eben ein kleines Teuflein (das noch nicht blitzen noch hageln konnte, außer auf Kraut und Petersilie, und auch noch nicht lesen und schreiben gelernt hatte) vom Satan Urlaub erhalten habe, sich ein wenig zu seinem Pläsier und Zeitvertreib auf diesem Papfeiger-Eiland zu tummeln, weil die Teufel mit Männern und Weibern daselbst im besten Vernehmen stehn und öfters zu ihrer Lust hinfahren. Bei seiner Ankunft trat der Teufel zu dem Bauern und frug ihn gleich, was er da schaffe? – Der arme Mann antwortete, er bestellt' dies Feld mit Dinkel, weil er übers Jahr auch leben wolle. »Ei aber«, sprach der Teufel, »dies Feld ist nicht dein; es ist mein, gehört mir; denn seit der Stund und Frist, da ihr dem Papst die Feige wies't, ist all dies Land uns zuerkannt und anheimgefallen. Nun ist zwar Korn säen nicht mein Amt –: drum lasse ich dir das Feld, jedoch unter der Bedingung, daß wir uns in den Nutzen teilen.« – »Mir schon recht«, antwortete der Bauer. – »So zwar«, sprach der Teufel, »daß wir den Ertrag zwiefach verlosen. Auf ein Los kommt das, was über der Erde wächst, aufs ander das, was unter der Erde ist. Die Wahl ist mein, denn ich bin Teufel, aus einem alten adligen Blut, und du nur ein Lump. Ich wähl' mir das, was unten ist. Das Oberste sollst du haben. Wann ist Ernte?« – »Im Heumond«, antwortete der Bauer. – »Wohlan! Ich werd' nicht fehlen«, sprach der Teufel, »inzwischen tu deine Schuldigkeit. Rühr dich, Lump, rühr dich! Ich geh jetzt, die edeln Nönnlein in Furzingen ein wenig auf das Stroh zu locken, und auch die Herrn Gleisner und Mönchlein, auf deren Treu ich Felsen bau. Auf Wiedersehn, ich werd dich nicht warten lassen!« Fünfunddreissigstes Kapitel Wie das Teuflein von einem Papfeiger Bauern betrogen wurde Als der Heumond halb herum war, erschien der Teufel an Ort und Stelle in Begleitung einer ganzen Schar junger Chorteuflein, begegnete dem Bauer und sprach zu ihm: »Na, Lump, wie hält's, seit ich hier weg bin? Jetzt müssen wir uns teilen.« – »Ist nur billig«, antwortete der Bauer. Der Bauer mit seinen Leuten fing an, das Korn zu schneiden. Die Teuflein rauften ebenfalls die Stoppeln aus der Erde. Der Bauer drosch sein Korn auf der Tenne aus, worfelte es, lud's in Säcke und führt's zu Markt. Die Teuflein ebenfalls, setzten sich neben den Bauern auf den Markt hin und boten da ihre Stoppeln feil. Der Bauer verkaufte sein Korn sehr gut und tat das Geld in ein altes Strümpfel, das er am Gurt trug. Die Teufel lösten nichts; vielmehr machte sich das Landvolk über sie auf offnem Markt noch lustig. Als der Markt zu End war, sprach der Teufel zum Bauern: »Diesmal, Lump, hast du mich betrogen; zum andernmal gelingt dir's nicht.« – »Wie, mein Herr Teufel«, antwortete der Bauer, »sollt' ich Euch betrogen haben? Habt Ihr doch als erster gewählt. Wohl aber wolltet Ihr mich betrügen bei dieser Wahl, in der Hoffnung, daß auf meinen Part nichts aus der Erden wachsen würde und Ihr mein Saatkorn alles unten gut finden würdet; denn damit wollt Ihr die armen Leute, die Gleisner und die Geizhals in Versuchung führen und durch Versuchung sie in Eure Fallstrick ziehn. Seid aber noch sehr neu im Handwerk: dies Korn da drunten ist längst verfault und tot; aus dessen Tod und Fäulnis ist jenes erwachsen, das Ihr mich habt verkaufen sehn. Ihr habt also das schlimmre Teil erwählt. Dafür seid Ihr auch in der Schrift verflucht.« »Reden wir von etwas anderm«, sprach der Teufel, »was möchtest du wohl übers Jahr auf unsern Acker baun?« – Der Bauer antwortete ihm: »Ein guter Wirt tät Rettich säen.« – »Wohl«, sprach der Teufel, »du bist ein guter Lump, jetzt geh, bau Rettich, was das Zeug hält. Ich will sie vor Donnerwettern hüten, auch nicht drauf hageln. Aber merk's! Diesmal behalt' ich für mein Teil, was oben wächst, du kriegst das Unterste. Rühr dich, Lump, rühr dich! Ich geh jetzt die Ketzer versuchen, sehr leckre Karbonädelseelen! Herr Luzifer hat just sein Bauchweh; das gibt einen warmen Braten für ihn.« – Zur Zeit der Ernte fand sich der Teufel mit einer Schar kleiner Kammerteuflein am Platz ein, traf daselbst den Bauer und seine Leute und fing alsbald an, die Rettichblätter abzuschneiden und einzusammeln. Hinter ihm grub und schaufelte der Bauer seine dicken Rettiche aus und lud sie in Säcke. So zogen sie alle mitsammen zum Markt. Der Bauer verkaufte seine Rettich sehr gut; der Teufel löste nix; ja was noch schlimmer war, er wurde ausgelacht vor allem Volk. – »Wohl seh ich, Lump«, sprach jetzt der Teufel, »daß du mich wieder betrogen hast; jetzt will ich, daß ein End soll werden unter uns beiden mit dem Feld. Der Pakt soll sein, daß wir einander kratzen; und wer als der erste von beiden nachläßt, verliert seinen Feldteil. Dem Sieger verbleibt alles ganz und gar. Über acht Tag ist das Turnier. Fort, Lump! dich will ich teuflisch kratzen. Eben wollt' ich die Raubschick-aner, Prozeßverdreher, Rabulisten, Notarien und verräterischen Anwälte versuchen gehn; sie haben mir aber durch ihren Dolmetsch sagen lassen, daß sie mir alle zu Diensten stehn. Auch ist Luzifer ihrer Seelen schon müd, denn er schickt sie gemeinlich den Küchenteufeln, sie müßten denn stark gepfeffert sein. Er sagt, das beste sei ein Scholar zum Imbiß, ein Anwalt zum Mittagessen, ein Winzer zum Vesper, ein Kaufmann zum Nachtbrot, eine Zofe zum Schlaftrunk. Es ist schon wahr. Scholaren aß er vordem wohl zum Imbiß; aber, ach! ich weiß nicht, durch welchen Unstern seit etlichen Jahren sie mit ihren Studien die heiligen Schriften ergattert haben. Dies ist die Ursache, daß wir auch nicht einen dem Teufel mehr stellen können, und ich glaub', wenn uns die Kuttner nicht helfen, ihnen nicht mit Drohungen, Schimpf, Bannzwang, Gewalt und Scheiterhaufen ihren Sankt Paulus aus den Händen winden, werden wir unten wohl schwerlich mehr einen zu knuspern kriegen. Sein Mittagsbrot sind für gewöhnlich Rechtsverdreher, schelmische Advokaten und Schinder der armen Leut; die gehn ihm nie aus. Doch Tag für Tag dieselbe Speise kriegt eins auch satt. Letzthin einmal, grad bei einer Ratssitzung, kriegte er auf eine Pfaffenseele Lust, die sich in ihrer Predigt den Leuten zu empfehlen vergessen hatte, und verhieß einem jeden doppelten Sold und ein notables Jahrgehalt, wer ihm dergleichen brühwarm brächte. Wir waren auch alle flugs darnach aus, aber es waren nur Fleischergäng'; denn alle ermahnen sie die edeln Frau'n, ja fein ihr Klösterlein mit Gaben zu bedenken. Sein Nachtessen ist sehr gut bestellt aus wucherischen Handelsherren, Apothekern, Warenfälschern, Kippern und Wippern. Und zuweilen, wenn er bei Laune ist, schluckt er zum Schlaftrunk wohl ein paar Zöflein, die ihrer Herren guten Wein aussaufen und das Faß dann mit stinkigem Wasser nachfüllen. Rühr dich, Lump, rühr dich! In acht Tagen komm' ich wieder!« Sechsunddreissigstes Kapitel Wie der Teufel von einer alten Papfeige betrogen wurde Der Bauer kam traurig und schweigsam nach Haus. Sein Weib, das ihn so sah, dacht' erst, man hätt' ihn auf dem Markt bestohlen. Als sie aber die Ursache seines Kummers hörte und den Beutel voll Geld sah, sprach sie ihm freundlich Mut ein und verhieß ihm, daß ihm dieser Kratzete nichts schaden sollt'; er sollt' sich nur auf sie verlassen, sie hätt' sich schon den Handel gut ausgedacht. »Und«, sprach der Bauer, »wenn das Schlimmste zum Schlimmen kommt, so trag' ich eine Schramme davon; ich ergeb' mich auf den ersten Hieb und laß ihm's Feld.« – »Nix, nix da!« sprach die Alte, »steif du dich nur auf mich und laß mich machen. Der Teufel, sagst du, ist noch klein? Nur still, der soll sich dir bald geben: das Feld wolln wir behalten. Ja, wenn's noch ein großer Teufel wär, müßt' man's bedenken.« Der anberaumte Tag war der, an dem wir auf das Eiland kamen. Des Morgens früh war der Bauer ordentlich zu Beichte und Abendmahl gewesen, als guter Katholik, und hatte sich so ducklings, auf des Pfarrers Rat, in den Weihbrunnen versteckt, wie wir ihn fanden. Just, als man uns die Geschicht erzählte, kam die Nachricht, daß die Alte den Teufel betrogen und das Feld gewonnen hätte. Die Art und Weise war die: Der Teufel kam an des Bauern Tür, pocht' an und schrie: »Ho! Lump, ho Lump! Jetzt 'raus, auf blanke Krallen! Sassa, 'raus!« Ging drauf ganz frank und frech ins Haus, fand aber da den Bauern nicht mehr, sondern sein Weib, das heulend und schreiend an der Erde lag. »Was ist los?« frug er. »Wo ist er? Was schafft er?« – »Ha«, sprach die Alte, »wo wird er sein? Der Schelm, der Dieb, der Schinderknecht! Er hat mich verschändet! Den Schaden verwind' ich nimmermehr, dies ist mein Letztes.« – »Wie?« sprach der Teufel, »was ist? Was gibt's? Nu wart, den will ich Euch schon lausen.« – »Ha!« schrie die Alte, »der Schinder, der Bluthund, der Teufelskraller sprach zu mir, er hätt' sich heut mit Euch bestellt zu kratzen, da wollt' er die Nägel nur proben und kratzte mich, bloß mit dem kleinen Finger, hier zwischen die Beine, ich bin verschändet zeitlebens, ich überleb' es nicht. Schaut her! Nu is er gar zum Schmied, der soll ihm die Krallen erst noch schärfen und spitzig machen. Ihr seid verloren, Herr Teufel! Mein Freund! Fort, rettet Euch; er muß gleich hier sein, lauft, was Ihr könnt, ich bitt' Euch drum.« Und damit deckte sie sich bis ans Kinn auf, in der Art, wie die persischen Weiber weiland sich ihren Kindern zeigten, die aus dem Treffen entflohen waren, und zeigte ihm ihr Wasistdas. Als der Teufel die enorme Solutionem Continui in allen Dimensionen sah, da schrie er laut: »Bei allen Göttern der Hölle! Nein, mich kriegt er nicht. Jetzt greif ich aus im Hundstrott. Sela. Er soll's Feld haben!« Als wir nun des Handels Ende vernommen hatten, stiegen wir wieder zu Schiff und verweilten nicht länger. Pantagruel schenkte, in Betracht der großen Not am Ort und der Armut des Volkes, 18 000 Goldgulden in den Gotteskasten. Siebenunddreissigtes Kapitel Wie Pantagruel aufs Papimanen-Eiland kam Nach dem Abschied von dem traurigen Papfeiger-Eiland fuhren wir einen Tag lang bei hellem Wetter und guter Dinge, als unsern Augen das hochgelobte Papimanen-Eiland erschien. Kaum hatten wir im Hafen Anker geworfen, die Kabel noch nicht angelegt, da kamen vier Leute in einer Schaluppe auf uns zugerudert, alle vier verschieden gekleidet: der eine als Mönch, kapuzt, beschmutzt, gestiefelt; der zweite als Falkonier, mit Köder und Beizhandschuh; der dritte als Anwalt, in der Hand einen großen Sack voll Instruktionen, Zitationen, Schikanismen und Vorladungen; der vierte als Winzer von Orleans, in schönen leinenen Gamaschen, mit einem Korb und einem Winzermesser am Gurt. Sobald sie bei unsern Schiffern angekommen waren, fingen sie mit lauter Stimme einmütig an zu rufen: »Habt ihr ihn gesehen, ihr Fremden? Habt ihr ihn gesehn?« – »Wen?« frug Pantagruel. – »Ihn, ihn«, versetzten sie. – »Wer ist der Ihn«, frug Bruder Jahn, »Potz Sackerdam! Ich dresch' ihn windelweich!« (Denn er war der Meinung, sie suchten einen Mörder, Dieb oder Kirchenräuber.) »Wie!« sprachen sie, »so kennt ihr fremden Passagiere nicht den Einigen?« – »Ihr Herren«, antwortete Epistemon, »diese Sprache verstehn wir nicht; wenn's euch beliebt, sagt, wen ihr meint, so wolln wir euch ehrlich die Wahrheit sagen.« – »Er, der da ist, ist's«, sprachen sie, »habt ihr ihn je gesehen?« – »Der da ist«, antwortete Pantagruel, »ist Gott, nach unsrer Theologie; und unter diesem Namen hat er sich Moses offenbart. Fürwahr, den haben wir nicht gesehn, denn ihn erblickte kein sterbliches Auge.« – »Wir reden nicht von dem großen Gott im Himmel«, sprachen sie, »wir reden vom Gott auf Erden! Saht ihr den? saht ihr ihn jemals?« – »Meiner Treu!« sprach Karpalim, »sie meinen den Papst.« »Ja, ja«, antwortete Panurg, »o ja, ihr Herrn! Ich hab' ihrer drei gesehn, doch hat mich's eben nicht fett gemacht.« – »Wie!« riefen sie, »was ist das? Sagen nicht unsre heiligen Dekretalien, daß ihrer nie mehr denn einer lebe?« – »Ich mein'«, antwortete Panurg, »versteht mich, drei hintereinander; sonst hab' ich nie mehr als einen auf einmal gesehn.« »O ihr drei-, viermal seligen Leute!« schrie'n sie, »so seid uns hoch und höchst und abertausend höchst willkommen!« – Damit warfen sie sich zur Erde und wollten uns die Füße küssen, aber wir wollten's nicht zugestehn, aus der Überlegung, daß sie ja dem Papst, wenn er etwa einmal in eigner Person zu ihnen käme, nicht größre Ehre erzeigen könnten. – »Doch, o doch!« versetzten sie, »das könnten wir, das könnten wir; und ist schon unter uns ausgemacht. Wir werden ihm den blanken Hintern ohne Blatt küssen und noch was anders dazu.« Indessen frug Pantagruel einen Bootsknecht von ihrer Schaluppe, wer die Leute wären; der antwortete ihm, es wären die vier Stände des Eilands, und meinte dabei, man würde uns hier sehr wohl aufnehmen und gut traktieren, weil wir den Papst gesehen hätten. Als Panurg dies hörte, sagte er heimlich: »Mit Gott! Da sehn wir's; wer nur warten kann, dem glückt noch alles. Mit dem Papstsehn haben wir zeitlebens keine Seid gesponnen, und hol's der Teufel! Jetzt kommt's erst, merk' ich.« Drauf gingen wir an Land; da kam uns alles Volk der ganzen Insel, Männer, Weiber, Kind und Kegel, wie in Prozession entgegen. Denen riefen unsre vier Stände mit lauter Stimme zu: »Sie haben ihn gesehen! Sie haben ihn gesehen! Sie haben ihn gesehen!« – Sogleich kniete alles Volk auf diesen Ausruf vor uns nieder, hob die Hände gefaltet gen Himmel und schrie: »O glückliche, selige Leute! O selige Leute!« und dies Schrein währte wohl über eine Viertelstunde. Danach kam auch der Schulpräzeptor mit allen seinen Pädagogen, Schulfuchslein und Scholaren gelaufen und wichste sie magistraliter, wie man bei uns die kleinen Kinder zu wichsen pflegt, wenn ein armer Sünder gehangen wird, damit sie's nie vergessen. Dies verdroß Pantagruel, und er sprach zu ihnen: »Ihr Herrn, hört auf, die Kinder zu schlagen! Sonst kehr' ich um.« – Das Volk erschrak ob seiner Stentorstimme, und ein kleines buckliges Männlein mit langen Fingern hörte ich den Schulmeister fragen: »Lieber Himmel! Werden die Leute, die den Papst sehn, so groß wie der da, der uns dräut? Ach, ich kann es kaum erwarten, bis ich ihn auch seh, daß ich nur wachs und so groß wie er wäre!« – Ihr Jubel ward so laut, bis Schlottig (so hießen sie ihren Bischof) herbeikam auf einem ungezäumten, grün behangnen Maultier in Begleitung seiner Klerisei und seiner Schranzen mit Kreuzen, Fahnen, Siegspanieren, Baldachinen, Weihbrunnkesseln, Kerzen; der wollte uns ebenfalls mit aller Gewalt die Füße abschmatzen, weil einer ihrer Schriftausleger, Großstiefelwichser und Glossator ihrer heiligen Dekretalien ihnen ausdrücklich in Schriften hinterlassen hatte, daß, wie den Juden der so lang und sehnlich erharrte Messias endlich doch noch erschienen sei, desgleichen auch noch der Papst einmal ihr Eiland betreten werde. Inzwischen nun, bis dieser Tag des Heils erschien, sollten sie jeden, der ihn zu Rom oder anderwärts gesehen habe, aufs beste verpflegen und ihm Ehrfurcht bezeigen. Wir verbaten es uns aber dennoch höflich. Achtunddreissigtes Kapitel Wie uns Papimanen-Bischof Schlottig die vom Himmel gefallenen Dekretalien zeigte Darauf sprach Schlottig zu uns: »Unsre heiligen Dekretales verordnen und gebieten uns, nicht eher in ein Wirtshaus zu gehn, bis wir zuvor in der Kirch gewesen sein. Drum, dieser schönen Satzung treu, kommt mit zur Kirche; dann wolln wir schmausen.« – »Geht nur voraus, Ihr braver Mann«, sprach Bruder Jahn, »wir folgen Euch. Von Euch hört man doch noch ein gutes, ein christlichs Wort. Wohl ist's lang her, daß wir kein Kirch mehr mit Augen gesehen haben. Es ist mir ein rechter Seelentrost, und ich glaub', ich werd' noch einmal so gut drauf speisen. Ei wie gut ist's doch, wenn man so brave liebe Leute findet.« Als wir nun an die Tempeltür kamen, sahn wir ein großes, güldnes Buch, ganz übersät mit feinen köstlichen Edelsteinen, Diamanten, Smaragden, Perlen, noch auserlesner, zum wenigsten nicht minder fein, als die einst Kaiser Oktavianus dem Jupiter Capitolino weihte; das hing an zwei schweren güldenen Ketten inmitten des Portals frei in der Luft. Wir staunten's voll Verwundrung an; Pantagruel drehte und wendete es nach Belieben in den Händen um, denn er konnte es leicht erreichen, und bezeugte uns für gewiß, daß er bei der Berührung ein sanftes Jucken in den Nägeln und eine Fügsamkeit der Arme verspüre, nebst einer starken Gemütsversuchung, einen oder ein paar Schergen zu dreschen, sofern sie nur die Tonsur nicht trügen. Darauf sprach Schlottig zu uns: »Sehet, dies sind die hier bei uns hochgelobten Dekretalien, geschrieben von eines Cherubs Hand und uns vom Himmel der Himmel durch ein Mirakel überliefert. Und weil ihr nun ihren Evangelisten und ewigen Schirmvogt, den Papst, gesehen habt, soll euch erlaubt sein, sie zu beschauen und, so ihr wollt, auch inwendig zu küssen. Doch zuvor müßt ihr drei Tage lang fasten, regelmäßig zur Beichte gehn und dabei eure Sünden so haarfein ausbälgen, mustern und erforschen, daß euch auch nicht der kleinste Umstand davon zur Erde fällt. Also befehlen diese göttlichen Dekretalien durch Gottes Mund. Dazu muß man sich Zeit nehmen.« »Braver Mann«, antwortete Panurg, »Dreckfäkalien, ich wollt' sagen, Dekretalien haben wir schon die Menge gesehen, auf Papier, Velin, Laternen, Pergament, in Druck und Handschrift. Spart euch die Müh', uns die zu zeigen. Eu'r guter Wille genügt uns schon, wir sehn's für voll an; großen Dank!« – »Potztausend«, sprach Schlottig, »aber ihr saht doch noch niemals diese von Engelshand; denn die bei euch, das sind bloße Kopien der unsern, wie wir in einem unsrer alten Dekretalien-Scholiasten klar geschrieben finden. Im übrigen bitt' ich, schert euch nicht um meine Müh. Bedenkt euch bloß: ob ihr hier beichten und die drei lieben Gottestäglein fasten wollt.« »Beichten«, sprach Panurg, »das sind wir gern zufrieden, nur das Fasten kommt uns schlecht zu paß, denn wir haben ohnehin zur See schon hundsmäßig fasten müssen, daß uns die Spinnweben auf den Backenzähnen sitzen. Da schaut nur mal hier diesen guten Bruder Jahn von Klopffleisch an, dem wächst schon Moos im Rachen, bloß weil er die Kiefer und das Gebiß nicht exerziert hat.« – »Er hat ganz recht«, antwortete Jahn, »ich hab' so hundemäßig gefastet, daß ich davon ganz bucklig bin.« »Kommt denn«, sprach Schlottig, »mit zur Kirche und entschuldigt uns, wenn wir euch jetzt nicht gleich die schöne Gottesmesse lesen. Mittag ist durch, und nachmittags verbieten uns unsre hochgelobten Dekretalien, Messe zu lesen, ich meine die hohe, volle Messe; aber ich will euch unterdessen eine kleine, stille Messe lesen.« – »Mir«, sprach Panurg, »wär eine zum Stillen mit etwas gutem Anjouwein lieber. So legt dann los, und drauf und dran! Es bieg oder brech.« – »Potz grün und gelb!« sprach Bruder Jahn, »mich wurmt's doch höchlich, daß ich im Leib noch so nüchtern bin. Denn hätt' ich nur erst nach Mönchsbrauch fein gefuttert und gefrühstückt, und er säng uns etwa ein Requiem, hätt' ich doch Brot und Wein in Profundis . Na, nur Geduld, schießt zu, pufft ab, paukt auf! Doch schürzt es ein bissel kurz, daß nichts dreckig wird, und auch aus andern Gründen! Darum möcht' ich bitten.« Neununddreissigtses Kapitel Wie Schlottig uns eines Papstes Urbild zeigte Nach diesem zog Schlottig aus einem Kasten einen großen Schlüsselbund, mit dem er über dem Altar an einem mit starken Eisenbarren verwahrten Fenster zweiunddreißig Riegel- und vierzehn Vorhängschlösser aufsperrte. Drauf bedeckte er sich sehr geheimnisvoll mit einem nassen Sack, zog einen rotseidnen Vorhang auf und wies uns ein meines Erachtens ziemlich schlecht gemaltes Bildnis; er berührte es mit einem langen Stab und ließ uns Mann für Mann den Stab küssen; dann frug er uns: »Was haltet ihr von diesem Bild?« – »Es ist«, antwortete Pantagruel, »das Konterfei eines Papstes; ich kenn' es an der Tiara, am Pallium, der Dalmatik und dem Pantoffel.« – »Richtig«, sprach Schlottig, »es ist die Idee dieses grundgütigen Gottes auf Erden, dessen Zukunft wir demütiglich entgegenharren und ihn dereinst noch in diesem unserm Vaterland zu schauen hoffen. O ersehnter, o lang erharrter, seliger Tag! Und selig, aberselig auch ihr, die ihr Gestirn so wohl geführt hat, daß ihr diesen guten lieben Erdengott selbsteigenleiblich von Angesicht und in Person gesehen habt, dessen nun erblicktes Gleichnis schon uns vollen Erlaß aller unsrer bewußten Sünden und eines Drittels, ja sogar von achtzehn Vierzigteilen der schon vergeßnen einbringt! Wir sehen es nur alle hohen Feste einmal.« Darauf meinte Pantagruel, es wär wie eine Arbeit des Dädalus: wiewohl unförmlich und grob gezeichnet, wär doch, was den Ablaß anbeträf, eine Art von göttlicher Energie darin verborgen und versteckt. – »Just wie die Bettler im Spittel zu Seuillé«, sprach Bruder Jahn, »die eines Abends an einem guten Feiertag bei ihrer Bettelsuppe sich rühmten, wieviel sie den Tag lang erfochten hätten, einer sechs Heller, der andre zwei Groschen, noch ein andrer sieben Fränklein; ein großer Schubjak kam gar und prahlte, daß er drei schwere Gulden erschnappt hätte. ›Ei‹, sprachen seine Gesellen zu ihm, ›du hast aber auch ein Gottesbein!‹ – Als wenn in einem brandig-faulen, eitrigen Bein was Göttliches stäke.« »Wenn ihr«, versetzte Pantagruel, »hier solche Reden führen wollt, so habt nur auch gleich ein Becken zur Hand; denn wenig fehlt, so muß ich kotzen. Den heiligen Namen Gottes bei solchem Schund und Unflat zu brauchen! Pfui, sag ich! Pfui! Wenn solcher Mißbrauch der Worte in euerm Mönchtum Sitte ist, so laßt ihn nur im Kloster und bringt ihn nicht unter uns.« »Mir will bedünken«, sprach Panurg, »dies Bildnis passe nicht gerade auf unsre letzten Päpste; denn die hab ich statt der Mitra den Helm auf'm Kopf tragen sehn und oben drauf war die persische Tiara gestülpt. Und wenn die ganze Christenheit in Fried und Ruh war, führten sie allein grausamen und blutigen Krieg.« »Ei«, sprach Schlottig, »das taten sie eben wider die Rebellen, die Ketzer und die gottesvergessenen Protestanten, die Seiner lieben Heiligkeit, diesem grundgütigen Erdengott, nicht folgen wollten. Dieses ist ihm nicht nur verstattet und erlaubt, sondern durch die hochgelobten Dekretalien sogar geboten: er muß Kaiser, Könige, Fürsten, Herzöge und freie Städt sofort mit Feuer und Schwert und Blut ersäufen, sobald sie auch nur ein einziges Jota von seinen Geboten weichen; muß sie ihrer Habe berauben, des Regiments entsetzen, in Acht und Bann tun, und nicht nur ihre und ihrer Kinder und andern Blutsfreunde Leiber töten, sondern auch ihre Seelen bis zu dem heißesten Höllenpfuhl hinab verfluchen.« »Nun gottlob!« rief hier Panurg, »hier unter uns, das weiß der Teufel! hat's keine Ketzer, wie in Deutschland oder England. Ihr habt doch noch euer Christentum am Schnürchen, als hätt' man euch extra ausgesucht!« – »Ei wohl!« sprach Schlottig, »ei potztausend! Wir werden aber auch alle selig! Und jetzt zum Weihwasser und dann zu Tisch!« Vierzigstes Kapitel Kurze Tischgesprächlein zum Lob der Dekretalien Nun merkt, ihr Zecher, daß während Schlottigs trockner Messe drei Kirchendiener, jeder mit einem großen Becken, im Volk umgingen und mit lauter Stimm ausriefen: »Vergeßt auch nicht der Glücklichen, die ihn leibhaftig gesehen haben!« – In der Tür des Tempels überbrachten sie Schlottig ihre Becken, gehäuft voll Papimanenmünzen. Dies, sagte uns Schlottig, wäre für die Schmauserei bestimmt, und zwar die Hälfte für gutes Getränke, die andre Hälfte für gutes Essen, nach einer wunderwürdigen Bestimmung, die sich in einem besonderen Winkel ihrer hochheiligen Dekretalien verkrochen habe. So geschah's auch. Und glaubt nur – gefuttert ward da stark, und getrunken derbe. Zwei Kuriosa notierte ich mir bei dem Gelag: Fürs erste, daß keine Fleischspeis kam, es mocht' sein was für Sorte es wollte, Reh, Kapaune, Schweine (und deren gibt es in Papimanien eine schwere Menge), Karnickel, Tauben, Hasen, Truthähne und so weiter, die nicht brettsdick mit exemplarischem Füllsel gestopft gewesen wäre. Fürs zweite, daß alle Gerichte von den jungen mannbaren Töchtern des Landes aufgetragen wurden, lieben, holden, herzigen Hühnlein und Blondinlein, das schwör' ich euch, im schönsten Flor; die, in lange, weiße, lose, zwiefach gegürtelte Gewänder gekleidet, mit bloßem Haupt, das Haar mit kleinen violetten Seidenschnüren und -bändlein durchflochten, mit Rosen, Nelken, Orangeblüte, Anis und vielen andern würzigen Blumen besteckt, uns mit gelehrten und artigen Verneigungen zum Trinken luden, zu unser aller Augenlust. Bruder Jahn schielte seitwärts nach ihnen, wie der Hund mit dem Flederwisch. Zum Dessert des ersten Ganges sangen sie ein melodisch Liedlein zum Lob der heiligsten Dekretalien. Als die zweite Ladung gebracht wurde, rief Schlottig ganz munter und aufgeräumt einem der Kellermeister zu: »He, Mundschenk! ist leer allhie!« Auf diese Worte reichte ihm ein Mägdlein hurtig einen großen Humpen vom Allerbesten. Er nahm ihn in die Hand und sprach mit tiefem Seufzen zum Pantagruel: »Gnädigster Herr und liebe Freunde, vom Grund der Seele trink' ich hiemit auf euer aller Wohlergehn. Seid uns schönstens willkommen!«– Als er getrunken und der schmucken Dirne den Humpen wieder gereicht hatte, tat er einen gewaltigen Seufzer und sprach: »O göttliche Dekretalien! So gut deucht uns der gute Wein doch erst durch euch!« – »Er ist auch kein Dreck!« versetzte Panurg. – »Noch besser«, meinte Pantagruel, »wär's aber, wenn der schlechte Wein durch sie gut würde!« »O du seraphischer Sextus du«, fuhr Schlottig fort, »wie so höchstnötig bist du zum Heil der armen Sterblichen! O ihr cherubischen Clementinä! Teile des Kanonischen Gesetzbuches. Ist nicht in euch ganz eigentlich des wahren Christen Himmelsweg allein enthalten und vorgezeichnet! Wie würden ohne euch die armen Seelen hienieden in diesem Jammertal, in ihrer Irre des Erdenleibes, verloren sein! Ach! Wann wird endlich einmal aus ganz besondrer Gnade dies Heil den Menschen widerfahren, daß sie all andres Studium hinwerfen, um nur euch zu lesen, hören, lernen, brauchen, üben, in Saft und Blut euch zu verwandeln, sich einzuverleiben und ihren heimlichsten Hirnwinkeln, ihrem verborgensten Knochenmark, dem unauflöslichen Labyrinth ihrer Adern zu verbinden? O dann erst und nicht eher wird es einst auf Erden zum Guten kommen.« Bei diesen Worten stand Epistemon vom Tisch auf und sprach leise zu Panurg: »Hier gibt's keinen Nachtstuhl; ich muß 'naus, das Füllsel drückt mich im Darm! Ich komm' gleich wieder.« »Der nimmt mal's Maul voll«, sprach Panurg; »aber ich glaub' so wenig davon als menschenmöglich. Denn einmal in Poitiers beim Doktor Dekretalipotens dem Schotten bin ich drübergekommen und hab' ein Kapitel drin gelesen. Der Teufel hol mich, wenn ich von der Lektüre nicht eine solche Verstopfung bekam, daß ich in Zeit von länger als vier bis fünf Tagen nichts als ein winziges Würstel gemacht hab'.« »Haha«, rief Schlottig, »Freund! Das war vielleicht für eine Todsünde, die Ihr auf Eurem Gewissen hattet.« – »Ist möglich«, versetzte Panurg. »Einmal«, sprach Bruder Jahn, »zu Seuillé hab' ich mir meinen Hintersten an ein Blatt aus einer alten, blöden Clementina gewischt, die unser Pförtner Johann Guimard am Klosteranger weggeschmissen hatte; des Teufels sei ich, wenn ich nicht so schreckliche Schrunden und Hämorrhoiden darnach bekam, daß mir mein armes Luftloch davon ganz zerfressen war.« – »Ja, ja!« sprach Schlottig, »das war eben die offenbare Gottesstrafe für Eure schwere Sünde, daß Ihr dies heilige Buch beschissen habt, welches Ihr hättet küssen sollen und anbeten.« »Der Apotheker zu Mans, Franz Cornu«, sprach Eudämon, »hatte einst ein aus dem Leim gegangenes Dekretalienbuch zu Tüten verbraucht. Den Teufel leugne ich, wenn nicht alles, was man dreinpackte, im selben Augenblick vergiftet, faul und verdorben war: Zimt, Weihrauch, Pfeffer, Nelken, Safran, Wachs, Spezereien, Tamarinden, Rhabarber, kurz alles, Pillen, Pastillen, Kamillen, Sarsaparillen.« – »Gottes Straf und Rache!« schrie Schlottig; »zu so profanem Frevelzweck die heiligen Schriften zu mißbrauchen!« »Zu Paris«, sprach Karpalim, »hatte der Schneidermeister Groingnet eine alte Clementina zu Mustern und Maßen genommen. O unerhört! Alle Kleider, nach solchen Mustern oder Maßen vorgezeichnet und zugeschnitten, wurden verhunzt und ruiniert: Röcke, Mäntel, Kappen, Jacken, Joppen, Koller, Wämser, Schürzen, Reif- und Unterröcke. Wenn Groingnet meinte, eine Kapp zu schneiden, so schnitt er die Form eines Hosenlatzes; statt einer Jacke schnitt er ein Barett; ein Wamsmuster verhudelte er zu einem dünnen Sommerfähnlein. Endlich wurde der arme Tropf dazu verurteilt, all seinen Kunden von Rechts wegen den Stoff zu ersetzen, und das hat ihn ganz auf den Hund gebracht.« – »Gottes Straf und Rache!« schrie Schlottig. »Zu Cahusac«, sprach Gymnastes, »war ein Scheibenschießen unter den Herren von Estissac und dem Vicomte von Lausun. Perotou hatte ein halbes Dekretalienbuch vom besten Papier zerrissen und aus den Blättern das Schwarze für die Scheibe geschnitten. Ich stürz' mich kopfüber zu allen Teufeln, wenn ein Armbrustschütze des Landes (und es waren die ersten in ganz Guienne) auch nur einen einzigen Schuß hineinbrachte. All gingen seitlings; nicht ein Pünktlein des allerheiligsten Schwarzen ward entjungfert oder angestochen. Ja, Sansornin der Ältere schwur uns seinen großen Schwur, er habe deutlich, handgreiflich und mit eigenen Augen den Bolzen Carquelins gerad auf die schwarze Nuß in der Mitte des Weißen fahren sehn; doch ein Fingerbreit vor der Scheibe wär er ein Klafter weit seitab nach dem Backofen ausgebogen!« »Mirakel!« rief Schlottig, »Mirakel! Mirakel! Mundschenk! Ist leer allhie! Ich trink' auf euer aller Wohl! Ihr seid doch noch wahre Christen!« – Bei diesen Worten huben die Dirnlein untereinander zu kichern an; und Bruder Jahn wieherte aus den Nüstern, als wenn er rossen oder zum wenigsten rammeln wollte und gleich aufspringen, wie Haps der Hund auf die armen Leute. Einundvierzigstes Kapitel Wie man durch die Kraft der Dekretalien das Gold aus Frankreich geschickt nach Rom zieht »Ein Schöppel vom Besten«, sprach Epistemon, »wollt' ich gleich aus meiner Tasche bar bezahlen, wenn ich wüßte, daß die Dekretalienstellen stimmen, durch die man uns aus Frankreich jedes Jahr 400 000 Dukaten und drüber nach Rom zieht. Ist dies vielleicht nichts?« – »Mir scheint es«, sprach Schlottig, »immer noch wenig in Anbetracht dessen, daß das allerchristlichste Frankreich die einzige Säugamme des Römischen Hofs ist. Aber zeigt mir doch einmal auf Erden das Buch in Philosophie, in Medizin, Juristerei, Mathematik, ja, du mein Gott! (Du meiniger!) selbst in der Heiligen Schrift – das Buch, das so viel einbringt! Ihr findet keins, da bin ich gut für. Noch wollen freilich die Teufelsketzer hievon nix wissen noch hören. Ei, so brennt, zwickt, zwackt, sägt, henkt, pfählt, schneidet, metzelt, weidet aus, kappt, röstet, frikassiert, kocht, würfelt, kreuzigt, vierteilt, rädert, ledert, karbonädelt dies Ketzerpack, diese Dekretalienverächter, diese schlimmsten aller Verbrecher! Und ihr, ihr andern braven Leute, wenn ihr für wahre Christen gelten und vor der Welt geehrt sein wollt, fleh ich euch mit gefalteten Händen: Glaubt, denkt, sagt, tut, beginnt nichts, außer was unsre heiligen Dekretalien lehren. O der gottbeseligenden Bücher! Dann werdet ihr zu Ruhm, Ehre, Hoheit, Würden, Herrlichkeit und Reichtum kommen in dieser Welt, von allen Respekt und Ehrfurcht genießen, Vorzug vor allen, über alle auserwählt und erkoren sein. Was aber hat – o fragt euch selbst! – wohl diese artigen Klösterlein, mit denen ihr, gleichwie den Himmel in hellen Sternen, die Christenheit allerorten so herrlich funkeln, siegprangen und stolzieren seht, was hat sie errichtet, sichergestellt und privilegiert? Die göttlichen Dekretalien. Was hat fundiert, gesteift, untermauert, was unterhält, nutriert und ätzet in Klöstern, Stiften und Abteien die frommen Väter, ohne deren unermüdliches Gebet bei Tag und Nacht die Welt notwendig in ihr altes Chaos zurückfallen müßte? Die heiligen Dekretalien! Was macht und mehret täglich im Überschwang aller zeitlich-leiblichen wie geistlichen Güter das hochgelobte, glorreiche Patrimonium Petri? Die ewigen Dekretalien! Was macht den Heilgen Apostolischen Stuhl zu Rom vom Anbeginn bis heut so furchtbar durch die ganze Welt, daß alle Könige, Kaiser, Fürsten, hochmögende Potentaten und Herrn, friß oder stirb, von ihm abhängen, ihm dienstbar sind, von ihm gekrönt, gesalbt, autorisiert werden, ja kuschen und sich beugen müssen vor dem allmächtigen Pantoffel, dessen Bildnis ihr gesehen habt? Die edeln Himmelsdekretalien.« Damit hub Schlottig an zu grölen, furzen, lachen, sprudeln und schwitzen und gab sein großes schmieriges Pfaffenhütlein einer der Jungfern, die es mit großem Jubilo auf ihr artiges Köpflein setzte, nachdem sie's sehr verliebt geküßt hatte, als sichres Zeichen und Unterpfand, daß sie als erste einen Mann kriegen würde. – »Schenk! Schenk!« rief Schlottig, »Wein! Das Obst, ihr Maidlein!« Dabei vergoß er dicke, heiße Tränen, schlug sich die Brust und machte das Kreuz. Zweiundvierzigstes Kapitel Wie Schlottig dem Pantagruel Gute-Christ-Birnen gab Als Epistemon, Bruder Jahn und Panurg diese leidige Katastrophe sah'n, fingen sie unter ihren Mundtüchern zu mauzen an, miau, miau, miau! Doch taten sie derweil so, als wenn sie sich die Augen wischten, grad als hätten sie mitgeheult. Die Dirnlein hatten Lebensart und präsentierten volle Humpen Edelweins rund herum, auch Zuckerwerk vollauf; so ging das Schmausen lustig von frischem an. Am Ende der Tafel gab uns Schlottig eine Menge sehr großer und schöner Birnen, wie ihr andern Orts nicht finden werdet. Nicht jedes Land trägt jegliches. So wächst in Indien allein das schwarze Ebenholz, in Saba der gute Weihrauch; Lemnos gibt uns die Siegelerde. Dies Eiland hier zeugte einzig diese schönen Birnen. Legt davon, wenn's euch beliebt, in euerm Land Baumschulen an. »Wie«, frug Pantagruel, »nennt Ihr sie? Sie scheinen mir sehr gut und saftig. Wenn man sie vierteilte und mit etwas Wein und Zucker sötte, mein' ich, es müßte' ein heilsames Essen für Kranke wie Gesunde sein.« – »Wie wir sie nennen?« antwortete Schlottig, »wir sind, Gott sei Dank! nur schlichte Leute, wir nennen Feigen Feigen, Pflaumen Pflaumen und Birnen Birnen.« – »Wahrlich«, sprach Pantagruel, »sowie ich wieder in meine Wirtschaft zu Haus komme (das, so Gott will, bald sein wird), will ich diese Birnen in meinem Garten in Touraine an der Loire erbaun und okulieren lassen; wir wollen sie Gute-Christ-Birnen heißen, denn keine bessern Christen hab' ich in meinem Leben noch gesehn als diese guten schönen Papimanen.« »Ich wär nicht bös«, sprach Bruder Jahn, »wenn er uns dafür zwei bis drei Fuhren von seinen Mädels mit auf den Weg gäbe.« – »Wozu?« frug Schlottig. – »Ei nun«, antwortete Bruder Jahn, »um ihnen Ader zu lassen, dicht zwischen den beiden großen Zehen, mit einer Art besondrer Schnepper vom besten Schrot. Durch diesen Aktus inokulierten wir ihnen gute Christkindlein, und die Rasse käm' dann bei uns zu Land auch fort, wo sie ohnhin nicht viel wert sind.« – »Potztausig!« rief Schlottig, »ei potztausig! Das wollen wir wohl bleiben lassen. Daß Ihr sie das Spiel vom Tier mit den zwei Rücken lehrt, gelt? O ich seh's Euch an der Nas' an! Und seh Euch doch heut zum erstenmal. He he he he! Ihr seid mir traun ein lieber Sohn! Wollt Ihr zur Höll lebendig fahren? Nein, nein! Unsre Dekretalien verbieten's. Ich wollt', Ihr wüßtet in denen Bescheid!« Als abgespeist war, nahmen wir vom Schlottig und all den lieben Leuten Abschied, bedankten uns untertänigst bei allen und versprachen ihnen, zur Vergeltung so vieler Güte, daß wir bei unsrer Ankunft in Rom dem Heiligen Vater so zureden wollten, bis er sie, wenn möglich, persönlich besuchen käme. Dann verfügten wir uns in unser Schiff zurück. Pantagruel verehrte dem Schlottig aus Großmut und Erkenntlichkeit neun Stück broschierten Goldbrokats zum Umhang vor sein Gitterfenster. Auch ihren Bau- und Gotteskasten ließ er mit doppelten Talern bis oben füllen und jedem Dirnlein, das bei der Tafel aufgewartet hatte, 914 güldne Gulden zum Brautschatz reichen. Dreiundvierzigstes Kapitel Wie Pantagruel mitten im Meer verschiedne aufgetaute Worte hörte Während wir nun auf offener See bankettierten, knabberten, schwätzten und artige kleine Gesprächlein führten, stand Pantagruel auf und spähte aufrechtstehend in die Ferne. Dann sprach er zu uns: »Liebe Brüder, hört ihr nichts? Mir ist's, als hör' ich Leute in der Luft parlieren; aber ich seh doch niemand. Horcht!« – Wir also paßten fleißig auf, wie er befahl, und schlürften die Luft mit offnen Ohren, wie gute Austern in der Schale, ob eine Stimme oder ein Laut zu hören sei, wir mußten jedoch gestehn, daß wir keine Stimmen vernähmen. Pantagruel beharrte dabei, er höre in Lüften verschiedene Stimmen von Männern und Weibern. Jetzt war's auch uns, wie wenn wir's hörten, oder doch, wie wenn uns die Ohren klängen. Je länger wir horchten, je mehr Stimmen unterschieden wir; bis wir endlich selbst ganze Worte verstanden. Das erschreckte uns baß und nicht ohne Ursache; denn wir sahen keine Seele und hörten doch so verschiedene Laute und Stimmen von Männern, Weibern, Kindern, Pferden. Panurg hielt's nicht mehr aus und schrie laut auf: »Potz Höll und Tod! Was soll das? Ist das Tusch? Wir sind verloren! Flieht! Es ist hierum ein Hinterhalt. Freund Jahn, mein Bruder! Bist du da? Ach halt dich zu mir! Ich bitt' dich. Du hast doch auch deinen Säbel bei dir? Sieh nur zu, daß er auch leicht vom Leder geht. Wir sind verloren! Horcht! Wahrlich, das sind Kanonenschläge! Flieht! Ich sag' nicht, mit Beinen und Händen, sondern mit Segeln und Rudern. Flieht! Ich hab' keinen Mut zur See; im Keller und anderswo, soviel ihr wollt. Flieht! Rettet uns! Nicht weil ich Furcht hätt'; denn ich fürcht' mich vor weiter nichts als vor Gefahren. Das hab' ich immer gesagt.« Als Pantagruel den Spuk hörte, den Panurg machte, frug er: »Wer ist die Memme da drunten? Laßt uns erst sehn, was für Leute es sind: vielleicht sind's von den Unsrigen. Noch seh ich keine Seele, und seh doch auf hundert Meilen in die Runde. Doch horcht wohl auf! Antiphanes sagte einmal, die Lehre des Platon gliche den Worten, die man in einem gewissen Land bei harter Winterzeit nicht hört, wann sie gesprochen werden, weil sie in der strengen Luft zu Eis gefrieren. So würde auch, was Plato den Knaben lehrt, von ihnen kaum im Alter verstanden. Jetzt müßt' man also wohl erwägen und untersuchen, ob zufällig hier der Ort ist, wo solche Worte auftauen. Es sollt' uns, mein' ich, doch wundernehmen, wenn's etwa gar des Orpheus Haupt und Leier wären. Denn damals, als die Thrazischen Weiber den Orpheus zerrissen, warfen sie sein Haupt und seine Leier in den Fluß Hebrus. Darin schwammen sie dann zu Tal ins Pontische Meer, bis zu der Insel Lesbos. Und aus dem Haupt erscholl fortwährend ein trauriger Gesang, als wenn es des Orpheus Tod beklage; die Leier im Wind, der durch die Saiten fuhr, stimmte in den Sang harmonisch ein. Schaut euch doch um, ob wir sie etwa hierum wo sehen.« Vierundvierzigstes Kapitel Wie Pantagruel unter den gefrorenen Worten auch etliche Zötlein fand Der Steuermann gab zur Antwort: »Herr, laßt' Euch nicht bang sein; es ist hier die Grenze des Eismeers, wo zu Anfang vorigen Winters ein großes, blutiges Treffen zwischen den Arimaspern und Nephelibaten geliefert wurde. Da sind die Worte und das Geschrei der Männer und Weiber, die Kolbenstöße, der Panzer und des Roßgeschmeides Klirren, das Pferdegewieher und aller andre Kriegslärm in den Lüften zu Eis gefroren. Jetzt, da der strenge Winter zur Neige geht und die Witterung wieder lau und schön wird, zerschmelzen sie und werden gehört.« – »Bei Gott! ich glaub's ihm«, sprach Panurg; »könnt' man denn aber nicht ein paar zu sehen kriegen? Ich habe gelesen, daß an dem Fuß des Bergs, wo Moses die jüdischen Gesetze empfing, das Volk die Stimmen auch ganz deutlich mit Augen sah.« »Da! da! halt auf!« sprach Pantagruel, »da habt ihr welche, die sind noch fest.« – Und damit warf er uns ganze Hände voll gefrorener Worte auf das Verdeck: die sahen aus wie Zuckerplätzel und Brustküglein von verschiedenen Farben. Da sahen wir gelbliche geile Worte, vulgo Zötlein, Grünspanworte, azurne, schwarze, güldne Worte, die, wenn wir sie ein wenig in den Händen wärmten, wie Schnee zergingen. Wir hörten sie auch wirklich, aber verstanden's nicht (denn es war eine barbarische Sprach), ein ziemlich grobes Wort ausgenommen, das, wie's Bruder Jahn in der Hand erwärmte, einen Kracher tat wie unangeschnittene Kastanien auf Kohlen, wenn sie platzen. – »Dies war«, sprach Jahn, »zu seiner Zeit ein Kartaunenschlag.« – Panurg ersuchte Pantagruel, ihm mehr zu geben, aber er antwortete ihm, Wortgeben wär der Verliebten Sache. – »So verkauft mir welche«, sprach Panurg. – »Das ist der Advokaten Sache«, antwortete Pantagruel, »Wortverkaufen. Lieber möcht' ich Euch Schweigen verkaufen, aber viel teurer.« Gleichwohl aber warf er uns doch noch drei bis vier Händvoll aufs Verdeck. Da sah ich auch sehr spitzige Worte, sehr blutige Worte, die, wie der Steuermann uns versicherte, zuweilen an den Ort umkehren, von wo sie ausgehn: es waren nichts als Kehlabschneider, schauderhafte, wüste, wilde Worte, häßlich zum Ansehn; wenn die zerschmolzen, klang's heng, heng, heng, heng, hiß, tick, piffpaff, pardauz, brededeng, brededack, frr, frrr, frrr, bu, bu, bu, bu, bu, bu, bu, bu, bu, bu, track, track, trr, trr, trr, trrr, trrrrrr, hong, hong, hong, hong, huhuhuhuhong, gog, magog – und ich weiß nicht was noch für Kauderwelsch alles, und der Mann sagte, das wären die Sturm- und Stoßvokabeln, das Pferdewiehern am Tag der Schlacht, als die Heere aufeinander trafen. Wir hörten dann auch noch andre grobe, die klangen im Auftaun teils wie Trommeln und Pfeifen, teils wie Zinken und Drommeten. Kurzweil gab's da genug für uns, traut meinem Wort. Ich wollt' mir ein paar Zötlein in Öl einlegen, wie Gefrorenes, sauber in Futterstroh; Pantagruel wollt's aber nicht haben, denn er meinte, es wäre Torheit, aufzuheben, was einem nimmer ausgehn könnte und stets zur Hand wär, wie Zötlein allen guten, muntern Pantagruelisten. Dort ärgerte auch Panurg ein wenig den Bruder Jahn; denn er nahm ihn plötzlich beim Wort, als der sich dessen mitnichten versah, und Jahn drohte ihm, er sollt's noch bereuen, denn, wenn er ein Ehemann würde, wolle er ihn beim Horn nehmen wie ein Kalb, weil er ihn hier beim Wort genommen habe. Panurg schnitt ihm ein Gesicht und schrie dann laut: »Wollte Gott, daß ich hie gleich ohn weitere Mühe das Wort der göttlichen Flasche fände!« Fünfundvierzigstes Kapitel Wie Pantagruel an den Wohnort Junker Gasters Der Bauch. , des ersten Kunstmeisters der Welt, kam Am selben Tag kam Pantagruel auf ein besonders wunderbares Eiland, teils wegen seiner Lage, teils wegen seines Herrn. Es war auf allen Seiten rauh, gebirgig, steinig, wüst und unfruchtbar; unhold zu sehn und schwer zu begehn. Nachdem wir aber des Berges Fuß mit saurer Müh und nicht ohne Schweiß erstiegen hatten, fanden wir ihn oben so lustig, fruchtbar, herrlich und gesund, daß ich dachte, da wär das wahre irdische Paradiesgärtlein, um dessen Lage die lieben Theologen so disputieren und schwitzen. Der Herr davon war Junker Gaster, erster Kunstmeister auf der Welt. Diesen mannhaften König mußten wir notgedrungen verehren, ihm huldigen und Gehorsam schwören; da half nix; denn er ist herrisch, streng, rund, hart, unbeugsam, eigensinnig. Ihm macht man keine Flausen vor, bindet ihm nix auf, schwätzt ihm nix vor. Er hört nicht. Er redet nicht anders als durch Zeichen; aber seinen Zeichen gehorchen alle Völker hurtiger als den Edikten der Prätoren und den Geboten der Könige. Auf seine Vorladungen nimmt er kein Zaudern, keinen Aufschub an. Ihr sagt, daß vor des Löwen Brüllen alle Tiere in der Runde erzittern, soweit seine Stimme erschallt. Es ist wahr. Ich hab's selbst gesehn. Aber ich bezeug' euch: Vor Junker Gasters Willen zittert der ganze Himmel, erbebt die ganze Erde, sein Wille heißt: Jetzt friß, oder stirb. Der Steuermann erzählte uns, wie einst, nach dem Beispiel der Äsopischen Gliederverschwörung wider den Bauch, die ganze Landschaft der Somaten sich wider ihn verschworen und den Gehorsam ihm gekündigt habe; aber bald hätten sie es gespürt, bereut und in aller Untertänigkeit sich ihm von neuem unterworfen. Sonst wären sie elend Hungers gestorben. In keiner Gesellschaft, wo er ist, gilt ein Streit um Rang oder Vortritt; allzeit geht er vorauf, und wenn gleich Kaiser und Könige, ja selbst der Papst mit drunter wären. Und auf dem Basler Konzil ging er vor allen, wenn man auch noch so erzählt, daß auf diesem Konzil um die ersten Plätze gezankt und gebissen worden sei. Ihm aufzuwarten, hat alle Welt zu tun und arbeitet die ganze Welt. Zum Lohn dafür tut er aber der Welt auch wieder das Gute, daß er ihr alle Künste, alle Maschinen, Instrumente, Gewerke und Subtilitäten erfindet. Die unvernünftigen Tiere selbst lehrt er Künste, die ihnen die Natur verweigert hat. Raben, Häher, Papageien, Stare macht er zu Dichtern, Elstern zu Dichterinnen, lehrt sie wie Menschen sprechen, schwätzen, singen – und alles fürs Ränzel. Die Elefanten, Löwen, Nashörner, Pferde, Hunde läßt er tanzen, hopsen, tänzeln, fechten, schwimmen, Verstecken spielen, haschen, holen, was er will, und alles fürs Ränzel. Die Fische in See- und süßem Wasser, Walfisch und andre Meeruntiere treibt er aus ihrem Abgrund auf, jagt die Wölfe aus den Wäldern, die Bären aus den Bergen, die Füchse aus den Löchern, schnellt die Schlangen aus der Erde – und alles fürs Ränzel. Sechsundvierzigstes Kapitel Wie Pantagruel am Hof des Groß-Ingenieurs die Bauchredner und Bauchdiener verabscheute und wem diese opferten Am Hof des mächtigen Großingenieurs sah Pantagruel zweierlei Arten zudringlicher, zur Ungebühr dienstfertiger Trabanten und Diener, die ihm ein wahrer Greuel waren. Die einen hießen Bauchredner, die anderen Bauchdiener mit Namen. Es waren Wahrsager, Zaubrer, Gauner und Betrüger des armen blöden Volks; statt aus dem Munde, schienen sie durch den Bauch zu reden und denen, die sie konsultierten, auf ihre Fragen Bescheid zu tun. Die Bauchdiener andrerseits hielten sich trupp- und bandenweis eng aneinander, etliche lustig, zart und weich, die andern traurig, ernsthaft, finster, sauertöpfisch; alle müßig, faul, nichts schaffend noch treibend, eine unnütze Erdenbürde und Last, aus Furcht, wie man wohl annehmen konnte, den Bauch nicht zu kränken und abzumergeln. Im übrigen vermummt, verlarvt und so befremdlich angezogen, daß es ein wahres Gaudium war. Während wir so noch ganz erstaunt uns Blick und Schick, Mien und Gebärden dieser großbrockschlundigen Bauchdiener betrachteten, hörten wir plötzlich ein Glöcklein sehr vernehmlich läuten, auf dessen Schall sich alle wie in Schlachtordnung nach Amt, Rang, Dienst und Alter stellten. So zogen sie vor Junker Gastern, hinter einem jungen, feisten, riesenmäßigen Schmerbauch drein, der auf einer langen schönvergoldeten Stange eine hölzerne schlecht geschnitzte und grob gemalte Bildsäule trug; sie hießen sie Kaugötze, ein ungeschlachtes, possierlich häßliches Bild und Popanz für kleine Kinder. Augen hatte es größer als der Bauch; der Kopf war dicker als all der andre Korpus zusammen, mit großen, breiten, furchtbaren Kiefern, wohlgezahnt unten und oben, die man mit Hilf eines kleinen in der goldnen Stang verborgnen Schnürleins schauderhaft gegeneinander klappen ließ. Als nun die Bauchdiener kamen, sah ich, wie ihnen ein langer Zug handfester Knechte mit Körben, Ballen, Häfen, Ranzen und Pfannen beladen nachtrat. Unter dem Vortritt des Kaugötzen sangen die ich weiß selbst nicht was alles für Dithyramben, Trinklieder und Hymnen, öffneten ihre Körbe und Häfen und brachten ihrem Gotte weißen Edelwein mit zarten trocknen Rostschnittlein, Weißbrot, Karbonädel, sechs Sorten, Frikassee, neun Arten, Lyoner Suppen, Potpourris, Rebhuhntunken, gebratnen Kalbsstoß, kalt, Windhundssuppen. Unendliches Getränk dazwischen; voran der weiße Firnewein, Claret und Roter hinterdrein, kühl, ja eiskalt sag ich euch; kredenzt und serviert in silbernen Schalen. Dann brachten sie geräucherte Rindszungen, Frikadellen, Salzfleisch, Hirnwürste, wilde Schweinsköpfe, eingepökeltes Wildbret mit Rüben. Alles gepaart mit stetigem Trunk. Dann schoben sie ihm in den Rachen: Hammelschlägel mit Knoblauchbrühe, Schweinskoteletten mit Zwiebelbrüh, Krickenten, Haselhühner, Ricken, Rehböcke, Schöpskeule mit Kapern. Zum Schluß kam ein Schluck Wein, damit das Schlucken geschmeidiger würde, nebst gerösteten Brotschnitten. Siebenundvierzigstes Kapitel Wie an magern Speck-Festtagen die Bauchdiener ihrem Gott opfern Dies Opfrerpack mit seinen unzähligen Opfern verdroß Pantagruel; er wäre davongelaufen, wenn ihn nicht Epistemon ersucht hätte, das End der Posse mit anzusehen. – »Und was«, frug er, »opfern wohl die Lümmels ihrem Bauchlauchtigen Gott an magern Speck-Festtagen?« – »Ich will's Euch sagen«, antwortete der Steuermann. »Zur Vorkost bringen sie ihm: Kaviar, Anschovis, Thunfisch, frische Butter, Erbsbrei, Spinat, weiße Vollheringe, Bückling, Sardellen. Da muß er wohl trinken, sonst holt ihn der Teufel. Dafür wissen sie guten Rat; das geht nie aus. Dann bringen sie ihm Forellen, Barben, Rochen, Karpfen, Stör, Tinten-, Schwert-, Sägefisch, Makrelen, Brataustern, Kamm-Muscheln, Langusten. Wenn er auf solches Futter nicht trinken würde, so stände ihm der Tod zwei Finger breit am Kragen. Es war aber auch bestens schon dafür gesorgt. Dann brachten sie ihm: gesalznen Stockfisch, Laberdan, Kabeljau, Eier, weich, gerührt, gedämpft, verloren, durch die Asche gezogen, durch den Ofen gejagt, zu deren leichterer Verdauung und Verarbeitung der Rebensaft von frischem floß. Zu guter Letzt noch opferten sie: Reis, Hirse, Grütze, Graupenschleim, Prünellen, Butterschnee, Mandelbutter, Rosinen, Datteln, Nüsse, Haselnüsse und Artischocken. Dazwischen unablässige Durchschwemmung der Kehle.« Glaubt nur, an ihnen lag es nicht, wenn dieser ihr Gott Gaster nicht mit Opfern würdiger, herrlicher und überschwenglicher bedacht wird als Bal, der Götze in Babylon unter dem König Belsazar. Nichtsdestoweniger gestand Herr Gaster, daß er noch lang kein Gott war, sondern ein armes, elend erbärmliches Geschöpf. Und, wie Antigonus, der erste König dieses Namens, schickte auch Gaster die Mucker und Buckler zu seinem Nachtstuhl, daß sie da lugen, forschen, grübeln und spintisieren möchten, was für eine Art von Gottheit in seinem Scheißdreck war. Achtundvierzigstes Kapitel Wie Gaster Mittel und Wege fand, Korn zu gewinnen und aufzugeben Nach Abzug dieser Teufelsgastrolater gab Pantagruel auf die Kunststudien unsers edeln Meisters Gaster genauer Achtung. Ihr wißt, daß durch Naturordnung ihm Brot, samt dessen Zubehör, zur Nahrung und Unterhalt angewiesen, und ihm dazu vom Himmel noch der Segen verliehen worden ist, daß es ihm zur Erwerbung und Verwahrung des Brotes an nichts fehlen solle. Das erste also, was er erfand, war die Schmiedekunst und der Ackerbau, das Feld zu bestellen, damit es ihm Korn brächte. Dann erfand er die Kriegskunst und die Waffen, um das Korn zu schützen; Arzenei und Sternkunst, um das Korn viel hundert Jahre lang sicher vor Wind und Wetter, wilden Tieren und Diebstahl zu verwahren. Er erfand die Wasser-, Wind- und Handmühlen und tausend andre Schrotwerke, um Korn zu mahlen und daraus Mehl zu machen; die Hefe, den Teig zu säuern; das Salz, ihm Geschmack zu geben; das Feuer zum Backen; Uhren und Sonnenweiser, die Zeit darnach zu messen, bis das Brot, dies Kornkind, gebacken sei. Begab es sich, daß etwa Korn in einem Land ausging, so erfand er Künste und Mittel, um es aus einer Gegend in die andre zu überführen. Er kreuzte zwei Arten Lasttiere, Esel und Mähren, zu einer dritten Rasse, die wir Maulesel nennen, und die stärkere Tiere und dauerhafter zur Arbeit als die andern sind. Er erfand die Wagen und Karren, um es leichter zu überführen. Wenn Meere und Ströme den Paß versperrten, erfand er Kähne, Galeeren, Nachen zum Erstaunen der Elemente, um über Meere, über Flüsse und Ströme zu segeln und von barbarischen, unbekannten, weit entlegenen Nationen Korn zu beschaffen und einzuholen. Seit manchem Jahr ließ ihn der Regen bei seinem Ackerbau zur rechten Zeit und Stunde im Stich, wodurch ihm das Korn in der Erde erstarb und umkam. In andren Jahren hatte es wieder unmäßig geregnet, so daß das Korn ersoff, oder es war vom Hagel erschlagen, vom Wind entkernt, vom Wetter zerknickt. Da erfand er Künste und Mittel, in der Luft den Regen zu fesseln und anzuhalten und ihn aufs Meer zu ziehn, den Hagel zu vernichten, die Winde zu dämpfen und das Wetter abzuleiten. Ein neues Malheur begab sich: Diebe und Strauchhähne stahlen ihm Korn und Brot vom Felde weg. Da erfand er die Kunst, zu sichrer Aufbewahrung desselben Städte, Schlösser und feste Burgen zu erbaun. Dann geschah es ihm aber, wenn er das Brot im Feld suchte und es da nicht fand, daß man ihm sagte, es wäre in den Städten, den Schlössern, den Burgen eingeschlossen und die Leute drin schirmten und hüteten es schärfer als der Drache die Hesperischen Äpfel. Da erfand er Künste und Mittel, um Schlösser und Burgen einzurennen und mit Kriegsmaschinen, Widdern, Katapulten und Wurfgeschützen darniederzuwerfen. Und wie diese Kriegsgeräte durch der Belagerten tückische Schlauheit unschädlich gemacht wurden, erfand er vor kurzem Kanonen, Kartaunen und Serpentinen, die Ballen von Eisen, Blei und Erz vermittelst einer Mischung erschrecklichen Pulvers verschossen, daß davor selbst die Natur erzitterte und sich durch Kunst für besiegt erklärt hat. Neunundvierzigstes Kapitel Wie Pantagruel in Heuchelingen einschlief, und die Probleme, die man bei seinem Erwachen sich aufgab Des andern Tags kamen wir unter allerlei kleinen Gesprächen weiter segelnd nach Heuchelingen, woselbst das Schiff Pantagruels nicht landen konnte, weil stille See war und uns der Wind ausging. Wir saßen alle in tiefen Gedanken, ganz verdrossen, muckisch und niedergeschlagen: es sprach kein Mensch zum andern ein Wort. Pantagruel war auf einer Hangmatte hinten bei den Lucken über seinem Buch fest eingeschlafen; denn das war so seine Art, daß er weit besser vom Blatt als auswendig schlief. Bruder Jahn war in die Küche spaziert und sah da an der Polhöhe der Bratenwender und am Horoskop der Tunken nach, welche Zeit am Tag es etwa sein möchte. Gymnastes spitzte Zahnstocher aus Mastix. Ponokrates träumte, kitzelte sich selber zum Lachen und kraute sich am Kopf mit einem Finger. Karpalim schnitzte aus einer Walnußschale ein schönes, kleines, lustiges Windmühlchen mit Flügeln aus vier saubern Spänlein von einem Holzteller. Eusthenes spielte mit den Fingern auf einer langen Feldschlange, wie auf einem Hackbrett. Der Steuermann zog seinen Matrosen die Würmer aus der Nase. – Als Bruder Jahn wieder aus der Küche kam und Pantagruel ermuntert fand, brach er flugs dies störrige Schweigen mit lauter Stimme und frug ganz fröhlich: »Wie machen wir ein bißchen Wind in die Segel?« – Panurg sekundierte ihm auf der Stelle und frug: »Wie vertreiben wir uns den Griesgram?« – Epistemon terzierte darauf und frug wohlgemut: »Wie kann man brunzen, wenn's einem nicht nottut?« – Gymnastes sprang mit gleichen Beinen in die Höh und frug: »Was hilft fürs Augenflirren?« – Ponokrates rieb sich die Stirn ein wenig, schüttelte die Ohren und frug: »Wie erwehrt man sich des Hundsschlafs?« – »Nur gemach!« sprach Pantagruel; »die klugen Peripatetiker lehren, daß alle Problemata, alle Fragen, alle erhobenen Zweifel klar, verständlich und bestimmt sein müssen. Was heißt Ihr einen Hundsschlaf?« – »Hundsschlaf«, antwortete ihm Ponokrates, »ist ein Hungerschlaf in der Sonne, wie ihn die Hunde tun.« Rhizotomus erhob jetzt das Haupt und gähnte tief auf, so tief, daß er alle seine Kameraden aus natürlicher Sympathie zum Mitgähnen zwang, und er frug: »Was hilft wider Gähnen und Maulsperre?« – Xenomanes frug: »Wie erhält man den Magendudelsack im Gleichgewicht, daß er weder zur einen noch zur andern Seit kippt?« – Karpalim, mit seiner Drehmühle spielend, frug: »Wieviele Ursachen müssen voraufgehn, bis der Mensch sagen kann, daß er Hunger hat?« – Eusthenes, der den Lärm hörte, kam aufs Verdeck gelaufen, schrie und frug schon von dem Gangspill her: »Warum ist ein nüchterner Mensch, den eine nüchterne Schlange gebissen hat, in größerer Todesgefahr, als wenn sie alle beide satt sind, die Schlange und der Mensch? Warum ist nüchterner Menschen Speichel allen Schlangen und giftigen Tieren giftig?« »Liebe Freunde«, antwortete Pantagruel, »allen euern Zweifeln und aufgeworfenen Fragen gebührt eine einzige Antwort, und die soll euch unverzüglich, und zwar ohne lange Umschweife und Redensarten, gegeben werden. Der hungrige Magen hat keine Ohren; er ist stocktaub. Durch Winke und Zeichen, ja durch die Tat sollt ihr vergnügt und überall nach euern Wünschen belehrt werden.« Hierauf frug er: »Wieviel Uhr ist's?« – »Neun durch«, antwortete Epistemon. – »Das ist eben die rechte Zeit zum Imbiß«, sprach Pantagruel. »Denn wie heißt die ärztliche Regel: Aufstand um fünf, Imbiß um neun, Nachtbrot um fünf, zu Bett um neun.« Dies Wort war noch nicht ausgesprochen, da schlugen auch schon die Tafeldecker die Tische und die Schenkstände auf, bedeckten sie mit parfümiertem Tischzeug, Tellern, Servietten und brachten Salzkörbchen, Flaschen, Schalen, Humpen, Becken, Mischkrüge herbeigetragen. Bruder Jahn, begleitet von den Speisemeistern, Marschallen, Schenken, Vorschneidern und Kredenzern, trug vier allmächtige Schinkenpasteten, so groß, daß ich der vier Bastionen zu Turin gedenken mußte. Ei heiliger Gott, wie da gezecht und gequasselt ward! Noch waren sie nicht beim Dessert, als schon der West-Nordwestwind alle Segel zu schwellen begann, wofür sie dann zur Ehre Gottes des Allmächtigen Herrn der Himmel verschiedene Lob- und Danklieder sangen. Beim Obst frug Pantagruel: »Wie steht es, liebe Freunde, um eure Zweifel? Sind sie nun gründlich gehoben?« »Ich, Gott sei Dank, gähn' jetzt nicht mehr«, sprach Rhizotomus. »Ich schlaf' auch keinen Hundsschlaf mehr«, sprach Ponokrates. »Ich hab' kein Augenflirren mehr«, antwortete Gymnastes. »Und ich bin nicht mehr nüchtern«, sprach Eusthenes. »Vor meinem Speichel sind heut sicher den ganzen Tag: Blutegel, Krokodile, Drachen, Erdmolche, Kröten, Ottern, Regenmolche, Salamander, Skorpione und tolle Hunde.« Fünfzigstes Kapitel Wie Pantagruel mit seinen Leuten das Wetter hob An welche Stelle unter solchem Giftgeschmeiß«, frug Bruder Jahn, »setzt ihr Panurges künftiges Weib?« – »Wie, Mönch! Du Kohlarsch und verlöffelter Bauchpfaff«, rief Panurg, »willst du auf Weiber schimpfen?« – »Nun, bei allen leeren Mägen!« sprach Epistemon, »das hat schon Euripides geschrieben, daß es wider alle giftigen Tiere durch Menschwitz und Götterlehre ein wirksames Mittel gäbe, nur wider böse Weiber sei bis dato noch kein Mittel erfunden.« – »Oh«, sprach Panurg, »dies Großmaul, der Euripides, hat allzeit auf die Weiber gescholten; dafür traf ihn auch Gottes Rache, denn er ist von Hunden gefressen worden. Nur weiter! Wer was hat, der sag's.« »Ich will«, sprach Epistemon, »jetzt brunzen, so lang's jemand haben will.« – »Ich hab' jetzt«, sprach Xenomanes, »meinen Magen fürs Haus versehen und ballastiert; jetzt kippt er weder zur linken noch zur rechten Seite.« – »Ich hab'«, sprach Karpalim, »Wein und Brot; was frag' ich nach Durst und Hungersnot?« – »Ich«, sprach Panurg, »bin nicht mehr grämlich, Gott sei's gedankt und euch, ihr Herren. Ich bin so frisch wie im Wasser der Fisch, und lustig wie ein Schmetterling. Euer feiner Euripides hat ganz recht und sein denkwürdiger Saufgesell Silenus mit ihm, wenn er sagt: Wahnwitzig ist und schier im Kopf verwirrt, Wer, wann er trinkt, davon nicht fröhlich wird. Ohne allen Zweifel müssen wir Gott, unsern guten Schöpfer, Erhalter, Ernährer und Versorger preisen, daß er uns durch dies gute Brot, diesen guten kühlen Wein von solchen Leibes- und Seelengebresten befreit und heilt, der Freude und Wollust nicht zu gedenken, die wir am Essen und Trinken haben. Aber Ihr habt ja diesem frommen, gerechten Bruder Jahn noch nicht auf seine Frage Bescheid getan, als er wissen wollte, wie wir das Wetter höben?« »Da Ihr Euch«, sprach Pantagruel, »an dieser leichten Auflösung Euerer Zweifel genügen lasset, so tue ich's auch. Ein andermal, zu seiner Zeit, wenn's Euch beliebt, sprechen wir davon wohl weiter. Blieb uns also nur noch Bruder Jahns Bedenken zu erledigen: wie man das Wetter heben möchte. Ei, haben wir's nicht nach Wunsch behoben? Seht nur den Flügel auf dem Mars; seht, wie die Segel pfeifen; seht, wie straff Tuch und Tau gespannt sind! Als wir die Becher huben und leerten, da hat sich das Wetter mitgehoben durch die heimliche Sympathie der Natur. So hoben es auch Atlas und Herkules, wenn wir den weisen Göttergeschichten glauben. Nur hoben sie's um einen halben Meter zu hoch; Atlas, um seinen Gast Herkules froher zu bewirten; Herkules, wegen des im Libyschen Sand zuvor erlittnen Durstes.« – (»Potz Wurst!« fiel Bruder Jahn hier ein, »da macht's Turlupin, Eures guten Vaters Kellermeister, anders; der erspart, wie mir hochwürdige Doktoren versichern, jährlich über 1800 Liter Weins damit, daß er den Fremden und Knechten zu trinken gibt, eh sie durstig werden.«) – »Das paßt«, sprach Panurg, »zu dem alten Spruch: Schlimm Wetter flieht, und hell Sonn' muß blinken Bei Becherklang und feisten Schinken.« »Und nicht nur«, sprach Pantagruel, »haben wir das Wetter essend und trinkend gehoben, sondern auch das Schiff gar erleichtert; nicht nur dadurch, daß wir den Vorrat verminderten, sondern auch, indem wir uns entnüchterten. Denn, wie der tote Leib schwerer als der lebendige wiegt, so ist auch der nüchterne Mensch schwerer und erdiger, als nachdem er getrunken und gegessen hat. Die Leute, die auf einer langen Reise begriffen, früh in der Herberge brav getrunken und gefrühstückt haben, pflegen mit Recht zu sagen: ›Jetzt werden die Rößlein desto besser gehn.‹« Einundfünfzigstes Kapitel Wie bei dem Eiland Stibitzki auf Pantagruels Befehl die Musen salutiert wurden Unter fortwährend gutem Wind und solchen lustigen Gesprächen entdeckte und sah Pantagruel in der Ferne ein gebirgiges Land, zeigte es dem Xenomanes und frug ihn: »Seht Ihr dort vorn den hohen Felsen mit zwei Hörnern, der dem Berg Parnaß so ähnlich sieht?« – »Gar wohl«, versetzte Xenomanes, »es ist das Eiland Stibitzki. Wollt Ihr da landen?« – »Nicht doch«, sprach Pantagruel. – »Ihr tut auch wohl dran«, sprach Xenomanes, »es ist nichts Sehenswertes da; das Volk sind eitel Diebe und Räuber. Doch ist dort bei dem rechten Horn der schönste Brunnen von der Welt und ein ziemlich großer Wald dabei. Euer Schiffsvolk kann da süßes Wasser und Holz einnehmen.« »Das heiß ich doch«, rief Panurg, »einen guten Rat und ein verständig Wort! Ha da da da! Nur nie gelandet, wo es Dieb' und Räuber hat! Ich kann Euch sagen: Das sind Räuber-Inseln, Buschklepper-Mörder-Strauchhahn- und Banditen-Inseln! Recht die Hefe aller Hundelöcher! O nur hier, nur hier nicht landen, ich bitt' Euch drum! Folgt, wenn nicht mir, doch mindestens dem Rate dieses lieben, klugen Xenomanes. Hol mich die Pest! Die sind ärger als Kannibalen und fräßen uns alle lebendig auf. Um Gottes willen, landet nicht! Horch! Bei Gott! Ich hör' schon das fürchterliche Sturmgeläut, wie einst in Bordeaux die Gaskonier wider die Zöllner und Grenzer – oder es gellt mir die Ohren. Ho! Frisch angeholt! Fort! Vorwärts! Vorwärts!« »Nur immerzu gelandet, nur gelandet!« schrie Bruder Jahn, »nur zu, zu, zu! So sparst das Schlafgeld; zu! Wir haun sie all in Grund und Boden. Nur gelandet!« – »Den Teufel auch!« wehklagte Panurg, »dieser Teufelsmönch hier, dieser mönchische Tollhausteufel, fürchtet sich vor gar nix. Er ist tollkühn wie alle Teufel und kümmert sich nicht um andre Leut; denkt, alle Welt müßt' Mönch wie er sein.« – »Ei, so fahr doch«, fuhr Bruder Jahn ihn an, »in tausend Legionen Teufel, alter Lauskerl, daß sie dir das Gehirn zerhobeln und Klopffleisch draus hacken! Dieser Teufelsnarr ist so feig und schuftig, daß er sich alle Stunden vor leidiger Hundesangst bescheißt. Wenn dich leere Angst so plagt, so land nicht mit, so bleib doch hie beim Troß oder kriech unter einen Unterrock.« – Bei diesen Worten verschwand Panurg aus der Gesellschaft und verbarg sich in die untersten Speisekammern unter die Brösel und Brotkrümlein. »Ich spür' in meiner Seele«, sprach Pantagruel, »ein dringendes Abmahnen, wie von einer Stimm aus weiter Ferne, das mir gebeut, dort nicht zu landen. Jederzeit, sooft ich solcherlei Bewegnis in meinem Geist verspürte, hab ich mich wohl befunden, wenn ich das, wovon mich's abhielt, unterließ und abschlug; und so hab ich auch im Gegenteil mich wohl befunden, wenn ich das tat, wozu mich's trieb.« – »Das ist ja schier«, sprach Epistemon, »wie der Dämon des Sokrates, von dem die Akademiker so viel erzählen.« – »Aber horcht!« sprach Bruder Jahn, »wenn die Kerle jetzt Wasser holen – Panurg spielt drunten den Wolf im Stroh. – Wollt ihr ein Mordsgelächter haben, so laßt die Kanone dort an der Back abbrennen. Es geschieht zur Salutierung der neun Musen auf diesem Antiparnassischen Berg. Das Pulver verdirbt uns so nur drin.« – »Wohl gesprochen!« rief Pantagruel. »Holt mir den Meister Bombardier.« – Der Bombardier erschien sogleich. Da befahl ihm Pantagruel, die Kanone abzufeuern und für alle Fäll neu zu laden. Die Bombardierer der andern Schiffe, Ramberger und Galonen des Geschwaders brannten gleichfalls beim ersten Schuß vom Schiffe des Pantagruel jeder sein größtes Feldstück ab. Fürwahr, das gab ein schönes Gerumpel. Zweiundfünfzigstes Kapitel Wie sich Panurg vor Höllenangst beschiß und die große Katze Speckmaul für einen kleinen Teufel hielt Panurg, wie ein verdutzter Bock, fuhr aus dem Raum herauf, im Hemd, ein Bein behost, das andre nackt, den Bart voll lauter Brotkrümlein und eine große Zyperkatze im Arm, die sich ins andre Hosenbein fest eingekrallt hatte. Er verzerrte die Lefzen wie ein Affe, wann er sich Läuse vom Kopf abliest. So kroch er zitternd und zähneklappernd hin zum Bruder Jahn, der auf dem Steuerbord saß, bat ihn devotest, seiner doch sich zu erbarmen und in den Schutz seines Schwerts zu nehmen, wobei er hoch und teuer schwur, daß er in diesem Augenblick alle Teufel los gesehn habe. »Schaut's«, sprach er, »ach mein Freund, mein Bruder, mein geistlicher Vater! Alle Teufel halten heut Hochzeit. Solche Anstalten zu einem höllischen Picknick hat noch kein Mensch mit Augen gesehn. Siehst du den Rauch der Höllenküche? (Hier wies er auf den Pulverdampf über den Schiffen.) Nimmer hast du so viel verdammte Seelen gesehn. Und wie? Ach Freund, ach, so zart, so weich, so blondlicht-delikat; wie höllisches Ambrosia. Ich hab', verzeih mir's Gott! gedacht, es müßten englische Seelen sein.« Als Bruder Jahn ihm näher kam, spürte er, ich weiß nicht welchen andern Geruch, aber nicht nach Kanonenpulver; da packte er und sah, daß sein Hemd leider ganz frisch bekackt war. Die Schließungskraft des Nervs, der den Muskel namens Sphinkter ( vulgo Arschloch) sperrt, war durch die heftige Furcht, die er in seinen Phantasien gehabt hatte, gelockert worden (wie denn auch Kanonendonner im untern Raum weit schrecklicher klingt als auf dem Deck); denn dies ist eben ein Symptom und eine Wirkung der Furcht, daß sie gemeinlich das Zwingerpförtlein, das die fäkalische Materie bis zur bestimmten Zeit verwahrt, zu relaxieren und öffnen pflegt. Zum Beispiel dient uns hier Messer Pandolfo della Cassina, der Sienese. Er kam mit Post durch Chambery und war beim klugen Gastwirt Vinet abgestiegen. Dort kriegte er eine Stallgabel her und sprach zu ihm: »Seit Rom hab ich nicht einmal etwas machen können. Sei so gut, pack diese Gabel und mach mir damit Angst!« – Vinet schlug auch mit der Gabel etliche Finten und stellte sich an, als wenn er ihn ernstlich spießen wollte. Der Sienese aber sprach: »So nützt's nichts. Du mußt schärfer ins Zeug gehn!« Da zog ihm Vinet mit der Gabel zwischen Brust und Brustlatz ein so Gesalzenes über, daß er nach der Länge hinfiel und alle viere gen Himmel streckte. – Zur rechten Zeit aber hatte der Sieneser die Hose losgeknüpft und machte nun stracks mehr Mist, als neun Büffelochsen und vierzehn römische Prälaten. Zuletzt bedankte sich der Sienese auch noch höflich beim Vinet und sprach: »Schönen Dank. Die Kosten für ein Klistier hätten wir gespart.« Ein anderes Beispiel ist König Eduard der Fünfte von England. Meister Franz Villon war, aus Frankreich des Landes verwiesen, zu ihm an seinen Hof geflüchtet. Er ging mit ihm so traulich um, daß er ihm nichts verborgen hielt, nicht einmal seine kleinen Hausgeschäfte. Einmal nun, als der König eben bei seiner Verrichtung war, wies er dem Villon ein gemaltes Wappen von Frankreich und sprach zu ihm: »Siehst du wohl, was für Ehrfurcht ich vor deinem Franzosenkönig hab'? Ich häng sein Wappen nirgends auf, als hie im Abtritt bei meinem Leibstuhl.« – »Potz Sakre Dieu!« antwortete Villon, »was Ihr ein weiser, kluger Herr seid! Euer Arzt sah wohl, daß Ihr auf Eure alten Tage natürlich harten Leibes seid und man Euch täglich, weil Ihr sonst nichts machen könnt, einen Hoffurier (ich wollt' sagen, ein Klistier) ins Loch schicken müßte. Daher ließ er Euch hier das Wappen Frankreichs aufhängen, denn wenn Ihr dies nur seht, verspürt Ihr eine solche Todesangst, daß Ihr flugs wie achtzehn Auerochsen mistet. Hing es wo anders in Euerm Haus, im Zimmer, im Saal, in der Kapelle, den Galerien, oder sonst wo: o Sakre Dieu! All überall, wo Ihr es säht, da schisset Ihr auf der Stelle los. Ja, wenn nun erst die große, fränkische Oriflamme dazu gemalt wäre und Ihr säht die, das trieb Euch vollends alle Därme des Leibes zum Gesäß hinaus.« Bruder Jahn hielt sich mit der linken Hand die Nase zu und wies mit dem Zeigefinger der Rechten dem Pantagruel Panurgs Hemd. Als Pantagruel ihn so entsetzt, verstört, von Sinnen, zitternd, bekackt und von den Krallen der berühmten Katze Speckmaul zerfleischt sah, konnte er sich des Lachens nicht erwehren und sprach zu ihm: »Was wollt Ihr nur mit dieser Katze?« – »Was Katze!« antwortete Panurg, »der Teufel hol mich, wenn ich dies Biest nicht für ein junges milchbärtiges Teuflein gehalten habe. Des Teufels war der Teufel! Er hat mir's Fell hier nach allen höllischen Regeln gemustert!« – Damit schmiß er die Katze weg. »Gehet«, sprach Pantagruel, »o geht um Gott! Trocknet, säubert, faßt euch; tut ein weißes Hemd und frische Kleider an.« – »Was!« rief Panurg, »meint Ihr etwa, ich hätt' Furcht gehabt? Nicht für einen Heller! Kreuz Gottes! Ich hab' mehr Courage, als alle frechen Fliegen, die zu Paris von Sankt Johann bis Allerheil'gen in Suppen schwimmen. Haha huhu hää! Was Teufel ist dies hier! Nennt Ihr's Scheiße, Kot, Kack, Unflat, Stuhlgang, Dejektion, Fäkalmaterie, Exkrement, Losung, Ziegen-Bock-Schafsmist? Ich glaub', es ist Äolischer Safran. Hi hi ho ho, ho ho ha ha! ist Safran aus Äolia, Getrunken! Sela, getrunken!« Fünftes Buch Erstes Kapitel Wie Pantagruel auf die Glockeninsel Isle sonante – symbolisch für das ganze Reich des römischen Klerus, vom untersten Pfaffen bis zum Papst. kam, und von dem Lärm, den wir hörten Unsers Weges weitereilend, segelten wir drei Tag und sahen nichts. Am vierten entdeckten wir Land, und wie unser Steuermann sagte, war dies die Glockeninsel. Von weitem hörten wir einen gellenden, oft wiederholten Lärm, dem Schall nach wie Glockenläuten, großer, kleiner, mittlerer durcheinander, wie an hohen Festen zu Paris, Tours, Nantes und anderwärts. Wie wir jetzt näher kamen, war es uns, als wenn wir unter dem ewigen Geläut der unermüdlichen Glocken auch Stimmen wie von Menschen hörten, die da wohnten. Dies bewog Pantagruel, eh wir an der Glockeninsel ankerten, mit unsrer Schaluppe an einem kleinen Felsen zu landen, bei welchem wir eine Klausnerhütte und ein Gärtlein sahen. Dort fanden wir ein liebes, frommes Klausnerlein namens Hosian; das erklärte uns dies Läuten ausführlich und traktierte uns auf eine ganz besondre Art; denn er ließ uns in einem Strich vier Tage lang fasten; weil wir sonst, behauptete er, nicht auf die Glockeninsel gelassen würden, wo eben das vierstündige Quatemberfasten sei. »Dies Rätsel«, sprach Panurg, »ist mir zu spitz; das vierwindige möcht' ich's eher heißen; denn wenn wir fasten, werden wir doch nur mit Wind genudelt. Ei was! habt Ihr denn gar keinen bessern Spaß hier als Fasten? Mir scheint das ein ziemlich magrer Scherz; so viele maulfaulen Feiertage entbehrten wir gern. Ich fast' schon fast so lang, daß mir vom Fasten das Fleisch ganz unterminiert ist, und ich fürcht' sehr, die Bastionen meines Leichnams werden endlich zu Falle kommen. Auch hab' ich noch eine andre Furcht: mein Fasten wird Euch nur verdrießen; weil ich mich nicht darauf versteh; es kleidet mich sehr übel, wie mir alle Leute versichern, und ich glaub's. Ich für mein Teil sag': Fasten kümmert mich hundswenig, denn es ist nichts leichter und wohlfeiler, aber: in Gottes Namen! Fastiamus, weil einmal Hungerferien sind.« »Wenn's halt«, sprach Pantagruel, »gefastet sein muß, so gibt's keinen Rat, als daß wir's wie einen bösen Weg ausbaden.« Unser Fasten war schauderhaft und schreckbar; denn den ersten Tag fasteten wir auf Hieb und Stoß, den zweiten auf Klinge und Spieß, den dritten auf Stumpf und Stiel, den vierten auf Mord und Totschlag. Zweites Kapitel Von den Bewohnern der Glockeninsel, die in Vögel verwandelt worden waren Nach überstandnen Fasten gab uns der Klausner einen Brief an einen, den er Albian Kamar hieß, Ädituus Tempelhüter. und Sakristan des Läut-Eilands; Panurg nannte ihn zum Gruß Herrn Eseldumm. Es war ein altes kleines, gutes, glatzköpfiges Männchen mit leuchtendem Zinken und kupfernem Karfunkelantlitz. Er empfing uns auf des Klausners Fürsprache sehr freundlich, als er sah, daß wir die Fasten gehalten hatten, und erzählte uns nach genommenem Imbiß von des Eilands Merkwürdigkeiten, dessen Bewohner, wie er versicherte, in Vögel verwandelt worden seien. Die Vögel waren groß, schön, höflich, glatt, manierlich, zierlich und sah'n fast aus wie unsre Leute zu Haus: sie aßen und tranken wie Menschen, verdauten, bliesen, schliefen und rammelten wie Menschen; kurz, auf den ersten Blick hätt' man gedacht, es wären Menschen; aber ihr Gefieder gab uns stark zu raten auf; denn etliche waren schlohweiß, andre rabenschwarz, noch andre aschgrau, wieder andre halb weiß, halb schwarz; andre hochrot, andre blau und weiß gestreift; es war eine Lust, sie anzuschaun. Die Männlein nannte er Pfäffling, Mönchling, Priesterling, Äbtling, Bischling, Kardinling und den Papling, welcher einzig in seiner Art ist. Die Weiblein nannt' er Pfäffinen, Mönchinen, Priestinen, Äbtinen, Bischinen, Kardinen, Papinen. Gleichwohl, belehrte er uns, wie unter den Bienen die Drohnen, die alles nur verderben und fressen, so gäb es auch seit dreihundert Jahren unter diesem muntren Vogelvölklein immer alle fünf Monat einen ganzen Schwarm Duckmäuser, die dies Eiland rundum versauen und verschänden, ein so unförmliches, scheußliches Volk, daß alles vor ihnen davonlief; denn ach! Sie hätten eitel krumme Hälse, Harpyienbäuche, rauhe Esautatzen und Krallen und Stymphaliden-Hintern; sie auszurotten, sei nicht möglich; für einen, den man totschlage, kämen gleich fünfundzwanzig andre nach. – Drittes Kapitel Warum auf der Glockeninsel nicht mehr als ein Papling ist Nun frugen wir den Ädituus, warum, bei solcher Fruchtbarkeit dieser würdigen Vögel in all ihren Arten, doch nicht mehr als ein Papling da wär? Er antwortete uns: es sei vom Anbeginn Ordnung und Bestimmung, daß aus den Pfäfflingen Mönchlinge und Priesterlinge ohne fleischliche Gemeinschaft sich erzeugten. Aus den Priesterlingen erwüchsen die Bischlinge, aus den Bischlingen die schönen Kardinlinge, und die Kardinlinge endigten zuletzt im Papling; und von dem gibt's in der Regel nicht mehr als einen, wie in den Bienenstöcken auch nur eine Königin und am Himmel nur eine Sonne ist. Wenn der stirbt, so wächst aus der gesamten Rasse der Kardinlinge ein andrer in seine Stelle; doch wohl zu merken! Allezeit ohne fleischliche Beiwohnung. Zwar hat sich's begeben, daß vor etwa 2760 Monden einmal zwei Paplinge zu gleicher Zeit zur Welt gekommen sind – das war aber die allergrößte Plage, die auf dem Eiland sich je begeben hat. Denn da rauften sich und zausten sich alle diese Vögel die ganze Zeit so mörderlich untereinander, daß nicht viel fehlte, so wär das Eiland ganz vogelleer und wüst geworden. Ein Teil von ihnen hielt's mit dem einen und stritt für ihn, ein Teil mit dem andern; ein Teil davon blieb so stumm wie die Fische und sang nicht eine Note mehr. Und selbst von diesen Glocken stund ein Teil wie verblüfft stockstill. Während dieser rebellischen Zeit entboten sie zu ihrem Beistand Kaiser, Könige, Fürsten, Herzöge, Grafen, Barone und freie Staaten vom Kontinent und Festland drüben; und dies Schisma und Zerwürfnis nahm nicht eher ein Ende, bis einer der beiden ums Leben kam und die Mehrheit wieder zur Einheit ward. Drauf frugen wir, was diese Vögel so unablässig zu singen trieb? Und der Ädituus antwortete uns, es wären die Glocken, die auf ihren Bauern hingen. Dann frug er uns: »Soll ich die Mönchlinge, die ihr hier in ihre Kutten wie Haubenlerchen vermummelt seht, gleich singen lassen?« – »O tut es doch!« versetzten wir. Da zog er bloß die Glocke sechsmal, und die Mönchlinge sprangen und die Mönchlinge sangen, daß es eine Art war. Viertes Kapitel Wie die Vögel der Glockeninsel lauter Zugvögel waren »Aber«, sprach Pantagruel, »da Ihr uns nun erläutert habt, wie Papling aus Kardinling, Kardinling aus Bischling, Bischling aus Priesterling und Priesterling aus Pfäffling wird, möcht' ich wohl wissen, woher diese Pfäfflinge kommen.« – »Es sind«, antwortete der Ädituus, »lauter Zugvögel, und sie kommen aus der andern Welt; ein Teil aus einem mächtig großen Gau, der heißt Hungerau; der andre Teil kommt aus Ihrerzuviel. Aus diesen beiden Gauen kommen alljährlich diese Pfäfflinge schubweis zu uns, verlassen Vater und Mutter, Freunde und Verwandtschaft. Wenn nämlich in einem edeln Hause dieses zuletztgenannten Gaues zuviel Kinder sind, gleichviel ob Knaben oder Mägdlein, so daß durch so viele Erbteile das Haus zersplittert werden würde, so nehmen ihre Eltern Gelegenheit, sich ihrer hier auf diese Insel Buckelhart zu entledigen.« – »Die Insel Bouchard bei Chinon, wollt Ihr sagen«, sprach Panurg. – »Ich sage Buckelhart«, antwortete der Ädituus; »denn meistens sind sie bucklig, lahm, einäugig, einarmig, mißgeschaffen, podagrisch, krüppelhaft, verhext und überhaupt unnütze Erdenbürden. Noch mehr aber kommen aus Hungerau zu uns, denn welche dort der Hungerschuh druckt, die nichts zu beißen haben, nichts gelernt noch schaffen mögen, kein Gewerb und ehrliche Hantierung treiben, oder einer guten Herrschaft treulich dienen; ferner die, welche ihrer Schätzlein nicht habhaft werden, die verzweifeln, weil ihnen ihre Pläne mißraten; grobe Missetäter, die man um arger Frevel willen verfolgt, um sie mit Schimpf vom Leben zum Tod zu bringen – das kommt alles hieher geflogen, findet hier Verköstigung und wird in kurzem speckratzenfett, wenn's noch so hundsdürr herkam, lebt hier sicher, vollkommen frei und ungekränkt. Jetzt aber«, sprach der Ädituus, »ist genug geschwätzt; jetzt auf zum Glas.« – »Nicht auch zum Fraß?« frug ihn Panurg. – »Ei wohl«, antwortete Ädituus, »zu Glas und Fraß nach Herzenslust! Nichts ist so teuer und edel als die Zeit; laßt uns die Zeit zu guten Werken nutzen.« – Zuerst wollte er uns erst noch in die schönen, wunderherrlichen Kardinlingsbäder führen und uns nach dem Bad mit köstlichem Balsam salben lassen. Pantagruel aber bedeutete ihm, daß er auch ohne dies zum Trinken wohl aufgelegt war. So brachte er uns in ein großes, prächtiges Refektorium und sprach zu uns: »Der Klausner Hosian hat euch vier Tage lang fasten lassen; hier sollt ihr nunmehr vier Tage lang ohne Absatz essen und trinken.« – »Nicht auch schlafen dazwischen?« frug Panurg. – »Ganz nach Gefallen«, antwortete Ädituus, »denn wer schläft, wird auch satt.« – Ei heiliger Gott, wie wir da schlemmten. Ein Vivat dem braven Biedermann! Fünftes Kapitel Wie die Vögel auf der Glockeninsel ernährt werden Nach den ersten Happen frug Bruder Jahn den Ädituus: »So gibt's dann nichts als Vogelbauer und Vögel auf Euerm Eiland hier? Sie ackern nicht, sie baun kein Feld, ihr ganzes Tun ist schäkern, zwitschern und singen. Aus welchem Land kommt Euch denn dies Füllhorn voll dieser guten Leckerbißlein?« – »Ei, aus der ganzen andern Welt«, antwortete Ädituus, »mit Ausnahme etlicher nordischer Gaue, Die reformierten Länder. die seit einiger Zeit leider den römischen Sumpf beunruhigen!« – »Hopp hopp«, rief Bruder Jahn, »hum hum! Die werden Euch auch noch heulen drum.« – »Trinkt, liebe Freunde! Allein woher des Landes seid ihr?« frug Ädituus. – »Aus der Touraine«, versetzte Panurg. – »Nun meiner Treu, da stammt ihr wahrlich aus keinem schlechten Atzelnest«, sprach der Ädituus, »wenn ihr aus der gesegneten Touraine seid. Denn aus Touraine ziehn wir alljährlich die schwere Menge so guter Dinge. Eines Tages haben uns Leute von dort versichert, der Herzog von Touraine hätte nicht mehr Einkünfte genug, sich satt an Speck zu essen, wegen der unmäßigen Spenden und Gaben, die seine Vorfahren weiland an diese hochgelobten Vögel entrichtet hätten, nur daß sie sich an Fasanen, Rebhühnlein, Putern, feisten Kapaunen und an allen Arten Wild und Wildbrets erlaben könnten. Und besorgt nur nicht, daß Wein und Speise hier ausgehn; denn wenngleich der Himmel ehern wär und die Erde von Eisen, uns gebräch's doch nicht an Futter, und wenn's sieben, wenn's acht Jahr währte, noch länger als die Hungersnot in Ägypten. Auf! laßt uns trinken, laßt uns schlückern in guter Lieb' und Einigkeit.« Sechstes Kapitel Wie Panurg dem Ädituus die Fabel vom Roß und dem Esel erzählt' Nachdem wir gut getrunken und gut gefuttert hatten, führte uns der Ädituus in ein gut möbliertes, gut tapeziertes, um und um vergoldetes Zimmer, setzte uns Süßigkeiten und edeln Firnewein vor und ermahnte uns, alle zur See bestandenen Mühen in Vergessenheit und in Wind zu schlagen. Auch auf unsre Schiffe im Hafen ließ er Zehrung im Überfluß bringen. So ruhten wir selbige Nacht; aber schlafen konnt' ich nicht, wegen des ewigen Glockengebimmels. Um Mitternacht weckte uns Ädituus zum Trinken auf, trank selbst voran. Mit grauendem Morgen weckte er uns wieder zur Frühsuppe, und von da ab war alles nur eine Mahlzeit, und die währte den ganzen Tag; wir wußten nicht, ob's Imbiß, Vesper-, Nachtbrot oder Schlaftrunk war. Erholungshalber spazierten wir bloß dann und wann ein wenig auf dem Eiland umher, um diese glücklichen Vögel zu sehn und ihren muntern Sang zu hören. Abends sprach Panurg zum Herrn Ädituus: »Wenn's Euer Edeln nichts verschlägt, möcht' ich Euch ein artiges Histörchen erzählen, das vor dreiundzwanzig Monaten passiert ist. Der Reitknecht eines Edelmanns ritt eines Morgens im Monat April seine großen Pferde aufs Feld. Dort fand er eine junge muntere Schäferin, ›die ihre Lämmlein weidete in einem grünen Busch‹, nebst einem Esel und etlichen Geißen. Er diskurrierte mit ihr und, wie dann ein Wort das andere gibt, beschwatzte sie, mit hintenauf zu steigen und einen Ritt in seinen Stall zu machen; dort wollten sie mal auch ein wenig sich auf bäurisch was zugute tun. Derweil sie nun so saßen und zusammen plauderten, machte sich das Pferd sacht an den Esel und raunte ihm ins Ohr: ›O du arm elendes Grauchen dauerst mich; ich hab' Mitleid mit dir, du arbeitst täglich schwer, das seh ich an deinem abgeriebenen Schwanzriemen; das ist recht brav von dir, da Gott dich zum Dienst der Menschen erschaffen hat. Aber dennoch, daß du nicht besser geputzt, gestriegelt und gefuttert bist, dies scheint mir ein wenig tyrannisch und unbillig. Du bist ganz struppig, ganz klapperdürr und lendenlahm und hast hier weiter nix zu fressen als Binsen, Dornen und harte Disteln. Darum, mein Grauchen, rat' ich dir: Komm deinen stillen Schritt mit mir und sieh, wie man uns andre, die die Natur zum Krieg erschuf, traktiert und futtert. Es soll auch dein Schade nicht sein, du sollst meinen Tisch einmal probieren.‹ – ›Wahrlich, mein Herr Pferd‹, antwortete der Esel, ›da geh ich ganz gern mit Euch.‹ – ›Es ziemt dir, Grauchen‹, sprach das Roß, ›wohl: mein Herr Roß! zu mir zu sagen.‹ – ›Ach verzeiht mir, mein Herr Roß‹, versetzte der Esel, ›wir armen Dörfler und einfältigen Bauersleut drücken uns freilich allzuleicht in unsrer groben Tölpelsprache aus. Nun dann, ich bin Euch gern zu Dienst und will Euch ganz von weitem folgen, weil Ihr mir doch so hohe Ehr und Gunst einmal erzeigen wollt.‹ Sobald die Schäferin aufgestiegen war, kam er dem Pferd nach, fest gewillt, an Ort und Stelle brav einzuhaun. Kaum sah ihn der Reitknecht, als er dem Stallgesind befahl, ihm das Frühstück mit Futtergabeln und Knütteln zu gesegnen. Als der Esel dieses Wort vernahm, befahl er sich Gott und fing mit starken Schritten an, das Feld zu räumen; denn, dacht' und schloß er bei sich selbst: er sagt ganz recht; es ist auch meines Amtes nicht, mich an großer Herren Höfe zu wagen; bin von Natur nur armen Leuten zum Trost erschaffen. Es war zu dreist von mir; hier gibt's nur eins: auskratzen. Und damit, Grauchen, hopp, hopp, hopp, hallo, im Kurz- und Furzgalopp über alle Berge. Die Schäferin, als sie den Esel traben sah, sagte zum Reitknecht, er gehöre ihr, und bat, ihn ja wohl zu verpflegen, sonst wollt' sie ohne weiteres gleich wieder fort. Da befahl der Reitknecht, daß die Pferde in acht Tagen kein Körnlein Haber zu sehen kriegten, bis nicht der Esel vollauf hätte. Die Not war nur, wie ihn wiederkriegen. Die Buben mochten ihm noch so schön tun, ›ho ho! Hans, Hänsel! Komm Hans!‹ rufen – der Esel sprach: ›Ich geh nit hin, ich schäm mich.‹ Je freundlicher sie ihm riefen, je wilder schlug er hinten aus und bockte. Sie trieben's noch bis diese Stunde, wenn ihnen nicht die Schäferin geraten hätte, vor ihm Haber zu sieben. Dies geschah; und hurtig drehte der Esel den Kopf um und wieherte: ›Haber! habeam ! Nur nicht die Mistgabel!‹ Und kam so munter auf sie zu, mit sehr melodischem Gesang, wie ihr ja dieser arkadischen Tierlein Stimme und Musika wohl kennt. So wie er kam, ward er zum großen Leibroß in den Stall geführt, geputzt, gestriegelt, abgerieben, ihm frische Streu bis an den Bauch, die Raufe voll Heu, die Krippe voll Haber aufgeschüttet – wenn er auch sehr bescheidentlich, als ihm die Buben den Haber siebten, die Ohren vor ihnen hing, zum Zeichen, daß er's auch ungesiebt fressen wolle und solcher Ehren gar nicht wert sei. Nachdem sie nun sich satt gefressen, sprach das Pferd zum Esel und frug ihn: ›Nu, wie hält's, armes Grauchen? Was dünkt dich dieses Futter?‹ – ›Ei‹, sprach der Esel, ›bei Kraut und Disteln purer Honigseim, Herr Roß! Allein wie nun? Dies ist doch erst die Hälfte der Mahlzeit. Rammelt ihr nicht auch hier ein wenig, ihr andern Herrn Pferde?‹ – ›Was, rammeln, Grauchen?‹ frug das Pferd, ›von welchem Rammeln sprichst du? Potz Triefaug'! Grauchen; siehst du mich für 'nen Esel an?‹ – ›Aha!‹ antwortete der Esel, ›ich merk'; ich hab' für eure Pferd-Hofsprache ein wenig einen zu harten Kopf. Nu nu, ich mein': roßt ihr nicht auch hier mitunter, ihr Herren Rösser?‹ – ›Sprich leise, Grauchen‹, sprach das Pferd; ›denn wenn's die Knechte hören, schmieren sie dir das Fell mit schweren Gabelpüffen so aus, daß dir das Rammeln vergeht. Wir hie getraun uns nicht einmal den Zipfel zu spitzen, und wenn's auch nur zum Schiffen wär, aus Furcht vor Schlägen; im übrigen sind wir froh wie die Könige.‹ – ›Nun, bei dem Sattel, der mich druckt‹, rief der Esel,›so sag' ich mich hier los von dir, und sage Pfui auf deine Streu! Pfui auf dein Heu, und Pfui auf deinen Haber! Vivat die Disteln des Feldes, weil man dabei doch nach Belieben rammeln darf. Lieber, sag' ich, halbsatt gegessen, aber nur immer deinen Stiefel gerammelt! Das ist mein Wahlspruch, das ist unser Heu, Brot und Haber. O Herr Roß, mein Freund, wenn du uns erst einmal auf unsern Provinzialkapiteln, den Messen und Märkten sehen solltest, wie wir da rammeln, daß es raucht, derweil die Herrschaft ihre Hühner und Gänse verkauft!‹ – So schieden sie. Ich hab' gesprochen!« Damit schwieg Panurg und tat kein Müxlein weiter. Pantagruel bat, dem Gespräch ein Ende zu machen. Der Ädituus antwortete aber: »Wer Ohren hat zu hören, bedarf nicht vieler Worte. Ich merk' ganz wohl, was Ihr mit diesem Märlein von Esel und Pferd meint und sagen wollt; aber schämt Euch nur. Wißt, hier hat's nix für Euch, und damit holla; sprecht davon nicht weiter.« – »Und doch«, sprach Panurg, »sah ich vorhin hier ein weißfedriges Äbtinlein, die ich weit lieber reiten, als am Halfter führen möcht' – so ein recht liebes holdes Mäuslein, das wohl ein paar Sünden verlohnen sollt'. Doch Gott verzeih mir's, denn ich denk dabei nichts Böses; das Böse komm' gleich über mich, hätt' ich was derart gedacht.« Siebtes Kapitel Wie uns Papling mit genauer Not gezeigt wurde Am dritten Tag, der ebenso mit Schmäusen und Banketten verstrich, wie die zwei vorigen, begehrte Pantagruel inständiglich den Papling zu sehen; Ädituus meinte aber, daß er sich so leicht nicht sehen ließ. »Wieso? wie?« frug Pantagruel, »trägt er etwa den Helm des Pluto auf dem Kopf, oder Gyges' Ring an den Klauen, daß ihn die Welt nicht schauen kann?« – »Mitnichten«, sprach Ädituus, »er ist nur von Natur ein wenig schwer zu sehen; ich werd' indessen dafür sorgen, daß Ihr, wo möglich, ihn zu sehn kriegt.« Mit diesen Worten ging er weg und ließ uns weiter schmausen. Nach einer Viertelstund kam er zurück und meldete, der Papling wär sichtbar, und führte uns dann ganz still und ducklings grad auf den Vogelbauer los, worin er in Gesellschaft zweier kleiner Kardinlinge und sechs schmerbäuchiger Bischlinge kauerte. Panurg betrachtete sich seine Gestalt, Gebärden, Mienen sehr aufmerksam; dann schrie er laut: »Der Henker hol das Biest! Er sieht aus wie ein Wiedehopf.« – »Um Gottes willen, redet leise!« sprach der Ädituus, »er hat Ohren!« – »Nun, hat die nicht auch ein Wiedehopf?« sprach Panurg. – »Wenn er euch nur ein einzigmal so blasphemieren und lästern hört, seid ihr verloren, liebe Leute. Seht ihr den Napf in seinem Bauer? Daraus fährt Blitz und Donnerwetter und tausend Teufel; die schlagen euch in einem Umsehn hundert Schuh tief unter die Erde.« – »Da wär's doch besser«, sprach Bruder Jahn, »wir tränken und bankettierten weiter«. – »Aber«, sprach Pantagruel, »laßt doch den Papling uns etwas singen, daß wir auch hören, wie er pfeift.« – »Er singt und ißt nur«, antwortete ihm Ädituus, »zu seinen gewissen Tagen und Stunden.« – »Da halt ich's anders«, sprach Panurg, »mir ist eine jede Stunde recht. Also marsch, dann zum Humpen!« – »Jetzt sprecht Ihr untadlig«, sprach Ädituus, »mit solchen Reden wird man nimmer zum Ketzer. Kommt, ich mein's auch so.« Auf dem Rückweg zum Schoppen sahn wir einen alten grünköpfigen Bischling, der schnarchte für drei. Neben ihm saß ein niedliches Äbtinlein, das sang gar munter. Da sprach Panurg: »Dies artige Äbtinlein singt sich schier die Seel aus dem Leib, und dieses grobe Pferd von Bischling schnarcht alldieweil. Ich will ihn in drei Teufels Namen bald singen lehren.« – Sofort zog er an einer Glocke über seinem Bauer. Doch er mochte läuten, soviel er wollte, der Bischling schnarchte nur desto lauter und sang nicht eine Note. – »Na wart, du alter Luley«, sprach Panurg, »dich will ich wohl auf andre Art zum Singen kriegen!« – Damit nahm er einen großen Stein und wollt' ihn grad auf den Magen werfen. Aber der Ädituus schrie: »Ach werter Mann! Schlag, schmeiß, wirf, mord und erstich du doch alle Könige und Fürsten der Welt, meuchlings, mit Gift, wie, wann du willst, ja nimm die himmlischen Engelein aus ihren Nestern; alles dies verzeiht dir der Papling. Nur an diese geheiligten Vögel rühre nicht, so lieb dir Leib und Leben, Hab und Gut und Wohlfahrt deiner selbst, wie deiner Freunde und Anverwandten, lebender wie toter, sind. Hüt, o hüte dich vor jenem Napf!« – »Es wird demnach wohl besser sein, wir bankettieren und zechen weiter«, sprach Panurg. – »Er hat recht«, sprach Bruder Jahn! »ich lob' ihn drum, Herr Eseldumm; denn bei den Teufelsvögeln hier tun wir doch nichts als blasphemieren; hingegen bei Euern Humpen und Flaschen, so lang wir uns die Gurgeln waschen, ist es ein ewiger Gottesdienst. Fort denn zum Humpen! Das soll ein Wort sein!« Am dritten Tag (nach dem Wein, versteht sich) gab der Ädituus uns Urlaub. Er schickte uns Erfrischungen aller Art auf unsre Schiffe, wünschte uns eine glückliche Reise, daß wir gesund zum Ziel gelangen und unsre Zweck erreichen möchten und ließ uns schwören beim heiligen Peter, auf der Rückfahrt wieder in seinem Ländlein vorzusprechen. Zu guter Letzt sprach er noch zu uns: »Ihr werdet finden, liebe Freunde, daß es auf Erden weit mehr Schellen als Männer gibt. Hieran gedenket!« Achtes Kapitel Wie wir aufs Werkzeug-Eiland kamen Nach wohl verkalfaterten Mägen brachte uns ein steifer Wind in noch nicht zwei Tagen zum Werkzeug-Eiland, das ganz wüst und von allen Menschen verlassen war. Da sahn wir Bäume in großer Menge, die trugen Hacken, Spaten, Zwergäxte, Sensen, Sicheln, Schaufeln, Kellen, Beile, Hippen, Sägen, Hobel, Scheren, Zangen, Drill- und Windelbohrer. Andre trugen Dolche, Stiletts, Spießer, Schwerter, Hirschfänger, Säbel, Stoßdegen und Messer. Wer davon was brauchte, der durfte den Baum nur schütteln, flugs fielen sie wie Zwetschgen ab – ja noch mehr, sowie sie auf den Boden kamen, trafen sie auch gleich auf eine Art von Kraut – man hieß es Scheidekraut – und blieben darin stecken. Beim Schütteln mußte man sich nur vorsehn, daß sie einem nicht auf Kopf, Bein oder sonst ein ander Glied des Leibes fielen; denn sie fielen alle auf die Spitze, gradunter nach der Scheide, und hätten den Mann aufgespießt. Auch sah ich da noch unter einer andern Art von fremden Bäumen allerlei besondre Kräuter, die wie Piken, Hellebarden, Lanzen, Spieße, Zinken, Schweinsfedern, Partisanen, Speere und Gabeln hoch in die Höh aufgeschossen waren und, wenn sie an die Bäume rührten, traf jedes an das Eisen, das von seiner Art war. Wie nun in allen Dingen (allein Gott ausgenommen) jezuweilen ein Irrtum vorkommt, selbst in der Natur, sofern sie Monstra und mißgeschaffne Tier erzeugt, so sah ich auch die Bäum zuweilen darnebenschießen. Denn eine Halbpike zum Exempel, die unter diesen Werkzeugbäumen hoch aufschoß, traf statt ihrer Klinge, sowie sie an die Äste anstreifte, in einen Besen. Auch gut, dacht' ich, so fegt man die Kamine damit. Eine Partisane traf eine Schere. Bravo! Das wird die Gärten raupen. Ein Hellebardenstock geriet hermaphroditisch in eine Sense. Alles eins, die kann ein Schnitter brauchen. Es ist doch ein gutes Ding, wenn man nur Gott vertraut! Als wir jetzt wieder aufs Schiff stiegen, sah ich hinter ich weiß nicht welchem Gebüsch ich weiß nicht was für Leut, die ich weiß selbst nicht was da trieben und weiß nicht wie ich weiß nicht was für Werkzeug spitzten, die sie hatten ich weiß nicht wo, und weiß auch nicht in welcher Art. Neuntes Kapitel Wie Pantagruel auf dem Knobel-Eiland eintraf Vom Werkzeug-Eiland weiter trug uns unser Weg am folgenden Tag zum Knobel-Eiland; dort ist die Erde so hundsdürr, daß ihr die Knochen, id est die Steine, durchs Leder stechen: unfruchtbar, unlustig, sandig, ungesund. Unser Steuermann zeigte uns dort zwei kleine viereckige Felsen mit acht gleichen Kanten in Würfelform, die ich nach ihrer weißen Farbe anfangs für alabastern oder beschneit hielt. Er schwur uns aber, es wären Knöchlein und Knobel mit sechs Seiten; darin wohnten zwanzig Hasardteufel, denen wir so viel Respekt bei uns erwiesen: deren größtes Zwillingspaar nannt' er die Sechsen, die kleinsten die zwei Asse, die andern Mittelwürfe, als Quinten, Ternen, Quaternen, Zwei und Zwei; noch andre Sechs und Fünf, Sechs und Vier, Sechs und Drei, Sechs und Zwei, Sechs und As, Fünf und Vier, Fünf und Drei und so weiter. Da gewahrte ich denn, daß wenig Spieler auf Erden sind, die nicht Anrufer der Teufel wären. Denn sowie sie zwei Würfel auf die Tafel schmeißen und brünstig dazu rufen: »Sechs und Sechse, Freund! (der große Teufel), Eins und Eins, mein Schatz! (der kleine), Vier und Zwei, ihr lieben Kindlein!« – rufen sie die Teufel mit ihren Vor- und Zunamen; ja sie rufen sie nicht allein, sondern nennen sich auch noch gar ihre Freunde und Brüder. Nun erscheinen die Teufel zwar nicht immer gleich auf ihren Wink, allein hierin sind sie zu entschuldigen; denn sie waren wo anders, nach dem Datum und der Priorität der Rufenden. Deshalb darf man nicht etwa sagen, daß sie kein Gehör hätten: sie haben's wohl, und das sehr leise! Das versichr' ich euch. Dann sagte er uns, daß an und zwischen diesen viereckigen Felsen schon mehr Schiffbrüche und Strandungen vorgefallen seien und mehr Leut und Güter verloren gegangen wären, als durch alle Charybden, Syrten, Sirenen und Scyllen des ganzen Ozeans. Das glaubt' ich ihm auch gern! Er erzählte uns auch, dort wär ein Fläschlein vom Heiligen Gral, sehr was Göttliches und nicht viel Leuten bekannt. Panurg gab den Schultheißen vom Platz so lange gute Worte, bis sie's uns wiesen. Aber das geschah mit dreimal mehr Gepräng und Zeremonien, als zu Rom das Schweißtuch der Veronika gewiesen wird. Mein Lebtag sah ich nicht soviel Fahnen, Fackeln, Kerzen, Seidenläpplein und Abrakadabra. Und was man zu guter Letzt uns wies, war nichts weiter als ein gebratner Karnickelkopf. Sonst sahn wir nichts Merkwürdiges dort, außer der Frau Gutmien, Herrn Schlimmspiels Weib; und die Schalen der zwei Eier Ledas, in denen Kastor und Pollux, die Brüder der schönen Helena, weiland von ihr gelegt und ausgebrütet worden sind. Die Schultheißen verehrten uns ein Stück davon. Zum Abschied kauften wir uns noch eine ganze Tonne voll Knobelhüte und -mützen; werden's aber schwerlich wohl wieder mit Profit verkaufen, und noch weit minder, mein ich, werden die Käufer dabei Seide spinnen. Zehntes Kapitel Wie wir nach Verwahrsam fuhren, wo Krellhinz wohnte, der Erzherzog der Katzenbälger Von dort befuhren wir zunächst Verurteilung: Die folgenden Kapitel sind eine Satire auf die Rechtspflege der Zeit. auch dies ist ein sehr wüstes Eiland. Ferner fuhren wir nach Verwahrsam, wo Pantagruel nicht ausstieg und auch sehr wohl dran tat; denn wir wurden da arretiert und Knall auf Fall ins Loch gestochen auf Befehl Krellhinzens, des Erzherzogs der Katzenbälger, weil ein Mann von unsrer Gesellschaft einem Greifzu Knobelhütlein verkaufen wollte. Das sind gar erschreckliche, furchtbare Tiere, die Katzenbälger! Sie fressen kleine Kinder, Schluck und Druck! Einwärts, nicht nach außen kehren sie die Haarseite ihrer Bälge, und jeder trägt einen offenen Schnappsack als Devise und Symbolum, wiewohl nicht alle in gleicher Art. Denn die einen tragen ihn wie eine Schärpe um den Hals, andre auf dem Steiß, noch andre vor dem Wanst, und wieder andre an der Seiten: und das alles nach ganz besonderen Mysterien und Unterschieden. Ihre Krallen an den Klauen sind so stark und lang und scharf wie Eisen, daß ihnen gar nichts entwischen kann, was sie einmal mit ihren Fängen ergattert haben. Beim Eintritt in ihr Ratzenlager sagte uns ein armer Spittelpracher, dem wir ein halbes Hellerstück schenkten: »Ach, brave Leut, Gott geb, daß ihr doch bald gesunden Leibes wieder von da raus kommt! Merket wohl auf die Gebärden dieser tapfern Strebepfeiler krellhinzischer Gerechtigkeit und denkt, daß ihr, wenn ihr noch sechs Olympiaden und zwei Schwabenalter lebt, dies Volk der Katzenbälger über ganz Europa werdet herrschen und im friedlichen Besitztum aller liegenden und fahrenden Güter drin sitzen sehen, wenn nicht bald durch Gottes Straf ihr unrecht Gut und freventlich erworbner Mammon ihren Erben wieder zerrönne. Glaubt einem ehrlichen Bettelmann. Sie sengen, brennen, vierteilen, köpfen, rädern, knebeln, zwicken, schinden, schaben und untergraben alles ohne Unterschied. Denn Laster heißt bei ihnen Tugend, Bosheit Güte, Verräterei ist ihnen Treu, Diebstahl nennen sie Edelmut; Raub ist ihr Wahlspruch und wird, sobald sie ihn begehn, von allen Menschen gut geheißen, außer von den Ketzern: und dies alles tun sie unumschränkt aus höchster Machtvollkommenheit. Wenn je Pest, Krieg, Hunger, Brand, Wassersnöte, Unglück aller Art die Welt heimsuchen werden, so schiebt es nur nicht auf die Stellung böser Sterne noch auf den Unfug des Römischen Hofes, schreibt es auch nicht der Tyrannei der Könige und Erdenfürsten, nicht den Finten der Kuttner, Ketzer, Wahnpropheten, nicht den Tücken der Wuchergeier, Kipper und Wipper, Falschmünzer, nicht der frechen Dummheit und Verblendung der Ärzte, Chirurgen, Apotheker, nicht der Bosheit der giftmischenden, ehebrüchigen, kindesmördrischen Weiber zu. Nein, meßt es einzig und allein dem unsäglichen Übel, der unermeßlich unglaublichen Verruchtheit bei, die hier allstündlich im Rüsthaus dieser Katzenbälger geschmiedet wird!« »Waas?« rief Panurg, »wie ist mir denn? Da bleib' ich weg! Bei Gott, da komm' ich nicht hin. Linksum! Zurück! Um Gottes willen, sag' ich! Wie Donner am grünen Donnerstag tönt mir, was dieser edle Bettler sprach.« – Als wir uns aber zurückziehn wollten, da fanden wir das Tor verrammelt und sagten uns, daß man zwar leicht, wie zur Unterwelt, hineinkomme, aber der Ausgang etwas schwierig sei. Das Schlimmste war aber, wie wir in Verwahrsam ankamen; denn wir wurden wegen unsers Passierscheins vor das scheußlichste Untier gestellt. Man hieß es Krellhinz, und ich kann's nicht füglicher vergleichen als mit der Sphinx oder dem Cerberus, oder auch dem Bild des Osiris, wie ihn die alten Ägyptier malten, mit drei zusammengewachsenen Köpfen, nämlich denen eines brüllenden Löwen, eines wedelnden Hunds und eines lechzenden Wolfs, von einem Drachen umschlungen, der sich in den Schwanz beißt und feurige Strahlen ringsherum sendet. Seine Tatzen waren voll Blut, die Krallen wie Harpyienkrallen, die Schnauze in Form eines Rabenschnabels, das Gebiß wie die Hauer eines vierjährigen Eberschweins, die Augen flammten wie Höllenschlünde. Zum Stuhl diente ihm und seinen mauskätzerischen Beisitzern eine lange, funkelneue Heuraufe, über welcher an Winkelhaken sehr schöne geräumige Krippen hingen. Über dem Präsidentensitz war eine alte Frau gemalt, die eine Sichelscheide in der rechten, eine Waage in der linken Hand hielt und eine Brille auf der Nasen trug. Die Waagschalen waren zwei samtene Schnappsäcke, der eine, voll Münzen, hing tief herab, der andre, schlapp und leer, hoch oben über dem Zünglein. Dies war, mein' ich, das Bildnis der Krellhinzischen Gerechtigkeit, zum Unterschied von dem Gebrauch der alten Thebaner, die die Statuen ihrer Richter nach ihrem Tod in Gold, in Silber oder Marmor, je nach ihren Verdiensten, aber alle ohne Hände abbilden ließen. Als wir nun vor ihn hingetreten, hieß uns ich weiß nicht was für Volk (es ging in lauter Schnappsäcke gekleidet) auf einen Schemel niedersitzen. – »Hundsfötter! Liebe Freunde«, sprach Panurg, »ich steh hier gut, sehr gut. Für einen Mann mit neuen Hosen und kurzem Wams ist der Sitz ohnehin zu niedrig.« – »Setzt Euch!« brüllten sie, »nur gesetzt, und laßt es Euch nicht zweimal sagen – oder gleich soll sich die Erde auftun und Euch mit Haut und Haar verschlingen, wenn Ihr nicht ordentlich Antwort gebt.« Elftes Kapitel Wie uns Krellhinz ein Rätsel aufgab Wie wir nun saßen, schrie uns Krellhinz inmitten seiner Katzenbälger mit wilder, heiserer Stimm an: »Holla! hallo! her! gelt? gelt? Gelt, Anspielung auf Geld wie im Original or cà , der gewollte Gleichklang mit or , Gold. Merkt ihr was? Gelt? Holla! her! – (»Zu saufen, o zu saufen!« brummte Panurg in seinen Bart) –: Sie war ganz jung und war ganz blond, Als sie ohn' Vater und ohn' Schmerz Ein Mohrenkind trug unterm Herz. Doch hat der Sohn ihr's schlecht gelohnt, In wilder Ungeduld durchnagt Er viperngleich die Lende ihr Und hat sich hoch ins Luftrevier Und tief ins Erdental gewagt, So daß der Weise staunend stand Und hier den Menschengeist geahnt. »He holla! her!« fuhr Krellhinz fort, »wirst du dies Rätsel gleich raten, gelt? uns, gelt? bald sagen, was dies ist?« – »So gelt mir Gott!« antwortete ich ihm, »wenn ich die Sphinx, so gelt mir Gott! bei mir im Haus hätt', so gelt mir Gott! wollt' ich dies Rätsel wohl raten, o so gelt mir Gott! allein ich denk nicht dran, und bin, so gelt mir Gott! unschuldig an dem Handel.« – »Gelt? Nun dann, beim Styx!« sprach Krellhinz, »weil du nicht reden willst, will ich dir, gelt? wohl zeigen, daß dir besser wär, gelt? in die Krallen Luzifers und aller Höllenteufel, gelt? als in unsre Klaun zu fallen. Gelt? Siehst du sie? Siehst du sie wohl? Gelt, Lotterbub? Berufst du, gelt? dich hier auf Unschuld, gelt? Als wenn die vor unsern Martern dich schützen könnt'? Gelt? und sind unsre Gesetz nicht gleich den Spinneweben, gelt? darin die kleinen dummen Schmetterlinge und Mücken, gelt? sich fangen, aber die groben bösen Hornissen, gelt? zerreißen sie und schlupfen durch? Gelt? Gelt? So suchen wir auch nicht die groben Diebe und Bluthunde, gelt? Die sind zu schwer verdaulich, gelt? und machen uns gar zuschanden, gelt? Euch zarten, unschuldigen Kindlein aber wird man die Unschuld hier schon, gelt? eintränken, gelt?« Bruder Jahn, der jetzt der Glossen Krellhinzens müd war, sprach: »Hoho! Herr Mummelteufel, soll er etwa auf Sachen Red' stehn, von denen er nichts weiß? Läßt du dir nicht an der Wahrheit genügen?« – »Holla!« rief Krellhinz, »das wär, gelt? bei meinem Regiment das erstemal, gelt? daß mir einer hier ungefragt schwätzt'! gelt? Wer hat den Hundstagsnarr'n hier losgebunden? – (»Das lügst du frech«, sprach Bruder Jahn, verzog aber keine Lipp' dazu. –) Gelt? Wann die Reih zu reden, gelt? an dich kommen wird, sollst du Schelm brav schwitzen, gelt? – (»Erstunken!« sprach Bruder Jahn für sich. –) Meinst etwa, gelt? du seist bei euern müßigen Wahrheitsjägern und Büchsenmeistern? Wir hier han ganz andre Ding zu tun, gelt? gelt? Hie antwort man, gelt? Holla! gelt? und kategorisch, gelt? Auf das, was man auch nicht weiß, gelt? Bekennt, was man nie getan hat, gelt? Beschwört zu wissen, was man nie vernahm, gelt? Macht die Wütenden mutterzahm, gelt? Rupft die Gans und sie darf nicht schrein. Gelt?« Zwölftes Kapitel Wie Panurg Krellhinzens Rätsel auslegte Krellhinz wandte sich nun zu Panurg und sprach: »Ho hollo! her, du Saufaus! wird's bald? Wirst bald reden, gelt? holla, her!« – »So gelt euch doch«, antwortete Panurg, »der Teufel! Jetzt seh ich klar, daß uns die Pest hier erwartet. Der Teufel gelt euch! Weil keine Unschuld mehr sicher ist und der Teufel selber hier Messe liest! Ich bitt' euch, laßt mich's nur gleich für alle hier zahlen und laßt uns ziehn. Ich kann nicht mehr, gelt hin, gelt her! Gelt euch der Teufel!« – »Ziehn?« sprach Krellhinz; »gelt? ich glaub's: Seit nun dreihundert Jahren gelt dies hier gelt? Zum erstenmal, daß eins von hier entwischt wär, gelt? Ohn' Haar zu lassen oder gelt? auch Haut die meisten Male, denn, gelt? hieß dies nicht selbst eingestehn, daß du mit Unrecht hier vor uns geladen, gelt? und schlecht von uns tracktiert wärest, gelt? Du Lump! der du schon bist und noch weit mehr gelumpt wirst werden, gelt? wenn du nicht das Rätsel lösest, gelt? Jetzt holla! her! gelt? her! was ist's?« »Nu gelt ins Teufels Namen, hin!« antwortete Panurg, »ein schwarzer Bohrwurm ist's, geboren aus einer weißen Bohne, gelt in des Teufels Namen! Durchs Loch; das er darein genagt, entflohn, gelt in des Teufels Namen! Der manchmal fliegt, manchmal auch wieder am Boden wandelt, gelt in des Teufels Namen! Daher hat von ihm Pythagoras, der Weisheit erster Liebhaber, gelt ins Teufels Namen! gemeint, daß ihm vermittelst Seelenwanderung eine Menschenseele zuteil geworden sei, gelt in des Teufels Namen! Und wenn ihr Menschen wäret, gelt in drei Teufels Namen! so führen nach seiner Meinung eure Seelen gleichfalls in Bohrwürmerleiber, wann ihr dereinst verreckt! Denn hienieden schon nagt und freßt ihr alles, und jenseits fräß' euer Natternzahn der eignen Mutter Leib noch an, gelt in drei Teufels Namen!« »So wollt' ich doch bei Gott!« sprach Jahn, »von Grund des Herzens, daß das Loch in meinem Hintern eine Bohne wär, daß diese Bohrwürmer rings dran kaun und knuspern müßten!« Auf diese Worte warf Panurg einen schweren, ledernen Geldsack voll Sonnentaler mitten in die Schranken hinein. Wie sie den Säckel klirren hörten, fingen die Katzbälger allzumal mit ihren Krallen zu fingern an und schrien mit lauter Stimm: »Das sind die Sporteln, das ist die Würze in unsre Supp! Es ist ein guter, ein leckerhafter, ein würziger Prozeß gewesen! Sehr brave Leut! Sehr liebe Leut!« – »Da«, sprach Panurg, »ist Geld, und zwar Geld in Sonnentalern.« – »Wohl! ei wohl!« antwortete Krellhinz, »wir verstehn's auch so von Gerichts wegen. Gut Geld: gut! sehr gut Geld! Zieht in Frieden, Kinder, und passiert. Gut Geld! Wir sind so arme Teufel nicht, gut Geld! als wir schwarz aussehn, gelt? gut Geld!« Aus dem Verwahrsam wurden wir durch eine Schar gebirgiger Greifgeier in den Hafen gebracht. Die warnten uns, wie wir an Bord gehn wollten, daß wir nicht eher weiter kämen, bis wir der Dame Krellhinz und den gesamten jungen Krellhinzen stattliche Präsente gemacht hätten, sonst müßten sie uns, laut Vorschrift, wieder in Verwahrsam zurückbegleiten. – »Ei schade!« sprach Bruder Jahn, »kommt, laßt uns hier abseits ein wenig unsern Säckeln aufs Leder fühlen und alle abfinden.« – »Aber«, schrien die Hatschierer, »Herr, vergeßt auch nicht, die armen durstigen Teufel zu tränken!« – »Oh«, sprach Bruder Jahn, »den armen Teufeln vergißt man's niemals einzutränken, in keinem Land, zu keiner Zeit.« Dreizehntes Kapitel Wie die Katzbälger von Schmiere leben Während noch Bruder Jahn so sprach, da sah er an 68 Galeeren und Fregatten im Hafen landen. Er lief also, zu hören, was Neues los wär und was für Waren die Schifflein brächten. Da sah er, daß sie sämtlich voller Wildbret, Hasen, Kapaunen, Tauben, Schweine, Rehböcke, Kälber, Hühner, Enten, Gänse und andrer Sorten Geflügels staken. Auch erblickte er mehrere Stücke Sammet, Atlas, Taft und Damast darunter; er frug daher die Passagiere, wohin und wem sie die guten Bißlein brächten. Krellhinzen, war die Antwort; ihm, und seinen Katzenbälgern und Katzen. »Und wie heißt ihr«, frug Jahn weiter, »diesen Weihrauch?« – »Schmiere, Schmiere«, antworteten die Passagiere. – »So leben sie denn«, sprach Bruder Jahn, »von Schmiere, und ein schmieriges End wird einst ihr Erbteil sein. Kreuz Gottes! Das kommt davon. Ihre Väter fraßen die lieben wackern Junker auf, die sich aus Anlaß ihres Standes mit der Jagd und mit dem Weidwerk übten, um, wenn es Krieg gäb', schon geschickter und der Strapazen gewohnt zu sein. Denn die Jagd ist ein Gleichnis der Schlachten. Nun fahren deren Seelen, wie Herr Krellhinz wähnt, nach ihrem Tod in Eber, Hirsche, Rehböck, Rebhühner und solch andres Wild, das sie in ihrem ersten Leben stets lieb gehabt und aufgepürscht haben. Und somit lechzt dies Katzenvolk noch immerfort, nachdem es erst ihr Haus und Hof, Domänen, Schlösser, Renten und Güter verschlungen und verpraßt hat, auch im andern Leben nach ihrem Blut und ihren Seelen. Wollt ihr mir folgen?« frug Bruder Jahn die Passagiere. – »O ja!« antworteten diese. – »So laßt uns«, sprach er, »zweierlei tun: erstlich nehmt all dies Wildbret fest; ich hab' ohnehin das Pökelfleisch satt, es hitzt mir nur die Milz. Zweitens, kommt wieder nach Verwahrsam und laßt uns all die Teufelskerl von Katzenbälgern zusammenhaun!« – »Ich«, sprach Panurg, »komm' da nicht mit, auf alle Fälle nicht! Denn ich bin ein wenig schüchterner Natur.« Vierzehntes Kapitel Wie Bruder Jahn Kopffleisch die Katzenbälger zusammenzuhauen gesonnen war »Aber, in aller Kutten Namen!« rief Bruder Jahn, »was ist denn das für eine Reise, die wir da tun? Eine rechte Hosenscheißerreise! Blitz! Das ist wider meine Natur. Wenn ich nicht stets einen Heldenstreich, ein großes Werk vollführ', kann ich des Nachts nicht schlafen. Habt ihr mich nur darum zur Gesellschaft mit auf Reisen genommen, um Messe zu lesen und Beicht zu hören? Ich bin kein Studierter, doch die Studierten haben mir von Herkules erzählt. Nach seinem Vorbild laßt uns all diese schändlichen Katzenbälger erwürgen und zusammenhauen, die Teufelsbraten, und dies Land von aller Tyrannei befreien. Na, solln wir? Ich versichre euch, wir ermurksen sie ganz leicht; sie stecken's auch zweifelsohne geduldig ein. Denn sie haben doch mehr Schimpf und Spott geduldig von uns eingesteckt, als zwanzig Säue Spülicht söffen. Auf, also!« »Gott hat«, sprach Panurg, »uns die besondre Gnade erzeigt, aus ihren Klaun uns zu erlösen; da komm' ich nicht noch einmal hin, was mich betrifft. Ich bin vor Angst, die ich da ausgestanden hab', noch ganz verstört und außer mir; es hat mich schwer verdrossen, aus drei Gründen: fürs erste, weil mich's verdrossen hat; fürs zweite, weil mich's verdrossen hat; fürs dritte, weil mich's verdrossen hat. Horch auf jetzt, Jahn, mit dem rechten Ohr, du mein süßer Hodenloddel! Sooft du zu allen Teufeln fahren willst vor den Stuhl der Totenrichter, bin ich dein unzertrennlicher Genoß, will Styx, Cocytus, Acheron mit dir passieren, mich in den Fluten Lethes besaufen, auf Charons Kahn das Fährgeld für uns beide entrichten. Aber wieder nach Verwahrsam? Da such dir einen andern Gesellen! Mich kriegst du nicht; da bleib' ich von; dies Wort sei dir 'ne eherne Mauer. Wenn man mich bei den Haaren nicht hinschleppt und schleift, komm'ich, solang ich dies Leben hab', so wenig hin wie der Mond zur Sonne.« »Ho ho!« sprach Jahn, »du wackres Herz und lahmer Hände Spießgesell, jetzt her zu mir! Ich hab' mit dir ein Ei zu schälen, mein feiner Herr. Wie kam's, und was bewog Euch doch, gleich sackweis mit harten Talern drunter zu feuern? Haben wir's etwa wie Heu? He? Hätten's nicht ein paar schäbige Batzen auch getan?« – »Weil«, antwortete ihm Planurg, »der Krellhinz bei jedem dritten Wort seinen samtenen Schnappsack aufhielt und immer ›Gelt her! Gelt her!‹ rief, draus schloß ich, man würd' uns wohl frei ausgehn lassen, wenn ich ihnen Gelt hin, Gelt hin würf, Gelt in Gottes und aller Teufels Namen! Denn so ein samtener Schnappsack ist doch kein Reliquienschächtelchen für Batzen und kleine Münzen; das ist ein Hort für Sonnentaler, siehst du nun wohl, mein Bruder Jahn! Wenn du einmal erst soviel wirst gebraten haben und wirst gebraten worden sein, als ich gebraten worden bin, wirst du halt auch wohl anders pfeifen.« Die Hundsfötter aber standen immer noch dort im Hafen und warteten auf etwas Bares, und als sie sahen, daß wir in See gehn wollten, wandten sie sich an Jahn und schwuren, daß man nicht fortkäm' ohne Erlegung des Trinkgelds an die Warteknechte und des Hafenzolls. – »Potz Hurlyburly!« schrie Bruder Jahn. »Seid ihr noch hier, ihr Satansgeier? Hab' ich noch nicht genug Ärger gehabt, daß ihr mich noch aufbringen müßt? Na wart, bei des Herrn Leichnam! Jetzt sollt ihr euer Trinkgeld haben, dies schwör' ich euch.« Zog damit seinen Säbel vom Leder, sprang aus dem Schiff und hätt' sie alle in seinem Grimm elendiglich niedergemetzelt, aber sie rannten davon, als ob der Boden brenne, und waren unsern Augen entschwunden. Die Plackerei war aber damit noch nicht zu End; denn etliche von unsrer Mannsschaft hatten sich mit Urlaub vom Pantagruel, während wir vor Krellhinz waren, in eine Schenke am Hafen gemacht, um einmal zu trinken und sich ein Weilchen dort gütlich zu tun. Nun weiß ich nicht, ob sie die Zeche halb oder ganz berichtigt hatten; kurz, als die alte Wirtin den Bruder Jahn am Land sah, erschien sie und führte im Beisein eines Packans (es war der Tochtermann eines Katzenbälgers) und zweier Zeugen sehr bittre Klagen über sie. Bruder Jahn, ihrer langen Flausen überdrüssig, frug: »Hundsfötter, meine guten Freunde, wollt ihr in Summa damit sagen, unsre Matrosen wären keine rechtschaffnen Leute? Ei, so behaupt' ich das Gegenteil und will's euch auch zu Recht erweisen. Wißt ihr wie? Hier mit Meister Säbel!« – Und damit ließ er seinen Säbel ihnen brav um die Ohren sausen. Die Bengels stoben davon im Trott, bis auf die Alte, die blieb und schwur dem Bruder Jahn zu, seine Matrosen das wären sehr rechtschaffne Leut, nur darum klage sie, daß sie nicht das Bett bezahlt, auf welchem sie nach Tisch geschlummert hätten – und sie wollte für das Bett noch fünf Groschen extra. – »Nun wahrlich!« sprach Jahn, »dies ist sehr billig. Ei seht mir nur die Undankbaren! Sie werden's nicht immer so wohlfeil finden. Gern will ich's Euch bezahlen, aber ich möcht's doch gern zuvor auch sehn.« – Da führte ihn die Alte in ihr Haus, wies ihm das Bett, lobte es nach allen seinen Qualitäten und schloß, daß sie niemand überteuere, wenn sie dafür fünf Groschen begehre. Die fünf Groschen gab ihr Bruder Jahn, schlitzte aber dann mit seinem Säbel die Pfühle und Kissen mitten durch und warf die Federn aus dem Fenster in alle vier Winde hinaus. Die Alte schrie Mord und Zeter, sprang hinab und wollte die Federn zusammenlesen. Darum schor Bruder Jahn sich wenig, trug die Bettdecke nebst dem Unterbett und beiden Laken auf unser Schiff, und niemand sah ihn, denn von den Federn war die Luft stockfinster geworden, wie von einem Schneegestöber, schenkt' das Bettzeug den Matrosen und sprach dann zum Pantagruel, die Betten wären hier billiger als selbst in Chinon, wo man doch die guten Gänse habe, denn für das Bett habe ihm die Alte nur fünf Groschen abverlangt, das in Chinon nicht unter zwölf Franken zu haben wär. Sobald Jahn und die übrigen wieder an Bord gestiegen waren, ging Pantagruel in See. Aber da erhub sich ein so heftiger Sirokkowind, daß sie den Kurs verloren und, schier zu den Katzenbälgern zurückverschlagen, in einen mächtigen Wirbel kamen, wo die See erschrecklich hoch ging und uns der Bub vom Fockmast oben herunterrief, daß er noch immer Krellhinzens leidige Wohnungen säh. Darob Panurg, vor Angst von Sinnen, erbärmlich schrie: »Patron! Freund! Linksum! Wind und Wellen zum Trutz, linksum! Ach Freund! O nein, o nur nicht wieder in dies verfluchte Land, wo ich meinen Beutel gelassen hab'!« – Fünfzehn Kapitel Wie wir Vorwärts passierten Stracks fuhren wir geradewegs nach Vorwärts und erzählten dem Pantagruel unsre Abenteuer, der sehr bekümmert darüber war und ein paar Elegien drauf machte zum Zeitvertreib. Dort angelangt, restaurierten wir uns ein wenig und nahmen frisches Wasser ein, auch Holz in Vorrat; die Leute des Landes schienen uns, ihrem Schick und Blick nach, gute Gesellen und wohl genährt. Es bauschte sich an ihnen alles, und sie trieften von Fett, wo sie gingen und standen. Wir sahen mehrere (was ich in keinem andern Land noch gesehn), die sich die Haut zerschlitzten und das Bett herauspuffen ließen, just so wie sich bei uns zu Land die aufgeblasenen Büchsenprotzen die Pluderhosen zerschneiden, damit der Taft durchbufft. Sie erklärten, sie täten's nicht etwa aus Stolz oder Hoffart, sondern weil sie sonst in ihrer Haut nicht bleiben könnten, und außerdem würden sie auch viel eher groß und stark darnach, wie die jungen Bäume geschwinder wüchsen, wenn ihnen der Gärtner die Rinde ein wenig aufschlitzt. Beim Hafen stand ein Wirtshaus von sehr schönem, stattlichem Ansehn; da wir nun eine ganze Schar von diesen Aufgebauschten aller Alter, Stände und Geschlechter dorthin ziehn sahen, dachten wir, es gäb' da irgendein großes Bankett, wir erfuhren aber, daß der Wirt sein Platzfest gäbe und sie dazu geladen hätte, und so liefen denn Freunde und Anverwandte, Vettern und Basen, was Beine hatte, hin. Weil wir dies Rotwelsch nun nicht verstunden und dachten, Platzfest wär ein Fest in diesem Land, wie wir bei uns Verlöbnis- oder Hochzeitsfest, Kirchgangsfest, Schafschur-Erntefest zu feiern pflegen, wurden wir belehrt, wie der alte Wirt in seinen Tagen ein guter Schäker und leckerer Schmecker gewesen war, ein Erzsuppenmaul und unermüdlicher Tischzeitenzähler, die Beine hätte er in einem fort unterm Tisch gehabt, und da er seit zehn Jahren nun Fett ausgeschwitzt und ausgefurzt habe im Überfluß, wär er jetzt zu seiner Platzreife gekommen und müßte sein Leben nach der Landessitte platzend schließen, weil sein nun schon so lange Jahre her zerschlitztes Fell seine Kutteln nicht mehr halten noch fassen könne. »Ei aber«, frug Panurg, »ihr Leute, könnt ihr ihm denn nicht dicht und fest den Bauch mit guten starken Gurten oder mit derben Reifen, ja wenn's sein müßte, mit Eisen verspunden? So versohlt, blieb das Geschling doch eher bei ihm und könnt' so leicht nicht platzen?« – Noch war dies Wort nicht gar ausgesprochen, als wir einen laut schmetternden Schall in der Luft vernahmen, wie wenn ein starker Eichbaum mitten auseinander spränge. Da sagten uns die Nachbarn, hiemit wär das Platzfest nun zu End, und dieser Kracher sei sein Todesfurz gewesen. Dies gemahnt' mich an den edeln Abt zu Castiliers (denselben, der seine Hausmägde nicht anders als in vollem Ornat zu kacheln geruhte). Als seine Verwandten und Freunde in ihn drangen, daß er auf seine alten Tag abdanken und der Abtei entsagen möchte, da schwur er ihnen, daß er nun und nimmermehr vor dem letzten Schlafengehen abdanken würde, und daß der allerletzte Furz, den Seine Würden streichen ließen, ein Abtsfurz sein solle. Sechzehntes Kapitel Wie unser Schiff auf den Sand geriet und eine Gesellschaft Quinten-Fahrer uns wieder flottmachte Nach Lichtung unsrer Anker und Kabel stachen wir mit sanftem Zephir in See und waren ungefähr zweiundzwanzig Meilen gefahren, als sich ein ungestümer Wirbel konträrer Winde erhob. Dieser Wirbelwind hielt so lang an, daß unser Schiffsvolk sich baß erschreckte. Frisch pfiff der Wind durch die Taue; nur Bruder Jahn focht's nicht an, sondern mit freundlichen Worten sprach er einem um dem andern Trost zu und stellte ihnen für, daß uns der Himmel bald helfen müsse. – »Ach!« rief Panurg, »wollt' Gott, ich wär nur diesmal an Land und weiter gar nix! Und jeder von euch andern, die ihr der See so hold seid, hätt' 200 000 Taler. Ich wollt' euch auch ein Kalb für eure Heimkunft mästen! Zu! Zu! Ich will gern niemals frei'n, macht nur, daß ich aufs Trockne komm' und schafft mir einen Gaul zum Heimritt. Nach dem Reitknecht frag ich nix. Ich bin ohnehin nie besser bedient als ohne Knecht.« In diesen Nöten kam ein Schiff, mit Schellentrommeln ganz beladen, hart auf uns an, in dem erkannt' ich Passagiere von gutem Haus, auch unter andern Herren Heinrich Cotiral den alten Knaben, der einen großen Eselsziemer am Gurt trug, wie die Weiber ihre Paternoster. – »Ei«, frug ich, »wo kommt Ihr her? Wo denkt Ihr hin? Was bringt Ihr? Habt Ihr auch einmal die See probiert?« – »Von Quintessenz«, sprach er, »nach Touraine; Alchymie; bis an den Arsch.« – »Und«, frug ich weiter, »was sind denn das für Leute, die Ihr da bei Euch auf dem Deck habt?« – »Sänger«, antwortete er, »Poeten, Spielleute, Sterngucker, Geomanten, Reimer, Uhrmacher, Alchimisten, sämtlich Frau Quintessenz pflichtig; von der haben sie schöne breite Patente und Freibriefe.« – Er sprach noch, als ihm Panurg ganz wild und zornig ins Wort fiel: »Nun, und Ihr, die Ihr alles macht, bis auf gut Wetter und kleine Kinder, was schert Ihr Euch nicht her und nehmt das Schiff in Schlepptau und bugsiert uns ohne langes Federlesen los, in hohe See?« – »Ich wollt's ja eben«, sprach Cotiral, »na wart, den Augenblick sollt Ihr mir flott sein!« – Damit ließ er 7 032 010 großen Trommeln auf einer Seite die Trommelfelle einstoßen, richtete sie mit dieser Seite nach vorne, zog allerwärts die Kabel scharf, und auf einen Ruck war unsre Flotte von den Dünen mit großer Leichtigkeit und nicht ohne Ohrenkitzel los; denn das Getön der Trommeln zu dem sanften Gemurmel der Kieselsteine und dem Ruderlied des Schiffsvolks schien uns der Harmonie der rollenden Gestirne nicht sehr nachzustehn, die Plato manche Nacht im Schlaf gehört haben will. Wir nun teilten, um nicht für diesen Liebesdienst des schnöden Undanks geziehn zu werden, ihnen von unsern Würsten mit, füllten ihre Trommeln mit Würstchen und hißten ihnen zweiundsechzig Schläuche Wein aufs Deck. Da kamen aber mit einem Male zwei große Walfische im vollen Schuß an ihr Schiff gestürmt, die ihnen mehr Wasser drein gossen, als in der Vienne von Chinon bis nach Saulmur ist, all ihre Trommeln füllten, ihre ganze Takelage einweichten und ihnen die Hosen durch die Jacke tauften. Als Panurg dies sah, geriet er so vor Freuden außer sich und strengte das Zwerchfell so heftig an, daß er über zwei Stunden lang Kolik kriegte. »Ich wollt' Ihnen«, sprach er, »ihr Weinchen geben, aber nun sind sie zum Wasser kommen, zur rechten Zeit.« Weitere Zwiesprach konnten wir mit ihnen nicht halten, denn der Wirbel ließ, nach wie vor, kein Steuern zu. Auch bat uns unser Steuermann, fortan der See nur zu vertrauen und an nichts als Küche und Keller zu denken, weil wir jetzt dem Strom gehorchen und um den Wirbel lavieren müßten, wenn wir das Königreich der Quintessenz wohlbehalten erreichen wollten. Siebzehntes Kapitel Wie wir ins Reich der Quintessenz oder Entelechia kamen Nachdem wir einen halben Tag lang den Wirbel klug umschifft hatten, schien uns am dritten drauf das Wetter heller als sonst zu sein, und glücklich liefen wir im Hafen ein, der vom Palast der Quintessenz nicht weit ist. Bei der Anfahrt gleich trat uns ein großer Trupp Hatschierer und Reisige entgegen, die am Zeughaus Wache hielten und uns zum Willkomm fast erschreckten; denn sie forderten uns allen die Waffen ab und fragten barsch: »Woher des Lands, Gevattern?« – »Oheim, wir sind Tourainer Leut«, antwortete Panurg, »und kommen aus Frankreich, voll Sehnsucht, der Frau Quintessenz auch unseren Reverenz zu machen und dies berühmte Königreich zu besehn.« Nachdem er so unser Verlangen vernommen, führte uns der Hauptmann schweigend und unter großen Zeremonien nach dem Palast der Königin. Pantagruel wollt' unterwegs ein wenig mit ihm schwatzen, aber weil jener so hoch nicht reichen konnt', wünschte er sich eine Leiter oder recht hohe Stelzen; doch faßte er sich bald wieder und sprach: »Pah, was macht's, wenn unsre Frau Königin nur wollt', wir wären alle so groß wie ihr. Wird auch geschehn, wann's ihr beliebt.« – In den äußern Galerien fanden wir eine große Schar bresthafter Leute, die nach den Übeln, daran sie litten, dort besonders einquartiert und beherbergt waren; an einem Ort die Räudigen, an einem andern die Vergifteten, wo anders wieder die Verpesteten; im ersten Rang die Venerischen und so weiter der Reihe nach. Achtzehntes Kapitel Wie die Quintessenz ihre Kranken mit Liedlein heilte In der zweiten Galerie wies uns der Hauptmann die junge Dame, obwohl sie mindestens schon 1800 Jahre zählte, schön, galant, stolz angetan, inmitten ihrer Kammerzofen und Kavaliere. Dann sprach der Hauptmann zu uns: »Jetzt ist's nicht Zeit, sie anzureden; bleibt nur fein still und merkt auf alles, was sie tut. Bei euch habt ihr in manchen Landen Könige, die euch geheimnisvoll durch bloßes Handauflegen von allerlei Gebrechen heilen, als da sind: Kröpfe, fallende Sucht, Wechselfieber. Unsre Königin heilt jede Krankheit, ohne daß sie die Kranken anrührt, sondern spielt ihnen nur, je nach Beschaffenheit ihrer Übel, ein Liedlein vor.« – Er wies uns dann auch die Orgel, auf welcher sie die wunderbaren Kuren verrichtet. Die war von ganz besondrer Art: die Pfeifen nämlich aus Tamarindenholz, die Windlade aus Franzosenholz, die Tasten aus Rhabarber, das Pedal aus Purgierstangen und das Klavier aus Scammonium. Starkes Abführmittel. Während wir noch dies neue Wunder von Orgelwerk betrachteten, da führten ihre Abstraktoren, Vorkauer, Köche, Kammerherrn, Herzöge, Oberkämmerer, Präfekten, Weissager und Sterndeuter und andres Hofgesind die Aussätzigen ein; sie spielten ihnen ein Liedlein, ich weiß nicht wie's ging, und plötzlich waren sie vollkommen genesen. Dann kamen die Vergifteten; ein andres Liedlein – und die Leute hüpften frisch wie die Fische; darnach die Blinden, Tauben, Stummen, mit denen es gerad so ging. Was uns, nicht mit Unrecht, dermaßen wundernahm, daß wir zu Boden fielen, vor Ekstase und überschwenglicher Verzückung in staunender Betrachtung der Tugenden, die wir der Dame entquellen sahen. Auch nicht ein Wörtlein vorzubringen vermochten wir und blieben so im Staube liegen. Bis sie mit einem schönen Strauß von edeln Rosen, den sie trug, Pantagruel berührte, ihn auf die Beine und uns zur Besinnung brachte. Worauf sie dann in wunderbar gesetzten Worten zu uns sprach wie folgt: »Die in eurer Erscheinung funkelnde Ehrlichkeit eurer Person ist mir ein sichres Merkmal der im Kerne eurer Seelen tief verborgnen Tugenden und bewegt mich in Betracht der honiggleichen Süßigkeit eurer beredten Verneigungen, unschwer zu glauben: euer Herz sei rein von allen Lastern wie von jedem Mißwachs liberaler und hocherhabner Wissenschaft; vielmehr an vielen auserlesnen und seltnen Künsten hoch überquellend, dergleichen man in unserm Säkulum, den Sitten des unverständigen Haufens nach, wohl eher wünschen als finden kann. Derhalb denn ich, wiewohl vorlängst aller besondern Affektion obsiegend, mich jetzt nicht entbrechen kann, euch das gemeine, verbrauchte Pöbelwort der Welt: Seid schön, zum schönsten, ja allerschönsten willkommen! hiemit zuzurufen.« – »Du, ich bin kein Studierter!« sprach heimlich Panurg zu mir, »antwort ihr doch, wenn du willst.« – Aber ich antwortete auch nicht, Pantagruel desgleichen nicht, wir blieben alle stockstumm. Da sprach die Königin: »Aus dieser eurer Schweigsamkeit erkenn' ich nicht nur, daß ihr aus den Schulen des Pythagoras abstammt, in welchen Wurzel treibend meiner Ahnherrn alter Stammbaum in sukzessivischer Fortpflanzung entsprossen, sondern daß ihr auch in Ägypten, der verborgensten Philosophie berühmter Werkstatt, seit manches Monds Rückläufigkeit euch die Nägel zerkaut und mit einem Finger stark auf den Köpfen gekrauet habt. In des Pythagoras Schulen war Stummheit des Wissens Symbol, und unter den Ägyptiern galt Schweigen für ein göttliches Lob; wie dann in Hieropolis die Priester ihrem großen Gotte stillschweigend opferten, ohne alles Geräusch oder lautes Wort. Mein Vorsatz ist: gegen euch nicht Privation des Dankes zu verschulden, sondern mittels lebendiger Förmlichkeit, und wenn auch die Materie gleich sich von mir abstrahieren wollte, euch meine Gedanken zu exzentrieren.« Nach diesen Reden richtete sie das Wort an ihre Kämmerlinge und sprach zu ihnen weiter nichts als: »Leibköche, die Panacée!« Auf dieses Wort ersuchten uns diese, Ihre Hoheit zu entschuldigen, wenn wir nicht bei ihr zur Tafel kämen, weil sie zum Mittagsbrot nichts äße als etliche Kategorias, Emnin, Dimion, Intentiones secundas, Abstractiones, Jekabot, Harborin, Chelimin, Karadoth, Antitheses, Metempsychoses und Prolepses transzendentales. Philosophische Begriffe, z. T. aus dem Hebräischen. Darauf führten sie uns in ein kleineres Gemach, wo wir aufs köstlichste bewirtet wurden. Man sagt, daß Jupiter auf das Fell der Ziege, die ihn einst säugte, alles, was in der Welt geschieht, aufschreibe. Nun denn, ihr Zecher und lieben Freunde, dies schwör' ich euch bei meinem Bart: auf achtzehn Geißhäute brächt' man nicht all die guten Bissen und Zwischenessen, die man da auftrug, den stolzen Schmaus, der uns zuteil wurde, und wenn man auch so kleine Lettern dazu nähme, als sie Cicero bei der Ilias des Homer gesehen haben will, die in eine Nußschale hineinging. Und Pantagruel sprach zu mir, soviel er bemerke, hätte wohl die Dame, als sie vorhin zu ihren Leibköchen sprach: ›Die Panacée‹, damit diesen köstlichen Schmaus als das wahre Allheilmittel gemeint. Neunzehntes Kapitel Wie sich die Königin nachmittags die Zeit vertrieb Nach aufgehobener Mittagstafel führte uns ein Trabant in den Saal der Dame, wo wir sahen, wie sie ihrer Gewohnheit nach mit ihren Zofen und Kammerherrn nach Tisch die Zeit vertrieb, zerkrümelte, tot- und durchschlug durch ein hübsches, großes Filtriersäcklein von blau und weißer Seide. Dann taten sie sich zu altgriechischen Tänzen aller Art zusammen. Hernach besichtigten wir den Palast auf ihr Geheiß und sahen da so unerhörte Wunderdinge, daß ich, wenn ich nur daran denke, im Geist noch ganz verzückt bin. Nichts aber überwältigte uns die Sinne so mit Staunen wie die Taten ihrer Kavaliere, die uns frei heraus und unumwunden versicherten, daß ihre Frau Königin immer nur die rein unmöglichen Dinge vollbrächte und die unheilbaren Kranken heilte; sie, ihre Diener, täten und kurierten dann das übrige. So sah ich einen jungen Schwertträger die Syphilis, und zwar von allerfeinster Sorte, bloß damit heilen, daß er den zahnförmigen Rückenwirbel des Kranken mit einem alten Pantoffel dreimal betupfte. Einen andern sah ich Wassersüchtige, Trommelsüchtige- und dergleichen gründlich dadurch heilen, daß er sie mit einer Wurzel neunmal auf die Bäuche hieb, und zwar hintereinander. Ein andrer heilte alle Fieberkranken augenblicklich mit einem Fuchsschwanz, den er ihnen bloß linkerhand an den Gürtel hing. Ein andrer Zahnweh bloß mittels dreimal wiederholter Waschung der Wurzel des kranken Zahns in Holunderessig; er ließ ihn dann eine halbe Stunde an der Sonne trocknen. Ein andrer alle Arten Gicht, kalt, warm, zufällig oder erblich, bloß damit, daß er den Patienten die Mäuler zu und die Augen aufsperrt'. Einen andern sah ich in wenig Stunden neun gute junge Edelleute vom Überfluß an Geldmangel heilen, indem er sie ganz schuldenfrei machte und jedem eine Schnur um den Hals band, daran zehntausend Sonnentaler in einem Büchslein befestigt waren. Ein andrer schmiß mit wunderbarem Geschick die Häuser zum Fenster 'raus und lüftete sie so gründlich aus. Ein andrer heilte alle drei Arten der Schwindsucht bloß damit, daß er seine Kranken auf drei Monate ins Kloster schickte, und er schwur mir, daß sie, wenn sie auch im Klosterleben kein Fett ansetzten, gar nimmer fett zu machen wären, weder durch Kunst noch durch Natur. Dann sah ich wieder einen, den umringte ein großer Haufen Weiber in zwei Banden. Die einen waren junge, dralle, holde, blonde, zarte und, wie mir schien, gutwillige galante Mädel; die andern alte, runzlige, triefäugige, zahnlose, verweste Vetteln. Und da erfuhr Pantagruel, daß er die Alten einschmölze und durch seine Kunst sie so verjünge und wieder herstelle wie die Maidlein, die wir da sähen, die er heut erst umgeschmolzen und ihnen zu derselben Schönheit, Figur, Statur, Anmutigkeit und Proportion verholfen habe, wie sie mit fünfzehn oder sechzehn Jahren hatten, nur mit Ausnahme der Fersen, die jetzt weit kürzer blieben, als sie vormals in ihrer Jugend gewesen wären. Dies sei auch die Ursache, daß sie von nun an leider allzu leicht, sowie sie nur ein Mannsbild anstieß, auf den Rücken zu fallen geneigt seien. – Pantagruel frug, ob er auch die alten Männer durch Einschmelzung verjünge. – »Nein«, sprach er, »dies muß durch Beiwohnung geschehn mit einer umgeschmolznen Frau; denn davon kriegt man den fünften Grad der Franzosenkrankheit, genannt die Fuchsmaus, mittels der Haut und Haar, wie bei den Schlangen jährlich, abgehn; und so werden sie wie der Vogel Phönix wieder zu jungen Leuten geboren.« Dies ist der wahre Jugendbronnen; da wird jeder alte Krüppel flugs jung, frisch, munter! Zwanzigstes Kapitel Wie das Hofgesind der Quintessenz verschiedentliche Hantierungen trieb, und wie uns Ihre Majestät zu Abstraktoren ernannte Nächstdem sah ich ein ganzes Rudel solcher Hofleute in wenig Stunden die Mohren bleichen; sie krauten ihnen bloß die Bäuche mit einem alten Korbboden. Andre pflügten mit drei Joch Füchsen den Ufersand und verloren ihr Saatkorn nicht. Andre wuschen die Ziegel auf den Dächern und zogen die Farbe heraus. Andre zogen Wasser aus dem Bimsstein, indem sie ihn eine gute Weil in einem marmornen Mörsel stießen und sein' Substanz veränderten. Andre schoren die Esel und erzielten gute Wolle damit. Andre lasen Trauben von Dornen und Feigen von Disteln. Andre molken die Ziegenböcke und fingen's in einem Haarsieb auf. Andre pürschten den Wind mit Netzen und fingen Riesenkrebse. Einen jungen Pagen sah ich, der einem toten Esel künstliche Fürze entlockte und die Elle davon zu fünf Heller verkaufte. Andre machten große Ding aus Nichts und wieder die größten Ding zu Nichts. Noch andre schnitten das Feuer mit Messern und schöpften Wasser in einem Netz. Andre machten aus der Not eine Tugend, das schien mir ein recht feines Stück Arbeit und sehr an der Zeit. Andre maßen auf langen Tennen bis auf ein Haar die Flöhsprünge aus und beteuerten mir, daß dies Geschäft zum Regiment der Königreiche und zur Kriegführung und Verwaltung freier Staaten mehr als nötig sei. Ich sah auf einem hohen Turm daneben zwei Reisige Schildwach stehn; und man sagte uns, daß sie die Wölfe vom Mond abwehrten. Während wir noch aufmerksam den Wunderwerken dieser Leute zusahen, trat die Dame herein samt ihrer edeln Gefolgschaft, als schon der helle Hesperus am Himmel funkelte. Abermals verwirrte ihr Anblick uns die Sinne und blendete unsre Augen; aber sie, unserer Bestürzung kaum gewahrend, sprach zu uns: »Was der Menschen Geister in des Erstaunens Labyrinth und Tiefen sich zu verlieren treibt, ist nicht die Allmacht der Wirkungen, die sie, durch weiser Meister Kunst, handgreiflich aus natürlichen Gründen vor sich entspringen sehen, sondern ist die Neuheit der Erfahrung, wenn sie in ihre Sinne dringt und sie des Werkes Leichtigkeit noch nicht mit heiterm Urteil, unterstützt von treuer Nachforschung, vorausgesehen haben. Sammelt also nun euer Hirn, entschlaget euch all eures Staunens, wenn euch das, was ihr von meinen Hausbeamten verrichten saht, damit erfüllt hat. Schaut, lernt und merkt nach freier Willkür auf alles, was mein Haus enthält. Emanzipiert euch nach und nach so aus dem Dienst der Ignoranz. Gar sehr ist dies mein Wunsch; und euch davon ein unverstelltes Zeugnis zu geben, auch in Betracht der heißen Lehrbegierden, die ihr in euern Herzen, wie mir scheint, zur Genüg erhellend, schoberweis ja turmhoch aufgespeichert habt, erheb' ich euch hiemit von Stund an zu meinen Abstraktoren. Mein Hofkoch wird euch bei euerm Abschied in das Buch eintragen.« – Ohne ein lautes Wörtlein dankten wir für dies schöne Amt, das sie uns übertrug, und nahmen es an. Einundzwanzigstes Kapitel Wie die Königin beim Abendessen bedient wurde, und wie sie aß Nach dieser Rede wandte sich die Dame an ihre Kavaliere und sprach zu ihnen: »Der Magenmund, als allgemeiner Hoflieferant und Proviantvogt aller Glieder, unterer wie oberer, bestürmt uns, mittels Auftragung genügender Nahrungsmittel ihnen wiederzugeben, was durch stete Wirkung der natürlichen Wärme auf unsre Körper ihnen entzogen worden war. Ihr Herren meines Hofes! An euerm Eifer fehl es nicht, daß sich die Tafeln schleunig decken, daß sie von allen Gattungen rechtmäßiger Erfrischung strotzen. Ihr auch, edle Herrn! Vorkoster und Kauer! Die Gewähr eurer mit Treu und Fleiß gezierten Geschicklichkeit macht, daß ich euch nicht erst gebieten darf, euch also in euerm Dienst zu zeigen und stets aufmerksam zu sein. Nur was ihr tut, zu tun, erinnr' ich euch.« – Nach diesem Spruch begab sie sich nebst etlichen von ihren Zofen auf kurze Zeit hinweg, und zwar ins Bad, wie man uns sagt'. Sogleich schlug man die Tafeln auf und deckte sie mit erlesnem Linnen. Die Hausordnung war, daß die Dame nichts aß als himmlische Ambrosia, nichts trank als Götternektar. Aber die Herrn und Damen ihres Hofes und wir desgleichen wurden mit so raren, leckern, köstlichen Gerichten, als sie je einem im Traum erschienen, bedient. Neu aber fand ich vor allem die Art der Dame, wie sie zu essen pflegte. Sie kaute nichts, nicht weil ihr's etwa an guten, derben Zähnen gefehlt hätte, oder weil ihre Speisen nicht des Kauens wären bedürftig gewesen, sondern es war so ihr Gebrauch und Lebensart. Wenn die Vorkoster ihre Speisen zuvor erprobt hatten, empfingen sie die Vorkauer und kauten sie ihr zierlichst vor, wobei ihr Schlund mit Karmesinatlas von zarter Goldstickerei und ihr Gebiß mit schönem weißem Elfenbein gefüttert war; und wenn sie ihr damit das Essen sattsam klar und fein zerteilt hatten, ward es ihr durch einen Seiher von feinem Gold bis in den Magen hinabgeseiht. Desgleichen ward uns auch erzählt, daß sie nicht anders zu Stuhl ging als per procuram . Zweiundzwanzigstes Kapitel Wie in Gegenwart der Quintessenz ein lustiger Ball in Turniergestalt gegeben wurde Nach Endigung der Abendmahlzeit ward in der Dame Gegenwart ein Ball in Turnierart gegeben. Zu dessen Vorbereitung ward das Pflaster in dem Saal zuerst mit einem großen samtenen Teppich in Schachbrettform bedeckt, das heißt in gelb und weiße Felder geteilt. Jetzt traten zweiunddreißig junge Leut in den Saal ein; sechzehn waren in Goldbrokat gekleidet, nämlich: acht junge Nymphen, wie die Alten sie in Gesellschaft der Diana zu malen pflegten (das waren die »Bauern«), ein König, eine Königin, zwei Turmwächter (als »Türme«), zwei Ritter (als »Läufer«), und zwei Bogenschützen (als »Springer«). In gleicher Ordnung sechzehn andre in Silberstoff gekleidet. Auf dem Teppich war ihr Stand geradeso wie auf dem Schachbrett üblich. Ein jedes Heer hat seine Spielleute in gleicher Tracht, die einen in orangegelben, die andern in weißen Damast gekleidet, bei sich; acht waren auf jeder Seite, mit ganz verschiedenen Instrumenten von lustiger Erfindung, wohl zusammen stimmend, wunderlieblich, nach jedem Takt und Tempo wechselnd, wie der Verlauf des Balls erheischte – was mir besonders erstaunenswürdig schien in Hinsicht auf die unzählige Verschiedenheit der Schritte, Züge, Sprünge, Retraiten, Fluchten, Rückläufe, Anfälle und Hinterhalte. Unter diesen Tänzen war uns die hohe Dame unmerklich verschwunden, und wir sahen sie nicht mehr. Doch wurde unser Amt als Abstraktoren ihrem Befehl gemäß zu Buch gebracht. Wir begaben uns wieder in den Hafen auf unser Schiff, weil wir erfuhren, daß wir jetzt steifen Segelwind hätten, und wenn man den nicht auf der Stelle nutze, könne man ihn mit genauer Not nach der Springflut wiederhaben. Dreiundzwanzigstes Kapitel Wie wir auf die Weginsel kamen, wo die Wege unterwegs sind Nachdem wir so zwei Tage lang gesegelt waren, kam uns die Weginsel vor Augen, wo wir etwas Merkwürdiges sahen. Die Wege allda sind Tiere. Denn sie wandern wie Tiere umher und teilen sich in Irrwege, Fahr- und Fußwege, Kreuzwege und Schleichwege. Und wenn die fremden Passagiere frugen: »Wo geht der Weg 'naus, oder der?« so hört' ich, daß die Antwort war: »Bei der Windmühl, am Wirtshaus; aufs Dorf, aufs Stadel, ans Wasser.« Darauf hockten sie sich jeder auf seinen Weg und kamen ohn all ihr Zutun, ohn ein Glied zu rühren, an den Ort, wohin sie wollten, wie ihr in Arles oder Avignon die Leute auf der Rhône ankommen seht, die in Lyon zu Schiff steigen. Und wie ihr wißt, daß unterm Mond kein Ding durchaus vollkommen, nichts in allen Stücken glücklich ist, so sagte man uns auch, daß daselbst eine Rasse von Kerlen war, sie hießen Wegeplacker und Pflastertreter, vor denen liefen und scheuten sich die armen Wege wie vor Mördern; denn sie warteten an der Straß ihnen wie Wölfen und Schnepfen auf, denen man Leimruten und Streichgarn legt. Von denen sah ich die Diener der Gerechtigkeit einen in Verwahrsam führen, weil er ganz unbilligerweise den Weg zur Schule abgefangen hatte, welches der längste von allen war. Ein andrer wieder machte sich wichtig, weil er auf gut soldatisch den kürzesten ergriffen hatte und meinte, der Fund brächt' ihm den Nutzen, daß er dadurch meist, was er wolle, als der erste erreiche. Unter den Wegen erkannt' ich den großen Heerweg von Bourges; der trat im Abtsschritt auf und lief aber vor ein paar Kärrnern davon, die ihn mit Füßen ihrer Gäule zu treten und mit ihren Karren zu rädern schwuren. Auch die alte Straße von Peronne auf Sankt Quentin erkannte ich da, und sie schien mir ihrem Ansehn nach eine gar treue, fromme Straße. Dort unter Felsen fand ich den lieben alten Weg von Laferrate; er ritt auf einem großen Bären und gemahnte mich von weitem schier an den heiligen Hieronymus, wie er in Bildern geschildert wird, wenn nur sein Bär ein Leu gewesen wär. Wie wir jetzt nach den Schiffen gingen, sahn wir am Strand drei Wegelagerer auf Räder flechten, die man im Hinterhalt erwischt hatte; bei einem kleinen Feuer wurde ein großer Galgenstrick geröstet, der einen Weg geplackt und ihm eine Ripp entzweigeschlagen hatte; man sagte uns, dies wär der Nildamm- und -deichweg in Ägypten gewesen. Vierundzwanzigstes Kapitel Wie wir aufs Eiland der Schlappen kamen, und von dem Brummbrüder-Orden Dann kamen wir auf das Eiland der Schlappen; die leben von nichts als Stockfischsuppe. Wir wurden jedoch ganz wohl verpflegt und empfangen von Benius, dem Landeskönig, dem Dritten des Namens. Der führte uns nach dem Willkommtrunk herum und zeigte uns ein ganz neues Kloster, nach seiner eignen Invention für die Brummbrüder, so hieß er seine Ordensmönche, auferbaut und hergerichtet. Nach der Regel und Stiftungsbulle gingen sie männiglich wie die Mordbrenner angezogen, außer daß, wie die Schieferdecker in Anjou sich die Knie mit Flecken bepolstern, sie geradeso die Mägen bepolstert trugen; denn Magenpolster standen in hohen Ehren bei ihnen. Die Lätze an ihren Hosen waren pantoffelförmig und jeder trug ihrer zwei, den einen vorn, den andern hinten; durch diese Doppellätzigkeit behaupteten sie allerlei entsetzliche Mysterien auf das getreulichste nachzubilden. Sie trugen runde Schuh wie Näpfe, nach der Fasson, wie sie die Leute, die in dem Sandmeer wohnen, tragen; im übrigen geschorene Bärte und Nägel in den Sohlen. Und zum Zeichen, daß sie um kein Glück sich kümmern, ließen sie sich wie Schweine am Hinterhaupt vom Scheitel an bis auf die Schulterblätter scheren und rupfen; aber vorne wuchsen ihnen die Haare frei und unverkürzt. Zu fernerem Trutz wider das wetterwendische Glück trugen sie ein schneidend scharfes Schermesser; nicht, wie das Glück, in der Hand, sondern wie einen Rosenkranz im Gurt; das schliffen sie des Tags zweimal und wetzten's alle Nacht dreimal. Auf seinen Füßen trug jeder eine runde Kugel, weil, wie man spricht, Fortuna eine darunter führt. Die Deckel ihrer Kapuzen waren nicht hinten, sondern vorn angenäht, mithin ihr Antlitz vermummelt; und so spotteten sie ungestört des Glückes wie der Glücklichen, just wie bei uns die Jungfern, wenn sie ihr Runzeldecklein vorhalten, ihr Nasentüchlein, wie ihr's nennt; die Alten heißen's Liebeslärvlein, weil es an ihnen der Sünden schwere Menge deckt. Hingegen hatten sie allezeit die Hinterköpf ganz frei und bar, wie wir das Antlitz. So kam es, daß sie nach Gefallen bald vorwärts und bald ärschlings gingen. Wenn sie ärschlings gingen, hättet ihr's für ihren natürlichen Gang gehalten, teils wegen ihrer runden Schuhe, teils wegen des vorgehängten Latzes. Auch weil ihr hinterstes Gesicht ganz glatt geschoren und ein Maul und ein paar Augen grob draufgemalt waren. Wenn sie vorwärts gingen, hättet ihr gedacht, sie spielten Blindekuh. Man sah sein blaues Wunder an ihnen. Ihre Lebensart war folgende: Sobald der helle Luzifer auf Erden an zu leuchten fing, stiefelten sie und spornten einander gegenseitig aus christlicher Liebe. Also gestiefelt und gespornt schliefen sie, oder schnarchten doch zum mindesten, und trugen im Schlaf die Nasen bebrillt, oder wenigstens halb beglasaugt. Das verwunderte uns sehr; doch gaben sie genügenden Bescheid darüber und führten an, daß am Jüngsten Tag, wenn Er einst käme, die Menschen ruhn und schlummern würden; um nun klärlich darzutun, daß sie dann nicht, wie die Glücklichen, sich zu erscheinen weigern würden, so blieben sie gestiefelt und gespornt und fertig zu Roß zu steigen, wenn die große Posaune erschölle. Glock zwölf zu Mittag (merket hier, daß ihre Glocken, sowohl an der Uhr als in der Kirche und im Refektorium, aus gesteppten feinen Flaumfedern verfertigt waren und der Klöppel ein Fuchsschwanz), Glock zwölf also erwachten sie und zogen die Stiefel aus; wer wollte, der brunzte und nieste und kotzte. Alle aber nach ausdrücklichem Statut und strenger Vorschrift mußten ausführlichst gähnen, was das Zeug hielt; Gähnaffen waren ihr Morgenbrot. Mir kam dies Spektakel schnakisch vor; denn nachdem sie ihre Stiefel und Sporen aufgehangen hatten, gingen sie in die Kreuzgänge, wuschen sich da fleißig Hände und Mund, setzten sich auf eine lange Bank und stocherten sich in den Zähnen, bis der Präfekt mit einem Pfiff in die hohle Hand das Zeichen gab. Jetzt sperrte ein jeder, was er konnte, das Maul auf, und so gähnten sie bald eine halbe Stunde, bald drüber oder drunter, je nachdem der Prior das Morgenbrot zum Fest des Tages proportioniert fand. Dann hielten sie einen schönen Umgang mit zwei Fahnen; auf der einen war das Bild der Tugend, auf der andern das des Glückes fein gemalt zu sehn. Ein Brummer ging vorauf und trug die Glücksfahne, hinter ihm ein zweiter die Tugendfahne, und der hielt dabei einen Weihwasserwedel in der Hand, mit dem er jenen Brummer, der das Glück trug, unablässig drosch. – »Die Ordnung«, sprach Panurg, »läuft wider Cicero und alle Akademiker, die die Tugend voraufgehn lassen und das Glück nach.« – Man belehrte uns aber, sie könnten nicht anders, da es ihre Absicht wäre, das Glück zu stäupen. Auf dem Umgang brömmelten sie sehr melodisch ich weiß nicht was für Töne zwischen den Zähnen, denn ihr Rotwelsch verstand ich nicht. Doch als ich näher hinhorchte, hört' ich, daß sie nur mit den Ohren sangen. O schöne Harmonie, wie gut stimmte sie zu ihrem Glockengeläut – da werdet ihr nie einen Mißlaut hören. Wenn der Umgang, als eine heilsame Leibesübung, geendigt war, verfügten sie sich in ihr Refektorium und knieten unter den Eßtisch hin, wobei sie sich mit Brust und Magen auf eine Laterne aufstemmten. Während sie knieten, trat ein langer Kuttenschwengel mit einer Gabel in den Saal, womit er sie begabelfrühstückte. Sie begannen ihr Essen mit Käse und schlossen mit Senf und Lattich. Zuletzt bekam noch Mann für Mann einen Teller Senf. Ihr Speisezettel war wie folgt: Am Sonntag aßen sie Schlackwurst, Würstchen, Frikadellen, Wellfleisch, Kalbsmagen (allzeit den Käs zu Anfang und Senf zum Schluß nicht mitgerechnet). Montags schöne Speckerbsen mit großem Drum und Dran. Dienstags Weihbrot, Wecken, Kuchen, Zwieback die Hülle und Fülle, mittwochs Bauerngrob, will sagen schöne Schöpsköpfe, Kalbsköpfe, Dachsköpfe, woran im Land kein Mangel war. Donnerstags Suppen sieben Arten und dazu ewigen Senf. Freitags nichts als Brombeeren, aber sie waren nicht einmal ganz reif, wie ich an ihrer Farbe sah. Samstags benagten sie die Knöchlein; sie waren aber keineswegs arm oder Hungerleider, denn jeder von ihnen hatte eine sehr fette Magenpfründe. Ihr Tischtrunk war ein Antifortunal, so hießen sie eine Art Getränk des Landes. Wenn sie essen und trinken wollten, schlugen sie ihre Kapuzen vorn auf, die ihnen dann statt Brusttüchlein dienten. Zu End der Mahlzeit beteten sie ihr Gratias sehr ordentlich und alles brummweis, übten sich dann den Rest des Tages in Erwartung des Jüngsten Tags, in Liebeswerken; sonntags zausten sie einander; montags setzte es Nasenstüber; dienstags kratzten, mittwochs rüffelten sie einander. Donnerstags zogen sie sich die Würm' aus den Nasen; freitags zwickten, samstags prügelten sie einander. Dies war ihre Diät, wenn sie im Kloster waren. Gingen sie mit Urlaub ihres Priors aus, so war ihnen bei fürchterlichen Strafen streng untersagt, Fisch anzurühren und zu essen, wenn sie zur See oder auf einem Flusse wären; noch Fleisch, wie es auch heißen möchte, auf dem festen Land; daß alle Welt hieraus ersähe, wie sie sich, im Besitz der Sachen, doch der Tat und der Begier enthielten und davon so ungerührt wie ein Steinklotz blieben. Und alles, was sie taten, das begleiteten sie in einem fort mit dazu paßlich auserlesnen Liedlein durch die Ohren. Wenn sich die Sonne ins Meer verbarg, stiefelten und spornten sie einander wie oben und legten sich bebrillnast schlafen. Um Mitternacht erschien der Kuttenschwengel, da warf sich alles flugs ins Zeug, wetzte und schliff Messer, kroch unter die Eßtische, wenn der Umgang gehalten wurde, und das Schmausen ging von frischem an. Bruder Jahn kam über diese Brummnarren und ihre Ordensdisziplin aus aller Fassung, denn er schrie laut auf und sprach: »Da seh mir eins den groben Tischbock! So helf mir Gott, den stech' und schab' ich ab. Jetzt seh ich wahrlich, daß wir im Land der Antipoden sind. In Deutschland reißt man die Klöster ein und zieht den Mönchen die Kutten aus; hier aber drehn sie den Spieß um und baun sie im Gegenteil erst recht auf.« Fünfundzwanzigstes Kapitel Wie Panurg einen Brummbruder ins Verhör nahm und lauter einsilbige Antworten von ihm erhielt Panurg, der nun die ganze Zeit, daß wir da waren, nichts getan hatte, als unverwandt Miene und Gebärden dieser herrlichen Brummer zu betrachten, kriegte jetzt einen davon, er war so mager wie ein Rauchteuflein, beim Ärmel auf die Seite und frug ihn: »He, Bruder Brummbart, Brömmelin, Brummeriax! Wo ist die Dirn?« Der Brummer gab zur Antwort: Drin. Pan. Hat's viel hie? Br. Pah! Pan. Wieviel im ganzen? Br. Zwölf. Pan. Wieviel möchtet Ihr? Br. Schock. Pan. Wo versteckt Ihr sie? Br. Da. Pan. Vermutlich sind nicht all von einem Alter. Wie aber sind sie gewachsen? Br. Grad. Pan. Machen sie euch Kinder? Br. Keins. Pan. Wie schlaft ihr beieinander? Br. Nackt. Pan. Bei jenem Eid, den Ihr getan! Wievielmal wohlgezählt des Tages tut Ihr's für gewöhnlich? Br. Sechs. Pan. Und nachts? Br. Zehn. »Wetter!« rief Jahn, »der Hurenhengst möcht's nicht gern über sechzehn treiben; er schämt sich.« Pan. Wenn nun aber irgendwie Eure Geilheit versagt, wie ergeht's Euch? Br. Schlecht. Pan. Und wie bestraft Ihr sie dann? Br. Derb. Pan. Und macht aus ihnen fließen? Br. Blut. Pan. Davon wird rot, wenn Ihr brav haut? Br. Haut. Pan. Auch wohl mitunter gar ge-? Br. blaut. Pan. Daß ihnen vor Euern Fäusten? Br. graut. Pan. Und man Euch wie Orakeln? Br. traut. Pan. Bei jenem Euerm geschwornen Eid: Welches ist die Jahreszeit, da Ihr's am schläfrigsten betreibt? Br. August. Pan. Und am hitzigsten? Br. März. Pan. Aber im ganzen treibt Ihr's immer? Br. Flott. Hierauf lächelte und sprach Panurg: »Dies ist der ärmste aller Brummer auf Erden! Hört ihr, wie bündig, resolut und kurz er antwortet? Man entlockt ihm nichts als Monosyllaba; ich glaub', aus einer Kirsche macht der drei Bissen.« – »Potz Velten!« rief Bruder Jahn, »mit seinen Dirnen spricht er anders, da macht er sehr viel Silben: Der, und drei Kirschenbissen. Bei meiner Kutte, ich schwör', der fräß' auf zwei Bissen eine Kalbskeul und söff einen Quart Wein auf einen Schluck, so kreuzlahm wie er aussieht.« – »In der ganzen Welt«, sprach Epistemon, »ist dies vertrackte Mönchsgesindel so gierig auf den Fraß erpicht, und dann spricht's noch, es hätt' auf Erden nichts weiter als sein Leben. Ei zum Geier! Was haben denn die Kaiser und großen Potentaten mehr?« Sechsundzwanzigstes Kapitel Wie Epistemon mit dem Brauch der Fasten unzufrieden war »Habt Ihr wohl acht«, sprach Epistemon, »wie dieser schlechte Lotterbub und Brummpfaff uns den März als Monat der Unzucht pries?« – »Ei wohl«, antwortete Pantagruel, »und gleichwohl fällt er stets in die Fasten, die doch zu Kreuzigung des Fleisches, Ertötung aller Sinnenlüste und Venusfurien eingesetzt ist.« – »Nun könnt ihr schließen«, sprach Epistemon, »wie schlau der Papst gewesen sein muß; der's eingesetzt hat, wenn uns hier dies faule Kobenschwein von Brummer frei gesteht, daß es sich nie im Sündenschlamm der Hurerei so munter wie zur Fastenzeit herumgewälzt habe; nach dem offenbaren Zeugnis aller geschickten, erfahrnen Ärzte weiß man auch, daß das ganze Jahr lang keine zur Üppigkeit mehr reizende Speisen gegessen werden, als um die Zeit: Nüsse, Heringe, Erbsen, Bohnen, Zwiebeln, Anchovis, Austern, Mariniertes, Salate aller Art aus lauter venerischen Kräutern bereitet.« – »Wie aber solltet Ihr Euch erst wundern«, sprach Pantagruel, »wenn gar jener werte Papst und erste Stifter unsrer allerheiligsten Fasten die Speisen, die Ihr hier nennt, verordnet hätte, um die Vermehrung der Menschenrasse dadurch zu fördern? Was mich drauf bringt, ist, daß im Kirchenbuch zu Touars die Zahl der im Oktober und November geborenen Kinder größer als der zehn andern Monat des Jahrs ist, die mithin, wenn man rückwärts zählt, alle in den Fasten gemacht, erzeugt und empfangen sind!« – »Ich«, sprach Bruder Jahn von Klopffleisch, »hör' euern Reden fröhlich zu, und es ist mir immer ein groß Vergnügen! Allein der Pfarrer von Jambert schob dies häufigere Schwangerwerden der Weiber nicht auf die Fastenspeisen, sondern mehr auf die kleinen hökrigen Bettelmönche, auf die bekleckten und bedreckten Predigerlein, Seelsorgerlein und Stiefelpfäfflein; die verdammten gerade um die Zeit ihres Regiments die buhlerischen Ehemänner bis in den tiefsten Höllenpfuhl, so daß diese aus Angst vor ihnen nicht mehr die Zofen bürsteten, sondern wieder zu ihren Weibern kämen. Dixi .« »Legt ihr«, sprach Epistemon, »den Brauch der Fasten nur nach Belieben aus; ein jeder hält auf seiner Meinung; aber wenn sie einst abgeschafft werden, werden sich alle Ärzte auflehnen; das weiß ich, ich hab's von ihnen selbst. Denn ohne Fasten wär ihre Kunst verachtet, sie lösten nichts, kein Mensch wär mehr krank. In der Fasten wird alle Krankheit gesäet; sie ist die wahre Pflanzschule aller Übel, recht ihr Mutterstock und Brutnest. Die Fasten fressen nicht nur die Leiber faul; nein, auch die Seelen stürzen sie mit in Verdammnis. Da hantieren die Teufel frei; da gehn die Kuttner an ihr Geschäft; da feiern Gleisner und Pharisäer scharenweis ihre hohen Feste, Ablässe, Stationen, Beichten, Staupen, Bannschießen.« »Holla!« rief hier Panurg, »du Brummer! Komm her, Kujon, o Hurensohn; was hältst du von dem? Ist's nicht ein Ketzer?« Br. Erz. Pan. Muß er nicht brennen? Br. Muß. Pan. Und das je eher je lieber? Br. Stracks. Pan. Ohn ihn erst vorzubräteln? Br. Ohn. Pan. Also daß er im Feuer? Br. Leb. Pan. Bis daß erfolgt der? Br. Tod. Pan. Denn er hat Euch zu schwer gekränkt? Br. Oh! Pan. Hieltet Ihr ihn nicht gar für? Br. Toll. Pan. Was wollt Ihr, daß er gleich würd? Br. Asch. Pan. Andre Leut hat man gebraten? Br. Viel. Pan. Und war ihre Ketzerei nur? Br. Spiel. Pan. Und man wird auch ihrer noch braten? Br. Mehr. »Ich weiß doch nicht«, sprach Epistemon, »was Ihr nun für ein Wohlgefallen an dem Geschwätz mit diesem schlechten Mönchslump findet. Wenn ich Euch nicht von lang her kennte, würd' ich in meinem Sinn von Euch nicht eben allzu rühmlich denken.« »In des Herren Namen«, sprach Panurg. »Ich wollt', ich könnte ihn dem Gargantua mitbringen, so gefällt er mir. Wenn ich vermählt bin, wär's ein guter Schalksnarr für meine Frau, ihr Spaßmacher!« – »Ja, ihr Kindmacher«, antwortete Epistemon. – »Ha ha, arm's Panurgel!« rief Bruder Jahn, »jetzt hast's. Lang zu. Deinen Hörnern kannst du nicht entlaufen.« Siebenundzwanzigstes Kapitel Wie wir auf das Atlaseiland kamen Vergnügt, den neuen Brummerorden gesehn zu haben, fuhren wir zwei Tage. Am dritten entdeckte der Steuermann ein sehr schönes, köstliches Eiland, wie keins zuvor; man hieß es das Fries-Eiland; denn die Wege waren von Fries. Auf selbigem war auch das Atlasländlein, das den Hofpagen so gefällt, wo nimmer noch von Baum und Kraut Blume oder Blatt gefallen ist, weil alles von geblümtem Samt und Damast war. Auch Tiere und Vögel waren von Tapetenwerk. Da sahn wir eine Menge Tiere und Vögel auf den Bäumen, ganz so wie bei uns gestaltet und gefärbt, von gleicher Größe und Umfang; nur fraßen sie nicht, noch sangen sie, bissen auch niemand wie die unsrigen. Mehrere entdeckten wir, die wir zuvor noch nicht gesehen hatten, unter andern diverse Elefanten, in sehr diversen Posituren. Vor allen traf ich unter diesen sechs Männlein und sechs Weiblein an, dieselben, die ihr Wärter weiland zu Rom im Zirkus produzierte zu den Zeiten des Kaisers Germanikus, sehr gelehrte Elefanten in Musik, Philosophie und Tanzkunst; sie saßen bei Tisch in schönster Ordnung und aßen und tranken feierlich wie fromme Patres. Ihre Schnauze ist zwei Schuh lang, damit schöpfen sie Wasser zum Trinken, pflücken Palmen, Pflaumen und holen alle Arten Lebensmittel; im Treffen werfen sie ihren Mann hoch in die Luft, daß er, wenn er herunterkommt, vor Lachen birst. Ich sah da ein Rhinozeros, das war von einem Eberschwein nicht sehr verschieden; außer daß es ein spitziges Horn am Rüssel hatte, schuhlang, womit es sich im Streit an einen Elefanten wagte, ihm in den Unterleib (welcher der Elefanten kitzlichster und schwächster Teil ist) bohrte und so ihn tot zu Boden streckte. Einhörner sah ich da zweiunddreißig: dies ist ein grausam wütiges Tier und einem schönen Roß ganz ähnlich, nur daß der Kopf dem Elefanten, der Schwanz dem Eber gleicht und ein spitziges, schwarzes, sechs bis sieben Fuß langes Horn an der Stirn hat, das ihm gewöhnlich schlaff herabhängt wie der Kamm eines welschen Hahns, das sich aber, wenn es streiten oder sich dessen bedienen will, starr in die Höh reckt. Eins derselben sah ich, von einem ganzen Troß verschiedner wilder Tier umringt, mit seinem Horn einen Brunnen fegen. Da sprach Panurg zu mir, sein Dietrich gliche diesem Einhorn, wenn auch nicht ganz in der Länge, so doch an Tugend und Eigenschaft; denn wie dies Tier das Wasser der Teiche und Brunnen von Kot und jedem Gift, das drin wär, säuberte, und diese vielen Tier nach ihm ganz unbedenklich zu saufen kämen, so könnt' man auch hinter ihm getrost und sonder Furcht vor Schanker, Tripper, Syphilis und solchen kleinen Propheten mehr sich ans Werk machen; denn wenn im Müffloch was Unrechts wär, das fege er alles mit seinem nervigen Horn heraus. – »Wenn Ihr«, sprach Bruder Jahn, »eine Frau habt, wollen wir's an der probieren, topp! In Gottes Namen, weil Ihr uns so nützliche Weisungen gebt.« – »Wohl«, sprach Panurg, »und auf der Stell den schönen Aderlaß aus zweiundzwanzig Cäsars-Dolchen Euch in die Wänste!« – »Ei nicht doch! Lieber ein gutes Glas kühlen Weins«, sprach Jahn. Achtundzwanzigstes Kapitel Wie wir Hörensag auf Atlasland sahen, der eine Zeugen-Schule hielt Auf einem etwas weitern Streifzug durchs Tapetenland sahen wir das Mittelländische Meer ganz offen bis zum Grund und aufgetan, just wie sich das Rote Meer den Kindern Israels im Arabischen Busen auf ihrer Flucht aus Ägypten aufgetan hat. Da fand ich, auf großen Muscheln blasend, den Triton, Glaukus, Proteus, Nereus und tausend andre Meeresgötter und Ungeheuer. Auch sahen wir da Fische in unzählbarer Menge von allen Arten, tanzend, fliegend, voltigierend, fechtend, schmausend, promenierend, rammelnd, jagend, Scharmützel liefernd, Hinterhalt den Feinden legend, Frieden schließend, feilschend, fluchend, schäkernd. Wie wir uns nun im Land ein wenig nach Futter umsahn, hörten wir ein vielfach gellendes Getöse, wie von Wäscherinnen am Laugenfaß, oder wie die Klappern der Mühlen bei Toulouse. Wir verfügten uns schleunig an den Ort, woher es kam, und sahen ein altes, kleines buckliges Männlein, ganz mißgeschaffen und ungestalt, mit Namen Hörensag: sein Maul war ihm bis an die Ohren gespalten, im Maule hatte er sieben Zungen, jede wieder in sieben Stücke zerschlitzt; demohnerachtet führt' er aber zugleich mit allen sieben in verschiedenen Sprachen vielerlei verschiedne Reden; auch im Kopf und sonst am Leib umher hatte er so viele Ohren als Argus weiland Augen; übrigens war er stockblind und an den Beinen vom Schlag gelähmt. Ihn umstand eine unzählige Menge Männer und Weiber, aufmerksam zuhorchend, und in dieser Schar erkannt' ich ihrer etliche von ziemlich gutem Aussehn, deren einer just eine Landkarte hielt und ihnen die in kleinen Sätzlein summarisch erklärte, durch welche Lektion sie dann in wenig Stunden gelehrt und zu Doktoren wurden und von den wunderbarsten Dingen mit trefflichem Gedächtnis schön zu schwätzen wußten; Dinge, davon ein Hundertteil nur zu begreifen, des Menschen Leben allzu kurz wär. Hinter einem großmauligen Stück Samt, mit großen Mäulern geblümt, stand eine ganze Schar von Landleuten beim Hörensag, brave Studenten, noch ziemlich jung; und als wir frugen, welcher Fakultät sie sich beflissen, hörten wir, daß sie daselbst von Jugend auf das Zeugenhandwerk lernten, und so gute Fortschritte darin machten, daß sie, wenn sie von dort ab wieder in ihre Heimat gingen, sie sich von dem Zeugenmetier anständig nähren könnten, denn sie gäben über alles und jedes, wer ihnen das beste Taglohn zahlt, untrüglich Zeugnis, und zwar alles von Hörensagen. Mögt ihr sie loben oder schelten, ihr Brotschrank stand uns unverschlossen, und wir tranken aus ihrem Fässel auf Gerngesehn. Sie verwarnten uns auch noch zuletzt wohlmeinend, daß wir allezeit, so lang es nur möglich wär, die Wahrheit ja fein sparen möchten, wenn wir an Höfen großer Herren gedeihn und prosperieren wollten. Neunundzwanzigstes Kapitel Wie wir Laternenland entdeckten Schlecht abgespeist und schlimm traktiert auf Atlaseiland, schifften wir drei Tag; am vierten näherten wir uns bei guter Zeit Laternien. Nicht weit davon sahn wir im Meer verschiedne kleine Feuer fliegen; ich für mein Teil dachte nicht, daß es Laternen wären, sondern Fisch mit feurigen Zungen, die aus dem Wasser züngelten, oder auch Lampyrides (ihr nennt's Johanniswürmchen), die dort flimmten wie bei mir zu Land des Abends, wann die Gerste reif wird. Der Steuermann aber bedeutete uns, es wären die Patrouillelaternen, die um die Bannmeile das Land durchstreifen und fremde Laternen eskortierten. Und als wir dennoch zweifelten, ob es nicht gar ein Sturmeszeichen wär, blieb er dabei, ihm wär also. Dreissigstes Kapitel Wie wir im Hafen der Lychnobier landeten und nach Laternien kamen Bald liefen wir im Hafen von Laternien ein. Pantagruel erkannt' da auf einem hohen Turm die Rocheller Laterne, die brannt' recht gut. Auch die Laterne von Nauplien, von Pharos und der Athenischen Akropolis bemerkten wir, die der Minerva geheiligt war. Vom Hafen führten uns drei Lichtstöcke von dort bis in das Schloß; dies sind Milizen von der Hafenwacht mit hohen Mützen, denen wir unsrer Reise Zweck und Absicht meldeten, die war: von der Laternenkönigin uns ein Laternlein zu erbitten, das uns auf unsrer Reise zum Orakel der Heiligen Flasche führen und leuchten möchte. Das versprachen sie uns gern und bemerkten, daß wir zur allerbesten Zeit und Stunde kämen und die Auswahl unter den Laternen hätten, weil sie ihr Provinzialkapitel just hielten. Bei unsrer Ankunft im Schloß wurden wir durch zwei Ehrenlaternen der Königin präsentiert, der Panurg in der Laternensprache kurz die Beweggründe unsrer Reise eröffnete. Wir waren von ihr sehr gern gesehn und sogleich zum Abendbrot bei ihr befohlen, da wir dann die Wahl derjenigen, die wir zur Führung begehrten, am besten würden treffen können. Wir säumten nicht, auf alles scharf zu merken und uns einzuprägen, Schick und Blick, Gebärden, Tracht und die Ordnung der Bewirtung. Die Königin war in Marienglas, mit großen Diamanten besetzt, gekleidet. Die Laternen von Geblüt, etliche in Diamantenfluß, andre in durchsichtigen Stein, die übrigen in Horn, Papier, gewichsten Taft; die Stöcke desgleichen nach ihrer Häuser Altertum und Rang. Nur eine sah ich drunter von schlechtem Töpferzeug, die stand in einer Reih mit den prächtigsten; erstaunt vernahm ich, daß es des Epiktets Laterne sei, die man einst nicht für dreitausend Drachmen hätt' lassen wollen. Als die Zeit zum Speisen kam, setzte sich die Königin vorn an, dann ihrem Rang und Würden nach die übrigen. Zum Vorgericht servierte man ihnen allen dicke gezogene Lichter, nur die Königin wurde mit einer dicken, steifen, fackligen Fackel von weißem Wachs bedient, die vorn etwas rot war; auch waren die Laternen vom Geblüt bevorzugt, und die Provinziallaterne von Mirebalais, der man ein Nußlicht auftrug, und die vom Untern Poitou, der ich gar ein geharnischtes Licht servieren sah. Gott ist bewußt, wie sie drauf noch einmal so lustig funkelten; außer einem Häuflein junger Laternen unterm Zepter einer dicken, die nicht so hell wie die andern brannten, denn ihre Farben schienen mir ein wenig hurenhaft. Nach der Tafel begaben wir uns bald zur Ruh. Am Morgen ließ uns die Königin eine der stattlichsten Laternen zur Führerin wählen; dann fuhren wir weiter. Einunddreissigstes Kapitel Wie wir zu dem Orakel der Flasche kamen Unter fröhlichem Schein und Fürtritt unsrer edeln Frau Latern kamen wir zu dem ersehnten Eiland, wo das Flaschenorakel war. Panurg drehte sich zum Willkomm munter auf einem Bein in der Luft herum und sprach zu Pantagruel: »Endlich haben wir's heut, was wir mit so viel Müh und Plagen suchen!« – Dann befahl er sich höflich unsrer Latern, die uns die beste Hoffnung gab und uns, was auch erscheinen möchte, vor nichts zu fürchten anbefahl. Auf unserm Weg zum göttlichen Boutelgentempel mußten wir durch einen großen Weinberg wandern von Reben aller Art, Falerner, Malvasier, Muskateller und andrer; diesen Weinberg hatte einst Bacchus selbst gepflanzt und dergestalt gesegnet, daß er zu allen Jahreszeiten Blätter, Blüten und Früchte trug, wie die Orangenbäume. Auf Befehl unsrer Prachtlatern mußten wir jeder drei Weinbeeren essen, unsre Schuhe mit Weinlaub füllen und einen grünen Zweig in die linke Hand nehmen. Am Ende des Weinbergs kamen wir durch einen alten Siegesbogen, woran sehr artige Trophäen der Zecher inskulpieret waren, nämlich Flaschen, Trichter, Schläuche, Fiolen, Eimer, Ohmen, Schoppen, Schöppel, altertümliche Fäßlein an einem schattigen Laubgurt hangend; in einer andern Knoblauch, Zwiebeln die Hülle und Fülle, Schalotten, Schinken, geräucherte Ochsenzungen, alter Käs und solch Konfekt die Menge, mit Weinlaub geschickt durchflochten und in Ranken sehr künstlich bündelweis verschnürt. In einer dritten hundert Sorten Gläser zu Fuß, und Gläser zu Roß, Kufen, Schalen, Humpen, Näpfe, Becher, Stiefel und mehr derlei bacchantisches Geschütz. Vorn an der Front des Bogens unter dem Fries standen die beiden Verslein angeschrieben: Wer über diese Schwellen tritt, Der bring ein gut Laternlein mit. »Damit sind wir versehen«, sprach Pantagruel; »in ganz Laternien muß keine beßre, himmlischere Latern als unsre sein!« – Der Bogen führte uns in einen schönen hohen Laubengang von lauter Reben, die voller Trauben von viel hundert verschiedenen Farben und Formen hingen, nicht von Natur so, sondern durch die Kunst der Feldwirtschaft erzielt; gelb, blau, braun, lohfahl, weiß, schwarz, grün, azurn, violett, bunt, rund, gestreift, gesprenkelt, länglich, zackig, buschbartig, hodenknotenartig. Den Grund des Laubenganges schlossen drei alte Efeustämme, frisch grünend und voller Träublein. Davon mußten wir uns jeder auf Befehl unsrer erlauchtigsten Latern einen Albanischen Spitzhut machen und ganz damit das Haupt bedecken. Was auch sofort geschah. – »Wohl schwerlich«, sprach hier Pantagruel, »wär weiland Jupiters Priesterin durch dieses Rebdach mit gegangen?« – »Ihr Grund«, sprach unsre strahlende Latern, »war mystisch; denn sie hätte, wenn sie hiedurch gegangen wär, den Wein (die Trauben nämlich) überm Haupt gehabt und wäre von dem Wein gleichsam beherrscht und bemeistert erschienen; die Priester aber und wer nach göttlicher Erkenntnis strebt, soll den Geist ganz still und unverwirrt durch Sinnenstörung sich erhalten und wahren: welche Störung die Trunkenheit viel deutlicher als jede andre Leidenschaft, wie sie auch heiße, offenbart. Auch würdet ihr, die ihr hiedurch gegangen seid, den göttlichen Flaschentempel nimmer schauen, wenn nicht die edle Priesterin Bakbuk das Weinlaub in euern Schuhen säh; dies aber ist ein offenbares Merkmal, daß ihr den Wein verachtet, ihn euch unterwerft und mit Füßen tretet.« – »Ich bin«, sprach Bruder Jahn, »zwar kein Studierter, was mir leid ist, aber aus meinem Brevier erseh ich doch, daß in der Apokalypse ein wunderlich Weib am Himmel erschienen ist, die mit den Füßen auf dem Mond stand, was, wie mir gesagt wurde, bedeuten soll, daß sie nicht von der andern Weiber Art wär, die den Mond gemeinlich umgekehrt in den Köpfen haben, mithin stets mondhirnig und mondsüchtig sind. Deshalb bin ich sehr geneigt, Euch zu glauben, Frau Latern, mein Schatz.« Zweiunddreissigstes Kapitel Wie wir nach dem Flaschentempel unter die Erde stiegen, und warum Chinon die erste Stadt der Welt ist Also stiegen wir unter die Erde durch ein mit weißem Gips betünchtes Gewölb, an dem von außen roh ein Tanz von Weibern und Satyrn, wie sie den alten lachenden Silen auf seinem Esel begleiten, gemalt war. Da sprach ich zu Pantagruel: »Dies Pförtlein hier gemahnt mich an den Bildkeller der ersten Stadt der Welt; denn dort sind eben solche Bilder, und auch so frisch gemalt wie hier.« – »Wo?« frug Pantagruel, »was ist dies für eine erste Stadt, von der Ihr sprecht?« – »Herr«, sagte ich, »Chinon ist es, oder Caynon in der Touraine.« – »Ei«, antwortete mir Pantagruel, »wo Chinon liegt, das weiß ich wohl, und auch der Bildkeller, ich hab' da manch frisches Glas geleert und zweifl' auch keineswegs, daß Chinon eine sehr alte Stadt sei; schon ihr Wappen gibt's, darin man zwei bis dreimal liest: ›Chinon die Stadt, zwar klein, doch großen Namen hat: steht fest auf altem Steine, ob der Vienne am Haine.‹ Wie aber wär's die erste Stadt der Welt? Wo findet Ihr dies geschrieben? Woraus vermutet Ihr's?« – »Ich les'«, antwortete ich, »in heiliger Schrift, wie Kain der erste Städterbauer gewesen ist; sehr glaublich also, daß er die erste nach seinem Namen Kaynon getauft habe, wie seitdem nach seinem Beispiel alle andren Städterbauer und -Stifter ihnen ihre Namen erteilt haben: Athene Athen; Alexander Alexandrien; Konstantin Konstantinopel; Pompejus Pompejopolis in Cilizien; Hadrian Hadrianopel; Saba den Sabäern; Assur den Assyrern; Ptolomais, Cäsarea, Tiberium, Herodium in Judäa.« – Während wir diese Gesprächlein pflogen, da trat der Oberschenk oder Hausweise, wie ihn die Latern hieß, der göttlichen Flasche Hofmarschall, begleitet von den Tempelwächtern, herein. Da er uns Tyrsusstäblein schwenken und Efeukronen tragen sah, auch unsre hohe Latern erkannte, so ließ er uns frei passieren und befahl, uns geradeswegs zur Fürstin Bakbuk, dem Ehrenfräulein der Flasche und aller Mysterien Priesterin, zu führen. Dies geschah denn auch sofort. Dreiunddreissigstes Kapitel Wie wir die vierfachen Treppen hinabstiegen, und von Panurgs Todesangst Drauf stiegen wir eine Marmortreppe unter die Erde; da war ein Absatz; schlugen uns linkerhand und stiegen noch zwei, da war ein gleicher Absatz, dann seitwärts drei, und wieder ein Absatz; und dann vier. Jetzt frug Panurg: »Ist's hier?« – »Wie viele Stiegen«, sprach unsre vortreffliche Latern, »habt Ihr gezählt?« – »Eins, zwei, drei, vier«, antwortete Pantagruel. – »Wie viel sind das zusammen?« frug sie. – »Zehn«, antwortete Pantagruel. – »Wenn wir 108 Stufen hinabgestiegen sein werden«, sprach sie, »werden wir am End dieser Schicksalszahl des Tempels Pforten finden.« Beim Hinabsteigen dieser Treppen waren uns sehr vonnöten: erstlich unsre Beine, sonst wären wir wie Fässer in einen Keller gerollt; zweitens unsre erlauchte Latern; denn außerdem fiel nicht ein Lichtstrahl in diesen Grubenpaß, so wenig als in Sankt Patricks Loch in Irland oder in die Trophoniushöhl in Böotien. Wie wir etwa ein 78 Stiegen tief hinunter waren, schrie Panurg und sprach zu unsrer leuchtenden Latern: »Ach wunderreiche Dame! Ich fleh Euch aus zerknirschtem Herzen, laßt uns linksum! Potz Puff, ich sterb' vor Schrecken; will ja mein Lebtag gern ledig bleiben. Ihr habt meinthalben Euch viel Sorg' und Müh' gemacht: Gott wird's Euch lohnen in seinem großen Belohnium. Ich werd' auch nicht unerkenntlich sein, wenn ich dies Troglodytenloch nur einmal erst im Rücken hab'. Um Gottes willen, linksum! Ach, ich fürcht' sehr, hie ist der Eingang, wo man zur Hölle hinuntersteigt; ich mein', ich hör' den Cerberus schon bellen, horcht! Er ist es, oder die Ohren gellen mir; ich bin sein Freund durchaus nicht, denn 's ist kein ärger Zahnweh auf Erden, als wenn uns die Hunde an den Beinen haben. Wenn hier die Hölle ist, fressen uns die Lemuren und Kobolde noch lebendig auf; sie haben ja so nix hier zu beißen. Bist du da, Bruder Jahn? Ich bitt' dich, halt dich dicht zu mir, liebs Ränzel! Ach, ich sterb' vor Angst. Du hast doch deinen Säbel bei dir? Ich hab' auch nicht die kleinste Wehr zu Schutz noch Trutz. Linksum!« »Ich komm', ich komm' ja schon«, sprach Bruder Jahn, »sei außer Sorg'. Halt ich dich nicht am Kragen fest, daß achtzehn Teufel dich mir nicht nähmen und wenn du zehnmal ohn' Waffen wärst? Mit gutem Mut und guter Faust fehlt's keinem in der Not an Waffen. Eher müßt's vom Himmel ja Waffen schnei'n, wie's weiland auf dem Feld zu Crau in der Provinz am Mariusgraben die Kieselsteine geschneit hat (sie sind heut noch da)! Wetter aber! Wo geht's hier hin? Zu den kleinen Kindern? (Hui, die werden uns schön beklackern!) oder zu allen Teufeln der Hölle? Kreuz Gottes! Ich schlag' sie braun und blau, jetzt da ich Wein auf den Sohlen spür'. Heut will ich mal preislich haun. Wo ist's? Wo sind sie? Ich fürcht' mich nur von ihren Hörnern. Doch davor wird mich Panurgs Geweih schon schützen, wenn er erst ein Weib hat. Ich seh ihn schon im prophetischen Geist, den neuen Aktäon, den Hornhahnrei und Hörnensiegfried.« Hier unterbrach unser Glanzlaternlein mit dem Ermahnen das Gespräch, daß dies der Ort wäre, wo wir nun durch Unterdrückung aller Worte und Zungenstummheit Achtung zu beweisen hätten. Übrigens beschied sie uns, daß wir ohn' das Flaschenwort keineswegs von hier gehen dürften, weil wir mit Weinlaub vorgeschuht wären. »Marsch also vorwärts!« rief Panurg, »und häuptlings durch dreitausend Teufel! Der Tod ist nur ein Hops: zwar hatt' ich mein Leben auf eine Schlacht verspart – marsch vorwärts! Immer zu! Courage hab' ich, soviel ihr wollt; zwar bubbert mir 's Herz im Leib, allein das macht dies kalte feuchte Kellerloch. Es ist nicht Furcht noch Fieber, nicht doch! Nur zu, nur vorwärts! Marsch, marsch, marsch! Mein Nam' ist Wilhelm sonder Furcht.« Vierunddreissigstes Kapitel Wie die Pforten des Tempels wunderbarerweise von selbst aufgingen Am End der Stiegen trafen wir auf ein Portal von feinem Jaspis, ganz nach dorischer Art und Kunst erbaut und abgeteilt. Vorn auf der Front desselben stund mit ionischen Lettern vom reinsten Gold der Spruch: ›Im Wein ist Wahrheit‹ geschrieben. Beide Türen waren massiv aus einer Art korinthischen Erzes, mit kleinem erhabenem Rankenwerk mit Schmelz verziert, und griffen und verfugten sich in ihrem Falz ohn' Schloß noch Riegel und sonst ein Band fest ineinander; nur ein indianischer Diamant hing dran, von der Größe einer Saubohne. Hier bat uns unsre edle Latern, sie für vollgültig entschuldigt zu halten, wenn sie Anstand nähm', uns weiter zu führen; bloß den Lehren der Priesterin Bakbuk sollten wir folgen, weil ihr dort selber einzuschreiten aus allerlei besonderen Gründen, die erdgeborenen Sterblichen ratsamer zu verschweigen seien, nicht verstattet sei. Doch befahl sie uns, jedenfalls munter zu bleiben, vor nichts zu zittern noch zu beben, und des Rückwegs halber nur auf sie zu bauen. Hierauf nahm sie den Diamant von der Türe ab und warf ihn rechts in ein dazu expreß befindliches silbernes Käpslein; nahm dann von der Angel jeder Tür ein anderthalb Klafter langes karmesinrotseidnes Band, band's an zwei Goldringe, die dazu ausdrücklich an den Seiten hingen, und trat zurück. Urplötzlich gingen beide Türen, ohne daß ein Mensch daran gerührt hätte, von selber auf und machten im Aufgehn nicht etwa ein knarrendes Getös und schrecklich Dröhnen, wie sonst schwere eherne Pforten zu machen pflegen, sondern ein liebliches Gemurmel, das durch die Tempelhalle erscholl. Pantagruel merkte auch bald die Ursache davon, denn unterm Rand von jeder Tür entdeckte er eine kleine Walze, die über die Angel in die Tür griff und, wie die Tür der Mauer zuflog, auf einem harten, völlig gleich und glatt polierten Ophitesstein umlief, wodurch dann durch solche Reibung dies liebliche Gemurmel entstand. An den Türflügeln sah ich zwei Tafeln aus indianischem Magnetstein, eine halbe Hand breit und dick, von Farbe bläulich, glatt und zart geschliffen. Auf dem einen der Täflein rechterhand stand sauber mit alten lateinischen Lettern: Ducunt volentem fata nolentem trahunt. ›Das Schicksal führt den Willigen, es zieht den Widersetzlichen.‹ Auf der andern linkerhand las ich zierlich skulpieret diesen Spruch: ›All Ding neigt sich zu seinem End.‹ Fünfunddreissigstes Kapitel Wie des Tempels Pflaster herrlich mit Bildern verziert war Nachdem ich diese Inschrift gelesen, warf ich meine Augen auf die übrige Tempelpracht und sah die schier unglaubliche Struktur des Pflasters, dem mit Fug kein Werk unter der Sonnen zu vergleichen ist. Denn es war Mosaikarbeit in kleine Felder abgezirkt, alle von feinen polierten Steinen, jeder in seiner natürlichen Farbe. Im Portikus war des Pflasters Muster ein Bildwerk aus kleinen sortierten Steinen, all in ihren ursprünglichen Farben, wie sie zur Zeichnung der Bilder sich paßten; es war, als wenn man über dies Pflaster Weinlaub umher verstreuet hätte ohn' viele Wahl oder Einteilung; denn hier schien's dick gesät zu sein, dort spärlich. An einer Stelle erschienen im Halbschatten ein paar Schnecken, die an den Trauben krochen; an andern kleine Eidechslein, das Laub durchschlupfend; hier und da sah man halbreife Trauben, sah ganz reife, so geschickt und künstlich vom Architekten komponiert, daß sie die Stare und andre Vögel betrogen hätten, trotz dem Bild des Zeuxis weiland. Wie ihm nun sei, wir wenigstens versahen uns gar artig dran; denn an der Stelle, wo der Meister die Blätter etwas dick verstreut hatte, da stiegen wir mit hohen Schritten drüber, aus Furcht, uns die Beine zu stoßen, wie über rauhen, steinigen Weg. Hierauf wandt' ich die Augen auf die Tempelkuppel und Wände umher; die waren sämtlich mit Porphyrmarmor belegt, in wundervoller Zeichnung vom einen End rings bis zum andern, worin mit unglaublicher Zierlichkeit, vom Eingang linkerhand beginnend, die Feldschlacht, die der gute Bacchus den Indiern abgewann, wie folgt abgebildet war. Sechsunddreissigstes Kapitel Wie in dem Tempel-Mosaik die Schlacht abgebildet war, die Bacchus den Indiern abgewann Zu Anfang waren abgebildet verschiedentliche Städte, Dörfer, Schlösser, Burgen, Felder und Wälder, alle in Feuer stehend; ferner viel unsinnig rasendes Weibervolk, das wütend Kälber, Schafe und Hammel lebendig zerriß und das Fleisch verschlang. Kurz, man sah, wie Bacchus, als er nach Indien kam, alles mit Feuer und Blut verheert. Desungeachtet ward er von den Indiern so gering geschätzt, daß sie nicht einmal wider ihn ausziehn mochten; denn sie hatten durch ihre Späher sichre Kundschaft, daß er in seinem ganzen Heer nicht einen einzigen Kriegsmann habe, nichts als ein armes, altes, kleines, weibisches, immer besoffenes Männlein und junges Landvolk war mit ihm, das splitternackend ging, stets tanze und springe und Schwänze und Hörner habe wie junge Ziegenböcke; dabei ein großer Haufen trunkener Weiber. Daher beschlossen sie, den Haufen ohne Schwertstreich ziehn zu lassen, gleich als ob es ihnen mehr zu Schande als Ruhm, zu Schimpf und Unehre, nicht zu Ehr und Siegespreis gereiche, ob solchem Volk zu triumphieren. Unter solcher Verachtung aber drang Bacchus immer tiefer ins Land und überzog alles mit Feuer (weil Feuer und Blitz des Bacchus väterliches Wappen ist) und mit Blut desgleichen (denn in Friedenszeiten macht er, nach dem Naturlauf, erst das Blut und zapft's dann im Kriege ab). Weiter war in den Wandbildern geschildert, wie Bacchus in die Feldschlacht rückte auf einem prächtigen Wagen von drei Jochen junger Panther gezogen. Sein Antlitz war wie eines jungen Kindes, zum Zeichen, daß kein guter Zecher jemals alt wird; rot wie ein Cherub, nicht ein Barthaar am Kinn. Am Haupte wuchsen ihm spitzige Hörner, und darauf trug er eine schöne Krone von Rebenblättern und Trauben, sowie ein karmesinrot Käpplein, und an seinen Füßen güldne Bundschuhe. In seinem Zug war nicht ein einziger Mann zu sehn; all seine Truppen und ganze Leibwache waren tolle, wütende, verrückte Weiber mit Drachen gegürtet und zischenden Schlangen statt der Gürtel, mit wild im Winde flatterndem Haar, Stirnbinden von Ranken, angetan mit Hirsch- und Geißfell, in den Händen kleine Tyrsusstäblein, Streitäxte und Zinken schwingend und besondre leichte Schildlein, die, noch so sanft berührt, ein lautes Getöse gaben, die sie im Notfall statt Tambourinen und Pauken schlugen. Deren Zahl war 79 027. Die Vorhut ward vom Silen befehligt, einem Mann, auf den er sein Zutraun setzte, und dessen Tugend, Heldenmut und Klugheit er in vielen Fällen zuvor schon treu bewährt erfunden. Dies war ein kleines, krummes, schlottriges, schmerbauchiges Männlein mit großen aufgeregten Ohren, einer spitzigen Adlernase und großen, struppigen Augenbrauen. Er ritt auf einem Eselshengst, führte in der Faust einen Stock zur Stütze, um auch mit wacker dreinzuhaun, wenn's abzusitzen gält', und war in einen gelben Weiberrock gekleidet. Sein Heer bestand aus jungem Bauernvolk, gehörnt wie Geißböcke, wie die Löwen grimmig, fasernackend, allzeit singend und tanzend: und Satyrn hieß man sie; an Zahl betrugen sie 85 013 plus zwei Schock. Pan führte den Nachtrab an, ein wilder, erschrecklich mißgestalter Kerl. Denn an dem untern Leibe glich er einem Bock; die Schenkel waren ganz zottig; himmelstarrende Hörner hatte er am Kopf; sein Angesicht wie Feuer rot, mit mächtig langem Bart daran: ein kühner, kecker, dreister Kerl und sehr geschwind zum Zorn zu reizen. In der linken trug er eine Flöte, in der rechten einen Hakenstock; sein Troß bestand aus Satyrn, Faunen, Lemuren, Laren, Irrwischen und Kobolden, 78 014 an der Zahl. Ihr allgemeines Feldgeschrei war das Wort Evoë. Siebenunddreissigstes Kapitel Wie des guten Bacchus Sturm und Angriff auf die Indier geschildert war Weiter war der Sturm und Angriff des guten Bacchus auf die Indier geschildert. Da sah ich den Hauptmann der Vorhut Silen dicke Tropfen schwitzen und seinen Esel scharf spornen. Der Esel riß gleichfalls das Maul furchtbar weit auf, schmiß, biß, scharmützelte mörderlich, als wenn er eine Horniß im After hätte. Die Satyrn, Hauptleute, Obersten, Feldwebel, Korporäle, auf langen Hörnern zum Angriff blasend, sprangen mit Ziegensprüngen toll und wild im Kurz-, im Sturz-, im Furzgalopp, schäumend und bäumend durch das Heer und ermutigten die Ihrigen zu tapferm Streit. Evoë! schrie das ganze Bild. Den ersten Anlauf auf die Indier machten die Mänaden unter wildem Geschrei und gräßlichem Lärm ihrer Schilde und Pauken, daß rings der Himmel davon erdröhnte. Hierauf kam das Heer der Indier, als hätten sie jetzt erst erfahren, wie ihr Land vom Bacchus gebrandschatzt werde; die Elefanten mit ihren Türmen an der Spitze, dabei unzähliges Kriegsvolk. Aber die ganze Schar war schon zerstreut, und wider sie und auf sie rannten und stürzten ihre Elefanten, scheu vor dem fürchterlichen Lärm und panischen Schrecken der Bacchanten, der sie der Sinne beraubte. Da hätt' ihr sollen den Silen erst seinen Esel bitterlich spornen und mit dem Stecken fechten sehn nach der alten Parade, und wie der Esel mit offnem Maul, als ob er yahnte, den Elefanten nachhopste und mit seinem martialischen Yahnen gleichsam zum Sturm und Angriff blies. Da hättet ihr den Krummbein Pan um die Mänaden sollen springen und sie mit seiner Bauernflöte zu tapferm Streit ermuntern sehn; dahinter einen jungen Satyr siebzehn gefangene Könige führen; eine Bacchantin in ihren Schlangen zweiundvierzig Hauptleute schleifen; einen kleinen Faun zwölf von dem Feind erbeutete Fahnen tragen sehn; und Bacchus, den getreuen Mann, auf seinem Wagen immerzu getrost im Feld umherkutschieren, lachend, schäkernd, auf jedermanns Gesundheit trinkend. Schließlich waren der Triumph und das Siegesmahl des guten Bacchus abgebildet. Sein Triumphatorwagen war mit Efeu ganz bedeckt. Zu den Seiten des Wagens gingen die gefangenen Indierkönige an schwere güldene Ketten gebunden. Der ganze Zug schritt mit göttlichem Siegesgepräng von unaussprechlicher Wonne und Lust, unzählige Trophäen, Götterbilder und Beutestücke tragend, unter kleinen ländlichen Jubelliedern und schallenden Dithyramben einher. Achtunddreissigstes Kapitel Wie uns die Priesterin Bakbuk im Tempel einen phantastischen Brunnen zeigte, und wie des Brunnens Wasser den Trinkern in ihrer Einbildung nach Wein schmeckte Während wir diesen Wundertempel noch entzückt beschauten, siehe, da trat uns die würdige Priesterin Bakbuk, heiter lächelnden Angesichts, mit ihrer Dienerschar entgegen und führte uns unschwer, weil sie uns beschriebenermaßen ausstaffiert sah, in des Tempels mittleren Raum, wo der schöne phantastische Brunnen war; sie ließ uns Humpen, Schalen, Becher von Gold, Kristall und Silber reichen, und wir wurden höflich eingeladen, vom Wasser, das dem Brunnen entquoll, zu trinken. Das taten wir auch gerne, denn in Form eines Säulenflusses fanden wir einen phantastischen Brunnen von rarer, herrlicher, wunderbarer Arbeit. – Hierauf befahl Bakbuk, daß man uns zu trinken brächte. Denn frei heraus euch zu gestehn, wir sind nicht von dem Kalbsgelichter wie die Spatzen, die nicht fressen, bis man ihnen die Schwänzlein streicht, auch weder essen noch trinken mögen, es sei denn, man treibt's ihnen mit Keulen ein; nie geben wir einer Seele den Korb, die uns zum Trinken höflich einlädt. – Darauf befrug uns Bakbuk, was uns dazu bedünke. Wir gaben ihr zur Antwort, es bedünkte uns wie gutes frisches Brunnenwasser. – »Ha ha!« rief Bakbuk, »nun dies heiß ich schlecht Achtung geben; ei wie wenig merkt ihr auf die Bewegungen der Zungenmuskeln, wenn das Trinken darüber in den Magen rinnt! Sagt, habt ihr fremden Leutlein denn verpichte Gaumen, tragt ihr sie verfuttert und verpelzt, daß ihr den wahren Würzgeschmack und Duft von diesem Göttersaft nicht spürt noch anerkennt? Jetzt bringt mir gleich«, sprach sie zu ihrer Zofenschar, »mein Striegelzeug her, damit wir ihnen die Schlünde ausfegen und bürsten können!« – Alsobald erschienen schöne, feiste, stolze Schinken, schöne, feiste, stolze Rauchzungen, gute stattliche Speckseiten, Hirn- und Haderwürste, gute herrliche Wildbret-Pasteten und solcher Kehl-Schlotfeger mehr; da aßen wir auf ihr Gebot so lang, bis wir bekennen mußten, daß unsre Mägen trefflich wohl gestriegelt wären, bis auf den Durst, der uns äußerst beschwerlich fiel. Da sprach sie zu uns: »Einst erhielt ein weiser, tapfrer Juden-Feldherr, als er sein ausgehungertes Volk durch die Wüsten führte, das Manna vom Himmel, welches ihnen in ihren Gedanken so wie ihr voriges Futter in Wahrheit schmeckte. So werdet nun auch ihr, wenn ihr den Wundertrank hier schlürft, den Schmack desselben Weins verspüren, den ihr euch eben denkt. Wohlan! So denkt und trinkt!« – Gesagt, getan. Worauf Panurg laut rief: »Bei Gott! Dies ist der allerbeste Beaune, den ich noch je getrunken hab', oder ich laß mich von neun Dutzend Teufeln holen; oh, wer doch, um ihn nur recht lang zu schmecken, gleich einen Hals von drei Ellen hätte, oder wenigstens einen Kranichhals!« »Auf Laternenehr!« schrie Bruder Jahn, »'s ist griech'scher Wein; das saust und braust! Um Gottes willen, Freundin, lehrt mich die Kunst, wie Ihr den macht.« – »Mir«, sprach Pantagruel, »schmeckt er wie Mireveauer; denn vor dem Trinken dachte ich an den. Es fehlt ihm nichts, als daß er kühl ist, kühler wahrlich als eiskühl.« – »Trinkt nur«, sprach Bakbuk, »immer wieder, ein-, zwei-, dreimal und denkt euch immer dabei was anders; immer wird es derselbe Trank und Saft sein, den ihr gedacht habt; und nun sagt mir hinfür nur noch, daß bei Gott ein Ding unmöglich sei.« – »Ei«, sprach ich, »das haben wir auch noch nicht gesagt, denn wir behaupten, er ist allmächtig.« Neununddreissigstes Kapitel Wie Bakbuk Panurg ausstaffierte zur Einholung des Flaschen-Wortes Nach diesem Reden und Schlürfen frug Bakbuk: »Wer will unter euch das Wort der göttlichen Flasche erforschen?« – »Ich«, antwortete Panurg, »mit Ehren zu melden, Euer armes kleines Trichterlein.« – »So geb ich Euch, mein Freund«, sprach sie, »nur diese einzige Weisung mit, daß, wenn Ihr zum Orakel kommt, Ihr mit nicht mehr denn einem Ohr das Wort zu hören Euch bemüht.« – (»Es ist ein einöhriges Gewächs«! sprach Bruder Jahn.) – Dann hing sie ihm einen Reitrock um, setzt' ihm ein schönes, weißes Kindermützlein auf, mummte ihn in einen Seihsack, an dessen Spitze sie statt der Quaste drei Spießlein hing, behandschuhte ihn mit zwei altfränkischen Hosenlätzen, umgürtete ihn mit drei verbundenen Bockshörnern, wusch ihm das Gesicht dreimal in dem genannten Brunnen, warf ihm zuletzt eine Handvoll Mehl in die Augen, steckte ihm rechts auf seinen Hippokras-Sack drei Hahnenfedern, ließ ihn neunmal um den Brunnen traben, drei kleine muntere Bockssprüng tun und siebenmal mit dem Hintersten den Boden betupfen. Dabei sprach sie in einem fort ich weiß nicht was für Beschwörungsformeln in etruskischer Sprache und las zuweilen etwas aus einem Ritualbuch. So ausstaffiert, nahm sie ihn fort aus unsrer Mitte und führte ihn durch eine güldne Tür rechts aus dem Tempel in eine runde Kapelle aus Spekularstein, deren feste Klarheit ohn alle Fenster oder andre Öffnung den Sonnenschein, der durch die Kluft des Felsens fiel, worunter der große Tempel stand, so leicht und reichlich einließ, daß das Licht vielmehr drin zu entstehen, als von außen zu kommen schien. Mitten darinnen war ein siebeneckiger Brunnen aus feinem Alabasterstein von sonderbarer Arbeit und Bekleidung, voll so klaren Wassers, als nur ein einfaches Element in seiner Lauterkeit zu finden ist. Halb in demselben stand die hochgebenedeite Flasche, in lauter schönen spiegelhellen Kristall gekleidet, eirund von Gestalt, nur daß die Mündung dran ein klein wenig offener war, als sonst zu dieser Form sich schickt. Vierzigstes Kapitel Wie die Priesterin Bakbuk Panurg der göttlichen Flasche vorstellte Da ließ die edle Priesterin Bakbuk Panurg bücken, den Brunnenrand küssen, dann wieder aufstehn, und ihn um den Brunnen drei Schleifer tanzen. Als dies vollbracht war, befahl sie ihm, sich mit dem Hintern auf die Erde zwischen zwei Stühle sanft niederzusetzen, die schon in Bereitschaft stunden. Schlug dann ihr Ritualbuch auf, blies ihm ins linke Ohr und ließ ihn folgendes Weinlied singen: Heilge Flasche Die verborgen Hegt Geheimnis, Du, auf welche Ich mit Einem Ohr muß horchen, Ohne Säumnis Sag uns, wie der Reim hieß, Der das Herz erhebt. In Dein himmlisch Naß begräbt Bacchus, welchem Indien bebt, Alle Wahrheit. Weit entweichet, Götter-Saft, von Dir verscheuchet, Alles Lügen, alles Trügen. Noäh Berg sei wonnumzweiget, Der uns spendet Dein Vergnügen Laß das goldne Wort nun fliegen, Das mich frei macht aller Sorgen! Also fehl' es nie an Wein süß, Rotem, weißem Deinem Kelche! Heilge Flasche Die verborgen Hegt Geheimnis, Du, auf welche, Ich mit Einem Ohr muß horchen, Sprich ohn Säumnis! Nachdem dies Lied gesungen war, warf Bakbuk, ich weiß selbst nicht was, in den Brunnen; da fing das Wasser auf einmal zu sieden und zu schäumen an, recht wie der große Klosterkessel in Bourgueil wenn dort Kirchweih ist. Panurg horchte still mit einem Ohre; Bakbuk kniete neben ihm, als plötzlich der unsterblichen Flasche ein Laut entfuhr, wie Bienensummen, oder wie ein Pfeil, wenn die Sehne abschnappt; oder wie ein starker Sommerregen. Dann ward gehört das Wörtlein: TRINK »Bei Gottes Wunder!« rief Panurg, »die ist geborsten, oder geplatzt, daß ich nicht lüg'; denn die Sprach' führen die Glasflaschen bei uns auch, wenn sie am Feuer springen.« Jetzt erhob sich Bakbuk, nahm Panurg sanft untern Arm und sprach zu ihm: »Freund, dankt dem Himmel; denn es ist nicht mehr als billig; das Orakel der göttlichen Flasche ist Euch sehr bald geworden, und zwar das allerlustigste, untrüglichste, göttlichste von allen, die ich noch in der ganzen Zeit, daß ich in ihrem Heiligtum hie ministriere, von ihr gehört habe. Stehet auf und laßt uns zum Kapitel gehn, in dessen Glossarium dies güldne Wörtlein erläutert wird.« – »Kommt«, sprach Panurg, »in Gottes Namen! Ich bin so klug als wie vorm Jahr. Na, leucht mal her, wo ist dies Buch? Wend um, wo stehet dies Kapitel? Laßt uns dies werte Glößlein sehn!« Einundvierzigstes Kapitel Wie Bakbuk das Flaschenwort interpretiert Hierauf warf Bakbuk wieder in den Brunnentrog ich weiß nicht was, wovon des Wassers Wallen schnell sich legte, und führt' Panurg in den mittleren Raum des großen Tempels, wo der Brunnen des Lebens stand. Nahm da ein dickes silbernes Buch in Figur eines guten Schoppens, schöpfte ihm damit aus dem Brunnen und sprach zu ihm: »Die Philosophen, Doktoren und Prediger Euerer Welt speisen Euch mit schönen Wörtlein durch die Ohren. Wir hier zu Land einverleiben uns unsre Lehren leibhaftig durch den Mund; drum sag ich nicht zu Euch: lest dies Kapitel, merkt diese Glosse; ich sag Euch: schmecket dies Kapitel; schluckt diese Glosse! Vor Zeiten aß ein alter Seher der jüdischen Nation ein Buch und ward zum Doktor bis an die Zähne. Ihr sollt mir eins trinken und bis in die Leber zum Doktor werden. So kommt und tut die Kiefern auf!« Wie nun Panurg den Schlund weit aufriß, nahm sie ihr silbern Buch; wir sahen's auch wirklich für ein Buch an, denn nach der Figur war es gestaltet wie ein Brevier, war aber nichts als in der Tat ein ganz natürliches Feldfläschlein voll Falernerweins, das sie Panurgen bis auf den Boden ausschlucken ließ. »Seht«, sprach Panurg, »dies Kraftkapitel, seht diese höchst authentische Glosse! Und ist dies alles, was das Wort der heiligen Flasche mir rät? Da komm' ich wahrlich schön an!« – »Nichts weiter«, sprach die Priesterin, »denn ›Trink‹ ist ein bei allen Völkern verehrtes und verstandenes Wort; es bedeutet: du sollst zechen! Ihr in Eurer Welt sagt, das Wort Sack sei allen Sprachen gleich gemein, mit Fug und Recht von allen Völkern angenommen, weil jeder Mensch mit einem Sack am Hals zur Welt kommt als ein geborener Hungerleider, und einer beim andern betteln muß. Es ist kein König unter der Sonnen so mächtig, daß er andrer Leut entbehren könnt', kein armer Mann so bettelstolz, daß er der Reichen entraten möchte. Immer kann man noch leichter einen Sack entbehren als Trinken; und behaupten wir: nicht Lachen, sondern Trinken ist des Menschen Vorrecht; nicht das Trinken schlechthin an sich, denn auch das Vieh trinkt, sondern Wein trinken, alten, guten und kühlen Wein. Merkt, lieben Freunde! Alle Weissagung ist Wein-Sag' aus Weinsaugung entquollen. Nichts, kein Argument, kein Schluß ist so unfehlbar, keine Seherweisheit auf Erden minder trüglich. Eure Akademiker wußten's wohl, wenn sie die Herkunft des Weins gleichsam von vis , Kraft, Macht ableiten; denn die Macht hat er, mit aller Wahrheit, aller Weisheit und Wissenschaft, die Seelen zu erfüllen. Wenn Ihr über unsrer Tempeltür die ionische Schrift beherziget, habt Ihr daraus ersehen können, daß im Wein Wahrheit verborgen ist. Die göttliche Flasche verweiset Euch hierauf: seid Ihr selber nun Eures Beginnens Zeichendeuter.« – »Unmöglich«, sprach Panurg, »kann man doch bessere Reden führen als hier diese würdige Priesterin. – Hab' ich's Euch nicht zuvor gesagt, als Ihr das erstemal mich fruget? Wohlan, so trink! Was sagt Euch nun das Herz, von Bacchus' Wut erfaßt? Sauft und ruft: Bacchus soll leben! Vivat! Und das Weib daneben, Das gar bald mir unterliegt, Und den Saft Meiner Kraft Durch und durch zu spüren kriegt. Ja, mein Herz riecht in der Luft Schon des Hochzeitsschmauses Dampf Und ich weiß: zum Liebeskampf Und zum Bürzelzeitvertreib Kommt mein Weib Immer, wenn Panurg sie ruft. Duliöh! Als Ehemann, Wohlgenährt, Im Bett bewährt Leb ich dann! Jo Päan! Glaub mir, liebster Bruder Jahn, Dies Orakel trügt mitnichten, Prost! nach dem wölln wir uns richten!« Zweiundvierzigstes Kapitel Wie Panurg und die übrigen im poetischen Wahnsinn reimen »Bist du«, sprach Jahn, »toll oder besessen? Seht, wie er schäumt, hört, wie er reimt! Was, alle Teufel, hat er g'fressen? Er verdreht ja die Augen im Kopf wie eine sterbende Geiß. Paßt auf, jetzt wird er sich gleich abseits drücken und seinen Kot in einen Winkel tun? Oder Gras essen wie die Hunde zu seines Ränzels Erledigung? Oder die Faust bis zum Ellenbogen nach Mönchsart in die Gurgel zwingen, bis wieder Luft im Grimmdarm wird?« – Pantagruel verwies dies aber Bruder Jahn und sprach zu ihm: »Glaubt, das ist die poet'sche Wut, Des guten Bacchus Rebenblut Hat ihn zum Sänger umgeschaffen. Denn dessen Macht Hat ihn entfacht, Gab Reim und Klang Dem trunknen Drang, Der nun verlacht, König und Gott, Unser Gelächter, unsern Spott. Und solln wir nun den Reimelaffen Mit tör'chtem Hohne übergießen, Weil er als guter Zecher sich erwiesen?« »Wie, Herr!« sprach Bruder Jahn, »auch Ihr reimt? Gott schütz uns, wir sind all gepfeffert! Wollt' Gott, daß uns Gargantua in diesem Zustand säh! Jetzt weiß ich bei Gott nicht, was ich tu, ob ich Euch folgen und auch reimen soll, oder nicht. Zwar ich versteh mich hundsschlecht drauf, doch weil wir einmal im Knüppeln sind, hol mich Sankt Jahn! so knüppl ich mit, trotz einem, 's kommt! Ich spür' es schon: merkt auf und entschuldigt mich aber, wenn's auch kein Gesangbuchvers wird: Gott Vater in ewiger Ferne, Der Wasser schuf zu Wein, Meinen Hintern zur Laterne Mach für den Nachbarn mein.« Panurg fuhr fort in seinem Text und sprach: »Selbst Pythia die Sehermaid, Gab niemals besseren Bescheid. Glaubt mir, zu dieses Brunnens Schacht Ward sie von Delphi hergebracht. Was Wunder, daß sie männiglich So stumm geworden, wie ein Fisch, Da die Orakel aller Welt Jetzt an dem Quell hier aufgestellt. Vernehmt: Der Pythia Stuhl, auf dem Sie träumend löste jed's Problem, War weiter nichts, als Weines voll, Ein Fläschlein, draus die Weisheit quoll. Mein Jahn, bedenk zur rechten Frist, Da du gerad mal hiesig bist, Frag auch die Flasche, Kuttenheld, Wie es mit deinem Frei'n bestellt.« Bruder Jahn antwortete ihm wütend und sprach: »Heiraten? Kreuz! Beim heilgen Schuh Sankt Benedikts! Wer mich recht kennt, Der sagt es auf den Kopf dir zu, Daß Bruder Jahn beim Sakrament Mehr Wert legt auf die dicksten Händel, Als hängt an einem Schürzenbändel, Mitsamt des Ehemannes Prast, Als Halfterband und Kummetlast.« Panurg, aus seinem Reitrock und Mysterienmummel schlupfend, sprach: »Ich weiß es wohl, du Lüdrian! Du steckst schon in dem Höllenrachen, Wenn ich bequem einst himmelan Die Paradiesesreis' werd machen. Dann aber glaub und hüt dich nur: Dann seich' ich dir auf die Tonsur! Wenn dann Proserpina, das Luder In ihrem Höllenboudoir Nach deinem kleinen Loddelbruder Sich sehnt und aller Sitte bar An deinem Hosenlatze zieht, Und sich um deine Gunst bemüht; Sag, rufst du dann nicht vor dem Spaß: He Lucifer! Ein frisches Glas! Damit dir dies Zusammenliegen Nicht so ein trockenes Vergnügen? Denn wisse: von so hübschen Knaben Wollt' sie's noch immer gerne haben.« »Troll dich zum Teufel, alter Narr!« rief Bruder Jahn; »ich reim' nicht weiter, ich kann nicht mehr: der Reimriemen schnürt mir die Gurgel zu. Kommt lieber und laßt uns noch einmal trinken!« Dreiundvierzigstes Kapitel Wie sie von Bakbuk Abschied nehmen und das Flaschenorakel verlassen »Darum«, sprach Bakbuk, »seid unbesorgt: die Zech ist richtig, wenn ihr mit uns zufrieden seid. Hie unten in dieser Erdkernnähe setzen wir nicht das höchste Gut in Nehmen und Empfangen, sondern in Geben und Spenden, und achten uns glücklich, nicht wenn wir von andern nur recht viel entgegennehmen und empfangen, wie wohl vielleicht in eurer Welt die Sekten lehren, sondern wenn wir andern immer viel geben und spenden. Nur um dies eine bitt' ich euch: Laßt uns in dieses Ritualbuch eure Namen und Herkunft schreiben.« Damit schlug sie ein schönes großes Buch auf, worin mit einem güldenen Griffel ihrer Mystagogen eine, der wir diktierten, etliche Züge machte, als wenn sie schrieb; uns aber blieb die Schrift verborgen. Als dies vollbracht war, füllte sie uns von dem phantastischen Brunnenwasser drei Schläuch voll, übergab sie uns und sprach: »So ziehet hin, ihr Freunde, unterm Schutz jener geistlichen Sphäre, deren Zentrum aller Orten, deren Umkreis aber nirgend ist, die wir GOTT nennen; und wenn ihr in eure Welt zurückkommt, zeuget, daß unter der Erd die großen Schätze und Wunderdinge verborgen sind; und nicht mit Unrecht Ceres, die so weit und breit verehrte Göttin, weil sie den Sterblichen die Kunst des Ackerbaus gelehret und gewiesen und sie durch Erfindung des Getreides der viehischen Eicheln entwöhnt hat, nicht ohne Grund ob der Entführung ihrer Tochter in unsre Tiefen so untröstlich gewehklagt hat, weil sie gewiß zum voraus sah, daß ihrer Tochter unter der Erden weit edlere Schätz und Güter harrten, als sie, die Mutter, droben je hervorgebracht. Wo ist die Kunst hin, den Blitz und das ätherische Feuer aus den Wolken herniederzuziehn, wie sie der weise Prometheus erfunden? Traun, die ist euch abhanden kommen, von euerm Erdenrund entflohn; wohl aber im Gebrauch hier unter der Erde, und oftmals zittert ihr mit Unrecht, wenn ihr Städte seht im Blitz und himmlischen Feuer lodern und aufgehn, und nicht wißt, durch wen, von wannen und noch wohin dies fährt, das euch ein so erschreckliches Wetter in euern Augen zu sein bedünkt, uns aber ganz wohl vertraut und heilsam ist. Auch eure Weisen, die stets klagen, daß alles von den Alten schon beschrieben worden, ihnen nichts mehr zu erfinden übrig sei, sie haben offenbares Unrecht; denn was am Himmel euch erscheint und ihr Phänomene heißet, was die Erde euch zeugt, was Meer und alle Flüsse enthalten, es kommt nicht in Vergleich mit dem, was in der Erde verborgen ist. Deshalb führt der Fürst der Unterwelt sehr passend fast in allen Sprachen seinen Namen vom Reichtum. Sie aber, wenn sie sich redlich treuer Forschung durch Anrufung des höchsten Gottes befleißen, werden von ihm Erkenntnis seiner selbst, wie seiner Geschöpf erhalten, nicht minder eine gute Latern zur Führerin; denn alle Weisen und Philosophen des Altertums haben zu sicherm und fröhlichem Fortgang auf dem Weg der Gotteserkenntnis und der Jagd nach Weisheit zweierlei für nötig erachtet: Gottes Führung und der Menschen Gesellschaft. So nahm unter den Weisen Zoroaster den Arimaspes zum Reisgefährten; so habt nun auch ihr getan, indem ihr euch eure erlauchte Frau Latern zur Führung mitnahmt. Gehet mit Gott, der euer Geleitsmann sei!« ENDE