Leopold von Ranke Über die Epochen der neueren Geschichte 1854 Erster Vortrag Einleitung Zum Behufe der gegenwärtigen Vorträge ist es vor allem nötig, sich über zweierlei zu verständigen: erstens über den Ausgangspunkt, den man dabei zu nehmen haben wird; zweitens über die Hauptbegriffe. Was den Ausgangspunkt betrifft, so würde es uns für den vorliegenden Zweck viel zu weit führen, wenn wir uns mit der Anschauung in ganz entfernte Zeiten, in ganz abgelegene Zustände versetzen wollten, welche zwar immer noch einen Einfluß auf die Gegenwart ausüben, aber nur einen indirekten. Wir werden also, um uns nicht ins rein Historische zu verlieren, von der römischen Zeit ausgehen, in welcher eine Kombination der verschiedensten Momente zu finden ist. Hiernächst haben wir uns zu verständigen: erstens über den Begriff des Fortschritts im allgemeinen; zweitens über das, was man im Zusammenhang damit unter »leitenden Ideen« zu verstehen habe. I. Wie der Begriff »Fortschritt« in der Geschichte aufzufassen sei Wollte man mit manchem Philosophen annehmen, daß die ganze Menschheit sich von einem gegebenen Urzustande zu einem positiven Ziel fortentwickelte, so könnte man sich dieses auf zweierlei Weise vorstellen: entweder, daß ein allgemein leitender Wille die Entwicklung des Menschengeschlechts von einem Punkt nach dem anderen forderte, – oder, daß in der Menschheit gleichsam ein Zug der geistigen Natur liege, welcher die Dinge mit Notwendigkeit nach einem bestimmten Ziele hintreibt. – Ich möchte diese beiden Ansichten weder für philosophisch haltbar, noch für historisch nachweisbar halten. Philosophisch kann man diesen Gesichtspunkt nicht für annehmbar erklären, weil er im ersten Fall die menschliche Freiheit geradezu aufhebt und die Menschen zu willenlosen Werkzeugen stempelt; und weil im andern Fall die Menschen geradezu entweder Gott oder gar nichts sein müßten. Auch historisch aber sind diese Ansichten nicht nachweisbar; denn fürs erste findet sich der größte Teil der Menschheit noch im Urzustande, im Ausgangspunkte selbst; und dann fragt es sich: was ist Fortschritt? Wo ist der Fortschritt der Menschheit zu bemerken? – Es gibt Elemente der großen historischen Entwicklung, die sich in der römischen und germanischen Nation fixiert haben; hier gibt es allerdings eine von Stufe zu Stufe sich entwickelnde geistige Macht. Ja es ist in der ganzen Geschichte eine gleichsam historische Macht des menschlichen Geistes nicht zu verkennen; das ist eine in der Urzeit gegründete Bewegung, die sich mit einer gewissen Stetigkeit fortsetzt. Allein es gibt in der Menschheit überhaupt doch nur ein System von Bevölkerungen, welche an dieser allgemein historischen Bewegung teilnehmen, dagegen andre, die davon ausgeschlossen sind. Wir können aber im allgemeinen auch die in der historischen Bewegung begriffenen Nationalitäten nicht als im stetigen Fortschritt befindlich ansehen. Wenden wir z.B. unser Augenmerk auf Asien, so sehen wir, daß dort die Kultur entsprungen ist, und daß dieser Weltteil mehrere Kulturepochen gehabt hat. Allein dort ist die Bewegung im ganzen eher eine rückgängige gewesen; denn die älteste Epoche der asiatischen Kultur war die blühendste; die zweite und dritte Epoche, in welcher das griechische und römische Element dominierten, war schon nicht mehr so bedeutend, und mit dem Einbrechen der Barbaren – der Mongolen – fand die Kultur in Asien vollends ein Ende. Man hat sich dieser Tatsache gegenüber mit der Hypothese geographischen Fortschreitens helfen wollen; allein ich muß es von vornherein für eine leere Behauptung erklären, wenn man annimmt, wie z. B. Peter der Große, die Kultur mache die Runde um den Erdball; sie sei von Osten gekommen und kehre dahin wieder zurück. Fürs zweite ist hiebei ein andrer Irrtum zu vermeiden, nämlich der, als ob die fortschreitende Entwicklung der Jahrhunderte zu gleicher Zeit alle Zweige des menschlichen Wesens und Könnens umfaßte. Die Geschichte zeigt uns, um beispielsweise nur ein Moment hervorzuheben, daß in der neueren Zeit die Kunst im 15. und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts am meisten geblüht hat; dagegen ist sie am Ende des 17. und in den ersten drei Vierteilen des 18. Jahrhunderts am meisten heruntergekommen. Geradeso verhält es sich mit der Poesie: auch hier sind es nur Momente, wo diese Kunst wirklich hervortritt; es zeigt sich jedoch nicht, daß sich dieselbe im Laufe der Jahrhunderte zu einer höheren Potenz steigert. Wenn wir somit ein geographisches Entwicklungsgesetz ausschließen, wenn wir andrerseits annehmen müssen, wie uns die Geschichte lehrt, daß Völker zugrunde gehen können, bei denen die begonnene Entwicklung nicht stetig alles umfaßt, so werden wir besser erkennen, worin die fortdauernde Bewegung der Menschheit wirklich besteht. Sie beruht darauf, daß die großen geistigen Tendenzen, welche die Menschheit beherrschen, sich bald auseinander erheben, bald aneinander reihen. In diesen Tendenzen ist aber immer eine bestimmte partikuläre Richtung, welche vorwiegt und bewirkt, daß die übrigen zurücktreten. So war z. B. in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das religiöse Element so überwiegend, daß das literarische vor demselben zurücktrat. Im 18. Jahrhundert hingegen gewann das Utilisierungsbestreben Das Bestreben, die wirtschaftlichen und technischen Kräfte eines Landes stärker auszunutzen, die industrielle Erzeugung zu fördern und zu regeln. Der Absolutismus sah hier eine Aufgabe des Staates (Merkantilsystem). ein solches Terrain, daß vor diesem die Kunst und die ihr verwandten Tätigkeiten weichen mußten. In jeder Epoche der Menschheit äußert sich also eine bestimmte große Tendenz, und der Fortschritt beruht darauf, daß eine gewisse Bewegung des menschlichen Geistes in jeder Periode sich darstellt, welche bald die eine, bald die andere Tendenz hervorhebt und in derselben sich eigentümlich manifestiert. Wollte man aber im Widerspruch mit der hier geäußerten Ansicht annehmen, dieser Fortschritt bestehe darin, daß in jeder Epoche das Leben der Menschheit sich höher potenziert, daß also jede Generation die vorhergehende vollkommen übertreffe, mithin die letzte allemal die bevorzugte, die vorhergehenden aber nur die Träger der nachfolgenden wären, so würde das eine Ungerechtigkeit der Gottheit sein. Eine solche gleichsam mediatisierte Nur als Zwischenstufe geltend, ohne Eigenwert. Generation würde an und für sich eine Bedeutung nicht haben; sie würde nur insofern etwas bedeuten, als sie die Stufe der nachfolgenden Generation wäre, und würde nicht in unmittelbarem Bezug zum Göttlichen stehen. Ich aber behaupte: jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem eignen Selbst. Dadurch bekommt die Betrachtung der Historie, und zwar des individuellen Lebens in der Historie einen ganz eigentümlichen Reiz, indem nun jede Epoche als etwas für sich Gültiges angesehen werden muß und der Betrachtung höchst würdig erscheint. Der Historiker hat also ein Hauptaugenmerk erstens darauf zu richten, wie die Menschen in einer bestimmten Periode gedacht und gelebt haben; dann findet er, daß, abgesehen von gewissen unwandelbaren ewigen Hauptideen, z.B. den moralischen, jede Epoche ihre besondere Tendenz und ihr eigenes Ideal hat. Wenn nun aber auch jede Epoche an und für sich ihre Berechtigung und ihren Wert hat, so darf doch nicht übersehen werden, was aus ihr hervorging. Der Historiker hat also fürs zweite auch den Unterschied zwischen den einzelnen Epochen wahrzunehmen, um die innere Notwendigkeit der Aufeinanderfolge zu betrachten. Ein gewisser Fortschritt ist hiebei nicht zu verkennen; aber ich möchte nicht behaupten, daß sich derselbe in einer geraden Linie bewegt; sondern mehr wie ein Strom, der sich auf seine eigne Weise den Weg bahnt. Die Gottheit – wenn ich diese Bemerkung wagen darf denke ich mir so, daß sie, da ja keine Zeit vor ihr liegt, die ganze historische Menschheit in ihrer Gesamtheit überschaut und überall gleichwert findet. Die Idee von der Erziehung des Menschengeschlechts hat allerdings etwas Wahres an sich; aber vor Gott erscheinen alle Generationen der Menschheit gleichberechtigt, und so muß auch der Historiker die Sache ansehen. Ein unbedingter Fortschritt, eine höchst entschiedene Steigerung ist anzunehmen, soweit wir die Geschichte verfolgen können, im Bereiche der materiellen Interessen, in welchen auch ohne eine ganz ungeheure Umwälzung ein Rückschritt kaum wird stattfinden können; in moralischer Hinsicht aber läßt sich der Fortschritt nicht verfolgen. Die moralischen Ideen können freilich extensiv fortschreiten; und so kann man auch in geistiger Hinsicht behaupten, daß z.B. die großen Werke, welche die Kunst und Literatur hervorgebracht, heutzutage von einer größeren Menge genossen werden, als früher; aber es wäre lächerlich, ein größerer Epiker sein zu wollen, als Homer, oder ein größerer Tragiker, als Sophokles. 2. Was von den sogenannten leitenden Ideen in der Geschichte zu halten sei Die Philosophen, namentlich aber die Hegelsche Schule hat hierüber gewisse Ideen aufgestellt, wonach die Geschichte der Menschheit wie ein logischer Prozeß in Satz, Gegensatz, Vermittlung, in Positivem und Negativem sich abspinne. In der Scholastik aber geht das Leben unter, und so würde auch diese Anschauung von der Geschichte, dieser Prozeß des sich selbst nach verschiedenen logischen Kategorien entwickelnden Geistes auf das zurückführen, was wir oben bereits verwarfen. Nach dieser Ansicht würde bloß die Idee ein selbständiges Leben haben; alle Menschen aber wären bloße Schatten oder Schemen, welche sich mit der Idee erfüllten. Der Lehre, wonach der Weltgeist die Dinge gleichsam durch Betrug hervorbringt und sich der menschlichen Leidenschaften bedient, um seine Zwecke zu erreichen, liegt eine höchst unwürdige Vorstellung von Gott und der Menschheit zugrunde; sie kann auch konsequent nur zum Pantheismus führen; die Menschheit ist dann der werdende Gott, der sich durch einen geistigen Prozeß, der in seiner Natur liegt, selbst gebiert. Ich kann also unter leitenden Ideen nichts andres verstehen, als daß sie die herrschenden Tendenzen in jedem Jahrhundert sind. Diese Tendenzen können indessen nur beschrieben, nicht aber in letzter Instanz in einem Begriff summiert werden; sonst würden wir auf das oben Verworfene neuerdings zurückkommen. Der Historiker hat nun die großen Tendenzen der Jahrhunderte auseinanderzunehmen und die große Geschichte der Menschheit aufzurollen, welche eben der Komplex dieser verschiedenen Tendenzen ist. Vom Standpunkt der göttlichen Idee kann ich mir die Sache nicht anders denken, als daß die Menschheit eine unendliche Mannigfaltigkeit von Entwicklungen in sich birgt, welche nach und nach zum Vorschein kommen, und zwar nach Gesetzen, die uns unbekannt sind, geheimnisvoller und größer, als man denkt. Gespräch König Max: Sie haben oben vom moralischen Fortschritt gesprochen; haben Sie dabei auch den inneren Fortschritt des einzelnen im Auge gehabt? Ranke: Nein, sondern nur den Fortschritt des menschlichen Geschlechts; das Individuum hingegen muß sich immer zu einer höheren moralischen Stufe erheben. König Max: Da aber die Menschheit aus Individuen zusammengesetzt ist, so fragt es sich, ob, wenn das Individuum zu einer höheren moralischen Stufe sich erhebt, dieser Fortschritt nicht auch die ganze Menschheit umfassen wird. Ranke: Das Individuum stirbt; es hat ein endliches Dasein; die Menschheit dagegen ein unendliches. In materiellen Dingen nehme ich einen Fortschritt an, weil hier eins aus dem andern hervorgeht; anders in moralischer Beziehung. Ich glaube, daß in jeder Generation die wirkliche moralische Größe der in jeder andern gleich ist, und daß es in der moralischen Größe gar keine höhere Potenz gibt; wie wir denn z. B. die moralische Größe der alten Welt gar nicht übertreffen können. Es kommt in der geistigen Welt sogar häufig vor, daß die intensive Größe zu der extensiven in umgekehrtem Verhältnis steht; man vergleiche unsre heutige Literatur mit der klassischen. König Max: Sollte man aber nicht doch annehmen dürfen, daß die Vorsehung, unbeschadet der freien Selbstbestimmung des einzelnen, der Menschheit im ganzen ein gewisses Ziel gesteckt hat, auf welches dieselbe, wenn auch nicht gewaltsam, hingeleitet wird? Ranke: Dies ist eine kosmopolitische Hypothese, die man aber nicht historisch nachweisen kann. Wir haben hiefür zwar den Ausspruch der Heiligen Schrift, wonach einst nur ein Hirt und eine Herde sein wird; aber bis jetzt hat sich dieses noch nicht als der herrschende Gang der Weltgeschichte ausgewiesen. Dafür dient zum Beweise die Geschichte Asiens, welches nach Perioden der größten Blüte wieder in die Barbarei zurückgefallen ist. König Max: Ist nicht aber doch jetzt eine größere Anzahl von Individuen zu einer höheren moralischen Entwicklung gediehen, als früher? Ranke: Ich gebe das zu, aber nicht prinzipgemäß; denn die Geschichte lehrt uns, daß manche Völker gar nicht kulturfähig sind, und daß oft frühere Epochen viel moralischer waren, als spätere. Frankreich in der Mitte des 17. Jahrhunderts z. B. war viel moralischer und gebildeter, als zu Ende des 18. Jahrhunderts. Wie gesagt, eine größere Expansion der moralischen Ideen läßt sich behaupten, aber nur in bestimmten Kreisen. Vom allgemein menschlichen Standpunkt aus ist es mir wahrscheinlich, daß die Idee der Menschheit, die historisch nur in den großen Nationen repräsentiert ist, allmählich die ganze Menschheit umfassen sollte, und dies wäre dann der innere moralische Fortschritt. Die Historie opponiert sich dieser Anschauung nicht, weist sie aber nicht nach. Insbesondere müssen wir uns hüten, diese Anschauung zum Prinzip der Geschichte zu machen. Unsere Aufgabe ist, uns bloß an das Objekt zu halten. Zweiter Vortrag Der Begriff des Fortschrittes, mit dem sich unsre einleitende Betrachtung vornehmlich beschäftigte, ist, wie wir sahen, nicht anwendbar auf verschiedene Dinge. Er ist nicht anwendbar auf die Verbindung der Jahrhunderte im allgemeinen; d. h. man wird nicht sagen dürfen, daß ein Jahrhundert dem andern dienstbar sei. Ferner wird dieser Begriff nicht anwendbar sein auf die Produktionen des Genius in Kunst, Poesie, Wissenschaft und Staat; denn diese alle haben einen unmittelbaren Bezug zum Göttlichen; sie beruhen zwar auf der Zeit, aber das eigentlich Produktive ist unabhängig von dem Vorhergängigen und dem Nachfolgenden. So z. B. ist Thucydides, der die Geschichtschreibung eigentlich produziert hat, in seiner Weise unübertrefflich geblieben. Ebensowenig würde ein Fortschritt anzunehmen sein in dem individuell moralischen oder religiösen Dasein, denn dieses hat auch eine unmittelbare Beziehung zur Gottheit. Nur das könnte man zugeben, daß die früheren Begriffe der Moral unvollkommen waren; aber seitdem das Christentum und mit ihm die wahre Moralität und Religion erschienen ist, konnte hierin kein Fortschritt mehr stattfinden. Auch das ist richtig, daß z. B. unter den Griechen gewisse nationale Vorstellungen herrschten, wie über das Erlaubtsein der Rache, die durch das Christentum geläutert wurden; aber das Essentielle des Christentums ist darum nicht durch frühere unvollkommene Zustände vorbereitet worden, sondern das Christentum ist eine plötzliche göttliche Erscheinung; wie denn überhaupt die großen Produktionen des Genies den Charakter des unmittelbar Erleuchteten an sich tragen. Es kann nach Plato kein Plato mehr kommen; und so wenig ich die Verdienste Schellings um die Philosophie verkenne, so glaube ich doch nicht, daß er Plato übertroffen hat. Letzterer war in Sprache und Diktion, überhaupt in seiner poetischen Erscheinung unübertrefflich, wobei, was den Inhalt betrifft, nicht geleugnet werden kann, daß Schelling eine größere Masse von Stoff, der ihm von seinen Vorgängern überliefert wurde, zu benutzen wußte. Dagegen ist ein Fortschritt anzunehmen in allem, was sich sowohl auf die Erkenntnis als auf die Beherrschung der Natur bezieht. Die erstere war bei den Alten in der Kindheit, und auch in letzterer Beziehung können sich die Alten nicht mit uns vergleichen. Dies hängt weiter zusammen mit dem, was wir Expansion nennen. Die Expansion der moralischen und religiösen Ideen, überhaupt der Ideen der Menschheit ist in einem unaufhörlichen Fortschritt begriffen, und da, wo einmal ein Mittelpunkt der Kultur besteht, hat dieselbe die Tendenz, sich nach allen Seiten hin auszubreiten; aber nicht so, daß man sagen könnte, der Fortschritt sei an jedem Punkte ohne allen Stillstand. – In den mehr materiellen Beziehungen also, in der Ausbildung und Anwendung der exakten Wissenschaften und ebenso in der Herbeiführung der verschiedenen Nationen und der Individuen zur Idee der Menschheit und der Kultur ist der Fortschritt ein unbedingter. Hingegen fragt es sich bei den einzelnen Geisteswissenschaften, namentlich bei der Philosophie und Politik, ob hierin in der Tat ein Fortschritt stattgefunden hat. In der Philosophie muß ich bekennen, daß mir die älteste Philosophie, wie wir sie bei Plato und Aristoteles ausgebildet finden, genügt. In formeller Hinsicht ist man nie darüber hinausgekommen, und auch in materieller Beziehung kommen neuere Philosophen jetzt wieder auf Aristoteles zurück. Dasselbe ist bei der Politik der Fall: die allgemeinen Grundsätze derselben finden sich schon bei den Alten mit der größten Sicherheit angegeben, so sehr auch die nachfolgenden Zeiten an Erfahrungen und politischen Versuchen reicher geworden sind. Die Politik, in der wir uns jetzt bewegen, beruht natürlich auf den historisch gegebenen Zuständen. Die Fragen von der konstitutionellen und ständigen Monarchie usw. sind Fragen, die auf unserem Standpunkt die vollste Berechtigung haben, die aber doch nur auf den gegebenen Zuständen beruhen; denn niemand wird behaupten können, daß mit der Monarchie in der Idee schon die Stände verknüpft seien. Die späteren Zeiten haben also nur das vor den Alten voraus, daß ihnen eine größere Fülle von Erfahrungen auf dem politischen Gebiete zu Gebote steht. Ebenso ist die Frage von der Souveränität des Volkes oder des Fürsten nicht durch die Wissenschaft zu lösen, sondern sie wird auf historischem Wege durch die Parteigestaltungen ausgemacht. – Was ich von der Politik gesagt habe, gilt auch von der Geschichtschreibung. Niemand kann, wie berührt, die Prätension haben, ein größerer Geschichtschreiber zu sein, als Thucydides, hingegen habe ich selbst die Prätension, etwas andres in der Geschichtschreibung zu leisten, als die Alten; weil unsre Historie voller strömt, als die ihrige, weil wir andre Potenzen in die Historie hereinzuziehen suchen, welche das gesamte Leben der Völker umfassen, mit einem Worte, weil wir die Geschichte zur Einheit zu fassen suchen. – Nachdem wir so einige Hauptbegriffe und den Ausgangspunkt dieser Vorträge festgestellt haben, gehen wir nunmehr zum eigentlichen Gegenstand derselben über. §1 Grundlagen des römischen Reiches; Überblick über die ersten vier Jahrhunderte unserer Ära Am Eingange dieser Betrachtungen haben wir uns vorerst zu vergegenwärtigen, was das römische Reich war in bezug auf seinen intellektuellen Inhalt und Standpunkt. Man kann sagen, daß alle alte Geschichte in die römische sich hinein ergießt, gleichsam in einem Strom, der in einen See mündet, und daß die ganze neuere Geschichte wieder von der römischen ausgeht. Ich wage es zu behaupten, daß die ganze Geschichte nichts wert wäre, wenn die Römer nicht existiert hätten. Die erste Frage, welche Ew. Majestät angeregt haben, ist die, ob die alte Geschichte abgestorben ist, oder inwiefern in der römischen Geschichte alle Elemente wirksam waren, welche die alte Geschichte angeregt hat. Die Lösung dieser Frage ergibt sich daraus, wenn wir erwägen, daß das römische Reich errichtet wurde auf dem ihm vorangegangenen, durch Alexander den Großen und seine Nachfolger gestifteten griechisch-mazedonisch-orientalischen Reiche, welches in sich die bedeutendsten Momente des Orientalismus aufgenommen hatte. Werfen wir hier einen kurzen Rückblick auf die älteste Geschichte, so finden wir im Orient starke religiöse Gegensätze. Wir finden dort die Juden, auf der einen Seite von den Ägyptern, auf der andern Seite von dem assyrischen und dem babylonischen Reiche begrenzt, dessen religiöse Vorstellungen mit denen der Ägypter eine unverkennbare Ähnlichkeit tragen. Inmitten dieser heidnischen Völkerschaften waren die monotheistischen Juden unaufhörlichen Kämpfen und Anfechtungen ausgesetzt. Sie wurden von den Assyrern und Babyloniern in die Gefangenschaft fortgeführt, und für einen Augenblick schien der nationale Monotheismus dem Untergange nahe zu stehen, wenn nicht ein andres Element, welches mit dem jüdischen Verwandtschaft hatte, hilfreich an dasselbe herangekommen wäre. Dieses Element war das persische. Die Perser, deren religiöse Anschauungen reiner und geläuterter waren, als die der assyrischen und semitischen Götzendiener überhaupt, machten es sich zur Aufgabe, das jüdische Element zu restaurieren. Darauf kam aber Alexander der Große, der selbst ein eifriger Götzendiener war und restaurierte wieder den nationalen Götzendienst. Während Kambyses den Apis getötet hatte, erklärte Alexander sich für einen Sohn des Jupiter Ammon und akzeptierte den orientalischen Mythus. Die beiden Momente, nämlich die reinere Religion an der die Perser einen gewissen Anteil hatten, und welche bei den Juden als Monotheismus erschien, wie die Götzendienerschaft der anderen Völker, gingen nun in das römische Reich über, welches das mazedonische, syrische und ägyptische Reich zwar eroberte, im übrigen aber alles dort bestehen ließ, wie es war. Die Römer waren, gleich den Nachfolgern Alexanders, heftige Gegner der Juden, und da geschah nun jenes große Weltereignis, daß aus den Juden die Idee der Weltreligion hervorging. Die Juden hatten nämlich zwar die Idee von der Einheit Gottes – wahrscheinlich die Uridee der Urzeiten – erhalten, aber sie betrachteten Gott mehr als einen Nationalgott. Da erschien Christus, und hat, auf ihre Religion fußend, den allgemeinen Gott gepredigt und von allen Völkerinteressen und Nationalgöttern abstrahiert. Aus dem Judentum ging die Weltreligion hervor, in dem Augenblicke, wo die Römer die Eroberung des Orients vollendet hatten und eine Masse orientalischer Elemente in ihr Reich aufnahmen. In der späteren Kaiserzeit finden sich der Isis-, der Mithras- und sonstiger orientalischer Götzendienst – vermischt mit jüdischen und christlichen Anschauungen – in Rom vor. Der ganze religiöse Kampf, der sich im orientalischen Reiche vollzogen hatte, ging in das römische Reich über, und erst im römischen Reiche hat das Christentum seine Welteroberung gemacht. Wir haben somit gesehen, daß in religiöser Beziehung das Römerreich ein Komplex aller früherer Elemente war. Gehen wir nun auf die politischen Gegensätze über. Die alten Völker des Orients waren religiös entzweit, aber politisch vereint und waren alle Gegner der Griechen. Es hatte sich dort eine ungeheure Monarchie ausgebildet, deren Herrschaft sich nur die entfernten Karthager entziehen konnten, und nun trat diesem Koloß das kleine Häufchen der Griechen entgegen, welche sich dem ungestümen Andrang zu widersetzen wagten. Die Elemente der stetigen Unabhängigkeit und der großen konzentrierten Monarchie gerieten miteinander in einen Konflikt, in welchem weder die Perser die Griechen, noch die Griechen die Perser unterwerfen konnten, so lange nämlich die ersteren republikanisch waren, weil während dieser Epoche die Eifersucht des Volkes jeden stürzte, dem eine größere Unternehmung zu glücken schien. Die Perser wurden nur dadurch dem griechischen Elemente untertan, daß auch in Griechenland die Monarchie aufkam, eine Monarchie, welche das griechische Wesen mit orientalischen Formen repräsentierte. Die Monarchie, die bisher rein orientalisch und barbarisch gewesen war, wurde gräzisiert. Man kann sagen: wenn die Monarchie bloß persisch geblieben wäre, so hätte sie niemals im Okzident populär werden können, und wir hätten dann vielleicht nichts andres gesehen, als ein wunderliches Wesen, ähnlich der Herrschaft der Sassaniden. Allein, wie gesagt, so sehr sich auch die Nachfolger Alexanders als die Nachfolger der Pharaonen und andrer Dynastien betrachteten, so wurde doch die orientalische Monarchie mehr zivilisiert, indem diese Könige nun zugleich als Träger der Kultur auftraten. Man denke z.B. nur an Alexandria, jene große Pflanzschule des griechischen Geistes! Das monarchische Element blieb also in den Gebietsteilen, welche später römisch wurden, sehr lebendig, so sehr, daß ich glaube, daß, wenn Markus Antonius, der nach Ägypten ging und mit der Cleopatra haushielt, gesiegt hätte, er vermöge seiner orientalischen Sympathien die orientalische Monarchie auf den Okzident übertragen haben würde. – Der griechisch-republikanische Geist wurde aber durch diese Vorgänge nicht unterdrückt, sondern erhielt sich fortwährend lebendig und wirkte auf Rom zurück, zu einer Zeit, wo dort nur mehr die Formen der Republik bestanden. Dieser griechisch-republikanische Geist hatte einen um so größeren Einfluß auf Rom, als er das republikanische Prinzip mehr theoretisiert hatte und es in solcher Gestalt fortpflanzte, indem die vornehmen Römer eine vollkommen griechische Erziehung sich aneigneten. Auf diesem griechisch-republikanischen Boden hat Augustus seine Monarchie errichtet, keine Monarchie, wie wir sie uns denken, sondern ein Prinzipal, in dem alle republikanischen Formen stehenblieben. Augustus hätte es nie gewagt, sich König zu nennen, und insofern unterschied sich die Tendenz des Antonius total von der des Augustus. Bei den Griechen war indes außer der Religion und Politik noch ein Moment hervorragend, welches Rom in sich aufnahm, nämlich das der Kunst und Literatur, ein Moment, welches sich schon unter den Nachfolgern Alexanders des Orients zu bemächtigen gesucht hatte. Ein Gedanke, auf den ich hier Wert lege, ist der, daß bei den andern Nationen die bisherigen literarischen Bestrebungen vereinzelt geblieben waren, bei den Griechen aber sich nach und nach eine Erscheinung entwickelte, die man Literatur nennen darf, d.h. ein Umkreis von literarischen Produktionen, welche die Tendenz hatten, alles Wissenswürdige in sich aufzunehmen. Dieses alles ging in das römische Reich über. Freilich kann man sagen: wenn das römische Reich einen andern Charakter gehabt hätte, der dem griechischen nicht analog gewesen wäre, so würde es sich nicht auf diese Weise haben entwickeln können. Dadurch aber, daß die republikanische Form in Rom die Oberhand behielt, blieb die Analogie zwischen den beiden Volksgeistern fort und fort aufrecht. Die Schriftsteller unter Augustus brauchten sich bloß an Griechenland anzuschließen, was, wenn Antonius die Oberherrschaft errungen hätte, nicht der Fall gewesen wäre. So aber trat die ganze orientalische, jüdisch-semitisch-griechische Welt in allen Produktionen in das römische Reich ein und kam mit demselben in einen unbedingten Zusammenhang. – In dem ersten Jahrhundert unsrer Ära hingegen trat Rom in Zusammenhang mit dem Okzident. Dieses erste Jahrhundert, das man gewöhnlich so mißachtet, war ein Jahrhundert voll von Geist und Leben. Hier aber müssen wir in unsern Betrachtungen einen Augenblick zurückgehen in die frühere Geschichte des Westens. Diese Geschichte beruht darauf, daß in früheren Zeiten die keltischen Völkerschaften in Gallien und Spanien die Oberhand hatten, in ersteren zum Teil in Verbindung mit den Germanen. Gallier waren bis nach Rom vorgedrungen; ein Brennus hatte Rom, ein andrer Delphi genommen; sie hatten ein kleines Reich in der Nähe von Byzanz gegründet; sie waren nach Syrien hinübergegangen und wollten einen Augenblick sogar Ägypten erobern. Kurz, die Gallier waren eine Zeitlang das mächtigste Volk, und ein Teil der römischen Geschichte beschäftigt sich damit, die Hinaustreibung der Gallier aus Italien zu beschreiben. Da kam Cäsar und vollzog die große Eroberung Galliens; eines der wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte, denn auf Gallien beruht die ganze nachmalige Konfiguration des Okzidents. Ich sage in meiner Französischen Geschichte: das sind die großen Eroberer, welche zu gleicher Zeit auch die Kultur verbreiten, und dadurch zeichnete sich auch Cäsar aus! Er eroberte Gallien nicht allein, um es zu haben, sondern romanisierte und kultivierte es zugleich. Nun kann man zwar die Zwischenfrage einwerfen, ob es nicht möglich gewesen wäre, daß die Kelten sich selbst kultiviert hätten. Ich glaube kaum, diese Frage mit Ja beantworten zu können; denn sie waren von karthagischen und andern zivilisierenden Einflüssen umgeben, und doch brachen sie stets als Räuber in Italien und Asien ein und setzten sich fortwährend der Kultur entgegen, und erst durch ihre Besiegung bekam die Kulturwelt in Italien in Griechenland und im Orient Ruhe vor diesen Barbaren. Nachdem Cäsar auch nach Britannien übergesetzt hatte, so erschien später Augustus und erwarb sich durch seine Eroberungen immense Verdienste um den Okzident; denn er ist es, der Spanien vollends den Römern unterwarf, Gallien von Lyon aus nach allen Richtungen hin kolonisierte und seine Kulturbestrebungen bis an den Rhein ausdehnte. Mit einem Worte: was Cäsar verrichtete, war unübertrefflich im Kriege; was aber Augustus vollführte, war noch stabiler; er vollendete die Romanisierung Galliens, und die Kelten mußten anfangen, alle lateinisch zu sprechen. Eine der größten Taten des Augustus war aber die, daß er, mit Hilfe des Drusus und Tiberius, die Alpen öffnete. Solange die barbarischen Bevölkerungen der Alpentäler sich wie ein Querbalken zwischen die Kulturwelt – Italien usw. – und den übrigen Okzident legten, war eine Verbreitung der Zivilisation in Mitteleuropa nicht denkbar. Nun aber, nachdem die Alpen eröffnet waren, fingen die Römer an, auf der einen Seite bis nach Pannonien vorzudringen – so Tiberius –, auf der andern Seite rückten sie in Deutschland bis an das Innerste von Westfalen vor. Hier wurden sie zwar geschlagen; aber demungeachtet wurde das ganze Gebiet längs des Rheines und südlich der Donau romanisiert: Köln und Augsburg waren römische Städte. Was Cäsar in einer andern Richtung begonnen hatte, vollendete Claudius, der als einer der dümmsten Menschen verschrien ist, nämlich die Eroberung Britanniens. Diese Ländererwerbungen zogen sich fort bis in das 2. Jahrhundert, in welchem Trajan nach Besetzung Daziens und Moesiens das Gebiet der Rumänen oder Walachen vorbereitete. Die Herrschaft der Römer erstreckte sich über das Schwarze Meer bis an den Euphrat und fand ihre westliche Grenze im Atlantischen Ozean. Das Hauptereignis des ersten Jahrhunderts unsrer Zeitrechnung war also, daß die in Rom aufgenommene orientalisch-griechische Kultur, die sich mit der lateinischen vereinigt hatte, nunmehr in den Okzident strömte, daß also alles in diesem ersten Jahrhundert eroberte Land Kulturgebiet wurde. Es ist ein Glück, daß diese Eroberungen ihre Grenze in Deutschland fanden, aber ohne die römischen Eroberungen würden wir nichts von Kultur wissen, und innerhalb dieser Grenzen war ihre Erscheinung das größte Weltereignis, welches je vor sich gegangen ist. Diese ungeheure Einheit löste sich zwar wieder auf in zwei Hälften, in eine griechische und eine lateinische; der Westen redete lateinisch, Das lateinische Idiom wanderte nach Gallien und Spanien, und ersteres nahm sich sogleich der römischen Beredsamkeit eifrigst an. Das argute loqui , das Witzigreden war schon damals eine Hauptsache bei den Galliern, und im 3. und 4. Jahrhundert ging man zu ihnen, um die römische Beredsamkeit zu üben. der Osten griechisch; aber das Ganze bildete doch eine Einheit. Dritter Vortrag Es fragt sich nunmehr, was, nachdem das Reich der Römer in den ersten Jahrhunderten gegründet worden war, auf diesem von ihnen eingenommenen unermeßlichen Schauplatz zustande kam. Dies kann der Natur der Sache nach nicht mehr etwas nach außen hin, sondern nach innen Gehendes gewesen sein, da es nicht möglich ist, daß ein Reich sich unaufhörlich nach außen entwickle. Auch Rom fand also seine Grenze, und es trifft in gewisser Hinsicht mit der welthistorischen Tendenz, die man freilich erst hinterher erkennen kann, zusammen, daß die erobernde Kraft sich bloß nach dem Okzident ergoß. Wenn man sich wundert, daß die Römer nicht auch, wie Alexander der Große, nach Arabien und Indien gingen, sondern alle ihre Kräfte darauf verwendeten, Spanien, Gallien, Germanien, Dacien zu zivilisieren, so liegt der welthistorische Grund dieser Erscheinung darin, daß die zivilisierende Tendenz im Osten schon durchgeführt war, und der welthistorische Beruf Roms nur der war, von der Mitte der Welt aus, welche Rom eingenommen hatte, den Okzident zu zivilisieren. Dazu brauchten die Römer aber nichts weiter, als die bereits eroberten Elemente; die übrigen konnten sie ausschließen. Die Produktionen, welche Rom zum Vorschein brachte, sind folgende: erstens eine allgemeine Weltliteratur – zweitens die Ausbildung des römischen Rechts zu einem allgemeinen Rechte – drittens die Bildung der monarchischen Verfassung und damit im Zusammenhang die Bildung einer durchgreifenden Verwaltung – viertens die Erhöhung der christlichen Kirche zur Herrschaft. 1. Gründung einer allgemeinen Weltliteratur Das ganze römische Wesen hatte zwar einen griechischredenden und einen lateinischredenden Teil, die beiden vorausgehenden Literaturen aber hatten, obwohl die eine im Orient herrschte und die andre im Okzident herrschend wurde, doch gewissermaßen ein Hauptziel. Dieses sieht man unter anderm in der Historie mit der größten Bestimmtheit: sobald die Römer zur Weltherrschaft gelangten, hatten die Griechen keine höhere Idee, als das römische Gemeinwesen zu erfassen und zu beschreiben – Polybius, Dionys von Halicarnassus! – Diese Tendenz setzte sich auch in den folgenden Jahrhunderten fort, wie denn der Hauptgeschichtschreiber der Kaiserzeit, Dio Cassius, ein Grieche war. Die Römer haben zwar in ihrem Tacitus einen der größten Geschichtschreiber, welche je gelebt haben, aufzuweisen; allein dieser ergreift mehr die moralische Seite der Weltgeschichte und beschreibt die Inkonvenienzen, die durch das Prinzipal im römischen Staate hervortraten; aber das Universalhistorische in der Geschichte wurde mehr von den Griechen, als von den Römern erfaßt – so von Appian, von Plutarch, der die Römer als Persönlichkeiten zu begreifen suchte, indem es ihm darauf ankam, sie durch Vergleichung mit den Helden einer andern Nation zu welthistorischer Bedeutung und Würde zu erheben. Es bildete sich also jene sonderbare Erscheinung einer Doppelliteratur, jene Literatur in zwei Sprachen, welche, obwohl beiderseits mit einer besondern Tendenz, doch in der Idee ganz identisch ist. Hienach fragt es sich: welches war der Erfolg dieser Literatur? Um die Frage zu beantworten, werfe ich einen kurzen Rückblick auf die klassische griechische Literatur. Die Produkte dieser Zeit entstanden wie Naturprodukte, jedes in eigentümlicher Weise auf eigentümlichem Boden; jeder Autor schrieb in seinem Dialekte, und die klassische Literatur von Athen z.B. ist in den Epochen des prägnantesten, ich möchte sagen, schroffsten Geistes entstanden. Diese Art von literarischer Produktion konnte nun später nicht mehr stattfinden. Die Dialekte schliffen sich ab, und anstatt des attischen kam der allgemeine Dialekt auf; es konnten jetzt auch Schriftsteller von der Größe, wie in der früheren Zeit nicht mehr entstehen. Die nunmehrigen Autoren der Griechen teilen nur das allgemein Wissenswerte mit, und ihnen gesellten sich die Römer bei. Da keine Reibung der Parteien mehr stattfand, so hörten selbstverständlich auch die großen Redner auf, und man schrieb Briefe, wie Plinius und andere. Mit einem Wort: es wurde eine allgemeine Literatur gegründet, welche alle Zweige des Wissens umfassend, sich in beiden Sprachen bewegte, in der griechischen mit mehr Glück, in der lateinischen mit mehr Applikation. 2. Juristische Entwicklung Hier muß man davon ausgehen, daß der eigentlich wissenschaftliche Genius der Römer juridischer Natur war. In keinem Zweige sind sie so originell gewesen, wie im bürgerlichen Rechte. Die anderen Nationen haben zwar hierin auch einiges geleistet, aber die Römer haben von Ursprung ihres Staates an die Begriffe des Rechts so scharf erfaßt und mit so großer Konsequenz ausgebildet, wie kein anderes Volk. Ursprünglich wurde das Recht nur übertragen von einem Lehrer auf den andern, sowie als gültiges Recht auf dem Forum. Das römische Recht erhielt aber darum eine so bedeutende Ausbildung, nachdem das römische Reich mächtig geworden war, weil da den großen Juristen, die in den Juristenschulen von den Kaisern herangezogen wurden, in ihren Aussprüchen Gesetzeskraft beigelegt wurde, so daß Theorie und Praxis sich niemals enger vereinigten, als während der römischen Kaiserzeit. Darum finden wir in einer Epoche, die sonst in andern Literaturzweigen wenig fruchtbar war, jene Reihe der größten Juristen, aus deren Aussprüchen im 6. Jahrhundert die Pandekten und Institutionen zusammengesetzt wurden, wie Gajus, Ulpian, Papinian Unter Kaiser Justninia (527-565) entstanden folgende, später als corpus iuris civilis zusammengefaßte Rechtsbücher: I. Der codex Jusitinianeus, der Gesetze und Verordnungen (Konstitutionen) der früheren römischen Kaiser enthielt, 2. eine Sammlung von Aussprüchen, Erklärungen und Entscheidungen früherer Rechtsgelehrter (Pandekten, Digesten genannt), 3. ein wissenschaftliches Lehrbuch des Rechts (Institutionen). Gajus (110 bis 182) war der Verfasser eines berühmten Lehrbuchs des Rechts, Ulpian (gestorben 228) und Papinian (gestorben 212) Rechtsgelehrte, deren Arbeit für die Zusammenfassung des römischen Rechtes von Bedeutung war. usw. Das erste Moment bei der Entwicklung des Rechts war das, daß Männer von juridischem Genius die ursprünglich römischen Rechtsideen ausbildeten; das zweite, daß die regelmäßig ausgebildeten Rechtsideen durch die Kaiser Gesetzeskraft erhielten, wodurch dieses Recht, wie es die Konstitutionen enthielten, zugleich einen wissenschaftlichen Inhalt bekam. Das dritte, für die Menschheit höchst wichtige Moment war, daß das römische Recht infolge seiner wissenschaftlichen Entwicklung das Partikuläre, was ihm noch anklebte, abstreifte und eine hohe allgemeine Bedeutung dadurch gewann. Auf diese Weise entstand nun das ius gentium Das ius gentium ist dasjenige römische Recht, das allmählich zu dem allgemeinen, für alle Glieder des römischen Reichs geltenden Recht wurde. in diesem Sinne, nämlich als das römische Recht, welches applikabel gemacht worden war. Ew. Majestät sehen hieraus, welche Wichtigkeit es hat, daß ein richtig entwickeltes Recht von Partikularitäten freigemacht werde, welche dessen Anwendung auf andre Nationen stören, wie es bei dem römischen Rechte der Fall gewesen war. Man kann behaupten, daß das römische Recht die größte Produktion des römischen Reiches überhaupt war. 3. Gründung der monarchischen Verfassung und einer durchgreifenden Verwaltung In dem Kampfe zwischen Augustus und Antonius, der vielleicht ein Kampf zwischen dem okzidentalen und orientalen Prinzip war, blieb zwar Augustus Sieger und kumulierte darauf die wichtigsten republikanischen Würden in seiner Person; allein er hätte niemals daran denken können, sich König zu nennen, und erfand den Titel Augustus, das ist: der Verehrungswürdige. Mit einem Wort: es kam eine Differenz zutage zwischen der Persönlichkeit des Fürsten und den republikanischen Bestrebungen, die eigentlich noch immer konstitutionell waren. Daher rührte es auch, daß viele Kaiser, abgesehen von ihrer unwürdigen Persönlichkeit, in eine schiefe Stellung gerieten und eine so wunderliche Rolle spielten; denn wiewohl sie eine unumschränkte Gewalt in Anspruch nahmen, so erschienen sie in den Augen der alten Geschlechter und insbesondere der Senatoren immerhin nur als große Oberhäupter, welche in dem Bürgerkriege faktisch die Oberhand erhalten hatten. Der erste, der eine gewisse Festigkeit in den Prinzipal Das ältere römische Kaisertum wird Prinzipat genannt, weil Augustus 27 v. Chr. die höchste Gewalt als princeps (civium – Führer der Bürger) übernommen hatte. Die republikanischen Formen blieben bis Diokletian (284-305) bestehen. brachte, war Vespasian, aus der Familie der Flavier. Als dieser gesiegt hatte, ließ er sich von dem Senate in der berühmten lex regia , gewisse Rechte dekretieren, namentlich das, für sich allein Verordnungen mit Gesetzeskraft erlassen zu dürfen, ohne die Mitwirkung des Senats. Dessenungeachtet traten später wieder die alten Reibungen und Gewalttätigkeiten hervor. Der Senat gelangte wieder zur Herrschaft und ernannte den Nerva zum Kaiser, wie denn auch die nachfolgenden Kaiser durch Adoption von dem regierenden ernannt und unter Zustimmung des Senats eingesetzt wurden, so die Antonine. Im 3. Jahrhundert hingegen brach jene Epoche der gräßlichsten Verwirrung über das Reich herein, welche man auch die Zeit der dreißig Tyrannen nennt, und während welcher bereits die Barbaren mit Macht in das römische Reich eindrangen. In dieser Zeit der Bedrängnis, da einerseits die Grenzen des Reiches eines mächtigen Schutzes bedurften, andrerseits jede Armee denjenigen, der an ihrer Spitze stand, als Kaiser durchzusetzen suchte, erfand Diocletian einen Ausweg, um sowohl den Trotz der Armeen zu brechen, als auch dem Bedürfnis einer kräftigen Verteidigung des Staats zu genügen. Er aggregierte einige Männer als Augusti oder als Cäsares, welche bei ungeteilter Gewalt mit ihm zugleich die Regierung führten, so daß der eine da, der andre dort die höchste Autorität repräsentierte, die in ihm als oberstem Kaiser konzentriert blieb. Aus dieser Kombination ging Konstantin hervor, welcher im 4. Jahrhundert die Alleinherrschaft auf Grund der Diocletianischen Institutionen vollständig durchführte, was ihm übrigens ebensowenig wie andern Generälen der Kaiserzeit gelungen wäre, wenn er nicht die Reform der Verfassungszustände in die Hand genommen und sich nicht alsogleich mit dem Christentum in Verbindung gesetzt hätte. Vor allem galt es, das Übergewicht der Armeen vollständig zu bewältigen und den Umtrieben der aristokratischen Parteien ein Ziel zu setzen. Das wichtigste, was Konstantin zu diesem Zwecke einführte, war die Trennung der Zivil- und Militärgewalt, deren Vereinigung in einer Hand bisher den Provinzialbeamten eine so unermeßliche Macht beigelegt hatte. Dadurch wurde die ganze Population in den Städten ruhiger, und die Aristokratie bewegte sich mehr in lokalen, und darum weniger gefährlichen Parteiungen. Ferner teilte Konstantin das ganze Reich in Diözesen und die Diözesen in Provinzen und führte eine förmliche Hierarchie der Titel und Würden ein, von denen manche noch bis auf den heutigen Tag bestehen; der Corregidor in Spanien ist z.B. der alte Corrector provinciae . Der Statthalter der Provinz. – Eine andere Bezeichnung für die Provinzstatthalter war praesides provinciarum – Defensores sind Anwälte, die für die einzelnen Korporationen eingesetzt wurden und ihre Angehörigen gegen die Willkür der Bürokratie schützen sollten. Sie übten zugleich eine Reihe Verwaltungsrechte aus (Beurkundungen, Steuererhebungen u.ä.). In diesen Verwaltungssprengeln richtete Konstantin eine absolute Verwaltung ein, in welche er, nur um die Population nicht geradezu den Übergriffen der Praesides provinciarium preiszugeben, das Institut der Defensores einreihte, Anklänge an frühere provinzialische Institutionen, die zu keiner Zeit ganz verschwunden waren. Zu diesen Zentralisationsbestrebungen gesellten sich noch andre Reformen, z.B. die Heranziehung des bisher exemten Italiens zu dem ingens malum tributorum , Das bisher von der »Steueraufbringung« »ausgenommene« Italien wird jetzt dazu verpflichtet. Nur in der Stadt Rom blieb die Steuerfreiheit bestehen. die Aufhebung des Unterschiedes zwischen den Civitates; Landesteile. die Ausdehnung des römischen Bürgerrechts auf sämtliche Provinzen schon durch Caracalla usw. Auf diese Weise wurde das römische Reich zu einer noch nicht dagewesenen großen Einheit verbunden, deren Bedeutung dann erst recht hervortritt, wenn man sie mit der Masse der unabhängigen Nationalitäten vergleicht, welche früher bestanden hatten. Also auch hier begegnet man in großartiger Weise, wie bei der Literatur und dem Rechte, der Erscheinung, daß aus dem Partikulären sich allmählich etwas Allgemeines entwickelt. An der Spitze dieser Einheit stand der Prinzeps, Siehe die Anm. S.160. dessen Erblichkeit, wenn sie auch nicht geradezu ausgeschlossen war, doch nicht als herkömmlich betrachtet wurde. Fragt man am Schlusse dieser Betrachtung, ob der Orient auf die Bildung der Monarchie Einfluß hatte, so läßt sich zwar nicht verkennen, daß einige Attribute derselben, z.B. das Diadem, von dort herstammen; aber der Kern dieser Institution ging aus der Macht der Verhältnisse und dem Bedürfnisse des Landes hervor. 4. Gründung der Weltreligion Nachdem im ersten Jahrhundert die römische Eroberung vollzogen worden war, im 2. Jahrhundert die Weltliteratur sich entwickelt, im 3. Jahrhundert die Ausbildung des römischen Rechtes und zu Ende des 3. und 4. Jahrhundert die Ausbildung der Monarchie in einigermaßen haltbarer Form stattgefunden hatte, so trat nun auch die Begründung einer Weltreligion als die größte in die Reihe der welthistorischen Produktionen ein. Konstantin basierte seine Würde: erstens auf seinen Sieg und die Waffen, zweitens auf die Reform der Verwaltung, drittens auf die Religion. Die welthistorische Frage ist aber die: worauf beruht es, daß das Christentum im römischen Reich begründet werden konnte, und hat das römische Reich seiner Natur nach etwas hiezu beigetragen? Man kann sagen, daß das römische Reich die Idee des Christentums, weltlich gefaßt, im höchsten Grade gefördert hat. Es mußte zuerst ein großer Völkerkomplex entstanden sein, der eine gewisse Einheit hatte, in welchem die Idee der Weltreligion sich Bahn brechen konnte; solange die Völker nebeneinander als verschiedene Individualitäten mit verschiedenen Religionen bestanden, waren nur nationale Gottheiten möglich. Meine Idee von Kirche und Staat ist die, daß der Staat zuerst vorhanden sein muß, und danach die Kirche erscheint. Der Staat macht die Kirche möglich, und dies zeigt sich bei der Erscheinung der Kirche im römischen Staat im höchsten Grade; ohne denselben wäre die christliche Religion schwerlich auf der Erde eingeführt worden. Gehen wir um einen Schritt weiter, so würde die Einführung des Christentums, wäre nicht die orientalische Welt bereits gräzisiert gewesen, auf die größten Schwierigkeiten gestoßen sein. Hätte nicht eine allgemeine Sprache und Literatur damals existiert, so hätte die Religion nicht eine so allgemeine Wirksamkeit haben können. Gesetzt den Fall, das Christentum hätte durchaus in dem syrischen Idiom, welches Christus sprach, verkündet werden müssen, so wäre es den Menschen als etwas ganz Nationales und Absonderliches erschienen; in der Weltsprache mitgeteilt, wurde es den Menschen, wurde es der übrigen Bildung analog. Außer diesen Momenten der politischen und literarischen Einheit lag aber noch etwas im römischen Wesen, was die Ausbreitung der Weltreligion unendlich gefördert hat. Dadurch, daß die Römer alle nationalen Gottheiten der ihnen bekannten Völker nach Rom transportierten und dort verehrten, wurde diesen Götzen gleichsam der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Verehrung der Isis z.B. hatte nur in Ägypten ihre große Bedeutung, in Rom hatte sie gar keinen Sinn. Durch die Aufnahme fremder Götter verlor das nationale Prinzip seinen Wert; und eine Idee, welche durch sich selbst Geltung hat und deren Durchführung in den Dingen selbst präpariert ist, konnte um so leichter die verschiedenen Kulte überwältigen, als sie ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hatten. Dazu kam noch folgendes, kaum minderwichtiges Moment: die Römer hatten von Anfang an sowohl in religiöser als moralischer Beziehung einen eigentümlichen Geist, eine größere Fülle strenger moralischer Begriffe, als irgendein Volk der Welt. Man denke z.B. an die hohe Vorstellung, welche die Römer von der Ehe hatten, so daß Jahrhunderte vorübergingen, bis die erste Ehescheidung eintrat; man denke an das häusliche Leben der Römer, an das Institut der väterlichen Gewalt usw. Diese stärkere Repräsentation moralischer Tendenzen wirkte auch später in den Zeiten der größten Entsittlichung noch fort. Ein ferneres entscheidendes Moment ist der unaufhörliche Widerstreit der reineren religiösen Anschauungen der Römer und des semitischen Götzendienstes. Dieser zeigte sich schon im Kampfe gegen die Karthager, deren menschenopfernden Kultus die Römer stets verschmähten. Selbst der sonst ganz anrüchige Kaiser Claudius verbot ausdrücklich die Menschenopfer. Diese und noch andre Vorkommnisse weisen daraufhin, daß die Römer höhere Begriffe vom Werte des Menschen hatten, als andre Völker. Also auch in dieser Beziehung trafen die römischen, wenn auch immerhin noch unvollkommenen Vorstellungen mit den christlichen zusammen. Die weitere Frage ist nun die: welchen Wert gewann das Christentum in seiner ersten Ausbreitung, welche Eigentümlichkeiten waren es, die das Christentum fähig machten, stärker zu werden, als alle andern Religionen? In den ersten Jahrhunderten suchten noch orientalische Götzendienste und Glaubensvorstellungen überall in das Christentum einzudringen; ich erinnere an die Manichäer, deren Glaubenssätze bis nach Afrika und Indien sich verbreiteten u.a.m. Hätten diese Sekten die Oberhand gewonnen, welche das Christentum zu orientalisieren suchten, so wäre auch aus letzterem nichts andres geworden, als eine dieser orientalischen Religionen. Das Christentum fand aber eine andre Verbindung, mit deren Hilfe es sich diesen Einflüssen widersetzte, nämlich die mit der römischen und griechischen Philosophie. Die Weltweisen, ja zuweilen auch die Dichter dieser beiden Nationen hatten von jeher in einer gewissen Opposition gegen den Götzendienst gestanden, und so wurde es auch dem Christentum nicht schwer, sich an diese Philosophen anzulehnen, wohingegen auch viele der christlichen Märtyrer den Heiden als Philosophen erschienen, insofern sie von vielen Dingen abstrahierten, an denen andre festhielten (Justinus). Das Hauptmoment, welches dem Christentum zustatten kam, ist wissenschaftlicher und dialektischer Natur. Während der Götzendienst mehr oder minder in die größten Abenteuerlichkeiten und Phantasmagorien ausgeartet war, besaßen die wissenschaftlichen und religiösen Begriffe des Christentums, abgesehen von dem unergründlichen Mysterium, auf dem es basiert, vielmehr die Eigenschaft, nach den verschiedensten Seiten hin erörtert werden zu können. Man erkannte bald, daß das Christentum mit den größten Produktionen des menschlichen Geistes zusammentraf, und diese Erkenntnis war einer der mächtigsten Hebel bei der Verbreitung der Weltreligion. Diese Verbindung des Christentums mit der antiken Kultur, die Ehe der zwei Prinzipien, die einander widerstehen und doch unaufhörlich verbunden waren, sie ist es, die der Sache eigentlich ihre Weltbedeutung gegeben hat. Ganz unabhängig von Interessen, die irgendein Potentat wie Konstantin verfochten haben mag, hat die Weltstellung des römischen Reiches, die eigentümliche Richtung des römischen Geistes in religiöser und moralischer Beziehung und die einheitliche Verfassung in Verbindung mit der allgemeinen Literatur zusammengewirkt, um dem Christentum das Übergewicht über alle andern Religionen zu geben. Vierter Vortrag Nachdem wir von der Ausbreitung der Religion gesprochen haben, ist die Frage zu beantworten, auf welche Weise die Begründung einer Kirche vor sich gegangen ist. Hiebei ist einiges als Analogie aus dem Judentum herübergenommen worden, z.B. der Unterschied zwischen Geistlichen und Laien. So wie es bei den Juden einen besonderen Stamm, die Leviten, gab, dem die Besorgung des Gottesdienstes vorzugsweise oblag, so wurden auch im Christentume die Geistlichen, im Gegensatz zum Volke (λαοσ) als Los Gottes (χληροσ) angesehen. Ungeachtet der in manchen Beziehungen nicht zu verkennenden Analogie mit dem Judentum gewann die Kirche jedoch eine andre Gestalt, als dieses, namentlich durch die höchst eigentümliche Bildung und Erscheinung der Synoden und Konzilien. Schon in den frühesten Zeiten der Kirche bildeten sich Gemeinden, welche in einer gewissen Verbindung miteinander standen und sich eine Art von kirchlichem Selfgovernment angeeignet hatten. Die Hauptsache aber ist, daß die Vorsteher dieser Gemeinden, die Episkopi, zusammentraten und streitige Fragen über das Dogma in letzter Instanz entschieden, unter der Behauptung, daß dieser ihrer Verbindung der heilige Geist innewohne. Merkwürdig ist es hiebei, daß diese Synoden zuerst in echt republikanischen Gegenden zusammenkamen, wo noch die Idee von den alten Bundesverhältnissen sich erhalten hatte, wie in Achaja. Ursprünglich waren diese Synoden partikulärer Natur, später dehnten sie sich zu allgemeinen Konzilien aus, zu denen die ganze Welt (οιχουενη) zusammenströmte, und auf welchen dem Christentum jene doktrinelle Grundlage gegeben wurde, auf der wir heutzutage noch stehen. Dieses höchst wichtige Institut gab dem Christentum auch eine größere Repräsentation für die Doktrin, wie sie noch nicht dagewesen war, und während die Staatsverfassung sich zur Absolutheit ausbildete, trat in der Kirche eine ganz andre Erscheinung hervor, nämlich die der Selbstregierung und Selbstbestimmung von unten her, welche, alles zusammenfassend, wieder neben dem großen Staate ein eignes Reich bildete. Das Christentum war bereits, bald unter der Verfolgung, bald unter der Konnivenz Zuneigung, Duldung. der Kaiser ziemlich weit verbreitet worden, als Kaiser Konstantin in der Mitte des 4. Jahrhunderts es in seinem Interesse fand, oder durch irgendeinen uns unbekannten Umstand bewegen wurde, das Christentum anzunehmen. Es war für ihn von der größten Wichtigkeit, sich, nachdem er als Imperator an der Spitze der Armee und als Regent an der Spitze der von ihm eingerichteten Verwaltung stand, auch an die Spitze dieser neuen Organisation zu stellen. Er begriff auch die hohe Bedeutung dieses Schrittes und gerierte sich als obersten, sozusagen äußeren Bischof der Kirche, wodurch erst die Einheit des Reiches zum vollständigen Abschluß kam. Dadurch aber wurde zu gleicher Zeit auch die Kirche, die bisher noch keine Einheit gewesen war, zu einer großen Genossenschaft erhoben; denn die römischen Bischöfe waren damals noch weit entfernt davon, sich als Oberhäupter der Kirche zu betrachten; vielmehr standen die Patriarchen gemeinschaftlich unter den Kaisern, obwohl sie sich in geistlicher Beziehung nicht viel von ihnen dreinreden ließen. Da nun entstand die Frage: sollte das Christentum in diesem doch immer engen Bezirke des römischen Reiches eingeschränkt bleiben? Das römische Reich barg eine Menge Mißstände in seinem Schoße. Hiezu muß man vor allem die verderbliche, viel zu gewaltsam eingreifende Verwaltung rechnen. Ferner war das römische Reich nicht prolisip Reich an Bevölkerung. genug; es hatte infolge der verheerenden Bürgerkriege, infolge der gegen die Ehe nach und nach eintretenden Abneigung und aus andern Gründen eine unendliche Abnahme In Hinsicht auf Fortpflanzungsfähigkeit besteht überhaupt zwischen der germanischen und romanischen Bevölkerung ein Unterschied. Frankreich z.B. hatte im Jahre 1815 eine Bevölkerung von 30 Millionen, Preußen von 10 Millionen, jetzt hat Frankreich 35 Millionen, Preußen aber 17 Millionen Einwohner, so daß Preußen nunmehr fast die Hälfte der Bevölkerung Frankreichs besitzt. der Bevölkerung erlitten, zu deren Vermehrung auch das Christentum nichts beitrug, in welchem sich sehr bald mönchische Tendenzen kundgaben. Wir sehen also hier die merkwürdige Tatsache, daß das römische Reich, nachdem es die größten Produktionen hervorgebracht hatte, die für die Welt nötig waren, in sich selbst verödete. Es kam nun darauf an, daß sich die expansive Kraft der zur Herrschaft gelangten Weltideen betätigte. Dies konnte auf zweierlei Weise geschehen: erstens indem diese Anschauungen den übrigen Nationen durch Übertragung nahegebracht wurden, was auch teilweise der Fall war, – in Britannien verbreitete sich das Christentum weit über den römischen Wall hinaus. Jedoch geschah das mehr in einer sektiererischen Form, welche der Aufgabe nicht genügen konnte. Zweitens konnte die Expansion der christlichen Ideen vor sich gehen durch den Krieg, welcher eine Menge Völkerschaften, namentlich aber Germanen, in unaufhörliche Berührung mit den Römern brachte und dadurch auch zu einem Moment der Kulturverbreitung wurde. Beides konnte aber nicht bewirken, daß die Welt jene Elemente sämtlich in sich aufgenommen hätte: die Propagation der welthistorischen Ideen und der Kultur, wie sie sich im römischen Reiche entwickelt hatte, wurde mehr vollzogen durch die Eroberungen fremder Völker im römischen Reiche, als durch die Eroberungen der Römer über fremde Nationen. Hätten die Römer diese Ideen durch Besiegung der andern Völker über die Welt verbreitet, so würden sie damit zugleich ihre Sprache und ihr ganzes Wesen den andern Völkern aufgeprägt haben; die übrige Welt würde ebenso romanisiert und gräzisiert worden sein, wie es bereits im Orient und teilweise auch im Okzident geschehen war. Dahin aber sollte es nicht kommen; die andern Nationen der Welt hätten dadurch ihre ganze Ursprünglichkeit eingebüßt. Da indes die Römer auch nicht stark genug waren, das zu vollführen, so fiel jene Aufgabe den Germanen zu. Diese durchbrachen auf allen Seiten den römischen Limes, und erst dadurch, daß sie das Christentum annahmen, wurde die Weltreligion die Religion aller Nationen. Einen merkwürdigen Gegensatz hiezu bilden die Araber, welche nicht die Weltreligion, wohl aber die römische Kultur in sich aufnahmen. Dadurch aber entwickelte sich die wunderbare Weltverkettung, daß auf der einen Seite im Westen die Germanen, auf der andern Seite im Osten die Araber die von den Römern überlieferten Anschauungen kultivierten und fortpflanzten. Fünfter Vortrag §2 Umwandlung des römischen Reiches durch die Einwanderungen der Germanen und die Eroberungen der Araber Unsere germanischen Altvordern waren in folgender Weise um die römische Welt gelagert: An der nordfranzösischen und niederländischen Küste saßen die Friesen und Sachsen. Die Römer hatten in diesen Gegenden nach der Mitte des 3. Jahrhunderts gegen die Seeräuber, welche die Küsten beunruhigten, einen Befehlshaber, namens Carausius, aufgestellt. Dieser hatte empörerische Neigungen, vereinigte sich mit den sächsischen Küstenanwohnern in Deutschland und lehrte sie zur See mächtig werden, was sie schon frühe zu Einfällen in das gegenüberliegende Britannien benützten. Am Niederrhein erschienen um die Mitte des 3. Jahrhunderts die Franken an den römischen Grenzen, und zwar im Delta des Stromes als salische, weiter aufwärts als ripuarische Franken. Die Sachsen auf der einen, die Franken auf der andern Seite waren hier im Norden die nächsten Nachbarn der Römer. An dem Limes zwischen Rhein und Donau lagerten verschiedene germanische Völker, unter denen die Alemannen die vornehmsten waren. Die Deutschen breiteten sich überhaupt an der ganzen Donau bis zu deren Ausflüssen aus, wo die Goten (in Dacien und Moesien) die Hegemonie über viele andre Stämme, Vandalen, Gepiden usw. besaßen. Da besitzen wir nun aus den ersten Zeiten des Kaisertums jene merkwürdigen Schilderungen des Tacitus von den Germanen, eines Geschichtschreibers, der so viel welthistorischen Sinn besaß, um die natürlichen Gegensätze zu fassen, welche zwischen den Römern und Germanen bestanden. Von diesen Unterschieden will ich nur einige hervorheben: vor allem die römische Korruption im Gegensatz zu der germanischen Einfachheit und Naturgemäßheit; sodann insbesondere die höchst eigentümliche Kriegsverfassung der Germanen. Während der römische Heeresverband vorzugsweise auf dem streng militärischen Gehorsam beruhte, basierte die germanische Kriegsverfassung auf dem Prinzip der persönlichen und erblichen Treue. Bei den Germanen bestand: erstens das Königtum als eine Art religiöser Würde, und: zweitens das Gefolgschaftswesen, eine Institution, der zufolge sich an die vornehmsten Germanen eine Anzahl andrer im Kriege anschloß, diese mit der Verpflichtung, den erkorenen Führer zu schützen, jener mit der Verpflichtung, ihnen ein treuer und sorgsamer Anführer zu sein; eines der vorzüglichsten Elemente, welches den Unterschied zwischen den Römern und Germanen begründete, indem bei den Römern alles Staat war, und die persönlichen Verhältnisse verkümmerten. Gerade diese Gefolgschaftsverfassung gab den Germanen, den Römern gegenüber, einen stärkeren Zusammenhalt. Dieser Umstand war für die ganze Weltgeschichte von der größten Bedeutung insofern, als bei den Römern zwar eine Verfassung gefunden war, aber nur als eine Form, die sie nie recht realisieren konnten, indem ein Machthaber den andern ausstieß, dahingegen bei den Germanen in ihrem uralten Königtum und in ihrem eigentümlichen militärischen Wesen der alles durchdringende Kitt der Treue die ganze moderne Geschichte zu dem stempelte, was sie geworden ist. Diese Germanen wurden für die Römer um so bedeutungsvoller, als, wie wir gesehen haben, der römische Staat an Bevölkerung verarmte und seine Grenzen nicht mehr behaupten kennte. Das Grenzgebiet wurde durch eine lange und langsame Bewegung noch vor der Völkerwanderung germanisiert; wie man sich denn überhaupt die letztere nicht als eine allgemeine Bewegung von Europa, – diese trat nur einmal ein – zu denken hat, sondern als einen Kampf an den Grenzen, in welchem die Germanen vordrangen, und die Romanen zurückwichen. Doch wäre ohne dieses Ereignis jene große Veränderung in Europa nicht erfolgt, welche gleichsam von dem Geschicke intendiert schien. Der erste Anstoß zur Völkerwanderung ging von den Goten aus. Diese gerieten am Schwarzen Meere mit den Hunnen in Konflikt, einem Volke, welches zu demselben Stamme gehört, wie die Tschuden und Finnen. Die Hunnen stürzten im 4. Jahrhundert das große Reich des Ostgoten Hermanarich, und bedrängten hierauf die Westgoten dergestalt, daß sie im römischen Reich um eine Zufluchtsstätte bitten mußten, die ihnen auch nicht verweigert wurde. Sie zogen hierauf in großen Scharen auf Kähnen über die Donau in das römische Reich. Hier kamen sie aber mit dem Befehlshaber der Provinzen in Streit, welche ihnen, um sich für gelieferte Lebensmittel bezahlt zu machen, ihre Kinder und ihr Vieh abnahmen. Darüber kam es im Jahre 378 zu einer Hauptschlacht bei Adrianopel, in welcher der Kaiser Valens getötet wurde, und die Goten Sieger blieben, so daß dieselben sich in Moesien festsetzten und dort eine große Rolle zu spielen anfingen. Während man sich hier unaufhörlich schlug, und dadurch das römische Reich in die größte Verwirrung geriet, kamen fast alle germanischen Völker in eine gewisse Bewegung. Die Westgoten selbst, die in das oströmische Reich übergegangen waren, und aus denen dort zu Anfang des 5. Jahrhunderts Alarich hervorging, machten den römischen Befehlshabern unendlich zu schaffen. Kaiser Arcadius wußte sich zuletzt nur dadurch zu helfen, daß er sie gegen das westliche Reich hetzte, worauf sie in der Tat unter Alarich nach Italien vordrangen. Eben nach dem Westen aber ergossen sich gleichzeitig noch andre Völker, nämlich die Vandalen, Ulanen und Sueven. Diese drei Völkerschaften gingen zuerst über den Rhein, zogen nach Gallien und von da nach Spanien. Die Vandalen setzten nach Afrika über und gründeten dort auf den Trümmern von Karthago zu Anfang des 5. Jahrhunderts ein großes Reich. Man muß nun aber zwischen diesen germanischen Nationen einen Unterschied machen: die einen drangen, wie z.B. Alarich und seine Mannschaften als Volksheere vor, d.h. als Völker, die zugleich Armeen waren, Weiber und Kinder, wie überhaupt alles was zum Leben gehört, mit sich führten und beständig zum Kriege bereit waren. Sie kamen in das römische Reich, um entweder Geld (Subsidien) oder Lebensmittel zu bekommen, und da sie zu keinem von beiden gelangten, so siedelten sie sich unter ihren Oberhäuptern, denen sie Heeresfolge leisteten, die aber zugleich ihre Könige waren, wie eine Kriegerkaste in einem großen Teil des römischen Reiches an, wo sie sich mit den Provinzialen in der Art abfanden, daß diese ihnen einen Teil des Landes einräumten. Zu diesen Völkerschaften gehörten die Goten, von denen ein Teil, eben die Westgoten, Rom eroberte, sodann nach Gallien überging – ihr Hauptsitz ward Toulouse – und von da auch in Spanien sich ausbreitete; sodann die Burgunder, welche sich in den römischen Provinzen am Rhein und an der Rhône niederließen; die Sueven, die mit ihnen verbündeten, nicht ganz germanischen Ulanen und die Vandalen. Der andre Teil der Germanen drang von den heimischen Sitzen aus langsamer über die Grenze vor und kolonisierte. Während die vorher genannten Völkerschaften, wenn sie endlich zur Ruhe kamen, nur einen Teil des Gebietes einnahmen, blieb da, wohin diese kolonisierenden Völker drangen, nichts mehr vom römischen Wesen übrig. Zu ihnen gehörten die Alemannen, Sachsen und Franken. Für den Augenblick aber trat noch eine andre Frage ein. Von Anfang an hatten die Hunnen einen großen Anteil an der allgemeinen Umwandlung gehabt; jetzt errichteten sie an der Donau ein mächtiges Reich und beherrschten dort eine Menge germanischer Völker (Ostgoten, Gepiden usw.). Nun machte der Hunnenkönig Attila den Versuch, das ganze weströmische Reich unter die Herrschaft seiner Hunnen zu bringen. Diese waren aber noch ganze Barbaren und der Kultur fast unzugänglich. Wären sie Herren des römischen Reiches geworden, so hätte die Barbarei den Sieg in Europa davongetragen. Dem sollte aber nicht so sein. Attila wurde in der welthistorischen Schlacht auf den katalaunischen Gefilden in Gallien (bei Chalons sur Marne) geschlagen. Eine Schlacht, die auch deswegen merkwürdig ist, weil hier ein Teil der Germanen, namentlich die Westgoten, mit den Römern vereint, ein andrer mit Attila verbündet, sich gegenüberstanden (451). In Italien hatte der Anführer der germanischen Hilfsvölker, der Heruler, Turcilinger usw., namens Odoaker, dem weströmischen Reiche ein Ende gemacht (476); die Oströmer aber behaupteten, daß ihnen Italien gehöre, und stifteten daher die Ostgoten an, nach Italien zu gehen, welcher Aufforderung diese auch nachkamen, und nach Besiegung Odoakers unter Theoderich das ostgotische Reich gründeten, das sich übrigens mehr dem Systeme der Volksheere anschloß. Das oströmische Reich hatte dadurch, daß es nunmehr von den Goten befreit war, wieder größere Kraft erlangt, und zu Anfang des 6. Jahrhunderts konnte Justinian die Idee, das römische Reich in vollem Umfange wiederherzustellen, mit Hilfe seines trefflichen Feldherrn Belisar, nachdrucksamer verfolgen. Diesem gelang es, zuerst das Reich der Vandalen wieder zu zertrümmern, worauf er sich gegen die Ostgoten wendete. Um diese völlig niederzuschlagen, rief sein Nachfolger im Oberbefehl, Narses, auch Langobarden zu Hilfe, welche damals an der mittleren Donau saßen. Diese erschienen indes bald darauf mit gesamter Macht, um den Byzantinern das kaum eroberte Italien wieder abzunehmen und es für sich zu behalten. Die Griechen blieben nur in dem Besitz eines großen Teils der Küste: des Exarchats von Ravenna, Gebiet eines Statthalters im byzantinischen Reich. Das Exarchat von Ravenna umfaßte nach der Vernichtung des Ostgotenreiches (555) ganz Italien. Venedigs, Neapels und der südlichen Landspitzen. Sehen wir nun, in welcher wunderlichen Weise sich die verschiedenen Teile des weströmischen Reiches gestalteten. In Italien konnte es zu keiner Einheit kommen, denn hier widerstrebten einander beständig drei Elemente: erstens das Papsttum, welches in der allgemeinen Verwirrung mächtig wurde; zweitens das griechische Element, welchem auch Rom eigentlich mit Recht gehörte, und drittens die Langobarden, welche fast ganz Oberitalien, Toskana und von Unteritalien Benevent besaßen. Es setzte sich also schon damals jene Trennung Italiens in verschiedene Landschaften durch, die bis auf den heutigen Tag fortbesteht. Die Vandalen verschwanden ganz aus der Geschichte, nachdem ihr Reich in Afrika zertrümmert worden war; dagegen gewann das westgotische Reich in Spanien eine höchst eigentümliche Gestalt, indem hier die Hierarchie nach Bekehrung der Westgoten vom Arianismus einen mächtigen Einfluß gewann, so daß die Könige, welche Wahlkönige waren, fortwährend den geistlichen Großen Gehorsam leisteten, und überhaupt die ganze spanische Verfassung bereits einen hierarchischen Charakter an sich trug. Am merkwürdigsten hatten sich aber die Verhältnisse in Gallien ausgebildet, wohin zu Ende des 5. Jahrhunderts die Franken drangen. Ihr König Chlodwig besiegte zuerst die Römer, die unter Syagrius noch eine Art Königtum gebildet hatten, sodann die Burgunder und den Teil der Westgoten, welcher nicht nach Spanien gezogen war. Er scheint eine Vereinbarung mit den zwar besiegten aber nicht vernichteten Römern getroffen zu haben, infolge deren sie sich an ihn anschlossen. Durch seine Bekehrung zum katholischen Bekenntnis und durch seine Bekämpfung des Arianismus, welchem die Burgunder und Westgoten zugetan waren, gewann er die kräftige Unterstützung der Geistlichkeit, die es ihm möglich machte, nicht nur seine Feinde im Innern zu unterdrücken, sondern auch seine Herrschaft tief nach Deutschland hinein auszudehnen. In Britannien dagegen wurde von den Barbaren das ganze römische Wesen vernichtet. Alles was noch von kirchlichen Elementen vorhanden war, zog sich in die christlichen, nicht römischen Keltenländer, besonders nach Irland zurück, und erst später wurde das Christentum im germanischen Britannien neu eingeführt. In den übrigen Provinzen aber war es gerade die Kirche, die sich unter allen diesen Trümmern allein stabil erhielt. Die ganze Macht des Widerstandes, wenn der Staat vernichtet war, konzentrierte sich in den Bistümern. Dadurch empfingen indes auch die Könige ein natürliches Interesse, die Kirche zu fördern und auszubreiten; so daß durch diese Eroberungen unter den größten Stürmen dennoch zwei Hauptmomente der Weltentwicklung vollbracht wurden. Das römische Reich wurde im Westen zwar zerstört, aber die Provinzialen traten dort in eine gewisse Verbindung mit den Eroberern, aus denen neue Nationen hervorgingen. Zugleich ward jedoch auf solche Weise der Westen – Italien, Spanien, Gallien, Britannien, Germanien – vom Orient vollkommen getrennt; er bildete seitdem infolge dieser Mischung von germanischen und romanischen Elementen eine Welt für sich. Bereits das erste, 1824 von Ranke veröffentlichte Werk »Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494-1535« enthält die Anschauung von der »Einheit der romanischen und germanischen Völker und von ihrer gemeinschaftlichen Entwicklung«. Es ist einer der Grundgedanken, auf denen sich sein gesamtes Werk aufbaut. Siehe auch die Äußerung auf S.221. Hierauf beruht die ganze Entwicklung unserer Zustände bis auf die neueste Zeit. Sechster Vortrag Unter den vornehmsten Elementen der nunmehr gebildeten Welt tritt uns von römischer Seite her die Provinzialaristokratie entgegen, welche sich mit den eingedrungenen Volkskönigen und adeligen Häuptern in einem friedlichen Zustand unter Vertrag vereinigte. Fragt man nun, unter welchen Umständen sie zu einer Einheit gelangten, so zeigt sich uns als wichtiges Moment jener Epoche die Gesetzesbildung. In dem Augenblick, wo dies alles geschah, kam in Konstantinopel Kaiser Justinian auf den Thron (527), der die Gesetzesbildung des römischen Reiches zum Abschluß brachte. Er kodifizierte das römische Recht, dessen lebendige Fortbildung unter dem Einströmen der Barbaren aufgehört hatte, gerade in dem rechten Moment zu zwei großen Sammlungen, so daß dieses ursprüngliche Werk des römischen Geistes, an dem derselbe jahrhundertelang gearbeitet hatte, erst zur Zeit des Umsturzes der römischen Weltherrschaft zu einer festen Gestaltung gedieh. Wir sehen auch hier die Beobachtung bestätigt, daß, solange die Geister im fortwährenden Bilden und Schaffen begriffen sind, sie an eine Fixierung der Dinge nicht denken, daß vielmehr erst dann, wenn die Epoche erschienen ist, in welcher der lebendige Trieb fehlt, sich Leute finden, die mit dem Sammeln sich abgeben. Die Sammler der justinianischen Zeit suchten unter der Masse des vorliegenden Stoffes dasjenige hervor, was ihnen am besten zu sein schien, und dieses wurde von Justinian für das alleingültige Gesetz des römischen Reiches erklärt. Daran war freilich nicht zu denken, daß schon die damaligen Germanen Lust gehabt hätten oder auch nur fähig gewesen wären, unter diesen Gesetzen zu leben. Der Westgotenkönig Athaulf, der Nachfolger Alarichs, sprach es offen aus, wie er aus Italien nach Gallien ging, er würde das römische Reich in ein gotisches verwandeln, wenn seine Goten nur auch unter Gesetzen, wie die Römer, leben wollten. Eine gewisse Summe legaler Einrichtungen aber erwies sich nunmehr als unentbehrlich. Es wurde daher unter diesen Nationen eine eigentümliche Art von Gesetzesbildung versucht, die dahin abzielte, die beiden nebeneinanderlebenden Völker, Germanen und Romanen, in eine einzige Genossenschaft zu verbinden. Diese Bedeutung haben die Leges oder Volksrechte der Westgoten, Burgunder, Franken usw. Das am meisten in die Augen fallende, was uns bei diesen Gesetzen entgegentritt, ist das sogenannte Wergeld, welchem die Auffassung zugrunde liegt, daß nicht der Staat, sondern die Familie des Ermordeten oder sonst Beschädigten bei solchen Kriminalfällen beteiligt sei, eine Auffassung, welche der römischen Staatsidee schnurstracks entgegenläuft. So barbarisch nun auch diese Kombination von Rechtssätzen sich ausnahm, so war sie doch ein Fortschritt des gesetzlichen Geistes, und es ist dieselbe eines der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit, aus welchem wir gleichfalls die Propagation der Weltidee wahrnehmen können. Wie aber konnten nun diese Länder im übrigen regiert werden, und wie wurden sie regiert? Von der altrömischen Verwaltung war überall noch vieles bestehen geblieben, was die germanischen Könige zur Vermehrung ihrer Macht benützten und annahmen. Hiezu gehört namentlich die Organisation der Finanzverwaltung, welche für die Könige sehr einträglich war, da nicht die Germanen, wohl aber die Provinzialen der Tributaria sollicitudo Die Unruhe, Belastung, die durch die Steuerpflicht entsteht. unterworfen waren. Daher kam es z.B., daß in Frankreich der Adel bis zur Französischen Revolution steuerfrei blieb. Also auch die Idee der römischen Verwaltung ging auf den germanischen König über, was um so mehr zu sagen hatte, als die germanischen Könige einen Ehrgeiz darein setzten, sich von den oströmischen Kaisern anerkennen zu lassen. Die ganze spätere absolute Monarchie beruht auf dem Gedanken, das römische Kaisertum wiederherzustellen. In das germanische Königtum aber, wie es sich in der späteren Zeit entwickelte, ging außer römischen Elementen insbesondere das germanische Prinzip über, welches die Regierungsgewalt für ein erbliches Recht hält, was bei den Römern nicht der Fall gewesen war. Nachdem wir von der Politik gesprochen haben, müssen wir jetzt unsern Blick auf die Religion und Kultur werfen, um auch hier die Keime der modernen Zeit zu entwickeln. In der romanischen Welt war, wie oben gesagt, das vornehmste, was übrig geblieben war, die Kirche, die durch ihre Verbindung mit der Philosophie und Literatur einen immensen Inhalt der Zivilisation hatte. In diese Kirche gingen nunmehr auch die Germanen ein. Wie die Römer in den germanischen Hof- und Kriegsdienst, so traten die Germanen in den geistlichen Dienst, wie wir z.B. bei den Westgoten und im fränkischen Reiche eine Menge Germanen als Bischöfe finden; im letzteren hatten die Könige eine Zeitlang die größte Autorität über die Bischöfe, ja sie setzten dieselben geradezu ein; je machtloser aber die merowingischen Könige wurden, desto höher stieg die Autorität der Bischöfe, ohne damals schon von Rom abzuhängen. Die weitere Frage ist, wie Dogma und Kultus dieser Kirche den Barbaren beigebracht werden konnten, wie sie fähig waren, ein Dogma, das durch die tiefsinnigsten Kombinationen gebildet war, in sich aufzunehmen, und wie der Kultus der reinen Religion mit dem durch die Kriege und in den Kriegen verwilderten germanischen Wesen verschmolzen werden konnte. Das Dogma wurde den Germanen als reine Formel überliefert, ohne daß man sich um den Inhalt bekümmerte, und in den Kultus mischte sich auf sonderbare Weise der heidnische Götzendienst. Wenn aber auch das Dogma in einer Formel begriffen war, so hatte doch diese Formel die Wahrheit in sich, und es konnte sich später doch wieder ein Gefühl für das Mysterium entwickeln; ja es war jenes der einzige Weg, auf dem das Christentum diesen Völkern beigebracht werden konnte. – Auch in der Kultur und Literatur standen sich zwei verschiedene Elemente gegenüber: die römische Kultur und Literatur der späteren Zeit hatte sich rein resümierend verhalten; die Doktrin wurde in den überall vorhandenen Schulen als etwas Gewonnenes den Gemütern überliefert, von einer Forschung war in keinem Zweige der Wissenschaft mehr die Rede. Mit dieser etwas verknöcherten römischen Literatur kam nun gleichfalls das Germanentum mit seiner Poesie und seinen Sagen in Kontakt. Sehr anschaulich tritt das bei den Historikern hervor, so bei Jordanes in seiner Geschichte der Goten, bei Gregor von Tours in seiner Frankengeschichte, später bei Paulus Diaconus in seiner Geschichte der Langobarden. In diesen höchst unvollkommenen Versuchen zeigt sich jene Vermischung und Berührung der Geister, woraus in der späteren Zeit ein drittes lebensfähiges Element hervorging. Die Kirche, das Königtum, die Verfassung, die Verwaltung, das Recht, die Literatur waren nunmehr romano-germanisch geworden. – Auf ganz andere Weise fing der Kampf der bestehenden mit neu entstehenden Elementen im Orient an. Dort waren nicht um das römische Reich her eine Anzahl Volksstämme gelagert, die es zu erobern trachteten, nachdem sie in dessen Kriegsdienste getreten: die Hauptbewegung im Osten ging von der Religion aus. In der Religion waren die orientalischen Völker noch lebendig angeregt, und es waren in dieser Hinsicht hier die größten Gegensätze vorhanden, nämlich: erstens die Juden mit ihrem uralten Monotheismus, die im 4. und 5. Jahrhundert solche Fortschritte unter den Arabern machten, daß ein ganzer Stamm dieses Volkes zum Judentum überging; zweitens der arabische Götzendienst, hauptsächlich Gestirndienst; drittens der Parsismus, der wieder erneuert worden war, und eine Menge verwandter dualistischer Doktrinen; viertens weiter im Osten der Buddhaismus, welcher sich der brahmanischen Religion entgegensetzte, was in der allgemeinen Bewegung auch auf den Westen zurückwirkte. Auf der andern Seite drangen in den Orient die aus dem römischen Reiche durch die Beschlüsse der Konzilien verdrängten Sekten ein, Nestorianer, Monophysiten und andere mehr, welche hauptsächlich darum stritten, wie die Idee vom Sohne Gottes zu denken sei. In die Mitte dieses ungeheuren Confluxus aller Religionen der Welt trat am Ende des 6. Jahrhunderts Mohammed ein, der als Handelsmann auf seinen Reisen mit allen diesen religiösen Kulten in Berührung gekommen war. Er wollte aber weder mit dem Judentum noch mit dem Sabaeismus, dem sein Stamm zugetan war, noch mit dem Christentum sich befreunden, sondern stellte eine eigene Religion auf, die mit all diesen verschiedenen Elementen vermischt war, und die man unter dem Namen Islam, das ist Gottergebenheit, begreift. Nach vielen heftigen Verfolgungen gelang es ihm, eine Schar von Gläubigen um sich zu versammeln, deren Fanatismus bald alles vor sich niederwarf. Diese Religion war entstanden in dem Augenblick, wo die Perser mit den Oströmern im heftigen Kampfe begriffen waren. An diese beiden Reiche richtete Mohammed die Aufforderung, sich zu unterwerfen, und als sie dieses nicht taten, warfen sich seine Scharen, trunken von nationaler und religiöser Begeisterung, sowohl auf die Oströmer als auf die Perser. Ihre ungeheuren Eroberungen gingen in zwei Epochen vor sich. In der ersten eroberten sie Syrien, Jerusalem, Ägypten und Persien und drangen bis an die indischen Grenzen vor; in der zweiten, um die Mitte des 7. Jahrhunderts, stürzten sich die Omajjaden auf den Westen, besetzten die Küste Afrikas, setzten von da nach Spanien über, wo sie die Westgoten in der berühmten Schlacht bei Xerez de la frontera (711) aufs Haupt schlugen, überstiegen die Pyrenäen und behaupteten sich eine Zeitlang in einem Teile Galliens. So gründeten sie ein unermeßliches Reich, dessen Hauptsitz zuerst Damaskus, später Bagdad war. Dies ist die zweite große Veränderung, welche die römische Welt von einer anderen Seite erlitt. Siebenter Vortrag Werfen wir, teilweise antizipierend, einen Blick auf die großen Gegensätze, die heutzutage die Welt bewegen, so finden wir deren Keime schon in den damaligen Zeiten gelegt. Auf der einen Seite sahen wir das zentralisierte römische Reich mit seiner Staatsidee an der Spitze, mit seiner Beamtenhierarchie, die trotz ihres Glanzes dem Willen eines einzigen untertan war, mit seinem Klerus, dessen Macht eine mehr geistliche, und der in weltlicher Beziehung den Kaisern unterworfen war. Auf der andern Seite erblicken wir das germanische Königtum mit seinem Prinzip der Erblichkeit, beschränkt übrigens durch eine Menge gegenüberstehender persönlicher Berechtigungen; wir sehen das germanische Gefolgschaftswesen im schroffsten Gegensatze zu der strengen Untertanenpflicht der gewissermaßen zu Verwaltungsobjekten gewordenen römischen Provinzialen, wir sehen ein sehr starkes aristokratisches Moment, welches sowohl unter den Laien, als unter dem Klerus sich nach und nach zu immer größerer Bedeutung erhebt. Diese scharfen Gegensätze wirken noch heutzutage mit der größten Gewalt fort, und sind in der neuesten Zeit in offenen Kampf miteinander geraten. Die Tendenz unserer Zeit geht dahin, jenes germanische persönliche Prinzip wegzuschaffen und den absoluten Staat, der sich durch sich selbst bewegt, wiederherzustellen, worin einerseits etwas dem römischen Staat Analoges, dem germanischen Widerstrebendes liegt, andererseits aber auch der Ursprung des republikanischen Elementes zu suchen ist; denn auch dieses tendiert dahin, alles Persönliche aus dem Staate wegzuschaffen. Das germanische Königtum steht zwischen den beiden Gegensätzen, denn es hat sich sowohl mit der römischen Idee über Verfassung und Verwaltung, als mit dem persönlichen Elemente alliiert. In dem großen Kampf der Gegensätze, in welchem die Fürsten mehr ein Interesse daran haben, das germanische Prinzip zu vertreten, liegt die Aufgabe des modernen Königtums darin, über beiden Gegensätzen zu stehen und bald dem einen, bald dem andern Rechnung zu tragen. Würde die neue Staatsidee in Deutschland vollkommen Herr werden, so würde von persönlichen Berechtigungen nichts mehr übrigbleiben, und es wäre von da ab nur mehr ein Schritt zur Republik und später zum Kommunismus. Wenn aber auf der andern Seite der germanische Staatsgedanke sich zu weit entwickeln würde, so daß die persönlichen Rechte alles wären, so würden die öffentlichen Dinge Gemeingut der Privaten, und der Staat würde ganz zur Privatsache werden. Die Stärke Englands beruht meines Erachtens auf diesen beiden Gegensätzen; das Königtum ist zwar dort schwach, aber eine Aristokratie, kräftiger als irgendeine der Welt, hält dem universalen Prinzip, das im Unterhaus und der Presse beruht, das Gleichgewicht. Darin also weiche ich von der gewöhnlichen Ansicht ab, daß die einen sich auf die Seite des Staates, die andern auf die Seite der Kirche, wieder andere auf die Seite der persönlichen Berechtigungen stellen, während ich behaupte, daß alle diese Elemente notwendig sind, daß auf dem Gegensatz des Besonderen und Allgemeinen die ganze europäische Geschichte beruht, und daß die Kirche ein Drittes ist, welches zwischen den persönlichen Berechtigungen und den allgemeinen Tendenzen des Staates in der Mitte stehend, sich für sich selbst entwickelt. Fragt man, nach welcher Seite hin die Kirche mehr gravitiert, so ist die Antwort, daß sie in früheren Zeiten sich mehr auf die Seite der persönlichen Berechtigungen gestellt hat, obwohl der Papst eine allgemeine Idee repräsentierte, daß sie aber gegenwärtig eine Tendenz nach der allgemeinen Staatsidee hin entwickelt, ohne ihrer Natur nach damit zu koinzidieren, da die kirchliche Idee etwas Besonderes, für sich Bestehendes ist. Ich muß bekennen, daß ein natürlicher Gegensatz zwischen Staat und Kirche besteht, der nie zu heben ist; denn würde der Staat die vollkommene Herrschaft erlangen, so würde er alles in seinem Umkreis vollenden müssen; es würde eine Staatskirche entstehen. Der Fürst aber, der das Allgemeine des Landes repräsentiert, soll, ohne die Gegensätze hervorzurufen, sich ihrer bedienen. Achter Vortrag Die Ausbreitung der arabischen Herrschaft, die wir in ihrem äußeren Umriß betrachtet haben, beruhte auf zwei Momenten. Zunächst geschah sie unter den Nachfolgern Mohammeds, welche keine andere Berechtigung hatten, als die, Kalifen, d.h. Nachfolger des Propheten, zu sein. Das Kalifat konnte sich aber in dieser Weise nicht behaupten, weil die mohammedanische Herrschaft doch nicht allein eine religiöse war, sondern auch auf der Stammesberechtigung basierte. Infolgedessen erhob sich die mehr politische Dynastie der Beni Omajja, die von der Mitte des 7. Jahrhunderts bis in die Mitte des achten herrschte. Unter ihr wurde die große Eroberung des Westens vollbracht. Nachdem das Reich begründet war, folgten unter neuen Streitigkeiten, die größtenteils auf Stammesgegensätze sich bezogen, auf die Omajjaden die Abbasiden, deren Hauptsitz Bagdad war. Zu dieser dritten Herrscherreihe gehören jene Kalifen, welche die Kultur unter den Arabern zu verbreiten suchten. Sie hatten z.B. eine Übersetzerschule organisiert, die vornehmlich jene griechischen Werke übertrug, welche sich auf Philosophie, Arzneikunde und Geographie bezogen. Dieses abbasidische Kalifat erstreckte sich indes nicht mehr über den ganzen Westen der alten Welt; denn einer der Omajjaden, welcher dem fürchterlichen Blutbad, das über seinen Stamm erging, entflohen war und sich nach Afrika geflüchtet hatte, ging von da nach Spanien über und gründete dort das Kalifat von Cordova. Auch dieses Kalifat setzte sich die Pflege der Kultur zur Aufgabe, und man kann sagen, daß dadurch die Herrschaft der Araber über Spanien bedeutungsvoller wurde, als die der Goten. Ich will nun einen Blick werfen auf das politische Element, welches der Herrschaft der Mohammedaner zugrunde liegt und auch in der jetzigen Zeit noch fortwirkt. Wir sehen im Orient über das Gebiet der ältesten Kultur (Assyrien, Babylonien, Ägypten usw.) eine Herrschaft verbreitet, deren Prinzip das der Religion und des Glaubens war. Wer sich nicht zum Islam bekennt, der kann weder teil haben an dem Staate, noch an den Waffen; denn in dem Fürsten konzentriert sich auf ganz ununterscheidbare Weise das religiöse und politische Prinzip. Die unterworfenen Untertanen gerieten so zwar oft in einen ziemlich erträglichen Zustand, blieben aber vom Staat und der Kirche ganz ausgeschlossen, da sie nur die Unterlage des Islam zu bilden bestimmt sind. Dies ist das Verhältnis der heutigen Rajah in der Türkei. Wir erkennen darin den großen Unterschied zwischen dem Orient und Okzident in politischer Hinsicht, dessen Summe darin besteht, daß die Staaten des Orients sich nie vollkommen nationalisieren können, weil weder ihr Staat noch ihre Kirche bis auf den Grund der Bevölkerung reicht, sondern dieser immer von beiden ausgeschlossen ist, während im Abendlande das Prinzip im allgemeinen das ist, Kirche und Staat zu nationalisieren. Darin liegt nun auch der Grund der Macht des Okzidents gegenüber dem Orient. Der Orient erhob sich zwar glanzvoller, aber im Okzident ist die Entwicklung eine reelle gewesen. Das Christentum fixiert das Zentrum der Tätigkeit überall in kleineren Kreisen; jedes von unsern Reichen hat eine nationale Begründung und eine nationale Aufgabe. Je mehr aus den unteren Schichten Leute emporkommen, desto mehr hat sich das christliche Prinzip realisiert; und wenn auch das Fürstentum durch sein persönliches Prinzip größere Analogie mit den aristokratischen Gewalten bekommt, so ist es doch seiner Natur nach wieder mit den unteren Ständen verbündet, indem es seine Macht zu entwickeln hat, und insofern erfüllt das Fürstentum den vom Christentume vorgezeichneten Beruf. Je tiefer die Kultur eindringt, wenn sie mit der Moral und Religion vereint ist, desto mächtiger werden die Fürsten. Nach dieser Betrachtung kehren wir wieder zu unserm allgemeinen historischen Gange zurück, welcher uns nunmehr zur dritten Periode führt. §3 Die karolingische Zeit nebst der Periode des deutschen Kaisertums Wir müssen uns auf den Punkt zurückversetzen, in welchem die Omajjaden, in der einen Hand den Koran, in der andern das Schwert, sich Ägyptens, der nordafrikanischen Küste und Spaniens bemächtigt hatten, und auf der einen Seite von Tunis aus den Vatikan, auf der andern Seite Konstantinopel bedrohten. Betrachten wir demgegenüber den Zustand des germanischen Abendlandes. Der Papst, so sehr er auch vom Okzident verehrt wurde, hatte wenig Gewalt; denn er wurde unaufhörlich von den Langobarden bedrängt. Überhaupt war das einzige mächtige Reich, das damals existierte, das fränkische. Dieses bestand unter den späteren Merowingern aus drei verschiedenen Gebieten: Neustrien mit Paris, Burgund und Austrasien, welches seinen Hauptsitz in Metz hatte, und zu welchem auch die germanischen Länder Bayern, Alemannien und Thüringen gehörten. In jenen drei Gebieten hatten Adel und Kirche sich gewissermaßen gegen den König koalisiert. Ersterer hatte es unter den Merowingern dahin gebracht, daß die Hausmeier ( Majores domus ) die königliche Gewalt faktisch in der Hand hatten. Unter ihnen zeichnete sich namentlich ein Geschlecht aus, welches merkwürdigerweise von einem Bischof herrührte: Arnulf von Metz, der früher verheiratet gewesen war. Am Ende des 7. und zu Anfang des 8. Jahrhunderts kam aus diesem Geschlechte Pippin von Heristal empor. Dieser trachtete schon im 7. Jahrhundert nach dem Königtum, allein die legitime Macht war damals noch zu stark, als daß er sie hätte überwältigen können. Dieser Pippin starb mit Hinterlassung eines unechten Sohnes, welcher damals von Pippins Gemahlin Plektrudis gefangen gehalten wurde. Dies ist der berühmte Karl Martell; er riß sich in dem Augenblick der größten inneren Verwirrung aus seiner Gefangenschaft los und bemächtigte sich mit Gewalt der Herrschaft im Lande, indem er mit Hilfe der alten Anhänger seines Hauses den neustrischen Hausmeier besiegte und nach Neustrien vordrang. Nachdem dies geschehen war, wälzten sich die Sarazenen gegen das Frankenreich heran, welche unstreitig ganz Gallien unterworfen hätten, wenn sie nicht von Karl Martell in der berühmten Schlacht bei Poitiers (732) geschlagen worden wären. Dieser setzte sich nicht allein den Sarazenen im Kriege entgegen, sondern organisierte auch das gesamte fränkische Land in kräftiger militärischer Weise. Sein Erbe hinterließ er namentlich seinem Sohne Pippin dem Kleinen. So erscheint im Abendlande zuerst eine widerstands- und fortschrittsfähige Gewalt, nicht in dem bisherigen Königtum, welches ganz heruntergekommen war, sondern in Männern, welche einem der vornehmsten Geschlechter des Landes angehörten und, nachdem sie das fränkische Reich mit Recht oder Unrecht an sich gezogen hatten, nach allen Seiten hin sich kampffertig aufstellten. Was nun die Stellung des Papstes anbelangt, so war es hier von der größten Wichtigkeit, daß er, der noch immer dem oströmischen Reiche angehörte, sich von demselben trennte und zwar gerade in der Epoche Karl Martells. Das geschah in folgender Weise. Kaiser Leo der Isaurier hatte den Gedanken, sich dem Mohammedanismus zu nähern, weshalb er auch Sarakenophron, d.h. der sarazenisch Gesinnte, genannt wurde. Um den Vorwurf der Mohammedaner, als ob die Christen Götzenbilderverehrer wären, von sich abzuwenden, oder vielleicht auch aus Überzeugung, verbot er den Bilderdienst und zerstörte die Bilder großenteils. Dadurch kam er natürlich in Konflikt mit dem römischen Papst, der ohnehin aus verschiedenen Gründen nicht mehr zum oströmischen Reiche halten wollte. Hierhin gehört namentlich die geringe Hilfe, welche Byzanz dem Papste in seinem Kampfe mit den Langobarden leisten konnte, und die Ungeneigtheit verschiedener italienischer Städte, sich von Konstantinopel aus regieren zu lassen. So richtete der Papst nunmehr sein Augenmerk nach dem Abendlande, wo er sich bereits einer hohen Verehrung zu erfreuen hatte. Das entscheidende war aber hiebei, daß der Papst von den langobardischen Königen immer stärker und stärker bedrängt wurde. In dieser Not wendete er sich an den fränkischen Hausmeier. Im Frankenreich war der Zustand ein ganz anomaler geworden: da war der alte Volkskönig, der auf seiner Villa haushielt und auf die öffentlichen Angelegenheiten gar keinen Einfluß mehr ausübte, und ihm gegenüber der Hausmeier, der die ganze Gewalt in Händen hatte. So lag die Frage ganz nahe: soll dieser Zustand so fortdauern, oder soll derjenige, welcher die Gewalt hat, auch König sein? Diese Frage legte Pippin, der die ungeheure Autorität des Papstes im Abendlande kannte, dem Papste Zacharias vor. Dieser antwortete, ihm scheine es besser, daß derjenige, welcher die Gewalt habe, auch König sei, und fügte ausdrücklich die motivierenden Worte bei: ne conturbaretur ordo . Damit die Ordnung nicht gestört würde. Kaum war diese Antwort angelangt, so wurden die Großen des fränkischen Reiches zusammengerufen, Pippin von ihnen auf den Schild gehoben und als König anerkannt. Mittlerweile ging der Kampf zwischen den Langobarden und dem Papste immer fort, so daß Pippin über die Alpen steigen und dem Papste zu Hilfe kommen mußte. Er eroberte das sogenannte Exarchat, welches die Langobarden schon in Besitz genommen hatten, und schenkte seine Eroberungen dem Papste, » pro amore Dei et sancti Petri «. Aus Liebe zu Gott und dem heiligen Petrus. Der Papst erschien hierauf selbst in Francien und salbte den König. Wir sehen also nunmehr eine überaus enge Vereinigung des Papsttums mit dem Königtum. Das Papsttum wurde durch das Königtum gerettet, und das Königtum von dem Papsttum zur höchsten Autorität erhoben. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß der Papst an die Stelle des alten Ansehens der Legitimität die geistliche Autorität setzte. Dadurch wuchs die im Abendlande begründete Völkervermischung zu einer großen Einheit empor. Auf der einen Seite stand der große Romane, der Papst, als Führer der Bischöfe, die voll Verehrung zu ihm aufschauten; auf der andern Seite das Oberhaupt der Germanen mit seiner ungeheuren weltlichen Macht, die aber durch die Krönung und Salbung einen gewissen geistlichen Beisatz empfing. So entstand eine neue Welt im Abendlande, alles aber vereinigte sich unter doppelter Führung, unter der geistlichen und der weltlichen. Neunter Vortrag Das merkwürdigste bei dieser Vereinigung zwischen Kirche und Staat war, daß beide Mächte von ganz verschiedenen Anfängen ausgegangen waren; denn der Hausmeier, welcher jetzt die höchste Gewalt im fränkischen Reiche erlangte, entbehrte sogar der religiösen Autorität, welche das Volkskönigtum in Germanien bisher gehabt hatte; der Hausmeier war bloß der Repräsentant der weltlichen Gewalt, dagegen der Papst war durchaus geistlicher Fürst und hatte damals gar keine weltliche Macht, und sein Gehorsam war auch zweifelhaft. Dies war die Grundlage des karolingischen Reiches, wie sie unter Karl Martell und Pippin dem Kleinen sich festgesetzt hatte. Wenn Karl der Große zuerst die Langobarden unterwarf (774), so war das ein großer Vorteil sowohl für ihn, weil dadurch die Franken in Italien festen Fuß faßten, als auch für den Papst, dessen geschworene Feinde die Langobarden gewesen. Nach der Befreiung des Papstes von seinen Feinden zog Karl der Große in Rom ein und wurde von dem Papste unter den größten Feierlichkeiten empfangen. Den Langobarden blieb nurmehr das Herzogtum Benevent. Dieses stand in Verbindung mit dem Bayernherzog Tassilo, der gleichfalls Karl dem Großen feindlich gesinnt war und sich mit den in Pannonien herrschenden Avaren verbündete. Allein trotz dessen war Karl der Große viel zu mächtig, als daß ihm seine Feinde hätten widerstehen können. Gleich wie die Langobarden durch die vereinigte Aktion des Papstes und des Kaisers unterworfen worden waren, traf dieses Schicksal auch die Herzöge von Bayern und von Benevent. Hiernach warf sich der durch die Waffen bekräftigte Belehrungseifer des großen Frankenkönigs zugleich von Bayern und Italien aus auf die heidnischen Avaren. Auch sie unterlagen und ein Teil ihrer ungeheuren Beute fiel als Geschenk dem Papste zu. Dadurch wurde Pannonien für das Christentum gewonnen. Unter der Herrschaft der Avaren war eine große Menge slavischer Nationen vereinigt gewesen, die nun eine gewisse Freiheit bekamen und anfingen, sich selbst zu organisieren; und weil dies durch Karl den Großen bewirkt worden, so nannten sie ihre Fürsten, die nur Abbilder Karls waren, »Krale«, ein Wort, welches jetzt im Slavischen überhaupt König heißt. Überdies breitete Karl durch seinen Sieg über die Avaren die lateinische Kirche in jenen Regionen aus, so daß auf dieser Seite die Verbindung zwischen Papst und König unbedingt war. Wir müssen hier antizipierend beifügen, daß der Papst niemals dulden konnte, daß der oströmische Kaiser, mit welchem sowohl die Avaren als die Herzöge von Benevent verbunden waren, dort wieder Einfluß bekam. Hiernächst ist der Kampf Karls gegen die Sachsen zu berühren. Diese waren alle noch Heiden, und da Karl der Große sie zu Christen machen wollte, so waren diese Kriege hauptsächlich Religionskriege. Sowie der Frankenherrscher vorrückte, gründete er in den eroberten Ländern Bistümer und legte den neuen Untertanen zugunsten dieser neu errichteten geistlichen Anstalten den Zehenten auf. Eine Auflage, welche, da sie aus dem Alten Testamente sich herschreibt, einen gewissen geistlichen Charakter an sich hatte; die Bischöfe aber waren zugleich weltliche Beamte, welche den Gehorsam gegen den König förderten. Die Gründung dieser großen Bistümer (Münster, Bremen, Hildesheim, Halberstadt usw.) war ein höchst gewichtiges Moment zugleich für die geistliche und weltliche Herrschaft. Auf diese Weise wurde nach und nach das Christentum und die Autorität des Königs zugleich bis an die Küsten der Nordsee und die Elbe ausgedehnt. Aber auch auf die Sarazenen und den Islam hatte Karl sein Augenmerk zu richten. Dies war der vornehmste Feind der in der Bildung begriffenen okzidentalischen Christenheit und gegen ihn führte nun Karl der Große die aus Italien, Frankreich und Deutschland vereinigten Streitkräfte und unternahm verschiedene Züge. Schon Pippin hatte die Sarazenen aus dem westlichen Frankreich völlig vertrieben. Karl ging hinüber nach Spanien. Hier kam es ihm sehr zustatten, daß das abgesonderte Kalifat der Omajjaden in fortwährenden Zwistigkeiten mit den Abbasiden begriffen und auch von inneren Empörungen bedroht war, so daß Karl der Große sogar von einigen spanischen Emiren zu Paderborn aufgefordert wurde, nach Spanien zu gehen. Bei Roncesvalles in den Pyrenäen erlitt er zwar eine Niederlage, infolge deren er sich zuerst im südlichen und westlichen Frankreich mehr befestigen mußte; aber nachdem dies geschehen war, überschritt er zum zweitenmal die Pyrenäen, und nunmehr gelang es ihm, die spanische Mark (um Barcelona) zu gründen, aus welcher später die Königreiche Katalonien, Valencia, Murcia hervorgingen. Karls des Großen Tätigkeit war eine ganz ungeheure; wenn man bedenkt, daß er Italien, Frankreich, Germanien gleichmäßig beherrschte, dabei von seinen Feinden unaufhörlich bald an diese, bald an jene äußerste Grenze seines Reiches gerufen wurde und darüber sein großes Ziel als Fürst der Kultur doch nicht aus dem Auge ließ. Hiebei sind zwei Momente besonders merkwürdig: 1. Daß diese drei Nationen das Bewußtsein ihrer Nationalität, die noch nicht ausgebildet war, Karl dem Großen zu verdanken haben. Wir haben nämlich gesehen, wie in Italien die drei Elemente, Griechen, Papst und Langobarden, sich unaufhörlich bekämpften. Das hörte nun ganz auf: die Griechen wurden aus Italien ausgestoßen, die Langobarden gedemütigt, und der Papst vereinigte sich mit den Franken. Deutschland ferner existierte vor Karl dem Großen eigentlich gar nicht; Die gemeinsame Bezeichnung »deutsch« kam erst im 9. Jahrhundert durch Karl den Großen in Aufnahme. denn bis dahin hatten sich die alten Stämme gar nicht als etwas Zusammengehörendes betrachtet. Erst dadurch, daß Karl der Große sie alle unter seinem Zepter vereinigte, lernten sie sich als Einheit kennen. Ebenso war es endlich in Frankreich; es wäre an eine französische Nationalität nicht zu denken gewesen, wenn nicht die Gascogne und Guyenne mit Frankreich fest verbunden worden wären. 2. Dabei blieb es aber nicht: diese drei Länder wurden nicht allein mehr nationalisiert, sondern, was noch mehr ist, es wurde auch eine Verbindung zwischen ihnen begründet, welche unaufhörlich fortwirkte, und worauf noch heutzutage das europäische Leben beruht. – Fragt man nun, welche von beiden Gewalten damals die überwiegende war, die geistliche oder die weltliche, so glaube ich, kann man mit Bestimmtheit darauf antworten, daß die weltliche Gewalt überwog, indem der Papst noch nicht so viel Macht hatte, um selbsttätig einzuwirken, sondern mehr die Absichten des Kaisers förderte und unterstützte. Dazu kam, daß der Papst in Rom von einem solchen Parteiengewühl umgeben war, daß er dort kaum zu existieren vermochte. Leo III. wurde sogar einst von einer dieser Faktionen auf der Straße angefallen, zu Boden geworfen, und ihm ein Stück der Zunge abgeschnitten. In dieser Not rief der Papst Karl den Großen um Hilfe an (800). Karl kam auch nach Rom, machte dort Ordnung und setzte den Papst wieder auf den Stuhl. Da war es nun, daß Leo den Gedanken faßte, mit stammelnder Zunge dem König der Franken die weströmische Kaiserwürde zu übertragen. Dazu bestimmten ihn mehrere Gründe: erstens wollte er sich definitiv vom oströmischen Kaiser losreißen; zweitens wollte er sich des fortwährenden Schutzes der fränkischen Könige versichern und hiezu schien ihm die Übertragung der Kaiserwürde an Stelle des bereits von Karl dem Großen innegehabten Patriziates notwendig; drittens befanden sich die ehemaligen Bestandteile des weströmischen Kaisertums ohnehin in den Händen Karls des Großen, so daß er also faktisch bereits Kaiser von Westrom war. Dessenungeachtet war die Übertragung dieser Würde eines der größten Weltereignisse; denn von nun an trat der germanische König auf als ein römischer Imperator, und nachdem diese große Einheit des Abendlandes begründet wurde, nachdem schon ins germanische Königtum Ideen der römischen Staatsgewalt aufgenommen worden waren, so wurde doch dieses Element viel stärker dadurch, daß der mächtige Fürst zugleich römischer Kaiser wurde; denn nun behauptete er, daß ihm alle die Gerechtsame gebührten, die früher dem römischen Kaiser zugestanden hatten. Dadurch wurde die Verbindung zwischen Papst und Kirche, zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt noch fester. Zugleich schrieben aber die Päpste von dieser Zeit ihr Recht, die Kaiser zu ernennen, her, was insofern verkehrt war, als sie ihnen zwar die Würde, nicht aber die Macht gegeben hatten. Das karolingische Reich beruhte nun aber einmal auf dieser engen Verbindung des Papsttums mit dem Königtum, welche alle Schichten der Bevölkerung durchdrang und bis in die untersten Verwaltungskreise sich erstreckte. Das ganze Reich war eingeteilt in Grafschaften und Bistümer. Neben jedem Grafen stand ein Bischof und beide waren gehalten, einander die Hand zu bieten; ebenso die untergeordneten Zentenarien und Archidiakonen. Wenn der Graf jemand zu einer weltlichen Strafe verdammte, so sollte der Bischof diesen exkommunizieren und umgekehrt. Und doch kann man nicht sagen, daß unter den Karolingern die Bischöfe eine bedeutende Autorität hatten. Sie galten nur als die Repräsentanten der geistlichen Gewalt, die dem Könige zum weltlichen Gehorsam verpflichtet waren und deshalb von ihm getragen und gefördert wurden. Im übrigen setzte der König die Bischöfe ein und versetzte sie, hielt Konzilien usw. Mit diesen politisch-kirchlichen Einrichtungen war zugleich eine mehr systematische Wiederaufnahme der Kultur aus der antiken Welt verbunden. Nachdem Karl der Große diese Einheit gestiftet hatte, sah er darauf, daß die unter den Stürmen der Jahrhunderte verwüsteten Schulen wiederhergestellt und gehoben wurden. Zu diesem Zwecke verschrieb er sich von allen Seiten Lehrer, aus Italien den Geschichtschreiber der Langobarden, Paulus Diaconus, aus England, wo er großen Einfluß besaß, den gelehrten Alcuin und andere mehr. Er selbst gründete nicht nur Klosterschulen, welche vor der Entstehung der Universitäten die wichtigsten, ja die einzigen Pflanzschulen der Bildung waren, sondern ging selbst in diese Schulen, belobte selbst die Fleißigen und tadelte die Faulen. An seinem Hofe bestand eine Akademie, unter deren Mitgliedern auch er sich befand. Aber nicht nur diese, sondern auch alle Elemente der Kultur nahm Kaiser Karl zusammen. Er erneuerte den Kirchengesang, von dem alle Musik ausging. Er erneuerte die Baukunst, die Malerei usw.; kurz er war ein Riesengeist, dessen Aufmerksamkeit das Kleinste wie das Größte nicht entging. Resümieren wir die leitenden Ideen, die seinem Jahrhunderte zugrunde liegen, so sind es in Kürze folgende: 1. Vereinigung von Kirche und Staat, 2. Bildung der Nationalitäten, 3. Verbindung des gesamten Europa, 4. Gründung der Kultur auf dieser Unterlage, und zwar dergestalt, daß sie auf einer Seite die Antiquität umfaßte, jedoch auch dem modernen Elemente Gerechtigkeit widerfahren läßt. Karl der Große fühlte sich überhaupt als guter Deutscher, der, indem er das eine Moment der Kultur festhielt, das andere darüber nicht vergaß. Nur einem so eminenten Geiste, wie Karl der Große war, konnte es gelingen, die einander widerstrebenden Elemente, nämlich auf der einen Seite das Kaisertum und die verschiedenen Nationalitäten, auf der andern Seite die geistliche und weltliche Gewalt, diese Keime künftigen Zwiespaltes zusammenzuhalten. Seine Nachfolger waren dazu nicht mehr imstande. Nach dem Tode seines Sohnes, Ludwigs des Frommen, waren drei Söhne vorhanden, unter welche das Reich geteilt werden sollte. Die Idee der Geistlichkeit war es, das Kaisertum unter allen Umständen aufrechtzuerhalten, und diese Idee drang bei dem Teilungsentwurf vom Jahre 817 durch. Lothar, der älteste der Söhne Ludwigs des Frommen, wurde hiebei in einer Weise begünstigt, daß seine Brüder ihm gegenüber gleichsam als apanagierte Prinzen erschienen. Darüber kam es zum Streit zwischen den Brüdern Lothar, Ludwig und Karl dem Kahlen. Der fränkische Heerbann betrachtete sich lange Zeit als eine Einheit und wollte lange für oder wider die Brüder nicht Partei nehmen. Endlich kam es zum Treffen bei Fontenay 841, in welchem Lothar geschlagen wurde, und hierauf 843 zur berühmten Teilung von Verdun. In dieser erhielt Karl der Kahle alles Land bis an die Maas, Ludwig der Deutsche alles Land bis an den Rhein und Lothar die Rheinlande selbst bis ans Meer auf der einen und bis an die Rhone auf der andern Seite (Lothringen im weitesten Sinne) nebst Italien. Das merkwürdigste hiebei ist, daß infolge dieses Vertrages nicht drei Reiche entstanden, sondern daß drei Brüder ein großes Reich teilten, von denen der älteste ein oberstes Ansehen behielt. Lothar II., Lothars Sohn, starb ohne Hinterlassung von Erben, und ebenso sein Bruder Ludwig II., und nun entstand die Frage, ob ihr Erbe den östlichen oder westlichen Karolingern zufallen sollte. Karl der Kahle machte alsbald Ansprüche darauf; er eilte schnell nach Italien und wurde vom Papst unterstützt; allein die deutsche Linie behauptete das Kaisertum und jagte Karl den Kahlen aus Italien hinaus, dessen Enkel 879 auf das lothringische Erbe am Rhein und Italien Verzicht leisteten, welches nun mit Deutschland vereinigt wurde. Daher kam es, daß von nun an die späteren deutschen Könige immer Kaiser waren. Hätte Karl der Kahle seine Idee durchgesetzt, so wären die französischen Könige Kaiser geworden; da aber die Linie Ludwigs des Deutschen die Oberhand behielt, und zwar nicht bloß durch die Gewalt der Waffen, sondern auch durch Vertrag, so blieb die Kaiserwürde bei Deutschland. In diesen Kämpfen zwischen den Gliedern der karolingischen Familie war die Macht der Großen ungemein erstarkt; es war nämlich den Großen gewissermaßen freigestellt, zu welchen von den drei Brüdern sie sich bekennen wollten, und dadurch stiegen sie aus der Rolle gehorsamer Untertanen gleichsam zur Würde von Beschützern empor. Bereits unter den Karolingern finden sich Spuren von Erblichkeit der Ämter. Wir können die Sache zwar nicht mit Bestimmtheit erforschen, aber wir finden ein Capitulare Verordnung, Erlaß. aus der Zeit Karls des Kahlen, nach welchem die Könige nicht mehr das Recht haben sollen, die Magnaten ihrer Honores, d. h. nicht nur ihrer Ehrenämter, sondern auch ihrer Besitztümer zu entkleiden. Während also unter Karl dem Großen das Ganze eine alles umfassende Einheit gewesen war, so erhob sich unter seinen Söhnen und Nachfolgern eine mächtige Aristokratie in den Herzögen und andern Großen. Währenddessen suchte auch die Geistlichkeit den Verfall der höchsten weltlichen Autorität zu ihren Gunsten auszubeuten. Hiebei diente ihnen als mächtiger Hebel eine der merkwürdigsten Produktionen, die je menschliche List zum Vorschein gebracht, nämlich die falschen Dekretalen, Die pseudoisidorischen Dekretalen sind wahrscheinlich um die Mitte des 9. Jahrhunderts in einem Kloster der Kirchenprovinz Reims entstanden, als Herausgeber wird ein sonst unbekannter Isidor Mercator genannt. Es handelt sich um eine große Sammlung alter und neuer Dekretale, Papstbriefe, Konzilsbeschlüsse, die aber zu einem sehr großen Teil gefälscht oder überarbeitet sind. Eine der folgenschwersten Fälschungen. Die Absicht ist, die fränkische Kirche, besonders die Bischöfe vom fränkischen Staat unabhängig zu machen. Zu diesem Zweck wird dem Papst eine besondere Machtstellung über der Synode zugesprochen. Die protestantischen Geschichtsforscher der Reformationszeit wiesen zuerst die Fälschung nach. d. h. eine Sammlung von meist gefälschten päpstlichen Dekreten, in welchen den Päpsten Rechte beigelegt wurden, die oft jeder Begründung entbehrten. Da aber diese Dekrete überall, und namentlich in Deutschland, für echt angesehen wurden, so fanden die späteren Ansprüche der Päpste, die sie im 9. Jahrhundert zwar nicht durchsetzten, wohl aber bereits formulierten, hierin die kräftigste Basis. Also durch drei Momente war die mächtige Einheit, welche Karl der Große gestiftet hatte, wieder zersetzt worden: erstens durch die inneren Kämpfe seiner Nachfolger; zweitens durch die Erhebung der Magnaten infolge dieser Kämpfe; drittens durch das mächtige Emporstreben der Päpste, welche nunmehr Rechte geltend machten, an die man früher nicht dachte. Die Einheit des Reiches bestand aber noch fort, und auch die Kultur war im vollen Schwunge und hatte sich nach Regionen erstreckt, die sie früher nicht erreicht hatte. Zehnter Vortrag Nachdem im Abendlande eine große Mitte der Kultur gebildet worden war, erschienen plötzlich Völker, welche das mühsam aufgerichtete Gebäude mit einemmal über den Haufen zu stürzen drohten. Dies waren von der einen Seite auf dem Kontinent die Ungarn, auf der andern Seite von der See her die Normannen. Die Ungarn hingen mit dem ugrisch-finnischen Stamme zusammen, aus welchem die alten Hunnen hervorgegangen waren, so daß sie mit einem Scheine von Recht auf das von Attila früher innegehabte Ungarn Ansprüche erheben konnten. Während der damalige deutsche König Arnulf mit dem großmährischen Reiche im Kampfe begriffen war, bemächtigten sich die Ungarn des letzteren, überfluteten die bayrischen Grenzen und drangen durch die thüringischen und fränkischen Marken bis Lothringen vor. In dieser Bedrängnis erkannten die deutschen Großen das Bedürfnis einer größeren Einigkeit. Aus dieser Erkenntnis ging die Wahl Heinrichs des Finklers aus sächsischem Geschlechte hervor. Er bekam eine außerordentlich schwierige Aufgabe zu lösen, denn er hatte teils mit den Ungarn und Slaven, teils mit den Normannen und Dänen zu kämpfen, was er indes alles mit glücklichem Erfolge ausführte. Er war überhaupt einer der größten Fürsten jener Zeiten. Das Deutsche Reich wurde unter ihm wieder erneuert, aber dessen König war nicht mehr der karolingische Kaiser; Heinrich hatte mit den westfränkischen Karolingern eine Art Abkommen getroffen, infolgedessen er im unangefochtenen Besitze des ostfränkischen Königtums blieb. Auf ihn folgte Otto I., ebenfalls ein trefflicher Fürst, der mit dem deutschen Königtum das Kaisertum vereinigte. Er ging nämlich mit oder ohne Willen des Papstes nach Rom und setzte dort seine Krönung zum Kaiser durch, eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte. Man könnte hier die Frage aufwerfen, welches Recht die deutschen Fürsten auf Italien hatten, und ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie dieses Land hätten fallen lassen. Die Antwort darauf ist, daß sie dasselbe Anrecht auf Italien hatten, wie die Karolinger, und daß man ihnen daher nicht verdenken kann, wenn sie dasselbe geltend machten. Andererseits aber war es für die Entwicklung des deutschen Elementes und namentlich der deutschen Staatsverfassung von der größten Wichtigkeit, daß die Deutschen des Papstes mächtig wurden; und endlich muß man anerkennen, daß die Verbindung Deutschlands mit Italien auf die Kultur jenes Landes den heilsamsten Einfluß äußerte. An das Kaisertum knüpfte sich zudem die Idee der Weltherrschaft im allgemeinen, und daher war es von der größten Wichtigkeit, daß das Kaisertum an Deutschland gelangte. Dieser Umstand hat aber auch allen deutschen Fürsten ihre Bedeutung gegeben; denn dadurch, daß sie den Kaiser wählten, erhielten sie unbestritten eine höhere Würde, als die Großen aller übrigen Nationen. Otto dem Großen gelang es im Jahre 955, auf dem Lechfelde den Einfällen der Ungarn ein Ende zu machen. Sie zogen sich hierauf in ihr Land zurück, fingen an, deutsche Sitten anzunehmen und gewissermaßen als Vasallen der deutschen Kaiser zu leben. Auch die Dänen nötigte er, die Oberhoheit des Deutschen Reiches anzuerkennen. Nachdem wir so gesehen, wie aus dem Siege über die Ungarn unter Heinrich I. die Einheit von Deutschland und unter Otto I. die Herstellung des Kaisertums hervorgegangen, haben wir unsern Blick auf die Normannen zu werfen. Die Normannen kamen durch eine wunderbare Verflechtung von Umständen zur welthistorischen Bedeutung. Wir heben hier nur die zwei wichtigsten Momente hervor: 1. Das Heidentum, das überall in Deutschland geschlagen und mit großer Gewalttätigkeit ausgerottet worden war, zog sich in den höchsten Norden zurück und konzentrierte sich dort bei den Normannen mit der fortwährenden Tendenz, gegen das Christentum vorzudringen. 2. Ein anderes wichtiges Moment war, daß die Normannen jetzt die Seefahrt am besten ausübten und dadurch imstande waren, die entferntesten Küsten mit Leichtigkeit zu beunruhigen. Sie richteten ihre Raubzüge an die Elbe, an die Schelde, an die Mündungen der französischen Flüsse usw. An der Elbe wurden sie im Jahre 880 geschlagen und konnten sich seit dieser Zeit in Deutschland nicht mehr recht festsetzen. Desto mächtiger wurden ihre Angriffe auf Frankreich und England, welch letzteres Land sie schon ganz in Besitz hatten, bis sie durch Alfred besiegt und mit Gewalt zum Christentum bekehrt wurden. Dieser Kampf mit den Normannen beherrschte überhaupt das ganze Jahrhundert und war von der größten Bedeutung, weil die Normannen zu mächtig waren, als daß sie nicht in die große europäische Völkerfamilie hätten aufgenommen werden müssen. Die glücklichen Kämpfe Heinrichs des Finklers und Ottos I. gegen die Normannen und Dänen waren auch insofern von Wichtigkeit, als sie dazu beitrugen, eine gewisse Oberhoheit des Deutschen Reiches über seine Nachbarn zur Anerkennung zu bringen. Wenn wir nun unsere Aufmerksamkeit auf Frankreich richten, so sehen wir dort die ohnehin ohnmächtigen Karolinger noch dazu auf das heftigste von den Normannen bedrängt, so zwar, daß sich 911 Karl der Einfältige genötigt sah, eine Provinz an der nördlichen Küste Frankreichs (die Normandie) an den Normannenherzog Rollo abzutreten. Unter diesen Kämpfen war besonders das Haus eines gewissen Grafen Robert erstarkt, der sich am besten darin hervorgetan hatte und der Stifter der Kapetinger wurde. Sein Nachfolger Odo wurde schon im 9. Jahrhundert König; sein Haus konnte sich aber noch nicht behaupten, und es trat nunmehr zwischen den Karolingern und diesem neu emporgekommenen Geschlechte ein ähnliches Verhältnis ein, wie jetzt zwischen den Napoleoniden und den Bourbonen. Der deutsche Kaiser, namentlich Otto I., hatte damals eine große Autorität in Frankreich, und das Deutsche Reich war derzeit ohne Zweifel das mächtigste in der Welt; denn es erstreckte seinen Einfluß außer Italien auch auf Dänemark, Polen, Böhmen und Ungarn. Das Deutsche Reich war aber nicht nur extensiv, sondern auch intensiv groß, indem es die Kultur in ihren verschiedenen Elementen zusammenfaßte und stetig fortentwickelte. Wenn man nun fragt, wie es gekommen ist, daß das Deutsche Reich auf dieser Höhe nicht stehen bleiben konnte, so tragen daran hauptsächlich folgende Momente die Schuld: erstens daß Otto II. in der Blüte seiner Jahre 983 plötzlich dahingerafft wurde und einen Sohn hinterließ, der noch im Kindesalter stand; zweitens daß sich in den andern Reichen nach und nach mächtige Gewalten konsolidierten, die in einen gewissen Gegensatz mit Deutschland gerieten, namentlich die Kapetinger in Frankreich durch Hugo Capet, und die Herrschaft der Normannen, begründet durch Wilhelm den Eroberer in England; drittens dadurch, daß die deutschen Kaiser in Kampf mit den Päpsten gerieten. Elfter Vortrag Wir haben bisher drei verschiedene Stufen der Weltentwicklung gesehen: erstens die römische – vom 1. bis zum 4. Jahrhundert; zweitens das Zeitalter der Völkerwanderung und der Einwanderung der Germanen und der Eroberung des Islam über das römische Reich – vom 4. bis zum 8. Jahrhundert; drittens das karolingische und das Deutsche Reich. Das deutsche Kaisertum war, wie wir gesehen haben, eine etwas einseitige Fortsetzung des karolingischen Reiches; in der Hauptsache aber verfolgte es dieselben Ideen und hatte dieselben Bestrebungen, wie jenes. Im Innern war es zwar nicht so mächtig unter den Ottonen, wie unter Karl dem Großen, weil in dieser Epoche die Nationalitäten sich zu größerer Selbständigkeit emporgeschwungen hatten; aber die abwehrende und zivilisierende Stellung hatte es mit dem karolingischen Zeitalter gemein; in letzterer Beziehung nahm es aus dem byzantischen Reiche infolge der Verbindung Ottos II. mit einer griechischen Prinzessin manche Elemente in sich auf. Ebenso war das Verhältnis zum Papste dasselbe: die Union zwischen Kirche und Staat blieb; das kirchliche Element wurde zwar für unentbehrlich gehalten, doch herrschten die Päpste nicht über das Reich, eher wurden sie von demselben beherrscht. In folgenden Tatsachen wenigstens zeigte sich eine gewisse Abhängigkeit des Papsttums vom Kaisertum: 1. Otto I. setzte den Papst ab und ließ einen andern wählen; 2. Otto III. setzte seinen eigenen Lehrer Gerbert zum Papst; 3. Kaiser Heinrich III. setzte 1046 drei Päpste auf einmal ab und einen Deutschen an ihre Stelle. Letzterer war überhaupt einer der mächtigsten Kaiser und wußte jede Opposition zu unterdrücken. Er besiegte um das Jahr 1050 die Ungarn, welche sich zum Christentum bekehrt hatten und die deutsche Verfassung bei sich aufnahmen, und wußte die Polen und Dänen in Abhängigkeit vom Reiche zu erhalten. Auch die Kapetinger in Frankreich waren zu ohnmächtig, um etwas gegen das Kaisertum auszurichten, obwohl dasselbe unter den Saliern nicht mehr die Fülle der Macht hatte, wie unter den Ottonen. So stand es um die Mitte des 11. Jahrhunderts; von da an beginnt jedoch eine neue vierte Epoche, welche ich das hierarchische Zeitalter nennen möchte. §4 Das hierarchische Zeitalter Vom 11. bis 13. Jahrhundert Man irrt in der Regel, wenn man die Hierarchie des Papsttums als Entwicklung der geistlichen Idee betrachtet. Das Papsttum erwarb ein förmliches Reich und ist zu dieser Herrschaft nicht durch eine Entfaltung der Doktrin gekommen, welche schon vorher entwickelt war, sondern durch Kampf und Krieg. In dieser hierarchischen Erscheinung liegt die Summe der Geschichte bis auf die Reformation. Hier will ich nun handeln: erstens von der Emanzipation des Papsttums vom Kaisertum; zweitens von den auswärtigen Unternehmungen des Papsttums, den Kreuzzügen; drittens von der Überwältigung der weltlichen Gewalt durch das Papsttum. 1. Emanzipation des Papsttums vom Kaisertum Im 10. und 11. Jahrhundert war es dahin gekommen, daß Europa beinahe vollständig christlich geworden war. Jedoch war es nicht ganz zur römischen Kirche übergegangen; denn gerade in diese Epoche fällt die Verbindung Moskaus (unter Wladimir) mit Konstantinopel, indem die Russen von Osten aus bekehrt wurden. Daher rührt der Hauptgegensatz Rußlands und Polens: in jenem kam der eigentümliche Gang und die volle Bedeutung der orientalisch kirchlichen Entwicklung zur Anschauung, infolge deren der Kaiser über die Kirche die Oberhand hat. In diesem hingegen entwickelte sich die okzidentalische Anschauung mit ihrer mächtigen Aristokratie in Kirche und Staat. Der Impuls der abendländischen Völker wurde zwar durch diese Lostrennung der russischen Kirche vom Okzident gehemmt, aber man kann meines Dafürhaltens darin keinen Nachteil erblicken, weil hierdurch die Gefahr entfernt wurde, daß das mächtige germanische Element in der Kirche durch das slavische verdrängt werde. Wir haben also unsere Betrachtungen auf den Kreis der durch die Karolinger und das Kaisertum bekehrten und zivilisierten Völker zu beschränken, wozu außer den spanischen Reichen Frankreich, England, Deutschland und zum Teil auch die nordischen Reiche, sowie Polen und Ungarn gehören. Hier brach nun um die Mitte des 11. Jahrhunderts jener große Zwiespalt aus zwischen Kirche und Staat, zwischen Kaisertum und Papsttum. In diesem Streit darf man nicht ein Unglück sehen, denn er liegt zu tief in der Natur der Dinge begründet, und an diesen Gegensätzen ist der europäische Geist gereift. Wir wollen nicht den Papst anklagen, weil er zu so großer Bedeutung gelangt ist; ebensowenig aber verdient der Lob, der sich ihm unterwerfen wollte. Die wichtigste Frage ist nun die: worauf beruhte die Oberherrschaft der päpstlichen Macht, in welcher die Anhänger des Papsttums in irrtümlicher Weise eine normale und notwendige erkennen? Sie beruht auf drei Momenten. 1. Die Kirche hatte schon in der karolingischen Zeit, wie wir oben gesehen haben, ihre Ansprüche auf Grund der falschen Dekretalen, wenn auch nicht durchgesetzt, so doch formuliert. 2. Die deutschen Kaiser waren sehr religiös gesinnt und wünschten selbst die Begründung eines geordneten Papsttums, was sie auch durch ihre kräftige Einwirkung auf das romische Faktionswesen Parteiwesen, politische Umtriebe. betätigen. Heinrich III, hatte unter anderen Leo IX. als Papst eingesetzt, der ein Reformpapst war und an die wirkliche Durchführung der geistlichen Idee ging, ohne sich mit dem Kaiser darüber zu verfeinden. Durch ihren religiösen Sinn trugen sie also auch dazu bei, dem Papst eine höhere Stellung zu geben. 3. Die römische Kirche hatte sich nach und nach das Recht der letzten Entscheidung in den Sachen beigelegt, welche früher den Synoden anheimgefallen waren. Die letzteren verloren aber ihre frühere Bedeutung, und dieselbe ging auf die römische Hierarchie über. So z. B. wurde die Lehre von der Transsubstantiation des Brotes und Weines durch die römische Hierarchie allein fixiert. Da kam nun Hildebrand als Gregor VII. (1073-1085) an die Spitze der geistlichen Angelegenheiten. Dieser hielt mit der ihm angeborenen Energie an dem Gedanken fest, nicht nur, daß er mit seiner lateranischen Synode in jeder Sache, welche die Kirche betreffe, die letzte Entscheidung geben könne, sondern, daß eigentlich der Kirche die Führung der Welt gehöre; denn Gott habe die Kirche unmittelbar selbst gestiftet, und was ihr widerstrebe, widerstrebe Gott. Infolge dieser Ansichten, zu denen er sich bekannte, faßte er auch den chimärischen Gedanken, sich zum Oberlehnsherrn aller Fürsten zu erheben, und prätendierte, daß Ungarn, Spanien, England und Schottland von der römischen Kirche abhängen sollten. Einige richtige Ideen, namentlich in bezug auf die Reform der Kirche, kann man zwar diesem Papste nicht absprechen, aber er neigte sich zu sehr zu den Extremen hin, die er nun mit aller Entschlossenheit geltend zu machen suchte. Dabei entsteht jedoch die Frage, ob das Papsttum allein fähig gewesen wäre, diese Ideen durchzuführen. Darauf können wir ganz entschieden mit Nein antworten: es mußte sich nach Verbündeten umsehen, und wo anders konnte es diese finden, als in den Gegnern des jungen Kaisers Heinrich IV.? Die Hauptstreitpunkte zwischen dem Kaisertum und dem Papste waren folgende drei: 1. Soll der Kaiser einen entscheidenden Einfluß auf die Papstwahl haben? 2. Soll der Kaiser die Bischöfe setzen oder nicht, und sollen die Bischöfe überhaupt abhängen von dem Kaiser? 3. Soll der Papst das Recht haben, über den Kaiser zu richten? In ersterer Hinsicht bestand bereits zu Justinians Zeiten der Gebrauch, daß, so oft ein römischer Papst gewählt wurde, man es dem Kaiser anzeigte, worauf dieser einen Gesandten abschickte, und unter dem Einfluß des Kaisers der römische Bischof gewählt wurde. Die Bischofswahl, welche damals unter der Mitwirkung des Volkes und des römischen Kaisers vor sich ging, nahm später die hohe römische Hierarchie für sich allein in Anspruch. Schon unter Heinrich IV. kam nun die Sache zur Entscheidung. Es gab damals auch in der Kirche zwei Parteien. Einige von den deutschen Bischöfen waren mehr für die kaiserlichen Rechte, andere mehr für das Papsttum gestimmt, und ebenso verhielt es sich auch in Italien. In Deutschland waren die vornehmsten Geistlichen, welche das eine und das andere Prinzip verfochten, Anno von Köln, welcher auf der Seite des Papstes stand, und Adalbert von Bremen, welcher mehr kaiserlich gesinnt war. Die den minderjährigen König umgebenden Faktionen trugen zum Teil selbst dazu bei, daß die Theorie der Unabhängigkeit des Römischen Stuhles durchgeführt werden konnte. Sein Hauptaugenmerk mußte der Papst, um dem Kaiser möglichst viele Anhänger zu entziehen, auf die Besetzung der Bistümer richten. Die Bischöfe waren aber durch die Kaiser mächtig geworden; sie waren am Hofe und verwalteten zum großen Teile die Reichsgeschäfte; denn eine ordentlich eingerichtete weltliche Verwaltung gab es damals nicht. Auf diesen Punkt richtete nun der Papst seinen ersten Angriff: er beschuldigte Heinrich IV., daß er durch Verkauf kirchlicher Pfründen das Verbrechen der Simonie begangen habe. Es mag allerdings wahr sein, daß es bei der Besetzung der geistlichen Ämter nicht immer mit rechten Dingen zuging, und daß die Könige, um ihre Zwecke durchzusetzen, manchmal Geld nahmen und gaben. Aber Heinrich IV. selbst nahm wohl kaum an diesem Mißbrauche teil. Der Papst indessen warf ihm dieses Verbrechen vor, indem er seine Räte desselben schuldig erklärte und ihn aufforderte, dieselben zu entfernen, widrigenfalls er selbst an diesem Gott verhaßten Verbrechen teilhaftig erklärt würde. Einige der Bischöfe nun, welche nicht auf rechtmäßige Weise zu ihren Stellen gekommen waren, wurden zwar abgesetzt, allein dem Papste genügte das nicht, und er bestand darauf, daß der Kaiser seine Räte entfernte. Hierin war aber der Kaiser der Meinung, nicht nachzugeben, und nun entspannen sich jene denkwürdigen Verwicklungen, deren wahren Verlauf man bisher nicht in vollkommen genügender Weise verfolgt hat. Mit den erwähnten Streitigkeiten, die schon sehr weit gegangen waren, verbanden sich noch andere: die kaiserlich gesinnten Kardinäle machten dem Papst das Leben sauer und wurden hiebei vom kaiserlichen Hofe aus unterstützt. Hierüber geriet der Papst in heftigen Zorn und richtete an den Kaiser eine sehr anzügliche Zuschrift, worin er seinen schlechten Lebenswandel rügte und ihm vorwarf, daß er eine Menge Verbrechen begangen habe, wegen deren er verdiene, abgesetzt zu werden. Daß es dem Papste möglich sein sollte, durch eine Verurteilung den Kaiser abzusetzen, schien nun dem König eine unerhörte Sache. Er schritt also sogleich dazu, diese Anmaßung energisch abzuweisen, und berief eine Synode deutscher Bischöfe nach Worms (1076), welche dafür hielten, daß sie den Papst wegen der Verbrechen, die ihm zur Last fielen, absetzen könnten. Ehe noch der Papst seine Drohung, den Kaiser zu stürzen, verwirklichte, erklärte jene Synode den Papst für abgesetzt; ein Vorgehen, das in der Geschichte, wie wir gesehen haben, nicht ohne Beispiel war, während auf der andern Seite die Absetzung eines Kaisers durch den Papst allerdings bisher unerhört war. Die vom Kaiser Heinrich IV. mit dem Beschlusse der Synode abgesendeten Boten kündigten dem Papste seine Absetzung gerade in dem Augenblicke an, wo er an der Spitze einer lateranensischen Synode saß. Gregor VII. und seine Synode exkommunizierten nun alsbald den Kaiser und erklärten ex parte omnipotentis Dei et Sancti Petri , Von seiten (im Namen) des allmächtigen Gottes und des heiligen Petrus. daß er nicht mehr Kaiser sein könne. In Deutschland waren mittlerweile Verhältnisse eingetreten, die es Heinrich fast unmöglich machten, seine Entschlüsse durchzuführen. Der Kaiser war nämlich mit den Sachsen und ihren Fürsten in Streit geraten, wobei Recht und Unrecht auf beiden Seiten wohl gleich verteilt war. Die Sachsen hatten rebelliert, und er hatte die Flucht ergreifen müssen. Später gelang es ihm zwar, sich dieses Land wieder zu unterwerfen, und dadurch gewann er für einige Zeit die Mittel, sich dem Papste zu widersetzen; allein vielen von den deutschen Fürsten, darunter Rudolf von Schwaben, Welf und andern mehr, schien es gefährlich, daß der deutsche Kaiser zu mächtig werde. Sie ließen daher die gefangenen sächsischen Großen wieder nach Hause gehen, wodurch Sachsen neuerdings in große Gärung geriet, und verbündeten sich mit dem Papste. Auf der von Heinrich nach Mainz berufenen Synode erschienen die wichtigsten deutschen Fürsten nicht, und sie ging wieder auseinander. Der später nach Tribur berufene Reichstag spaltete sich in zwei Lager, in ein kaiserlich und ein päpstlich gesinntes, die zu Tribur und dem gegenüberliegenden Oppenheim getrennte Zusammenkünfte hielten, und somit nicht die Einheit des Reiches, sondern dessen Entzweiung repräsentierten. Die Hauptfrage war die, ob der Papst das Recht habe, den Kaiser zu exkommunizieren, und da die deutschen Fürsten dies nicht anerkennen wollten, so schrieb der Papst eine Menge von Briefen, worin er sich auf die falschen Dekretalen stützte, und schickte eigene Legaten nach Tribur, welche mit den deutschen wohlgesinnten Bischöfen lange Konferenzen hielten. Die Folge davon war, daß, weil niemand an der Echtheit jener Dekretalen zweifelte, die deutschen Bischöfe und Fürsten anerkannten, daß der Papst das Recht habe, den Kaiser zu exkommunizieren, besonders wenn ein Kaiser es wage, sich dem Papste zu widersetzen. Man betrachtete nämlich, gestützt auf die falschen Dekretalen, welche dieses aussprachen, das Recht der Exkommunikation des Kaisers durch den Papst als ein solches, welches die Päpste von Anfang an ohne Widerstreit in Besitz gehabt hätten. Dieses war der größte Sieg, den das Papsttum je erfochten. Nun bestand aber in Deutschland das Recht, daß, wer innerhalb Jahr und Tag sich nicht aus dem Banne löse, auch seine weltliche Stelle verliere. Die Fürsten verlangten also vom Kaiser, daß er innerhalb dieser Frist die Absolution vom Papst erwirke; wo nicht, so müßten sie ihm den Gehorsam versagen. Darauf nun versprach der Kaiser, er werde sich dem Papste unterwerfen, begab sich mitten im Winter über die Alpen und traf mit dem Papste, der eben im Begriffe war, auf die Einladung mehrerer deutschen Großen nach Deutschland zu gehen und dort die Absetzung des Kaisers zu betreiben, in Kanossa zusammen. Dort tat Heinrich IV. die verlangte Buße, wenn auch weit entfernt von jeder Zerknirschung, und der Papst sprach ihn vom Banne frei, nicht gerade zum großen Vergnügen der Deutschen. Die fernere Frage aber, ob der Kaiser nicht Verbrechen begangen habe, infolge deren er die Absetzung verdiente, sowie die Frage, ob die dem Papst zur Last gelegten Verbrechen auf Wahrheit beruhten, war hiemit noch keineswegs erledigt. Da fiel nun jene denkwürdige Szene vor, in welcher der Papst eine Hostie weihte, in zwei Stücke zerteilte, und mit den Worten: »Wenn ich die mir zur Last gelegten Verbrechen wirklich begangen habe, so soll mich diese Hostie vom Erdboden vertilgen; wenn du dich eben so rein weißt von den Verbrechen, deren du beschuldigst bist, so nimm die andre Hälfte« – die eine Hälfte der Hostie konsumierte. Der Kaiser weigerte sich, seinem Beispiele zu folgen, und darauf sagte der Papst zu den deutschen Fürsten: »Ich habe euern Kaiser zwar absolviert, aber ich gebe ihn euch schuldiger zurück, als früher.« Nachdem dies geschehen war, ging der Kaiser unversöhnt mit dem Papste von Kanossa weg, und nun sammelten sich alle Italiener um ihn. Die deutschen Fürsten aber setzten ihn ab, weil sie seinen Zorn fürchteten. Auf diese Weise hatte Gregor erreicht, was er bezweckte: erstens daß der Papst sich von dem Kaiser faktisch emanzipierte, zweitens daß der Kaiser die Bischöfe nicht ein- und absetzen konnte, wie er wollte; drittens daß der Papst das Recht, über den Kaiser die Exkommunikation auszusprechen, durchsetzte. Nun kam es zum Kriege, in welchem der Kaiser nach Rom ging und den Papst verjagte (1084). Gregor flüchtete sich sodann zu den Normannen und starb bald darauf, mit den Worten: » morior in exilio, quia justitiam dilexi «. Ich sterbe in der Verbannung, weil ich die Gerechtigkeit geliebt habe. Sein Nachfolger Urban II. führte die päpstlichen Ansprüche erst vollends durch. Roms Anhänger in Deutschland, die viel stärker waren, als in Italien, stellten zwei Gegenkönige auf, zuerst Rudolf von Rheinfelden, und nachdem dieser getötet worden war, Hermann von Luxemburg, welch letzterer eine gewisse Autorität in Norddeutschland erlangte. Nachdem auf einem Konzil zu Quedlinburg die hierarchischen Ansprüche volle Anerkennung gefunden hatten, gelang es dem Papste sogar, den Sohn Heinrichs IV., den nachmaligen Heinrich V., für sich zu gewinnen. Dieser stellte sich am Ende, damit nicht die ganze Autorität des Hauses in Trümmer gehe, an die Spitze der Opposition gegen seinen Vater und nötigte denselben, ihm die Krone abzutreten. Dadurch wurde die ganze Lage der Dinge verändert: das Kaisertum war zwar nicht unterdrückt, behauptete aber nicht mehr jene unbedingte Höhe, die es unter den Ottonen und noch mehr unter Karl dem Großen eingenommen hatte. Der Papst spielte jetzt die erste, der Kaiser nur mehr die zweite Rolle. Zwölfter Vortrag Die Hauptfrage, von wem die Bischöfe in Zukunft investiert werden sollten, war aber immer noch nicht entschieden. Die Päpste, von der Absicht ausgehend, nicht nur sich selbst, sondern die ganze Hierarchie von den Kaisern zu emanzipieren, hatten den Grundsatz aufgestellt, daß kein Geistlicher von einem weltlichen Fürsten belehnt werden dürfe. Mit dieser Absicht hing auch die Idee von der Ehelosigkeit zusammen, die bis dahin zwar in den höheren Graden eingeführt war, aber auf die niedern Grade der Geistlichen erst jetzt ausgedehnt wurde. Die Päpste hatten bei diesem Verbot die Zustimmung des Volkes für sich, welches wenigstens in dem größeren Teil von Europa die nicht verheirateten Geistlichen für heilig hielt. In Deutschland hingegen wollte man sich das Zölibat lange nicht gefallen lassen. Die Päpste setzten es aber durch und hatten hiemit in ihrem Bestreben, die Geistlichkeit von allem Zusammenhang mit der übrigen Welt loszureißen und ganz ihren eigenen Zwecken dienstbar zu machen, den erwünschten Erfolg. Was nun die Investitur betrifft, so war der größte Teil der fürstlichen Besitzungen an die Geistlichen übergegangen, und die Kaiser behaupteten, daß jeder, der weltliche Güter besitze, sie von ihnen zu Lehen nehmen müsse. Wenn nun die Päpste ihre gegenteilige Ansicht durchsetzten, wonach die Geistlichen ihre Güter behalten sollten, ohne sich von dem Kaiser belehnen zu lassen, so wurde das Fürstentum unendlich geschwächt, indem es einen der wichtigsten Teile seiner Befugnisse verlor. Zwar konnte man auch auf den Gedanken geraten, daß die Geistlichen gar keine weltlichen Güter besitzen sollten, und diesen Gedanken faßte wirklich der Papst Paschalis, welcher darüber mit Heinrich V. zusammengeriet. Der Papst erregte aber dadurch bei der Geistlichkeit einen solchen Widerstand, daß er sich gezwungen sah, davon abzustehen und dem Kaiser zu schwören, daß er ihn nicht exkommunizieren wolle. Der nächste Papst, Calixtus, exkommunizierte dann den Kaiser dennoch, worauf es zu weiteren Streitigkeiten zwischen beiden kam, bis die deutschen Fürsten sich der Sache annahmen. Es wurde im Jahre 1122 zu Worms das erste große Konkordat zwischen der weltlichen und geistlichen Gewalt abgeschlossen, welches besonders dadurch wichtig ist, daß das Kaisertum schon so weit herabgebracht war, daß es allein die Sache nicht mehr durchführen konnte, sondern alle Fürsten zusammenkommen und sich gleichsam als Repräsentanten des Kaisertums gerieren mußten. Das Konkordat ließ es bei der Belehnung der Geistlichen durch die weltliche Gewalt, nur mit dem Unterschiede, daß in Italien die Weihe der Belehnung, in Deutschland die Belehnung der Weihe vorangehen solle. So waren nun Kaisertum und Papsttum wieder einigermaßen miteinander verträglich geworden; aber das war das alte Kaisertum nicht mehr; es hatte viel an seiner früheren Bedeutung eingebüßt. Das zeigte sich am grellsten bei den Kreuzzügen, auf die wir jetzt zu sprechen kommen müssen. 2. Die Kreuzzüge Schon der erste Kreuzzug selbst hat unmittelbar zur Entscheidung des großen Kampfes zwischen Heinrich IV. und Urban II. beigetragen, indem die zur kriegerischen Wallfahrt vereinigten Truppen dazu angewendet wurden, um die Kaiserlichen aus Italien zu verjagen. Das ist aber nicht die wichtigste Seite der Sache, die Kreuzzüge haben vielmehr noch eine ganz andre Bedeutung. Sie berühren alle allgemeinen Verhältnisse der Welt und zeigen zugleich, daß nicht mehr der Kaiser, sondern der Papst der Führer der Christenheit im Abendlande ist. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Islam als erobernde Macht aufgetreten war und einen großen Teil des zum römischen Reiche gehörigen Gebietes überflutet hatte, so liegt der Gedanke nahe, daß, nachdem im Abendlande sich eine feste Gewalt gebildet hatte, diese die ganze in ihr wohnende Kraft dazu hätte anwenden sollen, sich dem Islam entgegenzusetzen und ihm die eroberten Provinzen wieder zu entreißen. Dieser Gedanke ist auch einmal gefaßt worden: Otto III. und Papst Gerbert hatten den Plan gemacht, zunächst nach Afrika zu gehen und die Provinzen wieder zu erobern, welche voreinst zum weströmischen Reiche gehört hatten, und von da aus Syrien zu erobern. Ein solcher Gedanke konnte aber unter den damaligen Umständen nicht realisiert werden. Was ist das Charakteristische bei den Kreuzzügen? Sie sind große gemeinschaftliche Unternehmungen des abendländischen Reiches gegen den Orient. Eine solche gemeinschaftliche Unternehmung, angefangen unter einem weltlichen Oberhaupt, hätte eine methodische Kriegführung verlangt; davon war aber bei den Kreuzzügen beinahe gar keine Rede; sondern diese gingen von einem rein geistlichen Gesichtspunkte aus, nämlich bloß von dem Verlangen nach dem Wiederbesitz des heiligen Grabes, dessen Besuch den frommen Wallfahrern durch die Sarazenen auf alle mögliche Weise erschwert wurde. Die Erinnerung daran, daß das mohammedanische Reich auf den Trümmern römischer Provinzen entstanden sei, war gänzlich entschwunden. Nur die Belästigungen der Wallfahrer durch die Moslimen hallten im Abendlande wider, und die Erbitterung hierüber wurde durch die feurige Beredsamkeit eines phantastischen Einsiedlers, Peter, genannt von Amiens, zu hellen Flammen angefacht. Seine Aufforderungen fanden namentlich Anklang im Reiche der Kapetinger, wo eine glänzende Ritterschaft unter dem Einfluß einer lebendigen, durch Poesie genährten Phantasie lebte. An die Spitze dieser Bewegung stellte sich der Papst; er forderte auf den Konzilien zu Piacenza und Clermont zum Zuge gegen die Ungläubigen auf, und unter dem Rufe » Deus (?)o volt « Gott will es. nahm alles das Kreuz. Wie der Papst überhaupt sich gerne mit der populären Meinung vereinigte, was er bei der Zölibatsfrage bewiesen hatte, so tat er es auch hier. Es wirkten religiöse, populäre und hierarchische Motive zusammen, und es ist gewiß niemals in der Welt ein wunderlicheres Unternehmen gewagt worden, als dieser erste Kreuzzug. Die Kreuzfahrer wollten ein Land jenseit der See erobern, ohne daß sie eine Seemacht besaßen. Es blieb ihnen daher nur der Landweg über Konstantinopel übrig. Dort trafen sie vor allem ein ihnen nicht homogenes Element in der Dynastie der Comnenen, welche sich natürlich vor dieser gewaltigen Verbindung abenteuerlicher und ehrgeiziger Wallfahrer fürchteten. Sie gestatteten ihnen daher den ungehinderten Durchzug nur nach Ablegung eines feierlichen Versprechens, daß sie die den Sarazenen abgenommenen Provinzen den Griechen übergeben würden. Nun stürzten sich die Kreuzfahrer auf die sarazenischen Länder, eroberten nach unsäglichen Mühseligkeiten In Antiochien, als der Mut der Kreuzfahrer schon ganz erschlafft war, wurden sie durch das bloße Auffinden der Speerspitze, mit welcher die Seite Christi durchbohrt worden war, zu neuen Anstrengungen begeistert. Jerusalem 1099 und gründeten daselbst wider alle Erwartung ein Königreich. Der religiöse Impuls zeigte sich dabei in einer Mischung von Zügen, die einander zu widersprechen scheinen: die sarazenischen Bewohner der eroberten heiligen Stadt wurden in Haufen hingewürgt, und an den heiligen Stätten strömte das Blut. Als man aber Gottfrid von Bouillon die Krone von Jerusalem antrug, schlug er sie aus mit den Worten: »Da, wo unser Erlöser eine Dornenkrone trug, will ich keine weltliche tragen!« Ein wunderbares Gemisch von Fanatismus und Hingebung. Erst von Jerusalem aus wurde die Küste erobert und dort eine Reihe von christlichen Fürstentümern gegründet. Die Frage ist nun aber die: wie konnten diese Gründungen, vom Mutterlande getrennt, bestehen? Zwei Momente machten es möglich: erstens, daß unter demselben Impuls die Seemacht der romanischen Städte sich entwickelte (Venedig, Genua, Barcelona usw.), welche die Verbindung mit dem Orient unaufhörlich vermittelten; zweitens traten die Ritterorden hinzu, in welchen sich die sonderbarste Gestaltung des europäischen Adels ausbildete. Es hatten sich nämlich im Morgenlande Rittervereine gebildet, welche ursprünglich keinen andern Zweck hatten, als den, die Pilger zu verpflegen und den Weg der wallfahrenden Christen vor den räuberischen Sarazenen zu sichern. Diese ritterlichen Vereinigungen (Johanniter und Templer) breiteten sich nach und nach über das zurückliegende Europa aus, wurden mit reichlichen Dotationen ausgestattet und erhielten bald zahlreichen Zuzug von dem europäischen Adel, der eine Ehre darin fand, sich ihnen anzuschließen. So nahm das Städtewesen sogleich beim ersten Aufkommen und ebenso der ganze europäische Adel eine hierarchische Gestalt an, und der Papst, der an der Spitze der Kreuzzüge stand, verbündete sich dadurch erstens mit den großen Vasallen, zweitens mit dem gesamten Adel, drittens mit den Städten, viertens mit der gesamten Population, welche fast an nichts andres mehr dachte, als an die Kreuzzüge. Man kann also sagen, daß die Kreuzzüge zunächst die Wirkung hatten, die päpstliche Macht ungemein zu vermehren. Die Position aber, welche die Kreuzfahrer eingenommen hatten, erschien von vornherein als eine ganz unhaltbare. Sie hatten sich nämlich gerade in der Mitte der sarazenischen Welt festgesetzt, nicht weit von Bagdad, wo das Kalifat seinen Sitz hatte, und nicht weit von Ägypten, wo ebenfalls ein Zentrum der islamitischen Kultur war, so daß sie sich ungefähr in derselben Lage befanden, wie einst die Juden in der Mitte zwischen den Ägyptern und Assyrern. Fragt man, wie es den Kreuzfahrern überhaupt gelingen konnte, trotz dieser ungünstigen Verhältnisse im Orient Fuß zu fassen, so ist der Grund der, daß das abbasidische Kalifat nicht bloß die Omajjaden in Spanien gegen sich hatte, sondern daß ein drittes Kalifat, nämlich das der Fatimiden in Afrika entstanden war, ausgehend von einer mystischen Sekte, welche behauptete, mit Fatima, der Tochter Mohammeds, zusammenzuhängen. Die Kalifate der Fatimiden und Abbasiden waren in fortwährendem Kriege miteinander begriffen, und dies war der politische Grund, warum es den Kreuzfahrern gelang, ein einigermaßen dauerndes Reich zu stiften. Das Kalifat der Abbasiden hat das Schicksal erlebt, daß es von verschiedenen Völkern, namentlich türkischen Stämmen, überflutet ward. Darunter hatten die Seldschuken die größte Bedeutung, welche, nachdem die Kalifen in Bagdad zu bloßen geistlichen Fürsten herabgesunken waren, die eigentlich ausführende militärische Gewalt in Händen hatten. Hätten nun die Kreuzfahrer alsbald auf der einen Seite nach Ägypten, oder auf der andern Seite nach Bagdad vordringen wollen, um rechtzeitig das eine oder andre Kalifat zu stürzen, so würde es ihnen wahrscheinlich gelungen sein; aber das fiel ihnen nicht ein. Es gibt gewisse historische Kombinationen, denen keine Macht auf Erden, auch die klügste nicht gewachsen ist; und so kann man auch sagen, wenn man sich auf die Höhe jener Zeit stellt, daß, wenn beide Kalifate vereinigt wurden, es um die Kreuzfahrer geschehen war. Dieses Ereignis trat dann wirklich ein. Die seldschukischen Emire bildeten ihre Macht immer mehr aus, und endlich machte Saladin dem Kalifat von Kairo ein Ende. Unter diesen Umständen führte weder der zweite noch der dritte Kreuzzug (1189) zu einem Resultate; denn das ganze Asien stand gegen die Kreuzfahrer vereinigt. Auf diese Weise ging Palästina wieder verloren; ein Ereignis, das man aber im Abendlande nicht verschmerzen konnte. Der Impuls zu diesen Unternehmungen dauerte fort, und es kam ein neuer Kreuzzug zustande, der aber durch mancherlei Zufälligkeiten – hauptsächlich auf Veranlassung der Venezianer – seine Richtung nach Konstantinopel nahm und zur Stiftung eines lateinischen Kaisertums am Bosporus führte. Friedrich II., der Hohenstaufe, machte ebenfalls noch einen Versuch, Palästina den Sarazenen abzunehmen; aber er brachte es zu nichts weiter, als zu einem Vertrage, wodurch die Pilgerfahrt nach Jerusalem erleichtert wurde. Schließlich unternahm Ludwig der Heilige von Frankreich, und zwar auf dem Wege, den ich für den richtigen halte, einen Zug nach dem Orient, nämlich gegen Ägypten, wo er jedoch gefangen wurde, und hernach einen zweiten gegen Tunis, auf dem er umkam. Obwohl nun die Kreuzzüge wegen des unmethodischen Verlaufes, den sie nahmen, ihren direkten Zweck nicht erreichten, so hatten sie doch eine Menge indirekter Folgen, die von der größten Bedeutung waren. Sie gaben dem gesamten Abendlande ein unaufhörliches Gefühl der stärkeren Einheit; sie erzeugten einen fortwährenden Impuls nach dem Orient, bildeten das Städtewesen, das Rittertum und einen stärkeren allgemeinen Verkehr aus, und vor allem gaben sie dem geistlichen Oberhaupt ein ungeheures Übergewicht. Den Päpsten konnte es sogar lieber sein, daß die Unternehmung gegen Jerusalem nicht glückte; hatten sie doch dadurch einen immerwährenden Grund, Europa fort und fort für ihre Zwecke in Bewegung zu setzen. Dreizehnter Vortrag 3. Überwältigung der weltlichen Gewalt durch das Papsttum Einer der vornehmsten Gedanken, die ich mir gebildet habe, und von dem ich der Überzeugung bin, daß er vollkommen richtig ist, ist der, daß der Komplex der christlichen Völker Europas als ein Ganzes, gleichsam als ein Staat zu betrachten ist, sonst konnte man den ungeheuren Unterschied, der zwischen der okzidentalen und orientalen Welt, und die große Ähnlichkeit, welche zwischen den germanischen und romanischen Völkern besteht, nicht recht begreifen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, haben wir die Kreuzzüge als auswärtige Unternehmungen der Christenheit betrachtet und gehen nunmehr auf die inneren Angelegenheiten dieses Völkerkomplexes über, als welche wir das Verhältnis der einzelnen Fürsten zueinander und zu dem Papste betrachten. Zwischen dem Kaisertum und dem Papsttum war, wie wir gesehen, ein Konkordat abgeschlossen worden, und man hatte sich so ziemlich miteinander verständigt. Da bekam das Kaisertum eine höchst würdige Repräsentation in dem Hohenstaufengeschlechte, welches mit den Saliern in weiblicher Linie zusammenhing und insofern gewissermaßen eine Fortsetzung des früheren Kaisertums war. Auf der andern Seite aber unterschieden sich die Staufer dadurch von den Saliern und Ottonen, daß sie schon von vornherein nicht als die ganze Gewalt an und für sich umfassend, sondern in einem gewissen Verhältnis zu der allgemein von den Fürsten angestrebten Unabhängigkeit emporkamen. Wir haben nämlich oben gesehen, wie der Kampf des Kaisers mit dem Papste nicht hatte ausgemacht werden können, ohne die Fürsten hereinzuziehen. Unter diesen war das mächtigste Geschlecht, das der Welfen, in Niederdeutschland begründet von dem sächsischen Kaiser Lothar, der seine Tochter mit dem Welfen Heinrich dem Stolzen von Bayern vermählte. Ohne die Hilfe der mächtigen Welfen wäre es Friedrich I. nicht geglückt, die Kaiserkrone zu erlangen und sich in deren Besitz zu behaupten; und von da an wurde es den Kaisern überhaupt nicht mehr möglich, sich anders, als durch ein persönliches Verständnis mit den Fürsten auf dem Throne zu erhalten. Friedrich I. schloß ein solches Verständnis mit Heinrich dem Löwen ab, und da er nun diesen mächtigsten Fürsten auf seiner Seite hatte, so konnten auch die übrigen nichts gegen ihn unternehmen; aber man sieht, daß es mit der unbedingten Autorität des Kaisers ein Ende hatte. Als nun Friedrich I. Kaiser geworden war und die Idee des Deutschen Reiches wiederherzustellen suchte, geriet er mit dem Papst in Streit über gewisse Ehrenrechte. Papst Hadrian hatte in einem Briefe an den Kaiser sich des Wortes Beneficium Lehen in bezug auf das Deutsche Reich bedient, was der Kaiser ebensowenig wie die Fürsten zu dulden gemeint waren. Der vornehmste Streit aber, worauf die ganze Geschichte der Hohenstaufen basiert, drehte sich um die Herrschaft in Italien. Die Hohenstaufen hatten nämlich ihre Hauptgüter im südlichen Deutschland und suchten durch die Verbindung dieser ihrer süddeutschen Besitzungen mit dem nördlichen Italien ihren Einfluß in Italien überhaupt zu erhöhen. Dabei jedoch hatten sie das Unglück, mit den Städten in Oberitalien in Konflikt zu geraten. In diesen war schon früher ein Gefühl von Unabhängigkeit erwacht, welches sich vielleicht auf Momente ihrer alten Verfassung zurückführen läßt. Diese Städte waren von den Ottonen den Bischöfen unterworfen worden; als aber der große Streit zwischen den Kaisern und den Päpsten ausbrach, suchten sie sich sowohl von ihren Bischöfen als von dem Kaiser freizustellen. Friedrich I., schon seiner Natur nach sehr geneigt, sich Gehorsam zu erzwingen, wurde in seinem Unwillen gegen diese Städte noch mehr bestärkt durch die römischen Juristen, welche in ihm die Ideen vom altrömischen Imperium wachzurufen strebten. Da die Städte sich eigne unabhängige Obrigkeiten zu setzen suchten und die bei Römerzügen herkömmlichen Leistungen verweigerten, so kam es zum offenen Kampfe zwischen ihnen und Friedrich, in welchem sie besiegt und die Rechte des Kaisers durchgesetzt wurden. Nun wollte dieser seine Rechte auch auf Mittelitalien, wo der Papst mächtig war, und von da auf Rom ausdehnen, und da geriet er nun mit dem Papste zusammen. Mittlerweile war in Rom eine streitige Papstwahl ausgekommen, indem ein kaiserlich Gesinnter und ein andrer mit mehr hierarchischen Tendenzen einander gegenüberstanden. Der Kaiser glaubte, er sei befugt, ein Konzilium zu berufen und dort seinen Kandidaten durchzusetzen. Dem widersetzte sich Alexander III., worauf der Kaiser nach Rom ging, den Papst verjagte, und alles durchsetzte, was er beabsichtigt hatte. Indem aber dies geschah, schlossen die Städte das lombardisch Schutz- und Trutzbündnis gegen den Kaiser und vereinigten sich mit dem Papste. Friedrich kehrte mit seinem durch Kämpfe und Seuchen geschwächten Heere über die Alpen nach Deutschland zurück, und rüstete sich dort neuerdings zum Kampf gegen das Papsttum und die Städte, welche durch ihre Macht dem Papsttum eine nicht hoch genug anzuschlagende Widerstandsfähigkeit verliehen. Sie gründeten dem Papst Alexander III. zu Ehren Alessandria. Hätte der Kaiser in dem nunmehr ausgebrochenen Kampfe die gehörige Hilfe aus Deutschland erhalten, so würde er wohl die Oberhand gewonnen haben. Allein nun brach auch dort ein Streit zwischen Friedrich und seinem mächtigsten Reichsfürsten, Heinrich dem Löwen, aus. Kaum erfuhren dies die italienischen Städte, so warfen sie sich mit doppeltem Ungestüm auf den Kaiser und schlugen ihn bei Legnano 1176 aufs Haupt. Infolge dieser Schlacht mußte Friedrich sich dem Papste unterwerfen, die feierliche Erklärung abgeben, daß er in den 25 Jahren seiner Regierung geirrt habe, und den Papst um Verzeihung bitten. Ich kann überhaupt Friedrich I. für keinen großen Politiker ansehen; sein wichtigstes Ziel, die Unabhängigkeit des Kaisertums vom Papsttum zu behaupten, hätte er wahrscheinlich erreicht, wenn er durch einige Konzessionen sich mit Heinrich dem Löwen verständigt und die italienischen Städte für sich gewonnen hätte. Friedrich I. gab nun seinen Kampf mit dem Papste vollständig auf und wendete seine ganze Aufmerksamkeit auf Deutschland; aber das Kaisertum faktisch mächtig zu erhalten, blieb immer noch sein Hauptgedanke. Zu diesem Zwecke schloß er mit den italienischen Städten zu Konstanz einen Vergleich, in welchem die Rechte des Kaisers und der Städte ziemlich ausgeglichen wurden, um sich mit seiner ganzen Macht auf seinen verhaßtesten Gegner, Heinrich den Löwen, werfen zu können. In diesem Kampfe gegen den gewaltigen Herzog, welcher Sachsen und Bayern zugleich besaß, wurde Friedrich auch von den übrigen deutschen Fürsten unterstützt, die lieber unter dem Kaiser stehen, als einen so übermächtigen Genossen neben sich dulden wollten. Es gelang ihnen, Heinrich dem Löwen ganz Bayern zu entreißen und ihn auch in Niederdeutschland auf einen sehr engen Kreis einzuschränken. Endlich wurde er sogar in die Reichsacht erklärt und mußte Deutschland ganz meiden. Dadurch gelangte Friedrich wieder zu hohem Ansehen. Er faßte aber auch noch einen andern Gedanken, nämlich den, das hohenstaufische Haus mit dem normännischen Fürstengeschlechte in Verbindung zu setzen und das Erbe von Neapel und Sizilien an sich zu bringen. Schon Karl der Große war in Neapel gewesen, und die Ottonen hätten es ganz in Besitz nehmen können. Später bemächtigten sich die Normannen des Landes, welche sich zuerst an das Kaisertum und später an den Papst anschlossen, was nicht ohne Einfluß auf die Verhältnisse war; denn sie hatten eine bedeutende Macht erlangt, mit welcher sie auch dem griechischen Kaiser sehr beschwerlich fielen, an den Kreuzzügen lebhaften Anteil nahmen und sogar nach Afrika übersetzten. Das normännische Königsgeschlecht starb aber in männlicher Linie aus, und der letzte König von Neapel und Sizilien hinterließ nur eine Tochter, namens Konstanze. Diese vermählte Friedrich mit seinem Sohne, dem nachmaligen Kaiser Heinrich VI. Auf diese Weise machte Friedrich I., obwohl er den Papst nicht hatte bezwingen können, dadurch, daß er dessen Autorität anerkannte, seinen vornehmsten Gegner in Deutschland entfernte und Neapel an sein Haus brachte, das Kaisertum und sein Geschlecht wieder mächtig. Er war ein ebenso würdiger Repräsentant des Kaisertums im 12. Jahrhundert, als Heinrich III. es im 11. Jahrhundert gewesen war. Sein Sohn Heinrich VI., welcher zwar kein so idealer Mensch war, wie sein Vater, aber Klugheit und Geist in hohem Grade besaß, gedachte nun, die von dem Vater ererbte Macht immer weiter zu entwickeln. Unter den heftigsten Kämpfen setzte er sich in den Besitz von Sizilien, beherrschte die oberitalienischen Städte und setzte in der Mark Ancona seinen Seneschall ein. Er hatte seine Beamten in Rom, und der Senat mußte ihm Gehorsam schwören. Ja er faßte sogar den Gedanken, nach Konstantinopel zu gehen und dieses mit dem Reiche zu vereinigen. Ein andrer Hauptgedanke, den er aber nicht ins Werk zu setzen vermochte, war der, das Deutsche Reich erblich zu machen. Zu diesem Zwecke wollte er bewirken, daß sein Sohn zu seinem Nachfolger ernannt werde, wofür er das Gegenversprechen machte, Sizilien und Neapel, die seinem Hause gehörten, mit dem Reiche für immer zu vereinigen und den deutschen Fürsten in ihren Besitzungen eine gewisse Latitüde zu lassen. Wäre er mit diesem Vorhaben durchgedrungen, so würden die deutschen Fürsten um einen Grad tiefer in ihrer Macht herabgekommen sein; denn die Unabhängigkeit der Einzelfürsten Deutschlands steht mit der Macht des gesamten Deutschlands im umgekehrten Verhältnis. Es war aber wie ein Schicksal, daß das Deutsche Reich nie zur Entwicklung kommen sollte. Auch Heinrich VI. starb in der Mitte dieser seiner Bestrebungen mit Hinterlassung eines Sohnes, der noch in der Kindheit sich befand, und an die Stelle des schwachen Papstes Cölestin trat Innocenz III., einer der tatkräftigsten und mächtigsten Päpste. In Deutschland erhoben sich jetzt wieder die beiden Parteien der Welsen und Staufer. Heinrich der Löwe war nach Friedrichs I. Tod wieder zurückgekehrt und hatte sich an die Spitze seiner Anhänger gestellt. Es kam zu einer streitigen Kaiserwahl in Deutschland, bei der sich zwei Bewerber gegenüberstanden, nämlich Otto, der Sohn Heinrichs des Löwen, und Philipp der Hohenstaufe. Der Papst entfernte nunmehr die kaiserlichen Beamten aus Rom und stellte die päpstliche Gewalt wieder in ihrem vollen Umfange her, setzte seine Macht auch in Toskana fest und behauptete sein Übergewicht auch in Oberitalien. Was die beiden Prätendenten betraf, so forderte er sie auf, vor seinen Richterstuhl nach Rom zu kommen, um sich dort seiner Entscheidung zu unterwerfen. Der Papst war anfangs für Otto, später für Philipp; als aber durch die Ermordung Philipps der kaiserliche Thron erledigt wurde, erklärte er sich abermals für Otto. Dieser hatte sich indessen mit einer Dame aus dem hohenstaufischen Hause vermählt und war durchaus nicht gemeint, das mindeste von den Ansprüchen der Kaiser aufzugeben. Ja, er erlaubte sich sogar in Italien wirkliche Übergriffe, worüber der Papst in den höchsten Zorn geriet: » Poenitet nos, fecisse hominem «. Es reut uns, den Menschen geschaffen zu haben. I.Mos.6,6. Otto besaß zwar nicht die Fülle der hohenstaufischen Macht, aber in Italien ging eine bedeutende Partei mit ihm, und was ihm, als er nach Deutschland zurückkehrte, eine noch größere Bedeutung gab, das war sein Verhältnis zu England, auf welches wir jetzt einige Blicke zu werfen haben. In England war im Jahre 1066 Wilhelm der Eroberer nicht ohne Mitwirkung des Papstes auf den Thron gekommen. Die Angelsachsen waren zwar gut päpstlich gesinnt, aber es hatte sich doch eine angelsächsische Kirche gebildet, die mit dem damaligen Papst Alexander II. in Streit geriet. Dieser forderte Wilhelm selbst auf, nach England zu gehen, worauf dieser daselbst eine römische Hierarchie einrichtete und sich enge an den Papst anschloß. Dieses Verhältnis dauerte aber nicht lange; auch die normännischen Fürsten gerieten in Opposition mit der römischen Kirche und schlossen mit derselben ein Konkordat ab. Die normännisch-englische Macht kam dadurch zu hoher Bedeutung, daß das Geschlecht der normännischen Herzöge ausstarb, und Heinrich von Anjou, genannt Plantagenet, einer der ausgezeichnetsten Könige, die jemals existierten, den Thron bestieg. Auch ein äußerer Umstand trug dazu bei, die Macht dieses Königs zu vermehren. Einer der gewaltigsten Fürsten in Frankreich, der Herzog von Aquitanien (Guyenne), hinterließ eine Erbtochter, Eleonore, welche sich mit Ludwig VII. von Frankreich vermählte. Dieser ließ sich jedoch später von ihr scheiden, worauf sie eine neue Ehe, eben mit Heinrich Plantagenet einging, und diesem ihre reichen Besitzungen zubrachte. Infolgedessen wurden die französischen Könige in ihrem unmittelbaren Besitz auf einen sehr geringen Teil von Frankreich, nämlich auf fünf der jetzigen Departements, eingeschränkt. Außerdem vereinigte Heinrich II. von England auch Irland mit seinem Reiche und erwarb sich das Verdienst, die englische Gerichtsverfassung so begründet zu haben, wie sie noch heutzutage besteht. Hierüber geriet er in einen Streit mit der kirchlichen Jurisdiktion. Durch die Ermordung seines ehemaligen Kanzlers Thomas Becket, Erzbischofs von Canterbury, der ihn in diesem Streite exkommuniziert hatte, brachte er aber das Volk in eine solche Aufregung, daß er vor dem Schreine des Gemordeten Abbitte tun und sich dem Papste unterwerfen mußte. Wir sehen also hieraus, daß dieselben Verhältnisse zwischen Kirche und Regenten, die sich in Deutschland entwickelt hatten, auch in England Platz griffen. Der Sohn Heinrichs II. empörte sich gegen seinen Vater und rief in diesem Kampfe seinen Oberlehnsherrn, den klugen Philipp August, König von Frankreich zu Hilfe. Darüber starb Heinrich II. in großem Kummer. Der zweite von seinen Söhnen war Richard Löwenherz, der anfangs auch mit Philipp August enge verbunden war, sich aber später, während des Kreuzzuges, mit ihm entzweite. Infolgedessen geriet er auf seiner Rückkehr aus dem gelobten Lande in Gefangenschaft und wurde, als er daraus wieder befreit war, bei der Belagerung eines Schlosses in Aquitanien getötet. Auf ihn folgte sein jüngster Bruder Johann ohne Land, ein höchst gewalttätiger Fürst, der immer mit seinen Vasallen in Streit lag und durch die Ermordung seines Neffen Arthur, Herzogs der Bretagne, es dahin brachte, daß die Pairs von Frankreich ihn seiner Lehen, die er in Frankreich besaß, für verlustig erklärten, worauf Philipp August, sein oberster Lehnsherr, die Normandie und den größten Teil der englischen Besitzungen in Frankreich eroberte. In dieser Not verband sich Johann mit dem Welfen Otto in Deutschland, und beide faßten nun den Gedanken, sich gemeinschaftlich dem Papst und dem König von Frankreich zu widersetzen. Allein Innocenz III. war Manns genug, um sie beide zu besiegen. Er unterstützte daher den Gedanken des Königs von Frankreich, nach England zu gehen und dort mit Hilfe der mißvergnügten Vasallen Johann zu stürzen; und um den Kaiser Otto im Schach zu halten, schickte er den 18jährigen Hohenstaufen Friedrich II. (1212) als Gegenkönig aus Sizilien nach Deutschland. Dieser fand in Deutschland großen Anhang, und so bildete sich eine Koalition des Papstes, des Königs von Frankreich und des jungen Hohenstaufen Friedrich auf der einen, des Königs Johann von England und des Kaisers Otto auf der andern Seite. Im Jahre 1214 kam es zu einem Treffen bei Bouvines in Flandern, in welchem der König von Frankreich den Sieg behielt. Von dieser Zeit an war das Übergewicht des Papstes vollkommen entschieden; denn er hatte die ganze Macht Heinrichs VI. in seine Hände gebracht; er hatte den Welfen vollkommen gedemütigt und die englischen Angelegenheiten so geleitet, daß Otto von dorther keine Hilfe mehr finden konnte, und auf der andern Seite war Philipp August von Frankreich sein engster Verbündeter. Durch eine Kombination von politischen Beziehungen und Kriegsfällen war es also, daß der Papst seine Übermacht erhielt, und nicht durch die Entwicklung der geistlichen Idee. Otto verlor das Kaisertum und wurde auf einen sehr kleinen Machtkomplex in Niedersachsen reduziert; Philipp August hingegen zog im Triumph in Paris ein und wurde dort von den Franzosen, in denen sich zum erstenmal seit der kapetingischen Zeit das Nationalgefühl regte, mit Jubel empfangen. In England brach mit der Niederlage Johanns ein neuer Tumult der Barone aus, die ihn im Jahre 1215 nötigten, ihnen die Magna Charta Magna charta libertatum – Das wichtigste altenglische Grundgesetz, in dem Recht der angelsächsischen und normannischen Zeit (Lehnsrechte) und bürgerliche Rechte (persönliche Freiheit, Eigentum) enthalten war. Sie schränkte das Recht des Königs zugunsten des Adels ein. Bedeutsam für die spätere Entwicklung der englischen Verfassung wurde, daß nunmehr über dem König das Gesetz stand. zu geben. Der neue Kaiser Friedrich II. war zwar auch ein Hohenstaufe, aber keiner von der älteren Schule; denn die Unabhängigkeit des Kaisertums war dadurch keineswegs gefördert worden, daß er seine Krone dem Papste zu verdanken hatte. Der Papst hatte sich von dem jungen Fürsten versprechen lassen, daß er, sowie er einen Sohn bekäme, denselben sofort zum sizilischen König machen, ihn aber alsbald außer aller Verbindung mit Deutschland setzen wolle. Die Absicht der Päpste war also lediglich die, die Hohenstaufen zu ihren hierarchischen Zwecken zu benutzen und sie in solcher Schwäche zu erhalten, daß sie nichts gegen sie ausrichten konnten. Das wollte sich Friedrich aber nicht gefallen lassen, und so geriet auch er in Kampf mit seinem ehemaligen Beschützer. Um die Wahl seines Sohnes Heinrich zum deutschen König durchzusetzen, gewährte er den geistlichen Fürsten eine Menge von Rechten; diese sperrten sich aber dessenungeachtet gegen ihn, und als er, um in den weltlichen Fürsten ein Gegengewicht zu erhalten, auch diesen viele Rechte abtrat, so löste er seine deutsche Macht vollkommen auf. In seinem Streite gegen den Papst hat dieser Kaiser drei verschiedene Direktionen verfolgt: erstens die kaiserliche Würde aufrecht zu erhalten, zweitens die oberitalienischen Städte zu zügeln, drittens Neapel und Sizilien zu beherrschen. In letzterem Lande hatte er eine sonderbare Stellung, denn dort wohnten noch Sarazenen, die ihm ebenso lieb waren, wie die Christen, weshalb er in Verdacht des Unglaubens geriet. Friedlich II. richtete in Neapel eine sehr gute Administration ein, die als Muster für spätere Zeiten gilt. In Oberitalien, wo sich die Parteien der Guelfen und Ghibellinen am schroffsten gegenüberstanden, kämpfte er mit vielem Glück, und es gelang ihm, die lombardischen Städte 1237 zu besiegen. Den Papst Innocenz IV. zwang er, aus Italien zu entweichen, worauf ihn derselbe von Lyon aus absetzte und exkommunizierte. Die Päpste waren überhaupt seit Anfang des 13. Jahrhunderts noch viel mächtiger geworden durch das Institut der Bettelorden, welche allenthalben für sie wirkten. In Deutschland erhob sich in Heinrich Raspe, dem Landgrafen von Thüringen, ein Gegenkönig; der Kaiser selbst wurde in Italien geschlagen und kam inmitten dieser Tumulte 1250 um. In seinem ganzen Gebiete wurde der Papst Alleinherr. Der Sohn Friedrichs II., Konrad IV., vermochte sehr wenig. In Neapel hielt sich Manfred, ein unechter Sohn Friedrichs, sehr tapfer; allein der Papst rief Karl von Anjou, einen Bruder Ludwigs des Heiligen von Frankreich, zu Hilfe, welcher Manfred schlug und Neapel und Sizilien als Lehen aus den Händen des Papstes entgegennahm, so daß diese Länder nunmehr vom Kaiserreiche getrennt wurden. In Oberitalien war Innocenz IV. durch die guelfische Partei mächtig; in Deutschland stritten die Gegenkönige sich miteinander herum; der französische König war dem Papste ganz ergeben, und so konnte sich niemand mehr gegen die geistliche Gewalt regen. Nach dem Tode Manfreds faßte Friedrichs II. Enkel, Herzog Konradin von Schwaben, den Entschluß, nach Italien zu gehen und dort den Kampf des Erbrechtes gegen die päpstlichen Ansprüche auszufechten, allein er wurde geschlagen und unter der Form Rechtens hingerichtet. Sein Tod bezeichnet das Ende des alten Kaisertums, denn obwohl er selbst nicht Kaiser war, so gehörte er doch zu dem Geschlechte, welches die Würde des Kaisertums stets aufrechtzuerhalten suchte. Nun erübrigt mir noch, ein paar Worte über den allgemeinen Zustand nach diesen Kämpfen der geistlichen mit der weltlichen Macht hinzuzufügen. Die Päpste geboten in Italien, denn da hatten sie vermöge ihres Rechtes den mächtigsten König aufgestellt, und diese Könige aus dem Hause Anjou, welche in Neapel herrschten, haben stets an der Spitze der guelfischen Partei gestanden und die Ansprüche des Papstes in Italien unterstützt. In Deutschland trat ein Interregnum ein, es standen mehrere Prätendenten einander gegenüber, bis es den Päpsten zu arg wurde und sie den deutschen Fürsten befahlen, einen König zu wählen. Die Kurfürsten traten zusammen und wählten, vornehmlich die geistlichen, Rudolf von Habsburg (1273), den Stifter des Hauses Österreich, der, mit Hilfe des Papstes gewählt, sich auf die innern Angelegenheiten Deutschlands beschränkte und dem Papste die Rechte des Reiches in Italien überließ. In England, welches für die römische Kirche ein sehr einträgliches Land war, saß Heinrich III., der Sohn Johanns ohne Land, auf dem Throne, welcher durch die päpstlichen Kommissarien regierte und regiert wurde. In Frankreich standen die Kapetinger nicht nur auf seiten der Päpste, sondern befanden sich in einer noch näheren Beziehung zu ihnen. Die kapetingische Herrschaft hatte sich über das südliche Frankreich ausgebreitet, nicht allein im Namen der Oberlehnsherrschaft, sondern infolge eines Kirchenstreites. Dort war nämlich die Sekte der Albigenser entstanden, welche sich zu Religionsansichten bekannten, die von der römischen Kirche abwichen und an dem Grafen von Toulouse ihre Stütze fanden. Dieser wurde von dem Papste exkommuniziert, und König Ludwig VIII. von Frankreich ward Exekutor des päpstlichen Bannes. So verbreitete das Königtum in Frankreich seine Macht über den Süden dieses Landes lediglich dadurch, daß es die päpstlichen Befehle exequierte. Ebenso waren in Spanien die neu entstandenen Königreiche Aragon, Kastilien und Portugal ganz in den Ideen der Kreuzzüge gegründet worden. In derselben Zeit breitete sich im nördlichen Europa der geistliche Ritterorden der Deutschherren aus, durch welchen das Land jenseit der Weichsel, Preußen, Kurland, Livland erobert, christianisiert und dem Einfluß des Papsttums unterworfen wurde. Auch die Städte in Italien und Frankreich, die unter der Fahne Oriflamme ihre Mannschaften zu den Kreuzzügen entsendet hatten, standen unter geistlichem Einfluß und hatten sogar überall eine Art geistlicher Verfassung. So war das Papsttum aus der Tiefe der europäischen Dinge emporgestiegen und beherrschte sie im 13. Jahrhundert vollkommen. Kunst und Wissenschaft waren allenthalben von geistlichen Elementen durchdrungen und beherrscht. In der Baukunst hatte sich der gotische Stil geltend gemacht, in welchem die Idee der Christenheit symbolisiert wurde, und der, da er keinem Lande besonders angehört, in Wahrheit der Stil der Hierarchie genannt werden kann. Dieselben Tendenzen zeigen sich in der Literatur. Die Universitäten des 11. und 12. Jahrhunderts waren nichts als theologische Schulen. Der Papst selbst ließ sich zwar nicht in theologische Streitigkeiten ein, aber in Paris entwickelten die Dominikaner die Lehre der Kirche ganz im geistlichen Sinn; die spätere dogmatische Gestaltung des Katholizismus wurde durch die Schriftsteller aus diesem Orden fertiggemacht. Die Poesie hatte zwar auch noch einen andern als bloß geistlichen Inhalt, aber sie bewegte sich doch in diesen Kreisen; ich erinnere an die Gralssage, eine Mischung von altheidnischen Traditionen und christlichen Anschauungen. Mit einem Worte, diese Vereinigung von Religion und Herrschaft, von Priestertum und Rittertum, Poesie und Kunst bildete ein glänzendes aber drückendes Ganze, gegliedert wie ein gotischer Dom, an dessen Spitze der Hohe Priester stand und alles beherrschte. Vierzehnter Vortrag Während diese überaus merkwürdige Entwicklung des Westens vor sich ging, verfiel der Orient in die vollständigste Barbarei. Auf die kultivierbaren Araber waren die rohen Türken (Seldschuken) gefolgt, und im 13. Jahrhundert, gerade in den Tagen, wo Friedrich II. und Papst Innocenz IV. miteinander schlugen, erschienen an den Pforten der westlichen Welt die Mongolen. Der große Dschingischan bildete sie zu einer Gemeinschaft, welche der übrigen Welt unwiderstehlich war. Sie stürzten sich von den Hochebenen Asiens auf alle rundherum wohnenden Nationen, überwältigten das Reich Chowaresm, Chowaresm, auch Chwarezm, wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts durch Loslösung der ostiranischen Chwarezmschahs von den Seldschuken ein selbständiges Staatswesen, das von Dschingischan 1219–1223 erobert wurde. das Kalifat von Bagdad, das chinesische Reich, errichteten an den Pforten Europas und Asiens das goldene Chanat, Chan – mongollsch-türkischer Herrschertitel, der dem Namen des Trägers angehängt wird. Das Reich eines Chan wird als Chanat bezeichnet. welches von da aus über ganz Rußland und Polen sich erstreckte, und erfüllten alles mit Raub und Mord. Es war das Ideal der Barbarei, welches hier gewissermaßen realisiert wurde; das einzige Denkmal, das sie aufrichteten, bestand aus den Köpfen der Erschlagenen. – Unter den Nachfolgern Dschingischans drangen die Mongolen bis Neustadt in Österreich und Liegnitz in Schlesien vor, wo sie endlich auf das Haupt geschlagen wurden. Wären aber die ursprünglichen Sitze der Mongolen Europa näher gewesen, so daß sich nicht bloß die äußersten Ausläufer dieses Völkerstromes an die Grenzen Deutschlands ergossen hätten, so wäre wahrscheinlich die europäische Christenheit verloren gewesen; denn Kaiser und Papst hatten vollauf mit ihren gegenseitigen Händeln zu tun, und fanden keine Zeit, sich den Einfällen der Mongolen zu widersetzen. Die Barbarei, welche damals über den Orient sich ergoß, beherrscht ihn auch noch heutzutag, und wir sehen hier an einem eklatanten Beispiele, wie wenig an einen allgemeinen Fortschritt des menschlichen Geschlechtes zu denken sei. Wir aber wenden jetzt unsere Aufmerksamkeit wieder auf jenen großen Völkerkomplex des Abendlandes. In diesem war zwar die Entwicklung des Papsttums ein höchst wichtiges Moment, aber es leuchtet ein, daß dadurch nicht die Vollendung der Dinge bezeichnet ward, wie sie in Europa geschehen konnte und sollte. Weder in den äußeren, noch in den inneren Angelegenheiten entsprach das Papsttum der Idee, welche man sich von einer allgemeinen, im Abendlande herrschenden Autorität bilden mußte. Jerusalem und Konstantinopel waren verloren gegangen; Polen und Ungarn gerieten, wenn auch nicht auf immer, in die Hände der Feinde. In bezug auf das Innere lag das Papsttum durch sein bis in das kleinste entwickeltes Dogma, seinen Kultus und seine kirchlichen Ansprüche überhaupt, unendlich drückend auf der europäischen Welt. Man denke nur an die Verfolgungen der Albigenser und Waldenser, welche letztere die Bibel nur in der Ursprache lesen wollten! Das Papsttum konnte also sein europäisches Reich nach außen nicht verteidigen, und nach innen drückte es auf dasselbe. Wenn wir weiter bis auf den letzten Grund zurückgehen, der die Ausbildung jener päpstlichen Weltherrschaft erklärt, so liegt derselbe darin, daß das europäische Gemeinwesen, das wir aus einer Verbindung der romanischen mit der germanischen Welt haben entstehen sehen, vom Ursprung an zu einer hierarchischen Richtung angetan war; denn im romanischen Wesen hatte die Kirche die größte Bedeutung. Sie war aber doch nicht alles, und im germanischen Wesen lag ein unendlicher Freiheitstrieb und Sinn für das Naturwüchsige, der auf die Dauer in dem hierarchischen Wesen seine Befriedigung nicht finden konnte. Auf der andern Seite war doch auch die weltliche Gewalt etwas für sich Bestehendes. Die Germanen waren aus ihren Wäldern gekommen, um das römische Reich zu erobern, nicht aber, um der römischen Kirche dienstbar zu sein. Die Kultur hatten sie annehmen wollen, nicht aber diese Dienste. Es liegt also in der Natur der Sache, daß auf diese hierarchische Epoche eine andere folgte, in welcher sich der innere Trieb der romano-germanischen Völker, die wir als eine lebendige Einheit betrachten, auf das lebhafteste entwickelt, nicht nach einer vorgezeichneten philosophischen Regel, sondern in unaufhörlicher Ausbildung seiner Tendenz. §5 Fünfte Periode 14. und 15. Jahrhundert Die Einheit des Staates und der Kirche löste sich in diesen Jahrhunderten auf. Das Papsttum konnte nicht herrschen, ohne alle Momente des Lebens zu umfassen. Doch gelang ihm das nicht so vollkommen, daß nicht Dante ungeachtet seiner streng religiösen Gesinnung die Idee des ausschließlich regierenden Papsttums bekämpft und die des weltlichen Staates aufgefaßt hätte. Eine andere Erscheinung der Literatur in dieser Richtung ist das Sagenwerk, aus welchem nachher Ariost, Bojardo und viele andere ihre Erzählungen genommen haben, die sogenannten Royaux de France, eine Verherrlichung des französischen Königtums, welche, ohne im mindesten von der Einheit des Christentums abzugehen, aus einer rein weltlichen Tendenz entsprungen war. Auf diese Weise konnte nun freilich nichts Entscheidendes erreicht werden; allein es traten andere Ereignisse ein, welche der Macht des Papsttums die größten Niederlagen beibrachten. Gleich am Anfang des 14. Jahrhunderts treffen wir den Papst Bonifacius VIII., welcher die päpstlichen Hoheitsansprüche zwar nicht am besten geltend gemacht, aber am stärksten formuliert hat, als eine Umfassung aller geistlichen und weltlichen Rechte, wie er in Streit geriet mit einem König, dem seine Klugheit die Mittel an die Hand gab, sich seiner zu entledigen, nämlich mit Philipp dem Schönen von Frankreich. Dies Königreich war im Bunde mit dem Papsttum stark geworden. Die römische Kurie hatte die Franzosen in ihrem Kampf gegen die Engländer unterstützt; sie hatte ihnen die Rechte gewährt, durch welche sie Meister des südlichen Frankreichs geworden waren; die südlichen Franzosen von Marseille waren durch den Papst unter Karl von Anjou nach Italien gerufen worden; Ludwig der Heilige hatte die beiden letzten Kreuzzüge unternommen und schloß sich den geistlichen Ideen unbedingt an, obwohl er den unbedingten Ansprüchen des Papsttums eher Widerstand als Folge leistete, und von den Bedürfnissen seines Reiches gut unterrichtet war. Am Ende des 13. Jahrhunderts folgte ihm aber sein Enkel Philipp der Schöne nach, einer der merkwürdigsten Fürsten der neueren Zeit. Dieser schließt sich in Durchführung des weltlichen Gesichtspunktes ganz an Kaiser Friedrich II. an, braucht viel Geld zu seinen Feldzügen mit England und erhält es auch von seinen Untertanen, kommt aber eben dadurch in Konflikt mit dem Papste, dessen Exaktionen dadurch benachteiligt werden. Im Jahre 1302 beruft der König seine Stände und opponiert sich in Gemeinschaft mit ihnen dem Papste. Dadurch allein wurde er aber des Papstes nicht Herr, sondern er brauchte Gewalt dazu, überfiel den Papst und setzte ihn gefangen, worüber dieser in einem der Raserei ähnlichen Zustand verstarb. Damit begnügte sich indes der König von Frankreich nicht. Er verstand es besser als die deutschen Kaiser, ließ durch die Kardinäle einen ihm beliebigen Papst wählen und wies ihm Avignon im südlichen Frankreich zum Aufenthaltsorte an. Dadurch machte König Philipp der Schöne der Autorität des Papsttums durch einen plötzlichen Schlag – ich will nicht sagen ein Ende –, aber er vernichtete die Idee der allgemeinen Autorität, die sich daran knüpfte. Philipp der Schöne war überhaupt ferne davon, die geistlichen Anschauungen der früheren Jahrhunderte zu teilen und zeigte dies auch in seiner grausamen Prozedur gegen die Tempelritter, obwohl er ihnen die Schändlichkeiten nicht nachweisen konnte, die er ihnen zur Last legce. Aus diesen Verhältnissen erwuchs gegen Ende des Jahrhunderts das sogenannte Schisma. Die übrigen europäischen Mächte waren nicht gewillt, einen Papst anzuerkennen, der in Frankreich residierte, und so kam es außer zur Wahl eines französischen, auch noch zur Wahl eines sozusagen europäischen Papstes, und ganz Europa teilte sich in verschiedene Obedienzen. Man kann sagen, daß die Weltherrschaft des Papstes, welche in der Einheit beruht, sich in sich selbst auflöste nicht durch den fortwährenden Streit zwischen Geistlichkeit und Weltlichkeit, sondern durch den infolge des Schisma hervorgerufenen Gegensatz der verschiedenen Nationalitäten. Überhaupt entstand nun eine allgemeine Auflösung, und diese Jahrhunderte sind dadurch merkwürdig, daß es keinen festen politischen oder geistlichen Körper mehr gibt. Es ist zwar richtig, daß nun die Nationalitäten mehr zur Geltung kamen, und daß man Verfassungen machte, aber weder die einen noch die andern konnten fürs erste recht zusammenhalten. Dadurch, daß die Päpste die Kaiser dahin gebracht haben, auf Italien Verzicht zu leisten, haben sie allerdings viel dazu beigetragen, die Nationalitäten voneinander zu sondern, allein vollständig ist diese Absonderung jetzt noch nicht zustande gekommen. Im Jahre 1340 erhoben sich die englischen Könige und machten Anspruch auf Frankreich; dort behauptete man aber, daß das Königtum nur im Mannesstamm forterbe, und infolgedessen kam das Haus Valois auf den Thron. Dies war die Veranlassung zu langwierigen Kriegen zwischen England und Frankreich, in deren Folge beide Nationen einander schwächten. So wenig das Papsttum seine Einheit oder das Kaisertum seine Autorität zu behaupten vermochte, so wenig konnten sich die Nationen als solche alsbald zu einer bedeutenden Macht entwickeln. In diesen Zeiten fing man, wie erwähnt, an, den verschiedenen Staaten mehr zusammenhaltende Verfassungen zu geben. Dieser Gedanke war sehr natürlich. Das Bedürfnis, das sich geltend machte, beruhte darauf, daß bisher unter dem Papsttum die Geistlichkeit der einzelnen Länder, welche sehr mächtig und durchgreifend war, sich fast mehr an den Papst, als an den eigenen König hielt, so daß es von der größten Bedeutung war, durch eine nationale Institution den Klerus mit dem König und dem Adel fester zu vereinigen. Ferner waren König- und Kaisertum in jener Zeit noch von ziemlich willkürlichem Charakter. So konnte z. B. der König von England von Rechts wegen eine Menge Dinge sich erlauben, welche in das Privatleben eingriffen. Auch waren die Begriffe vom Eigentum noch nicht recht entwickelt: König Philipp der Schöne z. B. war der Meinung, daß alles gemünzte Silber und Gold im Lande ihm gehöre, und ließ es wegnehmen, wo er es fand. Diese Umstände gaben Veranlassung, daß man nach und nach an die geordnetere Organisation der öffentlichen Gewalt ging. Zuerst wurde die Sache in England in Angriff genommen, und zwar in einer Art und Weise durchgeführt, daß die englische Verfassung ein Muster für alle Zeiten bleibt. Die Magna Charta, unter tumultuarischen Verhältnissen eingeführt, war die erste Verbriefung der Privilegien der verschiedenen Stände, des Klerus, des Adels und der Städte. Heinrich III. wollte zwar nicht alles das ausführen, was in der Magna Charta zugunsten der Stände enthalten war; namentlich wollte er sich der Bestimmung nicht unterwerfen, daß die Stände in ihrer Vereinigung die Steuern zu bewilligen hätten. Erst Eduard I. hat den englischen Ständen, bei denen auch die Städte repräsentiert waren, das Recht der Steuerbewilligung zuerkannt, und unter Eduard III. wurde die Sache praktisch, da zum Kriege gegen Frankreich immer neue Geldbewilligungen notwendig wurden; denn dies ist der Angelpunkt, um den sich das ganze Ständewesen dreht. Um bei Frankreich und England stehenzubleiben, so fragt es sich, ob sie stark genug waren, um wirklich stabile Gewalten zu bilden. Sieht man näher zu, so erkennt man, daß ihre Verfassungen doch noch keineswegs dahin gediehen waren, den inneren Unordnungen ein Ziel zu setzen. Denn das ständische Wesen entbehrte in sich selbst der Einigkeit. Eine Hauptrolle spielte darin das Element der mit zur Vertretung gezogenen Städte. Etwas Ähnliches war auch in Deutschland geschehen, wo im 14. Jahrhundert durch Ludwig den Bayern die Städte in den Reichstag aufgenommen worden waren, und man im Jahre 1344 gleichfalls von einem Parliamentum sprach. Die älteren Städte hatten nun eine sehr aristokratische Verfassung, aber im Laufe des 14. Jahrhunderts sind die Zünfte in den Rat der Städte gedrungen und dadurch, daß die Städte in den Reichstagen Sitz und Stimme hatten, kam ein demokratisches Element in die Versammlungen. Der Adel setzte sich demselben entgegen, und es kam zu heftigen Streitigkeiten zwischen ihm und den Städten, die auch England und Frankreich ergriffen. Da der König von England eine mehr freisinnige Richtung hatte, so hatte er auch die Sympathien der Städte für sich, was eine bedeutende Rückwirkung auf Frankreich äußerte. Hier brachen im Jahre 1355 schon Unruhen im modernen Sinne aus, bei denen das Königtum in große Gefahr geriet. In England selbst aber entspannen sich bald dynastische Streitigkeiten um die Thronfolge zwischen den Häusern Lancaster und York, so daß jede Partei ein eigenes Parlament um sich versammelte. Die Folge war, daß selbst dort so wenig wie anderswo die emporkommenden ständischen Vertretungen die Ordnung irgend aufrecht zu erhalten vermochten, so daß alles in eine ungeheure Verwirrung geriet. Diese Zeit ist es, welche dem Mittelalter seinen schlechten Ruf bereitet hat, wo jeder Ritter aus seinen Mauern ungestört hervorbrechen und die Vorüberreisenden berauben konnte, wo jeder Edelmann, der eine Burg besaß, unabhängig war. Als z.B. die Hohenzollern zu Anfang des 15. Jahrhunderts nach Brandenburg kamen, fanden sie dort gar keinen Gehorsam. Man suchte zwar dem Unwesen zur Notdurft durch lokale Bündnisse, vor allem der Städte, zu steuern. Denn nur in den Städten war inmitten der überall verübten Gewalttätigkeiten noch eine gewisse Ordnung, welche wenigstens die Bürger zusammenhielt. In dieser allgemeinen Auflösung der Dinge richtete man sein Augenmerk doch wieder auf den Papst, als die einzige Autorität, welche noch so ziemlich allenthalben anerkannt wurde. Leider aber bestanden zwei Päpste nebeneinander, von denen immer wieder jeder seinen Nachfolger hatte. Wie sollte man nun diesem Mißstande steuern? Man entschloß sich zur Berufung von Konzilien nach Pisa, Konstanz und Basel. In Pisa setzte man beide Päpste ab und wählte einen neuen, wodurch aber das Übel noch ärger wurde, indem sich nicht nur dieser neugewählte Papst, sondern auch die beiden abgesetzten zu behaupten wußten. In Konstanz gelang es dagegen der Autorität des Kaisers Sigismund, die Trennung zu beseitigen und einen neuen Papst, Martin V., durchzusetzen, auf welchem von nun an die Einheit des Papsttums beruhte. Unter diesen schismatischen Tendenzen waren aber auch viele dogmatische Abweichungen zutage gekommen. In England trat Wiklef auf, in Böhmen Johann Huß, der über die Rechte der Kirche eine sehr ins Abstrakte gehende Ansicht aufstellte. Wegen dieser seiner Lehre wurde er vor das Konzilium von Konstanz gerufen, dort verurteilt und verbrannt. Damit aber war die Sache nicht abgetan, denn er hatte einen sehr großen Anhang in Böhmen. Dieser brach, um seinen Tod zu rächen und seine Lehre zu verbreiten, aus Böhmen hervor, und überschwemmte einen großen Teil von Deutschland mit Scharen von kriegsgeübtem Fußvolk. Das Konzil konnte mit ihnen nicht fertig werden, und als Sigismund sich als Exekutor der Beschlüsse desselben aufstellte, so fand er den hartnäckigsten Widerstand. Die deutschen Heere wurden mehrmals geschlagen und viele Landstriche mit Raub, Mord und Gewalttaten erfüllt. Zum Glück entzweiten sich die Hussiten, da ihre Sache keinen festen Boden hatte, indem die Bewegung neben dem religiösen auch einen nationalen und sozialen Charakter an sich trug. Dadurch bekam Sigismund Luft, und er konnte auf dem Konzil zu Basel einen Vertrag mit den Hussiten abschließen, vermöge dessen ihnen die Beibehaltung des Kelches (daher Utraquisten) zugestanden wurde, was nachher auf die Reformation einen großen Einfluß hatte. Das Konzil von Basel, welches hauptsächlich aus Doktoren der Universitäten bestand, wollte die geistliche Verfassung nach Art der weltlichen ordnen; es richtete sich vornehmlich gegen das Papsttum, welches man durch Gründung von Nationalkirchen beschränken wollte. Dieses Konzil ist auch deshalb merkwürdig, weil es neue Grundsätze zur Behauptung der weltlichen Rechte gegen den Papst aufstellte. Diese wurden in Frankreich zu einer pragmatischen Sanktion ausgebildet, und auch in Deutschland von Albrecht II. von Österreich rezipiert. Wie das Konzil von Konstanz die dogmatischen Streitigkeiten nicht abzustellen vermochte, so brachte also das Konzil von Basel den Zwiespalt zwischen Kaiser und Papst erst wieder recht in Gang, indem es die weltlichen Gerechtsame mit vielem Geschick gegenüber dem Papste formulierte. Das Papsttum aber ist seiner Natur nach unumschränkt, und konnte sich diese Beschränkungen nicht gefallen lassen. Und da Kaiser Friedrich III. sich wenig eingenommen für die Synode zeigte, es vielmehr lieber mit dem Papste hielt, so siegte auch endlich derjenige Papst, der sich den Beschlüssen von Basel opponierte, Nikolaus V. Vollkommen indessen blieb das Papsttum in diesem Kampfe nicht Sieger; in Frankreich und Deutschland hatten sich mächtige Parteien gebildet, welche den Beschlüssen des Baseler Konzils nach wie vor anhingen. In dieser Epoche geschah es nun, daß die Türken in Europa vordrangen. Wer konnte unter den oben geschilderten Verhältnissen daran denken, ihnen energischen Widerstand zu leisten? Alle die bestehenden Gewalten waren so schwach, daß keine die Fähigkeit hatte, sich selbst zu verteidigen. Man ließ also die Türken Herren in Konstantinopel werden, da alle Versuche zu einer Vereinigung der griechischen und lateinischen Christenheit gescheitert waren, und die Griechen sich öfters dahin äußerten, sie wollten lieber den Turban tragen, als den lateinischen Hut. Die Osmanen unterwarfen sich Serbien, und in Ungarn gelang es nur manchmal einigen ausgezeichneten Anführern, wie Hunyad und Matthias Corvinus, auf einige Zeit den Andrang der Feinde zu brechen. Diese Ereignisse hatten aber auch wieder einen andern für die Entwicklung des Abendlandes höchst wichtigen Erfolg. Nachdem Konstantinopel erobert war, zogen sich jene Griechen, welche es mit der lateinischen Kirche hielten, nach Italien zurück und brachten neue Lebenselemente in die lateinische, abendländische Kultur. Seit dem 15. Jahrhundert fing man an, sich mehr dem Studium der Alten zuzuwenden, weil die Kirche in dogmatischer Hinsicht zu strenge war. Dadurch gewann die von der Kirche abweichende Gesinnung einen großen Impuls. Die Künste bekamen im 14. und 15. Jahrhundert schon einen Anhauch vom Altertum, sie gingen über die hierarchischen Momente hinaus. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wurde ferner die Buchdruckerkunst erfunden, welche der einseitigen Herrschaft über die Gelehrsamkeit, die bisher die geistlichen Korporationen ausgeübt hatten, ein Ende machte und den Geist in einer höheren Idee zentralisierte. Eine ähnlich zentralisierende Wirkung hatte auch die Erfindung des Geschützes, die in diesen Zeitraum fällt. Hierdurch vornehmlich ward die Unabhängigkeit der Burgherren nach und nach gebrochen und dem Gedanken einer fürstlichen Staatsordnung Raum gemacht; alles Wirkungen, welche über die Grenzen dieser Epoche hinausdeuten. Das 14. und 15. Jahrhundert sind deshalb von so unendlicher Wichtigkeit, weil alle die Momente, welche die vorausgegangene Zeit beherrscht hatten, in der Auflösung begriffen waren. Das hierarchische Prinzip fängt schon an, seine Unfähigkeit zum Herrschen zu zeigen; auch die höhere weltliche Gewalt vermag die untergeordneten Elemente nicht mehr zu zügeln; die Autonomie tritt an jedem Punkte hervor. Das aber gibt zugleich den Menschen ein großes Gefühl persönlicher Selbständigkeit, und dieses bewirkt dann wieder, daß die Künste und namentlich die Erfindungen in diesen Jahrhunderten ungemeine Fortschritte machen. In keiner Epoche trifft man eine so universale Regsamkeit in allen Zweigen des menschlichen Wissens, einen so unaufhörlichen Fortschritt in den Erfindungen der Gewerbe und der Handelstätigkeit im kleinen, wie in dieser; wenn man gleich dies Zeitalter nicht das Zeitalter einer ausgebildeten glänzenden Literatur nennen kann. Von hoher Bedeutung ferner ist es, daß der nicht mehr durch die großen geistlichen Universitäten gefesselte Geist sich am Ende in eigenen Bahnen versucht, und daß zuletzt auch die weltlichen Bildungen wieder zu einer gewissen Selbständigkeit gelangen, wie wir dies z. B. in Italien sehen, wo die Republiken unter Oberhäuptern, wenn auch nicht in republikanischer, so doch in monarchischer Form einiges Ansehen und eine gewisse Macht erlangten und Zentra bildeten, von wo aus neue Strahlen der Kultur hervorgingen. Jene Flüchtlinge aus Konstantinopel fanden Aufnahme und Unterstützung bei den Päpsten, bei den Königen von Neapel und bei den Dynasten Mittel- und Oberitaliens (so den Medici). An die Summe dieser Bestrebungen knüpft sich nun die Entstehung einer neuen Zeit. Fünfzehnter Vortrag §6 Epoche der Reformation und der Religionskriege Vom Ende des 15. bis gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts Inmitten jener allgemeinen Dezentralisation, die das 14. und 15. Jahrhundert erfüllt, gab es doch immer etwas, was über dieselbe hinausreichte, eine Tendenz, dem Unwesen, das mit der allgemeinen Auflösung verknüpft war, ein Ende zu machen. Man fand allmählich die Mittel dazu, ohne jedoch ganz auf die früheren Gestaltungen zurückzukommen. Das Papsttum hatte sich zwar behauptet, allein auch der Gegensatz, auf den es gestoßen, war noch nicht aus der Welt verschwunden, und wenn man die Wahrheit sagen soll, so war auch die aus dem Altertum in die neue Zeit hereindringende Kulturerneuerung, die sogenannte Renaissance, dem hierarchischen Prinzipe nicht homogen; sie beruht auf ganz anderen Ideen und Lebensverhältnissen. Auch die Buchdruckerkunst, welche jetzt die Schriften der neueren und alten Zeit, die Ritterbücher, die religiösen Schriften, namentlich die Bibel, unter dem Volke verbreiten half, war recht geeignet, eine Gärung der Geister hervorzurufen; der Horizont, welchen das Papsttum bisher eingenommen hatte, wurde plötzlich erweitert. Die allgemeine Autonomie, welche in politischer Beziehung eingetreten war, beförderte gleichfalls ein gewisses Bestreben, sich geistig autonom zu stellen. Dazu gesellten sich indes noch andere Momente, welche die Zustände der neueren Jahrhunderte entwickeln halfen; es sind vornehmlich folgende: 1. Eines der Hauptereignisse, durch welche die moderne Welt bestimmt wurde, waren die Entdeckungen, welche in genauem Zusammenhang mit demjenigen stehen, was in der Zeit des Mittelalters geschehen war. Der faktische Gegensatz, der sie hervorgebracht, war der Widerstreit zwischen den abendländischen Nationen und dem Morgenlande. Spanien war noch immer im Streite mit den Mauren begriffen und konnte sie erst im Jahre 1492 vollständig besiegen; das gleiche war in Portugal der Fall; und indem beide die Mauren weiter bekämpften, stießen sie in Afrika auf ein nicht zu überwältigendes Element. An der Westküste von Afrika, so ging die Sage, hause ein christlicher Fürst, der jenseit der mohammedanischen Welt zu suchen sei; eine mythische Idee, welche sich an die Überbleibsel nestorianischer Christen in Afrika knüpfte. Dazu kam, daß man gerade damals einige Versuche machte, die Mongolen im entferntesten Osten zum Christentum zu bekehren und daß man dort gleichfalls von einem mystischen christlichen Reiche sprach. Die Portugiesen wollten das Reich des Priesters Johann aufsuchen, um mit ihm vereint von da aus den Mauren in den Rücken zu fallen, und während sie diese Versuche machten, umschifften sie das Vorgebirg der guten Hoffnung und entdeckten zwar nicht den Priester Johann, aber Ostindien, wo sie in fortwährenden Kämpfen mit den Mohammedanern das große portugiesisch-ostindische Reich gründeten. Dies war ein unendlich wichtiges Ereignis, indem sich nunmehr die Welt auf eine ganz andere Weise eröffnete, als man bisher im Abendlande gedacht hatte. Etwas Ähnliches war es, was Kolumbus zur Entdeckung von Amerika führte. Auch er glaubte, er würde, wenn er immer nach Westen segelte, nach Asien kommen, nach dem Lande Catai, dem Sina des Marco Polo, von wo aus man die Mohammedaner besser werde bekämpfen können. Übrigens lebte er in lauter geistlichen Ideen und hatte keine Ahnung von einem ungeheuren Kontinent, der gleichsam in der Halbscheid des westlichen Weltmeeres liege. Indem das Abendland durch das Vordringen der Türken auf den engsten Umkreis von Gebiet beschränkt wurde, den es jemals gehabt hat – freilich einen Umkreis, der voll von Leben war –, wurde ihm durch die abenteuerlichen Unternehmungen von ein paar Seefahrern, die obendrein nicht recht wußten, was sie wollten, die aber gerade durch jene Einschränkung veranlaßt waren, sie zu durchbrechen, eine neue, eine doppelte Welt, im Orient und Okzident erschlossen. Kolumbus, indem er auf den Antillen landete, glaubte, er werde dort Gold und Silber finden, um die Mohammedaner zu bekämpfen und das gelobte Land zu erobern. Niemals hat ein großartiger Irrtum eine großartigere Entdeckung hervorgebracht. Die Spanier und Portugiesen umfuhren nun wetteifernd die ganzen Festlande. Schon im 16. Jahrhundert kam man auf den Gedanken, daß Amerika ein neuer Kontinent sei. Die Portugiesen machten in Brasilien neue Entdeckungen und kamen sogar nach Nordamerika (Labrador), wodurch sie auf die Idee kamen, daß Nord- und Südamerika zusammenhängen, was den Spaniern entgangen war. Indessen setzten sich die Spanier nach und nach in den Besitz der neu entdeckten Länder und fingen zu kolonisieren an, und mit der Zeit, da in Portugal das regierende Haus ausstarb, bekam Philipp II. auch Portugal und die portugiesischen Kolonien, so daß die damaligen Herrscher in Spanien sagen konnten, in ihrem Lande gehe die Sonne nie unter. Durch alles dieses wurde der Welt ein neuer Schauplatz der Tätigkeit eröffnet, aber nur eröffnet; denn die Spanier legten die Hände auf alle diese Entdeckungen und wollten sie als ihre Domänen bewirtschaften. Die Kolonien der Engländer und Franzosen waren damals noch geringfügig. Wenn wir nun diese Entdeckungen in dem Lichte der großen europäischen Fragen beurteilen, wozu führten sie: zu einer Schwächung oder zu einer Stärkung des bisher allein herrschenden hierarchischen Prinzips? Sie führten zu einer Stärkung desselben; denn obgleich Handel und Verkehr dadurch emporkamen, so geschah doch die Besitzergreifung der neu entdeckten Länder kraft der Autorität des Papstes, welcher dieselben den Spaniern schenkte, und diese sowie die Portugiesen suchten in erster Reihe ihre kirchlichen Begriffe auszubreiten.– 2. Das zweite, was in jener Zeit in Europa selbst emporkam, war eine Vermehrung der inneren Macht des Fürstentums. Die Verwirrung war zu groß geworden, und es waren schon Elemente vorhanden, um die fürstliche Macht zu vergrößern. Verschiedene Umstände trugen dazu bei, daß nunmehr bedeutende Reiche entstanden. Am Ausgang des 15. Jahrhunderts konsolidierte sich England, nachdem die blutigen Bürgerkriege der weißen und roten Rose damit geendet, daß Heinrich Richmond (Heinrich VII.) die beiden Häuser Lancaster und York miteinander vereinigte und eine sehr ansehnliche Herrschaft hinterlassen konnte. Es bildete sich in England ein kräftiges Königtum. Noch entschiedener setzte sich dasselbe Prinzip in Frankreich durch, nachdem es den Franzosen gelungen war, die Engländer auszustoßen. Hier gründete Karl VII. das Königtum auf jene Elemente, welche stets von der größten Wichtigkeit waren, nämlich erstens auf eine stehende, in seinem Solde befindliche Armee, sodann auf eine beständige Auflage. Dieser Gründung bediente sich sein kluger und rücksichtsloser Sohn, Ludwig XI., um allen entgegengesetzten Autoritäten ein Ende zu machen, der Herrschaft Karls des Kühnen von Burgund zuerst, später der aller übrigen Magnaten. Was er nicht selber tat, wurde infolgedessen, was er eingeführt hatte, unter seinen Nachfolgern vollendet. Das ganze südliche Frankreich, welches bisher aus einzelnen Herzogtümern bestanden hatte, wurde mit der Krone vereinigt, dazu Burgund, ein Teil der Niederlande, die Bretagne usw. Auch in Spanien waren untereinander streitende Herrschaften vorhanden gewesen; Aragon, Castilien, aus einer Menge kleiner Königreiche zusammengesetzt, waren in tiefem inneren Verfall, so daß einmal die Großen des Reiches den König absetzten. Aber die tatkräftige Isabella, die Schwester Heinrichs IV. von Castilien, verstand es, Ordnung zu machen, und vermählte sich dem kräftigen König Ferdinand dem Katholischen von Aragonien, so daß diese beiden mächtigen Reiche in ein Ganzes zusammenwuchsen. Hierdurch gelang es auch, Granada zu erobern und den Mauren zu entreißen, ein Umstand, welcher wieder vorteilhaft auf die großen Entdeckungen zurückwirkte. So bildeten sich die drei Länder England, Frankreich und Spanien zu konsolidierten Mächten aus. Fragt man nun, in welches Verhältnis dieselben zur päpstlichen Gewalt traten, so kann man darauf nicht geradezu antworten, daß ihr Emporkommen dem Papste sehr gefährlich war. Allerdings war die Entstehung selbständiger Mächte ein Verlust für den, welcher die Universalherrschaft anstrebte; aber ein unbedingter Verlust für den Papst war deshalb nicht damit verknüpft, weil diese Könige sich an das Papsttum anschlossen. Frankreich erhielt sich zwar noch bei den Vorrechten der pragmatischen Sanktion, aber in Spanien war das geistliche Prinzip mit den Prinzipien der weltlichen Regierung derart verschmolzen, daß sie nicht voneinander getrennt werden konnten. Die geistlichen Ritterorden wurden mit dem Willen des Papstes mit der Krone vereinigt und von den Päpsten wurden den Königen unaufhörlich geistige Einkünfte, namentlich die Zehnten überlassen, so daß das Königtum nicht imstande war, Opposition gegen das Papsttum zu machen. 3. Ein drittes Moment, welches das neue Jahrhundert in Bewegung setzte und noch heutzutage fortwirkt, ist der Gegensatz der europäischen Mächte in ihren auswärtigen Angelegenheiten. Hiebei kam es in folgender Weise zu einer Bildung von gewissermaßen zwei Parteien. Das am meisten von allen dezentralisierte Land war ohne Zweifel Italien. Die Territorien in Deutschland waren zwar noch kleiner als die italienischen, allein erstere erkannten doch noch den Kaiser über sich an und hatten noch eine gewisse Ehrfurcht vor ihm; auch das jedoch war in Italien nicht mehr der Fall, und die dortigen Staaten waren, obgleich nach innen hochentwickelt, doch nach außen sehr schwach. Es bildete sich nun daselbst ein kleines Staatensystem in sich aus, dessen Hauptpunkte Neapel, Florenz (unter der mediceischen Herrschaft eine Zentralstätte der Kultur), Mailand (unter den Sforzas), Venedig und der Papst waren. Diese waren immer einander entgegengesetzt und gaben dadurch Veranlassung, daß andere große Mächte in ihre Zwistigkeiten eingriffen. Frankreich behauptete, von seiten des Hauses Anjou Ansprüche an Neapel zu haben, und es gelang auch, dieselben durchzusetzen. Allein dem opponierte sich der König von Spanien, Ferdinand der Katholische; er nahm Neapel ein, so daß sich die Franzosen bloß in Oberitalien festsetzen konnten, wo sie ebenfalls ein Erbrecht zu haben behaupteten. Der Erfolg war, daß die Spanier die Oberhand behielten, was nicht geschehen wäre, wenn nicht eine andere große europäische Kombination eingetreten wäre. Karl der Kühne, Herzog von Burgund, war besiegt und getötet worden durch eine Verbindung Ludwigs XI. und der Schweizer. Burgund selbst ging nun zwar an Frankreich über, nicht aber die niederländischen Herrschaften Flandern, Brabant, Holland usw., welche eigene Provinzen bildeten und nach Karls des Kühnen Tode an seine Tochter Maria fielen. Diese war mit Maximilian I. von Österreich vermählt, der in Österreich selbst zwar eine sehr geringe Figur spielte, aber es dahin brachte, daß er von den deutschen Fürsten zum Könige gewählt wurde. Er erlangte dadurch, daß er sich mit der niederländischen Erbin vermählte, eine ganz andere Weltstellung, als seine Vorfahren gehabt hatten. Sein Sohn Philipp vermählte sich mit der Erbin von Spanien, Johanna. Dieser Philipp wurde also König von Spanien, und Spanien, der mächtigste Bestandteil dieser großen Vereinigung, überflügelte dadurch die französische Macht in einem Grade, daß es in den italienischen Kriegen endlich die Oberhand erhielt. Im Verlauf dieser Kämpfe geschah es, daß der ritterliche König Franz I. von Frankreich in die Hände Karls V. von Spanien fiel und endlich auf Italien Verzicht leisten mußte, obgleich er immerhin noch einen starken Anhang in Italien behielt. Dieser Gegensatz der auswärtigen Angelegenheiten bewirkte, daß sich Europa überhaupt in zwei Parteien schied, von denen die eine die spanische war, die andere die französische. Der Antagonismus der beiden Vormächte ließ übrigens den andern Staaten allezeit eine gewisse Freiheit, indem beide so stark waren, daß weder Spanien zuließ, daß ein Land von Frankreich verschlungen würde, noch umgekehrt. Auch dem Papsttum war dies Verhältnis nicht durchaus schädlich. Erst in diesem Konflikte der weltlichen Gewalten haben die Päpste ihren Kirchenstaat wirklich erobert (besonders unter Julius II.); seine geistliche Autorität aber wurde dem Papste allerdings einigermaßen dadurch geschmälert, daß er fortan immer entweder auf die eine oder auf die andere Seite sich schlagen mußte und aufhörte, als Friedensstifter über dem Abendland zu walten. Das hierarchische Prinzip bestand indessen noch; die Päpste hatten sich mit der Kultur vereinigt, litten aber nicht die geringste Abweichung vom kirchlichen Dogma, wie dies unter andern Savonarola erfuhr, der im Jahre 1498 den Feuertod erlitt. – Wenn man nach alledem fragt, von welcher Seite in dieser Lage der Dinge eine universale Veränderung ausgehen konnte, so ist die Antwort hierauf: von der geistlichen allein; denn von seiten des Staates vermochte man dem Papsttum nicht gut beizukommen, dazu war es noch zu mächtig. Dagegen regte sich gerade im Angesicht der Verweltlichung des Papsttums und seiner Tendenzen in den tieferen Geistern Europas eine Opposition, die schon oft versucht, jedoch bisher noch immer niedergeschlagen worden war (Arnold von Brescia, die Albigenser, die Waldenser, Wiklef, die Hussiten, Savonarola). Namentlich in Deutschland, wo ein tieferer mystischer Begriff von Religion sich geltend gemacht hatte, zeigte sich jetzt eine Abweichung in den gelehrten Schulen, indem die Dominikaner, welche übrigens strenge am Papsttum hielten, den Forderungen der neu aufkommenden Gelehrsamkeit nicht genügten. Daß irgendwo sonst eine Opposition hätte zum Leben kommen sollen, daran wäre damals gar nicht zu denken gewesen. In Spanien war es unmöglich, denn der König war eben durch die Kirche zu stark; in England war der König zu politisch dazu; der König von Frankreich war nach außen zu eng mit dem Papste verbündet und durfte es nicht wagen, seine Kräfte gegen ihn zu gebrauchen. Einzig in Deutschland konnte das geschehen. In Deutschland war, wie bereits oben berührt wurde, die Dezentralisation in bezug auf die Ausbildung der inneren Staatenverhältnisse vielleicht nicht geringer als in Italien; aber die Idee des Reiches wurde festgehalten, von ihr ging noch immer alle politische Gewalt aus, Als die Hohenzollern Brandenburg bekamen, gab es ihnen der Kaiser. man konnte den Kaiser noch immer nicht entbehren. An Maximilian hatte das Reich einen höchst geistvollen, beweglichen und unternehmenden Fürsten; sein Haus war das vornehmste, er machte Ansprüche fast auf alle Länder der Welt; es gibt wenige Menschen, bei denen soviel Phantasie und Wunderlichkeit sich mit soviel Energie und Talent vereinigt. Maximilian hatte den Gedanken, in Deutschland eine bessere Ordnung zu machen; da aber traten einander zwei Prinzipien entgegen. Der Kaiser hatte Vorrechte, die er sich nicht wollte nehmen lassen, er war der oberste Richter; aber das Hofgericht, das er einrichtete, zeigte sich käuflich, es hing ganz von ihm ab. Die Stände verlangten daher ein andres Gericht, und zwar ein ständisches, wohin jeder Reichsstand seinen Assessor schicken sollte. Darauf wollte sich indes der Kaiser nicht einlassen, und nur mit äußerster Mühe geschah es, daß Maximilian, der in den italienischen Händeln notwendig Geld brauchte und hiezu die Bewilligung der Reichsstände nötig hatte, 1495 dem reichsständischen Begehren nachgab. Damit waren aber die Fürsten noch nicht zufrieden; sie verlangten vielmehr, daß der Kaiser auch ein ständisches Regiment einrichten sollte. Auch dies kam mit vieler Mühe zustande; allein die Fürsten konnten sich nicht recht miteinander verstehen, und Maximilian sprengte das Reichsregiment wieder. Es konnte also in Deutschland keine rechte Gesamtordnung zustande kommen, wie sie in den übrigen Ländern gegründet worden war; sondern es bestand hier fortwährend ein starker Zwiespalt zwischen dem Kaiser und den Reichsfürsten. Unter diesen Umständen glaubte Maximilian, nur durch Hilfe des Papstes zu größerer Bedeutung gelangen zu können, und vereinigte sich deshalb auf das engste mit Rom. Die Stände zeigten dazu keine Neigung. Überhaupt herrschte in Deutschland damals ein großer Widerwille gegen den Papst, der noch halb Herr im Reiche war und unter der Form des Ablasses eine Art Auflage eingeführt hatte, welche großenteils zu weltlichen Zwecken in Rom benutzt wurde. Die Opposition gegen den Kaiser richtet sich demnach auch gegen den Papst. In dem ständischen Interesse gegen Kaiser und Papst lag also ein Moment, in welchem eine Neuerung Wurzel fassen konnte. Es führt das in die innersten Verhältnisse von Deutschland, und eine Menge von kleinen Interessen und Streitigkeiten kam hinzu, um eine Entwicklung, wie sie nachher erfolgte, möglich zu machen. Die erste dieser Streitigkeiten entspann sich zwischen dem Kurfürsten Friedrich von Sachsen und dem Erzbischof von Magdeburg, welcher das Recht hatte, in den kursächsischen Ländern den Ablaß predigen zu lassen. Der Kurfürst empfand es mit Mißvergnügen, daß das Geld seiner Untertanen nach Magdeburg wanderte. Und in diesen Moment nun trifft die Entstehung derjenigen Opposition in Europa gegen den Papst, welche sich behauptet hat. Es war wohl die merkwürdigste und vielleicht tollste Koinzidenz der weltlichen Interessen des Papstes und seiner geistlichen Ansprüche, daß er den Ablaß zu einer geistlichen Auflage machte. Offenbar war diese Verwendung geistlicher Gaben zu weltlichen Zwecken ein großer Mißbrauch; einzelne Fürsten hoben die päpstlichen Exekutoren auf und nahmen ihnen das gesammelte Geld ab. Der Kaiser und seine Partei assoziierten sich nichtsdestoweniger mit den Bestrebungen des Papstes. Da setzte sich Luther, ein Predigermönch aus dem Augustinerorden, dem Ablaßmißbrauch entgegen. Die Hauptsache bei ihm war der vollkommen geistliche Impuls. In ihm vereinigten sich die merkwürdigsten Eigenschaften: die Hartnäckigkeit des thüringischen Bauern, der Tiefsinn des germanischen Mystikers, die Kapazität eines großen Professors, eine Festigkeit ohnegleichen und eine Klugheit, wie sie vielleicht in Deutschland nicht wieder vorkam. Dieser unbedeutende Mönch, Professor an der kleinsten Universität der Welt, Untertan eines der kleinsten Fürsten von Deutschland, wagte es, begünstigt von seinem Fürsten, sich dem Kaiser und Papst entgegenzusetzen. Dies erregte das größte Aufsehen, denn sein Angriff traf das Herz des Papsttums. Doch hätte man die Sache noch beschwichtigen können, wenn man es zu Rom klüger angefangen hätte. Das geschah aber nicht. Luther ward in den Bann getan und später von Kaiser und Reich in die Reichsacht erklärt. Damit aber, daß sowohl die geistliche als die weltliche Gewalt sich gegen ihn erklärten, war die ungeheure Aufregung, welche Luther in Deutschland hervorgerufen hatte, nicht gedämpft; weder die geistliche noch die weltliche Gewalt war geeignet, diese Aufgabe zu erfüllen. Alle Verhältnisse waren unbestimmt; Kaiser Karl V. mußte vor seiner Abreise ein ständisches Regiment im Reich einsetzen, in welchem Leute von Luthers Meinung saßen. Die Regentschaft konnte aber auch ihre Ideen von Wiederherstellung der Reichsordnung, allgemeiner Zolleinigung usw. nicht durchsetzen. Da entbrannte die Empörung der Bauern. Diese hatte ihren Grund darin, daß durch die Versuche zu stärkerer Zusammenfassung des Reiches auch die Auflagen stärker wurden, und geistliche und weltliche Fürsten die Bauern bedrückten. Mystische Ideen waren schon längst in diesen Kreisen verbreitet, und so war es kein Wunder, wenn die Flamme der Empörung bei diesem Anlasse hoch emporloderte. Der Bauernaufruhr schloß die äußersten Konsequenzen in sich und drohte, alles in Deutschland Bestehende umzustürzen. Man stürmte nicht bloß mehr die Bilder, sondern Thomas Münzer, der Anführer der Bauern, wollte alle Fürsten umbringen und eine ganz neue Welt einrichten. Drei Vierteile von Deutschland waren bereits vom Bauernaufruhr ergriffen. Was Luthers Verhältnis zu dem Bauernaufstande betrifft, so muß man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er schon vom ersten Anfang an mit dieser Sache nichts zu tun haben wollte, sondern durch die radikale Bewegung in die äußerste Gefahr geriet, getötet zu werden, weil er, obgleich noch in der Reichsacht, sich nach Wittenberg begab, wo der Tumult ebenfalls ausgebrochen war, und acht Tage lang gegen dieses Unwesen predigte. Hätte Luther sich diesen Bewegungen hingegeben, so wären er und seine Lehre verloren gewesen. Die neu aufgetretene Lehre wurde durch ein großes Talent, nämlich das Melanchthons, auch dogmatisch fixiert; sie erschien dem Volke im Lichte der Rettung, da man einsah, daß nicht alles wieder in den vorigen Zustand zurückgeführt werden könne, und insbesondere die Wiederherstellung der kirchlichen Autorität in ihrem vollen Umfange unmöglich sei. Das Reich, welches jetzt den abwesenden Kaiser repräsentierte, wußte anfangs in dieser Verlegenheit keinen Rat; später aber billigte es, daß die Abweichung in der Religion in einzelnen Ländern eingeführt wurde, so daß die Sache eine legale Bedeutung bekam. Darauf wurde nun in den Jahren 1529 und 1530 reformiert, d. h. vieles abgestellt, was früher bestanden hatte, und der protestantische Geist fing an, sich besonders im Norden Deutschlands auszubreiten. – Wohin ging nun die Tendenz Luthers? Sie umfaßte hauptsächlich zwei Punkte: Erstens sie trat der Lehre entgegen, auf welcher die katholische Hierarchie beruht, daß nämlich die Entwicklung der göttlichen Ideen unmittelbar in der Entscheidung der Päpste und in der Festsetzung der Konzilien liege. Hiegegen behauptete Luther, die Hierarchie sei von der heiligen Urkunde abgefallen. Zweitens Luther wollte alles bestehen lassen, was mit der Bibel vereinbar ist, setzte sich nicht einmal der Tradition unbedingt entgegen; geschweige denn, daß er eine neue Religion hätte aufstellen wollen, die er kraft des eignen Verstandes sich aus der göttlichen Urkunde selbst zusammengesetzt hätte. Luthers Wesen war überhaupt seiner Natur nach reformierend; Es fiel Luther nicht ein, eine Kirche von vornherein zu gründen; dieser Unterstellung widersetzte er sich immer. Er sagte auch, er möchte wohl eine Kirche aus allen Gläubigen zusammensetzen, er finde aber keine Christen. So blieb er dabei, daß die Kirche ein von oben hereinwirkendes religiöses Institut sei. er war weit entfernt, dem republikanischen Prinzip in der Kirche Geltung zu verschaffen; er wollte nicht die Bibel realisieren, sondern nur den Widerspruch gegen die Bibel vernichten. Er und Melanchthon bildeten zusammen eine neue Doktrin, welche so ziemlich an den Katholizismus sich anschloß. Der Moment, in welchem der Katholizismus und Protestantismus koinzidierten, war die Abfassung der Augsburgischen Konfession, in welcher sich die beiden Parteien so nahe kamen wie niemals später wieder; nur in bezug auf die Eucharistie war man verschiedner Meinung. Ja, Papst Clemens VII. war im Jahre 1532 sogar sehr geneigt, die Augsburgische Konfession anzunehmen; er legte sie den römischen Theologen vor, welche erklärten, einiges darin sei richtig, andres sei zu vereinbaren, wieder andres stünde zwar im Widerspruch mit der katholischen Doktrin, aber es lasse sich darüber reden. In dieser ursprünglichen Aufstellung lag also nicht die absolute Notwendigkeit eines Zwistes. Ich will nun gerade nicht behaupten, daß die Forderungen der Protestanten vollkommen gewesen wären; allein die Sache selbst, nämlich die Aufstellung eines entgegengesetzten Dogmas und einer entgegengesetzten, tief christlichen religiösen Überzeugung war höchst notwendig, und sie wurde auch so gemäßigt und vernünftig vorgetragen, daß von dieser Zeit an nichts so plausibel und dem Katholizismus so nahestehend war wie die Augsburgische Konfession. Luthers Lehre war also, in Kürze resümiert: Erstens ein Widerspruch gegen das hierarchische System; zweitens ein Widerspruch gegen alle in den letzten Jahrhunderten entwickelten Formen und Dienste, welche nach Luthers Meinung der Heiligen Schrift widersprachen. Es war ein ungeheures Ereignis, daß diese Lehre nicht allein aufgestellt wurde, sondern auch mit dem Prinzip der Staaten in Deutschland gleich in ihrem Entstehen sich so verschmolzen hat, daß eine Trennung nicht mehr möglich war. Sie setzte sich gleich anfangs den Mönchsgelübden entgegen; die kleineren Klöster wurden eingezogen, und die deutschen Territorialfürsten erhielten eine gewisse Kraft, indem sie sich mit der neuen Lehre vereinigten. Eine Ausartung der lutherischen Lehre, der weltlichen Gewalt feindlich, war die Wiedertäuferei. Dieser aber opponierte sich Luther auf das kräftigste, und infolgedessen beruhte gewissermaßen der Staat auf ihm; denn bisher war noch kein Gelehrter erschienen, der den Begriff der Obrigkeit so scharf und so frei von jedem geistlichen Beisatz aufgefaßt hat wie Luther. Dadurch gab er für die weltliche Entwicklung eine neue Grundlage. Den ersten großen Kampf hatte die neue Lehre zu bestehen mit dem größten und geistvollsten Fürsten der damaligen Zeit, nämlich mit Kaiser Karl V., der übrigens auch den Gedanken hatte, von seiten des Staates aus zu reformieren und mit Hilfe der Protestanten das Kaisertum zu restaurieren; aber weil der Protestantismus das ständische Prinzip repräsentierte, so geriet Karl mit den Fürsten Deutschlands in Streit, und es kam zum Kampfe zwischen beiden, in welchem er zuletzt beinahe gefangengenommen worden wäre. Der Gedanke des Kaisers ging auf die Herstellung eines universalen kirchlichen Kaisertums, allein dazu war er nicht stark genug. Die neue Lehre, welche diesem Plane abhold war, hatte bereits zu tiefe Wurzeln gefaßt und eine zu starke Repräsentation, namentlich in Norddeutschland gefunden, als daß Karl der Bewegung hätte Meister werden können. Dadurch, daß Karl V. Indien beherrschte und dessen Gold und Silber ihm zu Diensten war, vermochte er zwar vieles, allein er hatte auch einen mächtigen Widersacher an dem König Franz I. von Frankreich und dessen Nachfolger Heinrich II. Diese wollten nicht, daß der Kaiser Herr in Deutschland werde. Ebensowenig wollte das der Papst, denn dem graute vor einer Kombination der kaiserlichen und kirchlichen Idee; ja der eifrige Papst Paul III., der das Konzilium von Trient vereinigte, war dafür, daß die Protestanten vom Kaiser Karl nicht unterdrückt würden; ebenso Papst Julius III. Alle diese Elemente wirkten zusammen, um dem Protestantismus einen festeren Halt zu geben. Karl V. mußte aus Deutschland weichen und sein Bruder Ferdinand bequemte sich dazu, mit den protestantischen Ständen einen Religionsfrieden zu schließen (1555). Dieser hatte den Sinn, daß nunmehr der Protestantismus, wie er war, als Glied des Deutschen Reiches aufgenommen wurde, und die protestantischen Fürsten mit denselben Rechten in das Reich eintraten wie die katholischen. So kam es, daß gegen Ende des 16. Jahrhunderts ungefähr neun Zehnteile von Deutschland protestantisch waren, und der Protestantismus selbst in Bayern und Österreich Eingang fand. In Österreich war Maximilian II., einer der größten neueren deutschen Kaiser, ein Mann von scharfem Verstand und großer Milde, im Herzen protestantisch gesinnt, und die österreichischen Erblande waren total protestantisch. Selbst in den Gebieten der geistlichen Fürsten waren bei weitem die meisten dem lutherischen Bekenntnis zugetan. Der Adel hielt aber noch fest am Katholizismus, denn er war im Besitz der Kapitel und Stifter. – Nun ergriff das protestantische Element auch die übrigen Länder. Dänemark und Schweden wurden vollkommen protestantisch; das deutsche Ordensland Preußen war merkwürdigerweise eines der ersten, welche zur neuen Lehre übertraten, auch in Polen und Ungarn gewann das Luthertum Boden. Mittlerweile war noch eine zweite Form des Protestantismus emporgekommen, nämlich der Kalvinismus, welcher von der Tradition viel mehr abweicht, als das Luthertum, und auch mehr republikanische Prinzipien in sich aufnahm, da in Genf sein Hauptsitz war; er hatte die Absicht, ein den ersten Jahrhunderten unserer Ära entsprechendes Christentum zu gründen. Diese französische Form des Protestantismus breitete sich insbesondere in den Niederlanden, in England und Frankreich aus. In England wuchs die neue Lehre ganz zusammen mit der Idee des Royalismus und des Staates. Der Kalvinismus trat dann als ein Moment des Dogmas ein, und gab dem in England bereits durchgegangenen kirchlichen Schisma einen gewissen Halt. In Schottland drang der Kalvinismus mit seinen republikanischen Sympathien am meisten vor, und auch in Frankreich bildeten die Hugenotten bald eine mächtige Partei. Wäre der Protestantismus in diesem letzteren Lande Herr geworden, so hätte er die Welt beherrscht. Deswegen sind die Kämpfe, welche Katharina von Medici und ihr Anhang mit den Häuptern der Hugenotten zu bestehen hatte, von so hohem Interesse. Überdies war der Protestantismus um jene Zeit auch in Italien und Spanien vielfach verbreitet, so daß nunmehr die Frage aufgeworfen werden kann, ob es für Europa wünschenswert gewesen, wenn der Protestantismus vollkommen Herr geworden wäre. Ich möchte diese Frage nicht unbedingt bejahen. Für Deutschland wäre es allerdings das beste gewesen, wenn eine einzige Religion alle deutschen Staaten umfaßt hätte und die Einheit des Reiches erhalten worden wäre, wohin die Tendenz ging. Das Merkwürdige im 16. Jahrhundert war, daß die Protestanten die Hierarchie nicht abschaffen wollten, sondern dieselbe in der Form von weltlichen Wahlfürstentümern bestehen zu lassen beabsichtigten, nur unter Entziehung der geistlichen Befugnisse. Diese Art der Säkularisation hätte die Einheit des Reiches aufrechterhalten, wenn der Protestantismus, wie in England, so auch in Deutschland, vollständig durchdrungen wäre. Dadurch wäre der Dreißigjährige Krieg und unendliches Blutvergießen vermieden worden. Sechzehnter Vortrag Wenn man fragt, warum der Protestantismus nicht zum vollständigen Siege gelangte, so ist zunächst darauf zu erwidern, daß schon in der dogmatischen Aufstellung desselben ein Moment liegt, das dies unmöglich machte; denn das Dogma trennte sich sogleich in verschiedne Parteien, welche einander widerstrebten. Dazu kommt, daß durch die vollkommene Beseitigung des phantasievollen Teiles des Gottesdienstes etwas aus dem Ritus hinweggefallen war, was vielleicht der Erhaltung würdig war. Endlich kann man sagen, daß der Protestantismus, als in der Schweiz und in Deutschland entstanden, sich für die südlichen Nationen, überhaupt für minder kultivierte Länder, weniger zu eignen scheint. Eine andre Frage, die wir aber mit der größten Bestimmtheit beantworten können, ist die: wenn so schon in dem Protestantismus selbst Momente lagen, die seinen vollständigen Sieg vielleicht unmöglich, ja nicht einmal ganz wünschenswert machten, trugen nicht doch auch äußere Umstände dazu bei, ihn nicht vollständig zur Herrschaft gelangen zu lassen? Diese Frage muß dahin entschieden werden, daß die äußeren Elemente, die er zu bekämpfen hatte, so stark waren, daß sein Sieg fast unmöglich war. Die Elemente, die sich ihm widersetzten, waren erstens weltliche. Den größten Widerstand fand der Protestantismus an den Königen von Spanien. Dort beruhte das Königtum auf der innigsten Verbindung mit der Hierarchie, ja alle Lebensverhältnisse waren von hierarchischen Prinzipien durchdrungen; dieselben Gesinnungen hatten Neapel und Sizilien. Dieses waren aber die Weltmächte, welche damals im Besitz des meisten Geldes waren; die Bergwerke von Potosi waren unter Philipp II. höchst einträglich. Da nun zur damaligen Zeit das Werbesystem herrschte und es darauf ankam, wer die meisten Soldaten bezahlen konnte, so bekam Spanien durch seine Soldateska (Infanterie) das Übergewicht über jede andre Miliz der Welt. Sie wurde hauptsächlich in den spanischen Kriegen gegen Frankreich ausgebildet, und ihre berühmtesten Führer waren Gonzalvo de Cordova, Leyva, Alba, Farnese, Spinola. Die Spanier waren berühmt durch ihre Geschicklichkeit bei Erstürmung von Festungen, die Deutschen als die besten Fußtruppen und die Italiener als die besten Anführer. Dies war also ein dem Protestantismus höchst gefährlicher Umstand, daß hier ein seiner Überzeugung und seinen Tendenzen nach katholischer Fürst herrschte, welcher allein von allen europäischen Fürsten eine mächtige Armee zu erhalten und Subsidien zu zahlen imstande war. Die zweite feindliche Macht, die sich dem Protestantismus opponierte, hatte ihren Sitz in der Stadt Paris. Indem diese Stadt durch die Entwicklung der französischen Monarchie unendlich mächtig und einflußreich geworden war, gelangte auch die Sorbonne, eine Universität, welche alle geistlichen Stellen besetzte und am strengsten am katholischen Dogma festhielt, zu großem Ansehen. Diese sah in dem andringen wollenden Protestantismus einen natürlichen Gegner und strebte mit allen Mitteln danach, ihn zu vernichten. Das dritte feindliche Element fand der Protestantismus in der Bildungsfähigkeit des katholischen Dogmas selbst. Luther hatte einen Punkt der Lehre angegriffen, der noch nicht ganz entschieden war, der aber das ganze Jahrhundert in Bewegung setzte, nämlich die Lehre von der Rechtfertigung. Katholischerseits hielt man dafür, daß dieser Streitpunkt durch ein Konzilium entschieden werden müsse, und so kam das Tridentinische Konzil zustande, welches die von dem Protestantismus angeregten Fragen in einem Sinne entschied, daß das System der katholischen Kirche wieder mit den heiligen Urkunden vereinbart wurde, und der spätere Katholizismus von dem protestantischen Dogma bedeutend influenziert ward, indem er sich ihm zwar entgegensetzte, aber auf dieselbe Art und Weise verfuhr, wie der Protestantismus selbst. Der berühmte katholische Theolog Möhler (1796–1838. Hauptwerk: Die Symbolik oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten...) begeht In dieser Beziehung ein großes Unrecht gegen den Protestantismus, indem er in seiner Verteidigung des katholischen Dogmas die Feststellung der Glaubenssätze, wie sie durch das Tridentinische Konzilium sich gestaltet hat, als bereits früher vorhanden annimmt, was durchaus nicht der Fall ist. Hatte so das katholische Dogma eine große Bildsamkeit gezeigt und sich in die von der Zeit geforderten Formen geworfen, so bewies nun andererseits die Hierarchie eine ungemeine Haltbarkeit; ja sie fand eine neue Stütze an den Jesuiten, die man als die vierte den Protestanten feindliche Macht betrachten kann. Es schloß sich in jenen Tagen an den Papst eine alte hierarchische Verehrung an, welche damals weit stärker war, als jetzt, und zum Ausdruck dieser Verehrung machten sich neue Orden geltend. Als das Papsttum angegriffen wurde, bildete sich zu seinem Schutze eine mönchische Vereinigung im Gegensatz zu dem Protestantismus; jedoch bediente sich dieselbe zur Ausbreitung ihrer Grundsätze der nämlichen Mittel, wie die Protestanten, der Predigt und des Unterrichts. Diese Jesuiten leisteten auch im Fache der Gelehrsamkeit Bedeutendes, wenn sie auch an wirklicher Freiheit der Forschung und an wirklicher Genialität zurückstanden. Auch die Päpste selber nahmen sich in ihrem Privat- und öffentlichen Leben mehr zusammen; sie lebten einfacher und strenger und verwendeten die Einkünfte, die sie aus katholischen Ländern bezogen, nicht mehr zu Privatzwecken, sondern zu den Kriegen, welche zur Aufrechterhaltung der katholischen Religion geführt wurden. Auf solche Weise war eine sehr starke Opposition gegen den vordringenden Protestantismus herangereift, so daß die der Reformation feindliche Partei daran denken konnte, der ganzen Sache ein Ende zu machen; ein Kampf, welcher die zweite Hälfte des 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts vollständig beherrscht. So kam es zu den blutigen Religionskriegen dieser Periode, und es sind deren hauptsächlich zwei geführt worden: erstens der Niederländisch-französische, zweitens der Dreißigjährige Krieg. Der Niederländisch-französische Krieg nahm seinen Ursprung von dem Aufstande der Niederlande gegen Philipp II. von Spanien. Was den Widerstand dieser Provinzen hauptsächlich anfeuerte, waren nicht die Streitigkeiten um den zehnten Pfennig oder um einige Auflagen, sondern die Religion. Die Niederländer wurden bei ihrer Empörung von Frankreich und England unterstützt, denen die überall sich ausbreitende Macht Spaniens schon längst ein Dorn im Auge war. Da faßte nun Philipp II. den Entschluß, diese seine drei Widersacher auf einmal anzugreifen. Er schickte zu diesem Zweck Alexander Farnese nach den Niederlanden ab, um mit voller Macht die wallonischen Provinzen festzuhalten und von dort aus weiter gegen die Feinde vorzudringen. Nachdem der Prinz von Oranien ermordet worden war, gewann das katholische Prinzip wieder die Oberhand, und das neubegründete spanische Element drang nun mit Gewalt in die belgischen Provinzen vor. Jetzt, glaubte Philipp, sei der rechte Zeitpunkt gekommen, um Frankreich anzugreifen, wo die mächtige Partei der Guisen dem Könige feindlich gesinnt war, weil der König nicht so streng katholisch war, wie die Guisen es forderten. Dadurch kam Frankreich in große Gefahr. Desgleichen wollte Philipp von Spanien es mit dem mächtigen England aufnehmen, wobei er sich auf die Hilfe der englischen Katholiken und der stuartischen Partei verließ. Zu diesem Zwecke machte er im Jahre 1588 jenen berühmten Versuch mit der Armada, der aber unglücklich ablief. Der Widerstand, den Philipp bei seinem Plane, die drei Länder sich zu unterwerfen, fand, lag weniger in den Bemühungen deutscher Fürsten, als erstens in der großartigen Haltung der Königin Elisabeth von England, zweitens in dem Emporkommen Heinrichs IV. von Navarra, drittens in der Entwicklung der englischen Seemacht. Heinrich IV. war ein Hugenotte, wie man die Protestanten in Frankreich nannte; seine Mutter und Großmutter waren entschieden protestantisch; sein Land Navarra war halb französisch und halb spanisch; seine Mutter Johanna hatte ihr Land protestantisiert und ihr Sohn Heinrich hatte an der Spitze der französischen Hugenotten gefochten. Später aber wurde er gezwungen, katholisch zu werden, um auf den französischen Thron zu gelangen. Die eifrig katholisch Gesinnten mochten aber dessenungeachtet nichts von ihm wissen und brachten eine Ständeversammlung zustande, auf welcher sie ziemlich geneigt waren, eine spanische Prinzessin zur Königin zu ernennen. Neben dieser streng katholischen Partei und den Hugenotten bestand jedoch auch eine gemäßigte katholische Partei. Heinrich IV. trat, wie schon oben erwähnt, zum Katholizismus über, war aber dabei sehr gemäßigt und stets geneigt, seinen ehemaligen Glaubensgenossen Schutz angedeihen zu lassen. Sein geborener Gegner, Philipp II. von Spanien, ward durch die Engländer, welche Cadiz wegnahmen, genötigt, auch mit Heinrich Frieden zu schließen. Zuletzt mußte sein Nachfolger die Unabhängigkeit der Niederlande anerkennen. Der zweite große Krieg war der deutsche Dreißigjährige. In Deutschland war, wie wir gesehen haben, der Protestantismus weit vorgedrungen; nachdem aber das Tridentinische Konzilium abgehalten worden war, und die Spanier in den Niederlanden Erfolge errungen hatten, so faßten besonders die geistlichen Fürsten in Deutschland den Entschluß, den Protestantismus in ihren Gebieten zu unterdrücken. – Darauf drang auch der Papst Sixtus V., und überall fingen auch die geistlichen Herren an, die Antireformation durchzuführen. Der erste war, daß sie keinen Edelmann von protestantischem Glauben bei sich anstellten, wodurch viele Protestanten bewogen wurden, sich dem katholischen Glauben wieder zuzuwenden; ferner duldeten sie keinen Protestanten in dem Rat ihrer Stadt. Dieselben antireformatorischen Bestrebungen zeigten sich in Österreich, welches großenteils protestantisch geworden war, und wo die katholische Religion jetzt mit der größten Energie und Gewaltsamkeit wieder eingeführt wurde. Nun stand die Reichsverfassung in Frage, nachdem durch den Religionsfrieden eine gewisse Parität zwischen den beiden Konfessionen in gesetzlicher Weise eingeführt worden war. Dagegen erhoben sich die Jesuiten und erklärten, daß der Religionsfriede nicht binde. Die kaiserliche und Reichsgewalt waren so gut wie annulliert, und die Stände suchten sich daher durch Bündnisse ihr Recht zu verschaffen (Union und Liga). Jeden Augenblick konnte man den Ausbruch des Krieges in Deutschland erwarten. Der erste Anlaß ergab sich in Böhmen, wo Kaiser Matthias die durch Majestätsbriefe und in anderer Weise dokumentierten Konzessionen an die protestantischen Stände wieder zurücknehmen wollte. Die Böhmen aber erinnerten sich nun, daß sie vor nicht gar langer Zeit ein unabhängiges Reich gebildet hatten, und daß das Haus Österreich noch nicht gar lange Zeit über sie herrsche. Sie erklärten, daß der Vertrag zwischen ihnen und Kaiser Ferdinand gebrochen sei, und hielten sich für vollkommen berechtigt, einen andern Fürsten zu wählen. Sie warfen ihre Augen nebst den übrigen protestantischen Fürsten auf Friedrich von der Pfalz, der mit einer Tochter des Königs Jacob von England vermählt war. Alles war in der größten Aufregung, als die Böhmen die Krone Friedrich anboten. Nach längerer Zögerung nahm er sie an, denn er glaubte, es sei eine europäische große Kombination, an die er sich halten könne. Dies war aber nicht der Fall; selbst die Protestanten unterstützten ihn nicht energisch, und so gelang es dem Kurfürsten Maximilian I. von Bayern, der alle seine Gedanken durchzuführen wußte, nach der Schlacht am Weißen Berge den neugewählten König über den Haufen zu werfen und ihn zur Flucht zu zwingen. Darauf fing Österreich an, aus allen Kräften in Böhmen zu antireformieren, und so begann der Katholizismus die Oberhand in Deutschland zu erhalten und von Stunde zu Stunde sich mehr auszubreiten. Der Kaiser übertrug die pfälzische Kur an Bayern und wußte es dadurch ganz an sich zu fesseln. Die Macht Bayerns beruhte damals darauf, daß Maximilian von mehreren geistlichen Fürsten umgeben war, die ihm gehorchten. So wurde zuerst Oberdeutschland vollkommen unterworfen, dann die Pfalz, hierauf der Krieg nach Niederdeutschland hinübergespielt, der König von Dänemark, der den Protestanten zu Hilfe gekommen war, geschlagen, von den Österreichern unter Wallenstein ein Heer zusammengebracht, der Herzog von Mecklenburg zur Flucht genötigt und nun ernstlich Anstalt gemacht, den Katholizismus auch in Norddeutschland wiederherzustellen. Zu diesem Behufe ward der Gedanke gefaßt, die ehemaligen geistlichen Güter sämtlich der Kirche wiederzugeben. Deshalb wurde das Restitutionsedikt erlassen (1629), welches eine jahrhundertelang dauernde Entzweiung zwischen Nord- und Süddeutschland hervorbrachte. Die Norddeutschen sahen ein, daß ihre Religion dem Untergange geweiht sei, und es stand zu erwarten, daß die katholische Restauration gesiegt hätte, wenn nicht eine andere europäische Kombination dazwischen getreten wäre. Österreich war nämlich zugleich mit Spanien verbunden, und nun wollten die Franzosen diese spanisch-österreichische Macht nicht soweit gedeihen lassen. Der Kardinal Richelieu, welcher die Hugenotten in Frankreich bekämpfte, suchte den Protestantismus in Deutschland aufrechtzuerhalten, setzte sich mit dem König von Schweden in Verbindung und forderte ihn auf, nach Deutschland zu kommen, indem er ihn mit Geld unterstützte. Der König von Schweden, Gustav Adolf, der in seinem Reiche selbst durch eine starke katholische Partei bedroht war, kam nach Deutschland herüber, schlug Tilly aus dem Felde, nachdem Wallenstein den deutschen Fürsten widerwärtig geworden war, und machte nun alles, was in Norddeutschland im antireformatorischen Sinne geschehen war, wieder rückgängig. Übrigens hatten selbst die norddeutschen Fürsten keine Lust, Gustav Adolf anzunehmen, was aber den großen Fürsten nicht hinderte, bis nach München vorzudringen. Wallenstein wurde zwar von Österreich wieder ins Feld gebracht und Gustav Adolf wurde getötet; allein weder die eine noch die andere Partei war den Gegnern so sehr überlegen, daß sie ein entscheidendes Übergewicht über dieselben errungen hätte. Auf diese Weise war das Blutvergießen in Deutschland schrecklich geworden, und über die Frage, ob die römische Hierarchie in Deutschland Einfluß haben sollte, über einige dogmatische kleine Streitigkeiten wurde Deutschland mit der Verwüstung einer weit vorgeschrittenen Kultur heimgesucht; denn die Kultur des 14. und 15. Jahrhunderts hatte sich im 16. und 17. Jahrhundert fortgesetzt. Erst im Jahre 1648 wurde dieser verheerende Krieg beendigt, dessen Erfolg nur der war, daß Deutschland blühende Provinzen verlor und dagegen verödete Landstriche zurückbehielt. Das beste aus diesem langwierigen Kriege trug Frankreich davon, welches das Elsaß, Breisach, Philippsburg usw. erhielt, während die Schweden an der Ostsee sich festsetzten. Der eigentliche Grund des Unglücks lag darin, daß der Religionsfriede vom Kaiser nicht anerkannt wurde, und Fanatismus die Geister so beherrschte, daß sie glaubten, Gott einen Dienst zu tun, wenn sie sich gegenseitig zerfleischten. Auf diese Weise war das große Nationalunglück über uns gekommen, aus dem wir uns seit 1648 ziemlich wieder erhoben haben. Die Schweden haben wir glücklich aus Deutschland hinausgebracht; das Elsaß freilich befindet sich noch in den Händen der Franzosen. Der Erfolg dieser Kämpfe im allgemeinen war nun aber der, daß der Protestantismus nicht unterworfen werden konnte. Die abendländische Welt teilte sich seitdem in zwei verschiedene Parteien. Nichtsdestoweniger blieb sie immer noch eine Einheit, wie ein Baum, der in zwei Äste sich spaltet; nur beruhte diese Einheit nicht mehr auf dem Papsttum, sondern auf der Gemeinschaftlichkeit der Institutionen und der Kultur und auf dem Ineinanderwirken der romanisch-germanischen Nationen. Das Gebiet der letzteren erhielt überdies einen gewissen Zuwachs, insofern die abendländische Kultur einen großen Einfluß auf Rußland gewann. In neuester Zeit trennt aber den abendländischen Völkerkomplex auch die Verschiedenheit des Bekenntnisses nicht mehr, und namentlich war in Deutschland das Bestreben, den Gegensatz der Bekenntnisse unwirksamer zu machen, vom glücklichsten Erfolg gekrönt. Aus dem anschließenden Gespräch Urteil über Kurfürst Maximilian I.: Der Hauptgesichtspunkt dieses Fürsten war ein falscher, ja nicht einmal ein bayrischer. Seine Mission war nicht, wie er meinte, den Katholizismus zu verbreiten. Seine Nebenabsicht, die Nebenlinie zu schwächen, war eine höchst kleinliche. Hätte Maximilian sich mit Friedrich von der Pfalz vereinigt, so wäre wahrscheinlich das Haus Wittelsbach groß geworden. Aber er folgte zu sehr den Jesuiten und hatte den Kopf voll Abenteuerlichkeiten. Was half es ihm; daß er die Oberpfalz erwarb, die ja ohnehin schon seinem Hause gehörte? Die Rheinpfalz bekam er doch nicht. Hätte er sich an Friedrich von der Pfalz angeschlossen, was er wohl tun konnte, ohne Protestant zu werden, so wäre Österreich nicht so übermächtig geworden. Siebzehnter Vortrag §7 Zeitalter der Entstehung und Entwicklung der Großmächte 17. und 18. Jahrhundert Die Literatur des 16. und noch am Anfang des 17. Jahrhunderts hatte eine sehr theologische Färbung. Es gab kein Zeitalter, in welchem das Dogma und überhaupt die kirchlichen Institutionen so enge mit dem Staate verknüpft waren, wie damals. Das Prinzip der Kirche wurde das vorwaltende in jedem Staate; denn obwohl eine große Anzahl derselben sich vom römischen Stuhle losriß, so ergriffen sie doch ihre besonderen Konfessionen mit dem größten Eifer, und diese wurden ihr Gesetz. Also bekam das Leben und die Literatur einen vollkommen geistlichen Anstrich. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts änderte sich das. Man kam mehr zurück auf die Tendenz, welche das 15. Jahrhundert ergriffen hatte, nämlich auf die Philosophie und die Naturwissenschaften, welche durch die theologischen Streitigkeiten in den Hintergrund gedrängt worden waren. Noch im 17. Jahrhundert wurde Galilei vom Papste verurteilt, weil er das System des Kopernicus lehrte. Mit einem Wort, der menschliche Geist nahm wieder eine von der theologischen mehr abweichende Wendung, eine freiere und unbedingtere Richtung auf das Wesen der Dinge. Ähnliches geschah im Innern der Staaten, welche sich, nachdem man gesehen hatte, daß es unmöglich sei, die Protestanten zu unterdrücken, in den großen religiösen Konflikten wieder aus ihrem eigenen Wesen herausgestalteten. Überhaupt fingen die menschlichen Kräfte an, nachdem die religiöse Seite gewissermaßen ausgebildet war, sich mehr in der Richtung auf den Staat zu bewegen, im Zusammenhang mit der weltlichen Wendung, welche die Wissenschaften im allgemeinen nahmen. Von den Staaten, die früher miteinander gekämpft hatten, war Spanien der vornehmste. Dieses Land hatte sich die Entwicklung und Förderung des Katholizismus zum Hauptziele seiner Bestrebungen gesetzt, und es ist eine merkwürdige Erscheinung, wie das alte Spanien, nachdem diese Absicht gescheitert war, allmählich in sich selbst zusammenfällt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vermochte es gar nichts mehr, und jener Bruchteil der großen spanischen Monarchie, welcher sich mit so vielen Anstrengungen vom herrschenden Lande losgerissen hatte, nämlich Holland, wurde dadurch mächtiger, als das alte Reich, daß es zuerst die merkantilen und kommerziellen Bestrebungen zu einem Momente des Staatslebens machte. Wir sahen freilich, wie auch in Spanien viel darauf ankam, daß es Amerika besaß; aber die Industrie wie der Handel waren nicht so sehr Sache der Spanier; sie überließen das anderen. Eben hierin setzten sich jetzt die Holländer an ihre Stelle. Dieses kleine Land, aus wenigen Provinzen bestehend, erträglich gelegen, aber nicht gerade herausfordernd für den Handel, nahm nun sofort eine glänzende und bedeutende Stellung in dem europäischen Rate ein. Die Vorsehung hatte es gewollt, daß hier der ganze Welthandel sich konzentrierte. Die Holländer nahmen die Reederei der ganzen Welt in Besitz, sie setzten sich an die Stelle der Portugiesen in Ostindien, fuhren in den äußersten Norden zum Herings- und Walfischfang; sie sind es welche Neuholland entdeckt haben. Früher waren die indischen Spezereien über Ägypten gegangen; jetzt führten die Holländer dieselben um Afrika herum, durch die Meerenge von Gibraltar in das Mittelmeer und nach Ägypten. Das immense Geld, welches sie durch ihren Handel gewannen, verwendeten sie zur Befestigung ihres Landes und zur Verfolgung ihrer politischen Zwecke. Doch ist es einleuchtend, daß Holland nicht auf die Dauer zu einer leitenden Weltrolle berufen sein konnte, weil ihm eine wesentliche Bedingung hiezu, nämlich ein großes Territorium, fehlte. Der Wechsel der allgemeinen Tendenz zeigte sich also, wie gesagt, darin, daß die spanische Monarchie, so ausgebreitet sie war, doch vor der kleinen Provinz, die von ihr abgefallen war, zurücktreten mußte. Alle Kräfte Spaniens, insbesondere die Literatur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, hatten sich nach der theologischen Seite hin bewegt; als sie ihr Ziel nicht erreichten, hörten sie auf, wirksam zu sein. Holland dagegen, welches die modernen Tendenzen zuerst in sich darstellte, kam auf dem Schauplatz der Welt zur größten Bedeutung. Schon aus dieser Gegenüberstellung ersehen wir demnach, daß eben andre Regungen emporkamen, welche dahin zielten, die Macht in den einzelnen Reichen auf der gegebenen historischen Grundlage zu entwickeln. Und hier tritt denn zunächst – in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – diejenige große Macht hervor, welcher Spanien unterlegen ist, nämlich Frankreich. Frankreich entwickelte die Monarchie auf eine Weise, wie es in Europa noch niemals dagewesen war. Zwar nahmen die Kapetinger bereits einen Anlauf dazu, aber erst in diesem Jahrhundert gelangte die Macht des Königtums zu ihrer höchsten Blüte. Der Religion nach blieb Frankreich katholisch; der Unterschied aber zwischen dem französischen und spanischen Katholizismus ist der, daß Frankreich nur nach innen katholisch war und auch da die Protestanten vor der Hand duldete, während in seiner äußeren Politik der Protestantismus sogar vielfach unterstützt wurde. Jene schon in den früheren Jahrhunderten zur Erscheinung gekommene Idee des französischen Staates wurde nun während des Dreißigjährigen Krieges mächtig realisiert, dadurch, daß ein Mann an die Spitze des Staates kam, welches als der vornehmste Begründer der Monarchie, wenn auch nicht in Europa, so doch in Frankreich, angesehen werden kann. Damals regierte Ludwig XIIl., ein Fürst, der sich mehr den mechanischen militärischen Übungen hingab, und zwar einen hohen Begriff von der ihm gebührenden Macht hatte, jedoch nicht fähig war, dieselbe persönlich zu erwerben und festzuhalten, sondern sie seinem ersten Minister, dem Kardinal Richelieu überließ. Richelieu bildete die Idee des Königtums aus, in welchem er ein göttliches Institut erblickte. Er wendete den Begriff »von Gottes Gnaden« mit einer gewissen theologischen Schärfe im weitesten Umfang an, und alles, was der königlichen Macht zu nahe trat oder sich ihr entgegensetzte, wurde vernichtet. Als der Dreißigjährige Krieg entbrannte, richtete Richelieu seine Angriffe, wie die früheren Könige, auf Österreich; und um dies bewirken zu können, vereinigte er sich mit den Protestanten in Deutschland, ja nicht bloß mit diesen, sondern auch mit den Engländern. In Frankreich selbst gelang es ihm hingegen, den Protestantismus als politische Macht zu vernichten, womit die Protestanten der übrigen Welt, auch in England und Holland, sich zufrieden gaben, weil, wenn das Königtum in Frankreich nicht stark geworden wäre – und dies war nicht möglich, solange die Hugenotten noch ihre eignen Festungen im Lande hatten –, es ihnen auch keine Hilfe leisten konnte. Hier sieht man den Wechsel der Zeiten, da die Protestanten aus politischen Rücksichten zugaben, daß ihre Glaubensgenossen unterdrückt wurden, weil die protestantische Welt in diesem Augenblick eines starken Frankreich gegenüber der spanisch-katholischen Übermacht bedurfte. Richelieu hatte das Glück, welches alle großen Männer gehabt haben, daß er durch eine Art unbedingten Gefühles in einer bedeutungsvollen Epoche diejenigen Momente ergriff, welche zur Durchführung seines Planes notwendig waren. Er war es auch, der die französische Literatur in ihrer charakteristischen Gestalt begründete, er hat die Académie française gestiftet, welche ursprünglich aus Protestanten und Katholiken bestand. Einige Privatleute kamen nämlich zusammen, beschäftigten sich in ihren Kreisen mit der Literatur, lasen einander ihre Arbeiten vor, suchten ihre Sprache, die in der Bildung begriffen war, korrekt zu schreiben und zu sprechen usw. Richelieu, der selbst vortrefflich französisch schrieb, hörte davon und gestaltete dasjenige, was bisher bloß zufälligen Bestand gehabt hatte, zu einem nationalen Institut. Richelieu versammelte auch Dichter um sich; Corneille sagt in einem seiner Stücke, wenn auch mit einiger Übertreibung, er verdanke jenem alles, was er sei. Dadurch, daß der Kardinal ein eignes Theater in seinem Palais hielt, zu welchem ein erweitertes Hofpublikum zugelassen wurde, trug er zur Ausbildung der französischen Bühne wesentlich bei. Die Gewalt, welche Richelieu in Frankreich geschaffen, bildete Mazarin fort, den Richelieu herangezogen hatte, ein Mensch von hohen diplomatischen Talenten, ein Dogmatiker der Gewalt, der durch seine Geschicklichkeit Ludwig XIV. zum wirklichen König von Frankreich machte. Für Deutschland aber war er im höchsten Grade gefährlich und verderblich, denn er brachte den Westfälischen Frieden zustande, durch den Deutschland mehrere Provinzen verlor. Auch der Pyrenäische Friede (1659) ist sein Werk, in welchem die Spanier ihre feste Stellung am Niederrhein aufgeben mußten. Von Richelieu ist zweifelhaft, ob er daran dachte, die Grenzen Frankreichs auszudehnen, aber daß Mazarin und die durch ihn geleitete Königin von Frankreich diesen Gedanken verfolgten, wie sie ihn denn auch ausführten, ist gewiß. Durch den Pyrenäischen Frieden wurde außer der Erweiterung der französischen Macht auch noch etwas andres bewirkt. In diesem Frieden verstand sich nämlich Philipp IV., König von Spanien, dazu, seine Tochter Therese an den König von Frankreich zu verheiraten; eine welthistorische Vermählung, denn er selbst hatte zwar einen Sohn, namens Karl, der indes ein höchst armseliges Geschöpf war, vor seinen Jahren hinstarb und keine Nachkommen hinterließ. Alsdann nahm der König von Frankreich Spanien als Erbteil in Anspruch, und daher rührt es, daß die Könige von Spanien noch bis auf den heutigen Tag Bourbonen sind, indem Ludwig XIV. seinen Enkel dort einsetzte, dessen Kinder nicht allein Spanien, sondern auch Neapel behaupteten. Als nun Mazarin starb, kam Ludwig XIV. zur vollkommenen Selbstregierung. Denn früher war der Minister König, und der König war nur der Hofmann des Ministers; so zwar, daß der König jedesmal, ehe er zu Mazarin kam, ihn fragen ließ, ob er nicht zu sehr beschäftigt sei; wenn die Antwort bejahend ausfiel, so wurde der Besuch verschoben. Mazarin begleitete auch den König niemals über die Treppe hinunter. Ludwig XIV., so groß er ist, erscheint doch nur als der Fortsetzer der Ideen der beiden Minister Richelieu und Mazarin. Das erste, was Ludwig auf dem von ihm nunmehr selbständig betretenen Wege tat, war, daß er eine Verwaltung einrichtete, die von Grund aus der früheren entgegengesetzt war. Ludwig nahm vor allem die Leute, die mit Mazarin gearbeitet hatten, in das Ministerium auf; unter ihnen war der bedeutendste Colbert. Durch diesen wurde zuerst der Gedanke gefaßt, die Entwicklung des Handels und Verkehrs nicht dem Zufall zu überlassen, oder solchen Umständen, denen die Holländer dieselbe zu verdanken hatten, sondern sie von Staats wegen in die Hand zu nehmen und zu fördern. Colbert ward nun der Urheber des Prohibitiv- oder Merkantilsystems, welches auf dem Gedanken beruht, von dem Inlande die Fabrikation und Produktion aller fremden Völker auszuschließen, dagegen die Außenwelt mit den eignen Produkten zu überfluten. Die Gewerbe selbst, die in Frankreich nicht ganz darniederlagen, gedachte Colbert von oben herab so hoch zu heben, daß alle Industrie von Europa in Frankreich zentralisiert würde. Die systematische Ausbildung solcher Manipulationen ward ebendaher später als Colbertismus bezeichnet. Merkwürdigerweise gelang das Unternehmen, vielleicht, weil die Franzosen gerade in den Gewerben das Talent besitzen, das zu erfinden, was allgemein gefällt; sie warfen in die Handwerke damals schon den Geist, der bis auf den heutigen Tag die Mode beherrscht. Geradeso machte es Colbert mit den Handelskompagnien, die früher dadurch entstanden waren, daß sich Handelsleute zu einer freiwilligen Vereinigung zusammentaten; er aber nahm auch diese Sache von Staats wegen in die Hand; er befahl den Beamten des Landes, Aktien zu nehmen, und legte sie dem Könige als Beweis ihrer Huldigung vor. Wo dies Verfahren der Natur der Sache nicht geradezu entgegenlief, hatte es einen guten Erfolg, so z. B. in Ostindien, wo die Franzosen große Kolonien besaßen, ebenso in der Levante, wo die Franzosen den ganzen Handel der Italiener in ihre Hände brachten. In ähnlicher Weise wurde nach und nach der ganze Staat umgeformt, das Justizwesen, das Militärwesen Unsere ganzen militärischen Einrichtungen beziehen sich auf Ludwig XIV. zurück; er hat die Uniformen erfunden, von ihm stammen die Benennungen der militärischen Grade her usw. wurde reformiert, eine Verwaltung wurde geschaffen, die geradezu durchfuhr. Kurz, alles resümierte sich in einer Person, so daß das berühmte Wort » l' état c'est moi « Der Staat bin ich. hier allerdings von Bedeutung war, indem von dem Staatsoberhaupt wirklich die Entwicklung des Staates ausging. Durch seine Organisation der Finanzverwaltung setzte Ludwig XIV. auch durch, daß er immer Geld zur Verfügung hatte, was bei seinen Vorgängern nicht der Fall gewesen war; dies setzte ihn unter anderm in den Stand, seine großen Bauten durchzuführen, welche durchaus keine Bedrückung des Volkes veranlaßten. Genug, seine Regierungszeit ist eine der grandiosesten Erscheinungen. Seine Verfügungen waren nicht eine Sache bloßer Gewalt; das Volk war damit sehr zufrieden, es wünschte, einen starken König zu haben, und hätte Ludwig XIV. sich nicht übernommen, so würde er als einer der größten Männer aller Zeiten erscheinen. Nun dachte er aber, es sei Zeit, seine Prätensionen gegen Spanien durchzusetzen, und zwar nicht allein insofern, als er dadurch spanische Provinzen erwerben könnte, sondern hauptsächlich aus dem Gesichtspunkte, Frankreich mit den Grenzen zu versehen, welche er für nötig hielt. Paris schien ihm zu nahe an Holland zu liegen; deshalb suchte er einige Festungen zu erwerben, um den Norden zu fortifizieren. Dann wollte er Lothringen haben und bekam es auch. Endlich gedachte er auch die Franchecomté zu erwerben, welche die Spanier bisher besessen hatten. Er war mithin nicht Eroberer à tort et à travers Unbesonnen, blindlings drauflos. sondern wollte, wie gesagt, seinem Reiche kräftige Grenzen verschaffen, und um Frankreich hat er sich auch in dieser Beziehung unermeßliche Verdienste erworben. Das übrige Europa erschien ihm jedoch nur als Objekt, dem er seine Siege abzugewinnen habe. Ludwig wollte so mächtig werden, daß jeder sich gefallen lassen müsse, was er tat, und dieses Ziel hat er wirklich geraume Zeit hindurch erreicht. Er nahm den Spaniern die Provinzen ab, die er wollte, er verringerte die Bedeutung Hollands, und als der Kaiser und das Reich – im Vereine mit Spanien – sich der Holländer annahmen, wendet er sich auch gegen diese, indem er sich mit den Schweden verbündete. Dadurch bekam er in den vorderen Reichskreisen freie Hand und überrumpelte Straßburg mitten im vollen Frieden (1681). Dann schritt er auf Grund des imaginären Staatsrechtes, das er sich ausgebildet hatte, wonach er auch die Rheinpfalz für ein Lehen von Frankreich erklärte, zu jenen famosen Reunionen, welche seinen Namen in der Geschichte für immer brandmarken. So griff Ludwig XIV. in dem gesamten Europa gewaltig um sich. Denn dies ist eben die ungeheure Gefahr, welche in einer rein persönlichen Machtstellung liegt, der kein andrer widerstehen kann: man verliert die Fähigkeit, sich selbst im Zaum zu halten. Auch Ludwig XIV. vermochte das nicht, sondern er ging so weit, als ihn seine Interessen führten. Daraus ging jene schreckliche Handlung hervor, daß er das Edikt von Nantes, auf welchem die Religionsfreiheit der französischen Protestanten beruhte, aufhob, wodurch er dieselben aus dem Reiche vertrieb. Die Protestanten hatten nämlich noch immer eine große Bedeutung in Frankreich; auch Richelieu hatte sie, obwohl er ihnen ihre politischen Sonderrechte nahm, dennoch religiös toleriert; – Ludwig XIV. aber glaubte, er müsse ein vollkommen katholischer König sein. Seinen Katholizismus verstand er freilich so, daß er zwar das Dogma vollständig annahm, die Geistlichen aber tun müßten, was er wollte. Darüber geriet er in Streit mit dem Papste und stellte die auf dem Baseler Konzil beruhenden gallikanischen Artikel auf, welche die vollständige Unabhängigkeit des Staates vom römischen Stuhl erklärten. Übrigens suchte der König, wie gesagt, das katholische Dogma in ganz Frankreich zum alleinherrschenden zu machen, und als ein Versuch, die Protestanten in Güte zu bekehren, nicht gelang, so fing Ludwig an, Gewalt zu gebrauchen, und es wurden nun die Dragonaden im vollsten Maße angewendet. Viele Protestanten aber fanden Mittel, zu entfliehen, was ganz gegen des Königs Absicht war; diese breiteten die französische Industrie auch in andern Ländern aus und verschafften ihrem Bedränger überall, wo sie hinkamen, den schlechtesten Ruf. Nach verschiedenen Kriegen gelang es Ludwig, seine zweite Hauptabsicht zu erreichen, nämlich seinen Enkel Philipp V. von Anjou als König in Spanien einzuführen, dessen Deszendenten – der Graf von Montemolin – noch heutzutage Prätensionen auf den spanischen Thron machen. Von Ludwigs XIV. Bruder stammen dagegen die Herzöge von Orleans ab; dessen Sohn war der berüchtigte Regent, der auf Ludwig XIV. folgte. Philipp V. war mit einer italienischen Dame, Elisabeth Farnese, vermählt, deren Sohn Herzog von Parma und später Herr von Neapel und Sizilien wurde. In derselben Zeit wurde Lothringen eine Sekundogenitur von Österreich, später aber gegen Toskana ausgetauscht, und da auch Mailand aus der spanischen Erbschaft an Österreich kam, so kann man sagen, daß sich Österreich und die Bourbonen gewissermaßen in die Herrschaft Italiens teilten. Die bourbonische Herrschaft in Südeuropa war überhaupt ein mächtiges Element in der allgemeinen Geschichte. Die Bourbonen suchten die spanische Marine in Gang zu bringen, und die spanisch-französische Seemacht setzte sich im 18. Jahrhundert England mit Anstrengung entgegen. Dies war in jener Periode sogar der vorzüglichste Gegenstand des universalen Streites, dessen Ausgang freilich war, daß die ganze spanisch-französische Marine zerstört wurde. Auf die geschilderte Weise ist also durch Ludwig XIV. Frankreich zu einem merkwürdigen Ensemble geworden; es ist der alte romano-germanische Staat, aber in vollkommen monarchischer Form. Aus dem anschließenden Gespräch Ludwig XIV. war ein ausgezeichneter Geschäftsmann; er arbeitete alle Tage in seinen Konseils, deren er eines für die Finanzen, eines für die kirchlichen Angelegenheiten, eines für die Justiz usw. hatte. Hauptsächlich waren es drei Minister, mit denen er alle Tage zusammen arbeitete: Colbert, Lyonne, Letellier; der berühmte Kriegsminister Louvois war ein Sohn Letelliers. Diese alle waren dem König vollkommen ergeben und überhaupt die für ihr Fach ausgesuchtesten Männer. Wenn aber der König in irgendeiner Branche, z. B. im Justiz- oder im Finanzfache arbeitete, so wurden häufig andre hohe Staatsbeamte beigezogen. Anfangs glaubte man, daß er nicht gern arbeiten werde; aber bald, als er sah, daß ihm die Dinge vonstatten gingen, fing er an, Geschmack an den Geschäften zu finden und sie zu seinen Vergnügungen zu rechnen. Mit der Geschichte, überhaupt mit der Literatur befaßte er sich nicht viel; aber von der Selbstregierung und von der Applikation zu den Geschäften hatte er einen Begriff, der ungeheuer war. Seine Minister haderten beständig miteinander, und die ganze Gesellschaft spaltete sich in zwei Parteien, die der Letelliers und Colberts. Der König sah dabei nur immer darauf, daß er selbst das Übergewicht behielt, und verteilte sein Vertrauen gleichmäßig auf alle. Was sein Verhältnis zur Maintenon betrifft, so war dasselbe vielleicht nicht unmoralisch. Seine Devise war: »Mein Ruhm und das Wohl Frankreichs.« Darin liegt zwar etwas Egoistisches; aber Ludwig XIV. war doch ein großer Mensch. Achtzehnter Vortrag Wir wollen nunmehr die Entstehung, das gegenseitige Verhältnis und die politische Eigentümlichkeit auch der übrigen großen Mächte betrachten, deren Bildung in die zweite Hälfte des 17. und in die ersten drei Vierteile des 18. Jahrhunderts fällt. Die Tendenz dieser Epoche ist eine sehr bestimmte, sie unterscheidet sich von den früheren durch eine militärisch-monarchische Richtung. An Ludwigs XIV. System schloß sich die Entwicklung der übrigen Großmächte an. Die erste, die im Widerstreit mit Ludwigs prätendierter Universalmonarchie zu einem festen Bestande kam, war England. Und zwar geschah dies dort von einem dem französischen entgegengesetzten Standpunkte aus. Der französische war der der Monarchie; dagegen war in England das Prinzip der Selbstregierung von jeher viel kräftiger gewesen, als auf dem Kontinente. Das parlamentarische System hatte sich im 13. und 14. Jahrhundert viel stärker festgesetzt, als in irgendeinem andern Lande. Das Parlament konnte zwar in den verschiedenen Streitigkeiten, welche über die Krone zwischen den Prätendenten und den ihnen anhängenden Parteien ausgebrochen, nicht entscheiden; aber es schloß sich allezeit der siegreichen Partei an, so daß z. B. auch Heinrich VII. aus dem Hause Tudor mit Hilfe des Parlaments sich auf dem Throne befestigte. So war auch die Reform der Kirche wesentlich mit zustande gebracht worden durch die Aktion des Parlaments, nicht etwa durch Predigten oder durch eine universal volkstümliche Bewegung wie in Deutschland. Diese wurde vielmehr in England geradezu niedergedrückt, und es wurde den Predigern vorgeschrieben, wie sie predigen sollten, weil es dem Volke nicht zukomme, von einer bestimmten Religion abzuweichen, solange der König und das Parlament sie behaupteten. Diese beiden Faktoren im Verein mit der konstituierten Geistlichkeit machten schrittweise die Reform. Das Parlament wollte keine außerhalb England befindliche, auf England einwirkende Macht mehr anerkennen und erklärte im Einverständnis mit dem Klerus, welcher durch die Drohungen und Verheißungen Heinrichs VIII. großenteils auf dessen Seite gebracht worden war, den König für das Oberhaupt der Kirche. So ereignete es sich, daß im übrigen die ganze kirchliche Ordnung der Dinge trotz dieser Veränderung bestehen blieb; denn anfangs kam es nur zu einem Schisma und später zu einer Protestantisierung der anglikanischen Kirche, wobei diese alle ihre Einrichtungen, mit Ausnahme der Klöster, beibehielt. Dieser Umstand war für England von unendlicher Wichtigkeit; denn dadurch wurden alle inneren Streitigkeiten von vornherein abgeschnitten; es wurde nichts geduldet, als was dieser unaufhörlich sich reformierende Klerus selber anordnete. Unter Eduard VI. wurde er protestantisch; unter Marie Tudor wendete er sich wieder zum Katholizismus; unter Elisabeth, die ihr Sukzessionsrecht durch den Papst bedroht sah, trat die Geistlichkeit wieder zur anglikanischen Kirche über, und nun setzte diese Königin jene beiden Hauptgesetze fest, auf welchen die Kirche von England beruht: den Suprematseid, durch welchen der König als Haupt der Kirche anerkannt wird, und die Act of uniformity , Unter Heinrich VIII. 1534 erlassen, 1559 erneuert. – Die Uniformitätsakte stellte 1559 die Liturgie, die Eduard VI. (1547–1553) eingeführt hatte, mit einigen Änderungen wieder her. infolge deren sich jeder der Staatsreligion zu unterwerfen hatte. Ganz entgegengesetzt entwickelten sich die Dinge in Deutschland, wo es der Natur der Sache nach nicht möglich gewesen wäre, daß ein Fürst sich an die Spitze der geistlichen Angelegenheiten gestellt hätte. Von England aber kann man sagen, daß es, politisch genommen, die besten Früchte des Protestantismus davongetragen hat; denn erstens wurde es von dem Papste frei, und zweitens näherte es sich dem protestantischen Prinzip, ohne sich in die Streitigkeiten einzulassen, welche den Kontinent solange in Bewegung setzten. Krone, Parlament und Geistlichkeit wirkten in dieser Richtung immer zusammen. Elisabeth verteidigte England siegreich gegen Philipp von Spanien durch ihren Widerstand gegen die Armada, und nun kam das königliche Haus von Schottland, die Stuarts, auf den Thron. Dieses war auch protestantisch geworden, indem Jakob I., der Sohn der Maria Stuart, ungeachtet gewisser katholischer Sympathien doch im allgemeinen als Anhänger jener Kirche betrachtet werden muß. In Schottland, wo der Protestantismus in streng kalvinistischer Gestalt gegründet worden war, wollte Jakob eine Form einführen, ähnlich der, wie sie in England herrschte. Dies wollten sich aber die Schotten nicht gefallen lassen, und er geriet dadurch in vielfache Streitigkeiten mit denselben. Auf der andern Seite zog er sich das Mißfallen seiner englischen Untertanen dadurch zu, daß er mit Spanien in gutem Einvernehmen zu leben wünschte, mit welchem Staate Elisabeth immer Krieg geführt hatte. Dies führte ihn zu Zwistigkeiten mit dem Parlamente, so daß er überhaupt weder in England noch in Schottland so vollkommen Meister des Landes war, wie Elisabeth. Übrigens wußte er den Widerstand noch zu unterdrücken. Ihm folgte sein Sohn Karl I., ein Mann von größerer Ehrlichkeit als Jakob, der aber nicht minder im Widerspruch mit dem Parlament seine eigene Politik verfolgen wollte. Er hatte verschiedene Günstlinge und nahm eine katholische Gemahlin, wodurch er mit dem Parlament ebenfalls in Streitigkeiten geriet, so daß er im Jahre 1630 den Entschluß faßte, ohne Parlament zu regieren, indem er sagte, die Berufung des Parlaments beruhe auf einem bloßen Gebrauch und hänge von seiner Gnade ab. Damit war also ein Streit zwischen den Prärogativen des Königtums und den Ansprüchen des Parlaments gegeben. Außerdem befand sich Karl in einem gewissen inneren Widerspruch, wenn auch nicht in einem eigentlichen Widerstreit zwischen den Ansprüchen, die der König als Oberhaupt der Kirche zu erheben, und denen, welche die Kirche im Namen ihrer Selbständigkeit zu machen hatte; da ja in der Kirche immer etwas liegt, was sich nicht regieren läßt. Dazu kam noch der Zwist zwischen England und Schottland, welche beide verschiedene Kirchenverfassungen hatten, die schottische mehr im demokratischen Sinne von unten auf konstruiert – und doch unter einem Könige leben sollten. Karl I. wünschte nun die royalistische Prärogative gegen das Parlament geltend zu machen, während er in der Kirchenverwaltung diejenige Richtung begünstigte, welche sich mehr der alten katholischen Hierarchie näherte, obwohl er selbst nicht katholisch war. In diesen Zwistigkeiten stellte das Parlament die theoretische Behauptung auf, welche der König nicht anerkennen wollte, daß die parlamentarischen Ansprüche ebenso rechtlich begründet seien, wie die des Königs. Wenn man bedenkt, welch tiefe Wurzeln diese Institution im Volke gefaßt hatte, und wie schwer es überhaupt ist, althergebrachte Rechte zu beschränken, so wird man die Größe des Kampfes begreifen, den Karl l. durchzumachen hatte, um so mehr, da Richelieu die Gegner des Königs in England aufreizte. Darüber kam es zu jenem schrecklichen Konflikte, welchen man in England die Rebellion nennt. Die englische Revolution besteht aus vier Abschnitten: erstens der Rebellion, zweitens der Einführung einer Republik und der Herrschaft Cromwells, drittens der Restauration und den darüber entstehenden Kämpfen, viertens der endgültigen Umwälzung des Jahres 1688. Im Jahre 1637 machte Karl I. einen Versuch, in Schottland die englische Liturgie einzuführen, was der schottischen Kirchenverfassung entgegenlief. Hierauf rebellierten die Schotten, welche insgeheim von den Franzosen unterstützt wurden. Der König mußte nun zuerst die Engländer zu gewinnen suchen, um ihrer Unterstützung gegen die Schotten gewiß zu sein. Er brachte auch wirklich ein Heer gegen Schottland zusammen und machte mit demselben einige Fortschritte; allein ehe es zum Schlagen kam, wurde die Versöhnung zustande gebracht, infolge deren die Schotten nach Hause gingen und dem Könige Vergleichsvorschläge machten. Die Engländer sahen in diesen Wirren ihrerseits eine Gelegenheit, wieder zu ihrem Parlamente zu kommen, und Karl l. berief dasselbe in der Tat im Jahre 1640. – Als er es wegen seiner Opposition wieder aufgelöst hatte, mußte er noch im nämlichen Jahre ein zweites um sich versammeln, welches nachmals das lange Parlament genannt wurde. Kaum war dieses beisammen, so fanden alle weitreichenden protestantischen Ideen dort ihre zahlreichen Vertreter. Neben solchen, die zwar mit der englischen Kirche, nicht aber mit dem Vorgehen des Königs zufrieden waren, standen andere, die eine freiere Entwicklung des Protestantismus forderten, insbesondere Anhänger der protestantischen Reform, welche sich mit den Schotten eingelassen hatten. Alles dieses fermentierte das englische Parlament dergestalt, daß es noch im Jahre 1641 zu einem nicht auszugleichenden Hader zwischen dem König und dem Parlament und hierauf zum Bürgerkriege kam. Erst hatte der König die alten Rechte des Parlaments, und zwar auf eine nicht ganz gesetzliche Weise, einzuschränken gesucht. Ich will nicht sagen, daß er hierin vollkommen ungerecht getan, daß er geradezu die englischen Gesetze gebrochen habe, denn darin war noch vieles unbestimmt; aber soviel ist klar, daß er seine Prärogative so zu entwickeln suchte, daß die royalistische Form das Übergewicht gewonnen hätte. Das Parlament aber ging alsdann soweit vorwärts, daß die alte Verfassung nicht mehr bestehen konnte; es wollte das Königtum aller seiner herkömmlichen Rechte berauben, zuletzt auch des unbedingten Oberbefehls über die Miliz. Der König hat bis auf einen gewissen Punkt nachgegeben; auf der einen Seite ging er zu weit in seinen Forderungen, auf der andern Seite zu weit in seiner Nachgiebigkeit. Beide Teile sammelten Truppen und schlugen zu verschiedenen Malen. Der König hatte den Adel und einen Teil derjenigen auf seiner Seite, welche für die bisherige Form der Verfassung waren; das Parlament hatte für sich alle demokratisch Gesinnten. Der Krieg konnte jedoch auf diese Weise nicht entschieden werden; weder der König noch das Parlament bekamen die Oberhand. Da entwickelte sich in der parlamentarischen Armee eine neue Partei, die der Independenten, welche selbst die presbyterianische Kirchenform nicht mehr anerkennen und vom Könige überhaupt nichts mehr wissen wollte. Das Parlament und der König stritten sich darüber, welche Rechte der König haben solle; auch das Parlament wollte bisher doch nur der englischen Konstitution eine mehr demokratische Richtung geben; die independentische Partei dagegen wollte den kirchlichen und weltlichen König von allen Rechten ausschließen und geradezu eine Republik einführen. Eben diese Partei gab der parlamentarischen Armee einen neuen Aufschwung, und was durch diese an und für sich nicht hatte geschehen können, solange die Presbyterianer herrschten, das geschah, als die Independenten die Oberhand gewannen. Der Unterschied zwischen der Kriegführung der Presbyterianer und der der Independenten ist dieser, daß unter jenen die Prediger bei den Feldzügen sehr wirksam waren und manchmal angaben, wie der Feldzug geführt werden solle, während unter den Independenten die Offiziere selbst Prediger waren und geradezu vor den versammelten Bataillonen predigten. An ihre Spitze trat Oliver Cromwell, von welchem noch nicht ausgemacht ist, ob er ein Heuchler gewesen, oder ob es ihm mit seiner Religion ernst war. Diesem gelang es, nicht nur das Parlament über den Haufen zu werfen, sondern auch den König zum Tode zu bringen (1649). Ein unerhörtes Ereignis, das in der europäischen Geschichte bisher nicht dagewesen war. Einzelne Fürsten waren zwar bei verschiedenen Anlässen ermordet worden, aber das Königtum stand noch in seiner vollen Heiligkeit und Würde da; daß eine Korporation es wagte, einen König zu verurteilen und enthaupten zu lassen, war ohne Beispiel. Cromwell wird daher mit Recht der Vater der Illoyalität genannt. Übrigens warf er sich als Protektor Englands ganz in die merkantilen und maritimen Interessen der Nation, besiegte die Holländer, eroberte Jamaika, nahm den Krieg gegen Spanien wieder auf und befolgte überhaupt eine außerordentliche Politik, welche den Engländern Vorteil brachte. Im Innern aber konnte auch er niemals fertig werden; auch er machte die Erfahrung, daß er mit dem Parlament nicht regieren könne, und nachdem er es viermal berufen und ebenso oft wieder aufgelöst hatte, sah er sich zuletzt genötigt, rein militärisch zu regieren. Dessen wurde die Nation bald müde, und da Cromwells Sohn der Regierung gar nicht gewachsen war, so regte sich allenthalben die Sehnsucht nach der Wiederkehr des legitimen Herrschertums. Wie wenig der Sinn für Loyalität im englischen Volke erloschen war, zeigt namentlich der Umstand, daß die Meinung derer durchdrang, welche den König uneingeschränkt durch Bedingungen aus der Verbannung auf den Thron zurückrufen wollten. Die englische Königswürde wurde also hergestellt in derselben Form, in der sie früher bestanden hatte; ein wahres Unglück für Karl II. (1660–1685), weil noch so vieles in der englischen Verfassung unbestimmt war. Fassen wir die Umstände zusammen, durch welche Karl II. nach und nach in eine unerträgliche Lage versetzt wurde, so sind es hauptsächlich folgende: erstens seine Absicht, katholisch zu werden; da er nämlich einsah, daß er das Königtum in England nicht zu voller Macht würde bringen können, weil die englische Kirche nicht gewohnt war, ihrem Oberhaupte durch dick und dünn zu folgen, so faßte er den Entschluß, gleich Ludwig XIV. mit Hilfe des Katholizismus zu regieren; zweitens die Absicht, das Königtum unabhängig vom Parlament zu machen; drittens sein schlechter Lebenswandel und die an seinem Hofe herrschende Mätressenwirtschaft; viertens der unaufhörliche Geldmangel; fünftens die Notwendigkeit, von auswärtigen Mächten Geld zu nehmen. Unter allen diesen Verhältnissen konnte er nicht verhindern, daß das Parlament die exklusive Geltung des Protestantismus ihm zum Trotz zu dem bedeutendsten Staatsgesetze erhob – in der Testakte (1673), wonach niemand ein Staatsamt bekleiden durfte, welcher nicht die Lehre der Transsubstantiation abschwor. Nun aber trat noch bei Lebzeiten Karls II. die Frage ein, ob dieses Gesetz auch auf den König angewendet werden dürfe; und so bildeten sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts die zwei Parteien der Whigs und Tories, von denen die ersteren mehr auf seiten des Parlaments, die letzteren mehr auf seiten des Königs und einer mächtigen Kirchengewalt standen, obwohl beide Parteien darin einig waren, daß sie die Verfassung wollten. Die Whigpartei, welche durchsetzen wollte, daß der Thronfolger protestantisch sein müsse, unterlag im ersten Augenblick, und es kam der Bruder Karls II. als Jakob II. zur Regierung, obwohl er katholisch war und seinen Katholizismus nicht verheimlichte. Jetzt erst wurden die politischen Fragen recht prägnant. Während die einen der Ansicht waren, der Katholizismus Jakobs müsse Privatsache bleiben und dürfe auf Staatsangelegenheiten nicht den mindesten Einfluß üben, setzte Jakob II. seine Lebensaufgabe darein, den Katholizismus in England wiederherzustellen, und meinte, auf diese Weise am besten mit dem Parlamente fertig zu werden. Vorläufig suchte Jakob der Testakte gegenüber eine Toleranzakte durchzusetzen; an und für sich ein sehr vernünftiges Bestreben, aber geradezu im Widerspruche mit den englischen Gesetzen; und da er bezweifelte, daß er bei dem Parlamente damit durchdringen werde, so erklärte er: das Recht, von den Gesetzen zu dispensieren, inhäriere der königlichen Gewalt, und es komme nur auf ihn an, seine Umgebung, die Offiziere der Armee und auch die Staatsbeamten, welche katholisch sein wollten, von jenem Testeide loszusprechen. Die Erörterung dieser Frage, ob der König hiezu berechtigt sei, brachte die Geistlichkeit, das Parlament und überhaupt das ganze Land in große Gärung. Indessen würde der Sturm wahrscheinlich nicht so zum Ausbruche gekommen sein, wenn nicht die auswärtigen Angelegenheiten sich dazu gesellt hätten. Damals war Ludwig XIV. so mächtig, daß das ganze übrige Europa sein Joch trug. Zwischen ihm und Karl II. hatte bereits eine Allianz bestanden, oder besser gesagt, England mußte, in innere Streitigkeiten verwickelt, die Übergriffe Frankreichs auf dem Kontinente geschehen lassen. Auch Jakob II. war mit Ludwig XIV. verbündet, unter der höchsten Mißbilligung des Parlaments. Unter allen Gegnern Ludwigs XIV. war aber keiner von Bedeutung, als Wilhelm III., Statthalter in Holland. Dieser hatte in ganz Europa eine Oppositionspartei zusammengebracht, um dem König von Frankreich zu widerstehen. Auch in England besaß er einen Anhang, der nicht bloß aus demokratischen Elementen bestand. Alle vernünftigen Leute in England befürchteten, daß der König durch sein Vorschreiten die revolutionären Massen wieder emporbringen möchte, welche die Herrschaft Cromwells an die Oberfläche gehoben hatte; darum hatte Jakob II. hauptsächlich auch die Aristokratie gegen sich. Was man in Frankreich und England die Revolution nennt, sind also zwei einander entgegengesetzte Dinge. Die französische Revolution war durchaus populär, die englische war ihrer Natur nach aristokratisch; sie hatte einen von den Ideen der modernen Revolution grundverschiedenen Sinn, indem sie die Absicht hatte, eine allgemeine Bewegung, wie sie in Frankreich zutage kam, zu verhindern. Dies ist denn auch der Hauptgrund, welcher diese Revolution entschuldigt. Zwischen dem Statthalter von Holland, Prinz Wilhelm III. von Oranien, und den englischen Magnaten waren Unterhandlungen angesponnen worden, welche die Absetzung des Königs und die Berufung dieses Prinzen zum Zwecke hatten und endlich dahin führten, daß Wilhelm III. eingeladen wurde, nach England zu kommen. Er selbst hatte dort keine Ansprüche zu verfolgen, aber seine Gemahlin war eine Tochter des Königs Jakobs II., und da letzterer keine Söhne hatte, so war sie nach den englischen Gesetzen zur Thronfolge berechtigt. Wilhelm sah also ein, daß er, wenn er nach England ginge und sich mit der Aristokratie in Verbindung setzte, alle Aussicht habe, König zu werden und dadurch die Macht zu bekommen, sich seinem Hauptfeinde Ludwig XIV. auf das kräftigste zu widersetzen. Man sieht also, daß nicht der protestantische Gesichtspunkt der vorherrschende war, sondern der der auswärtigen Politik, sowie der Gefahr, in welche Wilhelm und seine Gemahlin geraten mußten, wäre der König in England durch das Volk verjagt worden. Wilhelm III. wollte also keine populäre Rebellion hervorbringen, sondern umgekehrt das Staatswesen, wie es durch die Restauration begründet war, gegen alle widerstrebenden Elemente sicherstellen. Von Ludwig XIV. war es eine unbegreifliche Fahrlässigkeit, daß er von dieser Kombination, die zu seinem Verderben geschlossen war, erst dann Kenntnis erhielt, als es für ihn bereits zu spät war. Das merkwürdige bei der Sache ist außerdem noch, daß Papst Innocenz XI. damit einverstanden war, daß der große Protestant nach England ging. Auch die deutschen Fürsten, namentlich die norddeutschen, sahen diese Veränderung nicht ungern; brandenburgische Truppen zogen sogar in die Niederlande ein, um Holland gegen etwaige Angriffe von seiten Frankreichs zu schützen. Wilhelm ging im Jahre 1688 nach England hinüber, zu derselben Zeit, da Ludwigs XIV. Truppen sich nach der Pfalz wälzten und dort schreckliche Verheerungen anrichteten. Jakob II. hatte den Mut nicht, zu widerstehen; er floh, als er sah, daß alles von ihm abfiel. Man legte seiner Flucht nichts in den Weg; seine Gegner sahen nichts lieber, als daß er diesen Schritt tat. Als Wilhelm in England angekommen war, wurde sofort ein Parlament zusammenberufen, und dieses setzte fest, daß es keinen andern König in England geben dürfe, als einen protestantischen. Was die Sukzession betraf, so bestand anfangs die Absicht, Wilhelms Gemahlin zur Königin zu machen; da aber Wilhelm erklärte, in diesem Falle würde er nach Hause gehen, so wurde er als König anerkannt. Der ganze Vorgang war ein ungeheuer wichtiges Ereignis. Der Tod Karls I. war die Sache einer fanatischen Faktion gewesen; diese Empörung aber war eine Sache des ganzen englischen Staates, wie er leibte und lebte, und darum behauptete sie sich auch in ihren Folgen. In England nahm die eine Partei an, der König habe durch seine Flucht implizite seine Abdankung erklärt; das ist die toryistische Auffassung. Die whigistische Partei dagegen behauptete, der König habe durch sein ganzes Vorschreiten den Pakt mit der Nation gebrochen und dadurch sich die Absetzung zugezogen. Diese beiden Gesichtspunkte widersprachen einander, aber da man sie nicht vereinigen konnte, so nahm man beide Ansichten in den Akt auf; es findet demnach sowohl die eine wie die andre Partei sich in dieser Handlung repräsentiert. So gelangte in England ein ganz andres Prinzip zur Macht als in Frankreich. Dort die absolute Monarchie; hier ein König, der durch das Parlament gewählt worden war und ohne dasselbe keinen Schritt tun konnte. Sogleich begann nun der Krieg mit Ludwig XIV., welcher Jakob II. wieder in England einführen wollte. Die Franzosen aber wurden geschlagen, und von diesem Augenblick an bekam die Macht Englands einen gewaltigen Aufschwung. Ludwig XIV. mußte im Ryswyker Frieden 1697 die Rechtmäßigkeit Wilhelms anerkennen. Auf diese Weise wurde eine zweite Weltmacht in ihrem besondern Charakter gegründet. Die Engländer sahen sich nun nach einem Erben um, der zugleich protestantisch sein mußte. Auf Wilhelm III. und Maria folgt Anna, eine Tochter Jakobs II., die von ihrem Vater abgefallen war. Als diese im Jahre 1714 mit Tode abging, folgte das Haus Hannover auf dem englischen Throne nach und zwar wegen seines Zusammenhanges mit der Pfalz, indem Sophie, die Tochter Friedrichs V. von der Pfalz und der Elisabeth Stuart an den Kurfürsten von Hannover vermählt war und dadurch ihre pfälzischen Erbfolgerechte auf das Haus Hannover übertrug, nachdem der direkte Mannsstamm ausgestorben war. Das war die whigistische Partei, welche das Haus Hannover auf den englischen Thron brachte, während die Tories immer mehr sich mit der jakobitischen Sache eingelassen hatten. Diesem Umstande ist es zuzuschreiben, daß unter Georg I. und II., d.h. bis zum Jahre 1760, die whigistischen Grundsätze die Oberhand behielten. Während dieser Epoche war es eigentlich eine Oligarchie, welche in Großbritannien, Irland und in Amerika die Regierung führte, unter fortwährenden Kämpfen mit dem Anhang der Prätendenten. Endlich gelang es aber der Staatsregierung, der Jakobiten völlig Meister zu werden, und als Georg III. an die Regierung kam, wurde dann auch die toryistische Richtung wieder zur Geltung gebracht. Seine Enkelin ist die jetzige Königin Victoria von England, auf deren Regierung man das Wortspiel machte, schon ihr Name deute darauf hin, daß sie beides sein wolle: »Whig-Tory«. Je mehr das französische Königtum unter der Regentschaft und unter Ludwig XV. geschwächt wurde, zu desto größerem Ansehen gelangten die parlamentarischen Prinzipien, die in England herrschten, in der Welt. Gespräch König Max: Kann man sagen, daß die Stuarts solche Fehler begangen haben, daß man ihr Schicksal als ein verschuldetes ansehen kann? Ranke: Karl I. war besser, als man ihn gewöhnlich darstellt; er hatte wenigstens noch einen Begriff vom Königtum; sein Hauptfehler war aber der, daß er zu schwankend war. Von Jakob II. hingegen muß man sagen, daß er seine ganze Stellung verkannt und sein Unglück provoziert hat. Hätte er den Katholizismus nicht allgemein in England einführen wollen, was gar nicht seine Aufgabe war, hätte er die englischen Gesetze bestehen lassen, bis die rechte Zeit gekommen wäre, um die Testakte abzuschaffen, so hätte er vielleicht den Thron bewahrt. Karl II. war bei weitem weniger moralisch und zuverlässig und hatte nicht im entferntesten den Begriff vom Königtum, wie Karl I.; doch ist er nicht ganz so schlecht, wie man ihn schildert. Wenn man ihm vorwirft, daß er sich mit Leib und Seele Ludwig XIV. verschrieben und von ihm Geld genommen habe, so trifft dieser letztere Vorwurf ebensosehr das Parlament, ja die ärgsten Demokraten in England. Genußsucht war der hervorragendste Fehler Karls II. König Max: Kann man auch das Ziel tadeln, welches sich Karl I. gesteckt hatte? Ranke: Ja, auch sein Ziel war falsch: er hätte nicht ohne das Parlament regieren, den legalen Zustand nicht umgehen sollen: Übrigens ging er nicht soweit, wie Jakob II.; er wollte nicht die Religion seines Landes ändern, wollte auch das Parlament nicht geradezu abschaffen, sondern nur dessen Berufung für eine Gnadensache erklären. In der späteren Zeit war er sogar, freilich aber zu spät, geneigt, auf die Rechte des Parlaments einzugehen. Übrigens hat sich Karl I. in seinen letzten Stunden und vor seinen Richtern mit viel mehr Festigkeit benommen, als Ludwig XVI. von Frankreich. Karl I. fragte seine Richter: in wessen Namen seid ihr hier? Und als sie ihm antworteten: im Namen der Nation, so erwiderte er: beweist mir, gebt mir ein Präzedens, daß die Kommunen die Nation sind! Ludwig XVI. dagegen erkannte seine Richter an; er hatte nicht das volle Bewußtsein von der Würde des Königtums und war kein so tiefer Mensch, wie Karl I. Die zweite Macht, die in Opposition gegen Frankreich emporkam, ist Rußland. Es war von Skandinavien her begründet, dann von den Mongolen überflutet worden; im 16. Jahrhundert hatten die Großfürsten viel dazu beigetragen, Rußland von dem Joche der Tataren zu befreien. Iwan Wassiljewitsch, übrigens ein höchst grausamer Fürst, besiegte die Tataren und eroberte Kiew. Die russische Macht war dergestalt emporgekommen, aber das Haus Rurik war zu Anfang des 17. Jahrhunderts untergegangen. Ihm folgte das Haus Romanow, welches priesterlichen Ursprunges war und das Patriarchat in Besitz hatte. Rußland war schon ziemlich früh in Beziehung zum Abendlande getreten; solange aber das Papsttum dort alles beherrschte, war jeder Einfluß des Okzidentes auf Rußland mit der Idee verknüpft, daß die Russen von der griechischen Kirche zur lateinischen übergehen müßten. Deshalb war es von der größten Wichtigkeit, daß zur Zeit Peters des Großen das Papsttum nicht mehr so vollkommen Europa beherrschte; denn nun konnte ein Fürst, wie der Zar Peter, die Elemente der materiellen Kultur aus Europa herübernehmen, ohne im mindesten den religiösen Überzeugungen seines Volkes durch Bekehrung zu einer andern Religion zu nahe zu treten. Peter I. war eine der energischsten Naturen, welche jemals existiert haben, zwar ein vollkommener Barbar, aber doch kultivierbar. An Schweden fand er bei seinen Bestrebungen, Rußlands Macht zu heben, einen bedeutenden Gegner. Schweden war durch die Verbindung mit Frankreich zu großem Einfluß im Norden gelangt; später hatte es sich auch in Polen einen bedeutenden Einfluß erworben, und nun wollte sich auch Frankreich hier festsetzen und dem Lande einen König geben. Dem widersetzten sich aber die übrigen Mächte und setzten (1697) die Erhebung des Kurfürsten August von Sachsen auf den polnischen Königsthron durch, der den unglücklichen Gedanken faßte, seine Religion zu wechseln, und in stetem Streit mit dem König von Schweden begriffen war. Da erschien Karl XII., der an und für sich nicht geneigt war, Krieg anzufangen, allein nach und nach dazu gedrängt wurde, da die übrigen ihn angreifen wollten. Zu diesem Zwecke hatten sich Zar Peter, der Schwedens Übermacht nicht länger dulden wollte, und die Könige von Dänemark und Polen miteinander vereinigt. Hieraus entsprang der sogenannte Nordische Krieg, in welchem es im Jahre 1709 dem Zaren gelang, durch den Sieg bei Pultawa die vollkommene Unabhängigkeit und Machtstellung Rußlands zu begründen. Als die Schlacht bei Pultawa geschlagen war, rief Peter aus: heute wollen wir den Grundstein von Petersburg legen! Als Peter der Große mit Schweden fertig geworden war, geriet er mit Polen in Konflikt. Der Kurfürst August war verjagt und Stanislaus Leszczynski an seine Stelle gesetzt worden. Die Russen setzten nun den sächsischen Kurfürsten wieder ein, und erlangten dadurch das vollständige Übergewicht über Polen. Endlich gelang es dem Zaren, in Verbindung mit Preußen, den König von Schweden, der aus der Türkei zurückgekommen war, zu besiegen, so daß Rußland durch diesen entscheidenden Sieg über Schweden und durch einige weniger bedeutende Vorteile über die Türkei, eine höchst imponierende Stellung im Norden behauptete. Wenn wir die Elemente der russischen Macht auseinandersetzen wollen, so sind es: erstens die slavische Nationalität, welche einen bei weitem monarchischeren und hingebenderen Charakter hat, als die germanische; zweitens die griechische Kirche, welche durch eine Art von Tradition monarchischer gesinnt war, als irgendeine andre der Welt; drittens die moderne Kultur, welche Peter der Große bloß insofern in Rußland einführte, als sie das materielle Wohl seiner Untertanen befördern konnte. Ihm lag einzig daran, eine Flotte und eine disziplinierte Armee zu gründen; hingegen von dem, was in das Reich der Ideen fiel, war bei ihm keine Rede; dazu wären auch die Russen gar nicht fähig gewesen; und so blieb denn die Nation von dem inneren moralischen Fortschritt unberührt. Viertens: Dazu kam als vierter Moment der Sieg Peters über die Schweden in dem Nordischen Kriege, in welchem Schwedens Absicht, die junge Bildung der Russen zu besiegen, vollkommen scheiterte. Fünftens: Der Sieg über Polen war ein weiteres Element der Entwicklung Rußlands, indem dort Rußland den französischen Prätendenten Stanislaus Leszczynski ausstieß, und den durch die antifranzösische Partei gesetzten Kurfürsten von Sachsen behaupten half. Sechstens: Schließlich ist das siegreiche Fortschreiten Rußlands gegen die Türkei hier zu erwähnen. Wenn auch Peter der Große im ganzen nicht so glücklich gegen die Türken war, und sogar am Pruth eine Niederlage durch sie erlitten hatte, so erwachten doch die den Türken bisher unterworfenen Populationen zu einem Gefühle von der Macht des Zaren, der bisher eine sehr unbedeutende Figur gespielt hatte. Besonders war es die Kaiserin Anna Iwanowna, deren General, ein Deutscher, namens Münnich, den Türken in der Moldau und Walachei zuerst Niederlagen beibrachte. In dieser Zeit fingen denn die Christen in der Türkei an, ihre Macht mehr zu fühlen. Übrigens schlug sich Peter der Große auch sehr glücklich mit den Persern und erlangte bereits bedeutenden Einfluß in Asien. Was die späteren Kaiser hinzufügten, ist mehr eine Konsequenz der Bestrebungen Peters des Großen gewesen. – Nun haben wir noch die Erhebung der beiden deutschen Großmächte zu schildern; und zwar zunächst die der österreichischen Monarchie. Während Frankreich durch die Bourbonen eine das ganze südliche Europa umfassende Gewalt entwickelte, in welcher sich die romanische Monarchie darstellte, während England dem gegenüber eine ungeheure maritime Macht aufstellte, in der das protestantische Prinzip zur Geltung gelangte, so war nun auch in Rußland eine große, ihrer Natur nach slavische, auf sich selbst beruhende, durch ihre nationale Kraft unüberwindliche Macht emporgekommen, auf welche man seit Peter dem Großen in Europa unaufhörlich Rücksicht zu nehmen hat. Zwischen diesen beiden mächtigen kontinentalen Staaten lag das Deutsche Reich, und es fragt sich nun: wie verhielt sich Deutschland zu jenen drei Mächten, welche damals in einer gewissen Opposition gegeneinander standen? Das wichtigste ist, daß sich Osterreich, auf dessen Entwicklungsmomente wir nunmehr einen kurzen Rückblick werfen müssen, bereits damals ausgebildet hatte. Österreich war zwar früher, zur Zeit der Reformation, auch nicht unbedeutend gewesen; aber das Kaisertum war schwach und die Erblande waren nicht sicher, indem die Protestanten dort eindrangen, als das Haus Österreich seine katholisierenden Tendenzen durchführen wollte. Es läßt sich zwar denken, daß unter Maximilian II . Österreich sich auch als ständisch-protestantische Macht hätte entwickeln können: da jedoch seine Nachfolger entschieden katholisch waren, so war der später ausbrechende Kampf unvermeidlich. Dadurch geriet freilich Österreich in die größte Gefahr; wäre es Friedrich von der Pfalz gelungen, sich in Böhmen zu behaupten, so wäre es um die Macht Österreichs geschehen gewesen. Eben deshalb erschien es als wichtigste Aufgabe, des protestantischen Elements in Österreich Herr und Meister zu werden. Dies gelang dem Hause Habsburg in der Tat; im Dreißigjährigen Kriege bekam es bereits die Erblande in seine volle Gewalt; die Protestanten wurden daraus verjagt. Diese Macht Österreichs wurde dadurch gesteigert, daß es auch in militärischer Beziehung große Kraft erlangte, während anfangs an eine militärische Wichtigkeit Österreichs so wenig zu denken gewesen war, wie an eine politische. Erstere verdankte es hauptsächlich dem Wallensteinischen Heere, aus dessen Elementen sich nachher die kaiserliche Armee bildete. Ein weiterer Grund, warum das Haus Österreich zu höherer Bedeutung kam, waren die Übergriffe und Kriege Ludwigs XIV ., infolge deren sich die deutschen Fürsten viel enger an Österreich als Schutzmacht gegen Frankreich anschlossen, so daß das Kaisertum in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts viel stärker wurde, als früher, obwohl es seine Haupttendenz, nämlich die katholisierende, nicht durchzusetzen vermochte. Zu alledem kamen noch die Türkenkriege; die Gefahr von dieser Seite her war immer noch sehr bedeutend, um so mehr, da die Ungarn fortwährend in Rebellion begriffen waren. Leopold I . führte beständig Krieg gegen die Türken und wollte seine monarchischen Ideen auch in Ungarn geltend machen, welches von der Türkei und von Frankreich gegen ihn unterstützt wurde. So kam es, daß noch im Jahre 1683 die Türken bis nach Österreich vordringen konnten, in Verbindung mit Tököly und den ungarischen Malkontenten. Österreich wäre beinahe verloren gewesen, wenn ihm nicht die Deutschen zu Hilfe gekommen wären. Nun aber bildete sich um Österreich ein Bund gegen die Türken, an welchem auch viele deutsche Fürsten, namentlich Bayern, teilnahmen. Diese Deutschen leisteten im österreichischen Heere am meisten, und so wurden nach und nach Ofen, Pest, Gran den Türken abgenommen, und der Kaiser über diese Barbaren, seine Erbfeinde, und die mit ihnen verbündeten Ungarn Herr. Auch die Polen, Russen und Venezianer griffen nun die Türkei an, so daß die Österreicher schon der Meinung waren, in kurzem vor Konstantinopel erscheinen zu können. Dies gelang ihnen zwar nicht, allein im Carlowitzer Frieden im Jahre 1699 mußten die Türken Ungarn aufgeben, wodurch die Monarchie auch nach jener Richtung einen bedeutenden Aplomb erhielt. Die Umwandlung Ungarns in eine Erbmonarchie gelang freilich dem Kaiser nicht, sondern er mußte den Ungarn ihre Privilegien gewährleisten, damit sie gegen die Türken in den Krieg zögen. Da brach der Spanische Erbfolgekrieg aus. Es wäre Österreich vielleicht gelungen, seine gerechten Ansprüche durchzusetzen, wenn die Monarchie unter zwei Häupter hätte geteilt werden können; allein Kaiser Joseph I . starb, und Karl VI . kam allein zur Regierung. Immerhin erwarb Österreich aus der französischen Erbschaft einen bedeutenden Teil, anfangs Neapel und Sizilien, dann Mailand und die früher spanischen Niederlande (1713). Erst dadurch wurde Österreichs Macht vollkommen ausgebildet. Ich behaupte, daß es für Österreich ein Glück war, die spanische Monarchie nicht ganz geerbt zu haben; denn in diesem Falle hätte es sich als Monarchie nicht einheitlich konstituieren können. Auch der Verlust Neapels und Siziliens ist kein Schade für Österreich gewesen, weil sonst eine zu große Ausdehnung der Tendenzen stattgefunden hätte. Dagegen war der Besitz von Mailand für Österreich ungemein wichtig, weil es dem Zentrum der Monarchie nahe liegt, und die Beibehaltung der Niederlande Später wollte Österreich die Niederlande nicht mehr haben, und in dem Revolutionskriege war es ein Lieblingsplan des Ministers Thugut, die Niederlande aufzugeben und Bayern dafür einzutauschen; denn Österreichs Bestreben ging von jeher dahin, sich zu arrondieren und zu zentralisieren. gab Österreich auf einer andern Seite ein Übergewicht über die übrigen Mächte. In dieser allmählichen Machtentwicklung ist ein gewisser Geist, der sich stets von Stufe zu Stufe nach einem bestimmten Prinzip katholisch und monarchisch fortarbeitet, sowie die Begünstigung des Glückes nicht zu verkennen. Österreich hängt mit Deutschland zusammen, aber Deutschland hat Österreich weit mehr Dienste geleistet, als umgekehrt. Wegen der Niederlande lag Österreich allerdings immer in Streit mit Frankreich; da es aber dieses Land nicht mehr besitzt, so fällt auch dieser Zankapfel hinweg, und eine Allianz zwischen beiden Mächten ist jetzt möglicher als früher, da es mit Frankreich nur mehr einen Punkt zusammenstoßender Interessen, nämlich Italien, gemein hat. Noch aber hatte Österreich die ungeheure Gefahr des österreichischen Erbfolgekrieges zu bestehen. Es lief zwar gegen alles deutsche Recht, daß eine Prinzessin erbte; da aber die Macht Österreichs so stark war, so wollte man die Monarchie nicht mehr auseinander gehen lassen. Maria Theresia bestieg den Thron, und auf das Haus Habsburg folgte, nachdem der österreichische Erbfolgekrieg glücklich beendigt worden war, das weit unternehmendere Haus Lothringen. Lothringen war indirekt auch kein übler Erwerb; denn dadurch wurde Toskana als Sekundogenitur Österreich einverleibt. Auf solche Weise entwickelte sich jene ungemeine Stellung Österreichs, die sich über Italien, Deutschland an den Orient erstreckt. Seine geographische Position hat etwas Ungeheures an sich, und Österreich besteht noch dazu aus verschiedenen Nationalitäten, so daß nur von Macht, nicht aber von Nationalität des Ganzen die Rede sein kann. Im Jahre 1848 schien Österreich verloren zu sein, aber jetzt steht es mächtiger da, als je. Gespräch König Max: Ich habe öfters behaupten hören, daß es Rußland keinen Vorteil brachte, daß Peter der Große Rußland als europäische Macht gestaltet hat; manche glauben, es hätte mehr im Interesse Rußlands gelegen, als asiatische Macht dazustehen. Ranke: Da es darauf ankam, die Kultur nach Rußland zu verpflanzen, so wäre ein solches Bestreben ein Unsinn gewesen. Oder hätte sich Peter von Karl XII. schlagen lassen, hätte er Polen in die Hände der Schweden gelangen lassen sollen? Ganz Rußland wie es jetzt besteht, beruht auf den oben von mir angegebenen Momenten. Peter der Große hatte keine andere Wahl; um Rußland groß zu machen, mußte er das tun, was er getan hat. Hätte er sein Hauptaugenmerk auf Asien gerichtet, so wäre Rußland eben ein Barbarenreich geworden. König Max: War Peter dieser Konzeptionen fähig? Ranke: Peter war ein Barbar, aber zugleich ein Genie, voll Energie und von großen Gedanken, wie wir zum Teil aus seinem Tagebuche sehen. Er war sich seines Zieles, daß Rußland eine Weltmacht werden müsse, vollkommen bewußt. Die Ostsee gehörte früher Deutschland, Holland und Schweden; Rußland war davon ausgeschlossen; Peter der Große setzte es mit diesem Meere in Verbindung. Aber auch auf das Schwarze und Kaspische Meer und auf die Bewältigung Polens und der Türkei war sein Augenmerk mit voller Berücksichtigung der künftigen Stellung Rußlands gerichtet. Der jetzige Kaiser sorgt dafür, Rußland auf seiner gegenwärtigen Höhe zu erhalten. Neunzehnter Vortrag Wenn man die oben geschilderten Monarchien kurz charakterisieren wollte, so müßte man sagen, daß sie zumeist auf dem uralten historischen Grunde beruhen, welchen die romanisch-germanischen Nationen eingenommen hatten; man müßte hinzusetzen, daß diese abendländische Christenheit sich gewissermaßen dadurch ausbreitete, daß sie Rußland in ihren Kreis zog, indem die Tendenz der abendländischen Völker eine ungeheure Wirkung auf die materielle Kultur hatte. Da stand auf einer Seite im südlichen Europa die große bourbonische Monarchie, auf der andern England als Beherrscherin der Meere; ihnen gegenüber Rußland, in der Mitte der alten Welt, den großen europäisch-asiatischen Kontinent einnehmend; alle diese Mächte gewaltig aufeinander wirkend und sich gegeneinander bewegend. Das hatte nun natürlich nicht bloß auf Österreich, sondern auch auf das übrige Deutschland eine bedeutende Rückwirkung. Dort war das monarchisch-katholische Element eben in Österreich wieder sehr stark geworden; es schien, als ob der Kaiser wieder der mächtigste Fürst von Deutschland sei. Da geschah es nun, daß dem österreichischen Prinzip gegenüber das preußische erschien. Ursprünglich war Brandenburg, auf welches die preußische Macht gegründet worden ist, überaus schwach; so schwach, daß die fränkischen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth für besser gehalten und Brandenburg vorgezogen wurden, wenn die Fürsten zu wählen hatten. Wodurch gelangte nun Brandenburg zuerst zu einer gewissen materiellen Konsistenz in sich selbst? Hierauf haben wir zu antworten: durch die Reformation. Brandenburg war ungemein zersetzt durch eine Menge Bistümer und andere geistliche Gerechtsame, welche durch die Reformation zwar nicht vernichtet, aber doch unterworfen wurden. Es gelang den Kurfürsten von Brandenburg – in dieser Beziehung stehen sie den Engländern näher als den Deutschen –, die Reformation ohne viele Anstrengung in ihrem Lande im Verein mit den Bischöfen einzuführen. Dadurch gelangte also Brandenburg zwar zu einer größeren Konsistenz, aber es spielte selbst im Norden Deutschlands noch immer nicht die erste Rolle, sondern stand an politischer Bedeutung ohngefähr Sachsen gleich, mit dessen Politik es auch häufig Hand in Hand ging. Was Brandenburg dann zunächst eine größere Ausbreitung gab, das war seine Verbindung mit Preußen im Osten und mit Cleve und Zubehör im Westen, begründet am Ende des 16. Jahrhunderts durch eine Familienverbindung. In Preußen, diesem alten Ordenslande, war zur Zeit der Reformation Albrecht Ordensmeister der Deutschherren. Dieser wollte zum lutherischen Bekenntnis übertreten, konnte das aber nur tun, indem er das Land unter den Schutz Polens stellte. Albrechts Familie – der fränkische Zweig der Hohenzollern – erwarb ein gewisses Erbrecht auf Cleve und stand andererseits in der engsten Verbindung mit den hohenzollernschen Vettern in Brandenburg. Dadurch bekamen die letzteren, als die Herzoge von Preußen ausstarben, nicht nur das Herzogtum Preußen, sondern auch Cleve in ihre Hand, so daß das Kurhaus Brandenburg einerseits nach Osten, andererseits sich nach Westen erstreckte, einerseits mit Polen, Rußland und Schweden, andererseits mit dem westlichen Deutschland und Frankreich in Berührung kam. Der Kaiser hatte zwar keine Lust, dieses zuzugestehen, sondern hätte gerne Preußen wieder zu einem Ordenslande umgewandelt; allein er hatte nicht die Macht dazu. Nach solchen Vorbereitungen trat Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, auf. Dieser schwebte in der größten Gefahr zwischen den Schweden, welche Pommern besetzt hatten, auf das Brandenburg alte Ansprüche hatte, und zwischen den Franzosen, dem Kaiser und den übrigen Reichsständen. Er war aber tapfer und geschickt und hatte unter anderem den Grundsatz, nie neutral zu sein, sondern sich immer auf die eine oder andere Partei zu schlagen. Er wußte sich, freilich unter Abtretung Vorpommerns an Schweden, einige große Reichsbistümer zu erwerben, nämlich Magdeburg, Minden und einige andere Bistümer, so daß er von der Markgrafschaft Brandenburg aus sich nach dem mittleren Deutschland ausdehnen und zugleich Cleve fester halten konnte. Dadurch, daß er sich mit Pfalz-Neuburg, welches mit ihm zugleich Ansprüche auf Cleve hatte, auseinandersetzte, gelangte er zu bedeutender Macht auch in Mitteldeutschland, und Brandenburg dehnte sich nunmehr in außerordentlicher Länge aus, indem es in drei Gruppen, Ostpreußen, Brandenburg mit Magdeburg usw. und Cleve mit einigen Landstrichen in Westfalen, von der Ostsee bis gegen Frankreich reichte. Dies gab der brandenburgischen Macht eine solche Bedeutung, daß dieselbe neben Österreich den mächtigsten Staat in Deutschland darstellte. Seinen Einfluß zeigte der Große Kurfürst zunächst in dem Konflikt im Osten. Dort gab es unaufhörliche Streitigkeiten zwischen Polen und Schweden. Karl X. Gustav drang im Jahre 1656 erobernd in Polen vor, und Friedrich Wilhelm erlangte durch jenen Grundsatz, sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite zu schlagen, erst von Schweden und hierauf von Polen die Anerkennung der Souveränität seines Herzogtums Preußen, wo er eine ansehnliche Macht aufgestellt hatte. Dieser Umstand war von größter Bedeutung für einen Fürsten von Brandenburg; denn alle übrigen deutschen Fürsten waren nicht souverän, sondern standen unter dem Kaiser. Später schlug er die Schweden aus Pommern und Preußen hinaus und erfocht mit seiner gut organisierten brandenburgischen Miliz die glänzendsten Siege. Freilich mußte er das den Schweden abgenommene Land im Frieden zu Nimwegen wieder herausgeben, was er dem Kaiser, auf dessen Verlangen es geschehen, nie vergeben konnte; aber sein Ruhm und die militärische Bedeutung, die er seiner Armee gegeben hatte, wogen jene Eroberung bei weitem auf. Auf den Großen Kurfürsten folgte sein Sohn Friedrich I., ein Fürst, der mehr das Zeremonielle liebte, aber doch ein geschickter Politiker war. Sein Ehrgeiz ging dahin, nicht bloß Herzog zu sein, sondern unter den höchsten Häuptern Europas als König zu rangieren. Dazu bot sich ihm bald eine Gelegenheit dar, die er geschickt benützte. Der Kaiser Leopold bedurfte, um seine Ansprüche auf die spanische Erbschaft durchzusetzen, einer kräftigen Unterstützung, und diese gewährte ihm, noch ehe England oder irgendeine andere Macht sich für den Kaiser erklärt hatte, Friedrich gegen das Zugeständnis, sich als König von Preußen krönen lassen zu dürfen, was zwar Brandenburg in keine größere Unabhängigkeit versetzte, als früher, aber doch Preußen in den Augen des gesamten Europas eine erhöhte Bedeutung verlieh. Durch seine Teilnahme an dem spanischen Erbfolgekriege erwarb er auch ein Stück aus der spanischen Erbschaft, nämlich Obergeldern, wodurch er seine Macht im Westen von Deutschland mehr konsolidierte. Die Politik der brandenburgischen Fürsten um diese Zeit stand nicht in absolutem Gegensatz zu Österreich, sondern zuweilen benützten sie die kaiserliche Autorität, um sich etwas gewähren zu lassen, zuweilen setzten sie sich ihr entgegen. Auf Friedrich folgte Friedrich Wilhelm I., ein Fürst, der von all der Bildung, die sein Vater hatte, nichts wissen wollte, sondern mit einer gewissen Roheit die Macht als Macht ins Auge faßte, unbekümmert um äußeres Gepränge. Er schaffte alles ab, was sein Vater eingerichtet, und wendete jeden Groschen Geld auf die Armee. Um diese zu vergrößern, wurde das Hoflager auf ein Minimum von Kosten reduziert und eine Armee ins Feld gebracht, die für dieses Land eine ungeheure zu nennen war. Sein Vater hatte ihm höchstens 30000 Mann hinterlassen, die er während der siebenundzwanzig Jahre seiner Regierung auf mehr als 80000 Mann vermehrte, während das große Österreich eine Armee von kaum mehr als 100000 Mann unterhielt. Um diesen Anstrengungen gewachsen zu sein, mußte er dem Lande eine gute Organisation geben, und dies tat er auch. Außerdem gelang es ihm, den Schweden den größten Teil von Pommern abzunehmen, hauptsächlich deshalb, weil Rußland Karl XII. von Schweden besiegt hatte. Was Preußen an Rußland knüpfte, war der gemeinschaftliche Gegensatz gegen Schweden und Polen; denn wenn diese beiden Staaten in ihren früheren Machtverhältnissen geblieben wären, so würde Preußen nie zu der Bedeutung gelangt sein, die es schon damals hatte. Dem Prinzipe nach stehen sich aber Preußen und Rußland entgegen; denn Preußen ist ein germanischer, Rußland aber ein slavischer Staat. In diesem Verhältnis stand man bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Da ereignete es sich, daß König Friedrich Wilhelm I., obwohl seine Gemahlin aus dem Hause Hannover war, sich in dem zwischen Österreich und England ausgebrochenen Hader für den Kaiser erklärte, der von seiten Preußens einen Angriff auf Schlesien fürchtete, und daher alles aufbot, um Friedrich Wilhelm für sich zu gewinnen. Deshalb versprach er ihm bei der zunächst bevorstehenden Erledigung von Jülich und Berg, worauf Preußen aus jener clevischen Erbschaft Ansprüche besaß, seinen kaiserlichen Beistand in einem geheimen Traktate. Dies bewirkte, daß Friedrich Wilhelm plötzlich sehr kaiserlich gesinnt wurde und, als es zum Kriege zwischen dem Kaiser und den Franzosen kam, sogar seinen Kronprinzen abschickte, um dem Kaiser Hilfe zu leisten. Infolge des Konfliktes zwischen England und Österreich geriet er sogar in Zwist mit seinem eigenen Sohne. Die Absicht der Königin und der älteren Kinder war eine Doppelvermählung zwischen dem Kronprinzen von Preußen, dem nachmaligen Friedrich II., und einer englischen Prinzessin einerseits und der ältesten Schwester Friedrichs mit einem englischen Prinzen andererseits. Der König war gegen diese Verbindung, weil er den englischen Einfluß fürchtete, und da der Sohn einige Bewegungen nach dieser Seite hin machte, ließ er ihn festnehmen, ja hätte ihn beinah hinrichten lassen, alles aus Rücksicht auf Österreich. Nachdem Friedrich Wilhelm soviel für Österreich getan hatte und von seinem früheren Bündnis abgewichen war, hielt es der Kaiser doch für angemessen, bei späteren Begebenheiten auf Preußen gar keine Rücksicht zu nehmen; die bergische Angelegenheit nahm eine ganz andere Wendung. Das erfüllte den alten König mit heftigem Zorn, namentlich gegen den Kaiser; als er die erlittene Unbill völlig durchschaute, sagte er, auf seinen Sohn Friedrich deutend: hier steht einer, der mich rächen wird! Obwohl Friedrich Wilhelm mit dem Kronprinzen nicht in gutem Einvernehmen stand, so blieb es ihm doch nicht verborgen, daß in Friedrich ein gewaltiges Talent liege; nur wollte er ihn absolut zum Soldaten machen, ließ ihn Conduitelisten schreiben und die geringsten Dienste leisten; auch wollte er ihn bei den religiösen Lehrbegriffen erhalten, die er selbst hatte, während Friedrich der calvinistischen Lehre in ihrer vollen Strenge anhing. Obwohl der Prinz von seinem Vater hart behandelt wurde, so darf man doch behaupten, daß dies ein Glück für ihn war; denn sonst hätte er sich wahrscheinlich nicht durch jene militärischen und andere Tugenden ausgezeichnet, durch die er nachher berühmt wurde. Nun trafen zwei Ereignisse von der größten Wichtigkeit zusammen, nämlich der Tod Friedrich Wilhelms, der im Mai, und der Tod Kaiser Karls VI., der im Oktober 1740 eintrat. Friedrich hatte soeben seine Regierung angetreten und bereits von seinen monarchischen Gaben Beweise geliefert. Als er nun diese ungeheure Armee vor sich sah und nicht wußte, was er damit anfangen sollte, so eröffnete ihm der Tod des Kaisers eine willkommene Bahn für seine Tätigkeit. Die Sukzession in Österreich war streitig; der Kaiser hatte zwar seine pragmatische Sanktion durchgesetzt, vermöge deren seine Tochter mit ihrem Gemahl von Lothringen erben sollte; aber obgleich die meisten Fürsten Europas diese Sanktion garantiert hatten, so waren doch unmittelbar nach dem Tode Karls VI. mehrere Prätendenten aufgetreten, von denen allerdings Karl Albrecht von Bayern nach altem deutschen Rechte die nächsten Ansprüche hatte. Dies hatte Friedrich II. vorausgesehen, und weiter, daß Frankreich ebenfalls Neigung verspüren würde, in dem bevorstehenden Konflikte eine Rolle zu spielen und den Krieg entweder direkt für die Bourbonen oder auf andere Weise zu benützen. Preußen hatte selbst einige Ansprüche an Österreich zu machen. Ein früherer brandenburgischer Fürst hatte auch in Jägerndorf regiert, war aber im Dreißigjährigen Kriege durch Österreich daraus verjagt worden. Schon der große Kurfürst hatte hiefür, sowie für einige andere Besitzungen, Liegnitz, Brieg und Wohlau in Schlesien, die noch mit der alten piastischen Verlassenschaft zusammenhingen, Entschädigung verlangt, war aber damit durchgefallen, und so war es eine Art Tradition im hohenzollernschen Hause geworden, daß Österreich Preußen an seinen rechtlichen Ansprüchen verkürzt habe. Nun ging Friedrich mit seinem Minister von Podewils und seinem General Schwerin zu Rate, ob er mit seinem Heere noch im Winter 1740 auf 1741 in Schlesien einrücken oder noch länger zuwarten solle. Die erstere Ansicht gewann die Oberhand; er rückte noch im Dezember in Schlesien ein und nahm es unter dem ungeheuren Aufsehen Europas, in Besitz, wobei ihm namentlich der Umstand zustatten kam, daß die Städte, wo die protestantische Bevölkerung die überwiegende war, ihn als ihren Retter begrüßten. Freilich war das Land leichter zu erobern, als zu behaupten. Friedrich II. betrieb nun auch, daß der Kurfürst von Bayern gegen Österreich ins Feld ging, und daß ihn die Franzosen hiebei unterstützten; er erkannte ihn als König von Böhmen an, und bewirkte, daß er zum deutschen Kaiser gewählt wurde. Bayern litt damals an der größten Finanznot und war gar nicht militärisch organisiert. Sollte er nun aber zugeben, daß die Bayern ganz Österreich eroberten? Das wollte er nicht, sondern verlangte in einer Zusammenkunft mit dem österreichischen General Neipperg, daß ihm Schlesien abgetreten würde, wogegen er versprach, die Franzosen in Deutschland ihrem Schicksal zu überlassen. Dabei wollte er aber doch Karl Albrecht nicht fallen lassen, sondern bewirken, daß er Kaiser blieb; denn Friedrichs Plan ging dahinaus, ein deutsches Kaisertum auf die Gemeinschaft der deutschen Fürsten zu gründen, von denen der Kaiser gewissermaßen abhängen solle; Österreich sollte dabei so viel vermögen, wie die andern Fürsten, aber nicht mehr. Diese Idee konnte er aber nicht durchführen; es kam sogleich zu neuen Kriegen, als sich Österreich wieder stärker fühlte, und Friedrich geriet namentlich durch die Kräfte, welche Maria Theresia aus Ungarn herbeizog, und durch die Fortschritte, welche die englische, sogenannte pragmatische Armee unter Georg II. machte, in große Bedrängnis. Er mußte einwilligen, daß Franz I., der Gemahl Marias Theresias, deutscher Kaiser wurde und Österreich sein altes Übergewicht wieder erhielt. Übrigens hatte Friedrich durch die Erwerbung Schlesiens seine Länder fast um ein Drittel vergrößert und konnte, gestützt auf seine tüchtige, ruhmgekrönte Armee, als ein ganz unabhängiger europäischer Fürst auftreten. Das ganze übrige Europa wollte dies aber nicht dulden, und so kam es zum Siebenjährigen Kriege, in welchem Frankreich sich mit Österreich und Rußland gegen Preußen vereinigte. Es war ein verzweifelter, aber heroischer Kampf, in welchem Friedrich ein paarmal nahe daran war, sich selbst das Leben zu nehmen. Diese mächtige Koalition gegen Preußen kam auf folgende Weise zustande: Frankreich wollte Preußen wie einen Vasallen behandeln und zum Kriege gegen England zwingen, und als Friedrich sich nicht dazu verstehen wollte, reizte er Ludwig XV. zum höchsten Zorn, der ihn fortan einen Rebellen nannte und, trotz seines schlechten Lebenswandels, die Religion vorschützte, um ihn zu bekämpfen. Einen ähnlichen Vorwand gebrauchte Elisabeth von Rußland, die zugleich wie eine Messalina lebte. Maria Theresia, übrigens fromm und brav, benutzte die Antipathien der katholischen Geistlichkeit gegen Friedrich zu ihren Gunsten, so daß sich alles vereinigte, Friedrich auf die entgegengesetzte Seite zu werfen. Friedrich konnte jedoch auch nicht streng protestantisch auftreten, weil er viele Katholiken zu Untertanen hatte, und so bildete er seine Toleranz zu einem von den damals herrschenden Begriffen ziemlich abweichenden System aus, wobei er vom Christentum ganz abstrahierte; jedoch glaubte er an einen Gott und leugnete nicht die Unsterblichkeit der Seele. Beim Tode seiner Schwester rief er aus: welches Glück, wenn ich sie wiedersehen werde! Er war unstreitig der größte Politiker, den Preußen jemals hatte, ja ich halte ihn für den größten Politiker, den Deutschland hervorgebracht hat, indem er in der Mitte der Dinge lebte, die Stürme herankommen sah und immer die richtigen Maßregeln ergriff. Da brach im Jahre 1768 der Krieg zwischen Rußland und der Türkei aus, wozu sich die gesteigerten Verwicklungen in Polen gesellten, welche endlich dazu führten, daß Rußland, Österreich und Preußen sich dahin miteinander vereinigten, daß jede dieser Mächte ein Stück von Polen in Besitz nahm. Dadurch bekam die preußische Monarchie eine noch größere Bedeutung; immer aber hatte sie ihren Standpunkt im Osten, besonders in Brandenburg, und die Kriege Friedrichs waren immer nur darauf gerichtet, diese seine Stammprovinzen zu behaupten; das entlegene Preußen ließ er sich im Siebenjährigen Kriege von Rußland wegnehmen und auch zur Verteidigung seiner rheinischen Gebiete tat er nichts; mit einem Worte, er konzentrierte seine Operationen auf einem kleineren Terrain. Auf diese Weise kam Preußen empor; es war zwar oft mit Österreich verbündet und hat, wie oben erwähnt, Österreich sogar die Königswürde zu verdanken, allein dennoch sind seine Haupterwerbungen eher im Widerspruche mit Österreich geschehen. Das Grundprinzip, auf dem Preußen beruht, ist ein ganz verschiedenes von dem Österreichs. Die Hauptschöpfungen Friedrichs, welche Preußen hauptsächlich ihm zu verdanken hat, sind die europäische Unabhängigkeit, ein vortrefflich ausgebildetes Militärwesen, eine sehr kräftige, energische Administration, die ihresgleichen in der Welt nicht hat. Dazu kommt noch die gute geographische Position, bei welcher hauptsächlich hervorzuheben ist, daß Österreich dem Schwerpunkt der Monarchie nicht zu nahe stand. In Deutschland wirkten sie notwendig gegeneinander: Österreich wollte immer das Kaisertum stärken und um sich greifen, Friedrich dagegen wollte unaufhörlich das Kaisertum schwächen und die Fürsten stärken. So kam es, als Kaiser Joseph II. Bayern an sich ziehen wollte, zu jenem Fürstenbunde, in welchem Friedrich die Einheit Deutschlands auf ein Bündnis von Fürsten mit einem von ihnen abhängigen Kaiser an der Spitze, gründen wollte, wie es von jeher sein Plan gewesen war. – So hatten sich nach und nach diese fünf unabhängigen Mächte gebildet, welche alle auf etwas verschiedenen Prinzipien beruhen: Erstens Frankreich auf dem katholischen und monarchischen Prinzip, welches aber noch mit hierarchischen Tendenzen vereinigt ist, ein Prinzip, welches zugleich romanisch war; zweitens England auf dem germanisch-maritimen und parlamentarischen Prinzip; drittens Rußland auf dem slawisch-griechischen Prinzip, verbunden mit der Tendenz, in materieller Beziehung sich die Kultur des Abendlandes anzueignen; viertens Osterreich auf dem katholisch-monarchisch-deutschen Prinzip; fünftens Preußen auf dem deutsch-protestantisch-militärisch-administrativen Prinzip. So sind sie alle gleichsam auf dem Baume von Europa gewachsen. Österreich ist mehr nach und nach durch eine fortwährend konsequente Politik emporgekommen als durch große Fürsten; Rußland sozusagen auf einmal durch ein einziges großes Genie; Preußen durch die vorhergehende Leistung einiger sehr bedeutender Fürsten und durch die Talente und Anstrengungen eines großen Königs; England durch das Parlament; Frankreich durch Ludwig XIV. und die Nachwirkung seiner Staatsverwaltung. So hatten sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts diese großen Mächte gestaltet, zu vergleichen mit ebenso vielen Himmelskörpern, welche sich unaufhörlich mit- und nebeneinander bewegen, bald in einer gewissen Konjunktion, bald in einer gewissen Abweichung voneinander. In dieser Epoche waren sie niemals einig gewesen, sie bewegten sich stets autonom nach ihren eignen innern Trieben, was überhaupt das Grundprinzip einer großen Macht ist – momentan kann sie sich mit einer andern verbinden, was in jener Zeit auch häufig geschah, wo jede dieser Mächte eine Verbindung suchte, aber den Tendenzen einer andern darf sich eine Großmacht nie unterwerfen. Friedrich II. sagte, er könne nie ohne ein Bündnis sein, und hiezu fand er nach dem Siebenjährigen Kriege keine geeignetere Macht als Rußland. Die hier geschilderten Ereignisse waren indessen noch nicht das letzte Wort, welches die Weltgeschichte gesprochen hat, und so kommen wir abermals zu einem neuen Zeitalter, zu dem der Revolution. §8 Das Zeitalter der Revolution Um dieses Zeitalter, wo die revolutionäre Tendenz zur Herrschaft kam, zu charakterisieren, will ich verschiedene Momente desselben auseinanderhalten: Erstens die Ausbildung der monarchischen Tendenz; zweitens die nordamerikanische Revolution; drittens die Französische Revolution; viertens die Weltmacht Napoleons; fünftens die konstitutionelle Zeit nach Napoleon. 1. Die Ausbildung der monarchischen Tendenz Man kann sagen, daß in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die monarchischen Tendenzen durchaus in Europa vorwalteten. Es bestand ja wesentlich aus den genannten Großmächten, in denen an sich eine beträchtliche monarchische Kraft lag; je entschiedener sich die Monarchie durchgesetzt hatte, um so größer war ihre Autorität und Macht geworden. Namentlich hatte die Aufstellung der Monarchie Friedrichs II. den Anstoß gegeben für alle andern Staaten, sich etwas mehr im monarchischen Sinne zu konsolidieren. Die monarchische Tendenz, die in Preußen am entschiedensten zutage gekommen war, wirkte alsbald auch auf Österreich zurück, wo Maria Theresia ihre administrativen Einrichtungen den preußischen nachbildete. Ihr folgte Joseph II., der mit der größten Energie die monarchischen Prinzipien durchzuführen suchte und darüber mit allen seinen Landschaften in Hader geriet. Joseph II. hatte nie die Geduld gehabt, sich gründlich zu unterrichten, und ohne eine feste Grundlage war er kopfüber auf die Ideen der Philosophie des Jahrhunderts eingegangen, in denen er das Ideal der Welt erblickte. Die Folge davon war, daß sich seine Provinzen nach und nach gegen ihn empörten. Dieselbe monarchische Tendenz zeigte sich in Dänemark, wo sie Struensee durchführte, in Schweden, wo Gustav III. eine Revolution machte, um die Aristokratie zu stürzen. Die nämliche Tendenz wirkte im südlichen Europa. Sie war zugleich verbündet mit dem Geiste der damaligen Literatur. Die philosophische Richtung der französischen Literatur hat nämlich verschiedene Phasen durchgemacht. Von Haus aus war sie in Opposition mit den hierarchisch-aristokratischen Prinzipien geraten; aber sie blieb zunächst dabei monarchisch; sie glaubte an eine allgemeine Verbesserung der Dinge durch die Monarchie; sie war anfangs nicht atheistisch, sondern theistisch; Voltaire behauptete, die Priester seien die Gegner der Monarchie, die Philosophen aber seien ihre Freunde. Dies war die Richtung der Literatur, welcher sich Friedrich II., Gustav III., Katharina II. anschlossen. Aber auch nach dem westlichen und romanischen Europa erstreckten sich die Wirkungen dieser sogenannten Philosophie, in deren Folge namentlich die Jesuiten auf das heftigste angefeindet wurden. Es suchten sich nämlich, wie berührt, auch die bourbonischen Höfe mehr zu konsolidieren und wollten deshalb jenen innigen Zusammenhang mit Rom nicht mehr dulden, welchen die Jesuiten hauptsächlich vermittelten. Nur kam es in Frankreich, wo schlecht regiert wurde und die Parteien sich geltend machten, nicht zu einer so energischen Aktion der Gewalt wie anderswo; sondern die Sache ging, da sich die Faktion ihrer bemächtigt hatte, stoßweise vor sich. Es standen sich zwei Parteien, die philosophische und die katholisch-religiöse einander gegenüber. Die erstere formulierte ihre Anklagen gegen die Jesuiten. Dieser Orden hatte sich auch in Frankreich ungemein ausgebreitet, und da er sein eigentliches Ziel, die Bekämpfung des Protestantismus, nicht mehr mit der früheren Kraft verfolgen konnte, so hatte er sich des Unterrichtswesens bemächtigt. Ein Hauptanklagepunkt gegen die Jesuiten war auch der blühende Handel, den sie in alle Weltgegenden trieben, und da wollte es der Zufall, daß ein Bankrott ausbrach, für welchen man den ganzen Orden haftbar machen wollte. Die Sache kam vor das Parlament, und die Jesuiten wurden nach und nach von der öffentlichen Meinung verurteilt. Dasselbe Schicksal hatten sie in Spanien und Portugal, wo der große Minister Pombal, der die Ideen des Jahrhunderts teilte, zuerst den Kampf gegen die Jesuiten eröffnete. Die bourbonischen Höfe in Spanien, Frankreich und Italien folgten nach, und endlich sah sich sogar der Papst Clemens XIV. mehr oder weniger genötigt, im Jahre 1773 den Jesuitenorden aufzuheben. Der Orden fiel als Opfer des in ganz Europa sich erhebenden monarchischen Geistes, dem auch der Papst endlich nachgeben mußte. Gespräch König Max: War es eigentlich die freigeisterische Tendenz, welcher dieser Orden weichen mußte, abgesehen von der monarchischen? Ranke: Freigeisterisch ist zuviel gesagt; es war die philosophische Tendenz, der die Jesuiten zum Opfer fielen, welche sich übrigens der Monarchie anschloß. Die Monarchie hatte aber auch ein Interesse, die Macht der Jesuiten zu dämpfen, denn sie waren so stark geworden, daß sie sich zuweilen sogar der Regierung widersetzten; z.B. in folgendem Falle: als Portugal und Spanien einen Vertrag über den Austausch gewisser Territorien in Südamerika geschlossen hatten, widersetzten sie sich dieser Übereinkunft. Überhaupt widersetzten sie sich gewissen Männern, welche das monarchische Prinzip repräsentierten. Als Choiseul alle Kräfte des Landes vereinigen wollte, um sie gegen England zu führen, so opponierten sie sich. Auch die Tendenz der Monarchie, vollkommen Herr im Lande zu sein und nicht einen General in Rom sehen zu müssen, von welchem eine zahlreiche, im Lande wohnende Körperschaft ihren Impuls gewinne, wirkte mit. König Max: Widersetzten sich die Jesuiten auch im Innern des Landes? Ranke: Auf den König Joseph von Portugal wurde einst geschossen, und Pombal hat mit Recht oder Unrecht dieses Attentat den Jesuiten in die Schuhe geschoben. Als in Spanien eine Verordnung erschien, welche das Tragen breitkrempiger Hüte und der sogenannten spanischen Mäntel beschränkte, und die Population sich dagegen erhob, behauptete man, die Jesuiten hätten Anteil an der Empörung gehabt. Kurz sie schlossen sich dem Staatsprinzip nirgends an und widersetzten sich auch den Neuerungen in politischer Hinsicht. Die meisten der Verbrechen, die man ihnen zur Last legte, sind aber nicht erwiesen worden. König Max: Kam es nicht auch vor, daß die Jesuiten sich in Verbindungen mit auswärtigen Mächten einließen, die ihrem eignen Vaterlande Nachteil und Gefahr brachten? Ranke: Früher geschah dies, später aber nicht mehr. Die Jesuiten waren sehr fügsam. Anfangs schlossen sie sich an die Spanier an, später aber wurden sie von den französischen Königen gewonnen. Sie verstanden eben ihren Vorteil auf das beste. Wir haben soeben gesehen, daß in den Zeiten der sogenannten Aufklärung von Republik und Liberalismus nicht die Rede war, sondern daß man den Kampf gegen die Aristokratie und die Herrschaft der Geistlichkeit fortsetzte. Natürlich geriet indes dadurch ganz Europa in die größte Aufregung; denn die hierarchische und aristokratische Richtung war damals noch unendlich stark in Europa repräsentiert; Deutschland beruhte größtenteils darauf, insbesondere die österreichische Autorität im Reich beruhte eigentlich auf dem Bistum. 2. Die nordamerikanische Revolution Wie ist es nun gekommen, daß noch eine andre Macht in dieser neueren Welt erschienen ist, und wo ist dies zuerst geschehen? Es geschah in Amerika, durch den Abfall der nordamerikanischen Provinzen von England. Die weitere Frage ist die, welches ist die vorwaltende Idee bei diesem Abfalle gewesen? Welches war die Abstraktion hievon, die auf Europa überging? Wir müssen uns hiebei erinnern, daß, nachdem das germanisch-maritime und parlamentarische Prinzip in England zu so großer Macht gekommen war, dieses Land den früheren spanischen Kolonien andre entgegensetzte, und zwar in Nordamerika. Die meisten dieser Kolonien wurden aber in Opposition gegen die frühere englische Tendenz gegründet, meistens durch kirchliche Parteien, Katholiken und Protestanten, die von der anglikanischen, herrschenden Kirche ausgeschlossen waren. Diese Einwanderer wuchsen aber bedeutend an, und mit ihrer Hilfe eroberten im 18. Jahrhundert die Engländer Kanada, welches bis dahin eine französische Besitzung war. Mit Recht sagten die Franzosen damals: wir haben Amerika in Deutschland verloren; indem die Franzosen den Krieg gegen Friedrich II. von Preußen erklärten. Wären sie statt dessen nach Amerika hinübergegangen, so hätten sie die Engländer eher abwehren können. Dadurch wurde das germanisch-protestantische Prinzip auch im nördlichen Amerika überwiegend und gewann eine unermeßliche Bedeutung. Es war eine englisch-protestantische Kolonisation, gewissermaßen im Gegensatz gegen den Mutterstaat gegründet, vor welcher alle Ureinwohner zurückwichen. Solange die whigistischen Prinzipien in England die herrschenden waren, ging die Sache in Nordamerika gut; da aber kam Georg III. zur Regierung, der die Whigs stürzte und ein neues toryistisches Ministerium einsetzte, welches die Geschäfte nicht so gut verstand und mit den obersten Behörden der amerikanischen Provinzen nicht in einem so engen Zusammenhange war wie die früheren Minister. Dieses neue Ministerium suchte die zerrütteten Finanzen Englands wiederherzustellen und hielt es für das beste, zu diesem Zwecke die nordamerikanischen Kolonien, welche immer blühender heranwuchsen, zu besteuern. Die nordamerikanischen Kolonien hätten sich diesem Begehren auch fügen müssen, wenn Georg III. als König nicht in einem ganz andern Verhältnisse sich befunden hätte als alle übrigen damaligen Fürsten. Er aber war an sein Parlament gebunden, und alle Steuern mußten vorerst durch das Parlament bewilligt werden. Die Nordamerikaner stellten nun folgenden Satz auf: das Parlament könne nur im Namen derer Steuern bewilligen, welche durch dasselbe repräsentiert seien; die Provinzen seien aber im Parlamente nicht vertreten, also könne dieses auch nicht für sie Steuern bewilligen. Der Widerspruch also, welcher sich gegen die neue Auflage in Nordamerika erhob, ging nicht sowohl gegen das Königtum, als gegen diese parlamentarische Verfassung, indem die Nordamerikaner behaupteten, das parlamentarische Recht beruhe auf dem Grundsatze, daß niemand genötigt werden könne, sein Eigentum ohne weiteres hinzugeben. Daraus entspann sich nun ein Streit über die Grundlagen der Verfassung, inwiefern dieselbe repräsentativ sei oder nicht. Die Amerikaner blieben auf ihrem Sinn, und der König mit seinem Parlamente vereinigte sich zu der Behauptung, die amerikanischen Provinzen seien rechtlich verbunden, wenigstens die äußeren Auflagen zu bezahlen, auf Tee, Glas usw., die mit dem Handel in Verbindung stünden. Auch dem jedoch setzten sich die Nordamerikaner entgegen, die ihre Kraft zu fühlen anfingen. Sie schlossen sich fest aneinander an und wollten nun auch schon die Handelsbeschränkungen abwerfen, welche ihnen die Engländer bisher auferlegt hatten. Um diese Zeit hatten die Engländer bereits einen großen Teil von Ostindien erobert, und es war ihnen durch die Ostindische Kompanie leicht geworden, wohlfeilen Tee zu bekommen. Auf diesen legten sie nun eine Taxe, durch die er aber nicht teurer wurde als früher, und verschifften ihn nach Nordamerika, wobei sie verlangten, daß die Nordamerikaner diesen Tee mit der darauf gelegten Taxe kaufen sollten. Diese hatten aber bereits Feuer gefangen und es erfolgte nun durch jenen berühmten Bostoner Teesturm der erste Akt offener Rebellion. Das erregte natürlich in England den größten Unwillen, und der König beschloß, den Hafen von Boston zu sperren und die Nordamerikaner mit Gewalt zur Botmäßigkeit zurückzubringen. Da der König und das Parlament sich mehr miteinander koalisierten, so richtete sich die amerikanische Bewegung nunmehr auch gegen den König, und die Nordamerikaner neigten sich immer mehr zu den populären Prinzipien der englischen Verfassung hin. Im Jahre 1775 brach der Krieg aus, konnte aber nicht geführt werden, wenn die Nordamerikaner noch unter der englischen Herrschaft geblieben wären, und da geschah das denkwürdige, für die Weltgeschichte höchst bedeutende Ereignis, daß die Nordamerikaner republikanische Tendenzen hervorkehrten, und zwar nicht wie einst die Holländer, wo Holland eine aristokratische Regierungsform beibehielt; die Nordamerikaner glaubten vielmehr, daß sie individuell durch die in England gemachten Gesetze nicht mehr gebunden seien. Sie ergriffen daher die Momente der englischen Verfassung, in denen dieselbe rein repräsentativ erscheint, und jeder meinte, dazu ein Recht zu haben, einer Regierung zu widerstehen, in welcher nicht auch er repräsentiert sei. Von dieser Idee der Repräsentation bis zur Republik war nur noch ein Schritt, und dieser erfolgte auch. Dadurch kam es zum Kampfe zwischen diesen beiden Körpern und der englischen Nation, einem Kampfe zwischen der mehr royalistischen Tendenz und der demokratischen, die beide in der englischen Verfassung wurzelten. Wenn man sieht, wie die Dinge sich entwickelten, so kann man nicht sagen, daß der König von England und sein Parlament unrecht hatten, sowenig ich dieses von Karl I. von England behaupte. Die Sache hätte recht gut geschlichtet werden können, wenn nicht beide Teile in leidenschaftlicher Weise an ihren Rechten festgehalten hätten. Ob aber die Amerikaner an sich fähig gewesen wären, sich zu behaupten, ist sehr zweifelhaft; allein sie fanden Unterstützung in Europa, und zwar bei den bourbonischen Mächten, namentlich bei Frankreich und Spanien. Diese standen in bezug auf die Seemacht in einem prinzipiellen Gegensatz zu England, von dem sie im Siebenjährigen Kriege unendlich viel gelitten hatten. Sie wollten sich daher des englischen Übergewichtes entledigen, und hiezu ergriffen sie den Augenblick, wo innerhalb der großen anglo-sächsischen Nationalität dieser Streit ausbrach, um für die nordamerikanische Rebellion Partei zu ergreifen, ohne in der Leidenschaft des Momentes zu bedenken, daß alle Regierungen auf demselben Prinzip fußen, das jetzt von den Nordamerikanern angegriffen wurde. In den Jahren 1776, 1777 und 1778 waren die Nordamerikaner ihrem Verderben überaus nahe gekommen. Nur durch die Unterstützung Frankreichs zur See und zu Land, durch Geld und durch freiwilligen Zuzug aus Haß gegen England, gelang es den Nordamerikanern, sich endlich zu behaupten und im Frieden zu Versailles die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit zu erringen. Dadurch, daß die Nordamerikaner, abfallend von dem in England gültigen konstitutionellen Prinzip, eine neue Republik schufen, welche auf dem individuellen Rechte jedes einzelnen beruht, trat eine neue Macht in die Welt; denn die Ideen greifen alsdann am schnellsten um sich, wenn sie eine bestimmte, ihnen entsprechende Repräsentation gefunden haben. So kam in diese romanisch-germanische Welt die republikanische Tendenz. Die Monarchie hat das der Verkehrtheit der Minister Georgs III. zu verdanken. Gespräch König Max: Liegt dieses republikanische Prinzip schon in der englischen Verfassung? Ranke: Das kann man nicht geradezu behaupten; angebahnt war es allerdings darin, aber die Monarchie war auch ihrerseits in der Konstitution begründet. König Max: Hat die englische Verfassung wirklich das Prinzip ausgesprochen, daß alle Untertanen in einer gewissen Weise repräsentiert sein müssen? Ranke: Das ist in der englischen Verfassung nicht klar ausgesprochen. Übrigens hätte, wenn es allgemein anerkannt worden wäre, das Mutterland selbst mit der Reform seiner parlamentarischen Verfassung vorangehen müssen; denn in England selbst waren manche große Städte im Parlament gar nicht vertreten, während kleine Flecken (die rotten boroughs ) ihre Vertreter nach London sandten. Diese Repräsentation war daher mehr eine juristische Fiktion. Eine Art von Vertretung hätten die Amerikaner mit Recht in Anspruch nehmen können. Es war auch einmal die Absicht, wie der Streit schon in Gang gekommen war, von England aus den Amerikanern eine Gesamtverfassung zu geben; allein die Amerikaner nahmen dieselbe nicht an. Worin bestand nun diese nordamerikanische Republik? Erstens darin, daß die monarchischen Influenzen, welche bisher dagewesen waren, beseitigt wurden. Im Innern hatte man keinen Kampf zu bestehen: die ganze Gesellschaft blieb, wie sie war, und nur die königlichen Gouverneure und Untergouverneure wurden abgesetzt und andere gewählt. Zweitens die zweite Veränderung bestand darin, daß diese Provinzen sich zu einem einzigen Körper vereinigten. Daß dies geschehen konnte, daß sich sogar ein gewisser Ruhm an die Männer knüpfte, die zu diesen Veränderungen hauptsächlich beigetragen hatten, daß dieses neubegründete Gemeinwesen einen guten Fortgang nahm, waren Umstände, die auf Europa die größte Rückwirkung hatten. Es tauchte die Meinung auf, daß dieses die wohlfeilste Regierungsform sei; und während die Untertanen in Europa unbedingt gehorchen müßten, so habe dort allein der Mensch seinen Wert. Bisher hatte man in Europa gemeint, daß die Monarchie den Vorteil der Nation am besten verstehe, jetzt kam die Theorie auf, die Nation müsse sich selbst regieren. Jetzt erst bekam die Repräsentationstheorie ihre volle Bedeutung, nachdem sie einen Staat gebildet hatte; dahin zielten nun alle revolutionären Bestrebungen der späteren Zeit. Die junge Republik nahm durch die eigene Propagationsfähigkeit jener Generation und durch den fortwährenden Zuzug aus Europa einen allgemeinen raschen Aufschwung, so daß jetzt die Nordamerikaner eine der größten Nationen der Welt geworden sind, die unaufhörlich auf Europa einwirkt. Dies war eine größere Revolution, als früher je eine in der Welt gewesen war, es war eine völlige Umkehr des Prinzips. Früher war es der König von Gottes Gnaden, um den sich alles gruppierte; jetzt tauchte die Idee auf, daß die Gewalt von unten aufsteigen müsse. Darin beruht der Unterschied zwischen den alten Ständen und den jetzigen konstitutionellen Ständen. Jene waren dem Königtum analog, sie beruhen auf einem gewissen Erbrecht; allein die modernen Stände gehen aus der Menge hervor. Diese beiden Prinzipien stehen einander gegenüber wie zwei Welten, und die moderne Welt bewegt sich in nichts anderem als in dem Konflikt zwischen diesen beiden. In Europa war der Gegensatz dieser Prinzipien bisher noch nicht eingetreten; er kam aber zum Ausbruch in der Französischen Revolution. 3. Die Französische Revolution In Frankreich war ebenfalls ein Streit ausgebrochen zwischen der Monarchie und den bisherigen ständischen und aristokratischen Berechtigungen, zunächst ohne irgendeinen Bezug auf die eben geschilderten Repräsentationstheorien zu haben. Die Monarchie Ludwigs XIV. war mitten auf ihrem Wege besiegt worden. Die auf Ludwig XIV. folgenden Fürsten hatten durch ihre Schwäche ein gewaltiges Faktionswesen im Lande hervorgerufen, wobei aber immer das monarchische Prinzip festgehalten wurde. Ludwig XV. tat sogar am Ende seiner Regierung noch einen großen Schritt auf der monarchischen Bahn. Das System privilegierter Stände war im 18. Jahrhundert im Kampf mit den Monarchen entschieden stärker geworden. Geistliche und Adel waren alles geworden, die Bürger waren unterdrückt; die Regierung selbst war in ewigen Geldnöten. Da entschloß sich Ludwig XV., eine Veränderung mit den Parlamenten vorzunehmen, Gerichtshöfen mit einigen politischen Rechten ausgestattet, welche sich gleichsam als die Repräsentanten aller Vorrechte gerierten. Ludwig XV. exilierte diese Parlamente aus den Städten und setzte eine neue Gerichtsverfassung durch, in welcher die Parlamente aller ihrer politischen Rechte entkleidet und als bloße Gerichtshöfe neu konstituiert werden sollten. In diesem Augenblicke jedoch starb Ludwig XV., und sein Enkel Ludwig XVI. folgte ihm nach. Ludwig XV. hatte zwar einiges im monarchischen Sinne durchgesetzt; aber es war durch gehässige Mittel geschehen, und man sah darin nicht die Aktion des monarchischen Prinzips, sondern die Tätigkeit gewisser Parteien. Ludwig XVI. glaubte, er müsse den Anfang seiner Regierung durch einen Akt der Güte bezeichnen, und glaubte die Nation, welche für die Parlamente war, dadurch zu gewinnen, daß er dieselben mit ihren früheren Rechten wiederherstellte, wonach sie unter anderem die Befugnis hatten, sich den Edikten des Königs zu opponieren und überhaupt die Privilegien, welche noch immer im Lande galten, aufrechtzuerhalten. Dadurch aber schürzte er den Knoten seines ganzen Schicksals. Durch seine Gutmütigkeit und seine Neigung zu Verbesserungen wurde er veranlaßt, manche Reformen in Angriff zu nehmen; aber sowie er dieses tat, widersetzten sich ihm die Parlamente; so erging es dem Minister Turgot mit seinen Verbesserungen und anderen ebenso. Nun ließ sich der König in den amerikanischen Krieg ein, in der Hoffnung, den Engländern eine Niederlage beizubringen, und eine große Menge Franzosen gingen nach Amerika. Dadurch wurde zweierlei bewirkt. Erstens diese Franzosen, welche gesehen hatten, wie schlecht es in ihrem Vaterlande zuging, gerieten nun auf die Idee, daß die Amerikaner allein das Rechte getroffen hätten. Zweitens die französische Literatur nahm jetzt eine andere Richtung. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewann die materialistische Richtung in der Philosophie die Oberhand (Diderot usw.). Diese Philosophen glaubten nicht an Gott und wollten auch von dem Könige nichts mehr hören. Das war denn eine ganz andere Republik, welche diese Männer im Sinne hatten; die nordamerikanische Republik hatte immer noch etwas Ideales, aber diese materialistischen Ansichten gingen aus dem Streben nach ungebundenem Genusse hervor. Also auf einer Seite unterstützte Ludwig XVI. teilweise eine dem Königtum entgegenlaufende Bewegung, auf der andern Seite war die Regierung in die Notwendigkeit versetzt, stets neue Geldmittel aufzubringen und die hiezu nötigen Veränderungen in den Finanzen Frankreichs vorzunehmen. So ging Frankreich aus dem amerikanischen Kriege hervor, zwar mächtiger zur See, aber in einer ungeheueren Geldverlegenheit und im Innern zersetzt durch zwei mächtige Faktionen, die Parlamente und die Privilegierten auf der einen, die Philosophen auf der andern Seite, die unaufhörlich gegen Aristokratie und Hierarchie ankämpften. Die Regierung fand sich in der Unmöglichkeit, die Sachen so fortgehen zu lassen, sie mußte Veränderungen vornehmen. Was tat sie nun? Calonne, Generalkontrolleur der Finanzen von 1783 bis 1787. von philosophischen Ideen durchdrungen, berief im Jahre 1787 eine Anzahl von angesehenen Männern aus dem Reiche, um die Steuerverfassung abzuändern, während das legale Verfahren erfordert hätte, die Reichsstände zu berufen, Seit 1614 waren keine Stände mehr berufen worden und die Notablen hatte bereits Richelieu versammelt, aber Calonne war eben kein Richelieu. wozu sich indessen Calonne nicht verstehen wollte. Kaum war dieser Minister mit seinen weitreichenden physiokratischen Vorschlägen Nach Calonnes Vorschlägen sollten die Auflagen auf den Ertrag des Landes gegründet und alle Jahre im Frühling Leute auf das Land geschickt werden, um die Aussaat und demnach auch den Ertrag der Ernte zu bemessen. Dieses war eine Konsequenz des physiokratischen Systems, welchem schon Du Quesnay anhing, den Ludwig XV. seinen Penseur nannte. hervorgetreten, so stieß er auf die heftigste Opposition bei den Notablen. Sie erklärten, daß sie nicht das Recht hätten, Steuern zu bewilligen, und so wurde Calonne alsbald gestürzt. Sein Nachfolger als Premierminister, der Erzbischof von Brienne, Siehe die Anm. auf S.41. machte zwar einige vernünftige Vorschläge, die auch von den Notablen zum Teil angenommen wurden, allein dies geschah immer unter dem Vorbehalt, daß sie später dem Parlament vorgelegt werden würden. Das Verfahren, welches in Frankreich zu beobachten war, war folgendes: wenn die Regierung neue Finanzedikte erließ, so mußten sie vorher dem Parlamente vorgelegt werden, um sie zu verifizieren, und dann erst wurden die Steuern bezahlt. Das Parlament war aber prinzipiell gegen jede Veränderung, und die Aristokratie nahm mit Vergnügen diesen Zeitpunkt wahr, das Königtum zu beschränken. Endlich trat die Opposition mit der Erklärung hervor, das Parlament sei gar nicht befugt, Steuern zu bewilligen, hiezu müßten die Generalstände berufen werden. Die Regierung, die durch dieses Verlangen in die größte Verlegenheit geriet, nahm zu verschiedenen Ausflüchten ihre Zuflucht; denn, wenn diese altaristokratischen Elemente berufen wurden, so war das Königtum in jeder Weise beschränkt, und es würde eine beschränkte Monarchie im alten Sinne des Wortes zustande gekommen sein. Die Regierung erklärte sich bereit, die Stände erst nach vier Jahren zu berufen; aber daran war nicht zu denken, denn die Aristokratie glaubte, jetzt oder nimmer sei die Zeit gekommen, um sich neben der Regierung aufzustellen. Wenn man nun die alten Stände nicht haben wollte, wie konnte man überhaupt die Stände berufen? Die Stände bestanden aus Adel, Geistlichkeit und Bürgern. An der Geistlichkeit ließ sich nichts ändern, am Adel ebensowenig; also meinte die Regierung, sie müsse dem dritten Stande eine stärkere Repräsentation geben, als früher, und müsse ihn so stark machen, wie die beiden andern zusammengenommen: denn nur dadurch könnte sie sich der beiden andern Stände erwehren. Dies war aber auf der andern Seite höchst gefährlich, denn im dritten Stande hatte die republikanische Idee Wurzel gefaßt. Die Bürger waren voll von Unwillen gegen die beiden andern Stände, und so kam die größte Gärung zum Vorschein. Der Minister Necker ließ nun bekannt machen, daß im nächsten Mai 1789 die Stände zusammentreten sollten, wobei der dritte Stand so viele Mitglieder haben würde, wie die beiden andern Stände zusammen ( doublement du Tiers ). Die Regierung verbündete sich also gewissermaßen mit den neuen amerikanischen Ideen, so daß Necker selbst darüber erschrak. Aber nicht genug; das Publikum wurde öffentlich von der Regierung aufgefordert, seine Ansichten darüber auszusprechen, wie die Verfassung Frankreichs am besten geordnet werden könne. Diese Maßregel trug vollends das ihrige dazu bei, das Land in die größte Agitation zu versetzen. Der Abbé Siéyès antwortet in seiner Broschüre: Qu'est ce que le tiers-état ? auf die Frage, was das Bürgertum sein solle: quelque chose ; aber freilich wollte später der dritte Stand nicht bloß etwas sein, sondern alles. Unter diesen Verhältnissen kamen die Stände im Jahre 1789 zusammen, ohne daß man wußte, was daraus werden und wie in dieser Versammlung die Abstimmung erfolgen sollte: ob nach Köpfen – par tête –, in welchem Fall der dritte Stand die Oberhand gehabt hätte, oder nach Ständen,– par ordre –, wo Adel und Geistlichkeit im Vorteil gewesen wären. Necker hatte nicht den Mut, dieses zu entscheiden. Gleich anfangs schon, bei der Verifikation der Vollmachten, konnte man sich nicht darüber einigen, ob die Prüfung gemeinschaftlich, oder in jedem Stande gesondert geschehen solle. Der König meinte, die Stände sollten sich vorläufig miteinander vereinigen, dann aber eine Verfassung vorlegen, die auf dem Zweikammersystem beruhte. Selbst diese vorläufige Vereinigung war aber nicht mehr durchzusetzen. Mirabeau erklärte im Namen des dritten Standes: wir sind Repräsentanten des Volkes; niemand kann uns befehlen; wir wollen aber einen Pakt mit dem Könige machen. Die Summe aller dieser Verwicklungen war, daß der König, der den dritten Stand verdoppelt hatte, um an ihm eine Stütze zu finden, vor seiner eigenen Schöpfung erschrak und durch die Haltung des dritten Standes bewogen wurde, sich auf die Seite der privilegierten Stände zu schlagen. Der dritte Stand erklärte sich nun, wie in Nordamerika, nicht nur gegen die Stände, sondern auch gegen den König, und es kam nun zu jenem berühmten Auftritte, wo die Bevölkerung von Paris, für den dritten Stand begeistert, nach Versailles zog, den König nötigte, nach Paris zu gehen, und ihn dort gewissermaßen zum Gefangenen machte. Der König ließ nun den Adel wissen, er solle sich mit dem dritten Stande vereinigen und dieser setzte seine Absicht durch, daß über jede einzelne Frage par tête abgestimmt werden sollte. Dadurch wurde nun alles zum Umstürze reif. Nunmehr bekam die Theorie der Repräsentation und die Ansicht, daß die Gewalt von unten aufsteige, die Oberhand, und die Männer, die hier vereinigt waren, gingen daran, die Verfassung Frankreichs auf dieser Grundlage aufzubauen, welche allem widersprach, was da bestand. Sie mußten aber hierin viel weiter gehen, als die Nordamerikaner. Dort hatte es genügt, einige wenige Beamte zu beseitigen und Gewählte an ihre Stelle zu setzen; hier war der alte romano-germanische Staat eingewurzelt, dessen Einrichtungen sämtlich hinweggeräumt werden mußten. Es war die Abstraktion der amerikanischen Idee und nicht die Realität. Dieses fiel gerade in den Moment, wo der Kampf zwischen den beiden Mächten der Monarchie und Aristokratie auf das wütendste entbrannt war. Man darf behaupten, daß die Nachgiebigkeit des Königs in dieser Beziehung eine höchst verkehrte und unheilvolle war; aber das ist eben das Unglück der Menschen, daß sie ihre Maßregeln von Minute zu Minute ergreifen. Diese Konzession von seiten des Königs führte nun zu der konstituierenden Versammlung. Ich habe gezeigt, wie diese Idee des von unten her zu gründenden Staates aus Amerika nach Europa hinübergewandert war, und wie diese Abstraktion der amerikanischen Republik in Europa Wurzel schlug, und zwar gerade in dem Lande, das in allen Dingen immer den Ton angegeben hatte. So nun trat jene konstituierende Versammlung zusammen, welche eine Verfassung machen wollte, in der das Königtum neben den andern Faktoren der Gewalt bestehen sollte. Dies konnte aber von keiner Dauer sein; denn das monarchische Prinzip war untergraben, und ein anderes Prinzip, als das republikanische, existierte nicht. Bald entwickelte sich aus der konstitutionellen Partei die jacobinische, welche die Idee der Volkssouveränität und der von unten aufsteigenden Gewalt in ihren äußersten Konsequenzen geltend machte, bis die ganze Nation, von einem fanatischen Schwindel ergriffen, an nichts anderes mehr dachte, als an Verwirklichung ihres politischen Ideals von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Schritt für Schritt gelangte man zur Absetzung Ludwigs XVI., zu seiner Hinrichtung und endlich zur Proklamierung der Republik. Mittlerweile wurde der Krieg gegen Deutschland unternommen, der daraus entsprang, daß die Franzosen ihre politischen Neuerungen auch ins Elsaß einführen wollten, denen sich die deutschen Fürsten, die im Elsaß ihre Berechtigungen hatten, unter Berufung an das Reich widersetzten. Anfangs richteten die deutschen Alliierten mit ihren geringen aufgebotenen Kräften nichts aus; später aber verstärkten sie sich und bedrohten Frankreich ernstlich, und es entwickelte sich nun dort infolgedessen die Partei des Schreckens, welche alles nivellierte und die Religion der Vernunft dekretierte. Das Abenteuerlichste wurde als Gottheit des Tages begrüßt; wer im mindesten den herrschenden Doktrinen abhold schien, ward verdächtig und der bloße Verdacht führte zur Guillotine. Die größten Phantasten, die den Staat durch den Gang dieser Dinge erobert hatten, diejenigen, welche die herrschenden Ideen am stärksten und wildesten repräsentierten, wurden die Meister. Der Schrecken aber hatte wenigstens die Folge, daß alles, was der Herrschaft des wilden Haufens entfliehen konnte, an die Grenze eilte und sich dort wütend mit den auswärtigen Feinden Frankreichs herumschlug, so daß an eine Restauration der Bourbonen nicht zu denken war. Gespräch König Max: Worin hat wohl Ludwig XVI. hauptsächlich gefehlt? Ranke: Die Fehler Ludwigs XVI. waren keine Fehler des Herzens, seine Intention war rein, er wollte keine Freiheit schwächen, er wollte vielmehr der Nation Rechte geben. Seine politischen Fehler aber waren ungeheuer: erstens daß er die Parlamente wieder herstellte; zweitens daß er sich in den amerikanischen Krieg stürzte; drittens daß er seiner Gemahlin einen so großen Einfluß, namentlich auf Besetzung der Ministerstellen, ließ; viertens daß er soweit ging, den dritten Stand zu verdoppeln, und als diese Macht da war und ihm über den Kopf zu wachsen schien, davor erschrak und sich gegen sie wendete. König Max : Mußte denn nicht Ludwig XVI. wegen der im Lande herrschenden Finanznot eine Repräsentation des Volkes einführen? Ranke: Er war nicht sowohl darin zu tadeln, daß er die Parlamente berief, als daß er sogleich anfangen wollte, zu reformieren. Ferner hätte er nicht das Publikum auffordern sollen, seine Meinung über die Verfassungsrevision abzugeben. Endlich hätte er das doublement du tiers-etat gehörig organisieren sollen, ehe er mit dieser Maßregel vor die Generalstände trat. Etwas mußte allerdings geschehen, aber von einem monarchischen Gesichtspunkte aus in mehr geschäftsmännischer Weise. König Max: Wäre es Ludwig XVI. möglich gewesen, fortzuregieren, wenn er eine monarchische Verfassung gegeben hätte? Ranke: Dann hätte er die Stände niemals berufen und wenigstens die Verdoppelung des dritten Standes beruhen lassen müssen; sein Hauptfehler aber liegt darin, daß er sich des verdoppelten dritten Standes, als er einmal da war, gar nicht bediente. König Max: Ist es wahr, daß Ludwig XVI. die Geschichte Karls I. von England las und Tag für Tag gerade das Gegenteil von den Maßregeln ergriff, welche Karl I. genommen hatte? Ranke: Dies ist unrichtig; erst im Gefängnis hat er die Geschichte Karls I. gelesen. König Max: Auf welche Rechtsprinzipien wurde Ludwig XVI. verurteilt? Ranke: Der Hauptanklagepunkt war, daß er ein Verräter an der Nation sei und mit auswärtigen Mächten gegen dieselbe konspiriert habe. Karl I. hingegen wurde mehr einer Verletzung der Interessen der Nation angeklagt. 4. Die Napoleonische Zeit Nachdem die Sache bis auf diesen Höhepunkt gediehen war, so konnten die Republikaner nicht länger mehr regieren. Das System des Schreckens wurde von einigen Gemäßigten gestürzt, die aber immer noch ziemlich weit in ihren politischen Ansichten gingen. Hierauf wurde das Direktorium gegründet. Aber auch dieses konnte sich nicht halten; denn die Nationalvertretung, die ihm zur Seite stand, war in ewigem Schwanken begriffen, da verfassungsgemäß immer ein Dritteil der Repräsentanten austreten und nach einer gewissen Periode durch Neugewählte ersetzt werden mußte. Weder im Innern noch nach außen hatte das Direktorium Glück; die neue Koalition des Jahres 1798, gebildet von Österreich, Rußland und England, verbündet mit der starken royalistischen Partei in Frankreich, die besonders in Paris und andern Städten mächtig war, machte siegreiche Fortschritte. Wäre damals ein General, wie Monk, George Monk, Herzog von Albemarle († 1670), englischer Feldherr, der im englischen Bürgerkrieg auf Seiten des Königs focht, 1646 ins Parlamentsheer übertrat und nach Cromwells Tod im Streit zwischen Armee und Parlament für das Parlament eintrat, aber die Verbindung mit Karl II. aufnahm und im Parlament die Zurückrufung der Stuarts auf den englischen Thron durchsetzte. für das Königtum aufgetreten, so wären wahrscheinlich damals schon die Bourbonen auf den französischen Thron wieder eingesetzt worden; allein es geschah das gerade Gegenteil von dem. Ein ausgezeichneter General war zwar da, der in den früheren Kriegen bereits das beste getan, Italien erobert und in Ägypten großen Ruhm davongetragen hatte; aber den legitimen König wiederherzustellen, das lag ihm ferne; er selbst wollte Meister von Frankreich sein. Bonaparte setzte sich nach seiner Rückkunft aus Ägypten im Jahre 1799 in den Besitz der Macht als Konsul. Nun fing er an, den ganzen Staat umzubilden und den größten Teil von dem rückgängig zu machen, was die Republikaner eingeführt hatten. Er zeigte unendliches Talent, der Finanzverwirrung zu steuern; als Konsul bereits ließ er den Code Napoléon verfassen und restaurierte dadurch die Justiz; er schloß das Konkordat mit dem Papste ab und restaurierte die Religion; er setzte die ganze Administration auf einen neuen Fuß und restaurierte das Militär. Kurz er war eines der größten Genies für Staatsverwaltung. Er machte der Koalition ein Ende und trat nun auf als der große Mann der Welt. Er ließ zwar keine Spur von Anarchie übrig, aber er nahm die Revolution in allen ihren Resultaten an. Er restaurierte z.B. zwar die Kirche, ließ aber die geistlichen Güter in den Händen derer, die sie während der Revolution erworben hatten; er erkannte die Vernichtung aller früheren Privilegien an, wollte aber auf sie die Monarchie gründen. Er versuchte es, mit einer Verfassung zu regieren, aber es gelang ihm ebensowenig wie Cromwell. Mit einem Worte, er wollte Meister der Welt werden und eine Dynastie gründen, vor der alle anderen sich beugen mußten. Napoleon war nicht Kaiser von Frankreich allein, wie Thiers sagt, sondern ging von der Ansicht aus, daß er der Nachfolger Karls des Großen sei, wie er selbst oft sich äußerte. Der vornehmste Gegensatz, mit dem er zu kämpfen hatte, waren die Engländer, und da Österreich sich der Engländer annahm, so stürzte er sich auf dieses und vernichtete es (im Preßburger Frieden 1805). Preußen, welches sich nicht zur rechten Zeit mit Österreich alliiert hatte und ihm in sein Geschäft dreinredete, vernichtete er ebenfalls. Spanien nahm er durch eine Intrige ohnegleichen, durch welche er den König von Spanien dahin brachte zugunsten seines Bruders Joseph zu abdizieren. Auf diese Weise kam die Revolution auch nach Deutschland, aber sie kam dahin nicht in der Gestalt des Schreckens, Einzelne Erscheinungen terroristischer Natur kamen am Rheine vor; in Mainz z.B. war eine Guillotine aufgerichtet. sondern mehr in monarchischer Form. Napoleon hatte endlich das Deutsche Reich zur Abtretung des linken Rheinufers gezwungen, und um die dadurch in Schaden geratenen deutschen Fürsten zu entschädigen, bewilligte er die Aufhebung der ganzen hierarchischen Verfassung und die Mediatisierung einer großen Anzahl von Reichsstädten. Einige deutsche Territorien wurden hiebei von Napoleon vergrößert, was man ein Glück für Deutschland nennen darf, da infolgedessen wenigstens noch einige der altgermanischen Ideen aufrecht erhalten werden konnten. In dieses neugestaltete Deutschland trat nun die Revolution als Umsturz der früheren Verfassung und zugleich als Herrschaft des französischen Kaisers ein, der nach Besiegung Österreichs und Preußens den Herrn in Deutschland spielte, den Rheinbund gründete und der Herrschaft der deutschen Fürsten wohl bald ein Ende gemacht hätte, wenn er Meister geblieben wäre. Da kam denn in Deutschland die Manie der Volksverbesserung und des Vernichtenwollens alles Bestehenden an die Tagesordnung. Diese Ideen haben indessen hier aus sich selbst nichts vermocht; alles geschah im Nachtrieb von Frankreich. Das gedemütigte Österreich mußte Napoleon seine Tochter geben, denn er wollte eine große neue Dynastie gründen und dazu mußte er einen legitimen Erben haben. Wer kann sagen, was aus Europa geworden sein würde, wenn ihm dieser Plan gelungen wäre? Mit Rußland hatte Napoleon anfangs in gutem Einvernehmen gestanden, ja es war eine Zusammenkunft der beiden Monarchen gehalten worden, bei welcher Rußland und Frankreich gleichsam die Welt unter sich teilten. Allein diese Freundschaft konnte keinen Bestand halten. Es entstanden Differenzen zwischen beiden Mächten und die führten endlich zu dem ungeheuren Zuge Napoleons nach Moskau, der in der Weltgeschichte ohne Beispiel gewesen ist. Wer kann wohl sagen, was aus der Welt geworden wäre, wenn nicht die Russen als Halbbarbaren ihre Hauptstadt angezündet hätten, und wenn Napoleon in Moskau Winterquartier hätte nehmen können? Nach diesem unglücklichen Feldzug erwachte in Deutschland neuer Mut, namentlich in Preußen, obwohl es damals zu völliger politischer Unbedeutendheit herabgesunken war. Der Eintracht der Alliierten gelang es dann, der Napoleonischen Herrschaft ein Ende zu machen. Bayern war so glücklich, noch im rechten Augenblick sich den gegen Napoleon verbündeten Mächten anzuschließen. Dieser Weltkampf und der Sturz Napoleons bewirkten nunmehr, daß die europäischen Mächte sich so auseinandersetzten, wie es – im ganzen genommen – noch heutzutage geblieben ist. Auf den damals 1814 und 1815 geschlossenen Verträgen beruht die ganze Gestaltung von Europa. 5. Die konstitutionelle Zeit Die ganze Aufmerksamkeit, die bisher den auswärtigen Angelegenheiten zugewendet gewesen war, richtete sich nun auf die inneren Verhältnisse. Da war kein Land, wo nicht die beiden Prinzipien der Monarchie und der Volkssouveränität miteinander in Widerstreit geraten wären. In dem südlichen Europa, in Spanien, im römischen und in einigen andern italienischen Staaten versuchte man das Königtum pure zu restaurieren. In den übrigen Staaten aber war man nicht dieser Ansicht; man wollte das konstitutionelle Wesen, welches in dem Napoleonischen Zeitalter, wo es bestanden hatte, bloße Formel gewesen war, in seiner Wirklichkeit herstellen. Man wollte die beiden Prinzipien – Nationalsouveränität und Monarchie, Erblichkeit von oben, Selbstregierung von unten – miteinander vereinigen. Dies war das Losungswort in Europa. Sogar der Selbstherrscher aller Reußen, Kaiser Alexander, glaubte, durch eine Konstitution in Polen regieren zu können; und die Bourbonen gaben eine Konstitution, die gar nicht schlecht war. Auch in Deutschland, welches der Lage der Dinge gemäß statt zu einem Kaisertum zu einem Staatenbunde vereinigt worden war, wurden die konstitutionellen Prinzipien eingeführt, ausgenommen in Preußen, wo die Provinzialstände blieben, und in Österreich, wo man zwar auch Provinzialstände hatte, aber am meisten hinter den konstitutionellen Ideen zurückgeblieben war. So wurde der Kampf, der bisher in den großen Regionen der Welt sich bewegt hatte, in das Innere der Staaten versetzt und die konstitutionelle Tendenz, die man als einen Fortschritt der Zeit betrachtete, wurde überwiegend, nachdem durch den langen Kriegszustand das monarchische Prinzip verstärkt worden war. Da traten die Ereignisse des Jahres 1830 ein. Die Konstitution der älteren Bourbonen war nicht fähig, die Ordnung zu erhalten. Bei der ersten Bewegung der Bourbons, welche sich gegen die Konstitution und die darin garantierte Preßfreiheit richtete, entstammten die populären Gefühle, welche in den letzten Jahren an Intensität gewonnen hatten und nicht vergessen konnten, daß die Bourbons die Erneuerung ihrer Herrschaft fremden Nationen verdankten. Die alte Charte und die alte Dynastie wurden gestürzt und das Haus Orleans kam auf den Thron. Aber auch dieses neue System genügte den Franzosen nicht. Es herrschten unaufhörliche Streitigkeiten über Fragen der Verfassung, und die Erhitzung zugunsten der konstitutionellen Prinzipien wirkte sogar auf England zurück und veranlaßte dort jene Parlamentsreform im liberalen Sinne. Infolge dieser Bewegungen wurde das neue Königreich Belgien gegründet und ganz Europa geriet in Gärung. Dazu kam, daß Preußen im Jahre 1840 sich ebenfalls veranlaßt sah, von der bisher beschrittenen Bahn der reinen Administration mit Provinzialständen abzuweichen und einen Versuch zu machen, das Ständewesen zu restaurieren. Doch führte dieses nicht zum rechten Ziele, und endlich kam man im Jahre 1847 zu dem vereinigten Landtag, welcher, nachdem er berufen war, eine entschiedene Richtung nach der liberalen Seite nahm. Das äußerte den größten Einfluß nicht nur auf Deutschland, sondern auf ganz Europa. Die Ideen des Umsturzes entwickelten sich in jedem Augenblicke mit größerer Stärke, ohne daß ihnen die Regierungen die gehörige Kraft entgegensetzten, bis sich aus der Tiefe der Dinge die Revolution vom Jahre 1848 bildete, in welcher auch der quasilegitime König verjagt wurde, und die förmliche Republik zutage kam, zwar nicht als Schreckensherrschaft, aber doch als eine Darstellung der Nationalsouveränität. Dies hatte eine ungeheure Rückwirkung auf Deutschland, so daß die großen Mächte Österreich und Preußen selbst von ihrer Basis herabgeworfen wurden und die Neigung aufkam, alle Autorität in Zweifel zu setzen und die öffentliche Gewalt bloß auf die Nationalsouveränität zu gründen. An der Unmöglichkeit der Durchführung und an dem militärischen Prinzipe fanden diese Umsturztendenzen endlich ihren unübersteiglichen Widerstand. Indem alles sich rekorrigierte, stand auch in Frankreich ein Machthaber auf, welcher die Nationalsouveränität mit der höchsten Gewalt in Verbindung setzte. Louis Napoleon hat insofern eine gewisse Beziehung zu den übrigen europäischen Fürsten, als er ein Monarch und zwar ein absoluter Monarch ist; aber im Prinzip ist er ihnen entgegengesetzt, indem er durch Wahl Kaiser geworden ist und so gewissermaßen das Prinzip der neueren Zeit repräsentiert. Die Entwicklung der Dinge hat also, in Kürze resümiert, zu folgenden Erscheinungen geführt. Es besteht erstens die Republik in Nordamerika; zweitens die modifizierte und mit liberalen Ideen erfüllte ständische Verfassung in England; drittens die Nationalsouveränität der nordamerikanischen Prinzipien, monarchisch gestaltet, in Frankreich; viertens die alten auf dem Geburtsrecht beruhenden Fürsten in Deutschland; fünftens von diesen gewaltigen Elementen unaufhörlich gefährdet, in Rußland das Prinzip der rein slavischen Autokratie. Es versteht sich von selbst, daß durch alles das eine ungeheure Gärung in die Welt kam, indem diese Prinzipien aufeinander agieren und reagieren. Was die jetzige Weltgestaltung noch näher bestimmt, ist der Umstand, daß diese Fragen sich auch auf das Gebiet der auswärtigen Politik warfen, und zwar auf die Auseinandersetzung der Grenzen, indem der Gewalthaber in Frankreich nicht gemeint scheint, die alten Grenzen anzuerkennen, und nun der Krieg zwischen Rußland und den Westmächten ausgebrochen ist, von dem man nicht weiß, wohin er führen wird. Die Mächte haben ihre wahre Position noch nicht gefunden, und wir haben deshalb gefährliche innere und äußere Kämpfe zu erwarten. Die mehr liberalen Potenzen haben sich mehr auf die Seite der Türkei geschlagen; die mehr konservativen, mit Ausnahme Österreichs, auf die Seite Rußlands. Durch die Unbesonnenheit des russischen Kabinetts ist der Talisman, welcher die Geister in Ruhe fesselte, gelöst worden, und alle diese gewaltigen Regungen, welche in der jüngsten Zeit gebannt worden waren, tendieren nun wieder gegeneinander. Auch das aber ist noch nicht das letzte Wort der heutigen Geschichte. Weil alles auf dem tiefen Boden der europäischen Geschichte beruht, so erweckt der Rückblick auf die Erfahrungen der Vergangenheit die Hoffnung, daß aus den größten Gärungen und Gefahren, in denen zu leben, geschweige denn zu regieren, einen hohen Grad von Energie und Umsicht erheischt, wieder vernünftige Zustände hervorgehen werden; um so mehr, als die materiellen Entwicklungen der Dinge in der größten Ausbreitung begriffen sind. Und so will ich hiemit schließen mit den Worten, mit denen Macchiavell seinen »Fürsten« eröffnet: »Was ich in langer Zeit gelernt habe, biete ich dir in wenigen kurzen Sätzen dar.« Mein Ziel ist aber das entgegengesetzte. Während von Macchiavell der Fürst zur Ruchlosigkeit aufgefordert wird, ist mein Streben vielmehr, Ew. Majestät in ihren Tugenden zu befördern. Schlußgespräch König Max: Was kann man als die leitenden Tendenzen unseres Jahrhunderts bezeichnen? Ranke: Ich würde als leitende Tendenzen unserer Zeit aufstellen: die Auseinandersetzung beider Prinzipien, der Monarchie und der Volkssouveränität, mit welcher alle andern Gegensätze zusammenhängen; ferner die unendliche Entfaltung der materiellen Kräfte und die überaus vielseitige Entwicklung der Naturwissenschaften. Jenseit der Streitigkeiten, die den Staat berühren, treten auch noch immer geistliche Tendenzen hervor. Der menschliche Geist ist in einer unermeßlichen Fortentwicklung begriffen und gerade der Kampf der Gegensätze trägt dazu bei, diese Entwicklung zu fördern. Gerade wie der Kampf zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt sehr dazu beitrug, die europäische Christenheit zu entwickeln, so ist dies auch bei dem gegenwärtigen Kampfe zwischen Monarchie und Volkssouveränität der Fall. Welche ungeheure Kraft hat nicht z.B. das revolutionäre Wesen in Frankreich geäußert, um sich Europa zu unterwerfen, und umgekehrt, welche Fülle von Kraft hat nicht das übrige Europa gezeigt, um das revolutionäre Frankreich zu bändigen! Von all diesen Dingen hatte die frühere Welt keine Idee. Diese Überwältigung aller andern Elemente, die in der Welt sind, durch den Geist der abendländischen Christenheit, namentlich durch die germanischen Ideen ist ganz beispiellos. Eine solche Macht, wie sie England aufgestellt hat, verdoppelt durch die verwandten anglo-amerikanischen Ideen, ist noch nie vorhanden gewesen. Die Engländer beherrschen die ganze Welt mit ihrem Handel; sie haben Ostindien, sie haben China Europa geöffnet; alle diese Reiche unterwerfen sich gleichsam dem europäischen Geiste. Darin liegt eben diese ungeheure Übermacht des konstitutionellen und des republikanischen Prinzipes, weil die Völker, bei denen diese Staatsform herrscht, das meiste in der Welt ausrichten. Sie schreiten immer vor; sie kommen jetzt der Türkei zu Hilfe, aber ihr Zweck ist, sie zu unterwerfen und abhängig zu machen, und das wird auch der Erfolg sein. Die Ausbreitung des romano-germanischen Geistes ist eine ganz ungeheure, um so mehr, da sie nicht mehr durch die kirchliche Form gefesselt ist. Der romano-germanische Geist geht über die Form der Kirche hinaus und dehnt sich frei und ungebunden als Kultur durch die ganze Welt aus. Eine ungeheure Teilnahme des großen Publikums am geistigen Leben, eine immense Expansion der Kenntnisse, eine lebendige Teilnahme an öffentlichen Dingen charakterisiert unser Zeitalter. Man muß diese Zeit nicht verkennen. Es ist ein Glück, in derselben zu leben, aber schwer ist es für jeden, inmitten dieser beiden einander entgegengesetzten Tendenzen, welche alle Kräfte ergreifen und in jedem Augenblicke uns nahetreten, und inmitten dieser unendlichen Mannigfaltigkeit des Lebens, die sich über die Erde ausbreitet, sich zu bewegen. Da ist kein Beamter, kein Lehrer, kurz niemand, der sich in einer öffentlichen Stellung befindet, bis zu den untersten Sphären hinab, der sich nicht in ein bestimmtes Verhältnis zu jenen beiden Prinzipien setzen müßte. Darin liegt allerdings etwas für den Geist ungemein anregendes; wer aber darauf ausgeht, bloß darin eine Tendenz der Weltgeschichte zu sehen, daß die Nationalsouveränität über alles herrschend werde, der weiß nicht, was die Glocke geschlagen hat. Denn mit diesen Bestrebungen haben sich so viele destruktive Tendenzen vereinigt, daß die Kultur und die Christenheit bedroht wären, wenn sie die Oberhand gewinnen würden. Dadurch bekommt also auch die Monarchie wieder eine Wurzel in der Welt, indem sie nötig wird, um die destruktiven Tendenzen auszurotten, welche von den populären Prinzipien, wie von einer großen Flut, mit hereingeschwemmt werden. In dieser Aktion und Reaktion der Geister liegt eine ungeheure Bewegung und zugleich ein großes Lebenselement. König Max: Ist die Ausprägung der Nationalitäten auch ein Zug unserer Zeit? Ranke: Allerdings tendiert die Nationalsouveränität dahin. Frankreich z. B. hat sich als Nation gegen die Fremdherrschaft erhoben; ebenso Rußland und Deutschland gegen die Franzosen. Diese Nationalitäten haben also eine größere Bedeutung gewonnen. Eine ganz andre Frage ist aber die Konstituierung der Nationalitäten als Staaten, welche auch zu den Lieblingsideen unserer Zeit gehört. Deutschland aber hat sich wie ein Mann gegen Frankreich erhoben, ohne als Staat konstituiert gewesen zu sein; also hängen diese beiden Begriffe, Ausprägung der Nationalitäten und Konstituierung derselben zu Staaten, nicht mit Notwendigkeit zusammen. Die Abschließung der Nationalitäten aber gegeneinander ist jetzt nicht mehr durchführbar; sie alle gehören mit zum großen europäischen Konzert. König Max: Wenn man in seiner Zeit etwas Bedeutendes wirken will, soll und kann, so muß man also seine Zeit verstehen, die Aufgabe derselben sich klarmachen und eine gewisse Zeitrichtung ergreifen, um die besondere Aufgabe, die man sich hiernach gestellt hat, zu realisieren? Ranke: Vor allem muß man die Welt verstehen und dann das Gute wollen. Es ist beim Privatmann dasselbe wie beim Fürsten; nur in der Potenz ist die Aufgabe verschieden. In seiner Zeit stehend, muß er dasjenige tun, was ihm notwendig scheint und was ihm sein Gewissen diktiert. Er darf seine Feinde nicht für gering achten und sich nicht eine Vorstellung von den Dingen machen, wie sie nicht sind. Glaubt er nach seinem besten Wissen und Gewissen mit den Strömungen der Zeit gehen zu können, so soll er es tun; ist er nicht dieser Meinung, so darf er sich ihnen nicht hingeben. König Max: Was ist die Aufgabe des deutschen Regenten in dieser Zeit? Ranke: Es wird sehr schwer sein, die vorwaltende Tendenz der jetzigen Zeit ganz zu verwerfen; sie zu ignorieren, ist auch nicht möglich. Das Wahre liegt wohl in der Mitte. Der Fürst muß sein Prinzip der Erblichkeit, der Regierung von oben her, festhalten, solange er kann, demungeachtet aber alles das tun, was in der Richtung der Zeit liegt, und was auch eine aus der Nationalsouveranität entsprungene Macht tun würde. Ich glaube nicht, daß man die Kammern abschaffen kann, aber modifizieren muß man sie. Auch das ist die Aufgabe des Regenten, die Nationalität zu entwickeln, was gleichfalls mit der Idee der Zeit zusammenhängt. Die Erfüllung dieser Aufgabe im einzelnen unterliegt freilich großen Schwierigkeiten; jede Frage muß nach ihrem inneren Werte behandelt werden. König Max : Wie nun das Prinzip der Kirche wieder aufgetaucht ist, und dieselbe ihre Stärke in der demokratischen Richtung der Zeit sucht, so scheint sie wohl die Furcht vor derselben zu benutzen, um uns einseitig ihre Tendenz aufzunötigen? Ranke : In der Demokratie liegt auch ein starkes Element gegen die Kirche; die Demokratie hat doch mit der weltlichen Autorität dasselbe Interesse; sie wird sich nie einer Theokratie unterwerfen wollen. König Max: Kann man annehmen, daß es jetzt eine größere Menge von ausgezeichnet gesitteten Menschen gebe als früher? Ranke: Das läßt sich kaum behaupten. In der Sittlichkeit kann ein Fortschritt nicht angenommen werden, denn die Sittlichkeit ist zu sehr mit der Persönlichkeit verbunden. In der Humanität aber ist ein Fortschritt wahrnehmbar, d.h. das Volk betrinkt sich jetzt weniger als früher; es prügelt sich weniger usw. Daß aber in jedem nachfolgenden Jahrhundert eine größere Anzahl von sittlich höher potenzierten Menschen existiere, läßt sich nicht annehmen. Auch glaube ich nicht, daß in diesem Jahrhundert eine größere Anzahl intelligenter Leute sich vorfinde als in dem vorigen Jahrhundert. König Max: Was ist wohl von der Nemesis in der Geschichte dann zu halten, wenn nicht bloß die leitenden Persönlichkeiten, sondern das ganze Volk ein Nationalverbrechen begangen hat und sich auf einer unrechten Basis bewegt? Ranke: Das ganze Volk wird darunter leiden müssen. Frankreich z. B. hat für die Verbrechen der Revolution ungeheuer gelitten. Die Franzosen sind jetzt ärger gefesselt als je zuvor. König Max: Ludwig Napoleons Herrschaft beruht auf der Volkssouveränität; aber wird nicht das Volk eben darin die Berechtigung finden, ihn wieder abzusetzen? Ranke: Darin liegt die Gefahr, die bei dem stabileren Prinzip der Legitimität weniger zu befürchten ist.