Hans Ostwald Vergnügte Tiere Copyright 1928 by Paul Franke Verlag, Berlin. Einleitung. Eine lustige Menagerie baut sich vor dem auf, der sich mit Tieranekdoten und Tiergeschichten beschäftigt. Groteske, erheiternde und spaßhafte Töne klingen ihm entgegen. Hier und da dröhnt auch etwas wie Naturnähe, wie die große Kraft, die uns alle zwingt. – Humor, der von Tieren stammt, gibt es allerdings wenig – trotzdem niemand behaupten kann, daß, Tiere nicht auch Humor haben. Jeder, der einen Hund oder eine Katze besitzt, wird humorvolles von seinem Tier erzählen können. Humorvolles, das nicht nur in den Augen der Menschen humorvoll erscheint, sondern auch von den Tieren humorvoll gemeint war. Die meisten humoristischen Tiergeschichten hat jedoch der Mensch erfunden. Und fast alle Tierwitze zeigen das Tier nur als Mittel zum Zweck, über das Tier oder über einen Menschen zu lachen. Oder Name und Art der Tiere werden benützt, eine komische Situation zusammenzustellen. Wenn Menschen und Tiere Zusammenstoßen, so gibt das allerdings meist ein ernsthaftes Ereignis. Aber die vielen Freuden, die der Mensch mit dem Tier erlebt, haben seinen Humor auch in sein Verhältnis zu den Tieren eindringen lassen. Und da manche Tierfreunde sich auch von recht komischen Seiten zeigen, so fehlt es nicht an Scherz, Satire, Spott und Hohn, die sich über Menschen und Tiere ausgießen. Das heißt, über die Menschen wird viel mehr gelacht als über die Tiere. Die Tiere sind meistens nur ein Vorwand. Der Spatz, der Löwe und die Hunde werden genannt – aber der Mensch ist gemeint! Das scheint überhaupt eine Hauptaufgabe der Tiergeschichten und der Tierscherze zu sein: Den Menschen zu enthüllen, ihm ein Beispiel zu geben, ein Gleichnis zu sein. Bei den frühesten Schriftstellern finden sich solche »Fabeln«. Und im 18. Jahrhundert waren sie eine gar beliebte Form, um den Menschen gründlich die Meinung zu sagen. Da diese Fabeln mehr oder weniger verstaubt, oder da sie aus Schulbüchern bekannt sind, wird in diesem Buch auf sie verzichtet. Auch auf die vielen bekannten Tiergeschichten bei Eulenspiegel und in vielen andern leicht erreichbaren Büchern, wie auf Goethes Reinecke Fuchs, auf Münchhausens Jagd- und Seeabenteuer, wird hier nicht näher eingegangen werden. Nur weniger Bekanntes – und was unbedingt in ein humoristisches Tierbuch hineingehört, ist aufgenommen worden. Daß die Tierwelt den Menschen besonders stark zur Darstellung und besonders zur humoristischen Darstellung lockte, beweisen die eben genannten Werke. Allerdings handelt es sich nicht nur und nicht immer um Humor, der aus der Tierwelt und ihrem Wesen selbst hervorgeht. Meistens dient das Tierleben nur zur mehr oder weniger drastischen Verspottung des Menschen. Je größer das Kunstwerk, um so mehr gleicht sich das Tier dem Menschen an – ohne doch von seinem Wesen das geringste zu verlieren, ja, um so mehr in seiner Natur zu beharren und zu blühen, wie eben im Reinecke Fuchs. In vielen Witzen und Scherzen ist das anders. Da kommt nur eine Neckerei mit Tieren oder tierischen Unarten hervor. Aber in ein solches Buch wie dieses gehört eben alles hinein, was auf die Tiere gemünzt ist oder um Tiere sich dreht – auch wenn die Tiere nur den geringsten Anlaß geben. Alles, was zum Lachen reizt und mit Tieren zu tun hat, wegen der Tiere geschieht oder den Menschen irgendwie mit Tieren verbindet, soll wenigstens in einer einigermaßen erquickenden und umfassenden Auswahl hier beisammen sein. Deshalb sind trotz der oben betonten Beschränkung manche Werke wohl fortgelassen worden, aber von anderen, die weniger bekannt oder schwer erreichbar sind, wurden einige Proben gegeben, so z.B. von den naturnahen Erzählungen Fritz Reuters und auch von den Gedichten Scheffels. Selbstverständlich wurde auf das allbekannte Gedicht »Ein lustiger Musikante marschierte einst am Nil« – und »Es rauscht in den Schachtelhalmen« verzichtet. Aber einige Proben dieser Art von Humor sollten und durften hier nicht fehlen. In dem Inhaltsverzeichnis wird der Leser übrigens eine Unzahl von bekannten Namen finden, von Lessing über Möricke und Storm und Hoffmann von Fallersleben, dessen köstliche Hunde immer noch am Po suchen – bis zu Svend Fleuron, Felix Salten, Gustav Meyrink, Josef Winkler, Bengt Berg sind auch zahlreiche Namen zu finden, die weniger beachtet sind, die aber sehr frisch und belustigend von Tieren oder Menschen mit Tieren Zu erzählen wußten. was sonst zum Inhalt dieses Buches zu sagen ist, findet der Leser stets in den einleitenden Sätzen zu den einzelnen Abschnitten. Manches grundsätzliche Wort über Tierfreunde, Mensch und Tierwelt, von Wanzen, Flöhen und anderem zoologischen Kram ist dort so kurz wie möglich gesagt. Einzelne hübsche Tiergeschichten findet der Leser auch im »Urberliner« und im »Neuen Urberliner« sowie in »Frisch, gesund und meschugge« und ebenso auch im »Lausbubenbuch«. Und nun allen, die ein Tier lieben, die dem Tiertum ein wenig Zuneigung entgegenbringen, die dadurch manchmal wenigstens Naturnähe empfinden: viel Vergnügen! Auch dann, wenn sie fühlen – hier werden wir, hier werden unsere Lieblinge ja verulkt. Im Kreise des Tieres, im Zusammenschluß Zwischen Mensch und Tier muß auch das zur Geltung kommen. – Zehlendorf. Hans Ostwald. Mensch und Tierwelt. Der Mensch hat immer mit Tieren zu tun gehabt. Anfänglich mögen sie alle seine Feinde gewesen sein. Über als er begann, sie sich zu Freunden zu machen, als sie ihm ihr Zutrauen zuwendeten, erlebte er allerlei heiteres mit ihnen. Manches, was an sich nicht heiter war, sah der Mensch als heiter an. Auch erfand er eine Menge Geschichten und Schnurren, in denen er sich mit der Tierwelt auseinandersetzte. Nicht immer als gütiges Mitgeschöpf. Oft in überlegener, überheblicher und spöttischer Weise. Aber oft ist auch er derjenige, der im Erlebnis mit den Tieren und im Vergleich mit ihnen lächerlich wird. – Eine große Zahl von Witzen zeigt den Menschen ebenso als einen verhöhnten Ignoranten wie als ein Geschöpf, in dem der Humor erwacht, wenn der Mensch mit den Tieren zusammenstößt. – * Die Menschen als Tiere. (Aus einer alten Chronik.) Das Alter der Männer. 10 Jahr ein Kalb, 60 Jahr ein Wolf, 20 Jahr ein Bock, 70 Jahr ein Hund, 30 Jahr ein Schaf, 80 Jahr eine Katze, 40 Jahr ein Löwe, 90 Jahr ein Esel, 50 Jahr ein Fuchs, 100 Jahr genad dir Gott. Das AIter der Weiber. 10 Jahr eine Wachtel, 60 Jahr eine Gans, 20 Jahr eine Taube, 70 Jahr ein Geier, 30 Jahr ein Ayerlaster, 80 Jahr eine Eule, 40 Jahr ein Pfau, 90 Jahr eine Fledermaus, 50 Jahr eine Henne, 100 Jahr: Ich gehe aus. * Die »Henne«. Eines Tages erhielt der Maler Lukas Cranach von dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen den Auftrag, die Vorfahren des Fürsten in Bildnissen zu verewigen, wie nun Cranach an das Bild der Katharina, einer Tochter des Grafen von Henneberg, kam, die ihrem Gemahl, dem Kurfürsten Friedrich dem Strengen, die Grafschaft Henneberg als Heiratsgut mitgebracht hatte, sagte der Auftraggeber scherzend: »Mal' Er mir die Hennebergsche Henne nur recht gut, denn sie hat dem Hause Sachsen ein so schönes Ei gelegt.« * Das Kalb in der Wiege. Als die Hussiten im Jahre 1429 die Stadt Guben verwüsteten, rettete eine alte Frau vor dem Klostertore ihr einziges Kalb, und damit ihr ganzes Vermögen, auf folgende Art. Sie legte dem Tiere altes Kinderzeug an, schnürte es tüchtig zusammen, legte es in eine Wiege und wiegte es mit der größten Sorgfalt. Die von Raub- und Mordsucht erfüllten Hussiten kamen bald auch in die Kammer des alten Weibes, stutzten aber nicht wenig über das Kindlein in der Wiege. Hals über Kopf rannten sie davon und schrien den entgegenkommenden Kameraden zu: »Hier hat der Teufel Junge – ein altes Weib wiegt einen kleinen Teufel!« * Vier Tiere im Menschen. Als Noah nach der Sündflut die Weinrebe fand und sie anbaute, da machte er vier Gruben. In die eine schüttete er Affenblut, in die andere Saublut, in die dritte Schafblut und in die vierte Löwenblut. Dieser Tiere Eigenschaften haben die betrunkenen Leute an sich. Die einen sind wie die Affen, sie springen und sind guter Dinge, und wenn sich einer eine Rippe im Leibe entzwei fällt, so merkt er es nicht eher bis am Morgen, wenn er wieder nüchtern ist. Das sind Affen, und alles, was sie tun sehen, das wollen sie auch tun. Die andern sind Säue. wenn sie betrunken sind, so schreien sie und speien und liegen mehr unter der Bank als auf der Bank und bleiben im Miste liegen, wie es auch sonst die Säue tun. Die dritten sind Schäflein. wenn sie voll sind, so sind sie am frömmsten, reden von der Beichte und von der Hölle, beweinen ihre Sünden – sie haben das trunkene Elend – wollen alle Welt reformieren – und morgens wissen sie nichts mehr davon. Die vierten sind wie die Löwen. Sie wollen fechten, stechen und hauen und alle Welt tot haben. Nun nehme jeder ein Exempel, welchem Tier er gleich sei! Bruder Johannes Pauli. * Die Worte des Bären. Ein Mann wollte durch einen Wald gehen und dingte einen Bauern in einem Dorfe zu einer festgesetzten Summe, daß er ihn durch den Wald geleiten solle, damit er ihm helfe, wenn etwa ein Bär oder Mörder an ihn käme. Als sie nun so durch den Wald miteinander gingen, da kam auch wirklich ein Bär. Der gedingte Knecht stieg flugs auf einen Baum, so daß der Fremde dem Bären allein nicht widerstehen konnte. Zum Glück fiel ihm ein, daß ein Bär einem toten Menschen nichts täte, darum legte er sich nieder auf den Erdboden auf den Lauch und hielt den Atem an. Der Bär ging um ihn herum und roch, ob er keinen Atem spüre, bald an den Ohren, bald an der Nase. Als er aber kein Leben spüren konnte, meinte er, jener wäre tot, und ging wieder weg. Als der Bär nun weg war, stieg der gemietete Mann wieder vom Baum herab, und der Fremde stand auch auf, und beide gingen miteinander zum Walde hinaus. Da sprach der Knecht zu dem Manne: »Lieber, was hat der Bär zu dir geredet, als er dir so in ein Ohr raunte?« Jener antwortete: »Er hat gesagt, ich sei ein Narr, daß, ich einem vertraut hätte, den ich nicht kennte.« Bruder Johannes Pauli. * Der Hund und der Mörder. Ein Mann wurde im Walde ermordet, und niemand wußte, wer es getan hatte. Aber der kleine Hund des Ermordeten war bei der Untat zugegen gewesen, und seit dieser Zeit fiel er den Mörder, der in dem gleichen Dorfe wohnte wie der Ermordete, bei jeder Gelegenheit an, sei es auf der Straße oder in der Kirche. Und der Täter konnte sich in keiner Weise seiner erwehren. Endlich schöpfte man einen Argwohn auf ihn, weil ihm der Hund also feind war, und als man ihn ergriffen, bekannte er auch, er hätte den Mord begangen, worauf man ihm seinen Lohn gab. Wollte Gott, daß die Menschen einander so treu wären, oder nur ein Freund dem andern, als die Hunde ihren Herren sind! Bruder Johannes Pauli, »Schimpf und Ernst«. * Der Wolf und der Hund. Zu einem Wolf, dem es eine Weile sehr schlecht gegangen und der infolgedessen mehr Knochen als Fett zeigte, kam ein sehr feister Hund. Der Wolf sprach zu ihm: »Guter Gesell, wie kommt es, daß du also feist bist, und ich bin so mager?« – »Ja,« antwortete der Hund, »ich diene einem Menschen, und der gibt mir immer genug zu essen!« – Da sprach der Wolf: »So will ich mit dir gehen und will auch dienen!« Als sie nun miteinander gingen, sah der Wolf des Hundes Hals an und sprach zu ihm: »Wie kommt es, daß dein Hals so beschabt und kein Haar daran ist?« – Der Hund antwortete: »Bei Tage legt man mich gefangen und bindet mir ein Halsband um den Hals, das macht mich also blutig. Aber wenn es Nacht ist, bin ich ledig und frei!« Da sprach der Wolf: »Ade, ade, lieber Gesell! Ich will lieber mager und frei, als feist und gefangen sein!« Bruder Johannes Pauli, »Schimpf und Ernst«. * Der Esel. Ein Vater und Sohn in gutem Sinn Trieben einen Esel vor sich hin. Das sah einer und sprach zu ihn': »Ihr müßt fürwahr große Narren sein, Daß ihr den Esel treibt herein, Und dabei beide zu Fuß lauft her, Es setze sich einer drauf vielmehr!« Der Vater ihn seines Willens ergetzt, Den Sohn er auf den Esel setzt. Da kam ein andrer bald zur Hand Und sprach: »Ist das nicht eine Schand', Der alte Mann hier geht im Dreck, Und reiten tut der junge Geck!« Der Vater sprach: »Mein Sohn, wir ha'n Auch hier wohl nicht ganz recht getan. Steig' ab und laß mich sitzen auf, Und du mir nebenher nun lauf'!« Sie hofften, nun wär's jedem recht. Bald sich ein Dritter herbewegt Und spricht: »Wer hat das schon gesehn? Das Kind, es muß im Dreck rum gehn, Der alte Narr reit' nebenher Auf einem Esel, grau wie er!« Der Vater sprach: »Mein Sohn, sag' an, Wie soll es nunmehr sein getan? Wir woll'n noch etwas wagen recht, ob das jemand gefallen möcht'.« Taten beid' auf dem Esel sitzen, Drückten ihn stark, daß er mußt' schwitzen. Kam einer her und sprach: »Sieh' da! Keine größere Narren ich jemals sah. Sie sitzen beid' auf dem Tierlein schwach, Sich keiner sein erbarmen mag. Ihr könntet den Esel eher tragen, Als er euch mit seinem leeren Magen.« Da besannen sich beide nicht lange mehr, Sie trugen an einer Stange ihn her. Des wurden sie müd', und sie wurden verlacht, was schließlich sie beide so wütend gemacht. Daß sie den Esel schlugen tot, Damit sich ende aller Spott. Der Vater zu dem Sohn sprach nun: »Wer einem jeden recht will tun, Der muß wahrhaftig früh aufstahn, Wo ist der Mann, der solches kann?« Eucharius Eyring (1520–1597). * Wie ein Krebs die Schildbürger erschreckte. Eines Tages hatte sich ein armer Krebs verirrt und war gen Schilda ins Dorf geraten. Als ihn hier einige Bürger gesehen hatten, daß er so viele Füße habe, daß er hinter und für sich gehen könnte, und was ein ehrlicher Krebs dergleichen Tugenden mehr an sich hat, gerieten sie in großen Schrecken, denn sie hatten nie zuvor einen Krebs gesehen. Sie schlugen deswegen Sturm, kamen alle über das ungeheure Tier zusammen und rieten vergebens, was es denn wohl sein könnte. Niemand wußte es, bis zuletzt der Schultheiß, sagte, es müsse wohl ein Schneider sein, da es zwei Scheren bei sich habe. Um nun dem Krebs ein Probestück zu geben, setzten sie ihn auf ein großes Stück niederländisches Tuch, und wo der Krebs hin und her kroch, da schnitt ihm einer mit einer Schere nach, denn sie glaubten nicht anders, als daß er als rechtschaffener Meisterschneider das Muster eines neuen Anzugs entwerfe. So zerschnitten sie am Ende das ganze Tuch, bis es zu nichts mehr nütze war, und merkten dann erst, daß sie betrogen waren. Da trat einer unter ihnen auf und sagte, daß er einen sehr erfahrenen Sohn habe, der drei Tage lang auf der Wanderschaft gewesen und zwei Meilen Weges weit und breit gereist sei, der habe gewiß schon solches Getier gesehen. Der Sohn wurde auch in den Rat gerufen und besah sich das Tier lange Zeit von vorn und von hinten und wußte gar nicht, wo er das Tier anfassen sollte und wo es seinen Kopf habe, denn es ging grade hinter sich. Endlich sagte er: »Ich habe gewiß schon viele Wunder in der weiten Welt gesehen, aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Jedenfalls, wenn dies Tier kein Storch oder keine Taube ist, dann ist es gewiß ein Hirsch, denn es scheint ein Geweih zu haben. Aber unter den dreien muß es eins sein.« Jetzt wußten die Schildbürger soviel wie vorher, und als einer den Krebs anfassen wollte, packte ihn dieser mit der Schere dermaßen, daß er laut um Hilfe rief und schrie: »Ein Mörder ist's, ein Mörder!« Als die andern Schildbürger dies sahen, hatten sie genug, setzten sich eilig zu Gericht und ließen folgendes Urteil über den Krebs ergehen: »Sintemalen niemand weiß,, was es für ein Tier sei, es sich aber befindet, daß es uns betrogen und sich für einen Schneider ausgegeben hat, wahrend es doch offenbar nur ein leutebetrügendes, schädliches Tier, ja ein Mörder ist, so erkennen wir, daß es soll gerichtet werden als ein Betrüger und Mörder, und zwar zur mehreren Schmach im Wasser ersäuft werden.« Demzufolge ward einem Schildbürger der gefährliche Auftrag gegeben, den Krebs zu fassen und auf ein Brett zu legen. Er trug ihn dann dem Wasser zu, und die ganze Gemeinde von Schilda ging mit. Da ward er im Besein und Zusehn aller ins Wasser geworfen. Als der Krebs wieder in seinem Element fühlte, da zappelte er und schwamm hinter sich. Die Schildbürger aber sahen dies nicht ohne großes Mitleid an. Einige huben an zu weinen und sagten: »Seht doch nur, wie tut der Tod so weh!« * Die wildesten Tiere. Nicht also kürren und schorren die Ratzen, Nicht also schreien und gmauzen die Katzen, Nicht also pfeifen und zischen die Schlangen, Nicht als« rauschen und prasseln die Flammen, Nicht also schleppern und kleppern die Rätschen, Nicht also plurrn und schnurrn die Prätschen, Nicht also wüten und heulen die Hund', Nicht also brüllet der Löwen ihr Schlund, Nicht also hauset und brauset das Meer, Nicht also stürmet ein krieg'risches Heer, Nicht also reißet und tobet der wind, Nicht also jammert ein schreiendes Kind: Wie zwei wankende, zankende, reißende, beißende, weinende, greinende, mockende, bockende, trutzige, schmutzige Eheleut'. (Abraham a Sancta Clara: Aus der Abrahamischen Lauberhütt'.«) * Die Ente,. Ente, wahres Bild von mir, wahres Bild von meinen Brüdern! Ente, jetzo schenk' ich dir Auch ein Lied von meinen Liedern. Oft und oft muß dich der Neid Zechend auf dem Teiche sehen, Oft sieht er aus Trunkenheit Taumelnd dich in Pfützen gehen. Auch ein Tier – – o das ist viel! hält den Satz für wahr und süße, Daß, wer glücklich leben will, Fein das Trinken lieben müsse. Ente, ist's nicht die Natur, Die dich stets zum Teiche treibet? Ja, sie ist's; drum folg' ihr nur, Trinke, bis nichts übrig bleibet. Ja, du trinkst und singst dazu. Neider nennen es zwar schnadern; Aber, Ente, ich und du Wollen nicht um Worte hadern. Wem mein Singen nicht gefällt, Mag es immer Schnadern nennen, Will uns nur die neid'sche Welt Als versuchte Trinker kennen. Aber wie bedaur' ich dich, Daß du nur mußt Wasser trinken, Und wie glücklich schätz' ich mich, Wenn mir weine dafür blinken! Armes Tier, ergib dich drein. Laß den Neid dich nicht verführen. Denn des Weins Gebrauch allein Unterscheidet uns von Tieren. In der Welt muß Ordnung sein. Menschen sind von edlern Gaben, Du trinkst Wasser, und ich Wein: So will es die Ordnung haben. Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). * Die Biene und die Gärtnerin. Eine kleine Biene flog Emsig hin und her und sog Süßigkeit aus allen Blumen. »Bienchen,« spricht die Gärtnerin, Die sie bei der Arbeit trifft, »Manche Blume hat doch Gift, Und du saugst aus allen Blumen?« »Ja,« sagt sie zur Gärtnerin, »Ja, das Gift laß ich darin.« Johann Ludwig Wilhelm Gleim (1719-1803). * Die glücklichen Schweine. Als der große Amerikaner Franklin einmal nach England reiste, hielt er sich längere Zeit in den Industriebezirken des Nordens auf. Sein Diener, ein Neger, der unterwegs die Sitten des fremden Landes aufmerksam beobachtet hatte, sagte eines Tages zu seinem Herrn: »England sonderbar Land, Massa; alle arbeiten, Männer arbeiten, Frauen arbeiten, Kinder arbeiten. Feuer arbeitet, Luft arbeitet, Pferd arbeitet, Ruh arbeitet, Schaf arbeitet, Esel arbeitet, alle arbeiten, nur Schwein arbeitet nicht. Schwein trinkt, Schwein schläft, wo will, singt lustig: Yankee doodle, Schwein brummt grimmig über Arbeitsleute, Schwein tut nichts. Schwein geht auf und nieder wie ein Gentleman, nur hat es kein Hemd an, kein Hut auf, keine Perücke auf Kopf, geht barfuß und weiß nicht, wieviel Uhr ist, sonst ganz und gar Gentleman. Oh, die glücklichen Schweine! Sambo möchte gern Schwein sein in England, wenn nicht –« »Wenn nicht was?« unterbrach ihn Franklin. »Wenn nicht Wurstmachen und geräucherte Schinken, Massa.« * Die Tiere und der Mensch. Nachdem der höchste Gott Jupiter die Tiere und zuletzt den Menschen erschaffen hatte, trat der Esel vor seinen Thron und sagte: »Wie lange habe ich zu leben, und was habe ich zu tun?« Darauf versetzte Jupiter: »Dein Leben wird dreißig Jahre währen, und dein Tun wird sein, daß du Lasten tragest, Hunger und Durst leidest und, falls du lässig bist, noch Prügel kriegst obendrein.« Da seufzte der Esel tief auf und sagte: »Ach, gerechter Gott, wenn ich nun ein solches elendes Leben führen soll, dann kürze wenigstens meine Jahre ab um zwanzig auf zehn Jahre!« Dies bewilligte Jupiter, und der Esel ging zufrieden von dannen. Hierauf erschien der Hund und fragte gleichfalls, wie lang er zu leben und was er zu tun habe. Jupiter antwortete: »Dein Leben wird dreißig Jahre währen, und dein Tun wird sein, daß du den Menschen und seine Habe bewachest Tag und Nacht und die Diebe verscheuchest durch Knurren, Bellen und Beißen!« Das gefiel dem Hunde nicht, der gern der Freiheit genossen hätte, und er bat den Jupiter, wenn er doch zur Sklaverei geboren, daß dann die Jahre ihm abgekürzt würden bis auf zehn. Jupiter willfahrte seiner Bitte, und der Hund entfernte sich dankbar. Nach diesem erschien der Affe, der gleichfalls fragte, wie lang er zu leben und was er zu tun habe. Dem antwortete Jupiter: »Dein Leben wird dreißig Jahre währen, und dein Tun wird sein, daß du in deiner Mißgestalt den Menschen als Schauspiel dienest und zum Gespötte der Kinder.« Darüber erboste sich schier der Affe, und er sagte: »Wenn ich doch zu weiter nichts nutz sein soll auf dieser Welt, so kürze mir mindestens meine Jahre ab bis auf zehn.« Das ward ihm auch zugesagt. Zuletzt erschien auch der Mensch vor dem Throne Jupiters, und er fragte den Gott, wie lang er zu leben habe. Jupiter antwortete: »Dein Leben wird dreißig Jahre währen.« – »Wie?« fragte der Mensch. »Nur dreißig Jahre? Ist diese kurze Lebenszeit würdig des vollkommensten Wesens, das aus deiner Hand hervorgegangen?« Da sagte Jupiter: »Wohlan, so will ich dir denn noch die zwanzig Jahre zulegen, die ich dem Esel, und die zwanzig, die ich dem Hunde, und die zwanzig, die ich dem Affen abgenommen habe. Dann aber sei auch dein Tun und dein Leiden: daß du von deinem dreißigsten Jahre an bis zum fünfzigsten Lasten tragest und schwitzest und entbehrest und duldest wie der Esel; und daß du von deinem fünfzigsten bis zum siebzigsten dich und deine Habe ängstlich hütest, wie der Hund, knurrend und murrend; und endlich, daß du die weiteren zwanzig Jahre bis zu deinem neunzigsten zu nichts mehr dienest, als wie der Affe zum Gespött der Kinder.« Und also ist es denn auch geschehen. Aus dem Volksbüchlein von Ludwig Auerbacher. * Der sprechende Papagei. In dem Kriege, den der Kaiser Napoleon mit dem König von Preußen führte, kam ein deutscher Soldat, der aus Schwaben war und den Franzosen auch mithelfen mußte, in ein preußisches Dorf, das von seinen Einwohnern verlassen und ganz ausgeplündert war. In der Mitte des Dorfes stand ein Edelhof, der war ebenso ausgeleert wie das übrige; der Schwabe aber, der großen Hunger hatte, weil die Franzosen alles vorher weggegessen hatten, dachte, es müßte doch schlimm sein, wenn in dem großen Hause nicht doch soviel wäre, um einen Schwaben satt zu machen. Er ging also hinein und sah sich um. Die Küche stand offen; aber es war kein Feuer auf dem Herde. In der Milchkammer lagen die Scherben umher, und im Keller gab's nichts als zerschlagene Fässer. Da dachte er: »Wer doch früher zur Kirchweih gekommen wäre!« und ging die Treppe hinauf bis auf den obersten Boden und wieder die Treppe hinab. Aber es half nichts, als daß er noch müder und hungriger wurde. Endlich hörte er von fernher ein Geschrei: »Hilfe! Hilfe! Wo bleibst du, Spitzbube?« und dergleichen; und da er glaubte, er würde gerufen, ging er dem Geschrei nach und kam in einen Gartensaal. In der Ecke des Saales stand auf einem Tisch ein goldner Käfig, und in diesem schwenkte sich ein grüner Papagei an seinem Ringe. »Wer ruft mich?« fragte der Schwabe, aber der Vogel antwortete nicht. Da dachte jener, in Ermangelung eines anderen Federviehs wäre der Papagei auch ein Braten für ihn, und fing an, mit dem Bajonett nach ihm zu stechen. Der Papagei verstand wohl, daß das nicht gut gemeint war und flog ängstlich hin und her und schrie in seiner Angst: »Pardon, Kamerad!« – »Ei,« sagte der Schwabe, »dich hätte der Henker zu meinem Kameraden gemacht. Ich habe Hunger!« – und stach immerzu. Jetzt rettete sich der Vogel auf die oberste Stange und schrie, so laut er konnte: »Respekt, ich bin der General!« Da fuhr der Schwabe zusammen, stellte sich in Positur, präsentierte das Gewehr und sagte: »Haltens zu Gnaden, Ihr' Exzellenz; ich wußt' nicht, daß Ihr' Exzellenz ein Vogel waren.« – Und damit machte er linksum und marschierte ab und suchte anderswo etwas gegen seinen Hunger. * Der schlagfertige Geistliche. Friedrich der Große ritt einst mit mehreren Generalen und dem bekannten Quintus Icilius, der damals nach den Titel Hofrat führte, spazieren. Ein Geistlicher begegnete ihnen, der einen schönen Engländer ritt und gut zu Pferde saß. »Seh' Er einmal, Quintus,« sagte der König, »wie der Pfaffe dort auf einem Engländer stolziert. Reit' Er doch hin und mach' ihn etwas demütig.« Quintus ließ sich das nicht zweimal sagen. Er ritt hin und sagte zu dem Geistlichen: »Wie, mein Herr, Sie können ein so schönes Pferd reiten, während Ihr Herr und Meister nur ein bescheidenes Eselein bestieg?« »Das würde ich auch gern tun«, antwortete der witzige Sohn der Kirche. »Allein seit Seine Majestät alle Esel zu Hofräten gemacht haben, kann man ja keinen mehr auftreiben.« * Der respektvolle Kutscher. Friedrich der Große war bekanntlich, ein besonderer Liebhaber von Windspielen, und diejenigen von diesen Tieren, mit denen er am meisten zufrieden war, oder die am höchsten in seiner Gunst standen, wurden gewöhnlich dem König in einer sechsspännigen Kutsche nachgefahren. Sie standen unter der Aufsicht eines von den sogenannten königlichen kleinen Lakaien, der auch gewöhnlich ihre Wartung und Fütterung besorgte. Man erzählt, daß dieser Lakai vor den Hunden eine ganz ungemeine Hochachtung besessen habe. Er nahm auf der Kutsche stets den Rücksitz ein, während die Hunde sich des Vordersitzes erfreuten, und er redete sie nie anders als per Sie an. So sagte er zu ihnen: »Biche, seien Sie doch artig! Alcmene, bellen Sie nicht so!« * Blücher und der Esel. Als Blücher durch eine Stadt kam, hatte sich der Magistrat am Tor versammelt, und der Bürgermeister öffnete gerade den Mund zu einer Begrüßungsrede, als ein in der Nähe stehender Esel gewaltig zu schreien begann. Lachend sagte Blücher: »Aber, meine Herrn, immer hübsch einer nach dem andern!« * Hunde im akademischen Hörsaal. In früheren Zeiten war es eine böse Unsitte auf den Universitäten, daß sich die Herren Studenten bis zur Ungebühr mit Hunden umgaben, und selbst in den Vorlesungen erschien mancher mit einem oder zwei, meist sehr großen Hunden. Diese Unart war, wie ein anonymes Anekdotenbuch aus der Biedermeierzeit berichtet, besonders auch in Göttingen eingerissen, zu der Zeit, als der Geheime Rat Pütter und der Ritter Michaelis daselbst Lehrstellen bekleideten. Es gehörte damals direkt zum guten Ton, wenigstens einen solcher Vierfüßler mit ins Kollegium zu bringen. Natürlich hatten die Lehrer, besonders Pütter und Michaelis, oft großes Mißfallen daran, und Pütter besaß eine gewisse Fertigkeit darin, diese Tiere, wenn sie auf sein Katheder kamen, mit dem Fuße so hinabzuschleudern, daß sie weit unter die Sitze der Zuschauer flogen und einen solchen Rippenstoß, weil sie von ihren Herrn eine ganz andere Behandlung gewohnt waren, laut bejammerten. Michaelis aber konnte das nicht tun, weil er bloß vor einem Tische sah. Doch erklärte er oft seinen Unwillen darüber und sagte: »Stehen Sie denn mir oder einem der Zuhörer gut dafür, wenn bei einem Hunde die Tollwut ausbricht und er hier einen von uns beißt, so daß wir uns den Tod oder den Verlust des Verstandes zuziehen? Statt sich Ihre Zeit mit dem Hunde zu vertreiben, sollten Sie lieber zu Hause repetieren und sich für die Vorlesungen präparieren. Haben Sie aber zuviel Brot übrig, so gibt es genug ärmere Leute, denen Sie Ihren Überfluß zu Teil werden können, und die Ihnen dafür dankbar sein werden. Der Hund ist bloß Ihr Parasit. Allenfalls denkt er, das ist ein guter Gesell, der dich satt macht, und mit dem du zum Zeitvertreib spielen kannst. Den ersten Hund, meine Herren, der hier einen unangenehmen Auftritt macht, ersteche ich selbst!« Nachdem Michaelis auf diese Weise eine ganze Zeit lang vergebens gepredigt hatte, kam es zu einem Auftritt, der die unbotmäßigen Studenten doch etwas beschämte. An einem sehr kalten Wintertage brachte ein lievländischer Baron ein Windspiel in den Hörsaal. Die Wärme des stark eingeheizten Zimmers tat dem Tiere wohl, denn es legte sich an den fast glühenden Ofen und streckte alle Viere von sich. Auf einmal aber bekam der Hund Zuckungen und fing an zu heulen, zu schäumen und unbändig zu zappeln. Ein Zuhörer schrie: »Der Hund ist toll, er schäumt!« Auf einmal herrschte eine Totenstille im Saal, und in allen Mienen drückte sich Angst und Beklommenheit aus. Plötzlich drängte sich die Mehrzahl der Zuhörer zur Tür, um hinauszukommen. Einige sprangen wie unsinnig die Treppe hinauf auf den Boden, andere stürzten sich hinunter auf die Straße und verloren Tintenfässer, Hüte und Mappen. Verschiedene wurden auch zu Boden gerissen und getreten oder sonst verletzt. Jedenfalls hatte dieser Vorfall die gute Folge, daß sich jetzt die Musensöhne in acht nahmen, in Begleitung ihrer Hunde im akademischen Hörsaal zu erscheinen. * Warum die Ochsen gegen den Fortschritt sind. Als Pythagoras seinen berühmten Lehrsatz erfunden hatte, opferte er den Göttern hundert Ochsen. Seitdem zittern alle Ochsen, sobald eine neue Wahrheit ans Licht kommt. Ludwig Börne. * Buffon und die Ochsen. Der große französische Naturforscher Buffon ging in einer Gesellschaft über Land spazieren, und man unterhielt sich ihm zu Ehren über naturwissenschaftliche Fragen. Als man an einer Viehweide vorbeikam, benutzte eine Dame die Gelegenheit, sich über eine Frage zu unterrichten, die sie offenbar schon lange beschäftigt hatte. »Ach, Herr Professor,« fragte sie schüchtern, »was ist doch der Unterschied zwischen einem Stier und einem Ochsen?« Buffon war etwas verblüfft über diese sicherlich nicht erwartete Frage. Endlich sagte er: »Sie sehen doch da die Kälbchen, mein Fräulein? Nun, die Stiere das sind ihre Väter, und die Ochsen das sind die Onkel.« * Heinrich Heine's Papagei. Mathilde war schon verheiratet und wohnte in der Rue Bleue, als Heine, voll Eifersucht über die abgöttische Liebe seiner Frau zu ihrem Papagei, mir eines Tages sagte: »Ich werde ihn vergiften, aber sagen Sie ihr um Gottes willen nichts, ich hätte für immer bei ihr verspielt.« Ich kaufte also Schirling und gab ihn ihm heimlich. An diesem Tag aßen wir zusammen außerhalb in einem Restaurant und gingen dann gemeinsam wieder heim; in Erwartung einer Szene hatte Heine mich gebeten mitzukommen. Als Mathilde sah, daß ihr Papagei tot war, stieß sie einen schrecklichen Schrei aus, einen wahren Herzensschrei; sie wurde fast ohnmächtig und wälzte sich, ohne Rücksicht auf Heine und mich, auf dem Boden umher, schluchzte und schrie: »Nun bin ich ganz allein auf der Welt!« Wir mußten lachen, »Was!« rief Heine, »ich bin dir also nichts?« Da sprang sie mit einem Satz auf, und in der Pose Alicens vor Bertram (in Meyerbeers »Robert der Teufel«) rief sie: »Gar nichts! Gar nichts!« Heine lachte immerzu; da ich eine heftige eheliche Szene voraussah – ich hatte ja schon manch solchem Handgemenge auf dem häuslichen Parkett beigewohnt – drückte ich mich. Andern Tags war der Friede geschlossen, aber der Schrei: »Nun bin ich ganz allein auf der Welt!« der jäh aus ihrem Herzen hervorbrach wie ein Springquell aus einem Felsen, war noch Jahre hindurch das Thema unseres Tischgesprächs. Mathilde erfuhr nie, daß ihr Gatte der Mörder ihres Papageis war; sie hätte es ihm nie verziehen. Heine aber kaufte ihr nach acht Tagen einen neuen; er war allerdings häßlicher und bedeutend billiger, und Mathilde war in ihn nicht so ausschließlich vernarrt wie in seinen Vorgänger. Nach Alexander Weill. Aus: Houben: Gespräche mit Heine. * »Ist das Ihre Frau?«. Der alte Menzel saß eines Tages im Huthschen Weinrestaurant, als ihn ein Ehepaar aus der Provinz, das man auf den berühmten Gast aufmerksam gemacht hatte, durch ziemlich ungeniertes Anstarren belästigte. Menzel nahm ruhig sein Skizzenbuch aus der Tasche und begann lebhaft zu zeichnen, wobei er aber immer wieder scharfe Blicke auf die Frau des Fremden warf, so daß es aussah, als ob er sie abzeichnete. Schließlich erhob sich der Herr und trat zu Menzel hin mit den Worten: »Mein Herr, ich verbitte mir, daß Sie hier meine Frau abzeichnen!« Menzel reichte ihm ruhig sein Skizzenbuch hin, auf dem eine behäbige Gans gezeichnet war, und fragte: »Ist das Ihre Frau?« * Allerlei Vieh. Der Maler Schwind hatte eine sehr ungenierte Ausdrucksweise und warf bei all seiner Gutmütigkeit gern mit Schimpfworten um sich. Einmal saß er bei einer großen Festlichkeit mit einem Kollegen in einem Nebenzimmer, und die im Hauptsaal Versammelten hörten von Schwinds Unterhaltung immer wieder laute Kraftausdrücke, wie: Ochs, Esel, Hammel, Rindvieh. Später fragte ihn jemand, was er denn für eine landwirtschaftliche Unterhaltung geführt habe. »Eine landwirtschaftliche Unterhaltung?« erwiderte er ernsthaft erstaunt. »Gott bewahre! Wir haben die ganze Zeit nur von Kunst gesprochen.« * Die Würmer. Der Münchner Zoologe Professor Niederer war besonders versessen auf die Würmer. Das wußten die Studenten natürlich, paukten sich besonders gut auf die Würmer ein und versuchten beim Examen, ihre Kenntnisse an den Mann zu bringen. Der erste Kandidat, Herr Weiberger, kommt herein, der Herr Professor fragt: »Was wissen Sie von der Schnepfe?« »Die Schnepfe ist ein Waldvogel und nährt sich van Würmern. Die Würmer zerfallen in Regenwürmer, Bandwürmer, Spulwürmer, Madenwürmer – –« »Gut,« sagte der Professor, »ich bin sehr zufrieden, Sie können gehen.« Den nächsten Kandidaten fragte der Professor, was er vom Elefanten wisse. Der hat sich auf den Elefanten nicht vorbereitet und stammelt in größter Verlegenheit: »Der Elefant ist ein großes graues Tier, sehr groß, sehr grau und hat vorne einen Rüssel. Der Rüssel ist gekrümmt wie ein Wurm. Die Würmer zerfallen in Regenwürmer, Spulwürmer, Madenwürmer, Bandwürmer – –« »Gut,« sagte der Professor, »auch mit Ihnen bin ich sehr zufrieden.« Nun kommt der Kandidat Siegfried Morgenstern. Ihn fragt der Herr Professor, was er vom afrikanischen Wüstenhund wisse. Morgenstern hat natürlich keine blasse Ahnung, daß es solch ein Tier überhaupt gibt, legt aber frisch drauf los: »Der afrikanische Wüstenhund lebt in Afrika. In Afrika ist ein anderes Klima wie bei uns, da ist es bedeutend wärmer. Die Würmer zerfallen in Regenwürmer, Madenwürmer, Spulwürmer usw. usw. – –« und er war gerettet. * Cuvier und der Teufel. Der berühmte französische Naturforscher Cuvier konnte an dem geringsten Merkmal eines Tieres, einem Zahn und dergleichen nicht nur das Geschlecht und die Klasse, in die es gehörte, sondern auch seine Lebensgewohnheiten und andere Eigentümlichkeiten erkennen. Einst ging er mit jemand in eine Gemäldeausstellung und fand dort unter anderm auch ein Bild, auf dem der Teufel so natürlich und abschreckend gemalt war, daß der Begleiter Cuviers unwillkürlich ausrief: »Man sollte meinen, er wollte einen verschlingen!« – »Verschlingen?« erwiderte der berühmte Mann und sah den abgebildeten Teufel mit den Augen der Wissenschaft an. »Hörner? Huf? Gehört zu den grasfressenden Tieren. Sie brauchen sich vor ihm wirklich nicht zu fürchten!« * Das Tier im Menschen. Der große französische Bildhauer Rodin hat sich öfters den Scherz geleistet, wenn er eine Porträtbüste anfertigte, dieser Büste irgendeine versteckte Ähnlichkeit mit einem Tier zu geben. »Wenn ich einmal heraus hatte,« so erzählte er einem Freunde, »welchem Tiere sie glichen, so brauchte ich nur die Bestie aus dem Marmor hervorzuholen. So habe ich einen südamerikanischen Staatsmann, der einem Kondor glich, als Geier modelliert, ein amerikanischer Milliardär besaß einen Schweinerüssel, und ich habe ihn auch so verewigt.« »Aber haben sich denn die Leute nicht beschwert?« fragte erstaunt der Freund. »Sie müssen sich doch beleidigt gefühlt haben?« »Beleidigt? Wieso?« erwiderte Rodin lachend. »Bei den hohen Preisen, die ich ihnen machte, konnten sie gar nicht anders als die Bilder wundervoll finden!« * Ein Schweinegespann. Ein Mann, der ein kleines Gut unweit St. Alban in England besaß und von jeher als ein wunderlicher Kopf bekannt gewesen war, kam im Sommer 1813 nach St. Alban, als dort gerade Wochenmarkt war. Er reiste auf einem kleinen Wagen, den vier dicke Schweine zogen. In vollem Trabe kam er unter den Zurufen der Menge, die dieses Schauspiel herbeizog, und fuhr drei- bis viermal um den Marktplatz herum. Dann spannte er in einem Wirtshause aus und ließ seinen Schweinen Bohnen geben. Er blieb zwei Stunden in der Stadt und kehrte unter Hurrageschrei und Händeklatschen, das ihn bis vor die Tore begleitete, auf seine Besitzung zurück. Sechs Monate hatte er auf die Abrichtung der Schweine verwendet, die eine überraschende Geschwindigkeit bewiesen. Ein Liebhaber bot ihm für den Zug fünfzig Pfund Sterling, aber er schlug nicht ein. * Brief eines Viehhändlers an einen Schlächter. »Kapitales Vieh, Freund, hab' ich Ihnen aussortiert! Ochsen, Meister, bekommen Sie, daß einem das Herz im Leibe lacht: Kerls wie die Elefanten und gesund wie meine ganze Familie, die Sie herzlich grüßen läßt. Auf Jakobi erhalten Sie das Vieh in zwei Briefen, haben Sie ja selbst den Termin so bestimmt. Das Vieh ist mir wirklich ans Herz gewachsen und unter hundert fl. kann ich mich nicht davon trennen. Müssen aber auch nicht so genau sein, denn es gibt zwar Ochsen genug in dieser Welt, aber es ist ein großer Unterschied zwischen Ochsen und Ochsen. Windhunde, elende Ware gibt's darunter. Die Schweizerkuh, ganz so, wie Ihre liebe Frau sie im Märzmarkte bestellt hat, erhalten Sie mit angeschlossen. Auch Kälber sind bereits fertig, und ich kann mit gutem Gewissen schreiben, die Kälber sind recht honett und billig. Meine fetten Hämmel sind dieses Jahr lauter magere Schöpfe, weil die Hitze zu heiß und die Trocknis zu dürr war. Mit Schweinen gebe ich mich jetzt sehr wenig ab; übrigens können Sie mir doch in der Wurstzeit schreiben, wo ich Ihnen eine Partie von meinen Gedärmen überschicken will. Auch schreiben Sie mir von wegen der Ochsen, ob selbe vielleicht noch vor Jakobi kommen sollen, sonst behalte ich sie auf mein ehrliches Gewissen in Fütterung. Der kleine Irrtum mit der Partie Ochsenhörner auf Ihrer letzten Rechnung ist nicht meine Schuld. Meine Frau, die die Bücher führt, hat, ohne mich zu fragen, mir die Hörner aufgesetzt. Diesen Spaß hat sie mir schon mehrmals gemacht. Vermelden Sie viele Grüße an Ihre Frau und Kinder. Sie wiegen zirka neun Zentner und stehen bei dem Branntweiner Pfanzerl, wo die Bestien keine Not leiden, und ich die Ehre habe, immer zu verbleiben, Ihr wohlaffectionierter Ochs- und Viehhändler.« * Die Tiere und ihr Feind. Der Adler lauscht auf seinem Horst; Der Keiler rauscht zum Kesselforst; Das Kätzlein klinkt am Ast sich fest; Der Wolf , er hinkt zum Felsennest; Das Damwild streicht zum Dickicht ein; Der Fuch s still schleicht zum Bau hinein; Aufstutzt, hinflitzt das scheue Reh ; Die Löffel spitzt der Has' im Klee; Die Ente duckt im düstern Rohr; Das Fischlein guckt nicht mehr hervor´; Und alles schweigt im Hinterhalt: Der Mensch sich zeigt – geht durch den Wald. Christian Scherenberg. * Der Mensch und die Tierwelt. Eine humoristische Naturbetrachtung von Wilhelm Groner. So erhaben sich auch der Mensch neben den anderen Geschöpfen der Erde vorkommen mag, so hat er doch gerade von den Tieren äußerlich und innerlich viele Eigenschaften und Ähnlichkeiten übernommen. Ihn schmückt, wenigstens in der Jugend, eine Löwenmähne, und über seiner Adlernase befinden sich schöne Kuh- und manchmal auch Schellfischaugen, denen unter Umständen die beliebten Krokodilstränen entströmen. Sehr viele Menschen haben auch Hühneraugen, aber die befinden sich nicht im Gesicht. Eine weitere Zierde des auf einem Stiernacken ruhenden Kopfes ist die immer geöffnete Karpfenschnute oder der Schnabel, den sein Besitzer ebenfalls nie halten kann. Von da gelangt man über einen Schwanenhals und eine Hühnerbrust zu dem eigentlichen Körper, der mit einer Rhinozeroshaut bezogen ist. Häufig verwandelt sich diese in eine Gänsehaut. Im Innern des Körpers befindet sich bei dem einen ein Löwenherz, bei dem andern ein Hasenherz, und etwas darunter ein Straußenmagen, aus dem ein Wolfshunger aufsteigt. Durch die Adern fließt natürlich Fischblut. Als Gliedmaßen besitzt der Mensch zwei Gorillaarme mit Bärentatzen und Wurstfingern, ferner zwei Dackelbeine, mit denen er die berühmten Eselsfußtritte austeilt. Seelisch gleicht der Mensch zunächst einmal einer ganzen Reihe von Säugetieren. Er ist geduldig wie ein Schaf, dumm wie ein Esel, schlau wie ein Fuchs, naß wie eine Katze. Er wedelt wie ein Hund, auf den er überhaupt gerne kommt, brummt wie ein Bär, den er sich täglich aufbinden läßt, arbeitet wie ein Pferd, säuft wie ein Igel, schläft wie ein Murmeltier, steht wie eine Ruh vor jedem neuen Tor, tanzt wie ein Esel, der aufs Eis gegangen ist, ist flink wie ein Wiesel, mutig wie ein Löwe, wütend wie ein Tiger und verkriecht sich wie eine Maus in ein Mauseloch, besonders wenn man ihn vorher ins Bockshorn gejagt hat. Kein Wunder, daß er die ganze Welt für ein Affentheater ansieht. Aber in anderer Hinsicht scheint der Mensch entschieden nicht nur einen Vogel zu haben, sondern auch einer zu sein. Wie oft treibt er nicht Vogelstraußpolitik, legt seine Eier in fremde Nester und geht mit den Hühnern zu Bett! Er ist auch stolz wie ein Hahn, eitel wie ein Pfau, locker Wie ein Zeisig, dumm wie eine Gans, geschwätzig wie eine Elster, sanft wie eine Taube. Er stiehlt wie ein Rabe, setzt sich als Kibitz zu den Kartenspielern und bleibt sein Leben lang ein leichtsinniges Huhn, weshalb er schließlich meistens aussieht wie ein gerupfter Spatz. Überhaupt gibt es wohl kaum ein Tier, dem der Mensch nicht einige charakteristische Eigenschaften gestohlen hat. Er ist klug wie eine Schlange, glatt wie ein Aal, rot wie ein Krebs, giftig wie eine Kröte, fleißig wie eine Ameise, flink wie eine Biene, blind wie ein Maulwurf und natürlich aufgeblasen wie ein Frosch. Er krümmt sich wie ein Wurm, hustet wie ein Floh, watschelt wie eine Ente, schnattert wie eine Gans, quakt wie ein Frosch und will immer gerne Hecht im Karpfenteiche oder Hahn im Korbe sein. Hat er im Trüben gefischt, sich eine Raupe in den Kopf oder einen Floh ins Ohr gesetzt und ist ihm dabei eine Laus über die Leber gelaufen, dann wird er wild wie eine Hummel und verschluckt vor Wut Kröten. Das höchste Ideal des Menschen ist es übrigens, wenn er wie eine Made im Speck leben kann. Aber das gelingt leider nicht jedem. * Auf den Tod eines Affen. Hier liegt er nun, der kleine, liebe Pavian, Der uns so manches nachgetan. Ich wette, was er jetzt getan, Tun wir ihm alle nach, dem lieben Pavian. * Der bissige Hering. Ein Bauer, der in die Stadt gegangen war, hatte sich dort einen Hering gekauft. Wie er nun, mit diesem Hering in der Hand, auf ein Wirtshaus zuging, um ihn dort zu verzehren, schoß ein mutwilliger Straßenjunge mit einem Blasrohr so derb auf seine Hand, daß er aus Schmerz den Hering fallen ließ. In der Meinung, der Hering habe ihn gebissen, trat er diesem einige Male auf den Kopf, wobei er ausrief: »Warte, warte, du Bestie, ich will dir das Beißen vertreiben!« * Elefanten. Ein Tischler sagte nach Anfertigung eines Büchergestells: »Ich habe es so eingerichtet, daß die Elefanten unten Platz haben.« Er meinte die Folianten. * Esel und andere Eisenbahnpassagiere. Ein Gutsbesitzer in Celle wollte seiner kranken Schwägerin in Berlin eine Eselin franko mit der Eisenbahn schicken. Aber die Bahnbeamten in Celle hatten für dergleichen Fracht keine Taxe und wollten daher den besagten Esel nur unfrankiert mitnehmen, damit der Fahrpreis in Berlin bestimmt würde. Der Versender gab seine Einwilligung dazu. Aber bei der Ankunft in Berlin wußte man auch nicht, was die Eselin bezahlen sollte, und folgte endlich dem Rat eines Eckenstehers, der, zum weiteren Transport des Esels ausersehen, die Verhandlungen mit angehört hatte und nun meinte: »Natürlich muß er bezahlen, was die erste Klasse kostet, denn man sagt ja, wer in der ersten Klasse fährt, der ist ein Esel.« * Beispiel. Ein Bürger, der mit seinem kleinen Sohn spazieren ging, bemerkte eine Sau mit ihren Ferkeln und sagte belehrend: »Sieh, mein Sohn, an diesen possierlichen Tierchen, was für närrische Geschöpfe wir in unserer Kindheit sind.« * Die Hühner. Jochem war in Berlin, wo er bei der Garde diente, allen landwirtschaftlichen Dingen gegenüber sehr vornehm geworden. Als er auf Urlaub kommt, fragt er seine Mutter: »Was sind das doch für Tierchen, Mutter, mit die fratzenhafte Gesichter?« – »I ja wat, Jung? Hohnder!« – »Hohnder? Mutter, was ist denn das Hohnder?« – »No denn, Jung, Höhner, wenn der dat levver es! – Gott stand mer bei, wenn du noch e Iohr in Berlin blivst, sichste ding ohle Mohder für en Koh an.« * Das mißverstandene Französisch. Im Schönbrunner Garten in Wien stehen zwei Franzosen in der Menagerie an dem Gitter, das den Eisbären umschließt, und einer ruft: » Il s'élève! « – Ein Wiener, der daneben steht, unterbricht sie belehrend: »Es is ka Löw, es is halt a Bär, meine Herrn!« * Die beste Kuh. Ein Milchmann wurde in der Nacht von einem Spaßmacher mit der Nachricht aufgeweckt, daß seine beste Kuh am Ersticken sei. Er sprang gleich aus dem Bett, um ihr zu helfen, fand sie aber ganz gesund. In der Brunnenröhre aber stak eine dicke Rübe. * Anzüglich. Ein Schäferknecht, der ein paarmal aus Furcht vor dem Wolf die Herde verlassen hatte, hörte am Sonntag in der Kirche die Worte: »Der Mietling fleucht, wenn er den Wolf siehet, denn er ist ein Mietling.« Schnell ging er hinaus, lockte seinen Hund und sagte: »Komm, Fix, komm! He stichelt up uns.« * Amphibium. Lehrer: »Was ist ein Amphibium?« Schüler: »Ein Tier, das sich teils auf dem Lande und teils – teils ...« Lehrer: »Nun, teils?« Schüler: »Und teils in der Stadt aufhält.« * Vorstellung. Ein Ochs war wild geworden und rannte durch eine Straße. Ein junger Mann, der sich vor dem Tier fürchtete, rettete sich in einen Porzellanladen und riß dort in seiner hast verschiedene Töpfe und Vasen um. »Verzeihen Sie, hier kommt ein Ochs!« entschuldigte er sich bei dem Ladeninhaber. * Eine unangenehme Sache. »Wo gehst du hin?« rief einem Metzger ein Freund zu, als jener eilig an ihm vorüberrannte. »Laß mich«, erwiderte der Metzger. »Ich habe jetzt keine Zeit. Mir steckt ein Ochse in der Nase.« * Die langlebigen Aale. Ein Irländer sah in einem Wirtshaus einen Koch Aale zurichten, die sich noch bewegten, als sie schon ausgenommen waren. »Das muß ich sagen,« meinte er, »unter allen Tieren, die ich jemals gesehen habe, lebt der Aal am längsten nach dem Tode.« * Tollheit. Ein böses und häßliches Weib wurde von einem Hunde gebissen, und man stritt sich darüber, ob der Hund toll sei. »Sicher war er toll«, meinte schließlich einer, »wer bei der anbeißt, muß toll sein.« * Tierschutz. Bekanntmachung: »Es wird hiermit Jedermänniglich verboten, sein Vieh mit brennenden Pfeifen oder brennenden Zigarren zu füttern. Schuldheißenamt Schildhausen.« * Verstellung. Einem Droschkenkutscher passierte etwas mit seinem Pferd, was ihm damit noch nie passiert war – das Pferd ging nämlich durch. Ohne die Zügel anzuziehen, saß er erstaunt da. Die Dame aber, die in der Droschke saß, wurde ängstlich und schrie: »Um Gottes willen, lassen Sie mich heraus!« »Bleiben Sie ruhig sitzen«, sagte der phlegmatische Kutscher. »Ich kenne mein Pferd besser. Det ist nischt als Verstellung.« * Zeitungsbericht. »Der Hund war totgeschlagen, fing aber gleich darauf wieder zu schreien an.« * Die Fliege. »Herr Wirt, bringen Sie mir eine Flasche alten Rheinwein!« – »Jawohl.« – »Wie alt ist dieser Wein?« – »Er liegt schon fünfundzwanzig Jahre auf Flaschen!« »So, dann hat sich aber diese Fliege gut gehalten, die noch lebendig darin herumzappelt.« * Orthographie. Eine Braut, die eine kleine Schwäche in der Orthographie hatte, ließ sich malen und schickte ihrem Bräutigam das Bildnis mit den Worten zu: »Kennst du diese Ziege?« Er nahm das Abbild der Züge seiner Holden dankbar an, äußerte aber, daß sie ihm in Lebensgröße lieber wäre als im Brustbild. Sie ließ sich nun, wie er gewünscht hatte, ganz malen und schickte ihm das Bild mit den Worten: »Da hast du mich Gans!« * Bekanntmachung. In dem Jahresbericht des Hamburger Tierschutzvereins vom Jahre 1866 wird unter anderm mitgeteilt: »Ein Tischlerlehrling wird zu zwei Tagen Arrest verurteilt, welcher eine an einer Leine befestigte Katze so lange ins Flet tauchte und wieder herauszog, bis sie krepierte und sich dessen noch rühmte.« * Noch eine Bekanntmachung. »Bataillonsbefehl. Von morgen an sind alle Hunde, vom Feldwebel abwärts, in den Kasernen untersagt.« * Kaninchenpoesie. Im Ohlauer »Kreis- und Stadtblatt« liest man folgenden Glückwunsch: »Unserem hochverehrten Vorsitzenden Herrn Emil Arlt nebst Frau Gemahlin zu ihrer Silberhochzeit ein dreifach donnerndes ›Gut Wurf‹. Ohlau, den 21. Juli 1926. Kaninchenzüchterverein ›Einigkeit‹ für Stadt und Land Ohlau.« (Die Vereinsmitglieder wollten damit nur zum Ausdruck bringen, welchen guten Wurf ihr verehrter Vorsitzender getan, als er vor 25 Jahren die Gattin heimführte. Die Red.) * Ein Bulle, wie er sein muß. Das »westfälische Volksblatt« berichtet aus Kneblingshausen: »Unser Gemeindebulle setzt seinen Siegeszug fort, nachdem er im vergangenen Jahre auf der Wanderausstellung der deutschen Landwirtschaft zu Dortmund den Ia-Preis erhalten hatte. Jetzt wurde er in Leipzig mit dem I. Preis ausgezeichnet. Das ehrt die Gemeinde, besonders aber den Bullenhalter und vielleicht auch den Bullen selbst.« * Viehzählung. Eine süddeutsche Dorfgemeinde sandte folgende Meldung an ihre vorgesetzte Behörde: »Gehorsamste Schafanzeige alle Frühjahr wegen der Schafzucht in der Gemeinde Oberburgfelden. Es zeigt pflichtschuldig an, daß die Gemeinde heuer 197 Schafe stark ist, worunter nur ein räudiger Hammel der gehorsamste Gemeindevorsteher Rase .« * Eine Eselsfrage. Richter: »Freund, Ihr seid ein Esel.« Beklagter: »Herr Richter, bin ich Ihr Freund, weil ich ein Esel bin, oder bin ich ein Esel, weil ich Ihr Freund bin?« * Ballgespräch. »Fräulein Else, möchten Sie wohl ein Schwan sein?« »Ach nein, so den ganzen Tag mit dem Bauch im kalten Wasser, das möcht' ich doch nicht!« * Ankündigung. In einem kleinen Städtchen ist ein Menageriebesitzer angekommen und meldet an den Anschlagzetteln unter anderem: »Das Nähere ist an der Kasse bei den wilden Tieren zu erfahren.« Ein anderer, dessen Frau mit einer eigenen Menagerie für sich herumreiste, vereinigte sich wieder mit ihr und kündigte nun an: »Durch das Zusammentreffen mit meiner Frau hat sich meine Menagerie bedeutend vermehrt.« * Gerechte Entrüstung. Ein Bauer steht verwundert vor der Elefantenapotheke still und sagt: »Elefantenapotheke, nee, dat is doch schändlich! Bi uns hefft se in all de drei Buurdörper nich mal en Apthek for de Minschen, un hier in de Stadt hefft se sogar eene for de Elefanten.« * Die Hauptsache. Ein Kutscher einer reisenden böhmischen Herrschaft trat, als diese bei Tische saß, in den Speisesaal, um sich zu erkundigen, ob sie zur Abfahrt bereit sei, und meldete: »Ew. Gnaden, Pferd meinige haben's schon fresse. Wann Sie haben's auch, kann me weiterfahren.« * Der Ausrufer. Vor einer Menagerie stand ein Ausrufer und lockte die Leute an: »Immer herein, meine Herren und Damen! Die seltensten Tiere sind hier zu sehen: Tiger, Eisbären und wilde Löwen! Jeder zahlt nur fünf Groschen und kann sich nicht besser unterhalten, indem alles anstaunenswürdig ist! Kinder und Leute ohne Geld zahlen die Hälfte!« * Schlaukopf. »Onkelchen, zieh' mal Bobbi am Schwanz.« »Warum denn?« »Ich will mal sehen, ob er beißt.« * Das Ichneumon. In einem Eisenbahnzug fuhr ein Mann mit einem verdeckten Kasten, in dem offenbar etwas Lebendiges steckte. Endlich fragte ihn einer der Mitreisenden: »Sagen Sie einmal, was haben Sie eigentlich in dem Käfig?« »Hm«, machte der Mann geheimnisvoll. »Das ist nämlich eine sehr merkwürdige Geschichte. Ich habe also einen Bruder, der hat Delirium. Und wenn er nun einen Anfall bekommt, dann sieht er immer weiße Ratten. Darum hab' ich ihm ein Ichneumon gekauft, das soll nämlich die Ratten wegfressen.« Eine Weile schwieg der andere mit sehr nachdenklichem Gesicht. »Aber erlauben Sie mal«, sagte er endlich. »Wenn Ihr Bruder Delirium hat, dann sind das doch keine richtigen Ratten, die er sieht.« »Weiß ich«, sagte der Mann mit dem verdeckten Käfig. »Es ist aber auch kein richtiges Ichneumon, sondern ein Eichkätzchen.« * Naturkunde. »Was, das soll ein Zebra sein? Das ist doch nur ein weißes Pferd, wo sind denn die schwarzen Streifen?« »Die hat es früher auch gehabt. Aber dann paßten sie ihm nicht mehr, und da ging es an einen Gummibaum und hat sich die Streifen ausradiert.« * Die Unterhaltung mit dem Gaul. Mein Peter war ein guter Pferdewärter, aber er hat nie ein Wort mit dem Pferde gesprochen. »Peter, du mußt mit dem Gaul reden,« sagte ich zu ihm, »der Gaul versteht jedes Wort.« Am nächsten Tage höre ich aus dem Stalle eine heftige Debatte über die fünfte Kriegsanleihe. »Ja, was ist denn das?« »Ich lese der Eisel gerade die Zeitung vor, Herr Hauptmann.« * Vor dem Elefantenkäfig. Mutti steht mit ihrem Söhnchen vor dem Elefantenkäfig. Aber Jumbo, der Riese, ist schließlich auch nur –, kurzum, es passiert ihm etwas Menschliches. Mäxchen beobachtet den Vorgang mit dem Interesse eines Gelehrten. Nach einer Weile bemerkt er schließlich: »Ich dachte, aus dem Elefanten kommen bloß Billardkugeln ...?« * Im Zoologischen Garten. »Die Känguruhs sind ja heute so merkwürdig still. Die springen gar nicht so wie sonst.« »Vielleicht ist heute grade ein Känguruhetag!« * Zebrareiten. Im Zoo darf der kleine Emil Zebra reiten. Als die kleine Ilse es sieht, pipst sie: »Mutti, auch Zebra reiten!« Mutti wimmelt ab: »Nein, mein Kind, das ist zu teuer.« »Mutti, kannst du nicht einen Einstreifer nehmen?« * Die Fischotter. »Was ist denn das für ein Tier?« »Nun, eine Fischotter.« »Eine Fischotter? Was frißt denn die?« »Nun, die frißt Fische.« »Fische? Und ganz roh?« »Ja, wer soll sie ihr kochen?« »Das ist aber auch wahr.« * Vom Papagei. »Mausi, ein so großes Stück Zucker kann der Papagei nicht mehr beißen. Am Gitter steht, daß er schon dreiundsiebzig Jahre alt ist.« »Aha, dann ist er ein Großpapa – gei!« * Ängstlich. Mutter: »Geh' nicht so dicht an den Eisbären, mein Kind, du bist schon sowieso erkältet!« * Im Aquarium. »Vater, hier liejen ja alle Krokodile uff'n Sand. warum jeh'n denn die nich in't Wasser?« »Dämlack, det is doch keen Wasser. Det sind doch die Krokodilstränen.« * Der Kiwi-Kiwi. Kathederweisheit: Der Kiwi-Kiwi ist ein merkwürdiger australischer Vogel. Er besitzt sehr dicke, ganz kurze Füße, nistet in Erdlöchern, bleibt tagelang bewegungslos und geht mit Riesenschritten seiner Ausrottung entgegen. * Die Wiener Krebse. Eine empfindsame Frau aus Norddeutschland war nach Wien gezogen und sah eines Tages, wie ihre Köchin Krebse in kaltem Wasser auf den Ofen setzte und langsam kochte. Entsetzt machte sie ihr Vorwürfe über eine solche Grausamkeit. »Ach, Eure Gnaden«, antwortete die Köchin. »In Berlin mag das den Krebsen vielleicht weh tun, aber die Krebse bei uns z' Wien sind das schon gewohnt!« * Hundebericht. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde in Baden eine Hundezählung veranstaltet, und die Behörden der einzelnen Bezirke mußten über die Hunde allerlei Berichte einsenden. Ein Ortsvorsteher schrieb in dem seinigen: Untertänigster Hundebericht. Der Verwalter – ein Hund. Der Doktor – ein Hund. Der Schullehrer – ein Hund. Zusammen drei Hunde. * Kynologisches. »Ein herrlicher Seidenpinscher, mein Herr.« »Was, dieser Köter?« »Na, zum mindesten prima Halbseide, mein Herr!« * Tierkenner. »Die Krammetsvögel schmecken ganz sonderbar!« »Na, wer weiß, von welchem Gaul die stammen!« * Der verdächtige Hase. Ein Sachse erhielt in einem Restaurant einen ziemlich anrüchigen Hasenbraten. »Hären Se mal«, sagte er entrüstet zum Kellner. »Das Dierchen muß Sie in was hineingetreten sein!« * Ein gefährliches Tier. Lehrer: »Ich habe euch jetzt von der Klapperschlange erzählt. Wer kennt ein ähnliches Tier, dem man ebenfalls nicht trauen kann?« Schüler: »Der Klapperstorch, Herr Lehrer.« * Vor dem Damenabteil. Schaffner: »Sie dürfen den Mops nicht mit in das Damenabteil nehmen!« Dame: »Aber ich bitte Sie, es ist doch ein Weibchen!« * Andere Zeiten. »Bessere Zeiten waren damals schon«, sagte ein Fuhrmann zu seinem Gast. »Sehen Sie, mit diesem selben Gaul bin ich vor fünfzehn Jahren eine Strecke in zwei Stunden gefahren, für die er jetzt die doppelte Zeit braucht.« * Der Ochse. Ein Professor der Chemie hatte im Kolleg eine elektrische Batterie gefüllt und sagte zu seinen Hörern: »Sehen Sie, meine Herren, die Füllung dieser Flasche ist so stark, daß sie imstande ist, einen Menschen zu töten und einen Ochsen zu betäuben.« Der Professor kam bei diesen Worten der Batterie zu nahe, sie entlud sich, und er fiel zu Boden. Die Studenten sprangen hinzu, um ihm beizustehen, aber es war nicht nötig; denn mit den Worten: »Gott sei Dank, ich war nur betäubt!« raffte sich der Professor wieder auf. * Ein merkwürdiges Tier. »Dieses Rindvieh«, schimpfte ein Chef über seinen Angestellten. »Der Affe weiß, daß er ein Ochse ist, und doch bleibt er ein Esel, dieser Stockfisch!« * Am grünen Strand der Spree –. Erster Fisch zum zweiten (während sie um den Angelhaken herumschwimmen): »Halt' du einmal mit der Schnauze das obere Ende des Hakens fest, während ich den Köder abfresse.« * An Berliner Ufern. »Ick angle heute mit eingeweckte Regenwürmer.« »Na, denn fängste vielleicht lauter Ölsardinen.« * Logik der Großstadt. »Du, Albert, warum trägt die Kuh denn eene Glocke um den Hals?« »Weeßte, Aujuste, det liejt so im Jeschäft, Bolle bei uns bimmelt doch ooch immer!« * Definition. »Ein Pferd ist ein Pferd, aber ein Berliner Droschkengaul ist ein Pferd, das am Tage auch nicht viel schneller läuft, als es nachts im Stalle steht. * Großstadttiere. »Was macht ihr denn mit eurem Tombolagewinn?« »Wir nennen unser Ferkelchen Bobby, und es soll in der Badewanne wohnen. Da können wir's immer schön sauber halten!« * Bescheidene Zeit. »Früher waren zwei Schafe nötig, um eine Frau zu bekleiden.« »Und heute?« »Genügt eine Seidenraupe!« * Kenner. »Sind das auch wirklich Gänse, Schatzi?« »Keine Angst, Liebling – Störche treten nie in Herden auf!« * Bedenken Sie!. »Ich habe vor acht Tagen eine Lachtaube bei Ihnen gekauft. Sie hat aber noch nicht gelacht.« »Bedenken Sie doch die traurige Zeit, in der wir leben!« * Berliner Tierkunde. »Teddy, was hat dir denn im Zoo am besten gefallen?« »Der Elefant mit'n Staubsauger!« * Naturkunde. »Die Fische können im Wasser hören und sehen. Was haben sie noch für Eigenschaften?« »Wenn sie lange liegen, dann riechen se auch!« * Die Eier. »Liebe Frau, die Eier sind dieses Jahr alle nicht größer!« Die junge Hausfrau: »Ach nein, Sie sollten lieber dem Bauer einmal sagen, daß er seine Hühner länger darauf sitzen läßt!« * Philosophie. »Ich sag' Ihnen, das ganze Dasein ist eine Menagerie. Gestern hatte ich das Hundeleben einmal satt und kaufte mir einen Affen, aber als ich damit nach Hause kam, wurde meine Frau, der alte Drache, zu einer reinen Hyäne und jagte mich ins Bockshorn. Und heute morgen hatte sich mein Spitz in einen ekligen Kater verwandelt, und ich mußte mir schleunigst einen sauren Hering zu Gemüte führen.« * Mucki. »Sehr nett von Frauchen, daß sie mich beschirmt, hoffentlich denkt sie auch an die Mauerecken!« * Nur einen –. »Hans, wie kommt es, daß dein Aufsatz über den Hund genau den gleichen Inhalt hat wie der von deinem Bruder?« »Herr Lehrer, wir haben nur einen Hund.« * Der Hasenmörder. »Halt – oder ich schieße!« * Eine rätselhafte Geschichte. Ein armer Häusler besaß ein Kaninchen und ein Huhn, die er des Nachts zusammen in einen Kasten steckte. Eines nachts nun wurden die beiden Tiere heimlich gestohlen. Lange betrachtete des Morgens der Häusler seinen leeren Kasten und sagte dann endlich gedankenvoll: »Nun möchte ich wirklich wissen: hat das Kaninchen das Huhn gefressen, oder das Huhn das Kaninchen?« * Die wilde Tierschau. Nach dem Kriege wurden verschiedene Ämter aufgelöst und die darin Angestellten entlassen. Einer fand endlich bei einer reisenden Menagerie eine Stelle als Orang Utang, das heißt, er wurde in ein Affenfell gesteckt und mußte Sprünge machen. In seinem Eifer, es recht gut zu machen, geriet er im Schwung über eine Gitterwand in einen Nebenkäfig, in dem sich ein reißender Tiger befand. Zitternd befahl er seine Seele dem lieben Gott, bis der Tiger, statt sich auf ihn zu stürzen, ihm leise zuflüsterte: »Mensch, hab' keine Angst, ich bin auch, ein abgebauter Angestellter!« * Die Tiere und der Weltkrieg. Das Pferd, die Kuh und der Esel stritten sich, wer wohl von ihnen die größten Verdienste im Kriege erworben habe. »Natürlich ich!« sagte das Pferd, »wer hat all die Wagen nach vorne geschleppt? Wer brachte Munition heran? Wer die Lebensmittel bis nahe an die Schützengraben?« »Na, da bin ich doch viel wichtiger gewesen!« meinte die Kuh. »Ohne mein Fleisch und meine Milch wäre die Armee bald verhungert, und aus meiner Haut hat man noch das Leder für die Soldatenstiefel gemacht!« »Nun schweigt aber alle beide!« rief der Esel, »wenn ich nicht schon lange vorher in der Regierung gesessen hätte, wäre der Krieg gar nicht ausgebrochen!« * Noch ein Tierwitz aus dem Kriege. »Warum herrschte im Kriege solche Fleischnot?« »Weil die Hammel alle an der Front, die Kälber im Schützengraben, die Schweine in der Etappe und die Ochsen in der Regierung waren.« * Das Tier im Menschen. »Außer den Schmerzen fehlt mir ja eigentlich nichts, Herr Doktor. Ich arbeite wie ein Pferd, esse wie ein Wolf, bin abends müde wie ein Hund und schlafe wie eine Katze.« »Ja, dann hätten Sie aber wirklich besser zu einem Tierarzt gehen sollen.« * Merkwürdige Tiere. »Vater, was sind eigentlich Blumento-Pferde?« »Solche Pferde gibt es nicht!« »Aber hier steht doch in der Zeitung: Blumentopferde billig abzugeben.« * Allerlei Tiere. Ein Tierstimmenimitator verpflichtete sich die Stimme jeden Tieres nachzuahmen, und bat das Publikum, ihm Namen von Tieren zuzurufen, deren Stimmen er nachahmen sollte. Auf diese Weise kopiert er Pferde, Kühe, Löwen, Schweine. Plötzlich aber ruft jemand aus dem Publikum: »Machen Sie mal eine Ölsardine nach!« * Musik. Aus: Schnipp Fidelius Adelzahn. Ein Dackelroman von Svend Fleuron, Verlag E. Diederichs, Jena. Wie gemütlich es bei ihnen war in der warmen Stube an den langen traulichen Frühlingsabenden! Bis der Augenblick kam, wo der musikalische Auditeur sich, um seine stark im »Gesetz für die dänische Kriegsmacht« befangenen Gedanken zu zerstreuen, den ergreifenden Genüssen der Musik hingab. Wenn Schnipp sah, wie Flöng mit einem Satz vom Stuhl auffuhr, unter gedehntem, behaglichem Gähnen die Arme zur Decke reckte und dann im Wirbel durchs Zimmer bis zur Wand tanzte, wo der große und kleine Kasten mit den eingeschlossenen Katzentönen stand – dann wußte Schnipp Bescheid und rollte sich noch fester zusammen. Setzte sich der Auditeur an den Flügel, den Kasten, in dem die vielen unsichtbaren und unriechbaren Katzen wohnten, und von dem das zuweilen überwältigende Katzenkonzert – je nachdem es seinem Herrn gefiel, den verschiedenen Katzen mehr oder weniger hart ihre empfindlichen Pfoten zu klemmen – ausging, so konnte er sich einigermaßen beherrschen. Diese Katzen sangen und miauten zwar auch unangenehm, aber sie reizten ihn doch nicht so, daß es ihm physisch unmöglich war, nicht mitzuheulen. Schlimmer war es, wenn sein lieber Herr, der eine unselige Neigung für Violine hatte, hinging, den kleinen Kasten aufschloß und mit einem Stock begann, hohe, fauchende und kreischende Töne aus dem Buckel eines unglücklichen, alten, rotfunkelnden Katers herauszureiben, während er auf die unbarmherzigste Art das Tier liebkoste, indem er den hinteren Teil an seine Wange legte und es in die langen Ohren kniff – dann rumorte Schnipp in seinen Kissen, wie eine Maus im Wochenbett; er bohrte sich tief unter die Kissen, wälzte sich in ihnen herum und warf sich in immer rundgehenden Spiralen um seinen Mittelpunkt – bis der Bogen auf das hohe E flog und der armen, gemarterten Miez ihr schneidendstes, disharmonischtes Kreischen entlockte. Da verzichtete er darauf, seinem Väterchen noch länger gefügig zu sein; die Natur ging über die Zucht, er flog aus dem Korbe heraus, schüttelte die Kissen von sich ab, setzte sich auf seine Rute und heulte mit. Unabweisbar sauste dann der Bogen blitzschnell von der E-Saite auf seinen Rücken herab; ja wenn sein Eingriff in das Andante allzu deplaciert gewesen war, bekam er sogar noch ein paar regelrechte Ohrfeigen dazu – und er erwachte zur Besinnung, fuhr ins Schlafzimmer hinein und versteckte sich unter dem Kleiderschrank. Hier genoß er dann von weitem den Rest von Beethoven. Tierfreunde. Hier treten einige wirkliche Tierfreunde auf. Im übrigen bringt dieser Abschnitt meist vergnügte Witze und Schnurren, die Tierfreunde mit ihren Tieren erlebten. Dazu kommen einige Satiren über Tierfreunde. Gibt es doch genug solche Menschen, die sich mit ihren Tieren lächerlich machen. * Der Sieg der Natur. Der große italienische Dichter Dante disuptierte gern mit dem Dichter Cecco über philosophische Gegenstände. Eines Tages sprachen sie darüber, ob wohl die Kunst über die Natur den Sieg davontragen könnte. Cecco verneinte die Frage, Dante bejahte sie. Um seine Behauptung zu unterstützen führte Dante seine Katze als Beispiel an, die er gewöhnt hatte, während er zu Abend aß, oder in einem Buche las, ihm mit den Pfoten das Licht zu halten. Cecco schien nicht recht an eine solche ungewöhnliche Dressur zu glauben und bat, sich durch den Augenschein davon überzeugen zu dürfen, worauf sein Freund sich sofort bereit erklärte, ihm das Kunststückchen vorzuführen. Nun brachte aber Cecco eine bedeckte Schüssel mit lebenden Mäusen mit, die er in dem Augenblick in Freiheit setzte, als grade das gelehrige Tier sein Kunststück vorführte. Kaum hatte aber die Katze die Mäuse erblickt, da ließ sie das Licht fallen und lief ihnen nach. Die Streitfrage war also zu Ceccos Gunsten entschieden. * Liebe zu Tieren. Lionardo da Vinci besaß eine große Liebe zu Tieren, und es geschah mehr als einmal, daß er an Orten, wo gefangene Vögel feilgehalten wurden, sie den Händlern abkaufte und dann davonfliegen ließ. * Der Edelmann, der seinen Hund tötete. Es war ein Edelmann, der hatte einen Jagdhund, und der war ihm so lieb, daß er ihn nicht für vieles Geld weggegeben hätte. Nun begab es sich einmal, daß er in seine Kammer kam, da lag sein Kind in der Wiege allein, und es war niemand dabei, als eben dieser Hund. Eine Schlange aber war aus der Mauer geschlüpft und hatte das Kind getötet. Der Hund hatte diesen Tod gerächt und die Schlange totgebissen. Da der Junker niemand bei dem toten Kind sah, als den Hund, denn die tote Schlange lag unter der Wiege, so meinte er, der Hund hätte das Kind getötet, und schlug ihn in seinem Jähzorn mit seinem Schwert ebenfalls zu Tode. Erst nachher, als er die Schlange fand, erkannte er, daß der Hund den Tod des Kindes an der Schlange gerächt hatte, und daß er dem treuen Tier ein bitteres Unrecht zugefügt. Da überkam den Edelmann eine solche Reue und ein so tiefer Schmerz, daß er mit Bewilligung seiner Frau in den Benediktinerorden ging und Gott diente. Joh. Pauli, »Schimpf und Ernst«. * Der Hund als Fürsprecher. Peter der Große von Rußland besaß eine Lieblingshündin, die Lisette hieß. Eines Tages, als es niemand wagte, für einen vom Kaiser im Zorne zum Tode Verurteilten um Begnadigung zu bitten, steckte man der Hündin das Gesuch ins Halsband. Er nahm es heraus, las es und lachte. Dann begnadigte er den Delinquenten mit den Worten: »Diesmal mag es sein, Lisette, da du mir zum erstenmal mit einer solchen Bitte kommst. Laß dich aber nie wieder zu so etwas gebrauchen.« * Der König hilft einem Esel. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. ging einst in einfacher bürgerlicher Kleidung des Morgens früh in der Nähe von Sanssouci spazieren. Da sah er eine Frau auf einem Milchwagen, die eifrig auf den davorgespannten Esel losschlug. Der König trat an den Wagen heran und fragte die Frau, warum sie denn so heftig sei. »Ach Gott,« antwortete die Frau, und die Tränen liefen ihr über das Gesicht, »ich habe solche Eile, und nun will der dumme Esel nicht fort. Bin ich nicht zur rechten Zeit in Potsdam, so verliere ich meine besten Kunden. Ich kenne aber meinen Esel schon, wenn ihn nur jemand vorne bei den Ohren faßte, während ich von hinten auf ihn losprügle, dann geht es schon!« Der König faßte nun den Esel ernstlich bei den Ohren, die Besitzerin schlug los, und der Esel kam in Trab. Freundlich winkend dankte die Marktfrau dem unbekannten Helfer, der nun wieder umwandte und langsam nach Hause ging. Nachher erzählte er seiner Gemahlin das Erlebnis, die aber nicht sehr davon erbaut war und sagte: »Lieber Fritz, als König darfst du doch so was nicht tun!« – Liebes Rind,« unterbrach er sie lächelnd, »mein seliger Vater hat auch schon manchem Esel fortgeholfen!« * Das Herz. Vor einigen Tagen, berichtete ein Berliner Blatt aus dem Jahre 1845, trat eine Dame, der ein Livreebedienter folgte, in eine der ersten Apotheken unserer Stadt ein. Ihre gewählte Kleidung, ihr distinguiertes Benehmen verrieten einen hohen Rang; während ihre Trauerkleidung und vor allem der Ausdruck ihres Gesichts auf einen tiefen, seelischen Schmerz schließen ließen. »Mein Herr,« redete sie den Apotheker an, »ich wünsche Weingeist.« – »wieviel, gnädige Frau?« Auf ein Zeichen der trauernden Dame trat nun der Diener heran und stellte sorgfältig ein kunstreich geschnitztes und bemaltes Kästchen auf den Tisch. Die Dame öffnete jetzt das Kästchen und nahm einen Pokal heraus, in welchem ein Herz lag. Der Apotheker, unterstützt von seinem Gehilfen, füllte hierauf das kostbare Gefäß Mit Weingeist. Da er aber bei dem Anblick der heiligen Reliquie, die für seine vornehme Klientin offenbar ein Gegenstand frommer Verehrung war, ein Gefühl herzlicher Teilnahme nicht bemeistern konnte, so wagte er folgende Worte: »Die geringe Größe dieses Herzens, gnädige Frau, läßt mich erraten, daß es einer teuern Person gehört, die Sie kürzlich in einem ganz zarten Alter verloren haben.« »Gewiß,« erwiderte die Dame in großer Bewegung, »es ist das Herz eines Wesens, um dessen Verlust ich bittere Tränen vergieße. Es ist ihr Herz, die mir das Teuerste auf der Welt war.« »Ist es vielleicht das Herz einer geliebten Tochter?« »Nein, mein Herr, es ist das Herz einer kleinen Hündin !« Und ein furchtbares schluchzen erstickte ihre weiteren Worte. * Ein Wolfsabenteuer. »Ein toller Wolf in Polen fraß – den Tischler samt dem Winkelmaß.« Dieser alte Fibelvers könnte einem bei dem Erlebnis einfallen, das dem französischen Violinvirtuosen Baillot einst begegnete, während einer Konzertreise durch Rußland wurde er zu einem Edelmann auf dessen Landsitz eingeladen. Am ersten Tage, mitten während der Tafel, blickte er zufällig unter den Tisch und fuhr erschrocken zurück, als er da ein großes, schwarzes Tier mit funkelnden Augen liegen sah. »Achten Sie nicht darauf,« sagte die Hausfrau, »es ist unser schwarzer Wolf, er ist gezähmt.« Abends als Baillot sich niederlegen wollte, erblickte er mit einem Male auf seinem Bett ein zusammengekauertes Tier, das ihm eine Reihe scharfer Zähne entgegenfletschte. »Was ist das?« fragte er erschrocken. – »Achten Sie nicht darauf,« sagte der Diener, »es ist der schwarze Wolf, ich werde ihn gleich verjagen.« Am nächsten Morgen wollte Baillot mit dem Schloßherrn eine Jagdpartie machen. In dem Augenblick, als sie über die Schwelle traten, knallte ein Flintenschuß. »Was bedeutet das?« fragte Baillot. »Achten Sie nicht darauf,« erwiderte der Schloßherr; »der schwarze Wolf hat diese Nacht unseren Koch gefressen, er wird jetzt dafür erschossen.« * Vom Kasernenhof. »Wie kommst du dazu, das Pferd ein Sauvieh zu nennen? Das Pferd ist ein edles Tier, du Rindvieh!« * Pferde, die das Fluchen gewöhnt waren. Die Kutscher in der Wallachei sind berühmt wegen ihres Fluchens. Daher kamen sie einst in Verlegenheit bei einer Reise des Metropoliten der Wallachei, dessen schwerer Wagen in einem Sumpfe stecken geblieben war. Aus Achtung vor dem geistlichen Herrn scheuten sie sich, mit ihren Pferden die gewohnte Sprache zu reden, und vergebens schlugen sie mit ihren Peitschen zu, der Wagen blieb stecken. Schon wollte man aus einem benachbarten Dorf Vorspannpferde holen, da faßte sich einer der Postillone ein Herz und gestand seiner Eminenz, daß sie es nur nicht wagten, die Pferde in der gewohnten Weise anzureden, wenn sie aber wie sonst richtig fluchen dürften, so würden sie bald alle aus der Verlegenheit sein. Der fromme Erzbischof erwiderte, wenn es nur daran liege, so wolle er sich die Ohren zuhalten. Kaum hatten die Postillone diese Zusage erhalten, so erscholl ein solches Unisono von nicht zu übersetzenden Flüchen, daß die daran gewöhnten Pferde sich sofort ermannten und wie von Dämonen gejagt den erzbischöflichen Wagen aus dem Schlamm zogen, worauf sie im Triumph mit ihm weiter jagten. * Forellenzucht. Ein sehr bekannter Bankier in Leipzig, der große Teiche besaß, las in einem Berliner Blatt, daß jemand das Mittel entdeckt habe, durch Einstreuen eines gewissen Pulvers in jedem Teiche Forellen zu erzeugen. Das Pulver koste nur 50 Mark, und sei der Erfinder bereit, diese Summe sofort zurückzuerstatten, sofern das Mittel nicht einen durchschlagenden Erfolg erziele. Der Bankier, dem nach den Forellen schon der Mund wässerte, hatte nichts Eiligeres zu tun, als das Geld abzuschicken und sich die neue Entdeckung auszubitten. Nach einigen Tagen kam jedoch das Geld mit folgendem Brief zurück: »Es tut mir leid, Ihnen das versprochene Mittel nicht senden zu können. Die ganze Anzeige betraf nur eine Wette. Ich hatte nämlich mit einigen Freunden gewettet, man könne das unsinnigste Zeug drucken, es fänden sich allezeit Esel, die es glauben. Sie sind bereits der Siebenundzwanzigste. Hochachtungsvoll usw.« * Gewaltige Jagdliebhaber. Die Engländer sind immer leidenschaftliche Liebhaber der Hasen- und Fuchsjagd gewesen, und so darf man sich nicht wundern über ein Erlebnis, das der Friedensrichter Wingard in Glostershire hatte. Diesem Friedensrichter war die Frau gestorben, und in tiefer Trauer, ganz in seinen großen Schmerz versunken, begleitete er den Leichenzug, der sie zu Grabe führte. Auf einmal kam ein Hase aus einer Hecke gesprungen. Wingard vergaß sofort die Trauerfeier. Er warf seinen Mantel fort, pfiff zweien Windhunden, die ihn stets begleiteten, und setzte mit ihnen dem Hasen nach. Als er ihn erlegt hatte, kehrte er wieder um und trat zu der Leichenbegleitung, die inzwischen haltgemacht hatte. Der Friedensrichter warf seinen Trauermantel wieder um, begann von neuem zu wehklagen und setzte seinen Weg mit den Überresten seiner Frau fort. Und die Trauerfeier, zu der man sich versammelt hatte, wurde mit großer Ergriffenheit beendet. * Jacke wie Hose. Ein Bauer wollte eines Prozesses halber mit einem Advokaten Rücksprache nehmen, und man nannte ihm einen namens Krähe. Er ging in die Stadt, fand die Straße und fragte nach dem Advokaten Rabe. Ein solcher wohne nicht hier, wohl aber einer namens Krähe. »Dann wird der es wohl sein«, versetzte der Bauer. »Ich wußte ja, daß es so ein Galgenvogel war.« * Das Kalb als Hund. Ein Metzger kaufte in der Nähe der Stadt ein Kalb und wettete mit dem Verkäufer, er würde mit dem Kalb am hellen Tag an der Torwache vorbei in die Stadt gehen, ohne daß, er die vorgeschriebene Zollgebühr zu bezahlen habe. Die Wette wurde geschlossen, dabei bedingte sich der Metzger aber aus, daß ihm der Verkäufer auf eine Stunde seinen großen Hund leihe. Diesen Hund steckt er in den Sack, nahm ihn auf die Schulter und schritt so auf die Stadt zu. Als er an das Tor kam, erklärte er, er habe nichts zu bezahlen, in dem Sack sei nur ein Hund, den er gerade gekauft habe, und den er so trage, damit er den Weg zu seinem Herrn nicht wieder zurück finde. Der Zolleinnehmer wollte dies nicht glauben und verlangte den Hund zu sehen. Der Metzger mußte deshalb den Sack öffnen. Der Hund benutzte natürlich die Gelegenheit, davonzulaufen, und der Metzger lief ihm laut fluchend nach. Nach einiger Zeit erschien er endlich wieder am Tore mit dem Sack auf der Schulter. »Sie haben mir viel Mühe gemacht«, sagte er zu dem Zolleinnehmer, der ihn jetzt ohne weiteres gehen ließ. Der Metzger hatte diesmal aber das Kalb im Sack. * Der Hund auf der Tabatiere. Ein englischer Lord, der durch seine Exzentrizitäten bekannt war, ging in ein Pariser Geschäft und sagte: »Ich möchte eine Tabatiere haben, auf der mein Schloß abgebildet ist.« – »Das ist sehr leicht«, antwortete der Kaufmann. »Mylord belieben mir nur eine Zeichnung Ihres Schlosses zu geben.« – »Ja, aber vor der Türe müßte man eine Nische sehen, und vor dieser meinen Hund.« – »Kann auch gemacht werden!« – »Ja, aber es müßte so eingerichtet werden, daß dieser Hund hineinkröche, wenn man ihn ansähe, und erst dann zum Vorschein käme, wenn man ihn nicht mehr sähe.« Der Besitzer des Geschäfts schaute den Herrn an, um sich, zu überzeugen, daß man ihn nicht zum besten habe. Durch einen flüchtigen Blick beruhigt, und als gewandter Kaufmann schnell den Vorteil ermessend, den er aus dem Geschäft erzielen könnte, sprach er zum Engländer: »Was Sie wünschen, ist so leicht nicht und wird viel Geld kosten!« – »Gleichviel!« – »Tausend Taler!« – »Abgemacht, tausend Taler!« – »In vier Wochen werde ich die Ehre haben, Ihnen die Dose zu überreichen.« Vier Wochen später erschien der Kaufmann bei dem Lord. »Mylord, hier ist die Dose!« sagte er. Der Lord betrachtete sie. »Da ist wohl mein Schloß mit den Türmen, und hier ist auch die Nische«, meinte er. »Aber der Hund, mein Herr, der Hund, wo ist der?« – »haben Eure Gnaden nicht gesagt, sie wünschten, daß der Hund unsichtbar würde, wenn man ihn ansähe?« – »Jawohl!« – »Und daß er wieder zum Vorschein komme, wenn, man nicht mehr nach ihm schaue?« – »Das ist auch wahr!« – »Nun, Sie haben ihn angesehen, er ist in seine Hütte gekrochen. Stecken Sie die Dose jetzt in die Tasche, und der Hund wird sogleich wieder erscheinen.« Der Lord überlegte sich die Sache eine Weile und rief dann aus: »Sie haben Recht!« Er steckte die Dose ein und bezahlte die abgemachte Summe. * Gefärbte Schoßhunde. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das Färben der Schoßhunde, besonders in Paris, eine große Mode. Bei dieser Gelegenheit bemerkte man übrigens, daß die verschiedenen Farben einen ganz eigentümlichen Einfluß auf den Gemütszustand der kleinen Vierfüßler ausübten. Die rote Farbe machte die Hunde sehr empfindlich, dagegen befanden sie sich im grünen und rosaroten Zustande ungemein wohl und heiter. Eine Eintauchung in Blau machte sie leicht bösartig und unwohl, und die, deren wolle schokoladenbraun gefärbt war, verfielen gar in tiefe Melancholie. Ein plötzlich zu einem Krösus aufgeschossener Börsianer ließ übrigens den Schoßhund seiner Frau vergolden, worauf das kleine Geschöpf sich angeblich eben so viel zu gute getan haben soll, wie sein Herr selber. * Vom Reichshund Tyras. »Der alte Tyras war sehr intelligent und treu«, erzählte Bismarck nach einem Bericht von Dr. Hans Blum. »Wenn ich nach dem Reichstag ging, so nahm ich den Weg durch den Garten hinter dem Reichskanzlerpalais, öffnete hier die Pforte nach der Königgrätzerstraße, drehte mich gegen Tyras um, der mich bis dahin vergnügt begleitet hatte, und sagte bloß: Reichstag! Sofort ließ der Hund Kopf und Schwanz hängen und zog niedergeschlagen von dannen. Einst hatte ich meinen Stock, den ich, auf die Straße nicht mitnehmen konnte, da ich in Uniform ging, an die Innenmauer des Gartens gestellt, ehe ich durch die Pforte schritt. Nach vier Stunden kam ich aus dem Reichstag zurück. Tyras begrüßte mich nicht beim Eintritt ins Haus wie sonst stets, und ich fragte daher den Schutzmann, wo der Hund sei. Der steht seit vier Stunden hinten an der Gartenmauer und läßt niemand zu Euer Durchlaucht Stock, erwiderte der Mann. Ein andermal ging ich in Varzin in Begleitung von Tyras spazieren und sah auf einer Karre eine Fuhre Holz liegen, die ich für gestohlen hielt, weil sie aus grünem Holz gehauen war. Ich gebot dem Hund, bei der Karre zu bleiben und entfernte mich, um jemand zu holen, der die Sache aufklären könne. Ms ich zurücksah, gewahrte ich aber, daß Tyras mir leise und geduckt nachschlich. Ich kehrte zurück und legte meinen Handschuh auf die Karre. Da blieb Tyras dort stehen wie angewurzelt.« Über das Ende des prächtigen Tieres erzählte dann der Kanzler: »Tyras ist an Altersschwäche eingegangen. Einen Tag vor seinem Tode war er schon so steif, daß ich ihn wie einen Hammel von oben (dem ersten Stock in Varzin) in mein Arbeitszimmer tragen mußte. Dann, als ich nach Hause kam, wedelte er noch. Das nächste Mal, an seinem Todestage, konnte er auch nicht mehr wedeln und gab nur durch seinen Ausdruck zu verstehen, daß er mich erkannt habe. Während ich dann am Tische schrieb, sah ich ihn plötzlich in mein Schlafzimmer sich schleppen, und gleich darauf sagte mir der Diener, der ins Schlafzimmer getreten war: Der Tyras liegt tot ausgestreckt im Schlafzimmer.« * Die Dackel. Baron (zu seinem jüdischen Faktotum): »Und dann noch eins, besorgen Sie mir ein paar echte Dackel.« »Sollen Sie haben, Herr Baron. Wieviel wollen Sie anlegen?« »Na, sechzig Mark können die beiden zusammen kosten.« »Ausgeschlossen, Herr Baron! Sie wollen doch echte Dackel haben? Unter achtzig Mark kann ich sie Ihnen wirklich nicht besorgen.« »Na, meinetwegen, aber nun scheren Sie sich zum Teufel!« Das Faktotum verschwindet schleunigst, kommt aber gleich darauf wieder zur Tür hinein. »Herr Baron, noch eine Frage: Was sind Dackel?« * Hundeprozeß. Zwei Schuhmacher wohnten nebeneinander Haus an Haus, und aus Brotneid sowohl wie aus andern Gründen waren sie allmählich die ärgsten Feinde geworden. Sie haßten sich schließlich so sehr, daß einer den andern durch jede nur erdenkliche Schikane zu überbieten suchte. Der Streit der beiden Fußfutteralkünstler hatte mit der Zeit eine solche Ausdehnung genommen, daß die ganze Nachbarschaft daran parteiisch interessiert war. Plötzlich fiel es dem einen dieser Streithelden ein, seinem Nachbar, der Schulz hieß, einen Streich zu spielen, der alles Bisherige übertreffen sollte. Er kaufte zu dem Zweck einen jungen Hund, gab ihm den Namen »Schulz«, und wenn dieser vierbeinige Schulz auf die Straße lief, dann stellte sich sein Herr in die Haustür und schrie seinem Hunde zu: »Schulz, du verdammte Kanaille! Willst du wohl hierbleiben, oder soll dich der Teufel holen?« So und ähnlich ging es jeden Tag, bis der zweibeinige Schulz die Sache nicht mehr aushielt und wutentbrannt zum Gericht lief, um seinen boshaften Nachbarn wegen der bestialischen Ungebührlichkeit, mit der er seinen ehrlichen Familiennamen mißbrauchte, zu verklagen. Der Richter war ernstlich empört über diese Art, einen Familiennamen zu schänden, und fuhr den Beklagten, als die Sache zur Verhandlung kam, zornig an, denn sein Vorgehen verdiene eine exemplarische Bestrafung. Der Besitzer des Hundes blieb aber ganz ruhig und fragte nur lakonisch: »Wie schreibt sich denn mein Nachbar, der mich verklagt hat?« Da der Richter das selbst nicht wußte, so mußte der Kläger darüber Auskunft geben, der denn auch seine Ausweispapiere hervorzog und dadurch nachwies, daß er Schulz, Schulz geschrieben, heiße. »Haha!« lachte jetzt der Gegner. »Da sieht man deutlich, wie hinfällig die ganze Klage ist! Mein Hund schreibt sich Schultz mit einem ›tz‹, gehört also gar nicht zur Familie meines Nachbarn und kann seinen jetzigen Familiennamen deshalb ruhig weitertragen!« Der dadurch verblüffte Richter hob nun wirklich die Klage als nicht zuständig auf und bemerkte noch, daß aus diesem Grunde in der Sache keine Appellation stattfinden könnte. * Der merkwürdige Dackel. Herr Kellermaus in Leipzig schrieb in einem Brief an einen Handelsfreund in Wien: »Haben Sie ferner die Güte, mir einen schwarzbraunen Dackel zu kaufen und solchen mir bei nächster Gelegenheit zu senden.« Der Wiener Kaufmann entsprach sofort diesen Wünschen und übergab den Hund einem Leipziger Lohnfuhrmann zur Beförderung und Ablieferung. Unterwegs muß nun der Dackel entweder entlaufen oder ums Leben gekommen sein, jedenfalls kam der Fuhrmann ohne Hund in Leipzig an. Um aber seiner Futterkosten und Spesen nicht verlustig zu werden, griff er sich in Leipzig auf der Straße einen Hund auf und ging mit ihm und dem Frachtbrief zu dem Kaufmann Kellermaus. Dieser besah sich den Hund lange und gründlich und bezahlte dann die Fracht. An seinen Freund in Wien aber schrieb er folgendes: »In Ihrem geschätzten Briefe schreiben Sie: ›Ich übersende Ihnen anbei einen Dackel!‹ Wir in Leipzig nennen einen solchen Hund einen Spitz oder Fuhrmannsspitz. Ferner schreiben Sie: ›Der Hund ist schwarzbraun.‹ Bei uns zu Lande nennt man aber diese Farbe weiß.« * Der Hund Lehmann. Der bekannte Varietéartist und Mimiker Merkel besaß einen dressierten Hund namens Lehmann, mit dem er sich manchen Scherz gestattete. So erzählt er bei einer Gelegenheit: »In Berlin angekommen, benutzte ich die Zeit vor der Weiterreise dazu, mit meinem Hunde Lehmann spazieren zu gehen. Unterwegs kaufte ich eine Wurst, die ich ihm portionsweise verabreichte. Auf den Bahnhof zurückgekehrt, bestellte ich mir eine Schale Kaffee. Kaum steht der dampfende Mokka vor mir, da öffnet sich die Tür, und es tritt ein Wachmann auf mich zu, der mich fragt: »Wem gehört der Hund?« Ich antwortete: »Dem Mimiker Merkel.« »Wer ist das?« Ich stehe mit einer Verbeugung auf und antworte: »Meine Wenigkeit!« Während dieses Gesprächs hatte sich ein Kreis Neugieriger um uns versammelt. »Also, Sie behaupten,« fuhr der Wachmann fort, »daß der Hund Ihnen gehöre; leider kann ich Ihnen dies aber nicht sofort glauben, da Sie beobachtet wurden, den Hund mit Wurststückchen an sich gelockt zu haben. Ich muß Sie daher behufs Legitimation auffordern, mir zur Wache zu folgen.« Da mein Zug bald abgehen sollte, protestierte ich dagegen und beschloß, das Eigentum meines Hundes sofort anders zu beweisen. Ich wandte mich zu meinem Hunde und sagte: »Lehmann, niese mal!« Und a tempo fing mein Hund kräftig zu niesen an. »Nochmals!« kommandierte ich, und nochmals, immer wieder unter schallendem Gelächter der Umstehenden nieste der Hund. Der Wachmann entschuldigte sich und entfernte sich mit den Worten: »Glückliche Reise!« * Der intelligente Hund. »Mein Mohrchen ist ein wirklich gescheites Tier. Neulich begleitete es mich, als ich mir beim Zahnarzt einen Zahn ziehen ließ. Nun, was sagen Sie dazu – neulich bekommt Mohrchen auch Zahnschmerzen, läuft zum Zahnarzt und ...« »Und läßt sich auch einen Zahn ziehen?« »Nein, plombieren.« * Hunde. Es gibt verrückte Hunde. Doch, doch. »Mein Hund,« sagte der langhaarige Oberförster (er gehört nun einmal in eine Hundegeschichte), »ist so klug, daß er – –« »Das ist noch gar nichts,« unterbrach der krummbeinige Sekretär Wust, »mein Dackel hat gestern, als wir –« »Aber mein Hund erst,« fiel ihm Anton ins Wort, »ging ich gestern mit ihm über die Straße. Plötzlich kommt eine alte Frau, und mein Hund – –« »Ja, ja, es gibt verrückte Hunde«, trank der langhaarige Oberförster sein Bier leer. »Das war heute ein interessanter Abend«, gingen alle nach Hause. J. H. R. im »Ulk«. * Der Hund. Ritschel sah zum Erschrecken aus. »Mensch,« rief ich, »bist du unter die Stachelwalze geraten?« »Nein – weißt: gestern komm' ich spät nach Haus – mein Hund erkennt mich nicht und springt mir ins Gesicht ...« »Hör' mal, Freunderl – von dem Hund tät' ich mich scheiden lassen.« * Die Hundefreundin. Kürschner: »Ja, gnädige Frau, Ihr toter Ami würde nur einen sehr kleinen Muff, einen Kindermuff abgeben!« Dame: »Schrecklich! Auch nicht einmal dieses teure Andenken – wissen Sie, dann nehmen Sie den Jolly nur noch dazu!« * Der Züchter. »Denken Sie sich – dieses Glück! Meine Wachtelhündin wirft mir gestern vier Welpen – einen echten Leonberger, einen prachtvollen Mops und zwei reinrassige Dackel.« * Ergänzung. »Fräulein, Sie und Ihr Hund passen aber gut zusammen.« »Wieso denn?« »Na, was der Hund an Beene zu wenig hat, haben Sie zu viel!« * Gemüt. »Mein Herr, Sie wissen, daß Ihr Hund meine Schwiegermutter gebissen hat? Ich komme deshalb zu Ihnen.« »Sie wünschen Genugtuung, mein Herr, mit vollem Recht. Ich werde den Hund sogleich erschießen.« »Aber keine Spur, ich bin gekommen, um Sie zu bitten, mir den Hund zu verkaufen.« * Ursache und Wirkung. In Hamburg starb eine ältere Dame aus bester Familie an Delirium tremens . Sie besaß einen Mops, der war so fett, daß sie jedesmal einen Schnaps darauf trinken mußte, wenn sie ihn sah. * Der Liebling. Eine Dame, deren Hund gestorben war, begrub ihn in ihrem Garten und setzte ihm folgende Inschrift auf das Grab: Hier ruht mein lieber Mops, Er ging ganz plötzlich hops; Er war so lieb, indessen Nicht vorsichtig beim Fressen, Und starb an einem Klops. * Der verlorene Hund. In einer Berliner Zeitung stand einmal folgende Anzeige: »Mein grauer Pinscher ist verloren gegangen. Jawohl, gegangen, denn als er allein ging, verging er sich und verlor er sich. Er hört auf den Namen ›Lempe‹ wie mein Stiefbruder. Das gute Tier hinkt, man weiß nicht warum. Vielleicht schlechte Leute oder der Hausknecht vis-à-vis . Er frißt nur aus der linken Hand und murrt, wenn man ihm Kujon zuruft. Hinten gefleckt. Wer ihn zu Madame Dese, Wallstraße Nro. 10 bringt, erhält 7 ½ Silbergroschen Weihnachtsgeschenk.« * Die Dame mit dem Pudel. In einem Zuge saß eine Dame, die einen hübschen Pudel eingeschmuggelt hatte, der aber sehr verwöhnt war und sich ziemlich zudringlich benahm. Ein Herr, der der Dame gegenüber sah und sich über das Vieh sehr ärgerte, nahm plötzlich eine Zigarre aus der Tasche und begann kräftig zu rauchen. »Mein Herr, es ist hier Nichtraucherabteil«, sagte die Dame. »Meine Dame,« antwortete der Herr, »wenn Sie hier einen Pudel herumlaufen lassen, kann ich auch rauchen!« Für einen Augenblick war die Dame ruhig, dann erhob sie sich auf einmal, riß dem Herrn die brennende Zigarre aus dem Munde und warf sie durch das offene Fenster ins Freie. Der Reisende besann sich nicht lange, er nahm den Pudel beim Halsband und warf ihn im Bogen der Zigarre nach. »Um Gottes willen, mein Pudel!« hauchte die Dame halb ohnmächtig. »Beruhigen Sie sich«, sagte der Reisende. »Er soll mir nur meine Zigarre apportieren.« * Der verlorene Hund. Im »Ellringer Anzeiger« stand im Mai 1867 folgende »Verlorener Hund. Dieser ist eine Hündin, hat ein weißes und ein schwarzgepflegtes (geflecktes?) Ohr, vier Füße (!), nußbraun, einen auf der rechten Seite mehr gepflegten Hals als auf der linken, wo er weniger gepflegt ist. Seine Grundfarbe ist braun. Diese ohne Wissen wohin verschwundene Hündin wird zur Erkenntlichkeit zurückzubringen gesucht.« * Grausamkeit. Gastwirt zu seiner Frau: »Wie konntest du nur den Hund zu den Gästen ins Zimmer lassen!« »Hat sich einer beschwert?« »Nein, aber die gemeinen Menschen haben ihm von dem Gulasch zu essen gegeben, und nun liegt das arme Vieh da und streckt alle Viere von sich.« * Der folgsame Dackel. »Eine schöne Photographie von ihrem Dackel haben Sie da. Wie haben Sie das denn gemacht, daß er so stillgehalten hat?« »Oh, das war sehr einfach. Als wir beim Photograph waren, da hab' ich gerufen: Kommst du her, Männe! Und da saß er natürlich wie angegossen und hat sich nicht mehr gerührt.« * Noch ein folgsamer Dackel. »Ein hübscher Hund, Ihr Dackel. Gehorcht er denn auch?« »Und wie! wenn ich zu ihm sage: Kommst du her oder nicht! Dann kommt er her oder nicht.« * Der Tierfreund. Ein ärmlich gekleideter Mann ließ seinen Hund immerzu über eine Planke springen, bis ein Zuschauer, der bemerkte, daß der Hund vor Mattigkeit kaum noch springen konnte, ihn fragte, warum er denn seinen Hund so quäle. »Ja, wissen Sie,« sagte der Besitzer des Hundes, »dieses Tier springt für sein Leben gern, und da er heute nichts zu fressen gekriegt hat, muß ich ihm doch ein bißchen Freude machen.« * Der respektvolle Gärtner. Der Hund eines Grafen lief in den Gartenbeeten herum und scharrte alles auf. Da sagte der Gärtner bescheiden zu ihm: »Gehn Sie raus, Ihre Gnaden! Herr Caro, gehn Sie raus!« * Kaffeecht. »Ein schöner Hund! hat er auch einen Stammbaum?« »Das wohl nicht, er geht mal da, und mal da!« * Die Zigarrenfirma mit den vielen Filialen. »Zwei wirklich hübsche Hunde, und so egal! sie heißen wohl Castor und Pollux?« »Nee, wir haben sie Löser und Wolff genannt, weil sie an jeder Ecke ein Geschäft haben.« * Tierpflege. »Nun, Minna,« sagte die gnädige Frau, von der Reise zurückgekehrt, »haben Sie auch die Tiere immer gut gefüttert?« »Nur einmal hatte ich vergessen, der Katze Futter zu geben.« »Na, das wird ihr ja hoffentlich nicht geschadet haben.« »Ganz und gar nicht. Sie hat doch den Papagei und die beiden Kanarienvögel gefressen.« * Die beiden Ferkel. Neumann und Lohmann haben sich jeder ein Ferkelchen gekauft, Lohmann, der einen Stall besitzt, soll sie aufziehen – natürlich auf gemeinsame Futterkosten. Die Tierchen wachsen auch schön heran, bis eines Tages Lohmann bei seinem Freund Neumann erscheint und ihm mitteilt, daß Neumanns Schwein in der Nacht gestorben sei. »Und dein Schwein?« fragt Neumann mißtrauisch. »Mein Schwein befindet sich Gott sei Dank wohl!« * Das sorgsame Hausmädchen. »Um Gotteswillen, Minna, Sie haben ja den Goldfischen während unserer Reise gar kein Wasser gegeben!« »Es war wirklich nicht nötig, gnädige Frau. Die Tiere haben ja nicht einmal das alte ausgetrunken.« * Der Tierforscher. Das junge Fräulein: »Wie weit sind Sie denn mit Ihrem reizenden Werk über die Tiere, Herr Professor?« Forscher: »Ich stehe grade vor der Gans, mein Fräulein.« * Zoologisches. »Der Zoologische Garten soll sich ja ein dritte Kamel zugelegt haben, haben Sie das auch gehört?« »Ja, als ich vor einigen Tagen dort war, war ein Kamel mehr da.« * Die billigen Hasen. Frau: »Zwei Hasen hast du geschossen? Da bekommen wir aber einen billigen Sonntagsbraten!« »Schön billig sind die! Auf jeden Hasen kommt ein angeschossener Treiber.« * Schweinezucht. »Warum lassen sie denn das Schwein immer drei Tage hungern und überfüttern es dann wieder drei Tage lang?« »Das ist doch klar! Das Tier soll doch gut durchwachsen sein – einmal eine Speckschicht und dann wieder mageres Fleisch!« * Pferdedroschke. »Mein Gott, Kutscher, können Sie denn wirklich nicht schneller fahren?« »Det könnt' ick schon, aba ick kann doch det Pferd nich jut allene lassen.« * Billiges Angebot. Ein Sonntagsjäger, der nie etwas traf, erzählte prahlend, wieviel er wieder geschossen habe. »Geben Sie mir einen Taler,« sagte endlich jemand zu ihm, »so will ich den ganzen Tag Ihr Hase sein.« * Der Elefant. »Goldmachen ist eine einfache Sache, hier ist ein altes alchimistisches Rezept, richten Sie sich genau danach. Aber vergessen Sie nicht, Sie dürfen während der ganzen Prozedur nicht an einen Elefanten denken.« Eine Woche später: »Nun, haben Sie einen Versuch gemacht?« »Der Teufel soll Sie holen! Das ganze Jahr hab' ich sonst nie an einen Elefanten gedacht, und jetzt fällt er mir jeden Augenblick ein.« * Der Skeptiker. Ein Hauptmann in Berlin schenkt seinem Offiziersburschen ein Billett für den Zoologischen Garten. »Na, Krischpinski,« fragte der Hauptmann am Abend, »wie hat's dir denn gefallen?« Krischpinski lächelt überlegen. »Schwiendel, Cherr Chauptmann. Alljes Schwiendel. Ssolche Tiere in Wirklichkeit gibt's garr njicht.« * Eine Idee. »Sie wollen also Brieftauben mit Papageien kreuzen – was soll das für einen Zweck haben?« »Na, wenn sie sich einmal in der Luft verfliegen, dann können sie sich, da doch Papageien sprechen, nach dem richtigen Weg erkundigen.« * Maßstab. »Mutti, wachsen die Fische schnell?« »Furchtbar schnell, mein Kind. Vater hat im vorigen Sommer einen Hecht gefangen, der wird jedesmal zehn Zentimeter länger, wenn er davon erzählt.« * Sonntagsjäger. Erster Jäger: »Siehst du, da kommt ein Hase. Der kann auch sein Testament machen!« Zweiter Jäger (nachdem der erste gefehlt hat): »Ja, da rennt er! Offenbar will er zum Notar!« * Der mitleidige Jäger. Ein gemütlicher Berliner war zum erstenmal auf einer Jagd. Ein Häschen kommt aus dem nächsten Busche eilfertig herangelaufen, sieht den Jäger, stutzt und macht ein Männchen. Der Berliner, eingedenk seiner Jägerpflicht, legt an. Dann aber dauert ihn doch das Häschen, und er ruft gutmütig: »Du, Kleener, geh' weg, hier wird geschossen!« * Der Jäger, der nach Hasen sucht. Jäger (zu einem Bauernjungen): »Junge, hast du hier keinen Hasen laufen gesehen?« Junge: »Ja.« Jäger: »Wie lange ist das wohl her?« Junge: »Dat sall um Martini woll drei Johr her sin.« * Der Aufschneider. Ein Jäger erzählt, wie er bei einer Treibjagd in wenigen Minuten Dutzende von Hasen geschossen hatte. »Aber, mein Gott,« sagt endlich einer der Zuhörer, »wenn Sie so ununterbrochen schossen, dann hatten Sie doch gar keine Zeit zum Laden!« »Ei was!« rief der glückliche Schütze, unwillig über diese Unterbrechung. »Wer hat da Zeit zum Laden, wo so viel Wild ist? Da ist man froh, wenn man immer am Knallen bleiben kann.« * Etwas aus Afrika. Ein Wüstenreisender erzählte einst, wie er im Sande den Schatten eines großen Löwen liegen sah. Der Löwe hatte nämlich so entsetzlich gebrüllt, daß der Schatten vor Angst zurückgeblieben war. * Der tapfere Löwenbändiger. Ein Tierbändiger, der unter dem Pantoffel seiner Frau stand, rettete sich vor ihr in den Löwenkäfig. Die Frau: »Elender Feigling! Komm' nur mal raus, wenn du Courage hast!« * De Pird-Kur. Von Fritz Reuter. Ick hadd en gauden Fründ, nu is hei dod. Dat was en wohren Swerenot, hei was en Dokter, wenn ok keinen zünft'gen, hei doktert blot de Unvernünft'gen, Pird'dokter was hei, Borchert heit hei, Un up en Kirchhof liggen deiht hei. Gott lat em daor nu selig rauhn! – Nai, dei hadd vel enmal tau dauhn Up einen Gaud, dat, wenn ok nich ganz dicht, Doch ok mch wid von Wohren liggt. Un up dat Gaud, dor wahnt – för den'n, dei't weiten will – Noch höt tau Dag' Herr van April. – Herr von April, dei hadd en krankes Pird, En Schimmelhingst, und dusend Daler wirt, Und dormit was hei noch nich tau betalen; Dat was dat beste Pird in sinnen Stall. Herr von April lett also Borchert halen, Un sei bespreken nu den Fall, Un nebenbi noch ann're Fälle, Dunn kümmt en Mäten 'rin, dei hett en Teller Mit Snaps un Botterbrod, dat höllt sie Borchert hen, So as Ein dat woll einen Knecht, Dei uns 'ne Fuhr vull Tüflen bröcht, Nah'n Sadel 'ruß tau langen pleggt. »Min Döchting,« seggt uns' Borchert, »wenn De Snaps un't Botterbrd för mi sall sin, Denn nimmt man wedder mit, ick bün Hüt Morgen hungrig nich en Spir.« – Herr von April entschuldigt sik nu sihr: »Ei, Borchert,« seggt hei, »nehmen Sie den Teller, Ich habe leider keinen Wein im Keller, Sonft würd' ich sicher nicht verfehlen ...« »Herr von April, wat helpt dat Quälen«, Seggt Borchert. »Frühstückt heww ick all, Ick denk, wie gahn jitzt nah den Stall, Um uns den Kranken tau beseihn?« – Na, dat ward denn nu ok gescheihn. De Doktor, dei bekickt dat Pird Von un'n un baben, vörn un hinnen, Befäuhlt dat rechtsch und linksch gelihrt, Un as hei Allens utstudirt, Ward hei 'ne Tidlang sick besinnen. – »Je,« seggt hei endlich tau Aprillen, »De Hingst, dei ded' sick stark verküllen, Hei hett 'ne schreckliche Kolik, Un mit em steiht dat gor tau slimm. Wenn Hülp nich kümmt den Ogenblick, Denn sünd Sei üm dat Pird herüm.« – »Ich bitt' Sie, Borchert, retten Sie das Pferd, Das Pferd is tausend Taler wert. Mein Pferd! mein Pferd! mein schöner Hengst! sie glauben nicht, wie ich mich ängst'! Gibt's denn nicht ein probates Mittel? Heraus damit! Ich hab' ja Drittel!« – »En Mittel? Ja! en Mittel giwwt't: Doch bet wi uns dat halen laten, bliwwt De Hingst uns unn're Fingern dod. Dat weit denn doch de Swerenot, Dat jüst kein Rotwein in den Keller is!« »Was? – Rotwein? – wie? Ist das bloß, Bloß Rotwein? – Ih, den hab' ich ja, Sehr schönen Wein – Schatoh la ros' – Ih, Borchert, Rotwein ist ja da! Jehann! Mak tau, mak fix un gah Hen nah den Hus' nah de Mamsell, Dat sei uns glick hir up de stell So drad' und fix m'n Ogenblick 'ne gaude Buddel Rotwin schick.« – Als nu de Bengel mit den Buddel kümmt, Giwwt hei den Doktor sei, un sese nimmt En proppentrecker ut de Tasch herut – Ahn desen reis't hei niemals ut – Un makt den ok de Buddel up Un prauwt tauirst en lütten Drupp. »Herr von April, de Win is echt. Herr von April, ja, wie geseggt, De Win is excellent.« (Kluck, Kluck, Kluck, Kluck.) Un wedder nimmt hei einen Sluck. »Ja, Borchert, ja, der Wein ist gut. Woll'n wir denn nicht einmal probieren, Was er dem Hengst für Dienste tut?« »Jawoll will'n wi em mal probieren«, Seggt Borchert, un set't mit en Ruck De Buddel wedder an. (Kluck, Kluck, Kluck, Kluck.) »Ja, Herr, dat is en schönen Win, De kann binah nich beter sin. Schatoh la ros': Jawoll, hir steiht't! Nie drünk ik betern Win, as dissen! – Hei is von Maßmann und von Nissen – Wat doch so'n Win so glatt 'rin geiht! – Herr von April, so as ick mark: De Win is aewerst woll sihr stark Hei hett gewiß so sine Mucken?« Un wedder fängt hei an tau klucken. »Ei, Borchert!« röppt Herr von April, »Ei, Borchert, halten Sie doch still, Sie haben ja die Flasche fast geleert, Ich denk', der Wein soll für das Pferd?« »För't Pird? Den'n Win för't Pird? Den'n schönen Win för't unvernünft'ge Dirt? Herr von April, wat denken Sei! Schatoh la ros' för't unvernünft'ge Veih? Dor denk ick annders!« (Kluck, Kluck, Kluck, Kluck.) Un drinkt de Buddel ut bet up den letzten Sluck, Un nimmt be Buddel von den Mund: »Herr von April, Ehr Hingst is ganz gesund.« Wir Tiere sind doch bessere – Ganz gewiß hat oft manches Tier bessere Regungen als mancher Mensch. Und darum sind Tiere oft in Fabeln und Gleichnissen den Menschen als Vorbild hingestellt worden. Aber selbst die größten Tierfreunde können uns nicht immer die Tiere als Idealbild vorhalten. Und wenn Scheffel in seiner heiteren Weise aufdeckt, wie wenig Recht wir haben, die Tiere immer zum Gleichnis heranzuziehen, so kommt doch in manch' anderer Tiergeschichte auf amüsante Art zum Vorschein, wie auch die Tiere in der Groteske des Lebens ihre Rolle spielen – und nicht daran denken, ihr Wesen aufzugeben, um besser zu scheinen als sie sind. * Katzenjammer. Von J. Viktor von Scheffel . O die Menschen tun uns unrecht, Und den Dank such' ich vergebens, Sie verkennen ganz die feinern Saiten unsres Katzenlebens. Und wenn einer schwer und schwankend Niederfällt in seiner Kammer, Und ihn morgens Kopfweh quälet, Nennt er's einen Katzenjammer. Katzenjammer, o Injurie! Wir miauen zart im stillen, Nur die Menschen hör' ich oftmals Graunhaft durch die Straßen brüllen. Ja, sie tun uns bitter unrecht Und was weiß ihr rohes Herze von dem wahren, tiefen, schweren, Ungeheuren Katzenschmerze? * Lups. Von Manfred Kyber . Aus »Unter Tieren«, Verlag Grethleins Co., Leipzig. Herr Lups war ein Spatz. Seine Frau hieß Frau Lups. Denn dem Namen nach richten sich die Frauen nach ihren Männern. Es war Frühling und Frau Lups saß auf ihren Eiern. Herr Lups hatte Futter herangeschleppt. Jetzt saß er auf dem Nestrand und blinzelte in die Sonne. »Die Menschen sagen immer, daß Spatzen frech und zänkisch sind,« dachte Frau Lups, »womit sie natürlich nur die Männchen meinen. Ich kann es von meinem Mann eigentlich nicht finden. Ein fertiger Ehespatz ist er zwar noch nicht, aber er macht sich.« Herrn Lups wurde es langweilig. »Ich möchte mich auch mal auf die Eier setzen.« »Nein«, sagte Frau Lups – nicht aus Eigensinn, rein aus pädagogischem Empfinden. »Piep!« sagte Herr Lups empört, »es sind auch meine Eier.« »Nein«, sagte Frau Lups – wieder nur aus pädagogischem Empfinden. Herr Lups schlug erregt mit den Flügeln. »Ich habe das Recht auf den Eiern zu sitzen, ich bin der Vater!« schrie er. »Schlage nicht so mit den Flügeln,« sagte Frau Lups, »es ist unschicklich, wenigstens hier im Nest. Außerdem macht es mich nervös. Ihr Männer müßt immer gleich mit den Flügeln schlagen. Nimm dir ein Beispiel an mir. Ich bin stets ruhig. Gewiß sind es deine Eier. Aber es sind mehr meine Eier als deine Eier. Das habe ich gleich gesagt. Denke dran, daß du verheiratet bist.« »Daran denke ich unaufhörlich«, sagte Herr Lups. »Aber du hast es vorhin anders gesagt. Das ist unlogisch.« »Stör' mich nicht mit deiner Logik,« sagte Frau Lups, »wir sind verheiratet und nicht logisch.« »So«, machte Herr Lups und klappte arrogant mit dem Schnabel. »Findest du das etwa nicht???« Herr Lups hörte auf zu klappen. »Ja, ja, meine Liebe«, sagte er. »Er macht sich«, dachte Frau Lups. »Ich werde jetzt in den Klub gehen«, sagte Herr Lups und putzte sich die Flügel. »Du könntest dich auch mal auf die Eier setzen,« sagte Frau Lups vorwurfsvoll, »ich sitze schon den ganzen Vormittag darauf. Glaubst du, daß es ein Vergnügen ist? Dabei sind es deine Eier.« Herr Lups dachte, die Sonne müsse aufhören zu scheinen. Aber sie schien weiter. »Mir steht der Schnabel still!« schrie er. »Eben wollte ich auf den Eiern sitzen, da waren es deine Eier. Jetzt will ich in den Klub gehen, da sind es meine Eier, wessen Eier sind es nun endlich?!« »Schrei nicht so,« sagte Frau Lups, »natürlich sind es deine Eier. Ich habe es dir doch schon vorhin gesagt.« Herrn Lups wurde schwindlig. »Du irrst dich«, sagte er matt. »Frauen irren sich nie«, sagte Frau Lups. »Ja, ja, meine Liebe«, sagte Herr Lups und setzte sich auf die Eier, die nicht seine Eier und doch seine Eier waren. »Männer sind so wenig rücksichtsvoll,« sagte Frau Lups mit sanftem Tadel, »du hast eben auch die weibliche Hand in deinem Leben zu wenig gefühlt.« »O doch«, sagte Herr Lups und blickte auf die Krällchen seiner Gemahlin. Frau Lups horchte aufmerksam an den Eiern. »Eins piepst sogar schon im Ei«, sagte sie glücklich. »Dann wird es ein Weibchen«, sagte Herr Lups. Frau Lups sah ihren Gatten scharf an. »Gewiß,« sagte sie, »es wird ein Weibchen. Die Intelligenz regt sich am frühesten.« Herr Lups ärgerte sich sehr und brütete. »Aber das erste, das herauskommt, wird ein Männchen!« sagte er patzig. Frau Lups blieb ganz ruhig. »Das was zuerst piepst, kommt auch zuerst heraus,« sagte sie, »es wird also ein Weibchen. Im übrigen laß mich jetzt auf die Eier. Es wird kritisch. Das verstehen Frauen besser. Außerdem sind es meine Eier.« »Ja, ja, meine Liebe«, sagte Herr Lups. Nach kurzer Zeit kam das erste aus dem Ei. Es war ein Männchen. Herr Lups plusterte sich und zwitscherte schadenfroh. »Siehst du,« sagte Frau Lups, »ich habe es dir gleich gesagt. Es wird ein Männchen. Aber ihr müßt eben alles besser wissen.« Herr Lups sperrte den Schnabel auf wie noch nie. Eine Steigerung war anatomisch undenkbar. Aber er kriegte keinen Ton heraus. Da klappte er den Schnabel zu. Endgültig. »Jetzt ist er ganz entwickelt, es wird eine glückliche Ehe«, dachte Frau Lups und half den anderen Kleinen behutsam aus der Schale. »Nun mußt du in den Klub gehen, liebes Männchen,« flötete sie, »du mußt dich etwas zerstreuen. Ich bat dich schon so lange darum. Auf dem Rückweg bringst du Futter mit.« »Ja, ja, meine Liebe«, sagte Herr Lups.   Herr Lups hielt eine Rede im Klub. »Wir sind Männer! Taten müssen wir sehen, Taten!!« schrie er und gestikulierte mit den Flügeln.   Frau Lups wärmte ihre Kleinen im Nest. »Seinen Namen werdet ihr tragen, alle werdet ihr Lups heißen«, piepste sie zärtlich. Denn dem Namen nach richten sich die Frauen nach ihren Männern. * Gebrüder Grün. von Gustav Wied . Ein Andersensches Märchen. Es waren einmal zwei Frösche, die waren Zwillingsbrüder und Junggesellen und hießen Quabbe und Krabbe. Ganz unten auf dem Grunde eines tiefen Loches neben der großen Mergelgrube auf dem Brachfelde hatten sie ihr Haus. Und da unten saßen sie den ganzen Tag, jeder in seiner Ecke, und sagten nicht einen Ton. Aber wenn der Abend kam und die Sonne untergegangen war, krabbelten sie aus ihrem Loch heraus und verbargen sich unter ein paar großen Huflattichblättern, die oben am Rande der Mergelgrube wuchsen; und da lagen sie dann auf ihren fetten Bäuchen und lauerten darauf, ob sich etwas Eßbares zeigen wollte; denn das, was sie in dieser Welt am höchsten schätzten, war Essen, und das ist auch eine gute Sache, wenn man's mit Maß genießt. Aber sie hatten nun soviel Jahre lang, die Gott der Herr hatte werden lassen, sich in einem Grade angefüllt, daß ihnen die Bäuche völlig bis auf die Knie hinabhingen und die Augen über einen halben Zoll aus dem Kopf herausstanden. Ja, es war wirklich ein Paar schmucker Kavaliere. Und dabei waren sie so wichtig und von sich eingenommen, daß sie mehrmals dicht daran gewesen, vor Wut zu platzen, als jemand ihnen widersprach. Doch eines mußte man ihnen lassen: sie hielten zusammen; und war der eine beleidigt, war es der andere auch. »Sie sollten sich beide eine kleine Frau nehmen, meine Herren!« sagte der Igel eines Abends, als er ans Wasser hinunter kam zum Trinken. »Eine Frau erfreut das Herz und versüßt das Leben! Und dann die Kinder!« sagte er, und die Stacheln auf seinem Rücken sträubten sich vor Freude, »und dann die Kinder!« Der Igel war nämlich Ehemann und Vater, und er war darüber nur froh. »Kümmern Sie sich um sich selbst!« sagte Quabbe, der mit einem Regenwurm aus dem einen Mundwinkel hängend dasaß, »es hat Sie niemand um Ihre Meinung gebeten!« Und Krabbe ließ seine Augen noch weiter aus dem Kopf herausquellen, sah den Igel schief an und sagte: »Das ist übrigens unser Wasser!« »Um Gottes willen, entschuldigen Sie!« sagte der Igel, der ein höflicher und gutmütiger Bursche war, »das wußte ich nicht! Aber Sie gestatten doch wohl, daß, ich ein, Mundvoll nehme? Ich bin so durstig!« Keiner der Brüder antwortete; sie mochten nicht; sie hatten alle beide den Rücken gewandt und saßen da und glotzten begehrlich nach einer schönen grünen Fliege hoch, die oben unter einem der Huflattichblätter einherspazierte; der eine war bange davor, daß der andere sie bekäme. Aber gerade als Krabbe sie seinem Bruder vor der Nase wegschnappen wollte, flog sie davon. »Habt Ihr mich?« sagte die Fliege, und weg war sie. »Man hat nicht immer Glück!« bemerkte der Igel teilnehmend; er hatte seinen Durst jetzt gelöscht und glaubte zum Entgelt etwas sagen zu müssen, daß man ihm zu trinken erlaubt hatte. »Gehen Sie doch gefälligst Ihrer Wege!« sagte Quabbe. »Es hat Sie niemand holen lassen!« sagte Krabbe. »Na, gute Nacht denn! Und guten Fang!« nickte der Igel höflich, und damit kroch er fort. »Nadelkissen!« murmelte Quabbe und wandte seine Stielaugen ihm nach. »Spitzschnautze!« sagte Krabbe. Aber im Grunde waren sie gar nicht so froh darüber, daß der Igel ging, denn eigentlich mochten sie gern jemand haben, an dem sie ihre Galle auslassen konnten. Sie saßen eine Zeitlang schweigend, und nichts kam zur Nahrung vorbei, und sie wurden immer erboster. Der Unterkiefer hing ihnen ganz bis auf die Brust, und sie schwitzten grün vor Bosheit. »Ich glaube, der Igel sprach davon, daß wir uns verheiraten sollten?« brummte Quabbe. »Hö, ja,« lächelte Krabbe säuerlich, »wenn Leute ins Unglück gekommen sind, dann wollen sie andere gern nachziehen. Er selbst sitzt da und hat das ganze Nest voller Jungen!« »Kann man sie essen?« »Ja, die Krähen machen sich viel daraus.« »Hoffentlich werden die Krähen sie sich holen!« sagte Quabbe. »Es ist ekelhaft, all die Jungen, die in die Welt gesetzt werden! Essen wollen sie alle miteinander haben. Da bleibt ja bald für uns andere nicht mehr, als ein Vogel auf dem Schwanze fortträgt.« »Das ist wahr und gewiß, Bruder«, sagte Krabbe. »Und das ist bloß von wegen der vielen Liebe.« »Und der großen Heiratswut.« »Es gibt nicht viele, die so klug sind wie wir!« »Nein, das ist ein wahres Wort!« »Wir kümmern uns um uns selbst!« »Das tun wir!« »Und wir kommen niemand zu nahe!« »Nee, wenn die andern uns nur in Frieden lassen wollten!« »Ja, kannst du 'ne Fliege sehn?« »Nee, in der letzten halben Stunde habe ich keine gesehen.« »Ich auch nicht, wo sind sie nur alle miteinander geblieben?« »Die andern nehmen sie uns weg!« »Und für uns bleibt nichts übrig!« »Wir müssen hungrig zu Bett gehn!« »Das müssen wir ja immer!« »Wenn ich nur so groß wäre, daß ich alles Essen vertilgen könnte, das es auf der Welt gibt!« sagte Quabbe. »Ja, und ich würde dir dann helfen!« sagte Krabbe. So saßen sie da und redeten und murmelten und brummten, die beiden lieben Brüder, bis in die Nacht hinein; und bald erschnappten sie eine Fliege und bald einen Nachtschwärmer und bald eine Mücke und schmatzten sie in sich hinein mit ihren breiten Kinnladen, daß es klang, als schlüge man ein paar neue Handschuhe gegeneinander; aber satt wurden sie nicht, sagten sie, und erst gegen die Morgenstunde hin, als es hell zu werden begann, krochen sie hin zu ihrem Loch und ließen sich da auf den Boden plumpsen. Und da saßen sie dann, seit die Sonne aufgegangen war, bis die Sonne unterging, und schliefen und verdauten und glotzten und stocherten sich die Zähne. Und dunkel war es da unten und feucht und trist; aber das gefiel ihnen gerade. Doch darüber, oben in dem hellen Sonnenschein war Leben und Licht und Freude und Fröhlichkeit! Draußen über dem Wasser schwärmten Schmetterlinge und Libellen und setzten sich bald auf die eine Blume und bald auf die andere; kleine zierliche Fische schwammen oben im Wasser umher und schlugen mit den Schwänzen und spielten Greifen. Weiterhin auf den Feldern sprangen die Hasen durch das frische Gras und nahmen sich ein Mundvoll hier und ein Mundvoll da; und hoch in der Luft kreisten Schwalben und Stare und genossen die Aussicht und sahen hinunter auf das Ganze und auf den Storch, der da ging und in seinen langschaftigen roten Stiefeln hin in eine Ecke der Mergelgrube watete; er hob die Füße so hoch und vorsichtig und setzte sie ganz still wieder nieder, um kein Geräusch zu machen. Mit einemmal fiel sein Auge auf ein rundes Loch, das im Schlamm oben an der Wasseroberfläche war. Gott weiß, wer da wohnen mag? dachte er und ging dorthin. Und als er neben dem Loche stand, legte er den Kopf auf die Seite und guckte hinunter. »Nehmen Sie sich in acht, nehmen Sie sich in acht!« rief ein Schmetterling, der gerade vorbeigeflogen kam. Aber ehe der Storch gefragt haben konnte: wovor? war er fort. »Sind Sie verrückt, sind Sie verrückt?« schrie eine Libelle, die dasaß und sich oben auf der Spitze eines Schilfrohrs sonnte, »sind Sie verrückt, sind Sie verrückt?« Und eine kleine blaugrüne Fliege, die auf einem Wasserlilienblatt vorübergeschwommen kam, schrie auch: »Sind Sie verrückt?« und wäre beinahe kopfüber ins Wasser gegangen vor Schreck. »Aber Gott bewahre!« sagte der Storch und ihm wurde ganz bedenklich zu Mute, »wer wohnt da unten in dem Loch?« »Die Gebrüder Grün!« sagte die Libelle und schlug mit den Flügeln ein Kreuz bei dem bloßen Nennen des Namens. »Die Gebrüder Grün!« riefen die Fliegen unter den Huflattichblättern. »Die zwei schlimmsten Ungeheuer in der ganzen Welt!« »Die Gebrüder Grün!« pfiff der Regenwurm. »Gestern abend fraßen sie meine Frau.« »Darf ich fragen, zu welcher Tierklasse sie gehören?« fragte der Storch. »Frösche, Frösche, Frösche!« ertönte es von allen Seiten. »Na!« sagte der Storch, »weiter nichts! Dann kann man sie sich ja holen!« Und er jagte ganz ungeniert den ganzen Schnabel hinunter in das Loch bis an die Augen. Tief, tief unten auf dem Boden saßen da die Zwillinge und schliefen, jeder in seiner Ecke. Krabbe zur Linken und Quabbe zur Rechten, denn er war der älteste. Und er sah gerade und träumte, daß er eben nach einem schönen, fetten, glänzenden Pferdeigel schnappen wollte: »Laß sein, Krabbe!« sagte er wütend, da ihn jemand hart berührte. »Der Igel ist mein! Ich sah ihn zuerst! Den nächsten kannst du bekommen!« Hallo! dachte der Storch, da haben wir ja das Ungeheuer! Und er griff Quabbe um das eine Hinterbein und zog ihn herauf. »Was bist du für eine Größe?« »Ich bin Quabbe!« sagte der Zwilling. »Laß, mich in Frieden! Mir liegt nichts daran, 'rauf ans Licht zu kommen!« Und damit wandte er dem Storch den Rücken und wollte wieder in sein Loch krabbeln. »Nein, halt,« sagte der Storch, »so haben wir nicht gewettet, guter Freund!« Und er packte den Frosch mit einem Griff beim Rücken und hielt ihn zurück. »Unverschämter Kerl!« zischte der Frosch und das Fett schwoll ihm auf, »hört Er nicht, daß ich zu meinem Bruder hinunter will!« »Ja, das ist wahr! Du hast ja einen Bruder!« sagte der Storch. »Ich werde ihn holen!« »Laß mich los!« schimpfte Quabbe und zappelte. »Ich will 'runter! Die Sonne scheint mir in die Augen!« »Ja, du sollst schon hinunterkommen!« sagte der Storch. »warte einen Augenblick!« Und damit sperrte er den Schnabel soweit auf, als er konnte, und verschluckte Quabbe. »So was Tolles habe ich nie gesehen!« sagte die Libelle, die noch immer auf ihrem Schilfrohr sah, »solch ein Mundvoll!« Aber der Storch antwortete nicht, er steckte den Schnabel wieder in das Loch bis an die Augen und suchte umher. »Was ist denn los?« fragte Krabbe, der bei der Störung erwachte, »sollen wir hinauf?« »Ja, wir sollen!« sagte der Storch und zog ihn am Hinterbein heraus, gerade so, wie er es mit seinem Bruder gemacht hatte. »Guten Morgen, Euer Wohlgeboren!« »Was bist du für ein Fisch?« fragte Krabbe verbissen und setzte die Augen auf Stiele, um imponierend auszusehen. »Ich bin kein Fisch, ich bin ein Vogel!« sagte der Storch. »Du ödest mich an!« zischte Krabbe und schwitzte grün. »Danke, gleichfalls!« sagte der Storch. »Aber nun wollen wir es mit bekomplimentieren genug sein lassen und an die Geschäfte gehn!« »Ich habe keine Geschäfte mit dir!« »Na, das könnte vielleicht doch sein...« »Ich will hinab zu meinem Bruder, und zwar gleich!« »Dahin wirst du früh genug kommen!« »Wo ist er denn hin?« »Nicht allzuweit. Hättest du Lust, ihn zu sehen?« »Ja, gewiß!« sagte Krabbe. »Ja, dann warte ein wenig!« nickte der Storch und begann seinen Hals zu krümmen. »Nun kommt er gleich!... Hier hast du ihn!« sagte er und brachte Quabbe auf die Erde vor sich. »Du!« sagte Quabbe und nieste, »das war aber eine eklige Tour!« »Das nennen wir: durch den Suezkanal gehn«, erklärte der Storch. »Die Reise will ich ganz gewiß nicht zum zweitenmal machen!« sagte Quabbe. »Nein, das nächstemal darfst du auch dableiben!« sagte der Storch. »Unverschämter Geselle!« schrie Krabbe rasend und ging dem Storch zu Leibe, »ist das eine Art, einen älteren Herrn zu behandeln? wie sieht denn mein Bruder aus?« »Tut mir leid!« beklagte der Storch. »Aber das ist nun meine Methode. Jeder hat die seine.« Quabbe sah unleugbar etwas wunderlich aus nach seiner Reise, so merkwürdig dünn und langgestreckt war er geworden, und die Beine schlapp und die Augen stumpf; und der Mund war ihm ganz aufgerissen an der einer Seite. Und dann hatte er die ganze Zeit einen Schluckauf, als ob er sich übergeben wollte. Krabbe krabbelte rund um ihn herum und besah ihn sich von allen Seiten und stieß ihn mit dem Maul an; aber der Bruder rührte sich nicht, saß da und glotzte stier vor sich hin und murmelte nur einmal dabei: »Laß mich, ich bin seekrank!« »Na?« fragte der Storch, der die Zeit benutzt hatte, um auf einem Bein zu stehen und nachzudenken, »seid ihr nun fertig?« »Du hast ihn gut zugerichtet!« sagte Krabbe und zeigte auf den Bruder. »Aus dem wird niemals wieder ein Mensch!« »Seid ihr fertig?« fragte der Storch wieder, »Wer von euch ist der älteste!?« »Keiner!« sagte Krabbe naseweis; »denn wir sind Zwillinge.« »Jetzt schlucke ich euch!« sagte der Storch plötzlich. »Ich kann meine Eßlust nicht länger bezähmen!« »Schlucken?« fragte Krabbe, und die Warzen auf seinem Körper begannen vor Schreck anzuschwellen; »willst du uns essen?« »Ja, das ist meine Absicht! Wer ist der älteste?« »Es gibt ja so viele andere Frösche! Jung und hübsch und lecker!« »Zuerst euch und dann das Dessert!« nickte der Storch, und das Auge, das er den Brüdern zuwandte, begann unheimlich zu leuchten. »Wir sind so alt, so alt,« schrie Krabbe in seiner Angst, »und so zäh und so mager!« »Ach, ihr werdet schon rutschen! Ihr seht nicht so aus, als ob ihr Not gelitten habt.« »Das ist Wassersucht!« schrie Krabbe. »Ich versichere Eure Hochbeinigkeit, das ist die reine und schiere Wassersucht! ... Sage doch etwas, Quabbe!« »Ich bin seekrank!« sagte Quabbe, und es war nicht möglich, etwas anderes aus ihm herauszubekommen. »Lieber kleiner Storch,« winselte Krabbe, und all seine frühere Großheit war fort, »lieber, guter, kleiner Storch, wir wollen Ihnen zehn Pferdeigel fangen, wenn Sie uns laufen lassen!« »Zwei Frösche im Magen sind besser als zehn Pferdeigel im Wasser!« sagte der Storch. »Ja, iß sie nur!« lachte die Libelle oben auf ihrem Schilfrohr. »Iß sie nur! Das ist ihnen recht! Sie haben nie Mitleid mit uns gehabt.« Aber gerade als sie gesprochen hatte, kam ein Sperling vorbeigeflogen und schnappte sie sich weg. »Gesegnete Mahlzeit!« sagte der Storch. »Nun will ich auch daran! Wer von euch ist der älteste, den will ich zuerst nehmen?« fragte er und sah herab auf Krabbe, der platt auf dem Boden lag und zitterte. »Das ist er!« sagte Krabbe flink und deutete auf den Bruder. »Gut!« nickte der Storch. »Eins, zwei ...« Aber gerade als er drei sagen wollte und mit dem Schnabel auf Quabbe einhauen, sprang Quabbe auf, setzte sich auf sein Hinterteil, streckte den Finger in die Luft und sagte: »Wir wissen ein Igelnest!« »Ein Igelnest?« fragte der Storch und hob den Kopf. »Ja, ja«, nickte Krabbe eifrig. »Wieviel sind darin?« ,,Sechs Junge!« »Sind sie fett?« »Wie Bäckerkinder!« »Haben sie Stacheln?« »Ein paar ganz kleine, die nicht genieren werden!« »Ist es weit von hier?« »Zwei Schritt übers Feld hin!« »Aber die Alten?« »Die Alten sind aus; das sind sie immer um diese Zeit!« »Woher weißt du das?« »Ja, es sind ja unsere besten Freunde!« »Gut!« sagte der Storch entschieden. »Zeig' mir das Haus! Und behagt mir der Schmaus, sollt ihr entschlüpfen! Wir wollen schnell machen! Igeljunge sind mein Leibgericht!« »Erst ein kleines Papier!« schmeichelte Krabbe, der jetzt einen Teil seiner Fassung wiedergewonnen hatte. »Erst ein kleines Papier, Eure Hochbeinigkeit.« »Das braucht es nicht zwischen uns!« sagte der Storch. »Ihr habt ja mein Wort!« »Bewahre!« sagte Krabbe höflich. »Und das ist natürlich ausreichend. Aber ein kleines Papier um Lebens oder Sterbens willen, wie es heißt!« Und der Storch mußte sich eine Feder aus dem Schwanz reißen und auf ein Huflattichblatt schreiben, daß er sich verpflichte, Abstand davon zu nehmen, die Gebrüder Q. und K. Grün zu verspeisen, wofern sie ihm das versprochene Igelnest zeigten und wofern die Jungen nicht zu mager wären. »Nein, das sind sie nicht!« sagte Krabbe eifrig, »hier ist kaum mehr Nahrung aufzutreiben gewesen, so haben die Alten für sie zusammengescharrt! Das ist ekelhaft, wenn sich einer so mit allem vollfüllt, was er sieht.« »War das auf mich gemünzt?« fragte der Storch. »Aber keineswegs!« sagte Krabbe und beugte sich ganz tief zur Erde. »Absolut nicht! In keiner Weise! Das würde mir niemals einfallen!« Und damit nahm er Quabbe unter den Arm, und alle drei gingen hin zu dem Igelnest. »Hier ist es!« sagte Krabbe und bog das Gras zur Seite. Und da lagen ganz richtig die sechs leckersten, kleinen Jungen und schliefen, die Schnauzen einander in die Seiten gebohrt. Dem Storch traten Tränen in die Augen, als er sie sah: »Das ist beinah Sünde,« sagte er, »an den Eltern!« Aber in demselben Augenblick saß ihm schon ein Junges tief im Halse: »Sehr gut, sehr gut!« sagte er. »Ich habe schon schlechtere Sachen geschmeckt!« Und er nahm ein Mundvoll dazu und ließ es ganz langsam hinabgleiten. »Gott, was muß Ihnen die Nahrung für ein Vergnügen bereiten!« sagte Krabbe neidisch. »Bei Ihrem Hals!« »Kann nicht klagen!« sagte der Storch; er war mitten in Nummer drei. »Und diese Speise ist nach Wunsch?« »Ausgezeichnet!« »Die Stachel kratzen nicht?« »Kann sie gar nicht spüren!« »Ja, dann wünschen wir Ihnen gesegnete Mahlzeit zum Rest!« sagte Krabbe und nahm seinen Bruder wieder unter den Arm. »Nein, wartet ein bißchen!« sagte der Storch und vertrat ihnen den Weg. »Sie müssen erst meine Frau begrüßen!« »Ihre Frau?« »Ja, das wird sie freuen!« »Denke an das Papier!« sagte Krabbe und schwitzte aufs neue grün. »Ja, ich werde Sie wahrhaftig nicht anrühren!« beteuerte der Storch und legte seinen langen, biegsamen Hals über den Rücken zurück und klapperte mit dem Schnabel, so daß es weithin Echo gab. »Das war ein widerlicher Laut!« murmelte Quabbe; er hatte in der letzten halben Stunde nicht den Mund aufgetan. »Ja,« sagte der Storch, »aber er ist nützlich! Und da haben wir die Madam!« In dem Augenblick rauschte es in der Luft; es war die Storchmutter, die geflogen kam. Sie umkreiste ein paarmal die Stelle, streckte die Beine von sich und schlenkerte! mit ihnen, um festen Fuß zu fassen; und nun stand sie, da. Aber ehe sie soweit gelangt war, hatte der Storchvater den Rest Igeljunge verschluckt; er beeilte sich in einer Weise, daß er das letzte beinahe verkehrt in den Hals bekommen hätte. »Issest du?« sagte Mutter und sah ihn scharf an. »Oh, eine Kleinigkeit!« sagte Vater. »Aber darf ich nicht vorstellen: Meine Frau... Gebrüder Grün!« »Ah, welch brave Herren!« lächelte die Frau. »Ja, ich glaubte, es würde dich freuen, ihre Bekanntschaft zu machen, meine Liebe!« nickte der Storch. Aber die Zwillinge sagten nichts. Quabbe saß unverändert stumpf und teilnahmslos da und glotzte starr vor sich hin mit stieren Augen und hängenden Kiefern; die Fahrt durch den Suezkanal hatte ihn ganz der Fähigkeit beraubt, wahrzunehmen, was um ihn vorging. Und Krabbe, das Wrack, konnte mit dem besten Willen nicht ein Wort hervorbringen. Er war ganz nahe neben seinen Bruder gekrochen und rückte sich in seiner Angst dicht an ihn heran; und den »Kontrakt« hielt er hoch in die Luft wie ein Schild. Aber kurz danach waren die Brüder verschwunden: die Storchmutter hatte sie gefressen! »Ein Mann kann nicht für die Handlungen seiner Frau verantwortlich sein!« sagte der Storchvater; er stand auf einem Bein und blinzelte mit den Augen und sah philosophisch aus. Und in demselben Augenblick erfaßte der Wind den »Kontrakt«, wehte davon mit ihm und warf ihn weg in die Mergelgrube. Weisheit der Tiere. Hier sollen selbstverständlich keine Beweise für die Intelligenz der Tiere gegeben werden. Der Streit über die denkenden Tiere muß wo anders ausgefochten werden. Nur einige spaßhafte Erzählungen von klugen Tieren und andere von solchen, die eben nicht klug sind, sollen hier erfreuen. Die Weisheit der Tiere! Sie ist oft nur ein Gleichnis, das den dummen Menschen vorgehalten wird. Aber aus mancher dieser Geschichten und Witze sowie auch aus den andern Abschnitten ist mancherlei zu lernen, besonders für das Leben von Menschen mit Tieren ... * Der alte und der junge Löwe. Ein alter Löwe kannte nicht mehr wohl jagen und lag in einem Loch und hatte einen jungen Sohn, der speiste ihn, wie es recht und billig war. Der alte Löwe gab dem jungen eine Lehre und sprach zu ihm: »Lieber Sohn, hüte dich davor, mit einem Menschen in Kampf zu geraten, und geh' ihm aus dem Wege, denn er ist stärker als alle Tiere, dann wird es dir auch nimmer übel gehen!« Aber der junge Löwe verachtete im Gefühl seiner Stärke den Rat seines Vaters und beschloß, sich wenigstens einmal einen Menschen anzusehen. Er ging also aus und traf zwei Ochsen, die waren zusammen unter ein Joch gebunden. Der Löwe fragte sie: »Seid ihr Menschen?« – »Nein,« antworteten sie, »ein Mensch hat uns zusammengebunden!« Der Löwe ging, weiter und fand einen reisigen Hengst, der war wohl beschlagen und hatte einen Sattel auf dem Rücken und einen Zaum in dem Maul und war gebunden an einen Raum. Der Löwe sprach zu ihm: »Bist du ein Mensch?« – »Nein,« antwortete das Pferd, »aber ein Mensch hat mich angebunden!« Der Löwe ging weiter und fand endlich einen Bauer, der vor einem Walde Holz schlug. Der Löwe sprach: »Bist du ein Mensch?« Der Bauer antwortete: »Ja.« – Der Löwe betrachtete ihn geringschätzig und sagte: »Rüste dich, wir wollen miteinander kämpfen!« »Guter Gesell!« erwiderte der Bauer, »hilf mir zuerst das Holz spalten, dann will ich dir nachher gern zu Diensten stehn!« Der Bauer tat nun einen Streich mit der Axt an dem einen Ende eines gefällten Baumes, machte einen Spalt und lehrte den Löwen, wie er mit seinen Klauen den Baum sollte auseinanderzerren. Als nun der Löwe seine Klauen in den Spalt stieß, da zog der Bauer die Axt aus dem Spalt, und der Löwe war gefangen. Der Bauer lief dem Dorfe zu und machte ein Geschrei: Ein Löwe! Ein Löwe! Die Bauern kamen nun alle zum Dorfe heraus mit Spießen, Gabeln und Knüppeln und rückten auf den Löwen los. Der sah, daß er in Todesnöten war, zerrte mit Gewalt die Klauen aus dem Holze, so daß sie ihm halb darin stecken blieben, und entkam unter großen Schmerzen den Bauern. Er zeigte seinem Vater seine Füße und sprach: »Vater, hätte ich deinen Rat befolgt, so wäre es mir nicht so ergangen. Ich habe erfahren, daß du recht gehabt!« Joh. Pauli, »Schimpf und Ernst«. * Der Star von Segringen. Selbst einem Staren kann es nützlich sein, wenn er etwas gelernt hat, wieviel mehr einem Menschen. – In einem respektablen Dorfe, ich will sagen in Segringen, hatte der Barbier einen Star, und der Lehrjunge gab ihm Unterricht im Sprechen. Der Star lernte nicht nur alle Wörter, die ihm sein Sprachmeister aufgab, sondern er ahmte zuletzt auch selber nach, was er von seinem Herrn hörte, zum Beispiel: ich bin der Barbier von Segringen. Sein Herr hatte auch sonst noch allerlei Redensarten an sich, die er bei jeder Gelegenheit wiederholt, zum Beispiel: So so, lala! oder: par Compagnie (was soviel heißt wie: in Gesellschaft mit andern), oder: wie Gott will! oder: du Tollpatsch! So titulierte er nämlich insgemein den Lehrjungen, wenn er das halbe Pflaster auf den Tisch strich, anstatt aufs Tuch, oder wenn er das Schermesser am Rücken abzog, anstatt an der Schneide, oder wenn er ein Arzneiglas zerbrach. Ale diese Redensarten lernte nach und nach der Star auch. Da nun täglich viele Leute im Haus waren, weil der Babier auch Branntwein ausschenkte, so gab es manchmal viel zu lachen, wenn die Gäste miteinander ein Gespräch führten, und der Star warf auch eins von seinen Wörtern mit drein, das sich dazu schickte, als wenn er den Verstand davon hätte. Manchmal, wenn ihm der Lehrjunge rief: »Hansel, was machst du?«, antwortete der Star: »Du Tollpatsch!«, und alle Leute in der Nachbarschaft wußten von dem Hansel zu erzählen. Eines Tages aber, als ihm die beschnittenen Flügel wieder gewachsen waren, und das Fenster war offen und das Wetter schön, dachte der Star: ich hab' jetzt schon so viel gelernt, daß ich in der Welt kann fortkommen, und husch war er zum Fenster hinaus, war verschwunden. Sein erster Flug ging ins Feld, wo er sich unter eine Gesellschaft anderer Vögel mischte. Und als sie aufflogen, flog er mit auf, denn er dachte, sie wissen die Gelegenheit hier zu Lande besser als ich. Aber sie flogen unglücklicherweise alle miteinander in ein Garn. Der Star sagte: »Wie Gott will!« Als der Vogelsteller kam und sah, was für einen großen Fang er gemacht hatte, nahm er einen Vogel nach dem andern behutsam heraus, drehte ihm den Hals zu und warf ihn zu Boden. Wie er nun aber die mörderischen Finger wieder nach einem Gefangenen ausstreckte und an nichts dachte, schrie der Gefangene: »Ich bin der Barbier von Segringen!«, als wenn er wüßte, daß ihn das retten müßte. Der Vogelsteller erschrak anfänglich, denn das schien ihm nicht mit rechten Dingen zuzugehn. Dann aber, als er sich erholt hatte, konnte er kaum vor Lachen zu Atem kommen. Und als er sagte: »Ei, Hansel, hier hätte ich dich nicht gesucht, wie kommst du in meine Schlinge?« – da antwortete der Hansel: »Par Compagnie!« Also brachte der Vogelsteller den Star seinem Herrn wieder zurück und bekam ein gutes Fanggeld. Der Barbier aber erwarb sich damit einen guten Zuspruch, denn jeder wollte den merkwürdigen Hansel sehen, und wer jetzt noch weit und breit in der Gegend zur Ader lassen will, der geht zum Balbierer von Segringen. Johann Peter Hebel. * Der Affe als Bereiter. Ein reicher Engländer, der ein großes Landgut besaß, hielt sich einen Affen, dem es großes Vergnügen bereitete, auf den Schweinen seines Herrn zu reiten, wobei er sich jedesmal diejenigen wählte, die ihm für diesen Zweck am geeignetsten schienen. Er sprang auf den Rücken des ausgewählten Tieres, peitschte es unbarmherzig und tummelte es so lange herum, bis es nicht länger laufen konnte. Die Schweine standen in solcher Furcht vor dem Affen, daß, wenn er des Morgens auf den Hof kam, alle bei seinem Anblick in ein lautes Grunzen ausbrachen. Nun hatte ein benachbarter Edelmann ein Pferd gekauft, das so wild und unbändig war, daß es niemand reiten konnte. »Ich weiß Ihnen keinen anderen Rat zu geben,« bemerkte einer seiner Bekannten, dem er sein Leid darüber klagte, »als daß Sie den Affen Ihres Nachbarn darauf setzen.« Der Edelmann folgte diesem Rat. Man sattelte das widerspenstige Tier, setzte den Affen darauf und gab ihm eine Reitpeitsche in die Pfote. Der Affe machte sogleich Gebrauch von der Peitsche, worüber das Pferd ganz wütend wurde, sich bäumte, ausschlug und seinen Reiter abzuschütteln suchte, allein er behauptete seinen Sitz und fuhr fort zu peitschen. Das erbitterte Tier legte sich jetzt nieder, aber sowie es sich, auf eine Seite warf, husch, war der Affe auf der andern. Hierauf rannte es mit seiner Bürde in den Wald, um dieselbe abzustreifen, allein sobald ein Baum oder Strauch dem Affen Gefahr drohte, wußte sich dieser ihr durch geschicktes Ausweichen, indem er seinen Körper bald rechts, bald links niederbog oder zurückwarf, geschickt zu entziehen. Endlich wurde das Pferd so müde und matt, daß es aus freien Stücken nach Hause lief und im Stalle Schutz und Ruhe suchte. Als man den Affen entfernt hatte, mußte ein Bauernbursche das Pferd besteigen; es machte nicht den geringsten Versuch, ihn abzuwerfen, sondern zeigte sich fortan lenksam und fromm und verfiel nie wieder in seine früheren Fehler. * Die empfindlichen Pferde. Zu der Zeit, da man noch an jedem Stadttor Zoll zahlen mußte, kam ein Bauer mit einem Wagen, der mit schweren Säcken beladen war, in die Stadt gefahren. »Was hat Er da geladen?« fragte der Zollbeamte. Geheimnisvoll näherte sich der Bauer dem Beamten und flüsterte ihm leise ins Ohr: »Hafer hab' ich geladen!« Sein ganzes Gebaren kam dem Zöllner bedenklich vor. ›Wahrscheinlich hat er Konterbande geladen‹, dachte er. ›Weshalb tut er sonst so geheimnisvoll?‹ Er rief seinen Kollegen, und sie untersuchten sorgfältig den Wagen, fanden aber nichts als den zollfreien Hafer. »Aber weshalb taten Sie denn so geheimnisvoll?« fragte endlich der Beamte. »Ja, wissen Sie«, sagte der Bauer. »Meine Pferde haben seit Jahr und Tag keinen Hafer bekommen. Wenn die merken, daß ich Hafer habe und geb' ihnen nichts ab, dann gehen Sie nicht von der Stelle.« * Treue Liebe. Im Jardin des Plantes in Paris befanden sich zwei Kraniche, die einander zärtlich liebten. Endlich starb der männliche Kranich, und sein Weibchen grämte sich fast zu Tode. Sie konnte es nicht ertragen, allein zu sein, getrennt von ihrem Freunde, der sie verlassen hatte, und wurde nun ein wahres Bild des Jammers. Sie fraß nicht mehr, sie schlief nicht mehr und gab nur immer wehklagende Töne von sich. Der Wächter bot alles auf, um die betrübte Witwe zu trösten, aber es war vergebens. Sie schien des Lebens müde zu sein, magerte von Tag zu Tag ab und kam dem Tode immer näher. Endlich geriet der Wärter auf einen klugen Einfall: Er stellte einen Spiegel in das Häuschen des Kranichweibchens, und als dieses sich selbst darin sah, glaubte es den verlorenen Lebensgefährten wiederzusehen. Dieser Anblick richtete ihren Lebensmut wieder auf, sie fing von neuem an, wieder Nahrung aufzunehmen, und stand den ganzen Tag vor dem Spiegel, der sie offenbar in die Zeit zurückversetzte, da die Liebe sie nichts weiter begehren ließ. * Spatz und Spätzin. Auf dem Dache sitzt der Spatz, Und die Spätzin sitzt daneben, Und er spricht zu seinem Schatz: »Küsse mich, mein holdes Leben! Bald wird nun der Kirschbaum blühn, Frühlingszeit ist so vergnüglich; Ach, wie lieb' ich junges Grün Und die Erbsen, ganz vorzüglich!« Spricht die Spätzin: »Teurer Mann, Denken wir der neuen Pflichten, Fangen wir noch heute an, Uns ein Nestchen einzurichten!« Spricht der Spatz: »Das Nesterbaun, Eierbrüten, Jungen füttern Und dem Mann den Kopf zu kraun – liegt den Weibern ob und Müttern.« Spricht die Spätzin: »Du Barbar! Soll ich bei der Arbeit schwitzen, Und du willst nur immerdar Zwitschern und herumstibitzen?« Spricht der Spatz: »Ich will dich hier Mit zwei Worten kurz berichten: Für den Spatz ist das Pläsier, Für die Spätzin sind die Pflichten!« Karl Mayer. * Der sprechende Hund. Der berühmte englische Bauchredner Worth betrat einst mit einem Pinscherhund ein Restaurant und setzte sich an einen Tisch. Der Hund aber sprang auf einen Stuhl neben ihm. Worth: »Kellner, ein Glas Bier!« Der Hund mit deutlicher Stimme: »Mir auch ein Glas Bier!« Der Kellner brachte zwei Glas Bier. Worth: »Und nun bringen Sie mir ein Beefsteak!« Hund: »Mir auch ein Beefsteak!« Inzwischen hatte sich die Aufmerksamkeit des ganzen Lokals auf das merkwürdige Tier gerichtet, und ein reicher Hundeliebhaber trat an Worth heran. Liebhaber: »Mein Herr, Ihr Hund kann ja sprechen!« Worth: »Unsinn, mein Hund spricht nie!« Liebhaber: »Ich habe es selbst gehört. Übrigens, wollen Sie mir den sprechenden Hund nicht verkaufen?« Worth: »Ich wiederhole Ihnen nochmals, der Hund kann wirklich nicht sprechen –« Liebhaber: »Sie scherzen ja nur. Wollen Sie mir den sprechenden Hund für hundert Mark verkaufen?« Worth: »Den Hund, ja. Aber die Herren sind Zeugen, daß ich ausdrücklich versichert habe, daß der Hund nicht spricht.« Der Hundeliebhaber nahm einen Hundertmarkschein aus der Tasche, den Worth einsteckte. Während dieser ganzen Szene war der Hund ruhig geblieben. Jetzt aber, als sein Herr sich erhob und das Lokal verlassen wollte, hörten alle Anwesenden den Pintscher sagen: »Nun spreche ich aber kein Wort mehr!« * Alter Vers auf einen treuen Hund. Kaum tritt mein Arzt ans Bett zu mir, So bellt mein Hund, zerreist ihn schier Und will sich nicht zur Ruhe geben. Ihr fragt, warum? Das treue Tier Verteidigt seines Herren Leben. * Er kennt die Menschen. Der Komponist Benda besaß einen etwas tückischen Hund und warnte einmal einen Freund mit folgenden Worten vor ihm: »Nehmen Sie sich vor diesem Hunde in acht. Er ist fast ebenso maliziös wie ein Mensch.« * Verblüffende Wirkung. Im Zoologischen Garten erkrankte ein Elefant so heftig an Katarrh, daß man einen Tierarzt holte, der dem Tier eine Rumlösung in Zuckerwasser verschrieb. Am nächsten Tag kam er wieder, um nach dem Patienten zu sehen. »Na, hustet der Elefant noch?« fragte er den Wärter. »Es geht ihm besser,« antwortete dieser, »aber jetzt husten die andern Elefanten.« * Der unvorsichtige Papagei. Krauses haben einen Papagei, der ziemlich gut sprechen kann. Einmal hat er gehört, wie seine Herrin einem Mann, der auf der Straße Koks ausschrie, zurief: »Bringen Sie zwei Zentner!« Wie er nun einige Tage darauf wieder draußen das Koksausrufen hörte, schnarrte er laut durch das offene Fenster: »Bringen Sie zwei Zentner!« Eine Stunde drauf kommt Frau Krause nach Haus und ist entsetzt über die Menge Koks, die das Mädchen, weil sie angeblich bestellt waren, auch angenommen hatte. Sie kann gar nicht begreifen, wer den Koks bestellt haben sollte, bis der Papagei plötzlich ruft: »Bringen Sie zwei Zentner!« Natürlich geht Frau Krause nun auf den Übeltäter los, der schnell retiriert und sich schließlich unter das Bett flüchtet. Da gleich darauf auch Herr Krause nach Hause kommt, fängt die übelgelaunte Frau Krause, die im Hause das Regiment führt, nun mit ihm an zu zanken, und die Auseinandersetzung endet damit, daß auch Herr Krause, wie es schon öfter geschehen war, unter das Bett flüchtet. Der Papagei sieht ihn erstaunt an und fragt ihn: »Hast du auch Koks bestellt?« * Hofamt. Als man Julius Stettenheim am Stammtisch erzählte, daß aus einem Viehtransport sich ein Tier losgerissen habe und schnurstracks in den Torbogen eines Hofamtes hineingelaufen sei, meinte er verschmitzt lächelnd: »Zum ersten Male, daß dort ein Ochse ohne Protektion hineingekommen ist.« * Das Huhn und der Karpfen. Auf einer Meierei, Da war einmal ein braves Huhn, Das legte, wie die Hühner tun, An jedem Tag ein Ei Und kakelte, Mirakelte, Spektakelte, Als ob's ein Wunder sei. Es war ein Teich dabei, Darin ein braver Karpfen saß Und stillvergnügt sein Futter fraß, Der hörte das Geschrei: Wie's kakelte, Mirakelte, Spektakelte, Als ob's ein Wunder sei. Da sprach der Karpfen: »Ei! Alljährlich leg' ich 'ne Million Und rühm' mich des mit keinem Ton'; Wenn ich um jedes Ei So takelte, Mirakelte, Spektakelte – Was gäb's für ein Geschrei!« Heinrich Seidel. Aus den Gedichten. Verlag der J. G. Cottaschen Buchhandlung, Stuttgart.) * Die Schildkröte. von Christian Morgenstern . »Ich bin eintausend Jahre alt Und werde täglich älter; Der Gotenkönig Theobald Erzog mich im Behälter. Seitdem ist mancherlei geschehn, Doch weiß ich nichts davon; Zur Zeit, da läßt für Geld mich sehn Ein Kaufmann zu Heilbronn. Ich kenne nicht des Todes Bild Und nicht des Sterbens Nöte: Ich bin die Schild – ich bin die Schild – Ich bin die Schild – krö – kröte.« Von Wanzen und Flöhen und anderen Ungeziefer. Der Herr der Wanzen, Läuse, Flöhe – der Mensch – hat manches von diesem viel verfolgten Ungeziefer zu ertragen und macht schon seit Jahrtausenden sein Liedchen auf die Freuden und Leiden, die ihm aus dem unerwünschten Dasein dieser treuen Begleiter erwachsen. Vieles könnte hier noch zitiert werden, was vom Ungeziefer und dem Umgang mit ihm handelt. Es sei hier vor allem auf Goethes Flohlied (Faust) hingewiesen, der auch das Ungeziefer salonfähig machte. In manchem andern Abschnitt (siehe Scherzfragen!) findet sich auch noch allerlei zu diesem Kapitel. * Die Flohhölle. (Nach Dante .) »Nicht minder sind auch Flöhe dort versammelt an einem besonderen Ort, Daß sie bei einer glühenden Pfützen In schwarzen Scharen am Rande sitzen, Springen nach einem Frauenbein, Das über der Pfütze schwebt allein, Fehlen doch stets und fallen ins Feuer, Da wird ihnen das Lachen teuer. Bis sie wieder zum Ufer dringen Und immer von neuem hinanspringen, Und das so treiben ewiglich, Bis gerät ihnen der Leckerstich.« * Ein Hausmittel. Von Johann Peter Hebel . Ein fremder Mann in einem Wirtshause bemerkte lange bei seinem Schöppchen, wie die Frau unaufhörlich am Stricken gehindert wurde durch etwas anderes. Endlich sagte er: »Es scheint, Ihr wollt ander Wetter prophezeien, Frau Vögtin. Euere braunen Tierlein machen Euch viel Zeitvertreib.« Die Wirtin ward dessen fast verschämt und sagte: »Ihr habt mir nicht sollen zusehen.« Darauf erwiderte der Fremde: »Ein Floh ist doch auch ein Geschöpflein, und ich weiß nicht, warum man nicht davon reden soll. Wenn sie Euch aber zur Plage sind und es kommt Euch auf einen Vierundzwanziger nicht an, ich wollte Euch wohl sagen, was Ihr tun müßtet, damit Ihr nie in Eurem Leben einen Floh bekämet.« Die Wirtin sagte: »Einen Vierundzwanziger wär' es wohl noch wert«, und als er sich denselben voraus hatte bezahlen lassen, sagte er mit schelmischem Lächeln: »Nämlich wenn Euch ein Floh am rechten Arm beißt, müßt Ihr ihn am linken suchen. Beißt er Euch am linken, so sucht ihn am rechten. Alsdann bekommt Ihr gewiß keinen. Ich hab's von der Polizei in Brassenheim gelernt«, sagte er. * Die Schellenberger Flöhe. Über einen lustigen Insektenstreit zur Zeit unserer Großeltern berichtet eine Erklärung, die ein in seiner kaufmännischen Ehre gekränkter Materialwarenhändler im »Schellenberger Kreisblatt« veröffentlichte: »Die injuriöse Äußerung in Nr. 73 dieses Blattes, als fechte mein Insektenpulver die Schellenberger Flöhe nicht an, ist eine niederträchtige Verleumdung, ausgeheckt, um mein Geschäft, das ohnehin wenig rentiert, vollends zugrunde zu richten. Bis jetzt erlag noch jeder Floh meinem Insektenpulver. Den Floh möchte ich sehen, der, wenn ich aufstreue, nicht den kürzeren ziehen sollte. Die Schellenberger schwarzen Husaren werden von den übrigen deutschen Flöhen nichts voraus haben. Sie sind nicht gefeit, und ihre Konstitution ist ein und dieselbe. Das steht naturgeschichtlich fest in allen darüber erschienenen Lehrbüchern. Um meinem Pulver die möglichste Verbreitung zu sichern, habe ich die Schachtel auf 15 Pfennig herabgesetzt, womit man einer Million Flöhen den Untergang bereiten kann. Wenn in dem injuriösen Artikel gesagt wird, daß sich des Löwenwirts schwarzer Pudel selbst nach dreimaliger Einreibung fort und fort gescharrt habe, so mag dieses Gescharre wohl einen anderen Grund haben, den ich nicht weiter untersuchen will.« * Ein lustiger Flohabend. Im Bremer Wochenblatt stand folgende Ankündigung: »Gestern ist Herr Ventotto aus Turin angekommen, welcher jeden Floh zu bändigen versteht. Er bedarf hierzu keiner abgerichteten, sondern nur wildfremder Flöhe, welche bisher keinen Begriff von Dressur hatten. Er bittet deshalb die Damen, die unterschiedlichsten Flöhe mitzubringen. Herr Ventotto braucht nicht zu wissen, wieviel Flöhe unter den anwesenden Damen zugegen sind, er wird sie sogleich entdecken. Sie kommen alle zum Vorschein, sobald er auf seiner Flohpfeife die französische Melodie anstimmt: »Couleur de puce c'est mon plaisir«. Eintrittspreis: 1 Mark. Herren mit Flöhen bezahlen die Hälfte, Hunde sind ganz frei. * Lob des Flohs. Du kleiner Nero, Kompagnon der Läuse, Blutgieriger Tyrann! Für dich stimm ich nach Meister Fischarts Weise Nun auch ein Loblied an. Dein ganz brünetter Teint, so sehr verschieden vom Teint der blonden Laus, Erkor gleich anfangs dein Geschlecht hienieden Zu großen Taten aus. Nur deinen Stamm, der stets in ganzen Scharen Bei Mädchen Wache hält, Hat die Natur zu tapfern Leibhusaren Der Jungfernschaft erwählt. Und darum patroullieren auch Schwadronen Von diesem leichten Heer Beständig in den dunklen Regionen Des Unterrocks umher. Nichts schützt die Mädchen, die sich dir verschließen, Vor deiner Blutbegier: Die Erstlinge von ihrem Blute fließen, Oh, Glücklicher, nur dir! Du Springinsfeld bist überall gelitten, Wo nie ein Mann hin soll, Und schwelgst dich, gleich der Biene an den Blüten, Goldner Schönheit voll. Kein Fleck im ganzen weiblichen Gebiete, Auch noch so heilig, ist, Auf dem du nicht schon mit verwegenem Tritte Herumspazieret bist. Da ist kein Strauch, wo du dich nicht verstecktest, Kein Plan, wo du nicht liefst, Kein Hügelchen, worauf du dich nicht recktest, Kein Tal, wo du nicht schliefst. Ja, wollte man auch einst rektifizieren, Der Schönheit Lustrevier, So brauchte man, um recht es zu mappieren, Nur dich zum Ingenier! – Nur das verzeihen dir die Schönen nimmer, Daß stets von jedem Kuß, Den insgeheim du ihnen aufdrückst, immer Ein Fleckchen zeugen muß. Drum lauern stets auf dich auch, loser Näscher, Entschlüpfst du nicht geschwind, Bei Tag und Nacht so viele hundert Häscher Als Mädchenfinger sind. Doch hascht ein Mädchen auch dich, kleiner Springer, Zuletzt in ihrem Schoß, So ist doch unter einem schönen Finger Noch neidenswert dein Los! Alois Blumauer. * Flohfang. Von Landois . Lustig, munter springt der Floh einher, Holter polter geht's die Kreuz, die Quer; Sticht dann mit dem Rüssel tief ins Muskelfleisch hinein, Kann des Flohes Leben schöner sein? Sachte, leise, schlauer Weise lauert man auf ihn – Feuchter nasser Finger droht! Doch er merkt die Falle, sieh, da springt er, hüpft er hin, Will nicht kosten herbe Not und Tod. Saugt mit Behagen das frische warme Blut, Schwelgend wie Teut in Wallhall, Schlürfet wie Hertha des Menschen höchstes Gut, Blut ist ihm Nektar beim Mahl. Hurtig weiter, immer heiter, froher Sinn! Keck und queck dem kleinen Geck fließt's Leben hin. Hupp auf, hupp ab, ohn' Wanderstab das ganze Fell Beherrscht der zwergig braune Junggesell. Götter, o Dank: er sinkt hin auf die Knie, Doch des Strumpfes wirre Maschen Stricken, wickeln ihn und haschen – Er weiß, nicht wie! Bande, Schande, Drümmel, fümmel, Knipset, tipset ihn! Schmerzen, Leiden, Früher Freuden! Er entkommt dem Mörder, springt einher, Holter, polter geht's die Kreuz, die Quer; Bohrend sticht er tiefer noch ins Muskelfleisch hinein, Kann des Flohes Leben schöner sein? * Der freche Floh. »Ein Floh ist doch ein unverschämtes Tier! Gestern fange ich einen, und da ich nicht gerne ein Tier töte, setze ich ihn einstweilen in meine Uhr unter den Glasdeckel. Wie ich ihn mir heute besehen will, da sitzt das freche Tier ganz gemütlich auf dem Sekundenzeiger und fährt Karussell.« * Blaues Blut. Der Graf wird von einem Floh gestochen. Der Graf geht auf die Flohjagd. Endlich hat er ihn. Vorsichtig faßte er ihn mit den Fingerspitzen an und läßt ihn zum Fenster hinaushopsen. »Warum tötest du ihn nicht?« fragt die Gräfin. »Unmöglich«, sagt würdevoll der Graf. »Mein Blut fließt in seinen Adern!« * Ein galanter Ehegatte. Sie: »Ach, Artur, ich kann gar nicht schlafen, mich beißt ein Floh!« Er: »Mach Licht! Sobald er dich sieht, hüpft er weg!« * Flohhatz. »Wenn du mal nach einem Floh greifst, faßt du nicht manchmal daneben?« »Ausgeschlossen, wenn ich daneben greife, fange ich auch stets einen!« * Die Metöken. Es taucht jetzt, nach dem Krieg, oft die Frage auf, wer ihn mitgemacht habe und wer nicht. Die vom Korpsstab erzählen, wie oft sie Feuer kriegten. Die aus dem Schützengraben sagen: nur dort vorn, dicht am Feind wär' wirklich Krieg gewesen; Bataillonskommando – das war schon Hinterland. Der Streit ist müßig. Das Kriterium »Krieg oder nicht mehr Krieg« geben uns die Läuse. Wer keine hatte, ist nicht im Krieg gewesen. – – – Lauste sich da eines Tages ein Pionier, und man fragte ihn teilnehmend, ob er viele habe. »Eine einzige,« sprach er, »eine eigne. Die andern sind nur zu Besuch bei ihr.« – – – Einen General mit Läusen sich auch nur vorzustellen – im Frieden wär es Blasphemie gewesen. In den Karpaten aber war kein Brigadier, der einem nicht nach einer Weile erzählte: er sei ungarischer General; jetzt, im Feld freilich, sähe er unscheinbar aus; doch der Besucher sollte den Herrn General erst mal in seinem Galarock sehen: der sei über und über mit Gold verschnürt – hier, hier, hier – überall Litzen, Borten und Gold...« Roda Roda. * Die große Laus. Ein Amerikaner besucht mit einem Berliner den Zoologischen Garten. Alles, was ihm der Berliner zeigt, gefällt ihm nicht, ist ihm zu klein und zu unansehnlich. Für alles hat er die gleiche Antwort: »Bei uns in Amerika sind die Tiere alle viel größer.« Endlich kamen die beiden zu einer Riesenschildkröte. »Was ist denn das für ein Tier?« fragte der Amerikaner. Da blickte der Berliner seinen Begleiter an und sagte: »Das ist eine Berliner Laus. Und wenn Sie jetzt wieder sagen, bei Ihnen in Amerika wären die Läuse viel größer, dann haue ich Ihnen eine in die Fresse! Verstanden?« * Eine Wanzengeschichte. Auf einem beliebten Berliner Vergnügungsort promenierte eine ältere Dame in der Nähe des Musikpavillons und lauschte behaglich einer Opernouvertüre. Plötzlich trat ein sehr elegant gekleideter Herr, der hinter ihr herging, an sie heran, berührte sie vorsichtig an der Schulter und sagte mit einer sanften, unendlich höflichen Stimme: »Entschuldigen Sie vielmals, gnädige Frau!« Die Dame blieb erstaunt stehen. »Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, aber hier ist in der Tat ein sehr unangenehmes Insekt auf Ihrem Kleid. Wollen Sie gütigst erlauben, daß ich es entferne?« Die Dame wendete sich mit einem Blick des Entsetzens ab. Es war wirklich ein unangenehmes Insekt, das ließ sich nicht leugnen. Es war, um die Wahrheit zu sagen, – es war einfach eine Wanze, eine braune Bettwanze. Als die Dame sich von ihrem Schreck und ihrer Beschämung erholt hatte, war es das erste, nach dem Fremden zu sehn, aber er war fort. Sie fand das sehr nett und rücksichtsvoll von ihm, sie empfand sein schnelles Verschwinden als ein Zeichen von Zartgefühl und guter Erziehung. Dann aber dachte sie an das Ding von vorhin, an das Insekt, dessen Namen sie auch in Gedanken zu nennen sich scheute. Wie kam es nur dahin, auf ihr Kleid? Ob es wohl sonst jemand gesehen hatte? Diese Frage war ihr so peinlich, daß auf einmal die Opernmelodie jeden Reiz für sie verloren hatte. Sie überlegte, ob sie nicht lieber nach Hause gehen sollte, besonders da eine Bekannte, die sie erwartete, nicht gekommen war. Erst jetzt bemerkte sie zu ihrem Schrecken, daß ihre Handtasche offen stand, und daß das darin vorhanden gewesene Portemonnaie und ein Schmuckstück verschwunden war. Ihre erschreckten Ausrufe und ihr ganz verstörtes Gesicht machten verschiedene Leute in ihrer Nähe aufmerksam, irgend jemand rief einen Schutzmann herbei, der sie schließlich fragte, wann sie die vermißten Gegenstände zuletzt gehabt hatte. »Ich hatte sie bestimmt noch kurz vordem der nette Herr die Wa...« Sie stockte errötend, denn sie wagte nicht, dieses entsetzliche Tier vor den Ohren der Neugierigen zu nennen. »Was für ein Herr?« fragte der Schutzmann. »Oh, ein fremder Herr – er...« Sie sah sich unschlüssig um. »Halt, dort hinten an dem Pavillon geht er ja!« Der Schutzmann, der zwar nicht recht aus den Worten der alten Dame klug wurde, aber doch erriet, daß dieser Herr wohl etwas mit dem Verschwinden des Portemonnaies und des Schmuckes zu tun hatte, folgte eilig dieser Spur und hielt den eleganten Herrn grade noch fest, als er durch die Ausgangstür verschwinden wollte. Auf der Wache fand man bei dem Fremden nicht nur die vermißten Schmucksachen der Dame und verschiedene sonstige Wertgegenstände, die alle offenbar Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts gehört hatten, sondern auch in der Westentasche ein Schächtelchen mit – Wanzen! * Der Tierfreund. Sekondeleutnant von S. fing in seiner Bettlade eine Wanze. Er klingelt den Burschen. Er kommt. »Johann, bringe das arme Tierchen auf die Straße; ich mag ihm kein Leid tun.« Johann kommt nach kurzer Zeit zurück und sagt: »Herr Leutnant! Es ist auf der Straße ein Hundewetter, es stürmt und regnet in Strömen; das Tierchen wird sicherlich umkommen.« Der tierfreundliche Leutnant entgegnete: »Dann bringe es in dein eigenes Bett!« * Entrüstung. Herr Neumann kommt in ein Hotel und geht an ein im Flur befindliches Pult, um sich ins Fremdenbuch einzutragen. Grad ist er fertig und sieht noch einmal nach, was er geschrieben hat, da bemerkt er eine Wanze, die über das Papier kriecht. »Herr Wirt«, schreit jetzt Neumann entrüstet. »Ich habe ja schon manches erlebt, Wanzen gibt es überall. Aber daß sie gleich, wenn man angekommen ist, im Fremdenbuch nachsehen, welche Zimmernummer man hat, das ist mir doch noch nicht vorgekommen.« * Die tote Wanze. »Wissen sie, Herr Wirt, in Ihrem Hotel logiere ich in meinem Leben nicht mehr. Die ganze Nacht habe ich auf einer toten Wanze gelegen.« »Na, eine tote Wanze kann Sie aber doch nicht so belästigt haben!« »Ja, aber die tausend anderen, die zu ihrem Leichenbegängnis gekommen sind.« * Reges Tierleben. »Herr Wirt, mir scheint es, da oben an der Wand sitzt eine Wanze.« »Ausgeschlossen! Um diese Zeit sind die längst im Bett.« * Wanzenplage. Ein Berliner Hausbesitzer erhielt folgenden Brief: »Hiermit zeige ich Ihnen an, daß ich nunmehr die in Ihrem Hause in Zehlendorf innegehabte Sommerwohnung gestern verlassen habe. Ihr Haus ist ja sehr schön gelegen, aber war wegen der Wanzen mir wirklich nicht möglich, noch länger darin auszuhalten. Zu Tausenden haben wir sie getötet, gebrannt und ausgeräuchert, die in Ihrem Hause in besonderer Größe vorhandenen Bettwanzen. Sie kamen immer wieder, und der Körper meiner Gattin, so wie der meiner Töchter und auch der meinige, gleichen durch das ewige Jucken und Brennen den Rothäuten der wilden Indianer. Glücklich der Mensch, der das Geschäft des nächtlichen Reibens und Kratzens nicht kennt. Sollten Sie wegen der nur zur Hälfte bezahlten Miete eine Forderung an mich richten, so würde ich mich genötigt sehen, folgende Anzeige in die Zeitungen einrücken zu lassen: Der Unterzeichnete, der sich kontraktlich verpflichtet hat, seine Sommerwohnung in Zehlendorf bei Herrn Kamplust in demselben Zustand, in welchem er sie übernommen, wieder zurückzugeben, sucht ca. 30 000 lebensfähiger und ausgewachsener Bettwanzen. Dr. Rollarius, Oberlehrer.« * Insektenpulver. Ein geplagt aussehender Mann kam in die Drogerie und nahm den Hut ab. »Insektenpulver gegen Wanzen«, forderte er. »Schön«, sagte der Drogist. Nach drei Tagen erhielt er einen Brief:   Sehr geehrter Herr! Innigst danke ich Ihnen für Ihre vorzügliche Wanzenkraftnahrung. Die Biester wurden danach dick, groß und stark. Zwei von Ihnen haben heute meine Schwiegermutter gefressen. Mit bestem Danke ein Befreiter.« * Die lästigen Fliegen. Als der Herzog Karl von Württemberg eines Tages in der Gegend von Nagold jagte, und in einem Wirtshaus die Mittagstafel für ihn bereitet war, beschwerte er sich über die Masse von Fliegen, die ihn belästigen. Halb verdrießlich, halb lachend sagte er zu der Wirtin, sie solle gefälligst den Fliegen hinter dem Ofen einen eigenen Tisch servieren! Es sei nicht anständig, daß die Tiere ungeladen an seinem Tisch zu Gast wären. Die Wirtin, die eine kluge Frau war, besorgte das sofort, und stellte mehrere Schüsseln hinter dem Ofen auf. Dann ging sie zum Herzog und sagte ehrfurchtsvoll: »Serviert ist, befehlen nun Euer Durchlaucht auch, daß sich die Fliegen an den Tisch setzen!« * Ein Fliegenprozeß. Ein Bauer hatte einem Nachbarn einen Napf mit Milch zum Aufbewahren übergeben, als er ihn aber zurückforderte, war die Milch verschwunden. Der Nachbar behauptete, die Fliegen müßten die Milch verzehrt haben, und so kamen die beiden ins Streiten und gingen, da sie sich nicht einigen konnten, vor Gericht. Der Richter ließ sich den merkwürdigen Rechtsfall erklären und verurteilte den Nachbar zum Ersatz des Schadens. »Ihr hättet eben die Fliegen totschlagen müssen«, sagte er. »Wie,« erwiderte der Bauer, »ist es denn gestattet, Fliegen so einfach zu töten?« »Gewiß doch«, antwortete der Richter. »Überall, wo Ihr Fliegen findet, dürft Ihr sie töten. Das erlaube ich Euch.« In diesem Augenblick erblickte der Bauer auf der Backe des Richters eine Flieg. Sofort trat er auf ihn zu, gab ihm eine tüchtige Ohrfeige und sagte: »Oh, diese verfluchten Fliegen! Ich wollte, das wäre eine von denen gewesen, die mir die Milch ausgetrunken haben.« Der Richter hatte eine Ohrfeige weg und durfte sich nicht beklagen, denn er hatte ja dem Bauer die Erlaubnis gegeben, Fliegen überall zu töten. * Leibfarbe der Fliegen. Der Pastor rief mit Mißvergnügen Dem graubejackten Kutscher zu: »Dich läßt ja das Geschmeiß der Fliegen Auf deinem Bocke stets in Ruh', Mich aber will's zu Tode plagen! Kannst du hiervon den Grund mir sagen?« Das machte Hansen wenig Müh': »I nun,« sprach er zu Ihro Würden, »Ich hörte stets von unsern Hirten, Sie gingen meist auf schwarzes Vieh.« Unbekannter Verfasser. * Die gelangweilte Fliege. »Sehn Sie mal«, sagte Neumann zu seinem Freund Bode. »Dort oben auf dem Kirchturm sitzt eine Fliege.« »Ja,« sagte Bode, »und sie scheint sich sehr zu langweilen, denn sie gähnt eben, daß man die hohlen Zähne in ihrem Munde sieht.« * Der tierliebende Herr und sein Diener. Herr: »Da, Chrosostomus, nimm die Fliege, die ich grade gefangen habe und nicht töten will noch darf, und trage sie in den Garten hinaus.« Diener (entfernt sich mit der Fliege, kommt aber mit ihr sogleich wieder zurück): »Euer Gnaden, es geht nicht!« Herr: »Warum denn nicht?« Diener: »Es ist draußen für das arme Viecherl viel zu kalt.« * Fliegen. »Lassen Sie doch Ihren Fliegen auch etwas geben, damit man Ruhe hat!« spottete ein Reisender an der Table d'hôte . »Gleich, gleich!« rief der Wirt. »Befehlen Sie nur, daß sie einstweilen Platz nehmen.« * Die Fliegen wissen Bescheid. »Herr Wirt, der Toilettenraum ist voller Fliegen, man kann gar nicht mehr hingehn.« »Wissen Sie was? Gehn Sie in der Mittagszeit, dann sind die Fliegen alle im Speisesaal.« * Die Spinnen und die Fliegen. In einem Schlößchen, das verlassen Und darum halb verfallen stand, Herbergten in den öden Räumen Viel dutzend Spinnen an der Wand. Gesundheitshalber aber mochte Der letzte der Insassen hier Zerbrochene Scheiben nicht vertragen Und flickte alles mit Papier. Er schnitt dadurch den vielen Spinnen Der Nahrung Zufuhr gründlich ab, Von außen kam nicht eine Fliege, Wie es bald innen keine gab. Die netzwebende Gemeinde, Die wußte nicht, wie ihr geschah, Und war nach langem, grimmem Fasten Dem bittern Hungertode nah'. Da ward für den, der Kraft noch fühlte, Die Selbsterhaltung zum Gesetz, Er lud beim Schwächern sich zu Gaste Und fraß ihn auf im eignen Netz. Doch als zu höchst die Not gestiegen, Da fügte sich, daß vor dem Schloß Ein muntrer Knab' vorbeigezogen, Den Langeweile just verdroß. Er raffte Kiesel auf vom Wege Und nahm die Fenster sich zum Ziel, Nur wenig heile Scheiben blieben Nach diesem ritterlichen Spiel. Und durch die Lücken schwärmten Fliegen In Hülle und in Fülle ein, Die Spinnen sagten: Gottes Güte Regierte sichtbarlich den Stein! Sie falteten die Vorderbeine Und dankten ihm, der alle nährt, Und haben dann mit frommen Sinnen Die Fliegen reinlich aufgezehrt. Doch meinte deren Schwarm hinwieder – Der rings bestrickt vom Tod sich fand – Die Scheiben habe ausgebrochen Der Satan mit selbsteigner Hand. Entging den grimmen Stricken eine, Durch Gottes Huld hielt sie sich frei, Und ward sie dennoch aufgefressen, So meint sie, daß es Prüfung sei. – Das gilt von Fliegen und Spinnen, Die an Vernunft nicht überreich' Doch sind wir klugen Menschen ihnen, Gottlob, in keinem Punkte gleich. Ludwig Anzengruber. * Erprobte Mittel. »Wie bekommt man keinen Floh?« »Man stecke einen Zeigefinger in den Mund, feuchte ihn gehörig an und greife immer vor oder hinter dem Floh. Auf diese Weise wird man nie einen bekommen.«   Ein Mittel, damit einen die Wanzen im Bett nicht beißen. »Man bestreiche die Bettstelle mit Terpentin, streue vor dem Schlafengehen Insektenpulver ins Bett und lege sich dann aufs Sofa, so werden einen die Wanzen bestimmt nicht im Bett beißen!«   Radikalmittel gegen die lästigen Raupen. – »Man nehme die Raupen im Frühjahr einzeln von den Sträuchern oder Bäumen, werfe sie in eine Mischung von heißem Pech oder Schwefel, in die man zehn Tropfen Pfefferminzessenz gegossen hat. Die Raupen geben danach sofort den Geist auf.« * Mittel gegen Flöhe. Auf einem ländlichen Jahrmarkt hielt ein Mann ein Mittel gegen Flöhe feil, dessen Wirksamkeit er außerordentlich rühmte. Die leichtgläubigen Bauern kauften auch in Scharen von dem Mittel, ohne daß es einem einfiel, sich nach der Art des Gebrauchs zu erkundigen. Erst als sich die meisten Bauern verlaufen hatten, trat eine alte Frau zu dem Händler hin und kaufte auch von dem Pulver gegen die Flöhe. »Wer nun, Herr, sagt mir auch, wie man das Zeug braucht!« Der Händler war nicht vor den Kopf geschlagen, »Wie man das Zeug braucht, wollt Ihr wissen? Aber das ist doch einfach. Ihr braucht nur, sobald Ihr einen Floh gefangen habt, ein ganz kleines Staubkörnchen von dem Pulver darauf zu, streuen, und – pautz! wird er mit einem lauten Knall entzweispringen.« Die Frau war zufrieden und wandte sich zum Gehen. Dann aber dreht sie sich noch einmal um und sagte: »Wenn ich einen Floh gefangen habe, dann kann ich ihn doch aber auch so totmachen?« »Gewiß«, sagte der Handelsmann. »Das könnt Ihr auch, das ist auch ein sehr gutes Mittel.« * Ein unfehlbares Mittel gegen Wanzen und Flöhe. Wird bei Nacht dir die Ruhe geraubt durch hüpfender Flöhe Piekende Schar und sanft anschleichende Wanzen, so gibt es Viele der Zauber, allein nur einer, nur dieser ist wirksam: Ehe du fährst in das Bett, sprich: Flukifligukiwanzuki, Grillipaddunk und Krotterottotter und Mäusekaratta! Neunmal sage den Spruch, und jedesmal trinke dazwischen Drei der Gläser von ung'rischem Wein – es geht auch mit Rheinwein: Hast du nun ganz vollbracht das Sprüchleinsagen und Trinken, Siehe, so beißt kein Floh; und beißt doch auch einer, so beiß' er; Nichts doch fühlst du, du schnarchst wie die seligen Götter des Himmels. August Kopisch. * Die armen Motten. »Vater, gab es schon alle Tiere, als Adam und Eva im Paradiese lebten?« »Gewiß, mein Kind!« »Ach, die armen Kleidermotten! Was haben die denn eigentlich damals gefressen?« * Haifische und Krokodile. Ein Engländer, der in Indien reiste, ging, von seinem eingeborenen Diener begleitet, eines Tages am Strand des Meeres spazieren, und da es sehr heiß war, beschloß er, in einer hübschen Einbuchtung zu baden. Langsam zog er sich aus, fragte dann aber den Diener, ob auch sicher keine Haifische in dieser Bucht hineinkämen. »Es sind nie welche drin!« versicherte ihm der Diener. Der Engländer sprang ins Wasser, machte ein paar Schwimmstöße, schwamm aber dann hastig ans Land, denn es war ihm, als ob er ein großes Tier im Wasser gesehen hätte. »Das war doch ein Haifisch?« fragte er den Diener mißtrauisch. »Nein, es war ein Krokodil. Die Haifische sind alle verjagt, seit es hier so viele Krokodile gibt.« * Das gefährliche Tier. Der poetische junge Mann: »Wie entzückend Sie doch sind, Fräulein Edith, um Ihre holde Gestalt spielt ein Zephir –« Die ängstliche Maid: »Um Gottes willen, jagen Sie das Viehzeug weg. Ich kann Insekten nun einmal nicht ausstehen.« * De Imme in de Waterkunst. Von Fritz Reuter . »Lach' nich über 'ne Sach', Korl, die du nich verstehst. – Süh, den 'rausgetriebenen Stinkstoff hab' ich bei's Switzen selbst gerochen; aber wo bleibt die festgemachte swarze Kohlensäure? Süh, das ist der Punkt, und weiter bün ich in den Wasserwissenwaften nich gekommen; un glaubst du woll, daß Paster Berens was davon weiß? Ich hab' ihn gestern gefragt – der weiß erst recht nichts davon. – Un du sollst sehn, Korl, die swarze Kohlensäure steckt noch in meinem Leibe, un davon werd' ich den verfluchten Podagra doch wieder kriegen.« – »Awer Zacharies, worüm büst du denn nich noch en beten länger, dor blewen un hest di ordentlich utkuriren laten?« – »Korl,« säd Braesig un slog de Ogen nedder un namm en sihr gedrücktes Wesen an, »es ging nich! – Es ist mich da was passiert. – Korl,« säd hei un kek Hawermann drist in de Ogen, »du kennst mich von lütt auf an, hast du allmeindag' an mir e'n unrespektierliches Wesen gegen die Frauenzimmer bemerkt?« – »Ne, Braesig, dat Tügniß kann 'ck du gewen.« – »Na, un nu doch! – Denk' dir, wo mich das gehn muß! – Diesen Freitag vor acht Tagen krieg ich wieder so'n entsamtes Muckern in den großen Zehe – denn in das bütelste Enn' fängt's ümmer an –, und der Wasserdoktor sagt: ›Herr Entspekter, wir müssen Ihnen eine Extra-Einwickelung apoplexieren, Doktor Strumpen sein verdammtes Aptheker-Kolikum mellt sich, das muß 'raus.‹ – Na, das geschieht, er wickelt mir selbst, un so drang', daß ich knapp Athen holen kann, wobei er sagt, Luft is mich weniger nötig, as Wasser; und dabei will er sogar das Fenster zumachen. – ›Ne,‹ sag' ich, ›soviel versteh' ich nachgradens auch davon, frische Luft muß sein, lassen Sie das Fenster auf‹, und er tut's und geht ab. – Nu lieg' ich denn in meiner bedrückten Lage sachten fort und denke mich auch weiter nichts Slimms, da wird mit en Mal so'n Gebrumm un Gesumm um mich 'rum, und als ich richtig zu Höchten seh', swarmt en ganzer Immenswarm ins Fenster 'rein, und der Weiser vorauf – denn ich kenn' ihn, Korl, du weißt, ich bün en Imker; bün mal in Zittelwitz mit den Schulmeister zusammen Frühjohrs mit siebenundfunfzig Stöck ins Feld gezogen – un dieser Weiser will sich ja woll nu in meine wollne Deck, die der Dokter mir über den Kopp gezogen hatte, ordentlich anbauen. Na, was soll ich nu machen? Rühren konnt' ich mich nich; ich puste also nach ihm, ich pust', bis mich der Athem ausgeht; aber Essig, reiner Essig! Das Biest setzt sich grade t'ens meinen kahlen Kopf – denn die Perück, Korl, nehm' ich ümmer ab, um ihr zu schonen – und nu kommt der ganze Swarm un swenkt sich an mein Gesicht heran. – Na, da war's all! Ich wölter mir aus das Bett heraus. Quuck! fall ich auf die Erde, un wölter mir nu aus die wollne Deck heraus un aus die nassen Laken, bis an die Tür heran, un über mir war der Deuwel los, der leibhaftige Deuwel! Un so spring' ich nu aus der Tür heraus, un so slag' ch mir mit die nachfolgenden Immen herum, wie blind un doll, un so schrei' ich um Hilfe. – Gott sei Lob und Dank, der Existent von dem Wasserdokter – der Mann heißt Ehrfurcht –, traf mich und brachte mich in einem andern Lokale, und von da in die notwendige Bekleidung, so daß ich nach einer mehrstündigen Beruhigung in die Eßstube, was sie einen Salong nennen, hinuntergehen konnte – das heißt mit einem halben Schock Immenangeln in dem Leibe. – Ich fange an mit die Herren zu reden, un sie lachen sich. – Worüm lachen sie sich, Korl? Du weißt's nich, un ich weiß's auch nich. – Ich wend' mir also an eine von die Dam's un red' sie freundschaftlich aufs Wetter an; da wird sie rot. Warum wird sie beis Wetter rot? Das weiß ich nich, un du weißt's auch nich, Korl. – Ich wend' mich an eine, was 'ne Sängerin war, un bitt' ihr freundlich, sie soll das schöne Lied noch mal singen, was sie alle Abende gesungen hatte. Was tut sie, Korl? – sie zeigt mir ihren Rücken. Und als ich mir den nu in meinen besondern Gedanken betrachte, kommt der Wasserdokter und sagt sehr höflich zu mir: ›Herr Entspekter, nehmen Sie's nich übel, Sie haben sich heute nachmittag zu sehr bemerklich gemacht.‹ – ›Wo so?‹ frag' ich. – ›Ja,‹ sagt er, ›wie Sie aus der Tür ausgesprungen sind, is grad' das Fräulein von Hinkefuß über den Corydon gegangen, und die hat's in aller Verschwiegenheit den andern erzählt.‹ – › Und derentwegen‹, sag' ich, ›wollen Sie mich von das natürliche Mitleid entblößen? – Derentwegen wollen die Herren lachen und die Dam's mich ihre angenehme Rücksicht genießen lassen? – Nein, dafor bin ich nich hier! – Wenn mir Fräulein von Hinkefuß so mit dem halben Schock Immenangeln im Leibe entgegengetreten wäre, ich hätte mir alle Morgen in Bescheidenheit nach ihrem Befinden erkundigt. – Aber lasse ihr! – Menschliches Gefühl kann sich keiner auf keinen Jahrmarkt kaufen.‹ – Aber nu kommen Sie, Herr Dokter, und ziehn Sie mir die Immenangeln aus dem Leibe.‹ – Süh, Korl, da könnte er es nich. – ›Was?‹ sag' ich, ›nich mal eine Immenangel können Sie aus der Haut ziehn?‹ – ›Nein,‹ sagt er, ›ich könnte es wohl, aber ich dürfte es nicht, das sind Operamente, wie sie for einen Gregorius Chirurgus. gebühren, un dazu bin ich nicht von der mecklenbürger Regierung qualifiziert.‹ – ›Was?‹ sag' ich, ›Sie wollen, mir die Gicht aus den Knochen kurieren und dürfen mir gesetzlich nich mal 'ne Immenangel aus der Haut ziehn? Sie dürfen sich nich mal mit der Haut von einem auswendigen Menschen befassen und wollen mir mein geheimnisreiches Inwendiges mit Ihr ßackermentsches Wasser ausspülen? – Ich danke Ihnen!‹ – Un süh, Korl, von dem itzigen Augenblicke an hatte ich das Zutrauen zu dem ganzen Wasserdokter verloren, und ohne das können sie nichts machen, das sagen sie jeden selbst, wenn er ankommt. – Ich reis'te also furtsen ab und habe mir die Angeln von dem alten Gregorius Metz in Rahnstädt ausziehn lassen. Freuden mit Tieren Außer vielen lustigen Geschichten gibt es unendlich viele Schnurren und Anekdoten, die von Freuden mit Tieren berichten: harmlose sowie recht humoristische, spottvolle wie satirische. Nicht alle diese Erlebnisse mit Tieren sind einer Herzensfreude entsprungen. Aber dem, der sie liest, sind sie meist eine größere Freude als dem, der sie erlebte. Auch andere Abschnitte enthalten manche Geschichten von echten Freuden mit Tieren. * Die geschenkte Kuh. Ein geiziger Pfarrer predigte seiner Gemeinde immer vor, daß Freigebigkeit, besonders gegen die Diener Gottes, eine sehr hohe Tugend sei. Meist bediente er sich dabei der Worte: »Was ihr dem Herrn leihet, das wird er euch hundertfach wiedergeben.« Ein Bauer besaß nun eine sehr alte Kuh, und da die Predigt doch auf ihn gewirkt hatte, brachte er das Tier dem Pfarrer, der ihm nochmals den Segen Gottes versprach. Der erfreute Pfarrer ließ am nächsten Tag die geschenkte Kuh mit auf die Weide gehen, band sie aber an eine von seinen Kühen an, damit sie nicht wieder ihr altes Logis aufsuchen möchte. Allein am Abend ging die Kuh nicht nur in ihren alten Stall zurück, sondern sie schleppte auch die an sich angebundene mit dahin. Der Bauer kam voller Freude zu dem Pfarrer und sagte ihm, daß er die lautere Wahrheit gepredigt habe, Gott hätte ihm nämlich schon eine von den versprochenen 100 Kühen zugesandt und wäre ihm also nur noch 99 schuldig. Die würde er ihm aber sicher auch noch schicken. Mit diesen Worten ging der Bauer nach Hause und ließ den Geizhals in einer sehr betrübten Stimmung zurück. * Eine Schweineanekdote. In einem kleinen Landstädtchen lebte ein Mann, der das damals noch ziemlich wichtige Amt eines Schweinehirten bekleidete. Nach und nach hatte er sich denn daran gewöhnt, seine Pflegebefohlenen mit dem Namen oder Titel ihrer Eigentümer zu rufen, so daß ein Fremder, der auch diese Anekdote niederschrieb, folgende Worte zu hören bekam: »Magister, kannst du wieder nicht hören?« »Schneider, willst du her?« »Warte nur, Bürgermeister, was machst du wieder im Rinnstein?« »Ei, Pastor, dich soll ja der Teufel holen!« »Steuerratswitwe, sei ruhig!« »Spitz, gib doch dem Lüdicke mal eins!« »Nu, Rektor, was beißt du denn?« »Syndikus, sei artig, sonst gibt's Hiebe!« »Was grunzt denn der großmäulige Stadtschreiber wieder?« * Das Wundertier. Man kennt das Dorf, in dem sich der sehr beleibte Schulze von vier robusten Bauern über die Gemeindewiese tragen ließ, damit das fette Gras nicht zertreten werde. In diesem Dorf verkündete auf dem letzten Jahrmarkt vor einer Bretterbude ein Herold, daß hier ein Wundertier zu sehen sei, eine Kreuzung aus einem Karpfen und einem Kaninchen. Alle Bauern drängten sich mit Vettern und Basen, für zwei Groschen die Person, durch den Eingang und warteten gespannt auf das Erscheinen dieses unerhörten Geschöpfes. Endlich erschien in einem phantastischen Kostüm der Besitzer des Zeltes und sagte: »Meine verehrten Damen und Herren! Das nie gesehene Wundertier hat sich leider gestern bei der Vorführung durch die Hitze infolge des ungeheuren Andrangs eine ernstliche Unpäßlichkeit zugezogen, so daß wir sein eigentliches Auftreten auf unseren nächsten hiesigen Besuch verschieben müssen. Erlauben Sie aber, daß wir Ihnen als Ersatz dafür heute die Eltern dieses merkwürdigen Geschöpfs zeigen.« Und alle Bauern mit Hans und Kunze, mit Vettern und Basen, betrachteten aufmerksam den Karpfen und das Kaninchen und meinten schließlich befriedigt: »Das Junge muß ja ein verteufeltes Ding sein; wenn's nur nächsten Jahrmarkt wieder gesund ist.« * Tierdichtungen. In den vierziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts müssen merkwürdige Romanstoffe in Mode gewesen sein, denn die Zeitung »Fama« in Mailand kündigte folgende Werke an: »Memoiren einer Fliege. – Klage einer Grille. – Nachtgedanken eines Hundes. – Tränen eines Krokodils. – Das Lächeln einer Schlange. – Harmonien eines Raben. – Meditationen einer Nachteule. – Heldenzug eines Hasen. – Monolog einer Elster. – Beständigkeit eines Schmetterlings. – Reisenovelle eines abgesottenen Krebses. * Der gewissenhafte Dienstmann. In der Königstraße in Berlin pfiff ein Herr seinem Hund. Dieser aber kümmerte sich um sein Pfeifen ganz und gar nicht. Schließlich rief der Herr einem vorübergehenden Dienstmann zu: »Dienstmann, laufen Sie doch meinem Hund nach!« Der Dienstmann tat, was ihm geheißen war, und bald war er mit dem Hunde verschwunden. Gegen Abend kehrte Jolly, gefolgt von dem atemlosen, keuchenden Dienstmann, zurück. »Aber, mein Gott«, rief der Herr aus, »konnten Sie denn das Tier nicht eher fangen?« »Um Verzeihung,« sagte der Dienstmann, »von Fangen haben Sie nicht gesprochen. Sie sagten mir nur, ich sollte dem Hund nachlaufen, und das habe ich gewissenhaft fünf Stunden lang getan. Für die Stunde fünf Silbergroschen, das macht fünfundzwanzig Silbergroschen!« Der Herr war mit einer solchen Gewissenhaftigkeit sehr übel zufrieden, aber er mußte doch schließlich bezahlen, denn der Dienstmann hatte ja seinen Auftrag buchstäblich ausgeführt. * Der Pfarrer und das Kalb. Ein Bauernbursche brachte ein Kalb in die Stadt, das sich so sehr sträubte, daß er es mit beiden Händen festhalten mußte. Indem kam der Pfarrer des Dorfes, in dem er wohnte, in einem leichten Wägelchen vorbeigetrabt. »Grobian!« rief der Pfarrer. »Siehst du nicht, wer dir begegnet? Kannst du nicht die Mütze abnehmen?« »Na, gleich, Herr Pfarrer«, sagte der Bursche. »Steigen Sie nur einen Augenblick von Ihrem Wagen herunter und halten Sie mir mein Kalb, dann werde ich die Mütze abnehmen.« * Billige Schweine. Ein Bauer kam in die Beichte und gestand, er habe seinem Nachbar zwei Schweine gestohlen. Da es ihn aber reue, so wolle er das Geld dafür dem Geistlichen geben mit der Bitte, es dem Nachbar zu übermitteln, ohne aber zu verraten, woher es komme. Der Geistliche freute sich über den reuigen Sünder, nahm für den Wert der Schweine fünf Taler in Empfang und versprach, alles zu besorgen. Der Bauer kam dann nachher noch etliche Male, beichtete ein gleiches Vergehen und gab jedesmal dem Geistlichen einige Taler, um den Diebstahl zu ersetzen. Schließlich sagte der Geistliche etwas ungehalten: »Aber wenn du doch immer wieder den Diebstahl ersetzt, warum kaufst du denn die Schweine nicht öffentlich und vermeidest dabei noch die Gefahr, ertappt zu werden?« »Ja, Hochwürden,« sagte der Bauer und kratzte sich pfiffig den Kopf, »wenn ich die Schweine beim Nachbar kaufe, so macht er mir den Preis, wenn ich sie ihm aber stehle, so mache ich nachher den Preis.« * Das Gespenst in der Kirche. Als der Mesner in einem Dorfe nach seiner Gewohnheit um Mitternacht auf den Kirchturm stieg und läuten wollte, hörte er in der Kirche ein furchtbares Gepolter. Hierüber erschrak er sehr und lief in aller Eile zur Kirche hinaus, um den Schulmeister zu wecken. Er klopfte stark an dessen Tür an, und als man ihm endlich aufmachte, sagte er, der Teufel lärme gewaltig in der Kirche. Der Schulmeister lachte ihn aus und schalt ihn einen abergläubischen Menschen. Schließlich zog er aber doch seinen Schlafrock an, um mit dem Mesner in die Kirche zu gehen. Als sie die Kirchtüren aufmachten, sprang ein Schwein, das sich durch Zufall in die Kirche verlaufen hatte und abends mit eingeschlossen worden war, in vollem Galopp heraus, lief dem Schulmeister zwischen die Beine und rannte mit ihm davon. Da schrie er jämmerlich: »Adieu, Herr Mesner, mich hat der Teufel!« * Die verwandelten Gänse. Ein Kaufmann in Magdeburg namens Schmager war ein großer Freund von Gänsebraten. Er ließ daher jährlich sechs Gänse sorgfältig mästen, um sie dann im Herbst, wenn sie recht fett geworden, schlachten zu lassen und sie mit einigen Verwandten und Freunden zu verzehren. Als nun dieser Festtag herannahte und die sechs Gänse schon vor Fettigkeit strotzten, wurde dem Besitzer dieser appetitlichen Tiere, der sich schon auf den Genuß seines Lieblingsbratens sehr gefreut hatte, von einem Bekannten ein Streich gespielt, der alle seine Hoffnungen vernichtete. Eines Morgens fand er nämlich seine sechs fetten Gänse in ihrem Koben mit sechs ganz mageren vertauscht, und an dem Koben hing ein Zettel mit der Inschrift: Guten Morgen, Herr Schwager! Gestern waren wir fett, heut sind wir mager. * Ein böser Streich. Ein Gutsbesitzer namens Flieder besaß zwölf Gänse, die des Morgens auf die Dorfwiese zogen und des Abends von selbst wiederkamen. Eines Abends erschien aber nur eine, die man kahl gerupft hatte und die einen Zettel um den Hals gebunden trug. Auf dem Zettel stand folgender Spruch: Guten Abend, Herr Flieder, Ich komme wieder, Aber ohne Gefieder. Wir sind unter die Räuber geraten, Die andern werden morgen gebraten. Nur ich ganz allein bringe den Totenschein. Da wußte der Gutsbesitzer, daß es diesmal mit dem Martinsbraten nicht viel geben würde. * Die Affensendung. Ein Kaufmann in Lübeck bat einen seiner Korrespondenten in Lissabon, er solle ihm bei nächster Gelegenheit einen oder zwei Affen besorgen. Der Brief war italienisch geschrieben, in welcher Sprache der Buchstabe o bekanntlich das Wort oder ausdrückt. Da aber das o zwischen 1 und 2 stand, so las der Portugiese 102 Affen. Er schickte also seinem Geschäftsfreunde mit dem nächsten Schiff 86 Affen zu und versprach ihm zugleich, daß die übrigen Affen bald nachfolgen würden. * Der einbeinige Kranich. Ein reicher Mann aß gern gute Leckerbissen, besonders aber Vögel. Als er nun eines Tages einen Kranich gefangen hatte, der sehr jung und fett war, schickte er ihn seinem Koch und ließ ihm sagen, er sollte den Vogel zum Abend braten. Der Koch, ein junger lustiger Mensch, steckte den Kranich an den Spieß und ließ ihn braten. Er war fast gar und gab einen vortrefflichen Geruch von sich, als ein Mädchen aus der Nachbarschaft namens Nanette den Koch besuchen kam. Sie bat ihn inständigst, ihr doch eine Keule von dem Kranich zu geben, aber der Koch lachte sie aus und sagte, sie könne natürlich von dem Vogel auch nicht das kleinste Stückchen bekommen. Da ärgerte sich das Mädchen, und weil sie wußte, daß der Koch sehr in sie verliebt war, sagte sie zu ihm: »Wenn Ihr mir nicht die Keule gebt, dann will ich auch in Zukunft nichts mehr von Euch wissen.« Sie stritten sich noch eine Weile hin und her, und schließlich gab ihr der Koch trotz aller Bedenken die Keule, da er sah, daß sie ernstlich böse wurde. Der Herr hatte sich für den Abend Gesellschaft mitgebracht und wunderte sich sehr, als der Kranich aufgetragen wurde und er nur eine Keule sah. Er ließ den Koch kommen und fragte ihn, wo denn die andere Keule hingekommen sei. »Mein Herr,« antwortete der Koch und machte ein erstauntes Gesicht, »Kraniche haben doch immer nur ein Bein und eine Keule!« – »Du bist wohl verrückt?« erwiderte der Herr. »Meinst du, dies sei der erste Kranich, den ich sähe?« Aber der Koch ließ sich nicht beirren. Er blieb dabei, die Kraniche hätten nur ein Bein, und er erbot sich, dieses an einem lebendigen Kranich zu beweisen. Der Herr war zornig über die Frechheit des Kochs, wollte aber wegen der anwesenden Gesellschaft keinen Lärm machen und antwortete nur: »Weil du das, was du sagst, so bestimmt weißt, so werde ich dir Schurken morgen Gelegenheit geben, mir zu zeigen, was bis jetzt noch niemand gesehen hat.« Am nächsten Morgen ließ der Herr, dessen Zorn durch den Schlaf keineswegs vergangen war, zwei Pferde satteln, eins für sich und eins für den Koch, und sie ritten in aller Frühe an einen Fluß, an dessen Ufer um diese Zeit häufig Kraniche zu sitzen pflegen. Der Koch hatte jetzt doch große Angst, und er wußte nicht, wie er es anfangen sollte, sich zu entschuldigen. Er hätte gern die Flucht ergriffen, wenn er sich nur getraut hätte. Als die beiden Reiter an den Fluß kamen, sahen sie ein Dutzend Kraniche auf einem Beine stehen, wie sie gewöhnlich tun, wenn sie schlafen. Der Koch zeigte sie sofort seinem Herrn und sagte zu ihm: »Glauben Sie nun, daß ich gestern die Wahrheit gesagt habe? Sehen Sie dort die Kraniche, sie haben alle nur ein Bein!« »Du unverschämter Lümmel,« fuhr ihn der Herr an, »ich will dir sofort zeigen, daß sie zwei Beine haben!« Damit schrie er laut: »Hoho!« und klatschte in die Hände. Auf dieses Geschrei und den Lärm des Händeklatschens streckten die Kraniche natürlich das andere Bein hinunter und flogen dann eiligst davon. »Nun, du niederträchtiger Hund,« schimpfte der Herr von neuem, »haben die Kraniche zwei Beine?« »Aber, mein Herr,« versetzte der Koch, »warum haben Sie denn gestern abend nicht in die Hände geklatscht und Hoho gerufen? Sicherlich hätte der Kranich dann auch das andere Bein gezeigt.« Dieser Einfall stillte den Zorn des Herrn, der sich des Lachens nicht enthalten konnte. Darum sagte er zu ihm: »Du hast recht. Scher' dich nach Hause, ich will dir für diesmal noch verzeihen. Aber komm' mir nicht noch einmal so.« * Der Hexenmeister. Ein junger, wohlhabender Mann, der nach seinem Gutdünken leben konnte, kam meistens erst gegen Morgen von seinen lustigen Gesellschaften nach Hause. Er wohnte Parterre in einem Zimmer, dessen Fenster nach der Straße hinaus lagen. Nun erschien aber jeden Morgen in aller Frühe ein Milchweib in der Straße, und sie teilte grade unter seinem Fenster ihre Milch aus. Das Geplauder aller Mädchen des Viertels, die ihre Milch hier kauften, die starke und grelle Stimme der Frau, die noch manchmal von dem unmelodischen Geschrei des Esels begleitet wurde, der den Milchwagen zog, trieben den jungen Lebemann, der so jeden Morgen aus dem ersten Schlaf gestört wurde, fast zur Verzweiflung. Vergebens bat er das Milchweib, sich doch einen Halteplatz auszusuchen, sie blieb halsstarrig dabei, daß eben grade dieser Ort besonders geschickt und vorteilhaft für ihren Handel sei. »Die Straße ist frei«, sagte sie. »Ich bleibe hier und komme jeden Morgen wieder. Ich will doch sehen, ob mir das jemand verbieten kann.« »Sie sind sehr halsstarrig!« sagte der junge Mann. »Ihr Esel kommt mir vernünftiger vor als Sie. Ich werde mal leise mit ihm reden!« Er näherte sich hierauf dem Esel und schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern, worauf er sich wieder zurückzog. Das Milchweib lachte inzwischen über seine Einfalt und bildete sich etwas darauf ein, daß sie es dem reichen Monsieur, der ehrliche Leute im Broterwerb hindern wollte, richtig gegeben habe. Aber gleich darauf fing der Esel an, wütend zu werden, schrie aus allen Kräften, schlug nach rechts und nach links aus, bäumte sich und warf alles, Milch, Sahne und Käse, auf die Erde. Das Milchweib schrie laut, das sei Hexerei, und sie schwur, der junge Mensch habe ihren Esel verzaubert. Eine große Volksmenge versammelte sich, und schließlich ließ man den Kommissar kommen. »Der Herr hat meinen Esel behext, lassen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren. Man muß ihn einsperren, sobald er mir meine Milch und meinen Käse bezahlt hat.« Der Kommissar wurde aus der Sache natürlich nicht klug, wollte aber beide Parteien hören und ließ den jungen Mann herausrufen. Dieser hörte zunächst die Flut von Schimpfworten, womit ihn das Marktweib überschüttete, ruhig an und sagte dann: »Herr Kommissar, diese Frau da hat mir schon lange Zeit Ungelegenheiten gemacht, indem sie mir jeden Morgen den Schlaf störte. Alle meine Bitten, sie möge ihren Verkauf nicht grade vor meinem Fenster abhalten, waren fruchtlos. Da beschloß ich, mich an der Person ihres Esels zu rächen. Der Esel nämlich, der ebenso geldgierig ist wie seine Herrin, besitzt eine Schwester und rechnete darauf, sie zu beerben. Soeben aber hat sich diese Schwester verheiratet, so daß er jetzt nichts erbt. Diese Nachricht, die ich ihm ins Ohr sagte, hat ihn so böse gemacht, daß er seine Wut durch Schreien und Bewegungen zum Ausdruck brachte.« Der Kommissar sah sofort, daß noch etwas anderes hinter der Geschichte steckte, und gebot dem jungen Mann, der Frau eine billige Entschädigung für die Milch zu bezahlen. Die Milchfrau floh aber von nun ab die Nähe eines solchen Schwarzkünstlers, der sich mit Tieren unterhalten und sie durch seine Erzählungen in solche Wut versetzen konnte.   Der junge Herr erzählte dann dem Kommissar, wie es wirklich gewesen war. Er hatte nämlich in geschickter Weise dem Esel ein Stückchen brennenden Schwamm ins Ohr gelegt. Das Feuer hatte dann das arme Tier so gepeinigt, daß es sich wirklich wie ein Behexter gebärdete. * Die Heringszucht. Ein Bauer aus Fockbek hatte einmal in Rendsburg sich für ein paar Schillinge gesalzene Heringe gekauft und seine Nachbarn darauf zu Gaste geladen. Sie fanden das Essen vortrefflich und wünschten viele solcher Fische zu haben. Der Klügste unter ihnen gab endlich den Rat, einen ganzen Korb voll aus der Stadt zu holen und sie in den Teich des Dorfes zu setzen; da würden sie sich vermehren, und sie dann alle reichlich davon haben. Gesagt, getan. Ging nun während des Jahres ein Fockbeker an dem Teich vorbei und es regte sich etwas im Wasser, so lief er zu den andern und erzählte es ihnen, und alle waren des künftigen Gewinnes froh. Im nächsten Herbst ward ein großes Netz angeschafft. Aber der Klügste fand es am geratensten, den ganzen Teich ablaufen zu lassen. Alle standen herum und guckten nach den Heringen, aber auch nicht ein einziger war zu sehen, als alles Wasser schon fort war. Nur ein einziger Aal wälzte sich im Schlamm. Er wurde erhascht, und darüber waren sich alle einig, daß nur er ihnen die Heringe gefressen hätte; dafür müsse er nun gehörig bestraft werden. »Laet uns em schlachten unn upäten«, sagte einer. »Dat mär em jüs recht«, meinte ein andrer, und weil er sich einmal gebrannt hatte, schlug er vor, den Aal ins Feuer zu werfen. »Brennen is slimm«, sagte ein dritter, der einmal ins Wasser gefallen war und bald ertrunken wäre; »laet uns em in de Au smyten und em versupen, dat is myn Meenung.« Alle stimmten ihm bei, daß Ertrinken der schrecklichste Tod sein müsse, und man ward einig, den Aal in die Aue zu werfen. Der Bauernvogt nahm ihn in einen Korb, ging voran, und alle folgten ihm; und wie er ihn nun ins Wasser warf und der Aal sich krümmte und fröhlich rechts und links machte, rief jener aus, der den Rat gegeben hatte: »Seet, wat he sik quält!« Da gingen alle Fockbeker ganz glücklich über die ausgeführte Rache nach Hause. * Große Tierschau. Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung wird der Unterzeichnete die Ehre haben, während der ganzen Messe seine ganze Menagerie, bestehend aus folgenden Viehstücken, zu produzieren: 1. Der Vogel Strauß. Vom Kap der gesegneten Umstände. Dieses Geschöpf geht gern auf Reisen, zeigt aber einen natürlichen Widerwillen gegen Schuhwichse. Sein Weibchen gehört zum schönsten Geschlecht und trägt beständig Straußenfedern auf dem dem Kopfe entgegengesetzten Körperteil. Beide zusammen sind vierfüßig und bilden ein Paar. 2. Der Esel. Dieses Tier ist nicht weit her, sondern in Deutschland und dem angrenzenden Europa einheimisch. Sein Fell geht zwar ins Aschgraue, doch trägt er sein Kreuz mit Geduld. Speist Dornen und Distelfinken und wird in Ständekammern gern gesehen, da er zu allem ja sagt. Zum Gehen bedient sich dieses gräuliche Tier der Füße. Nach erlangter Anstellung in einer Mühle vermehlt er sich, und zwar toujours mit einer Eselin, die nach der weiblichen Deklination geht. Die Eselin brütet ihre Jungen nicht erst aus, sondern bringt sie als hoffnungsvolle Eselchen lebendig zur Welt und ernährt sie selbst auf eine eselhafte Weise ohne Flasche. Seinem Weibchen bleibt der Esel nicht immer treu, sondern steht mit der Dummheit in einem unerlaubten Verhältnis. 3. Das Trampeltier oder buckelosus duplex. Die gütige Schöpfung hat diese Bestie mit zwei Buckeln versehen, damit sie die Schläge des Schicksals besser ertragen kann. Das Trampeltier lebt auf großem Fuß, und wenn es das gehörige Alter erreicht hat, verwandelt es sich in einen Hofrat. Es schleppt ungeheure Lasten und Ordensbänder und beugt auf Befehl des Herrn das Knie, so gut wie jedes Kamel. Seinem Weibchen sind Vaterfreuden versagt, wenn es aber gereizt wird, bringt es lebendige Junge zur Welt. 4. Ein kolossaler Stockfisch. Ein grausamer Charakter, der Sonntags in Vatermördern spazieren geht. Seinen Namen verdankt er der Tatsache, daß er immer kaltes Blut bewahrt und stockdumm ist. Trotzdem bringt es dieses Tier durch Protektion vielfach bis zum geheimen Kabeljau, ja sogar bis zum wirklichen Laberdan. In Deutschland zahlreich verbreitet. 5. Der Waschbär aus Weißrußland hält viel auf reine Wäsche und bewohnt die möblierten Wälder in der Krim. In Rußland hat er Sitz und Stimme, da er aber die Freiheit liebt, muß er oft brummen. Im übrigen ist er ein Faulenzer und liegt gern auf der Bärenhaut. Mit seinem Weibchen lebt er in wilder Ehe. 6. Das Beuteltier. Das Weibchen dieser Tiergattung ist von der Vorsehung mit einer großen Tasche versehen worden, in die es unentbehrliche weibliche Gegenstände, wie Kämme, Puderquasten, Konfekt, abgelaufene Fahrscheine, Schlüssel, Lippenstifte und Spiegel hineinsteckt. Derjenige, der diese Tasche dem Tier heimlich wegnimmt, wird mit Recht ein Taschendieb genannt. Das Beuteltier lebt von Futter, mit dem es seine Tasche ausfüttert. 7. Der Maulesel. Dieses Tier zeugt von den traurigen Folgen der gemischten Ehe. Es scheint zum Redner geschaffen, denn es hat ein großes Maul. Trotzdem schweigt es meist und ist überhaupt ein Weiberfeind, der sein Leben in dumpfem Brüten verbringt und ohne männliche Nachkommenschaft stirbt. 8. Der Affe (mit Respekt zu melden!). Dieses Tier wird auch Meerkatze genannt, obgleich es keine Katze ist und sich nur sehr ungern zu Seereisen entschließt. Der Affe bewohnt jahraus, jahrein die Natur, ohne je daran zu denken, Miete zu bezahlen. Bei seiner Vermählung sieht er durchaus nicht auf Mitgift, sondern vor allem auf Herzensbildung. Es gibt lackierte Affen, Maulaffen und Menschenaffen. 9. Die Gans. Ein sehr vornehmes Tier, das in Pensionaten erzogen wird und, wenn es einen einflußreichen Gatten hat, in den feinsten Gesellschaften umschmeichelt wird. Mit Kastanien gefüllt kommt die Gans angenehm duftend aus dem Bratofen und schmeckt ausgezeichnet. Sie ist gutmütig, da sie uns mit Gänseleberpasteten versieht, leider aber auch sehr furchtsam, indem sie bei dem kleinsten Schreck eine Gänsehaut bekommt. 10. Der gemeine Hase, lepus timidus , genießt wegen seiner Manschetten bedeutendes Renommee. Schon in seiner frühesten Jugend beginnt er seinen Lebenslauf, und wo es auf Mut und Tapferkeit ankommt, macht er die schnellsten Fortschritte. Seine Jungen säugt er nicht selbst, sondern sein Weibchen, das zum andern Geschlecht gehört und Häsin genannt wird. Die Häsin nimmt es in der Ehe nicht so genau und schenkt auch anderen Hasenjünglingen einen geneigten Löffel. Wenn 500 Hasen zusammen sind, so gibt's schon 2000 Hasenfüße. 11. Der Zaunkönig, heißt zwar so, ist aber mit dem Adler weder in der Größe noch sonst verwandt. Seine Regierung ist zwar sehr kriegerisch, da er als Zaunkönig natürlich jede Gelegenheit vom Zaune bricht, um andere Könige zu ärgern. 12. Der Walfisch. Kann nur gezeigt werden, falls der Magistrat eine genügend große Schwimmfläche zur Verfügung stellt. Er lebt im Eismeer, wo es ihm aber manchmal zu kalt ist. Dann legt er sich bei schönem Wetter auf einen Wall und sonnt sich. Daher der Name. Fütterung oder Table d'hote der Tiere um 3 Uhr nachmittags. Anrührung wird nicht gestattet. Eintrittspreis wird bar erlegt, doch zahlen Kinder und Narren die Hälfte. Einritt nur auf den Füßen, Austritt nach Belieben. Hermann von Hagen, Viehbändiger. * Die Schlange. Eine Geschichte aus dem Schwabenland. »Do Bua!« sagte ein Bauer in Mundingen zu seinem Sohn, »bring' de Säu amol die Kartoffle do!« Der Junge gehorchte und ging in den Hof. Als er jedoch eben im Begriff war, die Tür des Schweinestalls zu öffnen, sah er aus einer Ritze des Stalles ein mächtig langes gelbes Ding herausbaumeln, das sehr verdächtig hin und her züngelte. Entsetzt ließ er seine Erdäpfel fallen und lief zurück in die Stube. »Herr Jeses! Herr Jeses!« schrie er seinem Vater entgegen. »Im Saustall ischt a wütig grause Natter!« Dem Bauer blieb bei dieser Nachricht ein Ende Stuttgarter Wurst, das er eben zum Nachtbrot verzehren wollte, im Halse stecken. Doch faßte er bald wieder Mut, sagte ein gottesfürchtig Sprüchlein vor sich hin und ging, mit einer Heugabel und einem Beil versehen, in Gottes Namen auf den Schweinestall los. Richtig, da schwänzelte das wüste Ding immer noch aus der Ritze heraus. So groß und so giftig hatte er es sich aber doch nicht gedacht, und der Gedanke, es ohne Beihilfe umzubringen, verging ihm bei diesem Anblick ganz und gar. »Lauf, was de kaanst, zum Schmied!« rief er deshalb seinem Jungen zu, »und sag' em, er soll tapfer mit e paar Zange komme.« – Der Junge lief, was er laufen konnte, und kam in wenigen Minuten mit dem Schmied und zehn bis zwölf Nachbarsleuten außer Atem zurück. Jetzt ging das Debattieren los; kein Mensch wagte sich an das gefährliche Ding heran, bis sich endlich der Schmied dreimal räusperte, die Augen zukniff und mit einem mächtigen Stemmeisen draufloshieb. In diesem Augenblick fing die Sau im Stall ein mörderliches Geschrei an. Man riß die Türe auf und sah, wie das Tier unter jämmerlichem Grunzen im Kreis herumlief und sich vergeblich an dem Schwanz zu lecken suchte. – Alle standen da und sperrten Maul und Nase auf, aber niemand sprach ein Wort. »Vater,« sagte endlich der Sohn, »des Ding, des do aus dem Loch rausguckt hat, is glaube der Sauschwanz gwea und koi Natter.« Und so war's auch. * Ja, Hundebraten!. Von K. Löffler . Gerichtspräsident: Amadeus Leckermund, Ihr seid angeklagt, den Hund des Weinhändlers Täufer in der Brunnenstraße durch List an Euch gelockt, ihn in Eurer Wohnung geschlachtet, gebraten und gemeinsam mit Eurer Frau verzehrt zu haben. Was habt Ihr darauf zu erwidern? Angeklagter: Verzeihen Sie, Herr Gerichtshof, wenn ich sämtliches bestreite. Präsident: Man hat ja das Fell des Hundes bei Euch vorgefunden. Angeklagter: Erlauben Sie, daß ich mit'n Umschweif erzähle, wieso ich dazu gekommen bin, am vorichten Sonntag mal Braten zu essen. – Nämlich meine Frau sagte zu mir: Amadeus, sagte sie, was werden wir heute kochen? Ich habe keinen Pfennig Geld nich mehr, und der Schlächter und der Bäcker wollen nich mehr pumpen. Ja, sag' ich, das ist schlimm: aber die Vorsehung läßt keinen Deutschen verhungern. Ich zieh also den Rock an, setz mir die Mütze uf, un geh uf de Straße, um zu sehen, ob mir die Vorsehung nicht was in'n Wurf schicken wird. – Wie ich nu so nach der Brunnenstraße komme, wo der Weinhändler Täufer wohnt, sehe ich vor die Düre bei ihm einen großen, fetten Pudel sitzen, un der knabbert an'n ungeheuern Knochen. – Hier steh ick nu stille und denke philosophisch nach über die ungleiche Verteilung der Güter. Was braucht so'n fetter Pudel noch Marks zu lutschen? denke ich bei mir. Wenn du den Knochen hättest, das gäbe eine schöne Suppe. Indem dreht sich der Pudel um, weil ihm die Sonne in die Augen stach, un diesem Mojement benutzte ich, ergriff den Knochen und verzog mir eiligst damit nach meine Wohnung. Aber wer mit des Knochenwegnehmen nich zufrieden war, des war der Pudel. Er lief immer hinter mir her un machte eine Bellerei, als hätt' ich ihm einen Rehbraten gestohlen. Ich kehrte mir aber daran nich, sondern betrachtete den Knochen als von die Vorsehung geschenkt un bracht'n richtig meine Frau. Präsident: Darauf habt Ihr aber den Pudel an Euch gelockt. Angeklagter: Gelockt? Keineswegs nich, Herr Gerichtshof. Er stand aber draußen un bellte immerzu. Da sagt meine Frau wieder: Amadeus, sagt se, et is doch unrecht, daß du dem Pudel sein Eigentum so entwendest. Gib ihm seinen Knochen wieder, et is ja so nischt daran. Dieser letzte Grund leuchtete mir ein, un nu legte ich den Knochen auf'n Flur hin, un wupps is mein Pudel dabei, um ihn zu sich zu nehmen. Da schmeißt die Vorsehung die Hausdüre zu, denn einen Zufall gibt's nich, Herr Präsident, denn sonst müßte die Düre zufällig zugefallen sind, un da ich grade einen Besenstiel in die Hand habe, looft der Pudel aus Unvorsichtigkeit dagegen un streckt ooch gleich alle Viere von sich. Präsident: Zeugen haben ausgesagt, daß Ihr den Pudel mit einem Besenstiel erschlagen hättet. Angeklagter: I, Jott bewahre! Das wäre ja Mord! – Im Gegenteil: wie ick sehe, daß er nich mehr jappst, denk ick, det is ihm wohl zu eng in seinem Pelz, un da hol ick rasch een Messer un schneide ihm die Jaut een bisken uf unterm Bauch. Da holt er so dief Atem, daß ihm gleich die Eingeweide rausfallen. Nu sag' ick zu meiner Frau: Mutter, hier is alle menschliche Kunst am Ende. Der Pudel hat ausgelitten. Wir wollen ihn man wenigstens ein anständiges Begräbnis bereiten, un damit zog ick ihm des Fell gänzlich ab, damit ihn nich die Motten sollten rinkommen. Aber nu handelte es sich um einen Sarg. Aberst wo den hernehmen un nicht stehlen? Weeßte wat, Mutter, sag' ick, man muß sich zu helfen wissen, – lange mir mal die große Bratpfanne runter, un weil er da nich ganz rinpaßte, schnitt ich ihm den Kopp un die Beene ab, un nu ging er grade rin in die Bratpfame. Präsident: Tatet Ihr das mit der Absicht, den Hund mit der Pfanne einzugraben? Angeklagter: Allerdings, Herr Gerichtshof. Aber nu war es bei Dage, un ick wollte doch keen Aufsehen erregen. Ick sage also: Mutter, wo wer'n wir denn die Leiche einstweilen lassen? – I, sagte meine Frau, die schieben wir einstweilen in den Bratofen, ick hab' e bisken drin ingehitzt, weil et in die Küche so kalt is. Un richtig, des du ick. Aber nach zwee Stunden fängt es an in die Küche sehr scharf zu riechen. Ick sage: Mutter, wir müssen die Leiche hervorholen, sie riecht schon. Ja woll, sagt meine Frau, da haste recht, un wir holen den entschlafenen Pudel samt seinen Sarg ans Dageslicht. – Aber denken Sie, wie die Vorsehung vor uns jesorgt hatte: statt eines doten Pudels finden wir den schönsten Braten in die Pfanne. Ick fange an zu kosten un sage zu meine Frau: et is Kalbsbraten. Nu kost't meine Frau, un die meint, et wäre Hammelbraten. So kosteten wir gegenseitig, bis die Pfanne beinah leer war un konnten nich eenmal rauskriegen, wat't et vor Braten is. Da stürzt uf eenmal Täufer bei uns rin un sagt: »Aha, Hundebraten!« – Nun wußten wir uf eenmal, was wir gegessen hatten. Präsident: Der Hund war dressiert und hatte einen Wert von zwanzig Talern, die Ihr dem Weinhändler ersetzen müßt. Angeklagter: Na, des wäre noch hübscher! Ick sag' Ihnen, Herr Präsident, der Hund war nich dressiert, denn wenn er dressiert gewesen wäre, denn hätten wir's wohl rausgeschmeckt. Präsident: Keine überflüssigen Redensarten. Es bleibt bei meinem Ausspruch. Ihr könnt gehen. Angeklagter (im Abgehen): Na, des soll mir ne Warnung sind! So'n Hund zwanzig Daler, wat kost'n da det Pfund? – Bei so'ne Fleeschpreise muß der Mensch uf'n Hund kommen, er mag wollen oder nich. (Geht ärgerlich ab.) * Die teure Hundegeschichte. »Ich komme wegen einer Hundegeschichte«, sagte ein Schlächter, der einen Rechtsanwalt in seiner Sprechstunde aufsuchte. »Gestern war eine Dame in meinem Laden, und ihr Hund hat ein Stück Fleisch vom Ladentisch heruntergerissen, so daß es beschmutzt und für den Verkauf unbrauchbar wurde. Muß die Dame mir die acht Mark, die das Fleisch wert war, ersetzen?« Der Anwalt fragte, ab die Dame eine gute Kundin sei, und als der Schlächter das bejahte, sagte er: »Ich würde Euch raten, die Zahlung nicht mit Gewalt zu erzwingen, weil Ihr sonst nur die Kundschaft der Dame und vielleicht noch die ihrer Freunde verliert. Wendet Euch einfach an den Mann dieser Frau, tragt ihm höflich die Sache vor, und er wird Euch den Betrag schon zahlen.« »Glaubt Ihr, daß er mich wirklich bezahlen wird?« fragte der Schlächter. »Wenn er ein anständiger Mensch ist, sicher!« antwortete der Anwalt. »Na, dann gebt mir bitte die acht Mark!« sagte der Schlächter. »Es war nämlich Eure Frau.« Der Advokat, obgleich sicherlich nicht auf diesen Ausgang der Sache gefaßt, machte gute Miene zum bösen Spiel und zahlte lachend die acht Mark. Der Schlächter ging schmunzelnd nach Hause, stolz darauf, daß er dem Advokaten eine Nase gedreht hatte. Er erzählte seinen pfiffigen Streich triumphierend seinen Nachbarn, dem Konditor, dem Gewürzkrämer und Schuhmacher, und diese stimmten in seinen Triumphgesang ein. Den andern Tag aber erhielt der Schlächter mit der Post eine Rechnung von dem Anwalt, auf der die Worte standen: Für Raterteilung 12 Mark. * Die getäuschten Hühner. In einer amerikanischen Zeitung wurde einmal von einem Neger berichtet, der war so kohlrabennachtmohrpechtintenrußebenholzhöllenschwarz, daß die Hühner, wenn er auf den Hof trat, schlafen gingen, weil sie das Dunkel, das von ihm ausging, für die Folge des Sonnenuntergangs hielten. * Der merkwürdige Blauschimmel. »Mit Pferden«; so erzählte uns abends am Stammtisch der alte Sanitätsrat Lüdecke, »erlebt man manchmal die seltsamsten Geschichten. In meiner Jugend kaufte ich mir, um meine Patienten besser besuchen zu können, eines Tages einen leichten, zweirädrigen Wagen und dazu einen hübschen, zierlichen Blauschimmel. Das Tier schien lammfromm zu sein, zeigte dann aber bald die merkwürdigsten Launen. So brach es gleich am zweiten oder dritten Tage mit mir in einen Blumengarten ein, offenbar wollte es dort einen Besuch machen. Und kurz darauf nahm es die bis zum Boden gehende Spiegelscheibe eines Kaufhauses für eine Toreinfahrt und erschien so über allerlei Auslagetrümmer hinweg in den inneren Geschäftsräumen, wo es die auf solche Kunden nicht gefaßten Verkäufer heftig erschreckte. Ich bekam sogar ein großes Strafmandat, weil das Pferd bei dem Versuch, die Budenreihe des Wochenmarktes als Fahrweg zu benutzen, unter anderm auch einen städtischen Polizeibeamten in eine unwürdige Lage auf dem vom Regen aufgeweichten Erdboden gebracht hatte. Und was die entrüsteten Obst- und Gemüseverkäuferinnen mir alles als Schadenersatz anrechnen wollten, war erstaunlich. Ich machte mich schon mit dem Gedanken vertraut, den hübschen kleinen Blauschimmel wieder abschaffen zu müssen, denn die unglücklichen Zufälle dauerten fort, als eines Tages ein Straßenjunge einen Feuerwerkskörper neben dem Tier zum Losknallen brachte, und es zum erstenmal wirklich durchging. Ich selbst wurde bei dem plötzlichen Ruck fast vom Wagen geschleudert, der Kneifer flog mir von der Nase, und von da ab sah ich überhaupt nichts mehr. Natürlich erwartete ich jeden Augenblick in einem Grünkramkeller oder in einer Konditorei zu landen, aber das Pferd wurde immer ruhiger, und endlich stand es still. Ich befand mich vor meiner Wohnung, und den Kneifer fand ich auch wieder, denn er war gerade auf die Nase des Pferdes geflogen, und mit überlegener Freundlichkeit sah mich das Tier durch die blanken, funkelnden Gläser an. Nun wußte ich auch, warum der Blauschimmel sich manchmal so merkwürdig benommen hatte. Er war einfach hochgradig kurzsichtig! Natürlich ließ ich ihm sofort eine große, eigens für ihn passende Brille anfertigen, und ein zuverlässigeres Pferd habe ich nie in meinem Leben gehabt.« Wilhelm Cremer. * Der gute und der böse Papagei. Von Wilhelm Cremer . Tante Else kaufte, als sie mit ihrem Mann die Reise nach Hamburg machte, dort einen wunderschönen Papagei, der geläufig sprechen konnte und vor allem die erste Zeile van »Morgenrot« sang. Den Rest des Liedes würde er wohl auch noch lernen, meinte der Verkäufer, denn er sei sehr gelehrig. Und gelehrig war dieser Papagei, denn sonst hätte er nicht auf der Reise aus den Tropen von den Matrosen so viele und leider auch so unerhörte Kraftworte gelernt. Er wetterte und fluchte von morgens bis abends – er tat das meisterhaft, in allen Sprachen, die je auf einem Schiff gesprochen worden sind, in allen Tonarten der Erregung, vom sanftesten Ärger an bis zur rasendsten Wut. Und wenn er sich ausruhen wollte, dann sang er »Morgenrot«, langgezogen, kläglich, daß sich der Hauskatze die Haare sträubten und die Hunde in der Nachbarschaft zu heulen begannen. Die gute Tante Else war in Verzweiflung wegen des Fluchens, nie in ihrem Leben hatte sie so etwas erlebt, und Onkel Gustav drohte nach 28jähriger Ehe mit Scheidung, wenn das Vieh nicht aus dem Hause käme. Aus dem Fluchen machte er sich weniger, aber das »Morgenrot« konnte er nicht ertragen. Es war wirklich eine schreckliche Geschichte. Bis Tante Else zufällig einen Besuch bei Frau Amtmann Zillich machte und dort einen Papagei traf, der dem ihrigen äußerlich sehr ähnlich war, innerlich aber einen ganz anderen Charakter hatte. Dieser Papagei besaß eine reine, durch keinen Umgang mit rohen Matrosen verdorbene Seele. Er fluchte nie, er befleißigte sich stets einer sanften Ausdrucksweise, und wenn man ihn schön bat, dann sang er mit schmelzender Stimme das fromme Abendlied: »Nun ruhen alle Wälder!« Tante Else traten die Tränen in die Augen, und sie bat, ihren Papagei eine Weile bei Frau Amtmann in Pflege geben zu dürfen, damit er sich das Fluchen abgewöhne und in jeder Hinsicht moralisch gebessert werde. Die ebenfalls leicht gerührte Frau Amtmann fand das sehr nett, und da sie grade mit ihrem Mann einige Wochen verreisen wollte, so wurde abgemacht, daß das Dienstmädchen, das als Hauswache zurückblieb, inzwischen die beiden Tiere versorgen sollte. Aber als dann Herr Amtmann Zillich und seine Gattin von der Reise zurückkamen, da fanden sie eine schreckliche Bescherung. Nicht nur, daß Tante Elses Papagei in keiner Weise sich das Fluchen abgewöhnt hatte, nein, er hatte es auch dem andern beigebracht. Und wie hatte er es ihm beigebracht! Sie fluchten beide um die Wette und sangen dann gemeinsam ihre Lieder. Aber sie sangen sie nicht sanft und melodisch, nein, wie eine ganze Rotte betrunkener Matrosen – untermischt mit rohen und wüsten Ausrufen. Und etwas Neues war dazugekommen, Ausdrücke, Kommandos und Kraftworte ganz besonderer Art, die den Herrn Amtmann dunkel an seine Militärzeit erinnerten, bis ihm einfiel, daß Emma, das Dienstmädchen seit einiger Zeit einen Bruder besaß, der Feldwebel bei der Artillerie war. Offenbar hatte die militärisch kräftige Sprache dieses Feldwebels die Papageien veranlaßt, seine Lieblingsausdrücke als Bereicherung ihres Sprachschatzes in ihre Vortragsfolge aufzunehmen. Tante Else und Frau Amtmann Zillich haben ihre Papageien verkauft. Der Gastwirt, der sie erstand, hat seitdem ein überfülltes, allerdings nicht sehr vornehmes Lokal. Die elektrische Orgel und die Damenkapelle, die er früher hielt, hat er abgeschafft. Die Papageien ersetzen sie vollständig. * In der Menagerie. Menageriebesitzer: »Hier in diesem Käfig sehen Sie, meine Herrschaften, das größte Wunder der Dressur, einen ausgewachsenen Königstiger, einen Steppenwolf und ein Lamm, die alle drei in größter Eintracht und Vertraulichkeit miteinander leben.« Besucher: »Wie lange haben Sie die Tiere schon?« Menageriebesitzer: »Bereits drei Jahre. Es ist auch nie das geringste passiert, nur hat das Schaf im Laufe der Zeit einige Male erneuert werden müssen.« * Überzeugen Sie sich selbst!. Vor einer Wandermenagerie ist ein ungeheurer Königstiger abgebildet, und ein Plakat kündet an: »Ausgewachsener bengalischer Königstiger. 4 Meter lang, Gewicht 200 Kilogramm.« Die Besucher finden aber im Innern ein altes räudiges Tier, das in keiner Weise den auf dem Plakat gemachten Ankündigungen entspricht. Endlich sagt einer der Besucher zu dem Besitzer: »Der Tiger ist doch keine 4 Meter lang, und 200 Kilo wiegt er auch nicht!« »Bitte, mein Herr«, sagt der Besitzer freundlich lächelnd. »Sie sollen sich selbst überzeugen! Hier ist ein Metermaß, drinnen steht eine Wage. Ich gebe Ihnen jetzt den Schlüssel zum Käfig – bitte, wollen Sie hineinsteigen und das Tier nachmessen und wiegen!« * Gefährlich. Auf einer Kirmes zeigt eine wandernde Menagerie ihren Tierbestand, der aus einem alten Löwen, einem Krokodil, ein paar Affen und einer angeblichen Riesenschlange besteht. Der Impresario preist mit phrasenreichen Worten die Größe, Seltenheit und Gefährlichkeit der ausgestellten Tiere: »Vor allem, meine Damen und Herrn, mache ich Sie auf die Riesenschlange aufmerksam, ein Geschöpf, das imstande ist, einem lebendigen Ochsen die Knochen im Leibe zu zerdrücken!« In diesem Augenblick zupft eine Bauernfrau ihren Mann am Rock und ruft ängstlich: »Um Gotteswillen, Sepp, geh nicht so nah heran!« * Der kluge Hund. »Einst hatte ich einen Hund, ein unglaublich schlaues Tier. Als z. B. mal ein Freund zu mir kam, wollte der Hund ihn zerreißen. Und warum? Weil er Wolf hieß.« »Und ich hatte einen Dackel, den mußte ich abschaffen, weil ich einen Schwiegersohn bekam, der Eckstein hieß.« * Auf der Hundeausstellung. »Sehen Sie mal die Dame da mit dem Dackel. Schade, daß der Dackel nicht die Leine seiner Herrin hat, der bekäme sicher einen Preis.« * Hundevergnügen. Ein Berliner Straßenbengel spielte mit seinem Hunde, als grade ein ungewöhnlich magerer Herr vorüberging. Übermütig wies der Junge auf den Herrn und rief seinem Hunde zu: »Hallo, Karo, faß ihn!« »Verfluchter Lümmel!« rief der Magere. »Willst du das wohl sein lassen?« »Warum wollen Se denn meinem Karo det Verjnügen nicht jönnen?« war die Antwort. »Det Tier knabbert jar zu jerne an Knochens !« * Der unschädlich gemachte Hund. Der Ortsvorstand eines bayrischen Grenzfleckens schrieb an das zuständige Landgericht wegen eines sich in der Gegend aufhaltenden wütenden Hundes: »Morgens läuft dieser wütige Hund auf den Feldern herum, und es fragt sich nun, ob man denselben totschlagen oder ins Württembergische hinüberjagen soll, damit er künftig keinen Schaden mehr anrichten kann.« * Mißverstanden. Frau Oppenheimer ist sehr stolz auf ihren Bernhardinerhund und befiehlt dem Hausmädchen, während einer Reise, die sie macht, das Tier ja gut zu pflegen und häufig auszuführen. »Nun,« fragt sie nach ihrer Rückkehr, »haben Sie auch Karo fleißig ausgeführt? Das Tier hat wohl überall Furore gemacht?« »Ja,« sagt Minna, »fast an jedem Baum!« * Der Hundekäufer. »Was soll es denn für ein Hund sein? Ein Schäferhund, eine Dogge, ein Spitz?« »Die Art ist mir ganz egal!« »Aber Sie müssen doch einen bestimmten Geschmack haben. Welche Größe haben Sie sich gedacht?« »Na, ungefähr so groß, daß eine sechsköpfige Familie gut satt davon wird.« * Der Polizeihund. Ein Herr suchte durch eine Anzeige in der Zeitung einen Polizeihund. Unter anderm kam auch ein Mann zu ihm mit einem elenden, struppigen Köter sehr verdächtiger Abkunft und bot ihn zum Kauf an. »Das soll ein Polizeihund sein?« fragte ungläubig der Herr, der die Anzeige aufgegeben hatte. »Pst!« flüsterte ihm der andere zu. »Es ist ein geheimer.« * Der wachsame Hund. Ein Mann bot auf der Straße einer Dame einen Hund zum Kauf an. »Ist er auch wachsam?« fragte die Dame. »Wachsam?« wiederholte der Mann vorwurfsvoll. »Ohne Schlafmittel schläft der überhaupt nicht ein!« * Der Hund und der Krebs. Ein Herr ging mit seinem Hund spazieren und kam an einem Lebensmittelgeschäft vorbei, vor dessen Auslage ein Korb mit lebenden Krebsen stand. Der Hund mußte wohl dem Korbe zu nahe gekommen sein, denn plötzlich hatte sich ein Krebs mit seiner Schere in seinen Schwanz eingeklemmt, und der erschreckte Hund rannte mit dem Krebs am Schwanz davon. Der Kaufmann hatte den Vorgang wohl gesehen und wandte sich an den Besitzer des Hundes: »Warum pfeifen Sie nicht Ihrem Hund?« »Warum pfeifen Sie nicht Ihrem Krebs?« antwortete dieser und ging ruhig weiter. * Tierkunde. Lehrer: »Nennt mir mal Tiere, die in Deutschland nicht vorkommen!« Nachdem verschiedene exotische Tiere genannt sind, wird der kleine Max gefragt, und er antwortet: »Unser Dackel!« Lehrer: »Euer Dackel?« Max: »Ja, er kommt nicht unterm Bett vor, wenn man ihn ruft.« * Der phlegmatische Hund. Ein Ehemann hat mit seiner Frau Streit, weil sie ihren Hund verwöhnt und ihn darüber vernachlässigt. Wütend wirft er schließlich den Hund zum Fenster hinaus. Einen Augenblick steht die Frau wie gelähmt da. Dann reißt sie mit einer plötzlichen Bewegung dem Mann die geliebte Pfeife aus dem Mund und wirft sie ebenfalls hinaus. Eine Minute lang sind sie jetzt beide still, wie sie dann aber zum Fenster hinaussehen, da sitzt der Hund ruhig unten vor der Haustür und raucht die Pfeife. * Jagdbericht. Gatte, von der Jagd zurückkehrend: »Heute hab' ich aber furchtbares Pech gehabt, immerfort hab' ich vorbeigeschossen!« »Ja, das hab' ich mir gleich gedacht«, sagt seine Frau lächelnd. »Zufällig sah ich dich bei einer Besorgung in der Stadt mit deinen Freunden im Wirtshaus sitzen, und dann hattest du auch ganz vergessen, deine Patronen mitzunehmen.« * Der Löwenjäger. »In Afrika waren Sie? Haben Sie auch schon einmal einen Löwen geschossen?« »Geschossen? Massenhaft! Aber einmal hatte ich es mit einem Löwen zu tun, als ich ohne Gewehr in den Wald gegangen war.« »Was haben Sie denn da gemacht?« »Na, ich zog meinen Hirschfänger heraus, ging auf den Löwen los und schnitt ihm die vier Pfoten und den Schwanz ab.« »Donnerwetter, warum haben Sie ihm denn nicht gleich den Kopf abgeschnitten?« »Brauchte ich nicht, der war schon ab!« * Herr Cohn auf der Jagd. Herr Cohn hat sich, seinen gehobenen Vermögensverhältnissen entsprechend, auch eine Jagd zugelegt, aber die Sache bereitet ihm wenig Vergnügen. »Ich weiß gar nicht,« sagt er endlich, nachdem er wieder einmal zwei Stunden herumgejagt hat, »wozu es so viele Hasen gibt. Treffen tut man ja doch keinen.« * Jagdpech. Herr Piesecke hat wieder einmal den ganzen Tag nichts geschossen. Auf seinem Heimweg sieht er auf einem kleinen Teich mehrere zahme Enten und am Ufer einen Bauernjungen, der ihnen zusieht. »Junge,« sagt der Jäger, »hier hast du zehn Mark, wenn du mir erlaubst, eine von den Enten da zu schießen!« Der Junge steckt gleichmütig den hingereichten Zehnmarkschein in die Tasche, und der Jäger knallt los und trifft auch eine Ente, worauf die andern mit lautem Geschnatter nach allen Richtungen flüchten. »Nun machen Sie aber schnell, daß Sie davonlaufen!« sagt jetzt der Junge. »Da hinten kommt der Bauer, dem die Enten gehören!« * Auch ein Löwenjäger. »Ach, in Afrika waren Sie? Haben Sie auch viel Glück auf der Löwenjagd gehabt?« »Ein fabelhaftes Glück hab' ich mit diesen Tieren gehabt, mir ist auch nicht ein einziger Löwe begegnet.« * Der Pferdebesitzer. Lehrer: »Ist hier ein Junge, dessen Vater Pferde hat?« Schüler: »Mein Vater hat vierundzwanzig Pferde.« Lehrer (erstaunt): »Dann besitzt wohl dein Vater ein Gut?« Schüler: »Nein, ein Karussel!« * Pferdehandel. »Herr Meier, Ihr habt mich aber bös angeschmiert mit dem Schimmel«, sagte ein Bauer zum Pferdehändler. »Erst drei Tage hab' ich ihn im Stall, und heute morgen liegt er tot da!« »Das ist aber merkwürdig«, sagte der Pferdehändler. »Bei mir, das kann ich beschwören, hat er das nie getan.« * Nach Wunsch bedient. »Aber, Herr Meier, Sie haben mir ja ein Pferd gegeben, das jeden Augenblick auf die Knie fällt!« »Nu ja, ich sollte Ihnen doch liefern e frommes Pferd!« * Der Name schaffts. »Ich habe meinen Hengst einfach Knallbonbon getauft. Und schon ist er gelaufen wie ein Raketenauto.« * Zufall. »Sie bestreiten also, das Pferd gestohlen zu haben? Man hat es aber doch in Ihrem Stall gefunden!« »Ja, das ist gerade das merkwürdige! Ich ging ganz unschuldig über die Straße und fand ein Hufeisen. Und wie ich dann nach Hause kam, war ein Pferd dran!« * Friedliebend. »Herr Meier, Sie wollten doch zum Grunewald hinreiten, Sie nehmen ja den entgegengesetzten Weg!« »Ja, glauben Sie, ich werd' mich deswegen mit dem eigensinnigen Pferd herumzanken?« * Jenachdem. Der Sohn eines Pferdehändlers wird auf den Hof gerufen, um ein Pferd vorzureiten. Bevor er es besteigt, fragt er leise seinen Vater: »Willst du kaufen oder verkaufen?« * Prachtgaul. Fahrgast beim Einsteigen in eine Droschke: »Na, Kutscher, Ihr Pferd sieht aber sehr klapperig aus. Das wird doch nicht etwa unterwegs umfallen?« Kutscher: »Keene Bange, steigen Se man ruhig in! Det is en Prachtgaul! Den hab' ick erst vor acht Dagen for fünfunddreißig Mark jekooft, un in fünf Dagen hat er mir schon fünfundvierzig Mark Fahrgeld injebracht!« * Droschkengaul. »Deine Liese muß Benzin jesoffen haben, Fritze! Da is mein Auto jar nischt jegen. Die looft ja wie'n jeölter Blitz!« »Nee, August, se hat vorhin den Pferdeschlächter jesehen!« * Das alte Pferd. Zwei Berliner Droschkenkutscher unterhalten sich über den neuesten Ozeanflug. Da sagt der eine zu seinem Kollegen, indem er auf seine altersmüde Rosinante hinweist: »Mit so 'nem Flugzeug nach Amerika fahren, det is keen Kunststück, aber mit meine Liese da nach Potsdam zu fahren, det is en Kunststück.« * Merkwürdige Tiere. Wirt: »Nun, wie gefällt Ihnen der Braten?« Gast: »Oh, ich danke, es ist die dauerhafteste Fleischsorte, die ich je gegessen habe. Ich vermute, die Mutter von diesem Tier war eine Gummikuh, und der Vater ein Guttaperchastier.« * »Wiederbringer Belohnung!«. Ein Junge kam mit einer Katze unter dem Arm zur nebenan wohnenden Frau Lemke. »Hier bringe ich Ihnen den entflogenen Kanarienvogel und bitte um die Belohnung!« »Das ist doch eine Katze!« antwortete Frau Lemke ärgerlich. »Wo ist denn mein Kanarienvogel?« »Ihr Kanarienvogel ist drin!« sagte der Junge, indem er auf die Katze zeigte. * Ein schwieriges Tier. Ein Tierstimmenimitator machte die Stimmen aller Tiere nach, wie ihm die Tiere aus den Reihen des Publikums heraus benannt wurden. Plötzlich rief jemand von der Galerie: »Bitte, eine Ölsardine!« * Moderne Damenkleider. Frau: »Um Gotteswillen, wo ist denn mein neues Kleid hingekommen?« Mann: »Das hat doch nicht etwa eine Motte aufgefressen?« * Eine schwierige Sache. »Vater, eine Wespe! Dort oben kriecht sie an der Decke!« »Junge, mach' nicht solchen Krach wegen einer Wespe. Tritt sie tot und laß mich in Ruh'!« * Die arme Katze. »Franz, du Lümmel, willst du wohl aufhören, die Katze am Schwanz zu ziehen?« »Aber, Vater, ich ziehe sie wirklich nicht. Ich halte sie nur am Schwanz fest, und da zieht mich die Katze.« * Der sprechende Papagei. »Wie kommt das, daß Sie über alle die Familiengeheimnisse von Schröders so genau unterrichtet sind?« »Wir haben ja ihren Papagei in Pension.« * Das Gebet für Lucie Gray. Ein junger presbyterianischer Geistlicher wurde nach einer Gemeinde in Kentucky versetzt. Kurz nach seiner Ankunft bat ihn der Kirchenälteste, er möchte doch des Sonntags ein Gebet für Lucie Gray sprechen. Ohne erst zu fragen, wer das sei, tat das der Geistliche drei Sonntage hintereinander. Am vierten Sonntag bedankte sich der Kirchengeistliche bei ihm für das Gebet und sagte ihm, es sei nun nicht mehr nötig. »Ist sie gestorben?« fragte der Geistliche. »Nein, sie hat gestern das Kentucky-Derby mit hundertfünfundvierzig für zehn gewonnen!« * Wenn von Igeln gesprochen wird. Am Stammtisch erzählt man sich von Igeln. Herr Döhle geht sehr schwer geladen nach Hause. Vor ihm läuft den ganzen Weg ein Igel her, bis zu seiner Haustür. Als er mühevoll aufgeschlossen hat und in den Hausflur sieht, läuft der Igel schon die Treppe hinauf. Jetzt hat Döhle die Flurtür aufgeschlossen, da – in der Ecke, wieder dieser verflixte Igel. Döhle schießt los, eckt gegen die Küchentür, balanciert, faßt wieder Richtung, stürzt erneut auf den Igel. – – Ein dumpfer Fall! Als man nach einiger Zeit wieder einmal am Stammtisch von Igeln spricht, macht Döhle ein Rizinusgesicht: »Igel – – das sind gemeine Biester, und wenn man mal einen erwischt, – dann ist es 'ne Wichsbürste!« * An der Sperre. »Verzeihen, darf ich einen Käfig mit zwei Enten mit ins Coupé nehmen?« »Nein, mein Herr, nur gebratene Enten sind zulässig!« * Krebseinkauf. »Ihre Krebs gefallen mir nicht, Sie haben so kümmerliche Scheren!« »Ja, jlooben Sie denn, Frau Kommerzienrat, für det schäbije Jeld könnte ich Ihnen Krebse mit Kuponscheren liefern?« * Eine ochsige Rede. In einer Stadt waren die Fleischer mit den Ochsenhändlern in Streit geraten, und der Bürgermeister, der gern humoristische Ausdrücke gebrauchte, redete bei einer Schlichtungsverhandlung die Ochsenhändler folgendermaßen an: »Nun, wie steht's, ihr großen Ochsen – händler?« »Ach, Herr Bürgermeister,« erwiderte der Sprecher, »wir sind gar nicht so große Ochsen wie Sie – vielleicht denken!« * Bär. Herr Schröder, der eine Reise nach Rußland gemacht hat: »Ich sage Ihnen, von allen Tieren auf der Welt ist der Bär vielleicht das gefährlichste. Wer von einem Bär verfolgt wird, ist fast immer verloren. Schwimmt er, schwimmt der Bär auch, klettert er, klettert der Bär auch, läuft er, läuft der Bär auch!« Zuhörer: »Und wenn sich einer versteckt?« Schröder, der sich nicht erschüttern läßt: »Dann versteckt sich der Bär auch.« * Tierschutz. »Warum singt denn im Zirkus Signorina Bianca nicht mehr im Löwenkäfig?« »Die Polizei hat es verboten!« »Wohl wegen der Gefahr?« »Nein, wegen einer Beschwerde des Tierschutzvereins.« * Aus der Schule. Lehrer: »Woran erkenne ich die Ameise? Nun, Moritz?« Moritz: »Sie brauchen sich nur in einen Ameisenhaufen hineinzusetzen, Herr Lehrer!« * Vorsicht. Eine Kuh sollte geschlachtet werden. Der Bauer, dem die Kuh gehörte, bat einen Vorüberkommenden, sie einen Augenblick bei den Hörnern festzuhalten, während er sie mit einem Axthieb auf den Kopf betäuben wollte. Der Bauer schielte aber, und der Fremde, der ihn beobachtete, während er den Arm mit der Axt erhob, fragte plötzlich: »Willst du dahin schlagen, wohin du schaust?« »Natürlich!« sagte der Bauer. »Dann sei so gut«, meinte der Fremde und trat zurück, »und halte die Kuh selbst fest!« * Die empfindsamen Blutegel. »Die Blutegel haben bei mir nicht anbeißen wollen«, sagte ein altes Weib zum Apotheker und setzte ihm die Tasse mit den Egeln auf den Tisch. »Ja, hören Sie, liebe Frau«, antwortete der Apotheker. »Ich kann das den Tieren nicht übelnehmen, ich an ihrer Stelle hätt' es auch nicht getan!« * Die Elster. Ein Junge trug einen Käfig mit einer Elster über die Straße. Ein Mann, der ihm begegnete und der übrigens stotterte, fragte ihn neugierig: »He, Ju–ju–ju–junge, ka–ka–kann denn die E–e–elster sprechen?« »Na, und ob!« antwortete der Junge. »Besser als Sie, sonst würd' ich ihr den Hals umdrehen.« * Eine wunderliche Ernte. »Denken Sie, hier hatte ich Bohnen gepflanzt – und was meinen Sie, was herausgekommen ist?« »Nun, was soll herausgekommen sein? Bohnen sind herausgekommen!« »Falsch geraten! Schweine sind herausgekommen und haben die Bohnen aufgefressen.« * Ein Racheakt. Wirtin: »Die Mäuse haben den Hasenbraten angefressen!« Gastwirt: »Die Mäuse? So ein rachsüchtiges Gesindel!« * Der »Karpfen«teich. An einem kleinen Teich in der Nähe eines Sommerfrischlerdorfes sitzt ein Fremder und angelt. Nach einer Weile stellt sich der Dorfpolizist in der Nähe auf und sieht ihm zu. »Ist es vielleicht ein Verbrechen, hier einen Karpfen zu fangen?« fragt endlich der Fremde nervös. »Ein Verbrechen nicht,« sagt ruhig der Dorfwächter, »aber ein Wunder!« * Aus dem Programm einer landwirtschaftlichen Ausstellung. 10 Uhr: Ankunft des Rindviehs. 11½ Uhr: Empfang der Ehrengäste. 1 Uhr: Gemeinsames Mittagessen. Allerlei Geschichten über Tiere und von Tieren. Von früh an spielte das Tier in Anekdoten, Schnurren und Scherzen seine Rolle – bald als Beispiel (Reinecke Fuchs) bald als Objekt für Aufschneider und scherzhafte Schwindeleien (Märchen, Münchhausen usw.). Aus der Unzahl neuerer Geschichten, in denen oft der Mensch eine etwas klägliche Rolle spielt – ähnlich der Tierbändigerin, die bei der Heimkehr aus dem Löwenkäfig, wo sie mutig den Kopf in den Rachen des gelben Untieres gelegt hatte, in ihrem Zimmer aber vor einer Maus auf den Stuhl springt, – aus dieser Unzahl ist hier ein Extrakt vom Amüsantesten zusammengepreßt. * Der Mann, der mit den Fischen sprach. Es wurde ein Mann von einem Fremden zum Mittagessen eingeladen. Das erste Gericht bestand aus einer Schüssel Schellfische, die frisch sein sollten. Als aber der Gast einen davon auf seinen Teller bekam, fand er ihn so scharf riechend, daß er keinen Bissen davon genießen mochte. Um nun seinem Bekannten mit guter Manier beizubringen, daß er ihm verdorbene Fische vorgesetzt habe, beugte er seinen Kopf über den Tisch und tat, als wenn er leise mit dem Fisch redete. Dann nahm er den Teller und hob ihn lauschend an sein Ohr. Sein Gastgeber fragte ihn, was das bedeuten solle. »Ach,« antwortete der Gast, »mein Bruder ist vor vierzehn Tagen in der See ertrunken, und da hab' ich den Fisch gefragt, ob er mir keine Nachricht von ihm geben könnte.« »Nun, und was antwortete der Fisch?« fragte der Gastgeber weiter. »Er sagte mir, er könne mir leider gar keine Nachricht geben, denn er sei schon so lange aus der See fort, das Unglück müßte erst nachher geschehen sein.« * Warum die Katze so schrie. Ein armer Mann kam in eine Barbierstube und fragte, ob man ihn nicht um Gottes willen umsonst barbieren wolle, da er kein Geld habe. Darauf antwortete der Meister verdrießlich: »Um Gottes willen? Das ist eine unangenehme Arbeit, aber setzt Euch für diesmal nur hin!« Damit winkte er dem Lehrling, der dem armen Mann das Gesicht mit kaltem Wasser und ohne Seife naß machte und ihn mit einem alten, stumpfen Messer erbärmlich genug rasierte. Zu eben dieser Zeit schrie in der Küche eine Katze ganz jämmerlich, weil sie genascht hatte und deshalb Prügel bekam. Der Herr rief unwillig: »Warum schreit denn die Katze so?« Worauf der Mann, der so geschoren wurde, daß ihm die Augen überliefen, antwortete: »Vielleicht wird sie auch um Gotteswillen barbiert!« * Der Bär als Schwein. Ein Bärentreiber kam im Winter bei schrecklichem Schneegestöber abends spät in einer Mühle an, die unweit eines Dorfes im Ansbachischen lag. Er bat den Müller mehr um seines Bären willen als für sich selbst um ein Nachtquartier. Der Müller sah auch ein, wie unmöglich es dem Bärentreiber sei, jetzt noch weiterzuziehen, bedauerte aber, daß er grade für den Bären keine Unterkunft habe. »Wenn Ihr einen Tag später gekommen wäret,« fuhr der Müller gutmütig fort, »so hätte ich wohl auch Euren Bären beherbergen können. Morgen schlachte ich mein Schwein, und in dessen Stall hätte er gut Unterkunft finden können.« Der Bärentreiber, besorgt um die Pflege des ihn ernährenden Tiers, drang mit Vorstellungen und Bitten in den Müller, diese Nacht sein Schwein wo anders unterzubringen und den Schweinestall dem Bären einzuräumen. Es geschah, und alle legten sich behaglich zur Ruhe. Um Mitternacht kam aber heimlich ein Dieb, der schon lange vorgehabt, das Schwein zu stehlen, und auf die Nachricht, daß der Müller am nächsten Tag schlachten wolle, nun endlich zur Tat schritt. Er packte den Bären an und wunderte sich, wie kräftig sich das Tier zur Wehr setzte. Aber grade das überzeugte ihn von der ungewöhnlichen Größe der erhofften Beute, und er ging nun erst recht auf den Bären los. Aber der Bär schlug, ohne zu murren, ruhig jeden Angriff ab. Da der Dieb natürlich immer noch ein Schwein, wenn auch ein ungewöhnlich großes, vor sich zu haben glaubte, so ließ er sich dadurch keineswegs abschrecken, sondern erneuerte mutig sein so viel versprechendes Werk. Aber der Bär, der unterdessen eine vorteilhafte Stellung genommen hatte, brachte seinen Gegner jetzt zwischen seine Tatzen, drückte ihn fest eingeschlossen sehr unsanft an seine Brust und begann ein fürchterliches Brummen als Siegesgeschrei. Jetzt erst merkte der Dieb, daß er irgendeiner unheimlichen Bestie in die Klauen geraten war und stimmte in den kläglichsten Tönen ein. Dieses seltsame Duett weckte bald den Müller, der den Bärentreiber davon benachrichtigte. Gemeinsam gingen sie zum Stall. Da lag der Besiegte, halb entseelt und noch fest eingeklammert zwischen den Tatzen seines zottigen Besiegers. Das gerettete Schwein wurde am nächsten Tage geschlachtet, der Bärentreiber blieb beim festlichen Schmause, und der Bär behauptete zum Lohn auch die andere Nacht den siegreich erkämpften Platz. * Der grüne Hoppatzer. In einer Augsburger Handschrift steht zu lesen: »In Ulm an der Donau waren die Heringe lange Zeit unbekannt, bis zu Kaiser Friedrichs II. Zeiten ein Kaufmann ein Faß voll in die Stadt brachte. Er lobte sie über die Maßen, wie sie so eine gute Fastenspeise seien und gar leicht ohne alle Unkosten könnten zubereitet werden, »denn«, so sagte er, »wenn sie das Feuer nur gesehen haben, sind sie schon gekocht«. Der Rat der Stadt beschloß, den seltsamen Fisch zu probieren, und so führte man das ganze Faß zum Tor hinaus auf eine Wiese, wo ein großes Feuer angezündet wurde. Als das Feuer hell brannte, zog der hochweise Herr Bürgermeister zuerst einen Hering heraus und hielt ihn an das Feuer. Allein der Hering war schlüpfrig und wischte ihm aus der Hand. Der Bürgermeister, nicht langsam, bückte sich und suchte ihn im Gras. Aber er erwischte einen grünen Hoppatzer, den er so fest hielt, daß er vor Schreck »Quak, quak!« schrie. »Quak hin, quak her,« sagte der Bürgermeister, »du hast das Feuer gesehen!« und wischte den grünen Hoppatzer ins Maul hinein. Von der Zeit an soll die Sprache erst des Bürgermeisters, dann der Kinder des Bürgermeisters, nachher aller Ulmer und zuletzt aller Schwaben dem Gequake der Frösche ähnlich geworden sein. * Der schlaue Judas. Wie die Legende erzählt, gingen Jesus, Petrus und Judas einst über Land und besaßen als Proviant eine Gans, die Judas in Verwahrung hatte. Da erklärte Jesus: »Für uns drei ist die Gans doch zu wenig. Legen wir uns hin, und wer den schönsten Traum hat, der soll sie bekommen!« So legten sie sich hungrig zur Nachtruhe hin, und des Morgens beim Erwachen sagte Petrus: »Mir hat geträumt, ich wäre in den Himmel gekommen und säße nun zur Rechten des Vaters.« »Und ich,« sagte Jesus, »ich träumte, ich säße neben dir!« Endlich begann Judas: »Ich habe etwas merkwürdiges geträumt. Es war mir nämlich, als läge die Gans schön gebraten in einer Schüssel vor mir, und ich äße sie auf. Und heute früh, als ich nachsah, da war sie wirklich verschwunden.« Der schlaue Judas war nachts heimlich aufgestanden und hatte die Gans in der Tat gegessen. * Der Papagei und der Affe. Kurz vor der französischen Revolution spielte in der vornehmen Gesellschaft Frankreichs das galante Leben noch immer die größte Rolle. Der Marquis van Coigny und der Prinz von Monaco bewarben sich beide um die Gunst der Herzogin von Valentois. Der Marquis verehrte ihr einen sehr gelehrten Papagei, von dessen Redekünsten er sich viel versprach, der Prinz aber schenkte der Dame seines Herzens einen wunderbar abgerichteten Affen. Als ob die Tiere gewußt hätten, welche Rivalität zwischen ihren ehemaligen Herren herrschte, begannen sie sofort Streit miteinander, und der Affe riß dem Papagei sämtliche Federn aus, so daß das arme Tier bald darauf starb. Aus diesem Tierkampf entwickelte sich dann auch ein Kampf zwischen den beiden Rivalen um die Gunst der schönen Herzogin, und der Marquis von Coigny wurde im Duell schwer verwundet. * Der prophetische Traum. In Padua träumte jemand, er würde von einem großen Löwen gebissen, der an der Kirche der heiligen Justina in Marmor ausgehauen stand. Er mußte beim Erwachen sehr über diesen Traum lachen, und als er am nächsten Tage vor diesem marmornen Löwen vorbeiging, zeigte er ihn seinen Freunden, steckte seine rechte Hand in den Rachen des Löwen und sagte spöttisch: »Seht doch den grimmigen Löwen, der mich im Traume biß!« In demselben Augenblick aber fühlte er einen durchdringenden Schmerz und zog seine Hand schnell zurück. Er untersuchte seine Wunde und fand zu seinem Schreck, daß ihm ein Skorpion, der sich in den Rachen des Löwen verkrochen hatte, diese gefährliche Wunde beigebracht hatte. Er hatte große Ursache, seinen Übermut zu bereuen, denn trotz aller angewandten Mittel starb er nach einigen Tagen an seiner Wunde. * Der Student und der Hund. Ein Student wurde von einem großen Fleischerhund angefallen, der wütend auf ihn loskam. Der Student zog aber seinen Degen und durchstach seinen Angreifer, so daß er tot zu Boden fiel. Da der Besitzer des Hundes den Studenten verklagte, mußte sich dieser vor dem Richter verantworten. Auf die Frage, warum er den Hund getötet habe, antwortete der Student, er habe sich seines Lebens gewehrt. »Sie hätten aber doch nicht gleich zum Degen greifen sollen!« warf ihm der Richter vor. »Ja, Herr Richter,« erwiderte der Student, »hätte der Hund mich mit dem Schwanz angegriffen, dann hätte ich mich seiner sicher mit der bloßen Hand erwehrt. Da er aber mit aufgesperrtem Rachen und scharfen Zähnen auf mich lossprang, glaubte ich ihm auch etwas Scharfes zeigen zu müssen, und ich hatte grade nichts anderes als meinen Degen.« Dem Richter gefiel diese Antwort, und er wies den Fleischer mit den Worten ab: »Lern Er künftig Seinen Hunden mehr Höflichkeit, so wird Ihm keiner mehr erstochen!« * Das Pferd ohne Kopf. Ein betrunkener Pächter ritt auf einem sehr geduldigen und verständigen Pferde gegen Abend nach Hause. Einige junge Leute hatten ihm aufgelauert. Sie nahmen ihn vom Pferde, stellten sich, als plünderten sie ihm die Taschen und setzten ihn dann verkehrt wieder auf sein Pferd, wobei sie ihn, damit er nicht herunterfiele, festbanden. Das Pferd kam richtig zu Hause an. Der Pächter rief, und seine Frau öffnete das Tor, voll Verwunderung, ihren Mann in dieser Lage zu finden. »Ach, Maria!« jammerte der noch immer betrunkene Pächter. »Diese verdammten Schurken haben mich ausgeplündert, und dann haben sie auch noch, wie du siehst, meinem Pferd den Kopf abgeschnitten.« * Ein ägyptischer Münchhausen. Daß es auch in Afrika Aufschneider gibt, erhellt aus einer merkwürdigen Tiergeschichte, die ein angesehener Einwohner der Wüste Schendy dem Fürsten Pückler erzählte: »Es ist noch nicht lange her, daß ein Mann aus Berber sich hier niederließ, den wir alle gekannt haben. Eines Morgens führte er sein Pferd an den Nil, band den Strick, an dem er es hielt, an seinen Arm und kniete, während das Tier seinen Durst stillte, zum Gebet nieder. In dem Augenblick, wie er mit dem Gesicht auf dem Boden liegt, fegt ihn ein Krokodil nach der gewöhnlichen Art seines Angriffes mit seinem Schweif in das Wasser und verschlingt ihn. Das entsetzte Pferd wendet alle Kräfte an, um zu entfliehen, und da der im Bauche des Krokodils befindliche Arm seines Herrn den Strick nicht loslassen konnte, und der Strick auch nicht zerriß, so zerrte das Pferd an demselben das Krokodil nicht nur aus dem Flusse heraus, sondern schleppte es auch über den Sand, zwei Stunden weit, bis an die Tür seines eigenen Stalles fort, wo es denn bald von der herbeikommenden Familie getötet wurde. Den Verschlungenen aber zog man noch im lebenden Zustand aus dem Bauch des Tieres.« * Die Hasenjagd. Ich weiß nicht, ist es ein Schwabe oder ein anderer deutscher Landsmann gewesen, der einmal von einem Hasen hübsch angeführt worden ist. Es hatte nämlich ein lang anhaltender Regen die Gegend so sehr überschwemmt, daß fast alles Wild in den Niederungen zugrunde gegangen war. In dieser Not hatte sich ein Häslein schwimmend auf einen Weidenbaum gerettet, der noch aus dem Wasser hervorragte. Das sah ein Bauer von seiner einsamen Hütte aus und dachte sich: der Hase wäre doch mehr geborgen in seiner Küche, als dort auf dem Baume, wo er ohnehin zuletzt doch versaufen oder verhungern müßte. Also zimmerte er ein paar Bretter zusammen und ruderte damit gegen den Weidenbaum zu, um den Hasen zu fischen. Der aber mochte dabei auch seine Gedanken und Pläne im Kopf haben, wie es sich aus der Folge ergab. Denn wie nun der Bauer anfuhr und sich an den Zweigen erhob, ersah sich der Hase den rechten Augenblick und sprang über den Bauern hinweg auf das bretterne Fahrzeug, das durch den Aufsprung in Bewegung gebracht, nun fortschwamm, wohin es das Wasser führte. Beim nächsten Hügel, wo es anfuhr, sprang der Hase aufs Trockne und dankte, wie es schien, seinem Erretter mit dem allerliebsten Männchen. Der Bauer aber, der nicht schwimmen konnte, säße wohl jetzt noch auf dem Baume, wenn ihn die Nachbarn nicht heimgeholt hätten. Sie lachten ihn aber ob seiner Hasenjagd brav aus. * Abenteuer in einer Wolfsgrube. Es liegt ein Dorf in Lothringen, darin wohnte ein lebenslustiger und immer auf Schmausereien bedachter Pfaffe, wie man deren nicht wenige in Lothringen findet. Nun begab es sich am heiligen Dreikönigsabend, daß er aus seinem Dorf in ein benachbartes laufen wollte, um dort bei einem reichen Bauern den Königskuchen zu essen. Es war aber schon reichlich spät, da er schon in seinem eigenen Dorf ebenfalls den Königskuchen mitgegessen hatte. Nun hatten die Bauern von dem Dorf, in das er hingehen wollte, erst am selben Tag eine tiefe Wolfsgrube nicht weit von ihren Häusern aufgeworfen, und wie man zu tun pflegt, hatten sie inmitten der Grube eine Heustange aufgerichtet und eine Ente in einem Korbe darauf gebunden, damit, wenn die Wölfe und Füchse die Ente hörten, sie dem Geschrei zulaufen und in die Grube fallen sollten. Als nun der hochwürdige Herr nahe dem Dorfe war, hörte er die Ente im Feld etwas abseits von der Straße schreien. Er dachte bei sich selbst: »Diese Ente ist aus dem Dorfe gekommen, wie leicht kann sie ein Fuchs erwischen und auffressen. Da ist es schon besser, ich fange und erwürge sie, dann kann ich sie an einem heimlichen Ort verstecken. Wenn ich dann nach dem Abendessen nach Hause gehe, so nehme ich sie mit und habe morgen zur Nacht noch einen schönen Braten.« In solchen Gedanken kam der Pfaffe immer näher zu der Ente, und je näher er zu ihr kam, je lauter und anhaltender schrie sie. Nun war die Grube allenthalben mit kleinem Reisig und Stroh überdeckt, so daß der gute Pfaffe nichts anderes meinte, als es wäre ebener Boden, und schnell auf die schreiende Ente zulief, daß sie ihm nicht entkommen möchte. In solchem eilenden Laufen fiel er ganz ungestüm in die Wolfsgrube. Die Ente aber hub jetzt noch lauter zu schreien an. Dies hörte auch ein hungriger Wolf, der ebenfalls dem Entengeschrei zulief und zu dem Pfaffen in die Grube fiel. Als der Wolf merkte, daß er gefangen war, verhielt er sich ganz ängstlich und bescheiden und tat dem Pfaffen nicht das geringste Leid an. Trotzdem war es dem Pfaffen bei dem Wolf in der Grube gewaltig ängstlich, und er gab jeden Augenblick sein Leben verloren. Es dauerte dabei nicht ganz eine Stunde, da kam ein Fuchs, der ebenfalls meinte, einen guten Bissen zu erhaschen. Diesem erging es wie den beiden andern. Der Fuchs aber, sobald er in der Grube war, fing in seiner Angst an, den Pfaffen an seinem Rock zu beißen und zu zerren, daß dieser eine wahre Hölle ausstand und nicht mehr wußte, ob er leben oder sterben sollte. Nun befand sich die Grube so nahe bei dem Dorfe, daß er es gut hörte, wenn die Bauern bei ihrem Fest auf den Bohnenkönig anstießen und ausriefen: »Der König trinkt!« Das machte den Geistlichen erst recht verdrießlich, denn er war es gewohnt, dabei zu sein, wenn irgendwo geschlemmt und getrunken wurde, nicht aber über Nacht in einer Wolfsgrube zu liegen. Als nun des Morgens die Bauern schauen wollten, was sie in der Nacht gefangen hätten, kamen sie mit Seilen und Leitern, Spießen und Keulen zu der Grube und fanden also den Pfaffen, Wolf und Fuchs beieinander, worüber sie sich sehr verwunderten. Der Pfaffe bat sie gar freundlich, sie möchten von ihren Fragen abstehen und zunächst einmal trachten, ihn aus seiner großen Not herauszubringen. Nachher wollte er ihnen alle Dinge der Reihe nach erzählen. Sie ließen ihm also ein Seil in die Grube, der Pfaffe band sich selbst daran, und dann zogen sie ihn herauf. Der Pfaffe bat die Bauern um aller Heiligen Willen, sie sollten des Wolfes Leben verschonen, den Fuchs aber sollten sie umbringen, er wollte ihnen auch ein Trinkgeld geben. Und als sie ihn nach der Ursache seiner seltsamen Bitte fragten, sagte er: »O ihr lieben Freunde, der gute, fromme Wolf ist die ganze Nacht so züchtig und still bei mir in der Grube gesessen und hat mir gar kein Leid zugefügt. Aber der schädliche, lästerliche Fuchs fing, sobald er in die Grube kam, an, nach mir zu schnappen und meinen Rock zu zerreißen, und er hat mich ganz ängstlich gemacht. Darum hat er auch den Tod verdient.« Die Bauern nahmen das angebotene Trinkgeld, schlugen aber sowohl den Fuchs wie den Wolf tot. Und ich glaube, hätten sie gewußt, daß es des Pfaffen Absicht gewesen, ihnen die Ente zu stehlen, sie hätten ihn sicherlich auch totgeschlagen, ebenso wie die beiden andern. Aus Jörg Wickrams Rollwagenbüchlein. * Die gestohlene Kuh. In Köln hat ein Abenteurer sein Wesen getrieben, von dem man gar viel schreiben könnte, denn er ist heute noch vielen im Gedächtnis. Eine Geschichte, die ich selbst von glaubhaften Personen in Köln gehört habe, will ich hier kurz erzählen. Nach vielen abenteuerlichen Reisen ist er einst zwei Meilen von Köln in ein Dorf und in ein Wirtshaus gekommen und hat Herberge zur Nacht begehrt. Der Wirt hat ihm solche gegeben und ihn gefragt, wo er morgens hinwolle. Der Abenteurer antwortete, er wolle nach Köln auf den Markt. Da sprach der Wirt: »Das ist gut, dann können wir morgen miteinander gehn!« – »Wir müssen aber früh aufstehen,« meinte der Gast, »damit wir rechtzeitig auf den Markt kommen.« – Der Wirt sprach: »Schau du nur zu und verschlaf' dich nicht, ich bin immer früh auf.« – »Lieber Wirt,« bat der Gast, »wenn Ihr denn so früh auf seid, so weckt mich bitte!« und der Wirt versprach es ihm. Nun hatte der Wirt eine feiste Kuh im Stall, das wußte der Gast wohl, und als nun alle im Haus schlafen gegangen waren, stand der Gast in großer Stille wieder auf, nahm die Kuh aus dem Stalle und führte sie bei Nacht einen guten Teil Wegs auf Köln zu und band sie in einem seitwärts gelegenen Gebüsch an einen Baum, damit jemand, der vorüberginge sie nicht sähe. Er selbst kehrte wieder in den Gasthof zurück. Des Morgens früh stand der Wirt auf und weckte den Gast, und die beiden gingen nun miteinander plaudernd auf Köln zu. Als sie in die Gegend kamen, wo der Abenteurer die Kuh an einen Baum gebunden hatte, sagte der zu dem Wirt: »Hört einmal zu, lieber Wirt. Es ist mir ein Bauer in dem Dorf da hinter dem Gebüsch noch Geld schuldig, und ich will doch sehen, ob ich es nicht bekommen kann. Zieht also gemächlich weiter, ich werde bald wieder bei Euch sein.« Der Wirt sprach: »In Gottes Namen!« und ging langsam weiter. Der Schalk aber kam zu dem Baume, fand die Kuh noch angebunden, nahm sie bei dem Seil und zog aufs gemächlichste hinterher, so daß er erst kurz vor Köln wieder mit dem Wirt zusammentraf. Als der ihn kommen sah, rief er: »Gast, kommst du endlich? Ich habe schon lange auf dich gewartet!« Der Gast sprach: »Ja, ich habe viel Plage mit dem Bauern gehabt, bis ich zur Bezahlung gekommen bin. Denn er hatte kein Geld, und ich wollte die Schuld erledigt haben. Da hab' ich eine elende Kuh für mein gutes, ausgeliehenes Geld nehmen müssen. Ich fürchte, ich kann sie nicht für den Betrag in Köln verkaufen, wie ich sie genommen habe!« Der Wirt sah die Kuh an und sprach: »Das ist auf meinen Eid eine schöne, feiste Kuh! Wenn ich meine eigene Kuh nicht selbst gestern abend spät noch in den Stall gestellt hätte, dann würde ich schwören, es wäre meine Kuh, so ähnlich sieht sie ihr.« Damit schwiegen sie beide der Rede, bis sie in die Stadt Köln kamen. Nun war aber der Gast in Köln schon so verrufen und bekannt, daß er sich auf dem Markt, wo man Kühe und Ochsen verkaufte, wegen verschiedener böser Streiche nicht sehen lassen durfte. Denn er hatte schon ein paarmal Ochsen gekauft und sie nachher nicht bezahlt. Deshalb sagte er zu dem Wirt, er hätte noch andere dringende Geschäfte, und bat ihn, doch für ihn die Kuh zu verkaufen. Er zeigte ihm auch seine Herberge an, wohin er ihm das Geld bringen sollte, und versprach ihm ein gutes Trinkgeld. Der Wirt ging darauf ein, löste für die Kuh sogar noch etwas mehr, als er gedacht hatte, und brachte das Geld dem Gast getreulich in die bestimmte Herberge. Der empfing das Geld mit großem Dank und schenkte dem Wirt ein Trinkgeld, womit dieser wohl zufrieden war. Nun gedachte der Gast, wie er ohne Umstände von dem Wirt loskommen könnte und sprach zu ihm: »Wir wollen zu Morgen miteinander essen, denn die Kuh hat mehr eingebracht, als sie mir wert war. Der Bauer, der mir die Kuh gab, muß die Zeche bezahlen!« Damit bat er die Wirtin, ihm zwei zinnerne Platten zu leihen, er wolle gehn und ein paar gebratene Hühner kaufen. Im Begriff aber hinauszugehen, trat er an den Kölner Wirt heran und sagte: »Lieber Wirt, leiht mir Euren Mantel! Ich mag nicht, daß man sehe, was ich gekauft habe; ich will den Mantel darüber schlagen!« Im Wirklichkeit aber fürchtete er, daß man ihn in seinem gewöhnlichen Rock erkennen möchte. Als ihm nun der Wirt den Mantel gab, da schlug er ihn um seinen Rock, nahm die Platten darunter und wanderte damit fröhlich davon, denn es war ihm natürlich keinen Augenblick eingefallen, gebratene Hühner zu kaufen. Es lag ihm auch nichts daran, was die beiden Wirte nachher über ihn reden würden, denn er hatte überhaupt nicht vor, sich bei ihnen noch einmal sehen zu lassen. Als nun die beiden Zurückgebliebenen lange auf ihn gewartet hatten, da kam auf einmal des guten Bauern Tochter gelaufen mit großem Weinen und Klagen und sagte. »Oh, Vater, es ist eine übele Geschichte geschehen. Wir haben unsere Kuh verloren, sie ist uns diese Nacht gestohlen worden!« Der Vater durchschaute jetzt die ganze Büberei und sprach: »Da schlag der Teufel drei! Ich habe sie selbst verkauft!« Und er mußte über den Schelmenstreich schließlich selbst lachen, und wartete jetzt auch nicht länger auf die gebratenen Hühner. So war er um seine Kuh gekommen, die Wirtin um die beiden Platten und der Wirt um seinen Mantel. Und sie hatten es alle drei mit Willen getan, aber ohne ihr Wissen. Aus: »Schimpf und Ernst« von Bruder Johannes Pauli. * Der verzauberte Esel. Von Michele Colombo, übersetzt von Wilhelm Cremer. In vielen Gegenden Italiens sah man in früheren Zeiten auf den Gipfeln entlegener Hügel einsame Hütten errichtet, die man Einsiedeleien nannte. In diesen wohnten ein, zwei oder höchstens drei Männer, die dort ein einsames Leben führten und ihren Unterhalt in den benachbarten Dörfern und Städten einsammelten. Obgleich sie Mönchskleidung trugen, waren sie doch keine eigentlichen Mönche und lebten meist nach ihren eigenen Wünschen und Behagen. In der Treviser Mark hauste solch ein alter Einsiedler, ein ehrwürdiger Greis, der sich wegen seiner Gebrechlichkeit schließlich zwei jüngere Gefährten nahm, die Teodolindo und Arsenio hießen. Teodolindo hatte ein gewinnendes, angenehmes Wesen, das alle Herzen gewann, so daß er von jedem erhielt, was er nur wollte. Arsenio aber war ein lebenslustiger, heiterer Spaßvogel, der den Kopf voller Schnurren hatte und die Leute durch List dazu brachte, ihm seine Wünsche zu erfüllen, ohne daß sie es nur merkten. Eines Tages begab es sich, daß die zwei lustigen Einsiedler nach ihrer Gewohnheit Almosen suchend durch das Land gezogen waren und gegen Abend ihre Schritte heimwärts lenkten. Da erblickten sie einen an einem Baum gebundenen Esel, der von niemand bewacht wurde. Er gehörte einem armen Landmann jener Gegend, namens Gianni, welcher, um sich und seine kleine Familie zu erhalten, ein Gütchen bewirtschaftete und jetzt gerade in einem nahe gelegenen Wäldchen Holz einsammelte, um es nachher dem Esel aufzuladen. Dieser Gianni war ein höchst einfältiger Mensch, dem man vorreden konnte, in gewissen Ländern hätten die Esel Flügel und könnten wie die Adler fliegen. Die beiden Eremiten waren von ihrer langen Wanderung sehr ermüdet, besonders da sie volle Querfläche trugen, und als Arsenio den Esel sah, fiel ihm sofort ein neuer Streich ein. »Was sagst du dazu, mein Bruder,« wandte er sich an Teodolindo, »daß dieses rüstige Lasttier müßig dasteht, während wir uns übermüde mit unserer Last nach der Einsiedelei schleppen müssen? Glaubst du nicht, daß, uns die göttliche Vorsehung diesen Esel hierhergestellt hat, und daß es Sünde ist, ihr Geschenk auszuschlagen?« Er trat zu dem Eselein hin, legte seinen Quersack auf seinen Rücken und forderte den anderen Ermüdeten auf, das gleiche zu tun. Dann band er das Tier vom Saume los und zog ihm den Halfter ab. Er legte diesen um seinen eigenen Hals und band sich selbst in der Weise fest, wie früher das Lasttier angebunden gewesen war. »Geh, Bruder,« sagte er zu Teodolindo, »bringe die Last zur Einsiedelei und sage dem ehrwürdigen Alten, ich sei ermüdet zurückgeblieben und würde mit Gottes Hilfe morgen nachkommen. Der Esel sei geliehen und würde von uns nächste Woche zurückgebracht.« Teodolindo schüttelte über diesen Eselsstreich den Kopf, ging aber doch seiner Wege und richtete alles aus, wie ihm Arsenio gesagt hatte. Inzwischen hatte Gianni seinen Holzvorrat gesammelt, und als er nun den Eremiten anstatt seines Esels angebunden fand, da rief er aus: »Herr Gott, stehe mir bei!« Er war ganz außer sich, die Haare standen ihm zu Berge, er schlug ein Kreuz und fürchtete, das Ganze sei ein Streich, den ihm der Teufel spielte. Der Einsiedler hielt mit Mühe sein Lachen zurück und sprach mit angenommenem Ernst: »Du wunderst dich höchlich, mein Sohn, über das, was du siehst, und du hast wohl Ursache dazu. Tritt zu mir, ohne Furcht mein Sohn, und erstaune über Gottes geheimes Gericht. Wisse, daß kein Mensch auf dieser Welt sündenfrei leben kann. Auch ich, der ich lange Jahre als Eremit gelebt hatte, unterlag der Versuchung des Bösen, bis mich die Gerechtigkeit Gottes eines Tages, um mich zu strafen, in ein gemeines Lasttier verwandelt hat. Nun aber hat mir die himmlische Barmherzigkeit wieder meine menschliche Gestalt zurückgegeben, und ich bitte dich, mich von den schimpflichen Banden, die um meinen Hals gebunden sind, zu befreien.« Gianni schenkte Arsenios Worten völligen Glauben. Als er ihn losgebunden hatte, fiel er ihm zu Füßen und sprach fast weinend: »Mein Vater, verzeiht mir die vielen Schläge, die Ihr von mir bekommen habt, und die endlosen Flüche, die ich über Euch ausgestoßen habe.« Arsenio hob ihn freundlich auf und sagte: »Betrübe dich nicht darüber, mein Sohn. Es war das alles Gottes Wille, und je mehr du mich geschlagen hast, um so schneller war ja auch meine Buße beendet. Ich aber werde, sobald ich in meine Zelle zurückgekehrt bin, nie unterlassen, mit heißen Gebeten seiner zu gedenken, damit dir für den verlorenen Esel der reiche Segen des Himmels zuteil wird.« Gianni versetzte: »Herr, wollt Ihr nicht heute nacht in meiner Hütte einkehren? Es ist schon spät.« »Du hast recht«, sagte der Einsiedler und machte sich mit dem Bauern auf den Weg, wobei er aber das Gespräch auf dessen Familie lenkte und so unbemerkt von allem Kunde erhielt. Als sie daher in die Hütte traten, tat er, als kenne er alle Anwesenden, und fing bald mit diesem, bald mit jenem vertraut zu sprechen an, worüber sie sich sehr verwunderten. Noch mehr erstaunten sie, als ihnen Gianni die Geschichte des guten Eremiten erzählte, und auch sie bedauerten den Ärmstes wegen der Mühsale, die er erduldet hatte. Die Hausfrau beeilte sich, ein leckeres kleines Abendessen herzurichten, und Ganni opferte ein eifersüchtig bewahrtes Fäßchen würzigen Weins. Der Eremit aber wußte sie durch weise Gespräche zu unterhalten, die spaßhaft und doch zugleich erbaulich waren. Am nächsten Morgen nahm der Einsiedler nach einem kleinen Frühstück Abschied und kehrte in die Einsiedelei zurück. Den Esel übergab er einem ehrlichen Mann, der in der Nähe wohnte, damit er ihn zum Verkauf auf den Markt führe. Zufällig war an dem gleichen Tage auch Gianni daselbst. Er sah seinen Esel und erkannte ihn gleich an einem der Ohren, das ein wenig verstümmelt war. Er war sehr betrübt, trat zu ihm hin, näherte sich seinem Ohr, um insgeheim mit ihm zu sprechen, und sagte ganz leise: »Ach, lieber Vater, seid Ihr schon wieder der Versuchung unterlegen?« Der Esel, als er das Geflüster an seinem Ohre vernahm, schüttelte seinen Kopf, als wollte er nein sagen. »Leugnet es nicht«, antwortete Gianni wieder ins Ohr. »Ich erkenne Euch nur zu gut; Ihr seid derselbe!« Der Esel schüttelte den Kopf. »Ei, so lügt doch nicht, ehrwürdiger Vater«, versetzte der ehrliche Bauer mit etwas gehobener Stimme. »Das Lügen ist eine Sünde. Es ist viel besser, Ihr gesteht es. Ihr wißt ja, eine Sünde, die man gebeichtet hat, ist schon halb vergeben.« Die Leute, die einen Menschen mit einem Esel reden hörten, hielten Gianni für verrückt, und als er die ganze Geschichte erzählte, brach ein schallendes Gelächter aus. Am Ende redete ihm einer im Scherze zu, das unglückliche Tier wieder zu kaufen, es mit Korn und dem besten Heu, das er habe, zu füttern, und ihm eine möglichst gute Behandlung angedeihen zu lassen zum Ersatz für die Unbill, die er ihm früher angetan. Der Rat gefiel Gianni, er kaufte den Esel und nahm ihn mit nach Hause. Seine Angehörigen staunten sehr, als sie ihren alten Esel wieder sahen, und von jetzt ab wurde er von allen nur gepflegt und gehätschelt. Aber das schändliche Tier ward darüber bald unverschämt und nahm so üble und störrische Gewohnheiten an, daß er schließlich allen zur Last wurde. Er biß heftig, stieß mit den Füßen und schrie so laut bei Tag und bei Nacht, daß sie es nicht mehr ertragen konnten. Am Ende sah Gianni, daß der schlimme Esel alle Tage böser wurde, und da er für das Seelenheil des Eremiten fürchtete, nahm er von neuem seine Zuflucht zu Prügel und Hieben. Aber sei es, daß der Herr Esel inzwischen allzu verzärtelt worden war oder daß Gianni in seiner sonst löblichen Strenge etwas zu weit ging, jedenfalls konnte das Tier eine so harte Zucht nicht ertragen und war in kurzer Zeit des Todes verblichen. Die ehrlichen Leute beweinten den Einsiedler sehr, besonders weil er in der Eselsgestalt ohne Reue verstorben und so der ewigen Verdammnis verfallen war, und hüteten sich, ihrerseits je in die Fallstricke des Teufels zu verfallen. * Der Bauer und der Sperber. Von Franco Zachetti . Übersetzt von Wilhelm Cramer . Als König Philipp von Valois regierte und zu Paris wohnte, besaß er einen Sperber, der an Schönheit und Vortrefflichkeit alle übertraf, die je an seinem Hofe waren. Der Sperber hatte Schellen von Gold und Silber und alle mit Schmelz überzogen, auf denen die Lilien des königlichen Wappens standen. Einstmals auf einer Jagd ließ ihn der Falkner auf Rebhühner los; die faßte er aber nicht, und während er sonst so zahm war, daß er immer, wenn er einmal nichts fing, vom Fluge auf die Faust zurückkehrte, tat er nun gerade das Gegenteil. Er flog in die Höhe und so weit weg, daß man ihn ganz aus dem Auge verlor. Als der König dies sah, schickte er acht Knappen nebst dem Falkner aus, um das Tier zu verfolgen, bis sie es wiederfänden. Sie gingen da- und dorthin und zogen acht Tage umher, ohne eine Spur von ihm zu entdecken, kehrten dann nach Paris zurück und meldeten es dem König. Dieser ward sehr betrübt und beklagte bitter den Falken. Schließlich ließ er öffentlich bekanntmachen, wer ihm den Sperber finge und wiederbrächte, der würde von ihm zweihundert Franken bekommen, wer ihn aber behielte, käme an den Galgen. Die Nachricht ging durch das ganze Land. Einen Monat später arbeitete ein Bauer in einer entfernt liegenden Grafschaft auf dem Felde und hörte plötzlich die Glöckchen des Sperbers, der auf einem Baum saß. Der Bauer trat wie zum Scherz näher, hielt seine rauhe, schwielige Hand hin, und auf eine sonst gar nicht gewöhnliche Lockung kam ihm das Tier auf die Hand. Als der Bauer die königlichen Wahrzeichen sah, von denen er durch seine erwachsenen Töchter gehört hatte, erfaßte er die Wurfriemen, knüpfte diese an ein Seil und band es an eine Stange. Als er aber überlegte, wer er war und daß er nun genötigt sei, den Vogel vor den König zu bringen, wurde ihm ganz ängstlich zumute. Dennoch begab er sich auf den Weg. Unterwegs traf er einen Türsteher des Königs, der in Geschäften zufällig seine Straße kreuzte. Er hörte die Schellen und sagte: »Du hast den Sperber des Königs. Gib ihn mir, du würdest ihn nur verderben.« Der Bauer antwortete: »Seid so gut und entreißt mir nicht, was mir das Glück verliehen hat! Ich will ihn tragen, so gut ich es kann.« Der andere bemühte sich mit Bitten und Drohungen, um ihn von dem Bauer zu bekommen, aber es half nichts. Endlich sagte der Türsteher: »Dann tut mir wenigstens einen Gefallen. Ich stehe gut mit dem König, ich werde dir nützlich sein, in was ich kann. Versprich mir aber, daß du mir die Hälfte gibst von dem, was dir der König gibt.« Der Landmann sagte: »Ich bin's zufrieden!« und versprach es. Mit vieler Mühe kam er auch nach Paris und fand seinen Weg zu dem König. Dieser war sehr erfreut, seinen Sperber wiedergefunden zu haben und sprach zu dem Bauer: »Verlange, was du begehrst!« Der Bauer antwortete: »Herr König, dieser Sperber ist mir auf die Hand gesessen, mit Gottes Hilfe habe ich ihn hergebracht, so gut ich konnte. Das Geschenk, das ich dafür von Euch verlange, ist, daß Ihr mir fünfzig Prügel- oder Peitschenhiebe geben laßt.« Der König verwunderte sich und fragte ihn um den Grund dieser Bitte. Der Bauer erzählte nun, wie ihm der Türsteher das Versprechen abgedrungen habe. »Er verlangte, ich sollte ihm die Hälfte geben von dem, was Eure heilige Krone mir schenke. Laß ihm also fünfundzwanzig geben und die anderen fünfundzwanzig mir. Ich bin zwar ein armer Mann und hätte es wohl nötig, für meine zwei heiratsfähigen Töchter etwas anderes zu erhalten. Aber dennoch will ich zufrieden weggehen, wenn ich bekommen, was ich verlange, um den anderen das empfangen zu sehen, was er verdient, und wenn ich auch die gleiche Strafe dulden muß, als wenn Ihr mir von Eurem Gold und Eurem Silber gäbet.« Der König war weise und verstand die Rede des ungebildeten Bauern, dachte daher, ihn nach Gerechtigkeit zufriedenzustellen und sagte zu seinen Leuten: »Ruft mir den Türsteher herbei!« Er wurde sogleich gerufen, kam vor den König, und dieser fragte ihn: »Du hast diesen Mann getroffen, wie er mit dem Sperber kam?« Er antwortete: »Ja, Herr König.« Der König sprach: »Du hast von ihm die Hälfte des Geschenkes begehrt, das er bekommen würde. Ich schenke nun diesem Bauern fünfzig Peitschenhiebe auf den bloßen Leib, von denen du nach dem Vertrage fünfundzwanzig bekommen sollst.« Er befahl einem seiner Gerichtsdiener, ihn sogleich entkleiden zu lassen und zur Ausführung zu schreiten, und so geschah es. Der König ließ ihn nun in Gegenwart des Bauern vor sich kommen und sprach zu diesem: »Ich habe ihm die Hälfte des Geschenkes gegeben und dir deine Verpflichtungen abgenommen, die du durch dein Versprechen gegen diesen Schurken hattest. Den Rest gebe ich dir allein.« Dann wandte er sich zu einem seiner Kämmerer und sprach: »Geh', laß diesem Mann zweihundert Franken geben, damit er seine Töchter verheiraten kann. Und in Zukunft komm' ruhig zu mir, wenn dir etwas fehlt, ich will immer deiner Not abhelfen.« So schied der Bauer glücklich von dannen. Der Meister Türsteher aber nahm sich von den Peitschenhieben eine Warnung, um nicht mehr seinem eigenen Vorteil statt dem des Königs nachzugehen. * Scherzhafte Jagd. Talleyrand, Fürst von Benevent, war beim Ausbruch der französischen Revolution Bischof von Autun und Abt von Celles und St. Denis. Später in der Revolutionszeit gewann er einen großen Einfluß und wurde 1797 Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Mit Bonaparte stand er anfangs nicht im besten Einvernehmen, er haßte ihn als einen ahnungslosen Emporkömmling und spielte ihm einst einen netten Streich. Es war zur Zeit des Konsulats und Talleyrand besaß bei Auteuil an der Seine in der Nähe des Wäldchens von Boulogne ein Landhaus. »Ich will einmal zum Frühstück zu Ihnen kommen«, sagte Bonaparte zu dem ehemaligen Bischof von Autun. »Tun Sie das, General«, erwiderte dieser. »Mein Haus liegt nahe am Wäldchen von Boulogne, und nach dem Frühstück unterhalten wir uns mit Jagen.« Bonaparte war damals sehr jung und kannte das Wäldchen von Boulogne wenig oder gar nicht, und so fragte er, ob es in dem Wäldchen wohl wilde Schweine gäbe. »Es gibt nicht viele«, antwortete der verblüffte Talleyrand, der sofort dem Konsul einen Streich zu spielen beschloß. »Aber Sie sollen welche finden!« Sofort wurde verabredet, daß die Jagd am nächsten Morgen um sieben Uhr stattfinden sollte, und Talleyrand, der vor Lachen fast sterben wollte, schickte sofort auf den Markt, um ein großes schwarzes Schwein zu erhandeln, das zwei seiner Leute geradenwegs nach dem Wäldchen von Boulogne schleppen und dort im Laufen üben mußten. Bonaparte kam, von seinem Adjutanten begleitet, auch pünktlich an, und diese machten sich im Stillen über die meist wenig passenden Jagdausdrücke im Munde des Konsuls lustig. Das Frühstück war bald zu Ende, die Gesellschaft brach jubelnd auf und stürzte mit den von den nächsten Pächtern zusammengebrachten Hunden in den Wald. Man suchte eine Weile, endlich ward dann das Schwein losgelassen, und Bonaparte schrie jauchzend: »Ich sehe den Keiler!« Talleyrand, der mit Schrecken gewahr wurde, daß das Tier keine Lust hatte, sich besondere Bewegung zu machen, sandte schnell einen Diener mit einer scharfen Hetzpeitsche hinter ihm her, der mit seinen Hieben den Eber endlich zur Flucht brachte. Der Konsul, nur mit seinem Gewehr beschäftigt, hatte nichts davon bemerkt. Wütend sprengte er hinter dem vermeintlichen Keiler her und erreichte ihn nach einer halbstündigen Jagd. Unterdessen hatten die Adjutanten natürlich den Streich durchschaut, den man ihrem Herrn spielte, und einer von ihnen sprengte an ihn heran und flüsterte ihm zu, der angebliche Keiler sei ein ganz gewöhnliches Schwein. Der Konsul schäumte vor Wut und jagte im stärksten Galopp nach Auteuil zurück. Vielleicht hätte er an Talleyrand eine üble Rache genommen, aber er erinnerte sich rechtzeitig, daß dieser mit der ganzen guten Gesellschaft von Paris in engster Verbindung stand und ihn zum Gegenstand eines allgemeinen Gelächters gemacht hätte, wenn er die Sache zu ernsthaft genommen hätte. Bei seiner Ankunft in Auteuil unterdrückte er daher seinen Ärger und tat so, als habe ihm der Streich einen wirklichen Spaß gemacht. Dies gab Talleyrand den Mut, noch einen zweiten Streich mit dem Konsul zu beginnen. »Aus der Eberjagd ist nichts geworden«, sagte er daher. »Aber es ist noch zu früh, nach Paris zurückzukehren. Das Wäldchen von Boulogne strotzt von Kaninchen, und Ludwig der Sechzehnte liebte diese Jagd besonders. Sie wissen, er war ein großer Jäger.« »Ja,« erwiderte Bonaparte, noch immer in schlechter Laune, »und ich bin ein desto schlechterer.« »Der Ritt muß Ihnen Appetit gemacht haben«, begann Talleyrand wieder, »während wir uns erfrischen, will ich meine Flinten holen lassen, die ich von Ludwig dem Sechzehnten geerbt habe.« Das nun folgende Frühstück dauerte zwei Stunden, während welcher Talleyrand seinen Gast mit Schmeicheleien überschüttete, worin er ein großer Meister war. Inzwischen wurden alle Bedienten nach Paris gesandt mit dem Auftrag, alle Kaninchen aufzukaufen, die sie finden konnten. Schnell wurden ihrer fünf- bis sechshundert zusammengebracht und in Fiakern nach dem Wäldchen von Boulogne gefahren. Bonaparte machte sich mit seiner Flinte und seinen Adjutanten auf die Jagd. »Ich bin kein Ludwig der Sechzehnte,« sagte er, »und daher überzeugt, daß ich nicht ein einziges schießen werde.« Dennoch erlegte er mehrere Kaninchen, und die Adjutanten mußten über den Eifer, mit dem er die unschuldigen Tiere verfolgte und dabei immer von Ludwig dem Sechzehnten sprach, innerlich lachen. Das fünfzehnte Kaninchen fiel, und Bonaparte jubelte über sein Glück, bis endlich einer seiner Begleiter, der sich nicht länger halten konnte, ihm ins Ohr raunte: »Ich weiß nicht, General, aber mir scheint es, das sind zahme Kaninchen. Der Halunke hat uns zum zweitenmal zum besten gehabt.« Diesmal war Bonaparte ernsthaft wütend und ritt im Galopp nach Paris zurück. Sechs Monate vergingen, ehe Talleyrand ihn wieder sah. Die Furcht vor der Rache des Konsuls aber machte, daß weder von den Kaninchen- noch von der Eberjagd in den feinen Kreisen von St. Germain ein einziges lautes Wort gesprochen wurde. Desto mehr spottete man aber im geheimen über den Emporkömmling, der zahme Schweine für wilde Eber gehalten hatte. * Die drei Hunde auf der Hochzeit. Es waren einmal in einem Dorfe drei Hofhunde, die hielten gute Nachbarschaft miteinander. Nun sollte da eine große Bauernhochzeit sein. Alt und Jung war dazu geladen, und es wurde gekocht und gebacken, gesotten und gebraten, daß der Geruch durch das ganze Dorf zog. Die drei Hunde waren auch beisammen und rochen den feinen Dunst und ratschlagten, wie sie auch hin zur Hochzeit gehen wollten und sehen, ob für sie nichts abfallen würde. Aber um unnützes Aufsehen zu vermeiden, beschlossen sie, nicht sogleich alle drei auf einmal hinzugehen, sondern einzeln, einer nach dem andern. Der erste ging, machte sich in das Schlachthaus, erschnappte jählings ein großes Stück Fleisch und wollte damit seiner Wege gehen. Allein er wurde erwischt und empfing eine fürchterliche Tracht Prügel, abgesehen davon, daß man ihm das Stück Fleisch aus den Zähnen riß. So kam er hungrig und übel geschlagen zurück auf den Hof zu seinen Nachbargesellen, die hungerten schon nach guter Nachricht und fragten: »Nun, wie hat es dir ergangen und gefallen?« Da schämte sich aber der Hund, die Wahrheit zu gestehen, daß sein Hochzeitsmahl in einer scharfgesalzenen Prügelsuppe bestanden, und er sprach deshalb: »Ganz wohl! Aber es geht dort scharf her und muß einer hart und weich vertragen können!« Die Kameraden, als sie das hörten, meinten, es werde über alle Maßen gegessen und getrunken auf der Hochzeit, und es fielen viele gute Bröcklein ab, harte und weiche, Fleisch und Bein, und alsbald rannte der zweite Hund in vollen Sprüngen nach dem Hochzeithaus, gerade in die Küche und nahm, was er fand. Aber ehe er noch den Rückweg fand, war er schon bemerkt, und es wurde ihm ein Topf voll siedend heißem Wasser über den Rücken gegossen, daß es nur so dampfte, als er von dannen schoß wie ein Pudel, der aus dem Wasser kommt. Doch ob's ihn auch schrecklich brannte, er verbiß seinen Schmerz. Als er nun auf den Hof kam, wo die beiden Kameraden seiner harrten, da fragten die gleich: »Nun, wie hat es dir gefallen?« – »Ganz wohl!« antwortete der Hund. »Aber es geht dort heiß her und muß einer kalt und warm vertragen können.« Da dachte der dritte Hund: Die Hochzeitsgäste sind beim Schmaus in voller Arbeit, und kalte und warme Speisen wechseln ab! Er wollte daher nichts versäumen und wenigstens zum Nachtisch da sein, wenn der mürbe Kuchen aufgetragen wird, und er eilte sich, was er konnte. Kaum aber war der in dem Hause, da erwischte ihn einer, klemmte ihm den Schwanz zwischen die Stubentür, gerbte ihm das Fell windelweich und klemmte solange, bis die Haut vom Schwanze sich abstreifte und der Hund verschändet entsprang. »Nun, wie hat es dir auf der Hochzeit gefallen?« fragten die Freunde, jeder mit etwas Spott im Herzen. Der Übelzugerichtete zog seinen geschundenen Schwanz, so gut es gehen wollte, zwischen die Beine, daß man ihn nicht sah, und sprach: »Ganz wohl! Es ging recht toll her und gab viel Mürbes, aber Haare muß einer lassen können.« Und da dachten die drei Hunde noch lange daran, wie wohl ihnen die Hochzeitssuppe, die Hochzeitsbrühe und der Hochzeitskuchen geschmeckt habe, und vom Braten hat jeder genug gerochen. Ludwig Bechstein. * Wie durch eine Katze ganz Schilda abgebrannt ist. In Schilda hatte es von altersher nie eine Katze gegeben, so daß es kein Wunder war, daß die Mäuse immer mehr zunahmen und selbst im Brotkorbe nichts mehr vor ihnen sicher war. Was die Schildbürger nur neben sich stellten, wurde von den Tieren zernagt und gefressen, und die Angst vor ihnen war groß. Da begab es sich, daß ein fremder Wandersmann durch Schilda kam. Er trug eine Katze auf dem Arm und kehrte beim Wirt ein. Der Wirt fragte ihn, was dies für ein Tier sei, und der Fremde sagte, es sei ein Maushund. Nun waren die Mäuse in Schilda so zahm, daß sie vor den Leuten gar nicht mehr flohen und am hellen Tage ohne Scheu hin und her liefen. Darum ließ der Wandersmann die Katze laufen, und sie erlegte vor den Augen des Wirts nicht wenige der Mäuse. Als der Gemeinde dies durch den Wirt gemeldet wurde, fragten die Schildbürger den Mann, ob ihm der Maushund wohl feil wäre, sie wollten ihn gut bezahlen. Er antwortete, der Maushund sei ihm zwar eigentlich nicht feil, weil er ihn zu gut gebrauchen könne, aber ihnen wolle er ihn doch für einen billigen Preis ablassen. Und so forderte er hundert Gulden dafür. Die Bauern waren froh, daß sie ihm die Hälfte sofort bezahlten, die andere Hälfte sollte er sich in einem halben Jahr holen kommen. Der Kauf wurde eingeschlagen, und der Fremde trug den Schildbürgern den Maushund in das Vorratshaus, in dem sie ihr Getreide liegen hatten, denn dort waren auch die meisten Mäuse. Der Wanderer aber zog eilig mit dem Gelde davon, denn er befürchtete, der Kauf möchte sie reuen und sie möchten ihm das Geld wieder abnehmen. Nun hatten aber die Bauern vergessen, zu fragen, was der Maushund esse. Darum schickten sie dem Wanderer eiligst einen nach, der ihn danach fragen sollte. Als nun der mit dem Gelde sah, daß ihm jemand nachlaufe, eilte er nur um so mehr. Der Bauer aber rief ihm von ferne zu: »Was isset er? Was isset er?« Der Fremde antwortete: »Wie man's beut! Wie man's beut!« Der Bauer aber verstand: »Vieh und Leut! Vieh und Leut!« Er kehrte sehr bestürzt um und brachte dem Rat die furchtbare Nachricht. Die Ratsherrn waren noch viel mehr erschrocken und sprachen: »Wenn er keine Mäuse mehr hat, dann wird er unser Vieh fressen und endlich uns selbst, obgleich wir ihn mit unserm guten Gelde für uns gekauft haben!« Sie hielten deswegen einen Rat über die Katze und wollten sie töten. Es hatte aber keiner das Herz, sie anzugreifen. Endlich beschlossen sie einmütig, das Haus, in dem die Katze sich befand, mit Feuer zu vertilgen. Denn ein geringer Schaden wäre besser, als daß sie alle um Leib und Leben kämen. Und somit zündeten sie ihr Vorratshaus an. Als aber die Katze das Feuer roch, sprang sie zum Fenster hinaus und rettete sich in ein anderes Haus, während das verlassene bis auf den Erdboden niederbrannte. Niemand war in größerer Angst als die Schildbürger, da sie des Maushundes nicht Herr werden konnten. Sie hielten aufs neue Rat, kauften das Haus, in dem die Katze jetzt war, und zündeten es auch an. Aber die Katze sprang auf ein Dach, saß da eine Weile und putzte sich nach ihrer Gewohnheit mit der Pfote den Kopf. Die Schildbürger aber meinten, der Maushund hebe die Hand auf und schwöre, daß er solches nicht ungerächt lassen wolle. Da nahm einer einen langen Spieß, um nach der Katze zu stechen. Diese aber ergriff den Spieß und fing an, daran hinabzulaufen. Darüber entsetzten sich die Bürger und die ganze Gemeinde, liefen davon und ließen des Feuer brennen. Dieses verzehrte den ganzen Marktflecken bis auf das letzte Haus, die Katze aber kam gleichwohl davon. Die Schildbürger aber, die so ihre Heimat verloren hatten und sich auch vor der Rache des Maushundes fürchteten, zogen auseinander, der eine hierhin, der andere dorthin. Und seitdem gibt es Schildbürger in der ganzen Welt. * Napoleon schießt einen Hirsch. Napoleon, der mit Feuerwaffen in den Händen anderer so gut umzugehen wußte, war der schlechteste Schütze von der Welt. Nahm er ein Gewehr in die Hand, so konnte er auf dreißig Schritt einen Ochsen nicht treffen. Dennoch ging er auf die Jagd, aber nicht, weil er Vergnügen daran fand, sondern weil er sie als eine königliche Zerstreuung betrachtete, und weil er glaubte, daß gerade diese Bewegung seiner Gesundheit sehr zuträglich sei. Er galoppierte drauf los, und seine Jäger mußten das Tier verfolgen. Das einzige, was ihn unterhielt, war, bei dem Hallali dabei zu sein. Eines Tages, bei Fontainebleau, stellte der Hirsch die Hunde, als nur einige Jäger in der Nähe waren; weder der Kaiser noch die Personen seiner nächsten Umgebung hatten der Jagd zu folgen vermocht. Schon waren mehrere Hunde durch den Hirsch kampfunfähig gemacht worden, und die Jäger befanden sich in großer Verlegenheit. Töteten sie den Hirsch, so war der Kaiser damit nicht zufrieden; ließen sie die Hunde töten, so setzten sie sich einer Strafe durch den Oberjägermeister aus. »Wo ist der Kaiser?« hat jemand den Kaiser gesehen?« fragten verschiedene. »Ich glaube, er ist fort!« sagte einer. »Ich sah ihn in der Richtung auf Fontainebleau galoppieren.« Nun entschloß sich der älteste der Jäger, den Hirsch abzufangen; kaum aber war dieses geschehen, als man am Ende einer Allee eine Reitergruppe erblickte. »Ach, du lieber Gott!« rief einer der Jäger. »Wir sind verloren! Da kommt der Kaiser mit seinem Gefolge.« »Bah!« rief der alte Jäger. »Er versteht nichts davon, und wenn er auch von manchen Dingen mehr weiß als ich, so will ich ihm doch hier wohl etwas weißmachen.« Mit diesen Worten sprang er in das Holz, schnitt zwei Gabelzweige ab, steckte sie in den Boden und stützte damit den Hirsch so, daß er wie lebend aussah. Die Hunde umgaben bellend den Verendeten, und Napoleon erschien auf dem Platze. Er stieg vom Pferde, ergriff eine Büchse und schoß den besten Hund der Meute tot. »Sire, der Hirsch ist tot!« meldete der Jäger. »Das hatten Sie nicht nötig, mir noch erst zu sagen!« erwiderte Napoleon sehr zufrieden, bestieg sein Pferd und ritt nach Fontainebleau zurück. * Der tote Schimmel. Ein reicher Kaufmann in Danzig besaß einen Schimmel, der eines Tages erkrankte und trotz guter Pflege starb. Zufällig befand sich gerade der Barbier bei dem Kaufmann, als man diesem die Nachricht brachte, und der Barbier bat den reichen Herrn, er möchte ihm doch den toten Schimmel schenken. Auf seinen Wunsch erhielt er denn auch eine schriftliche Anweisung an den Stallknecht zur Herausgabe des Schimmels. Die Anweisung, der Datum und Unterschrift nicht fehlten, lautete: »Ich habe dem Barbier Schopf den Schimmel geschenkt, der ihm zu verabfolgen ist.« Dankend entfernte sich der Barbier und ging in eine große Gaststube, wo wegen des Marktverkehrs zahlreiche Leute aus- und eingingen. Der Barbier war fröhlich und guter Dinge, ließ sich eine Flasche Wein bringen und lud auch einige Bekannte ein, mit ihm ein Gläschen zu trinken. Diese staunten darüber sehr, denn der Barbier pflegte sonst gar nicht so freigebig zu sein, und sie fragten ihn, ob er ein gutes Geschäft gemacht habe. Da erzählte er ihnen nun, dem sei allerdings so, denn der Kaufherr Frantz habe ihm seinen Schimmel geschenkt. Anfangs wollte das keiner glauben, als er aber mit seinem Schein herausrückte und man die Unterschrift des Herrn Frantz erkannte, wurden auch die Ungläubigsten anderer Meinung, wenn sie auch meinten, eine solche Freigebigkeit sei eigentlich unerklärlich, und die Sache müsse doch noch einen Haken haben. »Ja,« sagte der Barbier, »es liegt allerdings ein ungewöhnlicher Grund vor. Heute Morgen erhielt Herr Frantz die Nachricht, daß ein Schiff, das er längst verloren gegeben hatte, glücklich in einem Hafen gelandet war, und er befand sich in einer ganz ungewöhnlich guten Stimmung. Die hab' ich dann zu benutzen gewußt, und als sich gerade der Stallknecht über irgend was an dem neuen Wagen beschwerte, sagt ich zum Herrn Frantz, er möchte mir doch den Schimmel schenken und sich ein anderes Pferd kaufen, das besser in den neuen Wagen paßte. Der alte Herr wollte zwar anfangs nicht darauf eingehen, ich ließ aber nicht nach mit Bitten, bis er, um mich loszuwerden, mir lachend den Schimmel schenkte, wie ihr hier schwarz auf weiß sehen könnt. Nun will ich hingehen und mein Pferd verkaufen.« Als er so gesprochen hatte, trank er sein Glas aus und wollte fortgehen, kehrte aber noch in der Tür um und sagte: »Hört einmal, mir fällt etwas ein. Ich könnte den Schimmel auch verlosen. Ich bin zufrieden, um schnell zu Geld zu kommen, wenn zwanzig Lose, jedes zu einem Dukaten, genommen werden. Wer nimmt ein Los?« Da der schöne Schimmel in Danzig ziemlich bekannt war, so waren sofort verschiedene Einheimische und dann auch Fremde bereit, sich zu beteiligen, und ehe eine halb Stunde vergangen war, hatte der Barbier unter den Gästen sämtliche Lose abgesetzt. Nun ging's an das Auslosen, und siehe da! ein biederer Bauer war der Glückliche, dem der Schimmel zufiel. Der Barbier war gleich bereit, dem hocherfreuten Bauer seinen Schimmel zu übergeben, und beide gingen nun nach dem Stall des Herrn Frantz. Der Schimmel lag auf der Erde, und als er auf den Zuruf des Barbiers nicht aufsprang, ergriff dieser die Peitsche, um den faulen Gaul wieder auf die Beine zu bringen. Aber der Schimmel kehrte sich nicht an die Schläge. Da wurde der Barbier wütend, peitschte den Schimmel mit aller Macht und schrie dazu, wie nur ein wütender Pferdeknecht schreien kann. Jetzt kam der Stallknecht des Herrn Frantz hinzu und wollte seinen Augen nicht trauen. Als er den Barbier so wütend sah, ergriff er ihn beim Arm und fragte ihn, was er denn von dem toten Schimmel wolle, er sei wohl nicht bei Sinnen. Der Barbier fuhr entsetzt zurück, als er hörte, daß der Schimmel, den ihm Herr Frantz geschenkt hatte, tot sei. Als nun der Stallknecht erzählte, wie der Schimmel krank geworden und in der vergangenen Nacht krepiert sei, da mußte es der Barbier schließlich doch glauben – er hätte sich ja auch sonst noch näher davon überzeugen können. Bauer und Barbier standen nun mit langen Gesichtern da. Der Barbier erholte sich zuerst von seinem Schreck und sagte zu dem Bauern: »Guter Freund, ich habe keine Schuld daran, daß Ihr jetzt nur einen toten Schimmel erhalten könnt. Ich will aber nicht Euren Schaden, da habt Ihr Euren Dukaten wieder, so habt Ihr nichts verloren. Und nun lebt wohl, ich habe keine Zeit übrig und muß fort. Grüßt Eure Frau und Kinder!« Mit diesen Worten war er auch schon verschwunden. Der Bauer aber ließ den toten Schimmel im Stich und machte sich auf den Heimweg. Zu Hause erzählte er, was er für ein Glück gehabt habe, wie es ihm nachher zwar fehlgeschlagen sei, wie er aber schließlich doch ohne Schaden davongekommen sei. * Braesig im Zoo. Aus: Abenteuer des Entspekter Bräsig. Von Fritz Reuter . Indem, daß ich mir hierüber noch den Kopf zerbreche, gehe ich weiter und befinde mich bald darauf nach Aussage eines angetroffenen Schutzmanns in dem Tiergarten. »Um Vergebung!« sage ich zu ihm, »in diesem Garten sollen jo woll noch würkliche wilde Biester sein, wie Affen, Bären und Kameeler!« »O ja,« sagt er, »es sünd noch welche; aber nicht in der Freiheit hierum, das wäre plozeiwidrig; nee! sie sitzen alle in Prisong in einem eingerichteten Garten, und wenn Sie dahin wollen, dann müssen Sie erst hier links und dann rechts und dann so und so und dann immer grad' aus gehen.« Na, ich bedanke mir denn natürlich und geh natürlich nun auch rechts und links un so un so un zuletzt auch grad' aus, und verbiester mir denn nu auch natürlich, indem daß ich grade auf einem Stakettengeländer loskam. – Weilen dessen ich nun hier noch stand und ruminierte, wo ich mich hinschlagen sollte, kommt ein Mensch, den ich so for einen Maurergesellen außer Dienst taxiere, auf der andern Seite von das Stakett zu stehen. »Lieber Freund, wo komme ich woll von hier in den wilden Tiergarten?« »Kommen Sie mal en bischen besser ranner«, sagt er; und ich komme auch dicht an das Stakett heran! – »Sehen Sie woll da das Hesternest in jener Pappel?« sagt er und zeigt über das Hesternest und sag': »Ja,« sag' ich, »ich seh's.« – »Na,« sagt er, und legt mir die Hand vertrauenvoll auf die Schulter, »denn sehen sie nich rechts noch links, sondern sehen Sie sich ümmer das Hesternest an.« – »Schön«, sag' ich, denn ich denke, er will mir 'ne Art von Contenanz-Punkt geben, wonach ich mir richten kann. – »Und denn leben Sie wohl!« sagt er und nimmt mir meinen Hut ab, macht mir mit meinem eigenen Hut 'ne Verbeugung, schmeißt mir über das Geländer das seinigte schauderhafte Etablissemang von einem Maurerhut vor die Füße und verliert sich ohne Wiedersehen in die nebenbei befindlich grüne Buschkasche. – Und zwischen uns das vierfüßige Stakettengeländer! Da stand ich nu und sah mir abwechselnd den Maurerhut und das Hesternest an, wobei sich mir eine große Ähnlichkeit zwischen beiden aufdrang. Aber was tun? – Über das Geländer könnte ich nicht herüber, und den Hut könnte ich doch nicht aufsetzen; ich resolvierte mich also rasch und ging denselben Weg wieder zurück, daß ich doch erst bloß wieder in bewohnte Gegenden käme. Dies Glück gelang mir denn auch bald, indem daß ich einen kleinen, nüdlichen, auferweckten Straßenjungen traf, der mich for einen Silbergroschen nach dem zotologischen Garten brachte, natürlich in bloßem Kopfe, d. h. mit bloßer Perrücke. – Entreh: vier Groschen. – Ich bezahlte und konnte nun 'rein gehen. Hier ist nun eine merkwürdige Einrichtung getroffen, die mir dem bekannten Post- und Reisespiel aus meiner Jugendzeit entnommen zu sein scheint. Es stehen nämlich an den Wegen lauter Wegweiser, die ümmer von einer Kreatur zur andern zeigen, wobei man sich aber in acht nehmen muß, daß man keine überschlägt, wie mich das passiert ist; denn dann kann es existieren, daß man total in Bisterniß kommt, und daß man, wie ich z. B., einen Eisbären for eine Löffelganz hält. Hier in diesem Garten sind nun sehr verschiedene Markwürdigkeiten, meistens vierfüßige, aber auch Vögel und Ungeziefer. Sie alle zu beschreiben is nich nötig, denn sie stehen schon gedruckt in einer kleinen Naturgeschichte, die man for vier Schilling bei'm Entreh mitkauft. Außer Affen, Bären, Kameeler, die auch bei uns in Mecklenborg in der Vorzeit auf Jahrmärkten begänge waren, nu aber an der Grenze von der Polizei als Tagediebe abgewiesen werden, habe ich allhier kennengelernt: den Pepitahirsch, ein Prachtstück von einem Achtzehnender, vorne gut aufgesetzt und mit schöner Aktion in dem Hinterteile; dann zweierlei Schweinerassen aus Amerika, von denen die eine Markwürdigkeit wegen keinen Schwanz hatte; scheinen mich aber beide keine Mastungsfähigkeit zu haben; ferner die sogenannten reißenden Tiere, wie Hiähnen, Tigers und Löwen, die zum Frühstück und zum Mittag- und Abendessen rohe Biefstücks essen; aber ohne Pfeffer und Zwiebeln, wie es jetztund die Reisenden genießen. – (Ahpropoh! Dies soll von mich ein Witz sein!) – Wie ich man gehört habe, haben sie hier eine kleine Löwenzucht einrichten wollen; es is aber nich gegangen, weil mang die drei Löwen keine Löwen-Sie gewesen is. Ferner war hier auch eine Art von Vogelstrauß zu sehen, der sich bei sich zu Hause aber »Casimir« nennt; er soll natürliche Eier legen, obgleich er von die schwarzen Mohren zum Spazierenreiten benutzt wird. Ih, ja! Knochen hat er; aber man zwei; von Vorderteil und Hinterteil is gar nicht bei ihm die Rede, und wo soll denn da richtige Gangart herauskommen? Es is also wohl nur ein Läuschen. Nachdem ich dies und noch vieles andere gesehen hatte, will ich schon nach Hause, d. h. nach Berlin, gehen, da fällt mir ein Parragraf aus der kleinen Naturgeschichte in die Augen, welcher lautet: »Der Lama. Er trägt Wolle und Lasten, läßt sich auch reiten und ist sehr flüchtig, ist also gleichsam aus einer Vermischung von Schaaf, Kameel und Hirsch entstanden.« Dies war mich denn doch ein bißchen bunt, darauf konnte ich mir keinen Vers machen; ich denke also, das Beste is, du besiehst ihn dir perßöhnlich. Ich suche ihn und finde ihn. Da steht er: Dallohrig, vorne französisch und hinten kuhhessig, mit 'ner Farbe, die's gar nicht giebt. Wie er mir bemerkt, kommt er piel auf mich los und steckt den Kopf über die Stacketten, legt seine Dallohren zurück und zeigt mir sein Gebiß. Ih, denk ich, büst du so einer, der von Natur schon falsch is, denn sollst du noch falscher werden; ich narr' ihn also, indem ich ihm mit einem Stock auf die Nase kloppe. Seh'n Sie, da wurde dieser Lama doch so boshaftig, daß er ordentlich mit die Beine trampelte. Na, ich hau' ihm noch eins auf die Schnautze; aber da – – – –! – Gott soll mich bewahren! – spuckt mich das entfamte Biest eine stinkerige Salwe über den bloßen Kopp und das Gesicht und die übrigen Kleidungsstücke, daß ich denke, mich sollen die Ohnmachten antreten. »Wischen Sie ab! Wischen Sie rasch ab!« ruft mich eine Stimme zu, die ich aber nicht sehen kann, weil mich die Augen verkleistert sind, »Wischen Sie rasch ab! Der Gift frißt Ihnen sonst die Kleider entzwei!« Aber womit? Mit dem Schnupptuch? Ja, hätte ich auch einen? – Ich hätte keinen. – Ich fühlte aber, wie mich der bis jetzt noch ganz unbekannte Freund zu fassen kriegt und mir wischt, und als ich die Augen aufmachen kann, sagt er: »Aber warum holen Sie nicht Ihren Schnupptuch 'raus?« – »Weil sie mich den gestohlen haben.« – »Wo haben Sie denn Ihren Hut?« – »Weil sie mich den auch gestohlen haben.« – »Haha,« sagt er und lacht, »Sie sind also woll noch ein Grüner?« Sehen Sie, das is das ganze, woher sich der obige dumme Schnack auf der Kegelbahn stammt, mir hat keiner grün angemalt, sondern dieser Mann hat mir bloß grün benannt, und das is nich in den Affenkasten gewesen, das passierte mir bei der Lamabucht. wie er mich nun so abwischt, kommt er auch unterhalb die Magengegend und fragt: »Was haben Sie denn hier für einen Knudel?« – »Das ist mein Geldbeutel,« sag' ich, »den ich da wegen der Taschendiebe verfestigt habe.« – »Das is recht«, sagt er. »Sie scheinen mich ein vorsichtiger Mann zu sein. – Aber wo in aller Welt kommen Sie zu diesem Lama?« – »Je,« sag' ich, »ich wollt ihn bloß en bißchen brüden«, und dabei seh' ich mir meinen neuen Freund genauer an. Er hätte Stulpenstiewel und einen Möckintisch an, obschonst die Witterung trocken wie ein Spohn war, und in der Hand hätte er eine Reitpeitsche. Ich sage also zu ihm: »Auch woll ein Ökonomiker?« – »En richtigen!« sagt er. – »En Meckelbürger?« frag' ich. – »Beinah«, sagt er. »En Uckermärker« – »Kennen Sie woll einen gewissen Trebonius, Colonius, Pistorius, Prätorius und Livonius?« – »Sehr gut«, sagt er. »Sind meine besten Freunde.« – Na, nu wußte ich denn, daß ich mit einen ordentlichen Menschen zu tun hatte, und wir gehen zusammen aus dem wilden Tiergarten. Mein neuer Freund und Mitkollege erzählte mich denn vielerlei, denn er hatte es hellischen mit's Maul. »Herr Entspekter Bräsig,« sagte er – denn ich hatte mir mit meinem christlichen Namen namkünnig gemacht, und er auch, und hieß »Bohmöhler« – »Herr Entspekter,« sagte er also, »Sie is es akkerat mit dem Lama so gegangen, wie die Zehlendorfer Bauern mit dem großen französischen Filesofen Wolltähr. Kennen Sie ihm?« – »Ne,« sage ich, »einen gewissen Wollter kenne ich wohl, aber das ist ein Zuckerkanditer in Stemhagen.« – »Den meine ich nicht,« sagt er, »ich meine Wolltähren, welcher ein Zeitgeist von den ollen Fritz war. Na, diesen hatte sich der olle Fritz aus Frankreich verschrieben, indem daß, er bei ihm noch in die französischen Privatstunden gehen wollte. Na, er kam auch, war aber schauderhaft häßlich anzusehen, und dabei war er ein nichtswürdiger falscher Karnallje. Nun begab es sich aber, daß dieser Wolltähr einmal bei 'ner Gelegenheit einen von den ollen Fritzen seine Kammerjunkers häßlich auf die Leichdörner trat. Na, die Kammerjunkers – haben Sie die Art auch bei sich zu Hause?« – »Natürlich,« sage ich, »denn wir leben in Mecklenborg auch in einem nützlichen Staate.« – »Na, also die Kammerjunkers sünd überall hellisch pfiffige, junge Menschen, und dieser war einer von der richtigen Sorte. Er wollte Wolltähren einen Sticken stechen, und weil er wußte, daß dieser in einer Kutsche zu dem ollen Fritz nach Potsdam in die Privatstunden fahren mußte, jagte er zu Pferde vorauf nach Zehlendorf und sagte zu die Bauern im Kruge, sie sollten aufpassen, es würde eine Kutsche kommen, da säß den ollen Fritzen sein Leibaffe in, und sollten ihn jo nicht 'rauslassen, denn das Biest wär falsch und rackerig und biß auch. Na, als die Kutsche nu anhielt, stellten sich die Bauern um den Wagen, un als Wolltähr nu 'raus wollte, kloppten sie ihn immer auf die Finger, un tahrten ihn: »Trr Ap! Bittst ok?« Und wenn er die Nase 'raussteckte, denn kriegt er eins auf den Schnabel: »Trr Ap! Bittst ok?« »Herr Entspekter Bohmöhler,« sage ich, »Ihre Geschichte paßt auf meinen Lama ganz genau, bloß daß mich, zuletzt dieser seinen Gift in die Augen verabfolgte.« * Der fliegende Hund. (Vampyr, Grabesflügler, Schreckentier oder Blutsauger. Ausgestellt in Arnims Hotel, Unter den Linden. Es ist abends sieben Uhr.) Schultze: »Verzeihen Sie, können Sie mir sagen, wo es hier hereingeht zu dem Herrn, wo der fliegende Hund is?« Der Herr vom Fliegenden Hund: »Das bin ich selber.« Schultze: »Ah, sehr anjenehm. Könnten wir wohl noch einen Stehplatz bekommen?« Der Herr: »Sie wünschen das Tier zu sehn?« Schultze: »Ja – was beträgt das Entree, wenn ich fragen darf?« Der Herr: »Fünfzehn Silbergroschen pro Person, hier ist die Kasse.« Schultze: »So? Je nun – ich wollte eijentlich mit meine Familie herkommen. Ist es denn auch etwas für Kinder?« Der Herr: »Gewiß. Wollen Sie sich nicht überzeugen? Bitte!« ( Lüftet den Vorhang .) »Treten Sie doch ein.« Schultze: »Je nun – wie gesagt – bloß einen Blick. Ich habe nicht viel Zeit. Komm, Müller!« ( Stellt Müller vor. ) »Mein Freund, Herr Müller, aus Berlin, Regierungsbezirk Nassau .« Der Herr: »Bitte, treten Sie nur mit ein.« Schultze: »Sie haben keinen Nachteil durch ihn: Er sieht des Abends nicht gut, er hat bloß noch einen kleinen Schimmer.« Der Herr: »Bitte, das macht nichts. Sie haben nicht nötig, etwas zu zahlen.« Schultze: »Nein, das tun wir nicht. Wir sind von der Presse und dürfen nichts annehmen, weil wir ein Urteil haben. Um Verzeihung, ist dies der fliegende Hund, welches Tier dort in der Mitte hängt?« Der Herr: »Zu dienen. Dies ist der Vampyr .« Müller: »Er ist auch bereits zu einem Operntext verarbeitet worden, wenn ich fragen darf?« Der Herr: »Wie meinen Sie?« Schultze: »Er beißt doch nicht?« Der Herr: »Nein, treten Sie ohne Sorge näher. Nur bei vollständiger Dunkelheit fällt der Fliegende Hund Tiere und Menschen an, indem er ihnen das Blut aussaugt, das Fleisch aber liegen läßt.« Schultze: »Damit würde mir nu weniger gedient sein.« Der Herr: »Dies geschieht jedoch nur in der Freiheit. In der Gefangenschaft lebt er von dem Saft süßer Früchte, von Honig und verschiedenen Zuckerwaren.« Müller: »Also der reine Bonbonschultze!« Der Herr: »Den Tag über schläft er mit herabhängendem Kopf wie alle Nachtvögel. Sobald jedoch die Dämmerung eintritt, macht er die Flughäute frei!« Müller: »Mit 'ne Briefmarke?« Schultze: »St! Stille doch! – Sie verzeihen, warum heißt er eijentlich der Fliejende Hund?« Der Herr: »Weil der Kopf einem Fuchse ähnlich sieht und ihm die Füße gänzlich fehlen.« Schultze: »Drum eben! Ich wunderte mich schon, daß er sich nicht schubberte. Er scheint in dieser Beziehung wenig von den Hunden zu haben.« Der Herr: »Es ist das erste lebende Exemplar, welches in Europa gezeigt wird.« (Er steckt die Hand in den Käfig und faßt den Vampyr.) Müller: »Sie – lassen Sie das sein! – Machen Sie keine Witze!« Der Herr: »O seien Sie unbesorgt, meine Herren, wie ich Ihnen bereits gesagt, ist das Tier unschädlich, solange es hell ist. Nur in der Dunkelheit ist es ihm möglich –« Müller: »Können Sie denn nicht mal die Rouleaux ein bißchen runter lassen, damit er aufrührerisch wird?« Der Herr: »Dies würde gefährlich sein und leicht zu einem Unglück Veranlassung geben. Ich selbst wage mich des Nachts nur in einer Blechmaske mit Glasaugen zu ihm.« Müller: »Aber hören Sie mal, des is ja jrade das Intressanteste! wenn Sie das für nächsten Sonntag ankündigen, denn haben Sie es so voll, daß kein Apfel zur Erde kann.« Der Herr: »Meinen Sie?« Schultze: »Versteht sich! Da kennen Sie Berlin nicht.« Der Herr: »Das Tier könnte jedoch leicht jemanden durch seinen Biß, verletzen.« Müller: » I, die Berliner beißen auch auf alles, Wenn Sie an die Säulen schlagen lassen: › heut abend jroßes Vampir-Ausschieben und frische fliejende Hundekeile: jeder jeehrte Jast erhält an der Kasse eine Blechmaske mit Jlasaugen ‹ – denn sollen Sie was erleben!« Der Herr: »Ein starker Zuspruch würde mir allerdings sehr angenehm sein. Wünschen sich die Herren noch die Schmetteilinge anzusehen?« Schultze: »Danke herzlich. Eine Seeschlange haben Sie sonst nicht ?« Der Herr: »Nein, aber die Herren sind doch wohl mit der Schaustellung zufrieden?« Müller: O gewiß. Man kann sich ein Viertelstündchen hier recht angenehm unterhalten. Nur wie jesagt, das Entree wünschte ich etwas niedriger, vielleicht: › Erwachsene Zahlen in Begleitung von andern jar nischt! Kinder die Hälfte.‹ Da würden Sie ein schönes Jeld zusammenschlagen !« * De dode Kater Aus »Platt-Deutsche Märchen«, Verlag E. Diederichs, Jena. Dar is mal 'n Katt un 'n Kater wetß, de gaht mal tosam'n to 'n Nötplücken. Als se nu bi to plücken sünd, do versnirrt de Kater sik in 'n Nötbusch un röppt: Help, Help. De Katt, de ment, he röppt: Melk, Melk! Un se löppt gau hen to Hus un halt'n beten Melk. Awer as se mit ehr Melk ankümmt, da is de Kater al dot. Do makt se em los' un nimmt em op'n Nacken und dricht mit em to Hus. Un dar lecht se em in de Kammer op 'n Brett un bi em hen sitten un weent. Nu hett sik dat ja bald rund snackt, dat de ol Kater dot is, un do dur't dat ne lang'n da kümmt dar 'n jung'n Voß an. De Voß, de fragt de Köksch! (dat is uk je 'n Katt weß), wat Madam wul to Hus is. Ja, secht de Köksch, Madam, de sitt in 'e Kamnr un beweent ehr'n allerlewßen Mann, de is dot bleben. Ja, secht de Voß, se schall Madam doch mal fragen, wat se ken'n Mann wedder hebb'n will. De Köksch, de kloppt je an de Kamerdör: Heda! Wer da? Kamerkätschen. Wat will Se? Hier is en, secht de Köksch, de fragt, wat Madam ken'n Mann wedder hebb'n will. Och ne, secht se, hier licht he op 'n Bred', hett mi hegt, hett mi plegt, hett mi so menni Mus tödragen. Och ne, ik will gar ne wa' fre'n – – Wat hett he vör Har? Rod', secht de Köksch. Denn lat'n man hen to Holt gähn, secht se, un sik ehr afsengeln! Als de Voß eben weg is, do kümmt dar 'n jung'n Kater an. De Kater, de fragt uk, wat Madam will to Hus is. Ja, secht de Köksch, Madam de sitt in 'e Kamer un beweent ehr'n allerlewßen Mann, de is dot bleben. Ja, secht de Kater, se schall Madam doch mal fragen, wat se ken'n Mann wedder hebb'n will. De Köksch de kloppt je wedder an: Heda! Wer da? Kamerkätschen. Wat will Se? Hier is en, secht de Köksch, de fragt, wat Madam ken'n Mann wedder hebb'n will. Och ne, secht se, hier licht he op 'n Bred', hett mi hegt, hett mi plegt, hett mi so menni Mus tödragen. Och ne, ik will gar ne wa' fre'n – – Wat hett he vör Har? Grad' so 'n aZ Madam, secht de Köksch. Denn herut mit'n ol'n Döwel! secht se. Lat den doden bi'n Stert un smitt 'n ut't Finster. * De Ratt, de Bur un de Ratsherr. Aus Platt-Deutsche Volk-Märchen von W. Wisser gesammelt. Verlag Eugen Diederichs, Jena. Dar is mal'n Mekelbörger Bur'n weß, de is mal na Lübeck weß mit Eier. Un de kümmt he uk bi 'n Ratsherrn. Do secht he to den Ratsherrn: Se sünd je 'n Rad'sherr, secht he, denn raden S' doch mal, wo vel Eier as ik in min Kip heff. Wenn S' dat raden künnt, denn schüllt se s' all' hunnert hebb'n. Oh, secht de Ratsherr, dar heß je wul 'n fiw Stieg' in. Döwel hal! secht de Bur, dat hebbt S' rad't, dat hadd' 'k ne dacht. Un do kricht de Ratsherr je de hunnert Eier. ›n Dag‹ darna, do kümmt de Bur wedder. Do hett he 'n Sack, de is up 'n Enn' 'n beten twei. Un ut dat Lock, dar kikt 'n Ben in 'n Stert rut vun 'n Katt. Na, Herr Rad'sherr, secht he, wüll wi mal wedder raden? Awer dit Mal drap Se dat nich. Dar will ick tein Daler up wedd'n. Un darmit lecht de Bur tein Daler up 'n Disch. Ja, wat schall ik denn raden? secht de Ratsherr. Ja, wat ick in min'n Sack heff, wenn S' dat raden künnt. Ja, secht de Ratsherr, dar sett ik tein Daler gegen. Un darmit lecht he uk tein Daler up 'n Disch. In din'n Sack dar heß du 'n Katt in. Ne, secht de Bur, dat hebbt S' ne drapen. Dat he' 'k je glik secht. Dat 's 'n Kater. Un darmit rakt he sik dat Geld up 'n Dutt in geiht mit sin'n Kater ut de Dör. Do hatt he sin Eier je göt betahlt kregen. * Für d' Katz. von Ludwig Anzengruber . »Gut'n Abend, Wirt!« »Auch so viel, Hausiererjockl. Wieder einmal anschau'n lassen?« »Jo, all' heilig Zeit halt. Früher hat das Öfterkommen taugt, daß mer'n Leuten mit der War' unter die Augen herumgegangen is, bis s' Lust kriegt hab'n zum Kaufen; hitzt, wo's Geld rar is, muß mer sich aufs Seltenwerd'n verlegen, muß ihnen mit 'm Kram völlig aus'm G'sicht gehn, daß s' Angst krieg'n und schleuni zum Feilsch'n anheb'n, weil s' nit wissen können, ob ihnen unser Herrgott 's Leben schenkt, bis mer wieder einmal mit ein'm gleichen Stückl 's Wegs kommt.« »Bist a Schlauer, verstehst 'n Vorteil.« »Gib du mir deine fetten Bissen, laß, ich dir gleich mein' Kraxen dafür, samt der Schlauheit und 'm Vorteil. Was ich sag'n wollt', 'n Tagwerker Domini bin ich grad begegnet.« »Is just kein' Ehr'.« »Er war auch mit einer Begleitung, die keine bringt. Ein Schtandar hat'n eing'führt. Er soll beim Grindelbauer eing'brochen hab'n.« »So, so? Na schau, das nimmt mich gar nit wunder. Is ja nit sein erst's Stückl in derer Weis'.« »Was d' sagst! War er denn schon mal eing'sperrt g'west?« »Dös nit. Damal is er ganz heil davonkommen, war a lustig G'schicht. Weißt es nit? Na, los' zu. Wird dir taugen. Kannst's unter d' Leut' bringen. Kennst ja wohl die alte Bräuningerin, 's selbe alte, zeundürre Weiberl, was d' Kitteln so im Griff hat? Sie fürcht' se allweil, daß sie s' vor Mägrigkeit verliert, und da krampft sie sich randweis' in d' B'satz ein und ruckt all's miteinander af d' Höchen. In der Brunngassen hat s' ein klein's Häuserl und weit davon ein' klein' Acker mit Grundbirn' und af all'n zwei'n mehr Mäus', als s' drein und drauf unterbringen kann. Vorm Jahr war's, da is ihr a alte Katz' krepiert, z'erst hat s' im ganzen Haus h'rumg'sucht und g'lockt: ›Mitzi, Mitzerl! Wirst doch kein schlechte Mutter machen und deine Kinder verlassen? Mein, schön's Mitzerl‹ – und wie sie's liegen sieht, sagt s': ›Ach mein, jetzt is dös Mistvieh richtig hin wurd'n.‹ Na, mit einer toten Katz' war nix anz'fangen, wann sie s' aber af ihr'm Feld eingrabt, so is dös a Dünger wie a anderer. Weil sie sich doch g'scheut hat, daß sie d' so ledig anfaßt, bind't sie s' fein sauber in a alt's Tüchl, nimmt 's Packer! unterm Arm und geht schön langsam nach ihr'm Acker. Nit weit davon steht die Hütten, wo der Domini drein haust mit Weib und Kinder, wo dö schrei'n, so krieg'n s' von der Mutter d' Lotteriezetteln zum Spiel'n und vom Vadern Schläg', und dös wird fürs Schulgeh'n abg'rechnet. Na, 'n selben Abend is der Domini just fuchsteufelswild am Feldweg g'standen wie allmal mit ein' großen Durst, aber – wie oftmal – mit kein klein' Groschen im Sack. Steht da und fahrt sich a öften, wie sein Brauch is, mit der Linken übers Kreuz, was ihm g'wiß nöt vom viel'n Arbeiten wehtan hat, und sasaunt herum: ›Kein Herrgott hilft unserei'm, wann mer ihm gleich all' Tag' sein Vaterunser oder a paar bet't.‹ – Muß aber auch a Freud' für 'n Herrgott'n sein, wann ihn so a Schnapsbruder Vader heißt! – Und schreit er: ›Himmelsapperment, hitzt gilt mer schon all's gleich, ich tu' was!‹ Schon a Zeit hat er die Bräuningerin dahersteigen g'sehn und bemerkt, daß S' was tragt, und wie s' ganz nah' is, faßt er mit der Linken ans Kreuz und mit der Rechten nach 'm Paket: ›Her damit, Alte‹, und fort war er, und dö wär's auch gern g'west, aber nach der anderen Seiten zu, doch aus Angst hat s' nit von der Stell' können, wie s' spater g'sagt hat: nit um a G'schloß, ich mein' aber, sie hätt' gehn oder laufen mögen, sie hätt' keins dafür kriegt, einer Alten gibt mer doch fürs Davonrennen kein G'schloß, ehnder verheißt mer 's einer Jungen fürs Zulaufen. Mittlerweil' is der Domini, schier ein' Kopf größer, in sein' Hütten treten. ›Da schaut's her, was's für ein Vader habts‹, schreit er sein' Leuten zu und wirft's Pack! af 'n Tisch; wie aber 's Mitbrachte näher is ang'schaut word'n, da sein s' alle miteinander ausg'rennt, so ein' Eil' hab'n s' g'habt. daß s' in d' frische Luft kommen. Ich kann's nit sagen, wer dö Sach' verzunden hat, aber mit einmal krieg'n wir allz'samm' a Vorladung vors Kreisgericht, der Domini, d'Bräuningerin, ich und noch paar, dö von näher oder von weiten 'n ganzen Attak mitang'schaut hab'n. No, dö Bräuningerin hat einer von uns af'n Wagen g'nummen, und so sein wir halt ins G'richt g'fahren. Der Domini hat z' Fuß, gehn können, is auch gleich in aller Früh von daheim fort, war ihm just nit leid, daß er ein' ganzen Tag hat feiern könnet und ein'm löblichen Kreisgericht daran d' Schuld geben. Wie wir dort hintreffen, weist mer uns gleich in d'Stub'n zun Herrn Adjunkt; is a g'spaßiger Mann g'west, derselbe Herr. Er dürft' mal, daß er über alles B'scheid weiß, auch probiert hab'n, wie's Aufhängen tut, denn er hat allweil um sein' Hals h'rumg'fingert, als ob 'n dort noch 's Strickl einschneiden tät. Gleich nach uns tappt der Domini herein, und wie er d' Bräuningerin ansichtig wird, sagt er zu der: ›Ah, haben s' dich schon eing'liefert, du alte Hex'? Dös is mer lieb. So is halt doch, noch a Gerechtigkeit im Land. Du hast mich nit schlecht betrog'n! – Herr Adjunkt,‹ sagt er drauf zu dem, ›freiwillig hat sie sich von mir berauben lassen, hat auch a rechtschaffen's Binkerl mitg'führt, was war aber drein?‹ ›Jesses, du diebischer Raubmörder,‹ belfert die Bräuningerin, ›beklag' du dich noch! Dukaten hätten 'leicht drei sein sollen? A verreckt' Vieh war drein, und dös war dir vergunnt.‹ Auf dös hat 'n Adjunkt der Hals kitzelt, und er sagte: ›Lieb'n Leut'! Woll'n annehmen, 's war alles doch nur ein G'spaß.‹ No zetert d'Bräuningerin: ›A sauberer G'spaß, wo eins drüber siech könnt' werd'n vor Schrecken oder hin auch gleich.‹ ›Hätt' dir auch nit g'schad't‹, eifert der Domini geg'n ihr, und drauf zun G'richt: ›Ah na, Herr Adjunkt! Denken S' Ihnen, Sö hätten heim Weib und Kind hungern und gehn in der ehrlichen Absicht vom Haus, eins anz'packen und krieg'n nix als a tote Katz! Dös lass' ich nit für ein G'spaß, gelten!‹ Dösmal muß aber 'n Herrn Adjunkt 's Strickel höllmentisch eingeschnitten hab'n, denn er is in d' Höh' g'fahren. ›Du bist a Vieh!‹ schreit er 'n Domini an. ›War's kein G'spaß, so ist's Raub g'west, und dafür kriegst bei aller Gnad' und Barmherzigkeit paar Jahr'.‹ ›Für d'Katz?‹ fragt der Domini ganz dumm. ›Für d'Katz‹, sagt der Adjunkt. ›So, so? na, na!‹ sagt der Domini. ›Schier mein' ich schon selber, 's wär' nur a G'spaß g'west.‹ Drauf hat er so a deppetes Gelachter ang'hebt, daß mer sich alle miteinander nit anders hab'n helfen können und mitlachen mußten. Und so is 's zu sein' guten Glück fürs Mal dabei blieb'n und all's für die Katz g'west. Dösmal aber wird wohl der Herr Adjunkt nit lachen, der Grindelbauer auch nit, und am allerwenigsten der Domini. Hab' mir's doch gleich damal schon denkt, dö Katz' laßt Haar', und davon bleibt was anhängen.« * Der mißverstandene Hund. Als der greise chinesische Fürst Lihungtschang London besuchte, beschloß ein Mitglied der Börse, dem berühmten Diplomaten ein wertvolles Geschenk zu machen. Nach langem Überlegen verfiel er auf den Gedanken, dem Chinesen zwei kleine, sehr kostspielige Schoßhündchen zu schenken. Gesagt, getan. Nach einigen Tagen erhielt er von Lihungtschang folgenden überraschenden Dankbrief: »Ich habe mich über Ihr Geschenk sehr gefreut; leider zwingen mein Alter und meine Gesundheit mich zu einer sehr strengen Diät. Ich habe daher angeordnet, daß die beiden Hündchen für einige Herren meiner Begleitung hergerichtet werden, und sie haben ihnen vortrefflich geschmeckt.« * Dilemma. Als noch Büffelherden am Rande der westlichen Berge Amerikas grasten, gerieten eines Tages zwei kühne Goldsucher einem Bisonbullen in die Quere, der sich von seiner Herde abgesondert zu haben und Amok zu laufen schien. Der eine der Goldsucher erkletterte einen Baum, und der andere tauchte in eine Höhle. Der Büffel brüllte vor dem Höhleneingang und wandte sich dann dem Baume zu. Da kam der Mann aus der Höhle heraus, und der Büffel drang wieder auf ihn ein. Der Mann tauchte von neuem in das Loch. Nachdem sich dies verschiedene Male wiederholt hatte, rief der Mann auf dem Baum seinem Kameraden, der zitternd am Höhleneingang stand, zu: »Bleiben Sie doch in der Höhle, Sie Hansnarr!« »Was wissen Sie von dieser Höhle«, schrie der andere zurück. »Da ist ein Bär drin!« * Mitaines Menagerie. Ein Löwe aus dem Atlas in Tarascon. – Ein schreckliches und dabei großartiges Zusammentreffen. Aus: Die wunderbaren Abenteuer des Herrn Tartarin aus Tarascon. Von Alphonse Daudet . Verlag Ph. Reclam, Leipzig. Nachdem wir nun Herrn Tartarin von Tarascon geschildert haben, nachdem wir über sein Privatleben berichtet, nachdem wir erzählt haben, daß die Göttin des Ruhmes seine Stirn mit dem Weihekusse berührt und ihm den unvergänglichen Ehrenkranz aufs Haupt gedrückt hat – jetzt, nachdem der geneigte Leser das Leben des Helden in seiner bescheidenen Umgebung kennengelernt hat, mit allen seinen Freuden und Schmerzen, seinen Träumen, Hoffnungen und Wünschen, wollen wir zur Schilderung der glanzvollsten Momente seines Lebens eilen, und so berichten wir denn jenes eigentümliche Ereignis, das den Anlaß gab, daß er sich aufschwang zu niegeahnter Größe und Höhe. Eines schönen Abends waren mehrere Bewohner der lieben Stadt Tarascon im Laden des Waffenschmiedes Costecalde beisammen. Herr Tartarin, der in sollen Dingen ja Kenner war, zeigte eben einigen Freunden, die sich dafür interessierten, ein Hinterladergewehr, das damals noch neu und nicht allgemein bekannt war' er setzte ihnen lang und breit die Vorzüge dieser Waffe im Hinblick auf die der bisher üblichen Systeme auseinander, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und ein Mützenjäger in den Laden stürmte, nicht anders, als sei er aus einer Kanone geschossen, oder als sei der höllische Feind ihm auf den Fersen. »Ein Löwe! Ein Löwe!« schrie er. Furchtbarer Schreck und höchstes Entsetzen malte sich sofort auf aller Zügen. Tartarin ließ, die Waffe aus der Hand fallen, Costecalde schloß eiligst die Ladentür. Man drängt sich um den Jäger, man befragt, man bittet, man beschwört ihn und erfährt endlich den Zusammenhang. Der Tierbändiger Mitaine war mit seiner Menagerie vom Jahrmarkt zu Beaucaire nach Tarascon gekommen und hatte die Absicht ausgesprochen, einige Tage in dieser Stadt zu bleiben; er hatte seine Bude auf dem sogenannten Schloßplatz aufgeschlagen und daselbst auch seine Käfige aufgestellt, die mehrere Schlangen, Krokodile und auch einen prächtigen Löwen aus dem Atlasgebirge beherbergten. Ein Löwe aus dem Atlas in Tarascon! So etwas war ja seit Menschengedenken nicht dagewesen. Die biederen Mützenjäger sahen, als sie diese Rund« vernahmen, noch einmal so kühn und stolz wie sonst darein; ihre männlich-schönen Gesichter strahlten ordentlich vor Genugtuung und Befriedigung, denn das Ereignis war wohl für den ganzen Art von Wichtigkeit, sie aber, als die Männer von der Gilde, ging es doch am meisten an. In allen Ecken des Costecaldeschen Ladens wurden schweigend Händedrücke ausgetauscht – jeder verstand den andern. Die Bewegung war so groß, sie war über alle so unerwartet und mächtig gekommen, daß, niemand sich fand, der ihr mit Worten hätte Ausdruck geben können. Selbst Tartarin nicht. Bleich und zitternd vor Aufregung, stand er jetzt, das Hinterladergewehr, das er vom Boden wieder aufgenommen hatte, krampfhaft mit den Händen umschließend, kerzengerade vor dem Ladentisch und starrte träumerisch vor sich hin. Ein Löwe aus dem Atlas! Da, ganz dicht bei ihm – mit zwei Schritten zu erreichen! Ein Löwe – das will sagen, das gewaltigste und mächtigste Tier, das auf Erden wandelt; der König der Tiere, das Bild seiner Träume, das erste in der Wirklichkeit erscheinende von jenen Geschöpfen, mit denen bisher nur seine Phantasie alles ringsumher bevölkert hatte – das war nun leibhaftig da! Ein Löwe, heilige Götter! Und noch dazu einer aus dem Atlas!! Das war mehr, als der gute Tartarin sich jemals hatte träumen lassen. Das Blut schoß ihm plötzlich zu Kopfe. seine Augen flammten, sein ganzes Gesicht glühte. Er warf mit einer, entschiedenen Bewegung das Hinterladergewehr über die Achsel, wandte sich zu dem tapferen Kommandanten Bravida, der früher im Montierungsdepot Dienste getan hatte, und rief ihm mit Donnerstimme zu: »Vorwärts, Kommandant! wir wollen ihn sehen!« »Heda – wo bleibt denn mein Gewehr? Sie nehmen ja mein neues Hinterladergewehr mit!« rief der stets vorsichtige und kluge Costecalde dem Forteilenden nach. Tartarin jedoch war schon auf der andern Seite der Straße, und hinter ihm marschierten alle Mützenjäger, die stolzen und zuversichtlichen Blicke auf den Führer gerichtet. Als sie, auf dem Platze anlangten, wo die Menagerie etabliert war, fanden sie schon eine große Zuschauermenge versammelt. Die Tarasconeser sind von Hause aus ein mutiger und tüchtiger Menschenschlag; nun hatten sie denn mit lobenswertem Eifer die neue Gelegenheit benutzt, waren in Scharen zu Mitaines Menagerie gewandert und hatten die Bude denn auch recht ansehnlich gefüllt. Die dicke Madame Mitaine konnte damit wohl zufrieden sein. Im Kostüm einer Kabylin, die Arme bis zum Ellenbogen nackt, eiserne Armbänder um den Unterarm, eine Peitsche in der einen, ein schon gerupftes, aber nach lebendes Huhn in der andern Hand haltend – so stand die ehrenwerte Dame am Eingang ihrer Bude und machte den tarasconischen Herrschaften die Honneurs –, und da sie ebenfalls »doppelte Muskel« hatte, wie man bald herausfand, so konnte es ihr ja nicht fehlen. Sie persönlich hatte einen fast ebenso großen Erfolg zu verzeichnen, wie die ihrer Pflege anvertrauten Bestien. Tartarin, der nun mit der Flinte auf der Schulter eintrat, jagte allen Anwesenden einen panischen Schrecken ein. All diese guten Tarasconesen, die so ruhig und gemütlich vor den Käfigen auf und ab spazierten, ohne Waffen, ohne Mißtrauen, ja – ohne jede Ahnung einer vorhandenen Gefahr, mußten natürlich in Angst versetzt werden, als sie ihren großen und berühmten Tartarin plötzlich in vollster Kriegsausrüstung in die Bude treten sahen. Grund zu Besorgnissen war entschieden vorhanden, wenn sogar dieser Held alle Sicherheitsmaßregeln getroffen hatte. So war denn im Nu die Szene eine andere geworden. Der Raum vor den Käfigen war leer, die Kinder schrien, die Damen drängten nach dem Ausgange. Der Apotheker Bezuquet behauptete, er wolle nur schnell auch sein Gewehr holen, und so kam er als einer der ersten aus der Menagerie. Die ruhige, sichere, selbstbewußte Haltung Tartarins ließ jedoch bald auch bei anderen den Mut wieder neu erwachen. Stolz, mit erhobenem Haupte – so schritt der unerschrockene Tarasconese durch die Bude; bei dem Bassin, in dem sich die Krokodile befanden, ging er vorbei, ohne nur einen Moment stehen zu bleiben; ebenso schritt er an der Kiste mit den Schlangen vorüber; der einen, die eben das Huhn hinunterwürgte, warf er nur einen verächtlichen Blick zu. Nun kam er endlich an den Löwenkäfig, und hier machte er denn auch halt. Ein furchtbarer und doch großartiger Anblick! Der Löwe von Tarascon und der Löwe aus dem Atlas – hier standen sie einander gegenüber. Auf der einen Seite, nämlich außerhalb des Eisengitters, stand Tartarin. Er hatte den Oberkörper ein wenig nach vorn gebeugt und stützte sich auf sein Gewehr. Auf der andern Seite stand der Löwe – wirklich ein sehr schönes Exemplar. Die Tatzen waren in dem Stroh versteckt, das ihm im Käfig als Lager diente; den ungeheuren Kopf mit der gelben Mähne hatte er auf die Vorderpranke gesenkt; er blinzelte mit den Augen. So standen sich die beiden ruhig gegenüber und sahen sich Aug' in Auge. Weiß der Himmel, wie es nun gekommen ist – entweder verdarb der Anblick des Gewehres dem Löwen die gute Laune, oder er witterte in seinem Gegenüber einen Erzfeind seiner Rasse, genug – das mächtige Tier, das alle andern Tarasconesen bisher nur mit dem Ausdruck souveräner Verachtung angeblickt und ihnen zeitweilig ins Gesicht gegähnt hatte, machte plötzlich eine Bewegung, als gerate es in Wut. Zuerst hob es die Nüstern, schnaubte und streckte die Vorderpranken noch weiter nach vorn; dann erhob es sich mit einem Male zu seiner ganzen Höhe, richtete den Kopf auf, schüttelte die Mähne, öffnete den gewaltigen Rachen und stieß ein furchtbares Gebrüll aus, das ganz ausschließlich an Tartarin gerichtet zu sein schien. Ein entsetzlicher Angst- und Jammerschrei war die Antwort. Tarascon war in Not. Alles drängte nach den Türen, alle suchten Rettung in wildester Flucht – alle, Frauen, Kinder, Lastträger, Mützenjäger, sogar der tapfere Kommandant Bravida. Nur Herr Tartarin rührte sich nicht von der Stelle. Er stand fest und unerschütterlich vor dem Käfig – in seinen Augen leuchtete es wundersam, und den Mund hatte er so eigentümlich verzogen. Als bald darauf einige Mützenjäger ihre Fassung einigermaßen wiedergewonnen hatten und, sicher gemacht durch die Ruhe ihres Herrn und Meisters und im Vertrauen auf die Haltbarkeit ihrer eisernen Käfigstäbe, sich jenem näherten, da hörten sie, wie er murmelte, indem er unverwandt den Löwen anblickte: »Das wäre einmal eine Jagd! Ja, das lohnte sich!« Und weiter sprach der Tartarin an jenem Tage nichts. * Der Blutegel. Von Paul von Schönthan . Aus: »Kinder von heute«, Verlag Ph. Reclam. Fritzi, ein fünfundachtzig Zentimeter hoher Zukunftsmensch, ist nicht recht wohl, eine drohende Entzündung oder dergleichen belästigt ihn. Vormittags kommt der Arzt, ein liebenswürdiger, gutmütiger, beschränkter alter Herr, der nur noch zu Frauen und Kindern gerufen wird. Er stammt aus der Ära der Aderlässe, Latwergen und Zugpflaster. »Nicht von Bedeutung,« lautet seine Diagnose, »wir werden dich gleich wieder in Ordnung haben, Fritzi – morgen setze ich dir zwei Blutegel, und übermorgen kannst du wieder in die Schule!« Fritzi geht ein Grausen an, einerseits der versprochenen Blutegel und dann mehr noch der Schule wegen. Der Arzt erscheint am nächsten Tage wieder. Er hält ein Gläschen in der Hand, das mit Zeitungspapier verhüllt ist, das Blutegel-Aquarium. »So, da sind sie«, lächelt er. Aber siehe da: Fritzi befindet sich bedeutend wohler, es scheint, daß die Aussicht auf die Blutentziehung seine Rekonvaleszenz befördert hat. Er empfängt den Arzt mit dem Rufe: »Ich bitt', Herr Doktor, mir ist schon wieder ganz gut, ich brauch' keine Blutegel mehr.« – Der Mann der Wissenschaft nickt gedankenvoll: »Na, weißt was, Fritzi? Da lassen wir's halt diesmal.« Er hat das verhüllte Gläschen auf den Schreibtisch gestellt; beim Fortgehen bittet er, man möge es ihm bis morgen aufbewahren, da er am Beginn seiner Rundfahrt zu Patienten stehe, und »im Wagen schwappert das Wasser alleweil über«, meinte er. Bertha, das Stubenmädchen, wird gerufen, erhält den Auftrag, das Gläschen gut aufzubewahren. Sie weiß nicht, was es enthält und verschwindet damit, um es in der »Speis« zu verwahren, wo Topf- und Glaszeug hingehören. Fritzi ist froh, der Gefahr entronnen zu sein. Gegen Abend fällt ihm ein, die beiden grauslichen Blutsauger, die ihm vermeint waren, zum Gegenstand einer untersuchenden Betrachtung zu machen. Bertha reicht ihm nach langwierigen Beschwörungen endlich das Glas aus dem Schrank im Vorzimmer, und Fritzi macht sich darüber her. Einige Augenblick später läuft er in den Salon: »Mama, Mama, es ist nur einer drin!« »Was denn?« »Ein Blutegel!« Mama ignoriert die Botschaft anfangs, dann fällt ihr die Sache auf. »Wo kann das zweite Vieh sein?« Sie ordnet eine Untersuchung des Schrankes beim Schein der Küchenlampe an; Bertha und die titanenhaft gewachsene böhmische Köchin Klara begeben sich mit einer gewissen Zimperlichkeit an die Durchforschung des Schrankinnern, sie wagen die Dinge nur mit dem ausgestreckten Zeigefinger vom Platze zu rücken und schneiden ängstliche Gesichter. Die gnädige Frau ermutigt sie, zuerst in Güte, dann befehlend, aber ihr graut selbst vor dem Gedanken, unvermutet mit der Hand auf den eklen Wurm zu stoßen. Die Recherchen verlaufen resultatlos. Die sechzehnjährige Hedwig, das etwas exaltierte zarte Töchterchen, wird von einer starken Erregung befallen, die sich in roten Flecken auf Kinn und Wangen verrät. »Mama,« ruft sie, »mich ficht ein schrecklicher Gedanke an; wenn wir am Ende heute Mittag – es ist so dunkel in der Küche – es wäre ja möglich...« »Aber Kind! Du bist doch überspannt.« »Wir haben Zwetschenröster gehabt, Mama – oh, es ist ein furchtbarer Gedanke...« Das junge Mädchen schüttelt sich. Ihre düsteren Vorstellungen beginnen Mamas Phantasie anzustecken. »Und vorher Spinat...« sagt sie plötzlich dumpf und wie zu sich selber. Die Nachforschungen nach dem zweiten Blutegel werden fortgesetzt. Ohne Erfolg! Die zarte Hedwig schreit plötzlich laut auf, dann springt sie hoch in die Luft und wankt auf das Sofa. »Kind?« ruft die Mama in höchster Verwirrung. »Ich bin auf etwas getreten!« stößt die von dem Schreckbild des Blutegels Verfolgte heraus. Es war eine Orangenschale, die auf dem Teppich lag, nichts weiter. Man schleicht auf den Fußspitzen umher, wie in einem Krankenzimmer. Nur Fritzi bleibt beherzt, er ist zur Zeit der einzige Mann im Haus, und durchquert, mit der Armbrust bewehrt, alle Wohnungsräume, alle – Es wird Abend. Der Herr des Hauses kehrt aus dem Bureau heim. Die Gattin wollte ihm die Angelegenheit verschweigen, so lange es eben angegangen wäre, aber man hatte vergessen, Fritzi Diskretion aufzuerlegen, und der lief dem Schöpfer seiner Tage schon auf dem Korridor entgegen, um denselben mit dem fait accompli zu überraschen: »Papa, Papa, ein Blutegel ist uns auskommen!« Der Vater achtet zuerst gar nicht darauf, umarmt Weib und Kind und macht sich über das Abendblatt her. In dieser Beschäftigung stört ihn nach einiger Zeit Stimmengewirr von nebenan. Fritzi weint und wehklagt, er will nicht zu Bett gebracht werden. Mama ist in heller Verzweiflung: »Papa,« ruft sie ins Eßzimmer dem Gatten zu, »bitte, komm doch, der Bub' ist nicht zu bändigen!« »Papa,« heult Fritzi, »ich trau' mich nicht ins Bett, ich fürcht' mich, daß der Blutegel in der Nacht kommt und mich auszuzelt!« Nun kommt die Sache zur Sprache. Fritzi wird endlich beruhigt, und nachdem ihm der Vater mit Handschlag und Ehrenwort versprochen hat, daß die Lampe die ganze Nacht brennen – was die Blutegel über alles hassen – und eine Wache an seinem Bett aufgestellt werden soll, läßt er sich mit Versprechungen und Trostworten einschläfern. »Wo ist denn der zweite Blutegel nur eigentlich hingekommen?« sagt der Gatte, nachdem diese Affäre beigelegt ist, mit forcierter Ruhe. Mama zuckt die Achseln, Hedwig sieht den Vater mit heldenmäßig niedergekämpftem Entsetzen an. »Da müssen die Mädchen ordentlich nachsuchen, im Vorzimmer oder in der Küche muß er sein, heute noch müssen sie nachschauen, aber nicht erst nach dem Nachtmahl.« – Er dachte noch ans Essen! Die Männer! Nach einiger Zeit kommt das Abendbrot auf den Tisch. Des Familienoberhauptes Lieblingsgericht, »Beuschel mit Knödel« – ordinär, aber gut. Es wird schweigend ausgeteilt. Aber der Herr des Hauses wird allmählich von geheimen Vorstellungen schrecklicher Art beunruhigt, er sondiert mit der Gabel lange Zeit in dem Fleischgericht und äugelt dazwischen verstohlen nach seiner Gattin, und diese beugt tiefer, als es sonst ihre Gewohnheit ist, das sorgenvolle Haupt über den dampfenden Teller, als suche sie etwas. Die ätherische Hedwig verschmäht unter einem unglaublichen Vorwand das Fleisch und würgt unter geheimen Schauern die kleinere Hälfte eines Kloses hinab. Eine wortarme schwüle Stimmung. »Habt ihr denn auch unter dem Schrank nachgesehen?« sagte der Familienchef plötzlich. »Überall!« antwortete die Hausfrau mit hoffnungslosem Ausdruck. Hedwig seufzt. Endlich legt Papa die Serviette auf den Tisch, zündet sich flüchtig eine Zigarre an und – mobilisiert. Bertha und Klara werden mit brennenden Lichtern ausgerüstet und der Haushaltungsvorstand leitet die Nachforschungen mit Umsicht und Bravour. Er ist überall der Erste, Mutigste; er verschmäht es nicht, der Klara, die enorm groß ist, den Stuhl zu halten, damit sie auf den Schrank sehen kann, er rückt mit der muskulösen Bertha den Kasten von der Wand, sie knien zu dreien auf der Erde und leuchten unter die »Anrichte« in der Küche, unter das Klavier, hinter den Ofen, zwischen die Bücher der Bibliothek. Alles vergebens. Der Kommandant der Verfolgungstruppe sieht alle Hoffnung schwinden. Hedwig sitzt wachend bei Fritzis Bett; die Füße möglichst an sich hingezogen, starrt sie vor sich hin; sie sieht überall, an den Bilderrahmen und an den Wänden den Ausreißer aus dem eklen Geschlecht der Blutegel träge hinankriechen. Dann blickt sie wieder auf den kleinen Schläfer, der manchmal im Traum zusammenzuckt, als quälten ihn ängstliche Phantasien. Bald wird sie durch Mama abgelöst. Klara – das Riesenmädchen aus Slawonien – erklärt der Gnädigen, daß sie kein Auge zutun würde und es vorziehe, für diese Nacht bei ihrer Kollegin im ersten Stock Gastfreundschaft zu suchen; es wird ihr gewährt. Man kann niemand zwingen, die Nacht in einer Wohnung zu verbringen, in der sich ein Blutegel herumtreibt. Das andere Mädchen, Bertha, muß aber ausharren. Diese strotzenden, roten, blutreichen Arme, die sie immer bloß trägt und die die ganze Wonne eines Korporals vom Train sind – ja, das wäre wohl eine Delikatesse für den vielleicht schon auf der Lauer liegenden, ruchlosen Bluthund aus dem Wurmgeschlecht. – Die Soldatenbraut sitzt am Küchentisch bis über die Mitternacht hinaus, weinend; dann schreibt sie zwei Briefe, einen an ihre Mutter und einen an »ihn«. Sie bereitet beide schonend auf eine gewisse tragische Möglichkeit vor. Hedwig war lange Zeit erfolglos zum Schlafengehen aufgefordert worden, die elterliche Energie erschlaffte an diesem Abend ganz und gar. Nur er regierte, er hielt alle in Angst und Sorge: der Blutegel. Hedwig hatte das Meyersche Konservationslexikon herbeigeholt und studierte – überflüssig zu sagen, welchen Absatz. Eine Gänsehaut überlief sie, als sie las, daß dieses abscheuliche Gezücht mit seinen Kiefern, die wie eine Kreissäge wirken, die Haut der Warmblüter durchsägt, daß alle seine Arten die Menschen angreifen, daß sie sogar in den Rachen, in die Kehle und Luftröhre gelangen und zwanzig Jahre alt werden, so alt wie ein stark heiratsfähiges Mädchen. Man denke, ein heiratsfähiger Blutegel! Der Artikel über diesen häßlichen, schmutzig-grünen, gewalttätigen, kalten, schlüpfrigen, plumpen, blutgierigen, aus Sumpf und Schlamm stammenden Ringelwurm erhitzte ihre Phantasie, und als sie ihn zum drittenmal gelesen hatte, erklärte sie, heute überhaupt nicht zu Bett gehen zu wollen, weil sie ganz gewiß dort nur ein hitziges Nervenfieber bekommen würde. Dazwischen griff sie manchmal plötzlich unter den Tisch. »Furchtbar nervös ist das Kind!« sagte die Mama rügend, aber sie zuckte selber ein paarmal zusammen, wie unter einem unvorhergesehenen schmerzhaften Biß. »Ihr seid komisch,« sagte der pater familias mit saurem Lächeln, »ist das Vieh wirklich, in den Zimmern, so schläft es jetzt. Ihr könnt ja zur Vorsicht das Licht brennen lassen. Es ist zehn Uhr, höchste Zeit!« Die drei begaben sich nach diesem Ausspruch endlich in ihre Schlafzimmer. Die Kaltblütigkeit des Hausherrn war keine ehrliche, ein leiser Schüttelfrost des Ekels überlief ihn, wenn er an die Möglichkeit eines unvorhergesehenen Überfalls dachte, und vorläufig setzte er sich angezogen auf den Stuhl vors Bett und rauchte eine dritte und eine vierte Zigarre. Hedwig riegelte sich in ihre Kemenate ein, sie hatte vorher aus dem Eßzimmer noch die Karaffine geholt und beim Schein von zwei Kerzen ihre bebenden Glieder mit Essig gesalbt, da im Lexikon erwähnt war, daß die gierigsten Blutegel durch Kochsalzlösung oder Essig um den Appetit gebracht werden. Mama legte nun in derselben heimlichen Abgeschlossenheit eine Rüstung aus Wolle an, sie zog dicke Winterstrümpfe über Hände und Arme und bettete sich in Korsett und Schuhen auf die Chaiselongue. Eine mit Seufzern, Angst, Herzklopfen, nervösen Zuckungen, wüsten Träumen und Bangen erfüllte Nacht. Hedwig behauptete am anderen Morgen in ihrer übertriebenen Weise, sie sei um zehn Jahre älter geworden. – Aber die Gefahr war für diese Nacht überwunden, der nächste Tag sollte ausschließlich der Egeljagd gewidmet sein. Gegen 10 Uhr kam der Doktor. Er erkannte sofort, daß sich in diesem Hause etwas Furchtbares ereignet haben mußte, von Fritzi bis zu der Riesenköchin aus Slawonien schien alles von der Reaktion einer gewaltigen Erregung ergriffen zu sein. Sie waren düster und schweigsam, wie nach einer großen Katastrophe. »Hier ist Ihr Gläschen, Herr Doktor!« sagte die Hausfrau »entschuldigen Sie, es ist nur nach einer darin.« Der Arzt blickte in das Gläschen und dann auf Fritzis Mama. »Wieso? Ja so, es ist wahr, ich habe gestern zwei bringen wollen, aber im Wagen, da hat's so geschwappert, und da ist, ohne daß ich's bemerkte, einer herausgehupft, gerad' zuvor habe ich den armen Kerl zwischen den Sitzpolstern im Wagen gefunden, schon ganz vertrocknet ...« »Oije!« rief Fritzi, sich übermütig aufs Bein schlagend. Die Gesichter der anderen hellten sich auf, als der Arzt so sprach. Hedwig wandte sich ab und faltete ihre nervösen Hände zu einem Dankgebet, die Hausfrau war verlegen und die gewaltige Köchin stieß einen Riesenseufzer der Herzenserleichterung aus, Bertha weinte. Als der Herr des Hauses Mittags mit zwei Dienstmännern, die er zu dem Verfolgungszug gegen den verborgenen Feind aufgenommen hatte, erschien, war alles wieder ruhig geworden. Gereimtes Zu den Geschichten des vorigen Abschnittes gehörte manches, was hier in gereimter Form gebracht wird. Tiergeschichten und Erlebnisse mit Tieren lockten immer, sie in gebundener Form weiterzugeben. So finden wir sie schon als »Fliegendes Blatt« im Mittelalter. Selbstverständlich bedienten sich auch die Moralisten und andere Dichter des 18. Jahrhunderts der Tiere, um den Menschen die Wahrheit zu sagen. (Abraham a Santa Clara.) Schließlich lockte die Überzahl von Tiergedichten auch zu lustigen Parodien, von denen hier wenigstens ein Probe gegeben sei. Daß fast alle großen Dichter ihre Freude an den Tieren fanden und sie auch festlegten (Goethe – Flohgedicht), beweisen auch die schelmischen Gedichte von Möricke und Storm, denen Hoffmann von Fallersleben mit seinen derben Gedichten von dem Streit der Katzen und Hunde eine fröhliche Ergänzung gibt. * Die gefährliche Schnecke. Es sind einmal drei Schneider gewesen, Sie hab'n einen Schnecken für ein' Bären angesehen. Sie waren dessen so voller Sorgen, Sie haben sich hinter ein' Zaun verborgen. Der erste sprach: »Geh' du voran«, Der andre sprach: »Ich trau' mich nicht 'ran.« Der dritte, der war wohl auch dabei, Er sprach: »Der frißt uns alle drei.« Und als sie sind zusammen kommen, So haben sie das Gewehr genommen. Und da sie kommen zu dem Streit, Da machte ein jeder Reu' und Leid. Und da sie auf ihn wollten hin, Da ging es ihnen durch den Sinn: Heraus mit dir, du Teufelsviech, Wann du willst haben einen Stich! Der Schneck, der kroch zum Haus heraus, Die Schneider zittern, es ist ein Graus. Und da der Schneck das Haus bewegt, So haben die Schneider das Gewehr abgelegt. Dar Schneck, der kroch zum Haus heraus, Er jagt die Schneider beim Plunder hinaus. Fliegendes Blatt. * Die Fischpredigt des heiligen Antonius von Padua. Von Abraham a Santa Clara. Antonius zur Predig Die Kirche find't ledig, Er geht zu den Flüssen Und predigt den Fischen: Sie schlagen mit den Schwänzen, Im Sonnenschein glänzen. Die Karpfen mit Rogen Sind all' hierher 'zogen, Hab'n de Mäuler auf'rissen, Sich Zuhörens beflissen: Kein' Predig niemalen Den Karpfen so gefallen. Spitzgoschete Hechte, Die immerzu fechten, Sind eilends her'schwommen, Zu hören den Frommen: Kein' Predig niemalen Den Hechten so gefallen. Auch jene Phantasten, So immer beim Fasten, Die Stockfisch' ich meine, Zur Predig erscheinen: Kein' Predig niemalen Dem Stockfisch so gefallen. Feine Aale und Hausen, Die immer fett schmausen, Sich selber bequemen, Die Predig vernehmen: Kein' Predig niemalen Den Aalen so gefallen. Auch Krebse, Schildkroten, Sonst langsame Boten, Steigen eilend vom Grund, Zu hören diesen Mund: Kein' Predig niemalen Den Krebsen so gefallen. Fisch' große, Fisch' kleine, Vornehme, Gemeine, Erheben die Köpfe Wie verständ'ge Geschöpfe: Auf Gottes Begehren Antonium zu hören. Die Predig geendet, Ein jeder sich wendet, Die Hechte bleiben Diebe, Die Aale viel lieben. Die Predig hat g'fallen, Sie bleiben wie alle. Die Krebs' gehn zurücke, Die Stockfisch bleiben dicke, Die Karpfen viel fressen, Die Predig vergessen. Die Predig hat g'fallen, Sie bleiben wie alle. * Die Katzen und der Hausherr. Tier' und Menschen schliefen feste, Selbst der Hausprophete schwieg, Als ein Schwarm geschwänzter Gäste Von den nächsten Dächern stieg. In dem Vorsaal eines Reichen Stimmten sie ihr Liedchen an, So ein Lied, das Stein' erweichen, Menschen rasend machen kann. Hinz, des Murners Schwiegervater, Schlug den Takt erbärmlich schön, Und zwei abgelebte Kater Quälten sich, ihm beizustehn. Endlich tanzen alle Katzen, Poltern, lärmen, daß es kracht, Zischen, heulen, sprudeln, kratzen, Bis der Herr im Haus erwacht. Dieser springt mit einem Prügel In dem finstern Saal herum, Schlägt um sich, zerstößt den Spiegel, Wirft ein Dutzend Tassen um; Stolpert über ein'ge Späne, Stürzt im Fallen auf die Uhr Und zerbricht zwei Reihen Zähne. – »Blinder Eifer schadet nur!« Aus M. G. Lichtwers Fabeln. * Allerlei Getier. Der Krebs ist ein besondres Tier, Strebt immer rückwärts mit Begier Grad' wie gewisse Leute! Acht Beine gab ihm die Natur, Von Fortschritt zeigt er keine Spur: Im Leben wird er niemals rot, Bekommt erst Farbe, wenn er tot, Grad' wie gewisse Leute! Der Aal ist auch so ein Patron, Der zeigt die schwarze Hülle schon Grad' wie gewisse Leute! Wenn man schon meint, daß man ihn hat, So schlüpft er durch die Finger glatt, Er schlängelt sich durch jeden Raum, Und umzubringen ist er kaum, Grad' wie gewisse Leute! Die Auster schließet zu ihr Haus, Läßt niemand ein, kommt nie heraus, Grad' wie gewisse Leute! Sie stillet ihren Appetit An Orten, wo es niemand sieht, Und öffnet sie von selbst das Maul, So ist sie auch ganz sicher faul, Grad' wie gewisse Leute! Der Fuchs ist auch ein schlaues Tier, Tut fromm bei aller Diebesgier, Grad' wie gewisse Leute! Wenn er die Beute hat verschmaust Und gleich nachher noch ärger haust, Schleicht er mit frommer Mien' umher, Als ob nichts vorgefallen wär', Grad' wie gewisse Leute! Ein störrisch Biest ist das Kamel , Hat seines Eigensinns kein Hehl, Grad' wie gewisse Leute! Es tappst plump in die Welt hinein, Das Maul ist groß, das Herz ist klein, Und wenn auch schwach bestellt das Hirn, Zeigt es doch eine dreiste Stirn, Grad' wie gewisse Leute! Ein gar dickfällig dummes Oos Und faul ist das Rhinozeros , Grad' wie gewisse Leute! Es ist trotzdem ein großes Tier, Wird respektiert weit im Revier, Ist stolz darauf, man sieht's ihm an, Daß niemand ihm zu Leibe kann, Grad' wie gewisse Leute! * Der Esel. Hab' nichts, mich dran zu freuen, Bin dumm und ungestalt, Ohn' Mut und ohn' Gewalt; Mein' spotten und mich scheuen Die Menschen, jung und alt; Bin weder warm noch kalt; Hab' nichts, mich dran zu freuen, Bin dumm und ungestalt; Muß Stroh und Distel käuen, Werd' unter Säcken alt – Ach, die Natur schuf mich im Grimme! Sie gab mir nichts, als eine schöne Stimme. Matthias Claudius. * Ode an das Schwein. Der Wiener Jesuitenpater und Dichter Aloys Blumauer besang einmal das Schwein in folgenden anmutigen Versen: Heil dir, geborstetes, ewig geworstetes, Dutzend-geborenes, niemals geschorenes Liebliches Schwein! Krummhakenbaumelnd, Mistpfützentaumelnd, Grunzen erzeugend, Ferkelchen säugend Bist du, o Schwein! Dichter begeistert du, Eicheln bemeisterst du, Unflat verzehrest du, Christen ernährest du, Gütiges Schwein! Heil dir drum, ewiges, immerfort schäbiges, Niemals gereinigtes, vierfach gebeinigtes, Liebliches Schwein! Heil, Heil! und dreifach Heil! Dem Schwein und seinem Hinterteil! * Eine traurige Geschichte. Ein Hering liebt' eine Auster Im kühlen Meeresgrund; Es war sein Dichten und Trachten, Ein Kuß von ihrem Mund. Die Auster, die war spröde, Sie blieb in ihrem Haus; Ob der Hering sang und seufzte, Sie schaute nicht heraus. Nur eines Tages erschloß sie Ihr duftig Schalenpaar; Sie wollt' im Meeresspiegel Beschauen ihr Antlitz klar. Schnell kam der Hering geschwommen Streckt seinen Kopf herein, Und dacht' an einem Kusse In Ehren sich zu freun. O Harung, armer Harung, wie schwer bist du blamiert! – Sie schloß, in Wut ihre Schalen, Da war er guillotiniert. Jetzt schwamm sein toter Leichnam wehmütig im grünen Meer, Und dacht': »In meinem Leben Lieb' ich keine Auster mehr!« Joseph Victor v. Scheffel (1826–1886). * Huhn und Hecht. Zu Passau saß am Morgen der alte Probst allein, Da trat zu ihm ein Diener geheimnisvoll herein: »Verzeiht, daß ich Euch, störe so früh am Tage schon, Doch heischt die Pflicht, zu klagen, spricht man der Satzung Hohn. Der Negerknabe, welchen in Japan Ihr gekauft, Und den zu seinem Heile Ihr kürzlich hier getauft, Der aß zum Morgenimbiß heut ein gebraten Huhn, Obwohl's an einem Freitag verboten ist zu tun.« »Ruft mir den Frevler, daß ich ihn strafe nach Gebühr!« Und bald schritt auch der Neger herein zur Zimmertür. Da spricht der Probst mit Zürnen: »Bekenn' es offen nun: Wie konntest du genießen am heut'gen Tag das Huhn?« Doch dieser: »Wahrlich nimmer hätt' ich mich des erfrecht, Auch war mein Morgenimbiß kein Huhn, es war ein Hecht!« Der Diener drauf: »Ha, Frecher, der uns zu täuschen denkt, Es war das Huhn, das gestern Hochwürden Euch geschenkt.« »Es war das Huhn von gestern? – Nun ja, da habt Ihr recht; Doch als ich's aß, da war es kein Huhn, da war's ein Hecht.« »Wie soll ich das verstehen?« der Probst verwundert spricht, »In einen Hecht verwandeln kann doch ein Huhn sich nicht?« »Und dennoch ist's nicht anders,« nimmt jener drauf das Wort, »Und sprech' ich eine Lüge, so jagt sogleich mich fort; war ich doch selbst vor kurzem ein Heide, blind und taub, Und ohne Eure Milde der Finsternis zum Raub. Da gosset Ihr mir Wasser aufs Haupt mit eigner Hand Und spracht: von jetzt ab, Ali, bist Ambros du genannt; Und wie Ihr mir, dem Heiden, getan nach Christenbrauch, Ei seht, so tat ich eben an jenem Huhne auch. Bevor ich's aß, begoß ich's, und glaub' mit gutem Recht, Und sprach darauf zum Huhne: ›Jetzt, Huhn, bist du ein Hecht!‹ Und so als Hecht genoß ich! das frühere Huhn sodann; Darum verzeiht mir, wenn ich Euch nicht nach Wunsch getan.« Wohl zieht sich da zum Lächeln des Probstes Angesicht: »Für diesmal noch entrinnen magst du dem Strafgericht; Doch laß in künftgen Fällen das Taufen mir allein, Sonst dürft' nicht sehr willkommen dafür mein Dank dir sein.« Johann Nepomuk Vogl . * »Kommt a Vogerl geflogen.«. (Wie verschiedene Dichter dieses Volkslied gedichtet hätten.) Friedrich Schiller: Durch des Weltalls Riesenatmosphäre, Nach dem Urgesetz der Schwere, Schwirrt auf Zephirs Zwillingsflügeln Zu des Diesseits goldbesonnten Hügeln, Übers schaumgekrönte Donnermeer Ein ambrosisch Vöglein her. Gleich dem Hypograph der Fabel Hält's die Zauberschrift im Schnabel, Die 's mir zitternd übergibt. Ha, was seh ich? Bei der Schaumgebornen, Ha, von Laura, meiner Gotterkornen, Ein poetisch Manuskript!   Ludwig Uhland: Es flog von früh bis abend ein Vöglein hin und her, Weit flog es über die Lande, bis an das blaue Meer. Bis wo im hohen Schlosse das Saitenspiel erbraust, Und wo der stolze König mit stolzen Mannen haust. Dort bringt's der Königstochter gar holden Minnegruß Und setzt sich, träumespinnend, dem Mädchen auf den Fuß. Sie aber, hold zerflossen von sel'ger Minnelust, Sie steckt ihm in den Schnabel die Rose von ihrer Brust.   Ferdinand Freiligrath: Was durchsaust wie Ungewitter fern den Kral der Hottentotten, Daß die braunen Wüstensöhne bebend sich zusammenrotten? Ha, ich fühl es, beim Propheten! Ja, beim Dattelschnaps! ich ahne, Von beschwingten Vögeln ist es eine Geisterkarawane. Und der erste, dessen Büschel hinten so verwirrt und kraus ist, Der nach meinem Vogelhandbuch offenbar ein Strauß ist, Ha, der bringt von meiner Fatme Briefe mir, der wackre Zieher. Auf, den muß ich jubelnd grüßen, und begrüß ihn mit Gewieher!   Victor von Scheffel: Am öden Gestade im Feuerland hockt durstend ein deutscher Student, Da fliegt was heran, was der Bursche sofort als Larus marinus erkennt. Am öden Gestade im Feuerland brüllt's weit in die Lüfte hinaus: O Vogel, du bringst mir Kunde gewiß, vom nächsten Hofbräuhaus! Am öden Gestade im Feuerland da schreit der Vogel: Halt an! Hier gibt's nur rheinischen Apfelwein, den man nicht trinken kann. Am öden Gestade im Feuerland da brummt der Bursche: Kein Bier? Ja, lieber Vogel, dann frag' ich dich, was tut und treibt man denn hier? Am öden Gestade im Feuerland lacht's kreischend: Wie dumm bist du, Ich mach' Guano scheffelweis, mach' du nun ein Lied dazu!   Richard Wagner: Ein preislich Vöglein flügelt und flattert Vom hohen Himmelshaus herab zum Herdbord, Der schnelle Schnabel schluckelt ein Schnitzlein Papiernen Prunktums preisbares Prachtwerk. Ein Gruß, ein grumlich grabbliger Goldgruß Von kosig-keuscher, kerzschlank kräftiger, Köstlicher Kosima.   Heinrich Heine: Aus heiliger Wolkenhöhe schwingt sich ein Vogel zu Tal, Die schneeigen Schwingen leuchten Im rosigen Abendstrahl. Er hält ein Blatt im Schnabel, Das die Liebste gesendet mir hat, sieh da, nun läßt er was fallen – Doch leider nicht das Blatt. Verfasser der Parodien unbekannt. * Eine Hundegeschichte. Ach, Männchen, unser Hund ist fort, Der schöne Affenpinscher! Den muß ich suchen! rief der Mann, Und fort lief Meister Kintscher. Er sucht? O nein, er lief Ins Wirtshaus ohne Pause, Und statt des Affenpinschers bracht Er einen Spitz nach Hause. * Eine merkwürdige Geschichte. Es war einmal ein Pinscherhund, Der war so kreuzfidele, So wie man es nur wünschen kunnt Von einer Hundeseele. Ein Liebchen hatt' der Pinscherhund; Das Liebchen hieß Pamele, So wie man es nur wünschen kunnt von einer Hundeseele. Pamele ward Frau Pinscherhund Und blieb stets kreuzfidele, So wie man es nur wünschen kunnt von einer Hundeseele. * Der Haifisch. Von K. G. Nadler. Draus uffem große weite Meer Do segelt e Schiff; un hinnerher, Kaam hunnert Ehle hinnerm Steuer, Schwimmt e g'fräßig grimmig Ungeheuer, Drei Raihe Zähn im offene Maul, – E Haifusch, wo en ganze Gaul, Wie g'schweih en Mensch, un wär's der gröschte Mann, Wie unsereens e Kuschter schlucke kann, Fällt was vum Schiff ins Meer enein, Glei is der Haifusch hinnedrein, 's mag sein, was 's werd nig geguckt, Alles grimmig verbisse, viel aa nunnerg'schluckt, – E dodter Hund, a Katsche Dreck, –er kummt halt g'schosse, Er meent, er dürft nix schwimme losse,' was er packe kann, des muß in Fetze, Un wär's aa nar um die Zähn dran zu wetze,' Er beißt aus Hunger und beißt zum bloße Zeitvertreib, Un's Ärgscht is, mar kannem selde zu Mar sichten nit oft, des is des Schlimme, weil er mehrrendeels unnerm Wasser dut schwimme. Doch wann mar, e recht Schtück, Schpeck dran wendt, Do fängten midunner 's Schiffsvolk am End. – Wär's nit in Raffs Nadurg'schicht zu lese, Wollt ich noch viel verzähle vun seim Treiwe un wese – Ihr habbt so zimmlich 's Bild, wann ihr euch denke könnt: 's Zchiff wär e Autor, un der Haifusch e Rezensent. * Storchenbotschaft. Von Eduard Mörike. Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad, Steht hoch auf der Heiden, so frühe wie spat' Und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier hätt'! Ein Schäfer tauscht nicht mit dem, König sein Bett. Und käm' ihm zu Nacht auch was Seltsames vor, Er betet sein Sprüchel und legt sich aufs Ohr; Ein Geistlein, ein Hexlein, so lustige Wicht', Sie Klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht. Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt: Es knopert am Laden, es winselt der Hund; Nun zieht mein Schäfer den Riegel – ei schau! Da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau. Das Pärchen, es machet ein schön Kompliment, Es möchte gern reden, wenn es nur könnt'! was will mir das Ziefer? – ist so was erhört? Doch ist mir wohl fröhliche Botschaft beschert. Ihr seid wohl dahinten zu Haufe am Rhein? Ihr habt wohl mein Mädel gebissen ins Bein? Nun weinet das Kind und die Mutter noch, mehr, Sie wünschet den Herzallerliebsten sich her? Und wünschet daneben die Taufe bestellt: Ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld? So sagt nur, ich käm' in zwei Tag oder drei, Und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei! Doch halt! warum stellt ihr zu, Zweien euch, ein? Es werden doch, hoff' ich, nicht Zwillinge sein? – Da klappern die Störche im lustigsten Ton, Sie nicken und knixen und fliegen davon. * Hund und Katzen. Mauskätzchen gab ein großes Fest Und hatte dazu geladen Bekannt' und Verwandte von Ost und West Und lauter Ihro Gnaden. Miau, miau, miau. Sie trieben vielerlei Possen und Scherz Und füllten sich weidlich den Ranzen, Und weil es nun eben war im März, So wollten die Kätzerlein tanzen. Miau, miau, miau. Doch alle die gnädigen Kätzerlein, Die gnädigen Kater und Katzen, Die konnten nichts als miauen und schrein Und schluchzen und pfuchzen und pfnatzen. Miau, miau, miau. Mauskätzchen schickt nach dem Pudel hin, Der konnte das Hackebrett schlagen, Der sollte sowas nach ihrem Sinn Auf dem Hackebrett vortragen. Miau, miau, miau. Der Pudel war ein gescheiter Mann, Eine bürgerliche Kanaille: »Was geht mich Dero Gesellschaft an, Ew. Gnaden Katzengebalge?« Wau wau wau wau! Heinrich Hoffmann von Fallersleben. * Hund und Katze. »Du willst mich kratzen, Katze? Mich kratzen, Katze, du? Birg, Katze, deine Tatze, Sonst, Katze, patsch ick zu.« So sprach der Hund zur Katze; Und sah sie patzig an. Mit einer süßen Fratze Die Katze drauf begann: »Mau, miau, miau, miau!« Die Katze drauf begann. »Lieb Hündlein, mußt mir schmeicheln Und tun recht sanft und zart, Du mußt mich kraun und streicheln: So will es meine Art. Glaub mir, daß ich nicht murre, Glaub mir es meiner Six! Ich schmiege mich und schnurre Und mache manchen Knicks. Miau, miau, miau, miau! Und mache manchen Knicks.« Da sprach der Hund zur Katze: »Ich geb dir keinen Schmatz, Ich fürchte deine Tatze, Du bist ein falscher Schatz. Wau wau, wau wau, wau wau, wau wau! Du bist ein falscher Schatz.« Heinrich Hoffmann von Fallersleben. * Die Hund' und die Katzen stritten sich. von H. Hoffmann von Fallersleben. Die Hund' und die Katzen stritten sich Und zankten sich um die Wette,, Wer unter ihnen urkundlich Den ältesten Adel hätte. »Wir haben ein ururaltes Diplom Langher von undenklichen Tagen, Was Remus mit Romulus einst zu Rom Gab allen Isegrimmsmagen.« »Zeigt uns, erwidern die Katzen, wohlan! Zeigt her die alten Briefe! was steht denn drinn, was hangt, denn drann? Wo sind sie, in welchem Archive?« Man schickte den Pudel eilig nach Rom Zum Ärger der Katzen und Kater, Der sollte holen das alte Diplom Herbei vom heiligen Vater. Der Pudel kommt ganz ungeniert Zum Papst hereingetreten; Und hat den Pantoffel ihm apportiert Und ihn dann höflich gebeten. Der Pudel empfing aus des Papstes Hand, Was das Hundevolk begehrte; Dann zog er wiederum in sein Land Auf seiner alten Fährte. Und als er kam an den Po bei Rom, Da schwamm vor ihm ein Braten, Er schnappte danach und verlor sein Diplom Und mußt es auf ewig entraten. So stand die Sache nun wie zuletzt, Der Streit blieb unentschieden, Und Hund' und Katzen halten bis jetzt Noch immer keinen Frieden. Die Hunde, die denken noch immer so: Wir werden sie schon überwinden! Sie suchen und forschen noch immer am Po – Und können den Adel nicht finden. * Von Katzen. Vergangnen Maitag brachte meine Katze Zur Welt sechs allerliebste kleine Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß mit schwarzen Schwänzchen. Führwahr, es war ein zierlich Wochenbettchen! Die Köchin aber – Köchinnen sind grausam, Und Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche – Die wollte von den sechsen fünf ertränken; Fünf weiße, schwarzgeschwänzte Maienkätzchen Ermorden wollte dies verruchte Weib. Ich half ihr heim! – Der Himmel segne Mir meine Menschlichkeit! Die lieben Kätzchen, Sie wuchsen auf und schritten binnen kurzem Erhobnen Schwanzes über Hof und Herd; Ja, wie die Köchin auch ingrimmig dreinsah, Sie wuchsen auf, und nachts vor ihrem Fenster probierten sie die allerliebsten Stimmchen. Ich aber, wie ich sie so wachsen sähe, Ich preis mich selbst und meim Menschlichkeit. – Ein Jahr ist um, und Katzen sind die Kätzchen, Und Maitag ist's! – wie soll ich es beschreiben, Das Schauspiel, das sich jetzt vor mir entfaltet! Mein ganzes Haus, vom Keller bis zum Giebel, Ein jeder Winkel ist ein Wochenbettchen: Hier liegt das eine, dort das andre Kätzchen, In Schränken, Körben, unter Tisch und Treppen, Die Alte gar – nein, es ist unaussprechlich. Liegt in der Köchin jungfräulichem Bette! Und jede, jede von den sieben Katzen Hat sieben, denkt euch! sieben junge Kätzchen, Maikätzchen, alle weiß, mit schwarzen Schwänzchen. Die Köchin rast, ich kann der blinden Wut Nicht Schranken setzen dieses Frauenzimmers; Ersäufen will sie alle neunundvierzig! Mir selber, ach, mir läuft der Kopf davon – O Menschlichkeit! wie soll ich dich bewahren! Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen! – Theodor Storm. * Der gescheite Storch. Von Paul Altheer . Ein Storch spazierte einst am Teiche, Da fand er eine Blindeschleiche. Er sprach: »Das ist ja wunderbar.« Und fraß sie auf mit Haut und Haar. Nun hatte er sie in dem Magen. Das konnten beide nicht vertragen. Drum sprach die Blindeschleich: »O Graus!« Und ging zur Hintertür hinaus. Der Storch besah das mit Verdruß. »Daß dieses mir passieren muß!« Dann fraß er, ohne lange Wahl, Den Schleichewurm zum zweitenmal. Er stemmte lächelnd mit Verstand, Die Hintertür an eine Wand Und sprach nach innen, zu der Schleiche: »Nun bitte, wenn du kannst, entweiche.« (Aus: »Der tanzende Pegasus.« Ein Buch boshafter und lustiger Verse. Verl. Art. Institut Grell Füßli, Zürich, 1922.) Scherzfragen und anderer Zoologischer Kram Dieser kleine Mitschnitt bringt einen Teil jenes voraussetzungslosen Blödsinnes, der sich in Scherzfragen, Druckfehlern und ähnlichen Harmlosigkeiten ergießt – und der doch so oft zum fröhlichen Gelächter reizt.   Welche Vögel können nicht hören? Die Tauben.   Welches Tier hat Talent zum Apotheker? Die Ziege, sie frißt Kräuter und, dreht Pillen.   Was ist ein Lawe? Ein Lawe ist ein Druckfehler, es muß heißen: ein Löwe.   »Warum halten sich alte Jungfern ein Kätzchen oder einen Schoßhund? Ein Elefant würde ihnen zu groß sein.   Warum heißt der Löwe Löwe? Weil er in der Wüste herum löwt!   Warum heißt die Hyäne Hyäne? Weil sie nur vereinzelt vorkommt, immer hie eene und hie eene!   Warum heißt der Gorilla Gorilla? Wenn er statt Gorilla Murillo hieße, wäre er ein Maler und hinge im Museum!   »Wieviel Schwänze hat eine Katze?« »Einen Schwanz!« »Falsch, eine Katze hat drei Schwänze!« »Wieso?« »Nun, keine Katze hat doch zwei Schwänze; eine Katze hat aber einen Schwanz mehr als keine Katze. Wenn nun keine Katze zwei Schwänze hat und eine Katze einen Schwanz mehr hat als keine Katze, so hat mithin eine Katze in Summa drei Schwänze.   Was ist schneller als ein Gedanke? Ein alter Droschkengaul; wenn man denkt, er fällt, dann liegt er schon!   Warum frißt ein Hund die Wurst nicht mit der Haut? Weil er sie mit der Schnauze frißt.   Warum haben die Frösche keine Haare? Weil sie von frühester Jugend herumsumpfen.   Warum kann ein Pferd kein Schneider werden? Weil es Futter frißt.   Welches ist das gefräßigste Tier? Der Hase, denn er frißt mit zwei Löffeln.   Welches ist der höflichste Fisch? Der Bückling.   Zu welchen Musikern gehört der Ochse? Zu den Hornisten.   Warum wedelt der Hund mit dem Schwanz? Weil der Schwanz kleiner ist als der Hund, wäre der Schwanz größer als der Hund, dann würde der Schwanz mit dem Hunde wedeln.   Welche Ähnlichkeit hat der Jagdhund mit der Stadt Hannover? Sie liegen beide an der Leine.   Wenn zwei Störche in einem Nest zusammen klappern, welcher ist dann die Störchin? Der, der das letzte Wort behält.   Welche Tiere sind bei der Schöpfung am schlimmsten weggekommen? Die Fische, sie wurden beschuppt.   wenn auf einem Raum zehn Sperlinge sitzen und man schießt einen tot, wieviel sitzen, dann noch im Baum? Keiner, denn die andern fliegen weg!   Welcher Papagei spricht nie ein Wort? Ein ausgestopfter!   Warum läuft der Hase über den Berg? Weil er durch den Berg nicht laufen kann!   Warum schließt der Hahn beim Singen die Augen? Weil er seine Noten auswendig kann!   Wann gehen die Hunde in das Königsschloß? Wenn sie hereingelassen werden.   Wie kann man mit einem Dutzend Stubenfliegen eine Million erwerben? Man läßt sie sich solange vermehren, bis sie eine Million sind!   Nach welchen Enten hungern die Ärzte? – Nach den Patienten.   »Was wird ein dreijähriger, braungefleckter Affe, der bei der Insel Helgoland ins Meer springt?« »Nun?« »Er wird naß!«   Was ist widersinnig? Wenn ein Pudel sich mopst und eine Flunder sich aalt.   Warum langweilen sich die Pferdeäpfel niemals? »Weil die Sperlinge für ihre Zerstreuung sorgen.«   Weshalb braucht ein Floh kein Geld? Weil er auch so große Sprünge machen kann.   Was ist der Unterschied zwischen einer Kuh und einem Geheimen Regierungsrat? Eine Kuh kann man melken, ein Geheimer Regierungsrat braucht sich das aber nicht gefallen zu lassen.   Welches ist der kälteste Vogel? Der Zeisig – denn er ist hinten eisig!«   Welches ist der wärmste Vogel? Das Mövchen – denn es hat hinten ein Öfchen!   Welches ist der musikalischste Vogel? Der Kanarienvogel – denn er ist der Vogel, der »kann Arien«!   Woran erkennt man, ob ein Floh ein Männchen oder ein Weibchen ist? – Man setzt den Floh auf die Hand. Springt er weg, dann ist es ein Männchen, springt sie weg, dann ist es ein Weibchen. * Zoologisches Alphabet. Von Wilhelm Cremer A. Der Affe. Ein sehr beliebtes Tier, weshalb sich manche Menschen fast täglich einen Affen kaufen. Abarten sind die Giraffen mit besonders langen Hälsen und die Schlaraffen, die man oft in feinen Weinlokalen trifft. B. Der Bär. Er ist sehr bärbeißig, und um ihn loszuwerden, bindet man ihn einfach einem Bekannten auf. Man erweist ihm damit einen wahren Bärendienst. Die Bärenhaut wird schon verkauft, ehe man den Bären hat, und jeder liegt gern auf der Bärenhaut. C. Das Chamäleon. Ein Geschöpf, das sehr schwer abzumalen ist, da es fortwährend die Farbe wechselt. Von dem ähnlich benannten Kamel unterscheidet es sich dadurch, daß es nie durch ein Nadelöhr geht. D. Der Drache. Ein sehr zahmes Tier, das unsere Kinder im Herbst an einer Leine in die Luft steigen lassen. Wegen seiner poetischen Gemütsart kommt der Drache häufig bei Balladendichtern und Opernkomponisten vor. E. Der Esel. Bekannt durch seine Gewohnheit, in einer Löwenhaut spazieren zu gehn. Auch liebt er es, schwere Säcke zur Mühle zu tragen, und wenn es ihm zu wohl ist, dann geht er aufs Eis. F. Der Fuchs. Lebt vom Gänsediebstahl, und obgleich alle Kinder singen: »Gib sie wieder her!«, tut er es doch nicht. Fuchsteufelswild wird er, wenn ihm die Trauben zu hoch hängen, und die Damen lieben ihn sehr, denn sie tragen ihn um den Hals. G. Die Gans. Im gebratenen Zustand der schönste Vogel. In der Jugend nennt man ihn Gänseklein. Leicht kommt man zu einer Gänsehaut, kann aber mit ihr nicht viel anfangen. Militärisch veranlagt sind die Gänse auch, sie haben den Gänsemarsch erfunden und schon im Altertum das Kapitol gerettet. H. Der Hund. Jeder, der auf den Hund gekommen ist und ein Hundeleben führt, weiß ihn zu schätzen. Hunde, die bellen, beißen nicht, doch gibt es auch Hunde, die das nicht zu wissen scheinen. Ist der Hund tot, dann besucht man sein Grab und sagt: »Hier liegt der Hund begraben!« I. Der Igel. Nur im Notfall als Taschentuch zu verwenden, und auch sonst ein übler Geselle, da er bekanntlich wie ein Igel säuft. Manche Igel sind sehr groß, und heißen dann Stachelschwein. K. Der Kater. Wegen seiner Sittenstrenge auch moralischer Kater genannt, aber sonst wenig beliebt. Er ist klug und weise und hat oft eine Kateridee. Weibliche Kater heißen Katzen. Man kauft sie oft im Sack, und des Nachts sind alle Katzen grau. L. Der Löwe. Sitzt meist als König der Tiere gelb und großmütig in seinem Käfig und freut sich, wenn ihm jemand zuruft: »Gut gebrüllt, Löwe!« Macht der Löwe eine Schiffsreise, dann nennt er sich Seelöwe. Eine sehr elegante Art, die nur in der feinsten Gesellschaft verkehrt, ist der Salonlöwe. M. Die Maus. Bedeutend kleiner als der Löwe, doch sind die Mauselöcher um so größer, da sich sogar die Menschen darin verkriechen, sobald sich jemand mausig macht. N. Die Nachtigall. Wird leicht mit anderen Vögeln verwechselt. Was dem einen seine Eule ist, ist dem andern seine Nachtigall. Auch Romeo und Julia zankten sich bekanntlich, ob es eine Lerche oder eine Nachtigall sei. vielleicht haben sie nur ein Grammophon gehört. O. Der Ochse . Steht meist in tiefem Sinnen vor einem Berg oder einem neuen Tor, weshalb man auch jede Denkarbeit »Ochsen« nennt. Es gibt viele Abarten, wie die Pfingstochsen, die Heuochsen, die Hornochsen, die Quadratochsen. P. Das Pferd . Ein kostbares Tier, König Richard bot ein Königreich für ein einziges Exemplar. Doch kann man auch einen Gaul geschenkt bekommen, darf ihm dann aber nicht ins Maul schauen. Mancher sitzt gern auf einem hohen Pferd, während andere die Schaukelpferde, die Karussellpferde und die Steckenpferde vorziehen. Q. Die Qualle . Ein Tier, das sich meist im Meer aufhält. Zu Lande findet man es nur, wenn man im Lexikon unter Q danach sucht. R. Der Rabe . Bekannt durch die aufopfernde Pflege seiner Jungen, weshalb man ähnlich geartete Menschen Rabenväter, Rabeneltern nennt. Obgleich der Rabe wie ein Rabe stiehlt, bringt er es als Unglücksrabe selten zu was. S. Das Schaf . Kommt häufig im Wasser vor, denn jeder ist froh, wenn er sein Schäfchen ins Trockne gebracht hat. Es wird auch Hammel genannt und zeigt gern im Reichstag den berühmten Hammelsprung, häufig findet man die beliebten Abarten, den Neidhammel und den Streithammel. T. Die Taube , hat die merkwürdige Gewohnheit, manchen Menschen im gebratenen Zustand ins Maul zu fliegen. Andere aber warten ihr ganzes Leben vergebens darauf. Am beliebtesten sind übrigens die gefüllten Tauben. U. Der Uhu . Ein unheimlicher Vogel, der früher viel in Ritter- und Gespenstergeschichten vorkam. Jetzt findet man ihn nur noch ausgestopft in Wirtshäusern und auf Bücherschränken. V. Der Vielfraß . Ein Tier von geradezu vorbildlicher Lebensweise, und man pflegt Menschen, die nach ihm benannt werden, heimlich zu beneiden, besonders wenn man selbst einen schwachen Magen hat. W. Der Wolf . Sehr neugierig. Sobald man von ihm spricht, kommt er, aber meist in Schafsfellen. Man muß mit ihm heulen, darauf legt er großen Wert. X. Die Xanthippe . Eine auch heute nach vorkommende Drachenart aus dem griechischen Altertum, gegen die schon der selige Sokrates vergebens kämpfte. Y. Der Yak . Eine melancholische Rinderart aus dem Innern Asiens. Denkt tagelang darüber nach, warum er eigentlich mit Y anfängt. Aber niemand weiß ihm das zu sagen. Z. Die Ziege . Ist die Kuh des armen Mannes, obgleich dieser eine richtige Kuh vorziehen würde. Die männliche Ziege heißt Bock und wird überall zum Gärtner gemacht. Auch in der Bierbrauerei wird er geschätzt. Manche Menschen sind sehr bockbeinig, lassen sich aber leicht ins Bockshorn jagen, besonders wenn sie einen Bock geschossen haben. * Druckfehler. »Ein reizender Damenfloh verschönte den Abend.«   »Meta wurde Gouvernante, denn sie hatte schon immer eine Vorliebe für kleine R inder gehabt.«   »Schon lange hatte sich Egon nach dem Genuß der Sommerfr ö sche gesehnt.« * Gedankensplitter. Ein Rabenvater und eine Affenmutter brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie einen lockeren Zeisig zum Sohn bekommen. Allerlei Durcheinander. Allerlei Späße und Witze, die auf Tiere und lustige Menschen sich beziehen – Überbleibsel von den vorhergehenden Abschnitten, sind hier zusammengestellt. * Das arme Schwein. Zu der Zeit, da die Fürsten noch ziemlich frei über das Eigentum ihrer Untertanen verfügen konnten, pflegte ein mitteldeutscher Duodezfürst, der das Schießen über alles liebte, manchmal auf einem Felde das erstbeste zahme Schwein, das er sah, totzuschießen. Ein Lauer, der auf solche Art ein solches Haustier verloren hatte, sagte: »Ich möchte nur wissen, was Serenissimus mit meinem Schwein für eine Ehrensache abzumachen gehabt hat, daß er ihm eine Kugel durch den Kopf geschossen hat.« * Der Mann, der keinem Esel wich. Einem Mann, der viel auf sich hielt, begegneten einst zwei Mülleresel. Er nahm sich vor, ihnen nicht aus dem Wege zu gehen. Der Erfolg war, daß ihn der eine Esel zu Boden stieß. Zornig raffte er sich aus dem Straßenschmutz wieder auf und rief dem Eseltreiber zu: »Kannst du Lumpenkerl deine Esel nicht aus dem Wege treiben, wenn ein honetter Mensch auf sie zukommt?« »Vergeben Sie es mir diesmal«, sagte der Eseltreiber. »Ich verspreche Ihnen, wenn Sie mir in Zukunft begegnen, dann will ich gleich rufen: Esel, geh' aus dem Weg!« * Eine alte Grabschrift auf einen Mopshund. Die Buhler ließ ich ein, Die Diebe jagt' ich fort, so konnten Herr und Frau Mit mir zufrieden sein. * »Das Pferd frißt Austern.«. Ein Engländer aus der Grafschaft Kent war auf einer Reise in einen heftigen Regen geraten und ging, ganz durchnäßt und zitternd vor Kälte, im nächsten Dorfe in ein Wirtshaus. Da er aber hier wegen der großen Menge von Menschen, die ebenfalls durchnäßt waren, nicht ans Feuer kommen konnte, um sich zu trocknen und zu wärmen, so rief er aus: »Herr Wirt, geschwind meinem Pferde eine gute Schüssel voll Austern!« »Was?« sagte der Wirt. »Dem Pferde Austern? Glauben Sie denn wirklich, daß es welche frißt?« »Tun Sie, was ich Ihnen sage!« war die Antwort des Fremden. Der Wirt trug nun die Austern zum Stall, und alle Gäste folgten ihm, um zu sehen, wie das Pferd Austern fressen würde, so daß der Fremde den schönsten Platz am Feuer hatte und sich behaglich trocknen konnte. Nach einer Weile kam der Wirt mit den Gästen zurück und sagte: »Sehn Sie, ich hab' es ja gleich gesagt, daß das Pferd keine Austern frißt!« »Na, wenn es so ist, dann will ich sie jetzt nur selbst essen!« antwortete der Fremde. »Ihnen, meine Herrn, aber danke ich, daß Sie mir so freundlich am Feuer Platz gemacht haben!« * Eine Kuh ist mehr wert als eine Frau. In einem Dorfe hatte sich ein Bauer von auswärts niedergelassen und auch bald die Freundschaft seiner Nachbarn erworben. Kaum aber war das erste Jahr verflossen, da starb ihm eine Kuh, die in seiner Herde die schönste und beste war. Es ging ihm sehr nahe, aber seine Frau hatte sich so darüber betrübt, daß sie krank wurde und starb. Der Bauer war untröstlich, und einige Nachbarn unterließen es nicht, ihn durch freundliche Worte aufzumuntern. Einer von ihnen sagte: »Eure Frau war eine wirklich brave Frau, das ist wahr, aber deshalb braucht Ihr doch nicht zu verzweifeln. Ihr bekommt leicht wieder eine Frau, ich wenigstens habe drei Töchter und will Euch gern eine davon geben, wenn Ihr mein Schwiegersohn werden wollt.« Ein anderer bot ihm seine Schwester, ein dritter seine Nichte zur Frau, an. »OH, lieber Himmel!« sagte jetzt der Witwer. »Nun sehe ich, daß es in diesem Dorfe besser ist, eine Frau als eine Kuh zu verlieren. Meine Frau ist kaum tot, da bietet man mir schon ein halbes Dutzend andere an. Als aber meine Kuh starb, kam kein einziger, mir eine andere anzubieten.« * Die entlaufenen Krebse. Ein Amtmann schickte einem befreundeten Doktor nach Helmstedt in einem verschlossenen Korbe Krebse und schrieb einen Brief dazu. Der Bote, der neugierig war, öffnete unterwegs den Korb, um nachzusehen, was darin sei, und da er ihn nicht wieder richtig verschloß, schlichen sich die Krebse bei einem Aufenthalt in einer Schänke säuberlich davon. Er merkte auch den Schaden erst, als es zu spät war, ging aber mit dem Brief zu dem Doktor und lieferte ihn ab. Der Doktor las ihn und sagte: »Freund, hier sind Krebse in dem Brief!« – »Gott sei Dank!« erwiderte der Bote beruhigt. »Das ist gut, daß sie im Briefe sind, denn im Korbe hatte ich sie schon vermißt.« * Der große Lachs. In Hamburg wurde einmal in der Elbe ein ganz ungewöhnlich großer Lachs gefangen, und viele Leute standen um den Fisch herum, die ihn staunend betrachteten. Unter diesen Zuschauern befand sich auch ein Bankier, der behauptete, er wüßte einen Menschen, der diesen Fisch bei einer Mahlzeit aufessen könnte, und es kam schließlich zwischen ihm und einem seiner Freunde deshalb zu einer Wette von zweihundert Dukaten. Der Bankier besaß einen Hausdiener, von dem er wußte, daß er unmäßig viel essen konnte. Er ließ ihn jetzt rufen und fragte ihn, ob er sich wohl getraue, diesen großen Lachs auf einmal aufzuessen. »Ja,« antwortet der Mann, »wenn er mein wäre, dann wollte ich es wohl versuchen!« Der Bankier lud ihn denn für den nächsten Tag zum Fischessen ein. Da er aber befürchtete, sein Mann würde doch den Appetit verlieren, ehe er mit dem gewaltigen Tier fertig war, so ließ er in Beisein seines Gegners den Fisch in vierundzwanzig Stücke teilen und jedes Stück auf andere Art zubereiten. Achtzehn Platten aß der wackere Hausdiener ganz ruhig auf, dann aber schaute er sich bei jeder neuen Platte unbehaglich um, so daß der Bankier, der ihn beobachtete, immer ängstlicher wurde. Bei dem einundzwanzigsten Gericht sagte endlich der Fresser ganz trocken: »Ja, wenn das Fischchen jetzt nicht bald kommt, dann weiß ich wirklich nicht, ob ich es noch zwingen werde.« * Ein gemeiner Mensch. In einer sächsischen Provinzzeitung stand folgende Anzeige: »Warnung! Derjenige, welcher sich erfrecht hat, meine schwarze Mausekatze durch Abhauung des Schwanzes zu entstellen und einzuschüchtern, wird hiermit ernstlich gewarnt, künftig dergleichen schändliche Arbeit zu unterlassen. Denn obschon er mir jetzt gleich noch im Dunkeln schwebt, so wird seine schwarze Seele doch einmal bekannt werden.« * Gute Antwort. Zu der Zeit, als man beim Eintritt in eine Stadt noch der Torwache seinen Namen nennen mußte, rief ein lustiger Student dem Wachtsoldaten zu: »Ich bin der studiosus juris Ochs!« sein Freund aber, der neben ihm im Wagen saß, rief: »Ich bin der candiatus medicinae Kuh!« Jetzt wollten ein dritter und vierter Student ähnliche Angaben machen, aber der Soldat sagte zu dem Kutscher: »Ich weiß Bescheid. Fahr' zu mit deinem Rindvieh!« * Die Stinte mit dem großen Maul. Eine Hökerin, die Stinte feilhielt, rief ihre Tiere auf dem Hof eines Hauses mit einer gellenden Stimme aus. Der aus seiner Ruhe aufgestörte Wirt steckte den Kopf zum Fenster hinaus und schrie: »Sie dummes Weib! Gehn Sie doch auf die Straße und schreien Sie hier nicht Ihre faulen Stinte aus!« – Aber die Hökerin war nicht auf den Kopf gefallen. »I, seh' Er doch mal!«rief sie zurück, »warum soll ich denn nicht schreien? wenn meine Stinte so 'n jroßet Maul hätten wie Er, denn könnten sie sich freilich allein ausrufen!« * Praktisch. »Wo haben Sie denn Ihren Hund?« »Die Steuer war uns zu hoch, da haben wir ihn verkauft. Wenn wir an der Tür ein verdächtiges Geräusch hören, bellen wir selbst.« * Eine Pferdegeschichte. Ein Herr erzählte folgende Geschichte: »Ein Lehrer sagte scherzhaft beim Naturunterricht: ›Jetzt habe ich aber eine Frage, wer mir die beantwortet, der braucht mir heute überhaupt keine Frage mehr zu beantworten. Wie viele Haare hat ein Pferd?‹ Alle Schüler schweigen, nur der kleine Moritz erhob sich und sagte: ›Herr Lehrer, ich weiß, es – 43 781 Haare!‹ Erstaunt fragte der Lehrer: ›Woher weißt du denn das?‹ Worauf der kleine Moritz antwortete: ›Herr Lehrer, das ist schon eine neue Frage, die ich nicht zu beantworten brauche!‹« Die Zuhörer lachen laut über die kleine Geschichte und die Schlauheit des kleinen Moritz. Am meisten amüsiert sich Frau Oppenheim, die mit ihrem Mann anwesend ist, und wie sie am nächsten Tag mit ihm eine andere Gesellschaft besucht, kann sie sich nicht enthalten, auch ihrerseits die hübsche Geschichte vorzutragen. Glücklich kommt sie bis zur Antwort des kleinen Moritz, dann aber stockt sie. wird verlegen und fragt schließlich flüsternd ihren Mann: »Ach, Max, wieviel Haare hatte doch nun wieder das Pferd?« * Wie groß ist ein Stockfisch?. In London zankten sich zwei Naturgelehrte über die Größe eines Stockfisches. Der eine sagte, ein Stockfisch würde nie größer als drei Fuß. »Was?« unterbrach ihn der andere. »Ich habe selbst einen Stockfisch gesehen, der über fünf Fuß groß war.« Da sah ihn sein Freund von unten bis oben an. »Möglich ist es ja«, meinte er lächelnd. »Sie müssen aber dabei vor dem Spiegel gestanden haben.« * Hunde und Steine. Ein Italiener befand sich im Winter in Rußland und kam durch ein Dorf, wo er von einer großen Schar Hunde belästigt wurde. Er wollte einen Stein aufheben, aber der Stein war so fest angefroren, daß er ihn nicht losreißen konnte. »Oh, dieses verwünschte Rußland!« rief er verzweifelt. »Die Hunde läßt man laufen, und die Steine bindet man an!« * Aus dem Dschungel. »Er ist so kurzsichtig, daß er einen Stock für eins Schlange hielt.« »Kommt oft vor.« »Aber er hat nachher eine Schlange genommen, die er für einen Stock hielt, – und damit auf den Stock eingehauen, den er für eine Schlange hielt.« * Die Ursache. »Nanu – Zwei Ihrer Hennen haben mit Legen aufgehört? was war denn die Ursache?« »Ein Auto!« * Jagdglück. »Habe siebzehn Enten geschossen.« »Wilde?« »Wild war der Farmer, dem sie gehörten.« * Der stumme Papagei. Unter Ludwig dem Sechzehnten gab es bei Hof sehr viele frischgeadelte Höflinge, die sich durch eine sehr devote Gesinnung auszeichneten. Einer von ihnen kam zu Frau v. S. und bewunderte ihren Papagei, der aber nicht sprechen konnte. »Bringen Sie ihm doch das Sprechen bei, er könnte zum Beispiel rufen: Es lebe der König!« »Wenn er das könnte, bliebe er nicht lange hier!« antwortete die Marquise. »Aber warum denn nicht?« fragte erstaunt der Höfling. »Weil er dann geadelt würde und an den Hof käme!« war die Antwort. * Die Menagerie. »Was?« rief eine Frau zornig zum Fenster hinaus ihrem vorbeigehenden Mann zu. »Du besoffener Schlingel hast gesagt, du gingest bloß in die Menagerie? Statt dessen kommst du ja wieder grade aus dem Wirtshaus!« »Ganz richtig, Schatzerl«, antwortete der Mann. »Ich war auch in der Menagerie. Siehst, zuerst bin i zum Schwan gange, da war der Wein so passabel, aber 's Bier sauer, so geh' ich drauf zum Lamm , wo 's Bier sich trinken läßt, aber der Wein sauer ist. Das G'söff hat mi so stark an der Gurgel kratzt, daß ich, um net heiser z'wer'n, beim Hirschen a bisserl neig'schaut hab'; weil aber das lange Rumgehn Appetit macht, dacht' ich mer: mußt do 'n Ochsen heimsuchen, da bringen's mer unglücklicherweis' so zähe Kotteletten, daß mer de Gall aufg'stiegen is, die i beim Elefanten nunterg'schwemmt hab'; damit sich aber die G'schicht im Magen gehörig setzt, war glücklicherweis' der Bock glei in der Näh'; jetzt is aber d' Müdigkeit über mi kommen, drum hab' i mi beim Löwen a bisseln ausg'rast, aber erst beim Pfau soweit restauriert, daß ich mich bei der Enten hab' entschließen können, den Affen unterwegs noch mitzunehmen, und jetzt wollt' ich just zu der Katz' , um z'sehen, wie's mit meinem Nachtmahl heut ausschaun wird!« * Späte Erkenntnis. Bauer, dessen studierender Sohn endgültig durchs Examen gefallen ist: »Ach, wieviel Kühe hat mich dieser einzige Ochse gekostet!« * Unterhaltung im Zoo. »Um Gottes willen,« sagte Frau Tiger zu Direktor Bär, »die Wolfen ist schwer leidend, sie soll ein schlechtes Kotelett gefressen haben. Das ist ja eine unerhörte Schlamperei.« »Ach nein, gnädige Frau, daran liegt's wirklich nicht, die Wolfen, diese alte Intrigantin, hat bloß mal wieder jemand durch den Kakao gezogen, und dabei hat sie sich, die Schnauze verbrannt!« * Der Modehund. »Was ist denn das für 'n Hund?« »Das ist ein echter Petroleumhund!« »Ein Petroleumhund?« »Nun ja, Sie können auch sagen: Erdölterrier. ( Airedale-Terrier. ) * »Das Kamel.«. Zur Zeit, als Bismarck noch Reichskanzler war, hatte irgendeine Zeitung die Schwindelnachricht gebracht, der Kanzler wolle nach Südwestafrika reisen, um die eben erworbenen Kolonien in Augenschein zu nehmen. Auf die Frage einer hochgestellten Persönlichkeit, ob die Nachricht wirklich wahr sei, antwortete Bismarck: »Ja, aber ich reise nur auf dem Kamel, das diese Geschichte erfunden hat!« * Mißverstandene Predigt. »Eines Tages«, erzählt der nordamerikanische Pfarrer Herbert M. Niels in der Monatsschrift » Young Men «, »hatte ich mir den Sinnspruch: Wer wird siegen? zum Thema meiner Predigt erwählt und dieses durch Maueranschlag in der Stadt bekanntmachen lassen. Zu meinem nicht geringen Erstaunen erhielt ich im Laufe der Woche eine Postkarte, in der mir jemand auf meine mißverstandene Frage antwortete, daß ›Hacklers Pride‹ in Cambridgeshire ohne jeden Zweifel als erstes Pferd das Ziel passieren würde. Ich benutzte die nächste Predigt, um den Versammelten, unter denen sich viele Arbeiter befanden, den Wortlaut der Postkarte vorzulesen. Kaum war der Name des Pferdes genannt, so geriet auch die Mehrzahl der Anwesenden außer Rand und Land, rief ›Bravo‹ und ›That's allright‹ und hatte, danach zu urteilen, meine religiösen Ermahnungen ganz vergessen. Da es der Zufall wollte, gewann das Pferd tatsächlich, und seit dem Tage verbreitete sich in der Nachbarschaft das Gerücht, daß der Pfarrer von Bradford das siegende Pferd ›getippt‹ hatte. Mein Ruf stieg dadurch dermaßen, daß ich fortab nie über ein leeres Haus zu klagen hatte.« * Der Gewinner. Oberleutnant Reiner hieß im ganzen Korps der Wetterich. Er wettete um alles und gewann immer. Er wettete zum Beispiel, daß Leutnant Härtel, einer der besten Reiter im Regiment, die lammfromme, nahezu bigotte, 14 Jahre alte Schimmelstute Thusnelda, keine halbe Stunde feldmarschmäßig gepackt im Schritt reiten könne, daß sie ihm durchgehe, und zwar werde die Stute Punkt ¾ 10 Uhr auf die Minute Reißaus nehmen. Am nächsten Tage um ½ 10 besteigt der Leutnant Härtel die Stute und reitet belustigt spazieren. Alles ist gespannt und richtig, mit dem Schlag ¾ 10 Uhr legt die Stute die Ohren zurück und prescht ab. Um ¾ 10 Uhr waren nämlich die beiden Weckuhren abgelaufen, die Reiner rechts und links in die Packtaschen verstaut hatte, und das war sogar der gutmütigen Thusnelda zu viel gewesen. Solche und ähnliche Wetten gewann Reiner ständig. * Das Glück der Stummen. »Ihren schönen Hund haben Sie abgeschafft? Ich denke, Sie sind solch großer Tierfreund?« »Bin ich auch noch. Deswegen habe ich jetzt Fische. – Meine Töchter nehmen nämlich Gesangsunterricht im Hause.« * Der Osterhase. »Mutti der Osterhase ist ja immer noch nicht da.« »So telephoniere doch mal.« »Fräulein, bitte: Amt Hasenheide.« * Zerstreutheit. Ein seltenes Beispiel von Geistesabwesenheit erzählte ein amerikanische Blatt über einen Farmer in Vermont, der zum Markte fahren wollte. Er hob nämlich das Pferd auf den Karren, spannte sich selbst davor und fuhr los. Seinen Irrtum merkte er erst, als er bei dem Anblick der Marktstadt laut wieherte. * Echt amerikanisch. Von einem andern Bauern berichteten amerikanische Blätter, daß er das Krähen eines Hahnes so täuschend nachahmen konnte, daß sich sogar die Sonne täuschen ließ und nicht eher aufging, bis er gekräht hatte. * Ein drolliger Druckfehler. In einem Roman einer süddeutschen Zeitung hieß es: »Er kam zu spät, auf einer Bahre lag tot die einzig Geliebte, verzweifelt warf er sich auf die Knie und küßte schluchzend ihre bleichen Wanzen .« * Selbstkritik. In einer Gesellschaft erzählte jemand, es habe einst ein Schmuggler die List gebraucht, einem Hunde Spitzen um den Leib zu wickeln, über die Spitzen ein zweites Hundefell machen lassen und so die Zollwächter getäuscht. Sofort sagte einer der Zuhörenden: »Dieselbe Geschichte habe ich als Schaf gelesen.« * Fische unter sich. »Ich gondle stromabwärts in die Nordsee.« »Warum, Herr Hecht?« »Erstens treffe ich dort eine entzückende Krabbe, zweitens hat ein alter Karpfen von Arzt meiner Frau Süßwasser verordnet.« * Die Modegans. Käuferin: »Die Gans hat aber außerordentlich viel Knochen und wenig Fleisch.« Händler: »Ja, meine Dame, die ist auch von einer Modefarm, da wird die schlanke Linie gezüchtet.« * Schlimmes Zeichen. »Warum glaubst du, daß unser Hund krank ist?« »Er heult nicht mehr, wenn du singst.« * Rassenzucht. »Warum gebt ihr denn dem armen Hund nichts zu fressen?« »Det soll en Windhund werden!« * Ballgespräch. »Fräulein, möchten sie nicht gern ein Schwan sein?« »Ach nein, so den ganzen Tag mit dem Bauch im kalten Wasser!« * Gänsewahl. »Det Befühlen von die Jänse kann ick übahaupt nich leiden, Frollein. Würde Ihnen det etwa passen!?« * Das gräfliche Wappen. Ein Oberleutnant bei den schweren Reitern, von uraltem Adel, der immer einen riesigen Siegelring trug, besuchte im Stall seinen Vollblüter, tätschelte ihn ab, und als er den Stall verließ, merkte er, daß sein Siegelring fehlte. Alles wurde ausgesucht, umsonst. Es gab nur eine Möglichkeit, der Ring war in die Krippe gefallen und der Gaul hatte ihn gefressen. Der Herr Graf beauftragte seinen Pferdewärter Michel, er solle recht Obacht geben, ab der Ring nicht zum Vorschein komme. Am nächsten Tage meldete der Michel freudestrahlend: »Herr Oberleutnant, jetzt wird er gleich kommen, der Ring.« »Woher wollen Sie das wissen«, fragte der Oberleutnant. »Ja, die Pferdeäpfel haben schon alle das Wappen vom Herrn Grafen.« * Der voreilige Gaul. Der Pferdewärter Lehner bekommt vom Herrn Stabsveterinär eine Schachtel mit Pulver und ein Röhrchen mit dem Auftrage, dem Pferde das Pulver ins Maul zu blasen. Nach einer Viertelstunde kommt er wieder mit ganz entzündeten Augen und sagt: »Entschuldigens, Herr Stabsveterinär, der Gaul hat zuerst geblasen.« * Die ruhelose Auster. »Austern sind die ruhelosesten Geschöpfe, die es gibt«, erzählte Herr Neumann seinen Freunden. »Neulich saß ich in einem Restaurant in einer behaglichen Ecke und trank ein Glas Wein. Vor mir saß mein Hund Karo und schaute mir aufmerksam zu. Ich bekam Lust auf eine Auster und bestellte mir eine. Kaum hatte ich aber das glatte Ding heruntergeschluckt, da kam es auch schon – wupp! – wieder zum Vorschein, und da ich nicht gern etwas umkommen lasse, gab ich die Auster meinem Hund. Im Nu hatte Karo sie verschlungen, saß dann einen Augenblick kerzengrade da, und – wupp – kam die Auster wieder zum Vorschein. Ich legte sie auf den Teller und rief den Kellner, damit er abräumen sollte. ›Essen sie die Auster nicht?‹ fragte er erstaunt, ›dann gestatten Sie wohl, daß ich sie schnell esse?‹ Ich hatte natürlich nichts dagegen und war nun furchtbar gespannt, ob sie bei ihm nicht auch wieder zum Vorschein kommen würde. Aber sie kam nicht, und schon wollte er sich mit dem Teller entfernen, da rief ich ihn zurück. ›Wissen Sie, daß das sehr merkwürdig ist?‹ fragte ich ihn. ›Erst hab' ich die Auster geschluckt, und sie kam wieder. Dann hat mein Hund sie geschluckt, und sie kam wieder. Bei Ihnen aber scheint sie wirklich zu bleiben!‹ Was soll ich Ihnen sagen, meine Herren, kaum hatte ich dies ausgesprochen, da kam die ruhelose Auster auch schon wieder zum Vorschein.« * Amerikanisches Jägerlatein. Zwei Reisende, die auf einem Dampfboot den Mississippi hinabfuhren, vergnügten sich damit, vom Verdeck aus auf die Vögel am Ufer zu schießen. Bald kamen sie dann auf die Jagd im allgemeinen zu sprechen, und einer bemerkte, er stände keinem nach im Erlegen von Waschbären – er hätte oft an einem Tag ihrer fünfzig geschossen. »Was ist denn das weiter?« fiel der andere ihm in die Rede. »Es ist mir ein Spaß, hundert Waschbären an einem Tag zu schießen, ich brauche dabei gar nicht einmal besonderes Glück zu haben.« »Kennen Sie den Kapitän Scott aus Tennessee?« fragte hier ein dritter, der bisher stumm dabei gestanden hatte. »Der ist wirklich der Meister im Waschbärenschießen. Er schießt nie auf einen Waschbär, ohne ihn zu treffen, und die Waschbären wissen das auch. Neulich legte er auf einen alten Burschen an, der auf einem Baume saß. Das Tier sah ihn einen Augenblick an und rief dann aus: ›He, sind Sie der Kapitän Scott?‹ ›Ja‹, war die Antwort. ›Bitte, dann schießen Sie nicht! Ich will von selbst, herunterkommen, ich bin überhaupt schon tot!‹« * Die Erklärung. In der Eisenbahn sitzen einige Herren, aus dem Gepäcknetz tropft etwas herunter; da muß, im Rucksack eine Flasche zerbrochen sein. Ein Herr hält den Finger hin, kostet und sagt: »Ich halte es für Benediktiner« – der nächste versucht ebenfalls und sagt: »Das ist alter Bordeaux.« Da kommt der Besitzer des Rucksacks herein und sagt: »Falsch, junger Foxterrier.« * Die Arche Noah. Jovialer Herr (sich auf einen dichtbesetzten Omnibus schwingend): »Die Arche ist wohl voll?« Stimme aus dem Wageninnern: »Für einen Esel ist noch Platz!« * Das edle Huhn. »Na, Herr Meinecke, sie hatten mir doch versprochen, mir zu Ostern ein Huhn als Festbraten zu schicken?« »Wollte ich auch. Aber nun hat es sich wieder ganz erholt, und da hab' ich es gelassen.« * Der große Bär. »Sie, Wärter, wo ist denn der Bärenzwinger?« »Den Hauptgang gerade runter, zweites Haus links. Aber der große Bär is nich mehr da.« »Na, wo ist er denn jetzt?« »Selbstredend im Planetarium!« * Schwierige Frage. »Papa, kommen Tiger in den Himmel?« »Nein, mein Junge!« »Papa, kommt Tante Müller in den Himmel?« »Natürlich, mein lieber Junge.« »Wenn nun aber zufällig Tante Müller von einem Tiger aufgefressen wird?« * Der Unterschied. Jüngling beim Kaufmann: »Haben Sie Froschschenkel?« »Nee, aber ick verkoofe welche!« * Die Zähne. »Sie sind doch Zoologe, Herr Doktor, sagen Sie mir doch, wie man alte von jungen Hühnern unterscheidet.« »An den Zähnen.« »Hühner haben doch keine Zähne.« »Aber ich!« * Pferd und Pferdeapfel. Zwei Freunde essen in einem verdächtigen Restaurant Braten mit geschmorten Äpfeln. Plötzlich legt der eine Gabel und Messer hin und sagt: »Vom Pferd!« Der andere, der mit seinem Braten schon fertig ist, will grade einem Apfel zum Munde führen und ruft entsetzt dem Kellner: »Herr Ober, bringen Sie mir sofort richtige Äpfel!« * Eine schlimme Zeit. »Die Fleischnot damals im Kriege war wohl sehr groß?« »Das können Sie sich leicht denken. Die Schafe waren im Schützengraben, die Schweine in der Etappe und die Ochsen in Berlin in der Regierung.« * Das merkwürdige Baby. »Herr Lehrer, mein Vater erzählte mir gestern von einem Baby, das mit Elefantenmilch genährt wurde und täglich zehn Pfund zunahm.« »Nun, was war das denn für ein Baby?« »Ein Elefantenbaby, Herr Lehrer.« * Hochzeitspläne. »Warum schafft sich eigentlich die Gutsbesitzerswitwe, mit der du befreundet bist, zu ihren zehn Pferden noch ein elftes an?« »Ich sagte ihr einmal, mich brächten keine zehn Pferde zum Traualtar.« * Der Sieger. Bei Kempinski in Berlin wird einem Herrn ein Hummer serviert, der nur eine Schere hat. Auf seine Beschwerde sagt der Oberkellner, das komme bei Hummern öfters vor, weil sie miteinander kämpfen und einer dem andern die Schere abzwickt. Da sagte der Gast: »Bitte, bringen Sie mir den Sieger.« * Der Mottenjäger. »Herr Apotheker, geben Sie mir hundert Mottenkugeln.« »So viele? Sie haben doch gestern schon hundert bei mir gekauft!« »Ja, meinen Sie denn, jede Mottenkugel trifft eine Motte?« * Verwandtschaft. Protz: »Nein, an einem billigen Tag gehn wir nie in den Zoologischen Garten. Wir gehn nur, wenn nicht viele Leute da sind. Dann sind wir mehr unter uns.« * Fröhliche Jagd. »Wo wollen Sie denn hin, Herr Neumann?« »Hasen jagen!« »Was Sie nicht sagen! Und wo wollen Sie die Tiere denn hinjagen?« * Der beneidenswerte Hund. Eine ungewöhnlich hübsche Dame sitzt in der Elektrischen und hat einen jungen Hund auf dem Schoß. Ein Herr ihr gegenüber möchte mit ihr anbändeln und sagt: »Ach wie gerne würde ich jetzt der Hund auf Ihrem Schoße sein!« »Vielleicht wären Sie dann aber auch nicht ganz zufrieden«, antwortet die Dame. »Den Hund bringe ich zum Tierarzt, dem werden jetzt die Ohren und der Schwanz gestutzt.«