Franz Pocci Lustiges Komödienbüchlein Drittes Bändchen. München, 1869. Verlag der J. J. Lentner'schen Buchhandlung. Als Manuscript gedruckt. Inhalt Hansel und Grethel. Die stolze Hildegard. Das Märchen vom Rothkäppchen. Albert und Bertha. Die Zaubergeige. Kasperl als Prinz. Hansel und Grethel oder Der Menschenfresser. Dramatisches Märchen in 2 Aufzügen. Personen. Peter , ein armer Holzhauer. Mariane , dessen Weib. Hansel und Gretel ihre Kinder. Professor Doktor Fleischmann , Naturforscher und Menschenfresser. Katharine , dessen Haushälterin. Kasperl Larifari , wandernder Schneidergeselle. Schnauzbart , Gerichtsdiener. Die Nacht. Der Mond. l. Aufzug. Das Innere einer ärmlichen Hütte. Peter. Mariane. Peter (mit der Holzaxt, indem er zur Arbeit geh'n will.) Marian wo ist mein Fruhstuck? Mariane. s' Fruhstuck? Da schneid' Dir ein Stück'l Brod vom halben Wecken ab. Sonst hab'n wir nix. Unser Kuh giebt kein Milch mehr, weil's zu wenig Futter hat. Peter. Und ich soll hungrig arbeiten? Das ist nit zum verlangen. Mariane. So gib mir a par Kreuzer, damit ich was zum Essen kauf. Peter. Hab nix; krieg erst am Samstag mein' lumpigen Wochenlohn vom Förster für die Holzarbeit. Mariane. Ja ich weiß schon; für mich hast nie a Geld, aber zum Branntwein für Dich – da ist immer was in Deim ledernen Beutel. Peter. Halt's Maul, Weib, oder ich sieh' Dich für ein' Baumstamm an und schlag drein. Mariane. Bin ohnehin beinah schon einer; denn vor lauter Noth und Sorg bin ich wie eine alte Rinden word'n. Peter. Bist aber doch kein' Batzen werth; da ist mir ein Eichstumpen lieber. Mariane. Geh weiter und hör auf mit Deine Spassetteln; denk an die Kinder; wenn's jetzt aufsteh'n, hab'ns kaum a bißl trockens Brod. Peter. Hast Recht, Marianl! was fangen wir mit ihnen an? Um die Armuth ist's schon ein rechts Elend. Seit unser Häusl abbrennt ist, sind mir halt z'Grund g'richte Leut. – Weißt was? verkaufen wir unser letzt's – die Kuh, eh's uns gar verhungert, denn Gras hab'n wir ja keins mehr. Mariane. Gestern hab' ich das letzte Fleck'l abg'mäht; schau Du, daß' d' en Käufer findst, vielleicht kann's der Waldnazi brauchen, dem ist die seinige die vorig' Wochen verreckt. Peter. Ich geh a so vorbei am Häusl, da probir ich's, b'hüt Gott. (ab.) Mariane. (allein.) Er geht und ich muß da bleib'n bei die armen Schnecken. (Vom Innern schreien die Kinder.) Mutter, was z'Essen! Mariane. Da habn wirs schon! die schreien und ich hab nix als a winzigs Stückl altbachens Brod. Wart's nur ich komm gleich! – Ich weiß mir nit anders z'helfen als daß ich's in Wald nausschick zum Beeren brocken. Unser lieber Herrgott wird's doch nit verhungern lassen. (Hansl und Grethl laufen herein.) Mutter uns hungert! Mariane. Ja, ich glaub's schon, lieben Kinder! aber ich hab' nix als die alte Brodrinden da. (Die Kinder weinen. Beide.) Da müß'n mir ja verhungern! Hansl. Für was bist denn Mutter, wenn'st uns nix z' essen gibst? Mariane. Wenn i halt nix hab. Grethl. Aber weil's d' Mutter bist, sollst was haben. (weint.) Mariane. Seids nur still, der Vater ist grad fort und holt im Dorf was. Bis er wieder heimkommt, geht's in Wald 'naus und brockts euch Beeren. Die sind g'sund für euch. Hansl. Das gsunde Essen haben wir alle Tag; wir möchten amal was anders. Zuletzt werden wir noch Vögel, weil wir nix als Waldbeerln essen. Mariane. Sei nit so nasenweiß, Hansl oder Du kriegst noch was anders mit. Hansl. Nix z' essen und Schläg auch noch, das wär doch gar z' arg. Mariane. Geht's nur, seids brav. Vielleicht schenkt euch Jemand an Kreuzer. Grethl. Ja, da draussen im Wald, da gibts keine Leut, die eim' Kreuzer schenken. Hansl. Hasen und Füchs die tragen kein Geld im Sack. Mariane (beschwichtigend.) So – so – geht's nur Kinder. Mittag kommt's wieder heim. Derweil hat der Vater was bracht. (schiebt sie zur Thüre hinaus.) Hansl (weinend im Abgeh'n.) Wir kommen halt amal verhungert nach Haus. Grethl. Ja, so wird's kommen, Mutter, wenn's draußen nix z' essen gibt. (beide ab.) Mariane (allein.) Gott lob, daß ich's naus bracht hab. Die armen, armen Dinger! O mein Gott. verlaß uns nit! – Ich will jetzt a bißl umanand schau'n, vielleicht find ich Schwammerling, daß wir doch a bißl was krieg'n. (ab.) (Nach einer kleinen Pause schaut Kasperl zum Fenster herein.) Kasperl. Niemand z' Haus? keine Madame, kein Mosieur? – Da ist's nix, jetzt muß ich's wo anders probiren. (guckt zur Thür herein.) Niemand z' Haus? ein armer reisender Handwerksbursch bitt' um ein' Kreuzer oder a par Gulden thät'ns auch. Da is' wieder nix, jetzt muß ich's wieder wo anders probirn. (schaut auf einer andern Seite herein.) Niemand z' Haus? – Ja wenn gar Niemand da ist, nachher muß ich selber herein. (springt ins Zimmer und schaut überall herum.) Dieses Haus scheint kein Wirthshaus zu sein, denn ich finde keinen Gegenstand, der es dazu qualiflixiren könnte. Erstens: wo ist die Kellnerin? Zweitens: wo sind die Halbe- oder Maßkrügeln? Drittens: wo ist Etwas, das wie ein Bierfaß aussieht? Mir scheint hier hat die Familie »Noth und Elend« logirt und die ist aus lauter Noth und Elend auf Michaeli auszogen; denn Georgi ist schon lang vorbei. (Wird ungeduldig und schlägt mit dem Fuße auf dem Tisch.) Heda, Wirthshaus! Schlipperment noch amal, ich will was z' Essen und z' Trinken, wenn's nix kost, und wenn's was kost, so will i aber nix zahlen, denn's zahlen ist nimmer Mod, aber's Schuldenmachen. Meine Schneiderseele verlangt nach Nahrung! Ein Schneidergesell soll und kann und darf nicht Hunger leiden, denn seinen eigenen Magen kann er sich nicht zunähen. – – Schlippermert! Wirthshaus! Bauer! Bäuerin! wer da ist, 'raus aus der Kammer oder ich zünd die Hütt'n an! – – Schauderhaft! Spectaculos! Kein Mensch, kein Bratl, kein Bier – gar nix als die Mutterseelenalleinsamkeit! was fang ich jetzt an mit meinem Hunger? (singt.) O welche Pein, o welche Pein, Ein hungeriger Schneider sein; In meinem G'sellenwanderbuch Steht nix vom leeren Tisch und Krug. Jetzt lauf ich schon sechs Wochen rum, Und finde kaum des Tags ein Trumm; Zu Essen such ich – Arbeit nicht, Denn's Essen ist die erste Pflicht. Und gibt's zum Trinken auch Etwas So setz ich mich gleich vor das Glas. Mit Messer, Gabel mach' ich's gut; Ich brauch nit Nadel und Fingerhut. Auch dieses melodische Lied scheint Niemanden herbeigelockt zu haben. (Eine Kuh schaut zum Fenster herein und schreit »Muh, muh«!) Ah! Da ist ja doch ein Wesen irdischer Bestimmung! Aber ein Kalbsbratl auf'n Tisch wär mir lieber als die Kuh vorm Haus draussen. – Jetzt bin ich ganz caput. Ich leg mich da a bißl auf'n Boden hin und will's schlafen probiren. Derweil kann hinter meinem Rücken der Hunger mein' Durst fressen und der Durst mein' Hunger trinken. (Legt sich hin und schlaft ein. Die Kuh tritt ein, schnuppert herum und fangt an, Kasperls Mantelsack zu fressen.) Verwandlung. Wald mit dem Häuschen des Professors Fleischmann. Hansl und Grethl (treten auf.) Hansl. Grethl! wo sind wir denn jetzt? Grethl. Ich weiß nit, Hansl. Ich glaub, wir hab'n uns vergangen. Hansl. Da waren wir ja noch nie im Wald. Grethl. Schau, da ist ja gar ein Häusl! Hansl. Aber das ist g'scheid! Da krieg'n wir vielleicht was z' essen. Grethl. Klopf a mal an der Thür oder läut an. (Hansl geht ans Haus und schellt an der Hausglocke.) (Katherine schaut zum Fenster heraus.) Katharine. Wer läutet? Wer ist draussen? Hansl. Zwei arme Kinder, die hungrig sind. Ich bitt euch macht nur auf geschwind. Katharine. Ja, wie habt denn ihr daher gefunden? Grethl. Der Hunger hat uns hergetrieben, Sonst wären wir zu Haus geblieben. Katharine. O ihr armen Dinger! wartet, ich komme hinaus. Hansl. Das scheint mir eine gute Frau zu sein. Grethl. Juhe! jetzt krieg'n wir was. Katharine. (tritt heraus.) Das ist ja erstaunlich, daß ihr daher gefunden habt in diese Einsamkeit. Hansl. Wir haben Beeren gebrockt und da sind mir von einem Strauch zum andern so fort gezappelt, bis wir daher kommen sind. Katharine. Das war grad nicht euer Glück, liebe Kinder. Grethl. Nicht unser Glück? – wenn mir arme Kinder was zu Essen kriegen? wir bitten gar schön. Katharine. Ihr sollt was Gutes bekommen; aber nachher werdet ihr selber gegessen. Hansl. Oho! wer wird denn Kinder essen? Katharine. Hört Kinder: in dem Häuschen wohnt der Herr Professor Fleischmann; der ist ein gelehrter Naturforscher und hat sich deshalb in die Waldeinsamkeit zurückgezogen, nebenbei ist er aber auch Menschenfresser. Grethl und Hansl. O weh, o weh! Da laufen wir wieder fort. Katharine. Das würde euch nichts mehr helfen; denn zu dieser Stunde kömmt der Herr Professor von seinem Spaziergange gewöhnlich nach Haus und da könntet ihr ihm gerade in den Weg laufen und ihr wäret dann verloren. Ich bin aber eine mitleidige Seele, bleibt also da, ich will euch was zu essen geben, und dann verstecken; während der Herr Professor sein Mittagsschläfchen macht, könnt ihr still wieder aus dem Hause kommen. Also schnell herein! Grethl. Wir bitten gar schön, gute Frau! Hansl. Gebt uns was und nachher helft uns wieder hinaus. (Alle in's Haus hinein.) (Professor Fleischmann tritt auf.) (Auf seinem Hut steckt ein großer Schmetterling.) Fleischmann (deklamirt.) Süße, heilige Natur, Laß mich geh'n auf deiner Spur; Meine heutige Promenade War doch einigermassen fade; Denn ich fand auf meiner Tour Dieses Papillönchen nur. Dennoch hascht' ich ihn in Flug, Aufgespießt ich heim ihn trug, Weil ein solches Exemplar Für die Sammlung tauglich zwar. Süße, heilige Natur Laß mich geh'n auf deiner Spur. Herrlich ist das Studium, Das Naturerforscherthum; Gleich Linné und Martius, Sibold und Copernicus Gehe ich auf deiner Spur, Süße, heilige Natur. Aber – wie ist mir? Der Duft dieser Waldspireen und Wachholder scheint mir etwas durch Menschenfleischgeruch alterirt zu sein. Ich wittre etwas mehr als die gewohnte Hautausdünstung meiner Haushälterin Katharine. (Schnuffelt.) Nein, nein! Ich wittre frisch angelangtes Menschenfleisch! welch behaglicher Duft! (Schnuffelt am Haus herum.) Ganz frisches junges Fleisch muß das sein! Kathrine, Kathrine! kommen Sie schnell heraus! – Ah, vortrefflich! Da gibt es wieder einmal zufällig einen guten Bissen. Katharine (kommt heraus.) Was befehlen Herr Professor? Fleischmann. So wahr ich Fleischmann heiße – ich wittre Menschenfleisch. Was gibts da? Sprechen Sie, Katharine, reden Sie! Katharine. Ich wüßte nicht – – Fleischmann. Die Wahrheit! keine Flausen! Es muß Jemand in der Nähe sein. Katharine. Sie irren Herr Professor! Fleischmann. Ein Professor irrt nie, deßwegen heißt und ist er Professor. (drohend.) Wenn Sie nicht die Wahrheit sprechen! Kathrine, Kathrine! – Sollte Sie Ihr sanftes Gemüth wieder veranlassen, mir einen guten Braten vorzuenthalten? Weh Ihnen, wenn es so wäre! Sie wissen, daß ich Sie stets mit der zartesten Rücksicht behandelt habe. Trotz des großen Appetits, den ich nicht selten verspürt habe, Sie selbst anzubeißen, habe ich es bisher stets unterlassen, weil Sie mir zu meinem Hauswesen nothwendig sind. Aber, wenn Sie mich durch unzeitiges, ungeeignetes Benehmen allzusehr zum Zorne reizen sollten, so könnte ich nicht für mich gut stehen und – der gütige Himmel weiß – was dann geschehen könnte. Es wäre fürchterlich, wenn ich mich an Ihnen vergreifen müßte, um meinen antropophagischen Tendenzen Genüge zu leisten. Katharine. Aber ich bitte Sie, Herr Professor! Fleischmann. Bitten Sie nicht; sprechen Sie die Wahrheit! Es ist Menschenfleisch in der Nähe! wo? wie? wer? heraus damit oder ich beiße Sie an! denn ich bin zu aufgeregt und kann mich nicht mehr zurückhalten. Katharine (für sich.) Weh mir, ich bin verloren! (zu Fleischmann.) Gnade, Herr Professor! Ich muß schon gestehen, daß ich zwei arme Kinder beherbergt habe, die sich hieher verirrt hatten; allein sie sind vor Hunger so mager, daß kein guter Bissen an ihnen ist. Fleischmann. Ihr Glück ist's, Kathrine, daß Sie die Wahrheit gesagt haben. – Vortrefflich, wenn die Kinder auch mager sind, so können sie durch gute Behandlung und zweckmässige Fütterung ganz geeignet werden, meinem Appetit als normale Speise zu dienen. (sanft.) Führen Sie mich zu den lieben Kleinen, Kathrine. Ich will sie in Augenschein nehmen. Aber sprechen Sie ihnen nicht von meinen Absichten. Vor der Hand sollen sie gut genährt werden und ich will ihnen Unterricht in den Elementargegenständen ertheilen. Kommen Sie! Katharine (für sich.) Noch ist nicht Alles verloren. (beide ab ins Haus.) (Mittlerweile ist es dunkel geworden. Kasperl tritt ein.) Kasperl. Von einem Ort zum Andern Muß der Schneider wandern – heißt's in meim Handwerksgesellenbüchl. Das ist aber miserabel. In dem Holzhauerhäusl hab ich nix kriegt als Grobheiten, wie der Kerl nach Haus kommen ist. »Was? hat er g'sagt – Handwerksburschen auch noch! und wir hab'n selber nix z' fressen. Naus da, hat er g'sagt, oder ich zeig ihm den Weg, elendiger Schneidergsell!« Diese unzarten Versicherungen von Seite eines ungebildeten Holzhauers, der von meiner nähern Bekanntschaft Umgang nehmen wollte, veranlaßte mich sein Dach zu meiden. Ich zog waldeinwärts, wo ich glücklicherweise einem Eichkatzl begegnete, welches mich um Ausbesserung seiner zerissenen Beinkleider ersuchte. Es ist sehr erklärlich, daß ein Eichkatzl durch das ewige Baum aus- und abkraxeln sich die Hosen zerreißt. Obschon die hungrige Kuh des hungrigen Holzhackers mein Gsellenranzl, während ich g'schlafen hab, ganz und gar mit Stumpf und Stiel aufgefressen hat, blieb glücklicherweise mein Packl englischer Nähnadeln und der Fingerhut noch übrig, auch etwas Zwirn. Mit diesen Gegenständen war ich im Stande, dem Eichkatzl seine Hosen zu flicken. Es schied dankbar von mir, drückte mir eine Haselnuß in die Hand und verschwand in einem kühnen Sprung hinter den Buchen. Aber wo bin ich den jetzt hingerathen? Obschon in nächtliches Dunkel gehüllt, zeigt mir die Dekoration dort hinten ein Haus, welches zart vom Mondschein, der nicht im Kalender steht, beleuchtet ist. Kasperl, probiers halt wieder! vielleicht findst du freundlichere Aufnahme. (läutet am Haus.) Katharine. (zum Fenster heraus.) Wer ist da? Kasperl. Bitt gar schön, ein wandernder Schneiderg'sell; bitt gar schön, an Kreuzer Almosen oder was z' essen. Ein Stückl Brod und a Dutzend Bratwürsteln, mehr verlang ich nit. Bitt gar schön und a guts Bett mit einer Couvertdecken und a par Maßl Bier, wenns möglich wär! Professor Fleischmann. (auch zum Fenster heraus sehend.) Bravo, bravo! nur herein da, guter Freund! Ihr seid mir willkommen; könnt mir meine Garderobe etwas in Stand setzen und dann gibts einen guten Bissen. Kasperl. Juhe! einen guten Bissen. Juhe! laßt mich nur hinein. (ab ins Haus.) Nun schwebt die Frau Nacht über die Bühne. (Schwarzes Schleppkleid mit Silbersternen gestickt, schwarzen Schleier) und spricht: Ich bin die Nacht, vor der die Sonne flieht, Wenn sie des Abends in die Tiefe zieht. Mit schwarzem Schleier deck ich Alles zu Und wiege Jung und Alt in süße Ruh. Dort naht auch schon der Mond , mein Ehgemahl, Und senket nieder seinen blassen Strahl. (Der Mond erscheint und zieht oben vorbei.) Du theurer Mann, sei herzlich mir gegrüßt, Dein Licht die ernste Dunkelheit versüßt. O leuchte mild mit Deinem Trostesschein In dieses Haus auf die zwei Kinder klein. Sie schlummern sanft – vielleicht die letzte Nacht – Weil sie der Menschenfresser streng bewacht! Sag's den Schutzengeln, die am Himmel schweben. Daß sie beschützen dieser Armen Leben; Und wem Du sonst begegnest, lieber Mann, Sagst jedem noch, der etwa helfen kann. Nun lebe wohl! wir seh'n uns wieder bald, Ich wandle weiter durch den grünen Wald; Erwarte mich beim ersten Morgenstrahl Dort hinter jenen Neigen in dem Thal; Dann haben wir den halben Erdenbogen Auf unsrer Bahn stillwandert wohl durchzogen Und ruh'n beisammen, bis die Vögelein Zu singen heben an im Abendschein! (Der Vorhang fällt langsam.) Ende des ersten Aufzuges. II. Aufzug. Zimmer im Hause des Professors Fleischmann. An der hintern Wand stehen 2 große Hühnersteigen. In der einen sind Hansl und Grethl, in der andern ist Kasperl eingesperrt.) Katharine (mit einer großen Schüssel.) So, liebe Kinder, da bring ich euch euer Futter. Gute Spatzeln in der Milch. Kasperl (im Käfig.) Warum denn schon wieder Spatzeln? die hab'n mir erst gestern g'habt; da müßt ja Einer selber a Spatz werden. Und hör'ns amal, Mamsell Kathrin, da herin halt ich's nimmer lang aus. Katharine. Nur Geduld, Schneidergesell, ich glaub, daß euch der Herr Professor heut ein wenig herauslaßt. Hansl (weint.) Ach liebe Kathrine! ihr habt uns ja versprochen, daß wir heimlich davon laufen dürfen. Grethl. Ich bin schon ganz steif geworden. Ich möcht´ hinaus. Katharine. Nur still, Kinder, daß der Herr Professor nichts merkt. Ich muß den rechten Augenblick abpassen, wenn er einmal eine Flasche zu viel getrunken hat; dann schläft er besser. Kasperl. (rappelt im Käfig.) Was hör' ich da vom trinken? Gebt's mir auch a par Flaschen. Es ist eine wahre Schand, daß man bei euch nix als Wasser kriegt, das bin ich gar nit g'wohnt. Ueberhaupt das Einsperren da ist eine Dummheit und kein Mensch weiß warum. Dem Herrn Professor seinen zerlumpten schwarzen Frack hab ich zusammen g'flickt und jetzt möcht ich mein Bezahlung und nachher wandr' ich wieder weiter. Katharine. Der Herr Professor hat euch ja schon gesagt, warum er euch eingesperrt hält. Das gehört zu seinem Studium. Von Zeit zu Zeit werdet ihr gewogen, damit er studieren kann, um wie viel die Speisen den menschlichen Körper schwerer machen. Kasperl. Schlipperment, ich bin kein Ochs, den man mästen muß für den Metzger. Jetzt hab ich's bald satt das Traktament. Hansl. Ruhig Schneider, sonst wird der Herr Professor bös und mir kriegen alle Schläg. Kasperl. Nachher geht's in Ein'm hin. (rüttelt furchtbar an seinem Käfig.) Katharine. Ruhig, sag ich – da kommt der Herr Doktor selbst. (Professor Fleischmann tritt ein, ein großes Buch in der Hand.) Fleischmann Was ist da wieder für ein Spektakel? Wird wohl dieser Schneider Ruhe geben? oder ich werde ihn Manier lehren. (sanft zu den Kindern tretend) Ihr lieben Kleinen, wie geht's euch denn? Seid ihr doch bei Appettit? schmeckt euch das Essen? – Kathrine, Sie haben doch ordentlich gefüttert? Katharine. Wie Sie befohlen haben, Herr Doktor. Fleischmann Laßt einmal sehen, Kinderchen: Streckt die Finger heraus, damit ich sie befühlen kann. (die Kinder strecken die die Händchen heraus) Nun ganz passabel; aber noch nicht genug zu meinem anatomischen Experimente. (für sich) Acht Tage noch – und sie sind fertig! – (An Kasperls Käfig tretend) Und was macht denn Monsieur Schneidergeselle? Kasperl. Nichts macht er, mann Sie's wissen wollen. Aber hören's Herr Professor,'s ist Zeit, daß S' mich rauslassen aus der Steigen. Jetzt hock ich schon 8 Tag lang herin. So lang ich Ihre Kleiderfetzen z'samgericht hab, da hat's es noch gethan, denn wir Schneider sind an die eingeschränkte Positur gewohnt; aber jetzt, möcht ich 'raus; verstanden, Herr Professor? Sie sind mir auch ein rechter Professor – Sie! – Fleischmann Ruhig Schneider. (für sich) Ich muß den Kerl etwas kirre machen, er könnte mir endlich den Käfig zerbrechen in seinem Unmuth. (laut) Nun weiß er was, Schneider? wenn er sich ordentlich benimmt, darf er mit mir eine Flasche ausstechen. Kasperl. Ausstechen? – was ist das wieder für a gelehrte Dummheit. Wissen Sie was? Sie können ausstechen ; aber ich thu' aussaufen . Fleischmann. Schon gut, schon gut. Kathrine, bringen Sie ein par Flaschen in mein Studierzimmer hinaus. (Kathrine ab, indem er den Käfig öffnet.) So – jetzt heraus Schneider! Kasperl. Juhe! (Kasperl springt heraus und fällt samt dem Professor hin, den er im Falle niederschlägt.) Fleischmann. Potz Blitz! sei er nicht so heftig Kasperl. Wenn man an Vogel aus'm Käfig laßt, so fliegt er davon, und ich sollt kein Sprung machen bei der Gelegenheit? Fleischmann. (betastet den Kasperl, für sich.) Der Bursch ist ja hübsch fett geworden; vortrefflich! – Ich werde ihn betrunken machen, dann durch eine Incision seciren , hierauf anatomisiren, um zu erfahren, wie die Intestina eines Schneiders beschaffen sind, dann werd' ich ihn schnabuliren und schließlich hoffentlich digeriren . Die Kinder (im Käfig) Lassen's uns auch heraus; uns auch herauslassen, Herr Professor! wir bitten. Fleischmann. Jetzt nicht, aber später dürft ihr etwas an die Luft. (Zu Casperl) So – Monsieur Kasperl: nun komm' Er mit mir in mein Studierzimmer; da wollen wir gemüthlich Eins zusammen trinken. Kasperl (fällt ihm um den Hals.) Bravo, das laß ich mir gefallen, Herr Professor, wenn Sie so was dociren. Jetzt wollen wir zusammen Eins studieren. (beide ab.) Grethl. Wenn nur die Kathrin käm. Vielleicht wär's bald Zeit. Hansl. Halt dich nur ruhig, Grethl. Grethl. O mein Gott! was werden Vater und Mutter für eine Angst um uns ausstehen! Jetzt sind wir schon acht Tag aus 'm Haus, und sie wissen nit, was mit uns g'schehn ist! (Kasperl schreit draussen:) Juhe! vivat hoch! Hansl. Hörst'n Schneider draussen? Grethl. Ja wenn nur der Professor auch recht viel trinkt, damit er einschlaft und wir fortkönnen. Hansl. Still, da kommt er wieder. Fleischmann (etwas benebelt.) Der Bursche ist schon toll und voll. Mittlerweile hole ich mein großes Secirmesser. Ha, ha, ha – einen Schneider habe ich noch nicht verschnabulirt, der muß wohl eigenthümlich schmecken! – Es ist doch etwas Großes um die Naturwissenschaften! Sie sind es eigentlich, die uns am Gründlichsten auf den Realismus hinweisen. Insoferne nämlich die Philosophie den Geist in die Höhen und Tiefen eines potenzirten Idealismus führt, wodurch wir den realen Boden, die physische Basis, verlieren, sonach unsere Forschungen unhaltbar werden, indem sie sich in Hypothesen labyrintisch verirren, ist es andererseits die Naturwissenschaft, deren Studium am Objekte ohne Hypertendenz festhält. Wir können nicht irren! Die Wirklichkeit fesselt unsere Beobachtung und läßt uns nicht transcendental umherschweifen. Wir bleiben an und in dem Gegenstande! Das Reale täuscht nicht und während der Idealismus in der Schwebe agirt und vagirt, folgen wir Realisten den Andeutungen des Seciermessers oder des Microscopes. Allein selbst diese Mittel zur Forschung genügten mir nicht mehr und ich bin durch meine unablässigen Studien dahin gelangt zu ergründen, daß die Summe aller wissenschaftlichen Forschungen im Betreffe des menschlichen Körpers nur darin gefunden werden kann, wenn man den Menschen selbst ißt, insoferne dadurch die Incorporation und Amalgamirung der realen Essenz am deutlichsten und auf einfachstem chemischem Reductionswege bewerkstelligt wird. – Aber sieh' da! ich vergesse mich in meinen Betrachtungen – der Wein hat wohlthätig auf meine Organe gewirkt – ich fühle, wie ich allmählig durchdrungen werde, von der realen Wirkung des Getränkes, – meine Sinne wurden sanft berührt und neigen sich der stagnirenden Tendenz des Fluidums , – (er schläft allmählig ein, indem er auf den Boden sinkt.) ich fühle – ich empfinde – ich – ich – o Wissen – schaft – – – (Er ist eingeschlafen und schnarcht.) Kasperl (kömmt betrunken herein.) Holla! wo ist denn der Pro – pro – profisor? (singt.) Lirum, larum, Löffelstiel Wer zu viel trinkt, hat zu viel – Juhe! Das ist mein Element! – Juhe! (macht einen Sprung und fällt auf den Professor hin; schläft ebenfalls ein; beide schnarchen fürchterlich.) NB. (Beide müssen soweit zurückliegen, daß der Vorhang der folgenden Dekoration vor ihnen fallen kann.) Katharine (tritt rasch ein.) Da liegen sie! alle zwei haben genug, (lauscht.) Sie schlafen fest – Kinder, jetzt will ich's wagen, aber ich gehe mit euch, denn diesem schändlichen Menschen will ich nicht länger dienen. (öffnet den Käfig.) Hansl und Grethl (treten heraus.) Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei! Katharine. Nur schnell fort! ich denke, daß wir einen Vorsprung gewinnen und in Sicherheit sind, ehe uns der Professor wieder einholt, wenn er uns verfolgen sollte. – Kommt Kinder! (mit den Kindern ab.) Verwandlung. Das Innere der Holzhauerhütte , wie im ersten Aufzuge. Peter und Mariane treten traurig ein. Mariane. Wieder nichts g'funden! o mein Gott im Himmel! Peter. Heut sind's grad 8 Tag und keine Spur von ihnen! Mariane. Die armen, armen Kinder! vielleicht hat's der Wolf g'fressen! – Da bist Du dran Schuld! Hättst Du mir was gegeben, so hätt' ich ihnen kochen können und sie hätten sich nit aus Hunger im Wald verlaufen. Peter. Hab' ich Dir nit g'sagt, daß ich die Kuh verkaufen will? hab ich's Dir's denn g'schafft, daß Du die Kinder allein in Wald 'nausschickest? Du bist dran schuld, nit ich! Mariane. Meinetwegen ich oder Du! verloren sinds, – verloren sind's amal! es ist erschrecklich; jetzt hab'n mir keine Kinder mehr und haben 25 Gulden für die Kuh kriegt, und Du hast dein Wochenlohn eingenommnen. Jetzt könnt' ich ihnen was Guts kochen und derweil sinds verhungert! Peter. Unser lieber Herrgott lebt auch noch. Vielleicht haben's doch wo an Unterschluf g'sunden. Wir geh'n halt nacher wieder zum Suchen aus und ich lauf in die Stadt und gib's bei der Polizei an. Mariane. Ja, nachher ist's gwiß nix, wenn'st's auf der Polizei angibst; die weiß gar nix. (Es pocht an der Thüre.) Peter. Wer klopft denn? herein, wenn's was Gut's ist! (Der Gerichtsdiener Schnauzbart tritt ein.) Schnauzbart (immer sehr wichtig thuend.) Guten Tag, liebe Leute. Peter. Grüß'n Herrn Gott. Wem hab ich die Ehre? Schnauzbart. Ich bin der Gerichtsdiener Schnauzbart und befinde mich in Amtsgeschäften in dieser Gegend. Mariane. Aber was wollt's denn amtiren in dem einsamen Wald? Gottlob, bei uns gibts keine Spitzbub'n und keine Rauba. Schnauzbart. Das hohe Amt und ich, dessen Bote – wir wissen sehr wohl, daß es in diesem Walde keine Spitzbuben und Räuber gibt – Dank unserer weisen Fürsorge; allein man ist dennoch einem fürchterlichen Wesen auf der Spur. Peter. Da wissen wir nichts davon. Schnauzbart. Möglich – aber dem hochweisen Amte und mir, dessen Boten, ist Nichts unbekannt. Es scheint mir oder vielmehr ich weiß es, daß ihr ehrliche Leute seid; also hört: Es ist dem hochweisen Amte durch ein Frauenzimmer angezeigt worden, daß in diesem Walde an einem sehr verborgenen Orte ein Häuslein steht, in welchem ein gelehrter Professor logirt, der neben seinem Studium die sonderbare Gewohnheit hat, Menschen zu fressen. Mariane (im größten Schrecken.) Gott im Himmel, der hat unsre Kinder g'fressen! Peter. Auweh, auweh! das Unglück! Schnauzbart. Insoferne ihr Kinder habet und diese Kinder besagtem verdächtigem Individuum zu Händen gekommen sind, ist wohl an deren gesetzwidriger Verschlingung schwerlich zu zweifeln. Kurz! – ob besagte eure angeblichen Kinder gefressen sind oder nicht – die erwähnte Weibsperson, welche bei dem Professor in Diensten gestanden und die Anzeige gemacht hat, wurde von dem hochweisen Gerichte allsogleich incarcerirt und ich wurde mit einigen Stadtsoldaten ausgeschickt, um Spähe zu treffen und möglichst eine geeignete Arretirung vorzunehmen. Peter. Aber sag'n S' mir doch, Herr Gerichtsdiener, warum haben's denn das Weibsbild nit mitgnommen? die hätt' Ihnen ja am besten gleich den Weg zum verdächtigen Häusl zeigen können. Schnauzbart. Daran hat das hochweise Amt nicht gedacht und auch mir ist diese spitzfindige Maßregel nicht eingefallen; allein trotzdem wird die Entdeckung vor sich gehen; denn die Untersuchung ist bereits eingeleitet und das Protokoll eröffnet. Da ihr nun als Holzhauer in diesem Walde bekannt sein müßt, so fordere ich euch auf, mich auf meinem Streifzuge zu begleiten. Peter. Da bin ich gleich dabei. Ich hab auch schon a mal so was g'hört, daß ganz hinten im Schwarzeckerforst ein Einsiedlerhäusl steht; aber die Leut hab'n immer g'sagt, es ist nit recht sauber dort und da hat sich Niemand hintraut. Schnauzbart. Diesem Umstande gemäß könnte man die Spur finden. Wie weit ist ungefähr in jene Gegend? Peter. So a 2 bis 3 Stunden braucht man halt bis an's Schwarzeck und's Häusl wird nacher bald g'funden sein. Schnauzbart. Gut – also treten wir den Weg an. Ihr geht voran, eine Viertelstunde hinter euch will ich geh'n, damit ich euch nicht aus den Augen verliere; um mich vertheilt marschirt dann die Mannschaft. Peter. Ich nimm aber meine Holzaxt mit, und wenn ich den Kerl find, nachher schlag ich ihm gleich sein' Professorschädl ein. Schnauzbart. Alles nach Umständen, – also fort! Peter. B'hüt Gott Marianl! vielleicht find ich bei der Gelegenheit unsern Hansl und unser Grethl! Mariane. Will's Gott! – wenn's nur nit schon g'fressen sind von dem Wüthrich! Schnauzbart. Aber nur vorsichtig, lieber Mann, damit uns nicht selbst ein Unglück zustoßt! So ein Streifzug hat immer Etwas Gefährliches an sich. – Langsam, aber sicher also! – (Alle geh'n hinaus.) Verwandlung, wobei es wieder Nacht wird. Waldiges Felsenthal. Im Mittelgründe ein Hügel, unter welchem eine Höhle ist. (Die Nacht tritt auf. Der Mond erscheint am Himmel.) Nacht. Die Nebel stiegen aus den Thalen auf Und ich beginne meinen stillen Lauf, Dort oben schwebt mein lieber Mann, Will hör'n, was er mir sagen kann. Sei mir gegrüßt, erzähle mir Was sah'st Du in dem Walde hier? Der Mond. Lieb Weib, ich wünsch Dir guten Abend. Die Luft ist heute lieblich labend, Hieroben schweb' ich gern spazieren, Da läßt sich manches observiren. Zwei Kinder hab ich laufen seh'n, Die auf dem Wege hieher geh'n. Sie scheinen müd – – Nacht. Das sind die zwei. Gottlob, daß Keines gegessen sei! Mond. Und hinter ihnen seh ich auch, Da läuft ein Mann mit dickem Bauch. Nacht. Das wird der Menschenfresser sein. Den Kindern leucht' mit Deinem Schein, Daß Sie zum Schutz die Höhle finden; Dann mußt Du hinter Wolken schwinden, Damit der Mann in Finsterniß Nicht sehen kann den Felsenriß. (ab.) Der Mond. Geh' nur; wie Du gesagt, so wird's gescheh'n, Die armen Kinder soll der Mann nicht seh'n. (Hansl und Grethl.) Grethl. Hansl, ich kann nicht mehr! ich bin todt müd! Hansl. Grethl, mir thun auch die Füsse weh vom Laufen. Grethl. Sieh! dort scheint der Mond auf eine Felsenhöhle; da schlüpfen wir hinein und können versteckt ausruh'n. Hansl. Hast Du's gehört, wie der böse Professor uns nachgelaufen ist und immer geschrieen hat; »halt! halt, Kinder!« – ? Grethl. Ja, aber wir sind besser gelaufen, als er mit seinem dicken Bauch! Hansl. Komm, schnell! Dorthinein! Sie verstecken sich in der Höhle. Der Mond verschwindet hinter Wolken.) Fleischmann (läuft herein und fällt auf den Bauch.) Potz Element! – gerade war noch heller Mondschein; da wird's auf einmal dunkel und ich stolpere über einen Stein. Die Kinder hab' ich aus dem Gesicht verloren. Verfluchte Geschichte! Der Henker hole den Schneidergesellen! Der ist mir auch ausgekommen; Und die Kinder waren schon so hübsch herausgefüttert! Der vermaledeite gute Wein! – Auch die Kathrine ist mir durchgegangen! – Alles geht mir der Quere! – Müd bin ich wie ein alter Postgaul; was ist zu machen als hier ein Bischen ruhen? Dort sehe ich einen Hügel im Halbdunkel. Ich will mich niederlegen und ein wenig schlafen. (Er legt sich auf den Hügel und schläft ein) (Der Mond tritt hinter den Wolken hervor und leuchtet wieder.) Der Mond. Er schläft, nun kann ich wieder scheinen, Vielleicht nütz' ich den lieben Kleinen; Doch wie? Da naht sich dieser Stelle Ganz abgehetzt ein drolliger Geselle. Kasperl. Tausendschlipperment, das war aber eine Hetz! Wie der Professor sein Rausch ausg'schlafen hat und ich den meinigen und wir so aufenand g'legen sind, das heißt, er unter mir und ich auf ihm, da sind wir gleich umanand kugelt; er hat mich packen wollen, aber ich hab'n beim Gnack g'habt; endlich spring ich auf und zum Fenster naus, er will nach, fallt aber auf d' Nasen; ich voraus im Wald hinaus, er nach; ich kraxl gleich auf an Baum, daß er mich nimmer sieht; er stolpert wüthend fort und will die zwei Kinder fangen, ich nach und will'n bei der Hosen packen; pumps dich, liegen mir alle zwei auf der Nasen; unterdessen hat sich eine solche Mondsfinsterniß eingstellt, daß keiner nicht einmal seine verkehrte Seiten gseh'n hat; – jetzt bin ich da – und – (indem er den schlafenden Professor erblickt) potz Schlipperement, da oben liegt er ja wieder und schlaft! Jetzt könnt ich'n erwischen den abscheulichen Menschenfresser. Nadel und Faden hab' ich bei mir, ich näh ihm in der Mondbeleuchtung sein Hosen z'samm, daß er d' Füß nimmer rühren kann, nacher kann er uns nimmer auskommen. (Er steigt auf den Hügel und näht.) So jetzt steh auf, wenn'st kannst? – Ich versteck mich derweil in das Felsenloch da unten. (Kriecht in die Höhle, in welcher bereits die Kinder sind.) Fleischmann (erwachend.) Wer hat mich da an den Beinen gekitzelt? Potz Tausend! ich kann mich ja nicht rühren! – (versucht aufzustehen und fällt wieder hin.) Sind mir den die Füsse zusammengewachsen? Das ist ein infamer Streich! Ich kann nicht stehen, ich kann nicht gehen; was soll da mit mir geschehen? Schnauzbart (hinter der Scene.) Nur langsam, langsam! wir sind auf der Spur! vorsichtig! (er tritt herin.) Um Gotteswillen! dort liegt er, ganz nach der amtlichen Personalbeschreibung, wenn mich das Mondlicht nicht täuscht! Ich muß mich verstecken, um meine Beobachtungen ohne Gefahr fortsetzen zu können, bis die Mannschaft nachkömmt. (Kriecht ebenfalls in die Höhle.) Peter (mit der Axt.) Holla, wo seid ihr Herr Gerichtsdiener? Fleischmann (auf dem Hügel.) Ach helft mir auf die Beine, lieber Mann! Ich weiß nicht, wie mir geschehen ist; ich kann nicht gehen. Ich belohne euch königlich, wenn ihr mir auf die Beine helft. Peter. Wer seid ihr denn da oben? Fleischmann. Ich bin Professor Fleischmann, Privatgelehrter und Mitglied mehrerer wissenschaftlichen Gesellschaften, Naturforscher und Doktor der Philosophie. Peter. So? ihr seid der Halunk, der meine Kinder g'fressen hat? Wart, ich will Dir gleich helfen. (springt auf ihn los und versetzt ihm mit der Axt Schläge) So – so – so – einmal – zweimal – dreimal! Fleischmann (schreit) Hülfe, Hülfe! ich bin verloren. Peter (schlägt immer zu.) Pumps, pumps, pumps! So – jetzt könnt's genug sein! (Fleischmann fällt todt nieder.) Schnauzbart (guckt aus der Höhle.) Was ist das für ein Mordspektakel? Peter. Ich hab'n todt gschlag'n mit meim Hackel. Schnauzbart. Also keine Gefahr mehr? Peter. Aus ist's mit ihm. Schnauzbart (kömmt heraus.) So hat die Gerechtigkeit gesiegt und der Umsicht der Behörden ist es gelungen, einen Verbrecher unschädlich zu machen. Kasperl (guckt aus dem Versteck.) Da ist auch noch Einer, wenn's erlaubt ist! (kömmt heraus) (Hansl und Grethl gucken aus dem Versteck.) Hansl. Ich hab ja 'n Vater sein Stimm g'hört. Grethl. Vater, Vater – da sind wir ja wieder beisammen! Peter. Gott sei's gedankt! meine lieben Fratzen! Jetzt ist Alles wieder gut. Kasperl. Ja, Alles geht jetzt wieder gut Der Böse liegt in seinem Blut, Das Laster hat nun seinen Lohn, Die Tugend geht belohnt davon. Juhe! jetzt geh'n wir gleich Alle in's Wirthshaus. Der Vorhang fällt. Ende des Stückes. Die stolze Hildegard oder Asprian mit dem Zauberspiegel. Großes Ritterschauspiel in drei Aufzügen. Personen. Ritter Kuno von Hoheneck. Hildegardis, seine Tochter. Ritter Albert von Waldeck. Ritter Georg von Felsenau. Ritter Hans vom Elend. Kasperl, sein Knappe. Wiltrud, eine Hexe. Asprian, Köhler, ihr Sohn. Ein Bauer. Jäger, Knappen und Burgleute. I. Aufzug. Waldgegend. Im Hintergründe die Burg Hoheneck. Seitwärts an der zweiten Coulisse das Häuschen der Wiltrud. Ritter Hans und Kasperl treten ein. Ritter Hans. Der Beschreibung nach, die man mir machte, muß jenes Schloß dort Hoheneck sein, wo die schöne aber so stolze Hildegardis mit ihrem Vater dem Ritter Kuno haust. Kasperl. Mir wär's recht; denn der Gspaß dauert mir schon lang z' lang, daß wir schon sechs Wochen und a halbs Jahr dazu als Hungerleider rumziehen und das Schloß suchen. Und Sie – Sie wollen gar a fahrender Ritter heißen und laufen alleweil z' Fuß umenand. Was en ordentlicher fahrender Ritter ist, der soll eine Eklipage haben und in einer Kutschenchaisen sitzen, sonst kann er sich nicht fahrender Ritter tituliren. Das ist also eine blosse Renomage oder eine schwarze Verläumdung und Aufschneiderei. Hans. Schweige mit Deinem unnöthigen Geschwätze! Kasperl. Ja, ein unnöthig's Gschwatz! Ich sag' aber, das ist ein unnöthigs Umanandlaufen wegen der stolzen Mamsell da oben. Und nacher, wenn wir mitenander naufkraxelt sind, da heißt's vermuthlich wieder abschieben. Hans. Das wird sich zeigen, Bursche. Geh lieber zu dem Häuschen dort und frage, ob dies die Burg Hoheneck ist. Kaspar. Jedenfalls kann ich das Häusl nit fragen; denn das könnt mir kein Antwort geben; also muß ich die Leut fragen, die drin sind. Versteh'n S' mich, Herr Ritter? So g'scheid bin ich doch. Hans. Geh' nur, geh und erkundige Dich. Kasperl (der an das Häuschen tritt und anklopft.) Heda! mit Verlaub, aufgmacht! wir möchten gern was wissen. (nach einer Pause.) Entweder haben die Leut keine Ohren oder sie schlafen, oder es ist sogar gar Niemand drin! – (lauter) Heda! Schlipperement! Was ist das für eine Bagage, die nicht antwort'. Raus da oder ich schlag's Fenster ein mit die pappedeckelnen Scheiben! Wiltrud (schaut zum Fenster heraus.) Was ist für ein Lärm draußen? Kasperl Pfui Teufel, das Gsicht! aber die Nasen! Allerschönstes Fräulein, ich soll was fragen. Wiltrud. Was wollt ihr? Kasperl. Mein Herr möcht gern wissen, ob das Schloß da hinten, da oben die Burg – die Burg – die Burg – ja wie heißt denn die Burg, Herr Ritter? Ich hab's vergessen. Hans. Hoheneck, einfältiger Bursch! Kasperl. Also, ob die Burg da hinten die Burg Hohenschneck ist. Wiltrud. Was sind das für eitel Fragen? Steigt nur hinauf und ihr werdet's erfahren. (schlägt das Fenster zu.) Kasperl. Dieses Weibsbild scheint sehr ungebildet zu sein, so gewissermassen etwas grob vielmehr. Hans. Frag nur noch einmal! Kasperl. Probir'n mir's also noch a mal. (klopft am Fenster) Allerallerallerallerschönste, wollen Sie mir buliebigst eine Andeutung geben, wie diese Schloßburg da oben benamst ist? Wiltrud. (wieder am Fenster.) Laßt mich in Ruhe! Die Burg ist Hoheneck genannt Und ist schon sechsmal abgebrannt; Es bellt der Hund, es kräht der Hahn, Und wer's nicht glaubt, der steig' hinan. (Schlägt das Fenster zu.) Kasperl. Jetzt wissen's wir's also: Es kräht der Hund es bellt der Hahn Und wer's nicht glaubt, dem liegt nix dran! Wiltrud (aus dem Hause tretend.) Ja, edler Ritter, das ist die Burg Hoheneck; allein wenn Ihr etwan um das schöne Fräulein Hildegardis freien wolltet, so bleibt lieber unten und bemüht euch nicht den Berg hinauf; das haben schon Viele versucht, die wieder schmachvoll abgezogen sind oder gar elend ums Leben gekommen wegen ihrer thörichten Liebe. Hans. Mir einerlei! Ich wag es dennoch; denn was hätt' ich zu verlieren? Ich bin ein armer fahrender Ritter. Kasperl. Jetzt kommt er schon wieder mit sei'm fahren! Hans. Meine Burg heißt Elend. Kasperl. Und Noth. Hans. Ich habe nichts als mein gutes Schwert. Kasperl. Und nicht emal ein Pferd ! Hans Ich will mir die schöne Hildegardis holen oder untergeh'n. Kasperl. Ich bleib ledig und geh' aus'n Dienst; mit dem Untergeh'n will ich meinerseits Nichts zu schaffen haben. Wiltrud So geht denn in euer Verderben, wenn ihr's selbst wollt! Hans. Ein echter Ritter kennt keine Furcht! Kasperl. Ja, ein ächter Ritter kennt seinen Durst! Hans. Komm, mein Knappe; ich will hinauf. Kasperl (großartig.) Ja wir woll'n hinauf und schau'n, daß wir was z' essen und z' trinken kriegen. Hans. Sieg oder Tod! (ab gegen die Burg) Kasperl. Knödel oder Sauerkraut! (ab) Wiltrud (allein.) Ja geh nur, Du Narr! geh nur! Hildegard ist kein Blümlein für Dich gewachsen; auch für keinen Andern, als für mein liebes Söhnchen Asprian. Alle Ritter, die um sie werben, weist sie zwar schnöde ab: denn keiner ist ihr gut genug, aber ich hab sie für meinen Herzenssohn Asprian aufgehoben. Der häßliche Bursch kriegt keine Dirne zum Weib; aber Hildegard soll er doch haben und dann Burgherr auf Hoheneck werden. Und wenn es an der Zeit ist, daß der alte Kuno endlich des Hochmuths seiner Tochter überdrüssig wird, wenn kein Ritter mehr kommen will, um ihre Hand zu werben, dann soll mein Asprian auf die Burg steigen. Ich will ihm ein schönes Wams anziehen und Schwungfedern auf sein Käpplein stecken, damit er wie ein Ritter aussieht und da doch kein Ritter den Spiegel der Wahrheit meinem Asprian entrissen haben wird, dann – ja dann wird sie wohl froh sein, sein Weib zu werden! hi hi hi! (lacht.) dann wird sie ihn schon nehmen wollen, wenn ihr Hochmuth gebeugt ist, hihihi! (im Abgehen) Ja, freu Dich nur, Herzenssöhnchen; goldner Asprian, freu Dich; die schöne Hildegard soll Dein sein! (ab in's Haus.) (Hörnerklang, hinter der Scene, bald darauf Hildegard im Jagdgewand, mit ihr Albert von Waldeck und Georg von Felsenau mit Jagd-Gefolge.) Hildegard. Genug der Jagd für heute, ihr Herrn! (zu den Jägern) Blast ab! (Hornstoß, der hinter der Scene beantwortet wird.) Albert. Meisterlich habt ihr den Hirsch erlegt, edles Fräulein. (Ein Hirsch wird über die Bühne getragen.) Georg. Seht, da bringen Sie ihn. Welch Prachtgeweih ihn ziert. Ihr müßt's in die Trinkstube eures Vaters aufhängen lassen mit den andern der Hirsche, die ihr mit eigner Hand erlegt habt. Hildegard. Das Waidwerk ist meine Lust und Freude. Albert. Ja wohl schöne Hildegard. Wißt ihr aber auch aus welcher Ursache? – Weil ihr Freude daran habt, ein Wild zu erjagen. Hildegard. Nun ja, das ist ja der Zweck des Waidwerks. Albert. Und uns wollt ihr's verdenken, daß wir einer unvergleichbar edleren Jagd pflegen, als der , ein Reh, oder einen Hirsch zu gewinnen? Hildegard. Ihr meint wohl, daß ihr nach mir jaget? Ha, haha! Georg. Fürwahr, schönes Fräulein. Wir thun's mit Lust und Lieb; und wem es endlich gelungen sein mag, das edle Wild zu erbeuten, der sei auch von Herzen beneidet darob. Hildegard. Aber ihr wißt doch, daß ihr ins Blaue jagt. Das Wild entschlüpft euch immer und wolltet ihr es gar schlau mit dem Netze fangen, so würde es das Garn durchbrechen. Albert. Und dennoch lassen wir nicht ab. Einer von uns Beiden muß es gewinnen. Hildegard. Gebt euch doch fürder keine Mühe. Ich hab's schon oft genug erklärt: der Mann, der mich zum Weibe haben soll, ist nicht geboren; frei will ich sein, frei bleiben mein Lebtag; und darum auch habe ich die harte Bedingung gesetzt, daß nur der mich als Weib gewinnt, der mir den Zauberspiegel bringt, den der Köhler Asprian in seiner Höhle bewahrt. Keiner hat's noch vollbracht! Die Leichen der unglücklichen Bewerber haben die Wölfe des Waldes gefressen oder die Raben auf der Haide und Asprian schneidet ihnen aber zuvor die Köpfe ab und ziert mit diesen Todtenschädeln sein Felsengemach! Wolltet ihr's auch versuchen, mit dem unüberwindlichen Asprian zu kämpfen? Schad' um euer Leben, ihr edlen Ritter! Albert und Georg (zugleich.) Ja, wir wollen's! Albert. Und morgen sei's; denn fürwahr, stolze Schöne, eures Trotzes sind wir müde. Georg. Wenn Du es zuerst wagen willst, steh' ich gerne nach. Albert. Ich denke wir loosen darum, wenn es dem Fräulein genehm ist. Hildegard. Loost, so viel ihr wollt, – darum freilich nur: wer zuerst von des Köhlers Asprian Keule erschlagen werde. Loost, ihr Herrn! heut Abend beim Imbiß. Kommt jetzt, – auf Hoheneck! (Alle ab.) Verwandlung. Gemach auf Burg Hoheneck. Ritter Kuno mit Hans vom Elend eintretend. Kuno. Seid mir willkommen, edler Ritter. Hans. Habt Dank für den gastlichen Willkomm. Kuno. Also auch Ihr wollt es versuchen, das stolze Herz meiner Tochter zu erweichen? Das wird euch ebenso wenig gelingen, als all den andern Bewerbern, die entweder gleich wieder abgezogen sind oder im Kampfe mit dem riesigen Köhler unterlagen. Hans. Ja, aber der Preis ist ein so herrlicher, daß ich gerne mein Leben wage. Ringsum in allen Gauen erschallt das Lob von der Schönheit euer Tochter. Ich habe freilich nichts zu bieten als den Schild meiner Ahnen und mein bewährtes ritterliches Schwert. Meine Burg ist schier verfallen. Mein Vater starb geächtet, weil er es nicht mit dem Kaiser gehalten. Nichts ließ er mir zum Erbe als Elend, wie die Burg genannt ist, weil sie auf einer elenden Haide erbaut ward. Kuno. Aber euer Geschlecht ist alten Namens; ich kenn' es wohl und ich acht' euch nicht geringer ob eurer Armuth, als wäret ihr der reichste Ritter im Lande; denn des Ritters wahrer Reichthum ist ja doch eigentlich die Ehre und sein Schwert ! Drum laßt gleich einen Humpen zusammen leeren auf euer edles Ritterthum! (ruft) Heda! bringt Wein! Hans. Ihr seid allzugütig. Ein Diener bringt zwei Becher Wein. (Sie trinken, nachdem sie angestoßen haben.) Kuno. Noch einmal! Seid mir willkommen! Hans. Aber, wo ist das Fräulein? Kuno. Hildegard pflegt der Jagd mit zwei Rittern, die sich auch um ihre Hand bewerben; aber sie muß bald heimkehren; denn ich vernahm schon der Hörner Klang im nahen Walde. Hans. So ich bin also der Dritte hier auf eurer Burg, der euer Eidam werden möchte! Kuno. Ja wohl, ihr seid's; und fürwahr, ich hab in dieser kurzen Zeit schon ein so groß Vertrauen zu euch gewonnen, daß euer Sieg mir zur Freude gereichen würde! Hans. Dank' euch, edler Herr! Gewiß würde ich mich eurer Liebe würdig zeigen. Hornruf draußen Kuno. Aha! Sie kommen. Die Jagd ist aus. Hildegard mit Albert und Georg treten ein. Hildegard (mit Lebhaftigkeit.) Der Hirsch ist mein , theurer Vater! Albert. Mit kühnem Speerwurfe hat ihn das Fräulein erlegt. Georg. Nur ein paar Sprünge machte er noch durch's Dickicht; dann stürzte er – Hildegard. Und mit dem Waidmesser gab ich ihm den Fang, daß der rothe Schweiß hoch aufspritzte. (Hans erblickend.) Ei sie da – ein Gast? – Willkommen edler Ritter! Was führt euch auf Burg Hoheneck? Hans Das Kleeblatt vollzumachen. Hildegard (spöttisch.) Ein Dritter also in der gütigen Bewerber Zahl! Hans. So ist's – und nichts für ungut, ihr Herrn, wenn ich mich anreihe. Georg. Gott zum Gruß! Albert. Um hohes Gut gemeinsam kämpfen ist ein edles Turnei! Hans. Wohl dem, der den Preis gewinnt! Hildegard. Nun könnt ihr also zu Dreien loosen, wer zuerst sein Leben um mich zu wagen Lust hat. Aber ich möchte euch rathen, lieber in Frieden heimzuziehen. Albert, Georg und Hans (zugleich.) Nimmermehr! Hildegard. Wie es euch beliebt, wenn ihr euer Verderben wollt. Hans. Ich weiß, daß es einen Kampf gilt, in dem noch Alle, die ihn bisher gewagt haben, untergingen. Jenen Zauberspiegel wollt ihr, der die Wahrheit dem zeigt, der ihn besitzt. Hildegard. Ist's nicht wohlgethan, wenn man nach Wahrheit strebt? Kuno (zu Hildegard.) Und hast Du den Spiegel einmal, so wirst Du aus ihm Deines Herzens Stolz erkennen. Hildegard. Dann werd' ich mich auch zu fügen wissen. Nun, was wollt ihr mehr? Wer mir den Spiegel bringt, dem reich' ich meine Hand, als Gattin und ich bin sein ! Dieß gelob' ich. Nun, mögt ihr loosen. Dort steht ein güldner Becher. Zwei Kugeln liegen darin – Eine weiß, die andere schwarz. Wer die schwarze zieht, ist der erste zum Kampfe mit Asprian. Hans. So kommt, laßt uns ziehen! Kuno. Blickt auf und schaut nicht abwärts, daß nur der Griff der Hand wähle. Ritter Albert, ihr wart der erste hier, ihr habt also das erste Anrecht. Albert. Wohlan! (greift in den Becher) Schwarz! Ich bin der erste. Hildegard. Werft die Kugel wieder in den Becher. Nun ist's an euch, Ritter Georg – ihr wart ja der zweite Bewerber. Georg (er zieht.) Schwarz! Hat Albert nicht gesiegt, so bring ich euch den Spiegel. Hans. Und so wäre denn ich der letzte, wenn ihr Beide erlegen wärt. Kuno. Gott schütz euch! Der Kampf ist herb und hart; denn der Tod des Einen ist Brautwerber für den Andern. Drum aber meide keiner den Sieger! Die drei Ritter (reichen sich die Hände.) Keiner, wir schwören's! Kuno. So sei's denn! Nun laßt uns zum Abendschmaus gehen; Hildegard wird euch den besten Rheingauer kredenzen. (Alle ab.) Kasperl (tritt ein.) (im hochtragischen Tone.) Ha! Ich weiß nun Alles: Eine schwarze Kugel – eine weiße Kugel! Ja wenn die schwarze Kugel nicht schwarz wäre, so wäre sie vielleicht weiß. Schwarz oder weiß – dieß ist das Loosungswort für den Kampf um den Zauberspiegel. Wenn ich mich aber gewissermassen und aus ganz besonderen Ursachen weniger an dem näheren Umgang mit dem Riesen Asprian oder wie er heißt zu betheiligen beabsichtige so – jetzt Kasperl paß auf – so – Schlipperment (in gewöhnlichem Tone.) warum soll denn ich's nit auch probieren, daß ich das Ritterfräulein krieg? Aber wie? Könnt' ich nit zum Beispiel durch meine Pfiffigkeit den gewissen Spiegel da stibitzen, derweil die Ritter so dumm sind, sich mit dem Kohlenbrenner rumz'raufen? Dieser Gedanke ist groß: und wenn ich diesen Spiegel gestibitzt habe, werde ich im ritterlichen Costüm, das ich auch irgendwo stibitzen kann, den Zauberspiegel in der Hand, mich vor dem Fräulein hinstürzen und als ihren Gemahl produziren. Denn sie hat's ja geschworen, daß wer ihr den Spiegel bringt ihr Gemahl wird. Also Courage Kasperl! sei gscheid! Ich werd morgen den Rittern nachschleichen und vielleicht, vielleicht sind mir die unterirdischen oder oberirdischen Mächte hold. Pumpadara! (Es donnert) Hören's auf da oben! oder sollte dieser Donner ein zarter Wink des Schicksals sein? (mit Wichtigkeit) Dieses wird sich im zweiten Akte zeigen! Der Vorhang fällt. Ende des ersten Aufzuges. II. Aufzug. Waldiges Felsenthal. Der Eingang in Asprian's Höhle sichtbar. Im Hintergrunde ein rauchender Meiler. Nacht , der Morgen-Dämmerung nahe; der Vollmond am Himmel. Wiltrud (tritt ein.) Die Nacht ist hell, bald aber graut der Morgen. Mich ließ es nicht mehr ruhen. Ich muß zu meinem Herzenssöhnlein Asprian, der noch nicht ahnet, daß ihn heute noch die Ritter bekämpfen werden. Mondschein was sagst Du mir? Huiauf ihr Raben und Eulen! Huiauf! was habt ihr mir zu verkünden? (Während der Vollmond blutroth wird, flattert eine Schaar Eulen und Raben über die Bühne mit Geschrei und Gekräh.) Hoho, was ist das für ein Lumpenpack? was fliegt ihr in die Nacht hinein und warum nicht gegen das Morgenroth? Galgenvögel! Und Du dort oben wirst blutroth? Der Wiederschein des ritterlichen Blutes, das da fliehen soll? nicht wahr? denn meinem Asprian darf nichts geschehen; der ist ja stärker als Alle. (Der Wind rauscht durch die Baumwipfel.) Holla, da rauscht's von Osten her und weht die Morgennebel über die Mondscheibe hin! (ruft in die Höhe) Asprian! Asprian! mein Herzkind! – hörst Du nicht? Komm doch heraus! Dein Mütterlein ist da. Asplian (drinnen) Wer ruft mich? laßt mir Ruhe! Wildtrud. Ich bin's ja, ich bin's! Komm nur; Du sollst was Neues hören. Asprian (tritt aus der Höhle.) Da bin ich, aber was kommst Du nicht herein zu mir? Ich lag auf der Bärenhaut, war faul vom Kohlenbrennen. Wiltrud. Hör mich, Asprian! nun soll die stolze Hildegard bald dein sein. Asprian. Heisa! Da bekomm' ich ein schönes Weib in in mein Felsenloch. Wiltrud. Dann mußt Du aber nicht so ungeschlacht sein, Herzenssöhnlein, sondern hübsch sanft und gut. Asprian Hol der Henker die Sanftmuth! Warum bin ich so geboren, wie ich bin? Warum ist der Bär kein Lamm und der Wolf kein Schaf? Wenn mir was unter die Hand kömmt, muß ich es erdrücken; was kann ich dafür? ich bin eben der starke Asprian! – Aber mit der schonen Hildegard will ich sanft sein und gut. Mutter Wiltrud, wann bekomm' ich sie? Wiltrud. Merk' auf, Asprian: heute werden zwei Ritter kommen, einer nach dem andern. Mit denen wirst Du bald fertig werden. Asprian. Wieder ein paar Schädel mehr als Zierrath in meine Kammer! Wiltrud. Weiß schon, Dich bezwingt Keiner. Nun, wenn Du die zwei erschlagen hast, dann kömmt aber noch ein Dritter. Der wird Dir zu schaffen machen, denn sein Schwert und Schild sind am heiligen Grabe geweiht. Suche ihm vor Allem seine Waffen zu entwinden; dann hast Du leichtes Spiel mit ihm. Asprian. Ich fürcht' auch derlei Waffen nicht. Meine Keule ist durch Drachenblut geweiht. Den Burschen schlag ich mit dem ersten Streich nieder, wie die Andern alle. Wiltrud Gut denn! Wenn Du die 3 Ritter erschlagen hast, dann ist's an der Zeit. Hildegardis Vater, ihres Hochmuth müde, dem auch diese drei Bewerber zum Opfer fielen, wird unserer Bewerbung geneigt sein. Sagt Hildegardis nicht »Ja« und will sie Dich dennoch nicht zum Gemahl haben, so kannst Du sie Dir ja entführen. Dazu kann ich Dir wohl behilflich sein durch meine List und Klugheit. Asprian. Und wenn ich sie habe, dann erdrück' ich sie! Wiltrud. Pfui, mein Sohn! Du wolltest ja sanft und fromm mit ihr thun. Asprian. Aja, Mutter! wenn ich sie nur einmal in meiner Höhle drinnen habe. Sie soll mir Wildschweinkeulen rösten und Eicheln braten und Branntwein bereiten aus Waldbeeren. Kann sie das , dann will ich sie nicht erdrücken. Und in Schlaf soll sie mich singen, wenn ich vom Kohlenbrennen müd bin. Wiltrud. Gut denn, Asprian! – Sieh der Mond ist verschwunden und der Morgen graut. Ich gehe jetzt; denn die Ritter werden bald nah'n. Asprian. Geh' nur, Mutter, und sei ohne Sorge. Wiltrud. Mittags komm ich wieder, da sind die Ritter wohl alle todt. Asprian. Heisa, da sind sie freilich todt! (Wiltrud ab.) Asprian. Kommt nur ihr Helden mit Schwert und Harnisch! Ihr sollt den Asprian finden! (ab in die Höhle.) (Die Ritter Albert und Georg treten geharnischt ein.) Albert. Hier ist die Höhle, wir sind zur Stelle. Georg. Sieh dort den rauchenden Meiler, das ist Asprian's Werkstätte. Albert. Gott schütze mich! Mit seiner Hülfe will ich den Kampf unternehmen. Georg. Ich werde in der Nähe bleiben und sehe ich Dich wanken, so werde ich herbeieilen, um Dir beizustehen. Albert. Und wenn ich unterliege, so möge Dir der Kampf gelingen. Dann bringe den Zauberspiegel der stolzen Hildegardis und sie mag aus ihm erkennen, wie grausam und thöricht sie war. Grüße sie von mir, der mit so vielen Anderen als ihr Opfer fiel! Nun, leb wohl! Zieh' Dich zurück. Georg. Leb wohl, theurer Albert! (ab) Albert (gegen die Höhle.) Heda! wo bist Du, Asprian? Asprian? da ist Einer heraußen, der mit Dir kämpfen und sich den Zauberspiegel holen will! Asprian (drinnen.) Ha, ha, ha! wieder so ein Narr, der sein Leben verlieren will! Geh lieber heim! Albert. Ich gehe nicht, und wenn Du den Muth nicht hast herauszukommen, so werde ich Dich schon zu finden wissen. Asprian (lacht wieder drinnen.) So komm! Albert. Wohlan! fürchte mein Schwert! ich komme. (ab in die Höhle, aus welcher man bald den Kampf vernimmt. Nach einigen Schwert- und Keulenschlägcn ruft Albert drinnen;) Albert. Weh mir ich bin des Todes! (Gelächter Asprians.) Asprian (des Ritters Leiche herausschleppend.) So, da hast Du's! Hinein mit Dir in den Kohlhaufen. Aus den Knochen hole ich mir dann Deinen Schädel. (er wirft den Leichnam in den Kohlhaufen, der hoch auflammt.) Georg (rasch eintretend.) Elender! Da ist noch Einer! aber mich sollst Du nicht besiegen. – Armer, unglücklicher Albert, ich will Dich rächen und die Rache soll meinen Arm stählen! Asprian. Da sieh, wie es Deinem Vorgänger geschehen! Der bratet schon. Da kommst Du auch hinein! Georg. Laß sehen, Elender! Asprian. Her da! An meiner Keule wird bald Dein Blut träufeln! (Sie kämpfen und zieh'n sich hinter die Coulissen zurück, Kasperl schleicht von der anderen Seite herein.) Kasperl. Da gibt's Prügel! Schlapperdibix! Jetzt heißt's geschwind sein! Wenn ich nur das schöne Spiegerl aber auch gleich find! (ab in die Höhle. Man hört die Kämpfenden sich wieder nähern. Kasperl springt aus der Höhle, den Zauberspiegel in der Hand.) Kasperl. Juhe! Da hab ich, was ich brauch! Aber jetzt heißt's davonlaufen. Victoria! den Preis des Kampfes hab' ich, die Schläg' überlaß' ich den Andern! (ab.) ( Georg mit Asprian kommen kämpfend wieder herein.) Georg. Ich mach Dir warm, Bursche! Asprian. Deine Schläge sind gut. Aber wart nur! (schlägt mit der Keule.) Georg. Weh mir! (er sinkt zu Boden.) Asprian. So! noch Einer, noch Einer – Georg (sich wehrend) Herrgott, steh mir bei! (fällt und stirbt.) Asprian. Narr, Du hast's ja so gewollt. (schleppt ihn gegen den Kohlhaufen.) So, jetzt soll das zweite Mäuslein braten. Und nun ein guter Trunk darauf! (Ritter Hans tritt rasch ein.) Hans. Halt, Verfluchter! Ich will Dir's eintränken! Asprian Oho! Da ist ja schon der Dritte! (höhnisch) Sind Deine Waffen geweiht, edler Kämpe? Hans. Einerlei für Dich, aber mein Schwert soll Dir's zeigen! (Dringt auf ihn ein.) Asprian. Nun, wenn Du willst, so sei's. Verwandlung. Waldgegend. Im Hintergrunde Burg Hoheneck wie im zweiten Aufzuge. Hildegardis (tritt ein.) Die Sonne steht schon hoch und senkt ihre Strahlen sengend herab. Der Gang im Walde hat mich ermattet. Ich mußte hinaus in die Einsamkeit von Unruhe getrieben. Drei edle Männer wagen nun ihr Leben für mich wieder! Vielleicht sind sie, jetzt schon erlegen! Hildegard! thust du recht daran? – Aber es ist, als ob eine unbekannte Gewalt sich meiner bemächtigt hätte. Ich muß – und weiß nicht warum und wie? – Ach, wie müd bin ich! Ich will hier ein wenig ruhen, bevor ich den Berg hinansteige. (setzt sich auf eine Rasenbank.) Ich möchte schlummern und kann nicht! Was ist's aber, das mich innerlich so sehr bewegt und beunruhigt? Jetzt vielleicht kämpfen die edlen Ritter um meinetwillen. Vielleicht sind sie schon gefallen; denn Keiner hat noch den starken Asprian überwältigt, Keiner, der je mit ihm gekämpft! – Gehst du nicht zu weit mit deinem Stolze, Hildegard? Bist du berechtigt, Menschenleben zu opfern um deiner Freiheit willen? Und auch ihn ließ ich hinzieh'n zu seinem Untergang? Ihn – den Herrlichen, edlen Hans von Elend! O hätte ich ihn nicht fortgelassen! Mein Herz fühlte sich ergriffen – schon bei der ersten Begegnung mit ihm. Weh mir! Nun soll ich selbst auf das Bitterste gestraft werden; denn ich muß es mir selbst gestehen: er von Allen ist der Mann, dem ich meine Hand reichen könnte! (Sie sinkt auf die Bank von Schmerz ergriffen. Wiltrud kömmt aus ihrer Hütte.) Wiltrud (für sich) Da liegt sie, die Stolze! Jetzt ist's Zeit, ihr zuzureden. (zu Hildegard) Edles Fräulein, ihr scheint ermüdet. Und wie? Thränen rinnen über eure Wangen ? Kann ich euch dienen? Hildegard. Du, mir dienen, Asprians Mutter? Wiltrud. Ihr scheint mir Vorwürfe machen zu wollen und seid nicht ihr's selbst, die ihr den Zauberspiegel wollt, den Asprian nur von sich läßt, wenn ein Ritter ihn im Kampfe von ihm gewinnt? Oder sollte mein Sohn das schätzbare Kleinod so mir nichts dir nichts euch zu Füssen legen? Reicht ihm eure Hand, und der Spiegel ist euer Eigen. Hildegard (heftig aufstehend.) Wie, Unverschämte? Ich das Edelfräulein von Hoheneck sollte – – ? Wiltrud. Ihr solltet Vernunft annehmen. Wißt Ihr nicht, daß mein Asprian edlen Stammes ist? Sein Vater ist der vornehme Sarazenerhäuptling Abdul Mehmed. Als ich meinen Vater als treue Tochter in den Kreuzzug begleitete – ach, damals war ich ein schönes 16jähriges Mägdlein! – da raubte Abdul mich aus dem Lager der Christen. Ich war die erste in seinem Harem. Nach einem Jahre fiel Abdul im Kampfe und ich fand Gelegenheit, wieder in die Heimath zu entfliehen. Mein Sohn kam in Deutschland zur Welt. Ich hatte den wunderbaren Zauberspiegel aus Abdul's Schatz mitgebracht und so manche geheime Kunst hatte ich im Orient erlernt und darum heißen mich die dummen Leute hier eine Hexe. Für Asprian aber habe ich in meinem Hüttlein noch manchen Schatz bewahrt, wenn er einmal heirathen sollte. Glaubt's mir, edles Fräulein! Euer Hochmuth hat nun schon so viele Ritter zu Grunde gerichtet, daß wohl keiner mehr der Narr sein wird, um euch zu werben, und wollt ihr nicht als alte Jungfer verlacht werden – so bleibt wohl nichts übrig, als daß Ihr meinem Asprian, wenn er gleich ein wenig krummbeinig ist, die Hand als Gemahlin reicht. Hildegard. Unverschämtes Weib! wie kannst Du es wagen, mir solch einen Antrag zu machen? Ich und Asprian! Wiltrud. Ihr und Asprian! Ja wohl! Wartet nur bis er vor euch tritt in ritterlichem Schmucke; er wird euch schon gefallen. Hildegard. Fort von hier, Hexe! Entferne Dich und lasse mich allein. Hiltrud. Wenn Ihr's befehlt, edles Fräulein; aber wartet nur: es wird eine Zeit kommen, in der Ihr mich und meinen Sohn nicht mehr von euch weisen werdet. Lebt wohl! ich gehe. (ab.) Hildegard. (allein.) Geh nur, alte Hexe! wahnwitziges Geschwätze! – Nie und nimmermehr! – O hätte ich doch nie diesen Schwur gethan, daß nur der mein Gatte werde, der mir den Zauberspiegel der Wahrheit bringt! Ich habe mich selbst gefesselt und bin nun in der furchtbarsten Lage. (lauschend.) Wie, höre ich nicht von ferne Waffengeklirr? Sie kämpfen wohl! Und Hans von Elend! schöner edler Jüngling, Du liegst blutend da? – Doch nein, es ist nicht Waffenklang; der Wind schlägt die Aeste aneinander; der Wasserfall rauscht über die Steine; – weh mir, welche Unruhe! Horch! Da naht sich Jemand; vielleicht der Bote des Jammers vom Ausgang des Kampfes. ( Kasperl in komischen ritterlichen Aufputz, Helm mit geschlossenen Visir; er hält den Spiegel in der Hand.) Kasperl (spricht, wenn er nicht mit sich selbst redet, in lächerlichem tragischem Pathos.) Ha, ödles Fräulein! Hildegard. Wer seid Ihr, Ritter? Kasperl. Ha! Jedenfalls! Hildegard. Was meint Ihr? Kasperl. Nicht nur, sondern auch! Ha! edles Fräulein! In meiner Hand erblickt das triumphirende Siegeszeichen meiner angebornen Tapferkeit mit dem zarten Verhältniß einer noch süßeren Zukunft verbunden, welche mir als rosenfarbiger Hintergrund der schwarzen Andeutung furchtbar überstandener Gefahren entgegenlächelt. Hildegard. Ihr sprecht unklar, Herr Ritter. Sagt doch, wer Ihr seid, was Ihr wollt? Kasperl. Seht diesen Spügel! dieser Spügel ist der Spügel, den die holde Hildegardis verlangt hat. Und ich bringe ihn. Hildegard. Wie! Ist's möglich? Dies wäre der Spiegel der Wahrheit? Habt Ihr ihn erkämpft? Ist er es aber auch wirklich? Zeigt her! – wer seid Ihr, Ritter? Kasperl. Mein Name ist vor der Hand und nach der Hand ein Geheimniß. Ich habe derowegen auch meine Physiognomie mit dem pappedecklenem Visir zugedeckt, weil ich noch gehaim blechen will. Aber ich bin von dem Duell mit dem Kasprian so ermattet und so hungrig und durstig, daß ich euch bitten muß, ödles Fräulein, meinem ritterlichen Magen und meiner tapferen Gurgel die geeignete Nahrung zu verschaffen. Hildegard. Alles soll euch werden; allein laßt mich zuerst in den Spiegel schauen. (sieht in den Spiegel.) Wie, was seh' ich? Ich erblicke Asprians blutenden Leichnam! Kasperl. Na, versteht sich! er fiel unter meinen Streichen! Ha! Pumpumdaderada! Hildegard. Aber zugleich sagt mir der Spiegel, daß ihr nicht der seid, der Ihr zu sein scheint. Kasperl. Schlipperdibix! Ich soll nicht der sein, der ich zu sein scheine! Oder ich bin nicht der, der ich bin! Wirklichkeit ist nicht Schein und Schein ist nicht Wirklichkeit! Ha! das versteht sich, weil ich der geheimnißvolle Ritter bin, der sich erst zu erkennen gibt, wenn Ihr ihm die öhliche Hand gereicht habt. Hildegard. Wenn ich auch laut meines Schwures verpflichtet bin, desjenigen Gattin zu werden, der mir den Spiegel gebracht hat, so bin ich nicht an Erfüllung des Schwures gebunden, bevor ich weiß, wer mein Gatte werden soll. Kasperl. Ha! Laßt uns vor Allem auf eure Burg steigen zum Imbiß! Und ich erwarte keine kleinen Bissen für mein Gebiß! Ha! Schlipperdibix! Hildegard. So kommt, mein sonderbarer Ritter! (beide ab.) (Der Vorhang fällt.) Ende des zweiten Aufzuges. III. Aufzug. Gemach. Kasperl liegt im Bette. Nacht. Kasperl (sich unruhig im Bett herumwerfend.) Schlipperement kann ich nit recht schlafen. Ich glaub, daß ich von dem guten Abendimbiß ein bißl zu viel zu mir genommen hab. Aber die ausgezeichnete Knödlsuppen mit dem Wildantenvoressen! Des herrliche Rehbratl mit aufgschmalzne Erdäpfel! und nacher die Bresltorten mit Sauerkraut und Bratwürstl! Wer hätte da widerstehen können! – Auweh! bläht's mich! Und nacher das ausgezeichnete Hofbräuhausbier! Ferner der Rheinwein mit'n Landshuter gemischt! Kurz und gut – die schöne Hildegardis neben der ich gesessen bin, hat die Augen aufgrissen, was ich für ein' ritterlichen Appetit und riesigen Durst produzirt hab! und der Alte hat nur so dreingschaut! Eigentlich aber war mir aber auch 's Essen und's Trinken lieber, als meine zukünftige Braut. Die hat alleweil in den Spiegel 'neingschaut, nacher hat's mich wieder angschaut und endlich, ich weiß nit wie's gangen ist, hat sich meiner eine große Schwäche bemächtigt und so viel weiß ich noch, daß mich nacher naustragen haben. A par Stündl muß ich doch gschlafen haben, seit ich da herin lieg – aber jetzt geht's nimmer recht. Meine Verdauung scheint etwas gestört zu sein. (Es schlägt Mitternacht) Pfui Teufel! jetzt schlagt's zwölf Uhr: ich druck die Augen zu, damit ich kein' Geist sieh; denn das ist die bekannte Geisterstunde! Hui, hui! (Er schlaft nach und nach ein und schnarcht.) ( Wiltrud erscheint auf einem Besen reitend, und schwebt ein paar Mal auf und ab.) Wiltrud. Wart' Kerl, ich erwisch Dich; hast meinen Zauberspiegel gestohlen und mein Asprian ist todt! Weh, Weh! Ich kumm' als Trud Voll Zorn und Wuth! Ich druck Dich hinten, druck Dich vorn, Ich druck Dich von Der Zeh bis zu den Ohr'n; Hui, hui, mit Eul und Katz Geb' ich Dir einen Hexenschmatz! (setzt sich auf Kasperl auf- und niederhüpfend.) Kasperl. Auweh! auweh! wie druckt's mich! Auweh! das ist die Trud! auweh! Wiltrud. Du darfst nicht schmucken, Ich will Dich drucken, Ich druck Dich aus den Magen Und würg' Dich an dem Kragen, Die Trud ist Deine Braut, Bis daß der Morgen graut! Kasperl. Auweh, auweh! Ich bitt Dich schön, liebe gute Trud, verschon' mich! Ich schenk' Dir was D' magst! Auweh! (wimmert.) Wiltrud. Ich will aufhören Dich zu drücken, wenn Du mir versprichst, mir zu meiner Rache behülflich zu sein. Kasperl. Ich will ja alles thun, liebe Trud, was Du befiehlst; aber ich bitt Dich, druck mich nimmer. Du hast mich so schon halb zsammdetscht wie an Zweschbendatschi! Wilrud. Was ich von Dir verlange ist nicht einmal schwer für Dich; im Gegentheil es ist zu Deinem Besten. Kasperl (spring aus dem Bett.) O gute Trud, o gute Trud – gelt Du thust mir nix? Wiltrud. Hab nur keine Angst, ich thu Dir nichts; ich bin ja die alte Wiltrud vom Thal unten, Asprians Mutter. Höre: Mein armer Sohn Asprian ist durch Hans von Elend erschlagen! Ich muß mich rächen, rächen an diesem, rächen an Hildegardis! Du hast nichts zu thun, als mit dem frühsten Morgen Deine Rechte geltend zu machen und auf die Verlobung mit Hildegardis zu dringen. Kasperl. Ja, ich will auf die Verlobung springen! Wiltrud. Du hast ja den Zauberspiegel gebracht und die Bedingung erfüllt. Gegen Mittag schon wird Hans von Elend nahen und seine Ansprüche geltend machen wollen, weil er meinen Sohn erschlug, dessen Kopf er als Siegeszeichen mitbringt. Durch mein Blendwerk hat er sich im Walde verirrt; allein, wenn die Sonne am höchsten Mittag steht, schwindet der Hexenzauber. Bis dahin also mußt Du Hildegardens Verlobter Bräutigam sein; sie kann nicht mehr zurück und dadurch wird sie und Hans von Elend unglücklich! Kasperl. Ja, sie kann nicht mehr zurück und ich kann nicht mehr vor; an dem Punkt bleiben wir alle zwei stehn und mein ehemaliger Herr kann abfahren. Ich bin Hildegardens Gatte, dann geb' ich mich zu erkennen als spanischen Ritter Don Casperlo von Guadarrama-Sierra-Morena-Granada-Salami . Wiltrud. So sei's. Nimm Dich zusammen. Der alte Ritter Kuno hat selbst keine Ruhe mehr und wird Deine Verlobung beschleunigen. Also Muth! Kasperl. Gute Trud! verlaß Dich auf mich, aber druck mich nimmer, ich bitt Dich! Wiltrud. Hui auf! hui auf! (fährt auf dem Besen ab.) Kasperl. Schlapperement, das war en Arbeit, bis ich die Trud anbracht hab. Jetzt aber Couraschi! Von nun an nur spanisch! Spaniolo, Spaniolo! Aber a spanisch Röhrl brauch ich noch dazu. (Es klopft heftig an der Thüre. Kasperl fallt um.) Auweh! schon wieder a Hex! (verkriecht sich.) (Es klopft wieder. Ritter Kuno tritt ein.) Kuno. Edler Ritter, verzeiht, daß ich euch beim frühen Morgenroth schon belästige. Kasperl. Ha! Vos, vos? bon dio, bon dio! Kuno. Wie? Seid Ihr nicht deutscher Abkunft? Ihr spracht doch mit meiner Tochter Deutsch. Kasperl. Nix Deutsch. Das war nur meine Vermummung. Spaniolo, Spaniolo, Caballeros spaniolos. Kuno. Um so besser – also ein edler Spanier? Kasperl (für sich.) Was hat a von Knödl gsagt? – Don Casperlo del Guadarrama-Sierra-Morena-Granada-Salami. Kuno. Also aus der Sierra-Morena – maurischer Abkunft? Kasperl. O nein, meine Abkünftlinge waren keine Maurer. Mauroscordatos Caballeros! Kuno. Ich komm mit dem Frühsten zu Euch, um Euch anzukündigen, daß ich diesen Morgen noch Euere Verlobung mit meiner Tochter feiern will. Kasperl. O ja, aber zuvor noch an Caffé, Caffé ! Kuno. Ihr sollt sogleich euern Morgenimbiß haben; dann zieh'n wir in die Burgkapelle, wo Hildegardis euch die Hand reichen soll laut ihres Gelöbnisses. Kasperl. O ja! Ich muß nur noch zuvor meinen spanischen Kragen umhängen als Brautgwand. Cragalo spaniolo ! (beide ab.) Verwandlung. Burghof von Hoheneck. Seitwärts Eingang in die Burgkapelle. Morgenbeleuchtung. ( Hans von Elend tritt durch ein Seitenthürchen ein. Ihm folgt ein Bauer , der auf einer Stange Asprians Kopf trägt.) Hans. So, guter Mann, ich danke für dein Geleit. Hätte ich Dich nicht im Walde getroffen, weiß der Himmel, wenn ich mich wieder herausgefunden hätte. Bauer. Ihr hattet euch freilich tüchtig vergangen im Gehölze. Der Wald ist auch gar groß. Und dabei hattet ihr noch das abgeschlagene Haupt des Kohlenbrenners Asprian zu schleppen. Gott sei Dank, der euch Kraft und Muth gab, den bösen Kerl todt zu schlagen! Er war der Schrecken des Waldes. Jetzt ist der Lümmel todt. Hans. Steckt die Stange mit dem Kopf in's Erdreich dort an die Mauer und geht eures Weges. Bauer. Ja, aber in der Nähe will ich doch bleiben; denn ich möchte den fremden Ritter sehen, mit dem das schöne, stolze Edelfräulein diesen Morgen noch vermählt wird, wie mir ein Burgknappe gestern Abends in der Dorfherberg erzählte. Hans. Wie? ein fremder Ritter? Verlobung mit Hildegardis? – Geh, geh, laß mich allein! Bauer. Wie ihr befehlt edler Herr; aber warum seid Ihr so aufgebracht? Hans. Geh nur! geh! Bauer. Gehabt euch wohl, Herr Ritter! (ab.) Hans (allein.) Wer, beim Himmel, kann der Vermessene sein? oder hat Hildegard ihren Sinn geändert? hatte sie mir nicht beim Abschied heimlich zugeflüstert: »Lebt wohl edler Hans! Gott schütze euch!« Und jetzt sollte sie einem Andern die Hand reichen, nachdem sie mir doch ein Zeichen Ihrer Zuneigung gegeben hatte? – Welch ein Räthsel? Ha! wär' es möglich, daß vielleicht ein Anderer sich des Wahrheitspiegels auf irgend eine Weise bemächtigt hätte, den ich in der Höhle des erschlagenen Asprian nicht mehr fand? (Trompeten schallen aus dem Innern der Burg.) Schon nah'n sie. Licht soll werden! und weh' dem Verräther! (zieht sich zurück) Das Thor rückwärts öffnet sich. Hochzeitszug ad libitum zu arrangiren. Am Schluße desselben Hildegard mit dem Brautschleier. Kasperl , einen großen Federhut auf und spanischen Mantel umgehängt. Kuno mit Gefolge. Im Vordergrunde macht der Zug Halt. Kuno. Hört es Alle! beim Schein der frühen Morgensonne verkündige ich es als Vater der Braut: Fräulein Hildegardis von Hoheneck soll nun ihrem Gelübde entsprechend, dem Ritter ihre Hand zu reichen, welcher ihr den Spiegel der Wahrheit gebracht hat, mit diesem edlen spanischen Helden Don Guardarrama-Sierra-Morena in der Schloßkapelle vermählt werden. (Trompetenstoß.) Hildegard (mit bebender Stimme.) Wohl weiß ich, daß ich mein Gelübde zu halten verpflichtet bin; allein ich verlange noch Aufschub, bis wir die bestimmte Nachricht haben, daß alle drei Ritter gefallen sind, die gestern mit Asprian gekämpft haben. Kuno. Was Aufschub? Dein Trotz dauert mir allzulange! bis heute haben wir der Rückkehr der Ritter geharrt. Keiner kam zurück. Es ist kein Zweifel – alle drei sind gefallen. Kasperl. Ha! Mordjo! Schlappermentico ! Kein Aufschub! – alle drei sind gefallen. Hans. (hervortretend.) Einer ist nicht gefallen, und der bin ich , Hans von Elend! (Allgemeines Erstaunen. Kasperl fallt aus Erschrecken um.) Hildegard. Die Vorsehung hat gerichtet! Hans. Aber auch das Schwert richte. Unbekannter Ritter, ich fordere euch zum Zweikampfe! Kasperl. Auweh! Jetzt bin ich weiter in keiner Verlegenheit! Da der Ritter und heut Nacht die Trud ! (zu Hans) Nix da! Spaniolo ! Hans. Was Spaniolo ! Wenn Ihr meinen Handschuh nicht aufhebt, seid ihr eine Memme. Kasperl. Ich brauch' kein' Handschuh mehr; ich hab schon a Paar! Kuno. Es bedarf keines Zweikampfes. Dieser edle Spanier hat den Spiegel gebracht. Hans. Und wer hat aber den Riesen erlegt, in dessen Händen der Spiegel war? Kasperl. Das versteht sich von selber! Hans. Nein! Du hast den Spiegel gestohlen! Ich habe den Asprian erlegt. Seht, dort ist, sein Haupt, das ich als Siegeszeichen mitgebracht. Fragt den Spiegel selbst. Er wird euch die Wahrheit sagen. (Donnerschlag. Asprians Haupt spricht feierlich.) »Hans von Elend hat mich überwunden und jener Betrüger hat den Spiegel aus meiner Höhle gestohlen, während die Ritter mit mir kämpften.« (Donnerschlag.) Hans. Wenn die Todten sprechen, ist kein Zweifel mehr! Hildegard. Und ich erkläre es: Nur Hans von Elend wird mein Ehgemahl! Kasperl (fällt auf die Knie.) Um Alles in der Welt! Ich bitt um Verzeihung! aber die Trud, die Trud! Hans (lachend.) Ha, das ist ja mein Knappe, der Kasperl! Armer Teufel! Dein Plan war nicht schlecht ausgedacht. Kuno. Elender Frevler, Du sollst gezüchtigt werden. Hans. Laßt ihn, edler Herr! Wir wollen ihm verzeih'n! Hildegard. Verzeihung dem Narren! – Die Freude unserer Vermählung soll nicht gestört werden. Kuno. So sei's denn! Kasperl. Ich bedank mich gar schön! Aber die Trud wird mich weiter nit drucken. (Donner. Wiltrud fährt herein und auf Asprians Kopf.) Wiltrud. Huiauf! Meine Zeit ist aus! Ich muß auf den Blocksberg. Meine Hütte ist verbrannt! Lebt wohl! Wiltrud kömmt nimmer wieder! (fährt mit Asprians Kopf ab.) Rothe Beleuchtung. Der Vorhang fällt. Ende des Stückes. Das Märchen vom Rothkäppchen in zwei Aufzügen. Personen. Waldminne , die Waldfee. Heriwolf , ihr Sohn. Der Zwerg Gübich Rothkäppchen. Michel , Waldbauer, und Trudl , dessen Weib, Rothkäppchens Eltern. Die alte Kathrin , Rothkäppchens Großmutter. Kasperl Larifari , beim Waldbauer im Dienste. Holzmann , Förster. Lenzl und andere Bauern. Jäger. Der Genius des Traumes . Ein Wolf . Ein Mops . l. Aufzug. Felsenhöhle. Morgendämmerung, sichtbar oben durch eine Felsenspalte. Waltminne (sitzt auf einer Felsenbank) Wo bleibt den Heriwolf mein Sohn? Es flieht die Nacht, die Sonne schon Seh' ich an Bergesspitzen glüh'n. Der Wilde ist doch allzukühn! Wie oft hab' ich's ihm untersagt, Daß er in Tageshelle jagt; Denn für die dunkle Feenwelt Ist nur die heilige Nacht bestellt. Verwünscht sein unbezähmter Drang, Sein allzuwilder Jugendhang! Er spürt wohl einem Wilde nach, Verliert sich bis zum hellen Tag. (ruft:) Hei! Gübich, Gübich, komm herbei, Such' mir im Wald, wo Heriwolf sei! (es kömmt Gübich , ein Horn an der Seite.) Waltminne. Such' meinen Sohn und eil' ihm nach, Denn Unheil brächte ihm der Tag. Gübich. Wie oft soll ich den Sohn euch suchen? Ich möcht' ihn lieber gleich verfluchen! Was jagt er auch so unbedacht? Wie oft hat's euch in Angst gebracht! Waltminne. Ei dießmal nur, thu's mir zu lieb! Gübich. Wer weiß, wo er umher sich trieb? Ich selber muß den Tag ja flieh'n Und mit den andern guten Zwergen Muß ich mich in den Höhlen bergen. Waltminne. Drum sollst Du mit ihm heimwärtszieh'n Noch eh' der Sonne goldner Strahl Sich breitet m des Waldes Thal. Gübich. Ich geh', doch sorgt für gute Kost, Legt einen Braten auf den Rost Und kühlen Trunk mir auch bescheert, Bin ich mit Heriwolf heimgekehrt. Waltminne. Hab' keine Sorg', ich lab Euch gut. Troll ab und seid auf Eurer Hut. ( Gübich ab und stößt in's Horn.) Der Morgenwind rauscht durch den Wald; O komme, Heriwolf, doch bald! In meine Höhle tret' ich nun, Auf moos'gem Lager auszuruh'n. (ab.) Verwandlung. Freie Gegend vor einem Walde. ( Rothkäppchen eilt herein; Heriwolf , im mittelalterlicher Jägertracht ihr nach.) Rothkäppchen. Ei, laßt mich ziehn! warum verfolgt Ihr mich? Heriwolf. Du bist ein so schönes Kind, daß ich Dich lieb habe. Komm mit mir! Ich bringe Dich zu meiner Mutter und da hausen wir zusammen. Rothkäppchen. Ich habe schon eine Mutter und auch einen Vater. Ich bedarf Eurer und Eurer Mutter nicht. Heriwolf. Aber so gut, wie bei uns, hast Du's doch nicht zu Hause. Denk' Dir: lauter Spielzeug aus purem Golde und Perlen und Edelgestein zum Geschmeide, und was Du immer zu Deiner Freude verlangen magst an Speis und Trank – Alles, Alles sollst Du haben. Rothkäppchen. Brauche alles Das nicht. Hab genug an meinen Nürnberger Spielsachen, und meine Puppe ist wunderlieb. Hab' auch zu Essen und zu Trinken genug. Milch und gutes Brod und die schönen Waldbeeren, wie ich sie eben in mein Körbchen sammelte, nebenbei. Sieh! und da kamst Du, wilder Bursch, und störtest mich im Beerenpflücken. Heriwolf. Ich laß Dich nicht und sollt' ich Dich mit Gewalt festhalten müssen. Du mußt mit mir! (Man hört Gübich's Hornruf) Wie? was hör' ich? Gübich's Horn! – Verdammt! Der sucht mich, weil es tagt. Was kümmert 's mich? So komm denn, schönes Kind! Folge mir. Es soll Dich nicht gereuen. (will sie umfangen.) Rothkäppchen. Laßt mich, laßt mich! Hört, Euere Jagdgenossen rufen euch. Heriwolf. Das sind meine Diener, die mir zu gehorchen haben. Ich bin der Herr der Jagd! König des Waldes bin ich! (Hornstoß) Schweig mit Deinem Rufe! ( Gübich tritt ein.) Gübich. Hab ich Dich endlich? die Mutter ruft Aus ihrer dunklen Höhle Kluft. Komm heim, komm heim! sieh'st Du den Tag, Der keine Feeen leiden mag? Heriwolf. Der Sonne Fluch und Fluch auch Dir, Daß Du mir jetzt begegnest hier! Sieh her, dieß wunderliebe Kind, Ich will es haben zu meinem Gesind. Gübich. Komm, Heriwolf, 's ist hohe Zeit, Und unser Weg ist noch so weit. Heriwolf. Ich will nicht, laß mich nur allein' Und geh'st Du nicht, tränk' ich Dir's ein! (schlägt nach Gübich , unterdessen entflieht Rothkäppchen . Gübich hält ihn fest.) Heriwolf. Laß ab, was hält'st Du mich so fest? Das Vöglein flog mir aus dem Nest. (plötzlich wird es heller Tag.) Weh mir! Gübich. Weh' uns! Der Sonne Macht Stürzt uns zurück in Geisternacht! (Es donnert und Beide versinken.) ( Kasperl mit einer Holzaxt tritt ein.) Kasperl. In aller Fruh schon schickt mich der Bauer 'raus, daß ich im seine Bäum' umhau' und gibt mir vorher nix z' essen, als e Suppen und sechs Knödl drin! Wo soll nachher der Mensch seine Kraft hernehmen? Jetzt bin ich schon so schachmatt, daß ich selber gleich umfall'n könnt, wär' ich nicht durch das sittliche Bewußtsein meiner Berufsthätigkeit gehoben. (mit Pathos.) O, hätte ich mich nie herbeigelassen, aus Hunger und Durst in die Dienste des gemeinen Oekonomiebusitzers, vormals Bauernsimpel, zu tröten! O, warum habe ich nicht auf meiner gelehrten, das heißt geleerten Wanderschaft, bei der mein Magen alleweil leer war, fort und fort und immer forter zu wandern vorgezogen, bis ich ein meiner Oualifixation würdiges Obdach oder Dach überhaupt gefunden haben hätte hätte! (in gewöhnlichem Tone) Schlipperdibix! Muß ich zu dem verdammten Holzbauern kommen, wo wirklich Alles von Holz ist: 's Haus ist von Holz, Tisch und Bänk sind von Holz, mein Strohsack ist so hart wie Holz, 's Brod ist so altbacken, daß man meint, man beißt in an eichene Rinden, die Knödl, die Nudl – Alles ist wie von Holz! So was kann meine weiche, gemüthvolle, zarte Conflexion nicht ertragen! O Schicksal! O Sal des Schickes! warum verfolgst du mich von meinem zartesten Alter an? Was hab' ich verschuldet, als daß ich Schulden gemacht hab, wo ich nit zahlen hab' können? Uebrall, bin ich halt allweil der prügelte, gstriegelte Unglückskasperl und in allen Komödien bin ich dem bösen Prinzip verfallen, und ich bin doch kein böser Prinz, sondern der kreuzfidele Kasperl! Jetzt muß ich gar den ganzen Tag Holz hacken, als wenn ich a Baumhackel wär und mein Unglück steht alleweil klafterweis vor mir. Kreuzschlipperdibix, bin ich aber jetzt schon wieder müd. Das macht die furchtbare Anstrengung, daß ich die Viertelstund vom Haus bis daher gegangen bin. Ich muß mich nur a bißl niedersitzen. Unser Rothkapperl ist auch schon in aller Fruh fortgangen zum Beerlbrocken. Das ist wirklich a liebs Kind. Mir redt's aber z' hochdeutsch. Das kommt aber von dem neudeutschen gstudierten Lehrer, den's in der Schul hab'n. Bei dem verlernen die Kinder ihre angeborene Nationalitätsbauernsprach und werden alle Hochdeutschdümmler. Oho! da kommt grad's Rothkäpperl. Ja wo kommst denn Du schon in aller Fruh her? Rothkäppchen. Du weißt ja Kasperl, daß mir die Mutter befohlen hat, zur Großmutter in's Dorf hinüber zu gehen, um nachzufragen, wie es mit ihr steht, weil sie krank ist, und da hab' ich mir auch gleich Waldbeeren gepflückt; aber das war mir beinah schlecht bekommen. Kasperl. Hast vielleicht zu viel Beerl'n gessen und hast nacher 's Bauchzwicken kriegt. Rothkäppchen. Ei, was denkst Du! Nein, mir ist etwas ganz anderes begegnet. Kasperl. A was? begegnet ist Dir wer? Das ist mir schon oft begegnet, daß mir wer begegnet ist. Rothkäppchen. Hör nur, Kasperl: Als ich durch den Wald herging – 's war noch ziemlich dunkel und Du weißt, ich fürchte mich aber gar nicht, wenn's auch finster ist – – Kasperl. A, beileib, das weiß ich schon, Rothkäppchen. Als ich so durch den Wald ging, da kam plötzlich ein schöner Jüngling auf mich zu. Kasperl. Oho, wär nit übel! aber wenn's so dunkel war, wie hast' denn sehen können, daß's ein Jüngling war und daß der Jüngling noch dazu ein schöner Jüngling war? Rothkäppchen. Ich weiß nicht – aber seine ganze Gestalt war wie von einem hellen Schimmer umgeben. Kasperl. Das war vielleicht ein Kaminkehrer mit der Latern. Rothkäppchen. Ei, was nicht gar. Es war ein Jüngling mit einem Jagdspeer und ein Horn an der Seite. Kasperl. Da hab'n wir's: so war's nacher der alt Hiesl, der Nachtwachter vom Dorf mit seim Spieß und seim Ochsenhorn zum Blasen. Ein schöner Jüngling das! Rothkäppchen. O nein: der junge Jäger grüßte mich freundlich und frug mich, wer ich sei und wohin ich ginge – – Kasperl. Nacher war's also der Nachtwachter net; das is der Gendarm g'wesen; der hat dich für a verdächtige Person angseh'n und hat Dich schlexaminirt. Rothkäppchen. So schweig doch, Kasperl, und laß Dir weiter erzählen – aber, sieh, da kömmt der Herr Förster mit dem Vater. Ich könnte Zank bekommen, daß ich noch nit bei der Großmutter bin, sondern mich da verschwätze. Bhüt Gott! (springt fort.) Kasperl. Das war ein schöner Anfang von einer schönen Gschicht. Dummheiten da! Das Mädl hat gschlafen und nacher hat's ihr träumt von ei'm verwunschenen Prinzen, der ihr begegnet ist. Das kommt aber von denen Gschichten, die der neu Lehrer den Bub'n und Madl'n alleweil vorlest, da krieg'n die Kinder lauter Fabeln in' Kopf! (Förster Holzmann und Michel .) Kasperl. An ghorsamsten guten Morgen, Herr Forstner! Holzmann. Guten Morgen, Kasperl; auch schon fleißig? Michel (während Kasperl fortwährend Reverenzen macht.) Ja, schön fleißig! Vor einer Stund' hab ich'n zur Holzarbeit 'raus gschickt und jetzt steht er noch da und ist noch net amal in Wald 'nein gangen. Kasperl. Das sieht der Bauer wieder nit ein mit seiner Bauernweisheit. Ist denn's Hergeh'n kein Arbeit und muß der Mensch nit rasten von Einer Arbeit, bis er die Andere wieder anfangt? Holzmann (lacht) Der Kasperl hat ganz recht. Gut Ding braucht Weil und es fällt kein Baum auf Einen Hieb. Zeitlassen – da bringt man was vom Fleck und bei Uebereilung kömmt niemals was heraus. Michel. No, da muß der Kasperl a Mordskerl sein: denn übereilen thut er sich bei der Arbeit nie, Herr Forstner: aber beim Essen und Trinken da gehts frisch weg, gelt Kasperl? Kasperl. Ja, bei Euerm Essen geht's freilich frisch weg und kurz weg, weil wir so wenig hab'n. Kurze Haar sind bald bürst't, heißt's; und wenig z' Essen is bald gfressen, was uns Dienstboten anbelangt beim Waldbauern. Den Magen hat sich noch keiner überstaucht bei euch; aber eine Magenverengung und Darmschwindsucht könnt man kriegen vor lauter Hunger. Michel. Ei so lüg! Hör auf mit Deim Geplausch. Der Herr Forstner hat was Gscheiters z' reden. Kasperl. Was Gscheiters z' reden und was Bessers z' Essen. Holzmann. Gut, gut, Kasperl. (zu Michel) Also wo steh'n Deine Bäume, Waldbauer? Die Eichen, die du mir zum Kauf angeboten hast? Michel. Gleich da drinnen auf a par hundert Schritt in mei'm Holz. Holzmann. Wenn Du einen billigen Preis verlangst, so werde ich sie wohl kaufen können; denn wir brauchen Eichstämme zur Umzäunung des Wildparkes, mehr, als wir jetzt in der Staatswaldung fällen können. Michel. Herr Forstner wissen ja, daß ich a billiger Mann bin. Holzmann. So komm, laß einmal sehen! (Mit Michel ab.) Kasperl (allein.) O du billiger Mann Du! Ist das auch billig, wenn Du dem Kasperl nit g'nug z' essen gibst oder wenn der Kasperl nit g'nug an dem hat, was d' ihm gibst? Verflixte Bauernkost. Da heißt's alleweil Knödel oder Nudel, Nudel oder Knödl, Nudl, Nudl, Nudl, Nudl, Nudl, Nudl, Nudl alle Tag! Wie ich noch respektabler Schnoiderguselle war, hat's dach bisweilen einen gebratenen Gaißbock abgsetzt oder a gstohlne Katz in der Rahmsoß – aber jetzt ! – – Jetzt muß ich halt doch a bißl zum Holzhacken geh'n. Also auf! Kasperl, beginne den Tagslauf deiner rastlosen Thätigkeit und wirke für die Menschheit, die im Winter a Holz zum Einheizen braucht! (ab.) Verwandlung. Kleine Stube der alten Kathrin. An der Wand steht ein Bett. Vorne neben einem Tischchen ein Lehnstuhl, in welchem die Großmutter sitzt. Kathrin. Wo nur heut's Mädl bleibt? Geht auf Mittag und sie ist noch nit da. Gewöhnlich kommt's ja schon am frühen Morgen, das gute Kind. Wird ihm ja doch nichts passirt sein! Wenn ich nur nit so von der Gicht geplagt wär; ich ging mit dem lieben Kind so gern spazieren. Auweh! zwickt's wieder! Auweh? – Da hat mir der Doktor eine neue Medizin verschrieben, aber die hilft halt auch nichts. Ich glaub meine achtzig Jahrln die sind mein Hauptkrankheit. Die alten Knochen und Beinere ohne Mark müßen Ei'm ja weh thun. Auweh! reißt's. Jetzt hat's mir wieder an Stich geb'n. Wenn nur's Mädl käm; da hätt ich doch a Zerstreuung, weil's mir was vorlesen kann bis ich einschlaf. O mein, o mein! Wenn man alt wird, da ist's nichts mehr mit'm Menschen. Auweh! mein Fuß! Ich mein, es reißt mir'n Einer ab. (es klopft an der Thür.) Wer ist draußen? Rothkäppchen (von Außen.) Großmutter, ich bin's. Kathrin. Du bist's? No, das ist recht. Im Ofenthürl draußen liegt der Schlüssel. Sperr nur auf. Rothkäppchen (sperrt von Außen auf und tritt ein.) Grüß Gott, Großmutter, Grüß Gott! Kathrin. Aber Du kömmst heut spat, Kind! Rothkäppchen. Ach, verzeih mir, Großmutter. Ich hab mich unterwegs mit dem lustigen Kasperl aufgehalten; Beeren hab ich auch gepflückt. Willst Du welche? Sieh, das ganze Körbchen ist voll. Kathrin. Dank dir, liebs Kind. Da, setz' dich auf die Fußbank zu mir und wenn du gegessen hast, so lies mir was vor aus'm Eulenspiegel. Rothkäppchen. Darf ich dir nicht aus dem anderen Buch vorlesen, in dem die schönen Geschichten und Märchen steh'n? Bitt gar schön! Kathrin. Meinetwegen! aber mir ist eigentlich der Eulenspiegel viel lieber; der ist gar so unterhaltlich zum schlafen. Auweh, zwickt's mich! Rothkäppchen. Arme Großmutter, hast du wieder Schmerzen? Kathrin. Ja, die lassen nit aus. Das ist so grad mein Zeitvertreib, wenn ich allein bin, weil ich nix treiben kann. Stricken oder Spinnen kann ich nit, weil meine Finger steif sind; lesen kann ich nix, weil ich nix sieh und weil ich's lesen nit glernt hab und da ist's grad recht, wenn's mich bisweilen a bißl zwickt oder reißt in die Glieder; das gilt für en Unterhaltung. So, jetzt fang z' lesen an, Mädl! Rothkäppchen (blättert im Buche, das auf dem Tische liegt.) Ach! da ist die Geschichte vom daumlangen Hansl. Kathrin. Geh weiter mit der Gschicht; das ist Alles verlogen. Wie kann denn ein Mensch so winzig klein sein wie der Daumen? Rothkäppchen. Es ist eben ein Märchen. – (liest.) »Vom wunderschönen Prinzen Goldhaar.« Kathrin. No, das laß ich mir gefall'n, das ist was Neu's. Fang nur an. Auweh, reißt's mich in der großen Zeh! Rothkäppchen. »In einem fernen Lande lebte einst eine Königin, welche Califaxia hieß – Kathrin. Wie? Wie hat die Königin geheißen? Rothkäppchen. »welche Califaxia hieß.« Kathrin. Das is a curioser Namen. Der steht nit im Kalender. Weiter! Rothkäppchen. »welche Califaxia hieß und einen Sohn hatte. »Diesen nannte man Goldhaar, weil er so schönes »goldenes Haar hatte.« Kathrin. Geh! wer hat denn schon gold'nes Haar ghabt auf der Welt. Das hab'n nur die Engerln im »Himmel und's Christkindl in der Wiegen. Rothkäppchen. »Eines Tages nahm der Prinz Goldhaar Köcher »und Bogen – – Kathrin (wird schläfrig) Wer? Rotkäppchen. Der Prinz. Kathrin. Was? Rothkäppchen. Köcher und Bogen. Kathrin. Was ist denn das, Köcher und Bo .... (schläft ein.) Rothkäppchen. Großmutter, du hörst ja nicht zu. Kathrin (vom Schlaf auffahrend.) Auweh, zwickt's mich! – Ich hör schon; also Bogen. Rothkäppchen. »Köcher und Bogen, und ging in den Wald hinaus, um zu jagen. Da begegnete ihm ein hübsches kleines Mädchen« – Großmutter hörst Du? – Sie ist eingeschlafen. So will ich für mich weiter lesen. »Er grüßte das Mädchen und das Mädchen grüßte ihn wieder; und sie gingen zusammen ein Stück Wegs, als« – – jetzt werd' ich selbst schläfrig; ich bin eben früh aufgestanden und müde geworden – (liest) »und sie gingen zu- »sammen – – – ein – – « ich glaub' ich schlafe – – selbst – – »ein Stück Wegs« – – (ist eingeschlafen.) (Unter Harfenmusik hüllt sich der Hintergrund in rosige Wolken ein; der Genius des Traumes erscheint.) Geisterchor (oder der Genius spricht.) Es grüßt, Rothkäppchen, Dich der Traum, Der schwebt auf ros'ger Wolken Saum. Sieh hier das schöne Luftgebild: Wie Dir der Jüngling lächelt mild! Geduld, es kömmt vielleicht die Zeit: Das Bild wird Dir zur Wirklichkeit! (Im Hintergründe erscheint Heriwolf in Rosenschimmer.) Der Vorhang fällt langsam. Ende des ersten Aufzuges. II. Aufzug. Felsiges Thal (wie Anfangs des I. Aufzugs) Nacht. Der Mond am Himmel. ( Waltminne ; bei ihr, den Kopf in ihren Schoß gelegt, liegt der Wolf . Nebendran Gübich als Mops . Waltminne. So ist gescheh'n, mein armer Sohn, Was ich befürchtet lange schon! Hätt'st Du der Mutter Wort bedacht, Lägst Du nicht in Verzauberungsnacht. Dein wildes Stürmen ist nun Schuld, Daß Du verlorst der Götter Huld Und daß Du deiner Mutter Herzen Entrissen bist zu tausend Schmerzen. Das Reich der Nacht verließest Du Und jagtest kühn dem Tage zu, Und als die Sonne Dich beschien, Da sank die schöne Hülle hin, In eines Wolfes Thiergestalt Verwandelte Dich Fee'ngewalt. Und also spricht der Götter Fluch Und heiliger Gesetze Spruch: So lange sollst ein Wolf Du bleiben, Als wildes Thier umher Dich treiben, Bis Du gebüßt hast Deine Schuld Und Dir gewonnen Götterhuld. Wolf. Weh mir, o Mutter, welch harte Pein, Im Zauber so gefangen sein! Vergib den Frevel, den ich übte Und daß ich Dich so sehr betrübte! Waltminne. Dich Ein Mal noch bei mir zu seh'n, Ward mir erlaubt nach heißem Fleh'n. Nun aber muß ich von Dir lassen, Den eignen Sohn als Wolf zu hassen! Mops Verdammt! wär's euer Sohn allein; Doch muß auch ich verzaubert sein. Er hielt mich fest, als ich ihn fing, Bis dann die beste Zeit verging, So daß, als ich ihn Euch gesucht, Ich ward zur Mopsgestalt verflucht. Waltminne. Geduld, mein Gübich! mir thut's leid, Daß Du unschuldig wardst gefeit Und nun fortan in Hundgestalt Mußt laufen über Wies und Wald. Mops. Das wird ein rechtes Hundeleben! Wer soll mir jetzt mein Futter geben? (Ein dumpfer Glockenklang hallt durch die Lüfte.) Waltminne. Weh mir! es hallet nun das Zeichen, Daß Du, mein Sohn, von mir mußt weichen. Leb wohl! Leb wohl! o welch ein Schmerz! Es will mir brechen 's Mutterherz! Wolf. Leb wohl, o Mutter, gedenke mein! Nun flieh ich in den Wald hinein, Um mich zu bergen in grüner Nacht Und in der Felsen kaltem Schacht. ( Waltminne versinkt.) Da steh ich nun ein bös Gethier Und fühle schon des Wolfes Gier So recht nach wilder Bestien Art. O weh mir, das ist allzu hart! Mein Inn'res sträubet sich dagegen, Weil edler Sinn in mir gelegen; Des Wolfs Natur verlangt nach Blut, Doch Heriwolf hat sanften Muth. Getheilt ist meine Wesenheit, Und mit mir selbst bin ich im Streit. Mops. Und ich, vormals der Gnomen Zier, Muß fügen mich in Hundsmanier; Soll nun auf allen Vieren laufen, Wohl gar mit andern Hunden raufen. Verflucht bist Du ! das dank ich Dir. Wolf. Du dauerst mich, das glaube mir; Doch flieh' mich jetzt, Du armer Tropf, Sonst kostet's Dich gar bald den Kopf. Des Wolfes Hunger treibt mich schon; Ich bitte Dich, o lauf' davon! Mops. So lauf ich denn in weiter Fern' Und such mir einen and'ren Herr'n, Daß Heriwolf, der Wolf jetzt ist, Nicht seinen eignen Diener frißt. (ab) Wolf. (allein). Der sucht die Menschen, ich muß sie flieh'n, Um in Waldeinsamkeit zu zieh'n. Wolfshunger spür' ich, wilde Lust; Das Herz erbebt mir in der Brust; Fort, fort! ich muß! ich lechz' nach Blut, Es reißt mich hin des Wolfes Wuth! (ab) Verwandlung. Tag. Bauernstube in Michels Haus. Michel (tritt ein) Der Handel war gut. Ich gib dem Herrn Forstner 20 Eichstämm', und der Forstner gibt mir für Ein'n 40 Gulden. Das macht also 20 Stuck zu 40 Gulden, macht also 40 mal 20, oder 20 mal 40, das macht grad 800 Gulden. Das Geld kommt mir grad recht. 200 Gulden bin ich dem Nachbarn schuldig; bleiben noch 600 Gulden, wenn ich's ihm zahlt hab. 200 Gulden vergrab' ich hinten im Gartl draußen unter'm alten Birnbaum, damit ich a bars Geld hab, wenn ich Eins brauch, – bleiben nacher noch 400 Gulden. Da kauf ich mir a neue lederne Hosen, macht 9 Gulden, und das Andre leg' ich auf Interessi. Ja der Michel versteht sein Sach! A gute Milchkuh könnt ich auch noch brauchen und an guten Hammel in' Schafstall; und meiner Trudl muß ich doch auch a Freud machen. Der kauf ich en Lebzelten und a neu's Kopftüchel; aber nacher bleibt's dabei: das Andre leg ich auf Interessi. Aber z'vor geh ich noch in's Wirthshaus und thu mir an guten Tag an. Ich sauf mir an Rausch; aber die Trudl darf nix davon wissen und das Ander' leg ich auf Interessi. Ja, der Michel versteht sein Sach. Aber a neue Hutschnall'n brauch ich auch noch und a Par blaue Strümpf für die Sonn- und Feiertag! ( Kasperl singt und lacht draußen.) No, was hat denn der wieder für a Metten? Das ist a rechter Narr, der Kasperl. ( Kasperl tritt ein, den Mops an der Schnur.) Kasperl. Da schau her, Bauer! Da schau her! mir ist a Mopperl zuglaufen. Das ist a Glück! Michel. O mein Narr, was thust denn du mit an Mopperl? Wir hab'n ja den Sultan im Hof. Kasperl. Sonst hab' ich auch kein' Freud auf der Welt, also wird der Bauer nix einzwenden haben gegen mein Mopperl. Gelt, liebs Hunderl? Und d' Bäurin freut's gwiß auch und's Rothkapperl erst! Die wird a Freud haben! – So, Mopperl, jetzt hast en guten Herrn. Nix z'fressen und brav Schläg. ( Mops bellt und springt.) Ja bell nur! Kannst keine Kunststückeln? ( Mops bellt.) Michel. Von mir aus kannst'n b'halten den Mopperl; Aber futtern mußt'n selber. Kannst'n ja aus deiner Schüssel mitfressen lassen. So, schön's Mopperl, bist ja gar a freundlich's Viecherl! (ab) Kasperl. So ist's recht. Hab ich selber nit gnug und jetzt soll ich'n Mopperl auch noch futtern? Macht aber Nix. Gelt, Mopperl? wir kommen schon gut aus mitenand. Jetzt probir'n mir amal, ob du was kannst. Allo: schön Aufwarten! Allo! Aufwarten schön! Allo – kannst es Aufwarten nit? (schlägt ihn. Der Mops knurrt und bellt) 's Aufwarten mußt mir lernen. Schön, setz dich! (läßt ihn aufwarten) So ist's recht. Nach und nach geht's schon. Jetzt spring auch a mal! (streckt den Fuß hinaus) Allo, hops, hops! (der Mops springt und stößt den Kasperl, daß er hinfällt) Oho! Mopperl! Langsam! Also noch a mal. (Streckt das Bein wieder hinaus) Hopsa! (Der Mops springt und stößt den Kasperl wieder um.) NB. In dieser Scene ist dem Kasperl Spielraum zum Improvisiren gegeben. So, das Springen kannst so passabel. Brav Mopperl! Wart a bißl. Das brave Hundl soll jetzt auch was z'fressen krieg'n. A bißl a Wasser und kein Milch drin, aber dafür Bröckeln auch nit. (Geht ab.) Mops (allein). So wär ich an den rechten Herrn gerathen! Da gibt's wohl Schläge, doch keinen Braten; Nun bin ich eines Narren Hund Und darf nicht aufthu'n meinen Mund. Ich soll nur bellen, bisweilen knurren, Und möchte gern in Worten murren; Dieß aber ist der arge Bann, Daß ich bei Menschen es nicht kann! (Lärm und Geschrei draußen, der Mops kriecht unter den Tisch.) ( Trudl stürzt herein; Michel ihr nach, dann Kasperl .) Trudl. O mein, o mein, das Unglück, das Malär! Michel. Was gibts denn? Du thust ja wie narrisch! Trudl. O mein, o mein! Alles ist aus! Michel. Was ist's denn? so red' amal! Trudl. Der Wolf, der Wolf! Michel. Was für a Wolf? Der Vader? Trudl. Der Wolf ist in Schafstall kommen und hat uns d'Schaf zrissen! Michel. Auweh! Auweh! – aber s' hat ja in der ganzen Gegend seit Menschengedenken kein Wolf g'haust! Trudl. Geh nur 'naus; da wirst es schon sehen, ob der Wolf nit g'haust hat. Kasperl (zittert am ganzen Leib). Auweh! auweh! Der Wolf! Ich hab noch nie an Wolf gsehn! der Wolf! auweh! Trudl. Wie ich's Wasser am Brunnen gholt hab, hab ich d'Leut im Dorf auf einmal schreien sehn und laufen hörn. Nacher ist er durch die ober Gassen dahergr'ennt. Sie hab'n glaubt, 's war a großer Hund; aber nacher hat er gleich'n Schullehrer umgrissen und'n Meßmer in d'Wadl zwickt und ist schnurstracks zu unserm Stallfenster 'neingrumpelt und darin rumgfahren wie a Narr. D'Schaf haben elend plärrt. Ich hab mich auf'n Taubenkobel versteckt und bald drauf is er wieder 'nausgrennt, voller Blut und ein Schaf hat er im Rachen forttragen und – und – o mein! das Unglück! Auf d'letzt kommt er über's Jungvieh auch noch! Kasperl (zitternd). Und mich frißt er auch noch! Auweh! und mein Mopperl! Michel. Ich kenn mich gar nit aus vor Schrecken! Trudl. Nacher is gleich's ganze Dorf rebellisch word'n und d' Leut sand durchenander gloffen, wie narret; und der Herr Forstner und die Jäger sind auch mit ihre Gwehr kommen; aber der Wolf ist hinten über'n Lenzl sein Anger in's Holz 'naus. Holzmann (kommt herein mit einem Gewehr). Heda, Bauer! Alles muß 'raus! Alles muß zusammenhelfen! Ein Wolf hat sich sehen lassen. Alle Bauern müssen ausrücken; das ganze Dorf muß hinaus! Kasperl. Müß'n d' Häuser auch mit naus? Holzmann. Jetzt ist keine Zeit zum Spaß machen. Allo! nehmt Stecken, Prügel, Beile oder was ihr habt! Man muß auf den Wolf Streif halten. Trudl. O mein Gott! wenn nur der Wolf 's Rothkapperl nit erwischt! Die könnt grad im Heimgeh'n sein von der alten Mutter herüber, Wenn's ihm nur nit in' Rachen lauft! Holzmann. Drum fort, hinaus, hinaus! Meine Jäger sind schon auf dem Weg, den Wald zu umstellen. Michel. Ja, Herr Forstner, da müss'n wir freilich alle zusammenhelfen. Aber meine Schaf, meine Schaf! Wer zahlt mir meine Schaf? Holzmann. Vorwärts! zur Wolfsjagd! hallo! (Alle ab. Kasperl nimmt den Mops mit.) Verwandlung. Freie Gegend vor dem Walde (wie im I. Aufzug) Wolf (rennt herein.) Was so'n Wolf doch für'nen Hunger hat! Zwei Schafe fraß ich und grad bin ich satt. Hier will ich zur Verdauung etwas ruh'n, Dann hol ich zum Dessert mir noch ein Huhn. Das ganze Dorf ist auf den Füßen Und endlich wird man mich erschießen; Flieh'n muß ich, weil der Wolf es will, Der arme Heriwolf hielt gerne still, Damit, könnt' er dadurch Erlösung hoffen, Er von des Jägers Kugel werd' getroffen. Sieh da! Rothkäppchen kömmt den Weg; Schon trippelt sie dort auf dem Steg. Ich will mich hinter einen Busch verstecken; Sie könnte gar zu sehr an mir erschrecken. (versteckt sich.) Rothkäppchen (tritt ein). Ach, die arme Großmutter! heute muß sie gar im Bett liegen, so schwach ist sie. Ich fürchte, daß die gute Frau nicht lang mehr lebt. Schon gestern war sie so matt, als ich ihr vorlesen mußte. Aber wie? Ich bin ja selbst eingeschlafen und was hatte ich für einen wunderbaren Traum! Den schönen Jüngling sah ich, wie er mir freundlich zunickte. Ei was! die dummen Träume! Ich will lieber schnell heimgeh'n, um der Großmutter ein Töpfchen gute Suppe zu holen. Wolf. (hinter dem Busch). Rothkäppchen, guten Tag! Rothkäppchen. Wer ist da? Wolf. Ich bin's. Rothkäppchen. Ja, wer bist Du denn? Wolf. Fürchte Dich ja nicht, wenn ich mich Dir zeige. Rothkäppchen. Ei, warum sollt' ich mich fürchten? Wer wollte mir etwas zu leid thun? (Der Wolf tritt heraus.) Rothkäppchen. (erschrickt). O weh, ein Wolf! Wolf. Ich bin allerdings ein Wolf; allein von sanftem Gemüthe; und da ich vor Kurzem ein Paar Schafe verzehrt habe, brauchst Du keine Angst zu haben, von mir etwa gefressen zu werden; denn mein Wolfshunger ist ja gestillt und wenn ich nicht hungerig bin, so hat es gar keine Gefahr mit mir. Rothkäppchen. Das ist aber höchst sonderbar. Und wie kömmt's denn, daß Du wie ein Mensch sprichst? Ich habe noch immer gehört, daß die Wölfe nur heulen können. Wolf. Sieh, liebes Rothkäppchen, ich bin eben ein gebildeter Wolf. Es ist bei den Thieren, wie bei euch Menschen: Es gibt ungebildete Wölfe und Wölfe von guter Bildung und Erziehung. Zu den Letzteren gehöre ich. Rothkäppchen. Das ist curios. Also brauch ich mich wirklich nicht zu fürchten und davonzulaufen? Wolf. Ganz und gar nicht. Aber sag' mir, liebes Mädchen, wo kommst Du denn des Weges daher und wo gehst Du hin? Rothkäppchen. Jetzt geh ich heim und dann gegen Abend gehe ich wieder zur Großmutter im Nachbardorf da drüben, um sie zu pflegen. Wolf. Du bist wirklich ein recht braves, liebes Kind. Wie alt bist Du denn? Rothkäppchen. Ich bin schon aus der Feiertagsschule und bin kein Kind mehr, sondern ein Mädchen von 14 Jahren – bald 15. Wolf. Du gefällst mir so gut, daß ich Dich, wenn nicht aus Hunger, doch aus Liebe auffressen könnte. Rothkäppchen. Das wäre mir die rechte Wolfsliebe! Wolf. Denkst Du noch an den Jäger, der Dir gestern früh im Walde begegnet ist? Rothkäppchen. O ja. Er hat mir recht gut gefallen; aber wie weißt Du das? Wolf. Ich ging eben im Walde dort seitwärts spazieren und habe euch beobachtet. Sage mir, Rothkäppchen, wenn der Jäger Dir einmal wieder begegnete und Dich zur Frau nehmen wollte, was würdest Du sagen? Rothkäppchen Ich? – ei, was fällt Dir ein, Wolf? Wolf Nun, ich frage nur so. Was sagst Du dann? Rothkäppchen Wenn's nun einmal geheirathet sein müßte , so wäre mir der schöne, freundliche Jäger ganz genehm. Aber was schwatz ich da? Ich muß heim. Adieu, Herr Wolf! Wolf. Adieu, liebes Rothkäppchen! Wünsche guten Appetit. Rothkäppchen Gleichfalls. (springt fort) Wolf (allein). Welch liebes Kind! – Wenn mir jemals die Stunde der Erlösung schlägt, so will ich gerne auf alle Vortheile des Fee'nlebens verzichten. Ich wollte dann nur ein Fürst des Waldes werden und das liebe Rothkäppchen zur Frau nehmen. Hört es, ihr Götter! Ich verlange keine Zauberkräfte mehr, wenn ihr mir nur mein Wolfsfell abnehmt und mich zum Menschen macht. – – Aber jetzt regt sich schon wieder die Wolfsgier in mir. Der Hunger pocht an meinen unersättlichen Wolfsmagen. Ich will zu Rothkäppchens Großmutter laufen, um sie aufzufressen; sie stirbt ja ohnehin bald, die gute alte Frau. Sie wird zwar ein etwas zäher Bissen sein, allein den Hunger stillt's doch. (ab.) (Förster Holzmann mit Jägern, Michel, Lenzl und andere Bauern, mit Stöcken und Aexten bewaffnet.) Holzmann. Jetzt aufgepaßt, Männer! Also da herein ist er gelaufen, Lenzl? Lenzl. Ja, Herr Forstner; in das ander Holz 'nüber hab' ich'n rennen seh'n, wie ich vor einer halben Stund auf meim Acker da draußen war. Michel. Wenn er nur drüben net 'naus ist, das Galgenvieh! Holzmann. Nur ruhig! Wir krieg'n den Kerl schon. Paßt nur auf, was ich euch sage. Lenzl. Ja, g'sagt ist gleich, Herr Forstner; aber bis wir'n krieg'n, da kann er derweil die Schaf von unserm ganzen Dorf aufg'fressen haben. Michel. Und wer weiß, was er nacher noch Alles frißt und zerreißt! Holzmann. Warum nicht gar. Folgt nur meiner Anweisung: Ihr Bauern umstellt das Holz. Ich und meine Jäger, wir gehen still durch den Wald, der Spur nach. Einem muß er kommen. Entweder kommen wir zu Schuß oder Ihr schlagt ihn draußen todt. Michel. Probir'n wir's halt, wie's der Herr Forstner anschafft; denn der muß's ja versteh'n. Lenzl. Kommt's, Kameraden! Wir gehn links und ihr geht rechts und der Herr Forstner und die Jäger mitten durch. ( Kasperl kömmt mit dem Mops an der Schnur.) Kasperl. Der Kasperl kommt auch zur Jagd und bringt seinen Fanghund mit. Z' Haus hab ich mich a bißl gfürcht't. Holzmann. Gut, Kasperl! wir können dich auch brauchen. Wenn der Wolf rückwärts herausbringen will, so treibst du ihn ab. Kasperl. Wenn aber der Wolf mich anpackt? Da dank' ich gar schön. Holzmann. Das brauchst du nicht zu fürchten; denn ein gejagter Wolf packt Niemanden an. Also auf! auf! Aber anfangs ganz still. Die Bauern. So geh'n mir halt. (Alle ab.) Kasperl (allein.) Auweh! jetzt sind's Alle fort und haben den Kasperl allein g'lassen. Ich bin zwar kein Schaf, aber der Wolf könnt halt doch an Appetit auf mich kriegen. Ich schieb' ab und der sicherste Platz ist das Wirthshaus. Komm Moperl, gehn wir zum Wirth. (Mops bellt. Ab.) Verwandlung. Stube der alten Kathrin. Der Wolf liegt im Bett, die Nachthaube der alten Großmutter auf dem Kopf. Wolf. Die Alte hab' ich gefressen und jetzt lieg ich in ihrem Bett. Das war aber ein miserabler Bissen. Nun muß das arme Rothkäppchen dran! Es ist schrecklich und mein Herz sträubt sich gegen diesen Gedanken; aber mein Wolfsrachen verlangt darnach. Wie strafen mich doch die Götter für meinen jugendlichen Uebermuth so fürchterlich! Der sanfte Heriwolf ist zum Raubthier geworden, weil er die Gesetze des Fee'nreichs übertreten hat; weil er in froher Jagdlust die Grenzen des nächtlichen geheimen Lebens überschritten. – – Wenn nur die alte Großmutter ein fetterer Bissen gewesen wäre, so könnte ich jetzt mit gutem Gewissen Rothkäppchen kommen sehen. Allein so , mit halbgesättigtem Magen überwältigt des Wolfes Heißhunger, diese bestialische Verwandlung die sanften Empfindungen des armen Heriwolf. Schauderhaft! – Ich dürste nach Blut. Ich muß sie zerreißen. Weh mir! weh ihr! da kommt sie . ( Rothkäppchen kommt, ein Körbchen am Arm.) Rothkäppchen. So, liebe Großmutter, da bin ich und bringe die Suppe, die ich auf deinem Heerde aufwärmen kann. Wie geht's dir jetzt? Wolf. So passabel. Rothkäppchen. Aber was hast Du für eine rauhe Stimme Großmutter? Wolf. Ich habe etwas Katarrh. (räuspert.) Rothkäppchen. Das thut mir leid. (Tritt an's Bett) Ei! was hast Du für große Ohren! Wolf. Damit ich besser hören kann. Rothkäppchen. Und für große, große Augen! Wolf. Damit ich Dich besser sehen kann. Rothkäppchen. Und was für große Hände! Wolf. Damit ich Dich besser packen kann. Rothkäppchen. Und was für ein entsetzlich großes Maul! Wolf. Armes Kind! damit ich Dich fressen kann! (Springt aus dem Bette auf Rothkäppchen; zugleich fällt ein Schuß durch das Fenster herein und der Wolf stürzt getroffen hin.) Rothkäppchen. Mein Gott, der Wolf! Holzmann (stürzt herein.) Hab ich Dich, Galgenbestie? (Rothkäppchen ist vor Schrecken umgesunken.) Holzmann (ihr beistehend.) Sei ruhig, Herzenskind. Alle Gefahr ist vorbei. Erhole Dich. Rothkäppchen. So leb ich? – O gütiger Herr Förster, Sie haben mir das Leben gerettet. Aber gewiß hat das wilde, abscheuliche Thier die gute Großmutter gefreßen. Holzmann. Danken wir dem Himmel, daß nicht auch Du ein Opfer dieses Raubthieres geworden bist. Ich will die Bauern holen, daß sie den Wolf forttragen. (ab) . (Donnerschlag. Der Wolf versinkt und Heriwolf erscheint an seiner Stelle.) Heriwolf. Ich bin erlöst! Kennst Du den Jäger noch, Rothkäppchen? Rothkäppchen. Wie ist mir? Das ist ja Zauberei. Heriwolf. Jetzt bist Du mein und ich lasse Dich nicht mehr von mir. (Donner. Waltminne erscheint mit Gübich .) (Die Dekoration verwandelt sich in einen Zauberhain, im Hintergrunde ein erleuchtetes Schloß.) Waltminne. So sei's auch mein Sohn. Du hast in dieser kurzen Zeit gebüßt durch den Zwiespalt der Natur, dem du unterworfen warst. Die Götter sind versöhnt. Sieh, auch Gübich, der gute Knecht, ist entzaubert. Jenes Zauberschloß habe ich Dir zum Aufenthalt bestimmt. Nun bist du der Fürst des Waldes und Rothkäppchen magst du heimführen als deine Braut! Rothkäppchen. Wer bist Du, schöne Frau? Und Du schöner Jäger? Bin ich denn selbst verzaubert? Waltminne. Verzaubert bist Du nicht, aber Du bist in das Reich der Phantasie versetzt. Heriwolf. Und in die Märchenwelt. Komm mit mir auf mein Schloß! Deinen Kindern und Kindskindern magst Du einst selbst erzählen das Mährchen vom Rothkäppchen! Schlußgruppe und glühende Beleuchtung. Ende. Albert und Bertha oder Kasperl im Sacke. Grausames Ritterschauspiel in drei Aufzügen. Personen. Ritter Wenzel von Schwarzburg. Albert , sein Sohn. Ritter Kuno von Thaleck. Bertha , seine Tochter. Berthold , ein Waldbauer. Martha , sein Weib. Kasperl , Knecht beim Waldbauer. Helmont , Astrolog und Magier. Waltinne , die Waldfrau. Der böse Geist Negromantius . Knappen, Jäger und Reisige. Geistererscheinungen. I. Aufzug. Kerker, von einem Lämpchen erleuchtet. Kuno (liegt gefangen in Fesseln.) Ist's Tag oder Nacht! weh mir! ich weiß es nicht mehr! ich vergesse die Zeit, da ich so lang im Kerker liege. Wo bist du Sonne? Wo bist du Mond? Ich kenne euch nicht mehr. Der Strahl eures Lichtes, der in das menschliche Herz dringt, ist mir entschwunden. Ich bin wie ein blinder Mann! Nacht ringsum – vielleicht für immer! Grausamer Wenzel! Und Dir scheint die Sonne, Dir schenkt der Mond seinen sanften Strahl, aber dein Herz bleibt kalt und schwarz – wie die Nacht, die mich Unschuldigen mit ihrer Dunkelheit quält und zernichtet. – Und meine Bertha, meine arme Bertha! – wo magst du jetzt verborgen sein vor deinem Nachfolger? (Man schließt die Kerkerthüre von Aussen auf.) Was rasselt am Schloß? Vielleicht kömmt er wieder, um mich zu peinigen. ( Wenzel tritt ein, von einem Diener mit einer Fackel begleitet, der sich wieder entfernt, nachdem er die Fackel an die Mauer gestellt.) Ja – er ist's. Wenzel. Bist Du noch nicht mürb geworden, Kuno? Hat die Moderluft hier Deinen Sinn noch nicht erweicht? – Thor, der Du bist! ein Wörtchen – und Du bist frei und hast Dir Deinen Feind zum Freunde gemacht. Kuno. Was quälst Du mich vergebens? War es an mir gelegen, die Liebe meiner Tochter für Dich zu erzwingen? Sollte ich das zarte Herz eines Mädchens mit Eisenketten fesseln, während es schon von Rosenbanden umschlungen war? Wenzel. Was Rosenbanden? Während ich der Vater , um Bertha gefreit, hast Du meinem Sohne heimlich das Burgpförtlein geöffnet, daß er das Herz des Mägdleins gewinne. Kuno. Und warum sollte ich der Neigung Alberts in den Weg getreten sein? Ist er nicht Dein Sohn? Sollte er nicht mehr berechtigt gewesen sein, um sie zu werben, da die Jugend ihm den Weg gebahnt, während Dein Alter gleichsam der Winter war, der mit seinen eis'gen Händen die Rose pflücken wollte? Wenzel. Fluch Dir, Du Narr! – Aber ich will Deinen Sinn brechen. Nach und nach sollen Dich Hunger und Durst zur Besinnung bringen. Kuno. Und willst Du auch die grausamsten Mittel, mich zu verderben, anwenden – was frommt es Dir? Würde ich auch so schwach sein, meine Gesinnung zu ändern, es hinge doch noch von dem Willen meiner Tochter ab, die – der Himmel weiß wo? – jetzt vielleicht irgendwo im Elende sich vor Dir verborgen hält. Wenzel. Du lügst, wenn Du sagst, daß Du nichts von ihrem Aufenthalt weißt. Kuno. Ich lüge nicht. Da Du mich auf meiner Burg überfallen hast und gefangen nahmst, war sie entfloh'n! – Sage, wo ist Dein Sohn? Wo ist Albert? – Weißt Du es? Wenzel. Der Tollkopf! – wüßt ich's, so wüßt' ich auch, was ich mit dem Minnehelden zu thun hätte. Bei Dir würde er liegen in dunkler Haft. – Doch genug. – So lange ich Bertha nicht gefunden, so lange sie nicht mein ist, sollst Du hier in Ketten schmachten. Und wenn Du verhungert sein wirst, hänge ich Dein elend Gerippe an den Wartthurm hinaus, daß es im Abendwind schwanke den Raben und Geyern zum Zeitvertreib! (geht rasch ab.) (Die Thüre wird von Aussen geschlossen, die Fackel erlöscht.) Kuno. Arme hab' ich – die sind gefesselt! Eine Faust hab' ich, die noch ein Schwert schwingen kann! – Nichts! Nichts! – Ist denn Alles vorbei? – Weh mir! Hilf' mein Herrgott, wenn du gerecht bist! – Ach! käme doch der Schlaf, der gute Geselle! Käme der Schlaf, der Ruhe bringt für immer! soll ich – denn – ver – schmachten? (sinkt ohnmächtig auf sein Lager.) (Man hört eine sanfte Musik, während an der hinteren Wand sich eine Oeffnung bildet, durch die man in magisch erleuchtetes Waldesgrün blickt.) ( Waltinne erscheint.) Waltinne. Armer Mann, der Du gefangen Liegst gefesselt! Ich vernahm Deiner Stimme Klagebangen, Ich vernahm es und ich kam. Denn wo Leiden sind und Schmerzen, Nahet sich die Waldfrau gern, Bringet Trost den armen Herzen, Und sei sie auch noch so fern. Darum lasse Deine Trauer, Meinen Gruß will ich Dir weih'n; Rück' den Stein nur an der Mauer, Hier, wo ich Dir jetzt erschein'. Hier, an dieser Eisenklammer Drücke – und es fällt die Wand, Und zu Ende ist Dein Jammer, Fliehe dann in freies Land. Was dann weiter noch sich füge, Dessen harre – bleib ein Mann! Muth und Treue feiern Siege Nach der Prüfung schwerem Bann! (Verschwindet, die Wand schließt sich.) Kuno (auffahrend.) Bleibe, bleibe, schönes Bild der Hoffnung! bleibe süßer Traum, der du mich erquickt hast! – – doch wie? War's nur ein Traum? Hab' ich doch schon oft von der wunderbaren Waldfrau gehört, die sich des Elends der Menschen annimmt. War sie es vielleicht wirklich? Wie hätten mir solch' lieblichen Traum meine wüsten Sinne gestalten können? Mein Unglück hätte ihnen die schönen Farben nicht gelassen, das herrliche Bild zu malen. Dort – wo sie mir erschien – ein Stein , dessen Verschiebung die Mauer des Kerkers öffnet? Warum sollt' ich's nicht versuchen? – (tritt gegen die hintere Wand.) Sieh, hier ein hellgefärbter Mauerstein. Und hier eine kleine Eisenklammer. O wär' es doch Wahrheit! (Er drückt an die Stelle, der Hintergrund öffnet sich.) Es ist so. – Gott sei Dank! Licht, Freiheit! (Die Ketten fallen von ihm rasselnd zu Boden; er springt hinaus.) Verwandlung. Waldgegend. ( Berhold mit einer Holzhacke. Kasperl ihm folgend, trägt ein Bündel Holz.) Berthold. So komm doch, fauler Bursch. Heut will's wieder gar nicht vorwärts geh'n. Kasperl. Was will net vorwärts geh'n? Da geh' Einer vorwärts, wenn ihn hinten was rückwärts zieht. Vorn muß ich mein' Bauch tragen und auf'n Buckel muß ich's Holz schleppen. Ihr habt leicht reden und leicht gehen. Ihr haut's Holz um und ich darfs tragen. Berthold. Mein Weib braucht das Holz zum Kochen, also troll dich, daß wir heimkommen. Kasperl. Das is wieder ganz falsch, was Ihr sagt. Wenn Eure Frau das Holz zum Kochen brauchen thät, dann müßten wir Holz essen; und so weit ist's Gottlob doch noch nicht gekommen, obgleich das Essen oft hundsschlecht ist. Ihr hättet sagen sollen: mein Weib braucht's Holz zum Feuer machen. Aber Ihr seid halt ein dummer Waldbauer, der keine cultivirte Bildung hat. Berthold. Was dummer Waldbauer? – so spricht man nicht zu seinem Herrn? Kasperl. Wieder unrecht gesprochen! Ihr seid kein Herr, denn ein Bauer ist kein Herr . Ihr seid also nicht mein » Herr « – sondern nur mein » Bauer «. Berthold. Und doch will ich dir den »Herrn« zeigen, du Flegel. (schlägt ihn hinter's Ohr) Kasperl. Das verbitt' ich mir: den Lohn hab ich mir nicht ausbedungen und ich sehe überhaupt mehr auf gute Behandlung als auf schlechten Lohn. Das will ich Euch nur sagen. Berthold. Jetzt hör' auf mit deinem Geplapper, ich hab's satt . Kasperl. Aber ich bin nicht satt ; hab noch kein' Essen im Magen. Berthold. Komm nur, laß' uns gehen. (geht ab.) Kasperl (etwas zurückbleibend.) Ich komm' schon, aber zuvor muß ich noch ein Bißl rasten. (setzt sich auf einen Baumstock.) So – nach der Arbeit ist gut ruh'n. Ja, ja, ja, ja, ja, – das ist ein saures Leben, und 's wär noch saurer, wenn es nicht durch die holde Gegenwart jenes Wesens versüßt wäre, welches sich unbekannter Weise zu uns geflüchtet hat. Das schöne Fräulein; die holdselige Jungfrau! Was muß die auf'm Herzen haben, daß sie sich in ein Bauerngwandl g'steckt und unter dem Namen Armgard als Magd bei der Waldbäurin eingedingt hat? Aber ich weiß Alles und kein Mensch weiß, daß ich Alles weiß. Alles hab ich entdeckt. Neulich bin ich ganz schwachmatisch hinterm Ofen g'sessen und hab g'schlafen, oder eigentlich nicht g'schlafen und da hat das schöne Ritterfräulein der Waldbäurin Alles entdeckt: ihre Flucht, ihr Malheur und ihre heimliche Verliebung und Verlobung mit dem jungen Ritter Albert. Kurz ich weiß die ganze Ritterg'schicht – und wie's vorbei war – da hab ich furchtbar auf der Ofenbank hinten g'schnarcht, damit sie gemeint haben, ich hätt' gar nix g'hört. Und nunmehro ist das Geheimniß in meine Brust vergraben; ha! ich weiß zu schweigen, so lang mich Niemand fragt. Aber, s'ist wirklich Zeit, daß ich mich heimtroll, denn sonst krieg'n mir nix auf Mittag. (ab.) Bertha (als Bauernmädchen verkleidet mit einem Körbchen.) Jetzt hab' ich das ganze Körbchen voll der schönsten Erdbeeren; aber ich bin wirklich recht müd geworden; durch all die Stauden und das Gestripp! Die Zeit ist mir so schnell vergangen, denn ich habe immer an meinen Albert gedacht und an meinen Vater. Ja, an meinen unglücklichen Vater, der im Kerker schmachtet. O könnt' ich mein Leben opfern, ihn zu erretten! Wie oft schon hatte ich fest im Sinne, zu dem bösen Ritter Wenzel zu gehen und ihm zu sagen: »Da bin ich, nimm mich denn hin zum Weibe« aber ich weiß nicht wie es kam; eine Stimme in meinem Innern hielt mich zurück – es war wohl Alberts Stimme. Und immer mache ich mir die bittersten Vorwürfe, daß ich so schwach bin, so undankbar. Aber wäre denn mein Vater glücklich durch Erfüllung dieses Entschlusses? Er selbst sagte mir ja tausendmal: »Nie und nimmer sollst du die »Gattin des bösen Wenzel werden, der Niemandem »gut sein kann, sondern nur immer Böses im Sinne hat«. Nun, wenn es mein Vater selbst nicht will, – soll ich es wollen? Und dennoch wäre es vielleicht meine Pflicht. Mein armes Herz ist voll von Zweifeln. Wer kann mir rathen und helfen? – Ei, ihr Vögel zwitschert ja gewaltig. Wollt ihr mir einen Rath geben? Ich verstehe eure Sprache nicht. (Gesang hinter der Scene.) Geduld, Geduld Du gutes Kind, Wir singen's und sagen's auf grünen Zweigen Geduld, Geduld, es säuselt's der Wind, Es rauscht's die Quelle im plätschernden Reigen. Die Zeit, die Zeit, die Wundermacht, Sie schwebt unablässig und ohne Verweilen, Sie schwingt die Flügel Tag und Nacht, Die Zeit vermag alle Wunden zu heilen. Geduld, Geduld! mit Zeit kommt Rath, Drum harre und hoffe, Dich schützet Waltinne; Geduld, Geduld, erwarte die That, Erwarte den Lohn für die treueste Minne. Bertha. Was hör ich? Ist das der Gesang der Vögel, oder sind es die Stimmen der guten Waldgeister, die mich trösten wollen? Ich will euerm Rath folgen und in Geduld treu ausharren. Gott wird meinen Vater beschützen und Alles zu gutem Ende führen. (Hörnerklang hinter der Scene.) Da naht eine Jagd. Wenn es etwa gar der böse Wenzel wäre, der in dieser Gegend bisweilen zu jagen pflegt? (sie will fort.) (Zwei Jäger treten rasch auf.) Erster Jäger (hält sie zurück.) Halt, schöne Dirne, wir lassen Dich nicht fliehen! Zweiter Jäger. Du mußt uns von deinen Erdbeeren geben zur Erfrischung. Erster Jäger. Heb' sie lieber für Herrn Wenzel auf, der uns auf der Spur folgt. Bertha. Weh mir, der böse Wenzel! Zweiter Jäger (lacht.) Ha, ha! »der böse Wenzel!« – ein wackerer tapferer Ritter, der des Waidwerks pflegt. Erster Jäger. Sieh, da kömmt er schon. Ritter Wenzel (im Jagdkleide und mit Speer.) Heda! ich will ein bischen von der Jagd ausruhen. Ei, welch hübsches Bauernmädchen! Setze Dich zu uns und sing' uns ein Lied. Bertha (voll Angst und zitternd.) Herr, ich kann nicht singen. Ich hab' es nicht gelernt. Wenzel. Und hast doch eine so holde Stimme. Bertha. Ich bitte, laßt mich fort. Ich muß zu meinen Eltern heim. Wenzel Eine schöne Dirne läßt man nicht so schnell fort. Bleib' nur hübsch da und gib mir von Deinen süßen Erdbeeren. Bertha. Die steh'n Euch zu Diensten, gnädiger Herr. Wenzel. Aber wie? Die schöne Stimme ist mir bekannt; diese holden blauen Augen sollte ich kennen. Täusche ich mich nicht? – nein, nein! Du bist's: Bertha von Thaleck. Bertha (für sich.) Weh mir, er hat mich erkannt! (zu Wenzel) Verzeiht, Herr Ritter, ich heiße Armgard und bin die Tochter eines Waldbauers – – Wenzel. Nein, schönes Kind. Ich lasse mich nicht täuschen. Du bist Bertha. Zu meinem Glücke habe ich Dich Entflohene wieder gefunden. Jetzt bist Du mein! (Will sie umfangen.) Bertha. Laßt mich, Herr Ritter! Ich bin nicht die Eure, und wenn ich auch eines Ritters Tochter wäre. Wenzel. Fort mit Dir! Bursche ergreift sie! Fort auf meine Burg! Bertha. Hülfe! Hülfe! ihr schützenden Mächte! Ihr Sänger des Waldes, helft mir! (Indem die Jäger sie fassen wollen, erhebt sich ein Gehege von Waldrosen, welches sie verbirgt, bei einfallender Musik erscheinen Waldmänner, Gnomen, die nach kurzem Widerstande den Ritter und die Jäger vertreiben. Die Rosenlaube theilt sich und Hertha ruht in magischer Beleuchtung in Waltinnens Schooß.) Der Vorhang fällt. Ende des I. Aufzugs. II. Aufzug. Laboratorium, mit alchemistischen und astrologischen Instrumenten, von einer Lampe beleuchtet. Im Hintergrunde ein Halbkreis, Transparent mit Sternzeichen. Helmont der Magier, an einem Heerde stehend, auf welchem ein Feuer brennt, Retorten etc. Helmont. Die Sterne sind mir günstig: Jupiter leuchtet hell und Mars flammt feurig auf. Endlich muß es mir gelingen, das große Mysterium zu entdecken – jene Goldtinktur, die mich zum reichsten Manne der Welt macht. Ich will noch etwas Quecksilber in die Essenz schütten. (Das Feuer braust hoch auf.) Aha! Das wirkt. Wenn die Kräfte der Natur in den Tiefen der Erde kochen und das edelste Metall hervorbringen, warum sollte der Mensch nicht dieselben Kräfte verwenden können, indem er sie in der Retorte concentrirt? – Nun bildet sich schon der Niederschlag, den ich erwartet. Was sagt Jupiter dazu? Ich will ihn beobachten, (Sieht durch ein großes Fernrohr hinaus.) Das herrliche Gestirn funkelt wie Gold, schwarze Wolken zieh'n drüber hin. Nun laß ich das Werk ruhen, bis der Morgenstern am Himmel steht; dann will ich wieder nachsehen und die Probe meiner Arbeit machen. (Es pocht unten am Thore.) Was für ein Lärm an meinem einsamen Thurme zur späten Nachtstunde? (Es pocht immer heftiger. Helmont sieht zum Gitterfenster hinab.) Helmont. Heda! Wer klopft am Thore? (Ritter Wenzels Stimme unten.) Oeffnet mir die Pforte – ich bins. Helmont. Wer seid ihr? Wenzel. Ich bin's: Ritter Wenzel ! Mach' auf! Helmont. Ei so spät bei mir? – Wartet, ich will Euch gleich einlassen. (Geht hinaus.) (Bald darauf tritt er mit Ritter Wenzel ein.) Wenzel. Ich muß Dich zur späten Stunde stören, Helmont; aber ich habe Wichtiges mit Dir zu berathen. Helmont. Wenn ich Dir dienen kann, so bin ich bereit. Wenzel. Mann der Weisheit – rathe mir. Helmont. Laß hören. Wenzel. Du weißt, daß ich vergebens um die Hand der Tochter des Ritters Kuno geworben. Da warf ich ihn und legte ihn in Banden, um ihn zu zwingen. Allein, vergebens: das Mädchen entfloh, er selbst entkam aus wunderbare Weise seiner Haft, mein eigener Sohn irrt, ich weiß nicht wo, umher. Da traf ich gestern Bertha als Bauernmädchen verkleidet im Walde, als ich des Waidwerks pflog. Schon glaubte ich mich ihrer bemächtigen zu können, als sie mir durch die Macht der Waldfrau entrissen ward. Was soll ich thun? rathe mir! hilf mir! Meister der geheimen Künste und verlange Deinen Lohn. Ich muß Bertha haben! Helmont. Da haben sich die guten Mächte gegen Dich verschworen. Wenzel. So nimm die bösen Mächte, die Du in Deiner Gewalt hast, zu Hilfe, um mir beizustehen. Helmont. Der alten Freundschaft zu Dir will ich es zu lieb thun. Gegen die Waldfrau kann uns aber nur Einer dienen: Der böse Geist Negromantius. Hab ich ihn durch die Magie citirt, so mußt Du ihm den Lohn versprechen, den er begehrt, dann wird er uns beistehen. Wenzel. Versuch' es. Was ich ihm bieten kann, das soll er haben. Helmont. Verhalte Dich ruhig, bis er, wenn er uns erschienen ist, Dich selbst anredet. Wenzel. Zur Sache, Helmont, zur Sache! Helmont. (Aus einem großen Zauberbuche lesend.) Mit dem bewährten Zauberbann, Den König Salomo ersann, Bei Sternennacht Mit aller Macht Beschwör' ich Dich, Du hoher Geist, Den Negromantius man heißt. Erscheine, höre meine Stimme, Zu dienen hier mit Deinem Grimme. Entsteig' der Erde dunklem Schooß, Verlange Lohn auch noch so groß. Erscheine! Erscheine! (Donner. Unter Flammen erscheint der Teufel Negromantius .) Negromantius. Hier bin ich, hier bin ich! Ich stieg herauf zweitausend Stufen, Sprecht nun: wozu ward ich gerufen? Wenzel. Auf den Knie'n laß Dich beschwören, Meine Bitte anzuhören. Negromantius. So sprich, was willst Du? Wenzel. Die Macht der Waldfrau hilf bezwingen, Und mir die holde Braut erringen. Negromantius. Es sei! Doch eine Menschenseele Ich mir als Lohn der Hülfe wähle. Wer's immer sei, ein Menschenleben, Das mußt Du mir freieigen geben. Wenzel. Ich schwör's. Negromantius. Beim Rabenstein, Im Mondenschein, Bring mir in einen Sack gebunden Das Opfer, das Du hast gefunden Am nächsten Tage in der Nacht; Dann sei von mir Dir Hülf' gebracht. Wenzel. Das war eine furchtbare Erscheinung. Helmont. Nun gehe. Wie Negromantius sein Versprechen erfüllt, das wird sich zeigen; vorher aber schau, daß Du einen Menschen findest, den Du in einen Sack gesteckt ihm an den Rabenstein bringst. Sonst bist Du verloren, weil er Dich selbst als Opfer holen wird, wenn Du ihm nicht die Gabe gebracht, damit er Dir helfe. Wenzel. Das wird wohl nicht schwer, Einen aufzufinden. in den Sack zu stecken und am Rabenstein niederzulegen. Auf so was kömmts mir nicht an. Helmont. Mög' es Dir gelingen; dann kannst Du auch des Negromantius Beistandes sicher sein – und ich komme zu Gast, wenn Du mit Bertha von Thaleck Hochzeit hältst. Wenzel. Komm, Helmont! Vom Edelsten, Besten soll aufgetischt werden und ringsum soll meine Burg erleuchtet sein in der Hochzeitnacht, daß sie hellauf über die Lande glänze wie ein Zauberpalast. Helmont. So sei's mit des Teufels Hülfe! Ich will Dir jetzt das Pförtlein aufschließen. Wenzel. Ja, laß uns gehen. (Beide ab.) Verwandlung. Ländliche Gegend im Morgenschein. Albert (mit einer Laute sing ein Lied) Trage liebliche Morgenluft Mit des Grünes Blüthenduft Zu ihr hin des Liedes Gruß, Zu ihr, die ich finden muß. Daß sie höre den Gesang Und der Laute süßen Klang, Und mir schick' ein Vögelein, Das mir sagt, wo sie mag sein. Fühl ich nicht des Wanderns Last, Da ich suche ohne Rast Die mir jetzt so fern gerückt, Sie, die mich allein beglückt! Und sollt ich erliegen – ich will so lange wandern und suchen, bis ich Bertha gefunden! Ich achte nicht der Mühsal, ich achte nicht Hunger und Durst und wandere durch das Land als ein armer Sänger von Haus zu Haus, bis ich zur rechten Stätte komme, wo Bertha verborgen ist. Einmal wird es mir gelingen! ( Kasperl mit einem Sack auf dem Rücken (ohne Albert zu bemerken). Kasperl. Jetz' hätt ich's aber bald satt. Ist denn der Mensch wirklich nur zum Esel geboren? Ich mein nämlich zum Esel – wie zum Beispiel ich, weil ich als ein zweifüßiges Lastthier bei einem dummen Bauern im Dienst bin und nur die Wahl hab' zwischen Arbeit oder Prügel. Denn hier zu Land ist die Aufklärung noch nicht so weit gedrungen, daß die Prügel ab'gschafft sind. Also was bleibt mir? Arbeit' ich nicht, so gibt's Prügel, und lauf' ich aus'n Dienst, weil mir's Arbeiten zuwider ist, so setzt mir mein Magen zu und sagt: Kasperl sei gscheit und vergiß mich nicht; denn ich bin ein edler Theil deines Leibes. – Der Magen ist aber ein gscheiter Kerl. Er weiß, daß ich ihn nicht so wegwerfen kann wie den Sack da! und so bin ich also eigentlich nicht der Esel des Bauern, sondern der Esel meines eigenen Magens. – Geduld Kasperl! Mach halt den Esel und trag diesen Sack voll Erdäpfel geduldig aufm Buckel, damit der Sack in deinem eigenen Leib zufrieden ist! Albert. Heda, guter Freund! Kasperl. O, Euch hab ich gar nicht gseh'n. Albert. Seid doch so gut und sagt mir, wohin der Weg dahin geht? Kasperl. Wohin der Weg geht, das weiß ich nicht; denn der Weg geht eigentlich nicht. Albert. Ich meine, wohin der Weg da führt? Kasperl. Führt ? das ist auch ziemlich undeutlich. Albert. Versteht Ihr nicht? Ich meine, wohin ich komme, wenn ich auf dem Weg da fortgehe. Kasperl. Da kommt Ihr dahin , wohin ich herkomme . Albert. Und was ist das für ein Ort? Kasperl. Kein Ort, sondern ein halbzerfallenes Lumpennest, in dem ein Waldbauer mit seinem alten Weib wohnt und eine unbekannte Person, welche ein Frauenzimmer zu sein scheint und mir außerordentlich gut gefallt. Albert (überrascht). Vielleicht ein fremdes Mädchen? Kasperl. Das weiß ich eigentlich net; denn sie ist verkleidt, könnt' also auch ein Mannsbild sein. Albert (für sich.) O wenn sie es wäre! (Zu Kasperl.) O sage, sage mein Freund: ist sie schon lange dort? Kasperl. Alles Geheimniß. Wer, wie, wo, was, warum, woher, wohin, woraus, worin? – kurz – Alles Geheimniß und Stillschweigen! Albert. Erwarte reichlichen Lohn von mir – führe mich in das Haus! (für sich.) Vielleicht ist's meine Bertha! Kasperl. Reichlicher Lohn? Dieser Ausdruck ist mir so ziemlich neu. Albert (schenkt ihm Geld). Hier hast Du Geld. Zeig mir den Weg zu dem Bauernhause. Kasperl (großartig). Mein edles Herz kann nicht widerstehen, wenn die Stimme der Menschenliebe an den Busen klopft. Ich kann zwar nit mit euch gehn, sonst krieg ich Prügel, weil ich den Sack Erdäpfel zum Verkaufen in's nächste Dorf tragen muß; aber wenn ich's euch expluzir, so könnt ihr nit fehlen. Albert. Gut, mein Freund, so sprich: Kasperl. Ihr scheint mir ein Musikant zu sein – also spitzt eure musikalischen Löffel und merkt auf: Jetzt setzt den rechten Fuß vor den linken und nachher den linken vor den rechten; auf diese Art bewegt Euch fort grad aus bis an einen großen Baum, der wie ein Eichbaum aussieht; an dem Baum ist ein Taferl, auf welchem geschrieben steht: Hier ist das Fahren verboten. Wenn Ihr diesen polizeilichen Fingerzeig gelesen habt, so geht um den Baum herum, dann rechts und dann links, nachher links und rechts und wieder rechts und links, dann kehrt euch um und schaut gradaus hintenrum, da werdet Ihr gleich des Waldbauers Haus sehen und könnt nicht fehlen. Am Haus wird Euch ein Hund anbellen; wenn Ihr aber ruft: »Schnauzl sei stat«, so wird er's Maul halten. Albert. Von jener Eiche kann ich also das Haus leicht finden. Kasperl. Wenn Ihr a Weil g'sucht und Euch nicht im Wald vergeht, so könnt Ihr nicht fehlen; jetzt möcht' ich aber zu dem reichlichen Lohn noch ein kleines Trinkgeld. Albert. Ja, da hast Du noch Etwas. Nicht wahr das Mädchen ist schön und gut? Kasperl. O – sehr; mehr schön als gut und mehr gut als schön. Albert. Leb wohl! – Möge der Himmel mir günstig sein, mein Erdenglück zu finden. (Ab.) Kasperl (allein). »Mein Erdenglück zu finden!« – mein Erdenglück ist das Wirthshaus (gähnt.) Aber die Explucation hat mich müd' gemacht. Ich hab' an Mordsschlaf. Die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet mir, mich jetzt a bißl niederzulegen. (Er legt sich auf einen Hügel.) Der Schlaf ist eine jener menschlichen Tugenden, die die Verdauung miteingerechnet, gewissermassen – ah (gähnt.) so – und – so zu sagen – (schläft ein.) Ritter Wenzel mit einem Knappen. Ritter Wenzel. Wo hast Du die Rosse hinbestellt? Knappe. An die Waldkapelle, edler Ritter. Wenzel. Auch ein paar Reisige zu Roß; denn heute heißt's noch Einen fangen. Knappe. Wie Ihr' befohlen habt. Wenzel (Kasperl erblickend.) Was liegt da für ein Kerl? Knappe. Scheint ein Bauernknecht mit einem Sack. Wenzel. Still, daß wir ihn nicht wecken! Das ist, was ich brauche: die gewünschte Beute. (Für sich.) Ein guter Braten für Negromantius. (Zum Knappen.) Pass auf Bursch: Wir überfallen ihn, stecken ihn in seinen eigenen Sack und dann fort mit ihm. Packe Du links an, ich fass' ihn rechts. (Auf Kasperl stürzend.) Holla, Holla! rühr' Dich nicht, oder Du bist des Todes! Kasperl. Auweh, Auweh! Räuber! Mörder! Lumpeng'sindel! Ich hab' nichts, ich bin nichts, ich hab' weder Uhr noch Geld bei mir. Laßt's mich aus! Wenzel. Brauchen nichts, als Dich selbst! Schrei' nicht so, oder ich bohr' Dir meinen Dolch durch den Leib. ( Kasperl schreit »Auweh, Auweh«; er wird sammt dem Sack von Wenzel und dem Knappen hinausgetragen.) Verwandlung. Bauernstube. Martha tritt mit Albert ein. Martha. Tretet ein; Ihr seid ja müde und werdet wohl hungerig sein von Eurer Wanderschaft. Albert. Ich bin das Wandern schon gewohnt, gute Frau. Wenn Ihr erlaubt, werd' ich aber ein Bischen bei Euch ausruhen. Martha. Und meine Pflegetochter Armgard soll Euch einen Imbiß bringen; freilich nur Bauernkost und so ein Sänger, wie Ihr seid, ist wohl gewohnt, nur in Ritterschlössern einzukehren. Albert. Ich bin nicht verwöhnt und nehme gern Alles dankbar an. Martha (ruft zur Thüre hinaus). Armgard, bring' eine Schüssel Milch und Brod für den edlen Gast. Bertha (von außen). Gleich, gleich – Mutter! Albert (für sich). Mein Gott! Diese Stimme! Sie ist's! Bertha (tritt mit einer Schüssel Milch ein, bei Alberts Anblick läßt sie die Schüssel fallen). Albert! Albert! Ihr seid's! Albert. Und Ihr, theure Bertha! (sie fallen sich um den Hals.) Martha. Wie? Was ist dieß? Ihr seid Ritter Albert – in dieser Verkleidung! Albert. Ich bin's, gute Frau. Und selig bin ich, endlich meine Bertha gefunden zu haben. Nichts soll uns nun mehr trennen können. Bertha. Wie glücklich bin ich, theurer Albert! Aber Du darfst nicht hier bleiben; denn man würde Dich leicht entdecken können. Albert. Wohl hast Du recht, liebe Bertha. Da ich nun Deinen Aufenthalt und Dich bei dieser Frau verkleidet und geschützt weiß, will ich gerne fort. Ich kann Dich ja bisweilen besuchen. Ich will mich bei dem alten Einsiedler versteckt halten, bis ich meines Vaters Knappen gesammelt habe und Dich unter meinen ritterlichen Schutz nehmen kann. Dann wollen wir uns durch den Eremiten in der Kapelle trauen lassen. Bertha. So sei es. Vielleicht gelingt es Dir, vorher meinen Vater aus seiner Haft zu befreien. Martha. Ja, so ist es besser. Möge Gott Euren Plan beschützen. Das Fräulein will ich wohl hüten unterdessen. ( Berthold tritt ein.) Berthold. Ei, da find ich ja Gesellschaft. Martha. Ja, des Fräuleins Bräutigam, den edlen Ritter Albert. Berthold. Seid willkommen in meiner armen Hütte! Albert. Dank Dir; allein wir haben keine Zeit zu versäumen, lieber Bertholo. Thu' mir's und dem Fräulein zu lieb; mach' Dich auf den Weg gegen unsere Burg, oder suche in der Nähe der Schwarzburg zu erspähen, wo mein armer Vater gefangen liegt. Berthold. Ei, gefangen? Wie mir ein Knappe aus des Ritters Wenzel Troß erzählte, hat sich Ritter Kuno selbst aus dem Thurm befreit und ist entfloh'n. Albert. Glückliches Geschick! Ich zweifle nicht, daß auch er seine Zuflucht bei unserm Freunde, dem Einsiedler, gesucht hat. – So lebe denn wohl, theure Bertha! bald sollen wir uns wiedersehen. Jetzt weg mit dem Saitenspiel und das Schwert in die Faust genommen! – Lebt wohl! Bertha (ihn hinausbegleitend). Leb, wohl, mein Albert! auf Wiedersehen! (Alle ab.) Verwandlung. Haidegegend. Ein Hügel, auf welchem ein Galgen steht, an welchem ein Gehängter baumelt. Raben fliegen herum. Nacht. Der Vollmond am Himmel. (Ein Geisterchor schwebt um den Hügel hin und her.) Geisterchor. Kommt, Geister in den Lüften, Ihr Gesellen aus den Grüften, Tanzt den Reigen im Mondenschein Um des Hochgerichtes Stein. Mitternacht hat's schon geschlagen, Zeit ist's bis zum Morgentagen, Daß wir uns der Nachtluft freu'n, Tanzen unsern lustigen Reigen. Seht dort an dem Galgen hangen Einen, den wir auch verlangen; Er gehört zu unsrer Schaar, Lustig, lustig, Paar an Paar! (Sie schweben fort oder versinken) Ritter Wenzel und zwei Knappen , die den Kasperl im Sack tragen Wenzel. Wir sind zur Stelle. Husch, ist's kalt! Und dort baumelt einer im Nachtwind. Da, Bursche, legt den Kerl im Sack unter den Galgen, (Für sich) Negromantius wird ihn schon holen; ich habe mein Wort gehalten. (Die Knappen legen den Sack hin.) Erster Knappe. Der Bursch war schwer. Zweiter Knappe (am Sacke horchend.) Der Kerl schnarcht. Ich glaube er schläft. Wenzel. Laßt ihn schlafen. Aus dem Sack kann er nicht; der ist fest zugebunden. (Für sich) Vielleicht ist dem Teufel lieber, wenn er seine Beute lebendigen Leibes kriegt; da kann er ihm noch das Blut aussaugen. Jetzt fort! Wir haben da nichts mehr zu schaffen. Braucht auch Keiner von der Geschichte was zu erzählen, sonst liegt er im Thurm. Zweiter Knappe. Wir halten's Maul, was geht's uns an? Erster Knappe. Gebt uns nur einen guten Trunk, Herr Ritter; den haben wir verdient. Wenzel. Sollt'n haben. Fort jetzt! Wir könnten unangenehme Gesellschaft bekommen. (Alle ab.) Kasperl (im Sack schnarchend). No! No! – wo bin ich denn? Aber da is' finster! Schlipperdibix, ich kann mich ja nit rühren. Aufgemacht! aufgemacht! – da wird's mir zu eng; mir geht der Athem aus. Schlüssel her zum Aufsperren! Aufgemacht! Waltinne , die Waldfrau, erscheint und berührt mit einem Zauberstabe den Sack. Armer Bursch in dunkler Haft, Liegst im Sacke ohne Kraft; Was gebunden, sei entschwunden, Was verloren, sei gefunden, Aus dem Sacke sollst Du steigen, Daß die Wahrheit sich mög' zeigen, Lieb' mit Liebe sich vereine Bei des zweiten Morgens Scheine. (Verschwindet.) Zugleich ein Knall und Kasperl steckt den Kopf zum Sack oben heraus. Kasperl. Pumps dich, 's Loch is offen. Ich wünsch' recht guten Morgen. (Kriecht nach und nach ganz aus dem Sack.) Pfui Teufel, wo bin ich? Z'erst in schwarze Nacht eing'näht und jetzt steh' ich am Galgen. Wer hat mir das angethan? Schlipperment! Aber wart', ich spiel' euch en Possen. Wer den Sack abholt, der soll ang 'führt sein. Das war nit übel, der Kasperl im Sack? Nix da! – Aber was thu' ich jetzt hinein statt'm Kasperl. Potz tausig! (ein Spanferkel lauft über die Bühne) Du kommst mir grad recht. (Er lauft mit dem Sack dem Ferkel hinter die Coulissen nach, das Schweinchen schreit.) Kasperl (hinter der Scene). Nur hinein da! hinein da! So – hab dich schon! jetzt zugebunden. (Kommt mit dem Sack, in welchem das Schweinchen immerfort schreit, wieder herein.) So, jetzt ist die Maschinerie fertig. Der Kasperl heraußen und das Schwein'l drinn. Bravo! Die Maschinerie ist gut. Hab die Ehr mich zu empfehlen. Jetzt kann der redliche Finder den Sack aufpacken. (Läßt den Sack liegen und läuft fort.) Negromantius. Am Rabenstein Da soll es sein. Wo ist das Opfer, das ich begehrt Und das mir Wenzel hat bescheert? Ah, hier liegt der Sack und die arme Seele drinnen. Mein bist du, zu der Höllenfahrt Den Andern bald hinzugeschaart, So füllt sich unser schwarzes Reich, Ich wart' nicht lang und pack' dich gleich! Er öffnet den Sack, das Ferkel springt heraus und läuft davon. Höllenelement, was ist das? Wie? Ein Spanferkel statt eines Menschen? So hat man mich zum Besten! Pech und Schwefel! Blitz und Donner! – Warte nur, du elender Wenzel! Betrüger, der du den Teufel selbst betrogst! Jetzt halt ich mich an dich. Du sollst des Teufels sein. Fürchterlich will ich dich strafen statt dir zu helfen. Auf, ihr höllischen Gewalten, Zeigt euch in allen Gestalten! Braust durch die Lüfte, Schwebt durch die Klüfte, Leuchtet mit höllischem Schein! Rache, Rache soll sein! Der Vorhang fällt rasch. Ende des zweiten Aufzuges. III. Aufzug. Wald. Ritter Kuno. Albert. Knappen und Reisige . Kuno. Nun ist es Zeit, lieber Albert, daß wir an's Werk gehn. Unsere Schaar ist zahlreich genug. Albert. Ach, es ist ein schmerzliches Gefühl, daß ich gegen meinen eigenen Vater zu Feld ziehen muß; allein er selbst hat die Veranlassung gegeben. Meine Braut, Eure Tochter, will er mir rauben; verstossen will er mich aus meinem Erbe. – Ueberall stiftet er Unheil. Niemand ist vor seiner Bosheit sicher. Kuno. Ihr braucht kein Bedenken zu haben; Ihr kämpft unter meinem Banner. Ich bekriege Euern Vater, den schändlichen Ritter Wenzel; nicht Ihr thut es, wenn Ihr mit mir seid, so kämpft Ihr für die gute Sache und Gott wird es Euch verzeihen, daß Ihr gegen den Vater streitet. Albert. Ich kämpfe um Bertha, meine geliebte Braut. Kuno. Wie ich von den ausgeschickten Spähern vernahm, befindet sich Euer Vater jetzt auf der Schwarzburg, um einen Streifzug gegen mich zu veranstalten, weil ich seiner Haft entsprungen bin. Albert. Auch erzählt man sich, daß er mit Hilfe des Magiers Helmont sich zauberischer Kräfte bedienen will, um Bertha's geheimen Aufenthalt zu entdecken. Kuno. Der Schändliche! – Nun hört: Vertheilt euch in einzelne Haufen. Ein Theil besetzt alle Wege zur Schwarzburg; die Andern schleichen sich gegen die Burg; ich werde euch führen. Auf ein gegebenes Hornzeichen dringen wir ein und suchen den Ritter Wenzel gefangen zu nehmen. Albert. Der Plan ist trefflich ausgedacht. Kuno. Also fort nun! Seid klug und tapfer. Wenzel wird sich wehren wie ein Löwe, denn an Muth fehlt's ihm nicht und seine Knappen und Reisigen schlagen wie die Teufel drein. Albert. Auf denn! Kuno. Folgt mir! (Alle ab.) Kasperl (in lächerlich kriegerischem Aufzuge mit Bratwürsten, Schnapsflaschen etc. läuft herein). Halt a bißl! halt! laßt's mich auch mit! wenigstens will ich den Bagaschi- und Proviantwagen beschützen und auf dem Feld der Ehre Lorbeern erkämpfen, die ich zum Schweinsbratl brauchen kann. Oder macht's mich zum Fähnrich, nacher hätt ich gleich's Leintuch bei mir zum Zudecken. Ha! ich will Blut! Rache dem bösen Ritter! Blutiges Blut! (Ein Hase läuft über die Bühne. Kasperl fallt aus Schrecken um.) Auweh da kommt schon ein Feind! Ein furchtbarer Kerl! – Ich will'n aber verfolgen, wenn ich'n erlaufen kann. Ha! Wuth! Gluth! Muth! Hut! Gut! Trut! – fort in den Pulverdampf des blitzenden Schwertergeklirres und in den Trommelwirbel der schmetternden Trompetenstöße! (läuft fort.) Verwandlung. Burghof auf der Schwarzburg. ( Wenzel und Helmont .) Wenzel. Negromantius muß nun die versprochene Beute haben. Seine Hülfe kann also nicht mehr lang ausbleiben. Oder sollte der Teufel treulos sein und nicht Wort halten? Helmont. Das ist nicht zu befürchten; denn das höllische Gesetz bindet ihn, sein Versprechen zu erfüllen. Bist Du aber auch dessen gewiß, daß ihm ein Mensch in einem Sack geliefert wurde? Wenzel. Ich selbst habe mit zwei Knechten das Opfer an dem Hochgericht niedergelegt; es kann also nicht fehlen. Helmont. Wenn dem so ist, so harre, bis es dunkel wird. Der Teufel agirt am liebsten des Nachts. Vielleicht führt er Dir selbst das verlorene Mädchen durch's Fenster herein. (Es schwebt ein Geyer herein, fliegt im Kreise herum und dann wieder hinaus.) Ha! siehst Du? Negromantius gibt uns schon ein Zeichen. Wenzel. Ich kann es aber kaum erwarten. Ich habe auch eine Rotte ausgesandt, auf meinen Sohn und Bertha's Vater zu fahnden. Hab ich sie, so sollen beide im Hungerthurm verschmachten; denn ich will mich ihrer entledigen. (Hornstoß und Waffengeklirr draußen.) Wenzel. Was ist das für ein Lärm draußen? Das sind nicht meine Leute. Helmont. Wunderbar! Der Lärm kömmt immer näher. Wenzel. Verdammt! Was ist das? (Ein Knappe stürzt herein.)I Knappe. Herr Ritter! rettet euch; Die Burg ist überfallen. An der Spitze kämpft Kuno mit den Uebrigen. Wenzel. Mein Schwert! Mein Schwert! – Ich will die Leute stumm machen. – Helmont rette Dich in den unterirdischen Gang, hier durch das Seitenthürlein. (Ab mit den Knappen.) Helmont. Das will ich auch thun; mir scheint, dießmal hat uns der Teufel sitzen lassen. (Ab.) Das große Hofthor wird eingesprengt, die Zugbrücke fällt. Ritter Kuno und Knappen dringen ein und stürzen über die Bühne. Wenzel von der andern Seite, das Schwert in der Hand. In der Mitte der Bühne erscheint aus der Versenkung Negromantius unter Flammen. Negromantius. Wenzel. Negromantius. Halt! Verwegener! Wenzel. Ist dieß die versprochene Hülfe? Negromantius. Fluch Dir , Betrüger! War das die versprochene Beute, daß Du mir ein Ferkel im Sacke liefertest? Wenzel. Teufel, du lügst! Negromantius. Dießmal nicht, Elender! Aber Dich hab ich jetzt, das ist mir genug. Wenzel. Mir kommt's auch nicht drauf an, mit dem Teufel zu kämpfen. Negromantius. Ha, ha! (Schallendes Gelächter.) Versuch's, Ohnmächtiger! Wenzel dringt mit dem Schwert auf ihn ein. Negromantius verwandelt sich in eine riesige Gestalt, welche Wenzeln verschlingt oder erdrückt. Wenzel. Weh mir! der Hölle Fluch! ich bin verloren! (Die Musik fällt ein, die Scene verwandelt sich.) Verwandlung. Romantischer Wald. Bertha. Nun hat der Kampf begonnen. Ich meine aus weiter Ferne Schwertergeklirr zu vernehmen. Ich sehe meinen Albert verwundet, meinen Vater todt! – Doch nein! es ist nur die Angst, welche mir solche Bilder vormalt. Hätt' ich nur Kunde vom Platze des Kampfes. Ritter Wenzel wird sich fürchterlich zur Wehre setzen. Wer weiß, wie es endet? Himmlische Mächte beschützt sie, die eigentlich für mich kämpfen. Waltinne erscheint in einem mit zwei weissen Hirschen bespannten Wagen. Waltinne. Befürchte Nichts mein Kind, das Recht muß siegen, Wenn treue Liebe laßt ihr Banner fliegen! Leben ist ein Kampf, ein herber Streit, Zu dem das Menschenherz sei stets bereit; Und wenn die Männer tapfer nun gestritten, Hast Du um sie auch sorgenvoll gelitten, So wird, wenn nun die Siegstrompeten tönen, Euch Alle freud'gen Endes Lust bekrönen! (Verschwindet.) Siegstrompeten und kriegerische Musik ertönen; Kuno, Albert ziehen mit dem Kriegertroß ein, die Lanzen bekränzt. Kuno. Der Sieg ist errungen! Bertha komm' an mein Herz! Bertha. Dem Himmel Dank, theurer Vater! Albert. Alles Leid ist nun zu Ende. Mein unglücklicher Vater ist in den Flammen der brennenden Burg untergegangen. Gott verzeih ihm! Kuno. Nun eilen wir nach Thaleck und morgen soll Eure Hochzeit gefeiert werden. Bertha. Gesegnet sei das Walten der gütigen Mächte! Dank meiner Beschützerin, der Waldfrau Waltinne! Waltinne (erscheint wieder). Glück auf! nehm't noch der Waldfrau heil'gen Segen, Der Euch Geleit sei stets auf Euren Wegen! Der Wald glüh' auf in tausend Blüthengarben, Und sei geschmückt mit Blumen aller Farben! Und so auch sei das Leben Euch geschmückt, Vom Freudenstrahl der Wonne hoch beglückt! Der Wald leuchtet auf in transparentem Blumenschmuck. Rosenschimmer beleuchtet Alles. Kasperl kniet sich vor das Brautpaar, ein Blumenbouquet bietend. Der Vorhang fällt. Ende des Stückes. Die Zaubergeige. Mährchendrama in vier Aufzügen mit Gesang und Tanz. Personen: Cuprus , Berggeist des Kupfergebirges. Kasperl Larifari . Grethe , Herzog Richard . Prinzessin Amalie , seine Tochter. Fräulein von Nelke , Hofdame. Baron Trüffel , Hofmarschall. Der Stoffelbauer . Mauschl , ein Jude. Justizmaier , Stadtrichter. Pfifficus , Gerichtsschreiber. Philipp , Kellner im Gasthofe zum »goldenen Stern.« Fangauf und Schnapper , Räuber Trabanten. Hoflakaien Das Stück spielt um die Mitte eines Jahrhunderts. l. Aufzug. Bauernstube. Kasperl. Es bleibt dabei! Mir wird's zu arg! Grethe. Mein Kasperl – aber – – Kasperl. Was Haber oder Stroh und Heu, Ich sag's amal, es bleibt dabei! Grethe. Also willst Du mich wirklich verlassen? Das ist abscheulich! Kasperl. Ohne Dich zu hassen, werd ich Dich verlassen, und ist es nicht abscheulich, so ist's auch nicht gräulich. Grethe. Ja abscheulich und gräulich! Kasperl. Das Schicksal ruft. Ich sag' dem Bauern auf, und geh'. Grethe. (weinend). Aber Kasperl! – mein geliebter Schatz! Kasperl. Ja Du geliebte Katz! Tröst Dich nur! Mein Herz bleibt bei Dir und beim Heirathen bleibts auch, wenn wir wieder zusammenkommen und wenn ich noch mag. Aber die Schikanederie'en von dem Bauernlümmel ertrag' ich nimmer. Schlechte Kost und Nix als Schmalznudel und Nix zu trinken dazu, als den ein' Tag Wasser und den andern saure Milch – das ist Nix für meine Natur. Wenn ich mich in der Früh um 6 Uhr im Bett umkehr' und um 9 Uhr aufsteh', nachher sagt der Bauer, ich sei a fauler Kerl! das ist infam! Wenn ich Nachmittags a bißl in's Wirthshaus nüberschau' und etwas wacklig nach Haus komm', nachher heißt's wieder: ich bin a versoffener Lump! – Leg' ich mich Abends um a 6 Uhr aufs Heu und laß' Ochsen und Küh' allein fressen, bin ich schon wieder a Faullenzer, a Strolch! Grethe. Aber schau', Kasperl, eigentlich hat der Bauer nit Unrecht; denn Du möcht'st den ganzen Tag nur essen, trinken und schlafen. Kasperl. (pathetisch). Ha! Ich bin halt zu was Ander'm geboren, als zum Bauernknecht. In mir steckt ein Cavalier von Unten bis Oben! Ich bin ganz zum vornehmen Herrn g'schaffen, zum Privatier, Rentier, Bankier oder so was G'scheits. Grethe. Da hast aber noch weithin, mein Kasperl. Kasperl. Schweig, Theure! das verstehst Du net. Geh lieber in den Ochsenstall 'naus, melk' Deine Küh' und hol' mir zum rührenden Abschied a par Maß Bier oder auch drei, und 6 Paar Bratwurst zum Eintunken. – Ah, da trappt grad der Bauer 'rein! Grethe. Wenn Du aus'n Haus gehst, nachher bleib' ich auch nimmer und reis' Dir nach oder ich leb' nimmer lang! (weinend ab.) Kasperl. (allein) Jetzt Kuraschi, Kasperl! Entwickle deine ganze Herzhaftigkeit und sag' dem Bauern einige Grobheiten, damit Du mit dem Bewußtsein des Respektes von deinem Herrn scheiden kannst. (Stoffelbauer tritt ein). Stoffelbauer. Auch schon auf, Monsieur Kasperl? Stehst wieder da wie der Schragen, auf dem a Bierbanzen liegt. Kasperl. Jedenfalls auf meine zwei Füß und ich verbitte mir solche Anspielungen und Spötteleien. Stoffelbauer. Du bist und bleibst von Früh bis Abends a fauler Schlingel und wenn's möglich wär', so wärst zum Schlafen auch noch zu comod, aber das geht freilich leichter von Statten als d' Arbeit. Ich hab bald g'nug an Dir, wenn'st so fortmachst. Kasperl. Und wer bei Ihnen ist im Dienst, Herr von Bauer, der hat's auch bald g'nug. Stoffelbauer. Ich halt' Niemanden auf. Wem's bei mir net g'fallt, der kann geh'n. Kasperl (vornehm und höhnisch.) Und wissen Sie? Ich laß mich auch nicht aufhalten. Merkst was, Bauer? Stoffelbauer. Ich merk's schon und mir ist's recht. Kasperl. Also pack ich z'sam und bitt' um meinen wohlverdienten Lohn. Stoffelbauer. Gut; den kannst gleich haben. Dein rückständiger Lohn macht grad drei Kupferkreuzer. Das Uebrige hast Du Dir mit Deiner Faulheit verdient; also samma quitt! B'hüt' Gott! Ich hoff' Du find'st an bessern Herrn und ich an bessern Knecht. (Ab.) Kasperl. Juhe! drei Kupferkreuzer! wenn ich noch ein' Sechser drauf gib, nacher bin ich a gmachter Mann! Jetzt bin ich Freiherr, also werde ich mich von nun an »Baron« tituliren. (Grethe tritt ein und fällt ihm schluchzend um den Hals.) Grethe. Also bleibt's dabei? Du gehst? Kasperl. Es bloibt dabei, ich göhe ! und es ist so, die Stunde schlagt! Duett. Kasperl. Die Stunde schlagt, leb' wohl geliebte Grethl! Grethe. O weh! ich bin ein unglückselig's Mädl! Kasperl. Verzage nicht, ich bleibe Dir ja treu; Gedenke mein, liegst Du auf Deinem Heu. Grethe. Wer weiß was g'schieht, es ist Dir nicht zu trauen, Auf Deine Treue ist wohl nicht zu bauen. Kasperl. O nein o nein, das kann nicht sein, Ich bleibe Dein und Du bist mein ! Grethl. O nein o nein, das kann nicht sein. Du bleibest mein und ich bin dein! A due. O nein, o nein, O nein, o nein, Nein, nein, nein, nein, Nein, nein, nein, nein! (Beide ab.) Verwandlung. Waldiges Felsenthal, von Gebirg umgeben. Schnapper. Fangauf. (Von zwei Seiten sich begegnend.) Schnapper. Woher! Fangauf. Wohin? Schnapper. Fangauf, was hast Du gefangen? Fangauf. Nichts! Schnapper, was hast Du erschnappt? Schnapper. Nichts! Fangauf. Schlechte Zeiten! Nichts auf Weg und Steg! Schnapper. Und in der Stadt gute Polizei. Der Teufel hol's. Wir müssen gar noch ein ehrlich Gewerb treiben? Fangauf. Ist unser Gewerb etwa nicht ehrlich? Schnapper. Jedenfalls wird solche Ehrlichkeit, wenn man sie erwischt hat, an den Galgen gehängt. Fangauf. Falsche Ansichten der Welt! Mißverständniß! die großen Potentaten rauben eben so wie wir. Schnapper. Die werden aber nicht gehenkt, denn sie erobern . Fangauf. Also kommts nur auf den Maßstab an! Groß oder klein! Ergo sind wir nicht minder ehrlich als die großen Herren; denn wir sind Eroberer im Kleinen. Schnapper. Hast Recht! Unser Hergott kann uns grundehrliche Leute nicht verhungern lassen; denn wir sind ebenso ehrenhafte Cavaliere wie die Raubritter. Fangauf. So ist's. Aber was schwatzen und faseln wir da? Mein leerer Magen sucht einen vollen Beutel, um klingende Münze gegen Naturprodukte umzutauschen. Seit 2 Tagen habe ich Nichts gefressen, als traurig Brod und stinkenden Käs. Schnapper. Und meine Gurgel empfindet seit gestern eine gewisse Sehnsucht nach stärkender Erfrischung; das reine Quellwasser ist ein gar fader Trunk. Fangauf. Nun, so versuchen wir's heut wieder einmal, uns zusammen auf die Lauer zu legen. Eine halbe Stunde von hier kreuzt sich der Weg zur Stadt. Es wird uns doch eine arme Seele kommen, der wir den Gefallen thun können, ihre Taschen leichter zu machen! Schnapper. Beim heiligen Merkurius! Zu Zweien geht's vielleicht besser. Komm', laß uns gehen. Auf dem Kreuzweg hinter's Gebüsch in den Graben! (Beide ab.) Kasperl tritt von der andern Seite ein. Kasperl. So, also jetzt bin ich frei wie die Spatzen auf'm Dach, aber's Futter fehlt. Ich stehe sozusagen auf meine eignen Füß, aber ich verspür', daß diese eigenen Geboine , von Seite des nahrungs- und kraftstoffbietenden edelsten Körpertheiles vernachlässigt, ihren Dienst zu versagen anfangen. Die vor Kurzem genossenen ½pfündigen Bauernknödel sind bereits in den conservirenden Reproduktionsstoff verwandelt und meine drei Kupferkreuzer haben mir noch nicht Gelegenheit gegeben, mich zu restauriren; denn von drei Kupferkreuzer ist noch kein irdisches Wesen satt geworden, da sie hart verdaulich sind. Pfui Teufel! das ist ein miserables Leben, der Freiherrnstand. Aber was fang' ich jetzt an? Müd und matt bin ich, hungrig bin ich', Durst hab' ich; da kann ich mich nur durch den Schlaf retten. Im Schlaf kommt vielleicht der Traum und bringt mir ein Kalbsbratl, nacher erwach' ich gesättigt; denn das Leben ist ja doch eigentlich nur ein Traum, wie ich bereits einmal in der Comödi g'seh'n hab? – Aber was kommt da für eine elende Figur daher? Cuprus , der Berggeist in Gestalt eines alten Bettlers, wankt auf einen Stock gestützt herein. Cuprus. Sei mir gegrüßt, guter Mann! Kasperl. Ebenfalls, guter alter Kraxler! Cuprus. Ach! ich bin so arm, so elend, daß ich mir gar nicht zu helfen weiß. Kasperl. So? also bist Du der Greis, der sich nicht zu helfen weiß? Cuprus. Ja, ich bins, bin's, bin's! O schenke mir Etwas, ich bitte Dich, damit ich mir ein Stück trocken Brod kaufen kann. Ich bin dem Verhungern nahe; denn ich vermag mir Nichts mehr zu verdienen, weil ich ein alter schwacher Mann bin. Kasperl. Ich bin zwar kein alter schwacher Mann, sondern ein junger, starker, schöner Mann, aber ich befinde mich in einer ähnlichen Verlegenheit, was den Hunger anbelangt, wie Du, ehrwürdiges Meubel des grauen Alterthums. Nichts hab ich mehr als drei Kupserkreuzer (gerührt) – sie sind mein Alles , wenn ich meine Gretl nit dazurechn'. Cuprus. O schenke mir diese 3 Kupferkreuzer! Sei barmherzig! Kasperl. Oho! willst Du Dir Deine Zähn' dran ausbeißen? Cuprus. Ich habe keine Zähne mehr! Der letzte Plombirte ist mir vorgestern auch ausgefallen. Aber gib mir die Kreuzer, sie sind ohnedieß mein Eigenthum . Kasperl. Was? dein Eigenthum ? Das ist aber ein curioser Einfall. Die letzten 3 Kreuzer, die ich mir durch meinen außerordentlichen Fleiß verdient hab? Cuprus. Sei barmherzig! gib sie mir, und dann werde ich Dir beweisen, daß sie von Anbeginn an mein Eigen waren. Kasperl. Diese Andeutung versteh' ich zwar nicht, aber ich bin ein guter weichgesottener Kerl. Altes, armes, ehrwürdiges, sich nicht zu helfen wissendes, zahnloses Individuum – (großartig in Positur) hier hast Du die drei Kupferkreuzer! Donner und Blitz. Kasperl fällt auf den Bauch. Cuprus verwandelt sich in seine wahre Gestalt als Berggeift in rothglänzendem Kupfergewande. Cuprus. Steh auf und fürchte Dich nicht! Wisse, ich bin König Cuprus, Beherrscher dieser Gebirge, aus welchen die Menschen ihr Kupfer holen. Auch diese drei Geldstücke sind von dem Metalle, das mein Bergschacht in sich birgt. Aber es ärgert mich und ich bin ergrimmt über die Menschheit, die mir mein edles Metall raubt und deßhalb hab ich den Schwur gethan – Kasperl (zitternd) Einen Schwur?! Cuprus. Ja, den Schwur, daß wer in diesem Thal dem Kupferberge naht, das Kupfergeld, das er etwa bei sich tragt, mir geben muß und wer es nicht thut, den in einen Kupferblock zu verwandeln. Kasperl. Warum net gar in en kupfernen Kessel! da könnten Sie gleich Bratwurst oder Zwetschgen drin sieden. Cuprus. Einerlei. Dein gutes Herz hat Dich gerettet und Du sollst für Deine edle That belohnt werden. Kasperl. Belohnt? Nun ich hoff', daß ich aber einen besseren Lohn krieg', als beim Stoffelbauer. Cuprus. Wenn Du einen Wunsch hast, so soll er durch die Zaubergewalt, welche wir Geister haben, in Erfüllung gehen. Kasperl. Ein Wunsch? Ja, eigentlich hätte ich dessen Möhrererererere. Aber – wenn ich jetzt grad a paar Maß Bier und 12 Paar Bratwurst haben könnt', so wär's nicht übel. Cuprus. Besinne Dich! wähle Besseres; denn, wenn das Bier getrunken und die Würste gegessen – so hast Du wieder Nichts mehr. Kasperl. Da haben Sie wieder recht, edler Kupfergreis. Lassen's mich a bißl nachdenken. (geht nachdenkend in großen Schritten auf und ab, wobei er sich an den Coulissen bisweilen die Nase anstößt etc.) Jetzt hab' ich's! Ich möchte eine Geigen haben, nach der Alles tanzen und springen muß, so lang ich will. Cuprus. Der Wunsch soll erfüllt werden und dabei sollst Du auch der größte Meister werden und durch Dein Saitenspiel Alles bezaubern. Und, wenn Du zu Deiner Geige sagst: »den Hupfauf!« – so wird Alles tanzen müssen, so lang Du die Weise spielst. Kasperl. Aber mit Erlaubniß – ich hab' halt's Geigen nicht gelernt; das wird a schöne Musik werden. Cuprus. Dein Instrument, sobald Du den Bogen in die Hand nimmst und die Saiten berührst, macht Dich zum Meister der Kunst. Kasperl. Juhe! das laß' ich mir g'fallen. Jetzt muß also Alles nach meiner Geigen tanzen. Cuprus. So ist es; aber mißbrauche Deine Macht nicht; dann würde die Strafe Deines Uebermuthes unausbleiblich sein! Sieh, schon schwebt die Zaubergeige aus dem Gebirgsnebel zu Dir herab. Musik und Geisterchor, während eine Geige in rosigen Nebelwolken herabschwebt. Chor (hinter der Scene) Wundergeige, senk' Dich nieder, Zauberschrein der schönsten Lieder; Wer vernimmt die mächt'gen Weisen, Muß im Wirbeltanze kreisen, Bis der Klang der Saiten schweigt. Wundergeige, singe, singe! Saitenspiel, erklinge, klinge! Tönet Zaubermelodie'en: Keiner soll der Macht entfliehen, Der sein Ohr den Tönen neigt. Kasperl hat sich unterdessen niedergekniet; Cuprus hält die Hand segnend über ihn. Der Vorhang fällt. Ende des I. Aufzugs. II. Aufzug. Waldgegend. Jude Mauschl , der eine rothlederne Geldtasche umgehängt hat, tritt, eine Kuh am Stricke führend, ein. Mauschl. Is das doch a dumms Volk, die Bauern: bin ich gewest beim Stoffelbauer in Kerchberg und hab'n gesogt. Was hab' ich ihm gesogt? – Hab ihm gesogt: Stoffelbauer willst Du nit kaufen e Kuh in Dein Stall; hab zu verkaufen e Prachtstuck von einer Kuh und die wird Der geben, wird Der geben alle Tag 18 Maß Milch, so wahr ich en ehrlicher Jüd bin. Und da hat der Stoffelbauer gesogt. Was hat der Bauer gesogt? – hat er gesogt: Mauschl, wenn Du mer bringst e solche Kuh, will ich Der geben e guts Stück Geld davor. Und da hab ich ihm gebracht die Kuh, die ich da am Strick hab, und er hat se gekaft um sechzig Gilden und hat se gestellt in den Stall zu seine andre Küh. Aber heut in der Nacht, da's dunkel war wie in Egypten bei der graußen Finsterniß, da hab ich mich geschlichen an's Haus, bin ich geschloffen durch das Hundsloch und hab aufgemacht still und heimlich de Thür von Inne raus im Stall und hab mir wieder genommen mei' Kuh. (Kasperl hat sich herbeigeschlichen und Alles gehört.) Und jetzt will ich geh'n in die Stadt und will verkofen die Kuh an en Schlächter, bevor se mich erwischen; aber ich will zählen mein Geld, was ich noch heut profetirt hab zu de sechzig Gilden vom Stoffelbauern. ( Kasperl thut, als wenn er eben käme). Kasperl (laut). Ei, da is ja der Mauschl mit einer Kuh! Du hast gewiß wieder en guten Handel gemacht und en Bauern betrogen. Mauschl (erschrocken). Ei, der Herr Kasperl! Beinah war ich verschrocken. Was Er aber gesogt, das muß ich mer verbitten, daß ich könnt betrigen. Bin ich noch immer gewest en ehrlicher Jüd und hab gekaft die Kuh da vor mein guts Geld. Kasperl. So, so! Das ist aber e schöne Kuh! Die sollst mei'm vorigen Herrn bringen, dem Stoffelbauer; der wird Dir's gewiß gleich abkaufen und auch gut bezahlen. Mauschl. Ei, was der Herr Kasperl sogt, das will ich auch probiren; bin grad auf'm Weg zum Stoffelbauer in Kerchberg und will'n fragen, ob er nit will haben das schöne Stuck Vieh. Kasperl. No, da kannst mei'm vorigen Herrn an schönen Gruß von mir ausrichten. Mauschl. Das will ich thun, so wahr mer Gott helf. Aber was hat denn der Herr Kasperl da vor e Strument? hab ich doch net gewußt, daß der Herr kann spielen auf der Vikolin? Kasperl. Schau, Jud, du weißt halt gar Viel net. Sollst aber gleich e schön's Stückl hören. Mauschl. Werd mer machen e grauß Pläsir und wenn er's kann, so spiel er mir Was, das hat caumpenirt der grauße Musicus der Majer-Bär, so ist gwest ach Ener von unsere Leut. Kasperl. No, da sollst Du gleich den neuesten Bärentanz hören, den der Bär gemacht hat. (Fängt an zu geigen.) Mauschl. Das is a grausig schöne Musik! fährts mir doch durch alle Glieder! O graußer Majer-Bär! Was bist Du für e Mann. Ist mir doch, als ob ich tanzen müßt und springen wie König David vor der Bundeslade. (Fängt zu tanzen an.) Kasperl. Wart' nur, Jud, es kommt immer schöner. Mauschl (immer mehr springend) O wunderschön! wunderschön! o Majer-Bär! O David! – – Kasperl. Jetzt kommt erst der Hupfauf! »Hupfauf!« Mauschl. Gottes Wunder! ist das en Entzücken. Aber ich kann bald nimmer; 's geht mer aus der Athem. – Auweih, auweih – ist das en Entzücken! (Springt wie toll.) Kasperl. So, tanz' und spring' nur, miserabler Jud! Warum hast Du die Kuh wieder gestohlen, Du Erzschelm, Du Judas? Mauschl. Auweih geschrie'n! Hören Sie doch auf mit der Vikolin! Ich mag ni – ni – nimmer ta – ta tanzen (Athemlos) ! Aumeih! ich geh Kapores, Kapo – po – po – pores! (die Kuh, vom Strick losgelassen, läuft fort.) Aumeih, mein Ku – Ku – Ku – Kuh! Muß ich mich tanzen zu todt! (Er tanzt fantastisch) Auweih, ich stirb, ich stirb! ich fall in die Ohnmacht! Aufhören! Aufhören! (Fällt besinnungslos hin.) Kasperl. So ist's recht; Vivat König Cuprus und die Geigen! (Läuft hinaus.) Nach einiger Zeit schleichen Fangauf und Schnapper herein. Schnapper. Du, da liegt Einer. Fangauf. Der schlaft. Schnapper. Nur ruhig! Vielleicht laßt sich was kripsen. Sieh da! die Geldtasche wäre nicht übel. Fangauf. Frisch dran! aber vorsichtig. Wenn er sich rührt, dreh' ich ihm 's Messer in den Leib. (Sie nähern sich Mauschl und Schnapper nimmt ihm die Geldtasche.) Fangauf. Gut gemacht. Er schlaft wie ein Sack; das Leben schenken wir ihm. Schnapper. Fort! fort! Die Tasche ist höllisch schwer. Das war ein guter Fang. (Beide ab.) Mauschl. (rührt sich nach einigem Schnarchen und Seufzen). Wo bin ich? waß ich nichts, als daß ich mich getanzt hab zu todt. Verfluchter Musikant, wo bist Du hin? Kann ich nit rühren meine Bein'. Und wo ist mein Kuh? und (um sich greifend) – und – und wo ist mein Geld? Find ich nit mein Geld: Auweih! ich bin e verlorner Mann. Hat mir der Halunk gestohlen mein Tasch, und ist gewesen die Tasch voll Geld. Auweih geschrieen! Ich bin kapores. Will ich laufen zum Richter in die Stadt; Gerechtigkeit, Gerechtigkeit will ich schrei'n ! Gerechtigkeit! Mein Tasch, mein Kuh, mein Geld, mein Geld, mein Tasch! Gerechtigkeit, Gerechtigkeit! (Schwankt hinaus.) Verwandlung. Gemach im Schlosse des Herzogs Richard. (Herzog Richard tritt mit Hofmarschall Baron von Trüffel im Gespräch begriffen ein.) Herzog. Ja, mein lieber Hofmarschall, das Diner war heute vortrefflich. Ich bin, was meine Küche anbelangt, sehr zufrieden mit Ihnen. Trüffel. O, allzugnädig, Durchlaucht. Höchstdero Gewogenheit ist mir der schönste Lohn für meinen Eifer, Euer Durchlaucht zufrieden zu stellen. Ein Wort der Geneigtheit von Ihren erhabenen Lippen macht mich glücklich. Herzog. Gut, gut, lieber Baron. Nur sorgen Sie, daß die Sauce zum Ragout künftig noch pikanter sei. Trüffel. Eine kleine Zugabe von Poivre Indien . Herzog. Ja, Poivre Indien, Poivre Indien . Der reizt den Gaumen und dann schmeckt erst der Champagner vortrefflich. Trüffel Darf ich unterthänigst fragen, wie Ew. Durchlaucht die neue Mehlspeise geschmeckt – der Reisauflauf à la Chinoise? Herzog Nicht übel, nicht übel; aber ein andermal ein bischen mehr Confiture. Was ich sagen wollte? – Ja! Was haben wir heute für ein Theater? Trüffel Die neue Oper von dem alten Spontini. Herzog Ah ja, ich entsinne mich. Wir wollen wenigstens den ersten zwei Akten anwohnen, dann mit Prinzessin Amelie im blauen Cabinet soupiren. Trüffel Wie Ew. Durchlaucht befehlen. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir eine interessante Neuigkeit zu berichten. Herzog Nun, was gibt es Neues? Trüffel Sollte es nicht zu den allerhöchsten Ohren gekommen sein, wovon die ganze Stadt voll ist? Herzog. Eh bien! – Sie machen mich neugierig. Trüffel. Ein eminenter Virtuose auf der Violine befindet sich seit ein paar Tagen hier. Die in gehört haben, sind enchantirt, enthusiasmirt. Er wirkt Wunder auf seinem Instrumente. Herzog. Was Sie mir sagen! Sehr interessant. Wie heißt der Künstler? Woher kömmt er? An welchen Höfen hat er schon gespielt? Trüffel. Er heißt Spagatini und erschien wie vom Himmel gefallen. Niemand weiß, woher er kam. Er behauptet, bisher nur als Privatmann gelebt zu haben, wird sich aber hier öffentlich hören lassen; möchte nur zuvor die Ehre haben, sich am Hofe produciren zu können. Herzog Bravo, bravo! Das gibt eine hübsche Kammer-Soiree. Arrangiren Sie die Sache für morgen Abend. Sie wissen, daß Musik meine Passion ist. Aber kommen Sie in mein Cabinet, wo ich Caffee nehmen will. Da läßt sich noch darüber sprechen. (Beide ab.) Verwandlung. Zimmer im Gasthof zum Goldenen Stern. Kasperl tritt aus einer Seitenthüre ein, (einen schwarzen Frack über seine rothe Jacke, überhaupt lächerlich costümiert, seine Violine in der Hand} singt:) Jetzt bin ich ein gemachter Mann, Wie Einer nur gemacht sein kann, Mit dieser Zauberviolin' Reiß' ich nur Alles so grad hin. Kaum lass' ich einen Ton erschallen, Muß Jeder in Entzücken fallen; Die Zeitungen sind voll von mir Und bin erst achtzehn Stunden hier. Man spricht nur von dem Spagatini, Und weiß nicht, daß der Kasperl bin i; Bewundert von der ganzen Welt, Füll' ich den Beutel mir mit Geld. Die Damen fallen mir zu Füßen, Billeten regnet's nur mit Küssen, Und Jede möchte mich zum Mann, Weil ich halt so schön geigen kann! Ja, ich bin ein gemachter Mann. Da sieht man, was man mit lumpige drei Kreuzer werden kann, wenn man's nur gscheid anfangt. Die paar Mal, die ich in Wirthshäusern aufg'spielt hab, das hat mich schon berühmt gemacht. Eine Deputation von Ton- und andern Künstlern hat mir schon Aufwartung gemacht; heut Abend will mir die Bürgerliedertafelsängerzunft ein Ständchen bringen, und die freiwillige Feuerwehr mich mit Eau de Cologne von Unten herauf anspritzen; durch's Vorzimmer da draußen kann ich schon beinah nimmer durch vor lauter Visiten und Leut', die den berühmten Spagatini sehen wollen; in meinem Schlafcabinet liegen schon zwei Zentner Visitkarten und Billets Dux (doux) ! – Alles wegen die drei Kupferkreuzer. Großer Kupferschmied – Kupfergeist wollt' ich sagen – Dank Dir! Du hast mein Glück gemacht. Und Essen und Trinken, grad nur was in mich hinein und wieder hinaus geht. Das ist e Leben! So bin ich auf die wohlfeilste Art ein Künstlergenie geworden. Deßwegen habe ich auch meinen alten Namen abegelegt und mich von nun an Signore Spagatini genannt, weil der Paganini, der ein so großer Geigist war, Paganini geheißen hat. ( Kellner stürzt durch die Mittelthüre mit einem Briefe herein.) Kasperl. Was gibt's? Was will er? Kellner. Großer, unsterblicher Herr Spagatini! Das Publikum läßt sich nicht mehr halten, die ganze Stadt wird ungeduldig. Man will – man muß sie hören. Eine Deputation der Repräsentanten der verschiedenen Stände und Behörden ist draußen im Vorzimmer und bittet um Entschluß, ob Sie heute oder morgen Ihr Concert spirituel zu geben geneigt sind. Kasperl. Sagen Sie der Streputation mit den Präsenten, daß ich von der Reise noch straplizirt bin und die Herren nicht empfangen kann. Nach meinem Frühstück werde ich Antwort sagen. Jetzt bring' Er mir nur gleich zwei Maß Caffee, drei halbe Bier, eine Bouteille Wein, vier gebratene Hühner und ein Spanferkel. Rufe draußen: Spagatini lebe hoch! Vivat! Kellner. Hören Dieselben, wie man im Vorzimmer Ihr Hoch ausbringt und Vivat ruft? Kasperl. (öffnet die Mittelthüre etwas und ruft hinaus). Ich danke, meine Herren, danke gehorsamst! Stimmen (von Außen) Hoch! Hoch! Hören lassen! Sehen lassen! Conzert geben! Bald! bald! Kasperl. Morgen Abend, mein Conzert im Hoftheater! Stimmen. Bravo! Bravo! Vivat Spagatini! (Ein Riesenbouquet wird mit andern in's Zimmer geworfen, das dem Kellner an den Kopf fliegt und ihn umwirft.) Kasperl. Danke ergebenst, meine Herren; gehen Sie jetzt nur ruhig nach Hause. (Bravo und Gemurre draußen, der Lärm verliert sich.) Kellner. (aufstehend). Dießmal hat die Beifallsbezeigung mich getroffen. Hier aber öffnen Sie gefälligst das Billet, das ich Ihnen zu überreichen habe. Kasperl. Ein Buillett? Lese er mir vor; meine Augen sind von dem vielen Notenspielen etwas schwachmatt geworden. Kellner. (liest). »Großer, göttlicher Spagatini!« »Ihr Ruf ging Ihnen voraus – – Kasperl. Was? – Wer ist mir vorausgegangen? Der Ruf ? Den kenn ich gar nit. Kellner. Ihr »Ruf« – so zu sagen Ihr Renommé«. Kasperl. Renommé. – Les' er weiter. Kellner. »Aber als ich Sie sah, da war ich hingerissen – – Kasperl. Wer? Sie ? (auf den Kellner deutend) Kellner. Nein, Sie oder Die, Diejenige. Kasperl. Ah so! Kellner. Ich fahre fort – Kasperl. Was nit gar fortfahren! er muß mir ja das Buillet auslesen. Kellner. Also: »war ich hingerissen und mein Herz war verloren.« Kasperl. Aber nein? Das muß man halt wieder suchen oder im Blattl ausschreiben. Kellner. »Ich beschwöre Sie, schicken Sie mir eine Locke von Ihrem genialen Haupte!« Kasperl. Oho! a Glocken soll ich ihr schicken! Ah – ich trag ja keine Glocken aufm Schädl. Kellner. Eine Locke! Kasperl. So? eine Locke! No – auf en Büschel Haar kommt's mir nit an. Kellner. Das Billet ist unterzeichnet – Kasperl. Also eine Zeichnung ist auch dabei? Kellner. D. h. unterschrieben: »Ihre Sie anbetende Caroline.« Kasperl. (begeistert, pathetisch). Ha! Caroline! Violine! Crinoline! Das reimt sich; (gerührt) und wo ist denn diese Caroline? Ist sie sauber? Ha! Caroline! Violine! Violine! Caroline! – Hörn's auf – und bringen's mir mein Fruhstuck, aber auch ein' Salat mit zwölf harte Eier dazu. Kellner. Sollen sogleich bedient werden. Kasperl. Und wenn diese Caroline kommen sollte, so bringen Sie sie auch gleich mit. (Kellner ab.) Kasperl. (im Abgehen.) Caroline, Violine. Caroline! Carolililine! Carolilinenelilililili .... (ab durch die Seitenthüre.) Ende des zweiten Aufzugs. lll. Aufzug. Saal im herzoglichen Schlosse bei Kerzenbeleuchtung. Zwei Hoflakaien. Man hört aus dem Nebenzimmer Violinspiel. Beifallklatschen. Ungeheure Schlußcadenz. Wieder Beifall; »bravo, bravo«. Lärm und Stuhlrücken. Erster Lakai. Das Conzert ist aus. Zweiter Lakai. Die Herrschaften sind alle wie toll. Erster Lakai. Ich versteh' nichts davon, aber der Kerl kratzt wie närrisch auf seiner Geige. Zweiter Lakai. Und das nennen sie »die Zukunftsmusik.« Weiß der Teufel, was das heißen soll. Erster Lakai. Jetzt ist schon das zweite Hofkonzert. Die Prinzessin Amalie ist auch wie närrisch, als war' sie in den Geiger verliebt; und er sieht doch wie ein Hanswurst aus und sein Benehmen ist läppisch und täppisch. Mir scheint, daß er kein vernünftiges Wort reden kann. Holla, sie kommen! (Öffnet die Flügelthüren. Lakaien ab.) Es treten ein: Herzog Richard , Prinzessin Amalie , Hofdame von Nelke . Hofmarschall von Trüffel und Casperl . Herzog. Göttlich! Himmlisch! Herr Spagatini! Sie bezaubern wirklich. Prinzessin. Welch ein Entzücken! Das sind Sphärenmelodie'n! Töne aus einer andern Welt! Kasperl. (ungeheuer vornehm.) O! sehr! ja! sehr! Trüffel. Es sind wieder sechs Damen aus der Gesellschaft ohnmächtig hinausgetragen worden. Hofdame. Ach! wie wäre es anders möglich? Ihr Zauberspiel, Herr Spagatini, greift die Nerven fürchterlich an. Kasperl. O, ich bitte; ich habe Niemanden angegriffen. Herzog. Aber wie Sie in die Saiten mit Ihrem Bogen greifen! es ist unglaublich! Prinzessin. (höchst ergriffen, bei Seite zu Kasperl. ) Göttlicher Mann! wie hast Du mein Innerstes bewegt! Hofdame (von der andern Seite.) Edler Spagatini, Sie wissen die Herzen zu fesseln! Kasperl (vornehm.) O, Fesseln! Ja! Ha! Herzog. Aber, lieber Spagatini; man hat Sie auch mit Beifall überschüttet, wie noch Keinen. Kasperl. Ich habe Nichts gespürt von einer Ueberschüttung. Herzog. Wie kann ich Ihnen meine Bewunderung darthun? Jedenfalls ernenne ich Sie zu meinem Ehren-Capellmeister und verleihe Ihnen den Orden der »goldenen Leier«, den ich zur Belohnung an große Tonkünstler gestiftet habe. Ja, Spagatini, Sie sind von heute an herzoglicher Kapellmeister und Ritter von der goldenen Leier erster Klasse. Hundert Dukaten soll Ihnen mein Hofmarschall einhändigen für das Vergnügen, das Sie mir durch Ihre Kunst gewährt haben. Kasperl. Die 100 Dukaten sind das Gscheiteste – (sich zusammennehmend) das heißt, wollt' ich sagen: die goldene Leier ist auch nicht von Holz, wenn das Gold ächt ist. Prinzessin. Schalkhafter Humorist! Kasperl. Ich hab' immer an guten Humor, besonders wenn ich 100 Dukaten krieg'. Hofdame. Auch Apollo hält eine goldene Leier im Arme. Sie sind ja ein Apollo! Kasperl. Mein Fräulein bulieben zu scherzen. Hofdame (glühend.) O ich scherze nicht. Prinzessin (bei Seite zu Kasperl.) Erhabener Zukunftskünstler! Nie hat noch ein Mann einen solchen Eindruck auf mich gemacht! Kasperl. Wie? Eindruck? Druck? – o, ich verstehe! (für sich) Mir scheint – mir scheint! Ihre Blicke! Ihre Augen! Ha! – wenn das meine Grethl wüßte, ich krieget gwiß a par Ohrfeigen. (laut) Durchlauchtigster Herzog! Meine Rührung, mein Dank verstummt! Die Gnade! Die Leier! Der Kappel meistertitel! Die 100 Dukaten! Wonne! Sonne! Oh – Oh – Oh! Prinzessin (für sich.) Wie groß steht er da! Herzog. Meister! Was ich gethan – ist nur billig und gerecht. Solche Kunst kann nicht mit Irdischem belohnt werden. Der Name Spagatini ist mit goldenen Lettern im Tempel des Parnasses eingeschrieben. Kasperl. Was? für die Nässen bedank' ich mich. Naß will ich nit werden. Herzog. Doch nun ist es Zeit, daß wir uns zurückziehen. Adieu! Gute Nacht, mein Kapellmeister und Ritter von Spagatini. Sie müssen wissen, daß mit Verleihung des Ordens auch der Hofadel verliehen. Morgen kommen Sie zum Diner. Ich lasse alle Kunst-Notabilitäten zur Tafel laden. – Liebe Amelie, gute Nacht! Geh' bald zu Bette; Du wirst wohl auch aufgeregt sein von der göttlichen Musik. Bon soir, baronne de Nelke! bon soir, Trüffel ! (Durch die Seitenthüre ab. Casperl macht ungeheure Reverenzen.) Prinzessin (mit Betonung.) Gute Nacht Spagatini! Gute, gute Nacht! Hofdame (seufzend.) O daß ich noch Einen Zauberton von Ihnen vernehmen könnte! (Beide Damen ab mit zärtlichen Bewegungen und Blicken gegen Kasperl.) Kasperl. Ich habe die Ehre – (sich tief verneigend.) Trüffel. Schlafen Sie wohl, Herr von Spagatini! Ich kann Sie versichern, daß an unserem Hofe noch nie ein Künstler so ausgezeichnet wurde wie Sie, – Die Hofequipage steht bereit, Sie in den Gasthof zurückzufahren. (ab.) Kasperl (allein) (geht heftig auf und ab; bleibt bisweilen stehen.) Potz tausendschlipperement, was ist das? Ich bin ganz confus. Die Prinzessin? Die Hofdame? Sollte ich mich toischen !? Die Eine hat was vom Eindruck gesagt, die Andere hat mich an Pollo genannt. Ha! (hochdramatisch) Sollte, sollte ich beide Herzen – – Ha! furchtbar und vielleicht doch wahr? Zwoi Herzen auf Einmal! Wahnsinniger Gedanke! Und diese 100 Dukaten! Diese goldene Leier! – Was werde ich heute im »goldenen Stern« Alles zu mir nehmen? – (In gewöhnlichem Tone) Jetzt möcht' ich doch gleich einen Magen haben, wie'n Stoffelbauer sein Branntweinkessel oder wie die große Treberbutten! O Grethl! – Grethl! Vergib mir diese Stunde der Schwäche! – Aber einem Genie und besonders einem Zukunftsmusikgenie – wie man mich nennt – ist mehr erlaubt, als dem gewöhnlichen Individuumdum. Ha! Ich will die Stunde benützen. Im Hofgarten, vor dem Balkon – bei uns zu Haus » Laben « genannt – vor dem Balkon der Prinzessin, wo unten auch die Hofdame logirt, will ich diese Nacht noch meine Zaubergeigen im Mondschein ertönen lassen! das gibt an Mordgaudi! Ja, ich will schwärmen ! Schwärmen und geigen, daß die Aepfel von die Bäum fallen müssen und die Stern vom Himmel. Jetzt erst weiß ich was Liebe ist! Ha! Jetzt ist mir meine Zaubergeige nicht um Millionen feil. Jetzt erst steig' ich in die Tiefe des Abgrundes der Höhe des menschlichen Herzens. Jetzt erst bade ich mich im Herzblut der begeisterten Natur und wenn die Mondscheibe zittert, seid umschlungen Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! (stürzt ab.) Verwandlung. Garten am herzoglichen Schlosse. Links ein Theil des Schlosses mit einem Balkon im ersten Stock. Darunter Eingangsthüre, ein Fenster daneben. Nacht mit Vollmond. Einige herzogliche Trabanten mit Hellebarden marschiren auf und singen die Runde machend mit Trommelbegleitung pianissimo den Chor. Rumpedipum, rumpedipum, Der Tag ist um, der Tag ist um; Wir machen die Runde In nächtlicher Stunde. Habet Acht, habet Acht Auf der Wacht, auf der Wacht! Pum, pum, pum! Rumpedipum, rumpedipum, Bei der Trommel Gepum, bei der Trommel Gepum; Wir sind die Trabanten, Die stets vigilanten, Gar mannhaft bewehrt Mit Spieß und mit Schwert. Pum, pum, pum! (ziehen vorüber.) Prinzessin (erscheint auf dem Balkon.) (Sie singt.) Holder Mond, Du blickst so traurig Auf mich nieder und wie schaurig Bebt mein Herz bei Deinem Schimmer, Sitz' allein ich in dem Zimmer. Hofdame (erscheint unten am Fenster und singt.) Holder Mond, laß Dich begrüßen, Doch in Schmerz möcht ich zerfließen; Einsam, ach, in meiner Kammer Fühl' ich tiefen Herzensjammer. Beide (singen im Duett.) In dem blassen Mondenscheine Steh' ich hier und weine, weine, Und ich muß aus Langweil gähnen Bei dem Rinnen meiner Thränen. Prinzessin. Hör' ich nicht Schritte? Hofdame. In des Waldes Mitte? Prinzessin. Er ist's! beim Sternenlicht! Hofdame. Ist er's oder ist er's nicht? Prinzessin. Ich hör' der Tritte Rauschen. Hofdame. O könnt' ich mit ihm plauschen! (Beide ziehen sich zurück.) Kasperl (in einen weißen Mantel gehüllt, tritt vorsichtig ein.) Jetzt will ich es probiren Und etwas musiciren, Beim Tone meiner Geigen Wird sich wohl Eine zeigen. (Er phantasirt auf der Violine.) Ich seh' schon Licht im ersten Stock, Vielleicht kommt sie im Unterrock! Zu ebner Erd wird's auch schon hell, Erscheinet wohl die Hofmamsell? Ja, ich sehe Licht. Holder Mond verdunkle dich! (Eine Wolke verdeckt die Mondscheibe.) Schlipperdibix! Jetzt seh ich aber gar nix mehr und weiß nit was Unten oder Oben ist. (Zieht sich etwas zurück.) (Der Herzog im Schlafrock und Zipfelmütze tritt leise von der andern Seite ein.) Herzog. Was muß ich hören? Mein Kapellmeister wagt es, unter den Fenstern meiner Tochter ein Ständchen zu bringen? Verwegener, wie kann er es wagen? Ich werde meine Leibtrabanten holen, daß sie den Frevler arretiren. (geht wieder hinein.) (Kasperl tritt hervor.) Kasperl. Holdselige Gestalt, neige Dich herab! Beglücke mich durch Deine Gegenwart! (phantasirt wieder auf der Geige.) (Der Herzog tritt rasch von zwei Trabanten begleitet heraus.) Herzog. Ha, verwegener, unverschämter Frevler! packt ihn Trabanten! (Indem diese näher treten, geigt Kaskerl stärker.) Kasperl Was, ihr wollt mich fangen? Wart's nur a bißl; ich spiel euch den »Hupfauf.« (Der Mond tritt aus der Wolke.) (Der Herzog und die Trabanten fangen zu tanzen an.) Herzog. Verfluchter Geiger! Trabanten packt ihn, packt ihn! Nehmt ihm die Geige! Holla, he! Trabanten. Wir können nicht, es dreht uns im Wirbel! Heraus! Heraus! (Trommelwirbel hinter der Scene. Es kommen andere Trabanten und Lakaien. Prinzessin Amalie und die Hofdame hüpfen aus dem Hause heraus. Alles tanzt wie besessen. Allgemeines Geschrei. Confusion.) Kasperl (immer heftiger geigend.) So tanzt nur und springt! Gute Nacht, gute Nacht! (Er läuft fort. Allmählig fallen Alle ermattet zu Boden. Die Töne der Geige verhallen, der Mond verschwindet.) (Der Vorhang fällt.) Ende des dritten Aufzuges. IV. Aufzug. Gerichtsstube. Justizmaier , Stadtrichter. Pfifficus Gerichtsschreiber. Justizmaier blättert in Akten.) Aber Herr Gerichtsschreiber, warum das Protokoll nicht aufgenommen, Ruhestörung im Hofgarten S. Durchlaucht des Herzogs gestern Abend betreffend? Pfifficus. War noch Niemand da von den Tumultuanten. Justizmaier. Warum haben Sie noch Niemand zitirt? Pfifficus. Es liegt nur eine Meldung vom Nachtwächter vor, der durch's Thorgitter in den Hofgarten g'schaut hat. Justizmaier. Recherchiren, recherchiren! – das wäre Ihre Sache gewesen. Pfifficus. Der Nachtwächter hat sich den Fuß überstaucht und kann nicht auf's Gericht kommen. Justizmaier. Fiat Commission extra muros, in loco Protokoll aufnehmen und so weiter. (Lärm draußen; man hört Kasperls Stimme, der schreit und schimpft.) Justizmaier. Was ist das für ein unanständiger Lärm? Sehen Sie nach, Pfifficus. (Pfifficus ab.) Justizmaier (allein.) Dieser Pfifficus ist doch ein rechter Esel; ich kann ihn beinah nicht brauchen. Wenn er nicht eine so schöne unortographische Schrift hätte, so hätt' ich ihn längst entlassen. Er schreibt aber so deutlich, daß man's kaum lesen kann. Pfifficus. (wieder eintretend.) Zwei herzogliche Trabanten bringen den Kerl, der gestern Nachts den Spektakel im Schloßgarten angefangen hat, damit ihn Herr Stadtrichter vernehmen und abstrafen kann. Justizmaier. Brav! herein damit, das ist ein interessanter Fall. Ich hoffe, daß ein Reat von Majestätsbeleidigung dabei ist. Pfifficus (öffnet die Thür) Herein mit dem Arrestanten! ( Kasperl höchst ungebärdig und unbändig, wird von den 2 Trabanten hereingeführt.) Kasperl. Schlapperment! das ist keine Manier, mich in aller Fruh aus'm Schlaf zu reissen und zu arretiren! Das laß ich mir nit g'fallen. Ich bin der große Virtuos Spagatini. Das ist keine Behandlung für einen Künstler; Mordelement! (schlägt furchtbar um sich.) Justizmaier. Ruhig, mein Herr! benehmen Sie sich anständig vor der Behörde. Sie sind in einem Amtslokale. Kasperl. Ja, verdammt's Lokale ! Ich wär' lieber im Wirthshaus. – Wo ist meine Violin? Meine Violin will ich haben! Justizmaier. Lassen Sie die Violine bei Seite . Wir haben andere Dinge zu verhandeln. Kasperl. Die Violin ist schon besaitet . Halten Sie's Maul. Justizmaier. Wenn Sie sich nicht anständig und ruhig betragen, so werde ich Sie an diese Bank binden lassen. Kasperl. Was anbinden! Von solchen Verbindlichkeiten will ich Nichts wissen. Ich bin schon ruhig und unanständig. Justizmaier. Gut also. Die Herrn Trabanten können abtreten, bleiben aber draußen vor der Thür stehen, für den Fall, daß wir ihrer bedürfen. (Trabanten ab.) (Zu Pfifficus.) Setzen! Protokollkopf, Praesentes. – Kasperl. Wenn ich ein Präsent krieg, werd ich mich ganz besonders ruhig verhalten. Justizmaier (zu Pfifficus, der am Tische zu schreiben angefangen.) Haben Sie? Pfifficus. Alfo: ad Personalia! (zu Kasperl.) Name? Kasperl. Also! (ihn nachäffend) Namen! das heißt: wie ich heiß? Justizmaier. Nun ja! Name, Stand, Geburt, woher, wohin und so weiter? Kasperl. Ich heiße Casperlino Berlicco Berlocco Violino Spagatini, Virtuosotaliano, Capellmeisterio, Ritter von der goldenen alten Leyer, bin Cavalier und Baron auf Kunstreisen – – Justizmaier. Halt! dictiren Sie dieß dem Herrn Gerichtsschreiber langsam in die Feder. Kasperl. In die Feder sprizziren? das kann ich nicht. Justizmaier. Ich verbitte mir alle Scherze. Sie sind ein Unruhstifter, ein Tumultuant nach Meldung des Nachtwächters. Kasperl. Was? Ich hab noch keine Stiftung gemacht und bin auch kein Skrupulant. Justizmaier (zu Pfifficus.) Haben Sie das Bisherige zu Protokoll genommen? – fertig? – Pfifficus. I – a! Kasperl. Haben Sie denn ein' Esel zum Schreiber, weil der immer I – a, I – a sagt? Pfifficus (springt auf.) Das verbitt ich mir! das ist Amtsehrenbeleidigung. Justizmaier. Ruhig, meine Herren! Nehmen Sie's nur in's Protokoll auf, Herr Gerichtsschreiber. (Lärm draußen. Man hört den Juden Mauschl schreien: »Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!«) Justizmaier. Was gibt's da wieder? Heute ist doch der Teufel los! ( Mauschl stürzt durch die Thüre herein.) Mauschl. Gerechtigkeit! Gerechtigkeit Herr Richter! Ich bin a ruinirter Mann! Gerechtigkeit! Ist mer geraubt worden all' mein Geld und mein Tasch von rothem Leder! Hab ich verloren mein Kuh! Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Justizmaier. Verdammter Incidenzfall! – Ei, das ist ja der Handelsjude Mauschl! Mauschl (Kasperl erblickend.) Gottes Wunder! Herr Richter, da ist auch der Dieb, da ist der Rauber, der Mörder! da ist er. Gerechtigkeit des Himmels Du bist grauß und wunderbar! Justizmaier. Wie? was? – Ich kenne mich gar nicht aus in der Sache. Pfifficus, legen Sie ein zweites Protokoll an. Mauschel, erzähl' er seinen Vorgang. (Für sich.) Die Sache wird complicirt. Mauschl. Will ich verzählen die Wahrheit, so mir Gott helf – die reinste Wahrheit, was mir geschehen. Bin ich gegangen vorgestern auf der Straß nach Kerchberg, ist mer begegnet der Vicolinist do, hab ich gehabt e Kuh am Strick und hat mer gespielt der Vicolinist e Stück vom graußen Majerbär, und hat gespielt so schön und so lang, daß ich hab tanzen und springen müssen, bis ich gefallen bin in die Ohnmacht. Justizmaier (zu Pfifficus.) Haben Sie – »Ohnmacht«. Pfifficus. »Ohnmacht« – I – a! Kasperl (nachäffend.) I – a! Justizmaier. Ruhig, Herr Maleficant! (zu Mauschl) Weiter! Mauschl. Und wie ich wieder erwacht bin geworden aus der Ohnmacht, da war weg meine schöne Kuh sammt'n Strick, und war weg meine rothe Tasch und all die schönen Tholer und Gilden, die ich gehabt hab in der Tasch und des muß mer Alles genommen haben der boshafte Vicolinist – denn er ist gewesen fort. Kasperl. Das is Alles verlogen. Der Jud hat dem Stoffelbauer die Kuh gstohlen und da hab ich ihm nur den »Hupfauf« aufg'spielt. Weiter weiß ich Nix und Hab Nix und will Nix wissen. Justizmaier. Der Sache muß man auf den Grund kommen. Jedenfalls liegen Verdachtsgründe vor. Herr Gerichtsschreiber, lassen Sie den Inquisiten abführen und in Verwahrung bringen; der Jude kann, bis ich ihn wieder vorrufen lasse, einstweilen in's Wirthshaus gehen. Pfifficus. I – a, sogleich. Kasperl. Warum lassen Sie nicht den Juden zum Abführen eingeben und nicht mich in's Wirthshaus gehen? Justizmaier. Sie haben keine Bemerkungen zu machen. Fort! ( Pfifficus führt beide ab, Kasperl mit drohenden Geberden gegen den Juden.) Justizmaier. Jetzt ist's Zeit, daß ich zum Frühschoppen gehe; meine Collegen werden schon lange beisammen sein. Es ist erschrecklich, ein Beamter hat doch kaum einen freien Augenblick zur Erholung! (Ab.) Verwandlung. Gemach im herzoglichen Schlosse. (Herzog Richard tritt mit Hofmarschall Trüffel ein.) Herzog. Also Spagatini ist vernommen worden und in Verwahrung gebracht? Trüffel. Allerdings, Euer Durchlaucht; Mittlerweile ist er noch als Dieb verdächtigt, einen Juden auf der Landstrasse beraubt zu haben. Herzog. Schändlich! Solch ein musikalisches Genie und so schlechte Streiche. Trüffel. Das kömmt bei Musikern bisweilen vor. Herzog. Gerne wollt' ich ihm die Extravaganzen von gestern Abend verzeihen. So ein Phantasiegenie kann sich leicht begeistern; aber wenn sich der Raubanfall bestätigen sollte – kann ich freilich keine Begnadigung eintreten lassen. Jedenfalls werde ich, wenn die Akten geschlossen sind, meinen Staatsrath darüber vernehmen und will Spagatini selbst noch sprechen. Trüffel. Wenn der Vorfall sich bestätigt, wird Spagatini ohne Zweifel zum Tod verurtheilt. Herzog (bewegt.) Armer Spagatini! – Ach warum bin ich nicht darauf eingegangen, als die Kammern mir die Aufhebung der Todesstrafe vorgeschlagen? Trüffel. Solch ein Akt der Humanität wäre des edlen Herzens meines allergnädigsten Fürsten ganz und gar würdig gewesen. Herzog. Habe ich doch die Prügelstrafe in meiner Armee geschafft. – Und noch nicht genug! Trüffel. Der Grund lag vor; weil sich die Soldaten ohnedieß schon genug im Wirthshause prügeln; warum noch eine Prügelstrafe dazu beibehalten? Herzog. Dieß war auch das Motiv zur Genehmigung. Genug davon. Apropos! was macht Prinzessin Amalie? Trüffel. Sie schlummert noch. Ihre Nerven scheinen beruhigt Herzog. Sobald sie erwacht, soll sie sich auf mein Jagdschlößchen im Sauparke begeben und einige Tage dort zubringen. Die Waldluft wird ihre Nerven stärken. Besorgen Sie dieß, lieber Baron. – Und Fräulen von Nelke? was macht sie? Trüffel. Sie liegt fortwährend in Krämpfen und ist kaum zu beruhigen. Herzog. Das arme Kind! Ich hoffe, mein Leibarzt hat sie in Behandlung. Der wird schon helfen. Adieu! (Ab.) Hofmarschall Trüffel (allein.) Singt eine Arie. (Melodie: »In diesen heiligen Hallen« aus der Zauberflöte.) Wie ist der Fürst so weise, So edel und so gut, In seines Hofes Kreise Ein Jeder glücklich ruht. Gerecht und weise mit Verstand Regieret er das ganze Land. Und alle Unterthanen Verehren, lieben ihn, Wie sie geliebt die Ahnen, Weil Segen sie verlieh'n. Wen solch' ein Herrscher nicht beglückt, Der wird durch gar Nichts mehr entzückt. (Ab.) Verwandlung. Platz in der Stadt. Stadtmauer, über welcher der Galgen sichtbar, der vor der Stadt errichtet ist. Fangauf, Schnapper (die rothe Tasche des Juden umgehängt.) Fangauf. Siehst Du da draußen? Da steht er. Schnapper. Wer? Fangauf. Nu', mach die Augen auf. Der Galgen. Schnapper. Hui, mich gruselt's! Fangauf. Ei was gruseln! – Der Geiger wird gehenkt. Schnapper. Armer Teufel! Jetzt sag' mir einmal, wo die Gerechtigkeit auf Erden ist? Er wird gehenkt, und wir haben den Juden bestohlen. Fangauf. Ende gut – Alles gut! Wie oft hat nicht die Unschuld schon in's Gras beissen müssen für den Schuldigen. Schnapper. Das gehört zu den Geheimnissen des Weltganges. Darüber ziemt uns nicht zu grübeln. Fangauf. Nun ist nur die Frage, ob wir denn nicht schließlich auch baumeln müssen? – Schnapper. Wenn's an der Zeit wäre! – Still! da kommen Leute. Wenn der Spektakel losgeht, besuchen wir den Richtplatz: da lauft der Plebs zusammen und uns're Finger können im Gedränge was zu thun kriegen. Fangauf. Recht so. Einstweilen hocken wir in die Kneipe da drüben und stärken uns mit einem Labetrunk. Schnapper. Können vielleicht auch was mitspazieren lassen. Der Wirth hat silberne Löffel. (Beide ab.) Justizmair. Pfifficus. Kasperl von zwei Trabanten geführt, treten ein. Justizmair. Nun, Monsieur Spagatini, jetzt hat Er ausgegeigt. Das Urtheil hat Er vernommen. Es geht an den Galgen. Schon ist das Volk auf der Richtstätte versammelt. Kasperl (der immer zittert und bebt und vor Angst stottert.) Ich bin u – u – u – unschuldig. Machen's keine Spa – spa – spaß mit mir. Justizmair. Die Justiz macht nie Spaß. Kasperl. Aber, aber, aber, aber – das ist wirklich kein Spaß – der Spaß. Justizmair. Voller Ernst. Gerechtigkeit muß sein. Er hat den Juden beraubt – ergo muß Er hängen nach Paragraph 184. Kasperl. Ich weiß von kei'm Pararrakrapfen was. Pfifficus. Ruhig! still! – Soeben kommen Seine Durchlaucht selbst, um den Maleficanten noch zu besichtigen. Kasperl. Der Spaleficant braucht keine Beschwichtigung. Herzog Richard tritt auf, begleitet von Trüffel. Herzog. Wo ist der Verbrecher? Kasperl. (fällt ihm zu Füßen) Zu Deinen Füßen! Herzog. (erhaben und gerührt.) Spagatini! Spagatini! – Nie hätte ich Solches von Ihnen erwartet. O wie konnten Sie sich so vergessen? Sie – dem die Götter solch' einen Genius eingehaucht. Kasperl. O ich bin nicht versessen und habe den Fuß nicht überstaucht. Gnade! Gnade! Herzog. Wie? Ich sollte einen Verbrecher begnadigen? – Nimmermehr! Es bricht mir zwar das Herz, aber – Kasperl. O! es braucht Ihnen Nichts zu brechen, aber Eine Gnade können 'S mir noch gewähren. (Für sich) Wenn er mir's Geigen erlaubt – rettet mich mein »Hupfauf«. Herzog. Und welche Gnade verlangen Sie? Kasperl (ungeheuer pathetisch.) Wenn ich denn moinem verbröcherischen Ende entgögen gehen muß, muß – obgloich unschuldig – ha! – so wendet sich der Künstler an die Großmuth der Gnade oder an die Gnade der Großmuth! Noch Einmal vor ich störben muß, lassen Sie mich in die Saiten greifen! Herzog (geht nachdenkend auf und ab, um sich zu besinnen.) Was dem Verbrecher nicht gestattet ist – das sei dem scheidenden Künstler erlaubt. Es sei! Spielen Sie Ihren Schwanensang. Kasperl. Ha! ha! – Komme denn Freundin! traute Holde, die du moin Löben versüßt hast! Nach einer kurzen Kadenz spielt er den »Hupfauf«. Alle fangen an zu tanzen und singen »Trallala, trallala, trallala!« Nach und nach füllt sich die Bühne, indem die Prinzessin, die Hofdame, Mauschel, Stoffelbauer, die beiden Räuber aus den Coulissen heraustanzen. Alles singt »trallala«. Ungeheuer. durcheinander. Donnerschlag. Die Bühne wird ganz dunkel, während dem alle Personen bis auf Kasperl von der Bühne verschwinden; plötzlich vom rothen Schimmer erleuchtet und in Wolken gehüllt erscheint Cuprus mit Grethl. Kasperl ist umgefallen. Cuprus. Das Stück dauert mir schon zu lang. Ich habe längst auf die letzte Scene gewartet. Ich bin der deus ex machina. Kasperl! Kasperl! Kasperl! Ich habe Dich für Deine drei Kupferkreuzer belohnt nach Deinem eigenen Wunsche, dessen Erfüllung ich versprochen hatte. Aber die Uhr Deines Künstlerlebens ist abgelaufen. Die Zaubervioline ist in Deinen ordinären Händen zur gewöhnlichen Geige geworden. Falle zurück aus dem idealen Kunsthimmel auf die materielle Erde ! Hier nimm Deine Margaretha! Kasperl (auf die Knie fallend.) Also werd' ich nicht gehenkt? Cuprus. Nein! umarmt euch und seid glücklich! Grethe Mein Kasperl, nun bist Du mein ! Kasperl. Ja, Grethl, jetzt bin ich Dein ! Cuprus (bei leisem Donner, höchst erhaben.) Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichniß; Das Unzugängliche Hier wird's Ereigniß; Das Unbeschreibliche Hier ist es gethan! Das Ewig-weibliche Zieht uns hinan! Verklärung. Der Vorhang fällt langsam. Ende des Stückes. Kasperl als Prinz. moralische Komödie in drei Aufzügen. Personen. Prinz Alfred . Von Edelfels , dessen Hofkavalier. Kasperl Larifari. Grethl , seine Frau. Musti , Leibmohr des Prinzen. Hoflakaien . I. Aufzug. Zimmer in Kasperls Wohnung. Nacht. Ein Licht auf dem Tisch. Bettlade im Hintergrunde. (Frau Gretl sitzt am Tisch und strickt. Die Wanduhr schlägt 8 Uhr.) Grethl. So, jetzt schlägts schon 8 Uhr und er ist noch nicht zu Haus. Seit Mittags 12 Uhr ist er fort. Und wohin? Zu einem Gschäft hat er g'sagt. Ja, das wird wieder a Gschäft sein: Im Wirthshaus! Es ist ein wahres Kreuz mit dem Mann. Das bißl Vermögen, das ich in die Ehe gebracht hab', wird bald durchgebracht sein, denn die Zinsen von denen wir leben, die langen bei der Wirtschaft schon lang nimmer. Alles wird vertrunken! Und ich kann ihm doch nit feind sein; denn er ist halt mein guter Kasperl. Aber ein Lump ist er auch. Was wird's heut wieder sein? Mit eim Rausch kommt er nach Haus; den schlaft er bis morgen aus und nachher geht's wieder von vorn an. (Man hört den Regen stark an die Fenster schlagen.) Das ist aber a Wetter! Paraplui hat er auch keins bei sich, da kommt er tropfnaß heim und legt sich wie a taufte Maus ins Bett. (Es schellt an der Hausglocke.) Ach, das wird er sein! Gottlob, amal! (öffnet das Fenster und schaut hinaus) (ruft hinab.) Bist du's Casperl? Stimme (von unten.) Bitte, lassen Sie uns ein! Grethl. Wer sind denn die Herren? Stimme. Machen Sie nur auf; es regnet fürchterlich! Nur ein Viertelstündchen Unterstand, bis der Wagen kömmt. Grethl (für sich.) Das scheinen mir ganz respektable Herren zu sein. Ich mach auf. (ruft hinab.) Gleich, gleich werd' ich aufmachen. (Nimmt den Leuchter und geht hinaus; tritt bald darauf mit Prinzen Alfred und Adjudanten von Edelfels ein.) Prinz Alfred, Edelfels und Grethl. Prinz (im Eintreten.) Verzeih'n Sie, liebe Frau, daß wir Sie so spät am Tage stören. Allein es hat uns beim Spaziergang der Regen überrascht. Gestatten Sie, daß wir den Wagen hier abwarten, nach dem ich geschickt habe. Grethl. Ich bitte recht sehr; freut mich, wenn ich dienen kann. Edelfels. Seine Durchlaucht – Prinz (ihn unterbrechend.) Still! ich will incognito bleiben. Ich heiße Müller, ein fremder Passagier. Edelfels. Zu Befehl. (laut) Ja, wir sind fremd und haben uns auf dem Gange zur Stolzenburg verspätet. Mittlerweile kam das Gewitter – – Prinz. Und wir haben unsern Lohndiener von hier aus in den Gasthof geschickt, einen Wagen zu holen. Grethl. Machen sich's die Herrn nur bequem einstweilen. Wir wohnen halt ein bißl weit von der Stadt, weil das Logis wohlfeiler ist. Prinz. Bei wem habe ich das Vergnügen Unterkunft zu finden? Grethl. Mein Mann ist Privatier und heißt Herr von Larifari. Wir leben recht einfach von unsern geringen Procenten. Prinz. Also verheirathet? Und ihr Mann? Grethl. Ja mein Mann – mein Mann – ist ein ganz guter Kerl, aber einen kleinen Fehler hat er, daß er etwas gern im Wirthshaus sitzen bleibt. Prinz. Nun diesen Fehler findet man bei Männern nicht selten. Grethl. Das wär' schon recht, aber bisweilen und – und das ist auch nicht selten – kommt er etwas betrunken nach Haus. Prinz. Das ist allerdings eine üble Gewohnheit. Grethl. Ja, und ich hab' schon Alles probirt, ihn auf einen besseren Weg zu bringen, aber es nutzt Nichts und endlich verthut er unser ganzes Sach und wir haben nichts mehr – – (Kasperl unten jodelt und schreit.) Hören 'S ihn? Jetzt kommt er wieder betrunken nach Haus! Das ist a Schand für mich. Prinz. Da thut es mir leid, daß wir hier stören. Edelfels. Könnten wir nicht einstweilen ins Nebenzimmer geh'n, bis die Equipage kömmt? Grethl. Wenn sie in dem kleinen Kammerl da drin vorlieb nehmen wollen, wär's mir freilich recht angenehm. Prinz. Gut, geh'n mir hinein. (Grethl zündet eine zweite Kerze an und führt sie durch die Seitenthüre.) Kasperl (unten.) Aufmachen, aufmachen! Schlipperment! Grethl rühr' Dich! Grethl. O Du liederlicher Bursch! Der hat richtig sein Theil! (Geht hinaus.) Prinz (durch die halbgeöffnete Seitenthüre.) Edelfels, wir wollen ein Bischen lauschen. Das gibt vielleicht einen Höllenspaß! Grethl tritt mit dem betrunkenen Kasperl ein, der hin und her taumelt. Kasperl. Schlipperdibix! Was hast mich a ganze Halb- Viertelstund da unten im Regen steh'n lassen! Grethl. Ja ganz hätt ich Dich drunten stehen lassen sollen, damit Dich der Regen a Bißl abgekühlt hätt', Du liederliches Tuch. Kasperl. Was? ich bin kein Tuch! Ich bin der Kasperl, was Tuch!? (jäh auf den Boden.) Grethl. Da siehst es! Nicht amal steh'n kannst mehr! Kasperl. Deßwegen setz ich mich nieder. Grethl. Wo bist denn wieder g'steckt den ganzen Tag? Kasperl. G'steckt? – G'steckt bin ich nirgends. Ich hab' wieder wichtige Gschäft gehabt. Also ruhig! Grethl Ja – ich soll ruhig sein bei dem Schandleben. Immer besoffen! Kasperl. Gloffen bin ich aber net, ich bin ganz langsam und comod herg'wackelt. Grethl. A Schand und a Spott ist's! (für sich) Nein, die Verlegenheit! wenn wir nur allein wären! Ich muß nur trachten, daß ich'n in's Bett bring. (zu Kasperl) Jetzt steh auf und leg Dich nieder! Kasperl (will aufstehn, fällt aber wieder hin.) So, jetzt bin ich aufg'standen und hab' mich gleich wieder niederglegt! (jodelt und singt.) Grethl. Laß Dir nur helfen (hilft ihm.) Kasperl. So – jetzt steh' ich kerzengrad wie der Frauenthurm. Grethl. Leg Dich in's Bett und schlaf , das ist das Gescheitste. Kasperl. Was? Schaf? – Das ist eine Beleidigung – gung – gung! Ich will Ruh haben. Grethl. No ja, 's ist schon recht. Komm, komm, leg Dich. (Führt ihn zum Bette.) Kasperl. Wenn sich der Mensch den ganzen Tag plagt, so ist's billig und gerecht, daß er von seine Fatiken ausrast'. (Plumpst auf's Bett.) Grethl. (legt seine Beine zurecht.) So, Charmanterl, jetzt schlaf. Kasperl (lallend.) Ich hab kein Manterl; nix Manterl; Ich hab – nur – a Gwanterl. (Schläft schnarchend ein.) Grethl. Gottlob, jetzt schlaft er ein. Ich will'n nur zudecken, damit ihn die Herren nit sehen. (Deckt ihn zu.) Prinz und Edelfels treten aus der Seitenthüre. Prinz. (lachend.) Das war göttlich! Grethl. Ich bitt' halt um Verzeihung; aber seh'n Sie meine Herren: so ist er! Und das beinah alle Tag. Prinz. Wenn Sie mir das Vertrauen schenken, so möchte ich eine Kur mit ihrem Herrn Gemahl vornehmen. Grethl. Eine Kur? Sind Sie denn ein Doktor? Prinz. So halb und halb. Ich habe schon vielen Leuten von ihren Uebeln geholfen. Trinker habe ich schon in zwölf Stunden geheilt. (zu Edelfels) Nicht wahr mein Freund? Edelfels. Allerdings. Ich kann es bezeugen. Grethl. Ja, das war' ja prächtig, wenn Sie meinen Mann kuriren könnten! (ans Fenster eilend) Da hör' ich was rumpeln; ich glaub' es kommt Ihr Wagen, meine Herren. Prinz (bei Seite zu Edelfels.) Schnell hinab! instruiren Sie meine Lakaien. Ich laß' den Burschen in die Residenz tragen. Edelfels. Aber Durchlaucht! Prinz Das gibt eine Komödie zum Todtlachen. Nur fort! Edelfels. Gut, mein Prinz: wie Sie befehlen. (Ab durch die Mittelthüre.) Prinz Nun gute Frau, vertrauen Sie mir. Ich nehme den Herrn Larifari – nicht wahr, so heißt Ihr Mann? – ich nehme den Herrn Larifari diese Nacht zu mir in den Gasthof; ein kleines Mittel – und er ist geheilt! Grethl. Nein, das leid' ich nicht! Wer weiß was ihm geschieht? Prinz. Nichts geschieht ihm! Hier – (legt eine volle Börse auf den Tisch) hier haben Sie den Beweis, daß ich kein Betrüger bin. Vierzig Gulden als Pfand. Grethl. Ja, wenn das so ist, da nehmen's 'n nur gleich mit. Prinz. Die kleine Summe gehört ihnen als Quartiergeld. Grethl. Aber nein, das kann ich nicht annehmen, Excellenz! Sie haben mir ja gar keine Ungelegenheit gemacht; war mir die größte Ehre – Prinz. Gut, gut! Edelfels mit zwei Lakaien tritt ein. Edelfels. Dort liegt er, also rasch an's Werk! Die Lakaien heben Kasperl, der zeitweise immer geschnarcht und gestöhnt hat, aus dem Bette und tragen ihn hinaus. Prinz. Nun gute Nacht, Madame. Wir wohnen in der goldenen Krone. Morgen Früh sollen Sie Nachricht vom Herrn Gemahl bekommen. Grethl. Da wird er aber die Augen aufmachen, wenn er nicht zu Haus aufwacht; denn der schlaft so fest bis morgen Früh, daß ihn kein Kanonenschuß aufweckt! Aber ich bitt', daß ihm nichts gschieht! Prinz. Auf mein Wort – nur Angenehmes soll ihm zu Theil werden. Adieu! (geht mit Edelfels ab.) Grethl (allein.) Jetzt habn 's mein Kasperl fort! – Hätt ich's denn erlauben sollen? Der Beutel mit den 40 fl. hat mich ganz confus gemacht. – Nein, nein, ich leid's nicht. Halt, halt! (Man hört den Wagen fortrollen.) (Zum Fenster hinaus rufend.) Halt, halt! mein Kasperl, mein Kasperl! Unterdessen fällt rasch der Vorhang. II. Aufzug. Zimmer in der Residenz des Prinzen, prachtvoll möblirt. An der Rückwand eine Himmelbettstatt mit seidenen Vorhängen, welche geschlossen sind. Vorne ein großer Ankleidespiegel. Es ist Morgen. Eine spanische Wand muß auch angebracht sein. Prinz. Edelfels treten von zwei Seiten ein. Prinz. Pst! Pst! – daß wir ihn nicht wecken! Er scheint noch fest zu schlafen. Edelfels. (sieht durch die Vorhänge in's Bett, in welchem Kasperl liegt.) Wie ein Sack! Prinz. Wie viel Uhr mag es sein? Edelfels. Es hat eben 10 Uhr geschlagen. Prinz. Schläft der Bursch also 14 Stunden ununterbrochen! Edelfels. Allerdings, Durchlaucht; denn ungefähr nach 8 Uhr gestern ward er hiehergebracht. Ich denke aber, daß er bald erwachen wird. Prinz. Haben Sie Alles angeordnet, wie ich es befohlen? Edelfels. Alles ist in Ordnung. Prinz. Das wird ein toller Spaß. Aber auf die Kur halte ich nicht viel. Mein Kammerdiener hat mir heute, als er das Dejeuner brachte, erzählt, daß der Patient der bekannte Kasperl ist. Der ist wohl unheilbar, denn Essen und Trinken sind seine Hauptbeschäftigung und überall amüsirt er durch seine lustigen Streiche. Doch still! hinter der Gardine scheint sich etwas zu bewegen. Treten wir bei Seite. (Beide treten hinter die Tapetenwand.) Kasperl (im Bett aufwachend, gähnt auf alle Arten.) Grethl! – mein' Kaffee! – (guckt zwischen den Bettvorhängen heraus. Höchst verdutzt – stotternd.) Grethl! – ja – was ist denn das? Träum' ich oder bin ich wach! – Schlipperdibix! – Grethl! (Kasperl hat eine grobe Nachtmütze auf und einen prachtvollen Schlafrock an.) (Springt aus dem Bett) Ich bin ja wach! Nein – das ist ja nit möglich! Ich weiß gar nit, wie mir ist. (Betrachtet Alles im Zimmer.) Das Bett – das Zimmer! bin ich närrisch worden? Hab ich mein' Verstand verloren? – mir wird ganz angst und bang! – Grethl! Grethl! Ein Hoflakai tritt ein. Lakai. Was befehlen Euer Durchlaucht? Kasperl. Wa – wa – was? (Bemerkt auch im Spiegel, daß er einen schönen Schlafrock anhat.) Das ist eine infame Zauberei! Ich bin verhext. Lakai. Euer Durchlaucht entschuldigen, haben vielleicht noch nicht auszuruhen geruht? Kasperl. Und wer ist denn Er ? bin ich denn im Narrenhaus? Lakai. Euer Durchlaucht scheinen nicht gut geschlafen zu haben, weil Sie so aufgeregt sind. Darf ich das Frühstück bringen? Kasperl. A Fruhstuck? – Das laß' ich mir gefallen. Jetzt werd' ich gleich sehen, was das eigentlich für a Gschicht mit mir ist. Entweder träum' ich – oder wach' ich. Jetzt muß sich's zeigen. Also her mit'm Fruhstuck. Aber a Gut's! – Lakai unter Reverenzen ab. Kasperl (wirft sich in einen Stuhl) Ich weiß net wo mir der Kopf steht! – Sollte ich wirklich meinen Verstand verloren haben? (Hochtrabend) Sullte ich in das feenhafte Reich des Zauberlandes der höheren Phantasie entrückt soyn, wo einem die gebrutenen Tauben in das Maul fliegen? Sollte ich auf den Standpunkt der materiellen Errungenschaften angelangt soyn, wo der Mensch als Mensch in höherer Bedoitung – – (Der Lakai mit einem zweiten Hoflakai rückt einen gedeckten Tisch herein. Kaffeegeschirr darauf etc.) Kasperl. Halt – beinah hätt mich meine Phantosie hingerissen! – Da is das Fruhstuck! (stürzt darauf hin.) Schlupperdibux! Das laß ich mir g'fall'n! (zum Lakai.) Sie, bortirtes Mannsbild! Haben Sie doch die Gefälligkeit und nehmen Sie mich bei der Nasen – Lakai. O ich bitte! wie könnte ich so Etwas wagen? Kasperl. Bei meiner Nasen – Lakai. Wenn Durchlaucht befehlen. Kasperl. Was haben denn Sie alleweil mit der »Durchlauft«? Ich bin der Kasperl Larifari und kein Durchlauft! – Also bei der Nasen! – Lakai nimmt ihn bei der Nase. Kasperl. So, jetzt zwicken 'S mich a Bißl. Au! gnug ist's. – Ich scheine nicht zu träumen; denn ich hab's gespürt. Also marsch naus! Jetzt will ich allein die Prob mit dem Fruhstuck anstellen. Lakaien ab. Kasperl setzt sich. Brav! Das ist a Kaffee, und da sind d' Bretzen und Eierweckerln. Und a Schnaps! Juhe! Die Hexerei laß ich mir gfall'n! – – Edelfels (tritt unter Verbeugungen ein.) Euer Durchlaucht allerunterthänigster Hofmarschall hat die Ehre sich gehorsamst zu melden. Kasperl. Schon wieder was Neu's! Nach und nach gfallt's mir in der Zauberei. Edelfels. Die Prinzessin Gemahlin lassen guten Morgen wünschen und werden das Vergnügen haben, bald herüber zu kommen, um bei Euer Durchlaucht ihr Dejeuner einzunehmen. Kasperl. Was? Prinzessin Gemahlin? Einnehmen? – Sie sind ja a Narr, mit Respekt zu melden. Edelfels. Durchlaucht belieben zu scherzen. Kasperl. Ich schmerze nicht. Aber jetzt sagen Sie mir a mal, wenn Sie wirklich eine Art menschlicher Figur und kein maskirter Zauberer sind: Ich kenn' mich nimmer aus. Sagen Sie mir deutlich: Wo bin ich? Wer bin ich? Was bin ich? Wie bin ich? Warum bin ich? Kurz und gut! – – Edelfels. Hochdieselben sind ganz besonderer Laune heute! Sollte Prinz Schnudi sich selbst vergessen haben und auch hochdero Gemahlin Amalia? Kasperl. Prinz Schnudi? – Prinzessin Amalia? – Sagen Sie mir, ist diese Amalie hübsch? – Nun – (stolz) weil ich der Prinz Schnudi bin, so befehle ich, daß mir diese Amalie vorgeführt werde! Edelfels. Allsogleich werde ich es der Prinzessin melden. (ab.) Kasperl. Jetzt hört Alles auf! Ich halt's net aus! Ich verlier' meinen Verstand, wenn ich noch eine Portion hab! – Aber das Fruhstuck, das Fruhstuck! der Kaffee, der Schnaps! – Ich verweiß mich gar nimmer! Juhe! Juhe! Jetzt muß ich mich erst wieder a bißl in's Bett legen! (springt mit beiden Füssen ins Bett und zieht die Vorhänge zu.) Prinz tritt hinter der Wand hervor, Edelfels zur Thür herein. Prinz (leise zu Edelfels.) Er liegt im Bett. Spielen Sie ihre Rolle fort. Ich bin der Hofleibarzt. Edelfels. Ich verstehe. (Laut) Guten Morgen, Herr Leibarzt. Prinz. Ebenfalls, Herr Hofmarschall. Seine Durchlaucht sind doch nicht unwohl? ich wollte eben nachfragen, weil der Prinz sein Gemach noch nicht verlassen haben. (Kasperl guckt zwischen den Gardinen heraus) Edelfels. O nein. Der Prinz hat mit gutem Appetit gefrühstückt. Prinz. Vielleicht sind derselbe zur Prinzessin hinüber gegangen. Edelfels. Erlauben Sie mir eine ernste Frage, Herr Leibarzt? Prinz. Ich stehe zu Befehl. Edelfels. Was halten Sie von der Lebensweise des Prinzen? Prinz. Einfach beantwortet: Wenn der Prinz sich so fort und fort dem Trunke ergibt, so können wir ihn eines Morgens vom Schlag getroffen als Leiche im Bett finden. Kasperl (springt aus dem Bette.) Schlipperment! Das war nit übel! Ich bin ja der versoffene Prinz Schnudi nicht, ich bin der Kasperl Larifari. Prinz. Gott im Himmel! Verzeih'n Durchlaucht! wir glaubten uns allein. Diese Bemerkung – – Kasperl. Verbitt ich mir! Marsch hinaus! Ich brauch' kein Leibarzt, der mir mein' Spaß verdirbt! Naus da, oder ich schlag' drein! Gleich will ich was z'essen haben: 12 Paar Bratwurst und 6 Maß Bier und a Paar Flaschen Wein und an Schweinsbraten und an Salat mit harte Eier! Edelfels. Entschuldigen Hochdieselben; der Herr Leibarzt haben die besten Absichten. Kasperl. Nix da. 'Naus Alle zwei und was zum Essen und Trinken! Das ging mir auch noch ab. (läuft im Zimmer wüthend auf und ab.) Fort da! Naus! (Prinz und Edelfels ab.) Kasperl (allein). Jetzt bin ich aber ganz caput, vor lauter Zorn. Was Schlag treffen! Meinetwegen, aber das wär' kein Gspaß, wenn mich der Schlag für den versoffenen Prinzen träf'. Schlipperment! ich bin ja der Kasperl! – Aber, wie komm ich da herein? Das ist ganz an anders Loschi. Alles von Gold! A prächtige Zipfelkappen. A gstickter Schlafrock. A silbern's Caffeegschirr. Ich kenn' mich net aus, bin ich wirklich der Prinz Schnudi oder bin ich der Kasperl, der in den Prinzen 'neingfahren ist, oder ist der Prinz in mich 'neingfahren.? Das wär' a verteufelte Seelenwanderung. Krieg ich Prügel, so kriegts der Prinz Schnudi auch und trifft den Prinzen der Verschlag, so bin ich todt. Vermaledeite Komödie! (Zwei Lakaien schieben einen Tisch herein mit Bratwürsten, Bier, Krügen ec.) Bravo! Bravo! Nur her damit! Lakai. Die Prinzessin Amalia wird augenblicklich hier sein. Kasperl. Was? Die soll nur a bißl draußen warten bis ich gessen und trunken hab. Nacher kann's aufmarschiren. Lakai. Die Durchlauchtigste kann es aber nicht erwarten, Hochdieselben an ihr Herz zu drücken. Kasperl. Diese gewünschte Druckerei kann später auch vor sich gehen. Die Lakaien entfernen sich, zugleich stürzt der Leibmohr Mufti in lächerlichem Damenkostüm, einen Schleier vor dem Gesicht, herein. Mufti. Wie mein Gemahl will mich nicht herein lassen? Treuloser, Herzloser, Elender! Ist das Deine Liebe? Kasperl. Oho! was ist denn das für eine Ueberraschung? Verschleierte Schönheit, sind Sie meine Gemahlin? Mufti. Schändlich, Du kennst mich nicht? Kasperl (tragisch). Ich habe schon eine Gattin und hab an der genug. Warum noch eine Zwoite ? Ha! Und warum, Amalia, bist Du verschloiert? Ha! Mufti. Die Luft schadet meinen Teint; das weißt Du ja, Geliebter. Kasperl (wird zärtlich.) O, so entschloire Dich, Gelubteste, damit ich deine holde Physionomie erblücken kann. (für sich) Jedenfalls ist sie besser gewachsen, als meine Grethl. Schlipperment! Mufti. O dringe nicht in mich, daß ich meinen Schleier lüfte! Kasperl. Warum willst Du Deine Lüfte nicht schleiern? Ha! ich liebe Dich, Amalia. (kniet vor Mufti hin.) Mufti. Nun, es sei! (entschleiert sich.) Kasperl. Pfui Teufel! (Springt auf.) Mufti (fährt auf Kasperl los.) Prrrrr! Prrrr! Ja, ich bin der Teufel, der Dich holen will. Kasperl. Auweh, auweh! der Teufel! Aber wart', ich komm Dir schon! Stößt mit dem Fuße auf Mufti. Rauferei; Geschrei, sie verfolgen sich; endlich fährt Kasperl in's Bett hinein und Mufti springt zur Thür hinaus. Nach einer kleinen Pause guckt Kasperl zwischen den Bettvorhängen heraus. Kasperl. Schlipperment! Ist der Teufel noch da? – – Ich glaub' er ist verschwunden. – Aber mir ist der Appetit vergangen. Nein! mir ist miserabel. Heda, 'rein da! Allo! Ein Lakai Lakai. Was befehlen, Durchlaucht? Kasperl. Den Doktor will ich haben. Augenblicklich, den Doktor! Mir ist miserabel. Lakai. Sogleich. (ab.) Kasperl. Nein, das ist kein Gspaß. Da sieht man's, daß die ganze Gschicht nur eine vermaledeite Hexerei ist. Prinz Alfred tritt ein mit einem ungeheuern Medizinglas. Prinz. Ew. Durchlaucht sind unwohl geworden; ich habe daher gleich eine kleine Mixtur mitgebracht. Kasperl (an das Bett gelehnt.) Ja, da soll Einer net krank werden, wenn ihn der Teufel holen will. Prinz. Wie so, mein Prinz? Sie scheinen mir an Fieberphantasieen oder an Congestionen zu leiden. Kasperl. Möglich, daß 's Compressionen sind; mir ist aber eigentlich die Angst in den Bauch gefahren. Auweh, zwickt's! Prinz. Gut, ich werde – – Kasperl. Nein, nicht gut, Sie werden nicht . Prinz. Ich werde Ihnen ein süßes Medicament eingeben, dann wird ein gelinder Schlummer mit Transpiration eintreten und bei Hochdero Erwachen werden Sie sich ganz im vorigen Zustande befinden. Kasperl. Sie werden mir also einen süßen Malesikanten eingöben, dann wird ein geschwinder Kummer mit Mancipalion eintröten – aber, ich bitt' mir aus, daß 's a gutes Trankl, ist. Prinz. Ein vortreffliches Fluidum. Kasperl. Was Pfuidum? – wär nit übel! No, also her damit! (Legt sich in Bett) Der Prinz schüttet ihm die Medizin nach komischen Gestikulationen und Widerstreben ein. Kasperl. Ah! Ah! – das war ja so eine Art von Liqueur, so a Magenbitter oder hofmanischer Tropfen – Ah! das war gut! – prächtig! Nun – Herr Doktor – das – war – – – (Schläft allmählich ein.) Prinz. Der Trank hat gut gewirkt – ein unschuldiges Narcoticum. (leise zur Thüre hinaus sprechend.) Edelfels, kommen sie! Edelfels (tritt ein.) Hat die Medizin schon gewirkt? Prinz. Er schläft fest. Kasperl schnacht und schwätzt im Schlafe. Edelfels. Vortrefflich! Prinz. Nun, gute Nacht, Monsieur Kasperl! (Beide gehen lachend ab.) Der Vorhang fällt. III. Aufzug. Kasperls Wohnung. Kasperl liegt in seiner alten Kleidung und Mütze im Bett. Edefels erscheint vorsichtig umschauend an der Thüre. Später Grethl. Edelfels (mit unterdrückter Stimme.) Madame Larifari! – Ps! Ps! Grethe (aus der Seitenthüre tretend.) Er schlaft noch fest. Wollen Sie nur hereintreten. Edelfels. Das wär wirklich ein Spaß, wie sich Ihr Herr Gemahl als Prinz ausgenommen hat. Grethl. Ja, ich weiß es. Die Lakaien, die ihn gestern Abends wieder ins Haus gebracht, haben mir Alles genau erzählt. Er hat aber keinen Muxer gethan die ganze Nacht. Edelfels. Ich glaub es gern. Ein unschuldiger Schlaftrunk mußte zur Vollendung des Scherzes das Seinige thun. Nun aber ist die Sache noch nicht aus. Lassen Sie mich mit Herrn Kasperl noch allein, bis ich Sie wieder hereinrufe. Grethl. Wie Sie befehlen. (Ab.) Edelfels (allein.) Nun, weil's der gute Prinz Prinz befohlen hat, will ich den Spaß noch zum Ende führen. Hoffentlich wacht Kasperl bald auf. Also zur Sache. (Durch die Mittelthüre ab.) Kasperl (gähnt im Bett. Macht verschiedene komische Bewegungen etc.) Oh! das war a guter Schlaf. (Ruft.) Mein Fruhstuck! wie gestern, aber heut will ich auch Knödel und Sauerkraut zum Caffe. (Setzt sich im Bett auf.) Oho! Was ist denn das? Schlipperdibix! Heda! Wo sind denn meine bortirten Hoflakeln? Hofmarschall! Schlipperment! (Setzt sich, daß die Beine übers Bett herunterhängen.) Ja, wie komm ich mir denn vor? Hat mich der Teufel, von dem ich geträumt hab, wirklich geholt? Wo sind denn die seidenen Vorhäng und mein goldner Schlafrock! Des ist ja eine miserable Wirthschaft! (Edelfels, als Zauberer verkleidet, Maske vor dem Gesicht, tritt ein mit verstellter Stimme.) Edelfels. Ja, mein Prinz! das sind die Folgen Ihrer Lebensweise! Ein mächtiger Zauberer hat Sie aus Ihrem Palaste in diese Hütte gebannt und in die schlichte Hülle eines dummen Kerls verwandelt. Kasperl. Oho! was sind denn Sie für a grober Patron? Was dummer Kerl? Was Zauberei? Ich bin der Prinz Schnudi! Edelfels. Allerdings sind Sie es; aber Ihr liederlicher Lebenswandel, Ihre Trunksucht, Ihre Freßlust mußte bestraft werden. Ich bin der Zauberer Artaxerxes Strobelmajer, welcher Sie in den Kasperl Larifari verwandelt hat, bis Sie Ihr Leben gebessert haben. Dann erst werden Sie wieder wirklicher Prinz von fürstlichem Geblüt. Kasperl. Ich bitt Ihnen! Schwatzen's kein so Zeug daher. Was wolles dann jetz derweil mit meim fürstlichem Geblüt anfangen? Hab'n Sie's in ein Flaschl aufg'hoben und schütten's mir's nacher wieder ein. Die Dummheiten leid' ich net. Und wie kann man als ein Zauberer so en Namen haben, wie Sie? Wie heißn's? sagen Sie's noch a mal. Edelfels. Artaxerxes Strobelmajer ist mein Name. Kasperl. Pfui Teufel! – Strobelmajer! Laß'n'S mich aus. Das sind Faxen. Mein Frühstück will ich haben! Edelfels. Einerlei, wie ich heiße. Sie werden sich in Ihr Geschick zu fügen wissen. (Feierlich.) Bessere Dich, edler Prinz! Lebe mäßig, einfach, bescheiden. Liebe Deine Gattin und so weiter – dann wirst Du in Deinen vorigen Glanz wieder eingehen. (verschwindet durch die Thüre.) Kasperl (ihn nachäffend.) »Dann wirst Du Deinen vorigen Tanz wieder einsehen« – dummer Kerl! Das ist gscheit, daß d'naus bist, sonst hätt' ich dir 'n Weg gezeigt. – Aber, schlipperdibix – als Prinz Schnudi kommt's mir doch vor als wär' ich bei mir zu Haus. Bei mir z'Haus ? Ja, wo bin ich denn eigentlich z' Haus ? Hat mir träumt, daß ich der Prinz bin oder hat'n Prinzen träumt, daß er der Kasperl ist? Ich könnt' ja ganz confus werden. Heda! wo ist denn so a Lackl, daß er mich wieder in die Nasen zwickt, um mich von meiner wirklichen Lebhaftigkeit zu überzeugen. Aber Nasen ist Nasen . Also weiß ich doch wieder nicht, wem die Nasen ghört: dem Prinzen Schnudi oder dem Kasperl Larifari? (hochtrabend.) O ihr himmlischen Mächte rettet mich aus diesen Zweifeln – und an Hunger und an Durst hab' ich zum Sterben. Ich will's a Mal probiren und das Schicksal prüfen. (ruft) Grethl! Grethl! Grethl (tritt ein von der Seitenthüre.) Nun, guten Morgen, mein lieber Kasperl! Aber Du hast gschlafen! Ich hab gemeint, Du wachst nimmer auf oder's hätt Dich gar der Schlag troffen, weil'st gestern wieder mit einem Rausch nach Haus kommen bist. Kasperl (vornehm und im affektirten Hochdeutsch). Was schwätzen Sie da, Madame. Ich verbutte mir alle An- und Abzüglichkeiten. Man traktire mich mit Respekt und Zonör, wie man es einer vornähmen Purson von dürstlichem Geblute scholdig ist. Verstöh'n Sie mich? Grethl. Wie man einem Narren wie Du bist, schuldig ist. Ja, schämen sollst Du Dich; das wär gscheiter! Kasperl. Ja, allerdings schämen soll ich mich, in dieser niedrigen Figur bei Ihnen, Madame, die Zeit meiner Verzauberung zubringen zu müssen. Grethl. Jetzt sei still mit dem Gschwätz und trink' deine Milch zum Fruhstück, die schon lang auf'm Tisch steht. Kasperl (schlägt den Milchtopf üher den Tisch hinunter.) Was? Milch! – Ha! Verzweiflung! Besinnung! Elend und Noth! Ach, ich armer Prinz! Ich armes Mitglied eines dürstlichen Hauses! – Da steckt gewiß wieder der Bismark dahinter. Grethl. Ich bitt' Dich um Alles in der Welt: werd' mir nit närrisch; Du hast wirklich alle Anlagen dazu. Gwiß hast wieder dumms Zeug geträumt und meinst, ist eine wirkliche Gschicht gewesen. Kasperl (mit Rührung.) O Madam! Geschicht oder nicht Geschicht! Was kann ich Anderes thun, als mich in mein Schlücksal ergöben! O Madam! Lassen Sie sich umarmen und an meinen geschwollenen Busen drücken! Hand in Hand auf der Bahn dieses röthselhaften Löbens? – O! O! O! Grethl. Ja, mein Kasperl, gelt? Du wirst jetzt brav sein! Kasperl (erhaben.) Kasperl oder Prinz! Von nun an wird die Krone der Tugend und Enthaltsamkeit mein Löben würzen und ich werde noch manche Maß in meine Gurgel stürzen ! Kasperl umarmt die Grethl. Edelfels als Zauberer tritt ein und stellt sich segnend hinter beide. Die Gruppe wird von griechischem Feuer magisch erleuchtet. Der Vorhang fällt. Ende.