Friedrich Ratzel Erdenmacht und Völkerschicksal Eine Auswahl aus seinen Werken * Herausgegeben und eingeleitet von Generalmajor a. D. Prof. Dr. Karl Haushofer Alfred Kröner Verlag Stuttgart Copyright 1940 by Alfred Kröner Verlag in Stuttgart Einleitung Friedrich Ratzel als raum- und volkspolitischer Gestalter Kein stärkeres politisch-wissenschaftliches Temperament und keinen weitsichtigeren Erzieher seines Volks zu großräumiger Weltbetrachtung hat das Zweite Reich der Unsterblichkeit im Dritten Reich übergeben, als Friedrich Ratzel, mit seiner mächtigen, wenn auch späten Wirkung von der Wissenschaft her in die Raumpolitik. Am 30. August 1844 als Sohn eines Schloßbeamten zu Karlsruhe geboren, durchlebte er 15 glückliche naturnahe Jugendjahre zwischen dem kleinen Tierpark und der reichen Schloßbücherei: inmitten des Wellentals zwischen der großartigen Schwellhöhe der Befreiungskriege und ihrer Nachwirkung und dem Wiederanheben des Wogenkamms zur Gründung des Zweiten Reiches. Als dieses Reich von der Scheitelhöhe seiner kurzen Flugbahn schon im Herabgleiten war, aber dennoch voll von Auftrieb zur Weltgeltung und Glauben an eine weltüberspannende Bestimmung des deutschen Volkes, ereilte den rüstigen 60er am 9. August 1904, noch in voller Leistungshöhe, der Tod. Seine letzten Klagen galten dem vermeintlichen Leid, daß er keine Schule seines Wirkens hinterlassen habe, wenn auch eine kleine Schar von Getreuen wie Helmolt, der Sammler seiner kleinen Schriften und Herausgeber einer Weltgeschichte in Ratzels großartiger geographischer Auffassung, wie Eckert, Hassert, Hantzsch, Sapper und Schoene zunächst sein Andenken im deutschen Volk lebendig hielten. Weit über die deutsche Erde hinaus strahlte jedoch Ratzels weltpolitische Erzieherwirkung. Sie kam über Rudolf Kjellén, den großen schwedischen Staatsforscher, den besten Freund Deutschlands in schwerer Weltkriegsstunde, den Begründer der Forderung der Geopolitik, in sein Vaterland zurück, in dem sie mit dem Dritten Reich eine glanzvolle Wiederauferstehung feiern sollte. Freilich ist das weltpolitische Gedankengut von Friedrich Ratzel auch bei unseren Gegnern, bei Angelsachsen diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans, bei Japanern, Romanen und Russen lebendig geworden. Wir spüren es bei praktischen Grenzschöpfern und Grenzzerstörern, bei theoretischen Führern zur Volksseelenkunde und bei großartigen politischen Rednern, die das der Wissenschaft entrissene Gestein mit glutflüssigem Leben erfüllen. Gewiß haben, von ihnen selber anerkannt, Ideen von Ratzel in den geschickten Händen von Jean Brunhes und Camille Vallaux, von Jaques Ancel oder Demangeon am Verderben unseres Volkstums gewoben, wenn sie den ganzen Begriff Mitteleuropa verschoben, wenn diese Träger der französischen Geopolitik einen Donauraum gestalten wollten, aus dem sie die Deutschen ausschlossen, wenn sie die praktische Folge zogen aus dem, was Ratzel »das größte Unglück der deutschen Geschichte« nannte, daß es nicht gelang, die Waldfestung Böhmen im Herzen des deutschen Lebensraums völlig einzudeutschen. Denn das ist die Gefahrfolge auch der höchsten, in ihrer Art nur in einem ganz bestimmten Volksboden möglichen Leistung, wie die Ratzels im deutschen Volksboden war, daß ihre Früchte weltüber dem gehören, der sie sich durch geistige Arbeit zu eigen macht, der sie erwirbt, um sie zu besitzen, wenn der eigentliche Erbe dem fremden Nutznießer nicht zuvorkommt und die Gaben seines Volksgenossen nicht behütet. Diese Unterlassungssünde mußte dem deutschen Volk zur Last gelegt werden gegenüber dem lebensvollen, im höchsten Schwung unsterblichen Werk Ratzels. Er hatte sein Gedankengut hinterlassen in den verschiedensten, in irgendeiner Ausstrahlung für jeden zugänglichen Formen: vom leicht beschwingten Gedicht und Skizzenbuch bis zum schwersten bändereichen, mit Bildern und Karten erfüllten Standwerk. Aber sein Volk hat zu lange gebraucht, bis es das Weltbild, die Grundsätze und die Warnungen dieses großartigen Einzelgängers verstand und vor allem zwischen seinen Zeilen lesen lernte. Andere Fremdvölker taten es dem deutschen Volk darin zuvor; und erst zu Ende des ersten Jahrfünfts der deutschen Erniedrigung nach Versailles trat darin eine rettende Wendung ein. Wie kam es, worin lag die Schuld, daß dieser Mann, dessen Lehren in Reden des deutschen Führers Adolf Hitler oder seines Stellvertreters, Rudolf Heß, für Millionen von Volksgenossen volkstümlichen Klang gewannen, in der scheinbaren Sonnenhöhe des Zweiten Reiches ein Einzelgänger werden mußte? Ein Einzelgänger noch dazu, dessen verständnisvollere Aufnahme in seiner Wissenschaft und volksnahe Wirkung dem deutschen Volk viele seiner Fehler in dem entscheidungsschweren Jahrzehnt von 1904 bis 1914 hätte ersparen können? Seine Kenntnis unserer weltpolitischen Gegenspieler, sein weitgespanntes Weltbild, seine Fähigkeit, die Gefahren der überhöhten, zu wenig raumweiten Stellung seines Volksbodens zu ahnen, hätten das Zweite Reich vom Abgrund zurückreißen können, wie sich staatsmännische Lehren in dieser Richtung fast für jede Gefahrwendung der deutschen Geschichte zwischen 1896 und 1914 verstreut in seinen Werken finden. Diese Seite seines Wirkens herauszuheben, die hoffentlich wegen ihrer Volksnähe und volkspolitischen Bedeutung die Unsterblichkeit seines Volkes teilt, ist ein Hauptzweck dieses Erinnerungsbandes. Aber mit dieser einen Wirkungsrichtung ist die großartige Schwingungsweite seines Gedankengutes nicht erschöpft. Denn Ratzel kam ja in seiner Selbsterziehung von der strengsten beobachtenden Naturwissenschaft her, früh einen schwärmerischen, Einsamkeit liebenden Zug entwickelnd, in jungen Jahren von fast unüberwindlicher Schüchternheit, um zuletzt als weltpolitischer Seher zu enden, der mit unbeugsamem Verantwortungsmut an jeder kritischen Wendung seiner Volksgeschichte mit redlichem Rat und wirkungsfroher Weisheit seine Meinung enthüllte. Hin- und hergerissen ist auch dieses Leben in echt deutscher Weise zwischen Heimatliebe und Reiselust, zwischen echter Bodenwüchsigkeit und Bodenständigkeit und der Sehnsucht, Welt hinauszuwandern, der Bereitschaft zu raschem Flug. Diese Schwingungsweite seiner echt deutschen Seele hätte ihm das Leben eines Bücherwurms in Lebensfremdheit unmöglich gemacht. Nach dem Karlsruher Idyll wirbelte ihn das Schicksal als Fünfzehnjährigen zu vieljähriger Tätigkeit als Lehrling und Gehilfe in die Handwerkskunst der Pharmazie und ihre Begleitwissenschaften hinein; sie wurden ihm Anregung und Ansporn, schufen früh ein persönliches Verhältnis zu bedeutenden Gelehrten, den brennenden Wunsch zur Selbsterziehung in den Sprachen: alles abseits von genormter Laufbahn, abseits vom Dutzendtrott. Im Frühjahr 1862 bestand der Achtzehnjährige sein Gehilfenexamen in Neckarbischofsheim; 1863 wanderte er rheintalaufwärts nach Rapperswil in die Schweiz und von dort wieder 1863 rheintalabwärts nach Mörs bei Krefeld. Erst um Ostern 1866 durfte der noch mehr in harter Lebensschule als in der Pharmazie Erzogene seiner Anfangswissenschaft Lebewohl sagen und das Polytechnikum in Karlsruhe beziehen, wo ihn zunächst ein späterer Freund, Karl Zittel, für Geologie und Paläontologie in strenge Schule nahm, bis er im Herbst 1866 nach Heidelberg übersiedeln und dort im Mal 1868 das Doktorexamen bestehen konnte. Bis dahin galt seine wissenschaftliche Arbeit im strengen Rahmen der damaligen Zoologie, Geologie und vergleichenden Anatomie strengster naturwissenschaftlicher Spezialleistung. Ganz hat ihn seine erste Liebe auch nicht losgelassen? denn jener ersten reinen Spezialistenarbeit folgten noch andere, die nur über der späteren Geographen- und Journalistenleistung in Vergessenheit gerieten, wie auch der etwas kühne Anlauf zu einer Schöpfungsgeschichte, die unter dem Titel »Sein und Werden der organischen Welt« erschien. Manches darin, freilich durch Haeckels gleichzeitiges Werk überschattet, ist ein Vorklang zu den anregungsreichen späteren Bänden »Die Erde und das Leben«. 1868 und 1869 folgten die ersten Reisen nach Südfrankreich und nach Italien. Als Ratzel im Mal 1869 nach Heidelberg heimkehrte, hatte er sich schon einen Namen in der Presse und Wissenschaft gemacht und stand, wie noch manchmal in seinem Leben, vor der Wahl zwischen einer behäbigen wissenschaftlichen Anfangslaufbahn und fahrendem, wenn auch unsicherem Pressedienst. Kein Wunder, daß er den Pressedienst vorzog, wie er auch später einmal behauptete, daß jeder Politiker und jeder Wissenschaftler mit einem Tropfen journalistischen Öls gesalbt sein müsse. Auf diesen Fahrten war Ratzel bereits in Dresden vom Scharfblick von Karl Andree für die Geographie entdeckt worden, hielt aber zunächst noch an der Zoologie fest, geriet in die Fänge Adolf Bastians, unternahm Versuche, die Geographie mit der Ethnographie zu verbinden. Dabei schwebte ihm der Gedanke einer Ostasienreise vor, für die er bereits Malaiisch zu leinen anfing. Inmitten dieser Vorbereitungen zum wirkenden Leben mit noch schwankenden Wunschzielen flammte das gewaltige Erlebnis des Krieges, das noch mehr als bei vielen anderen, nicht nur zur Feuerprobe des persönlichen Mutes und des ganzen Mannes wurde, sondern auch seinem ganzen Tun und Treiben eine mehr auf den Menschen gerichtete politische Leitlinie gab. Wir haben an anderer Stelle Vgl. Karl Haushofer »Friedrich Ratzel« in »Die großen Deutschen« Band 4, Berlin 1936. die »Glücksinseln und Träume«, Leipzig 1905, zusammen mit den »Bildern aus dem deutsch-französischen Krieg« (Grenzboten 64. Jahrgang) neben einzelnen Gedichten das edelste rein menschliche Dokument aus dem gewaltigen Schrifttum Friedrich Ratzels mit seinen 33 großen selbständigen Werken und mehr als 1240 Einzelstücken genannt. Bringen sie doch das starke Selbstzeugnis für den inneren Wandel in seinen letzten Seelentiefen, den der junge angehende Pressemann, Reisende und Wissenschaftler durch das Kriegserlebnis erfuhr. Erst dieses Kriegserlebnis hat ihn aus einem der vielen Berufenen zu einem Auserwählten unter den Volkserziehern gemacht, der er eben aus der vollerlebten Volksgemeinschaft im Kriege heraus geworden ist und bei seiner Seelenanlage weiden mußte. Der Höhepunkt dieses Kriegserlebnisses ist die Freundschaft, die Bewunderung für sein Vorleben der Kameradschaft, für sein Opfer der Pflicht durch einen, von dem kriegsfreiwilligen jungen Doktor ehrlich hochgeschätzten und nach seinem Heldentod verehrten blutarmen verwaisten Dorfschneider, dem er aus seiner Erinnerung heraus ein unvergängliches literarisches Denkmal gesetzt hat, das zu den edelsten und reinsten solcher Darstellungen im deutschen Kriegsschrifttum gehört. Aus dem Kriegserlebnis heraus, in dem er sich selbst durch einen kecken nächtlichen Patrouillenvorstoß vor Auxonne als erster Gemeiner seines Regiments das Eiserne Kreuz erkämpfte, erwuchs Ratzel der innere Zwang zur geopolitischen und ethnopolitischen Volkserziehung, die Abkehr von der reinen Naturwissenschaft um ihrer selbst willen, die Hinwendung zu dem später so stark betonten Persönlichen, zur Völkerkunde, zur Hervorhebung des Menschen in der Landschaft, zur Anerkennung der politischen Dynamik in dieser Landschaft. Diese innere Umrichtung und Umschichtung gipfelte zuletzt über die Anthropogeographie emporschreitend in der politischen Geographie und ihrer staatsmännisch weitschauenden Anlage. Sie mußte schließlich eine Geographie der Staaten, des Verkehrs und des Krieges werden, sie mußte zu so schwungvollen Aufrufen seines Volkes führen, wie »Die Alpen inmitten der geschichtlichen Bewegung« oder »Das Meer als Quelle der Völkergröße«. Im gleichen Ton erklang das hohe Lied seines Deutschlandbuches, das Erich von Drygalski ebenso erneuert hat wie Eugen Oberhummer die politische Geographie, in der großzügigen Überschau »Die Erde und das Leben«. Dem Kriege folgte für Ratzel ein bewegtes Wanderleben. Das Problem des Grenz- und Auslanddeutschtums erfaßte ihn in seiner vollen Macht bei Wanderfahrten in Siebenbürgen, im Sachsenboden dort, in der Wallachei und Bukowina. Im Herbst 1871 studierte er von Pest aus die ungarische Sprache und den Donauraum. Nach einem kurzen Aufenthalt in München reiste er nach den liparischen Inseln, noch einmal nach Sizilien und bestieg zweimal den Ätna. Auf die italienischen Wanderungen folgte eine Vertiefung in die Alpen als Arbeitsfeld, aus der schließlich eine der großartigsten politischen Einzelschriften hervorging. Im Juli 1873 ging Ratzel zwei Jahre über See in die Vereinigten Staaten, nach Cuba und Mexiko. Er ist bei aller Heimatliebe und Erdverbundenheit ein bodenfreier und raumüberwindender Geist geblieben, dessen Denken mehr dem ozeanischen, als dem kontinentalen Ausblick angepaßt war, wie er denn auch von dem Übergang von der Festlandbindung an die Küste und dem Schritt auf das Meer hinaus und auf die Gegenküste zu behauptete, daß er das großartigste sei, was über einen einzelnen und eine Völkergruppe ausgesagt werden könnte. Diese raumweite, weltüberschauende Denkungsweise blieb ihm auch zu eigen, als er nach seinen Wanderjahren zuerst in München und dann in Leipzig im akademischen Leben landfest und bodenständig wurde, ohne freilich trotz aller Hochschulverbundenheit jemals vom bayrischen Hochland, dem schließlichen Ziel seiner Seßhaftigkeit und letzten Ruhe, wieder loszukommen. Auch die Überwindung dieses Gegensatzes war auf der einen Seite das notwendige Ergebnis seiner inneren, meerüber gewandten, ozeanumspannenden Fähigkeit zu schauen, für die eigene Person in großen Räumen weltumspannend zu denken und andere Menschen zu solchem Denken und zu solcher Weltschau zu führen, fast noch mehr durch Beispiel als durch Lehren. Auf der anderen Seite standen die Folgen der inneren Intensität seines Reiselebens und der Eigenart der Räume in der Neuen Welt, wohin es ihn zog, die ja damals in ihrer stärksten Bewegung und raumpolitischen Entwicklung waren. Es wäre naturwidrig, wenn einen solchen Mann der erneute Schritt des Deutschen Reiches auf das Meer hinaus, die Flotten- und Kolonialbewegung der Jahrhundertwende, nicht aufs stärkste erfaßt und zur Betätigung seiner Führergaben getrieben hätte. Im Vollschwung dieser Bewegung ist er gestorben; er hat wohl ihre Gefahr, aber auch ihre Notwendigkeit erkannt und gezeigt, aber zu seinem Glück den Rückschlag nicht mehr erlebt, nur immer wieder als Möglichkeit geahnt. Nach einigen Anzeichen in seinen Schriften hat er aber doch geglaubt, ein Hineinreifen der geistig ungenügend vorbereiteten deutschen Welt in ein weltumspannendes großes Völkerschicksal werde vielleicht das Überwinden der damit verbundenen Gefahr gestatten. Einen ähnlichen Vorgang hat er bei dem raumgeschichtlich verwandten, aber noch großräumigeren Heraustreten des japanischen Inselvolkes und Inselstaates in die Weltöffentlichkeit zu erkennen geglaubt und in dem gedankenreichen Aufsatz »Inselvölker und Inselstaaten« geschildert. Zu einer letzten, von Ratzel immer wieder beabsichtigten Zusammenfassung seines politischen Vermächtnisses an sein Volk ist es nicht mehr gekommen. So blieb dieser umfangreiche Erkenntnisschatz in Ratzels vielen politisch-geographischen Werken zerstreut. Er konnte nur später teilweise von seinen Jüngern Helmolt und Schoene gesammelt werden und wurde endlich auf dem Wege über Rudolf Kjellén Grundgut der geopolitischen Bewegung innerhalb des Dritten Reiches. Trotzdem ist Friedrich Ratzel vorbildlich geblieben mit seinem Verpflichtungsgefühl des akademischen Lehrers, an jeder Schicksal- und Zeitenwende seines Volkes rechtzeitig auch in der Formung der öffentlichen Meinung durch Presse und Vortrag hervorzutreten und rechtzeitig Farbe zu bekennen, nicht erst in einer Stunde, wo ein solches Bekenntnis keinen Wert mehr hat, weil es zu spät ist. Dieses Zwingen der politischen Erdkunde zum Farbebekennen, ihr Heranführen an die Vorstufe zur Prognose, zur Pflicht des Vorherkündens und Wegweisens in politisch bewegten Zeiten scheint mir das Einzigartige in Ratzels Stellung zwischen dem rein naturwissenschaftlichen und dem praktisch politischen Antlitz der darin nun einmal doch doppelgesichtigen Erdkunde auszumachen. Dieser Pflicht diente Ratzel aus dem Zusammenbau aller Grenzwissenschaften der wissenschaftlichen Politik heraus, aus der Erkenntnis ihrer Führeraufgabe innerhalb der politischen Volkserziehung und ihrer andern Aufgabe, der Volksführung unmittelbar den bestmöglichen Erkenntnisrohstoff zu liefern. Mit der Erfüllung dieser Forderung ist Ratzel um zwei Jahrzehnte dem heutigen Gebrauch gedankenschneller politisch-wissenschaftlicher Einwirkung auf Massen als Führeraufgabe vorangeschritten. Er hat an die politische Wissenschaft die Forderung gestellt, mit der gleichen Gedankenkraft und überlegenen Anwendung von Zeitraffer und Zeitlupe zugleich die langsamen Wellenbewegungen geologischer Zeiträume, die langfristige Einsickerung und Umformung von Rassenströmen, wie die rasende Geschwindigkeit der weltpolitischen Verlagerungen durch die raffinierten Nachrichtenmittel unserer Zeit und die dadurch bedingte Verkleinerung des Erdballs zusammenzuschauen. Weil der Schwerpunkt seiner Einwirkungen auf die Menschheit durchaus in diese Richtung glitt, die aber der heutigen weltpolitischen Bewegung entspricht, sind gerade manche Sonderwerke, die ursprünglich seinen Namen in der Wissenschaft begründeten, manche Arbeiten des Fachgelehrten, weite Teile seines völkerkundlichen Schaffens, manche Reisebeschreibungen, auch wohl das reiche biographische und kritische Lebenswerk Ratzels an Bedeutung zurückgesunken. Was sich aber dauernd über dem Sehkreis hielt, ja was mehr und mehr polwärts herausrückte und dennoch in volksnaher Strahlung blieb, das sind die Werke der politischen Volkserziehung, auch wenn sie nur in kurze Aufsätze zusammengedrängt worden waren. Dabei ist es schwer, die volle Tragweite abzuschätzen, mit der ja solche Aufsätze in die politische Urteilsbildung ihrer Zeit eingegriffen haben, wie »Die Alpen inmitten der geschichtlichen Bewegungen« durch ihre weitgehende Verbreitung in der Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins und ihr scharfes Anschneiden künftiger Gefahren im Alpenraum, oder »Inselvölker und Inselstaaten«, verfaßt unter dem Eindruck des japanischen Aufstiegs zur Weltmacht oder »Beurteilung der Chinesen und Japaner«, geschrieben unter dem Vorschatten ihres künftigen Zusammenlebens oder Zusammenstoßes oder endlich »Das Meer als Quelle der Völkergröße«, das gerade für ein mehr und mehr binnenwärts zurückgeschnittenes Volk eine der dringlichsten Mahnungen ist, die Notwendigkeit seiner Atemfreiheit zum Weltmeer nicht zu vergessen. Zwei große Wendepunkte scheinen von entscheidender Bedeutung im Leben jedes einzelnen, der an seiner politischen Selbsterziehung und dann an der Auswertung ihrer Ergebnisse für sein Volk mit ganzer Geisteskraft arbeitet: Der Augenblick, in dem er als politischer Soldat frontreif wird und von dieser Frontreife zum Führer innerhalb der Volksfront aufsteigt, und jene zweite, wo der immer nur Auserwählten gewährte Schritt vom Führer innerhalb der Front zum Führer vor der Front erfolgen kann. Dieser letzte Schritt bedeutet sehr oft zugleich den Sprung von der zeitlichen Bedeutung des einzelnen Volksgenossen und den vergänglichen Spuren seines Wirkens zur dauernden Bedeutung innerhalb der Geschichte der Kultur oder Wirtschaft des Volksganzen und der Menschheit im Lichte der ewigen Dauer seines Namens. Es ist ein seltener Glücksfall, wenn sich die einzelne Persönlichkeit selbst über diese beiden großen Schwellenüberschreitungen klar wird, ein noch größerer, wenn diese Schwellen sich unvergänglich in ihrem Werte hervorheben. Für viele bedeutete im Werdegang des Zweiten Reiches jene erste Schwelle der Krieg von 1870/71, genau so, wie der Krieg von 1914 bis 1918 sie für die meisten der starken Persönlichkeiten bedeutet hat, die nachher das Dritte Reich aus den Trümmern des Zweiten und des großdeutschen Gedankens emporgetragen haben. Den Schritt aus der Front heraus, vom Führer innerhalb einer gleichbewegten Front zum Führer vor der Front, den im Dritten Reich so mancher in den bittern Stunden des Jahres 1923 getan hat, den hat Ratzel nach unserem Eindruck zur Zeit der größten ostasiatisch-pazifischen Torheit des Zweiten Reiches, unter der Rückwirkung des chinesisch-japanischen Krieges von 1894/95 getan, zwischen der Studie »Inselvölker und Inselstaaten«, und dem großartigen Wurf der »Gesetze des räumlichen Wachstums der Staaten«. »Inselvölker und Inselstaaten« – so weitsichtige Prophezeiungen dieser Aufsatz enthielt – können doch noch als beste politische Geographie älteren Stils betrachtet werden, in deren Bannkreis der seherische Zug sich immer wieder aus statischen Einstellungen losringen muß. Aber freilich enthält diese Verheißung früher und großer Wirkungen Japans im Jahre 1895 bereits die Elemente, durch deren Vorhandensein Robert Sieger die Geopolitik von der politischen Geographie hervorzuheben wußte. Reine Geopolitik ist die Schilderung eines Inselkranzes, der mit seinen geographischen Vorteilen dieselbe Lage auf der Ostseite des größten Erdteils hat, wie die, von der aus auf der Westseite England seine Weltmacht ausgebreitet hat, die Heraushebung des Vorzugs vor dem britischen, daß Japan dem größten Meer der Erde angehört und tiefer gegen die Tropen herabgerückt ist. Die »Gesetze des räumlichen Wachstums der Staaten« aber lösen sich endgültig von der abgeglichenen Wissensgrundlage, von den beharrenden Zuständen seiner Zeit und des status quo los. Damit begann Ratzel in seinem ganzen künftigen Werk der wissenschaftlichen Front seiner Zeit so einsam vorauszuwandern, wie er es bis dahin nur gelegentlich in vereinzelten kühnen Überschreitungen des Normalrahmens getan hatte; dieser Unterschied in der Schrittlänge gegenüber der durchschnittlichen wissenschaftlichen Haltung seiner Zeit zu Staat und Volkspolitik war so groß, daß ihn diese Front zuletzt fast aus dem Gesichtsfeld verlor und daß er auf diese Weise genau so zum Einzelgänger und Einzelkämpfer wurde, wie ein Menschenalter später Benito Mussolini und Adolf Hitler vorwärts der Front des etatistischen Staatsdenkens ihrer Anfangszeit und jenseits von dem Sehkreis der Demokratie. In diesem politisch-wissenschaftlichen Schrittmachen liegt aber der entscheidende Unterschied der Bedeutung Ratzels gegenüber fast allen mit ihm lebenden polltisch-wissenschaftlichen Leuchten. Gerade ein Vergleich der 1896 von Ratzel niedergeschriebenen Raumgesetze für das Wachstum der Staaten mit dem volksdeutschen Werdegang von jener Zeit bis heute, wie auch mit dem gleichläufigen Werdegang der anderen Achsenmacht Italien und des japanischen Kaiserreichs zeigt uns eine Reihe von Wegweisern nicht nur für den weiteren Gang dieser volkspolitischen Entwicklungen; er zeigt auch, wie die Zukunftswege künftiger Führererziehung durch ein im Sinne von Ratzel und Burckhardt »in Ordnung gehaltenes Weltbild« erhellt werden können. Gleich zu Beginn der raumpolitischen Laufbahn jener drei Mächte der Erneuerung mit zu wenig Raum unter den Füßen, mit überwältigendem Volksdruck und hochgetürmtem Wirtschaftsbau steht wie ein Richtfeuer der Satz »Weiter Raum wirkt lebenerhaltend«. Dann folgt für die entscheidende Zweiteilung des Machtweges zwischen ozeanischer und kontinentaler Entwicklung die Warnung aus einem Leitsatz in »Erde und Leben«: »Bestimmend für Lage und Raum, für Grenzen und Entwicklung von Inselvölkern und Inselstaaten sind große Macht, von kleinem Raum aus geübt mit weitreichendem augenblicklichem Erfolg, aber auch von vereinzelten großen Entscheidungen abhängig.« Vor unserem weltgeschichtlichen Gedächtnis tauchen doch sofort die Namen von Aegospotamol, von Aktium, von Lepanto, von La Hogue, Trafalgar bis zu Tsushima und Jütland auf und bestätigen, wie furchtbar ernste Lebensgesetze hinter solchen Erkenntnissen der Geopolitik stehen, die von der politischen Erdkunde belegt werden. Wird nicht die ablehnende Haltung der Achsenmächte, wird nicht die Todsünde Chamberlains und Daladiers gegen den Satz des Sallust: »Jegliche Herrschaft wird nur durch die staatsmännischen Künste erhalten, aus denen sie ursprünglich emporgewachsen ist« gemeinverständlich, wenn man in der heutigen Lage Europas zwischen Amerika und Eurasien den Satz von Ratzel liest: »Heute sollte jeder europäische Staatsmann in Asien oder Amerika etwas von dem Raumsinn zu lernen versuchen, der die Kleinheit der europäischen Verhältnisse und die Gefahr kennen lehrt, die in der Unkenntnis der großen außereuropäischen Raumverhältnisse liegt. Es ist wichtig in Europa zu wissen, wie sich die politischen Größen unseres Erdteils von der Höhe amerikanischer oder asiatischer Raumvorstellungen ausnehmen. Europas Staatsgedränge mit asiatischem Blick gemessen, kann zu Entwürfen von gefährlicher Kühnheit führen!«? Diese warnenden Sätze sind ahnungsvoll niedergelegt worden, als der deutsche Reichsboden mit im ganzen ungefähr 4 Millionen Quadratkilometer in Afrika, Ozeanien und seinem Vorkriegsbestand an Volksboden in Europa annähernd an die Raumbegriffe der Großraumbesitzer der Erde, der Briten, Russen, Franzosen, US-Amerikaner, Brasilianer heranreichte! Wie viel verständlicher wurde die Bedeutung eines solchen Weistums heute, wo Europas Staatengemenge um Dutzende von Kleinbildungen bereichert war, wo asiatische Raumvorstellungen von gefährlicher Kühnheit mit den Sowjetbünden in den Völkerbund, mit den Vereinigten Staaten in das Einkreisungsbündnis der Westmächte hereingekommen waren und Japan – von jeder pazifischen Ausdehnung mit der Möglichkeit der Ausfuhr von Menschen oder Waren abgeschlossen – festlandeinwärts gewaltige Raummaßstäbe sich zu eigen machte. Wirkt es – von so hoher Warte gesehen – nicht wie das berechtigte Gegenfeuer gegen einen riesigen Präriebrand, wenn der deutsche und der italienische Führer ostwärts eine bessere Atemführung in das Staatengedränge zwischen Europa und Asien hineinbrachten – in Böhmen, Mähren, Memelland, Albanien? »Die Maßstäbe für die politischen Räume ändern sich ununterbrochen.« Diese Erfahrung legte Ratzel nieder und mit ihr zugleich ein zwingendes Urteil über das Vorwalten der Bewegung über den Stillstand, über die Vorhand des wirkenden, wuchtenden dynamischen Elements, gegenüber allem statischen Beharren; des kommenden Rechts gegenüber dem geltenden Gesetz-Buchstaben; über die Unhaltbarkeit einseitiger Gewaltverträge, die Unmöglichkeit eines » status quo «, der gegen die Gesetze des Lebens auf der Erde ist. Der deutsche Volksboden und Wirtschaftsbereich war praktisch bereits zu einer Zeit, wo Bismarck in seiner europäischen Einstellung das noch nicht anerkennen wollte, in Raumerweiterungsvorgänge eingetreten, die störende Wirkungen auf die eingelebten Altformen ausüben mußten, deren Verteidiger sich durchaus im klaren über Ratzels raumpolitisches Wachstumsgesetz waren, das lautet: »Das Wachstum der Staaten folgt anderen Wachstumserscheinungen der Völker, die ihm notwendig vorausgehen.« Diese Erscheinungen sind im Bereich der dadurch Bedrohten deutlicher wahrgenommen worden als bei uns selbst; genau so, wie die Wachstumsnotwendigkeit des Dritten Reiches als Gefahr den Großmächten älteren Stils vielleicht noch früher zum Bewußtsein gekommen ist als den Mächten der Erneuerung selbst. Gerade deshalb versuchten sie so, die starre Umgrenzung durch erzwungene Verträge den unter Volksdruck zitternden, zu eng und zu hoch überbauten Staatsgebieten wie dem Deutschen Reich, Japan, Italien gegenüber aufrechtzuerhalten oder noch straffer anzuziehen und ihnen Rückgangserscheinungen und Verdorren aufzunötigen. Dagegen aber wehren sich die Erscheinungen des Lebens auf der Erde selbst, wie sie Ratzel in seinem großen Werk »Die Erde und das Leben« so wundervoll zur gegenseitigen Erleuchtung staatsbiologischer und naturwissenschaftlicher Vorgänge vorgeführt hatte. Begreiflich ist es daher, daß gerade in den beiden Achsenmächten die Fortentwicklung der politischen Geographie zur Geopolitik, der Zusammenbau politischer Wissenschaft so großes Verständnis fand, und wie es kam, daß gleichzeitig Rudolf Heß in Deutschland seine schützende Hand über die Entwicklung der Geopolitik hielt und geopolitische Erziehung für einen notwendigen Bestandteil der Ausrüstung aller politischen Soldaten seines Führers erklärte, und Mussolini bei der Überreichung des ersten Heftes der italienischen »Geopolitica« Exzellenz Bottai und den Herausgebern Massi und Roletto erklärte, Geopolitik sei weit mehr als politische Geographie, und er selbst werde der aufmerksamste und emsigste Leser ihrer Zeitschrift sein. Hatte nicht Ratzel vier Jahrzehnte vorher die Forderung erhoben: »Die Erweiterung des geographischen Horizonts muß mit allen unpolitischen Ausbreitungen zusammen dem politischen Wachstum vorangehen« und dazu festgestellt: »Bis auf die Gegenwart herab sind die größten Erfolge der expansiven Politik durch die Pflege der Geographie vorbereitet worden.« Seltsam genug aber ist es, daß die französische Kulturpolitik nun, ihre eigene 800jährige Tätigkeit verleugnend, im Vollbesitz des für sie seit den großen Kardinälen, seit Napoleon I. wohlbedacht angelegten Aufwands, die so viel kärglichere Förderung der deutschen Kulturpolitik an den Pranger stellt, obwohl die »Deutsche Akademie«, schon von Leibniz und vielen anderen gefordert, 300 Fahre nach der französischen gegründet wurde! Wie kann die wissenschaftliche französische Politik angesichts der tatsächlichen Entstehung der französischen Ostgrenze, wie sie etwa Börries aus Straßburg kartographisch festgehalten hat, die Wahrheit des Satzes leugnen: »Das Wachstum der Staaten schreitet durch die Angliederung kleiner Teile bis zur Verschmelzung fort, mit der zugleich die Verbindung seines Volkes immer enger wird«? War nicht unter solchen Umständen das Wiederhereinwachsen Österreichs, der Sudetendeutschen, des Memellandes und Danzigs in den Reichsraum eine Selbstverständlichkeit, mindestens ebenso aus 300jährigen Wachstumsvorgängen Frankreichs zu rechtfertigen, wie aus dem Zeugnisbestand der deutschen Kultur- und Reichsgeschichte? Freilich warnte auch vor mehr als einem Menschenalter Ratzel vor einem »mechanischen Aneinanderfügen, das erst organisches Wachstum durch die Annäherung wechselseitiger Mitteilung und Vermischung ihrer Bewohner wird«. Diese Warnung steht über jeder Anschlußfrage; sie ist so selbstverständlich für die Widerstände, die die eigenste Rassen- und Volksart der Elsaß-Lothringer dem französischen Zentralismus immer entgegenstellte, wie sie unter der weisen schonenden Hand des Protektors Freiherr von Neurath für Böhmen und Mähren verständnisvollste Berücksichtigung finden wird. Denn wir lassen uns gesagt sein: »Staatenwachstum aber, das nicht über Angliederung hinausgeht, schafft nur lockere, leicht wieder auseinanderfallende Konglomerate, die nur vorübergehend durch den Willen eines eine größere Raumvorstellung verwirklichenden Geistes zusammengehalten werden.« Wenn wir heute, um wieder eine Prägung Ratzels zu gebrauchen, hinter einem »Wall von herabgefallenen Steinen der alten deutschen Reichsmauer« im Westen: hinter Niederlanden und Flandern, hinter Luxemburg und Lothringen, hinter Elsaß und Burgund einen Westwall errichteten, der neben der Grenzdurchblutung durch wachsendes Volkstum geradezu eine Verwirklichung des endlich zu spät erwachten deutschen Grenzerhaltungswillens war, dann übertrugen wir damit nur eine Erkenntnis ins praktische Leben, die er als viertes Gesetz des räumlichen Wachstums der Staaten geformt hat: »Die Grenze ist als peripherisches Organ des Staates sowohl der Träger seines Wachstums wie auch seiner Befestigung und macht alle Wandlungen des Organismus des Staates mit.« So folgte naturgemäß auf jahrelange Schwächeanwandlungen, aus denen alles eher als »Wachstumsspitzen« ausgesendet wurden, die mit reicherem Leben erfüllt sind als die übrige Peripherie, naturgemäß mit dem gesteigerten Lebenswillen der Lebenskraft des Dritten Deutschen Volksreiches eine ungeheuerliche Verfestigung seiner Westgrenze, eine »richtige Wertschätzung des Bodens« durch Erbhofgesetz und Abkehr von kosmopolitischen Strömungen und eine Gestaltung im Osten im Sinne ausreichenden Lebensraumes und genügender Atemweite. Gerade für die Eingliederung des Jahres 1939 galt eine Weisheit, die doch dem tausendjährigen Verhältnis Böhmens und Mährens zum Deutschen Reich zugrunde lag: »Der Staat strebt im Wachsen nach Umfassung der politisch wertvollen Stellen.« Wie viel mehr mußte ein besserer Ausgleich angestrebt werden, wenn eine politisch wertvolle Stelle des alten deutschen Reichs von Feindeshand zur tödlichen, absichtlich nie verheilenden geopolitischen Wunde umgestaltet war! Klingt nicht im Zusammenhang gerade mit dieser Erfahrung den Staatsmännern der Einkreisungsmächte als tiefe weltpolitische Wahrheit ins Ohr, was Ratzel sein 6. Gesetz nannte: »Die ersten Anregungen zum räumlichen Wachstum der Staaten werden von außen hineingetragen.« Lassen sich nicht aus solchen naturgesetzlichen Erkenntnissen alle Rückschläge der neujapanischen Ausdehnung auf die gewaltsame Landöffnung durch den US-amerikanischen Kommodore Perry, und auf die ungerechten Handels-Verträge erklären, der deutsche Gegenschlag von 1870 auf den beständigen Grenzraub durch Frankreich, die Forderungen des italienischen Duce auf Djibuti, auf gerechte Beteiligung am Suezkanal, auf anständige Behandlung seiner Landsleute in Corsika und Tunis, auf die Sanktionen und die Geopolitik der britisch-französischen Nadelstiche? Zukunftsbedeutung für uns und andere hat endlich das 7. Gesetz: »Die allgemeine Richtung auf räumliche An- und Abgleichung pflanzt das Größenwachstum von Staat zu Staat fort und steigert es ununterbrochen.« Daraus könnte ein Gesetz der wachsenden Räume entwickelt werden, und es war berechtigt zu sagen: »So wirkt das Bestreben auf die Herausbildung immer größerer Staaten durch die ganze Geschichte hin.« Es war ein Schlag ins Gesicht geopolitischer Erfahrung, die sich doch in allen anderen Weltteilen, nicht zuletzt in der Entwicklung der sogenannten Pan-Ideen, den gestaltenden Weltmächten aufdrängen mußte, daß sie ausgerechnet in Europa versuchten, durch Schaffung von kaum lebensfähigen kleinräumigen Staatenbruchstücken die europäische Entwicklung raumpolitisch zurückzuwerfen.     Mit diesen Streiflichtern ist eine einzige Gedankenreihe aus dem gewaltigen Gedankengut Ratzels einigermaßen beleuchtet. Unberührt dabei ist aber geblieben, was darin nebenher über den Gegensatz zwischen Bodenfesten und Bodenschweifenden, zwischen Bewegungsgebieten und Beharrungsgebieten, zwischen den Staatengründungen der seefahrenden Völker, die geringe Kräfte zu großen Wirkungen zusammenfassen, und den zur Erstarrung neigenden, mit politischer Schwerfälligkeit geschlagenen Ackerbau-Kolonisationen gesagt ist, und was dabei schon vor 40 Jahren an rassenpolitischer Erkenntnis über das heute erst geklärte Verhältnis von Blut und Boden abfiel. Wie vernichtend endlich klingt für die Wendung der britischen und deutschen Verständigungspolitik in ihr Gegenteil der Satz: »Im friedlichen Wettbewerb, wie im kriegerischen Ringen gilt die Regel, daß der Vordringende denselben Boden betreten muß auf dem sein Gegner steht. Indem er siegt, gleicht er sich ihm an.« Was England heute tut, das ist doch Abkehr von Europa, feindselige Haltung gegen seine mögliche Entwicklung zu großzügiger Kooperation; also etwas, das Naturgesetze raumpolitisch strafen werden, früh oder spät, genau so, wie sie die raumpolitische Abkehr und Hemmung gegenüber der Entwicklung der italienischen Halbinsel durch den Inselstaat Venedig gestraft haben. Neben früh erlangter Weltgeltung, namentlich auch unter Angelsachsen und Franzosen, blieb Ratzel in dem eigenen Sprachgebiet und Volksboden, besonders auf dem Felde seiner eigensten Wissenschaft, umstritten. Obwohl er doch von beherrschter strengster Naturwissenschaft her kam, in deren Anwendung er sich nur nicht in die Enge reinen Spezialistentums verlieren wollte, mußte er zuletzt durch Geister, die seinen universalen Zug nicht zu überschauen und zu fassen wußten, den Vorwurf eines Hanges zum Mystizismus erleben, weil er es wagte, was jeder echte Führer wagen muß: voraus zu schauen, sein Ferngefühl zu offenbaren, zu warnen und zu lenken, statt lediglich zu registrieren. Solchen Richtungen gegenüber hat ihn mit Recht der Ausspruch überlebt, daß diese Art von Wissenschaft sich damit begnüge, Registratur zu sein, wo sie den Mut haben müßte, Rolle und Verantwortung des Generaldirektors zu übernehmen oder doch wenigstens dem Generaldirektor das beste erreichbare Material zur Verfügung zu stellen. Gerade der klaren, scharf umrissenen und unerbittlichen raumpolitischen Erkenntnis muß sich als Gegengewicht die metaphysische Verankerung und Vertiefung verbinden, wenn die Leistung ihres Trägers nicht zuletzt im Materialismus verflachen soll. Dem nüchternen naturwissenschaftlichen Beobachter mußte sich der Seher, mußte sich die emotionale Fähigkeit zugesellen, wenn eine große raumpolitische und volkspolitische Erkenntnisleistung zustande kommen sollte, die zu lebendiger Gestaltung und Verwirklichung auf andere überspringen konnte. Solche Männer konnten nur angezogen werden durch eine erhabene Vereinfachung des Weltbildes, das nicht durch Massenanhäufung toten Wissens verschüttet wurde, sondern geläutert in der Durchdringung und Überwindung dieses Stoffes, die auf ein Sich-Eins-Fühlen mit dem Unendlichen gerichtet war. »Ohne den Blick ins Unendliche gleicht kein Weltbild der Wirklichkeit und ist daher auch keine Weltanschauung möglich, die standhält.« In solchen Offenbarungen klang Ratzels Leben aus; sie waren natürlich ein Gegensatz zu jener starken materialistischen Strömung, die von der Gottähnlichkeit des Gebildeten-Begriffes schon in dieser Zeitlichkeit nicht lassen wollte; sie wurden im Zweiten Reich von einer letzten Welle des Mißverstehens der Gelehrsamkeit umrauscht, die sich im Dritten Reich nicht mehr in dieser Art erheben könnte. So ist der Träger eines solchen Weltbildes zugleich ein Vorbild wirklich allgemeiner Bildung. Von natur- wie geisteswissenschaftlicher Richtung her untermauert, wirkt er weit mehr als Zeitgenosse des Dritten Reiches als ein solcher des Zweiten Reiches. Er blieb ein dauernd Wirkender am meisten gerade auf denjenigen seiner Arbeitsfelder, auf denen ihn die Mitwelt nicht oder am wenigsten verstand. Ganz ungesucht fiel ihm diese raum- und volkspolitische Überleitung vom Zweiten ins Dritte Reich für diejenigen zu, die ihn verstanden. Als suchender Arbeitskamerad, wie nur die Besten in einer heutigen Arbeitsfront, zog er aus, und einer der treuesten Kriegskameraden ist er gewesen. Mit der Selbstverständlichkeit, mit der das Schicksal Laufbahnen von weitschauender Anregerwirkung gestaltet, gewann er seinen Weg aus der Front zum Führertum in ihr und zuletzt zum Wegbereiter eines Führertums, das sich in der Verwirklichung seiner kühnsten politischen Ideen aus den Trümmern des Zweiten Reiches erhob. Es liegt Bestimmung darin, daß 1924 ein zerlesener Band seiner »Politischen Geographie« eines der wirkungsvollsten, viel verarbeiteten Stücke der mit heiliger Glut gelesenen kleinen Bücherei des Festungsgefängnisses Landsberg bildete. Es liegt höhere Fügung darin, daß ein Gedankengut, das noch 1904 wegen seiner mystischen Beimengungen, seines Anklangs der Rassengedanken in Kultur- und Volkspolitik von einer materialistischen Schule verspottet werden konnte, zwei Jahrzehnte später durch Adolf Hitler und Rudolf Heß Einlaß ins Grundgemäuer eines neuen Staatsglaubens fand und weiterwirken konnte in der italienischen Geopolitik bei einer verbündeten Achsenmacht. Eine späte große Rechtfertigung eines verkannten Sehers liegt auch darin, daß Ratzel ein volles Menschenalter, ehe das ostasiatische Inselreich dem einen Teil seiner Mitwelt beschwerlich fiel und dem andern die Hand zum Antikominternverband reichte, Japan in seinen wesentliches Lebensgesetzen erkannt und geschildert hat und daß diese Schilderung weiterwirkte in Männern, die von hüben und drüben den Baugrund für diesen Bund bereiten durften. Die Klage ist berechtigt, warum das Volk dieses Sehers von einem Lebensraum von 4 Millionen Quadratkilometer mit Atemfreiheit über alle Ozeane hinweg auf wenig mehr als 1/10 dieses Lebensraumes herab verstümmelt werden mußte, bis es der Feinfühligkeit, der Hellsehergabe, der Weitsicht eines Mannes gerecht werden konnte, dessen Fernschau und Weltgefühl ihm vielleicht diesen Zusammenbruch hätte ersparen können. Wir sagen »vielleicht«, denn wie für die Bewegung, deren ungeheuere Federkraft den deutschen Raum aus entwürdigender Enge wieder geweitet hat, der Zusammenbruch von 1923 sich nachher als eine Quelle des Kraftgewinns erwies, so brauchte vielleicht der großdeutsche Gedanke die Höllenglut des Schmelztiegels von 1918 bis 1923, um sich verjüngt aus ihm zu erheben. Zu dem Erbgut, was als echtes Gold in diesem Feuer nicht schmolz, sondern klar geworden ist, gehört aber der unsterbliche Teil im Lebenswerk Ratzels. Deshalb ist in diesem Buch der Versuch gemacht worden, das unvergängliche Gedankengut von dem Wissen zu scheiden, das zeitbedingt war und als zeitbedingt und technisch mit jedem Tag mehr technisch veralten mußte. Davon loszulösen war, was an Tat und Wort persönlich war und dennoch vom Volk und seiner Persönlichkeit unzertrennlich und was deshalb ewig und darum vorbildlich bleiben konnte. Über die Auswahl aus einem solchen Lebenswerk wird man rechten können; der Mann, der diese Auswahl getroffen hat, kann nur das eine Verdienst für sich in Anspruch nehmen, daß er das ganze Lebenswerk Ratzels nicht nur kannte, daß er ihm persönlich aus Freundschaft der Väter nahestand, sondern auch, daß er die höchsten Leistungen dieses Lebenswerks an ihrer Wirkung auf die Zeitgeschichte nicht nur an führenden Persönlichkeiten des eigenen Volkes, sondern auch dem Schaffen der ihnen befreundeten Italiener und Japaner, der sie bekämpfenden Amerikaner, Briten und Franzosen erprobte. Nur Sätze, die auf diese Weise in Tat und Wort als wirksam erfunden wurden, sind in diese Auswahl aufgenommen: Worte, die im Reden und im Tun großer Volksführer leicht im Widerklang erkannt werden können. Möge ihnen diese Bewährung das Fortleben in künftigen Zeiten sichern, wie hoffentlich ihre Erkenntniskraft dieses Fortleben den raum- und volkspolitischen Werten sichert, die sich auf dieser festen naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Grundlage im Zusammenbau erhoben. Das Leben der Völker Mensch und Erde Unsere Erde ist in sich ein Ganzes durch die alle Einzelkörper und Einzelwesen beherrschende Schwerkraft; sie ist auch nach außen ein Ganzes, gehalten im Sonnensystem durch dieselbe Schwere und sich nährend aus dem ungeheuren Born lebendiger Kraft, der in der Sonne quillt. Dadurch ist alles auf unserer Erde mit einer solchen tiefen Notwendigkeit in eines verbunden und gefügt, daß nur der Reichtum der Einzelentwicklungen manchmal die zusammenzwingende Zusammengehörigkeit übersehen lassen kann. Es leuchtet ja ein heller Schein von Freiheit über der menschlichen Gesellschaft. Aber wird sie nicht zu Staub, von dem sie genommen ist? Wir wissen nicht, welcher höheren Sphäre die Seele des Menschen angehört. Was wir vom Menschen wissen, gehört der Erde an, stofflich, physikalisch und entwicklungsgeschichtlich. Daher kann auch die Anthropogeographie nur als ein Zweig der Biogeographie gedacht werden, und eine Reihe von biogeographischen Begriffen muß ohne weiteres auf die Verbreitung des Menschen Anwendung finden. Dazu gehört das Verbreitungsgebiet oder die Ökumene, die Lage auf der Erde in allen ihren Kategorien, wie Zonenlage, Lage zum Erdteil oder anderen größeren Abschnitten der Erdoberfläche, besonders auch zu den Meeren, Randlage, Innenlage, Außenlage, zerstreute Lage. Es gehören dazu ferner die Raumverhältnisse, der Kampf um Raum, die Lebensentwicklungen in engen und weiten Räumen, in insularen und kontinentalen Gebieten, die Höhenstufen, die Hemmungen und Beschleunigungen durch die Formen des Bodens, die vorauseilende Entwicklung in einschränkenden, zusammendrängenden Gebieten, der Schutz, den die isolierten Lagen gewähren. Endlich muß man auch alle Eigenschaften der Grenze als Erscheinungen an der Peripherie lebendiger Körper auffassen. Man hat gestritten, ob man das Volk und den Staat einen Organismus nennen dürfe. Verglichen mit Pflanzen und Tieren, bei denen am vollkommensten der Organismus ist, in dem die Glieder dem Ganzen die größten Opfer an Selbständigkeit zu bringen haben, sind Völker und Staaten äußerst unvollkommen, weil in ihnen die Menschen ihre Selbständigkeit sich bewahren, selbst als Sklaven sie nicht abzulegen vermöchten. Der Mensch ist auch als Glied des Volksorganismus das individualisierteste Erzeugnis der Schöpfung, er opfert keine Faser und keine Zelle dem Ganzen, nur seinen Willen opfert er, indem er ihn hier beugt und dort fürs Ganze wirken läßt. Völker und Staaten ruhen also allerdings als Lebewesen in demselben Grunde wie Pflanzen und Tiere; soweit man sie mit diesen vergleichen kann, sind sie aber nicht eigentliche Organismen, sondern Aggregat-Organismen, die erst durch die Wirkungen geistiger und sittlicher Mächte den höchsten Organismen nicht bloß ähnlich, sondern weit überlegen werden an zusammengefaßtem Leben und Leisten. Dagegen teilen die Völker einen Grund ihres Zusammenhanges mit allen anderen Lebewesen. Das ist der Boden , der die einzelnen zusammenbindet. Er ist das einzige stofflich Zusammenhängende in jedem Volke. Im Fortschritt der Geschichte wird diese Verbindung nicht etwa durch die fortschreitende Freimachung geistiger Kräfte lockerer, sondern sie wächst mit der Zahl der Menschen, die von demselben Boden leben müssen, und mit der Ausnutzung der Schätze des Bodens. Daher auch in aller Geschichte das Wachsen der Neigung, das Volk mit dem Boden enger zu verbinden, es gleichsam einzuwurzeln. Unser Blick in die Geschichte der Menschheit umspannt nicht jene großen Zeiträume, die notwendig sind für die Herausbildung neuer Formen; wir haben daher noch keine neue Rasse entstehen sehen. Wir kennen nur Völkervarietäten, die unter günstigen Bedingungen sich zu Rassen ausbilden könnten. Dagegen sind wir Zeugen von dem Aussterben von Völkern gewesen, die wir als rassenhaft und kulturlich ältere ansehen mußten, und haben gesehen, wie an ihre Stelle jüngere Teile der Menschheit, Träger einer jüngeren Kultur getreten sind. Jedenfalls kann uns die Menschheit, so wie sie vor uns steht, nur das Erzeugnis ihrer eigenen Geschichte und zugleich der Geschichte der Erde sein. Beide sind unauflöslich verbunden und werden es bleiben. So wie der Mensch erst gekommen ist, als die Erde schon eine lange Geschichte hinter sich hatte, könnte er auch wohl, als die höchste Blüte am Baum der Schöpfung, eher welken, als es für ältere Lebensformen Abend geworden ist. Die Anthropogeographie lehrt viererlei Beziehungen des Volkes zu seinem Boden: Wir bedürfen des Bodens, um darauf zu wohnen ; unsere Wohnstätte auf diesem Boden braucht Schutz , der nur wirksam sein wird, wenn wir unseren Wohnboden soweit frei von Feinden halten, seien es Menschen oder Tiere, wie unser Blick reicht; auch für unsere Toten brauchen wir Boden, in dem wir sie beisetzen, und unsere Erinnerungen haften an den Stellen, wo sie gewandelt sind; endlich brauchen wir Boden zur Ernährung , sei es Jagd, Fischfang, Ackerbau oder Viehzucht, Gewerbe oder Handel, die uns Nahrung bieten. So stehen wir also auf dem Wohngebiet, umgeben vom Schutzgebiet, das zunächst der Horizont begrenzt, und umgeben von unserem Nähr- oder Erwerbsgebiet, das groß und klein, nahe und entfernt sein kann; und über dem Ganzen schweben unsere Erinnerungen und Gefühle, die vorübergehend an dieser oder jener Bodenstelle, am festesten aber dort haften, wo wir oder die Unsrigen wohnen oder wohnten. In diesen vier Beziehungen steht auch jede menschliche Siedelung , sei es Hütte oder Stadt, zu ihrem Boden: Wohnplatz, Heimat, Schutzgebiet und Erwerbsgeist. Das sind gleichsam vier Kreise, die um unsere Existenz geschlagen sind. Wenn wir den Menschen in alles übrige Leben der Erde eingliedern, so kann uns bei der Erforschung der Stellung des Menschen zur Erde nur dieselbe Methode führen, die wir auf die Verbreitung der Tiere und Pflanzen anwenden. Die Anthropogeographie wird ebenso wie die Tier- und Pflanzengeographie die Gebiete beschreiben und auf Karten zeichnen, wo Menschen vorkommen . Sie wird den von Menschen bewohnten Teil der Erde als Ökumene abgrenzen von den Teilen, aus denen Menschen ausgeschlossen sind. Sie wird die Verbreitung der Menschen innerhalb der Ökumene erforschen und auf Karten der Dichtigkeit, der Siedlungen, der Wege eintragen. Und da die Menschheit aus Rassen, Völkern und kleineren Gruppen besteht, die von Natur oder durch Geschichte verschieden sind, erforscht sie auch die Ausbreitung dieser Verschiedenheiten und stellt sie auf Rassenkarten, ethnographischen Karten, Sprachenkarten, politischen Karten dar. Indem sie nun bei jedem Rassen- und Völkergebiet fragt: Wie ist es entstanden? treten ihr die Bewegungen der Menschen in ihrer Abhängigkeit vom Boden entgegen. Denn sie erkennt, daß kein Volk auf dem Boden entstanden ist, auf dem es heute sitzt, und schließt, daß es auch nicht ewig auf diesem Boden bleiben wird. Völker breiten sich aus und werden zurückgedrängt. Und bei allen diesen Bewegungen ist nun die Erde nicht bloß der leidende Boden. Sie weist ihnen mit ihren tausend Verschiedenheiten der Lage, des Raumes, der Bodengestalt, der Bewässerung und des Pflanzenwuchses die Wege, hemmt, fördert, verlangsamt, beschleunigt, zerteilt, vereinigt die sich bewegenden Massen. Als eine dritte Gruppe treten uns die Wirkungen der Natur auf den Körper und Geist der einzelnen und durch diese auf ganze Völker entgegen. Wir wollen ein Beispiel wählen: Als die von Nordwesten und aus höhergelegenen Gegenden in das östliche indische Tiefland einwandernden Arier unter dem Einflusse des erschlaffenden Tropen- und Tieflandklimas bald aufhörten, die »Würdigen« oder »Beherrschenden« zu sein, als welche ihr Name sie kennzeichnet, war dies ein rein physiologischer Vorgang, welchen die Physiologie des Menschen im Einzelorganismus zu verfolgen hat; sie wird dann seine Verbreitung über die Masse dieses Volkes und seine daraus sich ergebende Herleitung aus allgemein verbreiteten natürlichen Ursachen erforschen. Den Bezug, welchen sie so erst zwischen Natur und Einzelmenschen, dann zwischen Natur und Volk nachgewiesen hat, übernimmt die Geographie als Tatsache zu weiterer Verwertung. Wie aber die Arier, wenn sie dem Laufe der Jamuna und des Ganges süd- und ostwärts folgten, auf längst dort ansässige Völker stießen, dieselben zurückdrängten oder zwischen sie sich einkeilten und wie Stämme ihres eigenen Volkes nachdrängten und die früher hergezogenen weiterschoben, ist eine Raumfrage und damit ein rein geographisches Problem. Und nicht minder sind es die Staatenbildungen, in denen die verschiedenen Gruppen der Eroberer sich im neuen Lande festsetzen und gegeneinander abgrenzen. Wie die Völker räumlich aufeinander folgen, von den Bharata am oberen Ganges, deren Festsetzung die Wanderbewegung abgeschlossen zu haben scheint, bis zu den südlich vom Ganges vorgedrungenen Magadha, welche wie die Spitze dieses arischen Keiles am tiefsten in die Urbewohner hineingetrieben waren, hat der Geograph zu erkennen und zu beschreiben oder zu zeichnen. Natürliche Gegebenheiten begünstigten oder beschränkten ihre Ausbreitung, ihre Absonderung, ihre selbständige Behauptung und Erhaltung, und außer der Feststellung aller jener räumlichen Tatsachen ist auch die Erforschung dieser natürlichen Gründe und Ursachen dem Geographen übertragen. Neben jener physiologischen und dieser raumbestimmenden erscheint nun aber noch eine weitere Art von Wirkung in der Natur, wenn dieselbe Anlaß gibt, schon vorhandene Eigenschaften eines Volkes oder Volksbruchstückes auszubreiten oder zu verstärken oder durch gründliche Mischung neue zu schaffen. Ein abgeschlossenes Land begünstigt die Bildung eines einheitlich gearteten Volkes, indem es die Mischung mit von außen herkommenden fremden Elementen ausschließt oder vermindert. Daher sind vor allem die Inseln in der Regel durch größere Einheitlichkeit ihrer Bewohner nach Kultureigenschaften und sogar nach Rassenmerkmalen ausgezeichnet. Ein weit offenes Land begünstigt dagegen die Mischung, das Ineinanderfließen der Völker. In dem Falle, welchen wir hier als Beispiel gewählt, zeigten sich Wirkungen dieser Art in der starken Vermischung der Vaiçia oder eingewanderten Stammesgenossen mit den ansässigen Cudra, welcher in dem weiten Gangestiefland kein Hemmnis in Gestalt natürlicher Grenzen entgegenstand und welche darum durch keine noch so strenge Auseinanderhaltung der Kasten oder »Farben« zu hindern war, während in den Gebirgstälern, wo die Vorberge des völkertrennenden Himalaya natürliche kleine Völkergebiete absondern, das arische Blut und ebenso in einigen Gebirgslandschaften der Halbinsel das dunkle Blut der Eingeborenen sich reiner erhielt als ringsumher. Lange ehe die aus der Verbindung des Menschen mit der Erde hervorgehenden Erscheinungen als Aufgabe der Geographie wenigstens zum Teil erkannt waren, hat die Geographie aus äußerlichen Gründen mit Vorliebe den Menschen und seine Werke dargestellt. Die starke und zuzeiten übertriebene Betonung des menschlichen Elementes in der Geographie hat die Beziehungen zwischen Geographie und Geschichte verdunkelt. Die Geschichte braucht die Geographie, um den geschichtlichen Boden und die politischen Raumgebilde zu zeichnen, zu messen und zu beschreiben. Weist man der Geschichte das zeitliche Geschehen , der Geographie das räumliche Sein zur Erforschung zu, so vergesse man nicht: alles Geschehen findet im Raume statt, jede Geschichte hat also ihren Schauplatz. Herders Satz von der Geschichte als einer in Bewegung gesetzten Geographie bleibt wahr, auch wenn man ihn umkehrt, und so wie so folgt daraus, daß die Geschichte nicht verstanden werden kann ohne ihren Boden, und daß die Geographie irgendeiner Erdstelle nicht darzustellen ist ohne die Kenntnis der Geschichte, die darauf ihre Spuren gelassen hat. Völker in Bewegung Das Leben der Völker äußert sich durch Bewegung wie jedes Leben. Die Ausbreitung der Völker ist ein Symptom dieser Bewegung und kann nur aus ihr heraus verstanden weiden. Die Beweglichkeit ist eine wesentliche Eigenschaft des Völkerlebens, die jedem Volke, auch dem scheinbar ruhenden, eigen ist. Diese Beweglichkeit liegt nicht bloß darin, daß der Mensch die Fähigkeit der Ortsveränderung besitzt; wir begreifen vielmehr darunter den ganzen Komplex von zum Teil wunderbar entwickelten und noch immer weiter wachsenden körperlichen und geistigen Anlagen, durch die eben diese Fähigkeit zu einer Grundtatsache der Geschichte der Menschheit wird. Wie verschieden auch, nach ihren Trägern, die geschichtlichen Bewegungen sein mögen, gemeinsam bleibt ihnen immer, daß sie am Boden haften und daß sie daher von der Größe, Lage und Gestalt ihres Bodens durchaus abhängig sein müssen. Wir werden also in jeder organischen Bewegung die inneren Bewegungskräfte wirksam sehen, die dem Leben eigen sind, und die Einflüsse des Bodens, an den das Leben gebunden ist. In den Völkerbewegungen sind die inneren Kräfte einmal die allgemeinen organischen Bewegungskräfte und dann die Impulse des Geistes und des Willens der Menschen. Manche Geschichtsbetrachtung läßt nur diese allein hervortreten, aber es ist nicht zu übersehen, daß sie doppelt bedingt sind: sie können nicht über die Grenzen hinaus, die dem Leben überhaupt gezogen sind, und können sich nicht vom Boden losmachen, an den das Leben gebunden ist. Will man die geschichtlichen Bewegungen verstehen, so ist es daher notwendig, das Mechanische in ihnen zuerst zu erwägen, und zu diesem Zweck muß man ihren Boden betrachten. So wie die Voraussetzung des Verständnisses der Tier- und Pflanzengeographie die Einsicht in die Wanderungen der Pflanzen und Tiere ist, so gehört zur Anthropogeographie die Lehre von den Völkerbewegungen . Es liegt nicht in dem Wesen der Geographie, nur mit starren Erscheinungen sich zu beschäftigen. Sie fixiert die jedesmalige Lage eines Gegenstandes, und erhält so die aufeinanderfolgenden Lagen. Und jede Lage ist immer aus der vorhergehenden zu bestimmen. Wohl ist es nicht bequem, die Dinge in Beweglichkeit statt in scheinbarer Ruhe anzusehen, aber es ist die einzig richtige Betrachtung. Wir bezeichnen die Äußerungen dieser Beweglichkeit als geschichtliche Bewegung, weil die Geschichte der Völker, geographisch aufgefaßt, aus inneren und äußeren Bewegungen besteht.   Wenn die Völker sich in ihren Gebieten verschieben, dann ist es geboten, Volk und Gebiet nicht wie etwas Untrennbares zu behandeln. Man binde nicht Bewegliches an Starres. Das Gebiet bleibt, das Volk geht vorüber. Das Völkergebiet ist etwas ununterbrochen Fließendes, sich Veränderndes. Und zwar ist es nicht an dem, daß es sich nur ausbreitet und wächst, wie viele stillschweigend anzunehmen scheinen, sondern es geht auch zurück, wird zusammengedrängt, durchbrochen. Es verschwindet endlich. Heute sind in Europa alle Völkergebiete das zweifache Ergebnis einer starken Ausbreitung und darauffolgenden Zusammendrängung, denn bei zunehmenden Volkszahlen hat die Völkergeschichte Europas den Charakter eines Gedränges mit beständigen Verdrängungen angenommen. Das Wachsen als innere Bewegung setzt äußere Bewegungen voraus und ruft äußere Bewegungen hervor. Dabei nimmt aber die Beweglichkeit nicht einfach zu. Wenn ein Volk heranwächst, wendet sich seine Beweglichkeit zuerst nach innen, seine Zahl verdichtet sich, seine Geschichte nimmt einen zunehmend intensiveren Charakter an, die Verbindung mit dem Boden wird immer inniger. Dann überwächst wohl das Volk die Ernährungsfähigkeit seines Bodens, und es folgt nun jene merkwürdige Erscheinung des unaufhörlichen Abfließens, ohne die wir uns heute z. B. keines von den großen Völkern Europas vorstellen können.   Schon in dem steinzeitlichen Europa, das vielleicht die frühesten arischen Einwanderungen sah, werden die im Lande Befindlichen kaum weniger beweglich gewesen sein, als die von außen Hereindrängenden, und diese müssen überall Lücken, ja vielleicht ganz freie Länder zwischen dünn besetzten gefunden haben.   Die volkreichen Länder lassen ihren Überfluß nach den dünn bewohnten Nachbargebieten abfließen, und man kann von einem Völkergefäll reden, das solange wirksam ist, bis ein Ausgleich der Bevölkerungsunterschiede erreicht ist.   Innerhalb der Ökumene gibt es keine absoluten Hindernisse der Bewegung des Lebens. Gewässer und Sümpfe können durchfurtet oder überschifft, die Gebirge überstiegen, die Wüsten längs ihrer Oasen durchritten werden, und jedes von diesen Hindernissen ist räumlich nicht so groß, daß es nicht umgangen werden könnte. Indessen wird doch durch jedes Hindernis die Bewegung erschwert, d.h. verlangsamt. Bei den Wanderungen zur See erleichtern Strömungen und regelmäßige Winde die Wege in bestimmten Richtungen. Was die Bewegungen der Völker erleichtert, beschleunigt auch den Gang der Geschichte. Die innere Bewegung bereitet die äußere vor, oder die äußere Bewegung, die verschwunden, ausgestorben zu sein scheint, hat sich in das Innere eines Volkes zurückgezogen, wo sie weiter wirkt und neue äußere Bewegungen vorbereitet. Die Beweglichkeit wirkt ganz von selbst auf die Ausbreitung der Völker, ohne daß ein Wandertrieb dazu nötig ist. Wo freier Raum ist, da ergießen sich die Völker wie eine Flüssigkeit über breite Flächen und fließen so weit, bis ein Hindernis entgegentritt. Wo Hindernisse entgegenstehen, da teilt sich die Bewegung und dringt in der Richtung des geringsten Widerstandes vorwärts, sei es in Tälern oder Lücken des Waldes oder zwischen den Wohnstätten früher gekommener Menschen. Wird sie von Hindernissen eingehemmt, dann gibt sie zeitweilig das Streben nach außen auf, und wir sehen auf Inseln und Halbinseln, in Talbecken oder in ganzen gebirgumrandeten Ländern, kurz in natürlich umgrenzten und beschränkten Gebieten, die Zugewanderten rasch an Zahl zunehmen, bis das Land so dicht besetzt ist, daß neue Wanderungen notwendig werden. [In der Entwicklung des deutschen Volkes finden wir diese Erscheinungen in der südöstlichen und in der nordöstlichen Kolonisation bestätigt: Während die vornehmlich bajuwarische Kolonisation des Südostraumes durch die Alpen eine Umgrenzung erfuhr und somit in starker Siedlungsverdichtung das gewonnene Neuland lückenlos besetzte, wurden die nach dem Nordosten gerichteten Wanderungswellen durch das Fehlen natürlicher Schranken bis weit in den Ostraum hineingeführt und zerflossen dort ohne Herausbildung klarer Volksgrenzen. D. Hrsg.] Für Massenwanderungen sind so viele Voraussetzungen notwendig, daß sie nur auf höheren Kulturstufen und in beschränkten Gebieten vorkommen können. Allverbreitet sind dagegen die Wanderungen einzelner oder kleiner Gruppen, die sich aus größeren Gemeinschaften loslösen und auf gesonderten Wegen ihren Zielen zustreben. Die Gruppen zerteilen sich dann aber wieder auf ihren Wegen, sei es durch den Einfluß des Bodens, sei es durch den der Menschenansammlungen, zwischen denen hindurch sie ihre Wege zu machen haben. Seit den frühesten Zeiten haben Kriege umfangreiche Wohnsitzveränderungen der Völker herbeigeführt. Die Kriege wirken auf tieferen Stufen immer auf das ganze Volk. Je höhere Güter ein Volk zu verteidigen hat, desto mehr sucht es sich diesen Stößen zu entziehen, indem es eine Armee zwischen sich und den Feind stellt. Die Kriege wirken indessen nicht bloß verwüstend auf die Länder, welche sie überziehen, sondern sie führen auch zur Vernichtung zahlreicher Leben im Inneren des siegreichen Volkes. Kriegerische Staaten sind auf dieser Stufe immer Despotieen, zu deren hervorragenden Merkmalen die Verwüstung der Menschenleben gehört. Sie leiden alle an Menschenmangel. Einer der elementarsten Triebe des Menschen auf allen Stufen ist der Schutztrieb . Weder der Nahrungstrieb noch der Geselligkeitstrieb wirken so entschieden auf die Verbreitung der Menschen ein. Der Schutztrieb schafft die geradezu unnatürlichen Sitten des Wohnens in anökumenischen Gebieten: das Wohnen der Malahen und Papua auf Pfahlbauten im Wasser, vieler anderen Völker auf Bergen, in Felsenöden, in Höhlen, auf Bäumen, auf schwer zugänglichen und unfruchtbaren Eilanden in der Nähe größerer Inseln, in Mangrovedickichten, in dunklen Wäldern. So wie zum Behuf des Schutzes vor drohenden Angriffen weite Wanderungen unternommen werden, so wirkt der Schutztrieb überhaupt zerstreuend auf die Völker ein, führt sie über Gebiete hin, die sie sonst meiden würden, an Orte, wo für Nahrung und Gesundheit die Bedingungen ungünstig liegen. Da nun dabei das Grundmotiv immer die Einschiebung eines unbewohnten, schwer zu durchschreitenden anökonomischen Gebietes zwischen die Schutzsuchenden und ihre Feinde ist, so hat sicherlich der Schutztrieb zur Bewältigung so manchen Hindernisses der Verbreitung der Menschen gefühlt. Mancher Urwald ist auf diese Weise gequert, manches Gebirge überschritten worden. Die Flucht ist eine häufige Form der Massenwanderung, die aber wegen des Schutzes, den sie sucht, nicht dauerhaft sein kann. Ein aus seinen Sitzen fliehendes oder verdrängtes Volk teilt sich bald, um die Zufluchtsorte leichter und früher zu erreichen.   Oftmals drängt eine Summe von unzusammenhängenden Bewegungen langsam nach einer oder der anderen Seite, läßt kleine Gruppen eines Volkes in die Lücken eines anderen eindringen und schafft zunächst eine zerstreute Verbreitungsweise. Es ist eine Durchdringung , » infiltration «, wie man es treffend bei den Fulbe des Westsudan genannt hat. Solche Wanderungen führen keine Stöße aus, die mit einem einzigen Feldzug ein eroberndes Volk mitten in das Herz eines wankenden Reiches versetzen. Dafür gehen sie merkwürdig stetig vorwärts, und große Rückschläge sind ihnen daher erspart. Den Verschiebungen und Verdrängungen der sogenannten Nationalitätengrenzen, deren Zeugen wir in allen Ländern sind, wo verschiedene Völker wohnen, liegen ganz ähnliche Vorgänge zugrund. In dünn bevölkerten Gebieten mit großen leeren Räumen sehen wir dort Massen sich einschieben. In dichter bewohnten Gebieten findet die vorhin erwähnte Durchdringung durch kleine Gruppen und einzelne statt, die mit der Zeit sich summieren, bis sie endlich das Übergewicht erlangen. Ganz ähnlich wie die Juden und Armenier sich in zahllosen kleinen, oft erstaunlich rasch größer werdenden Gruppen durch Europa und Westasien verbreitet haben, und wie die Spanier in den Indianergebieten sich von Dorf zu Dorf, Handel und Wucher treibend, verbreitet haben, ist durch zuwandernde Fabrikarbeiter die Tschechisierung deutscher Gebiete in Böhmen erst unmerklich, dann, als es zu spät war, unwiderstehlich fortgeschritten. Liegt hinter einem derartig fortschreitenden Volke eine große Volksmasse, die die sich durchwindenden Bächlein wie aus einem unerschöpflichen Reservoir speist, dann erreicht das zerstreute Wandern zuletzt Ergebnisse, die die rasche Wirkung großer Kräfte in der Massenwanderung weit übertreffen. Durch langsame, aber nie aufhörende Auswanderung und Kolonisation, durch Schritt für Schritt mehr mit friedlichen als kriegerischen Mitteln, besonders mit Handel und Ackerbau arbeitende Aufsaugung der widerstrebenden Bevölkerungen gewachsen, ist China älter geworden und steht, trotz so vieler Rückschläge der politischen Entwicklung, fester als die glänzend emporgestiegenen Eroberungsstaaten. Eine ähnliche Bewegung haben die britischen Tochtervölker in allen Erdteilen geschaffen. Sie nahm im engen Inselland die Form der überseeischen Wanderung an. Das Muttergebiet war eng, reif und geschützt genug, um gleichmäßigen Zufluß für Jahrhunderte zu gewähren. Durch planmäßige Verteilung, Verwendung und Beschützung der Auswanderermassen entsteht die politische Kolonisation, wie sie Rom groß und die Halbinsel Italien zur Mutter einer der größten Völkerfamilien gemacht hat. Man könnte sie als planmäßige Durchdringung bezeichnen. Die Grundlage des Lebens der Hirtenvölker , die Herden, bilden an sich eine lebendige, sich immer erneuernde vorwärtstreibende Kraft, durch die die Hirten, ihre Herren, immer weiter gedrängt werden. Alle Großviehzucht verlangt Boden und immer neuen Boden, denn ihre Herden wachsen, und der abgeweidete Boden erneut sein Gras langsam. Der Nomadismus kann Kulturvölker politisch zusammenfassen, kann Kulturelemente aufnehmen und weitergeben, er kann aber die Kultur selbst weder anpflanzen noch fortpflanzen. Noch weniger konnte er die Kultur hervorbringen. Mit dem schwankenden Stande und der Unselbständigkeit der Kultur der Nomaden hängt es zusammen, daß die Religion eine ungeheure Macht über sie hat. Der Buddhismus hat die Mongolen ihrer kriegerischen Kraft beraubt und durch den Zölibat ihr Wachstum vermindert, und die Türken sind durch die Religionskriege zwischen Sunniten und Schiiten dauernd geschwächt worden. Eine unvermeidliche Begleiterscheinung großer Wanderungen, besonders der Hirtennomaden, ist das Mitreißen anderer Völker durch die in Wanderung befindlichen . Mit den Vandalen zogen bekanntlich die Alanen nach Afrika. Jede Bewegung eines Volkes in einem bevölkerten Land drückt auf ein anderes Volk, und wenn dieses dem Drucke nachgebend sich bewegt, erteilt es einem dritten Bewegungsanstöße. Jeder tätigen Bewegung antwortet eine leidende und umgekehrt.   Wenn es sich auf tieferen Stufen um das Zusammentreffen und das Mit- und Gegeneinanderbewegen zerstreut wohnender und wandernder Völker handelt, macht sich auf höheren der Unterschied des Wachstums und der Kraft der Völker in der Welse geltend, daß einige viel mehr als andere zunehmen und notwendig über ihr ursprüngliches Gebiet hinauswachsen, auswandern. Mit vollständiger Ansässigwerdung hört das Wandern ganzer Völker oder großer zusammenhängender Volksbruchstücke fast ganz auf. Mit der höheren Kultur haben die vollständigen Massenwanderungen aufgehört. Aber jede größere politische Umwälzung gibt Anlaß zu kleinen Völkerwanderungen.   [Diese politisch erzwungenen Völkerwanderungen haben allerdings infolge der von Haß und Unvernunft diktierten »Neuordnung« Europas nach dem Weltkrieg wieder größeren Umfang angenommen. Die Gewaltpolitik Polens gegen die Deutschen des Weichsel- und Warthelandes und Ostoberschlesiens hatte zur Austreibung von mehr als einer Million Deutschen geführt, und die notwendig gewordene Vereinigung der Siedlungsverhältnisse an der Nordostgrenze des Deutschen Reiches, die 1939 in Angriff genommen wurde, wird wiederum bedeutende völkische Verschiebungen mit sich bringen. Der türkisch-griechische Bevölkerungsaustausch, der nach der Niederlage der Griechen in Anatolien vereinbart wurde, hat ebenfalls über eine Million Menschen zum Wechsel ihrer Wohnsitze gezwungen, wobei die gesamten volkreichen griechischen Kolonien an der kleinasiatischen Küste nach Griechenland zurückgenommen werden mußten. D. Hrsg.]   Der Ursprung eines Volkes kann immer nur geographisch vorgestellt und auch nur geographisch erforscht werden . Von einem Teil der Erde geht ein Volk aus, nach einem anderen zielt es hin, und zwischen diesen beiden Gebieten liegt ein Verbindungs- und Übergangsgebiet, das selbst wieder ein großes Stück Erde sein kann. Schöpfungszentrum ist ein anspruchsvolles Wort. Wenn uns heute ein Biograph von dem Schöpfungszentrum einer Pflanzen- oder Tierart spricht, versteht er darunter praktisch nichts anderes als den Raum, wo die Verbreitungswege dieser Art mit denen verwandter Arten zusammentreffen. Es ist also ein Ausgangspunkt oder, wenn der Vergleich erlaubt ist, ein Knotenpunkt pflanzlicher oder tierischer Verkehrswege. Dem Schöpfungszentrum entspricht in der Anthropogeographie der Ursitz . Soll dieses Wort bedeuten, daß es der äußerste, unwiderruflich letzte Sitz sei? Für die geographische Auffassung gibt es nur ein Ausgangsgebiet , bis zu dem wir von einem bekannten End- oder Zielgebiet einer Völkerbewegung den Weg zurückmachen, den diese eingeschlagen hatte. Wenn man sagt: die große Völkerwanderung hat an der chinesischen Mauer begonnen, so ist die Frage erlaubt: wie kann etwas beginnen, das immer da ist? Die »Völkerwanderung« war nur eine Steigerung der immer lebendigen Bewegung.   Neben einem großen Wandergebiet müssen in erster Linie Zufluchtsgebiete liegen, wohin die auseinandergeworfenen, zersplitterten Völker sich zurückziehen. Sie werden immer bezeichnet sein durch eine bunte Zusammensetzung der Bevölkerung, die verhältnismäßig dicht sitzt, und nicht selten werden die angrenzenden Wandervölker beherrschend übergreifen und in diesem Saume Staaten gründen, in denen sie das Zepter über die unterworfenen Flüchtlinge schwingen. Neben dem Kampf um Raum geht ein Kampf um die Qualität des Bodens vor sich, der die besten Länder den stärksten Völkern zuteilt. Das ist ein Differenzierungsprozeß von ungeheuren Folgen. Er vor allem bedingt das schwere geschichtliche Schicksal, das auf dem Späterkommenden lastet. Es liegt nicht bloß darin, daß der Erstgekommene der Besitzer ist; vielmehr beschleunigt die Entwicklung unter günstigen Verhältnissen dessen äußeres und inneres Wachstum. Wo immer in der Welt die Deutschen sich als Kolonisten ausbreiten wollen, die politisch günstigsten Stellen haben die früher gekommenen Kolonialmächte schon eingenommen, und auch von wirtschaftlich günstigen Ländern ist nichts übriggeblieben. Die Inanspruchnahme aller für den Ackerbau der gemäßigten Zone zugänglichen Ackerländer durch Engländer, Russen, Spanier und Franzosen ist eine grausam-deutliche Illustration der Wahrheit, daß die späteren Bewegungen, wie ihr Geschick sonst auch sein möge, nicht mehr denselben Boden finden wie die früheren. Bindung und Wechselwirkung von Blut und Boden In der Entwicklung der Kultur sehen wir das Volk wie ein organisches Wesen immer inniger mit dem Boden sich verbinden. Die Arbeit der einzelnen zieht von Generation zu Generation den Boden immer mehr in die Entwicklung des Volkes hinein. Am meisten trägt dazu der Ackerbau bei, der vor allem das Volk auf dem gleichen Raum sich vervielfältigen und damit die Zahl der Wurzeln sich vermehren läßt, die das Volk in den Boden senkt. Dadurch erhebt sich das Ackerbauvolk über die Völker der Jäger und Hirten. Insofern aber Jäger und Hirten nicht freiwillig ihren nur auf bestimmtem Boden, in Steppe, Wald, am Meeresufer möglichen Beschäftigungen entsagen, wollen auch sie nicht minder an ihrem Boden festhalten. Nur wurzeln sie nie so tief. Auf höheren Stufen der Kultur, wo die Jäger- und Hirtenvölker aus den Ackerbaugebieten verdrängt sind, kommt der Unterschied zwischen Bauern und Bürgern, Land- und Stadtbewohnern in den Vordergrund. So fällt uns in unseren nächsten Umgebungen als eine der wichtigsten Tatsachen des Völkerlebens die Festigkeit ins Auge, die jedem Volkstum der Ackerbau gewährt. Er setzt die Umfassung eines beträchtlichen Stückes Land durch jeden einzelnen Bauern und die vom abschleifenden Verkehr entfernte Selbständigkeit des Wohnens und Lebens jedes einzelnen voraus. Daher die Widerstandskraft, die in den Nationalitätenkämpfen überall die bäuerlichen Gebiete im Vergleich mit den städtischen bewähren. Damit hängt das im Völkerleben so oft umstrittene Recht auf ein Gebiet zusammen. Dieses Recht ist im Grunde nichts als die Macht des Besitzes, verstärkt durch Arbeitsleistungen auf diesem Boden. Dem Volk, das früher seine Verbindung mit einem Boden festzumachen weiß, erteilt die Geschichte die Gewähr des Bestandes auf diesem Boden. In der Entwicklung der Völker sehen wir Erdräume, die in der unablässigen Bewegung das Bild der Ruhe oder wenigstens des Zurruhekommens darbieten, während andere der Sitz der Unsicherheit, der Unruhe, des in beständiger Verschiebung Begriffenseins sind.   Zugehörigkeit zur Alten Welt, zu Europa, zu den Meeren, zu den Nachbargebieten, die Nähe der Alpen: dies alles sind Quellen der Eigenschaften, die Deutschland als einem Naturgebiet zufließen. Die vorauseilende Entwicklung der Inseln, Halbinseln, Talgebiete zeigt die Wirkung der von Natur gesetzten Raumschranken. Doch ist über ihnen nicht zu vergessen, daß, so wie jeder Staat, auch jedes Volk das Gebiet, in dem sich irgendein Teil seiner Entwicklung abspielt, zu seinem Naturgebiet macht und daß es, ob von Natur abgegrenzt oder nicht, als ein Ganzes auf das Leben dieses Volkes einwirkt, solange es von diesem Volke bewohnt und festgehalten wird.   Ein Naturgebiet hat einen anthropogeographischen Wert gegenüber allen Bewohnern, die von ihm Besitz ergreifen mögen, und es gewinnt dann einen weiteren Wert für bestimmte Bewohner, den diese, die auf ihm ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben, ihm beilegen. Man kann insofern von objektivem und subjektivem Wert sprechen. Der objektive Wert des Gebietes liegt in allem, was für den Menschen auf irgendeiner Stufe der Kultur dienlich ist. Er liegt in der Lage, im Raum, in der Begrenztheit und in allen anderen geographischen Eigenschaften, die sonst dieses Gebiet noch aufweist; er liegt besonders auch in der Gesundheit, in dem Nahrungsertrag, in dem Schutz, den es von Natur beut. Dieser Wert steigt nun überall um so höher, je weiter sich ein Gegenstand von seiner Umgebung abhebt. Die Insel im Meer, die Oase in der Wüste, der Wald in der Steppe, das Tal im Gebirge sind bevorzugte Naturgebiete. Sie verdichten und bereichern ihre Bewohner und machen, daß diese fester an ihnen halten. Die politische Geographie hat besonders viel mit diesen Weltabstufungen zu tun, da ja die praktische Politik in ihrer richtigen Schätzung eine Hauptgewähr ihrer Erfolge sehen muß.   Die Lage ist der inhaltreichste geographische Begriff. Das Übergewicht der Lage über alle anderen geographischen Tatsachen im Völkerleben zwingt dazu, die Erwägung der Lage allen anderen vorangehen zu lassen. Ein Volk hat immer eine zwiefache Lage, eine natürliche Lage und eine Nachbarlage . Je stärker die natürliche Lage, desto selbständiger ist das Volk. Die Inselvölker und Gebirgsvölker tragen die Stärke ihres Naturbodens in ihrem Charakter. Je stärker die Nachbarlage, desto abhängiger ist das Volk von den Nachbarvölkern, desto kräftiger kann es unter Umständen auf sie zurückwirken. Die zentrale Lage und die peripherische Lage setzen einander voraus und ergänzen einander. Ein Volk wohnt im Innern eines Erdteils, einer Insel, deren Ränder von anderen Völkern bewohnt sind, oder es ist in irgendeiner Naturlage ganz von anderen Völkern umgeben. Die Völkergeschichte und Völkerverbreitung bringt eine Masse von Tatsachen, die man als Erscheinungen der Reaktion zwischen der Peripherie und dem Innern zusammenfassen kann.   Der Unterschied zwischen vielseitiger und einseitiger Geschichtsentwicklung beruht auf der Berührung eines Volkes mit seinen Nachbarn. Außer dem mächtigsten Nachbar wird aber etwas Bleibendes, nämlich die Richtung nach der höheren Kultur und nach dem Sitz der gewichtigsten Wirtschaftsinteressen hin, einer bestimmten Seite eines Landes ein größeres Gewicht zuerkennen lassen, wie denn unzweifelhaft für alle europäischen Völker die Westseite, als die dem Meere und den kulturlich und wirtschaftlich blühendsten Ländern Europas zugewandte Seite heute die geschichtlich wichtigste ist [»heute«, d. h. hier: noch um die Jahrhundertwende]. [Das Versagen des europäischen Westens vor den großen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ordnungsaufgaben, die sich aus den völkischen und sozialen Problemen der Gegenwart ergeben, hat der deutschen Mitte und ihrer Führungsaufgabe gegenüber dem östlichen Mitteleuropa entscheidendes Gewicht verliehen. D. Hrsg.]   In großen Gruppierungen um ein ausstrahlendes Zentralgebiet, wie Assyrien und Babylonien, oder um das Mittelmeer oder in einem ganzen Erdteil gibt es naturgemäß immer ein Innen und Außen. Mit Bezug auf die Ökumene könnte man sogar von Innen- und Außenseite selbst der Kontinente sprechen, wobei freilich sogleich hervorgehoben werden muß, daß auch diese Begriffe dem Wandel der Zeiten unterworfen sind.   Es gibt Völkergebiete, deren Form bezeichnend ist für Wachstum, Ausdehnung, während andere auf den ersten Blick den Rückgang erkennen lassen. Ein kräftiges Völkerwachstum umfaßt alle in seinem Bereich liegenden Vorteile oder zeigt das energische Streben, sich ihnen zu nähern. Allerdings sieht nicht jedes Volk seinen Vorteil in denselben Eigenschaften seiner Umgebung. Umgekehrt ist das Merkmal des Rückganges eines Volkes immer das Zurückgedrängtsein von den Orten, die gerade für dieses Volk wertvoll sein müssen. [Die Grenzen und Wehrverbotslinlen, die dem Deutschen Reich im Diktat von Versailles aufgezwungen wurden, sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein großes Volk von allen natürlichen Wehrgrenzen, von seinen Strömen und Verkehrsknotenpunkten, von seinen wichtigsten grenznahen Industriegebieten und Kornkammern verdrängt und zu einem Rückbildungsprozeß gezwungen werden sollte. D. Hrsg.]   Jedem engen oder geteilten oder randweis gelegenen Völkergebiet gegenüber ist die Frage berechtigt, ob es durch Rückgang, Einengung und Zerreißung entstanden sei. Solche Entstehung anzunehmen, kommt meistens der Wahrheit am nächsten.   Von den 510 Millionen qkm der Erdoberfläche muß jede Betrachtung geographischer Räume ausgehen. Der Erdraum ist die erste und unveränderlichste Bedingung erdgebannten Lebens. Man kann sich ein Volk in diesen und jenen Raum denken, für die Menschheit gibt es nur den einzigen Erdraum. Das erste und größte der biogeographischen Raumprobleme ist daher das Verhältnis des Lebens zum Raum der Erde. Den Lebensraum zu bestimmen, den die Erde in einem Zeitpunkt bot, oder auch nur zu schätzen, wird man als eine wichtige Aufgabe anzusehen haben, nicht nur weil von diesem Raum die Menge des Lebens abhängt, sondern auch wegen der Vermehrung der Anlässe zur Differenzierung, die mit jeder Raumvergrößerung gegeben sind. So wenig wir aber ein Volk verstehen, wenn wir nicht über sein Wohngebiet hinaus sein Wirkungsgebiet betrachten, so würden wir die Menschheit nicht verstehen, ohne das über ihr Wohngebiet hinaus die ganze Erde umfassende Wirkungsgebiet als ihre Erde zu erfassen. Die Zugehörigkeit zu einem kleinen Erdteil, wie Europa oder Australien, gestattet den einzelnen Völkern keine so große Ausdehnung wie die Zugehörigkeit zu einem großen Erdteil, aber eine verhältnismäßig größere Mannigfaltigkeit der Lage, deren natürliche Bedingungen sich nicht so oft wiederholen können, und eine ausgedehntere Teilnahme der Einzelländer an der Peripherie, hinter der die zentralen Gebiete zurücktreten, so daß es in Europa ein zentrales Gebiet wie in Innerasien oder Innerafrika nicht geben kann. Das Wachstum der Völkergebiete ist nicht ein einfaches Aneinanderlegen und darauffolgendes Verschmelzen von kleinen Gebieten, aus denen auf diese Weise gleichsam mechanisch große zusammenwachsen. Es ist vielmehr ein Überwachsenwerden kleinerer. Unabhängig von der Wachstumskraft eines Volkes besteht überall auf der Erde eine Wechselbeziehung zwischen Raum und Dauer und Raum und Selbständigkeit. Je größer ein Raum ist, desto freier mag sich irgendein Glied der Menschheit darauf entfalten, und desto weniger hat es Zurückdrängung zu fürchten; aber desto häufiger werden auch die Anlässe zur Berührung mit anderen Gliedern. Die Gesetze des räumlichen Wachstums der Völker sind im allgemeinen dieselben wie die des räumlichen Wachstums der Staaten. Das Wachstum eines Volkes wird immer stetiger sein als das Wachstum eines Staates, und daraus folgt die wichtige Regel, daß ein Staat um so kräftiger und dauerhafter ist, je mehr sein Wachstum mit dem Wachstum seines Volkes Schritt hält, und je besser daher sein Gebiet sich mit seinem Volksgebiet deckt. Für ein wachsendes Volk wird immer die Zeit kommen müssen, wo es diese Schranke durchbricht. Das größte Beispiel der Abschließung eines Volkes in politischen Grenzen wird immer Japan mit seiner künstlichen Einkapselung von 1634 bis 1854 bleiben; aber daß die Japaner auch ohne die gewaltsame Erschließung durch die Westvölker ihrem Wachstum hätten Luft machen müssen, zeigt das leidenschaftliche Bedürfnis nach neuen Kolonisations-, d.h. Wachstumsräumen, von dem Japans moderne Politik erfüllt ist. Die Entwicklung einer Kultur kann in einem engen Gebiet sich vorbereiten und aus ihm heraus zu großer Macht gelangen. Eine Kulturentwicklung wird aber nicht so lange in enge Grenzen gebannt bleiben können wie eine politische. Die Kultur kann nicht auf die Dauer auf ein enges Gebiet und ein einziges Volk beschränkt werden. In ihrem Wesen liegt es, daß sie sich ausbreitet, denn ihre Träger sind bewegliche Menschen, und ebenso erstreckt sie ihre Herrschaft über Menschen, die nie so unfähig sind, daß sie nicht einen Teil dieser Macht vorübergehend selbst ausüben könnten.   In allen auf Völkerursprung gerichteten Forschungen muß dem Raum Rechnung getragen werden, den das Leben braucht, um sich zu entwickeln. Je mehr Unterschiede ein Lebensgebiet umschließt, um so mehr Raum hat es gebraucht, wo Unterschiede sich herauszubilden und zu erhalten vermachten. Wie oft wurde die einfache Tatsache übersehen, daß auch die Entwicklung eines Sprachstammes insofern eine streng geographisch bedingte Tatsache ist, als er des Raumes bedarf, um sich zu entfalten. Je älter die Völkermerkmale sind, je tiefer sie reichen, um so weiter sind sie in der Regel verbreitet. Rassenmerkmale umfassen daher größere Gebiete als Sprachenmerkmale . In der Verbreitungsweise der Rassen und Völker liegt es daher, daß die großen Ausbreitungen in kontinentalen und ozeanischen Gebieten ebenso sicher auf Rassenfragen treffen, wie die Ausbreitung in engeren Räumen Sprachenfragen schafft. Die Bildung von räumlich großen Völkern konnte auf der Erde immer nur durch den Zusammenschluß von Bruchstücken verschiedener Rassengebiete vor sich gehen. Da nun solche Verbindungen nie ohne Mischung der Rassen entstehen, auch wenn eine schwächere Rasse ausgerottet oder verdrängt wird, so sind die größten Staaten- und Völkergebiete das größte Mittel zur Ausgleichung der Rassenunterschiede. Die spanischen und russischen Kolonien liefern dafür die schlagendsten Beispiele. Je größer der Raum, desto ausgedehnter die vor Erstarrung schützende Berührung. Die ausgebreitetsten Völker haben die mannigfaltigsten Beziehungen. Ist der Boden, der ihren Raum erfüllt, ihrem Wachstum günstig, dann entwickelt sich ein entsprechend ausgedehntes, in mannigfaltigen Formen sich äußerndes Übergewicht. Es ist eine allgemeine Lebenstatsache. So wie den wachsenden Völkern der Raum Kraft bringt, beobachten wir auch in der Biogeographie, daß z.B. die Tierwelt der Norderdteile mit ihrem größeren Raum die der Süderdteile zurückdrängt, und so sehen wir die den Norderdteilen angehörigen Rassen und Völker sich überall auf der Erde über die Süderdteile ausbreiten. Ein weiterer Vorteil, der im Kampf um Raum errungen wird, ist die Verminderung der inneren Reibung. Erweitern sich die Kampfplätze im Fortschritt der Kultur nach dem Gesetz des räumlichen Wachstums der Staaten und Völker, so werden die Kampfgebiete immer weiter hinausgerückt, die Kämpfenden auseinandergezogen, die Zahl der Kämpfe vermindert. Die Wohngebiete der Völker sind nicht mit den Völkergebieten zu verwechseln. Es würde darin von vornherein ein Widerspruch gegen die in der Natur der Völker liegende Beweglichkeit und Fernwirkung gesehen werden müssen; außerdem würden wir uns aber mit einer solchen Auffassung auch das Verständnis des Wohngebietes beschränken.   Der weite Raum verleiht den Lebensformen, die sich über ihn ausbreiten, den Schutz seiner Entfernungen, die im Kampfe mit anderen Lebensformen den Angriff erschweren und die Verteidigung erleichtern. Deswegen sehen wir in dem Wettbewerb starker und schwacher Völker die schwachen rascher vergehen in engen Räumen, wo kein Ausweichen möglich ist. In allen Räumen wirkt aber auch die Verteilung eines Volkes dadurch, daß, wenn das Volk dicht und gleichmäßig über den Raum verbreitet ist, es fester an seinem Boden hält, als wenn es dünn und ungleichmäßig wohnt. Da nun ein enger Raum leichter in dieser Weise zu erfüllen ist als ein weiter, liegt darin einigermaßen ein Ersatz des Schutzes, den ein weiter Raum gewährt. Die Weite des geographischen Horizontes beeinflußt das Urteil und den Willen der Volker, indem sich an seinen Maßen die Maßstäbe für die Räume bilden, die zu bewältigen sind. Auf allen Stufen der Kultur beobachten wir die Unlust der Völker, ihre Grenzen hinauszurücken. Die Vorteile der engräumigen Gebiete sind sogar philosophisch bei den alten Griechen begründet worden, die aus ihren mächtigen Kulturleistungen wesentlich darum keine politische Größe aufzubauen vermocht haben, weil sie aus der in der Natur ihres Landes liegenden Engräumigkeit sich nicht frei machten. Auf niederen Stufen der Kultur braucht das Volk die Abschließung zur Herausbildung seiner Persönlichkeit, da ihm die inneren Quellen, aus denen später das Nationalgefühl schöpft, noch nicht reich genug fließen. Das Naturvolk braucht den engen Raum, in dem es sich abschließen und ganz übersehen kann, um seiner selbst bewußt zu werden und zu bleiben. Ein Gebirgsvolk wird nicht ohne Schaden sich eine weite Ebene aneignen, ein Waldvolk nicht in die freie Fläche hinaustreten, in welcher es von der Stärke einbüßt, die die Natur des Gebirges, des Waldes ihm verleiht. Enge Räume verdichten die Bevölkerung, weisen früh die Menschen aufeinander hin, befördern ihr Zusammenwirken und das Aufeinanderwirken ihrer Kulturelemente, woraus eine frühere Reife der Kultur entsteht, die dann mit Macht aus ihrem engen Raume in die Weite hinausstrebt. Die in demselben Prozeß zusammengefaßte politische Energie unterstützt diese Ausbreitung, und so sehen wir auf Inseln, in Oasen, auf Küstenstreifen, in Gebirgstälern kleine Völker in Abgeschlossenheit zu einem familienhaften Stammes- oder Nationalbewußtsein erwachsen, um unter günstigen Bedingungen ihre gesammelte Volkskraft zur Wirkung über einen größeren Raum auszubreiten. Ein gewöhnlicher Weg kleinräumiger Verbreitung ist die Städtegründung , die im Schutze der Mauern und Tore, oft verstärkt durch die natürliche Festigkeit der Lage, kleine, selbst verschwindend kleine Völkerbruchteile unter Fremden ansiedelt. Gerade der Schutz, den man durch die Zusammendrängung anstrebt, verbietet, den kleinen Raum der Stadt über das Notwendigste hinaus auszudehnen. Daher die den Deutschen in fast allen Ländern des Ostens verhängnisvolle Beschränkung der Ansiedlungen auf zerstreute kleine Städteräume. Ein Ring deutscher Landbesiedler, wie er Olmütz, Brünn, Iglau, Budweis umgibt, ist dort selten, und tatsächlich haben vereinzelte deutsche Städte in Böhmen schon in den Hussitenkriegen ihr Volkstum eingebüßt. [Die gleiche Gefahr bedrohte die nach dem Verlust ihres Grundbesitzes auf die Städte zusammengedrängten Deutschen der baltischen Gebiete. Ihre Zurücknahme ins Reich und ihre Verbindung mit bäuerlichen deutschen Siedlern zieht die Konsequenz aus dieser Lage. D. Hrsg.] Alle Völker, denen die Aufgabe wurde, sich über große Räume auszubreiten, haben im Kampf gegen »die Minderung der Macht, welche die Entfernungen der Erdoberfläche von Natur aus besitzen«, eine große Raumauffassung in ihren Geist aufgenommen. Diese große Raumauffassung, die bei den Hirtennomaden nur eine durch die größere Bewegungsfähigkeit und Masse der Herdentiere verstärkte rohe Kraft ist, nimmt bei den Vertretern höherer Kultur alle Errungenschaften der Wissenschaft und Technik in sich auf und wird auch bei Völkern, die auf engem Raume wohnen bleiben müssen, eine notwendige Eigenschaft der Kulturstufe. Jedenfalls ermutigt der neue und weite Raum zu Neuerungen, die alte eingezwängte Völker sich nicht gestatten können.   Eine Wissenschaft der Entfernungen ist eines der ersten Erfordernisse der Geographie als Wissenschaft der räumlichen Anordnungen auf der Erdoberfläche. In der politischen Geographie werden die Entfernungen vor allem in der Wechselwirkung zwischen Mittelpunkt und Peripherie sich wichtig erweisen. Wer möchte aber die zahllosen Fälle aufzählen, in welchen moralische oder geistige Mächte über Entfernungen hin wirken und durch die größere oder geringere Länge ihres Weges erheblich beeinflußt werden? Denn hier kommt ein Neues in den Veränderungen hinzu, welche diese geistigen Wirkungen in die Ferne erleiden, indem dieselben von ihrem Ausstrahlungspunkte sich entfernen. Sie verlieren um so mehr von ihrer ursprünglichen Stärke, je weiter sie wandern, und erleiden auch andere Veränderungen, so daß die Entfernungen eine Hauptursache der anthropologischen und ethnographischen Unterschiede der Völker sind. Mit der je nach der Kulturhöhe veränderlichen Größe dieser Abnahme hängt der verschiedene Grad des inneren Zusammenhaltes der Staaten, der große Unterschied in der Größe der Kulturkreise und Ideenkreise und der noch größere der Qualität ihrer verschiedenen konzentrischen Zonen zusammen. [Die Veränderungen, die der Volksgedanke der deutschen Romantik bei den slawischen Völkern erfuhr, wo er zwar eine Wiedergeburt völkischer Individualitäten auslöste, aber gleichzeitig aus einem Ordnungsprinzip für das friedliche Zusammenleben der Völker in eine starre Doktrin völkischer Unduldsamkeit verwandelt wurde, können als typisches Beispiel für den Gebrauchswandel geistiger Begriffe bei Völkern verschiedener Kulturstufe angesehen werden. D. Hrsg.] Völker-Grenzen Wo die Verbreitung einer Lebensform Halt macht, liegt ihre Grenze . Die Grenze besteht aus zahllosen Punkten, wo eine organische Bewegung zum Stillstand gekommen ist. So viel es Gebiete der Pflanzen- und Tierarten, Wälder und Korallenriffe gibt, so viel muß es Grenzen pflanzlicher und tierischer Verbreitungsgebiete geben, auch Wald- und Riffgrenzen. Und so gibt es Gebiete und Grenzen der Rassen und Völker und jener durch die Geschichte zusammengefügten Gruppen von Menschen, die Staaten bilden. Ändern sich die Lebensbedingungen in günstigem Sinn oder wird die Stärke oder Richtung dieser Bewegung eine andere, so erhalten die Verbreitungsgebiete eine neue Möglichkeit der Ausdehnung, und man sagt: Die Grenze schiebt sich vor. Die Grenze als Peripherie eines Volkes gehört dem Volk. Sie mag dann in den Boden eingezeichnet oder ausgesteckt oder von Eigenschaften des Bodens begünstigt sein, sei es von Flüssen, Gebirgen, Wäldern; wesentlich gehört sie zu dem lebendigen Körper, dessen Peripherie sie ist. Die Grenze ist also immer ihrem Wesen nach veränderlich. Auch wo das Streben herrscht, sie zu befestigen, bleiben Grenzen nur für kurze Reihen von Jahren an derselben Stelle. Mit der Veränderlichkeit aller Erscheinungen der Erde ist auch die Veränderlichkeit aller an sie sich lehnenden Grenzen der Völker und Staaten gegeben, und wir haben auf absolute Grenzen zu verzichten. Den Niederlanden ist jede politische Eroberung in Europa seit Jahrhunderten versagt, sie haben vielmehr Verkleinerungen sich gefallen lassen müssen, aber sie haben Tausende von Quadratkilometern vom Meere gewonnen, das ihnen alljährlich mit den Schwemmstoffen des Rheines und der Maas neue Landstücke angegliedert. So protestiert der natürliche Wechsel der Dinge an unserer Erde gegen alle dauernde Begrenzung.   Bei einer zerstreuten Verbreitung wird aber die Zeichnung der äußeren Grenze nicht als Linie durchzuführen sein, die den Schein der Gleichwertigkeit mit der inneren Grenze erweckt, sondern es muß die Andeutung des Saumes genügen. Einer Grenze, die sich vorschiebt, wächst in entgegengesetzter Richtung eine andere entgegen: Indien und Rußland in Zentralasien. Wachstum, Zusammenstoß, Rückgang und neues Wachstum folgen einander in diesem Saume, und so entsteht ein Zwischengebiet, das erfüllt ist von geschichtlichen Resten und in dem die Trümmer geschichtlicher Zusammenstöße sich anhäufen, wie der Felsschutt zwischen Steilküste und Brandung. Zum geschichtlichen Bilde eines alten Landes gehört immer dieser Saum. Die Bedeutung der vielberufenen natürlichen Grenzen möchten wir für die sich entwickelnden Völker höher anschlagen als ihre Stellung zu den fertigen. Die Gunst der natürlichen Grenzen ist nicht unentbehrlich zur Reife eines Volkes, aber sie beschleunigt ihren Eintritt und macht das Volk früher »fertig«, dessen Entwicklung sie im wahren Wortsinn »Grenzen zieht«. Die Bildung Frankreichs in dem Bestande vor der Revolution erscheint als ein wahres Hin- und Herwogen, besonders zwischen Westen und Osten, bis die sogenannten natürlichen Grenzen gewonnen waren, in denen sich nun das neue, von Nordfrankreich ausgegangene keltischromanisch-germanische Volk der Franzosen unter Aufsaugung der fremden Völker ausbreitete. Begünstigt in seinen Grenzen, Ozean und Mittelmeer, Ärmelkanal und Vogesen, [mit dem Vorstoß an den Rhein hatte Frankreich 1919 diese natürlichen Grenzen überschritten. D. Hrsg.] ist dieses Volk mit am frühesten unter allen europäischen fertig geworden. Die Natur selbst machte das Ziel leichter kenntlich, das die räumliche Entwicklung des Staates sich setzen mußte, und darin liegt ein Vorzug der französischen vor der deutschen Geschichte, der nicht hoch genug zu schätzen ist. Die frühe Entwicklung der Insel- und Halbinselvölker zu einem geschlossenen ethnischen und politischen Charakter ist eine der Grundtatsachen der alten und neuen Geschichte.   Die Neigung zur Vereinfachung der Vorstellung von den Grenzen führt in den allerverschiedensten Fällen auf die gleiche, weil nächstliegende Auskunft: die Linie , mit welcher als Küstenlinie, Linie gleicher Wärme, Firn- oder Schneelinie, Höhenlinie der Vegetation, politische Grenzlinie die Geographie in ihrer ganzen Ausdehnung zu tun hat. Ob der Gelehrte sie durch Messung oder die Diplomatie durch einen Vertrag festsetzt, diese Linien sind stets unwirkliche Dinge. Da nun die Wirklichkeit, aus der diese Abstraktionen hervorsprossen, immer dieselbe ist, bleibt auch der Weg, der sie auf ihren Boden zurückführt, in allen Fällen der gleiche: die abstrakte Linie vervielfältigt sich, sobald wir auf ihren Ursprung zurückgehen, und wir sehen einen Raum entstehen, der zwischen den zwei Gebieten, die wir vorher durch eine Linie trennten, einen Saum bildet. Die geschichtliche Entwicklung der Grenzen zeigt auf tieferen Stufen überall mehr oder weniger breite Länder oder Gürtel, durch die sich die Völker und Staaten auseinanderhalten. Es ist von der größten Bedeutung, die abstrakte Grenzlinie und diese Grenzräume , welche in den meisten Fällen band- oder gürtelförmige Striche bilden werden, auseinanderzuhalten. Ein Blick in die geschichtliche Vergangenheit der Grenzgebiete vollendet den Eindruck der organischen Eigenartigkeit. Jeder Niedergang hat seine Wirkungen hier zuerst geäußert, und jeder Neuaufschwung versuchte, sie in gleichen Räumen wieder gut zu machen. Jedes Nachlassen des Haltes am Boden, in dem sich der Stärkegrad eines Volkes ausprägt, hat hier zuerst eine Losbröcklung zur Folge gehabt. Die ideale Grenzlinie sehen wir also in diesem Raume bald hier-, bald dorthin schwanken.   In den Grenzen spricht sich die Verbreitungsweise der Völker aus. Ein Volk, das ein langes Wachstum hinter sich hat, füllt sein Land aus, ein junges Volk hat nur Zeit gefunden, einige wenige Punkte zu besetzen, zwischen denen ein anderes Volk oder andere Völker sich ausbreiten. Wo die Deutschen am dichtesten wohnen, im Westen ihres Verbreitungsgebietes, sind sie einfacher begrenzt, als im Osten, wo sie am dünnsten verteilt sind; dort sind sie ein altes, hier ein verhältnismäßig junges Kolonialvolk. Ein Kulturzustand, der den Völkern ruhiges Wachstum erlaubt, ist durch einfachere Grenzen ausgezeichnet als ein Kulturzustand, der häufige äußere Bewegungen, Kurzlebigkeit der Staaten und vielleicht selbst Völkerdurcheinanderschiebungen, Kriege und Verdrängungen mit sich bringt.   Rassenmerkmale verbreiten sich in der Regel nicht geschlossen, sondern unter Rassenmischung, und darum sind die Rassengrenzen verwischt. Eine Sprache dagegen strebt danach, ein Gebiet gleichmäßig zu bedecken, das durch das Nichtverständnis der Sprache vom Nachbargebiet sich scheidet; wir finden daher viele scharfgezogene Sprachgrenzen. Für den Wert der Grenzen wird die Regel gelten dürfen: Je größer und dauernder der Unterschied der Merkmale auf beiden Seiten, desto größer ist der Wert der Grenze. Wir stellen also Rassengrenzen über Kulturgrenzen, Kulturgrenzen über Sprachgrenzen, Sprachgrenzen über Staatsgrenzen. Es liegt in der Entwicklung des Staates, daß Völkergrenzen älter sind als Staatsgrenzen.   Ein Volk kann aber auf die Dauer nicht des Verkehres mit anderen Völkern entraten, und so verlangt es zuerst als Wirtschaftskörper die Durchbrechung der Grenzen wenigstens an einzelnen Stellen. Raum – Einflüsse auf Völkerschicksale Meere und Ströme In der Küste berührt sich das Land mit der großen Wassermasse des Meeres. Diese Berührung ist Abgrenzung und Vermittlung zugleich, doch immer eines mehr als das andere. Erst Schranke, dann Schwelle , und zwar Schwelle zum Eintritt in die Bahn, auf der die Erdumfassung der Menschheit allein erreicht werden konnte: Dies bezeichnet die beiden großen Richtungen, in denen die Küsten geschichtlich bedeutsam geworden sind. Die erste ist immer die mächtigste gewesen. Immer haben sich mehr Völker des Schutzes der Küste erfreut, als der Aufforderung zum Überschreiten dieser Schwelle gefolgt sind. Auch heute finden wir noch beide Richtungen nebeneinander.   Der Gegensatz zwischen Küsten- und Binnenvölkern zeigt sich in tiefergehenderen Rassen- und Stammesunterschieden, die größtenteils auf Zuwanderungen aus verschiedenen Richtungen zurückführen. Überall, wo seefahrende Völker die Meere durchfurchen, erzeugt sich dieser Gegensatz von Binnenvölkern und Küstenvölkern, und die Geschichte manchen Landes bewegte er vor allen anderen. Seewärts gerichtete Völkerbewegungen sind überall von großer Wichtigkeit und Ausdehnung.   Weiter ist es dann für den geschichtlichen Wert der Küsten wichtig, ob sie Inseln gegenüber liegen oder nicht. Küsten inselarmer Meere werden eine spätere Entwicklung haben als Inselküsten. Die Formen der Küste selbst wirken in ähnlichem Sinn, wie die Lage zu benachbarten Inseln, indem sie mehr oder weniger beziehungsreiche Lagen schaffen. Inselreiche Küsten gleichen gegliederten Küsten mit gebrochener Küstenlinie, insellose ungegliederten Küsten mit vorwiegend gerader Küstenlinie. Vor allem ist zu unterscheiden die Zugehörigkeit einer Küste zum offenen Meer oder zu Rand- und Seitenmeeren.   Den Gesetzen der räumlichen Entwicklung folgend ist die Entwicklung des geschichtlichen Wertes der mittelmeerischen Küste der der atlantischen vorausgeschritten, ebenso wie wir im Norden Europas die Ostsee haben der Nordsee vorangehen sehen. Die Frage nach dem Wert der Küsten wird die größte denkbare Bedeutung in dem Augenblick erlangen, wo der Stille Ozean in Wettbewerb mit dem Atlantischen tritt und sich die oft erörterte Frage entscheiden muß, ob der Stille Ozean als weltgeschichtlicher Raum ebenso den Atlantischen verdrängen wird, wie dieser das Mittelmeer einst seiner Herrschaft entsetzt hat.   Seehäfen sind natürliche Einschnitte der Küsten, die vor den großen Wellen und den Dünungen des offenen Meeres Schutz gewähren und guten Ankergrund bieten. Die Hauptwege, auf denen die Natur solche Becken schafft, sind folgende: Sie legt vor die Küste eine Insel oder Bank, oder sie bildet einen Einschnitt in die Küste, der entweder die Folge eines Einbruchs der Küste oder eines ausmündenden Flusses ist. Man kann demnach der Entstehung nach drei Arten von Häfen unterscheiden: Aufschüttungshäfen, Einbruchshäfen, Mündungshäfen. In der Natur der Küste liegt es, daß gewisse Hafentypen gesellig in einem oft weiten Bereich auftreten: die Mündungshäfen an der Nordsee, die Einbruchshäfen im Mittelmeer, die Äugschüttungshäfen in den Haffgebieten der Ostsee, der westlichen französischen Mittelmeerküste, der Westküste des Adriatischen Meeres.   Die Frage: Wie weit reicht das Meer? oder: Wie weit reichen die Wirkungen des Meeres , die stark genug sind, um dem Lande einen eigentümlichen Charakter aufzuprägen, der der Gegensatz von binnenländisch oder im großen von kontinental ist? ist wichtiger für den Anthropogeographen als die Frage nach der physikalischen Grenze des Meeres. Was man das von einem Meere oft tief ins Land hineinreichende »geistige Seeklima« nennen könnte, ist oft schwerer zu fassen als die letzten Spuren des physikalischen Seeklimas, man muß aber durch die weite Auffassung des Küstensaumes ihm wenigstens nahe zu kommen suchen. Der Begriff Küstenentwicklung muß seine Ergänzung finden durch den Begriff Stromgliederung, wenn er nicht lahm bleiben soll.   Nichts liegt offener in der Geschichte da, als daß das Meer einem Lande, das es umspült, und dessen Bevölkerung zugleich den Mut hat, sich ihm anzuvertrauen, unbeschränkte Möglichkeiten der Ausbreitung darbietet. Das britische Weltreich enthält neunzigmal so viel Raum und zehnmal so viel Einwohner als das Mutterland. [Im Jahre 1939 betrug das Verhältnis des Mutterlandes, Großbritannien und Nord Irland , zum Empire hinsichtlich des Flächenmaßes 1:162 und hinsichtlich der Bevölkerungszahl 1:11. D. Hrsg.]   Die Ansprüche eines Volkes an seine Küsten bleiben nicht in jedem Zeitalter dieselben, sie schwanken auf und ab. Daß die Küsten zwischen Meer und Land zu den Stätten größter natürlicher Veränderungen gehören müssen, und daß auch diese nicht ohne Einfluß auf den Menschen und seine Werke sein können, sei es rascher oder langsamer, zerstörender oder aufbauender, liegt auf der Hand.   Der Kampf an der Küste hat zwar sicherlich erst später begonnen als der gegen Ströme und Sümpfe im Inneren der Länder und war gefährlicher, aber er hat dann um so kostbarere Früchte getragen. Was hier errungen ward, gestattete großartige Ausnutzung. Die Niederlande verdanken diesem Kampfe nicht bloß fruchtbares Land für eine halbe Million Menschen mehr, sondern Freiheit und Weltstellung. Die Zurückdämmung des Meeres, der Flüsse und Seen, die Ausfüllung der Sümpfe, die Überbrückungen und Ableitungen machen ein großes Stück fundamentaler Kulturarbeit aus. Auch der Schutz gegen Lawinen und Muren gehört in das Kapitel des Kampfes mit dem Wasser. Wenn auch diese künstlichen Veränderungen des Flüssigen und seiner Grenzen keine so gewaltige Umgestaltung der Erde bewirkt haben, wie der Mensch sie auf dem Lande geschaffen hat, so gehört doch all das, was man als Ent- und Bewässerungsanlagen, als Wasserschutz und Wasserleitung zusammenfassen kann, zum Größten, was der Mensch auf der Erde geleistet hat. Indem das Meer drei Vierteile der Erdkugel bedeckt, sind auch die größten Landmassen nur wie Inseln in dasselbe eingelagert. Der Kampf mit dem Meere nimmt also schon räumlich eine der ersten Stellen in der Geschichte der Menschheit ein.   Dank den Arbeiten und Opfern ungezählter Geschlechter von Menschen ist das Meer keine absolute und vor allem keine dauerhafte Schranke der Verbreitung des Menschen.   Wenn wir beobachten, wo die Menschen vor dem Einfluß der mittelmeerischen und europäischen Kultur eine hohe Stufe der Schiffahrtskunst erreicht hatten, finden wir die Umwohner des Stillen Ozeans und in geringem Maße des Indischen Ozeans allen anderen überlegen.   Der höchste Grad von Innigkeit in den Beziehungen zum Meere wird dort erreicht, wo der Mensch auf kleineren Inseln durch einen großen Ozean zerstreut lebt, so daß er nicht nur überall die weiten Wasserflächen als Bestandteile des täglich und stündlich ihn umgebenden Bildes seiner Umgebungen gewahrt, sondern selbst gezwungen ist, dem schwankenden Elemente sich anzuvertrauen, sobald es ihn drängt, den engen Raum seines Heimatseilandes zu erweitern, sei es der Wunsch, Nahrung aus dem Meere zu gewinnen, sei es Reiselust, Verbannung oder Ausstoßung. Dies sind die Völker, bei denen in allen Lebensäußerungen der Glanz und die Größe des Meeresspiegels durchschimmert, deren ganzes Wesen von einem Hauch von Seeluft durchweht ist.   Was nun die inneren Eigenschaften der Meere anbetrifft, so ist zunächst ihre Größe nicht ohne Einfluß auf das Maß der Expansion, die sie den anwohnenden Völkern gestatten, zu der sie die Völker einladen. Die Größe des Meeres im ganzen ist so überwältigend und die Natur jedes einzelnen Teiles so einförmig, daß die Verschiedenheit der Größe seiner einzelnen Teile weniger hervortritt, als man nach den Zahlen vermuten sollte, die für das Mittelmeer 2 ½, für den Stillen Ozean 181 Millionen Quadratkilometer angeben. Für die Völker Europas ist die Gewinnung größerer Gesichtskreise und Wirkungsräume auf dem Meere eine der stärksten Wachstumskräfte.   Die eigenen Strömungen der Meere sind nicht ohne Einfluß auf die früheren Bewegungen der Seevölker geblieben. Darin liegt besonders eine Eigentümlichkeit der Meere, daß sie von entsprechend starken und weitreichenden Bewegungen durchzogen sind.   Die geschichtlich wichtigsten Meeresteile sind die Randmeere . Ein Randmeer ist in gewissem Sinn, als ein vom Lande umgebenes Meer, immer ein Mittelmeer. Daß es dabei immer noch große Unterschiede der Lage eines Meeresteiles zu den umgebenden Ländern gibt, lehrt der große Unterschied mancher Mittelmeere von »unserem« Mittelmeer.   Die Bedeutung eines reichen und mit dem Meere in offener Verbindung stehenden Flußnetzes für den inneren und äußeren Handelsverkehr der Völker hat man immer und überall erkannt, und Nationen, die zu den ersten unter den Handels- und Verkehrsmächten der Erde gehören, verdanken diesen ihren Vorrang auch der günstigen Ausstattung ihrer Länder mit schiffbaren Flüssen und der klugen Ausnutzung dieses Schatzes. So Holland, England, Frankreich. Deutschland mit seiner zersplitterten Bodengestalt und daraus sich ergebenden zersplitterten Bewässerung zeigt die einzige nennenswerte Entwicklung und Bereicherung der Schiffbarkeit einer größeren Anzahl von Gewässern nur im norddeutschen Tiefland und besonders in der wasserreichen Spree-Havel-Netze-Rinne, wo die großen Flüsse Elbe und Oder auf 14km sich nähern. [Die Errichtung des Großdeutschen Reiches beschleunigt den umfassenden Ausbau der Wasserwege. Die im Bau befindliche Großschiffahrtsstraße Rhein-Main-Donau wird in wenigen Jahren Rhein und Donau zu einer einheitlichen Verkehrsader Mitteleuropas ausgestalten; durch den geplanten Main-Werra-Kanal und den Donau-Oder-Kanal wird die Donau auch mit dem norddeutschen Wasserstraßennetz verbunden werden. D. Hrsg.] Mit der Eigenschaft der Flüsse, leichte Wege in das Innere der Länder und durch die Länder zu legen, hängt eine völkerzusammenführende, völkervereinigende Wirkung zusammen. Was man auch von der Begrenzung der Staaten durch Flüsse sagen möge, durch Flüsse sind die Völker nicht getrennt zu halten, sondern diese Verkehrsströme sind eher geeignet, Völkerschranken einzureißen. Aus Schutz, Befruchtung des Bodens und Verkehrserleichterung flicht sich eine Reihe von Lebensfäden zwischen den Flüssen und Völkern zu einem Bande festen Zusammenhangs. Auf niederen Stufen der Kultur sind die Flüsse noch keine großen Verkehrswege und noch keine starken politischen Grenzen und strategischen Linien. Sie wirken mehr als Leitlinien der Wanderungen und als Sammelgebiete der Siedlungen. Es entstehen eigentliche Flußvölker, deren Dasein nicht ohne ihren Fluß denkbar ist.   Die Flüsse sind als Grenzen der Völker nur unter gewissen Bedingungen wirksam. Nur die Gebirge und das Meer scheiden scharf genug, um Grenzen zu bilden. Die Flüsse können als politische Scheidelinien dienen und politische Grenzen bilden, aber zu keiner Zeit würden sie Naturgrenzen ersetzen können. Darum hören die Flüsse und flußartigen Meeresarme nicht auf, Hindernisse zu sein, die zeitweilig hemmen. Darin liegt vor allem ihre große kriegsgeschichtliche Bedeutung . Um Flußübergänge sind Tausende von Schlachten geschlagen worden. Die Blutströme, die den Rhein, die Donau, den Po oder Ebro hinunterflössen, haben diese Flüsse der Geschichte denkwürdig, den darum streitenden Völkern aber nur immer teurer gemacht. Wenige Erdstellen vergleichen sich ihnen an Größe der Erinnerungen. Und ebensowenig soll damit geleugnet sein, daß das Wasser, sei es im stehenden oder fließenden Zustand oder als Sumpf, zeitweilig ein vortreffliches Schutzmittel gegen feindliche Überfälle bietet. Diese seine Eigenschaft ist schon im vorgeschichtlichen Altertum verwertet worden.   Sümpfe wirken noch schützender als Wasser, denn sie zeigen dem Menschen gegenüber eine gewisse schwer verschiebbare Trägheit oder Passivität, die ihrer Mittelstellung zwischen dem Festen und Flüssigen der Erde entspricht. Sie entbehren sowohl der sicheren Festigkeit des Landes als auch der verkehrfördernden oder sogar beschleunigenden, das Leben der Menschen gleichsam verflüssigenden Beweglichkeit des Wassers. Ihre geschichtliche Rolle ist daher vorwiegend negativ. Sie wehren Völker vom Eindringen in ihre verräterischen Wälder und Moore ab und erhalten daher das Leben nicht bloß Elentieren, Auerochsen und anderen großen Tieren, die anderwärts ausgerottet oder verdrängt werden, sondern auch Völkerstämmen, welche die Möglichkeit gefunden haben, in ihnen Fuß zu fassen.   Je größer eine Landmasse ist, desto näher reicht sie an die anderen heran. Eurasien hat, eben wegen seiner Größe, die engsten Beziehungen zu Afrika, Amerika und sogar zu Australien, wählend Australien unter diesen großen am meisten isoliert ist. Im anthropogeographischen Sinne darf Europa nicht einer Weltinsel gleichgesetzt werden. Daß Europa als Erdteil ursprünglich aus anthropogeographischen Gründen unterschieden wurde, vermindert nicht den Irrtum einer solchen Gleichsetzung. Der Begriff ist mittelmeerischen, also beschränkten Ursprungs. Aus dem Gegensatz der West- und Ostgestade des Ägäischen Meeres hervorgewachsen, den die Griechen unter dem Einfluß der Perserkriege in die graue Vorzeit der trojanischen Kriege zurückversetzten, hat er immer einen politischen Charakter gewahrt. Daher das »eigentliche« Europa; das westliche haben erst die Römer dem engen Europa der Griechen zugefügt. Man darf nicht übersehen, daß Europa als besonderer Erdteil wesentlich auf der Lage und Gestalt beruht. Es ist kein so selbständiges Naturgebiet wie die Weltinseln. Die anthropogeographisch wichtigste Tatsache in der Lage der Landmassen ist die inselarme Kluft, die der tiefe und stürmische Atlantische Ozean zwischen die Ost- und Westhälfte bei Erde legt.   Ein gewisser Zusammenhang zwischen den großen Landmassen und den Hauptgebieten der Lebensverbreitung ist vorauszusehen. Diese Landmassen sind in einzelnen Teilen von hohem Alter und ebenso sind es die zwischen ihnen liegenden Meerestiefen. Australien, das älteste und eigentümlichste Gebiet der Tierverbreitung, ist das beste Beispiel dieses Zusammenhanges. Aber Australien ist von allen den großen Landmassen die abgeschlossenste, inselhafteste. Anders ist das Verhältnis, wo die Landmassen näher zusammentreten, besonders auf der Nordhälfte der Erde. Dort haben wir die Zirkumpolargebiete der Pflanzen- und Tierverbreitung, die vom Pol bis in die Tropen reichen, durch alle drei Norderdteile ziehen und noch in die angrenzenden Gebiete der Süderdteile Afrika und Südamerika hineinreichen. Die Nord- und Süderdteile sind hydrographisch, klimatologisch und biogeographisch voneinander verschieden. Und so ist denn folgerichtig auch ein anthropogeographischer Gegensatz vorhanden, der in der Rassen verteilung zum Ausdruck kommt. Anthropogeographisch liegt der Fall ganz klar: Europa und Asien sind ein großes Gebiet kaukasischer und mongolischer Rassen, dem nach Osten hin die Gebiete der amerikanischen und malayo-polynesischen Rasse sich anschließen und zwar in allmählichem Übergang, so daß die Indianer von Nordwestamerika ähnlicher sind den Völkern Nordostasiens als den Indianern des Innern. Die Grundzüge des Baues der Erdteile kommen in den Völkerbewegungen zum Vorschein. Der einfache Bodenbau gibt den Völkerbewegungen einen Zug von Einfachheit und Größe, die Mannigfaltigkeit des Bodenbaues prägt den Völkerbewegungen einen verwickelten und zersplitterten Charakter auf. In jener Einfachheit kann geschichtliche Armut liegen, und aus dieser Verwickeltheit kann geschichtlicher Reichtum hervorgehen. Schon lange ehe man imstande war, die Wirkungen Afrikas auf die Völkerbewegungen abzuschätzen, hat man die Lage, Gestalt und Bodengestaltung Afrikas für einfacher, ärmer an geschichtlichen Unterschieden und belebenden Gegensätzen gehalten, als die Bodengestalt Asiens.   Halbinseln bilden nicht nur morphologisch den Übergang vom Festland zu den Inseln, sondern es ist auch erdgeschichtlich dieser Übergang nachzuweisen: Inseln sind durch Verschwemmung oder Hebung des sie vom Festlande trennenden Meeresarmes mit dem Festlande verkittet worden und dadurch wurden sie zu Halbinseln. Dann bleibt ihnen noch die Sonderart der Inselnatur. Wenn die Halbinsel Schantung sich als isoliertes Gebirge mitten aus flachstem Tieflande erhebt, so ist es der alte, jetzt verlorene Inselcharakter, der darin sich ausspricht. Und wenn das südliche Vorderindien in so manchen Beziehungen an Madagaskar und Südafrika anklingt, liegt nicht hier die durch Ankittung ans Festland verlorene, aber in Spuren noch wohlerkennbare Inselnatur zugrunde?   Inseln bieten im allgemeinen für das Studium der Verbreitung des Lebens günstige Gelegenheiten. Von beschränkter Ausdehnung und unzweifelhaften Grenzen, zeigen sie immer eine beschränktere Lebewelt als die Kontinente. Die geschichtliche Stellung der Inselvölker ist zunächst durch das Merkmal der Absonderung bezeichnet. Völkern, welche aus sich selbst heraus sich auf dem Wege zu höherer Kultur weiter zu fördern vermögen, ist die Absonderung günstig, weil sie ihnen erlaubt, ihre Kräfte ungehindert zu entfalten. Hauptsächlich erspart sie ihnen die Verheerungen und Störungen der Kriege, welche auf dem Festlande manchem von Feinden umgebenen Volke niemals die Möglichkeit ruhiger Entwicklung seiner Kulturgaben gestatteten. Es genügt, in dieser Beziehung an die Engländer, die Japaner, die Singhalesen Ceylons zu erinnern, die unter ganz verschiedenen geschichtlichen Einflüssen selbständige und hochgediehene Entwicklungen unter dem Einflusse des Schutzes insularer Lage zeigen. Die Insel schließt nicht nur ab, sie schließt auch zusammen. Und diese Zusammenschließung verstärkt alles Gemeinsame der Inselbewohner. Es entsteht ein Übergewicht der geographischen über die ethnographischen und besonders die Sprachverhältnisse, wofür Irland das merkwürdigste Beispiel bietet. Unter allen wechselnden Schicksalen hat Irland das insulare Merkmal der Selbständigkeit sich bewahrt. In größerem Maße gilt es von Großbritannien und von Nippon, deren Bewohner von ihren festländischen Verwandten weit verschieden sind. Die Engräumigkeit treibt zur Auswanderung, die gerade von kleinen und kleinsten Inseln in besonders großem Maße sich ergießt, sei es nun, daß sie dauernd und koloniengründend wird, sei es, daß sie eine rege Schiffahrtstätigkeit nährt. In beiden Beziehungen zeichnen sich besonders kleine küstennahe Inseln vor dem nächsten Festland oder vor größeren Gruppen aus. Von dem Offenstehen der Inseln für Zuwanderung und fremde Einflüsse legt die Tatsache Zeugnis ab, daß, während Festlandbewohner sich gewöhnlich als Autochthonen bezeichnen, die Überlieferungen der Inselbewohner stets mit Einwanderungen beginnen. Gebirge Die mittleren Höhen der Erdteile verdeutlichen uns den Durchschnitt der Lebensbedingungen der Völker der Erdteile, soweit sie von den Höhen abhängen. Die 660 m der mittleren Höhe von Afrika zeigen uns in einer einzigen Zahl die Hochlandnatur, während sich in den 300 m und 310 m der mittleren Höhe Europas und Australiens das Übergewicht des Tieflandes ausspricht. Niemand wird also zweifeln, daß diese Zahlen mit Nutzen verwendet werden können zur Gewinnung eines Urteiles über die anthropogeographische Bedeutung des Bodens dieser Länder. Allerdings mahnen uns die Zahlen 650 m für Nordamerika und Südamerika, nichts weiteres von ihnen zu fordern als eine allgemeine Andeutung; denn sie sagen nur, wieviel Masse da ist, nicht aber, wie die Masse verteilt ist. Auch die 1100 m des aus dem größten Tiefland und den größten Hochländern zusammengesetzten Asien erteilen dieselbe Lehre.   So wie die Hochländer ihre Höhenzonen des Pflanzenlebens haben, ziehen auch Höhenzonen des Völkerlebens an ihnen entlang.   Die ganze Erde zerfällt für die Menschen in tiefere und flachere Gebiete, die die Bewegungen erleichtern, und in Erdhebungen, die sie erschweren. Der Mann des Gebirges kann kaum einen Schritt machen, ohne zu steigen. Sein Körper wird gestählt, ohne daß er es will oder weiß. Aber auch seinem Geiste werden vielfach ganz neue Aufgaben gestellt. Der Hirte, Jäger, Holzfäller muß im Gebirge Mut und Ausdauer bewähren. Dazu kommt jene befreiende Wirkung des Angrenzens an die menschenleeren oder anökumenischen Gebiete der Gletscher, Felsen, Matten und Hochwälder, die vergleichbar ist der Wirkung tiefer Wälder oder des Meeres auf ihre In- und Anwohner. Die Seele entwickelt sich im Verkehr mit der Natur freier und selbständiger als im abschleifenden Verkehr mit Menschenmassen. Sie verflicht sich mit allen Fasern in ihre Umgebungen und gewöhnt sich nicht leicht in neue. Enges Beisammenleben in den heimlich umschlossenen Tälern nährt bei ihm die Heimatsliebe wie bei keinem anderen, während die große Einsamkeit die religiösen Gefühle lebendig erhält. So sehen wir im Gebirgsbewohner einen gestählten, fleißigen, aufgeweckten, heimat- und freiheitsliebenden, frommen Menschen, dessen überlegenem Können und Wollen nicht selten die Herrschaft über weit umliegende Tiefländer zufiel. Auch das Hochgebirge Japans hat eine den Jägern, Holzknechten und Hirten unserer Alpen ganz ähnliche Klasse ungewöhnlich starker und ausdauernder Menschen entwickelt, deren Geschäft die Jagd auf das große Wild der Berge ist, der sie auf Schneeschuhen und mit Steigeisen obliegen. Um diese Überlegenheit, die den einzelnen zufällt, oder besser, die die einzelnen sich erringen, geschichtlich wirksam werden zu lassen, fehlt oft nur der Raum, auf dem die einzelnen ihre Kräfte zu großen Wirkungen vereinigen könnten. Die meisten Gebirge zersplittern. Wo Gebirgsvölker mit großen geschichtlichen Wirkungen hervortreten, geschieht es in der Regel durch Hinausgreifen über den Fuß des Gebirges. Bei den umherwandernden Hirten und Jägern des Gebirges fehlt leicht die Stetigkeit und der Zusammenschluß.   Hochebenen in warmen Ländern erfreuen sich einiger Vorteile der Gebirgsnatur, ohne daß sie die Ansammlung großer Bevölkerungen ausschließen. Die wenigsten Hochebenen sind reine Ebenen. Das bedeutsamste Beispiel für die Wirkung der Hochebene auf das Völkerleben bleibt immer jene Kette von Kulturen auf den amerikanischen Hochebenen von Neumexiko durch Nordmexiko, Unahuac, die Mizteka bis Yucatan, und dann von Kolumbia über die ganze Andenhochebene Südamerikas bis in das heutige Bolivien. Keines von den Waldländern, deren Erde von Fruchtbarkeit schwillt, hat in Südamerika eine Kultur erzeugt, aber auch keines von den Steppenländern des Ostens in Innerbrasilien und am La Plata. Nur die zusammenhängenden, hochgelegenen, steppenhaften und doch wohlbewässerten Ebenen des Andenrückens vermochten es. Im Norden und Süden, im Osten und Westen von Barbarei umgeben, blühte diese Kultur nur auf der Hochebene, soweit diese in den warmen oder gemäßigt warmen Zonen hinzieht, und sehr beschränkt sind die Striche des Tieflandes, welche sie in sich aufgenommen hat.   Gebiete, die ohne eigenen Wert und Anziehung sind, verhalten sich in der geschichtlichen Bewegung wie Meere und Wüsten, sie sind nur Durchgangsgebiete , die man so rasch wie möglich durchmißt oder, wenn es möglich ist, umgeht. Daher liegen Gebirge so oft als passive Gebiete mitten in den geschichtlichen Ländern und lassen ihre Bewohner erst geschichtlich werden, indem sie über den Gebirgsrand hinausdrängen.   Der Eintritt in die niedrigeren, bewohnbarsten, menschlich wichtigsten Teile der Gebirge wird durch die Tatsache der Stufenländer in hohem Grade erleichtert. Die kulturgünstigsten Eigenschaften der Ebenen setzen in den sanft ansteigenden und häufig Stufen bildenden Übergangs- oder Stufenlandschaften zum Gebirg sich fort und erlangen einige der Vorteile des Gebirges zugleich mit den meisten der Ebene, wozu in wärmeren Klimaten noch jene bereichernde Mannigfaltigkeit der Höhenstufen der Vegetation kommt. Die Alpen haben nicht für immer die Römer in der Ausbreitung nach Norden und Westen gehemmt, die Vindhyakette hat nur vorübergehend die Arier aufgehalten; aber verzögernd und ablenkend haben diese Erhebungen immerhin gewirkt. Alle Bewegungen vom Mittelmeer nach Mitteleuropa wurden durch die Alpen westlich abgelenkt. Die Verbreitung der Romanen in Süd- und Westeuropa um den Süd- und Westrand der Alpen ist dadurch ebenso gegeben, wie die der Arier am Fuß des Himalaja und die alte Verbreitung der Germanen um die Ränder des böhmischen Kessels.   Bei geschichtlichen Bewegungen, die weite Wege gehen, kommt der Bau ganzer Länder erschwerend oder erleichternd in Betracht. Es kommt dabei auf das Verhältnis dieser Länder zu ihren nächsten Nachbarn an. Zwischen Gebirgen von 8000 und 7000 m sind die Pamir, Hochflächen von 4000 m, ein uraltes Durchgangsland. Zwischen Nordamerika und Südamerika ist Mittelamerika mit seinen drei Landengen und Depressionen ein Durchgangsland. Das Vogtland, ein hügeliges Hochland von 500 m mittlerer Höhe, ist Durchgangsland zwischen Erzgebirg und Thüringer Wald. An sich können solche Länder dem Verkehr erhebliche Schwierigkeiten bereiten, im Verhältnis zu ihren Umgebungen bieten sie ihm Erleichterungen. In dieser Beziehung verhalten sie sich wie die Gebirgspässe, die ebenfalls oft schwer ersteigbar sind, aber immer noch leichteren Durchpaß gewähren als die rechts und links sie einschließenden Kämme.   Die meisten Gebirgsgrenzlinien sind von natürlich ungerechter Art, die die Völker zu beiden Seiten sehr ungleich stellen, indem sie die Schranke dem einen öffnen, welche für das andere so gut wie verschlossen ist. So ist die Alpengrenze zwischen Frankreich und Italien, so die Pyrenäengrenze, die zwei- bis zweieinhalbmal so weit vom französischen Abhang entfernt ist als vom spanischen, so ist die Erzgebirgsgrenze zwischen Böhmen und Sachsen. So ist aber auch in größerem Maße der steile und kurze Himalajaabfall nach Indien rascher überwunden als der langsame nach Tibet zu.   Die von A. von Humboldt in die Wissenschaft eingeführten und von Sonklar vervollkommneten Begriffe der Paß- und Kammhöhe sind unmittelbar geschichtlich anwendbar. Nicht die Gipfel, an denen nur selten einmal ein Jäger oder Tourist seinen Mut beweist, sondern die Kämme, die dieselben miteinander verbinden, und die tiefsten Stellen der Kämme, die Pässe, sind das im großen menschlich Bedeutende am Gebirg. Im Paßreichtum liegt die Zugänglichkeit und Durchgänglichkeit eines Gebirges; in der Paßarmut liegt die Steigerung eines einzelnen Passes zu weltgeschichtlicher Bedeutung: Khaiberpaß. Die Pässe sind ungemein ungleichmäßig verteilt. Das Volk, das einen Gebirgsübergang umfaßt, zieht zunächst Einfluß aus der Beherrschung des Verkehres, der diesen Weg benutzt. Kleinere Völker werden zu Paßvölkern, indem sich die ganze Staatsbildung auf die Ausnutzung dieses Vorteiles beschränkt und die Gelegenheiten zur Ausbreitung ungenutzt läßt, die sich auf beiden Seiten darbieten.   »Die Geschichte der Gebirgsvölker wogt in den Tälern wie ihre Flüsse oder liegt so still darin wie die Spiegel ihrer Alpenseen.« Was wir im Schutze der Gebirge sich entfalten und erhalten sehen, das gehört den Tälern an. So wird also für das Völkerleben vor allem die Frage wichtig, wie die Talgliederung eines Gebirges beschaffen sei. Einbruchstäler , Gräben, gehören zu den größten und wirksamsten Vertiefungen in der Erdrinde. Wo sie im festen Lande eingesenkt sind, trennen sie als Flußtäler, wie am Oberrhein, als Behälter von Seen, wie das Tote Meer, oder als Vertiefungen, die teils trocken liegen, teils Flüsse und Seen enthalten, große Landschaften.   Die Gebirge erscheinen aus einem großen geschichtlichen Gesichtspunkte als Defensivstellungen , ebenso wie Meere und Steppen Stätten großer Offensivbewegungen, weitreichender Unternehmungen sind. Selbst die große und wundervolle Geschichte der Schweiz ist die einer höchst geschickten Defensive, die ihrer Verteidigungsstellung zuletzt selbst durch europäische Verträge Anerkennung erzwang. Ganze Völker haben sich in schützende Gebirgsfesten zurückgezogen oder ein letzter Rest hatte dort inmitten der ihn zurückdrängenden und ihre Peripherie gleichsam benagenden Völkerfluten den letzten Halt gefunden. Die Lage mancher Völker in ihren Gebirgen ist auch heute noch die von Belagerten, deren Wege nach außen in jedem Taleingang von ihren sie umschließenden Nachbarn bewacht werden.   Die Hochgebirge sind Fundgruben alter Sitten . Die natürlichen Schlupfwinkel, die Möglichkeit des Rückzuges in kaum bewohnte Teile begünstigen die Erhaltung in den Gebirgen. Wächst die Bevölkerung an, so muß erhöhte Arbeit die Armut des Bodens und die Ungunst des Klimas ausgleichen, und nicht umsonst sind hochentwickelte Hausindustrien besonders in Gebirgsländern heimisch: Uhrmacherei im Schwarzwald und Jura, Spitzenklöppelei im Erzgebirge, Metallarbeiten bei den Kaukasus- und Schanvölkern, Glasbläserei im Böhmischen und Bayrischen Wald, Weberei bei den Kaschmiri. Wohl blüht mitten in der Armut und Arbeit dieser Gebirgsbewohner noch so manche poetische Blume auf. Aber die Beziehung dieser Dichtwohnenden zum Gebirg ist doch ganz anders als bei denen, die als Ackerbauer und Hirten im Gebirge sitzen. Sie müssen sich oft von ihrer Scholle lösen, die ihnen den Lebensunterhalt nicht mehr gewährt, oder ziehen periodisch hinaus in reichere Länder, um ihre Erzeugnisse abzusetzen. Auf dieser Armut beruht denn auch die Expansion der Gebirgsbewohner. Ein gewisser Wandertrieb gehört zu den bezeichnendsten Merkmalen vieler Gebirgsvölker und erlangt bei einigen eine ungewöhnliche Bedeutung für das ganze Leben des Volkes. Tiefland, Steppe, Wälder Im Tiefland haben nur Ebenen und niedrige Hügel- und Plattenländer Raum. Daher sind die Gleichförmigkeit der Lebensbedingungen, die Grenzlosigkeit, die Anregung zum Wandern im Gegensatz zu den Gebirgs- und höheren Hügelländern die bezeichnenden anthropogeographischen Merkmale der Tiefländer. Und ebenso haben wir in der politischen Geographie im Tiefland Staaten von rascher Ausbreitung bis zu Grenzen, die mehr von der Fähigkeit der Raumbeherrschung als von den Formen des Bodens abhängen. Wo die Völker in derselben endlosen Ebene mit ihren Feinden wohnen, wie Dahlmann von den Sachsen sagt, muß der weite Raum die Gewähr der Selbständigkeit bieten, für die die Bodenformen nicht genügen. Daher der Trieb der Ebenenvölker zur Ausbreitung und zum Zusammenschluß, daher die erfolgreichen Vernichtungskriege starker Völker gegen schwache in Tiefländern und infolgedessen weite Verbreitungsgebiete einzelner expansiver Völker in denselben. Während der Hirte sich durch Wanderungen ungünstigen Verhältnissen entzieht, ist der Ackerbauer in der Steppe auch dadurch ungünstig gestellt, daß er die Wechselfälle des gegensatzreichen Steppenklimas über sich ergehen lassen muß. Die Schwierigkeit des Anbaus liegt in diesen Gegenden hauptsächlich in der Wasserarmut, die immer nur schwer und in beschränktem Maße durch Kanalanlagen zu beheben ist, und niemals ganz unabhängig gemacht werden kann von der unberechenbaren Ungleichmäßigkeit der Niederschläge. Daher steht auch die sorgfältigste Kultur auf dieser schmalen, von Natur beständigem Schwanken ausgesetzten Basis immer unsicher. Zehrt sie sich doch oft genug selber auf! Im persischen Reich entsprach der Gegensatz zwischen Unterworfenen und Widerstrebenden fast durchaus dem zwischen Kulturland und Wüste; die medischen Gebirge umschlossen stets widerspenstige Ununterworfene. So waren auch in China, in Mesopotamien, in Ägypten die Grenzsteppen und ihre Völker der unüberwindbare Gegensatz zu aller stetigen Kulturentwicklung. Man weiß, wie tiefe Spuren er in dem politischen Leben und den Geisteserzeugnissen dieser Völker hinterlassen hat.   Ackerbauern und Nomaden , einander unähnlich, sowohl der Lebensweise als dem Charakter nach, sind von der Natur bestimmt, einander fremd zu bleiben und sich gegenseitig zu hassen. Wie für den Chinesen ein ruheloses Leben voller Entbehrungen, ein Nomadenleben, unbegreiflich und verächtlich war, so mußte auch der Nomade seinerseits verächtlich auf das Leben voller Sorgen und Mühen des benachbarten Ackerbauers blicken und seine wilde Freiheit als das höchste Glück auf Erden schätzen. Dies ist auch die eigentliche Quelle des Kontrastes im Charakter beider Völker; der arbeitsame Chinese, welcher seit unvordenklichen Zeiten eine vergleichsweise hohe, wenn auch eigenartige Zivilisation erreicht hatte, floh immer den Krieg und hielt ihn für das größte Übel, wogegen der rührige, wilde und gegen physische Einflüsse abgehärtete Bewohner der kalten Wüste der Mongolei immer bereit zu Angriffen und Raubzügen war. Beim Mißlingen verlor er nur wenig, aber im Falle eines Erfolges gewann er Reichtümer, welche durch die Arbeit vieler Geschlechter angesammelt waren.   Steppe und Meer in ihrer einförmigen Schrankenlosigkeit sind gleich geeignet, große und schwer erreichbare Eroberervölker zu zeugen, deren größte Stärke eben oft nur die Unmöglichkeit ist, sie in ihren Räumen zu erreichen. Sehr lehrreich ist in dieser Richtung die gleichzeitige Bedrohung des karolingischen Reiches durch scythische Land- und germanische Seenomaden, an welche jenes zu einer Zeit rechts und links Tribut zu zahlen hatte. See- wie Steppennomaden sind mit ihrem festen Zusammenhalt, ihrer starken Offensivorganisation, ihrer Fähigkeit, zu befehlen und zu herrschen, auf der ganzen Kette der zwischen Meer und Steppe vom Ostrand Asiens um den Süden und Westen der diesseitigen Landmasse herum einen »Kulturgürtel« bildenden Staaten als politische Gärungserreger und Staatengründer immer wieder hervorgetreten.   Bei vielfältigen tiefen Beziehungen des Menschen zum Walde ist die Behinderung nicht so sehr der individuellen Bewegung als des Raumes, für unmittelbare Bodenausnutzung, so entscheidend, daß überall der Wald der energisch fortschreitenden Kultur zum Opfer fällt. Unmittelbare Schlüsse aus dem Grade der Entwaldung auf die Kulturgeschichte bestimmter Regionen kann man natürlich nicht ziehen. Die Gefahr ist zu groß, daß man unscheinbar und doch mächtig wirkende Faktoren der Entwaldung übersieht, wie z.B. Klimaänderungen. Über die Einzelheiten der Beziehungen zwischen Wald und Klima ist die Wissenschaft sich noch nicht vollkommen klar. Aber es genügt allein schon der unbezweifelte günstige Einfluß des Waldes auf die Festhaltung des Humusbodens samt seiner Feuchtigkeit, und endlich der wirtschaftliche Nutzen, um die vernünftige Waldwirtschaft zu einer großen wirtschaftlichen und allgemein kulturlichen Aufgabe zu stempeln. Auch andere Kulturen, wenn sie nur träg fortschreiten, sind oft dem Walde günstig.   Es treten Völker in so enge Verbindung mit dem Wald, daß die Natur des Waldes sich in ihr ganzes Dasein verflicht. Dadurch entstehen Völker und ganze Kulturformen, die man sich nur mit einem mächtigen überschattenden Walde als Hintergrund denken kann. Nicht nur der brasilianische Waldindianer und der innerafrikanische kleine Buschjäger gehören zum Wald und verschwinden mit ihm, auch ein großer Teil nordamerikanischer und nordasiatischer Jägervölker gehören dem Wald an, und germanische Stämme sind unmittelbar aus dem Wald in die Geschichte eingetreten. Der Wald zersplittert solche Völker in kleine Völkchen, läßt keine starke politische Organisation aufkommen, erschwert den Verkehr, hält die Entwicklung des Ackerbaues und der Viehzucht auf. Wie mächtig das Gegenteil dieser lebendigen Mauern, nämlich die einförmige, niedrige, keine Bewegung hemmende Grassteppe auf die großen geschichtlichen Bewegungen einwirkt, zeigt uns die Betrachtung über das Tiefland. Nicht zu zählen sind die Beispiele von einzelnen Pflanzen- und Tierarten, die in dem Kampfe des Menschen mit der Steppe und dem Walde, in dem Ringen des Menschen um Nahrung untergegangen sind.   Unter dem, was die lebende Natur dem Menschen an Gaben bietet, ist nicht der Reichtum an Stoffen, sondern der an Kräften oder, besser gesagt, Kräfteanregungen am höchsten zu schätzen. Die Gaben der Natur sind für den Menschen am wertvollsten, die die ihm innewohnenden Quellen von Kraft zu dauernder Wirksamkeit erschließen. Auch wo die Üppigkeit einer reichen Natur nicht unmittelbar durch ihre Überschüttung mit Gaben, die anders zu erarbeiten wären, die Tatkraft des Menschen schwächt, lähmt sie dieselbe durch ihr rasches wucherndes Wachstum , das seine Felder, wenn sie kaum gelichtet sind, mit überwältigendem Unkraut überzieht, und ebenso seine Kulturspuren, seine Ruinen usw. in Kürze in neuem Leben wie überflutet untergehen läßt. Es ist die Frage aufzuwerfen, inwieweit eine kärglichere Natur anregend, belebend auf die Tätigkeitstriebe der Völker zu wirken imstande sei. Kulturfähiger und siedlungsfeindlicher Boden Die Frage der Kulturfähigkeit eines Bodens gehört zu den schwierigsten; bis heute ist sie für viele Länder der Erde nicht gelöst. Unter- und Überschätzung stehen einander noch schroff gegenüber. Unter allen Anregungen, welche von der Natur auf den Menschen geübt werden, müssen bei seiner notwendigen und tiefgehenden Abhängigkeit von der organischen Natur am heilsamsten die sein, welche diese Abhängigkeit dadurch mildern, daß sie so viel wie möglich von dem unvermeidlichen Bande, das den Menschen mit der übrigen Lebewelt verknüpft, in seine eigene Hand geben, und daß er sein Denken und seine Tätigkeit in dasselbe hineinwebt. Der Weg dazu liegt in der Aneignung nützlicher Pflanzen und Tiere durch Ackerbau und Viehzucht, die die größte Befestigung und Mehrung des Kulturbesitzes bedeuten. Die Frage: Wie ist es möglich, daß die erste Grundbedingung der Kultur, nämlich die Anhäufung von Kulturbesitz in Form von Fertigkeiten, Wissen, Kraft, Kapital sich verwirkliche? hat man längst damit beantwortet, daß der erste Schritt dazu der Übergang von der vollständigen Abhängigkeit von dem, was die Natur freiwillig darbietet, zur bewußten Ausbeutung ihrer für den Menschen wichtigsten Früchte durch Ackerbau oder Viehzucht sei. Während die große Mehrzahl der wasserlebenden Pflanzen und Tiere, die der Mensch in seinen Nutzen gezogen hat, entweder sehr beweglich oder von ursprünglich weiter Verbreitung ist, sind die viel wichtigeren nutzbaren Pflanzen und Tiere des Landes durchschnittlich beschränkt in ihrem Vorkommen, und es wird daher die Frage nach der Ausstattung der Länder mit nutzbaren Pflanzen und Tieren zu einer der wichtigsten Vorfragen in jeder Beurteilung ihrer Kulturfähigkeit. Offenbar liegt in dem Bestreben der Natur der Steppe , Nährstoffe in den ausdauernden Pflanzenteilen, vorzüglich in den Wurzeln, Zwiebeln und Knollen anzuhäufen, um dadurch die Gewächse selbst vor völligem Verdorren zu schützen, etwas, das dem Bedürfnis des Menschen nach Nahrung in dieser armen Natur entgegenkommt. Daher der verhältnismäßig große Reichtum der Steppe an Nährpflanzen. Es ist wahrscheinlich, daß man einst in dieser Tatsache eine der Ursachen der großen historischen Bedeutung der Steppengebiete erkennen wird, wenn es nämlich gelingt, die Vermutung zu bestätigen, daß auch die Stärkemehlanhäufung in den Samen gewisser Grasarten, deren Namen »Getreide« man bloß auszusprechen braucht, um an eine der stärksten Stützen der Kultur zu erinnern, mit den Wachstumsbedingungen der Steppe in Zusammenhang stehe. Oder sollte es Zufall sein, daß unsere wichtigsten europäischen Getreidearten bis auf den Buchweizen herab, und daß in Amerika Mais und Kinoa auf Steppengebiete als ihre Heimat hinweisen? Hingegen dürfte vielleicht allgemein zu bemerken sein, daß übermäßig feuchte Klimate, die weder jener aufspeichernden, noch dieser mit Sonnenkraft sublimierenden und destillierenden Wirkung günstig sind, sondern mehr auf üppige Entfaltung der rein vegetativen Organe hinwirken, dem Menschen am wenigsten wahrhaft wichtige Nahrungsmittel zu bieten haben, wie denn in deren üppig wuchernden Urwäldern, seien es so mannigfaltige wie in Guyana, oder so einförmige wie in Sitka, das Tierleben gleichfalls nicht seine höchste Stufe von Reichtum erreicht. Indessen ist die Frage der natürlichen Ausstattung der Ländergebiete mit Nutzpflanzen und Haustieren längst nicht mehr bloß an bei Hand der Natur zu beantworten. Sondern durch die Verpflanzungen , die der Mensch vorgenommen hat, tritt ein geschichtliches Moment unabweislich in unsere Erwägungen mit ein, dem wir ganz im allgemeinen gerecht werden, wenn wir sagen: Erdteile, die vielerlei Naturgebiete in solcher Weise vereinigen, daß Übertragungen von einem zum anderen möglich waren, und welche vielleicht selbst mit den Wanderungen der Völker die ihrer Nutzpflanzen und Haustiere begünstigten, werden mit der Zeit einen größeren Schatz davon erhalten haben, als solche, die, ohne einseitiger begabt zu sein, durch ihre Lage isoliert waren. Von unseren Getreidearten sind Weizen und Spelz ursprünglich in Mesopotamien, Gerste in Armenien, Roggen und Hafer in Südosteuropa heimisch. Von diesen wichtigen Brotpflanzen sind Weizen, Spelz und Gerste vom Mittelmeer zu uns gekommen, während wahrscheinlich Roggen und Hafer ursprünglich von den alten Deutschen gebaut wurden. Hirse stammt in verschiedenen Arten aus Asien und Afrika und bildet in Afrika das Hauptgetreide; Mohrenhirse und Durrha ( Sorghum ) spielen in Zentralafrika dieselbe Rolle wie bei uns das Korn; oder wie in Amerika der Mais oder in China der Reis. Der Reis ist ein ursprünglich ost- oder südasiatisches Gewächs, dessen Hauptmasse noch heute in Ostasien und Hinterindien erzeugt wird, das aber auch in Amerika und Europa ein wichtiger Gegenstand des Ackerbaues geworden ist. Der Mais ist das Getreide Amerikas, wo er vor der Entdeckung durch die Europäer von Brasilien bis Massachusetts und von Chile bis Kalifornien angebaut wurde. Er ist jetzt in allen Teilen der Alten Welt angebaut, ist sogar in Süd- und Südosteuropa die wichtigste Nahrungspflanze des Volkes geworden. Amerikanische Getreidearten von nur örtlicher Bedeutung sind der Wasserreis ( Zizania ) und Kinoa ( Chenopodium ), ersterer eine Sumpfpflanze Nordamerikas, letztere auf der Hochebene Südamerikas angebaut. Buchweizen , die jüngste unserer Getreidepflanzen, stammt aus Nordasien oder dem östlichen Rußland und ist erst im Mittelalter bei uns eingeführt worden. Neben den Getreidepflanzen sind Knollen und Wurzeln zwar wichtige Nahrungsmittel, die in allen Teilen der Welt in Masse gegessen werden, aber nicht von der Kulturbedeutung wie Körnerfrüchte. Weder ihr Anbau noch ihre Zubereitung zwangen den Menschen zu den Erfindungen und Vorrichtungen die Ernte, Aufbewahrung und Zubereitung des Getreides erheischt. Man kann sich leicht denken, daß die Botokuden oder Australier Kartoffeln oder Bataten pflanzen, aber schwer ist es, sie sich als Getreidebauer vorzustellen. Man wird daher den Bau der Wurzeln und Knollen als eine um einen Grad niedrigere Kultur auffassen dürfen als den des Getreides und das um so mehr als ihr Nahrungswert ein viel geringerer ist. Die meisten Wurzeln und Knollen sind ursprünglich tropische und subtropische Produkte. Die Kartoffel ( Solanum ) ist in verschiedenen Teilen des mittleren und südlichen Amerikas heimisch. Ebenso Maniok ( Iatropha ), der ursprünglich scharf, giftig ist, aber durch Zubereitung mild wird. Er liefert ein Mehl, das als Tapioka, Cassave bekannt ist. Diese Pflanze hat im tropischen Afrika eine weite Verbreitung gefunden. Auch die Batate ( Connvolvulus ) ist amerikanisch, Nam ( Dioscorea ) dagegen asiatisch. Von weiteren Knollengewächsen stammen Topinambur ( Helianthus ) und einige Oxalisarten ebenfalls aus Amerika. Der Wurzelstock von einer Pteris Neuseelands ist eine der wenigen einheimischen Nährpflanzen des fünften Erdteils. Rüben, Rettich , Sellerie , Möhre , Spargel und Hopfen sind ursprünglich europäische Pflanzen. Zwiebel und Knoblauch sind in Westasien zu Hause. Zahllose Pflanzen liefern in ihren Blättern Gemüse und Salate. Bei uns gibt es kaum ein nicht entschieden giftiges Gewächs, das nicht in irgend einer Form gegessen wird oder wurde. Nur die Algen sind hier besonders zu erwähnen, die in den armen pflanzlichen Nahrungsschatz der Polarvölker eingehen. Blumen- und Blütenstauden werden vom Blumenkohl , der Artischocke , der Okra ( Hybiscus ) gegessen, Blattknospen von der Kohlpalme und den Kapern . Von stärkemehlreichen Flechten werden besonders in den Polarregionen die Renntierflechte und das Isländische Moos ( Cetraria ), in den mittelasiatischen Steppen die sogenannte Mannaflechte ( Parmelia ) gegessen. Von unseren Früchten sind Bohnen , Erbsen , Kichererbsen , Linsen asiatischen Ursprungs. Die Erdnuß ( Arachis ) ist wahrscheinlich brasilianischen Ursprungs. Die Gurken , Melonen , Kürbisse ( Cucumis ) sind Steppenfrüchte asiatischen Ursprungs, deren Schalen auch zu Geräten verwendet werden. Der berühmte Brotfruchtbaum ( Artocarpus ) stammt aus Südasien und von den Polynesischen Inseln. Die Zapotes , Chirimoyas und andere Anonaarten sind tropisch-amerikanisch. Die Persimonpflaume ist nordamerikanisch, ebenso die Tomaten ( Lycopersicum ) und der Melonenbaum ( Papaya ), die köstlichen Früchte des Mango ( Mangifera ) und der Mangustane stammen aus Indien, Litschi ( Naphelium ) aus China. In China wird auch die Zujuba ( Zizyphus ) viel gebaut. Die Agrumen ( Citrus ) sind indischen Ursprungs, Zitronen sind seit dem 4., Orangen seit dem 9. Jahrhundert in Europa kultiviert. Die Granate ( Punica ) kommt aus Westasien. Von unseren Obstarten finden sich Äpfel und Birnen schon in den Pfahlbauten; sie sind einheimisch im nördlichen Teil der Alten Welt. Mispel gehört Mittel- und Südeuropa an. Die Kirsche stammt aus Westasien, während die Pflaume wohl eine Bürgerin Europas ist. Aprikose , Pfirsich und Mandel sind westasiatischen Ursprungs. Von den eßbare Früchte tragenden Palmen ist die Dattelpalme ein Kind der altweltlichen Wüstenzone, während die Kokospalme kosmopolitisch in den Tropen zu sein scheint. Beerenfrüchte erlangen ihre größte Bedeutung im Norden sowohl Asiens und Europas als Amerikas. Moosbeere , Preißelbeere , Stachelbeere , Johannisbeere u.v.a. gehören alle nordischen gemäßigten Breiten an. Unser Weinstock ist in Westasien heimisch. Aber neuerdings sind auch amerikanische Arten in Nordamerika kultiviert worden, und auch Afrika hat Weinreben. Von den Erregungsmitteln ist der Kaffee ( Coffea ) arabischen oder abessinischen Ursprungs, kommt aber auch in Westafrika vor. Der Tee findet sich in China und Indien wild. Der Kakao ( Theobroma ) im nordöstlichen Südamerika, der Mate ( Ilex ) im südlichen, die Gurunüsse im Sudan, die Kawa in Polynesien. Es gibt kein Volk, das nicht ein oder das andere Erregungsmittel gebrauchte, und so werden selbst entschiedene Giftpflanzen zu diesem Zwecke benutzt. So der Fliegenschwamm von den Kamtschadalen, das Bilsenkraut von den Tungusen. Die Säfte einiger Pflanzen werden wegen ihres Zuckers in frischem oder gegorenem Zustande genossen. Von ihnen ist das Zuckerrohr indisch, die Zuckerhirse ( Sorghum ) afrikanisch, die Pulque liefernde Agave amerikanisch. Das Opium ( Papaver ) ist eine Erfindung der Alten Welt. Aus der Neuen stammt dagegen der Tabak , Koka ( Erythroxylon , die peruanisch, während Betel ( Piper ) asiatisch ist. Beide sind erregende Kaumittel. Von den eigentlichen Gewürzen kommen Gewürznelken und Muskatnuß von den Molukken, Safran aus Westasien. Spanischer Pfeffer , Chilli ( Capsicum ) aus Amerika, Pfeffer aus Südasien, Vanille aus Amerika, Zimt aus Südostasten, Cassia aus China. Von den Gespinstpflanzen kommt die Baumwolle ( Gossypium ) in verschiedenen Arten wild in den Tropen Alter und Neuer Welt vor, aber die Heimat der kultivierten ist wohl Indien. Jute ( Corchorus ) gehört ebenfalls Indien, Lein , Flachs ( Linum ) Europa, Neuseeländer Flachs ( Phormium ) Neuseeland, Chinagras ( Boehmeria nivea ) Ostasien, Hanf ( Cannabis ) Westasien, Manilahanf den Philippinen an. Von den Ölpflanzen gehören Euroopa der Nuß- und Buchenbaum , sowie der Lein, westasiatischen Ursprungs dürften Hanf , Mohn , Olive und Sesam sein. Der Talgbaum ( Croton ) ist in China heimisch. Von den Färbepflanzen gehört Krapp den Mittelmeerländern, Indigo in verschiedenen Arten Asien und Amerika, Rocella oder Orseille ( Färberflechte ) der Mittelmeerküste, Gummigurt ( Hebradendon ) Südasien, Henna ( Lawsonia ) Indien, Waid ( Isatis ) Mittel- und Nordeuropa an. Als zwei der wichtigsten arzneiliefernden Gewächse sind noch die Cinchona des nördlichen Südamerika und der Rhabarber ( Rheum ) Hochasiens zu nennen. Endlich stammt von Gummiarten und Harzen Tragant ( Astragalus ) aus den Mittelmeerländern, Weihrauch ( Boswellia ) aus Arabien, Gummilack ( Croton ) aus Indien und der Firnisbaum aus China. Als berühmte ausländische Nutzhölzer mögen das des Teckbaumes ( Tectonia ) Südostens, das Ebenholz ( Dospyros ) des tropischen Asien und Afrika und das Mahagoni Mittel- und Südamerikas genannt sein. Fügt man hinzu, daß unsere Schweine, unsere Rinder vorwiegend asiatischen, unsere Pferde und Esel asiatischen, unsere Katze afrikanischen, unsere Hühner indischen Ursprungs und unsere Schafe und Ziegen jedenfalls nicht einheimisch, wenn auch unbekannten Ursprungs sind, so muß man zu dem Schluß gelangen, daß es eigentlich die Akklimatisationsfähigkeit der Organismen ist, auf der unsere Landwirtschaft und Viehzucht und selbst ein Teil unserer Industrie und damit eben der größte Teil unserer wirtschaftlichen Kultur beruht. Nur ein kleiner Bruchteil unserer Bevölkerung vermöchte sich von den Pflanzen und Tieren zu ernähren, die bei uns einheimisch sind.   Die Umbildung des Menschen durch das Klima ist eine apriorische Annahme, die in gewissen Grenzen höchst wahrscheinlich ist, der man aber wegen der Natur der in ihr wirkenden Kräfte nur mit größter Vorsicht sich nähern sollte. Die Anthropologie zeigt uns zwei Wege der Wirkungen des Klimas auf den Menschen. Einmal wirkt es unmittelbar auf den einzelnen, auf ganze Völker, auf die Bewohner ganzer Zonen ein, beeinflußt ihr körperliches Befinden, ihre Stimmung und Geist, bis durch Akklimatisation , d.h. durch Anpassung an die klimatischen Bedingungen, ein Gleichgewicht zwischen den Bewohnern und dem Klima ihres Wohnsitzes vollendet ist. Das andere Mal wirkt es mittelbar, indem es die Lebensbedingungen der Völker beeinflußt, die nicht dem Klima angehören. Aber auch der Boden hängt in wichtigen Eigenschaften vom Klima ab, das hier Eis und Firn und dort fruchtbaren Humus schafft, hier Steppe, dort Wüste und dort Wald hervorruft. Beide Arten von Wirkungen treffen dann in politisch-geographischen Ergebnissen zusammen, die besonders deutlich im Wachstum der Staaten, in ihrer Dauer und Kraft sich bezeugen.   Insoweit die Verbreitung der Organismen eine Abhängigkeit vom Klima zeigt, ist sie eine räumliche Anpassung. Indem der Organismus nicht über bestimmte Schranken hinausgeht, unterwirft er sich einer Beschränkung, die nicht nur sein Lebensgebiet einengt, sondern auch seine Lebensbedingungen konzentriert. Dem Menschen ist keines der Klimate unserer Erde unerträglich, er gehört zu den anpassungsfähigsten organischen Wesen. Eine Karte der Linien mittlerer Jahreswärme oder Isothermen ist reich an geschichtlicher Belehrung. Wo die Linien auseinandertreten, haben wir weite Gebiete gleichförmiger Temperatur, wo sie sich zusammendrängen, liegen die Wärmeunterschiede hart nebeneinander. Das Zusammenrücken klimatischer Unterschiede belebt und beschleunigt den Gang der Geschichte an einer Erdstelle; rücken sie auseinander, dann erreichen sich die Gegensätze, die gleichsam gärungserregend wirken, nicht mehr in ganzer Stärke und ihre Wirkungen verflachen und verlaufen sich. Unterschiede des Volkscharakters, der Lebensweise, welche verschwinden, wo sie weit auseinanderliegen, werden ebenso auffallend wie folgenreich, wenn sie einander nahekommen, so daß sie sich innig berühren oder sogar durchdringen. Die Erde empfängt genug Wärme , um selbst in den Teilen ihrer Oberfläche organisches Leben erhalten zu können, denen weniger davon zufällt als allen anderen. Die Wirkung des sehr warmen Klimas auf den einzelnen Menschen, der nicht in demselben geboren ist, ist erschlaffend, nicht unmittelbar schädlich. Bei den hohen Sterblichkeitsziffern der Europäer in den Tropen ist wohl zu beachten, daß vernünftige gesundheitserhaltende Maßregeln die Sterblichkeitsziffer der in den Tropen lebenden Nordländer im Laufe des 19. Jahrhunderts außerordentlich vermindert haben. Abgesehen von der ermattenden Wirkung der Hitze und besonders der feuchten Hitze und dann wieder der Geringfügigkeit der Wärmeschwankungen, schadet er sich selbst durch massenhaftes Trinken von Wasser oder alkoholischen Getränken, durch langes und zu oft wiederholtes Baden, durch Trägheit, Genußleben. Man muß sich daher hüten, die Gefahren des Tropenklimas mit den Gefahren einer unregelmäßigen Lebensweise zu verwechseln. Und vorzüglich ist zu erwägen, daß der Europäer in den Tropen auch moralisch minder widerstandsfähig wird, was teilweise Sache der Erziehung ist. Am wenigsten Anpassungsfähigkeit zeigen die Germanen, deren Organismus einmal den tropischen Einflüssen in minderem Maße zu widerstehen scheint als der der südeuropäischen Völker, und die auf der anderen Seite durch ihre in der kalten gemäßigten Zone angeeigneten Sitten und Neigungen weniger zum Leben in den Tropen geeignet sind. Neben der Wärme ist die große Feuchtigkeit des Tropenklimas erfahrungsgemäß eine der schädlichsten Eigenschaften. Die Europäer wohnen unbelästigt in den heißen, aber nichtsumpfigen Teilen von Mexiko, und in den nordamerikanischen Golfstaaten sind immer die tiefstgelegenen und damit feuchtesten Striche die für den Weißen unbewohnbarsten, während er unter gleicher Breite in den wenig höheren, trockeneren Regionen sich heimisch zu machen vermag. Tiefgehende Wirkungen der strengen Kälte in der Polarzone auf das Innerste des menschlichen Organismus kennen wir nicht; wir sehen nur starke mittelbare Einwirkungen. Die früher allgemein angenommene Wirkung auf die Körpergröße, welche durch sie vermindert sein sollte, kann nicht mehr behauptet werden. Wo immer das Meer mit dem Land sich berührt, gehen mildernde Wirkungen auf das Klima des Landes von ihm aus. Die große Bedeutung des Meeres in der Geschichte der Menschheit verleiht dieser ozeanischen Milderung der Küstenstriche ein besonderes Gewicht. Ihr steht gegenüber das kontinentale Land der schroffen Temperaturgegensätze und Wüstenbildung. Der Einfluß der Meeresströmungen trägt am meisten zu der für den Menschen so wichtigen Verschiebung der Klimazonen bei. Dabei beobachten wir merkwürdige Unterschiede zwischen den beiden Halbkugeln. Das Zusammenneigen der Landmassen auf der Nordhalbkugel begünstigt die Wirkungen der warmen Äquatorialströmungen, die umgekehrt das Auseinandertreten der Landmassen auf der Südhalbkugel vermindert. Die meisten großen Völkerwanderungen , die die Geschichte kennt, haben sich aus kälteren nach wärmeren Regionen bewegt, so die dorische, die arisch-indische, die iranische, die gallische, die germanisch-slawische, die aztekische; und da diese alle auf der Nordhalbkugel unserer Erde stattgefunden haben, so ist ihnen auch im allgemeinen eine nordsüdliche Richtung zuzuerkennen. Die Lebensweise des Nordländers ist in der gemäßigten Zone fast immer häuslich, umsichtiger, sparsamer als die des Südländers. Der Nordländer ist nicht immer mäßiger als dieser, aber er muß seine Genüsse teurer bezahlen. Der Südländer kann sich mehr gehen lassen, braucht nicht ebensoviel zu arbeiten, nicht so peinlich für schlechte Zeiten vorzusorgen; aber gerade dadurch ist er den Wechselfällen schutzlos preisgegeben und als Arbeiter ist er bei billigerer Ernährung schlechter bezahlt. Dies zusammen mit der ihm eigenen Sorglosigkeit neigt zur Schaffung einer Armut, eines Proletariertums, das, wenn auch nicht leicht ertragen, doch immer degradierend ist. Es wirkt hoch hinauf und erzeugt eine Nivellierung nach unten, während umgekehrt bei uns der Adel der Arbeit auch die niederen Klassen höher hebt und tief hinab einen Zug von Selbstachtung sich verbreiten läßt, der auf große Teile des Volkes veredelnd wirkt. In den Unterschieden Zwischen kalten und gemäßigten Zonen ist die Folge und Dauer bei Jahreszeiten von hervorragendem Einfluß, und ganz besonders wichtig dürfte es sein, die Frage aufzuwerfen, ob das Klima eine dauernde Feldarbeit und überhaupt Arbeit im Freien möglich macht oder wie lange es dieselbe unterbricht. Kein Volk in einer hohen nördlichen Breite hat jemals den stetigen fortgesetzten Fleiß besessen, wodurch sich die Einwohner der gemäßigten Zone auszeichnen. Der Grund dafür wird klar, wenn wir bedenken, daß in den nördlichen Gegenden die Strenge des Winters und der teilweise Mangel des Lichts es dem Volke unmöglich machen, seine gewöhnliche Beschäftigung im Freien fortzusetzen. Die Folge ist, daß die arbeitenden Klassen, weil sie ihre gewöhnliche Tätigkeit abbrechen müssen, zu unordentlichen Gewohnheiten geneigter werden; die Kette ihrer Tätigkeit wird gleichsam zerrissen und sie verlieren den Trieb, den eine lang fortgesetzte und ununterbrochene Übung unfehlbar einflößt. Daraus entsteht ein Nationalcharakter, der mehr von Eigensinn und Launen hat als der Charakter eines Volkes, dem sein Klima die regelmäßige Ausübung seiner gewöhnlichen Arbeit gestattet. Wenn man diese mittelbaren mit den unmittelbaren Klimawirkungen zusammenfaßt, versteht man, wie selbst geringe Klimaunterschiede von großer geschichtlicher Wirkung werden können. Welche Menschenopfer haben die Kolonisationsversuche gerade dadurch gekostet! Ganz geringe Klimaunterschiede genügten hier zur Erzielung trauriger Effekte. Ich erinnere an das Mißlingen so vieler Versuche, Südrußland, speziell das untere Wolgagebiet, mit Nordrussen zu bevölkern, an die Sterblichkeit nach den ersten Besiedlungen des Banates mit deutschen Bauern, an die Schwierigkeiten, denen die Franzosen bei der Kultivation Algeriens begegnen. Die geschichtlichen Erfahrungen, über welche bis heute die Menschheit verfügt, stempeln ganz entschieden die gemäßigte Zone zur eigentlichen Kulturzone. Von der Verteilung der Wärme auf der Erde hängt die der Luftströmungen und der Feuchtigkeit ab. Die Wirkung der Feuchtigkeit ist mit ihr am nächsten und innigsten verbunden durch die gemeinsame Wirkung beider auf die Lebenstätigkeit. Die Feuchtigkeit durch Wärme in flüssigem oder dampfförmigem Zustand zu erhalten, ist Lebensbedingung. Wasserlose Ernährung, wasserlose Atmung sind Unmöglichkeiten. Keine Beweglichkeit ohne Feuchtigkeit. Daher unmittelbare Abhängigkeit der Verbreitung des Lebens von der Verbreitung der Niederschläge. Der für die geschichtlichen Bewegungen so wirksame Gegensatz von Steppe und Wald führt auf die Verteilung der Feuchtigkeit zurück. Die Wüste ist wesentlich eine klimatische Erscheinung. Überall, wo regelmäßige Winde wehen, tritt der Gegensatz von Luv- und Leeseite hervor, und sehr häufig sind dann die im Windschatten liegenden Gebiete zugleich auch im Regenschatten. Daher denn in Gebirgen und Inseln der schroffe Unterschied einer feuchten, vom Regenwind bestrichenen und einer trockenen, ihm abgewendeten Seite. Die Wirkungen des Wind- und Regenschattens sind nicht auf einzelne Landschaften beschränkt. Ganz Süd- und Ostafrika sind trocken durch die östlichen Randhöhen, die dem Südostpassat Feuchtigkeit entziehen. Da für ganz Indien der Südwestmonsun der wasserreichere ist, empfangen die Westghats die reichsten Niederschläge, ihr Hinterland gehört zu den trockenen Gebieten. Bedeutsamste Wirkungen übten die Winde auf den Verkehr aus. Niemand zweifelt, daß der Nordostpassat die Entdeckung Amerikas erleichtert hat, so wie die Nordost- und Südwestmonsune des Indischen Ozeans den ersten Verkehr der Griechen mit Indien und die äußersten Ausläufer des Nordostpassats, die Etesien des Mittelmeeres, den inneren Verkehr im Mittelmeer selbst begünstigt haben.   Fassen wir Veränderungen der Bewohnbarkeit der Erde ins Auge, so sind jedenfalls in erster Reihe Klimaverschiebungen zu erblicken. Das Leben war nicht immer so weit aus den Polargebieten zurückgedrängt, es bildeten die Länder, wo dem Menschen eine bequeme Ausbreitung gestattet ist, nicht immer einen von großen Meeresausbreitungen durchbrochenen Streifen in den größten Erdkreisen, in welche also die weitesten Wanderungen fallen, sondern sie traten im Norden nahe zusammen.   In dem Einfluß des Klimas auf die früheste Entwicklung der Kultur sind von der größten Bedeutung die Naturbedingungen, welche die Ansammlung von Reichtum vermöge der Fruchtbarkeit des Bodens und der darauf verwandten Arbeit gestatten.   Die Alten hielten einen großen Teil der Erde für unbewohnt und unbewohnbar; die bewohnte Erde war ihnen nur ein kleiner Teil des Planeten. Diesen Teil nannten sie »Ökumene« . War nun auch diese Vorstellung insofern unrichtig, als jene dem bewohnten Teil einen zu kleinen Raum anwiesen, so liegt doch in der Entgegensetzung einer bewohnten und unbewohnten Erde ein Gedanke von so großer Fruchtbarkeit, daß die irrtümliche Anwendung denselben nicht für immer wertlos zu machen vermag. Es ist dies vielmehr ein Grundgedanke, von welchem die Betrachtung der Verbreitung des Lebens, und nicht bloß des menschlichen, über die Erde jederzeit wird ausgehen müssen. Wenn auch der Mensch geistig die ganze Erde umfassen lernte und weit über ihre äußersten bewohnten Strecken hinausgeschweift ist, so bleibt doch zunächst die Erde, soweit sie innerhalb der Grenzen der Menschheit liegt, die, Erde des Anthropogeographen, und es ist eine wissenschaftliche Aufgabe, die man sich nicht bloß stellen kann, sondern die gelöst werden muß, den alten Begriff der Ökumene, der »bewohnten Erde« oder der Erde des Menschen besonders in die Diskussion anthropogeographischer Fragen einzuführen. Viel zu lange leidet unsere Vorstellung von dem Verhältnis der Menschheit zur Erde unter der unbescheidenen Annahme, daß der ganze Planet das Haus der Menschheit sei. Man überschätzt eine der wichtigsten natürlichen Bedingungen der Entwicklung der Menschheit, wenn man ihr die ganzen 509,93 Mill. qkm der Erdoberfläche als Wohnraum zuweist, wo sie doch nur über zwei Dritteile desselben sich wirklich verbreiten kann. Wem aber die Menschen als eine durch Lebensfäden alter oder neuer, kriegerischer oder friedlicher, geistiger oder stofflicher Beziehungen verbundene Gemeinschaft erscheinen, der sieht in dem Raum, den diese Menschheit bewohnt, wie ungleich und lückenhaft sie über denselben hin zerstreut sei, den gemeinschaftlichen Schauplatz dessen, was Geschichte im höchsten und umfassendsten Sinne genannt werden kann. Meere, die je von Schiffen durchschnitten, Wüsten, die je von Karawanen durchschritten wurden, faßt er in den Grenzen der Menschheit mit ein, und wenn er die Ökumene als einen Gürtel bestimmt, welcher die heiße Zone und die größere Hälfte der beiden gemäßigten und dazu einen Teil der nördlichen kalten Zone umfaßt, und die Quadratkilometerzahl zu etwa 420 Millionen angibt, d.i. gegen fünf Sechstel der Erdoberfläche, so hat er das getan, was, erstaunlich ist es zu sagen, die historischen Geographen bis heute vermieden haben zu tun. Er hat den Boden abgesteckt und ausgemessen, auf welchem die Menschheitsgeschichte sich abspielt, und hat zugleich die geographische Form des belebten, über alle Lücken zusammenhängenden Ganzen gezeichnet, welches wir Menschheit nennen. Zurückblickend finden wir die Lage und Ausdehnung der Ökumene in erster Linie bedingt durch die Verteilung des Landes über die Erdoberfläche. Der Mensch ist ein Landbewohner, das Wasser ist ihm ein fremdes Element, welches er nur zeitweilig zur Wohnstätte erkiest. Auf dem Lande wird er geboren, und wenn ihn irgendein starker Druck der Notwendigkeit auf das Wasser hinaustrieb, kehrt er jedenfalls zum Lande zurück in jener Zeit, in welcher die Menschen an ihre Gräber denken.   Mit Bezug auf die Massenbewegungen betrachtet, welche als eine allgemeine Eigenschaft der Völker aufzufassen sind, erscheint die Begrenzungslinie der Ökumene als die Schranke, welche von den wandernd sich drängenden Völkern nicht überschritten werden konnte, und bis zu welcher hin auch nur in Zeiten der Not und des Dranges Völkerwanderungen sich ausdehnen mochten.   In der Entwicklungsgeschichte der Ökumene nehmen zwei Völker des Stillen Ozeans eine hervorragende Stellung ein: die Polynesier und die Eskimo . Den Polynesiern fällt das größte Gebiet zu, welches irgendein Volk auf der Erde besitzt, fast ein Neuntel der Erdoberfläche. Die Eskimo aber sind dasjenige Volk, welches am weitesten an den Grenzen der Ökumene hin sich ausgebreitet hat. Die beiden sind die besten und unerschrockensten Schiffer unter den Naturvölkern und so, wie räumlich durch die Lage ihrer Wohnsitze im und am Stillen Ozean, auch in ihrem ethnographischen Besitze vielfach ähnlich. Es ist sehr merkwürdig, wie in den unsteten, weltwandernden, furchtlosen Eskimo ein zweites ozeanisches Volk, ein Spiegelbild der Polynesier unter minder glücklichem Himmel, aber sinnreich über das Maß ihrer drückenden Lebensbedingungen hinaus, erscheint, und wie das eine den Südrand, das anders den Nordrand der Ökumene in größerer Ausdehnung als irgendein anderes besetzt hat.   Columbus steht in den Ehrenhallen der europäischen Geschichte als der Entdecker Amerikas. Für die Geschichte der Menschheit ist er nur der erste, der in der Tropenzone von Osten her den Erdteil aufschloß und dadurch die Kluft des Atlantischen Ozeans in der Mitte überbrückte. Im Norden waren in gleicher Richtung die Normannen ein halbes Jahrtausend früher mit Erfolg vorangegangen, und daß phönizisch-karthagische Schiffe, die an der Westküste Afrikas wahrscheinlich bis zum Meerbusen von Guinea vordrangen, über den Ozean hin nach Westen verschlagen wurden, ist ebenso wahrscheinlich, wie auf der anderen Seite Amerikas das Verschlagenwerden japanischer Fahrzeuge und Mannschaften bis zur Mündung des Columbiastromes wohlverbürgte Tatsache ist. Amerika zeigt zwei Völker- und Kulturschichten, eine ältere asiatischen und eine jüngere europäischen Ursprungs, jene erreichte diesen Erdteil über den Stillen, diese über den Atlantischen Ozean.   Kein größerer Teil der Menschheit ist ein räumlich zusammenhängendes Ganzes, kein Volk wohnt lückenlos über sein Land hin. Überall gibt es leere Stellen in der Ökumene – sei es Wasser, Wüste, Wald oder Gebirge. Ländern, wie Persien, das zu mehr als der Hälfte Steppe und Wüste, Buchara, dessen Kulturland kaum ein Achtel des Areals beträgt, fehlte, wie sie sich auch ausbreiten mochten, stets der Rückhalt eines starken Bevölkerungskernes. Daher das Schwankende dieser Existenzen von so ungleichartigem Fundament: In Zeiten politischer Schwäche bieten die Steppen den Nomaden dieser Länder Rückzugs- und Ausfallsgebiete, in denen sie höchst gefährliche innere Feinde werden. Arabien ist noch entschiedener als Persien nur Oasenland, daher lagen stets die Schwerpunkte der politischen Gebilde, welche die Eroberung schuf, außerhalb der dünn und ungleich bevölkerten Halbinsel, wenn auch, vorsichtig gewählt, so nahe wie Kairo oder Bagdad. Die Oasen sind im anthropogeographischen Sinne den Inseln zu vergleichen. Bewohnt oder doch bewohnbar mitten im Unbewohnten auftauchend, sind auch sie kleine Welten für sich, zur dichten Bewohntheit, statistischen Frühreife, selbst Übervölkerung, dann Auswanderung geneigt, noch mehr abgeschnitten von der übrigen Welt, solange keine Karawane, hier das Schiff vertretend, eine Verbindung mit den bewohnten Ufern, den Ländern am Rande der Wüste, knüpft. Die Schiffskurse sind die bestimmten Wege der Karawanen. Der geschichtliche Charakter der Oasen-Länder liegt darin, daß die Natur weder dem Ackerbau noch dem Nomadismus das Übergewicht zugesprochen hat. Daher erfüllt der Kampf mit der Steppe und dem Nomadentum die Geschichte Irans und beschäftigt den Geist seiner Völker: Die ägyptische Religion ist auf die Natur des Nillandes, die persische auf den Anbau von Iran gegründet (Ranke). Die Ideen des Zend-Avesta erlangen etwas Autochthonisches, sie erscheinen naturgemäß in diesem aus Oasen und Wüsten bunt zusammengesetzten Lande.   In Küstentiefländern, wo Land und Meer sich ineinanderdrängen, nimmt das Streben nach Schutz und Landgewinn einen großen Teil der Kulturarbeit in Anspruch. Es ist ein unaufhörliches Ringen mit dem Meere, das ebenso erstaunlich durch seine Geduld – das ganze 15. Jahrhundert hat an dem 1492 fertiggestellten ersten 22 km langen Föhrer Deich gearbeitet – wie durch seine Kühnheit, und das eine ganze, höchst belebte Geschichte hat. Die Beschränkung des Waldes, welche im Interesse der Kultur liegt, artet leicht in einen Vertilgungskrieg aus, dessen Ziel die Entwaldung, die Vernichtung des Waldwuchses ist. Die Landschaft ganzer Länder und der geschichtliche Boden ganzer Völker erfahren dadurch mächtige Umgestaltungen. Es schwinden mit dem Walde die ihm zugehörenden Funktionen des Schutzes und des aufgesammelten wirtschaftlichen Wertes. Mit der Entwaldung hat sich das Klima in vielen Gegenden der alten Kulturwelt verschlechtert, und ist der Bodenwert gesunken. In schneereichen Gebirgen wächst mit der Entwaldung die unmittelbare Bedrohung des Lebens durch Lawinenstürze und die Schädigung der Wohlfahrt durch Überschwemmungen und niedere Wasserstände. Es wird leicht vergessen, daß der Wald das Erzeugnis eines langen Wachstumsprozesses ist, welcher Jahrhunderte brauchte, um die Holzmassen und den Humusboden zu schaffen, nach deren Zerstörung erst wieder in entsprechend langen Zeiträumen der Boden denselben Wert erlangen kann, wenn er nicht durch Freilegung und Abschwemmung überhaupt unfähig gemacht ward, sich wieder mit Wald zu bedecken. Nordamerika ist das in Kultur und Entwaldung raschest fortschreitende Land der Erde. Die Kehrseite der so viel bewunderten, großen Kulturfortschritte ist die Waldvernichtung im Maßstäbe von 2 bis 3 % jährlich, wie sie in Ohio in den Jahren vor 1880 festgestellt wurde. Ganz anders noch wirkt die Waldverwüstung in den Steppen, wo der Wald klein und ohnehin klimatisch bedroht, und wo sie eine notwendige Folge des Steppenlebens ist, als im Urwald. Hier ist der Wald der mächtigere und dort der Mensch. Das Klima, die Sorglosigkeit der Nomaden in der Verwertung der Naturschätze, die natürliche Armut des Baumwuchses: alles das wirkt zusammen, um die Nomaden als ein höchst wirksames Werkzeug in der Entwaldung der Steppe erscheinen zu lassen, die wohl nicht immer diese völlig ungebrochenen Wiesenflächen bot wie heute. Nun ist auf weite Strecken hin der Argal das einzige Brennmaterial, und wenn vielleicht der primitive Mongole, der nichts anderes kennt, an diesem festhält, so wütet der halbzivilisierte Nomade um so unbarmherziger in den Waldungen. In Bestand und Fehlen zeigt der Wald die heilsame Bedeutung der leeren Stellen in der Ökumene, die dem Menschen ein Verhältnis zur Natur erhalten. Er durchzieht unsere Kulturländer mit einem Quellgeäder, welches Luft, Licht und die nie veraltenden Naturgenüsse durch den Körper der Völker leitet. Aus dem Wald ergießt sich ein Strom von Poesie durch Kunst und Dichtung, er wird immer für sinnige Gemüter in irgendeinem kühlen Grunde die »blaue Blume« bergen. Es ist bezeichnend, wie von allen Seiten her die Erholungsstätten der abgearbeiteten Städter sich in ihn hinein erstrecken oder an ihn sich anlehnen. Er ist nicht bloß ein Stück Natur, sondern auch ein Stück Urzeit; in ihm liegt eine Verbindung mit unserer Vergangenheit. Grenzen und Wirkungen der Volksdichte Ebenso leicht wie die Beweglichkeit der Völker im Raum wird auch die Tatsache ihrer Dauer und ihrer Aufeinanderfolge in der Zeit übersehen. Darin liegt die Schwierigkeit der Abschätzung nach den Kulturspuren. Ein Stück Erdboden, auf welchem im Laufe der Zeit die aufeinanderfolgenden Generationen Zeugen ihres Daseins hinterlassen haben, kann auf den Nachkommenden leicht den Eindruck machen, als ob eine dichte Bevölkerung hier gehaust hätte, und doch war dieselbe in jedem Zeitpunkte nur gering. Es haben sich eben die Reste gesammelt und gleichsam verdichtet. Alle bevölkerungsstatistischen Tatsachen erlangen ihren einfachsten geographischen Ausdruck in der Bevölkerungsdichtigkeit , welche sich aus dem Verhältnis der Zahl der Menschen zur Größe des von ihnen bewohnten Raumes ergibt; dann aber auch in der Verteilung der Wohnplätze und in deren Größe, sowie aller anderen Spuren des Menschen an der Erdoberfläche. Jede Bevölkerungszahl wird beredter, indem sie auf den Boden gestellt wird, dem sie gehört. Tote Zahlen schöpfen Leben, indem sie geographisch begründet werden. Auf je größere Flächen der Erdkugel eine Durchschnittsberechnung der Bevölkerung sich ausdehnt, desto reiner erscheint ihr Ergebnis für den rechnenden Statistiker, welcher die örtlichen Besonderheiten ausfallen lassen will. Aber in demselben Maße verliert dieses Ergebnis an Wert für den Geographen, dem gerade die örtlichen Besonderheiten das wichtigste sein müssen. Die Bevölkerungskarten der Geographen sind Karten der Wohnplätze im Gegensatz zu den Bevölkerungskarten der Statistiker, welche die Menschen aus diesen ihnen eigenen und für sie charakteristischen Anhäufungen herauslösen, um sie über eine kleinere oder größere Fläche gleichmäßig, d.h. unwirklich verteilt zu denken. Die großen Züge in der Verbreitung des Menschen sind 1. das Vorhandensein der beiden großen unbewohnten Gebiete in den arktischen und antarktischen Regionen, welche wir bei der Umgrenzung der Ökumene kennen gelernt haben; 2. die dünne Bevölkerung in dem Passatgürtel der Nord- und Südhalbkugel, welche die ausgedehntesten unbewohnten Gebiete, welche in der Ökumene zu finden, in dem nord- und südhemisphärischen Wüsten- und Steppengebiet, auftreten läßt; 3. die Beschränkung dichter Bevölkerungen in kontinentalen Gebieten auf die Nordhalbkugel, und zwar auf den gemäßigten Gürtel derselben; 4. das zerstreute Vorkommen dichter Bevölkerungen auf mittleren und kleineren Inseln; 5. die Häufung der Bevölkerung an ozeanischen Rändern und ihre Abnahme nach dem Innern der Länder; 6. die dichtere Bevölkerung, welche im Innern der Länder die tiefer gelegenen Strecken, besonders die Flußtäler, im Gegensatz zu den dünner besetzten Erhebungen einnimmt; 7. die Ausnahme, welche von dieser Regel die Gebirge in tropischen Regionen und in den Passatgürteln bilden; 8. endlich die wachsende Abhängigkeit der Bevölkerung aller Kulturländer von den Verkehrsgebieten und -wegen.   Beziehungen zwischen Wärme und Dichtigkeit der Bevölkerung vermittelt am wirksamsten die Bodenkultur. Die Abhängigkeit der Bevölkerungsdichte von der Niederschlagsmenge ist viel deutlicher zu erkennen als die Abhängigkeit derselben von der Wärmeverteilung. Eine Eigentümlichkeit der Volksverbreitung Deutschlands , welche in diesem Klimagürtel nicht wiederkehrt, ist die dichte Bevölkerung der süd- und mitteldeutschen Gebirge, ausschließlich der Alpen und des Rheinischen Schiefergebirges, des Harzes, der Rhön und einiger kleinerer Gruppen. Auch auf der Bevölkerungskarte von Deutschland tritt die Anziehung, welche überall die Welt des Wassers auf die Menschen übt, sehr deutlich hervor. Die Bevölkerung konzentriert sich merklich an der unteren Weser, Elbe und Trave, und die friesische Küste, sowie die holsteinische Ostseeküste sind dichter bevölkert als die norddeutsche Ebene im Durchschnitt. Das Rheintal ist von den Alpen bis ans Meer ein Gebiet dichter Bevölkerung, welches das mitteldeutsche Maximalgebiet stellenweise an Intensität übertrifft. Klima, Kohlen- und Eisenlager, Fluß- und Bahnverkehr vereinigen sich hier zur Schaffung einer außerordentlich zahlreichen Bevölkerung. Der mannigfaltige Ackerbau in den Niederungen, der Weinbau in den Höhen, sind am Ober- und Mittelrhein, Handel und Großindustrie, durch die Nähe des Meeres gefördert, am Unterrhein Ursachen dichter Bewohnung. Die Täler der Nebenflüsse nehmen an diesen Vorzügen teil, so der Neckar, der untere Main, Lahn, Mosel, Sieg und nicht zuletzt die Ruhr.   Hart nebeneinanderliegende, größere Gebiete dichter und dünner Bevölkerung setzen die Unterschiede, vielleicht sogar Gegensätze, ihrer Naturbegabung durch das Mittel der darauf sich gründenden Unterschiede der Bevölkerungsdichtigkeit in geschichtliche Spannungen von oft beträchtlicher Wirksamkeit um. Eine dünne Bevölkerung nimmt in einem Lande, welches die Ausbreitung zuläßt, immer die günstigsten Stellen ein. Die Bevölkerungsstufen stehen in einer bestimmten Beziehung zur Kulturstufe . Die Volkszahl auf bestimmtem Raum entscheidet wesentlich über den Entwicklungsgang der Kultur; je näher sich die Menschen berühren, desto mehr sind sie aufgefordert, ihre humanen Eigenschaften zu entfalten. Hirtenvölker brauchen größeren Raum als Ackerbauer, bei denen indessen der Raumanspruch je nach der Intensität der Bewirtschaftung verschieden ist. Der flüchtige Ackerbau der Indianer und Neger ohne Pflug und Düngung beansprucht mehr Raum als der jedes Mittel ausnutzende, gartenartige Anbau der Chinesen, der übrigens auf der ganzen Erde wenig seinesgleichen hat. Küstenvölker, welche ein fischreiches Meer vor sich und im Rücken ein Land haben, aus dessen Wäldern und Feldern sie Nahrung ziehen, während die Schiffahrt ihnen durch den Besuch anderer Küsten und Inseln ihre Hilfsquellen zu vervielfältigen gestattet, können ohne viel Ackerbau dichter wohnen als Jagdvölker. Für die Beurteilung der Geschichte eines Volkes ist die Zahl desselben von großer Bedeutung. Die Geschichte der kulturarmen Völker wird mit kleinen Zahlen gemacht. In einem großen oder wenigstens in einer oder der anderen Richtung weit ausgedehnten Lande wird die dichtere Ansammlung der Bevölkerung an einer bestimmten Seite immer auch den Erfolg haben, dieser Seite ein geschichtliches, besonders ein kulturgeschichtliches Übergewicht zu erteilen: Ostchina, Gangesland, Unterägypten. Dichte Bevölkerung an und für sich ist kein Element von politischer Stärke in einer Nation, aber sie macht nachhaltig. Die Geschichte, welche für uns Urgeschichte, ist immer mit viel kleineren Menschenzahlen gemacht worden, als man glaubt. Dichtes Wohnen befördert die Vereinheitlichung der körperlichen und geistigen Merkmale eines Volkes, läßt es, mit anderen Worten, älter werden. Kultur setzt höhere Schätzung der Menschenleben voraus und lehrt diese Schätzung. Rückgang der Bevölkerung und Sinken der Kultur arbeiten einander in die Hände. Die Kulturwerke verfallen, weil die Arbeitshände abnehmen, und die Bevölkerung, welche von ihnen lebte, muß zurückgehen; indem sie weiter abnimmt, muß von neuem das Kulturniveau sinken und so immer weiter und tiefer. Die Kultur steigert die Zahl derjenigen, welche ihre Träger sind, vermehrt dadurch deren Leistungs- und Verbreitungsfähigkeit und sichert ihnen die Oberhand in den unvermeidlich daraus sich ergebenden Verdrängungsprozessen, besonders aber auch in den Mischungen, welche die letzteren begleiten. Die Zunahme der Bevölkerung bedeutet nicht bloß Verdichtung, sondern auch Befestigung. Und was festhält, das ist immer kulturfördernd. Über die Folgen der Volksdichtigkeit einiger Teile von China liegen Schilderungen, besonders auch aus dem alten Nordchina vor, welche nicht daran zweifeln lassen, daß die Übervölkerung dort längst in der Form eines von Zeit zu Zelt immer wieder hervortretenden Mißverhältnisses zwischen Nahrungsmitteln und Menschenmengen zur gewohnten Erscheinung, fast möchte man sagen zu einer Einrichtung des Reiches geworden ist. Dieses Mißverhältnis führt alle paar Fahre zu einer Hungersnot in größeren Teilen des Reiches, während örtliche Notstände jährlich wiederkehren. Die Physiognomie des Landes und des Volkes trägt in vielen Gegenden dauernd den Stempel der chronischen Verhungerung. Das alte zusammengedrängte Volk hat auf der einen Seite Geduld, Genügsamkeit und Emsigkeit lernen müssen, um sich zu erhalten, auf der anderen hat es im Kampf um die Nahrung Rücksichtslosigkeit, Skrupellosigkeit, Grausamkeit erworben. Schreckliche Verwüstungen der Menschenleben sind ein Merkmal des Volkslebens geworden. Dichte Bevölkerung, großen Geburtenüberschuß, starken Zuwachs teilen mit den mitteldeutschen Ländern alle großen Industriegebiete Europas.   Dichte Bevölkerung, mäßiger Geburtenüberschuß, starker Zuwachs ist dagegen der Typus großstädtischer Bezirke, denen als sehr bezeichnendes Merkmal noch die höhere Sterblichkeit gehört. Dichte Bevölkerung bei geringer Zunahme ist der Typus der Übervölkerung, wobei eine Variation hervorgebracht werden kann durch starken Geburtenüberschuß, welcher in der Auswanderung aufgeht, wie in Irland, oder geringen Geburtenüberschuß, welcher den verschärften Eindruck der Übervölkerung, sogar des Notstandes hervorbringt. Eine Variante desselben wird durch die Verbindung von dichter Bevölkerung mit geringer Kinderzahl und geringer Sterblichkeitsziffer – der Zusammenhang der beiden letzten Tatsachen ist klar – gebildet; dieselben verbinden sich zu dem Ergebnis eines Volkes von hohem Durchschnittsalter. Das ist der Typus der alten Kulturvölker, in denen die Hochschätzung des Menschenlebens alle Mittel zu dessen Verlängerung findet, wählend zugleich die mehr oder weniger dichte Bevölkerung die natürliche Vermehrung in präventiver Weise statt durch Kindsmord einschränkt. Hohe Kultur ist bezeichnet durch Höchstschätzung des Wertes der Menschenleben, die so wenig wie möglich zerstört, so viel wie möglich erhalten werden. Es wird also die Lebensdauer vermehrt, und gleichzeitig nimmt die natürliche Vermehrung ab. Das Ergebnis ist ein im Durchschnitt älteres Volk, dessen Aufbau durch das Zurücktreten der jüngeren und besonders der jüngsten Glieder gegenüber den sich zähe forterhaltenden älteren charakterisiert wird. Kein europäisches Volk entspricht diesen Anforderungen so sehr wie das französische, dessen mittleres Alter ebenso groß ist wie seine Vermehrung gering ist. Aber eine ganze Reihe von Kulturvölkern, sowohl in Europa als in Nordamerika, schwankt ganz langsam in einer Richtung, an deren äußerstem Ende wir Frankreich erblicken, Frankreich, dessen Typus man in dieser Beziehung als den der Überkultur bezeichnen könnte. Man erkennt leicht, daß dieser Typus eine Ähnlichkeit mit demjenigen besitzt, den wir als großstädtischen bezeichnen; er unterscheidet sich von diesem hauptsächlich durch den starken äußeren Zuwachs der großen Städte. Aber in allen anderen Beziehungen nehmen gegenüber dem Typus der alten Kulturvölker die großen Städte eine ähnliche Stellung ein, wie bezüglich der Bevölkerungsdichtigkeit die Inseln, die wir statistisch frühreif genannt haben. Dünne Bevölkerung und rasche Zunahme durch eigene Vermehrung und Zuwanderung kann als kolonialer Typus bezeichnet werden oder auch als Typus der jungen Völker. Große Kinderzahl und große Sterblichkeit und als Ergebnis beider ein geringes Durchschnittsalter der Bevölkerung ist der Typus armer Völker und armer Klassen, der Typus der Sklaven und Proletarier und jenes Teiles kulturarmer Völker, welcher noch nicht durch geringe Kinderzahl auf die schiefe Ebene des Rückganges gelangt ist. Geringe Geburtenziffer bei großer Sterblichkeit und häufig in Verbindung mit großer äußerer Bewegung ist der Typus der meist im Rückgang befindlichen niedrigstehenden Völker, wie Australier, Polynesier, der meisten Stämme der Indianer. Diese Art von Bewegung ist heute auf die niedrigsten Schichten der Menschheit beschränkt. Aber die Frage ist erlaubt: Welches war der Zustand der Menschheit bei erheblich geringerer Lebensdauer, größerer Sterblichkeit, geringerer Aussicht der Erhaltung von Geschlecht zu Geschlecht? Es war der Zustand beständigen Ankämpfens gegen das Aussterben, gegen das Abreißen jenes Zusammenhanges der Generationen, auf dem die Kultur beruht. Städte und Verstädterung Für den Geographen ist eine Stadt eine dauernde Verdichtung von Menschen und menschlichen Wohnstätten, die einen ansehnlichen Bodenraum bedeckt und im Mittelpunkt größerer Verkehrswege liegt. Das Bild der gerüsteten und gepanzerten Stadt gehört nun in Europa bald der Vergangenheit an. Solche Städte wie Rothenburg o.d.T. oder Narbonne sind für uns interessante Antiquitäten geworden. Heute geht fast jede Stadt allmählich in das Land über; die Gruppen der im Kern der Stadt dicht zusammengedrängten Häuser lockern sich auf, rücken immer weiter auseinander, werden getrennt durch Gärten, Arbeitsplätze, nicht selten auch Trümmerstätten, bis endlich Äcker, Wiesen, Weinberge und Wälder das eigentliche Land zwischen die letzten Gebäude der Stadt hineinziehen lassen. Aber diese Auflockerung geht in ganz verschiedenem Maße vor sich. Bei ihrer Abhängigkeit vom Verkehr könnte man geneigt sein, in der Stadt nur das eigentümlich umgestaltete Mündungsende eines oder mehrerer Verkehrswege zu sehen, vergleichbar etwa den Sinnesorganen, die eigentümlich umgebildete Enden von Nerven sind. Sehen wir doch die Stadt mit dem Verkehrswege entstehen, sich zerteilen, wachsen oder vergehen. Sicherlich gibt es Städte, deren Wesen und Geschichte eine solche Auffassung rechtfertigen würde. Das sind die reinen Verkehrsstädte, die zu Verkehrszwecken begründet oder spontan durch den Verkehr entstanden sind. Ist eine Stadt in ihrem gegenwärtigen Zustand eine größere Vereinigung von Menschen, Bauwerken und Verkehrswegen, so ist sie ihrer Entstehung nach eine Aufstauung von Menschen, hervorgerufen durch Boden von ungewöhnlicher Fruchtbarkeit oder großem Reichtum an nutzbaren Mineralien, noch öfter aber durch eine Hemmung ihrer Wege und der Verkehrswege ihrer Güter. Diese Hemmung ist in vielen Fällen natürlicher Art. Der Verkehr zu Land trifft auf das Wasser des Meeres, der Seen, der Flüsse, der Sümpfe; es entsteht ein Halt, wo er auf das Schiff, auf die Fähre, die Brücke, den Damm übergehen muß, und aus diesem Halt wird die Stadt. Ähnliche Hemmungen erleidet der Verkehr beim Übergang aus dem Gebirge in die Ebene, aus der Wüste in das Kulturland, aus dem Wald in die Steppe, und die Städte am Rande der Gebirge, der Wüste, der Wälder sind die Folgen davon.   Der äußere Eindruck der Städteanlage und des Städtebaues gehört zur Physiognomie eines Landes. Es gibt eine Physiognomie der Städte , in welcher wichtige Charakterzüge des Volkes zum Ausdruck gelangen, und deren Verwandtschaften mit Nutzen verfolgt werden können. Gregorovius spricht in seiner Geschichte von Athen den historischen Städten die Bedeutung »wesenhafter Porträts der Völker, die sie geschaffen haben«, zu. Die deutsche Stadt mit ihren steinernen Häusern und Mauern, Kirchen, Türmen und Rathaus ist ein ganz anderes Ding als die magyarische Bevölkerungsansammlung, welche Stadt genannt wird. Jede Stadt spricht ein Stück vom Leben ihres Volkes aus. Zugleich erinnern manche Züge an geschichtliche Beziehungen, deren Erinnerung oft nur in diesen Versteinerungen noch erhalten ist. Die Anklänge an die Lübecker Marienkirche reichen in den alten Hansestädten weit nach Osten und binnenwärts. Die Städte der wärmeren Länder suchen in dicken Mauern und engen Straßen Schatten und Kühlung, während unter dem trüben Himmel der gemäßigten Zone sie dem Lichte sich zuwenden. Die Kolonialstädte haben gemeinsame Züge in der bewußt regelmäßigen und breiten Anlage. Alle neueren nordamerikanischen und australischen Städte sind weiter angelegt, als das heutige und das nächste Bedürfnis will. Man baut sie für 50 000, wenn erst 1000 Einwohner sich in ihnen niedergelassen haben. [In ähnlich großzügiger Weise arbeitet gegenwärtig Japan in Mandschukuo, wo z.B. die Hauptstadt Hsingking ln Ausmaßen angelegt wird, welche die Bedürfnisse der derzeitigen Bevölkerung um ein Vielfaches übertreffen. D. Hrsg.] Die Städte eines und desselben natürlichen Gebietes teilen sich gleichsam in die Bewältigung der Funktionen, denen zu genügen sie berufen sind, und die geographische Lage spielt dabei eine hervorragende Rolle. Bei dieser Arbeitsteilung fällt jeder großen Stadt ein gewisser Raum zu, innerhalb dessen diese allein die Aufgabe zu bewältigen strebt, welche ihrer Natur nach ihr zugehört.   Eine Zusammengehörigkeit der Städte zu Stadtsytemen ergibt sich aus ihren Verkehrs beziehungen . So wie die politischen Städte eines Reiches um den politischen Mittelpunkt gruppiert werden, gruppieren die Verkehrsstädte sich von selbst nach ihren Verbindungslinien. Es gibt Städte, die so eng durch ihre Verkehrsbeziehungen verbunden sind, daß sie schwer voneinander getrennt gedacht werden können. Der Trieb des Verkehrs, sich von den politischen Rücksichten abzulösen, führte stets zur Entwicklung eigener Verkehrs- oder Handelsstädte, die dann, politisch selbständig geworden, an sich selbst immer zugrunde gingen, wenn sie, ihres Ursprunges uneingedenk, zu Staaten geworden waren (Karthago und Venedig!). Der Handel kann einen Staat bilden, aber nicht auf die Dauer erhalten, denn der Staat ist seinem Wesen nach auf allseitige, nicht einseitige Betätigung der Kräfte des Menschen gerichtet. Der wachsende Verkehr zwingt Politik und Wirtschaft zusammen. Die Geschichte Roms beherrschte diejenige des römischen Reiches in dessen letzten Jahrhunderten, und dieses Reich bestand, solange Rom bestand. Wenn politische Zentren gleichzeitig Mittelpunkte des Verkehrs sind, wachsen sie weit über ihre politische Bedeutung hinaus, und die Gefahr liegt nahe, daß nach ihnen die Macht und Größe des Volkes überschätzt werde, in dessen Mitte sie liegen, weil man nicht auseinanderhalten kann, was dem Staate und was dem staatsfremden Verkehr gehört. In politisch höher entwickelten Gemeinwesen ist eine solche Sonderung nicht durchzuführen. Die politischen und wirtschaftlichen Interessen verflechten sich zu innig. Die Hauptstädte werden ganz von selbst zu Verkehrsmittelpunkten, und die Verkehrsstädte rücken in die erste Reihe der politisch wichtigen Besitztümer des Landes.   Mit Vorliebe sucht sich der Handel auf Inse ln seine Stätten, die sicher und zugleich dem Verkehr offen, wie die Geschichte von Tyrus und Sidon bis auf New York, Singapur, Bombay, Massaua, Sansibar und eine große Zahl anderer lehrt. Daß diese Insellagen ungemein verschieden und verschiedenartig sein können, liegt auf der Hand. New York in breiter Strommündung auf felsiger Insel ist anders als Massaua auf seinem kahlen, frei vor der heißesten Küste liegenden Koralleneiland. Einen Grad besser als dieses ist Suakin, am Ende eines tief einschneidenden Meeresarmes teils am Lande, teils auf kleiner Koralleninsel erbaut. Ganz anderen Charakter hat dagegen wieder die Lage des vom Festland durch einen breiten Kanal geschiedenen Sansibar. In der Regel nimmt die Bevölkerung mit der Erhebung des Bodens über eine gewisse Höhe ab, und die größeren Siedlungen gehen außerdem noch den örtlichen Vertiefungen der Täler nach. Daher liegen auch in Ländern, wo Tiefland und Gebirge wechseln, die Städte gerne am Rande des Gebirges, auch wo sie Beziehungen innigerer Art mit dem Gebirge unterhalten. München und Augsburg sind als die Hauptstädte der bayrischen und schwäbischen Alpen anerkannt, sie liegen aber einen Tagemarsch vom Fuß des Gebirges entfernt. Die Hauptstädte der Gebirge liegen in den Ebenen. An der Isar liegt oberhalb Münchens überhaupt keine Stadt mehr, sondern nur noch der Marktflecken Tölz, an der Aller ist Immenstadt die letzte Stadt, am Rhein nimmt Chur diese Stelle ein. Eine Linie Lindau–Kempten–Kaufbeuren –Rosenheim–Innsbruck–Bregenz umschließt den städtelosen, zugleich dünnst bevölkerten und verkehrsärmsten Teil der deutschen Alpen. Die Gründung und der Besitz von Städten gehört zu den Merkmalen der Kultur , deren höchste Blüte in den Städten entsprießt. »Es ist ein Ungeheuer, eine große Stadt! Eine Weltstadt ist das künstlichste Produkt der Geschichte, es ist die allerkünstlichste Frucht, welche die Erde trägt, das verwickeltste Gebilde der Zivilisation eines Volkes« (Karl Ritter). Der Zusammenhang zwischen Städten und Kultur liegt in der Dichtigkeit der Bevölkerung und der Stärke des Verkehres. Aber auch die Beständigkeit und Dauer der Kultur und die Größe und Sicherheit ihrer politischen Entwicklungen gehört dazu. Anderseits bedarf nichts so sehr gemeinsamer, zusammenwirkender Arbeit als die höchste Kultur, weshalb die Städte als Herde der Bildung und großer, auf Arbeitsteilung beruhender Gütererzeugung über alle anderen Wohnplätze der Menschen hervorragen. Ganze Völker neigen zum Städtewohnen, sowie einzelne nur in großen Städten sich entfalten mögen, und ein Bruchteil jedes Kulturvolkes wohl oder übel Stadtvolk ist; dieselben entwickeln die Kunst des Städteplanens und -bauens und durchdringen ihre sozialen und politischen Einrichtungen mit städtischen Anschauungen. Ganz natürlich sind dies vor allem die Völker, welche in ihrer Gesamtheit sich zum Organ des Handels und Verkehrs gemacht haben: Phönizier, Griechen, Venetianer, die Hansa, Städtevölker und Städtemächte, deren Kolonien immer in günstiger Verkehrslage angepflanzt und städtisch ausgebaut wurden. Der Deutschamerikaner bleibt Farmer, wenn es den Angloamerikaner längst zur Stadt gezogen, der Bur meidet in Südafrika die Stadt, die der Engländer aufsucht. Das schafft in einem und demselben Lande den Gegensatz des städtebauenden, städtebewohnenden und des städtemeidenden Volkes. Die Sachsen Siebenbürgens, die Deutschen der Ostseeprovinzen standen als Stadtbürger den Bewohnern des flachen Landes gegenüber. Ganz besonders erfreute sich überall in Neuländern jenseits des Ozeans das kolonisierende Europäervolk der Städteentwicklung.   Ähnlich wie die Wohnplätze sind die Wege in zwiefachem Sinne Gegenstände der geographischen Darstellung. Sie sind Tatsachen der Erdoberfläche und sie sind zugleich Symbole der Beziehungen zwischen entlegenen Gruppen von Menschen. Die Wege geben in ihrem Zustande und ihrer Häufigkeit einen der besten Kulturmaßstäbe ab. Kaum gibt es einen sichereren Beleg für das Herabsteigen Chinas von seiner Höhe unter den ersten Mandschukaisern als den Verfall der Straßen und Kanäle. Die Wege sind eines der mächtigsten Mittel der Kulturentwicklung. Daher ihre überragende Bedeutung bei jüngeren Völkern. Wo auf niederen Stufen der politischen Entwicklung die Begriffe Staat und Volk sich mehr decken als auf höheren, wird dadurch die Völkerverbreitung beeinflußt, und wir sehen Verkehrsvölker sich herausbilden, welche die lohnenden Funktionen des Verkehres auf ihre Länder zu konzentrieren suchen.   Zu den Spuren, die der Mensch von seinem Dasein der Erde läßt, gehören die von ihm den Orten beigelegten Namen . Sie gehören dem Wortschatze an, heben sich aber für den Geographen durch ihre enge Verbindung mit natürlichen Örtlichkeiten, mit Ortschaften, die der Mensch geschaffen, oder sonstigen mit dem Boden zusammenhängenden Werken seiner Hand weit über alles andere Sprachliche. Rückbildung der Völker Auf der Erde hat es seit langem neben den Gebieten wachsender Bevölkerung Gebiete abnehmender Bevölkerung gegeben. Auch hat es immer in jedem Lande, dessen Volk in Zunahme begriffen war, einzelne Landschaften gegeben, in welchen die Bevölkerung zurückging. In diesen erreichten aber nur die Abstufungen, welche man in jedem größeren Volke zwischen Gebieten stärkerer und schwächerer Vermehrung beobachtet, ein durch Verlust gekennzeichnetes örtliches Minimum. So schroffe Gegensätze, wie die Jetztzeit sie auf weiten Gebieten sich einander entgegenstellen sieht, gehören zu den Merkmalen eines im Zeugen wie Vernichten beschleunigten Ganges des Völkerlebens.   Auch das Alter der Völker hat tröstliche Vorteile. Wir sind herangereift und in unser Land hineingealtert. Die wachsende Zahl der Sohlen, die diesen Boden beschreiten, und der Hände, die ihn bearbeiten, ist greifbar. Durch den Volkskörper sich fortpflanzend, kommt die vervielfältigte Berührung mit der Erde selbst denen zum Bewußtsein, die ihren Mutterboden nicht mehr zu fühlen scheinen. Deutsche und Franzosen tragen in dem entschlußlähmenden Kritteln und Zaudern einen echten Alterszug in ihrer Physiognomie. Das unterscheidet aber glücklicherweise die Volkspersönlichkeit vom Individuum, daß sie nicht rettungslos dem Greisenalter entgegenwankt. Völker sind der Verjüngung fähig, und gerade wir brauchen nicht die Hoffnung aufzugeben, daß wir auf größeren Schauplätzen etwas von dem weiten, freien, hoffnungsvollen Blick nach vorwärts zurückgewinnen, den politische, konfessionelle und sonstige Reibungen und Verärgerungen im eng gewordenen Vaterland verkümmern wollen. Auch in der Völkergeschichte gehört die Zukunft der Jugend und denen, die jung geblieben sind. [Der Gang der Geschichte hat Ratzel Recht gegeben: In der nationalsozialistischen Bewegung hat das deutsche Volk ein Vierteljahrhundert, nachdem diese Zeilen geschrieben wurden, jene innere Verjüngung erlebt, welche eine Fülle völkischer Alterserscheinungen beseitigt hat. D. Hrsg.] Die Rassenmischung bedeutet nicht bloß Lockerung, sondern Zersprengung des ursprünglichen Zusammenhaltes. Sie ist eine Macht in der Geschichte der Berührung ursprünglicher Völker mit der Kultur. Alles drängt darauf hin, sie zu begünstigen, vorzüglich der Verlust des Gefühles für die Geschlossenheit und Würde des Stammes, die Schwächung des inneren Zusammenhanges, endlich auch die Verringerung der Volkszahl.   Die gewaltsame Entziehung des Mutterbodens schwacher Völker stellt die geographisch schlagendste Form der Verdrängung dar. Sie ist ein Hauptgrund des Rückganges der Naturvölker. Gibt man ihnen anderwärts ebensovielen und ebenso guten Boden, so bedingt schon die Ortsveränderung Verlust, wie jedes Kapitel europäischer Kolonisation ausweist. Von den unmerklichen Schadenwirkungen der friedlich, selbst wohlwollend, hilfsbereit auftretenden Kultur sind wir durch wirtschaftliche Störung, soziale Lockerung, Auflösung der Familienbande, zu immer gewaltsameren Eingriffen fortgeschritten. Im Bodenraub, der den Schein des Vertrages für sich in Anspruch nimmt, ist noch nicht das Äußerste erreicht, wiewohl Heimatlosigkeit mit einem grausamen Gefolge von Übeln seine Wirkung ist. Es gibt noch die gewaltsame, plötzliche Vertreibung unter Zerstörung aller Habe, die mit Totschlag und Menschenraub sich verbindet. Das ist die gründlichste Art der Zerstörung eines Volkes , welche am raschesten zum Ziele führt.   So wie die Geschichte gewöhnlich erzählt wird, zeigt sie uns die Völker fast immer nur in Tätigkeit, und was sie leiden, ist fast immer nur Äußerliches: sie unterliegen in Kämpfen, werden ihres Landes, ihres Reichtums, ihres Besitzes beraubt. Es gibt aber ein tieferes inneres Leben und so auch ein inneres Leiden der Völker. Einige sind ganz still vom Kerne heraus erstarkt, andere siechen hin und stürzen unerwartet zusammen. Dem Ursprung geschichtlicher Bewegungen bleibt Gesundsein und Kranksein nicht fremd. Es gibt eine Pathologie der Weltgeschichte , so wie es robustere und schwächere Volksnaturen gibt. Das Volk, dessen Individuen länger leben, lebt als individuelles Volk länger. Die hippokratischen Züge trägt aber manches Volk Jahrhunderte an sich. Es sterben Völker aus, weil sie sich nicht akklimatisieren können. Das physische Bild der Naturvölker ist sehr oft nicht dasjenige überquellender Gesundheit, sondern mühseliger Beladenheit mit Leiden aller Art.   Der Grundsatz des unbedingten Friedens führt zu Unwürdigkeit und Unrecht .:. Der Kampfgeist ist eine der Notwendigkelten des Lebens. Wenn Menschen wenig oder nichts davon haben, so sind sie unwürdiger Behandlung und Schädigungen ausgesetzt – so muß die Unvermeidlichkeit des Kampfes zwischen Menschen eine große, sich aufdrängende Tatsache sein. Das Ergebnis dieser Betrachtungen fasse ich in dem Schlusse zusammen, daß die Menschheit auf niederen Stufen der Kultur nicht bloß nicht so rasch anwächst wie auf höheren, sondern in vielen ihrer Glieder zurückgeht. Wir haben kein Beispiel, daß ein Kulturvolk von innen heraus, ohne äußere Angriffe gestorben wäre, wohl aber hat man zahlreiche Völker dahingehen sehen, die auf niederer Stufe der Kultur standen. Die Berührung mit den Europäern hat dieses Sterben beschleunigt, aber es liegen Anzeichen vor, daß dasselbe auch früher vorkam. Fragt man nach den Ursachen dieses tief in die Geschichte der Menschheit einschneidenden Verhältnisses, so muß gesagt werden, daß Völker niederer Kulturstufe auf einer durchaus ungesunden Basis stehen. Sie stehen körperlich und moralisch hinter den Kulturvölkern zurück. Sie gehen sorglos und grausam mit Menschenleben um, deren Zunahme ihnen oft gefährlich, bedrückend zu sein scheint. Sie teilen daher nicht unsere Begriffe vom Wert des Lebens. Krankheit, ungesundes Leben in Kleidung, Hütte und Nahrung, Kindsmord, Ertötung des Werdenden im Keime, unnatürliche Laster, Polygamie, Hungersnot und Wassermangel, Krieg, Menschenraub und endlich Kannibalismus bilden einen Komplex von Tatsachen, die alle der Vermehrung der Bevölkerung entgegenwirken. Ruinen-Landschaften Ein wesentliches Element in dem, was in unseren Vorstellungen sich an die Vergangenheit anlehnt, entsprießt den Ruinen . Wertvoller ist ein Leben, das Ruinen hinterläßt als ein spurlos verflossenes. Dauerhaftere Bauwerke machen uns nicht einen tieferen Eindruck, weil wir von der Furcht befreit sind, sie könnten über den Köpfen ihrer Bewohner zusammenfallen, sondern weil sie von mehr als nur einem Geschlecht erzählen. Sie sind Vermächtnis und Überlieferung, sie knüpfen die Geschlechter zusammen. Ein Volk, das Zeugen seines Daseins hinterläßt, lebt in seinen Werken fort, alle anderen sind tot, auch wenn etwa eine alte Inschrift ihre Namen überliefert hat. Es sind indessen auch nicht alle Ruinen von gleichem Werte. Es gibt ein Leben, das groß im Vernichten, und ein anderes, das groß im Aufbauen und Erhalten ist. Beide sind auch reich an Spuren ihrer Vergangenheit. Von den Ruinen alter Städte und Paläste im östlichen Ceylon schweift die Frage: Wie konnten große Bevölkerungen im dürren Lande leben? zu den Ruinen der Bewässerungskanäle und -reservoire hinüber, welche die singhalesischen Könige errichteten. Wassermangel war hier die Krankheit, an der die Geschlechter hinsiechten. Wir erinnern an Mesopotamiens Verfall, der mit der Zerstörung der Kanäle und mit Überschwemmungen schon vor der Türkenzeit begonnen hatte. Der Boden ist ein anderer, in den die Geschichte ihre Streifzüge eingezeichnet hat. Er ist nicht nur in topographischem Sinne verändert, er hat als geschichtlicher Boden einen höheren Wert erlangt. Der Hauch der Einsamkeit, der Widerspruch zwischen der Bestimmung dieser Mauern, Straßen, Häuser und ihrem jetzigen Zustande, zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist poetisch. Es weht uns das Friedhofgefühl an, welches in diesem Gehobensein ins Geschichtliche, Große eine Höhenatmosphäre geschichtlicher Betrachtung ist. Es ist ein ganz anderes Lernen auf dem Tempelfeld von Selinunt als im Vitruv. Nur die herrlichsten Literaturwerke können mit der Akropolis von Athen verglichen werden. Es gibt Länder, Ruinenländer , die in ihrer Gesamtheit nur als Trümmerstätten aufzufassen sind, wo kein Schritt und vor allem kein Neuschaffen ohne Rücksicht auf die Spuren des Altertums möglich ist. Wo eine ganze Kultur vernichtet ist, ohne daß neues Leben aus den Ruinen erblühte, trägt das ganze Land den Charakter des Verfallenden, Zurücksinkenden. Eine so gründliche Verwüstung, wie sie das Euphrat-Tigris-Land heimgesucht, wandelte das Antlitz jener Erdstelle in ihr Gegenteil um. Daß ein Land, welches heute harte Wüste oder fieberhauchender Sumpf, Überschwemmung oder Dürre ist, dasselbe sei, auf welchem sich Feld an Feld mit berühmter Fruchtbarkeit reihte, welches von zahlreichen schiffbaren und Bewässerungskanälen durchschnitten wurde, eine Menge Städte und Dörfer trug, Städte, in denen Reichtum, Kunst und Wissenschaften blühten, und von welchen Kulturströme bis an die damals weit zurückstehenden europäischen Gestade sich ergossen, ist schwer zu glauben. Die Steppenländer sind alle auch Ruinenländer. Die ruinenreichsten Länder liegen stets im Grenz- und Kampfgebiet großer und dauernder natürlicher oder geschichtlicher Gegensätze. Sie bezeichnen die Grenze zwischen Steppe und Fruchtland, zwischen Nomaden und Kulturvollem, zwischen Islam und Christentum. Eine niedrigere, von weniger hochstrebender Richtung der Arbeit zeugende und minder dauerhafte Art von Ruinen steht in den Resten verschollenen Acker- und Gartenbaus vor uns. Sie sagen uns nicht mehr als: Auch hier waren einmal Menschen. Rassen und Kulturen Die geschichtliche Tiefe ist das Maß des Zurückreichens eines Volkes an einer bestimmten Stelle der Erde in die Vergangenheit. Man würde sie Alter nennen können, wenn ihr nicht die geographische Verbindung mit der Örtlichkeit eigen, und wenn nicht das Alter als Zeitgroße unbestimmbar wäre. In dem Worte Tiefe liegt nur die Schichtung der Geschlechter der Seienden und Dagewesenen, die Tatsache, daß das folgende Geschlecht im Staube des vorangegangenen wandelt und in diesen Staub selbst wieder hinabsinkt. So hat auch die Menschheit im ganzen ihre geschichtliche Tiefe, welche der Ausdruck ihrer nachweisbaren Anwesenheit auf der Erde ist und räumlich als eine Fläche, ein geschichtliches Nullniveau vorgestellt werden kann. Die geographische Ausbreitung oder Breite, die gemessen wird für das Volk an den Grenzen seiner äußersten Ausdehnung und für die Menschheit an der Grenze der Ökumene, vervollständigt im räumlichen Sinne jenen Begriff. Die Tradition mancher Völker reicht über den Raum hinaus, auf welchem sie heute wohnen, und verschmilzt in Wandersagen ferne Gebiete mit ihrem Wohngebiete zu einem einzigen geschichtlichen Schauplatz.   Das Wort Völkerinsel ist mehr als ein Bild, es ist ein genetischer Begriff, denn entweder ist es ein Kern, um welchen neue Gebiete sich anlagern werden, der sich also vergrößern wird, oder es ist der Rest eines einst größeren Verbreitungsgebietes. Den größten Einfluß übt auf eine Völkergruppe der Übergang vom Land aufs Meer. Daher bezeichnet der Gegensatz von kontinental zu littoral und insular das Größte, was innerhalb einer Völkergruppe vorkommen kann.   Große Teile der Erde können nicht einer einzigen Rasse zugewiesen werden; entweder in bunter Mischung oder in getrennten Gebieten weisen sie Menschen verschiedenen Körperbaus auf. Am häufigsten ist das Vorwalten zweier verschiedener Typen, welche in seltenen Fällen leicht auseinanderzuhalten sind, häufiger aber durch eine große Anzahl von Misch- und Mittelformen ineinander übergehen. Es gibt Völker und Staaten, zu deren Wesen diese Mehrtypischkeit gehört. Alle Momente, welche darauf hinarbeiten, größere Gruppen von Menschen voneinander zu trennen, so daß sie von wechselseitiger Vermischung abgehalten werden, haben die Tendenz, denselben eine Gemeinsamkeit nicht nur der Anschauungen, des äußeren Kleidens, Gebarens usw., sondern auch, in engerem Umfange, körperlicher Merkmale anzueignen.   Man kann versuchen, ein Inventar des Gemeinbesitzes der Menschheit zu entwerfen, welches die Grundelemente des Kulturbesitzes der Menschheit alle umschließt, so daß wir einen breiten, gemeinsamen Unterbau zu sehen vermeinen, auf dem die Besitztümer, welche einzelnen Völkern eigentümlich sind, als jüngere Entwicklungen hervorragen. Das Feuer , durch Reibung von Hölzern entstanden; die Jagd mit Wurf- und Schlagwaffen; der Fischfang durch Absperrung fischreicher Plätze, mit Netzen, mit Speeren, Reusen; Angeln sind nahezu allgemein verbreitet, ebenso Betäubung der Fische; die Kenntnis wildwachsender Nahrungs- und Giftpflanzen ; die Gewinnung spontaner Erzeugnisse des Tierreiches ; der Genuß betäubender oder nervenerregender Stoffe ; die Zubereitung der Nahrung mit Feuer; als Schmuck Tätowierung oder Bemalung, Einsetzen fremder Körper in die vortretenden Teile des Gesichtes, wie Ohren, Nase, Lippen, Ringe um Arme, Beine oder Hals, Haarputz; als Kleidung , zunächst Schamhülle; als Wohnstätte mindestens ein Zweig- oder Rohrdach; Gesellung der Hütten zu Dörfern; Waffen aus Holz (Keule, Wurfholz und -speer, Bogen und Pfeil), aus Stein (geschlagene Äxte, Hämmer, Pfeilspitzen, Schleudersteine; durchbohrte und geglättete Steinwaffen und -werkzeuge sind nicht allgemein); von Handwerken werden allgemein geübt: Bearbeitung des Steines durch Schlagen und Stoßen, des Holzes durch Schneiden und Schnitzen, Härtung im Feuer, Biegung in der Wärme; der Häute durch Schaben und Reiben; Flechten; Färben; Gewinnung von tierischem Fett durch Wärme; Schiffsbau durch Aushöhlung von Bäumen; der Ackerbau mit Grabstock oder Haue, wobei die Gegenstände des Anbaues von Erdteil zu Erdteil wechseln; die Tierzucht als Zähmung des Hundes. Von Einrichtungen der Gesellschaft finden wir die Ehe , vorwiegend polygamisch, mit Spuren des Brautraubs, Isolierung der Wöchnerin, langdauerndes Säugen, feierliche Einführung des Kindes in die Welt (Beschneidung ist sehr weit verbreitet), Jünglings- und Jungfrauenweihen; den Stamm als Verwandtschaftsgruppe, welche häufig ein gemeinsames Symbol, Totem, Kobong, Atua, besitzt und nach demselben sich nennt und dann in Exogamie mit einem Nachbarstamme steht; der Staat in patriarchalisch-aristokratischer Form mit Häuptling und Ältesten, Sklaven mit häufig wiederkehrender Aussonderung unreiner und heiliger Stände und den Anfängen völkerrechtlicher Satzungen in Kriegserklärung und Friedensschluß; Schutz des Handels, Verwendung von Weiß und Grün als Friedensfarben; das Recht auf Grundlage des Gottesurteiles, der Blutrache und des Loskaufs. Spuren von Religion gehen durch alle Völker, überall findet man Priester, die Zauberer (Schamanen) und Ärzte sind, weil sie in Verzückungen Verkehr mit der Geisterwelt pflegen. Der Glaube an einen Höchsten, Uralten, Unsichtbaren, der nicht unmittelbar mit den Menschen zu tun hat, an Mittler, die die Eide und den Menschen schufen und häufig auch das Feuer brachten, an vergöttlichte Menschen, an Geister, die Seelen Verstorbener sind, an Divination, an ein Jenseits, zu welchem der Weg über Hindernisse verschiedenster Art führt: dies sind Dinge, auf deren Spuren man fast überall stößt, wo man religiöse Überlieferungen findet. Wenn wir dieses alles betrachten, ist die Allgemeinheit der religiösen Vorstellungen nicht bloß eine zulässige Hypothese, sie ist geboten als Versuch, aus den lückenhaften und krüppelhaften Einzeltraditionen einen geistigen Kern zu gewinnen. An die Erhaltung von Resten des Gestorbenen unter Voraussetzung des Fortlebens seiner Seele, wenigstens für eine kurze Frist, knüpfen sich die Gebräuche bei der Beisetzung , weshalb sie in der Hauptsache überall wiederkehren. So lassen sich alle Beerdigungsarten, die überhaupt auf der Welt vorkommen, auf die Aussetzung, die Beerdigung, die Mumifizierung, die Verbrennung zurückführen. Die Unterschiede können nur in Nebensachen liegen. Wenn auf diese nicht die Aufmerksamkeit gelenkt wird, machen uns Angaben wie: »Dieses Volk verbrennt seine Toten« oder »Jenes Volk beerdigt seine Leichen«, gar nicht den Eindruck der Bestimmtheit, und es ist wenig mit denselben für die vergleichende Ethnographie anzufangen. Allerdings geht aber diese Unbestimmtheit unseres Urteiles nicht so weit, daß wir etwa Lovisato glauben, wenn er berichtet, die Feuerländer hätten ihre Begräbnisweise mit mumienartiger Zusammenbiegung des Leichnams erst seit etwa 14 Fahren [1891!] durch den Einfluß der Missionare angenommen. Denn diese Methode gehört einer ganzen Anzahl von amerikanischen Völkern an, auch längst verschwundenen, und sie ist auch nur ein Teil der Gebräuche, welche Begräbnis und Totentrauer bei den Feuerländern umgeben. Mit diesen zusammen verstehen wir sie als amerikanisch, nicht als feuerländisch, und weiterhin begegnen wir ihnen sogar noch in anderen Teilen der Erde.   Der Lehre vom Völkergedanken stehen die Sprachen als die mannigfaltigste, an Eigentümlichkeiten reichste aller ethnographischen Erscheinungen starr gegenüber.   Das Wort Rasse paßt nicht auf den ganzen Inhalt, den wir ihm bei der heutigen Konstitution der Menschheit zu geben haben. Es ist viel zu geräumig für die Mannigfaltigkeit desselben und sinkt zu einem Sammelbegriffe provisorischen Wertes herab, wenn ihm nicht die Bedeutung einer Kategorie höherer Ordnung beigelegt wird. Das erste Bemühen der Anthropologie sei auf die Bestimmung der Qualität der Verschiedenheit der Rassen und deren Größe gerichtet, – nach der Herkunft zu forschen sei dem Ethnographen überlassen, der jeder Rassenverschiedenheit innerhalb einer Völkergruppe mit der Hoffnung entgegentritt, in ihr eine Wirkung nachweisbarer Berührung mit einer anderen Völkergruppe oder geographischer oder sozialer Absonderung unter verschiedenen äußeren Einflüssen zu finden. Die tiefstgehenden Unterschiede liegen, trotz unaufhörlich nivellierend wirkender Einflüsse, im Körperlichen , und es kann keine Frage sein, daß ihre Darstellung zuletzt immer wieder einer allgemeinen ethnographischen Karte vorangehen oder zugrunde gelegt werden muß. Zweifel begründetster Art müssen jedoch entstehen hinsichtlich der Abgrenzung des Darzustellenden. Der äußerlich auffallendste Unterschied im körperlichen Wesen der Menschen liegt in der Hautfarbe . Die Existenz des Farbenunterschiedes in den Menschenrassen ist eine der folgenreichsten Tatsachen in der Geschichte der Menschheit, ihr ist die tiefste Kluft zuzuschreiben, die die Menschen trennt. An die leisesten Nuancen der Färbung der Nägel oder der Hornhaut hat die weiße Aristokratie der Sklavenhändler sich gehalten, um die Grenze zwischen sich und den Mischlingen von letzter Verdünnung noch aufrechtzuerhalten. Und doch ist die Farbenskala von Gelblichweiß bis Tiefbraun im Grunde eine einfache, denn es kehrt beständig Braun in den verschiedensten Abwandlungen in ihr wieder. Gerade daran ist entschieden festzuhalten, daß alle Farbenunterschiede der Menschheit einer einzigen Mischung aus zwei Strahlen des Spektrums angehören. Eine strenge Sonderung der sogenannten Menschenrassen, wie man sie früher anzunehmen beliebte, besteht nicht, weil überall, wo nicht die stärksten Schranken dazwischentreten, sie sich durcheinandergeschoben haben. Es wird uns also die Rassenkarte einmal die größten Gruppen der Menschheit zeigen und daneben Übergangsgebiete, von denen jene, wie der Mond von seinem Hof, überall dort umgeben erscheinen, wo sie nicht an das Unbewohnte grenzen.   Wir verstehen unter Ariern die Gesamtheit der Völker, die die Sprache des arischen Stammes sprechen und zur hellen Rasse gehören. Alle sind zu irgend einer Zeit in der Geschichte der Menschheit hervorgetreten, alle haben einen hohen Grad von Kultur erworben, viele haben Kultur geschaffen, seit 2½ Jahrtausenden sind Arier die Träger der höchsten Kultur. Unter dem Problem der Rasse liegt uns daher das Problem der Kultur und unter diesem das Problem der Sprache. Von diesen dreien ist die Rassenfrage die älteste, die Sprachenfrage die jüngste. Den äußersten, höchsten und vielleicht auch jüngsten Zweig am Baum dieser Rasse bildet die weiße oder blonde Rasse, die noch entschiedener nördliche Wohnsitze hat. Indem wir die Frage nach dem Ursprung der hellen und der weißen Rasse auswerfen, müssen wir uns klarmachen, daß ihre Beantwortung nur unter zwei Voraussetzungen möglich ist. Der Ursprung der hellen Rasse reicht in eine Zeit zurück, wo das heutige Europa noch nicht bestand. Dieser Ursprung hat sich in einem älteren Europa abgespielt, das wesentlich anders war als unser Europa. Und er ist nur denkbar auf einem sehr weiten Raum. Dasselbe gilt auch für den Ursprung der weißen Rasse. Man muß der Hoffnung entsagen, diese Ursprünge in dem Europa, wie es heute ist, und hier in engen Gebieten, wie Skandinavien, im Inneren Rußlands oder am Kaukasus, zu finden. Der Raum gehört nicht nur zur Entstehung, sondern auch zur Erhaltung einer Rasse. Rassen in engen Räumen verkümmern; nur in weiten Räumen treiben sie Äste und Zweige und bilden einen mächtigen Stamm wie die Arier. Die helle Rasse konnte sich auch nur da entwickeln, wo die Mischung mit mongoloiden und negroiden Elementen ausgeschlossen war. Sie muß von beiden Rassen schärfer getrennt gewesen sein als heute. Die Reinheit der Merkmale der weißen Rasse zeigt, daß sie noch ferner von fremden Beimischungen sich entwickelt hat als die helle Rasse, von der sie einen Zweig bildet. Aber indem sie nun nach Süden vordrang, begegnete sie älteren Völkern der hellen Rasse, die in um so größerer Menge afrikanische Elemente aufgenommen hatten, je weiter südlich ihre Sitze lagen. Es entstanden Durchdringungen der älteren und jüngeren Glieder der hellen Rasse, deren Wirkungen wir in den allmählichen Übergängen der beiden in der Bevölkerung Europas sehen. Deren Rassenextreme liegen im Süden und im Norden und sind dazwischen aber breit vermittelt. Für die Erklärung der afrikanischen Elemente in den süd- und westeuropäischen Gliedern der weißen Rasse muß die erst in spätquartärer Zeit gelöste Verbindung Afrikas mit Europa herangezogen werden, und es muß erinnert werden an die alte Bewohnbarkeit der Sahara, wo damals statt eines Sandmeeres ein Völkermeer fluten konnte.   Die Unterscheidung und Begrenzung der Sprachen und Sprachstämme hat, weil viel näher an der Oberfläche der Menschheit, an jüngere Erscheinungen sich haltend, viel rascher zu einer Klassifikation der Völker Anlaß gegeben, welche am Prüfstein der kartographischen Darstellung sich bewährt hat. Durch die Vernachlässigung der außerhalb der Grenzen der Sprache liegenden Teile des Kulturbesitzes der Menschheit ist nicht bloß die Vollständigkeit der eigentlichen ethnographischen Karten unmöglich geworden, sondern es entging auch den einzelnen Teilen der Ethnographie jene fruchtbringende Anregung zur schärferen Prüfung ihres Besitzstandes, wie sie eben in ihrer Heranziehung zur schärferen Unterscheidung, natürlicher Gruppen der Menschheit gegeben gewesen wäre. Wenn wir auf den Religionskarten der Erde immer wieder die alten Kategorien Christen, Mohammedaner, Buddhisten, Brahmagläubige und Heiden finden, so steht diese Sonderung, welche den ganzen Reichtum der religiösen Vorstellungen der Naturvölker in den dunklen Sack des »Heidentums« packt, im grellen Widerspruch zu dem, was auf den Seiten jedes ethnographischen Handbuches über diesen Gegenstand zu finden ist. Ist doch Heidentum ein rein negativer Begriff, und wieviel höchst Positives liegt in dem, mehr als man glaubt, durch- und ausgebildeten Glauben der Heiden! Hier kann der gedankenzeugende und klärende Einfluß der kartographischen Darstellung sich heilsam bezeigen. Keinem Volke der Erde fehlen die drei großen Attribute jeder Religion: der Seelenglaube, die Kosmogonie und die Mythologie. Ein Zug der Verwandtschaft geht durch sie alle, und an sie hätte die Klassifikation sich anzuschließen, um zu richtigeren und vor allem auch wirksameren Ergebnissen zu gelangen. Der Staat als Organismus Kein Staat ohne Boden Die Verbreitung der Menschen und ihrer Werke auf der Erdoberfläche trägt alle Merkmale eines beweglichen Körpers, der im Vorschreiten und Zurückweichen sich ausbreitet und sich zusammenzieht, neue Zusammenhänge bildet und alte zerreißt und dadurch Formen annimmt, die mit den Formen anderer gesellig auftretender beweglicher Körper an der Erdoberfläche die größte Ähnlichkeit haben. In vielgebrauchten Bildern wie Völkermeer und Völkerflut, Völkerinsel, politische Insel, politischer Isthmus liegt eine Ahnung davon, an deren tiefere Begründung freilich kaum von denen gedacht wird, die solche Ausdrücke verwenden.   Der Mensch ist nicht ohne den Erdboden denkbar und so auch nicht das größte Werk des Menschen auf der Erde, der Staat . Wenn wir von einem Staate reden, meinen wir, gerade wie bei einer Stadt oder einem Weg, immer ein Stück Menschheit oder ein menschliches Werk und zugleich ein Stück Erdboden . Der Staat muß vom Boden leben. Nur die Vorteile hat er fest in der Hand, deren Boden er festhält. So entsteht die politische Organisierung des Bodens, durch die der Staat zu einem Organismus wird, in den ein bestimmter Teil der Erdoberfläche so mit eingeht, daß sich die Eigenschaften des Staates aus denen des Volkes und des Bodens zusammensetzen. Die wichtigsten davon sind die Größe, Lage und Grenzen, dann die Art und Form des Bodens samt seiner Bewachsung und seinen Gewässern und endlich sein Verhältnis zu anderen Teilen der Erdoberfläche. Und doch ist dies alles nur das Schema des lebendigen Körpers, das gar nichts ahnen läßt von der politischen Idee , die ihn beseelt. Auch diese hat ihre Entwicklung. In jenem einfachen Staat ist diese Idee wohl nur ein Herrscherwille und so vergänglich wie ein Menschenleben, in diesem Kulturstaat ist das ganze Volk ihr Träger. Damit erneuert die Seele des Staates unablässig ihr Leben, wie die Generationen aufeinander folgen. Die kräftigsten Staaten sind die, wo die politische Idee den ganzen Staatskörper bis in alle Teile erfüllt. Teile, wo die Idee, die Seele nicht hinwirkt, fallen ab, und zwei Seelen zerreißen den Zusammenhang des politischen Leibes. In die Geschichte des Volkes, dem es gelungen ist, Jahrhunderte auf gleichem Boden seinen Staat zusammenzuhalten, prägt diese unveränderliche Grundlage sich so tief ein, daß es nicht mehr möglich ist, dieses Volk ohne seinen Boden zu denken. In der politischen Idee ist immer nicht bloß das Volk, sondern auch sein Land. Auf einem Boden kann daher auch immer nur eine politische Macht so aufwachsen, daß sie den ganzen politischen Wert dieses Bodens in sich aufnimmt. Rechte eines Staates auf dem Boden eines anderen vernichten dessen Selbständigkeit. Was eine andere Macht aus demselben Boden zieht, muß der ersten verloren gehen. Es ist nicht wie das Aufwachsen der Eiche, unter deren Krone noch so manches Gras und Kraut gedeiht. Der Staat kann ohne Schwächung seiner selbst keinen zweiten und dritten auf seinem Boden dulden. Je einfacher und unmittelbarer der Zusammenhang des Staates mit seinem Boden, desto gesünder ist jederzeit sein Leben und Wachstum. Vorzüglich gehört dazu auch, daß mindestens die Mehrzahl der Bevölkerung des Staates eine Verbindung mit seinem Boden so bewahrt, daß er auch ihr Boden ist; darin liegt die Bedeutung der Wirtschaft des Volkes für den Staat. Der Boden ist immer viel älter als sein Staat und hat auch eine viel größere Zukunft. Daher wird der Blick, der von den wechselnden Zuständen des Volkes sich auf den Boden richtet, von selbst zum Fernblick. Die Apeninnenhalbinsel konnte nicht immer Mittelpunkt eines Weltreiches bleiben und nicht immer von derselben staatenbildenden Rasse bewohnt sein; doch ist sie unter allen Wechselfällen eines der wichtigsten Länder der Welt geblieben. Gerade darin unterscheidet sich die politische Geographie von der politischen Geschichte, daß sie durch die Betonung des Unveränderlichen und Unverwüstlichen, das dem Boden eigen ist, auch eine Richtung auf das Werdende empfängt. Die Politik, die dem wachsenden Volke den unentbehrlichen Boden für die Zukunft sichert, weil sie die ferneren Ziele erkennt, denen der Staat zutreibt, ist eine echtere »Realpolitik« als die, die sich diesen Namen beilegt, weil sie nur das Greifbare vom Tag und für den Tag leistet. Das stofflich Zusammenhängende am Staat ist nur der Boden , und daher denn die starke Neigung, auf ihn vor allem die politische Organisation zu stützen, als ob er die immer getrennt bleibenden Menschen zusammenzwingen könnte. Je größer die Möglichkeit des Auseinanderfallens, desto wichtiger wird allerdings der Boden, in dem sowohl die zusammenhängende Grundlage des Staates als auch das einzige greifbare und unzerstörbare Zeugnis seiner Einheit gegeben ist. Die Organbildung des Staates ist notwendig beschränkt. Der Organismus unterscheidet sich vom Aggregat durch die Teilung der Arbeit, die sich Organe schafft. In der Eigentümlichkeit des Staatsorganismus liegt es, daß er nur in geringem Maße seine Elemente umbilden kann. Bei ihm liegen vielmehr in den Unterschieden seines Bodens und der räumlichen Verteilung seiner Bevölkerung über diesen Boden die wichtigsten Ursachen der Organbildung. Wir finden daher immer im Vordergrund die großen Gegensätze der peripherischen und zentralen Provinzen, der Seeküste und des Binnenlandes, der Gebirgs- und Flachlandprovinzen, der Städte und des Landes, der dicht und dünn bevölkerten Gebiete eines Staates. Sehr viele geschichtliche Unterschiede auch im Innern der Staaten beruhen auf diesen geographischen Grundlagen. Einzelne Teile eines Organismus hängen enger mit dem Leben des Ganzen zusammen als andere, es sind die vitalen und immer auch ihre geographisch wertvollsten Teile der Staaten. Man muß ihre Stelle im Organismus kennen, um ihren politischen Wert zu verstehen. Jeder Staat hat Provinzen oder Bezirke, deren Verlust ihm den Tod bringt, und andere, die ohne Gefahr verloren werden können. Jede menschliche Gemeinschaft ist mit der Außenwelt und mit sich selbst im Kampf um ihr selbständiges Leben. Sie will ein Organismus bleiben, und alles arbeitet in dem ewigen Wechsel von Auflösung und Neubildung, der die Geschichte bedeutet, daran, sie zum Organ herunterzudrücken.   Durch alle Wandlungen führt sicher die Regel, daß jede Beziehung eines Volkes oder Völkchens zum Boden politische Formen anzunehmen strebt, und daß jedes politische Gebilde die Verbindung mit dem Boden sucht. Deswegen kann auf keiner Stufe der Boden fehlen. Für den Menschen und seine Geschichte ist die Größe der Erdoberfläche unveränderlich. Die Zahl der Menschen wächst, der Boden, auf dem sie wohnen und wirken müssen, bleibt derselbe. Er muß also immer mehr Menschen tragen und mehr Fruchte geben, wird dadurch auch immer begehrter und wertvoller. Ein Teil der Entwicklung des Staates besteht in der Entfaltung der Eigenschaften seines Bodens. Die Entwicklung des Staates ist also eine räumliche Tatsache und nicht eine Entwicklung aus einem raumlosen Leben zu einem bestimmte Räume in Anspruch nehmenden. Die Entwicklung hat aber allerdings im Laufe der Geschichte Eigenschaften des Bodens entdeckt, die man vorher nicht gekannt hatte.   Da es viele natürliche Ähnlichkeiten und Übereinstimmung im Bau der Erdoberfläche gibt, muß es auch Staaten geben, deren Boden ähnlich gebaut ist. Da aber diese Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten sich immer nur auf die großen Merkmale beziehen, so haben geographische Vergleiche zwischen einzelnen Staaten nur Wert, wenn sie sich auf die Grundzüge beschränken; wo sie sich dagegen auf Einzelheiten richten, verfallen sie leicht ins Künstliche und sind von geringem Nutzen.   Überall in der Geschichte begegnen wir dem wesentlichen Unterschied zwischen einer territorialen oder geographischen Politik und einer sozusagen mehr politischen , allgemeinen Politik . Diese glaubt sich über den Boden, auf dem sie steht, zu erheben, indem sie ihn nur mit Rücksicht auf seine Befähigung betrachtet, durch seine räumliche Ausdehnung großen Entwürfen eine breite Unterlage zu schaffen; während jene in dem Boden etwas sieht, worauf man nur sicher fußen kann, wenn man es fest besitzt. Insofern jene auch über die Grenzen einer Nation hinausgreifen will, setzt man ihr, der Weltpolitik, der expansiven die nationale gegenüber, die sich konzentriert.   Der Krieg , der für so viele politisch-geographische Fragen das rasch verlaufende Experiment darbietet, klärt auch die Beziehung zwischen Staat und Land auf. Jeder moderne Krieg hat den Zweck, dem Gegner die Beifügung über sein Land zu entreißen, wozu das einfachste Mittel die Niederlage des wehrhaften Teiles des Volkes ist. Die räumliche Abgesondertheit des Staates wird verneint, die Grenzen bestehen für die Kriegführenden nicht mehr, das Gebiet des Gegners wird besetzt und zugleich die Vernichtung aller Machtmittel angestrebt, durch die er es festhalten könnte. Trotz der Einfachheit des ganzen Prozesses hat doch die Möglichkeit der Auseinanderlegung von Boden und Staat zu verschiedenen Methoden der Kriegführung Anlaß gegeben, die den einen oder den anderen treffen wollen, während der einzig richtige Ausgangspunkt immer nur die Auffassung des Staates als Organismus sein kann. Dieser Organismus muß in einen Zustand versetzt werden, wo er sich nicht länger zur Wehr setzen kann, zu diesem Zweck muß ihm der Boden genommen und muß zugleich die Widerstandskraft seines Volkes gelähmt werden.   Landlos zu sein ist bei rein politischen Mächten nur ein vorübergehender Zustand. Mächte, die vorübergehend landlos waren, verbinden sich im Verlauf ihrer politischen Entwicklung immer mit dem Boden und streben dann oft gleich nach den weitesten Räumen, weil sie der Gewohnheit der beschränkenden Einwurzelung ledig geworden sind. Das Dalailamatum, das Papsttum, das Kalifat wurden große Mächte, indem sie sich mit einem kleinen oder großen Lande zu theokratischen Staaten verbanden; leicht gerieten sie mit langsameren und beschränkteren Ausbreitungen rein politischer Natur in Streit, die mit ihren theokratischen Raumansprüchen kollidierten. Eine der eigentümlichen Erscheinungen, die innere Ähnlichkeiten scheinbar weit auseinandergehender Mächte enthüllen, bieten die Beziehungen zwischen landlosen Mächten und landlosen Völkern . Wie das Kalifat sich der Seldschuken bediente, machte das Papsttum gleichzeitig Gebrauch von den Normannen, an deren Stelle später bei der Einschränkung der politischen Ziele, hauptsächlich Deutsche und Schweizer traten. Die Beweglichkeit jener landlosen Völker entsprach der Weitsichtigkeit der politischen Entwürfe theokratischer Mächte, welche zudem von der Scheu beherrscht wurden, das Schwert in die eigene Hand zu nehmen.   Die Entwicklung der Beziehungen zwischen Volk und Boden zeigt, daß der Zustand des Allbesitzes der trockenen Erdoberfläche langsam im Laufe der Jahrtausende entstanden ist, in denen die Menschen auf der Erde immer zahlreicher und die Völker räumlich größer geworden sind. Boden jeder Art und Güte wurde mit Beschlag belegt. Es ist der Sinn einer Großgrundspekulation , die natürlich nur berechtigt ist, wo der um sich greifende Staat die Mittel hat, das Erworbene festzuhalten, wie England es bisher vermocht hat. Die bekannten Erörterungen, ob Deutsch-Ost und Südwestafrika überhaupt wert seien, von der deutschen Flagge gedeckt Zu werden, zeigten nichts von dieser höheren Erkenntnis des politischen Bodenwertes und diesem weitblickenden Selbstvertrauen.   Der Besitz des Bodens und die Herrschaft über den Boden fallen auf den ersten Stufen der Entwicklung des Staates zusammen und rücken dann immer weiter auseinander. Darin liegt eine der Ursachen, warum die Auffassung des Staates als Organismus einseitig und unvollständig und damit die Entwicklungsgeschichte des Staates getrübt, ja undurchsichtig geworden ist, daß man nur die wirtschaftliche Besitznahme sieht, und nicht ahnt, daß in ihr die politische steckt. Die Verstärkung des Besitzes am Boden bedeutet immer auch Befestigung der Macht über den Boden. Das Volk ist das organische Wesen, das im Laufe seiner Entwicklung durch die Arbeit der einzelnen immer inniger mit dem Boden verwächst und den Boden in diese Entwicklung überführt und hineinzieht. Man kann daher dem Wachstum des Staates über die Oberfläche der Erde hin auch ein Wachstum nach der Tiefe zur Seite stellen. Durch die Ausbreitung oder das räumliche Wachstum wird der Staat größer und vermehrt seine Hilfsquellen, durch die Befestigung im Boden entwickelt und stärkt er seine Grenzen und sichert seine Lage. Raum, Grenzen und Lage nehmen an Wert zu, indem der Staat sich fester mit seinen geographischen Grundlagen verbindet. Es ist mehr als bloß ein Bild, wenn man von Einwurzelung redet; denn der Staat zieht gerade wie die Wurzeln einer wachsenden Pflanze immer mehr Nahrung aus seinem Boden und wird daher immer fester mit ihm verbunden und auf ihn angewiesen. Ebenso wie in der Größe der Staaten gibt es daher auch in der Verbindung zwischen Staat und Boden eine geschichtliche Stufenreihe.   Bei einem unterworfenen Volke scheint die politische Kraft des Bodens ganz verlorengegangen zu sein; nur der wirtschaftliche Vorteil scheint übrigzubleiben, den es aus seinem Anbau zieht. Und doch macht auch in diesem Falle der Boden seine Macht unmerklich und allmählich geltend, wenn die Besiegten nicht von ihm weggedrängt werden konnten. Immer haben diese dann den Vorzug, auf dem Boden zu wohnen, der durch Arbeit der ihre ist; sie sind im tieferen Sinn daheim. Ihre Besieger dagegen sind eingedrungene Fremde und werden abhängig von der Arbeit ihrer Untertanen auf dem Boden, den sie, die Herren, nur politisch besitzen. Gar oft vermehren sich jene stärker als diese, indem sie die Früchte des Bodens vervielfältigen. In ihrer Ansässigkeit halten sie sich zugleich auf einer Kulturstufe, die oft weit über der der Herrscher liegt. Scheinbar ist der Unterschied gewaltig zwischen einem Volk siegreicher Eroberer, das sich zum obersten Herrn eines Landes und seiner Bewohner gemacht hat, und landlosen Einwanderern, die sich zwischen den Altansässigen gleichsam durchzuwinden haben und nirgends einen festen Grund finden. Und doch bindet sie der Mangel der unmittelbaren Beziehungen zum Boden zusammen. [Diese Erkenntnis hat z. B. dazu gefühlt, daß nahezu alle alten und neuen Staaten, denen durch die Friedensdiktate der Jahre 1919/20 deutscher Volksboden zugefallen war, sich nicht mit der politischen Herrschaft begnügten, sondern auch die Verdrängung der einzelnen deutschen Volksangehörigen aus dem Lande und ihre Auswechslung gegen Angehörige des staatsbestimmenden Volkes betrieben. So hofften sie, ihrer Eroberung Dauer zu verleihen. D. Hrsg.]   Ein starkes Hirtenvolk läßt nicht von seinen Herden und seinen Wanderzügen, und ein Ackerbauvolk geht nicht ungezwungen zum Nomadismus über. Die beiden wahren sich folgerichtig auch die Bodenflächen, die sie, jedes für den höchsten Zweck seines Daseins, brauchen, oder suchen sie noch zu erweitern. Es wäre verfehlt, zu glauben, der Ackerbau und die Viehzucht seien nur Erwerbszweige; es sind Formen des Lebens , in denen jede Tätigkeit und jedes Streben eine besondere Richtung empfängt: die Tracht, die Nahrung, die Lebens- und Wohnweise, die Familie, die Gesellschaft und der Staat, alle sind bei den beiden grundverschieden. Nur die härteste Notwendigkeit kann aus Ackerbauern Nomaden machen und umgekehrt. Der Kampf des Hirten mit dem Ackerbauer ist so alt wie die Geschichte, die man als Weltgeschichte zu schreiben pflegt. Er tritt uns im alten Ägypten entgegen, und die Wurzeln des Judentums ruhen in ihm. Die altpersische Religion stellt in Ahura Mazdah und Nhriman das Wohltätige des Fruchtlandes dem Schädlichen der Steppe gegenüber. Ranke nennt diese Religion »auf den Anbau von Iran gegründet«; der Kampf der angesiedelten und wandernden Bevölkerungen nicht nur, auch der des bewässerten Landes gegen den Sand, der fruchtbringenden Bäche gegen die Düne spricht sich darin aus: der autochthone Zustand eines oasenreichen Steppen- und Wüstenlandes. So wie der Boden der alten Welt durch den großen Zug eines vom Atlantischen zum Stillen Meer sich erstreckenden Steppengürtels bezeichnet ist, den zu beiden Seiten fruchtbare Tiefländer begrenzen, so geht durch seine Geschichte die Wirkung der in diesem Gürtel wohnenden und wandernden Nomaden auf die Ansässigen zu beiden Seiten.   Jede Raumumbildung hat unvermeidliche Rückwirkungen auf alle benachbarten Räume, in Europa z.B. stets auf den ganzen Erdteil, und ihre Fortpflanzung von einem Gebiet zum andern gehört zu den mächtigsten Ursachen geschichtlicher Entwicklung. In diesem »Raummotiv« sind die Richtungen auf Vergrößerung unaufhörlich als Bewegungsantriebe wirksam. Zu ihnen gesellt sich die Befestigung oder die Art des Zusammenhanges des Staates mit dem Boden als weiteres, den Gang des Wachstums und besonders die Dauer seiner Ergebnisse bestimmendes Motiv. Alle philosophischen Theorien der geschichtlichen Entwicklung sind besonders darin mangelhaft, daß sie diese nächsten Bedingungen der staatlichen Entwicklung übersehen; darin fehlen besonders die sogenannten Fortschrittstheorien, ob sie nun geradlinige, spiralige oder andere Entwicklungsgänge voraussetzen.   Der Krieg ist, geographisch aufgefaßt, eine heftige, stoßweise und gewaltsame Bewegung großer Menschenmassen von einem Lande in ein anderes hinein; politisch ist er das gewaltigste Mittel zur Weiterführung des im Frieden stockenden Staatenwachstums und zur Klärung verworrener Völkerverhältnisse, wobei die für den Frieden gültigen Grenzen mit allen daran geknüpften Verkehrsbeschränkungen für die Kriegführenden verschwinden von dem Augenblick der Kriegserklärung an, ihre beiderseitigen Gebiete in Eins verschmelzen und einen Kriegsschauplatz im weitesten Sinne bilden; gesellschaftlich zeigt er die männlichen Züge des Gesellschaftstriebes und des Herrscherwillens aufs höchste gesteigert, während dagegen der Friede das Familienleben begünstigt mit seinem Streben nach abgeschlossenen sicheren Verhältnissen und wunschloser Zufriedenheit, mit seiner Fesselung des Mannes an Weib und Nachkommenschaft, kurz mit seinem Vorwiegen des weiblichen konservativen Prinzips und des Geschlechtslebens. Der erste Zweck des Krieges ist immer, in das Gebiet des Gegners einzudringen, daher Wege zur Grenze, Grenzfestungen, Magazine, Militärgrenzen, die das für die eine Seite erleichtern, für die andere erschweren sollen.   Als eine besondere Art von innerer Differenzierung kann die Zuteilung rein politischer Funktionen an besondere politische Räume betrachtet werden. Der Grenzsaum, mit seinen Schutz- und Verteidigungsvorrichtungen, die Schutz- und Verteidigungsplätze im Lande selbst, die Verkehrswege, Markt- und Versammlungsplätze sind in den einfachsten Staaten, die wir kennen, dem Staate beibehaltene Räume; die Grenzen allein nehmen oft weit mehr als die Hälfte des ganzen Staatsraumes ein. Je zahlreicher die Menschen auf diesem Raume werden, um so mehr werden sie diese Inanspruchnahme ihres Bodens für reinstaatliche Zwecke als eine Beschränkung ihres Bodens empfinden. Der wachsende Staat besetzt die guten Stellen eines Landes vor den schlechten, und wenn sein Wachsen mit der Verdrängung eines anderen Staates verbunden ist, nimmt er siegreich dessen gutes Land ein und verdrängt dieselben nach den schlechten hin. [Nicht besetzte und fremdem Volk überlassene schlechte Böden können allerdings in Zeiten der Schwächung des Staates zu gefährlichen Sprengkammern gegen seine Existenz werden (so z. B. die polnischen Siedlungen in der Tucheler Heide gegen das Deutschtum der Weichselniederung bei den Friedensverhandlungen 1918/19). D. Hrsg.]   Die Betrachtung des organischen Zusammenhanges der Staaten und der inneren Differenzierung hat uns mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß jede Erdstelle ihren politischen Wert hat. Dabei ist in erster Linie zu beachten die objektive und ganz unverwischliche Abstufung der drei großen polltisch-geographischen Eigenschaften: Lage, Raum und Grenze (und damit eingeschlossen Gestalt). Der Wert einer Lage ist unverlierbar. Zuerst kommt die Lage, dann der Raum, dann erst die Grenze. Die Grenze ist als peripherisches Organ des Staates sowohl der Träger seines Wachstums wie auch seiner Befestigung und macht alle Wandlungen des Organismus des Staates mit. Das räumliche Wachstum äußert sich als peripherische Erscheinung in der Hinausschiebung der Grenze. Bewegungskräfte und Erscheinungsformen des Staaten-Wachstums Das Volk wächst, indem es seine Zahl vermehrt, das Land, indem es seinen Boden vergrößert, und da das wachsende Volk für seine Zunahme neuen Boden nötig hat, so wächst das Volk über das Land hin. Zunächst macht es im Inneren sich und dem Staat Boden dienstbar, der bisher unbesetzt gewesen war: Innere Kolonisation . Genügt dieser nicht mehr, so treibt das Wachstum nach außen, wobei alle Formen räumlichen Wachstums durch die Erweiterung des Horizontes, den Handel und Verkehr, die religiöse und nationale Ausbreitung endlich notwendig zum Landerwerb führen: Äußere Kolonisation . Das kriegerische Vordringen, die Eroberung , ist oft eng mit ihr verbunden. Das wechselseitige Zusammenwirken der einzelnen bei der Kolonisation, wobei einer den andern unterstützt, macht für sich allein keinen Staat) die dadurch entstehenden Arbeitsleistungen wechseln auf Nachfrage und Angebot und erzeugen das kaleidoskopisch wechselnde Bild sehr veränderlicher Beziehungen: das ist nur die Gesellschaft . Der Staat entsteht erst, wo die Gesamtheit zu Zwecken vereinigt wird, die nur Zwecke der Gesamtheit sind und nur durch gemeinsame Anstrengungen von einer gewissen Dauer erreicht werden können. Im Staat wird der Vorteil des Ganzen unmittelbar gefördert, in der Gesellschaft mittelbar. Die beiden Arten des Zusammenwirkens sind also wohl zu unterscheiden.   Die Voraussetzungen der Kolonienbildung sind dreifach: Land , um die Kolonie anzupflanzen; Volk , das mit diesem Lande sich zur Kolonie verbindet; Bewegungen , die das neue Land mit dem alten in Verbindung sehen und ihre Vereinigung aufrechterhalten. Diese drei Voraussetzungen sind darin sehr verschieden, daß die erste nach der Natur unserer Erde nur beschränkt sein kann, während die beiden anderen unbeschränkt sind. Das verfügbare Land bleibt immer dasselbe, wählend die Menschen sich erneuern und vermehren und damit auch die expansiven Bewegungen wachsen machen. Kolonisation ist damit längst Verdrängung geworden.   Die Unterbringung ihrer Auswanderer ist für alle rasch wachsenden Völker eine Lebensfrage und wird der Anlaß zu politischen Schwierigkeiten für die, denen keine großen Kolonien zur Verfügung stehen. Auf neuem Boden arbeiten Völker kulturlich wie politisch unter viel günstigeren Bedingungen als auf altem. Die weiten Räume wirken auf Seele und Geist. Auf dem weiteren Raum findet das wirtschaftliche Gedeihen einen neuen, vielfach besseren Boden, aber es findet auch die anspornenden Aufgaben einer gewaltigen inneren Kulturarbeit. Im Anfang kostet diese Arbeit viele Opfer, alle Anfänge der Kolonisation haben einen heroischen Zug , zugleich wächst aber auch die natürliche Vermehrung und damit die Widerstandskraft des Ganzen. Kein besseres Zeugnis für die Tüchtigkeit eines Volkes, als wenn es sich in der Kolonisation bewährt. Koloniengründung und Kolonienerhaltung, das sind in der Tat Prüfsteine für ein Volk. Welche Gefahr liegt allein in den rein materiellen Bestrebungen, auf die im Anfang jeder Besiedelung die Umstände den Menschen hindrängen! In dem oft jahrelangen Entbehren aller geistigen Nahrung! In dem Zusammenströmen mehr als catilinarischer Existenzen nach diesen Grenzstrichen der Kultur, das, vom alten Rom bis Kalifornien und Colorado herab, sich immer mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit wiederholt hat! Der Leiden und Gefahren der Wildnis gar nicht zu gedenken! Da ist es gerade wie mit einem Menschen, bei unversehrt aus der Prüfungszeit einer schweren Krankheit hervorgegangen ist. Man faßt Vertrauen zu dieser gesunden Natur, die ungeschädigt so viel überstanden hat, und baut für die Zukunft auf sie. Die gewaltige Veränderlichkeit des Kolonialbesitzes ist das sprechendste Zeugnis seiner Jugendlichkeit.   Die Geographie legt das Hauptgewicht auf die Eigenschaften des Gebietes, die aus dem Leben des Staatsorganismus hervorgehen. Der lebendige Staat läßt sich nie vollständig in die toten Grenzen eines abgemessenen Flächenraums bannen. Das Vorrücken oder Zurückgehen der eigentlichen Grenze gehört zu diesen Lebenszeichen. Jedes Staatsgebiet ist als ein Stück Erdboden auch ein natürliches Gebiet. Jedes Volk richtet auf sein Gebiet alle seine Kräfte und Fähigkeiten, um für seine kulturliche und politische Entwicklung daraus den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Seine Entwicklung ist ein Kampf mit seinem Wohngebiet, in dem für die politische Organisation die Vorteile gewonnen werden, deren dieser Boden fähig ist. Je mehr das Gebiet solche Vorteile hat, desto leichter lebt das Volk in sein Gebiet sich ein. Das Volksganze will ein Naturganzes werden , will ebendeswegen ein geschlossenes oder doch übereinstimmend geartetes Gebiet für sich haben.   An geographische Selbständigkeit schließt sich politische an. Deshalb ist die Frage nach der geographischen Selbständigkeit für die politische Geographie immer eine der wichtigsten. Die geographische Selbständigkeit einer Landschaft liegt in der Behauptung ihrer Eigenart gegen die Umgebung. Die Größe kann sie darin unterstützen, gehört aber nicht wesentlich dazu. Geographische Vorstellungen, religiöse und nationale Ideen sind von jeher von stärkstem Einfluß auf das Staatenwachstum gewesen. Die Erweiterung des geographischen Horizontes, eine Frucht der geistigen und körperlichen Anstrengungen zahlloser Geschlechter, stellte dem räumlichen Wachstum der Völker immer neue Gebiete zur Verfügung, und wie die geistige Umfassung der Erde fortschritt, fand jede neue Stufe ihren politischen Ausdruck. Diese wachsenden Räume jedesmal politisch zu bewältigen, sie zu verschmelzen und zusammenzuhalten, verlangte indessen Kräfte, die nur mit der Kultur und durch die Kultur sich langsam entwickeln konnten. Wir sehen sehr oft der politischen Expansion die religiöse voranschielten, aber noch größer ist die Wirkung des Verkehrs, den wir auf alle Expansionsbetriebe wie ein mächtiges Schwungrad belebend einwirken sehen. Das Wachstum der Staaten folgt Wachstumserscheinungen der Völker, die ihm notwendig vorausgehen. Das Wachstum der Staaten ist nur eine von den Formen der politischen Raumbeherrschung. Es gibt andere Ausbreitungen, die rascher fortschreiten als der Staat, daher ihm vorauseilen und den Boden bereiten. Ohne eigenen politischen Zweck, treten sie mit dem Leben der Staaten in die engste Verbindung, hören aber deshalb nicht auf, über die Staaten hinauszustreben. Dieses Leben liegt in den Ideen und Gütern, die von Volk zu Volk nach Austausch streben. Vom gleichen Ausbreitungstriebe beseelt und gleiche Wege wandernd, finden Ideen und Waren, Missionare und Kaufleute sich oft zusammen, beide nähern die Völker einander, machen sie ähnlich, bereiten damit den Boden für politische Annäherungen und Vereinigungen. Tempel- und Kanalbauten, theokratische und Verkehrsbestrebungen, gehen als staatserhaltende Mächte nebeneinander her. Von Cäsars Versuch der Eroberung Britanniens, der ein Land entschleierte, das für Virgil »jenseits der Grenzen der Welt lag«, bis auf die Gegenwart herab sind die größten Erfolge der expansiven Politik durch die geographischen Entdeckungen vorbereitet worden. Nachdem Deutschland und Italien in den letzten Jahrzehnten [d.h. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; d. Hrsg.] seltene Beispiele von politisch selbstloser Teilnahme an der Erforschung Afrikas gegeben hatten, wuchsen die politischen Ziele ihnen zuletzt doch ganz von selbst auf ihren Forschungsgebieten entgegen. Dieser enge Zusammenhang der geographischen Entdeckungen mit der Erweiterung des politischen Schauplatzes verleiht der Geschichte der Geographie eine unmittelbare Beziehung zur politischen Geschichte. Das geographische und ethnographische Wissen ist eine politische Kraft . Das politische Wachstum hat immer mehr geistige Elemente in Plan und Ausführung in sich aufgenommen. Darum wird man ihm auch immer weniger gerecht, wenn man es nur als die gewaltsame Vereinigung neuer Provinzen mit dem alten Besitz eines Landes auffaßt. Viele halten die nationale Zusammenschließung für etwas Ursprüngliches, worauf die Weihe des Alters liegt. Dem ist gar nicht so. Unsere über weite Räume sich erstreckenden nationalen Bestrebungen kannte das Altertum nicht. Die alten Stammesgebiete waren eng, so wie die Menschenzahlen klein waren. Die Gebiete der Völker sind mit der Kultur ebenso gewachsen wie die der Staaten, und wenn sie heute so groß sind, daß sie über die größten Staatsgebiete noch hinausragen, wie das der Russen in Eurasien oder der Anglokelten in Nordamerika oder der Spanier in Südamerika, so ist diese Ausbreitung zum Teil eine Folge einer politischen, die vorangegangen war. So stammt das weite Gebiet der »lateinischen Rasse« in Europa von der einstigen Größe des Römischen Reiches. Aber heute wollen auch die Völker ihre Größe und Dauer auf möglichst breiten Raum gründen und glauben, ein Stamm sei stärker als ein Bündel Stäbe noch so stark verbunden. Das Wachstum der Staaten empfängt in vielem seine Antriebe von der Wechselwirkung mit ihrer Umgebung. Die ersten Anregungen zum räumlichen Wachstum der Staaten werden von außen hineingetragen. Das sich selbst überlassene Wachstum eines einfachen politischen Körpers erneut und wiederholt diesen Körper immer neu, schafft aber aus sich selbst heraus keinen andern. Woher stammt die Auffassung eines großräumigen Staates in kleinstaatlichen Gebieten? Ägypten und Mesopotamien, Syrien und Persien sind große, die Verdichtung der Bevölkerung auf einem engen Raum begünstigende Oasenländer; und sie sind rings von Gebieten umgeben, die ihre Bewohner zur Ausbreitung auffordern. Daß das voreuropäische Amerika der Hirtenvölker entbehrt, die einst den größten Teil der Alten Welt beherrscht haben, nahm ihm ein nie ruhendes politisches Ferment. Und daher auch zum Teil die Schwäche seiner Staatenbildungen. Die Wirkung wandernder Hirtenvölker auf ansäßige Ackerbauer und Gewerbsleute zeigt indessen nur eine Seite eines tieferen Gegensatzes. Auch die Staatengründungen der seefahrenden Völker, der Phönizier, Normannen und Malayen und dann wieder die neuesten Kolonien der Europäer treffen auf die weltweit verbreitete Neigung der ansässigen und besonders der Ackerbauvölker, politisch zurückzutreten oder sich abzuschließen. Alle reine Ackerbaukolonisation neigt zur Erstarrung, ist mit politischer Schwerfälligkeit geschlagen, und der weltgeschichtliche Erfolg Roms liegt in der Befruchtung eines derben Bauernvolkes mit beweglicheren, weltkundigeren Elementen. Es ist ein Unterschied der geschichtlichen Bewegung, der sich durch die Menschheit zieht. Die einen beharren, die anderen dringen vor, und beides wird durch die Natur der Wohnplätze begünstigt, weswegen von Meeren und Steppen als Bewegungsgebieten aus die Staatenbildung in Wald- und Ackerländer als Beharrungsgebiete vordringt. In der Beharrung tritt Schwächung und Zerfall ein; das Vordringen fordert dagegen die dauernde Organisation der Völker.   Die allgemeine Richtung auf räumliche An- und Abgleichung pflanzt das Größenwachstum von Staat zu Staat fort und steigert es ununterbrochen. Es liegt im Wesen der Staaten, daß sie im Wettbewerb mit den Nachbarstaaten sich entwickeln, wobei die Kampfpreise zumeist in Gebietsteilen bestehen. Landerwerb wird das Ziel der politischen Entwicklung in dem Sinn, daß der größere Raum eines Staates den Nachbarstaat mit kleinerem Raum zu dem Streben bewegt, durch eigenen Raumerwerb den Unterschied auszugleichen, das »Gleichgewicht« herzustellen. Im Grund ist es der räumliche Ausdruck eines abgleichenden oder anähnlichenden Strebens, das in allem Größenwachstum der Staaten als mächtiges Bildungsprinzip tätig ist. Es liegt im Wesen des politischen Wachstums, daß, wenn die Nachbarstaaten einander ähnlich werden wollen und müssen, nicht bloß in der Größe sie sich anzugleichen suchen. Die Nachbarlage bedingt auch, daß sie sich in Vorteile der Lage oder Naturausstattung teilen, wodurch Gemeinsamkeit gewisser Interessen und Funktionen entsteht, die in manchen Fällen die Wettbewerbung bis zum Streben nach Verdrängung steigert. Gunst und Verhängnis der Lage Die geographische Lage bezeichnet ein dem Erdboden angehöriges Beständige in der geschichtlichen Bewegung. Von einer bestimmten Erdstelle in immer gleichen Lage empfangen die Völker und Staaten immer denselben Eindruck, so wie ein Strom immer über derselben Stelle sich beruhigt oder aufwallt. Die Lage ist mehr als das Bleibende in der geschichtlichen Erscheinungen Flucht: sie stellt im Verlauf größerer geschichtlicher Prozesse gleichsam das Sammelbecken dar, in das die zur Ruhe strebenden Wellen nach raschem Aufwallen zurückeilen. Indem ein Voll seine Lage und damit sein Land erhält, erhält es sich selbst. Sein Land zu behalten und sich in seinen Grenzen auszuleben, sieht ein Volk als seinen nächsten Zweck an, zu dessen Verfolgung es aus den häufigen Versuchen zurückkehrt, sein Leben in einem fremden Berufe aufgehen zu lassen. Die allgemeine Lage hält die wichtigsten Eigenschaften eines größeren Gebietes fest, ohne sie genau in denselben Grenzen zu umfassen. Ein Staat mag in ihr die Formen wechseln, ohne daß der politische Gehalt entsprechende Veränderungen erführe. Die besondere Lage , d. h. die besondere, zu einer Zeit eingenommene Lage eines Landes kann und muß genauer bestimmt werden. Die Aufgabe ist leicht bei kleinen Räumen, wie Städte, Berge, Flußmündungen. Man kann sie auf Punkte zurückführen, die nach ihrer geographischen Breite und Länge bestimmt werden. Davon kann die politische Geographie der Länder wenig Gebrauch machen, die es in der Regel mit größeren und unregelmäßig gestalteten Räumen zu tun hat, deren Zurückführung auf einen Punkt der Erdoberfläche oft zu nichts anderem, als ganz unwahren, wertlosen Abstraktionen führen würde; sie muß vielmehr die Breiten- und Längengrade, die Meere, Gebirge, Flüsse bezeichnen, zwischen denen das Land gelegen ist. Die natürliche Lage ist ein geographischer Begriff und kann rein geographisch gefaßt werden. Die politische Lage ist mindestens ein halbpolitischer Begriff. Daß Vorteile der Lage früher und leichter erreicht werden als Vorteile des Raumes ist eine notwendige Folge der Wachstumsgesetze der Staaten. Solange ein wachsendes Volk in derselben Zone bleibt, kann es seinen politischen Bau auf gleichartigem Boden aufrichten. Daher das Einfache und Natürliche eines solchen Wachstums verglichen mit dem Übergang in andere Zonen.   Was zuerst den einzelnen und dann die Völker beeinflußt, das übt auch seine Wirkung auf die Staaten. Den Staaten der kalten Länder verleiht die politische Energie, die geistige Kraft, die wirtschaftliche Tätigkeit ein entschiedenes Übergewicht über die der warmen. Die größten Staaten der Gegenwart: Großbritannien, Rußland, die Vereinigten Staaten, China haben ihren Ausgang aus kalten Ländern genommen; der Kern ihrer Macht liegt auch noch immer hoch im Norden: England, Schottland, das Großrussentum, Neuengland, Nordchina. Sobald ein Staat aus einer Zone in eine andere sich ausdehnt, verändert er seine klimatischen Bedingungen. Der sich ausbreitende Teil seiner Bevölkerung muß sich dem Klima anpassen, sich akklimatisieren . Es gibt Organismen, die man starr nennen kann, und biegsame und schmiegsame, die fast allen klimatischen Bedingungen sich anpassen. Die verschiedenen Rassen sind trotz aller Fortschritte in der Lebensweise und Hygiene noch immer in ganz verschiedenem Maße zur Ertragung fremder Klimate befähigt und ihrer Ausbreitung über die Erde sind damit deutliche Grenzen gezogen. Nicht selten wird durch die größere Akklimatisationsfähigkeit ein Weniger von anderen politischen und besonders kolonialpolitischen Fähigkeiten aufgewogen.   Das Mittelmeer , das Antillenmeer und das Meer Indonesiens sind Meere ähnlicher Lage zu den Erdteilen, die nördlich und südlich von ihnen liegen; sie sind auch ähnlichen Ursprungs und infolgedessen ähnlich in den Umriß- und Tiefenverhältnissen. Es sind Verbindungsmeere zwischen den Nord- und Süderdteilen und den sie bespülenden Ozeanen. Durch das eine führen die afrikanischen Beziehungen Europas und durch das andere die südamerikanischen Beziehungen Nordamerikas, durch das dritte die Verbindungen Europas und Asiens mit Australien. So mußte auch dem Suezkanal im Osten der Interozeanische Kanal im Westen entsprechen, der bestimmt ist, das amerikanische Mittelmeer mit dem äquatorialen Abschnitt des Stillen Ozeans zu verbinden.   Die Zugehörigkeit zu einem kleinen Erdteil wie Europa oder Australien gestattet den einzelnen Ländern eine größere Mannigfaltigkeit der Lage, deren natürliche Bedingungen sich nicht so oft wiederholen können, und eine ausgedehntere Teilnahme an der Peripherie; davor werden die zentralen Gebiete zurücktreten, so daß es in Europa ein zentrales Gebiet wie in Innerasien oder Innerafrika weder im natürlichen, noch im politischen Sinne gibt und in Australien jeder von den sechs Staaten am Meere gelegen ist. In dem kleinen, vielgegliederten Europa entwickelt sich kein so starker Gegensatz von Innen und Außen, daß ein Innereuropa abzusondern wäre. Sollte es geschehen, dann wäre dieses Kernland so nahe bei den Grenzen Asiens zu konstruieren, daß selbst Deutschland nur als sein westlicher Ausläufer zu betrachten wäre, und man erhielte ein Halbasien statt einem Innereuropa.   Die Randlage ist im Vergleich mit der Innenlage immer die bessere, weil sie die leichtesten Verbindungen gewährt. Die zentrale oder Mittellage ist in der Stärke ebenso gewaltig wie in der Schwäche bedroht, fordert zum Angriff und zum Widerstand heraus. In ihrer Bedrohung und Kraft, aber auch in ihrer Schwäche, sind große Völker und geschichtliche Mächte erwachsen. Dazu wirkt das Zusammentreffen der verschiedensten Einflüsse im Mittelpunkt, um die Kraft der Neubildung zu steigern. Über den Mittelpunkt schüttet der zusammenstrahlende Verkehr gewissermaßen als Neben-Produkt den Verkehrsgewinn aus. Für viele Vorteile nimmt die zentrale Lage immer den Nachteil der Gefährdung in Kauf. Es fehlen ihr natürliche Grenzen und sie erhält dadurch überhaupt etwas Unbestimmtes und Schwankendes. Wo die zentrale Lage zur Zusammendrängung wird, da kann die staatliche Einheit überhaupt verlorengehen, ohne daß das Volk den Vorteil seiner Lage in der regsten Wechselwirkung und Ausstrahlung auf kulturlichem Gebiet einbüßt. Die Mittellage ist in der Regel auch eine geschlossene Lage , denn entweder ist der zentrale Staat zusammengedrängt oder er hat sich zum Schutz und zur Verteidigung zusammengezogen; dagegen haben die Staaten am Rand immer eine mehr oder weniger offene Lage, am meisten dort, wo die natürliche Gestalt der Länder das Meer tief eingreifen läßt oder Ausläufer in das Meer hinaussendet, die als Halbinseln auf drei Seiten vom Meere umgeben sind. Das Verhältnis der Peripherie zum Flächenraum bestimmt den Grad der Offenheit der Lage, der bei ozeanischen Inseln am größten ist. Wenige Staaten haben nur die Natur zum Nachbar, die große Mehrzahl grenzt an andere Staaten und manche grenzen nur an andere Staaten: Ungarn, Schweiz. Dadurch entstehen Nachbarschaftsverhältnisse, deren Eigenschaften sich hauptsächlich nach denen der geschichtlichen Mächte bestimmen, die über ihren Gebieten walten. Nachbarn haben immer Ähnlichkeiten der Lage und des Bodens, die dazu beitragen, die Entwicklung in gleiche Wege zu drängen. Aber sie haben in höherem Maße die geschichtliche Ähnlichkeit, die auf dem unvermeidlichen Austausch der geschichtlichen Erfahrungen und Erwerbungen beruht. Denn jede Nachbarschaft ist eine Beziehung. Die Staaten liegen nicht tot nebeneinander, sondern sie müssen aufeinanderwirken und in dem Maße mehr, als sie einander näher sind.   Ein Land ist durch seine Lage oder Gestalt besonders geeignet, den Eintritt in ein dahinterliegendes zu erleichtern, es bildet gleichsam die Schwelle dazu. Der einfachste Fall sind die am Rande eines Landes gelegenen Inseln, die die Fußfassung auch durch ihre Kleinheit erleichtern. Raumverhältnisse und Raumbewältigung Nur das Viertel der Erdoberfläche, das nach Abzug der Meere und Polargebiete übrig bleibt, ist bewohnbar und in Staatsgebiete geteilt; aber die ganze Erde ist Gegenstand der politischen Geographie, denn jedes politische Gebiet steht zur Erdoberfläche im Verhältnis des Teiles zum Ganzen. Da die Größe der Erdoberfläche der Entwicklung der Staaten Schranken setzt, so können immer nur von wenigen Staaten in der gleichen Zeit sehr große Räume eingenommen werden. Und ebenso ist dann auch die Zahl der kleineren Mächte von den 124 Millionen Quadratkilometern abhängig, die allen zur Verfügung stehen. Auf diesen fänden zwar fast 200 Deutschlande Platz, aber dieser weite Raum schrumpft gleich zusammen, wenn die fünf wahren Großstaaten unserer Zeit: England, Rußland, China, die Vereinigten Staaten und Brasilien, sich darein teilen, denn diese nehmen schon fast die Hälfte davon in Anspruch. Was übrig bleibt, ist noch immer groß für geschichtlich befestigt in sich ruhenden Besitz, klein aber für weltgreifende Entwürfe eines neuen Alexander oder Napoleon. Die ganze Erde genügt immer nur für einige große politische Bestrebungen und ist um so enger, da sie ja nicht nur die politischen Räume zusammendrängt, sondern auch die Bewegungs- und Wachstumsantriebe beschränkt. Rußland kann nicht mehr wachsen, ohne mit dem britischen oder chinesischen Reiche zusammenzustoßen. Wir haben es erlebt, als nur Deutschland bescheiden genug in die Reihe der Kolonialmächte eintrat, wie sofort ein Gefühl der Beengung durch die Welt ging und der noch unverteilte Raum in kurzer Zeit genommen war. Wenn unser Land vergebens ein noch unbesetztes Land irgendwo in den gemäßigten Zonen sucht, alles besetzt und besiedelt findet, spricht sich die Tatsache erschreckend aus, wie klein die Erde heute für ihre Völker ist. Wir können doch in jeder Zeit nur die Macht eine Weltmacht nennen, die in allen Teilen der bekannten Erde und besonders auch an allen entscheidenden Stellen, durch eigenen Besitz machtvoll Vertreten ist.   Noch sind in der Geschichte Europas die Folgerungen zu ziehen, die aus der unvermeidlichen Rückwirkung der außereuropäischen auf die europäischen Raumverhältnisse sich ergeben. Wie alles Unvollendete wirkt dieser Zustand beunruhigend, vor allem naturgemäß bei jenen Ländern, deren Größe nicht die Natur selbst angewiesen hat. Europa fühlt seine Zukunft bedroht durch die größere Entwicklungsfähigkeit Außereuropas. Es hat den Vorzug der zusammengedrängten Lage in der kulturgünstigsten gemäßigten Zone mit dem Nachteil des engen Raumes erkauft. Man kann von gemeineuropäischen Übeln sprechen, die in diesem Grunde wurzeln. Wie einfach und groß ist die Staatenbildung in Nordamerika verlaufen im Gegensatz zur europäischen! Die deutsche Ausbreitung nach Osten war ein mühsames Vordringen und Durchringen in einzelnen Gebieten, ein gezwungenes Zurückbleiben in anderen. So ist auch in den Zeiten mächtiger Expansion in Europa immer nur eine bruchstückweise Ausbreitung möglich gewesen, da jedem Wanderstrom Gegenströme entgegenwirkten, die ihn spalteten. Das Endergebnis war die zersplitterte Lage, überreich an Reibungen, der Völker und Völkchen in Völkerhalbinseln und -inseln. So ist auch eine europäische Krankheit die Notlage des Ackerbaues, die aus der Verdichtung der Bevölkerung auf zu eng gewordenem Raume, in der Erschöpfung des Bodens bei zunehmender Wettbeweibung mit größeren, jüngeren, dünn bevölkerten und billig erzeugenden Ländern entspringt. Langsam verlegt sich die Geschichte der ursprünglich europäischen Völker aus Europa hinaus, und in Europa wird künftig am größten sein, wer am größten in Außereuropa ist. Die Größe der Räume, in die hinein wir politisch denken und planen, hängt von dem Raume ab, in dem wir leben. Deswegen gibt es kleine und große Raumauffassungen , und wächst die Raumauffassung oder geht mit dem Raum zurück, in dem wir leben. Der große Raum fordert zu kühner Ausbreitung auf, der kleine verleitet zu zaghafter Zusammendrängung. Jeder mißt an der Freiheit der Bewegung und der Weite der Ausnützung die Größe des Raumes, und die Kraft des geistigen Auges wächst damit oder geht zurück. Und so in der Summe das Volk. Wenn Clausewitz in seinem »Feldzug von 1812 in Rußland« sagt: »Die Idee, welche man in Berlin hatte, war, daß Bonaparte an den großen Dimensionen des Russischen Reiches zugrunde gehen müsse«, oder wenn Ralph Waldo Emerson, der neuengländische Weise, von den Vereinigten Staaten von Amerika rühmt, daß es ihnen besonders leicht falle, »die weitesten Anschauungen zu erzeugen«, handelt es sich um diesen Raum, der in den Geist der Menschen, beflügelnd oder lähmend, übergegangen ist. In diesem Sinne ist der Raum überhaupt eine politische Kraft und nicht nur ein Träger politischer Kräfte. Der Raum an sich , nicht ein bestimmter Raum, wird hier im Verhältnis zu der Kraft geschätzt, die zu seiner Bewältigung nötig ist, und diese wird an ihm gemessen. Sie wird mit der Zeit immer auch mit ihm wachsen.   Die Schule des Raumes ist langwierig. Jedes Volk muß von kleineren zu größeren Raumauffassungen erzogen werden, und jedes von neuem, wobei das Zurücksinken von diesen in jene immer wieder eintritt. Jeder Zerfall ist der Ausfluß einer zurückgegangenen Raumauffassung. Die Schule des Raumes wird aber erleichtert dadurch, daß ein wachsender Staat bei gleichen Dimensionen immer größer erscheinen wird als ein im Stillstand begriffener, denn ein Stück von der erst kommenden Größe fügt sich vor unserem geistigen Auge der Größe an, die wir heute fassen und greifen können. Durch die Wachstumsmöglichkeiten wird das Bild des wachsenden Staates vergrößert, das wir nie mit scharfen, abgeschnittenen Umrissen, sondern hoffnungsvoll unbestimmt in die Zukunft hineinragend erblicken. Der Staat im Stillstand schrumpft dagegen vor unserem Blicke ein.   Die modernen Völker werden sich der Raumverhältnisse immer mehr bewußt. Das Anwachsen politischer Räume in Asien und Amerika hat dem Raum überhaupt in unserer Zeit eine Beachtung und ein Studium zugewendet wie nie vorher. Die großen Räume werden mehr und mehr zu einer allgegenwärtigen Tendenz der Völker und Staatenentwicklung, die man am Ziele der verschiedensten Bewegungen suchen muß. Heute sollte jeder europäische Staatsmann in Asien oder Amerika etwas von dem Raumsinn zu lernen suchen, der die Kleinheit der europäischen Verhältnisse und die Gefahr kennen lehrt, die in der Unkenntnis der großen außereuropäischen Raumauffassungen liegt. Es ist wichtig, in Europa zu wissen, wie sich die politischen Größen unseres Erdteiles von der Höhe amerikanischer oder asiatischer Raumvorstellungen ausnehmen. Europas Staatengedränge mit asiatischem Blicke gemessen, kann zu Entwürfen von gefährlicher Kühnheit verlocken. Die Maßstäbe für die politischen Räume ändern sich ununterbrochen und müssen immer von Zeit zu Zeit größeren Verhältnissen angepaßt werden. Die politische Geographie muß sich naturgemäß dieser Aufgabe unterziehen, da sie ja die politische Raumverteilung in jedem Abschnitt der Geschichte und besonders genau die bestehende verfolgt. Die Geschichte ist rückwärts gewandt und verliert daher leichter den Raummaßstab, der für die Gegenwart und die nächste Zukunft der wirkliche ist.   Wie viel auch der friedlich sich ausbreitende Verkehr zur Erweiterung der wirtschaftlichen Räume beigetragen hat, der Krieg ist doch immer eine große Schule der Fähigkeit der Raumbewältigung geblieben. Wenn Feldherren durch unerwartete Märsche die größten Erfolge errangen, so ist darin nicht bloß eine physische Leistung zu erblicken und nicht bloß der Heroismus, eine so gefährliche Waffe zu schwingen, die in demselben Augenblicke den Freund verwundet, wo sie gegen den Feind gezückt wird, sondern ein rein geistiges Element überlegener Raumauffassung tritt hinzu; man denke an das Wagnis des Marsches Hannibals von Neu-Karthago an den Po oder daran, daß im Krimkrieg der weite, unbewältigte Raum gegen Rußland entschied, der 1812 ihm zum Sieg verholfen hatte, oder daß die deutschen Stämme den Raum nicht politisch zu nutzen verstanden, der gegen die Römer ihr Bundesgenosse gewesen war. [In der neuesten Geschichte treten die Eroberung der Mandschurei durch Japan, der deutsche Polenfeldzug, die Besetzung Norwegens und die siegreiche Beendigung des Feldzuges im Westen in nur sechs Wochen als Meisterleistungen der Raumbewältigung hervor. D. Hrsg.] Oft ging dieser Gewinn verloren; im Falle Alexanders und Cäsars blieb er der Nachwelt erhalten, deren Horizont er erweiterte. Es wiederholt sich in der Geschichte, daß jedes größere Land auch dem Krieg größere Aufgaben stellt, und daß der siegt, der sie löst. Es ist ein Kampf um Raum, durch den die Raumauffassung beständig wächst. Ein Krieg erweitert plötzlich den Schauplatz eines Konfliktes, der, auf engstem Raum entstanden, um sich greift, und, von einem zum anderen sich fortpflanzend, die Völker und Staaten in feindliche Lager teilt.   Die Fähigkeit der Raumbewältigung , die in der »Herrschergabe« und im »Organisationstalent« liegt, muß derselben Fähigkeit im Volk begegnen, wenn sie zu dauernder Vergrößerung eines politischen Raumes führen soll; sie wird die wirtschaftliche Arbeit in einem Volke beflügeln; und so wird die Weltwirtschaft mit der Weltpolitik gehen. Die Verbindung der weitblickenden Raumbeherrschung des Staatsmanns mit der Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit der Masse erreicht allein die größten Erfolge. Aus ihr schöpft die Geschichte eines Volkes den Schwung und die Nachhaltigkeit, die einst die Kolonisation der Deutschen im heutigen Nordost-Deutschland und später die der Anglokelten in Nordamerika und Australien auszeichneten. Das Gesunde liegt eben in dieser Verbindung. Wo, wie noch heute in Amerika, die wirtschaftliche Ausbreitung sich auf einem Boden bewegt, dem sie unmittelbar auch politische Ergebnisse abgewinnt, da erkennt man erst die Ursachen so mancher Hemmungen und Beengungen in unserem Erdteil, wo die Geschichte ein Gedränge geworden ist und Wirtschaft und Politik ängstlich auseinander gehalten werden müssen. Staatsmänner und Geographen Europas sehen wir daher in gleicher Weise bemüht, in außereuropäischen Fragen die kleinen Auffassungen wegzuräumen, die Europa eingibt. [In den autoritären Staaten der Gegenwart wird Politik und Wirtschaft nicht mehr auseinandergehalten; in ihnen ist die Wirtschaft der Politik untergeordnet. D. Hrsg.] In der Fähigkeit zur Raumbewältigung erkennen wir drei Typen, die sich überall in der Geschichte wiederholen: 1. Die Fähigkeit der Raumbewältigung ist bei den Führern vorhanden, fehlt aber in den Massen. Franzosen . 2. Die Fähigkeit der Raumbewältigung ist in den Massen stärker als in den Führern. Spanier . 3. Die Massen und ihre Führer sind gleich gut für die Aufgabe gerüstet, die die Raumbewältigung stellt. Anglokelten . Im Großrussen lebt ein ähnlich expansiver Geist wie im Anglokelten, der aber nicht mit soviel individueller Selbständigkeit verbunden ist und seine Energie mehr in der Zähigkeit als der Raschheit zeigt, die noch besonders interessant dadurch ist, daß sie auch offenbar mehr über die Elemente zur kontinentalen als zur ozeanischen Ausbreitung verfügt. [In der Gegenwart können die aufstrebenden Großmächte Italien und Japan dem dritten Typ zugezählt werden; das nationalsozialistische Deutschland begann sein Schaffen auf der Stufe des ersten Typs, erreicht aber zusehends durch eine zielsichere raumpolitische Erziehung des Volkes die des dritten. D. Hrsg.]   Vor die Aufgabe der Erfüllung und Ausbeutung eines weiten Raumes gestellt, droht ein Volk ein großer wirtschaftlicher Ausbeutungsorganismus zu werden, dessen Lebensäußerungen das wirtschaftliche Bestreben ganz durchdringen. Von den Nordamerikanern hat man gesagt, nur die Religion teile sich mit der Erwerbsarbeit in die Interessen des Volkes. [Und ein Gleiches läßt sich von den Engländern behaupten. D. Hrsg.]   So wie der Kampf ums Dasein im Grunde immer um Raum geführt wird, sind auch die Kämpfe der Völker vielfach nur Kämpfe um Raum, deren Siegespreis daher in allen Kriegen der neueren Geschichte ein Raumgewinn ist oder sein wollte. In jedem der geschichtlichen Zeitalter lassen sich die Völker nach der Auffassung des politischen Raumes abstufen. Jene »großartige Auffassung und Ordnung der Dinge«, in der Mommsen die Römer anfänglich gegen Pyrrhos und Mithridates unterlegen findet, ist derselbe politische Raumsinn , durch den die anglokeltischen Völker in der alten und neuen Welt die besten und größten Länder erworben haben. Die größere Raumauffassung gerät notwendig in Streit mit der kleineren. Sie hat endgültig immer den Sieg errungen: auch wo sie unterlag, hat der kleine Raum, der siegte, sich vergrößert. In der Regel ist aber der kleine Raum im Kampf mit dem großen zu baldigem Erliegen verurteilt. Die Stärke des noch unerfüllten Raumes liegt überhaupt im Reich der Hoffnungen und Pläne: Weiträumige Völker haben einen optimistischen Zug.   Die tiefere Erfassung und gründlichere Ausnützung der natürlichen Bedingungen läßt früher und schärfer die historische Individualität sich vollenden. Die Menschheit zeigt sich auch als Geschichtsbildnerin in der Beschränkung groß.   Die kleinen Reststaaten machen eine Ausnahme von den Wachstumsgesetzen der Staaten; sie sind wie versteinert. Darin liegt ihr großer Unterschied von den primitiven Kleinstaaten: Die höhere Kultur entwickelt große und duldet sehr kleine Staaten ; deshalb gehört das friedliche Nebeneinanderliegen der schwächsten und minimalsten Staaten zu den Merkmalen unseres europäischen Staatensystems. Die politischen Wirkungen der dauernd engen Räume ohne Möglichkeit der Ausbreitung oder Kraftentfaltung faßt der Begriff Kleinstaaterei zusammen, den niemand klarer auseinandergelegt hat als B. G. Niebuhr , wo er die Geschichte des Unterganges von Achaja schildert: »Die Nation hatte Prosperität ohne Gelegenheit ihre Kräfte zu üben und diese Prosperität brachte sie moralisch zurück. Ein solcher Zustand wird korrigiert, wenn kleinere Staaten mit großen Staaten derselben Nation im Komplex stehen; wenn sie aber isoliert, unabhängig voneinander fortetistieren und sie haben keine Bewegung in sich, so muß alles Männliche und Bedeutende in ihnen aussterben, während eine miserable Lokaleitelkeit sich auftut. – In großen Staaten sind unmittelbar eigentümliche Leidenschaften, die unsere Gefühle nähren und uns beschäftigen, in kleinen wendet die Leidenschaft sich auf fremde Interessen.« Mit der dauernden räumlichen Beschränkung ist gewöhnlich eine Einförmigkeit der Bestrebungen und Tätigkeiten verbunden, die alles überragende herunterzubringen und womöglich auszuscheiden sucht, und aus solcher Engräumigkeit geht oft die engherzigste Politik hervor. Unsere Kleinstaaten haben unsere Ströme und Küsten lahmgelegt, und das hat sie mehr als alles unmöglich gemacht. Mit der Enge des Horizontes wächst das soziale, wirtschaftliche und staatliche Beharrungsvermögen und die Gebundenheit an eine enge Scholle, die sogar für die einfachsten Bedingungen des selbständigen Daseins selbstgenügsam zu sorgen vergißt.   Die größte Verdichtung politischer Kräfte wird in den Städten erreicht; in ihnen ist der Raum aus der Reihe der politischen Hemmungen geradezu ausgestrichen. Daher die rascheste Entwicklung in gewitterhafter Ausgleichung der Gegensätze zu türmenden Mittelpunkten über einen weiten Machtbereich, der tief unter ihnen bleibt. Die geistigen Fortschritte, die auf dem engen Zusammenarbeiten vieler beruhen, sind besonders an solche Brennpunkte geknüpft. Die besondere Stellung der Seestädte liegt darin, daß der freie Seeverkehr die Zusammenfassung von viel Volk, Macht und Reichtum in einem einzigen Punkte begünstigt. Daher eine überragende Stellung mancher Seestädte, die zugleich dauerhaft ist, da ja das Meer passiv ist, nur Träger des Verkehrs bleibt.   Die Besetzung einer Stadt bedeutet im Krieg die Beherrschung der von ihr ausstrahlenden Wege und die Unterwerfung der von diesen Wegen durchzogenen Landschaften. Daher die Befestigung der Hauptstadt oder ihr Schutz durch Festungen, die um sie herum angelegt werden.   Wenn nicht immer in gleichen Formen, so sind doch die gleichen Kräfte von jeher in den Städten konzentriert gewesen und haben von ihnen aus auf das Land gewirkt. Daher ist der Gegensatz zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung immer vorhanden gewesen und hat sich bis zu Bauernkriegen und fehdebereiten Städtebünden verschärft. Indem die Stadt dem Lande in der Entwicklung vorauseilt, erteilt sie aber auch dem Lande eine politische Bedeutung, die es ohne die Stadt nicht haben würde. Die Lebenskraft der Städte ist viel größer als die der Landgebiete. Die in die Mauern einer Stadt zusammengedrängte Macht kann allerdings durch eine solche Zerstörung wie Tyrus und Karthago sie erfahren mußten, vollständig gebrochen werden; die Einwohner können weggeführt und ihre stolzen Bauten der Erde gleich gemacht werden. Ein Landgebiet kann nicht in solchem Grade verwüstet und entvölkert werden: die Natur selbst duldet es nicht, denn sie läßt auch die niedergetretenen Felder neu ergrünen. Aber eine einmal zerstreute und verkleinerte Landbevölkerung verdichtet sich nur langsam wieder und wird schwerlich gerade die Machthöhe wieder erreichen, die verloren gegangen ist. Das eben ist nun das geschichtlich Bedeutende bei den Städten, daß die Menschen sich an derselben Stelle, aus Gewohnheit, Gewinnsucht und Schutztrieb, rasch wieder zusammenfinden, so daß bei allen Schicksalen z. B. Rom nie seine Lage und damit auch nicht seine bedeutende Stellung ganz verloren hat.   Bei den Vätern der Statistik und bei den Staatsmännern ihres Jahrhunderts galt die Ansicht, daß die Volkszahl das Maß der Kraft eines Staates sei. »Wenn ein Reich ebensoviele Einwohner hat als ein dreimal größeres, so ist desselben Ehre, Macht und Sicherheit dreimal größer oder die Herrlichkeit des letzteren dreimal kleiner.« Dieser Satz von Süßmilch ist der klassische Ausdruck einer politischen Überschätzung der Volkszahl, die seit Colbert das Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus beherrschte. Wer die Überschätzung der Flächenräume kennen gelernt hat, wird nun nicht leicht geneigt sein, die Volkszahlen zu unterschätzen; er wird in ihnen vielmehr das Mittel sehen, um die politische Schätzung der Flächenräume auf das rechte Maß zurückzuführen. Gleichmäßig verbreitete Bevölkerung gleicht Ungleichheiten des Bodens aus, ungleichmäßig verbreitete schafft auf gleichem Boden Ungleichheit. Will ein Volk aus beschränktem Boden größer werden, so muß es neuen Boden suchen, und damit ist die Auswanderung gegeben, die politisch das Überfließen eigener Bevölkerung auf anderen Boden bedeutet. In der Regel geht der Strom aus dicht- in dünnbevölkerte Gebiete.   Unter allen politischen Prophezeiungen dürfen die verkehrsgeographischen , wenn sie sich auf das beständige geographische Element stützen, den größten Anspruch auf Glaubwürdigkeit erheben. Man kann von einer neuen Eisenbahn, einem neuen Kanal mit einer gewissen Sicherheit voraussagen, welcher Verkehr sich ihm zuwenden wird. Drei Dinge sind darin unveränderlich: die Lage des Ausgangsgebietes, die Lage des Zieles und der Weg zwischen beiden. Die Bewegung aber, die zwischen den beiden stattfinden wird, läßt sich in vielen Fällen bis zu einem gewissen Grade voraussehen.   Die Entwicklung der Verkehrswege geht wie die Entwicklung der Staaten von kleinen Gebieten aus, an deren Grenze nach nur wenigen Meilen die Pfade undeutlich werden, und umfaßt immer größere, die sie, in naturgewiesenen Richtungen fortschreitend, bis an ihre natürlichen Grenzen zu beherrschen sucht. Dabei bewirkt der Verkehr, von dem Streben nach den kürzesten und leichtesten Wegen ganz beherrscht, einen mächtigen Differenzierungsprozeß, indem er mehrere Wege in einen zu vereinigen und immer mehr Hindernisse mit einer Arbeit zu überwinden strebt. Es ist hierbei zu beachten, daß, je mehr Zeit und Arbeit die Überwindung des Raumes an sich kostet, um so weniger die Schwierigkeiten ins Gewicht fallen, die auf beschränkten Gebieten zu überwinden sind. Die Entwicklung der Verkehrswege wird durch militärische Bedürfnisse gefördert. Viele Wege sind nur für sie geschaffen. Die Ausdrücke Heerstraße und strategische Bahn sind bezeichnend für diesen Zusammenhang. In manchen Staaten ist der größte Teil der politischen Beziehungen des Verkehres militärischer Natur. Da die inneren Verkehrswege Organe des inneren Zusammenhanges der Staaten sind, richten sich gegen sie in erster Linie die auf die Losreißung von Teilen eines Staates oder auf die Erschütterung des inneren Zusammenhangs gerichteten kriegerischen Unternehmungen. Je lockerer die Verkehrsverbindung einer Grenzprovinz mit dem übrigen Staatsgebiet ist, desto leichter wird sie losgerissen. Wer die Knotenpunkte des Verkehrs beherrscht, befiehlt auf den Wegen, die von ihnen ausstrahlen, daher das Streben der Armeen, solche Punkte zu gewinnen, die immer auch politische Zentralpunkte sind, weswegen mit ihrem Vertust nicht ganz selten ganze Kriege entschieden sind. Der Verkehr ist die Vorbedingung des Wachstums der Staaten , das ihm auf gemeinsamen Wegen folgt. Den Verkehr aber ruft die Mannigfaltigkeit der Stoff- und Massenverteilung auf der Erde hervor, die ungleich die Güter, die Arbeit und die Leistungen an Völker und Staaten verteilt. Wesen und Entwicklung der politischen Grenzen Zwischen Gebieten verschiedenen Inhalts oder zwischen einheitlichen Gebieten, die sich scheiden und auseinanderklaffen, ziehen Grenzen . Die Grenze zwischen dem Meer und dem Land ist die Küste, die Grenze zwischen dem Land und einem Flusse ist das Ufer, die Grenze zwischen dem Gebirg und der Ebene ist der Übergang starken Gefälles in schwaches. Eine Granitmasse und eine Schieferschicht werden durch ein Quarzband getrennt und zwei Gesteinslager gleicher Art durch die Verschiedenheit ihrer Neigungswinkel, auch die Grenze zwischen zwei ursprünglich zusammenhängenden Staaten ist die Narbe eines geschichtlichen Risses. Ein Wald und eine Grasebene stoßen so hart aufeinander, daß die dunkle Masse jenes aus der lichtgrünen Flache dieser sich wie eine Mauer erhebt. Eine wirkliche Mauer bezeichnet die Grenze zwischen der Stadt und dem flachen Land. Außer solchen sichtbaren Grenzen gibt es viele andere, auf die wir nicht die Hand legen können, verwischte Streifen , die wir als Grenz gebiet zu zeichnen haben. Aber so sehen wir ja auch nicht die Linie der Küste, des Ufers, des Gebirgsflusses in der Natur, wie sie auf der Karte steht, sondern bei näherer Prüfung kommen wir überall auf das Grenz gebiet und erkennen: die Grenz linie ist nur eine Abstraktion von der Tatsache, daß, wo ein Körper sich mit anderen berührt, er Veränderungen erfahrt, die seine Peripherie von seinem Inneren unterscheiden. Der Grenzsaum ist das Wirkliche; die Grenzlinie die Abstraktion davon. Diese kann man zeichnen, in das Gedächtnis einprägen und messen, jener ist seinem Wesen nach unbestimmt. Die Grenzlinie ist daher eine Stütze unserer Vorstellung, eine Erleichterung unseres Denkens, vergleichbar der Linie, die eine nie ruhende Bewegung abzeichnet, als ob sie einen Augenblick stehen geblieben wäre. Alle Grenzlinien, mit denen die Geographie zu tun hat: die Küstenlinien, die Linien gleicher Wärme, die Firn- oder Schneelinien, Höhenlinien der Vegetation, Grenzlinien der Völker oder Staaten: sie haben dieselbe Natur. Die scheinbar starre Grenze ist nur das Haltmachen einer Bewegung. Der Krieg hebt die Grenzlinie auf , die er als ein Gebilde und Symbol des Friedens ansieht. Mag die Grenzlinie gleich nach der Entscheidung des Streites wieder gezogen werden, dem Krieg als einem Aufeinandertreffen stürmischer Bewegungen widerspricht die starre Grenze völlig. Das Dasein der Verkehrs-, Besiedelungs-, Kultur- und Völkergrenzen kann aber nicht der Krieg an sich aufheben, wenn er auch später Anlaß zu ihrer Verschiebung geben mag. Man kann sagen: die wirklichen Grenzen muß auch der Krieg respektieren, die abstrakten Grenzlinien hebt er auf. Von der Kriegserklärung an betrachtet das Völkerrecht die Grenzverletzungen als erlaubt. Der Krieg schafft mit Sturmesgewalt neue Machtbereiche, deren junge Grenzen er durch neuen Krieg schützt. Die Grenze aber, die der Krieg in seinen Ruhepausen, im Waffenstillstand sich zieht, ist wieder etwas ganz anderes als die abstrakten Grenzlinien des Friedens. Sie ist ein Gebiet von mehreren Märschen Breite, ein neutraler Streifen zwischen den beiden Aufstellungen und als solcher ein weiterer Beleg dafür, daß die räumliche Ausdehnung eine notwendige Eigenschaft der Grenze ist, sobald sie dem Reiche der Wirklichkeit angehört. Keinem Feldherrn fällt es ein, eine ideale Grenzlinie mitten in diese Zone zu legen, sondern er sucht beim Ablaufe des Waffenstillstandes oder sogar kurz vorher sie rasch in ihrer ganzen Breite zu umfassen, wie Blücher im August 1813 in Schlesien. Die Grenze ist also durch die Eigenschaften des sich Verbreitenden, sozusagen von innen heraus, und nicht minder durch diejenigen der Umgebungen immer ihrem Wesen nach veränderlich. Ist die Grenze der peripherische Ausdruck einer räumlichen Entwicklung, so läßt die Form der Grenze nun auch die Art ihrer Bewegung erkennen: vorgedrängt, wo das Wachstum begünstigt ist, zurückfallend bei Hemmung, und um so unregelmäßiger verlaufend, je größer der Wechsel der äußeren Bedingungen ist. Die gehemmte Bewegung bricht aber nicht gleich schroff ab, sondern sendet noch einen Ausläufer voraus und ähnlich bleiben beim Rückzug Nachzügler hinter der Linie. Das ist gerade so, wie wir die Baumgrenze über der Waldgrenze finden und die Firnfleckengrenze unter der Firngrenze, die Treibeisgrenze vor der Packeisgrenze. Kleine Gruppen gehen weiter hinaus als große, einzelne noch weiter als jene Gruppen. Unter günstigen Bedingungen dringt die Grenze vor, gegenüber ungünstigen fällt sie zurück. Wo wissenschaftslose Völker eine Grenze ziehen, ist es ein wirklicher Grenzsaum , in verstärkter Form eine Grenzwüste , eine Grenzwildnis oder ein Grenzwall . Die Staaten umgeben sich mit menschenleeren oder nur zeitweilig bewohnten Ländereien, die das unmittelbare Aneinandergrenzen hindern sollen, das Wechselwirkung, Annäherung, Wettbewerb und Fortschritt hervorbringt.   Alle kriegerischen Aufmärsche und Überschreitungen, sowie die Kämpfe um Grenzen lehren, daß militärgeographisch die Grenze nur als Raum zu fassen ist . Man stellt keine Armeen längs einer geometrischen Linie auf. Für den Feldherrn kann die Grenze nur einen Raum mit mehr oder weniger günstigen Bedingungen für militärische Operationen bedeuten, welche bald diesseits, bald jenseits der abstrakten Grenzlinie verwirklicht sind, dieselbe durchkreuzend oder unterbrechend. Die moderne Kriegskunst schafft zwar zumeist keine Grenzsäume durch Verwüstung, wie die Negerstaaten und wie die Germanen »in barbarischer Strategik« einst meilenweit um ihre Gebiete herum taten. Krösus verwüstete ganz Kappadokien zum Schutz seines Landes und Philippos machte ein weites Gebiet nördlich von Makedonien gegen die Einfälle der Dardaner zur Wüste. In solchen Öden mochte ein neuer Grenzwald ungestört aufwachsen. Heute lassen feindliche Armeen bei Waffenstillständen nur zu jeder Seite einer »Demarkationslinie« Räume von bestimmter Breite frei, in die keiner von beiden Kriegführenden vordringen darf.   Die Entwicklung der Grenzlinie aus dem Grenzsaum geht in der Weise vor sich, daß in die unbestimmten Räume der Marken von den Wohngebieten aus der Besitznahme und Besiedelung familien- oder dorfweise übergriff, bis endlich kein freier Raum mehr blieb. Oder zwischen schwachen Staaten schoben sich auch Fremde ein, die lange in ihrer Wildnis weder dem einen noch dem anderen Staate gehören mochten.   Das alternde Volk richtet sich immer fester in seinen Grenzen ein, wird sich derselben immer mehr bewußt, befestigt dieselben nicht bloß durch Gräben, Schanzen und Festungen, sondern durch Ausbreitung seine nationalen Eigentümlichkeiten bis jene Grenzstriche, wo früher peripherische Besonderheiten sich erhalten hatten. So ist eine alte Grenze etwas viel Sichereres, schwerer Verschiebbares als eine jüngere, und es gehört dies zu den Gründen der Festigkeit alter Staaten, die etwas von der Verknöcherung hat. Mit der »wissenschaftlichen Grenze«, über deren Verlauf an keiner einzelnen Stelle irgendein Zweifel herrschen kann, sind die Grenzkonflikte seltener, die Grenzverschiebungen aber auch schwieriger geworden. Denn die sichere Grenze liegt auch fester und wird immer fester.   Die meisten natürlichen Grenzen brauchen immerhin noch die künstliche Festlegung. Auch über den Gebirgsgrenzen schwebt die nur gedachte, aber genau bestimmte politische Grenzlinie, über deren Verlauf selbst der schärfste Gebirgsgrat und die klarste Wasserscheide Zweifel übriglassen könnten. Das ist besonders gegenüber der Neigung zu einem abschließenden Gebrauch des Begriffes »natürliche Grenze« zu erinnern. Die Grenze an der Küste ist die beste aller politischen Grenzen innerhalb der Ökumene, weil sie die natürlichste ist. Sie trennt ein bewohntes Stück Erde von dem Unbewohnbaren. In dieser Eigenschaft kann sie gar nicht mit irgendeiner anderen Grenze verglichen werden. Darum ist auch die entwickeltste, formenreichste Küste für ein Land ebenso vorteilhaft, wie die kürzeste, geradeste Landgrenze, denn die Vervielfältigung der Berührung mit dem Meer ist oft vorteilhaft und nie nachteilig, die Berührung eines Staates mit einem anderen kann dagegen nicht kurz genug sein. Die Küste gibt uns die Natur selbst zum Nachbar, und dieser Nachbar ist trotz Brandung und Sturmflut zuverlässiger als der engstbefreundete Bruderstaat. Sie schließt uns zugleich die Schätze des Meeres und den Verkehr der ganzen Welt auf und ist daher die einzige Grenze, deren Wert fast für jede Erwägung mit ihrer Länge steigt. Als der Grenzfluß oder Grenzbach für niemand ungehörig galt, was in deutschen Gebirgsgegenden wohl noch im 16. Jahrhundert der Fall war, konnte die Flußgrenze als der letzte Rest des Grenzsaumes betrachtet werden. Heute, wo die Grenze in den »Talweg« gelegt ist, wird Flußgrenzen hauptsächlich der Militär loben, weil sie als natürliche Terrainabschnitte und Annäherungshindernisse sich günstig erweisen, wie die Kriegsgeschichte von der alten bis zur neuesten Zeit in zahllosen Fällen zeigt. Umgibt man doch auch die Festungen außer mit Wällen noch mit wassergefüllten Gräben. Als die Römer am Rhein 50 Kastelle anlegten, war dieser Strom für sie ein einziger »nasser Graben«. Dabei sind ebenso wie in anderen Beziehungen nie von den Flüssen die Täler zu trennen und gerade der Militärgeograph wird dem Fluß noch die vorausgelegenen Talhöhen vorziehen, die den Fluß beherrschen. Ein Fluß als Verteidigungslinie bedingt also durch seine Länge die Verteilung der Verteidiger auf eine lange Linie und bietet zugleich wegen des Mangels hervortretender Querabschnitte wenig Gelegenheit zur Seitendeckung, weswegen die unter diesen Bedingungen doppelt gefährliche Umgehung die größte Gefahr einer Flußverteidigung ist; ihr entgegenzuwirken sind die an Flüsse sich anlehnenden Festungen bestimmt. Oder die Flußlinie geht in eine künstliche Verlängerung über, so wie der Trajanswall für die erste Ausbreitung der Römer gleichsam die Verlängerung der Donau zum Schwarzen Meer (bis Tomis) bedeutete; erst Hadrian zog den Nordwinkel der Donau in die Grenzbefestigung ein. Aber die Grenze besteht nicht nur aus Verteidigungsabschnitten, sie hat auch andere Aufgaben zu erfüllen. Es ist ein schädlicher Aberglaube, in den Flüssen die unter allen Umständen natürlichsten Grenzlinien und in jedem Fluß eine treffliche Grenze zu sehen. Aus den natürlichsten Gründen kann nicht jede Flußgestalt geeignet sein, eine politische Grenze zu tragen; weder ein Zickzackfluß wie der Main, noch ein in Seen und Brüche aufgelöster, wie die untere Spree, entspricht der Forderung der geradesten und kürzesten Erstreckung. Da aber die Anforderungen an die Grenzen im Lauf der Geschichte nicht dieselben geblieben sind, konnten zu einer Zeit Flüsse als Grenzen angenommen werden, die später dieser Aufgabe sich nicht mehr gewachsen gezeigt haben. Und besonders gilt das von der provisorischen und symbolischen Begrenzung durch Flüsse. In den Zeiten, in denen eine Grenzlinie genau zu bestimmen nicht möglich war, bot sich der Fluß und Bach als natürliche Linie von selbst zur Bestimmung einer allgemeinen Grenze dar. Daher die zahlreichen Flußgrenzen in der Zeit des Überganges vom Saum zur Grenzlinie, sowohl bei primitiven Völkern von heute als in den großen Reichen, deren Peripherie nur durch Meere, Flüsse oder Gebirge einigermaßen sicher zu bestimmen war. Die natürlichen Grenzen, die Karl der Große seinem Reich scharfblickend gezogen, von der Eider über Elbe, Saale, Böhmerwald, Enns und Wienerwald bis zur Raab, haben für mehrere Generationen die Beziehungen der Völker festgelegt. Später noch las man auf der Brücke von Rendsburg » Eidora Romani terminus Imperii «. Karl der Große hat wie hier auch am Ebro und Tiber Grenzen seines Reiches bestimmt. So galten die Aare und der Rhein mit wenig Ausnahmen für Ostfranken, der Götha-Elf vom Wenersee bis zum Meer für Norwegen, Königsaue und Koldingfjord für Schleswig. Ist doch der untere Zab zwischen Assyrien und Babylonien eine der ältesten Grenzen, die wir kennen. Mögen die Flüsse gute strategische und Zollgrenzen abgeben, so sind sie als Völkergrenzen und als politische Grenzen um so unwirksamer. Beim Fortschritt der Besiedelung und der Verdichtung des Verkehrs mußte sich sehr bald zeigen, daß man den Fluß als Grenze im Sinne der neutralen Zone gelten lassen kann, daß er aber nicht von seinem Lande zu trennen ist. Sein Verkehr strebt ans Land und spinnt von Ufer zu Ufer seine Fäden. Nun strebt die Grenze auf Befestigung und Vertiefung der Sonderung hin: der Verkehr aber will alles aus dem Wege räumen, was seinem Streben nach Bewegung und Vermittlung entgegensteht. Und als Verkehrsweg dient nun der Fluß diesem Streben. Daher als, ein tiefer Zwiespalt, der übrigens nicht rein zwischen dem Verkehre und der Politik klafft.   Wenn im Gebirgsbau selbst die Richtung auf Sonderung nicht klar genug ausgesprochen ist, kommt die Wasserscheide der Flüsse als treffliches Hilfsmittel der Abgrenzung mit hinzu, wobei das Völkerrecht annimmt, daß in Zweifelsfällen die Gebirgsgrenze nach der Wasserscheide zu ziehen sei. Die reine Wasserscheidengrenze ist übrigens weit entfernt, die Grenzvorteile gleich zu verteilen. Den besten Beleg dafür liefert die französisch-italienische Alpengrenze, die fast genau die Wasserscheide einhält, so daß die wichtigen Pässe: Kl. St. Bernhard, Mont Cenis, Mont Genèvre, Col d'Argentière zwischen beiden Ländern geteilt sind. Vom Col di Tenda ist sogar der südwestliche Abhang in den Händen der Italiener, Aber die Abhänge führen beiderseits sehr ungleich von dieser scheinbar so gerechten Linie hinab. Die italienischen führen rasch in breite, fruchtbare, bevölkerte Täler, und dort konvergieren die zahlreichen Zuflüsse des Po ebenso rasch und entschieden, wie hier zu der Rhone die Isère und Durance auf Umwegen gelangen, die zuerst weit Auseinanderstreben. Eine wachsende Macht bleibt weder auf dem Kamm noch auf der Wasserscheide stehen, wie scharf diese auch trennen noch mag, sie folgt vielmehr den hinausziehenden Gewässern und steigt in die Täler hinab.   Die politische Geographie muß mit der politischen Grenze als der vertragsmäßig festgesetzten rechnen. Die natürliche Beschaffenheit Umgebungen kann die Zweckmäßigkeit solcher Grenzen beeinflussen, und eine oder die andere Funktion auch der künstlichsten Grenze wird in jedem Fall durch Wasser oder Wald, Berg oder Tal erleichtert. Aber auch als Folge oder Ausdruck der geschichtlichen Schicksale muß die Grenze, wie sie ist, für irgendeine Zeit hingenommen werden, wobei die Entwicklung des Volkes in einer schlechten Grenze so kräftig gedeihen kann, daß das Volk durch die Ausprägung seiner Individualität das ersetzt, was ihm die Grenze nicht bietet. Die Freiheit der Schweiz und der Niederlande ist gerade an den offenen Grenzen beider Länder kräftigst behauptet worden. Das Natürliche der Grenzen gehört nicht nur dem Boden an, es kann auch das Volk selbst dazu beitragen, das eine ethnographische Grenze entschieden behauptet. Irgendeine natürliche Grenze, die zugleich eine national-gleichartige Bevölkerung umschließt, wird dadurch wirksamer, daß sie in dieser Einheitlichkeit eine Quelle von politischer Kraft hervortreibt, die wieder der Grenze zugute kommt. Wo die Sahara Nordafrikaner und Neger, der Himalaya Mongolen und Arier, die Anden Waldindianer und indianische Kulturvölker voneinander trennen, sind Grenzen von menschheitsgeschichtlicher Größe entstanden. Je höher ein Staat seine Selbständigkeit hält, desto größeren Wert wird er auf seine Grenzen legen. In der Festigkeit der Grenze liegt die Dauer des Staates. Zugleich stellt hier der Staat seine Macht dem Ausland entgegen. Besonders den Grenzfestungen gegenüber, die diese Macht zusammenfassen, fühlen Völker und Staaten, was ein türkischer Staatsmann von serbischen Grenzfestungen sagt: sie sind Pyramiden, Denksteine, die die äußersten Grenzen des Reiches bezeichnen. Der Schutz gegen kriegerische Angriffe ist immer eine der wichtigsten Aufgaben der Staaten. Es ist natürlich, daß sich dabei die Frage erhebt, welche Eigenschaften einer Grenze die Lösung dieser Aufgabe erleichtern und welche nicht; und wesentlich in ihrer Beantwortung bilden sich die Begriffe gute und schlechte Grenzen . Die Grenze hat in militärischer Auffassung ihre Stelle unter den Machtmitteln eines Staates, dessen Stärke oder Schwäche mit von dem Schutze abhängt, den sie gewährt. Andere Machtmittel stehen im Verhältnis zu ihr. Wenn der Besitz eines bestimmten Grenzplatzes eine Armee aufwiegt, so ist dies eben die Armee, welche notwendig gewesen wäre, vor seiner Erwerbung die soviel ungünstigere Grenze zu decken. Im militärischen Sinne ist die Grenze nicht bloß Verteidigungslinie sondern immer zugleich Angriffsfront . In fast allen Fällen wird die letztere Auffassung überwiegen, denn der Krieg will vorschreiten, will Raum gewinnen, und das kann er nur, wenn er die Grenze des Gegners angreift und überschreitet, und damit verkürzt der Angreifende in vielen Fällen die Linie, auf der er selbst angegriffen werden könnte. In den Grenzgebieten großer Völker oder großer Staaten, ob dieselben sich nun unmittelbar berühren oder durch kleinere Gebiete getrennt sind, sondern sich Stellen von erhöhter Wichtigkeit aus, welche unter den verschiedensten Umständen und in den entlegensten geschichtlichen Momenten umworben oder umkämpft wurden. Ihre Entwicklung knüpft zuerst an die natürlichen Bedingungen an, wo diese politische Vorteile zu bieten scheinen. Aber auch wo wichtige Verkehrsstraßen die Grenzen schneiden und überhaupt in der Richtung der Verbindungslinie wichtiger Punkte dies- und jenseits der Grenze liegen Grenzstrecken von hervorragender Bedeutung. Außerdem kommt aber bei der Zerlegung der Grenzen eines Landes in natürliche Abschnitte auch das Staatenwachstum in Betracht. Nicht nur stammen die Grenzen der verschiedenen Teile eines Landes aus verschiedenen Zeiten und sind unter verschiedenen geschichtlichen Bedingungen gezogen, sondern auch heute noch ist ihr Wert nicht an allen Stellen derselbe, da sie nicht an allen in gleichem Maße Träger dieses Wachstums sind. Energisches Wachstum prägt sich in der Grenze aus. Die Völker- und Staatenausbreitung verdichtet ihre Energie auf einzelne Strecken, die wie Wachstumsspitzen mit konzentriertem Leben erfüllt sind. Die Grenze ist das peripherische Organ des Staats-, Wirtschafts-, Völkergebietes, durch die die Aufnahme und Ausgabe aller der Stoffe stattfindet, die das Leben eines Volkes und Staates braucht und abgibt. Ein beständiges Geben und Nehmen findet durch die Grenzen seine unzähligen Wege. Daher begegnen wir in ihr neben den Vorrichtungen zum Schutz auch denen zur Förderung des Austausches , und beide verbinden sich, wie in den Epidermoidalgebilden von Pflanzen und Tieren, zu sehr merkwürdigen peripherischen Organen: Kombinationen von Handels- und Festungsstädten, Brücken und Brückenköpfe, Forts, die aus verkehrsreichen Strommündungen sich erheben, oder befestigten Inseln, welche mitten im Getriebe eines Hafens des Welthandels – Governor's Island im Hafen von New York – fremdartig und doch tiefstzugehörig auftauchen. Durch diese Funktionen wird die Grenze zu einem höchst eigentümlichen Organ des von ihr umschlossenen Gebietes, dem offenbar wenig die Auffassung gerecht werden könnte, daß die Bedeutung der einzelnen Teile des Gebietes vom Mittelpunkt nach der Peripherie hin abnehme, vielleicht gar so regelmäßig, wie das Licht von einem Ausstrahlungsmittelpunkt. Küstenstaaten und Seemächte Staaten, die ihren politischen Einfluß hauptsächlich auf die Beherrschung des Meeres gründen, sind, wenn sie nicht Inselstaaten sein können, wenigstens anfänglich Küstenstaaten , wie Phönizien, Karthago, Athen, Venedig, die Niederlande. Fast alle Kolonien waren ursprünglich Küstenstaaten. Manche, wie die der Araber an der äquatorialen Ostküste von Afrika, sind darüber fast nirgends hinausgewachsen, und auch die englischen Kolonien am atlantischen Rande Nordamerikas haben erst nach hundert bis hundertfünfzig Jahren ihr unwiderstehliches Wachstum von der Küste weg nach dem Innern angehoben.   Mit der natürlichen Selbständigkeit der Küste verbinden sich die besonderen Merkmale einer Bevölkerung, die von der Ausnützung der Vorteile der Küste lebt und daher den Binnenländern selbständig gegenübersteht, der Küstenvölker, gleichsam der in Berührung mit dem Meere verflüssigte Rand eines größeren Volkes. Fischfang und Schiffahrt verbinden sie mit der Küste.   Im Wesen der ozeanischen Wirkungen liegt ihre Verdichtung auf die Küstenstrecken unter rascher Abnahme nach dem Innern der Länder zu. Es liegt darin die Ursache schroffer kulturlicher, wirtschaftlicher, politischer und selbst Rassen-Gegensätze.   Es ist ein Unterschied zwischen der Entwicklung einer Bevölkerung, die durch die Enge des Küstenstriches auf das Meer hinausgewiesen wird und der einer anderen, die auf einer breiten Küste sich ausleben kann. Wo die Ströme von den Ländern entlassen werden, um ins Meer hinauszutreten, erheben sie sich durch die Vereinigung terrestrischer und maritimer Vorteile und durch ihre fruchtbaren Schwemmländer zu eigenartiger politischer Bedeutung. Die Ausgleichung des Gegensatzes von Innen und Außen in den Küstenländern ist ununterbrochen im Gang: Die gewaltige Entwicklung des Landverkehrs läßt den Unterschied zwischen verkehrsreicher Küste und verkehrsarmem Binnenland immer mehr zurücktreten. Die alte Geschichte ist im Osten großenteils und im Westen ganz eine Geschichte von Küstenstaaten, die binnenwärts wachsen und immer größere Teile von den drei großen Festländern in ihren geschichtlichen Bereich ziehen. So ist die Geschichte mit jedem Jahrhundert landreicher geworden. Von Flüssen und Seen aus sind neue Gebiete entwickelt worden. Ein Hafen ist eine der individualisiertesten Erscheinungen im Bereich der politischen Geographie. Scharf abgegliedert vom Land und vom Meer, in seinem Wert abhängig von ganz besonderen örtlichen Bedingungen, kehrt in den verschiedensten Epochen der Geschichte immer gleiche Bedeutung und Wirkung zu ihm zurück. Die Halbinseln vermögen, ähnlich wie die Inseln, eine politische Entwicklung in sich abzuschließen und gleichzeitig den Verkehr nach außen zu erleichtern: Abschließung und Aufgeschlossenheit, geschlossene Entwicklung und Vermittlung. Betrachten wir die zwei einzigen großen Inselreiche der Gegenwart, Großbritannien und Japan . Sind sie nicht beide ausgezeichnet durch die Einheitlichkeit und originale Richtung der Körper- und Geistesbildung ihrer Bewohner, die dann doch wieder Spuren ganz verschiedenen Ursprungs deutlich genug zeigen? Beider Politik ist bei starkem Expansionstrieb so ausgesprochen national, dabei so energisch geschlossen und so sicher, daß das Beiwort egoistisch ihr mit großer Vorliebe beigelegt wird. Gestützt auf die vorausgesetzte Unverletzbarkeit ihres meerumschlungenen Gebietes verletzen sie leicht die Rechte anderer, sind aber aufs eifersüchtigste bedacht, ihre eigene Stellung intakt zu halten. Klein von Gebiet, stützen sie ihre Macht auf die beste aller Grenzen und eine starke Flotte. Die Furcht vor Invasionen tritt bei den Engländern als immer wiederkehrende Panik auf, bei den Japanern zeigt sie sich als chronische Sensitivität gegen die Zulassung fremder Einflüsse. Der Protest englischer Staatsmänner gegen die Unterhöhlung des Kanals entspricht dem lange festgehaltenen Schein der Mäßigung japanischer Staatsmänner in den koreanischen Angelegenheiten, die in Wirklichkeit auf der Schwierigkeit beruhte, von der Vorstellung der rein auf sich gestellten, echt insularen Entwicklung ihres Landes loszukommen.   Schranken sollen abschließen, über nicht ausschließen. Das vermögen am besten die Meeresgrenzen . Das Meer ist die natürlichste und wirksamste von allen Grenzen und schließt doch zugleich die Länder aufs weiteste für jeglichen friedlichen Verkehr auf. Das gibt jene Vereinigung entgegengesetzter Eigenschaften , wodurch Völker- und Staatsleben in Inseln und Halbinseln zu einem Reichtum und einer Kraft heranwachsen, die von kleinen Bezirken aus fast rätselhaft bis zu fernen Umgebungen wirken. Jede Periode der Weltgeschichte zeigt ein Inselland auf beherrschender Höhe und in jedem Teil der Erde sind einzelne Inseln weit über ihre Größe hinaus bedeutend. Da taucht aus der tiefsten Abgeschlossenheit der Trieb zur Ausbreitung auf, der friedengewährende Schutz nährt die freche Aggression, und neben dem fortbestehenden Alten und den Spuren frühen Erstarrens grünt eine vorauseilende politische und wirtschaftliche Entwicklung. Kleinasiatische Inseln hellenisieren sich, wie es niemals das Festland tat, während die britischen Inseln die zahlreichsten Reste der Kelten lebendig erhalten.   Die Rolle der Inseln als Zufluchtsorte ist durchaus nicht bloß passiv aufzufassen. Sie führt Kenntnisse, Einsichten, Energie den Inseln zu, an denen die kontinentalen Länder verarmen, und knüpft neue Verbindungen. Die Bevölkerung Venedigs ist immer durch Flüchtlinge vom Festland her vergrößert worden. England hat große Vorteile aus seiner Aufnahme flüchtiger Irländer und Franzosen in der Zeit der Reformation gezogen. Irland war im frühen Mittelalter eine Zufluchtsstätte der christlichen Welt, wo merowingische Könige mit Bischöfen vom Nil und der Donau schutzsuchend zusammentrafen. Ganzen Völkern sind diese Vorteile der Inselasyle zugute gekommen und wichtige Folgen sind aus solchen Übersiedlungen entstanden. Formosa , früher nur von Schiffbrüchigen und Seeräubern besucht, wurde 1673 dauernd von China in Besitz genommen, als die vor den Mandschu geflohenen Anhänger der Ming in großer Zahl sich an der Westküste fest niedergelassen hatten. Derselben Umwälzung sollen die Liukiu ihre chinesische Kultur verdanken. Man hat auf solchen Zufluchtsinseln Sitten und Anschauungen, die Jahrhunderte verschlafen hatten, jugendfrisch aufwachen und aus der Abgeschiedenheit heraus ältere Zustände aus die in buntem Wechsel regeren Austausches weitergeschrittene Welt einwirken sehen. Dafür ist Island das lebendigste Beispiel. Mit seinen altnordischen Resten hat es allen Zweigen des germanischen Stammes, vorzüglich den ihm verwandtesten skandinavischen, eine Kräftigung des Volkstums geboten. Diese tiefe alte Quelle ergoß sich frisch, wo alle anderen verschüttet schienen. Die dänischen Inseln waren die Zuflucht der heidnischen Sachsen und mit dem landnahen Dänemark ragte zu der Karolinger Zeit das Heidentum noch am tiefsten in die christliche Welt hinein. Von Ceylon hat der auf diese entfernteste Insel aus Indien zurückgetriebene Buddhismus einen neuen, siegreichen Gang auf östlicheren Wegen durch Asien gemacht.   Da die insulare Verbreitung den Vorteil bietet, die Elemente einer sich vorbereitenden Völkermischung länger getrennt zu halten und von außen neue heranzuführen, bewahrt sie das Belebende, Gärungerregende des Aufeinanderwirkens fremder Elemente in nahe beieinanderliegenden Räumen.   Für den Charakter der Inselbewohner hat Kant das leitende Wort gesagt, indem er dem englischen Volk einen Charakter zuschrieb, »den es sich selbst angeschafft hat«. Kein Volk Europas hat sich so früh seiner inneren Entwicklung ungestört hingeben können; schon unter Alfred hatten die Engländer eine bestimmte nationale Existenz, was man von den Franzosen unter Karl dem Großen noch nicht sagen kann. Früh unabhängig, blieb sie ungebrochen von der angelsächsischen Zeit an. »Alles ist Wachstum innerhalb desselben Körpers, in keinem Augenblick ist Altes ganz weggeschwemmt und Neues an dessen Stelle gesetzt worden« (Freeman). Das Bewußtsein des Volkes, das in so natürlicher, sicherer Umgrenzung sich entwickelt, ist ein ganz anderes als das der künstlich auseinandergehaltenen und trotzdem ineinanderfließenden Völker des festen Landes.   Eine Insel läßt sich geistig und gemütlich ganz anders erfassen und umfassen als ein natürlich unbegrenztes Stück Festland. Sie bleibt immer dieselbe. Es liegt etwas, das man ein Formelement nennen kann, in dieser Wirkung der Inseln auf ihre Völker und auch der Inselvölker auf ihre kontinentalen Nachbarn. Der feste Rahmen gibt allen Äußerungen der Insel etwas scharf Umrissenes, Eindrucksvolles und besonders auch Gleichmäßigeres, das dem immer neue Formen annehmenden, von immer neuen Seiten angeregten Wesen der Kontinentalen naturgemäß überlegen ist. Wohl schimmert über die Inselgrenze überall das bewegliche Meer herein, aber die Gefahr des Erstarrens in der Abschließung liegt doch den Inselvölkern nahe. Das Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts wird an Versteinerung nur vom Japan des gleichen Zeitalters übertroffen. Wie hat der Peloponnes, der für die Alten einer Insel gleichkam, die Staaten erstarren lassen, die hinter dem Isthmus sich allzu sicher fühlten! Spartas Politik war die vorurteilsvollste, partikularistischste aller Staaten des alten Hellas, und wie wenig hat Sparta zur griechischen Kulturbewegung beigetragen! Insulare Vorurteile sind sprichwörtlich. Wenn die Lage einer Insel ihre Bewohner von allem Austausch zurückhält, schlägt die Gunst insularer Lage in ihr Gegenteil um. Wertvolle Gebiete werden dann politisch und kulturlich lahmgelegt. Die unvergleichlichen Vorteile der Inseln begleitet wie ihr Schatten der von ihrem eigensten Wesen unzertrennliche Nachteil des engen Raumes. Die Inseln sind als schützende Stellungen ungemein sicher, dauerhaft und wirksam. Sie sind die natürlichsten Festungen, und kleine Inseln werden ja auch unmittelbar als solche benützt, wie Helgoland, Governor's Island in der Hudson-Mündung, Perim im Toreingang des Roten Meeres, Ré und Oléron vor der Charente, Hongkong, Thursday Island vor der Torres-Straße und ähnliche. Vom Meere zugänglich und doch leicht abzuschließen und zu beherrschen, sind die Inseln die naturgegebenen Stützpunkte der Seemächte , und nur diese werden auf die Dauer Inseln beherrschen. Inseln entsprechen am meisten dem Ideal der Seevölker, weite Räume ohne großen Landbesitz zu beherrschen. Aber der Sicherheit ihrer insularen Lage vertrauend, verlieren sie gerade diese Sicherheit bei zu weiter Expansion, indem sie ihre Macht auf den schwankenden Grund der Flotte stellen, die ein solches »Seereich« zwar schaffen, aber für sich allein nicht dauernd erhalten kann.   Daß im Schutze ihrer Meeresumgebung sich Seemächte zu überragender Bedeutung in allen Werken des Friedens entwickeln, schließt durchaus nicht die Entfaltung eines kriegerischen Charakters aus. Wir sehen Seemächte in der Abwehr erstarken und die langwierigsten Verteidigungskriege durchführen, aber wir sind auch Zeugen wahrhaft räuberhafter Angriffe. Wieviele Kriege führte Venedig und wie lange erwehrte es sich auf seinen Laguneninseln der Angriffe! Daru hebt in seiner Geschichte der Republik Venedig die Zahl und Dauer der Kriege dieser handels- und gewerbereichen Stadt eindringlich hervor und meint, keine Landmacht würde so ausdauernd mit dem Türkischen Reich gekämpft haben wie dieser Seestaat. Aus dieser Eigenschaft heraus entfaltete sich Englands Übermacht in den Kriegen mit der französischen Republik und Napoleon. Denn als 1815 ganz Europa ermattet die Arme sinken ließ, vollendete es, allein von mehr als 20jährigen Kämpfen nicht im eigenen Lande berührt, rastlos seine See- und Handelsüberlegenheit und baute sein Kolonialreich aus. Damals wurde zuerst die gefährliche Lehre gewonnen, die übrigens der Siebenjährige Krieg schon erteilen konnte, daß kontinentale Kriege der Blüte des Inselstaates förderlich seien. Die Kehrseite dieser Lehre ist für die kontinentalen Mächte, daß aus ihren Kämpfen England Vorteil zieht. Das ist für diese mindestens ebenso wichtig, wie der Avers für England selbst. Aber wie die Erkenntnis der eigenen Interessen von den Seestaaten immer rascher gewonnen wird als von den kontinentalen, so ist auch diese Lehre bei uns zu spät erkannt worden. [Sie konnte infolgedessen im Weltkrieg 1914/18 nicht wirksam werden. Das nationalsozialistische Deutschland vermochte sie 1939 zum Gemeingut eines Großteils der europäischen Festlandsmächte zu machen und damit der Ausweitung des Konfliktes entgegenzuwirken. Die Einbeziehung des Luftraumes in den Kriegsschauplatz hat die wehrpolitische Gunst der Insellage, vornehmlich für Inseln, die den Kontinenten nahe liegen, wesentlich verringert. Inselstaaten zeigen deshalb das Bestreben, an der Gegenküste nicht allein die Entstehung einer starken Seemacht, sondern auch die einer starken Luftwaffe zu verhindern. D. Hrsg.] Wo eine Grenze das geschlossene Landgebiet verläßt und Inseln umfaßt, nimmt sie sofort einen freieren, die Leichtigkeit der Expansion in Inselgebieten bezeugenden Charakter an. Die Vorteile ihrer Stellung suchen Inselmächte zu vervielfältigen, indem sie sich auf Inseln wiederum stützen. Den Inselmächten ist dieser Weg klar gewiesen, denn die Staaten erhalten sich auch hier mit den Mitteln, durch die sie entstanden sind. Die Enge der Inseln macht sie zur Meerbeherrschung, die keinen Ballast von Land will, gerade geeignet. Wo der politische Wert eines Inselbesitzes nicht in der Beschaffenheit des Stückchen Landes – die Zinninseln, Banka und Biliton, Cypern, die Kupferinsel, die Guanoinseln sind oder waren seltene Ausnahmen – sondern nur in dem liegt, was der Verkehr oder eine politische Konstellation hineinlegt, ist er sehr veränderlich. Wir verlassen den festen Boden nicht, wenn wir die Mächte des Wassers ins Auge fassen, denn nur vom Lande her wird das Wasser beherrscht. Das Meer ist ein politischer Boden soweit, als sich die Macht vom Lande darüber ausbreitet. Und doch ist es nicht der unwichtigste Teil der politischen Geographie, den man als politische Ozeanographie bezeichnen dürfte. Er erinnert daran, daß, wenn auch jeder Staat im Boden wurzelt, der Geist, in dem die Kraft des Staates liegt, das Lebendige, Wachsende in ihm sich hoch über den Boden erheben kann. Mit an die Spitze aller politisch-geographischen Betrachtungen muß gestellt werden, daß in einer Wasserfläche von 365 Mill. 144 Mill. Quadratkilometer Land liegen, weshalb in jeder Küste eine große Wasserfläche an eine kleine Landfläche grenzt. Und diese Wasserfläche ist immer ein Teil eines zusammenhängenden Ganzen, des Weltmeeres. Also erschließt jede kleinste Küstenstrecke den Weg zum Weltmeer, und werden durch jeden Meeresweg gewaltige Räume der Beherrschung zugänglich gemacht. [Vgl. hierzu die glänzend geschriebene Gelegenheitsschrift Natzels »Das Meer als Quelle der Völkergröße« (eine politisch-geographische Studie), die wir im Auszug auf den Seiten 193 ff. veröffentlichen. D. Hrsg.] Das Meer ist das größte Ganze auf unserer Erde, die größten Erdteile sind darin nur Inseln. Dieses Einheitliche des Zusammenhanges wird verstärkt durch die innere Übereinstimmung. In der Natur des Meeres liegt weder Absonderung noch Grenze. Was auf dem Lande dem politischen Gleichgewicht förderlich ist, fehlt hier ganz. Das Meer kann nicht gesperrt werden: mare natura omnibus patet, sagten schon die Römer. So viele Millionen Meter Küstenlänge, so viel hat es Zugänge. Verträge, die auf dem Meere Abgrenzungen erzielen sollten, sind nie von langer Wirksamkeit gewesen. Den Begriff » Geschlossenes Meer « können wir nicht mit den Staatsrechtslehrern aus dem umschlossenen Meer heraus gewinnen, weil wir keinen Teil des Meeres, auch wenn er fast geschlossen ist, aus seinen Beziehungen zum ganzen Meer und zu den Ländern rings umher herausheben können. Wenn also das Wesen eines im politischen Sinn geschlossenen Meeres definiert wird als tiefes Hineinragen in das Land, schmale Öffnung, Beherrschung aller Ufer sowie der Mündungen durch eine und dieselbe Macht (Perels), so ist das unvollständig; denn es ist damit gar nichts gesagt von der Naturnotwendigkeit jedes Meeres für den Verkehr der Länder, die über seine Grenzen weit hinausliegen. Dieser Verkehr verlangt die Freiheit des Meeres, und Forderungen der Theorie sind nicht stark genug, um diese Freiheit zu verhindern. Zu der Verdichtung der politischen Interessen in den engeren Meeresabschnitten, die mit der Annäherung der Küsten immer größer wird, kommt die wichtige Lage zwischen zwei größeren Meeresabschnitten. Der Verkehr ganzer Meere drängt sich da oft in Sicht der zwei Küsten zusammen, von denen aus er beherrscht werden kann. Es sind die Lagen von Karthago, Gades, Messina, Konstantinopel, Singapur. Seit uralten Zeiten gehen mit den Passaten und Monsunen die Ströme des Verkehrs der Menschen in den Meeren Ostafrikas, Asiens und Ozeaniens von einem Gestade zum andern. Solange ein geschichtliches Licht über diese Gebiete leuchtet, ist wahr, was in seiner einfachen Art Marco Polo von den Fahrten der Chinesen nach den Gewürzinseln sagt: Sie brauchen ein ganzes Jahr für die Reise, denn sie gehen im Winter und kehren im Sommer zurück; in diesem Meer gibt es nämlich nur zwei Winde, die wehen, der eine führt sie hinaus, der andere bringt sie in die Heimat zurück; und der eine von ihnen weht den ganzen Winter, der andere den ganzen Sommer. Im Sommer verlegen sich die Passatgebiete polwärts, und so begünstigte der nördliche Sommerpassat die Fahrten der Griechen im östlichen Mittelmeer besonders in südlicher Richtung, so wie er zweitausend Jahre später die erste Reise des Columbus nach Amerika beschleunigte; der Sommerpassat verlieh der thrakischen Küste einen höheren politischen Wert; verwandte Luftströme der Adria gaben den Venetianern den Vorteil in der Fahrt ins Ionische Meer und halfen ihnen ihre Herrschaft südwärts ausbreiten. Die Beherrschung des Meeres trägt aus den endlosen Horizonten einen großen Zug von Kühnheit, Ausdauer und Fernblick in den politischen Charakter der Seevölker hinein. Sie haben am wesentlichsten beigetragen zur Vergrößerung der politischen Maßstäbe. Die enge territoriale Politik ist ihrem Wesen nach kurzsichtig; das weite Meer erweitert den Blick nicht bloß des Kaufmanns, sondern auch des Staatsmannes. Auch bei Athen ist immer mehr großgriechische Auffassung gewesen als bei dem beschränkten Sparta. Das Meer erzieht Weltmächte. Die weltgeschichtliche Größe Roms beginnt doch erst mit der Verwirklichung der Erkenntnis, daß eine große Macht auch Seemacht sein müsse, und das siegreiche Neue an Rom ist eben die Verbindung von Land- und Seemacht, die den vergänglichen maritimen Monopolen der Punier und Griechen eine stetigere und festere Macht entgegenstellt. In den Meeren grenzt ein Gebiet internationaler Politik an die nationalen Länder, zieht sich zwischen sie hinein und trägt sogar den internationalen Charakter auf kleinere Landstrecken und Landengen über. Es braucht dabei gar nichts Kosmopolitisches zu sein. Da das Meer der Vertretung der eigenen Interessen weiteren Raum bietet, kann es ihr Verständnis im Gegenteil noch verschärfen, wie alle Handels- und Seemächte zeigen. Wesentlich trägt dazu bei, daß die politische Expansion auf dem Meere auch immer eine wirtschaftliche ist, daß die Beherrschung des Meeres von der Beherrschung des Seehandels ausgeht. Ist es eine dem gesteigerten politischen Raumsinn nahe verwandte, teilweise mit ihm zusammenfallende Gabe des weiten Blicks, der großen Raumauffassung, die die Seeherrschaft entwickelt, so liegt doch nicht darin allein die große politische Kraft, sondern in der Verbindung mit der deutlichsten Erkenntnis der eigenen Interessen. Beide zusammen bilden ein schwer verständliches Ganzes, in dem bald die eine, bald die andere Seite nur uns zugewendet ist und deutlicher erkannt wird. Die Schaffung und Erhaltung einer Seeherrschaft bringt viel mehr geistige Kräfte ins Spiel als die Beherrschung großer Länder und erneuert sie unablässig. Sie kann nicht bloß das Werk eines einzelnen und auch nicht einer Armee sein. Zahlreiche Kühne, Unternehmende, Weltkundige, Verschlagene helfen dazu. Dadurch wird die Seebeherrschung die beste Schule großer, viele Kräfte verbrauchender Völker. Welchen Vorsprung gab den italienischen Seestädten in der Zeit der Kreuzzüge ihre See- und Weltkunde! Der in Tätigkeit gesetzte Geist schweift dann auch auf andere Gebiete über, so wie man von den Eleaten gesagt hat, daß dieselbe Kühnheit, die sie in die inselarme Westsee führte, auch auf den Ozean des reinen Denkens sie habe hinaussteuern lassen. Gelingt das Werk, dann fällt von den reichlich zufließenden Schätzen auch der Wissenschaft und der Kunst ihr Anteil zu. Die Blüte Athens in Kunst, Wissenschaft, Handel und Politik ist zwar nie wiedergekehrt. Aber die Stelle Venedigs, der Niederlande und Englands im geistigen Leben ist durch eine ähnliche Verbindung erhöht. Venedigs künstlerische Entwicklung, seine Stellung in der Wiedergeburt der Wissenschaft, seine schriftstellernden Staatsmänner und beispiellos kundigen Gesandten gehören wesentlich mit zu dem Bild des Hochstandes seiner See- und Handelsmacht. Und dabei kehrt in der geistigen Blüte der großen Seehandelsstädte auch immer dieselbe Besonderheit der raschen und weiten Zerstreuung der neuen Ideen und Schöpfungen über den großen, vom Schiffs- und Warenverkehr gezogenen Kreis wieder. Die Veränderlichkeit der Seemacht ist indessen auch eines ihrer wichtigsten Kennzeichen. Das Meer gewinnt die Macht zu eigen, die das Meer sich unterwerfen will. Schon unter den Naturvölkern gibt es einige, deren ganze Existenz sich mit den Wellen verbunden hat, wie die Polynesier und manche Eskimo: ungemein weitverbreitete Völker, deren entlegenste Glieder einander ähnlich in ihrer Beziehung zum Meere sind. Schon auf dieser Stufe zeigt sich das Meer als die stärkste Naturmacht unter allen, mit denen der Mensch den Kampf aufnimmt, aber auch als die freigebigste, die, bewältigt, die reichsten Früchte bietet. Auf höheren Stufen umgeben sich kleine Gebiete mit maritimen Machtsphären, in denen sie verschwinden; da ruhen die Grundlagen ihrer Größe nicht mehr im Boden, sondern schwimmen auf dem Meer. Ein Sturm, der eine Armada zerstreut, erschüttert diese Grundlagen bis zum jähen Zusammensturz. Die Leichtigkeit des Erwerbes politischen Einflusses und Besitzes in entlegenen Ländern und seiner Erhaltung ohne großen Machtaufwand hat die mit dem Meere sich verbündenden Mächte immer zu raschen Erfolgen geführt. Nicht bloß die natürliche Beschränkung auf Inseln und Küsten schafft frühentwickelte und frühgeschlossene Gebiete, sondern auch die Möglichkeit, politische Macht unter Vernachlässigung weiter Landgebiete zu erwerben. Die Hansa, die Niederlande bieten naheliegende Beispiele. Das Sprungweise, Überraschende in der Entwicklung der Seemächte zeigt sich in dem raschen Fortschritt der kaum in die Westsee gelangten Griechen zur Gründung von Niederlassungen an der Küste Iberiens gerade so, wie in der fast rätselhaften Verbreitung der Engländer in dem Jahrhundert 1550–1650 an allen Küsten der Erde. In dieser raschen Ausbreitung liegt die Plötzlichkeit der Konflikte der Seemächte und der Trieb, sie im Sinne der Alleinherrschaft zu beenden. Sobald das friedliche Nebeneinanderwirken verschiedener Seemächte in demselben Meere einem Kriegszustände Platz gemacht hat, muß sich die eine Partei die Herrschaft über das ganze Meer sichern. In Friedenszelten wird in der Enge ihres Raumes die Landmacht, besonders in Verkehrsfragen, monopolistischer als die Seemacht; in Kriegszeiten ist dagegen das Ziel der Seemacht die Alleinherrschaft. Die Beherrschung des Mittelmeeres war das nächste Ziel des Kampfes zwischen England und dem Frankreich Napoleons I. Besonders im Hinblick auf Transporte, die jede überseeische Unternehmung verlangt und die auch von kleineren Flottenabteilungen gestört werden können – Napoleons Zug nach Ägypten 1798 gelang nur durch kleine Zufälle, die den Franzosen günstig waren –, strebt der Seekrieg, die feindlichen Flotten vom Meere »wegzufegen«. Das Nächstliegende Mittel, die Zerstörung der feindlichen Schiffe, ist ja viel leichter anzuwenden und wirkt im Augenblick gründlicher als die Eroberung eines feindlichen Landes. Der Seeraub in allen Formen ist eben darum ein so gutes Mittel, aus der Seeherrschaft ein Monopol zu machen. Das Aufkommen Athens als Seemacht griff Korinth am tiefsten Lebensnerv an. Und so war für Athen die Entstehung einer peloponnesischen Seemacht ein unerträglicher Gedanke. Als Milet, die Mutter von 80 Pflanzstädten, sich im Norden des Ägäischen und im Schwarzen Meere ausbreitete, wurde die Ausbreitungstendenz der Schwesterstädte in andere Richtungen gedrängt. So ging damals Phokäa in der chalkidischen Schiffahrtsrichtung westwärts und gründete Massilia. Diese großartige Veränderlichkeit der Träger der Seeherrschaft bedingt, daß es immer in der Weltgeschichte Momente gab, wo überhaupt nur noch eine Kriegsflotte und eine Seeherrschaft übrig war; so nach der Zerstörung Karthagos und nach dem Sturze Napoleons. Im Konflikt mit einer Landmacht sind dem Angriff einer reinen Seemacht früh Schranken gesetzt. In der kontinentalen Kriegsführung der Engländer im Spanischen Erbfolgekrieg trat besonders in den Niederlanden immer wieder die Unlust der Engländer zutage, sich von ihren Seeverbindungen zu trennen, was wesentlich zur Unwirksamkeit ihrer an sich unbeträchtlichen Hilfe beitrug. Holland hat sein Landheer immer als etwas Fremdes behandelt, es hat es nur einmal, 1704, auf 160 000 Mann gebracht. Daher hat sich die körperliche Tatsache der Nachbarschaft einer Landmacht in der Politik oft soviel stärker erwiesen als die Fernwirkung der stärksten Seemacht. Die Leichtigkeit des Verkehrs zur See will ja manchmal vergessen machen, daß die Entfernung ein Widerstand ist; doch der Gang der politischen Ereignisse erinnert daran, daß sie das immer bleibt. Ein nicht kleiner Teil der weltgeschichtlichen Völkererziehung liegt im Kampf mit dem Meere. In diesen Kampf treten immer mehr Menschen und neue Völker ein, er breitet sich über immer mehr Küsten aus. Aber auch seine Früchte verteilen sich immer weiter. Der noch im Anfang unseres Jahrhunderts schroffe Gegensatz zwischen den Land- und Seemächten Europas hat sich durch die Schaffung von Kriegsflotten in allen ans Meer grenzenden Staaten ausgeglichen. Es liegt auf der Hand, daß die günstigsten Bedingungen für die Festhaltung einer großen Macht mit geringen Mitteln sich vor allem auf Inseln verwirklichen. Festlandstreifen am Meere können bei dem allgemeinen Drängen der Staaten und des Verkehrs zum Meere niemals in Abgeschlossenheit verharren. Die Wellen der Verkehr und Macht suchenden Tendenzen überfluten sie. Daher war das Schicksal der Hansa ein ganz anderes als Englands und selbst Dänemarks. Alle Seemächte streben nach Gewinnung der Stützpunkte in Inseln und Küstenstrichen. Dabei kommt es ihnen in erster Linie nur auf Land an. Ist das Land bewohnbar oder selbst fruchtbar, dann nur um so besser. Aber die Hauptsache ist Ankergrund und ein Stück trockener Boden für Kohlen- und Proviantlager und Zisternen. Für den Staat haben sie durch dieselben Eigenschaften Wert, durch die sie für den Schiffbrüchigen Wert erhalten: als Stück Küste und trockenes Land. Aber sehr nahe liegt die Gefahr der Beladung mit politisch nutzlosen Gebieten , außer allem Verhältnis zu dem Mutterlande, die allzu leicht dessen Gleichgewicht ins Schwanken bringt. Der vielgeschmähte Landhunger dieser Staaten ist keine Laune, sondern Ergebnis ihrer landarmen Lage und Entwicklung. Soweit die Seemacht in das Land hineinwirken kann, wird sie immer darauf hinwirken, möglichst viel Land dem Meere tributär zu machen. England wird immer den Seehandel, die Seehäfen und zuletzt die von der See ins Land hineinführenden Eisenbahnen begünstigt sehen wollen, z.B. in Kleinasien Smyrna und seine Eisenbahnen vor dem Anatolischen Netz. Es war der große Fehler Österreichs , daß es bei den ersten Eisenbahnbauten in der europäischen Türkei diesen Punkt übersah und zuließ, daß »Einfallbahnen« vom Ägäischen Meere nach Thrakien und Makedonien früher gebaut wurden als Verlängerungen seiner eigenen Linien in dieses Gebiet hinein. Auch dieses Zuspätkommen der Landmacht ist keineswegs zufällig; die Seemacht bringt von vornherein den weiteren Blick, die größere Raumauffassung mit und die wirtschaftlichen Interessen ihres Landes sind ihr näher. Die ozeanische Seite einer Landmacht mag noch so groß sein, es wechseln doch naturgemäß in ihrer Geschichte kontinentale und ozeanische Perioden. Die kontinentale Ausbreitung ist einfacher als die ozeanische, die nur bei Inselstaaten geboten ist. Eine Landmacht braucht, um Seemacht zu werden, eine Anzahl von technischen Vorrichtungen. Sie sind oft in kurzer Zeit zu treffen, geraten aber auch leicht in Verfall. Wo nicht der Seehandel vorarbeitet, ist es eine langwierige Sache. Napoleon gelang es nicht, sein kontinentales Land in eine Seemacht zu verwandeln. In einem Land, welches eine kontinentale und eine ozeanische Seite hat, wird der Unterschied viel merklicher. Da verlegt sich wohl das Gewicht bald hier-, bald dorthin. Jedesmal, wenn Frankreich sich auf seine mediterranen oder atlantischen Interessen besinnt, fühlen seine kontinentalen Nachbarn sich erleichtert. Tatsächlich hat der Versuch Frankreichs, in Mexiko oder im südlichen Nordamerika Einfluß zu gewinnen, die Einigung Deutschlands und Italiens erleichtert, und die alles umstürzende Überschwemmung Europas durch Frankreich unter Napoleon I. ereignete sich in der Periode absoluter Verdrängung vom Meere durch England. Der Zerstörung der französischen Seemacht bei Trafalgar und Abukir folgten die Vernichtungen kontinentaler Heere durch die französische Landmacht bei Austerlitz, Jena, Wagram. In Deutschlands Lage ist die Forderung enthalten, daß es immer ein solches Gleichgewicht zwischen seinen Land- und Seestreitkräften aufrechtzuerhalten suchen muß, daß es seine Stellung in Mitteleuropa nicht zu schwächen braucht, um stark zur See zu sein, vielmehr die eine durch die andere stärken muß. Diese Verbindung von Seemacht mit Landmacht unterliegt dem Gesetze der reinen Seemacht, wenn sie sich auf Land stützt, das nur zur See erreicht werden kann . Landverbindungen auf dem Meere sind schwankend und vergänglich. Die echte Landmacht ruht dagegen auf einem Landbesitz, dessen breite und feste Masse nur dann gelockert wird, wenn feindliche Eroberung in denselben eindringt. Darin liegt der große Gegensatz des Britischen und des Russischen Reiches, daß das eine nur denkbar ist, wenn seine Flotte das Meer beherrscht, während das andere die Flotte nur zur Erleichterung und Sicherung von verhältnismäßig untergeordneten Verbindungen nötig hat. Das Ideal einer großen Politik, der einzigen, die die Gründung einer Weltmacht anstreben kann, liegt in der Verbindung der kontinentalen und ozeanischen Motive . Das Weiträumige, Umfassende ist beiden gemein, und wir haben gesehen, wie notwendig einer Seemacht, die ihre Wege lange genug standhaft verfolgte, Landbesitz zufällt. Die Verhältnisse liegen freilich nicht oft so günstig wie im Mittelmeer. Gebirge und Ebene In zahllosen politisch-geographischen Namen kommen schon Höhenunterschiede zum Ausdruck, Landschaften und Bezirke jeder Art, wie die Niederlande, Niederdeutschland, Oberdeutschland, Obersachsen, Niedersachsen, das badische Oberland, Ob- und Nidwalden, Hautes Alpes, und Basses Alpes, The Highlands, Lowlands und Southern Uplands in Schottland, die italienischen Compartimenti Abruzze und Campania. Die römische Grenze schnitt das Rheintal am Vinxtbach zwischen Remagen und Andernach, wo heute die Diözesen Trier und Köln zusammenstoßen: dort Oberrhein mit Mainz, hier Niederrhein mit Xanten. Kleinen Staaten prägt die Lage in einem Gebiete gleicher Bodenformen eine orographische Einförmigkeit auf, die uns gestattet, sie ohne weiteres als Tieflandstaaten, Gebirgsstaaten, Hochebenenstaaten, Bergstaaten, Talstaaten zu charakterisieren. Ausdrücke wie Alpenstaaten und Staaten des norddeutschen Tieflandes sind selbstverständlich. Ein Staat wie einst Schwarzburg-Rudolstadt war in seiner ganzen Ausdehnung ein Stück Thüringerwald, abgesehen von den nördlichen Exklaven. Der orographischen Übereinstimmung entsprechen dann immer auch politische Ähnlichkeiten.   Es gibt bei den Ländern, die um ein Gebirge herum liegen, ein geographisches Verhältnis zu einem Gebirge, das sich nicht in dem Anteil an seinem Boden, sondern an seinem Wirkungsbereich erschöpft. Es ist schon ein großer Unterschied zwischen der Lage zu verschiedenen Seiten eines Gebirges. Auf den Unterschied der steileren Innenseite und der breiteren, formenreicheren Außenseite der Alpen ist schon hingewiesen worden. Die pannonische Lage vor dem breiten, offenen Ostrand der Alpen hat ganz andere Folgen als die gallische vor dem geschlossenen Zuge der Westalpen. Hinter dem massigen Pindus ist Ätiolien sicherer als Phokis hinter dem paßreichen Othrys. Die Steigung von München zum Brenner beträgt 850, die von dem ebensoweit südlich vom Brenner gelegenen Novereto 1150 m: das ist der Unterschied der Lage auf der Hochebenen- und der Tieflandseite.   Das territoriale Element tritt in der Geschichte der Gebirgsstaaten auffallend hervor. Auch kleinere Staaten umfassen dort gewaltige Gebirgsstöcke voller Wälder, Seen, Gletscher und Firn, die nicht für die Ansiedelung vieler Menschen bestimmt und doch von hohem politischen Werte sind. Die Täler mögen abschließen, auf den Grasmatten des höheren Gebirges führt eine halbnomadische Wirtschaftsweise zur rascheren Ausbreitung über weite Gebiete, die selbst auf den scheinbar zur Trennung geschaffenen Hochweiden des Tienschan und Pamir die Völker durch Herüber- und Hinüberwandern verbunden hat. Die in dem Flächenraum liegende politische Kraft, verstärkt durch die politische Bedeutung der Gebirge als Grenz- und Durchgangsgebiete, ist also in den Gebirgsstaaten besonders stark vertreten. Wo die Natur selbst ein Gebiet ausgelegt und umschlossen hat, da wird das Streben nach Bildung geschlossener Territorien sich früher erfüllen können, als auf grenzlosen Flächen.   Die Gebirge haben in der Kriegsgeschichte eine bedeutende Rolle gespielt. Nahrungsarme, dünnbewohnte und unwegsame Gebiete zwingen die Armeen zur Ausbreitung. Ihre Züge verlängern und verlangsamen sich. Die Zusammenfassung zu kurzen und raschen Schlägen, wie in ebenen, an Hilfsmitteln reichen Ländern, ist nicht möglich. Daher die große Ähnlichkeit der Gebirgskriege in allen Perioden der Geschichte, wobei die Beschaffenheit der Armeen und die Entwicklung der Kriegskunst viel weniger Unterschied machen als in den großen Feldzügen, die die Ebenen aufsuchen. Die kaukasischen Kämpfe der Russen haben die größte Ähnlichkeit mit den montenegrinischen Feldzügen der Türken. Die Märsche durch die Alpen bedeuteten besonders im 17. und 18. Jahrhundert, in den Kämpfen österreichischer Armeen am Rhein, am Po und an der Donau, große Verluste an Kraft und Zeit. Daß Gebirgskämpfe immer ungemein zäh sind und oft den Charakter von Verzweiflungskämpfen annehmen, liegt besonders in der Natur des Schauplatzes, wo die Kämpfenden ihren eigenen Boden verteidigen; sie kennen jedes kleine Stück davon genau und haben darüber hinaus nicht viel zu verlieren. Vom Montenegriner sagt ein österreichischer Offizier: »Er wagte rücksichtslos das Höchste, er lebte sozusagen von seinem Tod.« In der Erkenntnis, daß die rauhe Unwegsamkeit ihr stärkster Bundesgenosse sei, haben die Gebirgsvölker ihre Gebiete auch nie zugänglicher gemacht, als unbedingt nötig war.   Indem Gebirge das kleine Wachstum schützen, zersplittern sie leicht das große. Für einen Staat, der kräftig vom Gebirge hinausstrebt und sich mit einer größeren Raumauffassung erfüllt, gibt es hunderte von kleinen politischen Existenzen, die sich mit Bewußtsein Schranken setzen, indem sie die Höhenzüge als günstig für die eigene Anlehnung und für die Absonderung vom Nachbarn ansehen. Es ist eine Regel der politischen Geographie, daß die Hochgebirge der Sitz zahlreicher kleiner Mächte sind, die erst durch ihre Vereinigung politische Bedeutung gewinnen. Sie gilt für die Alpen wie für die Clanstaaten von Nepal. Eine der ältesten politisch-geographischen Nachrichten aus den Alpen weist dem Kleinstaat des Cottius in den gleichnamigen Bergen 15 Kantone zu. Für Schottland kann man an das Wort erinnern, daß geographisch Schottland höchst ungeeignet für einen » central despotism sei. Die Regel gilt auch für jene Zeit, wo in dem von allen peloponnesischen Landschaften am reichsten gegliederten Argos die Ausbreitung der Dorier zur Zersplitterung ward.   Der größte Teil des Verkehrs in den Gebirgen und über die Gebirge weg drängt sich zusammen in den Pässen , wegsamen Einschnitten der Kämme. Damit drängt sich dann in dieselben Einschnitte zusammen ein entsprechend großer Teil der Bedeutung der Bodenformen für den Menschen, sei es im Sinn der politischen oder der Völker- und Stammesgrenzen, sei es in demjenigen des Verkehrslebens. Es ist, als ob sich auf den einen Weg die Bedeutung der Länder konzentriere, die er verbindet, oder auf wenige Wege. Pässe zu umfassen und ausschließlich zu beherrschen ist der Zweck und Anlaß besonderer Staatenbildungen der Paßstaaten . Fordern die Verkehrsmöglichkeiten eines Passes zu politischer Ausnützung auf, so wird die Beherrschung beider Abhänge und Ausmündungen des Weges auf beiden Seiten angestrebt. Häufig arbeitet schon die Kolonisation vor, die Bergübergänge mit den oberen Talstufen zu beiden Seiten mit Leuten desselben Volkes besetzt, wie Oberwallis und Oberalp, Oberhalbstein und Bergell, Disentis und Urseren, Engadin und Puschlav. Über die gangbarsten Pässe ist die französische Bevölkerung aus Savoyen und der Dauphiné in die Täler der Dorn Riparia und des Clusone gleichsam übergeflossen. Die Macht, die einen Gebirgsübergang umfaßt, zieht zunächst Einfluß aus ihrer Beherrschung des Verkehrs, der diesen Weg benützt. Die ganze Staatsbildung kann sich dabei auf die Ausnützung dieses Vorteiles beschränken und die Gelegenheiten zur Ausbreitung ungenützt lassen, die sich auf beiden Seiten darbieten. Daß der politische Wert der Pässe nicht in ihnen selbst, sondern in dem Wert der Länder liegt, zu deren Verbindung sie bestimmt sind, lehren die Veränderungen dieses Wertes im Laufe der Zeiten. Mit dem Verkehr durch das Gebirge von einem Fluß zum anderen ist der Wert der Pässe nicht erschöpft. Sie sind nicht bloß Lebensadern für den hindurchstrebenden Verkehr, sondern das Leben in den Gebirgen selbst nährt sich von ihnen, wird sogar durch sie erweckt.   Seitdem mit Caesars Zügen nach Gallien die mittelländische Welt aufhörte, die Welt zu sein, bewegt sich das geschichtliche Leben Europas in zwei Strömen, zwischen denen die Pyrenäen, die Alpen, der Balkan wie eine Kette stiller Grenzinseln liegen. Die Wellen schlagen herüber und hinüber; aber es bleiben zwei Welten. Und das nicht bloß, weil die eine alt und die andere neu ist, sondern weil sie grundverschiedene Beziehungen zur Welt im ganzen haben. Erinnern wir uns an die politische Karte der Alpen , auf der wir die Großmächte West- und Mitteleuropas von allen Richtungen her an das Gebirge sich heran- und in dasselbe hineindrängen sehen, in so seltsamen Formen, wie sie kaum sonst in dem ganzen Umfang Deutschlands, Italiens und Frankreichs vorkommen. Zwischen ihnen die vielgliedrige Schweiz, mit ihrem auffallenden, dreifach gelappten Südteil so recht in das eigentliche Hochgebirge hineingewachsen. Und dann noch das kleine Liechtenstein. Kein anderes Gebirge wird so gesucht und umfaßt. Die geographischen Physiognomien dieser Länder werden bei der Annäherung an die Alpen bewegter, lebhafter. Die langen, langsamen Grenzzüge greifen aus, ersteigen die höchsten Kämme und dringen bis in die hintersten Täler hinein. Wie heute waren schon in den grauesten Zeiten die breiten, offenen Ostalpen ethnographisch mannigfaltiger als die zusammengedrängten West- und Inneralpen. Indem von Süden die Romanen, von Norden die Germanen, von Osten die Slaven heranrückten und die Kelten in das Gebirge zurückdrängten und durchbrachen und ferner im Westen aus italischen und gallischen Romanen sich zwei Nationalitäten sonderten, bildete sich der heutige Zustand heraus, so daß die vier großen Völker der Deutschen, Franzosen, Italiener und Südslaven sich in den Alpen begegnen. Wo Völkergebiete und Staatengebiete in Lage und Größe so weit auseinandergehen wie hier in den Alpen, erkennt man den großen Unterschied im Wachsen der Völker und der Staaten . Jene zerteilen sich in kleine Gruppen, die leicht Wege und unbeargwohnt Plätze finden, wo sie ihre Hütten aufschlagen mögen; diese sind ihrem Wesen nach größer und schwerer beweglich. Den langsamen geschichtlichen Bewegungen, die wie in tausend Fädchen und Tröpfchen eine weite Fläche überrinnen, sind die Mauern eines Hochgebirges kein Hindernis.   Große Wanderscharen der nordischen Völker würden die Hindernisse der Alpen kaum haben überwinden können; denn diesen sind nur organisierte Heere gewachsen. Sie umgingen das Hochgebirge lieber nach dem Beispiele der Cimbern und Teutonen. So tat auch noch das letzte der großen Völker, die nach Süden wanderten, die Langobarden, die 568 die Julischen Alpen und Tirol in den Spuren der Ostgoten durchzogen, um am Fuße der Alpen hin Oberitalien zu unterwerfen. Dann erst drangen sie in die großen Täler der Alpen an der Drau, Etsch und dem Eisack hin vor und machten Südtirol langobardisch.   So wie die großen Hochländer Mittelasiens und des westlichen Amerikas Gebiete eigentümlicher Völker und Staatenbildungen sind und waren, so sind es die Alpen zwischen Donau und Po und Rhone und Mur immer mehr geworden. Schon weil sie Räume dünnerer Bevölkerung mit den charakteristischen, wirtschaftlichen und Kulturmerkmalen der Gebirgsvölker nebeneinanderlegen, prägten sie dem Alpenland im weitesten Sinne auch bestimmte politische Merkmale auf, die nicht bloß in selbständigen Alpenstaaten, sondern auch in der Eigenart alpiner Provinzen größerer Reiche ihre Ausprägung finden. Es geht also nicht an, daß man den Gebirgen nur den negativen Wert von Hindernissen in der Geschichte der Völker zuspricht.   Große Bewegungen, die hier gehemmt wurden, sind in eine Anzahl von kleinen ausgelaufen; diese aber haben in dem vielgegliederten und an begehrenswerten politischen Objekten reichen Alpenland auf engen und gewundenen Wegen um sich gegriffen. Wer in den Grenzformen zu lesen versteht, der erkennt, daß mehr als in der Ebene oder im Hügelland hier Anziehungen im Spiele sind, die ein Land am diesseitigen Abhang nicht warten lassen, wenn ein Paß hinauf und hinüber offen ist, und die den Rand eines politischen Gebietes nicht am Fuße des Gebirges ruhen lassen, sondern nach den Quellen der Flüsse hinauftreiben, die aus diesem Gebirge ins Land hinausströmen. Mit diesen, dem Gebirge selbst ungehörigen Wirkungen liegen nun jene von außen hereinstrebenden im Streit, welche die Kraft der großen Länder rings um die Alpen an das Gebirge heranbringen und gleichsam darin verankern oder darüber hinauswirken lassen wollen. Das ist ein Ringen, das durch die ganze Geschichte der Alpenvölker und -staaten sich durchzieht. Es gibt keine politischen Grenzen der Alpen. Es gibt aber Grenzen der politischen Wirkungen der Alpen .   Wenn die Alpen in ihrer ganzen Ausdehnung seit dem Römischen Reiche, und vorübergehend in dem fränkischen Karls des Großen, nicht mehr als Ganzes einem einzigen Staat angehört haben, so ist doch ihre Zerteilung erst allmählich so weit gediehen, wie sie jetzt besteht. Seit der Halbierung in nord- und südalpine Besitzungen, die im 6. Jahrhundert zwischen Ostgoten und Franken bestand, ist die Zergliederung immer weitergeschritten. Als Bayern vor der Loslösung Kärntens (976) das ganze Gebiet umfaßte, das heute Altbayern heißt und die Ostalpen von Tirol bis Steiermark, Krain und Istrien dazu, da gab es auch einen großen ostalpinen Staat, wie er so geschlossen nicht mehr aufgetreten ist. Derselbe Stamm wohnte vom Ortler bis zum Triglav und von der Etsch bis zur Naab. Der passive Charakter des Alpenlandes, der es den von außen heranwachsenden Staatenbildungen verfallen ließ, liegt in seiner Natur.   Einer der merkwürdigsten Züge der politischen Geographie der Alpen ist die Teilnahme der Kirche an der Urbarmachung, besonders durch Klöster, und infolgedessen eine folgenreiche Ausdehnung geistlichen Besitzes in dem Land »intra montana« zu beiden Seiten der Alpen, mehr noch im eigentlichen Gebirge als in den schon besiedelten Tälern. Welche Stellung nehmen Trient, Brixen, Chur und Sitten ein, und weiter im Osten das Bekehrungskloster Innichen an der Grenze der Slovenen! Seit Ende des 11. Jahrhunderts besaßen Bistümer und Abteien mehr Grund und Boden im eigentlichen Gebirgsland als die weltlichen Herren. Appenzell, Glarus, das Berner Oberland hatten geistliche Herren. Bamberg und Salzburg besaßen ganze Landschaften in den norischen Alpen; in das Lavanttal teilten sie sich, und das Land zwischen Villach und Pontafel war bambergisch. Besonders oft waren Bergübergänge mit den obersten Talstufen zu beiden Seiten in geistlicher Hand. Welche Kulturarbeit wurde hier geleistet, aber auch welche Ernte an politischem Einfluß gesammelt!   Es ist sehr interessant, in einer so durchsichtigen Entwicklung wie jener der schweizerischen Eidgenossenschaft das Erscheinen und Wachsen der territorialen Politik zu verfolgen. In einem Bunde Berns mit Freiburg und dem Grafen von Savoyen finden wir schon 1330 den ausgesprochenen Zweck, den Frieden in dem Lande zwischen Arve und Reuß, Jura und Alpen zu erhalten. Das war die auf gleiche Eigenschaften des Territoriums begründete Gleichheit der Interessen. In der Entwicklung der Schweiz ist die heilsame Wirkung der Vereinigung der Naturkraft der Hochgebirgskantone mit der Diplomatie und dem Reichtum von Zürich und Bern deutlich erkennbar. Die eine beruht in der Abgeschlossenheit der Hochalpentäler, die andere in der Verkehrsbedeutung der Alpenpässe und des Voralpenlandes. Wo beide Begabungen auf so engem Raum zusammentreffen wie in Uri, wo das hochhinaufführende Reußtal mit dem Übergang über den Gotthard und ins Hinterrhein- und Rhonetal sich verbindet, da kommt auch selbst in die Politik des abgelegenen Waldkantons ein großer Zug, der in dem frühen Hinübergreifen ins Val Leventina sich ausspricht. Die entscheidende Tatsache in der Entwicklung der schweizerischen Eidgenossenschaft war die Stellung der Waldstätte in der Eidgenossenschaft. Kein Alpensee zeigt klarer die Bedeutung der Seen für die Schönheit der Gebirgslandschaft und für die gesamte Kultur der Gegend, welcher sie angehören, als der südliche, am tiefsten ins Gebirg hineinziehende Arm des Vierwaldstättersees , der auch Urnersee genannt wird, weil er zum größten Teil im Gebiet des Kantons Uri liegt, an welchem die Axenstraße sich hinzieht. Seine Ufer sind hohe Berge, die mit Felsenabhängen steil aus der unbekannten, grünen Tiefe emporsteigen; wo Wasser und Land sich berühren, zieht eine beständige Linie dem Gebirg entlang, welche alle die wechselnden Formen, die als Ufer an jenes hintreten, scharf hervorhebt und so den ganzen Umriß der Seiten des Gebirgs als vielbuchtigen Rand in diesen Spiegel schneidet; hier und dort treten Vorgebirge in denselben und lassen schon von weitem stille Buchten voll neuer Bilder vermuten, welche sich hinter ihnen auftun werden; beruhigend liegt der See mit seiner Spiegelglätte und Farbeneinheit, die tief und voll verborgener Lichter ist, in der Formen- und Farbenfülle der Umgebung; von den trotzigen Zacken des Bristen- und Urirothstocks bis zur letzten Felsplatte und Fichte des Ufers herab ist sie gewaltig und wird, da kein Blick sie auszuschöpfen vermag, am Ende verwirrend und drückend. Aber der See schließt auch mit seinen Wasserbahnen die Verborgenheit und Unwegsamkeit des Gebirges auf und wirkt hier im engen Kreise so kulturfördernd, wie die Meere im weitesten; an seinen Ufern liegen alle Stätten, die in der Urgeschichte der Eidgenossenschuft von Bedeutung gewesen sind, denn aus den verschiedenen Tälern, die in ihn münden, führte er die Männer zusammen, die ohne ihn wohl so getrennt geblieben wären wie in den Talschaften Graubündens oder Tirols; im Herzen der Schweiz ist er die Hauptkraft gewesen, die das Herz auch als Herz wirken, zum Lebensmittelpunkte des Bundes werden ließ. Auch die Bedeutung, die der Gotthard als Verkehrsstraße zwischen Nord und Süd erlangt hat, beruht zum nicht geringen Teil darauf, daß der Vierwaldstättersee seinen Fuß bespült und so als die leichteste Verbindung des Gebirgs mit der Ebene sich mit seiner an sechs Meilen langen Wasserstraße an den Paß anschließt.   Fürstenmächte sind im Schutze der Berge der Ost- und Westalpen groß geworden. Die Wiege des Hauses Savoyen steht in der Maurienne, von wo es sich auf beiden Seiten der Alpen im Gebiete jener wichtigen Passe ausbreitete, die aus dem Gebiet der Rhone und Isère in das des Po zusammenstrahlen. In der Hut der Alpenpässe und -wege seines Kerngebietes ist Savoyens Macht herangewachsen. In seiner natürlichen Absonderung hat so mancher Winkel der Alpen eine selbständigere Geschichte erlebt als größere und reichere Gebiete draußen.   Die geschichtliche Stellung der Alpen in Europa ist in ihrer Lage zwischen dem Mittelmeere und Mitteleuropa begründet. So sind die Alpen der Anlaß, daß der geschichtliche Unterschied zwischen Süd- und Nordeuropa sich nördlich von den Alpen in einen Unterschied zwischen West-, Mittel- und Osteuropa verwandelte. Den Alpen fiel es zu, zwei der folgenreichsten geschichtlichen Bewegungen tief zu beeinflussen: den Übergang der geschichtlichen Führung vom Süden zum Norden Europas und die Ausbreitung des Christentums aus dem Gebiete der klassischen Kultur in den Norden und Westen Europas. Die beiden sind zeitlich nicht auseinanderzuhalten, und räumlich verbindet sie derselbe Weg, den ihnen die Alpen gewiesen haben: nach Westen und dann erst nach Norden und Osten.   So wie der gerade Weg von Wien nach Triest doppelt so lang ist wie die Linie Como – Konstanz, ist auch die Geschichte der Ostalpen geräumiger und zugleich unbestimmter als die der West- und Mittelalpen. Die norische Entwicklung hat nichts von dem Geschlossenen der rätischen. In die nach Osten offenen Täler blasen, wie die physischen, so die geschichtlichen Stürme herein. Die Geschichte der Gebirgsvölker wogt in den Tälern wie ihre Flüsse oder liegt so still darin wie der Spiegel eines Alpensees. Der Gegensatz westlicher und östlicher Entwicklung in unserem Erdteil verdichtet sich gewissermaßen in der Geschichte der zwei Alpenpfortenstädte Genf und Pettau. Genf ist ein Brennpunkt abendländischen Geisteslebens, erwehrt sich der savoyischen »Escaladen« und fühlt ein fast stetig aufsteigendes Leben. Pettau gehört zu den meistzerstörten Städten Europas. Es war eines der ersten Opfer der Völkerwanderung, seine römische Größe war früh vergessen, und es ist noch im Jahre der unglücklichen Schlacht bei Nikopolis (1396) von den zum erstenmal in der Steiermark erscheinenden Türken verbrannt worden. Das ähnlich an der Mur gelegene Radkersburg hatte auch ähnliche trübe Schicksale.   In einem Gebiete der Absonderung müssen den Verbindungen besonders wichtige Aufgaben zufallen. Unendlich oft hat die Geschichte in kleinen und großen Alpenländern den Gang genommen, daß die stille Entwicklung in der Absonderung durch eine natürliche Lücke des Gebirgsbaues heraustrat, mit anderen ihresgleichen oder mit fernerliegenden neue Verbindungen knüpfte und damit zu größeren Wirkungen gedieh. Die Lage der Alpen zwischen dem Mittelmeer und Mitteleuropa verleiht den quer durchführenden Pässen eine weit über das Gebirge hinausreichende Bedeutung, die auch die Geschichte ihrer Staaten in hundert Fällen bewährt. Von der größeren oder geringeren Wegsamkeit hängt der politische Wert ganzer Abschnitte des Gebirges ab. Die Einsenkung des Brenners mit dem Inn- und Sill-, dem Etsch- und Eisacktal, beherrscht den ganzen Alpenabschnitt, den wir unter Tirol zusammenfassen. So wie sich Tirol am und um den Brenner entwickelt hat, ist es auch ohne den Brenner undenkbar (Supan).   Das römische Netz der Alpenstraßen , wie es, allerdings nur sehr allmählich, sich herausgebildet hatte, gehört zu den bedeutendsten Leistungen dieses Volkes. Das Verhältnis des Römischen Reiches zu den Alpen und ihren östlichen Fortsetzungen (wie auch zum Balkan) hat aber doch nie ganz die Hemmnisse überwunden, die in diesen Gebirgen lagen. Noricum war zuerst ein Vorland und dann ein Teil Italiens. Man könnte es fast ein kleines Gallien nennen. Rätien liegt, damit verglichen, wie ein toter Punkt hinter den mittleren Alpen.   Die Verteilung der Pässe über die Alpen ist sehr ungleich und viel mehr noch ihre Höhe, Länge und sonstige Wegsamkeit. Salzburg und Kärnten sind von Natur hermetisch gegeneinander geschlossen, Steiermark und Kärnten durch unschwierige Wege miteinander verbunden.   Wie das Gebirge die geschichtliche Bewegung hemmt, so erleichtert ihr die Ebene die Ausbreitung nach allen Seiten. Die Bewegungen vollziehen sich rasch und massenhaft. Im Tiefland, wo ein Volk, wie Dahlmann von den Sachsen sagt, »in derselben endlosen Ebene mit seinen Feinden wohnt«, wird schwerer der Vorzug der abgeschlossenen Entwicklung bis zu einem hohen Stand der Reife verwirklicht, als der der raschen, aber flüchtigen Ausbreitung über ein weites Gebiet. Der Nomadismus ist daher bezeichnend für die weiten Ebenen. Er hat sie einst in größerem Maße erfüllt als heute, wo er in die Steppen und Wüsten zurückgedrängt ist. Die Ausbreitung der Germanen zeigt das leichtere Vordringen im norddeutschen Tiefland vom Westen her und das schwierigere Eindringen in die Gebirge und in die Alpen. So wenig wir im einzelnen von den Germanen in der ersten Römerzeit kennen, wir sehen sie stark im Norden am Rhein, wenn sie im Süden sich erst zwischen den Gebirgen durchgewunden und die Alpen überhaupt noch nicht berührt haben. Das ist eine Verbreitungswelse im Einklang mit dem Zug der Gebirge, die mit ihrem hercynischen Streichen das norddeutsche Tiefland zu einem nach Westen sich einengenden Keil machen. Dann geschieht die weitere Ausbreitung unter Vermeidung des länger keltisch bleibenden, gebirgumrandeten Böhmens und der Erhaltung keltischer Reste in den Mittelgebirgen. Die Alpen werden erst überschritten, nachdem einige Jahrhunderte die Flut gegen ihren Nordrand hatten anschwellen lassen.   Wie der einförmig niedere Pflanzenwuchs der Steppe die geschichtlichen Bewegungen ins Breite gehen läßt, hat uns besonders die Betrachtung des Nomadentums gezeigt. Wo immer die Gräser oder niederen Sträucher das Land mit einer gleichmäßigen, der Ernährung großer Herden günstigen Pflanzendecke überziehen, da haben wir in allen Ländern der alten Welt dieselben Erscheinungen des Hirtenlebens, die den Passatgürtel vom Stillen bis zum Atlantischen Ozean ausfüllen, die einförmigste der klimatisch bedingten, geschichtlichen Erscheinungen, großartig in der Einförmigkeit ihres Wesens und ihrer Wirkungen. Zwischen dem Klima und diesen Völkern ist der Steppenpflanzenwuchs das Mittelglied. Auch die kleineren Wirkungen gleichen sich. Wie heute etwa Argentinien oder Australien, war in der Römerzeit Kleinasien mit den endlosen Weidetriften seiner Hochebenen das Land der Wolle und ihrer Industrien; es war aber auch das Land nie endender Räubereien und Aufstände. Der Unterschied des Waldlandes von solchem Land war schon den Alten kund; auch den politischen Gegensatz von Wald- und Steppenbewohnern haben die Römer auf mitteleuropäischem Boden erkannt. Die Hemmung der Kolonisation des östlichen Nordamerika durch die urwaldbedeckten Alleghanies, deren Schranken erst nach 150 Jahren durchbrochen wurden, hat die Ansiedelungen auf den atlantischen Rand beschränkt, aber zugleich sie zusammengefaßt, ihren inneren Ausbau und Wohlstand gekräftigt; ihr ist es zu verdanken, daß die gewaltige Expansion unseres Jahrhunderts die intensive Entwicklung des Ostrandes nicht mehr verflachen konnte. Mit einem Wort: der Wald verlangsamt und vertieft die geschichtliche Bewegung . Was diese Einzelfälle lehren, zeigt nun der allgemeine Gang der Geschichte, überall hat sie von den waldarmen Zonen aus ihre Staaten und Kulturgebiete spät in die Waldregionen hineingeschoben, in Peru, Ägypten, den Sudanstaaten polwärts, Südafrika äquatorwärts, in Mittel- und Osteuropa. Das höhere geschichtliche Alter Nordchinas vor Korea, Japan und Mittelchina ist ebenso eine Tatsache der Pflanzendecke wie der Vortritt des Mittelmeergebietes vor Mittel- und Nordeuropa. Das Meer als Quelle der Völkergröße In der Schule lehrt man uns das nahezu dreifache Übergewicht der Meeresfläche über die Landflächen als eine elementare Tatsache der Natur unseres Planeten kennen. Die Zahlen 28 für das Land und 72 für das Wasser gehören seitdem zu dem eisernen Bestand unseres Wissens. Sind es mehr als tote Größen, deren Anstaunen uns erhebt und ergötzt? Um diesen Zahlen Leben zu geben, müssen wir die Lebensfäden zwischen uns, dem Land und dem Wasser sehen. Merkt man es aber unserer Naturanschauung, wie sie gang und gebe ist, nicht an, daß die Sprache des Meeres ihr fast gänzlich fremd geblieben? Das Zerstückte, Starre, das die wissenschaftliche Auffassung der Gesamtnatur unserer Erde zu oft verunstaltet, der Mangel an Größe, der unsere Gedanken von der Erde so selten ihr Objekt decken läßt, vor allem aber die gewohnheitsmäßige Zerreißung des natürlichen Zusammenhangs dieses planetaren Lebens und Webens bezeugen zur Genüge die Enge des Gesichtskreises, in welchem diese Fehler heimisch sind. Nun sieh das Meer! Hier beschränkt dich nicht nur nichts, hier reißt es dich – und wenn du selbst nicht wolltest – mit Gewalt hin, groß, lebendig und zusammenfassend von der irdischen Natur zu denken. Wer kann sagen, er habe das Meer je ruhen sehen? Selbst wenn es spiegelglatt erscheint, gehen tausenderlei Bewegungen in ihm vor; denn es liegt im Wesen des flüssigen Körpers, daß ihm auch der kleinste Anstoß sich unmittelbar in mancherlei Wirkungen umsetzt und nicht eher zur Ruhe kommt, als bis die Kraft verbraucht ist, die ihm mitgegeben war. Das Meer ist das größte Ganze an unserer Erde , die größten Erdteile sind darin nur Inseln? unsere Wohnplätze sind von Wasser umgeben, ob sie auch tief im Lande liegen, und an jedem erweiterten Horizont leuchtet das Meer auf. Die geschichtliche Bedeutung dieses gewaltigen Überragens der Meeresfläche für die Vergangenheit und die politische Bedeutung für die Gegenwart sind nicht geringer als die physikalische, die uns längst die Handbücher lehren. Ja, das Meer steht neben dem Land an der Spitze aller politisch-geographischen Betrachtungen. Das Meer als Quelle der Feuchtigkeit in der Luft, die unsere Niederschläge liefert, als Milderer des Klimas, als Mutter unzähliger Brandungswellen, die mit Hämmern und Meißeln die Küsten zertrümmern, das Meer als Hegerin eines überreichen Lebens in allen Zonen und Tiefen: dieses Meer ist ein gewaltiges Stück Natur. Aber wenn ich sage, in einer Wasserfläche von 365,3 Mill. liegen 144,5 Mill. qkm Land in Form von Erdteilen und Inseln, so erhebt sich vor meinem geistigen Auge ein ebenso gewaltiges Stück Menschheitsgeschichte. Von diesen Zahlen gehen meine Gedanken zu dem, was sie für die Völker bedeuten. Wenn das Meer fast drei Vierteile der Erde bedeckt, dann muß, was weltweite Geltung anstrebt, sich mit dem Meere verbinden. Dann kann nur aus dem Meere der Schatz der Herrschaft über die Erde gehoben werden.   Alle Staatenentwicklung steht unter dem Gesetz des Fortschreitens von engen zu weiten Räumen.   Trennt das Meer zunächst die Länder, so ist doch weiterhin dem Verkehr auf dem Meere selbst keine dauernde Schranke zu setzen. Wenn die Grenzen des Landes Verkehr und Staatenwachstum früh abschließen, zieht das gemeinsame Verkehrsgebiet eines Meeres so weit hinaus, wie die Wasserfläche ungebrochen reicht. Dieses Gebiet ist allen Völkern offen, die es umwohnen. Wenn sie es politisch nicht zu beherrschen wissen, pflegen sie auf ihm ihren Verkehr. Unabhängig von der wechselnden Beherrschung des Meeres oder seiner Teile durch die Uferstaaten gehen in der Tiefe die Berührung der Völker und der stille mannigfaltige Austausch weiter, gerade wie in der Tiefe der Meere die großen Prozesse des Wasseraustausches zwischen Nord- und Südhalbkugel unter wechselnden Zuständen der Oberfläche ruhig fortschreiten. Während sich die Staaten um das Mittelmeer herum befehdeten, blieb das Mittelmeer als eine große, still wirkende Naturmacht vermittelnd und verbindend tätig und machte die Völker an seinen Gestaden einander immer ähnlicher, schuf mittelmeerische Völkerverwandtschaft und Kulturgemeinschaft. Das ist die Einheit der Natur, die die Zersplitterung der Menschen sachte auflöst. In der Erziehung des Menschengeschlechtes sind kleine Meere die niederen Schulen gewesen, und in großen Meeren vollendete sich die Ausbildung echter Seevölker.   Die bedeutendsten, zukunftsvollsten Gebiete der Südhalbkugel vereinigen sich im Stillen Ozean , und was dereinst von einer großen, selbständigen Geschichte der Antipoden sich verwirklicht, das wird seinen Schauplatz vorzüglich im südlichen Stillen Ozean haben. Der Atlantische Ozean hat das meiste beigetragen, den Schauplatz der Geschichte über die Nordhalbkugel auszubreiten, dem Stillen Ozean fällt diese Ausgabe für die Südhalbkugel zu. Eine zweite Tatsache von Bedeutung, die uns hier entgegentritt, ist das Übergewicht Ostasiens.   Die erdgeschichtlich und menschheitsgeschichtlich bedeutsamste Stellung nehmen unter den Randmeeren die drei Mittelmeere ein, die zwischen Europa und Afrika, Nord- und Südamerika, Asien und Australien liegen. Ihre im Verhältnis zur Ausdehnung beträchtliche Tiefe, ihre formenreichen Gestade, die Mannigfaltigkeit ihrer Inseln und Halbinseln verleihen ihnen eine hohe natürliche Eigenartigkeit, die im Einklang steht mit der bedeutsamen interkontinentalen Lage. An diese Lage besonders knüpft ihre geschichtliche Rolle an. Die Ostsee , sechsmal kleiner als das europäisch-afrikanische Mittelmeer, wird in höherem Maße von einzelnen Mächten beherrscht, die den größten Teil ihrer Küsten innehaben. Die Ostsee erinnert mehr an das ähnlich kleine und umschlossene Schwarze Meer mit seinen zwei großen und zwei kleinen Pontusstaaten. Dietrich Schäfer sagt von der Ostsee, sie nehme im Verkehrsleben des letzten Jahrtausends ihre Stelle neben, nicht unter dem Mittelmeere ein; im Verkehrsleben, ja. Aber zur weltgeschichtlichen Stellung fehlt die Lage zwischen den Kontinenten, die ihre Wirkungen auf und über das Meer erstrecken. Als geschlossenes Gebiet einer intensiven Entwicklung des Seeverkehrs innerhalb ihres Beckens und land- wie seewärts darüber hinaus zeigt natürlich die Ostsee nicht wenig Analogie zum Mittelmeer, selbst im Gange der neueren Geschichte. Die großen Völker- und Warenbewegungen der Kreuzzüge haben im Mittelmeer wie in der Ostsee das Städtewachstum gefördert; hier wuchs besonders Lübeck durch die Fahrten nach Livland und Preußen wie dort Venedig. Es fällt in dieselbe Zelt eine künstlerische Entwicklung, die im großen Zuge den südbaltischen Städten etwas Mediterranisches aufprägt. Aber während das Mittelmeer am Südrande Europas vom Westrand bis zum Ostende Europas und Afrikas zieht, ist die Ostsee nur der letzte, östlichste, sackartig geschlossene Ausläufer einer großen, vor dem mittleren Europa liegenden Ausbreitung des Atlantischen Ozeans. Auch in dieser beschränkten Lage ist sie eher mit dem Schwarzen Meere als dem ganzen Mittelmeere zu vergleichen. Die Ostsee liegt hinter der Nordsee wie das Schwarze Meer hinter dem Ägäischen, beide liegen an der Schwelle Osteuropas; aber allerdings öffnet sich breit nach der Nordsee der Ozean, dessen Strömungen und Verkehrsströme bis in die Ostsee hineinbringen. Die Ostsee steht deshalb trotz ihres salzarmen Wassers politisch-geographisch dem Ozean näher als das Mittelmeer. Gerade wegen dieser Verbindung ist der Nordostseekanal , mehr noch als ein großer Verkehrsweg der Nord- und Ostseeländer, eine Lebensader des Deutschen Reiches. Haben wir ihn doch aus derselben Wurzel sich entwickeln sehen, wie Deutschlands neue Seemachtstellung und das Reich selbst. Die Zukunft wird ihn von demselben Lichte geschichtlicher Bedeutung umflossen sehen, in dem uns der Sund beim Rückblick auf die Hansa erglänzt. Selbst der Elbtravekanal, der seit 1900 Hamburg mit Lübeck verbindet, kräftigt Deutschlands atlantische Stellung in der Nordsee durch die doppelte Erschließung baltischer Machtquellen von Westen her. Die Nordsee ist weder so engräumig noch so fest umschlossen wie die Ostsee. Sie ist weniger »inneres Meer« als vielmehr Durchgangsmeer. In der Lage der Nordseemächte kommt es daher vor allem auf die Entfernung vom Atlantischen Ozean an. Nordseemächte, die zugleich am Atlantischen Ozean liegen, wie Großbritannien und Norwegen, sind besser daran als Mächte, die nur an das Nebenmeer grenzen wie Deutschland, Dänemark, Holland und Belgien. Unter diesen sind Belgien und Holland durch die Nähe am Tor des Kanales begünstigt, der in das Atlantische Meer hinausführt. Darin, daß sie an der Nordsee und an der Ostsee liegen, ist die Verflechtung der Geschicke Dänemarks und Deutschlands begründet. Und wie die Schwierigkeiten des Verkehrs zwischen Nord- und Ostsee einst die wendischen Städte zum Kern der Hansa machten, so haben sie die Schaffung einer deutschen Seemacht an den Besitz Schleswig-Holsteins geknüpft. Deutschlands Lage zum Meer wird immer eine zurückgeschobene Lage an einem Ausläufer des Atlantischen Ozeans sein. Seine Lage ist insofern auch eine mittelmeerische, ohne unmittelbaren Lageanteil am Atlantischen Ozean. Italien hat ein größeres Meer vor sich, mit weiteren und verschiedenartigeren Ländern von kontinentaler Größe. Aber die deutschen Meere haben bessere Ausgänge zum Ozean. Die zurückgeschobene Lage Deutschlands macht sich indessen greifbar im Verkehr geltend.   Es gibt kein Meer, dessen Herrschaft nicht einmal von irgendeiner Macht in Anspruch genommen worden wäre. Wenn sogar der Versuch unternommen ward, das Weltmeer zwischen den beiden Staaten der Iberischen Halbinsel zu teilen, so war es bezeichnenderweise das weltumfassende Papsttum, das unter Alexander VI., 1493, diesen großartigen Plan ersann. Übrigens sind derartige Ansprüche immer seltener erhoben und immer entschiedener bekämpft worden. Es sind immer mehr nur Forderungen, nur Worte. Die Entwicklung wird hier nicht stehenbleiben. Das Meer an sich kann nicht erobert werden. Man wird vielmehr sagen können, daß mit jedem Schiff, das neu aufs Meer gesetzt, mit jedem Hafen, der begründet, mit jedem Seeweg der eröffnet wurde, die Aussicht auf die Umfassung irgendeines Meeresteiles durch eine einzige Macht geringer geworden ist. Mit jedem Schritt derart wuchs ein Interesse am freien Meer, das ein wahres Weltinteresse ist.   Der Einfluß vorspringender Küsten breitet sich über das ganze Meer aus. Ein Land, das vorspringt, engt das Meer ein und nähert sich der gegenüberliegenden Küste. Die Linien des Längsverkehrs werden zusammengedrängt, die Linien des Querverkehrs verkürzt, und beide Länder, die so einander nachbarlich gegenüberliegen, gewinnen füreinander an politischem Wert. So groß und einfach wie das Meer selbst ist auch die Beherrschung des Meeres . Ihr Grundmotiv kann man in die Worte fassen: Das Meer ist nur der Weg. Das will besagen, daß das Meer den Verkehr erleidet, der über es hin seine Wege sucht. Es trägt ihn, aber es trägt nichts dazu bei. Das Meer ist der Weg: es ist passiv gegenüber den Ereignissen, die vom Lande her über es hinzucken. Es erleichtert den Verkehr, den Krieg, die Telegraphie, aber sie alle gehen zwischen zwei Landgebieten durch das Meer hindurch. Nur für die Fischerei und einige verhältnismäßig unbedeutende Industrien, wie Seesalzgewinnung und ähnliche, ist das Meer an sich ergiebig. Mit dieser Passivität des Meeres hängt eng das eigentliche Gesetz der Seeherrschaft zusammen, das im Seeverkehr wie im Seekrieg Geltung hat: Große Macht von kleinem Raum aus geübt mit weitreichendem, augenblicklichem Erfolg, abhängig von vereinzelten großen Entscheidungen. Passiv gegenüber den Versuchen des Menschen, es wirtschaftlich und politisch zu beherrschen, gleichsam ein abstrakter Raum, übt das Meer höchst bedeutsame Wirkungen, wo es auf den Geist des Menschen trifft. Alle Kraft der Völker mißt sich im Ringen mit anderen Völkern und mit der Erde, das heißt: sie mißt sich am verwandten Leben oder an der fremden Natur. Darin liegt aber der große Unterschied zwischen diesen beiden Kämpfen, in denen sich die Erziehung der Völker vollendet, daß aus der Natur neue Kräfte in ein Volk übergehen, während im Ringen mit Völkern die Kraft eines Volkes in die Gegner übergeht. Das ist nun das einzige und Hervorragendste der Seevölker, daß sie immer aus der größten Natur schöpfen. Der Kampf mit der Natur ist grundverschieden und hat grundverschiedene Ergebnisse auf dem Lande und auf dem Wasser. Das Meer wird niemals gänzlich unterworfen. Aus endlosen Horizonten wächst ein großer Zug von Kühnheit, Ausdauer und Fernblick in den Geist und Charakter der Seevölker hinein. Seevölker haben am wesentlichsten beigetragen zur Vergrößerung der politischen Maßstäbe. Die enge territoriale Politik ist in ihrem Wesen nach kurzsichtig; das weite Meer erweitert den Blick nicht bloß des Kaufmanns, sondern auch des Staatsmannes. Nur das Meer kann wahre Weltmächte erzielen.   So mildert ein großer Zug die Härte der kleinen Erwägungen, die vor allem von dem keiner Seemacht fehlenden Handelselement herstammt. Die beiden gehen aber nebeneinander. Und daher die schwer verständliche Doppelnatur der Seevölker , in der der höchste nationale Egoismus mit dem weitesten Kosmopolitismus, die kleinlichste Gewinnsucht mit dem weitesten Verständnis der Interessen der Allgemeinheit gepaart ist. Das Meer grenzt als ein Gebiet internationaler Politik hart an die national sich in sich abschließenden Länder. Es zieht sich zwischen sie hinein, trennt die nationalen Gebiete voneinander und trägt sogar den internationalen Charakter auf kleinere Landstrecken und Landengen über. Das Meer ist eine Quelle politischer Kraft für jedes Volk, das sich ihm anvertraut.   Es ist etwas von der Natur des Meeres in der Geschichte der Völker, die kein selbständiges und bodenständiges Leben für sich haben, an dem sie ruhig fortbauen, sondern vergängliche Beherrscher und Vermittler entlegener Völker und Kulturen sind.   Das Meer, das trennt und verbindet, wird eben dadurch zum Träger des Fortschritts in der Geschichte. Einförmigkeit ist Stillstand, nur im Unterschied liegt Bewegung. Leben ist auf allen Stufen Auflösung von Gegensätzen. Zum Leben gehört ebenso notwendig, daß Unterschiede sich bilden, als daß Unterschiede sich ausgleichen. Der geschichtliche Wert eines Volkes liegt daher zu einem großen Teil in dem, was es andern zu geben imstande ist.   Wenn die Seemacht verkennt, daß das Meer nur Weg und nicht Machtquelle ist, so gewinnt das Meer sich die Macht zu eigen, die das Meer unterwerfen wollte. Je entschiedener ein Volk das Meer beherrscht, desto fester hält das Meer dieses Volk. Erfolge täuschen über die Unfähigkeit des Meeres, dauernd eine große Macht allein zu tragen, und führen zu der gefährlichen Verlegung des Schwerpunktes in das Meer. Jede Seemacht verfällt dem Monopolismus. Es liegt auf der Hand, daß die günstigsten Bedingungen für die Festhaltung einer großen Macht mit geringen Mitteln sich vor allem auf Inseln verwirklichen, daher die Seemächte in irgendeiner Weise Inselmächte sind. Festlandstreifen am Meere können bei dem allgemeinen Drängen der Staaten und des Verkehrs dem Meere zu niemals in Abgeschlossenheit verharren. Nur als Inselland konnte sich z. B. Japan so rasch zur bedeutenden Seemacht entwickeln. Die Vorteile ihrer Stellung suchen Inselmächte zu vervielfältigen, indem sie sich auf Inseln wiederum stützen. Da Mächte mit den Mitteln sich erhalten, durch die sie entstanden sind, ist den Inselmächten dieser Weg klar gewiesen. England hat Tausende von Inseln in seinem Besitz und beherrscht von Inseln aus weite Meere und Länder. Der politische Wert der Inseln ist also nicht nach dem Raum zu schätzen, und ebenso ist auch wichtiger als ihr Raum die Lage der Inseln zu ihrem Lande oder zu Nachbarländern.   Sobald die Elemente des Seeverkehrs gegeben waren, erwiesen sich die Wege zu den Inseln leichter für alle mit Floß oder Boot, Stange oder Ruder Ausgerüsteten, als gleich lange Wege im Binnenland. Kein Gebirge, keine Wüste, kein Sumpf trennte den, der einmal den Wasserweg beschritten hatte, von seinem Ziel. So fügt sich die Aufgeschlossenheit der Inseln für alle Schiffahrtkundigen zu der Abschließung, die gegen alle anderen bestehen blieb. Die Erreichung der Inseln blieb in weite Gebiete ein Monopol der Seevölker, die daher früh eine unerhörte Verbreitung über inselbesäte Meeresräume gewinnen konnten.   Inseln werden durch ihre Lage zwischen größeren Verbreitungsgebieten Sammelpunkte verschiedenster Völker . Kleine Inseln verlieren darüber jeden eigenen ethnischen Charakter und damit natürlich auch die politische Selbständigkeit) große erhalten ununterbrochen Zufuhr neuer Elemente, die in dem festen Rahmen meist rasch sich dem Organismus eines größeren Inselvolkes eingliedern, zumal Massenzuwanderungen schon durch die Schwierigkeit der Seefahrt selten sind. Wo Schiffe aller Völker fahren, da sammeln sich auf den ozeanischen Inseln auch Trümmer aller Völkerschaften, wie angeschwemmt.   Die unvergleichlichen Vorteile der Inseln begleitet wie ihr Schatten der von ihrem eigensten Wesen unzertrennliche Nachteil des engen Raumes . Kommende Geschlechter werden vielleicht den Traum eines Staates Amerika Wirklichkeit werden sehen, der den Erdteil und damit die zweitgrößte Weltinsel ausfüllt. Der Zusammenschluß der australischen Kolonien zu einem Bunde verbindet zum erstenmal eine wahrhaft kontinentale Weite des Raumes mit den Vorzügen der insularen Lage und Begrenzung. Wie kein anderes Reich hat das britische die Schranken des Raumes überwunden, indem es von seinen Inseln zu Festländern fortschritt. Aber die Gefahr der Beladung mit politisch nutzlosen Gebieten liegt sehr nahe, deren Ausdehnung außer allem Verhältnis zu dem Mutterlande wächst und allzu leicht dessen Gleichgewicht ins Schwanken bringt, wenn der große Unterschied zwischen leichtem Erwerb und schwierigem Festhalten nicht früh genug erkannt wird.   Die Vorteile des Meeres sind ein Schatz, der an jedem Gestade liegt. Ruhte er in einem Zeitalter, so hat ihn bald ein anderes gehoben. Die Geschichte zeigt, daß die Seevölker immer zahlreicher geworden sind, und damit sind auch immer mehr Küstenstrecken in den Bereich des Verkehrs gezogen worden. Viele davon sind zur Heimat neuer Seevölker geworden, und die Ausbreitung ist so gewachsen, daß reine Landmächte, wie das Fränkische Reich und das Deutsche Reich des Mittelalters, heute ebenso undenkbar sind wie jene reinen Seemächte, die das Monopol des Seeverkehrs besaßen.   Der Begriff » Großmacht « hat in der Anwendung auf Mächte, die nur Landmächte sind, schon heute etwas vollkommen Veraltetes. Die alten Gesetze des Staatenwachstums herrschen fort. Ein Staat entwickelt sich im Wettbewerb mit einem anderen oder mit mehreren, wobei die Kampfpreise in Gebietsteilen bestehen. Nachdem einmal die Bedeutung des Bodens als Machtquelle erfaßt war, wurde das Wachstum der Staaten ein Kampf um Boden. Der größere Raum eines Nachbarstaates bewegt den kleineren Staat zu dem Streben, durch eigenen Raumerwerb den Unterschied auszugleichen. Das ist der Anfang des nie zum Abschluß kommenden Größenwachstums der Staaten, das jeden Augenblick das politische Gleichgewicht anstrebt, um es jeden Augenblick zu stören. Dieses Streben wird nie ruhen, denn Machtunterschiede werden immer bestehen. Man kann es kurz bezeichnen als das Streben eines kleineren Staates, dem größeren nachzuwachsen. Dieses Gesetz des Staatenwachstums erstreckt sich auf alle zugänglichen Machtmittel. Und so wird nun eine neue Epoche durch die fast plötzlich allgemein gewordene Einsicht bezeichnet, daß das Meer eines der größten Machtmittel ist. Das Ideal einer großen Politik, der einzigen, die die Gründung einer Weltmacht anstreben kann, liegt in der Verbindung der kontinentalen und der ozeanischen Motive. Das Weiträumige, Umfassende ist beiden gemein, und einer Seemacht, die ihre Wege lang genug standhaft verfolgte, fällt Landbesitz notwendig zu. Die ozeanische Seite einer Landmacht mag noch so groß sein, es wechseln doch naturgemäß in ihrer Geschichte kontinentale und ozeanische Perioden ab. In größeren Ländern ringen die Land- und Meerinteressen miteinander, bis eine sich losringt und die Vorherrschaft erwirbt.   Der Seekrieg verneint die auf dem Lande geltenden Machtanschläge. Auch die Kriege haben, wie alle Tätigkeiten der Menschen, eine Entwicklung von kleinen zu großen Räumen vollzogen. Der Seekrieg bedeutet in dieser Entwicklung den Höhepunkt. Er setzt voraus und erzielt die Bewältigung und Beherrschung des größtmöglichen Raumes mit den Waffen; aber die Entscheidung über diese Bewältigung kann nur auf engem Raum fallen. Daher eine merkwürdige Verbindung von großräumigen Entwürfen und Ergebnissen mit kleinräumigen Entscheidungskämpfen. Je mehr die Kriege aufs Meer verlegt werden, um so rascher erfolgen die Entscheidungen; um so unerträglicher wird auch eine lange Dauer des Krieges durch die Unterbindung der Seeverbindungen. Die Verlegung eines Teiles der Entscheidung auf das Meer muß die Kriege verkürzen. Der Schritt aufs Meer leitet den zweiten Abschnitt der Beziehungen des Menschen zum Meere ein. Er begann bescheiden, mochte zuerst zum Zweck des Fischfanges versucht worden sein und wurde erst kühner, als es galt, lockende Gestade zu erreichen, die in Sicht lagen. Aber von kleinen Anfängen führte er zur Verdreifachung des Bodens der Geschichte. Aus dem uranfänglichen Schutzmotiv war das politische Verhältnis zum Meere emporgekeimt. Jedes große Volk, jeder mächtige Staat strebt ans Meer und aufs Meer. Diese Bewegung wird fortschreiten, vielmehr es wird der Weltverkehr diese Bewegung vorwärts treiben. Sie wird vor allem das politische Angesicht Europas umgestalten. Streiflichter Die deutsche Aufgabe Daß der einzelne sich der Gesamtheit schuldet, diese Erkenntnis muß uns ganz durchdringen. Wir haben sie noch viel nötiger als andre Völker, denn wir sind durch unsre geographische Lage und durch die keilartige Einzwängung unsers Volkstums zwischen Slawen und Romanen, endlich durch die Unmöglichkeit, verpaßte Gelegenheiten zu überseeischen Verjüngungskolonien noch einmal zu finden, gezwungen, Kräfte für die elementaren Fragen von Sein oder Nichtsein aufzuwenden, die andre sparen können. Ja wenn es uns gelingt, uns noch Jahrhunderte gesund zu erhalten, während andre dem Greisentum unrettbar entgegensiechen, können sich auch die äußern Daseinsbedingungen noch einmal günstiger gestalten. Aber einstweilen kommt es doch vor allem darauf an, daß wir uns die eigentümliche Lage des Deutschen Reichs und Volkstums vollständig klar machen und uns und die, die uns nachfolgen, dafür erziehn. In Europa liegt die Zukunft Deutschlands in der Erhaltung seiner Machtstellung und in der Festhaltung aller Volksgenossen: zwei Aufgaben, die man immer mehr als auf einer Linie stehend anerkennen wird; hier muß uns die Verletzung unserer Volksgrenzen so empfindlich sein wie die kleinste Beschädigung unserer Staatsgrenzen. Ferner liegt es aber Deutschland vermöge seiner geographischen Stellung ob, seine volle Kraft an den Zusammenschluß der mitteleuropäischen Mächte zwischen den Weltmächten England, Rußland und Nordamerika zu setzen. Und diese Aufgabe ist die wichtigste und vielleicht nicht die schwerste von den dreien. Das sind Aufgaben, die so verschiedene, fast widerstrebende Kräfte zur Arbeit rufen, daß man mit den alten Regeln, die aus der unendlich viel einfacheren Geschichte der älteren Mächte Europas oder der Kolonialgeschichte Hollands oder Englands oder gar der römischen, auf die man uns noch hinweisen möchte, bei uns nicht auskommt. Unser Fall liegt viel verwickelter als alle frühern, denn von der gemeineuropäischen Krankheit der Völkerzerklüftung und der Völkerverfeindung ist Mitteleuropa am schwersten heimgesucht, und während wir für die Welt draußen freien, weiten Blick und große Auffassungen nötig haben, will uns der Hader der Nationalitäten, der Konfessionen und der wirtschaftlichen Interessengruppen kleine Geister und enge Herzen anerziehn. Um die Stellung des Deutschen in der Welt So verzehrt von Heimatsehnsucht wie Franzosen, und so leidenschaftlich die Heimat umfassend wie Iren habe ich Deutsche selten gefunden, fast nie. Der Deutsche läßt sich selten von einer Empfindung ganz erfassen, er brennt selten lichterloh, er hat immer einen Vorrat von abkühlenden Reflexionen, mit denen er unzeitgemäße Entflammungen zu löschen weiß. Es sind darunter Eigenschaften, die ich nicht lieben und nicht loben kann, und die ich übrigens jetzt auch nicht auseinanderfasern möchte. Es sind darunter auch Eigenschaften von der größten Bedeutung für Deutschland und für andre Länder. Im Deutschen lebt eine erstaunlich starke Teilnahme für Dinge, Menschen, Vorgänge um ihn her. Es kostet ihn gar nichts, jeden Augenblick so objektiv zu werden, daß er mit dem, was ihn gerade fesselt, völlig verschmilzt. Daher seine Wanderlust, seine Forschbegier, sein Grübeln und sein Verbohren, seine Einwurzelung im fremdesten Boden. Darum ist er ja der geborene Kolonist, der den Russen Sibirien, den Amerikanern Amerika, den Holländern Indien uneigennützig erwerben hilft. Etwas hat das neue Reich daran geändert. Ich merke es an der jungen Generation der Landsleute, daß ihr Blut in volleren Wellen durch die Adern pulst und nicht mehr so dünn wie früher, wo es viel Raum für die Transfusion fremdester Säfte ließ. Ich sehe in den letzten dreißig Jahren nicht mehr soviel grüne blühende Schosse des alten Patriotismus abwelken, die nicht weiterleben konnten, weil sie dem Kirchturm-, Hütten-, Gräber-, Kneipenpatriotismus entsprungen waren, der nur in einer ganz engen Atmosphäre gedeiht. Diese hat aber nie auf die Dauer unserm atlantischen Sturmklima standgehalten. Es ist ein großer Fortschritt, daß sich der überseeische Deutsche in die Vorstellung einlebt, Deutschland sei so gut wie England kraft seiner Lebensinteressen überall auf der Welt, wo Deutsche leben. Wo der Deutsche seinem alten Lande die Lösung weltpolitischer Aufgaben zutraut, hat seine Vereinzelung aufgehört, und sein Nationalgefühl ist nicht mehr ein Pflänzchen unter Glas, das mit kleinlicher Sorge mühsam und unter Aufwand vielen Biers gehegt werden muß. Warum sollten wir es nicht offen bekennen, daß die große Mehrzahl der Deutschen in den Vereinigten Staaten im Grunde nie so recht an ihre volle politische Gleichberechtigung mit den Anglokelten geglaubt, sie nicht mit dem Feuer herzlicher Überzeugung angestrebt hat? Sie sind politisch anders angelegt, können politisch nicht dasselbe und mit denselben Mitteln wollen. Sogar ein Karl Schurz, als Redner bewundert und bewundernswert, ist nicht ganz der Politiker, wie er für Amerika sein müßte. Man müßte den Deutschen viel gründlicher ausgezogen haben, daß man ganz sicher im Tritt mit den Amerikanern zu marschieren vermöchte. Das gelingt nur den Deutschen der dritten und der vierten Generation, an denen dann leider nur noch der Name deutsch ist, der Name Astor, Kautz, Havemeyer usw. Es hängt mit ganz guten Elementen des deutschen Charakters zusammen, daß wir keine lebhaften Bewunderer der Politik als Handwerk sind und demgemäß in der handwerksmäßigen Politik, wie sie in den parlamentarischen Staaten West- und Mitteleuropas betrieben wird, übrigens auch in der lebhafteren, gewalttätigeren und spannenderen Innenpolitik der Vereinigten Staaten, keine großen Anstrengungen machen. Charakter der deutschen Kulturlandschaft Kann man von einer deutschen Landschaft reden, die nicht zugleich die Landschaft des mittleren Europa wäre? Und Mitteleuropa ragt doch nach allen Seiten über Deutschland hinaus. Haben wir nicht in Ostfrankreich, den Niederlanden, Jütland, Polen und der Schweiz ähnliche Landschaften und an manchen Orten vielleicht dieselben wie in Deutschland zu erwarten? Ja, wenn man in der Landschaft nur Natur sieht; nein, wenn man in dem, was der Mensch in ihr ist und wirkt, etwas mehr als Zutat, als Staffage erblickt. In die Landschaft prägt ein Volk sein Geistiges und seine Schicksale ein, wie in seine Städte und Häuser. Wie die Geschlechter sich wandeln, so ändert sich auch von einer Zeit zur anderen dieses Gepräge. Auch die Staatszugehörigkeit läßt Unterschiede entstehen, die aus den geschichtlichen Schicksalen, die ein Volk in und mit seinem Staate erlebt, in die Landschaft übergehen. Die Landschaftsbilder des Erzgebirges sind verschieden auf der sächsischen und böhmischen Seite, trotzdem ein deutscher Stamm die beiden Abhänge bewohnt, und so ist eine Landschaft, die auf beiden Seiten gleiche Berge, Wässer und Bäume hat, im Böhmerwald von Kindern des bayerischen Stammes diesseits und jenseits der Grenze verschieden gestaltet worden. Freilich gibt es viele Züge der Stammesverwandtschaft auch in den Landschaften. Die rechte und die linke Seite des Oberrheins zeigen seht ähnliche Bilder am Fuße der Vogesen und des Schwarzwaldes, gerade so wie der badische und der elsässische Alemanne die Familienähnlichkeit nicht leugnen können. Aber so wie Baden kein Straßburg und Mülhausen und das Elsaß kein Freiburg und Karlsruhe hat, so gehen auch sonst die Wirkungen der verschiedenen Geschichte rechts- und linksrheinischer Lande in die Landschaft über. Ein Land von der Geschichte Deutschlands kann keine reine Naturlandschaft haben. Nicht bloß die Deutschen und ihre Länder und Städte sind das Ergebnis einer langen geschichtlichen Entwicklung, auch der deutsche Boden ist es. So allein, wie man mit Himmel, Wald und Wasser jetzt noch in manchen Teilen der Alleghanies eine Viertelstunde von einem Riesenhotel ist, kann man bei uns selbst in den deutschen Alpen und im Waldgebirge nicht mehr sein. Wo keine Menschen sind, findet man doch menschliche Spuren in Wegen, Wegweisern und hundert Kleinigkeiten. Bald wird kein Alpental ohne Jagdschlößchen, Wirtshaus oder Schutzhütte sein. Es ist nur noch eine relative, augenblickliche, vorübergehende Einsamkeit möglich. In deren Rahmen sind nun allerdings unendlich viele Abstufungen möglich. Und gerade in den leisen Variationen verhältnismäßig einfacher Motive liegt ja vor allem der Reiz der deutschen Mittelgebirgs- und Hügellandschaft. Es gibt in Deutschland lachende und tiefernste Kulturlandschaften . Zu den tiefernsten muß man die Umgebungen der Großstädte rechnen, in denen ein unerfreulicher Kranz von Fabriken, Magazinen, Proletarierquartieren die alte Stadt von der freien Natur scheidet. Der fortwachsende Rand einer Großstadt mit seinen einzelnen halbfertigen, unförmlich hohen, fensterreichen Kasernenbauten, die auf frisch aufgewühltem, mit Bauabfall bedecktem Boden, oft hart am Rand friedlicher Weizenfelder sich erheben, ist absolut häßlich. Der Eindruck des daneben noch grünenden oder reifenden Ackers, den die Spekulation schon umzäunt hat, ist traurig. Das sind noch nicht die naturlosesten Stellen in unserem Lande, aber wegen der Spuren des unerbittlichen und rücksichtslosen Niederkämpfens der Natur durch eine niedrige, ungesunde Form der Kultur die weitaus unerfreulichsten.   Von einem Ende bis zum anderen ist Deutschland ein Land des gemäßigten, feuchten, wolken- und nebelreichen Klimas , mit mäßig kalten Wintern und mäßig regnerischen Sommern. In Deutschland behauptet überall Grün das Übergewicht. Die Buchenwälder, die sich in der Ostsee spiegeln, sind dieselben wie die, deren heiterer Schatten in den Schluchten des mittleren Isartales liegt. So wie der westfälische und niederrheinische steht auch der oberbayerische Bauernhof unter Eichen. Deutschlands Natur trägt vorwiegend nordischen Charakter. Wein, Edelkastanie und Mandelbaum verleihen dem Südwesten einen leichten südländischen, mittelmeerischen Hauch. Um aber die klassischen Formen und Farben der Hesperidenländer zu sehen, muß der Deutsche die Alpen übersteigen. Man spricht von lachenden Dörfern und heiteren, gartenartig angebauten Gegenden. Der Grundzug der deutschen Landschaft liegt aber nicht darin. Er ist grundernst. Die Natur verzärtelt uns nicht. Auf heitere Tage folgen immer wieder trübe. Unser Himmel ist öfter umwölkt als sonnig. Eine mehr sehnsuchtsvolle als heitere und zur Not genügsame Freude an der Natur trägt daher der Deutsche in die Welt hinaus. Dort gefällt es ihm, bei allem Heimweh, viel mehr als anderen, weil er gelernt hat, die Natur dankbar zu genießen. Dies der Grund des merkwürdigen Zwiespalts zwischen dem Hängen an der Heimat und dem liebevollen Sichversenken in die Fremde, Zwischen dem Wandertrieb und der Heimatliebe, der durch Geschichte und Schrifttum der Deutschen sich hinzieht. Bauern-Arbeit Was einfache Arbeit, die nicht beständig sich zerfasert und auseinanderläuft, zwischen Sonnenaufgang und Untergang leistet, lernt man nur auf dem Acker. Das Dorf bleibt eine Schule tüchtiger Arbeit, die den Tag nutzt, solange er scheint. In der Dorfgeschichte liegt der hohe Wert des Schlichten und des Ehrlichen, das dem Grunde der Dinge näher ist als das Reiche und Schillernde, und damit auch näher der Poesie. Es kommt nur darauf an, diese Natur so schlicht und so ehrlich zu geben, wie sie ist. Manchmal, wenn ich in meinem Dorfe oben unter den drei Buchen die Nibelungen oder Homer las, zuckte blitzartig in mir ein Gefühl der Verwandtschaft dieses ruhigen, unbegehrlichen Lebens, das in so festen Formen sicher dahinfloß, mit dem Epischen auf. Ich konnte die Verwandtschaft nicht deuten, ich fühlte sie nur undeutlich als ein Glück. Jetzt weiß ich, dieses Leben war episch! Zwei Dinge bleiben bestehn, wenn alles andre sich in buntem Wechsel wandelt: die Erde und die Notwendigkeit für uns, von ihr zu leben. Darin liegt das Elementare des Bauernlebens , daß es in dieser doppelten Notwendigkeit wurzelt, und deshalb ist es unentwurzelbar. Daher auch die Einfachheit des ländlichen Daseins und Wirkens, die keine Schäferpoesie deuten und nicht so ganz verzerren kann. Wer seinen Acker baut, den nährt sein Acker, wo er säet, erntet er, er sieht sein Leben vom Anfang bis zum Ende voraus, aber nicht in einer kahlen Linie, sondern umbuscht, besonnt. Der Zweck des Lebens bleibt endlich doch immer, daß es sich behauptet, und das tut es am besten auf eigner Scholle, die das einfachste Verhältnis zwischen dem Menschen und der Natur schafft, in die er hineingeboren ist. Kulturverhängnis der Kleinstaaterei Es empfiehlt sich nicht, immer nur Weimar zu nennen, wenn man an die Bedeutung der kleinen Residenzstädte für die Entwicklung des deutschen Volkes erinnern will. Man hat zuviel von Weimar und seinesgleichen gesprochen und darüber die hundert andern vergessen, in denen, ungewärmt und unbeleuchtet von der Sonne des Genies, das deutsche Bürgertum verkümmert ist. Es ist wohl wahr, daß sich in den deutschen Mittel- und Kleinstädten durch alle Stürme ein gesunder Mittelstand erhalten hat, aber dieser Mittelstand mußte sich mit der harten Schale des Philistertums umgeben, gewissermaßen versteinern, um unter kümmerlichen Bedingungen fortleben zu können. Wunderbar ist, was in einigen von diesen Städten geistig geschaffen worden ist, aber für jede große Schöpfung wurde immer gleich der Rahmen zu klein. Den großen Eichen des deutschen Waldes wurde hier nicht die tiefe Erde geboten, die sie brauchten, um sich ganz tief einzuwurzeln. Herrliches ist erklungen, aber der Schallraum fehlte. Daher die merkwürdige Erscheinung, daß von manchem, was aus kleinen deutschen Städten ausgegangen ist, die Welt mehr Vorteil hatte als alle Mitbürger zusammengenommen. Sobald es den engen Raum überschritten hatte, wo es sich unter der Sonne der Fürstengunst treibhausartig entwickelt hatte, schwang es sich in Höhen, bis zu denen die Auffassung des zeitgenössischen Pfahlbürgertums nicht reichte. Darum neben dem großen Stück Weltgeschichte, die das Dasein Goethes ausfüllt, das Satyrspiel: »Goethe im Urteil seiner Stadt- und Landesgenossen.« Bayerische Stammeslandschaft Von allen deutschen Flüssen ist der Inn dem Rhein am ähnlichsten. In seinem Steingrau schimmert sogar bei hohem Wasserstand das Grün aus den Wellenkämmen. Wenn sich dazu in jedem Wellentälchen das Blau des Himmels spiegelt, so gibt das vielfache Dämpfen und halbunterdrückte Leuchten von Grün und Blau eine herrliche Farbenmischung, die echt »alpin« ist. Im Winter sinkt der Wasserstand des Inn, wie aller Gletschergebornen, dann schlägt sich alles Grau nieder, und der Fluß wird immer dünner, klarer und leuchtender. Ein wunderbares Bild, wie beim Nachlassen der Regengüsse und Schneeschmelzen im Gebirge das Grün und Blau der Alpenseen und Gletscherspalten in die oft stundenbreiten, mit weißem Kies bestreuten Flußbetten der bayrischen Hochebene herabsteigt! Es erinnert daran, wie die Sonne aus den Dolomitzacken der Alpen das Steinerne gewissermaßen ausglüht, so daß nur noch Farbe und Licht sind. Dann sind von der Iller bis zum Inn die Bänder sichtbar, die das obere Donauland mit den Alpen verknüpfen, und bei Passau schürzt sich ein wahrer Flußknoten. Blicken wir von der Schwelle des herrlich erneuten Passauer Domes hinab, so sehen wir, wie sich der klare, grüne Inn mit der trüben, gelblichen Donau und dem dunkeln Waldwasser der »aus dem Wald« kommenden Ilz verbindet: die Alpen vereinigen sich mit dem Schwarz- Wald und dem Bayrischen Wald. So sind auch die Menschen von den Alpenfirsten bis über die Donau hinaus viel ähnlicher, als der Grundunterschied ihrer Lebensbedingungen erwarten läßt. Der bayrische Stamm bleibt sich merkwürdig gleich zwischen Lech und Plattensee und zwischen der Oberpfalz und der tiroler Alpenwacht. Wenn sich jeder Deutsche unter deutschgebildeten österreichischen Offizieren in Rodna, Agram, Zara, oder wo es sonst in dem weiten Reich der Habsburger sein möge, heimisch fühlt, wie er sich einst in Mailand und Ancona unter ihnen heimisch fühlte, so sind es bayrische Züge, die ihn anmuten. Oberflächlich scheinen Wien und München sehr verschieden zu sein, ja noch immer mehr auseinanderzugehn. Und doch, je größer München wild, desto mehr treten wienerische Züge in seiner allmählich sich ausbildenden Großstadtphysiognomie hervor. Die zweite Großstadt des bayrischen Stammes im Donauland wird der ersten einst ähnlicher sein, als die norddeutschen Großstädte mit all ihrem Verkehr untereinander geworden sind. Die heißere Sonne der Südalpen hat dem bayrischen Stamm nirgends gut getan. Er hat sich selbst und alle seine alten Charakterzüge am besten im Gebirge und auf der Hochebene erhalten. Und noch mehr gilt von ihm als von anderen deutschen Stämmen, daß er die Stadtluft schlecht verträgt. Der Bayer ist Bauer bis ins Mark, und die anmutendsten, behaglichsten Züge Münchens gehören dem Untergrund von Ländlichkeit an, der der Hauptstadt Bayerns noch die Züge einer großen behaglichen Landstadt verlieh, als sie schon 200 000 Einwohner zahlte. Als Ludwig der Erste seine Kunststadt München schuf, da war der Stamm, auf den dieses neue Reis gepfropft wurde, durchaus nicht bloß eine Residenzstadt wie Stuttgart und noch weniger wie Karlsruhe oder Darmstadt. München war eine Stadt der Bauern und kleinen Bürger, eine Stadt voll Ehrlichkeit, Frömmigkeit und alter Sitte, aber von wenig Strebsamkeit und Luxus. Die sogenannten geistigen Interessen traten in den Hintergrund. Der Volkscharakter des Münchners ist das konzentrierte Altbayerntum, zwar abgeschliffen, aber nicht unkenntlich gemacht. Die beste Schilderung des »Münchners im sozialen Licht«, die 1877 Max Haushofer in einem nicht in die weitere Öffentlichkeit gedrungenen Aufsatze gab, sagt von den Münchnern um 1830: »Vielleicht in keiner andern Stadt Deutschlands kam das Bauernelement so zum Durchbruch als gerade in München. Menschen, die mit feinerm Werkzeug hantieren, scheinen auch mehr mit Hobel und Feile bearbeitet; im alten München waren tonangebende Werkzeuge die Geißel der Getreidebauern und die Axt des Flößers. Da schallts. Davon ist nun viel abgebröckelt und fortgespült.« Das oberbayrische Land hat auch außerhalb des Gebirges einen heitern Charakter. Der wellige Boden der Hochebene schafft die mannigfaltigsten Lagen für Bauernhöfe, Kirchen, Schlösser, Wald- und Baumgruppen. Die geschlossenen Flächen des Waldes, der Wiesen, der Felder, die auch noch im Mittelgebirge vorwalten, durchbricht die Parklandschaft. Einzelne Eichen, Ulmen, Ahorne, Weiden und Gruppen solcher Bäume verteilen sich über das ganze Land, und aus den Gruppen der Laubbäume treten auf jeder Bodenerhebung die dunkeln Fichten hervor. Jeder Bauernhof hat seine Bäume und Baumgruppen. Nuß- und Obstbäume treten dahinter ganz zurück. Man sieht, wie das Land aus dem Walde herausgewachsen ist, der es einst ganz bedeckte. Jeder Acker und jede Wiese hat ein paar Bäume oder ein Wäldchen übriggelassen. Da sich nun schon von der Donau an und mehr noch südlich von der Linie Pfaffenhofen-Landshut die Dörfer immer mehr in Einzelhöfe auflösen, die sich an die Hügel anlehnen oder die Hügel krönen, so entsteht eine der individualisiertesten Landschaften, die wir in Deutschland haben. Sogar die Kirche folgt diesem Zug. Gehört doch zu einem rechten Bauernhof auch eine Kapelle. Auch die einst zahlreichen Einsiedler haben Kirchlein hinterlassen, und manches alte Kirchlein steht mit wenig Höfen zusammen als Kern einer alten Kirchengemeinde, von der sich ein jüngeres Dorf mit einer neuen großen Kirche abgezweigt hat. Nach Hunderten zählen die Kapellen und Kirchen, in denen nur an den Tagen der Patrone und sonstigen Feiertagen Gottesdienst gehalten wird, die aber dem Gebete ständig offen stehn. Das mit Sorgfalt unterhaltene eigne Kirchlein gibt dem Bauernhöfe eine höhere Selbständigkeit. Das landschaftliche Auge freut sich der altersgrauen oder zierlichen Gotteshäuschen, unter denen manche uralten der romanischen Bauweise angehören. Es sind kleine Juwelen darunter, wo sich der Chor schon von dem Schifflein abhebt, während ein Seitenanbau die Kapelle einer frommen Stifterin vermuten läßt. Der Hof selbst zeigt in seiner rein weißen Farbe, von der sich die grünen Fensterläden abheben, welche Sorgfalt über ihm wacht. Das zweitwichtigste Bauwerk aber in dieser oberbayrischen Landschaft ist sicherlich das Wirtshaus. Weithin sich ankündigend durch die blauweiße Fahnenstange, in schloßartiger Ausdehnung als ein gastlich erweiterter Bauernhof erscheinend, mit Bäumen vor dem Tore, unter denen Tische für biertrinkende Menschen und Futtertröge für haferfressende Pferde stehn, spricht es von dem Wohlbehagen und der Lebenslust, die in diesem Lande herrschen. Wenn der den Hof oder die Gemarkung rings umziehende Wald an die Zeit erinnert, wo sich die Menschen mit Feuerbrand und primitivem Beil Raum in dem die Hochebene einförmig bedeckenden Walde schufen, so erinnern die Geweihe und »Gwichteln«, die an der Wand der Wirtsstube hängen, an die Wald- und Jagdfreude, die in den Abkömmlingen der altbayrischen Hinterwäldler lebendig geblieben ist. Schade, daß sie so oft keinen anderen Weg weiß, sich zu äußern, als das Wildern, das nirgends in Deutschland so verbreitet ist wie hier. Es sind oft nicht die schlechtesten, die wildern. Man hört wohl aus dem Vorleben eines besonders schneidigen und intelligenten Bauern die vertrauliche Mitteilung in bewunderndem Ton: Das war einst der gefürchtetste Wilderer weit und breit. Man konnte vor einem Menschenalter noch das Bürgerliche als den Grundzug der altbayrischen Gesellschaft bezeichnen, ganz entsprechend der Tatsache, daß Bayern das eigentlichste Bauernland ist. Sogar die Prinzen kleiden sich, wenn sie als Jäger die Berge des Allgäu oder des Berchtesgadner Landes durchstreifen, in das Jagdgewand, das aus etwas groberm Stoff die Bauernburschen tragen; und wer dem Prinzregenten dort begegnet, glaubt einen alten, verwitterten Bauersmann mit auffallend freundlichem und intelligentem Blick zu sehen.   Kann man es aber einem Stamme von so ausgeprägter Eigenart verdenken, wenn er sich gegen die Schmälerung seines Rechts, nach seiner Art zu leben, mit allen Mitteln wehrt? Die Norddeutschen, die jetzt alljährlich so zahlreich ins Land kommen, sollten doch etwas um sich schauen, damit sie begreifen lernen, daß keinem deutschen Stamm die Gleichmacherei so von Natur aus zuwider sein muß wie dem bayrischen, und daß es viel mehr im Interesse Gesamtdeutschlands liegt, eine gesunde Eigenart zu pflegen, wo sie noch ist, als unorganische Aufpfropfungen aufzuzwingen. Bayerns Stellung kann nur aus einer großdeutschen Auffassung verstanden werden, die seine geographische und Stammesverbindung mit dem bayrischen Stamm außerhalb Deutschlands würdigt. Es ist der Übergang zu den alten Bayerngauen in den Ostalpen und der mittlern Donau und der Übergang von den Süddeutschen des Westens, mit Einschluß der Schweizer, zu denen des Ostens, endlich das Bindeglied zwischen Deutschland und Italien. Da alle diese Beziehungen über die politischen Grenzen hinauswirken und durch Wechselströme wirtschaftlicher und geistiger Art die Völker immer mächtiger auflockern, in Bewegung setzen und einander entgegenführen, so wird das innere Leben und Wachsen eines Landes wie Bayern von weitreichender Bedeutung. Für jeden, der des Glaubens lebt, daß Deutschlands Interessen- und Wirkungssphären in Europa mit dem militärischen Übergewicht und der teuer erkauften industriellen Überlegenheit noch lange nicht beschlossen und festgelegt sind, und daß in ihrer Ausbreitung den bestehenden Nachbarschaftsverhältnissen eine vorbereitende Rolle zugeteilt ist, sind die bayrischen Zustände und Entwicklungen eine wichtige gemeindeutsche Angelegenheit. Zu Englands Lage Die Welt hat unendlich viel Erfahrungen über die brutale Härte der Ausbeutungspolitik des offiziellen Englands sammeln können. Und doch, wie viele täuscht noch immer der Schleier, den die Fülle der religiösen und philanthropischen Worte und Werke des nichtoffiziellen Englands über diese Politik breitet! Es ist » cant « dabei, es spielt sogar manchmal politische Absicht hinein; aber es bekundet sich darin auch viel echtes Mitgefühl und wahres Christentum. Welchen Gewinn an Sympathien hat England, um nur eines zu nennen, durch die Bekämpfung des Sklavenhandels gemacht und zugleich aber auch welche Ernte an wirtschaftlichem und politischem Einfluß damit eingeheimst! Eng verbunden mit den Ausbreitungsbestrebungen der großen Mächte ist die zweite der die heutige Weltlage bezeichnenden Tatsachen: der Niedergang der Seeherrschaft Englands. Die Vereinigten Staaten von Amerika und Japan sind in Gebieten seeherrschend geworden, wo einst kein Kahn sich England entgegenstellte. Und alles das wächst fort und fort und drängt England mit seinem Gleichgewicht in eine immer mehr »abnorme« Lage. Deutschland gab [durch seinen Flottenbau zu Beginn unseres Jahrhunderts] ohne es anzustreben, den Anstoß zu einer Umwälzung der Seemachtstellung der europäischen Mächte, die den Kontinent stärken und in demselben Maße England schwächen muß. Dieses Anwachsen der Seemächte auf allen Seiten trifft mit inneren Vorgängen des englischen Weltreiches zusammen, die zwar in einem zur größten Landmacht ausgewachsenen kleinen Inselreiche natürlich, aber nichtsdestoweniger für die Engländer selbst überraschend und beängstigend sind. Eine englische Krankheit Was die Engländer betrifft, so gestehe ich, kein Volk zu kennen, dem als politischem Körper die Wahrheitsliebe in solchem Maße abhanden gekommen wäre, während man im Privatleben zahlreichen ungemein wahren und offenen Naturen begegnet, und die Erziehung der Jugend zur Wahrheit sogar sorgfältiger geübt wird als bei vielen andern Völkern. Ich möchte nicht, daß die Amerikaner so tief sänken. Ich fürchte nicht für die Nordamerikaner, daß äußere Angriffe ihnen schaden werden. Ihre größten Gefahren lauern in ihnen selbst. Ich glaube sie zu kennen, und sie sind überhaupt nicht schwer zu finden. Es ist die alte Völkerkrankheit der Selbstbelügung , an der sie leiden. Den Keim dazu in einer Stärke, die sonst selten vorkommt, haben die Engländer auf sie übertragen. Sie täuschen sich mit einer solchen Hartnäckigkeit und mit so viel Scharfsinn über ihre Fehler hinweg, daß diese auf Selbstbelügung beruhende Selbstgerechtigkeit ihnen längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und da sie in demselben Maße andre Völker tiefer stellen, wie sie sich selbst erheben, laden sie den Haß aller nahen und seinen Nachbarn auf sich. Amerikanisches Wenn auch alle Schriften über den sozialen und politischen Charakter der fast 130 Millionen unter dem Sternenbanner mit dem Bekenntnis anheben, es sei schier unmöglich, die Seele einer so großen und so bunten Masse zu analysieren, so wollen wir doch einmal eine Ausnahme machen und als Geographen nach dem fragen, was in dieser Volksseele kraft der Lage der Vereinigten Staaten von Amerika zwischen 49° und 25° N.B. und zwischen dem Atlantischen und Stillen Ozean, kraft der großen Züge ihrer Gebirgs- und Stromgliederung und kraft der kleinen Elemente ihrer Landschaft bis herab zum Spottvogel und zur duftenden Rhodora sein muß. Wir gehen nämlich von der Ansicht aus, daß die Beurteilung eines Volkes wesentlich vereinfacht wird, wenn man nach denjenigen Wirkungen der Umwelt zuerst fragt, die so sicher da sein werden, wie die Natur sich in unseren Augen spiegelt. In den Vereinigten Staaten von Amerika heißt eine gebräuchliche Ermahnung: « Go west, young man, and grow up with the country .« Nun, dieses Aufwachsen mit dem Land, was ist es als ein innigeres Zusammenwachsen mit dem Land ? Das kann aber nur stattfinden, wenn die Seele sich ausweitet, um fähig zu sein, die weiten Räume zu umfassen, die dort immer jenseits der bewohnten und kultivierten Gebiete sich auftaten und noch heute in gewaltiger Ausdehnung, wenn auch nicht mehr menschenleer wie einst, von den dichtbewohnten atlantischen Gebieten westwärts hinausziehen. Hier kommt die geographische Lage in Betracht, die den Raum eines halben Erdteils bewältigbarer erscheinen ließ, als er eigentlich war. Der Atlantische und der Stille Ozean: das waren zwei Ziele von größter Bestimmtheit, auf die man hinstreben mußte, wo die denkbar besten und einfachsten Grenzen von der Natur selbst gesetzt waren. So zeichnete die geographische Lage die große politische Aufgabe des wachsenden Staates mit einer Sicherheit und Einfachheit auf die Weltkugel, die in der Geschichte noch nie dagewesen war. Das geflügelte Wort: »Die Eisenbahnen verkleinern England und vergrößern Amerika«, dessen Raum sie erst nutzbar machen, sprach die klare Einsicht in die Folgen dieses Verkehrsmittels aus. Ralph Waldo Emerson, der neuengländische Seher, ermahnte die Gesetzgeber, welche Gesetze für ein Land zwischen dem Wendekreis und den Schneefeldern machen: »Sorget, daß die Größe dieser Natur in eueren Werken sei.« Er vertrat in diesem Ringen mit dem Raum den Anspruch der Seelen, die nicht mit Territorien, Gold oder Weizen abzuspeisen sind. Der Griff nach den Philippinen, dem übrigens die Erwerbung von Hawaii vorangegangen war, ist nur der letzte Ruck jener aus zahllosen kühnen und opfervollen Zügen sich zusammensetzenden Bewegung nach dem Westen, die anhub, als der erste Karren virginischer oder deutsch-pennsylvanischer Ansiedler vom Waldrücken der Alleghanies in die grasreichen Taler von Tennessee oder Kentucky hinabrollte, dem noch unbekannten Westen entgegen. Kalifornien hat seit dem Anfang seiner Besiedelung durch die Amerikaner nicht aufgehört, das Interesse der Welt zu fesseln. Erst waren seine Goldgruben staunenerregend und fast mehr noch das ungewöhnliche, wilde und bunte Treiben, das sie um sich versammelten; dann folgte die regelmäßige Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse und besonders des Ackerbaues, welche ein merkwürdig fruchtbares Land und ein ebenso unerwartet fleißiges und unternehmendes, auch im Kleinen rastlos tätiges Volk kennen lehrte, und gegenwärtig (1875) verfolgen wir mit demselben Anteil die Entwicklung seiner Weltstellung und vorzüglich seiner Welthandelsstellung, der eine so große Bedeutung bei der Hereinziehung der zwei großen ostasiatischen Kulturvölker in den Kreis unseres Verkehrs und unserer Ideen, zugewiesen ist. Das weiträumige Denken Amerikas würde sich nicht zur beherrschenden Kraft eines großen Geschichtsabschnittes haben entwickeln können, wenn nicht die Anregungen der äußeren Umgebungen auf einen wohlvorbereiteten Boden gefallen wären.   Doch der ehrliche Ackerbau braucht in den jungen Ländern weiteren Raum als in den alten. Das wußte schon Georg Washington, der in einem Briefe aus seiner Landbauerzeit schreibt: »Es ist hier lohnender, viel Land schlecht als weniges gut anzubauen.«   Die Tatsache bleibt indessen bestehen, daß leicht ein blinder Glaube an die heilsame Wirkung des Großen, Umfassenden zu einem gefährlichen wirtschaftlichen und politischen Aberglauben wird. Einmal hat allerdings dieser Glaube nicht getäuscht: das war, als er vertrauensvoll in der Weite des Landes die Macht und den Reichtum des wachsenden Volkes geborgen sah; er hat seine heilsame Macht auch in der opferwilligen Entschlossenheit bewiesen, womit die Vereinigten Staaten der Loslösung des Südens vom Norden sich entgegenstemmten. Aber seitdem haben so viele große Fehlschlage bewiesen, daß mangelhafte Einrichtungen nicht besser werden, indem man sie über weite Gebiete ausbreitet. Der anglokeltische Optimismus , der die Seele der unglaublichen Zähigkeit und Ausdauer ist, die sich selbst unter den widrigsten Verhältnissen bewähren, ist im Amerikaner unter der Gunst seiner Lage und seiner Hilfsquellen noch gewachsen. Das ist nicht mehr bloß ein Überschuß von Lebenskraft, es ist ein Grundsatz daraus geworden, der das Leben so leitet, als ob es immer nur ins Lichte und Sonnige hineinführe, immer vorwärts und aufwärts. Wenn ihm auch gewaltige Enttäuschungen nicht erspart bleiben, wenn er auch bedenkliche Bünde mit Lüge und Betrug schließt und beim Dummen zu lächerlicher und gefährlicher Leichtgläubigkeit ausartet, bleibt er doch eine Kraft in der Bildung neuer Gesellschaften und Staaten. Heute gießt die voreuropäische Kultur Amerikas ein eigenes Licht über das geschichtliche Bewußtsein der Amerikaner. Ihre Auffassung der Geschichte ist deutlich beeinflußt durch die Tatsache, daß vor ihrer Kolonialgeschichte eine indianische Geschichte sich in undurchdringliche Welten erstreckt. Diese ganz nahe Berührung zwischen Geschichte und Ethnographie bringt die Probleme der Rassen- und Stammesgeschichten jedem geschichtlichen Sinn näher. Und dazu kommt die immerdar fortglühende Negerfrage, die noch weitere Perspektiven in die unberechenbare Verflechtung der Entwicklung eines Volkes europäischen Stammes mit Nassen afrikanischen und amerikanischen Ursprungs eröffnet. Dazu muß man endlich die wetten Räume rechnen, die überall durch die noch jungen Merke der Kultur durchschimmern) ihrer Bedeutung ist jeder praktische Politiker drüben sich so klar bewußt, daß sie unmöglich dem Geschichtsforscher fremd bleiben könnten. Das alles zusammen bildet ein ganz anderes Medium für geschichtliche Auffassungen und Studien als das enge Europa mit seiner alten, einförmig von Völkern derselben Rasse getragenen, ununterbrochen ihre eigenen Spuren von neuem beschreitenden Geschichte. Wo der Anfang der Geschichte eines Staates die Lichtung des Waldes und die Erbauung des Blockhauses ist, da empfängt zunächst der Geist des einzelnen die Empfindung, enger mit dieser Geschichte zusammenzuhängen, als wo die Anfänge in mythischer Dämmerung liegen oder in Pergamenten aufgezeichnet sind, deren Sprache die Gegenwart nicht mehr versteht. Eine große Auffassung der Beziehungen zwischen Boden und Geschichte tritt uns in manchen geschichtlichen Einzelarbeiten entgegen. Frederick Turner hat in seiner geistvollen Arbeit » The Significance of the Frontier in American History« (Annual Report American Historical Association Washington 1893) die Grenze der westwärts wandernden nordamerikanischen Kultur als den »äußersten Rand der fortschreitenden Welle, die Berührungslinie zwischen Zivilisation und Wildheit« studiert. Er fand nicht eine Linie, sondern einen breiten Wachstumssaum, in dem die Rückkehr zu primitiven Bedingungen sich unter langsamem Fortschreiten wiederholt.   Die panamerikanischen Bestrebungen, die ganz Amerika als eine politische Einheit der ganzen übrigen Welt gegenüberstellen möchten, stützen sich auf die geographische Einheit der Neuen Welt. Niemand bezweifelt, daß Amerika als Erdteil ein Ganzes ist. Die Frage ist nur: Wieviel bedeutet das praktisch? Wir glauben, die ethnische Verschiedenheit sei ein politisch wichtigeres Merkmal Amerikas als der geographische Zusammenhang. Kein Meer vermöchte Nord- und Mittelamerika tiefer voneinander zu scheiden als der Gegensatz der Abstammung und der Geschichte seiner Völker. Was bedeutet es für Mexiko, breit mit Nordamerika zusammenzuhängen, im Vergleich mit der Tatsache, daß 81 Prozent der Bevölkerung Mexikos Indianer oder Mischlinge sind, deren Anschauungen, Sitten und Glauben den Stempel der spanischen Abkunft tragen? Halbkultur im wörtlichsten Sinne des Wortes war das Produkt der indianischen Politik Spaniens, welche bekanntlich den Indianer förmlicher, gesetzlich ausgesprochenermaßen als ein unmündiges Kind behandelte, den sie deshalb den weltlichen Behörden möglichst entzog, um ihn wesentlich zu einem Bekehrungsobjekt der zahlreichen Geistlichen zu machen. Man sieht die Früchte in ganz Süd- und Mittelamerika, wo diese Politik den Indianer in seiner ganzen Trägheit und Geistesverlassenheit künstlich konserviert und zur Bildung von spanisch-indianischen Mischrassen Anlaß gegeben hat, welche allmählich das europäische Blut aufsaugen, die natürlichen Rassenschranken beseitigen und bei allen Kulturprätensionen jene reichen Länder offenbar in eine Barbarei zurückfinden, die noch unter der indianischen steht, weil sie vor lauter Prätension die Arbeit verlernt hat. Nordamerika steht neben Mittel- und Südamerika als die germanische Hälfte der Neuen Welt und die Vereinigten Staaten noch besonders als das Land der ausgesprochensten Mehrheit und Vorherrschaft der reinen europäischen Rasse. Wer die ethnographischen Unterschiede der Völker der Neuen Welt einmal erkannt hat, der wird sich sagen: Trotz seiner geographischen Absonderung wird Amerika keine Einheit sein. Aus dem europäischen Gesichtspunkt ergibt sich daraus die Folgerung, daß Süd- und Mittelamerika für den politischen und wirtschaftlichen Unternehmungsgeist europäischer Völker einen ganz anderen, freieren Boden darbieten als Nordamerika. Dennoch wird die Zukunft Amerika immer selbständiger als die größte einheitlich gebaute und geartete Weltinsel unserer Erde hervortreten und immer stärker über den Stillen Ozean hin wirken sehen. [Die Selbstausschaltung Europas durch den Zeitraum innerer Kriege und Gegensätze, die seit 1914 kaum unterbrochen war, hat auch politisch und wirtschaftlich die Erfolgsaussichten panamerikaner Gedankengänge weit mehr verstärkt, als das zu Lebzeiten Ratzels angenommen werden konnte. Wenn auch auf den panamerikanischen Konferenzen, die unter dem führenden Einfluß der U. S. A. stehen, die von R. erwähnten völkischen Verschiedenheiten immer noch der Herausbildung eines amerikanischen »Überstaates« im Wege stehen, so ist doch eine stets enger werdende wirtschafts- und wehrpolitische Zusammenarbeit der amerikanischen Staaten festzustellen. D. Hrsg.] Wenn man in Amerika die hinreißende Macht gesehen hat, womit räumlich große politische Gedanken auf die Gemüter der Menschen wirken, legt man größere Maßstäbe auch an die europäischen Verhältnisse. Wie in Amerika zuerst der Staat von Meer zu Meer, dann der Grundsatz »Amerika den Amerikanern«, endlich der Gedanke einer großen pazifischen Politik, den man in Europa noch immer nicht recht erfaßt hat, schwungradgleich die politischen Auffassungen in Bewegung und im Wachsen erhalten hat, ist im höchsten Grade lehrreich. Es ist ja möglich, daß kleinere Differenzen, wie die alten zwischen Nord und Süd, oder die neueren zwischen den atlantischen und den Mississippistaaten, darüber nur eingeschlummert sind. Aber jedenfalls schlummern sie einstweilen sehr tief. Wenn ich nun sehe, wie den großen politischen Gedanken die großen wirtschaftlichen Entwürfe folgen und auch nicht etwa bloß Entwürfe bleiben, so muß ich jenen eine schöpferische Kraft zuerkennen, die durch gewaltige Werke wie die Pazifikbahnen oder den Interozeanischen Kanal oder die Kanäle im Seengebiet vereinigend wirken. Rund um den Stillen Ozean Die chinesisch-japanischen Friedensbedingungen werden in unseren Zeitungen so betrachtet, als ob sie Deutschland nur wirtschaftlich interessieren könnten, während das politische Interesse daran sich auf die drei an China grenzenden Mächte Rußland, England und Frankreich beschränke. Zu wenig wird beachtet, daß die Angelegenheit auch eine europäische Seite hat, bei deren Würdigung es gar nicht auf den Kolonialbesitz in Asien ankommt und auch nicht in erster Linie auf die Summen des Handelsverkehrs zwischen einer europäischen und den drei ostasiatischen Mächten. Der neue Zustand, dessen Grundlagen in Shimonoseki [1895] gelegt wurden, kehrt sich gegen das europäische Übergewicht im ganzen und beginnt einen Gedanken zu verwirklichen, der in Nordamerika zuerst ans Licht trat und als dessen Träger Senator Foster an den Friedensverhandlungen teilgenommen hat. General U. S. Grant hat auf seiner Weltreise, als er sich 1878 längere Zeit in China und Japan aufhielt, mit der großen Autorität, die ihm dort eingeräumt wurde, den Staatsmännern Ostasiens diesen Gedanken ans Herz gelegt, und der frühere Gesandte der Vereinigten Staaten in China, Russell Young, hat ihn noch 1889 in die Worte gefaßt: »Zeigen wir China, daß wir westlich von den Sandwich-Inseln kein politisches Interesse im Stillen Ozean haben, daß seine Unabhängigkeit wesentlich ist für unsere wirtschaftliche Stellung im Stillen Ozean; wir haben nur die Monroe-Doktrin für den Osten zu verkünden, so wie sie von Quincy Adams für den Golf von Mexiko und Südamerika ausgesprochen ist, um ein moralisches Gewicht in seinen Angelegenheiten zu gewinnen.« Ostasien ebenso selbständig gegenüber Europa zu machen wie Mittel- und Südamerika und auf diesem Wege unseren alten Erdteil in seine engen natürlichen Schranken zurückzudrängen, ist der Sinn dieser Politik, die, wenn sie gelingt, praktisch allerdings zunächst nichts weiter bedeutet, als daß die führende Stellung in der Weltpolitik und im Welthandel von dem europäischen Zweig der angelsächsischen Rasse auf den amerikanischen übergeht, entsprechend einem Satze des ruhmredigen Greater-Britain -Dilke: »Durch den Mund Amerikas wird England zur Welt sprechen.« Ihre Folgen würden aber viel weiter reichen, als wir heute ermessen können. Vergessen wir nicht, daß die Vereinigten Staaten seit der denkwürdigen Erschließung Japans durch Admiral Peary folgerichtig die Politik der Verdrängung des sehr früh übermächtig gewordenen europäischen Einflusses, ob im deutschen oder im englischen Gewande, aus Ostasien sowohl in Tokio als auch Peking vertreten. Wir nehmen natürlich nicht an, daß Japan sich rein aus pazifischem Nachbargefühl und antieuropäischem Mitempfinden den Vereinigten Staaten an den Hals werfen werde. Es kann aber die amerikanische Hilfe für die nächste Aufgabe brauchen, den bedrohlich übermächtigen Einfluß Europas in Ostasien zurückzudrängen, um dort einst die Rolle Englands zu übernehmen, gegen dessen Suprematie im Stillen Ozean es keinen überzeugteren, ja leidenschaftlicheren Verbündeten finden kann als die Vereinigten Staaten. Vielleicht wird es der Diplomatie des kontinentalen Europas sogar Dank wissen, wenn diese sich bemüht, den japanischen Sieg über China nicht in einen Sieg Amerikas über Europa auslaufen zu lassen. Das einzige Stück der politischen Rüstung Japans von sicherer Stärke bleiben die geographischen Vorteile des japanischen Archipels. Er hat dieselbe Lage auf der Ostseite des größten Erdteils wie die, von der aus auf der Westseite England seine Weltmacht ausgebreitet hat. Er hat den Vorzug vor dem britischen, daß er dem größten Meer der Erde angehört und tiefer gegen die Tropen hinabgerückt ist. Daß diese Inseln großenteils fruchtbarer sind, wiegt vielleicht zum Teil ihren geringeren Kohlen- und Eisenreichtum auf. Die Vorzüge einer solchen Lage sind ein im Laufe der Geschichte oft und in den verschiedensten Meeren erprobtes Gut. Die unbefangene Beurteilung, die in Japan nur eine junge, werdende Größe sieht, muß die Inselnatur des Landes als eine politisch und wirtschaftlich sehr bedeutsame und möglicherweise auch sehr folgenreiche Eigenschaft bezeichnen. Schon erkennt man die Impulse zur Expansion und Seeherrschaft, durch die in allen Perioden der Geschichte Inselmächte zu unverhältnismäßig frühen und großen Wirkungen gelangt sind.   Völkerwanderungen   Ganze Völker umfassende, keinen Bruchteil zurücklassende Wanderungen scheinen, wenn wir von den Naturvölkern absehen, nur da vorzukommen, wo Völker mit Gewalt aus ihren Sitzen verdrängt werden. Die großen Völkerwanderungen, von denen wir geschichtliche Kenntnis haben, teilten sich in der Regel in Auswandernde und Bleibende. Oft wiederholten sich Fälle, wie das oft erwähnte Verbleiben des dritten Teiles der in Skandinavien ansässigen Deutschen, welches uns Paulus Diaconus berichtet, oder gar die Bewahrung der den Ausgewanderten gehörenden Landstriche durch die Zurückgebliebenen, die uns von den Vandalen Schlesiens eine so gute Autorität wie Prokop meldet, welcher noch die interessante Mitteilung hinzufügt, daß die Ausgewanderten sich weigerten, ihr Recht an der heimischen Erde aufzugeben, obgleich die Daheimgebliebenen durch eine Gesandtschaft nach Afrika an König Geiserich darum nachsuchten. Bei solchem Zusammenhange der Ausgewanderten und Sitzengebliebenen begreift man, wie z. B. die Langobarden noch 200 Jahre nach ihrer Auswanderung aus dem unteren Elbgebiet sich ein Hilfsvolk von ihren dort ansässigen »alten Freunden«, den Sachsen, erbitten konnten. Diese kamen in der Tat nach Italien, und zwar mit Weib und Kind; ihre Sitze aber gingen an die Nordschwaben über. Diese Teilung der Völker ist ethnographisch wichtig wegen ihrer Folgen für die geographische Verbreitung, und das um so mehr, als dieselbe sich auf dem Marsche selbst noch öfters vollzieht. In derselben Richtung wirkt das Mitreißen anderer Völker durch die in Wanderung befindlichen. Dieses ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung, welche man ebenfalls fast zu den notwendigen Begleit- und Folgeerscheinungen der Völkerwanderung rechnen kann. Mit den Vandalen zogen bekanntlich die Alanen nach Afrika, und kein geringer Teil der Kampffähigen, welche jene auf afrikanischem Boden musterten, ist auf dieses ihr Hilfsvolk zu rechnen, welches wahrscheinlich nicht germanischen Stammes war. Die innige Verbindung zwischen Hunnen und Gepiden ist bekannt. Als im Winter 406 auf 407 einer der verheerendsten Schwärme, die die germanische Völkerwanderung kennt, den Rhein überschritt, zählten Zeitgenossen eine ganze Reihe Einzelvölker auf, die demselben angehörten. Es steht außer Zweifel, daß er Vandalen, Sueven und Alanen umschloß, daß er Burgunden mitriß, und daß späterer Zuzug aus Deutschland ihn Verstärkte. In den Reihen der Mongolen zogen Vertreter aller mittelasiatischen Stämme. Mit den Zügen der Araber sind, nach einer Mitteilung Barths , Kopten nach Marokko gekommen. Die Ursachen des Wanderns der Völker sind Wohl immer hauptsächlich drei gewesen: Ungenügender Lebensunterhalt auf dem einmal eingenommenen Räume; Verdrängung durch Feinde; Eroberungs- und Raublust, gepaart mit unbestimmter Sehnsucht nach einem fremden besseren Lande. Bedeutende, reiche Städte sind oftmals ein Lockmittel für Wanderungen gewesen. So für die Gallier der Balkanhalbinsel im 3. Jahrhundert Delphi, so für die Germanen der großen Völkerwanderung Rom, nach welchem selbst noch die Mongolen unter Dschingiskhan strebten, so Byzanz nacheinander für die Normannen, Türken und Slaven. Unabhängig von zufälligen Lockmitteln wie diesen gibt es Länder, welche die Wanderungen anziehen, andere, welche sie aussenden, und wieder andere, welche sie festhalten. Treffend sind uns hier zwei Typen von Ländern bezeichnet: Die anregende und die zur Ruhe weisende, die hinausführende und die abschließende Völkerheimat. Überall liegen Länder, die zum Rasten einladen, neben solchen, die, über ihre eigenen Grenzen hinausweisend, zum Wandern anregen. Als dritte Art von Naturgebieten mögen aber einige abgesondert werden, welche tiefen Einfluß üben auf die Völker, Sei es im wandernden oder ruhenden Zustande; das sind jene Steppen, in welchen ein Zurruhekommen überhaupt nicht möglich, sondern welche eigentlich nur große Tummelplätze rastloser, wurzelloser Völker sind und von denen man sagen kann, daß die Völkerwanderung in ihnen in Permanenz erklärt ist. Es sind das die Steppen, in welchen nomadische Horden umherziehen, welche keine festen Wohnplätze, dafür aber oft eine sehr feste Organisation haben und welche durch diese Organisation oft genug der Schrecken gebildeter und in ihrem Kerne mächtigerer, aber mit geringerer Beweglichkeit und mit einem kleineren Grade herdenhaften Gehorsams begabter Völker geworden sind. Um nicht weiter zu gehen als an die Pforten unseres Erdteiles, erinnere ich an die Flachländer Südosteuropas an der unteren Donau und an den Nordzuflüssen des Schwarzen Meeres. In diesem Flachland drängte, soweit die Geschichte geht, beständig ein Volk das andere, und alle drängten west- und südwärts. Hier ist also wohl ein Punkt, wo die Geographie sich den Volkerstudien nützlich zu erweisen vermag. Sie zeigt gewisse Gebiete, wo in geschützten Grenzen alte Typen sich ziemlich unversehrt erhalten konnten, und andere, wo beständiges Ab- und Zuwandern gleichsam einen Völkerwirbel schuf, der alles ihm Nahekommende in seine Tiefe zog, die Unähnlichkeiten verwischte und jene äußere Gleichmäßigkeit erzeugte, welche schon Hippokrates in seinem merkwürdigen Büchlein über »Die Rückwirkung von Luft, Wasser und Ortslage auf die Bewohner« von den Nomaden behauptete. Wir könnten jene Beharrungsgebiete nennen, diese Wandergebiete . Die meisten Völkerwanderungen, welche die Geschichte kennt, haben sich aus kälteren nach wärmeren Regionen bewegt, so die dorische, die arisch-indische, die iranische, die gallische, die germanisch-slavische, die aztekische, und da diese alle auf der Nordhalbkugel unserer Erde stattgefunden haben, so ist ihnen auch im allgemeinen eine nordsüdliche Richtung oder eine äquatoriale Tendenz zuzuerkennen. Wir kommen zu der Erkenntnis, daß höchstwahrscheinlich kein einziges Volk der Erde auf dem Boden sitzen geblieben, dem es entsprungen ist, daß also jedes einzelne der heutigen Völker in die Wohnsitze, die es einnimmt, eingewandert ist. Daraus ergeben sich einige Schlüsse, die nicht ohne Wert sein dürften. Wir müssen vor allem die Versuche aufgeben, das Wesen eines Volkes absolut aus seinen Naturumgebungen konstruieren zu wollen, solange wir nicht den Zeitraum kennen, welchen hindurch es in diesen Umgebungen lebt. Vorgeschichtliches Europa Ein großer Teil der europäischen Kulturarbeit der letzten Jahrtausende ist ein Kampf mit dem Wald. Anfangs liegen die Wohnsitze der Menschen nur auf den Lichtungen, an Flußläufen, an Seen, als Pfahlbauten im Wasser. Der weißen Rasse ist dieser Kampf gelungen; sie hat aus dem Wald ein Kulturland gemacht; der hinter ihr in Osteuropa wohnenden finnisch-ugrischen ist es nicht gelungen: sie ist eine Familie von kulturarmen Waldvölkern geblieben. In diesem Kampfe war eine andere Vegetationsform, die Steppe , der Bundesgenosse der weißen Rasse. In Europa liegen Steppen als Reste eines postglazialen Steppenlandes. Größere Steppen liegen hinter diesen. Bewegliche Hirtenvölker bewohnten diese Steppen. Einst gab es arische Nomaden, die auch geschichtlich nachzuweisen sind und die die Verbindung zwischen den europäischen und den asiatischen Ariern aufrecht erhielten. In der innigen Verbindung Europas mit dem Hirtenleben wandernder Völker in dem Steppenland am Pontus und Turans liegt eine der auszeichnenden Ausrüstungen Europas für eine höhere Entwicklung seiner Völker, besonders im Gegensatz zu Amerika und Australien. Die Entwicklung der Völker Europas ist auch in der vorgeschichtlichen Zeit den allgemeinen Gesetzen der Bevölkerungsentwicklung unterworfen: mit der Kultur wächst die Volkszahl, und dieses Wachstum bedingt eine steigende Mannigfaltigkeit der Arbeit, der Lebensweise, der Ernährung und der geographischen Verteilung. Aus einem früheren Zustand, wo wenig zahlreiche Völkchen über weite Räume verteilt sind, entwickelt sich ein anderer, in dem die Völkchen zu Völkern geworden sind, die wenig Raum mehr zwischen sich lassen. Schöpferische Abgeschlossenheit Der Trieb zum Nestmachen, zum Schaffen einer engen, abgeschlossenen Welt in irgendeinem Winkel, wo wir allein mit uns und mit ein paar Kubikmetern Luft sind, muß einer der ältesten der Menschheit sein, und ich ahnte immer, daß er Ehrfurcht verdiene. Er stammt noch von jenseits der Höhlenmenschen her, die ihre Riesenbrocken von Mammutfleisch oder ihre Wildpferdkeulen in die hintersten, dunkelsten Spalten und Klüfte schleppten. In dem absoluten Dunkel der hintersten Höhlenkammer mochten vielgeplagte Diluvialmenschen einmal Feinde, wilde Tiere und andere Gefahren vergessen, die sie von allen Seiten in die schwere Schule nahmen, aus der der Mensch einer höheren Kulturstufe hervorgehen sollte, der den Speer- und Pfeilspitzen Kanten und Schneiden anschliff und die Ösen der Äxte bohren lernte. Vieles spricht dafür, daß die größte Erfindung der Menschheit, das Feuermachen, zuerst in einer solchen Höhlenspalte aufleuchtete. Man könnte den Gedanken fortspinnen und käme zuletzt in der grünen Einsamkeit der Waldwanderungen an, der Helmholtz die Kraft nachrühmt, große wissenschaftliche Entdeckungen zu zeugen. Auch die Knospe hüllt sich in dunkle Blätter, und in lichtloser Tiefe beginnt das Keimen im Samenkorn) die Einkehr eines werdenden Menschen in sich selbst will dem, was er in sich wachsen fühlt, Wärme und Nahrung geben. Rassen- und Nationalitätenkonflikte So wie die Nationalitäten so alt sind wie das Heraustreten der Menschen aus der Isolierung der kleinen Familienstämme, so sieht auch der unbefangene Beobachter kein Ende ihrer Unterschiede und Kämpfe ab. Die erste Nationalitätenbewegung der Tschechen folgte dem Eindringen mitteleuropäischer Kultur seit dem 14. Jahrhundert, nach Ottokars Tod trat sie deutlicher hervor und schon damals hatte sie ihre politische, religiöse und literarische Seite. Nationalen Charakter hatten die Kämpfe der Deutschen und Wenden, der Angelsachsen und Kelten, der Spanier und Mauren. Solange es Völker gibt, die sich ihres Volkstums bewußt sind, stoßen sie auch in nationalen Kämpfen zusammen.   Die Natur fordert von jedem Volk, das als Volk gedeihen soll, ein Wohnen auf zusammenhängendem Boden , auf dem es breit ruht, in dem seine Wurzeln zu Tausenden sich verflechten. Nur den zusammenhängend und geschlossen verbreiteten Völkern kommt jene Kraft des Antäus zu, die aus dem festen Verhältnis zur eigenen Scholle entsteht. Juden, Armenier, Zigeuner wohnen bei anderen Völkern gleichsam zur Miete, ohne eigenes Land, auf dem sie als Volk stehen, für das sie als Volk kämpfen, aus dessen Eigenart ihnen die Eigenart zuwächst, die aus der Verbindung eines Volkes mit seinem Boden entspringt.   Wir sehen zwei verschiedene Arten von Nationalitätenbewegungen . Auf die Einverleibung fremder Völker geht die eine aus: sie ist wesentlich politisch , wird von politischen Mächten gefühlt und benutzt? auf die Abstoßung und womöglich Ausstoßung ist die andere gerichtet: sie ist rein rassenhaft . Ein Rassengefühl, das seiner Natur nach etwas Familienhaftes hat, kann nicht auf die Dauer politischen Zwecken dienen, die direkt gegen die Rasse gerichtet sind. Die eigene Rasse glorifizieren und ihr mit allen Mitteln fremdes Blut bis herunter zu zigeunerischem zuführen, das kann unmöglich zusammengehen, wenn nicht etwa das aneignende Volk eine so elementar wirkende Assimilationsfähigkeit besitzt, daß es ohne Mühe alle nicht unmittelbar rassenfremden Elemente in sich aufnimmt? so mag einst das Römertum romanisiert haben, und so haben die Anglokelten der Vereinigten Staaten von Amerika ein neues amerikanisches Volk gebildet. Alle diese Fälle von Völkeraufsaugung können nur unter dem Schilde der Nationalität stattfinden, weil die Sprache als Erkennungszeichen der Verwandtschaft angenommen und, vielleicht nicht ohne Absicht, überschätzt wird. Ganz abgesehen von dem sehr häufigen, aber leicht erkennbaren Fehler, Sprache und Rasse zusammenzuwerfen, kann die Sprache durchaus nicht einen engeren oder festeren Zusammenhang mit dem Volke beanspruchen, von dem sie gesprochen wird, als irgend ein anderes Merkmal. Daß ganze Völker ihre Sprache im Laufe weniger Generationen aufgeben und eine andere annehmen, ist zu allen Zeiten vorgekommen. Jedes fremde Wort in einer Sprache bedeutet einen fremden Tropfen im Blute des Volkes, das diese Sprache spricht. Rasse und Sprache sind zwei so grundverschiedene Dinge, nach Herkunft, Wert und Wirkung so weit auseinander, daß ihre Verwechslung nicht bloß ein einfacher Fehler, sondern ein Irrtum ist, der verhängnisvolle Wirkungen politischer und sozialer Art nach sich zieht. Wir stehen alle unter der Herrschaft einer Bildung, die die Bedeutung der Sprache übertreibt, weil sie selbst hauptsächlich mit linguistischen Fasern in der Vergangenheit wurzelt. Aber diese Herrschaft ist vergänglich – die Forderungen der Wirklichkeit werden sich immer stärker erweisen. Wenn ich im Vergleich mit der Rasseverwandtschaft, die in der Übereinstimmung des Blutes tief gründet, die Sprachverwandtschaft etwas Äußerliches nenne, so soll damit nicht die Bedeutung der Sprache als Völkermerkmal, oder besser als Kulturmerkmal überhaupt, herabgesetzt sein; denn gerade als solches hat sie in dem Maße wachsen müssen, wie die Völker einen reicheren geistigen Inhalt zu adeln gewußt haben. Wir leben gegenwärtig noch in einer Zeit der Überschätzung der Sprachen wegen ihres historischen Wertes, und unglücklicherweise trifft diese nun mit einem Streben nach Ausbreitung der Völker- und Staatengebiete zusammen, wie es so stark sich noch niemals geregt hat. Tief liegt es in den Gesehen des Staaten- und Völkerwachstums begründet, daß auf die Stammes- und Nationalitätenfragen die großen Rassenfragen folgen; denn mit den Räumen müssen die Gegensätze wachsen, die in ihnen wohnen. Die Rassen sind nun die größten Gruppen von natürlicher Verwandtschaft in der Menschheit; daher lösten die Rassenkonflikte den Streit der Stämme und der Völker ab, als die Stämme in die Völker aufgegangen und die Völker einander immer nähergerückt waren. Auch in Zukunft werden indessen die entlegensten Glieder der Menschheit zusammenarbeiten: es wird nicht eins die Arbeit der anderen verrichten, es wird vielmehr der gesunde Grundsatz der Arbeitsteilung nach der Begabung zur Anwendung kommen; aber an dem Endergebnis werden alle beteiligt sein.   Mit Recht hat der beste Kenner Ostasiens unter den deutschen Politikern, Herr von Brandt, vor dem Mißbrauche gewarnt, der mit einem Worte wie » Gelbe Gefahr « getrieben wurde. Vor allem muß man sich doch darüber Klarheit verschaffen, ob die bei solchen Spekulationen vorausgesetzte Einheit der großen Rassen wirklich vorhanden ist. Die Welt ist durch die Japaner nicht bloß um eine Großmacht und eine pazifische Seemacht reicher geworden – die Weltgeschichte der Kunst hat neue Blätter erhalten, von deren köstlichem Inhalt sich niemand etwas träumen ließ, und ihre wissenschaftlichen Leistungen sind auf manchen Feldern schon heute respektabel zu nennen. Der Begriff gelbe Rasse oder mongolische Nasse war so einförmig – wieviel reicher ist er nun wenigstens nach der geistigen Seite hin geworden? und auch die anatomisch begründete Auffassung, daß in den Japanern nordostasiatische und malayische Elemente mit den gewöhnlich als mongolisch bezeichneten verbunden sind, warnt uns, jenen Begriff so unbedingt zu schätzen, wie es früher wohl geschah, und hindert uns, ihn unserem Völkerurteil unbesehens zugrunde zu legen. Die politische Gleichstellung der Schwarzen und Weißen in den Vereinigten Staaten war das Ergebnis schwerer Geisteskämpfe und eines verwüstenden Bürgerkriegs. Heute raten den Negern der Vereinigten Staaten ihre besten Freunde, auf das Wahlrecht zu verzichten; die soziale Gleichberechtigung ist ihnen ohnehin genommen, oder vielmehr sie konnte ihnen gegen das widerstrebende Rassengefühl der großen Masse der Weißen nie voll bewilligt werden: der Präsident der Vereinigten Staaten kann zwar Neger zu Gesandten ernennen, er kann es aber nicht durchsetzen, daß sie in denselben Eisenbahnwagen mit Weißen fahren! Dafür sollen ihnen alle Mittel geboten werden, um sich im Ackerbau und in den Handwerken zu schulen; denn dadurch hofft man sie um so leichter zu einer tieferen, aber nützlichen Schicht ausbilden zu können. Das heißt zu einer Kastengliederung zurückkehren, die der altindischen im Grunde nichts nachgibt. Auch dieser lagen ja ursprünglich hauptsächlich Rassenunterschiede zugrunde. Das Unbehagen, auf demselben Boden mit einer Rasse zu leben, von der man sich abgestoßen fühlt, wird bei dieser Gestaltung für die Weißen durch die Möglichkeit gemildert, sich als Herrenvolk über dieser niedrigen Schicht um so freier zu entfalten. Zwei Gefahren werden aber damit immer nicht beschworen sein: die Mischung, welche langsam die Gegensätze auszugleichen strebt, und der Verlust der unmittelbaren Berührung mit der Erde und damit all der heilsamen Einflüsse eines gesunden Bauernstandes, mit dem ein Volk in seinem Boden gleichsam wurzelt. Von dem Nationalitätenhader im alten Österreich-Ungarn bis zu den Rassengegensätzen in den jungen Ländern Amerikas bestätigt sich die Regel, daß die Entscheidung, ob solche Kämpfe für die Gesamtheit ersprießlich enden oder nicht, bei dem führenden Volk oder der leitenden Nasse steht. Glaube und Wissen Ein Naturforscher von anerkannter Größe der Persönlichkeit und der Erfolge, der Gott mit derselben Hingebung sucht, mit der er den Naturgesetzen nachforschte, und mit noch größerer, und der seinen Gottesglauben mit hingebender Offenheit bekennt, ist in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine so seltene Erscheinung, daß er sich auch aus mächtigeren Umgebungen als der seiner Fachgenossen abhöbe, strahlend für einige, dunkel für viele. Er ist überhaupt im Geistesleben dieses Zeitalters und bis in die Gegenwart herein eine seltene Erscheinung. Wenn auch nicht bei allen Völkern eine materialistische, jedes Gefühl von Zugehörigkeit zu einem Wesen und einer Welt über dem, was greifbar und zeitlich ist, als Schwäche verhöhnende Strömung so mächtig geworden ist wie in Deutschland, so durchdringt doch ein Widerwille, zu glauben, die ganze Kultur, an der das 19. Jahrhundert gebaut hat. Wohl hat es Männer von anerkannten Leistungen in der Naturwissenschaft gegeben, die sich nicht gescheut haben, in der Natur, die sie so erfolgreich durchforschten, das Werk eines höheren Wesens zu verehren, das ihnen hoch über die Sphäre hinausreichte, wo sich ihre Arbeiten bewegen. Aber so wie Gustav Theodor Fechner hat sich von diesen und ihren Geistesverwandten keiner in das Wesen Gottes und des Jenseits vertieft. Gerade darum kann sich an Fechner eine Weltanschauung anschließen, die Gott in der Welt und die Welt in Gott sieht und zu glauben wagt, ohne das Kleinste von dem aufzugeben, was die Wissenschaft weiß und noch erfahren wird. Diese Weltanschauung ist im Heraufdämmern, ihre Strahlen sind schon in manche Seele gedrungen und werden eines Tages mächtig durch eine Menschheit fluten, die sich nicht auf die Dauer mit der Verneinung von allem Zufrieden geben kann, was außer diesem schwachen Menschengeiste ist. Nach vollendeter »Aufklärung« das schwankende Licht unseres eignen Bewußtseins in einer trostlosen Nacht flackern zu sehen, wird doch immer mehreren wie ein törichter Verzicht auf das Beste erscheinen, das wir in der Welt überhaupt haben können; und eine unvollkommene, lückenhafte Wissenschaft wird in ihrer Unfähigkeit erkannt werden und endlich auch sich selbst erkennen, den Bereich unseres Geistes auch nur von ferne auszufüllen. Zumal wenn in weitere Kreise die Überzeugung gedrungen sein wird, daß sich diese Wissenschaft über die Weite und Tiefe ihres Werkes gewaltig täuscht, wird man ihren Versuchen entschiedener entgegentreten, alles zu zerstören, was sie nicht begreift. Eine Geologie und eine Biologie, die über die elementarsten Voraussetzungen ihrer eigenen Denkarbeit in schweren Irrtümern befangen sind – ich erinnere nur an ihre Unklarheit über die entscheidende Frage der erdgeschichtlichen Perspektive –, hat nicht das Recht, uns über die Stellung des Menschen in der Welt und zu Gott zu belehren. Ihre hochklingenden Erörterungen über Schöpfung, Geist, Stoff, Kraft usw. machen nur allzu oft den Eindruck der Gedanken eines zünftigen Handwerkers, dessen Welt eine dumpfe Werkstatt ist, gegenüber den Werken des künstlerischen Genius. Dieser Schuster mag glauben, die ärmlich beleuchtete Glaskugel, vor der er arbeitet, sei eine Sonne; uns andern seine blöde Kurzsichtigkeit aufdrängen zu wollen, ist Vermessenheit, die man zu lange denkträg ertragen hat. Manches mag sich nun an Fechners Weltanschauung unvollkommen erweisen, einiges kann man schon jetzt als unhaltbar erkennen. In der Hauptsache ist sie ein großartiger Versuch, das uns zugängliche Schöpfungswerk mit Anerkennung und Verwendung alles dessen, was tatsächlich bekannt ist, so nachzudenken und nachzubilden, daß dem Geiste sein Recht gewahrt bleibt, und daß die Lücken des Wissens so ergänzt weiden, daß nicht das der Kurzsichtigkeit bequeme Leichtverständliche bevorzugt, sondern alles in dem großen Stil eines Werkes ausgedacht wird, in dessen Zusammenhang die ganze Erde selbst nur ein verschwindendes Teilchen ist. Fechner, der Denker und Dichter, dessen Glaubensbedürfnis im tiefsten Herzen erlebt ist, und der aus eigenen Erfahrungen seine im höchsten Sinne praktische Auffassung der Religion schöpft, hat in seiner Tagesansicht kein wissenschaftliches System aufbauen, sondern eine Weltanschauung bieten wollen, die vom Erkannten ausgehend die Rätsel des Daseins erhellt und aus dem vollen Verständnisse dessen, was die Menschenseele braucht, wenn sie nicht dumpf über die Abgründe dahindämmert, das Wissens- und Glaubensbedürfnis zugleich zu sättigen unternimmt. Keine neue große Entdeckung, wie wir sie ihm in der Psychophysik verdanken, kein Neubau auf den Trümmern eines niedergerissenen alten will das sein. Die dichterischen, naturbeseelenden Weltbilder vergangner Zeiten werden ausdrücklich als die Vorgänger der Tagesansicht anerkannt, die sich in schroffen Gegensatz überhaupt nur zu einer Geistesrichtung stellt, nämlich zu der Übererhebung, die uns verbieten will, zu glauben, wo für sie das Denken mit dem Wissen aufhört. Läuft nicht alles Wissen in Glauben aus, gerade wo es ins Allgemeinste, Höchste, Letzte, Feinste, Tiefste und Feinste geht? In Glauben fortsetzen muß sich jedes Wissen um das, was ist. Wenn wir bedenken, wie die Allgemeingültigkeit aller Naturgesetze nur aus der Erfahrung abstrahiert ist und keineswegs als notwendig erwiesen werden kann, so können wir weder die nächsten noch die letzten Schritte ohne Glauben tun; wir wohnen und leben sozusagen in einer Welt des Glaubens. Und so stützt sich denn die Tagesansicht auf das Wissen, soweit es reicht; darüber hinaus glaubt sie, was sie braucht. Geschichte und Vorgeschichte Auch die Wissenschaften sind gewachsen, wie ein Baum wächst: wir sehen noch heute neue Zweige hervortreiben, wodurch Äste sich teilen, die vordem einfach gewesen waren; auch fehlt es nicht an absterbenden Zweigen und an Zweiglein, deren Wachstum stille zu stehen scheint. Das Bild des Baumes ist sicherlich für die Wissenschaft nicht weniger passend als für irgendein anderes lebendes Ding. Zu jedem Baume aber gehören auch die Wurzeln, und die Wurzeln aller der hochgewachsenen Bäume der geschichtlichen Völker Europas reichen tief, tief in den vorgeschichtlichen Boden hinab. Ist das eine Geschichte der Deutschen, die mit den Cimbern und Teutonen beginnt oder auch selbst mit des Pytheas Nachrichten über Nordeuropa? Um die Zusammensetzung des deutschen Blutes zu verstehen, muß man sogar bis auf die Geschichte des deutschen Bodens zurückgehen. Denn es ist kein Grund, anzunehmen, daß nicht von der Zeit an, wo die Bewohner Deutschlands das Mammut und Rhinozeros am diluvialen Inlandeisrand jagten, immer Menschen auf diesem Boden gelebt hätten; wir finden Spuren des Menschen in allen Arten von Ablagerungen, die sich seitdem gebildet haben, und an einigen Stellen füllen dieselben Schichten an, deren Bildung Jahrtausende erfordert haben muß, während sie an anderen in einer und derselben Ablagerung so dicht liegen, daß wir mit Fug eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung annehmen. Ein Völkerursprung ist keine Sache von Jahrhunderten – es ist ein langer und langsamer Prozeß, in den, wie in einen Strom, der eine halbe Welt durchfließt, tausend Gewässer münden. Und was man den Ursprung eines großen Volkes nennt, ist nicht bloß das Zusammenfließen von vielen Blutstropfen, unter denen der Hinzutritt von einigen wenigen eine neue Mischung entscheidet, die Bestand haben wird; es ist auch der Ursprung einer Kultur und nicht zuletzt der Ursprung eines Geistes, der berufen ist, anderes zu erdenken und zu sagen, als bisher gedacht und gesagt worden war. Mit diesem Blut und dieser Kultur wird das neue Volk wuchern; Tochter- und Enkelvölker werden dieselben über die Erde tragen, und diese seinen Abzweigungen werden weiterwachsen unter anderen Bedingungen, als die des eigentlichen »Ursprungslandes« gewesen waren. Die Geschichtsforschung wird die Rassenfragen auch dann nicht umgehen können, wenn sie ihr Gebiet auf Völker beschränkt, die scheinbar einer und derselben Rasse angehören. Je mehr die Geschichtserzählung sich der Gegenwart nähert, um so mehr einzelnes sieht sie, und dieses einzelne ist natürlich in den meisten Fällen der Mensch, der hervorragenden Anteil an der geschichtlichen Bewegung nimmt. Nicht bloß Urgeschichte erscheint uns hauptsächlich als Wandergeschichte – es treten die äußeren Bewegungen auch bei den Völkern, die der Völkerkunde zugewiesen werden, viel deutlicher hervor, als bei den geschichtlichen Völkern, und für das Studium der geschichtlichen Bewegung bieten sie das beste Material. Lesen wir die Berichte der Kolonialbeamten oder Missionäre über die Geschichte der Völker von Togo oder Kamerun, so finden wir Worte wie Drang nach der Küste, Pressung, Zertrümmerung, Verschiebung, Durchdringung (bei Binger: Pénétration mutuelle von den Fulbe des Senegalgebietes), Überlagerung, Völkerschichtung, Völkerwirbel. Darin spricht sich das Augenfällige der Bewegungen in der Geschichte dieser Völker aus. Schwacher Halt am Boden kennzeichnet alle niedrigen Kulturstufen. Aber auch in den Geschicken viel höher stehender Völker spielen die räumlichen Verschiebungen eine große Rolle. Auch für ihre Wanderungen und Durchdringungen gelten dieselben Gesetze wie für die Völkerbewegungen auf niedrigerer Stufe, deren Darstellung einen großen Teil der Völkerkunde und der Anthropogeographie ausmacht. Wir können nur für eine tiefere Stufe der Entwicklung der Geisteswissenschaft jene Forderung gelten lassen, daß die Feststellung von Tatsachen ihre Aufgabe sei. Vielmehr wird die Geschichte der Völker mit allen anderen Geschichten und hauptsächlich mit der Erdgeschichte das Streben nach Einordnung der Tatsachen zunächst in Zeitreihen oder Zeitfolgen teilen, und ihr Ziel wird sein, aus den Zeitfolgen, die ganz der Wirklichkeit entsprechen müssen, dann den Entwicklungszusammenhang zu erkennen. Es hat sich immer von neuem wiederholt und wiederholt sich auch heute noch, daß die Zeit eines Vorganges, die leichter erkennbar ist oder zu sein scheint, zum Maßstab für andere erhoben wird. Eine wissenschaftliche Chronologie kann folgerichtig nur eine Zeitlehre sein; es gibt keine besondere Chronologie für Geschichte der Menschheit und dann wieder für Vorgeschichte, für Erdgeschichte, für Geschichte der Pflanzenwelt und der Tierwelt. Wenn ein Volk sich in einer und derselben Richtung bewegt hat, liegen in dieser Richtung seine älteren Spuren näher, seine jüngeren ferner, und es gelingt vielleicht, Ausgangs- und Zielpunkt seiner Bewegung zu erraten. Wenn wir Sprachen oder andere Völkermerkmale von andern umschlossen und zusammengeschoben oder an die Ränder eines Erdteiles oder auf Inseln hinausgedrängt sehen, wie das Baskische und Keltische in Europa, die Steingeräte und eigentümlichen Bogenformen in Afrika, so halten wir das Zusammen- und Hinausgedrängte für das ältere: wir lesen im Raum die Zeit . Heute liegt ein breiter Raum hinter der geschichtlichen Zeit Europas, im Vergleich mit welchem uns diese nur wie ein schmaler Saum erscheint. Wo immer die Geschichte bestimmter Völker in denselben hineinragt, erweitern sich oder vertiefen sich unsere Zeitvorstellungen. Und hinter diesem Übergang vom Geschichtlichen ins Ungeschichtliche liegt wiederum ein noch viel breiterer, in dem die Vorgeschichte des Menschen unmerklich in die Geschichte der Erde selbst verfließt. Der Übergang von einer künstlichen zu einer natürlichen Klassifikation genügt z. B., um in eine Gruppe von Tatsachen, die verworren wie ein Urwald vor uns standen, so viel Ordnung zu bringen, daß unser geistiges Auge in ihre Tiefe bis zur jenseitigen Grenze hineinschaut. Man faßt die Zeit wohl als Schicksal auf. Auch der Raum ist Geschick , dem wir nicht entgehen, aus dem wir nicht herauskommen; wir sind an ihn gebunden, und er bleibt uns auferlegt. Doch ist der Raum, in dem die Geschichte der Menschheit sich bewegt, begrenzt; die Zeit aber ist unbegrenzt. Ein Volk ist keine ruhige Flamme, die wächst, kleiner wild und erlischt, deren Ausdehnung gering am Anfang, am größten in der Mitte und gering am Ende ihrer Zeit ist. Das Leben eines Volkes ist ein Flackern, ein Fasterlöschen und Wiederaufleuchten in oft mehrfacher Wiederholung. Ich möchte sagen, darin sei die größte Lehre, die ein Land wie Australien der Betrachtung der Geschichte gibt: So klein der Raum der Erde ist, er ist doch groß genug, um mehrere Geschichten nebeneinander sich abspielen zu lassen. Betrachten wir die Urgeschichte in der weitesten Perspektive, so bleiben doch mindestens drei getrennte Völkergebiete: Die Alte Welt, die Neue Welt und Australien. Manches spricht für einen alten Zusammenhang Amerikas mit Ozeanien und Asien; aber es scheinen heute doch wenigstens fast alle Amerikanisten die selbständige Entwicklung der altamerikanischen Bronzekultur anzunehmen. Australiens Völker aber standen noch am Ende des 18. Jahrhunderts in einer rohen Steinzeit. Für eine wirkliche Weltgeschichte, die als Geschichte der Völker der Erde und ihrer Staaten gedacht ist, kann die Schwierigkeit des Anfangs und der Anordnung nicht so leicht gelöst werden. Denn, wie wir gesehen haben, liegt es ja im Wesen dieser Geschichte, daß sie für unsere Erkenntnis keinen Anfang hat. Wir werden wohl nie die ganze Entwicklung der Menschheit darstellen können: ihre Erzählung wird für die älteren Abschnitte immer eine Aneinanderreihung von Bruchstücken sein. Für den Blick, der tiefer dringt, ist nicht die Entstehung einer neuen Disziplin mit Museen, Professuren, Zeltschriften usw. die Hauptsache, sondern die Richtung auf Annäherung und innigere Verbindung der älteren, zwischen denen sie emporgewachsen ist. Die Geschichte mit der Geographie und durch die Urgeschichte mit der Geologie inniger zu verbinden, die Rassenanatomie und -physiologie mit der Geschichte und Gegenwart der Völker in engere Beziehungen zu setzen, die Vorgeschichte der Gesellschaften und Staaten zu erkennen und dadurch der rein deskriptiven Gesellschafts- und Staatslehre einen historischen Charakter zu geben, die Sprachwissenschaft mit den Wissenschaften von anderen Äußerungen des Menschengeistes und -willens zu verknüpfen: das sind einige von den Bewegungen, die wir in dem weiten Gebiete der Wissenschaft vom Menschen sich vollziehen oder anheben sehen. Die Völkerkunde wird nicht die Wissenschaft vom Menschen sein, die sich ankündigt; sie wird aber mit ihrer jugendlichen Schaffenslust einst am meisten dazu beigetragen haben, daß dieselbe sich ausbildet. In allen Völkerursprungsfragen liegt so viel Geographisches, daß es unmöglich ist, ohne geographische Methode zu einer Antwort zu gelangen. Soll ich die geographische Auffassung dieser schwierigen Probleme kurz formulieren, so wäre etwa folgendes zu sagen: Der Völkerursprung ist im Grund ein verkehrsgeographisches Problem; wir sehen das heutige Verbreitungsgebiet eines Volkes, und wir suchen ein früheres Verbreitungsgebiet, das mit dem anderen durch Wege verbunden ist. Also Ausgang, Weg und Ziel . Es wäre, beiläufig gesagt, ein Fortschritt, wenn man überhaupt das große Wort »Ursprung« fallen ließe, das ja viel zu anspruchsvoll ist. Die Raumfrage , die wir hervortreten sehen, ist für die Geographie der Völkerbewegungen wichtiger; sie ist eher zu beantworten als die Frage nach der Richtung. Die Richtungen, in denen ein Volk gezogen ist, lassen oft gar keine Spuren – die Räume, die es einst bewohnt hat, werden fast immer an zurückgebliebenen Resten zu erkennen sein. Wir werden schwerlich das Volk im engeren Sinne, wir werden aber an diesen Resten die Rasse, die Kulturstufe und die Verkehrsbeziehungen erkennen können. Die Möglichkeit des Erfolges aller Forschungen über Völkerursprung sehen wir nur in der Teilung der Arbeit: Rasse-, Sprachen- und Kulturforschung mögen getrennt marschieren; sie werden nur so am gemeinsamen Ziel einst zusammentreffen. Bestehen sie darauf, wie bisher, dieselbe Straße zu gehen, so werden sie sich verwirren und verirren. Die Kulturforschung hat bis heute schon am meisten geleistet; sie wird nach allem Anschein am frühesten beim Ziele ankommen. So wie die Bronzezeit Nord- und Mitteleuropas aus der prähistorischen Dämmerung in das Licht der Geschichte gerückt ist und sogar schon die Fäden etruskischer, mykenisch-kretischer und weiterhin ägyptischer und westasiatischer Beziehungen geographisch als Verkehrswege festlegen kann, wird es ihr auch noch mit der Kultur der jüngeren Steinzeit gelingen, die allem Anscheine nach die wichtigsten Haustiere und Kulturpflanzen nach Europa gebracht und damit den Grund zur ansässigen Kultur, dichteren Bevölkerung, zu regerem Verkehr gelegt hat. Die Haustier- und Kulturpflanzenforschung wird ihr dabei vom wesentlichsten Nutzen sein, aber nicht mit der linguistischen Methode, sondern mit der naturwissenschaftlich-geographischen. Jene finden wir selbst von Sprachgelehrten immer mehr aufgegeben. Über die Tatsache kommt nun einmal keine Forschung über den Ursprung der Völker Europas hinaus, daß die Gebiete zwischen 45° und 60° N.B. in Mitteleuropa eine starke Bevölkerung von hohem Kulturstand in der späteren Stein- und Bronzezeit gehabt haben, von höherem Kulturstand, als gleichzeitig in manchen Teilen Südeuropas zu finden war. Ich selbst habe nie das Donauland aus den Gebieten ausgeschlossen, wo der Ursprung der Indogermanen zu suchen sei; aber ich halte, auch wenn ich von den Raummotiven absehe, für unmöglich, es allein in Betracht zu ziehen. Eine Entwicklung, die mindestens Jahrzehntausende voraussetzt, wie die der Indogermanen, muß beim naturgemäßen Wachsen der Völkerzweige und Völkersprossen einen weiten und wechselnden Raum in Anspruch genommen haben. Ich meine, daß nicht bloß die Entwicklung einer Gruppe von Lebensformen, also auch einer Völkergruppe, in Ausbreitung und Zusammenziehung, d. h. geographisch in einem Wechsel weiter und enger Räume, stattfinde, sondern daß auch für neue Lebensformen, die sich behaupten sollen, weiter Raum zum Schutz gegen Vermischung und allzu scharfen Wettbewerb und zur Darbietung verschiedenartiger, die Differenzierung befördernder Lebensbedingungen nötig sei. Das Bild bei Menschheit Es sind jetzt gerade hundert Jahre, daß Johann Gottfried Herder im stillen Weimar eifriger noch als gewohnt an jenem Werke arbeitete, welches unter dem Titel »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« ein wertvolles Vermächtnis unserer klassischen Literaturperiode darstellt. Der dritte Teil war eben vollendet und Ende 1785 erschienen. Der erste und zweite waren 1784 veröffentlicht worden, und erst 1792 gingen die letzten Abschnitte in die Welt hinaus, welche aber nicht das Werk, sondern nur den Torso abschlossen. Denn der großartige Entwurf hat nie seine volle Ausführung gefunden. Wir dürfen diese »Ideen« nach ihrem Inhalte als die reifste der Prosaschriften Herders rühmen und finden dennoch nicht bloß in der Unvollendung ihres Abschlusses die Bestätigung des Urteils, daß Herder der größte Fragmentist der deutschen Literatur sei. Oft beurteilt ein Geist einen anderen nur darum so treffend, weil in dessen Seele die eigene sich spiegelt. Herder hat einmal von den Schriften Lessings gerühmt, daß sie den Geist des Verfassers »immer in Arbeit, im Fortschritt, im Werden« zeigen. Aber von seinen eigenen kann dasselbe mit doppeltem Recht gesagt werden; denn Herder war von Natur so angelegt, daß er aus dem Arbeiten nach Fortschritt und dem Ringen um neues Werden von Anfang bis zu Ende niemals herauskam. Er schafft nicht den herrlich vollendeten Schild des Achilles, sondern das peinvoll immer neue Gewebe der Penelope. Wenn Lessing durch den Zufall seiner Lebensumstände vieles in Fragmenten hinterließ, so fehlten Herder nicht nur die Gunst und die Lust der Vollendung, sondern auch die Gabe derselben; denn sein Gedankenleben war ein nie ruhender Strom in klippigem, ungleichem Bette. Die Ursache davon aber suchen wir in jener Zwiefachheit der Geistesanlage, die mehr das Streben als die Harmonie fördert, dem Fortschritt günstiger ist als dem Abschluß. Der Dichter und der Denker verbanden sich in ihm nicht zur Einheit, sondern zur Kraft, nicht zur Vollendung, sondern zur Wirksamkeit. Die literatur- und kulturgeschichtliche Bedeutung der Herderschen »Ideen« liegt in ihrer Stellung auf der Schwelle von der Teilbetrachtung der Völker zur Gesamtauffassung der Menschheit, von der fragmentarischen zur vollständigen Weltgeschichte, von der Form zur Sache. Menschlich zieht uns an, das Werk am Ziele einer langen Entwicklung zu erblicken, die die fruchtbarsten Jahre eines großen Geistes in sich schließt. Den wissenschaftlichen Wert glauben wir in der Veredelung oder, bergmännisch zu reden, Anedelung des Begriffes »Menschheit« durch Vertiefung seiner Quellen und außerdem in dem strengen Festhalten an dem Gedanken zu erblicken, daß die Menschheit nicht ohne die Erde, der Geist nicht ohne die Natur zu verstehen sei. Kein Geschichtsschreiber vor ihm hatte gewarnt, bei der Betrachtung der Geschichte Europas nicht der Tatsache zu vergessen, daß der Norden dieses Erdteils bis zu den Alpen »eine herabgesenkte Fläche sei, die von der völkerreichen tatarischen Höhe bis ans Meer reicht«. Herder hat diesen vortrefflichen Gedanken nicht bloß ausgesprochen, sondern näher ausgeführt, indem er die Urgeschichte Mittel- und Nordeuropas nur im Zusammenhange mit derjenigen Nord- und Zentralasiens verstehen will. Dichten und Denken fanden Genüge nur noch in der Erhebung des Geistes mit der Natur zu der höheren und höchsten Einheit des Schöpfers, dem beide ihr Dasein verdankten, zu dem Einen und Allen. An nicht auffallender Stelle der Vorrede von 1784 sagte Herder: »Gott ist alles in seinen Werken.« Dieser Spruch aber könnte an der Spitze und am Schlusse des ganzen Werkes stehen. Auf dem einzigen Felde, wo Herder durch emsige Eigen- und Sonderarbeit eine der tieferen Quellen aufschloß, die Voltaires Zeit verachtete, dem der Volksdichtung, hat man längst die lebendigen Fäden aufgezeigt, die von hier zur Verjüngung der deutschen Poesie im Jungbrunnen der Volksüberlieferung leiten. Aber die Geisteswissenschaften haben nicht weniger gewonnen durch das tiefere Pflügen, welches Herder auf dem alles bestimmenden Gebiete, dem der Geschichte, so eindringlich empfahl. Das Bild der Menschheit ist klarer, deutlicher geworden, es hat an Tiefe gewonnen; allein die Grundzüge sind dieselben, wie sie in Herders hochgemutem Sehergeiste standen.   Die Grundaufgabe aller mit der Verbreitung und Urgeschichte der Menschheit sich befassenden Studien ist gelöst, wenn es gelungen ist, das geographische Bild der Menschheit zu erfassen. Zu diesem Bilde gehören aber die horizontale Verbreitung der Menschheit, deren Bestimmung eins ist mit derjenigen der Grenzen der Ökumene, dann die Abstände, in welchen die verschiedenalterigen Teile der Menschheit hintereinander stehen, endlich die Höhe des Überragens der besser angelegten oder kulturlich besser ausgestatteten Völker. Aus den beiden letzteren Eigenschaften erwächst dem Bilde der Menschheit Tiefe und Höhe. Das Bild der Menschheit braucht, um wahr zu sein, vor allem Tiefe . Diese Tiefe aber gliedert sich in Dämmerung und Dunkel. Von der Gegenwart aus rückwärts gehend, durchschreiten wir eine Zeit genauerer Nachrichten, die uns die geschichtliche ist; dann treten wir in eine Periode viel trüberen Lichtes, die man die vorgeschichtliche nennt, und hinter dieser liegt endloses Dunkel, von dessen Inhalt niemand weiß. Die geschichtliche und die vorgeschichtliche Zeit rücken nahe zusammen, wenn wir sie mit der tiefen Nacht vergleichen, welche über den hinter ihnen liegenden Perioden ruht. Um so näher, als die erstere häufig von verschwindend geringer Ausdehnung und als ihr Licht nur ein geliehenes ist. Soweit die Erde für den Menschen bewohnbar ist, finden wir Völker, die auch im kulturlichen Sinne Glieder einer und derselben Menschheit sind.   Dem Leben auf der Erde ist ein beschränkter Raum angewiesen, in welchem es immer wieder umkehren, sich selber begegnen und alte Wege immer neu begehen muß. Noch mehr schränkten die bekannte Verteilung des Wassers und des Landes, die Ausbreitung großer Eismassen um die beiden Pole und die Erhebung mächtiger Gebirge bis zu lebensfeindlichen Höhen die vom Boden und Klima abhängigen Lebensformen ein. Dem Menschen sind heute nicht ganze zwei Dritteile der Erdoberfläche als Raum zum Wohnen und Verkehren gestattet. Was wir Einheit des Menschengeschlechtes nennen und was den Biologen in der übrigen organischen Welt von heute als Einförmigkeit erscheint, wurzelt in dieser Beschränktheit des Raumes. Diesen Raum wenigstens ganz zu überschauen, gebietet sich jedem, der die Beziehung einer Lebensform zur Erde verstehen will. Jedes biogeographische Problem kann nur auf dem Boden einer die ganze Erde umfassenden Anschauung seine vollständige Lösung finden. Verdienst und Wertung Nicht alle wissenschaftlichen Verdienste sind gleich leicht wägbar. Die Leistungen auf den verschiedenen Gebieten der Forschung werden nie mit gleichem Maße zu messen sein, und werden auch niemals mit voller Gerechtigkeit beurteilt werden können, d.h. gerecht gegenüber dem einzelnen, aus dessen Arbeit sie hervorgingen. Nicht nur die Menge schätzt bloß nach den Wirkungen, die sie sieht, die Kräfte ab, die bei irgend einer Erscheinung ins Spiel kommen, sondern es herrscht dieselbe Neigung auch bei denen, welche als sachverständig gelten. Nur die Kraft, welche der sichtbaren Wirkung entspricht, wird in Betracht gezogen, nicht diejenige, welche aufgewandt wurde. Was von derselben ohne Schuld des Arbeitenden verlorenging in notwendigen Vorarbeiten, deren Zweck manchmal nur der negative der Wegräumung verjährter Irrtümer, oder in Umwegen, zu denen die Unerfahrenheit des geraden Weges zwischen Versuch und Ziel führt, oder in Wiederholung dieses Weges zur Sicherstellung seiner Nichtigkeit oder in Reibungen mit gleichstrebenden Genossen, die aber leider sehr selten auch gleichfühlende sind, das bleibt dem Urteil der Außenstehenden fast immer ganz verborgen. Man kann die Arbeit der Forscher auf irgendeinem Gebiete der von Maurern vergleichen, die hinter einer langen Wand nebeneinander ihre Bauten aufführen. Das Publikum weiß nichts von allem, was hier geleistet wird, solange nicht die Bauwerke über die Mauer hervorragen. Die Räumarbeit, das Beifahren von Material, das Grundgraben, die Breite und Stärke des Fundaments kennt es nicht. Es weiß nur, wie diejenigen Stücke der Bauwerke beschaffen sind, welche hoch genug gedeihen, um über die Mauer weg gesehen zu werden. Nur danach wird geurteilt. Man begreift die Ungerechtigkeit, welche hierbei gegen die einzelnen Arbeiter geübt wird. Aber dieselbe ist unvermeidlich und gleichzeitig so allgemein, daß sie als etwas Besonderes gar nicht mehr empfunden oder angesehen wird. Man kann sie fast schon zu den angeborenen Beschränkungen unserer geistigen Sehfähigkeit rechnen. Meist ist es erst eine späte Zukunft, welche zu gerechter Würdigung Anlaß gibt, indem sie eines verfallen läßt, während das andere Bestand gewinnt. Erst dann erkennt man, wer für den Augenblick und wer für die Dauer gebaut hat. Aber es ist nicht geraten, abzuwarten, bis dieses Gottesurteil der Geschichte sich kundtut; denn wenn es dazu kommt, ist es oft zu spät, einem verblichenen Namen wieder Glanz zu verleihen in den Augen einer Nachwelt, die vollauf beschäftigt ist mit der Aufnahme dessen, was um sie her sich vollzieht. Will man dafür sorgen, daß ein Verdienst, welches der Erhaltung wert ist, nicht vergessen werde oder in ungerechtem Maße dem natürlichen Schicksal der Verkleinerung bei wachsender Entfernung verfalle, so muß man es nicht so weit kommen lassen, sondern so früh wie möglich die Bande wieder schlingen, welche den Mann mit der Zeit verknüpften, der er angehörte. In einer Menschheit von idealem Gerechtigkeitssinn müßte es einen eigenen Stand der Biographen geben, der geistigen Abstäuber und Reinhalter, dem die Funktion zufiele, die wahren Verdienste immer wieder vom Staube der Vergessenheit zu befreien. Erkenntnisse und Weistümer Allen Anregungen und Eindrücken weit offen und zugleich fähig zu sein, sie im Schutz einer geschlossenen Persönlichkeit sicher zu verarbeiten, darin liegt die Gewähr des Wachsens der Lebensentwicklungen bis zur höchsten Vollendung. Es gilt von den Organismen, gilt von den Charakteren und gilt von den Völkern, daß sie dort die größte Kraft und Eigenart erreichen, wo diese beiden Eigenschaften ganz zusammenstimmen. Das ist aber nicht in zahlreichen Fällen möglich. Gerade das Mehr oder Weniger der einen oder der anderen ist vielmehr ein Hauptgrund der Mannigfaltigkeit des Lebens auf unsrer Erde. So liegt vor allem im Wesen der Völker ein immer reges Streben auf Ausbreitung, das die Grenzen verwischen und über die Eigentümlichkeiten wegschreiten will. Ja, es müßte endlich zu einem allgemeinen Aus- und Ineinanderfließen führen, wenn nicht äußere Schranken sich entgegenstellten, die dem geschichtlichen Boden und Schauplatz angehören. Es handelt sich dabei durchaus nicht bloß um ein mechanisches Zusammenfassen und -halten, sondern auch um die Ökonomie der Kräfte der Völker und der Staaten. Je leichter die Behauptung des eigenen Gebietes gegen das andrängende Wachstum der Nachbarn ist, desto mehr innere Wachstumskräfte werden von der Last peripherischer Leistungen befreit und nach innen hin nutzbar gemacht.   Was im Handeln eines Menschen straffe Zweckmäßigkeit ist, wirkt ebenso als eine Schönheit wie jede vollkommene Erfüllung eines Gefäßes durch seinen Inhalt. Die Haut, die der Muskulatur fest anliegt, die Rinde der Buche, die ohne Risse und Auswüchse den Stamm umgibt, als sei sie mit ihm aus einem Stahlblock geschmiedet, das sind Bilder, deren Eindruck ich in dem Handeln des Mannes wiederfinde, das ohne Umschweife das Rechte erzielt, besonders ohne viel Reden, das den starken Stamm des Willens zur Tat oft efeuartig überwuchert und erstickt. Das Alter bildet den Stamm immer einfacher und kräftiger aus, und so wächst mit den Jahren die Schönheit der Handlungen der Menschen, die zu handeln wissen. Große Staats- und Kriegsmänner sind deshalb im höchsten Alter oft schöner als in der Jugend, wo sie noch nicht wußten, welcher Ast sich zum Stamm auswachsen werde.   Indem die Völker einander naturgemäß ihr Unähnlichstes entgegenkehren, werden die Verschiedenheiten der Völker überschätzt. Zu dieser Steigerung, ich möchte sagen: Selbststeigerung der Völkerunterschiede, kommen die unglaublich mächtigen Völkervorurteile , die ebenfalls ungemein weit verbreitet sind. Es gibt solche Vorurteile von gewaltiger Größe und Dauer, deren Überwindung nur in langen historischen Prozessen möglich gewesen ist. Es sind nicht immer die unbewußten Fehler der Oberflächlichkeit und Einseitigkeit, die die Völkerurteile fälschen; es gibt auch eine bewußte Völkerverleumdung , vor der man auf der Hut sein muß.   Die Völkerbeurteilung soll uns leiten in unserem praktischen Verhalten zu allen andern Völkern; sie ist also eine der wichtigsten und folgenreichsten Anwendungen wissenschaftlicher Grundsätze. Die Völkerbeurteilung indessen, die nur die intellektuellen Kräfte in Betracht zieht, geht von einer ganz falschen Auffassung der Kräfte aus, die die Weltgeschichte bewegen. Auf niederen Kulturstufen gibt es keinen anderen Prüfstein des Wertes der Völker als den Krieg ; auf den höchsten Stufen, die die Menschheit von heute erreicht hat, bleibt der Krieg immer noch eine der wichtigsten Prüfungen. Ein ernsthafter Krieg macht die letzten und äußersten Hilfsmittel flüssig. Der Krieg ist ein Moment der Steigerung im Leben der Völker.   Die beste Schule für die Beurteilung der Völker wird immer die Beherrschung der Völker bleiben. Jede politische Herrschaft ist ein Kursus in praktischer politischer Ethnographie. Je mehr Völkerkenntnis seine Kolonialbeamten, Missionare, Kaufleute zu ihren Aufgaben mitbringen, je mehr Völkerverständnis das ganze Volk sich anbildet und anerzieht, desto gründlicher wird es in der Schule der Herrschaft Völker beherrschen lernen.   Der Gegensatz zwischen kriegerischen und friedlichen Völkern , der seinem Wesen entsprechend auch immer ein Gegensatz zwischen Vordringen und Beharren, Erobern und Erobertwerden ist, zieht sich durch die ganze Menschheit und erscheint in mannigfach verschiedenen Formen je nach den Kulturstufen.   Die Weltpolitik wird nicht mit Grobheiten gemacht, und ein Volk, das sich ohne Not Haß erregt, handelt höchst unklug.   Ist es nicht eine Gefahr, wenn ein Volk mit jeder Phase seiner Diplomatie sich identifiziert?   Kein Volk der Erde ist in vollständiger Vereinzelung aufgewachsen, es ist keine isolierte Aktion möglich, jedes hat Wirkungen aus dem Kreise seiner Nachbarn heraus erfahren. Wohin wir sehen, wird Raum gewonnen und Raum verloren. Rückgang und Fortschritt an allen Enden. Wie töricht wäre ein Volk, das glaubte, über sein Schicksal sei vor Jahrhunderten entschieden worden, als die ersten Verteilungen der fremden Länder und der Macht und des Einflusses bei fremden Völkern geschahen! Sehr oft ist in Deutschland derartiges ausgesprochen worden.   Es wird immer herrschende und dienende Völker geben. Auch die Völker müssen Amboß oder Hammer sein. Ob sie das eine oder das andere werden, liegt in der rechtzeitigen Erkenntnis der Forderungen der Weltlage.   Ist vielleicht beim wachsenden Volk die Bedeutung des Bodens nicht so augenfällig, so blicke man auf den Rückgang und Zerfall, die auch in ihren Anfängen durchaus nicht ohne den Boden verstanden werden können: Ein Volk geht zurück, indem es Boden verliert . Es kann an Zahl abnehmen, aber den Boden zunächst noch festhalten, in dem seine Hilfsquellen liegen. Beginnt es aber von seinem Boden zu verlieren, so ist das sicherlich der Anfang seiner weiteren Zurückdrängung.   Kein Volk ist durch Schläge von außen zertrümmert worden, wenn es nicht schon innen zerrissen und unterwühlt war.   Je passiver ein Volk, um so abhängiger ist es von der Natur, um so energischer wirkt dieselbe auf es zurück. Je tätiger und begabter es hingegen ist, um so mehr entzieht es sich den Einflüssen der Naturumgebung und schreitet sogar, wie wir bei unseren höchststehenden Kulturvölkern wahrnehmen, zu einer weitgehenden Beherrschung derselben fort. Es geht einem solchen Volke mit seiner Weltlage wie einem weisen Mann mit den Lagen, in die ihn das Leben nacheinander versetzt: er weiß sie zu benützen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.   Bei geschichtlichen Erscheinungen, denen Massenwirkungen zugrunde liegen, schwächen die verschiedenen Richtungen der Willenskräfte sich gegenseitig ab, und es ergeben sich ein mittleres Maß und eine mittlere Richtung der Handlung, welche, unter gleichen Bedingungen oft wiederkehrend, genug Regelmäßigkeit erlangen, um mit Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden zu können.   Der Staat erhält sich mit den Mitteln, durch die er entstanden ist; das heißt, daß die natürliche Grundlage des Staates seinem Leben und besonders seinem Wachstum notwendige Ziele und bestimmte Impulse setzt.   Weit entfernt, an der Entwicklung der Menschheit nur passiv beteiligt zu sein, ist der Staat vielmehr eines ihrer wichtigsten Werkzeuge; man kann sagen, er ist eine Triebkraft dieser Entwicklung. Der Staat wirkt durch gewaltsames Sichausbreiten und Zusammenfassen auf dasselbe Ziel hin wie der Verkehr durch friedliches Sichberühren und Austauschen.   Das Wachstum schreitet über die Sippe hinaus nur noch als Wachstum des Staates . Verbinden sich mehrere Sippen zu einem Bunde zu Angriff oder Abwehr, so haben wir in dem neuen Gebilde nur noch den Staat. Der Staat hat zuerst die wirtschaftliche Einheit, dann die verwandtschaftliche Einheit überwunden und überragt und umfaßt sie nun beide; es ist damit die Stufe erreicht, wo nur noch der Staat räumlich zusammenhängend wächst. In dieser Weise ist er dann fort und fort gewachsen, bis zu erdteilgleichen Weltreichen, und vielleicht ist die Grenze dieses Wachstums noch nicht erreicht. Sagt was ihr wollt, die Härte kann schön sein und ist es auch sehr oft, die Weichheit ist immer häßlich. Die Nachgiebigkeit, die Empfindlichkeit, das Schwanken sind absolut häßliche Dinge.   Nur Vertrauen ist die Brücke zwischen dem Feldherrn oben und dem letzten Wachtposten unten. Eine Truppe kann von Ratlosigkeit überfallen werden, daß sie nicht aus noch ein weiß, aber es ist dann immer noch ein Weg zu finden. Mangel an Vertrauen ist eine Herzkrankheit, die den innern Organismus der Truppe so lange schwächt, bis Verzweiflung an allem entsteht. Das Ende der Vertrauenslosigkeit ist der Zusammenbruch: eine Herde, von den bösen Geistern des Ungehorsams und der Furcht auseinandergetrieben.   Wie schön sind die Freundschaftsverhältnisse zwischen Bergsteigern und ihren Führern, die tief wurzeln in dem gemeinsamen Bestehen großer Gefahren, der wechselseitigen Hilfeleistung, vielleicht in der Errettung aus Todesnot. Ähnliche Freundschaften müßten zwischen Offizieren und Soldaten entstehen, müßten sogar häufig sein, wenn nicht die militärische Ordnung dazwischenstünde.   Wir alle haben es beständig nötig, aus unsern egoistischen Schranken, die wir uns kurzsichtigerweise immer wieder aufrichten, herausgeführt zu werden, und zwar nicht in die ähnlich beschaffenen Vorstellungskreise und Empfindungsweisen andrer Einzelmenschen, sondern in die weite, reiche Natur, die nichts von Leid und Lust der Menschen weiß und eben darum beiden so wohltätig ist.   Der Deutsche, der die Geschichte seines Volles vernachlässigt, kommt mir wie ein Mann vor, der statt des edeln alten Weins, den er im Keller hat, Krätzer trinkt. Die Verteilung der Brennpunkte der deutschen Geschichte hat über so viele Landschaften ein Dämmerlicht großer Erinnerungen ausgegossen, daß man sagen kann, der deutsche Boden sei von einem Ende bis zum andern geschichtlich durchgearbeitet. Der Unterschied von den geschichtlichen Landschaften Westeuropas liegt hauptsächlich in dem raschen Wechsel der Schauplätze und dem Mangel eines alten Macht- und Kulturmittelpunkts: keine große Kulturquelle, aber viele kleinen, die in ihrer Art doch wieder groß sind.   Durch die deutsche Geschichte geht lange ein Zug der Zwiespältigkeit zwischen Festhalten an dem sicheren Besitz und Hinausstreben nach ungewissen, erst zu hoffenden Erwerbungen. Der Anschluß an das von der Natur Gegebene hat sich aber jeweils als das beste gezeigt, und den Deutschen ist es, wie jedem Volk, doch immer am wohlsten geworden, wenn sie am festesten ihren angestammten Besitz zusammenhielten und seiner sich erfreuten.   Es war mehr als Kurzsichtigkeit, es war ein Frevel, den Unterschied zwischen Nord und Süd, Ost und West in Deutschland so zu betonen, wie es oft geschehen ist. Zum Wesen Deutschlands gehört es gerade, daß die entferntesten Stämme sich besser verstehen als in vielen anderen Ländern Europas.   Beim Vergleich der germanischen Völkerzweige erschienen mir immer die Deutschen und die Holländer durch die Verbindung von Phlegma und Erregbarkeit ausgezeichnet. Am Tropenkoller laborieren sie beide mehr als andre. Ich teile nicht die naive Ansicht eines amerikanischen Professors, der in dem systematischen Betrieb der Leibesübungen den einzigen Grund sieht, warum sich die Anglokelten besser in der Hand hätten. Er sagt: »Das tägliche Messen der Kräfte birgt die Gefahr der rohesten Prügelei, wenn nicht feste Regeln eingehalten werden; ich kann mich nicht der Gefahr aussetzen, daß mein Gegner beim Fußball Hand an mich legt, wenn ich nicht ganz genau weiß, daß er gewisse Grenzen nicht überschreiten wird.« Insofern jedoch als die Spiele, in denen Entschlossenheit und Kraft den Ausschlag geben, auf die Selbstzucht heilsam zurückwirken, ist auch in dieser Ansicht ein Körnchen Wahrheit.   Aus der Enge europäischer Staatengeschichte ist Deutschland auf den weiteren freieren Plan der Weltgeschichte hinausgetreten. Nicht wie früher bloß seine einzelnen Bürger berühren sich verantwortungslos mit den Völkern der Erde, sondern das Reich erscheint selber an den Küsten des Indischen und des Stillen Ozeans, und die Welt steht gespannt, wie diese jüngste der Mächte, welche der außereuropäischen Menschheit unmittelbar gegenübertreten, die Aufgabe erfassen werde, deren Lösung keiner anderen zur Zufriedenheit gelang. Der einzelne war dem Staate verantwortlich, der Staat ist es der ganzen Welt.   Man sollte Deutschland für wohlvorbereitet halten, sich an dem großen Werke der Erziehung der Menschheit zur Kultur zu beteiligen. Kaum dürfte in einer anderen europäischen Literatur innerhalb der letzten hundert Jahre so viel von der Menschheit gesprochen worden, das große Wort aber auch durch häufigen Gebrauch so abgeschliffen worden sein.   Das Mittelmeer erleichterte durch seine Lage den Verkehr Südeuropas und dann auch Westeuropas mit dem Orient. Die Kultur Vorderasiens und Nordafrikas tritt hier vollständiger, reicher und früher auf als im inneren Europa. Aber die arischen Völker erscheinen nicht auf demselben Wege wie diese Kultur, sondern sie übersteigen die Gebirge, die die südeuropäischen Halbinseln vom Festland trennen, und dringen langsam von Norden her in diese Halbinseln ein. Am frühesten wird Griechenland arisch, dann folgt Italien; Spanien ist die einzige von diesen Halbinseln, die vorarische Bevölkerungen bis heute beherbergt. Das entspricht ganz seiner westlichen Lage. Die Vorgeschichte hat die Überschätzung des Mittelmeeres korrigiert, an der unsere Geschichtsauffassung mangels einer hinreichend weiten Perspektive krankte. Sie zeigt uns, wie jung die griechisch-römischen Einflüsse auf das nordalpine Europa sind, und daß wir hier die wichtigsten Kulturelemente auf nördlicheren Wegen, besonders durch das Donauland empfangen haben, das wahrscheinlich in den arischen Wanderungen die Rolle eines sekundären Ausgangsgebietes gespielt hat. Die Wiege aller Romanen ist das Mittelmeer, in dem und an dessen Rändern des Römische Reich sich entwickelt hat, begünstigt durch die vereinigende Kraft des geschlossenen Meeres. Die Ähnlichkeit der Naturbedingungen und der erleichterte Verkehr beförderten die Verschmelzung zahlreicher verschiedener Völker zu einem.   Die dem Christentum zugeschriebene kosmopolitische Auffassung der Völker und Rassenunterschiede hat ihre Wurzel in der praktischen Völkervereinigung des römischen Weltreiches. Ohne das Römische Reich wäre das Christentum keine Weltreligion geworden. Die Hauptstädte und Verkehrsmittelpunkte dieses Reiches sind die Ausstrahlungspunkte des Urchristentums geworden; auf den römischen Heerstraßen sind die Apostel in alle Welt und zu allen Völkern gezogen, soweit das Römische Reich reichte. Als Rom aufhörte, die Hauptstadt des weltlichen Reiches zu sein, hatte es bereits begonnen, die Hauptstadt des Reiches Christi zu werden. Wenn die Geschichte des Welthandels klar zeigt, daß die letzte Quelle des weitaus größten Teiles des Reichtums der Alten Welt in dem Handel Europas und Afrikas mit Asien zu suchen ist, und die Kulturbedeutung der Schiffahrt und des Handels im Mittelmeer nur wie ein Anhängsel erscheint der außerordentlich fruchtbaren Handelsbeziehungen zwischen Plätzen an den Küsten des Roten und Persischen Meeres und des Indischen Ozeans, so sagt man sich, daß die glückliche Annäherung der tropischen Fülle an die zusammengehaltene Kraft der Kulturzonen in dieser geschichtlich hochbedeutsamen Tatsache zur Ausprägung kommt.   Wir stehen der auffallenden Tatsache gegenüber, daß die Griechen seit dem Altertum ihre Verbreitung nur unbeträchtlich geändert haben. Sie sind auch heute außerhalb des Königreiches immer noch das Insel- und Küstenvolk; und wie einst die Großmachtpolitik Athens an der zu schmalen geographischen Basis zugrunde ging, so werden die großgriechischen politischen Bestrebungen an dem Mangel der zusammenhängenden Verbreitung des griechischen Volkes scheitern. Eine Politik der Seebeherrschung von Küsten und Inseln aus läßt sich nicht mehr mit kleinen Mitteln machen. Das Endurteil ist merkwürdigerweise immer und bei allen sehr günstig für den hart arbeitenden, in engem Kreise und mit schmalem Lohne leicht befriedigten Griechen aus dem Volke und wird immer ungünstiger, in je höhere Schichten es aufsteigt. Die Menschen der Städte an der landschaftlich so schönen griechischen Küste gefallen den Beobachtern viel weniger als die der rauhen Gebirge und Karstflächen des Inneren.   Niemals kommen mir die Anglokelten utilitaristisch platter vor, als wenn sie den Wein- und Biergenuß mit aller seiner Poesie kurzweg in dieselbe Grube wie ihre tierische Whiskyvöllerei werfen. Man muß stumpf sein gegen das Schöne und Gute dieser Erde, wenn man das alte Gold des Rheinweins oder den grünlichen Bernstein des Mosels nur deshalb nicht mehr leuchten sehen will, weil darin ein paar Tropfen von demselben Alkohol sind, der in konzentrierten Dosen den Menschen vertiert.   Was nützt das Namen- und Zahlengedächtnis? Bourienne sagt, Napoleon habe kein Gedächtnis für Eigennamen, Wörter und Daten gehabt, dagegen Tatsachen und Örtlichkeiten, die er einmal gesehen habe, habe er nie vergessen. »Die er einmal gesehen habe«, das ist die Hauptsache daran. Was ich gesehen habe, ist mein Eigentum, was ich gelesen habe, ist nur geliehen. Soweit ich mit Selbstgesehenem, d.i. Selbsterfahrnem arbeite, bin ich original. Wörter und Zahlen lernen, ist das Geschäft eines Wiederkäuers.   Das Leben, welches die Erde veredelt und verschönt, ist ein Ganzes, dessen weit verschiedene Formen die Äußerungen einer Entwicklung sind. Wie die Erde, auf deren Oberfläche es sich entwickelt, eine ist, ist auch dieses Leben eines ; der einzigen Unterlage entspricht der gemeinsame Ursprung.   Ist denn aber die Erde ein Organismus, daß wir es wagen dürfen, das Meer als eines ihrer Hauptorgane zu bezeichnen? Es ist gefährlich, dieses Wort zu gebrauchen, weil es weitsinnig ist und zu schiefen Deutungen herausfordert; aber dem Bilde zu folgen, ist minder gefährlich, als in sein Gegenteil, in die zusammenhangslose, zerstückte Naturauffassung zu verfallen. Es liegt vor allem eine platte Unwahrheit in jener Anschauung, die in der Erde eine tote Masse sieht, welche von einem fremden Kleide reichen Lebens umhüllt ist. Das Leben ist von der Erde unzertrennlich. Unter der scharfen Trennung der Erde oder dessen, was man an ihr als tot ansieht, von dem, was auf ihr lebt, leiden alle Zweige der Biologie und selbst die Physik der Erde samt den von ihr abhängigen Wissenschaften. Unser Geist ist ohnehin der freilich nicht immer leichten, wenn auch stets dankbaren Arbeit des zusammenfassenden Denkens weniger geneigt; er liebt es mehr, den innern Zusammenhang der Dinge zu ahnen, als ihn zu durchdenken.   Die weiten Wege, die hohen Flüge, die großen Zahlen und die ausgedehnten Räume sind dem Geiste des Menschen lästig. Er liebt am meisten, sich mit dem zu beschäftigen, was ohne Anstrengung überblickt, durchmessen, erwogen werden kann. Sich selbst macht er zum Maße der Dinge, sogar in Fragen der Erdgeschichte, in welchen es gar nicht darauf ankommt, was er erlebt, was die ganze historische Zeit erlebt hat. Die mäßigen Dimensionen sind ihm am angenehmsten, weil sie ihm in einem tieferen Sinne kongenial sind.   Menschliches kommt an Menschen nicht heran, ohne weckend, reizend, Wünsche wachrufend, Gedanken zeugend auf dieselben zu wirken. Es folgt am häufigsten Verwerfung des Altgewohnten, begierige Annahme des Neuen; alte Werte sinken, neue werden erst allmählich geschaffen. Man kann diesen Zustand der Unruhe als Gärung bezeichnen; es ist ein innerer Vorgang der Zersetzung, hervorgerufen durch äußeren Eingriff, in welchem Zerstörung und Erneuerung sich verbinden, aber in der Weise, daß zuerst die erstere wirksam wird, auf deren ruinenbesätem Boden dann erst die andere ihr Feld bestellt.   Der Mensch ist ruhelos; er strebt nach möglichster Ausbreitung überall, wo ihn nicht natürliche Schranken starker Art einengen, und jede anthropologische Auffassung, welche nicht dieser Ruhelosigkeit seines Wesens Rechnung trägt, steht auf falscher Grundlage. Die Menschheit muß als eine beständig in gärender Bewegung befindliche Masse betrachtet werden, welcher durch diese Gärung eine große innere Mannigfaltigkeit angeeignet wird. Diese Beweglichkeit ist in verschiedenem Grade vorhanden; aber sie fehlt keinem Volke und keiner Kulturstufe. Sie hat die Tendenz, die Menschheit immer einförmiger zu gestalten, well die Vermischung mit diesen Bewegungen unzertrennlich verbunden ist.   Nicht darin sehe ich das Große des Verkehrs , daß er die Räume verkürzt, daß er die Güter der Erde austauscht und die Volker bereichert, noch viel weniger in der unmittelbaren Hebung der Kultur durch die Verbreitung der Werke einer höheren Stufe, sondern vielmehr in der Annäherung der Volker selbst. Niemand wird dabei an Vereinheitlichung denken. Verwischen der Unterschiede, das wäre der Friede des Kirchhofes. Das Leben braucht Gegensätze. Klüfte sind notwendig, aber nur dort, wo die Natur sie wollte, und wir wollen sie nicht tiefer, als die Geschichte sie gemacht hat.   Wenn das Leben des Menschen im allgemeinen ein Kampf mit der Natur genannt werden kann, so ist der Kampf mit der organischen Natur der eindringendste und zäheste, zumal ihn der Mensch nicht allein, sondern unterstützt von jenen Geschöpfen und Gebilden der organischen Natur führt, welche er sich unterzuordnen oder zu gesellen vermag.   Der Kampf ums Dasein wird durch den Raum, der ihm gewährt wird, ebenso beeinflußt, wie jene Höhepunkte bewaffneter Konflikte der Menschen, die wir bezeichnenderweise Schlachten nennen. Dieser Kampf läßt sich wie die Schlacht auf vor- und zurückdrängende Bewegungen zurückführen. Auf weitem Raume kann der Gegner ausweichen, auf engem wird der Kampf verzweifelt und entscheidend, weil kein Ausweg bleibt. Die Größe des Kampfplatzes ist also von entscheidender Bedeutung. Merkwürdigerweise wird das bei solcher Vermehrung endlich mit Notwendigkeit entstehende Mißverhältnis zwischen diesem fortwachsenden Leben und dem Raum, über den es sich ausbreiten will, nicht mehr für die Gesamterde betont, wiewohl darin die Ursache aller weiteren Mißverhältnisse gelegen ist.   Wie dunkel sind die Zusammenhänge alle noch! Wie fremd steht uns unsere eigene Einfügung in diese Welt, die Abhängigkeiten, die Einflüsse und Gegenwirkungen, die sie bringt und zu denen sie nötigt, vor uns! Sie ist ein Stück unseres Wesens, und sie erschreckt uns doch immer noch, wenn wir sie einmal in den hellen Augenblicken, in denen wir auf den Grund der Dinge sehen zu können vermeinen, gewahr werden, wie uns manchmal der eigene Schatten erschreckt, wenn er aus dem Dunkel des Waldes vor uns her auf eine weiße mondbeschienene Landstraße hinausgeht.   Alles Neue wird einmal alt. Neu ist ein Augenblickswort, das ebenso rasch veraltet wie die Neuheit des Gegenstandes, den es bezeichnete. Es ist deswegen widersinnig, das Wort lange über den Zeitpunkt hinaus fortzuführen, für welchen es bestimmt war.   Große Naturschilderei haben gerade wie große Landschafter das rechte Wort, die treffendste Linie nur angesichts der Erscheinung empfangen; selten wird ein wirklich bedeutendes Landschaftsbild nur aus der Erinnerung gemalt sein. Die unscheinbare Skizze enthält allein das, was den Zauber der Wirklichkeit ausmacht, die Wahrheit des Besonderen, das mit der allgemeinen Naturwahrheit vereinigt sein muß. So wird auch eine Naturschilderung in der Hauptsache immer ein Bild von großen Zügen sein; aber es muß im Vordergrund auch Einzelheiten zeigen, selbst sehr kleine, scheinbar unbedeutende, wenn sie nur etwas Großes zu sagen haben. Es gibt ein freies Verfügen über die gewonnenen Eindrücke, das nur die größten Naturkenner unter den Dichtern und Künstlern haben; nur sie treffen das Richtige, auch wenn sie es nicht gerade eben gesehen oder gehört haben? es liegt in der Tiefe ihres Erlebens und Mitlebens, daß sie gerade das Wesentliche und Treffende festhalten und bereit haben.   Wenn durch die Mühen von Hunderten ein bestimmter Betrag von Vorarbeiten geleistet ist, erscheint je und je ein umfassender Geist, der die Menge der Einzelleistungen zusammenfaßt und durch große Gedanken gleichsam durchleuchtet. Diese Gedanken wirken als Methoden, Systeme, Theorien wieder auf die Nachfolger, für die sie die Richtungen erneuter Einzuarbeiten bestimmen, bis ein neuer Schöpfer ein neues Licht über die mühsam zutage gebrachten Funde wirft. Dieser Prozeß spielt sich natürlich nicht so ab, wie wenn in der Uhr nach sechzig unscheinbaren Minuten bei der einundsechzigsten die Glocke aushebt, die mit tönenden Schlägen die vollbrachte Stunde verkündet. Auch die genialen Forscher arbeiten sich mühsam durch die Einzelprobleme hindurch, und auch aus den Werkstätten, wo gewöhnlich nur Teile zu großen Ganzen hergestellt werden, gehen weltbewegende abgeschlossene Entdeckungen hervor. Doch zeigt uns die Geschichte der Wissenschaften im großen immer das gleiche Bild jener Aufeinanderfolge.   Der Gang der Entwicklung läßt gar nicht zu, daß die Wissenschaft sich in engen Kreisen zunftmäßiger Arbeiter vollende. Sie braucht das Mittun und Mitdenken vieler. Und diese vielen kommen gerade bei uns freiwillig und legen freudig Hand an, weil sie wissen, daß sie an einem großen Werke mitschaffen. Nur wo diese kleinen Einzelleistungen von vielen übernommen werden, finden die genialen schöpferischen Geister sich den Boden bereitet. Aus dem eigenen Leben Kindheit Es gibt prosaische Menschen, die unser sehnsüchtiges Zurückerinnern an die Kindheit als etwas Leeres, Hohles verlachen. Sie wollen im besten Fall einen Traum darin sehen. Wie sehr irren sich die! Ich brauche nur in die »Kinder- und Hausmärchen« hineinzulesen, so werde ich wieder des Gefühls inne, mit dem ich sie zuerst vernahm, und es beginnt aus den Fernen und den Tiefen der Erinnerung her zu leuchten und zu glänzen von dem ungeheuern Reichtum, den das Kind daran hat, daß es alles glaubt, auch das Wunderbarste, und vor allem, daß sein Glaube allem Toten Leben gibt. Wieviel größer ist also der Wirklichkeitsbereich des Kindes, wieviel mehr besitzt und beherrscht das Kind, da ihm das Wunderbare gehört, ohne daß es sich darüber wundert, vielmehr sich darin vollkommen zu Hause fühlt. Mir kommt meine Kindheit nicht eng und nicht arm vor, wenn ich auch weiß, daß meine Fähigkeiten und meine Kenntnisse damals noch gering waren, denn vieles bestand damals, was mir die Erziehung und der Unterricht genommen haben, und alles war lebendig, während sich mir heute die Welt in eine große, weite, tote Hälfte und eine kleine teilt, die mit Leben begabt ist.   Was ist die Poesie der Jugend? Vergangenheit! Ich vergleiche sie den blauen Bergen in der Ferne, den ungreifbaren Wolken des Sonnenaufgangs und Untergangs, der kristallnen Tiefe des Weltmeers, dem vergangnen Frühling, kurz dem Fernen und dem Gestrigen, allem, was nur aus der Entfernung herleuchtet. Man mag von Leuten sagen, sie hätten sich ihre Fugend bewahrt, von Greisen sogar, sie hätten sich verjüngt: mit echter Jugend hat das nichts zu tun, die kommt in jedem Leben nur einmal vor. Wie Knospen und Blühen ihre Zeit haben, hat Jugend ihre Zeit. Die Sammelleidenschaft, die in der Neugier und in der Anhänglichkeit an einmal Besessenes wurzelte und aus meiner Tischschublade einen Gerümpelschrank machte, wo alte Nägel und Hufeisen neben Kieselsteinen und Papierstückchen lagen, deren Wert nur mir allein bekannt war, hat mich durch meine ganze Jugend begleitet; an ihrem Faden bin ich später zu den ernsteren Studien gelangt. Sie nahm nacheinander die sonderbarsten Formen an. Liebhabereien, sonderbares Wort! Oft bin ich dir in meinem Leben begegnet und habe dir nicht nachgedacht. Als aus der Liebhaberei wissenschaftliche Arbeit geworden war, kam es mir zum erstenmal in den Sinn, wie du eigentlich geringschätzig lauten möchtest und doch so manches Edle meinst. Wie manche Liebhaberei ist das einzige, was ein Mensch auf dieser Welt lieb hat und lieb haben kann! Ich habe aus meinem ganzen ersten Schuljahre nur die eine Szene in ganz heller Erinnerung, als uns eine herrliche Bergkristalldruse gezeigt wurde. Die muß meine Liebe zu den Kristallen zuerst wachgerufen haben. Leid tat es mir nur, daß sie in einem so staubigen Glaskästchen wie eingefangen saß. Weil ich leicht lernte, stand ich schon zur Elementarschule wie später zur Universität: ich ergriff, was mir gefiel, und hielt mich an keinen strengen Gang. Was ich gelernt habe, ist selbst erarbeitet, die Schulen aller Zelten haben mich immer nur angeregt und mir Wege gezeigt, darunter auch Holzwege. Für den Glauben fehlte mir alles Verständnis. Gerade weil ich glaubte, begriff ich nicht, was Glaube sei. Man sollte mit diesem Worte die Jugend nicht quälen, sie glaubt ja ohnehin mehr, als nötig ist, und zuviel bestimmten Glauben von ihr fordern, heißt sie zum Zweifel herausfordern. Die Jugend kann auch nicht den abgeklärten Glauben dessen haben, der einmal geglaubt hatte und nun aus dem Zweifel zum Wiederglauben emporsteigt, in dem er sich glücklich fühlt, einem Geber des Guten Dank zu wissen und überhaupt einen Herrn über sich zu wissen. Mir blieb Glaube ein leeres Wort, dessen Sinn ich erst zu ahnen begann, als die Sache selbst ins Wanken kam.   Von dem, was das Leben wirklich ausmacht, wußte ich aber damals so wenig, daß ich mir im Rückblick auf jene Zeit wie einer vorkam, der am Strome hingeht, in den andre untertauchen. Dagegen fühlte ich mich im Leben der Natur immer heimischer. Da schwamm ich immer weiter hinaus.   Alemannische Heimat Unser Land besteht aus gelblichem Keupersandstein, der ziemlich weich, und aus schiefrigem Ton, der sehr welch ist? deshalb steigt man beständig rundliche Hügel hinan, die nicht sehr hoch, und breite Mulden hinab, die nicht sehr tief sind. In den Mulden gehn stille Bäche unter Erlen über grüne, wohldränierte Wiesen, an ihnen ziehn sich Dörfchen von mäßiger Größe hin, an den Hängen liegen die Felder, und oben stehn dunkle Wälder mit ganz geraden Rändern. Es ist eine weiche, liebliche Welt, für den Menschen wie gemacht, dem sie keine großen Beschwerden entgegensetzt, und diese Welt besteht wieder aus ebensovielen kleinen Welten, als Dörfer sich um Kirchtürme gesammelt haben, jede von der andern so weit entfernt, daß sich die Herren Pfarrer und andre, die übrige Zeit haben, bequem an schönen Nachmittagen besuchen können. Oben auf den Höhen laufen die bequemen Landstraßen, unten in den Tälern die lauschigen Fußwege, die diese kleinen Welten untereinander und mit der weitem Welt draußen verbinden. An den Landstraßen stehn große Obstbäume und längs den Fußwegen an den Bächen Erlen, deren Blätter fast schwarzgrün und glänzend sind, und wo Wege über Wiesen führen, Hecken, die Brombeere und Waldrebe dicht übersponnen haben. Es liegt in der Natur eines solchen Landes, daß es viele idyllische Winkel hat, und die Menschen, die sich darin angesiedelt haben, haben viele Jahrhunderte lang dazu beigetragen, solche Winkel zu hegen und zu vermehren. In der Geographie nennt man unser Land ein welliges Land, ein welliges Hügelland. Wer diesen Namen liest, ohne das Hand gesehen zu haben, was kann er sich dabei denken? Ich habe mir auf der Schulbank gar nichts dabei gedacht, oder wenn ich mich einmal zum Denken aufschwang, so erweckte das Wort »wellig« höchstens die Vorstellung, wie unterhaltend es sein müsse, eine wellige Wiese herabzurollen, wo man von dem Stoß der obern Welle aus dem Tal darunter über die zweite Welle wegbefördert würde, und so immer weiter mit beschleunigter Geschwindigkeit. Jetzt, wo ich es jahrelang gesehen habe, weiß ich das ganz anders. Unser Land ist wellig, das heißt, daß die Häuser und Höfe bald oben und bald unten sind, wie die Schiffe auf wogender See. Man geht leicht einen Abhang hinab, ohne es zu merken, zehn Schritte vielleicht, und wie man sich umsieht, ist der Hof verschwunden, der eben noch hinter uns stand, vielleicht sieht man noch eben seinen neu aufgesetzten Schornstein, das einzige Weiße zwischen Himmel und Wiese, zwischen Blau und Grün und an dem braunen Hause. Dafür taucht auf der andern Seite ein glänzender Kirchturmhahn auf oder die Kreuzung von zwei Dachsparren oder die lange Horizontale eines Scheunendaches; noch viel öfter schwillt und quillt das Dunkel einer Baumkrone wie das tiefe Schattenbild einer Wolke hervor. Alle paar Schritte ändert sich das Bild, immer ist es im Wachsen oder Abnehmen, wie angesteckt vom Mond mit seiner Wandelbarkeit. Ein solches Land zerlegt die Aussichten in Höhenschichten. Von einem Punkte über Eichelberg, wo ich gern lag, sah ich zuerst einen breiten, grünen Rücken, den man für flach gehalten hätte, wenn nicht alle Ackerfurchen und Raine auf ihm im Bogen verlaufen wären, dann den blendend weißen Turm von Altenloch mit einer grauschwarzen Zwiebelkuppel, Einsam steht er wie ein Leuchtturm am wogenden Meere; das Schiff der Kirche sieht man von hier nicht. Dahinter und darüber zieht ein dunkler Waldsaum, den überragen noch eben ein paar Baumkronen und das lange braune Dach von einem ganz oben liegenden Hof. Soviel Dinge ich sehe, soviel Bodenschwellen ziehn von mir hinaus. Und da Kirchtürme, Scheunendächer und die Kronen von Eichen-, Ahorn- und Birnbäumen immer am höchsten ragen, bilden sie eine Art von Aristokratie in dieser Landschaft. Nur Raubvögel, die man manchmal über ihnen kreisen sieht, streben noch höher hinaus. Und über allem schweben die Wolken, die wegen der höheren Berge, die nicht fern sind, und wegen des feuchten und warmen Rheintals auf der andern Seite oft sehr schön sind. Wir haben besonders schöne, leuchtend weiße Wolkenballen des Nachmittags und herrliche Wolkenschichten über den blauen Westbergen des Abends. Frühmorgens liegen im Spätsommer und Herbst weiße Wolkendecken und -schlangen im Rheintal. Da es in unserm Lande sehr viel einzelne Höfe und hohe Bäume im Felde gibt, hat jede Bodenwelle ihr Besondres. Eine trägt Wiesen und schaut hellgrün über eine andre mit goldbraunen Haferfeldern, und darüber hinaus wogt es Walddunkel. Ein unvergeßlich anheimelndes Bild ist der Hof mit seinem langen, hohen Dach, das stolz den reichen Erntesegen birgt, die Glocke darauf, die zur Arbeit und zur Rast ruft, und darüber steigt die dunkle Krone eines mächtigen Ahornbaums wie eine Abendsommerwolke in den Himmel hinein. Auch daß die Bäume vereinzelt oder in kleinen Gruppen auf den Höfen stehn, gibt dem Land eine Art von Sprache. Denn jeder Baum meint etwas: der beschattet eine kleine Kapelle, bis zu der am Erntefest die Dankprozession geht, dort steht zwischen zwei Linden ein uraltes Kreuz, dessen Grundstein in den Boden gesunken ist; jene Eiche, deren dunkle Blättergruppen so phantastische eckige Figuren in den Himmel schneiden, steht auf der Grenze von vier Dorfgemarkungen, und unter dem Holzbirnbaum dort, dessen Krone so sonderbar niederflutet, ist der alte X-Bauer gestorben, den auf seinem nahe Felde beim Grummetladen der Schlag getroffen hat; man liest die Tafel dort. So sagt jeder Baum sein Sprüchlein, und die, die keins wissen, fragen dich: Warum steh ich gerade auf diesem Hügel, am Rande dieser Mulde oder an diesem Hohlwege? Da nun auch noch dazukommt, daß gerade wie die Höfe und die Bäume so auch die Wege auf- und untertauchen, so daß man nur immer Stücke davon sieht und ihren Zusammenhang sich aus der allgemeinen Richtung denken muß, so ist das ein gesprächiges, unterhaltliches Land. Und wer über diese Hügelwellen von Dorf zu Dorf wandert, ist sozusagen nie allein und kommt nie aus der Gesellschaft heraus. Früher muß es noch anders gewesen sein, als auf den Höhen Burgen standen, deren Reste man aufgedeckt hat, sogar römische. Auch Galgen und Ding- oder Richtstätten, diese mit niedern Steinkreuzen bezeichnet, gab es in angemessenen Entfernungen. Hoffentlich waren es mehr als nötig; wenn nicht, war jene Welt noch schlechter als unsre. Sicherlich gibt es jetzt mehr Felder und Menschen. Höchstens die steinigen Höhen und Rücken liegen brach, das verkünden von weitem schon die hohen gelbblumigen Königskerzen, die kleinen violetten Astern und purpurnen Disteln, die steinigen Boden lieben. Wenn der Acker bestellt und wieder wenn er gemäht wird, was bei uns durchaus mit der Sense geschieht, ist die Landschaft reich belebt. Doch bleibt sie fast immer gleich still, was Laute anbetrifft. Ein Ruf, der die Pferde ermuntert, ein kurzes Befehlswort des Bauern an den Knecht, ein Rabenschrei ist stundenlang alles, was man hört. Die Hauptarbeiten: Pflügen, Säen und Ernten vollziehn sich in aller Stille; sie sind zu schwer, als daß die Lust zum Reden oder Singen aufkäme. Anders ist es im Spätjahr, wenn sie erledigt sind. Dann steigen aus den Ackerfurchen die blauen qualmenden Rauchsäulen des verbrannten Unkrauts, dessen Geruch der Luft weithin eine Schärfe erteilt, und die begrasten Bühel, wo man Ziegen und Schafe und die kleinsten magersten Kühe zur Weide treibt, umwölkt der Rauch der Hirtenfeuer, die einen seltsamen Eindruck besonders am Abend machen, wenn dunkle Gestalten um sie schwanken. In derselben Zeit gehn die Kühe und die Rinder zur Weide auf die Wiesen, und die Landschaft bekommt einen niederländischen Zug. Auf einzelnen Waldwiesen, auf Stoppelfeldern und abgeernteten Kleeäckern werden ganze Herden von Kühen, stolze Tiere, die zu sagen scheinen: Unser Herr ist ein reicher Bauer, verwechsle uns nicht mit den Kühlein armer Leute; diese sieht man genügsam und einsam an Rainen grasen. An einem Waldeck steht ein uralter Grenzstein, um ihn drei mächtige Buchen, gleichsam eine Vorhalle, einen Vorhof des Waldes bildend, in dessen Dunkel man nun eintritt.   Werdendes Schaffen   Woher sollte mir eine Vorstellung von der Begrenztheit meines Verstandes gekommen sein? Niemand kann jemals Autodidakt in einem reineren, ich möchte sagen verwegeneren Sinne gewesen sein als ich in jener Zeit. Der Gedanke, jemand zu fragen, der es besser verstünde als ich, kam mir überhaupt niemals ln den Sinn, war mir doch sogar in der Schule niemand gegenübergetreten, dem ich ein tieferes oder reicheres Wissen zutraute, als ich leichtlich zu erwerben hoffte. In der Tat, es war ein ganz folgerichtiges und rücksichtsloses System des Selbstunterrichts, dem ich folgte, und es gab davon keine Ausnahme. In keiner spätem Zeit meines Lebens verfügte ich über so ausgebreitete und mannigfaltige Kenntnisse wie im Sommer 1861, wo ich drei Monate lang jeden Morgen von drei bis sechs und dazu noch manche Abendstunden über meinen Heften saß, rastlos eintragend und nachlesend.   Im Grunde gefiel mir eben fast jedes Buch schon von außen, denn es war immer eine Verheißung, und eine Ausnahme davon machten nur die »roh« versandten, die man erst heften lassen mußte. Zu diesem Genusse, Bücher zu sehen und zu fühlen, aufzuschneiden und anzulesen, brachte der Lesezirkel noch den andern der Verteilung der Bände und Hefte an die Abonnenten.   Starke Neigungen zogen mich in zwei Richtungen von der literarischen Näscherei dieses zerstreuten Lesens ab: das Streben, fremde Sprachen zu kennen, und die starke Wirkung der Natur, sei es im Freien, wo sie bei jedem Gange ins Feld hinaus wie berauschend auf mich wirkte, sei es in den naturwissenschaftlichen Werken.   Erlebnis der Geschichte Auf der Ruine von Sternberg kam wie ein Gesicht das Gefühl der Vergangenheit über mich. Ich hatte von den Alten und dem Altertum sprechen hören und mit gesprochen, gefühlt hatte ich es nie. Da lag ich in den dunkeln Basaltblöcken, aus denen die Ringmauer der alten Burg besteht, der man römische Fundamente zuschreibt, schlürfte den Geruch des Goldlacks ein, der in ihren Ritzen wild wächst, und bewunderte die prächtige Plattform der fremdartigen Aristolochia. Ein Trauermantel, der mich und diese Blumen umflog, kam mir wie ein Bote der Vorwelt vor. Ich dachte an die Ritter, die Mönche, die Römer, und es kam ein Gefühl von Weite über mich, als ob sich mein Gesichtskreis ins Ungemessene ausdehne, und doch wieder war mir die Vergangenheit so nahe, als träten die alten Gestalten aus den Nischen und schauten aus den halbgebrochnen Fensterbogen. Es war wie ein Zurückversetztwerden um Jahrhunderte und ein Wiederzurückkehren in die Gegenwart mit neuen Erfahrungen von alten Menschen und Taten. Nie werde ich den seltsamen Zustand vergessen, worin ich den Berg hinabstieg; es war mir, als sei mein bestes Teil dort zurückgeblieben. Es war, wie wenn jemand etwas Großes gelernt hat, das er nun zum erstenmal ganz erfaßt. Ich habe von da an alles Geschichtliche liebgewonnen und leichter aufgenommen.   Soldatentum 1870/71 Die Schwüle vor dem weltgeschichtlichen Gewitter des Sommers 1870 ist keine Stilblüte der Geschichtschreiber; sie lag wirklich in der Luft und drückte auf die Gemüter, die allmählich des Hangens und Bangens der deutschen Einheitsbestrebungen, die nicht zum Ziele kamen, der französischen Drohungen, denen keine Taten folgten, und des österreichischen Rachegefühls, das dumpf brütete, müde wurden. Heil dem Krieg, der kommen muß , und der alles in die rechte Ordnung rüttelt! rief es in jungen Gemütern, die sich des Krieges von 1866 erinnerten, wie er als ein die Luft reinigendes Gewitter schrecklich hereingebrochen und heilsam vorübergezogen war, heilsam auch für den Feind, der unterlegen war.   Wenn ich zurückschaue, erscheint mir das Volk Süddeutschlands ln jenen Tagen [1870] wie ein zwischen Schlaf und Wachen ringendes. Weil es gesund war, mußte es erwachen. Wie eine lebenskräftige Idee Leben schafft, das Zeigte in jenen Jahren die gewaltige Wirkung des vaterländischen Gedankens im deutschen Volk. Es ging ein allgemeines Wecken dessen, was in Schlummer versunken war, hindurch. Das war der wahre Sinn der Barbarossasage, die zu dieser Zeit gerade deshalb so volkstümlich wurde, weil man in der eignen Brust das Erwachen vaterländischer Wünsche und Hoffnungen erlebte. Wie wirr auch in dem großen Kessel Deutschland, das damals noch Großdeutschland war, die Stämme und die Parteien durcheinander brodelten, es stieg ein einziger Rauch aus ihm zum Himmel, immer wärmer und immer dichter. Obgleich ich etwas Unbekanntem entgegenging, und hinter mir im tiefsten Schmerz meine Eltern ließ, erfüllte mich doch eine eigentümliche Freude, wie ich sie noch nie empfunden hatte; es schien mir, als sei mein ganzes Wesen, Geist und Leib, von dieser Freude ergriffen und durchdrungen von dem Augenblick an, wo ich mich entschlossen hatte, mein ganzes Ich einzusetzen. Bei Licht betrachtet, hatte ich viel aufgegeben und wußte nicht, wie sich meine Zukunft gestalten sollte. Aber ich war einig mit mir selbst. Kein Bedenken trübte die Klarheit der innern Erkenntnis dessen, was der Augenblick gebot. Auf die Kältesten und Widerwilligsten wirkte die große Einheit und Klarheit im Wollen und Stieben der Masse. Eine Volksbewegung, in der die Masse nichts Dummes tut, wie ihre Neigung ist, sondern den Winken eines genialen Staatsmannes mit der ganzen Inbrunst folgt, deren die Volksseele fähig ist, imponierte nicht bloß den »Achtundvierzigern«, die ganz andre Volksbewegungen gesehen hatten. Hier war in der Tat eine elementare Kraft an der Arbeit. Über die große Erregung des Augenblicks hinaus lag das weit über den Gesichtskreis dieser bewegten Tage hinausziehende Gefühl, an großen Taten, auch an großen Gefahren teil zu haben, und die Aufforderung, die daraus an jeden erging, für beides die besten Kräfte bereit zu halten.   Es gehört ungeheuer wenig von seiten eines Vorgesetzten dazu, sich in den bessern Elementen seiner Untergebenen – und das ist die Mehrzahl – anhängliche Leute zu erziehen, die ihm jeden Wunsch an den Augen absehen und für ihn durchs Feuer gehen. Leichter bildet sich ja ein innigeres Verhältnis zwischen Kameraden, die in Reih und Glied nebeneinander marschieren; Stand, Besitz oder Bildung machen dabei keinen Unterschied, denn in diesem Augenblicke sind sie demselben Gesetz unterworfen, fesselt sie dieselbe Disziplin und leitet ihr Denken und Tun dieselbe Notwendigkeit der Ausebnung aller persönlichen Wünsche und Bestrebungen durch die Zugehörigkeit zu einer Masse von Männern gleichen Alters, gleichen Berufs und gleicher Pflichten. Ich möchte mich aber durchaus nicht darauf beschränken, zu sagen, das Leben in Reih und Glied sei der Freundschaft günstig; es handelt sich um etwas mehr. Ich habe erfahren, wie dieses Leben die ewigen Grundlagen menschlicher Gleichnatur im tiefsten Grunde männlicher Seelen aufgräbt und Quellen erschließt, die für gewöhnlich nur in engen Spalten mühsam tröpfeln oder rieseln. Not und Gefahr vereinigte entlegene Quelladern, und als starker Strom, der großer Leistung fähig ist, traten sie zutage. Was alles sich unter diesen Verhältnissen an Beziehungen von Mensch zu Mensch entwickelt, will ich gar nicht mit dem allgemeinen Namen Freundschaft decken, denn es spielt hier Achtung, Bewunderung, Nacheiferung, Schutz- und Anlehnungsbedürfnis, kurz eine Reihe von elementaren Gefühlen hinein, deren gleicher Natur sich die Menschen in andern Lagen kaum jemals so inne werden. Wann werden wir im bürgerlichen Leben uns des kaltblütigen Mutes bewußt, der ohne Wimperzucken dem Tode entgegengeht? Nun wohl, gerade auf dem Bewußtsein der Gemeinsamkeit dieser Eigenschaft habe ich die festesten Freundschaften, die zum Opfer des Besten, was jeder hatte, befähigten, entstehn sehen. Jede von ihnen hat freilich der Tod sehr früh gelöst, was man ja fast natürlich finden möchte, wenn man bedenkt, daß eben die Unkenntnis aller Todesfurcht ihr Kitt gewesen war. Was bedeutet aber die Zeit in dem Leben großer Gefühle? Eine Blume, die nur eine Stunde geblüht hat, macht mich solange glücklich, wie ihre Erinnerung in meiner Seele nicht verwelkt, wie ihr Duft durch mein frohes Gedenken zieht.   Ich lernte ertragen, was mich am fremdartigsten berührt hatte, nie einsam mit meinen Gedanken zu sein. Eine große Sache für Menschen, die sich Sinnen und Denken zur Lebensaufgabe gemacht haben!   Wie wenig kennt der unsre alemannischen Bauern, der da meint, ihr inneres Leben sei so einförmig wie ihre Tagewerke und so einfach wie ihre einsilbige Rede! Die Kunst der Beurteilung der Menschen wäre leicht, wenn sie sich auf das beschränken könnte, was einer spricht; man muß aber mindestens zu ahnen wissen, was unter seinem Schweigen liegt. Die Augen deuten es an, und die Handlungen sprechen es oft mit überraschender Deutlichkeit aus. Vieles kommt erst zum Vorschein, wenn die Wärme einer herzlichen Liebe das Mißtrauen durchschmilzt, das die Herzen einfacher Leute umschalt und preßt, so daß sie sich kaum regen können und verlernen, in Freude oder Schmerz höher zu schlagen. Der Bauernsohn marschiert von vornherein anders als das Stadtkind, ei ist besonders ein Virtuos im leichten Wegschreiten über Feld und Stein, besonders über frischgeackertes Feld, wo am schwersten durchzukommen ist. Solche Märsche sind ja sehr oft der Anfang einer Schlacht oder eines Gefechts, und sie ermüden einen Teil der Mannschaft außerordentlich und gewiß zur Unzeit. Die Kompagnien in eine breite Front auseinandergezogen, der Schützenzug ein paar hundert Schritte zurück, so sieht man sie durch Schollen und über Löcher hin sich vorarbeiten; immer ein mühseliger Anfang. Wieviel frischer und heiterer geht es auf braunem Heideboden vorwärts, wie man ihn in den Vogesenhöhen und wieder auf den Hügeln an der Sarthe hatte! Um über frischgepflügten Acker mit Behagen hinzusteigen, mußt du in der Furche hinter dem Pflug gegangen sein und mit harter Sohle die Erdschollen zertreten oder zur Seite geschleudert haben; Spaziergänger, die nur Pflaster und Asphalt betreten, lernen nie diese volle Rücksichtslosigkeit des »durch« und »drauf«. Solange der Soldat nicht stumpfsinnig geworden ist, bietet er seine letzten Kräfte auf, in seinem Verbande zu bleiben. Ich möchte sagen: in Reih und Glied zu bleiben, ist die Bedingung des guten Gewissens beim Soldaten. Er schleppt sich in seinem Bataillon mit, bis er zusammenbricht. Der Soldat, der seine Nebenmänner, seinen Vor- und Hintermann verläßt, mit denen er sozusagen verwachsen sein muß, gibt sich selbst auf, ist kein rechter Soldat mehr, ist, auch rein menschlich genommen, ein Tor oder ein Subjekt, das auf Schlechtes sinnt. Die Entfernung zwischen ihm und der Truppe nimmt nicht bloß räumlich rasch zu; sie wächst moralisch mit der Entfernung noch schneller, verderblich und verführerisch schnell.   Nachtmarsch, bei deinem Namen senkt sichs düster wie späte Dämmerung um mich herab, und ich höre die Kolonne schlurfend, schweigend dahinziehn. Töne, die am Tage verwehen oder sich im Licht verflüchtigen, werden nun laut; man hört jeden Fehltritt, jedes Straucheln und das Klappern des Schlosses, wenn das Gewehr von der einen müden Schulter auf die andre wandert. Das dumpfe Rollen der Geschütze und Protzen und der Marsch der Kanoniere, die ganz hinten in der Kolonne kommen, machen jetzt eine ganz besondre Musik, Säbelscheiden, Karabiner, Satteltaschen, Schmierbüchsen, und was sonst um Pferde und Geschütze baumelt, klingt darein. Aber man hört auch aus dem tastenden Tritt der Hufe die Müdigkeit der Pferde. Der Krieg ist für den Soldaten die Zeit des schroffsten Wechsels aller Lebensbedingungen. Er besingt diesen Zustand, ohne ihn viel zu bedenken, selbst fast jeden Tag, wenn er in den Morgen hineinmarschiert. Berge – Meere – Leben Man findet erfahrungsgemäß den besten Ausdruck für eine Naturerscheinung nur, indem man Aug in Aug ihr gegenübersteht. Wer aus der Erinnerung schildert, wird unwahr, ohne es zu wollen, häufiger noch flach, uninteressant. Nur das Detail fesselt. Dieses Details muß der Naturschilderer ebenso kundig sein wie der Naturforscher des Wesens der Naturvorgänge. Auch jener muß über ein Wissen von den Dingen der Natur verfügen, und wie der Naturforscher im Museum und Herbar, bewahrt er den Rohstoff seiner Darstellungen, das Material, worüber er denkt und welches ihm Gedanken zubringt, in seinen Tagebüchern. Man lese Heinrich Noë und frage sich, ob dessen allzeit treffendster, echtester, lebendigster Ausdruck anders als angesichts der Natur, die da geschildert ward, gefunden werden konnte. Erinnerung ist kein reines Spiegeln, sondern ein Verkleinern, Verschieben, Vermischen. Mit vollem Rechte sind wir vor allem empfindlich gegen Übertreibungen auf diesem Gebiete. Lieber gar keine Schilderungen als Verzerrungen, hinter welchen sich Unfähigkeit verbirgt. Die Naturschilderung erweist gerade in dieser starken Abneigung, wie enge Beziehungen sie zur wissenschaftlichen Auffassung der Natur bewahrt hat. Und wenn wir dem Maler und Dichter Phantasielandschaften gestatten, so gehört es doch zum größten Ruhme so mächtiger Geister wie Goethe und Lenau, der Natur immer in verehrungsvoller Treue genaht zu sein und über die Grenze des Wahren höchstens in das Gebiet des Wahrscheinlichen abgeschweift zu sein.   Ist Naturgenuß ein Erlebnis, so ist der Blick dem Berggipfel ein Erlebnis voll Überraschungen. Indem ich das Stück Welt, das ich durchwandert habe, vom Gipfel herab betrachte, erscheint mir alles anders als vorher. Mein Gesichtspunkt ist ein neuer, und so ist auch das neu, was in meinen Gesichtskreis tritt. Kein Ausblick in der Ebene, auch nicht der Blick aufs Meer vergleicht sich der Aussicht von einem Hochgebirgsgipfel an Mannigfaltigkeit und Größe; keinem ist so viel Fesselndes zu eigen, dessen Geheimnis wie unbestimmte Fragen und wie Aufforderungen, groß und tief zu denken, sich an die Seele drängt. Der Berggipfel liegt immer in einer anderen Zone als die Hänge, diese in einer anderen als der Fuß. Der Berg knüpft daher eine Verbindung zwischen der Erdoberfläche und den höheren Schichten der Atmosphäre, deren Erscheinungen er tiefer hinabträgt, teilweise hinabgleiten läßt, wobei durch die Abstufungen des Gefälles, der Wärme, des Druckes, der Niederschläge und des organischen Lebens eine Fülle mannigfaltiger Erscheinungen und eine, jede Landschaft und damit natürlich die Gesamterde bereichernde Allmählichkeit des Überganges stattfindet.   Ein schöneres Wandern als in einem Gebirgstale ist nicht leicht zu denken; die Täler schließen nicht bloß den Geologen und Geographen die Erdoberfläche auf, sie tun es auch, und zwar viel freigebiger und bedingungsloser noch, der einfachsten Betrachtung, die, ohne nach Gründen zu fragen, sich an den Dingen erfreut, wie sie sind. Nirgends gibt sich die Natur reicher, in keiner andern Form bietet sie dem Blicke eine solche Fülle von Erscheinungen so zusammengefaßt. Schon die Form der Täler, ihr Grund, ihre Abhänge, welche meist in Hügel oder Bergreihen gegliedert, vielfach gegeneinander verschoben sind und in wechselnde Höhen sich erheben, begünstigt reichste Entfaltung der Formen und der Beziehungen des Erdreichs, der Felsen und aller Dinge, die auf ihnen leben, vorab der Gewächse. Ein Blick über die Ebene ist nur im Freien zu gewinnen und verliert durch die Verkürzung, die bald alles einförmig erscheinen läßt; aber in den Tälern bieten sich die Abhänge in der günstigsten Weise zur Betrachtung dar und umgeben dich oft von allen Seiten, als ob die sonst so dicht geschlossene Erde sich da zu einer halboffenen, farben- und formenreichen Riesenblume erhoben habe. Und dann ist ein Tal ein organisches Ganzes, in welchem nichts aus der Beziehung fällt, in welcher alle einzelnen Stücke desselben zueinanderstehen; der Bach oder Fluß, der sich das Tal geschaffen hat, faßt dessen einzelne Abschnitte wie Perlen an eine Silberschnur, und so durchstreift man, indem man sie verfolgt, keine Masse von unabhängigen, oft einander gänzlich widersprechenden Szenen, wie auf Ebenen oder in den Höhen, sondern geht sichtlich einem der Fäden nach, an denen die Natur ein Stück Erdgeschichte spinnt. Da ist alles auseinander hervorgewachsen, liegt nun in verschiedenen Entwicklungsstufen vor uns, und eines ist vollendet, während das andere erst im Werden ist; darum gibt es alte und junge Talstrecken, und wie an einem Baum ist das Hauptteil älter als die Zweige, die in es einmünden, und findet sich ein Wurzelsystem, das von den Quellen gespeist wird.   Da wir uns allmählich von der Straße und den Gebäuden des Passes entfernten und so steil, als es nur gehen mochte, an den tiefverschneiten Abhängen anstiegen, um keine Zeit zu verlieren, wurde alles, was das Auge umfassen konnte, immer fremdartiger und einfacher. Da war nichts als das Blau des Himmels, das in allen Richtungen in ungeminderter Wärme und Tiefe von Berg zu Berg gespannt war, und das Weiß des Schnees, das auf der Erde so weit ging, wie der Blick nur reichen mochte; über allem aber stand froh und still das Leuchten einer klaren Morgensonne und die kristallene Ruhe der kalten, ganz reinen, unbewegten Winterluft. Und die beiden Farben waren kaum abgestuft, so daß, wenn sonst der Himmel in seiner Farbeneinheit die bunte Fülle der Erde beruhigend und klärend überwölbt, nun diese selbst nur mit dem einzigen leuchtenden Weiß ihn an allen Enden berührte und anstrahlte. Es ist das mit Worten nicht wohl des weitern zu beschreiben, nur das kann ich sagen, daß dieses ungestörte Zusammenwirken von Sonnengold und Weiß und Blau allem im Gesichtskreis eine wunderbar reine und ruhige Einfachheit, die nirgends aus sich herausstrebte, überbreitete, und daß in dieser Einfachheit ein Fremdartiges, Tiefes lag, das solchen Zustand der Natur kaum mehr den irdischen Dingen vergleichbar erscheinen ließ. Wiederum zeigte hier der schrankenlos herrschende Winter seine schöpferische Macht und trat in ganz anderer Bedeutung hervor als etwa in unfern tieferen Regionen, wo er nur ein kämpfendes, oft früh erliegendes Dasein führen kann. Hier war er reich und mächtig erschienen, hatte höchst freigebig die winterlich verarmte Erde, die Reste der sommerlichen Blütezeit zugedeckt, hatte die Furchen und Schrunde des altverwitterten Erdenangesichts geglättet und den Schutt des gewaltigen Ruinenfeldes, das wir Gebirge nennen, mit seinen reichlichen Spenden mitleidig umhüllt. In Riesenfalten schließt sich diese weiße Hülle dem hagern Leibe des Gebirges an; aber ihre Linien sind nicht hart und gebrochen, sie streben alle zu leichten Bogen und übertreffen jegliches Gestein in der Kühnheit und Mannigfaltigkeit, deren sie besonders an den sturmausgesetzten Punkten fähig sind, wo sie sich oft sehr weit in einer dünnen Schicht von den steilsten Abhängen waagrecht ins Blaue hinausbauen, wo Säulen und Pfeiler voll der phantastischsten Kanten und Aushöhlungen vom Winde zusammengeweht und geglättet sind. In diesen Formen wird der Sturm in seiner ganzen Kraft und Willkür abgezeichnet, und oft liegt so ein durchwühltes Schneefeld wie ein erstarrtes Stück sturmgepeitschten Ozeans vor dir. Es liegt ein eigener Reiz im morgendlichen Herauswandern aus dem Orte, an welchem man sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte; die Sache wiederholt sich wohl tagtäglich, die Freude bleibt neu. Man ist gekommen, man hat ein rundes Leben ein paar Stunden betrachtet oder mitgelebt, hat Altes und Neues vernommen, was viele Geschlechter am gleichen Orte gewirkt und was sie an Erinnerungen hinterlassen haben; nun schreitet man die tausend Freuden und Sorgen und die zahllos, wie Blumen unterm Wiesengras, unter den Dingen der Gegenwart hervorknospenden Hoffnungen und Bestrebungen wieder vorbei, läßt sie hinter sich und trägt höchstens das Andenken einiger mit, die in der Sonne des neuen Tages bald verdorren wie die paar Blätter und Blüten, die man an einem Ruheplatz dem Hute ansteckt, um sie am andern gegen frischere, grünere zu vertauschen. Man lenkt jetzt das Schifflein aus der Bucht, in deren Enge die Wellen des Lebens sich fangen und stauen und in einen einförmigen Wirbel gezwungen sind, wieder ins Breitere und Weitere hinaus, wo es treiben mag, bis der sinkende Abend es von neuem vor Anker legt. Während sie hinter ihren trüben Fenstern noch schlummern, um nicht zu früh dem neuen und doch so alten Tage ins Gesicht schauen zu müssen, schreitest du froh dem Unaufgeschlossenen entgegen, und es ist in dieser kräftigen Morgenluft etwas, das dir Mut und Lust einhaucht, der fesselnden Kraft dieser Wirbel auch ferner noch zu widerstehen. In keiner andern Stunde wird wahrlich das Glück des ungebundenen Wanderns so voll empfunden wie in dieser, und wie der Morgentau den Blumen am Wege den Durst des ganzen Tages stillt, so erzeugt jene genug stille Fröhlichkeit, um allen Dingen dieses Tages Sinn und Herz offen und dankbar zu erhalten.   Da wird es wohl in einer Dezembernacht noch viel stiller, und man wacht morgens von der ungewöhnlichen Ruhe auf, in die die Welt tief versunken zu sein scheint, vielleicht auch von der Kälte, besonders aber von dem sonderbaren Schein, der durch die Fenster fällt. Das ist ein Schneetag. Die ganze Nacht hat es ohne Aufhören heruntergeschneit, und nun reicht die Straße fast bis an die Fensterbrüstungen, und die Dächer sind erhöht, der Brunnen trägt eine weiße Mütze, und jeder Dornzweig ist um einen Silberstreifen verdoppelt. Nichts ist vergessen, nicht einmal die dürren Wegwartstengel, sie leuchten von ihrer weißen Auflage. Und alle diese weißen Lasten scheinen den Geräuschen des Tages die Hand auf den Mund zu legen. Nur Licht der Wolken und leuchtender Schnee, der einförmige, tiefe Himmel um eine Idee grauer als die Erde, Grau und Grau, nur morgens und abends bei tiefstehender Sonne lange bläuliche Schatten; aber über das alles eine Einheit der Stimmung, der nur wir gegenüberstehn, wir, eine kleine Welt, die sich nie so sich selbst fühlt wie in diesen abgeschlossenen Tagen, wo die »andre Welt« wie verloren gegangen ist.   Bei den jungen Bäumen kommt es vor, daß sie auf eine harte Bodenschicht stoßen, die ihre Wurzeln nicht zu durchdringen vermögen, da sieht man, wie plötzlich ihr Wachstum stockt; sie sterben nicht ab, aber sie machen auch keine Fortschritte, denn es geht gegen ihre Natur, die Nahrung in der Breite zu suchen. Wozu haben sie ihre starken Wurzeln, als daß sie damit in die Tiefe gehn? Sie sollen sich nicht bloß damit festhalten, sondern auch die Nahrung und die Feuchtigkeit in tiefern Schichten erreichen. So werden nun ihre Schosse jeden Frühling dünner, ihre Blätter bleiben klein, ihre Blüten sind weniger, als es sein sollten, und die Früchte, die sich daraus entwickeln, fallen zum größten Teil vor der Reife ab. Man sagt: Das Bäumchen hat keinen Trieb. Da plötzlich ändert sich das alles: in einem Frühling sproßt es stärker, sein Laub wird mehr und dunkler, seine Blütenfülle ist unerhört und gibt die schönsten Hoffnungen für die Zeit der Reife. Es ist, wie wenn eine Lust und Freude zu leben über das Bäumchen gekommen wäre. Man sagt jetzt: Es ist in den Schuß gekommen. Wie kam das? Seine eifrig suchenden Wurzelfasern haben eine Spalte in der Steinschicht des Bodens gefunden, sind durchgedrungen, und nun erweitern sie die Spalte in fröhlichem Wachstum und speisen die letzten Zweige aus der frischen, inhaltreichen Nahrungsquelle, die sie da unten erschlossen haben. Die waldreichen Mittelgebirge Neuenglands und des nördlichen Neuyork haben vor den deutschen die tiefe Einsamkeit, die mannigfaltigere Zusammensetzung des Waldes und Buschwerks und den Reichtum an stillen, klaren, waldumrandeten Seen voraus, mit denen die Seen des Schwarzwalds und der Vogesen und des Böhmerwalds nicht zu vergleichen sind. Der Harz und der Thüringer Wald haben keine Seen, in ihren Wäldern herrschen die Fichte und die Tanne über weite Strecken hin unbedingt, und ihre Ruhe unterbricht sogar im Winter die Schar der Gäste, die selbst nur zu oft die Einsamkeit aufstören, die sie suchen. Es ist aber dennoch ein ganz andrer Genuß, den Harz zu durchwandern, als in den Urwäldern der Adirondacks zu streifen. Wir sind nun einmal Kulturmenschen, ob wir in Europa oder in Amerika wohnen, und die Würze unsers Naturgenusses ist eben die Kultur, die die Landschaft eines alten geschichtlichen Gebiets wie mit einem seinen Duft durchdringt, den man nicht immer genau bestimmen kann, dessen Fehlen aber bald ein Gefühl der Entbehrung erweckt. Der geschichtliche Hauch, der durch alle unsre Lande weht und in jedem Dorfe und um jedes alte Gemäuer webt, macht uns zu Aristokraten. Er erinnert uns daran, wie alt wir als Volk auf diesem Boden sind, dessen Mitbesitzer wir uns nennen können, wie unsre Väter dessen Miterwerber waren. Es quillt ein warmes Gefühl der Beheimatung daraus hervor. Vielleicht hat der Fremdgewordene, wenn er in den Bann dieser Erinnerungen zurückkehrt, eine feinere Unterscheidung dafür. Jedenfalls sind die geschichtlichen Stätten aus der Zeit der sächsischen Kaiser die leuchtendsten Erinnerungen meiner Harzwanderung. Lübeck hat im höchsten Grade die Eigenschaften der echten alten Hansestädte, neben denen Hamburg nur ein Emporkömmling ist, allerdings einer, dem es sehr geglückt ist. Lübeck ist eine geschlossene Existenz, die ehrwürdiges Alter mit einigen Spuren des Rückgangs verbindet, unter denen aber noch immer ein Strom ruhiger Weiterentwicklung, wenn auch in behaglicher Enge, weitergeht. Eine gesunde Verbindung, die wohltuend anmutet. Welch erfreuliches Bild, wenn man aus dem Bahnhof tritt und Lübeck wie eine turmreiche Insel vor sich liegen sieht, im Flachland zwar und schon am Süßwasser, aber doch schon eine echte Küstenstadt in der Schiffe mastenreichem Wald, beherrscht von seinem dunkelbraunen Dom, der, wie der ganze Marktplatz, höher als die übrige Stadt liegt.   Das Meer ist die Urmutter der Erde und des Lebens. Darum verlange auch niemand vom Meere die Schönheit der Wiese oder des Waldes. Das Meer ist eine große, stille Quelle, aber was sie ununterbrochen ergießt, das sieht nur ein geistiges Auge. Das Meer ist ein gewaltiges Gefäß voll Möglichkeiten, aber was sich daraus verwirklicht hat und verwirklichen wird, sieht wieder nur ein geistiges Auge. Das Meer ist ein riesiges Grab, worin Millionen Generationen ruhen, aber nur Lot und Fangnetz dringen in seine Tiefe. Das Meer ist eine gewaltige Kraft, von deren Größe Sturm und Brandungswelle nur eine Ahnung geben. Das durchsichtige Grün des Wellengipfels, die Ringe der Schaumstreifen, das nächtliche Leuchten in der Kielfurche, das alles ist nur ein Träumen von der Wirklichkeit dieses gewaltigen, ewig an die Erde gefesselten, sich ewig aufbäumenden Riesen. Über den Tod Wie leicht ist doch der Tod! Was uns von ihm trennt, sind nur eingebildete Hindernisse. Kein Gebirge, keine Mauer erhebt sich zwischen ihm und uns, es geht ganz eben in das große dunkle Tor hinein. Tränen können den Weg schwerer machen; wir wissen ja aber, wie bald sie trocknen, und wie groß die Erleichterung des Herzens ist, das sich ausgeweint hat. Die Hauptsache ist, daß wir einmal mit uns selbst einig geworden sind, dem Gang der Dinge ruhig zu folgen. Je mehr wir uns an den Tod gewöhnen, desto kleiner werden die Schranken der Ewigkeit. Wer den Tod nicht gesehen hat und eben deswegen den Tod fürchtet, dem ist das Jenseits mit einer ungeheuer großen Tür verschlossen, die über und über mit schweren schwarzen Platten verschlagen ist; sein Blick prallt erschrocken zurück. Wer den Tod oft gesehen hat und vertraut mit ihm geworden ist, für den gibt es höchstens noch einen blühenden Hag zwischen hier und dort; sein Blick schweift hinüber und nimmt dort noch schönere Dinge wahr als hier, und er muß sich halten, daß es ihn nicht mit Macht aus dem Leben hinauszieht. Es ist eine häßliche Sache, die Abneigung des gewöhnlichen Lebens auch schon gegen das Reden vom Tod, kurzsichtig wie alle Feigheit; denn im Grunde wird das Leben nur um so schöner, je todbereiter es ist. Will man vielleicht nur nicht daran erinnert sein, daß der Vorhang jeden Augenblick heruntergehn könnte? Oder ist es eine schlaue Berechnung, die um keinen Preis das Leben entwertet sehen möchte, das doch für den Philister das Wertvollste von allem ist? Ein Mensch ist nicht fertig, der nicht letzte Dienste erwiesen, Sterbende bis an die Schwelle der Ewigkeit begleitet hat. Was du einem Sterbenden tust, und wäre es nur, daß du ihm die Augen zudrückst oder die Schweißtropfen abwischst, ist ein letzter Dienst. Bedenke, was das heißt, ein letzter! Sterben heißt, die Grenze zweier Welten überschreiten, der Sterbende steht in der Zeit und sieht in die Ewigkeit hinüber, du aber bleibst einstweilen noch hier. Ist es dir nun nicht, als fiele durch diese Spalte zwischen Zeit und Ewigkeit ein Strahl, der uns sonst nie, nie leuchtet, auf unsern Weg? Dieser Strahl heiligt den Sterbenden, und er ist es, der deinen Dienst am Sterbebett verklärt. 3. September 1903   Nicht wir sind es, die wandern, Es ist die Zeit, die flieht, Wir stehn am Strom mit andern Und sehn die Wellen wandern Und grauen, wie der Strom zur Tiefe zieht. Blätter und Blüten, die fallen, Trägt er in die Ewigkeit, Wie sie still folgen und wallen! O, sei es beschieden uns allen. So still zu folgen dem Strome der Zeit.   Dem Geographen Ritter widmete Friedrich Ratzel folgende Worte, die auch über seinem eigenen Leben stehen könnten:   Er war keiner von den Forschern, welche sich darauf beschränken, Wahrheiten nur zu suchen. Es ist dies wohl eine sehr hohe Aufgabe, aber noch lange nicht die höchste. Darüber steht die größte Leistung, die einem Gelehrten zugewiesen werden kann, nämlich die Ins-Leben-Führung der Wahrheiten, die er selbst gefunden. Wer die Fähigkeit zu beidem in hoher Ausbildung verbindet, erreicht die höchste Stufe wissenschaftlicher Tätigkeit. Denn die Fähigkeit zu forschen, verbunden mit der Fähigkeit zu lehren, macht den wahrhaft großen Gelehrten. Aber dabei ist Lehren nicht im Sinne von Unterrichten oder Vortragen zu nehmen. Das ist in diesem Sinn eine nebensächliche Fähigkeit. Sondern es gehört zum Lehren in weiter Fassung alles, was dazu nötig ist, wissenschaftliche Wahrheiten zum Wohle der Menschen in solcher Weise zu verwerten, daß sie eine wirkliche, dauernde Bereicherung des geistigen Besitztums der letzteren bilden. In diesem Sinne spricht man von Lehrern der Menschheit. Man ist aber sparsam mit der Zuteilung dieser Würde, und mit Recht. Die dazu notwendige Vereinigung von Kräften in einem Menschen kann nicht häufig sein. Es ist eine reich ausgestattete Persönlichkeit dazu nötig, welche vermöge vielseitiger Gaben des Verstandes, der Phantasie und des Charakters imstande ist, nicht nur Schätze des Wissens aufzuhäufen, sondern dieselben auch in Umlauf zu setzen und andere zu gleicher Arbeit anzuregen. Er konnte so Bedeutendes leisten, weil er Gelehrsamkeit und Forschungstrieb mit Lebenserfahrung und regem Interesse für die Welt und das Leben verband und nicht im Wissen, sondern im Schaffen sein höchstes Ziel sah. Nachwort Bei der Auswahl aus den Werken Friedrich Ratzels wurden die Auszüge aus seinen beiden bedeutendsten Schriften, aus der »Anthropogeographie« und aus der »Politischen Geographie« im großen und ganzen beisammen belassen und nur durch einzelne Einschaltungen aus anderen Schriften ergänzt. Das erstere Werk befaßt sich vorwiegend mit dem Wachstum der Völker, das letztere mit dem der Staaten. Gedankliche Überschneidungen sind infolgedessen in dem gleichen Maße unvermeidlich gewesen, als sich die Lebensäußerungen von Volk und Staat vielfach decken. Auf die Einarbeitung der »Streiflichter«, »Erkenntnisse und Weistümer« in den Zusammenhang der beiden Hauptwerke ist verzichtet worden, weil sich manche dieser scharf formulierten Endergebnisse umfassender Gedankengänge der breiteren Darstellung der Völker- und Staatenbiologie nur schwer hätten einfügen lassen. Obwohl aus Ratzels Schaffen vornehmlich jene Erkenntnisse ausgewählt wurden, die heute noch volle Gültigkeit beanspruchen können, so muß dennoch – insbesondere bei den von Ratzel gewählten Beispielen – bedacht werden, daß die Schriften Ratzels um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert entstanden sind. An einigen wenigen Stellen erschien es notwendig, bedeutsame Gedanken aus dem Geiste des Verfassers auf die Gegenwart weiterzuführen.   Unsere Textauswahl stützt sich auf die folgenden Ausgaben, die wir mit freundlicher Genehmigung der betreffenden Verlage benutzten: Die Erde und das Leben. Eine vergleichende Erdkunde. Band I und II. Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut 1901 bis 1902. Anthropogeographie. Teil I und II. Stuttgart, J. Engelhorn, 1882 bis 1891. 4. Auflage 1921. Glücksinseln und Traume. Gesammelte Aufsätze aus den Grenzboten Leipzig, Fr. W. Grunow, 1905. Jetzt: Walter de Gruyter, Berlin. Politische Geographie. Dritte Auflage durchgesehen und ergänzt von Eugen Oberhummer. München und Berlin, R. Oldenbourg, 1923. Das Meer als Quelle der Völkergröße. 2. Auflage, besorgt von Hans Helmolt. München und Berlin, R. Oldenbourg, 1911. Kleine Schriften. Ausgewählt und herausgegeben durch Hans Helmolt. Band 1 und 2. München und Berlin; R. Oldenbourg, 1906 Friedrich Ratzels Werke 1869 Sein und Werden der organischen Welt. Eine populäre Schöpfungsgeschichte. Leipzig. 2. Auflage 1877. 1873–74 Wandertage eines Naturforschers. Band I: Zoologische Briefe vom Mittelmeer. Briefe aus Süditalien. Band II: Schilderungen aus Siebenbürgen und den Alpen. Leipzig. 1874 Die Vorgeschichte des europäischen Menschen. München. 1876 Städte- und Kulturbilder aus Nordamerika. Teil I und II. Leipzig. 1876 Die chinesische Auswanderung. Ein Beitrag zur Kultur- und Handelsgeographie. Breslau. 1878/80 Die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Band I: Physikalische Geographie und Naturcharakter. Band II: Kulturgeographie der Vereinigten Staaten von Nordamerika unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse. München. 2. Auflage 1893. 1878 Aus Mexiko. Reiseskizzen aus den Jahren 1874 und 1875. Breslau. 1880 Frommann, Fr. Joh., Taschenbuch für angehende Fußreisende. 2. Auflage herausgegeben und ergänzt von Friedrich Ratzel. Jena. 3. Auflage 1889, 4. Auflage 1890. 1881 Die Erde, in 24 gemeinverständlichen Vorträgen über allgemeine Erdkunde. Ein geographisches Lesebuch. Stuttgart. 1882–91 Anthropogeographie. 2 Bände. Stuttgart. 4. Auflage 1921. 1884 Wider die Reichsnörgler. Ein Wort zur Kolonialfrage aus Wählerkreisen. München. 1885/88 Völkerkunde. Band I: Die Naturvölker Afrikas. Band II: Die Naturvölker Ozeaniens, Amerikas und Asiens. Band III: Die Kulturvölker der Alten und Neuen Welt. Leipzig. 2. gänzlich neubearbeitete Auflage, Teil I und II 1894–95. 1888 Emin-Pascha. Eine Sammlung von Reisebriefen und Berichten Dr. Emin-Paschas aus den ehemals ägyptischen Äquatorialprovinzen und deren Grenzländern. Herausgegeben von Georg Schweinfurth und Friedrich Ratzel, mit Unterstützung von Robert W. Felkin und Gustav Hartlaub, Leipzig. 1889 Die Schneedecke, besonders in deutschen Gebirgen. Stuttgart. 1896 Grundzüge der Völkerkunde. Leipzig und Wien. 1893 Anthropogeographische Beiträge. Herausgegeben von Friedrich Ratzel. Leipzig. 1896–98 The History of Mankind. Translated by A. J. Butler, London 1897 Politische Geographie. München und Leipzig. Dritte Auflage durchgesehen und ergänzt von Eugen Oberhummer 1923. 1898 Deutschland. Einführung in die Heimatkunde. Leipzig. 2. Auflage durchgesehen und ergänzt von R. Buschick 1907. 6. Auflage ergänzt von E. v. Drygalski, Berlin 1932. 1899 Beiträge zur Geographie des mittleren Deutschland. Herausgegeben von Friedrich Ratzel. Leipzig. 1900 Das Meer als Quelle der Völkergröße. Eine politisch-geographische Studie. München. 2. verbesserte Auflage, besorgt von Hans Helmolt. 1911. 1901/2 Die Erde und das Leben. Eine vergleichende Erdkunde. Band I und II. Leipzig und Wien. 1904 Über Naturschilderung. München und Berlin. 2. Auflage. 1906. 1903 Glücksinseln und Träume. Gesammelte Aufsätze aus den Grenzboten. Leipzig. 1906 Kleine Schriften. Ausgewählt und herausgegeben durch Hans Helmolt. Band 1 und 2. München und Berlin. 1907 Raum und Zeit in Geographie und Geologie. Herausgegeben von Paul Barth. Leipzig. 1908 Bilder aus dem Kriege mit Frankreich. Wiesbaden.