Georg Venlot Herausgegeben von Julius Mosen Eine Novelle mit Arabesken. 1831. Seinem Freunde Dr. August Kluge                 der Verfasser. Freund! Wo du auch in diesem Augenblicke verweilen magst, ob im Räthsellande Aegypten an den Ufern des Nils, ob in jener Weltstadt am Tiberstrome, oder ob wieder an Deinem geliebten See in der Schweiz – auf heimathlichem Boden; – Dich sucht überall dieses Buch mit seinen Mährchen, um Dir zu sagen: daß ich Deiner fortwährend gedenken muß, daß ich die schönen Tage, welche wir in großer, weltgeschichtlicher Rückerinnerung verlebt, daß ich die Stunden, welche wir in heiterer Kunstanschauung genossen, – daß ich die Augenblicke, welche wir in edelster Begeisterung gleich farbigen, duftigen Blumen uns aufblühen gesehen, – daß ich die sternenhellen Nächte, welche wir unter Italiens Himmel Arm in Arm wachend durchträumt haben, – daß ich alles Dieses, was nur je zwei Menschenherzen an einander fesseln kann – gleich einer Reliquie im geweihten Schreine – heilig bewahrt habe. Ich widme Dir dieses Buch. Es gehört Dir nicht minder an, als mir selbst; denn Du hast es ja großentheils mit mir durchlebt! – Was Dir fremd, seltsam, unangenehm und unkünstlerisch in diesem Bilde erscheinen möchte, das mag – wenigstens zum Theil – mein Geschick, welches seit unserer Trennung mir nicht wenig widerwärtig, und aller Förderung in Kunst und Wissen hinderlich war, – mir verantworten helfen. Während Du , ein freier Adler, über Land und See einherzogst, hielt mich das engste Leben im engsten Käfige gefangen. Indem Du die ganze Welt ruhig unter Dir sahst, und die Fäden der Völkerschicksale in einem Knoten vereinigt von Deinem Standpunkte herab bemerken mochtest, lag über mir schwer und unüberwindlich der Webebaum einer noch werdenden Geschichte – und zwar der meines Vaterlandes, und die Wehklage ihrer Stimme betäubte mich. – Dazu kam eigenes Bedrängniß, vielfache Noth und der Mangel am Gemeinsten. Wenn Du von diesen Elementen dann und wann die Weltanschauung, welche gern in diesem Büchlein liegen möchte, getrübt siehst, so entschuldige mich bei Dir selbst; denn die Zeit und der Geist, welcher in ihr liegt, beherrscht einen Jeglichen mehr oder weniger, am meisten aber den Dichter. Ihm aber ist auch kein höheres Ziel gestellt, als die letzte Idee seines Volkes in der Weise, welche ihm gegeben ist, überall zu verklären. So nimm denn diese Blätter freundlich hin! Gedenke meiner und lebe wohl! – Leipzig , am 4. Mai 1831. J. M. Einleitung. Der Tag des blumigen Johannisfestes neigte sich dem Ende zu. Der letzte Strahl der untergehenden Sonne blitzte noch einmal über die Hügel hinüber, und schien sich nur ungern von der bräutlich geschmückten Erde zu trennen. Ueber die Thäler legte sich ein bläulicher Nebelflor, während ein linder Luftzug das blühende Getraide auf den langhingestreckten Feldflächen, und die duftenden Blumen auf den Rainen und Wiesen flüsternd bewegte. Das Geläute aus den umherliegenden Ortschaften tönte in der Luft mit dem Summen der Käfer zusammen. An diesem Abende, der in Blumen und Blättergesäusel, mit allen seinen Blüthenwonnen und Düften zu Träumen und lieblichem Sehnen das Herz lockte, ergingen sich zwei Jungfrauen, still und freundlich, wie die sie umgebende Natur, auf einem rasigen Feldwege, welcher sich hinter dem Städtchen R....r durch die üppigste Flur hinzog. Kaum möchte ein glückliches Auge irgendwo zwei schönere Frauengestalten beisammen sehen. Blühte auch die Eine von ihnen lieblich in frischer rosiger Gesundheit, in schöner Fülle schlanker Glieder, und hob sich auch zu unsäglicher Anmuth ihr dunkelumlocktes Haupt frei und edel im lieblichen jungfräulichen Trotze empor, so daß sich fast kaum ein höherer Liebreiz denken ließ, so möchte dennoch ihre Gefährtin neben ihr nicht mißfallen haben. – Es war eine hohe, königliche Gestalt, zart und etwas bleich ihr Antlitz, nichtsdestoweniger aber ihr Mund in heller frischer Röthe ausgewoben. In ihren klaren, blauen Augen, welche sie aus Gewohnheit fast immer niederschlug, schien ein geheimes, wonniges Träumen zu schweben. So leicht hinwandelnd im bläulichen Gewande, schien sie wie eine Feenerscheinung in der Luft zerfließen zu wollen. Von allen Gespielinnen, welche mit besonderer Zuneigung sich ihr angeschlossen hatten, war ihr die heitere Mathilde, welche eben jetzt ihre Gefährtin war, die Theuerste. Lina aber selbst war in gewöhnlicher Weise in Gedanken, wobei ein leises Lächeln um ihren Mund spielte, schweigsam versunken. Lina, Freundin! hänge doch nicht immer also deinen alten Träumen nach; ermahnte sie Mathilde. Ich muß dir gestehen, versetzte Lina, daß dieser Frühlingsabend mit aller Macht das Siegel in meiner Seele zu lösen sucht, worunter das Geheimniß meiner Jugendtage schlummert. Wie ist mir doch? – ein schönes hohes Schloß, durchsichtig wie Glas, und ein Garten rings mit großen seltsamen Bäumen und Blumen will sich in meiner Erinnerung gestalten! – und dann, Mathilde, fühle ich, wie sich tief unten in meinem Herzen ein ungemessenes Leid zugleich losringen will. Du träumst wieder einmal! erwiederte Mathilde; doch, schaue auf! es wird düster, laß uns hineingehen. Unsere Freundinnen werden auf uns warten, und dein Bruder wird vollauf zu thun haben, ihnen die Zeit zu vertreiben. Ich kann es mir denken, wie sie vor dem Hause auf der Bank neben deiner Pflegemutter sitzen, die Köpfe zusammenstecken, um nichts Heimliches zu flüstern. Beinahe gram bin ich ihnen, so angenehm mir es auch sonst ist, daß sie uns allein gehen ließen. Bestes Herz, setzte Mathilde aufgeregter hinzu, so lieb, wie dich, habe ich niemand mehr! Unter diesen und ähnlichen Gesprächen kamen die beiden Mädchen zwischen den Gärten hindurch in die belebte Straße des Städtchens. Erleuchtet waren bereits die stillen Gemächer, und die gelben Johannisblumen, womit nach altem Brauche die Fenster besteckt waren, gaben den Häusern ein festliches Ansehen. Männer, Frauen und Kinder saßen in traulichen Gruppen vor den Hausthüren, um die erquickliche Abendluft zu genießen. Wo nur die Beiden vorüberkamen an den fröhlichen Menschenschaaren, wurden sie freundlich gegrüßt, und manche Matrone sprach: glücklich müssen die Männer sein, welche diese als Frauen heimführen! – Schon von Weitem kam Ihnen die Schaar ihrer Freundinnen entgegen, und zog sie im fröhlichen Tumulte hinein in die Stube des alten Herrn Meiers, Lina's Pflegevaters. So bequem und behaglich der alte Herr sich auch in seinem Armstuhle fühlte, so stand er doch vom Anblick der Schönen verjüngt auf, und begrüßte umständlich die Freundinnen seiner Lina. Bald erschien auch Heinrich, Lina's Pflegebruder, in seinem gewöhnlichen Ernste; etwas später Rudolph, Mathildens Bruder, mit noch einem Freunde. Bald saß die Gesellschaft in munterem Kreise um den glänzend gebohnten Tisch herum. Lina stellte darauf porzellänene Blumentöpfe mit frischen Sträußern, Mutter Meier aber setzte geschäftig und freundlich allerlei Naschereien und Erfrischungen dazwischen hin. Wie schön ist Auge und Zunge bedacht, sprach scherzend Mathilde; aber lieber düsterer Heinrich, ich weiß es im Voraus, du sorgst auch dafür, daß wir sonst noch mit Ohr und Seele uns ergötzen! Ich bitte dich als Gesandtschafterin der hier versammelten hohen Häupter recht sehr um die Erzählung einer Geschichte, und wenn es nur so ein unglaubliches Mährchen, wie neulich wäre, womit du uns einen ganzen Abend unterhalten hast. Ah! sieh den Schalk, da packt er ja schon ein Buch aus! rief Karoline, Heinrichs Nachbarin. Ich habe heute erst von einem Freunde aus der Hauptstadt diese Sache hier überschickt erhalten, erwiederte Heinrich. Da ich nun selbst noch nicht darinnen gelesen habe, so kann ich freilich nicht wissen, ob sie eine solche schöne Gesellschaft schön genug unterhalten kann. Wir machen keine großen Ansprüche, Heinrich! versetzte Mathilde; und laß uns nicht länger schmachten; denn eine solche noch unvorgelesene Geschichte hat einen besonderen Reiz. Heinrich schlug das Buch auf und begann die Vorlesung. Die Gesellschaft hörte gespannt und aufmerksam zu. Erstes Buch. Erstes Kapitel. Der Maskenball hatte begonnen. Rauschende Musik belebte im kerzenhellen Saale die wunderlichsten Figuren und Gruppen. Die Abgeordneten aus allen Irrenanstalten Europa's schienen sich hier im Festputze versammelt zu haben. Nur in einem anstoßenden Zimmer, durch dessen geöffnete Flügelthüren man die ganze bunte Menge bequem übersehen konnte, saßen beim Weinglase mehrere einfache schwarze Domino's, welche die Lästigkeit der Maske abgelegt hatten. Es waren mehrere jüngere Doctoren und Studenten. Ihre ernsthaften Gesichter schienen zu bekräftigen: »daß der Deutsche über Alles, und Alles über ihm schwer werde.« Der Inhalt ihres Gesprächs mochte nicht die Wahrheit dieses Satzes widerlegen. Sagt mir nichts von dem alten Wahnwitze der Menschheit, versetzte der Eine; es ist Alles nichts als Entstehen, Leben und Vergehen; und darüber hinaus giebt es nichts! Thoren sind es, welche nicht einsehen wollen, daß das Leben nicht Mittel, sondern Selbstzweck ist! Die schaffende Flüssigkeit, welche aus der Materie heraus, als ein ewig bewegtes und bewegendes chemisch operirt, ist das einzige Lebensprinzip. Die Pflanze, welche von dieser Naturkraft zu Blatt, Stengel und Blüthe, ja! selbst zum Wachen, Schlafen und Empfinden emporgetrieben wird, und ihre Freude und Wollust in Farben und Düften ausströmt, lebt dasselbe Leben, welches, nur in höherer Potenz, der Mensch lebt. Was ihr Geist, Seele, nennt ist nur der Nervensaft, der sich im Lebensprozesse erzeugt und wieder verflüchtigt; sowie ein angezündetes Talglicht zu fröhlicher Flamme sich verwandelt, und in der Entwicklung des Wärme- und Lichtstoffes lebt, bis nichts mehr übrig bleibt, als todte Asche! – Ein hagerer Mann mit einem todtbleichen Gesichte, welches zwei feurige Augen belebten, hörte besonders aufmerksam zu. Er hatte sich bei der Gesellschaft unter dem Namen Voland, und dem Charakter eines Doctors der Philosophie, eingeführt. Seltsam lächelte er bei den Worten des Redners. Ein anderer Jüngling mit freiem, klaren Antlitze, auf welchem die freudigste Gesundheit des Leibes, wie des Geistes aufleuchtete, erhob sich vom Sitze. Wie ein Apollo, mit edlem Zürnen auf der reichumlockten Stirn und den schönen Lippen, stand er vor den Genossen da, und ehe er noch sprach, schien seine erhabene Gestalt Ehrfurcht und Liebe zugleich einzuflößen, und zum Anerkennen des Göttlichen im Menschen unwiderstehlich hinzureißen. Es ist unlöblich, begann er zu sprechen, deuteln zu wollen an der Würde des Menschengeistes; Wehe dem, welcher nicht mehr fühlen kann, wie er das Ebenbild Gottes in seiner Brust beherberge, der sich dem trüben Erdgeiste aufzuopfern unglückseelig bestrebt. Mir aber soll Niemand meinen Glauben antasten! Ich rufe alle Mächte des Chaos, die Uebelgewillten, herauf: mir dieses Licht zu rauben! Sie sollen mit ihrer Klugheit zu Schanden werden an meiner Einfalt! Großsprecherei! flüsterte der Eine. Es ist ein Enthusiast! versetzte ein Anderer. Er hat keine Ahnung von der großen Weltironie, meinte ein Dritter. Doctor Voland aber trat auf ihn zu, und fragte: sie haben hier schöne Gesinnungen geäußert, wodurch sie mir sehr werth geworden sind. Sie heißen Georg Venlot? »Ihnen zu dienen, Herr Doctor Voland!« Wir müssen näher mit einander bekannt werden, sprach der Doctor; sind sie es zufrieden: Du auf Du! – Du auf Du! versteht sich, riefen die Andern. Doctor Voland und Georg Venlot ergriffen die Weingläser, und tranken mit verschränkten Armen academische Brüderschaft. Eine Maske trat jetzt herein, nahm Georg Venlot bei Seite, und gab sich zu erkennen. »Ah, Stubengenosse, willkommen! ich habe schon lange auf dich gewartet; was kommst du erst so spät?« Mein Maskenanzug blieb so lange außen. Warst du schon tüchtig vergnügt? »Ziemlich.« Ein Brief ist an dich angekommen. Warte! ich habe ihn beigesteckt. Hier ist er! Mit diesen Worten drückte er Georg den Brief in die Hand. Dieser trat zu einem Wandleuchter, erbrach ihn, und las: »Geliebter Sohn!« »In dem Augenblicke, daß Du diese Zeilen gelesen hast, erfülle die inständigste Bitte Deines Vaters, und komme heim! Furchtbares Geheimniß habe ich Dir zu entdecken; eile! bevor die Verzweiflung Deinen armen Vater getödtet hat. – Ich erwarte Dich mit Schmerzen! – Gott geleite Dich glücklich zu mir, geliebtes Kind!« Was ist dir? fragte der Ueberbringer des Briefes, du erbleichst ja im ganzen Gesichte! Um Gotteswillen, rief Georg, ich muß in meine Heimath zurück! Ich muß gleich abreisen! Lebewohl, und grüße die Freunde! Mit diesen Worten ließ er den Erstaunten stehen, und stürzte fort. Nach einer Stunde fuhr Georg schon zum Thore hinaus. Munter bließ der Postillion in jubelnden Klängen auf dem Horne in die Nacht hinein, und im schnellsten Fluge auf der Heerstaße rollte der Wagen dahin der Heimath entgegen. Zweites Kapitel. Es war Nacht. Die Wohnstube des altern Venlot war spärlich von einer Lampe erleuchtet. So viel bei dem schwachen Lichte sich erkennen ließ, zeigte Alles ringsum von einer gewissen Wohlhabenheit. An der gefirnißten Wand prangten bunte Bilder; über dem weißen glänzenden Tische in der Ecke hing ein schöner Spiegel im vielfach geschnörkelten Rahmen, mit vielen, Pfauenfedern besteckt, und blankes Zinngeschirre leuchtete in langer Reihe vom Gesimse herunter. Selbst an der geringsten Gerätschaft im Zimmer war eine gewisse saubere Zierlichkeit, welche auf ein gemächlicheres Leben hindeutete, als man sonst bei einem Landmanne zu finden glaubt, nirgends zu verkennen. Auf dem Bette an dem einen Ende des Gemachs lag der Hausherr; neben ihm saß seine Ehefrau, welche leise vor sich hinweinte. Nach langem Schweigen, begann endlich die bekümmerte zu sprechen: ich bitte dich herzlich, theurer Mann! theile mir dein Leid mit. Du weißt es ja, wie ich alle Noth eben so gern als unser Glück mit dir stets getheilt habe! Als wir noch arm waren, oft kein Stückchen Brod miteinander zu essen hatten, und ich wohl oft verzagen wollte, warst du immer so froh und heiter; jetzt aber, da uns Gott überall geseegnet hat, unsere Schreine voll kostbarer Waare, unsere Kästen voll Geld sind; jetzt, da uns nichts mangelt, was zur Leibes Nothdurft und Nahrung gehört, bist du auf einmal ganz anders, finster, trüb und niedergeschlagen geworden! Rede doch, lieber Mann! – Wo ist Georg? jammerte der Beängstigte; wo ist mein Sohn? Er ist immer noch nicht da? Mein Gott! Mein Gott! Was wird es ihm helfen, auf der hohen Schule zu sein, zu lernen, seinen Verstand auszubilden, und tüchtig zu werden! Er kommt nicht, er wird verloren sein! Im Vorhause ertönten jetzt kräftige Schritte, die Thür ging auf, und Georg trat herein. Mein Sohn! schrie der Kranke auf, und hob sich vom Lager empor. Vater! Mutter! rief Georg, und lag in den Armen seiner Aeltern. Laß ab von mir, frommes Kind! Du mußt mir verzeihen, nicht wahr Georg? seufzte der Vater. Mit diesen Worten stand er auf, nahm die Lampe, faßte Georg beim Arme, und führte ihn mit sich hinauf in eine Kammer. Nachdem er die Thüre sorgfältig verschlossen hatte, wandte er sich zu Georg, und begann mit zitternder Stimme: »du wirst dich noch erinnern können, wie wir vor Zeiten noch so arm waren, daß wir kaum uns zu ernähren vermochten. Du warst damals ein zwölfjähriger Knabe, als die große Theuerung in das Land kam. Schon ging der Winter zu Ende; die Lebensmittel stiegen zu unerhörten Preisen; und wir hungerten.« »Damit nichts fehlte, um mich auf das Aeußerste zu treiben, warf heftiges Fieber deine Mutter auf das Krankenlager, so daß ich stündlich ihrem Tode entgegensah. In wüster Angst rannte ich hinaus an das Ufer des Rheinstroms, warum? weiß ich selbst nicht. Weinen konnte ich nicht mehr. In stiller Verzweiflung stand ich dort.« »Wie ich nun also gedankenlos hinunter starrte in den brausenden Wellengang des Stroms, fühlte ich einen leisen Schlag auf meine Schulter. Ich wandte mich um, und ein langer freundlicher Mann stand vor mir da.« »Ich bin ein Menschenfreund, begann er zu reden, und suche der leidenden Menschheit zu nützen; denn im Grunde bin ich sehr mitleidig. Wenn du mir vertraust, so soll noch zur Stunde dein Weib gesund, und du der reichste Mann im Rheingau sein.« »Gnädiger Herr, sprach ich, demüthig meine Mütze unter dem Arme, können sie mir helfen, so will ich ihnen ewig dankbar sein.« »Ich bin Kaufmann, fuhr der Fremde fort; wenn ich dir helfe, – denn es ist mein Grundsatz: nie Etwas umsonst zu thun! – so bitte ich mir dafür, eine kleine Gegengefälligkeit aus. Siebenmal sollst du das größte Netz auswerfen in den Strom, und siebenmal, vom Golde des Nibelungenhorts gefüllt, es wieder herausziehen, und zugleich dein schönes Weib gesund sein, wenn du mir nach Verlauf von sieben Jahren, von der nächsten Mitternacht an gerechnet, dasjenige zu eigen giebst, was von dem Deinigen bei deiner Heimkehr dir zuerst in die Augen fallen wird.« »Zweifle nicht, redete der Fremde weiter, an der Erfüllung meines Versprechens! Ich weiß Vieles und Mancherlei! Alle Schätze, welche das Meer und die Erde verbirgt, kenne ich.« »Meine Seele war betäubt. Wie im Traume sagte ich: gnädiger Herr, ich stehe ihnen für diese Hilfe mit Allem zu Gebote!« »Sogleich faßte er mich bei der Hand, stach mit einem Stachel, oder Messer, – ich weiß selbst nicht, was er mit mir vornahm, – schnell in meine linke Hand, und saugte mit eiskalten Lippen das hervorquellende Blut auf.« Unfern von dieser Stelle hing ein Fischernetz zufällig an einem Baumaste zum Trocknen herunter. Er hieß mich es, herbeiholen, und kunstgerecht an eine bezeichnete Stelle am Ufer auswerfen. Mit seiner Beihülfe – denn der Zug war sehr schwer, – brachte ich das Netz wieder heraus.« »Als ich es, am Lande leerte, fand ich darinnen siebenzehn große Beutel voll Goldstücke.« »Nun, mein Theuerster, sprach lächelnd der Kaufmann, wie gefallen dir diese Fische? Petrus hat nie bessere gefangen! Noch sechs solche Züge stehen dir zu Gebote! Zu gehöriger Zeit werde ich mich übrigens wieder einstellen! Mit diesen Worten war er, ich weiß nicht wie, mir aus den Augen.« »Ich Unsinniger aber fiel wie rasend über das Gold her, im Gefühle meines Reichthums überglücklich. Das funkelte mir in die Augen und in die Seele! So viel ich von meinem Schatze tragen konnte, nahm ich zu mir; das Andere verscharrte ich unterdessen im Sande, und ging alsdann schwerbeladen, taumelnd und träumend auf meine Hütte zu.« »Schrecklich sollte ich erwachen; denn wie ich um die Felsenecke des Thales herumgehe, kamst du, mein Georg, mir freudig entgegen gesprungen und schriest Vater, unsere Mutter ist wieder ganz gesund!« Mit ängstlicher Theilnahme hatte bis jetzt Georg dem Vater zugehört, kaum hatte er Odem zu holen gewagt, regungslos stand er vor ihm. Wie er aber jetzt mit gepreßter Stimme sprach: und der fremde Kaufmann war ein Seelenkäufer, der Satan, ihm habe ich dich verkauft, ich Elender, und in dieser Nacht sind die sieben Jahre um! stürzte Georg in seine Arme, und rief: es ist ja unmöglich, was du sagst! »Mein armes Kind,« jammerte liebkosend der Elende, »wohl habe ich später oft dasselbe gedacht; denn die Noth und der Kummer hatten mich damals, ich weiß es noch genau, halb wahnsinnig gemacht; auch habe ich wenige Jahre nachher, da eine bedeutende Erbschaft uns anfiel, das schändliche Nibelungengold wieder heimgezahlt, und dem Bösen in den Rheinstrom hinabgeworfen; aber vor drei Tagen in der Abenddämmerung kam der Schreckliche wieder zu mir, und heischte dich, als die wohlbedungene Waare, zu seinem Dienste.« Vater, und wie sollte etwas Böses an mir Gewalt haben, wendete Georg ein, wenn ich selbst nichts Böses in mir trage? Drittes Kapitel. Georg sprach noch viele Worte des Trostes zu seinem unglücklichen Vater, welcher vor Herzeleid matt und zerschlagen endlich auf einen Stuhl zurückgesunken war. Nach einer Weile bemerkte er, wie ein sanfter Schlummer über die Augen des Unglücklichen ausgegossen war. Ihm eine solche erquickende Ruhe zu gönnen, ging Georg hinunter in das Wohnzimmer. Hier fand er seine Mutter am Tische sitzend, und, das Haupt auf den gefalteten Händen über der aufgeschlagenen Bibel, eingeschlafen. Ihre Wangen waren noch von Thränen naß. Er suchte sie aufzuwecken; aber alle seine Mühe war vergebens. Wohl öffnete sie die Augen; aber sogleich fielen sie matt wieder zu, und ihr schweres Haupt nieder auf ihre Arme. Er ging in die Nebenstube; aber auch hier schliefen die Dienstleute einen wahren Todtenschlaf. Alles sein Rufen, sein Rütteln blieb erfolglos. Selbst der sonst so wachsame Wasserhund lag jetzt zu einem Knaul zusammengerollt regungslos und fühllos. Jetzt wurde es ihm unheimlich zu Muthe. Er sprang hinauf in die Kammer, um seinen Vater zu wecken; allein auch hier war seine Mühe vergebens. Er eilte wieder hinab in das Wohnzimmer; aber Alles schlief und blieb lebendigtodt und unaufweckbar. So war er denn im grabesstillen Hause das einzige Wesen, welches wachte, während alles Lebendige in betäubendem Schlafe dahingestreckt lag. Nirgends regte sich der geringste Laut; nur sein eignes banges Odemholen, und das dumpfe Picken der Wanduhr, deren Zeiger auf Zwölf zu krochen, drang zu seinem lauschenden Ohre. Vergeblich bestrebte er sich zu beten; namenlose Angst raubte ihm die Besinnung. Er schrie einigemale laut auf; Nichts regte sich, außer dem Uhrperpendikel. Die Wände schienen zusammenzurücken und ihn erdrücken zu wollen. Vor Entsetzen und Seelenqual stürzte er hinaus in die stürmische Nacht. Vergebens suchte er im Dorfe ein wachendes Wesen anzutreffen; erfolglos pochte er an alle Nachbarshäuser an; Niemand hörte ihn. Als müßte er vor sich selbst entfliehen, flüchtete er sich hinaus in das Freie. Jetzt erhob sich auf einmal ein Stürmen und Windesbrausen, als sollte die Erde untergehen. Er raste durch den Sturm mit lautem Geschreie hindurch, klomm einen steilen Fels hinauf; und oben angelangt, bemerkte er, wie tief unten vor ihm der Rheinstrom brauste und über die Steinblöcke in wunderlichen Gestalten sprang und hüpfte. Er sank nieder zur Erde, besiegt von der Mattigkeit der Glieder, und dem Abgrunde vor ihm. Herr Gott, erbarme dich über mich! betete seine Seele in heißer Inbrunst. Ich komme schon Freundchen, rief eine schneidende Stimme von unten herauf; ich bin gleich bei dir! fürchte dich nicht! – sollst leben bei mir, wie ein Königskind, fürchte dich nicht! Herr Gott, erbarme dich meiner! betete immerfort der Jüngling. Lust und Wein, Tanz und Spiel, schöne Weiber sollen dein Herz erfreuen! Ueber Land und Meer sollst du mit mir ziehen, mein Söhnchen! rief es wiederum von unten herauf. Und eine andere Stimme, leise, wie ein verschwimmender Flötenton, drang an das Ohr des bebenden Jünglings: ringe muthig, sei standhaft, bleibe dir treu! – Ehre und Reichthum, Wissenschaft und Klugheit will ich dir geben, springe herunter zu mir! zu mir! albernes Kind! rief die versuchende Stimme. Weiche von mir, Verruchter! heiliger Gott, rette meine arme Seele aus den Garnen des Versuchers! rief Georg. Du mußt doch! bebte die Stimme wie ein grollender Donner auf ihn ein, du mußt! du bist mein! und ein gewaltiger Stoß schleuderte ihn empor, daß er wieder rücklings niederstürzte. Aus der Ferne funkelte ein stechendes Auge auf ihn zu. Unermeßliche Schauer und Entsetzen gingen über seine Seele. Folgst du mir nicht, so muß im Giftschwaden noch heute dein Vater, auch deine Mutter sterben. Ueber ihr Leben habe ich Gewalt, denn Er gab mir sein Blut zu kosten. Du aber, Narr! sollst frei sein, – denn dich liebe ich vor allen Menschengeistern, – frei vor dem Himmel, und frei auf der Erde, und selbst dein Herr sein! – Zu mir! Zu mir! – sprach die Stimme herüber; während immer wieder der verhallende Flötenton sein Ohr traf: Georg, weiche nicht, zage nicht, ich bin dir nahe! ich bin immer bei dir! Der Rheinstrom hob sich sausend empor, daß er bis zum Felsen herüberschlug, auf welchem Heinrich bebte und betete; der Boden unter ihm begann zu wanken, näher und näher funkelte das furchtbare Auge, welches ihn zu durchbohren und zu sprechen schien: ich bin so arg nicht! komme mit mir! Jetzt schienen zwei ungeheure Hände nach ihm herübergreifen zu wollen; vor seinen Augen dunkelte es, und während ihm alle Sinne schwanden, glaubte er um seinen Nacken einen weichen Arm geschlungen zu fühlen, und vor den brechenden Augen schien es ihm als beuge ein frommes, zartes Jungfrauenangesicht sich lieblich leuchtend über ihn her, und wie zum Tode sank sein schweres Haupt zurück an ein schlagendes Herz. Viertes Kapitel. Georg schlief einen tiefen, sanften Schlaf. In den lieblichsten Gefilden des Traumes schwebte seine Seele. Er wähnte sich in einen wunderbaren Zaubergarten versetzt. Fremde Bäume mit goldenen Blättern und leuchtenden Blüthenkränzen behangen, aus denen liebliche Lieder drangen, tausendfarbige Blumen, aus deren Kelchen die Düfte wie Flämmchen spielten, standen und prangten ringsumher vor der in Glückseeligkeit vergehenden Seele. Feenhafte Gestalten, ihm wohlbekannte Ideale der Dichter, schwebten wahrhaftig und lebendig ihm vorüber. Jetzt bemerkte er erst, daß ein himmlisches Weib neben ihm stand, und ihn mit verklärten Blicken ansah. Wie leuchtete so wunderlich das Antlitz der Jungfrau im süßen, geheimen Erröthen! wie wölbte sich die in Schnee und Licht verklärte Stirne so heilig empor! In welch wundersames Scheinen, das um die ganze Gestaltung gegossen war, verschwebten nicht des Hauptes blonde Locken! Wie lebte ein ewiger schöner Lenz göttlicher Jugend in der holdseeligen Webung aller Glieder, an welche leichtgefaltetes Gewand sich hingoß! – Das sonnige Haupt ein Weniges geneigt, das blaue Himmelsauge, wie verstohlen, auf ihn entzückend hingewendet, schien sie die entblößten Arme aus dem röthlichen Schleier ihres Gewandes, emporheben zu wollen. Um ihre Lippen schwebte es bald wie lächelnder Traum, bald wie ein mildes beginnendes Wort, bald wie Küsse seeliger Geister. Georg, kennst du mich? flüsterte Sie endlich. Höher leuchtete der weiße Blüthenglanz ihrer Arme, und seelig sank Georg ihr entgegen. Von Neuem fühlte er, um seinen Nacken geschlungen den sanften Arm, und sein Haupt ruhen an einem schlagenden Herzen. Ihm war es, als müsse in diesem Entzücken sein Sinnen, sein Denken, all Träumen und Wähnen, seine ganze Seele ersterben. Zu einem tiefen Seufzer hob sich seine Brust empor, indem er von diesem Traume erwachend, die Augen aufschlug. Aber über sein Gesicht herein neigte sich immer noch das Antlitz der Jungfrau. Umsonst rang er zu erwachen; aber er war erwacht, und die Jungfrau sah ihn dennoch an mit ihren klaren Augen, die in wonniger Feuchte glänzten, und ihre Stimme klang zu ihm wie ein verhallender Flötenton: Georg, kennst du mich nicht? Er faßte nach ihr; sie aber wich zurück, und sprach: du bist noch nicht gerettet! noch nicht mein! Indem ihm die Angst und Pein, das Grausen und Entsetzen der Nacht vor seine Seele trat, zugleich aber auch die holden Bilder seines Traums, die leuchtenden Gefilde, und selbst die schönste Jungfrau in der Wirklichkeit vor ihm standen, und dennoch nur wieder sein Schlummer unter einem seidenen Baldachine auf schwellenden grünsammtenen Polstern als Nächstes und Wahres; aber auch dieses wiederum als Unerklärliches sich ihm aufdrang, sprach er vor sich hin: laß mir, mein Gott, diesen schönen Wahnsinn! Mit lieblichem Lächeln bemerkte die Jungfrau diesen Kampf seiner Gefühle. Bin ich denn nicht der Höllenmacht verloren gegangen? fragte er in zagenden Zweifeln. Wie ein zartes Mitleid wandelte es über das Gesicht der Jungfrau. Georg, sprach sie, Georg! wie kann das Reine dem Unreinen dienen? Schon vor Jahrtausenden war ich ja dein! Wie oft habe ich um dich geweint! Wie du Knabe warst, spielte ich im Traume so oft mit dir! Oft wenn du am Ufer des Stromes, oder auf dem Thurme standest, und mit einer, dir unerklärlichen Sehnsucht hinaus schautest in die blaue Ferne, war ich dir unsichtbar zur Seite. Als ich aber sah, wie der finstre Wahnwitz des Erdgeistes, welchem dein jetziger Vater erlegen ist, auch dein reines Sein zu ergreifen drohte; da mußte ich dir die Klarheit deiner Seele retten; da flüchtete ich dich herüber in mein Reich, in das Reich der Idee. Und wer bist du denn, göttliche Jungfrau? fragte Georg mit leiser, gerührter Stimme. Ewig dieselbe, versetzte sie, habe ich jetzt auf Erden mancherlei Namen, bald nennen sie mich Maria, bald Musa, bald noch anders; du aber nennst mich Aquilina! denn wie ein Adlerweibchen besorgt ist um sein Junges, so ist es mein Herz um dich, du reines Gemüth, du, der Erdensöhne Herrlichster! Aquilina! rief Georg begeistert, und der Schmerz der ersten Liebe, und niegefühlte Sehnsucht innigen Verlangens, glommen in seinem Herzen und in seinem Antlitze auf. Aquilina! rief er, mein Herz will vergehen vor den Blicken deiner sonnigen Augen! – Dein bin ich auf ewig! Aquilina bebte vor ihm in Wonneschauern, und im süßen Seelenwehe zuckten leise ihre Lippen. Er streckte seine Arme aus; sie sank hinein, und in einem Kusse vermählten sich zwei Seelen auf immerdar. Die geängstigte Jungfrau riß sich los aus seinen Armen. Du willst mich unglücklich sehen, Georg, seufzte sie. Laß ab von mir! Wer giebt dir schon jetzt diese Gewalt über mich? Unbändiger, wer lehrte dir diesen Zauber? Aquilina! rief Georg in seeliger Trunkenheit. Nenne mich nicht mehr, entgegnete sie; denn deine liebende Stimme kränkt mich so sehr! Du mußt mich verlassen; denn schon jetzt weiß ich nicht, ob das Geschick nicht hart es ahndet, daß ich dich, den Ungeprüften, an mein Herz zog, und in fremde Rechte eingegriffen habe! – Wie der Urgeist es will! – Aber jetzt mußt du mich verlassen! Ich kann sterben, rief er, aber dich nie meiden! – Und doch kannst du noch nicht bei mir bleiben. Höherem Willen sind wir Beide unterthan. Du kannst nicht bei mir weilen; so lange du durch all den Wahn der Menschheit dich noch nicht zur Klarheit durchgerungen hast! Du mußt wieder hinabsteigen zu denen, welchen du im Glauben und Irren noch angehörst. Alle Leiden, alle Verlockungen, welche zu ihren wankelmüthigen und hoffährtigen Herzen verführerisch sprechen, ihr selbst geschaffenes Elend mußt du an deiner Seele reinigend vorübergehen lassen, und daran deine Gotteskraft erproben! Darum ziehe von mir wieder hinunter! Sobald du nur dem Gottthume angehören wirst, bist du auf ewig mein, ungetrennt von mir! – Welche drohende Aussicht eröffnest du vor mir, Aquilina! Nimm diesen Ring von mir, fuhr die Holdseelige fort, daß du dich meiner und der Worte, welche ich zu dir gesprochen, immer erinnern mögest! Vor jeglicher Gefahr, welche deinen Leib betreffen könnte, wird er dich bewahren; alle schlummernde Geisteskräfte in dir zum Leben erwecken; aller Sprachen dich mächtig machen; alle Geister, welche dir gleich sind, in Freundschaft dir zuneigen! Nie wird das Glück ganz von dir weichen, so lange du ihn trägst! Aber mit diesem Ringe hast du auch Gewalt über mich! Hüte dich jedoch, mich hinunter zu bannen auf die Erde; dieser Bann würde mich und dich unglückseelig machen; denn ohne Rückerinnerung an die Göttlichkeit meines Ursprungs, würde ich wohl gar vielleicht ein armes Erdenweib, wie jedes Andere werden, und auch sterben müssen, dich aber vielleicht nie mehr wiedersehen! Darum mißbrauche den Ring nicht dazu, mich zu verderben, dich aber unglücklich zu machen. Ich vertraue dir mein Schicksal, mein Heil, ja! Alles an, mein Freund, mein Geliebter! – Mit diesen Worten steckte sie ihm den Fingerreif mit hellstrahlendem Edelsteine an. Und nun, Georg! bleibe mir treu, bleibe dir selbst treu! lebe wohl, du Theuerster vor Allem! lebe wohl! – Betäubung auf Betäubung umstrickte Georgs Sinne. Er sank vor ihrem Kusse nieder. Noch einmal zuckte ein weiches Glühen auf seinen Lippen; dann ward er von dem Drucke zwei sanfter Hände, welche auf seinem Haupte ruhten, zu mildem, festen Schlummer hinabgetaucht. Vergeblich suchte er von dieser Betäubung sich loszuringen, alle Glieder versagten ihm den Dienst, bis denn endlich das letzte Aufglimmen des Denkens ihm entschwand. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Als Georg aufwachte, war es Nacht. Er befand sich in einem Zimmer, das ihm bekannt schien. Er nahm die Lampe, welche vor ihm auf dem Tische stand, leuchtete umher, und bemerkte zu seinem Erstaunen, daß er sich immer noch in der Wohnung seiner Aeltern befand; dessen ungeachtet aber prangte dennoch der räthselhafte Ring mit dem leuchtenden Steine an seiner Hand. Schmerzlich drückte er ihn an seine Lippen. Auf das Geräusch, welches er verursachte, kam der alte Hausknecht, ganz schwarz gekleidet, mit traurigem Gesichte herein. Wo sind meine Aeltern? rief Georg hastig. Gott sei gedankt, daß ihr, junger Herr, doch wieder aufgewacht seid! versetzte der Diener. Wie ist in so kurzer Zeit so viel Herzeleid hier eingezogen! Ihr habt also während eurer Fieberphantasien nicht bemerkt, wie Vater und Mutter vorgestern begraben worden sind? So ein plötzlicher Tod ist doch ganz was Unerhörtes! Meine Aeltern todt? rief Georg erschrocken. Eine ganz besondere Schlafsucht, erzählte der Diener, war vor drei Tagen des Nachts noch vor dem Bettgehen über uns Alle gekommen; so daß wir erst am anderen Mittage vom Blöken des hungernden Viehes im Stalle aufwachten, eure Aeltern aber todt, und euch schlafend fanden. Im ganzen Hause war ein erstickender Dampf, welcher sich nach und nach verzog, zu vermerken. Wir vermochten euch vom Schlafe nicht zu erwecken; und so lagt ihr diese ganze Zeit über, wie in lebhaften Träumen; denn euer Mund verzog sich immer zum Lächeln. Es war rührend anzusehen! Nun seid ihr gerettet! – Georg war außer sich. Ohne ein Wort zu sprechen, ging er von der jammernden Dienerschaft des Hauses umringt, händeringend durch alle Gemächer. Eine unnennbare, quälende Empfindung des Verwaistseins marterte seine Seele. Mehrere Wochen lang irrte er, ohne einen Entschluß gewinnen zu können, umher. Fast jeden Abend ging er hinauf zu dem Kirchhofe, um bei den Gräbern der Lieben seinem Leide und Grame nachzuhängen. Ob er Wahres überall erlebt, oder nur geträumt? oder ob eine himmlische Gewalt, welche allen Liebreiz in sich begreife, ihm den wunderbaren Goldreif wahrhaftig gegeben, oder ob nur sonst ein Zufall, dessen er sich freilich nicht mehr erinnern konnte, ihn an seine Hand gebracht habe? Dieses waren seine Zweifel, welche zu lösen er sich dennoch immer unwillkürlich bestrebte. Aber der Name Aquilina klang zu deutlich noch in seiner ganzen Seele wieder, als daß er nicht an die Wirklichkeit ihres Daseins, und der Wahrheit seiner Liebe, welche er für sie fühlte, allzugern hätte glauben sollen. Zugleich aber wurde er immer mehr sich bewußt, wie ihm die Natur alles Daseienden heller erschlossen war, als sonst; wie allgewaltige Ahnungen urewiger Wahrheit in ihm sich deutlicher, als je, emporgehoben hatten; wie endlich so Vieles, nach dessen Erkenntniß er früher so oft vergebens gerungen hatte, sich ihm verdeutlichte; ja! er fand, daß ihm selbst das Verständniß von allerlei Sprachen zu Gebote stand. Dieses Alles erwägend, mußte sich Georg überzeugt halten, daß kein Wahn, kein Traum, sondern eine Wahrheit der Inhalt seines letztverwichenen, unerklärlichen Geschickes gewesen sei. In dieser Stimmung beschloß er, sich der Vollmacht, welche ihm auf die ganze Welt ausgestellt war, zu bedienen; und auf langer Reise die Kraft seiner Seele an den Erfahrungen eines vielbewegten Lebens zu erproben und zu stählen. Mit diesem Entschlusse brachte er sein Hauswesen in Ordnung, und übergab dem alten Diener, dessen Treue und Rechtschaffenheit sich stets bewährt hatte, die Verwaltung des väterlichen Erbguts; nahm die vorgefundene Baarschaft zu sich, packte ein, und nahm von seiner Heimath Abschied, sich der Leitung des Schicksals überlassend. Nach Italien und Griechenland, den Ländern und Zeugen herrlichster Thaten, zog ihn eine langgenährte Sehnsucht. Längst des Rheinstromes, seines alten Wiegenliedsängers, zog er hinauf über den Bodensee, über Chur, bis zur Spitze des St. Bernhardin. Wie so herrlich vor allen Strömen mit durchsichtiger Grüne prangte des Rheines klares Gewässer unter den Muschelhorngletschern durch den hochstämmigen Föhrenwald aus dem Schooße des Valrheins vor dem Wandrer heraus, wie ein Mägdlein, das zum Tanze eilt auf die blumige Matte. Während Georg in wonnigen Schauern entzückt hier stand, sah er einen Wanderer den steilen Bergpfad heraufklimmen. Mit kräftigen Schritten kam er näher einher. Es war ein starker, hochgewachsener Jüngling im einfachen Rocke. Unter seinem runden Hute, welcher tief auf die Stirne hineingedrückt war, schaute ein leidendes Gesicht, welches in seiner kränklichen Bleiche wenig dem rüstigen Wuchse der Gestalt angemessen schien, mit dunkelbraunen geistreichen Augen hervor. Mit treuherzigem Gruße gesellte er sich zu Georg. Sein offenes und zugleich schwermüthiges Gesicht, eine anziehende Unterhaltung, welche sich bald zwischen ihnen angesponnen hatte, und worinnen der Fremde einen seltenen und gebildeten Geist verrieth, gewann ihm in kurzer Zeit Georgs besondere Zuneigung. Er war ein deutscher Kaufmannssohn, welcher theils zur eigenen Erholung, theils auch in Geschäften seines Vaters, eine Reise durch die Schweiz machte. Indem die beiden Jünglinge hinüber starrten zu den hohen Felszinnen, und bei dem Gebrause ferner Giesbäche und des Rheinstroms vor ihnen, in verschiedene Betrachtungen versunken waren, sagte endlich Heinrich, so hieß der Vorname dieses Reisenden, zu Georg gewendet: in diesen wilden Zerklüftungen der Felsenwände, und bei den von Grund aus bis zum Scheitel gespaltenen Granitsäulen sieht man deutlich, wie der alte Urgeist einst stritt um die Herrschaft mit der Riesengewalt der Materie! Welch ein ungeheurer Kampf muß es gewesen sein, bevor das Geistige dem Stoffe unterlag, so daß es nur noch in fortwechselnden Gestalten hervorträumen, und um die ewig verlorene Freiheit klagen kann! – Steht nicht hier das ganze Alpenland, wie ein Triumphbogen der sinnlichen Welt; und die Matten von allen Seiten mit ihren Blumen, Bäumen, Sträuchern und allerlei Geschöpfen, wie ein langes Klagelied in Hieroglyphenschrift? – Nicht solche finstere Gedanken, versetzte Georg in dieser frischen, freudigen, freien Gebirgswelt! Diese rauschenden Bäche, welche in Chrysoprasfunken aus den Herzen der Berge lustig springen und sprühen, diese smaragdgrünen Matten, und diese diamantnen Kronen der Gletscher, erfüllen meine Seele mit heimlicher Sehnsucht, und kindlich gerührt suchet mein Auge nach der Ferne hin das unermeßliche Heil, dessen Ahnung wir ja Alle in uns tragen! Mit solchen Worten, mit solchen Gedanken verbrüderten sich nach und nach die Jünglinge; und bald fühlten sie, wie ein besonderes Geschick sie auf dem St. Bernhardin zusammengeführt habe, um sich auf ewig Freunde zu sein. Sie beschlossen mit einander hinunter zu steigen zu den paradiesischen Gärten und Seen Italiens. Rüstig wanderten sie nun zusammen, eines Sinnes, eines Herzens, einer Begeisterung, durch die üppigen Thäler der südlichen Schweiz hinab in das Ulmen- und Rebenland. Zweites Kapitel. Wie zwei gewaltige Bergströme im engen Thale sich vereinigen, und nun in einem Gusse bald wild aufgeregt dahin stürzen über Klippen und Felsblöcke und durch schauerliche Schluchten brausend und tosend ziehen, bald wieder sanft mit den Blumen am Ufer spielen, das ganze klare Bild des Himmels in sich aufnehmen, während kleine kräuselnde Wellen mit dem Moose an den Erlenbäumen, mit den Gräsern und Halmen, welche hie und da zum Silbergusse der Fluth hinunternicken, zögernd, ja! weilend zu flüstern scheinen; – so ohngefähr fanden sich die Seelen beider Freunde bald zu dem gewaltigsten Aufschwunge kühnster Ideen, bald zum traulichsten Hinträumen und freundschaftlichen Plaudern verschmolzen, so daß jeder in dem Andern nur sich selbst wieder zu finden glaubte. Endlich gelangten sie berauscht in Berg- und Lenzesluft über Chiavenna hinunter zum Comersee. Kaum waren sie in Sorrigo, angelangt, so dingten sie einen Schiffer, welcher sie auf seiner Barke der lieblichen Mainacht und Como entgegenfahren sollte. Sanft trieb die Barke mit ihnen dahin auf der smaragdnen Fluth des Sees. Eben neigte sich die Sonne zum Untergange. Mit fröhlichen Matten, üppig blühenden Bäumen, und den weißen Villen, welche wie Feenschlösser daraus hervorleuchteten, traten die Hügel heran, und wehten ihnen Düfte und Blütenblätter herüber. In langgezogenen, schmerzlich wollüstigen Tönen schienen ringsumher die Nachtigallen ersterben zu wollen; während in der Ferne glühende Rosen auf den Firnen anglommen. Allmählich legten sich die Schleier der Abenddämmerung, einer nach dem andern, über Land und See. Ein heiliger Sabbath lagerte sich über die Natur, welche in melancholischen Tönen, Düften und verdämmerten Farben dahinträumte. Heinrich war in ein langes, trübes Schweigen versunken, während Georg den entblößten Arm, über den Rand der Barke gelehnt, hinein hielt in das warmlaue Bad des Sees. Jetzt stieg der Mond goldgelb, wie eine Sonnenblume, über die östlichen Kastanienhügel herauf, und gleich weißen Feuerfunken sprühte unter dem raschbewegten Ruder die Fluth des Sees empor. Heinrich schaute mit thränenerfüllten Augen unablässig empor in das milde Mondangesicht. Mit klarer, klagender Stimme begann er endlich zu singen: Ein bleiches Weib da drüben steht, Könnt' es nur einmal weinen. So lang' die Sterne scheinen, Bis ganz die stille Nacht vergeht. Süß ist der jungen Küsse Lust, Süß alle Wonnen trinken, In Seeligkeit versinken An Liebchens glutherfüllter Brust. Gar schön, ist Schlaf, gar süß der Tod, Wenn Röslein ist geknicket, Wenn Schand und Kummer drücket, Zerstörten Herzens Pein und Noth. Gebrochen ist des Weibes Herz, Die Ruhe gar verloren, Die Thräne eingefroren, Geblieben nur der dumpfe Schmerz. Drück zu, die trüben Augen zu, Laß Glücklichen das Weinen, Laß all' die Sterne scheinen, Geh' armes Weib! geh' heim zur Ruh'! Die seltsame, traurige Melodie dieses Gesanges tönte fremdartig durch die stille Nacht dahin. Georg faßte seines Freundes Hand, und sprach in milder Theilnahme an dem, ihm unbekannten, Schmerz zu ihm: wie hart muß dich die Hand des Schicksals getroffen haben, du Armer, bis dein Leid ausbrechen konnte in die Klage dieses Liedes! Heinrich ruhte an seiner Brust. – Freund! rief er, wo hin uns auch das Schicksal schleudern mag, bleibe meiner eingedenk! Bei dem Odem des Lenzes, der mit seinem Balsame uns anweht, bei dem goldenen Sternenhimmel, welcher von oben herunter, und von unten aus dem See herausschaut, bei allem, was wir Heiliges und Gemeinsames empfinden, bewahre mir deine Freundschaft! Nachdem ich mein ganzes Lebensheil unwiederbringlich untergegangen glaubte, ging mir es von neuem in dir, mein Freund, herrlicher als je, auf; laß mir diesen Stern nicht wieder erlöschen, meinen wiedererrungenen Glauben an Menschenglück nicht wieder vergehen! Was ist die Liebe des Weibes gegen die Freundschaft, welche zwei Männerherzen auf ewig verbrüdert? Nun aber, auf dem höchsten Punkte meiner Erdenglückseeligkeit, – denn schon schaut von drüben herauf wieder das alte Leid, – laß uns von einander scheiden, scheiden in dem seeligsten Gefühle meines Daseins! – Theurer! versetzte Georg, was fällt dir bei? Jetzt, versetzte der Begeisterte, stehst du vor meiner Seele, wie ein edles unvergängliches Götterbild! – jetzt laß uns trennen, damit ich eine große Erinnerung, lebendig sie festhaltend und nicht verdunkelt von anderen Eindrücken, mit hinüber rette in mein Leben. Wenn du der Wanderung müde und der Ruhe bedürftig bist, so suche mich heim! Vielleicht gefällt es dir in meinem stillen Thale. – Er hieß den Schiffer landen. Vergeblich suchte Georg den bewegten zu halten. Die Barke legte an, und Heinrich sprang an's Land. Georg folgte ihm. Lebe wohl! sprach Heinrich aufgeregt, lebe wohl! Zu langer Umarmung wuchsen die trefflichen Jünglinge zusammen; sie traten von einander, sahen sich an, umarmten sich wieder, und sagten sich scheidend ein schmerzliches Lebewohl! Traurig fuhr Georg die Villa des Plinius vorbei hinunter zum weinumrankten Como. Drittes Kapitel. In der alten Werkstatt Vulkans auf dem glühenden Schwefelboden der Solfatara bei Neapel stand Georg. An allen Enden schoß in Qualm und Dampf das Höllenmineral an. Aus einer Grotte, welche schachtartig in die Unterwelt hineingetrieben schien, schallte auf einmal eine Stimme: Verflucht! hier könnte man ehrlicher Weise ersticken. Ein starkes Husten erfolgte. Georg trat hinzu, um den Verwegenen zu sehen, welcher sich zu diesem Schwefelpfuhle hineingewagt; und Doctor Voland mit seinem todtenbleichen Gesichte sprang heraus, indem er große schöngelbe Schwefelzapfen in den Händen hielt. Sie staunten sich gegenseitig an, bis endlich der Doctor ausrief: Glückskind, willkommen! wir treffen uns zufällig und erwünscht! Er stürzte auf ihn zu, und umarmte ihn. Herzensfreund, sprach er, was machst du hier? konntest du mir nicht ein Wort davon schreiben, daß du eine Reise hieher machen wolltest? wie lieb wäre mir deine Gesellschaft gewesen! Georg fragte: aber, Doctor! was treibst du denn hier mitten in diesem Qualme der Schwefelhallen? – Mineralogie! versetzte Voland, und der Wissenschaft zu Liebe muß man schon Etwas wagen! Freund! wundert es dich nicht auch, daß die Engländer diese antike Schwefelfabrik nicht schon längst nach Altengland hinüber transportirt haben? Wie würde dieses Maschinenvolk die Sache in Gang gebracht haben! Ich möchte Thränen vergießen über all die eingeschwefelten Speculationen, welche hier vergraben sind! – Salpeter möchte ich weinen, um hier einen Schuß Schießpulver zu machen, damit der erste Goddam, welchem bei solchen Gedanken ein wenig anders würde, gleich ein Mittel für seinen Spleen zur Hand hätte! – Was geht uns aber dieses Einmaleins an; freuen wir uns des schönen Zusammentreffens! Wir bleiben doch nunmehr beisammen? »Wenn du mit nach Deutschland zurückreisen willst, so ist es möglich!« versetzte Georg. Voland eiferte: »wieder zurück zu dem aschgrauen Norden, wo Schwalben und Koth über die Dächer und verzweifelnde Magister mit unglücklichen Manuskripten durch die Straßen fliegen, rathlose Räthe als fünftes auf vier Rädern, Obermauthinspectoren in Harnisch, die Ritter in den Schlafrock, bankrottirte Kaufleute aber über Land und gestrenge Gnaden oben hinaus fahren? Nach Deutschland zu den Frau Gevatterinnen und der Vicegeheimeuntersekretärinn, um ganz im Geheimen von der geheimen Liebschaft der geheimen Räthin unheimlich zu flüstern? Ich bin gerührt! Thränen treten in meine Augen. Es ist ein Großes um das Vaterland! – Nein, sprich, im Ernste, willst du wieder hinreisen? Was willst du dort thun?« »Ich werde mir einen Wirkungskreis im Vaterlande wählen, wo ich nützend meine Kräfte gebrauchen, und nach verschiedener Richtung hin mich ausbilden kann!« erwiederte Georg. »Georg!« fuhr Voland fort, »um die deutsche Hungerkur der niedern Beamtenwelt auszuhalten, fehlt dir die Geduld; und besäßest du auch selbst das nöthige Blei am rechten Flecke, so hättest du dennoch für das Tabellen- und übrige Schreibunwesen zu viel Feuer im Kopfe; um in den Kreis höherer Statsbeamter einzutreten, fehlt es dir an Connexion, sonst Gevatterschaft genannt, an Geschmeidigkeit, sonst Kriecherei, einem sich repräsentirenden Wesen, sonst höflicher Weise Dünkel geheißen; – um unter dem Joche des Bauernstandes, bei Sklavenarbeit und Galeerenkost für die Erlaubniß zu leben dich halb todt zu plagen, hast du zu wenig deutsche Sanftmuth; ein Handwerk aber verstehst du nicht, noch dir sonst mit Flaschen und Pulvern Geld zu machen, und um als Dichter für Buchhändlersold zu singen, Tag und Nacht wie ein geblendeter Finke, bist du noch nicht unglücklich genug! – Pfarrer aber willst du doch nicht werden? Dieß Herzeleid thust du mir nicht an! Nun sprich, wo paßest du in das Arbeitshaus, Vaterland von dir genannt, hinein! – Armer Thor! Deine große Brust wird den Schnürleib der Convenienz nie ertragen! sie wird zerspringen wie ein junger Baum vor Ueberfülle des Saftes, um langsam zu verbluten, zu verdorren! – O, du Armer! – Mit einem Worte, bleibe bei mir! wir gehen mit einander nach Griechenland! nach Asien, wo die Leute noch Menschen, und edel, wie ihre Nasen, erhaben, wie ihre Stirnen, und feurig, wie ihre Augen sind! Es ist nichts häßlicher, als ein slawischer Fleischknoten statt einer Nase im Gesichte, so eine glückliche Gemüthsanlage dieß auch bedeutet. Georg, du gehst mit mir!« »Ich will es dir gestehen, Doctor, meine Baarschaft reicht nicht hin!« sprach Georg niedergeschlagen. »Weiter ist dir nichts? – Freund, ich bin ein Zahuri, und kein Metall liegt unter der Erde oder im Meere, das ich nicht fühle. Sieh! so bin ich ein natürlicher Schatzgräber. Geronnen oder nicht, glänzend oder nicht, Erde ist Erde! und so wollen wir uns die Kenntniß über die Erde wohlfeil genug mit Erde einkaufen. Wir reisen mit einander, so weit wir eben Lust haben, und für Uebriges sorge ich. – Wie wollen wir zusammen sehen, lernen und genießen, und weit hinaus über das blaue Meer zu blauen Wundern, und in Länder reisen, an welchen der Schöpfer das Mögliche gethan, in Länder, von welchen Italien mit allen seinen Inselchen, Landzüngelein, und Vorhügeln, nur ein schwaches Nachbild, und Marzipankunststück ist, den Vesuv überall ausgenommen! Nach Indien reisen wir, wo der Mensch vor Ueberseeligkeit zu Stein erstarrt, nach Georgien, wo die edelsten Sprößlinge Eva's zu schönster Wollust heranwachsen, und wie übervolle Rosen aufschwellen, daß vor dem Ingrimm der Seeligkeit man den Leib in Atome zersprengen möchte! – dann hinauf zu dem gelben Samojeden, der mit der Fischotter sich herumzankt! Pikant muß die Reise werden; ohne Brille wollen wir die Menschheit und die Erde, worauf sie herumkriecht, studiren! Was wollen wir für Werke ausarbeiten; ich ein mineralogisches Tagebuch, welches Aufschlüsse, ungemeine, geben soll, und du Gedichte, welche Füße und Feuer haben! Wir gehen zusammen, schlage ein!« »Hier hast du mich, Zahuri!« rief Georg. »Morgen reisen wir nach Maltha, Bruder!« versetzte der Doctor, »und nun laß das Leben herankommen; wir wollen es fassen, wie der Löwe seine Beute!« – Sie gingen mit einander nach Neapel zurück. Ueber das dunkelblaue lazurne Meer, über die Inseln Capri, Ischia, und über die blaugrünen Küsten von Castellamare und Sorrento woben sich milchblauliche Düfte; drüber hinaus aber hob sich der wolkenlose Himmel in glühender Klarheit empor. Mitten in diesem Paradiese lag Parthenope hingestreckt mit ihren weißen Riesengliedern am Meere, um ihre heiße Brust an der Seeluft abzukühlen. Drittes Buch. Erstes Kapitel. Lieben Freunde! sprach endlich Heinrich, indem er sich im Vorlesen dieser Geschichte unterbrach, es ist mir ganz sonderbar zu Muthe! Es ist ein tolles Mährchen, versetzte Rudolph, Mathildens Bruder, ein Mährchen, das an Unwahrscheinlichkeit selbst ein Mährchen übertrifft; es scheint mir, als ob die Dichter neuerer Zeit allem Menschlichen und Verständigen den Krieg erklärt hätten. Alles soll Ironie sein, und über aller Ironie werden solche Gedichte selbst eine Art von Ironie auf die Dichtkunst. Ich berufe mich auf das Urtheil unsrer Freundinnen. Stimmen sie mir nicht bei, schöne Lina? Das weiß Gott, versetzte das erröthende Mädchen, welches still und wie leblos seit einiger Zeit dagesessen hatte, mich hat diese Geschichte sehr ergriffen. Sie ist mir so sehr bekannt, als müßte ich schon oft von ihr gehört haben. Das ist leicht möglich, versetzte Rudolph; denn das Gebiet der Kindermährchen ist das wahre Jagdrevier dieser Poeten; und so geschieht es, daß wir den einheimischen Sperling, vom nächsten Dache weggefangen, wunderlich verstutzt, mit aufgeleimtem rothen Tuchkamme, wieder für unser baares Geld als ein fremdes Wunderhähnchen vom nächsten Charlatan vorgezeigt bekommen. Welche alte Kinderwärterin wüßte nicht vom Blaubart, vom Rübezahl, und anderen wunderbaren Dingen herzlich und kindlich, ja, selbst einfach und verständig zu erzählen; und dennoch ereignete sich erst vor einigen Jahren das Unheil, daß viele dieser Kindermährchen toll wurden, und der Kinderstube entsprungen, in dem Irrenhause der Tageliteratur sich wüst und wirr herumtrieben. Diese Verunstaltung unserer einfachen, klaren Volksmährchen hat nur allein ihren Grund in der Gemüthszerrissenheit dieser neuromantischen Dichter. Sie haben den Glauben und sich selbst verloren, und stürmen nun wie Verzweifelnde gegen das Eden ihrer Kindheit an, um das schändlich Preisgegebene wieder zu erringen. Aber in ihrem convexen Auge können sich die Gestalten der alten Wunderwelt nur als Fratzen wieder abspiegeln. Ob dein Eifer gerecht ist, oder nicht, will ich nicht beurtheilen, entgegnete Heinrich; so viel aber ist gewiß, daß ich zum Theil diese Geschichte selbst mit erlebt habe. Die Gesellschaft sah ihn mit großen Augen an. Er aber begann von neuem vorzulesen: Ueber das gebirgige Armenien herunter gelangten Georg Venlot und Doctor Voland endlich nach Persien. Einen ungemeinen Einfluß hatte die lange Reise auf Georg geäußert. Männlicher war sein Geist, kräftiger sein Leib geworden. Sein Reisegefährte hatte durch seinen kecken Geist nach und nach eine gewisse Herrschaft über ihn sich zu verschaffen gewußt. Dieses Verhältniß war für Georg, in so fern sein Verstand sich immermehr an dem Scharfsinne seines Reisegenossen entwickelte, eben so vortheilhaft, als es in anderer Rücksicht für das kindliche Empfinden seines Gemüths nachtheilig war; denn die Kälte seines Freundes, womit er alles, was der Mensch fromm zu verehren geneigt ist, auf den Kopf stellte, zerstreute vor Georgs Augen den lieblichen Zaubernebel, welcher ihm, sonst das Unheilige, das Gemeine bedeckend, nur Alles gut, hoch und edel erscheinen ließ, und eben dadurch sein Herz zu den erhabensten Gefühlen tüchtig gemacht hatte; und gab ihm dafür Zweifel, und Unruhe, Steine statt Brod. In tiefem Schweigen sprengten die beiden Reisenden auf ihren schwarzen Rossen über das Hügelland hinunter in eine weite, schöne, grüne Ebene. Ueppige Blumen blühten rings umher, in langen Reihen prangten die Pomeranzen- und Limonienbäume in saftiger Laubesgrüne. Schwärme von Bienen summten honigsammelnd durch die blühenden Stauden und Hecken, und unzählige Schwärme zahmer Amseln hielten ihre Gesänge in diesen Revieren. Gefällt es dir hier, Georg? fragte endlich der Doctor; hörst du, wie diese Vögel uns flehend ansingen, sie zu braten und zu verspeisen. Selbst die saftigen Granaten wollen ein gutes Wort bei uns einlegen, sie zu vermenschlichen. Sucht doch Alles in der Welt eben so gut, wie eine heirathslustige Dirne, ein honettes Unterkommen! Man könnte hier, man wüßte nicht wie, ein Dichter werden; und schon fühle ich über mich eine gewisse Begeisterung kommen! Wirst du ein Dichter, versetzte Georg, so will ich ein Narr sein! Du bist einer, entgegnete Voland; denn wirklich habe ich mich endlich bekehrt; das Lyrisch-didaktische sagt mir zu; ich habe eben ein herzinniges Lied gemacht! So werde ich irre an dir! rief Georg; wirst du mir es vergönnen, dich als Dichter zu bewundern? Ich fühle, erwiederte Voland, schon in allen meinen Gliedern die Dichtereitelkeit jucken, heraus muß es, wie der Korkstöpsel vor der fixen Luft; denn das Zerplatzen ist kein Spas. Er hob sich im Sattel aufrecht empor, und begann vorzutragen: Es wuchs des Wurmes Keim In Gährung und in Leim; Bis ein Lebend'ges wabbelt,. Im Sonnenscheine krabbelt. Wenn es nun recht im Gang, Fühlt es den Sehnsuchtsdrang, Nach Oben und nach Unten, Bis Liebchen es gefunden. Die Augen thät's verdreh'n!, Und in den Himmel seh'n; Der Gotteshuld gewärtig Wird neues Leben fertig. Doch giebt's nicht nur ein Frei'n; Auch will gestorben sein; Es hofft zum bessern Leben So engelhaft zu schweben. Doch wie ein lust'ger Schmaus, Ist auch mein Liedchen aus, Wie des Natur uns lehret, Wird Wurm vom Wurm verzehret. Du bist ein Lästerer! rief Georg; und dein Lied ist abscheulich. Bedanke mich für gnädige Recension! versetzte lachend der Doctor. Georg blickte forschend nach der Ferne hin; endlich fragte er: zeigen sich nicht dort Kuppeln von Moscheen mit unzählichen Minarets? – Es ist Schiras, versetzte der Doctor, wo der Dichter Hafiz einst geschmachtet, geliebt und prächtig genossen hat. Bald zogen Schaaren von Reitern, bald Caravanen mit schwerbeladenen Kameelen, bald betende Derwische an ihnen vorüber. An einer Menge großer, lieblich verzierter, blühender Gärten vorbei, gelangten sie endlich in der Stadt, und in der besten Karawanserei darinnen an. Ein gesprächiger Aufwärter hatte bald ihre Pferde versorgt, und brachte ihnen nunmehr in ihr Gemach Teppiche, Zuckerkuchen, Kaffee und Tabackspfeifen, und hockte sich zu ihnen wie ein Kameel auf seine Fersen hin. Ya! Ali, sagte der Doctor vor sich hin. Das ist sehr brav von euch, begann munter der Perser, daß ihr nicht zu dem verfluchten Omar gehört; euch soll kein persischer Löwe ein Leid zufügen! – Wißt ihr was Neues? – Das wollen wir von euch wissen, versetzte Georg. Oh! bei uns giebt es in diesen Tagen viel zu laufen, zu hören, zu rennen, zu sehen! Ya, Ali! ihr seid Kinder des Tags, daß ihr zu dieser Zeit nach Schiras kommt! Die Weisheit unsers Königs gedenkt die schönste seiner Töchter, sein Busenkind, zu verfreien. Wie Viele bewerben sich um ihre Hand! Armenische, türkische, arabische Prinzen, ja! Fürsten aus allen Weltgegenden sind hierher gekommen, um diese Rose in ihre Heimath überzupflanzen. Denkt nun, welches Licht der Weisheit das Haupt unseres Königs überstrahlt hat! Um Keinem von diesen Fürsten wehe zu thun, und dennoch dem Fürsten Oalla, dem Khan von Kurdistan, welchem er vor allem deswegen wohl will, weil er der trefflichste Roßtummler und Speerwerfer ist, seine Tochter gewinnen zu lassen, hat er einen Ferman ausgehen lassen: daß derjenige, welcher auf des Königs wildestem Rosse dreimal im Kreise umherreite, indem er ein vorgestecktes Ziel mit dem geschleuderten Wurfspieße treffe, sein Eidam werden solle. Nun merkt euch, der König hat ein edles Roß, welches aber, außer dem Khan von Kurdistan, Niemand bändigen und reiten kann, und daß Niemand, außer ihm, bessere Speerwürfe jemals vollbracht hat; und nun rathet einmal, wer mit dem weißbestäubten Barte glücklich Schiras gazellenäugige, rosenwangige, und schneeüberleuchtete Fürstin als seine Braut heimführen wird? Morgen aber ist der Tag des großen Wettkampfes! Das wird eine Herrlichkeit sein! Freund, sprach der Doctor zu Georg, hier ist Gelegenheit, unser Tagebuch mit dem schönsten Abenteuer, welches nur je einem irrenden Ritter widerfahren konnte, zu bereichern! – Du mußt dem edlen Khan von Kurdistan die Braut abgewinnen! Das will ich und kann ich nicht! versetzte Georg; wie sollte ich mir selbst und meiner Liebe je untreu werden? Hättest du je Aquilina gesehen, du würdest von einem solchen Antrage geschwiegen haben. »Nun,« antwortete der Doctor, »ist doch das Kind gleich außer sich! und übrigens dürfte eine wirkliche Prinzessin, zumal wenn sie schön ist, immer noch annehmbarer sein, als eine Traumprinzessin; so wie eine gebratene Taube, welche ich vor mir wahrhaftig auf dem Teller liegen habe, mir wenigstens lieber ist, als eine, von welcher ich träume, und an deren Brust die Devise: »friß mich nur nicht!« meinen Hunger nicht stillt. Uebrigens ist es ärgerlich, daß jeder Mensch, in einer Hinsicht wenigstens, seinen Antheil Wahnwitz hat, selbst den verständigsten nicht ausgenommen! Daß du aber deine Narrheit an einem Stückchen Metall und Stein, wie dein Ring ist, auslassest, wird mich ewig kränken. Wenigstens hätte ich schon längst versucht, was denn eigentlich dahintersteckt. So eine ungewisse Lage ist das Langweiligste, was ich kenne! Schlimmsten Falles aber würde sich das hübsche Gespenst, nach deinem eigenen Vorgeben, in ein niedliches Menschenkind verwandeln, mit welchem sich eher ein verständiges Wort reden ließe. Georg! wir wollen uns darüber nicht zanken, aber dieses Abenteuer laß nicht hingehen; nur des Spaßes halber nicht. Ich weiß, daß dir in solchen Künsten, wie Reiten, Schießen, Schleudern, Fechten und was dem mehr ist. Niemand gleich kommt. Denkst du denn, der König würde dir, dem Fremden, seine Tochter zum Weibe lassen? – Wenn du obsiegst, so gilt es nur ein Wort und wir gehen wieder, wohin uns eben der Sinn steht!« – Wie soll ich mich dem Könige vorstellen? und wird er mir die Mitbewerbung um seiner Tochter Hand gestatten? versetzte Georg. Laß dieses meine Sorge sein, bedenklicher Mensch, entgegnete Voland; morgen früh gehe ich als dein Gesandter zu ihm und das Uebrige wird sich geben. So schien Alles abgemacht und Georg war, durch einen gewissen Hang zu Abenteuern, welchen der Doctor aufzureizen und zu leiten wußte, hingerissen; durch eine rücksichtslose Herzensgüte, welche zumal Bekannten und Freunden nicht gern zuwider sein mochte und durch eine unbedingte Dankbarkeit, welche er der wahrhaft fürstlichen und zugleich höchst zarten Großmuth seines Gefährten schuldig zu sein glaubte, zu jedem Gegendienste bestimmt; jetzt nur ein Vasall, ein Werkzeug dieses zweideutigen Menschen. Während sich Beide heimlich über ihren Plan besprochen hatten, war der alte Perser wieder abgetreten. Jetzt bekamen sie neue Gesellschaft. Ein kleiner, gelber, kahlköpfiger Derwisch kam herein. Nachdem er viele unverständliche Worte vor sich hergemurmelt hatte, trat er dicht vor dem Doctor Voland hin und sprach: »Ali befiehlt dir durch mich, seinen Knecht, mir sogleich die Summe von tausend Tomans auszuzahlen! Darum ist es jetzt Zeit für dich, die Schnuren deines Beutels zu ziehen und freigebig zu sein! Hädsch! Hädsch!« – Ein dort gebrauchlicher Laut, durch dessen widerliche und fortwährende Wiederholung diese Leute sich das geforderte Almosen zu erpressen wissen. Und wenn ich dir nun nichts geben mag, versetzte der Doctor. »So bleibe ich hier so lange, bis du dennoch tausend Tomans mir bezahlst.« So bleibe, verrücktes Unthier, rief der Doctor, bis zum jüngsten Tage. – Alsbald hockte der Derwisch an der Thüre sich nieder auf seine Fersen und begann mit häßlicher Stimme in Einem fort das: »Hädsch! Hädsch!« abzuschreien. Vergeblich bot ihm Georg nach einer Weile seinen Geldbeutel an; der Derwisch aber zeigte auf den Doctor, welcher, ruhig seine Pfeife schmauchend, ihm gegenüber saß, und schrie ohne abzusetzen in Einem fort mit kreischender Stimme seinen widerlichen Laut. Voland! sprach Georg, indem er sich auf das Lager streckte, schaffe das Ungethüm fort; ich möchte gern ein wenig schlafen. Laß ihn doch! entgegnete dieser; mich hat lange Zeit nichts so, wie diese Creatur, erquickt! dieses Ebenbild Gottes! Willst du aber schlafen, so drücke die Augen zu, der Kerl soll aufhören zu schreien! Sogleich reckte auch Voland seine Pfeifenspitze hinüber zum Derwisch, machte ihm ein Zeichen vor dem Munde und sprach: Reiß das Maul nur hin und her, Schalls und Unsinns sei es leer! Wüthend geberdete sich der Derwisch, wie sehr er aber auch seinen Mund aufreißen mochte, so konnte er doch keinen Laut mehr von sich geben. Georg lachte und sagte: »Doctor! mit diesem Kunststücke könntest du dich bei manchem Cabinette empfehlen; du bist ein geborner Minister, wenn du die Schreier im Volke stets so zur Ruhe bringen könntest! – Man sollte aber einen solchen Derwisch nach Deutschland schicken und sein Lebelang durch alle Städte, Dörfer und Weiler: Einheit! Einheit! schreien lassen; vielleicht brächte die Unvernunft die Leute zur Vernunft! »Das wäre zum Ueberfluß,« versetzte Voland; »denn wär's mit Schreien abgethan, so hätte es dort nicht daran gefehlt.« Nach einer Weile schlief Georg endlich ein. Wie er aber um Mitternacht einmal wieder erwachte und die Augen aufschlug, sah er immer noch den Derwisch an der Thüre kauern, einem chinesischen Pagodenbilde gleich, mit dem Kopfe beständig wackelnd und die Augen verdrehend und mit grimmig höhnendem Gesichte Voland ihm immer noch gegenübersitzend. Drittes Kapitel. Er schlief von Neuem ein und erwachte erst wieder, als ihn Voland weckte. Im prächtigen persischen Prachtkleide stand er vor ihm da. Einen rothen Mantel, mit feinem Pelz verbrämt, hatte er um sich geworfen, an seinem goldgestickten Gürtel hing ein Dolch, dessen Griff von Diamanten funkelte. Eine schwarze Persermütze, um welche ein bunter Shawl aus Cachemir gewickelt war, saß ihm auf dem Kopfe. Bin ich so würdig, dein Gesandter zu sein, mein Prinz? fragte Voland. Ich gehe jetzt in den Pallast. Hier ist ein Packt Kleider und noch anderes Zeug, welches du als Fürst gebrauchst. Ich schnoberte diesen Morgen schon in der ganzen Stadt herum. Bereite dich unterdessen vor; denn bald werde ich dich abrufen. Der dumme »Hädsch« dort kann dir unterdessen die Zeit vertreiben! Mit diesen Worten verließ er das Gemach. Kaum aber hatte sich Georg in die prächtigen Gewänder, welche ihm Voland besorgt hatte, geworfen, und den herrlichen Säbel umgeschnallt, so kam dieser schon wieder zurück und rief: »Hurtig aufs Pferd! Der König zeigt seinen Witz in Galla. Eben zieht der ganze Hofstaat mit den Heirathscandidaten hinaus auf die große Aue vor der Stadt. Du wirst dem erleuchteten König dort vorgestellt.« Georg war ganz Feuer und Leben. Zwölf königliche Offiziere hielten vor der Karawanserei, ihn zu begleiten. Schnell warfen sich beide auf ihre Pferde und jagten zum entgegengesetzten Thore der Stadt hinaus, wo ihnen die gellende Kamunscha und wirbelnde Trommeln das Fest verkündeten. Eine unermeßliche Menge blaubärtiger Perser drängten sich mit hinaus. Unfern vor der Stadt sah man eine Bühne aufgeschlagen. Sie war überall mit vielfarbigen hellen Cachemirschaulen behangen. Vor diesem Gerüste befand sich ein freier, kreisartiger Raum, der sich, dieser Bühne gegenüber, in eine weite Bahn eröffnete. Jeden zehnten Schritt stand an dieser Rennbahn ein geharnischter Soldat, der andrängenden Menge zu wehren. Auf dem höchsten Punkte dieser Bühne unter seidenem Baldachine saß der bärtige König in einem, mit Goldschnüren und Perlen abenteuerlich gestickten, Mantel. Eine hohe, mit kostbarem Gesteine besetzte Zilinderkrone, über welche eine leichte mit Diamanten geschmückte Feder sich erhob, belastete sein Haupt. Um ihn herum saßen in glänzenden Gewändern die Großen des Reichs, hinter ihm standen in Sammt und Seide seine Pagen. Als Georg und Voland, von den königlichen Offizieren begleitet, herbeikamen, wich das Volk ehrerbietig zurück. Der Erzschatzmeister führte sie zum Könige, der mit gnädigen Blicken den schönen fremden Jüngling musterte. Ihr seid der Fürst aus Fantasienland? fragte er huldreich. So ist es, Allergnädigster! antwortete Voland für Georg. Es steht nichts im Wege, versetzte der König, daß der edle Fürst sich den übrigen Bewerbern anschließe. Hierauf verneigten sich Beide und Georg begab sich hinunter zu den übrigen Freiern, welche am Fuße der Bühne standen. Jetzt begann auf den Wink des Königs eine schmetternde Musik, während sechs Reitknechte ein ungestümes, fast unbändiges Roß, dessen Augen wie Feuer leuchteten, herbeigeführt brachten. Zu gleicher Zeit maß ein Krieger dreihundert Schritte vorwärts ab und stellte eine Stange, welche sich in einem, auf der Spitze derselben angebrachten, schwarzen Knopfe endigte, als Ziel zum Speerwurf auf. Der Prinz von Armenien war der Erste, welcher sich dem Rosse nahte; aber kaum hatte er es bei der Mähne gefaßt, so schleuderte ihn das wüthende Thier so hart an den Boden, daß er besinnungslos aus der Rennbahn hinweggetragen werden mußte. Nicht besser erging es dem Nächsten. Wiederum erhob sich die ermuthigende Musik und stolz und hoch schritt Oalla, der Chan von Kurdistan, in den Kreis vor. Mit einer eigenen kräftigen Behendigkeit, dem Sprunge eines Löwen vergleichbar, warf er sich auf das bäumende Roß. Sein Waffenmeister überreichte ihm den Speer. Wie sich das Roß auch geberden mochte, so wußte er es doch so weit zu bändigen, daß er endlich den Speer wuchten und schleudern konnte. Er hatte so richtig gezielt, daß er beinahe die schwarze Kugel des Ziels getroffen hätte, wenn er nicht zu kurz abgekommen gewesen wäre. Ein allgemeines Geschrei des Beifalls erschallte rings. Er übergab das schäumende Roß den Knechten und begab sich zum Könige auf die Bühne. Abermals ertönte die Musik und Georg Venlot ging auf das Roß, welches wüthend Sand und Steine mit den Hufen vorschlug, ruhig und fest zu. Er gab ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf den Rücken und sanft wie ein Lamm stand das edle Thier. Flink warf er sich in den Sattel und wie im Tanze trug es seinen Reiter im Kreise blitzschnell herum. Georg wuchtete und warf den Speer. Mitten im Knopfe des Zieles stack er fest. Schnell reichte ihm Voland einen zweiten Speer; Georg schleuderte ihn, und den Schaft des zuerst geworfenen zersplitternd, spaltete er die Kugel auseinander und flog dann noch weit darüber hinaus. Alles schrie verwundert und jauchzend empor; nur Oalla kniff zornig die Lippen ein. Im Triumphe zur linken Hand des Königs zog Georg, da die übrigen Fürsten sich nunmehr im Voraus für besiegt erklärten, in die Stadt zurück. Prächtige Zimmer wurden im königlichen Schlosse ihm zur Wohnung angewiesen. Er fühlte sich in peinlicher Verlegenheit. Voland aber tröstete ihn lachend und sprach: jetzt kommen asiatische Hofkniffe an die Reihe, und er wäre gespannt, wie dumm, oder wie fein sie Beide verabschiedet würden. Viertes Kapitel Der König hatte seine Räthe um sich versammelt. Zornig fuhr er sie an: »ich sollte euch köpfen lassen; denn euer Rath war schlimm, und ihr habt mich und Oalla betrogen! ein unbekannter Fremdling, der uns nichts nützen kann, hat nunmehr gesiegt.« Demüthig hockten auf ihren untergeschlagenen Fersen die Betroffenen um den zürnenden Herrn umher und machten lange Gesichter. Endlich begann der Aelteste unter ihnen: »Herr, du hast zu gebieten über unser Gut und Blut, über Fuß und Haupt; dein Odem macht lebendig und todt! Es steht nur in deinem Willen, ob du dem Fremdling die erhabene Schönheit deiner Tochter überlassen willst, oder nicht!« »Dies ist eine kluge Rede!« rief der König; »fahre fort!« »So laß denn, Herr und König, die Freier vor dir kommen und geruhe, ihnen zu sagen: daß nur der den Sonnenabglanz deiner Tochter verdiene, welcher unter ihnen des Schönsten, was ihm eigen sei, sich zu rühmen und binnen drei Tagen die Wahrheit seiner Rede zu beweisen vermöchte.« Dieser Rathschlag gefiel dem Könige ungemein. Er ließ die Fürsten, und mit ihnen Georg vor sich kommen und trug ihnen seinen Willen vor. Alsbald begann der Eine seine schönen Schlösser, der Andere sein Roß, ein Dritter den Reichthum seiner Schatzkammer, und ein Anderer Anderes zu erheben. Nur Georg schwieg zu diesem Allen. Spöttisch fragte ihn endlich der Perserkönig, ob er denn gar keines Besitzes sich zu rühmen habe. Gleichgültig antwortete Georg: ich rühme mich meiner Dame; denn eine schönere giebt es in aller Welt nimmermehr. »Zittere, Verwegener!« schrie der beleidigte König; »du sollst meine Tochter Amasia sehen und bekennen, daß, wie die Sonne den Mond an Glanz, nicht minder ihre Schönheit die gepriesene Dame übertrifft.« Auf seinen Befehl ward die Fürstin in den Saal hereingebracht. Obgleich die zarte Gestalt verschleiert war, so konnte man dennoch den wonnigen Bau der Glieder erkennen, indem sie sich durch die Reihen der Männer hindurchbewegte. Der König schlug den Schleier von ihrem Gesichte zurück. Wie eine erblühende Rose, die mitten durch das dunkle Laub herausglüht, war die liebliche Jungfrau anzusehen. Magdelich schien sie vor holder Schaam in sich zusammen zu sinken. Schüchtern schlug sie die feurigen schwarzen Gazellenaugen zu Georg, leise erbebend, auf. Gebieterisch sprach der König: »Verräther, bekenne, daß du ein Thor gewesen bist und entweiche beschämt von hinnen!« Herrlich, wie der Stern der Liebe, lieblich wie die Orangenblüthe, blühend wie die Morgenröthe, versetzte Georg, steht die holde Amasia vor mir; allein was ich behauptete, beruht dennoch in der Wahrheit. Der König hieß Amasia entfernen. »So schwöre ich denn beim Barte des Propheten,« rief er außer sich, »daß du sterben sollst, noch ehe die Sonne dreimal untergeht, wenn du nicht deine freche Behauptung wahr machst.« Es gilt hier deinen und meinen Ruhm, Aquilina! sprach Georg für sich; – könntest du mir verzeihen, wenn ich dich ersuchte, meine Ehre zu retten? Gewiß, Geliebte! – du kannst mir verzeihen! Seht, riefen Mehrere umher, wie der Prahler jetzt bestürzt ist! Bekenne, daß deine Dame gegen Amasia nur eine gemeine Magd ist, rief der König, so will ich dennoch mit deiner Thorheit Mitleid haben und dich ziehen lassen! Dieses entschied über Georg. Er drehte den Ring und flüsterte: Aquilina! – Aber kaum hatte er den Bann vollzogen, so fuhr ein unbändiger Schmerz durch seine Brust, als wollte sein Herz sich von ihm lösen. Die Thüre des Saales ging auf und herein kam eine schöne, in Gold und Seide gekleidete, Jungfrau. Sie trat vor den Thron des Königs hin und verneigte sich. Kaum vermochte der König sein Auge von dieser holden Gestalt hinwegzuwenden. »Fremdling!« sprach er, »wenn diese deine Dame ist, so hast du nicht geprahlt.« »Es ist nur ihre Botin, abgesandt, uns von ihrer Ankunft zu benachrichtigen;« entgegnete Georg. Abermals ging die Thüre auf und eine andere, noch schönere Jungfrau kam herein. Entzückt saßen alle die Fürsten umher; der König stand, von ihrer Schöne bezaubert auf, ihr entgegen zu gehen; Georg aber sprach: »bemüht euch nicht, es ist nur eine Dienerin meiner Dame.« Jetzt ertönte eine Musik von Flöten und eine verschleierte Jungfrau kam langsam und wie im Schweben herein. Wie sie dem Könige gegenüber war, schlug sie die Schleier zurück. Vor dem Glanze ihres Antlitzes, welches zu unsterblichen Wonnen geformt und auf dem ein rosiges Leuchten geheimnißvoll zu schweben schien, erschracken alle die Männer umher. »Verzeihe mir, höchste der Houris!« sprach huldigend der König. Seine Augen waren ihm geblendet. Aquilina aber wandte sich zu Georg: »Armer!« flüsterte sie, »also mußtest du mich doch unglücklich machen? Nun muß ich auf ewig von dir scheiden! Du hast gränzenloses Herzeleid über mich gebracht, und dennoch bedauere ich dich, du Guter! – So lebe denn wohl, geliebter, böser Mann! Ade, auf ewig!« Thränen rollten über ihre erbleichenden Wangen. Georg stand besinnungslos und in sich selbst vernichtet. Sie drückte seine Hände an ihr Herz, und legte sich im tiefen Seelenleide mit ihrem lockigen Haupte an seine Brust. Er sank in die Kniee. Schmerzlich sah sie ihn noch einmal an, faßte sein Haupt, küßte seine Stirne, wandte sich und wandelte mit ihren Frauen zum Saale hinaus. Der unglückliche Georg stürzte ihr vergeblich nach. Er fand nirgends mehr von ihr eine Spur. Als einziges Denkmal ihrer Liebe und seines Vergehens, war ihm nur der Fingerreif, dessen Stein sich aber unerklärlich getrübt hatte, und helle Thränen des Leides und der Reue geblieben. So zog er von Schiras, wohin er im freudigen Stolze den Abend vorher gekommen war, arm, verlassen, und an Herz und Geist zerrüttet hinaus. Doctor Voland war nicht bei ihm. Vergeblich hat er sich später bemüht, Ruhe und Frieden zu gewinnen. Einsam und traurig steht er in diesem Leben da. Kein Herz vermag ihn und sein Leid zu begreifen. Bei seiner Heimkehr zur väterlichen Heimath, erfuhr er, wie seine Verwandten mütterlicher Seite sein Erbgut sich angemaßt, verkauft, und den Erlös davon unter sich getheilt hatten. So brach mit dem Unglücke auch Armuth und Elend über ihn herein. Er soll sich jetzt dürftig und kümmerlich von Romanschriftstellerei nähren. Heinrich schlug das Buch zu und sprach nachdenkend: so mährchenhaft auch das Ganze behandelt ist, so springt dennoch daraus eine so schneidende Wahrheit hervor, daß ich mich in meiner innersten Seele davon ergriffen fühle. Ich wüßte nicht, was man Gescheites in diese Geschichte hineinerklären könnte, erwiederte Rudolph. Lina erhob sich und sprach in holder Verwirrung: welcher Mensch fühlt nicht zur Stunde, wie er einst ein unnennbares Heil, das durch seine Schuld ihm verloren gegangen ist, besessen habe? Wem hat nicht in seiner Seele je eine Blume geblüht, welche auf ewig versunken scheint, und dennoch zuweilen wieder in sehnsüchtigen Träumen aufblitzt in hellen Farben und süßen Düften. Ohne eine solche gesteigerte Sehnsucht nach diesem verlornen Heile unserer Seele, kann ich mir gar kein Dichten denken. Du hast aus meiner Seele gesprochen, Schwester! versetzte Heinrich. Jedem Menschen wird einmal der reine Blick der Seeligkeit, welcher alle Wonnenschauer der Ewigkeit ausschüttet, in Vorahnung und in der reinsten Stunde jugendlicher Unschuld zu Theil; aber ein jeglicher muß auch einmal diese tiefste Reinheit seiner Seele verlieren, um sie durch kräftiges Kämpfen wieder herrlicher zu erstreiten, und mit Kraft und Selbstbewußtsein zu bewahren. Ist dieses nicht endlich die Grundidee unserer Religion? Und ist nicht endlich diese Geschichte Venlots nur ein veränderter Mythos vom Sündenfalle? Wer von euch das Wahre getroffen hat, weiß ich einfältiges Mädchen freilich nicht, versetzte die fröhliche Mathilde; so viel aber ist gewiß: wir sind immerhin dem Dichter Dank schuldig, daß uns bei seiner Novelle der Abend schneller und schöner vergangen ist, als es sonst der Fall gewesen wäre! Die übrige Gesellschaft stimmte ihr bei. Man brach endlich auf und unter herzlichem Abschiednehmen und gegenseitigem Versprechen, bald wieder zusammen zu kommen, ging es fröhlich aus einander. Nur zwei Seelen aus dieser Gesellschaft dachten noch fernerhin an diese wunderliche Geschichte. Viertes Buch. Erstes Kapitel. Einige Wochen nach dem Johannisfeste wanderte Heinrich, um das Freie herzhaft zu genießen und mit Frühlingsodem seine Brust zu füllen, hinaus auf die grünenden Gefilde. Glühend hatte die Sonne den ganzen Tag lang über der Erde gebrütet. Jetzt aber stiegen im Südwest dunkle Wolkenhaufen herauf, und zogen die heiße Sonne, als ein rothes Herz, in ihren Busen hinein. Nichts wagte sich auf der weiten Flur zu regen, als nur dann und wann ein schüchternes Lüftchen, welches über die Spitzen des Getreides lief, als suche es sich irgendwo in einer Blume zu verstecken. Heinrich schien von dem Allen nichts zu bemerken; er zog an dem Saume des Waldes, welcher an die Felder vorstieß, gedankenvoll hin. Die Geschichte, welche er neulich vorgelesen hatte, wollte nicht aus seinem Gedächtnisse verschwinden. Erinnerte er sich doch so ganz deutlich an den Jüngling, welchen er auf dem St. Bernhardin getroffen, mit welchem er sich in so kurzer Zeit herzlichen Beisammenseins zu ewiger Freundschaft zusammengelebt hatte; und dennoch konnte er sich es nicht erklären, wie diese schöne Scene seines Lebens auf eine solche Weise in ein solches sonderbares Mährchen mit verflochten sein konnte. – Seitdem er sich selbst in dieser Gesellschaft fremdartigster Gestalten in jenem Buche wieder gefunden hatte, war es ihm, als müßte er an seinem wirklichen, einfachen Dasein zweifeln. So mag es einem Menschen zu Muthe sein, der gemächlich in seinem Zimmer sitzt, und zu dem herein jetzt ein Fremder tritt, bei dessen erstem Anblick er sich sagen muß: daß dieser sein bester Bekannter, sein Freund, sein erster und einziger sein müsse, ob er gleich sich nicht erinnern kann, wo und wie er ihn einst getroffen habe. Er fragt bestürzt nach den Namen des Eintretenden und freundlich lächelnd nennt der Fremde den eigenen Namen des Fragers, dem zugleich der gegenüberstehende Spiegel zeigt, wie sein Selbst sich dreimal im Zimmer befinde. Während Heinrich in ähnlichem Irrgarten des Denkens vergeblich einen Ausweg suchte, drang vom nahen Felsen her, an dessen Fuße die Landstraße vorüberzog, der Klang einer Laute. Eine kräftige, männliche Stimme begann sich im Gesange zu erheben. Er stand still, horchte aufmerksam zu und vernahm folgendes Lied: In die Ferne geht mein Sehnen, Zu den Wolken dringt mein Blick, Aus dem Auge rinnen Thränen, Um das längst vergangne Glück. Lüfte, die ihr in den Bäumen Leise flüsternd, weiter eilt. Wißt ihr wohl von jenen Räumen, Wo die Allerschönste weilt? Weiden weinen an den Bächen, Quellen an der Felsenwand; Klagend scheinen sie zu sprechen Von dem wunderbaren Land. Doch mein Leid, wer kann es theilen? Luft und Welle darf entflieh'n, Ueber Erd' und Himmel eilen; Ich nur langsam weiterzieh'n. Jetzt schwieg der Sänger. Heinrich bog sich um die Felsenecke herum, und sah unten auf einem Blocke einen Wanderer sitzen, welcher zu seinen Füßen den Reisestab über seinem Bündel, und eine Laute, auf welche er nachdenkend das Haupt hinunterbeugte, auf seinem Schooße liegen hatte. Noch bedeckten sein Gesicht die langen herunterhängenden Locken. Heinrich ging auf ihn zu. Der Fremde sah empor und Heinrich glaubte vor Ueberraschung in die Erde sinken zu müssen; denn dieses war Georg Venlot's Gesicht. Dieser stand von seinem Sitze auf, eine freudige Röthe trat in sein Gesicht und nahte sich ihm, der noch immer sprachlos da stand, mit der Frage: »bist du nicht mein Freund, Heinrich Meier?« und alsbald umarmten sich die beiden Jünglinge und ihre Augen glänzten in freudigem Wasser. Willkommen! Willkommen! jubelte Heinrich; so hast du dich doch endlich entschlossen, mich einmal aufzusuchen? Wie oft, ja täglich habe ich, seitdem wir am Ufer des Comersees uns trennten, an dich gedacht! Nicht wahr, nun bleibst du auf lange Zeit bei mir? Glaube mir Freund! man findet eher die Beruhigung des Gemüths im engen Kreislauf des Lebens, als im Lärme großer Verhältnisse! Sprich, wo bist du unterdessen herumgewandert? Hast du deine Wanderlust endlich gestillt? – Mit solchen Fragen und Ausrufungen überstürzte Heinrich, aufgeregt und erhitzt, seinen Freund. Von Elend, äußerer und innerer Noth, versetzte dieser, gehetzt wie ein Wild, komme ich über die Berge herüber zu dir! Seit ich dich nicht gesehen, es sind wohl vier Jahre unterdessen vergangen! habe ich beinahe die halbe Welt durchwandert; – Afrika und Asien vorzüglich. Wie ein Gott der Erde, von Vermessenheit das ganze Herz voll, hob ich mich weit über alle menschlichen Verhältnisse empor; auf einmal brach mein Himmel über mich zusammen, und begrub mich mit seinen widerlichen Scherben. Als Bettler kam ich wieder heim. Mir gehört nicht einmal der Stein, welchen ich unter mein Haupt lege, um darauf zu schlafen. Heinrich! ich bin ganz vernichtet und zertreten. Wenn ich mich nur wenigstens am Glauben meiner Väter emporrichten könnte! – Allenthalben bewarb ich mich in meinem Vaterlande um ein Amt. Ich hatte keine Gönner, keine Empfehlung, als mich selbst, und wurde überall höflich abgewiesen. Endlich trat ich in den Sold der Muse, nachdem ich ihr früher in edelster Begeisterung gedient, ja! sie mein genannt hatte. Was ich lange in mir gehegt und gepflegt, daraus suchte ich eine Welt zu bilden, und sie auf einem festen Knaufe emporzuheben. Es ward ein Trauerspiel. Wie alles, so tüchtig, als immer möglich, zusammengestellt war, sendete ich es an die Bühne meines Vaterlandes zur Aufführung. Mir fehlte der Namen; es liegt noch heute dort; während ich beinahe verhungert wäre, wenn ich nicht Gelegenheit gefunden hätte, bei einem Advokaten um Lohn zu schreiben. Von Neuem fing ein in sich abgeschlossener Kreis von Gestalten in mir klar hervorzuquellen, zu treiben und mich zu drängen. Mit eigener Lust und Liebe ward das Gedicht vollendet. Ich hatte es leider in Versen und Reimen geschrieben, und Sinn für die Musik des Rhythmus vorausgesetzt; und dies war ein arger Mißgriff! Kein Buchhändler mochte es sich unterfangen, dieses Gedicht herauszugeben. Ich konnte es dem Kaufmanne nicht verdenken. So wie das deutsche Volk, als solches, selbst ein formloses ist, und die einzelnen Staaten Deutschlands nur zusammengekehrte Haufen von Individuen sind, und mithin jeder von ihnen nur ein Ganzes in der Idee, nicht aber an und für sich selbst ist, eben so wenig kann auch überhaupt der Deutsche einen Sinn für eine große poetische Abgeschlossenheit in der Einigung des Stoffes mit der Form gewinnen. So wie sein ganzes Dasein ein fragmentarisches ist, eben so kann er nur durch die formlose Masse ergriffen werden. – Meine Handschrift loderte im Feuer auf. Ich glaube, meine Nase war damals um einige Zoll auf einmal länger geworden; ich stieß an jeder Ecke damit an. Nun sagte ich allem Weltruhme ein herzliches Lebewohl und schrieb, des Gelderwerbs halber, meine eigene Lebensgeschichte, in ein Mährchen verknetet. Aus Barmherzigkeit nahm diese Sache ein Buchhändler mir ab und bezahlte dafür – meine Schulden. Nunmehr schüttelte ich ein unglückseliger Poet, der sich ohne Beruf zum Altar der Muse gedrängt hatte, die Erbärmlichkeit dieser Existenz von mir ab. Als ein Bettler komme ich zu dir, mein Freund! Du weinst, Heinrich? – bin ich doch endlich bei dir, und schaue in deine klaren, frommen, herzigen Augen! Was hast du Alles ertragen, du Armer! versetzte Heinrich sehr bewegt. Warum bist du nicht früher zu mir gekommen? Du hast nicht an meine Freundschaft geglaubt! Jetzt aber, Flüchtling, halte ich dich fest! An deinen theuer errungenen Erfahrungen mußt du mich belehrend vorüberfühlen; du mußt bei mir bleiben und Neues fördern, so wie es nur immer möglich ist! Sie waren unter diesen Gesprächen durch das Thor des Städtchens gegangen. Schon dämmerte der Abend heran. Die Donner des nahenden Gewitters begannen zu rollen, und der Sturmwind jagte den Staub durch die Straßen, während dann und wann ein schwerer Regentropfen herunter fiel. Heinrichs Vater, der weidliche Mann, stand freundlich unter der Hausthüre und bewillkommnete herzlich den Freund seines Sohnes. Zweites Kapitel. Der alte Herr Meier hatte nahe bei der Stadt ein hübsches Häuschen, welches in der Mitte seines geräumigen Gartens lag. Er hatte es für seinen Sohn bauen lassen, in der Absicht, daß er sich mit der Zeit ein holdes Weib gewinnen und mit ihr dort in erfreulicher Umgebung, in den schönen nach Sonnenaufgang zu gebauten Zimmern wohnen und ein erquickliches, ruhiges Dasein genießen möchte. Heinrich aber war bis jetzt unbeweibt geblieben und die Hoffnung, daß er sich zu einer solchen gewünschten Veränderung bequemen möchte, schien immer mehr zu verschwinden. So stand dieses Wohnhaus, die schönsten Sommermonate ausgenommen, wo sich Heinrich manchmal einige Wochen dort aufhielt, fast immer unbewohnt. In diese Wohnung zog dieser jetzt mit seinem Freunde Georg. Die obern Zimmer räumte er ihm gastfrei ein; während er selbst nur das große Zimmer im Erdgeschosse für sich behielt. Georg fand mit Allem, was er nur wünschen konnte, sein Zimmer ausgestattet und verziert. Schöne Kupferstiche schmückten die Wände, lange gestickte Vorhänge die Fenster, und selbst der bunte Teppich auf dem Fußboden gab dem Ganzen ein zierliches Ansehen. Von den Fenstern aus konnte er die Aussicht auf die schönen Kornfluren, und von der andern Seite auf das freundliche Städtchen genießen. Nicht minder angenehm war die nächste Umgebung des Hauses. Eine Quelle, welche unter einem, in der Ecke des Gartens stehenden, Felsenstücke hervorquoll, war in einem mit Steinen sauber ausgelegten Graben an der Einfassung der Beete zur Bewässerung derselben hingeleitet, und weckte mit ihrem geschwätzigen Plätschern den Gesang der Vögel umher in den Baumwipfeln. – Bald hatten sich Georg und Heinrich zusammen hier eingerichtet. Gewöhnlich ließ Heinrich durch die alte Haushälterin, welche in der Hinterstube jetzt wohnte, Speise und Trank von seiner Mutter herausbringen. Welche glückliche Tage der Ruhe und der Freundschaft gingen den beiden Freunden hier mit heiterem Lächeln vorüber! Heinrich hatte seinen Freund in mancherlei angenehme Beschäftigungen verwickelt. Einer Menge tüchtiger, munterer Bürgerknaben lehrte er das Zeichnen, in der Schule die Geschichte des Vaterlandes, dem er bei aller Mißlaunigkeit auf dasselbe, mit wunderbarer Neigung anhing. Auch im Garten pflanzten die beiden Jünglinge fleißig und warteten der seltenen Blumen, welche Heinrichs Vater aus allen Orten und Enden allmälig herbeigeschafft hatte. Der ältere Meier wich fast nicht von Georgs Seite, und Frau Meier klagte nur darüber, daß sie, mehr an das Haus gebunden, nicht immer um den Liebgewonnenen sein konnte. Die einzige trübe Wolke, welche sich gewitterhaft in dieser Zeit über Georg heraufzog, bildete sich aus einem eigenen Verhältnisse, in welchem er zu Lina, Heinrichs Pflegeschwester, zu stehen gekommen war. Lina hatte vom ersten Augenblicke, wo ihr Georg entgegen gekommen war, nicht verhehlen können, daß der Fremdling einen unauslöschbaren Eindruck auf sie gemacht habe. Minuten lang konnten ihre blauen, schwärmerischen Augen an seinem Gesichte hängen. Zerstreut und gedankenvoll saß sie immer in seiner Gesellschaft da; und dennoch wich sie ihm mit einer wahrhaft ängstlichen Scheu aus, wenn er sich ihr freundschaftlich anzunähern suchte. Selten, und nur dann, wenn sie Georg nicht im Garten vermuthete, ging sie hinaus zu ihren vielgeliebten Blumenbeeten. Wie aber auch Georg seine Empfindungen zu bekämpfen suchte, so konnte er es dennoch sich nicht abläugnen, daß, wenn er je wieder ein Weib lieben könnte, Lina die Einzige sei, welche über ihn Alles vermöchte. Aber er trug sein wunderbares Traumbild zu treu im Herzen, als daß er je hätte wanken können. Er hatte sich angelobt, an die Verrathene und Verlorene ewig allein und liebend zu denken. Daher kam es, daß er, diesem liebenswürdigen Mädchen gegenüber, starr, kalt und unempfindlich schien. So vermieden sich in seltsamer Verirrung diese beiden, für einander geschaffenen Seelen. Nur an festlichen Tagen, wo die übrige Gesellschaft der jungen Leute häufig in dem Meierschen Hause in der Stadt, oder bei Heinrich im Garten, versammelt war, trafen die Beiden zusammen. Alsdann hatte aber Georg mannichfaltige Reisebegebenheiten oder alte Sagen und neue Geschichten der muntern Gesellschaft zu erzählen, so daß an ein näheres Bekanntwerden mit der zarten, schüchternen Jungfrau nicht zu denken war. An einem klaren Morgen saß Georg mit seinem Freunde unten auf der Grasbank im Garten. Er spielte gedankenlos auf der Laute. Lina war herausgekommen, um Levkoi und Reseda zum duftenden Strauße zu brechen. Wie die schlanke Gestalt des Mädchens, im weißen Gewände, ein blaßrothseidenes Band um den Leib geschlungen, mit dessen langen Enden der Wind spielte, durch die Blumenbeete dahinschwebte, suchten ihn auf einmal die lang und schwer bekämpften Gefühle, welche ihn zu der Liebenswürdigen hinzogen, zu überwältigen. Ei griff stärker in die Saiten und sang leise vor sich hin: Es bricht im Fliederstrauche Gleich blauen Flämmchen vor, Der Duft vom Blüthenrauche, Steigt in der Luft empor. Zu all den lichten Räumen Der scheuen Lenzeslust Stieg gern das alte Träumen Hervor aus meiner Brust. Wie schwer hab' ich gerungen Mit meines Herzens Leid; Doch bleibt es unbezwungen Zu solcher Frühlingszeit. Bevor noch Georg dieses Liedchen ausgesungen hatte, war Lina zum Garten hinausgeschlüpft. Drittes Kapitel. Heinrich saß neben seinem Freunde, sah still und wehmüthig vor sich hin und zerpflückte eine weiße Moosrose, welche er in der Hand hielt. Georg hatte die Laute neben sich, und seinen Arm um des Freundes Nacken gelegt. »Ich errathe,« sprach er, »was dich auf einmal so still gemacht hat.« »Nein,« versetzte Heinrich, du hast gewiß keine Ahnung von dem, was ich gedacht oder geträumt habe; doch möchte ich wissen, was du wähnst.« »Mit zwei Silben will ich das Räthsel lösen,« entgegnete Georg und flüsterte ihm leiser in das Ohr: »Lina!« »Du irrst,« versetzte Heinrich, »du irrst sehr, wenn du glauben solltest, daß ich diese Himmlischreine je zu meinem Weibe begehren möchte. Dennoch aber mag ich dir es nicht leugnen, daß ich das mir wunderbar von Gott bescheerte Glück, mich durch Lina's Gegenwart von trüber Melancholie gerettet zu sehen, freudig anerkenne.« »Du willst fragen, wie das Alles zusammenhängt? So höre denn die kurze, traurige Geschichte meines Lebens! Meine erste Jugendliebe galt der Tochter eines armen Gärtners. Sie hieß Elisabeth. Schenke mir die Schilderung aller meiner verliebten Thorheiten, eingebildeter Leiden und süßester Freuden!« »Das Mädchen hing an mir mit einer Innigkeit der Empfindung, welche kaum sich träumen läßt. Es lebte nur in mir und ich in ihm. Wir fühlten uns unglücklich, wenn nur ein Tag verging, an welchem wir uns nicht sehen konnten. In welchen leuchtenden Farben lag damals das Leben um mich her! Unsere Liebe kannte keine Grenzen; und eben deswegen mußten wir zu namenlosen Unglück untergehen; denn der Mensch darf hier nicht glücklich bleiben. Sie gewährte mir Alles; denn ihr ganzes Sein war in ihrer Liebe zu mir aufgegangen. Mein schlimmes Gewissen aber löschte in meinem Herzen alles Feuer der Liebe zur armen Elisabeth aus, und gab mir dafür Entsetzen und kalte Reue.« »Ich suchte der Qual meiner Seele dadurch zu entgehen, daß ich auf Reisen ging. Einige Wochen darauf fand ich in einem Briefe, welchen einer meiner Bekannten in Handelsangelegenheit an mich geschrieben hatte, nebenbei erwähnt: »die hübsche Elisabeth hat man im Floßteiche ertrunken gefunden. Sie ist zwar auf dem Gottesacker in der Stille begraben worden, hat es aber nicht verdient, da es zu beweisen war, daß Sie sich selbst den Tod gegeben hat.« Heinrich seufzte tief auf und Thränen badeten seine Augen. Nach einer Pause fuhr er mit bewegter Stimme fort: »in gedankenloser Verzweiflung zog ich nun in der Welt umher. Alle Geschäfte blieben liegen. Ich wußte fast von mir selbst nichts; bis sich endlich in einem Augenblicke, wo ich auf freiem Felde, von welchem der Thauwind des Februars eben den Schnee hinwegschmolz, bei dem Geläute der Abendglocken in den umherliegenden Dörfern, mein Inneres zu weinendem Schmerz auflöste. Ich saß dort auf einem Feldsteine, in meinen Mantel hineingewickelt, die ganze Nacht hindurch. Am Morgen fühlte ich mich wohlthätig ermattet, und eine innige Wehmuth über meine Seele hingebreitet. Ich gewann hierauf einige Haltung und Besonnenheit, in soweit dieses möglich war, und konnte meines Vaters Geschäfte einigermaßen beendigen. Damals traf ich dich, mein Freund! – Deine Freundschaft hat meine Seele wieder gekräftigt. Ich eilte zurück in meine Heimath. Meinen Aeltern habe ich mich entdeckt. Ueber ein Jahr verging nunmehr, ohne daß mich sonderlich etwas angeregt hätte; wenn es nicht der Gedanke an unsere Freundschaft war. In unseren Handlungsgeschäften war ich thätig, ohne daß ich Freude an der Arbeit verspürt hätte. Wir hatten damals überhäufte Arbeit zu besorgen; denn da der Krieg der Deutschen mit Frankreich immer drohender wurde, so sahen wir uns genöthigt, so viel als möglich, unser Vermögen sicher unterzubringen. In unserem Städtchen war damals viel Lärm; denn da die Heerstraße vorüberführt, so wimmelte es oft an allen Enden von Auswanderern, welche aus dem, vom feindlichen Heere, feindlich besetzten und behandelten Nachbarlande mit Weib und Kind und der Habe, welche sie mit fortbringen mochten, durch diese Gegend flüchteten. Vorzüglich war es an einem Tage, und selbst die ganze Nacht durch lebendig auf der Straße. Die Armen litten oft Mangel am Nötigsten. Am Morgen fuhr mein Vater, den Wagen mit Lebensmitteln vollgepackt, hinaus auf die Straße, um die Dürftigen, welche etwa vorüberkommen sollten, damit zu unterstützen. Wie er auf der Anhöhe vor dem Städtchen angelangt war, sah er an dem steinernen Kreuze, welches wenige Schritte von der Straße abwärts steht, eine Gestalt liegen. Er ließ halten, und in einen rothsammtnen, reich mit Gold gestickten Mantel gehüllt, lag ein fremdes Mädchen bewußtlos dort in Gluth und Fieberhitze. Mein Vater ließ es in seinen Wagen heben und behutsam zu uns hereinfahren. Er selbst war vorausgegangen, uns die Kranke anzusagen. Wir eilten zur Thüre hinaus. Eben kam der Wagen die Straße heruntergefahren. Man hob die Jungfrau aus dem Wagen heraus, und ich wäre fast, wie vor einem elektrischen Schlage zu Boden gestürzt; es war oder schien meine Elisabeth zu sein. So ähnlich, wenn gleich noch schöner, ist Sie der Verstorbenen. Der herbeigerufene Arzt erklärte das Mädchen für höchst gefährlich krank. Drei Monate lang lag es mit dem Tode kämpfend. Sie phantasirte, wie es schien, beständig. Freund, denke dir alle die unsäglichen Gefühle, welche damals auf mich einstürmten! Ich glaubte in mir selbst vergehen zu müssen. Mehr ein peinigendes Schmerzen, als Liebe flößte mir jedoch die wiedererstandene Elisabeth ein. Unterdessen genas das fremde Mädchen; aber ihr Gedächtniß war so geschwächt, daß die ganze Erinnerung an ihr früheres Leben verschwunden war. Selbst die deutsche Muttersprache hatte sie beinahe vergessen; doch kostete es ihr nur kurze Zeit, um alle Ausdrücke in derselben sich wieder anzueignen. Trotz aller ihrer Anstrengungen aber, konnte sie sich weder erinnern, wie sie in diese Gegend und zu uns, noch wo sie sonst hergekommen sei; selbst von ihren Aeltern fand sie keinen Anklang in ihrem Gedächtnisse. Sie glaubte nur, daß ihre Umgebungen sie früherhin Lina genannt hätten. Bei diesem unglücklichen Verhängnisse grämte sich Lina so sehr, daß sie beinahe vom Neuen gefährlich krank geworden wäre. Nur durch die zarte Sorgfalt und Behandlung meiner Mutter genas sie endlich vollkommen. Unterdessen hatte mein Vater allenthalben rücksichtlich unserer Pflegebefohlenen Nachfrage gehalten; aber bis jetzt hat er nirgends eine Auskunft erhalten können. Selbst das kostbare Geschmeide, in welchem die Gute einen noch unberechneten Reichthum besitzt, hat auf keine Spur geführt. Einige Monate lang, vorzüglich als endlich die schöne Jungfrau, zwar blaß, aber doch vollkommen hergestellt, unter uns trat, lag ich im heftigen Zwiespalte mit mir selbst. Es bebte mein wankelmüthiges Herz, wenn ich sah, wie sie so kindlich sich an uns alle anschloß, wie sich ihr feiner, hochgebildeter Geist, welcher unsere kleinen Verhältnisse weit überfliegt, zugleich immer mehr entwickelte. Oft schien es mir, als müsse Elisabeth verklärt in ihr wieder zur Erde herabgekommen zu sein, um die Qual meines Herzens zu stillen. Dieser Gedanke trieb mich in einer dunklen Nacht hinunter auf den Friedhof zum Fliederstrauche in der Ecke, wo Elisabeth ruht. Wie ich dahin kam, sah ich auf dem Grabe eine Gestalt sitzen; wenig erschrocken nahte ich mich ihr. Wie ein Nebelgebild, unendlich schön und lieblich, nicht wie man sich Geistererscheinungen sonst denkt, saß Elisabeth da; dessen ungeachtet wollten mir meine Sinne jetzt vor dieser Geisternähe vergehen. Ich warf mich vor ihr nieder, und meine Stimme bebte in den Worten vor: »darf ich deiner noch liebend gedenken, dir treu bleiben?« Ueber ihr mildleuchtendes Gesicht schienen seelige Wonnen zu wandeln; indem sie selbst in wehenden Nebeln verschwand. Ich habe an ihrem Grabe geschworen, sie in Lina als meine Schwester zu ehren, und diese brüderlich zu pflegen. Nun weiß ich zwar wohl, daß diese Erscheinung Elisabeths nur ein Wahngebild war; denn ich vermochte, von früher Kindheit an, Bekannte, auf welche ich alle meine Gedanken richtete, in der Finsterniß der Nacht, vor mein äußeres Auge in Nebelgestalt hinzustellen; aber dennoch kann ich mich nie ganz vom Aberglauben, sie wahrhaft gesehen zu haben, losmachen. Heinrich stand auf, faßte Georgs Hand und sprach gerührt: »nun, Freund, weißt du Alles, du wirst mein Vertrauen wie ein heiliges unveräußerliches Gut bewahren.« Georg umarmte ihn und sagte: »du hast ein Vergehen schwer gebüßt, die Treue aber wird dich hinüber retten in die Unsterblichkeit; denn dem Tode entgeht nur ein unsterbliches Gefühl.« Fünftes Buch. . Erstes Kapitel. An der Morgendämmerung des nächsten Sonntags trat Heinrich, völlig angekleidet, einen Stock in der Hand und die Jagdtasche umgehangen, in Georgs Zimmer. Guten Morgen! rief er munterer, als sonst, seinem Freunde, welcher eben aufstand, entgegen; heute giebt es Waldleben und Waldfreuden! Wirf dich schnell in die Kleider, du sollst unterdessen erfahren, was ich vorhabe. Unsere ganze schöne Gesellschaft, Mathilde an der Spitze, dann Karoline und die übrigen Mädchen haben sich heimlich beredet, diesen Nachmittag hinaus in das Jägerhaus zu ziehen, um Milch zu trinken. Ich habe es zufällig herausgebracht. Mich hat es schon längst gelüstet, im Walde einen schönen Sommertag zu genießen. Nunmehr habe ich bei den Aeltern unsere Waldfahrt angekündiget, eine kleine kalte Mahlzeit hier in die Jagdtasche gepackt; und nun ziehen wir im Walde nach Herzenslust herum, und wenden uns am spätem Nachmittage in das Waldthal hinunter zum Jägerhaus, wo wir die muntere Gesellschaft zusammen antreffen! – Schnell war Georg angekleidet, und heiter zog er mit Heinrich hinaus in das Freie und Grüne. Eine gelbrothe Lohe stand im Osten an dem Himmel, und mächtig zuckten die Strahlen der Sonne herauf, und zündeten die entfliehenden Wolken an. In der Nähe und Ferne grüßten die Morgenglocken mit den hellsten Klängen dieses aufsteigende Strahlenmeer; und mit voller Brust schlug im säuselnden Waizenfelde die Wachtel. Flüchtiger Nebel zog durch das Thal auf silberweißer Straße des Flusses dahin. Jetzt hob die prächtige Sonnenkugel sich vollends heraus, und vergoldete die Spitzen der Kirchtürme, welche hier und da über die Hügel herüberschauten. Ein rothes Feuer schien glitzernd über die Gerstenfelder dahin zu laufen; während der Thau zu einer Freudenthräne zusammengeronnen in den Kelch aufblühender Feldröslein herabträufte. Entzückt in der allgemeinen Wonne der Natur zogen die beiden Freunde einen grünen Feldweg hinauf, und auf blumigen Rainen in die Laubwaldung hinein. Ein vielstimmiger Chor zahlloser Vögel empfing sie mit jubelnden Liedern. Das Eichhörnchen jagte sich freudig mit seinen Genossen auf den hohen Buchenbäumen herum. Durch das Laub herein wurden mit getheiltem milderen Sonnenlichte die üppig wuchernden Waldpflanzen übergossen und kleine blaue Schmetterlinge gaukelten munter den Strahlen nach. Je tiefer die Freunde in den Wald hineinkamen, desto friedlicher, desto stiller wurde es nun um sie her. Jetzt hörten sie nur noch das Geplätscher einer Quelle auf einem nahen, mitten im Walde gelegenen Wiesenflecke. Leise aufgetreten! ermahnte Heinrich. Geräuschlos gingen sie auf das Quellengeriesel zu und alsdann sich bückend gewahrten sie durch das Laub des Gebüsches, wie ein Rudel Rehe, wovon das Edelste und Schlankste mit vielzackigem Geweihe, hereinschritt. Mit scheuen, dunklen Augen hoben sie witternd die Köpfe, da sie aber nichts Unheimliches zu verspüren schienen, grasten sie umher. Eben so leise, wie sie gekommen waren, zogen sich, um die Friedlichen nicht zu stören, die beiden Freunde wieder zurück, und erst, nachdem sie eine gute Strecke weiter im Walde vorgedrungen waren, sprach Georg: »wie hat mich doch dieses Bild des Friedens in dieser Einsamkeit so innig gerührt! Aber ist es doch hier überall in diesen gründüsteren Hallen der riesigen Baumgewächse so herrlich!« – Ueberhaupt hat an einem Sonntage für mich die ganze Natur ein schöneres, ja! ein verklärteres Ansehen! Ueber Alles scheint mir ein freudiges Feiern ausgebreitet zu sein. Mit ganz anderen Gefühlen streiche ich dann durch Flur und Wald, ganz anders, als sonst, tönen mir die Gesänge und das Zwitschern der Vögel. In dem Worte Sonntag lag von jeher für mich ein unbeschreiblicher Inbegriff aller Wonne. Ich erinnere mich noch, daß ich als Knabe nur eine allgemeine, feststehende Hoffnung, und zwar blos von einem Sonntage auf den andern hegte. Die ganze Woche war für mich ein einziger Tag. Im hellsten und unerfreulichsten Lichte stand mir die Mittwoche, als Mittag; der Sonnabend aber als Sonnenuntergang um so deutlicher vor den Augen, je öfter ich an diesem Tage mit meinem Vater hinausflüchtete in das Freie, bis uns die Abendglocke wieder heimrief. Nun dunkelte der Sonnabend stille fort; und vom Gesimse funkelte heimlich schon der Sonntag in den blankgescheuerten Zinngeschirren herunter auf mich. Im heimlichen Freuen schlüpfte ich in mein Bett, und unter den herzlichsten Gebeten schlief ich zu den buntesten Träumen ein. Ehe ich mir es versah, guckte der Sonntag leuchtend zum kleinen Kammerfenster herein, zum fröhlichen Beten und Singen den Langschläfer aufzuwecken. Soll ich dir, mein Freund! das heimlich süße Grausen beschreiben, wenn ich wohlgeputzt darauf in der Kirche saß, vor Andacht nicht beten konnte; und wie dann neben mir der Choral in mächtigen Accorden aus der Orgel hervorquoll, und durch das Kirchengewölbe hinüber, hinunter und empor brauste? während die Frauen des Dorfes duftende Sträußer von Federnelken, und Gesangbücher, worauf zierlich die weißen Taschentücher zusammengelegt waren, in den Händen, mit sittig niedergeschlagenen Augen zur knarrenden Thüre hereinzogen. In meiner kindlichen Träumerei glaubte ich ernstlich, die vielen Engelsköpfe am Altare müßten nun lebendig sein, mit zum Gesange einstimmen, und mit ihren güldenen Flügeln im hellen Strahle der Morgensonne, welcher durch die gemalten Kirchenfenster hereindämmerte, an zu fliegen fangen. Stets saß ich während des Gottesdienstes in einem finstern Winkel, an die Orgelwand mit dem Ohre hingeschmiegt, um das große Donnern der Töne durch alle meine Nerven beben zu lassen. Wie oft habe ich da in mein vorgehaltenes Taschentuch Thränen des heiligsten Entzückens vergossen! O, die Tage meiner Kindheit, rief Heinrich laut, daß sie auf ewig dahin sind! – Sie kommen wieder! entgegnete Georg; aber nur auf der Jacobsleiter des Traumes steigen sie herunter zum seeligen Menschenherzen. Zweites Kapitel. Erzähle weiter! bat Heinrich, wie auch fernerhin die Poesie dein junges Herz erregt hat. Mir ist bei dieser deiner Erzählung, als wenn ich an einem Weihnachtsmorgen vor Tages Anbruch durch die Ritze eines Fensterladens hineinblickte in deine hell erleuchtete Kinderstube, und sähe die tausend bunten Sachen, den grünen Paradiesgarten mit den Schäfern und Lämmern, und den heiligen drei Königen, aufgeschmückt, auf dem Tische, und darüber den Christbaum schwer von goldenen Aepfeln und Nüssen, und mächtigen Pfefferkuchen, mit seinen hundert Wachslichtern funkeln und leuchten, und dich den Gebieter über alle diese Herrlichkeit unermeßlich reich davorstehen. Erzähle weiter, Freund! Du hast mir, versetzte Georg, mit dieser Weihnachtsschilderung das schönste Kapitel aus jener Zeit zum Voraus weggenommen. Zur Strafe will ich dir nunmehr einige Jahre überspringen. Du findest mich wieder unter einem schattigen, weißblühenden Hollunderstrauche mit einem Buche, das mir viel zu schaffen macht, in der Hand. Ich muß dir zuvörderst bemerken, daß ich mit dem Sohne des Cantors, einem meiner tollsten Jugendgenossen, in inniger Freundschaft lebte. Sein Vater hatte eine ziemlich gute Handbibliothek von Uebersetzungen alter Klassiker. Plutarchs Leben berühmter Männer hatte mir mein Freund daraus entlehnt. Wie dieses Buch, ob ich gleich dessen Verständniß nur ahnen konnte, sich meines ganzen Wesen bemeisterte, wie ich es las und wieder las, wie endlich Theseus, dessen Geschichte mich am meisten fesselte, in der abenteuerlichsten Tracht in allen meinen Träumen lebte, davon kannst du dir keine Vorstellung machen! Später kam mir durch denselben Freund Diodor aus Sicilien in die Hand; und Shakespear's Romeo und Julie in der Eschenburg'schen Übersetzung; zugleich ein alter Virgil, wo hinter jedem lateinischen Satze die deutsche Uebersetzung folgte. Daß alle diese Welten nur wie verworrene Traumbilder auf den wißbegierigen Knaben einwirkten, brauche ich dir nicht erst zu gestehen. Doch hatten diese Bücher einen mächtigen Einfluß auf mein Träumen und Denken. Eine ungemessene Sehnsucht über die Berge hinüber zu wandern in die weite Welt, beherrschte mich ganz. Täglich stieg ich in jener Zeit heimlich und einsam auf den Kirchthurm hinauf und starrte zu den Schalllöchern stundenlang hinaus in das Blaue. Der starke Wind, welcher zuweilen die Glocken neben mir leise ertönen ließ, schien sich dem schwärmenden Knaben zu verkörpern und in geheimen Liedern mit ihm zu sprechen von sonderbaren, geheimen, lockenden Wonnen. Was kann ich dir weiter sagen, als daß die klare Zeit der Kindheit damals von mir gewichen war und ein fremdartiger Geist mit allen seinen Entzücken und Schauern zu meiner gereizten Seele sprach. Georg und Heinrich kamen jetzt über eine lange Reuthe, auf welcher unzählige gelbe Blumen erblüht waren, hinüber. Gedankenvoll schwiegen Beide. Eine Birkhenne, ihre pispernden Küchlein um sich her, scharrte am Waldsaume und spreitete ihr Gefieder aus, sich in der Sonnenwärme zu baden; – jetzt gewahrte sie aber die Wandelnden; lang streckte sie den Hals empor, schaute mit ihren rothen Augen schüchtern sie an, und verschwand, wie ein Blitz, laut kluckend im Gebüsche mit der flüchtigen Brut. – Und wie kamst du denn endlich, fragte Heinrich, wieder zu dir selbst? Erst nach einer Reihe von Jahren, versetzte Georg, nachdem ich durch Klopstocks Messiade, später durch Schillers Trauerspiele, von Neuem die Scene im Orgelwinkel vielfach, nur in anderer Weise in mir selbst wiederholt fühlte. Nur erst durch Göthe's und Shakespear's Werke, besonders auch endlich durch das Niebelungenlied kam ich wieder auf mich selbst zurück. Hiermit hast du den Abriß meines innern Jugendlebens, und meines Verkehrs mit denjenigen Geistern, welche bedeutendern Einfluß auf meine Ausbildung ausübten. Du vergißt die neukatholisch-romantische Schule zu erwähnen, versetzte Heinrich. Ihre Ansichten, entgegnete Georg, ihre Leistungen haben nur in Einzelnheiten mich angesprochen; aber im Ganzen widerstand mir überall die blaue Blume, dieses ewige Hineinschwindeln in das Unaussprechbare. Diese Kunstsehnsüchteleien, diese ungesunden Krämpfe, woran die meisten dieser Neuromantiker leiden, waren mir stets unbehaglich. Nur einzelne Werke dieser neueren Dichter ergötzten mich; aber nur dann, wenn der Stoff selbst über ihre trüben Ansichten wie bei Schiller die gesunde Natur der Geschichte über die gleich krankhafte Schicksalsidee in seinem »Wilhelm Tell« gesiegt hat. – So sprachen die Freunde noch lange fort im Austausche mannichfaltiger Ansichten. Nachdem sie noch eine Zeit lang in gerader Richtung den Wald durchschnitten hatten, gelangten sie hinaus in das Freie, wo sie eine weite Aussicht in das Thal hinunter, über die niedrigern Berge mit ihren Dörfern und Weilern hinüber, genossen. Georg lagerte sich im Schatten eines Ahorns auf einer Felsenplatte, welche über eine Quelle zum Theil hinüber hing, nahm seine Schreibtafel heraus und schrieb Einiges nieder, während Heinrich auf den Rücken gelegt zum Himmel emporstarrte, wo flockige Silberwölkchen in mancherlei Bildern gekräuselt vorüberflogen. Nach einer Weile sagte Georg, die Schreibtafel zusammenlegend: ich fühle einen recht muntern Hunger. Schleuß dein Speiseschränkchen auf, Bruder! und rücke mit dem Inhalte heraus; denn, Gott sei es geklagt! vom Reimen und Träumen wird der Mensch nicht satt. Das ist ein braver Gedanke, versetzte Heinrich, ein Gedanke, der immer zeitgemäß bleibt! – Alsbald brachte er aus seiner Jagdtasche mit unverholener Behaglichkeit Tüchtiges und Brauchbares heraus; selbst ein Fläschchen Wein war nicht dabei vergessen. Es ist dennoch etwas Erbauliches, bemerkte Georg, in der freien Natur und Halbwildniß ein Küchenkunststück thätig zu bewundern und ein zahmes Fläschchen Wein der Poesie und dem Durste zu Ehren auszustechen. Drittes Kapitel. Gemüthlich plaudernd ruhten die Freunde dort von der ersten großen Hälfte ihres Spazierganges aus. Erquickliche Kühle verbreitete das muntere Gewässer der Quelle. Furchtlos badeten sich vor ihnen im Wassergraben die bunten Finken und gelben Ammer. Allerlei Käfer mit rothgesprenkelten, grünen oder blauen und anders gefärbten Flügeldecken summten oder liefen über die Blätter und Blumen. Diese Quelle, begann Georg zu sprechen, heimelt mich eben so an, als wie sie mich in ihrem Silberblicke an manche froh verlebte Stunde erinnert. Richtig! versetzte Heinrich, komme auf den Weg, mir noch einige Scenen aus den Jahren deiner Kindheit zu erzählen. Mich freut es innerlich, auf Wiese und Feld, im Garten oder in der stillen Stube mit dir zusammen zu treffen; denn was du auch aus jenen Zeiten erzählen magst, so ist es mir dennoch wie Selbsterlebtes bekannt und daran erinnert zu werden, thut mir sehr wohl. Diese klare murmelnde Quelle, fuhr Georg fort, scheint mir vom Bache im Thale, welches hinter den Hügeln meines Geburtsortes sich hinzog, mancherlei Grüße zuzuflüstern. Dieser Bach gehörte zum Landgute meines Vaters und goß sich eine Stunde weiter von uns entfernt, in den Rheinstrom aus. Jeder Dümpfel darinnen, jeder Baum, jede Staude daran, war mir bekannt. Mir und noch einigen meiner Jugendgenossen ward es oft vergönnt, mit der Angel darinnen zu fischen; denn der Bach war nicht gar tief und wir sämmtlich rüstige Knaben. Am liebsten jedoch fingen wir Krebse, welche wir mit mancherlei Ködern auf die, mit Netzen überzogenen Reifchen, aus ihren heimlichen Hölen unter den Erlenwurzeln hervorlockten. Wenn nun von allen Seiten die stattlichen Krebse herankrochen mit ihren fühlenden Schnurren und wir nun am Ufer standen, lauschten, bis die genäschigen Scheerenleute fangrecht in der Mitte schmausend um den Köder saßen, und nun langsam und vorsichtig die Netzchen herauf an das Ufer hoben, welches Jubeln gab es da! – War nun der Tornister des alten Jägers, welcher als Oberaufseher uns mit gegeben war, tüchtig vollgefüllt, dann kam erst die schönste Ergötzlichkeit. In einer Krümmung des Baches lag, zwischen Weiden und Erlen versteckt, der heimlichste Dümpfel, tief genug, um uns bequem baden, und hinlänglich sicher, um keine Gefahr nehmen zu können. Dorthin ging nun der Zug. Bald herunter waren die Kleider. Spürten wir uns abgekühlt, so tauchte sich um die Wette der Schwarm der kleinen Fischer in den flüssigen Spiegel. Die Spiele und Freuden der Griechenjugend, wie sie mir Diodor beschrieben hatte, wollten mir da wieder lebendig werden, wenn ich also in tausendfachen Wendungen die glänzenden Leiber meiner Spielgenossen um mich her in den sprühenden Fluthen des bewegten Wassers gaukeln und plätschern sah. – Dieser Bach und der Kirchthurm in unserem Dorfe haben meine schönsten Stunden gesehen. Diese zwei Gegenstände bleiben fortwährend unverwischt in meinem Gedächtnisse, so geringfügig auch für einen Dritten Beides, und selbst meine ganze Jugendgeschichte sein mag. Alles, was ich je gedichtet habe, geschah im Gedanken auf diesem Thurme zum Schallloche hinaus und alle schönen Genüsse, welche mir später zu Theil geworden sind, zogen wie Sonnenstrahlen in dieses Thal oder zu diesem Thurme, sich nach einen Punkt hinneigend, zurück. Während solcher Erzählungen gingen die Stunden des heißeren Mittags vorüber. Die beiden Freunde brachen auf und schlugen sich seitwärts zurück nach der Gegend des Jägerhauses zu. Erst spät am Nachmittage gelangten sie in das Thal hinunter, wo sie in der Mitte einer grünen Rasenstrecke das einsam gelegene Gebäude, unfern eines Teiches, welcher aus dichtem Birken- und Fichtengebüsche hervorblitzte, endlich gewahrten. Das Thal war von steilen Bergwänden, auf welchen mancherlei Beere, Kräuter und Waldblumen prangten, von zwei Seiten eingeschlossen. Auf den Gipfeln umher standen, wie riesige Wächter, hohe, dunkle Fichten, welche der ganzen Umgebung einen eigenthümlichen Charakter friedlicher Abgeschlossenheit aufprägten. Viertes Kapitel. Wie die Freunde über den Bergabhang herunterkamen, hörten sie die Töne einer Guitarre, vom vielstimmigen Mädchengesange begleitet. Siehe da! rief Heinrich, unsere Freundinnen haben sich eingefunden! Siehst du dadrüben am Hügel die fröhliche Gesellschaft hingelagert? Jetzt bemerkte auch Georg die munteren Gruppen. Lina, Karoline und noch einige Mädchen saßen im Grase und banden Sträußer von Waldblumen; vor ihnen auf einem bankartigen Steine ruhte Mathilde, die Saiten der Guitarre rührend; Heinrichs Mutter und die junge rüstige Jägersfrau nebst einigen anderen Mädchen befanden sich unfern davon an einem kleinen Tische unter einer breitastigen Linde im Schatten, Milch und Kuchen vor sich. Kaum hatte die Gesellschaft die Beiden erblickt, so flogen ihnen vereinte Stimmen entgegen, woraus sich nur die Worte: »o, ihr Verräther!« und: »Willkommen!« zu wiederholten Malen hervorhoben. Es ist dennoch zu loben, redete Mathilde die Herbeikommenden an, daß ihr uns diese Aufmerksamkeit schenkt; – darum heiße ich euch im Namen der Uebrigen willkommen! denn ich muß schon wieder für die Gesinnung der Uebrigen der Mund sein. Ueber euch! wilde Waldmenschen, versetzte Frau Meier; heute am Sonntage in Alltagskleidern im Walde herumzuschweifen, das ist unverzeihlich! Von Neuem hatte sich die Gesellschaft im Grase umhergelagert. Die schöne, freie Natur hatte Aller Augen zu dem mildesten Feuer verklärt, und die Wangen der Mädchen zu lieblichen Rosen aufgeblüht. Georg hatte sich zu Lina's Füßen hingesetzt; seine Augen schauten empor in ihr holdseeliges Antlitz, sein Haupt, streifte an ihren schneeigen, fein gerundeten Arm. Die Blumen an ihrem Busentuche zitterten von der bewegten Brust. Die sinnige Karoline nahm jetzt die Guitarre auf und sprach heimlich lächelnd: unser Dichter wird uns endlich zerschmelzen, wie es scheint. Mathilde rief dazwischen: daß wir endlich von ihm nur noch als letzten Ueberrest einen Seufzer heimbringen! Georg verfärbte sich bei diesen Worten, und griff schnell zur dargebotenen Guitarre. Lina entwich zu ihrer Pflegemutter. Singen Sie, rief die fröhliche Mathilde, um den besten Lohn, der dem Sänger nur anstehen möchte! Das ist, rief Heinrich, ein wackrer Frauenkuß; und hier in diesem Falle die Reihe herum! Deine alte Heimtücke, du scheinheiliger Schalk! versetzte Mathilde, kannst du nie vergessen; – und dir zum Trotze soll der Vorschlag angenommen werden, wenn der gute Georg ein Lied, ein eigenes und neues, singt, das uns allen gefällt; – aber allen muß es gefallen! Georg! rief Heinrich, das gehe nicht ein, das ist eine bekannte Geschichte, und nicht einmal eine neue Weiberlist! dein wohlverdienter Lohn wird dir mit aller Ausflucht vorenthalten werden. Georg aber versetzte: ich nehme den Vorschlag an; und was ich von unserem Waldgange heute mit hinwegnehme, sollen sie hören; so wie ich mich ihrem Willen völlig unterwerfe. Bravo! riefen die Mädchen, und triumphirten mit Winken und Blicken über den ruhig im Grase gelagerten Widersacher. Georg aber begann zu einfachen Accorden vorzusagen: Mit den Bäumen spielt der Wind, Küßt die Blume still im Moose; Ruhig in des Waldes Schoose Lieg', ich hier, ein träumend Kind. Ach! herab von allen Zweigen Will sich seel'ger Himmel neigen. Aus dem fernen Thal empor Dringt des Waldhorns tröstend Hallen, Und des Tones Geister wallen Durch die Waldesnacht hervor; Gleich als wollten sie mir sagen Von der Kindheit bessern Tagen. Und ein Vöglein guckt mich an Mit den Aeuglein schwarz und niedlich, Hüpft um mich so zahm und friedlich, Pickt an meine Brust heran. Vöglein! laß das ruh'n im Herzen, Drinnen schlafen schlimme Schmerzen. Kaum hatte Georg das Lied geendigt, so trat Mathilde in gebeugter, bittender Stellung mit flach zusammengelegten, gehobenen Händen vor ihm hin und sprach: »o wackerer Minnesänger, laß deinen Liedermund nicht so bald schweigen! Sind wir auch keine Fürstentöchter, so bleiben wir doch noch immer Mädchen, welche den Sang und Klang lieben! – Ich bitte dich ja so sehr.« Dabei sah sie ihn an mit unwiderstehlichen Blicken, und wie Er freundlich nickte, hockte sie sich kinderhaft zu seinen Füßen hin und schaute mit zutraulichen, unschuldigen Gluthaugen zu ihm empor. Georg hatte sich wieder in das, an ihm bekannte, Hinträumen verloren. Sein Gesicht wurde heller, seine Augen weiter, ein eigenthümliches Glänzen schien sich um sie zu weben. Man merkte es ihm an, daß sich die Außenwelt vor ihm mit Dämmerungen verschleierte und sich seine Sehkraft nach Innen richtete. Endlich begann er die Saiten in Molltönen anzuschlagen, und aushallen zu lassen, bis er endlich mit etwas zitternder Stimme in die Worte ausbrach: Wenn sonst die Knospen zersprangen, Die Blättlein brachen hervor, So kam der Hirte gegangen Am Alpenhang empor. Das Blättlein kennet den Sonnenschein; Wo sollte der fröhliche Hirte sein? Es grauet hell auf dem Berge Für seine Lämmer das Gras; Es ruft ihn, oben die Lerche, Singt ohne Unterlaß; Es rauscht im finsteren Tannenhain: Wo sollte mein fröhlicher Knabe sein? Und alle Blumen ersprießen, Es drängt sich jede herbei, Den schönen Hirten zu grüßen Im sehnsuchtswarmen Mai. Es möchte sich Alles mit ihm freu'n; Wo sollte der muntere Hirte sein? Während der letzten Strophe des Liedes war Lina mit dem Wiesenblumenkranze, welchen die Mädchen geflochten hatten, zu Georg hinangeschlichen, und drückte ihm nun denselben, als dieser Gesang zu Ende war, auf die Stirne. Im leisen Schrecken fuhr Er, wie er eben noch traumsinnig dagestanden hatte, empor, und hing mit einem langen Blicke an Lina's Antlitze, welche scheu zurückwich. Sein leicht geröthetes, von Begeisterung umwobenes, von den in hellem Farbenfeuer leuchtenden Blumen leicht beschattetes Gesicht gab einen eigenen rührenden Anblick. Um ihn herum hatte sich die Gesellschaft zur freundlichsten Gruppe vereinigt. Heinrich stand vor ihm, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, die Augen zu Boden gesenkt, als wollte er sich von Nichts in der Welt den Genuß dieser Minuten rauben lassen. Lina, ihren Arm auf Karolinens Schulter gelegt, zugleich an Sie hingeschmiegt, mit vorwärts leicht emporgehobenem Frühlingsgesichte, über welches ein süßes Räthsel einer ganzen Mährchenwelt schwebte, hatte sich ihm gegenübergestellt; Mathilde aber saß noch immer neben ihm zu seinen Füßen. Auch die beiden älteren Frauen hatten sich herbeigemacht und dem Kreise sich angeschlossen. Als nun der Sänger auf der Laute von Neuem anschlug, indem er die vorige Tonart wieder aufzunehmen schien, aber bald in eine neue überging, nickte Heinrich wie für sich mit dem Kopfe, und sprach halblaut: nun schließt er den Kreis mit einem neuen Bilde! – Georgs Seele schwamm auf den Tönen, welche leise und geheimnißvoll wie wogende Wasserfluth oder auch wieder wie lieblich lockender Feenreigen anklingen mochten, gleich einem reinen glänzenden Schwane einher. Endlich drang seine kräftige Stimme im Liede vor: Mein Kamerad war ein Knabe, Der Schönste vom ganzen Reich, Stark mit dem geschälten Stabe, Kein Anderer kam ihm gleich. Wir trieben auf grüne Matten Des Vaters Heerden zumal; Dort grasten sie gern im Schatten Am Bach' im düsteren Thal. Im Erlenbusche verborgen Von Blättern und staubigem Gras, Dem Wellengemurmel zu horchen, Ich stundenlang mit ihm saß. Das war ein heimliches Wehen Tief unten im silbernen Bach; Wir glaubten das zu verstehen, Was flüsternd es zu uns sprach. Er war ein wackerer Knabe, So stille, herzlich und gut; Er ruht nun im feuchten Grabe, Verschlungen von dieser Fluth. Ein allgemeines: Ah! flüsterte jetzt durch den Kreis. Man sah sich gegenseitig eine Zeit lang an, als erwache ein Jedes aus einem Traume und wundere sich, in Gesellschaft Mehrerer sich nun wieder zu finden. Nur wahrhaft gefühlvolle Menschen, welche sich dem Zauber der Töne und der Dichtung ganz hinzugeben vermögen, können durch seine Macht zur Zeit wie im magnetischen Hellsehen in den wunderbaren Himmel, welcher ja in jeglicher Menschenseele verborgen und gebannt liegt, gläubig und seelig versetzt werden, um dort den Antheil an der Geisterglückseligkeit, welche der Menschheit so gern entgegenfluthet, hinzunehmen, und mit den zarten, leise wachsenden Flügeln der Psyche sich zu erhebnen in das Unendliche. Nur solche Gemüther können das Gefühl, in welchem sich diese Gesellschaft so traumwohl befand, recht mit Herz und Sinn begreifen. Georg hatte die Laute in das Gras gelegt. Heinrich schüttelte seinem Freunde, die Hand, und sprach zu den umstehenden Mädchen gewendet: aber, wie ich glaube, sollte der Sänger nicht nur mit kalten, feuchten Wiesenblumen abgelohnt werden, sondern vielmehr mit dem Vergänglichsten und Schönsten zugleich. Mathilde, du hast gewissermaßen den lieblichsten Preis ausgesetzt, löse darum dein Wort zuerst, und will dich nach Gebühr loben. – Ein wenig verlegen stand eine Weile das fröhliche Mädchen kämpfend mit sich selbst. Als aber Georg nahte, sprach es: ich ergebe mich dem Willen des Schicksals! Hier! – und lache nicht, Schelm! – Mit diesen Worten gab sie dem Sänger einen schnellen, herzhaften Kuß, und wie er aufgeregt nach einem zweiten haschte, einen gelinden Schlag auf den Mund. Heinrich war munterer, als je, geworden. Die spröderen Freundinnen hielt er neckisch dem Freunde entgegen, so daß dieser fast allenthalben unter dem ergötzlichsten Lachen der ganzen Gesellschaft ein glücklicher Dichter war. Nur Lina stand noch zögernd in der Ferne. Georg näherte sich ihr. Tiefe Röthe im jungfräulichen Bangen übergoß ihr Gesicht. Er faßte mit flehenden, innigen Blicken, welche in ihr gesenktes Auge zu dringen begehrten, ihre zitternde Hand. So standen sie ein Weilchen! Darf ich bitten? flüsterte Georg. Wie in wundersamer Angst rief sie: nein! nein! Lassen Sie mich! Eine große Thräne stürzte aus ihrem scheuen Auge. Bestürzt ließ Georg ihre Hand fahren. Die übrigen Mädchen machten ihr ein böses Gesicht. Die Heiterkeit der Gesellschaft war gestört. Frau Meier mahnte zum Aufbruch. Stillschweigend schlugen die Mädchen ihre Tücher um, und zogen in gleichgültigen Gesprächen, Lina mit ihrer Pflegemutter, Arm in Arm, das Thal hinunter der untergehenden Sonne zu. Georg und Heinrich gingen langsam hinterdrein. Weibergrillen! sprach Heinrich verstimmt vor sich hin; Georg aber schwieg und fühlte sich beengt. Die Abendglocke rief die Sonne und die Menschen heim. So zog die Gesellschaft auf dem Wiesenfußsteige am Ufer des murmelnden Flusses dahin und gelangte bei werdender Dämmerung schweigsam im munteren Städtchen an. Sechstes Buch. Erstes Kapitel. Eines Morgens kam Rudolph, festlich geputzt in das Gartenhaus zu unseren Freunden. Er wurde freundlich bewillkommnet; aber so munter der Geselle auch sonst gewesen war, so schien es doch, als ob er jetzt, mit vielfacher Verlegenheit kämpfend, keine passenden Worte finden könnte, um sein Anliegen über die Zunge zu bringen. Ich möchte doch wissen, begann Heinrich, was unserem Freunde das Herz drückt; sitzt er doch hier wie eine junge Braut, welche nicht weiß, soll sie zum Zeitvertreib ein Weniges lachen, oder ein rührendes Solo abweinen. Wenn ihr mir kurze Aufmerksamkeit schenken, und mein Herz erleichtern helfen wollt, so wäre es am besten, ich erzählte euch die ganze Geschichte. Sie haben geduldige Zuhörer und Freunde vor sich; versetzte Georg. Wohlan! fing Rudolph an, und verzog den Mund, wie ein Kind, das heimlich ein Stückchen Zucker genascht hat; Gott schuf ein Männlein und ein Fräulein, um von Adam und Eva zu beginnen; da ich nun ein Männlein, obendrein Advocat und Notar, übrigens auch bereits dreißig Jahre alt bin, so möchte es gerade Zeit sein – Den alten Adam aus, und den neuen anzuziehen! rief mit herzlichem Lachen Georg. Unterbrecht mich nicht, fuhr Rudolph fort, sonst laufe ich mit meiner Predigt davon! Mit obigen Gedanken saß ich gestern Abend in unserem Grasgarten, welcher eben abgemäht war. Ich ließ musternd in meinen Gedanken die ganze Gesellschaft unserer Freundinnen an mir vorübergehen. Je mehr ich erwog, desto bänglicher wurde mir. In diesem Augenblicke kam die gute Karoline, meine Schwester zu besuchen, oben zum Garten herein. Dich führt mein guter Engel her! sagte ich für mich. Karoline kam zu mir heran; ich ergriff ihre Hand und vermochte sie, mit genüglichem Sträuben ihrer Seits, sich neben mir auf die Grasbank zu setzen. Nach manchem Hin- und Herreden sprach ich: Karoline, eine Neuigkeit; ich werde mich verheirathen! Mit wem? fragte sie verlegen dagegen, und stand auf; ich aber warf mich vor ihr nieder, und rief verwirrt: Karoline, ich tauge zwar nicht viel, sonst aber bin ich gut, dir aber vor Allem! Küsse und Betheurungen versiegelten unsern Bund. Damit aber nichts bei dem Vertrage unserer Herzen fehlen sollte, kamen meine Aeltern mit Mathilde heraus in den Garten; ich stellte ihnen meine Braut vor. Das gab ein sich freuen und küssen!– Mein Vater, immer rasch wie ich selbst, war hurtig zurück in die Stube, schnell im Sonntagsrocke und brautwerbend, ohne daß wir es wußten, bei Karolinens Aeltern, welche bald mit ihm, Freudethränen in den Augen, herüber zu uns kamen. Seht, Freunde, so ward die Verlobung noch gestern Abend aus dem Stegreife gefeiert, und unsere Mütter gaben ihre eigenen Brautringe her, um uns beide auf ewig zusammen zu ketten. Unsere beiden Freunde wünschten ihm von Herzen Glück; Rudolph aber fuhr fort: in drei Wochen wird unsere Hochzeit gefeiert, mein Vater schreibt schon seit einigen Stunden an Einladungsbriefen und die Hochzeitbitter rennen und laufen; bei euch, ihr Freunde, wollte ich aber selbst der Herold meines Glücks sein, und euch zu meinem großen Festtage einladen. Nun habe ich vor der Hand nur noch den Wunsch: euch angehenden Hagestolzen ein gutes Beispiel, das euch zu baldiger Herzens- und Sinnesänderung ermuntern möge, gegeben zu haben. Du hast deine Sache, versetzte Heinrich, überall gut gemacht. Unsere Freude wegen deines Glückes, unsern Dank für deine Güte, lies auf unseren Gesichtern! und nun stärke dich, du Süßgewordener! mit einem herben Glase Burgunder. Rudolph nahm das dargereichte Glas und sprach: Was kann schöner auf Erden sein, Als in der Freunde holdem Verein Einen kräftigen Feuerwein, Und trautes Weib für sich allein! Seht den argen Renegaten des Hagestolzenthums! erwiederte Georg, er, früher aller Poesie abgethan, erlebt nun in seinen alten Tagen noch das Unglück, Versemacher zu werden! Das kränkt mich nicht so sehr, entgegnete Rudolph, indem er Hut und Stock nahm, als daß ich euch, ihr Lieben, jetzt verlassen muß; denn auch ein Bräutigam hat seine Sorgen! So nimm denn, sprach Heinrich, zu deinen übrigen Sorgen, noch tausend Grüße und Glückwünschungen von uns an deine liebe Braut und Doppelältern mit! So schied denn der fröhliche Bräutigam munter von den Freunden. Kurz nachher ward an Heinrich ein Brief überbracht. Nachdem er ihn gelesen, sagte er zu seinem Freunde: das wird uns manche vergnügte Stunde machen! Graf Rüderig ist mit seiner Gemahlin wieder auf seinem Schlosse, im benachbarten Ellerhaußen, aus dem Bade zurück angelangt, und meldet mir eben seine Ankunft. Du mußt ihn kennen lernen. Es ist ein Edelmann, wie man sich nur einen solchen in der gefälligsten Form denken kann. Er ist in meinem Alter und erst seit einem Jahre verheiratet Er ist im Gespräche geistreich, im Umgange gewandt, übrigens ein Verehrer jeder schönen Kunst. Du malst mir hier ein wahres Ideal von einem Manne, versetzte Georg, und machst mich in der That begierig, eine solche vornehme Bekanntschaft zu machen. Dennoch, erwiederte Heinrich, ist es leicht möglich, daß sein Wesen dich wenig anspricht. Seine bequeme, gemessene, kalte und dennoch freundliche Weise, in welcher er sich zu geben gewohnt ist, zieht eben so an, als sie abstößt. Wie dem aber auch sein mag, wahr ist es, daß er seinen unermeßlichen Reichthum nur als Mittel betrachtet, sich und Anderen das Leben in jeder Richtung hin angenehm zu machen. Vorzüglich liebt er dramatische Vorstellungen. In seinem Schlosse hat er ein Liebhabertheater errichtet und unter Anderen im vorigen Winter selbst mich vermocht, einmal die Rolle eines alten Polterers in einem Lustspiele zu übernehmen. Hat der Graf eine Leidenschaft, so ist es die für die Bühne. Ich zweifle nicht, daß er bald sein altes Steckenpferd wieder in Gang bringen wird, und, ich irre nicht, an dir, meinem poetischen Freunde, wird er eine gute Eroberung für das Liebhabertheater machen. Ich selbst, habe mich nie mit dem Charakter des Grafen völlig aussöhnen können; er ist im Grunde ein angenehmer Egoist, der uns alle nur in sofern zu seinen Ergötzlichkeiten, als wir ihm Mittel dazu sind, hinzu zu ziehen weiß. Die Gräfin dagegen ist ein sanftes, liebenswürdiges Weib, dessen Nähe auf Jeden wohlthuend einwirkt. Auf solche Weise bemühte sich Heinrich, seinen Freund in allen Verhältnissen, welche sie umgaben, vertraulich einzuweihen. Es war das schöne Band edelster Freundschaft, welches diese zwei wackeren Menschen verband. Selten nur gestattet ein glückliches Geschick, daß sich eine solche innige Vereinigung zwei solcher Seelen verwirkliche; denn fast nie verläßt der Irrthum und Wahn die Menschen so sehr, daß der Beste im Gleichen sich und das Glück seeligen Brüderthums völlig erkennen könnte und dieses edle Gewächs des Himmels zu Blüthen und Früchten unbehindert empor zu pflegen vermöchte. Zweites Kapitel. Mancherlei hatten in diesen Tagen die Freunde mit einander zu besprechen, Vieles zum bevorstehenden Hochzeitsfeste Rudolphs und Karolinens anzuordnen, um das glückliche Paar freudig damit zu überraschen. Festspiele wurden ersonnen und wieder verworfen, Gedichte angefangen und nicht vollendet. So kam endlich der Festtag heran. Wie es Sitte der Gegend war, zogen die Hochzeitsgäste, mit rothseidenen Bändern geschmückt, in ihrer Mitte das Brautpaar, voran ein Chor Musikanten, auf Clarinetten und Hörnern blasend, auf die Kirche zu. Im munteren Lärm sprangen Schaaren von Kindern um den Zug herum, und auf dem Thurme tönten die Glocken den Jubel viel glücklicher Menschen weit über das Städtchen hinaus in die Luft. Hand in Hand gingen die Freunde zu Ende des Zuges, zu Erinnerungen an Längstvergangenes nicht ohne Schwermuth hingeneigt. Gegenseitiger Händedruck verdolmetschte ihnen diese verholenen Gefühle stiller Wehmuth, welche so gern den Unglücklichen beim Anblicke allgemeinen Frohsinns neidlos im milden, wohlthuenden Trauern überschleicht. Die Trauung war endlich vollzogen und die Brautthräne geweint. Ueber den Himmel flog beim Heimzuge ein leichtes Wölkchen, das im leichten Nebelthau herunterfeuchtete. Der fromme Glaube der Umgegend hielt dieses für ein Vorzeichen, welches dem jungen Paare Heil und Seegen verkünden wollte. – Auf rothen, mit Wein benetzten Schwingen verflogen scherzend die Nachmittagsstunden. Lina war in der Mitte ihrer Freundinnen zur lieblichsten Rose erblüht. Ihre Schönheit, mit der eigenthümlichsten Anmuth verschwistert, bezauberte die ganze Gesellschaft; und die heiligste Unschuld, welche im milden Lichte ihre sanftbewegten Augen, ja! das ganze Antlitz verklärte, riß Männer wie Frauen zu unbedingter Huldigung hin. Dennoch blieb ihr Wesen, seines Zaubers sich unbewußt, wie das eines herzlichen Kindes. Georg fühlte sich immer mehr zu ihr hingezogen; ihm war es, als müßte er vor geheimen, süßen Schmerzen aufschreien: Aquilina! du bist es ja, zürne nicht mehr dem Wortbrüchigen! Dann sprach wieder sein Verstand: Georg, bist du so wenig der Herrlichen eingedenk, daß du sie, wenn gleich an ihre irdische Schwester, zum zweitenmal verrathen willst? Georg überstehe kräftig diese Prüfung! – Sah er aber wieder hin auf die Holdseelige, so vergingen ihm dennoch wieder alle schönen Grundsätze, welche er mühsam errungen hatte. Da man mit dem Festmahle noch anstand, um den Grafen Rüderig, welcher seine Anwesenheit zugesagt hatte, zu erwarten, so eilte Georg in die werdende Nacht und in die freie Natur hinaus, um den Kampf in sich zu schlichten und zu beschwichtigen. Der Himmel hatte sich umzogen, kein einziges Sternbild glänzte oben. Er ging schnell und kam bald aus dem Städtchen und Häusern hinaus. Wie er einsam hinschlenderte, sprach er für sich: warum, o! warum mußte ich ihr begegnen? diesem göttlichen, jungfräulichen Weibe, welches ihr so seltsam gleicht? Warum muß diese schwere Prüfung, welche ein steinernes Herz kaum bestehen könnte, meiner leicht erregten Seele auferlegt sein? Ich will stark sein! rief er; ich will durch jegliche Buße, welche du mir, Aquilina! auferlegst, deiner und aller deiner Herrlichkeit, welche um dich ist, wieder mich werth machen! Und wenn sie es nun selbst wäre? Die Gedanken gingen ihm herüber und hinüber. Ihm war thränenweich zu Muthe; die verrätherische Gluth aber, welche in seinen Augen brannte, versagte ihm die Labung der Thränen. Heftig preßte er den Goldreif, welchen ihm, einst Aquilina gegeben, an seine Brust, als könnte er dadurch die Zwietracht seines Innern erdrücken. Es war um ihn endlich die Nacht so finster geworden, daß er kaum mehr den Weg erkennen konnte. Er wollte schon wieder umkehren, als er auf einmal das Getöse des Galopps einiger Reiter, welche die Straße von Ellerhaußen herunterkamen, vernahm. Er blickte auf und starrte ihnen verwundert entgegen; denn die Augen des einen Reiters glänzten durch die düstere Nacht her wie zwei feurige Kohlen, und Georg kannte nur Einen, welcher solche schauerlich prächtige Augen hatte. Die Reiter kamen heran. Der Feueräugige hielt sogleich das Roß an, und rief: Georg, bist du es? So heiße ich, entgegnete dieser, und du bist Voland! – Sie kennen sich? sprach der zweite Reiter mit wohllautender Stimme. Es ist der junge Freund, versetzte Voland, welcher auf jenem Maskenballe in C... vor, vier Jahren ihre Lebensansichten so gewandt bestritten hat. Willkommen! rief der Graf, denn dies war der zweite Reiter, so sind wir ja alte Universitätsfreunde. So wurden unter dem nächtlichen Himmel alte Bekanntschaften munter erneuert. Der Graf hieß den Diener, welcher ihnen nachgeritten war, absteigen, und Georg das Pferd vorführen. Wie auf Schwingen des Sturmwindes flog nun die Gesellschaft in das Städtchen hinein. Drittes Kapitel. Mit Herzlichkeit und Jubel wurden die Längsterwarteten im Hochzeitshause empfangen, und Georg hatte kaum Odem genug, um alle Fragen, wie er mit den Willkommenen zusammen gekommen sei, zu beantworten. Der Graf hatte sich zu den Aeltern des Brautpaars, und zu diesem selbst gewendet, Doctor Voland als einen seiner alten Bekannten, welcher jetzt bei ihm auf Besuch wäre, vorgestellt und auf artige Weise eingeführt. Während des langen Tischgebets zog Voland seinen ehemaligen Reisegefährten in das Fenster und flüsterte ihm Eins um das Andere zu. Bald waren um die köstliche Tafel herum die fröhlichen Gäste versammelt. Obenan saß das Brautpaar, Lina daneben; weiter unten Georg zwischen dem Grafen und dem Doctor. Eine allgemeine Heiterkeit hatte sich über alle Gesichter ausgegossen. Witz und Scherz flog hinüber und herüber. Vor Allem belebte Doctor Voland mit mancherlei Taschenspielereien die Tafelgenossen, indem er bald aus einer Weinflasche vielfarbiges Feuer spielen, bald den Apfel unter der Hand der Tischnachbarin als Speisung fortfliegen ließ. Ein ausgelassenes Gelächter wußte er anzuschüren und zu unterhalten. Der Geist des Weins regte immer lebhafter die Gemüther an. Ein Trinkspruch um den andern erklang. Wie einmal die Unterhaltung ebbete, hob Voland das Glas und rief: Es leb' des Feuers schöne Macht, Das Feuer, das den Wein gemacht, Das in dem Busen Aller bebt; Der alte Feuergeist, er lebt! Rings fiel der Chorus schallend ein: der alte Feuergeist lebe! lebe hoch! – Und abermals hob er sich und rief mit besonderem, ihm eigenen Lächeln: Der Schlangenring der Ewigkeit Soll stets um unsre Herzen schweben; So auch heut' die Schlange leben! Die Schlange soll leben! klang es ringsum schallend; und gellend schmetterten die Trompeten und Pauken in langer Fanfare. Fräulein Lina, flüsterte der Graf zu Georg, ist fürwahr das liebenswürdigste Weib, das ich nur je gesehen habe, dazu gemacht, um einen Mann auf ewig zu fesseln. Venlot! versetzte auf der andern Seite Voland, du weißt, ich hasse die Thorheit, welche man Liebe nennt, so ziemlich; aber dennoch will ich gern glauben, daß ein Mann, welcher diese Jungfrau, die Seinige nennen könnte, wirklich zu beneiden wäre. Wie lieblich ihr Blut durch die zarte Haut schimmert! – Es ist, als wenn der Hauch ihres Odems, vor dem ihr Busen im leisen Wogen aufbebt, den ewigen Jüngling Bachus aus dem Olymp heranzaubern könnte, um sie, eine schmachtende Ariadne, zu der Seeligkeit ewigen Genusses emporzuheben! Tiger müssen vor ihren Blicken gezähmt sich hinschmiegen, um ihr zu dienen. Georg fühlte bei diesen Worten sein ganzes Blut empört, und nur vergebens suchte er dieses Feuer, welches in ihm brannte, mit Wein abzulöschen. Immer mehr ging ihm die ruhige Besinnung verloren, und immer schwächer sprach die warnende Stimme in seiner Brust zu ihm. Endlich wurde die Tafel aufgehoben. Man rückte Tische und Stühle zur Seite, um Raum zum Tanzen zu gewinnen, während unterdessen die Gesellschaft in zerstreuten Gruppen im Saale und in den Nebenzimmern plaudernd umherstand. Vergeblich hatte Heinrich seinen Freund von Voland abzuziehen gesucht; vergeblich regte sich in Georg selbst der Gedanke, daß doch eigentlich sein leichtsinniger, schwer verbüßter Wortbruch in Persien, welcher Aquilina vielleicht auf immer von ihm getrennt habe, durch Volands Einfluß auf ihn verursacht sein möchte; umsonst suchten ihn endlich Lina's umflorte Blicke; er ließ sich dennoch gern von dem, zu vielfarbigen Lichtern des Witzes aufstrahlenden, Gespräche desselben hinreißen. Er saß mit ihm an einem Tische und ließ sich durch Trinksprüche fortwährend verleiten, sich des frisch duftenden Weinglases zu bedienen. Doctor! rief er, es war dennoch schön, wie wir gleich einem Adlerpaare durch die Welt zogen! Daß ich in Persien, ich werde ewig daran denken! das schönste Kleinod meines Lebens so schändlich aufgeopfert habe! – Davon laß uns heute schweigen, versetzte dieser; nur der fröhlichen Gegenwart sei dieses Glas gebracht! Ich bitte dich, nur heute keine Sentenzen, nur heute keine Abendzeitung! Du bist ein Narr! habe ich dir längst gesagt, ein guter zwar, aber doch einer; nicht in der Vergangenheit, nicht im Künftigen, im Gegenwärtigen liegt das Glück. Wär' ich doch so jung und schön, wie du; ich wüßte dann, wo eine Rose für mich blühte! Eben spielte die Musik zum Tanze auf. Der Graf tanzte den ersten Reigen mit der Braut und führte sie dann dem Bräutigame mit höflichen Verbeugungen wieder zurück. Georg, flog, bereits mit Lina im Tanze den Saal flüchtig und leicht hinunter. Ein schönes Paar, flüsterten die Zuschauer umher, das sollte sich nie trennen! Georg war eine Gluth, welche bis in feine Fingerspitzen, mit welchen er die Hand seiner Tänzerin hielt, vorzuckte. Nach geendigtem Reigen trat Heinrich zu ihm und flüsterte ihm zu: Freund, ich kenne dich heute nicht mehr. Georg drückte ihn an sich und einen festen Kuß auf seine Wange, und war ihm, und zu neuem Tanze entflohen. Viertes Kapitel. . Mitternacht kam unbemerkt heran. Kühlung zu genießen, war Georg in den Vorsaal gegangen und hatte sich in ein Fenster zurückgezogen. – Nur ein Gedanke, oder vielmehr nur eine Anschauung stand in seiner Seele. Nur dem Bilde Lina's, das seine Einbildung fortwährend ihm auch hier vorwob, war sein ganzes Wesen hingegeben. Vergebens, gleich einem Ertrinkenden, welcher nach einem schwimmenden Halm, um sich daran empor zu helfen, instinktartig greift, sprach er den Namen: Aquilina! leise für sich aus. Aber selbst die Aehnlichkeit des Namens Lina mit diesem, selbst wenn sie jener Ueberirdischen auch nicht wundersam geglichen hätte, bannte den vielfach Aufgereizten und Aufglühenden in Lina's Zauberkreis. Eben gingen mehrere ältere Damen, unter diesen Rudolphs Mutter, an ihm vorbei, in die Brautkammer. Die Thüre blieb offen stehen. Ihm war es, als ob er in ein kleines Feenreich hineinschaute. Und das hübsche Schlafhäubchen, sprach bewundernd die eine Matrone, mit den feinen Spitzen! Es sind welche aus Brüssel, versetzte die Brautmutter, ein Handelsfreund hat sie uns vor einigen Jahren bereits überschickt. – Wie weiß und sauber die zwei Betten neben einander stehen! versetzte eine Dritte; Gott wird die guten Kinder seegnen! – Nachdem die Matronen sattsam dieses Heiligthum durchschaut hatten, schlichen sie sich wieder davon. Georg seufzte im gedankenlosen Hinstarren tief auf. Plötzlich stand Voland vor ihm. Freund, sprach er, zaudere nicht! schwärme nicht dem Glücke vorüber, und renne nicht dem Wahnwitze einfältiger Einbildungen nach! – Georg drückte ihm im stummen Schmerze verhaltener Neigung zu der unwillkührlich Geliebten die kalte Hand. Voland faßte ihn beim Arme, zog ihn auf die andere Seite des Saales, öffnete eine Thüre und schob ihn hinein; es war das für Karolinen bestimmte Wohnzimmer. Ein Lampe, deren Schein durch übergedeckten seidenen Schirm gemildert war, verbreitete über die zierlichen Umgebungen ein magisches Helldunkel. Lina, welche sich dorthin, um von langwierigen Tänzen sich zu erholen, zurückgezogen hatte, saß davor. Sie hatte auf ihren mildgerundeten, blendendweißen Arm ihr Haupt gestützt, die blonden, halbaufgelösten Locken quollen lieblich über und unter der Hand hervor. Wie Georg eintrat, bebte sie auf. Kaum hatte sie ihn aber erkannt, so wich das erste Erschrecken einem weichen Lächeln, das um ihren rosig leuchtenden Mund schwebte. Ach, Georg! – sprach sie bewegt, was kommen sie jetzt hieher? Er faßte ihre Hand, sie entzog sie ihm nicht und er bedeckte sie mit heißen Küssen und brennenden Thränen. Um Gotteswillen, rief die schöne Jungfrau, ich beschwöre sie, entfernen sie sich! – Sie sah mit unaussprechlicher Milde in sein thränenfeuchtes Antlitz. Lina, liebst du mich? flüsterte er, schlang seinen Arm um ihren Nacken, und im brennenden Küssen schmolzen dürstende Lippen zusammen. Von Neuem suchte er ihre Hand zu fassen, da sah er – und Gewissensschauer packten grimmig seine Seele an – den Stein im Ringe, welchen ihm Aquilina gegeben, wie einen Stern, unzählige Strahlen auswerfend, im blendenden Lichte an seiner Hand funkeln. Wehe mir! schrie er entsetzt, ach, Aquilina! Aquilina! – und stürmte mit diesen Worten zum Gemache hinaus. Der Doctor ergriff ihn draußen und rief hastig und leise, und wie in heimlich grimmiger Freude: Herzensjunge, du weißt dich zu benehmen! Herzensfreund! Verruchter! schrie Georg auf und schleuderte ihn mit Riesengewalt von sich. Ein leises, kaum hörbares Weinen schlich sich wildfremd durch dieses Getöse hindurch. Mehrere Gäste stürzten aus dem Saale heraus und verworrene Stimmen riefen: Was gibt es? Was war das? Ha! Ha! lachte der Doctor, der Wein wirkt gut, man kann darüber stolpern und ging mit der lachenden und jubelnden Menge hinein in den Saal. Georg war in das Ankleidezimmer gesprungen; er nahm Hut und Mantel und schlich betäubt nach Hause. Siebentes Such. Erstes Kapitel. Wie auf eine schwüle Sommernacht, welche vollgesättigt von elektrischer Materie sich im heimlichen Grollen über den Bergen lange mit sich selbst besprochen, und dann auf einmal mit ungeheueren Donnerschlägen und zündenden Blitzen alle Gluth aus ihrem Busen über die bange Erde geschüttet hat, oft ein unerfreulicher, trüber Morgen folgt, so kam auch jetzt über Georgs Seele schmerzliches Mißbehagen und Reue über sein Vergehen. Das beißende Gefühl seiner Schwäche, das Bewußtsein, alle die Angelobungen, welche er sich selbst gethan und täglich wiederholt hatte, gebrochen zu haben; der Gedanke, daß er an der heiligsten Gastfreundschaft und an Lina und ihrer unschuldigen Liebe zugleich schändlichen Verrath begangen habe, und die endliche Ueberzeugung, daß er, um den Versuchungen seines eigenen Herzens zu entfliehen, seinen Freund, Lina selbst und sein Asyl verlassen müßte, peinigte ihn ohne Aufhören. Als jagte ihn sein eigener Schatten, rannte er im Zimmer ruhelos, seufzend und händeringend umher. Es ist eigen, daß der edlere Mensch bei Verirrungen, welche der rohere kaum als solche anerkennt, eben solche Natternbisse in seiner Seele, wie der gemeinere Verbrecher vielleicht kaum bei der schändlichsten Unthat, fühlt. Wohl konnte er es sich nicht läugnen, daß sich ihm in der versicherten Gegenliebe Lina's, der wunderholden Jungfrau, ein Eden, der Seeligkeit aufgethan habe; aber nur zu sehr fühlte er, wie von diesem Glücke ihn die Geisel seines Gewissens als einen Unwürdigen hinwegtrieb. So blieb ihm nichts übrig, als stumme Verzweiflung und Selbstverachtung. Regte sich in ihm auch noch die langgenährte Hoffnung, Aquilina, wenn auch nur nach seinem Tode wieder zu finden, so floß ihm dennoch unwillkührlich Lina und Aquilina in einem Gedanken zusammen. Bleibe dir selbst treu! – diese Worte, welche einst Aquilina zu ihm gesprochen, und selbst das Pfand ihrer Liebe, der Ring mit dem trüben Steine, welcher, in seinem wunderbaren Aufflammen ihn aus Lina's Armen hinweggeblitzt hatte, entschied jetzt über ihn. Trennung, Flucht, büßendes Bereuen waren die Ideen, welche sich immermehr seiner bemeisterten, und einigermaßen die Pein seiner Seele beschwichtigten. In dieser Stimmung setzte er sich hin an das Pult, ergriff die Feder und schrieb: An Lina! »Ich muß fliehen, mein Fräulein! könnte ich es vor mir selbst, und den Qualen meines Innern!– Sie fliehen? Ach, daß ich es muß, ich Elender, jedes Mitleids baar und ledig! – dennoch muß ich, denn ich bin zu schwach, um dem Liebesbanne, welcher von Ihnen ausgeht, mich hinreißt, mich betäubt, mich Alles vergessen läßt, selbst die heiligste Pflicht, welche mich an eine Ihrer himmlischen Schwestern immer binden muß, zu widerstehen. Unendlich wird meine Liebe, welche jetzt Sünde ist, zu Ihnen sein, ich will darnach ringen, daß sie zur reinsten Bruderliebe sich verkläre. Daß ich es vermöchte! Bittere, und dennoch süße Thränen brechen aus meinen Augen! Könnte ich sterben, sterben zu Ihren Füßen! Ich würde lügen, wenn ich wünschen sollte, daß Sie je meiner vergäßen und dennoch muß ich es wollen! Schwer ist meine Brust belastet von argem Leide. Leben Sie glücklich! entziehen Sie nicht alle Huld einem Unglückseeligen. Muß ich es sagen? – dieses herbe Wort – leben Sie wohl! ich aber werde, ewig Ihrer gedenkend, ewig mich unglücklich fühlen. Georg Venlot Er siegelte und überschrieb den Brief. Unruhig und angegriffen warf er sich auf das Sofa und drückte sein Gesicht hinein in die Kissen. Zweites Kapitel. Georg hatte noch nicht lange so gelegen, so klopfte es an seine Thüre. Er rief: herein! die Thüre öffnete sich: Doctor Voland zeigte sich und stand vor ihm. Ich habe nunmehr Langeweile drüben beim Feste, begann er zu sprechen, darum komme ich zu dir, mein Freund! Verruchter! schrie Georg auf, nenne mich nicht deinen Freund; verhaßt bist du mir mehr, als ein Pestgeschwür; mehr als die Natter, welche dir gleicht! Warst du es nicht, der mir früher immer vorspiegelte, Aquilina wäre nur eine Ausgeburt meiner Phantasie; warst du es nicht, der in Persien meine Eitelkeit, um die Königstochter zu werben, so tückisch zu erregen wußte? Was ist mit dir? ich verstehe dich nicht, versetzte Voland; ich war nie mit dir in Persien! – Aquilina? Königstochter? Bist du krank oder wahnwitzig? Höhnisches Unwesen, erwiederte Georg, laß mich! Lügengeist! Abschaum der Menschheit! Über mich Verblendeten, der ich dich je zu meinen Gesellen machen konnte! – Schüttle dich aus! versetzte lächelnd Voland; du siehst ich kann mit Freunden Geduld haben; zumal wenn der Wein aus ihnen faselt. Schrecklich, schändlich! rief Georg. Alle die Noth, welche nach meinem Falle mich ängstigte; die Bettlerarmuth und tausendfachen Kummer in ihrer Begleitung will ich dir nicht anrechnen; aber, stehe mit Rede und gieb, du Verstockter, mir Antwort! Warst du es nicht, den noch vor wenig Stunden, ein schönes Gefühl in mir zu einer theuren Freundin so niederträchtig zu schüren wußtest, bis ich von Neuem in meiner Seele an Ihr, an Aquilina sündigte? Schändlicher, warst du es nicht, der meinen Verstand an mein Blut verkuppelte? Sticht doch der Romanschreiber überall vor, versetzte der Doctor. Was gehn mich deine Liebschaften an? Hattest du nicht stets selbst freies Thun und Lassen? Und habe ich je einen Vortheil von deinen Späßen gehabt, die ich nun verantworten soll? Da nun der Wurm satt hat, möchte er mir den Überfluß in das Gesicht speien! Was kann ich dafür, daß du diesen Abend süße Küsse genascht, und überhaupt gemerkt hast, daß nicht im Streben, sondern im Genusse das Glück liegt? Kann ich dafür, daß deine Befangenheit, die dir freilich natürlich, aber nicht mein Fehler ist, dich wieder quält? Überhaupt ist es denn meine Schuld, daß kein Erschaffener je glücklich sein, und sich nur einigermaßen so fühlen kann in seeliger Ahnung des Nichtseins? Satan! Satan! schrie Georg auf, dieß ist deine Sprache. Verführer meiner Jugend, Satan! ich kenne dich nunmehr; doch an mir hast du keinen Theil! Scherzeshalber will ich einmal die Rolle des Genannten übernehmen, und nun, was hättest du an mir und meinen Diensten, welche ich dir geleistet habe, auszusetzen? So sprich, rief Georg, was drängst du dich ungerufen an mich? Was willst du mit mir? So wisse und bebe! sprach der Sonderbare. Horch auf, Menschenkind! so wohlgelaunt, wie jetzt, triffst du mich selten, daß ich dir einen hellen Blick in die Geisterwelt gestatten möchte. Volands Worte rollten jetzt wie Donner, oder wie das Hallen von Posaunen. Er fuhr fort: Als im unermeßlichen Irrwahne der Urgeist sich von Neuem schaffen wollte, mußte sich sein Wesen dreifach trennen, in das unbedingt Ruhende, in das unbedingt Strebende und das Allverneinende. Die letztere Seele bin ich. Der Zweck der Schöpfung sollte ewig werdende Glückseligkeit sein, indem der Geist des Strebenden zum Geiste der unbedingten Ruhe ewig sich hinüberläutern sollte. Aber wie konnte der Schöpfer je das Erschaffene selbst werden? Hierinnen liegt der große Widerspruch des Daseienden mit sich selbst! Endloses Ringen nach Allglückseeligkeit, welche unmöglich ist, und das Zurückstürzen der Wesen in endlose Verzweiflung ist das Loos des Geschaffenen. In diesem Punkte brennt die dunkle Wunde der verfehlten Schöpfung. Als ich diesen Fehler nach Jahrtausend langem Grübeln entdeckte, überkam mich ein unermeßlicher Jammer. Still und denkend lag ich dem Schaffer und seinem Weltalle gegenüber, ewig frei in der Urnacht des Nichtseins. Und wie ich sann und grübelte, fand ich des Räthsels Lösung. Das Problem mußte sich in entgegengesetzter Richtung lösen. Im Nichtsein nur ist Ruhe; alles Seiende strebt seiner Natur nach darauf hin. Da stieg ich auf, den verworrenen Knäuel der Schöpfung zu lösen. Welten stürzten vor meinem Fußtritte um, und über euere Erde goß sich vor Angst das Weltmeer. Jeder Irrthum muß in sein Nichts zurückfallen; darum ich mir die Aufgabe, bis in die Materie, die strebenden, armen, unglücklichen Geister zurückzuführen; und sie dann mit der Materie zugleich aufzulösen. Schrecklicher! seufzte Georg, ist dir dieses je möglich geworden, bis zur starren Unempfindlichkeit, bis zum vergehenden Rauche ein denkendes Wesen zurückzubringen? Und warum nicht? versetzte jener. Hast du nie davon gehört, wie uralter Mythos, dessen Mysterien ihr aber ungläubig im einfältigen Hochmuthe nicht verstehen wollt, von Menschen spricht, welche in Thiere und Steine verwandelt worden sind? Hast du noch nie gehört von meinen Anbetern in Indien, welche ihren Geist, selbst das Empfinden ihres Leibes abzutödten suchen, um die Glückseeligkeit des Steins zu erlangen? Schaue um dich! betet mich nicht fast die ganze Welt an, indem sie das Strebende als unseelig, das ruhig Hinstarrende aber als letztes Ziel hinstellt? Narr! siehst du nicht die ungemessene Menge der Geister in meinem Dienste glücklich, glücklicher wenigstens, als sie im alten Wahne, der sie im ewigen Kreislauf herumquält, sein könnten? Ich will blos das Allheit, welches in der Allruhe liegt; dahin muß ich den Schöpfer und das Geschaffene zurückbringen – zum Ruhepunkte des Nichtseins. Alle Elemente arbeiten in meinem Dienste, Vernichtung herbeizuführen. Unter und über der Erde toben die Vulcane, vom Nord- und Südpole herein schreiten meine Eisriesen, die Gletscher; und Meere fressen unter und neben sich. Wie ich bereits im Monde alles Lebende verkalkt, andere Planeten gänzlich zersprengt habe; und wie so endlich Alles zusammenstürzen muß, in ein glühendes, vernichtendes, sich selbst verzehrendes Chaos, wirst du nunmehr begreifen. Vergebens hat Er sich selbst in Menschengestalt für seine Schöpfung hinzuopfern gesucht! – er blieb Er, und die Schöpfung, und die in Materie eingewickelte Geisterwelt blieb dennoch, was sie war – ein Mißgriff. Vergeblich hat er sich, um mich zu vernichten, dreifach getheilt; er blieb Eins, und die Schaffung, so wie Ich außer ihm. Diesen Weltuntergang und meinen Sieg gesteht Er selbstlos ein in seiner Offenbarung, welche er Euch gegeben hat. Wenn aber das Strebende in der Vernichtung seiner Hülle, der Materie, sich ausgeglichen hat zwischen mir und ihm; dann werde Ich und Er, wie die zwei Pole einer Stange, welche ganz vom Feuer verzehrt wird, zusammenfließen in Eins. Dieses und Anderes habe ich deinen Vorältern auf Island geoffenbaret in der Edda. Bis dahin ist Kampf! Wag der Wahn mit der Wahrheit um die Herrschaft ungezählte Zeiträume hindurch ringen; sie muß dennoch endlich siegen! Thor! darum werde dir selbst genug, verneinend, ihn und den Wahnwitz seiner Schöpfung! Mein Herz ist voll des Erbarmens mit dir! – Einige dich mit meinem Geiste! Georg schrie vor Entsetzen auf: Gott, mein Gott! wirf dieses Unwesen von mir hinweg und schenke mir deine Kraft gegen dasselbe! Voland stand vor ihm großartig und schön; doch todtenbleich und furchtbar. Leblos schien sein Gesicht, außer daß nur leise Krämpfe um seine eingezogenen Lippen hinspielten, und unter der hohen Stirne die Augen, jedoch starr und unbewegt, im grünen Feuer leuchteten. Hebe dich von mir, Versucher! rief Georg von Neuem, indem er wie abwehrend seine Hände vor sich hinstreckte. Mit einem unnennbaren Ausdrucke im Gesichte schaute der Furchtbare ihn an. Er wandte sich. Das Haus erbebte und krachte und Er verschwand. Drittes Kapitel. Georg! hast du den Erdstoß vernommen? Mit diesen Worten stürzte Heinrich, das Nachtlicht in der Hand, herein. Georg lag besinnungslos auf dem Sopha mit offenen stieren Augen; von seiner Stirn perlte kalter Schweiß. Nur mit Mühe brachte er ihn zu sich selbst. Um Gotteswillen, Georg, du hättest hier des Todes sein können! Wer wird denn weiße Lilien in das Zimmer setzen, wenn man schlafen will? Er riß die Fenster auf und frische Morgenluft strömte in das Zimmer. Georg wankte an seinem Arme hin. Wie dem von Stürmen und Mühen ermatteten Schiffer der Leuchtthurm an, der Küste des Vaterlandes fröhlich in die Augen fällt, so herzerquickend war jetzt für Georg der Anblick des Morgensterns, welcher in ungewöhnlicher Pracht emporleuchtete. Und hast du wirklich nichts vom Erdbeben, das mich aus dem Schlafe und aus dem Bette zu dir, gejagt, vernommen? fragte Heinrich. Ich glaube, versetzte Georg, ich habe den schlimmsten Traum, den nur ein Mensch träumen kann, gehabt. Du warst auch gestern, erwiederte Heinrich, sonderlich ausgelassen. Ich dachte mir es gleich, daß dir unwohl sein müsse, da du dich heimlich nach Hause stahlst. Mit dem Doctor habe ich mich ausgesöhnt; es ist ein unglaublich tiefsinniger Kopf. Georg sagte kein Wort darauf. Im Fieberschauer zitterte leise sein ganzer Leib. Heinrich sah den Brief, an Lina überschrieben, auf, dem Tische liegen. Was ist das? fragte er. Freund! ich bitte dich, antwortete Georg mit matter Stimme, nimm diesen Brief, und übergieb ihn heimlich deiner Pflegeschwester. Ich bitte dich herzlich darum! Sein Freund sah ihn schweigend und betroffen an. Ja, Herzensfreund, fuhr Georg fort, ich habe darinnen Abschied von der Herrlichen genommen; ich muß Euch verlassen! Du uns verlassen?, versetzte Heinrich, und warum? Laß kein Geheimniß obwalten zwischen mir und dir! Sei nur halb so mein Freund, wie ich der deinige bin! Georg stürzte in seine Arme und rief: ach, mein Freund! das Mährchen, welches ich herausgegeben habe, ist nicht erdichtet, es ist meine wahre Lebensgeschichte!« Bei Gott! versetze Georg, du sprichst im Fieber; ich fühle es an deiner heißen Hand, wie krank du bist. Nein! Heinrich, sprach Georg weiter, es ist nicht Phantasie, es ist wirklich Geschehenes, was du gelesen hast; eben so gut ich an Aquilina, an dir, an mir, ach, und an Lina, welcher ich an dem vergangenen Abend meine verbrecherische Leidenschaft für sie gestanden habe, schmählichen Verrath begangen habe! O, nun sehe ich, rief Heinrich aus, wie das Unglück, vor dessen entferntem Anblicke sich schon unsere Sinne verwirren, von Neuem drohend über uns heraufzieht! – Wir waren zu glücklich unter uns; nun werden unsere Herzen wieder dafür bluten müssen! Auf einmal schrie Georg: wie wird mir? und sank ohnmächtig in seines Freundes Arme. Georg brachte den Fieberkranken zu Bette. Von nun an war ihm die Fiebergluth in schrecklichen Phantasien ununterbrochen herum. Mehrere Wochen lang rang seine gute Natur mit dem Krankheitsstoffe. Er wußte wahrend dieser Zeit nichts von sich selbst und von seiner Umgebung. In der fünften Woche seines Fiebers fiel er endlich gegen Abend in einen sanften Schlaf. Er dauerte die ganze Nacht hindurch bis zum Mittage des folgenden Tages. Als er aufwachte, war es ihm, als wäre vor seinem geblendeten Auge eben eine weiße Gestalt vorübergeflohen. Es war Lina! sagte ihm sein Herz. Um sein Bett herum saßen sein Freund Heinrich, dessen Mutter und der Arzt. Ein leerer Stuhl, welcher ihm zunächst stand, verrieth ihm, daß kurz vorher noch Jemand bei ihm gewesen war. Er fühlte sich fieberfrei und doppelt erquickt, wie er sowohl den herzlichen Antheil, den man an ihm genommen hatte, als nun auch die Freude über sein Wohlbefinden bei allen den Trefflichen, welche älterlich, brüderlich ihn umfingen, wieder bemerken konnte. – Sieben Tage nachher konnte er schon wieder, wenn auch noch matt, an der Hand seines Freundes, welcher weich und mild mit dem tiefen Gefühle herzlichster Anhänglichkeit sich zu ihm jetzt, wie zu einer geliebten Braut hinneigte, wieder hinaus vor das Thor in das Freie wandeln. Schon standen die Gefilde kahl und aller Frucht beraubt. Die Blätter der Bäume verfärbten sich und logen mit grellen Todtenfarben den Blüthenlenz nach. Auf dem hohen Kirchendache, um den Glockenthurm herum sammelten sich mit lärmendem Gezwitscher Schwärme von Schwalben, um in andere Länder zu wandern, wo eine mildere Sonne scheint. Heinrich deutete in die öden Felder hinaus und sagte: sieh, mein Georg, so geht denn Alles, nachdem es sich lange zuvor zum Abschiede vorbereitet hat, zur Auflösung heim, um nach kurzer Frist blühend, schmachtend, mit süßen Klagen, tausendfach lebendig wieder empor zu steigen. Ob wir nun auch so hinüberwandeln, um endlich zu neuem kräftigen Sein wieder empor zu leben? – Viertes Kapitel. Georg hatte seit jenem verhängnißvollen Augenblicke Lina nicht wieder gesehen. Um nach ihr zu fragen, hielt eine besondere Schüchternheit ihn zurück, so gern er auch gewußt hätte, ob Heinrich den Brief an sie bestellt habe. Zwar dachte er auch von Neuem an seine Abreise, aber theils mußte er sich sagen, daß seine schwach befestigte Gesundheit von einer solchen Wanderung, dem Verlassensein und dem Elende entgegen, vielleicht auf immer untergraben würde; theils aber fühlte er sich auch durch die herzliche Pflege, welche ihm von seinem Freunde und dessen Aeltern angediehen war, mit neuen Fesseln der Dankbarkeit und der Freundschaft an die Trefflichen gebunden. Wie er sich nunmehr wieder einigermaßen gekräftiget fühlte, schickte Graf Rüderig seinen Wagen und ließ ihn zu sich fahren. Diese Aufmerksamkeit, so wie die freundlichste Aufnahme, welche er im Schlosse fand, that ihm jetzt vielfach wohl. Wenn der Graf selbst seinen gebeugten Geist unvermerkt durch die gewandteste und erheiterndste Unterhaltung wieder aufrichtete und ihn endlich allen Genüssen der Geselligkeit wieder zuführte, so fand er sich nicht minder von dem zarten Sinne der Gräfin, welche in seiner Brust die angenehmsten Empfindungen hervorzuzaubern wußte, wohlthuend angesprochen. Doctor Voland, nach dem er sich einmal schüchtern erkundigt hatte, war bereits vor einiger Zeit wieder von Ellerhaußen abgereist. Der Graf versicherte ihm, daß es einer seiner ältesten und trefflichsten Bekannten wäre und nur die üble Gewohnheit habe, daß er sich nirgends lange aufhalten ließe. So verging einige Zeit, während Georg fast einen Tag um den andern in Ellerhaußen war. Heinrichs Aeltern hatte er zu verschiedenen Malen in der Stadt besucht; Lina aber nie dort angetroffen. Außerdem schien es, als wenn man mit besonderer Absicht ihn nicht an sie erinnern wollte. Endlich wagte er es, bei seinem Freunde Heinrich sich nach ihr zu erkundigen. Ich will dir keine Vorwürfe machen, entgegnete dieser, darum muß und will ich von allem Uebrigen schweigen und dir nur dasjenige einhändigen, was ich auf deine Nachfrage darum zu überreichen habe. Es war ein Brief. Georg erbrach ihn schnell und las: Es ist vorüber! – Meinetwillen Ihren Freund, und uns Alle zu verlassen, dürfte nun nicht nöthig sein. Lina. Georg schloß daraus, daß Lina das Abenteuer an jenem Abende zu vergessen wünsche, oder, indem sie sich beleidigt fühle, ihn bereits selbst der Vergessenheit geweiht habe. Er täuschte sich. Möchte dem Erzähler erlassen sein, den düsteren Schleier von Lina's blutendem Herzen, in dessen zartestem Lebenskeime der heimlich tödtende Wurm nagt, hinwegzuziehen! – Wenn ein holdes Wesen, ausgestattet vom zärtlichsten Muttersinne der Natur mit den tiefsten und schönsten Gefühlen, und zugleich geziert mit jeder Anmuth und Schönheit, langsam und grausam gequält, langsam vergehen muß, und endlich selbst der Tod vor ihm gerührt und zaudernd steht, und es wie im innigen Mitleide liebkost mit gebeindurchrieselnden Schauern, da muß sich vor der werdenden Heiligen selbst die Muse weinend neigen und ihr Antlitz und die trüben Augen verhüllen. Lina war wie eine halberblühte und eben geknickte Lilie, welche unvermerkt und langsam hinwelkt. Ihr Gesicht hatte der Seelenschmerz seit jener Nacht zu einer schönen Bleiche verklärt und eine wunderbare Klarheit in ihren Augen angezündet. Ihre Schmuckringe hatte sie von sich gelegt, ehe sie ihr noch völlig zu weit wurden. Niemand ahnete, daß ein stiller Engel, himmelwärts deutend, ihr zur Seite ging. Nur wenn gegen Abend zwei rosige schmale Streife auf ihren Wangen, nicht von der fröhlichen Gesundheit dort gemalt, sich entzündeten und am späteren Abende endlich ihr ganzes Antlitz in einer rosigen Gluth, (gleich wie das der eisigen Jungfrau im Alpenlande von der untergehenden Sonne herrlicher angestrahlt wird, als von der aufgehenden) purpurn aufleuchtete, wurde nur Mutter Meier immer bedenklicher, obgleich sie ihr versicherte, daß sie sich ganz wohl fühle. So gehe denn hin, Märtyrerin der Liebe, sanfte Dulderin, herrliches Weib! – Deiner wird nie vergessen werden, so lange diese Zeilen leben! – Himmlische sind bereit, dir zu dienen, und deine Herrlichkeit dort oben vermißte dich längst! Wird dein Herz, dieses arme zitternde, dem Leben dennoch immer zugeneigte Kind, dann und wann zu schwer, so gebe dir dein guter Engel eine kurze fromme Thräne und langen Trost? und tritt das Bild des Geliebten, ärgeren Schmerz erregend, in aller seiner verlockenden Anmuth vor deine Seele, so bedauere den Armen in seiner Verblendung; denn er liebt dennoch nur dich, mehr als er selbst denkt. In den schrecklichen Stunden aber, wo dein Herz zuweilen mit seinen Schlägen auf einmal aufhört, dann von Neuem ängstlicher zu pochen beginnt, und dich so erschrocken, an die Minute mahnt, wo es auf immer stille stehen wird; richte dein brennendes Auge und deine bebende Seele nach Oben hin, von wo unsichtbar freundliche Engel heruntersteigen, um dich zu trösten und empor zu richten. Warum mußte ihm, Georg, so wie fast allen Anderen, dieses stille Anschicken zu langem Abschiede verborgen bleiben? Nicht zum letzten Male sollte sich Georg täuschen. Achtes Buch. Erstes Kapitel. Georg hatte sich endlich von dem kurzen, aber heftigen Fieberanfalle völlig wieder hergestellt. Er fühlte sich kräftiger, als je in frischer Gesundheit aufgeweckt und angeregt. Der Gedanke, daß Lina ihm abhold geworden sein müsse, war ihm gewissermaßen lieb; denn nur in ihm konnte er Beruhigung für die Vorwürfe seines Gewissens finden. Zugleich mochte er die Hoffnung, sich ihre Zuneigung, aber nur als eine herzlich schwesterliche, endlich wieder zu gewinnen, in sich gern nähren. So gab er sich einer halb wahren, halb erlogenen Ruhe, welche ihn wenigstens für den Augenblick betäubte, willig hin. Er nahm seine geschichtlichen Arbeiten wieder auf, um einen Stoff zu einem Volkstrauerspiele, welchen er schon längst bei sich herumgetragen hatte, immer gediegener auf geschichtlichen Thatsachen zu begründen. Während er in dieser Weise mit poetischen Planen und Phantasien sich zu beschäftigen, und vor dem innern Zerwürfnisse sich zu retten suchte, trat der Gedanke an seine Abreise immer mehr in den Hintergrund zurück. Der gesellschaftliche Verkehr mit Lina's Freundinnen, welcher ihm so manche angenehme Stunde verschafft hatte, war theils durch Karolinen's Verheirathung mit Rudolph unterbrochen, theils von ihm selbst absichtlich nicht wieder angeknüpft geworden. Er hörte von den Lieben nur dann und wann Etwas durch Rudolph, welcher ihn und Heinrich auch jetzt noch fleißig besuchte. Kurz vor Michaelis hoffte er, sie Alle, und mit geheimer Scheu, und dennoch mit kaum zu verbergender Sehnsucht, unter ihnen auch Lina endlich wieder zu sehen. Graf Rüderig und dessen Gemahlin hatten die beiden Freunde, Lina mit ihren Gespielinnen, und das junge Ehepaar nebst vielen andern geselligen Herren und Damen aus der Umgegend zu einem Familienfeste eingeladen. Er hatte sich vorgenommen, mit Heinrich und Lina zugleich hinauszufahren, um gelegentlich eine endliche Versöhnung mit der Schwergekränkten einzuleiten. Der Sachwalter aber, welchem er, während der Abwesenheit von seiner Heimath, die wegen seiner Erbschaftsangelegenheit zwischen ihm und seinen Seitenverwandten anhängige Prozeßsache übergeben hatte, reiste in andern Aufträgen eben durch dieses Städtchen und benutzte zugleich diese Gelegenheit, sich mit ihm langathmig zu besprechen. Georg mußte daher Heinrich mit seiner Mutter und Lina allein fahren lassen, und erst gegen Abend gelang es ihm, sich von dem Lästigen loszumachen, und einsam nachzugehen. Als er dort ankam, fand er die ganze Gesellschaft um den Grafen versammelt, welcher den letzten Act aus Göthe's »Clavigo« vorlas. Schnell hatten seine Augen beim Eintritte, im hellerleuchteten Saale Lina gesucht und gefunden. In zauberhafter Röthe schien ihm ihr schönes Gesicht mit den feuchten hellen Augen entgegen. Kaum vermochte er mit gehöriger Fassung die gebräuchliche Begrüßung zu geben und zu nehmen. Zu Lina's Seite wies ihm die Gräfin seinen Sitz an. Er bat den Grafen, mit dem Vorlesen dieses Trauerspieles fortzufahren. Auf seine Versicherung, daß ihm dieses Stück durchgängig bekannt und gegenwärtig sei, fuhr der Graf fort. Georg saß mit gepreßtem Herzen neben Lina. Er konnte es nicht vermeiden, sie dann und wann heimlich anzublicken. Ihr Haupt war gesenkt, ihre Blicke zu Boden geschlagen. Seine Seele überflog eine unerklärliche ahnungsvolle Wehmuth. Hätte er wissen können, wie das Schicksal Mariens nicht nur im vorgelesenen Trauerspiele sich entwickelt hatte, sondern auch eben jetzt mit tückischer Hand neben ihm in ein anderes Herz mordend hineingreife, so hätte er im Jammer vergehen müssen. Freundlich verhüllt uns ein gütiges Geschick die werdenden Schrecknisse; denn wir sind stärker, das gegebene und nothwendige Uebel, als den Anblick des langsam sich emporhebenden und heranrückenden Medusenhauptes des Unglückes zu ertragen. Mit den Worten: »Er stirbt. Rette dich, Bruder!« war das Trauerspiel und der Vorleser am Ende. Zweites Kapitel. Der Geist des Schauers hielt noch eine Zeit lang die Sprache der Versammelten gefesselt. Nach einer Weile begann endlich der Graf: es ruht ein ungemeiner Zauber in Göthe's Dichtungen, selbst in seinen schwächeren Werken. Mit welcher Klarheit sich die Charaktere herauswickeln! Wie anspruchlos, lebendig und innig ist seine Sprache! Ich muß es gestehen, versetzte Rudolph, daß ich von Clavigo, so wie überhaupt von Göthe's dramatischen Werken mich mehr abgestoßen, als angezogen fühle. In einem Trauerspiele will ich das Erhabene, das Großartige, welches hinreißt, mit einem Worte, Streben, Schuld und sühnenden Untergang eines Heldenmanns hören und sehen. Clavigo aber ist ein zu erbärmlich schwacher Mensch, als daß man Antheil an ihm und seinem Schicksale nehmen könnte; nur Beaumarchais möchte die einzige Figur sein, welche dieses abgestandene Stück etwas emporhält. Georg rückte während dieser Rede auf dem Stuhle unruhig hin und her Kaum hielt Rudolph in seiner Rede innen, so versetzte er: eingestanden, daß Clavigo nicht zu, den größten Meisterwerken dieses Dichters gehört! so ist dennoch in diesem Stücke vielleicht das größte Kapitel aus dem Buche der Menschheit, ebensogut, wie in seinem »Faust« klar, ergreifend und überall tüchtig verhandelt. Der Graf entgegnete lächelnd: die Beweise bleiben sie uns gewiß nicht schuldig! – Sie liegen im Stücke, fuhr Georg fort. In Clavigo's Charakter schildert sich der Kampf eines unbestimmten Dichertalentes mit der äußeren, bestimmten, prosaischen Welt ab. Wenn ein Genius, als solcher, zum Schöpfer seiner eigenen Welt sich berufen fühlt, so muß er in seiner eigenen Schöpfung frei, gottähnlich über der niederern Außenwelt zu stehen kommen. Zu diesem Zwecks muß er sich von jedem Befangnisse, selbst der Liebe zum Weibe – insofern es das Untergehen des einen Selbstes in einem anderen ist, mit starkem Herzen losreißen. Zu dem Schaffen eines solches Genius fühlt sich Clavigo hingedrängt. Er aber ist ein Unberufener; denn das Talent allein befähigt noch nicht, den Kampf mit dem Gewöhnlichen zu wagen. Clavigo ist, wie ihn der Dichter durch Carlos schildern läßt, nichts, als unternehmend und biegsam, geistvoll und fleißig. In Maria, dem zarten Geschöpfe, mit einem liebenden und beschränkten Herzen erscheint ihm seine Musa, welche ihn zur Liebe und Poesie begeistert. In dieser Liebe beginnt er sein geistiges Leben und Schaffen. Der Beifall, welcher seinem Talente zu Theil wird, betäubt ihn, macht ihn vermessen und seiner Liebe vergessen. Für eitle Erdenzwecke – für den Hofruhm – beginnt er mit der Gemüthswelt einen Kampf, den nur um die Geisterfreiheit der ächte Genius wagen kann und darf. Dieses war Clavigo's Frevel und Verderben zugleich. Wage Keiner sich von der mütterlichen Brust des gemeinen, engbeschränkten Lebens loszureißen, wenn er nicht die Kraft fühlte, mit göttlicher Ruhe zu allem Erdenglücke sagen zu können: ich bedarf dich nicht! und zu den grimmigsten Seelenleiden der Menschheit: kommt herab auf mich, ich fürchte euch nicht! denn die Wahrheit heischt ein gewaltiges Herz und einen klaren, kräftigen Geist. Wehe dem, der die Gesetze der menschlichen Verhältnisse als ein Unmündiger überschreitet; denn sie wissen sich vielfach zu rächen! Der Vollstrecker ihrer Rache aber an Clavigo war Beaumarchais. Und wer gewährt einem solchen Genius, erwiederte die Gräfin, die Versicherung, daß er ein solches bevorzugtes Wesen sei, und seines eingebildeten höheren Zweckes wegen das Heiligste des Lebens, Liebe und Treue, und Herzen – edelmüthig genug! – brechen dürfe? Womit vermag ein solcher Halbgott alle die Thränen, welche er einem aufgeopferten Mitwesen auspreßt, all den Kummer verlorener Ruhe, ja! selbst nur eine schlaflose Jammernacht, geschweige denn ein ganzes vernichtetes Leben, zu vergüten? – Georg schwieg. Wenn eröffnet sich denn wieder unser schönes Privattheater? fragte ein Fräulein den Grafen. Es ist wahr! begann dieser, wir müssen uns wieder einzurichten suchen. Wenn wir nun gleich mit der Aufführung des Clavigo anfingen? Wir könnten leicht alle Rollen des Stückes besetzen. Dieser Vorschlag gefiel fast allgemein. Laßt uns doch einmal die Rollenvertheilung versuchen, fuhr der Graf fort, indem er das Personenverzeichniß vorzulesen begann. Also zuerst: »Clavigo?« Herr Venlot. Ich stehe zu Dienst, versetzte dieser. »Carlos?« Wenn sich sonst Niemand zu dieser Rolle meldet, will ich sie auf mich nehmen, bemerkte der Graf. »Beaumarchais?« Dazu möchte ich mich gern entschließen, antwortete Rudolf. Jetzt aber zu den Damen! rief der Graf. »Marie Beaumarchais?« Nach einer kurzen Pause sprach Lina vom Fenster her, wohin sie sich mit einer Freundin zurückgezogen hatte: Herr Graf, wenn sie damit zufrieden sind, so übernehme ich diese Rolle, sie ist kurz; denn Marie hat fast nur zu sterben. Nicht minder fanden die übrigen Rollen bereitwillige Abnehmer. Einstimmig ward beschlossen, am nahen Michaelisfeste die Bühne mit der Aufführung dieses Stückes wieder einzuweihen. Drittes Kapitel. Die Gesellschaft blieb noch lange im Schlosse zu Ellerhaußen beisammen. Schon war es Nachts elf Uhr, als sie aufbrach. Lina fuhr mit ihrer Pflegemutter wieder in die Stadt zurück; Georg und Heinrich zogen es vor, zu Fuß den Heimweg anzutreten. Mit seinen glitzernden Sternenlichtern wölbte sich der Himmel rein und klar über die ganze stille Gegend, wie ein unendliches Heiligtum empor. In den Bäumen blätterte der Wind herum, und flüsterte wie in sich selbst hinein unverständliche Lieder von alter untergegangener Herrlichkeit. Der Mond stieg eben am Himmel empor, wie ein ernstes, geisterbleiches Weib, das nur einmal liebend zur Erde niedergestiegen, den schönsten Schläfer zu küssen, und in seine Träume hinein ein leises, wunderbares Wort zu sagen, um dann ewig von ihm getrennt, im ewigen Schweigen zu trauern. Ueber die Wiesen am Sumpf dahin stieg jetzt wallender Nebel; darunter hervor tanzten und spielten Irrlichter wie Erlkönigs Töchter; und, als die langen Schatten der beiden Wanderer über die Fläche sich hinüber zu ihnen streckten, schienen sie sich alle verwundert zu versammeln, um die sonderbaren Ankömmlinge betrachten zu wollen. Wenn ich hinaufschaue in den unermeßlichen Himmel, begann Heinrich zu sprechen, und sehe die Millionen Sterne, welche fast eben so viel Sonnensysteme sein sollen, und bedenke dann, daß unsere Erde kaum ein Sonnenstäubchen in diesem großen Weltalle ist, und daß endlich der Mensch, dieses eigenthümliche Geschöpf, gegen alles Dieses, ein Nichts ist, so fühle ich in mir eine Trostlosigkeit, welche nicht ausgesagt werden kann. Ich frage mich dann in der Stille: warum leben wir überhaupt? – Um glücklich zu sein? Nein; denn nur der Träumende oder Wahnsinnige kann glücklich sein, nicht aber der Erweckte; denn der Geist, welcher die gewaltige unentwickelte Kraft in sich fühlt, kann eben deswegen, weil er Befriedigung des in ihn gelegten, immer fortbrennenden Durstes seiner Seele nach Wissen, nimmermehr findet, weder Ruhe noch Glück, sondern nur Irrthum, Zweifel, kaum Dämmerlicht der Wahrheit gewinnen, und, überlegt er es wohl, sich kaum vor der Verzweiflung retten. Aber wenn soll dieses Unheil enden? – Georg seufzte tief; denn ihn überlief ein bekannter Fieberschauer. Heinrich, sprach er leise, wohin geht jetzt dein Geist? – Das möchte ich eben wissen! versetzte dieser. Wenn nun endlich die ganze Schöpfung nichts wäre, als eine in der Materie untergegangene Gottheit, welche aufringend zur Freiheit, emporstieße in allerlei Schaffung, und immer wieder erfolglos, jammernd, und dennoch fortringend, wieder untersänke? und wenn nun so alles Lebende und Wesende nur Eins, ein schreckliches Eins wäre; das in sich selbst uneins, in den Bestrebungen, sich von einander loszuringen, Alles hervorgebracht hat und noch hervorbringt? und eben alles Fortbestehen nur in diesem Gottkampfe seine Ursache hätte? und wenn nun hier auf Erden der Menschengeist der höchste Punkt wäre, bis zu welchem sich diese Untrostlosigkeit den Sieg über die Materie erränge? und diese Sehnsucht nach Vollkommenheit in uns weiter nichts wäre, als die Uridee der um Freiheit streitenden, bald gänzlich untergehenden, bald aufsteigenden, im ewigen Leide wirkenden Gottheit? Wenn nun dieses Alles so wäre, Freund, Mitgott! mein Mit-Ich, müßten wir da nicht in stiller Verzweiflung um uns schauen, und vor namenloser Angst vergehen? Georg war heftig ergriffen von den sonderbaren, verwegenen und schrecklichen Phantasien seines Freundes. – Vergeblich hatte er sich bemüht, einige Zweifel geltend zu machen; Heinrichs Gedankenstrom riß ihn unwiderstehlich hin. Denke selbst nach: wie ist es möglich, daß eine freie Gottheit einen Geist, wie den des Menschen, schaffen gekonnt hat, einen Geist, welcher ewigen Heiles werth, in ewiger Unseeligkeit ruhelos, nie, nie ein Letztes, die Allvollkommenheit, und in ihr das Urheil, das er doch ahnen muß, finden kann? Glaubst du, der Anachoretenwahn: die Materie, die Sinnlichkeit von sich abzuwerfen, habe nicht seinen Grund in demselben unseeligen Gefühle? Hörst du nicht die heimlichen, herzzerschneidenden Töne der Klage durch die ganze Natur hinziehen? Wenn du im Lenze, wo von Neuem das Losringen des Geistigen vom rohen Stoffe lebendiger beginnt, aus der Erde Gras und Blumen, aus den Zweigen Knospen und dann Blätter und Blüthen hervorwachsen, überall aber allerlei Gethier sich im Wasser, auf der Erde und in der Luft regen und bewegen siehst, und all dieses Leben in mancherlei Tönen sich kund geben hörst, erfaßt dich da nicht, so wie jedem Menschen es überhaupt geschehen muß, ein unnennbares Weh, dessen Ewigkeit sich fühlen läßt? Ruft es nicht eben sowohl durch die Kehle der Nachtigall, wie durch das Geheul der Raubthiere mit schrecklicher, verstandloser Klage, die nur in der Brust des Menschen mehr Bewußtsein gewinnt und in vielen Weisen von seiner Lippe tönt, nach Freiheit empor? Schaue in die Augen der Thiere, und den stummen Schmerz, welcher sich darinnen ausprägt; und höre auf das Rauschen des Windes, auf das Gemurmel der Quellen und schaue in die Kelche der Blumen hinein und zu dem Himmel empor, oder schlage selbst die Geschichte der Menschheit auf, so wirst du doch nur überall die klagende Stimme der Gottheit, bald mehr, bald minder, vernehmen! – Fühlst du nicht das Elend dieser Gottheit? Fühlst du es nicht? Heinrich wandte sich, und sah in das bleiche Gesicht seines Freundes. Sie stürzten einander in die Arme, Brust an Brust, Mund an Mund. Thränen funkelten in Georgs Augen. Weine mir nicht! flüsterte Heinrich, dieser Schmerz ist für Thränen zu groß. Die beiden Freunde kamen jetzt an das Gartenhaus. Sie drückten sich einander die Hände und jeder ging in sein Zimmer. Eben schlug es auf dem Thurme Zwölf; dann ward die Nacht wieder stille und stiller, und fügte zu den Träumen der Menschen Schlaf und neue Träume. Ruhig wob sich der Sternenschleier am Himmel über der Erde fort; und der Wind spielte mit den Blättern in den Bäumen leise, leiser, als wolle auch er einschlafen wie ein beschwichtigtes Kind in dem Schooße der mütterlichen Nacht. Viertes Kapitel. Zwei Tage darauf hatten die beiden Freunde vom Grafen Rüderig ihre Rollen überschickt erhalten. Georg war jetzt fast fortwährend in Ellerhaußen mit Einrichtung der kleinen Bühne zur Aufführung dieses Stückes, zugleich mit dem Grafen beschäftiget. Er hatte kaum Zeit, seine langathmige Rolle einzustudiren. In der allgemeinen Probe des Tags vor dem Feste griff das Spiel wacker zusammen; die kleine Störung, welche dadurch entstand, daß Lina sich hatte entschuldigen lassen, und die Gräfin ihre Rolle dafür ablas, ungerechnet. Heinrichs Versicherungen, daß Lina ganz gewiß zur Aufführung des Stückes erscheinen, und ihre Rolle wohl geben würde, hatte alle Fragen beschwichtigt. Nach der Probe zog er seinen Freund bei Seite und flüsterte ihm zu: Lina habe die vergangene Nacht so untröstlich an zu weinen begonnen, daß sie bis zum frühen Morgen nicht zu beruhigen, auch die Ursache von dieser außerordentlichen Erregung von ihr nicht herauszubringen; deswegen aber auch ihr unmöglich gewesen wäre, mit nach Ellerhaußen zu kommen. Georg wurde von dieser Nachricht sehr bestürzt. Er sowohl, als sein Freund Heinrich, fühlte, wie ein großes Unheil durch den Nebel der Zukunft mit entsetzlichem Auge, gleich einer Klapperschlange sie anstiere und wider Willen sie banne, still zu stehen und die Vernichtung in qualvoller Ruhe abzuwarten. So kam das Michaelisfest heran. Es war ein trüber Herbsttag. Dichte Wolken verhüllten die Sonne, so wie den ganzen Himmel. Ein ungewöhnlich rauer Wind, der erste Vorläufer des Winters verkündete, daß die schöne Sommerszeit vorüber war. Die ganze vornehme Welt der Umgegend hatte sich im großen Schloßsaale, wo die Bühne errichtet war, beim Einbruch der Nacht versammelt, und Aller Augen waren auf den geheimnißvollen Vorhang, welcher eine Wunderwelt noch zu verbergen schien, neugierig gerichtet. Gespannt standen und saßen die Spieler hinter den Coulissen umher. Lina saß wie in sich zusammen gesunken an einem kleinen Tische, und starrte wie es schien, gedankenlos in ihre Rolle hinein. Eine geheime Angst leitete immer Georgs Blicke auf sie hin. Verschiedene Male hatte er mit theilnehmenden Fragen sich an sie gewendet, aber mit zitternder Stimme erhielt er nur allgemeine Antworten. Eine gewisse Beklommenheit schien ihre Worte ersticken zu wollen. Endlich schwieg die Musik. Der Graf und Georg mußten sich auf die Bühne begeben, und so die Uebrigen, wie nun einen Jeden sein Stichwort rufen mochte. Sie spielten sämmtlich trefflich. Mit hinreißender Wahrheit gab Georg im dritten Acte die Stelle, wo Clavigo reuig, um Verzeihung und um Mariens Herz und Hand flehend, mit erneuerter Leidenschaft vor ihr erscheint, dagegen löste Lina mit einer ungemeinen Gewandtheit, oder vielmehr mit einer so gefühlten Tiefe eines schmerzenvollen Glückes diese Schwierigkeit ihrer Rolle, daß selbst der Graf hinter den Coulissen in das Bravogerufe der Zuschauer mit einstimmte, die Hereinstürzende in seinen Armen auffing und ihr entzückt die Hände küßte. Zu Ende des vierten Acts ward endlich hinter der Scene die Leichenbahre, worauf Lina als Maria zu liegen kommen sollte, herbeigebracht. Lina kam in einem weißen Leichengewande, auf der todtenbleichen Stirne den Myrthenkranz, aus dem Ankleidezimmer heraus. Sie wankte an Karolinens Arme einher. Der Graf, sowie alle Uebrigen waren von dieser geisterhaften Erscheinung betroffen. Um Gotteswillen, Fräulein, flüsterte er ihr zu, es ist ihnen doch wohl? Mir scheint es so; antwortete sie. Im schmerzhaften Lächeln zuckten ihre Lippen. Georg hob sie auf die Bahre. Ich danke Ihnen für diesen letzten Freundschaftsdienst, wenn es denn der letzte sein sollte: sprach sie mit halbverhaltener Stimme. Die Frauen besteckten sie mit Kränzen und Sträußern; jetzt nahte Rudolph mit dem Leichentuche, um es über sie hinzubreiten. Ehe dieß noch geschah, sah sie noch einmal empor in Georgs Augen, welcher sich mit schmerzlichen Gefühlen über sie herabbeugte, und reichte ihm die Hand, so wie ihrem Bruder Heinrich, und flüsterte, während schon das Leichentuch über sie hinfiel, noch ihm zu: gute Nacht an Vater und Mutter. Georg verhüllte sich das Gesicht; Heinrich selbst fühlte bei diesen Worten in unermeßlicher Angst sein Herz beben. Es begann der fünfte Act. Georg spielte mit vielem Gefühl. Eine Todtenstille, welche nur dann und wann von einem Seufzer aus theilnehmender Brust unterbrochen wurde, herrschte unter den Zuschauern. Jetzt stand die enthüllte Bahre inmitten der Bühne; die Leichenmänner hielten mit Fackeln umher; Beaumarchais und Clavigo aber standen, fechtend über der Leiche Mariens, an den beiden Seiten derselben. Clavigo stürzte verwundet auf die Leiche herab; und mit einem gellenden Schrei des Entsetzens fuhr Georg, wie von einer Natter gestochen, plötzlich empor, stürzte wieder nieder, stöhnte, und in unarticulirten Jammertönen zuckte er krampfhaft am Boden. Rudolph stand erstaunt. Die ganze Versammlung sprang auf. Der Graf kam schnell herein, hin zur Bahre, strich mit der flachen Hand über Lina's Gesicht, winkte, und der Vorhang fiel. Jammernd stürzte Heinrich herbei und schrie: Lina! Lina! Schwester! – Er entfaltete vergebens die starren Hände, er hob vergebens ihr kaltes Haupt empor; – sie war todt. – Wie die Herrliche wunderbar in dieser Gegend erschienen, so war sie nunmehr auch aus dem Leben geschieden auf eine außerordentliche Art, als wäre sie ein überirdisches Wesen aus dem Reiche der Glückseeligen nur heruntergestiegen, um auf kurze Zeit menschlich unter den Menschen zu wandeln, alle Erdenwonne und Erdenleid zu empfinden, um alsdann ruhig das Erdengewand wieder abzulegen und heimzugehen im entzückten Aufschwunge mit dem unendlichen Mitleide für all die Schmerzen und Qualen, welche das arme Menschenherz hierunten in der Nacht des Irrthums und der Leidenschaft drücken und drängen. Neuntes Buch. Erstes Kapitel. Bald war das Schloß von Gästen leer. Alles entfloh dem Hause des Schreckens. Die Gräfin war außer sich. Georg hatte der Schmerz betäubt; seine ganze Mannheit schien dem Entsetzen unterlegen zu sein. In einer finsteren Stube, welche an den Saal stieß, von Niemand bemerkt, lag er auf den Fußboden hingestreckt. Nachdem sich Heinrich wieder einigermaßen erholt; denn ein fast ähnlicher ungeheuerer Schmerz hatte ihn den jetzigen mehr ertragen gelehrt, suchte er ihn auf. Georgs Schmerz aber blieb bei allen den, mehr herausgeweinten, als gesprochenen Worten seines Freundes starr und ungeheuer. Als aber Heinrichs Aeltern, welche vor Kurzem auf einem Wagen schnell herbeigeholt worden waren, nun auch jammernd zu ihm hereinstürzten, so richtete sich sein unbewegtes eisiges Gesicht, ein Bild unerhörten Jammers, empor. Da aber Heinrichs Mutter ihm schluchzend um den Hals fiel, und schrie: und wie hat sie dich geliebt, du lieber, theurer Mensch! Wie gehörte sie nur dir in der letzten Zeit ihres Lebens so ganz an! da sank er wie ein weinendes Kind sprachlos an ihre Brust, und dann in die Arme seines Freundes. Vergeblich bat er, ihn noch einmal zu Lina's Leiche zu führen. Der Graf, welcher jetzt auch herbeigekommen war, gestattete es nicht. Man muß so wenig, als möglich, sprach er, das Antlitz des Todes anstarren, denn es macht unser Herz freudlos und leidlos und versteinert dasselbe, sondern vielmehr das Bild des Dahingeschiedenen in seiner schönsten Glorie gefühlvoll in sich bewahren. Jetzt schien auf einmal ein Entschluß Georg empor richten zu wollen. Noch immer sprachlos küßte er Heinrichs Aeltern, faßte diesen selbst beim Arme, und in langsamen und weiten Schritten zog er ihn mit zum Schlosse und zum Dorfe hinaus in entgegengesetzter Richtung des Städtchens hin. Georg, rief endlich Heinrich, was willst du? Fasse dich, sei ruhig und laß uns heimgehen! Ich muß fort, entgegnete er mit erstickter Stimme, fort! fort! Unglück heftet sich an meine Ferse, der schlimme Geist der Nacht stellt meiner Seele nach, und vergebens suche ich mich loszuringen. Freund, daß ich so von dir scheiden muß! begleite mich nur noch eine kleine Weile; denn nur zu bald werde ich mit mir und meinem Leide allein sein! – Ich habe sie ermordet, ich bin der Elende, welcher sie mit vornehmer Weisheit zu Tode gequält hat. So schritten sie dahin durch die unfreundliche, stürmische Nacht. Vergeblich suchte Heinrich den Unglücklichen zur Rückkehr zu bewegen, nur wenigstens sich umzukleiden; denn noch immer befand er sich in der romantischen Theaterkleidung, welche ihn gegen die Kälte nicht zu schützen vermochte. So geht denn, klagte Heinrich, das letzte Gestirn am Himmel meines Lebens unter. Um die Seligkeit der Liebe habe ich mich selbst, und um den Genuß der Freundschaft hat mich der Freund betrogen. Nicht du, ich bin der Unglückliche; du wirfst dich wieder hinaus in die Welt, Glück sowohl als Unglück giebt dir Zerstreuung; aber ich, einsam, verlassen von dir und Lina, muß im trüben, langen Grame mein Leben hintrauern. So wende dich denn von mir, und nimm die Ueberzeugung mit dir, daß du deines Freundes Glück und Frieden mit davon trägst. Georg hing an seinem Halse. Ich weiß und fühle es wohl, fuhr Heinrich fort, daß es besser für dich ist, du verlässest die Gegend, wo so herber Kummer für dich emporwuchs! Ach, nicht das! versetzte Georg; nein, deswegen, weil ich fühle, daß mir Ruhe nimmermehr im Leben gegönnt ist, bis ich sattsam meine Sünden abgebüßt habe; weil ich merke, daß jedes Elend des Lebens mich und die mit mir Verbundenen treffen muß, so lange ich zu rasten begehre, muß, ich fliehen, mich hinausstürzen in, die Welt, und in neue Aengste. Weil ich mich der Freundschaft, ja! selbst der Liebe menschlich hingab, mußte Lina für mich ein unschuldiges Opfer wieder heimgehen. Endlich standen die beiden Freunde auf der Anhöhe bei dem Kreuze, wo Heinrichs Vater ehemals Lina gefunden hatte. Hier laß uns scheiden! rief Georg. Sie drückten Brust an Brust im tiefsten Schmerze fest an einander, daß ihnen der Odem stockte. Das schneidende Gefühl ihres Abschiedes war stumm. Endlich verließ Heinrich seinen Freund, und ging den Berg hinunter. Georg starrte ihm nach, da hörte er ihn in der Ferne vernehmbar schluchzen, und noch einmal rief er: Heinrich! stürzte dem Weilenden nach und umarmte ihn noch einmal, um sich dann, vielleicht auf ewig, von ihm zu trennen. Zweites Kapitel. Mit gepreßtem, gequältem Herzen, in schmerzlichen Träumen vertieft, hatte endlich Georg die letzte Anhöhe überstiegen. Mattigkeit verhinderte ihn weiter zu gehen. Er warf sich in das dürre Gras und starrte verzweiflungsvoll in die dunkle Nacht hin. Sein ganzes, vergangenes Leben rückte in klaren Bildern an seinem inneren Auge vorüber; aber die zuletzt im Schooße des friedlichen Thales verlebte Zeit stand still und mahnend vor seiner Seele. Die Geister dieser Vergangenheit reihten sich mit rührenden Vorwürfen um ihn her; sie zeigten ihm all die Liebe, all die Freundschaft, welche er von seinen Umgebungen dort genossen, und schienen ihn zu fragen: und warst du Sündiger aller dieser Liebe werth? Dann führten sie seine Erinnerung in das freundliche Zimmer im Gartenhause, beleuchteten mit zauberischen Lampen ihm alle Traulichkeiten des Orts, indem sie an jeden Gegenstand umher irgend eine kleine Geschichte gesprächig anzuknüpfen wußten; dann zeigten sie ihm jene Stube Karolinens, darinnen das wunderholde Bild Lina's auf dem Sopha im rosigen Lichte der Liebe erglühen; dann wandten sie seine Gedanken woanders hin, hoben einen Schleier auf und deuteten auf ein darunter liegendes Todtengesicht, indem sie fragten: kennst du die Gemordete? So hing an seinem Herzen die Rückerinnerung, wie ein stechender Scorpion. Vergebens drückte er sein Gesicht auf die kalte Erde; vergebens rang er nach Trost; diese Gedanken wichen nicht von ihm. Sie bemächtigten sich immer mehr seiner ganzen Seele. Er setzte sich wieder auf, ein Glanz von vielen Lichtern traf aus der Ferne her sein Auge. Dieß ist ihre Leiche! sprach es in ihm oder neben ihm, zu unterscheiden vermochte er es nicht. Er starrte den langsam wandelnden Lichtern nach. Wie war Sie so schön, begann wieder die Stimme zu sprechen, so herrlich vor allen Jungfrauen! Wie war ihr Antlitz so holdseelig mit dem blauen, leuchtenden Augenhimmel? mit der hohen, zartgewölbten Stirne? und dem rothaufglühenden Munde? Und ihre Gestalt? Und ihr Gang? ihr liebliches Wesen, ihre Anmuth in Allem? soll ich dir mehr sagen? Aber ihr Gemüth war nicht das eines Erdenweibes! so innig und zart, so rein, fromm und kindlich war es, wie das Wesen einer Gottestochter. Wie glücklich mußte der Mann sein, dem es in aller seiner Heiligkeit sich zuneigte! – Sie ist ermordet in ihrer Jugend, gleichgültig zertreten wie eine Blume in ihrer Schönheit, von ihm, der ihr Liebe heuchelte! doch von dir? von dir? – Georg schlug sich verzweifelnd mit den Fäusten in das Gesicht. Lange noch stierte er hinunter zu dem Lichterzug, welcher sich jetzt hinter einem Hügel verlor, jetzt wieder empor kam; hinunter schwebte, weiter, weiter, bis in die Stadt hinein. Als er nunmehr verschwunden war, glaubte Georg Alles, das Allerletzte verloren zu haben, und sank lautschluchzend mit dem Haupte zurück auf die kalte Erde. Vor ihm stand auf einmal Doctor Voland. Seine glühenden Augen ruhten stechend auf ihm. In Schaudern bebten Georgs Glieder. Von Elend zu Elend hingerissen, begann Voland zu sprechen, vom Irrthume ewig bestrickt und immer mehr der Selbsterkenntniß, und dadurch der Verzweiflung schrecklich hingenähert, bebst du armer Erdenwurm hier im Staube. Hast du doch der Stimme deines Gottes gefolgt, besiegt die Leidenschaft, die allgewaltige, vor deinen dürstenden Lippen den Becher ausgeschüttet, und nun? – Hingegeben seeligen Liebesgenuß der Pflicht, und nun? Wo ist sie hin, die Kraft deiner Seele? Wohin der Frieden deines Herzens? das seelige Unschuldsgefühl? Sieh, armer Unglücklicher, anders kann dir Jener nicht lohnen! Da Er die Welten und Wesen darauf erschuf, mußte er zum Gesetze die Nothwendigkeit, welche, über ihn und über Alles gebietend, das Gefühl nicht kennt, erheben. Ihr Arm rollt dich eben so gut fort, als den Felsenblock, welcher, den Schwerpunkt verlierend, hinunterstürzt, und im Thale zerschmettert. Ihr Odem verwandelt deine Vernunft in Thorheit, und deine Dummheit in Weisheit; nur die Qual kann sie drücken in das blutende Herz, aber nicht davon wegnehmen! – Nicht Gott fährt im Donnerwetter herauf, sondern nur die Nothwendigkeit, mit welcher sich ein chemischer Prozeß entwickeln muß. Nicht der, welchen du Gott nennst, führt den Sommer und den Winter heran, sondern die unabänderliche Nothwendigkeit. Glaubst du, Gott wäre so allmächtig, um die See zu halten, welche sich über euere Wohnungen stürzt, und die Mutter sammt dem Säuglinge ertränkt? Kann er 7 aus 2 + 3 machen? – Thor! worauf hast du dein Vertrauen gestellt! Georg rang mit ganzer Seele nach Trost und Erleuchtung von oben; herüber und hinüber schweiften seine Gedanken, ängstlich schmachtend und ringend. Hilf dir selber, so ist dir geholfen! fuhr der Doctor fort; entsage Ihm und seinen Werken, so bist du frei, wie Er. Ich sehe deine Gedanken. Du fragst: verdanke ich nicht Ihm mein Leben? Dein Leben? dieses Ergebniß des Zufalls und der Nothwendigkeit. Du fragst in dir: gab er mir nicht die Wonnen meiner Knabentage? Springt nicht auch der junge Stier wohlbehäglich auf der grünen Wiese? Werde selbst dein Gott! Warum, du entsetzlicher Grübler, erwiederte Georg, drängst du dich mit den Gedanken deiner Hölle zu mir, der ich dich nicht rufe? Weil ich, entgegnete dieser, in dir einen ungewöhnlichen Geist, welcher, besseren Geschickes werth, mein ganzes Mitleid aufruft, walten und ringen sehe! – und, weil ich Ihm es nicht gönne, dich seiner Unseeligkeit durch Unseeligkeiten zuzuführen! – Georg warf sich auf seine Kniee und betete: Herr, ich fühle dich mit deinem Heile selbst in meinem Elende. Nicht umsonst drängt sich zu dir empor an deine Brust mein kindliches Gefühl in Demuth und Anbetung. Ich fühle es, daß deine Züchtigungen selbst zu meinem Heile dienen! Die Ruthe für deine Dummheit! schaltete Voland ein, und eine Zuckerdüte hintennach. Befreie mich, mein Gott, von den Fallstricken des Bösen! rief Georg von Neuem empor. »Bist du fertig?« Ja! – sprach Georg gestärkten Herzens und kräftiger Stimme. »Ich auch!« Ein Blitz leuchtete auf, und Voland stieg, ein Liedchen pfeifend, den Berg hinunter. Drittes Kapitel. Georg fühlte sich jetzt vom Nachtfroste beinahe erstarrt. Noch immer war es Nacht; aber der Himmel hatte sich aufgeklärt, tröstlich schauten all die Sterne auf ihn herunter, und von diesem Anblicke fühlte sich seine Seele nach allen diesen Aengsten wieder erhoben. Um sich vor der Kälte zu schützen, ging er in den Wald hinein, welcher an dem Fuße des Berges sich hinzog. Bald fand er bei einer Klippe zwei große Felsenmassen so über einander geschoben, daß sie eine geräumige Höhle bildeten. Er flüchtete sich hinein, um den Morgen dort abzuwarten. Wie es endlich an zu dämmern begann, und er schon aufbrechen wollte, vernahm er auf einmal mehrere rauhe, Männerstimmen. Er verbarg sich hinter einem Felsblocke, von wo aus er den freien Raum, welcher sich vor der Höhle befand, überschauen konnte. Drei Männer in Pelze gehüllt, mit tief in die Gesichter hineingedrückten Mützen, mit Säbeln und Flinten, Messern und Pistolen bis an die Zähne bewaffnet, kamen aus dem Walde heraus, und gerade auf die Höhle, wo er sich befand, zugeschritten. Wer hätte geglaubt, begann jetzt der Eine zu sprechen, daß dieses uralte Männlein so lange unter den Messerstichen sich wehren und leben gekonnt; – seine Siebenmeilenstiefel sollen mir gute Dienste thun! Jetzt, rief der Zweite, laßt uns alle Drei auf den Nebelmantel stellen, damit keiner von uns sich unsichtbar macht, und dann die Theilung beginnen! Georg staunte. Ihm war es, als stünde er in einem Irrenhause, oder, als würde vielmehr ein altes Kindermährchen vor ihm lebendig. Siebenmeilenstiefel und Nebelkappe? das sind ja die wunderbarsten Dinge von der Welt! flüsterte er vor sich hin; auf jeden Fall aber sehe ich vor mir Räuber, welche mit einander faseln und in ihrer Art scherzen. Der dritte dieser Räuber, denn dies waren die abenteuerlichen Gesellen wirklich, versetzte jetzt: denkt nach, Kameraden! wer spionirte es aus, warum dieses Kerlchen mit dem Winde um die Wette laufen, und sich unsichtbar machen konnte, wer war es? Ich! – darum seid billig und überlaßt mir den alten Nebelmantel und ihr behaltet die Stiefel! – Und ich habe ihn todtgemacht wie ein Kaninchen, abgewürgt wie ein Huhn, gestochen wie eine bratende Gans! erwiederte der Erste; und die Stiefel behalte ich allein! – Ein heftiger Streit entspann sich unter den Räubern; auf einmal knallten mehrere Schüsse auf; Georg hörte ein Stöhnen und sah, wie jetzt zwei derselben mit Messern auf der Erde rangen. Ein heftiger Schrei entfuhr dem Einen; der Andere sprang auf, stürzte aber bald wieder nieder und begann heftig zu wimmern. Jetzt wurde es ganz still umher. Unterdessen war der Tag mit seiner Helle angebrochen. Georg kroch aus seinem Verstecke hervor und näherte sich dem Kampfplatze. Seine Füße traten in Pfützen vergossenen Blutes. Unfern von einem alten Mantel und ein Paar weiten Stiefeln von grünem Saffian lagen zwei Räuber todt dahingestreckt; weiter abwärts ein Dritter, welcher ihm jetzt zurief: erbarmt euch meiner, wer ihr auch seid! und gebt mir einen Tropfen Wasser zu trinken; ich will euch dafür ein Geheimniß entdecken, daß euch glücklich, uns aber zur Beute der Würmer macht. Georg nahm einen der Stiefel, eilte hinunter in das nahe Thal, schöpfte ihn voll Wasser und brachte dem sterbenden Manne diesen frischen Trank. Auf einen Zug leerte der Dürstende den Stiefel aus und stöhnte: es ist der letzte Stiefel, den ich ausgetrunken habe. Dort in der Höhle in der Ecke rechts unter einem großen, mit einem rothen Kreuze bemalten Stein, werdet ihr Geld und Kostbarkeiten genug finden, um euch für eure Mühe bezahlt zu machen! – Ihr könnt Alles mit gutem Gewissen annehmen, wenn ihr sonst gewissenhaft seid, denn die ehemaligen Besitzer davon sind abgethan; jener Mantel aber ist eine Art Nebelkappe und macht unsichtbar; und diesen Stiefel, woraus ihr mich getränkt, hat der beste Schuster von der ganzen Welt zusammengenäht. Jetzt versagte dem Todwunden der Odem, er stöhnte heftiger und war bald darauf verschieden. Als Georg kein Lebenszeichen mehr an den Leichnamen gewahrte, legte er dieselben in einer Felsenecke übereinander, bedeckte sie mit Moos, Erde und Baumzweigen und bestattete, so gut er konnte, diese seine Erblasser. Hierauf begann er sich der unverhofften und rätselhaften Erbschaft, bevor sie noch unter den Händen der römischen Gerechtigkeit, und der Rechts- oder vielmehr Sachfreunde den Schmelzungsprozeß überstanden hatte, mit dem ruhigsten Gewissen anzumaßen. In der Höhle fand er gar bald das kirchliche Symbol des Kreuzes auf dem Steine, welches auch hier; wie anderswo, das Unheilige und Irdische unter dem Scheine frommer Demuth bedeckte. Dies war die angenehmste Ironie von der Welt; denn der, welcher zuerst den Witz zufällig einsah, behielt doch immer einen allgemein gültigen oder vielmehr güldigen Satz in der Hand. Georg konnte nur einen geringen Theil von der Menge des Goldes, welches er fand, mit sich fortnehmen. Er bedeckte daher das übrige wiederum sorgfältig mit dem Steine, um gelegentlich wieder zu dieser Schlafkammer der Fortuna zurückzukehren. Er that jetzt den angeerbten Mantel um, und zog die saffianenen Stiefel an, welche ihm so genau an seine Füße paßten, als wären sie nur für ihn gefertiget worden. Jetzt stand er da, ungefähr wie Einer, der das heimliche Rezept, sich flugbar zu machen, aufgefunden zu haben glaubt, und nun demgemäß ausgerüstet, auf dem Kirchthurme, um den ersten Versuch auf Tod und Leben zu machen, bereit steht. Viertes Kapitel. Georg zögerte nicht lange; er schritt aus. Wie flogen vorüber Berg, Wald, Thürme, Brücken und Städte gleich vielfarbigen Blitzen. Er stand, starrte und staunte. Er sah sich in einer ganz neuen Gegend, vor sich eine wohlbekannte große Stadt. Dort war es, wo er in einer Stube, oder vielmehr in einem Käfige unter dem Dache, wie ein eingesperrter hungernder Kanarienvogel mehr nach Futter geschrieen, als gesungen hatte. Vorüber! – Mit wenigen Schritten, welche er zurück that, stand er in seinem Geburtsorte, unfern des Rheins. Er zog die Stiefel aus und ging wie ein Büßender, in den Gottesacker hinein. Bald hatte er die Begräbnißstelle seiner Aeltern gefunden. Er knieete zwischen den beiden Gräbern nieder, und drückte wehmütig sein Haupt auf den dürren Rasen. Noch einmal schaute er zum Kirchthurme empor, in dessen Glockenstuhle er so oft gesessen, in das Blaue stundenlang gestarrt und sich in die Ferne hinaus gesehnt hatte. Wie war doch Alles umher so ganz das Alte geblieben; während in ihm Alles, Alles neu geworden war! Selbst die Rasenbank an der Gottesackermauer, worauf er so oft gesessen, selbst der große Hollunderstrauch, unter dessen überhängenden Aesten Plutarch die großen Helden der Griechen- und Römerwelt ihm heraufgezaubert hatte, stand noch da wie ehedem, und schüttelte jetzt vor Freude, den alten Bekannten in der Nähe zu wissen, alle seine falben Blätter ab. Unterdessen kam von dem nahen Schulgebäude, ein junger, stattlicher Mann, mit einem einfachen Schlafrocke angethan, langsam den Kirchweg herunter. Bald erkannte ihn Georg; es war sein ehemaliger Jugendgespiele, der Sohn seines ersten Lehrers. Er ging auf ihn zu und sprach: Wohlgemuth, kennst, du mich noch? Aber dieser, prallte mit einem Schrei des Entsetzens zurück, denn die nahe Stimme neben ihm konnte nur die eines Geistes sein, da er keinen Menschen vor sich sah. Jetzt bemerkte erst Georg seine Uebereilung und die Tugend des Nebelmantels. Er nahm ihn ab und hing ihn, über den Arm. Kennst du mich noch nicht? Bist du, stöhnte Wohlgemuth, Venlot's Geist? Kannst Du nun, wie sonst im Leben, auch jetzt nach deinem Tode, keine Ruhe und fröhliche Urstätt gewinnen? Spaß beiseite! erwiederte Georg, ich bin gerade noch ein Mensch mit Fleisch und Bein, wie du, und freue mich, die endlich einmal wiederzusehen. Hättest mich mit deinem Versteckens Spielen beinahe zu todt erschreckt! Bist noch immer mein guter Phantast! Willkommen! und herein mit dir! rief Wohlgemuth. Er zog Georg mit sich in seine Wohnung. Ein junges, hübsches Weib mit zwei wackeren Knaben kam ihnen freundlich entgegen. Nun, Gretchen, rief Wohlgemuth, trag auf, was du in Küche und Keller hast! dieser brave Einarm (denn dieses schien jetzt Georg zu sein, da er darüber den Mantel geschlagen hatte), ist mein ältester und bester Bekannter. Ei, waren wir sonst Wildfänge mit einander! Wo ist dein Vater? fragte Georg. Der ruht nun schon seit fünf Jahren in Gott, versetzte dieser; ich bin sein Nachfolger im Amte geworden. Engbegrenzt ist meine Lebensweise; aber, was heut zu Tage viel sagen will, weiß es Gott im Himmel! ich kann nicht klagen; ich bin arm, aber von Haus aus glücklich. Es ist zwar Sünde, daß ich es denke, meinen Schulkindern möchte ich es auch nicht sagen: ich bin gewiß noch glücklicher, als selbst Doctor Luther; er hatte zu viel auf sich. Sieh dich um in dieser Stube, ist nicht Alles noch so, wie es sonst war zu meines Vaters Zeit? Wie wohl thut es, dort am Ofen auf dem Polster zu sitzen, die weiße Mütze über die Ohren heruntergezogen, mit der dampfenden Gipspfeife, gerade wie er, der Seelige, und meine Kinder um mich herum, so wie ich und meine Schwester sonst um ihn. Dort steht auch noch das Bücherbret, das wir so oft früher mit einander durchstöbert haben; aber jetzt stehen freilich viele neue Werke dabei, welche ich vom Privatstundengelde mir erschwungen habe; denn mit der Zeit muß man doch fortgehen. Kennst du noch dieses Buch hier? Mit diesen Worten holte er die Uebersetzung von Virgil's Eclogen herbei! Er fuhr redseelig fort, indem er, zwischen Daumen und Zeigefinger das Buch vorüberblättern ließ; du hast gar so gern darinnen gelesen! Es liegen noch Baumblätter darinnen, welche du als Zeichen eingelegt hast! – Aus dem Buche flatterte jetzt ein Blättchen Papier heraus. Wohlgemuth hob es auf und sprach mit gedämpfter Stimme: ein Gedicht von dir, Georg, auf meine verstorbene Schwester! – Ach, wie lieb hatte ich dich, als du, damals, wie du ihren Tod in der Stadt hörtest, so liebevoll der kleinen Vollendeten gedachtest! Es war ein herzlichgutes Mädchen! versetzte Georg, und hat, wie früher unsere brüderlichste Liebe, so jetzt unsere Rückerinnerung an sie gewiß verdient! – Was ist dieß für ein Gedicht, lieber Mann? fragte Wohlgemuths Frau und sah mit wißbegierigen Augen ihn an. Wir können dir es wohl vorlesen! erwiederte Wohlgemuth, indem er ihren Leib mit dem einen Arme umschlang, mit dem anderen aber das Blatt emporhielt, daß auch sie hineinschauen konnte. Laß es sein! sprach Georg; ich war damals noch jung. Wohlgemuth aber las mit recht gerührtem Herzen: Wir Kinder wurden verständig Und nannten uns Bräut'gam und Braut, Wir liebten uns treu und beständig Und haben uns selber getraut. Wir saßen stille zusammen Am Herde; wir ließen die Gluth Durch unsere Händchen erflammen, Durchsichtig im strahlenden Blut. Wir saßen heimlich im Garten, Die Knospen die bließen wir an; Wir konnten es nimmer erwarten, Bis selber das Blühen begann. Maikäfer ließen wir fliegen Als Boten in's Himmelsgezelt, Die summeten, schnurrten und stiegen, Und haben auch Alles bestellt. Doch wie war plötzlich verstoben Das Mährchen der goldenen Zeit; Sie wandelt im Himmelssaal oben, Ich unten voll Schwermuth und Leid. Die junge Frau wischte sich mit ihrem weißen Schürzchen eine große Thräne aus dem Auge, und sah Georg so mildfreundlich und dankbar an mit einem tiefen erquicklichen Blicke, in welchen nur das Weib so recht ihre ganze Seele hineinzulegen vermag. Wohlgemuth aber reichte Georg die Hand und sprach: ja, so waren wir auch beisammen! Immer einträchtig, gut und froh! – Aber jetzt sage, mir ach, wie ist es dir seither gegangen? Du kommst gewiß weit her; man sieht es an deiner närrischen Tracht! – dich drücken gewiß die Stiefel, da du in Strümpfen gehst! Das nicht! versetzte Georg; aber es ist ein Gelübde von mir, mit den Sohlen dieser Stiefel nur dann den Boden zu berühren, wenn ich fortgehe. Da kann ich dir helfen! erwiederte Wohlgemut; ich habe hier ein Paar Ueberzugschuhe, welche über deine schönen Saffianstiefel passen werden. Georg ließ sich den Vorschlag gefallen, zog die Stiefel an, und darüber die Schuhe. Nun konnte er, mit den Stiefeln an den Füßen, in kurzen Schritten auf und abgehen, wie jeder Andere. Unterdessen hatte die freundliche Wirthin den Tisch gedeckt, und ein ländliches Frühstück vorgerichtet. Es fehlte nicht an Semmeln und Honig, großen Pflaumen und überhaupt an allerlei Obstsorten; eine Flasche Kirschsekt, umgeben von blankgeschliffenen Gläschen, wie der Planet des Jupiters von seinen Trabanten, stand erfreulich dazwischen. Wie nun Georg das Allgemeinste seiner Schicksale erzählte, das Traurige mit dem Honige, den er aß, versüßend, und das Fröhliche seines Lebens mit Kirschwasser, welches er trank, anfrischend, bemerkte er endlich, wie die zwei Knaben seines Freundes so still und aufmerksam in einer fernen Ecke zu ihm hinüberlauschten mit großen, freundlichen, heimlichscheuen Rehaugen. Kommt doch her zu mir, ihr wackeren Jungen! rief Georg. Wenn du uns nichts thun willst? erwiederte der ältere von ihnen. – Seid hübsch artig, ihr Kinder! ermahnte die junge Mutter. Die Knaben nahten sich, und Georg hob sie auf seinen Schooß, um mit ihnen zu plaudern. Wie sahen so aufrichtig die hellen Augen der Kinder empor in das Gesicht des kindlichen Mannes! Herzerhebend wohl ist der Anblick so recht klarer frommer Kinderaugen, aus welchen noch ein ganzer Maienhimmel herausschaut; aber unendlich schöner und rührender ist es, wenn unter der Stirn eines Mannes noch die heiligen lichten Feuer der Kindheit, in aller Seelengesundheit, aus dem Auge ruhig und erhaben strahlen. Wäre zu dieser Stunde eine Gemäldekenner in Wohlgemuths Stube getreten, und würde Georg mit den Kindern auf dem Schooße gesehen haben, so hätte ein solcher wohl glauben mögen, ein Altarbild »von Christus und den Kindlein«, von einem alten Meister ausgeführt, wäre hier vor ihm lebendig geworden. Vater! sprach zu Wohlgemuth der eine Knabe: weiß denn auch dieser da so schöne Geschichten, wie du? Ja wohl! noch schönere, entgegnete dieser lachend; bittet ihr nur darum, vielleicht macht er euch etwas vor. Bitte! Bitte! riefen die Kinder mit einander. So geht es, meinte die junge Frau; giebt man sich einmal mit den Jungen ab, so weichen sie nicht mehr! Georg aber zog die Kinder näher an sich, und sprach: wenn ihr aufmerken wollt, so will ich euch eine gar hübsche Geschichte von dem Knaben mit den goldenen Haaren erzählen. Die Kleinen getrauten sich kaum Odem zu holen. Wohlgemuth hatte sein Kinn auf die Hand gestützt, und blickte gemächlich herüber. Neben ihm stand die glückliche junge Frau, ihren Arm um ihres Mannes Nacken gelegt, mit ihrem runden, freudigrothen Angesichte, und lächelte vor innerem Wohlsein, daß ihre kleinen Zähne zwischen den etwas aufgeworfenen Lippen schalkisch genug hervorschimmerten. Georg begann: Es war einmal ein frommer Knabe – Vater, es war einmal ein Knabe! riefen die Kinder – der lief, fuhr Georg fort, immer hinaus in den Wald vor dem Dorfe durch Dick und Dünn, und jagte sich mit den Vögeln und Eichhörnchen herum, wovon er gar so gern eins gefangen hätte. Einstmals sah er dort auf einem Baume einen Vogel sitzen, dessen Federn glänzten so hell und schön, blau und roth, und auch gelb und grün, daß er sich gar nicht satt daran sehen konnte. Er wollte ihn endlich fangen, denn das schien ihm ein Leichtes, da der Vogel so sehr, zahm und kirre that. Aber, wenn er schon dicht bei ihm war, und nur noch sein Mützchen darauf zu decken hatte, flog er wieder fort; und so ging es von Busch zu Busch, und immer weiter, und wenn der Knabe von der Jagd ablassen wollte, so schimmerte der Vogel doppelt so schön und sang noch einmal so gut, als vorher. So kam es, daß sich der Knabe verirrte. Und als nun endlich der Vogel ganz verschwunden war, fing er bitterlich an zu weinen. Wie der Knabe nun so herumlief im Walde, sah er auf einmal durch die grünen Zweige ein großes Feuer schimmern. Er ging darauf zu, und wie er bald daran war, hörte er einen gar feinen, lieblichen Gesang. Er schlich sich hinter einen Busch und lauschte durch die Blätter vor. Zwölf Kinder in glitzernden Gewändern mit flatternden Bändern, Hand in Hand, tanzten um ein Feuer herum, das wie eine große, glühende Kugel anzusehen war. Das eine von den Kindern hatte einen Kranz von Aepfelblüthen auf seinem Haupte, von welchem helle Locken sonnenstrahlenartig herunterfielen und sang in Einem fort: Maienglöckchen heraus! heraus! Singt ihr Vögel im grünen Haus! Dili! Dili! O, das ist prächtig! unterbrachen die beiden Knaben den Erzähler, und schlugen ihre Händchen verwundert zusammen. Georg fuhr fort: Das blitzte und funkelte überall! Mit allen den goldenen und silbernen Bändern, mit Blumen und Aehren, auch Edelsteinen geschmückt, waren diese Kinder gar hübsch anzusehen. Als nun der Knabe sah, wie sie alle sehr freundlich thaten, faßte er sich ein Herz, kroch hervor, nahm sein Mützchen in die Hand und sagte: grüß euch Gott! Schön Dank! sagten die Kinder dagegen, ei! was machst denn du hier? Ach! sprach weinend der Knabe, ich habe mich im Walde verlaufen, und wenn ich nun nicht bald heim komme, so wird mein Vater böse werden. Die schönen Kinder hielten mit Tanzen ein und eins von ihnen, in ganz schneeweißen Mäntelchen, welches von Diamanten blitzte, fragte: ei, mein Kind, wie gefällt dir der Monat December? O, antwortete der Knabe, der bringt das grüne Weihnachtsbäumchen, schöne Schlitten und Schnee dazu! dem bin ich gar gut. Dem weißen Kinde schien diese Rede zu gefallen. Aber der garstige April, fragte ein anderes Kind in einem buntgestreiften Gewande mit schelmischen Augen, gefällt dir wohl gar nicht? Heute ist er so, morgen anders? Der April? entgegnete der Knabe, nun bringt er doch den Klapperstorch wieder auf das Dach, und schenkt der Gluckhenne gelbe Küchelchen, und den Wald- und Wiesenrainen Veilchen und Butterblumen! – Und spielt er auch manchmal Versteckens, so macht er es gerade so wie ich und meine Kameraden! den mag ich wohl leiden. So fragten die zwölf Kinder, jedes einzeln nach einem besonderen Monat, und bei jedem wußte der Knabe etwas Schönes. Da schienen die Kinder mit ihm zufrieden zu sein, und wie sie an ihm vorbeitanzten, zupfte ihn ein jedes ein wenig bei den Haaren; aber das tat gar nicht weh – und sagten: nun verstehst du auch, was die Vögel, die Blumen, die Bäume, ja alle Wesen auf dem Felde und im Walde flüstern, sagen und singen! Das wird dich wohl immer glücklich machen; denn diese wissen gar mancherlei zu erzählen! Aber stehlen und fluchen darfst du nimmermehr, sonst ist Alles vorbei! – Grüße Vater und Mutter von uns! – Mit diesen Worten waren die schönen Kinder verschwunden. Wie sich aber der Knabe umsah, stand vor ihm ein weißer Hirsch mit goldenem Geweihe, sammetnem Sattel und mit rothseidenen Schnüren gezäumt. Da setzte sich der Junge hinauf und sagte: willst du mich heimtragen? Das schöne Thier nickte mit dem Kopfe, und so recht gemächlich lief es mit ihm dahin durch den Wald. Da hörte der Knabe eine Nachtigall singen: Hier sitz ich allein, allein, Nun muß, ich traurig sein, Im tief – tief – tiefsten Leid Allezeit! Bald, ja bald, bald, Grün wird der Eichenwald. Und die Büsche flüsterten heimlich unter einander, und am Bache sprach die Weide: siehst du den Knaben, lieber Bach? – Und es flüsterte aus den Wellen: ja, könnt' ich ihm nur nach, nur nach! – Der weiße Hirsch aber hielt vor dem Dorfe, und kaum war der Knabe abgestiegen, so floh das flinke Thier wieder in den Wald zurück. Als nun der Knabe heimkam, da freute sich Vater und Mutter sehr; denn da es schon Abend werden wollte, trugen sie Sorge um ihn; aber bei der Erzählung des Kunden, wie es ihm im Walde ergangen habe, kamen sie fast vor Verwunderung außer sich, und der Vater wollte es gar nicht glauben, bis die Mutter, auf einmal ausrief: ei, da hat der Junge ja gar goldene Glückshaare auf dem Kopfe! Und wie sie recht nachsahen, waren es gerade zwölf. Der Knabe ging nun jeden Tag hinaus in den Garten, und setzte sich zu den hellen Blumen auf den Beeten. Da kamen auch bald der bunte Finke, der schimmernde Staar und der Plattmönch, sprachen und sangen zu ihm, und er verstand sie, und sie verstanden ihn. Die wußten gar viel zu erzählen von fremden, schönen Ländern, von dunkelbraunen, frommen Menschen und von tausend anderen schönen Sachen! So kam es denn, daß der Knabe alle Tage klüger und verständiger wurde, und zugleich immer schöner und größer, und seine Aeltern ihre Freude an ihm hatten. Er war ganz glücklich. Das dauerte mehrere Jahre lang, und der Schulmeister sagte: der Junge wäre der beste von allen Schülern weit und breit. – Was zu dieser Zeit seine Aeltern anfingen, das glückte ihnen auch, und Niemand in der ganzen Umgegend baute so viel Getreide, so viel Obst und hatte so schönes Vieh im Stalle, als eben die Aeltern des Knaben. Aber dieser hatte auch noch nie etwas gestohlen oder auch nur geflucht. Als aber einmal das Kirchweihfest im Dorfe war, und er schon den Groschen, welchen ihm der Vater gegeben, in Pfefferkuchen vernascht hatte – Wohlgemuths beide Knaben machten große Augen und seufzten tief – Georg aber erzählte weiter: da nahm er heimlich den Schlüssel zum Geldkasten des Vaters und stahl sich einen Kreuzer. Kaum hatte er aber das Geld in der Tasche, so wußte er sich vor Angst nicht zu lassen, und als nun endlich gar die Fliegen an der Wand summten: gemaust! gemaust! konnte er nicht länger in der Stube bleiben, und flüchtete sich hinaus in den Garten. Aber alle die Nelken, Lilien, Rosen, selbst die Bohnenblüthen hingen wie verwelkt ihre Köpfe, und schienen heimlich zu weinen. Der Finke aber setzte sich auf die Stacketen des Gartenzauns und schrie; du, du hast gestohlen! Ja, Sallatsaamen! rief der Knabe. Da wurde der Finke vor Schaam blutroth und flog fort. Ein Spatz guckte aus dem Rosenstrauche und rief: lange Finger gemacht, lange Finger! – Langen Schnabel durchs Astloch in die Scheune! entgegnete der Knabe; da wurde der Sperling vor Schrecken aschgrau und flog auch fort. Unfern davon saß aber auf dem Apfelbaume ein Plattmönch und hatte Alles mit angehört. Zornig that er sein schwarzes Käppchen auf den Kopf und das graue Mäntelchen um, flog herunter auf das Kreuz des Bohnengeländers und sprach mit ermahnender Stimme: ei! ei! muß ich denn das an dir erleben? Du hast gestohlen, ich sehe dir es an! – einen Kreuzer, einen Kreuzer! beichte! – Ich brauche nicht zu beichten, sprach verstockt der Knabe, ich weiß gar nicht, was ihr wollt, ihr dummen Vögel! – Wie heißt das siebente Gebot? fragte verwarnend wieder der Plattmönch. Da verwünschte und verfluchte sich der schlimme Knabe, wenn er gestohlen hätte. Aber auf einmal sprang eine garstige Kröte aus seiner Tasche, mit dem Gelde im Maule. Wehe! schrie der Plattmönch. Wehe! Wehe! flüsterte und wehte, wimmerte und klagte es durch den Garten, gestohlen, gelogen, geflucht, geschworen! – Wehe! Wehe! – Die zwölf goldenen Haare zersprangen wie Glas auf seinem Kopfe; von den Bäumen, Stauden und Blumen jagte ein plötzlicher Sturmwind alle Blätter fort und der ganze Garten war auf einmal eine wüste Einöde. Ohnmächtig stürzte der Knabe auf die Erde. Er hörte nun keinen Vogel mehr, sah keine Blume mehr. Alles war dahin. – Ach! seufzten die Kinder auf Georgs Schooße und sprachen kleinlaut: wir wollen gewiß fromm bleiben! – Ihr guten Kinder, thut das! sagte Georg, indem er sie herunterließ. Nun, Bruder, sprach Wohlgemuth, du hast dich müde gesprochen, iß und trink doch! – deine bunte Mährchengeschichte hat mir selbst den Kopf warm gemacht. Das ist noch so etwas aus unserer Knabenzeit, und ich erinnere mich noch recht wohl daran, wie du dem Gesange der Vögel so gerne Worte unterlegtest, und oft stundenlang mit den Waldfinken ein Wettpfeifen hieltest, daß oft selbst erwachsene Leute stehen blieben, und dir und den Vögeln zuhörten. Weißt du noch, wie wir im Mühlengrunde Zeisigstellen waren, und einmal der Lockvogel einen Schwarm nicht ansingen wollte; du aber endlich vor Eifer dich unter die Stange hocktest und so richtig zu locken anfingst, daß der ganze Schwarm auf die Leimruthen herunterstieß? – Es waren schöne Zeiten, entgegnete gedankenvoll Georg, und ich bedauere den Menschen, welcher sich seiner Kindheit schämt, und zu vornehm geworden ist, das alte Bilderbuch dann und wann aufzuschlagen und mit gerührtem Herzen darinnen zu blättern. Ist doch alles Große und Gute, alles Verfehlte und Schlimme an uns, ja unser ganzes Schicksal wie die Wahrheit in der Fabel auch schon auf diesen Blättern zu lesen. Wir sollten wohl häufiger, als es geschieht, über diese unsere Welt der traumseeligen Kindheit nachdenken, denn gar oft liegt noch dort eine große Aufgabe, welche wir noch mannhaft zu lösen haben, für uns aufgezeichnet, soll nicht endlich der Greis vor dem Richterstuhle seiner Kindheit beschämt und vernichtet stehen. Und wir sind noch immer glückliche Kinder! sprach die junge Frau gerührt zu Wohlgemuth. – Wohl, bist du mein, und dieser mein Jugendfreund dazu! – sprach dieser. Beide faßten Georgs Hände, indem Wohlgemuth bittend sprach: bleibe bei uns, so lange du willst! Schreibe Bücher in meiner oberen Stube, so schön und lang du willst, und singe mit der Grasmücke, welche vor dem Fenster draußen im Hollunderbusche neben ihrem Netze sitzt, um die Wette! – Bleibe bei uns! – So wollte sich noch einmal das beschränktere Menschensein warm und innig, wie eine Mutter, welcher der Sohn von langer Reise heimgekehrt ist, an seine Brust legen. Er schüttelte lächelnd mit dem Kopfe. Er ließ sich Papier, Dinte und Feder geben und schrieb einige grüßende Zeilen an Heinrich Meier. Wie er eben den Brief siegelte und überschrieb, stürzte ein Schwarm alter Weiber in die Stube, und vielfache Stimmen schrieen: so ist Er der kleine Venlot! wie ist Er unterdessen so hübsch geworden; wenn ihn seine seelige Mutter so sehen könnte, die gute Frau! Ach, was konnte die für gute Klöse backen! Es ist schon gut, ihr Weiber! sagte Wohlgemuth beschwichtigend; Georg aber machte Anstalt zum Fortwandern. Dringend bat ihn die angenehme Wirthin, ihrem Manne zu willfahren. Als er aber endlich betheuerte, daß er eine schöne, junge Braut irgendwo aufsuchen müsse, so ließ man ihn gewähren. Er nahm Abschied. Zehntes Buch. Erstes Kapitel. Ein berühmter Arzt in London machte einst an einem Matrosen, welcher sich ihm zu beliebigen Operationen einer verlorenen Wette gemäß bei lebendigem Leibe verkauft hatte, das Experiment, wie lange ein Mensch bei unterbundenen Adern leben könnte. Der Arzt machte fürwahr seine Sache brav. Glied um Glied verwelkte und wurde abgenommen, aber der Mensch blieb unverwüstlich gesund und munter, trank sein Ale, aß sein Beafsteak, rauchte seinen Tabak und spielte mit den aufwartenden Personen Mariage. So war es endlich noch zu verwundern, daß er eines Morgens gar nicht wieder aufstand, nachdem ihm sein Brod- und Leibherr des Abends zuvor ganz meisterhaft die Halspulsader unterbunden hatte. Dann war auch vor Kurzem ein Koch in Paris, welcher die Erfahrung machte, daß der Mensch nicht sowohl die Speise selbst, als vielmehr nur den Dampf davon zu seiner Unterhaltung benöthiget sei. Für einen Sous ließ er arme Handarbeiter aus St. Antoine in seiner Küche um den Heerd herumsitzen, und die Dämpfe von den geschmorten Braten und köstlichen Brühen, welche für die Kostgänger aus höheren Ständen gehörten, behaglich riechen und einziehen. Eine Erfindung, welche um so mehr allgemeinere Anwendung in einem wohlgeordneten Staate verdiente, je harmloser eine gute, väterlich gesinnte Regierung alsdann die Unter- und Beigegebenen in die erwerbende und verzehrende Klasse eintheilen könnte. Es ist eine ewige Schande für unser erfindungsreiches Deutschland, daß ein Pariser Koch durch die Lösung dieses Problems unsere größten Staatsmänner überflügelt hat. Wie leicht ist es nunmehr, vermittelst einer wohl eingerichteten Küche, worinnen für die Offiziere gekocht würde, ein großes stehendes Heer auf den Beinen zu erhalten! Philosophen und Dichter aber dürften nur erst jetzt durch diese Ernährungsmethode ganz besonders ätherisch ausgebildet werden. Und wie würde nicht durch diesen Fortschritt in der Cultur der deutsche Bauernstand bedacht werden können, welcher bei gehörig eingerichteten Gemeindedampföfen nur noch herzugeben brauchte. Unser Zeitalter geht mit Riesenschritten vorwärts! Das Wohlbefinden Aller ist kein leerer Traum mehr! Von diesem berühmten Arzte in London, dem Küchengenius in Paris, von Rumforter Suppe, den Mauth- und Abgabensystemen in dem ehemaligen Deutschlande unterhielt sich eine bunte Gesellschaft aus allen Weltgegenden während der Leipziger Michaelismesse zusammengeschneit und nun jetzt Abends zusammengeballt an der table de hôte im Hôtel de Russie . Die angeschnittenen braunen Braten und italiänischen Sallate nebst einem Regimente Tirailleurweinflaschen, welche ruhelos die Tafel beplänkelten, schienen eben nicht zu beweisen, daß man hier bloß vom Geruche lebe. In diesem Augenblicke trat ein abenteuerlicher Fremder, welcher keinem Volke und keiner Zeit anzugehören schien, zur Thüre herein. Sein vielfach geschlitztes Oberkleid, enganliegende Beinkleider, seltsam geschnürte Saffianstiefel schienen längst vergangenen Jahrhunderten anzugehören. Bei seiner fremdartigen Erscheinung, waren auf einmal alle Gesichter mechanisch, wie auf ein gegebenes Kommandowort, auf ihn hingeschraubt. Ein grün beschürzter Markör ging auf ihn zu, indem er durch eine weiße Serviette einen porzellanen Teller drehte und fragte: steht ihnen zu Befehl? Auf die Antwort des Fremden: daß er zuvörderst ein Zimmer sich angewiesen wünsche, zog sich der Markör längst der Tafel hin, um bei diesem Falle, wo allerdings das Ansehen des Hotels durch die Tracht des Fremden ein wenig gefährdet erscheinen mochte, den Haus- und Tafelherrn, welcher gesprächig zwischen seinen Gästen saß, selbst entscheiden zu lassen. Der Wirth hatte den Ankömmling bereits fixirt, und sprach gelassen halb für sich, halb zum lauschenden Grünschürz: Nummer Zwölf! – Mit artigem Lächeln, wie es einem gebildeten Leipziger wohl anstehen mag, kehrte der Markör zurück, zündet ein Licht an, und bat den Fremden mitzukommen. Während nun der Mann aus dem Mittelalter die gebohnte, saubere Treppe hinangeht, mag der Leser mit Recht über die Höflichkeit der Leipziger Gastwirthe, welche den einfachen bestaubten Fußgänger, wie den Inhaber prächtiger Equipagen gleich freundlich aufzunehmen gewohnt sind, sich ein Weniges verwundern. Als aber der schnellfüßige Markör wieder in die Wirthsstube zurückkehrte, rufte es von allen Seiten: Karl! Karl! wer ist der Fremde? woher? aus Griechenland? aus Polen? aus Jena? Karl zuckte mit den Schultern, nahm das große Fremdenbuch unter den Arm nebst der Leipziger Zeitung und dem Tageblatte, vergaß nicht, eine Flasche Wein nebst Zubehör mitzunehmen, und flüsterte, rückwärts zur Thüre sich hinausschiebend: gleich zu dienen, meine Herren! – Und die wißbegierigen Gäste saßen und sprachen wieder vom berühmten Arzte in London, vom Koche in Paris und dem geseegneten Deutschlande mit seinen Schlagbäumen. Der freundliche Markör kam zurück, trat an die Tafel und zeigte das Fremdenbuch vor. Da fand man denn mit Verwunderung, daß der Fremde nur Georg Venlot hieß, seinen Charakter als: »sanftmüthig« bezeichnet, die übrigen Rubriken aber mit: »ungewiß« ausgefüllt hatte. Die Gäste fuhren in ihren unterhaltenden Gesprächen fort, während Georg einsam und trübsinnig in seinem Stübchen saß, das Haupt in die Ecke des Sopha's gedrückt. So war denn Georg in Leipzig. Nachdem er einige Gläser Wein getrunken hatte, brach er endlich in die Worte aus: und sollte ich darüber zu Grunde gehen, dich, Aquilina, muß ich wiederfinden! sollte ich auch die Welt durchstreichen bis in das letzte Indien. Ohne dich bin ich immerdar elend mit der brennenden, ängstigenden Sehnsucht und Qual meines Herzens! – Nicht umsonst riß die Wunderwelt vor mir ihre Thore auf, nicht umsonst wurde mir das Außerordentliche gewährt! – Nicht umsonst ist mir Raum und Zeit dienstbar geworden! Sie, die ewig Geliebte, werde ich, muß ich mir wieder erringen. In eigenthümlicher Ideenverwechselung trat ihm Lina´s bleiches Bild vor die Seele. Lina! Lina! rief er, und krampfte die Hände zusammen. Ihm schmerzte das Haupt. Aufgeregt schritt jetzt Georg in der Stube auf und ab, bis sich endlich der Sturm in seinem Inneren ein wenig besänftigte. Mechanisch griff er zum Tageblatte der Stadt Leipzig und las mit Aufmerksamkeit die verschiedenen Anzeigen, wie z. B.: »Heute Abends ist Feuerwerk zum Besten der dürftigen Abgebrannten zu ...« u.s.w. Ja! rief er und lächelte wehmüthig vor sich hin, noch lebt in Sachsen ein edler, menschenfreundlicher Geist. Indessen Georg also seine Gedanken wie die Schreibfeder eines wetterwendischen Schriftstellers bald hieher, bald dorthin planlos kreuzen ließ, hörte er dann und wann aus der Nachbarstube herüber ein herzliches Seufzen flüstern. Sein erster Gedanke war, das ein Kranker sich dort befinden müsse. Als er aber deutlich drüben den wehmüthigen Ausruf hörte mein Gott und Herr! fing er an zu glauben, daß dem Fremden im Nebenzimmer ein plötzliches Uebelbefinden zugestoßen sein müsse. Vom Mitleide ergriffen trat er zur Thüre, durch welche es aus seinem Zimmer hinüberzugehen schien. Er legte die Hand auf die Klinke des Schlosses, und versuchte, ob sie zu öffnen sei. Die Thüre sprang auf. Zweites Kapitel. Wer je irgendwo Gelegenheit gefunden hat, Gemählde vom Dominikaner Johann von Fiesole zu sehen, wird gewiß auf die einfachen ascetisch-frommen Gesichter seiner Heiligen um so länger seine Blicke geheftet haben, je seltener solche eigenthümlich charakteristische Physiognomien heutzutage sich dem aufmerksamen Beobachter zeigen mögen. Ein ähnliches Gesicht, eine ähnliche Gestalt zeigte sich aber jetzt dem Eintretenden. Verzeihen Sie, mein Herr! redete Georg diesen Fremden an; ich glaubte Sie um Hilfe rufen zu hören; vermuthlich habe ich mich getäuscht, was mir sehr angenehm sein würde! Der fremde Herr, welcher bei Georgs Eintritte etwas erschrocken sich von seinem Sitze erhoben hatte, faßte sich bei dieser höflichen Anrede bald, und entgegnete mit sehr sanfter Stimme: »ich danke Ihnen sehr Ihren menschenfreundlichen Sinn, mit welchem Sie Sich mir nähern, obgleich mir sonst nichts leiblich Widerwärtiges zugestoßen ist. Doch ist es mir angenehm, die Bekanntschaft mit einem lieben Stubennachbar zu machen. Beliebt es Ihnen sonst, mir auf ein Stündchen Gesellschaft zu leisten, so bitte ich Sie, Platz zu nehmen.« Georg schloß aus dieser milden, ja mehr als gewöhnlich oratorischen Anrede, so wie aus der ganzen Weise, in welcher der Fremde ihm erschien, daß er einen evangelischen Prediger vor sich habe. Sie sind ein Gelehrter? fragte der Fremde. Ich habe früher studirt und heiße Venlot, entgegnete Georg. Wohl sieht man sich in allen Enden um die Wahrheit um, fuhr der Fremde fort, indem er die weißen, mageren Hände auf seine Kniee legte, aber selten hat mir Einer gesagt: siehe da, ich habe gefunden! Aber was in unendlicher Ferne zu erjagen gesucht wird, das liegt gar nahe am Wege und ruft: Wanderer woher? Wanderer wohin? – Georg wurde aufmerksam. Jener sprach weiter: Gott war einst Gesetz für alles Geschaffene. Der Mensch in seiner Reinheit kannte keinen andern, als Gottes Willen. Als aber der Mensch, selbst sein Gott sein wollte, geschah der Sündenfall. Seitdem ist der Mensch ein anderer geworden; denn der Riß in seiner Seele dauert fort. So kam es, daß der Mensch vom Anbeginn mehr Teufel, als Engel ist. Um der Sünde Sühnung willen erschien unter uns der Gottmensch, um uns vor uns selbst zu retten in den Schooß des ewigen Vaters. Also ist das Christenthums Grundstein die Sünde, reuevoller Glaube an den Weltheiland die Strebepfeiler und des Gewölbes Schlußstein – die Versühnung. Das ist die Wahrheit, die verkannte, und dennoch ewig triumphirende! Das ist die Wahrheit, welche uns vom Lügengeiste erlöst! – Georg war aufgestanden und sprach wie für sich: über dieses Gespenst der Erbsünde, das vampyrartig das beste Blut von jeher gesaugt hat, muß es denn ewig leben? Wessen erstes Gefühl wäre Schadenfreude, sähe er einen nackten Wandler zur harten Winterszeit? Hassen oder lieben wir Vater und Mutter von Kindesbeinen an? Fühlt nicht der Mensch, wie ihn schon hier der Odem der Glückseeligkeit ringsum anweht? – Verkümmert mir nicht mit finsteren Zaubersprüchen den freudigen Lenz, welcher alle Saiten der Seele zum Wonnegefühl anstimmt! – Hängt mir nicht den düsteren Traumschleier über die blauen Himmelsräume, aus welchen noch immer das Paradies in seiner uralten Pracht herabtaucht zur Zeit und Stunde selbst dem verworrensten Gemüthe! Georg schwieg. Der Fremde lächelte wehmüthig und mitleidig vor sich hin. Georg reichte ihm die Hand und sagte: lebe jeder seiner Ansicht, seinem Glauben! aus verschiedenen Klängen entsteht endlich Harmonie! Darf ich um Ihren Namen bitten? – Der Fremde antwortete ausweichend: ich bin der Verfasser des Werkchens über die Lehre von der Sünde und vom Versöhner. Jetzt rief der Wächter auf der Straße zehn Uhr aus, Georg empfahl sich, und ging auf sein Zimmer zurück. Drittes Kapitel. Georg befand sich mit Tagesanbruch schon wieder auf seiner Pilgerfahrt. In den Nebelmantel gehüllt, die Ueberschuhe am Riemen über die Schulter geworfen, maß er sieben Meilen um sieben Meilen weg. Rechts und links rannten Land und Stadt, Berg und Thal, Feld und Wald, Fluß und See, wie die Bilder in einem Guckkasten, dessen Walzen ruhelos gedreht werden, an ihm vorüber. Die hohen Gletscher der Schweiz stiegen jetzt wie Geistergestalten leuchtend vor seinen Blicken aus der Erde empor. Vergebens bemühte sich ein Lämmergeier, mit ihm zu fliegen; nach wenigen Secunden sank der Luftcorsar ermattet auf eine Felsenspitze nieder. Das Getön von Glocken und verlorene Klänge des Kuhreigens schwammen dann und wann leise und schnell an seine Ohren wie Mückengesumme. Das war die Schweiz! rief er für sich, und stand auf einem Berge still. Zu seinen Füßen dehnte sich der Lago maggiore zwischen den Hügeln mit seinem tiefblauen Spiegel aus. Entzückt schaute er hinab auf Isola bella und madre und in die duftigen Landschaften hinaus, welche zum See heraufblickten mit Schlössern und Dörfern. Unfern winkte von Arona herauf die Riesenbildsäule des Borromeo mit weit ausgestreckter Hand wie zur Begrüßung, des Pilgrims. Italia! Italia, daß ich dich wiedersehe! sprach Georg, und schritt von Neuem aus. Mailand mit seinem weißen Dome zog vorüber; er stand am Tyrrhenischen Meere. Kaum vermochte Georg die schnell auf ihn einstürzende Welt der Erscheinungen zu ertragen. Aquilina, sprach er für sich, Aquilina! aber wo finde ich dich? Bin ich nur ein lächerlicher Spielball des Wunderbaren und des Zufalls, oder hat dieses Alles Zweck und finde ich sie? – Mit über einander geschränkten Armen ging er an der Kette der Appenninen vorüber. Wie eine liebliche Nymphe im vielfarbigen Gewande, das großfaltig im Winde zu flattern schien, flog ihm die schöne Toskana vorüber. – Wem wird das Herz nicht voll und weit, hört er den Namen: Rom? Wer denkt nicht dabei an das alte Forum, um welches sich Jahrhunderte lang die Weltgeschichte wie um eine stählerne Achse gedreht hat? und an den Dom Sanct Peters mit seinem Vaticane, in welchem das Kreuz des alten Schwertgriffs noch als wunderthätiger Talisman die Welt von Neuem einst gebannt hielt? Rom! – welcher Zauber scheint nicht schon in diesem Worte zu liegen? Georg saß dort gedankenvoll vor dem Volksthore und zog die Ueberschuhe an. Eine ungezählte Volksmenge wogte auf der Strada di Ripetta dahin. Abenteuerliche Trachten! – Hier zogen mit rothen Mänteln und weißen spitzigen Filzhüten die düsteren Männer der Abruzzen, dort in blauen Jacken die munteren Gärtner aus naheliegenden Weilern; vor ihnen die rüstigen Mädchen aus Albano mit Madonnengesichtern, die Häupter mit weißen Tüchern leicht verhüllt, in freien, schwebenden Dianenschritten. Die ganze Menge der Menschen zog auf den Dom St. Peters zu. Georg folgte den bunten Menschenwogen. Ueber den von Säulenkreisen umzingelten Vorhof der Kirche mit seiner himmelanragenden ägyptischen Spitzsäule und seinen Springbrunnen, welche gewaltsam ihre Wasserstrahlen emporsprühten, wandelte Georg über die mit Blumen bestreute majestätische Treppe empor zur Kirche, in angenehme Rückerinnerungen vertieft. Wie oft hatte ihn früher dieser Weg zu den Denkmälern alter und neuer Kunst im Vaticane geführt! – zu den Werken des Titanensohnes Michael Angelo, zu den Gemählden des göttlichen Jünglings Raphael, – zur ganzen Götterwelt des schönsten Himmels! – Georg aber trat jetzt in die gold- und marmorstrahlende Kirche hinein. Mit rothseidenen Teppichen waren alle die hohen Pfeiler behangen, tausend und aber tausend Lampen brannten um den Hochaltar herum angezündet, und Blumenguirlanden prangten von Säule zu Säulen gezogen. Weihrauchwolken lagen süß betäubend auf der ganzen Gemeinde, während ferne Orgeltöne geisterhaft das unermeßliche Gewölbe durchwehten. Wie leuchtende Johanniskäfer schienen vor den Seitenaltären Messe lesende Priester aus der Menge heraus. Bei dem Hochaltare auf sammetnen Stühlen saßen in mächtigen Prachtgewändern blau bestrumpfte Cardinäle mit brennendrothem Mützchen auf schneeweißen Köpfen, und Bischöfe mit ihrer spitzigen golddurchwobenen Mitra. Die Kirche feierte eben einen gewonnenen Prozeß. Es wurde ein wunderthätiger Kapuziner, welcher vor einigen Jahrhunderten bereits verschieden war, canonisirt. Der Teufelsadvocat war angebrachter Maaßen abgewiesen worden. Die Wunderthaten des Mönchs waren in großen Bildern ausgehängt. Dort konnte der Gläubige sehen mehr, als er sich träumen mochte. Aus einem Büchelchen, worauf das bärtige Bildniß des neuen Heiligen in Holzschnitt erbaulich zu sehen, seine Wunderthaten zu lesen und die Gebete um seine Vermittelung bei verschiedenen Angelegenheiten zu finden waren, betete die fromme Menge auf die Kniee dahin gestreckt. Wohlgenährte freundliche Kapuziner in ihren braunen Kutten und leicht hingleitenden Sandalen wandelten wohlbehäglich durch die Menge einher in dem angenehmen Bewußtsein der Ehre, welche ihrem Orden durch diese Anerkennung eines Glaubenshelden aus ihrer Mitte widerfahren war. Georg stand an eine Säule gelehnt. Er fühlte einen Schlag auf seine Schulter, und Pater Rossi, welchen er bei seinem früheren Aufenthalte in Rom kennen gelernt hatte, gab sich ihm zu erkennen. So sehe ich euch doch wieder, rief er, nach langer Zeit, und auf dieser heiligen Stelle? – aber verändert vom Kopf bis auf die Füße! – Gewiß habt ihr, vortrefflicher Freund, große Seelenleiden unterdessen ertragen! – Warum sucht ihr auch nicht eueren Frieden im Schooße der Kirche?– Wie wollt ihr mir Frieden mit mir selbst verschaffen? fragte zweifelnd Georg. Wir haben Gewalt, die Sünden von euch abzuwaschen! versetzte der Römer; die heilige Kirche hat einen unermeßlichen Ueberfluß an sündenlöschenden Werken, an dem Blute der Märtyrer, an den Büßungen heiliger Männer und Frauen, über welchen sie zu verfügen die Macht hat zu Gunsten der Gläubigen. Doch ihr, mein Freund, stoßt die rettende Hand mit den Gnadenmitteln nicht von euch! Pater Rossi, sprach Georg, behaltet mich lieb und lebt wohl! – Erzürnt wandte sich der Priester von dem Aufgegebenen; – Georg aber verließ die prächtige Wohnung der Heiligen und die alte Stadt der Welt. Viertes Kapitel. Wie der heilige Gangesstrom aus den wüsten und unfruchtbaren Felsen von Serenegar sich gierig hinunterstürzt in das glückseelige Hindostan, so eilte auch Georg über die eisigen Häupter des Himalayagebirges nach Ruhe dürstend herunter in das alte Mährchenland und Mutterhaus der Menschheit. – Indien! du stiller Zaubergarten mit deinen dunkelfarbigen Kindern, sprach Georg für sich, indem er die Augen rings umher kreisen ließ, ja, bei dir finde ich gewiß, was mein brennendes Herz gesucht hat – wenn nicht Sie, die hohe, schöne Geistesbraut; doch Ruhe – Frieden – Vergessen! Hier – wo die Gottheit in den weichen Thon des Landes ihre Ferse gedrückt hat, wo das Herz der Erde pulset, hier will ich mein müdes Haupt hinlegen, und schlafen – schlafen! – Hier, wo die weisen Braminen in stiller Betrachtung dem großen Weltgeheimnisse lauschen, hier schlage ruhig, du mein unbändiges Herz! – Georg band seine Schuhe an den Füßen fest, und wandelte längst des Gangesstrandes dahin im werdenden Morgen. Die schlanken, hohen, schattigen Kokosbäume mit Palmen und saftigem Grün ihre Gipfel geziert, mit großen Früchten geschmückt, Himmel und Erde entzückend, schwankten und säuselten von kühlenden Lüftchen umzittert in sanften fortwährenden Bewegungen, und schienen sich an die Ufer des Stromes zu drängen, ihre Füße in der seegengeschwängerten Fluth zu baden. An den Stämmen hinauf, und durch die leichten Fächer ihrer Wipfel schwangen sich kletternd braune, flinke Aeffchen mit klugen Diebsgesichtern, oder saßen lauschend in den grünen Wipfelhäusern, und steckten flüsternd die Köpfchen zusammen, als raunten sie unter einander von uranfänglichen Geschichten. Der Vogel Boulboul saß in den Büschen des Nagakesar und sang in schmelzenden Weisen, als spräche die Gottheit dieses Eilandes seelige Worte durch seine liederreiche Kehle. Es schien als wiegte sich die allum blühende Lotosblume träumerisch in diesen Melodien, leicht wie der Frühlingsodem mit ihren röthlichen schimmernden Lilienkelchen, welche der Mondstrahl in der Nacht heimlich angezündet hatte, und bestreute mit ihrem Blüthenstaube, geängstigt von dem anbrechenden Tage, das brütende Weibchen des purpurroth gefiederten Flamingo's, im Neste unter ihrem Laubbusche. Georg stand wie ein freudezitterndes Kind in der Mitte dieses Paradieses. Nicht länger vermochte er sich auf den Füßen zu erhalten; er lagerte sich ruhebedürftig unter einen blühenden Amra, der von der Madhawiwinde wie ein Bräutigam von seiner Geliebten umschlungen, und von ihren Blumen, wie mit glühendrothen Küssen bedeckt war. Dort lag der unstäte Waller unter Duft und Blüthen begraben. Durch alle seine Fibern strömte ein bewegendes, drängendes, neues Leben. Es war ihm, als erwache er von einem langen Schlafe. Aquilina's Bild erblich vor dieser äußeren Gluth in ihm mehr und mehr. Es ist schlimm, sprach er, wenn mein vergangenes Leben und alles andere nur ein Zauberspuk gewesen wäre – ein recht langer, seltsamer Traum, ein Traum! – Unfern von seinem Ruheorte bemerkte er jetzt eine Hütte, halb hinter dichtlaubigen Platanen verborgen. Eine schlanke, weiße Gestalt trat eben daraus hervor. Sie näherte sich dem Rasenplatze, auf welchem er sich befand und rief mit heller, sanfter Stimme den Taubenpfauen, welche aus den Büschen auf sie zuschwirrten. Es war ein Hindumädchen. Ein einziges, blendendweißes Stück Zeug war um den zarten Leib geschlungen, zog sich von da über die rechte zur linken Seite, den Busen leicht bedeckend, hinauf, und diente endlich zur Schärpe, womit es über den Hüften festgeschlungen war. Leicht und hoch, die Arme nackt, und geziert mit Armbändern von den Fasern der Wasserlilienstengel, die röthlichen Füße bloß, über die dunklen geflochtenen Haare einen Kranz von verschiedenen Blumen, kam die Jungfrau einher. Sie bemerkte nicht den Lauscher in seinem Nebelmantel. Sie fütterte vor ihm mit Körnern aus ihrem Körbchen, welches sie trug, die Taubenpfauen, welche zahm auf die Würfe des Futters bald harrten, bald wieder die gestreuten Körner auflasen. Ein anziehenderes Bild hatte Georg noch nicht gesehen. Die kleinen Pfaue girrten und schimmerten um sie herum mit ihrem azurenen Gefieder, und schlugen Räder mit ihrem violet und gelb marmorirtem Schweife. Wie eine Fee in ihrem Wunderreiche stand sie da, umgeben von ihrer ganzen Herrlichkeit. Ihr dunkles Antlitz mit den großen Feueraugen, der ganze Guß ihrer edel ausgeprägten Formen, selbst die einfachen lieblichen Wendungen ihrer Gliedmaßen, welche schlummernde Wollust heimlich umwob, zeugten von überschwänglicher Milde, womit der Gott des Landes die Tochter der Einsamkeit ausgestattet hatte. Georg getraute sich kaum zu athmen; im glühenden Sinnen wurden alle Gefäße seines Herzens weiter. Fliehe! sprach seine innere Seele, fliehe, daß du dich rettest! – Er aber floh nicht. Aquilina! schien ein Vogel aus blauer Luft herabzurufen, Aquilina – Er sprang auf und ging einige Schritte. Am nächsten Zweige fütterte ein grünes Papageienweibchen seine Jungen, während das Männchen mit altklugen Augen unfern davon saß, und die Worte, welche ihm vielleicht ein Bramine einst gelehrt hatte, hervorstieß: groß ist Koma, und seine Wonne – süß – süß die Liebe! – Was plauderst du wieder, Smara? rief das lauschende Mädchen, hast du den rastlosen Gott mit seinen Blumenpfeilen gesehen? – Smara! Smara! lockte es mit schmeichelnder Stimme. Der Papagei drehte den glänzenden Hals, zupfte sich an der rothen Brust und schrie: Koma! Koma! So komm doch, Närrchen! komm! schmeichelte listig das Mädchen, indem es die Fingerspitzen der ausgestreckten Hand leise und zweigartig bewegte. Der Vogel hüpfte von Baum zu Baum herüber zu dem Mädchen, bis es endlich auf seiner Schulter saß. Der Vogel ließ sich von der Vertrauten in die Hand nehmen, duckte sein Häuptchen, welches sie kraute, an ihren Busen hin und blähte behaglich sein buntes Gefieder aus. Das Papageienweibchen, als wäre es eifersüchtig, schoß jetzt schnell herüber vom Neste, und hackte giftig auf das gekirrte Männchen los. Aber das lose Mädchen faßte es auch und koste: ei, Herzchen! ich will deinem Männchen kein Leid, sondern euch Beiden Etwas zu gute thun.– Mit den Zuckerbröckchen, welches es aus dem Körbchen nahm, beschwichtigte es fütternd das zahme Pärchen, indem das glückliche Wesen auf den Rasen knieete, um die unruhigen Thierchen in seinem faltigen Gewande einzuhägen. Könnt ihr mir nicht sagen, flüsterte Sie ihren Pfleglingen zu, warum es mir im rechten Auge zuckt? – sagt mir, was bedeutet das Gutes? Koma! Koma! schrien die beiden Papageien zu gleicher Zeit. Koma! sagte lächelnd das Mädchen und wiegte traurig das bekränzte Haupt; ach, mir ist dieser Gott nicht hold gesinnt; denn mein Herz gehört nicht dem Manne der Liebe, wenn ich einen solchen fände. Ich muß euch nun bald verlassen! – Also unterredete sich das Mädchen mit den Papageien, als hätten diese ihre jungfräuliche Sehnsucht verstehen können. Georg aber stand und vermochte kein Auge von dem Mädchen zu verwenden. Es war ihm, als wenn die Erde unter seinen Füßen vor Wonne zitterte. Er that einen Schritt, und noch einen; ging zögernd noch einige Schritte vorwärts, und stand vor dem schönsten Kinde der Natur. Mit unsicheren Händen nahm er den Nebelmantel von seinen Schultern. Die Papageien flatterten kreischend auf, und kaum hatte das Mädchen die Augen emporgeschlagen, so fiel es auch hin auf sein Antlitz, die Hände vor die Stirne geschlagen. Herziges Mädchen! sprach Georg, fürchte dich nicht vor mir! Ich bin nicht hier, um dir ein Leid zuzufügen. Laß mich dein geliebtes Antlitz und deine Sonnenaugen sehen! Sie aber hob ihr Haupt nur um ein Weniges und betete mit zitternder, eilender Stimme: Rettender, immerdarschaffender, erhaltender, wiederbelebender, wandelnder, großer Wischnu! erbarme dich über mich, deine beängstigte Magd, und handle mit mir nach deiner Barmherzigkeit, da du nun zum zehnten Male heruntergestiegen bist, ein Mensch gewordener! – Georg sprach: fasse dich, frommes Mädchen! ich bin deiner Verehrung nicht werth. Die Jungfrau aber ließ sich nicht stören und fuhr fort: du weißt es ja, allmächtiger Schöpfer und Allwalter, wie ich dich als Krischna, der du einst auf den Matten von Agra mit den neun Milchmädchen, den seeligen Geschöpfen, getanzt hast, immerdar verehrt habe. Ich bitte dich, holdes, wahngläubiges Kind, laß ab! bat Georg, und stehe auf. Sie ließ sich von ihm emporheben. Wie sie nun so vor ihm stand, und in sein Antlitz sah, da bebte sie vor Wonne und große Thränen blitzten aus ihren Augen. Er faßte ihre Hand; da sank sie plötzlich zusammen, und an seine Brust; der Kranz fiel ihr von der Stirne und die langen Haare wallten um sie, wie ein wehender Schleier. Georg hob ihr Haupt, es sank zurück. Ihre Augen glommen verlöschend, gebrochen und wie sterbend. Er suchte sehnend ihre Lippen. Das Mädchen brach in ein unnennbares Weinen aus. Der lauschende Papagei aber saß auf dem Amrabaume und schrie: Koma! Koma! – Fünftes Kapitel. In stiller Hütte auf bastgeflochtenen Teppichen saßen zwei glückliche Menschen. Georg hielt einen Becher, aus der Schale der Kokosnuß kunstreich geformt, das Mädchen neben ihm, welches aus einem Kruge ihm Kokoswein einschenkte. Sein Haupt hatte er mit Blumen bekränzt, sein Bart träufte von duftendem Oele, sowie seine bloßen Füße, welche ihm die Hindu mit Rosenwasser gebadet, und mit selbst bereiteten Specereien gesalbt hatte. Er trank und reichte dem Mädchen die Schale hin mit den Worten: Maya! – so hieß das Mädchen – trink mit mir und sei nicht gar so still. Maya trank und ihre Lippen nahten den seinigen, indem sie flehend emporsah. Maya! fuhr Georg fort, sage mir, lebst du denn ganz allein in dieser schönen Wüste? – Ach nein! sprach Maya, plötzlich verdüstert; ich habe noch einen Vater, welcher aber gestern nach Jagrenat in den Tempel, um dort anzubeten, gegangen ist. Am nächsten Abend wird er wieder heimkehren, um mich übermorgen dorthin zum großen Bramafeste zu geleiten. Morgen ist es vielleicht zum letztenmale, daß ich in diesem heiligen Haine wandle unter meinen Bäumen und Blumen und bei allen den lieben Thieren, welche ich mir gezähmt habe; denn mein Vater will mich dem Dienste der Götter als Dewadassi am Bramafeste weihen lassen. So muß ich mich auch von dir trennen, mein einziges Gut, und werde dich nie, nie wiedersehen; denn aus dem Tempel darf ich als Dienerin des Heiligthums dann nicht mehr entweichen! Ich Unglückliche, bestimmt jeglichem Weib zu sein, der meiner begehren mag! – Sie schwieg, und unendlicher Schmerz erfaßte ihre Seele. Georg zog mitleidig das arme Mädchen an sich. Nachsinnend sprach sie nach einer Weile: neulich stand ich dort am heiligen Strome und verfolgte mit meinen Augen die leise dahin gleitenden Wellen. Auf einmal hörte ich Springfluth rauschen und brausen, und eine große Wooge fuhr der Strömung entgegen, blitzschnell mir vorüber im Ganges hinauf, als suche sie mit schmerzlichem Schluchzen die Quelle wieder, aus welcher sie hervorgeflossen war. Mein Vater hatte schon oft dieses wunderbare Walten im Flusse gesehen, mir wiederfuhr es aber zum erstenmal. O, du Mann meines Herzens! obgleich so der Strom meines Lebens, sich von dir immer weiter entfernend, fremde Thäler durchschneiden muß, so wird trotz dem, sehnsüchtig-ungestüm mein ganzes Sinnen ewig zu dir zurückströmen; bis mein Herz wie die aufrührerische Welle ganz gebrochen sein wird! – Sieh, schöner Sohn der Fremde, so wird es mit mir sein! – Georg rang nach Fassung; seine Seele war getheilt, wie das Meer um eine Insel. – Endlich erhob sich Maya und sagte: mein Unglück und mein Glück soll mich nicht des heiligen Büßers im Walde vergessen machen, den ich täglich um diese Stunde mit heiligem Wasser aus dem Ganges tränke. – Komm mit mir! vielleicht prophezeiht er uns, denn ihm ist die Gabe der Weissagung zugetheilt. – Georg erhob sich mit dem Mädchen, beschuhte wiederum doppelt seine Füße, nahm seinen Mantel unter den Arm und ging niedergeschlagen, mit sich selbst zerfallen, an ihrer Seite. Er schöpfte ihr mit dem Kruge das heilige Wasser und wandelte dann mit dem traum- und leidvollen Kinde durch die schattigen Gänge des Palmenwaldes, längst des Ufers dahin, bis es endlich stillstand. Siehst du den heiligen Büßer dort? flüsterte Maya ihm zu. Er bemerkte nichts. Als er aber genauer hinblickte, erschrack er in seiner Seele. Von Schlinggewächsen fast ganz umwachsen, wie ein alternder Thurm von Epheu, umbaut bis an die Brust von Termitenhaufen, und seine Schultern verborgen von Vogelnestern, stand der Büßende. Hätten nicht zwei große leuchtende Augen zum Himmel empor geglüht, unregsam in sich selbst, wie der Agatstein, welcher in sich selbst wächst in heimlichen Bergadern, so würde selbst ein spähendes Auge ihn nicht entdeckt haben. Maya neigte sich ehrfurchtsvoll und sprach: dein Seegen sei mir! Ewiglich! entgegnete langsam und dumpf gleich dem entfernten Brausen des Meeres, seine Stimme;– ewiglich! – obgleich du dem wandelbaren Koma deine Kniee gebeugt hast! – Maya seufzte und sprach kein Wort dagegen. Sie hob den Krug empor; er öffnete den Mund, ohne das Haupt zu bewegen, und sie ließ den Strahl des Wassers, ihn tränkend hinunterfallen! – Als er also getrunken hatte, führte Maya den erstaunten Georg vor ihn hin und flehte zum Büßer: sage ihm, sage uns etwas Gutes! – Die Gluth seines Auges ruhte jetzt auf Georgs Gesicht und unmerklich tönte es aus dem wenig geöffneten Munde, leise und dennoch schrecklich hörbar hervor: Thor, nicht betäubst du mit Sinnenfrohn deines Geistes Stimme! Hast du vergessen die Einzige, welcher du ewig angehören solltest? Georg war vor dieser Allwissenheit in sich selbst vernichtet; er wankte, Maya hielt ihn aufrecht, endlich fragte er: und du kennst Sie, heiliger Büßer, und wo Sie ist, die dreifach Verrathene? Wehe mir! Wehe dir! – sprach wiederum der Büßer – wie kannst du Sie finden, die Seelige, mit unseeligen Begierden, die Königin der Geister mit dem Herzen voll Erde? Finde dich selbst; so wirst du Sie finden; wo dir der Nebel vom Auge fällt, wird auch Sie, die du suchest von Kindesbeinen an, auch sein! – Maya, Dewadassi! halte ihn nicht auf in seinem Wege! Nimm Abschied! Das Mädchen sank in seine Arme und sagte standhafter, als es sich hätte ahnen lassen: alles Gute sei mit dir und denke der armen Magd, wenn es dir wohlgeht! – Es riß sich los von ihm und entfloh. Der Einsiedler sprach: Sie kennt ihr Loos, folge dem deinigen! – Voland stand wie eine aufsteigende Wetterwolke in der Ferne, von Georg ungesehen, finster und schreckhaft. Eilftes Buch. Erstes Kapitel. Es war wieder Winter. In einer Weinstube zu Berlin saß Georg, das gedankenschwere Haupt auf seine Hand gestützt. Ungenossen verduftete der Wein vor ihm. Ohne daß er es bemerkte, war er der Gegenstand der Neugierde für die anwesende Menge geworden. Sein seltsames Aeußere, das romantische, spanische, abgetragene Gewand, der stattliche Schmuck seines Kinns, die langen blonden Haare, welche gescheitelt über seine Schultern herabfielen, mußten allerdings die Aufmerksamkeit besonders in dem an Soldatenfräcke gewöhnten Berlin gewaltig rege machen. Ein junger feiner Mann, dem Anscheine nach ein Offizier im Civilrocke, konnte es sich vorzüglich nicht erklären, wie bei der Wachsamkeit der Berliner Polizei diese allzu abenteuerliche Figur in die Stadt hereingekommen sei. Nachdem dieser sich beim Weinschenken fruchtlos über den fremden Gast erkundiget hatte, wandte er sich selbst an ihn. Sie scheinen sich nicht zu amüsiren, sprach er Georg an, da sie so ernst hier sitzen? Sie sind gewiß aus Göttingen? oder sonst wo her? Sie scheinen es errathen zu haben! entgegnete Georg etwas mißlaunisch, indem mehr Bitterkeit in seiner Stimme, als in den Worten selbst lag. Der junge Mann aber ließ sich dadurch nicht stören, und fuhr fort: Sie sind ein Schriftsteller? In diesem Falle könnte ich ihnen, wenn Sie sonst hier Protection suchen, beiräthig und beithätig sein; denn ich maaße mir es an, selbst zuweilen Versuche meiner Muse drucken zu lassen. Haben sie meine »Lindenblüthen« gesehen und gelesen? – Müssen sie mir aber nicht gestehen, daß Tieck in Dresden unbestritten der größte Novelliste ist? – Georg seufzte in seiner Seele über die unendliche Rhetorik des Dichters; vergeblich suchte er es sich zu erklären, wie und woran dieser es ihm angemerkt habe, wie auch er einst überschwängliche Verse gemacht habe. Die Aufklärung hierüber erfolgte einigermaaßen. Der Dichter wischte seine Brille ab und rief: einen Becher Moselwein! – Mit ritterlichem biderben Wesen, welches jetzt aus ihm gleich einer possirlichen Puppe aus einer französischen Vexirdose heraussprang, warf er sich auf den Stuhl, faßte mit seiner zarten Faust des Weinglases dünne Taille und sprach: es lebe das Mittelalter! – Ja, wer so glücklich wäre, wie Sie, mein Herr! fuhr der Ritterliche fort, indem er sein feines Schnurrbärtchen kräuselte, und dürfte auch nach Außen hin sich als Apostel des Deutschthums bekennen! Es muß aber unsere Zeit wieder aufblühen mit kräftigem Ritterwesen und süßem Minnethum! Nicht vergebens haben unsere Dichter die Harfe ergriffen, nicht vergebens de la Motte Fouqué gesungen! – Da Georg schwieg, so glaubte er diesen Mittelalterlichangethanen in Uebereinstimmung mit sich, und fuhr fort, und zwar nicht ohne Begeisterung: diese unheilbringenden Bestrebungen des Bürgerthums, die Bevorzugungen der Stände auszugleichen! Wer mag es läugnen, daß ein Adel in der ganzen Natur, selbst unter Pflanzen und Thieren sich ausprägt? – Die himmelanstrebende Eiche und der niedrige Wachholderstrauch gehören beiderseits zum Baumgeschlecht; aber sind sie ebenbürtig? – Das gemeine grobgegliederte Fuhrmannspferd, und das edle, mühsam gepflegte, aus bevorzugter Raçe herstammende arabische Roß, obwohl von einer Thierart, sind sie der Herkunft nach gleichblütig? – Und sollte bei der menschlichen Gesellschaft es anders sein? Vergeblich sucht man eine solche Bevorzugung in ihr zu vernichten. In Frankreich ist bereits diese Revolutionsidee vom Adel und der Geistlichkeit besiegt, und auch wir haben schon wieder unsere Turniere. Nur der Minnesänger – setzte jetzt der hoffnungsvolle Schriftsteller, um den merkbar werdenden Unwillen Georgs abzuleiten, noch hinzu – gehört keiner Menschenklasse an; seine Welt ist nicht diese. Und Sie, Verehrtester, sind gewiß, irre ich mich sonst nicht, ein solcher geisterfüllter Sänger? – Georg wußte nicht was sagen. Ihm brannte vor Zorn das Herz im Leibe. Er suchte diese Aufwallung zu bekämpfen, und erwiederte lächelnd: ich wandere umher in der Welt, um das eigentliche Wunderbare zu entdecken; ich meine nämlich das wirkliche Land der Poesie, wo alle Straßen mit Ducaten gepflastert, die Häuser aus Marzipan gebaut und mit Nürnberger Pfefferkuchen gedeckt sind, wo die Leute in Sonetten und Stanzen sprechen und singen; endlich selbst die Gimpel in goldenen Käfigen vor den Fenstern hängen und Choräle rührend abpfeifen, mit einem Worte: wo es sich noch verlohnte, Poet zu sein. Man hat mich in die Mark gewiesen, und es fehlt nicht viel, so glaube ich, an Ort und Stelle zu sein. Können Sie mir vielleicht in dieser Hinsicht Bescheid sagen? – Der Ritterliche fühlte sich beleidigt, so friedliebend er auch sonst war. Mein Herr! versetzte er mit schwacher Ironie, wenden Sie sich an unseren Philosophen Hegel. Seine Gedanken gehen in das Unermeßliche und er weiß über Alles Auskunft zu geben. Da es aber überhaupt scheint, als ob ein ausgezeichneter Witz in Ihrem Barte stecke, so möchte ich doch wissen, wo Sie diese Tour gekauft haben? Georg legte den Kopf wieder in seine Hand und entgegnete so freundlich, als es möglich war: ich habe meinen Bart erhalten, wo Sie sich Witz holen können, von der Mutter Natur; doch gebe ich Ihnen zu, daß mein rauhes Kinn eben sowohl eines glatten Messers, als Ihre glatte Wange einer rauhen Hand bedürfte. – Ein schallendes Gelächter erhob sich unter den Anwesenden; der Erzürnte aber nahm seinen Hut und entfernte sich, weil es eben Zeit war, in das Theater zu gehen. Es giebt nichts so Ungereimtes, was nicht zur Stunde von einem Menschen gedacht oder unternommen worden wäre, zumal in einer großen Stadt, wie Berlin ist. Georg in der verlassensten Lage, seine Brust voll tiefen Leides, saß hier wie ein Schiffbrüchiger an einem wüsten Eilande, geneigt auch dem schwächsten Schimmer der Hoffnung, irgend etwas von Aquilinens Wunderland zu erfahren, treuherzig wie ein Rheinländer nachzugehen. Wie im Unglücke der Mensch abergläubig gern von dem Zufälligsten, was ihm in den Weg kommt, Hülfe erwartet, so stand auch jetzt der gepriesene Name »Hegel« vor seiner Seele, und unwillkührlich trieb es ihn an, bei diesem trefflichen Philosophen Rath zu suchen. Wie auch seine ganze Besonnenheit ihm den Unsinn eines solchen Unterfangens vorstellen mochte, so spiegelte ihm dennoch die träumerische Hoffnung alle die außerordentlichen Ereignisse seines Lebens vor, indem sie zu fragen schien: und wäre es denn bei diesem Allen das Wunderbarste, wenn ein hochverständiger Mann dir den Weg zur Erfüllung deiner Wünsche jetzt zeigte? Was willst du sonst thun? – Um in dieser verwickelten Lage doch etwas, und mochte es selbst eine Thorheit sein, – denn es ist immer besser, etwas Albernes, als gar nichts zu thun – vor der Hand wenigstens zu unternehmen, beschloß er endlich, dem Professor Hegel seine Aufwartung zu machen. Zweites Kapitel. Von einem Knaben des Weinschenken ließ sich Georg zur Wohnung des Philosophen geleiten. Der Diener, welcher ihn anmeldete, öffnete ihm sogleich eine Thüre, und schüchtern trat er in das Zimmer hinein. Der Professor saß am Fenster, rings umstellt von Büchern jeglichen Formates, und war über ein Blatt Papier, auf welches er mit einer Bleifeder zu schreiben schien, sinnend gebückt, wie Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Nach einer ziemlichen Frist fragte Professor Hegel, ohne aufzublicken: »Sie sind?« Georg Venlot, ein Privatgelehrter. »Sie wünschen?« Ruhe! – Nicht der Erde, nicht dem Himmel, nicht mir selbst angehörend, irre ich umher in der Welt, um in das Land der Glückseeligkeit, in welchem ich einst Alles gefunden habe, wieder einzugehen. Vergebens war bis jetzt mein Bemühen, mein Beten, mein Hoffen. Der Verzweiflung war ich nahe, als ein glücklicher Zufall Ihren allverehrten Nahmen in mein Ohr tönen ließ. Ich hielt es für eine Weisung des Himmels, mich an Sie zu wenden. Der Professor stand vor ihm und schaute ihn an mit seinen klaren Augen, »vor welchen die ganze Welt durchsichtig liegt«; und sprach nach einer Weile: »ich verstehe Sie noch nicht, wollen Sie sich bestimmter ausdrücken?« Georg seufzte und antwortete beklommen: Sie werden mich gewiß für sinnlos halten, wenn ich Ihnen sage, daß ich einst die herrliche Aquilina oder Maria, ja fürwahr die Idee des Erhabensten und Schönsten wahrhaft erschaut, und in ewiger Liebe und Inbrunst mich mit ihr vereinigt hatte, bis ich sie durch meine vielfache Schuld vielleicht auf immer verloren habe. Werden Sie mein Retter; zeigen Sie mir den Weg zu Ihr zurück. Der Professor sann und entgegnete nicht ohne ein gewisses Mitleid, welches auf seinem Gesichte und in seinen Worten lag: »Was Sie begehren, suchen Sie vergeblich! – Die geistige Wirklichkeit hat sich Ihnen in die Aeußerlichkeit des gemeinen Naturdaseins umgesetzt. Zerbrechen Sie die Schale der schlechten Endlichkeit; denn nur aus der Vernichtung derselben hebt sich der Kern empor, aus welchem die wahre Wirklichkeit sich entfalten muß. Schauen Sie mit dem Geiste das, was als die eigentliche Wesenheit des Geistes sich nur im reinen Gedanken als eigentlich Wirkliches fassen läßt.« Georg erwiederte: o nein! Es hat sich mir ja jenes himmlische Weib in unermeßlicher Schönheit nach Außen hin geoffenbaret, mich zu sich gezogen und eigen gemacht! – »Also ein Kunstideal!« versetzte der Professor, und fuhr mit der Hand über die gedankenschwere Stirne. »Sprengen Sie getrost die Hülle der durch die Phantasie geschaffenen Endlichkeit der Idee; denn nur aus der Vernichtung des Endlichen steigt der Phönix unendlicher Wahrheit, aus sich selbst wiedergeboren, strahlenhell empor! Nur im unbedingten Sein vermag der Geist sich selbst zu erfassen.« – Also gäbe es nichts Großes und Heiliges außer mir selbst? versetzte Georg sehr bewegt; also wäre selbst jeglicher Religionsglaube eine Täuschung? Er war bei diesen seinen Worten todtenbleich geworden. »Verstehen Sie mich recht!« entgegnete der Professor. »Nur der Gedanke, welcher sich im Kampfe der Weltgeschichte, als ihre Grundwahrheit zum wahren unbedingten Sein emporringt, befreit den Geist zu sich selbst. Die Seeligkeit des Glaubens aber ist nur der Embryo, aus welchem sich die Seeligkeit des Wissens entwickeln muß. Sie sind, wie überhaupt unsere ganze Zeit, mit dem Glauben zerfallen; wagen Sie daher den letzten Schritt zur gänzlichen Selbstbefreiung!« Wie aufgelöst in sich selbst stand Georg, bis er in die Worte ausbrach: o diese schreckliche Einsamkeit und Allgenügsamkeit. Mein Herz bedarf mehr! Glaube und Wahrheit, warum sollen sie sich feindseelig gegenüberstehen? – Der Professor zuckte mit den Schultern und ließ sich wieder auf seinen Sessel nieder. Mein Vater war ein guter Mann, begann nach kurzem Sinnen, und wie im Traume Georg zu sprechen, und ich erinnere mich, daß er eine gute Violine hatte, auf welcher er wohl zu spielen verstand. Wie ein Kind ist – ich hätte gar so gerne gewußt, wo die Harmonie im Instrumente – und es war ein tüchtiges Werk – endlich verborgen sein müßte. Zu gelegener Zeit war ich mit einem Messer darüber her und zerschnitt sie in kleine Stückchen; – die Harmonie aber ließ sich so eigentlich nicht finden. Ich war endlich überzeugt, daß sie endlich blos in meiner Vorstellung existirte; mein Vater aber war damit nicht zufrieden, denn, wie schon gesagt, er wußte den Violinbogen tüchtig zu gebrauchen. Georg hätte noch lange zu erzählen gehabt; aber da er bemerkte, daß sein Verweilen mißfälliger, als sein Weggehen sein dürfte, so empfahl er sich so höflich, als er nur immer konnte. Drittes Kapitel. Wer einmal in Berlin ist, darf es nicht versäumen, die einzigen Denkmäler an den Befreiungskrieg – die Bildsäulen Scharnhorsts, Bülows und gegenüber das Standbild Blüchers anzusehen. Man kommt fürwahr in Verlegenheit, was man an diesen herrlichen Gebilden der Bildhauerkunst mehr bewundern soll, ob die königliche Großherzigkeit, welche so hoch Preußens Helden zu ehren suchte, ob den Meister, welcher sie schuf, ob die Helden selbst, welche in ihnen gefeiert sind? – Vor Blüchers eherner Bildsäule befand sich Georg schon seit einer Stunde. Er war diese ganze Zeit über um das prächtige Kunstdenkmal wie ein Böttcher um sein Faß herumgestiegen; jetzt aber stand er schon seit geraumer Zeit still und hielt sein Auge auf das umgeworfene und zersprungene Geschütz, worauf der eherne Feldherr seinen linken Fuß gesetzt hat, länger hingeheftet, als man hätte erwarten mögen. Georg gehörte, wie der günstige Leser bereits schon vor längerer Zeit bemerkt haben wird, zu denjenigen Leuten, welche bei irgend einem Gegenstande allgemeiner Meinung zuweilen so lange den Kopf hin und her neigen, bis ihn irgend eine unvorhergesehene Ohrfeige wieder ins Gleichgewicht bringt. Man kann diese Leute um so leichter aus Tausenden herausfinden, je mehr die ganze Menge für einen Gegenstand zugleich sich begeistert zeigt. Man kennt diese Menschenart alsbald an einem gewissen schalkischen Lächeln, das aber fast immer zugleich freundlich sich ausnimmt, und ihr wohl ansteht. Ja, diese Leute lassen sich bei dem vielstimmigen Ausrufe: »Prächtig! Göttlich! Bravo! Hurrah! Vivat!« und dergleichen Begeisterungsaccenten mehr, an jenem verdächtigen: »Hm! Hm!« – das beinahe wie ein heimliches Husten klingt, heraushorchen, wie falschklingende Saiten mitten aus den andern Tönen. – Wenigstens hörte Schreiber dieses Kennzeichen Uebelwilliger von einem Polizeidirector für untrüglich erklären. Georg aber hatte außer diesem berüchtigten: »Hm! Hm!« noch eine andere Untugend, welche er bis zu seinem seeligen Ende sich nie so recht abgewöhnen konnte! – Es war nämlich in seinem Gedächtnisse eine Menge von Versen und abgerissenen Gedanken gleich einzelnen Ausreißern, welche bei einem großen Heerdurchzuge in einem Flecken zurückbleiben und sich dort auf einige Zeit versteckt halten, auch beim Durchlesen aller der verschiedenen Bücher, in seinem Gedächtnisse sitzen geblieben. Bei vorkommender Gelegenheit, oder wenn es ihm sonst belieben mochte, kamen diese Gedanken aber, wie Minerva aus Zeus Haupte, mit Ober- und Untergewehr hervorgesprungen. Georg ließ eben jetzt, wie er so hier stand vor dem Meisterwerke Rauchs, und das zersprungene Geschütz ansah, nicht nur seinen Kopf herüber und hinüber schwanken, sondern auch bereits schon das confiscirte: »Hm! Hm!« hören. Endlich begann er mit sich selbst zu sprechen: Oft in stiller Winternacht erzählte man sich daheim bei mir von singenden Blutstropfen, die im Grase liegen. Es ist ein altes Mährchen, und das wird immer wieder neu und ich weiß von einem Herzen in Deutschland, das noch heute blutet, von einem glühend heißen Dolchstoße! – Und ich kenne eine Geschichte von einem alten Manne, der auf Böhmens Bergen steht, auf die Straße hinausschaut, und das Haupt lange schüttelt, als ließe man ihn einen harten Gang gehen; – eine traurige Geschichte von Leuten, die aus seinem Becher getrunken, und aus seiner Schüssel gegessen. und ihn doch – – Während Georg hier stand, waren schon seit einiger Zeit vom Wachtgebäude her mehrere Lorgnetten und Operngucker auf ihn verhängnißvoll gerichtet. Jetzt wurde er mitten im Flusse seiner Rede von einer Nachtwächtersschnarre unterbrochen, mit den Worten: man hält wohl hier dem großen Blücher eine Standrede? – Georg hatte bei dieser Anschnarrung den Kopf gewendet, und sah einen alten Soldaten mit einem schneeweißen Waterlooschnurrbarte, über welchem ein unheilkündender Nasencomet feuerroth herunterdrohte, hinter sich stehen, hinlänglich gerade und steif, um weiland Ziethens Haarzopf zu symbolisiren. Um Georgs Mund zuckte ein Lächeln – es wird ihm theuer zu stehen kommen! – Der freundliche Leser möchte ihm gewiß den Mund zuhalten, wenn er ihn jetzt also sprechen hört: Wackerer Befreiungsmann – denn das eiserne Kreuz, welches Sie an der Brust und Deutschland auf dem Rücken tragen, kenne ich wohl – Sie wollen mir und meiner Rede ein paar lebendige Ohren leihen, statt daß ich bis jetzt, wie die Weltgeschichte, nur mit metallenen zu thun hatte? Theuerster Freund, Sie machen mich sehr glücklich; denn selten gelingt es unsereinem, Gedanken an den Mann zu bringen. Ich bin nicht wie jener mit seinem Schnupftabacke im enghalsigen Fläschchen, woraus er mir selbst eine Prise zuweilen sich aufschüttete, eben so mit meiner Meinung zur Ungebühr zurückhaltend, zumal gegen gediente Leute, welche Ideen zu schätzen wissen. Aus dem Gewitter, welches im Gesichte des Alten brannte, zuckte noch einmal ein heller, freundlicher Sonnenblick. Georg fuhr nun ruhig fort: Sehen Sie, mein Herr! dort oben das gewaltsam zertriebene und gewissermaaßen mit Füßen getretene Geschütz? – Es erinnert mich auch an ein gewaltsam Zerrissenes – nicht sowohl an Polen und Sachsen, als vielmehr an eine weiße Heerde – Schaafe waren es gerade nicht – welche man nach geschehener Justifizirung der störrigen Leithammel Stück für Stück abzählte und trotz allem Blöcken die eine Hälfte von der andern hinweg, und in einen neuen Stall eintrieb. Daran denke ich, mein Herr! – und dann an ein Lied, welches ich irgendwo gehört habe, und hierauf einigen Bezug hat. Der schnurrbärtige Horcher machte höchst verdächtige Augen und sagte: dieses Lied – Gott soll mich – muß scharmant sein! Wäre auch Georg auf einer Pulvermine gestanden und hätte dieses Lied selbst einer Lunte gleich, sobald es ausgesprochen würd, gezündet; er hätte dennoch nach Gebühr vorgetragen. Er lächelte nicht mehr und sprach in seiner Weise: Erschossen liegen bei Namur im Sand Wohl wackere Leut' aus Sachsenland. Sie wollten nicht weichen vom Sachsenpanier, Erschossen liegen die Braven hier. Und gingen die Andern in's himmlische Haus; Der Eine steigt Nächtens vom Grab heraus. Er sitzt auf dem Hügel in tiefem Schmerz, von Kugeln das treue Herz. Er singet mit knöchernem Todtengesicht: Ich fürchtete eure Kugeln nicht! Dem Sachsenkönige galt mein Eid; Ihn hab' ich gehalten zu aller Zeit. O, Vaterland, daß du zerrissen bist! Wie könnt' ich noch schlafen zu dieser Frist? Die Trommel schlug ich in mancher Schlacht, Dürft' ich sie rühren in solcher Nacht! Mußte denn Alles brechen entzwei, Mit dem deutschen Reiche die deutsche Treu? So singet Nächtens auf Namur's Sand Der todte Tambour vom Sachsenland. Nachdem sich also Georg sein Herz erleichtert hatte, wandte er sich um – denn er hatte gewissermaaßen dieses Lied zu der ehernen Statue emporgesprochen, – um in das Gesicht des Befreiungsmannes zu blicken. Das schlug ihm fehl; denn dieser war nicht mehr zu sehen; dafür aber guckten ihm ein Doggengesicht mit herabhängenden Mundlefzen und grimmig umrunzelten Augen – und eine freundliche, stumpfe Bolognesernase – beiderseits beinahe menschlich anzusehen – über seine Schultern herein. Georg erschrack über diesen Spuck nicht wenig, faßte sich aber bald, wie er bemerkte, daß diese Gesichter zwei Polizeisoldaten angehörten, welche jetzt zugleich, der eine in tiefstem Basse – der andere in der höchsten Fistel, ihn anschrieen: Er ist unser Arrestant! – Georg brach in ein lautes Lachen aus und sagte: meine Verehrtesten! womit bin ich denn bis jetzt einer wohllöblichen Polizei lästig geworden? – Man komme mit! – rief der Baß. Mach Er keine Umstände, bester Freund! schrillte die Fistel. Wohlan! entgegnete Georg, wenn ihr Er's denn kein Mitleid mit einem armen, vom Lachkrampfe behafteten, Menschen haben wollt, so führt mich zum Verhöre! – Georg schlenderte behaglich zwischen den Beiden, welche das Straßenpflaster taktmäßig feststampften, zum freundlichen Polizeigebäude hin; wo er denn glücklich ankam und eine unverdiente artige Behandlung und zugleich das alte eiserne Kreuz als seinen Angeber vorfand. Da er sich durchaus mit keinem Passe als einen ehrlichen, brauchbaren Menschen ausweisen konnte, so verdankte er es allein seiner Aufwartung bei Hegel, – von welcher die thätige Polizei bereits benachrichtiget war, und dann der Artigkeit des Polizeidirectors, welcher ihn aus seinem Mährchen: »Die Fee Aquilina« als einen höchst unschuldigen, loyalen Dichterling bereits früher kennen gelernt hatte, – daß er dem Kerker entrann, und nur mittelst Schubpasses in seine Heimath spedirt werden sollte. Georg bedankte sich für den milden Bescheid; die Dogge erhielt den Königl. Preuß. Schubpaß ausgehändiget, und nahm zugleich den ziemlich munteren Schubpäßler, in Gemeinschaft mit dem Bologneser in die Mitte. Gravitätisch ging es die Straße hinab auf das Brandenburger Thor zu – eine Menge hoffnungsvoller kleiner Berliner um sie herum, wie eine Heerde Krähe um einen Habicht. Selbst ein alter ruhiger Bürger, an welchem Arrestant vorüberzog, sagte bedenklich: »wieder so Einer! – Alles nach Köpenik; und wieder nichts geköpft!« – Als Georg mit seinen Begleitern an das Thor kam, knurrte die Dogge höhnisch genug: weiß Er kein Verschen nicht dort auf die Victorie, die auch in Paris war? – Hä? – O ja! sagte Georg, that seinen Mantel um, und war – verschwunden. »Halt!« schrieen die Beiden, und rannten mit den Köpfen gleich zwei stößigen Böcken so hart gegen einander, als gälte es Hirnschädel zu zerbrechen. Sie prallten zurück, stierten sich mit thränenden Augen an, bis der Bologneser in die Worte stöhnend ausbrach: aber, Bruder Pommer, was war das? »Das war der Deuwel!« brummte die Dogge. Es giebt ja gar keinen nicht; besinne dich nur, Bruder Pommer! »Wieder wahr! – aber wo steckt man denn sonst. Gott sei bei uns?« Ich weiß nicht! »Ich auch nicht,« brummte der Halbriese; da ist nun der verdammte Schubpaß; was macht man mit dem? Bin ich doch neugierig, meinte der Kleine, was man zu dieser außerordentlichen – ja, erschrecklichen Begebenheit – sagen wird? »Sagen? brummte der Große – nichts! – was nicht in der Rubrik, und mithin außer Ordnung steht, ist gar nicht wahr!« – Doch! Doch! winselte der Kleine, nahm den Schubpaß nachdenkend in die Hand und hielt ihn der Dogge vor die Augen als eine flügge geworden Anweisung zu einer Königl. Preuß. Nase. Also knarrte und rumpelte das bestürzte Paar gleich zwei Rädern, welche um die unbetheerte Achse am Kothwagen laufen, die wohlgepflasterte Straße hinauf, um höhern Ortes diese Begebenheit schuldigst anzuzeigen. – Daß in Berlin nur wenige Leute an die Wahrheit dieses Vorfalles glauben, ist gewiß. Diejenigen aber, welche in irgend einer Schnapsschenke etwa Gelegenheit hatten, den ehrlichen Pommer zu sehen und zu hören, wenn er auf diese Geschichte kam – was aber selten der Fall war – und die tausendfachen Betheuerungen derselben, welche in Bomben und Granaten von seinem Munde stoben, zu vernehmen, sind gewiß von der Wahrheit dieser Erzählung eben so gut überzeugt, wie der Aufzeichner dieser Geschichte selbst, welcher den alten Cerberus mit zwei Pfunden vom Beliebten zum Erzählen brachte; denn nur sehr ungern geht er daran, über diese Affaire – so nennt er diese Begebenheit – sich auszulassen. – Der damalige Gefährte des Pommers, der sogenannte Bologneser, ist aber überhaupt zu klug, als daß er von Polizeiangelegenheiten anders, als mit Achselzucken sprechen sollte. Schade, daß der Waterlooschnurrbart mit dem Leipziger Freudenfeuer darüber nur jenseits, wo die Allwissenheit keine Gedankenabhorcher mehr gebraucht, gesucht werden muß! Der freundliche Leser wird hieraus sehen, welche große, vielleicht undankbare Mühe, gegenwärtiger Lebensbeschreiber hatte, die allerwärts zerstreuten, oft kaum zugänglichen Zeugen, zu einer Beweisführung zum ewigen Gedächtnisse abzuhören; und wie oft er zum Magnetismus und der Hellseherei seine Zuflucht – mit Aufopferung seiner Gesundheit nehmen mußte! – Viertes Kapitel. Als Georg über den Altenmarkt zu Dresden ging, kamen zwei Herren, welche durchaus in elegantes Krähenschwarz gekleidet waren, so daß nur eine wenig aufgeregte Phantasie dazu gehörte, sie für Gnomen und Tintengeister zu halten, ihm vorüber. »Diese Beiden sprachen heftig genug mit einander, um ihre Unterredung verstehen zu können. »Mein Trauerspiel so herunter zu machen, Freund! – so nichtswürdig!« schrie der eine und ballte die Faust empor in die Luft. Wir wollen ihn wieder heruntermachen, und tüchtig! – entgegnete der Andere. Genofeva, Octavian, den Phantasus – nichts will ich mehr verschonen! – Er soll die längste Zeit fünf Louisd'or für einen Bogen bekommen haben! – Ach, Deutschland! seufzte Georg –ist das dein Salz, mit dem du salzen sollst?– Dieses Gewürm – Gott verdamm es! murmelte er in den Bart hinein. Eine freundliche Bürgersfrau, welche ihm entgegenkam, befragte er jetzt um die Wohnung des Hofraths Tieck. »Dort rechter Hand,« sprach sie, im rothen Eckhause, eine Treppe hoch, vorn heraus! – und entfernte sich mit höflichem Knix. Ich will Ihn sprechen! sagte Georg bei sich selbst; und ich will ihm auch mein Leid klagen, vielleicht weiß er mir erwünschteste Antwort zu sagen. Er trat in das bezeichnete Haus ein. Auf der Treppe begegnete er einem angenehmen Mädchen im grünseidenen Gewande! Wie es den sonderbaren Mann erblickte, erschrack es nicht wenig; doch wußte es sich bald zu fassen. Georg fragte, so zierlich er es vermochte: ob der Herr Hofrath zu Hause wäre? –Das Mädchen führte ihn zuvorkommend und höflich den Hausraum vor, und ließ ihn in ein Zimmer eintreten; indem es sich empfahl. Ein nicht großer Herr mit einem geistreichen Gesichte, über welches tausend Schalkheiten einst, gelaufen' zu sein schienen, stand, in der Mitte des Zimmers so recht wie ein Geisterbeschwörer. Georg fragte: habe ich die Ehre mit Herrn Hofrath Tieck zu sprechen? »Der bin ich! Lassen Sie sich nieder!« – Der Hofrath setzte sich bequem in einen Armstuhl; Georg aber nahm einen Sitz ihm gegenüber ein. Ich heiße Venlot, begann er, und hatte mich früher gänzlich der Muse gewidmet. Wie oft und lange habe ich gewünscht, mich einem Manne zu nähern, welchem die ganze gebildete Welt Bewunderung zollt. Der Hofrath schien aufmerksamer zu werden, indem er die Beine übereinander schlug, und sich an die Stuhllehne mit dem Kopfe zurücklegte. Bei Ihnen hoffe ich Rath und Trost zu finden – wollte Georg fortfahren; allein der Hofrath unterbrach ihn mit den Worten: »ich will Ihnen aufrichtig meine Meinung sagen, indem ich selbst voraussetze, daß ein Dichtergenius, in Ihnen lebt. Wollen wir zunächst einen Standpunkt gewinnen, von welchem aus wir einen Ueberblick über deutsches Leben und Kunst gewinnen können! – Das deutsche Reich, mit ihm uralte Gewohnheiten, altes Adel- und Patrizierthum mit aufgestülpter französischer Perücke, lateinische Gelehrsamkeit und Pedanterie war ungestüm genug gebrochen worden. Kräftige Männer – wer denkt nicht an Lessing? – hatten bereits die scheintodte Poesie zu erwecken gesucht; aber kaum schlug sie die Augen auf, so begann sie an schwacher Empfindelei wieder hinzukränkeln. Ironie nur konnte helfen und retten. Unerhörte Kraftäußerungen lassen überall im Leben wie in der Kunst – denn eins geht aus dem anderen hervor! – Außerordentliches hoffen. Was wurde gewonnen? – Wir haben kein Volksleben, keinen Volksglauben, keine Volksfeste, keine Volkssitte sondern dafür – Verwischung jeglicher Individualität aller Stände, selbst der Gesichter, der Charaktere, der Häuser, der Trachten, mit einem Worte – allgemeine Verflachung jeglicher Gepräge! – Wer kann in einer solchen, mit weißem Kalke abgetünchten Zeit noch an ein Volkstheater denken? – Die einzig denkbare Poesie läßt sich nur noch im Lohkasten der Ironie zu etwaiger Blüthe als exoterisches Gewächs emportreiben! – sowie wohl auch endlich das ironische Bewußtsein überhaupt, worinnen Alles untergehen muß, damit man sich allein und ganz genieße – des Lebens Letztes ist.« »Es ist nicht anders!« fuhr der Hofrath fort, indem er eine kleine Wolke des Unwillens mit flacher Hand von der Stirne strich. »Wahr ist es: die Kunst wollte Mögliches thun, das deutsche Leben zu durchdringen; allein das Schlimmste war nur, daß gar kein deutsches Leben da war, weder in der Kirche noch auf den Rathhäusern und Märkten der Städte, weder in den Hütten, noch in den Pallästen!« – »Und wie vereinsamt steht jetzt schon diese kurze Kunstepoche Deutschlands da, – schön und grün zwar, aber wunderbar, wie eine Oase in schrecklicher Sandwüste.« »Selbst die Malerkunst, zwiefach erweckt, einmal durch das Studium der Antike – zur Zeit Winkelmanns, – dann wiederum durch ein zauberartiges Emporbannen der tiefgläubigen Kunst des Mittelalters, steht im Allgemeinen recht fremd der fremden Zeit mit ihren Werken gegenüber!« »Wenn Sie, mein junger Freund! so recht im jetzigen Zeitsinne vor die Meisterwerke eines Cornelius treten, fühlen Sie nicht alsdann eine Art Geisterschauer, ohngefähr als stände eine auferstandene Leiche vor Ihnen?« – O, ich habe diese Zeit ausgeschmeckt! seufzte Georg. Auch gestehe ich es ein, daß ich eben gekommen bin, Sie zu fragen: wo und wie ich, der Welt entflohen, eingehen mag in das ewigklare Wunderreich der Muse? – Sie halten mich gewiß nicht für wahnsinnig, wenn ich Ihnen eingestehe, daß die Fee Aquilina, die Muse – oder nennen Sie die Herrliche wie Sie mögen – einst mein, und ich bei Ihr in dem Reiche aller schönen Wunder war, – bei Ihr im crystallenen Schlosse! – Herr Hofrath, Sie lassen Ihren Zerbino doch endlich in das Land des guten Geschmacks kommen! Es wird kein anderes Reich sein, als was ich selbst suche. Zeigen Sie mir, ein begeisterter Seher den Weg dahin zurück! Verwundert versetzte der Hofrath: »Sie scheinen in einem sonderbaren Irrthume zu schweben. So wenig das Spiegelbild materiell vorhanden ist, eben so wenig kann auch eine eigenthümliche Abspiegelung des Dichtergemüthes in der Wirklichkeit gegeben sein.« Sie glauben also nicht – rief Georg – an die Wahrheit ihrer Welten, welche Sie schaffen? Nicht an den Prophetengeist in ihrer Brust? – Nicht an die Allwissenheit, wovon eine große Ahnung in der Dichterseele liegt? Beinahe hätte der Hofrath bei diesem komischen Jammer laut auflachen mögen. Und dennoch, fuhr Georg in wunderlicher Begeisterung fort, habe ich hier die Siebenmeilenstiefel an, worüber Sie ja fast selbst ein Buch geschrieben haben! Uebrigens – bereits um einige Meilen nach und nach abgelaufen, grundfalsch. Sie haben noch, immer die alte Tugend! – Sie können diesen Irrthum füglich bei der neuen Herausgabe Ihres »Phantasus« berichtigen! – »Ich bin Ihnen – versetzte freundlich der Hofrath– für diese Mittheilung sehr verbunden!« – Ich bin sehr unglücklich, Herr Hofrath! rief mit gerührter Stimme Georg – wenn ich unverrichteter Sache von Ihnen scheiden muß. Haben Sie denn nie, nie von der wunderbaren Fee Aquilina Etwas gehört? Und wissen Sie nichts darum, – wen soll, wen kann ich noch irgendwo fragen? – Alles Heilige, Ahnbare hat sich in mancherlei Sagen dem deutschen Volke geoffenbaret, und sollte Niemand von dieser Herrlichkeit wissen? Um sich den scheinbar halbwahnsinnigen Menschen vom Halse zu bringen, versetzte der Hofrath: »wenden Sie sich doch an Jacob oder Wilhelm Grimm in Göttingen! Ueber Volkssagen und allerlei Wunderbares können Sie dort die sicherste Nachricht erhalten.« Unter Versicherung herzlichen Dankes für diese Weisung, entfernte sich Georg. Zwölftes Buch. Erstes Kapitel. Auf einer Anhöhe, dicht an der Heerstraße, unter einer mächtigen Eiche, welche in ihrer weißangereiften Verästelung wie mit tausend Händen und Fingern hinaus in das Blaue zu greifen schien, stand Georg in trübem Hinbrüten versunken. Leise bebten seine Lippen und krampfhaft waren seine Hände auf der Brust zusammengepreßt. Ich bin wahnwitzig! – stöhnte er vor sich hin; denn außerdem müßte doch irgendwer mich verstehen und begreifen. Vermag doch weder Philosophie, noch Poesie mir des Lebens Räthsel zu lösen! O, wie ist es noch möglich, daß ich mich rette vor dem Irrwahne? – Ist alles das, was mich bis jetzt mit Schmerz und Lust erfüllt, mit Qualen und Wonnen durch mein Herz sich gewoben hat – nur ein Irrthum, so bin ich auf ewig verloren; denn polypenartig ist mein ganzes Wesen davon durchwachsen! – Wehe mir! dem Unsinne ganz anheim fallen? nichts sein, als ein Tollhäusler? – O, du bebende Menschheit in meiner Brust, was ist es mit dir, – bist du todtkrank oder fortwährend genesend? – Mein Gott! Mein Gott! Er schwieg wieder. Unaussprechbare Gedanken blühten traumartig, blumenhaft in seiner Seele auf, vergingen und wuchsen in wunderlichen Arabeskenverschlingungen durcheinander. – Also starb und lebte und webte wieder im Nervengeflechte die Seele in fortwährender Zeugung ihrer selbst. O du schmerzdurchzücktes, gramumdüstertes Dichterhaupt! die Wunderwelt, welche in dir lebt, kann kein Wahnsinn sein! und wäre es Wahnsinn, so müßte selbst die Gottheit sich weinend aus den Wolken über dich herabbeugen vor herzzerschneidendem Mitleide! – Es ist kein Trug, was in dir sich emporhebt in unermeßlicher Fülle, selbst noch unentwickelt, gottähnlich. Sowie im gesäeten Blumenkerne die Pflanze sich geheimnißvoll und heimlich regt und dehnt, sich an Licht und Luft drängt, und ihre Kraft sich fort und fort entwickelt, bis sie endlich zur leuchtenden, duftenden Blumenkrone emporschießt – ein vollkommenes, herrliches Gewächs; – so muß auch dieses Räthsel in der Menschenseele mit seinem Drängen und Treiben endlich vortreten in die Farben des Tages – zur seeligen Wahrheit. Nicht die brennenden Augen zu Boden gesenkt, verzagender, träumender Mann! – Vertraue dir selbst und gehe ruhig dem rothen Faden nach, welchen die Vorsehung – eine milde Ariadne – dir in die Hände gegeben, und an deinem Wege hingespannt hat! – Aber in Georgs Herz wollte die Ruhe nicht kommen! – Er stand und wurde trüber und trüber. – Ein Waldtaubenpaar, wundersam zahm, girrte zu seinen Füßen und suchte im niedergetretenen Schnee vergebens nach Futter. Wie es kommen mochte? – Ihm wurde, da er diese harmlosen Geschöpfe vor sich sah, so weich um das Herz, daß eine Thräne hinunterfiel in den Schnee; vergeblich fuhren die Tauben darnach – es war nur eine Menschenthräne, kein Körnchen werth. Wie so oft vermag ein geringfügiger Gegenstand unserer nächsten Umgebung, das herbste Leid aus unserem Herzen und von der Stirne zu jagen! – Wie ein Kind bei neuem Spielzeuge frühere Leiden und Freuden vergißt, so wurde auch Georg, indem er dem Laufen, Flattern, Suchen und Picken der blauen Täubchen zu seinen Füßen zusah, unvermerkt wieder in das äußere Leben herausgelockt. Noch mehr geschah dieß durch einen Landprediger, welcher eben jetzt breitschultrig, mit einem festen Knotenstocke in der Hand, die Straße einhergeschritten kam. Die Tauben flatterten verschüchtert davon. Wie er herankam, blieb er stehen, warf den Kopf zurück – wie Leute zu thun pflegen, welche Andern gern eine gewisse ehrerbietige Scheu einstoßen möchten – und sprach mit gesetzter, wohlgeründeter Stimme: guten Tag, mein Herr! – Nach erfolgtem höflichen Gegengruß, nahm der Landprediger das Wort auf, indem er den Ueberrock über den weidlichen Leichnam fester knöpfte: wenn es im Winter nicht so kalt wäre, oder wenigstens das Filialpredigen ausgesetzt würde, so möchte er immer noch zu ertragen sein! – Sie sind Prediger? versetzte fragend Georg und schritt neben ihm rüstig einher. Es muß ein großes Gefühl sein, den Glauben des Christentums zu verkündigen der heilbedürftigen Menschheit! – Der Prediger sah Georg mit einem scharfen Blicke an, und sagte in so innerer Zufriedenheit mit sich selbst: Glauben? Ueberzeugung ist das wahre Wort. Wovon sich die Vernunft keine klare Vorstellung machen kann, das ist ein Irrthum. Die Bibel enthält viel Brauchbares; aber man hat redlich zu thun, um sie reinzufegen von der Spreu. Die Offenbarung haben wir – Gott und Röhr in Weimar sei gedankt! – glücklich todtgemacht! – Wir machen Alles begreiflich, wie es einem Vernünftigen ansteht! – Allein nichts destoweniger anerkennen wir dennoch in dem Manne von Nazareth »den richtigen Takt für Edles und Würdiges, den trefflichen Witz, die oratorische Darstellungsweise, – welche er freilich nur den Rabbinern abgelernt hat.« Zu läugnen steht freilich nicht, daß er »lediglich ein Produkt seines Zeitalters ist.« Seine Aussage: »daß er Gottes Sohn sei, ist eben so eine Redensart, welche wir ihm seiner Verdienste halber zu gute halten müssen.« – Georg hatte bis jetzt das eigene Glück genossen, kaum von Weitem einen solchen neumodischen Prediger, wie sie vor einiger Zeit gleich Sperlingen im protestantischen Deutschlande herumflogen, kennen zu lernen. Was Wunder daher! wenn er jetzt mit etwas verwunderlichen Augen einen solchen theologischen Sansculotte anschaute. Volltönender und hitziger, als er sonst zu reden pflegte, sprach er zu dem Pfarrherrn, welcher eben mit zurückgeworfenem Kopfe und aufgeblasenen Nasenlöchern auf dem Wege stehen blieb: Die Welt ist also nur so groß, als euere Schneckenhörner reichen? Ihr glaubt also an nichts, außer an die Untrüglichkeit eueres Maulwurfsblicks? Hochehrwürdiger! mich wundert es nur, daß du noch einen Darm im Leibe hast, der du so reinweg auspurgirt bist. Begreifst du mit deiner göttlichen Vernunft die Kraft, welche die hundertblätterige Rose mit Düften und Morgenroth füllt? Begreifst du das Geheimniß deiner unsterblichen Seele, – das Wunder deiner eigenen Entstehung und deiner Geburt? – O, der vermessene Wurm, der nach der Schneiderselle den Unendlichen, Unerforschlichen ausmessen will! Georg stand vor dem Erstaunten hoch aufgerichtet und hatte ihm die drei ersten Finger seiner rechten Hand auf die Brust gelegt, als hätte er diese seine Worte ihm in das Herz drücken wollen. Er fuhr aber fort: Verzeiht, mein Herr! wenn ihr keine beseligendere Wahrheit dem Menschen zu geben wisset, so schweiget lieber; denn er lebt seeliger selbst im Dämmerlichte des Wahns auf den bunten Auen der Mährchenwelt, als auf eueren äthiopischen Sandwüsten! Laßt ihm seine Träume vom harfendurchklungenen Himmel, und den lobpreisenden Engelschaaren darinnen! – Laßt ihm den Weltheiland, den Dornengekrönten mit seinen blutroth strahlenden Wunden! – vor Allem aber die allerbarmende Gottheit, welche sich fort und fort der armen, bedrängten Menschheit in unergründlichen Wundern offenbaret. Georg schwieg jetzt; der Pfarrherr sprang einige Schritte zurück, und sprach nach einer Weile erschrocken genug: aha! so Einer? – Mit diesen Worten entfernte er sich, den Knotenstock unter dem Arme, indem er einen Seitenweg, welcher zu seiner Behausung führen mochte, mit hastigen Schritten einschlug. Zweites Kapitel. Georg ließ sich in Göttingen zu dem Professor Jacob Grimm geleiten. Ein ernster Mann mit einer freien, offenen Stirne trat ihm wohlwollend entgegen. Georg erzählte ihm das Wesentliche seiner Schicksale. Das ist ja die unglaublichste Geschichte! rief verwundert Jacob Grimm; aber ihr ehrliches Gesicht und ihr bewegtes Wesen möchten gern glauben machen, daß so etwas geschehen könne. Junger Freund! ich glaube nur, daß Sie sich eine fixe Idee in den Kopf gesetzt haben. Es wäre traurig, wenn ihr edler Geist also untergehen sollte! – In diesem Augenblicke trat Jacobs Bruder, der treffliche Wilhelm herein. Eine eigene Herzlichkeit lag in den Worten, in den Blicken, in dem ganzen theilnehmenden Wesen dieser Brüder. Nachdem Wilhelm Grimm in das Gespräch mit eingeweiht war, sagte er: wohl giebt es Mancherlei, das wir nicht begreifen können, und doch da ist! Aehnliche Gedanken, wie es eine solche Wunderwelt geben möchte, streiften einstmals meinem Geiste vorüber. Uebrigens erinnere ich mich, von einer Fee Aquilina vor längerer Zeit etwas vernommen zu haben. Georg drückte die Hand des sinnigen Mannes, und rief: ja, Sie glauben noch an das wirkliche Dasein eines höheren Geisterreichs! bei Ihnen, sonst nirgends finde ich Rath, so wie mein trauriges Schicksal nur bei Ihnen Theilnahme erregt. Wilhelm Grimm ging nachdenkend eine Weile das Zimmer auf und ab, bis er in die Worte ausbrach: ich kann Ihnen, Herr Venlot, mit nichts dienen, als mit einem Mährchenanklange. Mir ward von einem Wallfischfänger erzählt, daß im äußersten Norden, wo die Erde, alter Cometennatur getreu, noch im eigenen Lichte leuchtet, wo die Wunder des Magnets ausströmen, mitten zwischen ungeheueren Eisbergen ein grünes Eiland läge. Dort wohne ein uraltes Weib in einer Clause. Wenn aus irgend einer Himmelsgegend ein Wind daselbst angelangt wäre, so nähme er menschliche Gestalt an, und kehre in dieser Herberge ein, um vor langer Reise auf kurze Zeit dort auszuruhen. Dort, meinte der Wallfischfänger, könne man Alles erfahren, was es nur Geheimes auf der ganzen Welt gäbe. So eine Art überirdischer Salon! schaltete Jacob ein. Auch wollen hoch oben vom Norden her, fuhr Wilhelm fort, verwegene Seehundsjäger ein Waldhorn mächtig klingen und räthselhafte Stimmen gehört haben. Lieber Venlot, setzte der Erzähler hinzu, das ist Alles, was ich weiß! Machen sie daraus, was sie wollen. Uebrigens aber würde ich an ihrer Stelle mit festem, treuen Auge einer Wissenschaft herzhaft in das Angesicht schauen, damit sich der Geist der Mährchenwelt, welcher wohl sinnenverwirrend werden kann, zusammt ihrer regen Einbildungskraft, so viel als möglich, durch den Geist des Forschens, beruhigte. Georgs Gesicht war freudig verklärt. Seinem Schicksale gemäß genöthiget, an das Unbegreiflichste zu glauben, war er überzeugt, daß sich nur dort am letzten Marksteine der Erde sein Schicksal gänzlich entwickeln würde. Er nahm von den wackern Brüdern Abschied; hing die Ueberschuhe über den Arm, warf den Nebelmantel um sich, und schritt nordwärts vor. In Gedanken versunken, ging er eine Weile vorwärts. Er stand jetzt an dem Ufer der Nordsee und starrte hinaus in den schäumenden Wogenbraus. Im heimlichen Schmerzen zuckte ihm das Herz. Das Vaterland galt es zu verlassen. Welchem Deutschen läge nicht das theuere, uralte Vaterland zunächst mit an der Seele! – Weiß Gott! rief er, Vaterland, wie so gerne hätte ich dir mein Herzblut hingegeben, wenn du es nur gewollt hättest! Weiß es Gott! für dich wäre ich gern in die Schlacht, in den Tod, freudig wie zum Traualtare geschritten; ob du mich gleich hast um Brod betteln lassen! – Und jetzt muß ich nun von dir scheiden, dich nicht mehr zu sehen! Vaterland! Deutschland! Ich werde dich nicht mehr wieder sehen, nicht deine Küsten, nicht deine Berge mit den leuchtenden Eiskronen, nicht deine wonnigen, schattenkühlen Thäler, und nicht mehr all die theueren Seelen, welche dein sind, und die du beherbergst! Fahre wohl, mein Herz! sei glücklich frommes Heldenland! Auf Nimmerwiedersehen! – Er weinte jetzt, wie ein Kind, und saß noch lange da, und sah hinaus auf die See, wo die Schifflein vorüberschwankten im Winternebel mit grauen Seegeln gleich Geistergestalten, von Möven, welche mit heiserem Kreischen sich um die Mastbäume drehten, begleitet. Dort saß er lange und sprach mit der heimlich wilden Brandung, welche gewaltig toste in wüster Klippeneinsamkeit. Endlich stand Georg auf, wandte sich noch einmal zurück, hob einen rundgedrehten Stein am Ufer auf, sah ihn recht lange an, und barg ihn in dem Gewande auf seiner Brust. Hoch über ihm kreiste ein Adler; noch einmal wandte er sich zurück und rief mit schmerzerstickter Stimme: gehe glücklicher Zeit, und stets deinem Heile entgegen, Vaterland! Ade! Ade! – Der Adler zog schnurgrade über die See vor ihm hin, als wolle er ihm den Weg zeigen. Er schritt aus. Unter seinen Füßen wurden die Wogen der stürmischen Nordsee zu grünsammetnen Teppichen. Island hob sich empor. Als er an dem Hekla vorüberzog, sah er Voland über dem Krater des Vulkans stehen. Mit entsetzlicher Stimme rief dieser herüber: eile nur! eile nur, Thor! ruhelos! ruhelos! Island und der Hekla mit seinem Donnern verschwand. Drittes Kapitel. Georg verlor sich in alte Träume, und eilte immer nordwärts vor. In sich gekehrt bemerkte er nicht, wie ihm allmälig die Sonne ganz verschwand und die Polarnacht um ihn her dunkelte. Als aber jetzt schneidender Frost seine Glieder durchdrang, blickte er empor. Er befand sich auf einem unermeßlichen, Eisgebirge, ringsum funkelten im weißen Sternenlichte große geborstene Eisblöcke smaragdhell auf. Moschusstiere und Rennthiere sah er pfeilschnell über die Eisfelder dahingleiten. Ein weißer Bär, welcher ihn nicht sah, aber doch ausgewittert hatte, sprang grimmig um ihn herum, that jetzt einen heftigen Satz neben ihm vorbei und stürzte in einen Spalt des Eisberges zwischen den zackigen Wänden hinab. Schaurig scholl das Stöhnen des Thieres aus der Tiefe empor durch diese Einöde dahin. Hier stehe ich nun, sprach für sich Georg, und wie ich ahne, beinahe am äußersten Ende der Erde; – aber wo finde ich dich, Aquilina? – Wo liegt dein wunderbares Land? Oder lebst du unter den Menschen? Wer kann mir davon ein Wort sagen? – Er sah jetzt den Himmel von einem plötzlichen, weißen Scheine übergossen. Am Horizonte stiegen diamantene Lichtsäulen zischend und rollend hervor. Flockiger Zitterschein flackerte überall wunderbar auf gleich bewegten, klingenden Engelsschwingen. Ueber ihm hob sich, funkelnd in Rubinen und Sapphiren, eine ungeheuere Domkuppel empor, welche sich in einen sprühenden Strahlenkranz endigte. In diese heilige Kirche herein blitzten die Sterne gleich hellen Engelsaugen. Georg schrie vor Entzücken auf: nun habe ich deine Heimath gefunden, Aquilina! – Er stürzte nieder auf die Eisscholle und hob zu dankendem Gebete seine erstarrten Hände empor. Immer herrlicher leuchtete der Himmel in unermeßlicher Pracht auf, und die entzückendsten Farbenscheine jagten sich über die Schnee- und Eisfläche wie tanzende Elfenkinder. Georg stürzte sich dem Strahlenmeere entgegen, aber wie er auch dahinflog, so erreichte er dennoch nicht die Schwelle dieses Tempels. Schon konnte er fast kaum mehr Odem holen, und der Hauch seines Mundes fiel, zu Eis gefroren, vor ihm nieder. Wie ein Schattenspiel verlöschte jetzt die Erscheinung und die klare, stille Nacht trat wieder hervor. Georg taumelte zurück. Er eilte in mildere Gegend zu kommen. Bald erblickte er in der Ferne ein menschliches Wesen. Wie so wohl that dieß seinem vielfach getäuschten Herzen! Er zog die Ueberschuhe über seine Stiefel, und eilte auf die Gestalt, welche auf flüchtigen Schneeschuhen einherschwebte, rufend zu. Es war ein grönländischer Jäger, in Rennthierfelle gekleidet, Kopf und Gesicht mit einer Pelzmütze verhüllt. Georg that, wie er zu ihm gelangt war, seinen Nebelmantel von sich. Der Grönländer stürzte beinahe vor Schreck zu Boden. Endlich gelang es Georg doch, den Bebenden aufzurichten, und ihn zu überzeugen, wie auch er ein Mensch sei. Der Mann war außer sich vor Freude. Georg fragte ihn hierauf: was war dieß jetzt für ein Glänzen und Scheinen, für ein Rollen und Zischen? Das war ja unser Nordlicht! versetzte der Grönländer. Nur ein Nordlicht! flüsterte schmerzvoll Georg. Der Jäger ging mit ihm zurück in seine Wohnung, welche sich halb über, halb unter der Erde befand. Ein kleines, dickes Weib mit gelbem Gesichte, aus dem schwarze, geschlitzte Aeuglein vorblitzten, empfing ihn mit freundlichen Geberden. So ärmlich und elend auch die Wohnung dieser Menschen war, so gefiel sie dennoch jetzt dem ermüdeten und frierenden Georg mehr, als sonst das prächtigste Gemach eines Fürsten mit bequemen Polstern und unbequemen Gebräuchen. Gastfrei setzten ihm diese Leute gedörrte Fische und Brod, aus Mehl und geriebener Birkenrinde gebacken, in reichlichen Trachten vor. Nie hatte ihm eine Speise zuvor also gemundet, nie die Gastlichkeit der Menschen mehr erquickt. Wie er sich jetzt gesättiget hatte, brachte der Grönländer eine Flasche Branntwein und eine Tabakspfeife herbei. Nichts war Georg sonst widerlicher, als Beides. Die Kälte aber stumpft den Geschmack ab und der menschliche Leib bedarf solcher heftiger Reizmittel dagegen. Er fand den scharfen Trank angenehm. Er nahm die Pfeife zur Hand und las auf dem porzellanenen Kopfe mit roth eingebrannten Zügen geschrieben: Es blühe Sachsen! – Wie wohl thaten seinem Auge diese deutschen Schriftzüge! – Wie reizend kam ihm diese schlechte, so weit in die Einöde verirrte Pfeife vor! ja! sie schien ihm durch diesen frommen Wunsch, welchen sie hier unverstanden an ihrer Stirne trug, einem edlen Genius zu gleichen, welchen seine Umgebung und seine Zeit nicht versteht und nur zum Dampfmachen gebrauchen kann.« Es blühe Sachsen! sprach er wehmüthig vor sich hin, streckte sich auf das weiche Mooslager, welches ihm die Leute zubereitet hatten, deckte sich mit warmen Bärenfellen zu und schlief allmälig und sanft ein. Nachdem er völlig durch Speise und Trank, durch Ruhe und Schlaf sich gestärkt fühlte, brach er nach einigen Stunden wieder auf. Er nahm Abschied von den armen und frommen Menschen, welche an ihm, dem Fremdlinge, Bruderpflicht geübt hatten, und trat wieder hinaus in die freie eiserstarrte Natur. Viertes Kapitel. Fast gedankenlos und wie in Verzweiflung drang Georg mit geflügelten Schritten dem Nordpole zu. Fast nur auf Augenblicke verweilte er, indem er einen kleinen Compaß herausbrachte, mit schnellen, scharfen Blicken an den Himmel, und dann wieder zurück auf die kleine zitternde Nadel sah. Sobald er über seine Reiselinie wieder einig war, sprang er gleich einem gereizten Löwen empor und flog dahin über die unermeßlichen, gräßlichen Eisgefilde. Grimmig schüttelte ihn der Frost, dann aber machte er ihm die Glieder fast fühllos und leckte vampyrartig das Blut durch die Haut vor. Dennoch strebte er vorwärts, wie von einem rettenden Zauber getragen. Nach einer Weile aber färbte sich die tiefe Nachtbläue des Himmels in eine lichtgelbe stetige Lohe um; sein Fuß wandelte nicht mehr über Eisfelder, sondern über zornigtosende, entsetzliche Wasserstrudel, in welche zu versinken die Schnelligkeit seiner Bewegung nicht Raum gab. Aber auch diese ewige Quelle des Weltmeeres wurde weiterhin ruhiger, und Heere von Wallfischen lagen und spielten in den durchsichtigen Fluthen und bliesen funkelnde weiße Wasserstrahlen fröhlich durch ihre Nasenlöcher empor. Der ganze Himmel stand jetzt blendendweiß, feuerhell, aber ohne Sonne und ohne Sterne allum. Eine allbelebende Luft, welche aber oft wundersam in sich selbst in hellen Funken aufknisterte, umwehte allmälig den verwegenen Wanderer. Wie eine frosterstarrte Pflanze im frischen Frühlingsthaue ihre Blättlein wieder fröhlich emporrichtet, so fühlte sich nunmehr auch Georg von milderem Himmelsodem erquickt und genesen. Ohne Zögern eilte er aber vorwärts. Seinen Blicken zeigte sich jetzt ein Land, prangend in weißem Frühlingsscheine. Wer nie auf dem Meere eine längere Reise gemacht, wer nicht die große, gewaltige Abgeschlossenheit von der lebendigen Welt gefühlt, und noch nicht Tage lang schwankend auf dem trüglichsten Elemente nur den Himmel über sich, und des Himmels Trugbild – das Meer mit seinen leichenbegierigen Ungeheuern – unter sich gesehen, wen die furchtbaren hungrigen Zungen der Sturmwoge noch nicht den Leib geleckt, und wem die düstere Wolkensturmgluth noch nicht in das Auge geleuchtet hat, der kann die Wonne des Seefahrers nicht ermessen, wenn es vom Mastkorbe herunterschallt: Land! Land! – Dieses Gefühl aber schlug wie mit Blitzstrahlen durch Georgs freudebebende Seele. Er stand jetzt mit seinen Füßen auf der treuen Erde. Er warf die Ueberschuhe an seine Füße, und, aller Gefährten auf einmal vergessen, schritt er hinein in dieses Mährchenland. Schaaren schneeweißer Vögel schwärmten rings durch nie gesehene, hohe, farbenlose Pflanzenbäume. Mächtige, fromme Thiere, elephantenähnlich, schritten bedächtig einher und grasten in den Stauden. Mannshohe Blumengewächse mit bleichen, großen Blüthen, ohne Blatt und Stengel, gleich Herbstzeitlosen, trieben aus der Erde hervor. Georg wanderte sinnend und forschend, fröhlich erstaunt und dennoch innig von unbekannter Ursache gerührt einher, der Lösung des Räthsels seines Lebens immer mehr entgegen. Nicht länger vermochte er endlich dem Drange seiner Gefühle zu widerstehen. Still und ruhig, wie es ihm nur sonst möglich war in seinen Kinderjahren, betete er, auf die Erde hinknieend, zu dem Vater aller Wesen, dankerfüllt in frommer Begeisterung empor. Immer lauterer wurde sein Herz, klarer und bestimmter, als je, trat in ihm sein eigentliches Sein und Wesen, welches von der langen Irrfahrt des Lebens mit Blumen und Erdschollen zugleich überworfen und bedeckt war, aus der Kruste gleich einer frischen Blume aus zersprengter starrer Hülle wonnenerfüllt hervor. Nur erst jetzt spürte er ganz die Kraft des Gebetes an sich und in sich. Kräftig und heiter stand er auf, wie in sich selbst verklärt. Nur erst jetzt glaubte er sich ganz anzugehören, sowie sich ihm die festeste Ueberzeugung in seine Seele drückte, daß er nunmehr bald eingehen werde zur Behausung Aquilina's. Nach kurzer Frist befand er sich endlich vor einer himmelanragenden Felswand, welche, gleich einer Spiegelplatte, durchaus rein und hell polirt war. Er sah sich um, ob sich irgend ein Ausgang zeige; aber während er also forschte, bemerkte er ein großes Thor von leuchtendem, bläulichem Stahle fast in der Mitte dieser unermeßlichen Granitwand. Er drückte die Hände an seine Brust, welche unruhig zu pochen beginnen wollte und trat vor das Thor hin. An einer Kette hing ein großer Hammer herunter. Er nahm ihn und schlug dreimal fest an das dröhnende Thor. Alsbald sprangen nach Innen zu die gewaltigen Thorflügel donnernd auf. Dreizehntes Buch. Erstes Kapitel. Unter dem hohen Bogen des Felsenthores stand ein Riesenweib, sibyllenartig anzusehen. Ueber ihren Scheitel wallten reiche silberglänzende Haare, welche unter dem Kinne zusammengebunden waren, lang herunter bis auf die Füße, welche mit eisernen Schuhen angethan waren, und umhüllten die urkräftige Gestalt so ganz, daß man kaum das graue faltige Gewand noch bemerken konnte. Aber trotz diesem eigenthümlichsten geisterartigen Ansehen konnte ihre Gestalt kein Grauen oder sonst Furcht einflößen, denn das Gesicht des Weibes war fürwahr, so bleich es auch war, erhaben und schön zugleich zu nennen; wie es denn, überhaupt nichts Ehrwürdigeres geben kann, als ein edles, unverzerrtes Antlitz einer Greisin, obgleich nur selten ein solcher Anblick gewährt sein mag. Schon Vater Logau singt davon: »Ein altes Weib, die schön ist, vereinet selt'ne Gaben; Auch schweben über solche beständig weiße Raben.« Mit seinem elfenbeinweißen Antlitze, auf welchem nur wenige weiche Fältchen zu sehen waren, blickte rührend freundlich aus hellen, blauen Augen das Weib den Ankömmling an. Wie Georg dieses Weib, welches mehrere Kopflängen höher als er emporragte, ob es gleich leicht gebückt da stand, vor sich sah, war es ihm, als stände er vor der Urmutter des Menschengeschlechtes. In kindlicher Ehrfurcht schaute er empor in ihr mildes Mondengesicht. Das Weib fragte ihn mit sanfter, aber dennoch kräftiger Stimme: was suchest du hier, wunderliches Menschenkind? hier, wo vor dir noch kein Mensch dieser Zeit stand? Mutter, versetzte Georg, ich wünschte zu meiner Braut, der schönen Aquilina, zu gelangen! Verwegenes Kind! was träumst du? versetzte die Greisin. Sie, die Königin aller Menschengeister, willst du dir erstreiten? – Zu Ihr willst du wandern? Große Wunder geschehen jetzt freilich dem Menschengeschlechte; darum könnte es wohl auch sein, daß du zu Ihr gelangtest! Trete in mein Haus, du kühner Geselle! – Vielleicht weiß einer meiner Söhne dir Auskunft zu geben, wenn du so lange hier harren willst, bis einer von seiner Weltreise zurückkommt! – Ja, gönne mir, ehrwürdige Mutter, bat Georg, so lange Herberge und nimm mich auf, als wäre ich dein Kind! – So komme mit mir! entgegnete das Weib, faßte ihn bei der Hand, und führte ihn mit hinein in ihre Wohnung. Wie das Thor des Felsens, so war auch der ganze Saal, in welchen Georg alsbald eintrat, aus spiegelhellem, fleckenlosem Stahle gebaut, und auf gleiche Säulen gestützt. Eine große, runde Tafel, um welche dreiunddreißig Sitze standen – Alles von gleichem Metalle kunstreich geformt – befand sich in der Mitte der großen Halle. Oben von der Decke, an welcher sonderbar verschlungene Kreise und Zeichen zu sehen waren, hing ein vielfarbiger Ring herunter, in welchem eine große weiße Eule saß. Aus den leuchtenden Augenrädern des düsteren Vogels strömte ein blendendes Licht, welches den ganzen Saal erhellte. Auf der Tafel selbst aber lag ein großes, aufgeschlagenes Buch, worin viele Zeichen in mannichfaltigen blendenden Farben Georg in die Augen schimmerten. Das Weib setzte sich hin und las darinnen. Es schien, als bekümmere sie sich wenig mehr um ihren Gast. Georg aber selbst hatte Muse genug, sich alles dieses Geheimnißvolle genau zu betrachten, ob er gleich den Sinn davon nicht zu finden vermochte. Ein dumpfes Brüllen scholl jetzt von draußen her. Was ist das? rief Georg. Es wird der West sein! versetzte die Altmutter. Näher heran kam das unheimliche Getöse; jetzt pochte es heftig an das Thor. Die Alte rief: wer draußen? Der Tiger aus West! versetzte die Stimme. Durch das offene Thor herein schritt im rothen Mantel, mit Hermelin verbrämt, eine untersetzte Gestalt, auf deren Haupte eine rothe Flammenkrone brannte. Ein Tiger und ein Löwe zogen mit ihm herein. Mit stechenden, klaren, grauen Augen stierte der Mann finster vor sich hin. Seine schmalen Lippen, über welchen eine Adlersnase trotzig saß, waren eingekniffen. Die tiefen Einschnitte, welche von der Stirne herunter sich zwischen den beiden Augenbrauen hineinsenkten, machten das Gesicht widerlich hart. – Die Arme übereinander geschlagen, ging er im Gemache auf und ab. Endlich wandte er sich zum Weibe, welches sich um ihn wenig zu bekümmern schien und im Buche fortlas, und sprach kurz und abgebrochen vor sich hin: du hast Gesellschaft? Wer ist es? Woher? Ich heiße Georg Venlot, erwiederte Georg, unangenehm von diesen harten Fragen berührt, und komme, hier oben nach Aquilinens Behausung zu fragen. »So? Nichts weiter? Ich weiß nichts von Ihr!« Wiederum schritt der Unfreundliche im Zimmer auf und ab. Was macht dein Bruder, der Samum? fragte endlich die Alte, indem sie vom Buche aufsah. »Eh qu' importe mon frêre.« Du kommst aus Spanien? »Wohl!« Wünschest du etwas zu essen? »Ich weiß zu fordern! Nein!« Der West warf sich in seinen Stahlstuhl, seine Augen an den Boden geheftet, rechts und links die schnurrenden Katzenthiere neben sich. Nach einer Weile fragte mit etwas gedämpfter Stimme der Gewalthaber: »was steht auf dem nächsten Blatte der Weltgeschichte?« Viel Blut, und der Untergang derer, welche dir ähnlich sind! – versetzte die Sibylle. »Nein!« rief dieser zornig dagegen. »Nein!« – Ich erschlage das Schicksal, ehe es noch Odem geholt hat. Hast du wieder? »Ich habe.« Thor! Thor! – du säest Salz aus ins Meer, und pflügest in der Luft, dort giebt es keine Frucht und hier keine Furchen! Thor! – Und was hast du mit dem Schiffe gethan, worauf die Mohrensclaven sich befanden, welche sich gegen ihre Dränger empört und über Bord geworfen hatten? »Ich ließ sie auf einer Sandbank einander vor Hunger selbst schlachten und verzehren, und ihren Durst zu stillen, eigenes Blut trinken!« – Das waren Deine Thaten? »Nein, – nicht genug! Grimmig haßte ich eine Stadt seit langer Zeit, weil sie sich und das Land gegen den Herrscher, welcher darüber gebot, empört hat. Vergebens sendete dieser gegen die Tollen seine Legionen; – die Empörer vernichteten das schöne Heer in ihrer Wuth. Vergebens sann ich lange auf Mittel, die Frevler zu züchtigen. Endlich aber fand ich Rath. Neulich zog ich sehr müde über Aegypten einher. Um auszuruhen, ließ ich mich eben am Fuße einer Pyramide nieder. Vor meinem Nahen stäubte der Sand ellentief aus einander; mitten in der Sandgrube aber sah ich ein längliches, vielseitig geschliffenes Crystallgefäß herausblitzen. Ich nahm es in die Hand und bemerkte, wie ich hineinblickte, darinnen in einem gelben Wölkchen ein ganz kleines, nacktes, abscheuliches Männlein schwimmen. Ich hielt das Gefäß an mein Ohr; denn es schien drinnen sich eine Stimme vernehmen zu lassen, – und der Crystall schrillte und klang: laß heraus! heraus! ich bin die arme Pest! – Schnell steckte ich den Crystall zu mir, stieg auf und eilte zur Stadt der Empörer zurück. Hoch oben stand ich alsbald über den Verlorenen.« »Ich warf den Crystall mit Gewalt hinunter auf den Markt der Stadt, daß dieses Glas klingend wie ein Hohngelächter in Stäubchen zersprang. Alsbald erhob sich das gelbe, nackte Männlein und sprang einem Kinde, welches dort sein Spiel trieb, an den Hals und erwürgte es – und ward um Kindeslänge höher; und wie es wieder einen Menschen umbrachte, so wurde es wieder um eine Menschenlänge höher. Das griff um sich heimlich, furchtbar, still, mordlustig und unersättlich. Es erwürgte Jung und Alt, Groß und Klein, und wurde immer riesiger und immer entsetzlicher. Mit tausend Händen griff es nach Opfern, mit tausend Augen sah es sich um nach neuen Opfern. Grimmig zuckte das falbe Leuchten des blutsaugenden Krötengesichts.« »Endlich ragte das Gespenst über alle Dachgiebel der Stadt und über ihre Thürme empor, und sein Giftodem ging in Strömen aus durch das ganze Land. Gleich einer hungrigen, wüthigen Riesenschlange hing es von oben herunter über die hingestreckten Leichen, über die Sterbenden, welche lagen und ächzten, und über alle Menschen, welche jammernd emporschauten zum vergifteten, ehernen Himmel. Ich hoffe, daß ihr Trotz gebeugt, ihre Kraft gebrochen, und ihr Freiheitsschwindel dahin ist! – Mich aber schauderte selbst bei dem Anblicke des Würgers, und machte einen Luftritt zu dir heim!« – Thor! – der du nur ein schlechtes Werkzeug der Vorsehung bist! – Armseeliges Gift, das in der Hand des Arztes Arzenei wird! – Nicht dir und deinem Sinnen, sondern dem größeren Herrn, der dich gebraucht nach seiner Absicht, mußt du – ein störriger Knecht – so gut dienen, wie der starke Stier dem Pflüger, welcher ihn unter dem Joche zur Arbeit treibt! Düster schwieg der Entsetzliche und nagte an seinen Lippen. Ein Neger kam nicht lange nachher schnell hereingestürzt, und zu den Füßen des Gewaltigen hinknieend, überreichte er ihm einen Brief. Kaum hatte dieser einen Blick in das Schreiben geworfen, so sprang er auf, stampfte zornig auf den Boden, daß die metallenen Fugen krachten, und schrie: unerhört! Was sind dieß für Zeiten! – Neger, meine Pferde! – Mit diesem Ausrufe ging er, indem er den bebenden Sklaven vor sich herstieß, mit gewaltigen Schritten zur Thüre hinaus und brüllend und heulend folgten Tiger und Löwe. Das Weib aber sprach für sich selbst: So gehet Jeglicher dahin in seinem Sinne! Was der Betrogene meint, das geschieht nicht, und was er nicht will, kommt über ihn, wie ein Dieb in der Nacht. Der Arge schmiedet Waffen Tag und Nacht, und hat viel Bosheit im Herzen, – aber der Herr geht einher, schlägt ihn mit dem eigenen Vorsatze und den eigenen Waffen und der eigenen Thorheit. Er zieht ihm einen Ring durch die Nase und setzt seinen Feind ihm auf den Nacken, daß er diene und gehorche dem Zügel und dem Sporen dessen, den er zu vertilgen gewillt war. Höre ich nicht ein Waldhorn aus der Ferne hertönen, fragte jetzt Georg; was ist das? Donnert es? Wie das braust! Hörst du, Altmutter, das wunderbare Schmettern? Wie es immermehr wächst? Mir ist es, als wenn die Erde vor dieser Zaubermusik zu hüpfen beginnt! – Was war dieß für ein langgezogener, unermeßlich herrlicher Klang? Die Erde geht unter. Mit diesen Worten wankte er auf das Weib zu und faßte es ängstlich bei der Hand; denn der Boden unter ihren Füßen zitterte wirklich. Das Weib aber sprach gelassen: es ist nur mein Sohn Nord! – Zweites Kapitel. Die räthselhafte, donnernde Musik schwieg und ein Riesenjüngling mit einem ungeheueren Waldhorne unter dem Arme schritt herein. Roth und freundlich war sein Gesicht anzusehen. Die großen, hellen, blauen Augen und das reiche, gelbe Haar, welches ungelockt um seinen Nacken herunterhing, ließen den Nordmann nicht in ihm verkennen. Ein schwarzes Barett auf dem Haupte, ein großes Bärenfell leicht umgeschlagen, daß die röthlich weiße Brust unbedeckt blieb, übrigens aber in wollenem, ungefärbtem Gewande, stand er stattlich da vor den Beiden. Nun Mutter Hertha, redete er mit heller, klangreicher Stimme die Greisin an, hat dich meine Musik vom Schlafe aufgeweckt, da du so ernst mich ansiehst? Herzlich schüttelte er ihre Hand mit diesen Worten, dann aber wendete er sich zu Georg mit den Worten: Und wie kommst denn du, neudeutscher Milchbart in dieses Revier? Es ist mir lieb, daß ich hier Gesellschaft treffe; denn immer draußen in die Nacht einsam hinein zu blasen, wird am Ende ein verteufelt langweiliger Spaß; doch bleibt es ein kräftiges, freudiges Schwimmen und Turnen über Berg und Meer hinüber. Er rückte sich den stärksten Stuhl zurecht an der Stahltafel, und hieß die Beiden zu sich setzen. Mutter! fuhr der riesige Waldhornist fort, ich habe bei meiner Fahrt an mich und dich gedacht. Mit dieser Rede brachte er unter seinem Bärenfelle einen mächtigen Tornister hervor, und fuhr wohlgelaunt fort, während er auspackte: hier ist ein Fäßchen Jamaika-Rum, aus der Nordsee eben aufgefischt – und hier ein geräuchertes Schwein und eingepökelte Gänse aus Mecklenburg. Punktum! Nun, Altmutter! mache auch ein Feuer und koche einen braven Punsch! Zucker wird der Afrikaner noch hier haben. Bist du doch immer der alte lustige Knabe, versetzte die Greisin, – wie vor tausend Jahren, so heute. Nun Jungherr! sprach der muntere Nordmann zu Georg, was machst du so große Augen? – Dir kommt es wohl hier oben etwas verwunderlich vor? Tausend Donner! ich will nicht glauben, daß du so ein geheimer Schnüffelhund bist, sonst wollte ich –; doch nein! fuhr er sich begütigend fort, ein solches ehrliches Gesicht gehört nur einem braven Jungen an. Nimm mir es nicht übel, aber neugierig wäre ich doch, zu wissen: was du hier bei der alten Mutter zu schaffen hast? – Ich suche das Land der Aquilina – die allschöne Fee, welcher ich mich geweiht habe! versetzte Georg. Zu Ihr willst du? entgegnete der Nordmann; es ist schon lange her, daß ich Sie nicht gesehen habe! Aber minnest du Sie so recht treu von ganzer Seele, so muß es dir gelingen, die Braut dir zu erstreiten; denn ächtem frommen Minnethume ist das Unglaubliche möglich. – Ich würde dich gern zu Ihr geleiten, wenn mein Weg je zu ihrem Schlosse führen sollte. Die alte Mutter brachte jetzt zwei große silberne Becher und einen gewaltigen Punschnapf herbeigetragen. Lieblich duftete das edle Nordlandsgetränke durch das Gemach. Der Nordmann kostete, nickte mit dem Kopfe und rief: sehr gut! ganz gut! Mutter, ich sage es ja immer, daß du dich darauf verstehst! Er schenkte ein; dann hob er seinen dampfenden Becher und rief: Das herrliche Kleinod Europa's, der Brunnen, aus welchem sich die Zeit verjüngt hat, das Heldenland, das Land der Deutschen, das immer hochherzig und tapfer, immer unglücklich durch innere Zerspaltung, mit Ruhm und Blut bedeckt, nun dort liegt, hingeworfen wie ein edles, aber zerbrochenes Gefäß, dieses Land eines Volkes, mit dem ich in so manche Schlacht gezogen bin, mit dem ich einst die Welt erstürmt habe, soll von Neuem leben! – Wunderbar bewegt war der Nordmann bei diesen Worten; Thränen fielen in seinen Becher; er leerte ihn hastig, stand auf und schritt einigemal heftig auf und ab; dann nahm er sein mächtiges Waldhorn, öffnete das Thor, und blies hinaus mit seinen Donnertönen die Melodie des Liedes: »Eine feste Burg ist unser Gott etc.« Die ganze Halle erbebte; die Wände krachten vor den erschütternden Tönen. Heftig fiel ihm die alte Mutter in die Arme und rief, ich bitte dich, Sohn, laß ab! sonst stürzt uns das Stahlhaus über den Kopf zusammen. Der Waldhornist setzte ab, wandte sich mit gerührtem und lächelndem Gesichte zurück in die Halle und sagte wie für sich: ich bin am Ende doch nur ein weichherziger, und dann zuweilen auch ein rauher und toller Narr! – Georg war von den Tönen betäubt zu Boden gesunken. Junge! sprach der Nordmann, indem er ihn emporrichtete, deine Vorfahren hatten mehr Mark in ihren Gebeinen! Herr! entgegnete Georg, den Händedruck des Recken kräftig erwiedernd: wenn du aber auch einen Windesbraus hineinbläsest in das Horn, so muß in solcher Nähe, wenn selbst Eisenbalken zerbersten möchten, ein jeder Erdenmensch betäubt werden. Dieses Waldhorn muß übrigens ein tüchtiger Meister verfertiget haben. Ich habe es mir, versetzte der Recke, in Neukirchen von Zöbisch und Schuster bauen lassen. Sie arbeiteten über Jahresfrist daran; ich bin aber nunmehr auch ziemlich damit zufrieden. Das Mundstück sitzt mir nur etwas unbequem. Komm, braver Kumpan, und laß uns noch eins trinken! – Ich trinke nicht gern Punsch, erwiederte Georg. Wein, wenn man ihn haben kann, entgegnete der Nordmann, hat freilich ein besseres und ächteres Feuer; – aber wenn man von der Kälte draußen herein kommt, so ist auch dieses Getränke nicht zu verachten. Da, iß etwas Schinken dazu! – Mutter! rief er zur Alten, welche wieder im Buche las, ist noch Etwas von Xeres da? Bist du noch nicht zufrieden, wilder Geselle? erwiederte sie nicht übelgelaunt, und brachte einen verschlossenen Krug und andere Trinkbecher. Der Nordmann schenkte ein; – es war der trefflichste alte Xereswein! – Der Nordmann trank sehr, und ein röthliches Feuer begann in seinen Augen zu schimmern. Nach einiger Zeit verfiel er aber in ein trübes Nachsinnen. Man merkte es ihm an, daß ein heimliches Leid in ihm sich regte. Endlich schaute er Georg an mit einem langen, fragendem Blicke, und sprach nach einer Weile: glaubst du nicht auch, daß der deutsche Adler wieder verjüngt von seinem Horste emporsteigen wird? Glaubst du nicht auch, daß der alte Ritter mit der waffengestählten Hand wieder am jungen Freiheitsmorgen in Reihe und Glied in die Weltgeschichte hineintreten wird? – Empor! empor, Scheinleiche! – So schrie der Riesensohn und schlug mit der Faust auf die Tischplatte, daß Funken davon hinwegstoben. Kind! Kind! rief die alte Mutter vom Herde her, hast du wieder deine alte Wuth? Aenderst doch nichts! – deine Zeit ist aus. Der Nordmann stürzte mit seinem schweren Haupte nieder auf die sehnigen, übereinander gelegten Arme, und schwieg. Georgs Herz blutete. Ein altes Weh – die Vaterlandsliebe überfiel ihn. Der Nordmann aber hob das trübgewordene Gesicht wieder empor und erzählte in scheinbar gleichgültigem Tone: »in den caucasischen Gebirgen sah ich vor Kurzem zwei mordschnaubende Wölfe und ein bebendes Schaaf in ihrer Mitte. Die Todesangst ließ das duldende Thier ruhig zwischen den Würgern einhertrotten. Es getraute sich nicht einmal zu blöcken. In heimlicher Felsenschlucht hielten die Wölfe mit Rennen und Treiben ein. Du willst das Ende von der Fabel wissen? – Ach mein Deutschland! mein Deutschland!« Kind! Kind! rief die alte Mutter vom Herde her, sei ruhig! was geschehen soll, geschieht. Fiel doch auch der hörnene Siegfried am Brunnen und konntest den Mordstich nicht aufhalten. Der Nordmann schwieg, aber in seiner Brust arbeitete es hörbar. Trink Söhnchen! ermunterte die alte Mutter, und erzähle von anderen Geschichten – etwas von der Hunnenschlacht bei Merseburg. Seine Augen blitzten in schlachtlustigem Feuer. Der wilde Sohn setzte sich aufrecht empor und ballte die Faust. Er trank und erzählte, trank wieder und sagte von Heinrich dem Finkler und seinen Mannen! – Aber auch Georg trank und erzählte, und sang alte Lieder. Bruder, sprach endlich der Nordmann, schildere mir einmal, was die Leute, welche von der Nordsee bis zum Rheine wohnen, dazu sagen, daß ihre Herrlichkeit so ganz dahin ist, aber gleichnißweise, wie die Väter zu sagen gewohnt waren. Georg sann und sprach in gemessenem Tone: Es steht schlimm mit alten Leuten. Wo bist du, mein Eduard? Wo bist du, mein trauter Uli? Ich sitz' hier so ganz allein. Meine Augen sind erblindet, Sehe nicht, ob's Tag, ob's Nacht ist. Es steht arg mit alten Leuten. Taucht nicht eine fremde Hand Meine in das heil'ge Wasser, So steh' in geweihter Kirche Ungeweihet ich allein. Eduard, stelle dich zur Rechten, Uli, stell' dich mir zur Linken! Höret mich ihr theuren Söhne! Immer ärger wird die Welt, Und das alte Heil geht unter. Theure Söhne, liebe Kinder! Herzlich sehn' ich mich zu scheiden. Habe mich in diesen Tagen Bitterlich und hart betrübt. Ihr schweigt stille? Es hat mich zu Tod gefressen Hier in meiner alten Brust, Daß das alte deutsche Reich Ist zerschnitten wie ein Band, Ist zerbrochen wie ein Stab? Es steht arg mit alten Leuten, Haben wunderliche Grillen. Uli kniee zu meiner Rechten, Eduard zu meiner Linken. Draußen ist der Lenz gegangen, Herbstwind fahret durch die Bäume Und sagt an die Sterbezeit. Warum weint ihr? O, vergönnt mir doch den Schlaf Und die kühle liebe Ruhe. Geb' dir Gott, mein herzig Kind, Eduard, Eduard, viele Gnade! Du bist sanft wie eine Taube, Ein unschuldig reines Lamm; Gebe Gott dir allen Seegen! Du warst mir in meinem Alter Eine Blume aus dem Frühling; Gott bescheer' dir schöne Tage, Bess're Zeiten, als die meinen. Und mein Uli? Weine nicht, Du viel kecker Herzensknabe, Du viel wackrer junger Held! Du warst mir ein starker Stab In den schwachen, alten Tagen; Gott geb' dir sein größtes Heil – Auf dem Blachfeld – schönen Tod! – Also sprach der alte Held, Neigt' das Haupt nur ein klein wenig, Und der wackre Degen war Heimgegangen zu den Vätern. Der Nordmann war während dieser Erzählung bald aufgestanden, bald hatte er sich wieder gesetzt; aber immer schaute er unverwandten Blicks Georg an. Als aber dieser mit dieser Kunde zu Ende gekommen war, rief er: es klang in dieser Weise etwas Fremdes an, aber wenn Allen da drunten es also um das Herz ist, so will ich mich besserer Zeiten getrösten. Auf einmal hörte man jetzt vor dem Saale ein Roß hell aufwiehern. Ah, mein Nebelroß will weiter! sagte der Nordmann, wickelte sich in sein Bärenfell, ergriff das Waldhorn, schüttelte Georg die Hand und sprach: fahre wohl! – Ich werde mich noch oft an dich erinnern! – Lebe wohl, Mutter! rief er dem Weibe, welches im Buche las, noch unter der Thüre zu. Es hob den Kopf empor, und rief ihm nach: Kind! Kind! nicht zu wild, und schone mir die Schiffe und die Häuser! – Aber noch ehe die Alte ihre Warnung beendet hatte, hörte man ihn schon draußen auf seinem schnaubenden Rosse hinüberreiten. Das Waldhorn begann wiederum zu klingen, und aus der Ferne tönten noch lange allmälig verhallend die heimlichen Donnerklänge herüber. In der wunderbarsten Stimmung befand sich nun Georg wiederum mit der alten Einsiedlerin allein. Wie so unerklärlich hatte sich bis jetzt sein Schicksal entwickelt; und dennoch hatte er immer noch kein Wesen gefunden, welches ihm sichere Kunde von dem Lande der Herrlichen hätte geben können! – Ermüdet saß er an der Tafel. Er legte sein müdes Haupt auf seine Arme. Liebliche Traumbilder gaukelten vor seinen Sinnen, bis ihn ein recht wohlthuender Schlaf umfing. Drittes Kapitel. Eine kurze Zeit erst mochte Georg geschlafen haben, als ein sonderbares Klingen, welches die ganze Luft selbst im Saale in zitternde Bewegung brachte, sich zu seinem Ohre stahl und ihn aufweckte. Er horchte auf. Auf ihn her drang ein herzentzückendes Tönen in langgezogenen anschwellenden Accorden so wunderlieblich, als sängen aus der Ferne herüber in unermeßlichen Wonnen die Chöre der Engelschaaren. Es war ihm, als müßte die ganze Welt vor Entzücken vergehen. Wie so alle diese Harmonieen, bald fast unhörbar in den leisesten Tönen nur zu flüstern schienen, bald aber wieder aufquollen zu den höchsten Jubellauten, wollte sein Herz vor diesen geheimnißvollen Geisterstimmen brechen. Ihm war es, als müsse er nun auf ewig hinüberschlummern in diese seelige Tonwelt. Er sprang auf, breitete seine Arme aus, und rief außer sich: ich komme schon! ich komme! Die Einsiedlerin aber erhob sich und rief ihm zu: laß dich nicht täuschen; es ist nur die Windharfe des Meister Ost, welcher über das Meer herüberzieht. Er wird bald selbst hier sein. – Kaum hatte sie noch ausgesprochen, so trat ein hoher Mann in blauem, morgenländischem Gewande, eine goldstrahlende Harfe unter dem Arme zum Thore herein in die Halle. Auf seiner hohen Stirne schien ein Heller Stern zu strahlen. Eine eigene Klarheit und Ruhe goß sich über sein edles Antlitz. In großen Locken fiel sein Haupthaar um den Nacken, und ein schöner, brauner Bart auf seine Brust herab. Ich habe dich zeither jeden Morgen erwartet, sprach die Greisin; schon neun Tage lang bist du nicht gekommen! Ich ging langsamer, als gewöhnlich, versetzte der Harfner, über die Erde. Der Jammer, welchen ich wie eine düstere Decke, wie eine sternenlose Nacht über die arme Menschheit gebreitet sah, machte mein Herz so schwer, daß ich kaum weiter vorwärts gehen konnte. Nur langsam schlich ich über die Berge und Thäler herüber, und so habe ich Zeit gehabt, manche glühende Stirne zu kühlen! – Du hast unterdessen einen Fremdling bei dir aufgenommen – einen Sterblichen? – Die Sibylle antwortete: der alte Traum und Wandergeist läßt nimmermehr von den Deutschen ganz ab. Dieser hier will ins Land der Aquilina, und bei uns um den Weg dahin nachfragen. Aquilina? die ewige Musa der Genien unter den Menschen? erwiederte der Harfner. Erst gestern zog ich an ihrem Schlosse vorüber. Gern wollte ich ihn dahin geleiten, wenn es mir gestattet wäre, auf demselben Wege heimzukehren. Warte doch, junger Träumer! sprach er zu Georg gewendet, bis der Scirocco hier anlangt. Der führt dich, wenn der Launige sonst mag, geradewegs hin; denn dem magnetischen Gegenpole zunächst wohnt die Herrliche! Wie danke ich dir, Meister, für diese Nachricht! rief Georg. Du belebst mit deiner Kunde von Neuem meinen sterbenden Geist. Aber – du sehnendes, schmachtendes Menschenkind! versetzte der Harfner, viele kräftige Geister wagten den hohen Gang zu ihr; aber fast nicht Einer hat die Prüfungen des Erdenlebens, welche bei jedem Schritte nach Vorwärts den Strebenden umlagern, also bestanden, daß er seinen sterblichen Theil, den Leib, zugleich mit in die Unsterblichkeit hinüberflüchtete. Wie so viele, sanken matt und verzweifelnd vor der vermehrten Last, welche sich über ihrem Haupte emporhäufte, in die Kniee! Gehört noch irgend dein Wesen dem Irdischen an, so wirst du vergeblich dich abmühen, zu ihrer Herrlichkeit einzugehen; denn nur ungern läßt der Erdgeist vom Genius ab; und tausendfältig sind seine Lockungen! – Komm, Freund, und laß uns vor der Halle im bleichen Blumengarten ein wenig lustwandeln. Er nahm seine Harfe und ging mit dem träumenden Jünglinge hinaus. All die Blätterblumen, all die Fächerbäume neigten sich vor dem Meister, in dessen Harfe leise Stimmen zu singen begannen. Seit all den Jahrtausenden, daß ich über die Erde hinwandle, sprach der Harfner, bemerke ich dennoch, wie durch die Nacht des Irrthums der Geist der Menschheit sich immermehr zur Klarheit des Selbstbewußtseins trotz allem Kummer, den Ängsten und Thränen emporringt! Nur auf kurze Zeit möchte ich manchmal an mir selbst und an dem Treiben und ziellosen Thun der Menschheit irre werden. Wie so groß und herrlich ist es aber die Unendlichkeit zu denken! – Wie nun die ganze große Seele der Menschheit nur Ein Selbstbewußtsein endlich werden muß, so wird sie, so muß sie auch, ewiger Freiheit immer mehr hingenähert, immer weiter emporringen, bis so endlich die ganze Schöpfung, geistgeworden, sich mit dem Urgeiste einigend in unermeßlicher Seeligkeit des allerhöchsten Bewußtseins in nie gesagter, nie ausgedachter Glorie auftauchen kann! – Wie ist die allerhöchste Wahrheit so herzdurchzückend und allbeseeligend! – So gingen die Beiden, wie Lehrer und Schüler zusammen. Diese Rede aber war für Georg wie eine Freundin, welche er früher oft aus der Ferne wieder erblickt, und nur erst jetzt mit aller ihrer Innigkeit vor sich stehen sah. Dennoch konnte er nicht sagen, ob er sich wohl oder wehe von ihr berührt fand; denn des Menschen Herz bleibt ein ewiges Räthsel! – Es wird Zeit, daß ich scheide! sprach endlich der Harfner zu Georg. Seine Augen fingen sonnig an zu leuchten, und sein Gewand sich in Luft und Blau zu verwandeln. Er reichte dem staunenden Georg die Hand zum Abschiede und sprach: ich sehe dich einst wieder. Jetzt erhob er die strahlende Harfe, die Luft sauste hinein, ein geheimnißvoller Strom von Tönen drang mächtig hallend hervor. Eine lichte Silberwolke schien den Tonmeister emporzuheben und hinwegzunehmen. Noch aus der Ferne her glaubte Georg sein leuchtendes Gesicht mit den großen dunkelblauen Augen sich zugewendet zu sehen. Er starrte lange nach, bis ihm der letzte Schimmer dieser Gestalt und das letzte schwache Tönen der Harfe verschwand. Alles, was er vom Meister aus Osten vernommen hatte, bei sich erwägend, glaubte er Himmel und Erde sich auf einmal näher gerückt, und fühlte über sich eine unnennbare Ruhe kommen. In dieser Stimmung kehrte er zur Halle zurück. Viertes Kapitel. Unter dem stählernen Thore stand Georg vor der Greisin. Sie erzählte ihm von vielen Wundern und dem geheimen Walten der Kräfte in der Erde, und von allerlei Weisheit unter dem Himmel. Georg war ganz in ihre Worte versunken, auf einmal rief es neben ihnen: eviva Gesú. Georg sah sich erschrocken um, und ein langer hagerer Mann in schwarzem Talare, mit einem eckigen Gesichte, das in Aschgrau und Gelb widerlich wechselte, und mit blitzenden Augen Georg musterte, stand lächelnd, und in gebückter Stellung hier. Ich habe dich, Georg Venlot! begann dieser zu sprechen, schon zu verschiedenen Malen gesehen; einmal in Unteritalien in geistreicher, dann in Berlin in langweiliger, und früherhin als einen Knaben auf einem Dorfkirchthurme in gar keiner Gesellschaft. Da du, entgegnete Georg, mich und mein Schicksal zu kennen scheinst, so darf ich dich gewiß bitten, mir den Weg dahin zu zeigen, wo Sie, Aquilina wohnt! Wie eine Natter hob er seinen Kopf mit röthlich schillernden Augen empor, und sprach: wenn du dich getrautest, mit mir gleichen Schritt zu halten, so kannst du mir Gesellschaft leisten. Bis vor die Schwelle Ihres Schlosses geht mein Gebiet, und bis dahin möchte ich dieses Mal mich wohl ergehen. Morgen gegen Abend dürften wir dort anlangen. Allein ich mache etwas weite Schritte, und unterwegs mag ich mich nicht gern aufhalten. Daher lasse ich dir die Art und Weise, wie du mit mir fortkommen willst, ganz anheim gestellt. Sein Gesicht zog sich während dieser Worte zu tausend Fältchen zusammen, wie das einer Schildkröte. Georg wußte sich vor Freude kaum zu fassen. Das dunkelgrausige Angesicht des Scirocco schien sich ihm gleich einem, zur Rose aufblühendem Distelkopfe zu verklären, indem er in die Täuschung eines Kindes verfiel, welches die Schlange für einen bunten, lebendigen Ring, und bewegliches Spielwerk zu halten geneigt ist. Sie waren während dieser Unterhaltung in den Saal hineingetreten. Finster zog sich Scirocco in einen Winkel zurück, brachte eine Flöte heraus, schraubte sie zusammen, und fing an zu blasen in hirnverwirrenden Melodieen so schwermuthschaurig, und dann wieder so schneidend hell wie im Höllentriumphe. Jetzt bebten die Töne wie zum Reigentanz der Elfenkinder. Die grünen Tage ferner Zeiten schmachteten zu Georg herüber, und flehten ihn wimmernd an: uns nicht verlassen! uns nicht verlassen! komme wieder zu uns herunter, wieder zu unseren Quellen, Thälern und Bergen, zu den rauschenden Tannenzweigen! Lachende Nixen mit funkelnden blauen Augen und mit brennend wunden Lippen schauten sehnsüchtig und weich in sein Gesicht, weinten vor Schmerz und Wollust und lachten und kicherten dann wieder wie liebeswahnsinnig – in den Tönen der Höllenflöte empor. All die Fluren, welche ihn einst entzückt, mit ihren blühenden Apfelbäumen und summenden Bienen, alle die Kornfelder, im Blüthenrauche duftend, mit ihren blauen Blumensternen, alle die im Silberthaue und Morgenrothe schwimmenden Wiesen des Lenzes mit ihren rieselnden Quellen und Bächen, zauberte der Klang der Zauberflöte zu ihm heran. Weiße zarte Hände schienen heraufzulangen und träumerisch bittende Augen zu ihm emporzublicken. Nach einer Weile steckte Scirocco ruhig seine Flöte wieder ein. Die Einsiedlerin fragte ihn, ob er Himbeersaft oder Limonade wünsche? Bereite mir eine tüchtige Limonade zu, erwiederte er, denn ich bin matt, und mich dürstet sehr. Die Alte besorgte den Trank. Wie ist dir, Venlot? fragte er diesen mit spähenden Augen. Wie einem, versetzte Georg, der gern schlafen möchte; übrigens bist du der wackerste Flötenspieler, den ich je gehört habe. So? meinte Scirocco; wie die Welt doch klug wird! sonst wurde Alles rasend vor dem Klange meiner Flöte, ja! selbst Ratten und Mäuse sprangen tanzend hinterdrein; jetzt aber findet man die Sache erträglich; und Schlaf und Verdauung befördernd! Die Menschheit wird immer langweiliger, trocken wie ein Hauskalender, unbehaglich wie ein Nebelschauer, und klug wie eine Rechenmaschine, oder ich bin selbst nur noch ein abgetragener und verschossener Comödiant! Er rührte mißmuthig mit einem hölzernen Löffel das mit Zitronensaft und Zucker versetzte Wasser, und schlürfte in kurzen kostenden Zügen den kühlen Trank. Als sich endlich Georg schlaftrunken zur Ruhe begeben wollte, kicherte er: lege dich immer nieder, gefühlvoller Reisegefährte! Wenn es Zeit zur Abreise sein wird, will ich dich ermuntern. Fünftes Kapitel. Noch lag Georg im sanften Schlafe, als ihn Scirocco aufweckte. Erschrocken schlug er die Augen auf. Scirocco stand vor ihm ganz verändert. Mit einem feinen schwarzen Fracke, weißer Weste, grauseidenen Beinkleidern, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen war er zierlich angethan. Seine schneeweißen, langfingrigen Hände saßen in seinen Manschettennestern. Gleich einer geöffneten Muschel standen zwei Busenstreife, mit einem güldenen durchstochenen Herzen auf seiner Brust. Das Krötengrau seines Gesichtes kroch unter angeschminkten Rosen hin, während sein Haupthaar im angepuderten Blüthenweiß stand. Georg sah ihn betroffen an. Es wird Zeit, daß wir uns aufmachen; denn der Weg ist weit! sprach Scirocco. – Was starrst du mich an? Habe ich doch nur meine Wetterhosen an! – Ade! liebes Mütterchen, sprach er flüsternd zur lesenden Sibylle, und vergiß mich nicht! – Gehe nur! Gehe nur! – und führe deinen Gefährten sicher zum Ziele seiner Wallfahrt! – Auch Georg nahte sich Ihr. Erhabene, mächtige, weise Mutter, sprach er, zürne nicht dem armen Menschen, welcher in das Allerheiligste deiner Wohnung drang, von dem Sporn seiner Sehnsucht getrieben! – In Dank und Demuth beugt sich mein Herz vor dir. Gleich einer weißen Regensäule stand die Riesin vor ihm emporgerichtet und sprach: du bist fromm und kühn, und dein Stern will dir wohl! – Hochbegnadigt bist du vor vielen Menschengeistern. Hüte dich vor dem Hochmuthe, der sich selbst genug ist; denn der Sturz und das Elend treten ihm nach! – Reise glücklich! Das Thor stand weit offen, so daß man in die unermeßlichste Ferne sehen konnte! – Kind! nun strecke deine Füße aus und hüpfe mir nach, sprach mit heiserem, höhnischem Lachen Scirocco zu Georg; siehst du dort fern, fernhin das weiße Wölkchen? »Wohl!« Es ist eine Bergspitze! Dort triffst du mich! und mit einem Schwarme Raben, welcher ihm kreischend hinterdrein flog, fuhr Scirocco dahin über Berg und Thal. Von sich warf jetzt Georg seine Ueberschuhe, that den Mantel um, und schritt auf das bezeichnete Gebirge zu. Bald hörte er vor sich die Flöte des Scirocco schreckhaft gellen, und doch wieder so lieblich und lockend, daß ihm thränenweich zu Sinn wurde. Die Flüsse und Seen zerrissen vor freudigem Erschrecken bei diesen Klängen ihre eisigen Gewänder, und gossen ihre Fluthen tosend über die lauschenden Auen. Die fröhlichen Wassergeister tanzten kreiselartig in langen Nebelmänteln durch die Thäler. Die ganze Natur riß wiedererwachend das weiße Leichentuch von ihrem Gesichte und blickte mit froherstaunten Augen empor. Aber alles dieses Tönen, Ringen, Jammern und Jubeln wurde endlich nur eine weiche, traurige Stimme, welche Georg nachrief: du willst nicht bei mir bleiben, und habe es doch so gut mit dir gemeint? Böser Knabe, so gut mit dir gemeint! Oben auf dem bezeichneten Berge angelangt, setzte er sich hin auf ein Felsenstück und schaute schwermuthsvoll und traumsinnig dem einherwandelnden Flötenspieler entgegen. »Wo steckst du denn? Venlot! Venlot! rief es herüber zu ihm. Ha! Ha! alberner Geselle, wo bist du denn?« Hie da! rief er hinunter. »Du?« Hie da! Georg that seinen Mantel von sich und Scirocco sprang herauf zu ihm. »Was bist du für ein wunderbarer Mensch! rief Er erschöpft. Was ist das, daß du schneller laufen kannst, als ich? Was ist das, daß du neben mir und vor mir einherwandelst, ohne daß ich dich sehe? – Siehst du dort die ferne Bergspitze? Dort triffst du mich wieder.« Scirocco zog mit diesen Worten schnell vorüber. Georg that wieder seinen Mantel um und schritt auf das bezeichnete Gebirge zu. Bald hatte er den wunderlichen Flötenspieler, welcher rings um sich her aus dem Boden Schneeglöckchen und Veilchen und aus den starren Bäumen schwellende Knospen lockte, mit seinen Siebenmeilenstiefeln wieder eingeholt. Blaue Blitze zischten und knisterten über das Gesicht des Erdfahlen, und im furchtbaren Farbenprisma glommen seine Augen. Georg hatte ihn endlich weit hinter sich zurückgelassen. Auf dem jenseitigen Gebirgsgipfel angelangt, sah er seinen Reisegefährten in einer Wetterwolke, aus deren Mitte sein graues Gesicht hervorstach, flüchtig herüberkommen. »Venlot! Venlot! wo bist du?« rief es grollend. Hie da! »Voraus?« Wohl! Georg öffnete den Mantel und Scirocco stand vor ihm mit seiner Flöte. Er rief: ich muß es dir lassen, laufen kannst du auf eine merkwürdige Weise. Du könntest von London einen eben aus dem Tiegel gehobenen Pudding noch so heiß nach Pecking bringen, daß der erste beste Chinese sich den Mund daran verbrennen könnte. Ich wünschte, du bliebst im Thale der Erde, dem du angehörst! Hörst du nicht den Weheruf, der aus der Brust deiner Mutter schallt? Unten auf Ceylon sitzt sie und weint und schluchzt ohne Unterlaß. Bleibe bei ihr und lege dich wieder an ihr bewegtes Herz. Wie ich eben herüberging, sagte sie mir in das Ohr, in Schmerzen vergehend, wie du ihr Liebling vor Allen bist. Sie will dich wiegen und herzen dein Lebelang in ihren Armen, und tränken mit ihrer süßesten Milch! – Doch mich bannt dein Ring, den du am Finger trägst, dir zu dienen! Entscheide!« Zeige mir Aquilina's Behausung! sprach Georg entschlossen. »O, was wird dieß für Lärm geben, erwiederte Scirocco, wenn du so mit zwei fleischlichen Füßen dort in die poetische Gesellschaft hineinspringst! Blicke auf! Siehst du in der Ferne den Nebelpunkt? Laß, uns einmal dorthin um die Wette laufen!« Mit diesen Worten war der Schnelle auf und davon; Georg, in seinen Mantel gewickelt, ihm nach. »Wo steckst du?« rief Scirocco, hinter sich sehend. Hie da! antwortete auf der entgegengesetzten Seite Georg. »Das verstehe ich nicht!« murmelte der Düstere vor sich hin, und schritt langsam herüber. Wie er bei Georg angekommen war, sprach er ermattet: »nun ist es mir unmöglich, weiter mit dir zu gehen; drei Tage lang muß ich hier im Sonnenscheine liegen, bis ich mich wieder erhole. Erblickst du nach Nordost hin den weißen Glanz? Es ist Aquilina's Wunderschloß. Ich aber will noch aus der Ferne dir mein schönstes Flötenstück nachblasen.« Ich danke dir, Scirocco! rief in bebender Freude Georg, und flog in seinem Nebelmantel verborgen auf das leuchtende Krystallschloß zu. Sechstes Kapitel. Das lockende Flötengetön durchzuckte Georgs Nerven mit allen Wonneschauern der Erde. Farbigglänzende Ringe und Schlingen schien es um seine Füße zu werfen; eine schreckliche Gewalt ihn zurückzuziehen. Ein wildes, verzehrendes Leid warf ihn zu Boden. Er raffte sich wieder empor. Ueber ihm schwebte fortwährend eine Lerche mit ängstlichem, schmerzentzücktem Frühlingsgesange. Todesschweiß träufte von seiner Stirne. In unendlicher Angst erreichte er endlich das Bereich des Schlosses. Zitronenvogel und tausend andere bunte Schmetterlinge gauckelten vor ihm einher. Himmelhohe Rosenlauben blühten in Lenz und Wonne ihm entgegen. Er that von sich die Zauberstiefel, und betrat mit entblößten Füßen das heilige Land seiner Sehnsucht. Inbrünstig weinend warf er sich nieder, und küßte den Boden dieser seiner ewigen Heimath. Unerkannt schritt er in seinem Nebelmantel durch all die tönenden Hallen in die Wohnung der Herrlichkeit und Seeligkeit. Nachdem er durch mehrere Gemächer gegangen war, sah er endlich auf einem goldstrahlenden Sesselthrone die Heißersehnte sitzen. Im sternengestickten blauen Schleiergewande, mit blutglühendem Rosenkranze, um welchen Nachtigallenklänge zu zittern schienen, das milde Haupt bekränzt, war sie wunderherrlich zu schauen! Unaussprechlich fühlte er sich vor den Wonnen ihres Anblickes in Wohl und Wehe beklemmt; denn, ach! vor ihm saß dennoch nur die verklärte Lina, und doch Aquilina selbst in ewiger Urschöne. Er wagte es noch nicht, den Nebelmantel von sich zu thun. Mehrere himmlische Jungfrauen, welche Ihr dienten, standen umher. Die Eine von ihnen sprach zu Aquilina: Du bist immer noch traurig? Warum gingst du auch hinunter in die trüben Thäler? Ich werde immer trauern müssen! sprach im verhallenden Flötentone ihr purpurleuchtender Mund. Ob Er mich gleich durch seinen Wortbruch zum Erdenleben hinabgebannt hat, daß ich, meines Selbstes unbewußt, von Neuem für ihn menschlich fühlen und leiden mußte; wenn er endlich in arger Verblendung mein liebendes Herz gebrochen, und mich dem Menschentode hingegeben hat, so muß ich ihn dennoch, dennoch ewig lieben. Ohne daß Sie es merkte, war zu ihrer Seite Georg in die Kniee gesunken und badete sein Auge in Thränen. Eine Jungfrau brachte jetzt eine mächtige, durchsichtig goldene Weintraube herein. Herrin! sprach sie, die kleinen Feuergenien haben mit ihren diamantenen Eimerlein die Beeren übervoll vom flüssigen Feuer gegossen; ich mußte sie brechen, sollte nicht der köstliche Saft verderben. O, wehe mir! rief Aquilina, so ist die Traube, nachdem sie Jahrhunderte lang gereift hat, dennoch nicht zum neuen Unsterblichkeitstranke für ihn, den Einzigen, bestimmt? So wird ein anderes Jahrhundert zu schmerzlichen Sehnen beginnen. Georgs Gedanken vergingen in Entzücken und Wehmuth. Während Aquilina in einen Kelch, welchen eine rothglühende Schlange aus Karfunkeln umschloß, den Saft der Traube hineindrückte, ließ er den Ring, welchen er einst von Ihr erhalten hatte, vor ihren Füßen hinkreiseln. Ach! rief sie, Er gibt mir das Zeichen, daß er von Neuem als Mensch sterben muß. Sie stellte den Becher neben sich und weinte bitterlich. Georg, noch immer in seinen Nebelmantel verhüllt, nahm den Becher, trank ihn aus und setzte ihn umgestürzt an seine Stelle. Er fühlte eine Gotteskraft durch Seele und Leib beben. Die Jungfrauen waren vor dem leeren Becher erschrocken zurückgebebt und hatten sich in ihre Schleier gehüllt. Laßt mich jetzt allein mit meinem Leide! jammerte Aquilina. Wenn wird nun je die Stunde meines Heils nahen? Die Jungfrauen verließen die trauernde Herrin. Auf die Lehne des Thronsessels den elfenbeinglänzenden Arm gestützt, saß Sie, das edle Haupt mit verschlossenen Augen zu schmerzlichen Träumen geneigt. Der entzückte Jüngling schlug seinen Arm um ihren Nacken und küßte ihren lieblichen Mund. Sie fuhr erschrocken empor, aber er hatte sich wieder verhüllt. O, wie ich träume! flüsterte sie, neigte wiederum ihr Haupt und schien die Augen zu schließen. Indem sie aber heimlich durch die langen Wimpern vorblickte, bemerkte sie, wie der Geliebte den Mantel zurückschlug, lieblich, liebend und sichtbar vor ihr stand, den Arm um sie legte und wiederum seinen Mund zum verrätherischen Kusse neigte. Schnell schlang sie ihre Arme um seinen Leib und rief: Georg, wie schlimm hast du gethan! Georg, in unsterblicher Jugend und Liebe bist du mein! Der Nebelmantel war zu Boden gefallen und die zwei göttlichen Gestalten umfingen sich im Entzücken ewiger Liebeswonnen. Um sie herum kreiste in Orgeldonnertönen und mit siebenfarbig zuckenden Blitzstrahlen das Weltall. Nachwort. Obige wunderliche Geschichte erhielt der jetzige Herausgeber derselben in einem gutgeschriebenen Manuscripte von einem Schulmeister, Namens Wohlgemuth, welchen er auf einer Rheinreise kennen und achten lernte, mitgetheilt, mit der Erlaubniß, dieselbe durch den Druck bekannt machen zu dürfen. Wohlgemuth erzählte: daß ein unglücklicher, kranker Dichter diese Geschichte bei ihm kurz vor seinem Tode aufgesetzt hatte. – Eines Morgens habe er ihn vor diesem Manuscripte, an welchem er eben noch geschrieben gehabt, zu einem bessern Leben eingeschlafen gefunden. – Der Arme wäre sein Jugendfreund gewesen, und er habe ihn deswegen gern bei sich beherbergt, gewartet und gepflegt; denn er wäre ein gar guter, stiller Mensch gewesen, und habe keinem Kinde etwas zu Leide gethan; gesprochen habe er fast gar nichts, aber zuweilen sehr bitterlich geweint. Wenn er nicht zu viel studirt hätte, setzte Wohlgemut hinzu, indem er traurig eine Prise Tabak nahm, so hätte es nicht so schlimm mit ihm werden können; doch müsse er vornehme Bekanntschaft gehabt haben; denn vor Kurzem habe ein fremder vornehmer Kaufmann, Namens Meier, sein Grab auf dem Kirchhofe aufgesucht und lange Zeit dort recht traurig verweilt. Das ist es, lieben Leser, was ich rücksichtlich dieser Geschichte nebenbei erfuhr, und euch nicht vorenthalten mochte. Es dauert mich nur, daß ich der Frau Schulmeisterin das Versprechen gegeben habe, ihren Wohnort zu verschweigen; die thörichte Frau meinte, es würden sie alsdann zu viele Fremde überlaufen, wenn sie des Dichters Grab besuchten. Leipzig, in der Ostermesse 1831. Der Herausgeber.