Wilhelm Raabe Wunnigel Erstes Kapitel Die Stadt liegt – sagen wir – ganz genau mitten in Mitteldeutschland; aber glücklicherweise erinnern wir uns noch gerade zur rechten Zeit jenes Pfaffen, dem Eulenspiegel nachwies, daß er, der geistliche Herr, das Zentrum seiner Kirche keineswegs ganz genau zu treffen wisse, und hüten uns wohl, eine Wette in betreff der absoluten Richtigkeit unserer geographischen Breiten- und Längenbestimmung anzubieten. Es ist aber eine feine, alte, gar nicht unbedeutende Stadt, und wer daselbst noch außerhalb dieser Geschichte zu tun hat, der findet sie wohl auch ohne Polhöhe- und Meridianberechnung mit Hülfe der ersten besten Post- und Eisenbahnkarte, sowie eines Eisenbahnbilletts. Ihre Bewohner sind mit Recht stolz auf sie und haben jedenfalls selber Geschmack gezeigt, als sie sie halb in die Ebene und halb an den Berg hinbauten. Auf dem Berge liegt das Schloß, in welchem vordem eine Seitenlinie des Herrscherstammes residierte, das aber jetzt längst der Herrscherhauptstamm selber wieder an sich genommen hat, um darin seine Autorität durch eine erkleckliche Reihe von Provinzialbehörden, die nicht immer untereinander auf dem besten kollegialischen Fuße leben, vertreten zu lassen. Die Stadt ist, sozusagen, verhältnismäßig voll von alten Kirchen und sonstigen hervorragenden öffentlichen und Privatbauten; zwei oder drei malerische Tortürme mit anhängendem Umwallungsgemäuer hat sie gleichfalls konserviert. Sie war eine der ersten in Germanien, die sich mit Gas beleuchtete, jedoch den Efeu nicht darum von den Wänden riß und ihre alten Lindenbäume niederschlug. Sie hat merkwürdig viel Grün innerhalb ihres Weichbildes sowohl in der Ebene als auch den Berg hinauf sich bewahrt, und Thor, Wodan und Freya vergelten ihr das denn auch und schützen sie mit lächelndem Wohlwollen in ihrem kräftigen, grünen Alter: die hübschen Mädchen werden nicht alle in ihr, und das Landwehrregiment, dessen Stab hier liegt, notierte neulich im harten Winter vor Paris außergewöhnlich wenige Gliederwehkranke in seinen Lazarettlisten. Ein Charakteristikum der Stadt sind die Gartenmauern, vorzüglich den Berg hinauf an Treppen und Wegen. Man könnte vom Frühling bis zum Herbst an ihnen zwischen Haus und Haus eine vollständige Flora muralis zusammenstellen; und wenn man auch die Moose dazu nimmt, so kann man dreist behaupten, daß auch den Winter durch das Treiben und Blühen an ihnen wahrlich nicht ein Ende findet. Und die Häuser am Schloßberge haben fast sämtlich ihre uralten Gartenmauern, und was von Murales nicht an ihnen gedeiht, das findet der Botaniker sicherlich an der Kirchhofsmauer der Sankt-Gertrauden-Kirche, die auch am Schloßberge gebaut ist und mit ihrer gotischen Turmknospe gerade in die Fenster des Kreisgerichts im Schloß hineinsieht und den gegenwärtigen Herrn Kreisrichter, einen passionierten Jäger, mehrmals veranlaßt hat, vermittelst einer Windbüchse von seiner Amtsstube aus nach den den Turm umflatternden Dohlen zu schießen. Nach dem ersten Treffer hat sich freilich die Nachbarschaft von Sankt Gertrud das harmlose Vergnügen leider dringend verbeten. Von den Dohlen bis zu den Glocken ist nur ein Schritt; – die Stadt hat, so viele Jahrhunderte hindurch sie existiert, sich noch nie und nimmer ihr Geläut zuwidergehört. Sie besitzt ein Theater und hat dann und wann ganz gute Gelegenheit, sich mit aller Vergangenheits- und Zukunftsmusik bekannt zu machen; aber ein Ohr für ihre Glocken hat sie sich unter allen Umständen bewahrt. Freilich, um ganz genau zu hören, fühlen und empfinden und zu verstehen, wie und was sie am Abend vor Weihnachten, Ostern oder Pfingsten reden, muß man doch wohl am Orte, wenn nicht seinen Unterstützungswohnsitz haben, so doch daselbst geboren oder erzogen worden sein. Wir reden davon vielleicht noch später einmal; gegenwärtig brechen wir weislich ab. Wir werden wohl schwer ein Ende abreichen, wenn wir die Stadt noch länger im ganzen schildern und beschreiben wollen; und wir haben es im Grunde doch nur mit zwei Häusern darin zu tun, einem größeren und einem ganz kleinen – einem oben am Berge und einem am Untertor, welche letztere Bezeichnung klar genug andeutet, daß der mittelalterliche, gewölbte Durchgang glatt in die Ebene hinausführt. – Zuerst steigen wir nun bergan und widmen uns dem größeren Hause, dem »Hause am Schloßberge«; das andere, kleine, das »Haus am Tor«, finden wir dann in der Folge beiläufig auf unserem Wege. Beiläufig! Als ob es wirklich auf unseren Wegen, in unserem Leben etwas Beiläufiges gäbe! – Steigen wir und nehmen wir alles , wie es sich gibt! – Ein gewundener, gepflasterter Fahrweg führt uns zu der Tür des Hauses am Schloßberge, und zwar zu einer Tür, die in jedem Handbuche der Kunstgeschichte eine Abbildung verdient. Zwei Renaissance-Römer in Sandstein bewachen mit sehr unklassischen Hellebarden einen ungemein gutmütigen und freundlichen Medusenkopf über der Pforte und eine Messingplatte neben einem Glockenzug. H. Weyland Dr. med. und Geburtshelfer ist auf der Platte zu lesen; und sechs ausgetretene Steinstufen, begleitet auf beiden Seiten von einem kunstvollen eisernen Geländer, bringen uns auf den Hausflur des Herrn Doktors. Wir stehen in dem Familienhause der Weyland und finden, daß das Innere dem Äußeren nichts nachgibt. Im Gegenteil, wenn das letztere uns in Verwunderung, ja Erstaunen setzte, so verstärkt das andere diesen Eindruck sogar noch. Es ist ein Familienhaus in der wahrsten, vollsten Bedeutung des Wortes von innen und von außen. Die Jahreszahl fünfzehnhundertsiebenzig steht unter dem Medusenkopf draußen; inwendig finden wir eine Spur von allem, was sich den Generationen seit jenem Jahre an Herz und Sinn legte; und aus jeder Epoche ist genug übriggeblieben, um einen Sachverständigen außer sich zu bringen; – gottlob, daß wir keiner von den Sachverständigen sind! Schnitzwerke in Holz und Bein, gemalte Tafeln, die Schelmerei der Trinksprüche an Silberbechern und Glaspokalen, altflanderische Teppiche, der Schrank der Urgroßmutter und die Bücherstube des Großvaters haben für uns all ihren Zauber, alle ihre Märchenhaftigkeit, ihren ganzen unwissenschaftlichen Duft und Schimmer behalten. Wir riechen in den Schrein der Großmama, aber wir kleben keinen Zettel mit einer Nummer und einer Beschreibung ins einzelne daran. Wenn wir uns aus dem Wintersturm an den warmen Ofen gerettet haben, wenn wir aus der heißen, grellen Sommersonne in den kühlen Buchenwald getreten sind, so – kleben wir auch keinen Zettel an unser Behagen; aber wir wissen es zu würdigen. Beiläufig – in unserem Sinne – soll späterhin dann und wann die Rede sein von dem Inhalt des Hauses Weyland . Zweites Kapitel Es gibt eine Redensart von einem Ohrwurm in einem Schneckenhaus; – diese Redensart paßt ganz und gar nicht auf den jungen Doktor Heinrich Weyland in seinem Hause am Schloßberge; denn erstens bewohnt er kein Schneckenhaus, und zweitens hat er nichts von einem Ohrwurm an sich und in letzterer Hinsicht am allerwenigsten die ganz nichtswürdige Kneifzange am Schwanzende. Er, der Doktor Weyland, ist ein blonder, heiterer, dann und wann – bis jetzt wenigstens – nur zu leicht verlegener junger Mann in seinem alten Wunderhause. Alle seine Vorfahren sind unbedingt nicht so gewesen wie er. Im Gegenteil, es existieren Bilder von ihnen an den Wänden, die sie meistens durchaus nicht blond, sanft und lächelnd zeigen, sondern ziemlich schwärzlich oder bräunlich und jedenfalls borstig und widerhaarig zur Genüge. Aber Herr Heinrich ist für den Augenblick der Letzte der Weylande, und seine Mutter war auch eine blonde, fröhliche und freundliche Frau. Sein Haus weiß er zu würdigen wie der grimmigste seiner Ahnherren, und viele Frauen unten in der Stadt sagen: »Wenn er nur heiraten wollte, so nähmen wir ihn auf der Stelle als Hausarzt an, trotz seiner Jugend.« Er jedoch denkt noch gar nicht ans Heiraten, und seine Praxis nimmt er, wie sie ihm kommt. Er hat es ausnahmsweise einmal nicht nötig, ihr nachzulaufen; und Damen unten in der Stadt, Mütter mit mannbaren Töchtern, haben ihn denn doch wieder seltsamerweise gerade deshalb als Hausarzt angenommen, weil er unverheiratet ist. Ein greises Faktotum seines Vaters und eine gleich greise Dienerin seiner Mutter pflegen seine Anlage zur Korpulenz mehr, als ihm selber sowohl als Physiologen als auch als ästhetisch gebildetem jungen Menschen angenehm sein kann und ist. Aber er wird fett aus Herzensgüte; – er kann Kalmüseln und der Jungfer Männe nichts abschlagen, was sie ihm zur Liebe und Bequemlichkeit tun. Die Alte hat ihn groß gefüttert, und es ist ihr Recht, ihn weiterzufüttern. Der Alte hat dem seligen Papa die Pfeifen gereinigt und den Schlafrock gewärmt, und es ist sein Recht, auch den »jungen Herrn« innerhalb des Hauses am Schloßberge zu »verwalten, wie er es gewohnt ist«. Beide Leutchen aber sind nicht nur stolz auf das Haus, sondern auch auf den Eigentümer desselben. Das Haus am Schloßberge gehört dem Doktor Heinrich Weyland; aber Kalmüseln und Jungfer Männe gehört nicht nur das Haus, sondern auch der Doktor. »Es gehört unbedingt eine junge Frau da oben in das Haus!« sagen die Mütter mit mannbaren Töchtern unten in der Stadt; wenn wir uns also gleichfalls die Aufgabe stellen, eine hineinzuschaffen, so folgen wir hierin nur erfahrenem Rat, und zwar dem besten und berufensten in aller Welt. Ob wir es dann den Damen jedoch recht machen, ist wieder eine andere Frage. »Bitte, schreiben Sie mir doch gütigst, auf welche Nummer Sie in diesem Jahre das Große Los fallen lassen wollen«, schrieb einmal eine jungfräuliche Bekannte von uns an das Oberlandeslotteriekollegium. – – Unter allen Gemächern des Hauses ist eines das merkwürdigste. Das ist nicht das Zimmer mit den beiden mit Spiegelglas belegten Schränken, auch nicht das Zimmer, wo die Wouwermansche Reiterschlacht hängt, und auch nicht jenes Gemach mit den alten schwarzen Ledertapeten, wo dann und wann das graue Männchen mit den roten Strümpfen, auf der Tischecke sitzend und mit melancholischen Geisterbeinchen an dem schweren alten Teppich aus Arras hin und her den Esel ausläutend, gesehen worden ist. Das merkwürdigste Zimmer des Hauses am Schloßberge ist die »Bücherstube«, und sie ist freilich eine Kuriosität vom allerhöchsten kulturhistorischen Interesse und für uns vor allem einer etwas ausführlicheren Kenntnisnahme wert. Es ist eine helle, weitläufige, beinahe saalartige Eckstube. Zwei Fenster beherrschen den Weg zum Schlosse hinauf und alles, was diesen Pfad hinauf- oder hinabzuwandeln hat; aus den beiden anderen Fenstern sieht man hinab auf die vieltürmige Stadt und über dieselbige hinaus südwärts in das freie Land – sehr weit in das freie ebene Land mit seinem gewundenen Fluß, seinen Wäldern und Feldern, seinen Eisenbahnlinien, seinen Fabrikschornsteinen, Windmühlen, Dörfern und einzelnen Gehöften. Und die Scheiben dieser Fenster sind noch in altes ehrliches Blei eingefaßt und zeichnen sich keineswegs durch Größe und Glanz aus. Aber an einer der der ehemaligen Fürstenburg zugewendeten steht gekritzelt der Vers aus dem Martial: Dic mihi, si fias tu leo, qualis eris? (Sag mir, wenn du ein Löwe wärst, wie würdest du dich gehaben?) und darunter die Jahreszahl 1598. An einer zweiten aber, durch welche man die Stadt überschaut und Himmel und Erde so weithin mit einem Blicke umfaßt, hat eine andere Hand, wenn auch vielleicht derselbe Demantring, die Jahreszahl 1715 gekritzelt und darunter das Wort des Benedictus Spinoza: »Da erwog ich in meinem Gemüte, daß das Licht der Natur nicht nur verachtet, sondern von vielen als Quell der Gottlosigkeit verdammt, Menschenerdichtung dagegen für göttliche Urkund und Leichtgläubigkeit für Glauben geachtet wird.« – Der Name M. Benedictus Weylandus steht auch in die Scheibe eingegraben, und der gegenwärtige Doctor medicinae Heinrich Weyland hat eine Vorliebe für den Spinozisten in seiner Familie und durchblättert die von seiner Hand gezeichneten und annotierten Bände seiner umfangreichen Familienbibliothek mit am liebsten. Die Bücherstube enthält in der Tat eine umfangreiche Familienbibliothek, nicht nur auf den Regalen die Wände entlang, sondern auch auf den von einer Wand zur andern durch das Gemach aufgestellten, bis an die getäfelte Decke reichenden Repositorien. Fünf bis sechs sehr gelehrte und zu ihren Zeiten in der Stadt wahrlich nicht unbekannte und gering geachtete Männer haben hier ihre Studien gemacht und fortgesetzt, und ein jeder hat die Literatur seiner Zeit und seiner persönlichen Neigung wenigstens in ihren Hauptwerken auf diesen Brettern zurückgelassen. Da ist der Theologe des sechzehnten Jahrhunderts, da ist der Ratsherr, der jenes Wort vom Löwen aus dem klassischen Schalk Martial in einem müßigen Augenblick und wahrscheinlich mit einem Blick aufwärts zu dem gleichfalls aus dem Fenster guckenden fürstlichen Nachbar und durchlauchtigen Seitenstammhalter auf jene Scheibe kritzelte. Es würde das viel zu weit führen, wenn wir uns näher darauf einlassen wollten, zu katalogisieren. Im siebenzehnten Jahrhundert ist die Bücherei am meisten vom Zufall und am sparsamsten zusammengeweht und -gestoppelt; während des Dreißigjährigen Krieges hatte auch die Familie Weyland zuviel auf den Stadtmauern und Wällen zu schaffen und in der Kipper- und Wipperzeit zuwenig für Pallas Athene aufzuwenden. Aber Herr Abraham Weyland in der zweiten Hälfte des Säkulums ist bereits wieder ein Kunstliebhaber, der mit seinen Mitteln Außerordentliches, wenn auch meistens ziemlich Absonderliches leistet. Auf seine Liebhabereien und Kuriositäten aus den Jahren 1660 bis 1680 stößt man noch in allen Winkeln und Ecken des Hauses; sie starren einen von den Wänden an, sie sind auf und in den alten Schränken aufgehäuft; und auch in der Bücherstube beanspruchen sie ihren Platz und haben zu jeder Zeit die Gäste und Freunde des Hauses und vor allen Dingen die Kinder in Verwunderung und Entzücken versetzt. Auf den Sammler folgt der Philosoph. Das Exemplar des Tractatus theologico-politicus mit den Randglossen von seiner Hand leuchtet wie ein Licht im Nebel unter den Quartanten und Folianten seiner Epoche, und daß Herr Heinrich Weyland dann und wann darin blättert, haben wir bereits mitgeteilt. Im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts tritt ein Reisender in der Familie und in der Bibliothek auf. Er hat die Homannschen Karten und Atlanten in seltener Vollständigkeit zusammengebracht, und das Hamburgische Reisebuch von Peter Ambrosius Lehmann scheint seine Lieblingslektüre gewesen zu sein. Die Bücherei besitzt den Bädeker unserer Urgroßväter in den meisten Ausgaben bis hinunter zur letzten, die der Dresdener Konsistorialsekretär Gottlieb Friedrich Krebel im Jahre 1767 edierte. Wie der Spinozist den Tractatus theologico-politicus, so hat der Wanderer des Hauses und der Familie am Schloßberge den alten Lehmann perlustriert, illustriert, annotiert und paraphrasiert. Er aber, der Abenteurer, der große Reisende, ist leider im Amerikanischen Unabhängigkeitskriege als hessischer Hauptmann gegen die jungen Republikaner gefallen. Ein gewisser anderer Soldat, Abenteurer und Reisender, des Namens Seume, der sich späterhin einen Namen machte und an den sich die Familie nach seiner Rückkehr nach Europa wandte, hat den Kapitän Weyland persönlich kennengelernt und konnte Auskunft über sein Verbleiben erteilen. Sein Brief aus Warschau findet sich im Familienarchiv. In das neunzehnte Säkulum reicht der Großvater des jetzigen Besitzers des Hauses am Schloßberge hinein. Er heiratete jung und starb im fünfundvierzigsten Lebensjahre. Er war ein Mitglied des Tugendbundes und ein reitender freiwilliger Jäger. Im Sommer1814 nahm er als letzterer an dem Siegeseinzuge in Kassel teil, verliebte sich auf der Stelle in eine der ihm Blumen vor den Gaul streuenden Jungfrauen, verlobte sich mit ihr am Abend in den Orangeriesälen bei dem Feste, welches die Stadt den Freiwilligen und den Offizieren gab, und ließ sich Blumen von ihr auf den Weg streuen bis an seinen Todestag. Seines Zeichens sonst war er ein Advokat und brachte eine der reichhaltigsten Sammlungen der Flugschriften, Karikaturen, Orgellieder usw. der Jahre 1813 und 1814 zusammen und verleibte sie der Hausbibliothek ein. Sein Sohn war gleichfalls Advokat und sammelte nichts an literarischen Schätzen; aber er machte ein Vermögen. Dazu hatte er einen ausgesprochenen Hang, Liebhabertheater zu gründen. Die älteren Damen in der Stadt haben seinem Sohne, dem letzten Sprößling der Familie, viel von ihm zu erzählen: von seinem Talent, komische Rollen auf der Bühne zur Darstellung zu bringen, heitere Trinksprüche auszubringen und angenehme Landpartien zu arrangieren. Sein Ruhm ist wohl nicht ohne Grund immer noch groß darob in der Stadt; aber seltsamerweise hat sein Sohn ihn nur von einer sehr ernsten Seite, als strengen, exakten Erzieher, kennengelernt und im Gedächtnis. Er war achtzehnhundertsechzehn geboren und starb im Anfang der sechziger Jahre. Der Doktor Heinrich Weyland ist heute ungefähr fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahre alt; wir schreiben ungefähr das Jahr achtzehnhundertzweiundsiebenzig; der Büchervorrat des Hauses am Schloßberge hat einen beträchtlichen Zuwachs an bis zu diesem Zeitpunkte hinabreichender medizinischer Literatur erhalten. Der junge Arzt darf sich als der Sohn eines begüterten Mannes einen gewissen Luxus in dieser Beziehung gestatten, und, was sehr anzuerkennen ist, er gestattet ihn sich in der Tat. Er hat wieder einmal allein die Familienerbschaft angetreten, und sie ist auch diesmal in eine brave, ehrliche Hand gefallen. Übrigens will es die Bekannten und Freunde in der Stadt bedünken, als sei von allen Neigungen, Liebhabereien, Wissenschaften, Schrullen, Grillen, Sympathien und Antipathien ein Stück an dem jetzigen – gegenwärtigen Weyland am Schloßberge hängengeblieben und nachzuweisen. Ein Witzbold da unten hat behauptet, daß auch an diesem Stieglitz der liebe Gott einmal wieder alle seine Farbenpinsel ausgestrichen habe: »Schau, Herr, hier ist noch Rot im Topf! Gleich gab ihm Gott einen Klecks auf den Kopf.« – Was man sonst dann und wann dem jungen, liebenswürdigen Doktor da oben alles zutraut, das geht freilich nicht selten vom Aschgrauen in das sehr Bunte. Die Damen, und voraus die jungen, sind in dieser Hinsicht mit einer merkwürdigen, lebhaften Phantasie begabt und schieben ihm Dinge und Absichten zu, an die er weder im Wachen noch im Traume dachte. Drittes Kapitel Die Fensternischen bilden auch eine Zierde des Hauses Weyland. Sie sind tief und geräumig, und es wäre keine üble kulturgeschichtliche Aufgabe, eine Abhandlung über die Stühle, Schemel und Sessel, die in sie hineingerückt sind, zu schreiben. Der älteste Stuhl aber steht unter der Scheibe, in die der junge Spinozist an einem längst vergangenen, strahlenden, leuchtenden Frühlingstage das Wort seines hohen Meisters eingrub. Es ist ein weitläufiges, gradlehniges, mit uraltem, derbem Leder beschlagenes Sitzgerät aus Eichenholz. Einem heutigen Jungfräulein sollte es wohl schwer werden, diesen Stuhl vor ihr zierliches Pianino zu rücken oder ihn an ihr Schreibtischchen zu ziehen. Aber doch hat im Verlaufe der Jahrhunderte mehr als eine Jungfrau und junge Frau darauf gesessen und hoffentlich auch gute, fröhliche Gedanken darin gehabt über ihrer Arbeit oder auch ohne dieselbe, während die Väter, Brüder oder Gatten an der großen, mit grünem Tuche überzogenen Schreibtafel in der Perücke oder dem eigenen Haare wühlten, wenn sie nicht gerade die Bücherleiter von einem Repositorium zum andern trugen. Ein schmächtig jung Ehepaar in den Flitterwochen hat wohl selbander Platz in dem Sessel; aber wie manche Väter und Großväter haben dann auch ihre Söhne und Enkel darin auf den Knien gehalten und ihnen die Märsche der Zeiten an der Fensterscheibe vorgesummt und vorgetrommelt; heute: »Zeuch, Fahler, zeuch, balde woll'n wir Tylle dreschen«; – morgen, das heißt ein halb Säkulum später: »Malbrouck s'en va-t-en guerre« oder: »Prinz Eugen, der edle Ritter, wollt' dem Kaiser wiederum kriegen Stadt und Festung Belgerad«; übermorgen, will sagen wieder zu seiner Zeit: »Und als die Preußen marschierten vor Prag, vor Prag, die schöne Stadt«; nachher wohl auch einmal die Marseillaise, den Grenadiermarsch des Kaisers Napoleon, bis wieder einheimische mutige, todesfreudige Takte die fremdländischen ablösten: »Es zog aus Berlin ein tapferer Held« – »Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein« und so weiter und so weiter bis zum: »Was ist des Deutschen Vaterland?« – »Die Wacht am Rhein« hat dann der jetzige Herr des Hauses sich selber vorgesummt und -getrommelt, während sie drunten vieltausendstimmig die Stadt durchbrauste. Der jetzige Herr des Hauses am Schloßberge hat bis jetzt, wie wir wissen, das Haus, die Bücherei und den großen Lehnstuhl noch für sich allein; – unsere Aufgabe aber ist's natürlich, zu erzählen, und zwar so genau als möglich, wie sich dieser bedauerliche, gleichfalls kulturhistorische Zustand änderte, unter welchen Umständen, Bedingungen, Zukömmlichkeiten, Unzukömmlichkeiten, Fördernissen und Hindernissen. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sagte der Herrgott, als er die Welt erschuf. Dasselbige sagt die geneigte Leserin auch heute noch, wo die Welt schon längst erschaffen worden ist. Wir aber fragen: was sollte wohl aus uns werden, wenn sich beide, der Herrgott sowohl wie die Leserin, geirrt hätten und es doch besser wäre, wenn der Mensch allein bliebe?! Mit dem Geschichten-Erzählen wäre es doch wahrhaftig dann auf der Stelle zu Ende; unsere Halbbrüder von der Dramatik würden gleichfalls schön ankommen und nett in der Patsche sitzen. Am besten hätten es noch unsere lyrischen Herren Vettern; diese würden sich vielleicht durchfressen, wenn auch mit Mühe und Not, mit Hunger und Kummer. – Und – es war ein nebeliger Nachmittag gegen Ende des Septembers, da saß der junge Doktor der Arzneikunde, Herr Heinrich Weyland, in dem Ahnensessel in der Fensternische der Bücherstube und blickte melancholisch über die Türme und Dächer der Stadt weg ins Weite – weit hinaus in die nebelige Ferne und vor allem auf eine Pappelallee, die sich in merkwürdig gerader Linie durch die Ebene zog und gegen ein ungefähr fünfviertel Stunden von der Stadt entlegenes Dorf hin im Dunst verlor. In einer halben Stunde bereits fuhr er, der Doktor, in dieser Allee. Sein Einspänner wurde soeben im Hofe angeschirrt; sein Hut lag auf dem grünen Tische neben einem aufgeschlagenen, die Krankheiten des Herzens behandelnden Atlas, und mit seinem Überzieher stieg eben die Jungfer Männe die Treppe herauf: ein eiliger Bote hatte ihn auf die Landpraxis hinauszitiert, und seufzend hatte er dem Boten die Versicherung mit zurückgegeben, daß man ihn demnächst, das heißt sobald als tunlich, da draußen erwarten könne. »Aber der Herr hat's sehr eilig gemacht!« hatte der Bote vom Lande bemerkt. »Mensch, ich habe es ja schon gesagt, daß ich kommen werde!« hatte der Doktor erwidert, und der Mensch war mit diesem Troste wieder abgezogen, der wissenschaftliche Helfer in der Not aber hatte wirklich zehn Minuten später die nötigen Befehle unten im Hause gegeben und erwartete nunmehr, daß der Daus, nämlich der Familiengaul, sich ebenso willig wie sein Herr zeige und daß der Einspänner aus dem Schuppen hervorgeholt sei. Weit aufgeschlagen lag das gräßliche anatomische Bilderbuch auf dem Tische da. In dem Ofen (beiläufig natürlich gleichfalls ein altes Wunder!) prasselte das Feuer; in der Fensterbank unter der Scheibe mit dem Worte: »Dich möcht ich auch mal als Löwen sehen!« saß der Hauskater und putzte sich schnurrend Bart und Ohren; unter der gebräunten Decke um das dort aufgehängte, seit hundertfünfzig Jahren dort hängende jugendliche Krokodil kräuselten sich noch die letzten Wölkchen der an einem der Bücherbretter lehnenden Pfeife des Doktors; und – »Ich bin imstande, meine Meinung recht deutlich zu sagen, wenn mich das Fräulein ohne genügenden Grund nach dem Riedhorn hinauszitiert hat!« sprach der junge Doktor und hatte in der Tat einige Berechtigung zu dem grollenden Wort. Es war für einen, der es nicht nötig hatte, der Praxis nachzulaufen, durchaus kein Genuß, den Schlafrock aus- und die Stiefel anzuziehen und nach dem Riedhorn hinauszufahren, um daselbst vielleicht ein Decoctum Chamomillae, das heißt einen Kamillentee, anzuraten. »Ich bin fähig, unter solchen Umständen die Jungfrau auf acht Tage ins Bett zu packen, um sie ihre Rücksichtslosigkeit ausschwitzen zu lassen!« brummte Doktor Weyland, sich immer mehr in den Ingrimm hineinsteigernd; in diesem Augenblicke aber wurde ihm bereits gemeldet, daß der Daus mit dem Einspänner im Hof auf ihn warte. Er fuhr in den Oberrock, der ihm hingehalten wurde. Er fuhr in den Überzieher. Daß er sich den Hut nicht aufsetzen ließ, war merkwürdig; aber den Stock ließ er sich doch wenigstens in die Hand geben. »Ihre Handschuhe stecken in der rechten Tasche vom Überzieher, Herr Heinrich«, sagte die Jungfer Männe. »Klappen Sie doch ja den Rockkragen in die Höhe; bei solcher Nebelwitterung und auch in dieser Jahreszeit holte sich der selige Herr Vater seine letzte Erkältung und seinen Tod. Daß Ihr mir ja auf den Gaul Achtung gebt, Kalmüsel! – Adje, Herr Doktor, und kommen Sie gut wieder! – Da fährt das Kind hin.« Da fuhr es in der Tat hin oder vielmehr holperte es den Schloßberg hinunter oder, noch besser, wurde es den Schloßberg hinuntergerüttelt und -geschüttelt. »Und Preiskegeln ist auch heute abend in der Krone!« seufzte der Doktor. »Und Essen nachher! Wenn ich dazu wenigstens wieder zurück bin, werde ich dem lieben Gott dankbar sein müssen. In dieser Hinsicht ist es immer noch ein Glück, daß es ein Fräulein ist, welches meiner Hülfe bedarf. Aber man traue den Weibern! – Sämtliche ältere Kollegen schieben sicherlich mit – ja, da ist mehr als einer, dem ich es gönnte, gerade wenn der Karpfen auf den Tisch kommt, gleichfalls abgerufen zu werden. Gottlob, da sind wir wenigstens auf ebenem Boden, wenn man dieses höllische Pflaster so nennen kann.« »Da fährt der junge Doktor Weyland vom Schloßberge in seinem Einspänner!« rief mehr als eine Mama an den Fenstern der unteren Stadt, und sofort unterbrach mehr als eine Tochter ihre Klavierübungen und kam ebenfalls ans Fenster, um dem Einspänner mit Kalmüsel auf dem Bocke nachzusehen. »Er ist schon um die Ecke, Martha, bleib nur sitzen!« sprach dann wohl die Mama; wir aber reiben uns nicht ohne Grund die Hände; denn um die Ecke haben wir ihn wirklich und wahrhaftig, und zwar ganz selbstverständlich, ohne daß er im geringsten eine Ahnung davon hat; was das Behagen an der Sache oder den Reiz des Dinges keineswegs vermindert. Viele Leute in den Gassen grüßen den Doktor, der den Gruß jedesmal freundlichst erwidert. Auch Kalmüsel winkt seinerseits manchem Bekannten vom Bocke mit der Peitsche zu. Da sind die beiden bekannten Kunstläden mit den seit anderthalb Jahren (der Doktor weiß das ziemlich genau) dem Publikum zur Schau gestellten Kunstwerken in Stahlstich, Lithographie und Buntdruck. Da sind die bekannten Porzellan- und Glaswarenläden, und der Doktor kennt die Bildwerke in dem Fenster des italienischen Gipsfiguren- und Alabasterhändlers an der Marktecke fast so genau wie sich selber. Und wie mit den Sachen, so ist es mit den Menschen – Ladenhaltern und Straßenpassanten. Wenn es nicht liebe vertraute Gesichter sind, so sind es doch unbedingt vertraute Gesichter; es ist kein Wunder, daß der Doktor Weyland zuletzt sich in den Winkel wirft, die Augen zudrückt, am Untertor nur einen Moment nach einem schon erwähnten kleinen Häuschen hinblinzelt und sie – seine Augen – erst wieder in jener Pappelallee, auf die er sich vorhin bereits von dem Fenster seiner Bücherstube aus hinausphantasierte, ganz aufmacht. Er hat einen Sinn für die freie Natur, dieser Doktor der Medizin, und weiß selbst eine geradlinige Pappelallee an einem trüben, nebeligen Herbstnachmittage zu würdigen und den Blick über die feuchten, kahlen Felder zur Rechten und Linken gleichfalls, zumal wenn die Chaussee im guten Zustande, der »Daus«, wie Kalmüsel sein Roß nennt, bei guter Laune und Kalmüsel selber nicht zu zärtlich und nachgiebig gegen den Daus ist. Bei feuchtkalter Witterung und Nebel war aber Kalmüsel am wenigsten zur Zärtlichkeit geneigt. Er fuhr im kurzen Trabe die Allee entlang dem Riedhorn zu. Der ärztliche Helfer in der Not unter dem Verdeck des Einspänners nickte beifällig über seiner Zigarre, wir aber haben jetzt wohl ein wenig genauer mitzuteilen, was das Riedhorn eigentlich war und was der Name bedeutete. Nichts weiter als ein Wirtshaus, und zwar ein Dorfwirtshaus, wenn auch nicht von der gewöhnlichen Art, sondern eines, das wohl einer etwas eingehenderen geschichtlichen und sachlichen Schilderung wert ist. Wenn das Haus heute nur das Appendix eines Dorfes, wenngleich eines recht wohlhabenden und großen Dorfes, ist, so war dem doch nicht immer so. Es gab eine Zeit, wo das Dorf sich vielmehr als das Anhängsel dieses Hauses betrachtete und es wahrlich bei Rangstreitigkeiten nicht gewagt haben würde, sein eigenes höheres Alter als einen Grund der Überlegenheit und höheren Bedeutung geltend zu machen. Große leere Stallungen, umfangreiche verfallende Nebengebäude, im Inneren des Hauptgebäudes breite Treppen, wurmstichige Balustraden, zerbröckelnde Stuckarbeit an den Wänden und Decken der Zimmer und Säle, allerlei Symbole der Jägerei hier und da deuten noch auf den früheren Luxus und ursprünglichen Zweck hin. Das Riedhorn ist gegen Ende des siebenzehnten Jahrhunderts als ein fürstlich Absteigequartier, Palais und Jagdhaus auf dem Wege nach einem jetzt ziemlich verschwundenen Walde und den längst in den Besitz der umliegenden Bauerschaften übergegangenen Jagdgründen der durchlauchtigsten Herrschaften vom Schloßberge erbaut worden. Meister Johann Elias Riedinger ist zu Gaste hier gewesen im achtzehnten Jahrhundert und sah das Wesen und Treiben noch in seinem vollsten Glanze, die Ställe noch voll rammsnasiger edler Rosse der Zeit, das Geräte in Ordnung an den Wänden, die Göttin Diana samt ihren Nymphen noch auf ihren Postamenten in dem französischen Garten, und alles, was zu einem wirklichen und wahren Festin-Jagen gehört, in Hülle und Fülle vorhanden. Er zog von hier aus mit im Gefolge des Herrn und seiner Damen und Kavaliere in den grünen, lustigen Wald und sah mit eigenen Augen im Dickicht, am Weiher und auf der Waldblöße unter dem »Jo ho! Ha ho!« der durchlauchtigen Herrschaft und Jagensmannschaft, was späterhin durch alle Generationen bis auf den heutigen Tag auf seinen Tafeln das Entzücken der Leute in Grün mit Büchse, Hirschfänger und Schweinsfeder gewesen ist. Aber, o Melancholie des Niedergangs! Wo sind die Schleppen der keuschen Nymphen und Jägerinnen, die einst die Kieswege des Parkes am Riedhorn fegten? Wo die Pikörs und Pagen, die Falkeniere – all das Volk in Grün und Gold? Wie in der Stadt das Kreisgericht in die fürstlichen Hallen eingezogen ist, so schnaubt jetzo hier draußen der Schulz, wo einst der Oberhofjägermeister schnob. Die schönsten Runkelrüben wachsen da, wo vordem der stolze verzweifelnde Sechzehnender sich gegen die klaffende, zahnfletschende Meute stellte. Die Kartoffel wächst, wo einst die Sau sich einschob; und wo sie, die Sau, nicht die Kartoffel, Seiner Herzoglichen Durchlaucht auf das Messer rannte, flegelt sich jetzt der faule Pflüger am Feldfeuer und spießt sie, die Kartoffel, nicht die Herzogliche Durchlaucht, auf das Messer. Aus fürstlichem Domanialgut ist das Haus zum Riedhorn Eigentum des Fiskus geworden. Doch der Fiskus hat wenig oder nichts damit anzufangen gewußt. Die Unterhaltungskosten überstiegen die Einkünfte von Lustrum zu Lustrum mehr. Die Hirschköpfe auf den Giebeln verloren allgemach ihre Kronen; die Vergoldung verblaßte, der Sandstein verwitterte, Diana stieg herab von ihrem Postament, und Atalante auf der Tapete folgte ihrem Beispiel und fiel von der Wand. »Dieses geht nicht länger so!« sprach der Fiskus. »Der Besitz wird zu fressend. Aber was fangen wir mit ihm an?« Das war freilich die Frage. Von Gründungen wußte man damals noch nichts. »Wir kaufen euch den alten Kasten ab«, schlug das Dorf vor. »Wir schlachten das Gartenland aus und verpachten das Haus selber mit einem guten halben Morgen als Pläsierort für die Stadtleute an einen Wirt, der die Leute zu nehmen weiß. So bleibt der Vorteil bei der Gemeinde, und die Herrschaften aus der Stadt haben ihr Vergnügen und ihren Gesundheitsspazierweg.« »Fort mit dem Schaden!« rief der Fiskus, und heute ist das Riedhorn in der Tat einer der beliebtesten Vergnügungsorte der Städter und das Ziel mancher Landpartie derselben. Es hat seine Kegelbahn, seine Kartentische und Schachbretter, seine Lauben und grünen Bänke im Freien zwischen den Trümmern der Nymphen, der Diana und dem ewig jungen Grün. Die Aussicht aus dem Honoratiorenzimmer, die Pappelallee entlang, der Stadt zu, ist empfehlenswert und die Verpflegung gut. In diesem Augenblick hält der Einspänner des Doktors Weyland schon vor den Säulen der weiten Einfahrt des Hauses. Der Wirt erscheint in Person in der Tür und grüßt höflichst. »Das ist auch das erstemal, daß ich zu Ihnen auf die Praxis hinauskomme, Nolte«, meint der junge Arzt. »Und noch dazu auch so ein allerliebstes fremdes Fräulein, Herr Doktor!« erwidert Nolte. »Die Geschichte ist aber für mich ebenso kurios wie für Sie. Treten Sie nur gefälligst ins Klubzimmer; der Herr Papa – der Herr – Regierungsrat sitzen da bei den anderen Herren.« Viertes Kapitel Es führt von dem weiten Hausflur eine Treppe zu dem »hohen Parterre«, in dem das Klub- und Honoratiorenzimmer gelegen ist. Gegenüber in derselben Höhe ist die Bauernstube. Der Doktor stieg die Tritte empor, und der Wirt folgte ihm auf dem Fuße. Ehe aber der junge Arzt die Hand auf den Türgriff legte, flüsterte ihm Nolte noch zu: »Er sitzt wieder im Sofa neben dem Ofen und dampft selber wie ein Ofen. Seit Menschengedenken hat jeder gewußt, daß da von Rechts wegen der Herr Kreiskassenkontrolleur Müller sitzt, und er weiß es auch recht gut. O Herr Doktor, machen auch Sie nur seine Bekanntschaft! Die anderen Herren kennen ihn alle schon. Ich bitte und ersuche Sie inständigst, tun Sie Ihr Bestes, kurieren Sie Fräulein Tochter recht rasch, Herr Doktor. Ich für mein Teil habe gar nichts gegen den Herrn Regierungsrat; aber Sie glauben gar nicht, wie wenig Liebe er sich unter den übrigen Herren erworben hat. Es wäre mir also, offen gesagt, sehr unangenehm, wenn ihn eine ernsthafte Krankheit von Fräulein Tochter diesen ganzen kommenden Winter durch an das Haus fesselte.« »Wir wollen sehen, Nolte. Besorgen Sie mir Kaffee; bringen Sie mir denselben her und dann stellen Sie uns, ich meine Ihren liebenswürdigen Gast und mich, einander vor.« »Wie Sie es wünschen, Herr Doktor«, sprach Nolte und wendete sich. Herr Heinrich Weyland trat ein in die wohlbekannte Stube der »Herren aus der Stadt« und fand alles darin wie sonst an seinem Orte und auf seinem Platz, bis auf diesen fremden Herrn und Papa einer kranken Fräulein Tochter im Sofa neben dem Ofen. Dichtes Tabaksgewölk drang dem Eintretenden entgegen; ein halb Dutzend Bekannter saß beim Kaffee im Gespräch, und am Fenster ein Paar über ein Schachbrett gebeugt, teilnahmlos für alles andere als den letzten Zug des Gegners und den eigenen Gegenzug. »Siehe da, Doktor! – Guten Tag, Herr Doktor.« – Der Arzt vom Schloßberge erwiderte den Gruß die Tische entlang, hing den feuchten Oberrock samt dem Hute an den Nagel zu den übrigen und wendete sich zu dem Ofen. »Ein anmutiger Nebel, meine Herren«, sprach er, die Rockschöße rechts und links unter die Arme nehmend und die Rückseite den wärmenden Kacheln zukehrend. »Jeder Atemzug draußen eine Doktorrechnung wert!« hustete der geistreiche Schäker der Stammgäste aus dem Gewölk hervor, und der Doktor Weyland hustete gleichfalls, mit einem Blicke nach der Sofaecke, verstohlen den heute ihn einzig und allein interessierenden Gast des Riedhorns überblickend. Nolte hatte unbestritten recht. Es machte sich in der Tat auf den ersten Blick eine merkwürdige Ödigkeit um den Fremdling bemerkbar. Er hatte den Platz im Sofa nicht nur, sondern auch den sonst rundum besetzten runden Tisch vor dem Sofa ganz für sich allein. Wer auf dem Damenbrett das kindliche Spiel Wolf und Schafe kennt und spielt, der war sofort imstande, einen passenden Vergleich für die Situation zu finden. Der Herr Regierungsrat a. D. Wunnigel hatte den ihm am behaglichsten scheinenden Platz eingenommen, und die – übrigen hielten den ihnen übriggelassenen so fest als möglich. Da saß der Kerl, den das Riedhorn, sowohl was den Wirt wie auch die Gäste anbetraf, so gern wieder losgeworden wäre – ein jedenfalls munterer Herr von intelligentem, gesundem, aber freilich etwas absonderlichem und rauhem Äußern. Sein Alter wurde von dem erfahrenen Physiologen sofort auf fünfundfünfzig bis sechzig Jahre geschätzt, sein Temperament dem sanguinisch-cholerischen zugerechnet, ein maßgebendes Urteil über seinen angeborenen und erworbenen Charakter jedoch vorsichtigerweise von dem demnächst genaueren Bekanntwerden abhängig gemacht. Eine Fülle grauen, borstigen Haares bedeckte in abstehendem Wulst den, wie es schien, sehr wohlgeformten Schädel des Fremdlings. Buschige Augenbrauen überhingen ein Paar recht scharfe graue Augen. Ein viereckiges Kinn, übel rasiert, in allerlei Tinten zwischen weiß, grau und blau spielend, erhob sich über eine Roßhaarkrawatte, welche letztere allein schon andeutete, daß der Mann aus einer Zeit herkam, die nicht mehr die unserige genannt werden konnte. Von weißer Wäsche war, in Anbetracht daß der fremde Herr doch den Titel Regierungsrat führte, außerordentlich wenig an ihm zu erblicken. Es gab jedenfalls Regierungsräte in und außer Dienst mit weißerer Wäsche; wir haben selber die Ehre, einige solcher zu kennen. Einen grauen Flausrock mit außergewöhnlich weiten und vollgepfropften Taschen trug dieser Regierungsrat; dunkle Hosen von festem Winterstoff, gelbliche Tuchgamaschen über tüchtigen Lederstiefeln, von denen letzteren er den linken über einen der nächsten Stühle (sonst auch der Platz eines der anderen Herren) hingestreckt hatte. Daß er rauchte, und zwar stark, hatte der Wirt bereits verkündet. Aus einer kurzen Pfeife qualmte er sicherlich ein wenig beängstigend für die übrigen Herren. Und Grog trank er, und als in diesem Moment Herr Nolte den Kaffee des Doktors brachte und auf dem Tische vor dem Sofa niedersetzte, benutzte er, der Regierungsrat, sofort die Gelegenheit und schob sein Glas hin und sprach. »Noch einen Schröpfkopf voll dieses Getränkes, und möglichst kräftig, Herr Nolte. Und rasch!« Den letzteren Wunsch fügte er sozusagen mit einem Ruck hinzu. Bedrückt verbeugte sich der Wirt zum Riedhorn, das geleerte, so niederträchtig benamsete Gemäß, das heißt das Glas, an sich nehmend. »Herr Regierungsrat, dies ist der Herr Doktor! Herr Doktor, dies ist der Herr, der so gütig war, Sie herausrufen zu lassen.« Wiederum mit einem Ruck erhob sich der Fremde: »Herr Doktor Weyland?« »Das ist mein Name.« »Der meinige ist Wunnigel! – Regierungsrat außer Dienst Wunnigel. Rücken Sie zu!« Er rückte selber zu und machte dem Arzte Platz neben sich. Der junge Doktor zog aber doch lieber fürs erste einen Stuhl an den Tisch und nahm auf demselben Platz. »Sie wünschten meine Hülfe, Herr Regierungsrat –« »In Anspruch zu nehmen. Wenn Sie mir helfen können, ja! Trinken Sie aber ruhig erst Ihren Kaffee; ich habe mein eigen Rezept eben auch noch einmal in die Apotheke geschickt, wie Sie gehört und gesehen haben. Diesmal wartet Freund Mors gütigst wohl noch so lange, bis wir kommen.« Das alles wurde mit einer heiseren und keineswegs befangen flüsternden Stimme gesagt. Alle Stammgäste des Riedhorns hörten deutlich, was der Herr Regierungsrat sprach, und alle sahen nach dem Doktor hin, und es war niemand, der nicht zu bemerken schien: »Siehst du wohl! O, lerne ihn nur erst genau kennen. Wir kennen ihn bereits seit einiger Zeit – o ja, wir haben das Vergnügen! Es ist seine Tochter, die droben krank liegt; – nicht wahr, das ist ein recht netter, zärtlicher Vater mit seinem Freund Mors? – Jaja, Weyland, wären Sie die letzten vierzehn Tage durch wie wir täglich nach dem Riedhorn heraus spazierengewandert, wüßten Sie es längst, daß er ihn recht kräftig liebt und nicht gern auf ihn wartet! – Herrgott, ist das ein Kerl wie ein Bandwurm! Wenn Sie ihn uns abtreiben könnten, so würden Sie uns wahrhaftig noch lieber werden, als Sie es uns schon sind. Kusso hilft aber nicht. Versuchen Sie es dreist mit Arsenik, Weyland; oder lassen Sie ihn auf Blausäure riechen.« Im Grunde war aber ein jeglicher der Herren fest davon überzeugt, daß auch die beiden letzten drastischen Mittel nichts gegen den ebenso hartnäckigen, fest sich saugenden, unbequemen Wurm in seiner altgewohnten Gemütlichkeit und Behaglichkeit ausrichten würden, und so löste sich das allgemeine Starren und Horchen in einen allgemeinen Seufzer auf. Nolte aber brachte düster das neue Glas dampfenden, nicht zu schwachen, nicht zu sanften Getränkes. »Brav von Euch, mein Wirt zum Hosenband«, schnarrte der hohe Staatsbeamte a. D. im Sofa und wendete sich nunmehr, mit dem Becher unter der das aromatische Gewölk sachverständig einziehenden breiten Nase, an den jungen Arzt. »Meine Tochter nämlich, sonst ein gutes Kind, hat mir die Lust bereitet, hier am Orte hängenbleiben zu müssen. Mit einem Schnupfen fing die Geschichte an; allerlei Verdauungsstörungen und sonstige Leib- und Unterleibsbeschwerden wurden mir natürlich verschwiegen, und erst ein gelindes Fieberchen machte mich aufmerksamer. Aufmerksamer geworden, tat ich natürlich alles mögliche, den gestörten Organismus des Mädchens wiedereinzurenken und ins Gleichgewicht zu bringen. Möglichst warme Füße und ein recht frischer Luftzug im Zimmer und um den Kopf ist mein Prinzip; doch ich gestehe, daß ich diesmal nicht damit ausreichte. Rohe Äpfel und viel kaltes Wasser bei innerlicher Hitze, Spirituosen bei Frösteln – selbstverständlich immer innerlich – helfen mir jedesmal; bei meinem jungen Frauenzimmer fiel ich damit ab! Ich versuchte es, vermittelst einer kräftigen Dosis Langeweile Schlaf zu erzeugen und durch dessen Kräfte der elenden Menschennatur aufzuhelfen. Einen Tag lang saß ich am Bette des Kindes und las ihm mit möglichstes Tonlosigkeit das Leben des Benvenuto Cellini, und zwar ohne abzusetzen, vor. Nicht nur, daß das Mädchen nicht schlief, es wurde sogar immer wacher. Das Kopfweh stieg, aus dem Fieberchen wurde, soweit ich das beurteilen kann, ein wirkliches Fieber. Ärztliche Hülfe, die ich sonst gern vermeide, erschien mir nun doch geboten, und ich begann danach umzuschauen. Ich konferierte mit dem Wirte dieses Hauses; ich wendete mich an die verehrten Herren da an jenen Tischen, und man deutete Sie mir an, lieber Doktor. Ich vernahm, daß auch Sie zu den häufigeren Gästen dieses trefflichen städtischen Spazierlaufzieles gehörten, und somit erwartete ich in ziemlicher Ruhe Ihr Kommen. Da Sie jedoch zufällig diese Tage hindurch nicht kamen, schickte ich; denn wenn ich etwas in der Welt nicht zu ertragen vermag, so ist es steigende Unruhe. Steigende Unruhe ist sicherlich noch einmal mein Tod, und wenn Sie mit Ihrem Kaffee fertig sind, so ersuche ich Sie freundlichst, sich das Kind einmal anzusehen. Sie, Doktor, der Sie wahrscheinlich durch ein eigenes krankes Kind irgendwie und -wo noch niemals auf Ihren Wegen aufgehalten worden sind, werden mir unter allen Umständen einen großen Gefallen tun, wenn Sie sich gänzlich in meine Lage hineinversetzen. Gehen wir?« Der Doktor Heinrich Weyland erhob sich stumm, aber sofort, und schob seinen Stuhl mit sehr hörbarem Nachdruck zurück. Es war eine gewisse großartige Brutalität in dem Wesen und Ton dieses Mannes, deren Wirkung auf die braven, ruhigen, höflichen, zartfühlenden, ordentlichen Würdenträger und Familienväter der Stadt und Stammgäste des Riedhorns er sich vollständig ausmalen konnte. Daß auch eine gewisse Gutmütigkeit darin lag, fand er augenblicklich noch nicht heraus; aber er tat sich etwas auf die Objektivität zugute, mit der er als Erbe des Hauses am Schloßberge über die Welt und das Leben hinblickte. »Lernen wir auch diesen wunderlichen Kostgänger an der Tafel des Daseins genauer kennen«, sagte er sich. »Die Menschen stellen sich im Verkehr mit den Menschen nur zu häufig auf den falschen Standpunkt. Sie ärgern sich, wo sie sich ergötzen sollten; sie erbosen sich, anstatt zu lernen. Ist nicht schon die Frage interessant: wie kommt dieser Mensch, und zwar in Begleitung von Fräulein Tochter, in dieses abgelegene Wirtshaus? – Vor allen Dingen aber sehen wir uns das arme Kind an! Fieber, Grog, rohe Äpfel, Zugluft, kaltes Brunnenwasser, Benvenuto Cellini, ohne abzusetzen! Großer Gott, das unglückliche Geschöpf!« »Eine Treppe höher, wenn es gefällig ist«, sprach der Regierungsrat Wunnigel, schritt zur Tür, riß sie auf und forderte den Doktor ganz gegen sein Erwarten, wenn auch nur durch einen Gestus, auf, vor ihm die Gaststube zu verlassen. Nachher schritt er jedoch sogleich wieder energisch voran, und zwar mit gewaltigem Hall seiner nägelbeschlagenen Sohlen auf den alten Stufen von Eichenholz. Auch sah er sich nicht ein einzig Mal danach um, ob man ihm folge. Dies war unbedingt ein Mensch, der fest überzeugt war, daß er ruhig, mit den Händen in den Taschen, voraufmarschieren könne, ohne daß der nachfolgende Begleiter es wagen werde, ihm an der ersten günstigen Ecke und Biegung des Weges oder der Treppe abhandenzukommen, das heißt durchzugehen. Fünftes Kapitel Das Haus zum Riedhorn ist eigentlich durchaus nicht mehr für das Übernachten oder gar den längeren Aufenthalt von Reisenden mit Ansprüchen auf modernen Komfort eingerichtet. Früher freilich war die an ihm vorbeiführende Landstraße belebt genug, und damals war's denn auch in dieser Hinsicht damit anders und besser bestellt. Aber das ist lange her. Die Landstraße wurde längst durch die Eisenbahn totgelegt. Das Riedhorn ist nur noch ein Dorfwirtshaus von stattlicherem Äußeren als gewöhnlich und der Hauptsache nach, wie schon gesagt, ein Vergnügungsort der nahe gelegenen Stadt und ihrer Anhängsel. Wer bei dem Wirt Herrn Nolte einen längeren Aufenthalt nehmen will, der muß sich eben in die Dinge schicken; wer bei ihm krank wird und somit gezwungen, bei ihm liegen zu bleiben, gleichfalls; oder noch mehr. Raum genug ist vorhanden; aber die Ausstattung der hohen und weiten Gemächer mit ihrem verwitternden, abbröckelnden, verblassenden Zierat an Wänden und Decken beschränkt sich selbstverständlich auf das Notdürftigste. Nur die wenigsten der hohen Fenster sind mit Vorhängen versehen, und Tisch, Bett und Bank stimmen nur selten zu dem Platze, an den sie im Gange der Zeiten und Verlauf der Dinge in dieser vergänglichen, wechselvollen Welt hingeschoben wurden. Es kann nicht jedes Haus es so gut haben und das Seinige so trefflich festhalten wie das Haus Weyland am Schloßberge! Das einzige Tröstliche nur ist auch hier, daß da das Fürstenschloß nicht das geringste vor der Hütte des Bettelmanns voraus hat. Wie ihre Bewohner, und wenn ihr wollt, Herren, sind sie dem allgemeinen Lose der Erscheinungen auf dieser Erde anheimgefallen, was für Festivitäten auch bei der Grundsteinlegung oder Taufe stattgefunden oder nicht stattgefunden haben mögen. Der Herr Regierungsrat Wunnigel führte seinen Doktor in ein großes Zimmer, in welchem vielleicht Ihro Durchlaucht die Herzogin selber vordem häufig ihre Toilette in Ordnung gebracht, ihr Jagdhabit oder was anderes gewechselt hatte. Die Spuren davon waren noch an den Wänden zu sehen – in verblaßten Amoretten, Nymphen und Satyrn nämlich, welche sich gegenseitig Spiegel vorhielten oder sonst einander beim An- und Auskleiden behilflich waren. Auch die Stukkatur unter der Decke schien auf den früheren Zweck des Gemaches hinzudeuten; sie stellte eine in der Muschel sich kämmende Venus vor, ohne weiter anzugeben, ob Anadyomene wirklich mit einem Kamme in der Hand aus dem Meerschaum entstanden sei oder ob sie denselbigen vielleicht in der Muschel »parat gelegt« gefunden habe. In die eine Ecke dieses einstigen Prachtgemaches war heute ein sehr einfaches ländliches Bett gerückt; und der Tisch und die Stühle von rot angestrichenem Tannenholz paßten ganz zu den blau-und-weiß-gestreiften Kissen und Decken des Bettes. Nur ein sehr künstlich geschnitzter alter Riesenschrank führte in dem dem Bette entgegengesetzten Winkel eine Existenz für sich allein in der schlechten Gegenwart, stand unbedingt mit den Liebesgöttern und Nymphen in den Blumeneinrahmungen der Wände auf gutem Fuße und hatte sicherlich noch Ihro Durchlaucht, die Prinzessinnen derselben sowie die Oberhofmeisterin und die übrigen Damen der Begleitung persönlich gekannt. Auch des Schrankes Inhalt stimmte mit der guten alten Zeit; denn in ihm hatte der Regierungsrat außer Dienst zusammengehäuft, was ihn einzig und allein nach dem Riedhorn gelockt hatte, – doch davon später; die schlechte, schäbige Gegenwart verlangt eben auch ihr Recht, und zwar aufs dringendste. – Der Papa Wunnigel führte den Doktor Weyland an das Bett mit den groben, bäuerlichen Kissen und Decken und stellte seine Tochter dem jungen Manne vor. »Da liegt das arme Ding. Na, Anselma, das ist der Doktor! Habe ihn bereits als einen netten, angenehmen Herrn kennengelernt und hoffe, daß er dich im Handumdrehen wieder auf den Beinen haben wird. Tu mir jetzt aber auch den Gefallen, Mädchen, und tu das Deinige dazu. Du weißt, daß ich lange schon hier abgegraset habe.« Das letzte Wort war von einem Seufzer und einem Blick auf den Rokokoschrank begleitet. – Mit einer Verbeugung trat der junge Arzt an das Lager der Kranken, und die junge Dame richtete sich auch ein wenig auf, um sodann die Decke desto fester um sich her zusammenzuziehen. »Mein Fräulein –« Der junge Doktor brach ab, ehe er angefangen hatte. »Es ist so sehr freundlich von Ihnen«, sagte das Fräulein kaum vernehmbar; und von diesem Augenblicke durfte der Mann mit dem Flausrock und den Nagelstiefeln, dieser Mensch des kräftigen und nicht zu süßen Getränkes, dieser schnöde Usurpator angestammter Stammgastplätze und Sofaecken, kurz der Herr Regierungsrat Wunnigel so grob und unverschämt sein, wie es ihm beliebte: für den Doktor Heinrich Weyland blieb er ein Mann, auf den man »jedenfalls seiner unleugbaren bedeutenden Kenntnisse und sonst hervorstechenden Eigenschaften wegen immer einige Rücksicht nehmen konnte«, nämlich – seiner Tochter wegen . »Seiner Tochter wegen!« Es ist ein ganz eigentümliches Etwas, das schon für manchen Erdensohn in diesen drei Worten gelegen hat. »Seiner Tochter wegen!« Manchmal heißt es auch: »Ihrer Tochter wegen!« Die Tochter hat eine Mutter – und noch dazu eine Mama, und dann ist das besagte Etwas noch viel eigentümlicher und schlägt häufig seine Wurzeln noch tiefer hinunter in das, was man in dieser Welt des Handels und des Gewerbes dann und wann mit in den Kauf zu nehmen hat. Ein Dritter hätte wahrscheinlich durchaus nichts Außergewöhnliches aus diesem jungen Damengesicht auf den Kissen des Riedhorns herausgelesen; aber es war ein Glück, daß niemand den Doktor Weyland je aufforderte, seine Frau in der Situation zu beschreiben, in der sie ihm zuerst erschien. Allerliebst in Begleitung eines ziemlich heftigen Fiebers sah sie aus; und damit gehen wir an die äußerste Grenze unserer eigenen Schilderung und Beschreibung und wenden uns sofort wieder zu dem Papa. »Na, was sagen Sie zu den Zu- und Umständen des Gänschens, Doktor?« fragte der Gute, nachdem der junge, medizinisch auf verschiedenen Universitäten gebildete Mann die gewöhnliche Zeit hindurch die Hand des jungen Fräuleins in der seinigen gehalten und ihr den Puls gefühlt hatte. »Mein liebes Fräulein«, sprach der Doktor, ich möchte Sie jedenfalls dringend bitten, wenigstens noch einige Tage lang das Bett zu hüten. Sie, Herr Regierungsrat, ersuche ich, augenblicklich nicht in diesem Zimmer zu rauchen. Was die Lektüre anbetrifft, so glaube ich – daß dieselbe auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken sei. Vorlesen möchte ich ganz untersagen. Übrigens werde ich unten im Hause etwas aufschreiben und, wenn die Herrschaften erlauben, das Rezept selbst mit nach der Stadt nehmen.« »Und wann glauben Sie, Doktor, daß wir reisen können?« fragte Wunnigel. Nach einigem Zögern erwiderte der junge Arzt: »Möglicherweise in vierzehn Tagen.« Die junge Dame im Bett legte müde die Wange auf den linken Arm; der Papa Wunnigel stand auf, ging zu dem großen Schranke, beroch ihn zärtlich (wir wissen keinen anderen Ausdruck), öffnete ihn, sah hinein – sah tiefer hinein und seufzte auch wahrscheinlich hinein. Dann zog er den Kopf wieder heraus, schloß die Tür, kam zurück zu seinem Platz, setzte sich mit einem grimmigen Stöhnen und sagte: »Echt! – – Denken Sie, Doktor, einen ganz gleichen kaufte ich im vorigen Jahre, und zwar in einer undenklichen Verwahrlosung. Nämlich er diente auf einem Bauernhofe als Hühnerstall; dicht am Misthaufen fand ich ihn, und Sie können sich also vorstellen, Doktor, wie er aussah, zugerichtet war und roch. Also vierzehn Tage! – Vierzehn Tage?! Anselma, im Grunde kannst du das nicht gegen deinen alten Vater verantworten.« Da kam zum ersten Male auch die Stimme des jungen Mädchens deutlicher aus den Kissen hervor. »O Papa, es tut mir auch so leid, so sehr leid. Ich kann es dir gar nicht sagen, wie leid es mir tut, daß ich dich hier aufhalte und so lange noch aufhalten muß. Aber vielleicht ist der Herr Doktor so gut –« »Und entläßt dich früher aus den Federn? Keine Idee! Sieh dir das Gesicht an, welches dieser junge Äskulapius zieht. Ich habe die Doktorengesichter am Bette deiner seligen Mama kennengelernt, Anselmachen. Nämlich sie starb an der Schwindsucht, Doktor, oder vielmehr siechte so ein zehn Jahre daran hin, bis wir sie leider verloren.« Das kranke Fräulein im Bett legte wiederum den Arm über die Augen; der Doktor Heinrich Weyland war noch an keinem Krankenlager der zärtlichen Verwandtschaft gegenüber so ratlos gewesen wie hier bei der neuen Praxis im Riedhorn. Die zärtliche Verwandtschaft, in diesem gegebenen Falle bestehend aus dem Herrn Regierungsrat a. D. Wunnigel, enthob ihn aber wenigstens einmal noch der Mühe, selber das Wort zu ergreifen und die Situation dadurch ins Behaglichere herüberzuziehen. »Wir geben Ihnen wohl einigen Grund zur Verwunderung, Doktor?« sagte Wunnigel. »Ich für mein Teil bin ein Mann, der überall gern frei Feld vor und um sich hat; und da wir also jedenfalls noch vierzehn Tage lang aufeinander angewiesen sind, ich, Sie und mein närrisches Ding da zwischen den Kissen, so stehe ich nicht an, mich Ihnen sofort persönlich näherzurücken. Sonderbares Volk das! werden Sie sagen, haben Sie vielleicht bereits gesagt und die andere Frage dann dazu gesellt: wie schneien mir die Leute in diese Dorfwirtschaft? Meine guten Freunde, die verehrten Herren aus der Stadt drunten in der Wirtsstube, haben sich ebenfalls darüber den Kopf zerbrochen, bis sie es herausgehabt haben. Würden Sie wohl die Güte haben, Doktor, einen Augenblick mit mir in den Schrank da zu gucken?« Selbstverständlich hatte der Doktor die Güte, und zwar mit sehr gerechtfertigter Spannung. Der Regierungsrat öffnete von neuem beide Klappen des riesigen Rokokobehälters, und mit ihm steckte diesmal Herr Heinrich Weyland den Kopf hinein. »Sehen Sie«, rief Wunnigel stolz, »ich habe eine Nase für dergleichen! Wo ein Aas ist, versammeln sich die Adler; wo irgendein Monplaisir, Belvedere, Sanssouci, eine Solitude, Eremitage oder derartiges verfällt, da komme ich und frage nach, was die Bauern gestohlen oder sonst billig an sich gebracht haben. Ich sage Ihnen, in soliden alten Familien, auch auf dem Lande, erhält sich mancherlei, wenn nicht nachgefragt und kein Preis dafür geboten wird. Was sagen Sie zu diesem Haufen von Ruderibus, den ich aus den einfachen arkadischen Hütten rund um dieses fürstliche Haus zum Riedhorn zusammengeschleppt habe? Sehen Sie dieses Türschloß! Bitte, betrachten Sie dieses Pulverhorn! Französisch – 1667 – Vive le Roy et ses chasseurs! – Was sagen Sie zu diesem Krug: Verzeiht dem Adam, ihr verächter, Daß Even er gefolget hat. Denn was er für die mutter that, Das thun wir täglich für die Töchter. He, Doktor?! Und der Hirsch, der dieses Geweihe trug, wurde am 10. Octobris 1705 von Durchlaucht Emanuel Karl erleget, wie Sie hier auf der Metallplatte lesen können. Dieser Türgriff verschloß in seiner Jugend auch nicht den Schweinestall, von dem ich ihn in seinem Alter neulich abgenommen habe. – Augsburger Kunstgewerbe unstreitig! Und kann heute noch jeden Salon zieren und jeden modernen Schimpansen zur gnädigen Frau 'rein lassen. Sie haben genug; schließen wir die Klappe; der Schrank selber ist nicht mein Eigentum, er war mir diesmal zu schwer und leider nicht transportabel genug; aber Sie sehen, ich bin nicht umsonst, und zwar von München aus, auf das Riedhorn aufmerksam gemacht worden. Wunnigel ist mein Name, bei der Regierung zu Königsberg war ich angestellt, das Mädchen dort im Bett ist mein einziges Kind (wüßte beiläufig gesagt auch nicht, was ich mit mehreren anfangen sollte!), ihr Name ist Anselma, wie Sie bereits bemerkt haben werden. Vor einigen Jahren ließ ich mich pensionieren, da mir – sagen wir, da mir meine Liebhabereien über den Kopf wuchsen. Daß ich Sie noch näher in meine Verhältnisse hineinblicken lasse, können Sie augenblicklich wohl noch nicht verlangen. Ich reise auf Antiquitäten jeglicher Art und gehe den verfallenen Schlössern nach. Noch nie ist mir ein Dorf zu lümmelhaft, zu stinkig und zu abgelegen gewesen, wenn ich daselbst irgendwelche Funde witterte. Das Kind da ist neunzehn Jahre alt, hat einiges von mir, doch mehr von seiner seligen Mutter, was ich als vormaliger Bräutigam, nachheriger Gatte und jetziger Witwer und zugleich Vater nicht tadeln will. Meine selige Frau hielt mich selbstverständlich zu einer mehr den gewöhnlichen Lebensanschauungen konformen Lebensweise an; wir reisen erst seit ihrem Tode. Das Kind konnte ich doch nicht sein ganzes Leben lang in der französischen Schweiz in der Pension belassen; ich nahm es also mit auf die Landstraße, und es befindet sich wohl dabei. Nicht wahr, Anselmchen? Ich sage Ihnen, Doktor, meiner Meinung nach geht gar nichts über eine Erziehung, die sich auf der Eisenbahn, dem Dampfschiff oder in der Postkutsche vollendet. Sprich du nun, Mädchen; bildest du dich nicht ganz wunderbar bei dem Leben, das wir jetzo führen? Bist du nicht einverstanden damit, he?« Es kam ein mattes, müdes Stimmchen von dem bäuerlichen Lager her: »Gewiß, Papa! Solange du zufrieden und glücklich bist!« »Dies kann mich nun wirklich ärgern!« schnarrte der Regierungsrat, sich wieder an den Doktor Weyland wendend. »Ich glücklich? Ich zufrieden? Ich zufrieden und glücklich?! Nun höre einer den Kindskopf! Ich mit meinen Nerven glücklich und zufrieden? Dummes Zeug! Gesund, gut und gescheit zu sein, ist mein Streben, und dich glücklich zu machen, Kind, mein Gedanke bei Tag und Nacht. Langweile also mich und den Doktor nicht durch sentimentale Velleitäten und Redensarten, liege so still als möglich und schwitze, da ich unbedingt annehme, daß dir dieser junge, kühle Medikus drunten in der Honoratiorenstube ein Sudorificum, nichts als ein Sudorificum verschreiben wird. Geben Sie mir Ihren Arm, Doktor; steigen wir wieder hinab in des Hauses untere Regionen. Daß Sie meiner Vaterzärtlichkeit den langen Weg durch den unfreundlichen Herbstnachmittag verzeihen werden, nehme ich gleichfalls als sicher an. Sie haben jedenfalls ein mir sympathisches Gesicht; genießen wir also noch etwas Warmes miteinander. Ihre Mixtur schicken Sie mir dann wohl gütigst durch einen Boten heraus. Kommen Sie; werden wir vertrauter miteinander; vielleicht verlohnt sich das von beiden Seiten der Mühe, wenn Sie sich so ausdrücken wollen.« Herr Heinrich Weyland trat noch einmal an das Bett mit den blaugestreiften Kissen und Decken und sagte leise: »Ich werde jedenfalls bald wieder nachsehen, mein Fräulein, und bitte, sich nicht zu ängstigen.« Es schlich sich ein heißes Händchen schämig unter dem Deckbett hervor, und der Doktor nahm das Händchen nochmals am Gelenk und fühlte nochmals nach dem Puls seiner neuen Patientin. Die junge Dame lächelte, und es war ein braves, tapferes Lächeln, wenn auch von einem Seufzer begleitet. Sie tat Herrn Heinrich Weyland leid; und er merkte sich ihren Namen: Anselma Wunnigel hieß sie. Aber der Papa Wunnigel wurde bereits ungeduldig an der Tür, und so folgte ihm der Doktor wieder hinab in die Honoratiorenstube. Hier fanden sie den Tabaksrauch verstärkt vor und die Gesellschaft infolge der Ankunft einiger neuen Gäste vermehrt. Den Platz in der Sofaecke, sowie die Stühle um den runden Tisch fanden sie nicht mehr leer. Sowie der Regierungsrat den Rücken gewendet hatte, hatte ein jeglicher der Stammgäste seine Tasse oder sein Glas genommen und, in der anderen Hand die Pfeife oder Zigarre, von seinem Platz wieder Besitz ergriffen. »Das wußte ich wohl!« sprach der gute Wunnigel, »da weiß ich Bescheid! Aber dort am Fenster sind zwei Stühle frei geworden.« Sechstes Kapitel Mit einem höhnisch-triumphierenden Blick sahen sie alle auf den Regierungsrat, wie er mit dem Doktor Weyland auf die zwei leer gewordenen Stühle in der schlechtesten Ecke des Gemaches zuschritt. Aber sie irrten sich, wenn sie glaubten, ihn jetzt ihrerseits geärgert zu haben. Wunnigel war ein Mann, der sich dahin setzte, wo es ihm gefiel, und den Platz auch festzuhalten wußte, sonst aber sich viel zu wenig aus irgendeiner Planetenstelle machte, um sich durch ein Grinsen aus seinem Gleichmut bringen zu lassen, wenn er dieselbige von einem andern besetzt fand. »Dinte, Feder und Papier für den Herrn Doktor, liebster Nolte, und mir noch etwas Heißes«, sprach er. »Sie nehmen nicht gleichfalls noch etwas Warmes, Doktor?« Der junge Arzt dankte. Er schrieb rasch sein Rezept im Riedhorn, obgleich er dieses ebensogut in der Stadt, in der Apotheke zum Heiligen Geist, hätte besorgen können; aber er fühlte sich immer noch ein wenig verwirrt und befangen durch seinen Besuch im Oberstock des Hauses. Am liebsten wäre er nun sofort aufgebrochen, um fürs erste in seinem Einspänner auf der Landstraße allein zu sein., doch so schnell wurde er natürlich von dem Papa seiner Patientin nicht losgelassen. Wohl eine Stunde lang hatte der Regierungsrat das Wort gegen seinen ärztlichen Berater allein. Es verlohnte sich aber auch, alles in allem genommen, es dem Manne zu lassen. Als Herr Heinrich endlich bei einbrechender Nacht wieder in seinem Einspänner saß, gehörte ein unbestritten nicht ganz gewöhnlicher Charakter zu seinen neuesten Bekanntschaften, und die Fahrt durch den feuchtnebeligen Abend vom Riedhorn zur Stadt war ihm noch nie so kurz vorgekommen als diesmal. Wenn der Vater ihn nicht beschäftigte, so war die Tochter vorhanden und ließ sich noch weniger aus den Gedanken verbannen als der wunderliche alte juristische und antiquarische Emeritus und Benemeritus. Wir wiederholen es: der Doktor Weyland hatte Mitleid mit dem Fräulein; und Neigung schießt aus Mitleid so rasch und üppig auf wie Winterkresse aus einem alten Filzhut am warmen Ofen. (N. B. Dieses Bild ist nicht von uns, sondern von dem Regierungsrat Wunnigel, der es anwendete, während der Doktor das Rezept schrieb, jedoch nicht in bezug auf seine Tochter, sondern in bezug auf die geistigen, die seelischen Zustände und das selige Gesicht des jetzigen Inhabers der Sofaecke am Ofen.) Aber der Weg den Schloßberg hinauf hätte auch einen andern als einen träumenden Mediziner aus seinen Träumen erweckt. Der Daus vor dem Wagen stöhnte und schnaufte; Kalmüsel fluchte, und so langten sie an. Die Jungfer Männe erschien auf der Schwelle des Hauses unter dem vergnügten Medusenhaupte. »Nichts passiert unterwegs, Kalmüsel?« »Was sollte denn passieren? Nun sehe einer, wie das Vieh dampft! Und das will ein hochlöblicher Stadtmagistrat mit seinem Pflaster bergan sein!« »Nichts vorgefallen während meiner Abwesenheit?« fragte der heimkehrende Herr des Hauses. »Was sollte denn vorgefallen sein, Herr Doktor? Nein, Praxis gottlob nicht. Jetzo machen Sie aber nur, daß Sie hereinkommen, Herr Heinrich, alles ist gewärmt, und die Pantoffeln stehen unter dem Ofen«, erwiderte die Jungfer Männe. Es war dem Doktor H. Weyland außergewöhnlich angenehm, daß heute kein Hülfsbedürftiger seiner mehr wartete, daß er keinen Boten auf dem Hausflur, kein Billett auf seinem Schreibtische vorfand. Nie oder doch sehr selten war es ihm so lieb wie an diesem Abend gewesen, daß er sein großes, weites, altes Haus noch so ziemlich für sich allein hatte. Wir haben vergessen zu sagen, daß er natürlich vor der Apotheke zum Heiligen Geist hatte anhalten lassen, sein Rezept vorgereicht und einen Boten bezahlt hatte, der die Mixtur durch die Nacht zum Riedhorn hinaustrage. Er hatte es sehr eilig damit als Mensch, obgleich die Sache doch wohl bis morgen Zeit gehabt hätte, wie er sich als Arzt sagen mußte. Wir unsererseits haben das Versäumte auch eiligst nacherzählt, obgleich es vielleicht ebenfalls bis morgen damit Zeit hatte. – Nun saß er in dem warmen Schlafrock und den Pantoffeln wieder in der Bücherstube. Da lehnte seine Pfeife, da lag das splanchnologische Bilderbuch aufgeschlagen, wie er beides verlassen hatte. Er ergriff die erstere und stopfte sie träumerisch; das zweite – klappte er sanft zu. Die Lampe verbreitete nur ein gedämpftes Licht, und die alten vollgepfropften Regale sorgten schon ihrerseits dafür, daß das weite Gemach dunkel blieb. Träumerisch setzte der junge Arzt seine Pfeife in Brand, und dann trat er in die Fensternische, allwo auf einer der Scheiben der Spruch Benedicti eingeschrieben stand. Der Weg, den er vorhin hin- und zurückgefahren war, lag in der Nacht verborgen, aber unter ihm lag die mit ihren Lichtern die Finsternis und den Nebel durchschimmernde Stadt: er kannte den schönen Anblick genau; doch wie an dem heutigen Abend hatte er das nie gesehen und jedenfalls durch all die Schatten und Lichter sich noch nie so stimmen lassen. Aber es sollte doch noch besser kommen im Verlaufe des Abends und eines großen Teiles der Nacht. Er aß zu Nacht, und zwar in dem alten Eßzimmer des Hauses, jedoch ohne viel Appetit. Um in das Eßzimmer zu gelangen, hatte er den Salon seiner seligen Mutter zu durchschreiten; und nachdem er Teller und Glas zurückgeschoben hatte, trat er in diesen Salon zurück und ließ sich daselbst für einen Augenblick auf dem Diwan nieder. Nach einer halben Stunde fand ihn die Jungfer Männe daselbst und schlug die Hände zusammen: »Mein Jesus, hier in der Finsternis und Kälte?!« »Wahrhaftig!« rief Herr Heinrich; und dann ging er mit der Lampe in der Hand durch die ganze Reihe der Gemächer in die Bibliothek zurück, wo er den Ofen in Glut fand und, fröstelnd an ihn herantretend, bemerkte: »Ich hatte es in der Tat gänzlich vergessen, daß es Winter werden will!« Er zog einen der alten Sessel an den Ofen und streckte beide Füße gegen den treuen Gesellen seiner Studien und der seiner Vorfahren hin. Ein Strahl der Lampe fiel auf die Jahreszahl daran, sechzehnhundertachtzehn, und die beiden wilden Männer mit Tannenbaum und Blättergurt, die das Schild mit der Zahl in ihren grimmigen Tatzen aufrecht hielten. »Sechzehnhundertachtzehn!« murmelte der Doktor. »Dies wäre in der Tat ein Haus für meine heutige Bekanntschaft! – Welch ein kurioser, ungeheuerlicher, munterer Greis! Welch ein Königlich Preußischer Regierungsrat außer Dienst! Was für ein Papa! und – was für ein sonderbares, nettes, armes kleines Mädchen!« Den letzteren Ausruf betonte er am innigsten und verfolgte das Bild, von dem er ausging, in allen seinen Nuancen am längsten weiter – nicht nur durch das Riedhorn, sondern auch durch dieses alte Haus am Schloßberge vom Keller bis zu den Wetterfahnen auf dem Dache, bis zu dem Rauch, der aus den Schornsteinen aufstieg, durch alle Türen, Zimmer und Kammern, durch alle Schränke und Kommoden, durch alle Schubladen. »Der zeigte ich gern einmal mein Reich«, murmelte er, und dann fügte er ein wenig bedenklicher hinzu: »Na, wenn ich es ihm zeigen würde, so würde ich endlich einmal wohl ganz genau erfahren, was alles drin steckt. Das wäre ein Kerl, um ein Inventarium aufzunehmen und keinen Stiefelknecht und keinen Teekessel auszulassen.« Doch da war wieder vor seiner Phantasie das feine, verschüchterte Gesichtchen auf den groben Kissen des Wirtshauses zum Riedhorn, und sonderbare Phantasmagorien kamen über ihn. Er sah Gespenster, und zwar zum erstenmal in seinem Leben. Romangespenster! Wie sie aus der Leihbibliothek, wie sie ohne die geringste Furcht vor Ansteckung bei herrschenden epidemischen Krankheiten von den ärgsten Hypochondern aus der Leihbibliothek entliehen werden! Konventionellstes literarisches Gesindel, das hier plötzlich mit Fleisch und Blut, Knochen und Muskeln begabt erschien und aus den Wänden hervortrat. Herr Heinrich Weyland saß allein in seiner Bücherei und befand sich doch noch nie in einer so zahlreichen Gesellschaft wie jetzt: jegliches Gerät – nicht nur in der Bücherstube, sondern durch das ganze Haus – hatte plötzlich ein ganz individuelles Leben bekommen und redete in seiner Art von seinem Platze aus. »Langweilen Sie sich nicht dann und wann fürchterlich, lieber Doktor?« fragte zum Exempel ein Klavier drüben im Erdgeschoß des Hauses, ein Klavier, auf dem die Großmama des lieben Doktors zu dem Liede: Mit Liebesblick und Spiel und Sang Warb Christel, jung und schön. So lieblich war, so frisch und schlank Kein Jüngling rings zu sehn, sich vordem selber begleitet hatte. »Überlege es dir, mein Sohn«, sagte ein »Fortepiano« in dem vorhin erwähnten Salon der Mutter und hallte leise nach: Aus alten Märchen winkt es Hervor mit weißer Hand, Da singt es und da klingt es Von einem Zauberland, – und: »Ein Schumann- oder Schubertsches Lied oder eine Löwesche Ballade hätte ich eigentlich gern manchmal zur Hand, ohne darum ins Konzert laufen zu müssen. Hausmusik, aber innerhalb seiner eigenen vier Pfähle, ist eine anmutige Sache; aber – ein modernes Pianino müßte mir doch wohl dazu ins Haus«, sagte der Doktor aus dem Zauberland seiner Träume heraus. Die Glocke des Schlosses über ihm und die Glocken von den Türmen der Stadt unter ihm zählten eine der nächtlichen Stunden nach der anderen ab und ihm zu; aber zu Bett trieb ihn der Schall und Widerhall noch lange nicht. Dazu war doch viel zu große Gesellschaft in dem Zimmer der Großmama versammelt! Große Gesellschaft! Und zwar, wie es schien, aus mehr als einem Säkulum von der alten seligen Dame zusammengebeten. Das war interessant! – Aber viel mehr als interessant für den Herrn des Hauses am Schloßberge, nämlich unendlich anmutend und behaglich stimmend war's, daß – Fräulein Anselma Wunnigel dieser Gesellschaft der Großmama in dem Hause am Schloßberge die Honneurs machte, und zwar fröhlich, lachend, in aller zierlichen Glücklichkeit und mit dem Licht von hundert flimmernden Lampen auf den Locken! Das hatte sie jedenfalls von ihrem antiquarischen Papa! Mit allen Gliedern der Familie Weyland, die im Laufe der Jahrhunderte ein Zeichen ihres Daseins in den Räumen des Hauses zurückgelassen hatten, schien sie auf das höflichste verkehren zu können. Der Spinozist, ganz in Schwarz, lehnte sich über ihren Stuhl, und als sie sich nach ihm umwendete, schien er auf ihre Worte zu hören wie auf die seines hohen Meisters und Lehrers. Der amerikanische Kapitän zog sich ein Taburett heran; die älteren Herren aus dem sechzehnten Jahrhundert und die in Allongeperücken verzogen ihre würdigen Mienen nicht selten zu einem heitern Grinsen, und ein ganzer Schwarm junger Damen in Puder und Reifrock, der plötzlich aus der Tür hervorhüpfte, die in das Schlafgemach der Urgroßmutter führte, begrüßte das lebendige junge Mädchen als die beste Spielkameradin und Schwester. Da saß freilich auf dem Rokokosofa (der Doktor Heinrich hatte immer eine unerklärliche Scheu vor diesem Möbel gehabt!) eine alte mürrische Dame, steif, steifer, am steifsten, und schüttelte den Kopf, schüttelte den Kopf bedenklich; aber auf diese schritt plötzlich der Herr Regierungsrat außer Dienst Wunnigel zu, bot ihr seine goldene Dose und zog sie in ein Gespräch, das dem Anscheine nach eine recht mildernde Wirkung auf ihre Gemütsstimmung hatte; denn plötzlich klopfte sie ihm mit dem Fächer auf den Arm und deutete auf seine Tochter im Gespräch mit dem Kapitän Weyland, und er – der Regierungsrat – ging und brachte das junge Fräulein dem alten und stellte es in aller Form vor. Im Knicks knisterte der Brokat des Jahres 1740, unendlich wonnig rauschte der Stoff der Neuzeit, als Anselma Wunnigel die Falten ihres Kleides zurückstrich: die alte Dame machte der jüngeren Platz auf dem Sofa (von dieser Nacht an sah Herr Heinrich Weyland es mit ganz anderen Augen!) und – auch diese Bekanntschaft war gemacht. Sie flüsterten zusammen, und einen Zahn hätte der Herr Doktor darum gegeben, wenn er hätte erhorchen können, was sie verhandelten; denn ohne allen Zweifel war die Rede von ihm! Am anderen Morgen in seinem Bett begriff er sich, wie die Redensart lautet, selbstverständlich selber nicht, und schauerlich übernächtig kam er sich auch vor. Siebentes Kapitel An diesem andern Morgen sah die Welt noch geradeso aus wie gestern, wenigstens was das Wetter anbetraf. Letzteres war nebelig, regnerisch geblieben, und so ward wieder ein Tag, der nur den Verliebten nach Rosen und Veilchen duften konnte, für alle aber im normalen Werkeltagszustande befindlichen Nasen einen ausgesprochenen Geruch von moderigem Stroh an sich hatte. Wer den Schnupfen hatte – und nicht wenige geplagte Menschenkinder hatten ihn – roch gar nichts. Als der Doktor vom Schloßberge auf die Praxis ausging, verspürte er wenigstens einen Ansatz von Schnupfen, schob dieses auf das »dumme Aufsitzenbleiben bis spät in die Nacht hinein« und ging ziemlich verdrossen seine Wege. Diese Wege führten ihn hierhin und dahin durch die Stadt, von einem Krankenbett zum anderen, von einem Diwan oder Sofa zum anderen, von einem Ofenwinkel zum anderen. Da er noch ein junger Arzt war, so wurde er keineswegs allein zu den Reichen und Angesehenen und den Müttern von mannbaren Töchtern gerufen, keineswegs bloß in die luftigsten Räume der Stadt, an die weichsten Betten und sonstigen Lagerstätten, zu den reinlichsten Patienten und zu den, wenigstens äußerlich, liebenswürdigsten Angehörigen dieser Patienten. Er hatte herumzukriechen, er hatte auf wackeligen Treppen zu klimmen, und er kam in die abgelegensten, verrufensten Stadtteile an dem nebeligen, dunklen Tage, in die dunkelsten Gemächer und Kämmerchen. Ihm hätte es häufig, selbst durch den ärgsten, giftigsten Schnupfen hindurch, dreist nach moderigem Stroh riechen können, ohne daß er sich darob gewundert haben würde. Ein Wunder aber war es dagegen bei genauerer Betrachtung für ihn selber, daß er die Traumgespinste der Nacht nie vollständig an diesem Morgen aus der Seele los wurde. Vielleicht hatte das seinen Grund darin, daß er sich fest vorgenommen hatte, am Nachmittage wieder nach dem Riedhorn hinauszufahren, um nachzusehen, wie das gestern aufgeschriebene Rezept auf seine junge Patientin gewirkt habe. Und einmal ging ihm durch den Nebel in einer der abgelegensten Gassen der Stadt in einer Entfernung von fünfzig Schritten ein Mann über den Weg, der ihm eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Herrn Regierungsrat, dem Gast des Riedhorns, zu haben schien. »Das ist ja der Mensch von gestern!« rief der Doktor und schritt schneller zu, ohne auch diesen Schatten im Dunst zu fassen. »Möglicherweise befindet er sich wieder auf der Jagd und sammelt alte Töpfe und Türbeschläge. Daß eine Stadt wie diese einen Menschen gleich ihm reizen kann, ist sicher. Und das Kind läßt er in der Kneipe allein! Auch das sieht ihm ganz ähnlich. Ich werde meine Meinung darüber ihm heute nachmittag nicht vorenthalten; – macht den Kerl doppelt, haut ihn in Sandstein aus und laßt ihn einen angerauchten Balkon von Anno Tobak tragen, dazu paßt der antiquarische Wüterich und Rabenvater vorzüglich. Wunnigel! – Wunnigel?! – Da frage ich doch einen jeden, ob dieser ungetümliche Witwer, Vater und höhere Staatsbeamte irgendwie anders heißen könnte?! – Unmöglich! Mein Haus aber möchte ich ihm doch gern auch einmal zeigen; das würde ein Fressen für ihn sein. Wenn ich ihn fasse, fordere ich ihn auf, es sich anzusehen, – seiner Tochter wegen.« Den letzten Beisatz sprach Herr Heinrich Weyland nicht laut aus und dachte ihn auch nur sehr unbestimmt. Übrigens faßte er den Regierungsrat an diesem Morgen auch nicht; dagegen fand er in seiner nächsten ärmlichen Krankenstube in der Tat neben dem Strohsack einer fiebernden Enkelin ein uralt Großmütterchen, das drei Taler in seiner Handfläche überblickte und von Zeit zu Zeit einen Blick nach einem viereckigen hellen Fleck an der dunklen Wand warf. Was daselbst gehangen haben mochte, vergaß jedoch der Doktor Weyland diesmal zu erkunden, denn das Enkelkind war sehr übel auf, und er hatte als Arzt rasch andere Fragen an das kümmerliche, bekümmerte Mütterchen zu stellen, und die drei Taler schob dasselbe auch gar verstohlen, rasch und betreten in die Tasche unter dem Rocke. Am Nachmittag fuhr er wieder nach dem Riedhorn hinaus und fand in der Honoratiorenstube die städtischen Stammgäste allesamt wieder vorhanden, und diesmal jeden in seiner ganzen Behaglichkeit auf seinem angestammten Erbsitze. Die Sofaecke hatte ihren rechtskräftigen Okkupanten in ihre Kissen aufgenommen, jeglicher Stuhl um den runden Tisch den seinigen. Als sich der Doktor beim Wirt nach dem Herrn Regierungsrat erkundigte, vernahm er von Nolte: »O, der ist schon am frühen Morgen nach der Stadt gelaufen und wird auch wohl daselbst zu Mittag gespeist haben. Das ist ein ganz barbarischer Läufer, Herr Doktor; lernen Sie ihn nur auch mal von dieser Seite kennen und sehen Sie ihn da die Allee hinabmarschieren! Und wann er nach Hause kommen wird, ist auch niemals sicher, und wenn er's vorher noch so fest angekündigt hat. Dem braucht man nichts warm zu stellen! Na, die verehrten anderen Herren kennen ihn bereits von mehreren Seiten.« »Und das Fräulein? – Seine Tochter! – Das kranke Fräulein?« Auf diese Frage zuckte Nolte mit einem verdrießlichen Seufzer die Schultern. »Ja, das liegt noch da oben allein. Das muß ich sagen, da verdient sich meine Frau ausnahmsweise einen Gottessegen an der armen jungen Dame. Ich für mein Teil kann das geduldige Gesicht gar nicht mehr ansehen. Gehen Sie nur hinauf, Herr Doktor, und unterhalten Sie sie ein bißchen. Ihre Medizin hat ihr meine Frau richtig alle zwei Stunden eingelöffelt; und sie meint auch, daß dieselbe von recht guter Wirkung gewesen ist. Zugenommen hat das Fieber nicht, sagt meine Alte. Gehen Sie nur hinauf; den Weg wissen Sie ja jetzt, und auf den Herrn Regierungsrat brauchen Sie nicht zu warten.« »Ihre Frau sitzt bei dem Fräulein, Nolte?« »O nein. Den ganzen Tag über geht das doch nicht bei unserem Geschäft. Sie treffen die junge Dame allein; gehen Sie nur gefälligst ruhig hinauf.« Der Doktor ging hinauf, daß er aber ruhig hinaufging, konnte man eigentlich nicht sagen. »Ruhig, Weyland, ärgere dich nicht über einen Kerl, der dich weiter nichts angeht!« sprach er zu sich auf der letzten Stufe der Treppe. Der »Kerl« war wahrscheinlich der Herr Regierungsrat außer Dienst Wunnigel, der ein so guter Fußgänger war und heute mittag nicht im Riedhorn, sondern drüben in der Stadt gegessen hatte. Er klopfte an und wurde gebeten, einzutreten; wir aber wissen von dieser Zusammenkunft nichts weiter mitzuteilen, als daß der Doktor, da er eine Viertelstunde später in die Honoratiorenstube trat und von einem Stammgast gefragt wurde: »Na, Weyland, was macht denn Ihr kleines Fräulein da oben?« zerstreut antwortete: »O, es geht besser.« Nachher fuhr er in Gedanken und im Herbstnebel nach der Stadt zurück und sah den Regierungsrat Wunnigel unterwegs auf dem Heimwege nach dem Riedhorn. Mit vollgepfropften, weit abstehenden Taschen und einem in graues Packpapier geschnürten umfangreicheren Gegenstande unterm Arm schritt der Wackere wacker zu, stand aber still, als ob ihm der Einspänner vom Schloßberge nicht unbekannt erschiene. »Holla!« rief er. »Doktor, heda!« Doch Kalmüsel auf dem Bocke tat nicht, als ob ihm und seinem Herrn der Ruf gelte. Er hatte den Mantelkragen über die Ohren geklappt, und da ihn sein Herr nicht ersuchte anzuhalten, so brauchte er es ja auch nicht. Daß der Doktor gleichfalls tat, als ob er nicht hören könne, zeugte freilich nicht bloß von dem Drange, rasch nach Hause zu kommen, sondern von einer gewissen Eingenommenheit gegen den Herrn Regierungsrat außer Dienst Wunnigel. Wenn wir sagen würden: zeugte von einer gewissen Verstimmung gegen ihn usw., so würden wir damit nicht ganz das Richtige treffen. Eingenommenheit ist das bessere Wort, wenn es sich um einen zukünftigen Schwiegervater handelt. – Wir haben es wohl schon gesagt, daß das Untertor nebst einem Stück anhängender Mauer einen Rest der mittelalterlichen Befestigung der Stadt bildet. Das Tor ist der Spitzhaue und dem Brecheisen nur deshalb entgangen, weil es wirklich ein außerordentlich prächtiges Stück Mittelalter ist und den Verkehr in keiner Weise hindert. Der Mauerrest würde freilich längst vom Erdboden verschwunden sein, wenn er nicht durch ein vorgebaut Häuschen, das sich mit der einen Seite auch an den Torturm lehnt, geschützt würde. Das ist das Haus am Tor , von dem ebenfalls bereits die Rede gewesen ist. Die lange Allee vom Riedhorn her führt bis an das Untertor, und nie fährt der junge Doktor Weyland an dem kleinen Hause vorbei, ohne sich vorzubeugen und einen Blick, dann und wann auch einen Gruß mit der Hand nach ihm hinzuschicken. Am Nachmittage nach dem zweiten Krankenbesuch auf dem Riedhorn besuchte er in dem Häuschen weniger einen Patienten als einen alten Freund – einen sehr alten Freund, den Herrn Rottmeister Wenzel Brüggemann; und wir würden in mehr als einer Beziehung vieles versäumen, wenn wir den Besuch nicht mitmachten. Daß Herr Heinrich Weyland den Regierungsrat Wunnigel bei dem Herrn Rottmeister findet, ist das Nebensächliche; die Hauptsache ist jedenfalls zuerst der Rottmeister Brüggemann selber. Neunzig Jahre alt wird nicht ein jeder, und noch weniger hält sich jeder, der's einmal ausnahmsweise wird, so munter dabei wie der Alte am Tor. Wie jung ist immer ein Artefakt, und sei es tausend Jahre alt, gegen einen lebendigen Menschen, der nur neunzig oder etwas darüber zählt. Und doch wieder, wie jung erschien immer dem Besitzer und Erbherrn des Hauses am Schloßberge der neunzigjährige Freund und Besitzer des Hauses am Untertor! Und – – wie alt erschien er ihm dazu! – – Da hockt es, ein weißköpfiges Herrchen, entweder am Fliesenofen, mit dem ganzen alten Testamente in blau und weiß auf holländischen Kacheln, im Winterlehnstuhl; oder im Sommerlehnstuhl am offenen Fenster mit der Aussicht auf alle das Untertor ein- und auspassierenden Bekannte, Freunde und Fremde. Der Bekannten und Freunde aber sind fast mehr als der Fremden. Jedenfalls rechnet es sich die ganze Stadt zur Ehre an, von dem Herrn Rottmeister gegrüßt zu werden. Es sind sogar manche, die es ganz genau wiesen wollen, daß der Torturm, trotz seiner Unschädlichkeit fürs allgemeine Beste, doch nur dem Häuschen am Tor und dem Rottmeister zuliebe stehengeblieben ist und jedenfalls fallen wird, wenn der »alte Brüggemann« fällt. Gott erhalte uns beide, trotzdem daß sie beide der Vergangenheit angehören und beide – der Turm wie der Rottmeister – dem städtischen Gemeinwesen weder zu Trutz noch zu Schutz mehr vonnöten sind. Sie hatten aber beide ihre Zeit, wo dieses der Fall war, und mit dem letzten Torturm der Stadt sinkt in der Tat ganz folgerichtig der letzte Rottmeister derselben. Das kleine Herrchen am Ofen oder Fenster war vor vierzig bis fünfzig Jahren der geschickteste Uhrmacher der Stadt, weitberühmt wegen seiner Kunst und hochgeachtet wegen seines Charakters und Vermögenszustandes. Nur aber einem Ehrenmanne wurde das hohe Ehrenamt eines städtischen Rottmeisters anvertraut; Gehalt bezog niemand dafür. Bei Aufruhr, Feuersbrünsten, Wassersnöten und dergleichen Fährlichkeiten und Vergadderungen, wo die Polizei mit ihren Kräften nicht ausreichte, sondern die der Bürgerschaft nötig hatte, trat die Auctoritas des Rottmeisters in Geltung. Mit Vollgewalt schritt er an der Seite der Polizei ein. Wo er auftrat, wurde es von Gemeinde wegen still; was er sagte, fand Gehör; und man mußte es dem Herrn Rottmeister Brüggemann lassen, er hatte bei manchem Land- und Stadtschrecken das Amt mit Würde und Energie begleitet, bis – es selber ihn verließ. Die Zeiten waren andere geworden. Die Gilden waren dahingesunken und hatten ihre Gewerkstruhen, Becher, Schilder, Fahnen und sonstigen Insignien versilbert oder an die Kunstkammern abgeliefert oder an Liebhaber verhandelt. Gewerbefreiheit herrschte, die städtische Polizei war an die Regierung übergegangen, der städtische Rottmeister war zu einem Anachronismus geworden. Die Stadt hatte sich vergrößert; aber das Geschäft und Vermögen des Meisters Brüggemann war nicht im Verhältnis mit ihr gewachsen. Im Gegenteil, sie hatten sich verringert, und daran war einesteils freilich wohl die allgewaltige Zeit, aber größtenteils doch der Meister Wenzel selber schuld. Aus dem geschicktesten Uhrmacher der Stadt wurde der Herr Rottmeister nämlich nach und nach der größte Tausendkünstler derselben, und was das besagen will, das hat schon mehr als ein geschickter Mann an seinem Leibe und an seinem Geldbeutel in Erfahrung genommen. Auf die Erfindung des Perpetuum mobile legte sich der Meister Brüggemann zwar gerade nicht; allein einen Wagen, der sich ohne Pferde und Dampfkraft bewege, hätte er doch gar zu gern fertiggebracht. Einmal hatte er's bereits auch wirklich fertiggebracht! In einer stillen Nacht wurden die Anwohner verschiedener Straßen durch ein gräßliches Gepolter aus dem Schlafe aufgeschreckt. »Der Herr Rottmeister hat seinen Wunderwagen probiert, und beinahe wär's gegangen!« berichtete am anderen Morgen der Nachtwächter. – »Beinahe?« fragte man. »Ei, jawohl! Es war ein Vergnügen zu sehen – das Spektakel natürlich abgerechnet. Aus dem Hoftor kam er glücklich mit der Maschinehrieh glücklich heraus und dann quer über die Kuhstraße mit aller Gewalt gegen den Brunnen vor Pannemanns Hause. Wir halfen ihn abschieben, und dann ging's wirklich, nur wenig im Zickzack, bis auf den Grünmarkt, da richteten wir ihn zum erstenmal mit auf; aber der Herr Rottmeister hatte gottlob keinen Schaden genommen, als wir ihn unter der Last vorzogen. Nur außer Atem war er ein wenig. Nachher versuchten wir's nochmals um die Marktecke in die Gertraudengasse 'rein, aber da kam uns das Untier zum zweitenmal zum Fall, und nachher brachte einer von uns den Herrn Rottmeister nach Hause, und zwei andere und ich haben eine gute Stunde lang gearbeitet, das mechanische Beest wieder an Ort und Stelle auf des Herrn Rottmeisters Hof zu rollen. Eine recht feine Erfindung ist es wohl; aber hantieren Sie mal mit dem Räderwerk, ohne sich den Fuß zu verrenken und die Schulter auszusetzen, wie der Herr Rottmeister, der doch am genauesten damit Bescheid wissen muß! Nehmen Sie nur mal an, sieben Räder habe ich allein dran gezählt, und dann vergarantiert Ihnen noch lange keiner, wohin Sie damit kommen, wenn Sie das Ding in Gang bringen und es glücklich vom Hofe auf die Straße haben, ohne daß Sie an den Torpfosten hängengeblieben sind.« Die städtischen Kunden hatten allgemach doch ein wenig zu lange auf die Reparaturen an ihren Uhren zu warten. Andere geschickte Leute ließen sich nach und nach im Gemeinwesen nieder, Leute, die keine Tausendkünstler waren, sondern sich auf ihr Handwerk oder ihre Kunst beschränkten. Es war zuletzt ein Glück, daß das Ehrenamt des Rottmeisters aufgehoben wurde; einen insolventen Bürger durfte man doch nicht damit betrauen. Das stattliche Haus in der Kuhstraße kam unter den Hammer; allein der Herr Rottmeister außer Dienst, Wenzel Brüggemann, baute gerade an einer Wunderburg mit »beweglichen Figuren«, Rittern und Damen und springenden Wassern, für den kleinen Heinrich Weyland am Schloßberge; und da er bei dem Kinderspiel »ganz neue Prinzipien« in Anwendung brachte, so störte ihn und ergrimmte ihn bei der dummen Geschichte eigentlich nichts weiter als die »alberne Schererei« bei dem Umzug in das Häuschen am Tore. Zu Weihnachten aber in jenem Jahre herrschte großer Jubel über die künstliche, diesmal wirklich fertig gewordene Burg in dem Hause Weyland am Schloßberge. Das zu Recht bestehende Verhältnis zwischen den beiden Häusern aber haben wir hiermit wohl schon zur Genüge angedeutet. Der alte Uhrmacher und der junge Arzt waren Freunde in der vollsten Bedeutung des Wortes, und das alte Haus am Berge mit seiner Fülle von Raritäten war im Grunde von den Bewohnern der Stadt gar nicht zu denken ohne den Meister Wenzel. Er, Kalmüsel und die Jungfer Männe gehörten geradesogut dazu wie die beiden Römer an der Tür, die Drachenköpfe an den Dachrinnen und die Familie Weyland selber. Tag für Tag trippelte das alte Kind aus dem Hause am Untertor die steilen Pfade des Schloßberges hinauf und hinab, gegrüßt von jedermann und von jedermann sozusagen zärtlich belächelt. Und es ist erst ein Jahr her, daß der Herr Rottmeister zu dem jungen Freunde wehmütig sagte: »Herr Heinrich, man wird alt! Ich prästiere es nicht mehr! – – Was Sie jetzo von Reparaturen nötig haben werden, das müssen Sie mir doch wohl herunterschicken. Es ist betrübt; aber – die verfluchten Treppen! – – Fünfundachtzig Jahre machen den Besten mürb – wenigstens in den Beinen. Na, es muß ja alles mal sein Ende haben; was sollte auch aus uns Uhrmachern werden, wenn die stärksten Federn nicht nachließen?! Ich sage Ihnen, Kind, seit dem letzten Glatteis merke ich es deutlich, daß ich die fünfundachtzig durch nicht auf Rubinen gelaufen bin. Es schleift sich alles aus, Doktorchen; jeglich Getriebe hat seine Zeit! Eins aber tust du mir zuliebe, Heinz: wenn du merkst, daß die Kette reißen will, so sagst du es mir vierzehn Tage vorher. Diesmal und in diesem Fall bist du der Mechanikus, Doktor; und das wäre mir der letzte Spaß, ganz genau zu wissen, wie solch ein menschlich Uhrwerk sich hat in seinem letzten Ablaufen.« »Fürs erste hat's gottlob damit noch keine Not, Papa«, hatte der Doktor erwidert. »Wir rücken Ihnen einen Lehnstuhl ans Fenster, und da sollen Sie noch manch braves Jahr sitzen und die Welt sich vorbeiquälen sehen. Die Zeitungen bringt Ihnen Kalmüsel jeden Tag; und daß ich nicht ohne Sie fertig werden kann, wissen Sie ja. Was sollte aus dem Neste und aus uns werden, wenn Sie die Ohren hängen lassen wollten, Rottmeister!« »Dummes Zeug! Ohren hängen lassen!« brummte der Alte heiter. »Wer redet denn davon? Wissen Sie aber, Herr Heinrich, die Zeitung allein tut es nicht. Wenn Sie mich wirklich gern noch so'n zehn bis zwanzig Jährchen auf den Füßen haben wollen, so tun Sie mir jetzt die Liebe an und schaffen sich eine junge Frau ins Haus. Wissen Sie, ich habe da eine Idee – Ideen, o, ich sage Ihnen, ich mache damit eine Kinderstube vor Pläsier toll, aber – aber in den blauen Dunst hinein möchte ich mich doch nicht gern so spät am Tage ans Werk machen!« Der Herr Heinrich Weyland hatte damals gelacht, und heute war der Herr Rottmeister nahe an die neunzig Jahre alt, ohne daß eine junge Frau in das Haus am Schloßberge eingezogen war und der alte Tausendkünstler seine nie dagewesene wundervolle Kinderstubenidee zur Darstellung gebracht hatte. – – »Herein! Treten Sie ein, Herr Heinrich; können Sie sich das Anklopfen gar nicht abgewöhnen?« »Der – Herr – Regierungsrat!« stammelte der Doktor Weyland auf der Türschwelle. »Richtig, Doktor!« sprach der Herr Regierungsrat Wunnigel gravitätisch. »Kommen Sie nur weiter ins Zimmer und schließen Sie gefälligst so rasch als möglich die Pforte gegen die kalte Luft von draußen.« »He, he, he«, kicherte das kleine Herrchen im Lehnstuhl am Ofen. »Sie kennen also den Herrn auch schon, Herr Heinrich? Das ist ja sehr schön! Jawohl, der Herr Regierungsrat haben mich auch allbereits schon ausfindig gemacht. Sehen Sie wohl, Herr Heinrich, Sie sagen es nicht ohne Begründung, daß ich einen Ruf in der Welt hätte! Der Herr Regierungsrat haben mich auf dem Riedhorn kennengelernt. Die Herren dort sind so gütig gewesen, mich ihm anzupreisen. Wüßte freilich nicht, wodurch ich dieses so sehr verdient haben sollte.« Der Doktor begrüßte den Regierungsrat, und dieser drückte ihm die Hand nach seiner Weise, das heißt, er packte sie und schüttelte sie, wie man seine eigene nach dem Waschen schüttelt. Dann ließ er sie fallen oder warf sie vielmehr von sich und schnarrte: »Freilich hat er einen Ruf, der Herr – Rottmeister! Aber bei mir ist es Instinkt, Doktor, die Leute zu finden, die man brauchen kann. Brauche nicht erst von anderen Philistern drauf aufmerksam gemacht zu werden! Drei Stunden Aufenthalt an irgendeinem Lokal genügen, um mir nicht nur Ortskenntnis zu verschaffen, sondern auch Personenkenntnis bis ins möglichst einzelne. Hab ich Sie mir nicht herausgeholt, Doktor Weyland, he? Meine Tochter ist Ihnen ungemein dankbar für Ihren gestrigen Besuch –« »O«, murmelte der Doktor und errötete, wie nicht viele junge Männer jetziger Ära in seinem Alter zu erröten vermögen, aber der Regierungsrat Wunnigel ließ sich nicht stören. »Und ich sollte diesen alten Tausendsackermenter nicht kennengelernt haben? Einen Menschen, der noch so weit in das vorige Jahrhundert hinreicht, einen Mann, der den Titel Rottmeister führt! Ihm zuliebe möchte ich sogar für die nächsten acht Tage meinen Aufenthalt ganz in hiesiger Stadt nehmen, um ihn immer zur Hand zu haben.« »He, he, he«, kicherte der alte Brüggemann, »ist der Herr nicht sehr freundlich, Herr Heinrich? Der Herr Regierungsrat hatten mir aber auch ein alt Uhrwerk, was Sie auf einem Dorfe da herum billig gefunden haben, zur Reparatur übergeben; – wollen sehen, wollen sehen.« »Und Ihnen hab ich ein jung Uhrwerk zur Reparatur anvertraut, Doktorchen. Na, das Gehäuse ist, geputzt und blank gehalten, nicht übel, aber was sagen Sie zu dem Werke, mein Bester? He, auch wahrscheinlich nur: wollen sehen, wollen sehen! Ich aber sage Ihnen, stellen Sie mir das Mädel bald wieder auf die Füße; es wird wahrhaftig Zeit dazu.« Der Herr Rottmeister legte die Hand hinter das Ohr, um besser vernehmen zu können, was da noch über das Mädel gesprochen wurde. Der Herr Regierungsrat Wunnigel wurde von Augenblick zu Augenblick dem Doktor Weyland mehr zu einem Greuel; aber um so weniger zum Verwundern war's gerade daher, daß er, der Doktor, dem Regierungsrat versprach, morgen bei guter Zeit wieder auf dem Riedhorn vorzusehen. Achtes Kapitel Wieder saß der Herr des Hauses am Schloßberge in seiner Bücherei und sah über die Stadt ins offene Land hinaus. Die ersten Schneeflocken des Jahres trieben sich in der grauen Luft um. Es waren ungefähr drei Wochen seit dem Tage vergangen, an welchem Doktor H. Weyland den Papa Wunnigel und Fräulein Anselma Wunnigel auf dem Riedhorn kennengelernt hatte, und die Welt war für ihn seitdem doch so ganz nach und nach eine merkwürdig andere geworden. Nicht aber bloß für den Herrn des Hauses am Schloßberge, sondern für das ganze Haus. Aus dem Nebenzimmer ertönt dann und wann ein eigentümliches Getöse. Es summt, brummt und poltert da. Von Zeit zu Zeit fällt wohl auch etwas zu Boden und wird mit laut kundgegebenem Verdruß aufgehoben. Gerät wird hin und her gerückt. Zuweilen unterhält sich der Urheber all dieses Geräusches durch schönen, wenngleich etwas heiseren Gesang; zum Exempel eben, wo er mit dumpf-behaglichem Klagelaut singt: »Der Landesfürst ist uns gestorben, Es steht ein Thron in Deutschland leer. Viel Achtung hat er sich erworben; Reicht schnell ein frisches Sacktuch her! Des Volkes Tränen fließen, Den Edlen zu begießen; Die ganze Garnison Weiß auch das Unglück schon!« Auf welches landesherrliche höchstselige Abscheiden sich diese Nänie bezog, können wir leider nicht sagen; aber in einer Beziehung war freilich das Unglück da, und auch bereits Stadtgespräch: der junge Arzt vom Schloßberge, Dr. Heinrich Weyland, hatte den Papa Wunnigel im Hause! – – – Unten im Hause aber sprach Kalmüsel zur Jungfer Männe: »Kommt es Ihnen nicht auch so vor, Jungfer, als ob unser Herr schon vorm Jahr begraben worden wäre, Jungfer?« Und die Jungfer Männe erwiderte tückisch-grimmig: »Nur stille! Acht Tage lang müssen wir es der Schande halber noch ruhig ansehen; aber dann – tue ich den Mund auf, Kalmüsel! Verlasse Er sich drauf, Kalmüsel.« Für den jungen Mann im Fenster hatte der Verlauf der Dinge durchaus nichts Außergewöhnliches – konnte dergleichen eigentlich aber auch gar nicht an sich haben. Nachdem er dem Regierungsrat nun auch bei dem Rottmeister begegnet war, war es doch das natürlichste, daß er den quecksilbrigen Antiquitätenfanatiker aufforderte, sich bei Gelegenheit doch einmal sein Haus und dessen Inhalt anzusehen; und das alte Herrchen am Untertor hatte ebenso naturgemäß gemeint: »Ei freilich, mein lieber Herr, dieses wäre in der Tat etwas für Sie. Besuchen Sie doch ja einmal den Herrn Doktor; Sie werden da Ihr blaues Wunder zu sehen kriegen.« Blaue Wunder zu sehen und andere Leute sie sehen zu lassen, dazu war der Königliche Regierungsrat Wunnigel einzig und allein auf die Welt gekommen. »Nennen Sie mich ein altes Kind, lachen Sie über mich, ärgern Sie sich über mich, mir einerlei, ich bin einmal so!« sagte der Papa Wunnigel schmeichelnd, als er an einem der nächstfolgenden Tage Arm in Arm mit dem Arzt die steilen Pfade des Schloßberges hinanstieg. »Eine Tugend aber habe ich«, setzte er hinzu, ich kenne meine Schwächen und wünsche die Leute davor zu warnen: nämlich ich pflege nur allzu gern den Teller mit herunterzufressen, wenn ich einmal an mein Leibgericht angeleckt habe, – – o, alle Wetter!« Der letzte Ausruf galt den beiden Partisanenträgern, der lächelnden Medusa und der Jahreszahl neben und über der Pforte des Hauses Weyland. Der Papa Wunnigel hatte unbedingt in diesem Moment bereits angeleckt; uns aber ermangelt wahrlich die Kraft und Fähigkeit, mit allen Farben zu schildern, wie er dann in der vollen Bedeutung des Wortes sich zu Tische setzte oder vielmehr auf diesem noch vollständig unabgegraseten Felde sich aufs Futter stürzte! Der Eigentümer dieses Feldes konnte fürs erste nur lächelnd mit Hm und Ha, und dazu durch die überwältigende Verzückung des Gastes selber aufgeregt, hinter ihm drein schreiten, stillstehen, wenn jener auf den Knien lag, die Leiter halten, wenn er an der steilen Wand hinauflaufen wollte. »Mensch! Engel! Gottessohn!« schrie der Regierungsrat endlich, nachdem das Haus vom Keller bis zum Boden durchwandert und durchkrochen war, in einer Fensternische der Bücherei, den Eigentümer an den Schultern packend. »Gesegnetster der Sterblichen, sagen Sie jetzt mal, wie lange werden Sie noch an meiner Tochter kurieren?« Das war nun auch eine Frage, die der Arzt in diesem Moment sich selber noch einmal langsam wiederholen mußte, ehe er beginnen konnte, sie zu beantworten. Aber schon im Anfangen riß ihm der Papa Wunnigel das Wort wieder vom Munde. »Vor vier Wochen kann das Kind nicht reisen«, schrie er. »Unter keinen Umständen! Verzeihen Sie meinen Vaterängsten, die mich in betreff der armen Kleinen stets viel nervöser machen, als die Erkältung oder der verdorbene Magen der jungen Person Ihnen, dem Manne der Wissenschaft, vielleicht zu erfordern scheinen. Aber es ist so! Ich versichere Sie, es ist so, Weyland, und ich kenne das! Auf der nächsten Station legt sich das Mädchen von neuem auf die Nase, wenn Sie morgen oder übermorgen das Verdikt ›Genesen!‹ abgeben, und ich sitze abermals mit ihr da. Auf dem Riedhorn hat sich das arme Ding jetzt ziemlich behaglich eingesponnen; – gönnen wir ihm Zeit, gönnen wir ihm Zeit! Lassen wir es ruhig sich vollständig wieder erholen. Ich würde es nicht verantworten können, es jetzt in den beginnenden Winter hinauszureißen, also – Weyland, lieber, guter Weyland, wie hart es mir ankommt, aber – da haben Sie meine Hand darauf: vier Wochen gebe ich Ihnen noch Zeit, um Ihre treffliche Kur an meiner Anselma zu vollenden.« Der Doktor nahm die Hand, die ihm mit zuckendem Eifer hingehalten, aufgedrängt wurde, und er drückte sie sogar auch ein wenig, aber wieso, warum, wozu, weshalb, das hätte er in diesem Augenblicke wahrlich nicht anzugeben gewußt. Es war jedenfalls viel Mechanisches dabei, wie denn überhaupt viel Mechanisches in vielen Dingen steckt, wo es gefühlvolle Seelen und zarte, überschwellende Herzen, gutmütige Gemüter und begeisterte Thyrsosträger jeglicher Art nur mit den Gefühlen von Heiligtumsschändern zu vermuten wagen. Drei Wochen von den vier waren nunmehr bereits hingegangen: der junge Doktor blickte von dem Fenster des Spinozisten in die ersten Schneeflocken des Jahres hinaus, und – im Zimmer nebenan wirtschaftete Wunnigel, in unbestimmte Träume verloren der eine, selig der andere. Ja, der Doktor hatte einen seligen Menschen im Hause, und dieser Selige war nicht er selber mit seinen süßen Träumen, sondern natürlich Wunnigel inmitten seines höchst realen Gerümpels. Nicht der Mann der Zukunft, der verdrießlich auf die Veilchen, Gelbveigelein, Lilien und Rosen des nächsten Jahres paßte, sondern das alte Kind, das da in dem Staub, dem Wurmmehl und dem Spinneweb der Vergangenheit schwelgte. Daß er eine Tochter besitze, schien dem Regierungsrat gänzlich entgangen zu sein; kam ihm aber doch einmal die Erinnerung daran, so war ihm die Tatsache nur insofern von Bedeutung, als er daraufhin wieder einmal seinen freundlichen Wirt nach dem Riedhorn und dem Mädchen hinausschicken konnte. »Tun Sie sich um Gotteswillen meinetwegen keinen Zwang an, Weyland. Sie wissen, wie gern und vergnüglich ich allein mich zurechtzufinden weiß.« Allein in und mit dem Hause am Schloßberge! Kalmüsel und die Jungfer Männe mit zum Hause gezählt! – Man müßte selber ein Mann, ein Mensch, ein »Ekel« wie der Regierungsrat außer Dienst Wunnigel sein, um die Seligkeit ganz zu fassen. Die Sache aber hatte sich folgendermaßen gemacht. Dem ersten Besuche des antiquarischen Fanatikers war am folgenden Tage ein zweiter gefolgt, diesem am dritten ein dritter, am vierten ein vierter und so fort, bis am späten Abend des achten Tages der tägliche Gast seinen Wirt zärtlichst in die Arme zog und erklärte: »Kind Gottes, da schlägt es zehn, und der Regen klatscht selbst mir zu arg ans Fenster. Und der Wind – ›Horch, der Wind erwacht am Strand, Und die Nordsee donnert ferne‹; wissen Sie was, Weyland? Ich laufe heute abend mal nicht durch das Unwetter und die Finsternis nach dem Riedhorn zurück. Ich bleibe hier – ich bleibe bei Ihnen. Wir lassen die Jungfer Männe noch für etwas kochend Wasser sorgen, rücken gemütlich zusammen, Sie erzählen mir von sich, ich erzähle Ihnen von mir, und nachher krieche ich behaglich in jedes Bett, das mir Ihre Gastfreundlichkeit anweisen wird. Es wird mir ein wahrer Genuß sein, eine Nacht unter diesem Ihrem wunderbaren Dache zu – verträumen.« »Aber – aber Fräulein Tochter?« hatte der Doktor sich erlaubt zu stottern. »Ach was! Fräulein Tochter! Fräulein Tochter weiß aus mehrfacher Erfahrung, daß ihr Papa ihr nicht verlorengeht, wenn er mal über Nacht vom Hause wegbleibt. Kalmüsel, ich bleibe diese Nacht hier.« Kalmüsel sah mit einem unbeschreiblichen Blicke seinen Herrn an; aber was konnte dieser anders tun, als lächelnd nicken, und Kalmüsel drehte sich stumm, zog die Stubentür leise hinter sich zu, hielt sich draußen giftig drohend die Faust vor die Stirn, seufzte und stieg schwer die Treppe hinunter zur Jungfer Männe, um ihr zu verkünden, was soeben da oben ausgemacht worden war. Die Jungfer Männe stieß die Spicknadel wie ein Stilett in den unglücklichen Hasen, den sie gerade zur richtigen Stunde auf dem Küchentische kunstgerecht für morgen zurichtete, und sie stöhnte: »Das ist das Letzte; aber keiner soll mir kommen und sagen, daß ich es nicht habe kommen sehen! Da sollte man sich aber doch wahrhaftig mit Tränen nach einer Kammer mit Wanzen im Hause sehnen!« – – – »Die ganze Garnison Weiß auch das Unglück schon!« tönte es immer wiederholt, refrainartig, aus dem Nebengemach der Bücherei. Ja, wenn man Wanzen oder ähnliches Ungeziefer herbei- oder wegsehnen könnte! Freilich wäre Wunnigel wahrscheinlich auch wanzenfest gewesen. Jedenfalls blieb er die Nacht über im Hause am Schloßberge, und nicht bloß diese eine Nacht. Und er suchte sich sogar sein Schlafgemach auch selber aus, und nachdem er es gewählt hatte, sprach er mit einem Grunzen der Behaglichkeit: »So! – Ahm!« – – – »Des Volkes Tränen fließen, Den Edlen zu begießen; Die ganze Garnison Weiß auch das Unglück schon!« tönt es fort und fort dumpfsummend aus dem Nebengemach, und – krach! da scheint ein ganz Brett voll Kuriositäten von der Wand niederzustürzen. Der Träumer am Fenster fährt zusammen; aber in der Tür der Bücherei erscheint der Urheber alles dieses Getöses und sagt: »Diesmal war's noch nichts. Ich selber war's. Das alte Rohrgeflecht von 1780 gab nach, als ich eben auf den Stuhl stieg, um die Meißener Porzellangruppen neben dem Ofen von den Wandkonsolen herabzulangen. Aber wie sitzen Sie denn nur, Weyland? Versauern Sie mir nur nicht ganz über Ihrer Wissenschaft. Sie sollten doch wirklich heute mal wieder meiner Tochter Gesellschaft leisten. Stellen Sie sich nur immer recht deutlich vor, wie verlassen sie da draußen unter den Bauern und den Stammgästen des Riedhorns sitzt. Und es ist doch so ein gutes Mädchen und eigentlich von Natur auch ganz heiteren Temperaments und für geselligen Verkehr durchaus nicht unbegabt. Schade darum! Ich tue wohl mein möglichstes, der armen jungen Kreatur ihren Lebensweg zu erheitern; aber ich frage Sie: was kann denn solch ein alter Bursche und Murrkopf wie ich in dieser Hinsicht leisten?« Daß solch ein Wort je auf einen unfruchtbaren Boden fallen könnte, wäre gänzlich gegen die Natur. Es ist ein lustiger Tanz der Schneeflocken da draußen. In der Stadt verlangen keine Patienten nach dem Doktor vom Schloßberge. Und über die Dächer und Türme der Stadt hinweg liegt da winterlich, aber nicht unbehaglich verschleiert, das weite offene Land, und die Pappelallee nach dem Riedhorn ist deutlich zu erkennen, den Flocken und dem grauen Dunst zum Trotz. Die Dohlen sind ungemein lustig in der Luft und um die Türme; manchmal streicht eine von ihnen dicht vor dem Fenster des Spinozisten her mit munterem, frechem Gekrächz. Und der Daus verdient auch seinen Hafer im Stall mit Sünden; – eine Viertelstunde später sind wir im Einspänner auf dem Wege zum Riedhorn; und Wunnigel, der Papa Wunnigel, ist allein mit dem Hause am Schloßberge. Allein zu sein mit dem, woran man sein Herz gehängt hat! »Die ganze Garnison Weiß auch das Unglück schon!« summt der Doktor Heinrich Weyland, bereits in der Pappelallee mit Daus und Kalmüsel hinrasselnd, und fügt hinzu: »Das alte Monstrum kann einen wahrhaftig verrückt machen, wenn's so sich einen ganzen Tag lang an solchem abgeschmackten Singsang mit seiner verruchten Grölstimme festklemmt! ›Viel Achtung hat er sich erworben, Reicht rasch ein frisches Sacktuch her‹; – es war weiß Gott nicht länger auszuhalten, und ich will nur hoffen, daß er mich bei der Heimkunft nicht immer noch mit derselben Melodie empfängt. Imstande ist er dazu. Festklemmen! Gütiger Himmel, der Kerl ist doch der reine Kannibale und imstande, dem edelsten Weibe, der zartesten deutschen Jungfrau gegenüber schmatzend sich zu fragen: Gott, wie könnte die gebraten schmecken? – Wenn mir nur seine Tochter da auf dem Riedhorn nicht so unendlich leid täte!« Da auf dem Riedhorn! Wir haben schon gesagt, daß man das Haus in der schnurgeraden Allee von Anfang derselben an als weißen Punkt vor sich hat. Der Doktor Weyland fährt darauf zu und hält es um Kalmüsels Buckel herum fest im Auge. Es wächst. Aus dem Punkt wird ein heller Fleck mit schwarzen Augen. Es wächst, wie der Daus vorwärts stapelt, in allen seinen Einzelheiten, und der Doktor Weyland lernt es immer besser auswendig kennen. Aus den schwarzen Augen werden die Fenster – da ist rechts über der großen Einfahrt die Stelle, wo der Kalkbewurf von der Wand gefallen ist und das Fachwerk und die Ziegel zutage treten. – Nordwind verkündigt ein Teil der Wetterfahnen auf den Giebeln, Südwind ein anderer. Da sind die beiden Fenster der Honoratiorenstube, und da sind hinter den trübangehauchten Scheiben die beiden Gesichter jener zwei Stammgäste, welche die Fensterplätze die ihrigen nennen. Die beiden Philister sehen dich auch kommen, denkt der junge Mann im Einspänner und fühlt sich fähig, besagten zwei würdigen Herren und sehr guten Bekannten eine Grobheit zu sagen; jedoch fähig, sie zu ohrfeigen, wird er, als er beim Absteigen inne wird, daß sie ihm beide verständnisvoll heiter zunicken. Er weiß nur allzu genau, was sie den übrigen Herren schlau mitteilen, während er in das Haus tritt und die Begrüßung Noltes erwidert. Ach, dummes Zeug! Was kümmert uns die Honoratiorenstube und ihr Geschwätz! Haben wir uns etwa nach den holden Augen Herrn Müllers gesehnt? Haben wir die ganze Pappelallee entlang und um Kalmüsels breiten Rücken und Mantelkragen herum nur nach Kommissionsrat Schmidts Gruße ausgelugt? Keineswegs! – Vorbei mit einem Achselzucken an der Pforte des städtischen Klubzimmers; – langsam, Schritt für Schritt die Treppe wieder weiter hinauf! Wahrlich, die Welt bietet nicht solch ein Übermaß von Genüssen, daß man sie in Sprüngen überfliegen dürfte. Und ist nicht jede Stufe, die man augenblicklich aufwärtssteigend betritt, ein Glück? Und ist nicht der Treppenabsatz, auf dem man einen Moment stillhält und sich nochmals faßt und alles zusammenfaßt, eine Seligkeit? Welch ein Behagen ist auf diesem Treppenabsatz die Vorstellung, daß man Wunnigel, den Herrn Regierungsrat außerdienst Wunnigel, den Papa Wunnigel, ruhig mehr denn eine Meile Weges im Nebengemach der Bücherei zwischen Staub, Wurmmehl, altem Porzellan und aller sonstigen Breccie und Nagelfluhe der Vergangenheit – in Sicherheit hat! Welch ein wonniges Genügen blüht auf über diesem Treppenabsatz aus dem Gedanken, daß er – der Vater Anselma Wunnigels – nicht »Herein!« rufen kann, wenn man fünf Sekunden später schüchternst sich die Freiheit nehmen wird, an eine andere Tür als die der Honoratiorenstube leise anzupochen! Von Geschnarr kann nicht die Rede sein in betreff des Stimmchens, das jetzt hier »Herein!« ruft. Im Gegenteil, ganz leise und schüchtern melodisch sagt das Stimmchen dann: »Ich sah Sie schon von ferne, Herr Doktor. Auch bei diesem Wetter haben Sie sich herausgewagt? Aber der erste Schnee ist immer hübsch und behaglich, nicht wahr? O, mir geht es viel besser!« Wahrlich, der Doktor Heinrich Weyland hatte sich auch bei solcher Witterung nach dem Riedhorn hinausgewagt. Was man so gewöhnlich Heldenmut nennt, gehörte nicht zu dem Wagnis; höchstens vielleicht jener Heroismus der süßesten Sorte, welcher dann und wann erforderlich ist, die altjüngferliche Feindin lieblichsten Behagens, die Blödigkeit, zu überwinden. Nun hat der Papa Wunnigel in dem Hause am Schloßberge freilich gute Weile und freie Hand, wie sehr sich auch die Jungfer Männe darob erbosen mag. Aber der junge Arzt auf dem Riedhorn hat ebenfalls freie Hand und gute Weile, und beides ist ihm nicht für alle Raritäten in der Welt, nicht für Herkulanum, Pompeji und Stabiae feil. Ei, wie ist das eine günstige Gelegenheit, ganz andere begrabene, unbekannte, ungeahnte Schätze aus der Tiefe hervorzuwühlen, was auch die alten Herren, guten Freunde und Stammgäste da unten im Riedhorn dazu sagen mögen! Neuntes Kapitel Nun sitzt in der Bauernstube des Riedhorns Kalmüsel und neben ihm die Frau Wirtin, Ellenbogen an Ellenbogen, im eifrigen Geflüster. Und von Zeit zu Zeit deutet die Frau Wirtin mit dem linken Auge oder dem rechten Daumen nach der schwarzgeschmauchten Balkendecke, denn über derselben sitzt der Herr Doktor bei dem fremden Fräulein. Kalmüsel sieht sehr verdrossen drein. Nun sitzt auf der Spitze einer Bockleiter in dem Hause am Schloßberge der Regierungsrat Wunnigel und beäugelt ein altes Pastellgemälde, eine Weylandin des achtzehnten Jahrhunderts im Schäferkostüm darstellend. Nun sitzt in dem Hause am Untertor die Jungfer Männe, Ellenbogen an Ellenbogen neben dem Herrn Rottmeisterchen Wenzel Brüggemann, und die Jungfer sieht noch viel verdrossener aus als Kalmüsel; aber der Herr Rottmeister hat das weiße Köpfchen listig zwischen die Schultern gezogen und kichert in sich hinein und grinst ganz unanständig. Und noch einmal fängt es an zu schneien – große massige Flocken; und Anselma Wunnigel zieht in ihrem Lehnstuhl die bunte türkische Reisedecke fester um sich. Der Herr Doktor könnte recht gut gehen – er hat dem Fräulein den Puls gefühlt –, er hat das Fräulein vollständig auf dem Wege der Besserung gefunden: was hält ihn denn? Weshalb nimmt er den Hut nicht und empfiehlt sich und geht hinunter und spielt noch eine Partie Schach, ehe er Kalmüsel den Daus anspannen läßt und nach Hause fährt? Wer es noch nicht geahnt hat, daß es Fräulein Anselma ist, die ihn von dem Vergnügen abhält, dem ist wirklich nicht zu helfen. Der Raum ist um vieles behaglicher geworden, seit das Fräulein das Bett verlassen hat. Da sind Arbeitskästchen erschienen, und bunte Wollknäuel rollen auf dem Boden umher. Zwei Resedabüsche sind in der Fensterbank erschienen, und Fräulein hat auch in den großen Wunderschrank gegriffen und des Papas zusammengegaunerte Schätze wenigstens als Zierat, soweit es anging, erfreulich gemacht. Es hat sich eine kulturhistorisch merkwürdige Decke über dem Tische eingefunden, und wie Silber glänzt der Zinndeckel auf dem Kruge mit der Inschrift: Was Adam für die Mutter tat, das tun wir täglich für die Töchter. »Lachen Sie nicht, Herr Doktor«, sagte das Fräulein. »Man hilft sich eben, wie man kann. Es ist so häßlich, alles um sich her so kahl zu sehen! Und dann muß man doch auch die Tage hinbringen!« »Das muß man!« seufzte der Doktor, der ganz und gar nicht lachte. »Und Sie sind so gut gegen uns – gegen den armen, guten Papa«, fuhr Anselma Wunnigel fort. »Er ist so entzückt von Ihrem alten Hause in der Stadt und von Ihrem so sehr liebenswürdigen, gastfreundlichen Entgegenkommen; und ich bin Ihnen so dankbar!« In der Tiefe seiner Brust sprach der Doktor: »Uh, der graue Halunke! Am letzten Ende segnet er sogar noch die gastrischen Zustände, die das arme, gute Kind hier in dieser Wüstenei festgelegt haben. In das Geschlecht Strix gehört der Kerl – Augen, die an einem dicken Kopf nach vorn stehen; – an einem Scheunentor sollte man den Uhu festnageln! – Katzenaugen in einem Raubvogelkopfe! Zum Henker noch mal!« »Viel Achtung hat er sich erworben; Reicht rasch ein frisches Sacktuch her!« die weinerliche Melodie summte ihm wiederum durch den Sinn. Er hatte sie nicht umsonst den halben Tag lang zu Hause aus dem Nebenzimmer vernommen, und kläglich sagte er laut: »O, mein liebes Fräulein, reden Sie doch nicht von meiner Liebenswürdigkeit. Es ist mir viel wert, daß endlich einmal ein wirklicher Sachverständiger sich meine wunderlichen Familienschätze ansieht; und dann – dann – bin ich – Ihnen so dankbar!« Daß auf dieses letzte Wort hin ein Engel durch das Zimmer ging, war selbstverständlich. Beide junge Leute, der Doktor wie das Fräulein, warteten natürlich, bis er die Tür wieder hinter sich zugemacht hatte. Nachher seufzte das Fräulein, und der Doktor sagte: Es scheint in diesem Jahre doch recht frühzeitig Winter werden zu wollen.« »Meinen Sie?« fragte das Fräulein, worauf sie beide einige Minuten später noch einmal auf den guten Papa Wunnigel zu reden kamen. »Der arme Papa! Er hat so viel Verdruß in seinem Leben gehabt!« sagte Anselma. »Ich weiß nicht, ob es recht von mir ist, daß ich zu Ihnen davon rede; aber da Sie so freundlich auf seine Wunderlichkeiten eingegangen sind, so wäre es wohl ebenso unrecht, wenn ich Ihnen nicht etwas mehr von uns erzählte. Der Papa hat sich nie recht wohl in seinem Amte gefühlt, und meine arme selige Mama hat schwere Jahre durchlebt. Ich verstehe das natürlich nicht ganz, aber der Mama Ängste und Sorgen habe ich doch selbst als Kind schon verstanden. Der Papa ist so sehr klug; er weiß in allen Dingen immer mehr als alle anderen, und so kam er aus jeder Sitzung nach Hause und hatte sich über die anderen halb zu Tode geärgert. Und in Berlin nahmen sie stets der anderen Partei, und wenn wieder ein großer Brief von Berlin gekommen war, dann ging der Papa die ganze Nacht auf und ab im Zimmer, und die Mama saß und weinte. Wir haben uns nun pensionieren lassen, und nach einem Jahre hat der Papa auf seine Pension gegen eine Abstandssumme Verzicht geleistet. Nun reisen wir, und der Papa geht seinen Liebhabereien ungestört nach und sucht alte Kunstwerke. Er steht mit vielen berühmten Leuten in der ganzen Welt in Verbindung, und sie handeln untereinander, und – Sie werden gewiß recht lachen, Herr Doktor! – und sie suchen einander so viel als möglich und so arg als möglich anzuführen. – ›Ehrlichkeit ist die Hauptsache‹, sagt der Papa. ›Sei nur immer ehrlich, sei wahr, Anselma; sage deine Meinung über dich, über mich, über die ganze Welt! Sei meine Tochter, sei einmal anders als die anderen‹ – sagt er. Sie lachen; aber Sie schütteln auch den Kopf? Ach, bei dem Leben, welches der Papa mich führen läßt, ist es wohl keine Kunst, anders als die anderen zu sein! Sie haben mich bedauert, weil ich hier auf dem Riedhorn festsitzen muß; aber das ist nicht so schlimm. Zu Hause, in Königsberg, haben wir auch ein großes Raritätenkabinett und eigentlich gar kein Haus. ›Du solltest endlich lernen, in einer Hängematte zu schlafen, Anselma‹, sagte der Papa. ›Was sparte man da für Raum, und wie behaglich würde es sein!‹ – Ich habe auch den Versuch gemacht in solch einem Geflecht von den Sundainseln; aber im Winter wurde ich doch krank davon, und so mußten wir's aufgeben.« »Das ist aber doch zu heillos«, stöhnte Herr Heinrich Weyland, mit der Faust auf das Knie schlagend. »O nein! Nur amüsant! Ganz Königsberg hat darüber gelacht. Da ist der Herr Major von Odenhausen, der jetzt auf einem Feuerversicherungsbüro beschäftigt ist. Er ist des Vaters bester Freund, und er hat auch seine Pension gegen ein Abstandsgeld aufgegeben und hat dafür zwei Reisen um die Welt gemacht, und der hat mir die Kokosmatten mitgebracht. Mit seinem Gelde aber war er, als er zum zweiten Male in Hamburg wiederankam, fertig; aber der Papa sagt: ›Das ist auch einer von den wenigen Glücklichen in dieser Welt.‹ ›Ja, wir Königsberger sind immer sonderbare Leute gewesen‹, sagt der Herr Major von Odenhausen.« »Und, mein teuerstes, liebes Fräulein, Sie haben nicht den Wunsch, einmal nicht ganz anders zu sein und zu leben wie die anderen – von den Königsbergern speziell ganz abgesehen?« fragte der junge Arzt so schüchtern und zögernd, wie er noch nie die allerdelikatesten Fragen an irgendeine Patientin gerichtet hatte. »O!« seufzte Anselma Wunnigel und fügte nach einer Pause heiter und lächelnd hinzu: »Ei, freilich! Ganz gewiß! Mit Vergnügen! Schon der Abwechselung wegen.« Der Doktor stand auf und sah erst nach dem Ofen, ging dann zum Fenster und blickte in das winterliche Wetter hinaus und die Pappelallee entlang nach den fernen Türmen und Bergen der Stadt. Der Nebel und Dunst war aber zu dicht, um da viel zu erkennen; daß wir jedoch hier nun die Gelegenheit benutzen, um dem Leser mit einem Gleichnis zu Hülfe zu kommen, wird niemand erwarten. »Du lieber Gott, in einer Hängematte!« ächzte der Besitzer des Hauses am Schloßberge kopfschüttelnd, mitleidsbewegt und mit dem heftigen Wunsche, den Herrn Regierungsrat a. D. Wunnigel die nächste November-Regennacht hindurch mit dem Kopfe unter einer Dachrinne seines Hauses festbinden zu können. Und doch wieder – lag nicht auch darin ein sonderbarer Reiz, daß keiner der würdigen Menschen, Väter, Gatten und Whistspieler da unten in der Honoratiorenstube je seinen Töchtern zugemutet hatte, das deutsche Federbett nebst Wärmflasche mit einer Hängematte von den Sundainseln zu vertauschen?! – – – »Der Landesfürst ist uns gestorben, Es steht ein Thron in Deutschland leer«, summt der Regierungsrat, die schäferliche Weylandin in einer umfangreichen Brieftasche notierend. »Man weiß gar nicht, wohin man zuerst greifen soll!« murmelte er, und dann trug er mit dem Bleistift zwischen den Zähnen seine Leiter zu einer anderen Wand. Und dieser junge Bursch, dieser jugendliche Arzt ist ein ganz herziger Mensch! – Ah, dies nenne ich doch einmal ein ganzes, ein volles Behagen!« – – Und während er sein ganzes, volles Behagen in dem Hause am Schloßberge genoß, hatte in dem Häuschen am Untertor der Herr Rottmeister Brüggemann, wie wir schon mitgeteilt haben, Damengesellschaft: die Jungfer Männe hatte all ihr Elend dem alten Herrchen zugetragen, und – Regierungsrat Wunnigel hieß natürlich diesmal dieses Elend. Mit den seltsamsten, drolligsten Grimassen horchte der Rottmeister, hielt die Hand hinters Ohr und tat, als ob es ihm ein unersetzlicher Schaden sei, wenn ihm das geringste Wort des Berichtes der Jungfer verlorengehe. »Wie aber Sie dabei grinsen und kichern können, Brüggemann, das begreife ich nicht!« zeterte die Jungfer. »He, he; ich bin eben ein alter Uhrmacher.« »Und was das damit zu schaffen hat, begreife ich auch nicht! Es ist doch zu nichtswürdig und gräßlich, was da oben jetzt diese ganze Zeit durch vorgeht, und wie einem unter den Händen und Augen das ganze alte gute Wesen umgestülpt und durcheinandergeschüttelt wird! Aber Sie sitzen hier, Herr Rottmeister, und ich sitze da oben mitten zwischen der Frechheit und Wüstenei und werde noch gar, als ob es sich ganz von selber verstehe, zur Abwartung und Aufwartung kommandiert. Wenn der selige Herr und die selige Frau dieses sehen könnten, so würden sie sich in ihren Gräbern umdrehen; aber Jesus Christus ist mein Zeuge, daß es mein fester Glaube ist, daß sie sich allbereits schon umgedreht haben. Und alle Weylande von Anfang an sollten sich mit ihnen wenden. Der Staub, den der fremde Viehkerl aufrührt, kommt mir wie ihr Staub vor! – O, solch ein Mörder von allem, was einem heilig und ans Herz gewachsen ist und was nach Gott und Recht und Sitte unangerührt und in Ehrfurcht stehen- und hängen- und liegenbleiben sollte bis zum Jüngsten Tage!« »Das Fräulein vom Riedhorn möchte ich gern einmal sehen«, meinte der Herr Rottmeister, die alten schlauen Schultern in die Höhe ziehend; und mit diesem Worte hatte er unbedingt den allerrichtigsten Punkt getroffen, denn die Jungfer Männe hielt sich daraufhin mit beiden Händen am Tische. »Sieh einmal! Möchten Sie das, Brüggemann? Na ja, ich auch, das kann ich auf meiner Seelen Seligkeit versichern, daß Sie damit meinem eigensten Lieblingswunsch ins Herz treffen. O, das Fräulein auf dem Riedhorn! Manchmal ist es mir auch, als hätte ich nichts mehr auf der Welt zu suchen, wenn ich das endlich erst mal zu Gesichte gekriegt hätte! Kalmüsel hat das Vergnügen gehabt.« »He, he, und was sagt Kalmüsel?« »Nichts!« ächzte die Jungfer Männe. »Ich habe mich auf den Kopf gestellt, um seine Meinung aus ihm herauszubringen; aber – keine Möglichkeit!« Der alte Horcher zog die Schultern noch einmal in die Höhe, legte aber diesmal das Köpfchen dabei listig-vergnügt auf die linke Seite und zwinkerte mit dem rechten Auge die Jungfer an: »He, he, der Gevatter Kalmüsel denkt wohl tief darüber nach, ob sein junger Herr sich wirklich dort dem Teufel verschrieben habe? – Und der Daus hat nichts gesagt, Jungfer Männe?« »Der Daus?« Mit offenem Munde sah die Jungfer bei ihrer Gegenfrage auf den Herrn Rottmeister. »Der Daus? Was soll denn der Daus –« »He, muß er doch mit Kalmüsel und dem Doktor Tag für Tag hinaus nach dem Riedhorn?! So'n alter, verständiger Familiengaul, der noch dazu in den letzten fünf oder sechs Jahren sich zu 'nem Mediziner ausgebildet hat! – Und sollte auf Sie, Jungfer, und auf Kalmüsel gewartet haben, um sich seine Meinung gebildet zu haben? He, he, lehren Sie mich doch nicht den Daus kennen! Wenn der nicht unter seinen Scheuledern hervor längst das Fräulein am Fenster im Riedhorn studieret, so will ich in meinem Leben noch nicht einen Kuckuck in einer Schwarzwälderin zur Reparatur vorgehabt haben.« »Das ist mir zu hoch, Brüggemann; aber was die Glocke geschlagen hat, weiß ich gottlob auch noch zu sagen, zumal in dem jetzigen Falle. Denken Sie nur beileibe nicht, daß Sie, weil Sie als ein Meistermensch in der Uhrmacherei von der ganzen Welt taxiert worden sind, einen jeglichen aufziehen dürfen mit unverständlichen Redensarten. Wenn der Kalmüsel mit seinem Pferdeverstand denkt und der Daus, wie Sie sagen, mit dem seinigen – nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Rottmeister Brüggemann, so denke ich doch wohl mit dem meinigen –« »Und so denken Sie sich gerade so wie wir anderen alle eine hübsche junge Frau in das alte Haus da oben hinein, Jungfer –« »Der Herr ist mein Zeuge –« »Das ganze Räderwerk frisch ausgeblasen und vor allen Dingen ein neues Schlagwerk hinein –« »Und Wunnigeln – o, der Herr Regierungsrat Wunnigel als Pendel daran! Lassen Sie sich den Trost, den ich mir heute abend von Ihnen geholt habe, Brüggemann, gefälligst von einem andern bezahlen als von mir. Sie alter Egoiste, was wollen Sie denn weiter als hundert Jahre alt und älter werden und, weil Sie für die Uhrmacherei zu alt sind, Ihre Künste als Kindermechanikus und künstlicher Weihnachtsmann bei unserm Herrn Heinrich in der Kinderstube nochmals anbringen! O, Sie verheirateten ihn natürlich mit der ersten besten! Sie nähmen jedweden Schwiegervater in den Kauf! Sie kenne ich lange genug, um Sie ganz genau zu kennen! Das Gewissen ist Ihnen natürlich längst bei Ihrer Räder- und Ketten- und Federkunst abhanden gekommen; und wenn es Ihnen damals ganz einerlei war, ob Sie sich mit Ihrem dummen mechanischen Maschinenwagen Arm und Bein brachen, so ist es Ihnen jetzt ebenso einerlei, ob Sie heute das alte, gute Haus von da oben, mit uns allen drin, den Schloßberg hinunterfuhrwerken.« »Und Sie in meine Arme, Jungfer Männe! Merken Sie es denn immer noch nicht, daß alles von mir darauf angelegt ist? So'n zirka dreißig bis vierzig Jährchen warte ich nun schon mit Schmerzen darauf, daß Sie es endlich merken wollen – gütigst merken wollen. Politik ist alles in der Welt, sagte schon der großmächtige Kaiser Karolus der Fünfte, der auf seine alten Tage auch noch ein Uhrmacher wurde. Meine Politik war, daß ich Sie endlich dazu brächte, daß Sie ›Ja!‹ sagten, Jungfer Männe. Jetzo sind wir nun bald soweit; – ach Gott, kommen Sie nur Hals über Kopf den Schloßberg herunter zu mir! Hier am Untertor sitzt immer einer, der Sie auffängt; und wenn Sie das nicht wüßten, so hätten Sie das Leben die letzten Wochen durch ja gar nicht ausgehalten.« »Daß Sie der nichtswürdigste alte Methusalem sind, der je seine Narrheiten in Wagenladungen auf den Wochenmarkt geführt hat, das weiß ich, wenn auch nichts anderes. Der Kaiser Karolus hilft mir hier gar nichts; Sie aber, Brüggemann, haben nicht diesem – Wunn – igel (ich hätte beinahe was anderes gesagt), diesem Herrn Regierungsrat Wunnigel die Aufwartung zu besorgen und seiner Wirtschaft im Hause zuzusehen, ohne ein Wort reden zu dürfen.« »Hm, hm«, brummte das alte Herrchen, doch die Jungfer Männe hing ihren Mantel um, zündete ihre Handlaterne an, die auch mehr denn fünfzig Jahre lang den Bewohnern und Bewohnerinnen des Hauses am Schloßberge den Berg hinauf- und hinuntergeleuchtet hatte, und humpelte mit einem unwirschen »Gute Nacht!« ab. Der neumodischen Gasbeleuchtung der Stadt traute sie noch längst nicht. »Da geht sie bin«, kicherte das Rottmeisterchen, »und ich gehe zu Bette. He, he, was mag sie in der Einbildung diesem Herrn Regierungsrat Wunnigel schon alles in das Getränke und die Suppen geschüttet haben! Uh! na ja, wir werden ja sehen! Das alte Haus werden der Herr Rat ja doch wohl stehen lassen müssen, und wie ich ihn sonsten kennengelernt habe, so würde ich für mein Teil gewiß ganz gut mit ihm fertig werden. Aber von der Kleinen auf dem Riedhorn hängt alles ab.« Von der Kleinen auf dem Riedhorn hatte der Doktor H. Weyland bereits vor zwei Stunden Abschied genommen, und an der Tür ihres Zimmers hatte sie plötzlich seine Hand ergriffen und mit ängstlicher, tränenerstickter Stimme geflüstert: »O bitte, glauben Sie nur nicht alles, was Papa sagt! Sie sind so gütig gegen uns gewesen, und es würde mir so schrecklich sein, wenn Sie nachher nur Schlimmes von uns denken müßten. Der Papa, trotzdem daß es nicht so scheint, glaubt auch gleich alles; – o bitte, bitte, verzeihen Sie mir, Herr Doktor, was ich Ihnen sagen mußte, weil es mir längst allzu schwer auf der Seele lag: glauben Sie dem Papa nicht alles, was er sich selber glaubt.« Das war das wichtigste Wort, was in diesem Kapitel gesprochen wurde. Zehntes Kapitel Und der Winter kam heuer früh ins Land. Aus den vereinzelten Flocken wurde bereits acht Tage später das lustige, wimmelnde Gestöber. Und durch den wirklichen ersten Schneefall des abnehmenden Jahres schritt vom Riedhorn ein junger Wandersmann der Stadt zu, der noch nie in seinem Leben in solcher Gemüts- und Seelenstimmung durch solch ein erstes Schneien geschritten war wie diesmal. Das war ein junger Mann, der Kalmüseln und den Daus nicht ohne die gegründetsten Gründe zu Hause gelassen hatte, zu Fuße nach dem Riedhorn hinausgegangen war und zu Fuße nunmehr zurücklief. Erhobenen Hauptes, freudigen Auges, mit dem Wind um die Nase und in den »Locken« kann man auch im Einspänner den Weg zu einem der wichtigsten Ereignisse des Lebens hin und her zurücklegen; aber besser macht sich doch die Geschichte zu Fuß. Anselma Wunnigel hatte heute den Doktor Weyland zum allerersten Male bei seinem Taufnamen genannt. Anselma hatte ihm – einen Kuß gegeben (natürlich nicht zuerst!), Anselma hatte geweint und gelacht und gänzlich fassungslos sich mit beiden Armen am Doktor gehalten und gemurmelt: »O, wer hätte es denken können, daß das so kommen sollte?! O du Guter – du Guter!« »Wer hätte das gedacht?« hatte auch der junge Doktor gemurmelt. »Aber dir wie mir kommt es doch nun so vor, als wäre es von Anfang an so bestimmt gewesen. Nicht, nicht wahr? Nicht wahr, Anselma, mein Herz, mein Kind, meine süße Braut?« »Jaja, alles, wie du willst, Heinrich!« hatte die süße Braut geschluchzt, während drunten in der Honoratiorenstube eben die Stammgäste sagten: »Es ist eigentlich ein ganz unanständiges Verhältnis, diese Geschichte mit dem Doktor Weyland, dem Mädchen und dem Alten da oben! Nun sitzt der Weyland schon wieder gute zwei Stunden mit dem Fräulein allein, und der Alte hat sich, wie es scheint, um dem Dinge freien Lauf zu lassen, in der Stadt bei dem Doktor fest einquartiert. Natürlich, Schlimmes will ich von den beiden jungen Leuten nicht gesagt haben; aber was den alten Rüpel, diesen Re–gie–rungsrat – Wunnigel anbetrifft, so können wir ja nur froh sein, daß wir ihn in diesem Genre hier aus der Gemütlichkeit los sind. Meine Töchter sollten mir aber mal so kommen! Es ist ein Zustand, den sich unsereiner gar nicht vorstellen kann!« Mit den zwei Stunden hatte es in der Tat heute seine Richtigkeit gehabt; aber jetzt war der Arzt mit seiner Krankenvisite doch zu Ende gekommen. Er hatte das Haus verlassen, ohne noch einmal in der Stube der Stammgäste vorzugucken: wir aber fanden ihn auf dem Wege heimwärts und begleiten ihn auf dem Wege. Es hat immer seine Reize, kühl und verständig neben solch einem närrischen Hans im Glück zu gehen und gutmütig seinen seligen Bericht anzuhören, wie es kam, daß er vom Pferd auf den Esel kam. »Was ist denn nun eigentlich geschehen? Wie machte es sich? Wundervoll! – Dieser Schnee ist wundervoll – welch ein taumelndes Behagen die Welt füllt, und – wie anders, wie ganz anders ist diese Welt auf einmal geworden! Nur zu – nur immer zu! Wie das aus der Dämmerung und dort vor dem schwarzen Walde niederrieselt und sich weiß und weißer und immer weißer und weißer über die Felder legt! O, sie ist zu gut, zu himmlisch! Und dann der alte Herr! Welch ein amüsanter, gutmütiger, drolliger, behaglicher alter Kauz! – Wie wird er sich wundern, wenn ich nach Hause komme und ihm das Geschehene mitteile! – Hm, gespannt bin ich ein wenig auf das Gesicht, das er machen wird – und die Jungfer Männe! Und Kalmüsel! Ei, freilich ist die ganze Welt urplötzlich eine ganz andere geworden; aber wahrhaftig keine schlechtere – hurra!« Er hatte noch in seinem ganzen Leben nicht auf dieser Chaussee zwischen dem Riedhorn und der Stadt hurra geschrieen. Jetzt benutzte er den günstigen Augenblick dazu; ob derselbe noch einmal wiederkam, war ja auch jedenfalls ein wenig fraglich. »Hurra!« schrie er und stand still und verwunderte sich ein wenig über den Klang seines Rufes im Schneegestöber. Aus der Ferne vor ihm blitzten nun schon die Lichter der Stadt her, und er atmete tief und voll, während er von neuem weiterschritt. In seiner Phantasie malte sich sein altes Haus mit dem Papa Wunnigel, mit der Jungfer Männe und mit Kalmüsel; und plötzlich hatte die Vorstellung, sein junges Glück dahin zuerst tragen zu müssen, gar nichts Entzückendes oder nur Behagliches mehr an sich. »Ah!« rief er aber plötzlich und fing an zu traben. Er wußte es ganz genau, wem er seine Seligkeit als froher Bote zuerst vor allen anderen Erdenbewohnern persönlich ins Haus trug. Nicht einmal einen Einfall konnte man das nennen. Es war viel zu selbstverständlich dazu. Noch zehn Minuten durch die Nacht und den Schneefall, und da war das Untertor mit der hellen Laterne in der finstern Wölbung! Da war das Häuschen am Untertor mit dem matten Lichtschimmer aus den beschlagenen Fensterscheiben! Da war das alte Herrchen, der Herr Rottmeister, in seinem Lehnstuhl am Ofen sänftiglich im friedlichen Schlummer des hohen Greisenalters. Das bald neunzigjährige Köpfchen hing schwer herab auf die Brust, und der junge Doktor trat leise an den Schläfer heran und zögerte doch einen Augenblick, ehe er ihn weckte seines jungen Glückes wegen. Eine gewisse Scheu überkam ihn, war aber freilich noch recht weit von der Vorstellung entfernt, daß die Sache doch möglicherweise wohl Zeit bis morgen haben könne. »Guten Abend, Vater Brüggemann«, sprach Heinrich Weyland, und der Rottmeister fuhr auf, starrte einen Moment in das Lampenlicht und auf den abendlichen Besucher, rieb sich die Äuglein und rief: »Ei, Herr Heinrich! Sind Sie es denn wirklich, oder träume ich nur weiter? Wahrhaftig, ich habe eben von Ihnen geträumt.« »Wirklich, Vater Wenzel?« »Ja, wahrhaftig, he, he! Warten Sie nur! – Eh, nun kann ich es doch nicht mehr zurechtbringen! – Warten Sie; – Läuse bedeuten Geld; – und Liebe! Oder war es das nicht? Aber – Feuer war im Spiel, und das hat auch seine Bedeutung. Und Sie und ich hantierten an einer Spritze. Wir hatten einen mächtigen Brand zu löschen. Lassen Sie doch mal die Jungfer Männe in ihrem Traumbuche nachschlagen, was Feuer und ein mächtiger Brand vorbedeuten.« »Liebe, Verlobung, Polterabend und Hochzeit bedeutet es!« rief der Doktor lachend, fröhlich und dazu ein wenig verlegen. Er legte dem Greise sanft die Hände auf beide Schultern und sagte leise und zärtlich: »Ja, Vater Wenzel, Sie sollen diesmal nicht umsonst in Ihrem alten Beruf als städtischer Rottmeister geträumt haben. Sie sind selbstverständlich der erste, den ich hiermit feierlich zur Hochzeit lade!« »Hurra!« zirpte schrill das Herrchen, die weiße Zipfelkappe in die Luft schwingend. »Um Gottes willen aber setzen Sie sich nicht da auf den Stuhl; er ist noch warm von der Jungfer Männe, die vor einer Viertelstunde noch auf demselbigen saß und ihrem Lamento über das, was Sie mir da eben sagen, kein Ende finden konnte. Hurra und kein Ende! Seit vierzehn Tagen hat sie schier jeden Abend da gesessen und ihrem Herzen über das drohende Unheil Luft gemacht. Hurra, und es ist eingetroffen! Vivat die junge Herrin des alten Hauses am Schloßberge! Jetzt kann ich mich ruhig begraben lassen, sagte der Kaiser Karolus der Fünfte, als er endlich wenigstens zwei von seinen halbhundert Uhren in gleichen Gang gebracht hatte. Aber bis zur Hochzeit warte ich nicht, um sie persönlich kennenzulernen. Wann bringen Sie sie mir, Heinrich? Hübscher als der Herr Papa ist sie wohl?« »Ein wenig!« rief der Doktor. »O, sie ist ein Engel an Güte und Lieblichkeit und Herzigkeit. O, Sie sollten sie nur lachen hören, Papa Wenzel.« »Kann mir alles vorstellen bis auf das Lachen. Hat sie das Familienlachen? Lacht sie ebenso wie der Herr Regierungsrat?« »Sie sind ein ganz verruchter Schelm, Rottmeister«, sagte der Doktor. »Wie man Ihnen je die Aufrechterhaltung der Ordnung bei öffentlichen Fährlichkeiten anvertrauen konnte, das begreife ein anderer. Freilich lacht sie anders als der Papa! Verlangt dieser schnöde alte Sünder hier, daß ihm ein eben selig Verlobter seine Braut und seinen Schwiegervater in ein und demselben Atem, Ton und Ausdruck lobe! Sie kennen ihn ja, den Herrn Regierungsrat! – Den kriegen wir zu; sind Sie nun zufrieden?« »Vollkommen, Herr Heinrich; he, he! Sie wissen, wie ich zu dem alten Hause da oben stehe und wie es mir mit allem drin und dran ans Herz gewachsen ist; aber bringen Sie mir nur eine junge Frau herein, und es soll mich wenig kümmern, wer sonst noch Luft und Licht hereinläßt und auf welche Weise er's anstellt. Das ist ja aber alles dummes Zeug, Doktor! Habe ich Sie nicht aufwachsen sehen, habe ich Sie nicht mit erzogen, ja habe ich nicht das Beste zu Ihrer Erziehung getan, und weiß ich deshalb nicht ganz genau, daß Sie, wo man Sie frei gewähren läßt, meistens das Rechte treffen? Und was mir Kalmüsel und die Jungfer Männe in ihrem Kummer und Verdruß anvertraut haben, spricht auch dafür. Vivat die Richtige! Erzählen Sie mir von Ihrem Mädchen, Heinrich.« Noch nie war der Herr des Hauses am Schloßberge so gern wie hier von einem Thema zum andern übergegangen. Solch ein Frauenzimmer, solch ein Wesen wie diese Anselma Wunnigel hatte es selbstverständlich noch niemals in der Welt gegeben. Daß sie die Beste, die Einzigste war, das verstand sich natürlich von selber; aber auch die Klügste, die Einfachste, die Wonnigste, die Süßeste war sie. »Ich gebe auch viel auf kleine Füße«, meinte das Rottmeisterchen. »Hoffentlich tritt sie nicht mit den Hacken zuerst auf wie ein Jude oder so wie der Herr Papa, der Herr Regierungsrat. Ich würde vieles mit in den Kauf nehmen, wenn ich einen leichten Schritt und Schwebegang in das alte Haus da oben schaffen könnte. Ihre Mutter und noch mehr Ihre Großmutter, selbst in ihren höheren Jahren, behuben sich auf den Treppen und in Saal und Kammer, wie man es gern sieht und hört, Heinrich. Eine Bachstelze, die über die Kiesel im Bach trippelt, wußte sich nicht zierlicher zu beheben als Ihre selige Frau Großmama.« Wir schweigen. Wir sehen nur den Doktor Heinrich Weyland an. Er saß da und hatte die Hände zwischen den Knieen gefaltet und sah den Herrn Rottmeister Brüggemann an und lächelte – lächelte so zerstreut, so geistesabwesend, so – auf-dem-Riedhorn-anwesend, daß auch das alte Herrchen schwieg und seinen selig vertieften Abendgast ansah. »Ah!« seufzen wir nachher alle drei, tief Atem holend; und dann rief aufspringend, in der Stube umherspringend, mit den Händen in den Lüften der Doktor: »Ich werde sie Ihnen zeigen! Ich werde sie Ihnen zuführen. Sie sollen sehen, Sie sollen urteilen, Brüggemann. Ich bin der Glücklichste der Sterblichen mit und ohne Schwiegervater. Ja, sie hat auch einen kleinen Fuß und einen leichten Schritt, und jetzt wird es die höchste Zeit, daß ich nach Hause laufe und dem – dem Regierungsrat mitteile – was – heute – auf dem – Riedhorn in seiner Abwesenheit vorgefallen ist. O, schlafen Sie gut, alter, alter, bester Freund und Papa! Träumen Sie wieder von Läusen – von Feuer – von Feuer und Flamme. Fürs erste bin ich nichts als ein Salamander, der im Feuer lebt und selig ist.« »Und ich bin ein alter Uhrmacher, Heinrich, und ungemein gespannt auf deine liebe, junge Braut. Nimm es nicht verquer, daß ich dich wieder einmal du nenne. Als ich noch dein Hofmechanikus war und dir deine Weihnachtsgärten, Hampelmänner, Wind- und Wassermühlen baute, da steckten wir in ähnlichem Jubilieren die Köpfe zusammen wie heut abend, und so ist das Du wohl wirklich wieder am Platz. Und sehr freundlich ist es von dir, daß du jetzt als ein so gelehrter, erwachsener, stadtbekannter Mann immer noch mit deinem zerbrochenen oder deinem neuen Spielzeug mir in die Werkstatt gelaufen kommst. Na, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf dein Bräutchen freue. He, he, und hör: grüße auch die Jungfer Männe von mir und sage ihr, ich ließe ihr sagen, ich wäre immer noch bereit, sie aufzufangen, wenn das alte Haus mit ihr den Berg herunterkäme.« Elftes Kapitel Es war in der Tat hohe Zeit, daß der Doktor Weyland heimkam; der muntere Gastfreund, der Regierungsrat außer Dienst Wunnigel, lag gerade heute dem alten Hause ungewöhnlich schwer auf. Selbst der Daus im Stall ließ seine Ohren über der vollen Krippe hängen; im Gemach der Jungfer Männe aber steckten die alten Dienstleute immer ängstlicher die Köpfe zusammen und wünschten ihren jungen Herren immer bänglicher zurück. Sie konnten es durchaus nicht begreifen, weshalb der liebe Gott ihnen und dem guten, alten, stillen Hause am Schloßberge dieses Schicksal angetan hatte. Der liebe Gott aber war's ganz gewiß auch gar nicht. Der Teufel war's und kein anderer. In Person hatte er hier Besitz ergriffen, und daß sich der leidige Satan nicht selten eines schönen jungen Frauenzimmers zur Anbahnung und Erreichung seiner bösen Zwecke und niederträchtigen Werke bedient, wenn er es gleich nicht immer für seine Tochter ausgibt, das ist ja jedermann bekannt. Und sprach nicht selbst der Name des Fräuleins auf dem Riedhorn dafür, daß hier, in dieser Beziehung, nicht alles mit richtigen Dingen zuging?! – Anselma! Wunnigel war doch wahrlich schon zur Genüge verdächtig; aber Anselma Wunnigel, das ging denn doch über alles, und kein Mensch hatte vordem davon vernommen, daß es so etwas überhaupt in der Welt gäbe. Ein christlicher Mädchenname war Anselma nicht. In ein christliches Kirchenbuch hatte noch nie ein christlicher Pastor solch ein heidnisch Wort eingetragen. In diesem Worte und Namen roch jedweder Buchstabe nach Schwefel, Hexerei und Zauberkunst, und daß diese – diese Anselma – diese fremdländische Anselma Wunnigel den jungen Herrn verhext und verzaubert habe, wer konnte daran zweifeln? »Ich, Jungfer Männe!« brummte Kalmüsel. »Verschossen hat er sich in das Fräulein, und den Herrn Rat da oben kriegen wir zu!« In diesem Momente klang die Haustürglocke, wie sie seit hundertundfünfzig Jahren geklungen hatte, wenn jemand die Tür öffnete und schloß. Da war der Herr gottlob wenigstens für heute abend zurück. – »Gottlob! Gott sei Dank!« Sie traten ihm mit der Lampe entgegen, und er sah bei ihrem Scheine in ihre betretenen, kleinlauten Gesichter. Vom oberen Stock hernieder drang rauh des Gastes munterer Abendsang. »Nun, Kinder, nichts vorgefallen? Keine Patienten gemeldet?« – Sie schüttelten die Köpfe: – »Nein, Herr Doktor.« »Nun, was gibt es denn sonst? Was seht ihr euch und mich so an? Was ist passiert? Heraus mit der Sprache!« »Vorgefallen ist wohl weiter nichts, Herr Doktor; aber – aber –« Kalmüsel warf einen grimmig-wehmütigen Blick nach der Treppe, die in das obere Stockwerk führte. »Nun? Aber, aber?« »Nun, hingefallen ist genug, Herr Heinrich! Zugrunde gerichtet ist für den heutigen Tag mal wieder genug und über und über genug.« »Was hat es denn gegeben? So redet doch.« »O gar nichts!« sprach jetzo mit merkwürdig gut fingierten Kühle bei überkochendem Gift die Jungfer Männe. »Gar nichts hat es gegeben; nur Er – der fremde Herr, hat nur der seligen Großmama Porzellanschrank von der Wand abrücken wollen, von wegen des Getäfels dahinter, und da ist denn alles zu Schaden gekommen: der Schrank und das alte, schöne China und Er auch! Gläser, Vasen, Tassen und Schüsseln, Götter und Schäfer und Tiere und Er auch! Es hat einen Krach gegeben, daß man es bis unten in die Stadt gehört haben muß. Mir zittern noch alle Glieder. Er hat sich ein schwarzes Heftpflaster quer über die Nase kleben müssen; ich aber habe den übrigen Ruin und Jammer auf einen Haufen gekehrt; wenn der Herr Doktor jetzt nur die Güte haben will, seinen Schaden zu besehen, so braucht er nur hinaufzugehen. Mir bricht es das Herz; – wie's der Herr Doktor ansehen wird, weiß ich nicht, aber der Herr Regierungsrat singen gottlob bereits wieder bei ihrem Grog – dem Herrn Regierungsrat Wunn–i–gel hat der Schrecken, Gott sei Dank, nicht geschadet.« »Hm, hm, hm«, murmelte Herr Heinrich. »Der Großmutter Porzellanschrank! Das ist freilich kein kleiner Schade! Gottlob, daß sie das nicht selber erlebt hat. O, das würde sicherlich auch Anselma leid tun. Hm, hm, das wird in der Tat einen argen Krach gegeben haben. Ist denn alles hin, Kalmüsel?« »Alles, Herr Doktor! – bis auf die Scherben. Die sind noch da, und dem Herrn Regierungsrat hat es auch sehr leid getan. Sie waren eine Weile recht angegriffen und schickten mich nach warmem Wasser aus. Und als ich Ihnen nicht schnell genug damit von der Küche heraufkam, rissen Sie in ihrer Erregung auch die Klingelschnur ab. Du lieber Himmel, das ganze alte Haus hat bis in seine Grundfesten gebebet und wie ein erschreckter, kummervoller Mensch geächzet. Es ist zusammengefahren wie wir andern; und der seligen Frau Großmama gönne ich auch ihre Ruhe, daß sie dieses nicht erlebt hat.« »Und der Herr Regierungsrat, Kalmüsel?« »O gottlob, die haben sich nach dem Schrecken so ziemlich wieder erholt und liegen ganz behaglich auf dem Kanapee in der Bibliothek.« Der Doktor hielt sich nun keinen Augenblick länger bei seinem treuen Hausgesinde auf. Er schüttelte noch einmal den Schnee ab und übergab seinen Oberrock seinem Kalmüsel. Dann stieg er rascher, als es sonst seine Art war, die Treppe hinauf und trat ein in die Bücherei. Hier ließ sich die Sache in der Tat dem geschehenen Unheil und dem schwarzen Heftpflaster über der Nase des Regierungsrats zum Trotz recht gemütlich an. Der Patient lag wirklich ganz behaglich auf dem Kanapee, hatte sich ein Tischchen zurechtrücken lassen und benutzte das warme Wasser keineswegs bloß zum Auswaschen seiner Wunden. Inwendig, das heißt zur Restaurierung seines inneren Menschen, tat es das reine Element freilich nicht. Einige andere Elemente gehörten noch dazu, und glücklicherweise kannte Wunnigel dieselbigen und wußte die Mischung auswendig. So rief er denn aus dem Gewölk seiner Abendpfeife heraus den eintretenden jungen Freund höchstens ein wenig mehr durch die Nase an: »Kommt Ihr endlich, Freundchen? – Das muß ich sagen, ich habe zuletzt wahrhaftig mit einiger Sorge nach Euch in die unbehagliche Nacht ausgeschaut. Hoffentlich habt Ihr wie gewöhnlich das Mädel wohlauf und munter und die Biedermänner im Nobelzimmer recht interessant gefunden. Sie sehen mich an, Weyland? Sie sehen mich ein wenig betreten an? Ja, sehen Sie mich nur an, lieber Junge; man wird es Ihnen wahrscheinlich bereits unten im Hause mitgeteilt haben: ich habe Ihnen leider Gottes da einen kleinen Polterabend zugerichtet, und mein Riechorgan hat dann Hochzeit mit einer Potpourrivase gehalten. Großer Gott, wenn ich etwas dafür gekonnt hätte, würde mir die Sache längst nicht so fatal sein wie jetzt, wo mir auf einmal alles Hals über Kopf über den Leib stürzte. Rasend möchte man werden, wenn man diese Herrlichkeiten zu schätzen weiß wie ich und sodann plötzlich stumm, starr, entsetzt inmitten des Trümmerhaufens steht. Gehen Sie hin, Doktor, und sehen Sie sich den Scherbenhaufen an als Arzt, als Mensch und als Freund und versetzen Sie sich in meine Gefühle als Mensch, Freund und enthusiastischer Liebhaber von altem Meißener Porzellan. Zu flicken und sonst zu kurieren gibt es da leider Gottes nichts mehr, Doktor.« »Ich habe von dem Unglück freilich schon unten im Hause vernommen«, murmelte Herr Heinrich, aus der hastigen Anrede des Gastfreundes die Worte Polterabend und Hochzeit mit absonderlich schwirrendem Hall in seiner Seele nachklingen fühlend. »Beruhigen Sie sich nur, Herr Regierungsrat. Vor allen Dingen freut es mich, daß Sie selber keinen größeren Schaden bei dem Unfall erlitten haben.« »Keinen größeren Schaden? Ich? – Mensch, Mensch, Sie waren nur der Besitzer, der Eigentümer der entzückenden Sammlung; – ich aber, ich war der Liebhaber, der Sachverständige! Fluchen möchte ich dem unwillkürlichen geschickten Seitensprunge, der mich dem Zerschmettertwerden entzogen hat! Blutige Tränen habe ich nicht bloß aus der Nase auf die Verwüstung geweint. Jeremias auf den Trümmern von Jerusalem war ein Hanswurst gegen mich. Fragen Sie nur Kalmüsel, fragen Sie nur Ihre Jungfer Männe. Schämen sollten Sie sich, Weyland, einem solchen Elend, einem derartigen unersetzlichen antiquarischen Schaden gegenüber so kühl, so kalt zu bleiben. Ich für mein Teil habe die Klingelschnur in der Verzweiflung abgerissen. Da liegt sie; und jetzt noch habe ich die größte Lust und Neigung, mich vermittelst derselben da an den Nagel zu hängen und in das reuelose, erinnerungsfreie Jenseits hinüberzuschleudern. Keinen größeren Schaden? – Sie sind ein ganz gefühlloser Mensch! Prügeln möchte ich mich, Sie, das ganze Weltall – vor allen Dingen aber mich, mich, mich!« Der Herr des Hauses hob die Klingelschnur vom Boden auf und schwang sie im Kreise, bis sie sich ihm um den Arm aufgewickelt hatte. Er schien auch ihr einiges Nachdenken zu widmen, ehe er hinging und den zertrümmerten Glasschrank der Großmama und den Monte testaccio, den Scherbenberg, daneben nach dem Wunsche des Gastfreundes sich ansah. Es war ein recht niedlicher Haufen: Chinesen, Schäfer und Schäferinnen, Vasen, Schalen, Pudelhunde, Tassen, Lämmer, Löwen und Teller durcheinander – ein recht ansehnlicher Haufen! Das Elend betrachtend, überkam ihn seltsamerweise das alte Mitleid mit der jungen Dame in erhöhtem Maße, und auch jetzt gottlob von unendlicher Zärtlichkeit begleitet. »Ein Untier ist er! Da ist gar kein Zweifel daran!« ächzte er. »Aber ich werde ihm auf der Stelle ruhig von mir und Anselma sprechen können, und nachher – nachher wird sich ja wohl auch ein Mittel finden, ihn – den Papa – diesen heiteren Greis wieder aus dem Hause loszuwerden.« Rasch, seinen Entschluß am Schopfe packend, schritt der Doktor Heinrich Weyland zurück in die Bücherei, und drei Minuten später vernahmen Kalmüsel und die Jungfer Männe unten im Hause von oben herab ein ganz sonderbares Gestampfe, Geschluchze, Gegrunze und sonstiges Getöse. Der Papa Wunnigel hielt außer sich vor Überraschung und Rührung seinen Sohn Heinrich in den Armen und drehte sich mit ihm in überströmender Gefühlsbewegung um den großen grünen Tisch in der Bibliothek. Die Freudentränen rollten dem Regierungsrat Wunnigel über das schwarze Nasenpflaster; das letzte Resultat des Abends aber war, daß an einem der nächsten Sonntage in der Hauptkirche der Stadt der Doktor der Medizin Heinrich Weyland und Jungfrau Anselma Wunnigel dem Publikum als zwei Leutchen bekanntgegeben wurden, die den festen und besten Willen hatten, in sechs Wochen zu heiraten. »Gottlob, die Sorge um das Kind bin ich los – endlich, endlich! – Ah, das ist die Hauptsache! – Ah, man fühlt erst, wie schwer die Last war, die man trug, wenn sich jemand gefunden hat, der sie einem von den Schultern nahm. Na, was das übrige anbetrifft, – bin ich Vater geworden, so kann ich am Ende auch nichts dagegen einwenden, im Laufe der Zeiten Großvater zu werden!« So sprach der Regierungsrat. Die Jungfer Männe und Kalmüsel sagten auch etwas; wir nehmen jedoch jetzt keine Rücksicht darauf. Es wird sich herausstellen, daß sie sich ihre Meinung erst zu bilden hatten. Zwölftes Kapitel Welch eine Meinung der Rottmeister Wenzel Brüggemann sich über die Braut bildete, als sein junger Freund und Gönner sie ihm seinem Versprechen gemäß vorführte, wird auch besser bei einer späteren Gelegenheit abgehandelt werden können. Vor allen Dingen müssen wir Hochzeit halten; nur selten hat es ein Schwiegervater so eilig damit wie in diesem vorliegenden Falle der Papa und Regierungsrat a. D. Wunnigel. Und es wurde eine ganz kuriose Hochzeit. »Dieses verstehe ich, mein Sohn Heinrich«, sprach der Papa; »dieses verstehe ich ausnehmend wohl. Lassen Sie mich machen; – wir werden etwas zugleich Munteres und Erhebendes leisten. Sitzen Sie nur ruhig still und halten Ihr Mädchen bei guter Laune. Ich freue mich kindlich darauf, einmal wieder einer solchen Festivität als maître de plaisir voranzutänzeln, und noch dazu in eigener rührender Familienangelegenheit. Geben Sie mir nur eine Liste derer, die Sie bei der Hinrichtung gegenwärtig wünschen, und überlassen Sie mir alles übrige; – das Schafott werde ich schon aufzuschlagen wissen.« »O Gott, Gott, Gott, wie ich wünsche, daß der Tag erst vorüber wäre, du Guter, kann ich dir gar nicht sagen!« stöhnte Anselma. »O der Papa! – O Heinrich, was würde ich an dem Tage anfangen, wenn ich dich nicht hätte?« Das war freilich eine Frage. Der Geliebte nahm sie tiefbewegt entgegen und beantwortete sie durch einen Kuß. – Und der schreckliche Tag kam, aber machte keine Ausnahme von seinen Brüdern. Er ging vorüber, und es wurde auch an seinem Ende einmal mehr wieder Schlafenszeit. Die Stadt hatte freilich, und zwar sowohl vorher wie nachher, ein ausgiebiges Thema der Unterhaltung; jedoch auch der größte Teil der Hochzeitsgäste hatte sich ungewöhnlich gut unterhalten, und das war doch die Hauptsache. Der Regierungsrat entwickelte ein Toasttalent, das fast ans Geniale grenzte. Er eroberte selbst die Herzen der drei anwesenden Stammgäste vom Riedhorn, und es fand sich unter ihnen sogar einer, der wieder einen Trinkspruch auf ihn ausbrachte und in demselben von ihm als »unserem lieben, trefflichen, geistreichen Freunde Wunnigel« redete. »Siehst du, Herz, Herzchen, so weit sind wir!« flüsterte um Mitternacht der junge Ehemann, und die junge Frau Doktorin nickte lächelnd und schüchtern: »Es ist, Gott sei Dank, besser gegangen, als ich mir dachte; aber – weißt du – Heinrich, ich habe mich eigentlich gar nicht mehr drum bekümmert. Als ich im Wirbel drin war, habe ich gar nicht ein einziges Mal mehr an die Leute und auch – an den – Papa nicht – gedacht.« Da noch ein ganzer Haufe von »den Leuten« an der lichterglänzenden Festtafel anwesend war, so beantwortete der Doktor diese Auseinandersetzung jetzt nicht mit einem Kuß, sondern erst etwas später. Eine Hochzeitsreise unternahm das junge Paar nicht. Dies nahm – und diesmal wirklich merkwürdigerweise – wiederum der Schwiegerpapa auf sich. Der Papa Wunnigel machte die Hochzeitsreise. Am zweiten Tage nach der Trauung reiste er ab, nachdem er natürlich »seinen Kindern« seinen »Segen« gegeben hatte. Die Tochter dabei auf sein Knie niederziehend, klopfte er, auf dem Sofa neben dem Schwiegersohn sitzend, diesem aufs Knie und meinte gemütlich: »Jetzt sitzest du warm, Anselmchen; und mein höchster Wunsch ist in dieser Beziehung in Erfüllung gegangen. Danke deinem jungen liebenswürdigen Mann und deinem alten sorglichen Vater dafür! Ich lasse dich einem guten, nicht leicht heftigen, verständigen und in seinem Lebensberuf erfahrenen Gatten und habe also auch in dieser Hinsicht meinen väterlichen Pflichten auf das vollkommenste Genüge geleistet. Sind Sie da nicht ganz meiner Ansicht, Sohn Heinrich? Na, hab ich es mir nicht gedacht! Da geht die Weichmütigkeit schon wieder an! Ich bitte dich, Kind, Mädchen, laß das Taschentuch von den Augen, junge Frau! Die Redensart paßt durchaus nicht, sonst würde ich dir sicherlich anraten, dein Pulver für spätere Gelegenheiten trocken zu halten, Anselma. He, he, he! würde das alte, kuriose Kerlchen, mein Freund, der Herr Rottmeister da unten am Untertor, sagen. Aber was wollte ich denn eigentlich bemerken? Ja so – richtig! Nämlich, wie ich immer mein Behagen dem deinigen nachgesetzt habe, Tochter, so halte ich es auch jetzt wieder für meine Pflicht, es dem eurigen nachzusetzen. Ihr guten Kinder habt hoffentlich nichts dagegen einzuwenden, daß ich von meiner wiedergewonnenen isolierten Stellung in der Welt sofort kummervoll Gebrauch mache. Ich gehe, da ihr es euch in den Kopf gesetzt habt, zu bleiben. Ich reise. Ich gehe auf einige Zeit nach Rom, und es bleibt mir nichts übrig, als euch währenddessen allen Süßigkeiten eures Honigmonds zu überlassen. Nippt, schlürft, lebt euch ineinander ein (wie ich und deine selige Mama, Anselma!) und – eigentlich brauche ich euch dies speziell gar nicht anzuempfehlen! – trübt euch die Heiterkeit der guten, jungen, rosigen, blauen und leider Gottes ziemlich rasch vorbeieilenden Tage der jungen Liebe nicht durch allzu heftige Sehnsucht nach eurem alten, wunderlichen Papa. Ich werde schreiben, wenn sich Muße und Stimmung bieten, und es euch nach und nach, wie es Weg und Gelegenheit gibt, wissen lassen, wohin ihr mir direkt oder poste restante gleichfalls von euch erfreuliche Nachrichten zukommen lassen könnt. Da ich soeben das Wort »speziell« gebraucht habe, so kann ich Ihnen, mein Sohn Heinrich, speziell nur raten, mit dem teuren Pfunde, welches ich Ihnen anvertraute, zu wuchern. In zwanzig Minuten geht der Zug – es ist ein recht angenehmer nordischer Wintertag, brechen wir also auf nach Süden, das heißt, es wird die höchste Zeit, uns nach dem Bahnhofe zu verfügen. Das Gepäck wird Kalmüsel wohl bereits expediert haben, nicht wahr?« Darauf gab die Jungfer Männe die nötige Auskunft. »Alles besorgt!« zischte sie. »Ich hab's ihm eilig genug gemacht, und er hatte es schon von selber eilig genug damit.« Drehte sich kurz um und wurde für diesmal nicht mehr gesehen von dem Regierungsrat Wunnigel. Ganz betäubt stieg das junge Ehepaar mit dem Papa den Schloßberg hernieder und begleitete den Greis zum Bahnhof, wo er nochmals kurz »adieu« sagte. Die Tochter hatte viele Worte und auch einige Tränen für sich zu behalten. Der Schwiegersohn gelangte im Grunde gar nicht mehr zum Worte. Die Dampfpfeife schrie, die Maschine ließ nochmals viel weißen Dampf aus – »Puh! – ah!« seufzte der Papa Wunnigel, die Reisekappe über die Ohren ziehend und den Pelzkragen aufklappend. »Es hat etwas tief Gemütliches, so mit einer versorgten Tochter hinter sich und dem Gedanken an Sorrent vom Kupee aus auf dies verschneite Germanien hinzublicken! Wie echt deutsch grau in grau die Stadt sich da an den Berg hinlegt – und – wie behaglich der Rauch aus all diesen Schornsteinen emporsteigt! Und sieh, da sind sie ja noch einmal! Da gehen sie hin nach Hause, aneinander gedrückt, die guten lieben Kinder. Adieu, adieu! Man fühlt sich wirklich höchst angenehm menschlich bewegt. Recht schade, daß solche Momente so selten kommen.« Freilich, Arm in Arm, dicht aneinander gedrückt, hatte das junge Paar den Bahnhof verlassen und ging langsam heim in sein junges Glück. Beim Herrn Rottmeister Wenzel Brüggemann sprachen sie aber noch vor, ehe sie den Schloßberg wieder emporstiegen, und es war für beide nützlich und gut, daß dies kleine Haus auf ihrem Wege lag. Dreizehntes Kapitel Wir tun jetzt den ersten Sprung in dieser Geschichte und bitten unsere Leser und Leserinnen mitzuspringen, und zwar aus dem Dezember in den April, aus dem Christmond in den Wandelmond. Die ominöse Zahl dreizehn steht nicht ohne Grund gerade über diesem Kapitel; glücklicherweise aber fallen gewöhnlich auch die Ostern in den April, und was noch besser ist, es gibt ein italienisches Sprichwort, das steif und fest behauptet, gerade der April mache die Blumen, von denen der Mai die Ehre habe: »Aprile fa le fiore, e Maggio ha l'onore.« Von der Klimatologie absehend, halten wir uns natürlich nur an den Sinn dieses klugen Wortes. Dem Regierungsrat Wunnigel in Italien schreiben wir wegen des Dictums auch nicht; er aber wird im Verlaufe dieses Kapitels mal schreiben. – Ach, wer doch im Leben auch so vorgehen und mit einem Sprung aus Winter Frühling machen könnte! Was aber bleibt in diesem besonderen Fall dem Leser anderes übrig, als sich an dieses Blatt zu halten, auf welchem die Tage immer mehr zunehmen und die Nächte immer kürzer werden?! Und die Regenschauer und die Sonnenblicke streifen da über die Stadt und die Ebene. Immer mehr ins Grüne geht die Aussicht von den Fenstern des Hauses am Schloßberge aus. Im Garten wird es schon längst auch bunt. Die Schneeglöckchen haben sogar schon lange ihre Zeit gehabt. Nun kommt die Kirschenblüte, die Apfelblüte; es bleibt uns wahrlich nichts anderes über, als ein Anlehen zu machen bei jenem mit der holden Gabe des Reims begnadeten Bruder in Apoll, der unserer Meinung nach alle Lenzregesten für alle Zeiten aufs bündigste und deshalb auch mustergültigste zusammentrug. In Hildesheim, wenn wir nicht sehr irren, lebte er und sang: »Hokuspokus, Erst kommt Krokus, Dann die andern Blumen Alle!« und sagt alles damit. – »Es ist zu entzückend!« sagt auch die junge Frau an jenem Fenster, in das der Spruch Benedikt Spinozas eingegraben ist. Aber das Fenster steht jetzt weit offen. Im Sonnenglanze liegt das große Buch aufgeschlagen, das bei vielem andern nicht bloß das eine Wort, sondern auch das ganze Leben des hohen Meisters aus dem Haag enthalten hat und enthält, und mit dem Frankfurter Poeten den Hildesheimer. In das All hinein flimmern und blitzen die vergoldeten Knöpfe und Kreuze auf den alten Kirchtürmen wie die goldene Palme, welche vor zweitausend Jahren die Nike vom Tempel zu Olympia dem blauen hellenischen Zeus entgegenhielt, wie die Lanzenspitze der Pallas auf der Akropolis von Athen, die man bei hellem Frühlingswetter, einem Wetter »so wie heute«, schon von Sunium aus sah. Die Schmetterlinge dieses Jahres flattern, die Spatzen zwitschern; es ist für alles ewiger Raum und ewige Zeit, und also auch für den jungen Ehemann Heinrich Weyland, der mit seinem Weibe in den neuen Frühling aus dem offenen Fenster sieht und flüstert: »Aber der Winter war doch auch nicht ohne seine Reize, Anselma?! Diese Luft – dies alles da ist freilich herrlich, und daß die Laube im Garten bereits grün wird, freut mich ungemein; aber auf den Winter, ich meine selbstverständlich diesen letzten Winter, lasse ich nichts kommen und sitzen.« Die junge Frau rückt dichter an den Ellenbogen ihres Gatten. Natürlich liegen in dem Schloß die meisten Beamten gleichfalls in den offenen Fenstern ihrer Schreibstuben und sehen in den Frühling hinaus; allein das geht uns nicht das mindeste an. Dagegen aber sind wir sehr bei dem Klange der Glocke beteiligt, die sich eben in einem der schönen gotischen Türme unter dem Hause Weyland und dem Schlosse aus irgendeinem Grunde in Bewegung setzt. Einer vorbeiflatternden weißen Taube entfällt eine weiße Feder. Dieses ist für uns von höchstem Interesse. Die Herren Beamten da oben haben auch ihre Federn hinterm Ohr stecken; lassen wir die Herren selber lachen, als einem von ihnen die seinige entfällt und in die Tiefe purzelt. Das Auge Anselmas blickt feucht und nachdenklich jener weißen, in der Luft tanzenden Flocke nach, bis sie ihm entschwindet, und in den Glockenklang hinein antwortet das junge Weib auf die Bemerkung und Ansicht des Gatten: »O ja; ich auch nicht! Das wäre zu schlecht, wenn ich was auf den Winter kommen lassen wollte, aber siehst du, du mußt bedenken, auf welch seltsame Weise du mich in dein Haus geholt und bekommen hast. Es ist keine Kleinigkeit, sich so an etwas ganz anderes zu gewöhnen. Der Papa hatte mir ja eine ganz andere Bildung gegeben –« »O, du bist freilich meine vielerfahrene Alte, meine weitgewanderte – –« »Lache nur, Heinrich! Auf den Landstraßen bin ich wahrhaftig genug herumgezerrt, und selbst an das Bessere muß man sich gewöhnen, selbst an das Behagen, nicht mehr in einem Wirtshause, sondern in seinen eigenen sicheren vier Pfählen aufzuwachen!« Lachend fügte sie hinzu: »Selbst an die Jungfer Männe mußte man sich gewöhnen.« Worauf der Gatte glückselig lächelnd rief: »O, das hast du aus dem Grunde verstanden! Zieh nur die Glocke, laß den Kalmüsel heraufkommen und bitte ihn, da aus dem Fenster zu springen. Er tut's. Was die Jungfer Männe anbetrifft, hast du mich nicht auch der durch Liebenswürdigkeit abgenommen und dich dafür selber von ihr auf den Arm heben lassen? Gibt sie es nicht mit angenehmster, rührendster Milde zu, daß du mir ein um den anderen Tag eine von dir eigenhändig versalzene Suppe nebst dem verbrannten Zubehör vorsetzest? Sieht sie nicht etwa nicht nur ruhig, sondern sogar auch ganz einverstanden deinen kulinarischen Studien und diätetischen Versündigungen an deinem Manne zu? He?« »O Gott, Heinrich!« »Mit dem größesten Gleichmut, mit dem Nicken gemütlichster Zustimmung läßt sie mich von dir vergiften. Mich! Fasse es ganz, was dieses persönliche Fürwort in diesem Falle bedeutet, und gib mir noch einen Kuß. Du hast mich, du hast sie, du hast ihn – Kalmüsel nämlich –, du hast den Daus und was sonst noch auf zwei oder vier Beinen im Haus ein und aus oder herum läuft, am Wickel. Wir sind darunter durch, und – das – nennt – dies Persönchen hier dann sich allgemach eingewöhnen! Herz, Herz, Herzchen, kannst du nun noch leugnen, daß der Winter wonnig war? Nein?! Nun, so gestehe ich dir zu, daß es himmlisch ist, ihn an einem Frühlingsmorgen wie dieser zu loben!« »Du bist ein zu närrischer Mann! Was hast du denn eigentlich davon, daß ich dir alle fünf Minuten deinen Winter lobe? Jaja, er war ganz nett; aber hatte ich es dir nicht schon vor fünf Minuten zugestanden? Und ferner sage ich dir: da solch ein Doktor immer auch ein halber Apotheker ist und jeder Apotheker sich nicht bloß aufs Nasenrümpfen und Schlechte-Redensarten-Machen, sondern auch aufs Kochen verstehen muß, so gehst du augenblicklich mit mir in die Küche und bringst dein dickstes chemikalisches Liebigsches Apotheker-, Koch- und Fleischextraktbuch mit. Da wollen wir dann das Kapitel von dem Versalzen und Anbrennenlassen zusammen nachschlagen.« »Sofort! – Weißt du noch, wie der Papa zum erstenmal mit uns hinunterstieg und wie er über das alte Gewölbe entzückt war? Die Küche des Hauses Weyland hat noch jedem imponiert, und der Papa fing augenblicklich an, nach Spuren und Resten des Mithrasdienstes darin zu suchen.« »O, der Papa!« »Ja, und als er dergleichen nicht fand, erklärte er das Ding unbedingt für eine den mageireionischen, optanionischen Mysterien geweihte Krypte frühchristlicher Ära.« »Über welche gräßlichen Worte ich damals nicht nachdachte und mich auch nicht weiter erkundigte.« »Aber ich! Es war Griechisch, Schatz. Ich schlug's nach, und zwar allein für mich im Wörterbuch und fand's auch zuletzt: ein zu Küchenzwecken eingerichtetes Erdgelaß nämlich.« »O, das sieht dem Papa ganz ähnlich! Jetzt aber komm nur; – die Jungfer Männe nämlich hat schon zweimal in die Tür geguckt und hinter deinem Rücken mir gewinkt.« »Hinter meinem Rücken dir?! – – Es ist zu wundervoll. Ich hätte es nie für möglich gehalten!« – – Aber April – April, April! Und wenn auch nicht der erste, so doch immer noch der letzte! Und wir stehen immer noch unter der bedenklichen Zahl dreizehn! Was ist es für ein Segen, daß vierzehn auf dreizehn folgt und auf den April der Mai! Am dreißigsten April kam Anselma Weyland geborene Wunnigel sehr eilig und auch ein wenig verstört die Treppe und Pfade des Schloßberges herab, durchtrippelte die Gassen der Stadt bis zum Untertor, trat hastig in das Stübchen des Rottmeisters Herrn Wenzel Brüggemann und trug einen Brief in der Tasche. »Er ist von dem Papa aus Italien, Papa Brüggemann, und er ist an Heinrich und mich. Heinrich lacht darüber, aber ich nicht, ich wahrhaftig nicht. Nun komm ich zu Ihnen um Rat, zu Ihnen, der Sie hundert Jahre alt geworden sind und die Welt kennen und meinen Papa und meinen Heinrich, und mich selber auch schon ein wenig.« »Ein wenig! Ei, ei – he, he?! Ei jawohl, ein wenig, ein wenig! Hundert Jahre, he, he? Beinahe! Und sieht noch ganz gut und hört auch noch – ein wenig, wenn er die Hand hinters Ohr hält, der alte Brüggemann. Und guckt hinauf nach dem Schloßberge und reibt sich die Hände, daß da endlich wieder mal so eine kluge, junge kleine Frau in das Haus gekommen ist. Setzen Sie sich, setzen Sie sich, Madamchen – da dicht neben mich auf den Stuhl, Frau Doktorin Weyland. Gib mir deine Hand – Gott segne dich, Kind, du weißt gar nicht, wie ich mich freue, daß ich dich da oben in dem alten Hause habe, daß gerade du und keine andere berufen wurde, das alte Haus da oben zu einem neuen, einem jungen, jungen zu machen! Und nun – lassen Sie hören, Frau Doktor, was uns mein ganz spezieller Freund und Gönner, der Herr Papa, schreibt. Mich hätten Sie vor fünfzig Jahren im Amt sehen sollen bei öffentlichen Nöten und Fährlichkeiten; aber bei Unruhe und Tumult im Hause Weyland ist der Rottmeister Wenzel Brüggemann immer noch im Dienst.« »Weil Sie und der Papa wirklich und wahrhaftig sich kennen und gern haben und verstehen, komme ich zu Ihnen –« »Vögel aus einem Nest, he, he!« »Und nun hören Sie, was er uns zu sagen hat, und wenn Sie wirklich auch mich gern haben, so lachen Sie nicht wie mein Mann da oben in der Bücherstube bei seiner Tabakspfeife und seiner Herzensgüte.« Es war ein hübscher Anblick, wie der Greis und das Weibchen die Köpfe über dem Briefe des Regierungsrates Wunnigel zusammenlegten. Wir aber müssen uns vorerst an den Brief halten, der alte und der junge Menschenkopf da werden nachher auch wohl wieder zu ihrem Recht gelangen, wenn sie ihre Gedanken über das Schreiben austauschen werden. »Neapel, 20. April 187*. Liebe Kinder! Ihr nennt Südwind, was weiter nach Süden Föhn genannt wird und wir hier als Schirokko kennen. Nehmt vor allem diesen Brief als scritto nel tempo del Scirocco, geschrieben zur Zeit des Schirokko. Aus der Sahara kommt der Unhold und läßt sich dort Smum oder Samum titulieren und verschüttet Kamele samt ihren Reitern und Begleitern. Letzteres würde mir sehr gleichgültig sein, wenn er sich darauf beschränkte und das Mittelländische Meer als Grenze respektierte. Aber man komme dem Wüstensohne einmal mit solchem Barrieretraktat! Er heult einfach vor Hohn und sucht seine zu verschüttenden Kamele nur desto weiter nach Norden hinauf; mich zum Exempel überstäubt er bereits in diesem Moment allhier, und zwar mit dem mare mediterraneo vor den dichtverschlossenen Fenstern. Samiel heißt der Halunke im wüsten Arabien, und Kind , geliebteste Kinder, wußte, was er tat, als er in seinem Freischütz seinen feurigen Satan ebenso benamsete. Gerade zu Ostern pflegt er mit Vorliebe uns hierzulande die Ehre seiner Gegenwart zu schenken, aber da es ihm stets bei uns gefällt, bleibt er gern bis Pfingsten und länger. Daß es Euch gut und behaglich geht, hat mir ja der Brief von Euch in und zwischen den Zeilen gesagt. Wollte nur, ich könnte das nämliche von mir behaupten; aber hundeelend geht es Eurem alten treuen Papa. Von einem Ausfluge nach Paestum hierher zurückkehrend, finde ich meinen Schreibtisch von hinten her in wahrhaft genial-banditischer Weise durchgesägt, ein Loch in der Mauer und meinen Stubennachbar, einen sonst recht höflichen, angenehmen, netten Herrn und anscheinenden Nähmaschinenagenten aus Venedig, mit meiner Reisekasse durchgebrannt. Nähmaschinenagent? Venedig? O mein braves, solides Venedig! – Ein Malteser war der Kerl, und zwar ein früherer Oberkellner aus dem Clarence-Hotel, ich aber war genäht und hatte höchst widerwillig einen ganz unvorhergesehenen Wechsel auf Königsberg zu ziehen, und die letzte Folge von alledem ist, daß ich um ein bedeutendes eher mich wieder in Eurer Mitte befinden werde, als meine Absicht war und, offen gestanden, meiner sonstigen Sehnsucht nach Euch unbeschadet, mir lieb ist. Ob ich das kleine Fieberchen, das ich gleichfalls aus ›Pesto‹ mitgebracht habe, dem Poseidon oder der Ceres zu verdanken habe, will ich dahingestellt sein lassen. In ihren Tempeln habe ich es mir jedenfalls geholt; und einen gleich ruinierten Magen, wie der meinige jetzo, gibt's, soweit ich heute zu urteilen vermag, nicht zum zweitenmal in dieser nichtswürdigen Welt. Noch nie auf allen meinen Fahrten hielt mich das Vaterlandsgefühl so an den Ganglien wie augenblicklich gepackt. Das Zwerchfell vibriert mir im Heimweh-Katzenjammer gleich einem Schweizerherzen, wenn der Kuhreigen geblasen wird oder der Fremdenverkehr infolge regnerischer Witterung nachläßt. Richtet mir das Stübchen her linker Hand, wenn man die Treppe heraufkommt, mit der Aussicht auf den Garten, in den Schatten und ins Kühle, – das mit der Blutbuche vor dem Fenster. Ich kenne den Baum bloß kahl, aber die Aussicht in ihn hinein, wenn er seine Blätter hat, muß wundervoll sein. Vom Leibe bleibt mir mit aller Aussicht ins Weite! Behaltet das ganze Haus für Euch; Eurem treuen alten Papa gebt einen dunklen Winkel und dann und wann eine auf Eis gelegte Flasche Sodawasser. Wie geht es meinem braven alten Freunde und Liebhabereigenossen, dem kuriosen Herrn am Untertor, Winkelmann – Brinkmann – wie heißt er doch? Den Rottmeister meine ich! Als ich ihm meine Abschiedsvisite machte, hatte ich durch fußhohen Schnee zu waten, und – hier liege ich aufgelöst und sitze und schreibe und liege wieder mit einer italienischen Übersetzung des malade imaginaire, als einzigstem geistigen Trost im Jammer. Was ich Euch von der Reise mitbringen werde, ist leider weiter nichts als ein matt, verdrießlich, schwachmütig Bruchstück von mir selber. Hätte es niemals für möglich gehalten, daß mir diese himmlische Gegend so stinkend widerwärtig werden könnte, wie sie mir heute vorkommt! Aber es ist in der Beziehung nicht anders als in anderen Hinsichten. Einer der Burschen von Eurem Riedhorn wäre imstande, die philosophische Bemerkung zu machen, die ich Euch jetzt nicht vorenthalten kann, und wenn es mich mein Leben kosten würde, nämlich, daß es irgend einmal mit allen Schwärmereien, Neigungen und Liebhabereien zu Ende geht in der Welt. Was ich Euch rate, ist, daß Ihr die Eurigen so lange warm haltet als möglich: habe es ebenfalls so gemacht! Tempo del Scirocco! Ihr habt doch, wenn alles zum Schlimmsten kommt, nichts dagegen, den armen Alten zu Tode zu füttern? Ich komme allein und nicht mit hundert kontraktmäßig ausbedungenen Rittern wie der alte Leibzüchter Lear. Ich komme jedenfalls allein, und das ist wenigstens ein Trost für Euch, und lange werdet Ihr mich voraussichtlich auch nicht auf dem Halse behalten. Kinder, ich sage Euch, Nacht für Nacht träume ich von Eurem alten kühlen Hause da oben im Norden, und diese Träume sind das einzige, was mich bei der augenblicklich hier herrschenden Temperatur am Tage aufrechterhält. Fest überzeugt, daß ein Tag und eine Nacht in der hiesigen Atmosphäre Eure Flitterwochengefühle gründlicher ruinieren würden als jedwede Polarexpedition zur Erforschung der nordwestlichen Durchfahrt, bin und bleibe ich Euer Euch an sein Herz drückender alter treuer Papa und Schwiegerpapa Wunnigel . Postscriptum. (NB. Erstes in meinem Dasein!) Ich fabele in der Tat nicht, wenn ich sage, daß ich mich nach Euch sehne.« – –   Ihre Lektüre beendigend, schloß Anselma Weyland mit einem wahrhaft trostlosen Gesichtsausdruck so dicht als möglich daran: »Was sagen Sie nun? Aber Sie kennen ja den Papa nicht, und so können Sie gar nichts sagen, Papa Brüggemann. Und Heinrich lacht! Und da lachen Sie jetzt natürlich gleichfalls. Ich aber, ich wollte fast, ich wäre gar nicht so glücklich geworden, wie ich es bin! Sie sagen wohl, es sei ein amüsanter Brief –« »Ei freilich! Soviel ich alter Mann und Dummkopf davon verstanden habe.« »Aber das ist er gar nicht. O, wenn es nicht so sehr unrecht wäre, so wollte ich, ich wäre noch Anselma Wunnigel und säße jetzt mit meinem Papa in Neapel und pflegte ihn. Ich war noch ein junges Kind, als meine Mutter starb; aber dafür habe ich doch schon das Verständnis gehabt, als sie ihn mir auf die Seele band und als sie, ehe sie ihre lieben Augen schloß, sagte: ›Herz, ich wollte, ich könnte noch länger bei euch bleiben; nun mußt du allein mit ihm fertig werden und bei ihm festhalten und wie ein Band um ihn und wie ein Gewicht an ihm sein.‹ – Und nun sitze ich hier in meinem Glück und bin die einzige, die ganz genau weiß, was in diesem Briefe eigentlich steht, den er da aus Italien schreibt. O, das Herz bricht mir, aber ich wollte, ich führte noch meinen Mädchennamen!« »Welches Herr Heinrich Weyland und ich ganz gewißlich nicht wünschten. Was steht denn eigentlich so gar Schreckliches in dem lustigen Briefe? Er schreibt ja, daß er kommen will, wenn Sie ihn hier haben wollen.« »O nein, nein, das steht gar nicht darin. Er hat ja um Geld nach Königsberg geschrieben. Und ich habe gerade da eine so große Angst. Ich kenne ihn, Sie aber nicht. Sehen Sie, ich wollte ja ganz ruhig sein, wenn ich an die Geschichte von dem durchgesägten Schreibtisch nur ganz fest glauben könnte. O, er hat soviel Phantasie; und wenn er nach Königsberg geschrieben hat, so –« Das junge ratlose, zwischen Eltern- und Gattenliebe hin und her gezogene Weibchen schwieg und rang stumm die Hände und fing an, dem alten schlauen Herrchen leid zu tun. Er klopfte sanft mit seiner dürren Hand auf die beiden weichen, ineinandergeschlungenen Händchen und sagte begütigend und tröstend: »Es war mir vieles in dem Schreiben zu hoch, Madamchen; aber verlassen Sie sich auf einen alten Uhrmacher – er kommt! Und wenn er jetzt noch nicht kommt, so kommt er später; und wenn er gekommen ist und Sie beide da oben am Berge gar nichts mehr mit ihm anzufangen wissen, dann schicken Sie ihn nur zu mir. Er ist ein hochgelehrter Herr Jurist und ein Regierungsrat; aber doch ist es mir, als ob er an meinem mechanischen Wagen mitgebaut hätte. Es lernt sich mancherlei bei unserem Handwerk, und Sie können dasselbige deshalb ganz dreist eine Kunst nennen. Machen Sie sich um Gottes willen Ihre jungen Tage nicht durch närrische Sorgen zuschanden, Frau; und wenn der Mann über eine unnötige Angst, die Sie sich machen, lacht, so haben Sie da ja schon alles, was Ihnen das Schicksal im Leben zuliebe tun kann, und brauchen nichts weiter. Sie heute noch Fräulein Wunnigel? Danke gehorsamst, sowohl im Namen des Hauses am Schloßberge wie auch im Namen des Rottmeisters Brüggemann am Untertor. Wenn Sie aber an den Herrn Vater in Konstantinopel oder Neapel schreiben, so grüßen Sie ihn auch von mir sehr schön, den Herrn Regierungsrat. Empfehlen Sie mich ihm recht höflich, und es täte mir sehr leid, daß es bei ihm zu Hause in Italien so heiß sei; ein dreiwöchentlicher deutscher Landregen habe dahingegen gleichfalls seine Unannehmlichkeit. Alte Kinder, alte, alte Kinder sind wir und bleiben wir.« Wenig getröstet, wenn auch etwas ruhiger und langsameren Schrittes, trug die junge Frau ihre Zukunftssorgen wieder hinauf die steilen Wege zu der neuen, sicheren Heimat. Als sie unter der Gartenmauer des Hauses Weyland anlangte, wurde ihr aus der Höhe eine Narzisse zugeworfen, das heißt, man zielte ganz unsentimental damit nach ihrem Köpfchen und traf auch richtig die Nase. »Versteck dich nur nicht, Mann! Du bist's gewesen!« rief Anselma Weyland. Ach, ihr Heinrich war doch der beste der Menschen! Er machte sich sogar aus der Heimkehr des Papas nicht das geringste! – Alles ihr zuliebe. Vierzehntes Kapitel Und nun laßt mir endlich Wunnigel, den Herrn Regierungsrat a. D. Wunnigel aus Königsberg, ein wenig mehr in den Vordergrund! Alle haben sie immer das Wort, nur die wirklich Liebenswürdigen nicht. Die ziert immer ihre Blödigkeit und Schämigkeit, aber leider – wie es ihr zukommt – stets ganz im geheimen. Immer mit Bescheidenheit, unter Geldmangel, mit dem feinsten Sinn und Gefühl für alles Höchste, Schönste und Beste! Es ist zum Verrücktwerden! – Grob und gewissenlos sollte man werden! sagt – Wunnigel. »Wissen Sie«, sagte er, »ich habe gottlob eine sehr lebhafte Phantasie, und meine einzige Hülfe ist, jeden Tag zirka fünfundzwanzig von diesen Grinsenden, behaglichen Philisterbestien überzulegen und ihnen fünfundzwanzig hintenauf zu zählen. Ohne dieses würde es mir vollständig unmöglich sein, so gelassen, wie ich es kann, mit der Menschheit zu verkehren! Als ich noch im Amte war, erboste mich mein Regierungspräsident dergestalt, daß mir nur eine einzige Hülfe gegen einen persönlichen Angriff mit gewaffneter Faust meinerseits auf ihn überblieb. Und was war dies? Wieder meine Einbildungskraft. Dem Kerl blühte unbedingt die Wassersucht, und diese Vorstellung transfusionierte mir Lammsblut, ich sage Ihnen, reines Lammsblut, diesem dummfrechen, naseweisen, hochnäsigen Schlingel gegenüber in die Adern. Lächelnd warnte ich beim nächsten Renkontre den hypochondrischen Feistling vor allen überflüssigen Gemütsbewegungen und unnötigen Erweiterungen des Zellgewebes und machte ihn überhaupt auf sein übles Aussehen aufmerksam, worauf er vom Sitzungssaal aus nach Hause ging und nach dem Doktor schickte, ich hingegen zu einem Glase Madeira und einer halben Kaviarsemmel im Schloßhofe ins Blutgericht abbog, milde wie Milch gestimmt gegen den Herrn Chef.« O ja, wenn einem höheren Staatsbeamten die Phantasie über die Verdrießlichkeiten und Drangsale des Lebens weghalf, so war's der Regierungsrat Wunnigel, vordem zu Königsberg am Pregel und jetzt in Neapel am Tyrrhenischen Meere. Die Götter der Leichtlebigkeit wußten es; es gab selten einen Menschen mit solcher Genußfähigkeit für jeden der gegenwärtigen Momente und so radikalem Abweisungstalente für jegliche Dunkelheit und Wolkenansammlung des nächsten – von allen Zukunftssorgen, insofern sie sich auf Tage, Wochen, Jahre bezogen, ganz zu schweigen. Und er war ein guter Jurist – Fachmänner nannten ihn einen ausgezeichneten. Er hatte zwei Abhandlungen über das Erbrecht und ein Buch über das Konkursverfahren geschrieben, die in Universitätsvorlesungen zitiert wurden, nannte dieses alles Allotria und wurde ob einer großen verabsäumten Staatskarriere als ganz verrückter Schrullenkopf beklagt. Wunnigel beklagt! Er, der sich noch nie in seinem Dasein gelangweilt hatte! Er, der den Säckel des Fortunat nicht in der Tasche, sondern unter dem Hirnschädel trug. Das alte Kind Wunnigel, das in seinem beneidenswerten Kinderegoismus so glücklich war mit seinem unendlichen Spielzeug! Wunnigel zu beklagen? Er, der noch nicht ein einziges Mal imstande gewesen war, sich auf das zu besinnen, was er sich eine Viertelstunde vorher fest vorgenommen hatte! Er, der in dem seligen Bewußtsein, eine Braut sicher zu haben, von dem guten Mädchen endlich daran erinnert werden mußte, daß man sich auch wohl heiraten könne! Er, der zur Trauung von einem eiligen, atemlosen, keuchenden Boten, der bereits die halbe Stadt nach ihm abgelaufen hatte, aus dem »Blutgericht« abgeholt werden mußte! Er, der sein neugeborenes Töchterlein dem Domprediger hinhielt mit den Worten: »Da, alter Freund, taufen Sie mir den Bengel!« und, auf den Irrtum aufmerksam gemacht, erwiderte: »Ja so, richtig. Na, wissen Sie, ich hatte mich eben auf einen Jungen gespitzt, Mann, und habe mich einmal in die Vorstellung eingelebt. Na, dem sei nun, wie ihm wolle, vollenden Sie die Zeremonie, Alter; nachher bei der Bowle reden wir noch über die Täuschung.« Nun, das Töchterchen hatte ihn dann allgemach weiter kennengelernt und kannte ihn jetzt freilich besser als alle anderen. War sie es nicht, die auf dem Riedhorn den jungen Doktor Weyland vor ihm warnte: »O, Herr Doktor, glauben Sie nur nicht alles, was er sich selber glaubt!« – Und das kam wahrlich aus keinem pietätlosen Herzen, sondern nur aus einem sehr gedrückten und fortwährend in Aufregung und Unruhe erhaltenen. Wenn jemand hoch und groß von dem Regierungsrat Wunnigel dachte, so war's seine Tochter Anselma. Er weiß alles! Er weiß in allen Dingen Bescheid, der arme Papa. Er hat mich überall mit hingenommen, ich habe viele, viele Menschen auf unseren Reisen und daheim in Königsberg kennenlernen müssen, aber nicht einen einzigen Menschen, der mit allen Dingen, die es auf Erden gibt, umzugehen weiß wie er. Und weil dieses so ist, deshalb hat er nirgends Ruhe und kann niemals stillsitzen und eine gelassene Freude an irgend etwas haben gleich anderen Menschen; und dann sind sie alle, alle so leicht ärgerlich über ihn, weil sie nicht wissen, wie gut, wie gutmütig er eigentlich im Grunde ist. Er sagt es ihnen freilich nicht, wie es in seinem Innern aussieht; im Gegenteil, ihm macht es Spaß, wenn sie sich recht über ihn ärgern, wenn sie nichts von ihm wissen wollen und ihm so weit als möglich aus dem Wege gehen. Das schlimmste aber ist, daß er sich nie geniert – nicht aus bösem Herzen, sondern weil er eben meint, daß alle Leute geradeso sind wie er. Und dann ist er so sehr leichtgläubig, und das ist das allerschlimmste. Von Tag zu Tag wird mir das Herz schwerer, daß ich hier bei dir so in Frieden, Glück und in der Stille sitze, Heinrich, und er da draußen in der weiten Welt jetzt ganz allein herumreist und keinen, keinen mehr hat, der auf ihn achtgibt.« »Niemand kann zween Herren dienen, Kind«, meinte der junge Ehemann schmunzelnd. »Du weißt, wie sehr auch ich jemand nötig habe, der auf mich achtgibt. Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und auf seinen Mann passen, das steht in der Bibel.« »Ja, du lachst, Herz; aber diese Sorgen lachst du mir nicht weg. O, wie ich mich vor seinem nächsten Briefe fürchte.« »Vor seinem nächsten Briefe? Ei, er schreibt ja, daß er binnen kurzem in Person bei uns eintreffen wird. Wird er denn vorher noch einmal schreiben? Sicherlich nicht, wie ich ihn kenne.« »Aber du kennst ihn ja auch gar nicht, Heinrich. Wo ich mich da hinwende, treffe ich auf etwas Schmerzliches! Und ich habe euch ja beide, beide so lieb, so sehr lieb! Kommen wird er freilich, aber sicherlich nicht es vorher uns schreiben. Und daß er bald kommt, das glaube ich nach diesem Briefe hier ganz und gar nicht. O, wir brauchen wahrhaftig das hübsche Stübchen, in welches die Blutbuche guckt, nicht Hals über Kopf für ihn einzurichten. Und – daß er gerade da hineinziehen will, wenn er vielleicht im Herbste oder nächsten Jahre uns besucht, das – glaube ich auch nicht. Er hat das nur gesagt, weil er seinen Brief an einem schwülen Tage geschrieben hat. Er braucht viel mehr Raum, Licht und Luft. O Heinrich, Heinrich, wirst du es nie bereuen, daß du mich in dein Herz, deine Arme und deine Behaglichkeit aufgenommen hast?« Daß die junge Frau von den Armen ihres Mannes sprach, ging gar nicht anders. Eben hatte er sie nur in einem gehalten; jetzt aber nahm er sie auf der Stelle in beide, und von einem Freilassen daraus war fürs erste keine Rede. Was den Papa Wunnigel anbelangte, so zeigte es sich später, daß die junge Frau halb recht und halb unrecht in ihren Voraussagungen gehabt hatte: er kam freilich erst im Herbst; allein er schrieb doch noch einmal vorher, und zwar von Florenz aus. Es ist unter allen Umständen übrigens immer schon viel, wenn man sich nur halb geirrt hat; – ein Weib ist jedenfalls unter solchen Umständen vollkommen berechtigt zu fragen: »Siehst du wohl? Ist es nicht ganz so eingetroffen, wie ich gesagt habe?!« Es kann uns nur leid tun und mit herzlichstem Mitleid erfüllen, wenn die junge Frau im Hinhorchen auf den Schritt und das Anklopfen des Geschickes weder Zeit noch Stimmung findet, von ihrem Rechte Gebrauch zu machen. Von Florenz aus schrieb der Regierungsrat zum zweitenmal; doch diesmal war der Brief nicht an die Tochter, sondern an den Schwiegersohn adressiert, und Furchtbarliches meldete er. Auf dem Wege von Cortona nach Arezzo, einem »freilich ziemlich unbetretenen Wege«, hatte der entsetzliche, in aller Welt berüchtigte Borco di Pacco mit seiner Bande den »zu derartigem Pech wie prädestinierten« Papa Wunnigel gepackt, und nur drei in die Unterhosen genähte Napoleons waren den Klauen des Räubers entgangen. Mittelst dieser drei Napoleons hatte der Papa kümmerlich Fiorenza, die Blumenstadt, erreicht, und von hier aus gab er nunmehr seinen »Kindern daheim« keineswegs durch die Blume zu verstehen, daß er diesmal notgedrungen einen Wechsel auf das gute alte Haus am Schloßberge, das solide Haus Weyland, kurz auf seinen innigstgeliebten Herrn Schwiegersohn habe ziehen müssen. Anselma rang die Hände, Heinrich sah mit etwas verblüfftem Gesicht auf den Brief. Aber er hielt denselbigen in den Händen, und eine abermalige Lektüre änderte nicht das geringste an dem Inhalt. Als er dann in das vollständig verzweiflungsvolle Gesichtchen seines Weibes blickte, wurde es ihm aber sofort klar und selbstverständlich, daß er doch nicht verlangen konnte, beruhigt und getröstet zu werden, sondern daß es immer noch vielmehr seine Pflicht und Aufgabe sei, Trost und Beruhigung zu geben. Das besorgte er denn auch den guten, treuen, tränenvollen Augen gegenüber so gut und zärtlich als möglich. Und er hatte Grund, freundlich und gut zu sein; denn selbst auf das Wort: »Ach, Kind, wenn wir nur jemand hätten, den wir hinschicken könnten, um ihn nach Hause zu holen!« weinte das Kind bitterlich und schluchzte: »O, wenn ich bei ihm geblieben und nicht zu dir gekommen wäre, dann wäre dieses wenigstens doch nicht vorgefallen, und diesen Brief hätten wir heute nicht gekriegt! O, Heinrich, lieber Heinrich, wohin soll ich mich denn mit meinem Gewissen wenden? Bin ich deine gute Frau, so bin ich eine böse Tochter, und bin ich eine gute Tochter, so bin ich eine schlechte Frau! O, ich wollte, ich wäre katholisch und könnte hinknien und hätte einen Menschen, von dem ich mir von oben Trost holen könnte!« »Ein ganz unkluges Persönchen bist du und die ganz richtige Tochter deines Vaters. O, komm du mir nur mit deinem Beichtstuhl! Jawohl, so ein alter Kapuziner wäre dir schon recht. Aber weißt du, jetzt lassen wir den Daus einspannen und fahren nach dem neuen Bade hinaus und hören der Jägermusik zu. Ich habe einen Patienten in Dricklingen, den besuche ich, während du beim Kaffee im Schatten sitzest. Der Henker weiß es übrigens, wie meine Praxis unter den besseren Familien der Stadt abgenommen hat, seit ich ein verheirateter Mann bin und nicht mehr der junge, ledige Doktor vom Schloßberge! Gewöhnlich soll doch das Gegenteil stattfinden. Da sieht man mal wieder deutlich, daß man bei jeder apodiktischen Aufstellung von Hypothesen nie genug Rücksicht auf die unumgänglich nötigen Prämissen nehmen kann.« An einem angenehmen Nachmittage zu Anfang Septembers kehrte der Papa in die Arme seiner Lieben zurück. Da er sich telegraphisch angemeldet hatte, so wurde er am Bahnhof erwartet und von dort abgeholt; und das letztere war in der Tat nötig. Anselma erschrak bei seinem Anblick, Heinrich verwunderte sich. Sie fanden ihn in der Tat recht verändert – um ein bedeutendes älter geworden in der kurzen Zeit! Als der Bahnzug anächzte, war es der Papa, der den Kindern nicht die Hände entgegenbreitete, wohl aber ihnen einen Handkuß zuwarf und sie dadurch auf sich aufmerksam machte. Sie hätten ihn fast nicht wiedererkannt. Es war immer noch ein recht warmer Tag des Jahres, und sie schoben vieles von seinem melancholisch-matten Aussehen auf die Atmosphäre, die Reisebeschwerden dazu rechnend. Vieles, aber nicht alles! Und auch er, der Papa Wunnigel, schob nur auf dem Wege den Schloßberg hinauf das meiste drauf. Sie führten ihn zwischen sich, und er stützte sich schwer auf sie. Kalmüsel, der ihn gleichfalls mit erwartet hatte und nunmehr mit seinem Gepäck nachkommen sollte, sah ihm nach und blies viel Wind aus den Backen hinter ihm her und murmelte: »I, so soll mich doch dieser und jener – na, das muß ich sagen! Na ja, wenn er mit dem Gesichte auch von der nächsten Vergnügungstour wieder bei uns einrückt, so will ich sie ihm gönnen – und zwar von Herzen! Uh, puh! Uuuuh!« Daß er alle diese Äußerungen mit einem heftigen Abwehren mit beiden Händen in der Nähe beider Ohren begleitete, nahm ihnen nichts von ihrer Bedeutsamkeit und ebensowenig der letzte Ausruf, den er noch hinzufügte, nämlich: »Uh, die Jungfer – die Jungfer Männe!« Sie setzten ihn im kühlsten Gemache und im bequemsten Sessel des alten Hauses nieder. Er schloß einige Augenblicke lang die Augen, dann öffnete er sie wieder, sah sich um und seufzte: »Ah! – Gottlob!« Sie boten ihm eine Erfrischung an, und er nahm sie. Dann sprach er langsam und tonlos: »Sohn Heinrich, wenn ich nicht irre, nannten wir uns, als ich neulich, das heißt im letzten Winter, von euch guten Kindern Abschied nahm, noch etwas förmlich Sie . Lassen wir das jetzt. Stellen wir uns auf den Du-Komment! Ich habe Nachsicht und viel Liebe nötig: weißt du was, Heinrich! Nenne du deinen alten Schwiegerpapa dreist du; Anselmchen wird es auch freuen, wenn ich dich du nenne.« »Mit dem größten Vergnügen, lieber Papa!« sprach Herr Heinrich Weyland. »Ganz wie Sie – ganz wie du wünschest, Papa.« »Sieh, das ist recht!« ächzte der Papa. »Man fühlt sich gleich viel heimischer, viel inniger und fester auf dem richtigen, behaglichen Fuße gegeneinander. Lieber Junge, weißt du, unnötige Verzögerung ist Menschenschicksal; ich für mein Teil würde mich bei unserem ersten Zusammentreffen sofort mit dir auf diesen Fuß gestellt haben. Du bist mein lieber, lieber Junge, Heinrich!« Anselma, in diesem Moment in der Begleitung der Jungfer Männe mit einer neuen Platte voll von ihr nachher noch eingefallenen Erquickungsmitteln eintretend, vernahm diese letzten Worte und wurde auch sogleich mit den vorhergegangenen bekannt gemacht. Sie freute sich natürlich sehr, blickte aber doch ein wenig betreten und sah sowohl den Gatten wie den Papa einige Male eigentümlich ängstlich an, jedoch immer nur, wenn sie sich nicht von ihnen angesehen wußte. »Ach, er ist es ja, der mich in sein Haus geholt hat«, klang es in ihrer Seele. »Und daß ich ihn gleich von Anfang an so gern und – nachher – so lieb hatte, dafür kann ich doch auch nichts. Und ich war so glücklich! – O, was soll aus mir werden, wenn sie nicht immer die besten Freunde sind?!« Nachdem der Papa Wunnigel die Erfrischungen eingenommen und sich auch sonst ein wenig wieder erholt hatte, schlug man ihm vor, ihn in seine eigenen Gemächer zu führen, damit er daselbst nach seiner Bequemlichkeit und unter Kalmüsels Beistand sich einrichte. »Gut!« sprach er und ließ sich schleppen; als man ihn jedoch zärtlich den Räumen zuführte, die er sich bei seinem ersten gastfreundlichen Aufenthalte im Hause Weyland ausgesucht hatte, tat er sowohl am Arme des Schwiegersohnes wie der Tochter einen Zug nach rückwärts und rief: »Nein, nein! Mein Gott, habe ich es euch denn nicht geschrieben? Habe ich nicht um das kleine dunkle Stübchen nach hinten hinaus gefleht? Schatten, Dunkelheit – Stille, ungestörte Einsamkeit will ich und das Gabinetto nach dem Garten zu! Das andere ist mir alles zu hell, zu sehr nach den Leuten zu! Verrückt würde ich drin.« »Aber bester Papa?« »Ich sage wahnsinnig, verrückt, toll! Nun, soll ich meinen Wunsch erfüllt haben oder nicht?« Sie taten ihm auch hierin seinen Willen; und er saß auf dem kleinen, schwarzen Ledersofa in dem kleinen, dem schattigen Garten zu gelegenen, ganz vor den Leuten versteckten Gemach und seufzte von neuem: »Gottlob!« Nach einer Pause fügte er leise hinzu: »Ach, das ist der erste behagliche Augenblick seit undenklicher Zeit!« Und sie – sie, Sohn und Tochter, standen vor ihm mit ratlos zusammengelegten Händen und betrachteten ihn und wußten so wenig, was sie ihn, als was sie sich selber und was sie einander fragen sollten. – Nach einer geraumen Pause sprach er matt selber wieder weiter und bemerkte ebenso tonlos wie vorher: »Daß ich ein wenig Sumpffieber mit heimbringe, wird euch allgemach wohl deutlich geworden sein, aber daß ihr meine Räubergeschichte glauben würdet, traute ich euch, offen gestanden, nicht zu und hoffte, daß ihr das für einen Scherz nehmen würdet – freilich einen Scherz ziemlicher Verlegenheit. Doch ich denke mich in alle eure Seelenvorgänge hinein und bin euch um so dankbarer! Dir vorzüglich, Heinrich! Ich brauchte sehr nötig – Geld; und ihr müßt eben Geduld mit dem alten armen Papa haben und gute Kinder sein! Einige Mühe werde ich euch wohl noch machen müssen – hoffentlich – nicht allzu lange mehr. In der Hinsicht mag es euch zur Beruhigung dienen, daß ich euch einen recht kranken Mann aus dem Orangen- und Myrtenlande heimbringe – und daß ich gottlob ganz genau weiß, was für ein ausgezeichneter Doctor medicinae und sonstiger Arzt mein liebenswürdiger Schwiegersohn Heinrich Weyland ist.« »Nun, ich meine, Papa Wunnigel, eine oder zwei ruhige Nächte werden wohl alles wieder ins rechte Gleichgewicht bringen. Diesmal pflegen wir Sie – dich schon wieder heraus.« »Ruhige Nächte? – Uh! – Herauspflegen? Du barmherziger Himmel! Wenn du noch vom ›Weiterfüttern‹ gesprochen hättest! – Aber wie dem auch sei, da hast du nochmals meine Hand, du bist in der Tat ein braver, lieber Kerl; und Anselma ist glücklich mit dir, muß glücklich mit dir sein, und das ist die Hauptsache. Auf mich kommt's wahrhaftig nicht mehr an. Ihr seid jung und leckt noch am Rande, ich aber scharre mit dem Löffel auf dem Grunde des Topfes, und es klingt, weiß der Teufel, allgemach höchst blechern und sehr nach Erdenware.« – Als Mann und Frau am Abend dieses ereignisreichen Tages, nachdem sie den Papa noch bei hellem Tageslichte zu Bett gebracht hatten, sich zum erstenmal wieder allein zusammenfanden und in der Bücherei in der dem Schloßweg zu gelegenen Fensternische zusammenhockten, sagte Anselma, wahrscheinlich, um den innigen Seelenaustausch einzuleiten: »Sag mal, Heinz, ich habe dich immer schon fragen wollen, was steht denn da für Latein in der Scheibe? Den deutschen Spruch drüben kann ich selbst lesen, und er gefällt mir ganz gut.« »Hier?« lächelte der Gatte. »Dic mihi, si fias tu leo, qualis eris? –!« »Nein, so mein ich nicht. Was es auf deutsch heißt, möchte ich gern wissen.« »Hm«, sprach der Doktor, eine Rauchwolke aus seinem Pfeifenrohr ziehend und sie nach dem alten Spruche hinblasend. »Hm – auf deutsch? Nun, das Ding rät jedermann an, sich erst vollständig in die Haut des anderen hineinversetzen zu lassen, ehe er es sich herausnehme, über dessen Natur, Stimmungen, Gefühle, Werke, Taten und Handlungen abzuurteilen.« »O, Heinrich, das ist wahr, das ist wahr! Der, welcher das geschrieben hat, hat recht; und ich wollte, du und ich, Herz, wir steckten nur einen einzigen Tag lang in der Haut des Papas!« »Zusammen oder einer nach dem andern?« »Ach, nun spottest du wieder! O bitte, bitte, laß das nur diesen einzigen Abend! Mir liegt es zentnerschwer in den Gliedern und auf der Seele, und ich bin wahrhaftig immer noch dem Weinen näher als dem Lachen.« Der Doktor tröstete wieder und zeigte sich wiederum als ein guter Arzt, jedoch ohne ein Rezept zu schreiben und es nach der Apotheke zu schicken. Übrigens war es ein Glück, daß der Papa Wunnigel einen Glockenzug neben seinem Bette hatte. Er riß zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht heftig daran und brachte so ziemlich das ganze Haus Weyland entsetzt an seine Kammertür. Und es war eine rechte Beruhigung für alle, als er ihnen auf ihre hastigen, besorgten Fragen hinter der Tür her die Antwort gab, daß er nur – von einem nichtsnutzigen, ganz albernen Traume beängstigt worden sei. Fünfzehntes Kapitel Der verehrte Leser wird nunmehr gebeten, in seinem Bekanntschafts- und Freundschafts-Album nachzublättern und sich auf den unangenehmsten, widerlichsten, den »einem am meisten auf die Nerven fallenden« Patron (einerlei von welchem Geschlecht!) drin zu besinnen, und sodann darüber nachzudenken, wann diese Kreatur am schwersten zu ertragen ist und wann das Zusammensein oder gar Zusammenleben mit ihr am unwiderstehlichsten an den Rand der Verzweiflung drängt. Natürlich dann, wenn der Alp, der Haus-, Familien- oder Freundschafts-Unhold, elegisch wird, d. h. wenn ihn irgendein, sei es verschuldetes oder unverschuldetes Schicksal duckt und dermaßen zurichtet, daß er da anfängt zu wimmern und zu pimpeln, wo er sonst schnarrte, knarrte und als des Satans rechter Vetter sich zu Tische setzte oder davon aufstand! – Nun wollen wir durchaus nicht sagen, daß der Regierungsrat Wunnigel zu den unleidlichsten Kostgängern des Herrgotts auf dieser Erde gehörte, dazu war er viel zu fideler und quecksilberiger Natur; allein daß er allerlei an sich hatte, worein seine Umgebung mit Aufgeben von viel eigener Behaglichkeit sich finden mußte, unterlag keinem Zweifel. Wir wissen, daß er imstande war, der Welt allerhand Rätsel zum Knacken zwischen die Zähne zu zwängen; jedoch das unheimlichste legte er jetzo nicht nur der Tochter, sondern auch dem Sohne hin, jetzo, wo er gleichfalls elegisch gestimmt aus Italien zurückgekehrt war. Acht Tage lang verließ er das Zimmerchen, welches von der Blutbuche verdunkelt wurde, gar nicht. Dann schlich er wieder hervor, aber mit einem sonderbaren Frösteln und Schauder in allen Gliedern. Er, der sonst ein Mensch des frischesten und freiesten Luftzuges war, fand es nunmehr nirgends warm genug. Offene Fenster waren ihm ein unausstehbarer Greuel, und eine offene Tür verschloß er nicht nur, sondern verriegelte sie auch. Auf seinen Wegen im Hause und im Garten trug er den Kragen seines Rockes und Überrockes stets so hoch als möglich aufgeklappt. Den breitrandigen Filzhut zog er dagegen so tief als möglich über die Nase herab; und was das schlimmste war, diese Nase erschien spitz, während sie sonst sich mehr dem Kloben näherte, und angsthaft blau, während sie früher ins Rötliche spielte. Auch stand sie ihm selten geradeaus. Vogelschnabelartig beweglich bohrte sie jetzt unablässig nach rechts, nach links – immer über die Schulter; und die Augen folgten ihr oder liefen ihr vielmehr voraus gleich denen eines am Verfolgungswahnsinn Leidenden. – »Kannst du denn gar nicht herausbekommen, was ihn bedrückt, Heinrich?« fragte Anselma mit zuckenden Lippen. »Daß ich mir die größte Mühe gebe, wirst du bemerken, Schatz; aber ich bin fest überzeugt, er hat noch nie in seinem Leben etwas so fest gehalten wie jetzt seinen Kummer oder seine – fixe Idee! Meine psychiatrischen Kenntnisse langen da nicht zu, Selmchen. Ich weiß weiter keinen Rat, als daß wir geduldig die Zeit walten lassen und eine gute offenherzige Viertelstunde abwarten. Ihn mit Fragen zu quälen, hilft zu nichts, wie wir zur Genüge erfahren haben. Wahrscheinlich – hoffentlich – voraussichtlich wird er dir, mein Kind, doch endlich einmal ganz unvermutet sein Herz öffnen.« »O, du bist doch immer nur sein Sohn geworden; ich aber, ich bin seine Tochter, sein einziges Kind, und ich kann, ich kann ihn nicht mehr so umherhuschen sehen! Achte doch nur auf ihn. Ist es nicht, als fürchte er sich sogar, aus dem Fenster zu gucken? Und dann, was hat er mit dem Bahnhof? Er beklagt sich, daß das Pfeifen der Lokomotiven so schrill hier herüberdringe. Er – er beklagt sich darüber, er, welchem dieser entsetzliche Ton sonst die liebste Musik in der Welt war! Und dann wieder, was studiert er stundenlang, tagelang die Fahrpläne im Kursbuche? Ich löse das Rätsel nicht.« »Für alle, die ihn früher gekannt haben, muß die Sache seltsam sein. Nun, ich wiederhole dir, die Zeit wird wohl alles zutage fördern, und du sollst sehen, wir lachen noch herzlich, wenn wir nach geknackter Angstnuß ihm unsere Meinung über sein gegenwärtiges unkomfortables Wesen mitgeteilt haben werden.« Dies sagte der Doktor laut und tröstend zu seinem Weibe; im Grunde aber dachte er: »Das Gebaren des alten Sünders fällt in der Tat unter die Äußerungen des Verfolgungswahnsinns. Ich darf es dem Kinde nicht sagen; aber es wird allgemach meine feste Überzeugung, der Papa leidet wirklich und wahrhaftig an dieser Form psychischer Störung.« – Nun ist's eine alte, aber nie genug beherzigte Wahrheit, daß die Herrschaften nur eine Treppe tiefer zu steigen und in die Stuben ihrer Dienerschaft zu horchen brauchen, um in manchen Dingen, über die sie sich den Kopf vergeblich zerbrechen, sofort das Richtige zu erfahren. In dem Gemache der Jungfer Männe sagte Kalmüsel: »Was? Er hat geschrieben, daß er von italienischen Räubern und Banditen angefallen und beraubt worden sei? Daß er das gelogen hat, hat er ja allbereits schon selber gestanden; aber soll ich Ihnen nun meine Ansicht sagen, Jungfer?« Die Jungfer zitterte mit Händen und Füßen danach, und Kalmüsel sprach, mit einer Hand auf dem Herzen und die andere nach der Stubendecke emporstreckend: »Ich will einen körperlichen Eid darauf ableisten, daß, wenn einer einen angefallen, ausgeplündert und ermordet hat, er – er selber es gewesen ist und kein anderer, der's verübte.« »Jesus Christus! Kalmüsel!« »Und jetzt kommt das Gewissen!« sprach Kalmüsel dumpf. »Sie haben eins, Jungfer, und ich habe eins, und so wissen wir gottlob, was es darum ist. Das Gewissen, das böse Gewissen plagt ihn; und nachher hat er keine Ruhe bei Tage und verkriecht sich doch immer wieder im Loch; und des Nachts reißt er am Klingelzug, weil's ihm so scheußlich träumt. Und dann – merken Sie es nun, Jungfer, weshalb er die Eisenbahnpfeife nicht hören kann? Das ist ja klar wie die liebe Sonne; – jeden Augenblick muß er sich ja gewiß sein, daß sie ihn hier bei uns ausfindig gemacht haben und von seiten des Papstes und des italienischen Königs und ihrer Gerichte ankommen und ihn abholen.« »Und das ist wirklich und, so wahr Sie das Leben haben, Ihre aufrichtige Meinung, Kalmüsel?« »So wahr ich lebe und Kutscher und Hausmann hier im Hause bin und schon beim seligen Herrn gewesen bin!« »Dann will ich Ihnen auch was sagen, Kalmüsel! Was ich zum besten geben will, weiß ich noch nicht, aber verlassen Sie sich darauf, zum besten gebe ich was an dem Tage, an welchem die italienischen Gendarmen kommen und wo man ihn auch nach unserem Gesetzbuche an den richtigen Ort, wo er hingehört, hinbringt; und was ich dazu tun kann, das wird sicherlich geschehen! Und wie ich von heute ab dem alten Barbaren auf seine Schliche passen werde und beim Bettmachen und in den Winkeln vigilieren werde, das soll für jedweden Polizeisergeanten eine Freude sein.« »Aber die Frau Doktorn?« fragte an diesem Wendepunkt der Unterhaltung Kalmüsel plötzlich sich, halb erschreckt und in Wahrheit mit einem Anflug von Gewissen. »O ja – ja! Ei ja, die Frau!« sagte auch die Jungfer gedehnt. »O freilich, es ist ja leider richtig, daß er doch immer ihr Vater bleibt! – Wissen Sie, Kalmüsel, ich gäbe ein gutes Teil von meinen Ersparnissen ab, wenn es sich dafür dahin auswiese, daß er auch sie in ihrer Jugend gestohlen habe und sie jetzt nur niederträchtigerweise und fälschlich für sein Kind und seine Tochter ausgäbe!« – Es war ein ungemein sonniger, warmer Herbst. Die Tage blieben sommerhaft bis weit über die Mitte des Oktobers hinaus. Wenn das so fortgeht, so kriegen wir endlich einmal einen Winter, in dem man nicht zu heizen braucht, sagten die Leute; der Regierungsrat Wunnigel in seiner Klausur jedoch ließ jetzt schon, im September, heizen. »Und ich finde dabei nicht ein einziges Fiebersymptom – körperlich an ihm«, sprach kopfschüttelnd Doktor Weyland. »Ich suche ihm täglich wenigstens einmal den Puls zu fühlen, und das gelingt mir auch dann und wann; aber von Fieber keine Spur!« Man tat das möglichste, den Alten zu bewegen, doch einmal wieder unter Menschen zu gehen. »Unter Menschen?« fragte er verstört hohnlachend zurück. »Ha, ha?! Unter Menschen? Ne, nicht über den Garten hinaus! Ich habe genug von der Welt jenseits der Mauer, genug von dem, was ihr unbegreiflicherweise immer noch ›Menschen‹ nennt.« Man führte ihn im Hausgarten spazieren. Er hatte es nötig, gestützt zu werden. Er! – Man suchte ihn auf alle mögliche Art aufzuheitern. Ihn! Er verbat es sich – er nahm es übel; und als man gar seinen Geburtstag, der auf den ersten Oktober fiel, feiern wollte, wurde er grob und drohte ganz ernstlich mit seinem Vaterfluch. Da blieb denn freilich nichts anderes übrig, als ihn ganz sich selber zu überlassen, und damit schien man in der Tat das Richtige getroffen zu haben. Eines Tages erkundigte sich Anselma: »Wo ist denn der Papa? Ist er auf seinem Zimmer?« Nein. In seinem Zimmer befand er sich nicht. Man sah im Garten nach; aber auch hier fand sich der Herr Regierungsrat nicht anwesend. Jetzt fing man an, im Hause zu suchen, jedoch vergeblich. Man wurde ängstlich und rief nach ihm. Nur das Echo der alten Korridore, Winkel und Ecken hallte seinen Namen nach; er selbst antwortete nicht. Glücklicherweise kam gerade in diesem Moment, wo man sich fragte, ob nicht die Hülfe der Sicherheitsbehörde anzurufen sei und eine Leiter in den Hofbrunnen hinuntergelassen werden müsse, Kalmüsel von einem Wege in die Stadt zurück und verkündete ganz außer sich: »Herr Jesus, ich bin fast zu Tode erschrocken! Soeben sind mir der Herr Schwiegerpapa, der Herr Regierungsrat, in der Stadt begegnet.« »In der Stadt? Wie? Wo? Ist es die Möglichkeit?!« »Ja – Sie schlichen freilich dicht an den Häusern hin und immer im Schatten, und den Mantelkragen hatten Sie auch hoch aufgeschlagen, wie auf den Bildern, wo einer aber immer auch noch einen Dolch in der gedruckten Geschichte dabei drunter hat, aber gewesen sind Sie es doch, oder ich will nicht Kalmüsel heißen.« »Und du bist ihm nicht nachgegangen? Du weißt nicht, wohin er gegangen ist?« fragte der Doktor. Da grinste der gute Knecht verschämt schlau: »O doch, Herr Heinrich.« Anselma faßte zitternd seinen Arm: »So martern Sie uns doch nicht länger, Kalmüsel. Sie sehen doch, wie das ganze Haus sich wegen des Papas ängstigt.« »Zum alten Rottmeister Brüggemann am Untertor hat er sich geschlichen, Frau Doktorin«, sagte Kalmüsel; und der Tochter und dem Sohne fiel wirklich ein Stein vom Herzen. Die Jungfer Männe dagegen drehte sich um und ging stumm in ihre Küche. Fünf Minuten nachher stand sie noch und sah enttäuscht in das flackernde Herdfeuer. Sie hatte die Hoffnung gehegt, daß der Herr Regierungsrat ganz wo anders sich hinverfügt habe als zum Rottmeister Wenzel Brüggemann, und einen warmen Ort und ein flackernd Bratenfeuer für ihn kannte sie auch. Es war nicht zum Verwundern, daß Kalmüsel sie nachher an diesem Abend ›extraordinär vergrillt‹ fand. Sechzehntes Kapitel »Es gibt eben Wege, auf denen nur Leute unseres Schlages etwas zu suchen haben und gewöhnlich auch manches finden, Rottmeister Brüggemann. Ertappen uns die Philister darauf, so sind wir natürlich Narren oder Lumpe, im günstigsten Falle aber harmlose, einfach zu belächelnde Kindsköpfe. Sie kennen dieses Philisterlächeln so gut als ich, Rottmeister, und machen sich hoffentlich auch so wenig als ich daraus. Sie sind der Rottmeister außer Dienst Brüggemann, und ich bin der Regierungsrat außer Dienst Wunnigel, und alte Kinder sind wir beide, ich will das herzlich gern zugeben, da das Wort im Grunde alle wirkliche Genußfähigkeit an und auf diesem vertrackten, viehischen Erdball bedingt.« Also sprach der Regierungsrat Wunnigel zu dem Rottmeister Brüggemann, nachdem er sich zu ihm geschlichen und die Bekanntschaft oder besser Freundschaft mit ihm erneuert hatte. »He, he, was Sie mir da sagen, das ist wohl beinahe eine zu große Ehre für mich, Herr Regierungsrat«, erwiderte das alte Herrchen am Untertor, das aber dessenungeachtet seinen Freund Wunnigel mit großer Spannung in seinem Häuschen erwartet hatte. Frau Anselma hatte ihren Kummer und ihre Beängstigungen in dieser Hinsicht nicht vergeblich den Schloßberg hinab zum Untertor getragen. »Das von den alten Kindern will ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis gelten lassen, mich wenigstens haben sie immer in der Stadt für ein kurios Genie und einen ganz verbohrten Schlaukopf ästimiert. Na, ich begrüße Sie denn recht schön in Deutschland zurück, Herr Rat. Nach Italien hätte ich wohl auch für mein Leben gern gehen mögen; aber es hat sich nie machen lassen wollen. Haben sich wohl sehr angenehm unterhalten in dem Italien, Herr Regierungsrat?« »Ich will Ihnen etwas sagen, Brüggemann«, schnarrte Wunnigel in seiner frischesten Riedhornweise, »eine Dummheit habe ich dort begangen – weiter nichts. Wenn ich daran denke, wie ich jetzt hier an diesem Tische bei Ihnen sitze – da oben am Berge Kind und Schwiegersohn – in Königsberg meine – (er verschluckte sonderbarerweise noch einmal das Wort Schulden ) –, Rottmeister, ich sage Ihnen, dann fasse ich mich selbst nicht und begreife nicht, da man doch alle vier Schritte in der Welt auf eine Mauer trifft, weshalb ich mir noch nicht das Gehirn an irgendeiner eingerannt habe!« »Ich bin nichts weiter als ein alter, bankerotter Uhrmacher, der sich nur für seine Jahre recht gut gehalten hat; der Herr Regierungsrat würde es mir vielleicht übelnehmen –« »Was sollte ich Ihnen übelnehmen, Brüggemann?« »Nun, wenn ich mich unterstände, Ihnen einen Rat geben zu wollen.« »Rat? Rat? – Rat! Uh!« stöhnte Wunnigel, den Kopf auf beide Fäuste stützend. »Nicht wahr, Sie meinen – gestehen?! Ach, lehren Sie einen alten Untersuchungsrichter diese Sorte von gutem Rat kennen! Hätte ich denn den Kindern da oben nicht schon längst gestanden, wenn ich mich nicht noch etwas mehr als rettungslos bankbrüchig an Leib und Seele fühlte? Was soll mir denn da das Gestehen, wenn es sich doch nur trotz aller Schmeichelreden vom Richtersitze her im günstigsten Falle um Zuchthaus für den Rest des erbärmlichen Daseins handelt? Herauskriegen werden sie's ja doch im Laufe der Zeit. Brüggemann, was weiß das gewöhnliche Volk davon, was es heißt, wenn unsereinen das Bewußtsein übermannt, daß man sich blamiert, gründlich blamiert habe?!« »Hm, als ich die Rudera vom mechanischen Wagen (und er war doch nach den richtigsten Principiis konstruieret) in den Ofen steckte –« »Und als Sie mit ausgerenkter Schulter dasaßen, haben Sie da wirklich jedem beliebigen Hansnarren gestanden, daß Sie ein Narr waren?« »Ne!« sprach das alte Herrchen vom Untertor. »Ganz im Gegenteil. Da haben Sie recht. Gar nichts habe ich an mich herankommen lassen. Denn, Herr Regierungsrat, gute und gescheite Nachbarn und Freunde hat man immer; aber ob sie von dem, was einem in seiner innersten Natur passiert und sich da herausarbeitet, Bescheid wissen, das fragt sich freilich.« »Sehen Sie, Rottmeister! Mich aber hätten Sie mit an Ihrem Wunderwagen arbeiten lassen müssen! Nachher hätten wir dann ruhig mit den Köpfen gegeneinander anrennen und sie uns gegenseitig einstoßen können – ganz seelenfrei, ohne die geringste Scham, Schmach und Schande.« »He, he, mit untertänigstem Respekt, Herr Rat, meiner armen Meinung nach können wir das noch. Also – ganz offen, Herr Regierungsrat: daß ich ein Esel gewesen bin, weiß ich, und gestehe ich hiermit.« Der Regierungsrat Wunnigel schritt dreimal im Stübchen auf und ab, stellte sich sodann mit untergeschlagenen Armen vor den Rottmeister Wenzel Brüggemann hin und sprach: »Ich aber ein Maulesel! In Raffs Kindernaturgeschichte finden Sie nichts von dem Vieh, alter Freund, aber schlagen Sie nur gefälligst nach im Buffon oder sonst einem ernsthaften Wissenschaftler, und Sie werden finden, daß ich Sie mit meinem Geständnis um ein bedeutendes übertrumpfe!« – Als an diesem Abend das Rottmeisterchen in sein Bett gekrochen war, erboste es sich für diesmal nicht im geringsten über die gewöhnliche Schlaflosigkeit des Alters. Im Gegenteil, sie war ihm für diese Nacht ganz recht, denn so vergnügt-munter hatte es seit langer Zeit keine zugebracht. Es zählte kichernd die Stunden, wie sie eines seiner Uhrwerke nach dem andern, begleitet von den dazu gehörigen tausendkünstlerischen Schnurren, verkündete. Da war vor allen anderen der Kerl, gerade dem Bette gegenüber, der bei jedem Schlag den Finger an die Nase legte, und es fand beim Schein des Nachtlichtes ein wirklicher und wahrhaftiger Seelenaustausch zwischen ihm und dem Rottmeister über den Regierungsrat Wunnigel statt. Der Kuckuck rief vom Hausflur seine Meinung über den Regierungsrat herein; aber am aufgeregtesten über ihn war doch des Meisters Brüggemann Meister- und Lieblingskunststück neben dem Ofen in der Stube. Das war nämlich ein wahrhaftes Ungeheuer von Uhrmacherei, das nicht bloß die Stunden zeigte und sie schlug, sondern auch bei jeglichem Schlag vermittelst ganz genial-unheimlicher Blasebälge in seinem Innern ein dumpfes »Ha, ha!« ausstieß, gerade als ob ein dicker Spießbürger eben seine Partie Schafskopf gewonnen habe. Auf der andern Seite des Ofens das alte Weib, das sich auf seinem Gehäuse bei jedem Stundenschlage angsthaft beide Ohren zuhielt, schien sie sich diesmal die ganze Nacht hindurch aus Entsetzen über das vernommene Geständnis Wunnigels zuzudrücken. Das Werk schlug mit einem feinen, zirpenden Ton, fast wie der Verfertiger, der Herr Rottmeister Wenzel Brüggemann, selber; es war gleichfalls ein Lieblingsstück von ihm, aber in dieser Nacht stimmte er doch viel harmonischer mit dem lachenden mechanischen Ungeheuer zur Rechten seines Ofens. – Ha! ha! ha! drei Uhr! »He, he, he! Man kann es gar nicht erwarten, bis es wieder Morgen wird. He, he, da werden sie sich freilich ein wenig wundern müssen da oben am Schloßberge! Da möchten sie freilich wohl weit eher den Einfall des Himmels vermuten als – dieses! – Und o, die Jungfer Männe! Und o, der Kalmüsel! Man muß sich nur jeden einzeln überlegen, wie er es aufnehmen wird. Ein Glück ist es bei allem doch, daß ich den Herrn Heinrich ganz genau kenne und also ruhig hier liegen und meinen Spaß haben kann. He, he, he, he! Da schlägt's, Gott sei Dank, schon vier. Um zehn Uhr kommt der Doktor gewöhnlich auf seiner Praxis vorbei. O Wenzel – Wenzelchen Brüggemann, und du, du hast Auftrag, ihn anzuhalten und hereinzurufen und zu beichten – für den Herrn – Schwiegerpapa, den Herrn – Regierungsrat Wunnigel!« Gegen Morgen entschlummerte er gesunderweise doch noch ein wenig, und als er endlich erwachte, war es heller Tag, und die greise Aufwärterin hatte seinen kleinen Haushalt bereits in Ordnung gebracht. Um neun Uhr schon saß er dann programmäßig am Fenster und wartete auf den ersten Doktorweg des Sohnes seines seligen Gönners aus dem alten Hause am Schloßberge. »Seit er die junge Frau hat, wird er wirklich ein bißchen zu unpünktlich. Ich werde ihm auch das bei Gelegenheit sagen müssen, aber – heute nicht – heute nicht. Heute morgen haben wir freilich etwas Wichtigeres zu bereden, ich und er, und nachher die kleine Frau und der Herr Regierungsrat und Kalmüsel und die Jungfer Männe – der alte Brüggemann und das ganze alte Haus am Schloßberge. Es ist ganz verrucht; aber – ernsthaft bleibe da mal einer, selbst wenn er auf die Hundert losmarschiert! Da brauche ich doch gar nicht in den wissenschaftlichen Naturgeschichten nachzuschlagen, um hier zu wissen, wie ich dran bin, nicht nur als Mensch, sondern aber auch als ausgelernter Uhrmacher und Mechanikus.« Es wurde elf Uhr, ehe der Doktor heute vorbeikam und angerufen werden konnte. »Nur auf einen allerkürzesten Augenblick, Herr Heinrich«, grinste Methusalem. »Ich will Ihre kostbare Zeit ihnen diesmal auch honorieren und für alle frühere Herzensgüte und Gratisbehandlung mitbezahlen.« »Das traue ich Ihnen wohl zu, Papa«, sprach der Doktor lächelnd und trat ein in das Häuschen am Untertor – stürzte nach zehn Minuten ungefähr – wieder heraus, und zwar mit einem Gesichte, als ob – über Nacht das Universum abgelaufen sei und er – der Doktor Weyland – jetzt rasch den Uhrschlüssel holen solle. Das letzte Gleichnis stammte selbstverständlich von dem Rottmeister Wenzel Brüggemann her. – Der Doktor Weyland aber hatte es in seinen Sprüngen den Schloßberg hinauf in der Tat noch nie in seinem Leben so eilig gehabt, weder um etwas zu holen, noch um etwas zu bringen. Atemlos stürzte er, geradeaus stierend, hin, und seine Patienten hatten gut warten. »Herrje, was ist denn passiert?« fragten alle, die ihm auszuweichen hatten und in einigen Fällen nur durch einen raschen Seitensprung sich vor dem Übergeranntwerden retten konnten. Es war aber wahrlich auch wirklich etwas passiert, bei dem es sich lohnte, es so schnell als möglich zu Hause zu erzählen, zumal wenn dieses Haus das Haus Weyland war und die junge Frau darin eine geborene Wunnigel – die einzige Tochter des Regierungsrates außer Dienst Wunnigel!  – – – In das Stübchen seines Weibes zu stürzen, die Tür zu verriegeln, das erschrockene Kind über seinem Nähtischchen beim Kopfe zu nehmen, es abzuküssen und mit dem aufgelösten Rätsel über es loszuplatzen, war eins für den Doktor. »Ich habe es! Brüggemann hat es! Es ist heraus! Gut, aber eigentümlich! Brüggemann hat es herausgekriegt, das heißt, der Papa hat es ihm gestanden! Gestern hat der Papa es dem Rottmeister gestanden!« – »Nun, nun? Um Gottes willen?!« »Es ist wundervoll und – doch – so – einfach! Er – – hat sich – noch einmal – verheiratet in Italien! « .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   . »Das ist denn freilich etwas zu stark!« sprach Frau Anselma Weyland, nach der durch die vorstehenden Punkte angedeuteten Pause bleich von ihrem Sesselchen aufstehend. – Siebenzehntes Kapitel Sonderbar scheint es nur, ist es aber durchaus nicht, daß die trivialsten Anmerkungen gerade bei den großartigsten Erscheinungen und Ereignissen, sei es in der Naturgeschichte wie in der Menschengeschichte, zutage gefördert werden. In solchen Fällen nimmt auch der größeste Poet, der erstaunlichste Gelehrte teil an dem allgemeinen Menschenrechte, sich durch Gemeinplätze zu helfen und zu erleichtern. Er sagt einfach das, was alle Welt sagt, wie er mit aller Welt denselben Donner über seinem Kopfe hört und dieselbe telegraphische Nachricht vom Kriegsschauplatze in der Zeitung liest. Wir, die wir mit aller Welt aufgucken und unterducken, was bemerken wir, dem eben verhallenden Donnerschlage nachhorchend? Natürlich das, was sich jeder unserer Leser sagt, nämlich, daß für einen Moment der bekannte Stillstand in der atmosphärischen Erregtheit stattfand und sich ein jeglicher im Hause Weyland – platt hinsetzte. Daß der Platzregen sodann einen Augenblick später um so heftiger losrauschte, ist ebenso trivial, welt-, menschen- und naturgeschichtlich begründet. »Ach, der Papa! o, der Papa! o, dieser Papa! – Also deshalb?! deshalb klappt er den Kragen in die Höhe und will nicht mehr aus dem Hause hervor!« Die junge Frau legte einen Augenblick beide Hände auf die Stirn und schloß die Augen; dann sagte sie ungefähr geradeso tonlos wie der Papa die letzten Wochen hindurch: »Es war nur ein Schwindelanfall; aber es ist doch gut, daß du mich gehalten hast. O Heinrich, Heinrich, ist es denn wahr? Wirklich, wirklich wahr? Sieh, er sagt – so oft – die Unwahrheit –« »Das heißt, er lügt manchmal, von seiner Phantasie fortgerissen. Nein, Herz, – seine Phantasie mag ihn auch diesmal fortgerissen haben, als er die Untat beging; allein das Faktum selber steht fest. Brüggemann verbürgt sich dafür, und alle diese Phantasten wissen merkwürdig genau über ihre Herren Kollegen Bescheid. Es liegt eine Art Kompensation für sie darin, denn über sich selber befinden sie sich stets um so mehr im Zweifel und unklaren.« »Aber weshalb ist er denn nicht bei ihr in Italien geblieben? Oder – weshalb – hat er sie uns nicht mitgebracht? Ich bitte dich, Einzigster, Bester, da du uns dir aufgehalst hast, so laß endlich das Lachen und behandle die Sache ernst und hilf mir, mich herauszufinden! – Ich und eine Stiefmama! Du und eine Stiefschwiegermama; o Heinrich, Heinrich, ich wollte, ich hätte dich nie gesehen. Aber – so laß doch das dumme Lachen! Freilich, dir stellt man nur dein gutes altes Haus auf den Kopf, aber mir alle besten, ehrlichsten Gefühle und Begriffe von Lebensbehagen und Anstand.« »Weißt du, Kind, was das Lebensbehagen angeht, so hast du dem Herrn Pastor versprochen, das einzig und allein in mir zu suchen und zu finden, und da will ich denn schon dafür sorgen, daß wir beide damit aufrecht bleiben. Den Anstand anbelangend, so sehe ich jetzt, da er dem Rottmeisterchen und nicht uns gebeichtet hat, in der Tat nicht ein, weshalb wir ihm nicht ohne allen Anstand sofort auf die Bude rücken und ihn zärtlich bitten, nunmehr auch uns, seine Kinder, endlich in sein volles Vertrauen zu ziehen und – uns etwas mehr von – Mama zu erzählen.« – Sie hatten ihn, den Herrn Regierungsrat, an diesem Morgen noch nicht zu Gesicht bekommen. Ihren Morgengruß hatte ihm die Tochter durch die verriegelte Pforte zugerufen und den Gegensalam in einem gedrückt »bärbeißigen« Gebrumme zurückerhalten. Den Kaffee hatte der Regierungsrat im Bette eingenommen. So »unmustern« wie an diesem Morgen hatte er sich doch selten in seinem Leben befunden. Sie klopften nun von neuem an, und im schmeichelndsten Ton bat der Schwiegersohn: »Schließen Sie uns doch mal auf, Papachen! Wollen Sie, willst du wirklich denn gar nichts mehr von uns wissen? Wir kommen –« »Ah – uh«, erklang es von innen, der Schlüssel wurde umgedreht, und der Regierungsrat Wunnigel drehte sich auch sofort wieder, schlurfte dem Sofa zu, setzte sich in die Ecke oder fiel vielmehr hinein, schüttelte sich schaudernd in einen Haufen Menschenelend zusammen, sah seine Lieben gläsern an und stöhnte verdrossen gleichgültig: »Na, dann schießt nur los. Brüggemann hat gesprochen, und der Mord liegt zutage. Na, was sagt ihr nun dazu? Ist die Geschichte nicht recht interessant? – Tut euren Gefühlen nur keinen Zwang an – ich gebe euch vollkommen recht, wenn ihr die Sache ganz eigentümlich findet. O, o, o, ich wollte nur, sie wäre ganz und gar das Eigentum eines anderen!« »O Papa, was hast du getan? Wie bist du dazu gekommen? Und wir wissen noch von gar nichts! Nun erzähle es uns doch wenigstens genau, wie du dazu gekommen bist und was du getan hast; und sage uns, wie wir uns dabei zu verhalten haben. O, sieh uns nicht so unglücklich an – und weshalb hast du sie denn nicht mitgebracht aus Italien?« »Ja, Papa«, sprach der Doktor, da hat das Kind recht. Erzählen mußt du jetzt, und zwar genau. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie Mama heißt, wir wissen freilich noch gar nichts! Nicht einmal, wo du sie hast und wann wir das Vergnügen haben werden, sie kennenzulernen.« »Du bist allein schuld daran, Mädchen! Ganz allein – einzig und allein du!« schrie Wunnigel aus seiner Sofaecke und trieb sein Töchterchen durch den unvermuteten Aufschrei bleich und bebend gegen die Wand zurück. »Wieso denn? Warum denn Anselma?« fragte der Schwiegersohn ebenso überrascht wie sein Weib. »Weil sie es war, der die Vorsehung die Leitung meines Schicksals in die Hand gab, und weil sie höchst unkindlicherweise mich um dich, mein Sohn, verlassen und allen Zufälligkeiten unbewachter Lebensstimmungen überlassen hat! Was warest du ihr, ehe sie dich kennenlernte; Sohn Weyland? Was brauchtest du, mein Junge, dich sofort in das dumme Ding zu verlieben, und was hatte es nötig, dich auf der Stelle zu heiraten? Hatte denn das nicht Zeit? Jung genug dazu bliebt ihr doch noch für mehrere Jahre! Von dem alten Vater war natürlich bei der ganzen Geschichte nicht die Rede. Der konnte hingehen, wohin er wollte – ins alte Eisen, nach den Pomeranzenländern oder zum Teufel. Und nun steht ihr da und gafft mich an und kommt mir wohl gar noch mit eurer kindlichen Liebe, und ich alter Tropf, ich sitze hier und habe euch Rede zu stehen und Auskunft zu geben, und wie die nichtswürdigen Redensarten sonst noch heißen. Es ist, weiß Gott, zum Verrücktwerden, und gerade bei solchen Gelegenheiten merkt man so recht, zu was für einer Last und einem Jammer einem seine fünf gesunden Sinne und sein gesunder Verstand werden können! – Also kurz! Ehe mich das Irrenhaus in seine Mauern aufnimmt: es verhält sich alles so, wie es euch der Rottmeister mitgeteilt hat und wie ihr es euch dann weiter zusammengereimt habt. Ich machte ihre Bekanntschaft vermittelst eines Vetturinos auf dem Wege von Cortona nach Arezzo.« »Aber das ist ja derselbe Weg, auf dem du von deinen Räubern angefallen wurdest, Papa!« »Von meinen Räubern? Ei freilich, verzeiht. Ihr seht, wie das in meinem Gehirn aussehen muß und welche Verwirrung drin herrscht. Es war nicht auf dem Wege von Cortona nach Arezzo – in den Pontinischen Sümpfen war es, selbstverständlich. Auf dem Wege von Terracina nach Velletri! Wo hätte es sonst gewesen sein können, frage ich euch! Ihr Name aber ist Oktavia, und sie reiste mit Kammerjungfer, und ich unterhielt mich nie besser mit einem irdischen Weibe als mit diesem. Und dazu fuhren wir nach Rom, beide mit dem besten Humor – beide geistreich, geistvoll und amüsant.« »Und wie hieß – wie heißt sie außerdem? woher stammt sie? hat sie Familie? o Papa! Papa!« »Oktavia von Schlimmbesser!« sprach der Regierungsrat mit dumpfer Grabesstimme. »Alle Bildung der Welt hat sich auf ihrem Scheitel versammelt. Daß derselbe falsch war, ist mir erst später – als es zu spät war – kundgeworden. Sie ist eine Deutschrussin und war Gouvernante und Gesellschaftsdame in den besten Familien St. Petersburgs.« »Ach du allbarmherziger Himmel!« stöhnte Anselma, und auch Herr Heinrich Weyland brummte etwas. »Ihr seliger Papa war Kollegienrat und also eine Art Kollege von mir, und auch dieses gab uns verschiedene Anhaltspunkte«, flüsterte Papa Wunnigel, mit dem Taschentuche den kalten Schweiß von der Stirn abtrocknend. »Daß sie nicht zweiunddreißig Jahre, sondern einige vierzig solcher Zeitabschnitte alt war, erfuhr ich gleichfalls erst später; aber das war mir auch verhältnismäßig gleichgültig. Weniger angenehm war's dagegen, daß der Kollege von Schlimmbesser in irgendeinem sibirischen Bergwerke an einer langsamen, vom Kriminalrichter genau berechneten Quecksilber- oder Arsenvergiftung gestorben war. Doch auch dafür konnte sie doch eigentlich nichts. Wer kann überhaupt für seine Eltern? Kannst du dafür, Anselmchen? Kannst du dafür, Sohn Heinrich? Einer ihrer Herren Vettern war Flügeladjutant des Kaisers. Der Teufel hole ihn! Was soll ich euch noch viel sagen? Auf dem Kapitol hat uns der Gesandtschaftsprediger vom Palazzo Caffarelli zusammengegeben. Du hast wieder eine Mama, Anselma; und ich – ich – ich – ich habe wieder ein Weib!!!« Anselma schluchzte ratlos am Busen ihres Gatten, und der Gatte wußte weiter nichts als zärtlich beruhigend das Wort: »Laß uns nur erst alles hören.« Der alte Sünder in der Sofaecke ballte sein Sacktuch zu einem Knäuel zusammen, stieß es mit verzweiflungsvoller Wut in die Tasche seines Schlafrocks hinab und schrie: »Wir bezogen zwei Zimmer auf dem spanischen Platze, lebten acht Tage lang wie Mann und Frau, und vom neunten an wie Hund und Katze. Der bloße Gedanke an euer junges häusliches, eheliches Glück hier, ihr armen, unschuldigen Kinder, war nicht nur eine Höllenqual, sondern auch ein Verbrechen. Sie hatte sich nicht nur in mir, sondern auch in meinen Vermögensumständen geirrt, ich mich noch viel ungeheurer in ihr, von ihren Vermögensverhältnissen ganz abgesehen. Von manchem bekenne ich mich gefesselt, aber von einem weiß ich mich frei, und das ist der freilich ganz instinktive Menschenblick, der jeglichen Taler in der Tasche des anderen erkennt und angiert. Angieren! das Wort paßt. Ich habe auch vielerlei in der Welt, was andere ihr Eigentum nannten, angegiert, aber niemals den Geldbeutel eines Mitklebenden im Peche dieser Welt. Ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, Anselma, daß ich dir diese neue Mama nicht gegeben habe, um meine Umstände zu verbessern.« »Das weiß ich freilich wohl«, schluchzte Anselma Wunnigel, sich aus ihres Mannes Armen lösend und dem Papa beide Hände auf die Schultern legend. Aber ist es nicht um so schlimmer, daß wir erst durch Herrn Brüggemann davon erfahren haben und daß du nun schon so lange hier wieder bei uns bist und wir immer noch nicht wissen, wo – die – die – deine jetzige Frau sich aufhält und weshalb du allein hier bist und uns einen so großen Schrecken einjagst!« »Sie schreibt poste restante hierher!« sagte der Papa Wunnigel gespenstisch. »Vielleicht liegen einige Briefe von ihr auf der Post.« »O lieber, lieber Papa, sage doch nur jetzt die ganze klare Wahrheit!« rief Anselma mit einer weit über ihre jungen Jahre hinausreichenden Einsicht in die Verhältnisse. »Poste restante schreibt die Frau Regierungsrätin sicherlich nicht, und du weißt auch ganz genau, daß keine Briefe von ihr für dich auf der Post liegen können. Sieh, es ist meine feste Überzeugung, daß sie gar nicht weiß, wo du dich aufhältst, daß sie wenigstens ganz gewiß keine Ahnung davon hat, daß du hier bei uns bist.« Der Regierungsrat Wunnigel sah fast eine Minute lang stumm seinen Schwiegersohn an, dann sprach er, womöglich noch gebrochener als zuvor: »Nun, das muß ich sagen! – Wie wird dir denn zumute, mein Sohn? 'ne recht gescheite Frau hast du da – was!? Das ist ja gräßlich! – Wenn ich nur eine Ahnung davon hätte, wem ich in diesem Moment zu diesem überwältigenden Scharfsinn da gratulieren soll.« Er machte eine Pause, sprang sodann auf und schrie: »Mir wahrhaftig nicht!«, schritt zum Fenster, riß es auf wie in höchster, asthmatischer Atemnot und vernahm über den Garten weg aus der Tiefe herauf wieder einen schrillen, langgezogenen Pfiff der Eisenbahn. Da fuhr er wiederum zurück, fiel wieder hin auf das Sofa, ließ die Arme zu beiden Seiten matt sinken und ächzte: »Das ist der Wurm, der nicht stirbt. Ja, es ist so, wie sie schnöde und unkindlich mir insinuiert hat: ich bin der Person durchgegangen, und sie weiß nicht, wohin, und die Vorstellung, daß sie's herausbringt, macht mich rasend. Hört ihr, da zischt die alte Schlange schon wieder! Wollt ihr nicht die Güte haben, das Fenster zu schließen! Mauert es zu! Mauert auch die Tür zu! Mauert mich ein! Ob in Königsberg Briefe von ihr mich suchen, weiß ich nicht. Ob es etwas genutzt hat, daß ich am Tiberufer einen Rock und in der Brusttasche ein Abschiedswort an sie nebst einigen Selbstmordsideen niedergelegt habe, kann ich auch nicht sagen. Daß irgendein edler Römer längst den Rock trägt, bezweifle ich nicht; aber daß er auch die Brieftafel mit den betreffenden Dokumenten an die angegebene Adresse abgegeben habe, wage ich nur in den gehobensten Momenten zu hoffen. O ihr kühlen, glatten jungen Stirnen, wie gönne ich es euch, daß ihr noch nicht wißt, daß der Mensch wegen einer heute abend zuviel getrunkenen Flasche Wein zehn Jahre später verrückt werden kann!« »Das ist ein tiefsinniges Wort, Papa«, meinte der Schwiegersohn. »Es freut mich, wenn du das findest, mein Sohn. Sonst aber wißt ihr nun alles und würdet diese Familiengeschichte wahrscheinlich im hohen Grade amüsant finden, wenn ihr nur nicht selber mit darin stecktet. Nicht wahr, es ist ein rechter Jammer, daß sie nicht einem anderen Papa und Schwiegersohn, nicht einem anderen jungen Paar passiert ist? Jetzt geht nur und denkt in der Stille darüber nach; mich laßt wieder allein, ich bin glücklicherweise bald nicht mehr fähig, darüber nachzusinnen. Sollte euch noch etwas Bemerkenswertes einfallen, so wißt ihr ja immer, wo ich zu finden bin. Auf Rat, Trost oder gar Hülfe rechne ich jedoch nicht.« Damit legte er sich zurück auf seinem Sofa und zog auch die Beine in die Höhe. Wunnigel hieß er, und daß er sich wie ein Igel zusammenrollen konnte, bewies er jetzt. Sohn und Tochter standen – standen noch einen Augenblick und betrachteten ihn mit gefalteten Händen. Da er aber auf keine Frage mehr Antwort gab und auf das wohlgemeinteste Wort nur durch ein stöhnendes Gegrunze zu erkennen gab, daß er wenigstens noch höre, schlichen sie sich hinaus und in eine der Fensternischen der Bücherei hinein. Knie an Knie saßen sie da einander gegenüber und hatten nicht einen einzigen Blick für den schönen Herbsttag draußen übrig. Sie hielten sich an den Händen und sahen sich in die Augen – »Du lieber Himmel, wir sind wahrscheinlich zu glücklich gewesen – und der Vorsehung nicht dankbar genug dafür!« schluchzte Anselma. »Nun haben wir es zu entgelten. O Heinrich, ich habe es dir immer gesagt, du solltest den entsetzlichen Lärm lassen und das Jagen und Springen um Tisch und Bänke. Zweimal haben wir den Tisch mit der Lampe umgeworfen, und das war sicherlich schon ein Omen, aber du wolltest dich ja nicht warnen lassen. Jetzt hast du es nun!« »Wenn er nur nicht so wundervoll wahr in seinen Bemerkungen über die heillose Geschichte wäre. Freilich kenne ich drunten in der Stadt verschiedene neugegründete Haushaltungen, denen ich unsere Situation lieber gönnte als uns! – Oktavia! – Frau Regierungsrätin Wunnigel! – Aus den russischen Ostseeprovinzen – von Schlimmbesser! – Auch der Rock am Ufer der Tiber ist nicht übel und paßt ganz zu dem übrigen! – Kind, Kind, liebes gutes Närrchen, wie auch die Person – das Weib ausfallen mag; einmauern laß ich mich heute noch nicht um sie wie der Spatz im Schwalbennest. Ganz im Gegenteil. Heute nachmittag habe ich Landpraxis und nehme dich mit auf die Fahrt. Kommt Mama während unserer Abwesenheit an, so findet sie den Papa und die Jungfer Männe – jedenfalls zu Hause.« Heute kam Mama aber noch nicht. Sie saß in dem Augenblicke, als der Doktor die letzten Worte sprach und seine junge Frau dadurch zu beruhigen sich bestrebte, in Trient vor einem Kaffeehause in der Nähe des Bahnhofs und erwartete den Abgang des nächsten Zuges nach Innsbruck. Dagegen aber stieg um die nämliche Stunde im ersten Gasthofe unserer Stadt, dem Hotel de St. Petersbourg, ein Gast aus Moskau ab. Ein Gast mit Bedienung, der es fürs erste lächelnd von sich wies, Namen, Rang und Stand ins Fremdenbuch einzutragen, dagegen die besten Gemächer des Hauses auf mindestens acht Tage für sich in Anspruch nahm und unbedingt etwas Knäsartiges an sich haben mußte, da er sofort für etwas derartiges geschätzt und in die Rechnung gesetzt wurde. Paul Petrowitsch Sesamoff hieß der Fremdling aus dem Nordosten. Exzellenz nannte ihn sein Bedienter; er hatte also jedenfalls Generalsrang, wenn er im Grunde auch nur simpler Zivilbeamter und Kaiserlich Russischer juristischer Kollege des Regierungsrates Wunnigel war. Und außer Dienst befand er sich gleichfalls und hatte mit dem letzteren Herrn auch sonst noch wenigstens eine überraschende Ähnlichkeit, wie sich baldigst ausweisen wird. Überraschend aber im höchsten Grade muß es uns sein, daß er sich sofort bei dem Wirte vom Petersburger Hofe erkundigte: »Wo wohnt der Regierungsrat Wounikkel?« »Wounikkel, Exzellenz?« fragte der Wirt, mit lächelnder Ehrerbietung die Hände leicht reibend. »Sollten Exzellenz sich da nicht vielleicht –« »Irren? O nein, denn ich habe ihn kennengelernt mit großestem Vergnügen in Neapel. Er hat mir seine Karte gegeben, doch diese habe ich verloren; aber er wohnt am Gebirge – Berg, an der Berg mit die wunderschöne alte Kirchen und dem Palais drauf. Wounikkel. Jaja, Regierungsrat Wounikkel, in ein altes Haus; – warten Sie, Herr – in ein uraltes Haus, was von – vorher, lange vorher heißt –« »Ah«, rief der Wirt, die Hände heftiger reibend, »ah, Exzellenz haben ganz recht, Exzellenz haben vollkommen recht. Exzellenz meinen das Haus Weyland.« »Richtig, das Haus Weyland.« »Und Exzellenz irren sich durchaus nicht. Der Herr Regierungsrat Wunnigel wohnen freilich im Hause Weyland. Ich werde sogleich –« »Ich werde im Laufe des Nachmittags mir ansehen diese wunderbare, uralte deutsche Stadt; und ich werde morgen früh meinem Freunde Wounikkel meinen Besuch machen in seinem Hause Weyland.« Der Wirt zum Hotel St. Petersburg verbeugte sich stumm; der Regierungsrat Wunnigel aber war um mehr als eine Stufe in seiner Achtung gestiegen. – Einen Lohndiener mit durch die alten Kirchen und sonstigen Sehenswürdigkeiten zu nehmen, wies der Russe mit Verachtung von sich. Wie der beste Deutsche verließ er sich auf seinen Bädeker; die alte Stadt aber besah er sich in der Tat gründlich und unbedingt mit dem Auge und der Hingebung eines Liebhabers und Sachverständigen. Stumm trat ihm sein Diener und früherer Leibeigener, Regenschirm, Operngucker und dergleichen tragend, auf Schritt und Tritt nach und besah sich die Stadt gleichfalls. Er mußte jedoch schon eine ganze Menge ähnlicher gesehen haben, denn diese schien nicht den geringsten Eindruck mehr auf ihn zu machen. Was die Leute in den Gassen anbetraf, so konnte Turgenjew sie nicht mit tieferer Verachtung und größerem Hohn betrachten; und mehr als ein deutscher Literat hat es aufs innigste zu bedauern, daß er nicht zur Hand war und seinerseits hinter diesem guten Kerl hergehen konnte, um ihn auf der Stelle ins Deutsche zu übersetzen oder ihn in seinen kritischen und sonstigen Unterhaltungsblättern zu besingen. Sehr befriedigt kehrten Exzellenz in ihr Gasthaus zurück. Sie hatten nicht nur besehen, sondern auch genossen und gewürdigt. Auch das Haus Weyland hatten Sie, auf dem Wege vom Schlosse herunter, in der Abenddämmerung von außen betrachtet und wußten jetzt ganz genau, wo Wounikkel wohnte. Sie hatten also auch am folgenden Morgen keinen Führer nötig und fanden zu der von Ihnen und dem Schicksal bestimmten Stunde den Weg ganz allein. Es war wieder ein Sonnentag. Der Herbsttau erhielt sich nur ein wenig länger auf den Dächern, an den Zweigen und bunten Blättern. Alle Vögel, die auch im Winter im Lande zu bleiben gedachten, waren fröhlich in den Lüften, in den Dachrinnen, in den Bäumen, und Anselma Weyland sprach zu ihrem Heinrich: »Wie wenig ich auch geschlafen haben mag, dem Papa hat sein Geständnis unbedingt wohlgetan. Ich habe ihn lange nicht so heiter gesehen wie heute morgen.« Dem war wirklich so. Der Regierungsrat bezeigte sogar Lust zu einem Morgenspaziergang außerhalb des Gartens, und so kam es denn, daß er, zwischen Sohn und Tochter eingehängt, eben den Schloßberg herniedersteigend, dem behaglich mit seinem Petruschka den Berg emporklimmenden »Knäs« an der engsten Stelle des Weges begegnete. »Papa, mein Gott, was ist dir?« fragte Anselma, und der Doktor auf der anderen Seite hatte fester zuzugreifen, um den Schwiegervater aufrechtzuerhalten. »Petrowitsch!« lallte der Papa Wunnigel, und in dem nämlichen Moment erkannte auch der russische Staatsrat und Kollege den italienischen Freund, trat rascher vorwärts, bot lächelnd beide Hände dar und rief: »O mon ami, me voilà! Sehen Sie, mein Freund, so hält man Wort, wenn man ein Edelmann, ein Russe, ein Jurist und ein Kunstliebhaber ist. Da treffen wir uns, wie wir am – am Posilipo uns verabredet haben, hier vor der Tür Ihres Hauses. Ich bin nachgegangen meinem Versprechen, cher Wounikkel, und da bin ich hier.« »Von Sesamoff!« stammelte der Papa, und die Beine zitterten unter ihm, und er schwankte auf den Füßen. »Kaiserlich Russischer Staatsrat von Sesamoff«, sprach der Knäs höflich mit gelüftetem Hut, sich dem Doktor Weyland und seiner Frau selber vorstellend. »Bitte, lieber Wounikkel. wollen Sie die Güte haben –« Nur mit Aufbietung aller seiner letzten Kräfte gelang es dem unseligen Königsberger, auch diesen Russen seinem Schwiegersohn und seiner Tochter bekannter zu machen. »Herr von Sesamoff – verehrter Reisefreund – aus Italien – Sorrent – gleiche Passionen – angenehm – der Kerl (dieses nur gemurmelt!) – amateur fantaisiste comme moi – große Sammlungen zu Hause. Ungemein erfreut.« Der Doktor Weyland grüßte höflich, aber doch etwas formell, seine kleine Frau wie eine echte Germanin, die sich alle ihre Mentalreservationen auch in ihrer Verbeugung zu reservieren wünscht und welche noch dazu von einer neuen Angst überkommen wird. Der Knäs aber reservierte nichts. Er war entzückt über das Zusammentreffen und sprach sein Behagen darüber unbefangen aus. »Dieses ist wahrhaftigerweise sehr vortrefflich, mon cher Wounikkel. Das Haus Weyland! Ich habe es mir bereits betrachtet gestern abend in der Abenddämmerung. Voilà mon affaire! habe ich gesagt; er hat recht gehabt zu Sorrento! habe ich auch gesagt; und ich wollte mich aufhalten im Hotel de St. Petersbourg nur acht Täge; doch ich habe bereits mit Wirt geredet. Diese Stadt ist auch vortrefflichst, und ich bleibe vierzehn Täge in dieser Stadt und – bei Ihnen, mein teurer, lieber Freund.« Jetzt lehnte sich der teure, liebe Freund Wunnigel noch schwerer auf die Schulter seiner Tochter und stammelte etwas von einem plötzlichen Schwindelanfall. »Wir kehren dann wohl am besten ins Haus zurück«, sprach der Doktor, »und bitten Herrn – Herrn – den Herrn Staatsrat freundlichst, mit einzutreten.« »Sie sind sehr freundlich, mein Herr«, erwiderte Paul Petrowitsch. »Mon Dieu, mein Freund Wounikkel scheint noch schlechter zu werden! Gnädige Frau erlauben, daß ich ihn auch unterstütze auf der Treppe.« »Ich fühle mich in der Tat recht unwohl!« murmelte der Regierungsrat auf dem Hausflur des Hauses Weyland. Mit geschlossenen Augen ließ er sich die Treppe in den Oberstock hinaufschieben und -tragen, schlug sie, die Augen, erst dort, im Salon, wieder auf und stöhnte: »Entschuldigen Sie, Sesamoff. Meine Nerven, das unvermutete Wiedersehen! – Kinder, ich bitte euch, macht ihr dem Herrn die Honneurs des Hauses. Um mich kümmert euch ein Viertelstündchen gar nicht. Ich lege mich im Nebenzimmer ein wenig auf dem Diwan nieder. Ein Glas frisches Wasser wird alles wieder ins Gleichgewicht bringen.« Er riß sich sozusagen aus ihrer Mitte, stürzte in das Nebengemach und schloß die Tür hinter sich ab. Sie sahen alle erstaunt hinter ihm her, und Anselma rief ihm auch nach; er aber schob nun noch den Riegel vor. Der Doktor strich einen Augenblick nachdenklich den Bart; dann schien ihm ein aufklärender Gedanke zu kommen, er hielt rasch die Hand auf den Mund, um sein Lächeln zu verbergen, und streichelte mit der anderen Hand sanft und beruhigend das weiche Haar seines Weibes. »Laß nur den Papa, Herz. Es hat wiedermal nichts zu bedeuten.« »Es hat wohl wieder etwas zu bedeuten!« flüsterte Anselma jammervoll zurück. »Sieh nur den fremden Herrn –« Den hielt Herr Heinrich Weyland freilich auch ohne diese Aufforderung fest im Auge; er jedoch, der Russe nämlich, schien alles um sich her vergessen zu haben bis auf die tote Umgebung. Wie in Verzückung stand er inmitten des Saales und ließ die Augen, indem er langsam sich um sich selber drehte, die Wände entlang, über die Decke und sämtliche Gerätschaften gleiten. »Ah«, seufzte er, das ist en fait admirabel, und er hat da nicht übertrieben wie sonst in Neapel. O, ganz wie er es mir geschildert hat! Mein Herr und meine gnädige Frau, ich muß umarmen meinen Freund Wounikkel, und ich muß ihn küssen, sobald er sich erholt haben wird. Ich werde ihm jetzt durch die Tür zurufen, daß ich ihm so sehr dankbar bin und die Hände auf alles lege.« Er tat das, und währenddem fragte mit gefalteten Händen Frau Anselma ihren Gatten leise: »Mein Gott, sollte der Papa –?« »Pst, Täubchen!« flüsterte der Gatte zurück, rasch die Hand, die vorher seine Heiterkeit versteckt hatte, jetzt zärtlich dem Weibchen auf den angstvollen Mund und das bange Näschen drückend. »Möglich ist es; aber – was geht es uns denn anders an, als daß es wieder wundervoll ist! Ich bitte dich, lassen wir jetzt diesen slawischen Fremdling und hohen skythischen Staatsbeamten selber, und zwar ohne ihn dazu aufzufordern, die wünschenswerte Klarheit in die Sache bringen. Er ist auf gutem Wege. Wenn nur der Papa durch das Schlüsselloch antworten wollte! – Übrigens gefällt mir dieser Russe ausnehmend und würde wahrscheinlicherweise auch manchem von meinen Vorvorderen im Hause Weyland behagt haben. Das ist ein wirklicher Begeisterter! Daß ich mich auch begeistern kann, hast du an dir selber erfahren, Liebste, – und ich sage dir, die wirkliche Begeisterung ist wahrhaftig selten in der Welt. Da richtet er sich auf von der Tür. Sesamoff! Auch der Name ist gut. Jetzt Sesam öffne dich! – – Nun, Herr von Sesamoff?« Der »Knäs« des Wirtes zum Hotel de St. Petersbourg unten in der Stadt richtete sich in der Tat von dem Schlüsselloch in die Höhe, rieb sich ein wenig das Kreuz, fuhr mit der Hand über die zierliche Perücke und trat an den runden Tisch in der Mitte des Gemaches. Da betrachtete er zuerst auch die eingelegte Arbeit der Platte und sodann die Satyrgruppe, welche diese Platte trug, zog ein feines Notizbuch aus der Brusttasche, legte es auf den Tisch und rief »Ich bin außer mir gesetzt!« »Wollen Sie sich nicht setzen?« fragte ihn der Doktor Weyland. »Es ist mir eine große Ehre, Sie bei uns zu sehen, Herr Staatsrat, und Sie würden uns eine unendliche Freude machen, wenn Sie heute mittag mit uns speisen wollten.« »Dieses nehme ich mit dem allergroßesten Vergnügen an«, sprach der Knäs. »Ich muß ihn umarmen, meinen Freund Wounikkel; ich muß ihn küssen, meinen Freund; – er muß sich erholt haben bis zum Diner! Er muß, ja er muß; ja, er ist es mir schuldig, denn ich bin um seinetwillen und um seines Hauses wegen von Neapel nach Deutschland gereist.« »Willst du vielleicht ein wenig mit der Jungfer Männe Rat halten, da wir so unvermutet einen so werten Gast bei uns begrüßen, Anselmchen?« fragte der Doktor; Paul Petrowitsch sprang höflichst zu und öffnete der Dame des Hauses die Tür. Anselma entwankte mit einer Verbeugung vor dem Knäs und einem Blick voll so unsagbaren Jammers auf den Gatten, daß der letztere im stillen murmelte: »Drollig ist der alte Windbeutel; aber mein armes Kind da ist mir doch zu lieb, um es meinem Spaß an der Sache zu opfern. Man freit doch eben nur, um seine Freude an seiner Frau und nicht um sein Vergnügen an seinem Schwiegervater zu haben!« Nachher zog er sich gleichfalls einen Sessel an den Tisch mit den Bocksbeinen; und zehn Minuten später wußte der Knäs, wie er daran war, nämlich, daß das Haus Weyland, oder vielmehr der Inhalt des Hauses Weyland, nicht käuflich sei und daß zu Sorrent vielerlei verabredet werden könne, was an einem kühlen, wenn auch sonnigen deutschen Herbsttage auf einmal in einem ganz anderen Lichte sich darstelle. »Oh, mon ami Wouniccle!« lallte der russische antiquarische Liebhaber und Sachverständige. Sein Erstaunen war jetzt nicht geringer als kurz vorher sein Entzücken. »Aber das ist fast unmöglich! Er hatte es mir so fest versichert, und er hat mich so dringend dazu eingeladen in Italien!« – In der Küche des Hauses Weyland hatte währenddem der Freigelassene Petruschka die beste Freundschaft mit Kalmüsel geschlossen. Schon Tacitus macht irgendwo in seinen Schriften die Bemerkung, daß sich die beiden Rassen, Slawen und Germanen, unter Umständen recht gut miteinander vertragen, und ganz vorzüglich, wenn ihre beiderseitigen Herren unter sich einig sind. Die letztere Ausführung ist freilich keine Anmerkung des Tacitus, sondern stammt aus den Erfahrungen späterer Zeiten. Achtzehntes Kapitel »Ich habe eine Bitte«, sprach der Knäs. Holen Sie rasch Madame wieder herein, auf daß ich ihr die Hände küsse und ihr meine tiefempfundensten Entschuldigungen zu ihren Füßen niederlege. Dann bitte ich um Ihre Freundschaft, mein verehrungswürdiger Herr Doktor; – ich bin Ihnen in der Tat dieses schuldig nach dem, was vorher voraufgegangen ist mit meinem Freunde Wounikkel. Mein Gott, und lassen Sie mich wenigstens ganz genau besehen dieses sehr herrliche alte Haus, und lassen Sie mich vor allen Dingen auch ganz genau reden bei Tische mit meinem Freunde Wounikkel. Mein Herr, wenn Sie einmal nach Moskau kommen, so sind Sie auch mein Gastfreund, und ich werde Ihnen zeigen mein Haus und meine Sammlungen; – o, ich habe oft gewünscht, meine Sammlungen dort meinem Freunde Wounikkel zeigen zu können, und er hat es gleichfalls gewünscht; o, o, und ich wollte, ich hätte ihn heute dort, meinen Freund Wounikkel aus Italien! Ich wollte, daß wir heute dinierten in Moskau mit ihm, heute in Moskau, in meinem Hause – Sie und die gnädige Frau und – mein Freund – Wounikkel. Ich würde ihm mancherlei zeigen können und ihn auch in Überraschung versetzen – einigermaßen!« »Das glaube ich Ihnen gern, Herr Staatsrat«, meinte der Doktor Weyland lachend. »Ich verüble es Ihnen auch nicht im allergeringsten. Im Gegenteil, es wäre mir heute keineswegs unangenehm, wenn wir heute meinen Papa, Ihren Freund, den Regierungsrat Wunnigel, so recht ruhig in Moskau zwischen uns hätten. Jetzt aber erlauben Sie mir in der Tat, Herr von Sesamoff, daß ich erst meine kleine Frau – seine Tochter, rufe.« Dieses war nicht nötig. In demselbigen Moment nämlich öffnete Anselma die Tür des Salons, schob ihr hochrotes, verstörtes Gesichtchen hinein und rief: »O Himmel, Heinrich; er ist wieder nirgends zu finden!« »Dann ist er durch die Nebentür durchgegangen. Das Zimmer nebenan hat zwei Pforten, Herr Staatsrat.« »Ja, Heinrich. Ich habe ihn da nebenan auf dem Diwan gesucht, und er war verschwunden. Ich habe ihn in seiner eigenen Stube gesucht, und er ist auch dort nicht. Ich habe ihn im Garten gerufen –« »Und er hat nicht geantwortet. Beruhige dich nur, Herz; dann ist er selbstverständlich wieder zum Rottmeister Brüggemann hinunter! Daß wir ihn unter diesen Umständen zum Mittagsessen wieder erwarten dürfen, wage ich nicht zu hoffen. Wir speisen ja doch zu drei; laß sein Couvert abnehmen, Kind. Mein Rat ist, wir lassen ihn ganz ruhig gewähren und suchen erst gegen Abend durch freundliches und vernünftiges Zureden auf ihn einzuwirken. Der Herr Staatsrat wird uns gewiß gern im Laufe des Nachmittags auf einem Spaziergange durch die untere Stadt begleiten.« »Mit Vergnügen«, sprach Paul Petrowitsch; – Anselma Weyland zog hastig das Köpfchen wieder zurück und schloß die Tür. Der Knäs fand erst beim Mittagsessen Gelegenheit, der Herrin des Hauses die Hand zu küssen und sich als der freundliche, liebenswürdige, unendlich gutmütige und vergnügliche Herr und Kunstliebhaber aus dem heiligen Rußland und hohen Norden zu erweisen, der er wirklich und wahrhaftig (ungelogen! hätte Wunnigel gesagt) war. »O, ich würde mit einem Winkel unter der Treppe vorliebnehmen, wenn ich dafür den Tag über ungestört dieses Haus betrachten dürfte«, seufzte der Staatsrat. »Sie sind auch vom Petersburger Hofe aus herzlich dazu willkommen«, erwiderte der Doktor; im geheimen aber fügte er hinzu: »Na, ich werde dir schon auf die Finger bei deiner Besichtigung passen. Allmählich kennt man euch Schwärmer fürs Kuriose, euch Sammler, euch Liebhaber des Schönen vom achtzehnten Jahrhundert an rückwärts gerechnet! Was auch dieser Kerl da wieder für riesige Taschen versteckt um sich trägt! Jaja!« Doch es drängt uns nunmehr sehr, uns wieder nach unserem und des russischen Kollegen besten Freunde, Wunnigel, umzusehen. Er hat sich in der Tat wieder beim alten Rottmeister Wenzel Brüggemann am Untertor verkrochen – verkrochen, diesmal in der wahrsten, wirklichsten Bedeutung des Wortes. Als er sich zum erstenmal dorthin schlich, schlüpfte er verstohlen scheu an der Haus- und Gartenmauer hin; diesmal fühlte er sich so weit gebracht, daß ihm das nicht mehr möglich war und auch nicht mehr nötig erschien. Nein, er stürzte den Schloßberg hinunter. Für diesen Fluchtweg fand er noch einmal seine ganze frühere Schnellkraft und Beingelenkigkeit wieder, freilich leider nur, um in dem Häuschen am Tor um so erbärmlicher zusammenzuknicken. »Jesus, ist sie da? « schrie schrillstimmig der Urgreis und künstliche Uhrmacher, als ihm der Regierungsrat in die Stube stürzte, auch hier wieder in die Sofaecke fiel und von neuem – steif wurde; wir wissen keine andere Bezeichnung für den Zustand seiner Gliedmaßen. – »Sie angekommen?« lallte er. »Nein, sie kommt erst nächstens; ich aber – ich bleibe bei Ihnen, Brüggemann. Die Maschinerie sollen Sie erst noch erfinden, die mich wieder den nichtswürdigen Berg da hinaufbringt, Rottmeister! Die Pferdekräfte, die dazu gehören, um mich alten Esel wieder in das verdammte, verfluchte, heillose, verteufelte Haus da oben hineinzubringen, hat noch niemand in einem Dampfkessel zusammengequetscht! Hier, bei Ihnen, Liebster, Bester, Ältester, will ich mein letztes Stündlein, und wär's auch im Winkel unter der Treppe, abwarten. Hier will ich verschnappen, und Sie grauer Knabe sollen mir nicht nur die Augen, sondern auch das verruchte, leichtfertige, immer und ewig ins Dumme, Blaue, Verdrießliche, Abschmeckende hineinschwatzende, bodenlose Maulwerk zudrücken. Ja, Sie, Brüggemann, sollen mir endlich einmal den Mund schließen, der mich jetzt, der Satan weiß es, lange genug in jedwedes Erdenpech hineinschwadroniert hat; und – mein Te–sta–ments–vollstrecker sollen Sie auch sein, Rottmeister.« Der Alte im Lehnstuhl am Ofen lüftete höflich sein Hauskäppchen: »Das ist mir eine große Ehre, Herr Regierungsrat; aber Herr Rat –« »Kein Aber, guter, allerbester Freund und präadamitischer Patriarch! Sie sollen mir meinen alten Adam ausziehen; Sie sind der Mensch dazu. Sie einzig und allein sind der Mensch, an den sich ein Mann wie ich nach einem Leben voll solcher Schrullen, Grillen, Neigungen, Abneigungen – kurz nach einem Dasein gleich dem meinigen anklammern, einzig und allein anklammern kann. Sie sehen mich bedenklich an: das nehme ich Ihnen nicht übel. Sie halten mich für halb verrückt: das bin ich auch; und mit drei Vierteln treffen Sie sogar noch etwas genauer das Richtige. Haben Sie was dagegen einzuwenden, daß ich die Tür versiegele und die Fensterladen schließe?« »Hm«, grinste das Herrchen, »das erstere geht noch an; aber was das zweite betrifft, so –« »So können Sie immer noch nicht genug kriegen von den Farben, Lichtern und Tönen dieses erbärmlichen Daseins. Jawohl, da kenne ich Sie ja. Na, dann lassen Sie Ihre verdammten Laden nur offen; ich aber ziehe in Ihr Hinterstübchen mit dem Fensterloch drei Schritte von der Stadtmauer. Da ist es wenigstens annähernd feucht, dunkel und still genug. Ich habe es Ihnen schon neulich gesagt, daß ich nichts mehr von der Außenwelt will; aber meine neuliche Stimmung war doch nur die reinste, possenhafteste Aufgelegtheit zu allem früheren Lebensunsinn gegen meine heutigen Gefühle.« »Wenn Sie mir nur sagen wollten, Herr Rat, was denn eigentlich passiert ist?!« » Er ist mir richtig auf den Hals gefallen.« »Er! – Wer?« »Der russische Kollege – Paul Petrowitsch Sesamoff – ja so, Sie können das freilich nicht wissen. Nämlich dieser slawische Staatsrat und Hyperkulturbarbar – nein, es ist zu dumm –« »In des Himmels Namen, was haben Sie denn mit ihm? Was will er hier?« »Den Inhalt des Hauses Weyland erhandeln vom Keller bis zu dem Dache!« stöhnte der Regierungsrat Wunnigel, die Augen zudrückend. »Herr Jesus, Sie haben ihm das doch wohl nicht verkauft in Ihrem Italien?« »Verkauft? Nein! – ja! – Nur so annähernd! Ich habe ihn – dazu – eingeladen – und der heillose Kerl hat das Ding im blutigsten Ernst genommen – da oben am Berge sitzt er bei meinem Sohn und meiner Tochter – mit einem Verzeichnis der – Hauptgegenstände in der Tasche. Ich aber, ich ziehe in Ihr Hinterstübchen, Brüggemann.« Der alte Rottmeister, Herr Wenzel Brüggemann, ließ nur einen Ton hören, der ungefähr klang wie: »Pfü–ü–ü–üt!« »Sie begreifen nun alles, Brüggemann? Sie sind nicht imstande, mir hier Asyl zu verweigern, Rottmeister?« »Wissen Sie, begreifen tu ich das schon; auch steht Ihnen der Unterschlupf natürlich zur Verfügung, wenn Sie damit und mit mir vorliebnehmen wollen, Herr Rat; aber – aber bedenken Sie doch nur – Ihr Herr Schwiegersohn – Ihre liebe, gute Frau Tochter, was werden die –« »Die, wollte ich, wären mit allem, was um sie herum hängt, liegt und steht, wo der Pfeffer wächst, oder – in Mos–kau!« schrie Wunnigel. »He, he, he«, kicherte das greise Herrchen, »nun, wenn Ihnen wirklich mein Hinterstübchen mit der Aussicht auf die Stadtmauer für Ihre Verhältnisse paßt, so sind Sie willkommen darin, Herr Regierungsrat; dann können wir ja wohl sogleich unsern Haushalt zusammen anfangen. Was soll ich Ihnen an nötigen Bequemlichkeiten vom Berge herunterholen lassen? Sehen Sie, ich brauche bloß aus dem Fenster zu gucken, um einen Boten auf der Stelle zur Hand zu haben.« »Nötige Bequemlichkeiten? Herunterholen lassen? Boten schicken?« murmelte der Regierungsrat ächzend und mit sichtlicher Anstrengung sich aus seiner Ecke im Sofa erhebend. »Sie sind sehr gütig, Brüggemann, und ich danke Ihnen; aber nötig habe ich von da oben nichts mehr, und für alle unnötigen Bequemlichkeiten danke ich gleichfalls. Für einen Narren dürfen Sie mich dreist halten, das habe ich Ihnen bereits zugestanden, aber eines weiß ich, nämlich, daß ich heute zum ersten Male in meinem Leben weiß, was ich will: Ruhe will ich – ungestörte, absolute Ruhe! Alle Hagel und Donnerwetter, wenn einer den Lärm des Lebens und das Herumtreiben inwendig und auswendig satt hat, so bin ich's!« – – – Wunnigel war an den Tisch getreten oder hatte sich vielmehr dahin geschleppt. Ohne ferner noch ein Wort zu reden, fing er an, seine Taschen zu entleeren und ihren Inhalt auf der Wachstuchplatte zu einem kuriosen Haufen zu häufen. Da kam wahrlich mancherlei zum Vorschein, was wohl einer näheren Aufführung wert ist, und eine tiefe Wahrheit springt ans Licht, nämlich, daß mancher Mensch, nach dessen Charakter, Gemüts- und Sinnesart man sehr vergeblich phrenologisch am Hirnschädel herumtastet, ziemlich richtig und genau aus dem Inhalt seiner Taschen zu enträtseln ist. – Es war unbedingt etwas mechanisch Gespenstisches in der Art und Weise, wie der Regierungsrat Wunnigel sein Allerlei auf den Tisch niederlegte. Es kam zum Vorschein zuerst eine Uhr. Höchst interessant, was das Äußere anbetraf. Eine seltene Merkwürdigkeit – Venediger Arbeit, aber als Zeitmesser gänzlich unzuverlässig. – Die Kette dazu mit Breloquen – auch sehr merkwürdig! Das war die linke Westentasche; die rechte entleerte drei Zahnstocher und einen Ohrlöffel. »Da!« sprach Wunnigel, in die Hosentasche greifend; und es erschienen, nicht in einem »Portemonnaie« der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, sondern in einem richtigen »Geldbeutel« aus dem Anfange dieses Säkulums, anderthalb Dutzend römische Kaisermünzen – lose, außerhalb des Beutels, ein Taler, fünf Silbergroschen und etliche Pfennige in dem noch üblichen und gangbaren Kurant – in Papier eingewickelt etwas italienische Scheidemünze, wahrscheinlich als ein Andenken an die letzte Reise des Kapitalisten. Der Regierungsrat seufzte tief und holte aus der anderen Hosentasche hervor: ein Bernsteinbüchschen mit Emser Pastillen, eine Streichholzbüchse und wieder eine Kuriosität, nämlich ein silbernes Etui aus dem achtzehnten Jahrhundert mit der Geschichte der Andromeda in getriebener Arbeit darauf, und darin mit den nötigen Räumen für Messer und Gabel en miniature, Korkzieher, Pinzette usw. usw. Die Utensilien selber waren freilich nicht mehr darin vorhanden. Vier Stück zerknitterte und zerkrümelte Regaliazigarren erschienen aus der linken Brusttasche, und aus der rechten zog der Regierungsrat zum Beschluß seine Brieftasche hervor, legte selbige neben das übrige und sagte: »So!« Und nach einer längeren Pause: »Nur einige Lebens- und Reisenotizen ohne Wert, einige Visitenkarten und etwas englisches Pflaster! Wenn Sie Gebrauch davon machen können, steht Ihnen alles zur Verfügung. Übrigens – bei besserer Überlegung – etwas Wäsche und meinen Schlafrock möchte ich doch gern hier haben. Die Jungfer Männe weiß alles zu finden und mag Kalmüsel damit herunterschicken. Lieber würde es mir wohl sein, sie käme selber; sie könnte dann gleich meine Hosen wieder mit hinaufnehmen. Die vermache ich ihr; ich brauche sie nicht mehr.« »Was? – ja aber?« rief das Rottmeisterchen mit offenem Munde. »Aber verehrter Herr Rat, wollen Sie denn hier bei mir ohne Beinkleider herumlaufen?« »Nein. Ich gehe sofort zu Bett im Hinterstübchen. Mein Herumlaufen ist zu Ende – ganz zu Ende – vollkommen zu Ende in der Welt. Was werde ich also noch viel bei Ihnen hier herumlaufen? Machen Sie sich nicht auch noch über mich lustig, Brüggemann! Wozu braucht ein Mensch, der so weit herunter ist wie ich und nur noch einen Funken von Schamgefühl in sich trägt, noch seine Hosen?!« – – – Der Rottmeister schickte den ersten Boten, dessen er habhaft wurde, den Schloßberg hinauf zum Hause Weyland und bat dringend um Verhaltungsmaßregeln. Um vier Uhr nachmittags waren sie allesamt – der Knäs, der Schwiegersohn und die Tochter – in dem Häuschen am Untertor und fanden richtig den Papa bereits im Bette im Hinterstübchen mit dem Blick auf die Stadtmauer. Die Tochter hing sich über ihn und küßte ihn stumm und tränenvoll; der Doktor hielt freundlich, gutmütig und zugleich berufsmäßig seine Hand; Paul Petrowitsch Sesamoff sprach mitfühlend: »Seien Sie doch kein Narr, mein teurer Freund Wounikkel!« Er aber, hartnäckig, war es, wollte es sein und wollte es bleiben. Er hatte seinen Kopf darauf gesetzt; nur als ihn sein Kind in die Arme schloß und flehentlich bat. »O Papa, lieber, lieber Papa, wir haben dich ja alle so lieb, so gern! O sei doch nicht so –«, fiel er ein: »Vollständig fertig!« und schloß: »Ändere es mal!« – – – Sie versuchten sämtlich in der Tat das immer von neuem durch heftiges Zureden; er jedoch kehrte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und drehte ihnen den Rücken zu. »Papa, offen gestanden, ich zweifle noch immer daran, daß Sie es sind, was da im Bett liegt!« rief der rechtmäßige Besitzer des Hauses am Schloßberge. »Geht man so mit seinen Kindern um, von denen man doch weiß, daß sie – ahm – einen – ganz – genau kennen?« »Und geht man um so mit seinem besten Bruder und Kollegen, mit seinem liebsten Freunde Paul Petrowitsch?« fragte die russische Exzellenz elegisch vorwurfsvoll. »Verkriecht man sich also vor ihm in der Finsternis, wenn man ihn hat am Kragen gehalten, als er ins Rutschen kam im Krater des Vesuvio, und ihn hat so weit herreisen lassen – wie mich?! Ja schämen Sie sich, mein lieber Freund Wounikkel.« Noch einmal setzte sich Wunnigel rasch und heftig aufrecht auf seinem Lager, schlug mit beiden Händen flach auf die Decke und schrie: »Alles, was recht ist: ihr seid allesamt recht brave Leute! Ganz liebe, gute Menschen seid ihr, aber die Atmosphäre verbessert ihr mir darum doch nicht. Geht mir aus der Sonne, kann ich in diesem Loche nicht sagen, aber auch was die Luft anbetrifft, so war mein alter griechischer Freund auf der Landenge von Korinth besser daran. Er hatte sie von zwei Seiten her übers Meer weg. Geben Sie mir die Hand, Sesamoff; in den Zynismus und ins Griechische hängen Sie ja auch ein wenig hinein, und ein braver, gutmütiger Bursche sind Sie, das steht fest. Nehmen Sie die Versicherung meiner vollständigsten Hochachtung mit nach Petersburg oder Moskau, lieber Staatsrat; und mich – nehmen Sie als eine amüsante Episode Ihres westeuropäischen Reiselebens. Ihr aber, liebe Kinder, nehmt ihn wieder mit den Berg hinauf und zeigt ihm wenigstens das Haus Weyland bis ins einzelne. Sollte – sich – sonst – noch etwas – Wichtiges – ereignen –, so – wißt ihr ja stets, wo ich zu finden bin. Hier im Bette – adieu!« Die erste Hälfte des letzten Satzes kam bruchstückweise, gewürgt heraus; die andere Hälfte in einem Stoß mit fliegendem Atem; das »Adieu!« aber grabeshaft dumpf, als ob eben der Tod oder – Oktavia geborene von Schlimmbesser an die Tür poche und mit steinernem Gesicht jedwedes »Nicht zu Hause« sich aus dem Wege weise. – Er drehte ihnen abermals den Rüden zu, und sie richteten nichts mehr an ihm aus, weder durch zärtliche Bitten, Beschwörungen und Klagen noch durch witzige aufmunternde Redensarten, am allerwenigsten jedoch durch Vernunftgründe. Sie standen neben dem Bette und sahen sich an und schüttelten ratlos die Köpfe. Da faßte das Rottmeisterchen, Herr Wenzel Brüggemann, die Hand der jungen Frau und sagte leise: »Sie allein, Frau Anselma, machen mir bei dieser kuriosen Sache das Herz schwer. Sie tun mir leid dabei. Aber was ist jetzt weiter zu machen? Sie kennen ihn ja so gut als ich, und das einzige Glück ist, daß Sie mich auch kennen. Also gehen Sie nur ruhig mit den beiden Herren wieder nach Hause – er ist gut bei mir aufgehoben; und sowie er die Nase wieder unterm Deckbett vorstreckt, werde ich schon auf ihn einzureden wissen. Ängstigen Sie sich nicht zu sehr; es ist immer nur die Frau Regierungsrätin –« Unter dem Deckbett hervor kam ein so unheimlicher Laut, daß sie sämtlich bestürzt zurückfuhren. »Er seufzte nur zur Bestätigung!« sprach Brüggemann. »Bitte also, gehen Sie gefälligst ruhig nach Hause und überlassen Sie ihn mir; er ist recht gut bei mir aufgehoben.« »Darauf verlassen wir uns freilich, Alter«, rief der Doktor, und dann gingen sie in der Tat, da sie einsahen, daß es nicht das geringste nütze, noch länger zu bleiben. Sowie sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, zog Wunnigel sofort den Kopf unter der Decke hervor und grunzte: »Alle Wetter! Wenn den Epimenides ebenfalls die liebe Freundschaft und Verwandtschaft bis an die Pforte seiner Höhle begleitet hätte, so würde er sicherlich vier Wochen über seine vierzig glücklichsten Jahre hinaus geschlafen haben! Nun, alter Freund, jetzt lassen Sie mich ein Stündchen allein; – Ruhe, Ruhe – Ru–he!« Er tat ebenfalls wie jener Liebling der Götter auf der Insel Kreta einen langen Schlaf. Als er erwachte, war es Abend, und so hielt er's fürs beste – »da er es endlich mal wieder konnte!« –, sogleich von neuem ein- und weiterzuschlafen. Auch der alte Brüggemann zog sich seinerseits in sein Kämmerlein zurück, aber den hielt der wunderliche Hausgenosse wach. Da er jedoch an das nächtliche Wachen gewöhnt war, so machte er sich wenig daraus und lag und hörte seinen Uhren zu, die auch diesmal, jede in ihrer Art und nach ihrem Mechanismus, die Stunden angaben. »Meinen dicken Hauptphilister da, mit seinem dummen Ha, ha, den stelle ich morgen ab!« murmelte der alte Pfiffikus und Mechanikus, und für den guten Vorsatz wahrscheinlich fiel er zur Belohnung gegen Morgen auch noch in einen festen, erquicklichen Schlummer. Neunzehntes Kapitel Am folgenden Morgen war Anselma schon sehr früh an der Tür des Papas in dem Häuschen am Untertor und vernahm, daß dem Regierungsrat besserer Rat nicht über Nacht gekommen sei. Er hatte nichts dagegen, daß sie sich neben seinem Bette niederließ und einen töchterlichen Kuß auf seine Stirn drückte; aber bei seinem Willen und Vorsatz verblieb er. Das andere alte Kind, der Herr Rottmeister Brüggemann, sagte: »Geben Sie sich keine Mühe, Frau Doktorin. Er ist nicht gewillt, heute aufzustehen; aber recht gut geruhet haben der Herr Rat, und das ist doch die Hauptsache.« »Es ist mir lange nicht so gut gewesen und geworden wie jetzt, Anselmchen«, sprach Wunnigel. »Ja, ich bleibe jedenfalls noch ein wenig liegen. Gehe du nur ruhig hin, Kind, und besorge deinen Haushalt. Grüße deinen braven Mann und ersuche ihn, mir durch Kalmüsel aus der Bücherstube die Havercampsche Ausgabe des Flavius Josephus zu schicken. Kannst du es im Gedächtnis behalten, oder soll ich's dir aufschreiben? Flavius Josephus heißt der Jude – hörst du? Ich denke, seine Belagerung von Jerusalem wird mir eine recht erquickliche Lektüre sein; und nun gehe hin und belagere du mich nicht länger unnötigerweise. Du bist und bleibst mein altes braves Mädchen, aber liegen bleibe ich doch. Fällt – sonst – etwas – mich – Betreffendes vor, so kann ich das auch in den Federn über mich kommen lassen. Auch beim stärksten Gewitter bin ich nie der Narr gewesen, aufzustehen und in die Kleider zu fahren. Im Gegenteil, es ist mir immer eine behagliche Vorstellung gewesen, einmal im Bette recht rasch vom Blitze erschlagen zu werden.« Anselma Weyland ging seufzend und berichtete alles oben am Schloßberge. Der Doktor meinte: »Den Josephus will er jetzt lesen? Das ist freilich eine recht angemessene Lektüre, und Kalmüsel mag ihm auf der Stelle die beiden Folianten hinunterschleppen. Hm, hm, und der Blitz, für den er sich in seinem schlechten Gewissen reif fühlt, der kommt auf der Eisenbahn am hiesigen Orte an. Ein Blitz aus heiterem Himmel ist es jedenfalls nicht, mein Herz; wir haben schon wochenlang das Gewölk sich zusammenziehen sehen; aber eine Erleichterung ist es doch, daß man weiß, wie man daran ist. Übrigens ist diese russische Exzellenz ein ganzer Prachtkerl. Schade, daß auch er sich hinterm Ohr kratzt, wenn die Unterhaltung sich wieder auf Mama wendet.« »Mama!« stöhnte Anselma. »O Heinrich, du gibst mir jedesmal einen Dolchstoß, und – du – bist doch recht grausam!« – – – Im ersten Gasthofe der Stadt hielt die russische Exzellenz ihre Zimmer noch immer fest. Es war fast ein Wunder, wie gut er sich in dieser Stadt und wie gut ihm diese Stadt gefiel. »Seit mir Seine Kaiserliche Majestät gnädigst die Erlaubnis gab, im Auslande zu reisen, habe ich mich selten an einem Orte so gut unterhalten wie an dem hiesigen«, meinte er, im Fenster liegend und auf den Markt vor dem Fenster hinausschauend. »Es ist der Gegensatz! Ich werde nach Hause kommen als ein deutscher Philosoph. Ich habe nicht gewußt, wo sie steckt, die deutsche Philosophie; ich habe sie hier gefunden. Hier ist die Luft gesund, und der Mensch, wenn er ein Narr ist, ein deutscher Narr. Was ist der deutsche Mensch in St. Petersburg? Mir ein Verdruß! – Was ist er mir in Berlin? Langweilig! – Und was ist er mir hier? – Eine Vergnügung! – Er macht alles vor in St. Petersburg; er macht alles nach in Berlin; er ist hier er selbst, wirklich – im einzelnen angenehm. In früheren Zeiten ist er auch sehr originell gewesen; ich vermehre meine Sammlungen in Petersburg sehr gern durch das, was er damals gemacht hat in der Kunst aus seinem eigenen Genie. Ich werde gern Gevatter stehen bei dem Herrn Doktor Weyland und der Frau Doktorin, wenn sie es mir vielleicht einmal melden nach Moskau oder St. Petersburg, daß alles glücklich abgelaufen ist. Mein Freund Wounikkel wird mit mir stehen. Mein Freund Wounikkel ist eigentlich ein Untier, ein Un–geheuer. Er würde nicht Regierungsrat geworden sein bei uns; er ist viel zu dumm dazu in seinen Ansichten vom Leben und viel zu hastig. Ein Vieh ist er nicht, denn ein Vieh fällt nicht alle Augenblicke über seine eigenen Beine; wir in Rußland, wir fallen nie über unsere eigenen Beine. Er weiß mehr Jurisprudenz als wir alle in unserem Collegio zu Moskau; aber er hat das ebenfalls nicht anzuwenden gewußt. Er hat nichts von seinen Fähigkeiten anzuwenden gewußt; er interessiert mich sehr. Er hat ein sehr zartes Gewissen, mein lieber Freund Wounikkel; er macht sich selbst Vorwürfe, weil er über seine eigenen Beine fällt; – er legt sich zu Bett, wenn er Dummheiten gemacht hat; er ist mir sehr interessant, denn wie will der Mensch etwas werden in dieser schlimmen Welt, wenn er sich nicht eine Leiter macht aus seinen Dummheiten? Ich bin auch wohl gefallen in meinem Leben, aber immer nur über das Bein eines anderen, und ich habe mir immer gesagt: Petrowitsch, sei nur ruhig, Bruder; aber merke dir ja, wie das Brüderchen, der Schuft, das gemacht hat. Petruschka!« »Ich höre!« sprach der auf höchste Anordnung endlich Freigelassene. »Petruschka, wir halten uns jetzt acht Tage in dieser neuen ausländischen Stadt auf: wie gefällt dir sie und das fremde Volk darin, Bruder?« Da grinste Petruschka, wie nur ein Mann slawischer Rasse zu grinsen vermag, und legte die Hand erst auf den Bauch, dann auf den Magen und zuletzt auf das Herz und – schüttelte den Kopf – stumm aber bewegt. Er dachte an die Jungfer Männe in dem alten Hause am Schloßberge, und wie auch sie das Exotische zu schätzen wußte und es auf der Stelle dem Einheimischen vorzog. Er dachte an Kalmüsel, wie der wütend und verbissen im Winkel am Herde saß, und grinste noch stummer und noch bewegter auf die Frage seines Herrn hin. – – »Der Deibel! Es ist eine Sünde und Schande!« brummte gerade in dem nämlichen Moment Kalmüsel in dem Hause Weyland. »Wahrhaftig, man sollte wirklich auch Lust kriegen, irgendwo unterzukriechen und sich zu Bett zu legen wie der Herr Regierungsrat beim alten Rottmeister Brüggemann am Untertor.« Der Ingrimm war ihm nicht zu verdenken, denn er nagte eben zum Frühstück an einem Knochen, von welchem Herr Petruschka am vergangenen Abend das Fleisch bekommen hatte; und er – Kalmüsel – fühlte sich gegenwärtig durchaus nicht erfüllt von dem Beruf seiner Nation zum Kosmopolitismus und zur »Weltliteratur«; auch grinste er gar nicht vor Behagen, als die Jungfer Männe ihn ziemlich spitzig fragte: »Nun, was machen Sie denn mal wieder für ein Gesicht, Kalmüsel?« – – Der Knäs hatte auf dem Boulevard des Italiens im Fenster gelegen; er hatte auf den römischen Korso hinausgesehen und auf die Promenade des Anglais zu Nizza, von den Moskauer und Petersburger fashionablen Straßenprospekten gar nicht zu reden. Jetzt sah er auf den Wochenmarkt einer deutschen Mittelstadt hinaus und nahm auch daran Anteil, und zwar vermittelst seines Opernglases. Da gegenwärtig der Gänsehandel in Schwung kam, interessierte er sich für denselben höchlichst; aber noch viel mehr interessierte er sich für die vom Bahnhofe hereinpassierenden und den Platz kreuzenden Fremden und vor allen Dingen für den Bahnhofswagen seines eigenen Hotels. »Ich werde Achtung geben, gnädige Frau!« hatte er der kleinen Frau Doktorin Weyland oben in dem interessanten Hause am Schloßberge versprochen; und er hielt wirklich Wort und versäumte es selten, dem Aussteigen der frisch anlangenden Gäste von seinem Fenster aus zuzusehen. Es war heute der sechste Morgen, nachdem Wunnigel sich bei dem Rottmeister Brüggemann verkrochen hatte; es war die elfte Stunde dieses sechsten Morgens, und wieder erschallte die Glocke des Oberkellners gell durch das ganze Haus, den Schwarm der übrigen Dienerschaft zusammenrufend; der Wagen des Hotels rollte wieder einmal um die Ecke der Bahnhofsstraße auf die Stadt St. Petersburg zu. Merkwürdig viel Fremde diesmal! Der Reisende für ein Haus ersten Ranges – behaglich und gelassen – ohne sichtbares Gepäck. Sein Kollege niederen Ranges mit einem Wachstuchkästchen unter dem Arm – zappelhaft und gönnerhaft gegen den Wirt. – Ein wohlbeleibter Herr – unstreitig Amtsrat oder dergleichen – mit zwei Töchtern im Alter von dreizehn bis sechzehn Jahren, pensionspflichtig und zum höheren gesellschaftlichen Abschliff heute in einer solchen Pension erwartet. Eine nervöse, ältliche Dame mit viel Gepäck und einer Handtasche voll aktenmäßiger Schriftstücke – NB. vermißt eine Schachtel und macht sofort erst den Kutscher und sodann den Herrn Wirt dafür verantwortlich – wird auf ihr Zimmer geführt mit der Versicherung, daß »sich das alles wahrscheinlich noch finden werde«. Noch ein dicker Herr – ungemein zärtlich und besorgt um eine noch dickere Dame – NB. erkundigt sich sofort nach dem Beginn der Table d'hôte. – Eine – »Ah – mais en vérité!« – sagte plötzlich oben am Fenster Paul Petrowitsch Sesamoff. Er brach ab in der Mitte seines Satzes; er hatte augenblicklich nicht mehr die geringste Zeit zu wörtlichen Bemerkungen. Sie – SIE – respektvoll begrüßt von der ganzen Dienerschar wie von dem Herrn des Hauses, war in das Haus geschritten – die ruhige, vornehme europäische Reisende – in grauer Wolle, doch wahrlich nicht als Büßerkostüm zugeschnitten; – und sie, allesamt sie in der Torwölbung des Hotels, hatten in alterprobter Gasthofstaktik zuerst auf die Stiefelchen und sodann, doch mit demselben Blick, auf die Handschuhe gesehen – en vérité, SIE bekam kein Zimmer drei Treppen hoch mit der Aussicht auf den Hof wie die Dame mit der verlorenen Schachtel. – »Ich werde heute nicht oben bei meinen Freunden am Schloßberge speisen«, sprach Paul Petrowitsch, »ich werde hier im Hause an der Wirtstafel speisen. Petruschka, gehe hin und melde es dem Wirt, daß ich heute hier speisen werde. Nein, ich werde ihm selber sagen, an welcher Stelle ich zu speisen wünsche.« Er schellte; doch er hatte diesmal etwas länger zu warten, ehe jemand herbeieilte, um sich nach seinen Wünschen zu erkundigen. Dafür aber stürzte dann auch der Besitzer des Etablissements selber in sein Zimmer – atemlos – mit ausgebreiteten Händen: »Exzellenz – o, Exzellenz, die – Frau – Regierungsrätin – Wunnigel aus – Rom!« »Oui, mon cher«, sprach der Knäs, sein Opernglas zusammenschiebend. »Ich wünsche zu speisen an der Table d'hôte, und zwar gegenüber der soeben angereist gekommenen Dame. Ich wünsche die nähere Bekanntschaft zu machen von Madame de Wounikkel; ich kenne sie jetzt nur aus der Weite, die Frau Regierungsrätin Wounikkel, die Frau von meinem Freunde Wounikkel!« Dabei ging er raschen Schrittes vor dem sich die Hände reibenden Wirte auf und ab, blieb stehen, faßte ihn mehrmals ins Knopfloch, als ob er ihm noch etwas mitzuteilen habe, und ließ ihn jedesmal wieder los und mit immer qualvoller gespannt vorgeschobener Visage stehen. »Die gnädige Frau hat sich augenblicklich nach der Wohnung des Herrn Regierungsrates erkundigt«, ächzte der Wirt, da er es zuletzt nicht mehr aushielt, auf das erlösende Wort Seiner Exzellenz zu harren. »Sie hat sich auf ein Zimmer führen lassen und wird wahrscheinlich Toilette machen.« »Ich werde gleichfalls Toilette machen«, sprach der Kaiserlich Russische Staatsrat. Der Wirt warf nochmals einen vieles sagenden Blick auf seinen Knäs und sodann zum Plafond seines Staatsgemaches empor und zog sich rückwärts schreitend zurück aus dem Gemache. Für uns geht aus seiner Aufregung zur Evidenz hervor, daß die ganze Welt bereits um die Vorgänge und Verhältnisse in dem guten alten Hause am Schloßberge ganz genau Bescheid wußte; wir haben aber auch schon früher gesagt, daß es wenige andere Häuser in der Stadt gab, an denen sie so großen Anteil nahm wie an diesem, und so etwas, als ihm jetzt passierte, war denn doch auch in der Tat ein »ganz gefunden Futter« für die allgemeine Teilnahme. Paul Petrowitsch saß an der Table d'hôte der Frau Regierungsrätin gegenüber, und beide wurden von dem aufwartenden Personal mit außergewöhnlicher Spannung eifrig bedient. Selbst der Herr Wirt hielt sich so viel als möglich hinter ihren Stühlen auf. Beide aber waren nur sehr liebenswürdig und heiter; außerdem sprachen sie zuerst nur französisch, in welcher Sprache auch Exzellenz von Sesamoff sich der gnädigen Frau als Landsmann oder vielmehr Halb-Landsmann vorstellten. Als sie gegen Mitte der Tafel anhuben, Russisch zu reden, hätte dieses das Hotel Sankt Petersburg fast übelnehmen dürfen. Es versuchte von da an zwar, auf den Mienen zu lesen; aber wenn ein Stück von einem Lavater in jedem ordentlichen Oberkellner sitzen muß, so sitzt doch der ganze Physiognom leider nicht darin, und das war in diesem Falle recht schade. Nur ein einzig Mal glaubte man ein seltsam galvanisches Aufzucken in den Mienen und dem Oberkörper der gnädigen Frau zu bemerken; allein der Knäs lächelte dabei so gutmütig heiter, daß es doch wieder zweifelhaft blieb, ob es sich nicht harmloserweise um irgendeine pikante Petersburger Gesellschaftsgeschichte gehandelt habe. Die Tafel ging zu Ende, die Herrschaften zogen sich in ihre Gemächer zurück und – des Donners Wolken hingen schwer herab auf Ilion; das heißt, auch während der ersten Nachmittagsstunden blieben sie so hängen, wie sie schon seit geraumer Zeit über dem Hause Weyland gehangen hatten. Heinrich und Anselma hatten an ihrem Tischchen zärtlich und zierlich wie ein immer noch junges Ehepaar zusammen gespeist. Von dem Hause am Untertor kam der Eßkorb, den das Haus Weyland täglich durch Kalmüsel dort hinunter sendete, ziemlich leicht wieder herauf, und der alte Brüggemann ließ zur Beruhigung heraufsagen: der Herr Regierungsrat hätten, Gott sei Lob und Dank, heute zum erstenmal wieder einen Appetit gezeigt, der – das Beste hoffen lasse. Was Kalmüsel sonst noch als neueste Stadtneuigkeit auf seinem Wege aufschnappte, das beredete er, zappelnd vor Aufregung, vorerst mit der Jungfer Männe in der Küche des Hauses am Schloßberge. Zwanzigstes Kapitel Sie hatten sich wieder in der Fensternische der Bücherei eingenistet, der Doktor und sein Weib. Es war drei Uhr nachmittags und recht herbstlich-neblig draußen. Am Morgen waren die Dächer der Stadt, und vorzüglich die Kirchendächer, mit dem ersten Reif des Jahres überzogen gewesen. Um diese Stunde war der weiße winterliche Schimmer natürlich nicht mehr vorhanden; aber sämtliche Dächer schienen feucht-schwarz, viel schwärzer als gewöhnlich, durch den Dunst. Feucht und viel dunkler als sonst erschien auch alles übrige in der Welt, soweit sie von den Fenstern des Hauses Weyland zu überblicken war; auch die Dohlen um die Türme, die jedoch sich ungemein lebendig, frischflügelig und gut bei Stimme erzeigten. Bleibt uns vom Leibe mit eurer Siesta des sonnigen Südens! Was eine richtige Nachmittagsruhe ist, das wird einem doch nur an solch einem grauen germanischen Vorwintertage ganz klar. Ah – und wenn sie bis jetzt nur des Morgens hatten heizen lassen, so hatten sie heute zum erstenmal wieder Kalmüsel recht herzlich ersucht, doch ja das Feuer nie ganz ausgehen zu lassen in dem alten Kachel- und Pyramidenofen in dieser urgermanischen Bücherei des Hauses Weyland. Dummes Zeug – Siesta des Südens! – Schweiß, Atemnot und Stechmücken – es ist freilich schon einiger Reisestrapazen wert, um's auszuprobieren und nachher zu Hause das Vergnügen anderen anpreisen zu können! – Wie lange ist es her, seit Anselma neulich ihren Heinrich von seinem Schreibtische abrief: »O komm doch mal ans Fenster und sieh, was die Schwalben vorhaben!« – Es war eines der dem Garten zu gelegenen Fenster des Hauses, zu dem sie ihn hinrief. »Sie haben Reisepläne, Schatz! Jawohl, die Blutbuche da vor des Papas Stube ist ihr Versammlungsort um diese Jahreszeit, solange ich denken kann. Was war denn das? – Weiß Gott, der Papa schließt seine Fensterladen!« Sich dichter an ihren Gatten drängend, hatte Anselma, in das tausendfache, zierliche Geflatter, Geschwirr und Gezirpe blickend und horchend, geflüstert: »Wenn sie es so gut hätten wie ich, so blieben sie ganz gewiß auch hier. Aber ihnen wird es hier zu kalt, und mir –« Es war recht schade, daß der Doktor den Satz nicht zu Ende hörte; aber kälter wurde es freilich nicht durch die Art und Weise, wie er ihn unterbrach, in dem alten Wunderhause am Schloßberge. Sie durften die Schwalben dreist reisen lassen und brauchten auch durchaus nicht ärgerlich und boshaft die Fensterladen zuzuschlagen wie der Papa, dem das wanderlustige, leichtbefittichte Gesindel nebenan unter der Nase zwitscherte. »O, o – sieh, da gehen sie!« hatte Anselma, die Hände zusammenlegend, in kindlichem Jubel gerufen. Und sie hatten sich wirklich wie auf ein Signal erhoben und waren südwärts abgeschwirrt – die Schwalben der guten alten Stadt; und nach dem Geflatter, Gezirpe und Gezwitscher war es fast beängstigend still in dem Garten des Hauses Weyland geworden. »Es tut einem doch leid! Wie schön war es, als wir die erste dieses Jahres hinstreichen sahen! Damals riefest du mich und zeigtest sie mir unter unserem Dachrande. Es war doch ein herrlicher Sommer.« »Und morgen früh heizt Kalmüsel zum erstenmal, und es wird ein herrlichster Winter!« – – – Nun hatte Kalmüsel heute die Öfen des Hauses zum erstenmal den ganzen Tag über im Gange erhalten, und da – sind wir wieder in der Fensternische der Bücherei, und es ist währenddem halb vier Uhr geworden, und sie liegen noch immer träumerisch aneinander gedrückt in dem weiten Lehnsessel des Spinozisten und haben die Füße auf das Taburett auf der anderen Seite der Nische gelegt und haben keine Ahnung davon, daß Seine Exzellenz der Kaiserlich Russische Staatsrat a. D. Paul Petrowitsch Sesamoff soeben da unten im Hotel St. Petersburg den Kaffee mit – Mama Wunnigel einnimmt – nicht die allergeringste Ahnung! – Es ist fast ein Glück zu nennen, daß Kalmüsel es weiß und es mit dem so hoffnungsvoll erleichterten Eßkorb aus der Stadt mit heraufgebracht hat und jetzt mit der Jungfer Männe unten im Hause überlegt, wie man es am schonungsvollsten da oben in der Bücherstube der Herrschaft zur Kenntnis bringt. – – – »Wissen müssen sie es. Da ist weiter keine Rettung«, stöhnt die Jungfer, die Hände ringend. Aber wer soll es ihnen sagen? Ich oder Sie, Kalmüsel?« »Sie natürlich, Mamsell.« »Ich? O ja, mit Seelengaudium, wenn ich's dem alten Nichtsnutz, dem Herrn Re–gierungsrat, auf die Stube bringen könnte. Aber der – der Wüterich sitzt ja in Sicherheit beim Rottmeister Brüggemann, und auf die beiden armen Kinder da oben fällt alles. Gehen Sie hin, Kalmüsel; Sie bringen ja doch einmal die Nachricht aus der Stadt, und also kommt es Ihnen von Rechts wegen zu, und es ist Ihre Pflicht und Schuldigkeit.« »Als ob ich etwas dafür könnte, daß ich den Proviantesel nach dem Hause am Untertor spielen muß! Und als ob ich schuld daran wäre, wenn's mir der dritte Mensch auf der Straße, voll davon bis zum Platzen und voll dazu von Schadenfreude, in die Ohren schreit. Ich will Ihnen was sagen, Jungfer; ein halb Stündchen lassen wir sie noch in ihrer unschuldigen Ruhe, und dann – gehen wir zusammen hin als treue, alte Diener, die mit dem alten Hause leben und sterben, und sagen es kurz, wie es steht.« »Wußten es denn Brüggemann und der – der – Herr – Schwiegervater?« »Ne. Als ich den Korb abholte, noch nicht. Das wissen Sie ja wohl, Mamsell, daß so was der, den es am eigentlichsten angeht, immer am letzten zu erfahren kriegt; – – – haben Sie es etwa gewußt, daß der russische Sklave, den wir die letzte Woche doch immer hier in der Küche gehabt haben, ein ganz richtig verheirateter Sklave ist und daheim zu Hause längst seine Haushaltung hat und sieben Kinder und eine lebendige Frau und daß ihm das noch lange nichts hilft, wenn ihn auch sein Kaiser auf dem Papier freigelassen hat – den Sklaven, den Kalmuckenvielfraß?! Na, nach meinem Geschmack da denn doch lieber 'nen Polacken!« – – Hell erklangen um diese Stunde zwei Glocken durch den Petersburger Hof. An der einen wurde im Zimmer der Frau Oktavia Wunnigel gerissen; die andere zog bedachtsam der Knäs in seinem Gemache. Der Dame war mit einem Male recht unwohl geworden; sie schritt in fieberhafter, grimmiger Aufregung über den weichen Teppich hin und her, stampfte von Zeit zu Zeit mit den Füßen und lachte – letzteres jedoch nicht, weil sie sich amüsierte. Eine recht amüsante Geschichte zwar hatten ihr soeben Exzellenz erzählt und lächelnd den Bericht geschlossen: »So halte ich es für das beste, gnädige Frau, daß wir ein Billett schreiben an den Herrn – Schwiegersohn, den Herrn Doktor Weyland, und ihn bitten, hierher zu kommen und mit uns die Visite zu machen bei dem Herrn Regierungsrat, meinem Freund Wounikkel. Sie werden sich alle sehr freuen; denn ich freue mich auch. Mein Freund Wounikkel wird sich freuen, mein Freund Weyland wird sich freuen. Madame werden liebe Leute kennenlernen; ich habe auch liebe Leute kennengelernt. Es ist sehr interessant, sich in dieser Stadt acht Täge lang aufzuhalten.« »Es ist zum Rasend-Werden! Erwürgen werde ich ihn! Sie aber, schreiben Sie, Exzellenz; – ich – ich werde zu handeln wissen, wenn ich all dieser Lächerlichkeit, dieser bodenlosen Trivialität – diesem – Gesindel gegenüberstehen werde!« »Vous reconnaîtrez la main de la providence dans tout cela, ma chère«, sagte der russische hohe Staatsbeamte leise und zärtlich auf Russisch-Französisch und küßte zugleich der entrüsteten Landsmännin die Hand. On en rira à St. Petersbourg; n'est ce pas, Octavia Paulowna? Oho, Frau Regierungsrat Wounikkel – Madame Wouniccle! Aber es ist doch eine Position – eine – gesell–schaftliche Stellung, wie man hier sagt in Deutschland. Wir werden reisen. Übermorgen werden wir reisen, und wir werden zusammen reisen; – werden wir nicht, Gnädigste? – Werden wir nicht, mein – liebes Kind?« »Schreiben Sie an den jungen Mann – Wieland, Weyland, was weiß ich?! Lassen Sie ihn kommen! Mein Kopf! o mein armer Kopf! Sie sind ein edler Mensch, Petrowitsch; helfen Sie mir, mich an diesem – diesem Gesindel zu rächen, und ich überlasse mich Ihnen wirklich, wie Sie sagen, als ein weinendes, gekränktes Kind; ich folge Ihnen zurück nach der Heimat wie eine Tochter.« »Bah!« hatten Exzellenz gesagt; und – jetzt klingelte die Frau Regierungsrätin Wunnigel in ihrem Zimmer nach einem Glase frischen Wassers, und Paul Petrowitsch Sesamoff hatte in dem seinigen das Billett an den Doktor Weyland geschrieben und läutete seinen Petruschka herbei, um ihn mit dem verhängnisvollen Kuvert den Schloßberg hinaufzuschicken. – – – Wir können es nicht als ganz gewiß behaupten, daß der »Sklave« sich über die Sachlage ganz klar war; aber das dürfen wir dreist sagen, daß er ausnehmend hinterlistig (wie auch Kalmüsel meinte) grinste, als er um vier Uhr des Nachmittags das Billett seines Herrn in dem Hause am Schloßberge ablieferte. »Brief aus dem Petersburger Hof an den Herrn Doktor«, sagte Kalmüsel dumpf, das zierliche Schriftstück in die Fensternische reichend, und – die gute Stunde hatte damit ihr Ende. Der Tag fing bereits an, in die Dämmerung überzugehen, und so trat der Doktor mit dem Schreiben des Staatsrats dicht an die Scheiben – »Was ist denn, Heinrich?« fragte Anselma einen Moment später ganz bestürzt. »O, o, o – nichts, Herz! Durchaus gar nichts! – Ein – Patient im Hotel St. Petersburg – plötzliche Erkrankung auf der Durchreise. – Kommt nicht selten vor; – Kalmüsel, meinen Rock und meine Stiefel! Liebes Kind, meinen Hut; Hm – ha – hm – o!« »Heinrich!« rief die Frau, sich anklammernd, »Heinrich, jetzt bitte ich dich um Gottes willen, um unserer Liebe willen! Heinrich, um meinetwillen – sie ist angekommen!! Bitte, bitte, sag's nur! Bitte, bitte, ich weiß es, und wenn du es leugnest, so lügst auch du! O Heinrich, lieber, lieber Heinrich, sie ist angekommen mit der Eisenbahn – nicht wahr, sie ist angekommen?« »Nun, dann in Gottes Namen, Herz: Ja! Sie ist da! « Anselma Weyland geborene Wunnigel hatte nach dem Billett der russischen Exzellenz gegriffen und überflog es mit fliegendem Atem. »Und um fünf Uhr will er sie zu dem Papa und dem Herrn Rottmeister führen! O Gott, o Gott, Gott! Und was wollen wir denn nun tun?« »Ebenfalls einen Abendspaziergang machen und dem Papa und dem alten Brüggemann einen Besuch abstatten, wenn – du dich ganz erholt haben wirst.« – – – – – – – – – –   »Ausstehen kann ich den Samojeden, diesen – sibirischen Sklaven und Moskowiter für'n Tod nicht; aber einen Schnaps schenke ich ihm doch unten in der Küche ein«, brummte Kalmüsel. »Das hat er diesmal durch seinen Botenweg an mir verdient; denn da kenne ich die Jungfer Männe, zuletzt hätte ich doch den Deckel vom Topf tun müssen, wenn er nicht mit der Benachrichtigung gekommen wäre. O, das gute alte Haus! So lange es steht, hat es solch eine Geschichte nicht erlebt! – – Das ist doch wirklich und wahrhaftig, als ob ihm in jedwedem Jahrhundert was ganz Funkelnagelneues passieren müßte!« – – – Fünf Uhr! – Wir haben, wenn wir nicht irren, schon von dem schönen Klang der Glocken in den grauen, gotischen Türmen der Stadt gesprochen. Ja, die Glocken änderten ihren Ton nicht, als sie diese fünf Schläge den tief unter ihnen sich ärgernden, sich ängstigenden, sich freuenden oder zufällig einmal gleichgültigen Menschenkindern zuzählten. Sie ärgerten sich nicht, sie ängstigten sich nicht, sie freuten sich nicht, sie blieben schön – melodisch und harmonisch in dem, was sie zu sagen hatten: etwas Klassischeres als diese alten Romantikerinnen in Bronze war in keiner Literatur der Welt zu finden. Ihr aber, die ihr vor diesem Buche sitzt und über Wunnigel gelacht habt, sucht mir einen Menschen in einer trostloseren Lebenslage als den Regierungsrat Wunnigel aus Königsberg um fünf Uhr nachmittags an diesem nebeligen deutschen Herbsttage! – Sie stiegen hernieder vom Schloßberge; und so wie jetzt hatte Anselma Weyland noch nimmer am Arme ihres Gatten gehangen, und so wie jetzt hatte sie noch nie die Kapuze über die Ohren gezogen. Schon zündete man in den Häusern und in den Läden die Lampen an, und der Nebel wurde mit jedem Schritte von der Höhe in die Niederung hinunter dichter. – Das Untertor stand wie ein mittelalterliches, gespenstisches Ungeheuer im Abend und Dunst, und der Lichtschimmer aus dem Häuschen am Untertor war gespenstischer als alles übrige – das allermodernste Leben und Wesen, Werden und Weben hatte alles, alles – Gemäuer und Licht mit Sturm genommen und war Herr davon, darin und darüber! – Sie fanden richtig die junge europäische Schwiegermutter, die mittelalterliche russische Exzellenz und den Herrn Rottmeister Wenzel Brüggemann am Bette des Papa Wunnigel in dem Hinterstübchen des alten, bankerotten Uhrmachers und Tausendkünstlers, und Oktavia Paulowna Wunnigel hatte noch das Wort, als sie eintraten. Der Papa Wunnigel, der es so häufig, ja fast immer im Leben gehabt hatte, hatte es nicht mehr! – – – Er hatte den Kopf unter die Decke gezogen; aber was ihm gesagt wurde, schien er, trotzdem daß er vollständig den Bewußtlosen spielte, ganz richtig verstanden zu haben und zu verstehen; denn von Zeit zu Zeit ging ein Ruck und Zuck durch die Decke, und zwar jedesmal dann, wenn er fand, daß – sein Weib wohl nicht ganz unrecht habe. Nur ein einzig Mal, als auch der russische Kollege ein Wort dareingab, kam er rasch mit der allgemach so sehr spitz gewordenen Nase zum Vorschein und ächzte: »Ja, Wounikkel, Wounikkel! Weshalb sagen Sie nicht lieber Karnikkel, lieber Sesamoff? Karnikkel hat stets allein schuld! Karnikkel hat immer zuerst angefangen, nämlich hier bei uns in Deutschland, bester Freund, wenn von einem – o Oktavia, Oktavia, müssen wir uns denn so wiedersehen!?« »Ein Nichtswürdiger – ein miserabler Verräter sind Sie, mein Herr! Ein – ein – ein – o Worte, Worte, um alles auszudrücken, was ich zu sagen habe –« Der Regierungsrat steckte bereits wieder unter dem Deckbett, und der Knäs hatte sanft, zärtlich, aber doch auch energisch zuzugreifen, um die Frau Regierungsrätin abzuhalten, die Decke wegzureißen und ihren kuriosen Gemahl in seiner ganzen Blöße im Lichte der kleinen Lampe des Rottmeisters Wenzel Brüggemann darzulegen. »Ha, ha, ha! – ha, ha, ha!« lachte es plötzlich gemütlos-dumpf von der Wand hernieder. Es war das künstlichste der Uhrwerke des Rottmeisters, das von ihm noch nicht abgestellt worden war und welches nun mit öder Schadenfreude die sechste Stunde des Tages verkündete. Und es war ein wirklicher Segen, daß das alte Uhrmacherchen sein gestriges Wort noch nicht zu einer Wahrheit gemacht hatte: unter dem Eindruck dieses mechanischen, dickbäuchigen, philisterlichen Pläsiergeräusches trat die erste Pause in dem Gezerr und Gezeter in dem sonst so stillen Häuschen am Untertor ein. – Sie blickten alle stumm nach der Wand. »He, he, he«, kicherte das Rottmeisterchen, »der Nachbar horcht hinter der Tür! Sehen Sie, ich habe fünf Jahre daran gearbeitet, ehe ich ein so groß Stück von Deutschland in das Gehäuse da und das Gebläse 'neingekriegt habe. Die Herrschaften müssen aber selbst sagen, daß es jetzt so ziemlich natürlich grob und dumm klingt. Das ist die Kunst, das herauszubringen, was ein jeglicher alltäglich vernimmt und allwo er doch nachher dann sagen muß: ›Ja, Teufel auch, Brüggemann, wie kommt Ihr auf den Gedanken? Ein schnurriger Einfall ist's ganz gewiß.‹« Der Doktor Heinrich Weyland drückte dem Alten innig die Hand. Diese plötzliche, ganz unvermutete Erklärung und Auseinandersetzung des Alten fiel so drollig unpassend und doch passend in die Stimmungen und Gefühle des so ausnehmend harmonisch zusammengewürfelten Menschenhäufleins hinein, daß ihm der Doktor wirklich wohl dankbar dafür sein mochte. »Ich gebe Ihnen Hundert Rubel für dieses Kunstwerk, mein lieber Freund Brükkelmann«, sprach die Exzellenz. »Hundert Rubel Silber gebe ich dafür, daß ich diesen Philister mit mir nehmen kann nach Sankt Petersburg.« Die Stiefmama fand zum erstenmal Muße, sich die zitternde, schluchzende angeheiratete Tochter zu betrachten, und Heinrich Weyland konnte endlich sein Weibchen an der Hand nehmen, mit ihm vortreten und bemerken: »Gnädige Frau – meine Frau! Anselma geborene Wunnigel. Mein Name ist Weyland – ein ziemlich patientenloser Doktor der Medizin in hiesigem Städtchen. Die Frau Regierungsrätin Wunnigel darf versichert sein –« Die Frau Regierungsrätin Wunnigel sah mit solcher souveränen Verachtung und so sehr von oben herab auf diesen gutmütigen, patientenlosen deutschen Doktor und warf mit derartigem Ruck den Oberkörper zurück, daß der Besitzer des Hauses am Schloßberge mit seiner Einladung in dasselbige – vielleicht glücklicherweise – nicht zustandekam, sondern vor dem niederschmetternden Blick der kosmopolitischen Schwiegermama – lächelnd, immer noch seine Frau am Handgelenk haltend – in den dunklen Schatten des Hinterstübchens im Hause am Untertor zurücktrat. – Er verbeugte sich tief dabei. – »Herr von Sesamoff«, sagte die gnädige Frau, mit allen anderen wie in bodenlosester Verachtung endigend und dafür mit dem Knäs ganz von neuem anfangend, »Paul Petrowitsch, erlösen Sie mich von der Lächerlichkeit. Der Mensch da unter der Decke wird wahrscheinlich nicht verlangen, daß ich die Barmherzige Schwester an seinem – Strohsack spiele. O mon Dieu, quelle baraque! quelle atmosphère! c'est à étouffer, und ich ersticke, lieber Staatsrat, wenn Sie mir nicht sofort Ihren Arm geben sind mich nach dem Hotel zurückführen. Diesem andern Herrn da und jener Dame werde ich vom Hotel aus, unter Ihrem Ratschlag, Herr von Sesamoff, das übrige Nötige mitteilen können.« Auch die russische Exzellenz warf einen Blick auf das junge Ehepaar und verbeugte sich gleichfalls tief vor der gnädigen Frau. Zugleich hielt er seinen Arm hin, und der Doktor Weyland kniff sofort im Dunkel in den seiner Frau, was nur so viel heißen konnte als: »Ein ganzer Prachtkerl ist er! Er soll aber auch zum Andenken dafür die Wahl haben unter allen unseren Kuriositäten da oben. Ein himmlischer alter Bursche! – Weiß Gott, er führt sie ab, und er wird sie auch richtig über die Grenze bei Eydtkuhnen und Wirballen abführen. Gott segne seinem lieben Vaterlande diese ethnologische Kuriosität.« »O dieser Papa – dieser Papa – dieser Papa!« sagte das fieberhafte Zucken der kleinen Hand in der Hand des klugen Doktors. Der Knäs hätte diese Szene um alles nicht gemißt in seinen Reiseerinnerungen. Man kann in Rußland und in der Fremde, im kaiserlichen Staatsdienste und außerhalb desselben vielerlei Vergnügliches und Erhebendes erleben; aber so zum richtigen Moment wird man doch selten vom Schicksal in der Gestalt eines »Freund Wounikkels« dazu an einen bestimmten Ort hingeführt. Paul Petrowitsch kam es in diesem Augenblicke absolut so vor, als sei er nur deshalb geboren worden, um hier als heiterer, gelassener Mittler aufzutreten. Er – er war's, der für jetzt die Frau Schwiegermutter in das Hotel Sankt Petersburg abführte; er war es, mit dem sie zwei Tage später ganz wieder abreiste, und zwar gen Nordosten. Es soll freilich später zwischen einem nicht namhaft gemachten Flügeladjutanten Seiner Majestät und ihm zu einem unangenehmen »Renkontre« gekommen sein. Die Sache verläuft sich in den hohen Petersburger Gesellschaftskreisen und braucht uns nicht zu kümmern. Es ist eine neue Geschichte, die wir gottlob nicht zu erzählen haben; es handelte sich da um fernere und nähere Verwandschaftsgrade, und daß doch nicht jedermann der Kusin irgendeiner bestimmten Kusine sein kann. Dagegen aber taucht nun noch einmal eine andere schon erwähnte Persönlichkeit in unserem wahrheitsgetreuen Bericht auf, und zwar Herr Nolte, der Wirt vom Riedhorn. Dieser schickte nämlich einen Boten in die Stadt mit der Meldung, daß bei ihm noch immer eine Kiste stehe, das Eigentum des Herrn Rats Wunnigel, und »bitte ich, womöglich nächstens diese Kiste abholen zu lassen, weil sie mir den Raum beengt und ich nicht damit hin weiß«. Und es war die Frau Regierungsrätin Wunnigel, die mit dem Staatsrat nach dem Riedhorn hinausfuhr und den Kasten aufschloß. Wütend wandte sie sich wieder ab und an ihren Begleiter: »Es wird immer empörender. Er hat mich auch hierauf verwiesen.« »Er ist immer originell, mein Freund Wounikkel«, lächelte die Exzellenz, »lassen Sie aber doch einmal sehen. Petruschka, nimm jeden Gegenstand recht vorsichtig heraus.« Zum Vorschein kam das Sammelsurium von alten Türschlössern, Glaswaren und dergleichen, welches unser Freund Wunnigel auf dem Riedhorn, während seines verhängnisvollen Aufenthalts daselbst, zusammengetragen hatte. »Einiges davon ist doch interessant für mich«, sprach der Knäs, »und ich werde es ihm abhandeln, meinem Freund Wounikkel.« » Ich schenke es Ihnen alles, Paul Petrowitsch«, ächzte die Frau Regierungsrätin; und am dritten Tage nach dem Zusammentreffen im Hause am Untertor fuhren sie, wie gesagt, über Eydtkuhnen nach St. Petersburg. Am Bahnhof befand sich aus der deutschen Verwandtschaft nur der Doktor Heinrich Weyland, und er schien als guter, liebenswürdiger Mensch selbst auf die Mama keinen ganz unvorteilhaften Eindruck gemacht zu haben. Sie reichte ihm nämlich wirklich die Hand aus dem Kupee und sagte lächelnd drohend: »Eigentlich sollte ich Sie lieber Sohn nennen. Schade, daß ich doch etwas zu jung dazu bin! Leben Sie recht wohl mit dem herzigen – beiläufig gar nicht üblen Persönchen, meinem – Stieftöchterchen. – Adieu, lieber Doktor Weyland! « Die Exzellenz reichte ihre Dose aus dem Wagenfenster: »Leben Sie wohl, Doktor. Ich werde Sie und Ihr Haus nie vergessen, und ich werde Ihnen und meinem Freund Wounikkel einmal schreiben aus St. Petersburg.« Der Doktor ging nach Hause und sagte, den Schloßberg hinaufsteigend: »Das Unterbinden der Arterien bleibt doch die Hauptsache. Den Knochen kriegt man schon durch. Na, hoffentlich findet kein zu reichliches Nachbluten statt.« Zu Hause fand er sein Weib nicht im Gemache der Großmama, nicht in dem Salon der seligen Mutter, nicht in der Bücherei, sondern in der Küche, zwischen Kalmüsel und der Jungfer Männe; d. h. sie – Anselma – saß auf der Wasserbank, und Kalmüsel und die Jungfer standen mit gefalteten Händen vor ihr und sagten: »Aber so beruhigen Sie sich doch, Frau Doktorin! Es kann ja alles gar nicht besser gehen. Ach, wüßten Sie nur, was dieses alte Haus schon alles erlebt hat an viel, viel schlimmeren Dingen.« Und der Doktor holte sich seine kleine Frau herauf aus der Küche und meinte: »Sie haben wirklich recht, Herz; – das alte Haus hat viel ärgere Geschichten erlebt, denn mir kommt es seit vorigem Jahre so vor, als erlebe es jetzt das erste wirkliche und wahrhaftige Glück in seinen vier Mauern. Nun, Mäuschen?« Es lag ein sehr scharfer Wind auf den Fenstern der Bücherei an diesem Tage, und so war es selbstverständlich, daß der kluge Arzt sein Weib jetzt nicht in die Fensternische, sondern lieber in den großen Lehnstuhl im Ofenwinkel zog – »Und den Papa können wir uns jetzt auch ja wieder heraufholen vom alten Brüggemann«, schloß der Doktor. Daraus wurde aber nichts. – – Sie legten ihm, dem Papa Wunnigel, dringend, ja flehentlich die Bitte ans Herz, jetzt doch nicht länger ein Narr und alter Eigensinn zu sein, sondern Vernunft anzunehmen und wieder einzuziehen in das Haus Weyland und behaglich und gemütlich seinen ganzen freien Willen darin zu haben. »Gebt euch keine Mühe«, brummte der Alte, »und vor allen Dingen bleibt mir mit meinem freien Willen vom Leibe! Dich nenne ich sofort wieder Sie , wenn du mir noch ein einziges Mal mit dieser Dummheit kommst, mein Sohn! Hier liege ich und hier bleibe ich liegen; der Rottmeister hat nichts dagegen einzuwenden; – zum Schluß will ich doch wenigstens einmal ein paar Tage lang meine Ruhe in diesem zerfahrenen Jammerdasein haben. Da weint sie wieder! Das soll einen nun nicht ärgern?! Himmeldonnerwetter, wie soll man sich denn ausdrücken, um nicht jedesmal Ärgernis, Tränen oder Muffigkeit hervorzurufen und unerquicklich aufregend auf das Herz, die Gallenblase oder – na, du verstehst mich, Sohn Heinrich! – der Nebenmenschen einzuwirken? – Ihr steckt noch darin, also geht, liebste Kinder, und lebt euch aus. Ich aber habe, das weiß der Herrgott, in jeglicher Anthropomorphose abgeschlossen, kenne den Klüngel und will nichts mehr von ihm wissen. Habe ich noch Zeit, so machen wir beide, Brüggemann da und ich hier im Bett, noch ein mechanisch künstliches Wunder für eure Kinder zum Angedenken an uns. Wenn nicht, nun denn – so nicht! Wenn es euch drängt, mir einen Stein späterhin aufzulegen, so bitte ich, nur den Namen Wunnigel drauf zu setzen; schlechterdings nichts weiter, kein Datum noch Jahreszahl, gar nichts, keine Silbe . Wenn dann jemand das Bedürfnis haben sollte, mich zu suchen, so wird er mich ja auch wohl finden. Valete.« »Lassen Sie den Herrn Regierungsrat nur bei mir«, sagte der Rottmeister kopfschüttelnd. »Sie sehen, Zureden hilft hier nichts mehr.« Sie sahen das seufzend ein, und es blieb ihnen in der Tat nichts übrig, als ihn dazulassen und ihr eigenes Leben auszuleben, wie er es ihnen soeben angeraten hatte. Nützlich aber ist es immer, sich bei einem so ziemlich am Endpunkt der Reise Angelangten zu erkundigen: »Wie war denn der Weg?« – – – – Dieses und jenes würde nun wohl noch in Betracht zu ziehen sein.«Zum Exempel, was heißt das eigentlich: Auf seinem Kopfe bestehen! – ? – Im Grunde weiter nichts, als sich vor der Welt auf den Kopf gestellt zu haben und nicht wieder auf die Füße gelangen zu können. Sonderbarerweise imponiert dieses dann und wann sehr, und war das Rottmeisterchen in dem Hause am Untertor im langen und langsamen Laufe der Jahre sozusagen zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden, so wurde der Regierungsrat Wunnigel aus Königsberg jetzt im Laufe einiger Wochen zu einer der größesten Kuriositäten der Stadt, an denen es, wie wir wissen, auch ohne ihn durchaus nicht mangelte. »Das gibt es doch wirklich nicht zum zweiten Male auf Erden!« meinte die Stadt, und vor allem meinten dieses die Leute, welche den Mann erst auf dem Riedhorn und nachher auf der Hochzeit seiner Tochter kennengelernt hatten. Das innige Bedürfnis des Philisters, vor allen Dingen seine Persönlichkeit sicherzustellen, konnte sich selbstverständlich nicht in diesen Menschen finden, der so kurzweg seine Persönlichkeit mit allem, was daran hing, aufgab, sich da ins Bett legte und dem Universo einfach den Rücken zukehrte. »Nun will ich Ihnen noch etwas sagen, Brüggemann«, sprach dann ungefähr gegen das Ende des Dezembers Wunnigel. »Sie sind zwar ein außergewöhnlich uralter Knabe, aber das, was, wie man spricht, den Menschen vom Tiere unterscheidet, haben Sie, ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, ganz brav konserviert. Also geben Sie acht und folgen Sie mir in den Kern des Daseins, wie ich nußknackerlich ihn mir aus der harten Schale herausgebissen habe. Stimme von oben: Verflucht sei der Acker um deinetwillen! – Stimme von unten: Alles in der Welt ist mit Dreck versiegelt!« »Herrje, Herr Regierungsrat?!« »Jawohl! Ich bin freilich der Regierungsrat außer Dienst Wunnigel aus Königsberg; aber – Brüggemann – der Mensch, der hier die Responsen auf das Wort der Genesis singt, der soll es eben besser gehabt haben im Leben als irgendein Bewohner der wimmelnden Erde. Was sollen wir denn sagen, wenn die Lieblinge der Götter solche scheußliche Redensarten zu ihren tagtäglichen Lieblings-Beruhigungsworten machen? Den Fluch sprach der alte Jehova; aber es war der weiseste der deutschen Menschen, der große Goethe, der in seinen alten Tagen das Wort von der Versiegelung daraufhin erwiderte oder besser das Verdikt kontrasignierte.« »Natürlich ist mir das meiste, was Sie mir da eben mitteilen, zu hoch, Herr Rat«, meinte der Rottmeister. »Eines ist mir jedoch denn klar, nämlich daß es dann ganz und gar nichts hilft, bei irgendeinem Zugreifen Handschuhe anzuziehen. Ich sage nur, mich hätten Sie mal sehen sollen an den Tagen, wo mir so'n recht verpicht Tagesgeschäft zugereicht wurde, vorzüglich aber an dem Tage, wo der Konkurs über mich ausbrach, und pure deswegen, weil ich meine Uhren immer zu gut machen wollte. Und sehen Sie, da sind denn der große Dichter und Poet und der kleine Uhrmacher ganz auf dasselbe herausgekommen und haben ein recht hübsches Alter erreicht – ohne Handschuhe. Resolut aufbrechen und nachher sich waschen! Das wird die richtige Maxime sein. Die Handschuhe hat man in der Fracktasche und zieht sie an bei Gildenaufzügen, oder wenn man auf dem Rathause oder sonst herrlich in Magistratsangelegenheiten zu schaffen hat und aufzuwarten hat.« »Jawohl, Handschuhe – Brüggemann – und Aufwarten«, lallte der Regierungsrat gähnend und schon im Halbschlaf. »Konkurs! O ja, ich habe auch ein Buch übers Konkursverfahren geschrieben. Es wird oft zitiert. Vielleicht zitieren sie es gerade in diesem Augenblick in meinen eigenen Angelegenheiten in Königsberg auf – dem – Stadt–gericht. Hören Sie, Brüggemann, den Kerl mit der Prise kriegen wir so noch nicht heraus. Das Kopfschleudern beim Geniese ist noch lange nicht prägnant genug.« »Ich habe auch allbereits darüber simuliert. Wissen Sie, das Federwerk liegt zu hoch. ich denke, wir legen das Zahnrad so ungefähr aufs Zwerchfell; dann, meine ich, bringt es den Ruck im Armgelenk und den Zuck im Genicke wohl ins Richtige.« Der Regierungsrat schlief schon wieder in den klaren Wintermorgen hinein und – das war alles recht nett, gemütlich und behaglich; aber worauf lief's zuletzt hinaus? Auf das Ende des Buches Wunnigel – Drei- oder viermal war es im Laufe des Winters doch nötig geworden, mit St. Petersburg zu korrespondieren. »Wenn du die Schreiberei besorgen willst, Sohn Heinrich, – gut! Wo nicht, auch gut! Ich schreibe jedenfalls nicht, das heißt jedenfalls nichts weiter als meinen Namen. Den aber setze ich mit Vergnügen unter alles, was man mir vorlegt. Hörst du, lieber Junge, unter alles! Wer ihn so wie ich unter sein eigen Todesurteil geschrieben hat, dem kann es auf ein »Manu propria« mehr oder weniger in der Hinsicht nicht ankommen. Schreiben? Ne! Unterschreiben? Was euch beliebt! Wie es euch beliebt! Wo es euch beliebt! Mit Vergnügen!« Mitte Februar meldete der Doktor der Frau Oktavia Wunnigel das friedliche Abscheiden seines teuren Schwiegervaters Regierungsrat a. D. Wunnigel aus Königsberg; und – – – und zurück schrieb diesmal nicht die Mama, sondern der Freund des Hauses am Schloßberge, Paul Petrowitsch Sesamoff, und zwar einen ziemlich langen französischen Brief, in welchem er die glückliche Eigenschaft der französischen Sprache, zweierlei in denselben Worten (in diesem Falle Beileid und Glückwunsch!) ausdrücken zu können, auf das feinste und freundschaftlichste benutzte. Auf die geschäftlichen Fragen, die dabei zutage kamen und von Deutschland aus rasch und reinlich durch das Wort: ab intestato, außerdem leider aber auch: Vermögen nicht vorhanden, erledigt wurden, brauchen wir wohl nicht näher und weiter einzugehen. »O Gott, so hast du mich denn nun allein!« hatte Anselma geschluchzt, doch nicht als der Gatte den Brief an den Staatsrat adressierte, sondern als er vom Begräbnis des Papa zurückkam. Daß auch das arme gute Kind durch diese Worte nicht bloß einem Gefühle Ausdruck gab, wußte sie gottlob nicht, und es kam und kommt wahrlich keinem in diesem vielstimmigen, vielfühligen Erdendasein zu, ihr darüber Vorhalt zu machen. Zärtlicher denn je erwiderte der Gatte: »Ja, so sind wir denn augenblicklich zu zwei. Herz, wir müssen eben suchen, darüber wegzukommen. Es ist unsere Pflicht – und nun weine nicht länger, unsere Pflichten wachsen ja aus unseren Schicksalen auf.« Die schluchzende junge Frau verstand ihn nicht so recht; aber sie verließ sich als gute junge Frau auch diesmal darauf, daß er recht habe. Der einsame oder zwiefache Zustand dauerte auch wirklich nicht lange. Im Anfange des Märzen waren sie auf einmal wieder zu drei – im Jahre darauf zu vier, und heute warten Kalmüsel und Jungfer Männe abermals mit höchster Spannung darauf, ob es diesmal wieder ein Junge »werden werde«. Das alte Herrchen im Hause am Untertor erlebte richtig noch die beiden ersten Nummern und lieferte zu jeglicher Taufe ein kunstvoll Spielwerk, das nach Gebühr von Anselma und dem Doktor bewundert wurde. »Verständnis müssen sie jedoch erst dafür haben, Brüggemann«, meinte der Doktor, wenn er vom Schloßberge herunterstieg, um sich für die Hampelmännerei zu bedanken. Diesen Zeitpunkt hat der Herr Rottmeister nicht mehr erlebt; aber gemerkt und beobachtet hat er das Stillstehen des Räderwerks in seinem eigenen künstlichen Organismus auch nicht. Das Ding mußte während eines behaglichen Mittagsschläfchens sein Ticktack eingestellt haben. Man fand den Alten lächelnd in seinem Lehnstuhl, und zwar mit einem solchen Lächeln um Nase und Mund, als ob er ganz zuletzt noch einmal im Traume vergnügt »He, he, he – heh!« gesagt habe.