Friedrich Nicolai Geschichte eines dicken Mannes Worin drei Heiraten und drei Körbe nebst viel Liebe Einleitung Man beurteilt immer das Unbekannte nach dem Bekannten. Dies ist sogar eine Regel der Gelehrten; und so wette ich, der gelehrte Leser wird bei Erblickung des Titels sogleich alle dicken Leute alter und neuerer Zeiten durch sein Gedächtnis laufen lassen, um unsern dicken Mann damit zu vergleichen. Ich wette aber auch, es wird dem gelehrten Leser ergehen wie gelehrten Leuten sehr oft. Sie schließen und folgern, aus der ihnen beiwohnenden gelehrten Weisheit, über Menschen und menschliche Angelegenheiten so streng, so kritisch, so weise, so bündig, so unwidersprechlich, daß jedermann von der Richtigkeit ihrer Sätze notwendig überzeugt sein muß; es wäre denn, daß er sie etwa nicht verstände, worüber sie immer zu klagen pflegen. Gleichwohl ereignet es sich nicht selten, daß kein einziger ihrer Schlüsse und Folgerungen trifft und paßt, sobald diese gelehrten Männer heraussteigen aus ihren Studierstuben, Gymnasien, Lyzeen, Universitäten, Akademien der Wissenschaften und der freien Künste und wie sonst die gelehrten Treibhäuser heißen, in welchen vermittels vielen gelehrten Düngers und nicht weniger gelehrten Dampfes alles menschliche Wissen und Verstehen viel früher zur Reife gebracht wird als bei den unwissenden, elenden Menschenkindern, die ihren unsterblichen Geist weder durch Belesenheit noch durch Spekulation düngen und deren beklagenswürdiges Schicksal bloß ist, zu wirken und zu handeln. So viel sich die gelehrten Freunde des Verfassers erinnern, gibt es vorzüglich – ungerechnet drei bekannte dicke Könige und dicke Prälaten ohne Zahl – nur noch sieben recht berühmte kurze und dicke Leute: Einen im Altertume und sechs in neuern Zeiten. Wofern nun der gelehrte Leser etwa meinen sollte, unser dicker Mann gleiche einem von den zehnen oder von den sieben oder auch nur irgend einem andern dicken Manne, der ihm sonst einfallen könnte: so ist abermal zehn gegen eins zu wetten, der gelehrte Leser wird sich irren. Überhaupt, günstiger, gelehrter oder nicht gelehrter Leser! liebst Du das Erhabene, bist Du etwa gewohnt, nur die Leben zu lesen von Königen, Prinzen, Prälaten, Feldherren, Heiligen, Wundertätern, Professoren, die sich durch sterbliche Systeme unsterblich machen, und sonst von andern weltberühmten Leuten – mager oder dick von Gestalt –, so wollen wir Dich hier dienstfreundlich ersuchen, dies Buch zuzuschlagen und nicht weiter fortzufahren. Wir weisen Dich hier gleich dahin, wo Du Deine Befriedigung finden wirst: zu den neuern deutschen Schriftstellern, welche sich auf das Erhabene legen, im eigentlichen Verstände legen , um es mit der Schwere ihres Geistes zusammenzudrücken. Wir gestehen Dir ungefragt, hier ist kein vornehmer oder hochberühmter Mann zu beschreiben. Wagst Du es, unsrer Warnung ungeachtet, weiterzulesen: so tue Verzicht aufs Erhabene und Große. Du wirst nur in die Familie eines gemeinen Handwerksmannes eingeführt; und unser Held selbst war so klein und so dick, daß ihn sogar der berühmte Doktor Knüppeln, welcher Friedrich den Großen so klein beschrieb, nicht noch kleiner hätte machen, noch der berühmte Magister Geisler der Jüngere, welcher unbedeutende Geschichten so dick aufblasen kann, noch dicker hätte aufblasen können. Ganz besonders wirst Du gebeten, günstiger Leser, unsern dicken Mann mit keinem Könige, der etwa könnte kurz oder dick gewesen sein, in Gedanken zusammenzustellen. Wir reden gar nicht von Königen. Dies überlassen wir dem weltberühmten Professor Aloysius Hoffmann, der, als seine früh verblichene Wiener Zeitschrift noch lebte, gegen alle adeligen und bürgerlichen Aufklärer die Rechte der Könige so mutig verteidigte, da sie sonst, wie er selbst sehr deutlich zu verstehen gab, leicht in Nichts hätten zerfallen können, wären sie nicht emporgehalten worden von ihm und seinen würdigen Mitstreitern, dem Ritter Johann Georg von Zimmermann, dem Paten Professor Anton Hofstätter und andern, die sich den philosophischen Volksverführern, die jetzt gräßlich herumhausen, so tapfer widersetzten. Also hier weiter kein Wort, weder von Karl dem Dicken, Könige von Deutschland und Frankreich, der seiner Frau zumutete, nach zehnjähriger Ehe ihre fortdaurende Jungfrauschaft durch Berührung eines glühenden Eisens zu beweisen, noch von Ludwig dem Dicken, Könige von halb Frankreich, der, um sicherer in den Himmel zu kommen, auf einem von Asche gestreueten Kreuze starb, noch von Heinrich dem Achten, dem kurzen und dicken Könige von England, der drei Käthen, zwei Annen und eine Hanne heiratete, noch von allen andern kurzen und dicken Königen in der Welt: selbst wenn im Königreiche Yvetot oder im Königreich Sylva noch irgend ein kurzer und dicker König menschlichen oder tierischen Geschlechts vorhanden gewesen sein sollte. Unser dicker Mann ist nicht einem davon ähnlich. Auch bitten wir Euch, sagt kein Wort weiter von Professoren und Rittern, welche ungebeten die Könige mit ihren Gänsekielen verteidigen wollen. Begegnet Euch aber auf Eurer Reise durch die Welt ein Ritter, der für seinen König mit dem Schwerte ficht, so wie Ritter Möllendorf oder Ritter Kalkreuth oder andre biedre Ritter der Art, dem mögt Ihr die Hand bieten; wir bieten sie ihm auch. Die merkwürdigen sieben dicken Männer, mit welchen man unsern Helden etwa möchte vergleichen wollen, wären: Thersites im Altertume und in neuern Zeiten Sancho Pansa, Falstaff, der Kanonikus Gil Perez, Oheim des berühmten Gil Blas de Santillana, der dicke Mann auf Otaheiti, der so vornehm war, daß er sich mit gehöriger Gravität täglich von seinen Weibern das Essen in den Mund stopfen ließ, und zwei dicke kurze Personen im Tristram Shandy, nämlich Doktor Slop, der Geburtshelfer, und der kleine Trommelschläger mit säbelförmigen Beinen, der am Tore zu Straßburg auf der Wache war, als ein Fremder hereinritt, kommend vom Vorgebirge der Nasen, mit der größten Nase, von welcher Welt und Nachwelt keinen Begriff haben würden, wenn der berühmte Hafen Slawkenbergius nicht Sorge getragen hätte, sie ganz genau zu beschreiben. Diesem Trommelschläger gleicht unser Held nun auf gar keine Weise; denn er hat keinesweges säbelförmige, sondern gesunde ganz gerade Beine, mit netten Waden, wohlgeformt gleich den Waden des Apoll von Belvedere. Weder wurstförmige Waden, welche zufolge der Bemerkung des Physiognomisten Johannes Baptista Porta eine Eigenschaft der hagedornschen Schnarcher voller Schulgeschwätze sind, die jedem Naemanns Krätze gönnen, der von ihrem Systeme abweicht, noch schlotterige, gleich den Waden weiland Johann Kaspar Kubachs, des Gebethelden, der mit seinem Gebete nie Wunder getan hat. Dem Doktor Slop, mögt Ihr ihn Euch auch denken wie Ihr wollt, ist unser Held gleichfalls nicht im mindesten ähnlich. Seht den Doktor nur an, es sei wie ihn Hogarth wie ihn Hogarth schlafen läßt, oder wie ihn Chodowiecki vom Pferde wirft – S. die Titelkupfer des 1sten Teils der deutschen Übersetzung des Tristram Shandy und die Chodowieckischen Kupferstiche dazu (Anm. Nicolais). schlafen läßt, oder wie ihn Chodowiecki vom Pferde wirft; und Ihr müßt gleich merken, Anselm Redlich müsse ein ganz anderes Kerlchen sein. Ihr werdet weiter unten finden, er ist rundlich, niedlich, witzig, gelehrt, galant, dem Frauenzimmer ergeben und nebenher zuweilen ein wenig ein Hasenfuß, unbeschadet seiner Sittsamkeit, Gelehrsamkeit und besonders seiner Klugheit, auf die er wohl, wie auch weiter unter erhellen wird, selbst einigen Wert setzen mag. Ein solches Männchen schläft ganz anders und fällt ganz anders vom Pferde als eine so plumpe Masse wie Doktor Slop. Daß unser Anselm dem dicken Manne auf Otaheiti so wenig gleicht als dem Manne im Monde, kann der günstige Leser leicht einsehen, weil er eben ist belehrt worden, Anselm sei nicht vornehm; und weiter unten, wenn der günstige Leser geduldig genug ist, bis dahin zu lesen, wird belehrt werden, Anselm, so viel er auch dem Wohlwollen des schönen Geschlechts zu danken hat, müsse viel zu galant sein, um dem Frauenzimmer Mühe mit sich zu machen. Mit dem Kanonikus Gil Perez, der nur drei und einen halben Fuß hoch war und dessen Kopf zwischen den Achseln steckte, ist auch kein Vergleich anzustellen. Anselm ist von gehöriger Leibesgröße und trägt seinen Kopf erhaben, ist auch nicht unwissend wie der ehrwürdige Gil Perez, sondern gelehrt und klug, beides im Übermaße, wie aus der folgenden Geschichte vermutlich sich noch weiter ergeben wird. Dem Verfasser dieser wahren Geschichte würde es wohl behagen, wenn Anselm Redlich dem Sancho Pansa gleichen möchte; denn so würde er sehr unterhaltend sein, indem der gute Sancho immer gleich die Blicke der Leser erheitert, sobald er auftritt. Sonst aber muß man hier der Wahrheit zur Steuer anzeigen, daß unser Held ebenso wenig von Sancho Pansa hat als von zwei in der Geschichte des Don Quixote vorkommenden, hier beiläufig anzuführenden dicken Wettläufern, deren einer elf Viertel-Zentner, der andere aber fünf Viertel-Zentner wog und über deren Wettlauf der weise Sancho ein so weises Urteil fällte. Wiegt einer unter den deutschen Schriftstellern so viel: der trete hervor, um sich gegen diese wägen zu lassen, wenn er will. Wir sind wohl zufrieden, daß er auch sogar seine Werke mit auf die Waage lege. Seit Falstaffs Zeiten ist man fast der Meinung geworden, dicke Leute wären aufs höchste witzig und weiter nichts. Dies ist aber eine höchst irrige Meinung, wenn man auch Zachariä, den Dichter, zum Beweise anführen wollte; denn dicke Leute können auch gelehrt sein. Davon soll Euch ein Beweis sein zwei Männer berühmt durch Genealogie und Geogonie: der Hofrat Krebel, der gelehrte Verfasser eines genealogischen Handbuchs, noch genauer als seine europäischen Reisen, die er sitzend auf seinem Lehnstuhle so oft wiederholte; und der Oberkonsistorialrat Silberschlag, Verfasser eines gelehrten Systems der Geogonie, welches so fest stehet wie die von ihm gebauten Wassergebäude. Insbesondre soll es Euch das Beispiel unsers Anselms selbst beweisen. In Absicht auf Gelehrsamkeit ist er den beiden genannten wohlbeleibten Gelehrten allenfalls einigermaßen ähnlich, sonst gleicht er weder diesen noch andern deutschen Schriftstellern und Übersetzern, von denen einige nicht weniger witzig und gelehrt als dick sind. Wie könnte nun nach allem dem, was wir schon beiläufig von unserm Helden gesagt haben, ein so feiner und, obgleich runder, doch gerader Mann wie Anselm, in irgend einem Stücke mit dem Thersites verglichen werden, der, wie jeder Leser Homers weiß, schielte, hinkte, bucklicht, spitzköpfig und ein Kahlkopf war? Der günstige Leser soll aber wenigstens bei dieser Gelegenheit erfahren, daß unser Anselm einen runden erhabenen Scheitel und schöne kastanienbraune Haare hat; und hätte er ja irgend einmal zu schielen geschienen, so könnte es nur gewesen sein, als er ein Frauenzimmer verliebt ansah. Daß unser Held aber von der schönsten Hälfte des menschlichen Geschlechts die Augen nicht abzuwenden pflegte, kann nebst vielen andern Dingen der geneigte Leser erfahren, wenn er nur weiter lesen will.   Dies wären nun die antiken und modernen dicken Leute alle, deren Existenz den belesenen Freunden des Verfassers jetzt beigefallen ist. Denn Foote's Major Sturgeon, dessen Tapferkeit nach dem Gewicht zu berechnen war, ist nicht allgemein genug bekannt; und Selim der Glückliche, dessen Geschichte der Verfasser des Siegfried von Lindenberg aus dem Guzuratischen verdeutschte, war nur, als er geboren ward, ein dickes Bübchen, aber nachher ward er ein schlanker Bursche, wie der Leser selbst erkennen kann, wenn er die Vorstellung seiner Figur in ganzer Leibeslänge ansehen will, welche der gedachten Geschichte einigemal beigefügt ist. Unser Held hingegen blieb dick bis in sein männliches Alter, und so wird er auch gleich auf dem Titel dieser wahren Geschichte nach dieser Eigenschaft benannt. Er hätte auch können der kluge Mann heißen; denn es fehlt ihm nicht an Klugheit. Man will aber überhaupt bemerkt haben, daß die körperlichen Eigenschaften der Magerkeit und Dicke permanenter zu sein pflegen als die geistige Eigenschaft der Klugheit. Ob jemand beständig so klug geblieben sei, als er sich gleich in seinen Jünglingsjahren zeigte, kann man erst am Ende seines Lebens wissen; besonders, ob unser Held ebenso unverändert klug als dick gewesen, kann nur am Ende dieser Geschichte recht deutlich werden; und wir trauen uns jetzt noch nicht, etwas Gewisses darüber im voraus zu sagen. Aber daß er als Kind, als Jüngling und als Mann beständig dick geblieben, zeigt sein dreifaches, von einem berühmten Künstler nach dem Leben gezeichnetes Bildnis, das wir dieser Einleitung, nebst den Bildnissen der sieben vorher benannten dicken Männer, als ein beweisendes Dokument, wie ungleich er jedem war, haben beifügen lassen. Das Ende des menschlichen Lebens an sich ist der Tod; aber das Ende jeder Geschichte von der Art der gegenwärtigen ist bekanntlich eine Heirat. Ob nun, zufolge des Titels, sich diese Geschichte etwa gar dreimal endige, ja ob überhaupt die auf dem Titel angegebene Anzahl der Heiraten richtig sei, kann der Verfasser dieser Einleitung noch nicht ganz gewiß sagen, und der geneigte Leser oder Leserin kann es nicht gewiß wissen, bis sie diese wahre Geschichte ganz werden zu Ende gelesen haben, worum wir ihn und sie hiermit pflichtschuldigst bitten. Aber selbst alsdann versprechen wir nicht, er oder sie möchte ganz gewiß erfahren, ob die auf dem Titel versprochne Anzahl der Körbe richtig sei. Es ist der Ungewißheit so viel unter dem Monde wie des Leidens. Obgleich der Verfasser alle Bücher, die von der deutschen Sprache handeln, sorgfältig nachgeschlagen und viele Gelehrte – dicke und magere – befragt hat: so war doch nicht völlig gewiß zu erfahren, ob es ein Korb zu benennen sei, wenn eine Mannsperson die Hand einer Frau ausschlägt. Wofern nicht die deutsche Deputation der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin etwas hierüber entscheiden sollte, möchten wir schwerlich hierin zur Gewißheit kommen. Denn auch die berühmte deutsche Gesellschaft in Mannheim, deren Entscheidungen Deutschland von Osten bis Westen sich so gehorsam unterwirft, hat in die vielen Bänden ihrer Schriften, die, wenn auch nicht an andern Eigenschaften, dennoch an Dicke und Klugheit, unserm Helden wohl am nächsten möchten zu vergleichen sein, hierüber noch nichts festgesetzt. Sonst wagen wir noch, jede unserer günstigen Leserinnen zu bitten, sie wolle auf unsern Helden nicht etwa schon im voraus einen Unwillen werfen in der Meinung, er möchte die Hand eines Frauenzimmers verschmähet haben. Noch wissen wir dies nicht gewiß. Sollte er aber ja auch dieser Tat schuldig befunden werden: so bitten wir unsre schönen Leserinnen, ihn nicht ungehört zu verdammen; denn wir vermuten fast, er werde etwas zu seiner Verteidigung anzuführen haben. Erster Abschnitt Von der Familie und den nächsten Vorfahren Anselms In des heiligen Römischen Reichs Stadt Aachen, die sich den königlichen Stuhl nennet, ungeachtet seit Jahrhunderten in der Stadt und dem ganzen Reiche von Aachen eben kein König sich zu setzen Gelegenheit gehabt hat, wohnte ungefähr in der Mitte dieses achtzehnten Jahrhunderts Meister Anton Redlich, ein Tuchmacher, nebst seiner Frau Sabine. Er war fleißig und sparsam, sie war bieder, sparsam und ordentlich; so vermehrte sich seine Arbeit, weil jeder Kaufmann Meister Antons Tuch besser gearbeitet fand als andrer Meister. Nun ist aber ein weises Gesetz in Aachen: ein Tuchmachermeister solle mehr nicht als auf vier Stühlen arbeiten und mehr nicht als vier Gesellen halten; ein Gesetz, welches ausdrücklich gemacht scheint, um die vielen Bettler, womit alle Straßen dieser Stadt so reichlich gesegnet sind, nicht zum Spinnen und Kämmen der Wolle kommen zu lassen. Ferner bestehet in Aachen ein andres Gesetz, welches den Protestanten nicht verstattet, ein eigenes Haus, noch weniger das Bürgerrecht zu haben. Eine solche Verordnung würde der philosophische Gesetzgeber Dohm nicht gegeben haben, der aber auch seine für die Stadt Aachen entworfene Konstitution im Jahre 1790 nicht einführen konnte; sie ist hingegen ein wesentlicher Teil der katholischen Konstitution, welche der militärische Gesetzgeber Spinola im Jahre 1641 mit gutem Erfolge in Aachen wirklich einführte. Dergleichen Verbote sind auf den frommen Grundsatz gestellt: Nötige sie hereinzukommen. Es ist aber ein Beweis, wie sehr der Verstand der Protestanten, verlassen vom unfehlbaren Richter, verkehrt worden ist, daß sie solche Verbote gewöhnlich so verstehen, als wäre ihr Sinn: Nötige sie hinwegzugehen. Meister Anton und Frau Sabine hatten das Unglück, nicht zur alleinseligmachenden Kirche zu gehören, und waren beständig mißvergnügt, daß immer für mehr als vier Stühle Arbeit da war und sie nur vier Stühle halten durften, daß sie ein eigenes Haus nötig hatten und es nicht zu besitzen berechtigt waren und daß sie zum Gottesdienste eine Stunde Wegs nach dem holländischen Dorfe Vaals gehen mußten. Daraus entstand endlich ganz natürlich der Gedanke, sich neben ihrer Kirche zu setzen. Meister Anton zog also nach Vaals, mit Frau Sabine und mit Leonoren, seiner unverheirateten Schwester. Er kaufte dort ein Häuschen, hatte mit keiner Zunft Streit, ließ auf so viel Stühlen arbeiten, als er wollte, legte eine eigene Tuchschererei und Färberei an, welches ihm in Aachen auch nicht erlaubt gewesen wäre, und hatte nur zwanzig Schritte bis zur Kirche zu gehen. Zu leugnen war es nicht, daß er anjetzt von den großen Reliquien der Reichsstadt Aachen, dem Rocke der Jungfrau Maria und den Windeln des Christkindes, nicht mehr wie ehedem nur zwanzig Schritte entfernt wohnte. Auch ist ausgemacht, wenn er die Fronleichnamsprozession und in derselben den kolossalischen vermummten Mann, welcher zur Erbauung der rechtgläubigen Bürger und Bürgerinnen Aachens Karl den Großen als einen Heiligen vorstellt, ferner anzusehen gemeint gewesen wäre, so hätte er eine Stunde Weges darnach gehen müssen. Aber Meister Anton war ein so verstockter Protestant, daß er auf alle diese Dinge eben so wenig zu achten schien, als die Reichsstadt Aachen darauf, daß in ihr eine Familie weniger wohnte und auf vier Stühlen weniger gewebt ward. Meister Anton hatte einen Bruder, namens Georg, der von Jugend auf Trieb hatte, fremde Länder zu sehen. Dieser arbeitete daher eine Zeitlang als Geselle in Holland, wo er mit den Herrnhutern in Zeist bekannt und ihrer Gemeinde einverleibt wurde. Die Ältesten sendeten ihn mit einer Empfehlung an die Brüder nach London. Daselbst arbeitete er bei verschiedenen ansehnlichen Tuchmachern in Southwark und lernte manche in seiner Vaterstadt unbekannten Vorteile. Es ging alles gut, bis daß die Ältesten das damals noch geltende Los des Heilands über ihn warfen. Dasselbe wies ihm eine Gattin an, welche, vermutlich nur zufälligerweise, nach dem Sinne der Ältesten, aber gar nicht nach dem Sinne Georgs war. Er bezeigte sich mit dem Los des Heilandes unzufrieden und fiel in die Gemeindezucht. Allein, er hatte so viel eigenen Willen, daß er sich dem Heilande und den durch ihn losenden Ältesten nicht ganz ergeben wollte, verließ daher die Gemeinde und zugleich England. Er kam nach Vaals, kurz nachdem sein Bruder sich daselbst gesetzt hatte. Er wäre sonst wohl nach seiner Vaterstadt Aachen gezogen. Denn das Los in London hatte ihm alle Lust zum Heiraten benommen; daher war er als ein einzelner Mann gar nicht willens, seine Manufaktur über vier Stühle zu treiben. Aber nun blieb er lieber, wo seine Kirche und sein Bruder war, wurde in Vaals Meister; und so hatte Aachen noch einen Einwohner weniger. Es fügte sich, daß Meister Georgs Zurückkunft seinem Bruder auf mannigfaltige Art nützlich ward. Außer dem stillen Vergnügen brüderlicher Gesellschaft, welches das häusliche Glück dieser kleinen Familie vermehrte, gereichten Meister Georgs Kenntnisse von der engländischen Art zu weben und von der Verbesserung des feinen Gespinstes, welche er seinem Bruder ohne Vorbehalt mitteilte, der Manufaktur des letzteren zu nicht geringem Vorteile. Meister Georg besaß ebenfalls den anhaltenden Fleiß und die Genügsamkeit seines Bruders, nebst der den Herrnhutern gewöhnlichen heitern Frömmigkeit und Gleichmütigkeit, ihre Gemeindezucht abgerechnet, die freilich, so wie alle Kirchendisziplinen, mehr der Gemeinde als den einzelnen Gliedern nutzt. Er besaß noch dazu die Weltkenntnis, welche durch Reisen erworben wird, und die Menschenkenntnis, die derjenige nach und nach erlangen muß, welcher jahrelang unter den Herrnhutern gewesen ist und sowohl die Ältesten und die Vorsteher als die Glieder dieser Gemeinde in der Stille beobachtet hat. Dies mögen wohl nicht alle Brüder tun können oder tun wollen. Auch soll ein alter Herrnhuter gesagt haben, wer auf solche Weise beobachte, werde mit der Zeit entweder ein Ältester werden oder die Gemeinde verlassen. Diese Welt- und Menschenkenntnis Meister Georgs gereichte nach und nach der ganzen Familie zum Nutzen. Meister Anton war fleißiger im Arbeiten als im Sprechen. Wenn er daher mit seiner Sabine abends oder sonntags zusammensaß, dies oder jenes zu überlegen, so redete sie mehrenteils allein. War aber Meister Georg dabei, so redete er gewöhnlich, und Frau Sabine antwortete zuweilen. Meister Georg war das Orakel der Familie: manchmal redete er auch, wie sonst die Orakel, ganz allein, gewöhnlich aber doch deutlicher und nützlicher als diese. Meister Antons Manufaktur bekam nach einiger Zeit durch einen Zufall eine große Verbesserung und der Wohlstand seines Hauses dadurch noch einen größeren Zuwachs. Als er in Aachen wohnte, war sein nächster Nachbar ein Doktor der Arzneigelahrtheit, der aber nicht praktizierte, sondern, wie es schien, von seinen Einkünften ganz stille lebte. Wir sagen, wie es schien; denn wirklich zehrte er nicht nur seine Einkünfte, sondern auch sein Kapital auf, und seine anscheinende stille Ruhe war eigentlich unordentliche Tätigkeit. Denn Doktor Anselm Ettmann war unablässig bemühet, den gebenedeiten Stein der Weisen zu finden, und suchte in Tiegeln und Kohlen so lange nach Gold, bis er weder Silber noch Kupfer besaß, um Tiegel und Kohlen zu kaufen. Doktor Ettmann besaß in der Tat soviel chemische Kenntnisse, daß aller dunkler Unsinn alchemistischer Schriften seinen Beobachtungsgeist nicht ganz hatten ersticken können. Dabei war er, seine Torheit ausgenommen, der beste Mann, weshalb auch Meister Anton, der von dieser Torheit kaum etwas wußte, beständig gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatte. Er kam endlich immer mehr herunter. Zum Kummer über seine fehlgeschlagenen Hoffnungen und zum Mangel an allem Nötigen kam noch eine tödliche Krankheit. Meister Anton, der, um Wohltaten zu erzeigen, nicht wartete, bis sie gefordert wurden, unterstützte seinen gewesenen Nachbar, als er bei seiner oftmaligen Anwesenheit in Aachen dessen betrübten Zustand vernahm, sogleich mit Arzneimitteln und Pflege, die sein Leben retteten; und da kurz darauf von den Gläubigern des Doktors dessen Wohnung ganz ausgeräumt und die sämtlichen Habe verkauft ward, nahm ihn Meister Anton in sein eigenes Haus zu Vaals auf. Doktor Ettmann war der Tätigkeit gewohnt, er wendete daher seine chemischen Kenntnisse zum Besten seines Wohltäters an, indem er ihm Anleitung zu großen Verbesserungen seiner Tuchfärberei gab. Es wurden ganz neue Farben erfunden, andere erhöhet und dauerhafter gemacht. Diese und die von Meister Georg mitgeteilten Vorteile, verbunden mit Meister Antons anhaltendem Fleiße und Eifer, gaben seiner Manufaktur die sichtlichsten Vorzüge. Die Anzahl der Stühle und des Absatzes nahm in wenig Jahren ungemein schnell zu, und Meister Anton ward dadurch binnen kurzer Zeit aus einem armen Aachener Tuchmacher ein reicher Manufakturist in Vaals. Durch die Dankbarkeit des Doktors war der Wohlstand Meister Antons fest gegründet worden, aber dieser gab jenem an Dankbarkeit nichts nach. Er legte ihm ein beträchtliches Gehalt bei, kaufte ihm ein Haus und gab ihm seine Schwester Leonore zur Ehe. So reich nun Meister Anton geworden war, so blieb doch die ganz einfache Einrichtung seiner Familie und ihre vorherige Frugalität unverändert. Es ward keine Schüssel mehr auf den Tisch gesetzt als im ersten Jahre der angefangenen Haushaltung; keine Veränderung in der Kleidung war zu merken, kein neumodisches Hausgerät ward eingeführt. Alle Tage der Woche wurden mit ununterbrochener Beschäftigung zugebracht; die Abendstunden und die verträglichen Sonntagsgesellschaften der Brüder und Schwestern wurden nicht zahlreicher als durch den Doktor, wenn er nicht etwa bei seinen Retorten und Schmelztiegeln saß. Der Herr des Hauses setzte etwas darin, auch nunmehr nicht Herr Redlich, sondern nur Meister Anton genannt zu werden, wie man ihn genannt hatte, da er noch selbst auf dem Stuhle arbeitete. Durch nichts verriet sich sein Reichtum als durch Unterstützung der Dürftigen. Aber Frau Sabine, die Ausspenderin dieser Wohltaten, wußte sie so vorsichtig zu verbergen, daß fast keine davon bekannt ward, wenigstens keine in die Augen fiel. Das Haus ward jährlich sehr durch Anbau vergrößert, aber wer die zunehmenden vorteilhaften Umstände der Familie nicht sonst kannte, erblickte nichts als die reinliche Wohnung eines fleißigen Handwerksmannes zwischen großen Manufakturgebäuden. Zweiter Abschnitt Geburten und Todesfälle Mit dem Anfange des siebenjährigen Krieges, dieser wegen Glorie und Elend in Deutschland unvergeßlichen Periode, fing die schnelle Vergrößerung von Meister Antons Manufaktur und Reichtum an; und eben damals gebar Frau Sabine ihren ersten und einzigen Sohn. Meister Anton nannte ihn Anselm nach dem Doktor, seinem Schwager, gegen den er immer dankbar blieb, obgleich er ihn belohnt hatte. Anselmino war, von seiner Geburt an, ein frisches, fettes, rundes, kurzes Kind, d'un aimable embonpoint, und ward, wie weiter unten erhellen wird, ein rundes kurzes Kerlchen, fröhlich und munter, schwatzhaft, leichtsinnig und lustig. Wie es nun zuging, daß Anselmino so fett ward, obgleich von magern Eltern entsprossen, so feurig und fröhlich, als jene ernsthaft und gesetzt, und so redselig und unbedachtsam, als sie beide das Gegenteil waren: das gehört zu den transzendentalen Dingen, worüber die Philosophen von jeher hundert Fragen aufwarfen; z. B. ob das Ding, welches du siehest, dem Dinge an sich selbst gleicht oder nicht? Ob es außer dem positiven Nichts noch ein negatives Nichts gibt; ob ein positives Unding oder ein Unnichts zweierlei sind; ob das Nichts bewegbar oder unbeweglich sei, und dergleichen gelehrte Fragen mehr. Die neueste Philosophie lehrt uns, niemand unter dem Monde könne von solchen Dingen etwas wissen oder begreifen; obgleich freilich eben diese Philosophie noch immer einiges Jucken zu haben scheint, das meiste davon zu erklären, indem sie immerfort versichert, es ließe sich gar nichts davon wissen. Wir wollen also versuchen, noch bescheidener zu sein als die so bescheidenen neuesten Philosophen, und über die obige wichtige Frage von fett und mager, lustig und still, gar nichts sagen. Könnt Ihr Euch aber ja bei unserer Bescheidenheit nicht beruhigen, so ergreift das Mittel, Euch an Herrn Doktor Grohmann zu wenden. Dieser weiß ganz genau, wie es hergehet mit der Zeugung der Söhne und der Töchter, daß sie so oder so geraten, und wie es geschieht, daß die Temperamente knochenreich oder koleurisch knochenreich oder koleurisch – So nennt D. Grohmann eins von seinen neuerfundenen Temperamenten. S. Magazin zur Seelenkunde, Xten Bandes 2tes Stück, S. 26 (Anm. Nicolais). werden. Dr. Grohmann wohnt in Wittenberg. Seht aber zu, daß Ihr auf den rechten Doktor treffet; denn trefft Ihr auf einen andern Wittenbergischen Gelehrten, der Euch auslacht, so ists wenigstens unsere Schuld nicht. Anselmino war die Freude seiner Eltern und seines Oheims Georg, der den Jungen von Kindesbeinen an liebte, als wäre es sein eigener Sohn. Wenn alle drei nebst Frau Leonoren in den langen Winterabenden des Jahres 1756 nach vollbrachter Arbeit einträchtig beisammen saßen, so ging Anselmino aus Hand in Hand, und alle freuten sich, daß er so gesund und so rund war. Diese Freude nahm zu, als er nach einem Jahr herumzulaufen anfing und so rund als gesund blieb. So wuchs das Kerlchen fort, immer mehr im Umfange als in der Höhe, und blieb so fünf Jahre lang und länger. Da hätte beinahe schon seine künftige Bestimmung unter beiden Eltern und unter Bruder Georg den ersten Zwist veranlaßt. Die Eltern besprachen sich oft darüber, ihr einziger Sohn müsse kein gemeiner Mann bleiben wie sie. Beide waren sogleich eins, er solle studieren; und so ward Anselmino schon den Musen geweihet, ehe er noch buchstabieren konnte. Wir sagen buchstabieren ; denn weil damals die heilsamen neuern Lesemethoden noch nicht erfunden worden, war das gute Kind unglücklich genug, wirklich erst buchstabieren zu müssen, ehe es lesen lernte. Wer weiß, welche von den widrigen ihm zugestoßenen Begebenheiten und wie mancher von seinen Irrtümern, welche wir weiter unten erzählen werden, in dieser verkehrten Lehrmethode ihren Ursprung haben mag! Wer weiß, um wie viel unsere glücklichere philosophisch zum Lesen angeführte Jugend künftig konsequenter denken und folglich moralischer handeln wird, als wir weniger glücklichen Väter und unsere ältesten Söhne! So sehr nun aber beide Eltern darin übereinstimmten, daß ihr Sohn studieren sollte, so sehr uneins waren sie über den gelehrten Stand, welchen sie für ihn zu wählen hätten. Die Mutter wollte ihn, wie leicht zu erraten, der Gottesgelahrtheit gewidmet wissen; denn welche größere Freude kann eine Mutter wohl haben, als ihren Sohn predigen zu hören! Der Vater war aber nicht so sehr aufs Geistliche gesteuert. Er stellte sich dieses Leben, wo es ihm so wohl ging, viel lebhafter vor als das künftige, über welches ihm noch so manches dunkel blieb. Er hielt daher einen Arzt für einen nicht zu verachtenden Mann. Dabei wußte er, so frugal er auch selbst lebte, sehr wohl, was in der Welt mit Geld auszurichten ist. Daß die Arzneikunde Geld bringe, sah er an einigen Ärzten in Aachen, welche in der Stadt viel gebraucht und oft auch nach benachbarten Landgütern und fürstlichen Höfen geholt wurden, ob es ihm gleich schien, dieselben wären im Heilen schwerer Krankheiten nicht ganz so glücklich, als er im Färben echter Tücher. Er beschloß also, sein Sohn sollte ein Arzt werden, und sah schon in Gedanken, wie derselbe in eigener Kutsche auf den Straßen von Aachen herumrollte und im fürstlichen Zuge von Sachsen über Land geholt wurde. Ganz andrer Meinung war Oheim Georg. Derselbe hatte vermutlich bei den Herrnhutern, wo bekanntlich gar kein Unterschied der Stände gilt, die Begriffe von Gleichheit aller Menschen eingesogen, welche machten, daß er, beinahe wie jetzt die unhosigen und langhosigen Franzosen, jeden höhern Stand als etwas Unnatürliches ansah. Er meinte, die Familie sollte ja aus ihrem Kreise sich nicht emporheben, und der Junge dürfe daher nichts als ein Tuchmacher werden wie sein Oheim und sein Vater. Er stellte letzterm vor, was sich auch hören ließ, es werde natürlicher sein, diesen Sohn so zu erziehen, daß die schöne Manufaktur durch ihn im Flore erhalten bleibe, wodurch auch der künftige Wohlstand des jungen Menschen sicherer werde gegründet werden als durch ungewisse Hoffnungen und Aussichten. Aber diese Vorstellungen halfen wenig bei den Eltern, denen eben jene weitaussehenden Hoffnungen sehr viel Vergnügen machten. Es hätte dieser Zwist leicht zum Nachteile des häuslichen und brüderlichen Friedens ausschlagen können. Denn, so ein schlichter und verträglicher Mann auch Meister Anton war, so hatte er doch seinen kitzlichen ambitiösen Fleck und Frau Sabine ebenfalls. Dazu kam, daß, wie oben bemerkt worden, Oheim Georg gewohnt war, in der Familie am lautesten zu reden, und es fiel ihm auf, daß jetzt zum ersten Male das Gegenteil geschah. Die übeln Folgen wurden indes durch ein Wort von Frau Leonoren glücklich gehindert. Sie bemerkte in der größten Hitze des Streits: Es sei unnötig, über das Schicksal des Knaben jetzt zu streiten, man könne ja lieber geduldig abwarten, wie es etwa mit ihm und seinen Fähigkeiten werden möchte. Dabei küßte sie den dicken Jungen und gab ihn auch dem Vater in die Arme. Die beiden Männer wunderten sich, wie ihnen ein so natürlicher Gedanke nicht selbst eingefallen wäre, und gaben einander treuherzig die Hände, obgleich jeder insgeheim wünschte, daß sein Plan zum vermeinten Glücke des Knaben ausgeführt werden möchte. Die gute Frau Leonore hatte im Ehestande wenig Gelegenheit gehabt, Erfahrungen von Glücke zu machen, aber desto mehr Gelegenheit zur Prüfung ihrer Geduld. Kaum sah sich ihr Mann, der Doktor, wieder in guten Umständen, so fing er aufs neue an, alle Zeit, welche er nicht zu den Versuchen für die Färberei der Manufaktur brauchte, aufs Laborieren zu wenden. Er kam bald wieder in Schulden und sein ganzes Hauswesen in Unordnung. Unter diesen Umständen war Frau Leonore zum ersten Male guter Hoffnung. Sie gebar einige Monate darauf eine Tochter. Der Doktor ließ das Mädchen Sophia taufen, seine Ehrerbietung gegen die geheime himmlische Weisheit anzuzeigen, welche von seinem Schwager, seiner Meinung nach, verkannt ward. Er starb aber kurz darauf als ein Märtyrer dieser geheimen Weisheit. Soeben glaubte er, endlich die jungfräuliche Erde gefunden zu haben, in welcher er den Merkur figieren wollte. Plötzlich aber sprang das philosophische Gefäß, und er ward in Rauch und Flammen erstickt. Seine Frau, schon durch so manche Leiden geschwächt, fiel über den Schreck in eine heftige Krankheit und starb bald nach ihm. Meister Anton sah wohl ein, daß die Begierde, Gold zu machen, eine unheilbare Krankheit ist. Er beweinte seine Schwester, bezahlte seines Schwagers Schulden und nahm die kleine Tochter in sein Haus, wo er sie als sein eigenes Kind erzog. Dritter Abschnitt Sophiens und Anselms Kinderjahre Anselmino Redlich wuchs indes heran und war, da er elf Jahre alt geworden, ein kleines, rundes, frisches Kerlchen, über das sich alle Nachbarn freuten. Er hatte einen offenen Kopf, war immer fröhlich und guter Dinge und lernte in der Schule Sprüche und Vokabeln mit gleicher Leichtigkeit auswendig. Denn es hatte sich in Vaals ein ältlicher Kandidat der Theologie eingefunden, welcher nach manchen Wanderungen sich daselbst als Schulmeister setzte, um den deutsch-holländischen Kindern zu ihrem Fortkommen in dieser Welt die lateinische Sprache, und zu ihrem Wohle in der künftigen Welt den ganzen Inhalt von Braunii Doctrina Foederum s. Systema Theologiae didacticae beizubringen. Dieser Lehrer gewann unsern Anselm wegen seiner Fähigkeit, Worte auswendig zu behalten, so lieb, daß er mehr als einmal prophezeite, der Knabe werde ein großer Gelehrter werden, welches Frau Sabine im Stillen vor sich selbst auslegte, ein trefflicher Prediger. Anselmino hatte zwei in die Augen fallende Eigenschaften, von welchen der Schreiber dieses nicht gewiß weiß, ob sie, an einem Knaben bemerkt, voraussagen müssen, er werde ein Licht der Kirche werden. Anselmino liebte von Jugend an jedes hübsche Mädchen; und Anselmino meinte, sehr klug zu sein. Was die letzte Eigenschaft betrifft, so war sie freilich selten in seinen Handlungen zu erkennen; denn ob er gleich sehr klug zu sprechen pflegte, so handelte er doch sehr oft unklug. Dies ging indes damals noch auf Rechnung seiner Knabenjahre; und auf eben diese Rechnung ging denn, mit gleicher Nachsicht, sein Gaffen nach jedem hübschen Mädchen. Wer wird auch einem muntern Knaben darum gram sein, wenn ihm die schönen Mädchen gefallen, und wenn er ihnen gefallen will? Die Mädchen nicht, die Mütter nicht; und ich denke, auch der liebe Gott nicht, der auf die Zuneigung beider Geschlechter zueinander, recht angewendet, die Erhaltung des menschlichen Geschlechts und, was eben so viel wert ist, dessen häusliches Glück gegründet hat! Die junge Sophie war von schlankem Wuchse und von griechischer Gesichtsbildung; ihre kastanienbraunen Locken kräuselten sich neben den Grübchen ihrer blühenden Wangen und fielen von ihren Schultern herab; ihre sittsamen hellblauen Augen lockten die Herzen an sich. Sie war freundlich, gefällig, munter, hatte eine Silberstimme und sang schon als ein Kind gern fröhliche Lieder. Ursachen genug, daß Anselmino an Sophien wie an einer beständigen Gespielin seiner Jugend hing. Er zog sie allen Mädchen vor, die er in Vaals und in Aachen gesehen hatte, so wie sie auch ihn allen andern Knaben. Die Alten im Hause, die sich selbst gegenseitig liebten, freuten sich der so merklichen herzlichen Zuneigung der Kinder, welche von allen Verwandten und Nachbarn die kleine Braut und der kleine Bräutigam genannt wurden. Einst hatten sich beide beim Spielen im Dorfe an einem schönen Sommertage an das äußerste Ende desselben verlaufen. Da fanden sie auf dem grünen Rasen einen Knaben sitzen, der totenblaß und ganz abgezehrt war. Auf vieles Fragen erfuhren sie endlich von ihm, er sei von langer Krankheit abgemattet, habe seine Eltern verloren und keinen Menschen in der Welt, der sich seiner annähme. Das Mitleid der guten Kinder ward erregt. Sophiechen teilte mit dem Kranken ihr Vesperbrot und bat ihren Gespielen, bei seiner Mutter, deren Liebling er, wie sie wußte, war, um mehr Beihilfe für den armen Knaben anzuhalten. Anselmino stand nachdenkend, fühlte seine Selbständigkeit zum ersten Male, und seine Klugheit, auf die er sich jetzt wieder etwas zugute tat, blies ihm ein, was er selbst verrichten könne, darum dürfe er nicht bitten. Er teilte Sophiechen folgenden Plan mit: In den weitläufigen Gebäuden, aus welchen seiner Eltern Gehöfte bestand, war eine entlegene Kammer, die nicht gebraucht ward und zu der man unbemerkt kommen konnte. Er schlug vor, den kranken Knaben ganz insgeheim dahin zu führen. Da wollte er dann ihm etwas von seinen Betten bringen, und sie beide wollten ihr Frühstück und Mittagessen unbemerkt mit dem Kranken teilen, um demselben wieder Kräfte zu verschaffen. Seine kleine Freundin hatte hiewider manches einzuwenden, aber seine Beredsamkeit siegte. Sie führten den ermatteten Knaben fort und brachten ihn unbemerkt an Ort und Stelle. Anselmino schleppte ihm noch spät gegen Abend einen Teil seiner Betten und den größten Teil seines Abendessens zu und war froh, daß er ihn ein paar Tage lang mit allem, was aufzufinden war, reichlich speisen und tränken konnte. Freilich machte diese so klug ausgesonnene Wohltätigkeit einige Unordnung in der Haushaltung. Niemand konnte begreifen, wo die Betten geblieben waren, und die Dienstboten kamen darüber in unverdienten Verdacht. Backwerk und Semmeln verschwanden, Teller, worauf Überbleibsel der Mahlzeiten dem Kranken waren gebracht waren, wurden vermißt, und Unschuldige wurden deshalb beschuldigt. Anselmino geriet darüber in einige Verlegenheit; allein der Triumph, sich über den Erfolg seines glücklichen wohlausgesonnenen Planes zu freuen, schien ihm doch so schön, daß er den Bitten der ängstlichen Sophie, welche die Sache entdeckt wissen wollte, nicht nachgab. Die häusliche Verwirrung hätte noch einige Zeit währen können, wenn nicht Philipp, der kranke Knabe, welcher merkte, daß, was mit ihm vorging, nicht in der Ordnung sei, sie geendigt hätte, indem er aus der Kammer hervorkroch und sich selbst zeigte. Er ward von den Hausgenossen, die ihn, seinem elenden Ansehen und schlechten Kleidung zufolge, gleich für schuldig erklärten, vor den Richterstuhl der Frau Sabine gebracht. Der arme Schelm fand hier eine sehr barmherzige Richterin. Ihr Sohn bekam zwar von den Eltern einen gelinden Verweis, aber seine Gutherzigkeit ward bestätigt und Philipp nun unter Autorität ins Haus aufgenommen, von dem Rest seiner Krankheit geheilt, gespeiset und bekleidet. Anselmino tat sich insgeheim nicht wenig auf seinen klugen Plan zugute, zumal da dadurch die Liebe seiner Eltern gegen ihn nicht vermindert, Sophiechens Liebe hingegen, seiner Gutherzigkeit wegen, noch vermehrt ward. Sollte der geneigte Leser etwa meinen, Anselmino habe, wenngleich gutherzig, doch nicht so klug gehandelt, als er sich dünkte, und sollte daraus etwa – wie es denn geneigte Leser gibt, welche in Geschichten dieser Art gern weit voraussehen mögen – auf die künftige Beschaffenheit des Charakters unsere Helden etwas schließen wollen: so wird gebeten zu bedenken, daß Anselmino nur ein Knabe war und daß wir noch nicht wissen können, ob sich nicht vielleicht in der Folge dieser Geschichte die Klugheit unsers dicken Männchens, noch ehe er ein dicker Mann ward, in viel vorzüglicherm Glanze zeigen möchte. Was Philipp betraf, so fand sich, daß er aus dem benachbarten Dorfe Vylen kam, wohin sich sein Vater, ein verarmter Kaufmann aus Mastricht, begeben hatte, um dort auf besser Glück zu warten. Er hatte eben den größten Teil seines Vermögens verwendet, um seinen ältesten Sohn, der als Schiffschirurgus zur See ging, einigermaßen zu equipieren. Er selbst war eine Art von Schreiber bei einem in Vylen wohnenden Herrn; und seine Frau spann für eine Manufaktur in Vaals, wozu auch Philipp schon war angehalten worden. Eine epidemische rote Ruhr grassierte im Dorfe und hatte beide Eltern in kurzem weggerafft; Philipp, den niemand weiter hegen wollte, hatte sich halb genesen nach Vaals geschleppt, um zu erfahren, ob er dort Arbeit bekommen könnte, sein Leben zu fristen. Dieser von allen verlassene Waise fand an Meister Anton einen neuen Vater. Da er schon lesen und etwas schreiben konnte, so ward er in die Schule geschickt. Daselbst lernte er, wie Anselm und alle andern Kinder, so viel es sein konnte, Lateinisch und besonders die Theologie aus Braunii Systema Theologiae didacticae. Neben diesen wichtigen Dingen vervollkommnete er sich auch noch im Schönschreiben und Rechnen. Diese Kleinigkeiten haben schon hin und wieder einem armen Knaben durch die Welt geholfen, ob sie gleich gegen die unermeßlichen Schätze des Wissens, welche in der Dogmatik und lateinischen Phraseologie liegen, gar nicht in Vergleichung zu bringen sind. Dabei ward Philipp außer der Schulzeit zu allerhand kleinen Diensten im Hause gebraucht, wobei er sich sehr anstellig zeigte. Auch ward er Anselminos Spielgesell, wozu er sich aus einer besondern Ursache sehr gut schickte. Wir haben schon bemerkt, daß unser Held von Jugend auf ziemlich redselig war und sich nicht wenig klug dünkte; Philipp hingegen war von Natur bescheiden und etwas tacitum. Hier zeigte er sich noch nachgiebiger und bescheidener; denn er fühlte, daß er ein armer Knabe sei, und er wußte schon, daß ein solcher ohne Schweigen und Nachgeben in der Welt nicht fortkommen könne, da selbst ein reicher Mann beides zu beobachten sehr nötig hat. Anselmino war aber auch ein gutherziger Junge, obgleich etwas eigenliebig, doch nicht stolz, und Philipp war sein guter Geselle. Ob nun zu dieser Zuneigung nicht etwas beigetragen habe, daß er an Philipp einen Spielgesellen hatte, dem er seine klugen Einfälle vorsagen konnte, der ihn anhörte und ihm recht gab, mag der sittenforschende Leser in des alten Buddeus Moraltheologie im Kapitel von der Falschheit der menschlichen Tugenden oder in den Werken anderer Gottesgelehrten nachschlagen, welche den Menschen, die edelste Kreatur Gottes, im Reiche der Natur fleißigst erniedrigen, um ihn im Reiche der Gnaden desto mehr zu erhöhen. Vierter Abschnitt Schulweisheit, Examen, Gespräch übers Latein Anselmino war nach und nach beinahe vierzehn Jahre alt geworden und Sophiechen beinahe zehn Jahre. Sie gefielen sich wechselseitig täglich mehr und fingen an, ungeduldig zu werden, wenn sie nicht beständig beieinander sein konnten. Wie aber überhaupt die Ordnung der Dinge in der Welt gemeiniglich nicht so zu gehen pflegt, wie sie die Verliebten gerne haben möchten, so ereignete sich ein Umstand, an den sie gar nicht dachten und der doch Ursache war, sie auf eine ziemliche Zeit zu trennen. Die lateinische Schule hatte nun an unserem Anselmino geformt, was durch sie zu formen war. Er hatte konstruiert, exponiert, analysiert, Phrases ausgezogen, lateinische Reden gehalten und lateinische Verse gemacht. Er hatte sogar etwas von den römischen Altertümern gelernt und wußte, wie die Konsuln und die Ädilen in Rom waren gewählt worden. Freilich wußte er nicht, wie die Generalstaaten gewählt werden, auch nicht, ob sie in Vaals etwas zu befehlen hätten. Denn, warum sollten in gelehrten Schulen Kinder mit der Verfassung des Vaterlandes bekannt gemacht werden, da diese zu wissen keine Gelehrsamkeit ist? Dagegen hatte Anselmino einen guten Begriff von den Sätzen der Dordrechtschen Synode; sogar, daß er schon mit katholischen Seminaristen aus dem Konvente der Stiftsherren des heiligen Grabes zu Schlenaken, die in der Vakanzzeit nach Vaals kamen, über die Religion disputiert und, weil sie älter und stärker waren, von ihnen Ohrfeigen bekommen hatte. Er war nun der Erste in der Schule, und der alte Kandidat erklärte, daß er ihn weiter nichts lehren könne, er möchte denn etwa mit dem Knaben, ehe dieser nach der Universität ginge, des Ruarus Andala Logik durchnehmen, wovon er sich selbst noch etwas erinnerte. Er schlug daher vor, unser dickes Männchen von gelehrten Leuten examinieren zu lassen, damit die Eltern sehen sollten, wie geschickt der Knabe sei. Es wurden also einige holländische Domine aus der Nachbarschaft zusammengebeten, und, nachdem sie gut zu Mittage gegessen hatten, ward Anselmino examiniert. Er exponierte, analysierte und perorierte ohne Anstoß, beantwortete im besten Schullateine alle Fragen aus Braunii Theologia didactica; und alle Examinatoren sagten einstimmig, nie habe noch ein Knabe von so zartem Alter so gelehrte Antworten gegeben; aber alle waren auch darin einstimmig, er sei noch allzu jung, um auf die Universität zu gehen. Die kleine Sophie erschrak zwar vor dem vielen Lateine, weinte aber doch vor Freuden, daß ihr Anselm so gelobt wurde. Anselmino war bei der ganzen Sache ziemlich unbefangen und gleichgültig gewesen, weil man ihn lauter Dinge fragte, die er vermöge seines guten Gedächtnisses auswendig wußte. Nun aber fing ihm das Examen an, merkwürdig zu werden, da Sophiechen, unvermerkt ihm die Hand drückend, ihn mit dem freundlichsten Blicke lobte. Mutter Sabine ließ ein paar Tränen der Freude fallen, sah aber ganz ernsthaft aus; und Meister Anton, so wie auch Oheim Georg, sagten nicht ein Wort. Als die Herren weggefahren und die Kinder in den Garten gesprungen waren, saßen die Alten eine Zeitlang stillschweigend und in Gedanken. Endlich sagte Meister Anton, den Kopf schüttelnd: »Ich hätte doch nicht gedacht, daß Anselm so sehr gelehrt wäre. Wie muß der arme Junge seinen Kopf haben anstrengen müssen, um das alles zu behalten!« Oheim Georg fuhr heraus: »Du sagst, er ist gelehrt; und ich sage, er ist dumm.« »Dumm?« riefen beide Eltern zugleich aus. »Ja freilich! dumm! – denn der Junge weiß nichts, als was er auswendig gelernt hat. Er hat mir schon vorher zehn Fabeln von Gellert hergebetet, und er konnte auf mein Verlangen keine einzige nach seiner Art mit andern Worten erzählen. Nein, bei den Herrnhutern hab ich auch Schulen gesehen, da geht man aber nicht bloß auf Gedächtniswerk. Weißt du was, Bruder Anton! Leicht gelernt, ist bald vergessen! Wenn nun der Junge vergißt, was er jetzt auswendig weiß, so weiß er alsdann gar nichts. Das nenn ich dumm sein! Und ob ihm das, was er uns heute auf lateinisch vorgesagt hat, was helfen kann, wenn er groß wird, das versteh ich nicht. Aber ich habe nun einmal keinen Glauben ans Lateinische.« Meister Anton schlug die Augen nieder und dachte bei sich: »Wenn er Doktor wird, wird er mit den Kranken nicht lateinisch reden.« Mutter Sabine schwieg, aber dachte bei sich: »Lateinisch predigen wird er nicht!« Und dabei fiel ihr ein, daß sie alle vom Examen nichts verstanden hätten und daß es doch vom Kandidaten wäre angestellt worden, damit sie wissen sollten, was Anselm gelernt hätte. Oheim Georg schwieg nicht, sondern fuhr in einem verdrießlichen Tone fort: »Und wenn der Junge gar nichts gelernt hat als das Latein, wozu wird ihm das helfen, wenn er einmal deine Manufaktur übernehmen soll? Denn am Ende wird es doch wohl am klügsten sein, ihn dazu zu erziehen, wenn du nicht willst, daß die Manufaktur untergehe, ohne daß deine Kinder etwas davon haben sollen.« Meister Anton schwieg abermal, denn er fühlte wohl, daß der Bruder nicht Unrecht hatte; aber daß sein Sohn nicht Doktor werden solle, wollte ihm auch nicht eingehen. Er dachte also nur: »Schade, daß der Junge noch zu jung ist, um nach der Universität zu gehen, da er doch schon so viel schönes Latein weiß! Wo soll er bis dahin bleiben, da er jetzt in der Schule nichts mehr lernen kann?« Es ist oft die Sorge der Eltern, nicht, wie ihre Kinder zu erziehen, sondern nur, wo sie zu lassen sind. Haben sie so ganz unrecht? Wenn man die Kinder nicht selbst erziehen kann, muß man sie ja jemand abzurichten geben! Im Fortgange der Unterredung kamen sie alle überein, Anselm müsse außer dem Hause irgendwo untergebracht werden; denn Meister Georg sagte: »Bruder Anton, der Junge ist für dein Haus allzu gelehrt und wird dir mit seinem Lateine und mit allem dem Zeuge, das er im Kopfe hat, alle deine Arbeiter aufsässig machen!« Man sieht, Meister Georg, obgleich nur ein gemeiner Tuchmacher, war scharfsichtig genug, schon vor mehr als zwanzig Jahren Sinn für den jetzt von so manchen Staatsleuten angenommenen Satz zu haben, daß zu viel Gelehrsamkeit und Aufklärung endlich zum Aufruhre führe. Wie würden auch gegenwärtig in Frankreich die vielen Greuel entstehen, wäre nicht, wie weltbekannt ist, Jourdan, der Kopfabschneider, ein vertrauter Schüler des garstigen Hans Jakob Rousseau gewesen und der schleichende Abt Sieyes nebst dem heftigen Robespierre die vornehmsten Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris? Hätte Philipp Egalité, als Prinz und als Bürger gleich nichtswürdig, wohl mit so unverschämter Stirn für den Tod seines Königs und Vetters gestimmt, wenn er nicht ein so großer Freund und Beförderer der Aufklärung und der Philosophie gewesen wäre? Und würden die Unhosigen in Frankreich wohl so arg gegen Monarchen und monarchische Regierung toben, wenn sie nicht, vermöge ihrer großen Liebe zu den alten Sprachen, sich so innig mit dem Geiste der Griechen und Römer genährt hätten? Fünfter Abschnitt Ein neuangelegtes Philanthropin. Notwendige Ehrenrettung Herrn Rehbergs in Hannover, des Philosophen Kurz vor der Zeit, als in Vaals das oben beschriebene Examen unsers Anselmino und die dadurch veranlaßte Unterredung vorfiel, war in ganz Deutschland die erste Periode einer weltbekannten pädagogischen Reform angegangen. Basedow hatte den Plan gemacht – oder, um bestimmter zu reden, eigentlich nicht einen Plan gemacht, sondern nur sich eingebildet – vermittels einer kleinen Erziehungsanstalt allenthalben die ganze Erziehungsart und, vermittels derselben, das gesamte Menschengeschlecht auf bessern Fuß zu setzen. Er verlangte dreißigtausend Taler, um diese allgemeine Umformung zu Stande zu bringen. Er ließ gedruckte Aufforderungen an dreihundert große und kleine Potentaten ergehen; und als von diesen doch die dreißigtausend Taler nicht einkamen, so tat er Notschüsse über Notschüsse, damit das Wohl des menschlichen Geschlechts gerettet werde. Seine Einbildungen und seine Notschüsse sind vergessen, sowie seine andern Schwachheiten und Seltsamkeiten; aber die späteste Nachwelt wird dankbar erkennen, daß er sein Elementarwerk zu Stande brachte und den Nutzen desselben nicht in Träumen, sondern praktisch zeigte. Dies ist ein Unternehmen, welches den heilsamsten Einfluß auf die Verbesserung der Erziehung hatte und welches die armen Kinder von dem unseligen Wörterkrame und von der zwecklosen harten Schuldisziplin zu erlösen anfing. Beides erweckte in den Köpfen der von seelenloser Schulpedanterei niedergedrückten Lehrer (auch derer, welche Basedows Methode tadelten) eine Menge wohltätiger Ideen zum Besten der Jugend; und beidem können Mißbräuche in der Anwendung so wenig den verdienten Ruhm entziehen, als irgendeiner andern kühn unternommenen, aber im Anfange unvollkommen ausgeführten Reformation. Es gab aber damals Pädagogen, und gibt vielleicht noch jetzt dergleichen, welche weder Basedows Einsicht noch Mut besaßen. Ihnen wurden bloß durch ihre Habsucht die zu erwartenden dreißigtausend Taler und durch ihre Präsumtion die Lust, eine ganze Welt umzuformen, vorgespiegelt, und bloß dadurch bekamen sie Neigung und Beruf zur Erziehung. Ein solcher war der wohlehrwürdige Herr Erasmus Quincunx, ein reformierter Prediger im Herzogtume Jülich: ein schöner Geist und ein großer Liebhaber der Entenjagd, der öfter, wenn er seiner Gemeinde predigen oder ein Kind taufen sollte, im Walde oder im schilfichten Sumpfe aufgesucht werden mußte, wo er entweder den Reimen oder den wilden Enten nachstellte. Nun hielt die ehrwürdige Provinzialsynode des Herzogtums Jülich eben nichts von Predigern, welche Verse machen, und noch weniger von denen, welche wilde Enten schießen. Es erfolgten also Vermahnungen, welchen Pastor Erasmus Quincunx, der nicht sonderlich geneigt war, sich vermahnen zu lassen, dadurch auswich, daß er sein Amt schnell niederlegte; zumal da jene Reskripte gerade zwischen Johannis und Jakobi ankamen, der besten Zeit zur wilden Entenjagd mit Stecknetzen, welche er nicht mit Schreiben verderben mochte. Er war mehr des freien Lebens als des Sitzens gewohnt und dachte als Jäger, irgendwo sein Unterkommen zu finden. Zu dem Behufe ging er nach Dessau, wo die Jagd bekanntlich in großem Flore steht. Er fand aber dort die wilde Entenjagd nicht nach seinem Sinne; dagegen lernte er Basedows Philanthropin kennen, dessen Ruf noch nicht bis in die Gegend zwischen der Maas und Roer gedrungen war. Da er überhaupt in Dessau als Jäger nicht, wie er glaubte, sein Fortkommen fand, entschloß er sich, lieber ein Lehrer der Jugend zu werden. Die Pädagogen und die, welche es werden wollten, wallfahrteten damals in großer Anzahl nach Dessau. Unter ihnen erschien auch der Expastor Erasmus Quincunx vor Basedow mit dem Begehren, bei der Anstalt Lehrer zu werden. Es ging dies schon deshalb nicht an, weil Basedow, wie bekannt, in seinem Philanthropine lateinisch reden ließ, wozu dieser Mann nicht eingerichtet war. Er ward daher abgewiesen, blieb aber noch einige Wochen in Dessau, besah das Äußerliche der Lehrart, die Uniformen, die Trommel, mit der zum Essen gerufen ward, und andere solche wichtigen Sachen, wobei er den Entschluß faßte, in Verbindung mit einigen pädagogischen Pilgern, die ebenso wie er von Basedow abgewiesen waren, in der Gegend der Maas eine ähnliche Anstalt anzulegen, welche er für sich sehr einträglich zu machen dachte. Er kehrte zurück; und weil er aus guten Ursachen sich im Herzogtume Jülich nicht zu setzen wagte, so begab er sich in das Reich von Aachen (wie das Gebiet dieser Reichsstadt feierlichst benennet wird) und legte daselbst unverzüglich in dem Dorfe Horbock mit seinen Gehilfen ein Philanthropinchen an. Er hatte die Kunst gelernt, etwas Aufsehen zu erregen, kleine Vorteile geltend zu machen, sich Empfehlungen zu verschaffen und, wenns nicht anders gehen wollte, Notschüsse zu tun; kurz, die Kunst der Jagd auf Zöglinge, welche wohl so viel Schlauigkeiten erfordert, als die Jagd der wilden Enten, und ebenso wie diese oft in tiefen Sumpf führet. Seine Schule ward dadurch in den benachbarten Gegenden bekannt, bekam bald einigen Zulauf und hat ihn vielleicht noch. Die Grenzen des kleinen Reichs von Aachen sind, wie die Grenzen des großen Reichs China, durch einen Wall eingeschlossen. Daher mag es wohl kommen, daß wir von dem, was in beiden vorgeht, nur sehr unvollkommene Nachrichten haben. So viel uns bewußt, ist bisher die Existenz des Philanthropins zur Horbock im übrigen Deutschlande nicht bekannt gewesen. Im Verfolge dieser Geschichte mußte notwendig davon geredet werden, und diese Entdeckung erhält eine zufällige Wichtigkeit in der gelehrten Geschichte. Herr Rehberg in Hannover gab im Jahre 1792 ein sehr gelehrtes Büchlein heraus unter dem Titel: Prüfung der Erziehungskunst, worin er dieser Kunst so viel Böses nachsagt, daß es scheinen möchte, er halte sie ganz und gar für »die falschberühmte Kunst, welche etliche fürgeben und fehlen des Glaubens«. Nun sollte man aber fast denken, es müsse doch auch eine wahre und echte Kunst der Erziehung geben; denn es gibt ja eine echte Kunst, Hunde abzurichten, wodurch in diesen Tieren Kräfte entwickelt werden, von denen man nicht geglaubt hätte, daß sie in ihnen liegen könnten. Wie? Sollte nicht etwa vorher an mehrern Orten die Erziehung der zarten menschlichen Jugend viel Ähnliches gehabt haben mit dem Abrichten der Hunde, so daß man bloß auf ihr Gedächtnis wirkte und bloß Peitschen, Hunger und andere strenge Mittel anwendete, wie bei unvernünftigen Tieren, die sich nicht anders ziehen lassen? Man hat aber in neuern Zeiten überlegt, daß Menschen Seelenkräfte vor den Tieren voraushaben, daß man dieselben auch vorzüglich bei Kindern zu entwickeln suchen und zu deren besserer Erziehung brauchen müsse. Man hat ferner überlegt, daß ein besserer Weg hierzu vorhanden sein werde als Peitschen und andere strenge Mittel, welche nur für Tiere nötig sind und für Menschen, die unvernünftig wie Tiere handeln. Die schickliche Anwendung dieser Mittel zu dem großen Zwecke, vernünftigere und bessere Menschen zu bilden, scheint die echte Erziehungskunst zu sein; und es gibt Männer, begabt mit Einsicht und Wohlwollen, welche diese Kunst zu verbessern vorzüglich bemüht sind. Herr Rehberg spricht aber, ohne dieser zu erwähnen, nur von solchen Erziehungskünstlern, welche er als Toren, als Marktschreier, ja als die sinnlosesten Sterblichen schildert. Er nennt namentlich nirgend die verächtlichen Menschen, wider welche er streitet, gedenkt aber auch gar nicht der Männer, welche zur Verbesserung dieser Kunst der Erziehung nach ihren Einsichten das Mögliche beitrugen, und der von ihnen bewirkten Verbesserungen. Daher ist die lieblose Voraussetzung entstanden, Herr Rehberg meine die letztern selbst und wolle wirklich die edlern Bemühungen zur Verbesserung der Erziehungskunst, welche wir einem von Rochow, Resewitz, Campe, Trapp, Feder, Gedike, Pfeffel, Lieberkühn, Stuve, Salzmann u.a. zu danken haben, durch sein Buch heruntersetzen. Allerdings haben einige Stellen desselben den Gedanken veranlassen können, als wolle er bloß wider diese würdigen Männer streiten. Aber dies ist doch eine ganz unstatthafte Voraussetzung. Denn wie könnte man ihm zutrauen, so unphilosophisch und unbillig zu handeln? Gesetzt, er glaubte, Irrtümer in der neuern Erziehungskunst oder Mißbräuche in ihrer Ausführung rügen zu müssen; würde es wohl einem Philosophen anständig sein, über lobenswürdige Bemühungen wegwerfend abzusprechen, als ob sie weiter nichts als Irrtümer und Mißbräuche wären? Würde es nicht vielmehr einem Philosophen gebühren, den Nutzen neuer Lehrmethoden und das, was sie etwa Nachteiliges haben könnten, unparteiisch und gründlich zu würdigen? Selbst wenn man voraussetzen wollte, die Prätensionen oder hohen Einbildungen, welche bei irgend einigen neuern Pädagogen vorhanden gewesen sein möchten, hätten unsern Philosophen so indigniert, daß er die ganze neuere Pädagogik so bitter zu verdammen veranlaßt wäre, so würde doch ein solches Verfahren nicht nur nicht billig, sondern nicht einmal politisch sein. Denn auch Philosophen – die spekulativen nicht ausgenommen – sind sehr oft voll Prätension und Einbildung; und die leidige Erfahrung zeigt, daß selbst der kategorische Imperativ und die neuesten formalen Prinzipien, welche sonst doch bekanntlich Universalarzeneien sind, einige philosophische Herren vor kindischem Dünkel nicht haben schützen können. Wer würde es aber wohl billig nennen, deshalb alle Philosophie für Geschwätz und alle Philosophen, selbst auch die, welche ziemlich laut schreien, für Marktschreier auszugeben? Alle diese scheinbaren Widersprüche glauben wir nun, durch die Voraussetzung heben zu können: Herr Rehberg habe die obigen verdienten Männer und ihre wohltätigen Anstalten gar nicht gemeint, sondern nur die tölpischen Nachahmer derselben und besonders das Philanthropinchen zu Horbock im Reiche von Aachen. Dies war freilich ein buntscheckiges Ding, und es sind davon, wie wir vernehmen, noch andere Filialphilanthropinchen in die Gebirge des Deisters und Süntels verpflanzt, wodurch vielleicht in dem guten Fürstentume Kalenberg mehr Unfug mag verursacht worden sein, als wir anderen wissen, welcher denn freilich Herrn Rehberg als einem patriotischen Kalenberger näher zu Herzen gehen mußte. Wir unterwinden uns hierbei, den unmaßgeblichen Vorschlag zu tun, ob nicht der Name des Dörfchens Horbock im Reiche von Aachen künftig gebraucht werden möchte wie bisher der Name der ehrbaren Städte Schilda und Schöppenstädt. Diese müssen alles Gauchtum des H. Römischen Reichs deutscher Nation auf sich nehmen, selbst das Gauchtum derjenigen Gäuche, welche diese unschuldigen Städte des Gauchtums beschuldigen. Man könnte festsetzen, daß Horbock und dessen Philanthropin alles auf sich nehmen müßte, was irgend ein mißmutiger theoretischer Philosoph, der nie Kinder hatte, in der Fülle seiner Weisheit an den Pädagogen zu tadeln fände, welche die theoretische Erziehungskunst eines Philosophen, der seine eigenen Kinder nicht erziehen mochte, in der besten Meinung praktisch, das heißt wirklich nützlich zu machen suchen. Sechster Abschnitt Anselmino wird im Philinthropine zu Horbock erzogen. Dessen Beruf zum Studieren Das neu angelegte Philanthropin machte natürlich im Reiche von Aachen und in der umliegenden Gegend viel Aufsehn. Es empfahl sich im Hause Meister Antons durch einen zufälligen Umstand. Wir haben oben bemerkt, daß der Expastor Erasmus Quincunx vor Basedow mit dem Lateinreden nicht bestand; und mehrern der in Dessau abgewiesenen Lehrer, welche er für sein neues Institut von da mitbrachte, mochte es wohl ebenso gegangen sein. Daher verbannte er das Lateinreden ganz aus seiner Schulanstalt. Eben dieses, was bei vielen dem Lateine ergebenen Eltern und Schullehrern ein Anstoß war, empfahl sie in Meister Antons Hause, wo man seit dem letzten Examen des Lateins satt hatte. Es ward demnach beschlossen, den der Weisheit des Kandidaten zu Vaals entwachsenen Anselmino in diese Schule zu schicken. Unser Held mußte sich also unvermutet von seiner kleinen Sophie trennen, welches nicht ohne Tränen abging; aber Philipp zog mit ihm, nach Dessauer Weise als Famulant aufzuwarten und zu lernen. Anselmino kam im Philanthropine zu Horbock in eine ganz neue Welt. Man muß dem wohlehrwürdigen Erasmus Quincunx zum Ruhme nachsagen, daß er die runden Hüte mit hohen Köpfen für sich und seine Zöglinge eher einführte, als sonst irgend jemand in Deutschland. Diese hohen Hüte, die rund abgeschnittenen Haare, die Wämser in Uniform, die Halbstiefel, die Verdienstorden und das Essen nach der Trommel machten die jungen Philanthropisten zu niedlichen Kerlchen; und Anselmino ward bald unter die Niedlichen der Niedlichste. Er dünkte sich selbst hübsch und ward bald vorschnell und trotzig. Er lernte meilenweit ohne Zweck zu Fuße laufen, sich täglich kalt baden, über einen Stock springen, kurz alles, was man in der wirklichen Welt nicht braucht; und er lernte es umso viel eifriger, da seine Lehrer laut sagten, die Welt würde bald ebenso werden wie das Philanthropin in Horbock, alle Menschen würden in kurzem sich kalt baden, laufen, springen, hohe Hüte und Halbstiefel tragen: so hielten sich demnach die kleinen Philanthropisten schon in Gedanken für die Muster der Bildung einer ganzen Generation. Es ist wahr, statt daß in Anselms lateinischer Schule die Übung des Gedächtnisses alles gewesen war, so ward nun seine Denkungskraft geübt. Aber unglücklicher Weise dachten seine Lehrer ziemlich schief, und so lernte er schief denken. Man lehrte ihn Weisheit; aber es war nur die Weisheit frischgebackener weiser Lehrer, die vor kurzem erst Knaben waren und daher selbst nicht viel als die Weisheit eines Knaben bedurften. Diese Weisheit kam der angebornen Klugheit unsers dicken Männchens trefflich zustatten. Denn nun dünkte er sich viel klüger und wollte von jedem Warum das Darum sagen, eh ers gelernt hatte. Mit Lernen ward er überhaupt nicht sehr angegriffen. Zufolge der Grundsätze des Philanthropins zu Horbock sollte er nur lernen, wenn er Lust dazu hatte, und die hatte er selten: so daß er ohne seine natürliche Fähigkeit gar nichts würde gelernt haben. Nachdem unser Held zwei Jahre dort zugebracht hatte, kam er als ein ganz andrer Mensch nach Hause; jeder, der ihn sah, staunte ihn an. Sein Verstand war zwar in gewisser Rücksicht mehr entwickelt, denn er hatte denken und räsonnieren lernen; aber völlig verlernt hatte er, sich im gemeinen Leben verständig aufzuführen. Er hielt es für ganz unnötig, sich nach der übrigen Welt zu richten; denn er hatte in Horbock so oft gehört, die Welt sei ausgeartet: daher forderte er, daß sich die Welt nach ihm richten solle, nach ihm, der aus der bessern Welt von Horbock kam. Er hielt sich nichts für übel, sprang über Stock und Block, verachtete alles, räsonnierte über alles. Wahr ist es, er hatte vieles gelernt, was sein Vater und sein Oheim nicht wußten, und was vielleicht auch in Vaals vor ihm niemals jemand gewußt hatte; doch fehlte ihm ganz die Geschicklichkeit, es gut anzubringen. Er wollte nicht beleidigen, ward aber wider seinen Willen durch sein ganzes Betragen beleidigend. Er würde noch unerträglicher geworden sein, wenn ihn nicht Philipp von manchen Dingen abgehalten hätte. Dieser sah mit seinem kalten gesunden Verstande die Wahrheit ein, schwieg zwar ungefragt, sagte sie aber, wenn er gefragt ward. Nun war Anselm sehr redselig, fragte daher sehr oft und hörte denn von Philipp manche Wahrheit, die er besser hätte nutzen können, wäre sein Leichtsinn nicht zu beständigen Seitensprüngen geneigt gewesen, so daß alle Nachbarn sagten: Musje Anselm ist ein Musje Naseweis! Anselmino bemächtigte sich Philipps als eines Freundes, ob er gleich eigentlich mehr der Kammerdiener des jungen Herrn war, welcher schon den Dünkel fühlte, ein Wesen wie Er müsse einen Kammerdiener haben. Philipp frisierte ihn, holte seine Kleidungsstücke zusammen, wenn er sie, wie gewöhnlich, herumgeworfen hatte, und brachte sein Zimmer in Ordnung, welches gemeiniglich sehr unordentlich aussah. Wenn Philipp da nichts zu tun hatte, bot er sich freiwillig an, alles zu tun, was im Hause vorfiel. Er hatte eine sehr schöne Hand schreiben lernen, er rechnete aus dem Kopfe auf philanthropinsche Art und hatte noch manche anderen nützlichen Kenntnisse unvermerkt gesammelt, so daß er zu allen Manufakturgeschäften brauchbar war und jedermann ihn lobte. Anselmino hingegen fühlte sich berufen, nichts zu tun; auch lobte ihn eben niemand. Seine Hauptleidenschaft war, nach hübschen Mädchen – in allen Ehren – zu sehen; und er lief oft ein paar Stunden zu Fuße, um eine recht ins Gesicht zu fassen. Erblickte er sie nicht, so hatte er doch die schöne Natur gesehen und glaubte, die Natur zu genießen, wenn er müßig ging. Er badete sich in jedem Bache oder Teiche und fiel zuweilen auf die Nase, wenn er seine Geschicklichkeit im Springen zeigen wollte. Er glaubte, nach der Natur zu leben, wenn er so lebte, wie es seinem Dünkel gefiel; der bürgerlichen Gesellschaft aber meinte er, nichts schuldig zu sein. Er moralisierte über alles dies oft stundenlang mit Philipp; denn moralisieren war, immer reden und seine Klugheit zeigen. Beides aber liebte unser dicker Mann; und Philipp, der Anselms Taten nicht bewunderte, kam immer zu kurz, wenn er ihn eines Bessern überweisen wollte. Anselmino hatte seine eigene Moral lieber, weil sie ihm erlaubte, alles zu tun, wozu er Lust hatte; und er besann sich nach vielem Moralisieren sogar, er müsse wohl lauter Gutes tun, denn ihm fiel ein, er habe noch nichts getan, was er selbst für Böse gehalten hätte. So sehr die Eltern ihren Sohn liebten, so schüttelten sie doch über dies geniemäßige Leben die Köpfe. Es erfolgten auch gelinde Verweise. Oheim Georg schalt tüchtig. Anselm disputierte, wollte Recht haben, ward widerlegt und nicht überzeugt. Dann erzählte er einmal wieder etwas von der Naturgeschichte oder der Geographie, was er im Philanthropin gelernt hatte; und da freute man sich, daß er doch nicht unwissend war. Dann machte er wieder einmal ein gutherziges Stückchen, das die Herzen mit ihm vereinigte, lebte ein paar Tage eingezogen und beging sodann wieder einen dummen Streich, welcher den gesunden Verstand des ganzen Hauses empörte. Kurz, die Sache blieb, wie sie war, wenn auch manchmal Hoffnung zu erwachen schien, sie möchte anders werden; und dies drückte auf die guten Eltern um so viel mehr, weil sie immer weniger wußten, was denn nun aus ihrem einzigen Sohne werden sollte. »Was aus ihm werden soll?« rief Oheim Georg aus: »Nun ist der Junge zum Tuchmacher gar nichts nütze! Die neumodische Schule hat ihn unklug gemacht. Sein Hin- und Herlaufen, sein Müßiggang würde deine Manufaktur noch mehr in Unordnung bringen als das Latein. Ich wollte, er wäre so wie Philipp; den hat niemand zu etwas angehalten, doch er ist zu allem brauchbar und Anselm zu nichts!« Vater und Mutter seufzten heimlich: »Das ist wohl war!« »Laß ihn studieren, Bruder Anton!« fuhr Georg fort: »Laß ihn studieren; er ist zu nichts Besserm nütze. Es wird weniger schaden, wenn er ein gelehrter Hasenfuß ist als ein hasenfüßiger Fabrikant! Der, welchen die andern ernähren, mag noch eher ein bißchen geckisch sein, wenn es einmal so sein muß; aber, wer andere ernähren soll, muß arbeiten und ordentlich arbeiten!« Also studieren sollte nun Anselm. Aber was? Frau Sabine mußte ihrem Manne um so mehr nachgeben, weil Anselm selbst die Theologie weit von sich warf; und so ward die Arzneiwissenschaft gewählt. Siebenter Abschnitt Anselms Abreise nach der Universität, nebst des Verfassers zufälligen Betrachtungen über Studenten und Universitäten Anselm ging bald darauf nach der Universität Göttingen ab. Das gab nun ein betrübtes Scheiden zwischen ihm und Vater und Mutter und selbst auch zwischen ihm und Oheim Georg. Denn hielt gleich der Moralist Georg unsern kleinen runden Mann für einen Hasenfuß, worin er nicht ganz unrecht hatte, so war doch auch nicht zu leugnen, daß Anselm ein muntrer, froher Bursche war, rund und gesund am Körper, mit manchen Kräften des Geistes begabt, die durch erworbene Kenntnisse noch mehr entwickelt waren. Dies sah selbst Oheim Georg; und wenn er das runde Kerlchen einen Hasenfuß schalt, so freute er sich doch wieder innerlich, wenn der Hasenfuß sich bei manchen Gelegenheiten so flink und so anstellig zeigte. Dabei hatte Anselm im Philanthropin seine Gutherzigkeit und seinen Frohsinn nicht verloren, die ihm Freunde machten, selbst unter denen, welche ihn für einen Hasenfuß halten mußten. Als er nun das Haus verlassen sollte, sah man nur auf seine guten Eigenschaften, und die Tränen flossen allgemein über seinen Abschied. Die herzlichsten Tränen flossen aus den blauen Augen der kleinen Sophie. Etwas hasenfüßiges Wesen schadet einem muntern Jünglinge bei einem dreizehnjährigen Mädchen nicht so viel, als bei einem Moralisten Georg. Sophiechen sah in Anselm nur den hübschen, fröhlichen, gutmütigen Jungen, den ersten Gespielen ihrer Jugend; und in ihrem kleinen Herzen regte sich etwas, das sie selbst nicht kannte. Zumal seitdem sie sah, daß er auch nach andern Mädchen lief, empfand sie noch deutlicher, wie nahe er ihrem Herzen war. Aber Sophiechen hatte nichts von andern Mädchen zu befürchten. Ihre Schönheit, in der vollen Blüte der Jugend, war so groß, daß sie Anselms, des eifrigen Schönheitssuchers, Herz bezwungen hatte. Er war, um das rechte und kürzeste Wort zu gebrauchen, er war ganz vernarrt in sie, hing immer an ihrer griechischen Nase und an ihren braunen Locken. Beim Abschiede, nachdem ihn seine Eltern und Meister Georg weinend umarmt hatten, küßte er auch Sophiechen zum erstenmale, und das fuhr in ihn wie ein Blitz. Er versprach sich selbst, und leise flüsternd auch ihr, keine andere sollte die Gefährtin seines Lebens werden. In diesem Augenblicke glaubte er es, sie glaubte es noch mehr. Junges Volk meint immer, Liebe der Jugend daure unverändert und mache das ganze Leben glücklich. Zuweilen geschieht es; sehr oft aber geschieht etwas anders. Anselm küßte Sophiechen noch einmal, eilte in den Wagen, sein Vater reichte ihm die Hand, und Meister Georg, indem er sich die Augen trocknete, rief ihm nach: »Ich bitte Dich, Junge, werde kein Narr!« Und doch war unvermerkt alle Anlage zur Gefahr gemacht, daß Anselmino auf der Universität ein Narr werden konnte. Wir haben schon oben bemerkt, daß Meister Anton, nachdem er Reichtum erworben hatte, weder seinen Tisch, noch seine Kleidung, noch sein ganzes Hauswesen deshalb auf einen höhern Fuß setzte. Auch Frau Sabine und Sophiechen gingen immer noch nach der Simplizität ihres ehemaligen Handwerksstandes gekleidet. Aber die Mutter konnte nicht übers Herz bringen, ihren einzigen geliebten Sohn so zu kleiden. Mütter putzen ihre Kinder so gern! Das hängt mit so vielen andern zärtlichen Gesinnungen zusammen, daß es tadeln mag, wer keine zärtliche Gesinnung kennt. Anselmino hatte also schon an der Mode so viel Anteil empfangen, als sich in Vaals tun ließ. Seidene Westen, seidene Strümpfe, modische Schnallen waren ihm schon nach und nach angeschafft worden. Nun, da ihr Anselmino auf die Universität ging, wollte Mütterchen, seine schöne runde Figur solle dort vorteilhaft in die Augen fallen, und lag deshalb ihrem Manne täglich an. Meister Anton hatte, wie schon gedacht, seinen ambitiösen Fleck, und da ihm seine Frau schon nachgegeben hatte, daß sein Sohn auf einen Arzt studieren sollte, so konnte er ihr um so viel weniger abschlagen, was er selbst insgeheim wünschte. Er wollte zum erstenmale zeigen, er sei ein reicher Mann, und setzte seinem Sohne auf der Universität jährlich eine viel größere Summe aus, als manche Söhne vornehmerer Leute zu verzehren hatten. Oheim Georg machte zwar die triftigsten Gegenvorstellungen, aber vergebens, weil beide Eheleute wider ihn waren. Da sie einmal das viele Geld hatten, wozu sollten sie es brauchen, wenn sie es nicht an ihren einzigen Sohn wenden wollten? Alles, was Oheim Georg mit einiger Mühe erhalten konnte, war, daß Philipp, den man sonst gern als einen tüchtigen Arbeiter in der Schreibstube und Manufaktur zurückbehalten hätte, halb als Freund, halb als untergeordneter Aufseher mit auf die Universität gegeben ward. Diese Vorsicht Georgs hatte bessere Folgen, als die Freigebigkeit der Eltern. Wenn Anselm auf Universitäten nicht ganz unwissend blieb und nicht ganz ein Narr ward: so geschah es durch seinen natürlichen gesunden Verstand, der ihn doch nicht völlig verließ, durch seinen fähigen Kopf, der schnell und leicht behielt, durch seine Neuigkeitsliebe, welche ihn immer wieder zum Studieren brachte, wenn er der burschikosen Lustbarkeiten, die ihn davon abhielten, überdrüssig war, und vorzüglich durch sein gutes Geschick, daß ihm Philipp zur Seite blieb, vor dessen wachsamer, kalter Vernunft er sich scheute, noch größere Torheiten zu begehen. Wenn er aber doch ein ziemlicher Geck ward: so lag hauptsächlich die Schuld daran, daß er mehr Geld zu verzehren hatte, als ihm diente, weshalb er sich gewohnte zu schließen, er könne zeitlebens so viel Geld ausgeben und so viel Zeit verschwenden, als ihm beliebte, und könne immer seinen Einfällen folgen, ohne zu sorgen, woher die Mittel dazu kämen. Es scheint in Deutschland bei dem jetzigen Zuschnitte der Universitäten gleichsam mit Fleiß darauf angelegt zu sein, die reichen Studenten zu Gecken zu machen. Um die Armen bekümmert man sich auf der Universität so wenig wie in der Welt überhaupt und überläßt ihnen, Pedanten zu werden, es sei nun brauchbare oder unbrauchbare. Man legt überhaupt eine große Wichtigkeit auf die Studenten. Dahin zielet das Herrentum, welches ihnen die junge Magd und der Professor beilegt, und das Burschentum, welches ihnen die ganze Universität beilegt, nebst der Freiheit, ungestraft faul, liederlich und impertinent zu sein, wenn sie sonst wollen. Unsere guten Vorväter scheinen ausdrücklich Einrichtungen gemacht zu haben, um diese zügellosen jungen Wildfänge aus der großen Kette der bürgerlichen Gesellschaft, für welche sie doch eigentlich sollen erzogen werden, ganz abzuschneiden und für sich zu isolieren. Sie sind sogar von aller bürgerlichen Gerichtsbarkeit ausgenommen und werden durch Professoren gerichtet, die größtenteils von dem Wohlwollen dieser Wildfänge ihr kümmerliches Auskommen und, was ihnen als Weisen mehr wert ist, ihren kümmerlichen akademischen Ruhm zu erwarten haben. Den Dünkel, welcher der Wichtigkeit des Studentenstandes ankleben muß, predigt der ganze akademische Esprit de Corps. Der breite Stein, die akademischen Orden, das Kollett, die hohen Hutfedern, sogar die lahmen Gäule, worauf die wilden Jünglinge umherstolpern, alles gehet dahin. Ja, wir haben Beispiele, wenn die Obrigkeit nötig fand, Gesetze zur Einschränkung des unanständigen Lebens zu geben, verließ die zügellose Jugend in förmlichem Aufruhre wider so weise Anordnungen den Ort, den ihr der Willen ihrer Eltern und Obern zur Erlernung nützlicher Kenntnisse angewiesen hatte. Da ließ sich die Obrigkeit denn herab, Verträge mit den Widerspenstigen zu schließen und sie, anstatt verdienter Strafen und Verweise, mit sehr unnötigem Prunke zurückzuholen; und die Lehrer ließen sich herab, zur Freude über die Wiederkehr der widerspenstigen Flüchtlinge Erleuchtungen anzustellen. Es kann also kein Wunder sein, daß Jünglinge, auf welche mehr Wichtigkeit gelegt wird, als auf sie gelegt werden sollte, von ihrer wahren Bestimmung so leicht abweichen und, anstatt zu brauchbaren Männern zu gedeihen, Gecken werden. Hauptsächlich gibt es zweierlei Arten von Geckerei, denen die jungen Bewohner der Universitäten gleich endemischen Krankheiten unterworfen sind. Erstlich die Geckerei im gemeinen Leben. Diese Krankheit befällt vorzüglich die reichen und vornehmen Studenten. Ihr könnt – Ausnahmen abgerechnet – beinahe gleich sicher darauf rechnen, daß ein junger Mensch, der auf Universitäten viel Geld zu verzehren hatte und also im hohen Tone lebte, wie ein beschwerlicher Geck in seine Vaterstadt zurückkommt, als daß derjenige, welcher sich auf Universitäten mit wohltätigen Stiftungen behalf und fleißig studierte, bei seiner Zurückkunft in Gesellschaft link und ängstlich sein wird. Es kostet gewöhnlich einige Zeit, bis jener durch guten Umgang so zahm gemacht wird und dieser dadurch soviel Gewandtheit und Geselligkeit erhält, daß sie ein wenig erträglich werden. Die zweite Krankheit, denen die Studenten gemeiniglich gegen das Ende ihrer Universitätsjahre und noch lange hernach unterworfen sind, ist die Geckerei in den Wissenschaften. Diese befällt, ohne Rücksicht auf Armut und Reichtum, nur denjenigen Teil von ihnen, der etwas gelernt hat. Glücklich ist der sehr kleine Teil der reichen und vornehmen Jünglinge zu preisen, der von dieser Krankheit noch kann angegriffen werden! Man muß ihnen dazu Glück wünschen, wie den reichen und vornehmen Alten, die noch Kraft haben, das Podagra zu bekommen. Hat ein Student, reich oder arm, etwas gelernt: so ist zehn gegen eins zu wetten, er wird eine zeitlang oder zeitlebens ein gelehrter Geck sein, wenn ihm sein gutes Geschick nicht eine besondere Bescheidenheit oder einen seltenen Bon-Sens verliehen hat. Er ist gemeiniglich zu voll von allerlei Wissenschaften und zu leer von der Hauptwissenschaft, die übrigen richtig anzuwenden. Er weiß so vieles, und weiß es so ganz gewiß; er entscheidet so vieles, und zwar ganz unwiderruflich; und es dauert abermal einige Zeit, bis er zu merken anfängt, daß er viel weniger weiß, als er gelernt hat, und daß er noch nicht entscheiden muß, weil ihm noch sehr viel zu lernen übrig ist, was auf keiner Universität kann gelehret werden. Am öftersten macht die auf Universitäten so gangbare spekulative Philisophie die ehrenfesten Kandidaten bei ihrer Zurückkunft zu den unerträglichsten Gecken und oft noch zu etwas schlimmem. Es ist einerlei, ob ein solch gelehrter Geck die Philosophie Wolfisch durch Demonstration oder Kantisch durch Kritik getrieben hat. Alle Arten solcher Philosophie bringen bei jungen Leuten – und einige Philosophen bleiben sehr lange jung! – den Dünkel hervor, alles sicherer als andere zu wissen, machen sie peremptorisch, wenn sie glauben, Recht zu behalten, und grämisch, wenn ihnen widersprochen wird. Beide Eigenschaften geben den frühaufgeschossenen Philosophen im Laufe des gemeinen Lebens einen lächerlichen Anstrich bei denen, die solchen Dünkel von der komischen Seite ansehen, und erwecken Widerwillen bei denen, welche Alter, Reichtum, hohe Geburt und wichtige Ämter wohl für so gute Gründe halten, sich nicht widersprechen zu lassen, als einen kategorischen Imperativ, zumal wenn er in dem imperativen Lehrertone vorgebracht wird, der kaum auf dem Katheder schicklich, im Weltumgange aber ganz unerträglich ist. Achter Abschnitt Anselm studiert gründlich bis zu seiner Doktorpromotion Unser guter runder Anselm, nachdem er drei Jahre auf Universitäten gewesen war, hatte alle Anlage, Geckereien mancherlei Art mit nach Hause zu bringen. Nicht leicht hat eine Universität auf die Aufführung und Lebensart der Studenten auch nur eine Art von Aufsicht, so wenig auf ihr Studieren als auf die Anwendung ihrer Zeit. Beides ist gänzlich dem Gutdünken der jungen Leute überlassen. Nun kann der geneigte Leser leicht erachten, daß Anselm, der sich schon in seines Vaters Hause herausgenommen hatte, nach eigner Willkür zu leben, hier nicht anders werde gelebt haben, und daß seine Klugheit, auf die er sich von seiner ersten Jugend an so viel zugute tat, ihn werde überredet haben, daß seine Willkür in der Anwendung seiner Zeit und in seinen Beschäftigungen jederzeit die klügste Wahl getroffen habe. Er hatte von Jugend auf gern getan, was seinem Herzen gelüstete; und nun, da er ein gelehrter Mann werden wollte, kam ihm die Lust an, alles zu treiben, was auf Universitäten gelehrt wird: freilich am wenigsten die Arzneikunde, welche zu erlernen er eigentlich dahin geschickt war. Daß dies sein Zweck sein sollte und daß er überhaupt einen Zweck hatte, fiel ihm gar nicht bei, sondern ein Tag führte zufällig die Beschäftigung oder den Müßiggang des folgenden heran. Aber Gelehrsamkeit war ihm auch nur eine Nebensache. Er hatte mehr Geld in der Tasche, als er je zusammen gehabt hatte, und gleich das erste Vierteljahr brachte ihm die Erfahrung, daß ein zärtlicher Bittbrief an seine Mutter dessen noch mehr herbeischaffte. Er ging also nun darauf aus, sein Leben recht zu genießen und der ganzen Universität zu zeigen, was der runde Anselm für ein Kerlchen sei. Er war beflissen, sich hauptsächlich nur zu den vornehmen und reichen Studenten zu halten und es ihnen in allem gleich, ja wo möglich noch zuvorzutun. Er wurde die Seele aller ihrer Koterien, aller Lustpartien nach Weende und aller kostbaren Reisen nach Kassel, und wo ein schönes Mädchen wohnte, da ging er täglich wohl viermal vor dem Fenster vorbei. Freilich mußte dabei viel Zeit verloren gehen; doch kann man nicht sagen, daß unser dickes Männchen seine Studien ganz verabsäumt hätte; denn er hörte sogar medizinische Kollegien oder bezahlte sie doch wenigstens. Dabei trieb er vorzüglich die ritterlichen Übungen des Fechtens, Reitens und Tanzens, so wie es einem reichen Studenten gebührt. Ja er lernte noch dazu ziemlich vernehmlich auf der Geige kratzen, weil er gern einigen Edelleuten nacheifern wollte, welche zu dem wöchentlichen Konzerte eines in ganz Deutschland verehrten Mannes gebeten wurden. Aber am fleißigsten besuchte er die Kollegien über alle Teile der spekulativen Philosophie, besonders über die Ontologie, Kosmologie und über alles, was jenseits des menschlichen Verstandes liegt, worüber in den Kollegien der Professoren der Philosophie bekanntlich die sichersten Nachrichten zu erhalten sind. Hieraus machte er wirklich ein ernsthaftes Studium und war nicht bloß mit den Sätzen seiner Lehrer zufrieden, sondern überließ sich sehr bald seinem eigenen Nachsinnen. Er fand einen Lehrer der Weltweisheit, welcher der damals schon in Abnahme geratenden Wolfischen Philosophie noch sehr ergeben war. Dieser machte ihn mit den Geheimnissen der demonstrativischmathematischen Methode bekannt, welche von ihm sogleich angewendet ward. Denn da Anselmuccio seinen Einsichten viel zutraute, so traute er sich auch zu, ergründen zu können, wie es mit Gott und dem Universum beschaffen sei; und wenn ers mathematisch demonstriert hatte, so hielt ers für ergründet. Fand er nun einen andern philosophischen Anfänger, der eben so tief dachte und eben so weit ins Blaue hinaussah wie er selbst: so flogen die Atqui und Ergo stundenlang, bis beide heiser waren, und dennoch verharrte gemeiniglich jeder auf seiner Meinung. War Anselmuccio aber in solchem philosophischen Paroxysmus allein, so vertiefte er sich oft tagelang in Spekulationen über Substanzen und Accidenzen, Welt, Kraft und was dahin gehört, so daß ihn nichts herausziehen konnte als der Anblick eines neuen schönen Gesichts. Dies ging freilich bei ihm noch über die Ontologie. Fanden sich ein paar heitere schwarze oder schmachtende blaue Augen, die ihn holdselig anblickten, oder ein schöner Mund, der ihn freundlich anlächelte, so war Anselmino gleich sterblich verliebt und Substanz, Kraft und Universum waren vergessen. Nun sah er wieder um sich her; nun sah er das Gras und die Blumen und die Bäume; nun flossen holde Liebeslieder aus seinem Gehirne. Dies dauerte, bis wieder entweder das Universum oder ein Ritt nach Weende das schöne Gesicht auslöschte oder bis es über ein noch schöneres vergessen ward. Indes tat das Andenken an Sophiens griechisches Gesicht den Göttingischen Schönen bei ihm sehr viel Abbruch. Es stellte sich ihm aufs lebhafteste dar, wenn Sophie entweder unter die Briefe seiner Mutter ein paar freundliche Worte schrieb oder ihm zu seinem Geburtstage ein Angebinde schickte. Dann war er gleich mit seiner ganzen Seele zu Vaals im väterlichen Hause; und vergessen waren Kollegien, Disputationen, Lustritte und Kasselsche Reise, bis er sich nach und nach wieder an eines nach dem andern erinnerte. Alsdann holte ers aber auch nach; und besonders die Lustritte und Freudengelage hatten mit verdoppeltem Eifer ihren Fortgang. Daß diese Lebensart ordentlich gewesen wäre, glaubte niemand außer ihm selbst; denn unser dicker Mann hatte ein so zartes Gewissen, daß er oft über seine Lebensart mit sich Rechnung hielt und fand, sie sei noch recht gut. Sein getreuer Philipp war freilich, so wie alle Professoren und ordentlichen Studenten, anderer Meinung und hielt ihm oft eine Strafpredigt. Da hatte er aber immer so viel zu seiner Entschuldigung anzuführen und wußte sich sehr damit, daß er, seiner Meinung nach, nichts eigentliches Böses tat und manche schlimmen Dinge unterließ, die er an andern sah, aber woran er kein Vergnügen fand. Er betrank sich nicht, er betrog nicht, er hielt sich nicht eigentlich zu den Gesellschaften, die man die liederlichen nennt, obgleich die lustigen oft sehr nahe daran grenzten. Schulden machte er auch nicht, denn sein Vater schickte ihm so viel Geld, als er verschwendete. Er tat niemand etwas zu Leide, war vielmehr gutherzig und mitleidig, half seinen Freunden gern und geizte dabei gar nicht mit seines Vaters Gelde. Er behauptete, fleißig zu studieren, Philipp mochte sagen, was er wollte. In der Tat ging er in die Kollegien, wenn er sonst nichts Notwendiges zu tun hatte, und hielt sich noch dazu für bares Geld einen fleißigen Studenten, welcher mit ihm diejenigen repetieren mußte, welche er versäumte. Solange Anselmino gutes Muts war, kam Philipp niemals vor ihm zu Worte. Hatte er aber etwa einmal zu lange bis gegen Morgen geschwärmt oder in einer mondhellen Nacht auf dem Felde auf Verse für seine Sophie gesonnen und sich dabei erkältet oder stieß ihm sonst eine kleine Unpäßlichkeit zu, wovon er, weil er sich und sein Leben liebte, immer sehr üble Folgen befürchtete, so war er gleich ziemlich kleinlaut und sodann der moralischen Ermahnungen etwas empfänglicher. Alsdann gelang es Philipps gesunder Vernunft wohl einmal, ihn zu überweisen, daß er seine Zeit nicht gehörig anwende. Alsdann überfiel ihn eine bittere Reue, und die Reue selbst entflammte seine Einbildungskraft. Er sah dann seinen bisherigen Müßiggang lebhaft vor Augen, er nahm sich vor, die verlorne Zeit zu ersetzen und noch mehr nachzulernen, als er konnte versäumt haben. Er verdoppelte die Stunden zur Repetition; ja ihm fielen noch einige Wissenschaften und Sprachen ein, die er gleichfalls lernen sollte. Er fing an, neue Kollegien darüber zu hören und kaufte eine große Menge Bücher zusammen, in welchen er alles, was ihm fehlte, noch nachstudieren wollte. Die Kollegien wurden einige Stunden angehört. Die Bücher wurden alle auf einmal ohne Ordnung gelesen. Bald verstand er sie nicht, bald war ers überdrüssig und warf sie in einen Winkel. Niemand hatte Nutzen dabei als der Buchhändler, der die ungelesenen Bücher verkaufte, der Professor, der die ungehörten Kollegien bezahlt bekam, der Student, der an Anselms statt in die Kollegien ging und ihm zu Hause, wenns die übrigen Zerstreuungen erlaubten, wieder einen Teil davon, so gut er konnte, vorsagte, und der fleißige Philipp, der diese Wiederholungen aufmerksam anhörte und von den Büchern diejenigen, die seine Fähigkeiten nicht überschritten, mit Ordnung und Nachdenken las. Für Anselm war es vermutlich noch ein Glück, daß er des größten Teils der Dinge, der ihm einfiel, lernen zu wollen, bald überdrüssig ward. Er bekam bei dieser selbsterdachten Art zu studieren eine Menge unordentlicher, unentwickelter Ideen untereinander in den Kopf, die ihn weder klug noch froh machten. Seine Kenntnisse wurden verwirrt, sein Dünkel genährt und sein Geist ohne Zweck immer mehr angespannt. Da er wechselweise entweder in der idealischen Welt der Spekulation oder in der idealischen Welt der Imagination lebte, in der wirklichen Welt aber bloß zum Genüsse zu sein glaubte, so ist leicht zu erachten, daß er gar nicht daran dachte, dasjenige zu studieren, was ihm etwa in der wirklichen Welt einmal nützlich sein könnte. Eine von den Begebenheiten, welche ihn von Zeit zu Zeit aus seinem Taumel weckten, war die Nachricht von dem Tode seines Oheims Georg und kurz darauf von dem Tode seiner Mutter. Er ward dadurch aufs Äußerste gerührt, seine unordentlich angespannte Einbildungskraft sank durch die Wahrheit seiner Betrübnis nieder und machte den besten Entschlüssen Platz, ordentlich zu leben und zweckmäßig zu handeln. Dergleichen Entschlüsse faßte er sehr oft, nur dauerten sie gewöhnlich gar nicht lange. Es möchte überhaupt die Zeit, wo er wirklich das tat, weshalb er eigentlich auf der Universität sein sollte, in allem ungefähr auf den zehnten Teil der Zeit seines dortigen Aufenthalts oder, wenn man es so genau nicht nehmen will, etwa auf den achten Teil zu rechnen sein. Indes, so zwecklos auch sein Studieren gewesen war, erhielt er doch am Ende seiner akademischen Laufbahn den letzten Zweck, weshalb ein jeder junger Arzneigelehrter auf die Universität geht. Sein Vater, der während der drei Jahre so manchen Posten Geld an ihn zu übersenden hatte, wann ers am wenigsten dachte, sparte es nun am Ende nicht, da es das Letzte sein sollte. Er übersandte so reichliche Summen, daß für unsern Anselm eine ansehnliche Doktordisputation gedruckt ward, mit schönen, ich weiß nicht, myologischen oder nevrologischen oder angiologischen Kupferstichen geziert. Auch waren Schrift und Stich unfehlbar des Doktorands Anselmuccio Eigentum zu nennen, da sein Vater beide bezahlt hatte. Das Latein, das Einzige, was er auf der Schule gelernt hatte, und die Disputierkrätze – ein natürliches Symptom der Überladung junger Leute mit spekulativer Weisheit und ansteckend wie irgendeine andere Krätze halfen ihm, diese schöne Disputation verteidigen, das heißt, kein Wort schuldig bleiben, sondern geschwinder schwatzen und lauter schreien als seine Opponenten, so daß alles zu seiner großen Ehre abging. Nicht völlig so ehrenvoll war sein Examen zum Doktorate gewesen; denn da hatten die Herren Examinatoren sehr viel mehr gesprochen als er. Indes die Arzneikunde ist eine menschenfreundliche Wissenschaft, und daher sind auch die Herren der Fakultät, wenn es nötig ist, gegen die Examinanden menschenfreundlich gesinnt. Es ging also auch hier alles gut, und wirklich bekam das Examen unserm Anselm besser als der Doktorschmaus. Nachdem jenes geendigt und das Attest darüber unter dem Siegel der Fakultät ausgefertigt worden, war ihm das Herz leicht: weil nun die größeste Schwierigkeit gehoben war, die ihn hätte hindern können, ungesäumt das Doktordiplom zu erhalten und mit ihm die Erlaubnis, jeden zu töten, der nicht auf seine gegebenen Mittel von Natur gesund werden wollte. Das Disputieren hatte ihm doch auch einige Sorgen gemacht; und er überließ sich daher auf dem Doktorschmause seiner Freude so sehr, daß er sich eine heftige Indigestion zuzog. Er wollte nun seine eben erlangte Erlaubnis zu kurieren ganz unparteiisch zuerst an sich selbst ausüben. Dies wäre aber bald sehr übel abgelaufen. Wäre es bei Doktor Anselms eigner Verordnung geblieben, so wären wir der Mühe überhoben worden, seine Geschichte weiter zu beschreiben. Aber der Dechant der Universität hatte Ursache, mit dem jungen Doktor so wohl zufrieden zu sein, daß er sich seiner auf dem Krankenbette ebenso treulich annahm, als bei der Dissertation und beim Examen. Und so wird jeder einsehen, daß, wenn auch Meister Anton wegen der Doktorpromotion seines einzigen Sohnes große Kosten hatte, sie doch nicht übel angewendet waren, da diese Promotion Gelegenheit gab, diesem einzigen Sohne das Leben zu retten. Neunter Abschnitt Doktor Anselms Rückkehr nach Hause, und was er da tat und nicht tat Nachdem alles zu Göttingen war bezahlt worden, was auszugeben nötig war, das Unnötige mit eingeschlossen, reiseten nun Doktor Anselm, seine Disputation und sein Doktordiplom nach Vaals zurück. Er selbst näherte sich froh dem väterlichen Hause, nach seiner eignen Empfindung abmessend, wie seine Doktorschaft dort würde empfangen werden. Auch freute sich über ihn alles im Hause und in der Nachbarschaft. Er war jetzt ein recht hübsches Kerlchen geworden, mit runden frischen Wangen, mit wohlgenährtem Bauche, netten Waden, nach der Mode gekleidet, obendrein noch Doktor, witzig und gelehrt und künftig reich. Das alles wußte er und ließ merken, daß ers wußte. Er ward allenthalben bemerkt und wollte bemerkt werden. Er zeigte seine hübsche runde Figur allenthalben und schwatzte viel; aber freilich – tat er nichts. Dies ist Leuten vom Temperamente unsers dicken Mannes ziemlich gewöhnlich; denn sie lieben, was wenig Mühe kostet. Nun ists aber offenbar, daß es viel leichter ist, klug zu schwatzen, als etwas Kluges zu tun; daher auch die, welche sehr weise sprechen, wenn sie handeln wollen, oft viel von der guten Meinung verlieren, die sie durchs Sprechen erworben haben. Und dies widerfährt nicht allein dicken und runden Leuten, wie unser guter Anselm war, sondern auch langen und hagern, ohne Unterschied der Statur und Gesichtsfarbe, ohne Unterschied, ob sie braune oder gelbe oder schwarze oder rote oder graue Haare oder Knotenperücken tragen. Wenn wir sagen, daß Doktor Anselm nichts tat: so soll dies nicht so verstanden werden, als wäre er ganz untätig gewesen; denn Untätigkeit widersprach seinem Charakter, der so lebhaft war als sein Körper feist. Nur tat er gerade nicht das, was er eigentlich hätte tun sollen, welches freilich auf gewisse Weise schlimmer war, als ob er gar nichts getan hätte. Er hatte vielerlei zu tun. Er hatte sich selbst zu zeigen und sein liebes Ich geltend zu machen; ein weitläufiges Geschäft, womit manche Menschen ihr ganzes Leben zubringen. Er hatte schöne Gesichter anzuschauen und respektive ihnen nachzulaufen. Wir sagen: nachzulaufen; denn es ward ihm nun nicht mehr so leicht gemacht, dieser seiner Hauptbeschäftigung in seinem eignen Hause obliegen zu können. Sophie war in den drei Jahren herangewachsen, ein sehr liebenswürdiges und in mancher Augen fast vollkommenes Frauenzimmer geworden. Sie war vernünftig, sittsam, gutmütig, unterhaltend, freundschaftlich, wirtlich in einem noch höhern Grade wie vorher; und was mehr war, ihre Zuneigung zu Doktor Anselm hatte merklich zugenommen. Nur in ein paar Nebendingen hatte sie sich freilich geändert. Die Blattern hatten ihr schönes Gesicht verstellt, und sie hatte durch einen unglücklichen Fall die linke Schulter verrenkt, wodurch ihr schöner Wuchs etwas weniges gelitten hatte. Unser dicker Mann, der selbst wußte, wie schön er war, ergab sich auch nur der vollkommenen Schönheit; und obgleich Sophiens schöne Locken und schöne Augen noch schöner waren wie vorher, so konnte sie ihn doch nicht mehr rühren, da Nase und Wangen sich verändert hatten; und die herrlichen Eigenschaften ihres Geistes übersah er ganz. Er ward, wir müssen es mit Betrübnis sagen, täglich kälter gegen die geliebte Gespielin seiner Jugend. Sie bemerkte dies zwar, hielt aber die Zuneigung zu ihm, die bei ihr unverändert blieb, in ihrem Herzen verborgen und begegnete ihm immer noch mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit und Güte. Dies hatte aber nicht die vorherige Wirkung auf den sinnlichen Anselm, dessen Zuneigung sie nur durch ihr schönes Gesicht und ihren schlanken Wuchs gewonnen hatte. Die Folge dieser Veränderung zeigte sich in kurzem deutlich genug. Ein Kaufmann aus Limnich an der Roer, der seit mehrern Jahren aus Meister Antons Manufaktur Tücher kaufte, hatte Sophien wie eine Tochter im Hause bemerkt, wenn er alle halbe Jahre der Abrechnung wegen nach Vaals kam. Ihre Schönheit und selbst ihre Geistesfähigkeiten waren ihm wenig wert; aber ihre Wirtlichkeit und die Hoffnung auf künftiges Vermögen bestimmten ihn, bei Meister Anton um dieselbe anzuhalten. Dieser hatte schon längst im Stillen den Gedanken gehegt, sie zur Gattin seines Sohnes aufzubewahren. Er urteilte, ihre Sanftmut, ihre zutrauliche Anhänglichkeit könne seines Sohnes wild umherschweifendes Feuer mäßigen und ihn zu dem machen, was er noch nicht hatte werden wollen, zu einem gesetzten und brauchbaren Manne. Die beiderseitige Zuneigung war dem aufmerksamen Vater nicht unbemerkt geblieben, und er hatte darauf seine Hoffnung gegründet. Er tat den letzten Schritt, den Antrag des Kaufmanns seinem Sohne zu eröffnen, um seine Meinung zu hören. Dieser war töricht genug, kurzweg zu sagen: Sophie sei nicht mehr schön, und er könne nur ein schönes und wohlgewachsenes Mädchen lieben. Der Vater zuckte die Achseln und tat ihm vernünftige Vorstellungen, die aber bei einem so leichtsinnigen Jünglinge ohne Frucht blieben. Dies schmerzte den guten Vater um so viel mehr, da sich Sophiens geheime Zuneigung durch ihre Tränen offenbarte. Meister Anton stellte ihr aber vor, er sei alt und schwach, und sie werde nach seinem Tode keinen Anhalt haben. Er stattete sie aus, wie eine eigene Tochter; und sie nahm aus Überlegung die Versorgung mit einem Manne an, den sie nicht liebte, der bloß ein wirksamer Kaufmann und übrigens ein trockener seelenloser Gatte war. Anselm sah sie mit einer Art von Zufriedenheit sein väterliches Haus verlassen; denn er fand sich erleichtert, weil ihr trüber Blick, den er verstand, ihm ein stiller Vorwurf war. Er hatte eine zu richtige Empfindung, um nicht zu fühlen, daß er Unrecht tat; aber bisher hatte er noch nie Energie genug gehabt, um jemals ein Unrecht wirklich zu verbessern. Es entfielen ihm, als sie zum Altare ging, unwillkürlich einige Tränen, welche ihm sagten, was er verlor. Aber sein Leichtsinn erstickte, wie sonst oft, die innere Stimme, die ihm Wahrheit sagte, durch vermehrte Zerstreuungen und Vergnügungen. Es waren in der Gegend so viele schöne schlankgewachsene Mädchen mit blitzenden Augen und frischen Wangen, daß unser dicker Mann genug zu tun hatte, um sich herumzusehen und sich zu verlieben. Daß dabei viel Verse zu machen, viel Spazierritte und Spazierfahrten zu tun, viel Puder zu verstäuben und viel Riechwasser zu verspritzen gewesen sein werde, ist leicht zu erachten. Wenn man nun hinzurechnet, daß er nicht nur bei den Mädchen seine Schönheit und angenehme Rundheit zu zeigen, sondern auch bei Männern seine Weisheit geltend zu machen hatte, indem er über jedes sprach, jedem widersprach und viel ältere und klügere Leute so emsig belehrte, daß ihm nicht einmal Zeit blieb, ihre Gegengründe zu hören, so wird man freilich zugeben, unser dicker Mann sei ein ziemlicher Geck, aber auch einsehen, ob er gleich wirklich nichts tat, sei er dennoch sehr beschäftigt gewesen. Seine Beschäftigungen wurden noch vermehrt, weil er nun anfing, Pläne für sein künftiges Leben zu machen. Sophiens Verheiratung, welche auf ihn stark wirkte, hatte in ihm die Idee vom Ehestande lebhaft erweckt; und einer jeden neuen Idee in Gedanken nachzujagen, war sein Lieblingsgeschäft. Jetzt war es die Idee vom häuslichen Glücke, welches er sich mit den schönsten Farben ausmalte. Jedes hübsche Mädchen, besonders wenn es ihn ein paarmal freundlich anlächelte, sah er schon als seine Frau; und sofort sah er auch die lieben Anselmini und Anselmucci, die aus dieser Ehe entstehen würden, um sich herumspringen. Und dann war er so selig, indem er diese Pläne häuslichen Glücks für sein künftiges Leben machte, oft auf mehr als dreißig Jahre hinaus, einen immer schöner als den andern. Freilich an die Mittel, diese Pläne auszuführen, dachte er nicht; denn es konnte ja einem Manne wie ihm unmöglich fehlen, daß alles in der Welt so ginge, wie ers haben wollte. Ob nun gleich nicht zu leugnen ist, daß unser dicker Mann ein ziemlicher Geck geworden war, so würde er doch vollends ein ganz unerträglicher Geck gewesen sein, wenn er nicht nebst vieler Gutmütigkeit eine gewisse Portion gesunde Vernunft oder Mutterwitz, wenn man es so nennen will, besessen hätte. Die gesunde Vernunft ist wie ein Kompaß, dessen Nadel oft dekliniert und inkliniert, aber dennoch allein anzeigt, welche Segel man aufsetzen und wohin man das Steuerruder drehen muß, um auf dem stürmischen Meere des Weltlebens sicher nach dem bestimmten Orte zu fahren. Schlimm war es allerdings, daß unserm dicken Jünglinge seine gesunde Vernunft, die ihn so gut auf den rechten Weg hätte leiten können, den er zu gehen hatte, gewöhnlich erst den falschen Weg bemerklich machte, wann er sich schon verirrt hatte, und ihn oft schon wieder verließ, ehe er sich ganz wieder zurecht finden konnte. Diese gesunde Vernunft, deren unser dicker Mann mehr benötigt war, als er selbst fühlte, schlummerte bei ihm gemeiniglich. Es war für ihn ein großer Schaden, daß er so früh seine Mutter verloren hatte, deren sanfte Erinnerungen ihn auf einen bessern Weg hätten führen können, und seinen Oheim Georg, der alle Unordnungen mit Ernst würde gerügt haben. Meister Anton war allzustill und allzugewohnt, sein Hauswesen durch seine Frau und durch seinen Bruder regieren zu lassen und sich selbst bloß um seine Manufakturgeschäfte mit Ernst zu bekümmern. Er sah seines Sohnes sorglose und unordentliche Lebensart zwar mit Betrübnis an, wußte derselben aber nichts als einige gelegentliche Klagen und Ermahnungen entgegenzusetzen, die des Vaters Betrübnis verrieten, aber gegen den heftigen Stoß jugendlichen Leichtsinns wenig vermochten. Also war Anselm seiner eigenen Sorglosigkeit überlassen, und seine gesunde Vernunft ward nur noch zuweilen durch Philipps Vorstellungen aus ihrem Schlafe erweckt. Philipp hatte schon lange nichts mehr mit Anselms Haaren zu tun; denn bereits in den ersten Universitätswochen hatte Anselm sehr nötig gefunden, seine Haare täglich von einem besondern Friseur vormittags in schöne Unordnung und nachmittags in modische Ordnung bringen zu lassen. Eben so wenig hatte sich Philipp um Anselms Kleidung und übrige Sachen mehr zu bekümmern; denn zu eben der Zeit war schon ein besonderer Bedienter angenommen worden, der mit nach Vaals gekommen war, und welchen Meister Anton nicht das Herz hatte abzudanken. Philipp war mehr der Freund und Vertraute seines gewesenen Herrn, der sich mit diesem so nützlichen Freunde weniger durch Wahl oder Überlegung vereinigte als durch das Bedürfnis seiner natürlichen Schwatzhaftigkeit, jemanden haben zu müssen, dem er seine Gedanken mitteile. Philipp nahm einst Gelegenheit, dem mutigen Anselm sein Herumschwärmen und seinen zwecklosen Müßiggang vorzuhalten, aber ohne Erfolg. Anselm rief: »Ich genieße meine Jugend! Was wäre denn das ganze Leben wert, wenn man nicht glücklich lebte, das heißt, wenn man das Leben nicht genösse!« Philipp erwiderte: »Ich habe mein Leben auch genossen, obgleich arm. Ich bin dankbar, zufrieden, froh gewesen. Das scheint mir der schönste Lebensgenuß!« »Ich bin beständig froh und zufrieden.« »Und auch immer dankbar? Denk an deinen Vater, denk an Sophien! Kann der zufrieden sein, der Ursache ist, daß um ihn Tränen fließen?« »Hm! Wie du nun redest! Mein Vater weiß nicht, was er will; das hab ich ihm bewiesen. Sophie ist glücklich verheiratet; sie wird um mich keine Träne fallen lassen.« »Sie wird sie abtrocknen, weil es nun ihre Pflicht gebeut.« »Nu! Sittenprediger, und wenn ich Ursache bin, daß sie ihre Pflicht tut, was willst du mehr von mir?« »Daß du dich erinnerst, du habest auch Pflichten auf dir. Glaubst du, daß dein zweckloses Herumschweifen, daß der beständige Müßiggang, in dem du nun fast ein Jahr fortschlenderst, mit deinen Pflichten gegen die menschliche Gesellschaft bestehen kann?« »Was geht mich die menschliche Gesellschaft an; ich mag nichts daraus als die Gesellschaft hübscher Mädchen, um mit ihnen mein Leben froh zu genießen.« »So! Wie würde es mit der menschlichen Gesellschaft stehen, wenn keiner arbeiten und jeder nur genießen wollte? Ich habe gearbeitet, und dabei fand ich mich glücklich!« »Wer sagt denn, daß niemand arbeiten soll? Arbeite du immer fort! Wenn aber der glücklich sein kann, welcher arbeitet: so ist der, welcher andere für sich kann arbeiten lassen, doppelt glücklich!« »Vielleicht nicht! Ich habe zu Göttingen einmal den Spruch des Plato gehört: Die Götter verkaufen dem Menschen Vergnügen um Arbeit.« »Ich bin der Götter gehorsamer Diener! Mein Handel ist anders. Ich kaufe Vergnügen um Vergnügen.« »Das hieße Geld um Geld kaufen; das würde kein Handel werden.« »Ei! Der vorzüglichste! Wechselhandel! Gold um Gold, Dukaten um goldene Ryder. Ich akzeptiere Vergnügen auf die Augen hübscher Mädchen in Burscheid und prävaliere mich a vista auf englische Tänze in Aachen.« »Nimm dich nur in Acht, daß du nicht den Kurs falsch berechnest, daß du nicht Gold gegen Scheidemünze eintauschest oder gar an Ehre und gutem Herzen verlierst.« »Wie du nun reden kannst, Philipp! Hältst du mich denn für unklug oder für unehrlich? Du weißt, ich tue nicht Böses. Ich gehe in keine schlechte Gesellschaft. Ich suche nur mein Leben zu genießen soviel ich kann, und ich kann es.« »Aber denkst du nicht, wenn du in beständiger Zerstreuung mit deinem bisherigen Leichtsinne herumschwärmst, daß du immer sorgloser werden, nach und nach immer weniger edel handeln und endlich in schlechte Gesellschaft geraten wirst? Da wirst du dann Vergnügen erhandeln wollen und wirst Mißvergnügen einwechseln.« »Da müßte ich ja meine Klugheit verloren haben! Wie sollte ich in schlechte Gesellschaft kommen? Ich betrinke mich nicht, ich spiele nicht, verabscheue schlechtes Gesindel, liebe nur, was schön ist und edel und empfindungsvoll. Schlechte Leute will ich mir wohl abwehren. Ich genieße mein Leben, weil sonst das Leben nichts wert ist. Es bleibt bei meinem Handel: Vergnügen um Vergnügen, und noch Vergnügen zugegeben. Bleib du bei den Göttern des Plato; ich werde acht Tage in Aachen bleiben, wo ich am Sonntage auf dem Balle ein göttliches Mädchen gesehen habe; die muß ich näher kennenlernen und wissen, wer sie ist, dann will ichs dir wieder erzählen.« Zehnter Abschnitt Doktor Anselms Eifer, die Arzneigelahrtheit zu praktizieren Unser dicker Mann hielt sein Wort. Er blieb acht Tage in Aachen, er betrank sich nicht, er spielte nicht, aber er verliebte sich in eine Vettel, die ihn mit witzigem und empfindsamen Schnickschnack ankörnte und bei welcher er zwei lange breitschultrige, aber ganz artige Leute fand, voller Witz und lustiger Laune. Sie machten ein Gastmahl zusammen. Da ward freilich gegessen und getrunken, aber nicht bis zum Betrinken, sondern nur, um guter Dinge zu werden. Nun ward ein Spiel vorgeschlagen, aber Anselms Klugheit warf dies weit weg. Indes sah er zu, wie andere spielten. Es ward aufs Spielen gewettet. Wie es zuging, daß Anselm mitwettete, und noch mehr, wie er so schnell eine beträchtliche Summe verlor, wissen wir nicht, da ers sich selbst nicht recht erinnern konnte. Was er sich deutlich erinnerte, war, daß er glaubte, geprellt zu sein, daß er dies merken ließ und daß ihn darauf die beiden breitschultrigen Herren etwas unsanft zur Türe hinaus – und die Treppe hinunter schafften. Es ist offenbar, daß hierbei gegen die Klugheit unsers dicken jungen Mannes nichts einzuwenden war; denn wer konnte so etwas voraussehen? Auch war wider seinen Mut nichts einzuwenden, denn es waren zwei gegen einen. Aber der strenge Philipp sagte doch: »Freund, hast du nicht Mißvergnügen für Vergnügen eingewechselt; und wär es nicht besser, Vergnügen für Arbeit zu kaufen?« Die Wahrheit dieses Spruchs fiel nun unserm dicken Manne um so mehr auf, je stärker das ihm ganz unvermutete Mißvergnügen auf ihn wirkte. Seine Einbildungskraft ward entflammt durch die Vorstellung der neuen Art des Vergnügens, sich nützlich zu beschäftigen; und nun opferte er zwei Tage lang alle seine Gedanken den Göttern des Plato. Er war mit Ernste bedacht, sich der Ausübung der Medizin zu widmen, um sich dadurch ein neues Vergnügen zu schaffen. Damit er sich nun aufs geschwindeste in Praxis setzen möchte, fing er plötzlich an, alle kranken Armen in der Gegend zu besuchen und umsonst zu kurieren. Da er gleich anfangs das Vergnügen hatte, daß einige gesund wurden, so ergab er sich dieser menschenfreundlichen Beschäftigung mit verdoppeltem Eifer. Vom Morgen bis an den Abend war er und sein Karriol unterwegs, um in die Wohnungen des Mangels und des Elends Hilfe zu bringen. Ob ihn dazu bloß seine Menschenfreundlichkeit und Gutherzigkeit, zwei ihm angeborne Temperamentstugenden, so sehr antrieben, oder ob die Begierde, sich geltend zu machen, eine ihm ebenfalls angeborne Temperamentstorheit, einen beträchtlichen Anteil daran gehabt habe: möchte eine weitläuftige Untersuchung erfordern, die um so unnützer sein würde, da wir der Wahrheit zur Steuer berichten müssen, daß etwa nach einem Monate dieser Eifer ziemlich nachließ. Einige arme Kranke starben; andere waren unfolgsam und nahmen seine Arznei nicht. Die Unreinlichkeit ihrer Hütten ward ihm ekelhaft; und weil er, wie wir beiläufig bemerken müssen, noch die Temperamentseigenschaft der Bequemlichkeit in hohem Grade besaß, so fand er es bald sehr lästig, zu allen Zeiten des Tages und in aller Witterung in seinen menschenfreundlichen Geschäften auf den Landstraßen herumzurollen. Er gab zwar ferner den Armen guten Rat und Arznei, wenn sie sich bei ihm meldeten, aber seine Krankenbesuche wurden seltener und hörten endlich gar auf. Ja zuweilen, wenn ihm ein Rat wegen eines armen Kranken abgefordert ward und er gerade ein neues schönes Gesicht erblickt oder sonst etwas Neues im Sinn hatte, es sei nun eine heitere Romanze oder eine tiefsinnige Betrachtung über Substanzen und Accidenzen, so antwortete er zerstreut und kurz; und wer weiß, ob er nicht zuweilen radix Chinae mag verschieben haben, wo er cortex Chinae hatte verschreiben wollen. Das Beste ist, daß der Schaden für die Kranken so groß nicht kann gewesen sein; denn arme Leute werden gemeiniglich gesund, wenn sie nur Arznei nehmen, sei es, welche es wolle, so wie reiche Leute, die arm am Geiste sind, oft schon dadurch gesund werden, wenn sie den Arzt nur sehen und ihre ganz besonderen ganz unerhörten Krankheiten ihm nur klagen können. Meister Anton, der mit stillem Vergnügen bemerkt hatte, daß sein Sohn anfing, sich mit Ernste auf etwas zu legen, und der daher das Geld für die Arzneien, welche die Kranken bekamen, mit doppeltem Vergnügen gegeben hatte, sah mit Betrübnis, daß er in kurzem diesen Anfang von Beschäftigung wieder verließ und in seine gewohnte verkehrte und zerstreute Lebensart fiel. Er sah ein, dies sei nicht der Weg, auf dem sich sein Sohn zu einem brauchbaren Manne bilden könne. So wenig auch Sprechen seine Sache war, so konnte er doch nicht umhin, ihm darüber einen Wink zu geben. Einst sagte er zu seinem Anselm: »Du hast nun so lange studiert, mein Sohn; und ich denke nach, was du bist! Mich dünkt: Nichts! Wisse aber, lieber Sohn: Aus Nichts wird Nichts.« Anselm rief mit Heftigkeit aus: »Wie? Ich wäre Nichts? Bin ich nicht Doktor der Arzneigelahrtheit?« »Ja, das hat mein Beutel empfunden! Aber die Kranken wissen von deiner Doktorschaft so viel wie nichts.« »Aber rechnen Sie denn für Nichts, daß ich so viele Wissenschaften studiert habe und mich der Philosophie ergebe und die Ontologie und die Psychologie studiere?« »Ich weiß nicht, was das ist und für wen du das studierst.« »Für mich selbst! Ich habe mich selbst und meine Seele kennen lernen, und täglich entdecke ich neue Kräfte in derselben!« »Du weißt also viel von dir selbst, oder dünkst dich viel zu wissen; und doch scheint es mir, wenn du dich selbst kenntest, so würdest du anders handeln, als du handelst. Doch wisse immer von dir selbst, so viel du willst. Es ist auch nötig, daß du weißt, was dich andere Leute angehn, damit du in der Welt fortkommst und auch andern nützlich wirst.« »Ich denke zuerst an mich; und das mag jeder tun! Was gehn mich die andern an?« »Auch ich nichts?« »Lieber Vater, das will ich nicht sagen – Sie wissen ja wohl – ich liebe Sie – aber ...« »Aber siehe nun, mein Sohn, hätte ich auch so denken wollen wie du und hätte nur an mich gedacht: so wärest du nicht mit so viel Kosten Doktor geworden; und wenn ich jetzt noch so dächte wie du, so könntest du jetzt nicht so viel Geld im Müßiggange verschwenden. Es ist ein herrlicher Spruch in der Bibel: Was du nicht willst, daß dir die Leute tun sollen, das tue du ihnen auch nicht. Wenn du, mein lieber Sohn, dich um niemand bekümmern willst, so wird sich künftig auch niemand um dich bekümmern! Dann wird es dir übel gehen; denn kein Mensch kann einzeln glücklich leben.« »Aber Sie tun mir Unrecht, lieber Vater, hab ich denn nicht freiwillig angefangen, die armen Kranken zu kurieren?« »Angefangen! – Das war recht gesagt, mein Sohn; denn du fingst nur an und hörtest gleich wieder auf; das ists eben, was mir leid tut. Ich weiß wohl, du hast manches Gute. Du kommst mir vor, wie ein Pack gut gekämmte Spanische Wolle oder fein gesponnenes Garn. Es könnte vielerlei schönes Zeug daraus gemacht werden. Wenn aber nicht wirklich etwas daraus gemacht wird, so wirds jahrelang auf dem Garnboden hin- und hergeworfen, verliegt, wird schmutzig und ist dann zum schlechten Zeuge nicht einmal tauglich. Sieh zu, daß es mit dir nicht auch so geht!« Anselm hatte sehr viel zu seiner Verteidigung zu sagen. Meister Anton war nicht gelehrt genug, ihm zu antworten, und so glaubte Anselm, Recht zu behalten. Er ging in seiner bisherigen Lebensart fort, faßte gute Entschlüsse, die er nie ausführte, machte Theorien, die nie praktisch wurden, kam von einem aufs andere, bloß wie es ihm einfiel oder ihm eben Vergnügen machte, war Arzt, Dichter, Philosoph, weiser Mann, abwechselnd und ruckweise, und im Grunde keins von allem. Er wußte alles besser wie andere, wollte alles tun und tat nichts. Er suchte nur, seinen Willen zu haben und nach seiner Bequemlichkeit die Art seines Müßigganges zu wählen und abzuwechseln; und das hieß er, sein Vergnügen suchen. Denn schon fing er an zu fühlen, daß ein beständiges sinnliches Vergnügen einförmig wird und aufhört, Vergnügen zu sein. Elfter Abschnitt Wie Philipp und Doktor Anselm miteinander wetteifern Während daß der feurige Anselm in seiner unruhigen Untätigkeit von einem Gegenstande zum andern forttaumelte und weder sich selbst noch andern nützte, hatte sich der kalte Philipp nach und nach in eine ruhige und nützliche Tätigkeit gesetzt. Er war gewohnt, immer fleißig zu sein. Er hatte auf dem Philanthropin und auf der Universität seine Zeit nützlich zugebracht. Es ist wahr, er hatte sich nicht, so wie Anselm, in die Tiefen der spekulativen Philosophie versenkt. Aber er hatte aus den Repetitionen anderer Kollegien, die für ihn um so lehrreicher wurden, je mehr Anselm davon versäumte, eine Menge nützlicher Dinge gelernt. Er hielt sich verpflichtet, dem Hause dankbar zu sein, wo er in so bedrängten Umständen aufgenommen und so wohl war beraten worden. Ohne auf Befehl zu warten, nahm er sich freiwillig und mit Eifer aller Geschäfte an, die in der Manufaktur und in der Schreibstube vorfielen. Er schrieb eine schöne Hand, war in allen Arten von Rechnungen erfahren, hatte einen fähigen Kopf, um bald die wahre Art zu fassen, wie Geschäfte betrieben werden mußten, die ihm neu waren, und ausdaurenden Fleiß, um sie mit Eifer und Treue zu verrichten. Meister Anton, der nun anfing, alt und schwächlich zu werden, genoß nach einiger Zeit von diesem jungen Menschen die kräftigste Unterstützung. Er bemerkte bald mit Vergnügen, daß er sich in allen Dingen auf ihn verlassen konnte. Er vertraute ihm daher die ganze Direktion der Manufaktur an und setzte ihm dafür einen beträchtlichen Gehalt aus. Anselm freute sich über diese neue Einrichtung; denn er liebte seinen Freund Philipp. Aber einige Zeit nachher tat diese neue Einrichtung eine besondere Wirkung auf ihn. Er hatte bisher auf die Manufaktur und deren Geschäfte gar nicht Achtung gegeben. Jetzt aber war eben ein Zeitpunkt, wo in den Kurmonaten in Aachen keine neuen schönen Gesichter zum Vorschein gekommen waren und er derjenigen überdrüssig war, die er schon kannte. Der armen Kranken hingegen, welche seinen Rat und seine Arznei verlangten, kamen so viele, daß sie ihm lästig wurden. Er hatte sich über Gott und die menschliche Seele stumpf gesonnen, und wenn er ein Gedicht machen wollte, konnte er weder Reim noch Gedanken finden. Kurz, es war einer der Zeitpunkte, dergleichen er oft hatte, wo er nicht recht wußte, was er wollte; und so fiel ihm ein, auch einmal einen Blick auf die Manufaktur zu wenden, um zu wissen, wie es darin aussähe. Er ging die verschiedenen Arbeiten derselben von Anfang an durch und begriff erst kaum, daß ihrer soviel sein könnten und daß der Rock, den er trug, wenigstens dreißigerlei Arbeiten erforderte, bis er ein Rock würde. Seine Neigung für alles Neue gab diesen Dingen bald sehr viel Anziehendes für ihn, so daß er sich einige Wochen lang unermüdet auf den Wollenböden, unter den Spinnmaschinen, bei den Weberstühlen, bei den Pressen und Kalandern und in den Färbereien herumtrieb. Allein seine sehr gute Meinung von sich selbst ließ ihn auch bald heimlich bei sich glauben, er könne einen großen Teil dieser Sachen viel vorteilhafter einrichten und viele Fehler, die er allenthalben zu entdecken vermeinte, verbessern. Er faßte daher plötzlich den Entschluß, die Arzneikunst ganz bei Seite zu legen und ein Wollenfabrikant zu werden. Seine Eitelkeit unterließ nicht, seinem Vater es so vorzustellen, als brächte er ihm hierdurch ein Opfer, wobei freilich der Vater nicht wußte, ob er sich wirklich freuen sollte. Anselm sagte aber laut: Nun solle jedermann sehen, daß er einer nützlichen Tätigkeit fähig sei und mit Eifer arbeiten könne. Er hatte auf der Universität unter der Menge Sachen, die er sich zu lernen vornahm, auch Kollegien über die Technologie und über das doppelte Buchhalten gehört; er vermeinte also, sehr gute Kenntnisse von Manufakturen und von Handlungssachen zu besitzen. Es ist aber ungewiß, ob etwa durch die spekulative Philosophie, welche unser dicker Mann auf der Universität zur Hauptsache gemacht hatte, die Technologie war verderbt worden, oder ob etwa ein Kollegium über die Technologie nicht praktische Kenntnisse geben mag, oder was sonst die Ursache gewesen ist, daß die Manufaktur nicht besser ward, seitdem er sich damit befaßte. Er wollte alles gründlicher wissen, alles anders einrichten. Diese neuen Einrichtungen fing er mit großer Lebhaftigkeit an, ward aber bald träge, arbeitete ruckweise mit vielem Eifer und blieb dann wieder tagelang von den Arbeitern und von der Schreibstube weg. Er begann viel und machte nichts fertig, und was er machte, selten zu der Zeit, wenn es gemacht werden mußte. Kurz, er brachte durch seine Gelehrsamkeit so viele Unordnung in die Manufaktur, daß Philipp mit seiner Ungelehrsamkeit durch die größte Mühe kaum wieder alles in Ordnung bringen konnte. Unser dicker Mann keuchte zwar unter der schweren Arbeit, die er sich selbst aufgelegt hatte, und rühmte gegen jedermann, wie sauer ihm das werde, was er nun für die Manufaktur tue; es ward ihm aber nicht Zeit gelassen, auch dieser neuen Beschäftigung, so wie der vorigen, überdrüssig zu werden. Meister Anton, schon lange schwächlich, fiel in eine schwere Krankheit. Dr. Anselm hatte so viele Selbstkenntnis, daß er es nicht unternehmen wollte, ihn zu kurieren. Aber auch ein alter erfahrner Arzt konnte es nicht. Meister Anton starb alt und lebenssatt, voll Liebe gegen seinen Sohn, aber voll Bedauern, daß sein lieber Sohn sich zu allem, was er unternahm, so verkehrt anstellte. Zwölfter Abschnitt Fernere Taten Doktor Anselms in der ganzen Fülle seiner Jugendkraft und Tätigkeit Anselm war der einzige Sohn und also der einzige Erbe eines beträchtlichen Vermögens, das er aber, da er in allen Welthändeln mehr zu zählen als zu rechnen pflegte, für sehr viel ansehnlicher hielt, als es war; zumal da sich fand, daß er auf seine künftige unerschöpflich geglaubte Erbschaft schon seit einiger Zeit beträchtliche Schulden gemacht hatte. Er war nun sein eigener Herr, besaß Vermögen und traute sich nicht wenig Geschicklichkeit zu, es zu verwalten. Er sah wohl aus und befand sich wohl an Geist und Körper. Auf seine geistigen Vorzüge setzte er keinen geringen Wert. Er fand sich gelehrt und witzig, und, was er mehr als alles schätzte: er fand sich voll philosophischer Einsichten, die er überflüssig hinlänglich hielt, um ihn in allen verschiedenen Lagen des Lebens aufs Weiseste zu leiten. Seine Kenntnis der Arzneikunde und sein Doktordiplom waren seiner Meinung nach auch nicht zu verachten; denn sie gaben ihm einen Stand in der Welt, während seine Handlungsgeschäfte ihm Reichtum geben sollten. Seine Philosophie hatte ihn zwar längst das Geld, dieses elende Ding, verachten gelehrt; seine Liebe zum Vergnügen hatte ihn aber wieder gegen den Besitz der edlen Metalle ziemlich tolerant gemacht: daher er auch beschloß, die Handlungsgeschäfte zu seinem Hauptgegenstande zu machen. Seine Manufaktur und sein Hauswesen waren im besten Stande; und er traute sich Kräfte zu, beide noch auf einen viel bessern Fuß zu setzen. Denn er hielt für ausgemacht, daß die Veränderungen, die er in kurzer Zeit bei der Manufaktur gemacht hatte, derselben große Vorteile brächten. Ob nun gleich Philipp anderer Meinung war und es zuweilen auch wohl merken ließ, so hatte er doch wider ihn sehr viele Gründe anzuführen, wobei Philipp zu schweigen für gut fand, welches ihm so angerechnet ward, als ob er überzeugt sein müßte. Es lachte jetzt unsern dicken Mann alles an, und seine Einbildungskraft war voll der heitersten Aussichten, sein Leben froh zu genießen. Alle schönen Pläne, die er vorher schon gemacht hatte, gingen ihm nun aufs Lebhafteste wieder durch den Kopf. Alle vereinigten sich in dem Hauptplane, beständig glücklich zu sein. Der nächste Weg dazu würde freilich gewesen sein, beständig klug zu handeln. Dies hielt auch Anselm bei den Geisteskräften, mit denen er sich begabt fühlte, für sehr leicht. Da es aber sogar dem weisen Memnon mißlang, so wird auch der geneigte Leser schon mit unserm dicken Manne einige Nachsicht haben, im Falle sich irgendeinmal finden sollte, daß seine Klugheit nicht bewährt genug gewesen wäre. Wir haben oben schon bemerkt, daß unter den mancherlei heitern Bildern, mit welchen Anselms Einbildungskraft immer beschäftigt war, das schönste Gemälde von häuslichem Glücke eine vorzügliche Stelle einnahm. Er glaubte also, jetzt wäre die rechte Zeit, eine Frau zu nehmen, und zwar eine schöne Frau; Liebe zum Reichtume oder zu großer Ehre kam nicht in seinen Sinn. Er wollte nur sein Leben mit einer schönen Seele, die in einem schönen Körper wohnte, wie einen sanften Bach, der zwischen blühenden Gebüschen über glatte Kiesel herabrollt, dahinfließen lassen. Was er in Vaals und in Burscheid an Mädchen fand, schien ihm zu gemein, zu bürgerlich, zu wenig hervorstechend. Er wandte also seine Augen nach Aachen, in welcher Stadt damals ein ausgezeichneter Vorrat an jungen schönen Püppchen war und vermutlich noch ist. Er durfte nur die Blicke umherwerfen, so sah er, was sein Herz labte. Da aber unser dicker Mann, wie der Leser schon mehrmal wird bemerkt haben, nicht bloß sinnlich dachte, sondern in die Geheimnisse der höhern Philosophie eingeweihet war: so hielt er die äußerliche Schönheit zwar für eine notwendige Bedingung, ohne die er sein Herz nicht weggeben konnte, aber nicht für die einzige. Er wußte, wie schön er selbst war; und deshalb konnte er seinen künftigen Kindern nicht das Unrecht tun, sie nicht von einer schönen Mutter gebären zu lassen, aber er bemerkte auch in Gedanken, daß seine künftigen Kinder noch mehr als 100 bloß schön sein müßten, wenn sie ihrem Vater ganz gleichen sollten. Von diesem allen ward er noch mehr überzeugt, da seine Philosophie, welche durch lange Spekulation schon einen großen Grad der Stärke erlangt hatte, seit kurzem noch durch eine ziemliche Kenntnis der Welt, unter andern bei Gelegenheit der beiden langen Herren in Aachen, war verstärkt worden. Er fühlte nun, nach seines Vaters Tode, das unbeschreibliche Vergnügen, sein eigener Herr zu sein und bloß von sich selbst abzuhängen. Seine öftern Reisen nach Aachen hatten zwar einen wichtigen Zweck, aus der Menge der dortigen Schönen sich eine Frau zu suchen. Aber ein Nebenzweck war auch, seine Unabhängigkeit zu genießen und das Vergnügen, das ihm auf allen Seiten entgegenströmte, mit vollen Zügen in sich zu schlürfen. Wenn er selbst nicht dazu so viel Neigung gehabt hätte, so würden ihn andere dazu gebracht haben. So gewiß sich auf einem faulen Baume Würmer finden, sich von seiner Zerstörung zu nähren, so gewiß finden sich zu einem reichen oder auch nur wohlhabenden jungen Menschen betriebsame Personen, welche auf sein Geld mancherlei Ansprüche zu haben meinen. Sie nehmen alle Gestalten an: sie studieren seine Schwäche, die ihre Stärke werden muß, sie sind unterhaltend, angenehm, widersprechen nicht und wissen der Schmeichelei oft ein solches Ansehn der Wahrheit zu geben, daß wohl klügere Leute könnten dadurch betrogen werden als junge reiche Burschen, die nach Vergnügen dürsten und das Geld nicht achten. Solchen lustigen Brüdern ward denn unser dicker Mann auch zur Beute und um so viel leichter, je sorgloser er vermöge seiner unerfahrnen Gutmütigkeit und eingebildeten Klugheit in ihre Netze lief. Er fiel in alle die Gruben, in die gewöhnlich reiche Jünglinge fallen. Er verlor Zeit, er verlor Geld und bei gesetzten Leuten Ehre. Er lernte, daß es falsche Freunde gäbe und so schlaue, daß sogar er könne von ihnen betrogen werden. Er lernte, daß Schönheit bei manchem Frauenzimmer oft nichts mehr ist als ein herrlich angemalter Weinkranz an einem Hause, worin man sehr mittelmäßigen Wein trinkt. Er lernte dies alles; machte auch zuweilen, wenn er nicht guter Laune war, ganz artige moralische Betrachtungen darüber, aber weiter hatte er keinen Nutzen davon. Mit aller seiner vielen Philosophie und Moral blieben alle seine Torheiten, wie sie vorher waren. Nachdem ihn Philipp daran erinnert hatte, konnte er sich selbst nicht verhehlen, daß sein oftmaliger Aufenthalt in Aachen, dessen eigentlicher Zweck sein sollte, sich eine Frau zu suchen, um das höchste häusliche Glück in Vollkommenheit zu genießen, ihm nur Gelegenheit gab, lauter Dinge vorzunehmen, welche offenbar vom häuslichen Glücke weit abführten. Dennoch aber war er täglich da und handelte so unklug wie vorher; denn Müßiggang, Zerstreuung und sinnliche Ergötzungen hatten über ihn eine unwiderstehliche Gewalt. Von falschen Vergnügungen gesättigt und durch plumpen Betrug gedemütigt, fing er bisweilen an, über die Eitelkeit der Freuden der Welt ganz artig zu philosophieren, auch wohl den Entschluß zu fassen, künftig weiser und vorsichtiger zu sein. Es geht aber oft den Jünglingen, die sich bessern wollen, wie den Menschen, welche auf sympathetische Kuren ihr Vertrauen setzen. Wenn diese einen bösen Schaden am Beine haben, so soll er dadurch geheilt werden, daß sie ein Schemelbein brennen oder verbinden lassen: eine bequeme Kur, welche ihrem eigenen lieben Beine Schmerzen ersparet, wodurch es aber auch nicht besser wird. Ebenso läßt der Jüngling, der es sich selbst insgeheim gestehen muß, daß er als ein Tor handle, bei seinem Vorhaben der Besserung seine Lieblingsneigung, die ihn eigentlich recht zum Toren macht, gewöhnlich ganz unberührt und wendet seine Strenge nur gegen diejenige Torheit an, die ihm selbst nicht mehr gefällt oder die er nicht mehr tun kann. So auch unser dicker Mann. Als er einigen lustigen Brüdern und zärtlich-gefälligen Schönen entsagte, von denen er geprellt und nachher ausgelacht worden war, meinte er, dadurch schon seine Weisheit und Vorsicht ganz festgesetzt zu haben, und unterließ nicht, seiner Klugheit ein Kompliment zu machen, indem er es ihr zuschrieb, daß er nicht noch unweiser gehandelt und noch mehr verloren habe. Er beredete sich, schon längst gewußt und gedacht zu haben, daß noch mehr zum Glücke des Ehestandes erfordert werde als Schönheit. Auch wollte er schon längst bemerkt haben, daß, wenn etwa seine künftige Frau einige von den Eigenschaften besäße, die er jetzt erst an einigen Frauenzimmern entdeckte, welche er auf ihr schönes Gesicht und auf ihre anfänglich gezeigten empfindsamen Gesinnungen für Zierden ihres Geschlechts gehalten hatte, dennoch sein häusliches Glück nicht sehr feste stehen möchte. Er fing nun an, in seiner Einbildungskraft, die immer seine treueste Ratgeberin blieb, sich ein ganz neues und viel herrlicher ausgemaltes Bild von seiner künftigen Gattin zu entwerfen. Er stattete sie, außer der Schönheit, in Gedanken noch mit so vielen andern vortrefflichen Eigenschaften aus, daß er, wenn er sie zusammenrechnete, bei seiner reifen Einsicht zuweilen selbst zu zweifeln anfing, ob er sie auch bei einem einzigen Frauenzimmer zusammen finden möchte. Desto behutsamer beschloß er zu sein und die Frauenzimmer, die ihm gefielen, erst genauer zu beobachten, ehe er mit ihnen nähere Bekanntschaft machte, und sie sorgfältig zu prüfen, ehe er einen Antrag täte, alsdann aber auch, nach so strenger Überlegung, die Sache bald zu Stande zu bringen. Daß er, selbst bei dem schönsten und besten Mädchen, etwa nicht Gegenliebe finden möchte, darüber fiel ihm niemals der geringste Zweifel ein. Denn nicht nur hatte er seine künftige Geliebte mit einer guten Portion zärtlicher Gesinnungen ausgestattet, sondern er sah sich auch wie das große Los in der Lotterie an, nach welchem jeder greifen wird, dem es zufällt. Er wußte ja, welch ein wohlgebildetes, reiches und rundes Kerlchen er war. Der geneigte Leser wird gebeten, unserm dicken Manne dies nicht zu einer unverzeihlichen Eitelkeit auszulegen. Denn fast alle reichen und gesunden Kerlchen denken ebenso und bringen oft das bißchen Schönheit und Weisheit, welches sie etwa besitzen, nicht einmal mit in Anschlag. Dreizehnter Abschnitt Erster Versuch Doktor Anselms, seine Kenntnis der Frauenzimmer praktisch zu zeigen Es hatte in Aachen schon einige Zeit die Tochter eines verstorbenen Hofrats eines Fürsten im Reiche gewohnt. Anselm erblickte sie zufällig in einem Konzerte, das, gleich bei der Eröffnung der vollen Kurzeit in Aachen, einer von den tausend Deutschland unaufhörlich durchreisenden berühmten Virtuosen gab, von denen noch niemand hat reden hören, bis sie die Billette zu ihrem Konzerte herumschicken. Diese Schöne machte auf Anselm eine sehr große Sensation, deren Wirkungen noch fortdauerten, als der erste Eindruck längst vorüber war. Seine sorgfältigen Erkundigungen nach ihr mußten notwendig das Verlangen zu einem nähern Umgange erregen. Sie wohnte im Hause ihres Vormundes, des Hofrats [R2]. Ihre Schönheit, Sittsamkeit und Jugend, nebst einem großen Vermögen, von dessen Einkommen sie völlig Herr war, weil ihr Vormund, nach dem Willen ihres verstorbnen Vaters, hierin und in der Wahl eines Gatten ihr vollkommene Freiheit ließ, waren ihre geringsten Vorzüge. Sie besaß einen durchdringenden Verstand, einen lebhaften Witz, Kenntnisse in den Wissenschaften, wie man sie von einem Frauenzimmer kaum verlangen kann, und Talente, wie man sie selten findet. Sie sang wie ein Engel, sie spielte Klavier und Harfe, sie zeichnete, sie stickte. Wie hätte Anselm bei so vielen Vorzügen gleichgültig bleiben können? Er suchte mit Eifer Zutritt in ihr Haus und erhielt ihn. Ungeachtet sie eher etwas zurückhaltend war und sonst neuen Umgang eben nicht anzuknüpfen pflegte, so schien sie sich doch in Dr. Anselms Gesellschaft zu gefallen und ihn, von der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft an, vorzüglich von andern zu unterscheiden. Anselm besuchte sie nun so oft es möglich war, weil er auch in ihrer Gesellschaft ein außerordentliches Vergnügen fand; und sie nahm dieses so wohl auf, daß sie ihn sogar einmal in Vaals wieder besuchte. Beide trafen auf so vielen Seiten in ihren Gesinnungen und Empfindungen zusammen, daß sie sich leicht wechselseitig gefallen konnten. Man kann denken, daß Anselm die Verse nicht werde gespart haben; denn Jungfer Emerentia war eine Kennerin von Gedichten. Was ihn aber noch mehr an ihre Unterhaltung fesselte, waren ihre wissenschaftlichen und philosophischen Unterhaltungen, welche, wie schon bekannt, unsers dicken Mannes Lieblingsfach ausmachten. Jungfer Emerentia liebte sehr die Untersuchungen über Gott, Welt, das Universum und die Substanzen. Dabei konnte der gute Anselm auskramen, was er am liebsten auskramte. Sie hörte ihm aufmerksam zu, antwortete so, daß zu sehen war, sie begreife, was gesagt ward, und nehme Anteil. Unvermerkt stieg dann die sanfte weibliche Seele vom Empyreum auf unsere Erde hernieder; und nun sprachen sie von den Pflichten der Menschen in der wirklichen Welt, von Edelmut, Wohltätigkeit, Menschenliebe und Aufklärung, welches unserm Anselm, der bei seinen mancherlei kleinen Torheiten eine gutmütige Seele war und gern, ohne viele Mühe, das ganze menschliche Geschlecht glücklich gemacht hätte, das Herz so erwärmte, daß er die schöne Emerentia als ein überirdisches Wesen ansah. Und mit diesem überirdischen Wesen sein Leben zuzubringen, – welche Aussicht! Welche vollkommene Erfüllung seines Plans, beständig glücklich, und nun mit der reifsten vorherbestimmten Überlegung, beständig glücklich zu sein! Gegen Philipp hatte das Vertrauen unsers Anselms seit geraumer Zeit mit Rechte so sehr zugenommen, daß dieser mehr sein Freund als sein Untergebener war. Anselm konnte über dem Gedanken, mit Jungfer Emerentia das Glück seines Lebens zu teilen, keine Nacht mehr schlafen. So weit er herumsann, fand er an ihr alle Eigenschaften einer vortrefflichen Frau und keinen einzigen Tadel. Doch wollte er, als ein nunmehr weise gewordener Mann, den wichtigsten Schritt seines Lebens nicht ohne die genaueste Überlegung tun. Er entdeckte demnach zuletzt seine Absicht seinem Freunde Philipp und fragte ihn um Rat. Wir nennen dies so, weil es im gemeinen Leben so genannt wird, wenn man jemand in Form über dasjenige fragt, was man zu tun schon entschlossen ist. Dies war hier auch der Fall. Denn es schien unserm dicken Manne unmöglich, länger ein so großes Glück zu verschieben, das er so nahe vor sich sah. Philipp, wie wir schon wissen, liebte Anselmen, dem er soviel zu danken hatte, beobachtete ihn in der Stille, konnte aber, wie wir ebenfalls wissen, seine Betrachtungen bei sich behalten, wenn er nicht gefragt ward. Er hatte längst bei allen Gelegenheiten auf Jungfer Emerentia genau Acht gegeben, weil er die große Neigung Anselms merkte und sie innerlich nicht ganz billigte. Da ihn nun Anselm befragte, teilte er ihm seine kalten Beobachtungen mit, wo freilich manches in ein ganz anderes Licht gesetzt ward, als es dem warmen Liebhaber erschien. Anselm hörte aufmerksam und mit Kopfschütteln zu, bis Philipp seinen Verdacht äußerte: Jungfer Emerentia möge wohl stolz sein; und ihm scheine eine stolze Frau für niemand, am wenigstens aber für Anselm, eine gute Gefährtin des Lebens sein zu können. Hier fuhr Anselm auf und rief: »Mein lieber Philipp, da hast du nun gewiß ganz unrecht! Wie könnte diese edle, diese von Vorurteilen so freie Seele stolz sein?« Philipp, versetzte: »Du kannst an ihr vielleicht nicht so beurteilen, was Stolz ist, weil du ganz im gleichen Stande mit ihr umgehst. Wer in der niedern Klasse steht, bemerkt genauer, wann sich jemand erhebt; er fühlt gewisse kleine Züge, welche große innere Ursachen hinter sich haben müssen, und schließt daraus auf den Charakter.« »Nein, lieber Philipp, da bist du wirklich ganz irrig! Ich wünschte, du hättest unser gestriges Gespräch von Überwindung der Vorurteile, von Mäßigung der Meinung von uns selbst hören können. Da hättest du vernommen, wie weit diese erhabene Seele entfernt ist, niedrige Einbildungen zu hegen oder sich selbst über die Gebühr zu schätzen.« »Ja! was sie spricht, weiß ich nicht; ich habe nur aus einigen kleinen Zügen in ihren Handlungen so geurteilt; ich kann mich irren.« »Wahrlich!« rief Anselm aus, »du irrst« – und ergoß sich so im Lobe der edlen Emerentia, daß Philipp merkte, wie es mit der Sache war und unnötig fand, etwas weiter hinzuzufügen. Anselm aber erwärmte sich so sehr durch ihr Lob, daß er weiter nicht säumen wollte, sondern gleich denselben Nachmittag nach Aachen fuhr, um die edle weibliche Seele zu besuchen, die das Glück seines Lebens machen sollte. Nach wenigen gleichgültigen Unterhaltungen fing er an, das Eis zu brechen, bezeugte seine innige Verehrung gegen alle ihre vortrefflichen Eigenschaften; und ziemlich schnell ging er zu einer förmlichen Liebeserklärung und zu dem Wunsche über, sie zur glücklichen Gefährtin seines Lebens zu haben, wobei er sie bat, durch ihr Beistimmen sein Glück zu gründen. Jungfer Emerentia lächelte sanft und sagte: Er täte ihr viel Ehre, sie müsse allerdings stolz darauf sein, die Eroberung eines so schönen Geistes und artigen Mannes gemacht zu haben; indes sei der Antrag zu wichtig, um ihn nicht noch reifer zu überlegen. Anselm, voll Feuer, erwiderte: Allerdings sei es für ihn sehr wichtig, es betreffe das einzige Glück seines Lebens, daher er sie beschwöre, die Erfüllung seines Wunsches nicht gar zu lange auszusetzen. Jungfer Emerentia antwortete lächelnd: »Der Antrag ist mir so unerwartet, daß ich freilich nicht gleich zu dessen Beantwortung die rechte Wendung finden kann.« »Unerwartet?« sagte Doktor Anselm etwas kleinlaut. »Ich hätte gehofft, daß meine Aufmerksamkeit auf Sie, schöne Emerentia, etwas von meinen Empfindungen für Sie verraten hätte!« »O! ich habe Sie immer für einen ganz feinen und galanten jungen Mann gehalten, habe aber nicht geglaubt, daß Sie mich so hoch beehren wollten. Lassen Sie es gut sein. Wir wollen beide die Sache näher überlegen; vielleicht finden Sie bei reiferm Nachdenken einige Schwierigkeiten, und – »Teureste Emerentia! Welche Schwierigkeiten könnten es sein? Mein Glück liegt zu Ihren Füßen; ich lebe und webe nur in Ihnen, –« und hiermit kniete er zu ihren Füßen und griff nach ihrer Hand, die sie zurückzog. »Teureste Emerentia? – Teureste Emerentia? – Stehen Sie auf, Herr Doktor! Sie müssen nicht Szenen machen. – Teureste Emerentia! Das klingt sehr vertraulich. Diese Ihre unerwartete Vertraulichkeit nötigt mich, damit kein Mißverständnis entstehe, Ihnen lieber gleich meine Meinung deutlich zu sagen. Sie sind ein artiger gelehrter junger Mann; aber ich hätte nie gedacht, daß Sie den Gedanken zu einer solchen Verbindung hegen könnten, der, wenn er auch mit meinen Neigungen übereinkäme, unmöglich auszuführen ist. Sie sind der Sohn eines Tuchmachers, Herr Doktor; und Sie wissen, welchen Rang mein Vater hatte! Dies hätten Sie bedenken sollen, ehe Sie einen so unbedachtsamen Schritt taten.« Anselm war vor ihr niedergefallen, aus brünstiger Liebe; und konnte nicht wieder aufstehen, aus großem Schrecken: denn das übertraf alles, was er erwartet hatte. Er stammelte: »Wie? Sollte es möglich sein? Emerentia könnte wirklich solche Vorurteile hegen!« »Lieber Herr Doktor!« sagte Jungfer Emerentia ganz kalt, »es ist kein Vorurteil; es ist eine Tatsache, daß Sie der Sohn eines Tuchmachers sind.« Hier gab die Indignation unserm Anselm einigen Mut. Er versetzte, doch noch immer stammelnd und knieend: »Ich bekenne meinen Irrtum! Ich hatte gedacht, Ihre Philosophie wäre so stark, daß Torheiten und Vorurteile des gemeinen Lebens über Sie keine Macht hätten.« »Sie sind in der Tat im Irrtume, Herr Doktor! Wenn ein Vorurteil allgemein für Richtschnur im gemeinen Leben gilt, so ist der mehr als töricht, der es bloß zu seinem Vorteile für Torheit erklären will. Seine angemaßte Philosophie ist dann nichts als Dünkel und Eigennutz. A propos von Philosophie! Nehmen Sie den Rat einer guten Freundin an. Sie sprechen gern von philosophischen Dingen, aber, wie es mir scheint, bloß, weil Sie sich selbst gern sprechen hören. Sie sind wirklich ein ganz artiger junger Mann; aber Sie werden viel besser zu leiden sein, wenn Sie sich von dieser kleinen Schwachheit heilen können. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, was ich gestern von der Mäßigung der Meinung von uns selbst sagte. Das galt Sie! Ich glaubte um so viel mehr, Sie hätten mich verstanden, da Sie ganz meiner Meinung Beifall gaben. Um desto weniger hätte ich den heutigen Antrag von Ihnen erwartet. Indes ists vermutlich nur eine kleine Übereilung. Ich habe darüber keine Rancüne, sondern werde demungeachtet immer Ihre gute Freundin bleiben. Nur heute bin ich bei dem Herrn Hofrat *** zum Spiele und Abendessen engagiert. Ich muß mich frisieren lassen. Verzeihen Sie also, daß ich Sie verlasse –«. Sie machte ihm einen tiefen Knicks und ging fort. Anselm stand wie angenagelt einige Minuten da, ohne sich besinnen zu können. Als er endlich sich entfernen mußte, ging er vier Straßen langsam durch, ehe er sich entschließen konnte, in den Wagen zu steigen, weil er sich fürchtete, seinem Philipp in die Augen zu sehen. Vierzehnter Abschnitt Zweiter Versuch Doktor Anselms, seine Kenntnis des Frauenzimmers praktisch zu zeigen, und dessen Folgen Daß Anselm der Jungfer Emerentia weiter keinen Besuch machte, ist leicht zu erachten. Es hätte sich auch nicht wohl tun lassen; denn der Herr Hofrat *** hatte ebendenselben Nachmittag die schon lange – ohne, daß unser dicker Mann es geahnt hatte – im Werke seiende Heirat der Jungfer Emerentia mit einem jungen, am Körper sehr feinen und an Geiste sehr derben Junker zu Stande gebracht. Besagter Junker hatte einen stattlichen fürstlichen Titel, ferner sechzehn volle Ahnen und wirklich mit Tuchmachern und Tuchhändlern weiter nichts zu tun, als daß er solcher Art Leuten eine ziemliche Summe schuldig war. Da aber diese Summe, nebst andern Schulden, acht Tage nach der Vermählung aus dem Vermögen der neuen gnädigen Frau bezahlt wurde, so hatte sie auf das häusliche gute Vernehmen so wenig Einfluß als der derbe Geist des Herrn von *** auf die Philosophie der Frau von ***, die sich immer noch in vielen Gesprächen zeigte. Vielleicht veranlaßte ihr Gefallen daran, daß sie nach Monatsfrist wirklich dem Herrn Dr. Anselm die Gnade tat, ihn zur Mittagstafel einladen zu lassen, welches der Starrkopf abschlug. Unser guter dicker Mann ward ganz hypochondrisch, daß die Jungfer Emerentia nicht seine Frau geworden war. Doch ließ er sich darüber von Philipp leicht trösten; denn er sah nun selbst wohl ein, wie sehr er sich in dem Charakter dieses Frauenzimmers geirrt hatte. Aber durch den Makel seiner Geburt ward er aufs tiefste gebeugt. Er hatte auf denselben noch nie sein Auge gerichtet; auch hatte sich seine Philosophie nie vorgestellt, daß im Jahr Eintausendsiebenhundertundachtzig, wo seiner Meinung nach die Aufklärung so gewaltige Fortschritte gemacht hatte, irgendein vernünftiges Wesen solche Geburt für einen Makel halten könnte. Bisher war ihm sein Vater, der durch Fleiß und Ordnung sich selbst aus dem Staube gehoben und es bis dahin gebracht hatte, so viele Menschen zu ernähren und so vielen Menschen wohlzutun, als der verehrungswürdigste Mann vorgekommen; und er hatte geglaubt, in diesem Lichte müsse sein Vater jedermann erscheinen. Er änderte auch desfalls seine Meinung nicht; aber, aller seiner Philosophie ungeachtet, empfand er den Sinn von Philipps, ohne alle Philosophie, bloß aus Erfahrung gemachter Bemerkung, daß derjenige, der sich aus dem Stande der Gleichheit in eine untere Klasse versetzt sieht, manche Dinge anders ansehen muß, als der auf gleicher Linie oder höher steht. Fast mehr noch empfand er aber die bittere Bemerkung der Jungfer Jungfer – Die Zeitungen haben berichtet, daß die Patrioten in Wien, aus Abscheu über den Freiheitstaumel in Frankreich, beschlossen haben, die Wörter Monsieur und Mademoiselle in deutscher Schreibart nicht mehr zu gebrauchen. Ungeachtet wir nicht eben einsehen können, daß den unhosigen Despotenstürmern dadurch sonderlicher Einhalt getan werde: so haben wir doch deswegen nicht weniger Respekt vor Abschaffung kleiner Torheiten, wenn sie auch erst aus großen Übeln hätte entstehen müssen, und wollen uns hiermit an die Wienerischen Patrioten anschließen (Anm. Nicolais). über seine Philosophie, bitterer umsomehr, da sein gesunder Verstand dunkel darin etwas Treffendes fühlte. Er ahnete einigermaßen, daß seine Philosophie nicht für die Welt sei und daß es wohl noch eine andere Philosophie geben möge, welche dient, die Dinge in der Welt richtig zu betrachten und richtig zu würdigen. Er gab sich alle Mühe, sie zu finden, aber vergeblich. Er kannte die wirkliche Welt allzuwenig, indem ihm teils seine Eitelkeit, teils seine Einbildung und seine Philosophie, durch die er die Welt nach seinen Ideen formte, noch gar zu lieb waren. Unser dicker Mann, nicht gewohnt widriger Begebenheiten, ward ziemlich verdrießlich, welche Gemütsstimmung er wechselweise bald für Schwermut, bald für Philosophie hielt. Und doch war sie keines von beiden, sondern bloß die Wirkung des Eigenwillens eines Männchens, das sich bisher immer selbst verzärtelt hatte und nun mit sich selbst und mit Gott und der Natur schmollte, daß nicht alles nach seinem Sinne ging. Indes zog ihn nach wenig Wochen sein jovialisches Temperament, und vielleicht eben so sehr seine Liebe zu Zerstreuungen, nach und nach aus seinem eingebildeten Tiefsinne; und mit seiner frohen Laune kehrte auch seine Neigung zum schönen Geschlechte wieder zurück. Es klebte ihm freilich nun eine gewisse Schüchternheit an, um so mehr, da das so unvermutet erhaltene Körbchen nicht ganz verborgen bleiben konnte. Er schaute zwar, wie ehedem, fleißig unter den hübschen Mädchen herum, aber etwas furchtsamer; und er wagte es sobald nicht wieder, einen Antrag zu tun, weil ihm immer bange war, es möchte ihm der Tuchmacher aufgemutzt werden. Indem seine Blödigkeit unter den Schönen in Aachen sich nicht recht umherzuschauen traute, zog ihn mit einmal ein fremder Stern, der an dem Horizonte von Burscheid hervorstieg, aus seinem Schlummer. In einem Hause daselbst, wo er aus- und einging, hielt sich ein junges Frauenzimmer, Jungfer Mariane M., auf ihrer Durchreise nach einem etwa zwanzig Meilen entfernten Orte vierzehn Tage bei einer dort wohnenden Verwandtin auf. Ihre ausbündige Schönheit zog unsern Anselm an sich; und ihr froher Mut, ihre offenherzige Natürlichkeit und ihre angenehme Unterhaltung hielten ihn so fest, daß er, da kaum acht Tage vorbei waren, bei sich fest überzeugt war, durch sie könne ihm Jungfer Emerentia und noch mehr ersetzt werden. Sie tanzte wie ein Engel, war immer lustig und in witzigen Repartieen unerschöpflich. Es bedurfte bei ihm kaum acht Tage mehrern Umgangs, daß sich der Gedanke, eine so angenehme Gefährtin des Lebens für sich zu wählen, noch fester setzte; und er ergriff daher die erste Gelegenheit, ihr einen förmlichen Antrag zu tun. Sie nahm ihn lächelnd an; sagte, auf einen Antrag dieser Art könne sie sich hier nicht erklären, da sie fremd sei und von ihren Eltern abhänge; dabei blieb sie freundlich wie vorher. Anselm, der hierin keine abschlägige Antwort sah, wollte seiner Sache gewisser sein und wagte es, mit Vorsicht und einigem Stammeln, auch seiner Geburt zu erwähnen. Aber sie sagte mit ungezwungener Freundlichkeit, daß weder sie noch die Ihrigen sich je an einem Umstand dieser Art stoßen würden. Wer war froher als Anselm? Als er nach Hause kam, erzählte er ungesäumt seinem Freunde Philipp: Er habe einen Antrag getan und seine zweite Braut vernünftiger gefunden wie die erste; er verlangte, Philipps Meinung zu hören, und sagte ihm zugleich, er habe die größte Hoffnung, daß die Sache gewiß zu Stande kommen werde. »Was hilft«, sagte Philipp, »meine Meinung zu einer Sache, die schon geschehen ist?« »Mißbilligst du meinen Antrag? Oder was sagst du dazu?« »Ich weiß nicht, ob ich ihn billigen oder mißbilligen soll. Sehr schnell ists von beiden Seiten; und du hattest dir vorher vorgenommen, nicht wieder schnell zuzufahren!« Aber, dieses schon vergessenen Vorsatzes ungeachtet, war es gerade diese Geschwindigkeit, was Anselm nicht tadelhaft finden konnte; denn der Leser wird schon bemerkt haben, daß unser dicker Mann das, was er wollte, ganz wollte und seine Wünsche immer schleunigst in Gedanken erfüllt sah. Er schritt also auch jetzt zur Sache, entwarf ungesäumt einige Briefe an die Eltern seiner Braut und nahm sich vor, mit ihr über diese Korrespondenz zu sprechen. Er besuchte sie daher schon den folgenden Vormittag; aber, siehe da, es war ihr ein Wagen geschickt worden, mit welchem sie noch denselben Mittag abreisen sollte. Es war zu viel Gesellschaft und Unruhe im Hause, als daß Anselm mit ihr allein sein, sie wegen dieser Sache, die ihnen beiden so wichtig war, sprechen und ihr die Entwürfe der Briefe zeigen konnte, ob sie ihren Beifall hätten. Er blieb da, bis man sich zu Tische setzte; denn er konnte das Gesicht nicht von ihr verwenden. Sie nahm zwar von ihm den freundlichsten Abschied und versicherte, sie hoffe nächstens zurückzukommen und dann vielleicht mehr seiner angenehmen Gesellschaft zu genießen. Aber das war ihm nicht genug. Er konnte den Gedanken, von seiner Braut zu scheiden, gar nicht ertragen. Er ließ also, ohne Philipp oder sonst jemand ein Wort zu sagen, ein Reitpferd kommen; und als der Wagen kaum hundert Schritte aus Burscheid heraus war, zeigte er sich schon am Wagen seiner Geliebten. Sie nahm diese Galanterie sehr wohl auf, war außerordentlich munter und unterhielt sich mit ihm vom Wagen aus. Dies war in der Tat für sie etwas angenehmer als für ihn; denn er mußte neben dem Wagen hertraben, und der Nachmittag war sehr heiß. Aber diese Ungemächlichkeit fühlte der verliebte Anselm nicht, sondern nur das Vergnügen, in die Augen der Schönen zu sehen; und er spornte seinen Witz an so wie sein Pferd, sie und ihre im Wagen sitzende Gesellschafterin in beständiger Fröhlichkeit zu erhalten. Die Stadt, wo das erste Nachtlager sein sollte, war an drei Meilen entfernt. Anselm fühlte sich so glücklich, daß er sogleich den Entschluß faßte, bis dahin mitzureiten. Es schien ihm nichts natürlicher, als in eben dem Gasthofe einzukehren und beim Abendessen ihr Gesellschaft zu leisten. Er versprach sich mit dieser muntern Schönen den angenehmsten Abend. Da er, wie man schon weiß, etwas in Anlegung von Plänen getan hatte, so hielt er es heimlich für eine Möglichkeit, sie noch weiter zu begleiten, besonders wenn er, wie er zu veranlassen hoffte, eine Einladung bekäme, einen noch leeren Rücksitz im Wagen einzunehmen, den er aus verschiedenen Ursachen jetzt schon gern eingenommen hätte. Seine lebhafte Einbildungskraft stellte ihm vor, wie schön es sein würde, auf diese Art zwei oder drei Tage in ihrer Gesellschaft zuzubringen, sich in ihre Gunst noch fester zu setzen, vielleicht wegen seiner Hauptsache noch eine nähere Zusage von ihr zu erhalten, vielleicht bis zu ihren Eltern mitzureisen und seinen Antrag mündlich bei denselben auszurichten. Dabei schmeichelte er sich dann ganz heimlich, daß der Anblick seiner werten Person ihm bei den Eltern eben nicht schaden würde, zumal da er in der Gunst der Tochter schon so weit vorwärts gekommen zu sein deutlich vermerkte. Dieser angenehme Gedanke ließ ihn manche kleinen Beschwerlichkeiten seines Rittes nicht achten, so daß Wagen und Reiter unter beständiger gegenseitiger Unterhaltung ganz unvermerkt bis etwa eine halbe Meile vor der Stadt ankamen, wo die Gesellschaft heute bleiben sollte. Da begegnete ihnen ein einspänniges Fuhr werk. Aus demselben sprang ganz behende eine lange Figur, für einen jungen Mann fast zu ernsthaft, aber von schönem Wuchs und mit feurigen Augen. Der Wagen hielt an. Der Ernsthafte öffnete die Tür, und die fröhliche Jungfer Mariane flog in seine Arme, heitere ungekünstelte Freude auf ihrem Gesicht. Unserm Anselm, der eben ein Bonmot sagen wollte, erstarb es auf den Lippen. Er fühlte sich verlegen. Wer war der lange Mann, der so herzlich empfangen ward? Ein Bruder doch wohl; denn für einen Vetter war der Empfang zu vertraut, da die Umarmung selbst für einen Bruder beinahe allzu feurig hätte scheinen mögen. Nach einigen Minuten riß die schöne Mariane unsern dicken Mann selbst aus seiner Ungewißheit. Sie redete den langen Mann an: »Hier sehen Sie, mein Lieber, den Herrn Doktor Redlich, einen geschickten Arzt und gefälligen Mann. Er ist so gütig gewesen, uns bis hierher zu begleiten. Ich und meine Cousine haben ihm viel Verbindlichkeit, daß er uns diese Reise über fünf Stunden lang durch seine Unterhaltung so angenehm gemacht hat.« – »Herr Doktor«, fuhr sie fort, indem sie den langen Mann an die Hand nahm und ihn küßte, »hier sehen Sie – damit Sie sich über meinen vertraulichen Empfang nicht etwa wundern – meinen Bräutigam! Ich hätte Ihnen eher sagen können« – fuhr sie mit der unbefangensten Miene fort – »daß ich einen Bräutigam habe; aber es war in Burscheid meinen Verwandten noch nicht deklariert – und dann«, setzte sie noch mit einigem Lächeln hinzu, »will ich nicht hoffen, daß allenfalls diese Nachricht, wenn ich sie dort hätte geben können, Ihre angenehme Begleitung bis hierher würde verhindert haben.« Der lange Mann zu Fuße machte dem dicken Manne zu Pferde bei diesen Worten zwar eine höfliche Verbeugung; aber es schien beinahe, als ob sein ernsthafter Blick dabei noch ernsthafter ward. Er half indes seiner Braut in den Wagen und nahm ohne weitere Frage den Rücksitz ein, auf den der arme Anselm schon so ausführlich gerechnet hatte. Des Bräutigams Kutscher setzte sich ins Kariol, und so fuhren sie fort. Aber unser armes dickes Männchen sah kaum etwas von allem, was vorging. Es flimmerte ihm vor den Augen, und er fühlte nun mit einmal nichts als alle Beschwerden seines unbequemen Rittes. Wäre das Pferd nicht mechanisch den schnell fortfahrenden Wagen nachgetrabt, so hätte er vielleicht einige Zeit, ohne sich zu besinnen, auf der Landstraße gehalten. Indes, als er sich ein wenig besann, setzte er sein Pferd in Schritt und ließ die Wagen fahren. Als er vors Tor kam, erinnerte er sich erst, daß er vergessen hatte zu fragen, wo seine gewesene Gesellschaft abtreten wollte; denn jetzt wünschte er, sie zu vermeiden. Er war aber so glücklich, den Gasthof zu treffen, wo sie nicht eingekehrt waren. Er ließ sich vom Pferde heben, denn absteigen konnte er nicht, und legte sich unverzüglich zu Bette. Er konnte aber wenig schlafen, teils wegen körperlicher Müdigkeit und Schmerzen, teils wegen der unruhigen Gedanken, die ihn unaufhörlich verfolgten. Den andern Morgen setzte er sich, ohne jemand zu sprechen, auf seinen Gaul und ließ sich so langsam als möglich nach Hause tragen. Unser armer dicker Mann, der zwar an Geiste sehr stark, aber körperliche Beschwerden zu ertragen nicht eben eingerichtet war, mußte sich auf seinem Hofe wieder vom Pferde heben lassen; denn er empfand sehr viel Schmerzen einige Zolle unter einem Beine, welches die Anatomiker vielleicht deswegen das heilige genannt haben, um dicke Leute, die nicht reiten können, zu erinnern, es an heißen Tagen zu schonen. Solch kleines körperliches Ungemach war die einzige Folge seiner allzu schnellen Liebe. Diesmal erfuhr niemand als der treue Philipp etwas von der wahren Beschaffenheit der Sache. Als sich Anselm nach einigen Tagen erholt hatte, sagte er zu ihm: »Aber gesteh mir ein, es war doch ein Unstern bei der Sache!« »Gar nicht!« sagte Philipp lächelnd: »Auch nicht einmal beim heiligen Beine; du hättest nur nicht zu schnell freien und zu schnell traben sollen.« Fünfzehnter Abschnitt Doktor Anselms dritter Versuch und dessen glückliche Folgen Nun kam natürlich wieder ein kleiner Stillstand; denn Anselm war wirklich nicht nur noch schüchterner und noch vorsichtiger geworden, sondern seine Philosophie wendete sich auf einen andern Weg. Er fing an zu bedenken, daß der Ehestand gerade nicht der einzige Weg zum Glücke wäre, und beschloß nunmehr, gar nicht zu heiraten. Er sagte sich so manche Gründe dieses Entschlusses vor, daß er ihn für unveränderlich hielt. Indessen, da er täglich Zerstreuung haben mußte, ritt und fuhr er fleißig nach Aachen und heftete seine Augen ferner auf jedes schöne Gesicht in der Meinung, daß er sie doch auf etwas heften müsse. Unvermerkt kamen ihm die Gedanken wieder, daß es doch gut sein würde, eine schöne Frau zu besitzen; aber so sehr er sich umsah, konnte er kein Frauenzimmer finden, welches nebst einem schönen Gesichte auch alle die andern Eigenschaften besaß, die er nun, da er das weibliche Geschlecht näher hatte kennen lernen und gewitzigt worden war, für diejenige Person verlangte, welche die Gefährtin seines Lebens werden sollte. Anselm hatte einen Universitätsfreund namens Platter, der dort sein guter Kamerad gewesen war, zuweilen bei seinen philosophischen Disputationen, denen Platters lebhafter Witz oft eine andere Wendung gab, aber öfter bei lustigen Gesellschaften, die niemand besser beleben konnte als Platter. Dieser besaß ein sehr mäßiges Vermögen, das er in den Universitätsjahren und im ersten Jahre darauf mit Lustigkeit verzehrt hatte; und da es verzehrt war, hatte er um nichts mehr Neigung zur Traurigkeit oder zum Arbeiten, welches ihm Traurigkeit und noch was Ärgers schien. Nichts hielt er für trübseliger, als ein Amt zu suchen und ein Amt zu verwalten; und da er die Welt schon genug kannte, um zu wissen, daß er in beiden Fällen sich tief bücken und sich nach Anderer Willen richten müsse: so wählte er eine Lebensart, bei welcher er zwar sich nach Anderer Willen zu richten hatte, aber ohne sich tief bücken zu dürfen. Er hing sich an reiche und vornehme lustige Leute und suchte, sich ihnen notwendig zu machen, indem er ihre Unterhaltungen und ihr Vergnügen besorgte. Er war die Seele ihrer Gesellschaften: nahm nichts übel, konnte singen, trinken, jedes Gespräch wieder anheben, welches unter den Schüsseln zu sinken begann, konnte Lustreisen anordnen, Spielpartien zusammenbringen, Spott ertragen, Zweideutigkeiten reden, in moralische Betrachtungen mit einstimmen und im Notfalle, wie es traf, wider die Religion und den Adel reden oder auch Betstunden beiwohnen, immer gefällig, das zu tun, was man wünschte. Es scheint, Personen dieser Art müßten sich viel nach andern richten. Es ist aber in dieser Sinnenwelt wenig Gewißheit; und da Montaigne die Frage aufgeworfen hat, ob nicht vielleicht seine Katze, wenn er mit ihr zu spielen glaube, eigentlich mit ihm spiele, so kann es sich auch wohl treffen, daß die reichen und vornehmen Leute, die sich solche Menschen wie Platter halten, damit sich jemand nach ihnen richten möge, eigentlich sich nach solchen Menschen wie Platter, ohne daß die es merken, richten müssen. Reisen in die Bäder machten einen wesentlichen Teil von Platters Gewerbe aus. So war er schon seit ein paar Jahren mit reichen kranken Leuten nach Aachen zur Kur gekommen, hatte auch einmal bei Freund Anselm vorgesprochen, wäre auch vielleicht, da er, auf den ersten Wink, an Anselms philosophischen Spekulationen und Disputationen wieder Teil nahm, mit ihm in eine nähere Verbindung gekommen. Aber, wie es denn einige unerklärliche Dinge gibt, Platter hatte eine sonderbare Antipathie gegen Philipp. Es war ihm ängstlich, wenn er den Menschen vor sich sah; und daher kam er nicht weiter in Meister Antons Haus, um so mehr, da er in der Kurzeit eine Menge Gesellschaften hatte und dann bald wieder wegreisete. Da aber, seitdem mit der Zunahme der Industrie der Wohlstand in Deutschland so sehr zugenommen hat, die Kurzeiten, sonderlich in den Bädern, wo hoch gespielt wird, immer früher angehen und später aufhören, so wollte auch Platter schon vorigen Winter in Aachen bleiben, um des vielen Reisens überhoben zu sein. Als ein gesetzter und gefälliger Mensch, hatte er sich dort Umgang in verschiedenen guten und stillen Familien zu verschaffen gewußt, denen er die langen Winterabende kürzer machte und so seine Zeit angenehm verschwinden ließ, bis die Kurzeit wieder herbeikam. Da nun Anselm diesen Herbst über Aachen so oft besuchte, so erneuerte Platter die vorige Bekanntschaft ganz ungezwungener Weise. Anselm, der gern schwatzte, erzählte ihm – freilich nicht alle Unfälle, die er mit zwei Frauenzimmern gehabt hatte. Dazu war er allzu vorsichtig und klug. Er ließ ihn aber doch merken, daß er in manchen Dingen seine Meinung von Frauenzimmern geändert habe, daß sie nicht alle gleich solide dächten und daß er jetzt gar nicht willens wäre zu heiraten; wenn er aber ja heiraten sollte, wolle er keine andere Braut erwählen als eine solche, deren Schönheit durch schale Vorurteile und leichtsinniges Betragen nicht verdunkelt würde. Platter gab ihm in allem Recht; und, immer gefällig gegen seinen Freund, sagte er ihm selbst, aus Erfahrung, vieles vom Unterschiede wohldenkender und nicht wohldenkender Frauenzimmer; und, um ihm ein Beispiel eines Frauenzimmers von jener Art zu geben, machte er ihn mit der Jungfer Angelika L. bekannt. Sie war die hinterlassene Waise eines Predigers in der Gegend um Krefeld, war fromm und still erzogen und hatte in ihrer Jugend bloß aus den schönen geistlichen Büchern Unterweisung genossen, welche den dortigen Gegenden eigen sind. Sie lebte nach ihres Vaters Tode in dem Hause eines Vaterbruders, eines Kaufmannes in Aachen, der zwar zu den Stillen im Lande gehörte, dabei aber auch in den Geschäften der Welt wohl bewandert war. Er besaß ein großes Haus, welches er zur Kurzeit an Fremde vermietete, wodurch auch Platter bei ihm war bekannt geworden. In dieser Gesellschaft hatte sich die Nichte, ob sie gleich eingezogen lebte, zum Tone des feinern Umganges gebildet und mehrere Weltkenntnis erlangt. Sie war sehr schön, von sanfter einnehmender Gemütsart, sehr sittsam in ihrem ganzen Wesen, zuweilen etwas kränklich, wenn sie gesund war, sehr heiter, unterhaltend und gegen jedermann von zuvorkommender Gefälligkeit. Diese reizende Schöne zog Anselms Aufmerksamkeit auf sich. Ihre vortrefflichen Eigenschaften machten bald einen andern Menschen aus ihm. Seine Abneigung gegen das Heiraten, die er für so fest hielt, daß er oft mit Philipp gezankt hatte, der sie für eine vorübergehende Laune halten wollte, verschwand vor den schönen Augen der Jungfer Angelika wie Eis vor der Frühlingssonne, und unser dicker Mann war in wenig Wochen wieder förmlich verliebt, und zwar in Jungfer Angelika. Sie war ziemlich leselustig; sonderlich alles, was sanfte, empfindsame, menschenliebende, mitleidige Gesinnungen atmete, rührte sie ungemein. Aber alles Moralische hatte vorzüglich ihren Beifall, und sie konnte sich darüber stundenlang unterhalten. Dies verschaffte unserm Anselm die beste Gelegenheit, sehr oft bei ihr zu sein; denn er brachte ihr Bücher und las in ihrer Gesellschaft, wobei Platter, der schon vorher im Hause bekannt war, zuweilen den dritten Mann ausmachte und durch seine gelegentlichen Bemerkungen zeigte, daß, wenn er gleich im Sommer meist in munterer Gesellschaft sehr zerstreut lebte, er dennoch, wenigstens im Winter und Herbste, auch in stillen Gesellschaften kein unangenehmer Gefährte war. Man kann wohl denken, daß Anselm der Jungfer Angelika manche empfindsamen Romane werde gebracht haben, welches ihm die trefflichste Gelegenheit gab, seine aufkeimende Liebe zu ihr bis zur schönsten Blüte zu bringen. Dabei war diese empfindsame Seele nicht so ausschließend für das Geistige, daß sie nicht, obgleich auf sittsame Art, gern ihren Körper geschmückt hätte. Dies gab dem verliebten Anselm Gelegenheit, sich in Geschenken gegen sie galant zu beweisen; und wenn sie sich damit zierte, so vermehrte sich seine Liebe noch mehr, denn er freute sich, daß sie seine Geschenke schätzte und daß sie schöner dadurch ward. Kurz, Jungfer Angelika gewann unsers dicken Mannes Herz täglich mehr, er täglich mehr das ihrige. Diese süßen wechselseitigen Gefühle machten in ihm die Überzeugung sehr lebhaft, er werde mit dieser schönen empfindsamen, edlen Seele das so lange gesuchte Glück seines Lebens finden. Daher ging seine Liebe so schnell, daß er sich nicht einmal Zeit nahm, so wie sonst, seinen Freund Philipp, selbst nach schon festgefaßter Entschließung, um Rat zu fragen; zudem hatte er mit seinem Freunde Platter schon so manches über die herrlichen Eigenschaften der Jungfer Angelika abgesprochen. Dieser warme Freund stimmte in das verdiente Lob der Schönen ein und gestand gern, derjenige werde sehr glücklich sein, der eine so vollkommene Person zur Gefährtin seines Lebens erhalten könne. Eines Tages begleitete Platter seinen Freund Anselm zur Jungfer Angelika. Die Rede kam auf Rousseaus neue Heloise. Anselm hatte, seitdem er die schöne Angelika kannte, sich aufs Vorlesen gelegt und ward noch etwas eifriger darin, als er zu bemerken anfing, er besitze Talent zur Deklamation. Er las ein paar Briefe Rousseaus vor, worin die heiße Flamme der Leidenschaft in schönen Worten lodert. Er las umso lebhafter, da seine eigene heiße Liebe zu ihr ihn anspornte. Jungfer Angelika ließ auch dem Feuer der Empfindungen und der Kunst des Schriftstellers alle Gerechtigkeit widerfahren, nur zeigte sie das Unanständige in der Schilderung der unerlaubten Liebe Juliens und St. Preux. Sie sagte hierbei so viel schöne Sachen, die das edelste Feuer, Teilnehmung an Tugend, Enthaltsamkeit, Mäßigung und wahrem häuslichen Glücke verrieten, daß der gute Platter höchst unzufrieden war, als er wegen eines unvermuteten dringenden Geschäfts abgerufen ward. Anselm aber setzte voll Entzücken das Gespräch fort. Sein gutes Herz ward durch die Äußerung ihrer ungezwungenen einfließenden schönen Gesinnungen, gleich einer gleichgestimmten Saite, zitternd bewegt. Er brach in das Lob ihrer edlen Seele aus und war so gerührt, daß beinahe unwillkürlich das Wort ihm entfloß: Er werde sich unbeschreiblich glücklich schätzen, wenn sie auf immer die Seinige werden wollte! Fast erschrak er selbst, indem dieser Wunsch seines Herzens über seine Lippen ging; denn es kamen ihm natürlich seine zwei betrübten Erfahrungen abschlägiger Antworten in eben dem Augenblicke zu Sinne. Aber jetzt war er glücklicher. Die schöne Angelika sagte mit holdem Liebreize, sanft errötend: Ihr Herz sei längst dem seinigen näher gekommen; – und was sie noch mehr sagte, kann der geneigte Leser oder Leserin nach Gefallen sich weiter hinzudenken. Nur, fügte sie nach einer kleinen Pause, in der die entzückten Danksagungen des glücklichen Anselms ihr Zeit ließen, zu Worte zu kommen, ernsthaft hinzu, sie hinge nicht von sich ab; sie ersuche ihn also, mit ihrem Oheime und übrigen Verwandten deshalb zu sprechen. Dies geschah. Der Oheim und die Verwandten gaben ihre Einwilligung als gute Wirte. Denn Jungfer Angelika war freilich reich an Schönheit und Empfindsamkeit, besonders aber an Ausdrücken der Moralität, des Edelmuts und der Wohltätigkeit, wovon ihr Mund beständig überfloß, aber mit Glücksgütern war sie ganz und gar nicht versehen; hingegen Doktor Anselm galt für sehr reich. Sie ließen also allerseits die ihrer Meinung nach günstige Gelegenheit keineswegs fahren, sich einer Person zu entledigen, von welcher ihre ökonomische Weisheit die Möglichkeit voraussah, sie könne ihnen einmal zur Last werden. Die Heirat ward einige Wochen nachher in den schönen Tagen des Mais, des Wonnemonds, da sich die ganze Natur zur Liebe neigt, vollzogen; und der Himmel hing, wie man bei jungen Ehepaaren zu sagen pflegt, voll Geigen. Sechzehnter Abschnitt Kaufmännische Klugheit und philosophische Spekulation mit häuslicher Zärtlichkeit gekrönt Anselm war außer sich vor Freuden. Er hatte häusliches Glück mit einer schönen und zärtlichen Frau so lange gewünscht und sah sich nun am Ziele seiner Wünsche. Er sah den Plan, den er sich von Jugend auf gemacht hatte, gelungen; er sah im Geiste die Folgen desselben bis in sein spätestes Alter in so heiterm Lichte, als ihm dieses seine lebhafte Einbildungskraft nur vorstellen konnte, welche durch die Honigwochen seines Ehestandes mit reizenden Bildern noch lebhafter angefüllt ward. Der geneigte Leser wird schon bemerkt haben, daß unser dicker Mann das, worauf er verfiel, von ganzem Herzen und mit dem heftigsten Bestreben tat und daß er seit einiger Zeit, auf seine Kosten, recht viel solider und nachdenkender geworden war als vorher. Also liebte er jetzt nicht nur seine junge Frau von ganzem Herzen; sondern als ein weiser Mann bedachte er nun auch die Pflichten eines Hausvaters und nahm sich ernstlich vor, sie in ihrem äußersten Umfange zu erfüllen. So gleichgültig er bisher gegen Geld und Geldeswert gewesen war (welche besagte Gleichgültigkeit ihm dadurch ziemlich war erleichtert worden, daß es ihm in seines Vaters Hause von Jugend auf nie an Gelde fehlte), so sah er doch nun ein, er werde eine zahlreiche Nachkommenschaft haben, und entschloß sich, aus Liebe zu seinen künftigen Kindern reich zu werden. Zu diesem Behufe faßte er den Vorsatz, sich der Verwaltung der Manufaktur mit verdoppeltem eigenen Fleiße zu unterziehen. Nachdem er dieselbe nochmal examiniert und reiflich darüber nachgedacht, auch mit Philipp in Betreff dieser Sache manchen vergebenen Wortwechsel gehabt hatte, entschloß er sich, die Anzahl der Stühle und der Arbeiter zu verdoppeln und machte seinem Freunde Philipp etwa einen Monat nach der Hochzeit seine Willensmeinung darüber bekannt. Philipp tat dennoch – wir wissen nicht, ob aus eingewurzelten Vorurteilen oder aus andern Ursachen – alles Mögliche, um unserm dicken Manne die Vergrößerung seiner Manufaktur auszureden. Es ist wahr, er hatte manche scheinbaren Gründe anzuführen. In der Tat schien es, als hätte sich Anselm bis jetzt für reicher gehalten, als er war; wenigstens hatte er so gelebt. Sein Vater hatte durch Fleiß und Frugalität ein ziemliches Kapital zurückgelegt; dahinein war, wie schon bemerkt ist, von unserm jovialischen dicken Manne etwas tief gegriffen worden; denn zu der Art, wie er lebte, konnten die Einkünfte der Manufaktur bei weitem nicht zureichen. Außerdem war die Manufaktur, aus Mangel des Absatzes, in den letzten Jahren nicht so stark gegangen; und Philipp blieb bei der Meinung, sie jetzt zu vergrößern müsse Schaden bringen, zumal da schon ein starker Vorrat an Tüchern auf dem Lager war. Seine Vorstellungen aber halfen nichts. Alles, was er über Anselm erlangen konnte, bestand darin, daß die schon beträchtliche Anzahl der Stühle nur mit einem Drittel vermehrt ward. Weniger konnte aber auch nicht geschehen. Denn Anselm fand, um seine künftig sich vergrößernde Haushaltung zu unterhalten, durchaus nötig, größere Geschäfte zu machen. Darauf ließ sich nun nichts weiter einwenden. Auch fand Anselm, mit seinem offenen Kopfe, sogleich Rat, sich von dem großen Vorrate der Waren loszumachen. Er gab seinen auswärtigen Abkäufern größern Kredit als vorher und schickte einem Korrespondenten in Polen eine große Anzahl Stücke in Kommission. Auf diesen Gedanken war freilich Philipp nicht gekommen; und vielleicht wendete er bloß deswegen viel dawider ein, weil er einen so glücklichen Einfall nicht selbst gehabt hatte. Aber dem sei, wie ihm wolle! Das Warenlager ward nun in ein paar Monaten so aufgeräumt, daß dessen Umfang ferner keinen Grund gegen die Vergrößerung der Manufakturarbeiten abgeben konnte. Die Stühle würden also vermehrt, Vorrat von Wolle und Garn gekauft und eine Menge neuer Arbeiter angesetzt. Anselm war von der Richtigkeit und Notwendigkeit seiner Spekulation durch reifes Nachdenken überzeugt. Er konnte sich wahrlich nicht vorwerfen, leichtsinnig dabei zu Werke gegangen zu sein, da er manche Stunde darüber nachgedacht und jeden Zweifel des den Ideen seines Plans wirklich ziemlich furchtbaren Philipps mit einem Syllogismus beantwortet hatte. Nun konnte ihm Philipp die Prämissen keines einzigen derselben durch einen andern Syllogismus widerlegen; daher war er von der Wahrheit der Resultate so fest überzeugt, daß er sich nicht einen Augenblick bedachte, da sein barer Geldvorrat durch die wöchentliche Bezahlung so vieler Arbeiter bald erschöpft ward, zum Behufe der so heilsamen Vergrößerung seiner Manufaktur kurz nacheinander ein paar beträchtliche Kapitalien aufzunehmen. Es gibt Kaufleute, griesgrämige magerbäckige Gesichter, welche für Spekulationen, wodurch der Handel bis ins Unendliche getrieben wird, keinen Sinn haben. Sie begnügen sich, ganz engherzig ihr eigenes Kapital oder wenig darüber in Umlauf zu bringen oder gar nur zu sorgen, es allenfalls mit einer geringen jährlichen Vermehrung zu erhalten. Diese werden nicht ermangeln, über unsern dicken Mann die Achseln zu zucken, daß er den größten Teil seines Vermögens teils auf übermäßigen Kredit weggab, teils gar in ein weit entferntes Land auf einen ungewissen Kommissionshandel wagte und zugleich ein sehr großes Kapital aufnahm, um seine Manufaktur zu einer Zeit beträchtlich zu vergrößern, da der Absatz sehr zu fallen schien. Aber diese altväterischen Schreibstubensitzer erwägen nicht, daß unser Anselm sich in der Notwendigkeit sah, größere Geschäfte zu machen, um seine nun vergrößerte Haushaltung ferner mit Anstand zu führen. Man könnte diesen kurzsichtigen Tadlern, die nicht für recht halten, man dürfe mehr wagen als man selbst besitzt, bloß deswegen, weil man mehr Geschäfte machen will, das Beispiel ansehnlicher Komtore, ja ganzer Handlungsplätze entgegensetzen, wo noch größere und weit aussehendere Spekulationen betrieben und bloß mit der Notwendigkeit, die Geschäfte zu vergrößern, entschuldigt werden. Es ist freilich wahr, daß die Kaufleute, welche jetzt Spekulationen bis zu einer Größe treiben, die denjenigen erschrecken könnten, welcher die Sache nicht versteht, gewöhnlich dabei eine Vorsicht gebrauchen, an die unser dicker Mann wohl nicht denken konnte, da er bisher der Wolfischen Philosophie kundiger war als der feinen Handlungsgebräuche. Diese Kaufleute fabrizieren nicht selbst, noch weniger nehmen sie zum Behufe einer Manufaktur ein großes Kapital auf. Sie verschreiben vielmehr, da jetzt der Kredit so leicht gemacht wird, binnen kurzem aus Frankreich, Holland und England, von verschiedenen Orten her, einen Vorrat von Waren, der ihr eigenes Vermögen dreißig und mehrmal übersteigt, welchen sie denn mit kühnem Mute in entfernte Länder verborgen. Gelingt es ihnen: so gewinnen sie ansehnlich, werden als kluge und große Kaufleute verehrt und wagen nun wieder eben so große Posten, bis es einmal nicht gelingt. Dies scheint dann dem gemeinen Haufen ein Unglück; aber der spekulierende Kaufmann, welcher die Gefahr vorhersah, hält es eben nicht dafür. Nicht er, sondern die Menge der fremden Kreditoren haben die Gefahr zu tragen. Er verläßt sich darauf, vorteilhaft mit einem Verluste von vierzig oder fünfzig vom Hundert zu akkordieren, wobei er mit Rechte voraussetzt, daß fremde Fabrikanten eher geneigt sein müssen, einen solchen Akkord einzugehen als einheimische Wechselgläubiger, vor denen er sich hütet. Es müßte bei einem Akkorde, den der klügere Kaufmann über den dreißigfachen Wert seines Vermögens schließet, wunderlich zugehen, wenn er sein wirkliches Vermögen nicht rettete und vielleicht noch mit der Hälfte vermehrte. Dieses, und die Anzahl der Kreditoren, welche macht, daß keiner ganz zugrunde geht, hilft ihm, daß er nach geschlossenem Akkorde ganz unbesorgt sein kann, ferner Kredit zu bekommen und weiter zu handeln; denn das versteht sich. Auf diese feinen Kaufmannskünste, wodurch jetzt die Handlung und durch sie die fabrizierende Industrie bis auf einen Gipfel steigt, daß es beinahe scheinen möchte, beide würden sehr bald wieder herabstürzen müssen, war unser dicker Mann freilich nicht bedacht. Er war ehrlich genug, sein eigenes und seines nächsten Nachbars Vermögen auf eine ganz neue Spekulation zu wagen. Aber da er alles nach der ihm so geläufigen mathematischen Methode untersucht hatte, so glaubte er vorauszusehen, daß seine Spekulation gewiß den sichersten Vorteil abwerfen werde. Wollte er nun diesen Vorteil nicht entbehren, so waren, wie er ebenfalls demonstieren konnte, die Versendung beinahe seines ganzen Warenlagers in Kommission und die Anleihe eines großen Kapitals ganz notwendige Maßregeln. Die gedachte Anleihe aber ward noch in einer andern Absicht notwendig. Eben zu der Zeit, da unser dicker Mann eine so schnelle Revolution in seinem Manufaktur- und Handlungswesen vornahm, entstand in seinem häuslichen Wesen auch eine Revolution, die sich zwar unvermerkt entspann, aber fast schneller fortging als jene. Die zärtliche Frau Angelika hatte mancherlei Bedürfnisse. Sie mochte sich gern putzen. Daran hatte nun der verliebte Anselm selbst seinen Gefallen und gab alle Kosten gern her, um einen so schönen Körper noch mehr zu zieren. Aber Frau Angelika wollte auch ihren Putz gern zeigen. In Vaals war niemand, für den es der Mühe belohnte; daher mochte sie gern oft in Aachen sein, und dazu wollte sie eine Kutsche mit vier Pferden angeschafft wissen. Anselm besaß selbst zwar eine ziemliche Anlage, sich gern geltend zu machen; indes hatten Philipps ökonomische Zweifel, obgleich alle durch die Kraft logischer Schlüsse widerlegt, doch einen gewissen Eindruck auf unsern dicken Mann hinterlassen. Er fing also jetzt an, vorher zu berechnen, da er sonst nur untersucht und Schlüsse gemacht hatte; und da schienen ihm die Kosten der Anschaffung und der Unterhaltung so beträchtlich, daß er es der Mühe wert hielt, seine arithmetischen Resultate der jungen Frau mitzuteilen. Diese sanfte Seele merkte aber nun erst, daß er, seitdem er auf das Manufakturwesen so sehr achtgab, sich weniger mit ihr beschäftigte. Sie schloß daraus auf eine Abnahme seiner Liebe, da sie sonst sein Alles gewesen war und zerfloß in Tränen, indem sie seinen Wankelsinn zärtlich anklagte. Anselm suchte sie zu beruhigen, aber ihre Nerven waren schwach. Sie bekam verschiedene Zufälle. Als sie sich wieder erholte, erfolgte die zärtlichste Szene der Versöhnung. Die sanfte Angelika begab sich, bloß aus Liebe zu ihrem Anselm, der Forderung der Kutsche und Pferde, ob sie wohl nicht leugnen mochte, sich dieselbe sehr gewünscht zu haben, zumal da bei ihrem nervenschwachen Körper der Arzt ihr den Gebrauch der frischen Luft so sehr empfohlen hatte. Aber sie versicherte, ihren Anselm zu innig zu lieben, um nicht seiner Klugheit, der sie unter zärtlicher Umarmung den Vorzug vor der ihrigen gern zugestand, alles aufzuopfern. Der zärtliche Anselm hingegen, um solche große Entäußerung zu belohnen, ging von Stund an nach Aachen, kaufte, ohne weiter zu rechnen, eine Kutsche und vier engländische Pferde und tat noch eine niedliche leichte Birutsche hinzu, damit sein Liebchen die schöne Witterung recht gemächlich genießen könnte. So sehr sich die schöne Angelika auch ihres Wunsches entäußert hatte, so große Freude machte ihr doch die ganz unvermutete Erfüllung desselben. Die Folge davon waren einige sehr glückliche Tage zwischen beiden Eheleuten, die umso glücklicher wurden, da sich zugleich zeigte, daß Angelika ein Pfand der Liebe unter ihrem Herzen trug, worüber der gute Anselm vor Freuden fast außer sich geriet. Indes alle Tage waren freilich nicht gleich heiter. Wir haben schon manchmal bemerkt, daß Anselm einen großen Vorrat von Philosophie, folglich von Weisheit besaß. Die wollte er bei seiner Angelika anwenden, ihr seine Wünsche offenbaren und ihr manchen guten Rat erteilen. Aber die liebe Frau war nervenschwach. Die Weisheit eines Mannes war ihr ein zu starkes Hausmittel. Sie bekam davon Vapeurs und Zittern in den Gliedern; und der gute Anselm mußte also diese geistigen Arzeneien nur nach und nach dispensieren und endlich bald damit ganz innehalten, umsomehr, da darauf gewöhnlich bittere Klagen erfolgten, daß er sie nicht mehr liebe. Diese irrige Vermutung gründete sie bei solchen Gelegenheiten darauf, daß er so viel Zeit in seiner Schreibstube mit seinen Manufakturgeschäften zubringe. Anselm, welcher vermeinte, daß er gerade aus Liebe zu ihr und ihren künftigen Kindern sich mit dem undankbaren Geschäfte, reich zu werden, abgäbe, konnte gar nicht begreifen, wie sie ihn so sehr verkennen möchte und wie es zugehe, daß er sie von der rechten Beschaffenheit seiner Liebe nicht zu überzeugen vermochte, ob er ihr gleich oft weitläufig vordemonstrierte, daß sein Fleiß in Handlungsgeschäften nur aus heißer Liebe zu ihr entspringen könne. Man mußte indes der Frau Angelika die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie ihrem Anselm nie einen Mangel von Liebe vorwarf, als nur, wenn er etwas, was er wollte, gegen ihren Willen durchsetzen oder etwas, was sie verlangte, z. B. ein neues Kleid, ein Stück Juwelen oder andern kostbaren Putz, nicht gleich gewährte. Fiel dergleichen vor, welches nicht selten geschah, so machte sie ihm freilich Vorwürfe, daß er ihr nicht genug Gesellschaft leiste. Sonst aber war sie billig genug, ihn an seinen Geschäften nicht zu hindern; und teils deswegen, teils um Wagen und Pferde, da sie einmal da waren, doch zu gebrauchen, fuhr sie fast täglich während der Kurzeit nach Aachen, wo sie an allen dortigen Lustbarkeiten, Assembleen, Bällen usw. teilnahm, nicht um der Lustbarkeiten willen, sondern um ihre Verwandten zu besuchen und ihren schwachen Körper zu stärken. Dahin wollte sie nun Anselm oft begleiten: und dies ließ sie auch zu, doch erinnerte sie ihn oft, wie mannigfaltig seine Geschäfte wären und daß er doch wenigstens nichts dabei versäumen möchte. Eigentlich war es auch nicht höchstnotwendig, daß Anselm die Lustreisen nach Aachen mitmachte; denn um ihr den Arm zu geben, war ihr gewöhnlicher Begleiter Freund Platter genug, welcher nun ein völliger Hausfreund geworden war. Frau Angelika hatte ihm nämlich ein Absteigequartier in Anselms Hause bereiten lassen, welches er auch, wenn er mit ihr zurückkam, fleißig benutzte. Bisher haben wir an unserm dicken Manne immer viel jovialischen Mut und noch nicht die geringste eigensinnige Laune bemerkt. Wir wissen also selbst nicht, wie es zuging, daß er sich einer so notwendigen Anordnung seiner guten Frau einigermaßen widersetzte. Sie mußte doch auf ihren öftern Gesundheitsreisen nach Aachen jemand zum Begleiter haben; und dazu schickte sich niemand besser als Platter, weil derselbe ihr und ihrem Manne nun schon lange bekannt war und während der Kurzeit ohnedies täglich in Aachen gegenwärtig sein mußte, indem er Anteil an einer von den dortigen Pharobanken hatte. Da sie nun beide nicht selten erst nach Mitternacht, sie vom Balle und er Vom Spieltische, nach Hause kamen, so war nichts natürlicher und zugleich bequemer, als ihm ein Absteigequartier im Hause zu geben, damit zugleich Frau Angelika umso leichter den folgenden Tag wieder einen Begleiter nach Aachen und auch wohl in den Frühstunden eine Gesellschaft fände. Indes hatte der gute Anselm wohl einige Gründe anzuführen, warum er mit dieser sonst so bequemen Einrichtung nicht ganz zufrieden war. Es würden seine Gründe bei der so sanften, so zärtlichen und besonders, wie wir oben gesehen haben, zu allem moralisch Guten so geneigten Frau Angelika auch gewiß Eingang gefunden haben, wenn nicht unglücklicherweise, sobald er anfing, diese Gründe auseinanderzusetzen, sie immer sogleich ihre Nervenschwäche angetreten hätte. Anselm war ein zu guter Arzneikundiger, um nicht die Natur solcher Krankheit bald einzusehen, welche nicht irritiert sein will; daher er sich bald entschließen mußte, seine sonst guten Gründe lieber bei sich zu behalten. Seine Frau erkannte auch den ganzen Wert dieser medizinischen Vorsicht und belohnte ihn, wenn er schwieg, mit so manchem freundlichen Blicke, daß sich sein Geist wenigstens manche Viertelstunde aufheiterte und dadurch das gesunde und runde Ansehn seines Körpers äußerlich keinen Abgang litt. Zu leugnen ist indes nicht, daß sein lange vorher überdachter Plan des größten Lebensgenusses im häuslichen Glücke, dessen Ausführung er sich vor wenigen Monaten als schon gelungen vorgestellt hatte, jetzt noch nicht ganz in Erfüllung zu gehen schien. Er faßte sich aber in Geduld wie ein Philosoph und tröstete sich mit der Hoffnung, alles werde in seinem Hauswesen anders und besser werden, wenn dasselbe nur erst mit einem jungen gesunden Erben vermehrt sein und wenn die mütterliche Zärtlichkeit dadurch neue Nahrung erhalten würde. Obgleich dieser Zeitpunkt leicht zu bestimmen war, so rechnete er ihn doch mehrmal umständlich aus; es gab dann selige Viertelstunden, in denen er beinahe noch angenehmere Aussichten hatte, als der fromme Lavater in die weite Ewigkeit. So froh aber auch seine Hoffnungen für die Zukunft waren, so drückte ihn zuweilen sein gegenwärtiger Zustand ein wenig; und es trat ihn sogar mitunter einiger Unmut an: eine Empfindung, wovon er, so lange er denken konnte, noch keine Erfahrung gehabt hatte. Also war ihm Zerstreuung nötig. Er hätte sich freilich mit seinen Manufakturgeschäften genugsam zerstreuen können und auch wohl zerstreuen sollen, da ihn seine liebe Frau, wie schon gesagt, nicht selten erinnerte, nichts darin zu versäumen. Wir glauben aber, schon genug zu erkennen gegeben zu haben, daß unser guter dicker Mann zwar ein Geschäft, wovon die Idee in seinem Geiste einmal lebhaft ward, mit großem Eifer zu betreiben anfing, daß aber das Ausdauren eben seine Sache nicht war. Daher ward ihm auch nach wenigen Monaten die Vergrößerung seiner Manufakturgeschäfte, ob er sie gleich selbst veranlaßt hatte, ziemlich zur Last und täglich lästiger, je mehr sich Schwierigkeiten fanden und häuften, welche er nicht vorhergesehen hatte. Er blieb also fast ganz von seiner Schreibstube weg und überließ das meiste seinem Philipp. Dies schien ganz vernünftig zu sein. Denn da Philipp die Schwierigkeiten, die sich jetzt fanden, alle vorausgesehen hatte, so war zu vermuten, er würde denselben besser ausweichen können als Anselm, welcher nie an Schwierigkeiten gedacht hatte. Indes würde unserm dicken Manne, dessen Geist immer mehr als eine Beschäftigung haben mußte, diese seine Untätigkeit doppelt zur Last geworden sein zu einer Zeit, wo er einen neuen Gegenstand nötig hatte, um nicht allzu lebhaft an manches zu denken, was in seinem Hause vorging. Glücklicherweise war damals eben erst Kants Kritik der reinen Vernunft und die darauf gegründete Metaphysik der Sitten in der Gegend von Vaals und Aachen bekannt geworden, wohin die neuen literarischen Erfindungen etwas später durchzudringen pflegen. Dies war Philosophie und etwas Neues. Wegen beider Ursachen mußten diese berühmten Werke unsern dicken Mann mit großer Macht an sich ziehen. Er studierte sie mit anhaltendem Eifer und vergaß eine Zeitlang darüber seine Manufaktur und den Hausfreund seiner Frau. Besonders die Lehre vom kategorischen Imperativ zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich; und er verfolgte dieselbe mit dem reifsten Nachdenken, bis er sich von der Richtigkeit derselben völlig überzeugte. Vielleicht trug selbst die Lage seines Hauswesens etwas dazu bei, diese Überzeugung mehr zu beschleunigen; denn es ist wohl kein Imperativ kategorischer, absoluter und autonomischer als der Wille einer schönen und nervenschwachen Frau. Da nun sowohl die Kritik der praktischen Vernunft als der Hausfrieden, welcher leicht hätte sehr kritisch werden können, unserm dicken Manne Geduld empfahl: so hatte er denn auch Geduld. Die liebe Frau Angelika gab ihm freilich hin und wieder guten Anlaß, diese christliche Tugend zu üben. Nachdem teils die Kurgesellschaft in Aachen, und folglich die Assembleen und Bälle, ziemlich dünne geworden waren, teils der Fortgang ihrer Schwangerschaft ihr dieselben unbequem machte: blieb sie zu Hause; und nun war Freund Platter, der fast nicht aus dem Hause wich, ihre beständige Gesellschaft, sowohl in ihrem Zimmer, als wenn sie ausfuhr, um an schönen Herbsttagen frische Luft zu schöpfen. Der Ehemann beschäftigte sich zwar damals vorzüglich mit der transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe; aber er ward doch dabei auf manches sehr aufmerksam, was in der Sinnenwelt seines Hauses vorging, und ward darüber abermal etwas griesgrämig. Freilich, wenn man nicht sicher gewußt hätte, daß Ehefrau Angelika ihren runden Anselm liebte, hätte es zuweilen den Schein haben können, er wäre ihr nicht allein gleichgültig, sondern sogar zuwider. Denn wahr ists, daß sie ihn zuweilen anfuhr, wenn er ihre Leseübungen mit Platter durch seine Gegenwart störte oder bei einer Spazierfahrt der dritte Mann zu sein Lust hatte. Das wußte ihm aber nicht nur Freund Platter als eine von den Grillen vorzubilden, die er sehr mißbilligte, welche aber der jetzige Zustand der guten Frau einigermaßen entschuldigen mochte, sondern auch die gute Frau riß ihn zuweilen selbst aus seinem Unmute, wann sie ihn herzlich umarmte und mit den zärtlichsten Namen bewillkommnete. Zufall war es, daß sie gerade immer zu eben der Zeit auch etwas von ihm verlangte, welches er denn einer so zärtlichen Frau nicht abzuschlagen vermochte. Jezuweilen gab ihm zwar ein übler Genius den Verdacht ein, als ob die Liebkosungen und die Forderungen einen Zusammenhang hätten, aber wenn er alles mit reifem Nachdenken überlegte, fand er, daß ein solcher unbilliger Argwohn, zufolge der hier angewendeten Kritik der reinen Vernunft, nur ein Gedankending oder ein leerer Begriff ohne Gegenstand sei; ja zuweilen war er gar geneigt, ihn für ein Unding oder für einen leeren Gegenstand ohne Begriff, für ein Nihil negativum – das heißt, für das, was die meisten philosophischen Disputationen sind – zu halten. Er schlug sich also die Grillen aus dem Sinne und fand es viel besser, sich an der reinen Anschauung der zärtlichen Liebkosungen seiner lieben Gattin zu weiden. Er hatte hierzu besonders an einem Tage Gelegenheit, den er zu den vergnügtesten seines Lebens rechnete. Schon vom ersten Morgen an war seine liebe Angelika, obgleich immer nervenschwach, in der heitersten Laune. Sie hatte mit ihm die angenehmste Mittagsmahlzeit Kopf bei Kopf, wie man es in neufränkischem Deutsch geben würde, gehalten; denn Freund Platter war schon den vorigen Tag verreiset, und Angelika forderte diesmal auch nach der Mahlzeit die Gesellschaft ihres lieben Anselms. Sie fuhr mit ihm in der offnen Birutsche im heitersten Wetter spazieren und saß nachher mit ihm Hand in Hand unter dem liebreichsten Kosen. Gegen Abend kam sie freilich unvermerkt auf andere Materien und eröffnete eine Bitte, die ihn einigermaßen überraschte. Die Sache war folgende: Freund Platter hatte im vorigen Sommer am Spieltische verloren und auch noch sonst manche kleinen Schulden gemacht. Darüber hatte er einem Wucherer eine Verschreibung von 5000 Speciestalern oder 12 000 Aachener Gulden ausgestellt. Sie war fällig; aber der Inhaber erbot sich, dem Schuldner auf vier Monate Frist zu geben, wenn Anselm sich dafür verbürgen wolle. Dies war es, worum Frau Angelika ihn bat, und wobei er anfänglich ein wenig stutzte. Frau Angelika bekam zwar einige Anfälle von Nervenschwäche, umarmte aber bald ihren mit Alkali-Fluor ihr beispringenden Anselm auf das herzlichste und gab ihm dabei zu bedenken, daß man ja nicht bare Bezahlung, sondern nur Unterschrift von ihm verlange, daß Platter gegen vier Monate gewiß wieder andere Spielschulden würde einkassieren können, ja, daß es auf den schlimmsten Fall keine Mühe kosten würde, die Zahlungszeit weiter zu verlängern. Dabei stellte sie ihm rührend das Edle der Handlung vor, einen hilfsbedürftigen Freund aus so großer Verlegenheit zu retten. Hier traf sie Anselms schwache Seite. Denn Mangel an Gutherzigkeit war sein Fehler nicht, und er konnte auch edelmütig sein, wenn nur seine eigene Gemächlichkeit dabei nicht in Kollision geriet. Er verbürgte sich also, nach einer kurzen Überlegung, unter den zärtlichsten Liebkosungen seiner Frau, die ihm die Verschreibung vorlegte. Die kurze Überlegung, die Anselm diesmal anstellte, führen wir nicht ohne Ursache an. Sie zeigte, daß er weder ein bloßer Bel-esprit, noch ein bloßer Philosoph war. Er erinnerte sich, daß es die Regel eines jeden soliden Kaufmannes ist, sich nicht auf eine Frist zu verbürgen, wenn er nicht gewiß weiß, daß er alsdann Kasse zur Zahlung haben wird; daher kam seine anfängliche Unentschossenheit. Er besann sich aber, daß er ja, noch ehe die vier Monate vorbei wären, den ersten Zahlungstermin von sechstausend Speciestalern für die auswärts verkauften Tücher zu erwarten hätte, ohne das, was gegen die Zeit von den in Polen in Kommission liegenden eingehen müßte. Er glaubte also, allenfalls eine solche Summe der Rettung eines Freundes aufopfern zu können, und fand sich noch dazu durch die Liebkosungen seines Weibchens mehr als belohnt. Dabei unterließ er nicht, seiner Klugheit insgeheim ein kleines Kompliment zu machen, daß er auf den glücklichen Gedanken gekommen war, seine Geschäfte zu vergrößern und besonders sein Lager von Tüchern zu einer günstigen Zeit nach Polen zu senden; denn hierdurch war er nun besser in den Stand gesetzt, seinem Freunde Platter zu dienen, welcher Freund denn auch nicht ermangelte, am folgenden Tage sich einzufinden. Anselm empfing von ihm eine Gegenverschreibung wegen der Bürgschaft für 12 000 Aachener Gulden. Platter vereinigte seinen lebhaftesten Dank mit den süßesten Liebesbezeugungen Angelikens, wodurch Anselm fühlte, er sei einer der glücklichsten Menschen. Siebzehnter Abschnitt Unvermutete Vorfälle, welchen Anselms Klugheit und philosophische Spekulation beinahe nicht gewachsen gewesen wäre Anselm hatte nun in kurzer Zeit schon mancherlei Erfahrungen gemacht und vieles in seinem Ehestande, welcher immer das äußerste Ziel seiner jugendlichen Entwürfe eines glücklichen Lebens gewesen war, ganz anders gefunden, als seine Imagination und seine Spekulation, die beiden Grundpfeiler aller seiner Pläne, es ihm hatten vorstellen können. Seine Theorie vom häuslichen Glücke fand er immer noch vollkommen gegründet, besonders nachdem er sie nach der kritischen Philosophie berichtigt hatte; aber da kam der verzweifelte Hausfreund und die Verbürgung als zwei Tatsachen dazwischen. Nun sind Tatsachen eigensinnige widerspenstige Dinge, wodurch, wie die traurige Erfahrung lehrt, oft die hellesten Theorien dunkel gemacht werden. Zuweilen hatte unser dicker Mann darüber mancherlei Gedanken, denen er nicht lange nachhängen mochte und sich daher bald entweder der kritischen Philosophie oder den Liebkosungen seiner Angelika in die Arme warf, welche seit der letzten Gefälligkeit durch die geleistete Bürgschaft für ihren gemeinschaftlichen Freund viel häufiger wurden. Anselm fühlte sich dadurch so glücklich, daß er darüber oft sogar nicht nur den transzendenteilen Schein, sondern auch den empirischen Schein, als möge in seinem Hauswesen und in seinem Ehestande nicht alles nach seinem Plane gehen, auf eine Zeitlang vergaß. So waren etwa sieben Monate seit der Verheiratung unsers guten dicken Mannes verflossen. Anselm war eines Tages sehr vergnügt gewesen, weil Frau Angelika, obgleich kränklich, ihre Liebesbezeigungen gegen ihn verdoppelte. Er fühlte das große Glück, diese Frau zu besitzen, und überzeugte sich, daß die kleinen vorübergehenden Launen unbedeutend wären. Er überlegte nicht allein, wie schön und wie herzlich sie war, sondern auch wie voll von feinen Gesinnungen, wobei er sich lebhaft der ersten glücklichen Zeit der Bewerbung und der Lektur der neuen Heloise, begleitet mit den moralischen Betrachtungen der Frau Angelika, erinnerte. So war unser dicker Mann frohen Mutes, als sich mit einemmale plötzlich in seinem Hause alles änderte. Den ersten Anfang machte ein Zufall, den niemand, und er am wenigsten, vermutete. Die schöne Angelika ward in der Nacht unpaß; und wenige Stunden darauf ward sie von einem Knaben entbunden, der gesund und ebenso vollständig und rund war als Anselm selbst, wie er geboren ward. Diesen Zeitpunkt glücklich zu erleben, war immer sein liebster Wunsch und der Gegenstand mancher Ausrechnung gewesen; aber diesen Wunsch so früh erfüllt zu sehen, machte ihn staunen und etwas bestürzt. Er hatte zwar die gerichtliche Arzneikunde zu gut studiert, um nicht zu wissen, daß eine siebenmonatliche Geburt für echt erkannt werde; aber daß ihm gerade selbst ein so seltener Fall begegnen sollte, gefiel ihm nicht und brachte ihm allerlei Gedanken in den Kopf. Doch er hatte nicht lange Zeit, denselben nachzuhangen; denn andre Gemütsbewegungen warteten seiner. Das Kind verfiel am dritten Tage in Gichter und starb aller von ihm angewandten Mittel ungeachtet. Er lenkte nun seine Sorgfalt auf die Mutter, welche nicht aus einer sehr schädlich auf sie wirkenden Unruhe zu bringen war. Sie erlag unter derselben und starb wenige Tage darauf unter vielen Tränen, welche Tränen der Reue schienen. Anselm war durch diese Vorfälle im Innersten gerührt. Bald aber stürmten noch mehrere Unfälle auf ihn zu. Platter verschwand, und es zeigte sich, daß er sehr viele Schulden hinterließ. Für Anselm blieb nichts übrig, als die Verschreibung zur Verfallzeit zu bezahlen. Als er darauf dachte, kam die Nachricht, daß der größte Teil der nach Polen in Kommission geschickten Tücher noch unverkauft läge und daß der auswärtige Kaufmann, auf den, für verkaufte Tücher, der Wert von 6000 Talern Species trassiert war, zu zahlen aufgehört habe. Die vermehrten Stuhlarbeiter erforderten wöchentlich eine ansehnliche Bezahlung; und die Tücher, welche sie lieferten, waren vor der Hand nicht abzusetzen. Alle diese Unglücksfälle mußten den gänzlichen Sturz des Hauses und der Manufaktur verursachen. Durch Anselms neue Einrichtungen war also das ganze Werk, welches sein Vater mit so viel Fleiß und Sparsamkeit gestiftet und viele Jahre lang erhalten hatte, in wenig Monaten zusammengestürzt und seine eigene Wohlfahrt unwiderbringlich verloren. Er überließ sich, beinahe ohne Besinnung, einem wütenden Schmerze. Man sollte denken, die vielen Wissenschaften, besonders die Philosophie, wovon unser guter dicker Mann sogar zweierlei sich widersprechende Systeme vollkommen innehatte, müßten bei solchen harten Zufällen Stärke und gesetzten Mut geben, um Unglück zu ertragen und besonnen zu bleiben, aber die Erfahrung lehrt gemeiniglich das Gegenteil. Leute, welche den Kopf mit Wissenschaften und Weisheit vollstopfen, sind wie die guten Hausfrauen, welche ihre Wohnzimmer entweder beständig so naß waschen, daß sie nicht darin wohnen können, oder sie so weiß scheuern und zierlich aufputzen, daß sie sich darin zu wohnen nicht getrauen. Sie behelfen sich dann lebenslang in einer schmutzigen Schlaf- oder Polterkammer und wohnen lieber gar nicht in ihren Zimmern. Aus einer gleichen Ursache scheinen die gelehrten Philosophen ihre Philosophie in der wirklichen Welt so wenig brauchen zu können. Sie ist entweder noch scheuernaß, oder sie befürchten, wenn sie angegriffen würde, müßte sie wieder gescheuert werden. Philipp, ohne alle Theorie und Philosophie, behielt bei diesem Unglücke seine Besonnenheit unter anderm auch deswegen, weil er einen Teil der Unfälle vorausgesehen und zuweilen auch, ohne gehört zu werden, vor deren Veranlassung gewarnt hatte. Er leistete die nützlichsten Dienste. Anselm, der nun allen Mut verlor, überließ sich und seine Wohlfahrt ihm ganz; und das war noch klug gehandelt. Philipp kannte die wahren Vorteile der Manufaktur und der Handlung, welche nur durch die unüberlegte Vergrößerung und durch die schlechte Haushaltung so sehr waren vermindert worden. Er verkaufte gleich Kutschen und Pferde und schränkte das Haus nur auf die allernötigsten Ausgaben ein. Er dankte einen Teil der nicht nötigen Arbeiter ab. Er fand Mittel, die übrigen, welche in Tätigkeit mußten erhalten werden, vor der Hand richtig zu bezahlen. Er hatte das Glück, durch einen treuen Korrespondenten das polnische Kommissionslager, obgleich mit Schaden, doch bar zu verkaufen, und dadurch, selbst zur Verwundrung des Wucherers, die Verschreibung zur Verfallzeit zu bezahlen. Anselm fing nun selbst an; wieder einigen Mut zu fassen. Philipp hatte zu allen nötigen Ausgaben Geld gefunden und war dadurch im Stande, die Manufaktur noch einige Monate lang mit Nutzen und Ehren zu führen. Aber nun häuften sich die Schwierigkeiten wieder. Das aufgenommene Kapital ward aufgekündigt, und es war aller angewandten Mühe ungeachtet keine Verlängerung der Verschreibung zu erhalten. Es schien also unmöglich, das Haus vor dem Umsturze zu sichern. Philipp aber verlor den Mut nicht. Er verhehlte möglichst die mißlichen Umstände, fand durch die weiseste Sparsamkeit und durch ein kleines Kapital, das er von seinem eigenen Gehalte erspart hatte, Mittel, abermal die Manufaktur fortarbeiten zu lassen, so daß man äußerlich nichts merkte; und unter der Hand suchte er einen Käufer dazu, den er auch an einem reichen Kaufmanne in Burscheid fand, welcher ziemlich den Wert dafür gab. Nun zahlte Philipp alle Schuldner richtig aus, und am Ende blieben noch ein paar tausend Taler übrig. Anselm war in seinem Innersten gerührt und wollte den kleinen Rest seines Vermögens mit dem treuen Philipp teilen. Dieser weigerte sich aber schlechterdings, etwas weiter zu nehmen als seinen Vorschuß und seinen gewöhnlichen rückständigen Gehalt. »Was ich tat«, sagte er, »war ich meiner Pflicht und der Dankbarkeit schuldig.« Anselm verehrte diesen edlen Mann und fühlte nun in sich selbst zuerst, wie weit er, der sich immer so klug dünkte, demselben an wahrer Klugheit und ausdaurendem Mute nachzusetzen sei. Es mußte jetzt eine ganz neue Ordnung der Dinge angehen. Anselm war sehr unschlüssig, was für ihn zu tun sei; aber darin war er mit sich einig, es werde ihm unerträglich sein, in Aachen oder Vaals sich ferner aufzuhalten, ob er gleich nicht eigentlich wußte, wohin. Philipp, welcher sich durch die kluge Führung von Anselms Geschäften bei den Kaufleuten in der dortigen Gegend sehr viel Achtung erworben hatte, ward von einem derselben nach Elberfeld empfohlen, um der Handlung und Manufaktur einer Witwe vorzustehen, deren Mann kürzlich gestorben war. Dies bewog Anselmen gleichfalls, Elberfeld zum Orte seines Aufenthalts und vielleicht seiner medizinischen Praxis zu wählen. Sie reiseten dahin ab; und kurz vorher nötigte Anselm seinen Freund Philipp, um gegen ihn doch einige Dankbarkeit zu beweisen, die Zession von Platters Verschreibung der für ihn bezahlten Summe als ein Geschenk anzunehmen. Philipp ließ der guten Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren und nahm endlich die Zession aus bloßer Gefälligkeit an, weil es doch nicht im geringsten wahrscheinlich war, daß Anselm je auch nur den kleinsten Teil dieser Verschreibung bezahlt erhalten würde. Achtzehnter Abschnitt Reise zweier Freunde nach Elberfeld und ihre beiderseitigen Entwürfe Beide Freunde setzten sich in den Wagen mit etwas beklemmtem Gemüte. Anselm verließ Haus und Hof, sein vormaliges Eigentum. Alle die schönen Pläne, welche er zu seinem künftigen glücklichen Leben gemacht hatte, waren vereitelt. Er hatte nie Sorgen gehabt, und nun ging er auf ungewisse Hoffnung an einen unbekannten Ort. Es war ihm schon so manches mißlungen, wovon er gewiß geglaubt hatte, es müsse gelingen; und so gelinde er sich zu beurteilen gewohnt war, so konnte er sich doch zuweilen nicht ganz verhehlen, es sei größtenteils seine eigene Schuld gewesen, daß er immer Pläne voll chimärischen Glücks gemacht hatte, während er durch unbesonnene Aufführung seine schon festgegründete gute Verfassung untergrub und umstürzte. Alle diese Gedanken drückten mit verdoppelter Macht auf ihn, so daß er bis zum ersten Nachtlager in einem Nachdenken saß, das fast in Betäubung ausartete. Trübe Gedanken konnten indes im Geiste unsers dicken Mannes nicht lange haften. Eine gute Abendmahlzeit munterte ihn auf. Er war, welches beiläufig angemerkt sein mag, ein Freund vom besten Essen und Trinken; und das bereitete ihm einen sanften Schlaf. Als sie morgens abreiseten, war die Sonne sehr heiter aufgegangen, Feld und Wiesen grünten, und eine Schar von Vögeln erfüllte die Büsche mit ihrem Gesänge. Seine poetische Ader regte sich, und bald mit derselben kehrte seine gewöhnliche Jovialische Heiterkeit zurück, mit dieser sein voriger guter Mut und mit demselben seine gute Meinung von sich selbst, die ihn eigentlich nie verlassen hatte. Er dachte: »Weshalb soll ich mich grämen? Ich bin gesund. Ich habe eine schlechte Frau verloren. Ich habe doch zweitausend Taler und mehr in der Tasche. Klug bin ich und habe Philosophie und Entschließung, um Unglück zu ertragen und mir Glück zu verschaffen.« Alle diese Eigenschaften hatte sich Anselm in Gedanken so oft beigelegt, daß er endlich glaubte, er besäße sie, so wenig er auch Proben davon zeigte. Er fuhr fort: »Meine einzige Unklugheit war, daß ich eine Frau nahm. Alles wäre gut gewesen, hätte ich mir nicht eingebildet, ich könne nur im Ehestande glücklich werden. Gerade umgekehrt! Ich will ledig bleiben, so kann ich mein Leben viel besser genießen. Warum bin ich doch nicht gleich auf den klugen Gedanken gekommen, ganz frei und unabhängig nach meinem Sinne zu leben und bloß mein Vergnügen zu suchen! Doch es ist ja noch Zeit! Ich bin noch nicht dreißig Jahre alt; ich habe Kenntnis von vielen Wissenschaften, von Manufakturen und von Handlung, und im Notfalle bin ich noch Doktor der Medizin. Denken kann ich auch und auch schreiben. Es kann mich brauchen, wer einen brauchbaren Mann nötig hat. Ich kann eines Ministers Sekretär, ein Amtsphysikus, ein Rat in einem Kollegium und was sonst noch werden. Doch weshalb soll ich ein Amt annehmen und mich nach andern richten? Ich habe noch Geld; ich habe Kenntnisse. Das wird mich bald wieder in guten Zustand bringen. Ohne Ruhm zu sagen, ich sehe nicht übel aus. Ich will auch dem schönen Gesehlechte nicht ganz entsagen. Ich will mich mit schönen Weibern und Mädchen ergötzen, aber mich nicht von ihnen fesseln lassen. Die Mädchen sind mir immer gut gewesen. In Elberfeld und Gemarke sind, wie ich höre, viel reiche Kaufleute, die schöne Töchter haben. Wie komme ich aber zu denen? Ei, ich bin ja Arzt! Es bleibt dabei: ich will mich der goldeden Praxis befleißen; die bringt Geld und gibt dem Arzte große Vorzüge beim Frauenzimmer.« So dachte unser dicker Mann, und sein Geist und seine Mienen wurden ganz aufgeheitert. Er dachte aber nicht allein das Obige; sondern, da sein Herz leicht überzuströmen geneigt war, so teilte er seinem Reisegefährten alle die frohen Hoffnungen mit, die ihn in seiner Einbildung beglückten. Philipp dachte auch mancherlei, behielt aber alles bei sich; denn ein großer Teil dessen, was er dachte, würde seinen Reisegefährten geschmerzt und dessen frohe Laune gedämpft haben, wenn er es herausgesagt hätte. Er überlegte, wie doch Anselm die einträgliche Manufaktur, welche sein Vater durch viel jährige Emsigkeit und Ordnung zu Stande gebracht hatte, in so kurzer Zeit durch Leichtsinn, Dünkel und Unordnung zugrunde gerichtet habe. Er überdachte, welch ein glücklicher und wohlbehaltener Mann Anselm hätte sein können, wenn er nur, anstatt sich in chimärische unausführbare Projekte einzulassen, das Werk ruhig hätte seinen Gang fortgehen lassen, das er durch seines Vaters Verstand und Überlegung ganz eingerichtet vorfand, und sich dem Müßiggange und eitlen Vergnügen nicht unmäßig überlassen hätte. Er überdachte, wie vielen Hirngespinsten von Plänen Anselm von seiner ersten Jugend an, vermittels seiner Einbildungskraft, nachgelaufen sei, und wie durch diese törichten Träume endlich sein ganzes Glück war umgestürzt worden. Um sich selbst nicht zu sehr zu betrüben, wo Betrübnis weiter nichts mehr helfen konnte, betrachtete er diese Torheiten von der komischen Seite und besonders Anselms beide letzten Heiratsversuche. Er wog bei sich ab, was wohl schlimmer wäre: seine Braut verlieren und dafür Schmerzen unter dem heiligen Beine bekommen, oder seine Braut erhalten, aber einen Hausfreund dazu? Die Überlegung aller jugendlichen Torheiten Anselms bestätigte den bescheidenen Philipp in dem schon längst gefaßten Entschlüsse: Er wolle keine Aussichten zu seinem künftigen Fortkommen durch seine Einbildungskraft gehen lassen, wolle weder Ansprüche machen, noch Pläne ersinnen. Er beschloß, wie bisher in seinem Stande mit Fleiß und Treue und Bescheidenheit seine Pflicht zu tun und von der Vorsehung den Anteil vor häuslichem und bürgerlichem Glück ruhig zu erwarten, den sie keinem ganz versagt, als dem, welcher sich desselben durch Müßiggang, Unordnung und Verschwendung unwürdig macht. So dachte jeder vor sich; so erheiterte sich jeder, seinem Charakter gemäß: der eine durch Träume der Einbildungskraft, der andere durch vernünftige Betrachtungen. Auf diese Art kamen sie unvermerkt in das schöne Wippertal und fuhren ganz vergnügt in Elberfeld ein. Neunzehnter Abschnitt Neuer Plan Doktor Anselms und dessen Folgen Anselm setzte sich nun in Elberfeld; und da eben der vorzüglichste Arzt daselbst, ein alter Mann, starb, so war gleich im ersten halben Jahre seine Praxis so stark, als ers beim Anfange nur verlangen konnte. Dieser Ort, der vor fünfzig oder sechzig Jahren kaum auf der Landkarte zu finden war, und wo nur einige wenige Landbauern auf den Wiesen an der Wipper Herden von Ochsen fett machten, enthält jetzt über 16 000 Menschen; und nachdem das Rindvieh der Industrie der Menschen hat Platz machen müssen, werden die Wiesen zu meilenlangen Garnbleichen gebraucht. Elberfeld war damals schon in vollem Wohlstande. Die Fabrikunternehmer, ihre Komtoroffizianten und die vornehmsten Arbeiter aßen und tranken viel besser als ehemals und waren also medizinischer Hilfe täglich mehr benötigt. Dazu kam, daß die Allgemeine Deutsche Bibliothek und mit ihr viele Schriften voll beklagungswürdiger Neuerungen bis dahin gedrungen waren. Seitdem nahmen die geistlichen Blähungen, welche in und um Elberfeld aus dem beständigen Lesen der Erbauungsbücher des Herrn Paulus Kind, Herrn Christian von Bogatzky und ähnlicher Schriftsteller vielfältig entstanden waren und die besonders bei Garnwebern, Schnurmachern und Spitzenwirkern so häufig in Gesichte und Prophezeihungen ausschlugen, öfter einen andern Weg. Man hatte angefangen, sie mit Schwefelblumen und Spießglasschwefel zu behandeln. Nicht ohne Erfolg, indem der geistlichen Beängstigungen im ganzen Barmertale viel weniger wurden. Alles dieses gab die besten Aussichten für einen neuen Arzt, der außerdem durch sein rundes wohlbehaltenes Ansehen schon die Idee eigner Gesundheit erregte und die Kranken mit Hoffnung erfreute. Das Handlungshaus, für welches Philipp verschrieben war, gehörte, wie schon gesagt, einer jungen Witwe. Er fand die Manufaktur in der besten Ordnung, nur daß durch die Krankheit des Besitzers, die über Jahr und Tag gedauert hatte, hin und wieder manches war vernachlässigt worden. Philipp brachte nicht nur alles in kurzem wieder völlig in Ordnung, sondern, nachdem er sich mit der tätigsten Sorgfalt von der Garnmanufaktur und deren Verschiedenheit von der Wollenweberei gründlich unterrichtet hatte: so setzte er Verschiedenes noch in bessern Stand. Besonders gab er sich die größte Mühe, von den sinnreichen Maschinen und Mühlen zum Behufe des Garns, der Spitzen und Bänder, welche in der damaligen Zeit in der dortigen Gegend anfingen bekannt zu werden, Kenntnisse zu erlangen und legte einige derselben in der Manufaktur seiner Prinzipalin an, wodurch dieselbe binnen kurzem in den größten Flor kam. Jedermann, der ihn kannte, ehrte ihn wegen seines unermüdeten Fleißes; und seine Prinzipalin, eine sehr gutmütige und redliche Frau, erkannte die Dienste, die er ihrem Hause leistete, und vermehrte nicht nur sein Gehalt, sondern ließ ihm auch alle nur möglichen Gewogenheiten und Unterscheidungen widerfahren. Philipp aber, immer so bescheiden als fleißig, war zufrieden, seine Pflicht getan zu haben, und glaubte nicht einmal, daß die Erfüllung derselben etwas Außerordentliches wäre. Die junge Frau, deren Hauswesen emporzubringen Philipp mit so gutem Erfolg arbeitete, war in mancher Absicht zu beklagen. Sie war wenige Monate vor dem Tode ihres Mannes mit einem sehr schwächlichen Kinde niedergekommen, und sie selbst hatte durch die lange Krankheit ihres Gatten, durch ihre Nachtwachen bei ihm und durch seinen nachherigen Tod so viel gelitten, daß sie anfänglich sehr hinfällig aussah und man fast eine Abzehrung befürchtete. Doktor Anselm setzte seine Freundschaft mit Philipp gleich vom Anfange an ununterbrochen fort. So sah ihn die junge Witwe öfter in ihrem Hause, und da die Verordnungen ihres bisherigen Arztes weder ihr noch ihrem Kinde Besserung zuwege brachten: so entschloß sie sich, wie viele andere, den neuen Arzt zu gebrauchen, welcher durch verschiedene glückliche Kuren schon anfing, dort einen ziemlichen Ruf zu bekommen. Waren es Doktor Anselms Arzneien, war es sein freundliches Gesicht, war es seine besondere Sorgfalt für Mutter und Kind, war es deren gute Natur oder alles dieses zusammen, genug, beide wurden sichtlich besser, zu des Arztes innigem Vergnügen und zu seinem nicht geringen Ruhme in Elberfeld und in der Gegend. Besonders die junge Witwe nahm an Gesundheit sehr zu, und mit derselben entwickelte sich auch wieder ihre blühende jugendliche Farbe. Sie war, was man eine häusliche Schönheit nennen möchte; sie hatte schöne blonde Haare, eine sehr weiße Haut, vollkommen schöne Zähne, blaue sittsame Augen und dabei, ohne eben glänzende Eigenschaften zu besitzen, eine gleichmütige Freundlichkeit und gesellige Unterhaltung, durch die jedem in ihrer Gesellschaft wohl war. Auch unserm Doktor Anselm fing an, in der Gesellschaft der jungen Witwe sehr wohl zu werden. Zwar hatte Elberfeld und Gemarke der schönen Mädchen nicht wenige, Anselm sah auch fleißig danach, aber die meisten hatten, vielleicht durch das fleißige Lesen düsterer asketischer Schriften, ein etwas ängstliches und blasses Ansehn bekommen und zogen daher sein Herz nicht so sehr an sich. Auch weil man in Elberfeld ziemlich eingezogen lebt, fand er da nicht so viel Gelegenheit, mit jungen Mädchen zu dahlen, als er sich vorgestellt hatte. Die Witwe hatte eine ungezwungene Freundlichkeit; und unser dicker Mann entdeckte noch, nachdem ihre Gesundheit merklich zugenommen hatte und er merklich bekannter mit ihr geworden war, ein munteres Wesen an ihr, wodurch sie in einem kleinen Zirkel die Gesellschaft sehr angenehm unterhielt. Doktor Anselm nahm sich der wiedererlangten Gesundheit der jungen Witwe zu einer Zeit, da sie und ihr Kind einen Arzt nicht mehr so notwendig zu bedürfen schienen als vorher, immer noch mit verdoppeltem Eifer an. Seine Besuche wurden vervielfältigt und wurden oft länger ausgedehnt. Von den medizinischen Fragen und Antworten ging man auf andere Gespräche über. Die junge Witwe schien nun auch an Anselms Gesellschaft Gefallen zu finden. Er ward als Hausarzt mehrmal bei ihr zum Mittagessen gebeten. Die Unterhaltung bei Tische war zuweilen ernsthaft, zuweilen munter, immer angenehm. Philipp, dessen gesunder Verstand und heller Kopf sich, je mehr er sich den Geschäften widmete, immer mehr entwickelte, nahm zuweilen auch daran Anteil; und obgleich von Natur etwas blöde, ließ er doch nicht nur Zeichen von durchdringendem Geiste, sondern auch nach und nach von geselligen Eigenschaften merken. Diese Unterredungen setzten diese kleine Gesellschaft in so frohe Laune, daß sie mehrenteils noch nach Tische ein paar Stunden fortgesetzt wurden. Philipp ward von seiner Prinzipalin allemal freundlich eingeladen, dabei zu bleiben. Aber er entfernte sich fast immer mit ehrerbietiger Bescheidenheit und begab sich bald nach der Mahlzeit auf die Schreibstube. Dann blieb Anselm mit der jungen Witwe allein und unterließ nicht, sein ganzes Talent zur fröhlichen Unterhaltung glänzen zu lassen. Die junge Frau ward auch von seiner frohen Laune aufgemuntert um so mehr, da sie gewöhnlich nach Tische mit ihrem jüngsten Kinde auf dem Schoße spielte, in welchem nun durch Anselms Rat und Arzeneien neues Leben sichtbar aufblühte. So wurden diese wenigen Stunden zum frohesten unschuldigen Lebensgenusse, den Anselm noch nie in solcher Reinigkeit gekostet hatte; und er war sehr froh, da sie anfingen, fast täglich wiederzukommen, indem die freundschaftlichen Einladungen, wenn er seine Morgenbesuche abstattete, immer mehr vervielfältigt wurden. Indes schienen diese Unterhaltungen, nachdem sie nur wenige Wochen gedauert hatten, nicht völlig so animiert zu bleiben als sonst. Die Unterredung stockte öfter, die junge Witwe schien verlegen und nachsinnend zu werden, und unvermerkt ward es Anselm auch. Der beständige Umgang mit einer liebenswürdigen Frau mußte notwendig auf sein gegen weibliche Schönheit so empfindliches Herz wirken; aber die Annehmlichkeiten ihres Geistes, ihre naive Herzlichkeit, die mütterliche Zärtlichkeit, die in ihren Augen schwamm, wenn sie oft im heitersten Laufe der Unterredung ihr Kind, in dessen Antlitz sich täglich mehr Gesundheit und in dessen Gliedern mehr Kraft zeigte, an ihren Busen drückte, wirkte, da Anselm weiser geworden und über den wahren Wert des Weibes, durch Nachdenken und Erfahrung, sich näher belehrt hatte, bei ihm noch weit mehr zum Vorteile der jungen Frau. Er merkte nun, daß sich bei ihm anfing, der Flattergeist zu verlieren, vermöge dessen er geglaubt hatte, einzeln, frei und ungebunden glücklich leben zu können; er fing an, es für möglich zu halten, diese liebenswürdige Frau könnte die künftige Gefährtin seines Lebens werden; und dadurch kamen ihre schätzbaren Eigenschaften, so wie ihre Anmut, seinem Herzen noch näher. Zwar wollte er nicht wieder allzuschnell zufahren, sondern fand, daß Verschiedenes dabei zu überlegen sei, worüber er mit sich selbst erst nicht recht einig werden konnte. Daher kam auch die Verlegenheit, in die er selbst geriet, nachdem die ihrige sichtbar ward, und er also als ein Kenner wohl merkte, daß in ihrem Herzen etwas Geheimes vorging. Anselm fand nämlich bei einigem Nachdenken, eigentlich wäre es für einen so jungen und schönen Mann als er nicht ganz schicklich, nur eine Witwe zu nehmen, und die fast eben so alt war wie er. Das Glück seines ungebundnen und unabhängigen einzelnen Lebens fing er freilich an aufzugeben: denn er merkte, daß er zu Hause allein lange Weile hatte; und wenn er, um diese zu vertreiben, in allerlei gemischte Gesellschaften ging, so fand er diese auch in kurzem nicht mehr interessant; er zerstreute sich zwar darin, vergnügte sich aber gar nicht. Auch hatte er eine feine Denkungsart in Ansehung des Eigennutzes; daher ging es ihm schwer zu Sinne, daß er ein reiches Frauenzimmer heiraten solle. Nun betrachtete er aber dagegen ihre Anmut, ihre Freundlichkeit, ihre feinen Empfindungen, ihre mütterliche Zärtlichkeit, woraus sich auf die Zärtlichkeit schließen ließ, mit der sie ihren Mann lieben würde, und dann auch ihre, wie er immer mehr merkte, sichtlich zunehmende Neigung zu ihm, welche nicht zu erwidern, beinahe allzuhart gewesen sein würde. So grausam konnte unser gutmütiger dicker Mann nicht sein, und er beschloß also, dieser Heirat nicht ganz aus dem Wege zu gehen. Sein eigenes häusliches Glück, das er ganz lebhaft vor sich sah, bewog ihn dazu fast nicht so sehr, als ein großmütiger Gedanke, der sich, nachdem er ihn einmal gedacht hatte, seiner Seele ganz bemächtigte. Wenn er Mann dieser reichen jungen Witwe und Eigentümer der großen Manufaktur ward, sah er sich in den Stand gesetzt, seinen guten treuen Philipp nach Verdienste zu belohnen. Er rechnete schon aus, wie er ihm das reichlichste Auskommen geben und ihn über alle Sorgen wegen seines Alters wegsetzen wollte. Er hoffte gewiß, seine künftige Frau würde aus zärtlicher Liebe zu ihm billigen, was er zu Philipps Bestem tun wollte, der doch auch um ihr Haus Verdienste hatte. Dieser Gedanke bewegte sein gutes Herz dergestalt und die vortrefflichen Eigenschaften der jungen Witwe wirkten auch in ihrer Art auf ihn so mächtig, daß er sich entschloß, ihre Hand anzunehmen. Dieser Entschluß machte natürlich, daß er ihren Umgang noch eifriger suchte und von demselben immer mehr bezaubert ward. Die Unterredungen nach Tische wurden immer häufiger, länger und angenehmer, obgleich zuweilen durch die, sonderlich von Seiten der jungen Frau, zunehmende Verlegenheit unterbrochen, welches niemand wundern wird, der die Lage einer sittsamen jungen Witwe bedenkt, wenn sie bei sich selbst merkt, es beginne eine für sie höchst wichtige Veränderung sich zur endlichen Entscheidung zu neigen. Einst war unser schöner dicker Mann bereits den Tag vorher wieder bei ihr zu Mittage gebeten. Er nahm sich nun vor, die Gelegenheit zu ergreifen, ihr seine Empfindungen und Wünsche zu gestehen; und seine Art, sich zu kleiden, richtete sich nach seinem geheimen Vorsatze. Er hatte seinen besten Frack angezogen, sein feinstes Hemd angelegt und über seine Frisur, die vor Tische erneuert werden mußte, gab er dem Frisör mehrmal Unterricht, ehe sie nach seinem Sinne war. Die junge Witwe war gekleidet wie gewöhnlich, empfing ihn aber fast mit einer lebhaftem Freundlichkeit und sagte, als er kam, mit einem herzlichen Händedruck, sie freue sich, ihn zu sehen. Ungeachtet dieser auffallenden Freundlichkeit, und obgleich Anselm diesen Augenblick mit Ungeduld erwartet hatte, war er doch über die Art, sein Geständnis einzuleiten, in einiger Verlegenheit. Sie schien auch, etwas auf dem Herzen zu haben. Die Mahlzeit ward beiden sichtlich zur Last; und obgleich manche Blicke gewechselt wurden, stockte doch die Unterredung unwillkürlicher Weise bei jedem Bissen. Nach dem Ende der Mahlzeit ward Philipp nicht, wie sonst gewöhnlich geschah, genötigt zu bleiben. Er zog sich bescheiden nach der Schreibstube zurück und ließ zwei Leuten, welche große Lust hatten, sich etwas zu entdecken, freien Raum. Gleichwohl schwiegen beide über eine Viertelstunde, und wann sie redeten, waren es abgebrochene Worte oder ganz kurze Gespräche über gleichgültige Gegenstände. Anselm, welcher vor Tische die Rede, womit er seine Empfindungen entdecken wollte, so fein überdacht hatte, war jetzt verlegen, den Anfang zu finden, welcher auch, wie Verliebte aus Erfahrung versichern, bei solchen Gelegenheiten sehr oft das Schwerste sein soll. Endlich schien die schöne Witwe selbst einen Anfang machen zu wollen, der so viel versprach, daß Anselm, da ohnedies sein Herz gedrängt voll von Empfindungen war, desto eher glaubte, schweigen und sie den ersten Schritt tun lassen zu können. Sie fing an: »Ich habe gegen Sie von Anfang an die größte Hochachtung gehabt, Herr Doktor, und diese Hochachtung hat bei näherer Bekanntschaft mit Rechte zugenommen. Ich wage es daher, Ihnen über eine Sache mein Herz zu öffnen, die mir äußerst wichtig ist.« Anselm seufzte tief und küßte ihr die Hand. Sie fuhr fort: »Ich sage, die Sache ist mir äußerst wichtig; denn es könnte das ganze Glück meines Lebens davon abhängen. Ich kenne Sie als einen sehr wackern Mann, als einen Mann von guter Gesinnung. Ich darf es sagen, von den feinen Empfindungen, die ich glaube bei Ihnen bemerkt zu haben, erwarte ich die Entscheidung, ob ich wohl zu viel wage und ob mein Wunsch« – sie errötete und schlug die Augen nieder – »erfüllt werden kann.« Diese Anrede der schönen Witwe nahm einen zu guten Gang, als daß Anselm ihn hätte unterbrechen sollen, zumal da nun mehr sein gerührtes Herz noch enger gepreßt war. Ein vierfacher Kuß, den er auf ihre schöne Hand drückte, machte ihm doch soviel Luft, daß er stammelnd die Versicherung herausbringen konnte: Er schätze sie über alles in der Welt und wolle das Äußerste tun, um ihr zu gefallen. Sie fuhr fort: »Sie wissen, daß ich meinen seligen Mann verloren habe – Aber ach! Sie wissen nicht, was ich in ihm verlor; denn Sie kannten ihn nicht« – Tränen tröpfelten über ihre schönen Wangen – »Sie haben ein zu gutes Herz, daß Sie nicht mit mir fühlen sollten, was ich meinen drei Kindern schuldig bin – zu ihrer Versorgung, zu ihrer Erziehung.« – Sie schlug die Augen nieder – »Ich tue einen Schritt, den sonst eine Frau nicht zu tun pflegt; ich hoffe aber, Sie denken zu edel, um mich mißzuverstehen.« »Nein«, rief Anselm, indem er zu ihren Füßen stürzte und ihre Hände mit Küssen überdeckte – »Nein! teure, edle Frau, das kann ich nicht, das werde ich nicht! – Es ist Edelmut und verehrungswerte Liebe, die aus Ihnen spricht! Ich verehre Sie! Sie bedürfen für Ihre unerzogenen Kinder einen neuen Vater. Sie haben ihn gefunden! Es ist ein Mann, der Sie im Innersten seines Herzens verehrt, der Ihr Gatte zu werden für sein größtes Glück halten wird, wofern er durch seine Liebe das ihrige zu machen fähig ist« – Die schöne Witwe schien durch diese feurige Anrede etwas außer Fassung zu kommen, wie auch wohl begreiflich ist. Sie unterbrach ihn, bat ihn, sich zu setzen, und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Sie vermuten also meine Wahl« – Er unterbrach sie durch einen Handkuß wider ihren Willen; sie schien die Hand zurückzuziehen, die er festhielt. Sie fuhr fort: »Ich gestehe, Dankbarkeit« – »O, sagen Sie nichts von Dankbarkeit! Welche Sorgfalt verdient nicht eine so treffliche Frau, wie Sie sind!« Sie drückte sanft seine Hand und zog die ihrige zurück: »Ich will noch mehr sagen; ich will auch meine zärtliche innere Empfindung nicht ganz verbergen! Ich gestehe, ich bin Ihrem Freunde Philipp Dank schuldig. Er hat sich, seitdem er in meinem Hause ist, der Geschäfte mit einem Eifer angenommen, der sie schon jetzt in größern Flor gebracht hat. Ich freue mich über den Zuwachs unsers Wohlstandes, nicht sowohl meinetwegen, denn ich bedürfte allenfalls wenig, sondern meiner Kinder wegen, deren künftiges Wohl ich dadurch fester gegründet sehe. Ich verhehle meine Dankbarkeit nicht; aber, werter Herr Doktor, ich will Ihnen auch gestehen, eine zärtlichere Neigung gegen Ihren Freund hat bei mir Wurzel gefaßt. Seine redlichen Gesinnungen, sein edles Herz, sein bescheidener Fleiß läßt mich nicht nur hoffen, er könne meinem Hause eine Stütze und meinen Kindern ein anderer Vater sein, sondern auch, daß ich an seiner Hand glücklich leben könne, wenn er gleiche Gesinnungen gegen mich fühlt, wie ich gegen ihn. Ich bekenne Ihnen, ungeliebt möchte ich nicht lieben, nicht einem Manne deswegen meine Hand geben, weil er meinem Hauswesen nützlich ist, wofern mein Herz ihn nicht beglücken könnte. Ich wünschte, er wäre so gegen mich gesinnt, wie Sie vorher sagten; zuweilen aber, ich gesteh es, fürcht ich das Gegenteil. Was ich von Neigung gegen ihn habe merken lassen, scheint er nicht zu erwidern. Er ist beständig still und zurückhaltend. Ich bekenne Ihnen, daß ich deswegen in Verlegenheit war, mich mittags mit ihm allein zu finden; daher bat ich so oft Sie, werter Herr Doktor, mit uns zu essen, weil ich mich in Gesellschaft erleichterter fühlte. Ich wünschte so sehr, er möchte nach Tische an unsern Unterredungen teilnehmen. Die wenigen Male, da er es tat, freute ich mich, ihn zu sehen und zu hören. Aber Sie wissen, meist schlug ers ab. Ists bloße Bescheidenheit, oder ist sein Herz schon versagt? Dies ists, was ich Sie bitten wollte, von Ihrem Freunde zu erforschen. Ich selbst habe das Herz nicht, ihn darum zu fragen. Sie sehen selbst ein, wenn eine glücklichere Frau schon auf ihn Anspruch hätte – es würde unbillig sein, mich alsdann nicht in mein Schicksal zu finden;,aber ich gestehe – von ihm selbst möcht ichs doch nicht hören. Erforschen Sie ihn also! Ich traue Ihrer feinen Empfindung und Ihrer Freundschaft gegen mich und gegen ihn alle Delikatesse zu, die dieser Auftrag erfordert.« – Die schöne Witwe hatte vollkommen Zeit gehabt auszureden; denn unser dicker Mann saß da, als war er versteinert. Einige Minuten vergingen, ehe er stammelnd einige Worte finden konnte. Er faßte sich aber; versprach, den Antrag zu übernehmen, und – richtete ihn wirklich, und glücklich, aus. Philipp hatte die vortrefflichen Eigenschaften einer so schönen Frau nicht ohne Empfindung in der Nähe gesehen. Ihre zuvorkommende Freundlichkeit gegen ihn hatte auch sein Herz gewonnen; aber sein bescheidenes Mißtrauen in sich selbst machte, daß er sich nicht herausnahm, sein Glück für wirklich zu halten. Die von Anselm erhaltene Nachricht setzte ihn außer sich, und nun ward er beredt, um seiner Geliebten die lange geheim gehaltenen Gesinnungen seines Herzens zu gestehen. In wenig Wochen ward ihre Verbindung vollzogen. Anselm gönnte seinem Freunde Philipp sein Glück von Herzen; aber er konnte doch schwer ertragen, selbst zu sehen, daß ein anderer die Frau, die er geliebt hatte, besitzen sollte. Er faßte schnell den Entschluß, seinen Aufenthalt zu verändern. Es war vergeblich, daß Philipp und dessen Frau, mit denen er ferner auf die freundschaftlichste Art umging, ihm diesen Entschluß sehr widerrieten. Sie stellten ihm vor, seine Lage in Elberfeld sei günstig, indem sich seine Praxis täglich vermehre; und es werde ihm schwer werden, sich an einem andern Orte sobald auf einen ebenso guten Fuß zu setzen. Sie errieten seine geheimen Ursachen nur halb. Freilich war seine Eitelkeit durch die Wendung, welche die Neigung der schönen Witwe genommen hatte, gekränkt. Aber der Leser wird auch schon ehemals bemerkt haben, daß unser dicker Mann sich selbst und seine Bequemlichkeit liebte, daß er an anhaltender Arbeit keinen Gefallen fand, und daß es ihm bald beschwerlich ward zu arbeiten, wenn er nicht gerade Lust dazu hatte. Es war ihm daher schon längst seine medizinische Praxis, sowie sie sich zu vermehren anfing, allzu ungemächlich geworden. Wenn er an einem Abende bei heiterm Geiste entweder über die Kategorie der Kausalität und über die wahre Natur der analytischen Begriffe nachgedacht über die blauen schmachtenden Augen der schönen Witwe ein Sonett gemacht hatte und eben im angenehmen Genusse seiner obern und untern Kräfte eingeschlafen war: war es ihm höchst verdrießlich, aufgeweckt und zu einer jungen Frau gerufen zu werden, welche die Beängstigungen, die aus ihrem langen Sitzen am Spieltische entstanden, fälschlich für Annäherung ihrer Entbindung gehalten hatte. Er war oft vor Ärgernis außer sich, wenn er eben an einem schönen Sommernachmittage spazieren reiten wollte, um sich an dem herrlichen Anblicke der Natur zu laben, und plötzlich ein Wagen mit einem Postzuge vor seine Türe rollte, durch den er zwei Meilen weit zu einem Landedelmanne gerufen ward, der etwa beim Schneuzen der Nase Blut im Schnupftuche gefunden oder in seinen Hühneraugen das Wetter gefühlt hatte, und deswegen geschwind den neuen Doktor fordern ließ, weil er auch einer von den Leuten sein wollte, die den neuen Doktor brauchten, und weil er wußte, daß er ihn gut bezahlen könne. Dergleichen bei der güldenen Praxis sehr gewöhnliche kleine Zufälle setzten unsern guten dicken Mann aus seiner Bequemlichkeit und folglich aus seiner Fassung. Es ist zwar kein Zweifel, daß die schönen Augen und die schönen Eigenschaften der jungen Witwe eigentlich seine Liebe zu ihr erregt hatten; aber seine Gemächlichkeit hatte an der Zunahme seiner Neigung für sie auch wohl einigen Anteil. Wenigstens war er schon entschlossen gewesen, sobald die Heirat vollzogen sein würde, die beschwerliche Praxis ganz niederzulegen. Seine gekränkte Eitelkeit kam nun seiner Gemächlichkeit zu Hilfe. Er überlegte bei sich abermals, daß er Talente besitze, die er nur geltend machen dürfe. Er fand es am besten, an einem andern Orte, wo er seine gewesene Geliebte nicht immer vor Augen hätte, ein Amt anzunehmen, wobei er doch wenigstens ruhig schlafen und ruhig spazieren reiten und vielleicht dennoch durch seine Talente eine glänzende Rolle spielen könnte. Nachdem er lange zwischen dem Entschlüsse gewankt hatte, welches Amt zu wählen wäre, blieb er dabei stehen, Sekretär bei einem Minister zu werden. Er überlegte, wie er dabei weniger der mechanischen Aktenarbeit, die sein freier Geist haßte, unterliegen dürfe. Er hoffte, unmittelbar unter den Augen eines einsichtsvollen Staatsmannes seine Talente vorteilhaft zu zeigen, und sich vielleicht einen größern Wirkungskreis verschaffen zu können. Dieser Gedanke eines erweiterten Wirkungskreises bestimmt gemeiniglich die jungen weisen Leute, welche entschlossen sind, sich dem Staate in die Fütterung zu geben; auch ergriff derselbe die Einbildungskraft unsers dicken Mannes mit solcher Macht, daß er nicht ferner widerstehen konnte. Ambition hatte keinen Anteil an diesem Entschlüsse; und hätte sie etwa, weil er doch seinen Wert besser kannte, als ihn andere kennen konnten, einigen Anteil daran gehabt: so war es ihm selbst unbewußt. Bloß die schöne Aussicht, auf das Glück von Tausenden wirken und unter ihnen vorzüglich diejenigen glücklich machen zu können, die es verdienten, regierte seinen Entschluß. Je mehr er es überlegte, desto mehr fand er, er handle jetzt nach echtem Kantischen Prinzip, so daß er wollen müsse, die Maxime seiner Handlung werde Prinzip eines allgemeinen Gesetzes. Muß nicht jeder wollen, dachte er, daß jeder einzelne Mensch tausende beglücke? Welche Wellt würde es sein, in der es so zuginge! Philipp wußte gar nichts von der kritischen Philosophie und von dem reinen Moralprinzip. Seine Bemerkungen in dieser Sinnenwelt waren auf simple Erfahrung gegründet, nicht auf weitaussehende Grillen. Also tat er, bloß empirisch, ohne reines Prinzip, was in seinen Kräften stand, um unsern dicken Mann zu bewegen, ein Arzt und zwar in Elberfeld zu bleiben. Er stellte ihm vor, er sei als Arzt ein unabhängiger Mann, und versicherte ihn, es werde seine Abhängigkeit auch von dem besten großen und vornehmen Manne viel drückender sein, als die Abhängigkeit eines Arztes von den wunderlichsten Kranken. Aber Anselm blieb bei diesen und andern Vorstellungen unbeweglich; denn am Ende ging doch alles Räsonnement Philipps auf Bewegungsgründe, die von seinem Wohlsein hergenommen waren; Anselm hingegen war mit dem Prinzip der reinen Moral allzu vertraut, um nicht zu wissen, – was Kant ja ausdrücklich sagt, – daß eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen, das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit sei. Unser dicker Mann blieb daher der Kritik der praktischen Vernunft getreu. Sein Entschluß sollte unabhängig sein von empirischen Bedingungen, mithin als reiner Wille durch die bloße Form des Gesetzes als bestimmt gedacht werden. Er empfand das Göttliche, welches darin lag, daß seine reine Vernunft unmittelbar ihre eigene Gesetzgeberin sei; er hörte den kategorischen Imperativ und beschloß, als ein kritischer Philosoph, ohne von der Erfahrung – (also auch nicht von der Erfahrung seines Bankrotts) – oder von irgendeinem äußern Willen – (und also auch nicht von Philipps gutem Willen) – etwas zu entlehnen, bloß seinem ihm selbst gegebenen Gesetz unbedingt zu gehorchen. Ein gemeiner Mensch hätte wohl denken mögen, unser dicker Mann hätte hier bloß eigensinnig gehandelt. Wer aber mit der Kritik der praktischen Vernunft vertraut ist, wird bekennen müssen, bloß das Prinzip der reinen Sittlichkeit habe ihn geleitet. Denn da diesem zufolge, die Rücksicht auf eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen, das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit ist, so kommt diese große und seit Jahrhunderten unbekannte Wahrheit unserm philosophischen dicken Manne gegen alle die Klüglinge zustatten, die es wagen möchten, es unbedachtsam zu nennen, daß er seinen glücklichen Wohlstand in Elberfeld dem kategorischen Imperativ aufopferte. Die Frage blieb nur, ob unsers dicken Mannes Talente einem vielvermögenden Minister bekannt werden könnten, und durch wen? Anselm hatte auf der Universität, wo er beflissen war, vorzüglich mit vornehmen Studenten umzugehen und sich ihnen gleichzustellen, wie wir es schon oben bemerkt haben, mit einem jungen Herrn von Reitheim, welcher der Sohn eines Ministers war, vertraute Bekanntschaft geknüpft. Da Anselm noch mehr aufgehen ließ als dieser Edelmann, so hatten sie alle Kotterien und Lustbarkeiten gemein, denen Herr von Reitheim gar nicht abgeneigt war. Sie hatten manche Flasche Champagner ausgestochen, von demjenigen, der, gleich den weltberühmten Würsten, in Göttingen ein einheimisches Produkt ist. Aber die Verbindung beider Universitätsfreunde gründete sich nicht bloß auf sinnliche Dinge, sondern sie waren auch unzertrennlich verbunden durch die Liebe zur spekulativen Philosophie; daher sie fast täglich, wenn sie nicht etwa auszureiten hatten, ein paar Stunden über Substanzen und Accidenzen, über Gott, Welt und das Universum disputierten, wobei weder Wein noch Würste gespart wurden, deren empirische Konsumtion der Liebe zu transzendentalen Ideen, wie bekannt, gar nicht hinderlich ist. Die Liebe des Herrn von Reitheim zu den spekulativen Wissenschaften entspann sich auf eine ganz sonderbare Art. Er mochte gern viel reden und mochte gern Recht haben, wie denn das letzte einem reichen Junker, der der Sohn seiner Mutter ist, so gebühret. So war es zuhause gehalten worden. Aber die Studenten waren nicht so billig als die Mama. So zog denn des Herrn von Reitheim Rechthaberei ihm einige Duelle zu; und er fand bald, daß Göttingischer Champagner, so schlecht er auch sein mochte, dennoch besser sei als Göttingische Duelle. Aller Streit, woraus diese erwachsen waren, gehörte zur Sinnenwelt; und so hielt er für geraten, um seine Haut zu schonen, sich mit seinem Disputieren in die hyperphysischen Regionen zu ziehen. Da fand er nun seinen Mann an unserm Anselm, der ebenso gern schnackte und ebenso gern disputierte. Ihr Disputieren war auch unerschöpflich; denn sie waren nicht einmal in Prinzipien einig. Herr von Reitheim, als ein vornehmer Junker, war von einem französischen Hofmeister erzogen worden, der ihn gelehrt hatte, es sei am besten, gar nichts zu glauben. Dieser französische Unglauben, mit den Anfangsgründen deutscher Philosophie amalgamiert, hatte bei ihm bald einen so kompletten Skeptizismus erzeugt, daß er nichts für unwidersprechlich hielt, als daß er der Herr von Reitheim sei, der einmal, nach seines Vaters und seines Oheims Tode, jährlich über 30 000 Gulden würde zu verzehren haben. Unser Anselm hingegen war, wie sich der Leser erinnern wird, damals der mathematischen oder demonstrativischen Methode ergeben, mit welcher er ganz ohne Mühe die Gewißheit aller Dinge noch gewisser machen konnte. Er ließ denn wider seinen Gegner eine lange Reihe von undurchdringlichen Syllogismen und Soriten aufziehen, die aber durch des Herrn von Reitheim schnell erregte Zweifel auseinander gesprengt wurden, wie etwa eine Folardsche dichtgeschlossene Kolonne durch eine unvermutet spielende Kartätschenbatterie; so daß unser guter dicker Mann gemeiniglich genug zu tun hatte, seine auseinander geworfenen Heischesätze und Folgesätze wieder in einige Ordnung zu bringen. Vielleicht war es noch ein anderer, ganz geringfügig scheinender Umstand, welcher zu der großen Sympathie zwischen den beiden Universitätsfreunden beitrug. Anselm war klein und rund; und Herr von Reitheim gleichfalls. Dicke Leute, die groß sind, finden allenthalben Ansehn, denn sie können der Länge und Breite nach Fronte machen und sich Platz schaffen; aber kleine runde Leute leben gemeiniglich in ecclesia pressa und halten daher näher aneinander. Indessen ists wahr, daß außer dem Maße ihrer Klugheit und Runde, noch mancher auffallende Unterschied zwischen beiden war. Beide hatten stattliche Bäuche. Anselms Bäuchlein war zierlich rund; aber Herr von Reitheim hatte schon in der Jugend eine Anlage zum Hängebauch. Anselm hatte eine feine weiße und rote Gesichtsfarbe und eine zierliche Nase, beinahe eine von den Klugheitsnasen, welche der Seelenarzt Lavater den Fürsten vorschreibt, zu Ministern zu wählen; dabei rote niedliche Kußlippen, zwischen denen nur die Mittellinie der Weisheit etwas zu merklich war. Herr von Reitheim hingegen war im Gesichte etwas braun von seiner ländlichen Erziehung, etwas rot um die Augenknochen vom frühen Trinken, seine Nase war nicht so gut begabt, denn sie war breit, abgestutzt und knorplicht, eine von den Nashornnasen, wovon schon ein alter Dichter sagt: Et pueri nasum rhinocerontis habent! und dabei hatte er etwas aufgeworfene weißlichrote Lippen. Ein genauer Physiognomist würde an beiden noch mehrere Unterschiede, besonders an den Waden und Knöcheln der Hände, bemerkt und darin unfehlbar des einen Neigung zum Bezweifeln und des andern zum Demonstrieren, vereint mit beider Neigung zum Schwatzen, deutlich erkannt haben. Mit diesem alten Universitätsfreunde hatte Anselm von Zeit zu Zeit noch einige Korrespondenz unterhalten. Er hatte nicht unterlassen, dem Herrn von Reitheim seine Bekehrung zur kritischen Philosophie zu melden und beizufügen, daß er durch dieselbe den Skeptizismus nun viel sicherer als ehemals durch die mathematische Methode besiegen könne. Er hatte auch von dem Herrn von Reitheim wenigstens einigen Dank erhalten, daß er ihn die kritische Philosophie habe kennen lehren, welche noch nicht bis ins dortige Ritterkanton gedrungen war, wozu er das Versprechen fügte, die Kantischen Schriften zu studieren. Da Anselm nun nicht zweifelte, Herr von Reitheim wäre durch dieselben völlig überzeugt worden und ihm deswegen Dank schuldig: so glaubte er, von demselben für einen so wichtigen Dienst auch wohl eine Gegengefälligkeit verlangen zu können. Er wußte, daß Herr von Reitheim an mehrern Höfen sich aufgehalten hatte und mit den angesehensten Familien im Reiche verwandt war; er schrieb deshalb an denselben, setzte ihm einigermaßen seine Lage auseinander und bat ihn um seine Empfehlung an einen Minister. Philipp widerriet zwar diesen Schritt und war der Meinung, ein vornehmer und reicher Mann denke nicht so lange an Universitätsfreundschaft, er werde sich weiter um ihn nicht bekümmern, da er ihn nicht brauchen könne, und werde ihn höchstens mit einem höflichen Briefe abspeisen. Anselm aber glaubte, seinen Freund besser zu kennen, und rechnete dabei auch insgeheim auf den ihm wegen der kritischen Philosophie erzeigten Dienst. Zwanzigster Abschnitt Irrtum Philipps. Probe von Universitätsfreundschaft. Biegsamkeit moralischer Maximen und mancherlei Anstalten Diesmal hatte Philipp völlig Unrecht, denn Herr von Reitheim beantwortete Anselms Brief mit umgehender Post äußerst freundschaftlich. Er meldete ihm beinahe eben das, was Philipp über die Abhängigkeit von einem vornehmen Herrn sagte, und schlug ihm vor, wenn er ja seine Lage verändern wolle, lieber ihn, seinen Freund, mit seiner Gegenwart zu beglücken. Er habe, schrieb er ihm, einen Sekretär nötig, und in diese Stelle könne er gesetzt werden; doch sollte er eigentlich mehr als Freund bei ihm sein und mit ihm auf dem Gute leben, welches in einer sehr angenehmen Gegend liege. Er solle daselbst alles frei und ebenso gut haben als der Besitzer selbst. Noch setzte er verbindlicher Weise hinzu, er verspreche sich großes Vergnügen von seiner Gesellschaft, und gab zu verstehen, es möchten vielleicht gewisse Umstände eintreten, wo er auf eine vorzügliche Art für sein Glück sorgen könne. Anselm triumphierte, daß sein Entwurf, ob er gleich eine ganz andere Wendung nahm, doch so wohl gelang. Er sah die reizendste Aussicht, sich bei einem Liebhaber der Weltweisheit als Freund aufzuhalten und ruhig auf dem Lande im Schoße der Natur zu philosophieren. Er fand, daß eine solche Art zu leben viel erfreulicher und also seinen Wünschen angemessener sein werde als ein Amt. Es war übrigens recht gut, daß er bei seinem ersten Entschlüsse von dem aus der kritischen Philosophie gezogenen Grunde, ein Amt anzunehmen, von der Pflicht, so zu handeln, daß die Maxime der Handlung allgemeines Gesetz werde, und also in dem gegebenen Falle für das Wohl Tausender lieber als für sein eigenes zu sorgen, seinem Freunde Philipp nichts eröffnet hatte. Dieser würde ihm vermutlich nach seiner Einfalt etwas über die Unsicherheit gesagt haben, ein moralisches Prinzip richtig anzuwenden, das auf Maximen beruht, welche aus Handlungen können gezogen werden. Es scheint beinahe, man könne aus jeder Handlung mancherlei Maximen ziehen, bei dutzenden; und ein Maximenzieher sei wie ein Pfropfzieher, der auf eine oder die andere Art alle Pfröpfe herausbringt, wenn er auch einige zerbricht oder in die Flasche stößt. Anselm würde aber doch gewiß auf alle Einwürfe gegen die Moralität sowohl seines ersten als auch seines jetzt gefaßten Entschlusses etwas zu antworten gehabt haben. Er hätte den letzten gewiß auch aus einer Maxime herzuleiten gewußt, der alle denkenden Wesen folgen müßten; und das ist ja bekanntlich genug, indem wider einen kategorischen Imperativ weiter kein Grund gilt. Indes wollen wir nicht dafür stehen, daß, außer der von ihm erkannten Pflicht, seinem Freunde Reitheim das Leben zu versüßen, nicht auch, ihm selbst wohlbewußt, seine eigene Gemächlichkeit auf die Veränderung seines Entschlusses einen Einfluß gehabt habe. Es muß wohl überhaupt mit der Anwendung des so vortrefflichen neuen reinen Prinzips der Sittlichkeit eine eigene Bewandtnis haben. Denn die betrübten Beispiele sind da, daß selbst junge Dozenten, bei denen doch gewöhnlich die kritische Philosophie am brünstigsten ist, sehr geneigt sein würden, wider dies sittliche Prinzip zu handeln. Jeder von ihnen würde gern eine kleine Universität, wo er vegitiert, und den kleinen Hörsaal, wo er kaum sechs Zuhörern die Kategorien einkäuen kann, mit großen Universitäten wie Leipzig, Halle, Jena oder Göttingen vertauschen, bloß aus der ganz unmoralischen Ursache, weil ihm da tausend Taler Gehalt und großer Beifall versprochen würde. Ja es ist zu befürchten, selbst einem altern kritischen Philosophen könne ein Hofratstitel wohl zur Bestimmung seines Willens bei einer solchen Ortsveränderung dienen; ob man gleich vermuten sollte, ein Philosoph würde den Besitz eines solchen Titels weder für Glückseligkeit, noch die Maxime, ihn besitzen zu wollen, für ein allgemeines Gesetz aller denkenden Wesen erkennen. Um so mehr mag denn unser dicker Mann entschuldigt sein, wenn er, gleich größern Philosophen, unbeschadet des reinen Prinzips der Sittlichkeit und des unwiderleglichen kategorischen Imperativs zu seiner Bequemlichkeit inkonsequent handelte. Er sah die Ungemächlichkeit der medizinischen Praxis täglich allzu deutlich vor Augen: er stellte sich die philosophische Ruhe, in der er nun leben würde, sehr reizend vor; und so blieb der kategorische Imperativ, wo er gemeiniglich bleibt, in der Studierstube und auf dem Katheder. Anselm machte nun alle nötigen Anstalten zur gänzlichen Veränderung seines Aufenthalts und seiner Reise. Es waren dabei noch allerlei Geschäfte zu verrichten, die ihm anfänglich nicht beifielen. Dahin gehörte die Einkassierung verschiedener Schulden, die er aus seiner medizinischen Praxis noch zu fordern hatte, ohne welche es schwer gewesen sein würde, die etwas weite Reise zu bestreiten. Der ökonomische Leser möchte vielleicht fragen, wo denn die zweitausend Taler geblieben wären, welche unser dicker Mann aus seinem Schiffbruche in Vaals noch gerettet hatte? Hierauf dient zur Antwort, daß unser dicker Mann ein großer Liebhaber von den Dingen war, welche das Modejournal mit dem eleganten Worte Nippes bezeichnet, und wovon es seinen Lesern und Leserinnen in den kleinen Städten (denn in den großen Städten kennt man die Nippes, ehe das Modejournal davon redet) monatlich so freundschaftliche Anweisung erteilt, überflüssiges Geld dafür auszugeben. Wir haben kein neudeutsches Wort für diese französische Benennung, welches doch sehr nötig scheint, da die Sache zum größern Glanze vieler sonst ganz altväterischen deutschen Familien immer allgemeiner zu werden anfängt. Es wäre also der berühmte Herr Campe zu ersuchen, dafür ein neues Wort zu ersinnen, das sich neben dem Stelldichein und dem Siehdichum könne sehen lassen. Genug, die Leser kennen nun die Sachen, wofür Anselm garzu gern Geld ausgab, sobald er sie erblickte; denn sie machten ihn garzu glücklich, wenigstens einen oder zwei Tage, nachdem er sie gekauft hatte. Nimmt man noch hinzu, daß er allenthalben bei den reichen Kaufleuten in Elberfeld Möbel von Mahagonyholz, Fußdecken von Savonneriearbeit und mehr Dinge der Art bemerkte und sich dergleichen bei seiner ersten Einrichtung, wobei er viel Geschmack zeigte, auch anzuschaffen für gut fand, so wird man sich nicht wundern, wie das mitgebrachte Geld und mehr in ein paar Monaten ausgegeben ward. Es dünkte unsern dicken Mann, es gehöre ja zur Würde eines neuangehenden Doktors, sein Haus bemittelten Leuten gleich einzurichten. Die reichen Kaufleute behielten ja doch immer noch einen großen Vorsprung in der Ausgabe vor ihrem neuen Doktor durch ihre rühmliche Wohltätigkeit gegen die Armen, worin er ihnen wirklich nicht so folgen konnte, wie er wohl gern gewollt hätte, indem er bald fand, daß ihm die Nippes und Mahagonymöbel sogar schon in Schulden setzten. Alle diese Sachen mußte er jetzt freilich ungefähr für den dritten Teil des Wertes verkaufen. Indes kam doch eine mittelmäßige Summe heraus; und sie wäre noch größer gewesen, hätte sich unser weiser dicker Mann nicht einen eleganten Reisewagen anschaffen wollen, um sich doch bei seinem neuen Freunde nicht Schande zu machen. Das Übergebliebene war jedoch zur Reise mehr als hinlänglich. Er nahm von seinen Freunden in Elberfeld Abschied und verließ froh einen Ort, wo ihm einer seiner liebsten Wünsche mißlungen war. Er dachte immer mit einer gewissen Bitterkeit daran, indem er nicht begreifen konnte, warum bei seiner Klugheit gerade ihm ein solcher Streich hatte begegnen müssen. Da indes nun einmal ihn das Schicksal traf, seinen unschuldigen Wunsch, im häuslichen Leben sein Glück zu finden, nicht erreichen zu können, so fuhr er jetzt der angenehmen Aussicht entgegen, in philosophischer Ruhe die Kräfte seines Geistes in Gesellschaft eines Freundes zu entwickeln, der von gleicher lobenswürdiger Neigung durchdrungen war. Dabei unterließ er nicht, seinem philosophischen Gleichmute ein Kompliment zu machen, daß er, eine schöne Frau und Reichtum vergessend, mit dieser eines weisen Mannes würdigen Aussicht zufrieden sein wollte. Einundzwanzigster Abschnitt Anselms Reise zu seinem philosophischen Universitätsfreunde. Einrichtung des Hauswesen eines Philosophen, Gespräch über Philosophie nebst einigen andern Dingen Anselm reisete sehr angenehm in den schönsten Tagen des Herbstes, und sein Herz öffnete sich, je näher ihn sein Weg den herrlichen Gegenden des Rheingaues brachte. Er kam auf dem Gute, wo Herr von Reitheim damals sich aufhielt, nachmittags um fünf Uhr an. Er fuhr in den großen Vorhof des ansehnlichen Schlosses ein und, nachdem er war gemeldet worden, erschienen ein paar reichgekleidete Bediente, die ihn in den Speisesaal führten; denn es war eine große Gesellschaft benachbarter Edelleute da, welche noch an der Mittagstafel saßen. Herr von Reitheim stand auf, schüttelte unserm dicken Manne treuherzig die Hand und stellte ihn den Gästen als seinen gewesenen Universitätsfreund und künftigen Sekretär vor. Die Edelleute beehrten den Universitätsfreund mit einem Kopfnicken und standen vor dem Sekretär nicht auf. Dem dicken Manne, der beide Eigenschaften in sich vereinigte, ward am untern Teile der Tafel ein Gedeck und ein Stuhl angewiesen; und so konnte er ungestört essen und trinken, was vor ihm stand: ungestört, weil niemand mit ihm sprach. Die Herren hatten viel zu reden von Pferden, von Jagdzeug, von Hühnerhunden, von Fuchsprellen, von Wilddieben und von hübschen Mädchen, wobei die Flasche weidlich herumging und die alten Rheinweine, wovon verschiedene Jahrgänge nacheinander herbeikamen, nicht geschont wurden. Anselm dachte bei sich: »Ich bin zu einer unphilosophischen Stunde gekommen. Was mag Herr von Reitheim nicht leiden, daß er ehrenhalber in solcher Gesellschaft sein muß! Er kann mich nicht abreichen, sonst würde er gewiß gern mit mir von der kritischen Philosophie gesprochen haben!« Indem er so dachte, reichte ihn Herr von Reitheim doch ab und rief ihm zu: »Herr Bruder Sekretär, stimme doch an: Gaudeamus igitur Juvenes dum sumus!« Zugleich richtete die ganze Gesellschaft, die Gläser in der Hand, die Augen auf ihn. Er ward rot; aber auf nochmalige Aufforderung mußte er anstimmen. Er fand es zwar seltsam, daß er, anstatt zu philosophieren, seinen Dienst mit Singen anfangen sollte. Indes, da doch alle die Herren so kräftig lateinisch mitsangen, so meinte er, es möchten etwa Gelehrte darunter sein, die er sich vornahm gelegentlich zu prüfen, wie weit sie wohl in der Lehre von den direkt-synthetischen Sätzen gekommen wären. Gegen sieben Uhr ward die Tafel aufgehoben; niemand bekümmerte sich um den Herrn Sekretär, und die Gäste gingen in ein anderes Zimmer. Als er nachfolgen wollte, trat ein Bedienter zu ihm und berichtete, er habe Befehl, ihn in sein Zimmer zu führen, wohin seine Sachen schon gebracht wären. Er ging dahin, und nachdem er allein war, dachte er bei sich während des Auspackens über das nach, was er seit ein paar Stunden gesehen hatte, und ward bald mit dem Schlusse fertig, es müsse heute ein außerordentlicher Tag sein. Er machte noch bei sich die Bemerkung, daß man auf dem Lande seine Nachbarn nicht wählen könne und schon zuweilen mit ihnen nach ihrer Weise leben müsse. Gegen zehn Uhr kam ein Bedienter, ihm zu sagen: es werde heute nicht supiert, weil der gnädige Herr heute früh zu Bette gehe; wolle er aber etwas Kaltes haben, so stehe es zu Diensten. »O«, dachte er bei sich: »Da erkenn ich den Philosophen! Die Wildfänge sind weg, nun will er ruhig sein, um morgen der Philosophie zu leben!« – Er wollte nicht weniger philosophische Enthaltsamkeit zeigen als Herr von Reitheim, verbat alles und legte sich zu Bette, wo er noch bis nach Mitternacht wachte, wegen mancher philosophischer Ideen, die ihm durch den Kopf gingen. Er war noch nicht lange eingeschlafen, als er früh um vier Uhr durch den lauten Schall der Rüdenhörner aufgeweckt ward. Er erschrak nicht wenig und wußte nicht, was das bedeuten sollte. Allein, er blieb nicht lange in Ungewißheit; denn Herr von Reitheim ließ ihm sagen, er möchte doch mit zur Parforcejagd kommen. Dies war nun nicht nach seinem Geschmacke, und er ließ sich mit seiner Müdigkeit entschuldigen. Aber nach einer Viertelstunde kam eine neue Botschaft: er möchte doch gleich kommen, es sei schon ein Pferd für ihn gesattelt, und man warte auf ihn. Er mußte also auf Befehl erscheinen zumal, da er wegen des Getümmels doch nicht hätte schlafen können. Es war schon die ganze gestrige Gesellschaft beisammen und noch einige Domherren aus einem benachbarten hohen Stifte; die Hunde, die Piqueurs und nun auch der Herr Sekretär waren da. Der letztere ritt mitten im Gewühle so geschwind, als ihn sein Pferd trug, wenigstens vier bis fünf Meilen durch Dick und Dünne. Er konnte fast nicht mehr fort; denn es ging ihm beinahe noch schlimmer als auf dem Ritte mit Jungfer Mariane, und jetzt war er nicht verliebt. Aber er mußte fort; denn hätte er auch gewußt, wohin er reiten sollte, um ruhig zu sein, so wäre es doch unmöglich gewesen, sein jagdgewohntes Pferd von der Meute abzulenken. Er war also herzlich froh, als der Hirsch endlich abgefangen war und die Jagd abgeblasen wurde. Da ritt man nach dem Schlosse eines der Edelleute, die gestern beim Herrn von Reitheim gewesen waren, und kam gegen vier Uhr endlich zur Tafel. Das Lachen über unsern dicken Mann fing schon an, sich in der Gesellschaft zu verbreiten; denn der Leibjäger des Herrn von Reitheim hatte bemerkt, daß er sich mußte vom Pferde heben lassen, und hatte die Ursache verraten. Die löbliche Gesellschaft nahm ihn nun bei der Tafel als einen Neuling in Betrachtung und zäumte ihn auf, ohne sehen zu lassen, wo die Zäume hingen. Man fing einen gelehrten Diskurs an, den er unschuldiger Weise sehr gelehrt beantwortete, zur großen Belustigung der Gesellschaft. Er mußte singen; und man setzte ihm mit dem guten Weine so zu, daß ihm die gewöhnliche Ehre angetan ward und er frühzeitig ohne Empfindung zu Bette gebracht werden mußte. Es waren noch die ruhigsten Stunden, die er seit seiner Ankunft gehabt hatte. Man ließ ihn ausschlafen; aber den folgenden Tag mußte er, aller Vorstellungen ungeachtet, mit auf ein Treibjagen. Dabei war er den Neckereien der Jäger ausgesetzt, und bei der Mittagstafel den Neckereien der Gesellschaft. Er machte zwar, gute Miene zum bösen Spiele und suchte seinen ehemaligen Universitätswitz hervor, um in den Ton der Gesellschaft einzustimmen. Dies brachte ihm auch einigen Beifall zuwege, und es tröstete ihn innerlich, daß Herr von Reitheim dabei ganz still schwieg, welches er als Mißbilligung auslegte. Das kann es vielleicht gewesen sein; sonst aber hatte der gute Herr eigentlich andere Dinge im Sinne, und er fuhr daher den folgenden Morgen nach seinem Schlosse zurück, welches unserm dicken Manne sehr lieb war. Weil aber Herr von Reitheim einen andern Herrn in seinen Wagen nahm, so konnte der Sekretär darin nicht Platz finden, sondern mußte auf dem Jagdklepper reiten, welches ihm aus gewissen Ursachen wieder nicht sehr lieb war, aber sich doch nicht ändern ließ. Man kam gegen Abend im Schlosse an. Diesen Abend und den andern Vormittag ließ ihn Herr von Reitheim nicht zu sich fordern. Er ging aber hinunter, um das Haus und den Garten und die Einrichtung der Haushaltung kennenzulernen. Es war alles auf großen Fuß eingerichtet. Da war ein Laufer, acht Bediente in Livree, außer dem Leibjäger noch ein paar andre Jäger, Stalleute die Menge, zwei Kammerdiener, Anselm als Sekretär und noch ein Herr, der keinen besonderen Charakter hatte, aber immer viel um den gnädigen Herrn war, wenn es ihm an Gesellschaft mangelte. Anselm ging gedankenvoll im Garten spazieren und wunderte sich, daß ein Philosoph so vieler Leute bedürfe. Als aber zur Tafel geblasen ward, sah er da noch drei Personen, die zur Haushaltung gehörten. Es waren zwei junge muntere Mädchen, die eine blond, die andere brünett, unter der Aufsicht einer Tante, welche Personen nicht mitspeiseten, wenn Gesellschaft da war. Auch fand sich noch an der Tafel ein ältlicher Herr, der nichts als französisch sprach und der, wie Anselm hörte, einige Monate dort gewesen war. Ferner der obengedachte Herr, dessen Bedienung keine besondere Benennung hatte. Es zeigte sich bald, daß dieser in Sold genommen war, um bei der Tafel Logogryphen und Charaden aufzugeben, Leberreime zu machen und Märchen zu erzählen, damit der gnädige Herr und die beiden Schätzchen belustigt würden. Bei diesen beiden schlug es auch an, und es ward Lache über Lache aufgeschlagen. Aber Herr von Reitheim befand sich nicht wohl oder war sonst nicht bei guter Laune. Er sprach fast nicht ein Wort; und da auch der Franzose gegen die Gewohnheit seiner Nation nicht sehr gesprächig war, so wäre ohne den Charadenmacher, der immer sorgte, daß Rede da wäre, alles im Speisesaale still wie im Rempter eines Kartäuserklosters gewesen; denn auch Anselm sprach fast nicht ein Wort, weil er vor Erstaunen nicht zu sich kommen konnte, daß die Philosophie sich mit dem allen vertrüge. Daß die spekulative Philosophie sich mit Widersprüchen im Charakter und Leben vertrage, hätte er freilich an sich selbst erkennen können. Aber sogar die Philosophen sehen nicht immer zuerst ihre eigenen Fehler. Herr von Reitheim war bis gegen Abend in enger Konferenz mit dem französischen Herrn, und die Bedienten hörten sie oft laut reden. Anselm bekam spät abends ein großes versiegeltes Billett seines Herrn, worin ihm aufgegeben ward, die anliegenden Schriften gegen morgen früh ins Reine abzuschreiben. Es waren einige Bogen in Chiffern und Charakteren. Das Verständlichste war eine vom Herrn von Reitheim eigenhändig entworfene Quittung in französischer Sprache: »comme quoi der Sieur Raphael Gabriel de Mont-lune außer den von dem haut et puissant Seigneur Eric Roderic Hatto Baron de Reitheim, Baron du St. Empire etc. etc. Seigneur hereditaire des terres + + , et autres lieux etc. etc. schon empfangenen Summen, jetzt die Summe von zweitausend Gulden Reichswährung erhalten habe, und damit wegen aller seiner Forderungen an den gedachten haut et puissant Seigneur völlig vergnügt worden, worüber er quittiere, so wie er auch bekenne, alle demselben mitgeteilten Schriften, nach genommener Abschrift, zurückbekommen und in alle Wege an gedachten Herrn Baron und haut et puissant Seigneur weiter keine Forderung zu haben, wie diese auch Namen haben möge.« Dieser Anfang des Sekretariats unsers dicken Mannes schien ihm nun sehr niedrig mechanisch, und er warf erst die Papiere mit Unwillen auf den Tisch. Er hielt sich äußerst herabgewürdigt, daß ihm zugemutet ward, Bogen voll Zahlen und unverständlicher Charaktere nachzumalen und die hochtrabende Quittung eines Mannes ins Reine zu schreiben, mit dem er sonst so viel über Philosophie disputiert und ihn widerlegt hatte; daß ihm dieses zugemutet ward, ihm, der auf seiner Schreibstube in Vaals selbst wohl drei Leute gehabt hatte, seine Aufsätze und noch vor kurzem sogar seine Gedichte abzuschreiben, ihm, der als Doktor sogar über Leben und Tod durch seine Rezepte hatte gebieten können, nein, das war zu arg! Sollte er es wirklich tun? Sollte er wollen, es solle allen denkenden Wesen ein Prinzip der Gesetzgebung werden, sich so herabwürdigen zu lassen? – Er warf sich eine Viertelstunde auf sein Bette; denn ein Sofa hatte er nicht, das sonst seine Spekulationen so oft begünstigt hatte. Aber, siehe da! Die Macht eines richtigen moralischen Prinzipium drang in ihn ein. Er bedachte, jetzt sei es seine Pflicht zu gehorchen; und so sprang er auf und wendete einen Teil der Nacht an, die Abschriften zu machen, so sauer es ihm auch ward, siegelte sie noch ein und schrieb den vollständigen Titel des Herrn Baron mit dem haut et puissant Seigneur und den Terres + +, et autres lieux auf die Adresse. »Er mag es merken, daß ich unwillig bin über die Begegnung und über ihn spotte!« sagte er bei sich selbst. »Er wird gewiß heute bei Tische so flämisch aussehen wie gestern. Mag er doch! Ich habe noch sechzig Taler in der Tasche und kann Weiterreisen. Ich will lieber am kleinsten Orte praktizieren, als in solcher schimpflichen Abhängigkeit stehen!« Gut war es, daß Philipp dieses nicht hören konnte; der würde gesagt haben: warum bliebst du nicht in Elberfeld? – Anselm war indes mit sich zufrieden über seinen mannhaften Entschluß und schlief endlich ein. Der Schlaf kühlt das Blut ab; und unser dicker Mann nahm sich vor, wenn er gefordert würde, zwar ernsthaft, aber nicht verdrießlich auszusehen und ganz unbefangen zu sein, wenn sein Herr, wie seiner Meinung nach nicht fehlen konnte, wegen der Adresse irgend etwas sagen möchte. Aber er ward nicht gefordert. Der Herr Baron stand etwas früh auf und hatte eine halbstündige Konferenz mit dem Franzosen, der alsdann alle seine Sachen aufpacken ließ und gänzlich abreisete zur-großen Freude aller Bedienten, die ihn als einen undeutschen Kerl haßten. Fast sollt es scheinen, Herr von Reitheim wäre über die Abreise auch froh gewesen; denn heute war er bei der Mittagstafel sehr aufgeräumt, lachte über alle Einfälle des Charadenmachers und schäkerte viel mit den beiden Mädchen. Mit Anselm sprach er wenig, aus Beschämung, wie dieser glaubte und sich heimlich darüber kitzelte. Nach der Tafel hielt der Herr Baron, wie er oft pflegte, einen kleinen Mittagsschlaf. Anselm aber brachte seine Zeit in einiger Unruhe zu, ob es täglich so gehen sollte, und wie es werden würde. Um sechs Uhr ließ der gnädige Herr dem Herrn Sekretär sagen, er möchte zu ihm kommen, mit ihm eine Tasse Tee zu trinken. Über diesen freundlichen Antrag ging unserm dicken Manne, seines gestrigen Zorns ungeachtet, das Herz wieder auf. Er fand den Herrn von Reitheim in seinem Kabinette auf dem Sofa liegen mit einer ruhigen Pfeife in der Hand. Er ließ seinen Sekretär neben sich sitzen, schenkte ihm Tee ein, redete ihn mit dem ehemaligen freundschaftlichen Du an, welches er schon einigemale gebraucht hatte, wenn sie einen Augenblick allein waren. Der Herr Sekretär brauchte das ehrerbietige Sie und vergaß bei der freundschaftlichen Bewillkommung ganz, daß er hatte böse sein wollen. Er hatte auch jetzt dazu gar keine Veranlassung; denn Herr von Reitheim erinnerte sich bald der Gelehrsamkeit, besonders der Philosophie. Es ist unstreitig, daß den Leuten, die nichts zu tun haben, nichts mehr zur Last wird, als die Zeit, und ebenso gewiß, daß die glücklichen Erdensöhne, die nur zu ihrem eigenen Vergnügen leben, gemeiniglich das Unglück haben, daß ihnen das Vergnügen bald zu fehlen anfängt. Daher müssen sie auf Abwechslung denken; fehlt die ihnen, so sind sie ganz verloren. Sie haben getrunken und können bald nicht mehr trinken, weil der Magen nicht mehr annehmen will. Sie haben geliebelt und müssen es lassen, weil ihr Körper bald abgezehrt und ihre Verdauungskraft geschwächt wird und Gicht, Kopfweh und Magenkrampf ihre Vergnügungen krönen. Sie wollen nichts tun, sondern nur genießen, und der Genuß fehlt mitten im Genusse; es wird ihnen bald alles ungeschmackt, Gasterei, Komödien, gefällige Schätzchen, vermummte Tänze, Jagdgelage und die Märchen und witzigen Einfälle der Schmarotzer. Daher ist es nicht unrecht, den Söhnen vornehmer und reicher Leute (die Söhne der Fürsten nicht ausgenommen), die künftig in der Welt nichts vor sich sehen, als ihre Zeit hinzubringen und nach Vergnügen zu haschen, um ihrer selbst willen anzuraten, in ihrer Jugend nicht so faul zu sein, sondern sich anzustrengen, um irgendetwas zu lernen oder ihren Geist mit etwas zu beschäftigen. Es gibt in allen Wissenschaften, selbst in denen, die am trockensten scheinen, sogar in der Mathematik, Vergnügungen für den, welcher sie nur zu schmecken weiß. Und da vornehme Leute ihren Gaumen abrichten, daß er endlich allen haut-gout und die feine Unterscheidung aller Jahrgänge alter Rheinweine auskosten kann, sollte es ihnen denn so ganz unmöglich sein, ihre Seele, auf die sie gemeiniglich so gar keine Sorgfalt wenden, so abzurichten, daß diese auch, was klug oder unklug, witzig oder unwitzig ist, unterscheiden könnte? Dem Freiherrn von Reitheim tat es sehr wohl, daß er auf Universitäten mancherlei Wissenschaften und besonders die spekulative Philosophie studiert hatte. Die Vergnügungen der Jagd, des Wohllebens, der Mädchen, der Schauspiele, der Courtage bei Hofe und sogar der Charaden, ermüdete ihn endlich. War er nun mit Vergnügungen übersättigt: so nahm er Glaubersalz; war er aber gerade davon gesättigt: so hing er auf dem Sofa seinen philosophischen Spekulationen nach, die sogar zuweilen dem Glaubersalze nachhalfen. Jetzt befand er sich sehr wohl. Seine Grillen waren vergangen. Den alten Franzosen war er los. Er hatte bei Tische gedahlt und nach Tische geschlafen. Er lag nun bene pransus satur supinus auf seinem Sofa, und so glaubte er, ein Stündchen Philosophie würde ihm wohl tun; denn er hatte schon mehrmal bemerkt, daß ein kurzer Gebrauch der Vernunft den sinnlichen Organen neuen Reiz gebe. Er ließ daher seinen Sekretär rufen. Dessen Prätension auf Philosophie kannte er noch von der Universität her, und in seinen nachherigen Briefen hatte er mit Lächeln noch mehr davon gemerkt. Daher bereitete er sich das Vergnügen, ihm ein wenig auf die Zähne zu fühlen. Also, nachdem er eine Tasse Tee langsam eingeschlürft hatte, fragte er: »Nun, apropos! Was macht bei dir die Philosophie?« Eine solche Frage, oder eine ähnliche, hatte unser dicker Mann schon seit einigen Tagen erwartet; und nun – ob er antwortete – ob er lange, ob er mit Begeisterung antwortete – das mag der geneigte Leser ermessen, der jemals etwas auf dem Herzen gehabt hat, es gern herausgesagt hätte und nicht hat dazu kommen können. Daß Anselm in das Lob der neuen Erfindung der kritischen Philosophie bald sich ergießen mußte, versteht sich. Herr von Reitheim, der ihn kommen sah, neckte ihn, daß er in Feuer kam; und da er ihn nun weitläuftig eine Menge Argumente hatte auskramen lassen, war ers müde und sagte ganz kalt: »Du magst sagen, was du willst, dein Kantisches System gefällt mir so wenig als irgendein anderes System.« »Aber, lieber Himmel! Ich habe Ihnen schon vorher bewiesen, die kritische Philosophie ist nicht ein System, sondern eine Kritik aller Systeme, deren Unzulänglichkeit sie zeigt.« »Und ist doch selbst unzulänglich; denn daß alle Systeme nichts taugen, wußten mehr Leute schon längst.« »Aber war es nicht gut, daß es jetzt noch einmal auf eine so neue und bündige Art gezeigt ward?« »Bündig! das wüßte ich eben nicht. Mir ist Sextus Empirikus und Hume viel bündiger. Neu wäre die Kritik der Philosophie? Meinetwegen! Nur das Neue ist nicht wahr, und das Wahre ist nicht neu!« »O, wahrhaftig! Sie werden unbillig, sehr unbillig. Wie können Sie über Kants unsterbliche Werke, über Werke, die dreißig Jahre Nachtwachen kosteten, so absprechen! Nein, so ist kein Disputieren mit Ihnen; so können Sie freilich sagen, was sie wollen.« – Und er stand verdrießlich auf. Herr von Reitheim, der seinen Sekretär noch zur Verdauung brauchte, richtete sich ein wenig auf, drückte ihn mit der Hand wieder auf seinen Stuhl, und fuhr fort: »Siehst du, Herr Bruder, damit du merkst, daß du unbillig bist, nicht ich, will ich dir bekennen, daß ich unrecht habe; doch auch so sehr nicht. Die Philosophen sprechen ab, um ihrer Argumentation willen, wie Witzlinge um eines Einfalls willen. Jeder hat seine Weise; nur einer radotiert anders wie der andere. Höre an: daß Kant ein trefflicherer Kopf ist als ich und du, das versteht sich. Daß seine Werke voll Scharfsinn sind, mag auch sein. Wenn ich sagen wollte, ich hätte nicht daraus gelernt, so war ich undankbar, nur nicht das, was du willst daraus gelernt haben. Schon das viele Nachdenken, wodurch meine Geisteskräfte in neue Bewegung gesetzt wurden, will ich ihm gern danken. Kant hat überhaupt die in ihrer vermeinten allgemeingeltenden Weisheit sicher schlummernde Philosophie aufgeweckt und beunruhigt. Das ist recht gut; aber das ist wahrlich auch alles! Daß nun die äußersten Grenzen der Wahrheit gefunden wären, ist, mit Ehren zu melden, nicht wahr. Ich bin aber übrigens ganz wohl zufrieden, daß einmal wieder etwas Neues in die Philosophie gekommen ist; denn siehst du, neue Systeme sind wie neue Besen, sie kehren gut!« »Wie kann man nur so niedrig von so erhabenen Werken reden! Und gesetzt, weil ich doch auch billig sein will, da Sie angefangen, es zu sein, ich wollte Ihnen auf einen Augenblick zugeben, Kants Kritik wäre ein neues philosophisches System: wie können Sie ein so niedriges und unpassendes Gleichnis davon brauchen?« »Nicht niedrig und sehr passend! Systeme kehren Staub und Spinnweben aus dem Geiste wie die Besen aus den Winkeln.« »So! das heißt also die hellen Köpfe, die an allem zweifeln, brauchen keine Systeme, weil schon alles in ihrem Geiste so zierlich und herrlich aufgeputzt ist! Da liegt also das Feine des Gleichnisses!« »Nicht so, wie du meinst. Skeptiker mögen keine Systeme. Aber nicht nur der Skeptiker kann die Systeme entbehren, sondern jeder, dessen Begriffe deutlich und ordentlich aufeinanderfolgen, und wäre es auch nur Deutlichkeit durch Mutterwitz. Braucht der Mathematiker ein System oder hat er eins? Wo kein Staub oder Spinnweben sich ansetzen, braucht man keine Besen. Siehst du, als es in der Theologie helle ward, wurden die Systeme überflüssig; wird sie wieder durch Spinneweben verdunkelt, gib acht, dann gehts wieder aufs System los. Neue Systeme müssen notwendig oft gemacht werden, denn sie nutzen sich ab wie die Besen.« »Über Ihr Gleichnis! Wahrheit ist der Zweck jedes Systems; und zu zeigen, wie viel Wahrheit an übersinnlichen Gegenständen wir zu erkennen vermögen, ist Zweck der kritischen Philosophie. Wahrheit aber ist unveränderlich, bleibt ewig Wahrheit.« »Ja! aber systematische Wahrheit nur solange die Ewigkeit des Systems dauert. Sieh, Herr Bruder! Das menschliche Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig; so lange hat noch kein philosophisches System ausgehalten, kaum ein theologisches, das doch handfester ist! Und dann ists mit den Systemen eben wie mit dem menschlichen Leben: Wenns damit vorbei ist, so ists Mühe und Arbeit gewesen. Sagt das nicht die Kritik der Philosophie selbst von allen Systemen? Und der kommt gewiß noch auch, der es von ihr sagt.« »Und die ganz neue Bestimmung der Denkformen, die genaue Bestimmung des Vermögens der Vernunft, die gezogene Grenzlinie, welche das mögliche Wissen von der unerreichbaren Erkenntnis trennt, die einleuchtenden Beweise der Unmöglichkeit, vom Objekte, von dem Dinge an sich irgend etwas zu wissen!« »Und der Widerspruch, daß doch das objektiv-reelle Dasein des Dinges an sich erkennbar sein soll? – Das objektiv-reelle Dasein ist doch wohl irgend etwas. – Apropos! Noch eine Gleichheit zwischen Systemen und Besen. Beide machen oft viel Staub, indem sie den Staub recht sauber abfegen sollen. So ists mit allen Systemen von jeher gewesen, solange die philosophische Welt steht, und wird mit allen künftigen Systemen so sein. Sieh nur recht nach, du wirst es so finden.« »Ich sehe weder aufs Vergangene, noch ins Zukünftige. Ich sehe auf die jetzige Kritik der Philosophie; und die wird unveränderlich wahr bleiben.« »Ich merke, Herr Bruder, du bist wie Oheim Toby Shandy, der auf eine Spalte sah und dabei weder ans Vergangene noch ans Zukünftige dachte. Werde nicht wieder böse über die Vergleichung; Oheim Toby war ein Philosoph, so gut als Aristoteles und ein besserer als du!« – Hier ward das philosophische Gespräch unterbrochen; denn das braunäugige Schätzchen und der Charadenmacher, die ein Stündchen später bestellt waren als der Sekretär, kamen nun auch zum Tee. Die Unterredung ward allgemein und aufgeweckt. Das war sie aber nicht für Anselm, der auch wenig daran Teil nahm. Er entschuldigte sich wegen des Abendessens und empfahl sich; und weil man ihn entbehren konnte, ließ man ihn gehen. Er ging mit großen Schritten auf seinem Zimmer auf und ab und schmollte mit sich selbst, weil er sonst niemand hatte. Er ärgerte sich über des Herrn von Reitheim unphilosophische Denkungsart, der sich sogar an einem Charadenmacher belustigte, und zerbrach sich den Kopf, aus welchen Ursachen dieser philosophische Edelmann bei dieser seiner Denkungsart ihn hätte kommen lassen; denn er hatte bis jetzt nicht anders gedacht, als beide wollten miteinander philosophieren, und Herr von Reitheim wäre von ihm zur kritischen Philosophie bekehret. Zweiundzwanzigster Abschnitt Einige Bemerkungen über Philosophie. Entdeckungen einer Philosophie, die Anselm noch nicht kannte, und deren Folgen Sterne, der große Menschenkenner, macht die Bemerkung: »Daß die feinsten Philosophen den breitesten Verstand haben und ihre Seelen im umgekehrten Verhältnisse mit ihren Untersuchungen stehen.« Daß diese Bemerkung sehr oft richtig ist, werden alle diejenigen zugeben, welche je auf Philosophen und auf breite Verstände gemerkt haben. Daß es Ausnahmen gibt, verdient kaum angemerkt zu werden, wohl aber: »daß die feine Philosophie den Verstand eines Philosophen, wenn er einmal breit ist, nicht scharf macht, und daß der Verstand der Philosophen mit breitem Verstände nicht eben allemal durch die feine Philosophie breit gemacht wird.« Von beiden war ein lebendiges Beispiel der Freiherr und Reichsritter von Reitheim. Er war auf der Universität der feinste Philosoph, so daß seine skeptischen Argumente dem Professor der dogmatischen Philosophie oft viel zu schaffen machten. So gings auch noch ein Jahr nach der Zurückkunft von der Universität, welche Zeit er bloß mit Studieren, und besonders der spekulativen Philosophie, zubrachte. Nun ereigneten sich aber ein paar kleine Vorfälle, welche alle Welt bemerken ließen, daß Junker Reitheim noch zu mehrern Dingen als zur feinen Philosophie tauglich sei und daß sein Verstand einen Ansatz habe, breit zu werden. Einer dieser Vorfälle war, daß sein Vater starb. Dieser hatte ihm ein so mäßiges Jahrgeld gegeben, daß bei demselben das Studium der Philosophie gar wohl seine liebste Beschäftigung sein konnte. Jetzt aber fand er sich berufen, der Welt zu zeigen, daß er auch da wäre; und da einige Monate danach auch sein Oheim mit Tode abging: so kam er zu einem unermeßlichen Vermögen und ward ein ganz anderer Mensch. Nun hielt er ein glänzendes Haus, hatte Bediente, Pferde und Hunde die Menge, gab kostbare Mahlzeiten, hatte im Keller die besten alten Weine und im Hause zwei junge Mätressen. Lauter Dinge, welche, wenn ein Verstand sonst breit zu werden anfängt, ihn nicht schärfer zu schleifen pflegen. Herr von Reitheim vergaß indes bei seiner vornehmen Weltlebensart und bei seinem modischen Weltgenusse die Philosophie nicht ganz und gar. Wir haben eben gesehen, daß er sie brauchte, so wie die feinen Esser Assa fötida oder Kayennepfeffer, den Appetit zu sinnlichen Ergötzungen wieder etwas zu schärfen. Außerdem konnte sie ihm im Weltleben durch einige hingeworfene Worte zuweilen ein Ansehen der Superiorität geben, welches er auch nicht verschmähte. Nur zu dem deutlichen Beweise, daß die Art der Lebensweise auch auf die Art der Philosophie Einfluß hat, hatte er seine bisherige Philosophie geändert und war von aller öffentlichen Philosophie nach und nach zur geheimen übergegangen. Die geheime Philosophie scheint sehr bequem auf die skeptische Philosophie gepfropft werden zu können. Nicht eben auf die skeptische Philosophie eines Änesidemus, welcher die Perfektibilität der menschlichen Vernunft zum Grunde seiner Zweifel wider die Anmaßung derer nimmt, deren Kritik die Grenzen der menschlichen Vernunft bis auf ein Haar bestimmt zu haben meint und sie, damit sie ja nicht weitergehen soll, mit einem Verhacke spitzfindiger Argumentationen einzäunen will. Nein, auf diejenige skeptische Philosophie, welche der menschlichen Vernunft zu wenig zutraut und die Erkenntnis der deutlichsten Wahrheiten ungewiß zu machen sucht, wird die geheime Philosophie sehr sicher gepfropft, so wie parasitische Pflanzen auf kränklichen Bäumen am besten fortkommen. Hierzu kommt noch, daß die Lebensart der großen Welt französisch ist. Die geheime Philosophie ist aber zu uns von den Franzosen gekommen. Dies beweisen selbst denjenigen, die nur das Öffentliche der geheimen Philosophie kennen, die vielen Bücher voll geheimer Weisheit, womit uns die Franzosen beglückt haben, ihr Mystère de la Croix, die große theosophisch-philosophische Karte ihres getauften Juden Düchanteau, der gleich Christus vierzig Tage zu fasten versprach und dadurch beinahe einen berühmten deutschen Seher irre gemacht hätte. Das beweisen noch viel andere Dinge mehr, als da sind die drei verlornen Kapitel der Bibel ihres Grafen Cagliostro, die geheime Lehre ihrer Chanoines du St. Sepulcre auprès du Temple de Jerusalem, ihr Ordre de Chevaliers bienfaisans de la Cité sainte und die tiefe Weisheit der Bücher Diadème des Sages, Des erreurs et de la verité und des Tableau des rapports entre Dieu et l'homme und sogar ihr Buch Thot und die Tours de passe passe ihres Sieur d'Eteilla. Die Franzosen genießen das Glück, zu den Großen der Erde und auch zu reichen und vornehmen Leuten vorzüglich Zutritt zu haben. Es gibt daher immer betriebsame geheime französische Philosophen, die in Deutschland in der Stille herumreisen, um diese Philosophie bei denen, welche sie dazu geneigt und würdig finden, fortzupflanzen. Einer davon war der französische Herr, der kürzlich des Herrn von Reitheim Schloß verlassen hatte. Er war in der Gegend an manchen Höfen herumgereiset und fing nun an, den Samen seiner geheimen Lehre in den Schlössern reicher Edelleute auszustreuen, wo er nur einen gutgedüngten Boden fand. So kam er auch zu Herrn von Reitheim und verschaffte sich bei ihm vielen Eingang. Er zeigte in den kräftigsten unverständlichsten Worten und Schriften alle geheimen Wirkungen und Eigenschaften der Natur in einem Zusammenhange, der dem bisherigen Skeptiker, dem keine menschliche Philosophie genug getan hatte, außerordentlich einleuchtend schien, weil er diesen Zusammenhang glaubte. Sobald der französische Pythagoras so viel gewonnen hatte, fand er nun offenes Feld für das Anpreisen der geheimen Künste, die er besaß, um alle Kräfte der Natur zu regieren und zu beliebigen Zwecken anzuwenden. Die geringste Kunst war, die unedlen Metalle in edle zu verwandeln. Diese machte auf Herrn von Reitheim auch nur den geringsten Eindruck; denn sein Vater und sein Oheim hatten schon dafür gesorgt, daß er nicht wohl mehr ausgeben konnte als er einnahm, zumal da er nicht hoch spielte und nur wenig baute. Er gehörte zu genügsamen Philosophen, welche das Geld, das dem Weisen so verächtliche Ding, geringschätzen, so lange sie nur soviel davon haben, als sie mit aller Macht verzehren können. Hingegen hatte der französische Herr einige andere geheime Wissenschaften zu verleihen, welche die Aufmerksamkeit unsers deutschen Barons aufs äußerste erregten. Darunter war besonders die Art, aus gewissen Steinen und Kräutern ein Elixier zu ziehen, wodurch die Gesundheit bis ins späteste Alter erhalten und sodann dem Alter wieder jugendliche Kräfte gegeben werden sollten. Diese Kunst wünschte der Baron sehr zu besitzen, und nicht ohne Ursache. Jener Römer, welcher einige siebzig Jahre alt ward, ließ auf sein Grab setzen: Er habe sieben Jahre gelebt; denn er rechnete nur diejenigen Jahre, die er der Freude und der Weisheit hatte widmen können. Unsre jungen Leute, die bloß für das Vergnügen dasein wollen, leben geschwinder. So war auch Herr von Reitheim in den anderthalb Jahren, wo er durch seine großen Einkünfte sein Leben hatte genießen können, um gute zwanzig Jahre älter geworden. Daher sah er wohl ein, wenn er noch länger so fort genießen wollte – und er wollte nichts anders – müsse er bald übernatürlicher Hilfe nötig haben. Es lehret die veraltete Wolfische Philosophie, daß nichts in der Welt ohne zureichenden Grund geschieht; und eine unveraltete Welterfahrung will bemerkt haben, daß die vornehmen und reichen Leute, was sie tun, mehrenteils nur um ihrer selbst willen tun. Daher war auch hier der wahre Grund, warum der Herr Baron von Reitheim den Doktor Anselm so freundschaftlich zu sich berief, nichts anders, als allein der Vorteil des gedachten Barons. Derselbe hatte (wie gesagt) angefangen, sich in die geheime Philosophie zu versenken, durch welche die tiefsten Tiefen der Natur ergründet werden und sogar das Unmögliche möglich gemacht werden kann. Es scheint aber fast, als wolle die Natur die großen Geister foppen, welche so tief in sie einzudringen streben; denn sie läßt durch ihre geheimen Ergründer das Minimum zur einzigen Quelle des Maximum machen. Die geheimen Philosophen, ob sie gleich alle auf Vernunft gegründete Wissenschaften verachten und besonders von der Chemie, die mit Tiegel und Kohlen umgeht, mit großer Geringschätzung reden, müssen doch diese gemeine Chemie lernen und brauchen, weil sie ohne dieselbe nicht fertig werden können. Diese Notwendigkeit erkannte auch der Sieur Raphael Gabriel de Mont-lune und wollte daher in dem Schlosse des Herrn von Reitheim ein Laboratorium errichten. Dazu schlug er aber vor, einen Laboranten aus Frankreich kommen zu lassen, der ebenso wie er, nebst dem ganzen Vorrate von Gerätschaften, welche auch von Paris aus der rue de la Sourdière verschrieben werden sollten, dem Herrn von Reitheim sehr hoch würde zu stehen gekommen sein. Dieser hatte hingegen keine Lust zu einer so großen Ausgabe. Denn der Sieur de Mont-lüne hatte schon von Herrn von Reitheim verschiedene artige Sümmchen bekommen für Einweihung in verschiedene Zeremonien und Mitteilung verschiedener Schriften, geschrieben teils in Chiffren und hierographischen Charakteren, die niemand lesen, teils in Worten, die niemand verstehen konnte. Ob nun gleich Herr von Reitheim immer noch nach dem Sinne der Schriften suchte, so lag ihm doch auch dabei die starke Bezahlung am Herzen; und er setzte sich also wegen des anzulegenden Laboratoriums mit dem Sieur Raphael-Gabriel dahin in Traktaten, ob es nicht, zur Ersparung der Kosten, in Deutschland selbst könne angelegt werden, wozu sich aber der Sieur gar nicht hatte verstehen wollen. Eben zu dieser Zeit ging Anselms Brief ein. Herr von Reitheim glaubte, an ihm seinen Mann gefunden zu haben; denn er zweifelte nicht, ein Doktor der Arzneigelahrtheit werde die Chemie verstehen, und glaubte, ein Ansehnliches zu ersparen, wenn er ihn beim Laboratorium brauchte. Daher erfolgte die freundschaftliche Einladung, zu ihm zu kommen, welche Anselm, gutwillig genug, teils der Freundschaft, teils der Liebe zur spekulativen Philosophie zugeschrieben hatte. Welch einen Meisterstreich auch Herr von Reitheim dadurch glaubte gemacht zu haben, daß er den Doktor Anselm zwischen sich und dem Sieur de Mont-lüne setzte: so gelang er doch nicht. Gedachter Sieur weigerte sich schlechterdings, einen Dritten in die Geheimnisse einzuweihen. Er drohte, Herrn von Reitheim zu verlassen, an welchen er aber noch wegen ihrer geführten Geschäfte große Forderungen machte; wogegen der Baron glaubte, für sein Geld viel zu wenig empfangen zu haben. Darüber entstand unter ihnen ein großer Streit. Der Baron sagte endlich dem Sieur geradezu: er werde ihn nicht von der Stelle lassen, bis er von ihm die versprochnen Geheimnisse erhalten habe, und wenn er Miene mache, heimlich wegzugehen: so werde er ohne weitere Umstände ins Loch geworfen werden. Er hatte, da er die Parforcejagd nicht abschlagen konnte, wirklich den Franzosen unterdessen der Aufsicht von ein paar Bedienten übergeben, die ihn nicht einen Augenblick aus den Augen ließen. Allein der Sieur Raphael-Gabriel war auch weit entfernt, heimlich davon zu gehen; denn er war nicht nur ein Mann von Ehre und in Frankreich mit Herren aus den ersten Häusern, besonders mit dem Düc d'Orleans und dem Düc de Pequigny in genauer Verbindung, sondern er hatte ja vom Herrn von Reitheim noch eine große Summe zu fordern, welche er gar nicht willens war, im Stiche zu lassen. Herr von Reitheim eilte um dieser Sache willen von der Jagd zurück; und da entstand der große Streit unter ihnen, indem der eine nicht mehr Geheimnisse, der andere aber nicht mehr Geld herausgeben wollte. Endlich, weil Herr von Reitheim das Hauptgeheimnis nicht entbehren konnte, ward der Vergleich dergestalt geschlossen, daß der Sieur das Geheimnis, wie im Alter wieder jugendliche Kraft zu erlangen sei, herausgab. Freilich nur in Chiffren und hierographischen Charakteren, denn anders hatte ers nicht; doch war der Schlüssel dabei, der nur den kleinen Fehler hatte, daß er bloß dem Eingeweihten verständlich war. Dabei zeigte sich der Sieur so billig, seine rechtmäßige Forderung von fünftausend Gulden bis auf zweitausend schwinden zu lassen, welche er, wie schon oben erzählt worden, erhielt und damit in Frieden abzog. Herr von Reitheim, welcher der immer wiederholten Geldforderungen des Franzosen längst überdrüssig war, glaubte nun, einen guten Handel gemacht zu haben, da er doch die Hauptsache erhalten hatte. Denn er zweifelte gar nicht, daß zwei so gelehrte Leute wie Anselm und er die Charaktere mit Hilfe des Schlüsseln würden entziffern können. Und wenn nur erst das Laboratorium errichtet wäre: so hatte er sich vorgenommen, die vorgeschriebnen Versuche so oft wiederholen zu lassen, daß dasjenige, was in den Vorschriften etwa noch dunkel sein möchte, durch die geprüfte Erfahrung endlich deutlich werden müßte. Allerdings recht schlau ausgesonnen. Das Schlimme war nur, daß er in Anselm gar den Mann nicht fand, durch welchen er seine Absichten ausführen konnte. Anselm hatte überhaupt auf der Universität unter allen Kollegien die medizinischen am wenigsten besucht, von der Chemie aber gar nichts gehört und bei seiner völligen Abneigung von allem, was unter praktische Handgriffe gehört, noch viel weniger jemals den Gedanken gehabt, bei einem chemischen Versuche Hand anzulegen. Dabei schien ihm die geheime Philosophie, von deren Existenz er nur erst jetzt einen Begriff zu bekommen anfing, so etwas ganz Ungereimtes, daß er gar nicht absehen konnte, wie Herr von Reitheim daran glauben mochte; und er selbst hatte auch nicht den geringsten Trieb, sich damit zu beschäftigen. Viele systematische Philosophen werden ganz betroffen, wenn sie etwas von der geheimen Philosophie hören, und bilden sich wohl gar ein, die Leute, welche sich mit einer verborgenen Wissenschaft beschäftigen, durch die das Innerste der Natur und alle ihre Kräfte aufgedeckt werden sollen, müßten ganz oder halb verrückt sein. Nun wollen wir zwar die geheime Philosophie hier nicht verteidigen. Die Kräfte der Natur, die nur sie allein entdeckt hat, mögen nicht weit her sein, sie möchten denn etwa in der Kraft, reiche und mächtige Menschen zu beherrschen, bestehen, welche aber den Ungeweihten nicht entdeckt wird. Doch jedem sein Recht! Man sieht, daß der Baron von Reitheim sonst ein ganz gescheuter und sogar ein weltkluger Mann war; und so sind gewiß viele anderen Anhänger der geheimen Philosophien. Vielleicht sind diese sogar mancher öffentlichen Philosophie nicht so unähnlich als man glauben möchte. Man kann über geheime Philosophie ganz fein räsonnieren, so gut, wie über irgendeine öffentliche. Der Suchende glaubt in der geheimen Philosophie oft etwas Wahrheitsähnliches gleichsam mit Händen zu ergreifen; aber freilich, er greift nie wirklich. Das Treffendste, aber auch das Schlimmste, was man von solcher geheimen Philosophie sagen kann, ist: sie gründe sich auf willkürlich angenommene Grundsätze, woraus die Folgerungen durch Trugschlüsse geschehen. Das mag nun sein! Aber wäre es mit keiner Art von öffentlicher Philosophie jemals auch so beschaffen gewesen? Wenigstens die Anhänger des einen Systems sagen es immer von dem entgegengesetzten. Auch ist kein geheimer Philosoph zu widerlegen; denn sowohl seine Grundsätze als seine Erfahrungen gehen dicht neben oder über oder unter der Vernunft weg. Dieses schwere Geschäft wollte unser dicker Mann gleichwohl unternehmen, sobald ihm Herr von Reitheim seine Meinung von den geheimen Kräften der Natur und von den geheimen Mitteln, diese Kräfte zu bezwingen, mitgeteilt hatte und ihm zu diesem Behufe die in sehr schönem Französisch geschriebene kräftig dunkle Auseinandersetzung derselben, welche er vom Sieur Raphael-Gabriel erhalten hatte, vorlas und mit gelehrten Anmerkungen begleitete. Anselm war darüber ganz außer sich. Er hätte seinem Herrn eher noch vergeben, wenn er die Gassendische, Kartesische, Leibnitzische, Darjesische, Federsche oder die revidierte Philosophie angenommen hätte. Aber eine solche geheime französische Philosophie! Anselm wollte den kürzesten Weg gehen und sie mit den Waffen der kritischen Philosophie angreifen. Aber er mochte Herrn von Reitheim immer von der Sinnenwelt und von der Verstandeswelt der Dinge an sich vorreden, mochte noch so deutlich ihm, sogar mit den eigenen Worten der Kritik der Philosophie, sagen: Es fände keine Anwendung irgend einer Kategorie von der einen auf die andere statt und der Verstand könne von allen seinen Begriffen keinen andern als empirischen, niemals aber einen transzendentalen Gebrauch machen; alles half nichts. Zwar glaubte unser dicker Mann hierdurch gesiegt zu haben; aber vergebens. Junker Reitheim hatte eine dritte Welt gefunden, die magische, eben die, in welche Junker Eckartshausen in München, ein Mann von sehr breitem Verstande, durch einen Salto mortale hineingesprungen ist. In dieser magischen Welt war Junker Reitheim so gut zuhause wie auf seinem eigenen Gute. Den Satz der Kantischen Philosophie, daß zwischen der Sinnenwelt und der transzendentalen Welt durch die Vernunft keine Brücke könne geschlagen werden, wodurch Anselm die geheime Philosophie widerlegen wollte, nahm Junker Reitheim mit beiden Händen für sich und seine geheime Philosophie an; denn er wollte ja, eben wie Junker Eckartshausen, sich durch übervernünftige und widervernünftige, kurz durch unvernünftige Mittel einen Weg in jene magische Welt bahnen: aus welcher Ursache auch seit kurzem den Anhängern der Lavaterschen Theologie die Kantische Philosophie so sehr zu gefallen scheint. Anselm mußte mehr als einmal hören: »Es ist viel zwischen Himmel und Erden, wovon unsere Schulphilosophie nichts weiß.« Er griff endlich zu verzweifelten Waffen. Er wollte die Gründe wider das System der magischen Philosophie anwenden, die Herr von Reitheim in einer vorigen Unterredung wider alle Systeme angewendet hatte. Aber dieser rief triumphierend und derb aus: »Die geheime Wissenschaft, Geister oder Kräfte zu bewegen, zu versetzen, in einen Raum einzuschließen, ist kein System; sie ist Wahrheit.« Davon war er nicht abzubringen. Und seine Meinung hatte hier den Vorteil, welchen Reichtum über Armut, vornehmer Stand über geringen, Unabhängigkeit über Abhängigkeit gibt. Ihr erstaunt, deutsche Philosophen, Magister und Unmagister, Professoren oder Unprofessoren, mit oder ohne Ratstitel, daß diese Rücksichten auf philosophische Meinungen einen Einfluß haben? Seht unparteiisch um Euch her auf die Behauptungen, die manche unter Euch seit kurzem über symbolische Bücher, Einschränkung der Aufklärung, Vorzüge des Adels, bürgerliche Freiheit und wer weiß sonst noch worüber, bekannt gemacht haben! Anselm kam bei dieser Lage der Sachen überhaupt sehr zu kurz. Es ist natürlich, daß er sich durch seine heftige Widerlegung der unergründlichen geheimen Philosophie seinem Herrn nicht empfahl; und da derselbe ihn nicht zum chemischen Laboranten brauchen konnte, so kam die Reue, ihn berufen zu haben, bald nach der Tat. Indes konnte Herr von Reitheim – obgleich gegen ihn ziemlich kalt geworden – ihn doch nicht verstoßen. Er ließ ihn also bei sich wohnen und mit sich essen, schwatzte auch wohl zuweilen ein Stündchen mit ihm, wenn er sonst nichts Bessers wußte. Aber in kurzem sank unser guter dicker Mann zu der Klasse von Leuten herunter, die sich bei reichen Leuten so gewöhnlich finden als Milben im Käse und eben wie diese an ihnen nagen. Diese Leute werden von den Engländern mit einem höflichen Ausdruck gefällige Freunde und mit einer derben aber ausdrucksvollen Benennung Krötenesser genannt; denn diese gefälligen Freunde sind hauptsächlich dazu bestimmt, die üble Laune des Patrons zu verschlucken. Anselm hatte ein zu feines Gefühl, um nicht das Niedere dieser Lage zu empfinden. Er dachte oft mit bitterer Reue nach Vaals und Elberfeld zurück und konnte sich nun nicht verbergen, daß er an allem, was ihm widerfuhr, durch eigenen Leichtsinn und eigene Unbedachtsamkeit Schuld sei. Indes litten doch auf keine Weise seine Umstände, dies Haus freiwillig verlassen zu können. Wo sollte er hin? Er sah also zum erstenmale in seinem Leben die Notwendigkeit ein, unvermeidliche Übel ertragen zu müssen und nicht das zu tun, was man am liebsten wollte, sondern das, was nach den Umständen das Beste sein kann. Er überlegte nun, daß doch wirklich Herr von Reitheim ihn zu der Absicht nicht brauchen konnte, weshalb er ihn hatte kommen lassen; daher beschloß er, sich dadurch zu empfehlen, daß er sich nützlich machte. Seine Klugheit, wovon er sich immer noch eine ziemliche Gabe zutraute, gab ihm ein, er werde sich das Vertrauen seines gewesenen Freundes wieder erwerben, wenn er ihm über dieses und jenes freundschaftlichen Rat erteile. Denn er hatte freilich so wenig Weltkenntnis zu wähnen, von der vorigen Universitätsfreundschaft sei noch etwas übrig geblieben. Er machte also Herrn von Reitheim aufmerksam auf verschiedene Unordnungen in seinem Hauswesen und zeigte ihm wohlmeinend, wie dem abzuhelfen stehe. Der Leibjäger, welcher sehr viel galt, tat manchen Personen im Hause Unrecht und bereicherte sich mit dem Schaden seines Herrn. Die beiden Jüngferchen und der Charadenmacher spotteten über Herrn von Reitheim, wenn er abwesend war. Alles dieses entdeckte ihm Anselm und glaubte gewiß, dadurch sich zu empfehlen; aber seine Klugheit führte ihn unglücklicher Weise abermal irre. Der Leibjäger war der Favorit des gnädigen Herrn; dieser wollte ihm nun einmal trauen und tat nichts ohne dessen Rat. Die andern drei Personen waren ihm in seiner Indolenz notwendig, Anselm hingegen überflüssig; wie konnte dieser gegen jene Recht haben? Herr von Reitheim hörte seine wohlgemeinten Nachrichten gähnend an, sagte trocken: Diese Bemerkungen wären bloß Einbildungen; erzählte sie aber doch den andern Personen wieder. Die Sache hatte also bloß den Erfolg, daß Herr von Reitheim gegen unsern armen dicken Mann noch kälter ward und ihn selten würdigte, mit ihm ein Wort zu sprechen, und daß die andern seine Feinde wurden und nicht unterließen, ihm bei allen Gelegenheiten Verdruß zu verursachen. Anselm brachte den Rest des Winters und einen Teil des Frühlings in der traurigsten Lage zu. Wohin er seine Augen richtete, entdeckte er auch nicht die geringste Aussicht zu einer glücklichen Veränderung für ihn. Er war darüber beinahe trostlos, zumal da ihn die Neckerei im Hause immer unerträglicher fiel. Eines Tages, als er sich wirklich der Verzweiflung nahe fühlte, ließ ihn Herr von Reitheim rufen, welches lange nicht geschehen war. Er sagte ihm ganz kalt: »Herr Sekretär! Sie sehen seit einiger Zeit immer mißmutiger aus und scheinen sich in meinem Hause nicht zu gefallen. Ich habe doch mit Ihnen immer Geduld gehabt, ungeachtet ich Sie nicht brauchen kann: denn der Briefe sind bei mir eben so viel nicht zu schreiben; und daß ein Doktor der Arzneigelahrtheit so unwissend sein sollte, nichts von der Chemie zu verstehen, hätte ich nicht gedacht. Indessen denke ich zu billig, um Sie ganz zu verstoßen. Ich suche Ihnen nützlicher zu werden als Sie mir gewesen sind. Ich habe Ihretwegen an meinen Oheim, den Minister am ***schen Hofe geschrieben. Er verspricht mir in einem Briefe, den ich eben erhalte, Sie auf meine Empfehlung in eine Stelle bei der Feder zu plazieren, will Sie aber erst persönlich sehen. Reisen Sie zu ihm. Er verlangt Sie heute über acht Tage gegen Mittag auf seinem Gute *** zu sprechen. Machen Sie also, daß Sie gegen die Zeit dort sind. Leben Sie wohl! Suchen Sie sich nützlich zu machen und die Kenntnisse zu erwerben, die Ihnen noch fehlen. Und, apropos! Hüten Sie sich vor Klatschereien, und halten Sie guten Frieden mit den übrigen Domestiken im Hause. Adieu!« Hiermit gab er mit einem gnädigen Kopfnicken das Zeichen zum Abschiede. Anselm war nicht wenig betroffen über die Art, wie ihm sein Abschied angekündigt ward; aber über den Abschied selbst war er höchlich erfreut. Er war in diesem Hause tief gedemütigt worden. Nun konnte er die Zeit kaum erwarten, bis er sich durch Fleiß und Tätigkeit wieder emporschwänge, welches er bei einem Minister, der, wie er wußte, einsichtsvoll war und großen Einfluß hatte, leicht zu bewirken hoffte. Mit dieser angenehmen Aussicht ward seine Einbildungskraft sogleich erfüllt; sein ehemaliger Frohsinn, der ihn einige Monate lang verlassen hatte, kehrte zurück, und er konnte vor Freuden die ganze Nacht nicht schlafen. Diese Freude ward den folgenden Tag etwas gedämpft, da er vom Herrn von Reitheim sein Gehalt verlangte, wovon er noch gar nichts bekommen hatte, und ganz trocken zur Antwort erhielt: Er habe ihm in seinem Briefe nichts versprochen, sondern sich mit dem Gehalte nach der Brauchbarkeit richten wollen. Da er aber zum Hauptzwecke, warum er berufen sei, nicht brauchbar gewesen, so glaube er ihn durch die bisherige freie Unterhaltung für seine wenigen Dienste genugsam belohnet zu haben; und nun habe er ihm ja eine Empfehlung an einen Minister gegeben, welches eigentlich das gewesen wäre, was er von ihm verlangt hätte. Anselm würde zu fein gedacht haben, um auf einer Forderung zu bestehen, die ihm auf eine so unbillige Art versagt ward. Aber die Notwendigkeit zwang ihn abermal, um Bezahlung seines Gehalts anzuhalten; denn er hatte seine wenige Barschaft ausgegeben und schlechterdings kein Geld zur Reise. Aber nun ließ ihn der gnädige Herr nicht allein nicht rufen, sondern da er sich melden ließ, ward er nicht vorgelassen. Er sah sich durch die Not endlich dahin gebracht, alle Empfindung des rechtmäßigen Unwillens zu unterdrücken, und mußte jetzt sogar den Leibjäger um sein Fürwort bitten, den einzigen Menschen, welchen der gnädige Herr sprach. Dieser nahm nun Gelegenheit zu zeigen, daß er Favorit sei, und erlangte für unsern armen dicken Mann eine ganz kleine Summe, welche kaum hinreichte, eine Reise von vierzig Meilen zu tun. Mehr stand nicht zu erhalten außer, daß ihm Herr von Reitheim noch einen Brief an seinen Oheim schickte, der ihn noch näher empfehlen sollte. Anselm hätte zwar sein Reisegeld vermehren können, wenn er sich hätte entschließen wollen, seinen eleganten Reisewagen zu verkaufen. Das konnte er aber doch nicht von sich erlangen. Er meinte, aus der Erfahrung gelernt zu haben, man werde in großen Häusern hauptsächlich nach dem Äußerlichen beurteilt; und daher dachte er, ein Mann, der bei dem Minister eine gewisse Rolle spielen solle, könne doch auf dessen Gute nicht füglich auf dem Postwagen ankommen. Er eilte jetzt nur, seinen jetzigen ihm so widerwärtigen Aufenthalt zu verlassen, und reisete gleich den folgenden Tag ab, zumal da er keine Stunde zu verlieren hatte, wenn er zur bestimmten Zeit ankommen wollte. Bei seiner Abreise widerfuhr ihm noch das unvermutete Glück, sich dem gnädigen Herrn von Reitheim auf einen Augenblick zu empfehlen. Denn derselbe hatte eben einen Postzug von vier braunen Engländern gekauft und wollte mit ihnen zur Probe ausfahren. Dreiundzwanzigster Abschnitt Anselm wird einem großen Staatsmanne vorgestellt und durch dessen Protektion befördert Das letzte Zeichen des gnädigen Wohlwollens, das der ehemalige philosophische Freund unserm dicken Manne aus seiner Birutsche zunickte, machte diesen eben nicht glücklicher. Sein Herz ward ihm leichter, als er das Schloß des Herrn von Reitheim nicht mehr sah. Die Erniedrigungen, die er daselbst hatte dulden müssen, drückten schwer auf seine Einbildungskraft. Desto mehr freute er sich, nun eine ehrenvollere Lage vor sich zu sehen. Er reisete Tag und Nacht; denn sonst hätte er nicht zur bestimmten Zeit ankommen können. Aber in einem Städtchen, etwa drei Meilen von dem Gute des Ministers, hielt er Nachtlager, um nicht daselbst ganz in der Frühe einzutreffen. Da er zum Mittage bestellt war: so ersah er daraus, daß er zur Tafel kommen sollte, und schloß aus dieser Attention eines so großen Mannes gegen ihn schon einigermaßen auf dessen günstige Gesinnungen. Um nun anständig zu erscheinen, stand er sehr früh auf, ließ sich frisieren, zog sein bestes Kleid an und fuhr alsbald fort, damit der Minister, der ihm vermutlich über mancherlei würde Befehle zu erteilen haben, noch vor der Tafel mit ihm darüber sprechen könne. Sollte derselbe aber etwa auf seinem Gute (wohin er vermutlich, um von seinen Staatsgeschäften auszuruhen, sich mochte begeben haben) bloß auf der Serviette speisen, so war es auch möglich, daß er ihn bei der Tafel von den Gegenständen unterrichtete, wobei er ihn zu gebrauchen dächte. Genug, unser dicker Mann wollte sich nicht vorwerfen lassen, daß er allzuspät käme. Übrigens tat sich sein Herz auf bei dem schönen Morgen und bei der vorteilhaften Ansicht, weil er nicht zweifelte, durch einen Minister, von dem er wußte, er habe das Herz des Fürsten in Händen, und an den er von seinem Neffen so stark empfohlen war, in eine Lage versetzt zu werden, wo er einen ausgedehnten Wirkungskreis, für Viele Gutes zu tun, erhalten werde: eine Idee, die immer noch seine Einbildungskraft mit Macht anfeuerte. Er sah freilich wohl ein, es könne ihm von mißgünstigen Leuten manches in den Weg gelegt werden; dagegen aber fühlte er wieder, in dem Hause des Herrn von Reitheim, so klein auch der Zirkel gewesen war, dennoch große Fortschritte in der Menschenkenntnis gemacht zu haben. Bei dieser Gelegenheit fing unser dicker Mann zuerst an, ganz unphilosophischer Weise einige Zweifel zu fassen, ob wohl die theoretische Philosophie, auf die er bisher einen so großen Wert gesetzt hatte, auch im Laufe der Welt anwendbar sei? Er hatte hierin Unrecht: denn die kritische Philosophie hat ja deutlich bewiesen: die Theorie, wenn nur ganz vollständig, sei allemal auch praktisch anwendbar. Wir möchten uns zwar beinahe unterwinden, von dieser an sich unumstößlichen Regel das Heiraten und das Bierbrauen auszunehmen, wobei man mit der Theorie nicht ganz auslangen dürfte. Sonst ists freilich gewiß, daß bei den wichtigsten Gegenständen im Handlungs- und Finanzwesen, in der Politik und der Regierung der Staaten, besonders aber in der Arzneikunde (obgleich derselben Theorie nicht auf den Pflichtsbegriff gegründet zu sein scheint, so wie jene) nur allein durch eine vollständige Theorie die glücklichste Praxis an die Hand gegeben wird. Ein Beispiel ist der berühmte Mirabeau, welcher in dem einzigen Jahre, da er sein unsterbliches Werk über die Preußische Monarchie schrieb, derselben ein viel größeres Glück aus bloßer vollständiger physiokratischer Theorie zugewendet hat, als Friedrich der Große derselben in sechsundvierzig Jahren einer bloß praktischen Regierung hat verschaffen können. Ebenso sieht der berühmte Herr Etatsrat von Schirach immer sehr genau voraus, was in der politischen Welt vorgehen wird, nicht etwa, wie einige Verleumder aussprengen, durch Zauberei und Verständnis mit dem Fürsten der Finsternis, sondern aus einer vollständigen Theorie, in welcher auch die allerkleinste Friktion der politischen Maschine theoretisch berechnet ist. Ein noch auffallenderer Beweis der Richtigkeit des obigen philosophischen Satzes ist der berühmte Herr Doktor und Geheime-Hofrat Girtanner. Derselbe hat eine gewisse leidige Seuche, auf eine ganz neue Art, aus dem Grunde kurieren gelehrt, und zwar durch bloße Theorie, indem seine wichtigen Bemühungen um die neueste europäische Politik ihm noch nicht erlaubt haben, sich eigentlich der medizinischen Praxis zu widmen. Die Zweifel unsers dicken Mannes an Ansehung der theoretischen Philosophie kamen daher, weil er vermutete, er werde jetzt mit Staatssachen, die ihm noch neu wären, sich beschäftigen sollen. Er sah ein, daß er dabei hin und wieder mit gewandten Weltleuten werde zu tun haben, welche gewöhnlich die philosophische Kritik nicht anzuwenden wissen; und daher meinte er, etwas zu furchtsam, es könne doch vielleicht die Theorie, durch welche er bisher hatte alles im Voraus durch Schlüsse erforschen und sich danach richten wollen, unter diesen Umständen nicht ganz hinlänglich sein. Er nahm sich also vor, mit Bedacht zu Werke zu gehen, die Erfahrung zu Rate zu ziehen und kein schickliches Mittel ungebraucht zu lassen, um die wohltätigen Zwecke zum Besten des Landes, wozu er gebraucht zu werden hoffte, zur Wirklichkeit zu bringen. Die Erfahrung, für die er jetzt anfing einige Hochachtung zu hegen, hatte ihn gelehrt, daß man nicht allemal geradezu wirken könne, sondern oft durch indirekte Wege zum Ziele gelangen müsse. Jetzt schien ihm selbst, er habe den Charakter des Herrn von Reitheim vorher ganz unrichtig beurteilt; und er erinnerte sich, daß der Leibjäger, den er so gering geschätzt hatte, ihm am Ende allein zu einer für ihn wichtigen Forderung helfen konnte. Er nahm sich also vor, niemand gering zu schätzen, weil er nicht wisse, wo er ihn möchte nötig haben, besonders aber den Charakter des Ministers zu studieren, um nach dessen Beschaffenheit seine Maßregeln zu nehmen. Aber hier fiel ihm plötzlich ein, es wäre doch möglich, daß der Minister auch seine schwache Seite habe und sich so wie sein Neffe von irgend einem Jäger oder Kammerdiener regieren lasse. Da warf nun unser dicker Mann die theoretische Gewissensfrage auf: ob es sich für einen Mann, wie er jetzt eben werden sollte, schicken würde, mit solchen Leute eine Art von Freundschaft zu halten und sich ihrer zur Erlangung seiner Zwecke zu bedienen? Er war anfänglich etwas unschlüssig, zumal da die neueste Moralphilosophie nichts von Kollisionsfällen und von dem, was man sonst Notrecht nannte, wissen will, sondern bloß auf unbedingte Pflichten dringt; indes half ihm doch sein kritisch-moralisches Prinzip, vereinigt mit seiner geprüften Erfahrung, glücklich aus dem Handel. Er fand, es sei einigermaßen für einen Mann wie ihn erniedrigend, doch aber auch notwendig, mit Klugheit in der Welt zu Werke zu gehen und niemand, der zu brauchen stehe, gering zu achten. Er setzte also bei sich fest: daß, da man die Menschen nehmen müsse, wie man sie haben könne, man auch dergleichen geringe Personen brauchen dürfe, um durch sie bei höhern gute Zwecke zu betreiben. Doch da er fest entschlossen war, die Maximen aller seiner künftigen Handlungen sollten allgemeine Gesetze werden können, nahm er sich fest vor, wenn dergleichen Leute schlecht handelten, ihre schlechte Seite nicht zu guten Zwecken anwenden zu wollen und also auf alle Weise in der vermutlichen wichtigen Laufbahn, die sich jetzt für ihn eröffnete, jederzeit die Klugheit einer Schlange mit der Falschlosigkeit einer Taube zu verbinden. Indem er diesen trefflichen moralischen Entschluß faßte, rückte er sich in seinem engländischen Reisewagen recht zusammen; und in dem Augenblicke stieß das linke Hinterrad gegen einen großen Stein. Die eiserne Achse zersprang, und der Wagen lag mitten im Felde. Es war nicht gar weit bis zu einem Dorfe, wohin der Wagen, nachdem der Fuhrmann endlich die Achse mühsam zusammengebunden hatte, geschleppt wurde; Anselm und der Fuhrmann gingen zu Fuße nebenher. Aber der Schmied im Dorfe erklärte es für unmöglich, die Achse unter sechs bis acht Stunden herzustellen. So lange konnte unser dicker Mann nicht warten; denn er hatte keine Zeit zu verlieren, um nicht zu spät bei der Tafel des Ministers zu erscheinen. Es blieb also nichts übrig, als einen Bauerwagen zu mieten, auf den alles Gepäck vom Reisewagen gelegt ward, wo sich dann Anselm obendrauf setzte. Etwas kostete es freilich seiner Eitelkeit, auf diesem Fuhrwerke in das Schloß des Ministers einzuziehen, der bei seiner Ankunft leicht am Fenster stehen konnte. Auch ward seine Frisur vom Winde ein wenig zerstört, indem das Dorf beinahe noch zwei Meilen entlegen war. Indes tröstete er sich damit, daß solche kleinen Unfälle jedem Reisenden leicht begegnen können und daß sein schöner Wagen, wenn er den andern Morgen nachkäme, schon in die Augen fallen und die Vermutung erregen werde, er sei kein gemeiner Sekretär. Der Aufenthalt und das Umpacken hatte doch einige Zeit weggenommen, so daß er eben um zwölf Uhr ankam. Er sagte gleich, wer er sei, und verlangte Se. Exzellenz zu sprechen. Der Schweizer wies ihn nach dem Zimmer des ersten Kammerdieners, der ihn sehr höflich empfing. Anselm hatte aber kaum Zeit, seine Unfälle mit dem Wagen kurz zu erzählen, den Brief, welchen Herr von Reitheim ihm mitgegeben hatte, vorzuzeigen und das Verlangen zu wiederholen, Sr. Exzellenz Dero Befehle gemäß gleich aufzuwarten, als der Kammerdiener schon erwiderte: Se. Exzellenz und die übrigen Herrschaften säßen jetzt beim Spiele und würden nachher gleich zur Tafel gehen; daher könne er jetzt nicht vorkommen. Nach Tische aber würden die Herrschaften im Garten spazieren gehen, da wollten dann Se. Exzellenz ihm Audienz geben. Indes sei Befehl da, daß er am Kammertische mitspeisen solle. Der premier homme de chambre bot ihm zugleich verbindlich die Hand, um ihn hinzuführen; denn die Kammerjungfern und Kammerdiener der gnädigen Herrschaft und der gnädigen Gäste waren eben im Begriffe, sich zu Tische zu setzen, um hernach bei der Tafel und beim Kaffee ihre Aufwartung wahrzunehmen. Diese Einladung stach sehr ab gegen die Vorstellung, die sich Anselm von seinem Empfange beim Minister versprochen hatte. Er war in der ersten Aufwallung seines Unwillens im Begriffe, alles im Stiche zu lassen und ungegessen wegzugehen. Teils sah er aber wohl ein, er würde dadurch die ganze Aussicht zu einer, ansehnlichen Beförderung verlieren, teils war er wirklich hungrig; und hätte er dennoch zurückreisen wollen, so konnte er nicht, weil seine Pferde in der Schenke in den Stall gezogen waren, um gefüttert zu werden. Er ging also geduldig hin, um sich gleich seinen Pferden füttern zu lassen. Aber er war wie betäubt; denn er befand sich in einer ganz neuen Welt. Die mit zierlicher Höflichkeit gemischte gemeine Vertraulichkeit seiner Tischgenossen mußte einem Manne unerträglich fallen, der so viel in guter Gesellschaft gelebt hatte; und er verwünschte bei jedem Bissen den Leichtsinn und die Verschwendung seiner Jugend, wodurch er nach und nach bis in diese Lage war gebracht worden. Nach Tische hatte er über eine Stunde lang die Höflichkeit der Kammerjungfern auszuhalten, welche seine Frisur, trotz der vom Winde darin gemachten Verwüstungen, nebst seinen weißen seidenen Strümpfen mit ihrem Beifalle beehrten. Nachdem die Herrschaften die Tafel verlassen hatten, ward er im Garten in einen Gang gestellt, wo sie vorbeigehen sollten. Er sah da eine ganze Prozession von Herren mit Knotenperücken und von ernsthaften alten Damen in steifen Andriennen, die ihn kaum bemerkten. Endlich erschien der Minister, redete ihn zuerst an, zwar etwas zurückhaltend, aber doch überaus höflich und mit einer zuvorkommenden Gnade, die bald unsers armen dicken Mannes Herz gewann. Er ward von Sr. Exzellenz über verschiedene Gegenstände examiniert und hatte das Glück, hohen Beifall zu erhalten. Dies machte ihm Herz zu sagen: Er hoffe in jeden Wirkungskreis, welchen Se. Exzellenz ihm anzuweisen geruhen würden, sich zu schicken und zu jedem Geschäfte, das ihm, es sei auch in welchen Landessachen es sei, von Sr. Exzellenz aufgetragen werden möchte, durch Fleiß und Tätigkeit sich hineinzuarbeiten. Er war ein wenig betroffen, als Se. Exzellenz erwiderten: »Ich verlange Sie nicht für mich, sondern für meine Schwester, die Äbtissin des freien weltlichen Fräuleinstifts zu ..., welche einen Sekretär und Geschäftsführer bedarf. Das Stift ist mit mancherlei Prozessen beladen. Besser würde es daher freilich sein, wenn Sie ein Jurist wären. Indes, da Sie guten Willen haben, sich in die Geschäfte hineinzuarbeiten und Sie nur hauptsächlich mit den Advokaten und Prokuratoren zu korrespondieren und die Akten in Ordnung zu halten haben, so werden Sie sich wohl darein finden.« Anselm erwiderte stammelnd: Er hätte gehofft, in Sr. Exzellenz eigene Dienste zu treten und wolle auch jetzt noch untertänigst darum ansuchen. Der Minister aber erwiderte: Dies könne vielleicht einmal geschehen, wenn er sich einige Jahre lang bei der Äbtissin werde gut aufgeführt haben. Jetzt aber wäre keine Vakanz, und es wäre ihm ohnedies nur auf besondere Empfehlung des Herrn von Reitheim diese Stelle konferiert worden, ob er gleich kein Jurist wäre. Wahr ists, der Herr von Reitheim hatte ihn auf eine Art empfohlen, welche die Beförderung sehr erleichterte; denn er hatte in dem letzten Schreiben gemeldet, Anselm sei jetzt in solcher Lage, daß er auch mit dem geringsten Gehalte werde zufrieden sein müssen. Der Minister führte ihn nun ungesäumt zu seiner Schwester, der Äbtissin. Dies war eine Dame zwischen siebzig und achtzig Jahren, etwas untersetzt und von breiten Kinnbacken. Sie hielt den Oberteil ihres Körpers ungefähr in einem Winkel, dessen Grade, gegen die Fläche des Erdbodens gemessen, der Anzahl ihrer Lebensjahre gleich kam, und war etwas taub. Daher konnte sie nicht wohl verstehen, was man sagte; hingegen waren auch ihre Antworten eben nicht leicht zu vernehmen, indem Ihro Hochwürden und Gnaden aus Mangel der Zähne die Worte ziemlich mummelten. So viel war indes aus ihrer Anrede an unsern ganz erstaunten dicken Mann herauszubringen: daß er ein ganz guter Mensch zu sein schiene, daß sie ihn ermahne, sich gut aufzuführen, und ihn ihrer Gnade versichere. Die Figur der Frau Äbtissin mochte eben nichts beitragen, unsern dicken Mann von dem Mißvergnügen über seine ganz verfehlte Aussicht zu heilen, da er anstatt in die Dienste eines vielgeltenden Ministers in die Dienste einer alten Frau treten sollte. Er hatte ein paarmal auf der Zunge, sich für ihre Gnade zu bedanken und dieselbe zu verbitten. Aber so sehr er außer Fassung war, bedachte er doch noch, daß ihm jetzt keine andere Wahl freistehe, zumal da er, außer sehr wenigen Gulden in der Tasche, nichts im Vermögen hatte als einen schönen engländischen Reisewagen mit zerbrochener Hinterachse, der zwei Meilen entfernt lag. Er mußte sich also schon seiner Äbtissin auf Gnade und Ungnade ergeben. Nach einem Aufenthalte von etwa acht Tagen auf diesem Gute, welchen die Kammerjungfern unserm dicken Mann möglichst angenehm zu machen sich bemühten, war der Besuch der Hochwürdigen in Gott andächtigen Frau bei ihrem Herrn Bruder geendigt; und nun ging ihre Rückreise in Gesellschaft ihres neuen Sekretärs wieder die Ufer des Rheins hinab und weiter nach dem ein paar Tagereisen davon entlegenen Stifte. Der Herr Sekretär verkaufte vorher seinen eleganten Reisewagen, das letzte Überbleibsel des großen Vermögens, das er von seinem Vater geerbt, und des kleinen, das er mit seiner Praxis erworben hatte; das letzte Überbleibsel von allen schönen Möbeln und Nippes, die ihm in Vaals und in Elberfeld so manches Vergnügen gemacht hatten. Außerdem, daß er die kleine Summe, die ihm dieser Wagen einbrachte, jetzt zu mancherlei notwendigen Bedürfnissen nicht wohl entbehren konnte, hatte er nun auch keinen Reisewagen nötig, indem er die Gnade genoß, einen Rücksitz in dem Wagen der Frau Äbtissin einzunehmen. Er war da recht wohl verwahrt, ob ihn gleich, bei der damals etwas starken Hitze im Julius, zuweilen einige Ängstlichkeit anwandelte, weil wegen verschiedener Flüsse und Gichtknoten der Hochwürdigen Frau die hölzernen Fenster nie geöffnet werden durften. Dieses und seine Gedanken, welchen er nachzuhängen alle Muße hatte, machte seine Reise nach dem Stifte nicht so angenehm als seine Reise nach dem Gute des Ministers. Seine Einbildungskraft stellte sich lebhaft vor, was er gewesen und was er jetzt war. Er verwünschte abermals in Gedanken seinen Leichtsinn, seinen Müßiggang, seine Verschwendung und seine eingebildete Klugheit, welche ihn aus dem besten Wohlstande in die jetzige unangenehme Lage, aus der glücklichsten Unabhängigkeit in eine beklemmende Abhängigkeit gebracht hatte. Er dachte mehrmal: »O Philipp! war ich gewesen wie du! Ohne eingebildete Pläne auf die Zukunft, arbeitsam, wirtlich, bescheiden und zufrieden mit meinem Stande!« Wenigstens hatte er den guten Entschluß, sich seinen Freund Philipp zum Muster zu nehmen und sich geduldig in seine Lage zu schicken. Auch fehlte es ihm nicht an Gelegenheit, die Tugenden der Arbeitsamkeit und der Geduld auszuüben. Er fand sich unter einer Menge verwirrter Akten und verwirrter Korrespondenzen. Er mußte sich, so sauer es ihm ankam, einen Begriff davon machen und die Prozesse in Ordnung und in Bewegung bringen. Es blieb ihm, um hiermit zu Stande zu kommen, anfänglich den ganzen Tag durch nicht eine Stunde zur Erholung übrig. Zudem waren alle Gegenstände, mit welchen er umgeben war, eben nicht unterhaltend. Die im Stifte befindlichen Fräulein waren zwar sehr neugierig, den fremden Ankömmling kennenzulernen; aber sie wollten unserm dicken Manne nicht behagen. Sie waren teils etwas ältlich, teils ziemlich verwachsen, teils ein wenig kränklich; alle aber zufälliger Weise, welches sich in Fräuleinstiftern sonst gar nicht finden soll, etwas zänkisch über Kleinigkeiten. Wenn sie daher des Abends in Prozession kamen, um vor dem Schlafengehen der Frau Äbtissin nach Stiftsgebrauche knieend die Hand zu küssen: so wurden gewöhnlich auch Klagen vorgebracht oder es entstanden sonst etwas laute Wortwechsel, wobei der Herr Sekretär zuweilen auf Befehl der Frau Äbtissin etwas zu schlichten hatte. Denn er speisete hier nicht am Kammertische, sondern hatte gewöhnlich die Gnade, zur Tafel der Frau Äbtissin gezogen zu werden. An der Unterhaltung gewann er hierbei eben nichts; denn die gnädigen Befehle, die etwas unvernehmlich herausgemummelt wurden, waren ziemlich schwer zu verstehen, und die Ehrfurcht erlaubte nicht, ein Gespräch selbst anzufangen, wozu sich auch eben nicht viel Gelegenheit zeigte. Indes war man mit unserm dicken Manne zufrieden. Die Not machte ihn tätig. Er lernte sich endlich in seine Geschäfte schicken, und, wie es brauchbaren Leuten geht, denen man, je mehr man sie kennenlernt, mehr aufträgt, so fingen auch seine Geschäfte an, unvermerkt mannigfaltiger zu werden. Die Frau Äbtissin bekümmerte sich sehr wenig um alle ihre Stiftsfräulein, die sie bloß ihre Oberherrschaft, sehr selten aber etwas von ihrer Gnade fühlen ließ, ein einziges Stiftsfräulein ausgenommen, welches mit der ersten Kammerjungfer die Gunst der Hochwürdigen Frau teilte. Diese beiden Günstlinge machten wieder den Herrn Sekretär zu ihrem Günstlinge. Das Fräulein war ungefähr dreiunddreißig Jahre alt, grau von Augen, lang und hager, auch etwas gespannt um die Gegend der Lippen, die, wenn sie lachte, ihre schönen Zähne sehen ließen, wovon nur ein paar zur Seite das Ansehen abgeschossener Bollwerke hatten. Nicht in die Zähne, sondern in das Herz dieses schönen Fräuleins hatte ein in einer benachbarten Stadt auf Werbung stehender Offizier geschossen, mit welchem sie in einem verliebten Briefwechsel stand. Weil nun Leute vom Stande, selbst in Angelegenheiten des Herzens, nicht anders als französisch korrespondieren können, das Fräulein aber ihre seelenschmelzenden Empfindungen in dieser Sprache nicht innig genug auszudrücken wußte, so ersuchte sie den Herrn Sekretär, als einen gelehrten Mann, ihre französischen Liebesbriefe in Form zu bringen. Dies vollführte er, obzwar ungern, doch so zu ihrem Wohlgefallen, daß es ungewiß ist, wenn der Offizier nicht ein Offizier, dabei fünf Fuß neun Zoll hoch gewesen und zweiunddreißig Ahnen gehabt hätte, ob nicht etwa unser kleiner dicker Mann ihm ein gefährlicher Rival hätte werden können. Das Kammerjüngferlein hingegen war freundlich und einnehmend, aber doch eigentlich nicht verliebt. Nichts weniger. Sie war eine Gönnerin der Gelehrsamkeit, besonders der ernsthaften, als dahin gehören moralische Betrachtungen, worin eingeschärft wird, was jedermann ohnedies tut, gelehrte Beweise solcher Dinge, an denen niemand zweifelt, oder solcher, die bei allen strengen Beweisen niemand glauben will, z.B. daß die ägyptischen Pyramiden aus Basalt von selbst hervorgewachsen wären oder daß die Schöpfung der Erde den 18ten September Anno Null vor sich gegangen sei und ähnliche gelehrte Untersuchungen. Dieses schöne Kind unterhielt unsern dicken Mann mit Gelehrsamkeit; denn sie hatte sich in die Lesegesellschaft eines benachbarten Städtchens eingekauft, woher sie nicht etwa Romane und andere solche eitlen Scharteken, sondern gründliche Schriften erhielt. Da nun die Gelehrten hin und wieder Stellen in lateinischer oder andern Sprache anzuführen pflegen: so bat sie öfter den Herrn Sekretär, ihr diese Stellen zu verdeutschen, und beschäftigte damit mehr von seinen wenigen Nebenstunden als ihm lieb war, doch durfte ers nicht abschlagen, weil ihm der Leibjäger des Herrn von Reitheim einfiel, den er zuletzt nicht hatte entbehren können. Auf diese Weise stand unser dicker Mann bei beiden Favoritinnen der Frau Äbtissin in Gunst und kam folglich durch doppelte Empfehlung auch bei ihr selbst immer mehr in Gnaden. Sie ließ wöchentlich dreimal des Abends Betstunde halten, welcher ihr ganzes Haus und so auch der Sekretär beiwohnen mußte. Als nun einmal der Kapellan krank war, mußte Anselm auf ihren Befehl versuchen, aus Goezens Predigten vom jüngsten Gerichte, die eben damals in der Betstunde im Gange waren, eine Predigt vorzulesen. Seine vernehmliche Stimme, die gleich der letzten Posaune in ihre tauben Ohren tönte, gereichte ihr so sehr zum gnädigen Wohlgefallen, daß sie ihm nun das Amt eines geistlichen Vorlesers ganz auftrug. Er erschrak darüber und glaubte, selbst vor dem jüngsten Gerichte zu stehen, wenn er die welken und breiten Gesichter vor sich sah. Die Sünden seiner Jugend fielen ihm allemal schwer aufs Herz, wenn er das Buch in die Hand nahm; aber die ihm dadurch erzeigte Gnade war nicht auszuschlagen. Der Beifall seiner Patronin belohnte ihn auch; denn sie faßte noch ein größeres Vertrauen zu ihm. Da es anfing zu verlauten, er sei ein Arzt, und sie im Herbste, wie gewöhnlich, ein Vorbauungsmittel zu nehmen hatte, ließ sie sich dazu von ihm ein Rezept verschreiben. Die ganz treffliche Wirkung desselben setzte ihn noch viel fester in ihrer Gnade, die ihm zwar von manchem im Stifte beneidet ward, aber dennoch nicht machte, daß sein Herz sich im Übermute erhob, so bescheiden war er geworden! Er war nun der Hochwürdigen Frau in den drei obern Fakultäten, der theologischen, juristischen und medizinischen bedient. Nun wollte sein günstiges Schicksal, daß er auch in der vierten, in der philosophischen, ihr Dienste leisten sollte. Sie hatte eben damals eine Lieblingslektur an dem berühmten Werke: Karl von Karlsberg oder über das menschliche Elend. Aus diesem Buche las sie, nachdem die Abende anfingen, lang zu werden, mit der Brille auf der Nase täglich eine Stunde lang, mit innigem Vergnügen; denn sie fand darin ausführliche Nachrichten, wie elend es in der Welt geworden sei, seitdem sie jung war. Sie teilte dieses Vergnügen nicht nur mit ihrer Favoritin, der Stiftsdame, sondern auch mit ihrem Sekretär. Da in diesem gelehrten Werke hin und wieder wissenschaftliche Ausdrücke und Anspielungen vorkommen: so mußte er ihr dieselben erklären. Vermöge seiner redseligen Natur wurden daraus nach und nach kleine Vorlesungen über das scharfsinnige Werk, welche der doppelt alten Frau und der halb jungen Stiftsdame mit den schönen Zähnen unbeschreibliches Vergnügen machten. Ihm selbst freilich nicht soviel; doch gereichten ihm diese philosophischen Erläuterungen unter seinen übrigen Beschäftigungen noch zum mindesten Mißvergnügen, weil er darin wenigstens doch seine eignen Ideen ausspinnen konnte. Indem dies geschah, schien ihm unter allen vier Fakultäten, die er jetzt so rühmlich bearbeitete, seine Hauptfakultät, die medizinische, eine ganz unvermutete Aussicht zu seinem künftigen Glücke zu eröffnen. Die Kammerjungfer, wie schon bemerkt, eine verständige Person, baute auf die vorteilhafte Wirkung, welche unsers dicken Mannes Arznei zur Reinigung des Leichnams der Hochwürdigen Frau gehabt hatte, einen Plan, von welchem sie sich sehr viel versprach. Nachdem sie ein paar Wochen lang dem Herrn Sekretär freundlicher als jemals begegnet und mit ihm sogar, so wenig sie sonst eine Freundin von Gedichten war, zuweilen verliebte Lieder aus den Schwickertschen Musenalmanachen gelesen hatte, machte sie ihn mit ihrem Plane bekannt. Er sollte sie heiraten. Zur Mitgabe wollte sie ihm eine Bestallung als Leibarzt bei der Hochwürdigen Frau auswirken. Sie rechnete ihm vor, daß diese nur noch wenige Jahre vor sich habe und daß sie schon sorgen wolle, daß ihnen beiden im Testamente eine lebenswierige Pension vermacht würde, womit sie dann sich ganz bequem als ein Paar Turteltäubchen einrichten könnten. Dies war ein Vorschlag, welcher unserm dicken Manne billig hätte annehmlich sein sollen. Wir kennen ihn als schönen Mädchen sehr ergeben. Nun war die Kammerjungfer weiß und rot, hatte blitzende Augen und, abgerechnet, daß das linke etwas seitwärts sah, als wollte es nach der rechten Schulter blicken, die um ein ganz Kleines wenig höher schien als die linke, ließ sich an ihrer Person nichts aussetzen. Sie zählte noch nicht völlig neunundzwanzig Jahre, war klug und noch gelehrt dazu. Dennoch fand sie bei unserm dicken Manne nicht Beifall. Wir müssen es nur zu seiner Schande gestehen: Er hatte durch die Philosophie noch so wenig der groben Vorurteile bei sich unterdrücken können, daß es ihn schimpflich dünkte, ein Mann wie er solle eine Kammerjungfer heiraten, um sein Glück zu machen, und noch dazu eine mit einer hohen Schulter. Er glaubte wohl, noch ganz andere Aussichten zu haben. Ihm waren die Worte des Ministers unvergessen, daß er in dessen Dienste kommen solle, wenn er erst eine Zeitlang zu der Äbtissin Zufriedenheit gedient hätte. Nun war man mit ihm zufrieden, und er hatte eben bei sich überlegt, wie er den Minister bei Gelegenheit des neuen Jahres, das nur wenige Wochen entfernt war, an sein Versprechen erinnern wollte. Er sagte also der schönen Kammerjungfer mit aller Höflichkeit, er sei noch nicht willens, sich zu verheiraten. Aber so höflich man auch eine solche abschlägige Antwort geben mag, wird sie doch selten wohl aufgenommen. Das schöne Kind geriet darüber in einen Grimm, den man einer solchen Taube nicht hätte zutrauen sollen, und fing von dem Augenblicke an, so sehr seine Feindin zu werden, als sie vorher seine Freundin gewesen war. Nunmehr ward durch den widrigen Einfluß dieser erzürnten Schönen das Betragen der Äbtissin und aller Personen, die um sie waren, ganz anders gegen unsern armen dicken Mann. Die Umstände trafen sich ohnedies ungünstiger gegen ihn, als er selbst einsah. Das zärtliche Stiftsfräulein war von dem Werbeoffizier böslich verlassen worden, der eine reiche Erbin bürgerlichen Standes geheiratet hatte; daher führte sie jetzt gar keine französische Korrespondenz. Zwei der verwirrtesten Prozesse standen, durch einen glücklichen Einfall eines Prokurators in Wetzlar, auf dem Punkte, verglichen zu werden. Und da die gelehrte Kammerjungfer so schlau war, der Äbtissin über Stellen aus dem schönen Buche vom menschlichen Elende selbst täglich einige Auslegungen zu machen: so verschwand nun auch das Letzte, wodurch sich unser dicker Mann noch hätte notwendig machen können. Es fiel also der rachsüchtigen Kammerjungfer nicht schwer, es dahin zu bringen, daß ihm, etwa vierzehn Tage nach der unbedachtsamen abschlägigen Antwort, die Frau Äbtissin höchstselbst in ganz gnädigen Ausdrücken bedeutete: Er möchte sich gegen künftige Ostern um ein anderes Unterkommen umtun, weil sie alsdann seine Stelle ihrem Kammerdiener zugedacht habe. Dieser schrieb wirklich eine leidliche Hand, rechnete auch etwas, indem er im siebenjährigen Krieg Frisör bei einem Kriegskommissar gewesen war. Er hatte, um die wichtige Stelle eines Sekretärs zu erhalten, gar keine Schwierigkeit gemacht, sich den Tag vorher mit der Kammerjungfer zu versprechen, welches die Hochwürdige Frau unserm dicken Manne beiläufig kundtat. Vierundzwanzigster Abschnitt Anselms gelehrte Pläne. Charakter eines großmütigen Schottländers, dessen Launen und verschiedene Reisen Anselm hatte nun ein ganzes Vierteljahr Zeit, um zu bedenken, was für ihn ferner zu tun sei. Er war aber jetzt von seinen chimärischen Plänen durch die tägliche Erfahrung zurückgekommen, und seine Gedanken gingen nicht mehr auf weit aussehende Dinge. Sein einziger und sehr billiger Wunsch war nur, sich aus der Niedrigkeit und schimpflichen Abhängigkeit, in welche er geraten war, herauszuziehen. Dies hielt er, wenngleich für schwer, dennoch bei anhaltendem Fleiße und dem Gebrauche seiner Talente gar nicht für unmöglich. Das Natürlichste würde freilich gewesen sein, seinem treuen Freunde Philipp zu schreiben oder selbst zu ihm nach Elberfeld zu reisen. Er wußte wohl, dieser werde ihn nicht hilflos lassen. Teils aber versagte ihm seine Delikatesse die Dreistigkeit, einem Freunde beschwerlich zu fallen, teils hinderte ihn auch ganz insgeheim seine Eitelkeit, eine Frau in der Nähe zu sehen, die einen andern ihm vorgezogen hatte, ob er gleich seinem Freunde Philipp den Besitz seines Glücks gönnte. Er glaubte, feiner zu denken, wenn er bloß sich selbst seine verbesserte Lage zu danken hätte. Aber wie? Die Hoffnung auf den Minister verschwand bald; denn er erhielt auf seine Neujahrsgratulation keine Antwort. Er sann also auf andere Mittel, und das bis Ostern fort, ohne etwas auszusinnen. Er wußte nun keinen andern Rat, als nach Frankfurt am Main zu gehen, in welcher volkreichen Stadt er ein Amt oder sonst etwas für sich zu finden glaubte. Glücklicher Weise war er durch die traurige Erfahrung doch insofern vorsichtiger geworden, daß er, der sich in seinem Wohlstande niemals etwas versagte und sonst schon große Summen weggeworfen hatte, während seines Aufenthaltes im Stifte jeden Kreuzer sorgfältig zu Rate hielt, so daß er bei seinem Abschiede beinahe sein ganzes Gehalt zurückgelegt hatte. Hierdurch war er im Stande, die Reise zu machen und einige Wochen in Frankfurt auf die frugalste Art zu leben. Aber eine Aussicht für ihn wollte sich nirgend finden. Seine geschäftige Einbildungskraft zeigte ihm jedoch eine. Die Messe fiel bald nach seiner Ankunft ein. Plötzlich faßte er den Gedanken, es werde leicht sein, unter so vielen fremden Buchhändlern sein Fortkommen zu finden. Er machte sich also schnell an die Arbeit, um gegen die Messe einige Schriften zu Stande zu bringen, welche Ware für den Platz sein möchten. Er sammelte vorzüglich seine sämtlichen Gedichte, um welche, wie er glaubte, bei dem jetzigen feinern Geschmacke am Schönen, die Verleger sich reißen würden. Er schrieb eine prosaische Abhandlung über das menschliche Elend, wozu der Stoff aus seinen Vorlesungen über den berühmten Karl von Karlsberg und die Beispiele aus seinen eigenen fehlgeschlagenen Hoffnungen hergenommen waren. Ferner eine gründliche gelehrte Verteidigung der Kantischen Kritik der Vernunft, worin er, mit Rücksicht auf seinen ehemaligen Streit mit dem Herrn von Reitheim, allen Anhängern der geheimen Philosophie und sogar dem berühmten Lavater derbe Seitenhiebe versetzte. Und auf allen Fall verdolmetschte er einen neuen französischen Roman. Zu seiner großen Betrübnis verlangte aber kein einziger von allen zwanzig Frankfurter Buchhändlern seine Manuskripte, die er ihnen schon vor der Messe anbot; und zu seinem großen Erstaunen erschienen auf dieser berühmten Reichs- und Heermesse kaum zwölf fremde Buchhändler, bei denen vollends nichts anzubringen war. Von den Gedichten sagten alle einstimmig, ohne nur das Manuskript anzusehen, es möchte niemand mehr Gedichte lesen. Als er mit der Abhandlung vom menschlichen Elende zu dem berühmten Nachdrucker Schmieder aus Karlsruh kam, sah sie dieser aufmerksam durch und legte während dem Durchblättern, als ein Kenner des Werts der Bücher, dem Verfasser und dem Buche sehr viel Lob bei. Als aber der Verfasser wegen des Drucks seines Manuskriptes unterhandeln wollte, gab es der wohlweise Schmieder lächelnd zurück mit dem Beifügen, ein so gut geschriebenes Werk werde in Frankfurt gewiß einen Verleger finden, und alsdann werde er nicht ermangeln, es als einen Anhang des Karls von Karlsberg nachzudrucken. Er machte zugleich mit seiner, wie er selbst sagte, sehr schönen und saubern Ausgabe dieses Buchs, auf eine verbindliche Weise, dem Verfasser der Abhandlung ein Geschenk, um ihn aufzumuntern, solche Bücher zu schreiben, die des Nachdruckens wert wären. Zu der philosophischen Abhandlung wollten sich auch keine Abnehmer finden. Einer der Buchhändler sagte: In seiner Gegend finde die Vernunft noch nicht Liebhaber, geschweige ihre Kritik. Ein anderer behielt das Manuskript zum Durchsehn und schrie, als ers wiedergab, in großem Zorne: Der Verfasser müsse ein niederträchtiger Bösewicht und ein wahrer Atheist sein, da er sich nicht entblödete, über den engelreinen Mann Gottes Lavater zu spotten. Von dem französischen Romane war bereits eine andere Übersetzung da und auch schon Makulatur geworden. Unser dicker Mann war nicht bloß gedemütigt, daß niemand seine Werke verlegen wollte, sondern wirklich ganz trostlos, weil sein Geld zu Ende ging. Er hatte teils für seine Hefte eine gute Summe zu seinem jetzigen notdürftigen Unterhalte erwartet, teils hatte seine an einem jungen Schriftsteller verzeihliche Eitelkeit ihm die Hoffnung vorgespiegelt, es werde durch den Druck derselben sein Name so bekannt werden, daß mehrere Gönner sich finden würden, einem so berühmten Manne mit Ehren fortzuhelfen. Nun sah er sich in allem getäuscht und wußte nicht, was er anfangen sollte. Als einen Versuch der Verzweiflung bot er noch seine Manuskripte einem Buchhändler aus Trier an, der bloß mit großen lateinischen Kasuisten und kleinen deutschen katholischen Gebetbüchern handelte. Zum Glücke war in eines der Manuskripte zufälliger Weise, als ein Zeichen, ein buntes Heiligenbild gelegt, welches dem Verfasser einst die verliebte Kammerjungfer, zur Zeit als sie um ihn freiete, geschenkt hatte, weil es bunt war und sie ihm gern etwas Angenehmes geben wollte. Daher hielt ihn der Buchhändler für einen Glaubensgenossen und sah ihn mit Ehrfurcht an, weil er französisch verstand. Er riet ihm, doch lieber einen schönen französischen Prediger aus der Gesellschaft Jesu zu übersetzen, weil diese besser abgingen als sündliche Romane. Anselm, ohne sich auf die Religion einzulassen, bezeigte sich geneigt dazu, wenn er nur einen solchen Prediger hätte. Diese Bereitwilligkeit gefiel dem frommen katholischen Manne so sehr, daß er ihm ein Duodezbändchen asketischer Betrachtungen über das Leben und die Taten des seligen Knechts Gottes, des Bettlers und Läusefressers Franz Labré, aus dem Lateinischen zu übersetzen gab, wovon kürzlich in Rom vier Auflagen in vier Wochen waren gemacht worden und wovon er selbst gewiß hoffte, in Trier drei oder vier deutsche Auflagen zu verkaufen, weshalb er auch dem Übersetzer die größte Eile empfahl. Diese sinnlose Arbeit ging einem so gelehrten Manne wie Anselm anfangs sauer an; aber er hatte ja nicht zu wählen. Er, dem sonst die Stunde des Vergnügens vor der nötigsten Arbeit ging, arbeitete Tag und Nacht und ward auch noch vor Ende der Messe fertig zu großer Freude und Verwunderung des Herrn aus Trier, welcher richtig bezahlte. Aber die Dankbarkeit des über die Geschwindigkeit seines Übersetzers erfreuten Buchhändlers blieb nicht bei der Zahlung stehen. Es schien, Anselms Bereitwilligkeit, eine schlechte Übersetzung zu machen, sollte ihn weiter führen als alle seine Gelehrsamkeit; oder vielleicht wollte gar der selige Franz Labré an seinem Übersetzer ein Wunder tun. Ein durchreisender schottischer Lord suchte einen Menschen, der Französisch verstände und mit der Feder Bescheid wüßte. Der fromme Buchhändler hatte vor einigen Monaten zum Heile seiner Seele eine Wallfahrt nach Köln getan, um bei den wundertätigen Leibern der heil. drei Könige im dortigen Dome seine Andacht zu verrichten. Damals lernte er diesen Schottländer durch einige vom Hausgesinde des päpstlichen Nuntius Monsignor Pacca kennen, bei welchem der schottische Herr zuweilen aus- und einging. Daher konnte der Buchhändler unsern dicken Mann zu dieser vorteilhaften Stelle empfehlen. Dieser glückliche Vorfall setzte ihn mit einemmale aus seiner Verlegenheit. Er rief aus: »O seliger Franz Labre! Alles, was ich Kluges hätte schreiben können, würde mir nicht so weit geholfen haben als deine Lumpen und deine Läuse! Ich sehe, wenn man durch die Welt kommen will, muß man sich nicht allein die Leibjäger und Kammerjungfern, sondern auch die Bettler zu Freunden machen!« Herr Mac-Allester – oder Mylord Mac-Allester, da jeder Engländer, der in einer Kutsche fährt, am Rheine und an der Mosel Mylord heißt – war, wie unser Anselm, ein kleiner runder Mann mit umherfahrenden feurigen Augen, dabei launig und kurz angebunden, wie solche reichen und freien Leute wohl zu sein pflegen. Er ließ unsern Anselm eine Seite französisch schreiben, um die Deutlichkeit und Flüchtigkeit seiner Handschrift zu ersehen, weil er zu diktieren pflegte; und war mit beiden zufrieden. Er ließ ihn auch etwas übersetzen; denn Mylord verstand ein wenig Deutsch und war wohl zufrieden, daß Anselm einige Worte Engländisch stammelte. Anselm war ganz entzückt von diesem großmütigen Nordbriten, der ihm gleich ein Gehalt von monatlich acht Guineen anbot, welches seine Erwartungen übertraf. Sie waren des Handels beinahe eins, als Mylord, der wohl seine Launen haben mochte, unserm dicken Manne plötzlich die Frage vorlegte: ob er auch frisieren und rasieren könne? Anselm, höchlich verwundert, sagte mit Unwillen: Dazu könne er sich nicht geben. Er habe nicht als Domestik, sondern als Sekretär mit ihm zu reisen versprochen. Mylord fuhr auf: »Sekretär! Sekretär! Daß Ihr Deutsche doch immer auf die Titel seht! Nun, mein anderer Domestik kann allenfalls auch frisieren und rasieren, und Ihr sollt dann also Sekretär oder Sekretarius heißen, wenn Euch das besser klingt. Aber Ihr müßt auf dem Bocke fahren; denn anderer Platz ist nicht da, und in meinem Wagen lasse ich niemand neben mir sitzen.« Anselm erschrak nicht wenig über diesen Vorschlag. Indes, was war zu tun? Sollte er die vorteilhafte Stelle um einer solchen Kleinigkeit willen ausschlagen? Wars denn besser, wenn er auf dem Postwagen hätte sitzen müssen oder auf einem Bauerwagen, wie er schon neulich getan hatte? Er überlegte, es würde in seiner jetzigen Lage Eigensinn sein, auf einer Nebensache zu bestehen, die doch den Umständen nach nicht anders sein konnte. Ihn reizte nicht allein das ansehnliche Gehalt, sondern auch das Ansehen eines so vornehmen Herrn; denn der Buchhändler hatte aus dem Munde des andern Bedienten viel Werks von des Lords großen Gütern im Hochlande gemacht und erzählt, daß er einer der angesehensten schottischen Pairs sei. Nun, dachte Anselm, könnte ihn dieser Herr vielleicht in Schottland zum großen Manne machen, weshalb er beschloß, sich nach diesem großmütigen, obgleich auch launischen schottischen Pair zu richten. Unser dicker Mann bestieg also den Bock, weils nicht zu ändern stand, und sie reiseten ab. Mylord hatte seine sonderbaren Launen. Er reisete nicht auf der geraden Landstraße, sondern zuweilen unvermutet einen Nebenweg, und unterhielt sich zuweilen stundenlang mit Leuten, die wie Bauern oder sonst wie geringe Leute aussahen. Anselm erschrak nicht wenig, als der Weg ins Jülische bog und fing an zu befürchten, es möchte gar nach Aachen oder Elberfeld gehen. Er wäre vor Scham gestorben, wenn er sich in seiner jetzigen Lage da hätte müssen blicken lassen. Aber es ging ungefähr eine Meile bei beiden Orten vorbei durch Gegenden, welche unserm dicken Manne nur allzuwohl bekannt waren: Gegenden, die er oft in eigenem Wagen und auf eigenem Pferde durchstrichen hatte und die er nun auf dem Bock sitzend durchzog. Er erinnerte sich lebhaft der Reise von Vaals nach Elberfeld und welche sanguinischen Hoffnungen seine Einbildungskraft damals noch entworfen hatte, nachdem schon sein ganzes väterliches Erbgut von ihm verschwendet war. Damals dünkte ihn, es läge die Welt vor ihm offen, um sein Glück darin zu machen. Sie lag noch offen vor ihm; aber wie? Seine Empfindung war sehr bitter, da er nichts als seinen eigenen Leichtsinn anklagen konnte. Nebst Scham und Reue gingen eine Menge guter Entschlüsse durch seinen Kopf, wie sie ihm ehemals schon oft durch den Kopf gegangen waren. Hätte er sie nur jemals mit Ernste ausgeführt, so hätte er sein eigener Herr mit Ehren bleiben können und hätte nicht jetzt in einer ziemlich zweideutigen Lage nach Schottland reisen dürfen, auf Hoffnungen, die doch wenigstens nicht völlig gewiß waren. Jetzt schien aber nicht einmal die Reise nach Schottland zu gehen. Mylord wendete seinen Weg durch Lüttich und Brabant nach der holländischen Grenze und hielt sich einige Wochen in Berg-op-Zoom auf. Hier sah unser dicker Mann, zu seinem nicht geringen Erstaunen, ganz deutlich, was er schon seit einiger Zeit zu vermuten angefangen hatte, nämlich, daß sein Patron – Mylord oder nicht – bei den damaligen Unruhen in den Vereinigten Niederlanden eigentlich das edle Handwerk eines Spions trieb. Anselm hatte fast täglich ganze Bogen voll Ziffern zu schreiben gehabt, aber aus dem, was hin und wieder en clair stand, so viel geurteilt, daß sein Herr der statthalterischen Partei diene. Jetzt aber fing er an zu merken, daß Mylord zugleich der patriotischen ähnliche Dienste leistete, und eben daher, weil er von beiden Teilen so gut bezahlt ward, auch seine Bedienten reichlich bezahlen konnte. Unserm dicken Manne war nicht wohl zu Mute; aber was sollte er machen? Es ging überdem alles so schnell, daß er nicht Zeit hatte, sich zu besinnen. Der Weg ward nun nach der französischen Grenze genommen, um das Lager bei Givet zu besuchen, aus welchem die Patrioten Hilfe von Frankreich erwarteten. Sie fanden es ganz ordentlich abgesteckt, aber keinen einzigen französischen Soldaten darin. Sie eilten so schleunig als möglich mit dieser wichtigen Nachricht nach dem Haag. Daselbst hatte Mylord gleich in der Nacht, da er ankam, eine lange Konferenz mit ein paar ihm wohlbekannten Untersekretären. Er empfing den folgenden Tag sogleich neue Instruktion, morgen nach Amsterdam zu gehen. Mylord ging aber noch desselben Abends ganz in der Stille einen kleinen Umweg seitwärts zu seinen patriotischen Freunden nach Utrecht und Geldern. Denselben verkaufte er abermals die wichtige Nachricht, daß er selbst als Augenzeuge in Givet und in der ganzen dortigen Gegend nicht einen einzigen französischen Soldaten gesehen habe. Er erweckte dadurch dort viel Betrübnis; denn die eifrigen Patrioten hatten schon eine Armee von 35 000 Franzosen das ganze holländische Flandern einnehmen und bis ans Land von Altena vorrücken lassen. So viel Kummer nun auch die Nachricht, daß die Franzosen nicht marschierten, erwecken mußte, so ward sie doch gut bezahlt; denn die Patrioten sahen nun, sie würden sich selbst überlassen sein und verdoppelten ihren Eifer, sich zu rüsten. Mylord, der jetzt inkognito unter dem Namen eines französischen Negotianten reisete, empfing von seinen Utrechtschen Freunden sehr gute Adressen an die vornehmsten Anhänger der patriotischen Partei in Amsterdam. Von denselben hoffte er Nachrichten herauszulocken, welche der Oranischen Partei sehr wichtig sein mußten; doch nahm er sich vor, wie es auch billig war, die patriotische Partei für die guten Dukaten, die sie ihm bezahlte, nicht zu vergessen; denn die geheimen Anhänger der Oranischen Partei in Amsterdam konnten ihm im Vertrauen auch so manches sagen, was die Patrioten gern hätten wissen mögen. Die Vereinigten Niederlande befanden sich damals in der größten Gärung. Beide Parteien waren aufs äußerste gegen einander erhitzt. Alles rüstete sich, und der bürgerliche Krieg fing an vielen Orten schon an, sich auszubreiten. Unsere Reisenden mußten also große Vorsicht anwenden, zuweilen Umwege nehmen und sich nach der Laune der an jedem Orte herrschenden Partei richten. Wenn aber, wie es oft geschah, an einem Orte beide Parteien auf den Beinen waren, so blieb es sehr schwer, ohne Kopfstöße durchzukommen. Bald steckten sie die Oranienfarbene Kokarde auf, bald mußten sie dieselbe wieder abnehmen. Dicht vor dem Haag schrie das Volk Oranje boven und sang Wilhelmus van Nassauwen, und da sangen unsere Reisenden mit. Um Utrecht war das Geschrei: Vader Hooft boven, und alles sang den Utrechtschen Marsch, welches sich ziemlich bis Amsterdam erstreckte. Dahin kamen denn unsere Reisenden wohlbehalten an, doch unter fast stündlich verändertem Schreien und Singen und unter mancher Furcht vor Messern und Knütteln. In Amsterdam gab es viel zu tun. Der französische Negotiant ging den ganzen Tag in seinen Geschäften aus. Anselm aber hatte zu Hause alle Hände voll Arbeit, denn es waren täglich bis in den späten Abend Berichte und Briefe in Ziffern zu schreiben. Die Herren waren kaum acht Tage da, als Anselm, da Mylord eines Mittags guter Dinge schien und mit ihm schwatzte, auch sein bißchen Klugheit zeigen wollte; denn er war auf den Gedanken gekommen, es werde ihm bei seinem Herrn Gewicht geben, wenn er merken ließe, er wisse wohl, was dies oder jenes zu bedeuten habe. Mylord lächelte und sagte weiter nichts. Es war nach Tische noch ein starker Posttag. Erst nach ein Uhr nach Mitternacht ward Anselm beurlaubt, und Mylord blieb noch auf; denn er siegelte allemal die Briefe selber, machte die Adressen und gab sie auch selbst ab, wovon Anselm niemals etwas erfuhr. Anselm legte sich sehr ermüdet zu Bette und schlief daher länger als gewöhnlich. Sein Herr ließ ihn aber wecken, und er mußte unverzüglich in einer Mietskutsche nach einer entfernten Gegend der Stadt fahren, um ein Billett an jemand abzugeben, dessen Wohnung genau bezeichnet darauf stand. Dieser Mann war aber in der Gegend nicht auszufinden, und Anselm kam nach drei Stunden mit dem Billette zurück. Er war nicht wenig erstaunt zu vernehmen, Mylord habe im Hause alles bezahlt und sei fortgereiset. Da fiel ihm schwer auf, in seiner Klugheit gezeigt zu haben, daß er mehr wisse, als Mylord wollte wissen lassen. Es scheint aber, die in Amsterdam herrschende patriotische Partei hatte von dem Gewerbe des französischen Negotianten Nachricht erhalten oder doch starken Verdacht geschöpft, und Mylord hatte dieses vermutet; denn kaum konnte sich Anselm besinnen, als Papagoy, der Onder-Schout mit seinen Dienern ankam, sich nach dem fremden Negotianten etwas näher zu erkundigen. Da dieser nicht mehr zugegen war, nahm er unsern dicken Mann in Verhaft und bemächtigte sich seiner Papiere. Diese bestanden aber in nichts, als in seinen Gedichten, philosophischen Abhandlungen und Übersetzungen und schienen also selber von seiner Unschuld an politischen Angelegenheiten zu zeugen. Das Billett enthielt nichts als ein weißes Blatt. Dies schien zu verraten, sein Herr habe ihm selbst nicht getraut, da er ihn sich auf diese Art vom Halse geschafft hatte. Da er nun so klug war, mit einer unkategorischen Notlüge zu sagen, er habe bloß die Privatgeschäfte seines Herren zu verrichten gehabt, und weiter nichts auf ihn zu bringen stand, so ward er nach ein paar Tagen entlassen. So fand sich denn unser dicker Mann ganz vereinzelt in einer großen Stadt, wo er niemand kannte und nicht einmal die Landessprache recht verstand. Nach erhaltener Freiheit ging er ganz mechanisch die Gassen auf und nieder, ohne zu wissen, was er anfangen sollte. Er hatte freilich noch ein paar Guineen und Dukaten in der Tasche; aber wie lange konnten diese ausreichen, ihn zu unterhalten? Ganz trostlos wanderte er über Kolveniers Burgwall und die hohe Straße und blieb vor dem Rathause aus Neugierde stehen, wo ein großes Gedränge war und eine Menge Volks durcheinanderschrie. Es kam ein ehrwürdiger alter Mann, schwarz gekleidet, im hangenden Mantel, untersetzter Statur, mit einem Gesichte, worauf die Furchen des Alters und des Nachdenkens gegraben waren. Alles schrie: Hoeden af! (Hüte ab!) und schwenkte die Hüte. Unser dicker Mann war nur neugierig zu sehen, was vorging, richtete sich auf die Zehen und dachte nicht an den Hut. Mit einemmale bekam er einen Kopfstoß, daß er den Hut kaum wieder ergreifen konnte, und ein Matrose setzte ihm noch einmal die Faust ins Gesicht und schrie ihn an: »Ihr verdammter Oranien-Klant! wollt ihr wohl vor Vader Hooft den Deckel abnehmen?« Er entschuldigte sich, so gut er im gebrochnen Holländischen konnte, und hätte sich gern fortgemacht, aber das Gedränge war zu stark, als daß er seine Stelle verlassen konnte. Er währte nicht lange, so drängte sich wieder eine Menge Menschen vom Rathause her, und es entstand ein ziemliches Gemurmel unter den Umstehenden. Der Haufen wich nicht voneinander; aber die Justizdiener machten Platz. Ein andrer Mann von untersetzter Statur, gleichfalls in schwarzer Ratsherrntracht, mit rundem glattem Gesichte, gebogener Nase und feurigem Blicke, ging vom Rathause herab. Anselm stand in der Nähe, so daß er ihn gut sehen konnte, und fragte einen beistehenden: Wer der Herr wäre? Dieser antwortete: »Kennt ihr nicht den Bürgermeister Dedel?« Unser dicker Mann war nun unterrichtet und zog ehrerbietig seinen Hut vor dem Herrn ab. Sogleich schlugen drei oder vier Kerle ganz unbarmherzig auf ihn los und schrien: »Gy Oranje-Blixem, den Hoed op!« (Ihr Blitz-Oranischer den Hut auf!) Sie stießen allenthalben auf ihn los, und er entkam mit blutigem Gesichte kaum ihren Klauen. Anselm konnte wegen seiner empfangenen Wunden einige Tage nicht ausgehen. Nachdem er geheilt war, hatte die Gärung unter dem Volke noch mehr zugenommen. Er wollte ihr entfliehen, nur um nach Deutschland an einen ruhigem Ort zu kommen, ob er gleich nicht wußte, wohin er gehen und was er dort eigentlich anfangen sollte. Es war mit Gelde nicht sehr versehen, und da ihn die Not wirtschaftlich machte, hielt ers fürs Beste, seinen Koffer und übrigen Habseligkeiten an das Grenzpostamt zu Emmerich zu senden und zu Fuße dahin nachzuwandern, um sie dort abzufordern. Er ging fort. Aber außerhalb Amsterdam war auf dem platten Lande und in den kleinen Städten die Volksgährung noch viel ärger. Der bürgerliche Krieg fing an, mit größter Wut zu rasen. Die Patrioten waren wegen des annahenden Eindringens der Preußen in Alarm, welchen die Hoffnung auf die Franzosen, die immer schwächer ward, nicht dämpfen konnte. Beide Parteien waren dabei aufeinander äußerst erbittert. Wer kann die Faustschläge und Rippenstöße zählen, die unser armer dicker Mann, so vorsichtig er sich auch gern nehmen wollte, auszustehen hatte? Es war ihm unmöglich, der einen Partei nicht zu mißfallen, und immer recht zu wissen, von welcher Partei der war, mit welchem er redete. Er wußte fast nicht mehr, von welcher Seite er sich wenden sollte. Die Annäherung der Preußen setzte in den Provinzen Geldern und Utrecht alles in die größte Bewegung. Die Patrioten bewaffneten sich, um sie zu vertreiben. Es war eine bunte Masse von ungleichartigen Menschen und Waffen, die sich täglich vermehrte und die herzhaft schwor, alle Preußen zu vertilgen. Unser dicker Mann konnte nicht weiter; er ward in dem Städtchen Wyk de Duurstede gezwungen, sich als patriotischer Soldat anwerben zu lassen. Täglich ward exerziert; und der Mut wuchs täglich. Man malte Bildnisse von preußischen Husaren auf ein Brett, wonach die Rekruten schießen lernten. Das Feuern währte etwa vierzehn Tage, in welchen Anselm alle Beschwerlichkeiten des Kriegsstandes erduldete. Wenn er den Tag über exerziert hatte, mußte er in der Nacht Schildwache stehen. Da hatte er in den heitern Sommernächten Muße genug, seinem Elende nachzudenken. Bald kam ihm eine Portion spekulativer Philosophie ein, bald irgendein chimärischer Plan, sich in einen bessern Zustand zu versetzen. Von beiden schlecht getröstet, wollte er beinahe verzweifeln. Aber was halfen ihm alle Verwünschungen seines Leichtsinns! Da er hier so von aller Welt verlassen stand, fiel ihm seines Vaters Prophezeiung ein: es werde, wenn er glaube, gegen andere keine Pflichten zu haben, eine Zeit kommen, wo sich niemand um ihn bekümmere; und jetzt sah er dies in Erfüllung gehen. Doch ward er bald erlöset. Die Preußen kamen näher. An einem Morgen vor Sonnenaufgange standen sie vor den Toren. Anselm hatte kaum Zeit, Gewehr und Patronentasche wegzuwerfen, so waren sie schon eingedrungen. Aber da unser dicker Mann, so wie die meisten patriotischen Soldaten, nicht in Uniform ging; so war er gleich in seinen Zivilstand restituiert. Man bemerkte ihn nicht, und als ein Deutscher war er noch weniger verdächtig. Er ging, um dem Getümmel zu entkommen, zum Tore hinaus; aber bald geriet er in neue Gefahr. Ein kleiner Trupp Patrioten, der in einem benachbarten Gehölze versteckt gelegen hatte, fiel nach Nachtrab der Preußen an. Unser guter dicker Mann wäre beinahe mitten ins Scharmützel gekommen und konnte sich kaum hinter einer geschnittenen Hecke verbergen. Als gegen Mittag alles ruhig ward, kroch er hervor und ging weiter. Er fand am Wege einen in der Schulter verwundeten preußischen Soldaten liegen, der sich ziemlich verblutet hatte und in der Hitze schmachtete. Unser gutmütiger dicker Mann brauchte sein bißchen chirurgische Wissenschaft; er wusch die Wunden mit Branntwein, den der Soldat bei sich hatte, verband sie, so gut er konnte, und fand endlich Mittel, ihn nach dem nächsten Dorfe tragen zu helfen, wo noch ein paar Soldaten lagen, denen er gleiche Hilfe leistete. Endlich kam ein Regimentschirurgus hinzu, der seinen menschenfreundlichen Eifer lobte; und da eben einige Wagen nach Kranenberg zurückgeschickt wurden, um Bedürfnisse für die Armee nachzuholen, so veranstaltete der Chirurgus, daß unser dicker Mann mit diesem Transporte bis dahin fahren konnte. Fünfundzwanzigster Abschnitt Fröhliches Unglück und trauriges Glück Anselm ging nun zu Fuße nach Emmerich. Durch das Postgeld für seinen Koffer aus Amsterdam war seine Barschaft ziemlich erschöpft. Er suchte eine wohlfeile Schlafstelle und fand sie endlich in einem abgelegenen Gäßchen. Hier sann er über seinen trostlosen Zustand nach. Er hätte jetzt gern die Praxis der Arzneiwissenschaft auch bei den geringsten Leuten angefangen, aber das in den preußischen Landen geltende Gesetz, daß ein Arzt in der Hauptstadt erst einen anatomischen Kursus machen mußte, legte ihm unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg. Er konnte gar keine andere Aussicht finden, sein letzter Stüber war aufgezehrt. Er hatte hier nicht zu leben und auch kein Geld zur Reise. Er ward täglich tiefsinniger und geriet beinahe in völlige Schwermut. In diesem traurigen Zustande ließ ihn aber sein Wirt nicht lange. Dies war ein Musikant, der alle Sonntage, und wann Hochzeiten oder Kirchweihen vorfielen auch an Wochentagen, die Beine der umliegenden Dorfschaften in Bewegung brachte; ein lustiger Kerl, der wöchentlich ungefähr verzehrte, was er verdiente, nicht eben für die Zukunft sorgte und immer zufrieden war. Dieser predigte seinem trostlosen Hausgenossen den Satz: Man müsse nie verzagen, aber auch jederzeit sich in seine Lage schicken. Anselm, mit einem Seufzer über seinen vorigen glücklichen Zustand, versprach, sich gern in alles zu schicken, aber, setzte er hinzu, er müsse wohl verzagen, weil er gar keine Aussicht habe. Indem entdeckte der Hauswirt im Gespräche, daß unser dicker Mann ein wenig auf der Violine spielen konnte, und sogleich tat er ihm den Vorschlag, sich zu der Musikantenbande zu gesellen. Anselm stutzte; aber es war nicht auszuschlagen. Er fand, das geringste praktische Talent könne zuweilen nützlich sein. Sein bißchen Musik diente ihm doch zu etwas, da ihn sogar seine so gründliche theoretische Philosophie verließ. Es ward unserm dicken Manne, wie es dem jüngsten Musikanten gehört, eine Baßgeige an einem ledernen Bande über die Schulter gehangen; und so wanderten sie von Dorfe zu Dorfe. Sein voriger Zustand fiel ihm oft bitter in die Gedanken. Aber sein Hauswirt wiederholte ihm so oft, man müsse sich in das schicken, was nicht zu ändern ist, daß diese Lehre endlich Frucht zu bringen begann. Der heitere Anblick des gesegneten Landes, die rohe Fröhlichkeit, die er mit erregen half, und die sorgenlose Zufriedenheit seiner Kameraden wirkten nach und nach auf ihn. In diesem niedrigen Zustande vermochte er es zum erstenmale über sich, genügsam zu sein und ein unvermeidliches Schicksal geruhig zu ertragen; und so verlebte er, durch Zufriedenheit bei sehr geringem Auskommen, frohere Stunden, als er selbst je für möglich gehalten hätte. Mit dem Frohsinne unsers dicken Mannes erwachte aber auch wieder seine lebhafte Einbildungskraft; und diese, die ihm schon so manche schlimmen Streiche gespielt hatte, unterbrach den Frohsinn, durch den sie selbst war erweckt worden. Anselm konnte nichts ruhig betrachten. Er sah täglich die muntern klevischen Bauerndirnen um sich hertanzen, eben nicht schön, aber gesund, froh und anstellig. Dies brachte ihm wieder die Bilder aller hübschen Mädchen vor, die er gesehen hatte. Hierauf stellte sich ihm das Bild Sophiens, der ersten Gespielin seiner Jugend, lebhaft dar. Er rief die Jahre jugendlicher schuldloser Zuneigung in Gedanken zurück. Jetzt sah er ein, wie glücklich er durch sie hätte werden können, wenn er damals nicht törichter Weise vergängliche äußere Schönheit wahrem innern Werte vorgezogen hätte. Seine Reue ward um desto bitterer, wenn er bedachte, daß er auch sie vermutlich unglücklich gemacht habe; denn ihm war wohl bewußt, daß ihr Mann, ein trockner ungebildeter Kaufmann, nur für Geld und dessen Erwerbung Sinn hatte. Dies faßte ihn schrecklich. Er verwünschte seine Undankbarkeit und fing an, sich als einen verworfenen Menschen zu betrachten, der Ursache geworden, das Leben der edelsten Seele zu verbittern. Dieser Gedanke vergällte ihm selbst die kleinen Freuden seines niedrigen Standes. Unglücklicher Weise hatte er auf der Hochzeit eines ungleichen Paares mit aufzuwarten. Die Niedergeschlagenheit der Braut stellte ihm Sophiens Zustand lebhaft vor. Er geriet darüber abermals in Traurigkeit, vergaß seinen guten Spruch: daß man sich in seine Lage schicken müsse, schwor, nie eine Hochzeit wieder zu sehen, und trennte sich ohne weitere Überlegung von seiner musikalischen Gesellschaft, ob er gleich gar keine andere Aussicht hatte. Sein Hauswirt, der solche feinen Empfindungen nicht fassen konnte, schalt ihn einen Narren. Weil er aber meinte, man müsse auch allenfalls einem Narren forthelfen, so verließ er ihn nicht ganz. Anselm hatte in seiner Jugend eine gute Hand schreiben lernen. Durch diese von ihm sonst verachtete Geschicklichkeit hatte er schon hin und wieder als Abschreiber etwas verdient. Sein Wirt verschaffte ihm in den Häusern einiger Bürger Stunden zum Unterrichte im Schreiben und Rechnen. Er bekam sogar in einer der dortigen kleinen Manufakturen von leichten Zeugen, die Bücher zu führen. Hierdurch nährte er sich, freilich sehr dürftig; doch hatte er Gelegenheit die wichtige Lehre, sich in seine Lage zu schicken, recht praktisch zu üben. Er tat es und entsagte noch einmal den Bildern seiner Einbildungskraft und seinen Plänen. Nur das Andenken an seine Sophie war zu lebhaft geworden, als daß es ausgetilgt werden konnte, und es gewährte ihm oft in einsamen Stunden ein obgleich mit Wehmut vermischtes Vergnügen. Es lebte damals in der Nachbarschaft, und lebt vielleicht noch, eine Originalfamilie von zwei einzelnen Leuten: Bruder und Schwester, nebst sechs Katzen, die ganz notwendig zur Familie gehörten. Der Bruder, Meister Ulrich Derb, war ein Lohgerber, ein gesunder und reicher Mann, und was noch mehr ist, ein Dichter, der alle gereimten Dichtungsarten, vom Alexandriner bis zur vierzeiligen Strophe, versucht hatte. Seine Schwester, Jungfer Ursula Derb, damals in ihrem einundvierzigsten Jahre, war ziemlich hager und langnasig, hatte etwas dürre Wangen und Hände und liebte außer ihrem Bruder, dem sie durch öfteres zänkisches Zurechtweisen ihre Liebe bezeugte, nichts als sich selbst, ihre Katzen und ihre Verse; denn auch sie war eine Dichterin. Aber sie machte bloß Hexameter, indem sie, selbst sehr feierlich, nur fürs Feierliche Sinn hatte. Ihre Gedichte handelten hauptsächlich vom Tode, von der Unsterblichkeit der Seele und von der künftigen Welt. Von der jetzigen Welt hielt sie nicht viel, welches ihr die jetzige Welt auch reichlich erwiderte. Sie war sehr ernsthaft und keusch, daher kamen verliebte Gedanken nie in ihren Sinn. Auch von Geselligkeit hielt sie wenig; denn sie fand in Emmerich niemand ihrer Gesellschaft wert, lebte also bloß sich selbst, ihren hohen Gedanken und ihren Katzen. Nur alsdann ward sie etwas human, wenn jemand sich ihre Verse wollte vorlesen lassen, welches Vergnügen sie aber selten genießen konnte. Da sie nun, ein wenig Schnarren ausgenommen, wegen des hohlen Tons ihrer Stimme ein großes Talent zur Deklamation besaß, so brachte sie täglich ein paar Stunden zu, ihre Verse und ihres Bruders Reime ihren Katzen vorzudeklamieren. Diese poetische Familie hatte eine Tugend, die nicht allen Dichtern eigen ist: sie ließ ihre Gedichte nicht drucken, sondern widmete dieselben nur sich selbst und ein paar auserlesenen Seelen. Indes wollte Jungfer Ursula doch für die Nachwelt sorgen. Sie hatte ihre eigenen Gedichte in einer gewissen Ordnung gesammelt und wünschte, sie nun ins Reine geschrieben zu sehen. Zu diesem Behufe warf sie ihre Augen auf unsern Anselm, von dem seine schöne Handschrift, und daß er eine Art von Gelehrten sei, endlich in der Stadt ziemlich war bekannt geworden. Jedoch wollte sie, da ihr Naturell sie zu einigem Mißtrauen stimmte, ihn erst probieren. Sie las ihm einige Gedichte vor. Er war schon genugsam gedemütigt, um mit Klugheit zu schweigen. Sie ließ ihn auch ihr ein paar Gedichte vorlesen und war mit seinem Vortrage zufrieden, weil er sie, wie sie sagte verstände. Nun ging er an das große Werk, die Gedichte abzuschreiben, auf dem schönsten großen Papiere, welches die erhabene Ursula eigenhändig mit rosenroter Seide zusammenheftete. Seine deutliche Handschrift fand den Beifall der Dichterin, zumal da er den Gedichten noch unvermerkt die zufällige Zierde einer richtigen Orthographie gab. Er arbeitete an dieser Abschrift täglich einige Stunden in dem Hause und unter der unmittelbaren Aufsicht der Jungfer Ursula, welche ihre Gedichte unter keiner Bedingung fremden Händen würde anvertraut haben. Je mehr die Abschrift fortrückte, je mehr ward die Dichterin entzückt, die Kinder ihres Geistes in so schöner Gestalt zu erblicken. Sie hatte eine Vorsicht gebraucht, an welche nicht alle Dichter denken, nämlich ihre schönsten Sachen in die letzten Bände zu sparen, damit jeder Band am Werte zunähme. Als daher unser dicker Mann anfing, unter ihren Augen das siebente Rieß Papier zu beschreiben, gefielen ihr selbst die Gedichte so außerordentlich wohl, daß sie ihm oft das Papier aus der Hand nahm, um ihm ihre Gedichte mit lauter Stimme vorzulesen. Er war klug genug, nicht nur zu schweigen, sondern auch zuweilen ihr Beifall zuzulächeln, zuweilen sie mit Worten zu loben. Dies gefiel ihr sehr wohl; denn sie hatte seit langer Zeit nicht so angenehme Stunden genossen. Sie fing nun an, unserm dicken Manne viel freundlicher als sonst zu begegnen; und da er auch vor ihren Katzen Gnade fand, welche während ihres Deklamierens auf seinen Schoß sprangen und sich von ihm streicheln ließen, so ward ihr Herz erweicht; und die Freude über die schön geschriebene Sammlung ihrer Gedichte, wovon der Buchbinder ihr einen Band nach dem andern prächtig gebunden mit vergoldetem Schnitte vorlegte, gab dieser erhabenen Verfasserin eine Munterkeit, die man sonst an ihr nie war gewahr geworden. Unser Anselm hingegen ward alle Tage nachsinnender und trauriger. Entweder mochten ihm die vielen hochtönenden Hexameter der Jungfer Ursula eine Indigestion des Geistes zugezogen haben, oder vielmehr erregte die jetzt immer lebhafter werdende Reue, durch seinen ehemaligen Leichtsinn Sophien verloren zu haben, in ihm sehr schwermütige Gedanken. Eines Tages, als er sich nichts Arges versah und eben bei der Jungfer Ursula eintreten wollte, um in dem Tagwerke seines Abschreibens fortzufahren, nötigte ihn Meister Derb in seine Stube, und nach einem kurzen Eingange trug er ihm seine Schwester, auf Verlangen derselben, zur Ehehälfte an. Unser guter dicker Mann stutzte ein wenig; denn der Vorschlag kam ihm ganz unerwartet. Seine Einbildungskraft war immer angespannt, wenn er nicht unmittelbar in Verlegenheit war. Durch Empfindung des Unglücks oder unangenehmer sinnlicher Eindrücke, die er Unglück nannte, ward sie gleich abgespannt, weil er unmittelbar unangenehme Empfindungen nicht vertragen mochte; in dieser Abspannung konnten einige ruhige Gedanken oder gute Entschlüsse Raum finden, wodurch er sich dann einbildete, in ein philosophisches Gleichgewicht des Geistes gekommen zu sein. Kaum aber waren seine unmittelbar unangenehmen Empfindungen ausgelöscht, so war das Gleichgewicht verloren. Seine angespannten Ideen kamen wieder; er brütete darüber, und fand sich glücklich darin. Er hatte die vergangene Nacht schlaflos zugebracht in Gedanken an Sophiens Schicksal, das er für unglücklich halten mußte. Er hatte sich selbst als die Ursache davon verwünscht, und in dieser Selbsterkenntnis eine traurige Zufriedenheit mit sich empfunden. Schnell fiel ihm jetzt ein, sich selbst dafür, daß er ehemals Sophiens Hand verschmäht hatte, zu strafen, indem er die Hand der Jungfer Ursula annähme. Diese Gesinnung schien ihm so edel, daß er sogleich, nach ganz kurzem Bedenken, Ja! sagte und in wenigen Tagen mit der langnasigen Poetin verbunden ward. Schwer war freilich die Prüfung, die er sich auferlegte. Wäre er nicht ein so ausgemachter Feind aller geheimen Philosophien gewesen, so hätte er aus der Chiromantie des Johann Baptist Porta lernen können, wie gefährlich eine alte Jungfer ist, die in der rechten Hand eine lange Tischlinie hat und mehr als eine Katze hält. Er fand nach wenigen Wochen, daß er sich allzuhart gestraft hatte. Den ganzen Tag sausete sein Kopf von den Reimen seines Schwagers, die wie Schellen in seine Ohren klingelten, und von den reimfreien Versen seiner Frau, die, wie Virgils Pferd mit vierfüßigem Schalle das mürbe Land, seine Ohren mit fünf- und sechsfüßigem Laute mürbe stampften. Dazu hatte er noch seiner hagern Poetin beständige Aussichten in die Ewigkeit zu ertragen, ohne die geringste Aussicht, daß sie selbst dorthin übergehen möchte. Schleppende Reime, hinkende Hexameter und springende Katzen waren seine tägliche Gesellschaft. Dabei hörte er immerfort kreischende Deklamation von Hexametern, die ihm wie Zank in die Ohren gellte. Und auch der wirkliche Zank seiner lieben Ehehälfte ward im höchsten Tone der Deklamation herausgewürgt; denn diese erhabene Dichterin verlor niemals ihren feierlichen Anstand, selbst alsdann nicht, wenn sie in die größte Heftigkeit geriet. Glücklich war es für unsern armen dicken Mann, daß die Person, durch deren Verbindung er sich wegen des Leichtsinns seiner Jugend hatte strafen wollen, eine Bürgerin der preußischen Staaten war. In jedem andern Lande hätte sie ihn totzanken und totdeklamieren dürfen. Hier aber konnte er durch eine gänzliche Scheidung wenigstens sein Leben erhalten. In Ländern, wo der Tridentinische Kirchenrat gilt und die Unauflöslichkeit der Ehen nach den Begriffen eheloser Priester abgemessen wird, würde man ihn höchstens vom Tische und Bette geschieden haben. Dies hätte ihm wenig geholfen; denn er hatte sich schon selbst davon geschieden, weil es in beiden nicht auszuhalten war. Sogar die Gardinenpredigten seiner Ursula hatten den Ton hoher pindarischer Oden und rollten, wie ein uferüberströmender Fluß, aus tiefem Gaumen mit unaufhaltbarem Sturze daher. Glücklicher Weise hatte seine freiwillige Trennung der Frau Ursula Mißvergnügen aufs höchste gebracht. Als er daher auf die Ehescheidung klagte, willigte sie sogleich ein, und er ward erlöset. Sechsundzwanzigster Abschnitt Angenehme Wasserreise. Aussicht zu ländlichem Leben in ruhiger Genügsamkeit Anselm schöpfte Luft, nachdem ihm das Joch seines zweiten Ehestandes abgenommen war; aber das Joch der Armut lag schwer auf ihm. Der Ehescheidungsprozeß kostete beinahe die Hälfte seiner kleinen Barschaft, und die andere Hälfte war verzehrt, ehe er sich entschließen konnte, was nun anzufangen sei. Nach vielen vergeblichen Betrachtungen ward er endlich mit sich einig, bei seinem Freunde Philipp Hilfe zu suchen. Es kostete seinem Stolze nicht wenig, dies über sich zu gewinnen; das Elend ist aber ein sehr wirksamer Lehrer. Er sah bei einem Spaziergange am Ufer des Rheins ein Schiff anlegen, mit Waren aus Holland nach Köln befrachtet. Er dung sich sogleich auf dasselbe für ein Weniges ein. Den folgenden Tag fuhr er fröhlich ab. Der Himmel war heiter. Die herrlichen Rheinufer erfüllten seinen Geist mit frohen Bildern. Seine Hoffnung lebte wieder auf. Die Wasserreise schien ihm eine angenehme Lustfahrt; am Ende derselben sah er die fruchtbaren Gegenden des Wippertals schon in Gedanken vor sich, wo er in die Arme seines treuen Freundes Philipp eilen wollte; und nun lebten die jovialischen Hoffnungen auf die Zukunft wieder in seiner Seele auf. Es gewannen jedoch die Sachen schon den folgenden Tag ein anderes Ansehen und die folgenden noch mehr. Das Schiff war klein und voll. Einen Platz im Roef konnte er nicht bezahlen. Unter dem Verdecke war bei dem engen Raume und der Anzahl von Menschen kaum auszuhalten. Er brachte also die Nächte, welche schon sehr kalt waren, auf dem Verdecke unter freiem Himmel zu. Am Tage mußte er sich unter dem rohen Schiffsvolke herumtreiben. Bei Stürmen und widrigen Winden, welche anfingen, sich zu zeigen, mutete man ihm zu, mit Hand anzulegen, zur Regierung des Schiffes. Fast täglich ward bei den vielen Zollstätten Zeit versäumt. Die Reise zog sich in die Länge; und Anselm fing an, derselben und beinahe seines Lebens überdrüssig zu werden, weil jeder unangenehme sinnliche Eindruck, dergleich er nie hatte wollen ertragen lernen, sofort alle seine Hoffnungen austilgte. Die Schiffer haben immer allerhand Ursachen, unterwegs anzuhalten, welche sich auf das edle Geschäft der Konterbande beziehen. Durch die hohen Rheinzölle ist dies Geschäft einträglich geworden und sehr empor gebracht; denn nun ist es der Mühe wert, etwas zu verheimlichen. Dieses Geschäfts wegen machte auch der Schiffer auf zwölf Stunden Rasttag an einem Orte im Herzogtume Berg zwischen Düsseldorf und Köln, wo das mit Sträuchern bewachsene hohe Ufer seinen Absichten bequem war, weshalb er seine Abnehmer dahin bestellt hatte. Anselm, des Schiffs herzlich müde, wollte an dem heitern Tage der schönen Luft genießen und ging voll schwermütigen Nachsinnens etwas ins Land hinein. Er kam bis in ein Dorf. Eben begegnete er einem Leichenzuge; man trug ein junges Mädchen zu Grabe. Dies stimmte zu seinen eignen melancholischen Gedanken. Er folgte dem Zuge bis auf den Kirchhof. Hier hörte er den dumpfen Ton der auf den Sarg fallenden Erde und wünschte in dem Augenblicke, er würde auch versenkt. Er blieb gedankenvoll am Grabe stehen, da der Leichenzug schon auseinander gegangen war. Endlich bot ihm der Küster die Hand und redete ihn an. Beide wußten nicht, ob sie ihren Augen trauen sollten. Der Küster war eben der verwundete preußische Soldat, dessen Wunden Anselm unweit Wyk de Duurstede verbunden hatte. Dieser Soldat war aus Rekahn gebürtig und nach der dortigen vortrefflichen Methode unterwiesen worden, welche den Verstand der Bauernkinder aufklärt, ihr Herz bessert und sie zugleich noch tüchtiger macht, das zu werden, wozu sie geboren sind, gute Bauern und gute Soldaten. Nach Heilung seiner Wunden war er wegen seines steif gewordenen linken Armes für invalide erklärt und nach Wesel transportiert worden. Eben damals hielt sich der Prediger dieses Dorfes wegen des Rechtshandels eines seiner armen Kirchkinder einige Wochen in Wesel auf und lernte zufälliger Weise den Invaliden kennen. Der Prediger war einer von den edlen Männern, die im Stillen Gutes tun. Besonders hatte er, vom Anfange seines Amtes an, sich der Verbesserung der Schule angenommen; nur fehlte es ihm bis dahin an einem brauchbaren Schulmeister. Er freute sich also sehr, da eben diese Stelle vakant war, einen Zögling aus einer so berühmten Schule aufzufinden, zumal da er an ihm nach einiger Unterhaltung eine vorzügliche Gabe entdeckte, seine Kenntnisse der Jugend mitzuteilen. Er bewog ihn daher, die Stelle eines Schulmeisters und Küsters auf seinem Dorfe anzunehmen. Der Schulmeister empfahl seinem Pastor unsern dicken Mann als seinen Retter, der mit edler Gastfreiheit aufgenommen ward. Die wenigen Sachen holte man vom Schiffe, und Anselm ging mit nach des Pastors Amtswohnung. Es war eine kleine verfallene Hütte, entblößt auch von den gemeinsten Bequemlichkeiten, welche Anselm bisher zum Genusse des Lebens für durchaus notwendig gehalten hatte. Niedrige Türen, Fenster, welche kaum das Tageslicht einließen, nackte, hin und wieder beschädigte Wände, baufällige Treppe und Fußböden, Mobilien von gemeiner Art, bloß zum Gebrauche, ohne alle Zierlichkeit oder gesuchte Gemächlichkeit. Anselm, ins Haus tretend, erstaunte nicht wenig über diesen armseligen Anblick; aber noch mehr erstaunte er, als er, ins Wohnzimmer tretend, die Gattin des Predigers erblickte, eine Frau, ganz simpel und ländlich gekleidet, aber in der höchsten Blüte der Schönheit und Gesundheit. Dem Schönheitsspäher Anselm fiel diese edle Frau um so mehr auf, da er seine geschiedene Ursula nebst ihren Katzen noch immer lebhaft in der Einbildungskraft vor sich sah. Aber noch mehr nahm sein Erstaunen zu, als er diese schöne Frau näher kennenlernte und fand, daß ihre körperlichen Eigenschaften von ihren geistigen übertroffen wurden, so glänzend auch jene waren. Sie besaß Verstand und Anmut, war sittsam und gutherzig, hatte eine feine Erziehung genossen und sowohl Kenntnisse als Eigenschaften erlangt, mit denen sie in der besten Gesellschaft in der Stadt hätte glänzen können. Sie tat aber auf alle Ansprüche Verzicht, um ihren Mann glücklich zu machen, und war glücklich durch ihn. Unter diesem verfallenen Strohdache wohnte Zufriedenheit und wahrer Lebensgenuß. Das weise Paar hatte allen überflüssigen Bedürfnissen freiwillig entsagt. Erst, nachdem diese Entäußerung zur Fertigkeit geworden und dadurch nicht mehr beschwerlich war, ging ihr edelster Genuß an. Sie verlangten nur das, was den Körper unterhalten und stärken und den Geist aufheitern kann. Aber was diese wünschenswürdigen Bedürfnisse befriedigen konnte, mangelte nie und ward auch mit froher Unbefangenheit ihrem Gaste Anselm mitgeteilt. Reinlichkeit und Ordnung herrschten im ganzen Hauswesen. Anselm fühlte, daß beide den simpelsten Gegenständen eine Annehmlichkeit gaben, welche der unordentlichen Wirtschaft des Herrn von Reitheim durch Prunk und Aufputz nicht hatte gegeben werden können. Das ganze Leben dieses glücklichen Paars war ununterbrochener Genuß; denn Wohlwollen und Vernunft regierten denselben, und weise Enthaltsamkeit machte, daß er nie in Überdruß ausarten konnte. Ihre frugalen Mahlzeiten wurden durch verständige und heitere Unterhaltungen schmackhaft gemacht; dabei konnten sie leicht Indiens teure Gewürze entbehren. Anselm, der alles versucht hatte, was der Luxus zum Lebensgenusse darbietet, der nirgend dauernden Genuß hatte finden können, fand jetzt erst bei der einfachsten ländlichen Kost einen Genuß, den kein schwelgerisches Mahl geben kann, und fühlte jetzt erst lebhaft, man müsse, um glücklich zu werden, nicht Vergnügen von außen suchen, sondern es in sich finden, aber auch eines so edlen Vergnügens würdig sein. Der Prediger und seine Gattin waren unermüdet in Beobachtung ihrer Pflichten und setzten ihnen alle, sogar die unschuldigsten, Vergnügungen nach. Anselm hatte über das moralische Prinzipium der Pflicht viel Worte gemacht; aber er konnte sich, in Vergleichung mit diesem edlen Paare, selbst nicht verhehlen, daß er seine Pflichten durch dies Prinzip nicht besser ausgeübt hatte. Der Prediger war der Vater, der Berater, der Arzt aller seiner Kirchkinder. Mit dem mäßigsten Einkommen wußte er durch eigene Entäußerung und Frugalität Mittel zu finden, vielen Notleidenden ein Helfer zu sein. Anselm schlug an seine Brust. Er sagte sich selbst, daß er im besten Wohlstande und bei vielen zwecklosen Ausgaben nicht einmal so viel zum Besten anderer getan hatte, als dieser arme Landgeistliche, und schämte sich zum ersten Male seines Egoismus. Hier in dieser ländlichen Hütte sah unser guter Anselm zuerst das wahre häusliche Glück, wonach er so lange vergeblich gestrebt hatte. Er sah es hier aus wechselseitiger herzlicher Zuneigung und aus Wohltun mit vereinigten Kräften entstehen. Hier legte er auch den ersten Grund zur wahren Selbsterkenntnis, indem er fühlte, er habe den echten Lebensgenuß durch eigene Schuld verfehlt und Zerstreuung sei nicht Lebensgenuß. Hier entstand bei ihm der erste deutliche Begriff vom Unterschiede zwischen einer dürren theoretischen und einer fürs menschliche Leben brauchbaren praktischen Philosophie, und er sagte sich nun selbst, er sei bisher ein elender Philosoph gewesen. Dies war an sich sehr gut; denn seine Torheit zu erkennen, ist der erste Schritt der Weisheit. Aber die lebhafte Einbildungskraft unsers guten dicken Mannes spielte ihm abermal einen schlimmen Streich. Sie trabte, wie gewöhnlich, vor seinem Verstande her und bildete ihm ein, ein kleiner Anfang von Klugheit sei schon die höchste Stufe derselben. Sie bildete ihm ein, den ausbündigen Lebensgenuß, den er vor sich sah, könne er sich auch gar leicht verschaffen, wobei er denn freilich nicht daran dachte, ob er schon die Genügsamkeit und die Seelenruhe besäße, welche den Geist allein zu einem so edlen Genusse fähig machen. Es ergriff ihn mit einemmale ein ganz enthusiastischer Trieb zum Landleben. Ehrgeiz war nie in ihm gewesen, sondern nur heißes Verlangen nach Lebensgenuß und Lebensglück. Hier, glaubte er, oder nirgend müsse es zu finden sein. Er machte sich abermal einen gar schönen Plan, bei dem sich, seiner Meinung nach, Philosophie, Entäußerung und Genügsamkeit vereinigten. Er wollte nun ein Dorfschulmeister werden, nach der Rochowschen Art. Da er immer Kinder geliebt hatte, so machte er sich die süßesten Ideen von den Vergnügen, junge Herzen bilden zu können. Dabei wiegte er sich mit dem reizenden Gedanken, in den Armen eines edlen Weibes, welche das Weib seines Herzens werden sollte, häusliches Glück im höchsten Maße zu genießen. Diese seine künftige Gattin sollte völlig der schönen Frau Pastorin gleichen, die dem Geiste und dem Körper nach das höchste Ideal erfüllte, das er sich nunmehr von einem vollkommenen Weibe machte. Ganz verließ ihn dabei die gute Meinung von sich selbst nicht, die ihm schon so oft in seinem Leben angenehme Stunden gemacht und so oft irre geleitet hatte. Er schmeichelte sich, wenn er die Schule in diesem Dorfe durch seine Klugheit verbesserte, nicht allein in einem sehr vorteilhaften Lichte zu erscheinen, sondern auch, wenn er einige Landschulen, auf die Art wie er sich vorstellte, zu sehr großer Vollkommenheit werde gebracht haben, die Aufmerksamkeit der Staatsmänner zu erregen; und er weissagte sich in Gedanken, wo nicht eine Revolution in der Erziehungsart der Jugend in ganzen Ländern, doch eine sehr günstige Revolution seines eigenen Zustandes als nächstbevorstehend. Durch alles dieses aufgemuntert, fing er gleich an, dem Küster in der Schularbeit beizustehen. Da zeigte sich aber bald, ohne daß er selbst es merkte, daß es ihm ganz an Talenten fehlte, die Rekahnsche Lehrmethode, die er für so leicht angesehen hatte, zweckmäßig auszuführen. Er hatte weder Geduld, sich in die Kinder zu schicken, noch die Gabe der Faßlichkeit. Sein zur andern Natur gewordenes lebhaftes Wesen führte ihn immer über den Zweck hinweg, den er erreichen wollte; und es fehlte ihm an der Beurteilungskraft, sich auf das einzuschränken, was sich für Bauernkinder schickt. Anstatt der simpeln und zweckmäßigen Rekahnschen Lehrart fing er an, alle Fratzen anzuwenden, die ihm noch aus dem Philanthropin zu Horbock im Sinne waren. Er lehrte die Bauernjungen, wie er war gelehrt worden, über Stöcke springen; er wollte ihre Aufmerksamkeit durch Spielwerke erregen; er wollte sie durch Ehrbegierde zu bessern Menschen ziehen und brachte in die Schule eine Meritentafel mit gelben Nägeln. Er schwatzte den Bauernkinder viel vor, von Geographie, von Naturlehre und wer weiß, wovon sonst. Kurz, er brachte in vierzehn Tagen die Schule dermaßen in Unordnung, daß der vernünftige Schulmeister, dessen Widerspruch nichts fruchtete, weil Anselm so sehr beredt war, sich sehr darüber betrübte. Aber der Prediger, der nebst andern Gaben die Gabe der Aufrichtigkeit besaß, sagte unserm dicken Manne gerade heraus: Es fehle ihm an aller Geschicklichkeit zu einem guten Landschulmeister. Dies war nun freilich sehr demütigend für einen Menschen, der die Platonische und die Leibnitzische und die Kantische Philosophie vollkommen verstand, und sich, nach reifer Einsicht der Fehler aller dieser Philosophien, ganz kürzlich eine neue erdacht hatte, wovon er gewiß glaubte, sie werde ihn zu allen Dingen, wozu er sich ohnedies schon viel Geschicklichkeit zutraute, noch viel geschickter machen. Die Bitte des Pastors an ihn, sich ferner nicht mit der Schule zu bemühen, setzte unsern dicken Mann noch in eine andere Verlegenheit. Seine neue Laufbahn war ihm angenehm gewesen, auch hatte er sich, wie schon bemerkt, ganz insgeheim geschmeichelt, durch dieselbe zu gefallen. Da das schöne Geschlecht immer der Polarstern war, wonach er seinen Lauf richtete: so hoffte er, durch das neue Leben, das er in die Schule bringen wollte, den Beifall der anmutsvollen und klugen Frau zu erhalten, die er für den Abdruck aller Vollkommenheiten seines künftigen eigenen lieben Weibes ansah. Er machte sie daher zur Richterin über seine neue Schulerfindung. Aber auch hier ward seine Eitelkeit beschämt. Sie zeigte ihm mit soviel Sanftmut als Nachdrucke: Arbeitsamkeit, Gehorsam und Wohlwollen könnten allein nur das Glück eines jeden Menschen, besonders aber der Bauern befestigen, und die Bildung hierzu müsse der Hauptzweck der Erziehung sein. Sie bewies ihm mit unwiderleglichen Gründen, man mache Bauernkinder unglücklich, wenn man sie Sachen lehre, wodurch sie zerstreut und aus ihrem Stande hinausgeführt würden. Sie setzte lächelnd hinzu: »Nachdem, was Sie mir von Ihrer Lebensgeschichte erzählt haben, scheint es beinahe, es sei Ihnen selbst die Lebhaftigkeit und Zerstreuung, wozu Sie die Bauernkinder anführen wollten, in manchen Vorfällen Ihres Lebens schädlich gewesen. Folgsamkeit und Stetigkeit, welche unser Schulmeister durch seinen Unterricht zu befördern sucht, würden Sie selbst auf eine viel glücklichere Bahn des Lebens geführt haben.« Sie überreichte ihm des Herrn von Rochow Katechismus der gesunden Vernunft und versicherte, als ihre Meinung, er werde aus diesem kleinen Büchlein mehr Wahrheit und gesunde Philosophie lernen, als aus allen Untersuchungen über die Verstandeswelt und Sinnenwelt und über das reine Prinzipium der Moral, womit er sie oft sehr freigebig unterhalten hatte. Unser dicker Mann fiel nun von seiner Höhe herunter. Er sah abermal: seine vermeinte Philosophie, seine vermeinte Entäußerung möchte wohl selbst noch Prätension sein! Dies konnte er, bei reiferm Nachdenken, sich nicht ganz verbergen, so wenig, als daß er durch den Katechismus der gesunden Vernunft auf einem viel kürzern Wege ein klügerer und verständigerer Mensch hätte werden können, als durch die transzendentalen Prinzipe der Urteilskraft. Er hatte bisher vermeint, nachdem er diese wohl gefaßt hatte, gewiß alle Vorfälle viel richtiger beurteilen und dadurch viel klüger handeln zu können, als diejenigen, welchen so gesegnete Prinzipe nicht gefallen wollten. Er hatte es bisher für Anmaßung dieser unwissenden Klüglinge gehalten, »die Vernunft in dem, worin sie ihr höchste Ehre setzt, durch« – das elende Ding – »die Erfahrung reformieren zu wollen«. Er fing aber an zu merken, es möchten wohl diese neuen Prinzipe praktisch nicht füglich anzuwenden sein, weil der Mensch, außer der reinen Vernunft, noch mit so manchen andern Kräften und Neigungen begabt ist, und weil diese Sinnenwelt leider! immer noch mit Kollisionsfällen angefüllt ist, – selbst seitdem die Kritik der praktischen Vernunft keine Kollisionsfälle mehr zu dulden meinet; oder es müsse zum moralischen Leben nach Prinzipien noch etwas mehr gehören, als bloß die kritische Philosophie theoretisch zu studieren. Dies hatte er getan; und doch fand er, obgleich ungern, daß andere durch bloße gesunde Vernunft richtiger geführt würden und daß er bisher mit aller seiner eingebildeten Weisheit unrichtig geurteilt und töricht gehandelt habe. Nun konnte er den Gedanken nicht ertragen, sich vor Philipp zu zeigen; denn er empfand allzu sehr, daß dieser ohne Theorie und ohne Prätension so vernünftig als konsequent gehandelt hatte und glücklich geworden war. Es kostete seiner Eitelkeit allzuviel, den Vergleich Philipps mit sich selbst zu ertragen. Er ward ganz mißmutig und verlor beinahe alle Energie. Er sah sich als einen verlassenen Menschen an; denn wenn alle seine Gelehrsamkeit ihn nicht einmal zu einem Dorfschulmeister tüchtig machen konnte, so glaubte er, nun zu gar weiter nichts tüchtig zu sein, und wollte verzweifeln. Aber auch hier sorgte das edle Paar für ihn, das ihn so gastfrei aufgenommen hatte. Der Pastor sagte ihm ganz offenherzig, er müsse nicht bloß Grillen fangen, sondern irgendetwas unternehmen. Man hätte ihm gern geraten, in einem benachbarten Städtchen die medizinische Praxis anzufangen. Dazu war aber sein ganzer Anzug nicht eingerichtet; denn seine Kleidung war abgetragen und geflickt, und er litt an mehrern Dingen Mangel, die man nötig hat, um anständig erscheinen zu können. Man mußte also sein Augenmerk auf einen niedrigem Stand richten. Die Frau des Predigers hatte eine gute Freundin, mit welcher sie zu Solingen in der Näheschule gewesen war, die nachher katholisch geworden und einen Ratsherrn der freien Reichsstadt Köln, einen reichen Mann, geheiratet hatte. Sie schrieb an dieselbe, um sie zu bitten, unsern dicken Mann zu irgendeinem Ämtchen zu empfehlen. Aber da war die Religion im Wege. In der uralten christkatholischen heiligen Stadt Köln sollten eigentlich keine Reformierten oder Lutheraner Luft schöpfen; und die wenigen, denen man es leider! nicht wehren kann, werden sogar dadurch an die bösen Folgen ihrer Ketzerei erinnert, daß sie von jedem Fasse Wein einen Konventionstaler mehr zollen müssen, als die Kinder der alleinseligmachenden Kirche. Der dortige Pöbel hält auch steif darauf, daß kein protestantisches Bethaus eingerichtet werde, sondern stürmt es sogleich und reißt es ein. Aber alle Bemühungen der eifrigen P. P. Jesuiten und Kapuziner haben doch nicht hindern können, daß nicht in den Gemütern einzelner kölnischer katholischer Christen der ziemlich nach Ketzerei riechende Gedanke aufzusteigen anfängt, es könne wohl ein Protestant zu mancherlei weltlichen Geschäften brauchbar, ja zuweilen sogar noch brauchbarer sein als ein rechtgläubiger Katholik. Nun war eben im Hause des kölnischen Ratsherrn ein kleines Ämtchen vakant. Man brauchte einen Schreiber, welcher bei Gelegenheit, wenn das Haus sich in einigem Glänze zeigen sollte, zugleich den Kammerdiener vorstellte. Der Ratsherr glaubte diese Stelle ohne Gewissensbisse einem Protestanten anvertrauen zu können, wozu freilich das Zureden seiner reformiert gewesenen Frau viel beitrug. Anselm war nicht in den Umständen, diese Versorgung, so gering und niedrig sie auch war, auszuschlagen. Er dankte dem edlen Paare, das ihn so gastfrei aufgenommen und für sein weiteres Fortkommen gesorgt hatte, sowie auch dem redlichen Schulmeister, setzte sich auf ein vorübergehendes Schiff und kam glücklich zu Köln am Rheine im Hause des Ratsherrn Hummer an. Siebenundzwanzigster Abschnitt Schilderung eines zufriedenen Ehepaares und dessen Beschäftigung Es ist ein sehr ungegründetes Vorurteil, daß sich im Ehestande nur Gleich und Gleich zusammenschicke, wodurch wohl manche Ehen unterbleiben mögen, die glücklich sein würden. Die Meinung derjenigen scheint daher vielen Vorzug zu verdienen, welche behaupten, der Ehestand gleiche einem Salate, welcher nicht schmeckt, wenn nicht Öl und Essig in gehörigem Maße dazugemischt sind. Bloßes Öl ist allzu fett oder allzu fade; bloßer Essig allzu mager oder allzu sauer. Ein Beweis dieser Meinung war der Ehestand des Ratsherrn Hummer. Es wäre kaum möglich gewesen, zwei am Geiste und am Körper ungleichartigere Personen zu finden, als er und seine Frau waren; und dennoch lebten sie in einem sehr vergnügten Ehestande. Der Ratsherr Hummer war ein sehr fetter und etwas phlegmatischer Mann. Ich sage nicht ohne Ursache ein fetter Mann; denn um den Inhalt dieser wahren Geschichte nicht zu mißverstehen, ist es höchst nötig, auf den sehr wesentlichen Unterschied zwischen einem fetten und einem dicken Manne zu merken. Der ganze Körper des Ratsherrn war so beschaffen, daß, wenn du ihn ansahst, von seinen Gebeinen, seinen Knorpeln, Sehnen und Adern gar nichts hervorragte, sondern alles mit Fleisch und Fett überzogen war. Um das Fleischige durch das Geistige, das Unbekannte durch das Bekannte zu erläutern, können wir diesen Körper mit nichts besser vergleichen, als mit den Schriften des weltberühmten Herrn Superintendenten Ewald in Detmold. Da ist alles, was er nur schreibt, seine Predigten, seine Moral, seine Naturkenntnis, seine Ratschläge an den Adel, seine Kantische Philosophie und seine himmlische Liebesgöttin, so fett mit einem Gallerte von Worten und Gemeinsprüchen überzogen, daß Ihr meinen möchtet, es sei kein Körnchen Verstand darin, und doch ist er vorhanden, macht aber freilich an diesen Schriften ungefähr einen so geringen Teil aus, als die Knochen und Sehnen am Körper des Ratsherrn Hummer. Dieser Ratsherr stand dem gemeinen Wesen treulich vor; nicht minder aber seinem eigenen besondern Wesen. Er pflegte sich, deckte sich, wärmte sich, und besonders nährte er sich aufs beste; welches alles auf seine Feistigkeit und auf seine runden Wangen den gesegnetesten Einfluß hatte. Seine Frau, die Frau Ratsherrin Hummer, war in allem das Gegenteil von ihrem Manne. Sie war etwas mager, etwas blaß, zuweilen kränklich, aß wenig, bekümmerte sich gar nicht um das gemeine Wesen, vielleicht gar nicht einmal um ihr Hauswesen, wozu sie Hausjungfern und Ausgeberinnen genug hatte. Gleichwohl lebte dieses sich äußerlich so ungleiche Paar in der vergnügtesten Ehe. Dies ward bloß dadurch bewirkt, daß keiner von beiden Eheleuten dem andern in seiner Meinung hinderlich fiel, sondern daß jeder wechselseitig des andern Meinung mit der seinigen in Übereinstimmung zu bringen trachtete, welches wohl das Universalmittel sein mag, Ehen glücklich zu machen. Frau Hummer pflegte nur bloß ihren Geist, so wie ihr Eheherr nur bloß seinen Körper. Zwar war ihr Geist nicht so schwammicht und feist wie ihres Eheherrn Leichnam und brauchte daher leichtere Nahrung. Diese erhielt er durch den Umgang mit gelehrten Leuten und witzigen Köpfen; denn Frau Hummer war für Köln, was ehemals Madame Necker für Paris. Auch wählte sie diese Dame zu ihrer Heldin; sie ahmte derselben berühmte Freitagsversammlungen nach und hielt in Köln am Rhein, so wie Madame Necker in Paris, ein vollständiges Büreau d'Esprit. Wider diese gelehrten Versammlungen, welche wöchentlich ein paarmal gehalten wurden, hatte der Ratsherr Hummer schon deswegen nichts einzuwenden, weil sie dem Willen seiner lieben Ehehälfte gemäß waren, welchem er sich immer recht gern fügte. Aber sie waren auch ihm selbst ungemein heilsam. Nicht der Gelehrsamkeit wegen. Ratsherr Hummer glich dem Trimalchio des Petron zwar gar nicht an Lebhaftigkeit oder an plattem Witze; denn er machte auf keine Art von Witz Anspruch. Aber darin war er dem Trimalchio zu vergleichen, daß er, zwar nicht so wie jener drei Millionen, aber doch gute dreimalhunderttausend Gulden besaß, ob er gleich, wie jener, nie einen Philosophen gehört hatte. Das Büreau d'Esprit seiner Kölnischen Madame Necker leistete ihm ganz anderen Nutzen. Wenn er vormittags auf dem Rathause im Dienste des gemeinen Wesens sich allzu sehr ermüdet und mittags bei Tische sich allzu viel erquickt hatte, so verschafften ihm diese Nachmittagsversammlungen die erwünschteste Gelegenheit zum Schlafen. Er erwachte gewöhnlich nicht eher, als bis das Abendessen angesagt ward, oder wenn einmal, welches sehr selten geschah, die Disputationen der Gelehrten auf einige Minuten aufhörten. Man möchte sich vielleicht wundern, wie in der heiligen Stadt Köln, welche das Haupt der heiligen Ursula, die Leiber der heil. drei Könige, die Reliquien von den elftausend Jungfrauen und wenigstens elfhundert Mönche enthält und wo sogar die Leichname der sieben heiligen Makkabäer verehret werden, ob sie gleich nur Juden sind, jemand darauf habe denken können, ein Büreau d'Esprit zu erachten. Wir haben aber schon erinnert, daß Frau Hummer ihre erste Erziehung nicht in Köln, sondern auf einer Kostschule in Solingen erhalten hatte. Nachher war sie zu einer Verwandtin nach Mannheim gekommen. Daselbst hatte sie die lautere Milch der dortigen Deutschen Gesellschaft einsaugen können, war auch dort in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche aufgenommen und dadurch würdig gemacht, die Gemahlin eines reichen Ratsherrn zu Köln am Rhein zu werden. Es könnte möglich sein, daß die vornehmste Zierde besagter Deutschen Gesellschaft, der unberühmte Herr von Klein – ein Mann, der Preise austeilen, obgleich nicht selbst verdienen kann –, an der Erziehung und Bekehrung der Frau Hummer selbst Anteil gehabt hätte, da er zu einem Orden gehört, dem Erziehen und Bekehren gleich stark am Herzen liegt und der sogar oft durch Erziehen zu bekehren sucht. Jedoch wollen wir über diese wichtige Frage nichts entscheiden. In dem Hause dieses so ungleichen und doch so glücklichen Ehepaares kam Anselm abermal in eine ganz andere Welt. Er ward dem Stande noch geringerer Hausbedienten einverleibt, als diejenigen waren, mit denen es ihm noch vor Jahresfrist so schwer anging, auf dem Gute des Ministers nur wenige Mittage zu essen. Er empfand seine Erniedrigung tief; aber er fühlte auch nur allzuwohl, daß er sich durch eigenen Leichtsinn in diese Erniedrigung gebracht habe. Selbsterkenntnis und Reue fingen bei ihm nunmehr an, sich zu zeigen. Reue kommt bei unbedachtsamen Leuten gemeiniglich zu spät; sie ist aber auch gewöhnlicher als Selbsterkenntnis, welche nie zu spät kommt. Sonst befand sich unser dicker Mann in diesem Hause besser, als er selbst anfänglich erwartet hatte. Er ward sogleich reinlich und sogar etwas elegant gekleidet und mit guter Wäsche versehen. Die Frau Hummer nahm hierin auf das Empfehlungsschreiben ihrer Freundin Rücksicht, aber eben so sehr auf ihre eigene kleine Eitelkeit; denn sie tat sich etwas darauf zu gute, daß ein so wohl gebildetes rundes Kerlchen in ihrem Vorzimmer stand. Ihr lieber Mann war, wie schon bemerkt worden, mehr als rund; auch war seine Küche so eingerichtet, daß seine Leute nicht wohl mager bleiben konnten. Als daher unser dicker Mann vierzehn Tage lang sich gut genährt und dabei den Kummer über seine letzte fehlgeschlagene Hoffnung ziemlich vergessen hatte, kam das Rot seiner Wangen wieder und sein Gesicht machte seinen neuen schönen Kleidern Ehre. Wir müssen auch zur Steuer der Wahrheit gestehen, daß seiner kummervollen Gedanken weniger wurden, sowie er anfing, das Wohlleben dieses Hauses recht zu schmecken. Immer gewohnt, den nächsten Eindrücken zu folgen, sagte er sich selbst nicht mehr so oft wie anfänglich: daß er von Jugend auf als ein Tor gehandelt habe; ja er glaubte zuweilen sogar, seine Klugheit werde ihn bald wieder aus seiner jetzigen niedrigen Lage emporheben. Achtundzwanzigster Abschnitt Beschreibung der gelehrten Zusammenkünfte bei der Frau Hummer und der vornehmsten Mitglieder derselben Der Bel-Esprit überhaupt, besonders aber die Errichtung eines förmlichen Büreau d'Esprit, dient einem Frauenzimmer wie Frau Hummer eben dazu, wozu andern es dient, Rot aufzulegen: es macht ein hübsches Ansehen. Sollte jemand es unwahrscheinlich finden, daß in der Reichsstadt Köln am Rhein ein solches gelehrtes Schwitzbad hätte zustande kommen können, so ist dies sehr vorschnell geurteilt. Hat nicht jede kleine Stadt ihren Stadtpoeten und ihren eigenen witzigen Kopf; haben nicht sogar die Mönche ihren ihnen eigentümlichen Mönchswitz? Warum sollte denn die große Reichsstadt Köln am Rhein, bloß weil sie die heilige heißt und krumme und traurige Straßen hat, nicht auch ihre Anzahl schöner Geister besitzen? Überdem ists mit gelehrten Leuten überhaupt, besonders aber mit den schönen Geistern wie mit dem Pfeffer. Ist der Pfeffer frisch und von vorzüglicher Güte, so würzet er stark; aber selbst der schlechtere würzet doch mehr als Kohlblätter und Mohnhäupter. Sollte nun auch etwa das Büreau d'Esprit bei der Frau Hummer nicht so vorzüglich gewesen sein, als die in Wien, in Berlin, in Weimar, in Leipzig oder in Hamburg sein mögen; so enthielt es doch die Quintessenz und die Blume des Witzes und der Gelehrsamkeit der Reichsstadt Köln am Rhein. Wer mag dawider etwas einwenden? Gilt etwa der Ton der Gelehrten des ehemaligen und des jetzigen Paris in London? Warum sollte denn notwendig der Ton der Gelehrten in Weimar oder in Hamburg auch in Köln am Rhein gelten müssen? Köln ist groß genug, und der Rhein ist wohl die Elbe und die Ilm wert. Also darf auch Köln seinen eigenen gelehrten Ton haben; und dieser Ton ward damals von Frau Hummer und ihrer gelehrten Gesellschaft angegeben. Die Mysterien der Alten waren in große und kleine eingeteilt. So versammelte auch Madame Necker vordem in Paris sonntags ihre große Gesellschaft und freitags ihren engeren Zirkel der Auserwählten bei sich; und Frau Hummer, die treue Nachahmerin derselben, hatte daher gleichfalls ihre großen und kleinen Versammlungen an den benannten Tagen. Zu den ersten ward eingeladen alles, was in Köln glänzend und vornehm war und das Schöne und Feine liebte. Diese Herren genossen dann die ausgesuchten und höhern gelehrten Einsichten der Auserwählten. Diese letztern hingegen genossen in den kleinem Zusammenkünften sich selbst und ihre eigenen Talente, welche da um den Vorzug stritten, und zuweilen etwas laut. Sie bestanden aus zehn oder elf Personen, welche für Köln und für Frau Hummer das waren, was Dorat, d'Alembert, Helvetius, Bernard, Barthe, Thomas und Süard für Paris und für Madame Necker oder Madame Geoffrin. Es wird der Mühe wert sein, diese Männer näher kennen zu lernen. Unter ihnen muß zuerst genannt werden: der Abbé Xaver Aloys Spitzhaupt, Exjesuit: ein langer und hagerer Mann mit feiner Nase und hochrundem Scheitel, sehr solenn und bedächtig im Anstande, dabei immer sanft und liebreich in Worten, ein Mann, der nichts ohne Absicht tat und seine Absichten auszuführen wußte durch die Beförderung des Guten und Schönen, das er immer im Munde führte. Er besaß einige Kenntnisse; denn er war Professor der Philosophie gewesen und galt unter den ehemaligen Jesuiten für einen Poeten, welches nichts Kleines ist, da die Jesuiten es darauf anlegten, für die ganze katholische Welt sowohl die Poeten als die Astronomen aus ihrem Orden zu stellen. Besonders hatte er sich der deutschen Sprache beflissen und war sehr bemüht, das echtkatholische Deutsch zu verfeinern und es von dem neuen sächsischen Deutsch zu säubern, welches durch Martin Luthers Ketzerei nebst so vielem andern Übel über Deutschland gebracht worden und wodurch sogar sein Ordensbruder P. Michael Sailer zu Dillingen verführt ward, sich vermittels des häufigen Lesens von Lavaters Schriften seine echtkatholische Schreibart zu verderben. Wirklich würde Abbé Spitzhaupt die deutsche Sprache im katholischen Deutschlande auf einen ganz neuen Fuß gesetzt haben, wenn man ihm nur hätte folgen wollen; indes war er wenigstens der Sprachlehrer des reinen katholischen Ausdrucks in der Gesellschaft der Frau Hummer. Dabei ging er darauf aus, nach der gewöhnlichen Politik seines Ordens, auf die Schulen Einfluß zu haben, und nicht ohne Erfolg; denn viele junge Kölner denken seitdem in der Rhetorik viel feiner, schreiben das verbesserte katholische Deutsch des Abbé Spitzhaupt und halten ihn, wie jeden Jesuiten, für einen großen Mann. Dieser Abbé kannte die Menschen und wußte sich ihrer zu bemächtigen; ließ auch nicht leicht irgendetwas geschehen, was er abreichen konnte, worin er nicht die Hand gehabt hätte. So hatte er sich auch der Frau Hummer bemächtigt, welche seine Weisheit bewunderte, ihn aufs äußerste verehrte und fast nichts ohne ihn tat. Er war ihr Gewissensrat und ordnete auch ihre weltlichen Angelegenheiten ziemlich nach seinem Gefallen an; einige Herzensangelegenheiten ausgenommen, welche sich Dame Hummer selbst vorbehielt. Er mußte herrschen, doch mit Sanftmut, in allen Gesellschaften, wo er war, und über alle Leute, mit denen er umging; konnte er nicht herrschen und seinen Willen ausführen, so bekam er Kopfweh und Magenkrampf und beklagte sich dann in ganz sanftem Tone, daß es so viele hämische Leute gäbe, die ihn verfolgten und ihm das Leben so sauer machten, daß er sich noch werde den Menschen ganz entziehen müssen. Bei allem diesem Mißmute mit dem menschlichen Leben, hatte er sich ein paar gute Pfründen zu verschaffen gewußt, die er, ohne viel Aufsehn zu machen, zu genießen verstand. Er sammelte eine Schar von Leuten um sich, die ganz in ihm lebten und zwischen denen er stand, beinahe wie der Messias unter seinen Jüngern, und von denen er ebenso verehrt werden wollte. Durch Hilfe derselben wußte er seine Pläne anzuspinnen und durchzusetzen, sich Einfluß zu verschaffen und seinen Beutel zu füllen, wozu er auch ziemliche Neigung hatte. Einige von diesen Jüngern erwarb er sich, weil er sich immer das Ansehn gab, er könne jedermann befördern; auch war er in der Tat, weil er sich sehr zu Großen und Mächtigen in aller philosophischen Demut zudrängte, wirklich zuweilen im Stande, jemandem, den er brauchte, wieder Dienste zu leisten. Andere hingen an ihm, bloß aus Gutherzigkeit und aus Achtung für seine Talente und Verdienste, so wie sie nun waren, welche er im vorzüglichsten Lichte zu zeigen und geltend zu machen noch besser verstand als irgendein anderer seines Ordens. Unter seinen Anhängern der letztern Art waren sehr vorzüglich zwei, welche er auch, um sie zu belohnen, in die Gesellschaft der Frau Hummer einführte. Der eine, ein Kanonikus Ofen, Besitzer einer mittelmäßigen Pfründe, ein gutmütiger, geschickter und tätiger Mann, der den Abbé Spitzhaupt anbetete, nichts schrieb oder tat, was dieser nicht haben wollte, und sich allenfalls gefallen ließ, daß manche seiner guten Ideen für Eigentum des Abbé Spitzhaupt hingingen; daher ihn dieser sehr brauchen konnte und auch beständig brauchte. Kanonikus Ofen war ein mageres, schmächtiges, blasses Männchen, immer bescheiden und fleißig, und lebte nicht für sich, sondern für seinen Meister Abbé Spitzhaupt, der bei ihm nie Unrecht haben konnte. Der andere Anhänger des Abbé, Herr Wismuth, war ein Laie, ein Mann mittlerer Größe, dessen Gesicht, nebst seinem sanften Auge, den Biedermann verriet. Er war Sekretär eines Prälaten gewesen, hatte aber diese Stelle verlassen, weil er zwar gute, aber nicht ganz geistliche Gesinnungen hegte, und war daher bei dem geistlichen Offizialate eben nicht zum Besten angeschrieben. Ein heller Kopf, offenherzig und bieder. Die gute Seite des Abbé Spitzhaupt hatte ihn angezogen; auch war er ihm Dank schuldig, denn dieser, um sich eines Mannes zu versichern, der ihm nützlich werden konnte, hatte ihm die Stelle eines Rechnungsführers bei der Komturei des Deutschen Ordens zur heiligen Katharina in Köln verschafft. Aber Wismuth hatte bei viel Müdigkeit der Sitten auch einiges Talent zur Satire. Er konnte Gleisnerei und Doppelzüngigkeit nicht wohl vertragen, lernte nach und nach den eigensüchtigen Charakter seines Gönners kennen, und obgleich seine Dankbarkeit unveränderlich blieb, so sah er doch das Seltsame eines so zweideutigen Charakters zu deutlich, um ihn nicht zum Gegenstande einiger satirischer Züge zu nehmen. Er hatte kürzlich in der Gesellschaft der Frau Hummer eine Probe seiner Lobschrift auf den heiligen Engelbert, ehemaligen Erzbischof und jetzigen Patron der Stadt Köln, vorgelesen. Dieser ist, neben dem heil. Karl Borromäus, unter den vielen hundert Heiligen, welche den katholischen Kalender rot machen, einer von den wenigen, welche auch die Vernunft hätte kanonisieren können. Engelbert war ein Biedermann, der für das Wohl seiner Untergebenen uneigennützig sorgte, der die Armen gegen die Mächtigen beschützte und von den Guten allgemein geliebt ward. Wismuth hatte, im Gegensatz dieses edlen uneigennützigen Heiligen, einen Mann voll egoistischer Prätension geschildert, worin viele der Zuhörer Züge vom Abbé Spitzhaupt zu erkennen glaubten. Aber, o Wunder! Abbé Spitzhaupt meinte sich in der gefühlvollen Schilderung, die von der Denkungsart des heil. Engelbert gemacht war, zu erkennen, bezeugte sein Wohlgefallen und nahm gütigst die Lobrede auf diesen für eine feine ihm von seinem Klienten gewidmete Schmeichelei auf. Nächst dem Abbé Spitzhaupt war ein wichtiger Mann in dieser Gesellschaft der Herr von Truthahn, gewesener Kammerjunker eines apanagierten Prinzen im Reiche, und jetzt der gefällige Freund von einem Paar Domherren des gräflichen Domkapitels zur heil. Ursula. Er war untersetzt, pausbäckig und ernsthaft, ein lange gedienter und im Dienste abgenutzter Hofmann, stolz auf einige brokatene Westen mit langen Schößen, auf eine ziegenhaarne Beutelperücke und auf seine abgeschiedene Hofcharge. Er war ein großer Bewunderer Friedrichs des Großen, wahrlich um so viel unparteiischer, da dieser eben nie ein Bewunderer der Kammerjunker gewesen ist. Er versicherte, sich einige Zeit in Berlin aufgehalten und vielen Umgang mit dem Könige gepflogen zu haben. Um dieses wahrscheinlich zu machen, hatte er sich gewöhnt, einige von ihm auswendig gelernte Einfälle und Gemeinplätze dadurch einzuleiten, daß er mit einem: le Roi m'a dit, versicherte, sie von Friedrich dem Großen selbst gehört zu haben. Dagegen war er auch so billig, verschiedene französische Madrigale und Epitres, die man ihm auf seinen Reisen als ungedruckte Werke Friedrichs des Großen aufgeheftet hatte, gelegentlich sowohl bei seinen Patronen, den Domherren, als in der Gesellschaft der Frau Hummer keck als seine Arbeit vorzulesen. Er war im Hause der Frau Hummer das Muster des feinen Geschmacks, sprach nichts als französisch mit einem etwas sauerländischen Akzente und machte zugleich in dieser Gesellschaft den Incredule, da er vermöge einer allgemeinen Dispensation an Festtagen Fleisch aß. Doch war er deswegen nicht weniger ein guter katholischer Christ; denn wenn seinen Patronen, den Domherren, von ihren Beichtvätern Rosenkränze abzubeten oder Wallfahrten nach Kanfelar, zum wundertätigen Bilde der Mutter Gottes, oder nach Milahten, zu den Reliquien des heil. Johannes, des guten Patrons der bösen Freimaurer, als Bußen aufgegeben wurden, so übernahm er, gegen eine geringe Gebühr, diese geistlichen Übungen mit so großem Eifer der Intention, daß dem Heile seiner eignen Seele dabei noch etwas zu Gute kam. Der Pater Alexius Plunder, vom dritten Orden des heil. Franz, breitschultrig, ziegelrot im Gesichte und schwarz von Haaren, daher sich die geschorne Krone auf seinem Haupte sehr deutlich ausnahm. Er war ein schöner Geist und in Absicht auf das katholische Deutsch ein Schüler vom Abbé Spitzhaupt. Er arbeitete an einer Geschichte der Wunder der Leiber der heil. drei Könige, welche in einer Kapelle hinter dem hohen Altare der Domkirche zu Köln in silbernen Särgen verwahrt liegen, reichlich mit Diamanten und Perlen eingefaßt. Diese Geschichte war in guter katholischer Prosa geschrieben. Er pflegte davon der Gesellschaft bei der Frau Hummer einige Proben vorzulesen, mit großem Beifall aller Anwesenden, ausgenommen der Frau Hummer, die von toten Leibern, obgleich heilig, keine Liebhaberin war, und des Kammerjunkers, der wegen seines Aufenthalts in Berlin für einen Incredule galt. In der Philosophie war P. Plunder ein Anhänger des subtilen Doktor Duns, des Schotten, und hatte mehr als einmal quaestiones logicales in seinem Kloster verteidigt. Der Pater Seraphin Kranich, Kapuzinerordens, kurz, stämmig, rötlich von Haaren und rund von Wangen, mit kurzer Stirn und breiter Nase, hatte in Frankreich von zwei Klöstern aus gebettelt; daher kam seine Kenntnis der französischen Literatur. Er war ein gewaltiger Anhänger des physiokratischen Systems und arbeitete an einem Werke, worin er dasselbe auf die Einkünfte der Reichsstadt Köln anzuwenden trachtete und besonders gegen derselben unphysiokratisches Stapelrecht eiferte. Die Kapuziner müssen eine natürliche Anlage haben, das Finanzwesen zu simplifizieren; denn man weiß, welche sublimen Ideen darüber P. Chabot, dieses Ordens, dem Pariser Nationalkonvente vorgelegt hat. Der Pater Innozentius Posauner, Dominikanerordens, sechs Fuß vier Zoll hoch und drittehalb Fuß in der Runde, knochenreich und wohlbeleibt. Er war Magister Noster der derb-katholischen Universität Löwen und nun im Erzstifte Köln berühmt wegen seiner großen Kenntnis der Philosophie des heil. Thomas von Aquin, des Engels der Schulen, wovon er manche Proben in der Gesellschaft blicken ließ. Dieser gelehrte Mann war, unbeschadet seiner Gelehrsamkeit, Meister in der feinen Klostergalanterie und hatte eine sonderliche Zuneigung zur Frau Hummer gefaßt; daher er sie nicht allein in der gelehrten Gesellschaft, sondern auch außer derselben sehr oft besuchte. Ja, wäre nicht Abbé Spitzhaupt schon ihr Gewissensrat gewesen, der sich nicht vertreiben ließ, so würde P. Innozentius bald noch viel mehr in ihre Gunst gekommen sein; denn sie fand sich sehr geschmeichelt, daß ein so grundgelehrter Mann sie seiner Zuneigung würdigte. Er hatte einen gefährlichen Nebenbuhler an dem Herrn Doktor Bonifazius Treter, Beisitzer des hohen Gerichts am Dome, einem schönen Manne, kaum sechsunddreißig Jahre alt, wohlgewachsen und redselig, der mit einem Domherrn nach Paris und Rom gereiset war und also vollkommene Weltkenntnis und feine Sitten besaß. Auch er wartete der Frau Hummer fleißig auf; und, um den Pater Innozentius in ihrer Achtung herabzusetzen, disputierte er oft in der Gesellschaft mit ihm aus dem kanonischen Rechte, worin er ein Meister war, P. Innozentius aber nur mittelmäßiger Kenner; auch brachte er ihn oft mit dem P. Alexius über die Lehre von der unbefleckten Empfängnis zusammen, welche der Dominikaner, vermöge seines Ordens, nicht zugeben durfte, und sich doch auch in Acht nehmen mußte, bei dem Abbé Spitzhaupt, als Gewissensrate der Frau Hummer, durch allzustarke Gründe wider diese den Jesuiten so nützliche Lehre, sich nicht in Ungunst zu setzen. Hierin stand ihm der P. Hilarion a S. Aquilino, ein unbeschuhter Karmeliter, treulich bei. Dieser Mönch war kugelrund und glatt, wie einem Karmeliter gehört, ausbündig unwissend, dagegen aber auch ein großer Schwätzer. Er hatte immer einen lustigen Einfall im Munde, den er um so viel eindringender zu machen wußte, da er beständig zuerst darüber lachte. Er war ein gefährlicher Gegner des P. Innozentius, wegen einer Streitigkeit, die das Dominikanerkloster mit dem Karmeliterkloster hatte, daher er ihn beständig aufzuziehen suchte. Dieser Pater genoß des besondern Beifalls des Ratsherrn Hummer, denn er war der einzige aus der gelehrten Gesellschaft, welchen dieser eigentlich, wegen seines allzeit fertigen Mönchswitzes, für sich brauchen konnte. Noch gehörten zwei Jünglinge zu den Auserwählten des Bureau d'Esprit der Kölnischen Madame Necker: beide Dichter, aber von sehr ungleichem Charakter. Der eine, Herr Johannes a Deo Selten, ein blaßbäckiges, hohläugiges Gesichtchen, sehr zärtlich und empfindsam, war ein verzärteltes Muttersöhnchen. Er war schwach wie ein Schatten, und seine Verse handelten von den vielen Leiden, die er von seiner Jugend an glaubte, ausgestanden zu haben, und immer noch ausstand, worüber er beständig zärtliche Elegieen vorlas, welche bei der Frau Hummer, die selbst etwas schwächlich und zärtlich war, guten Eingang fanden. Der andere, Herr Eulogius Wildner, ein rüstiger Bursch, sah auch blaß und eben nicht helläugig aus; denn er hatte geschwind gelebt, hatte bei seines Vaters Zeiten schon sehr viel Schulden gemacht und nach dessen Tode sein Vermögen bald aufgezehrt. Er half sich nun durch, so gut er konnte, mit guten Freunden, und wenn er keine Gesellschaft fand, die ihn bewirten wollte, machte er verliebte Gedichte. Davon richtete er nicht wenig an die Frau Hummer, aus keiner unerlaubten Absicht; denn er tat ihr bloß die Ehre, ihr zuweilen Geld abzuleihen. Neunundzwanzigster Abschnitt Wie eine von den gelehrten Zusammenkünften bei der Frau Hummer ihrem Eheherrn übel und zuletzt wohl bekam An einem Freitage, welcher Tag, zur Nachahmung der Madame Necker, Necker, Susanne – (1739-1794), populär-philosophische Schriftstellerin; Frau des französischen Staatsmannes und Bankiers Jacques Necker (1732 bis 1804), die sich um das Pariser Gefängnis- und Hospitalwesen verdient machte. Ihr Haus war in den siebziger und achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts das geistige Zentrum und der Sammelplatz der aufklärerischen französischen Intelligenz. Trimalchio ..., der nie einen Philosophen gehört hatte – Trimalchio – Sestert. reliquit CCC, nec unquam philosophum audivit. Petron (Anm. Nicolais). auch den gelehrten Versammlungen der Auserwählten gewidmet war, hatten die eben geschilderten Personen das gelehrte Kampfspiel mit vollkommenstem wechselseitigen Beifall geübt. Scholastische Philosophie und katholische Poesie über die Wunder der Heiligen hatten mit schmachtenden Elegieen abgewechselt im feinsten Tone der Seminaristengalanterie. Ratsherr Hummer hatte an diesem von der Kirche vorordneten Fasttage mittags schon das selige Geschäft des Fastens an Nudeln, frikassierten Fröschen und leckern Eierspeisen mit wahrer Auferbauung getrieben. Er verfiel, wie gewöhnlich, während der gelehrten Unterhaltungen in einen sanften Schlaf; und so laut auch die Disputationen des P. Alexius und die lustigen Einfälle des P. Hilarion wurden, so wachte er doch nicht auf, bis alles geendigt war und man ihn abermals zu Tische rief. Die Tafel war reichlich besetzt, denn Frau Hummer belohnte die Gefälligkeit ihres Mannes, der ihre gelehrten Zusammenkünfte mit seiner Gegenwart beehrte und ihnen dadurch ein Ansehn gab, immer mit einer ersprießlichen Abendmahlzeit, wogegen auch die sämtlichen gelehrten Mitglieder des Büreau d'Esprit, selbst der leidende Jüngling, nichts einzuwenden hatten. Die Augen des Ratsherrn Hummer glühten, indem er sich zu Tische setzte, als er die großen Anstalten zum vollständigen Fasten erblickte. Denn er war ein frommer Sohn der Kirche, und aus Gehorsam gegen ihre Gebote unterließ er nie, mit köstlichen Fischen und mit mancherlei Mehlspeisen aus Italien und Bayern reichlich mit Parmesankäse eingefuttert, freitags und sonnabends seinen Leichnam zu kasteien. Er genoß von allem, was da war, nicht mit Appetite – denn das wäre für einen Fasttag sündlich gewesen –, sondern mit Resignation, als ob ers nicht genösse. Besonders zog eine seltene Fischotterpaste seine fromme Aufmerksamkeit auf sich, so daß er einen großen Teil davon in sich stopfte. Der alte Rheingauer Wein und der treffliche Bleichert ward nicht gespart, und ein köstlicher Käse, Stracchino genannt, der eben erst nachmittags aus Italien angekommen war, krönte diesen Fasttag, so daß Ratsherr Hummer wohlgefastet zu Bette ging. Aber bald nach Mitternacht befand sich der teure Mann sehr übel. Alles ward im Hause geweckt. Man eilte zum Arzte. Dieser kam endlich mit verdrießlicher Miene, denn auch er hatte, als ein katholischer Christ, an einer guten Tafel gefastet, obgleich nicht so reichlich wie der Ratsherr, und wollte eben einschlafen; als er gerufen ward. Der Kranke lag in großer Beängstigung, konnte keine Luft holen, das Gesicht war rot und aufgetrieben, und der Puls, worin, so wie im Pulse des Arztes selbst, der Geist des alten Weines wallte, ging sehr schnell. Der Doktor verordnete einen baldigen Aderlaß, sagte, er werde morgen früh bei guter Zeit wiederkommen, zu sehen, wie sich der Kranke befinde, worauf er sodann weiter das Nötige verordnen würde; und damit ging er fort, um seinen eigenen Fasttag auszuschnarchen. Zum Unglücke war der Hausbarbier, zu dem man schickte, über Land gerufen worden. Alle anderen Wundärzte wohnten sehr entfernt. Den Augenblick, wo man ratschlagte, wohin zu senden sei, nutzte Anselm, der den Ratsherrn mit Verwunderung hatte fasten sehen, auch seinen Rat zu geben. Indem er zugleich das Geheimnis verriet, daß er ein promovierter Doktor sei, sagte er seine Meinung: wenn man jetzt dem Kranken aderließe, da er eine so gewaltige Indigestion habe, werde ein schleuniger Tod erfolgen. Er riet dagegen, sogleich ein Brechmittel zu geben und noch eine andere Arznei, welche Doktor Kämpf berühmt machte und durch welche Doktor Kämpf selbst berühmt ward. Frau Hummer war in der größten Angst. Zu Anselms medizinischer Erfahrung konnte sie eigentlich kein Vertrauen haben; aber die Aderlasser waren weit entfernt, der Apotheker hingegen wohnte dicht an im nächsten Hause, und der Kranke wollte alle Augenblicke ersticken. Sie wählte also die Arzneien, weil sie geschwind konnten geliefert werden, – und mit dem besten Erfolge; denn der Kranke ward merklich ruhiger und fiel bald in einen gesunden Schlaf, der an vier Stunden dauerte. Da fand er sich nun so sehr erleichtert, daß er noch mehr Arzneien von seinem Kammerdiener verlangte; und Anselm verschrieb beherzt noch ein Wiener Tränkchen. Um zehn Uhr vormittags erschien der Arzt, nachdem er die Folgen seines gestrigen Fastens ausgeschlafen hatte. Er fand den Kranken in einem Lehnstuhle sitzen und äußerlich ganz wohl. Sogleich rief er triumphierend: da könne man die herrliche Wirkung des schleunigen Aderlassens sehen. Aber er ward nicht wenig entrüstet, als er vernahm, daß nicht die Ader gelassen, sondern Arzneien genommen worden, die er nicht verordnet hatte. Sein Zorn ward noch mehr entflammt durch den Barbier, welcher bei seiner Zurückkunft vernommen hatte, daß in der Nacht nach ihm war geschickt worden. Er kam daher jetzt voll Blutbegier, mußte aber leider vernehmen, daß dieselbe durch seine Lanzette nicht sollte befriedigt werden. Beide gingen voll Unmut weg. Der Doktor ließ sich in der Apotheke sogleich die von Anselm verschriebnen Rezepte geben als ein Corpus delicti, welches bewies, daß ein Schreiber die edle Medizin hätte praktizieren wollen; und auf diesen Grund stellte er gegen unsern armen dicken Mann eine Kriminalklage an. Der Advokat führte sehr gelehrt aus, welche große Gefahr Se. Wohlweisheiten bei dem unverständigen Rate dieses unwissenden Schreibers gelaufen wäre, wenn nicht zum großen Glücke der ganzen Stadt dessen vortreffliche Natur über die Wirkungen der Pferdearzneien des Pfuschers gesiegt hätte. Es sei aber, setzte er hinzu, noch nicht alle Gefahr vorüber, indem sich, als eine Folge jenes unvernünftigen Brechmittels, ein Schleimhusten und öftere Beklemmung zeige, welche schon jetzt in ein habituelles Asthma und darauf in Brustwassersucht würden ausgeartet sein und die gute Vaterstadt eines so ansehnlichen Ratsherrn beraubt haben würden, wenn nicht der Doktor, sein Klient, sogleich die wirksamsten Mittel entgegengesetzt hätte. Die Beisitzer des Gerichts, welche auch Liebhaber von reichlichem Fasten waren, erschraken über Anselms Verwegenheit und drohten schon im voraus die schärfsten Strafen. Umsonst berief er sich darauf, daß er auch Doktor sei. Er konnte sein Diplom nicht vorzeigen, denn er hatte es in Elberfeld bei seinem Freunde Philipp zurückgelassen nebst andern Sachen, die er in der philosophischen Ruhe auf dem Gute seines Freundes Reitheim nicht zu gebrauchen dachte. Der Ratsherr befand sich nach der von Anselm verordneten Arznei zwar wirklich besser, aber sein Doktor sagte ihm so oft, er befinde sich übel, und drohte ihm mit so vielen griechischen Namen von Krankheiten, daß sowohl er als seine Frau an ihrem Kammerdiener irre wurden. Die Sache machte in der Stadt viel Redens, und der Pöbel fing schon an, auf die Verwegenheit eines ketzerischen Schreibers seine Aufmerksamkeit zu richten, welcher durch eine ohne Vorwissen der Fakultät verordnete Arznei die Stadt um einen so gut katholischen Ratsherrn hätte bringen wollen. Anselm war also von jedermann verlassen und ging bereits mit sich zu Rate, ob er zur Vermeidung der unangenehmen Folgen, die unausbleiblich auf ihn warteten, nicht lieber heimlich von Köln weggehen wolle. Unter diesen Umständen, die ihn äußerst betrübt und verlegen machten, trat ein wohlgekleideter Komtorbedienter ins Haus, sich nach ihm zu erkundigen: ob er aus Vaals gebürtig sei, nebst andern Fragen. Er ersuchte ihn darauf, in die Sankt Severingasse in ein bezeichnetes Haus zu kommen, wo ihn jemand sprechen wolle. Anselm ging hin. Er war nicht wenig bestürzt, hier die Gespielin seiner Jugend, Frau Sophie, zu finden, gegen die er so undankbar gewesen war, die ihn jetzt aber als ihren nächsten Verwandten herzlich umarmte. Ihr Mann hatte schon in Limnich an der Roer, nachdem sein Kapital angewachsen war, einen ansehnlichen Spekulationshandel mit Getreide angefangen. Derselbe war so einträglich geworden, daß er sich demselben ganz widmen wollte und daher seit einem Jahre nach Köln als dem Stapelplatze gezogen war. Jetzt eben war er nach Holland gereiset wegen einer dahin gesandten Ladung Getreide und Wein und um wegen seines in Köln angefangenen Speditionshandels, der täglich beträchtlicher wurde, mit seinen Korrespondenten Abrede zu nehmen. Sophiens Mann war in der Stadt als ein angesehener Kaufmann bekannt. Daher gab ihr Zeugnis, daß Anselm ihr naher Verwandter und wirklicher Doktor sei, der Sache gleich ein anderes Ansehen. Sie veranlaßte überdem ihren Vetter, nach Elberfeld an Philipp zu schreiben (dem er teils aus Leichtsinn, teils aus Delikatesse, teils aus falscher Scham, nie von sich Nachricht gegeben hatte) und sein Göttingisches Doktordiplom kommen zu lassen. Es ward dem Gerichte vorgelegt und wirkte wie ein magischer Talisman. Der klagende Arzt und Wundarzt verstummten und mußten bekennen, daß der Ratsherr mit der Erlaubnis der Fakultät gesund geworden sei. Dreißigster Abschnitt Anselm wird von seiner Sophie in ihr Haus aufgenommen Unsers dicken Mannes Angelegenheiten nahmen nun eine ganz andere und viel günstigere Wendung. Das Kölnische Publikum, welches vorher beinahe gewiß zu sein glaubte, daß der Ratsherr Hummer von einem ketzerischen Pfuscher oder Schreiber hätte vergiftet werden sollen, redete jetzt fast von nichts als von dem neuen Doktor aus Göttingen, der die Folgen der Fischotterpasteten und des Stracchino so gut heben könnte. Nicht wenige Personen, die sich durchs Fasten Indigestionen zuzogen, verlangten seinen Rat und seine Besuche. Der Kölnische Doktor mochte es wohl hinterher bereuen, durch seine gerichtliche Klage sich in Gefahr gesetzt zu haben, den Göttingischen Doktor dort berühmt zu machen. Frau Sophie hielt es für sich und ihren Mann unschicklich, daß ein so naher Anverwandter Kammerdiener bleiben sollte; und Frau Hummer fand es billig, daß ein wirklicher Gelehrter und ein promovierter Doktor nicht mehr als Kammerdiener in dem Vorzimmer ihrer gelehrten Versammlungen stehen sollte, wo er so gut und besser als irgend ein anderer die Ehre der Sitzung verdient hätte. Der Ratsherr willigte also gern ein (das heißt, sie willigte ein, denn ihr Wille war immer der seinige), daß Anselm sein Haus mit dem Hause seiner nächsten Anverwandtin verwechselte. Anselm empfand lebhaft sein Unrecht gegen die Frau, welche er ehemals geliebt und leichtsinnig vergessen hatte, um so mehr, da er nun aus ihrer vertraulichen Erzählung vernahm, wie unglücklich sie war. Das edle Weib gestand ihm offenherzig, sie habe ihn innig geliebt und durch seine Veränderlichkeit sehr gelitten. Außer ihm, gestand sie, wäre ihr jede andere Mannsperson gleichgültig gewesen; und sie hätte daher, als ihr Pflegevater, Meister Anton, ihr die Hand eines Mannes reichte, sie ganz unempfindlich angenommen, ohne zu untersuchen, ob der Mann auch ein liebendes Herz habe und ob es für sie schlage. Sie hatte diese Sorglosigkeit teuer bezahlen müssen. Es war ihr sehr schwer geworden, an der Seite eines Mannes zu leben, dem es an Empfindung und Wohlwollen ganz fehlte, der nichts als Kaufhandel und Geld schätzte, außerdem nichts kannte als Spiel und Wein und, wenn er entweder von diesem zu viel zu sich genommen, oder in jenem zu viel verloren hatte, nicht der beste Gesellschafter war. Indes hatte sich die gute Frau in ihr Schicksal gefunden. Sie tat ihre Pflicht, erleichterte ihrem Mann so viel sie konnte und mehr, als er es verdiente; sie erzog ihre Kinder treulich und unterdrückte ihren Gram. Sie konnte jetzt unter heißen Tränen unserm Anselm nicht den Gedanken verbergen, daß sie glücklicher hätte sein können; und er, indem er ihr die Hand küßte, benetzte sie mit Tränen wahrer Reue. Er empfand innig, wie sehr sein Leichtsinn nicht nur ihm selbst, sondern auch dem edlen Weibe geschadet hatte. Mit Rührung und Ehrfurcht sah er, wie sie, durch das Bewußtsein, ihre Pflicht zu tun, Standhaftigkeit gegen ihre unglückliche Lage zu finden wußte. Sich selbst fand er dagegen in seiner eigenen Achtung tief erniedrigt, wenn er bedachte, wie sehr er immer bloß nach sinnlichem Genusse getrachtet und wie wenig auf die Pflichten, die er sich selbst und andern schuldig war, Rücksicht genommen hatte. Er bezeugte Sophien den hohen Grad der Bewunderung, die nun an die Stelle ehemaliger Liebe trat; und die edle Seele konnte nicht unterlassen, mit einem Seufzer zu gestehen, ihr Herz habe ihm immer Gutes gewünscht und über die Nachricht von der unglücklichen Zerstörung seines Hauswesens sehr gelitten und ebenso sehr dadurch, daß sie seitdem von ihm gar nichts erfahren hätte, als das schreckliche Gerücht, er sei im Kriege in Holland umgekommen. Sie verhehlte ihm nicht, daß seit mehrern Jahren jetzt die erste Empfindung der Freude in ihre Seele zurückkomme, da sie ihn wiedersehe und so glücklich sei, ihm nützlich zu werden. Anselm empfand nun den herben Kummer vergeblicher zu später Reue. Er sah sich mit Recht als die Ursache an, daß die gute Seele ihr ganzes Leben durch so bitter leiden mußte; denn von ihm hätte es ehemals abgehangen, sie glücklich zu machen. Und ebenso deutlich sah er, daß auch er durch sie glücklich geworden wäre; denn es war die Einzige, die ihn liebte. Selbst aus der Erziehung ihrer Kinder, denen Gesundheit und Wohlwollen aus dem Antlitze sahen, erkannte er, welche würdige Gattin sie war. Er verwünschte die törichten Pläne seiner leichtsinnigen Jugend; er verwünschte sein törichtes Gefallen an äußerlicher Schönheit. Er betrachtete jetzt Sophien, da sie nicht mehr die Seinige werden konnte. Die Zeit hatte die Narben der Blattern meist verwischt, ihre holden Augen waren durch Leiden noch interessanter geworden. Aber nun war ihm körperliche Schönheit nur ein Nebending. Sophie stand vor ihm in der erhabenen Schönheit des Geistes, und ihr Angesicht schien ihm verklärt durch die Züge der Tugend, der Sanftmut und des pflichtmäßigen Duldens. Es war ihm eine süße Empfindung, bei ihr zu sein, und doch ward ihm jeder Augenblick dadurch verbittert, daß er durch eigene Schuld verfehlt hatte, diese edle Seele glücklich zu machen und selbst durch sie glücklich zu werden. Dabei gewährte ihm jede Betrachtung über ihre beiderseitige Lage die doppelte traurige Überzeugung, daß er sein Unglück verdient habe, sie aber ein besseres Glück. Einunddreißigster Abschnitt Freundvetterliche Aufnahme, welche Anselm von Sophiens Ehegatten genießt Diese unschuldigen frohen Stunden, sowie der Harm, den sie mit sich führten, dauerten bis zur Ankunft des Mannes. Frau Sophie hatte geglaubt, sie müsse ihren nächsten Verwandten, der sich in einem so verlassenen Zustande befand, in ihr Haus aufnehmen. Sie hatte ihrem Manne sogleich in einem Briefe Nachricht davon gegeben, den er unbeantwortet ließ, seine Rückreise beschleunigte und bei seiner Ankunft seinen Vetter mit mehr als Kaltsinn, mit Unhöflichkeit, empfing. Dieser Kaufmann, der in Limnich an der Roer anfänglich nur ein unbedeutender Krämer war, hatte Sophien geheiratet, weil Meister Anton, der für einen reichen Mann gehalten ward, Sophien sehr liebte und wohl einmal im Gespräche hatte fallen lassen, er wolle sie in seinem Testamente wie sein eignes Kind bedenken. Der Kaufmann dachte die Wirkung des Testaments schon zu antizipieren, denn er ersuchte, ein paar Jahre nach seiner Verheiratung, Meister Anton um Vorschuß eines Kapitals, womit er die ersten glücklichen Spekulationen machte, um seinen Handel ins Große zu treiben. Er glaubte, dies Kapital mit gutem Gewissen auf Abschlag der großen Erbschaft annehmen zu können, die ihm zufolge des Testaments zufallen müßte; daher er es auch nie verzinsete. Meister Anton hatte aber nachher kein Testament gemacht, wie denn sehr viele Leute glauben, eine solche Handlung lasse sich am besten lange aufschieben und der Tod werde so geschwinde nicht kommen. Anselm hatte zwar gleich nach Antritte der Erbschaft das Kapital großmütig in seinem Hauptbuche gelöscht und dies auch seinem Vetter gemeldet, dieser aber hatte nicht einmal darauf geantwortet. Er war erbost, weil er glaubte, Anselm habe ihn um eine große Erbschaft gebracht, und haßte ihn deshalb herzlich. Er ließ sogar seit der Zeit auch Sophien empfinden, daß er nun durch sie die große Summe nicht ererbe, welche er als schon ihm zugefallen betrachtet hatte. Sein Betragen ward viel ärger, als er den gehässigen Vetter unter seinem Dache erblickte. Er tobte ganz unvernünftig im Hause herum. Bei diesem unfreundlichen Empfange, welcher der guten Frau Sophie manche Träne kostete, blieb unserm Anselm nichts übrig, als das Haus seines Vetters und zugleich auch Köln zu verlassen, denn in seine vorige Stelle beim Ratsherrn Hummer konnte er ehrenhalber nicht zurückkehren, und was sollte er sonst in Köln machen? Philipp hatte ihm bei Übersendung des Doktordiploms zugleich eine Summe Geldes geschickt und gemeldet, er wünsche ihn wohl wegen einiger Sachen zu sprechen, auch könne er ihm vielleicht in kurzer Zeit eine gute Nachricht mitteilen. Es ward also beschlossen, nach Elberfeld zu reisen. Frau Sophie, welche die Härte ihres Mannes fühlte, ohne ihn anzuklagen, da einmal ihr Schicksal mit dem seinigen verbunden war, fand noch eine Viertelstunde, um von ihrem geliebten Vetter ohne Zeugen Abschied zu nehmen. Sie schenkte ihm ihr Bildnis in Miniatur. Über alle Maßen durch dies Geschenk erfreut, netzte er ihre Hand mit Tränen und klagte laut, daß er dessen nicht würdig sei. Er sann einen Augenblick nach und fand nichts bei sich, was er ihr zum Andenken wieder geben könnte. Er sagte es, und ein Strom von Tränen stürzte aus seinen Augen. Weibliche Zuneigung ist scharfsichtig! Frau Sophie schnitt eine von seinen wallenden Locken ab und verbarg sie weinend in ihrem Busen. Sie gab ihm einen keuschen Kuß und riß sich in dem Augenblicke aus seinen Armen. Mit schwankendem Tritte verließ sie das Zimmer, er das Haus; sie sahen sich nicht wieder. Zweiunddreißigster Abschnitt Anselms Reise nach Elberfeld. Neuer Glückswechsel Anselm fand seinen Freund Philipp in der glücklichsten Lage: im ungestörten Genüsse seiner geistigen und körperlichen Kräfte, wohlhabend, zufrieden, Gatte einer angenehmen und klugen Frau, Vater von zwei gesunden Kindern. Alle seine Wünsche erfüllt, ohne Überdruß, denn seine Wünsche erneuerten sich täglich: sie bestanden darin, Glück und Zufriedenheit um sich her auszubreiten und dadurch selbst zufrieden und glücklich zu leben. Jeder tat in diesem Hause froh seine Pflicht; die Arbeit ward nie Last, sondern war Vergnügen, und nie ward ein Vergnügen so unmäßig gebraucht, daß es eine Last geworden wäre. Anselm machte in den ersten acht Tagen, da er sich hier aufhielt, Vergleichungen mit sich selbst, welche nicht zum Vorteile seiner Klugheit ausfielen, auf die er sich doch von Jugend auf so viel eingebildet hatte. O! seine schönen Pläne von Lebensgenusse, deren mannigfaltige Gestalten immer seine Lieblingsbeschäftigung gewesen waren! Hier sah er sie abermal realisiert; er selbst aber hatte sie nie ausführen können, weil er immer unrechte Mittel brauchte. Er bedauerte abermal die verflossenen Jahre; er verwünschte seinen Leichtsinn, durch welchen er sein eigenes Wohl untergraben und sich, wie er nun überzeugt zu sein glaubte, alle Aussichten zu einer künftigen bessern Lage verschlossen hätte. Es war immer der Charakter unsers dicken Mannes gewesen, im Glücke leicht sorglos zu werden und im Unglücke leicht zu verzagen. Jetzt aber wirkte die unglückliche Lage, in welcher er Frau Sophien gefunden hatte, noch mächtiger, um sein Gemüt ganz niederzuschlagen. Er sah sich als die Ursache davon an, und so, wie ihr nicht zu helfen stand, so glaubte er, ihm stehe auch nicht zu helfen. Philipp fand ihn in einer dieser trüben Stunden; und auf Befragen, was ihn so traurig mache, schüttelte Anselm bald sein Herz in den Schoß seines treuen Freundes aus. Philipp tröstete ihn: »Wie kannst du verzweifeln? Du bist gesund, bist erst einige dreißig Jahre alt; besitzest mancherlei Geschicklichkeiten und bist in der Praxis der Arzneikunst nicht unglücklich gewesen. Warum solltest du durch diese allein dich nicht wieder in eine glückliche Lage setzen können? Du mußt aber nur wollen und standhaft ausführen, was du willst, so kann noch alles gut gehen. Ich habe weit weniger Geschicklichkeit als du, bin aber bloß durch Sparsamkeit und Fleiß und durch einen Glücksfall wohlhabend geworden. Jene beiden sind in deiner Gewalt; und warum solltest du, wenn du, mit Ernst, durch Fleiß und Sparsamkeit dir das Nötige schaffst, nicht auch auf einen Glücksfall hoffen können?« »Nein! Nein!« rief Anselm, indem er sich im heftigsten Unmute vor die Stirne schlug: »Nenne mir nicht Sparsamkeit und Fleiß und Ordnung! Diese habe ich nie besessen, und eben dies und mein unverzeihlicher Leichtsinn ist Schuld an meinem Verderben. Das Glück, das dir widerfuhr, von einer würdigen Frau gewählt zu werden, verdientest du. Ich verdiene nichts, auch wird mir nichts werden! Die mich wählen würde, kann mich nicht wählen!« – Die Tränen stürzten ihm aus den Augen – »Nein! Es ist nichts in der Welt, worauf ich noch Hoffnung bauen könnte!« Philipp sagte, ihm sanft die Hand drückend: »Du denkst nicht daran, daß du einen wahren Freund hast; wer den hat, muß nicht hoffnungslos sein!« Anselm erwiderte mit einer hellen Träne im Auge: »Das ists eben, was mich drückt, daß ich entweder meinem Freunde beschwerlich fallen muß oder keine andere Hoffnung habe, als mich wieder in die schimpfliche Dienstbarkeit zu begeben, in welche ich schon geraten war.« Philipp erwiderte: »Glaubst du denn, einem wahren Freunde könne es je beschwerlich fallen, seinem Freunde gerade dann zu helfen, wann dieser der Hilfe eines wahren Freundes bedarf? Sollte ich dich nicht billig bei dir selbst anklagen? Es hat mir wehe getan, daß du mich ohne alle Nachricht von deinem Zustande ließest, nie das Vertrauen zu mir zeigtest, daß ich als Freund an dir handeln würde.« Und nun verkündigte ihm Philipp die gute Nachricht, worauf sein Brief ihn schon vorbereitet hatte. Platter hatte von einem Oheim eine beträchtliche Summe geerbt. Philipp hatte dies erfahren, hatte den Wert der ihm zedierten Verschreibung eingeklagt, hatte mit der diesen Nachmittag angekommenen Post die Bezahlung erhalten und legte dieselbe in guten holländischen Wechseln in Anselms Hände. Anselm äußerst bestürzt, sagte: Er könne auf diese Summe keinen Anspruch machen, da er sie seinem Freunde geschenkt habe und ihm mehr als dieses schuldig sei. Philipp beteuerte, er habe die Verschreibung nur bloß in der Absicht angenommen, um das, was jemals davon könne einkassiert werden, für seinen Freund zu verwahren. Nach einem langen großmütigen Streite zwischen beiden Freunden, mußte Anselm die fünftausend Speciestaler behalten. Nun war unser dicker Mann auf einmal im Besitze eines Kapitals, womit er sich auf anständige Art einrichten konnte. Er setzte sich vor, die Ausübung der Arzneiwissenschaft nunmehr zu seinem Geschäfte zu machen. Es kam darauf an, einen Ort seines Aufenthaltes zu wählen. Aus Ursachen, die oben schon angezeigt sind, die er sich selbst aber nicht ganz deutlich entwickelte, wollte er nicht in Elberfeld bleiben; aus ähnlichen, obgleich verschiedenen, nicht in Köln und Aachen. Er wählte Düsseldorf zum künftigen Wohnorte und ging in kurzem dahin ab. Dreiunddreißigster Abschnitt Neue Anstalten Anselms, um weise und dadurch glücklich zu leben, und deren Erfolg Unser dicker Mann faßte nun den ernsthaftesten Entschluß, weise zu sein. Ohne diesen Entschluß kann niemand wirklich glücklich leben; aber bloß durch denselben wird man auch weder weise noch glücklich, wie unter andern die Geschichte unsers Helden zeigt. Dies glaubte er jetzt selbst einzusehen und beschloß, seine Maßregeln danach zu nehmen. Er erzählte sich unparteiisch alle seine Torheiten vor und erkannte sie für große Torheiten. Sich selbst so strenge richten, ist sehr löblich und der erste Weg zur Besserung. Aber bei dieser Strenge ists gut, noch das Mißtrauen gegen sich zu haben, daß man vermute, man habe bis jetzt noch lange nicht alles Törichte erschöpft. Unser guter dicker Mann glaubte, wenn er sich nur recht hüte, ferner keine von seinen vorigen Unbesonnenheiten zu begehen, gewiß ganz weise sein zu können. Daß es noch andere verkehrte Dinge gebe, als die, deren er sich schuldig wußte, schien ihm nicht erheblich zu sein, weil er nicht daran dachte, in sie fallen zu können. Auch war ihm, trotz der strengen Musterung seines vergangenen Lebens, eine Hauptfalte seiner Gemütsart entgangen, die ihn in manche Übel gestürzt hatte. Dies war die leichte Beweglichkeit seines Charakters, welche ihn geschwind an Personen und Geschäfte ankettete, die er hätte vermeiden sollen, und die ihm seine Hauptgeschäfte leicht überdrüssig machte, ob er sie gleich mit Eifer anfing, welches wieder in seiner Neigung zur Gemächlichkeit lag, der er von Jugend auf allzu viel nachgegeben hatte. Diese Eigenschaft, mit seiner lebhaften Einbildungskraft gepaart, ließ ihn beständig den nächsten Eindrücken folgen und dadurch unvermerkt von dem guten Wege, den er betreten wollte, abkommen. Anselms medizinische Praxis in Düsseldorf fing gleich in den ersten Monaten an, guten Fortgang zu gewinnen. Man hatte Vertrauen zu ihm, und ihm gelangen verschiedene wichtige Kuren. Er begann, Zufriedenheit zu fühlen und Hoffnung, er könne noch glücklich werden. Jetzt suchte er seinen vorigen Plan wieder hervor, einzeln zu leben und lieber nach den Frauenzimmern gar nicht zu sehen. Er gab sich selbst dazu eine sentimentale Ursache: nämlich, nun er Sophien nicht haben könne, wolle er gar nicht heiraten. Auch war allerdings die ausbündigste Hochachtung gegen Frau Sophien in seinem Herzen, nebst der aufrichtigsten Betrübnis, daß er Ursache gewesen, sie mit einem Manne gepaart zu sehen, mit dem sie nie glücklich werden konnte. Aber auf seinen Entschluß hatte, ihm unbemerkt, seine Neigung, ungebunden zu leben und so viel zu genießen, als er nur konnte, den größten Einfluß. Er hatte beiläufig die ökonomische Bemerkung gemacht, eine Frau koste viel Geld; und das dachte unser weiser dicker Mann lieber auf sein eigenes Vergnügen zu wenden. So sehr er sich aber auch vornahm, Vergnügen zu empfinden, fühlte er doch beständig ein gewisses Leere. Er fand keine Familien, die ihm gefielen, eigentlich, weil das Familienleben seiner Laune nicht behagte; er suchte sich also einen füglichen Grund, öffentliche Örter zu besuchen. Gründe, das zu tun, was man wünscht, findet man immer. Anselm liebte, so zu leben wie ihm gut dünkte, und hatte gar keine Neigung, in Gesellschaften dem Zwange zu folgen, welchen Wohlstand und Konvenienz auflegen. Daher gefielen ihm Gelage in öffentlichen Häusern, wo niemand zu Hause ist und keiner vor dem andern aufstehen darf. Er suchte sich aber zu bereden, daß er hierbei nach andern Gründen handle. Er sagte zu sich selbst: wenn seine Praxis zunehmen solle, müsse er Bekanntschaften machen, und die ließen sich, wie er meinte, am besten in Kaffeehäusern und Weinschenken finden; ferner beredete er sich, an diesen Örtern könne seine Kenntnis der Menschen vermehrt werden. Er hatte nun aller theoretischen Philosophie, kritisch oder nicht kritisch, Abschied gegeben, weil er sie für Ursache hielt, daß er oft so unweise gehandelt hatte, welches ihm wieder ein Trost war, indem er nun auf die spekulative Philosophie, der er entsagen wollte, das schob, woran eigentlich seine Sinnlichkeit schuld war, die er noch beizubehalten dachte. So vermeinte er dann nun, die Menschen in allen Lagen kennen lernen zu müssen, sie zu beobachten und über alles seine Betrachtungen anzustellen, und bildete sich wirklich ein, praktische Philosophie zu zeigen, weil er täglich in Kaffeehäusern und Weinschenken anzutreffen war. In den sehr vermischten Gesellschaften dieser Häuser lernte unser dicker Mann freilich gar mancherlei Leute kennen, aber keine, die des Beobachtens wert gewesen wären. Müßiggänger sah er ihre Zeit töten. Tabakrauchen und Trinken, indolentes Hinblicken über einen Haufen gleichgültiger Leute, Zeitungslesen und Spiel ist alles, was man in solchen Häusern antrifft. Diese Zusammenkünfte werden sehr uneigentlich Gesellschaften genannt. Die Engländer unterscheiden in ihrer Sprache zwischen Company und Society: Company und Society – Colman sagt vom Hofleben, desgleichen von vornehmen Herren und ihren Assembleen: The System of Life now establish'd in the polite world, seems calculated to destroy Society, for the fake of Company (Anm. Nicolais). ein ebenso feiner als richtiger Unterschied, den die in vieler andern Rücksicht so reiche, aber zur Sprache des Umgangs lange nicht genug ausgebildete deutsche Sprache noch nicht aufgenommen hat. Der Zulauf an öffentlichen Örtern ist ein Haufen Leute, die Gemeinschaft mit einander haben; aber Gesellschaft machen sie nicht aus, so wenig, als ein Zimmer voll unbedeutender Bildnisse ein Gemälde, das auf Geist und Herz wirkt. Auch fand sich Anselm, nachdem er ein paar Monate diese Örter besucht hatte, daselbst so einsam wie zu Hause; oft saß er da mit starrem Blicke und staunend, als ob er Drahtpuppen sich bewegen sähe. Nirgend war Genuß, allenthalben toter Zeitverderb ohne Frohsinn. Unter diesen lebendigen Maschinen interessierten ihn bei seiner Langeweile die Spieler noch am längsten; denn obgleich die Hazardspiele im Herzogtume Berg verboten sind, ward doch nicht streng über das Gesetz gehalten. Da er selbst keine Neigung zum Spiele hatte, so konnte er nicht begreifen, wie jemand täglich die Zeit mit einem solchen Unvergnügen verderben und noch dazu seinen Wohlstand und folglich sein wahres Vergnügen aufs Spiel setzen könne. Die tote Gleichgültigkeit der Spieler von Profession und die schrecklichen Leidenschaften der Neulinge, die wilde eigennützige Freude, wenn sie gewinnen, und die tobende Wut, wenn sie verlieren, schien ihm gleich hassenswürdig. Er machte darüber ganz feine philosophische Betrachtungen, wie es denn sehr leicht ist, über die Torheiten zu philosophieren, welche man nicht begehen mag. Vielleicht war es wegen der Leichtigkeit dieser Betrachtungen, daß er ihrer bald überdrüssig ward. Seine tägliche Langeweile mischte sich in seine Philosophie sowie in das Vergnügen, das er an öffentlichen Orten zu finden dachte und nicht fand. Er wünschte sich, wenn er da war, zu Hause; wenn er zu Hause war, aufs Kaffeehaus. Nirgend war er an seinem rechten Orte; denn ob er gleich ausging, um durch Zerstreuung seine Grillen zu vertreiben und sich zu vergnügen, so fand er doch nirgend ein Vergnügen und Ruhe, die er im Innern seines Geistes, in täglicher nützlicher Geschäftigkeit und im Wohltun hätte suchen sollen. Bei den Leuten, welche Abneigung von nützlicher Beschäftigung fühlen und daher ihre Zeit nicht hinzubringen wissen, sind die Ursachen, sich zerstreuen zu müssen, wie an Höfen die Ursachen, das Geschütz zu lösen. Freude und Leid wird dadurch auf gleiche Art angekündigt; ja es gibt hohe und weniger hohe Häupter, welche die Kanonen lösen lassen, bloß um Lärm zu machen und die Langeweile zu zerstreuen, welche dennoch gleich einer neblichten Luft gewöhnlich um die Schlösser der Großen schwebt. Ebenso suchen auch manche jovialische Menschen für die Zerstreuung und täglichen Vergnügen, die sie beständig haben müssen, wichtige philosophische Ursachen anzuführen, da doch die wahre Ursache nur ist, daß sie das echte und daurende Vergnügen nicht kennen, das aus nützlicher Beschäftigung entsteht, und daher auch mitten in allen ihren Zerstreuungen beständig von der Langeweile wie von einem dicken Nebel umgeben werden und gähnen müssen, wo sie froh sein wollten. In einer solchen Gemütsstimmung ging Anselm einst ins Weinhaus, weil er eben gar nicht wußte, wo er bleiben sollte. Da fand er einen alten Universitätsbekannten, einen gewissen Hiffer. Dieser war in Göttingen nicht in philosophischen Disputen, wie Herr von Reitheim, sondern wo es lustig herging sein öfterer Gesellschafter gewesen. Jetzt war er Advokat oder Prokurator in Köln und hatte eine Reise nach Düsseldorf getan, um daselbst einen Vergleich wegen eines wichtigen Prozesses, der beim Reichskammergerichte schwebte, zu betreiben. Vergleiche zu machen, gehörte sonst nicht zum Gewerbe des Prokurators Hiffer; denn er fand eben nicht seinen Vorteil dabei, wenn gerichtliche Streitsachen zu Ende gingen. Jetzt aber war es ein außerordentlicher Fall; er hatte seinem Klienten geraten, den Gegenteil durch einen Vergleich geschwind zu überlisten, nachdem er durch einen Nachfolger des berühmten Juden Nathan Wetzlar sicher erfahren hatte, es stehe nicht zu ändern, daß der Gegenteil eine günstige Sentenz bekomme. Hiffer gehörte eigentlich nicht unter die Anzahl der von der Obrigkeit bestellten Advokaten oder Prokuratoren, sondern er hatte sich zu beidem selbst bestellt und fand sehr seine Rechnung dabei, daß er manches in der Stille und durch andere ohne Verantwortung tun konnte, was die bestellten Advokaten wohl unterlassen mußten. Er war einer von den Leuten, welche in den Prozessen wühlen, einen Prozeß zu erregen wissen, wo keiner möglich schien, und aus einem möglichen drei wirkliche machen. Er war sehr betriebsam und eben nicht gewissenhaft; daher kamen verwirrte und nicht ganz richtige Sachen am meisten in seine Hände, und er befaßte sich auch am liebsten damit, vorzüglich, wenn er dabei viel zu verdienen schien. Da war er der erste Mann in der Welt, einer Sache eine Gestalt zu geben, die der Gegenteil sich nie hätte träumen lassen. Er gehörte zu der Art von Advokaten, die den Zahnärzten gleichen, deren Zähne am meisten zu kauen haben, wenn vielen andern Leuten die Zähne wehe tun. Also dachte er auch wenig daran, ob Witwen oder Waisen etwas verlören, wenn er eine Sache verdrehen konnte zum Besten eines reichen Mannes, der ihn gut bezahlte. Übrigens konnte er jedermann nach dem Munde reden, war in allen Gesellschaften lustig und unterhaltend und nahm es daher auch über sich, die ziemlich düstere Laune unsers guten dicken Mannes in etwas aufzuhellen. Er erzählte ihm viel von Köln, von den Veränderungen des Bureau d'Esprit der Frau Hummer, das er nach seiner Art lächerlich machte, auch vielerlei von Sophien und ihrem Manne, den er genau kannte, weil er ihm in einigen Rechtssachen bedient gewesen war und manches Maß Wein mit ihm ausgetrunken hatte. Er erzählte, daß derselbe aus Freude, seinen Vetter Anselm los zu sein, noch denselben Abend sich einen derben Rausch getrunken habe, welcher bald schlimme Folgen gehabt hätte; denn er hatte ihm, mit der Erhitzung der Reise zusammen, ein hitziges Fieber zugezogen. »Aber Unkraut vergeht nicht«, setzte Hiffer lachend hinzu, »er ist wieder gesund geworden und plagt seine Frau derber als jemals.« Diese letzte Nachricht tat eine ganz widrige Wirkung auf unsern Anselm. Vergebens suchte Hiffer, hundert andere lustige Geschichten zu erzählen. Sophiens Lage verbitterte unserm dicken Manne alle Freude. Hiffer, der die Geschichte nicht ohne Ursache erzählt hatte, fragte ihn, warum er das so zu Herzen nähme, und wußte durch mancherlei Umschweife, von Anselm seine vormaligen Familienumstände und die ganze Geschichte seiner Liebe zu Frau Sophien herauszuholen. Anselm hatte eine schwermütige Freude, seinen Kummer mitzuteilen und seine Reue, Sophiens Unglück veranlaßt zu haben, auch gegen Hiffer zu zeigen. Er erzählte sogar, wie standhaft die edle Frau ihre traurige Lage ertrage, und zeigte das Bildnis, womit sie ihn beschenkt hatte. Hiffer ließ zwar manches Hm! und Ha! hören, gab ihm aber in allem recht, lobte ihn und Sophien und schimpfte auf den Mann. Dies heiterte unsern Anselm etwas auf, und sie schieden als die besten Freunde von einander. Ob Hiffer bei diesen Erkundigungen irgendeine besondere Absicht gehabt, wird sich vielleicht künftig zeigen. Jetzt diente er noch unserm Helden, ihm zu verschiedenen Bekanntschaften zu verhelfen in Häusern, wo ihn seine gerichtlichen Geschäfte bekannt gemacht hatten. In allen ward gespielt. Hiffer selbst liebte das Spiel und verteidigte es gegen Anselm: nicht die Torheit, sein Vermögen auf eine Karte zu setzen, sondern ein mäßiges Spiel als einen Zeitvertreib und als ein Mittel, in den Gesellschaften nicht überflüssig zu sein, wo, dem allgemeinen Gebrauche zufolge, gespielt wird. Da unser Anselm aber gegen das Spiel einen allzu entschiedenen Widerwillen hatte, so suchte er lieber andere Bekanntschaften, und es gefielen ihm allenfalls diejenigen besser, wo Spazierfahrten und Konzerte das Hauptvergnügen waren. Der Gesellschaften in Wirtshäusern und Weinhäusern überdrüssig, ohne sie verlassen zu wollen, fiel unser dicker Mann jetzt auf die Musik. Den Geschmack daran zu unterhalten sind eine Menge herumreisender, besonders italienischer und französischer, Virtuosen beflissen, welche, wie ehemals manche alten Heiligen und Bischöfe den Glauben, ihre Töne fortpflanzen und dafür, so wie jene, die Taler der Zuhörer einstecken. In diesem Geschäfte kam auch damals nach Düsseldorf die Signora Bellonia nebst ihrem Bruder, dem Signor Bellonio, der aber kein Sänger, sondern bloß Fratello di Musica war, eine berühmte Cantatrice, welche auf den Theatern in London und dem Haag und wer weiß auf welchen andern in den Opere buffe die Rollen di Mezzo carattere wollte gesungen haben und sich auf ihrer Durchreise nach den Höfen zu Stockholm und Petersburg, wohin sie versicherte berufen zu sein, auf dringendes Verlangen vieler Kenner der Musik hatte bewegen lassen, einige Konzerte zu geben, so wie schon in der letzten Saison in den Bädern zu Spaa und zu Aachen. Signora Bellonia war nicht mehr in ihrer ersten Jugend, aber sie war gut gewachsen, hatte ein niedliches Gesichtchen, welches sie durch Hilfe einiger Pomaden und Pulver zu einem recht allerliebsten Lärvchen umschuf. Dabei war sie artig, gefällig, unterhaltend und konnte französisch nach italienischer Aussprache ziemlich fertig plaudern. Was ihr Singen betraf, so war es kaum del mezzo; sie war, wie der Italiener zu sagen pflegt, »eine schöne, obgleich nicht eine gute Sängerin«. Das ward aber durch ihre angenehmen Manieren reichlich ersetzt. Zudem gehörte sie nicht zu den armen Sängerinnen, die um ein Konzert betteln, damit sie Reisegeld haben. Sie wohnte in einer zierlichen Chambre garnie und hatte oft große Abendgesellschaften bei sich. Freilich ward vorausgesetzt, daß jeder Gast ein paar bayerische Taler unter das Kuvert legte, vermutlich nur für den Cameriere der Signora. Dafür aß man aber auch vortrefflich und ward mit den herrlichsten Weinen bedient. Beim Spiele gab man auch einen bayerischen Taler Kartengeld für ein Konversationsspiel, und zuweilen machte der Signor Fratello eine kleine Bank. Doch war niemand zum Spiele genötigt. Die Signora selbst liebte das Spiel nicht und saß aufs höchste bei der Bank als Zuschauerin, wenn keine andere Unterhaltung war. Sobald sich aber ein Zirkel zur Konversation bildete, zog sie denselben vor, und da erschien sie als eine zehnte Muse, denn sie sprach nicht allein mit höchster Anmut von allen schönen Künsten, sondern sie war auch eine Improvisatrice und pflegte, auf einen oder den andern aus der Gesellschaft sehr artige Stanzen zu machen oder sonst in Reimen oder in Prosa jedem etwas Angenehmes zu sagen. Anselm gab auf die Signora Bellonia, ungeachtet sie ihm gefallen hatte, weiter nicht sehr acht; denn er hatte sich einmal vorgenommen, Frauenzimmer zu meiden. Seine Gedanken waren von Frau Sophien und ihren unglücklichen Tagen erfüllt. Er dachte darüber oft mit Wehmut nach, und wann er, wider seinen Entschluß, zuweilen in ein Weinhaus ging, so meinte er, es geschähe nur, weil ihm seine eigene Wohnung allzu leer wäre, indem er Sophien darin nicht erblickte, und weil er sich zu zerstreuen suchte. Die Zerstreuung war immer von Jugend auf sein Hauptmittel gegen trübe Gedanken gewesen, die ihm gleich kamen, wenn es nicht nach seinem Sinne ging oder wenn er nicht wußte, was er wollte. Doch hatte Anselm, der soviel Bemerkungen machte, noch nicht ein einziges Mal eine sehr heilsame gemacht, nämlich: daß Zerstreuung sehr oft ein schlimmeres Mittel ist, als das Übel selbst, daß sie wenigstens nie das Übel wirklich hebt und daß derjenige, der durchaus nie trübe Gedanken bei sich dulden will, wenn sie auch eine rechtmäßige Ursache haben, nie ernsthafte Gedanken bei sich wird wollen aufkommen lassen, die ihn moralisch verbessern könnten. Das Schicksal wollte indes, daß unser dicker Mann mit der Signora Bellonia näher bekannt ward. Es stieß dieser Virtuosin eine kleine Unpäßlichkeit zu, und sie ließ den Dr. Redlich holen. Sie empfing ihn in einem eleganten Morgennegligeé. Ihre Krankheit war nicht gefährlich, aber die Schwächlichkeit gab ihr einen besondern, schmachtenden Reiz. Die Arzneien taten gute Wirkung, eben so sehr aber schien die Unterhaltung des Arztes zu wirken; daher sie bei jedem Besuche ihn ins Gespräch brachte, zugleich ihm aber auch die niedlichsten Arietten vorsang und ihn nachher so angenehm unterhielt, daß er bedauert haben würde, ihre Genesung beschleunigt zu haben, wenn ihm nicht erlaubt gewesen wäre, auch nachher seine Besuche fortzusetzen. Der Umgang mit dieser unterhaltenden Person hatte für ihn sehr viel Anziehendes, so daß er, der schon seit ein paar Monaten sowohl zu Hause als in den Kaffeehäusern immer Langeweile empfunden hatte, den glücklichen Zufall nutzte, in jeder Woche einige Abende in diesem Hause zuzubringen. Man wird schon bemerkt haben, daß unser dicker Mann Zunder im Herzen hatte, welcher an schönen Augen leicht Feuer fing. Er konnte also, so sehr er auch immer Frau Sophien vor Augen behielt, nicht lange in die liebreizenden Augen der schönen Italienerin ganz ungestraft sehen. Aber nicht nur diese, sondern auch ihre lieblichen Arietten und angenehmen Gespräche gewannen sein Herz. Wenigstens beredete er sich dieses, obgleich die Augen vielleicht doch einen größeren Anteil an seinem Wohlgefallen hatten als Gesang und Gespräch. Er besuchte sie nunmehr auch vormittags bei ihrem Nachttische und war wohl vierzehn Tage lang ihr täglicher Abendgesellschafter. Er fing auch an, ihr Geschenke zu machen, wie dieses bei Virtuosinnen üblich ist. Sie nahm sie auf eine verbindliche Art an und erwiderte sie allemal mit Gegengeschenken: Kleinigkeiten, die nicht sowohl durch den innern Wert, als durch die gar angenehme Weise, sie zu geben, schätzbar wurden. Endlich fügte es sich einmal an einem Abende, daß nur eine kleine Gesellschaft gegenwärtig war. Desto munterer und vertraulicher ward die Unterhaltung bei Tische, und die Flasche ging frisch herum. Unsern dicken Mann bezauberte die frohe und angenehme Laune der Signora Bellonia. Ihn dünkte, er sei im Himmel. Er sprach noch mehr mit den Augen als mit dem Munde; und er fing aus den Blicken der Schönen ein Feuer, welches durch Wein nicht konnte gelöscht werden, ob dieser gleich nicht gespart ward. Nach Tische war die Gesellschaft zu klein zur Konversation. Man machte eine kleine Bank. Anselm hatte am Spielen keinen Gefallen, die Signora auch nicht. Indessen schlug sie vor, weil es doch einmal gespielt sein solle, wollten sie beide in Gesellschaft ihr Glück versuchen. Eine solche Spielgesellschafterin konnte nicht ausgeschlagen werden. Sie setzten eine gemeinschaftliche Kasse auf den Tisch. Sie pointierte für beide, aber verlor, vermutlich, weil sie das Spiel nicht verstand. Aber wie denn Frauenzimmer zuweilen ihren kleinen Eigensinn haben; sie wollte das Geld durchaus wiedergewinnen, weil es ihrem caro Anselminuccio gehörte, wie sie sich ausdrückte, indem sie ihm die runden Backen klopfte. Sie verdoppelte; sie setzte viel Geld und verlor. »Ich merke«, sagte sie lächelnd, »wer in der Liebe glücklich ist, ist unglücklich im Spiele«, und sah zärtlich über die linke Achsel nach imxm Anselmino. Doch wollte sie das Geld wiederhaben und setzte höher. Nun kam sie ins Glück. Sie hielt das Blatt bis zum Sept-Leva. Das Blatt kam links heraus, und alles war wieder verloren. Jetzt stand sie auf und setzte unsern dicken Mann an ihre Stelle. Derselbe glühte vor Eifer, die beträchtliche Summe wieder zu erobern. Das Spiel dauerte bis früh um drei Uhr, da er und seine schöne Gesellschafterin alles, was sie bei sich hatten, und beinahe 8000 Konventionstaler auf Kredit verloren hatten und der Bankier, welches diesmal nicht der Bruder, sondern ein anderer Mann war, nicht mehr halten wollte. Anselm kam wie aus einem Todesschlummer zu sich und sah mit Verwunderung, daß fünf bis sechs handfeste Leute um den Tisch standen; was ihn aber am mehrsten befremdete, war, Plattern, seinen ehemaligen Schuldner, hinter dem Bankier stehen zu sehen, dessen Kroupier er zu sein schien. Nun erfuhr er erst, es sei in diesem ehrbaren Hause Sitte, über dasjenige, was auf Kredit verloren worden, sogleich einen Wechsel aufzusetzen, in drei Tagen fällig. Dies tat jeder anwesende Schuldner; und auch die schöne Sängerin, ihr Unglück verwünschend, stellte einen aus über ihren Anteil des Verlusts auf 3980 Konventionstaler. Anselm mußte also das Nämliche tun. Er ging voll Verzweiflung nach Hause. Er konnte nicht schlafen. Er konsultierte seinen Freund Hiffer als einen Rechtsgelehrten. Der machte ihm aber derbe Vorwürfe, daß er seine Philosophie so schlecht beobachtete, die alles Spiel, auch die kleinsten Konversationsspiele, hatte für verdammlich erklären wollen. Er begegnete ihm mit grausamem Spotte und sagte: Man sehe wohl, die sogenannte Virtuosin sei eine Intrigante, die dem sogenannten Bruder nur zum Lockvogel seines Spiels diene, Dummköpfe zu fangen. – Sogenannter Bruder! – Das war Anselm zu hart; denn er hatte noch während seines schlaflosen Morgens die schöne und witzige Signora für ein ehrliches Blut gehalten und sie beklagt, daß sie mit ihm so viel verloren habe. Er ging hin, sie zu besuchen, ward aber nicht angenommen. Nachmittags kam der Bankier mit Heftigkeit zu ihm sagend: Die Signora mit ihrem sogenannten Bruder sei heimlich abgereiset, ohne ihn zu bezahlen; und er gab deutlich zu verstehen, wie er hoffe, Anselm werde es wenigstens nicht ebenso machen. Anselm fand bei keinem seiner Kaffeehausfreunde Trost, noch weniger Hilfe; sie lachten ihn vielmehr aus, daß er sich durch so grobe List habe fangen lassen. Er mußte zu Wucherern Zuflucht nehmen, verpfändete, was er hatte, und befriedigte den Gauner. Nun aber war er in den bedrängtesten Umständen; denn ihm blieb weniger als nichts. Seine Ehre und sein Einkommen waren verschwunden; er merkte nach wenigen Wochen, daß er das Gespräch der ganzen Stadt war und daß der Vorfall, der mit vielen Zusätzen und falschen Umständen erzählt ward, die meisten Häuser, in denen er Arzt gewesen war, von ihm abwendig machte. Seine Einnahme nahm sichtlich ab. Die Gläubiger und Wucherer drängten ihn und drohten mit Gefängnis. Er war genötigt, seine Möbel zu verkaufen; denn er hatte nicht unterlassen, hier auch sich mit Mahagony-Sekretären und Tischen, desgleichen mit weichen Ottomanen und bunten Fußdecken zu versehen. Ja er mußte sogar seine Kleider verkaufen und versetzen, um nur zu leben. Er kam endlich so weit, daß er nicht den Unterhalt eines Tages mehr hatte. Nichts blieb ihm übrig, und er hatte noch verschiedene kleine Schulden, die er schlechterdings nicht bezahlen konnte und doch täglich darum gemahnt ward. Vierunddreißigster Abschnitt Verschiedene Versuche, Lebensunterhalt zu finden. Verzweiflung und ein kleiner glücklicher Zufall Ganz betäubt schlenderte Anselm zum Ratinger Tore hinaus, ging wohl eine Stunde fort, ohne sich zu besinnen, und so kam er unvermerkt bis unter das Dunkel der dicht verwachsenen Bäume vor dem Eingange des Specker Mönchsklosters à la Trappe. Plötzlich ergriff ihn der Gedanke, der Welt, worin er gar keine Freunde mehr hoffen zu können vermeinte, zu entsagen und sich im Kloster à la Trappe zu vergraben. Gerade die Strenge dieses Ordens bemächtigte sich seiner Einbildungskraft. Er glaubte, dadurch für alle Torheiten seines Lebens zu büßen, besonders für die, wodurch er Sophien unglücklich gemacht hatte. Aber er war ja nicht katholisch? Was denn! Ihm war in seiner jetzigen Betäubung alles, gleich. Er hatte die katholischen Gebräuche ziemlich kennen gelernt und beschloß, für einen Katholiken zu passieren, um nur der Welt zu entfliehen, von der er sich ganz verlassen glaubte. Er zog die Glocke an der Klosterpforte, begrüßte den öffnenden Pförtner mit einem Memento mori! und verlangte, den Abt zu sprechen, weil er ins Noviziat des Klosters treten wolle. Ein Abt, zumal ein Abt à la Trappe, ist der demütigste unter den demütigen Gliedern seines Konvents, so wie der Papst der Knecht der Knechte ist; dennoch ist jeder Abt viel zu erhaben, als daß ihn ein unbedeutender Ankömmling sogleich sprechen könnte. Vollends aber ein Abt à la Trappe ist ein sehr großer Mann. Er behauptete, er sei auf Erden ganz unabhängig und dürfe von seiner Klosterverwaltung niemand als Gott unmittelbar Rechenschaft geben, so wie der Rat von Nürnberg von seiner Finanzverwaltung nur dem Kaiser persönlich. Da er nun vermöge der Abtötungen und Kasteiungen seines Klosters mit dem lieben Gotte sehr gut steht, so wird dieser schon von seinem Freunde, dem Abte, nicht etwa eine Rechenschaft fordern, wie der Kaiser doch zuweilen von den Herren von Nürnberg. Also ist ein Abt à la Trappe ein Gott auf Erden und zeigt folglich sein Antlitz nicht jedem, der an die Klosterpforte klingelt. Anselm ward an den Subprior gewiesen, den Mann, der für das ganze stillschweigende Konvent mit den Fremden zu schwatzen hat. Dieser hohläugige, abgezehrte, blasse Mönch, von allen Sünden verlassen, außer von mildem geistlichen Stolze, hörte sein Begehren an und gab ganz kalt zur Antwort: »Freund, du bist viel zu dick für unser Kloster! Wie könnte ein so wohlbeleibter Sünder sein Fleisch bis dahin kasteien, daß er bis zur Magerkeit eines heiligen Mönchs à la Trappe abfiele? Zudem bist du Weltmensch ein Doktor der Arznei. Wer zu unserer hohen Vollkommenheit gelangen will, muß ungelehrt sein. Unser heiliger Reformator hat uns verboten zu studieren; denn – die selige Unwissenheit ist die Mutter des Gehorsams. Geh, du bist gelehrt und dick und also nicht für uns! Geh in Frieden! Dein bloßes Anschauen würde unsern Brüdern ein Ärgernis geben, daß sie lange Zeit nicht wieder zu der seligen Unempfindlichkeit gelangen würden, die unserer heiligen Regel gemäß ist. Memento mori!« Und damit ließ er ihn ganz sanft zum Kloster hinausschieben. Anselm, der schon in seiner Einbildungskraft die ruhige Untätigkeit des Klosters genoß, ward durch die abschlägige Antwort insofern zur Empfindung seiner wirklichen Existenz zurückgebracht, daß er überlegte, welchen Weg er zu nehmen habe. Nach Düsseldorf durfte er nicht, nach Elberfeld wollte er nicht; er suchte also einen dritten Weg. Auf Nachfrage erfuhr er, daß er auf der Landstraße nach Lennep sei. Es war ihm genug, daß diese Straße von Elberfeld abführte, um derselben zu folgen; denn seiner Eitelkeit war der Gedanke unerträglich, seine Torheit dort wissen zu lassen; und ob sein treuer Freund Philipp in Kummer sein würde, wenn er seine traurige Geschichte erführe, ohne weiter Nachricht von ihm zu empfangen, daran dachte sein Egoismus nicht. Nachdem er die Nacht in einer Dorfschenke zugebracht hatte, kam er den folgenden Morgen in einem Wirtshause in der Vorstadt von Lennep an. Da fand er einen preußischen Werbeoffizier, welcher dort mit einigen Rekruten übernachtet hatte, die er von Köln nach Hamm transportierte. Schnell fiel unserm Anselm ein, in seiner äußersten Not zum Soldatenstande Zuflucht zu nehmen: er gab sich zum Rekruten an. Der Offizier maß ihn von oben bis unten und erklärte darauf, er sei zum Soldaten zu klein und selbst zum Trommelschläger nicht groß genug. Dieser Offizier war übrigens ein freundlicher und, bloß den Punkt von Rekruten ausgenommen, mitleidiger Mann. Er ließ, zur Vergütung der abschlägigen Antwort, unsern dicken und zu kleinen Mann mit sich frühstücken und einen Teil seiner Geschichte erzählen. Da er fand, Anselm wäre nicht ohne Geschicklichkeit, schrieb er, ehe er mit seinen Rekruten abmarschierte, ein Billett an einen jungen Edelmann, den er vorigen Abend in dem besten Wirtshause zu Lennep hatte kennen lernen. Dieser junge Mensch war eben mündig geworden und wollte sein Haus auf einen großen Fuß einrichten. Der Offizier meinte, Anselm würde bei ihm füglich die doppelte Person eines Kammerdieners und Leibchirurgus vorstellen können. Anselm nahm die Empfehlung dankbar an und ging in die Stadt, das Billett abzugeben. Er mußte bis um elf Uhr warten, ehe der unmündige Mündige aufstand, und bis um halb ein Uhr, ehe er vorgelassen ward. Der junge Herr las das Billett, maß Anselmen der Länge und Breite nach und sagte: »Ich weiß nicht, wohin der Herr Lieutenant mit seiner Empfehlung gedacht hat. Mein Freund! er ist viel zu klein und ganz unförmlich dick. Wer kann solche Leute um sich leiden?« Damit kehrte er sich um und ließ ihn stehen. »Mein Gott!« dachte Anselm bei sich, indem er die Treppe hinabging, »hier ist mir ja meine Statur in allem hinderlich! Wie muß man denn beschaffen sein, um hier zu Lande fortzukommen?« Indem ging er vor der Küche des Edelmanns vorbei, wo ihm der Geruch vieler köstlich zubereiteter Speisen in die Nase zog; er ward doppelt hungrig, hatte aber seinen letzten Stüber fürs Nachtlager ausgegeben. Traurig wanderte er einige Straßen auf und ab, ohne zu wissen, was er beginnen sollte. Es fehlte ihm an Geld auch nur zum frugalsten Mittagsessen oder zum schlechtesten Nachtlager. Er sah die Menschen vor sich vorbeigehen, als wären es tote Bilder, welche ihn nichts und welche er nichts anginge. Der Anblick eines ihm begegnenden Juden erinnerte ihn, daß er von seiner wenigen Wäsche ein Hemd verkaufen könne, um doch für ein paar Tage sich Kost und Nachtlager zu sichern. Er redete den Juden deshalb an. Dieser nahm ihn mit sich nach Hause und kaufte das Hemd nicht. Er ließ sich erzählen, wodurch Anselm so herunter gekommen sei. Er tröstete ihn mit der Versicherung, bei so mancher Geschicklichkeit werde gewiß für ihn sich etwas finden. Obgleich der Jude selbst arm war, gab er ihm doch in seiner Hütte eine Schlafstelle und teilte seinen kärglichen Bissen Brot mit ihm. »Gottlob!« sagte Anselm, »das ist ein Mensch, der menschliche Empfindungen hat«, und prüfte sich selbst innerlich, ob er zur Zeit seines Wohlstandes nur verhältnismäßig halb so viel für das Bedürfnis seiner Mitmenschen getan hätte. Anselm blieb einige Tage bei dem Juden, der sich in der Stadt zu erkundigen anfing, ob nicht irgendeine Stelle für seinen Hausgenossen gefunden werden könne. Unvermutet aber ging Anselms Hoffnung auf den ehrlichen Mann ganz zugrunde; der Jude ward an einem Morgen sehr früh nebst seiner Frau von den Stadtknechten aufgegriffen und ins Gefängnis geworfen. Er hatte sich unterstanden, für andere Juden Schuhe zu machen, und, obgleich gewarnt, es doch nicht unterlassen; sogar hatte kürzlich seine Frau für eine andere Jüdin ein Kleid zugeschnitten und genähet. Es war in der Tat ein scheußliches Verbrechen! Denn, wie könnte einem Beschnittenen erlaubt sein, einen Schuhpfriemen zu brauchen, oder der Frau eines Beschnittenen, Kleider zuzuschneiden? Der Staat müßte ja untergehen und vermutlich auch die Religion, wenn man solchem Frevel nicht steuren wollte! Wie ist es nicht der Republik Polen gegangen, wo von jeher den Juden diese und alle anderen Handwerke erlaubt waren! Um nun alles Übel von dem guten Herzogtume Berg abzuwenden, hatte die löbliche Schuhmacher- und Schneiderzunft zu Lennep darauf angetragen, den Juden seines Schutzes verlustig zu erklären und ihn über die Grenze zu bringen. Es war fast wahrscheinlich, daß eine so billige Bitte würde gewähret werden. Wenigstens versiegelte man die Wohnung des Juden, um nachher gerichtlich zu untersuchen, was an unerlaubtem Handwerkszeuge und hinterlistig verfertigten Schuhen zu finden sein möchte. Hierdurch verlor nun der arme Anselm seine Schlafstelle. Er dachte unökonomisch genug, an einen andern Juden drei Hemden zu verkaufen und den größten Teil des daraus gelöseten Geldes seinem Wohltäter ins Gefängnis zu bringen; worauf er noch denselben Vormittag Lennep verließ. Er war über eine Meile in tiefen Gedanken fortgegangen und sann eben bei sich nach, wie es in der Welt so wunderlich zugeht, daß einige Menschen nicht fortkommen können, weil sie allzu klein oder allzu dick sind, und andere, weil sie Schuhe machen wollen. Da holte er einen schwerbeladenen Wagen ein. Derselbe gehörte einer Truppe wandernder Komödianten, die zu Fuße nebenher gingen. Er machte Gesellschaft mit ihnen bis zu dem Orte, wo die Pferde gefüttert und Mittag gehalten ward. Sie reiseten, wie sie ihm erzählten, nach einem Städtchen, wo sie während des Jahrmarktes spielen wollten. Nur waren sie in großer Verlegenheit: denn ihre lustige Person hatte ein Fieber bekommen und im letzten Nachtlager müssen zurückgelassen werden. Sie taten unserm Anselm die Ehre zu glauben, seine Figur sehe komisch aus, und wollten durch ihn ihren Mangel vor der Hand ersetzen. Sie gaben ihm Unterricht, und weil sie es ihm so leicht machten und die Probe, die im ersten Nachtlager in einem Zimmer mit ihm versucht ward, so ziemlich ablief, war er bereit, sich diese Rolle gefallen zu lassen, zumal da er gar keine andere Aussicht hatte. Hier hinderte nun unsern Anselm nicht seine kleine Statur, noch sein runder Bauch; aber als er aufs Theater kam, war er zu furchtsam, seine Stimme zu schwach und seine Gebärden nicht lustig genug. Er fand keinen Beifall und wäre beinahe ausgepfiffen worden. Die rechte lustige Person hatte sich nach einigen Tagen vom Fieber erholt und kam zur großen Freude der Komödianten noch während des Jahrmarktes nach. Ein hohes und gnädiges Publikum des Städtchens bezeugte seinen lauten Beifall. Anselm ward vergessen und, da er die Stelle eines Lichtputzers, die eben vakant war, nicht annehmen wollte, ganz abgedankt. Anselm mußte sich in sein Schicksal finden. Indem er voll Grillen über den Markt ging, sah er auf einem offenen Theater einen Marktschreier ausstehen. Er verweilte sich wundershalber vor der Bühne, um an der lustigen Person, deren Einfälle mit wieherndem Gelächter aufgenommen wurden, zu sehen, was ihm selbst wohl fehlen möchte, um auf dem Theater Beifall zu erhalten. Bald aber zog der Marktschreier selbst seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieser Kerl redete das unsinnigste Zeug; dennoch wurden seine Arzneien sehr häufig gekauft, ob sie gleich für die Krankheiten, die er nannte, gar nicht helfen konnten. Anselm erschrak über diese Verblendung. Mit einemmal gab ihm seine Klugheit, mit Hilfe seiner Einbildungskraft, den Gedanken ein: wenn die Leute ganz unwirksame und zwecklose Arzneien so begierig kauften, so würden sie doch viel lieber solche kaufen, welche ihnen helfen könnten. Er baute hierauf die Hoffnung eines zwar kleinen, aber doch sichern Auskommens, bis sich etwas Anständigeres fände. Sogleich legte er alles Geld an, welches er von seinem kurzen Komödiantenleben erübrigt hatte und von dem Reste seiner jetzt verkauften Wäsche lösete, um einige wohlfeile Arzneien anzuschaffen, die er auf verschiedene Art zweckmäßig mischte und ihnen die Namen von Wunderpulvern und himmlischen Essenzen gab. »Die Welt will betrogen sein!« dachte er, »ich will sie wenigstens nur im Namen, nicht in der Wirkung betrügen. Es heißt im Grunde, den Leuten einen wahren Dienst tun, damit sie nicht von unwissenden Marktschreiern um ihre Gesundheit gebracht werden.« Diese menschenfreundliche Betrachtung tröstete ihn über das Niedrige seines Unternehmens. Er ging mit diesem Vorrate nach einem andern Jahrmarkte an die Grenze einer benachbarten kleinen Grafschaft, worin er ihn gewiß den ersten Tag teuer zu verkaufen und auf die folgenden Tage schon mehr anzuschaffen meinte. Er mietete sich ein Pferd auf einen Tag und bot so auf dem Jahrmarkte seine Arzneien feil. Aber der Erfolg war ganz anders, als er gehofft hatte. Er war kein Charlatan. Er konnte nicht genug schreien und nicht Gesundheit genug versprechen. Er wollte die Kranken untersuchen. Das nahm Zeit weg und schien den Leuten nicht wunderbar genug. Die Beschaffenheit der Arzneien wußte er nicht künstlich genug zu verbergen. Der eine schmeckte den Rhabarber, der andere roch den Kampfer. Dies, meinten sie, könnten sie sich aus der Apotheke selbst holen und brauchten dazu keinen reitenden Doktor. Anselm hatte auch keine lustige Person, um das Volk heranzulocken. Es blieb also niemand bei ihm stehen, und er verkaufte den ersten Tag kaum so viel, um die Miete des Pferdes zu bezahlen, und sah deutlich, daß er es nicht wagen dürfe, es auf den zweiten Tag zu mieten. Nachdem er sein Nachtlager bezahlt hatte, war abermal sein letzter Stüber ausgegeben; und es blieb ihm im eigentlichsten Verstande auf den folgenden Tag zur Nahrung nichts übrig als einige Portionen Rhabarber und Glaubersalz, die er nicht hatte verkaufen können. Nun war also auch sein letzter Plan gescheitert, dessen Erfolg er für völlig sicher gehalten hatte, weil er seiner Meinung nach auf gemeinnützige Wohltätigkeit abzweckte. Er ging, da seines Bleibens hier nicht mehr war, zum Tore hinaus, um seinem Unmute Luft zu machen, der nahe an Verzweiflung grenzte. Seine Torheiten kamen ihm in dieser Gemütsstimmung nicht zu Sinne, sondern nur seine mannigfaltigen Unglücksfälle und fehlgeschlagenen Pläne, die er als eben soviele Unbilligkeiten des Schicksals gegen ihn betrachtete, ohne in Anschlag zu bringen, wieviel davon er selbet möchte veranlaßt haben. Er sagte sich: daß er doch viel Geschicklichkeiten erworben, daß er ein gutes Herz habe und sich keiner schlechten Handlung schuldig wisse, gleichwohl gehe alles, was er unternähme, ohne seine Schuld beständig den Krebsgang. Ihm fielen, in dieser schwarzen Laune, von seiner Jugend her verschiedene Dordrechtsche Lehren aus Braunii Doctrina Foederum im Kapitel de reprobatione ein, und – wie denn weltliche Menschen immer die heilsamsten Lehren der Dogmatik unrichtig anwenden – er betrachtete sich als reprobiert, als zum Unglücke prädestiniert, und glaubte, es sei für ihn auch gar keine einzige Aussicht zum Wohlstande mehr übrig. Je mehr er um sich sah, fand er sich von aller Welt verlassen, hoffnungslos, in schrecklicher Einzelnheit; er, der doch ein besseres Schicksal verdient hätte, indes die Reitheime, die Platter und andere Leute der Art schwelgen. Alles Unglück war nur über ihn verhängt! Was halfen ihm seine erlernten Kenntnisse, was half ihm sein weiches Herz, was seine guten Gesinnungen gegen alle Menschen? Er war verachtet, verlassen, unwiederbringlich unglücklich! Während er fortfuhr, über diesen schwarzen Gedanken zu brüten, kam er unvermerkt in ein Wäldchen, das immer dichter ward, und, indem er in düsterer Betäubung fortging, stand er auf einmal vor einem ziemlich großen See. Er sah starr in den Spiegel des ruhigen Wassers. Der Ort war heimlich, und melancholisch die bis ins Wasser hangenden Weiden. Sein düsteres Sinnen über sein Unglück und über die Härte der Menschen, die ihn ganz verstießen, ging allgemach in Verzweiflung über. »Ruhe ist im Tode zu finden«, sagte er, »Ruhe werde mir in diesem stillen See!« Stolz und weichliche Trostlosigkeit sind die gewöhnlichsten Ursachen des Selbstmordes. Diese kamen hier zusammen, und er war eben bereit, ins Wasser zu springen; aber als er nochmals in den See hineinsah, kam er ihm so naß und so tief vor! Er schauderte und trat einen Schritt zurück. Noch einen Augenblick wollte er warten. Die starre Verzweiflung lösete sich in laute Klagen über sein unabsehbares Unglück auf. Er raufte sich die Haare aus, schlug wütend vor seine Brust und zerriß dadurch das Bändchen um den Hals, an dem Sophiens Bild in seinem bloßen Busen hing; es fiel ihm in die Hand. Er blickte darauf und fuhr noch zwei Schritte zurück. Seine klagende Wut verstummte. Er sah dies holde, edle, leidende Gesicht! – Durch ihn war sie unglücklich gemacht; sie war unverändert gegen ihn – und duldete! – »Sollte ich nicht auch dulden!« rief er aus. »Könnte ich wohl Sophiens Leiden vermehren, durch die Nachricht – von meinem schimpflichen Tode! – Schrecklich! – Nein! – Ich muß leben; denn meine Todespost würde Sophien noch unglücklicher machen. – Das kann nicht, das muß nicht sein! – Ich will dulden nach ihrem Beispiele, – muß dulden! – dulden alles Unglück, wenngleich unverdient! – Dulden das Leben in dieser öden Welt, wo ich da stehe, – unglücklich! Von jedermann verlassen! Ohne Hilfe! Ohne Freunde! Hoffnungslos!« Er starrte nochmal zurück und schwieg einige Minuten. – »Hoffnungslos?« fuhr er fort. »Habe ich keinen Freund? Da ist Philipp, edler und besser als ich; da ist der Pastor in ..., mein Wohltäter!« Er schwieg abermal eine Minute und sagte leise zu sich selbst: »Nein! der ist nicht ganz unglücklich zu nennen, der zwei wahre Freunde hat; – er müßte denn ihrer ganz unwürdig sein. – Ja! das bin ich; und verdiene mein Unglück!« – Er seufzte tief, und ein Strom von Tränen wahrer Reue stürzte aus seinen Augen. Er setzte sich auf den Rasen, Sophiens Bild in der Hand, und benetzte es mit Tränen. Hierdurch bekam sein Herz Luft, und er gewann endlich soviel Besinnung, um zu fühlen, er müsse weder verzweifeln noch verzagen, und über seine Lage nachzudenken und zu überlegen, wohin er gehen und was er anfangen sollte. Zu Philipp oder zum Pastor in ...? Er hätte sich bis dahin durchbetteln müssen. Und dann konnte ers auch nicht ertragen, diesen Freunden abermal beschwerlich zu fallen. Im Grunde hatte er aber noch eine Ursache, diese Freunde zu meiden, die er sich selbst kaum entwickelte. Es war ihm unerträglich, vor ihnen zu stehen, beladen mit der Notwendigkeit, ihnen die unverzeihliche Torheit zu bekennen, die ihn in diese äußerste Stufe des Elendes durch eigne Schuld gebracht hatte. Aber wohin sonst sollte er sich wenden, in einem ihm unbekannten Lande, von allen Menschen verlassen? Das wußte er nicht. Indes raffte er sich auf, und indem er Sophiens Bildnis mechanisch in seine Westentasche steckte, fühlte er etwas Hartes. Es war ein Konventionstaler, der durch ein Loch in der Tasche ins Futter gefallen und daher nicht bemerkt worden war. Anselm staunte diese unvermutete Hilfe an und beschloß, in dem nächsten Orte, wo es auch sei, die Wohltat einer genügsamen Abendmahlzeit und eines ruhigen Lagers, sei es auch nur auf Stroh, zu genießen. Das Schicksal hatte es aber anders beschlossen und ihn einem schrecklichern Unfalle vorbehalten. Fünfunddreißigster Abschnitt Anselm findet unvermutet einen Bekannten. Hoffnung der Einwohner einer gräflichen Residenzstadt Anselm ging mit einigem Mute auf dem ersten Wege fort, auf den er bei dem Ausgange des Wäldchens traf und gelangte am späten Nachmittage zu einem in der benachbarten kleinen Grafschaft gelegenen Flecken. Er hatte diesen Tag noch nichts gegessen, seine erste Frage war also nach dem Wirtshause. Er erstaunte nicht wenig, unter der Tür desselben einen Bedienten der Signora Bellonia zu sehen. Er fragte, ob sie da wäre? Auf die Bejahung geriet er dermaßen in Zorn, daß er seinen Hunger vergaß. Erlittenes Unrecht und Wahrnehmung niederträchtiger Gesinnung konnten ihn, seinem Charakter gemäß, gleich aus der Fassung setzen. Er ging gerade in ihr Zimmer, um ihr zu sagen, was sie verdiente. Er erstaunte, Plattern bei ihr allein zu finden, mit Weingläsern auf dem Tische, beide halb berauscht. Er brach in gerechte Vorwürfe aus gegen die Signora und ihren Helfershelfer; diese wurden aber nur mit Lachen und Hohnnecken aufgenommen. Platter schenkte ein Glas Wein ein, das Anselm, obgleich nüchtern und durstig, mit Unwillen verschmähte. Platter stand auf, nahm ihn bei der Hand, ob er sie gleich zurückzog, und sagte: »Sei kein Narr! Die Sache ist nun vorbei. Ich will ganz aufrichtig reden. Du hast gedacht, wie wunderklug du wärest, daß du eine alte Obligation, die ich schon ganz vergessen hatte, an Philipp zediertest, um mir fünftausend Speziestaler wieder abzujagen. Dies konnte ich freilich nicht hindern, und ich bewunderte dich in Gedanken, daß du pfiffiger warest als ich. Um dir aber zu zeigen, Kamerad, daß ich doch noch pfiffiger bin als du, machte ich einen Bund mit dieser schönen Nymphe, um dir den größten Teil wieder abzunehmen. Es tat mir leid, daß es nicht alles sein konnte! Doch bin ich auch nicht so arg, als du wohl denkst. Ich habs dir genommen; ich wills dir mit Wucher wiedergeben. Das tut nicht jeder in meiner Lage. Ich bin jetzt der Fratello dieser schönen Schwester; denn der andere ist abgedankt. Wir wollen dich zum zweiten Bruder annehmen. Ich will dir zeigen, wie man die Gimpel fängt; du aber sollst kein Gimpel mehr sein. Ich will dich lehren, wie man die Karten mischt, wie man das Buch da abhebt, wo man will, wie man Bilder oder Nichtbilder mit den Fingerspitzen erkennt, wie man jedes Blatt ganz unvermerkt zeichnet und ein gezeichnetes Buch statt eines ungezeichneten auf den Teppich bringt, wie man die Volte mit einer Hand schlägt und wie jedes Blatt rechts oder links fallen muß, so wie man will. Dies sollst du von mir lernen; dann wollen wir mit Hilfe dieses Lockvogels« – er schlug die Signora auf die Schulter – »schon die Gimpel ins Netz ziehen, und dann sollst du dein Geld bald wiederbekommen. Wir haben uns hier nur ins Inkognito gezogen, um uns ein paar Wochen gütlich zu tun. Morgen reisen wir nach der Frankfurter Messe, da müssen wir wieder nüchtern und ehrbar sein.« Und hiermit brachten ihm beide nochmal das Glas zu, auf gute Brüderschaft! Anselm wich voll Abscheu zurück und rief aus: »Weil Ihr mich schändlich betrogen habt, will ich deswegen nicht andere betrügen!« Mehr andere Wahrheiten sagte er, ebenso bitter zu hören. Der schon vom Weine erhitzte Platter fuhr wütend auf unsern dicken Mann zu, ihn aus der Stube zu werfen. Dieser, dem der Unwillen die Kräfte verdoppelte, warf den Betrunkenen zu Boden. Platter raffte sich auf, griff nach seinem im Winkel stehenden Degen und fuhr damit auf den unbewehrten Anselm zu. Diesem half seine kleine Statur und seine, obgleich seit der Universität nicht geübte Fechtkunst, um unter den Stoß zu schlüpfen und Plattern auf den Leib zu kommen. Er wand ihm den Degen aus der Hand und setzte sich in Defension. Platter, durch Zorn und Wein halb sinnlos gemacht, fuhr blindlings auf ihn zu, lief sich seinen eigenen Degen in den Leib und fiel in seinem Blute ohnmächtig nieder. Signora Bellonia schrie im Sopran, der Wirt heulte im Tenor: Plater sei tot. Anselm ließ den aus Platters Leib gezogenen Degen fallen und stand stumm in äußerster Bestürzung da. Man rief den Kontributionseinnehmer des Orts herbei, der als Perückenmachergeselle – und folglich als Barbier – durch Holland und Brabant gewandert war. Er hatte die Bärte der Männer des Fleckens zu besorgen und auch die vorfallenden Wunden, ausgenommen die Beinbrüche und Verrenkungen, welche der Scharfrichter kurierte. Dieser Äskulap untersuchte und verband die Wunde, und da er sie für absolut tödlich erklärte, so ward Anselm gebunden ins Haus des Gerichtsdieners gebracht, dort auf die bloße Erde gelegt und bewacht. Man setzte einen Krug Wasser und ein Stück grobes Brot neben ihn, welches er, weil die Hände zusammengeschnürt waren, nicht hätte nehmen können, wenn er auch gewollt hätte. Am folgenden Morgen ward er durch eine kommandierte Wache von acht bewaffneten Einwohnern des Fleckens, denen die übrigen aus Neugierde freiwillig folgten, nach dem nicht weit entlegenen Residenzstädtchen der Grafschaft gebracht. Daselbst verhörte man ihn summarisch und brachte ihn darauf ins Kriminalgefängnis, in ein unterirdisches Loch, wo er mit Ketten kreuzweise an die Mauer geschlossen ward. Die Langeweile war seit undenklicher Zeit in dieser Residenz eingekehrt; einer gähnte immer den andern an. Der regierende Graf und sein Hofstaat waren nicht gegenwärtig. Kein Geistlicher in der Stadt war wegen Ketzerei verdächtig und keine Frau wegen Liebeshändel. Es war seit langer Zeit keine Feuersbrunst gewesen und kein starker Hagel gefallen. Es war kein Kalb mit drei Füßen geboren worden, sogar war seit Menschengedenken niemand am Schlagflusse oder Überladung des Magens plötzlich gestorben. Man wußte also durchaus nicht, wovon man in den Zusammenkünften hätte reden sollen, wenn man auch vor argem Gähnen hätte dazu kommen können. Nun war Anselms Mordtat, wie dieser Vorfall allgemein benennet ward, auf einmal eine unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung. Alle Umstände wurden erzählt und unzählige hinzugedichtet; man hatte täglich eine neue veränderte Nachricht, wovon das Hauptsächliche doch immer darauf hinauslief, daß Platter an seinen Wunden gestorben wäre, deren ihm das Gerücht wenigstens zehn beilegte. Eine Menge Einwohner der Residenz wallfahrteten nach dem Flecken, wo der Verwundete lag, und, ob sie ihn gleich nicht zu sehen bekamen, kehrten sie immer mit der Nachricht zurück, daß er eben verscheiden wolle, wenn er gleich den folgenden Tag noch lebte. Jedermann wollte den Mörder sehen. Die Leute drängten sich, wenn er ins Verhör geführet ward; und der Kerkermeister fand ein gutes Auskommen dabei, daß er täglich einige Stunden unsern armen dicken Mann einer Menge von Menschen, jedem für zwei Stüber, sehen ließ. Da mußte denn der arme Anselm über seine schweren Fesseln Anmerkungen hören; da entdeckten Kenner in seinem runden Gesichte und in seiner gutmütigen Miene die Bosheit eines Mörders. Da ward in seiner Gegenwart von den Zuschauern gefühllos gestritten, wie bald er werde zur Tortur gebracht werden, weil er verstockter Weise den Mord noch immer leugnen wollte, und welche Art von Todesstrafe er wohl werde leiden müssen. Das war mehr als die menschliche Natur ertragen konnte. Gram, Kummer, schlechte Kost und Lage und vor allem die feuchte Luft des Gefängnisses machten, daß Anselm nach wenigen Wochen in ein Faulfieber verfiel. Dies erregte die Besorgnis, er möchte vor Ausgang des Prozesses sterben. Es ward daher die einzige medizinische Person in der ganzen Grafschaft zu ihm geschickt, indem der Leibarzt seit mehrern Jahren mit dem regierenden Grafen auf Reisen war, auf welchen die Einkünfte des Ländchens und noch etwas mehr in fremden Ländern verzehrt wurden. Dieser Mann war ein Chirurgus, etwas über vierzig Jahr alt, der weit in der Welt herumgereiset war, sich aber erst seit einem halben Jahre hier gesetzt hatte und mit vielem Glücke praktizierte. Sechsunddreißigster Abschnitt Sorgfalt der gräflichen Regierung, ein wichtiges Recht ihres Herrn zu erhalten. Reue. Unvermutete Begebenheit Es war der gräflichen Regierung nicht zu verdenken, daß sie für das Leben ihres Gefangenen besondere Sorgfalt trug. Ein benachbarter Reichsstand machte dem Grafen die peinliche Gerichtsbarkeit und den Blutbann seit einiger Zeit streitig und hatte deshalb beim Kammergerichte zu Wetzlar einen Prozeß erhoben. Aber der Graf hatte zu deduzieren gesucht, daß er in uneingeschränktem Besitze der Kriminal-Gerichtsbarkeit sich befinde und von jeher befunden habe. Es gab also ein jeder neuer Actus jurisdictionis, wenn ein Deliquent peinlich befragt oder justifiziert ward, zwar eine neue Beschwerde für den Gegenteil, aber auch eine neue Bestätigung des diesseitigen Rechts. Daher war schwerlich daran zu gedenken, daß an unserm armen dicken Manne etwa das Begnadigungsrecht ausgeübt würde; denn bei den vielen Einwendungen, die der Gegenteil seit kurzem hervorgesucht hatte, kam die Gelegenheit gar zu erwünscht, abermal deutlich zu zeigen, man befinde sich in allen Wegen im possessorio und werde sich keineswegs ins petitorium bringen lassen. Überdem hatte Signora Bellonia, die einzige bei der Tat gegenwärtige Zeugin, von dem meuchelmörderischen Angriffe des Inquisiten auf ihren Bruder eine so umständliche und schreckliche Beschreibung gemacht, daß die gräfliche Regierung wohl einsah, der Inquisit werde, wenn die Sache verschickt würde, gewiß mit seinem Tode die Gerechtsame ihres gnädigen Herrn bekräftigen müssen. Daher war sie so sehr besorgt, daß ihn nicht eine Krankheit wegraffen möchte, ehe sein empfangenes Urteil ein beweisendes Dokument zu dem großen Prozesse in Wetzlar werden könnte, um soviel mehr, da schon ein paar Male der Fall sich ereignet hatte, daß Gefangene, die auf den Tod saßen, im Gefängnisse gestorben waren. Der Chirurgus besaß, außer seiner Geschicklichkeit, noch menschenfreundliche Gesinnungen. Er erklärte gleich, die schlechte Luft des Gefängnisses und die harte Behandlung des Gefangenen wären die Ursachen der Krankheit, und wenn diese nicht abgestellt würden, müsse der Tod in wenigen Tagen erfolgen. Die Herren von der Regierung erschraken nicht wenig, daß sie selbst, ohne es zu denken, die gute Sache ihres gnädigen Herrn so sehr in Gefahr gesetzt hätten. Keiner von ihnen hatte anders gewußt, als daß ein auf Leib und Leben angeklagter Gefangener in einem unterirdischen Loche kreuzweis geschlossen auf feuchtem Stroh liegen müsse. Sie waren sehr verwundert, von dem neuen Chirurgus zu vernehmen, ein solcher Aufenthalt sei für die Gesundheit eines Gefangenen so schädlich, daß eine tötliche Krankheit daraus entstehen könne, und einige wollten es gar nicht glauben. Indes brachte die Rücksicht auf den Prozeß in Wetzlar ein paar vorsichtige Mitglieder der Regierung zu dem Rate, der Sicherheit wegen lieber nachzugeben. Anselm ward in ein wohlverwahrtes, aber helles und trockenes Zimmer gebracht, ward in ein Bette gelegt und bekam die verordnete Arznei nebst der einem Kranken heilsamen Nahrung. Der Chirurgus trug für ihn die größte Sorgfalt, und in wenigen Tagen war die Lebensgefahr vorüber. Nun sorgte der menschenfreundliche Mann auch für Kost, die zu Erquickung und Stärkung des Gefangenen diente, und gab nicht zu, daß er aus dem gesunden Zimmer wieder weggebracht und geschlossen würde, wozu man nicht übel Lust hatte. Doch für den armen Anselm war die Wiederherstellung seiner Gesundheit bis jetzt kein Glück. Wozu konnte ihm das Leben dienen, als einem schimpflichen Tode unvermeidlich entgegenzugehen? Dieser Gedanke schlug ihn ganz nieder; denn er wußte aus den Verhören die falsche Anklage der Signora Bellonia gegen ihn, und der Kerkermeister, um ihm etwas Neues zu erzählen, berichtete ihm täglich, daß Platter ohne Hoffnung darnieder liege. Aber auch hier ward er durch seinen menschenfreundlichen Wundarzt getröstet. Platter hatte sich wirklich unter der Kur des Perückenmachergesellen so sehr verschlimmert, daß man endlich den Kunstverständigen holte. Nachdem dieser die Wunde untersucht und die bisherige Kur ganz geändert hatte, erklärte er, daß sie gar nicht tötlich wäre. Ja, er konnte nach wenigen Tagen Anselmen die Nachricht bringen, der Verwundete sei außer aller Gefahr. Anselm hätte sich darüber freuen sollen, aber sein Leben war ihm gleichgültig. Er saß in stummer Betrübnis da. Alle seine Fehler erschienen ihm jetzt im widrigsten Lichte, und er ward ganz trostlos. Sein menschenfreundlicher Arzt suchte ihn durch die Bemerkung aufzurichten: Wenn er auf seinem Gewissen keine Laster habe, deren Folgen gar nicht wieder gut zu machen wären, so solle er sich beruhigen. Es müsse niemand verzweifeln, der noch Willen und Kraft habe, sich zu bessern; und so fügte er mehreres hinzu, was ihm das Vertrauen des höchst niedergeschlagenen Gefangenen erwarb. Der reuige Anselm erzählte ihm nun, auf Verlangen, summarisch die Hauptbegebenheiten seines Lebens. Er schonte sich selbst nicht, aber er nannte keine Namen und Orte, weil er seine Freunde schonen wollte. Doch verhehlte er nicht Platters zwiefaches Unrecht gegen ihn und die gerichtlichen Verleumdungen der Signora Bellonia. Er beschloß seine Rede: »Sie sehen, ich habe nichts begangen, was den Gesetzen nach ein Verbrechen heißen würde; aber in meinem eigenen Gewissen klage ich mich als einen Verbrecher an. Ich habe die Asche meiner guten Eltern durch meine Verschwendung und durch den daraus entstandnen Bankrott geschändet. Ich habe eine edle Frau, die mich glücklich machen wollte, unwiederbringlich unglücklich gemacht. Mein ansehnliches Erbgut vergeudete ich unter schlechten Leuten, statt es zu meinem Besten zu brauchen und andern dadurch wohlzutun, so wie meine Eltern taten. Die edle Hilfe meines wahren Freundes war vergeblich, wegen meiner unverzeihlichen Torheiten, die mich endlich an den Bettelstab und bis in dies Gefängnis brachten. Ich habe ihm seitdem keine Nachricht von mir gegeben. Auf welche Art hätte ich ihm mein Vergehen melden sollen? Ich hätte mich totschämen müssen! Ich bin auch der Hilfe eines Freundes ganz unwürdig! Ich war, das sehe ich jetzt, immer ein elender Egoist, der jede edle Gesinnung verächtlichen sinnlichen Genüssen aufopferte, dem Dankbarkeit und Wohltun fremd waren. Was bleibt mir übrig? Gesetzt, ich würde aus diesem Kerker befreiet, so bin ich ja von den gemeinsten Bedürfnissen des Lebens entblößt. Gesetzt, man wollte mir aufhelfen, so werde ich mir selbst nie vergeben können, daß ich so töricht, so seelenlos handelte. Gewissensbisse werden mich beständig foltern, und dabei die Furcht, daß jeder erste Anfang zu einer bessern Lage, mich vermöge meines Leichtsinns wieder zum Toren und endlich noch zum lasterhaften Menschen machen werde; denn nun hab ich allen Glauben an mich selbst verloren. Hätte ich auch den Willen zu guten Entschlüssen, so werde ich keine Kraft zu ihrer Ausführung haben. Ich werde immer ein elender Mensch sein; und es wäre besser, ich stürbe, ehe ich ein schlechter Mensch werde.« Der Arzt hörte diese Rede mit einer Träne im Auge. Er nahm Anselmen bei der Hand, die er sanft drückte, und sagte tief seufzend: »Mein Freund, Sie müssen nicht verzagen! Wer sich bessern will, ist kein schlechter Mensch und wird es nicht werden, wenn es nur mit der Besserung ernst bleibt. Das Elend aber ist der wirksamste Weg, sich zu bessern, für einen leichtsinnigen Menschen, der nicht seinem Verstande und dem guten Rate rechtschaffener Freunde hat folgen wollen. Danken Sie Gott, daß Sie so früh elend geworden sind! Sie haben noch den größten Teil Ihres Lebens vor sich, wo Sie durch gute Handlungen sich und andere glücklich machen können. Soll ich offenherzig gegen Sie sein? Ich will es; denn es wird Sie trösten! Sie sehen hier einen Sünder vor sich, älter als Sie, und der sich weit mehr vorzuwerfen hat. Meine Eltern waren wohlhabend. Ich war ihr Liebling. Ach, wie schlecht hab ich ihre Liebe belohnt! Sie ließen mich die Wundarznei lernen. Als ich ausgelernt hatte, das heißt, da ich noch nichts wußte, war ich schon stolz, denn meine Kunst war mir allzu gering. Ich wußte nicht recht, was ich wollte, aber, um nur ins freie Leben zu kommen, sagte ich, ich wolle Medizin studieren. Mein Vater wendete auf der Universität viel Geld an mich, aber, statt zu studieren, verschwendete ich. Endlich sollte ich promovieren. Mein Vater schickte das Geld dazu; ich war unsinnig genug, den größten Teil davon zu verspielen und den Rest in schlechter Gesellschaft durchzubringen. Meine Promotion, die mich hätte zum Manne machen können, ging nicht vor sich; denn mein Vater war nicht im Stande, das Geld noch einmal zu schicken. Ich Elender achtete das nicht; ich ward immer fühlloser, je mehr ich mit schlechten Leuten vertraut ward. Man suchte gegen das Ende des siebenjährigen Krieges alle jungen Chirurgen auf. Ich diente in Feldhospitälern und lebte sorglos. Mein gütiger Vater unterstützte mich auch da noch. Ich Elender fragte nicht, ob er sich selbst etwas entzöge? Nach dem Frieden schwärmte ich noch anderthalb Jahre herum und lebte, wie ich konnte. Ich kam hierauf zu meinem Vater zurück und fand ihn in bedrängten Umständen. Gleichwohl lag ich ihm zur Last und brachte meine Zeit in Müßiggang zu. Was kümmerte mich Elenden Vater, Mutter und Geschwister! – Endlich dachte ich, alles zu verlassen, nach Amsterdam zu Fuße zu gehen und in Ostindien mein Glück zu suchen. Denn von großem Glücke, das noch kommen müßte, träumte ich immer, weil ich ein Egoist war, so wie Sie ehemals, weil ordentlich zu arbeiten mir unerträglich fiel wie Ihnen, weil ich sinnliche Vergnügungen und, aufrichtig zu reden, schlechte Vergnügungen bis auf den letzten Tropfen genießen wollte. Ach, wie ganz anders fand ich es, da ich erst in der Fremde mir selbst überlassen war! Einzeln, ohne Beistand, sah ich, daß jeder Mensch der Hilfe anderer bedarf; also billig nicht bloß auf sich sehen, sondern auch bedacht sein muß, andern, soviel er kann, zu helfen. Ich habe mehrere Weltteile durchreiset. Äußerster Mangel und das bitterste Elend haben mich endlich weise, frugal, arbeitsam gemacht. Dadurch kam ich zu einem anständigen Auskommen, verlor aber mein Vermögen wieder durch falsche Freunde, durch Übereilung, durch Unglücksfälle und kam zuletzt in mein Vaterland entblößt von allem. So hat die harte Schule des Elends mich zum bessern Menschen gemacht; hat mich aber auch gelehrt, mit Elenden Mitleid zu haben. Ich bin in meiner jetzigen Lage über mein Verdienst glücklich, und Sie sollen von mir nicht hilflos gelassen werden. Sie haben, wie ich merke, doch etwas gelernt, wodurch Sie sich forthelfen können, zumal in dieser Gegend, wo wohlfeil zu leben ist und echte medizinische Kenntnisse selten sind. Mein Freund! Wer Geschicklichkeit und gute Gesinnungen hat, wird davon nie verlassen, wohl aber vom Reichtume: das hat mich Erfahrung gelehrt! Sie brauchen freilich einige Ausstattung, um wieder als Arzt zu erscheinen. Seien Sie ruhig deshalb; auch daran soll es Ihnen nicht fehlen. Als ich auf Reisen ging in der törichten Hoffnung, mein Glück zu machen, eigentlich aber, um ungebunden und nach meinem Sinne zu leben, war ich von allem entblößt. Mein guter Vater, der selbst schon in kummervollen Umständen war, strengte sich meinethalben über seine Kräfte an; denn ich war der Liebling meiner schon kränklichen Mutter, die wohl merkte, daß sie mich nie wieder sehen würde. Ich Elender! Es war vom Altare genommen! Ich fühlte nicht, daß ich meinen Eltern wehe tat, daß ichs meinen übrigen Geschwistern entzog, meiner Schwester, die eine gute Heirat verfehlte, weil mein Vater, zum Teil durch meine Verschwendung, sein Vermögen den Gläubigern übergeben mußte, meinem Bruder, der noch ein Kind war, und an den nichts gewendet werden konnte, da an mich Unwürdigen soviel vergeblich war weggeworfen worden! Dieser Bruder, dem sein Vater nichts geben konnte als seinen Segen und notdürftigen Unterricht im Lesen und Schreiben, der noch als ein Kind durch Handarbeit beitrug, seine Eltern ernähren zu helfen, hat sich durch ununterbrochenen Fleiß, Treue und Geschicklichkeit, durch ununterbrochene gute Aufführung selbst durch die Welt geholfen. Er ist mein zweiter Vater geworden, nachdem meine Eltern vor Kummer starben. Er hat mir das Kapital geschenkt, um hier die Barbierstube zu kaufen, die das Recht gibt, die Wundarznei auszuüben, und er richtete meine ganze Haushaltung ein. Er lebt, obgleich reich, immer noch auf einem eingeschränkten bürgerlichen Fuße, aber er hat jährlich eine beträchtliche Summe ausgesetzt, um neuen Anfängern zu helfen. Sie haben einen Freund, und also sind Sie nicht verlassen, sobald Sie sich ihm entdecken; aber Sie sollen auch Anteil an der Hilfe meines Bruders haben, oder ich müßte seine edle Gesinnung nicht kennen. Er ist ein reicher Kaufmann in Elberfeld.« – Anselm starrte auf. Er hatte gleich bei Erzählung der edelmütigen Hilfe des Bruders mehrmal an seinen Freund Philipp gedacht, dem er seit Düsseldorf nicht mit einem Worte Nachricht von sich gegeben hatte. Der Wundarzt war Philipps älterer Bruder: eben derjenige, der als Schiffschirurgus zur See ging zu der Zeit, als Anselms Vater den verlassenen Waisen in sein Haus aufnahm. Anselm hatte den Namen des Mannes nicht gewußt; denn man nannte ihn im Gefängnisse bloß den Doktor. Philipp erfuhr nun gleich von seinem Bruder die unglückliche Lage Anselms. Er kam nach wenigen Tagen selbst und gab seinem Freunde zuerst einen freundschaftlichen Verweis, daß er ihm nicht ein einzigmal geschrieben und ihn dadurch ganz außer Stand gesetzt hatte, ihm eher zu helfen. Er schilderte ihm die ängstliche Ungewißheit, worin er wegen seines Schicksals gewesen. Doch es war jetzt nicht viel Zeit zu Verweisen; Philipp war tätig zum Besten seines Freundes. Er befreiete ihn vorläufig durch Bürgschaft aus dem Gefängnisse. Dies fand wenig Schwierigkeit. Platter hatte, in der Meinung, er müsse sterben, einen Geistlichen verlangt, um sich zu bekehren. Demselben beichtete er in der Todesangst alles Unrecht, das er Anselmen angetan hatte, und widerlegte die falsche Anklage der Signora Bellonia, weil er diese Person nicht mehr zu brauchen glaubte, da er nun bald in den lieben Himmel einzugehen dachte. Der Geistliche fand sich also im Gewissen verbunden, für Anselm zu zeugen. Da nun in der Folge der Wundarzt Plattern völlig heilte und Philipp alle Sporteln bezahlte: so war endlich gar kein Vorwand mehr da, den Gefangenen nicht völlig loszusprechen. Die gähnenden Einwohner der gräflichen Residenzstadt hatten zwar noch ein paar Wochen lang Stoff zum Sprechen von diesem wunderbaren Ausgange der Sache, aber sie verloren ungern das Schauspiel einer Hinrichtung, welches ihnen einige Monate lang zur Unterhaltung würde gedient haben. Die gräfliche Regierung sorgte jedoch für sie und zugleich für die Rechte ihres gnädigen Herrn. Die falsche Aussage der Signora Bellonia gab eine gute Veranlassung, sie nebst ihrem Mitschuldigen Platter einzuziehen. Die Summen Geldes, die man bei ihnen fand, wurden zu den Sporteln eines Kriminalprozesses mehr als hinlänglich befunden; daher ward er auch in größter Strenge angestellt. Weil es an Gelde nicht fehlte, so konnte man wegen des vorherigen Lebens der beiden Inquisiten nach Köln, nach Aachen und nach noch entferntern Orten schreiben. Da erfuhr man denn so mancherlei Betrügereien und Missetaten, daß der Prozeß sehr ernsthaft ward. Die gräfliche Regierung verschickte die Akten und hatte die beste Hoffnung, beim Kammergerichte zu Wetzlar durch ein paar neue Tatsachen deduzieren zu können, daß ihr gnädiger Herr im unstreitigen Besitze des fraisliehen Gerichts sei, zu gleicher Zeit aber auch den Einwohnern der gräflichen Residenz ein Schauspiel zu geben, dessen sie schon ein paar Male durch die Beschaffenheit der Kriminalgefängnisse waren beraubet worden. Siebenunddreißigster Abschnitt Veränderte Reise. Unvermutete Vorfälle mancherlei Art Anselm ward von seinem großmütigen Freunde Philipp mit Wäsche, Kleidern und Gelde versehen unter der einzigen Bedingung, die er schon seinem Bruder gemacht hatte, daß er ihm nicht danken sollte. Alle Bedingungen würde Anselm erfüllt haben, nur diese nicht; denn sein Herz dankte ihm, und der Dank strömte in seine gerührten Augen über, wenngleich der Mund schwieg. Sie standen eben im Begriffe, nach Elberfeld abzureisen. Da bekam Philipp einen Brief von Köln, worin ihm Frau Sophie meldete, daß ihr Mann gestorben sei. Er hatte sich in der letzten Zeit sehr dem Trunke ergeben, wobei der Advokat Hiffer, der seit einiger Zeit seine Freundschaft noch mehr gesucht hatte, sein treuer Kamerad gewesen war; sein Tod war plötzlich erfolgt. Die gute Frau sah sich also von einem großen Übel erlöset, aber es schien, als ob das Schicksal sie zu noch fast größern Übeln aufbehalten hätte, wie wir gleich weiter vernehmen werden. Anselm und Philipp hielten sich nur noch in der gräflichen Residenz auf, um sich in Trauer zu setzen; und es ward beschlossen, anstatt nach Elberfeld lieber gleich nach Köln zu reisen. Anselm, obgleich jetzt sehr bescheiden, konnte doch nicht umhin, insgeheim Hoffnungen zu schöpfen. Jetzt war es wenigstens möglich, zu Sophiens Besitze zu gelangen und den höchsten Gipfel seines Glücks zu ersteigen, weil er sie innig liebte. Aber konnte er sie auch noch glücklich machen? War er noch ihrer würdig? Sollte sie ihn wohl wählen, ihn, dessen öftere Vergehungen ihr nicht verborgen geblieben waren? – Diese Fragen beunruhigten ihn. Er sah alle Fehltritte seines törichten Lebens so sehr in ihrer wahren Gestalt, daß er selbst glaubte, sie könne diesen Schritt nicht tun. Und gesetzt, es sei möglich, daß er dennoch der Ihrige würde, wie wenn er denn wieder eine Torheit oder Unbedachtsamkeit beginge, die sein ganzes häusliches Glück umstürzte? Alsdann würde er auch das Glück dieser edlen Frau umstürzen! Er erlag unter dem Gedanken, daß dies geschehen könne; und gleichwohl sah er ein, es würde dazu nichts mehr als eine einzige von den Unbedachtsamkeiten gehören, deren er schon so manche begangen hatte. Philipp, der einen Teil seiner Gedanken erriet, tröstete ihn wegen der Gesinnungen Sophiens gegen ihn durch die Versicherung, sie würden gewiß unveränderlich sein. In Absicht der eigenen Gesinnungen unsers dicken Mannes aber las ihm Philipp zum ersten Male eine recht derbe Sittenlehre. Anselm stimmte so sehr mit ein, beschuldigte sich selbst so sehr, verzweifelte selbst so sehr an seiner Festigkeit in guten Entschlüssen, daß Philipp ihn nun wieder aufzurichten suchte. »Du wirst«, fügte Philipp hinzu, »nicht wieder eine Torheit begehen, die dich unglücklich macht. Dafür bürgen mir teils dein ausgestandenes Elend, das dich vorsichtiger machen wird, noch mehr aber deine Liebe zu Sophien. Der Mensch, der einzeln steht und nur auf sich selbst siehet, kann leichtsinnig sein und Torheiten begehen; denn er nimmt allenfalls über sich, die Folgen zu ertragen, wenn er sie gleich nicht vorher bedenkt. Aber einem andern die Folgen seiner Torheiten aufzubürden, widersteht jedem, der nicht ganz verworfen ist. Daher hat die Vorsicht verordnet, daß sich Mann und Weib lieben sollen, damit sie beide weiser und dadurch glücklicher werden.« Sie kamen in Köln an. Sophie empfing sie viel ernsthafter, als sie gedacht hatten. Die schöne Witwe errötete, als Anselm unvermerkt in ihr Zimmer trat. Sie umarmte ihn zwar, nach einem augenblicklichen Bedenken, als ihren nächsten Verwandten; aber es war etwas Feierliches und sehr Zurückhaltendes in ihrem Wesen. Die kurze Zeit, die erst seit dem Tode ihres Mannes verstrichen war, der Wohlstand, die Pflichten gegen ihre Kinder, die Ungewißheit und die Wichtigkeit der Schritte, welche sie würde tun müssen und die sie zum Teil dunkel atmete, alles mochte dies wohl hervorbringen. Anselm aber legte es anders aus, und die Hoffnung, die er unter Weges geschöpft hatte, verlor sich beinahe ganz; selbst Philipp ward wegen ihrer Gesinnungen etwas irre. Es fanden sich, wie es bei Sterbefällen geht, mancherlei Dinge im Hause anzuordnen und in Richtigkeit zu bringen, zumal da die Kinder noch minderjährig waren. Am Tage nach Anselms und Philipps Ankunft empfing Frau Sophie aus Limnich an der Roer die gerichtlich vidimierte Abschrift des Testaments, welches ihr Mann im ersten Jahre ihrer Verheiratung daselbst bei den Gerichten niedergelegt hatte. In demselben war sie zur einzigen Erbin seines ganzen Vermögens eingesetzt und ihren Kindern bloß das Pflichtteil vermacht. Sie sollte auch einzige Vormünderin' der Kinder sein, in allem Herr von dem ganzen Vermögen und dessen Anwendung bleiben; allen gerichtlichen Formalitäten war in diesem Testamente möglichst vorgebaut, und niemand sollte von ihr Rechenschaft fordern dürfen. Frau Sophie sah in diesem Testamente nur die wichtigen Pflichten, die es ihr in Ansehung ihrer Kinder auferlegte. Sie zog ihren Freund Philipp zu Rate, wie eins und das andere am besten möchte einzurichten sein. Bei den Beratschlagungen darüber war nichts von einer Zuneigung gegen Anselm zu merken, sondern bloß die Sorge für ihre Kinder. Sie war noch immer ungewöhnlich zurückhaltend und äußerte, das Herz sei ihr schwer vor Ahnung irgendeiner unglücklichen Begebenheit. Philipp, der dem Wohlstande und der mütterlichen Vorsorge für ihre Kinder alle Gerechtigkeit widerfahren ließ, gab doch auch die Aussicht für Anselm noch nicht ganz auf. Anselm selbst aber verlor allgemach die Hoffnung; denn Frau Sophie war gegen ihn ungewöhnlich zurückhaltend und in sehr trüber Stimmung. Sie hatte auf Philipps Rat einen Rechtsgelehrten in Köln zum Beistande genommen. An dem Tage, da dies bekannt ward, bekam sie einen Besuch von dem Doktor Hiffer. Dieser sagte zu ihr: Er höre mit einiger Befremdung, daß sie sich einen rechtlichen Beistand erlesen und durch denselben dem Waisengerichte ein Testament habe übergeben lassen, welches ihr verstorbener Mann angeblich vor mehrern Jahren in Limnich solle gemacht habe. Er wolle nicht untersuchen, ob es mit diesem Testamente seine Richtigkeit habe. Genug, es sei ungültig; denn ihr sel. Mann habe vor wenigen Monaten in einem zwei Meilen entlegenen Städtchen ein Testament gerichtlich niedergelegt, worin alle vorigen Verordnungen dieser Art widerrufen wären. Dies wisse er um soviel gewisser, weil ihr sel. Herr zur Besorgung der Wohlfahrt seiner Kinder in diesem letzten Willen ihn zum einzigen Vormunde ernennet und dies ihm mündlich selbst gesagt habe. Nichts glich dem Schrecken, der schon so betrübten Witwe bei diesem ganz unvermuteten Vorfalle. »Ach!« rief sie aus, »Meine bangen Ahnungen fangen an einzutreffen!« Auch Anselm und Philipp waren nicht wenig bestürzt. Es blieb indes nichts übrig, als sich an dem angezeigten Orte nach dem zweiten Testamente zu erkundigen. Es lag wirklich dort. Zu Eröffnung desselben ward ein kurzer Termin angesetzt. Der Inhalt erfüllte alle Anwesenden, außer Hiffer, mit Erstaunen. Nicht nur widerrief der Verstorbene in diesem gerichtlich niedergelegten Testament alle vorigen Willensverordnungen, die er könnte gemacht haben, und namentlich das zu Limnich niedergelegte Testament, welches er für ungültig erklärte; nicht nur setzte er den Prokurator Hiffer, den er seinen treuen und bewährten Freund nannte, zum einzigen Vormunde über seine Kinder ein, der ohne jemand Rechenschaft abzulegen, für derselben Wohl nach seiner besten Einsicht sorgen solle. Der Verstorbene machte auch in diesem Testamente seiner Frau Vorwürfe wegen ihrer, wie ers nannte, ungebührlichen Zuneigung zu ihrem Vetter Anselm, welcher, wie er sagte, schon manches Mißvergnügen zwischen ihnen zu erregen versucht habe. Aus Vorsicht, daß diese Neigung seiner Frau nicht seinen Kindern schaden möge, ließ er ihr den bloßen Nießbrauch seines Vermögens bis zur Volljährigkeit der Kinder, welche alsdann jedes seinen Teil der Hälfte erben sollten, doch auch jenes nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß seine Witwe seinen treuen Freund Hiffer heirate, dem der größte Teil ihrer Hälfte erblich zufallen solle, im Falle sie vor ihm stürbe, das Übrige aber den Kindern. Wollte sie hingegen, sagte der Erblasser, nach ihrer ihm schon bisher gezeigten verkehrten Neigung diese Heirat in Jahresfrist nicht eingehen: so solle sie mehr nicht als hundert Gulden erben, die Kinder sollten bloß das Pflichtteil haben und Hiffer sollte sogleich Erbe des ganzen Vermögens sein. Ob die rechtschaffene Frau Sophie nach Vorlesung dieses Testaments mehr erschrocken oder mehr indigniert gewesen, möchte schwer können entschieden werden; und wir wollen daher keinem unserer Leser und Leserinnen in ihrer Meinung hierüber vorgreifen. Achtunddreißigster Abschnitt Veranlassung beider Testamente. Frau Sophiens Entschluß Es ist ein eigenes Ding, daß ein Verstorbener in seinem Testamente nach seinem Tode redet. Denn oft begibt es sich, daß, ehe es mit dem Testamentmacher zum Sterben kommt, sich nicht nur wesentliche äußerliche Umstände, sondern auch wohl seine eigenen Gesinnungen geändert haben. Dann möchte er sich gern mit seiner Rede nach dem Tode auf den kalten Mund schlagen. Dies begegnet auch klugen Leuten; und so begegnete es Sophiens Manne, der, was Geld und Geldes Wert betrifft, gewiß keiner der Dümmsten war. Über Geld und Geldes Wert handeln aber doch jetziger Zeit gewöhnlich die Testamente; denn, seine Seele dem lieben Gotte zu vermachen und den Leib der Erde, ist aus der Mode gekommen; und wenn ein jetztlebender neuer Eudamidas seine verlassenen Kinder seinem Freunde vermachen wollte: so würde er sicherer handeln, wenn er es lieber durch Schenkung unter Lebendigen täte. Das erste Testament zu Limnich war eine Folge nicht nur der großen Weltklugheit, womit Sophiens Mann begabt war, sondern auch des ersten Feuers der Liebe zu ihr. Er liebte sie wirklich bei der Heirat recht inbrünstig; denn er liebte ihr Geld über alle Maßen, welches ohne ihre Person nicht zu erlangen war. Damals glaubte er, es müsse ihr ein ansehnliches Vermögen zufallen und zwar bald; denn er traute es Meister Anton nicht zu, daß er unverschämt genug sein werde, noch lange zu leben. Alsdann hätte sie, seiner Meinung nach, wohl die Hälfte des Vermögens hoffen können, aufs wenigste das Drittel; denn Meister Anton hielt sie ja wie sein eigenes Kind. Nun ging seine Sorgfalt dahin, sich des ganzen Genusses dieser reichen Erbschaft zu versichern, im Falle etwa seine Frau vor ihm mit Tode abgehen sollte, welches er ganz gleichgültig würde angesehen haben, sobald nur dieser Tod nicht vor Meister Antons Ableben erfolgte. Zu diesem Behufe dachte er ganz schlau aus, dieses seiner Frau sehr vorteilhaft scheinende Testament zu errichten. Er vermachte ihr hierdurch im Grunde nur sehr wenig; denn damals war sein Vermögen noch äußerst unbeträchtlich. Das Feine bestand darin, daß er durch dieses Zeichen der Liebe und des Vertrauens seine gute Frau zu bereden suchte, unter eben dem Datum auch ihr Testament zu machen, worin sie ihn mit gleichen Vorzügen zum allgemeinen Erben ihres künftigen Vermögens einsetzte, das er sehr viel höher anschlug als sein eigenes, und wovon er sehr guten Gebrauch zu machen dachte, wenn nur erst Meister Anton und nach ihm Frau Sophie gestorben wäre. Der Mann war also, wie man sieht, sehr weltklug; doch übertraf ihn in dieser nützlichen Eigenschaft noch der Prokurator Hiffer. Dieser war Doktor beider Rechte und verband mit der allgemeinen Klugheit, welche so nötig ist, um sich durch die verwirrten Welthändel empor zu winden, auch noch die Klugheit, welche die Kenntnis beider Rechte den Klugen an die Hand gibt. Die Rechte sind nicht, wie manche Tölpel wohl meinen, zum Besten der verlassenen Witwen und Waisen oder der ruhigen unbekümmerten Bürger geschrieben, sondern eigentlich, wie eine bewährte Rechtsregel sagt: zum Besten der Klugen und Wachsamen. zum Besten der Klugen und Wachsamen – Jura sunt scripta vigilantibus. (lat.) Die Gesetze sind für die Wachsamen geschrieben. wie ebenfalls eine bewährte Rechtsregel versichert – Summum jus, summa injuria (Anm. Nicolais), (lat.) Das höchste Recht ist das größte Unrecht. Wenn nun das größte Recht das größte Unrecht ist, wie ebenfalls eine bewährte Rechtsregel versichert: so erhellet noch deutlicher, daß Doktor Hiffer beide Rechte deswegen theoretisch sehr gründlich studiert hatte, um das größte Recht praktisch mit allen seinen Feinheiten recht kräftig ausüben zu können, wenn es nämlich zu seinem und allenfalls auch zu seiner Klienten Nutzen gereichte. Er fand hierin seinen Mann an dem Ehegatten der Frau Sophie. Aus einem paar kaufmännischen Rechtshändeln, die derselbe ihm zu besorgen auftrug, sah er genugsam ein, daß sie beide vom Nutzen des höchsten Rechts gleiche Begriffe hätten. Dies brachte eine nähere Verbindung zwischen ihnen zuwege, die jeder zu seinem besondern Vorteile zu lenken dachte. Hiffer faßte den Gatten Sophiens bei seiner Liebe zum Weine und holte ihn unterm Trinken über manches aus, das er einmal zu brauchen dachte. So erfuhr er auch von ihm, daß er mit seiner Frau in schlechtem Vernehmen lebte. Denn nachdem Meister Anton gestorben war, ohne Sophien etwas zu vermachen, ward diese von ihrem Manne herzlich gehasset, welcher für gut fand, seinen Haß auch bis auf seinen Vetter Anselm auszudehnen, dessen Unverschämtheit er sondergleichen fand, seines Vaters Vermögen zu erben; denn das von dem Vater erborgte Kapital, welches Anselm nach dessen Tode seinem erbschaftsbegierigen Vetter schenkte, hielt dieser für gar keinen Ersatz desjenigen, was ihm seiner Meinung nach entzogen ward. Dieser Haß zeigte sich noch deutlicher gegen beide, seitdem Frau Sophie unschuldiger Weise ihren verlassenen Vetter aufgenommen hatte und er ihn in seinem Hause erblicken mußte. Er konnte gar nicht begreifen, wie seine Frau einen Menschen wie Anselm nicht aufs Bitterste hassen konnte, der an ihrer Statt geerbt hatte. Hiffer dachte wohl selbst nicht, daß ihm die beim Trünke eingesammelten Nachrichten von dem schlechten Vernehmen in Sophiens Hause einmal sonderlich nützlich sein könnten. Es war aber seine Art, die Leute schwatzen zu machen und sie, was es nun war, von sich selbst erzählen zu lassen, weil er sie dadurch immer einigermaßen in seine Gewalt bekam. Daher hatte er in Düsseldorf, wo er unsern dicken Mann traf, die Rede auf Sophien gebracht, um auch von der andern Seite zu hören, wie die Sache eigentlich stehe. Da erfuhr er dann durch die Reden des offenherzigen unbedachtsamen Anselms mehr, als er vermutet hatte. Besonders war ihm die unvorsichtig eröffnete Nachricht, daß Anselm Sophiens Bildnis habe geschenkt bekommen, sehr viel wert. Er fühlte gleich dunkel, eine solche Nachricht müsse zu etwas zu brauchen sein. Da nun nachher der Verlust Anselms bei der Signora Bellonia hinzukam, der in ganz Düsseldorf großes Aufsehen erregte: so ward ihm der Plan, den er machen könnte, noch etwas deutlicher, und er brachte ihn auf seiner Rückreise in seinem Kopfe völlig in Ordnung. Zuvörderst nahm er Gelegenheit, als ob es ganz von ungefähr käme, in Frau Sophiens und ihres Mannes Gegenwart, gleichsam voraussetzend, sie wüßten es schon, zu bedauern, daß ihr Vetter Anselm so ganz sinnlos gehandelt habe, sich in eine liederliche Sängerin zu verlieben, bei ihr sein ganzes Vermögen zu verspielen und mit ihr nachher heimlich durchzugehen. Diesen letzten Umstand dichtete er aus guten Ursachen hinzu; denn ihm war daran gelegen, daß Sophiens Zuneigung zu Anselm kein Hindernis des von ihm entworfenen Planes werden möchte. Er hatte gleich darauf gerechnet, daß diese unvermutet gehörte Nachricht auf Sophien Wirkung tun müßte. Dies traf auch ein. Sophien erschrak über die Nachricht und wollte anfänglich gar nicht glauben, daß Anselm fähig sein könnte, mit einer liederlichen Person durchzugehen. Da es aber Hiffer mit mehrern Umständen bestätigte und versicherte, ganz Düsseldorf wisse es, so konnte sie den Strom ihrer Tränen nicht zurückhalten. Darüber ward sie von ihrem Manne übel angelassen. Sie entschuldigte sich damit, daß sie das unvermutete Unglück ihres nächsten Verwandten nicht gleichgültig anhören könne. Hiffer lächelte bedeutend bei Anführung dieser Ursache, so daß es der Mann bemerken mußte. Er hatte nachher bald Gelegenheit, in einer Unterredung bei der Flasche das Gespräch wieder darauf zu bringen, und da fing er an, zu Ausführung des von ihm entworfenen Plans die unschuldigste Sache zu vergiften. Unter den wärmsten Freundschaftsbezeugungen setzte er dem Manne in den Kopf, die Betrübnis seiner Frau über ihren unwürdigen Vetter möge wohl noch aus einer viel nähern Verbindung als der bloßen Verwandtschaft entstehen. Er erzählte, Anselm habe sich selbst der Gunst Sophiens gerühmt, habe ihm zum Beweise das von derselben erhaltene Bildnis mit Triumphe gezeigt, zu welcher falschen Vorstellung er noch mehrere Umstände erdichtete, so wie er sie für seine Absicht am gemäßesten hielt. Dadurch erhielt er, daß der Mann in Argwohn geriet und mit seiner Frau wegen des Bildnisses gar unangenehme Reden wechselte. Zugleich erreichte dadurch seine Schlauigkeit einen doppelten Zweck. Sophie mußte nun notwendig von Anselms undelikater Art zu denken und unvernünftiger Art zu handeln einen sehr nachteiligen Begriff bekommen, der auch wirklich nachher noch auf die Art wirkte, wie sie ihn als Witwe empfing. Ferner hatte er durch diese Geschichte in das Gemüt des Mannes einen Samen des Mißvergnügens mit seiner Frau gestreuet, den er sich vornahm, reichlich zu düngen und zu pflegen, so daß er bald aufgehen und ihm gute Früchte tragen sollte. Zu diesem Behufe warf er sich nun zum täglichen Trinkfreunde des Mannes auf, der schon die Flasche sehr liebte. Der Asmanshäuser ward nicht geschont, sooft sie nachmittags zusammenkamen, welches fast täglich geschah. Hiffer hatte die glückliche Gabe, viel Wein vertragen zu können, und blieb also immer noch kalt und verständig, wenn sein Mann schon selig war und folglich gesprächig ward. Da konnte er dann dessen Gedanken gemächlich auskundschaften und seinem eigenen Plane gemäß ihm die Ideen in den Kopf setzen, die denselben befördern mußten. So brachte er auch die Geschichte mit dem Bildnisse des breitern vor und suchte, den Mann zu bereden, seiner Frau geheime Verbindung mit Anselm (denn dazu hatte der Elende die unschuldigste Gesinnung verschwärzt) habe gewiß noch nicht aufgehört, so sehr auch, nach des Mannes Berichte, die gute Frau das Geschenk des Bildes mit Tränen bedauert hatte. Hiffer bestand hingegen darauf, dies sei nur Verstellung, ja es sei vielmehr wahrscheinlich, daß Anselm von Frau Sophien mit Gelde unterstützt werde. Der Mann kam darüber außer sich, denn das Geld war seine empfindliche Seite. Hiffer entwickelte ihm bündig, es könne fast nicht anders sein; denn Anselm habe keinen Stüber übrig behalten und habe sich doch, wie er aus sichern Nachrichten wisse, wieder von der Sängerin getrennt, die ihn allein ernährt hätte, welches wohl bloß Frau Sophien zu Gefallen und durch ihre Unterstützung werde geschehen sein. Er gab dabei zu verstehen: Wenn, welches Gott verhüten möge, der Mann etwa vor Sophien mit Tode abgehen sollte, so würde sie gewiß den Anselm, von dem sie nun einmal nicht lassen könne, bald heiraten, und dann würde dieser liederliche Kerl das schöne Vermögen in ein paar Jahren durchbringen, so wie er ja sein eigenes Vermögen in kurzer Zeit durch die Gurgel gejagt habe. Hier faßte der schlaue Erbschleicher seinen Mann gerade da, wo er am leichtesten festzuhalten war; denn Sophiens Mann liebte sein Geld, im Leben und nach dem Tode, fast noch mehr als sich selbst; und seitdem er die Geschicklichkeit seines Freundes Hiffer im Trinken zu erreichen so emsig als vergebens beflissen war, fühlte er, so sehr er sich es zu verhehlen suchte, er möchte doch vielleicht bald von seinem lieben Gelde scheiden müssen. Da kam es ihm denn schon ziemlich bitter an, daß alles seiner Frau zufallen sollte, die eine so schlechte Wirtin war, daß sie vermutlich heimlich Geld an einen Menschen schickte, der ihm eine reiche Erbschaft entzogen hatte. Wenn er aber vollends daran dachte, seine Frau möchte nach seinem Tode sein liebes Geld ganz mit diesem Erbschaftsdieb teilen, dem er nicht eines Guldens Wert gönnte, so hätte er mögen aus der Haut fahren. Er hatte schon längst überlegt, daß seit dem Limnichschen Testamente die beiderseitigen Vermögensumstände sich gänzlich umgekehrt hatten, und es deshalb schon längst sehr natürlich gefunden, daß sie nun von ihm eigentlich gar nichts erben müßte, da er nur sehr wenig von ihr erben konnte. Er hatte nur nicht recht gewußt, wie es anzufangen sei, um sein Testament abzuändern, weil er das Aufsehen scheute, das erregt werden würde, wenn er sein Testament in Limnich zurücknähme. Die Nachrede der Leute kümmerte ihn eben so sehr nicht. Seine Hauptsorge war: seine Frau, die er ganz nach sich selbst beurteilte, würde alsdann gewiß auch ihr ihm vorteilhaftes Testament zurücknehmen. So gering auch ihr Vermögen gegen seines war, so wollte er doch nicht das Recht, es auf allen Fall zu erben, aufgeben. Aber auch hier erhielt er von seinem rechtsgelehrten Trinkfreunde, der ihn so schlau wider seine Frau aufgebracht hatte, die beste Anleitung, sie zu überlisten. Sein Rat war nämlich, in einem zwei Meilen entlegenen Städtchen ganz in der Stille ein neues Testament niederzulegen, worin das vorige für ungültig erklärt und eine andere Verordnung gemacht würde. Hiffer war mit dem Richter dieses Städtchens genau bekannt und wußte, es nicht nur sehr vorsichtiger Weise so zu veranstalten, daß die Errichtung und gerichtliche Niederlegung dieses zweiten Testaments ganz unbekannt blieb, sondern auch seine Ratschläge und Eingebungen so gut mit der Flasche zu verbinden und zu unterstützen, daß der Inhalt des Testaments, ganz nach seinem so klug angelegten Plane, zu seinem eigenen Vorteile gereichte. Denn nun mußte das große Vermögen nebst der hübschen Frau sein werden, und auf den schlimmsten Fall erhielt er doch gewiß das Vermögen, womit er denn, wenns nicht anders sein könnte, ohne die hübsche Frau zufrieden zu sein sich vornahm. Aber in welcher schrecklichen Lage befand sich nun die gute Sophie! Sie sah ihr Verderben vor sich, wohin sie ihre Augen richtete. Heiratete sie den Elenden, so machte sie sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens noch unglücklicher als in der ersten; tat sie es nicht, so war sie beinahe ganz verarmt. Und noch würde sie gern Armut dem Unglücke vorgezogen haben, mit einem schlechten Menschen verbunden zu sein. Sie hätte lieber auf die frugaleste Art von ihrer Hände Arbeit gelebt. Aber der Gedanke, ihren Kindern durch eigene Entäußerung wohl zu tun, machte ihr Mut, zu deren Bestem lieber ihr eigenes Unglück zu wählen. Denn sonst war der größte Teil des Vermögens für ihre Kinder verloren, und um den übrigen Teil hätte ein so nichtswürdiger Vormund auch dieselben zu bringen gewußt, wenn sie ihm nicht noch Einhalt tun könnte; das war vorauszusehen. Zudem wäre die Erziehung der Kinder diesem schlechten Menschen ganz überlassen geblieben. War sie hingegen dessen Gattin, so konnte sie ihren Kindern noch das geben, was mehr wert ist als Vermögen: gute Erziehung und gute Gesinnungen. Sie faßte also einen Entschluß, traurig für sich selbst, aber ihren Kindern vorteilhaft. Ihre vormalige Zuneigung zu Anselm kam hierbei wenig in Betrachtung. Wäre diese auch noch in ihrer völligen Stärke gewesen, so hätte sie doch unter solchen Umständen der Liebe zu ihren Kindern weichen müssen. Aber schon bei ihres Mannes Lebzeiten hatte sie auf den treulosen Bericht von Anselms Verbindung mit der Signora Bellonia und wegen des widrigen Lichts, worin das unschuldige Geschenk ihres Bildnisses ihren Charakter in ihres Mannes Augen gesetzt hatte, sich fest entschlossen, diese Zuneigung ganz aus ihrem Herzen zu verbannen. Zwar war seit einigen Tagen durch Philipps Erzählung der wahren Beschaffenheit der Vorfälle in Düsseldorf und nachher in der gräflichen Residenz Anselms Schuld bei ihr nicht wenig gemindert worden. Sie sah nun ein, daß er nicht niederträchtig, obgleich höchst unbesonnen, gehandelt hatte. Philipp wagte auch jetzt ihr zuzureden, daß sie nicht die Ruhe ihres ganzen übrigen Lebens bloß der Absicht, ihren Kindern ein größeres Vermögen zu erhalten, aufopfern müsse. Er stellte ihr vor: die Kinder behielten selbst durch das Pflichtteil eine nicht unbeträchtliche Summe, die schon bis zu ihrer Großjährigkeit rechtlich zu sichern sein würde. Er setzte hinzu: Ihre Erziehung würde man der leiblichen Mutter nicht nehmen können, und Hiffer würde, wenn er nur das Geld bekäme, sich auch vielleicht darum weiter nicht bekümmern. Nun wagte er es, für Anselm, der sie noch immer unaussprechlich liebte und den sie doch nicht würde hassen können, ein Vorwort einzulegen. Er stellte ihr vor, Anselm sei vorher schon in Elberfeld in der Praxis glücklich gewesen und sei daselbst noch in gutem Andenken; sie würden also beide von den Einkünften seiner Kunst in genügsamer Zufriedenheit leben können. Er versprach großmütig, das Haus seines Freundes ganz einzurichten, und wünschte, sie als Anselms Gattin darin zu sehen. Diese Anerbietungen hätten verführerisch sein können für eine Frau, die wohl wußte, daß ihr Entschluß sie unglücklich machte. Sie wankte auch einen Augenblick. Aber sie sah ihre Kinder an, umarmte sie mit Tränen und er/klärte nun, sie bleibe fest bei dem, was sie beschlossen hätte. Philipp schwieg. Anselm mußte ihren Edelmut bewundern, fühlte aber, daß durch ihn seine letzte Hoffnung, noch glückliche Tage zu erleben, verschwand. Hiffer, der durch seine Spione bald von allem Nachricht bekam, lachte innerlich, daß sein schlauer Anschlag von allen Seiten völlig gelungen war. Neununddreißigster Abschnitt Ehrenvolle Einladung, die Anselm erhielt, nebst dem, was dadurch veranlaßt ward Diese Geschichte machte in der heiligen Stadt nicht wenig Aufsehen. Jeder rechtschaffene Mann sah ein, daß Hiffer das vorteilhafte Testament auf irgendeine Art mußte erschlichen haben, und verabscheute ihn um soviel mehr, da schon mancherlei unwürdige Praktiken von ihm bekannt waren. Aber Hiffer kehrte sich wenig an die Meinung der Rechtschaffenen. Er wußte sehr gut, daß dieselben allenthalben in der Welt die geringsten an der Zahl sind, und ebenso gut wußte er, daß das Testament, welches ihm nebst dem Vermögen der Frau Sophie ihre Person zusicherte, zu Rechte beständig war. Darauf kam es ihm allein an; alles Übrige, was man sagte oder nicht sagte, war ihm sehr gleichgültig. Man sprach in der Stadt auch sehr viel von unserm dicken Manne. Es war noch in frischem Andenken, wie er sich plötzlich aus einem Kammerdiener der Frau Hummer in einen Doktor der Medizin verwandelt und den noch dickern Ratsherrn vom Tode gerettet hatte, einen Ratsherrn, der in der Stadt allgemein beliebt war, welches nicht bei allen Ratsherren, dick oder mager, lang oder kurz, der Fall sein mag. Der Ruf von Anselms Anwesenheit und von seiner Geschichte kam ganz natürlich auch zu den Ohren der Frau Ratsherrin Hummer, und das umso eher, da ihr Eheherr die Geschichte mit dem Testamente als eine Neuigkeit vom Rathause mitgebracht hatte. Frau Hummer empfand also Neugierde, unsern Anselm nun in einer andern Gestalt wiederzusehen. Ihr Büreau d'Esprit war seit der Zeit sehr dünne geworden; und ohne ihren Eifer für das Schöne und Empfindsame, durch den sie einem unvermuteten Angriffe widerstand, wäre dasselbe vielleicht ganz zugrunde gegangen. Der geistlichen Obrigkeit, welcher ohnehin nichts verborgen bleiben kann, waren diese weltlichen Zusammenkünfte hinterbracht worden und zugleich, daß daselbst manche übellautenden, nach Ketzerei riechenden und sonst von der heil. Mutter Kirche nicht gebilligte Sätze vorgetragen würden. Es ward erst dem Herrn Ratsherrn Hummer ein stiller Wink gegeben, den er auch seiner Frau Gemahlin mitteilte, aber diese war nichts weniger als geneigt, sich danach zu richten, indem sie glaubte, in ihrem Hause könne sie Gesellschaft halten, welche ihr beliebte. Dieser Irrtum hatte allerdings seinen Ursprung in der ketzerischen Erziehung ihrer Jugend, wodurch sie gehindert ward, in reifem Alter richtige Begriffe von der unumschränkten Gewalt der geistlichen Obrigkeit zu fassen. Da dieser Schritt vergebens war, wendete sich das geistliche Offizialat an den Abbé Spitzhaupt, als an den Beichtvater des Hauses, um dieses Übel abzustellen. Dieser Abbé bedachte zwar bei sich mit innerm Verdrusse, daß er eigentlich, nach den Privilegien seines Ordens von der ordentlichen bischöflichen Obrigkeit eximiert sein sollte, da der Orden aber noch nicht öffentlich wieder hergestellt war: so gab er lieber nach und versprach zu gehorsamen. Aus großer Vorsicht aber und weil er schon wußte, wie sehr Frau Hummer auf ihr Büreau d'Esprit gesteuert war, sagte er ihr lieber nichts, hingegen versicherte er den Offizial persönlich, er habe sich alle Mühe gegeben, aber bei der verstockten Frau nichts ausrichten können. Er schlug nun vor, das Kürzeste würde sein, wenn er lieber sich selbst von Köln wegbegäbe; denn, weil die andern Mitglieder seines Ansehens wegen auf ihn hauptsächlich sähen, so würde die Sache nach seiner Abwesenheit alsdann von selbst aufhören. Dies ward genehmigt; und der fromme Mann nahm von Frau Hummer Abschied mit Bedauern unter vier Augen, daß es sein Schicksal sei, der geistlichen Gewalt weichen zu müssen. Freilich erfuhr man bald darauf, er habe in einem benachbarten Stifte eine reiche Pfründe erhalten, mit Beibehaltung der beiden, die er schon besaß. Man wollte ihm nachsagen, er habe seine Nachgiebigkeit wegen des Bureau d'Esprit nur dazu angewendet, um diese Pfründe zu erhalten; das mag aber wohl nur eine falsche Nachrede gewesen sein, wie denn immer den so gelehrten und frommen Exjesuiten allerlei Böses nachgesagt wird! Seine Freunde und Jünger, den Kanonikus Ofen und den Laien Wismuth, nahm der Abbé Spitzhaupt mit sich an den Ort seines neuen Aufenthaltes; denn es zeigte sich, daß er Mittel gefunden hatte, denselben auch ein paar gute Stellen daselbst auszumachen. Den vier Mönchen ward nun von ihren Obern Kraft des geistlichen Gehorsams verboten, den Zusammenkünften weiter beizuwohnen, und Doktor Treter bekam einen Wink, der ihm genug war, um sich zurückzuziehen. Zwar konnte er nicht unterlassen, zuweilen noch Frau Hummer zu besuchen; auch fand Pater Innozentius, da er dieses merkte, sich zuweilen ein: dies waren aber nur Privatbesuche. Für die Zusammenkünfte blieb niemand übrig als der Herr Kammerjunker von Truthahn, welcher nun präsidierte, und die beiden dichterischen Jünglinge. Es waren zwar ein paar neue Mitglieder weltlichen Standes dazugekommen, und sogar ein Domherr, einer von den Patronen des Herrn von Truthahn, war ohne Rücksicht auf Offizialat einige Male dagewesen, aber Frau Hummer sah doch mit Betrübnis, daß ihr Büreau d'Esprit nicht mehr war wie ehemals. Sie hatte unsern dicken Mann immer wohl leiden können. Nun war ihr nicht allein an ihrem Manne klar geworden, daß er ein geschickter Arzt sei, sondern es verlautete auch nach seiner Abreise, er sei ein Dichter. Denn seine Eitelkeit war beleidigt worden, als des hagern hohläugigen Herrn. Selten Verse mit so großem Beifalle beehrt wurden, und er hatte daher einmal dem Kammermädchen der Frau Hummer eins von seinen Gedichten vorgelesen, um zu zeigen, daß ein wohlbeleibter Mann auch reimen könne. Frau Hummer tat daher unserm Anselm die Ehre, ihn zu einer von ihren gelehrten Zusammenkünften einzuladen, wodurch er also nunmehr ehrenvoll da die Sitzung erhielt, wo er ehemals im Vorzimmer hatte stehen müssen. Fast wäre er geneigt gewesen, hieraus eine gute Vorbedeutung zu ziehen, aber sein Mut war so gefallen, daß jetzt kein froher Gedanke bei ihm Wurzel fassen konnte. Er zwang sich zwar, die gelehrte Gesellschaft möglichst zu unterhalten, aber doch blieb alles nur gezwungenes Werk. Bei Tische gab seine betrübte Miene noch nähern Anlaß, daß die Testamentsgeschichte erwähnt ward, wovon Anselm auf Verlangen die genauem Umstände ausführlich erzählte. Der Ratsherr Hummer, obgleich sehr dick und phlegmatisch, war dennoch in seinen Geschäften nicht untätig und in rechtlichen Sachen wohlerfahren; ein verwickelter juristischer Fall konnte ihn daher selbst bei Tische interessieren. Nach Anhörung der Testamentsgeschichte schüttelte er den Kopf, sagend: Man sehe wohl, daß da etwas hinter dem Busche stecke; ihn wundere nur, daß der Rechtsgelehrte, der der Frau Sophien Sachen betreibe, nicht darauf denke, die Richtigkeit des zweiten Testaments anzufechten. Es sei immer verdächtig, daß der Erblasser, wenn er sein erstes Testament gar nicht habe wollen gelten lassen, es nicht von dem Gerichte, wo es niedergelegt gewesen, zurückgenommen habe. Er ließ merken, indem er seiner eigenen Einsicht ein beiläufiges Kompliment machte, wenn er nur genaue Abschriften beider Testamente vor sich hätte, dächte er gewiß, irgendeine schwache Seite an dem zweiten Testamente zu finden, wo es mit Vorteile könne angegriffen werden. Anselm hörte hoch auf und besorgte gleich darauf die Abschriften. Ratsherr Hummer studierte beide Testamente mit großem Fleiße durch. Aber nach einigen Tagen erklärte er, die Form des zweiten Testaments sei auf keiner Seite mit einem möglichen Erfolge anzufechten. Er ließ der juristischen Schlauigkeit des Dr. Hiffer Gerechtigkeit widerfahren, der alle möglichen Einwendungen vorausgesehen und ihnen vorgebeugt hatte, und setzte lächelnd hinzu: Man sehe wohl, es habe ein Rechtsgelehrter die Hand dabei gehabt, der die Rechte aufs gründlichste studiert habe, um desto sicherer Unrecht tun zu können. Nun verschwand also auch alle Hoffnung von dieser Seite, wodurch in Sophiens Hause und bei ihren Freunden die Gesichter einige Tage lang etwas waren aufgeheitert worden. Vierzigster Abschnitt Versuch zu einem Vergleiche, welcher fruchtlos abläuft, und fernere Folgen davon Dem Ratsherrn Hummer ging doch die Geschichte mit dem Testamente sehr durch den Kopf. Er hatte dabei die Ehre seiner juristischen Einsicht für einen so korpulenten Mann etwas vorschnell aufs Spiel gesetzt; denn er hatte mit einem Paar seiner Kollegen darüber gesprochen, daß er schon ausfinden wolle, wie dem Testamente beizukommen sei, und Hiffer, dem nichts verborgen blieb, lächelte ihn an, sooft er ihn sah und ließ einige versteckte Fragen fliegen. Dies verdroß den guten Ratsherrn nicht wenig; er setzte daher noch einmal an, erkundigte sich beinahe einen Monat lang nach allen Umständen, schrieb sogar nach dem Orte, wo das zweite Testament niedergelegt war, um mancherlei Dinge zu erforschen, die ihm verdächtig schienen, und etwas zu finden, worauf Hiffer nicht möchte gedacht haben. Doch, was konnte das helfen! Der Mann wollte nur seinen Willen haben und las das zweite Testament fast täglich sorgfältig durch; umsonst! Es blieb, wie es gewesen war, so verklausuliert, daß ihm auch die schlauste Rechtskenntnis nichts anhaben konnte. Dergleichen alte Rechtsgelehrte sind eigensinnig. Wenn sie sich einmal vorgenommen haben, etwas durchzusetzen: so lassen sie nichts unversucht. Als Anselm einen Nachmittag der gelehrten Versammlung bei der Frau Hummer beigewohnt hatte und abends da speisete, sagte ihm der Ratsherr: Dem Testamente sei freilich, was seine Förmlichkeit betreffe, nicht beizukommen; indes, wenn Frau Sophie es genehmige, wäre er willens zu versuchen, ob Hiffer nicht zu einem Vergleiche zu bringen sei. Frau Sophie war es leicht zufrieden, ungeachtet ihr eigener Rechtsbeistand ihr voraussagte, es werde vergebens sein; denn Hiffer würde ja von einem Testamente, das so deutlich zu seinem Vorteile spreche, nicht abgehen. Indes war der Vorschlag eines Mannes wie der Ratsherr nicht ganz von der Hand zu weisen. Es ward also in des Ratsherrn Hummer Behausung ein Tag angesetzt, wo der Vergleich sollte versucht werden. Alle Personen, die es betraf, erschienen dabei; aber aus Dr. Hiffers lachender und satirischer Miene stand gleich abzusehen, daß nicht viel zu erhalten sein würde. Auf die verschiedenen Vorschläge des Ratsherrn antwortete er kurz und trocken: Er halte sich im Gewissen verbunden, den Willen seines sel. Freundes pünktlich zu erfüllen, und dessen Witwe wäre es auch schuldig; wolle sie nicht, so hätte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben. Ein Vergleich ließe sich nicht denken bei einer Sache, die so klar sei. Alle Anwesenden erstaunten, als der Ratsherr Hummer nun mit einer ihm ungewöhnlichen Lebhaftigkeit und mit ernsthafter Amtsmiene und starker Stimme sagte: »Noch ist die Sache nicht klar, Herr Doktor, aber ich hoffe, sie soll bald ganz klar sein. Desto besser für die Witwe, daß Sie keinen Vergleich eingehen wollen; denn ich behaupte, das Testament ist null und nichtig! Es ist dabei mehr als ein Falsum vorgegangen! Der Verstorbene war zu der Zeit, als das sogenannte Testament gemacht worden ist, seiner Sinne nicht mächtig und also den Rechten nach ganz unfähig, auch nur seine letzte Willensmeinung zu erklären. Darüber wollen wir gleich unverwerfliche Zeugen hören!« Hiermit befahl er einem Bedienten, die Türe eines Nebenzimmers zu öffnen. Aus demselben traten einige Personen hervor, bei deren Anblick Dr. Hiffer erblaßte. Diese vorher bestellten Zeugen wiesen aus, daß der Ratsherr Hummer, der nicht gemeint war, seine Einsicht in Dingen dieser Art ungestraft necken zu lassen, während der Zeit, da er untätig und in Verlegenheit schien, nichts weniger als untätig gewesen war, sondern vielmehr die ganze Sache bis auf den Grund ausgekundschaftet hatte. Das Testament war von dem Orte datiert, wo es niedergelegt sein sollte; der Tag, da es gerichtlich niedergelegt, und die Stunde des Tages, abends um sieben Uhr, war darauf bemerkt. Hier ward nun zuerst ein Beweis geführt, daß der Richter und die Gerichtspersonen, welche das Testament angenommen und die Annahme durch ihre Unterschrift bekräftigt hatten, zu der Stunde nicht an diesem Orte gewesen waren. Denn es trat ein Fuhrmann aus einem benachbarten Dorfe nebst seinem Knechte auf, welcher bezeugte, sie an diesem Tage nachmittags von da abgeholt und abends um sechs Uhr in einem Hause in Köln, das er benannte, abgesetzt zu haben. Ferner war ein ebenso sicherer Beweis da, daß der Verstorbene zu dieser Stunde nicht an dem Orte gewesen war, wo das Testament sollte gemacht worden sein, und zugleich war damit der Beweis verknüpft, daß er zu dieser Stunde seines Verstandes nicht mächtig und folglich auch unfähig gewesen wäre, seine letzte Willensmeinung zu erklären. Denn der Wirt des Hauses nebst zwei von seinen Leuten bezeugten, daß Hiffer bei ihm auf denselben Nachmittag eine besondere Stube verlangt, wo er auch mit dem Verstorbenen und mit einer ziemlichen Anzahl Weinflaschen seit vier Uhr allein gewesen sei. Alle drei bezeugten, daß Sophiens Mann, als er gegen sechs Uhr auf den Hof gehen wollen, getaumelt und stammelnd geredet habe, und gegen neun Uhr habe er ganz betrunken müssen nach Hause gebracht werden. Ferner bezeugte der Wirt, es sei um sieben Uhr Siegellack von ihm verlangt worden. Dies habe er selbst gebracht und gesehen, daß der Richter ein großes Siegel herausgezogen und es auf ein gefaltetes Papier gedrückt habe. Nachdem abends alle ziemlich bezecht weggegangen wären, habe sich das Testament, das er an dem äußern Ansehen und der Aufschrift erkannt, unter dem Tische gefunden, weil es der Richter vermutlich unvermerkt aus der Tasche hätte fallen lassen. Derselbe wäre den andern Morgen, vor seiner Zurückreise, sehr bestürzt zu ihm gekommen, hätte es daselbst gesucht und gefunden und, nachdem er es von ihm zurückerhalten, ihn gebeten, niemand etwas davon zu sagen. Dies war genug zum Triumphe des Ratsherrn Hummer, welcher nun der Frau Sophie lebhaftesten Dank erhielt und mit sich selbst zufrieden war, daß er seine Geschicklichkeit gezeigt und nebenher auch einen nichtswürdigen Menschen entlarvt hatte. Das Testament ward bald darauf gerichtlich für ungültig erklärt und Frau Sophie in den Besitz ihres rechtlichen Vermögens gesetzt, dessen sie durch Leiden und Tugend doppelt würdig geworden war. Dies machte umso weniger Schwierigkeit, da der Richter, der das Testament autorisiert hatte, für gut fand, das Weite zu suchen, und da Doktor Hiffer, der sonderlich, was Schikanen anbelangt, nie etwas auszuführen unternahm, was nicht auszuführen war, einen Vorwand fand, sich mit seiner Barschaft und besten Sachen auf eine Reise nach Lüttich zu begeben. Von da muß er weiter nach Frankreich gegangen sein; denn man hat Nachricht, daß er im Jahre 1791 in Avignon mit vielem Beifalle Friedensrichter gewesen und jetzt im Elsasse einer der tätigsten Kommissarien des Nationalkonvents ist. Einundvierzigster Abschnitt Beschluß Gute Kenner haben die Bemerkung gemacht, daß Frauengunst sich nicht leicht ändere. Hat Liebe einmal in dem Herzen eines edlen Weibes tiefe Wurzeln gefaßt, so wird sie selten ganz auszureuten sein. Sie sind beständiger, die holden Geschöpfe, als die Männer; sie ertragen eher Leiden wegen ihrer Gunst als diese und bleiben ihrer Empfindung getreuer, wenn sie dieselbe auch verbergen. Auch in Sophiens Herzen war die Zuneigung gegen Anselm nie ausgelöscht worden. Sie hatte sie unterdrückt, aus Pflicht; sie hatte viel gelitten, als ihr ihr Mann wegen dieser Zuneigung Vorwürfe machte, noch mehr, als sie Anselmen für unbeständig und sittenlos halten mußte. Sie hatte sogar nach dem Tode ihres Mannes dieser Zuneigung mit wahrem Edelmute entsagt, als sie glaubte, sie käme mit der Pflicht gegen ihre Kinder in Kollision. Nun aber, da diese Kollision wegfiel, da sie ihren Anselm täglich vor sich sah, da derselbe durch Elend wie durch eine Feuerprobe geläutert fester in Gesinnungen sich zeigte und seine ihm natürlichen guten Eigenschaften, die er nie ganz verleugnet hatte, dadurch in noch vorteilhafterm Lichte erschienen, da Philipp Fürsprache für ihn tat, da sie sah, daß ihr Hauswesen und ihre weitläuftigen Handlungsgeschäfte einen Vorsteher und ihre Kinder einen Vater nötig hatten: konnte sie sich selbst nicht versagen, nach so vielen ausgestandenen Leiden glücklich zu werden. Sie gab ihrem Anselm die Hand, um nun mit einem Manne vereint zu leben, den sie liebte, den sie von ihrer ersten Jugend an geliebt hatte, nachdem sie solange hatte mit einem Manne vereint leben müssen, den sie nicht lieben, nicht einmal hochachten konnte. Anselm sah jetzt alle seine Wünsche erfüllt; denn er ward mit einer Frau vereinigt, die er, je mehr er sie kennenlernte, verehren mußte. Er ward vor sich selbst gedemütigt, wenn er ihre Tugend, ihre Bescheidenheit, ihre Entäußerung, die beständige Beobachtung ihrer Pflicht unter vielen Leiden mit seiner bisherigen Torheit und Unbeständigkeit unparteiisch verglich, aber er ward aufgerichtet und in guten Entschlüssen bestärkt durch ihr Beispiel. Der Mann wird gewiß nicht ganz niedrig und unweise handeln, der einer hochachtungswürdigen Frau gefallen will; denn die leiseste Besorgnis, ihre Liebe zu sich zu vermindern, läßt ihn nicht leicht einen Schritt von dem Wege zum Guten wanken. Sophie unterstützte ihn in dem Bestreben nach allem, was edel und gut ist; er sie in allen Vorfällen des Lebens. Ihre wechselseitige Liebe nahm zu, mit derselben ihr wechselseitiges Glück. Die Beobachtung seiner Pflichten ward nun Anselms ernsthaftes Bestreben. Die Handlung gehörte den Kindern erster Ehe und mußte billig für sie erhalten werden. Unser Doktor schuf sich also ganz in einen Kaufmann um; aber er war jetzt weise genug geworden, nicht wieder seinen Einbildungen zu folgen und verbessern zu wollen, was er nicht genug verstand. Er folgte Philipps Rat, und demselben gemäß ließ er die Handlung den Weg gehen, in den sie schon durch Verstand und Erfahrung geleitet war. Die fernere Führung und Verbesserung derselben überließ er den Komtorbedienten von geprüfter Treue, die in derselben länger gearbeitet hatten, und begnügte sich, sie fleißig im Allgemeinen zu übersehen und durch ihre Erfahrung seine eigenen Begriffe zu berichtigen. Die Erziehung der Kinder seiner Frau und seiner eigenen hielt er für seine wichtigste Pflicht. Die heilige Mutter Kirche verstattet den Protestanten in Köln am Rheine nicht einmal, eine Schule zu haben. Sie will dadurch, schlau genug, dieselben nötigen, die Kinder bei den P. P. Jesuiten in die Schule zu schicken. Anselm hielt aber nichts von Jesuiten, selbst nicht, nachdem er den so gelehrten als aufgeklärten Abbé Spitzhaupt näher hatte kennen lernen. Um nun die Kinder in einer Schulgesellschaft zu erziehen, welches er der einsamen Privaterziehung weit vorzog, ward jenseits des Rheins, auf Pfälzischem Grunde, ein kleines Landgut gekauft, welches die Familie während dem schönsten Teile des Jahres bewohnte. Hier entstand unvermerkt ein wahres, nicht eingebildetes, Philanthropin, weil die meisten protestantischen Familien aus Köln ihre Kinder dahin schickten. Hier arbeitete er und seine liebe Sophie an der Entwicklung der geistigen und körperlichen Kräfte der Kleinen, um sie unter Aufsicht würdiger Lehrer zu guten und brauchbaren Menschen zu bilden, und sie wurden doppelt glücklich durch ihre Liebe. Seine Manufakturkenntnisse nützte er, um für die Kinder im Dorfe eine Industrieschule anzulegen. Hier ward ihr Verstand, nach der Methode des edlen Rochow, zweckmäßig gebildet, und sie lernten zugleich unter Aufsicht von Frau Sophien, ihren Fleiß von der ersten Jugend an in Arbeiten zu üben, welche ihnen nützlich werden konnten und bis dahin in der dortigen Gegend lange nicht allgemein genug gewesen waren. Seine medizinischen Kenntnisse wendete er an, um nicht nur die Landleute zu besorgen, wenn sie krank waren, sondern auch, soviel möglich war, durch vernünftigen Rat, Krankheiten zu verhüten und nach und nach Vorurteile auszurotten, welche der Gesundheit schädlich sind, worauf er besonders schon in den beiden Schulen sein Augenmerk richtete. So fand er nun sein Glück darin, daß alles in seinem Hause wohlging, daß außer seinem Hause, soweit sein natürlicher Wirkungskreis sich erstreckte, kein Armer ohne Arbeit, kein Hilfloser ohne Hilfe war und keine Träne floß, die er abtrocknen konnte. Kennt der Leser einen bessern Plan, das Leben froh zu genießen, für einen reichen Mann, der keine bestimmten Geschäfte hat, und auch für den, welchem bestimmte Geschäfte noch Zeit zum edlen Vergnügen lassen: so sag ers an. Nur setzt ein solcher Plan Kenntnisse und Eigenschaften des Geistes und des Herzens voraus, die nicht jeder reiche Mann besitzt, aber billig bemüht sein sollte, von seiner ersten Jugend an zu erwerben. Auch will ein solcher Plan nicht etwa bloß in der Einbildungskraft gefaßt und zierlich beschrieben sein, sondern er muß mit Ernst und Ausdauern ausgeführt werden, wofern wirklich dadurch das Leben beglückt werden soll. Diese ernste Ausführung guter Entschlüsse fehlte unserm Anselm in der ersten Hälfte seines Lebens. Daher half ihm sein guter Wille sehr wenig und seine besten Kräfte gingen verloren: weil er das Gute wirklich zu tun allzu leichtsinnig und allzu gemächlich war und sich mit schönem Sprechen und schönen Einbildungen begnügte. Fühlte er sich ja eine Zeitlang glücklich: so ward er es durch andere, welche für ihn sorgten und selbst seinetwegen Entäußerungen ausübten, die er hingegen nie ausüben zu müssen glaubte. Daß aber jeder Jüngling, der während seiner jugendlichen Jahre seine besten Kräfte im Taumel der Leidenschaften und des Leichtsinnes verschwendet, immer einen Philipp oder eine Sophie finden werde, durch die er aus den Verlegenheiten gezogen würde, in die ihn seine Unbesonnenheit gestürzt hat: ist eben nicht mit völliger Gewißheit zu erwarten. Gewiß ists hingegen, daß jedermann, der sich die Ursachen gefallen läßt, sich auch die Wirkungen muß gefallen lassen. Es ist daher ein leichtsinniger Jüngling oder ein untätiger Mann nicht berechtigt, sich über die natürlichen Folgen seines Leichtsinnes und seiner Untätigkeit zu beklagen. Das einzige Mittel, diese bittern Folgen zu vermeiden, wird sein, Leichtsinn und Untätigkeit so früh als möglich ganz abzuschaffen. Nachschrift Dies Buch weihet der Verfasser dem Andenken seines redlichen stets unveränderlichen Freundes Herrn Johann Joachim Christoph Bode, der durch die meisterhafte Übersetzung der »Empfindsamen Reisen«, des »Tristram Shandy«, des »Humphrey Klinker« und anderer Bücher einen ehrenvollen Rang unter den deutschen Schriftstellern sich erwarb. Er gab dem Verfasser die erste Veranlassung zu diesem Buche, als er sich mit demselben unvermutet auf einer Reise traf und mit ihm einige Meilen zusammenblieb. Unter angenehmem Reisegeschwätze gab er dem Verfasser eine freundschaftliche Aufmunterung, im Tone eines Verweises, daß er nicht darauf denke, einen Roman zu schreiben. Der Verfasser antwortete im Scherze: wenn er ihn zu sehr treibe, werde er einen schreiben unter dem Titel: Geschichte eines dicken Mannes; denn Bode war so groß und stark am Körper als groß und fein am Geiste. Bode trug eine scherzhafte Wette an, der Verfasser könne und werde unter diesem Titel kein Buch schreiben. Es ward gewettet. Nachdem beide Freunde sich von einander getrennt hatten und der Verfasser allein im Wagen saß, überlegte er, die Ausführung einer scherzhaften Wette könne vielleicht zu einer moralischen Absicht gewendet werden, und in wenigen Stunden war der Hauptplan dieses Werkes entworfen und aufgeschrieben. Die gute Absicht der Schriftsteller, durch Moral zu nützen, ist immer mit der zufälligen Unbequemlichkeit verknüpft, daß sie in der Ausführung gar leicht Langeweile erweckt. Sollten die Leser sie bei diesem Buche hin und wieder verspürt haben, so ist es die Schuld des Verfassers. Hat ihnen dasselbe aber Unterhaltung oder Nutzen gewährt, so haben sie es dem verewigten Freunde des Verfassers zu danken, weil der Verfasser sich bestrebte, dem zu gefallen, der das Werk veranlaßt hatte. Bode war ebenso sehr ein Freund der Wahrheit und des Guten als ein Mann von bewährtem Geschmacke; er hätte also der beste Richter über den Wert eines Buches dieser Art sein können. Er verschied, während es gedruckt ward, und sah also nichts von dem Erfolge seiner Wette. Die Deutsche Literatur verliert durch seinen Tod sehr viel; denn er wollte sein Verdienst um dieselbe noch vollständig machen durch die Übersetzung des Rabelais, zu dessen Verdeutschung nun, außer einem einzigen lebenden großen Schriftsteller, wohl niemand alle Talente zusammenhaben möchte. Ihn beklagen die Rechtschaffenen, die ihn und seinen Wert kannten, ihn beklagen alle Feinde der Heuchelei und des hinterlistigen Wesens, alle Freunde des Biedersinnes und der geselligen frohen Laune. Sit Uli terra levis (lat.) Möge dort die Erde leicht sein.