Wilhelm Müller Tafellieder für Liedertafeln Inhalt:           Der König, dem ich diene Der neue Demagoge Die Reise ins Paradies Die Wahrheit lebt im Wein Ein Krebs Euch, ihr edlen deutschen Reben Freiheit im Wein Guter Wein, gut Latein Guter Wein lehrt gut Latein Hier an unsrer Tafelrunde In vino veritas König Wein Laßt unsrer Zeit ein Lied uns singen Rückwärts! heißt das Wort der Zeit Und wüßt ich, wo es besser wär Unsre Konstitution König Wein             Der König, dem ich diene, Als treuer, tapfrer Held, Er ist der größte König In Gottes weiter Welt. Die Fahne, der ich folge, Sie ist ein grüner Zweig, Der weht vor allen Schenken In meines Königs Reich. Ich trage seine Farbe In meinem Angesicht: Auf Kragen und Rabatten Sieht unser König nicht. Hochrot ist seine Farbe, Glänzt wie ein Edelstein, Die Farbe unsrer Feinde Hat matten, bleichen Schein. Ihr General und König Wird Durst auf deutsch genannt, Zieht sengend und verbrennend Durch unsres Königs Land. »Bibamus, eh bibamus!« Ist unser Feldgesang, Und unsre Schlachttrompete Ist voller Gläser Klang. Auch fehlen nicht die Trommeln, Auch donnert mancher Schuß: Wir schlagen auf die Tische, Wir stampfen mit dem Fuß. Wir haben scharf geladen, Wir führen gut Gewehr: Kanonen sind die Flaschen, Von edlem Safte schwer. Wohlauf, wohlauf zum Siege! Die Nase und der Bart Sind besser, als im Helme. In einem Glas bewahrt. Und wirft ein Hieb mich nieder In diesem wilden Strauß, Ich schlafe jede Wunde In wenig Stunden aus. Heil dir, mein großer König, Heil dir und deinem Thron, Und allen treuen Brüdern In deinem edlen Fron! Der neue Demagoge               Euch, ihr edlen deutschen Reben, Sei mein Lied geweiht! Sing' ein andrer von den Helden Dieser lieben Zeit. Fehlen mir auf ihre Namen Reime zum Gedicht, Und zum Ungereimten brauchen Sie den Dichter nicht. Hab mich in dem Geist der Zeiten Auch einmal berauscht; Hab den Rausch nun ausgeschlafen Und den Trank vertauscht. Deutsch und frei und stark und lauter In dem deutschen Land Ist der Wein allein geblieben An des Rheines Strand. Und er läßt die deutsche Tugend, Läßt den deutschen Mut Frank und frei im Glase sprudeln, Und man heißt es gut. Und er zieht durch Deutschlands Gauen, Predigt deutschen Geist, Wenn durch froher Männer Runde Er im Becher kreist. »Landsmann!« grüßt ihn mit Entzücken Jeder deutsche Mund, Und er hält in alter Treue Seinen deutschen Bund. Frägt nicht nach der Herren Wechsel, Nach der Seelen Tausch, Kennt nur eine deutsche Erde, Einen deutschen Rausch. Ist der nicht ein Demagoge, Wer soll einer sein? Mainz, du heilge Bundesfeste. Sperr ihn nur nicht ein! Freiheit im Wein         Und wüßt ich, wo es besser wär, So zög ich aus der Welt. 's ist wahrlich keines Bleibens mehr In diesem Erdenzelt! Hab mit dem Teleskop von fern Des Himmels Rund besehn, Ob nicht in irgendeinem Stern Weinstöcke sollten stehn. Doch hab ich keine noch entdeckt, Und Herschel ist nun tot! Wenn uns die Welt noch ärger neckt, Wohin aus unsrer Not? O Brüder, Brüder, schwebt mir ja Ins Blaue nicht hinaus! Die beste Freistatt liegt so nah In unsres Wirtes Haus. In seinen Keller flüchten wir. Und der ist bombenfest. Potz alle Welt! wir trotzen dir, Wenn Sturm du blasen läßt! Wird auch die Freiheit vogelfrei Hier oben wohl genannt, Da unten hat die Sultanei Sie noch nicht weggebannt. Noch braust sie auf im jungen Wein, So oft die Reben blühn: Dann will der Geist entfesselt sein Und in dem Becher glühn. Und in dem Brausen toben sich Die wilden Hefen aus: Der echte Geist, er hält den Stich Und triumphiert im Strauß. Auf, Brüder, lösen wir den Spund, Und machen frei den Wein! Sein freier Geist weih unsern Mund Zu freien Liedern ein! Guter Wein, gut Latein         Guter Wein lehrt gut Latein. Sitz ich bei dem vollen Glase, Mein ich, ein Apoll zu sein, Und es hebt sich meine Nase In die Wolken fast hinein. Zöpfe, Beutel und Perücken Wachsen flugs auf meinem Haupt, Es mit Ehren auszuschmücken, Die kein Säkulum ihm raubt. Guter Wein lehrt gut Latein. Seh ich schon der Flasche Boden, Ist mir auch Apoll zu klein; Kühner als die kühnsten Oden Stürm ich in die Welt hinein. Und nach meinem Saitenspiele Laß ich sich die Reiche drehn; Liberale und Servile Müssen Musterung bestehn. Guter Wein lehrt gut Latein. Ist der Tisch erst naß geworden, Werd ich gar ein Taktikus, Lasse nach der Regel morden, Und es geht auf Hieb und Schuß. Mit dem Finger mal ich Flüsse. Seen mit der ganzen Hand; Meines roten Weines Güsse Strömen für das Vaterland. Guter Wein lehrt gut Latein. Ist der Tisch dann abgewaschen, Steck ich ein das Schwert indes, Und vor meinen leeren Flaschen Halt ich friedlichen Kongreß. Länder reiß ich flugs in Stücken, Kann mit einer neuen Naht Alte Fetzen wieder flicken – Bin ich nicht ein Diplomat? Guter Wein lehrt gut Latein. Komm ich an die letzten Tropfen, Ist mir nichts mehr gut genug; Und ich riech an meinem Pfropfen. Kritisiere den Geruch. Leer ist meine Westentasche, Und der Wirt liebt bares Geld. – Schafft mir eine neue Flasche, Oder eine neue Welt! Ein Krebs         Rückwärts! heißt das Wort der Zeit; Rückwärts laßt uns gehen, Nicht zu schnell und nicht zu weit, Wie's an mir zu sehen! Bin zum Kochen jetzt zu gut, Will nunmehr studieren, Und in der reptilen Brut Mich brav distinguieren. Mancher hat's schon weit gebracht Mit dem Rückwärtsschreiten: Ehrensterne, Gold und Macht Bringt's den guten Leuten. Politik, hilf du mir fort! Dir gehört mein Leben. Hand in Hand und Wort auf Wort, Rückwärts laß uns streben! In vino veritas           Die Wahrheit lebt im Wein. Laßt diesen Spruch uns ehren, Und von dem Heuchelschein Der Zeit uns nicht betören. Laßt uns, was recht, was schlecht, Mit seinem Namen nennen, Und über Herr und Knecht Nur ein Gesetz erkennen! Die Wahrheit lebt im Wein. Wem gilt der erste Becher? Schenkt klar und lauter ein! – Er gilt dem Trugzerbrecher, Der Wahrheit hohem Herrn, Der bei dem hellsten Lichte, Was hoch, tief, nah und fern Sich birgt, ruft zu Gerichte. Die Wahrheit lebt im Wein. Der Ewge frägt nach Taten; Er schauet nicht hinein In Akten und Traktaten, Da wohl sein Name steht Mit großer Schrift geschrieben: Der Buchstab, er vergeht – Wo ist der Geist geblieben? Die Wahrheit lebt im Wein. Was nahen dort für Scharen? Sie ziehen singend ein, Geputzt mit schlichten Haaren. Sind das die frommen Leut, Die sich in Almanachen Mit ihrer Frömmigkeit So wunderzierlich machen? Die Wahrheit lebt im Wein. Wem gilt der zweite Becher? Euch soll er heilig sein, Ihr starken Lügenrächer, Die für der Wahrheit Thron Mit Hand und Mund gestritten, Und gern, als Siegeslohn, Hohn, Not und Tod erlitten! Die Wahrheit lebt im Wein. Laßt nicht auf hohen Säulen Von blankem Marmorstein Die Blick allein verweilen. Die Wahrheit winkt uns fort, Und zeigt in öden Klüften Uns manchen heilgen Ort Mit ungeschmückten Grüften. Die Wahrheit lebt im Wein. Dem keines Königs Ehren Von Gold und Edelstein Die freie Brust beschweren, Des Name nie erklang Aus eines Sängers Munde, Den meint der Becher Klang In unsrer vollen Runde. Die Wahrheit lebt im Wein. Nun füllt den letzten Becher! Doch seht, der ist nicht rein, Und wir sind klare Zecher. Wem gilt der Bodensatz? Den trüben Obskuranten Vom Orden des Ignaz, Und ihren Anverwandten! Die Reise ins Paradies         Laßt unsrer Zeit ein Lied uns singen!         Juchhe! Juchhe! Sie will ins Paradies uns bringen. Sie führt uns sicherlich hinein.     Laßt uns mit ihr rückwärts gehn,     Und nicht wieder vorwärts sehn!     Rückwärts geht's durch Hexenfeuer,     Von dem Raben zu dem Geier,     Rückwärts durch des Teufels Küche.     Durch des Ketzerdampfs Gerüche,     Rückwärts bis zum alten Drachen,     Der den Apfel tät bewachen;     Rückwärts bis ins Paradies     Führt uns unsre Zeit gewiß. Laßt unsrem Wein ein Lied uns singen!         Juchhe! Juchhe! Er will ins Paradies uns bringen, Er führt uns sicherlich hinein.     Flügel setzt er jedem an,     Wo sie jeder brauchen kann,     An dem Kopfe, an den Zehen,     Und wir schweben nach den Höhen,     Wo die jungen Lerchen singen,     Wo der Sphären Töne klingen;     In der Seligen Gewimmel     Trägt er uns durch sieben Himmel     Bei der Sternenlichter Schein     Grad ins Paradies hinein. Unsre Konstitution               Hier an unsrer Tafelrunde, In dem freien Liederbunde, Sind wir gut konstituiert; Können all auf Kopf und Kragen Einen derben Hieb vertragen Für das Recht, das uns regiert. Keine Titel, Kreuz' und Ehren Dürfen dem Gesetze wehren, Das in diesem Staat floriert: Reich' und Arme, Groß' und Kleine Müssen trinken Wein vom Rheine Wie der König kommandiert. Doch der König selbst da oben Ist dem Spruche nicht enthoben, Wenn er seinen Zepter schwingt; Heißt er singen uns und trinken, Trinkt und singt er bis zum Sinken Mit uns, daß es klirrt und klingt. Unser König, der soll leben, Die Minister auch daneben, Wenn sie schenken lauter ein; Wer mit Mischmasch uns betrogen, Der wird vor Gericht gezogen Und verdammt zu Gänsewein. Aus der reichsten deutschen Quelle, Stark und ruhig, warm und helle, Fließt der Wein in unserm Staat, Hebt das Herz und weckt die Geister, Macht die blöden Zungen dreister, Und gibt allen Köpfen Rat. Also haben es gehalten Unsre guten, tapfern Alten: Sie berieten sich beim Glas; Und die neuen Diplomaten Halten auch auf Wein und Braten, Und hernach auf dies und das! Fort nur mit den welschen Schäumen, Die in Demagogenträumen Wirbeln nach dem Hirn empor! Fort auch mit dem schweren, dicken Ungar, der das Licht ersticken Will in seiner Dünste Flor! Oder wollt ihr's ernstlich wagen, Euch mit uns herumzuschlagen, Nun, so rückt heran zum Strauß! Kommt uns doch nicht in die Zöpfe! – Und wir brechen euch die Köpfe, Und wir stechen all euch aus. Unsre Karte zu beschützen, Setzen gern wir unsre Mützen, Beutel und Perücken dran; Demagogen und Despoten Ist der Handschuh angeboten, Und wir stehn für einen Mann. Deutsche Lieder, deutsche Reben, Deutsche Lust und deutsches Leben, Blüht auf deutscher Erd empor! Segnet unsre Tafelrunde, Die aus einem vollen Munde Euch begrüßt im ersten Chor!