Wilhelm Raabe Gutmanns Reisen »Nach dreißig Jahren begreift es kein Mensch mehr, wie man sich hat plagen müssen, um die lieben Kleinen zusammenzubringen!« Michels Mutter. Wo hat die Kunst Ihr Haus? Das Haus der Kunst ist rund; Steht allenthalben so, daß Sonne drüber stund. Friedrich von Logau. Da liegt vor mir ein Buch in Duodez, betitelt: »Merkwürdige Reisen der Gutmannschen Familie.« Die Vorrede ist datiert von »Schloß Ricklingen, den 7. August 1797«; meine »dritte verbesserte Auflage« stammt aus dem Jahre 1805 und war damals zu finden in Hannover bei den Gebrüdern Hahn. Der Verfasser ist Christian Konrad Dassel, zuletzt Pastor zu Hohenbostel, und dem Manne widme ich heute mein Buch – am 11. Mai 1891. Wenn ich heute auf dem Papier gern reise und die merkwürdigsten, halsbrechendsten, rührendsten und belehrendsten Abenteuer mit Behagen erlebe und bis jetzt noch immer ziemlich glücklich durchgekommen bin, so danke ich das diesem Autor, von dem natürlich keine »Liste der besten hundert Bücher aller Zeiten und Literaturen« etwas weiß. Was sollte der alte Herr auch unter den hundert Lieblingsschriftstellern des Sir John Lubbock und denen derer, die bei uns selbstverständlich sofort dem unbelesenen Engländer mit ihrem Verzeichnis hoch in der Hand und in der Luft zu Haufen nachzappelten? Auf meiner Liste, die freilich keine hundert Lieblingsschriftsteller enthält, steht der Pastor Dassel aus Hohenbostel in erster Reihe; denn vor allem habe ich für mein Handwerk aus ihm gelernt, was der Autor mit seiner Heldin anzufangen hat, um durch sie nicht nur Rührung, sondern auch Nutzen im Publikum hervorzubringen. Er läßt seine Emilie den König von Dahomy heiraten und aus dem schwarzen, blutdürstigen, menschenschlachtenden und menschenfressenden Wüterich in Abomy einen weiß-human aufgeklärten Menschenfreund vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts machen: ich lasse meine Klotilde auch heiraten und sie dadurch das deutsche Volk neu gründen und das neue Deutsche Reich stiften. O, die armen, lieben, guten kleinen Mädchen sind auch am Ende des neunzehnten Jahrhunderts immer noch ganz nützlich zu verwenden! und wer weiß, ob nicht am Ende des zwanzigsten Säkulums ein durch die Druckpapierwüste sich selbst seinen Weg suchender armer Teufel, dies mein Buch mit auf seine Liste der »hundert besten Bücher aller Zeiten und Literaturen« setzt? – »In einer angesehenen Stadt H... lebte vor einigen Jahren ein sehr braver und rechtschaffener Vater.« – – »Gutmann war ein reicher und angesehener Kaufmann« – – – wir könnten ganz in dem Tone bleiben und würden vielleicht manchem kindlich-verwundert in den heutigen Tagestumult gaffenden Lesergemüt einen Gefallen damit tun: tun wir unser möglichstes in dieser Hinsicht ... Mit dem Buchstaben H fing die Stadt nicht an, von der wir diesmal ausgehen. Eine angesehene Stadt war sie auch gerade nicht, so wenig wie der angesehene Kaufmann, der sich sofort auf seine Reisen machen wird, den Namen Gutmann führte. Nennen wir ihn nun aber gerade erst recht – gerade darum so! und die Stadt meinetwegen auch H... Es kommt wirklich nicht darauf an: der liebe Gott kennt beide und wird sie am Ende aller Dinge schon zu rufen und nach ihren politischen Meinungen im September des Jahres Achtzehnhundertsechzig auszufragen wissen. – – Das Haus Gutmann und Frau (die Frau hieß Line wie in Gutmanns Reisen) war in der norddeutschen Kleinstadt so wohl und so übel angesehen, wie man es nur wünschen konnte. Die Wohlwollenden wiesen mit Stolz darauf hin; die Konkurrenten barsten dann und wann vor Neid, und im letzteren Falle gab es jedesmal einen so übeln Geruch, daß der Chef schmunzelnd auf seine Dose klopfte und sie auch seinem entrüstet die Nase zuhaltenden Eheweibe hinhielt, um das Wort hin, zunehmen: »Ich begreife nicht, Alter, wie du zu der Nichtsnutzigkeit lachen kannst!« »Aber ich. Prosit! Das Weinen wollen wir uns doch auf eine passendere Gelegenheit aufsparen. Augenblicklich bedeutet die Sache mal wieder weiter gar nichts, als daß unser Jahresabschluß den Herren Konkurrenten Fuchs, Sengerich und Kompagnie besser gefällt als der ihrige. Ist das ein Grund, um sich über ihre Redensarten hinter unserm Rücken zu ärgern?« »So laß mir doch nur deine dumme Dose unter der Nase weg! Du magst ja gottlob wohl recht haben.« Es ist den Leuten nichts Neues mehr zu sagen. Das Haus, die Wirtschaft und die Familie sind bereits in der Phantasie jedes gebildeten Lesers vorhanden. Das Haus ist eins der solidesten der Stadt und liegt in der allerbesten Geschäftsgegend, am Markt. Die Familie besteht aus Vater, Mutter und Sohn, und eine junge, hübsche, brave Schwiegertochter und junge Frau dazu wäre durchaus kein Unding: um Himmels willen machen wir ein Ende mit allen dergleichen Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten! Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung und Mutter der Musen, sei uns gnädig, und wenn die lieben Fräulein Töchter auch ein freundliches Auge auf diese Blätter werfen wollen, so küssen wir ihnen neunfach dafür die Hände. Leider haben wir aber ihren edlen Namen keine neun Gesänge zur Verfügung zu stellen! dafür würden sie sich jedoch höchst wahrscheinlich auch sehr bedanken und es gegebenen Falls für eine Unverschämtheit erklären. Wie vom Anwesen des »Wirtes zum goldenen Löwen« aus, sah man von der Haus- und Ladentür des Geschäftes Gutmann und Frau auf den Marktplatz der Stadt. Und drüben lag nicht bloß das Haus des begüterten Nachbars mit den grünen Läden, – des Kommerzienrats Sengerich –sondern auch die Apotheke, wie in Hermann und Dorothea. Um die Ecke der Apotheke aber führte, was in Hermann und Dorothea noch nicht möglich war, der Weg nach dem Bahnhof. Hiermit endet also jegliche Ähnlichkeit, und wir verbleiben im neunzehnten Jahrhundert und in unserer Geschichte bis zum Ende, wo freilich ein gewisses Plagiat wiederum nicht zu verkennen sein wird. Nämlich der junge Mensch in unserm idyllisch-politischen Epos, in unserer Geschichtserzählung kriegt sein Mädchen ebenfalls und wird so glücklich damit als möglich. »Was geht denn das mich an, daß um die Apotheke der Weg nach dem Bahnhof führt?« darf der Leser fragen. Kühl und mit einem kleinen Aufruck des Selbstbewußtseins antwortet der Geschichtenberichter und Geschichteberichtiger: »Sehr viel!« Mit dem Wege nach dem Bahnhof geht die Geschichte an. Ohne den Weg nach dem Bahnhof würde aus der ganzen Geschichte nichts. Wie wären ohne den Weg zum Bahnhof die deutschen Völkerstämme zu einem erträglichen Verhältnis untereinander, wie wären die beiden aus den annähernd dieselbe Sprache sprechenden zwei deutschen Völkerschaften stammenden jungen Leute miteinander zusammengekommen? Wie hätte aus dem heillosen Durcheinander im ganzen und im einzelnen ein Herz und eine Seele, ein Fleisch und ein Blut werden können ohne den – Weg zum Bahnhof? Lächelnd hinter dem rosigen Ohr sich – die Löckchen mit Rosenfingern (weißen) ordnend, wird die Leserin fragen: »Aber, mein Gott, wer hat denn jemals was gegen den Weg zum Bahnhof einzuwenden gehabt?« und damit hätte sie ihr Wort am Sonnabend, den 1. September 1860 mit in die Wagschale werfen dürfen: es würde sicherlich mit gewogen worden sein. In unserm ersten Kapitel handelt es sich einzig und allein um den Weg nach dem Bahnhof. Erstes Kapitel. Was lag alles an diesem Sonnabend, dem 1. September 1860 der Frau Line Gutmann auf dem Halse! Am Morgen der Markttag mit seiner Wagenburg von Bauernfuhrwerken, mit seinem Klein- und Großhandel im Laden und im Kontor. Das Korn im Preis abgeschlagen, die Heringe gestiegen. »Für 'n Sechser Sirup wollte ich.« – »Gleich, mein Junge! Ne, Vorsteher, auf so'n Geschäft läßt sich mit meinem Willen mein Mann nicht ein, fragen Sie ihn nur selber. Ne, fragen Sie ihn lieber nicht, denn er ist mir heute zu jeder Dummheit fähig. Denken Sie nur, er will morgen verreisen. Er, der seit seinen Reisenden-Jahren seine Seligkeit darauf verschworen hat, keinen Fuß mehr in einen Eisenbahnwagen zu setzen. Gucken Sie, da sitzt er auf seinem Schreibebock und lacht: unser armer Junge habe ihn verführt, und daß der seinen Rührlöffel im Topfe gehabt hat, das will ich auch nicht leugnen; verrückt sind sie eben beide geworden. Oder sind Sie, Vorsteher, etwa auch nicht mehr mit unserm angeborenen Landesherrn allein zufrieden? sind Ihnen auch seine Truppen und seine Diplomatie nicht mehr gut genug? Von der letzteren verstehe ich nichts; aber die ersteren haben wir doch zu einem Teil hier in der Stadt in der Garnison und den übrigen Rest fast jeden Herbst zum Manöver, Sie im Dorf und ich hier im Hause, im Quartier. Es sind doch ganz hübsche Leute, und gut genährt; und nach ihren Uniformen fragen Sie nur Ihre Frauensleute, die meinigen brauche ich gar nicht zu fragen! Und ihre Bewaffnung? Wie können sie schießen, wenn sie auch nicht das neumodische preußische Gewehr haben! Vorm Jahr bin ich selbst mit hinausgegangen und habe mir beide Ohren zuhalten müssen. Und nun soll das auf einmal alles nicht gut genug sein, und sie haben sich, wie mein Mann mir auseinandersetzt und mein Sohn bestätigt, erst einzeln in allen deutschen Völkerschaften und dann in einen Haufen, ich glaube in Eisenach, zusammengefunden und die Köpfe zusammengesteckt und natürlich eine Kommission dazu gewählt. Und jetzt scheint es mir soweit zu sein, jetzt trommeln sie die ganze Landkarte nach Koburg hin, um mit der Verschwörung ganz in die Öffentlichkeit zu treten. Und wenn ich Seine Hoheit, unser hiesiger angestammter Landesherr wäre, so käme mir das Ding, so hinter meinem Rücken, zum mindesten doch etwas kurios vor. Ich habe das auch meinem Herrn Sohn gesagt. Du! habe ich ihm gesagt, daß du mir in deiner Unschuld keinen Unsinn machst und dir deine Karriere verdirbst! Soviel Politik verstehe ich doch auch seit Achtundvierzig, daß ich weiß, wo nach oben hin die Gemütlichkeit aufhört und nach unten zu wir unsere Dummheit auszubaden haben, und drüben der Herr Nachbar und Konkurrent hingeht und seinerseits fürs Vaterland auftritt und einen patriotischen Verein gründet, mit dem Titel Kommerzienrat und dem schönsten Landesorden uns dicht vor der Nase! Aber was hat es geholfen, Vernunft zu sprechen? Öl ins Feuer ist meine Rede gewesen; was ich beiläufig auch vorher schon hätte wissen können, da ich mich in Dinge mischte und über Verhältnisse redete, die ich nach ihrer Naseweisheit nicht verstand. Na, meinetwegen! Meinen Verstand für mein Hauswesen und das Geschäft haben sie mir wohl lassen müssen, und damit hoffe ich, wenn es am schlimmsten geht, auch für sie mit auszureichen. Sie reisen morgen nach Koburg, um das deutsche Volk von neuem und den neuen deutschen Nationalverein zu gründen, und ich bleibe hier und behalte den Haushalt, die Konkurrenz drüben und Seine Hoheit unsern Landesfürsten und Sie im Auge, Vorsteher. Ja, machen Sie mir nur Augen wie eine Eule, die in den Blitz sieht, Herr Schulze von Großschwabbelbauchen: so werden die Roggenpreise ab Hamburg nicht notiert, daß Sie mir so kommen dürfen, um eine Dumme an mir zu finden! Nun, Junge, was willst du denn eigentlich noch? Deinen Sirup hast du ja schon seit einer Viertelstunde! Ja so, eine Hand voll Rosinen als Lohn der Tugend, daß du gegen deine Mutter dienstfertig und höflich gewesen bist. Da! nun marsch! Heißt übrigens auch ein Geschäft, bei dem man es wohl nicht zu dem Titel Frau Kommerzienrätin bringen wird, einerlei ob man sich an seinem guten Landesherrn diplomatisch und militärisch versündigt oder nicht!«– Der Markt war von dem Morgenmarktverkehr wieder gesäubert worden und gereichte dem Reinlichkeitssinn des kleinen Gemeinwesens in seiner Sauberkeit wieder zur großen Ehre. Wo am Morgen, wie Frau L. Gutmann sich ausdrückte: »Tausende sich durcheinandergewühlt« hatten, trieb sich jetzt ein einzelner Hund um. An »Platzscheu« litt der nicht, wie der kürzlich ans der ungeheuren Stadt Hannover hierher in die Wüste verschlagene Provisor, am Fenster der Apotheke gähnend, bemerkte. Auf sämtlichen drei Kirchen der Stadt schlug es fünf, und Vater Gutmann schlug sein Hauptbuch zu, wendete sich auf seinem Drehsessel ins Gemach hinein zu seiner Frau, der am Fenster über das Strickzeug weg dem Hund und dem Provisor zusehenden, und sagte: »Linchen, mir ist doch eigentlich recht sonderbar zumute und wird's immer mehr, je mehr die Dämmerung naht. Komm' ich mir endlich mal wieder, wie seit fünfundzwanzig Jahren nicht, weltbürgerlich weinreisend-genial vor, oder – wie seit fünfundzwanzig Jahren unter deiner treuen Obhut als ein alter guter Kerl notdürftig ausgerüstet mit den zum Kornhandel und Stadtratstitel notwendigen Instinkten? Solange die Geschichte noch im weiten lag, war ich mir natürlich vollständig klar darüber und fühlte nach jeder Parteisitzung im Traum von dir an meinen Schulterblättern nach, ob ich mir auch nicht die neuwachsenden Adlerschwingen verknicke. Jetzt, wo es heißt: Morgen früh um vier geht der Zug ab! fange ich wieder an zu fühlen, aber nur bänglich – so wärmflaschen-wehmütig, kamillenteeduftig, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll! so zuhausebehaglich, so pfeifenstopfgemütlich, kurz dir und mir in unseren vier Pfählen so notwendig und unabkömmlich, daß ich dich nunmehr ernstlich frage: Packst du nicht lieber meinen Koffer wieder aus? ist es nicht für mich, dich und ihn besser, daß wir den Jungen allein reisen lassen?« »Alter Hanswurst!« klang es vom Fenstersitz her, und es ist noch niemals, so lange jemand zu seinem eigenen Vergnügen und dem anderer aufs Seil ging, dieses Wort so zärtlich-verständnisreich ausgesprochen worden. »Das möchtest du jetzt wohl!« fügte die alte Dame hinzu. »Erst dich blamieren und dann mir die Blamage in die Schuhe schieben. Das wäre so etwas für dich, diesen ganzen kommenden Winter durch in deinem Klub, wenn aus dieser eurer Geschichte und Verschwörung in Koburg wieder mal nichts Rechtes wird, alle deine Reden anzufangen: Ja, meine Herren, hätte meine Frau mich nicht abgehalten, meinen Senf dazuzugeben, so – und so weiter. Ne, ne, Alterchen, nichts wird wieder ausgepackt – lieber packe ich dir noch ein paar wollene Strümpfe, 'ne warme Unterhose und eine Reservenachtmütze zu, von wegen möglicher Erkältung bei dieser Erhitzung fürs allgemeine deutsche Vaterland! Verlaß dich drauf: morgen früh punkt vier Uhr werdet ihr geweckt. Das will ich auch noch meinerseits zu eurem Patriotismus beitragen, daß ihr diesmal nicht die Zeit verschlaft. Und dann in Gottes Namen marsch und gute Geschäfte eurerseits! Hier am Orte werde ich für das Geschäft schon sorgen. Wenn ihr nur gesund wiederkommt, so ist das zwar die Hauptsache: aber wenn ihr hübsch was ausrichtet, was uns die Dänen, Russen und Franzosen besser vom Leibe hält, als wie euer jetziger deutscher Bund, so wird mir das natürlich sehr angenehm sein, schon um dem ewigen Gerede, Geschwätze und Geschimpfe darüber endlich ein Ende zu machen, übrigens, Mann, wenn du die Gefühle unseres uns nun doch mal angestammten und auch doch ganz ordentlichen Landesvaters dabei ein bißchen schonen kannst, so tue es. Die Karriere unseres Wilhelms hat er und seine Herren Geheimen Räte, was ihr auch für die Zukunft zuwege bringen mögt, für die Gegenwart wahrscheinlich noch einige Zeit in Händen, und wer sich zu grün macht, den fressen die Ziegen. Das ist meine Meinung als deutsche Hausfrau und Mutter im nüchternen Zustande. Eure Toaste bei Tische auf uns edlen Frauen und holden deutschen Jungfrauen – na ja!« Zweites Kapitel. »Weib!« sagte der alte Herr, sozusagen halb weinend und halb lachend. »Deutsches, blondes, blauäugiges Weib,« sagte er, und dann sagte er weiter nichts, als: »Wenn der Junge nach Hause kommt, so halte dich an den. Der bildet die jüngere Generation und hat's möglicherweise mit seinem Weibe und seinen Würmern im Topfe zusammenzuscharren, was ihm deine Dänen, Russen und Franzosen drin übriggelassen haben. Ich gehe auf ein Stündchen zum Kegeln. Beim Abendessen treffen wir ja hoffentlich wohl noch einmal im Leben zusammen – annähernd in gewohnter Gemütlichkeit.« »Willst du nicht doch lieber den Hausschlüssel mitnehmen, Gutmann?« »Weib!« sagte abermals der alte Herr und setzte diesmal noch hinzu: »Velleda, alte germanische Pythia, füge jetzt nicht noch zu deinem Besserwissen die Überhebung! was soll ich heute abend mit dem Hausschlüssel, wenn du mich morgen früh um vier Uhr zum Tode fürs Vaterland wecken willst? Jawohl, so seid ihr, wie wir euch in Liedern besingen und bei Tische hochleben lassen – na ja! Also schütte dein Herz mit dem Jungen noch einmal aus; – nun aber vollständig, – bis ich zum Essen nach Hause komme – wahrscheinlich zum letztenmal.« »Gottlob, daß ich dich kenne!« sagte Velleda; nicht bloß sozusagen »halb weinend«, sondern mit sehr ernsthaft heruntergezogenen Mundwinkeln. Da war es denn wahrhaftig ein Glück, daß der Alte wirklich ging, und daß der Junge kam. »Was machst denn du für ein kurioses Gesicht, Mamachen?« fragte der Kameralsupernumerar Gutmann, – Gutmann junior. »Bekümmere dich nicht um meine Gesichter, mein Sohn, sondern sieh nach dem deinigen, das heißt, besinne dich noch mal, ob wenigstens du für morgen früh alles parat hast. Für deinen Vater habe ich natürlich alles besorgt; aber du solltest doch nun allmählich meiner Beaufsichtigung und Sorge entwachsen sein! Lache nicht; es ist mein völliger Ernst, daß ich endlich jetzt herzlich froh sein will, wenn ich ihn morgen früh glücklich aus dem Hause und auf der Eisenbahn habe. Nach zwanzigjährigem Stillsitzen! Von dir jungem Schnaufer rede ich nicht. Du kannst in der Hinsicht meinetwegen anfangen, was du willst; aber – daß du ihn mir heil und vergnügt wieder hierher an Ort und Stelle schaffst, das rate ich dir, du könntest sonst in Wahrheit und Wirklichkeit ein kurioses Gesicht von mir zu sehen kriegen!« Der gute Sohn, der zu Anfang dieser Rede dreist hätte in einem herzlichen Lachen loslegen dürfen, unterließ das. Er nahm nur Mama in die Arme und sagte: »Aber Mutter, Mütterchen, so mach dir doch wenigstens keine kuriosen Gedanken! Koburg ist doch nicht aus der Welt, und die Art und Weise, wie Papa und ich zur Neugestaltung des deutschen Volkes dort beitragen wollen, kann doch nicht Kopf und Beine kosten und an Hals und Kragen gehen. Unschuldiger und harmloser als wir können sich doch Söhne eines Volkes nicht um ihr Vaterland bekümmern!« »So?« fragte Velleda – Frau Line Gutmann, und als der Alte vom Kegeln heimgekommen war und sie alle drei beim Abendessen saßen, kam, so wahr ich lebe, in diesem wahrheitsgetreuen Bericht die Rede zum drittenmal auf den Vater des Vaterlandes, auf den Landesvater. Wenn dieser eine Ahnung davon gehabt hätte, wie schwer er wog, nicht bloß in dieser Geschichte, sondern in der Geschichte überhaupt, so hätte er seine herzliche Freude darüber haben und innigste Genugtuung aus der Tatsache ziehen dürfen. – Es lag ein, in Anbetracht der unschuldigen Extravaganz, die sich der Vater des Hauses nach mehr denn zwanzigjährigem Zuhausebleiben plötzlich erlauben wollte, doch eigentlich zu schweres Gewölk über dem Familientische. »Über euch Männer!« sagte die Mutter des Hauses. »Wenn ich mal heraus wollte aus dem ewigen Einerlei, so hieß es zwar immer seit unserem Hochzeitstage, Gutmann: Mit Vergnügen, Kind! aber geblieben ist es immer dabei, geworden ist nie was draus. Und wie oft habe ich gesagt: Mann, verhutzle mir nicht hinterm Ofen! das wird mir ja unheimlich, sich dreißig Jahre – na, bis zum dreißigsten Jahre als Commis voyageur in der ganzen weiten Welt herumgetrieben haben und dann gar nichts mehr von ihr wissen wollen. Ich sollte das natürlich nur deiner Liebe zu mir und meiner häuslichen Liebenswürdigkeit zuschreiben, Gutmann, und ich habe mir ja auch wirklich was auf diese Umwandlung deines Lebenswandels zugute getan; aber –« »Aber?« fragte der brave Vater Gutmann, und wir müssen leider hinzufügen, grinsend. »Aber jetzt glaube ich nicht mehr, daß ich das Stück Zucker war, was diese Sache süß machte. Ein Heuchler bist du gewesen, Gutmann! Bloß ab- und müdegelaufen und -gefahren hattest du dich, Alter, und was du fünfundzwanzig Jahre lang meine Liebe und Liebenswürdigkeit genannt hast, das nenne ich heute abend nur noch deine Seligkeit und Gemütlichkeit in Schlafrock und Pantoffeln. Mach mir nichts vor, Gutmann, die Sache ist so, und ich gönne es dir ja auch, daß du dich endlich unter meiner Obhut so gut ausgeruht hast von deinem unverheirateten jungen Großhandelsherumtreiben und mir jetzt mit einem Male zwischen dem Fünfzigsten und Sechzigsten den zweiten Reisetrieb kriegst. Reise glücklich, verführe mir das arme Wurm, unsern Jungen hier, nicht zu sehr; aber Fisimatenten mach mir lieber nicht mehr vor!« »Aber Line –« »Jawohl! mit Aber unterbrachst du mich eben schon einmal; jetzt aber komme ich auch mit dem richtigen Aber und sage euch nochmals: Kinder, habt meinetwegen euer politisches Vergnügen, aber verderbt es mit eurem guten Landesvater dabei nicht zu sehr! Und das wiederhole ich: ich sage das dir vor allem, mein bester Junge, denn du hast von uns allen drei eben am meisten mit dem lieben, alten Herrn zu rechnen. Und es ist ein lieber, alter Herr! Als er neulich hier war, da möchte ich doch den von euch wohl sehen, der so höflich mit jedem als wie mit seinesgleichen umging und sich behub, als wie Seine Hoheit. Wir waren alle gerührt an den Fenstern und wedelten mit den Taschentüchern, und er zog da mitten auf dem Markt auch seins heraus – ein so wundervoll weißes – und ich möchte wohl wissen, ob für solche hohen Herrschaften eine besondere Art von Wäsche besteht? Doch das ist die Nebensache; – laßt mich mal ausreden: was wollt ihr denn eigentlich? Darf nicht in eurer sogenannten Kammer jeder Schafskopf seinen Mund auftun und die Sache aufhalten? Soviel wie ich davon verstehe, fragt man euch doch bei allem um eure Meinung und Hoheiten wird sie nachher nur untergebreitet und er hat bloß seinen Namen drunterzusetzen, und – mein Sohn – unter eure Anstellungspatente! und wenn er mal einen köpfen lassen muß, was ihm doch wahrscheinlich selber gar nicht angenehm ist, und was bei meinen Lebzeiten auch nur einmal vorgekommen ist! und der hatte das verdient! – Dann ist da das Ministerium. Ja, das Ministerium, auf das ihr eure allgemeindeutsche patriotische Wut abladet und daraufhackt, weil es das nur ausführt und sozusagen aufs Brett bringt, was ihr im Grunde eurer Seelen selber seid. Ich kenne doch einige von den Herren auch, und euer jetziger Schlimmster von ihnen – Gutmann, bedenke das! – hat hier sogar bei dir – bei uns im Hause gewohnt, als er noch jüngster Assessor am hiesigen Kreisgerichte war, und ich kenne keinen, mit dem ich mich auf Bällen lieber unterhalten hätte, als mit dem, und keinen, der zu allen vergnügten Torheiten mehr aufgelegt war, als wie eben der. Und wie liebreich hat er sich gerade mit dir abgegeben, Wilhelmchen, als es dir in der Quarta und Tertia mit dem Latein und dem Griechischen nur zu oft nur so so war? Wie hat er dich mit deinen Exerzitien mit auf seine Stube genommen, und jetzt – nun – heute ist das doch gerade so, als dürfe kein Hund mit Anstand mehr ein Stück Brot von ihm nehmen! Bloß weil er in der äußern Politik ein bißchen anders denkt, als wie ihr! Ja, diese äußere Politik! Ich kann doch auch schon eine geraume Zeit politisch denken, und meine Mutter ist als Kind sogar einmal von den Kosaken mitgenommen worden; aber so eine politische Konfusion als wie jetzt, wo es doch verhältnismäßig ganz still ist, scheint mir doch noch niemals weder in der Weltgeschichte noch in euren klugen Männerköpfen dagewesen zu sein. ›Mutter, das verstehst du nicht,‹ sagt natürlich dein Vater, Junge. Und du, mein Sohn, nennst das natürlich eine Stille vor dem Sturm, als ob du diese Redensart eben erst erfunden hättest. Ich aber sage euch erstens, was die Redensart anbetrifft, so ist die schon millionenmal dagewesen und – zweitens, was das Nichtverstehen angeht, so maße ich mir das auch gar nicht an; aber meine Meinung über das Jahr Achtundvierzig und den Louis Napoleon und die schleswig-holsteinsche und die türkische oder orientalische Frage habe ich mir auch gebildet, wenn ich auch leider wenig genug zum Zeitungslesen komme; und als deutsche Jungfrau in weißem Tarlatan habe ich als Mädchen schon in den dreißiger Jahren mitgewirkt fürs Vaterland, euer allgemeines nämlich, nämlich bei dem ersten hiesigen Sängerfest, wo sogar ein halb Dutzend Hamburger kamen und darunter ein gewisser junger naseweiser – Gutmann, laß mich ausreden; unser persönliches Verhältnis ist augenblicklich nur Nebensache! Ja, was wollte ich doch sagen? Jawohl, und als politische deutsche Frau habe ich doch auch meine Pflicht getan, indem ich mich immer deinen Ansichten angeschlossen habe, Gutmann, und dich niemals abgehalten habe, und euch auch nicht morgen früh abhalten werde, wo ihr sicherlich ohne mich gar nicht von Hause wegkämet, weil ihr die Zeit verschliefet und das Deutsche Reich und Volk bloß im Bette und im Traum aufrichtetet; oder als bloße ideale Strolche und Vagabunden, ohne Kamm, Seife, Zahnbürste und die nötige reine Wäsche zum Wechseln, ich meine beileibe nicht eurer Ansichten, auf das Abenteuer loszöget. Und was ich sonst noch als deutsche edle Frau für das deutsche Volk und das deutsche Reich getan habe, so erinnere ich dich nur, Mann, an den armen Jungen, den armen jungen österreichischen Studenten, den du mir, ich glaube Neunundvierzig im Winter halb verhungert und halb erfroren ins Haus brachtest. Ja, es war so um die Zeit, wo sie in Wien Robert Blum erschossen und ihn nur gar zu gern auch gehenkt hätten – ich meine unsern armen lieben Gast und Flüchtling von damals. Und es war sogar ein Adliger, ein Ritter, ein Edler von Pärnreuther schrieb er sich, und wollte nach Schleswig-Holstein, um wenigstens da noch zu retten, was zu retten war. Und ich futterte ihn zuerst wieder zurecht, und sorgte auch für ihn für reine Wäsche und anständige Kleidung – na, ihr wißt das ja alles ebensogut als ich. Damals war er, der Herr Alois, so ein Bürschchen von neunzehn oder zwanzig Jahren. Wenn er noch lebt, muß er jetzt wohl über die dreißig sein und hat sich hoffentlich wieder nach Hause und in das gewohnte bürgerliche Leben gefunden, und hat jetzt bei ruhigeren Zeiten, so wie ihr, bloß die ungefährlicheren politischen Neigungen behalten, und steckt nicht mehr seinen Hals dem Fürsten Windischgrätz in die Schlinge, bloß um den unglücklichen Ungarn zu helfen, gerade als ob die nicht auch mal ganz Deutschland verwüstet hätten, wie ich noch aus meinem eigenen Geschichtsunterricht weiß und davon, daß ich dir den deinigen, Willi, nur zu oft überhören mußte. Und damit komme ich zu dem, was ich schon längst gesagt hätte, wenn ihr mich nur nicht immer unterbrochen hättet. Nämlich, wenn da, wie ihr sagt, da in Koburg in den nächsten Tagen sich alles zusammenfindet, was noch ein wirkliches Verständnis für das deutsche Volk hat und sich dazu rechnet, so wäre es doch zu putzig, aber auch hübsch, wenn ihr dort auch meinen lieben Wiener Leichtfittich anträfet. Von Flensburg hat er uns damals noch einmal geschrieben und sich noch einmal bedankt; aber es lag ganz in seinem Charakter, wenn er auch nicht längst in seinem kühlen Grabe läge, uns kein weiteres Lebenszeichen von sich zu geben. Und ich verdenke das ihm auch nicht; denn von mir selber weiß ich es ja, wie schwer man zu einem Briefe kommt. Na, seht euch mal nach ihm um in eurem Koburg, nach diesem süddeutschen, österreichischen politischen Bruder und wirklich allerliebsten Hans Hasenfuß. Vielleicht hat er es denn auch, aus seinen häuslichen politischen Verhältnissen heraus, sich klarer als wie ihr gemacht, was ihr eigentlich alle durcheinander zuwege bringen wollt, und er kann euch möglicherweise einen guten Rat in der Verlegenheit geben.« »Wilhelm, jetzt wird sie fast zu grob!« erlaubte sich Vater Gutmann an dieser Stelle zu seinem Sohn zu sagen. »So? Fast zu grob? Ne, bloß noch ein bißchen anzüglicher. Sitzt ihr etwa nicht in der allerhöchsten Verlegenheit trotz eurer schönsten patriotischen Gefühle und großen Worte? Auf der einen Seite wollt ihr das neue Deutsche Reich gründen; auf der andern möchtet ihr doch gern alles beibehalten, was das alte in tausend Fetzen zerrissen hat. Kinder, die Sache ist eben die, ihr wißt selber nicht, was ihr wollt! Auf der einen Seite wollt ihr so frei und ungebunden als wie möglich sein, und die edelsten Gefühle fühlen und zwar nicht bloß für euch selber, sondern für Polen, Ungarn, Italiener, und was weiß ich, wie die unterdrückten Völkerschaften sonst heißen. Auf der andern Seite aber wünscht ihr euch, natürlich wieder mit den edelsten Gefühlen, als in ein Paket zusammengepackt, und der Aufschrift Deutschland dran ins Regal geschoben, daß euch die Weltgeschichte immer mit einem Griff so beisammen hat und finden kann. Na, ich weiß schon, machen kann ich nichts dagegen und Seine Hoheit auch nichts, also reist nur! Geht hin nach eurem Koburg und steckt soviel Köpfe, soviel Sinne mal wieder zusammen. Mein Trost bleibt, daß der liebe Herrgott bis jetzt noch immer in seinem Laden Bescheid gewußt hat und zwar als Großkaufmann und im Kleinhandel. So wird er en détail euch mir ja wohl auch diesmal körperlich gesund, wenn auch geistig ein bißchen politisch konfuser ins Haus und ins Geschäft zurückliefern. Und jetzt geht lieber zu Bette, daß ihr mir morgen früh wenigstens munter auf den Beinen seid, wenn ich wecke, und ich mir nicht auch darum heute abend Sorgen zu machen brauche.« Auf der Treppe sprach Vater Gutmann, auf dem ersten Absatz im Aufwärtsklimmen stehen bleibend, zu seinem Sohn: »Was meinst du nun wieder einmal zu deiner Mutter? Kannst du dir eine wunderbarere denken und wünschen?« »Wahrhaftig nicht!« sagte der Sohn. »Sollen wir noch die Hand davon lassen? Sollen wir – oder – da diese wundervolle Rede doch eigentlich besonders auf dich gemünzt war, willst du nicht lieber doch zu Hause bleiben?« Der alte Herr leuchtete seinem Kinde ins Gesicht und sagte: »Hm!« und nach einer Weile: »Junge, ich habe ihr ja vorhin schon aus meiner Bequemlichkeit heraus den Vorschlag gemacht. Aber jetzt nicht mehr! Junge, sie kriegt zuviel Oberwasser, wenn ich jetzt gar noch ihr besseres Verständnis gelten lasse. Wir wollen doch nur zusammen reisen! Aber wirklich, ich gäbe, abgesehen von unseren politischen Absichten, viel darum, wenn wir ihr etwas mit nach Hause brächten, wodurch wir ihr endlich mal wirklich den Eindruck von männlicher Überlegenheit machten!« – – – Des Vaterlands Größe, Des Vaterlands Glück, O gebt sie, o bringt sie Dem Volke zurück! Näheres und weiteres darüber zuerst im Eisenbahnwagen. – Drittes Kapitel. Einen Erfolg hatten sie schon aufzuweisen. Sie hatten sich nicht wecken zu lassen brauchen. Sie waren von selber aufgewacht und hatten auch weiter keine Hülfe beim »In-die-Hosen«- und »In-die-Stiefel«-fahren nötig gehabt. Sie hatten sich ordentlich gewaschen, gekämmt und die Zähne geputzt. Die Rührung hatte sie nicht gehindert, noch einmal in Ruhe zu Hause Kaffee zu trinken, und dann hatte der Alte gesagt: »Weib, jetzt platzen uns die Taschen und nachher platzen wir selber, wenn wir wirklich alles das hereinfressen, was du uns da als Reiseproviant hineinpfropfst! So ganz und gar in die Wüste fahren wir doch nicht hinein.« Draußen der erste richtige Herbstnebel. Ein grauer, aber nicht unbehaglicher Herbstsonntagmorgen. »Alter, nimm den Jungen in acht! Junge, sorge für deinen Vater! Es ist eigentlich zu dumm, daß man keinem von beiden dieses genug anempfehlen kann.« »Hörst du, mein Sohn, daß du mich ja hübsch in acht nimmst!« »Jawohl, Papa. Aber auch du –« »So halt dich doch nicht unnötig auf, alberner Bengel!« raunte der Alte dem Kinde zu. Noch ein Nicken, ein Armeausbreiten von der Ecke der Apotheke aus, und dann – trotz des so mannigfach und vielfältig geknechteten Vaterlands doch wieder einmal in der goldensten Freiheit und auf dem Wege zum Bahnhofe und zu den größesten politischen Abenteuern, die einem Heuchler von gutgezogenem Haus- und Familienvater, aber früherem Weltreisenden und seinem unschuldigen Wurme von Sohn auf einer Fahrt zur Wiederaufbauung des deutschen Volkes als ein Ganzes im einzelnen irgend begegnen konnten. Am Bahnhofe wenig Gedränge. Der Junge nahm die Billetts. Der Junge hob und schob den Alten – den weiland Welt-, Weg- und Reise-Gewandtesten seiner Sorte – wie 'ne alte Tante in den Wagen. Er setzte ihn in die behaglichste Ecke; er sagte ihm: »Bekümmere dich nur um nichts, ich werde schon alles besorgen,« und er sagte sich: »Na, das scheint mir ein sauberes Vergnügen werden zu sollen!« Er hatte noch niemals ein seit einem Pferdealter ausrangiertes Schlachtroß beim Klange der Trompete die Ohren spitzen sehen: wie sich die Ohren des Vaters Gutmann beim Pfeifen der Lokomotive, für einen Moment nur, aber vielbedeutend aufrichteten, entging ihm natürlich vollständig. Es gehörte doch noch ein reiferes Verständnis dazu, um hier beurteilen zu können, was da war und was da werden konnte! Übrigens weiß das auch der erfahrenere Mensch sogar als sehr »politisches Tier« niemals ganz genau. – Sie fuhren ab und zuerst hinein in einen Morgen, wie er sich für die Jahreszeit schickte. Herbstnebelig, sonst aber nicht unfreundlich: ein schöner Tag immerhin möglich. Sonntagsfrühe, aber ohne ihren nachhallenden heimatlichen Glockenklang: so früh braucht kein Pastor aufzustehen, um den Leuten auf dem Bahnhof noch eine Stimmung mitzugeben. »Ein Glück ist es, daß es heute Sonntag ist, sie würde mir sonst das ganze Haus auf den Kopf stellen,« sagte Vater Gutmann, nach der letzten Turmspitze der Heimat hinstierend. Als sie versank, versank er ebenfalls in seine Ecke und verblieb darin und bis – Kassel in dem, was sein Sohn mit einem Fremdwort schändlich als stupor bezeichnete. Bis Kassel! Wir haben das schriftlich in den Aufzeichnungen des nicht nur darüber verwunderten, sondern dadurch vollständig verblüfft, ratlos gemachten jungen Herrn. »Na, das wird 'ne schöne Geschichte werden, wenn der mal wieder von der Kette bricht!« hatte er sich die Sache bis jetzt ausgemalt, und nun schien das alles ganz anders zu kommen. Der fünfundzwanzig Jahre lang in den Lehnstuhl gedrückte frühere Weltwanderer schien es fast ein wenig zu gut zu Hause, in Schlafrock und Pantoffeln und dem blühendsten Klein-, Käse- und Groß-Kornhandel der Stadt gehabt zu haben. »Der wird unserem Namen in Koburg Ehre machen,« seufzte der gute Sohn – Gutmanns Sohn, nachdem er zum zwanzigsten Mal vergeblich versucht hatte, ihn wenigstens etwas an- und aufzufrischen durch zärtliche, durch scherzhafte, ja einige Male auch durch geistreiche Bemerkungen. »Das hatte ich mir doch anders vorgestellt! O Gott, Gott, wenn sie mir in Koburg diese Flamme, wenn sie ins Vaterland schlagen will, nur nicht ganz auspusten. Wie er nur dasitzt!« Mit dem letzten Wort hatte das Kind recht. Ja, wie er dasaß! ... Von dem Gott Tuisko konnte er abstammen, von dessen Sohn Mannus mochte er abstammen. Daß er von einem der drei von dessen drei Söhnen aus blühenden germanischen Hauptstämme, daß er entweder von den Ingävonen oder den Istävonen, oder den Herminonen abstammte, war sehr wahrscheinlich; aber sicher war nur eines: nämlich, daß er heute, wo er doch auch seine Aufgabe zur ferneren Sicherstellung der germanischen Welt vor sich hatte, mit dem unrechten Bein dazu zuerst aus dem Bett gekommen war. Er saß gar nicht da; er war in seine Wagenecke hineingerutscht und in ihr in sich zusammengeschlottert und machte jede ihrer Bewegungen wie ein Paket mit. Ihm sah man es wahrhaftig nicht mehr an, daß seine Ahnen auf den Schilden die Alpengletscher hinuntergeschurrt und nach Italien hineingerutscht waren. Urgermanisch breitschultrig und sitzbemittelt war er gottlob noch dazu, aber fürs erste hätte man ihm viel Geld bei den Schild legen müssen, ehe er sich das Ding auf seine Möglichkeit hin nur angesehen hätte. Machen wir es kurz: bis Kassel kannte ihn sein Sohn nicht wieder; – bis Kassel hatte er eben, sozusagen, soviel Stroh und Bettfedern von seiner allzu angenehmen, seiner lieben, langen häuslichen Gewohnheit, seinen gewohnten Bequemlichkeiten – kurz seiner Häuslichkeit, im Haar, daß er davor nicht aus den Augen sehen konnte und aus den augenblicklichen politischen Zuständen des deutschen Volkes heraus noch etwas weniger. Denn wenn ihn sein Sohn auf etwas mit der grauen Morgenlandschaft Vorbeifliegendes aufmerksam machte, sah er doch wenigstens hin; wenn er ihm aber mit irgend einer Anspielung auf den großen Zweck der gegenwärtigen Beschwerden kam, knurrte er nur unverständlich und – wie der junge Mann meinte – völlig idiotisch. Die Mitreisenden trugen nicht das geringste dazu bei, ihn aufzumuntern, ein junger Mann mit einer Musterkiste, dem er in jungen Jahren an albernem, aber vergnüglichem Eisenbahnhumor vielleicht ähnlich gewesen war, machte ihn nicht nur geistig, sondern auch körperlich elender: wir machen es wie der gute Sohn und überlassen ihn sich selber bis – Station Vercellae! Ach was, dummes Zeug: »Station Münden!« rief der Schaffner. »Da liegt ja wohl der Doktor Eisenbart begraben!« seufzte der Vater Gutmann. »Der liegt gut,« fügte er hinzu, und dem war nichts hinzuzufügen. Die Bahn folgte dem Laufe der Fulda, überschritt sie, aber verließ sie, auf kurhessischem Gebiet angelangt, sofort. Die östlichen Höhen des Habichtswaldes erhoben sich, und nun trat das Überraschende ein. Der Vater Gutmann warf einen schläfrigen, verschlafenen Blick aus dem Fenster – erhob sich ebenfalls, legte sich aus dem Fenster, versperrte durch seine breite, wohlgenährte Rückseite der Wagengenossenschaft fast peinvoll lange Licht und Luft, wendete sich – ein vollständig aufgewachter Mensch in den besten Jahren – grinsend – breitglänzend, aller guten Erwartungen gewärtig grinsend – und schlug seinem jetzt selber stupide herstarrenden Kinde fröhlich, kraftvoll auf die Schulter: »Herrgott, der große Christoffel!« ... »Ja, der steht noch da, wie er zu deiner Zeit stand, Papa.« Der ermunterte Greis, sich die Stirn reibend, murmelte: »Hm, hm, sollte ich wirklich da was verschlafen haben, weil ich es fünfundzwanzig Jahre lang zu gut hatte? Wilhelm, o meine Jugend! O Sohn, aber er steht ja wahrhaftig noch gerade so dort oben wie vor einem Menschenalter, wenn wir im Vorbeifahren unsere schlechten Witze über ihn machten!« »Des Epimenides Erwachen.« »Mit deinem Griechisch bleib mir jetzt vom Leibe. Hurra, der große Christoffel, und wieder auf den Rädern! Fassung, Gutmann! meine Herrschaften, entschuldigen Sie diesen Ausbruch meiner Gefühle; der junge Mensch hier, mein Sohn, ist nicht auf dem Wege nach einer Irrenanstalt mit mir. Sohnemann, halte aber auch du mich nicht für verrückt! Hurra, der große Christoffel! wie oft bin ich an ihm vorbeigeschnurrt, ohne nach ihm hinzugucken; aber jetzt muß er mir ja wie eine Offenbarung aufgehen! Du lieber Himmel, wie gut hat man's diese lange Zeit zu Hause gehabt; aber wie vieles – wie viel Vergnügliches hat man währenddem verschlafen! Ganz wehmütig wird einem zumute – da ist er wahrhaftig noch! Hurra, der große Christoffel!« Die Äuglein leuchteten, jegliche Spur von Müdigkeit, Erschlaffung, Verdrossenheit war an dem alten Herrn verflogen, und dazu versetzte er seinem Sprößling einen so vielbedeutenden, so munteren Rippenstoß, daß dem Knaben ganz absonderlich nachdenklich zumute wurde, und er in sich hineinstammelte: »Alle Wetter, da wacht mir ja der alte Hahn und Reiseonkel in ganz kurioser Art auf und kräht den jungen Tag an! Nun sieh mal!« Viertes Kapitel. Gutmanns Reisen! Der gute Mann hatte es vollständig vergessen, daß er Frankreich genossen, England studiert, New York sich angesehen hatte! Die gute Frau in dem Käseladen am Marktplatz, der Apotheke gegenüber und mit dem konkurrierenden Kommerzienrat dicht vor der Nase, hatte es verstanden, die lieben, langen Jahre bis an die Silberhochzeit heran ihm den deutschen Weltbürgerverstand und Weltbürgerhumor behaglich auf ein großes Prioatziel zu konzentrieren. Er hatte es zu einem Vermögen gebracht und hatte seinen Sohn in die Welt gesetzt. Dieser Sohn aber konnte augenblicklich nur gaffen, ihn angaffen, angaffen, immer wieder angaffen. Das Phänomen war zu überwältigend und durfte nicht nur das eigene Kind in Erstaunen, sondern auch die fremde Fahrtgenossenschaft im Wagen erst in Verwunderung und sodann in heitere Spannung versetzen. Es war zuletzt eigentlich schade, daß der alte Herr sich doch zu mäßigen verstand. Sich aufrichtend, fest und breit, mit einem sich übers ganze Gesicht immer glänzender ausbreitenden Wohlbehagenslächeln seufzte er nur: »Wilhelm, ich weiß nicht, wie mir plötzlich ist; aber das weiß ich, daß, seit ich eben den großen Christoffel wiedersehe, die nächsten Tage mal wieder mir gehören werden!« Er hing sich noch einmal aus dem Fenster, – so lange der farnesische Herkules für jetzt von der Bahn aus zu erblicken war. Als das nicht mehr möglich war, wendete er sich und lächelte und sonderbarerweise lächelte er melancholisch: »Junge, wenn wir nicht unsern großen Zweck vor Augen behalten müßten, stiege ich in Kassel mit dir aus, um die närrischsten Erinnerungen aufzufrischen. Du glaubst es nicht, wie vergnügt wir unsererzeit dort im König von England, auf dem Felsenkeller, in der Au und vor allem auf der Wilhelmshöhe gewesen sind. Und wenn ich gar an den hochseligen Herrn, den alten Kurfürsten Wilhelm den Braven denke – Wilhelm, ich sage dir, wie er auf seiner Löwenburg incognito meine Meinung über sich und sein Raubschloß sich mitteilen ließ und den Oberrock aufknöpfte und wütend seinen Stern zeigte und mich allerhöchstselbst am Kragen nahm und über die Zugbrücke hinausgeleitete –« »Diese Geschichte hast du der Mama und mir wohl schon einige Male erzählt.« »So?« fragte der gerührte Greis, beugte sich zu dem Sohne und flüsterte ihm ins Ohr: »Hab' ich deiner guten Mutter und dir, Dummkopf, alles erzählt, was der junge Mensch in Kassel erleben kann?« »Mir bis jetzt jedenfalls noch nicht.« »Na, das wäre auch noch schöner gewesen!« »Bitte, Papa, nun doch aber einiges Nähere.« »Frage ich dich nach allen deinen dummen Streichen, selbst wenn sie mich mein eigenes Geld kosten?« Der Sohn konnte dem Vater nur stumm die Hand drücken. Hätte sich ihm dazu auch eine Träne ins Auge geschlichen, so wäre das nicht nur recht gewesen, sondern er würde dadurch recht billig von seinen moralischen Verpflichtungen gegen solchen guten Vater abgekommen sein. Der farnesische Herkules auf dem Karlsberge blieb glücklicherweise nicht immer in Sicht. Sie fuhren in den Bahnhof Kassel ein und, ebenfalls glücklicherweise, bald weiter. Vater Gutmann hatte sein Kursbuch beim Ohr und blätterte krampfhaft darin, um sich doch nur zu überzeugen, daß es nicht möglich sei, einen Zug nach Koburg hin zu überschlagen und doch noch zur Gründung von Neudeutschland rechtzeitig anzukommen. Er hätte gar zu gern vorher auch mit dem jetzigen Kurfürsten Friedrich Wilhelm dem Ersten ein persönliches zärtliches Verhältnis angeknüpft: aber die Friedrich-Wilhelms-Nordbahn gestattete es nicht. Sie führte die Reisenden über Melsungen, Rothenburg und Gerstungen nach Eisenach. Da wurde zu Mittag gegessen und zeigte es sich, daß wirklich ein buntfarbigst leuchtender Reisestern dem altjungen neuaufgefrischten Neudeutschlandsgründer, Vater Gutmann, voranging, daß wirklich ein lachender Zeus Gewährung gewinkt hatte, als er sich von seiner braven Frau Line die Erlaubnis erbat, das »Kind« auf seiner Fahrt nach Koburg ins Politisch-Ungewisse beaufsichtigen zu dürfen. Und der Gott lächelte weiter: es war das Kind, das »Lamm«, welches an der Eisenbahn-Wirtstafel in Eisenach das Wiedererkennen zwischen dem früheren Reisenden für das Welthaus Heyne und Söhne in Hamburg und der Frau Gössel aus Ruhla vermittelte. »Anfangs saß ich wie ein Schaf dabei,« pflegte sich der Kammerrat, Herr Wilhelm Gutmann, jahrelang später sehr unnaturhistorisch darüber auszudrücken. Denn noch niemand hat je ein Schaf sitzen sehen. – »Täuschen mich meine Augen oder irre ich mich? Sind Sie es, Herr Student, oder sind Sie es nicht?« fragte eine Dame, die gegenüber an der Tafel auf zwei Stühlen Platz genommen hatte, aber dem Nachbar zur Rechten und Linken von dem seinigen doch nur die Hälfte ließ. »Und nehmen Sie es auch nicht übel, wenn ich Ihnen nicht den rechten Titel jetzt gebe! Sie erinnern sich wohl nicht mehr? Die Frau Gössel! ... Die Wirtin aus der Traube in Ruhla!« Wie Sonnenschein ging es dem jungen Mann über das ganze Gesicht, und wer die Ohren spitzte, das war der alte. Wer ist Student gewesen in Göttingen, Jena und Halle und hat nicht in der Ruhl in der Traube zu Pfingsten getanzt? Und wer reist für Hamburg und Bremen und weiß nicht, daß die schönsten Meerschaumpfeifen aus Ruhla kommen, und daß es wunderschöne Mädchen in Ruhla gibt? Daß Aphrodite aus dem Meerschaum entsprungen ist, braucht er dabei noch nicht einmal zu wissen, oder kann es ruhig schon längst wieder vergessen haben. Wenn sie sie heute abgeschafft haben, ihre Kopfbinden aus jenen Zeiten, die heutigen Jungfrauen in der Ruhl – blau und silber und kirschrot und gold – so wußten sie nicht, was sie taten und waren sehr törichte Jungfrauen: sie sind sich dann leider zu hübsch vorgekommen vor dem Bazar, der Deutschen Frauenzeitung und der Allgemeinen Modenzeitung. Und die Herren Väter in der Mitte des Tanzsaals in ihren langen Röcken, mit ihren langen Pfeifen, die (nicht die Röcke und Pfeifen) auf Ordnung, Zucht und Ehrbarkeit sahen, aber das Vergnügen durchaus nicht störten, die mit den Frauen Müttern die Lust der Jugend im Auge behielten und doch dabei den Meerschaumhandel, der Sache angemessen, würdig, ernsthaft und eingehend bereden durften! O, Fest der Freuden, o, Pfingsten in der Ruhl! Sonnenschein über dein Tal bei Tage, Ruhla; und hellster Lichterglanz bei Nacht über deinen fröhlichsten Tanzboden, o Thüringen! – »Die Frau Gössel aus Ruhla!« rief der jüngere Gutmann, die Hand über den Tisch reichend, und als sie einschlug, die Traubenwirtin, da widerhallte der Eisenbahn-Wartesaal erster und zweiter Klasse in Eisenach, und mehr als einer der fahrenden Tischgäste blickte verwundert auf ob der klatschenden Ohrfeige, die da eben ausgeteilt sein mußte. »Ich hab' ein Gedächtnis vom Geschäft aus für so was, junger Herr,« sagte die dicke Dame gutmütig schmunzelnd, »aber es freut mich, lieber junger Herr, daß auch Sie mich noch wiedererkennen, wenn ich die Red' drauf bring', und zwar an einem andern Gasttisch als dem meinigen in der Ruhl. Ach du lieber Gott, es war wohl des jungen Fuchses erste Reise ins Weite. Hat der einen Kater! Du verdienst dir diese Nacht das Himmelreich auf Erden, hab' ich zu meiner alten Käterle gesagt, wenn du dem armen jungen eingeseiften Lamm still nachwischest. Das ist ja das reine unentwöhnte Mutterkind unter den heulenden Wölfen! Ich hab' keine Zeit wegen dem Büfett, sonst besorgt' ich's selber und hielte ihm den Kopf.« Sie grinsten rundum in dem Wartesaal erster und zweiter Klasse in Eisenach, und der Vater Hildebrand, wenn er Venedig gefunden hätte, hätte darob seinem Sohn Hadubrand keine anderen Augen machen können, als wie der Vater Gutmann seinem Sohne Willi. Aber an ihn sollte sofort die Reihe kommen. Sein Kind nämlich in seiner blutübergossenen, tödlichen Verblüfftheit hielt sich an ihm unter den Blicken der Tischgesellschaft wie an einem Strohhalm, d. h. stellte ihn in stotternder Verlegenheit vor – stellte ihn der wohlgeputzten, wohlgenährten, gutmütigen, behaglichen, lächelnden Wirtsfrau gegenüber vor: »Mein Papa – Frau Gossel aus der Traube in Ruhla –« »Mir ein wahres Vergnügen,« schmunzelte der alte Herr. »Mir auch,« nickte lächelnd die alte Dame. »Lieber Herr, nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich dem jungen Herrn eben arglos vor Ihren Augen –« »Das Gelbe vom Schnabel gewischt habe! I, bewahre! Vivat die Ruhl! und Gossel hieß die Wirtin in der Traube zu meinen Zeiten auch. Und in der Traube habe auch ich zu meinen Zeiten Pfingsten gefeiert –« »Das muß wohl zu Zeiten meines seligen Schwiegervaters gewesen sein. Der liebe Mann ist tot, und mein Mann seliger ist auch tot. Mein Schwiegersohn hat jetzt die Wirtschaft, der heißt aber –« Der Vater Gutmann in fliegender Hast ließ sie nicht ausreden: »Und Sie sind der Wirtin lieblich Töchterlein, das Lenchen Wagner aus Krawinkel, das schlanke Reh, das mir damals das Leben gerettet!« schrie er, ohne sich um das europäische und außereuropäische Thüringen bereisende Publikum im Bahnhofssaal zu Eisenach im geringsten zu kümmern, in hellem Entzücken. »Reden Sie nichts mehr, Sie sind meine holde Lebensretterin, und ich bin der Esel, der zum Tanzen aufs Eis ging, und der Schafskopf, der sich in die Gefahr begab und beinahe drin umgekommen wäre!« »Ja, lieber Herr,« rief die Wirtin aus der Ruhl. »Das ist ja aber auch wahr und geht mir wie ein Seifensieder auf: Sie sind der junge Herr – will sagen, der junge Herr gewesen, dem mein Bräutigam damalen in blutiger Eifersucht mit dem Küchenbeil ans Leben wollte und dem ich das junge naseweise Leben errettete, indem ich ihm – will sagen, meinem nachmaligen seligen Mann Vernunft sprach und fragte, wen er durch seine Mordgier am meisten zu blamieren gedächte: mich, sich, Sie oder das vergnügteste Wirtshaus in ganz Thüringen? Ei ja, hernachen haben wir noch oft über die närrische Nacht gelacht. Nu, Herr, en bißle älter und verständiger sind wir beide wohl seit dem Jahre geworden. Wann kommen Sie denn mal wieder nach der Ruhl und beehren mich alte Frau im Ruhestüblein in der Traube?« »Sie haben es ja schon erfahren, Frau Gossel. Ich schicke von meinem Ruhestüblein aus meinen Sohn.« »Und der tanzt mit meiner Nachkommenschaft; aber so ausgepicht wie der Herr Papa scheint er mir noch nicht zu sein. Fragen Sie nur in der Küche! Ja, ja, so gehen die Zeiten hin und ändern sich; aber dasselbige bleibt es doch immer zu Pfingsten, was die Traube in Ruhla anbetrifft. Worauf wollen Sie denn heute zu, bei so angehendem Herbst, wenn ich fragen darf?« »Nach Koburg, um das deutsche Volk unter Einen Hut zu bringen.« »I so was! Na hören Sie, darauf verstehe ich mich nicht; aber meinetwegen auch diesmal gute Geschäfte! In Kaffee reisen Sie also wohl nicht mehr? Was mich angeht, so will ich mal auf Gotha zu.« In diesem Augenblick brüllte der Türhüter in den Saal hinein: »Nach Meiningen, Hildburghausen, Eisfeld, Koburg einsteigen!« Und sie kamen voneinander ab im Tumult des Aufbruchs; aber im Wagen seufzte Vater Gutmann: »Schade, daß wir heute nicht auch über Gotha nach Koburg gelangen können, wie in der deutschen Volksgeschichte, mein Sohn. Ich habe mich seit lange nicht so sehr Gothaer gefühlt als wie jetzt; aber, beiläufig, was meinst du, wenn wir unsere Reiseerlebnisse lieber gar nicht, oder doch sehr vorsichtig zu Buche brächten? Ich will gewiß nicht sagen, daß deine gute Mutter nicht gerade so herzig Spaß versteht, wie die liebe Dicke eben; aber –« »Besser ist besser, und vorsichtiger ist vorsichtiger, meinst du?« »Hm, du weißt, wie partikularistisch sie so schon gesinnt ist. Sie könnte uns für spätere Jahre das ganze politische Vergnügen verderben.« »Schade, daß sie – Mama meine ich – uns nicht auf unserer Fahrt begleitet. Dieses zärtliche Wiederfinden in Eisenach würde sie sofort überzeugt haben, daß die verschiedensten deutschen Stämme und Völkerschaften ganz gut miteinander auskommen, wenn sie nur in der richtigen Weise zusammenkommen.« »Hm, hm, naseweiser Bengel, ich sage jetzt weiter nichts, als: Tagebuch führen ist manchmal Silber; aber Tagebuch nicht führen, ist jedenfalls viel häufiger Gold. Übrigens verkennst du deine brave Mutter ganz, kennst sie überhaupt gar nicht! Und jetzt sage ich dir im Ernst: ziemlich genau würde sie sich sicherlich nach einigen genaueren Umständen der Sache bei der Frau Gössel aus Ruhla erkundigt haben. Aber nach erfolgter genauester Bekanntschaft würden auch diese feindlich-verwandten Stämme unter einen Hut gekommen sein. Sie würden lachend die Köpfe zusammengesteckt haben und Blut-, Tee- und Kaffee-Schwesterschaft bis an das Ende der Dinge, wie man bei uns zu Hause sagt, geschlossen haben. Ich wünsche nur nicht, daß du in deinen Reiseaufzeichnungen zu schlechte Witze machst: nach so zufällig herumliegenden Papieren ist unsere Alte her, wie der Iltis nach Eiern!« »Weißt du was, Papa? Meinetwegen mag jeder beliebige andere Gutmanns Reisen diesmal beschreiben. Nach eben gemachten Erfahrungen lasse ich die Hände davon, verbrenne mir die Finger nicht!« »Mein Sohn,« sagte der vergnügte Greis gerührt. »Dieses ist meine Meinung auch. Leben wollen wir! erleben wollen wir! aber in die Tinte wollen wir uns nicht damit setzen! Hätte ich es denn gestern abend noch für möglich gehalten, daß der Mensch immer noch einmal so hell aufleben könnte? Vivat der große Christoffel! Vivat unsere Mutter Michel vom Fels zum Meer! Vivat das deutsche Volk und der deutsche Nationalverein! Willi, wenn dieses so fort geht, verspreche ich mir doch was in Koburg. Ich persönlich wenigstens habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so als der Kaiser Barbarossa gefühlt, wie er seinen Bart aus der steinernen Tischplatte zieht. Kann ich dann aber dafür, wenn einer beim bloßen Zusehen manchmal ›Au!‹ sagt?« Fünftes Kapitel. Sie hatte die Tante nach Immelborn gebracht und sich auf deren Wunsch und ausgesprochenes Verlangen vier bis fünf Wochen zu ihrem Vergnügen bei ihr aufhalten müssen. Wer hatte die Tante Adele nach Immelborn bringen und sich vier bis fünf Wochen zu seinem Vergnügen bei ihr aufhalten – müssen? Nun, wer denn anders als Fräulein Klotilde Blume aus Wunsiedel, Tochter des Majors (natürlich außer Dienst, und mißmutig) Blume und seiner Frau Liane, einer geborenen Poltermann, gleichfalls aus Wunsiedel? Wer sonst in der Familie sollte so gutmütig, so aufopferungsfähig und so voll aller willenskräftigen guten Humore zu der Aufgabe gewesen sein? Eigentlich war aber ja Mutter Liane Blume die Barbarin gewesen, die das Lamm für das Familienwohl auf den Altar legte. Dem Vater hatte sein Kind doch zu leid getan, und er hatte sich während der Verhandlungen so oft als möglich, die Achseln zuckend, gedrückt. Die Frau Majorin aber hatte gesagt: »Kind, du tust es uns zuliebe und nimmst dies Schicksal noch mal auf dich. Ich für mein Teil habe seit dem ersten Juni, wo sie einrückte, bis heute doch wahrhaftig auch Engelsgeduld gezeigt! Sie jetzt aufzuhalten, wo sie endlich nach Hause verlangt, nachdem sie mir zwei Monate auf dem Leibe und der Seele gelegen und in die Haushaltung hineingeredet hat, dazu müßte ich mehr als ein Engel sein. Und da du nun doch mal ihr ausgesprochener Liebling bist und sie es wünscht, daß du mit ihr gehst und ihr ihr Wesen in Ordnung bringen hilfst, so hilft es eben nichts: du gehst! Ein Opfer ist es, das gestehe ich gern zu. Aber zur Familie gehört sie nun einmal doch, und – ganz im stillen unter uns – ihr schönes Anwesen spricht doch auch mit, wenn von Rücksichtnahme die Rede ist. Bei deinen vielen Geschwistern, liebes Lamm, und bei Vaterles barmherziger Pension und noch dazu seinen rücksichtslosen politischen Ansichten, die er ja meinethalben, wie so viele andere, ganz in der Stille haben möchte, wenn er nur nicht immer losredete – ja, was wollte ich doch sagen? Ja, so, da wäre es doch eine wahre Unvernunft von uns, wenn wir die Tante Adele jetzt um so ein paar kurze Wochen neue Geduldsprobe vor den Kopf stoßen wollten. Komm, Herz, gib mir einen Kuß und tu's deiner alten Mutter zuliebe, geh, bringe sie nach Hause und sei noch mal die paar Augenblicke im Menschenleben so lieb und gut und freundlich und lustig mit ihr, wie du ja immer bist, mein Herzensmädel! Wir wollen es dir nachher auch schon gutzumachen suchen, und ich weiß auch schon was in der Hinsicht, aber sage es noch nicht.« Der Vater Blume sagte: »Mein altes Mädele, ich sage gar nichts; aber was ich dazu tun kann, um es dir wieder gutzumachen, das tue ich; verlaß dich drauf.« Und damit brachte die ganze Familie die gute Tante und die brave Tilde nach dem Posthause. Nun standen sie alle um den Postwagen herum und da banden alle sie ihr so auf die Seele – die Heuchler! – »Nimm die Tante nur ja in acht, Klotilde! sorge dafür, daß sie ja nicht im Zug sitzt!« – O diese – man hat gar keinen Ausdruck dafür – diese – was? Und man muß es ihr lassen, Fräulein Klotilde hatte es fertig gebracht zum Familienbesten mit den flötendsten Tönen und dem süßesten Lächeln, immer von neuem aus dem Postwagenfenster zu versichern, daß sie das Ihrige tun werde – bis der Schaffner »gottlob endlich grob wurde« und der Schwager blies. Sie hatte auch noch mit dem Taschentuch, tränenfeucht war es gerade nicht, aus dem Fenster geweht; aber dieses nur dem Papa zu. Der hatte es nämlich möglich gemacht, ihr noch mal zuzuflüstern: »Verlaß dich drauf, mein wacker Mädle, ich mach's dir wieder gut.« Das war der letzte Trost in das erste Rasseln und Schütteln der Karre hinein. Ihren Papa kannte das Kind und wußte, daß er Wort hielt, wenn Mama nichts dagegen hatte. – Im Grunde war es, wenn kein Vergnügen, so doch sehr lehrreich mit der Tante Adele zu reisen. Da bekam man nämlich Menschenkenntnis und lernte die Angenehmen von den Unangenehmen unterscheiden. Gütiger Himmel, welche Gelegenheiten gab die Tante allen Mitreisenden, sowohl auf der Post wie nachher auf der Eisenbahn, alle ihre Charaktereigenschaften offen hinzulegen. Sie brauchten bloß anderthalb Stationen mit ihr zu fahren, um mit allem herauszumüssen, was sie an Geduld, Höflichkeit, Zuvorkommenheit, Humor oder dem Gegenteil in sich hatten. Wenn nicht mit Worten so doch mit Mienen und Gesten. O Gott, Gott, Gott, und sie hatten meistens alle das Gegenteil in sich und kamen damit heraus unter dem Blick, Wort und Humor der Tante Adele! O Gott, wie schlecht war die Menschheit: nicht bloß im großen, ganzen, sondern auch, was noch viel unangenehmer ist, im einzelnen. Nicht ein einzelner, nicht ein einziger faßte von Wunsiedel bis Immelborn die Tante Adele für einen Reisespaß auf. Sie nahmen sie sämtlich von der ernstesten Seite und quollen gegen sie über von Gift, Galle, Rücksichtslosigkeit und Rachsucht, und Klotildchen hatte dabeizusitzen wie ein Hühnchen im Regen und durfte nicht seufzen, geschweige denn gickern und gackern. Ja, ja, Menschenkenntnis erwerben ist selten ein Vergnügen und auf Reisen nie. Als die beiden endlich in Immelborn anlangten, war die Junge vollständig fertig mit ihren Kräften, dahingegen die Alte durch den ununterbrochenen Herz- und Seelen- und Ellbogenverkehr mit den lieben Nächsten auf den Rädern so aufgefrischt, daß es ein Wunder, wenn auch kein schönes und besonders kein viel Gemütlichkeit zu Hause versprechendes, war. »Aber Kind, wie siehst du denn aus?« fragte die Tante Adele, als sie sich dem Endpunkt der Marterfahrt näherten. »Könnt ihr jungen Leute von heute denn gar nichts mehr vertragen? Haben dich denn die paar Stunden auf dem Rade schon so gebrochen? Eh, eh, sitz mir nur nicht da wie eine geknickte Blüte, Jungfer Blume. Nimm dir lieber auch in dieser Beziehung ein Exempel an mir.« Dagegen flüsterte ein alter Herr, der dem Fräulein das Handgepäck aus dem Wagen zureichte, mit einem gewissen mitleidig pfiffigen Ausdruck, aber sehr zärtlich (er war länger als zwei Stationen mit den beiden Damen gefahren und wußte, was er flüsterte) zu: »Fräuleinchen, ich habe Sie bewundert! Der Himmel erhalte Ihnen Ihre heitere Dauerhaftigkeit, Ihre liebe Geduld und Ihren freundlichen Gleichmut recht, recht lange. Und Sie müssen mir schon erlauben, daß ich von Ihnen zu Hause bei mir als einem guten Beispiel erzähle und Sie meinen Fräulein Töchtern als ein Exempel aufstelle.« – Die Reise von Wunsiedel nach Immelborn war überstanden worden. Die Aufopferung fürs Familienwohl in Immelborn ebenfalls. In Immelborn hatte Klotilde der Tante Adele zwei Monate durch geholfen – ihren – Haushalt – wieder – in Ordnung – zu bringen – und zwar zu ihrer – der Tante Adele Zufriedenheit. Jeder Gedankenstrich aber in diesem Satze bedeutet für Fräulein Klotilde Blume aus Wunsiedel einen Lorbeerkranz. Aufgesetzt von der Tante bekam sie ihn jedoch nicht. Ob sie ihre Bescheidenheit schonen wollte oder ganz im allgemeinen das übliche Verfahren der Welt gegen großes Talent und Verdienst fürs Richtige hielt, müssen wir dahingestellt sein lassen. Beim Abschied sagte sie nur: »Nun, Kind, dann komm gut nach Hause und grüße deine Eltern von mir. Beherzige einiges von dem, was ich dir in den letzten Tagen zu raten und anzuempfehlen hatte, so wird dein Aufenthalt hier nicht ganz vergeblich gewesen sein. Der liebe Gott behüte dich, mein Kind, und gebe dir fernerhin alles, was zu deinem Besten gehört. Also dein Papa und der Vetter Laurian erwarten dich heute abend in Koburg auf dem Bahnhofe und haben die Absicht, dir dort einige vergnügte Tage zur Erholung, wie sie sich ausdrücken, zu gönnen. Nun, nun, dazu sage ich nichts, als daß mir diese Redensart ein wenig sonderbar vorkommt. Was brauchst du denn noch eine weitere Erholung nach deinem hiesigen Aufenthalt hier bei mir in Immelborn? Meiner Meinung nach täte deine Mama gut, wenn sie dich jetzt ein wenig schärfer wieder im Hauswesen anspannte. Aber das ist, wie gesagt, meine Sache nicht. Die weltlichen Eitelkeiten und großstädtischen Pläsiervergnügen, in die man dich da in Koburg hineinzureißen die Absicht zu haben scheint, mögen deine Verwandten eben mit ihrem Gewissen ausmachen.« Diese ganze letzte schöne Rede stammte daher, daß Papa Blume vor acht Tagen an sein »gutes Mädchen« geschrieben hatte: »– unsere politischen Geschäfte dort gehen Dich nichts an, aber am zweiten September abends um ein Viertel auf acht bin ich mit Deinem Onkel Laurian in Koburg auf dem Bahnhofe und nehme Dich in Empfang. Drei bis vier Tage werden wohl unsere Verhandlungen über die nächsten Zukunftshoffnungen unseres deutschen Volkes dauern, und dabei soll hoffentlich auch für Dich einiges Vergnügen zur Belohnung für Deine gute Aufführung bei der lieben Tante Adele abfallen. Ich freue mich sehr auf unser Wiedersehen und der Onkel Laurian ebensosehr. Du kennst ja seine gute Meinung von Dir! Und vielleicht bringen wir noch jemand mit, der ebenfalls ein großes Interesse an Dir nimmt. Also auf ein fröhliches Wiedersehen in Koburg. Dein treuer Vater.« Mit so einem Briefe in der Tasche war es wohl leicht, sich von der Tante den letzten Morgen durch ruhig zum Schluß belehren und sich auch von ihr nach dem Bahnhofe begleiten zu lassen. Aber eine Schwierigkeit war`s gewesen, der Tante einen Zettel vorzuenthalten, den der Onkel Laurian in den Brief des Papas eingeschoben hatte. Dieser Zettel hatte gelautet: »Ganz Wunsiedel, so weit es seinem und unserm Jean Paul den Stoff zu einer fröhlicheren, lichteren Betrachtung des Lebens geliefert hat, sollte eigentlich mitkommen nach Koburg und dort gegenwärtig sein, um Dir, mein Herz, meine Klotilde, einen Blumenstrauß aus den schönsten letzten Blüten des Jahres zu überreichen für Deine letzten Aufopferungen! Ich bin in Gedanken täglich bei Dir und Deiner angenehmsten Tante gewesen. Gottlob, daß die Marter zu Ende ist! Dein getreuester Pate und Onkel Laurian Poltermann.« Diese Ruchlosigkeit der Tante Adele auch vorlesen zu müssen, wäre Weltuntergang in Immelborn gewesen. Spione haben in höchster Gefahr, gefangen zu werden, solche verderblichen Billetts ungekaut übergeschluckt heruntergefressen. Das tat Klothide nicht; sie brachte das verderbendrohende Schriftstück nur mädchenhaft geschickt beiseite – überseite und kam unzermalmt und mit unzermalmten Familienhoffnungen auf die rollenden Räder: »Adieu, Herzenstante! Es ist ja kaum mehr als ein Vierteljahr bis Weihnachten, und da sehen wir uns ja schon wieder! Bleib auch hübsch gesund, beste Tante, und behalte mich lieb!«... Wer sollte sie nicht lieb behalten? Selbst die Tante Adele machte jetzt beim Abschied zwar wieder ein Regenwettergesicht, doch ein anderes als wie gewöhnlich. Es war wirklich etwas wie Zärtlichkeit und Rührung, was sich ihr um die Nase zusammenzog. Sie zog deshalb auch ihr Taschentuch, schnob sich und sagte: »Hier zieht es doch sehr. Na, also, komm gut nach Hause.« Und damit ging sie nach Hause. »Lassen Sie mich Ihr Handgepäck wegstauen, liebes Fräulein; ich bin ein alter Seefahrer,« sagte der Vater Gutmann. »Sehen Sie wohl, ich verstehe das.« Das »Damencoupé« war natürlich übervoll gewesen und da der Vater Gutmann mit seinem neuaufgewachten, fröhlichen, guten Gesichte aus seinem Fenster gesehen hatte, so war Fräulein Blume ohne Besinnen zu ihm eingestiegen, und er hatte, ihr Platz machend, bei sich gesagt: »Das ist hübsch von ihr«; und dann laut: »Rücke zu, Wilhelm! Meine Herren, bitte, ein wenig. Fräulein fahren bis?« »Koburg,« sprach kurz mit ihrem Weltüberwinderinnengesicht Fräulein Klotilde, und der Vater Gutmann sagte laut: »Uns äußerst angenehm!« Und innerlich: »Das Gesichtchen hat mir gerade noch gefehlt zu meinem Behagen. Ei, dies liebe Kind!« In beidem hatte er recht. Und dazu wußte er jetzt noch nicht einmal ganz und gar, wie sehr er recht hatte! Sechstes Kapitel. »Station Wasungen!« »Aha,« denken die Leser, »jetzt kommt er uns natürlich mit dem Wasunger Kriege und erzählt uns die ganze alte Schnurre vom Anfang bis zum Ende von neuem!« Sie irren sich aber sehr; das tut er gar nicht, dazu steckt er schon viel zu tief in Gutmanns Reisen, und in Gutmanns Reisewagen herrschte, als man sich der Station Wasungen näherte, nur der lauterste Frieden, ja mehr als dieses – das hellste Vergnügen aneinander. Vater Gutmann war zu gut! Die letzten beiden Worte sind jetzt freilich noch in dem besonderen fröhlichsten Sinne genommen. Er war amüsant und amüsierte sich selber königlich. Der Satan aber soll den Sprachreiniger holen, der uns hier mit »Dreckblech« und »Fegebürste« auf den Hacken folgt und hinter uns zusammenkehrt, was wir fallen lassen an Fremdwörtern, auf daß er einen teutschtwenden Entrüstungsartikel damit dünge. Es war selten zwischen Immelborn und Koburg eine amüsantere Reisegesellschaft in einem Eisenbahnwagenabschnitt zweiter Ordnung zusammengepfercht worden. Ich kenne einen gewissen Jemand, der seine Frau nur der Liebenswürdigkeit seiner Schwiegermutter wegen genommen hat: Herrn Gutmann junior durfte ein Mägdelein dreist seines »reizenden Herrn Papas wegen« Hand und Herz für Zeit und Ewigkeit anvertrauen. Der graue Bösewicht! Wir wissen, daß auch er dem ganzen übrigen Coupé nach Immelborn zu, längere Zeit Luft, Licht und Aussicht benommen hatte, um den Abschied der »Kleinen« von der Tante Adele mit anzusehen. Er hatte ihr (der Kleinen) aus ihren Armen (der Tante Armen) geholfen (eigentlich drückt er sich anders aus und meint, er habe ihr von ihr geholfen) und er hatte ihr ihr Handgepäck »weggestaut« und er hatte ihr seinen Eckplatz eingeräumt. Das war schön von ihm gewesen; aber noch schöner war's von ihm, daß er sich dann an die übrige, wie wir ebenfalls schon wissen, nur männliche Fahrgesellschaft wendete und sagte: »Jetzt lassen Sie uns aber aufhören mit der Politik, meine Herren. Wir kommen hier auf den Rädern doch nicht miteinander überein, und haben ja Koburg noch vollständig vor uns. Fräulein würde es wohl durchaus nicht interessieren. Höchstens wenn wir als deutsche Brüder etwas handgreiflich aus lauter Zärtlichkeit für unser allgemeines Wohlergehen gegeneinander würden, möchte sie davon angenehm zu Hause berichten können und es nach Verdienst komisch, aber doch auch nicht gerade sehr nett als ihr heutiges Weltumsegelungserlebnis finden.« Fräulein interessierte die Politik, und noch dazu unter lauter unbekannten Herren im Eisenbahnwagen freilich nicht gar sehr. Des dummen Zeuges hatten sie zu Hause, d.h. die Damen zu Hause, innerhalb und außerhalb des Hauses freilich schon genug; Papa konnte da gräßlich werden, nicht nur als unzufriedener Titularmajor, sondern auch als Ehegatte und allerbestes Väterchen. Der Onkel Laurian war in dieser Hinsicht manchmal der einzige Verständige in Wunsiedel, nahm Rücksicht auf »uns Frauenzimmer«, kurz, war ein Trost und Segen für die Familie. Schon durch die Art und Weise, wie er dabei nach seiner Gewohnheit die Daumen umeinander drehte. Man konnte wahrhaftig daraufhin es ihm nachsehen, wenn er mal zu heftig für seinen Jean Paul schwärmte, langweilig wurde und sich sogar über die gegenwärtigen Lieblingsschriftsteller und Schriftstellerinnen seiner lieben Nichten mokierte. Es ist auf der Fahrt von Immelborn nach Koburg in der Tat nicht mehr die Rede von Politik gewesen; aber Fräulein Klotilde wäre es anfangs doch lieb gewesen, wenn dem nicht so gewesen wäre, sondern die Herren nach erwiesenen ersten Höflichkeiten sich doch noch ruhig weiter mit der Neugründung des deutschen Volkes beschäftigt hätten und nicht soviel mit ihr. Wie kam eigentlich dieser fremde, vergnügte, gottlob aber auch ganz väterliche alte Herr zu dieser sofortigen Vertraulichkeit? Sie – hatte doch hoffentlich keinen Anlaß dazu gegeben, sondern war nur freundlich auf erwiesene Freundlichkeit hin gewesen! Und wie kam es eigentlich, daß dieser alte freundliche Herr schon in Wernshausen fast so gut wie sie selber und zwar durch sie selber in Wunsiedel und in der Familie Blume in Wunsiedel Bescheid wußte? »Ja, ja, Fräulein, das kennen wir!« sagte Vater Gutmann. »Der Onkel Laurian mit dem Jean Paul in der Tasche behauptet, der Papa schleppe ihn nach Koburg. Und der Herr Papa, der Herr Major, mit seinen Erfahrungen von dem italienischen Kriege im vorigen Sommer, schwört darauf, er gehe bloß der Ideale des Onkels Laurian wegen hin. Ja, ja, so sind wir. Fräuleinchen. Und unser großer Schiller singt schon: ›In solchen Dingen rühr' ich kein Bein, Es tritt denn ein anderer für mich mit ein.‹« »Hat er das so gesagt?« fragte Klotilde, die sich doch so fest vorgenommen hatte, garnichts selbst zu sagen und so wenig als möglich zu fragen. »Fragen Sie nur meinen ernstblickenden Herrn Sohn hier. Das Kind ist diätarisch verwendeter Kameralbeamter, aber poetisch angehaucht. Ich habe selbst Verse an ihm entdeckt; – Wilhelm, du brauchst nicht rot zu werden. Ja, fragen Sie ihn nur: Schillern kennt er hoffentlich noch, wenigstens ebensogut als wie ich.« Fräulein fragte den jungen Herrn nicht, und der ernstblickende junge Herr murmelte nur vorwurfsvoll verweisend: »Aber lieber Vater?!« Daß die zwei jungen Leute sich hierauf gar nicht mehr angesehen haben sollten, davon steht nichts in Wilhelms Tagebuch. Sie sahen sich an – verstohlen. Die junge Dame versuchte nun ernst zu blicken; aber der poetisch angehauchte Kameralbeamte ohne Gehalt lächelte trotz seines Verdrusses über seine ästhetische Bloßstellung, und wieder nachher hatte sich Klotilde hinter ihrem Taschentuch über ihr unaufhaltsames dummes Mädchengekicher zu ärgern, und dazu wieder schmunzelte der Vater Gutmann. »Kinder, jetzt wollen wir aber auch, solange wir noch so vergnügt hier durch die schöne Welt fliegen, recht nett miteinander sein und uns gut vertragen! Wer weiß, was uns noch alles Greuliches in Koburg bevorsteht?« Sie lachten genug unterwegs. Wir können es leider nicht leugnen, der zu neuer Weltfahrt aufgeweckte alte fidele Reiseonkel griff weit zurück in seine Commis-Voyageur -Knallerbsenscherze, seine Du-sollst-und-mußt-lachen-Anekdoten. Und je weiter er zurückgriff, desto neuer erschienen sie merkwürdigerweise der Fahrgenossenschaft. Wenn wir uns aber hier nochmals mit den Federn schmücken wollten, die er aus unvordenklicher Mauser des Witzes der Vorfahren aufgehoben hatte, so würden wir ganz gewiß nicht wie er bejubelt werden. Man würde uns höchstens lächerlich finden, wenn nicht sogar abgeschmackt und in unverantwortlicher Weise unsern Marasmus dem Publikum aufdrängend. Wir sagen also nur, daß dieser Alte in seiner Weise prächtig war und dem jungen Mädchen immer besser gefiel, und zwar je mehr man in den Abend hineinfuhr. – Meiningen war der Welt damals noch nicht durch die Meininger bekannt gemacht worden; aber Gutmann senior kannte es schon. Es sagte ihm nichts; aber ernst stimmte ihn Hildburghausen. »Sehen Sie, Fräuleinchen,« sagte er, »dort wohnte bis vor wenigen Jahren ein gewisser Meyer, den Deutschland noch lange nicht so gewürdigt hat, wie er es verdient. Ich habe ihm meine Bildung zu verdanken, mein Sohn hier hat ihm seine Bildung zu verdanken –« »Aber, Vater, ich bitte doch!« »Mein Sohn hier hat ihm seine Bildung zu verdanken, und ein großer Teil von dem heutigen Deutschland hat ihm außerdem seine Bildung zu verdanken. Bildung macht frei, war sein Motto, und darauf abonnierte ich auf der Stelle vor dreißig Jahren bei ihm. Ich hielt sein Universum. Ich bin im Besitze seines Konversationslexikons. Eine Bibel habe ich nicht von ihm – meine stammt noch von meinem Vater; aber seine Klassikerausgaben besitze ich wenigstens in Auswahl. Was aber seine Groschenbibliothek meinem Jungen hier für eine Wohltat gewesen ist, da fühlen Sie ihm – meinen Herrn Sohn meine ich – nur selber auf den Zahn, Fräulein. Wenn Bildung frei macht, so will der Deutsche seine Freiheit dazu auch so billig als möglich haben. Und Meyer in Hildburghausen ist der erste gewesen, der da sprach: Recht hat das Vaterland! Frei werde es durch billige Bildung! Ja, Fräulein, Billigkeit macht frei – nein, Billigkeit bildet und Bildung macht frei – man wird ganz konfus bei der Geschichte. Na, Gott segne des alten Herrn Asche! Zu einem Wohltäter des deutschen Volkes ist er geworden, und sammelt man mal zu seinem Denkmal, so gebe ich unbedingt auch meinen Groschen dazu her. Du auch, billig gebildeter, blondlockiger, blauäugiger deutscher Knabe?« »Ich auch. Aber, Vater, wenn du –« »Mich und dich nicht mehr und mehr vor den Ohren dieser deutschen Jungfrau lächerlich machen wolltest, so tätest du mir allmählich einen Gefallen. Da hast du eigentlich recht, Wilhelm, zumal da es, wie ich bemerke, anfängt dämmerig zu werden. Also die beiden Herren erwarten Sie auf dem Koburger Bahnhofe, liebes Fräulein? Nun, da wir jedenfalls desselbigen Zweckes wegen – der höchsten Vaterlandspolitik wegen – nach Koburg fahren, mein Sohn und ich, so freut es mich jetzt schon, durch so liebenswürdige Vermittelung wahrscheinlich die Bekanntschaft von schätzbaren – hoffentlich – Parteigenossen machen zu können. Werden sich die Herrschaften, wenn ich jetzt schon fragen darf, noch über die Verhandlungen hinaus in Koburg aufhalten?« Fräulein Blume fand diese Frage eigentlich sonderbar. Sie konnte den zwei, immer doch noch fremden Herren, doch nicht ins einzelnste auseinandersetzen, wie sie und die Tante Adele in Immelborn mit der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins zusammenhingen! Mußte sie, Klotildchen, es diesen Fremden auf die Nase binden, wie sie sich die letzten Wochen durch in Immelborn aus politischen Rücksichten geopfert hatte – aus familienpolitischen Rücksichten, gegen welche das, was Papa und Onkel Laurian in Koburg mit den übrigen Deutschen ausmachen mochten, wahrhaftig sehr wegfiel? Hätte es nicht lächerlich geklungen, wenn sie diesem alten freundlichen Herrn mitgeteilt hätte, daß ihr das deutsche Volk und seine Familienvereinigung im Grunde sehr gleichgültig sei, daß sie aber im höchsten Grade gespannt auf das Vergnügen sei, welches die nächsten Tage durch in Koburg für ihre Tugendhaftigkeit und Tapferkeit in Immelborn für sie herauskommen werde? Da es aber immer dämmeriger, ja dunkler wurde, so fühlte sie sich doch auch immer mehr auf die Freundlichkeit ihrer Reisegesellschaft, als Lamm unter den Wölfen, angewiesen. Sie sagte deshalb auch nur: »Papa und Onkel werden sich gewiß freuen, die Bekanntschaft der Herren zu machen. Wie lange wir uns in Koburg aufhalten werden, kann ich nicht sagen; das hängt natürlich von Papa und Onkel ab.« »Sehen Sie einmal, Fräulein,« seufzte hierauf Papa Gutmann, »das könnte ich nicht wagen, mein Kind hier so mutterseelenallein in die weite Welt und in die Finsternis hineinfahren lassen. Es machte mir nichts als dummes Zeug!« Der unbesoldete, nur auf Diäten angewiesene überflüssige Kameralbeamte fing beinahe an, sich wirklich zu ärgern. »Aber, Vater – ich bitte doch gefälligst –« Er brach ab, denn er hatte sich noch mehr zu ärgern über ein dummes Mädchengekicher hinter einem weißen Sacktüchlein, und da konnte er doch nicht hinzusetzen: »Aber Fräulein, ich bitte auch Sie gefälligst.« Es blieb ihm also nichts übrig als sich geduldig über sich selber zu ärgern, seinen Ärger aber ruhig zu verschlucken, und seinen unzurechnungsfähigen, aus Rand und Band geratenen Erzeuger den welt- und reiseerfahrenen Tausendsassa weiterspielen zu lassen. Es war nichts dagegen zu machen; der Alte war und blieb göttlich – blieb göttlich amüsant bis Koburg. Als sie dort landeten, lachte Klotilde zum letztenmal im Eisenbahnwagen: »Nein, aber Herr Gutmann!« und rief dann verwundert: »Aber das ist ja wahrhaftig vollständig Nacht! Nun, da ist es doch ein Glück, daß Papa und Onkel Laurian mich am Bahnhofe erwarten!« Siebentes Kapitel. Es war gegen halb acht Uhr und also um diese Jahreszeit wirklich schon Nacht; aber die Gasflammen leuchteten. Es fand ein Völkerzuströmen auf dem Koburger Bahnhofe statt; aber der Vater Gutmann war vorhanden und da als ein Anhalt im ersten Drang und Gewühl des Aussteigens. Denn wer dabei nicht zugegen war, oder wenigstens nicht sofort zu sehen war, das waren der Vater Blume und der Onkel Laurian. Versprechen und halten ist und bleibt zweierlei. Vergebens reckte sich das Kind im Gedränge der männlichen Germanen-Sturmflut auf den Zehen empor: »Aber das ist doch nicht möglich! Sie haben es so fest versprochen. Ach, sie können mich wohl bloß in dem rücksichtslosen, gräßlichen Tumult nicht finden!« »Soll ich mal rufen? Soll ich mal Papa rufen, Fräulein Klotilde?« fragte Vater Gutmann. »Gott, und jetzt nennt der mich schon ganz ungeniert bei meinem Vornamen!« dachte ärgerlich-angsthaft das verlassene Kind. Laut rief sie: »Das täte ich schon selber, wenn es was helfen würde und sich schickte. Sie sind wahrhaftig nicht da! Das ist aber doch zu großartig – o, wenn das meine Mutter wüßte!« Der letzte Seufzer kam so gepreßt heraus, daß der junge Gutmann jetzt sein Herzblut drum gegeben hätte, um dem Alten die ferneren Retter- und Ritterdienste aus der Hand zu nehmen. Aber ließ ihn der Alte? Bewahre! – Hatte der den angenehmen Kavalier auf der Reise gespielt, so übte er sein gewonnenes Recht auch bei der Ankunft am Reiseziel rücksichtslos gegen die doch mehr dazu berechtigte Jugend aus. Das neue deutsche Reich zu gründen, war er nach Koburg gekommen. Das Empfangsbureau der ersten konstituierenden deutschen National-Vereins-Versammlung stand weit geöffnet und wartete, daß er hereinkomme und die die nächsten schicksalsschwangeren Tage betreffenden Karten und sonstigen Ausweise löse. Wer was tat er? Er tat, als ob ihn diese Geschichte – die Geschichte der Entwicklung des deutschen Volkes zu einer wirklichen Familie gar nichts angehe. Er widmete sich einzig und allein den Privatsachen der Familie Blume in Wunsiedel, d. h. diesem allerliebsten, braven, netten, verständigen Mädel aus Wunsiedel. Na, sein grauer Kopf gab ihm ja wohl das Recht, etwas weniger blöde zu sein als sein innerlich und äußerlich zappelnder und doch nicht zugreifenkönnender Sohn, – dieser »schüchterne Knabe«. In dem dem Auskunftsbureau zustrebenden Gedränge sämtlicher teutonischer Völkerschaften, die augenblicklich so wenig wie sonst Rücksicht auf den Ellbogennachbar nahmen und auf Klothilde »Ja, Fräuleinchen, was fangen wir denn nun an?« »O Gott, sie kommen doch wohl noch! sie haben sich wohl nur ein wenig verspätet!« »Ne,« sagte der erfahrene Reisegreis, »wie ich sie jetzt kennen gelernt habe, kommen die nicht mehr: aber verspätet mögen sie sich wohl haben, jawohl! Wer von den beiden den anderen mit wohin genommen hat, kann ich natürlich noch nicht sagen; aber einer muß den anderen verhindert haben, hier zu sein, und daß augenblicklich keiner von beiden weiß, was die Uhr ist, das ist auch klar.« »Das Vergnügen, das sie mir versprochen haben, geht wirklich schön an!« seufzte tief im Innersten Fräulein Klotilde. Laut rief sie nochmals: »Aber sie hatten es mir doch so fest versprochen!« »Aber sie haben es zugleich mit uns anderen auf sich genommen, das deutsche Volk aufzubauen.« »Ach, Unsinn! So große Eile hatte das wahrhaftig doch wohl noch nicht. Und was die zwei dazu tun werden – o!« »O Fräuleinchen, das letzte können Sie ebensogut von mir und meinem stummgeborenen Herrn Sohn hier denken –« »Das nächste Mal bringen sie die Tante Adele nach Hause und halten es ein Menschenalter zum Besten der Familie bei ihr aus,« murmelte Klotildchen und hatte ganz gewiß das feine Ohr des lieben alten Herrn nicht mit in die Rechnung gezogen. »Fräulein Klotilde,« sagte Vater Gutmann zärtlich-väterlichst, »sehen Sie mal, gute kleine Mädchen, die böse Tanten zum Familienbesten nach Hause gebracht haben, fressen wir, mein Junge und ich, ganz gewiß nicht: also – vertrauen Sie sich uns an für die nächsten Stunden. Diesmal helfen wir Ihnen noch weg vom Rande der Verzweiflung. Aus diesem Schiffbruch Ihres Vertrauens in die Menschen und die allernächste Verwandtschaft kommen Sie noch mal glücklich heraus. Und nun lassen Sie uns vor allen Dingen erst mal in der Präsenzliste uns nach Herrn Major Blume und Herrn Apotheker Poltermann umsehen. Stehen sie da drin, so sind sie auch noch anderswie in der Zeitlichkeit und hier in Koburg präsent. Junge, geh mal hin und besorge uns die Notizen! Nein, warte, laß mich das tun und sorge du währenddessen hier draußen für die junge Dame.« »Ja bitte, aber lassen Sie mich mit nachsehen. Papa haßt die Hotels und wollte sich auf gut Glück mit dem Onkel Laurian, wie er sagte, auf die deutsche Bruderliebe hin privatim einquartieren lassen. Und obgleich ich ja nicht mit in die Politik gehöre, so verließ er sich drauf, daß man auch mich mit ihm unterbrächte, da ich ja doch nicht viel Raum einnähme.« Letzteres war wahr. Viel Raum in der Wildnis des Lebens nahm dieses schlanke Feenkind für jetzt noch nicht ein. Das konnte erst noch kommen in einer guten nahrhaften Ehe; aber – davon zu reden ist jetzt doch wahrhaftig noch nicht Zeit! – Sie drängten sich also zu drei durch bis an den Tisch des Empfangskomitees. »Herr Major außer Dienst Blume aus Wunsiedel?« fragte einer der freundlichen Herren, blätterte ein wenig und lächelte mit einem Gesichte wie: auf den hatten wir ja vor allen gezählt. »Herr Major Blume – Zwiebelmarktgasse, Numero zehn, Witwe Wellendorf.« »Gott sei Dank! so ist er doch wenigstens am Orte! aber, o bitte, bitte, kann ich vielleicht hier auch noch erfahren, ob Onkel mit ihm gekommen ist?« Einen Augenblick sah der freundliche Herr ein wenig verdutzt auf das hübsche, hastig zufahrende Mädchen, dann aber steckte er um so rascher seine bebrillte Nase in seine Listen. »Witwe Wellendorf – Zwiebelmarktgasse zehn – Herr Apotheker Poltermann aus Wunsiedel.« »Ja, ja, das ist er! O, herzlichen Dank! Wenn der Onkel Laurian mit hier ist, so muß entweder etwas sehr Schreckliches vorgefallen sein, was ihn jetzt vom Bahnhofe abgehalten hat; oder der Papa hat ihn wirklich –« Sie vollendete ihren Satz nicht. Da sie nicht zum Stamm Sem gehörte, so war sie unbedingt eine Japhetidin. Ham war vollständig ausgeschlossen. – »Wilhelm,« sprach jetzo aber der Vater zu seinem Sohne: »Du weißt, ich hasse auch die Hotels, und was die deutsche Bruderliebe anbetrifft, so sind wir ja nur derentwegen hier in Koburg. Sagen Sie, bester Herr, könnten wir, mein Sohn und ich, Kaufmann Gutmann und Kameralsupernumerar Gutmann aus H. nicht gleichfalls in der Zwiebelmarktgasse ein Unterkommen finden?« Der freundliche Herr blätterte in einer anderen Liste: »Die Hotels, selbst die Wirtshäuser, werden auch wohl schon ein wenig überfüllt sein. Gottlob! – Zwiebelmarktgasse? .. die hiesige Einwohnerschaft hat sich – Gott sei Dank – von einem Entgegenkommen gezeigt, welches für unsere patriotischen Absichten in der Tat von Bedeutung ist. Zwiebelmarktgasse Numero elf – gerade gegenüber der Nummer zehn: »Logis für zwei bessere Herren.« »Sind wir diese zwei besseren Herren, Wilhelm?« »Unbedingt!« rief der Kameralsupernumerar mit solchem Eifer, daß ihn jetzt der Vater schlau angrinste. »Mir schon recht,« sagte er; Fräulein Klotilde sagte gar nichts und hatte auch keinen Grund, etwas zu sagen. Sie erhielten nun die betreffenden Nachweisezettel, einen Grund, darob zu erröten, hatte Fräulein Blume ebenfalls nicht; aber sie errötete doch, als sie dem jüngeren Beschützer ihre Täschchen und ihre Reisetasche überlieferte. Größeres Gepäck war nicht vorhanden; die Tante Adele hatte es durch Fracht nach Wunsiedel vorausgeschickt: »Länger als ein paar Tage werden sie dich ja wohl hoffentlich nicht dort in Koburg unnützerweise mit sich herumschleppen.« Den Weg in die Stadt brauchen wir nicht zu beschreiben; wir werden noch genug in der letzteren herumzulaufen haben. Ein freundlicher jugendlicher Koburger führte sie und verweigerte die Annahme jeder Erkenntlichkeit. »Hier sind wir, solange die Herren bei uns sind, alle umsonst zu Diensten fürs einige Vaterland!« sprach er stolz, und Vater Gutmann hob die Augen zum dunkeln Nachthimmel empor, denn so was war ihm auf allen seinen Reisen noch nicht vorgekommen. »Sohnemann,« rief er, dem liebenswürdigen jungen Thüringer beinahe zärtlich auf die Schulter klopfend, »mein Name ist Gutmann, ich bin in H. zu Hause. Wenn Sie da mal hinkommen, dann besuchen Sie mich ja.« Die Zwiebelmarktgasse hatten sie erreicht, die Witwe Wellendorf gefunden; wen sie aber natürlich nicht fanden, das war der Vater Blume und der Onkel Poltermann. »Ei, Fräulein,« sagte die freundliche, alte Thüringerin, die sich auch erboten hatte, für die Einigung des Vaterlandes sich und das Ihrige zur Verfügung zu stellen und zureisender germanischer Brüderschaft sorglich das verlassene Heim nach Möglichkeit zu ersetzen. »Ei, Fräulein, wie können Sie es glauben, daß so vergnügte, liebe Herren zu Hause bleiben, wenn die ganze Stadt überall des patriotischen Pläsiervergnügens voll ist, und jeder dem anderen so viel zu sagen hat, und alle einer Meinung sind, nur nicht ganz, weil das Genauere zwischen jedem und jedem noch besprochen werden muß? Ja, Papa und der Herr Onkel wohnen wohl bei mir, und auch für Sie, mein liebstes Fräulein, find' ich noch ein Bettchen und Zimmerchen: aber die Herren treffen Sie augenblicklich nicht. Die hatten auch noch einen hübschen, jüngeren Herrn mit sich gebracht – Sie werden ihn gewiß kennen, Fräulein, seinen Namen weiß ich nicht, denn er logiert im Löwen auf dem Steinwege, und dahin haben ihm der Herr Vater, der Herr Major, und der Herr Onkel das Geleit gegeben. Und von dort wollten sie alle drei nach dem Bahnhofe, um Sie abzuholen, Fräulein. Sie würden sich sehr freuen, meinten sie, den jüngeren Herrn – er ist ein bißchen umfänglich, mit 'ner bißchen hohen Stirn und blond und spricht so ein bißchen, als ob er ans Österreich wäre – Sie würden sich recht freuen, diesen jungen Herrn auch am Bahnhofe zu Ihrem Empfang mit allen übrigen deutschen Patrioten gegenwärtig zu finden.« »Ei, ei, Fräuleinchen, sehen Sie mal!« schmunzelte Herr Gutmann. »Nicht bloß der Herr Vater und der Herr Onkel, sondern auch noch ein angenehmer, hübscher junger Herr für Sie! Was kann uns nun noch zum Vergnügen fehlen, hier in Koburg?« Beim Schimmer der kleinen Lampe der Frau Wellendorf ließ es sich nicht recht erkennen, ob Fräulein Klotilde wonnig errötete oder aus Verdruß eine andere Farbe annahm. Jedenfalls setzte sie jetzt dem älteren ihrer Beschützer einen wenn auch dankbaren, so doch kurzen Knix hin und schien es für eine Erleichterung zu nehmen, als der jüngere Helfer in der Not etwas verdrossen brummte: »Wir müssen nun aber auch doch wohl an unser eigenes Unterkommen denken.« Der Alte schien noch gar keine Lust zu haben, daran zu denken; aber Fräulein Blume half seinem Sohne, indem sie sich an die Frau Wellendorf wandte: »Die Nummer elf der Zwiebelmarktgasse ist wohl gerade Ihnen gegenüber?« »Ganz gerade gegenüber; Schneidermeister Daniel! Ja, zu der Gevatterin Daniel haben die Herren vom Komitee auch gesagt, als sie kam und sagte, sie habe die Gelegenheit für ein paar nette Vaterlandsfreunde leer stehen – haben sie gesagt, die Herren: ›Nicht nur nett, sondern so anständig als möglich sollen die Herren sein, die wir Ihnen schicken, Frau Daniel, verlassen Sie sich drauf.‹ Nun, und ich sehe schon, es hat sich auch für die Nachbarin recht gut getroffen.« Vater Gutmann wußte wirklich nicht mehr wohin mit seinem Vergnügen: aber dann nahmen sie doch Abschied voneinander, die Reisegenossen von Immelborn her, reichten sich die Hände und schieden fürs erste als verhältnismäßig recht gute Freunde und Bekannte voneinander. Achtes Kapitel. »Das Mädchen ist allerliebst und obendrein ein wirklich braves und verständiges Kind,« sagte Vater Gutmann vor der Tür. Auf dem Wege über die Gasse setzte er aber noch hinzu: »Übrigens lieb ist es mir doch, daß ich zu allen Vaterlandssorgen nach dem Letztgehörten auch auf dich, mein Sohn, nicht noch zu passen habe, von wegen leichtsinniger Reiseverplemperungsgelegenheit. Dieser unbekannte junge angenehme Herr, über dessen Mitkommen Fräulein sich sehr freuen würde, ist mir offen gestanden in dieser Hinsicht ein wahrer Trost. Auch wegen meiner späteren Verantwortlichkeit deiner Mutter gegenüber.« »Mach mich nicht zu lächerlich; ich bitte dich allmählich doch ernstlich darum,« brummte der Sohn, und darauf brummte (zum erstenmal auf seinen neuen Reisen!) der Alte: »Na, du bist auch ein Muster, mit dem mich früher mehr als einer und mit Recht aus dem Kontor hätte schmeißen dürfen!« und vor der Tür des Schneidermeisters Daniel: »Und für diese Sorte sucht man noch in seinen alten Tagen einen neuen nationalen Kulturboden zuzurichten! Junge, verdirb du mir die Laune nicht; – öde mich nicht an, da ich endlich einmal wieder auf Reisen bin! Ich bitte allmählich auch dich recht darum! Kleinkrämer, Kleinstädter, Kleinstaatler, sind wir jetzt am Werke, das neue deutsche Reich zu gründen, und wenn so etwas nicht mit Nachdruck, Heiterkeit und Jugenddummheit geschehen kann, so – hättest du mich lieber zu Hause lassen sollen!« Der Junge fiel dem Alten vor der Tür des Schneidermeisters Daniel, Zwiebelmarktgasse Numero elf in Koburg, um den Hals und küßte ihn auf beide Backen: »Und dies deutsche Volk glauben sie unterkriegen zu können!« Was könnte dieses herrliche deutsche Volk an dieser Stelle für eine wundervolle Bekanntschaft an seinem anderen Volksgenossen, dem Schneider Daniel in Koburg, an dessen Frau und dessen Hauswesen machen, wenn es das Geld dafür hätte! Aber ich fürchte leider, das Buch von Gutmanns neuen Reisen, wird ihr, der edlen deutschen Nation, der edelsten der Welt, jetzt schon zu dick und zu teuer. Ergeben, aus alter Erfahrung ergeben in die »pekuniäre« Armut der Denker- und Dichterrasse ziehen wir doch seufzend hier einen Strich durch den Reichtum unseres diesmaligen Quellenmaterials. Was ihm auch im Schoße der Zeiten verborgen liegen mag, dem deutschen Volke: in dieser Hinsicht können wir ganz ruhig sein, da kriegt keiner es unter. Ja: »Bildung macht frei,« sagte Meyer in Hildburghausen. »Aber billig muß sie sein,« sagt das deutsche Vaterland, und beide haben vollkommen recht. »Juchhe, wenn ich erst dreißig Jahre tot bin,« jauchzte Schopenhauer, der alte boshaftige »Holländer«! – Sie haben ihr Gepäck unserem ganz besonderen Freunde Daniel und seiner Frau überliefert – hingeworfen; sie haben den Hausschlüssel von der Nummer elf der Zwiebelmarktgasse in der Tasche, sie haben wütenden Hunger und noch wütenderen Durst und sind ebenfalls auf dem Wege nach dem Löwen, kaum eine Viertelstunde nach ihrem Abschied von Fräulein Blume aus Wunsiedel. Wenn es begreiflich war, so sprach es doch nicht für sie, daß das »allerliebste Mädchen«, das »brave und verständige Kind«, kurz, das ganze hübsche Reiseabenteuerchen ihnen augenblicklich wieder vollständig Nebensache geworden war. »Vor allen Dingen jetzt was Warmes, und dazu was Kühles, Wilhelm,« seufzte Vater Gutmann. »Das sage ich dir aber, Junge – Mäßigkeit! Bis jetzt hat Deutschland nur schwimmend durch jedwedes provinzielle landesübliche Getränke den festen Boden seiner hehren Zukunft zu erreichen erstrebt. Auch das muß anders werden! Von jetzt an mit nüchternstem Ernst ganz zur Sache!« Der Sohn kannte den Vater gut genug von der heimatlichen Kegelbahn, aus den Parteiversammlungen und aus dem Klub der Optimaten her, um zu wissen, wie Germanien das meinte. »Ich bin so lange nicht in der Welt und also auch nicht in Koburg gewesen, daß ich hier leider vollständig im Dunkeln tappe,« seufzte der greise Redivivus, der wieder aufgelebte Reisegreis. »Hast du eine Ahnung, was man jetzt hier tut, mein Kind?« »Nach dem Löwen auf dem Steinwege geht man.« »Freilich, da sitzen sie!« rief Vater Gutmann. »Dieser Onkel Poltrian oder Lauermann scheint mir nach den Sehnsuchtsseufzern des lieben jungen Dinges kein übler Herr zu sein. Für den Major spricht sein absolutes Vergessen seiner Pflichten gegen sein unglückliches Wurm, und beides spricht in der Tat für den Löwen. Das Getränk ist dort gut, wenn da so ein Onkel und so ein Vater solch ein herziges kleines Mädchen so vollständig aus den Augen verlieren! Uns, die die Geschichte eigentlich gar nichts anging, kam die Sache doch ruchlos vor. Aber was vergißt der Deutsche nicht, wenn er es irgendwo mal ausnehmend gemütlich findet?« In Koburg waren an diesem Abend alle Hotels, Wirtshäuser, Kneipen und Schenken überfüllt und also auch der Löwe, dieses vornehmste Tier der Naturgeschichte und damaligen Koburger Gastgeberstatistik. Wir könnten hier wiederum manche nette Einzelheit berichten, wenn nicht wiederum das Buch dadurch dem Leser zu teuer würde. Wie es sich machte, daß der alte frühere Lützowsche Reitersmann und jetzige Pastor Nodth dem Vater Gutmann und seinem Sohne die persönliche Bekanntschaft des Majors Blume und des Onkels Poltermann aus Wunsiedel vermittelte, das wäre wohl einer fröhlichen Schilderung wert; aber – na ja, wie gesagt! ... »Herr Pastor, das Vaterland!« »Ja, aber das einige Vaterland, meine Herren!« lächelte freundlich der kleine, greise geistliche Herr und Kriegsheld. »Herr Poltermann und Sie, mein werter Herr Major, wie oft im Jahre dreizehn – an unsern Wachtfeuern gegen die lieben Herren Gegner aus Württemberg und Bayern haben wir –« »Wenn ich die Ehre habe, Herrn Major Blume aus Wunsiedel vor mir zu sehen, so habe ich einen recht schönen Gruß zu bestellen. Mein Name ist Gutmann, und –« »Mein Name ist freilich Blume,« sprach sehr überrascht der Major. »Wenn ich fragen darf, von wem –« »Mein Sohn und ich haben das Vergnügen gehabt, mit Fräulein Tochter von Immelborn an bis hierher zu fahren Auf hiesigem Bahnhofe –« »Schwager Blume!« rief ein ebenfalls kleiner, dürrer, älterer Herr, mit beiden Armen und Händen hoch über dem Haupte. »O, das ist ja unverzeihlich! Wessen Uhr ist nun richtig gegangen? Dieses vergebe ich mir nie.« »Ja, Donnerwetter, wer kann an solchem Tage immer nach der Uhr sehen?« rief der Major, in diesem Augenblick doch verstört die seinige herausreißend und zugleich hinter sich im Löwen nach seinem Hut hinauflangend. »Machen sich die Herren weiter keine Sorgen,« beruhigte Vater Gutmann. »Fräulein war wohl ein wenig überrascht, keinen von der werten Verwandtschaft am Bahnhofe zu finden; aber mein Sohn und ich haben die freundliche Gelegenheit eifrig benutzt, uns der lieben jungen Dame zu verpflichten. Ich glaube, Herr Major, Sie können ruhig sitzen bleiben. Fräulein Klotilde befindet sich in vollkommener Sicherheit bei der Witwe Wellendorf, Zwiebelmarktgasse Numero zehn, und wir sind für die nächsten Tage hoffentlich angenehme Nachbarn. Mein Sohn und ich wohnen gegenüber in Numero elf: Schneidermeister Daniel.« »Poltermann, das ist wieder mal deine Schuld!« schnarrte der Wunsiedler Major, langsam die Hand vom Hutnagel sinken lassend. »Meine?« lallte der Onkel Laurian, diesem schändlichen Vorwurf gegenüber vollständig gebrochen und wehrlos. »Ja, deine Schuld,« schnurrte der Vater Blume weiter. »Wer hat sich des Kindes von seiner Geburt an bemächtigt? Wer hat ihr den Namen Klotilde bei der Taufe aus dem Legationsrat Richter, aus unserm großen Landsmann und seinem Jean Paul, und aus dessen Hesperus angehängt? Wer hat Vater und Mutter das Mädchen aus der Hand genommen, um es, sozusagen, in seiner Apotheke für sich aufzuziehen? Herr Pastor, und Sie, mein werter Herr Gutmann, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf: Vater und Mutter hat das Kind nicht etwa um den Mann, sondern um den Onkel Poltermann aufgegeben und vergessen, und jetzt vergißt du so, zur rechten Zeit nach der Uhr zu sehen, und bleibst hier bei dem Herrn Pastor Nodth und mir im Löwen sitzen, anstatt zur rechten Zeit auf dem Bahnhofe zu sein! Und was hatten wir dem armen Geschöpf alles hier in Koburg zur Belohnung versprochen? Diese Geschichte kann ich nur einfach an meine Frau, deine Schwester, schreiben, Laurian! Ob sie sie glauben will, das ist ihre Sache.« Wenn der Vater Blume seinen Hut hängen ließ, so hatte der Onkel Laurian den seinigen in zitternder Hast vom Nagel gerissen. Auf die schändlichen Insinuationen des Schwagers und das schalkhafte Lächeln des alten Lützowers hatte er keine Antwort, dagegen befand er sich in der Phantasie schon nach raschestem Lauf in der Zwiebelmarktgasse, hielt das arme vergessene Lamm – sein Lamm, sein Patchen in den Armen und ächzte ihm zu: »Ich verzeihe mir dies niemals! Dein Vater sagt, ich sei schuld daran, und er hat recht, – ja, doppelt und dreifach recht! Ich, ich, ich bin es gewesen, du armes Würmle, der dich vergessen – ich bin der schlechte Onkel, der dich vernachlässigt, verleugnet hat, trotz allem, was er dir versprochen hatte!« Er wollte eben aus der Tür des Gastzimmers im Löwen, als ihn ein anderer schlechter Mensch, Vater und Gatte noch einmal von seiner Pflicht zurückhielt, sogar mit körperlicher Gewalt; wenn auch anschmeichelnd, so doch am Rockschoß: »Aber mein bester Herr! mein wertester Herr Poltermann, wenn ich Sie versichere, daß die junge Dame vollkommen in Sicherheit, aufs herzigste untergebracht ist bei der Witwe Wellendorf? wenn ich Ihnen mein Ehrenwort darauf gebe, (Sie können auch meinen Sohn fragen) daß sie in ihrer jetzigen Stimmung gar keinen von Ihnen zu sehen verlangt? wenn ich Ihnen meinen Eid darauf ablege, daß sie nach der Reise und nach den letzten schweren Tagen bei der Tante Adele wahrscheinlich sofort zu Neste geschlüpft – zu Bette gegangen ist? werden Sie uns – dann – hierauf auch – verlassen, um in dieser großen Zeit einen unnötig einsamen, verdrießlichen Abend in der Zwiebelmarktgasse zu versitzen?« Der Onkel Laurian sah kläglich ratsuchend im Kreise umher, sein Auge heftete sich auf den alten Pastor Nodth, den ritterlichen Kameraden Theodor Körners. Dieser würdige geistliche Herr mußte ihm beipflichten, beispringen und ihn sofort nach der Zwiebelmarktgasse schicken. Auch der tat es nicht! Ja, so ein Lützowscher Jäger, wenn er auch noch so sehr Pastor geworden ist! »Mein verehrter Herr,« lachte der freundliche Greis, »ich glaube, Sie könnten wirklich noch ein wenig sitzen bleiben. Wenn diese Herren versichern, daß das liebe Kind gut aufgehoben ist, so sehe ich wirklich nicht ein, weshalb Sie gehen wollen. Ein Vergnügen können Sie an diesem Abend der lieben jungen Dame hier in Koburg doch nicht mehr machen, und wenn Sie es ihr auch noch so fest versprochen haben. Bleiben Sie noch ein wenig; denn was Ihre vorhin geäußerten Ansichten über ein Wahlkaisertum anbetrifft, so –« Der Onkel Laurian setzte sich wahrhaftig wieder hin! blieb wirklich noch ein wenig! Sie blieben alle noch ein wenig beieinander und lernten sich von Stunde zu Stunde immer besser kennen und trotz aller politischen Meinungsverschiedenheiten immer besser schätzen. Der einzige, der wenig sagte und gar nicht schrie, war der Kameralsupernumerar Gutmann. Er war aber auch der einzige jüngere Mann in der Gesellschaft im Löwen. Und das hatte wohl seinen Grund: denn wer von noch beförderungsfähigen und -süchtigen jungen im Staatsdienste stehenden Germanen nach Koburg zu der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins ging, der tat das wahrlich nicht ohne Gefahr für sein bürgerliches Wohlsein und sein späteres Stellungnehmen in der Beamtenrangliste seines ihn besonders angehenden Staates. Übrigens hatte auch Herr Wilhelm Gutmann den ganzen Abend durch, dem Onkel Laurian und dem Herrn Major Blume aus Wunsiedel gegenüber, die Frage auf den Lippen: wo sich denn eigentlich der angenehme junge Mensch aufhalte, den sie mitgebracht hatten nach Koburg, um Fräulein Nichte und Fräulein Tochter durch ihn eine ganz besondere Freude zu machen? Auch damit kam er nicht heraus. Neuntes Kapitel. Es hat alles sein Ende; auch der vergnüglichste Begrüßungsabend unter braven Leuten und deutschen Volksgenossen, die man auf Reisen kennen lernt, und mit denen man am andern Tage in der herzoglichen Reitbahn in Koburg das neue deutsche Reich begründen helfen will. Die Ansichten in der letzteren Hinsicht gingen noch weit auseinander, aber die Hauptsache für jetzt auf dem Heimwege nach der Zwiebelmarktgasse war bei so schwankenden politischen Zuständen, daß die Herren wenigstens körperlich sich so dicht als möglich aneinanderhielten. Vater Gutmann und Onkel Poltermann führten einander, so gerade es ging; Major außer Dienst Blume hielt sich am Kameralsupernumerar Gutmann fest, und dieser Jüngling hielt seltsamerweise allein nur die richtige Mitte zwischen Hauswand und Rinnstein. Ja, ja, ja, diese älteren Herren, wenn sie mal sowohl politisch wie auch sonst der Jugend ein gutes Beispiel geben sollten! ... Sie erreichten aber alle, nur einige Male vom Nachtwächter freundlichst zurechtgewiesen, ihre Gastquartiere und nahmen zärtlichst für den Rest der Nacht voneinander Abschied. Das übrige geht uns nichts an, nicht einmal das, daß der Major Blume aus Wunsiedel noch eine Gespenstererscheinung hatte, aber eine wunderhübsche. Der Spuk zeigte sich ihm in weißem Gewand mit von der Flamme rosig durchleuchteten Fingern ein Lichtlein beschattend und fragte: »Na, da seid ihr wirklich endlich noch?« Und damit ist er sofort wieder verschwunden gewesen, ganz gegen sonstige Geistergewohnheit die Tür hinter sich zuschlagend und ziemlich kräftig; aber ohne einen Schwefel- oder sonst übeln Geruch hinter sich zurückzulassen. – Der nahe Morgen zahlte dem »vernünftig gebliebenen« Jüngling den Lohn seiner Tugend prompt aus. Er ließ ihn ohne Kopfweh nach kurzem, gesundem, traumlosem Schlaf als den ersten in der Gesellschaft erwachen und zeigte ihm die Welt und seinem Fenster gegenüber das Haus der Witwe Wellendorf, wenn nicht im Sommersonnenglanz, so doch in einem den schönsten Tag versprechenden leichten Septembernebel. Über sein Ausdembettespringen und Nachdemfensterlaufen haben wir jedoch noch einiges dazu zu merken. Die Frage: »Ja, wo bist du denn eigentlich?« war ihm beim Erwachen nicht erspart worden, und ebensowenig, etwas später, die andere etwas eingehendere Frage: »Ja, wie kommst du denn eigentlich in dieses merkwürdige Kämmerlein und da, über der Kommode, zu diesem Bilde, dieser Lithographie: »Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha nimmt zu Pferde die Gefion und sprengt den Christian den Achten in die Luft?« Aber indem er sich reckend und dehnend diese Rätsel löste, stieg bereits eine liebere, hübschere, holdere Gewißheit in ihm auf: »Donnerwetter, gegenüber wohnt ja die Witwe Wellendorf, und bei der Witwe Wellendorf ist ja das reizende Vögelchen zu Neste geschlüpft, dem du gestern von Immelborn an, eigentlich etwas zu stumm, dumm und albern gegenübergesessen hast!« Mit einem Sprung war er aus dem Bett und am Fenster. Drüben war selbstverständlich noch alles verhangen und blieb auch noch längere Zeit so; er fuhr also mit ziemlichem Bedacht in die Kleider, machte sich jedoch so hübsch als möglich. Man konnte doch nicht wissen, was der neue Tag brachte, nicht nur in politischer Hinsicht. Jetzt lag die Sonne schon auf dem weißen Vorhang drüben. Des Jünglings Gedanken waren dahinter. Ob sie wohl noch schlief? – Ob sie wohl gut geschlafen hatte auf die Reisebeschwerden und den Schrecken und den Ärger? – Ob sie erwachend wohl auch gefragt hatte: wo bin ich denn? – Ob sie wohl auch den Herzog Ernst zu Pferde der Gefion und dem Christian dem Achten gegenüber hatte? – Ob sie – ob – ob sie wohl auch sich erinnert hatte: »Ei Himmel, gegenüber beim Schneider Daniel wohnt ja der liebenswürdige junge – zum Henker, nein, der reizende, entzückende alte Herr, der so gütig und gesprächig war, und so gut Vaterstelle gestern abend an mir vertreten hat?« Der entzückende alte Herr von gestern abend schnarchte aus dem Nebengemach in den Morgen in einer Weise hinein, die erkennen ließ, daß er noch lange die Frage nicht an sich stellen werde, wo er sich befinde. An sein Kind aber trat jetzt die Frage heran: »Siehst du, ehe der Greis sein Raspeln, Schnarren und Sägen einstellt, dir Koburg erst mal ohne ihn – in der heiligen Frühe allein an; oder wartest du bis – bei der Nachbarin der Vorhang sich regt und deren Alter sich ermuntert und mit dem Onkel Laurian endlich anfängt, der süßen Kleinen das ihr versprochene Vergnügen zu machen?« Es schlug Sechs. Es wurde ein Viertel – es ging auf halb Sieben – ein süßer Schauer ging durch den Lauscher beim Schneidermeister Daniel. Punkt halb Sieben drang durch die Gardine – na, kurz, sie schlug drüben den Vorhang zurück und öffnete das Fenster: sie konnte sich natürlich sehen lassen. In hübschester Reisetoilette und lieblichster Morgenfrische beugte sie sich vor und fuhr nur ein ganz klein wenig erschrocken errötend zurück vor dem Gruße vom – andern Ufer des Hellesponts. Auch der Knabe zog sich zuerst dann ein wenig zurück in den Hintergrund und ein Viertelstündchen spielten sie ein holdes Versteckenspiel, bis die Lustigkeit und die Vertraulichkeit der Jugend die Oberhand gewannen und sie beide lachend, frank und frei, »voll und ganz« ans Fenster kamen und sich ungescheut über Koburgs ersten Morgenstraßenverkehr hinweg einen schönen guten Morgen wünschten. »Der Papa schon auf, Fräulein?« Drüben wurde ein Köpfchen geschüttelt; aber über der Schulter der jungen Dame erschien ein anderer Kopf, und es rief wer über die Zwiebelmarktgasse: »Nein, der Papa noch nicht; aber der Onkel Poltermann, junger Herr.« Er sah jetzt am Morgen ganz anders aus, als wie gestern abend im Löwen, der Onkel Laurian. Er war unbedingt jetzt mehr in seinem Element. Er war jetzt ganz in seinem Elemente. »Ruhen der Herr Gutmann noch?« fragte er. »Wie ein unschuldiges Kind. Er schnarcht den Kalk von den Wänden.« »Mein guter Schwager ebenfalls, Herr Kameralsupernumerar. Er hat auch wohl noch für ein Stündlein genug vom gestrigen Abend. Sind Sie mit Justinus Kerner bekannt, lieber, junger Freund? Besitzen Sie Justinus Kerners Gedichte?« »Nein; ich kenne von ihm nur den Wanderer in der Sägemühle!« lallte Herr Wilhelm Gutmann, nachdem er längere Zeit den Mund etwas weit geöffnet gehalten hatte. »Das genügt. Was meint ihr, junges Volk, wenn wir die beiden ruhig weiter sägen ließen und einen Morgenspaziergang machten?« Das Männchen war sein Gewicht in Golde wert, und schade, daß es so leicht war, es hätte Herrn Gutmann des Jüngeren wegen so schwer sein dürfen, wie – ihm beliebte. Er, Herr Wilhelm Gutmann, stand schon in der Zwiebelmarktgasse und in Numero zehn hörte man sie leichten und schweren Schrittes auf der Treppe, und – da war sie, heiter, wohl ausgeschlafen habend, frühlingswonnig auch am Septembermorgen; der Onkel Laurian aber sagte: »Nämlich, um noch einmal auf den Justinus Kerner zurückzukommen, so hat der gesungen, daß er in einer Sägemühle in süßer Ruhe gesessen habe. Wir müssen es ihm glauben; aber die Sache läuft auch bei ihm doch auf einen Sarg hinaus. Klotilde, noch eine Nacht Bett an Bett mit deinem Papa, und die Sache läuft auch für mich auf einen Sarg hinaus. Der Unhold ist noch schlimmer als eine Sägemühle, und ich bin kein großer Dichter, sondern nur der kleine, zur Ruhe sich gesetzt habende Apotheker Poltermann aus Wunsiedel. Nun, Kinder, da sind wir ja ganz hübsch beisammen. Der Morgen ist prächtig, der Tag bleibt hoffentlich so, an das neue deutsche Reich brauchen wir augenblicklich ja noch nicht zu denken. Also – wohin gehen wir nun?« »Auf den Bergen ist Freiheit!« zitierte selbstverständlich der Kameralsupernumerar seinen Schiller. »Dann also auf die Feste Koburg?« meinte der Onkel Laurian. »O, das ist wahr! o, da soll es wunderhübsch sein, und da bekommt man auch einen guten Kaffee, wie ich gehört habe,« rief das Fräulein. »Auch nicht übel, hohe Klotilde, obgleich ich dir für diese Anmerkung deinen Namen nicht aus meinem Hesperus geschöpft habe. Aber es ist wahr, Herr Gutmann: der Kaffee ist gut dort oben, und nüchtern sind wir alle drei auch noch. Das Kind scheint mir nicht so ganz unrecht zu haben; also aufwärts! empor – empor zur Feste Koburg!« Der Jüngling schwang still jauchzend seinen Hut und reichte der jungen Dame den Arm. Der Onkel Laurian wußte den Weg und ging voran. O, du Feste Koburg! Der Mensch bringt seine Qual allmählich auf die höchsten Höhen; er bringt sie demnächst mit der Zahnradbahn auf die Jungfrau; aber Herr Gutmann junior führte die Jungfrau auf die Feste Koburg: das Glück hatte ihm den Arm geboten – nein, er hatte dem Glück, der Seligkeit den Arm geboten. O du glückselige, Seligkeit bringende Feste Koburg! – Die beiden Herren, der Kameralsupernumerar Gutmann ans H. und der Apotheker a. D. aus Wunsiedel, trugen beide ein schwarz-rot-goldenes Bändchen im Knopfloch. Man hatte ihnen das gestern abend am Bahnhofe mitgegeben als Erkennungszeichen für die nächsten Tage. Sie hätten ja sonst im Gewühl an sich vorbeilaufen können, ohne sich als deutsche Brüder zu erkennen! Klotilde Blume aus Wunsiedel (Wunsiedel!!) trug nur ihre blonden Haare und ihre blauen Augen, und der deutsche Bruder, der an ihr vorbeilief und sie nicht als entzückendste Stammesschwester erkannte, war ein Esel, welcher Partei er angehören mochte. Bei jedem Schritte aufwärts zur Feste Koburg wurde das dem jungen deutschen Bruder aus dem Norden klarer, und bei jedem Schritte aufwärts zur Feste Koburg zog er einen grimmigeren Überdruß aus der Vorstellung eines anderen deutschen Bruders, der auch einen Anspruch an die Verwandtschaft mit dieser Schwester, und sogar noch einen näheren als wie er, zu erheben wagen würde. Der geheimnisvolle junge Fremdling, mit dem der Huldin an seiner Seite in Koburg ein Vergnügen gemacht werden sollte, warf ihm einen wirklichen Schatten in den sonnigen Morgen. Daß er sich nach ihm nicht genauer erkundigen durfte, verstand sich ja leider augenblicklich nur zu sehr von selber. – Sie soll viel erlebt haben, die Feste Koburg. Luther soll da das Lied von der festen Burg gedichtet haben, Wallenstein soll sie belagert haben. Wenn Wilhelm Gutmann ein Poet gewesen wäre, so würde er an diesem Morgen hier auch was gesungen und was besungen haben; um aber etwas zu belagern, dazu brauchte er wahrhaftig kein großer Feldherr zu sein, sondern konnte ruhig ein kleiner Kameralsupernumerar bleiben, wenn natürlich auch mit der Aussicht auf Beförderung. O glückselige, wonneselige Feste Koburg! Der Onkel Laurian war doch ein Poet, und kannte den Jean Paul auswendig, und wußte Hausgelegenheit auf der Feste Koburg. Der Onkel Poltermann war an diesem Morgen, fünfhundertzwanzig Fuß hoch über der Stadt Koburg, der Zwiebelmarktgasse, dem Löwen, der herzoglichen Reitbahn und dem deutschen Nationalverein ein einziger wundervoller Streckvers. Selbst Klotilde, sein Lieblingspatchen, hatte ihn noch nie so »entzückend« gesehen, denn sonst »drehte er bei der Unterhaltung nur zu häufig die Daumen umeinander.« Er hob alles in ein ideales Licht: den Kaffee in der mittelalterlichen Burgschenke, und nachher alles Sehenswürdige der Burg selber: den Fürstenbau von außen, den Fürstenbau von innen, – den Waffensaal, den Gewehrsaal, das Rosettenzimmer, den Betsaal, das Reformationszimmer und das Hornzimmer. In der kleinen Schloßhalle erklärte er das Gallionbild des Christians des Achten und auf der Bärenbastei erklärte er sogar die – Tante Adele in Immelborn. Man hat von der Bärenbastei die schönste Aussicht über die Stadt und ins Thüringerland hinein; und der Onkel Laurian fragte dort: »Sie hat dir wohl das Leben arg sauer gemacht, mein armes Mätzle?« – Es sind dort drei Kanonen aufgefahren zur Zierde der Schanze. Die Luther- oder besser die Flacius-Illyricus-Kanone von 1570, und aus der Beute von 1814 der Sauvage und der Sanspareil. Fräulein Klotilde, an dem Sanspareil hockend, beantwortete die Frage lachend wie die lachende Landschaft rings umher: »Mir das Leben sauer gemacht? O gar nicht, Onkel Laurian!... Aber ich ihr! – Großer Gott, was hat sie alles an mir auszusetzen gehabt! Wenn ich nicht so ein schlechtes Herz hätte, könnte ich in meinem ganzen Leben ja gar nicht wieder ruhig werden. Ich begreife mich auch gar nicht, wie ich hier so vergnügt auf diesem Mordgeschütz sitzen kann. Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn eine an einer die Verderbnis der jetzigen neuen Zeit, so wie die Tante an mir, hat kennen lernen müssen! Onkel Poltermann, bei wem krieche ich unter, wenn unser lieber Herrgott nächstens Pech und Schwefel regnen läßt, weil alle so sind wie ich? Wer nimmt mich immer unter seinen Mantel? Onkel Laurian, du?« Wenn der Onkel vorhin wie ein Jean Paulscher Streckvers ausgesehen hatte, wie mußte Wilhelm Gutmann aussehen bei der Vorstellung, daß sich Wunsiedels unschuldigstes, süßestes Mädchen aus dem Schicksal von Sodom und Gomorrha unter seinen Mantel in Sicherheit bringe? Sechs Jean Paulsche Streckverse paarweis hintereinander gespannt, sechs flügelspreitende, funkensprühende, donnerhufige Dichtergottsrosse, trugen den jungen Mann nicht rascher in den siebenten, den achten Himmel empor, als wie eben – diese bloße Idee!... Die Flacianer Kanone, der Sanspareil und der Sauvage, die doch hoffentlich schon dabeigewesen waren, wo man was mit Pech und Schwefel und sonst dergleichen Liebenswürdigkeiten überschüttete, öfneten bei dieser Idee ihre Mäuler wie vor Wonne. Der Onkel Laurian lachte kopfschüttelnd gerührt, wie nur ein sehr guter Onkel bei solchen Gelegenheiten lachen kann. Klotilde erkannte das auch an. Sie faßte zärtlich seinen Arm, schmiegte sich an ihn und sagte: »Sie hatte auch ganz recht, die gute Tante. Und was mein ewiges dummes Lachen angeht, so ist das manchmal wirklich zu dumm.« »Nämlich, junger Herr,« sagte der Onkel Laurian, »Sie in unsere Wunsiedler Familienverhältnisse richtig einzuführen, würde sich wohl nicht lohnen an so schönem Morgen; aber darauf möchte ich doch aufmerksam machen, daß es zwar schwierig ist, das deutsche Volk zur Vernunft zu bringen, aber noch viel schwieriger, die Tante Adele in Immelborn. Und hier das liebe Lamm hat es im großen und ganzen fertig gebracht.« »Oh!« hauchte Herr Gutmann junior; Klotilde machte ein etwas sonderbares Gesicht; und leider – leider verabsäumte der Onkel, auf die Mutter Careys Küken, die über die reine Kinderstirn flitzten, wie es sich gehörte, zu achten. Harmlos fuhr er fort: »Ja, ja, Herr Gutmann, diese Blumen von Wunsiedel muß man genau kennen, wenn man psychologische Wunder erleben will. Gegen den Immelborner Drachen ist das Rösle hier der wahre Schutzgeist der Familie Blume in Wunsiedel; aber da ist auf der anderen Seite zum Exempel dieses Fräuleins Vater – auch eine nette Blume! und nun sage du mal, Kind, du als die einzige Verständige in der Familie, war es wohl recht von dir, so in der grauen Frühe mit dem unzurechnungsfähigen, kuratelbedürftigen Onkel Poltermann und diesem gänzlich unbekannten Herrn loszuziehen, die Freiheit auf der Feste Koburg zu suchen und den charakterlosen militärischen Greis da unten in der wüsten Großstadt Koburg ganz und gar seinem eigenen Ermessen zu überlassen?« Man kann aus einem Streckvers alles machen, nur nicht das Gesichtchen von Fräulein Klotilde Blume. Sie nahm ihre kosende Hand von der Schulter des Onkels. Sie trat einige Schritte zurück gegen die Kanone Le Sauvage hin. Sie hob das Näschen und sprach mit beleidigt zugespitztem Mündchen (wobei Gutmann der Jüngere heftig die Ohren spitzte): »Nun, der Papa hat ja seinen und der Mama ihren Herrn von –« Weiter kam sie nicht, und Herr Wilhelm Gutmann nicht auf die Kosten seines Horchens. Sie war ein Frauenzimmer, das die Tante Adele zum Besten der Familie untergekriegt hatte; sie schlug wieder den ganz richtigen Weg, die böse Welt zu bändigen, ein, sie sagte zu dem verblüfften Onkel Laurian: »Kommst du mit? Du hast vollkommen recht, bester Onkel, ich mache mir auch schon die bittersten Gewissensbisse und gehe auf der Stelle nach der Stadt hinunter, um nach dem armen Papa zu sehen.« Und nachdem sie der Flacius-Kanone noch einen richtigen Jagdhieb mit dem Sonnenschirmchen versetzt hatte, stieg sie nieder von der Bärenbastei und verließ die Feste Koburg mit derselben Energie, mit welcher sie die Tante Adele nach Immelborn gebracht hatte. Die beiden Herren, Begleiter, Beschützer überließ sie vollkommen ihren Gefühlen. Ihret – Fräulein Klotildes wegen konnten sie mit denselben ruhig bleiben, wo sie waren. Aber das sonnige Streckversgesicht des Onkels Poltermann verzerrte sich zu einer gedrückten Gummielastikumfratze. Er hatte sich vollkommen überschossen mit seinen schlechten Redensarten, und wie fest er auch auf einen Krug kühlen Aktienbiers am offenen Fenster der mittelalterlichen Burgschenkstube gerechnet haben mochte; es war nichts mehr damit! Jetzt sah er den verlegen den Sanspareil streichelnden Jüngling aus dem deutschen Norden an. »Das Wettermädle! Und welchen Ortssinn sie hat! Sie findet wahrhaftig den Weg allein zur Stadt!... – Und – und – eigentlich hatte sie recht. Sie hatte sich wahrhaftig doch schon genug von der Tante Adele gefallen lassen müssen, und – nun – kam – auch ich noch!« Kopfschüttelnd sah er einen Augenblick in die wonnige Herbstlandschaft, bis er plötzlich sich wendete und seinem Begleiter scharf den Daumen in die Magengrube bohrte: »Junger Herr und Vaterlandsgenosse! Zu einem ist dieses sehr nützlich. Merken Sie es sich: wenn Sie in den nächsten verhängnisvollen Tagen drunten in der herzoglichen Reitbahn auch den Drang fühlen sollten, irgend etwas zu reden, so mäßigen Sie sich! Reden Sie nie ein Wort zu viel, behalten Sie lieber alles, alles bei sich, als daß sie ein kleinstes Wort zu viel reden sollten! Sie haben es eben wieder gesehen, wie leicht selbst unsere Engel im irdischen Dasein verschnupft werden; wie leicht man durch ein Wort zu viel in des Teufels Küche kommen kann! Und nun lassen Sie uns uns auf die Beine machen, daß wir die Wetterhexe, mein herziges Prachtmädel, halben Wegs nach der Stadt noch einholen und ernsthaft mit ihr reden. Respekt muß sein: für tausend anzügliche Worte der guten Tante Adele darf der böse Onkel Poltermann doch wohl mal eines reden?« Zehntes Kapitel. So sind die Mädchen! Die Kleine war vollkommen im Recht: sie durfte nicht nur reizend-zornig, sie durfte einfach wütend werden, und sie tat es nicht. Schon als der kühle Schatten des Torbogens der Feste Koburg auf sie fiel, fiel es mit ihm ihr schwer aufs Herz, wie unverantwortlich ruchlos sie eben gehandelt, wie sehr sie sich an dem guten, guten, guten Onkel Laurian vergangen habe. Sie war dem Weinen nahe, aber hundertundfünfzig Schritte hielt sie es doch noch aus, ging weiter bergab und gab ihren besseren Gefühlen nicht nach. Aber oh, was hätte sie drum gegeben, wenn der Onkel Poltermann ihr nachgerufen hätte: »Aber Kind, so lauf doch nicht so! ... Aber Kind, bist du denn eigentlich toll geworden? was würde Wunsiedel dazu sagen, wenn ich ihm das von dir erzählte?« Und das Kind stand, wandte sich, kam dem Onkel Laurian mit offenen Armen entgegen, ohne sich im geringsten vor seinem jungen Begleiter zu zieren und rief halb schluchzend und halb lachend: »Ach Gott, Onkele, es war zu dumm; aber die Tante Adele hat mich doch auch ein bißchen zu nervös gemacht!« Daraufhin traten dem Onkel Poltermann die Tränen in die Augen, er drückte sein Goldherz an sich und wandte sich an den Kameralsupernumerar Gutmann mit den Worten: »Und wir haben sie nach Koburg kommen lassen, um ihr ein Vergnügen zu machen. Und was machen wir? Schlechte Witze machen wir.« – O wie weit war Herr Gutmann der Jüngere davon entfernt, in diesem Augenblicke einen Witz zu machen; einerlei, ob gut oder schlecht! Dazu schwamm er doch zu sehr in Gefühlen, in Licht, in Flimmer, in Farben, in Reise-Freiheit und Feste-Koburg-Stimmungen. Aber sagen mußte er was; und was sagte er? Selbstverständlich die erste beste Dummheit, die ihm auf die Zunge kam. »O Fräulein, müßte ich denn nicht eigentlich auch nach meinem Papa sehen? Wenn einer Gewissensbisse heute morgen haben müßte!... Ich sitze mit meinem Papa doch wahrscheinlich viel länger auf an allen möglichen und unmöglichen Orten als Sie! Und so auch gestern abend! Wer heute morgen ein schlechter Sohn gewesen ist, das bin ich! So ganz ohne Hilfe und Beaufsichtigung! Mein einziger Trost kann der nur sein, daß sie sich in der Zwiebelmarktgasse einander gegenüber wohnen, der Herr Major und mein Alter: so werden sie sich ja hoffentlich wohl auch von den Fenstern aus, beim ersten Luftschöpfen, aneinander gehalten und sich nachher gegenseitig aufeinander gestützt haben! ... Und dann ... dann ist ja ... wohl noch der – andere jüngere Herr –« Fräulein legte lachend Herrn Poltermann das Händchen auf die Schulter (sie klopfte ihn sogar drauf) und rief: »Onkele, wie hübsch könnten wir jetzt ohne meine Albernheit noch da oben sitzen, und nun sind wir schon wieder hier unten in der langweiligen Stadt, und was mich anbetrifft, so weiß ich jedenfalls wieder nicht, was ich mit der Zeit anfangen soll, ehe ihr euer neues deutsches Reich und Vaterland fertig habt. Es soll mich jetzt nur wundern, ob ihr auch allein – ohne mich zu Tische geht. Nun, das Geld für eine Semmel auf einer Bank am Wege habe ich ja wohl noch in der Tasche.« Wenn Rache süß ist, so wußte dieser kleine Dämon sie im Mündchen hin- und herzuwenden und zu genießen wie einen Bonbon. Das Gesicht des Onkels war so trostlos, daß es die wütendste indianische Rothaut zum Mitleid bewegt haben würde. Wunsiedels weißestes Lämmchen rührte es wenig. Herr Wilhelm Gutmann hätte es in der Tat gern gesehen, wenn jetzt die zwei verloren gegangenen oder vielmehr vergessen wordenen Väter sich angefunden hätten. Es war nun ungefähr elf Uhr, und die Zeit bis zur Table d'hôte im Löwen also noch lang. Sie wandelten, wie das nach dem entzückendsten Morgenspaziergang stets der Fall ist, etwas abgespannt, sonnenmüde, gähnerisch gestimmt nach der Zwiebelmarktgasse. Da standen sie noch einen Augenblick zusammen zwischen der Witwe Wellendorf und dem Schneider Daniel und wußten einander aber wenig zu sagen; bis natürlich wieder Klotilde das rechte Wort fand. »Gesegnete Mahlzeit, Herr Gutmann,« sagte sie. »Das war ein netter Morgen. Komm, Onkel Laurian.« Der Jüngling grüßte verlegen und linkisch und fand sich wirklich, ohne daß er eigentlich recht wußte, wie es zugegangen war, in der Zwiebelmarktgasse allein. Darin allein stehenzubleiben, war wohl nicht angebracht. Gar nicht gut gelaunt stieg er in sein deutschbrüderliches Gastquartier hinauf, warf sich auf das kühle Roßhaarsofa und hatte die Unverschämtheit, nunmehr Verlassene-Waisen-Gefühle herauf zu beschwören und seinen vernachlässigten Erzeuger für seine jetzige Mißstimmung verantwortlich zu machen. »Ob er mich wohl zum Essen abholt?« murmelte er vergrellt, aber dabei kam ihm ein lieblicheres Bild. O, ebenfalls nur das Geld für einen Wecken in der Tasche zu haben, denselben zu kaufen und Fräulein Klotilde Blume mit dem ihrigen auf einer Bank im herzoglichen Schloßgarten zu finden! O, die Vorstellung des Göttermahls! O, wie würde Lucullus nicht bei, sondern in Gesellschaft von Luculla gespeist haben! Wie hätte der Koburger Löwe mit allen seinen kulinarischen Herrlichkeiten vor solcher offenen Tafel den Schwanz zwischen die Beine ziehen dürfen! – Der Jüngling erhob sich seufzend, die zauberische Idee blieb, was sie war, eine zauberische Idee. Da er denn jetzt gar nichts weiter mit sich anzufangen wußte, war er so gut und hielt ein Versprechen. Er schrieb an – seine Mutter!... Er hatte das versprochen, er hielt sein Versprechen und die alte Frau sagte nachher, den Brief im Schoße: »Nein, so ein Goldherz! so treuherzig, so wahr! immer noch sein offenes Kinderherz! – – Ja, ja, verschiedene Söhne könnten sich an ihm und seinem Briefe ein gutes Beispiel nehmen.« Wir dürfen leider den Brief nicht in unser Manuskript einheften, (wir haben ihn vor uns liegen!) das Buch würde viel zu dick dadurch. Wir müssen uns mit einem Auszug begnügen, und freilich genügt auch der. Wilhelm meldete nach Hause, daß sie glücklich in Koburg angelangt seien, nach einer Reise, die durchaus nichts geboten habe, was den vernünftigen Menschen bewegen könne, von Hause abzureisen. Papa habe sogar bis Eisenach tatsächlich an Heimweh gelitten; von Eisenach an sei es, nach dem Mittagessen, etwas besser damit geworden. Vorzüglich habe auch die sehr lebendige politische Unterhaltung im Wagen viel zu seiner Auffrischung beigetragen. Daran habe er heftig teilgenommen und sei in Koburg angelangt mit der vollen Gewißheit, daß eigentlich jeder dort sein solle, um sein Wort bei der Neugestaltung des deutschen Volkes mitzureden. Daß in Koburg gerade in diesem Augenblick drüben, jenseits der Gasse, ein allerliebstes, kleines Händchen die Gardine zurechtzupfte und sich mit den Resedatöpfen im Fenster beschäftigte, schrieb er nicht nach Hause. Dagegen teilte er mit, daß sie in der Zwiebelmarktgasse beim Herrn Schneidermeister Daniel ein recht annehmbares Quartier gefunden hätten, und daß Papa schon am Abend ihrer Ankunft eine recht interessante Bekanntschaft an einem sehr würdigen militärischen Herrn, einem Major Blume aus Wunsiedel, gemacht habe, und mit demselben eben noch eifrig an den Vorarbeiten für die erste große Generalversammlung des deutschen Nationalvereins in der herzoglichen Reitbahn sich beteilige. Er, diesmal der gute Sohn, habe sich dagegen mehr an den Schwager des Herrn Major angeschlossen, einen fast noch würdigeren älteren deutschen Landsmann, namens Herr Poltermann. Dieser Herr Poltermann werde wahrscheinlich auch in der Politik der nächsten Jahre noch eine bedeutende Rolle spielen; aber das sei es freilich nicht allein, was ihn (Wilhelm) zu diesem Herrn hingezogen habe. Herr Poltermann sei nicht bloß Politiker wie der Herr Major, sondern er habe auch noch Interesse für vieles andere. Er habe ein Auge für Schönheit im Menschenleben, in der Natur und in der Kunst, und – in seiner interessanten Begleitung habe er (wieder Willi), diesen ganzen ersten, schönen Koburger Morgen durch, die eingehendsten Forschungen in den geschichtlichen und anderen Sammlungen der Feste Koburg angestellt. Dann seien sie aber etwas ermüdet zu Hause angelangt. Wenn nun der Papa von seiner Sitzung gleichfalls nach Hause komme, werde man wohl zu Tische gehen, im Löwen, dem besten und recht guten Gasthofe der Stadt. Und auch billig. – Damit grüßte das Goldherz, bat Mama, sich ja um nichts zu ängstigen, schob den treuherzig kindlich aufrichtigen Bericht ins Kuvert, leckte mit einem Seufzer und einem Blick nach den Fenstern der Witwe Wellendorf an die Briefmarke, schrieb ohne die geringsten Gewissensbisse die Adresse und sandte mit der Leistung den Lehrjungen des Meisters Daniel nach dem nächsten Briefkasten. Der Schlingel! – Er lag, mit den Händen unterm Kopf, seiner so wohl abgetanen Kindespflicht froh, in dem, was einige einen süßen Halbtraum, andere einen träumerischen Dusel nennen, auf dem Roßhaarsofa, als sich auf der Treppe ein etwas schwerfälliger Tritt und ein sehr schwermütiger Gesang: »Wir hatten gebauet Ein stattliches Haus –« vernehmen ließen. »Da ist der Alte,« murmelte der treffliche Sohn. »Und wie es scheint, recht vergnügt. Na, meinetwegen!« Die Tür wurde aufgerissen und in der Tat, fröhlichen, hochleuchtenden Antlitzes trat Vater Gutmann ein und sprach, ohne den geringsten Vorwurf in Miene und Stimme kundzugeben: »So? Bist du endlich wieder da, Junge? pietätloser Bursche! Na, wo hast du dich denn herumgetrieben, wenn man fragen darf?« »Die Sammlungen der Feste Koburg besehen.« » Solus ?« »N, n, nein; – mit Herrn Poltermann und – und Fräulein Blume, unserer kleinen Bekanntschaft von gestern!« »So?« sprach Vater Gutmann, seine Zustimmung nickend. Dann hielt er sich aber nicht länger in der ruhigen Kundgebung seiner Morgenerlebnisse. Er schwang den Hut, den Stock und das Sacktuch in die Luft und schrie: »Junge, wenn ich's heraus habe, was ich heute morgen für eine Bekanntschaft gemacht oder vielmehr erneuert habe, dann wird es dir leid tun, daß du doch nicht lieber bei mir geblieben bist! Rate, wen ich im Löwen wiedergefunden habe?« »Ja, zum Henker, wer kann deine Bekanntschaften alle kennen? Wenn ich bloß an Eisenach und die Frau –« »Dummes Zeug! Dieser fällt in ganz anderer Weise in deine Bekanntschaft mit! Ahnst du, wer mit meinem Freunde Blume und deinem Freunde Poltermann aus Wunsiedel gekommen ist, um unserer gemeinschaftlichen, wirklich allerliebsten kleinen Freundin hier in Koburg ein Vergnügen machen zu helfen? Weißt du, wer lieber im Löwen abgestiegen ist und nur heftigen Kopfwehs und großer Reiseabspannung wegen nicht mit bei Tische sein konnte?« Gutmann junior hatte längst beide Beine vom Roßhaarsofa herunter und beide Füße auf dem Boden und murrte gespannt, aber gar nicht freudig-erwartungsvoll zum Vater emporblickend: »Nun? Mach der Sache ein Ende! Welchen alten Mitsünder deiner besseren Tage hast du wieder aufgegabelt?« »Ihn!« rief Vater Gutmann. »Wie deine Mutter es vorgeahnt – es ahnungsvoll für möglich gehalten hatte: Ihn! ... unsern Pärnreuther! unsern Flüchtling vorm grausen Windischgrätz! unsern edlen Schleswig-Holstein-Kämpfer! unsern Alois! unsern guten, braven, heroischen, alten Jungen, unsern Alois von Pärnreuther aus Wien. Er ist inkognito hier, das heißt, er hat sich nicht in die Präsenzliste eintragen lassen; denn kriegen sie es zu Hause bei ihm gedruckt zu lesen, daß er hier gewesen ist, so hängen sie ihn diesmal nicht, aber sie prügeln ihn zu Tode, und sein Geschäft ist auch futsch!« Er hatte gestanden, jetzt saß er wieder. Er war vom Stuhle aufgesprungen. Mit einem Pinselstrich aus einem lachenden ein weinendes Kind oder umgekehrt, zu machen, ist kein Kunststück, obgleich es als solches durch die Anekdotenbücher geht: aber das Gesicht Wilhelms in diesem Momente zu malen, dazu hätte man Herkomer kommen lassen können, und wenn der nichts ausgerichtet hätte, Lenbach und Angeli und Gussow und wie sie heute sonst alle heißen mögen. »Pärnreuther! ... unser, unser Pärnreuther und Alois!« stammelte der Sohn erstaunt, während der Vater immerfort einen Tanz freudiger Aufregung um ihn her aufführte. »Ja, Pärnreuther! Unser Alois, unser Heros, unser Held! Deiner Mutter liebenswürdiger, mitleidswerter, lorbeergekrönter, hübscher, lockiger, vergnügter Heros! Junge, das glückliche Zusammentreffen mit ihrem Wiener armen Liebling wird alles bei ihr entschuldigen, was wir zwei jetzt noch in der Fremde ausfressen mögen, wenn – wir es in das rechte Licht stellen. Blumes in Wunsiedel sind ebenso entzückt von ihm, wie wir es vor zehn Jahren waren. Und was das reizende kleine Mädchen anbetrifft, nun, so hat der Major –« »Was hat der Major?« wollte Herr Wilhelm Gutmann losschreien, bezwang sich jedoch und stammelte nur: »Aber – wie kommt der Mensch – der Freund – euer Freund, Papa, denn nach Wunsiedel? Wie gerät er nach Wunsiedel und zu dem Herrn Major und – seiner – Familie?« »Aus demselben Grunde wie damals zu uns. Nein! gar nicht. Aus ganz entgegengesetztem! Damals trieb ihn der Krieg, die Revolution, der Windischgrätz. Jeden Morgen fragte ja deine Mama: Und diesen wahren Engel von jungen Menschen haben sie wie einen Hund am Strick in die Höhe ziehen wollen? Diesem richtigen Kindergemüt haben sie neun Gewehrkugeln in sein lustiges, unschuldiges Herz plazieren wollen? – Jetzt treibt ihn der Friede, und er treibt friedlich sein Geschäft. Seine Jurisprudenz hat er natürlich an den Nagel hängen müssen, nach seiner endlichen Begnadigung. Angestellt hätten sie ihn nicht, und so ist er jetzt Weinhändler. Du kennst den Esterhazykeller in Wien nicht; aber ich kenne ihn. Darin hat er, in einen Pelz vermummt, unterirdisch bei trübem Ampelschein seine heimatliche Existenz von neuem begründet und Süßen und Herben ohne Unterschied der politischen Richtung verschenkt. Bis sich die Gemüter vollkommen beruhigt hatten und er wieder mit seinem braven, lachenden Gesicht ins volle helle Tageslicht steigen konnte. Sein Schicksal hat ihn so auf seine jetzige Tätigkeit hingewiesen. Seine geschäftliche Verbindung mit den Grafen und Fürsten von Esterhazy hat sich erweitert. Er schenkt ihren Süßen und Herben nicht mehr schoppenweise, sondern ist Großhändler; – na, du wirst dich wundern: derselbe prächtige, ritterliche Kerl wie Anno Neunundvierzig-Fünfzig, nur in etwas anderer Fasson. Er freut sich sehr, dich, seinen kleinen Freund Willi, wieder ans Herz schließen zu können. Er ist ein Löwe, er wohnt hier im Löwen und er hat im Löwen für uns alle bereits Plätze belegt für die Table d'hôte. Wie er nach Wunsiedel gekommen ist, kannst du bei Tisch von der Familie Blume selbst hören. Die Mama Blume schwärmt jetzt gerade so für ihn im Jahre Sechzig, wie deine Mama im Jahre Fünfzig für ihn schwärmte. Ja, diese Wiener, diese unwiderstehlichen, deutschen österreichischen Brüder!« »Die Sache ist wundervoll!« rief Herr Gutmann der Jüngere. »Wann werden wir denn übrigens im Löwen zu Tische erwartet? Wenn ich auch kein Löwe bin, so habe ich doch einen Löwenhunger und könnte den ersten besten anfressen!« Elftes Kapitel. Der im Löwen Fräulein Klotilde eben zu Tische führte, als Vater und Sohn Gutmann in den Eßsaal traten, das war Herr Alois von Pärnreuther. Wer aber das Fräulein hinter der Stuhllehne stehen ließ und um den Tisch rannte und mit ausgestreckten Händen dem jüngeren Gutmann entgegen, das war auch Herr Alois von Pärnreuther. »Willi!« »Herr ... Sie ... du ... Herr von ... Oh!« Willi Gutmann hat schon verschiedene Male in diesen Reiseberichten mit offenem Munde gestanden. Jetzt stand er mit weitgeöffnetem da – beide Hände in den Händen des Ideals seines Lebens. Zweifelnd und doch mit aller Gewißheit erfüllt: er stand ihm wieder gegenüber, dem glänzenden, ritterlichen Vorbild seiner Kinder-, seiner Flegeljahre. Ja, er war es: der Wiener Legionär, der Barrikadenkämpfer – aus schwarzer Nacht, durch Blut und Tod zur goldenen Freiheit – »Alter Junge, wie freue ich mich, dich wieder zu sehen, dich an mein Herz zu drücken!« rief er, der freudige, der blondgelockte, der gerührte Heros von Neunundvierzig und Fünfzig und drückte den Kameralsupernumerar Gutmann aus H. an seinen – Bauch! – – Er war es! Gott sei Dank, aus den Schrecknissen jener Jahre, aus Nacht und Blut und Tod gerettet und dem äußern Anschein nach und dem von innen ausstrahlenden Behagen nach sehr gut gerettet! Und blondgelockt war er auch noch. Um eine glänzend heitere, weit nach dem Hinterkopf zu reichende Stirn legte sich ein lichter Kranz von gelben Löckchen. Und er trug einen hellen Rock und helle Hosen und helle Weste und eine blaue Krawatte. Kein anderer deutscher Volksgenosse in Koburg machte einen so freundlichen Eindruck, wie dieser österreichische Bruder. Etwas kurzatmig schien er zu sein; aber das konnte von der Aufregung, vom überströmenden Gefühl herrühren. – Willi Gutmann hing jetzt an seinen breiten Schultern. More germanico gaben sie sich mehr als einen unnötigen, feuchten Männerkuß. Sie klopften einander zärtlichst auf den Rücken und alles rundum, Vater Gutmann, Vater Blume, Onkel Poltermann und die ganze Tischgesellschaft im Löwen sah bewegt diesem Wiederfinden zu. Auch Fräulein Klotilde Blume, auf die Lehne ihres Stuhles gestützt, sah ihm zu. Erst als sie sich mit den übrigen, der Sache doch Fernerstehenden setzte, und die Teller und Löffel und Messer und Gabeln anfingen zu klappern, kamen sie zum Bewußtsein, wo sie sich befanden und daß sie der Tafelrunde ein zwar schönes, aber doch eigentlich zu wohlfeiles Schauspiel zum besten gaben. Sie setzten sich also auch. Herr von Pärnreuther trippelte um den Tisch zu seinem Stuhl an der Seite Klotildens. Major Blume und Onkel Laurian suchten ihren Platz an der nämlichen Seite. Vater Gutmann und Sohn fanden den ihrigen Wunsiedel gegenüber. Das Schicksal konnte dieses gar nicht besser einrichten, und daß es dem erregten Knaben den alten Lützower vom gestrigen Abend an die Seite schob, war ebenfalls sehr freundlich von ihm und geschah vielleicht nicht ohne Absicht. Jetzt erfuhr Wilhelm Gutmann, wie das Wort » Nullum vinum nisi Hungaricum « den Freiheitsritter von Achtundvierzig mit Wunsiedel, mit dem Apotheker Poltermann und durch den mit dem Major Blume, seiner Frau und seinen Kindern – Fräulein Klotilde eingeschlossen – in Verbindung gebracht hatte. Jean Paul Friedrich Richter hatte wenig damit zu schaffen; wenn je der Onkel Laurian dessen hohen, heitern Schatten beschwor, pflegte seine Schwester, die Frau Majorin, gewöhnlich zu rufen: »Weißt du was, Laurian? Drehe lieber deine Daumen! Mit Sentimentalitäten wollen wir uns jetzt nicht langweilen; der Herr von Pärnreuther mit seinen Wiener Geschichten ist mir zehntausendmal amüsanter als dein ewiger Jean Paul. Der hat ja sein Teil von Ehre und seine Büste neben der Kirche hier; also laß uns endlich mit ihm in Ruhe. Erzählen Sie weiter, liebster Herr von Pärnreuther – Sie sind himmlisch, und unsereinem doch nicht gar zu hoch! Klotilde, ist er nicht zum Totlachen?« Gar zu hoch war Herr Alois von Pärnreuther keinem, und ein herzensguter, braver, vergnüglicher Kerl war er, das stimmte ausnehmend, und erwies sich auch im Löwen zu Koburg über Tische so. Er tat sein möglichstes, auch in Koburg alle zum Sich-totlachen zu bringen; aber was seinen Freund Willi anbetraf, so gelang es ihm damit gar nicht. Der erinnerte sich nicht, jemals ungemütlicher zu Mittage gegessen zu haben, als wie heute. Und daran war Fräulein Klotilde Blume schuld. Denn die tat fremd in einer Weise, die wirklich zu Boden drücken mußte. Wo war der blaue Himmel, die Morgenfrische, die Sonne von der Feste Koburg, wo war die Hoffnung auf einen Tag, um den die Götter zwei junge Menschen beneiden durften, geblieben? Es fehlte gar nicht viel, daß Fräulein Blume Herrn Kameralsupernumerar Gutmann sich noch einmal von ihrem Papa, jetzt erst formell, hätte vorstellen lassen. Jetzt saß sie ja nun in dem vollen Vergnügen, was ihr für ihre Tugend in Koburg versprochen worden war, aber es schien ihr gar kein Vergnügen zu machen. Rundum guckte man nach dem hübschen Mädchen, und sie wußte das und durfte dreist ihr weiblich Behagen dran haben; aber sie saß so ernst, so aufrecht, so steif, daß nur die Tante Adele in dieser Hinsicht aufrichtig hätte sagen dürfen: »Kind, so gefällst du mir! so schickt es sich! Gottlob, meine Ermahnungen scheinen doch endlich angeschlagen zu haben!« – Natürlich war an diesem Mittage im Speisesaale des Löwen trotz aller deutschen Eß- und Trink-Heiterkeit die Unterhaltung politisch. Und das war noch der einzige Trost Willis. Schon platzten Anschauungen, Parteistellungen, Grundsätze, Stammeseigentümlichkeiten im bösen und im guten Sinne aufeinander ein. Noch klangen beruhigend die Gläser dazwischen; aber auch schrillere Töne mischten sich bereits ein, und auf diese richtete sich die Aufmerksamkeit des jungen Norddeutschen mit Vorliebe. Dieses lenkte ihn noch am ersten ab von der ein Viertel verliebten, ein Viertel freundschaftlichen und zwei Viertel verdrossenen Beobachtung seines Gegenübers. Man war bei den Krachmandeln angekommen und Alois schlug eben Klotilden vor, ein Vielliebchen mit ihm zu essen, als die Worte Großdeutsch und Kleindeutsch wie Blitze über die Tafel fuhren und erhöhter Gesprächsdonner ihnen nachrollte. Herr Alois von Pärnreuther ließ die hübsche Herausforderung noch. »Einen Augenblick, Fräulein Klotilde!« rief er zärtlich, füllte sein Glas, hob es dem Vater Gutmann, hob es dem Sohn Gutmann zu und rief fast noch zärtlicher: »Großdeutschland in alle Ewigkeit! Durch Nacht und Blut zur goldenen Freiheit: ein Herz, ein Volk, ein Land! O mein greiser Wohltäter, Erretter, Beschützer! O Willi, mein lieber, alter kleiner Willi, deine Mutter soll leben, und Großdeutschland daneben – Klotilde – Onkel Laurian, mein bester Herr Major, Großdeutschland für immer! Teure Klotilde, unsere Mama in Wunsiedel natürlich auch eingeschlossen in das eine, treue, deutsche Herz!« Dagegen ließ sich unter den uns besonders ans treue deutsche Herz gewachsenen Leuten der Wirtstafel im Löwen nichts machen; obgleich Vater und Sohn Gutmann gerade nicht nach Koburg gereist waren, um auf Großdeutschland ein Hoch auszubringen. Die Gläser von hüben und drüben klangen melodisch zusammen, und als Willi sich wieder setzte, flüsterte ihm sein Nachbar, der alte Lützower Reiter, Pastor Rodth, zu: »Sagen Sie mir um Gottes willen, wer ist denn dieser treffliche, entzückte, dicke – junge Herr drüben?« Der Kameralsupernumerar setzte es ihm so kurz und so gut als möglich auseinander, worauf der tapfere Greis kopfschüttelnd lächelte: »Hm, hm, hm! ei, ei, ei! nun, nun, nun, da will ich nur wünschen, daß dieser wirklich prächtige, dieser liebe Herr aus Österreich seine jetzigen Gefühle für uns alle hier auch dann festhält, wenn die Verhandlungen der nächsten Tage nicht ganz seinen eben geäußerten idealen Anschauungen entsprechen sollten. Hoffentlich geht er nach Schluß dieser ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins nur etwas enttäuscht und nicht ganz und gar wütend nach Hause.« Willi Gutmann murmelte, er hoffe etwas Ähnliches; wenn er aber den alten Freiheitskämpfer an seiner Seite gestern abend schon gern gehabt hatte, so schloß er ihn von seiner jetzigen Anmerkung an völlig ins Herz. Warum? – Nun, nun, nun! ei, ei, ei! hm, hm, hm! – »Sie gehen doch mit nach dem Schützenhause, meine Herren?« fragte Major Blume über den Tisch. »Ganz Koburg wird da sein, um seine jetzigen Gäste sich etwas genauer zu besehen. Sehr hübsche Mädchen in Koburg, Herr Supernumerar. Aber alle unterm Schutz von Mama oder Tante; also etwas Vorsicht, junger Herr!« »Und vor allem keine Politik im Schützenhause!« rief der Onkel Poltermann. »Mag heute abend in der Vorversammlung der Sturm losbrechen, mag er morgen tosen – heute Nachmittag noch Friede, Kaffee, Kuchen und Konzertmusik auf vollkommen neutralem Grund und Boden!« »Natürlich!« lachte Vater Gutmann. »Mein Junge und ich werden doch wohl keinen unnötigen Krakeel anfangen?« Darauf wünschten sie sich allesamt eine gesegnete Mahlzeit. Herr Alois von Pärnreuther und der Onkel Laurian geleiteten Fräulein Klotilde nach der Zwiebelmarktgasse. Gutmann senior und Major Blume setzten sich im Löwen zu einer Partie Schach hin, und Gutmann junior fand auch an diesem Ort ein schwarzes Roßhaarsofa, auf welches er sich mit dem Fränkischen Kurier legte. Bis fünf Uhr nachmittags hatte er Zeit, hinter dem Blatt seine Gefühle für das Koburger Schützenhaus zu ordnen. Zwölftes Kapitel. »Die dritte Stunde Nachmittags, Das ist die müde Stunde« singt mein lieber alter Freund J. G. Fischer in Stuttgart und hat vollkommen recht. Die dritte Stunde Nachmittags ist die müde Stunde, auf jedem Arbeitsfelde, in jeder Schule und Schreibstube und nach jeder Table d'hôte. Herr Wilhelm Gutmann versank hinter seiner Zeitung in einen immer müdern Mißmut. Das Blatt setzte, seinem Parteistandpunkt gemäß, die größten Hoffnungen in diese Zusammenkunft der besten Männer Deutschlands: Herrn von Pärnreuthers Willi gar keine mehr. Seit sich die Tür des Speisesaals hinter dem Herrn von Pärnreuther und Fräulein Klotilde geschlossen hatte, machte ihm wenigstens die ganze Geschichte nur noch wenig Vergnügen. Der junge, lockenumflatterte Held von Achtundvierzig, Neunundvierzig und Fünfzig war der Traum seiner Nächte gewesen; der gemütliche Wiener Weinhändler von heute war noch sein Freund, der Freund seines Vaters und seiner Mutter; aber – war er, Supernumerar Gutmann, eigentlich deshalb nach Koburg geraten, um ihm – diesem kahl, dick und fast allzu gemütlich gewordenen Ideal und seiner möglichen, ja wahrscheinlichen ehelichen Nachkommenschaft das neue deutsche Reichshaus aufbauen und ausmöblieren zu helfen? In Anbetracht des andern, jüngeren entzückenden Morgen-Jugendtraumes auf der Feste Koburg eigentlich etwas zu viel verlangt! Was konnte es denn ihm, Willi Gutmann, dem voraussichtlichen ewigen Junggesellen und geschworenen Hagestolzen, am eigenen egoistischen Wohlbehagen viel abbrechen, wenn auch im neuen Hause die Öfen rauchten, die Fenster und Türen nicht schlossen und die Mietsherrn, Landes- und Hausväter aller Sorten: Fürsten, Herzoge, Großherzoge, Könige, ja, und vielleicht auch – Seine Majestät der deutsche Kaiser jede Gelegenheit, die Mieter zu steigern, am Schopfe faßten, dagegen aber auf Verbesserungen, Neu-Tapezieren und dergleichen nie oder nur sehr selten sich einließen? Ihm, immer Willi Gutmann, blieb doch unter allen Umständen stets als letzte Rettung das Räsonnieren in der Kneipe, und wenn es ja zum allerschlimmsten kam, konnte er ja ganz ausziehen und ging nach Amerika, der freien Schweiz, zu Louis Napoleon oder sonst irgendwohin ins Kosmopolitische, ins Weltbürgerliche, ins: Ubi bene, ibi patria ! – Um diese müde Stunde des Nachmittags am dritten September Achtzehnhundertundsechzig, so gegen vier Uhr hin, ging ihm auch dieser letzte nichtsnutzige Trost aus, und es blieb ihm nichts übrig, als die Gewißheit, daß es bodenlos langweilig in Koburg sei, und nicht nur in Koburg, sondern in der ganzen weiten Welt überhaupt. Der fränkische Kurier entglitt seiner Hand, er griff noch einmal mechanisch auf den Lesetisch und faßte den Nürnberger Anzeiger. Er hatte nicht die Absicht ihn zu lesen; aber nachdem er einen Blick hineingeworfen hatte, überflog er doch eine Seite, sah nach dem Redakteur, richtete sich noch einmal auf und stöhnte: »Meier heißt der Mann. Das ist ja ein Hauptkerl! Donnerwetter, Gutmann, der Mann versteht es, seinem deutschen Gemüte Luft zu machen. Wilhelm, wenn hier in Koburg das mit dem Vergnügen so weiter geht, dann gehst du deinem Vater und der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins durch und nach Nürnberg zu Meier. Du suchst Meiers Bekanntschaft zu machen und womöglich seine Freundschaft zu gewinnen. O du meine Güte, wie versteht es dieser Mensch, seine Mitmenschen zu ärgern! ... Puh, der Onkel Poltermann mit seinem albernen Jean Paul! Wunsiedel – Liane – der hohe Albano – Pärnreuther – Klotilde – Katzenbergers Badereise – Gutmanns Reisen – o Fräulein – Fräulein Klotilde Blume!« ... Um halb fünf vernahm er über sich so was wie seines Vaters Stimme: »Das Kind schläft wahrhaftig wie ein unschuldiger Engel.« Und dazu das Wort des Majors Blume: »Na, dann wecken Sie Ihren Engel nur. Es wird allmählich Zeit fürs Schießhaus. Meine Gesellschaft wird wahrscheinlich schon längst dasitzen und mit Sehnsucht nach uns ausgucken.« – Richtig waren sie schon da im Schießhause, Herr von Pärnreuther, Fräulein Klotilde und Onkel Laurian, und die beiden Herren winkten fröhlich; während Fräulein Klotilde doch noch nicht ganz dreinsah, als ob sie nunmehr zufrieden mit dem ihr in Koburg gewährleisteten Vergnügen sei. Aber Herr Wilhelm Gutmann, der konnte jetzt sein volles Vergnügen haben: so viele hübsche Mädchen hatte er selten auf einem Flecke beisammen gesehen! Hunderte, um nicht noch ärger zu lügen, Tausende von lieblichen Koburgerinnen machten der einen ja auch ganz niedlichen Wunsiedlerin bitterböse Konkurrenz. Sie waren alle gekommen mit ihren Nähzeugen und Strickzeugen und Häkelzeugen und mit Papa und Mama und Onkel und Tante, um sich im Schießhause, oder vornehmer Café Moulin, die merkwürdigen Menschen anzusehen, die aus aller deutschen Herren Ländern zugereist waren und sich gerade ihre harmlose Stadt ausgesucht hatten, um daselbst wer weiß was für politischen Unfug anzustiften und ihre guten Landesväter und Landesmütter durch höchst unkindliches unheimliches Kopfzusammenstecken zu beunruhigen und zu ärgern. Sie erkannten diese ruchlosen Fremden an den schon erwähnten schwarz-rot-goldenen Bändern in den Knopflöchern: an ihrer jetzigen gesellschaftlichen Aufführung im Café Moulin würden sie sie sonst wohl nicht erkannt haben, denn die war gut, tadellos. Aber was geht es uns an, was die Koburger und Koburgerinnen zu von Bennigsen, zu Metz, zu Fries, zu Brater, zu Crämer, zu Schulze-Delitzsch, zu von Unruh und von Rochau und so weiter sagten? Uns genügt es, daß die jungen, hübschen Koburgerinnen unsern Willi Gutmann für den nettesten unter all den fremden Verschwörern erklärten, wo er sich zwischen ihren Stühlen und Kaffeetischen durchklemmen mochte. Wie ein Telegraph ältern Datums winkte Herr Alois aus der Ferne mit Händen und Armen. Er hatte Plätze belegt. Er hatte für die beim Vergnügen noch Fehlenden drei Stühle umgekippt. Vater Gutmann machte Bahn bis zu ihm hin, ununterbrochen zurücktelegraphierend: »Wir kommen ja schon!« Dabei aber trat er einem schwärzlich aussehenden Herrn auf die Krähenaugen und bat um Verzeihung, nachdem er zu seinem Erstaunen das Wort mille grazie! vernommen hatte. »Lignana,« lächelte der südliche Herr mit schmerzhaft verzogenen Zügen. »Professor Lignana aus Bologna, Abgeordneter des italienischen Parlaments, Mitglied des italienischen Nationalvereins.« »Kaufmann Gutmann aus H.«, erwiderte Vater Gutmann. »Nun guck einer diese Italiener! sind sie uns schon wieder diesen Schritt in der Weltgeschichte voraus! ... Herr Professor, es ist mir eine große Ehre –« Der höfliche Welsche, der noch immer seinen Schmerz zu verbeißen hatte, lächelte zu der deutschen Höflichkeitsredensart und verschwand im Gewühl, nachdem er noch viel freundlicher gelächelt hatte nach einem Blick Fräulein Klotilde Blumes. Das Blondinchen gefiel jedem, der es zum erstenmal erblickte, und Herrn Willi Gutmann, der es doch jetzt schon öfters gesehen hatte, gefiel es so sehr von neuem, daß seinetwegen auch die allerschönste Koburgerin Strickzeug, Nähzeug und Häkelzeug hätte zusammenpacken, nach Hause gehen und – den Weingroßhändler Herrn Alois von Pärnreuther aus Wien ruhig mitnehmen dürfen. Es war eigentlich unschicklich, wie zudringlich sich der letztere Herr an sie – nicht die allerschönste Koburgerin, sondern an Fräulein Klotilde drängte und vor allen Leuten, als ob sie allein nur in der Welt und im Café Moulin vorhanden seien! »Na, denn nur zu! laß sie das Vergnügen hinnehmen, was sie ihr in Koburg versprochen haben,« seufzte Willi Gutmann. »Fahr hin, schöner Traum!« seufzte er nicht; denn soweit war es doch eigentlich noch nicht mit ihm und er mit ihr, der kleinen Wunsiedler Schönen, die zwar das reizendste Stück Mitteldeutschlands in ihrem Persönchen zur Geltung brachte, aber das Gesamtvaterland doch noch nicht. Der Politik wegen war er, Willi, in Koburg und nicht des Verliebens wegen. Die getrennten Stämme in einem Zärtlichkeitsbunde zusammenschließen zu helfen: dazu hatte er sich mit seinem Vater auf die Reise gemacht. Diesen Zweck seines Daseins in Koburg wenigstens so lange als möglich im Auge zu behalten, war anständig, schickte sich und gebührte sich. Daß er dabei nicht einen einzigen Augenblick den Bruder, Freund aus dem Süden, sein Kindheitsideal, Herrn Alois von Pärnreuther aus den Augen lassen konnte, dafür – konnte er nichts. Daß er ihn ein paarmal im Laufe des Nachmittags beinahe giftig ins Auge faßte, dafür konnte er auch nichts: aber hübsch war es nicht. – Die älteren Herren waren sehr vergnügt und kümmerten sich wenig um die Jugend. Je mehr schwarz-rot-gold-bebänderte Scharen sich in den Saal wälzten, desto häufiger wurden die gegenseitigen Vorstellungen, das Blicketauschen, das Händeschütteln. Was sich bis jetzt nur von Hörensagen und aus den Zeitungen gekannt hatte, das sah sich jetzt Auge in Auge und reichte Anschauung zu Anschauung, Herz zum Herzen über den Tisch. Auch der mißtrauischste, ärgerlichste deutsche Landesvater hätte sich sagen müssen, daß die meisten, ja eigentlich alle diese Patrioten und Staatsmänner aus seinen und seiner Herren Gevettern Liebden Ländern der äußern Erscheinung nach gar nicht solche Untiere waren, wie sie in dem unter des durchlauchtigsten deutschen Bundes schützenden Privilegien Anno 1815 herausgekommenen Handbuch der politischen Zoologie abgebildet und beschrieben standen. Daß sehr viele gar nicht unintelligent, manche sogar recht geistreich und energisch drein blickten, konnte zwar einiges Bedenken erregen, wer sich aber die vielen Verheirateten ansah, der mußte gestehen, daß sie jedenfalls ebenso gebändigt-friedlich, so zutunlich-nachgiebig aussahen, wie die patriarchalischsten Landesväter, die auch eine Frau hatten und Familie, und auch wußten, was das bedeutete. Vorausgesetzt, daß sie mit ihren Anschauungen über die ehelichen Verhältnisse nicht im Siècle Louis Quinze stecken geblieben waren! – Da Gutmann der Jüngere unter bewandten Umständen seine Aufmerksamkeit so viel wie möglich von Fräulein Klotilde und seinem Jünglingsideal Herrn Alois von Pärnreuther abzuwenden suchte, so vernahm er mehr, als sonst wohl der Fall gewesen sein würde, was die Koburger und die Koburgerinnen zu ihren heutigen Gästen in ihrem Schießhause sagten. Eben sagte eine von den letzteren: »Ja, aber den habe ich mir ganz anders vorgestellt.« Worauf einer von den ersteren erwiderte: »Natürlich! aus den Zeitungen und ihren abgedruckten Reden drin kann man sich nie den richtigen Begriff von solchen großen Männern machen. Da kommt einer in der Wirklichkeit ganz dünn heraus, den seinen Worten nach die Einbildungskraft einem wie einen Elefanten in die Weltgeschichte hineinmalt. Und umgekehrt.« »Nun,« meinte auf der andern Seite ein sehr behaglicher, wohlbeleibter Thüringer, »unser Herzog weiß doch auch wohl, was er tut, und wie weit er hierin gehen kann! Er würde ganz gewiß nicht dieses alles hier im Café Moulin und nachher in seinem eigenen Reithause zugegeben haben, wenn er nicht ganz genau wüßte, daß kein allgemeiner Schaden daraus entsteht. Der Herr aus Hannover« (es war Herr Rudolf von Bennigsen gemeint) »soll sogar bei Seiner Hoheit zur Tafel gewesen sein, um für diese Versammlung um die polizeiliche Erlaubnis zu bitten. Und die Feste Koburg wird allen gratis gezeigt: wie wäre das möglich, wenn alle diese fremden Herren mit bösen Hintergedanken hierher gekommen wären? Ne, Nachbar, da dürfen wir unsere Begeisterung fürs große, allgemeine deutsche Vaterland dreist mit betätigen.« In vollem Entzücken wollte eben Kameralsupernumerar Gutmann um die geneigte Bekanntschaft dieses allgemeinen deutschen Mitbürgers bitten, als plötzlich über den Kaffeetisch seiner eigenen Gesellschaft ein Blick und Ton zu ihm herüberdrangen, die ihn allem übrigen Interesse vollständig entfremdeten. Aus der anscheinend lebhaftesten Unterhaltung mit Herrn Alois fragte plötzlich Fräulein Klotilde, ihre Tasse an den süßen Lippen: »Wenn ich fragen darf, Herr Gutmann, was haben Sie sich denn weiter für den Abend vorgenommen?« Das Wort war so verblüffend, so weiblich-souverän verfügend an den jungen nach Koburg zur Neugestaltung des deutschen Volksverbandes Zugereisten gerichtet, daß er wirklich nicht wußte, was dem jungen, boshaft verführerischen deutschen Weibe drauf zu erwidern war. Es war der Jungfrau Vater, der ihm – doch auch wieder zur Erhöhung seiner Unbehaglichkeit – zu Hülfe kam, indem er schnarrte: »Na, da sind wir ja wohl alle in dem Herzoglichen Reithause zur Vorversammlung beisammen? Der junge Herr wird sich selbstverständlich nicht ausschließen, Kind. Frauenzimmer sind natürlich überflüssig dabei.« »Natürlich,« sagte Vater Gutmann in der vollen Sicherheit, seine Frau in ziemlicher Entfernung sehr gut aufgehoben zu wissen. »Leider, Klotilde!« seufzte Onkel Laurian, und Fräulein Klotilde flötete: »Und Sie, Herr von Pärnreuther?« »Ich – ich – stelle – mich ganz dem gnädigen Fräulein zur Verfügung,« stotterte der höfliche Wiener, und ehe ihn Willi Gutmann erdrosseln, und ehe er sein Wort zurücknehmen konnte, setzte Vater Blume seiner väterlichen Rücksichtslosigkeit die Krone auf, indem er rief: »Das wollen Sie besorgen, Pärnreuther? Hören Sie, da nehmen Sie mir aber wirklich eine große Last vom Herzen. Eigentlich hatte ich das ja dem Kinde versprochen zur Belohnung für ihre Familienaufopferung. Ich habe es dem Mädel versprochen, ihr in Koburg ein Vergnügen zu machen, aber sie im Tumult der größern Zwecke gestern abend schon leider mehr als billig aus den Augen verloren. Eigentlich haben wir eine Dummheit gemacht, daß wir das arme Geschöpf hierher zitiert haben. Nun liegt sie uns auf dem Halse! Pärnreuther, wollen Sie wirklich Ihre österreichischen Volksinteressen hier der Kleinen wegen hintenansetzen? Vielleicht nimmt auch dieser junge norddeutsche Herr Ihr Teil Politik –« »Kleindeutsch bis ins Herz! Preußische Spitze bis zum Exzeß!« brummte Willi Gutmann, wurde aber völlig überhört, und Vater Blume war in seiner väterlichen Besorgnis, Fürsorglichkeit und Ratlosigkeit auch schon weiter gerasselt: »Also, lieber Herr Alois, Sie nehmen sich ihrer an; Sie suchen sie während der heutigen Vorversammlung und der folgenden Versammlungen so gut als möglich zu unterhalten. Bei Tische sehen wir uns ja jedenfalls immer, und abends geht sie punkt zehn Uhr zu Bette, und so können Sie ja noch immer dann mit uns vergnügt zusammentreffen. Wir verabreden das noch, nicht wahr, Poltermann?« Der Onkel Laurian hatte das so völlig in Koburg überflüssige Mägdelein an sich gezogen, klopfte ihm zärtlich beruhigend auf die Hand und flüsterte: »Sei nur still, so wird die Geschichte noch nicht. Es ist ja eine wahre Schändlichkeit. Na, so ein Ungeheuer von Vater!« Wilhelm Gutmann aber begriff die junge Dame durchaus nicht mehr. Er hatte sie kennen gelernt als eine, die nicht nur das Herz, sondern auch die Zunge auf dem rechten Flecke hatte, die nicht nur der Tante Adele in Immelborn, sondern auch der ganzen übrigen Familie in Wunsiedel in Ansichten, Wünschen und Vornehmungen die Stange zu halten wußte. Und nun – saß sie da wie ein krankes Hühnchen, ließ das Köpfchen auf die Schulter sinken und lispelte melancholisch-demütig-ergeben: »Ja, wenn aber Herr von Pärnreuther so gütig sein wollte: was könnte er heute abend mit mir in Koburg anfangen?« »Ah, oh!« ächzte Herr Gutmann junior in der Tiefe seiner Seele; aber der Major, der sich immer noch ihren Vater nannte, wußte auch hier schon Rat: »Wenn Sie das Mädel ins Theater führten?« »Mit dem unendlichsten Vergnügen,« stotterte der Wiener, schien aber doch hoffnungsvoll aufzuhorchen, als der Onkel Poltermann mürrisch bemerkte: »Hier in Koburg wird nur am Sonntag, Dienstag und Donnerstag Komödie gespielt. Heute schreiben wir aber Montag.« »Entschuldigen Sie, lieber Herr,« mischte sich glücklicherweise vom nächsten Tisch aus eine sehr freundliche ältere Koburgerin ein, »da kennen Sie aber Seine Hoheit schlecht, wenn wir so liebe Gäste bei uns haben. Seine Hoheit haben die Gothaer für alle die Tage, welche die fremden Herren bei uns sind, hierher geschickt, um den fremden Herren wenigstens doch ein Vergnügen bei ihren schweren Geschäften offen zu halten.« »Das finde ich großartig von dem Herzog Ernst!« rief Gutmann der Vater mit dem heftigsten Nachdruck, und – großartig fand es Gutmann der Sohn ebenfalls von dem Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, daß auch der jetzt in seine Gefühle greife, indem er dem Jugendideale, diesem dicken Wiener Weingroßhändler so wunderholde Gelegenheit gebe, den bessern Teil des Daseins am hiesigen Platze bequem aus dem Schoße des Glücks wegzunehmen. Er machte wirklich einen schwächlichen Versuch, sich als Begleiter ins Theater anzubieten: »Und wer nimmt sich meiner an, wenn mir in dieser ungewohnten Fremde mitten in der Nacht was passieren sollte?« fragte ihn sein Vater. »Junge, bedenke, dies ist seit einem Menschenalter wieder mein erster noch mal völlig unflügger Ausflug in die mir gänzlich unbekannt gewordene bosheitträchtige, unheilschwangere, gefahrvolle Welt! Bitt' ich dich!« Daß er, der bängliche Greis ja den Major Blume zur Stütze und zum Tröste hatte, fiel dem Knaben, wie immer, erst nachher und zu spät ein. Es blieb dabei, er, Herr Willi Gutmann, begleitete seinen Vater, den Major Blume und den Onkel Poltermann zur Vorversammlung der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins in das herzogliche Reithaus; Herr Alois von Pärnreuther begleitete Fräulein Klotilde Blume ins Theater. Hier ist nun einmal wieder ein Beispiel davon, wie der Mensch ist: Herr Gutmann junior war am dritten September Achtzehnhundertundsechzig nicht im herzoglichen Hoftheater in Koburg; aber er haßte diese Kunstanstalt sein ganzes Leben durch, sprach schlecht von ihr und würde schlecht von ihr geschrieben haben, wenn sich je zu letzterer Ruchlosigkeit die Gelegenheit geboten hätte. Mit dem Gesicht über der Schulter ließ sich der Jüngling von den zwei Greisen, seinem eigenen Vater und dem des Fräuleins Klotilde fortziehen, dem herzoglichen Reithause zu. Der Onkel Poltermann folgte und schien jeden Fluchtversuch unmöglich machen zu wollen. Jetzt schoben, drängen, wühlten sie sich in die festlich geschmückte weite Halle. Jetzt klemmten sie sich zwischen Bänken und Menschenknieen durch; jetzt hatten sie ebenfalls Plätze gefunden, jetzt saßen sie, und jetzt fand es sich, daß der Onkel Laurian nicht seinem jungen Freunde von der Feste Koburg den Fluchtweg hatte versperren wollen; er hatte ihn nur sich selber offen zu halten gewünscht. »Wo ist denn Poltermann?« fragte erstaunt der Schwager, Major Blume, sich nach ihm umsehend. Ja, wo war der? Dünne hatte er sich gemacht, eines Bessern hatte er sich besonnen: ohne ein Wort zu sagen, hatte er verstohlen das Wohl des Vaterlandes für diesen Abend allen beliebigen andern anvertraut und sich wieder aus der Halle herausgeschlichen. Weg war er – seinem Liebling und Herrn von Pärnreuther war er doch lieber noch nachgelaufen ins Theater. Dreizehntes Kapitel. »Meine Herren! der Ausschuß des deutschen Nationalvereins hat sich verpflichtet gefühlt, bevor das erste Jahr des Bestehens des Vereins abgelaufen, eine Generalversammlung einzuberufen,« sagte Herr Rittergutsbesitzer von Bennigsen aus Hannover. »Zwar bemühen sich die Gegner abwechselnd, wie es ihnen paßt, den Verein als eine Sammlung unpraktischer Ideologen und Doktrinäre oder verkappter Revolutionäre hinzustellen; aber die Aufmerksamkeit, welche die Gegner ihm schenken, die Schwierigkeit, die sie gefunden haben, ihn in seiner Stellung und Fortbildung anzugreifen und zu unterdrücken, lehren deutlich, daß eine neue bedeutungsvolle und einflußreiche Tatsache im öffentlichen Leben Deutschlands erschienen ist. Meine Herren! Vaterlandsliebe und das Erkennen der Fehler der alten politischen Parteien werden uns den rechten Weg leiten, daß wir in unseren Verhandlungen und Beschlüssen alles nicht Wesentliche zurückdrängen, daß wir ferner selbst mit Aufopferung der Ideale einer früheren politischen Bewegung und mit Verzichtleistung auf die sofortige und vollständige Erfüllung unserer Hoffnungen, das Streben darauf richten, den festen Grund und Anfang einer nationalen Entwickelung zu legen unter ruhiger Würdigung der vorhandenen Tatsachen und der Zusammenfassung der vorhandenen Kräfte des deutschen Volkes. Die Liebe zum Vaterlande und die in ihr wurzelnde Begeisterung, die feste Zuversicht, im Laufe der Zeit große Ziele zu erreichen, werden uns die Kraft geben, entschlossen und unerschüttert unsere Aufgaben zu verfolgen und endlich alle Hindernisse zu überwinden, welche die Zerrüttung unseres Vaterlandes durch die Kämpfe der alten Parteien und die Macht und Anfeindung unserer Gegner uns entgegenstellen. Mit diesen Worten der Begrüßung an Sie, meine Herren, erkläre ich die erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins für eröffnet.« »Das hat Hand und Fuß,« sagte Vater Gutmann. – »Bravo!« rief Vater Blume. – »Ja, du! wie du hier so ruhig sitzen kannst, begreife ich nicht,« seufzte in der Tiefe seiner Brust Gutmann der Jüngere. Es erhielt nunmehr das geschäftsführende Mitglied des Ausschusses das Wort und verlas vor allem eine Zuschrift aus Hanau, die begann: »Deutsche Männer! Wenngleich verhindert, eurem Verein anzugehören, unsere Sympathien sind mit eurem Streben!« und endete: »Darum nochmals, ihr deutschen Männer: ihr müßt einig werden!« Großer Beifall folgte selbstverständlich diesem auch bei denen, die sich fest vorgenommen hatten, bei jeglichem Vorschlag zur Einigung auf ihrem Kopfe zu bestehen und keinen andern gelten zu lassen. »Nicht mal erkundigt habe ich mich, ob sie ihr ein Lustspiel oder ein Trauerspiel aufführen, und ob sie jetzt weint oder lacht!« seufzte Willi Gutmann. »Und dieser Alois! wie ich ihn noch vor mir habe – schlachtenumdonnert, qualmgeschwärzt, abgerissen ideal und schwarz-rot-golden bis ins tiefste treue deutsche Herz! Und wie dick er geworden ist! Eigentlich ist es mir doch nicht unlieb, daß ihnen der Onkel Laurian noch nachgerannt ist ins Theater und hoffentlich dann und wann in die Unterhaltung eingreift in den Zwischenakten. Das hier bringen wir auch schon ohne ihn zusammen.« »Junge, wir sind hier nicht in der Kirche,« brummte nach einer Weile Gutmann der Ältere. »Denkst du nur an was anderes, oder schläfst du wirklich? Na freilich, für den Geschäftsmann ist natürlich so eine Rechnungsablage etwas interessanter als wie für euch jüngere Patrioten; aber sie gehört doch eben auch dazu.« Es redete nun Rechtsanwalt Fries aus Weimar als Ausschußmitglied über die bisherige politische Tätigkeit des Vereins, wobei Willi Gutmann trotz Klotilde und Alois völlig mit bei der Sache war. Die Wiederherstellung des Rechtszustandes in Kurhessen, die Wiederherstellung des ungeschmälerten Rechts in Schleswig-Holstein waren wohl Dinge, bei welchen auch der durch andere wichtige Sachen zerstreute Jüngling die Ohren offen halten mochte. Daß Doktor Ammermüller und Genossen in Stuttgart durch eine Zuschrift erklärt hatten, sie täten nicht mit, da der Verein die Gründung eines einigen Deutschlands mit Ausschluß von Österreich anstrebe, tat allen leid – selbst Herrn Willi Gutmann, dem der ganze Kaiserstaat, repräsentiert durch seinen Freund, Herrn Alois von Pärnreuther, eben im Koburger Theater neben Fräulein Klotilde aus Wunsiedel saß und ihr so viel Süßes sagen konnte, als er wollte. – Daß die Abtretung von Savoyen und Nizza an Frankreich ein Deutschlands Interesse gefährdender Akt sei, war klar. Daß es weder in der savoyschen noch in irgend einer andern Frage, die Europa bewegte, eine deutsche Politik, ein deutsches Veto gab, war betrübend und legte von Tag zu Tag mehr die Mahnung ans Herz, endlich Hand zu legen an den Aufbau der deutschen Verfassung. Das Sünden- und Leidensregister riß alle mehr und mehr hin: Pärnreuther trat wieder in seiner jugendlichsten Ritterlichkeit von Anno Neunundvierzig vor Willis Seele, das schöne Mädchen von Wunsiedel ging unter im politischen Nebel, Dunst und Dampf. Es sollte aber noch besser, das heißt ärger kommen. Ein Name, der von der Rednerbühne klang, und ein Rippenstoß seines Vaters beförderten Herrn Wilhelm Gutmann aus dem süßesten Traum in die bitterhellste Gegenwart seines armen Volks. »Wenn Einer dem neuen deutschen Staat auf die Beine hilft, so ist es dieser Edle!« brummte der Major Blume aus Wunsiedel, und einige Reihen weiter vorn stand der alte Lützower Pastor Nodth auf und hielt die Hand hinters Ohr, um besser zu vernehmen, was Fries über jenen »Edlen« mitzuteilen hatte. Fries sagte: »Noch einmal gab ein äußerlich unscheinbares Ereignis dem Ausschuß Veranlassung, den Satz zu wiederholen, daß das deutsche Volk entschlossen sei, keinen Fuß breit deutscher Erde unter fremde Botmäßigkeit gelangen zu lassen. Diesmal war es nicht die Drohung des Auslandes, sondern eine im Innern Deutschlands aufsteigende Gefahr, welche die Aufmerksamkeit der Vaterlandsfreunde auf sich ziehen mußte. Als in den ersten Tagen des Monats Mai eine größere Anzahl von Ausschußmitgliedern und gesinnungsverwandten deutschen Politikern in Heidelberg versammelt waren, lag die berüchtigte Erklärung des Herrn von Borries vor, in welcher er dem Versuche zur Gründung einer Zentralgewalt mit einheitlicher militärischer und diplomatischer Leitung die Aussicht auf ein Bündnis deutscher Fürsten untereinander, ja selbst auf ein Bündnis mit außerdeutschen Staaten entgegenstellte. Es gab das jener Versammlung Veranlassung, in der Erklärung vom sechsten Mai Achtzehnhundertundsechzig der Entrüstung, welche ein solches Verhalten hervorrufen mußte, Worte zu verleihen. Nicht nur gegen die Person des Herrn von Borries konnte jene Erklärung sich richten. Seine Äußerung erhielt ihre Bedeutung durch die Stelle, an welcher sie gesprochen wurde!« ... Was hierauf folgte, müßte dieses Buch jedem guten Deutschen nicht zu teuer, sondern teuer machen. Fries schloß seinen Bericht unter dem donnernden Beifallsgetöse der Vorversammlung der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, der dabei blieb, trotz allem und jedem die militärische und diplomatische Gewalt der deutschen Völkerschaften in Eine Hand zu legen. Der alte Pastor Nodth aber, der Achtzehnhundertdreizehn mit ausgeritten war, und der auf seinem Standpunkt stehengeblieben war, ergriff das Wort und sprach dem Ausschuß seinen und der Versammlung besten Dank für seine bis jetzt entwickelte Tätigkeit aus. Alle erhoben sich von den Sitzen, auch diejenigen, welche noch ihre Einwände auf der Pfanne hatten und behielten. Den letztern aber sprach noch Kreisrichter a. D. Schulze aus Delitzsch einiges zum Herzen, und als er schloß: »Der Sieg der nationalen Bewegung in Deutschland ist zugleich der Sieg der Humanität – und dieser das Endziel aller Geschichte. Auf diesem Fels, meine deutschen Brüder, ankert unser Recht und unsere Hoffnung; das Gelingen ist nur eine Frage der Zeit. Durch unsere Haltung am morgenden Tage lassen Sie uns beweisen, daß zur humanen Reife auch die politische sich zu gesellen beginnt, und gelingt uns dies, so wird man nicht lange mehr unserer Nation die Stelle vorenthalten, die ihr unter den Völkern Europas gebührt!« – da jauchzten sie ihm alle zu und hatten alle für heute abend genug, bis auf den Doktor Stamm aus Berlin, der die Rednerbühne erklomm, um seine persönlichen Ansichten über die Gestaltung der deutschen Zentralgewalt lieber doch noch sofort mitzuteilen. Er kam aber nicht weit, wich freundlichem Zureden, stieg wieder herunter und verzichtete auf sein Vorhaben. Es ging aber auch schon gegen zehn Uhr, wo nach Major Blumes Aussage sein süßes Kind hübsch und artig zu Bette zu gehen pflegte. Es war die höchste Zeit für die Herren und deutschen Männer, Gatten, Väter, Brüder, Onkel, Verlobte und Verliebte und so weiter im herzoglichen Reithause, sich zu einem zwanglosen Zusammensein nochmals nach dem Schützenhause zu begeben. Vierzehntes Kapitel. So war es recht! Wenn was der Sache zu einem alle befriedigenden guten Ende verhelfen konnte, so war es dieses gemütliche Hin- und Herpendeln zwischen der hohen Politik und dem guten Koburger Bier; zwischen dem Reithause und dem Wirtshause. Im heftigen Männergewoge drängte es sich durch die jetzt dunkle und kühle Herbstnacht dem Café Moulin zu. Viele mit warmen Herzen, nicht wenige mit heißen Köpfen! Sie hatten sich alle noch gegenseitig auszusprechen, und Herr Wilhelm Gutmann sogar hätte gern vor dem Zubettegehen noch einmal mit seinem Freunde Alois gesprochen. Ob Fräulein Klotilde wohl wirklich Punkt zehn Uhr zu Bette gegangen war? ob wohl der Onkel Laurian so vernünftig gewesen war, sie nach Hause nach der Zwiebelmarktgasse, zur Witwe Wellendorf zu bringen, und auch selber hübsch und solide zu ihrem Schutz zu Hause zu bleiben und höchstens noch im Sinne seines hohen Freundes Jean Paul Friedrich Richter eine stille, schutzengelhafte Pfeife aus dem Fenster in der Zwiebelmarktgasse zu rauchen? Aber – »Junge,« rief Vater Gutmann, »dies hat mir ganz den Anschein, als ob das hier eine ganz famose Nacht werden könnte und wir fürs Erste wahrscheinlich noch nicht zu Bette kämen! Major, nun eine recht gemütliche Ecke, und dann meinetwegen laß sie kommen: Russen, Franzosen, Engländer und was sonst noch Lust hat, sich an uns zu reiben. Ich meine, wenn wir so dabei bleiben, werden wir es ihnen schon zeigen! Wilhelmchen, mein Söhnchen, in welche unbestimmte Ferne gaffst denn du mal wieder herein? – Kellnär« – Er glaubte seinen Vater gekannt zu haben, ihn zu kennen, der Sohn des alten »Käsekrämers«, und er erfuhr von Augenblick zu Augenblick auch in dieser Nacht mehr, in welchem Irrtum er noch immer befangen sei in dieser Hinsicht. Von Augenblick zu Augenblick ging es dem Kinde dazu deutlicher auf, daß auch seine Mutter zu Hause in einem ganz ähnlichen Irrtum befangen sei; auch sie hatte während ihrer ganzen langen Regierung sich viel und vertrauensvoll auf die ewige Unantastbarkeit ihrer diplomatischen und militärischen Gewalt über den »guten Alten« verlassen! Oh, sie hätte in dieser Nacht mit ihm im Schützenhause zu Koburg sitzen und Ihn sehen und hören sollen! »Der Greis ist prächtig!« sagte die Hoffnung der Zukunft, sein Sohn. »Wenn der in seiner ganzen Vollständigkeit nicht mit in das neue deutsche Reich hinüberginge, dann bliebe auch ich draußen. Wenn der nicht mit übervollem, saftigem, freudigem, tapferem Herzen, jauchzend unter Preußens dürre, nüchterne Oberhoheit in militärischen und diplomatischen Angelegenheiten sich fügte, dann möchte auch ich nicht mit drunter!« Und alle rundum in der gemütlichen Ecke: Thüringer, Schwaben, Ober- und Nieder-Sachsen waren so gegen Mitternacht ganz und gar der Meinung des Sohnes. Und was Bayern anbetraf, so machte Punkt zwölf Uhr – gerade als ein neuer Tag für Deutschland angehen sollte – Major außer Dienst Blume aus Wunsiedel Brüderschaft mit Herrn Gutmann dem Älteren aus H. und sämtliche Süddeutsche an den umliegenden Tischen folgten dem Beispiel nicht nur vergnügt, sondern auch fest überzeugt, daß sie unter den gegenwärtigen, unbehaglichen, politischen Umständen gar nichts Behaglicheres tun könnten. Wahrscheinlich auch von dem Bedürfnis getrieben, auch einen süddeutschen Bruder an sein Herz zu drücken, begriff Gutmann der Jüngere immer weniger, wo sein Freund Alois eigentlich blieb. Den Instinkt, wenn das hübsche süddeutsche Schwesterlein zu Bett gebracht worden war, die »anderen« noch »irgendwo« zu finden, traute er ihm sowohl, wie dem Onkel Poltermann schon zu: um so überraschender war es denn für ihn, als der letztere, der Onkel Laurian, plötzlich allein kam und sagte: »Schwager Blume, wir haben mit deinem Kinde nach dem Theater im Löwen zur Nacht gegessen. Jetzt träumt es hoffentlich schon von dir, hat sich aber fest vorgenommen, dir morgen früh nochmals deutlich seine Ansicht über deine väterliche Art, es bloß zu so einem Vergnügen nach Koburg zu laden, mitzuteilen.« »So?« fragte Vater Blume, den Vater Gutmann aus den Armen freilassend. Und er fragte sehr gedehnt und fügte nur noch hinzu: »Hm, hm! ei, ei!« »Ein Pläsier war es gerade nicht für so ein armes junges Ding,« brummte der Onkel Laurian weiter. »Euer verehrter Wiener Hausfreund, euer lieber Herr von Pärnreuther hatte natürlich wieder sein Kopfweh mit aus dem Theater gebracht, fühlte sich abgespannter denn je und ging mit den wehmütigsten Entschuldigungen zu Bette. Ich habe euer verlassenes Kind nach der Witwe Wellendorf gebracht, habe mit ihm noch ein Stündchen gesessen und von der Tante Adele geredet, bis es, wenn auch etwas weinerlich, so doch zärtlich sagte: »Ich glaube ganz gewiß, sie sitzen wieder in dem Schützenhause an ihrer großen politischen Arbeit und vergessen alles andere darüber. Und dir, Onkel, sehe ich es auch an, daß du gern noch einige Augenblicke da hinein gucktest. Nun, denn gehe nur hin und erinnere den Papa in der Mama Namen ein bißchen an seinen letzten Gichtanfall, und daß er doch nicht gar zu lange hocken bleibt. Auf mich nehmt nur ja keine Rücksicht, ich weine mich schon ganz zufrieden ganz alleine in den Schlaf.« Wem bei diesen Worten das Herz sich im Leibe umdrehte, wer sich am Stuhle hielt, um nicht außer sich in die Höhe zu fahren, das war Herr Willi Gutmann. Auf wen die Sache aber ganz den entgegengesetzten Eindruck machte, das war das Scheusal von Vater und Major a. D., das war der Vater Klotildens. Was erwiderte er? Gar nichts erwiderte er; er brummte nur: »Ganz das Mädel, wie es von der Alten erzogen ist. Ach, die arme Tante Adele! Na, Poltermann, dann setz dich nur; – Kellnär, hier dem Herrn einen Stuhl und ein Seidel: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt; Wenn es stets zu Schutz und Trutze Brüderlich zusammenhält!« Einige Augenblicke später ertappte sich Herr Supernumerar Gutmann dabei, daß er im vollen Chor mitsang: »Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang Sollen in der Welt behalten Ihren alten, schönen Klang.« Für einen älteren jungen Menschen, der Kopfweh hatte, war um diese Zeit der Nacht solche deutsche Volksentwickelung wirklich nichts, und so war der weiland tapfere Held von Wiens Barrikaden, Ungarns Heiden und Schleswig-Holsteins Moor- und Torfgegenden in der Tat wohl besser in seinem Bette im Löwen als hier am allgemeinen Verbrüderungstisch im Schützenhause zu Koburg aufgehoben. Für Willi Gutmann lag gewissermaßen eine Beruhigung darin, daß sie beide ruhig im Bette lagen: sein Kindheits- und Knabenideal Alois von Pärnreuther von altersher und seine niedliche, tapfere, frische, zierliche wunderhübsche Reisebekanntschaft vom gestrigen Tage. – – – Aber die Zeit stand auch jetzt nicht still; die Nacht schritt vor. Die Protagonisten, die »führenden Geister« hatten sich längst aus dem Tumult zurückgezogen, wenn sie ja einen Augenblick hineingeguckt hatten. Es bringt eben in solchen Tagen ein jeder sein Teil von Verantwortlichkeit mit; aber auf dem einen liegt sachgemäß das Ding doch etwas schwerer, als auf dem andern. Und es waren viele, viele in den Tagen vom dritten bis zum fünften September Achtzehnhundertsechzig in Koburg anwesend, denen es mit ihrem Dortsein zu Rat und Tat in des Vaterlandes blutiger Not und lächerlichem Jammer bitterer, bitterster Ernst war. Glücklicherweise befanden sich jedoch von solchen unter unseren guten Bekannten am Orte keine. Unsere Freunde konnten immer noch »bloß einen Augenblick« länger bleiben und trotz allem Ernst der Weltgeschichte doch ihren Spaß dran haben: es gehört immer zu den Vorzügen des Erdenlebens, nicht zu den Protagonisten, zu den führenden Geistern gerechnet zu werden, und gleichfalls schon des Anstandes wegen früher nach Hause zu müssen als die anderen, und zwar gerade dann, wenn's erst recht vergnügt wird, oder doch noch recht nett ist! Seltsamerweise war es die Jugend, welche in der Nacht vom dritten auf den vierten September im Schützenhause zum Aufbruch mahnte. »Wir müssen morgen früh um halb neun wieder im Reithause sein, Papa, und es geht jetzt auf zwei,« sagte der jüngere Gutmann zum älteren, und der ältere sprach mit etwas schwerer Zunge zuerst vergeblich nach dem richtigen Namen suchend: »Da hören Sie's, Herr Laurian – Poltrian – Poltermann! Für so 'ne Sorte soll Ihr Jean Paul heute noch geschrieben haben? Puh, der ist tot und begraben für dies verständige Volk! Hören Sie es, wie da mein Küken mir Vernunft spricht, und grüßen Sie mir gefälligst Ihren Wunsiedler Ehrenbürger, und er möchte uns ganz gehorsamst vom Halse bleiben für – jetzt – und – alle – künftige – Zei – ten.« »Lieber, bester Gutmann, lieber Bruder,« stammelte ebenfalls mit etwas schwerer Zunge der Major und Klotildens Vater, »da hast du ganz recht, es ist nichts mehr mit dem jungen Volk. Da habe ich so ein Mädel zu Hause in Wunsiedel – nein, ja wohl hier in Koburg, Schwager Poltermann? Im Löwen, um ihr ein Vergnügen zu machen für alle die Naseweisheit, zu der ihre Mama sie zu – meinem – Kummer – anleitet. Das Mädel solltest du sagen hören: ›Nun, Papa, wie ist's denn mit dem Heimgehen?‹ ... Bruder Gutmann, dies Geschlecht pflanzt das deutsche Vaterland nicht fort – gar in verbesserter Auflage – kein Gedanke dran! ... Dahingegen unser Pärntreuher ... unser gemeinschaftlicher Alois – unsern Freund meine ich! Ja, der! Ihr habt ihn als jungen Helden und deutsche Völkerblüte Anno Achtundvierzig im Hause gehabt; wir haben ihn jetzt in Wunsiedel im Hause als Hausfreund, auf seinen Durchreisen von Wien in seinem Weingeschäfte – großartig! 's gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien – immer fidel – immer gemütlich, und schwarz-rot-golden bis ins tiefste Herz – der muß mit in das neue Reich, und meine Frau und meine – Tochter sind auch derselben Meinung und tun's nicht ohne ihn. Schade, daß er jetzt immer so leicht Kopfweh hat – ja, ja, Bruder Gutmann, man wird älter und muß sich schonen und für die Jugend erhalten und – na, meinetwegen denn auf nach Valenzia, zu Bette! Der junge Mensch hier weiß wohl den nächsten Weg?« Der junge Mensch wußte ihn; aber der Onkel Laurian wußte ihn auch. Letzterer nahm kopfschüttelnd und – völlig nüchtern, den Arm des jungen Menschen und seufzte: »Kommen Sie denn, lieber Freund. Wir wollen still hinter ihnen hergehen und weiter keine Bemerkungen machen: der Herrgott, der den bösen Ham schwarz färbte, hätte vielleicht auch für uns noch einige Wichse im Topfe. Na, na, die akuten Brummschädel morgen früh! Dagegen dürfte unter Umständen sogar Ihr teurer Herr Alois mit seinem chronischen einpacken!« Sie kamen in der Zwiebelmarktgasse an, und die zwei neuen deutschen Duzbrüder, Nord- und Mitteldeutschland, nahmen nochmals voneinander Abschied wie für die Ewigkeit mit den zärtlichsten Seufzern, die bei so frischgewonnener Freundschaft ziemlich häufig nicht nur aus dem deutschen Gemüte, sondern auch aus dem deutschen Magen aufsteigen. Für alle Ewigkeit; aber mit der festen schönen Gewißheit, sich morgen wiederzusehen und dann alles, alles ins klare zu bringen, was augenblicklich dunkel war in – den Gefühlen. Eine brennende Lampe hatte ihnen der fürsichtige Schneider und Gastfreund Herr Daniel auf die Treppe gestellt. Bei ihrem Schimmer gelangten sie nach oben. Oben angelangt aber wollte der Vater Gutmann durchaus noch einmal umkehren und aus dem Hause hinaus; er wünschte »seinen Major« noch einmal ans Herz zu drücken, er wünschte dem Onkel Laurian noch einmal zu sagen, daß er ihn für einen zu lieben, zu guten, zu kuriosen Kerl halte. Es gelang dem Sohne doch, ohne schwarz zu werden, ihn ins Bett zu bringen, und da er gottlob seinen »Kinderschlaf« noch »intakt« hatte, so war er auch sofort traumlos weg. Der Sohn blieb noch so lange vom Lager, als drüben noch Licht war. Dem Schattenspiel auf den Vorhängen nach hatte dorten der Onkel Poltermann mit dem Vater Blume seine liebe Not. Endlich aber erlosch auch da die Lampe. Nächtlicher Friede waltete über Koburg, und mit den Stiefeln versuchte nunmehr Willi Gutmann des Tages Sorgen auszuziehen: des Tages Unruhe behielt er in erklecklichem Maße im Blut. Von einem »Kinderschlaf« war bei ihm in dieser Nacht nicht die Rede. O Klotilde, Klotilde Blume! Weshalb mußtest du dem Knaben in den Weg laufen, wo er doch in Koburg so vieles Wichtigere, wenn auch nicht Hübschere zu bedenken – mitzubedenken hatte? Weshalb mußte er in Immelborn dich sehen, wo doch ganz Deutschland auf ihn sah, in seinem jungen Verständnis, in seiner jugendlichen Tatkraft sich seine Zukunft gewährleistet erhoffte? Aber angenehm war's doch, selbst mit der größten Unruhe im Blute, oder gerade darum, so im Bette zu liegen und Deutschland Deutschland sein zu lassen und das kleine deutsche Mädel aus Wunsiedel wie das große Vaterland nach allen seinen Schönheiten und Nutzbarkeiten, nach seiner ganzen Herrlichkeit zu würdigen, wie es in den deutschen Liedern steht und bis zum Ende aller Vokalmusik auf Erden gesungen werden soll von einzelnen, zu zweien oder im Chore: Männlein allein, Weiblein allein, oder Männlein und Weiblein mitsammen, welches letztere immer am besten klingt. Wie sich Herr Wilhelm Gutmann bei vernünftiger Überlegung von Rechts wegen hätte vorkommen müssen, geht uns an dieser Stelle gar nichts an; er sang aber – er sang die ganze Nacht durch so als einzelner des deutschen Vaterlandes schönsten Preis und Reiz, und als im Morgentraum sein idealer Freund von Pärnreuther sich mit einem wienerwäldlerischen Jodler einmischen wollte, verwies er ihn kurzweg darauf, daß er, Herr Alois, als österreichischer Bruder doch eigentlich noch mehr als er, Herr Willi Gutmann, Grund habe, in Koburg bei der Sache zu bleiben, nämlich bei dem eigentlichen Zweck der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins. Mit einem Schrei fuhr er nicht auf, als er sich im Glanz der Morgensonne an den Schultern gepackt und geschüttelt fühlte, daß die Federn herumflogen. »Ha, ja – na –!« Auch der Onkel Poltermann hatte den alten Hamburger Weltfahrer Gutmann aus H. sehr unterschätzt. Wer ohne Brummschädel zuerst aus den Federn war, glänzend gewaschen, fest in den Hosen und Stiefeln, stämmig auf den Füßen, das war der fröhliche Greis. Wer das Kind in das nüchterne Selbstbewußtsein zurückrief und rüttelte, das war der Vater. »Junge, um halb Neun wolltest du im Reithause sein. Der Kaffee steht seit Stunden auf dem Tische, und um neun Uhr fängt die Versammlung an. Bist du in zehn Minuten nicht auf den Beinen, so bleib meinetwegen liegen, so lange du willst; ich gehe allein. Der Nachbar Blume drüben ist auch schon längst zu Wege. Scheint ebenfalls sein Teil Elend an seinem jungen Nachwuchs zu erleben. Hat mir wenigstens von dergleichen, so viel ich verstanden habe, über die Gasse zutelegraphiert und herübergebrummt.« »Wieso?« fragte hastig der Sohn, steilrecht im Bette auffahrend. »Frag ihn selber! da ist er schon wieder am Fenster. Na, wie ist es, Blume? bleibt sie?« Der Major drüben nickte verstimmt, Willi Gutmann machte mit fliegender Eile Toilette, und wir begeben uns nach der andern Seite der Zwiebelmarktgasse hinüber, um uns genauere Auskunft zu holen, was dort eigentlich Unangenehmes vorgefallen war. Passiert war so etwas; und Vater Blume hatte für seinen Unmut in der Tat einigen Grund. Nämlich über den Kaffeetisch weg hatte ihm sein Töchterlein plötzlich, wie aus dem blauen Morgenhimmel heraus, ihren festen Entschluß kundgegeben, mit der nächsten Reisegelegenheit nach Hause, nach Wunsiedel zu fahren, da sie absolut nicht einsehe, was sie eigentlich hier in Koburg solle und was sie durch ihren längeren Aufenthalt daselbst am heutigen Tage und an den nächsten zur Gründung des neuen deutschen Reiches beitragen solle. »Was sagst du jetzt dazu, Poltermann?« hatte der Vater Blume gestammelt. »Hm!« »Ich weiß es wirklich nicht, Papa, wie ich euch hier noch zu eurem Vergnügen weiter behülflich sein könnte. Bei der Tante Adele war ich doch wenigstens zu irgend etwas nütze; aber hier bringt ihr eure großen politischen Geschäfte ganz gut ohne mich fertig. Im Gegenteil, ich geniere euch doch nur; also laß mich nur ruhig wieder nach Hause reisen: ich nehme wahrhaftig gern unter diesen Umständen das mir versprochene Vergnügen für genossen an, und die Mama hat wohl sogleich wieder eine bessere Verwendung zu Hause für mich, als wie ihr hier in Koburg.« »Die Mama?« stotterte Vater Blume, »Mädchen, verdirb mir die gute Laune nicht ganz! ... Die Mama? Deren Gesicht möchte ich nicht sehen, wenn nachher – ich nach Hause käme! Poltermann, du kennst deine Schwester – hat sie dich, mich und Freund Pärnreuther bloß des deutschen Nationalvereins wegen hierher reisen lassen? Mädel, zur Belohnung für deine gute Aufführung sind wir doch zum guten Teil mit hier in Koburg. Und wenn ich auch deinen Onkel und mich ganz aus der Rechnung lasse, so hat sie doch gesagt: ›Herr von Pärnreuther, lieber Pärnreuther, auf Sie und Ihr lustiges Wiener Gemüt verlasse ich mich besonders, daß das arme Kind nach seiner Aufopferung in Immelborn mir recht vergnügt wieder nach Wunsiedel kommt!‹ – Mädchen, Klotilde, daran hast du wohl auch nicht bei deiner verrückten Absicht gedacht?« »Gar nicht, Papa!« »Ich sehe eigentlich aber auch nicht ein, Schwager Blume, weshalb –« »Jetzt macht mich nicht wild!« hatte der Major geschrieen und auf den Tisch geschlagen, daß das sämtliche Kaffeezeug getanzt hatte. »Einsehen tue ich allmählich auch nichts mehr; aber das weiß ich: geht dies Frauenzimmer jetzt, heute morgen nach Wunsiedel ab, kommt zu Hause an, und es fällt der Alten ein, an ihrer Stelle morgen früh hier zu sein und mir die Hölle wegen vernachlässigter Vaterpflichten zu heizen, dann – gehe ich auch; aber – sucht dann nur nicht nach mir: macht meinetwegen aus Deutschland, was ihr wollt; ich bin nicht mehr darin zu finden!« Unter solchen Umständen und bei so entsetzlicher väterlicher Aufregung hatte Fräulein Klotilde nur das Taschentuch auf die Augen drücken können. Das aber hatte ihr dann der Onkel Laurian weg- und heruntergezogen und ihr zugeredet: »Tildle, dann bleib meinetwegen hier, wenn keinem andern zuliebe! Ein bißchen kannst du doch immer auch den alten Onkel mit in die Rechnung ziehen bei deinem Koburger Vergnügen. Diese ganzen Tage durch werde ich es ja wohl auch nicht ununterbrochen im herzoglichen Reithause aushalten, und wo soll ich dann nachher mit mir hin, wenn ich dich nicht mehr habe, hier bei der Witwe Wellendorf und vielleicht noch mal oben auf der Feste Koburg mit der weiten Welt um uns und unter uns?« »O Gott, Onkel – Onkele! ... Ja, ja! Dich hatte ich ja wahrhaftig vergessen. O, verzeihe mir! Ja, Papa, beruhige dich nur und sei du wieder vergnügt: ich bleibe hier und gründe das neue deutsche Volk mit! es war nur eine Dummheit von mir, was ich gesagt habe, und – weil ich die Nacht durch nicht – nicht ganz gut geschlafen hatte!« Fünfzehntes Kapitel. Die Sache nahm nun Formen an, die der großen Weltgeschichte angehören. Das Buch von »Gutmanns Reisen« würde nicht nur seines Umfangs wegen in keiner deutschen Bibliothek einen Platz finden, wenn wir alles hineinpackten, was seines historischen Rechts wegen an dieser Stelle hineingehört; wir würden es politisch nach den verschiedensten Seiten hin mit den Leuten und Lesern verderben, und was das Schlimmste wäre, wir würden uns wahrscheinlich selber schauderhaft langweilig werden, und das letztere möchten wir fast noch weniger gern als das erstere. Vorsichtig also! – Von neuem wälzte es sich von allen Seiten her gegen das herzogliche Reithaus heran und in es hinein. Sie waren fast sämtlich aus der Ferne gekommen und hatten also nicht zu Hause geschlafen und ihre gewohnte Bequemlichkeit gehabt, und so war es für einige von ihnen schon jetzt ein wahres Glück, daß sie einen Gegner wußten, eine Frage der Tagesordnung kannten, an denen sie demnächst, der Reihenfolge der Redner nach, ihr Unbehagen auslassen konnten. Gutmann junior warf von der Haustür aus noch einen Blick zu den Gardinen der Witwe Wellendorf empor; aber die schöne Nachbarin zeigte sich nicht. Major Blume und Apotheker Poltermann hatten schon den Vater Gutmann in Beschlag genommen, und der Major, nach der Uhr sehend, sagte: »Er hatte fest versprochen, wenn irgend möglich, ebenfalls zur rechten Zeit da zu sein.« Und mit dem Wort kam er, tänzelte er schon um die Ecke, fröhlich, ausgeschlafen habend, ohne jegliches akute oder chronische Kopfweh, und mit einem Heliotrop im Knopfloch, sein zierliches Stäbchen schwingend und sein Bäuchlein im Morgensonnenschein behaglich vor sich hertragend. »Da sind wir ja alle!« rief er. »Etwas habe ich mich doch wohl verspätet; aber ich werde auch nur Fräulein Klotilde diese Blüte und meinen Morgengruß zu Füßen legen, und bin sofort wieder hier unten und zu Ihrer Verfügung, meine Herren.« »Dazu würde wohl keine Zeit mehr sein, lieber Pärnreuther,« brummte der Major. »Meine Tochter wird diesmal Ihre Aufmerksamkeit für genossen annehmen. Kommen Sie – marsch – linken Fuß voran. Jetzt geht das Vaterland aller andern Süßigkeit vor!« »O, das tut mir ja recht herzlich leid,« seufzte Herr Alois, ebenfalls einen Blick den Gardinen der Witwe Wellendorf zusendend. »Nun, dann komm du, Willi,« sagte er. »Laß uns zwei junge Leute jetzt zusammenhalten – in Not und Tod und Treue, fürs Vaterland und unsere Damen.« Damit schob er seinen Arm unter den seines kindlichen Verehrers von Anno Windischgrätz, Haynau, Bem und Dembinsky, und dann schoben sie sich alle – abermals um die Ecke, dem herzoglichen Reithause zu. In dem Augenblick, wo der letzte Zipfel von ihnen verschwand, bewegte sich der Vorhang bei der Witwe Wellendorf und zwar heftig. Ganz und gar nicht scheu lugte Fräulein Klotilde hinter ihm vor und der patriotischen Schar nach. Sie bog sich ruhig (d. h. eigentlich durchaus nicht ruhig) aus dem Fenster heraus, sah hinter ihnen drein und sagte, mit dem Füßchen aufstampfend: »So! Da gehen sie, und hier stehe ich und kann mich ja auch wohl wieder setzen und mit mir selber beschäftigen – vielleicht Briefe schreiben! Ja, ich werde Briefe schreiben und zuerst einen an die Tante Adele – einen ausführlichen über meine Undankbarkeit und meine innige Sehnsucht nach ihr und meine – herzliche – Anhänglichkeit – an – ihr – Immelborn!« – – Hiernach können wir ja wohl in dem Reithause zu dem ersten Gegenstand der Tagesordnung, der deutschen Verfassungsfrage übergehen. Der Ausschußantrag darüber lautete: »Das deutsche Volk wird seinen Anspruch auf bundesstaatliche Einheit, welcher durch das Gesamtorgan des Bundes und alle einzelnen deutschen Regierungen anerkannt ist und in der Reichsverfassung von 1849 seinen Ausdruck gefunden hat, nimmermehr aufgeben.« »Weswegen ich mich auch von neuem auf Reisen gewagt habe und hier sitze,« sagte Vater Gutmann. »Hiernach erkennt es der Nationalverein für seinen Beruf, auf die Schaffung einer einheitlichen Zentralgewalt und eines deutschen Parlaments mit allen gesetzlichen Mitteln hinzuwirken. Zu den Befugnissen der Zentralgewalt gehört vor allem die militärische Obergewalt und die ausschließliche Vertretung gegenüber dem Ausland.« »Ganz meine Meinung!« rief der alte Lützower, der wiederum einige Bänke vor unseren Freunden, wie auf Vorposten Anno Dreizehn, die Wacht bezogen hatte. »Der Nationalverein erwartet, daß jeder deutsche Volksfreund willig die Opfer bringen werde, die zur Errichtung der Größe und Einheit Deutschlands nötig sind. Das preußische Volk vor allem muß darum, daß es trotz seiner glänzenden Geschichte und trotz der Großmachtstellung des preußischen Staates sich als Teil des deutschen Volkes fühle, und daß es gleich jedem andern Staate Deutschlands der deutschen Zentralgewalt und Volksvertretung sich unterordne. Wenn die preußische Regierung die Interessen Deutschlands nach jeder Richtung tatkräftig wahrnimmt und die unerläßlichen Schritte zur Herstellung der deutschen Macht und Einheit tut, wird gewiß das deutsche Volk vertrauensvoll die Zentralgewalt dem Oberhaupt des größten reindeutschen Staates übertragen sehen.« »Ist das wirklich auch deine Meinung, Willi?« fragte Herr Alois von Pärnreuther. »Ich bin dafür!« sagte Gutmann der Jüngere fest, ob allein aus politischen Gründen, mag dahingestellt bleiben. »Na, na, na,« brummte nach außen hin der Vater Blume. Nach innen hinein summte ihm so etwas von »königlich bayerischer Majorsecke« und fraglicherweise auch aus königlich preußischer militärischer Obergewaltsflut tückisch aufragender Scheiterungsklippe. »Ich für mein Teil habe nichts dagegen; aber eine etwas genauere freundschaftliche Erörterung und Auseinandersetzung wird doch wohl noch nötig werden,« fügte er seinem äußerlichen Gebrumm zu. »Der Nationalverein gibt keinen Teil des deutschen Bundesgebiets auf. Er erkennt die deutschen Provinzen Österreichs als natürliche Bestandteile des Vaterlandes und wird mit Freude den Augenblick begrüßen, welcher den Anschluß dieser Provinzen an das geeinte Deutschland möglich macht.« »Das ist wenigstens ein Trost!« seufzte Herr Alois von Pärnreuther nach der Stirn greifend. »Und was ist hier für eine Luft? ... Wenn sie zu Hause nur eine Ahnung davon haben, daß ich hier bloß zufällig von Wunsiedel aus zuhöre, so–« »O, du bist ja durch dein jetziges Geschäft ein halber Ungar. Du kannst schon ausweichen, und uns wirkliche, reine Deutsche jede uns zugedachte Prügelsuppe allein auslöffeln lassen.« »Willi,« rief Herr Alois von Pärnreuther vorwurfsvoll. »Willi, ich habe dich als Kind gekannt, du mich als Jüngling: bin ich damals bei euch gewesen wie einer, der einer dem deutschen Vaterlande zugedachten Prügelsuppe ans dem Wege ging? Wenn du nichts mehr von mir weißt, so frage deine Mutter nach mir!« In diesem Augenblick war für die zwei das Weib als Mädchen, als mannbare Jungfer, als noch heiratsfähige, junge Witwe weniger als ein nichts – es war eine Nichtigkeit – ganz und gar nicht vorhanden, auch in der Zwiebelmarktgasse bei der Witwe Wellendorf nicht. Alles war für eine schöne Minute innige Männerfreundschaft, vaterlandsaufopferungssehnsüchtige Rührung, zärtliches Händedrücken zwischen den Stühlen. Einen Kuß konnten sie sich vor versammeltem, politischem Volk nicht gut geben; aber sie waren nahe daran. »Ich habe damals als dummer Junge, als Kind wollte ich sagen, häufig Tränen der Begeisterung in mein kindliches Kopfkissen geweint, Alois! Über dich, Alois!« »Und ich habe den blonden norddeutschen Knaben in der Tiefe meiner Seele über die schleswigschen Schlachtfelder getragen und nach Wien mitgenommen.« »Bruder Alois!« »Ja, innige jugendfrische Brüderschaft! Die paar Jahre Altersunterschied zwischen uns zählen ja wahrhaftig nicht.« – – »Die Gemeinsamkeit des Bluts, die Geschichte der Interessen weisen uns auf die innigste Verbindung mit ihnen hin, auf eine durch Übereinstimmung der politischen Institutionen und durch den ungehemmtesten geistigen und wirtschaftlichen Verkehr inniger als bisher geknüpfte Verbindung. Der Verein wird aber auch, falls die Macht der Verhältnisse und unbesiegbare Hindernisse die deutschen Teile Österreichs vom gleichzeitigen Anschluß an den deutschen Bundesstaat abhalten, sich hierdurch nicht hindern lassen, die Einigung des übrigen Deutschlands anzustreben. Wie sich auch in der nächsten Zukunft das Verhältnis dieser Provinzen zu dem übrigen Deutschland gestalten mag: der Verein hält fest an der Zuversicht, daß jener unvertilgbaren innern Gemeinschaft auch die rechte Form der äußern politischen Einigung auf die Dauer nicht fehlen kann.« »Hm, ganz glatt wird das wohl nicht abgehen,« murmelte Freund Alois. »Wundern soll es mich, wer jetzt von uns aus hier zuerst das Wort nimmt und den Herren da oben doch ein wenig das Konzept zurechtrückt. Einiges in dem Programm würde unbedingt doch wohl etwas genauer besprochen werden müssen.« »Hoffentlich nicht zu genau!« riet Kameralsupernumerar Gutmann. »Junger Mensch, weil das Leben kurz und das Wetter draußen heute sehr angenehm ist? Nun ja, mir auch recht, wenn sie den Herren vom Ausschuß und von der Spree erst unsere Ansicht von der Donau richtig zu Protokoll gegeben haben werden. Nachher benutze auch ich gern genug den schönen Tag und besehe mir heute, wie du gestern, mit unserer lieben Kleinen die Feste Koburg und lasse Deutschland ohne mich mit Deutschland fertig werden. Mama Blume in Wunsiedel hat mir das Kind, wie deine Mama sich auszudrücken pflegt, förmlich auf die Seele gebunden, und die beiden alten Herren sorgen wahrhaftig doch etwas zu wenig für sein ihm hier in Koburg zur Belohnung der Tugend und Tapferkeit versprochenes Vergnügen.« Wilhelm Gutmann fand es plötzlich ganz natürlich, daß die alten Herren sich hier die zu laute Privatunterhaltung der jüngern verbaten. »So halte doch das Maul endlich,« rief gröblich sein Vater. Major Blume drückte sich gegen seinen Wiener Hausfreund etwas höflicher aus. »Sie werden merkwürdige Dinge zu Hause erzählen können, wenn Sie nur ein bißchen aufmerksam zuhören, Bester,« erinnerte er, und Herr Alois versicherte, daß er dieses ganz gewiß tue, und daß die Herren von der preußischen Spitze doch die Auseinandersetzung nicht so leicht finden würden, wie sie sich augenblicklich noch einzubilden schienen. Für diese erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins schien der Ausschuß freilich die Sache so rasch und leicht als möglich abmachen zu wollen. Seinen Antrag hatte er gestellt; nunmehr faßte er seine weiteren Wünsche darüber den Anwesenden gegenüber in einen kurzen guten Rat zusammen. Nämlich: »In Erwägung, daß es sich in verschiedenen Anträgen um Durchführung der Reichsverfassung von 1849 handelt, in Erwägung, daß die Meinungen über eine sofortige Agitation für die Reichsverfassung offenbar diametral auseinandergehen und daß hierbei weder eine Scheidung nach Parteien, noch nach geographischer Lage zu erkennen ist, in Erwägung, daß das mögliche Kommen eines Augenblicks, wo die Reichsverfassung als Banner aufgestellt werden kann, zur Zeit die Entscheidung dieser Frage nicht notwendig erscheinen läßt, in endlicher Erwägung, daß der Ausschußantrag die unbedingt von der deutschen Nation verlangten Sätze der Reichsverfassung – einheitliche Zentralgewalt und Parlament – gewahrt hat, aus diesen Gründen beschließt der Nationalverein: nach Annahme des Ausschußantrags in der Verfassungsfrage über sämtliche oben gedachten Anträge zur Tagesordnung überzugehen.« »Ah – oh – hm – ei – Rrrrr – hmmhmm – oh – ah! ... Bravo!« Das »Bravo« kam aus dem Munde des Jüngsten in der Versammlung. Willi Gutmann murmelte es unwillkürlich an diesem Wendepunkte der deutschen Geschichte. Sonst war wohl kein zweiter, selbst im Ausschuß, der nicht mit ernster Stirn im Reithause sich umsah und so die Frage stellte, ob wirklich niemand mehr was zu sagen habe? Zur Tagesordnung übergehen – über sie hinweglaufen – aus dem herzoglichen Reithause vor dem Freund aus Jugendtagen hinausstürzen – ihm in der Zwiebelmarktgasse zuvorkommen – mit Fräulein Klotilde das neue deutsche Reich für gegründet erklären und zu Hübscherem, Wichtigerem, Wonnigerem in Koburg übergehen – die ganzen nächsten Tage, die Zeit und Ewigkeit vollständig zu ihrer Verfügung haben – – – der junge Mensch glaubte wahrhaftig einen Augenblick vollkommen dran, bis ihm der nächste eines Bessern, wenn man hier sich dieses Wortes bedienen darf, belehrte, und ihm dartat, daß um einen solchen Brei viele Köche mit ihren Rührlöffeln, und jeder von ihnen mit seiner Hand voll Salz versammelt sind. O über der Väter Sprichwörterweisheit! Wie versalzten sie dem Jüngling an diesem ersten Morgen der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins das Vergnügen, welches ihm in Koburg wohl nicht von einem zärtlichen Vater versprochen worden war, welches er sich aber allmählich mehr und mehr selber daselbst versprochen hatte! Sein einziger Trost war bald nur noch Herr Rudolf von Bennigsen auf dem Präsidentenstuhl. Dem Mann sah er es nach und nach auch an, daß ihm des Guten und des guten Rates doch zu viel werde. – Herr Alois von Pärnreuther aus Wien hat sie sämtlich in seinem Notizbuch, und Klio hat sie auch alle auf ihren ewigen Tafeln, wie sie kamen, einer nach dem andern – einer für sich allein, einer mit Genossen, einer mit der Einwilligung seiner Frau und seines Landesherrn, einer ohne Zustimmung dieser Mächte, einer mit und einer gegen seinen Kneiptisch zu Hause, einer mit den Erinnerungen seines Großvaters und einer mit der furchtbaren Sorge für seiner Kinder Kindeskinder: alle aber mit der festen Überzeugung, daß es durchaus nicht gehe, wenn es nicht durchaus so gehe, wie sie sich die Sache gedacht und reiflich überlegt hatten. »Willi, du freust mich!« sagte Vater Gutmann, seinem Kinde einmal aufs Knie klopfend. »Sehen Sie nur, Major, wie mein Junge hier mit vollem Herzen und mit ganzer Seele dabei ist!« Konnte der Greis dafür, daß er sich irrte? Wo war die Hälfte des Herzens des Knaben? Wo war ein gut Drittel seiner Seele? Draußen waren sie. Draußen vor der herzoglichen Reitbahn – in der Zwiebelmarktgasse waren sie, und wie trefflich auch Hofgerichtsadvokat Metz aus Darmstadt zur Sache und für den Ausschuß reden mochte, Willi Gutmann konnte nur halben Ohres ihm zuhören: fort und fort hörte er in alle Politik und alle Philosophie der Geschichte hinein die Witwe Wellendorf das arme, kleine Ding in der Zwiebelmarktgasse aus Mitleid unterhalten und nahm, trotz Metz, mit zuckender Ungeduld und steigendem Mißbehagen teil an der »Langweilerei«. Metz meinte: »Die Stellung Preußens und Österreichs sind die bestrittensten Fragen; sie müssen aber entschieden werden!« Herr Wilhelm Gutmann mit mehr als einem Blick auf seinen liebenswürdigen Freund ans der Jugendzeit und aus Wien war vollständig damit einverstanden. Unbedingt mußten hier immer noch sehr dunkle Fragen so rasch als möglich entschieden werden! Metz sagte: »Das Hauptunglück ist der Partikularismus. Der Schwabe neckt den Bayer, der Preuße den Österreicher, ja, sogar der Frankfurter den Darmstädter. Wir müssen aber das Gefühl wecken, daß alle, groß und klein, deutsche Brüder sind, daß sie zusammengehören.« »Was sich liebt, neckt sich,« seufzte der Onkel Poltermann: worauf aber sein Schwager ihn an- und in seine lyrische Geistesabwesenheit zurückbrummte. »Wenn nur die Sache nicht manchmal ein bißchen zu arg würde, und der Spaß zu grob. Ich habe bei Bronzell mit gestanden und kann in dieser Hinsicht aus persönlicher Erfahrung mitreden.« »Das kann unser Schimmel auch!« meinte Vater Gutmann so vergnüglich, so echt deutsch gemütlich-ironisch, daß es an einem Haar hing, wenn sie sich nicht sofort wieder in die Haare fielen, diese guten deutschen Brüder, wie sie ebenso rasch, gestern abend im Café Moulin, für gut und böse, für Zeit und Ewigkeit Brüderschaft miteinander gemacht hatten. Glücklicherweise bat sich die nächste Nachbarschaft in dem Reithause, aus allen Räumen und von sehr vielen Parteischattierungen, nachdrücklich Ruhe aus; sie wünschte Herrn Metz gottlob noch ein weniges weiter zu hören. Zumal da noch eine erkleckliche Anzahl auch von Gegenrednern das Wort verlangt hatte. Was den Kameralsupernumerar Gutmann aus H. anbetraf, so war der so sehr in der Frage, wie sich deutsche Brüder in ihrer Zusammengehörigkeit mit entzückenden deutschen Schwestern freundschaftlich auseinander finden könnten, aufgegangen, daß er die historische Erinnerung an die Schlacht von Bronzell völlig überhört hatte. Eine Ahnung hatte er noch nicht davon, wie sehr es zur Lösung dieser – seiner Frage beitrug, daß sein Freund Alois Auge und Ohr nur für den Darmstädter Hofgerichtsadvokaten hatte. Nämlich nachdem dieser treffliche Redner Preußen in seiner Schnoddrigkeit und – geschichtlichen Größe klein und groß gemacht hatte, kam er sachgemäß auf von Pärnreuthers Kaiserstaat Österreich und damit freilich auf etwas, wofür der ungarische Weingroßhändler Auge, Ohr und Herz beisammenbehalten mußte. »Wir haben einen Teil von Deutschland, der dem Süden besonders lieb ist und in furchtbarer Lage sich befindet,« sagte Metz. »Das weiß der liebe Gott!« seufzte Herr Alois. »Eine Macht, die aus verschiedenen Nationen besteht, fesselt ihn; er will sich dem ganzen Deutschland anschließen, kann aber nicht,« sagte Herr Metz. »Mögen möchte er wohl!« seufzte Herr Wilhelm Gutmann, befand sich jedoch seltsamerweise mit seinem Seufzer und also auch seinen Gedanken mehr in der Zwiebelmarktgasse als in dem herzoglichen Reithause; mehr vor der Frage, was mit Fräulein Klotilde Blume als was mit Deutsch-Österreich im neuen deutschen Bundesstaate anzufangen sei. »Jetzt soll es mich wundern, wie er sich, mir, uns mit gesetzlichen Mitteln aus der Frage heraushilft?« murmelte Alois. »Sie können Männern, welche diesen Teil Deutschlands nicht verlieren wollen und sprechen: das ganze Deutschland soll es sein! mit Recht nicht entgegenrufen: Das ist unpraktisch und unerreichbar! Also – streben wir auch hier eine überwältigende Mehrheit zu erzielen und einer Hauptquelle der Verdächtigungen ein Ende zu machen. Deutsch-Österreich wollen wir! Das deutsche Element soll und muß zusammen! In dem deutschen Parlament darf nicht italienisch und ungarisch gesprochen werden. Wir haben das Prinzip einerseits zu wahren, andrerseits der Macht der Tatsachen uns nicht zu verschließen. Da wir immer nur eine Agitation mit gesetzlichen Mitteln wollen, so müssen wir einerseits Deutsch-Österreich als Teil des neuen Bundesstaates anstreben, andrerseits aber auch auf den Fall der Unmöglichkeit des sofortigen Anschlusses uns vorbereiten. Darum sagen wir laut: Wir werden uns konstituieren als Deutschland, und warten und hoffen, daß das gemeinsame Blut sofort oder später diese äußeren Hindernisse besiege, und daß unser Bundesstaat, falls er Deutsch-Österreich wider Verhoffen nicht alsbald umschließen könnte, es mindestens später zu dem vorhin allein geeinigten Deutschland hinziehen wird.« »Ja, aber?!« stammelte Herr Alois von Pärnreuther aus Wien; und dann wendete er sich zu seinem jüngeren deutschen Bruder aus dem deutschen Norden und sagte: »Willi, eigentlich wollte ich dir den Vorschlag machen, nach dieser Rede die Kleine zusammen von der Mutter Wellendorf abzuholen und mit ihr Koburg von der vergnüglichsten Seite zu sehen; aber damit ist es, was mich angeht, nichts. Ich bin es mir und ich bin es meinen Leuten zu Hause schuldig, jetzt auch noch die anderen zur Sache reden zu hören!« »Wir haben,« schloß Herr Metz, »mit unsäglicher Mühe vor einem Jahre ein Band gefunden, welches die ganze Fortschrittspartei umschließt, welches der Feindschaft ein Ende macht zwischen Demokraten und Konstitutionellen in Nord und Süd, welches uns die schönsten Vorteile für die deutsche Sache brachte. Wollen Sie nun durch einen mindestens zweifelhaften Beschluß dieses Band vielleicht zerreißen und durch solchen Beschluß vielleicht das Schmieden neuer Ketten für die nationale Entwickelung ermöglichen? Ich rufe Ihnen deshalb nochmals zu mit den Bewohnern einer der freisinnigsten, der volkstümlichsten und aufopferungsfähigsten Städte von Deutschland, mit den Bewohnern von Hanau, die auch die Reichsverfassung wünschen, die aber sagen: Vor allen Dingen seid einig, einig, einig!!!« »Schiller!« sagte Onkel Laurian. Sechzehntes Kapitel. »Wo willst du hin, mein Junge?« fragte anderthalb Stunden später Vater Gutmann, zu gleicher Zeit vergeblich den Versuch machend, sein Kind am Rockschoß auf seinem Platze festzuhalten. Der Ausschuß hatte sich natürlich sehr geirrt in seiner Hoffnung, daß man seinen Antrag unberedet annehmen und über alle andern sofort zur Tagesordnung übergehen werde. Dazu war man doch nicht nach Koburg gekommen! Sie standen alle auf ihren Anträgen, und das einzige, wozu der Ausschuß die Zustimmung der Versammlung erlangt hatte, war der Beschluß, daß jeder wenigstens nicht länger als zehn Minuten lang seine Meinung sagen dürfe. Nun hatten schon geredet: Herr Dr. med. Lüning aus Rheda, Herr Dr. jur. Rückert aus Jena, Herr Obergerichtsanwalt Ladenburg aus Mannheim, Herr Rechtsanwalt Schüler aus Ichtershausen, Herr Geheimrat Welcker (der alte Welcker) aus Heidelberg, Herr Obergerichtsanwalt Weber aus Stade, und das Wort hatte Herr Advokat Dr. Braunfels aus Frankfurt am Main. Letzterer hatte eben gesagt: »Ziemt es sich, daß die Braut um den Bräutigam werben muß, ohne daß dieser nur mit einem Zeichen zu verstehen gibt, daß er die Braut begehre? Ist Deutschland nicht wert, daß der Freier um es werbe?« und hatte damit als der erste die vergönnten zehn Minuten Seelenerleichterung überschritten, als – gerade infolge seines Wortes – Herr Wilhelm Gutmann es nicht länger im geschlossenen Raume aushielt, sondern, wenn auch nur für einen Augenblick, hinaus wollte – mußte. Ob ihn Doktor Braunfels' zierliches Gleichnis ganz besonders an die Zwiebelmarktgasse und an Wunsiedel, an ein hübsches, kleines Mädchen in der erstern und aus dem letztern, an einen Sonne-Wonne-Morgen auf der Feste Koburg, an die Sonne, das Licht, das Leben überhaupt da draußen vor dem herzoglichen Reithause, erinnerte, können wir ja wohl noch dahingestellt sein lassen? »Du gibst wohl mal einen Augenblick hier für mich mit acht, Alois. Ich bin sofort zurück; aber ich muß wenigstens fünf Minuten lang draußen Luft schöpfen!« »Du bleibst unbedingt hier! Diesen Redner hörst du noch zu Ende! Wenn einer bis jetzt meine Meinung trifft, ist der das! ›Der Staat werde an Deutschlands Spitze gestellt, der es verdient!‹ Bravo, bravo! Willi, ich lasse dich nicht von mir! Hier bleibst du, – weiter reden, Herr Doktor!« Dem Griffe des Vaters hatte der Knabe seinen Rockschoß entwunden, der ihn auf seinen Sitz niederdrückenden Hand des Freundes und Kindheitsideals hatte er sich zu fügen. Er hatte auch noch den Redakteur Reuß aus Nürnberg zu hören, der sehr vernünftig den Verein nur für eine »Vorbereitung« erklärte, und wurde ins Freie erst durch den Bankdirektor Amelung aus Stettin errettet. Dem Mann hatte er in der Tat durch sein ganzes späteres Erdenleben eine freundliche, eine sehr freundliche Erinnerung zu bewahren! Und er hat es auch getan. Wenn später in der Familie von den Häusern Habsburg und Hohenzollern, von den Häusern Gutmann und Blume und von dem guten alten Haus Alois von Pärnreuther die Rede gewesen ist, dann hat Herr Wilhelm Gutmann jedesmal den Bankdirektor Amelung aus Stettin gesegnet. »So sitze doch ruhig, Willi!« murrte Herr Alois. »Nur noch diesen einen Redner, und ich gehe mit. Ich hole mir Klotilde aus dem Schmollwinkel, – du sollst mal sehen, was für ein Mittel ich habe, das Kind vergnügt – sehr vergnügt – vergnügt fürs ganze Leben zu machen! Du sollst dabei sein, Willi; und wer weiß, unter welchen vergnügten Umständen ich dich noch in Wien bei uns sehe... Kruzitürken, was sagt der Mann da?« »Ich glaube, daß der Staat Österreich zerfallen wird und zerfallen muß,« donnerte Herr Amelung von der Rednertribüne. »Seine historische Mission ist erfüllt, seit die Türken, gegen deren Vordringen es Europa zu verteidigen hatte, nicht mehr aggressiv sind. Wir können von dem Staate Österreich nichts hoffen und wollen nichts von ihm wissen. Wir wollen die zum deutschen Bunde gehörigen Brüder Österreichs für Deutschland erhalten, wir werden sie mit offenen Armen empfangen, sobald sie in den Bundesstaat eintreten können, aber wir können mit der Konstituierung der deutschen Einheit nicht warten bis zu der, hoffe ich, baldigen Zertrümmerung des Hauses Habsburg.« Beifall, Murren, und der Ruf: »Das ist stark!« Auf beiden Füßen stand Alois von Pärnreuther, beide Arme, beide Fäuste hatte er hoch in den Lüften, und vergeblich versuchte jetzt sein Freund Willi ihn auf seinen Sitz herniederzuziehen. »Es ist zu stark!« schrie er, und das Wort des Präsidenten: »Ich ersuche den Redner, sich zu mäßigen,« galt nicht ihm. »Ich glaube nicht, etwas gesagt zu haben, was irgend anstößig sein könnte,« meinte Herr Amelung. »Ich ersuche den Redner fortzufahren,« sprach Herr von Bennigsen, und wenn Herr Wilhelm Gutmann irgend einen Augenblick benutzen wollte, Fräulein Klotilde Blume selber in der Zwiebelmarktgasse aufzusuchen und sie nicht von dem heroischen Freunde abholen zu lassen, so war derselbe jetzt gekommen. Zu seiner ewigen politischen Schande müssen wir sagen, daß er ihn benutzte. Von der Tür aus sah er noch einmal zurück, sah Pärnreuther hoch aufgeschnellt in den Armen seines Vaters, des Vaters Blume und des Onkels Poltermann zappeln und – seufzte jauchzend aufatmend: »So!... Nun hat er ja fürs erste noch eine andere Beschäftigung als mit – mit – ihrem Vergnügen in Koburg!« ... Er war draußen, blieb fürs erste draußen und vernahm also auch nicht Amelungs sehr richtiges Wort: »Wie die Verhältnisse sich entwickeln werden, das können wir alle nicht wissen, aber davon bin ich überzeugt, daß bei der ersten großen Veranlassung, bei dem ersten äußeren Kriege, Preußen im Interesse seiner eigenen Selbsterhaltung gezwungen sein wird, das Programm des Nationalvereins zu realisieren, mag seine Regierung dann geführt werden von wem sie wolle, von Bismarck-Schönhausen oder von Schwerin.« Siebenzehntes Kapitel. Er hielt sich nicht beide Ohren zu. Dazu war er doch zu sehr mit dem Herzen, mit dem Verstand und mit der Vernunft bei diesen Verhandlungen im herzoglichen Reithause in Koburg, die alle im deutschen Volke so sehr angingen. Er war einfach mal wieder ein am Ende doch nur auf sein Einzelleben angewiesener, mehr oder weniger harmloser Egoist, wie – wir alle sind. Er hatte eben nur noch etwas anderes im Sinn, als die Neugestaltung der Daseinsbedingungen des deutschen Volkes im großen, und hatte dazu die feste, und eben noch mehr durch die Erfahrung gewonnene Überzeugung, daß die »größere« Angelegenheit im herzoglichen Reithause in den besten Händen sei, die das Vaterland um diese Weltstunde herum bieten konnte. Er wußte, daß alles gesagt werden würde, was gesagt werden mußte, daß er selber aber nicht mitreden werde, wolle, dürfe und könne. Er war draußen und atmete nochmals tief in der wonnigen Herbstluft auf und trug dann seine patriotische und andere süße Betäubung weiter aufs Geratewohl. Erst ganz allgemach machte nach dem schwülen, blitzdurchzuckten, donnerdurchrollten Aufenthalt im geschlossenen Raume das fröhliche, behagliche Alltagstreiben der kleinen, hübschen, noch von der Morgensonne überleuchteten Stadt Koburg seinen beruhigenden Einfluß geltend. Es dauerte fast eine Viertelstunde, ehe Thüringen wieder um ihn lag, wie es außerhalb seines herzoglich-sachsenkoburgischen Reithauses sich auch heute um nichts kümmerte, als sein Einzelleben und seinen mehr oder weniger harmlosen Egoismus. Auf den Verkehr auf dem Zwiebelmarkte hatte die Versammlung im Reithause nicht den mindesten Einfluß. Dafür konnte sie ganz dreist im fernen China stattfinden: die Chinesen, Tataren und Mongolen mochten es ruhig unter sich ausmachen, ob sie mehr für die Dynastie Ming oder für die Dynastie Tsing waren. Was kümmerte es die guten Koburger und Koburgerinnen in ihren eiligen oder bequemlichen, ihren vernüglichen oder unvergnüglichen Morgengeschäften, ob Willi Gutmann für die Dynastie Ming und Alois von Pärnreuther für die Dynastie Tsing war? Was kümmerte es sie, wem die beiden am liebsten die diplomatische und Heeres-Gewalt des Vaterlandes in die Hände gelegt hätten? Der Kameralsupernumerar Gutmann aus H. befand sich vor einem Bilderladen, in dessen Fenster Herzog Ernst nochmal die Gefion nahm und den Christian den Achten in die Luft sprengte. Er, Willi, stand vor allen möglichen Läden, er besah das Rathaus und die Moritzkirche von außen und kam vor einem Schuhmacherladen in einen träumerisch-literarischen Exkurs, zu dem wir ihm unbedingt zu folgen haben. Menschensöhne, wer von euch bleibt dann und wann nicht träumerisch vor einem Schuhmacherladen stehen, wie jener gefühlvolle alte »Bachelier« im hinkenden Teufel Le Sages? Für welchen jungen und alten Junggesellen hat jener graubärtige Kavalier es nicht mit ausgesprochen, ausgeseufzt: »Ah mon ami, voilà une pantoufle qui m'enchante l'imagination! que le pied, pour lequel on l'a faite, doit être mignon! éloignons-nous promptement, il y a du péril à passer par ici!...?« Ja, dieser »Weise« kannte uns! Was geht uns der schönste Hauben- und Putzladen gegen so was an? Selbst die reizendste Schnürleibausstellung wirkt nicht so lieblich-verlockend, so zärtlich-anziehend, als wie Meister Hans Sachs, der Schuhmacher und – Poet, wenn er seine Goldkäferlackstiefelchen, seine Aschenbrödel-Ball- und Brautschuhe aus weißem Atlas gedichtet hat und sie uns, dem männlichen Publikum, unter die Nase und vor das Herz hinstellt! Da stand er in Betrachtung und Traum, Herr Gutmann junior , wie Herr Gutmann senior auf seinen Reisen sicher sehr häufig gestanden und die wichtigsten Musterreitergeschäfte darüber versäumt hatte. Er ließ sie in dem herzoglichen Reithause ohne ihn weiter verhandeln über die Geschicke Deutschlands, er wußte ja seinen idealen Kindheitsfreund fest darin und die Sache überhaupt in den besten Händen. Und die Sonne Homers lachte hinunter auf die Stadt Koburg und ihn, und die hübschen Thüringerinnen gingen vorbei und streiften ihn mit ihren Gewändern und einige ärgerten sich über ihn; denn stocksteif stand er in seiner süßen Betäubung, und sie hatten um ihn herumzugehen; auswich er ihnen nicht! Und wie es kam, wer kann das zu völliger Genüge ausdeuten? mit dem Blick an ein Pärchen lieblichster, verheißungsvollster Rosa-Pantöffelchen angezaubert, stand er, und er seufzte, und es entrang sich seinem Busen das Wort: »Wunsiedel!« Und – zum zweitenmal das Wort: »Wunsiedel!« Wer in aller Welt kann uns das Wort deuten? Nur das hellste, frischeste, bravste und gesundeste Mädchenlachen dicht an seiner Seite! Wenn alle die lieben Stiefelchen, die kleinen süßen Haus-, Ball- und Brautschuhe hinter den Glasscheiben in ein donnerndes Turnbrüdergelächter plötzlich ausgebrochen wären, hätte er nicht ärger zusammenfahren und erschrecken können. »Wundsiedel? Ih Wunsiedel, o Wunsiedel! Aber um Gottes willen, Herr Nachbar in der Langenweile, wie kommen Sie denn jetzt hier, mitten in Koburg, gerade nach Wunsiedel?« fragte Fräulein Klotilde Blume. »Wie kommen Sie nur jetzt hierher in die Zwiebelmarktgasse? ich meine, Sie haben sich mit Papa – meinem Papa, Ihrem Papa, dem Onkel Poltermann und – den – übrigen in der herzoglichen Reitbahn bei den Ohren über des Vaterlandes Elend und Unglück, und nun finde ich Sie hier ganz vergnügt vor diesem Schusterladen, als ob Sie da unser deutsches Heil suchten! Oder – sind Sie wirklich vielleicht schon einig im Reithause? Und es ist ohne Blutvergießen abgegangen? Nun, das wäre ja reizend, und hätte ich mir mal wieder dummerweise ganz unnötige Sorgen gemacht.« Reizend sah sie jedenfalls aus, und der junge Herr aus dem deutschen Norden wahrscheinlich etwas sonderbar. Denn hatte sie eben gelacht, so lachte sie jetzt bei noch genauerer Betrachtung seiner noch viel mehr, und er – er raffte sich nur zu der sehr gestotterten Frage auf: »Ja, aber warum denn Sorgen, Fräulein – Fräulein Blume?« Da war der Jagdhieb mit dem Sonnenschirmchen gegen die Flacianerkanone aus der Bärenbastei der Feste Koburg zum andernmal. Willi Gutmann erinnerte sich seiner sehr deutlich, sie aber fragte jetzt viel ruhiger und gemütlicher als damals: »Nun, wer anders als ich hätte sich zwischen die – die – Herren – ich meine den Papa und den Onkel und die anderen werfen sollen, um das Schlimmste zu verhüten? Den ganzen Morgen durch habe ich mir den Kopf über die Gewißheit zerbrechen dürfen, über die Gewißheit: der liebe Gott tut doch nichts umsonst und zu etwas wirst du ja wohl in Koburg nützlich sein. Da ist es denn wohl kein Wunder, daß ich am Ende auf diese Angst gekommen bin bei dem dummen politischen Zeug?« »Dummen, politischen Zeug,« murmelte, auf Wega-Weite, was ungefähr hundertundzwanzig Billionen Meilen sein sollen, jeglicher Politik abgewendet, der Jüngling. »Nun, wenn es Sie ärgert, nennen Sie es meinetwegen Langweilerei, oder wie Sie wollen. Ich wenigstens finde es so, wo ich jetzt der Witwe Wellendorf ganze Familiengeschichte und sonstige Umstände und auch die der ganzen Nachbarschaft kenne, und nun auch Koburg und seine Verhältnisse zum Genügen kenne und mich nach meiner Immelborner Tante sehne, jedenfalls aber am allerliebsten wieder zu Hause wäre und alle die Herrlichkeiten hier sich selber überließe.« »O Fräulein, wie gerne ginge ich mit – ginge ich mit Ihnen fort von hier!« »Was? wie? Dann ist es bei Ihnen zu Hause Ihnen auch interessanter als wie hier?« »Interessanter? Bei mir zu Hause? O – ja – nein, nein – ganz gewiß dieses nicht! Fräulein, mir gefällt es ja eben gerade jetzt hier so gut wie nirgends sonst in der Welt. Ich meine nur, wenn Sie – wenn wir beide – ach ja, in Wunsiedel ist es ganz gewiß schöner als wie hier – da wäre mir vielleicht noch besser zumute als wie jetzt hier in Koburg.« »Wurzel schlagen wollen wir aber deshalb doch wohl nicht vor diesen Paar Kanonenstiefeln da im Fenster?« lächelte das liebe Kind, und schon gingen sie weiter, wandelten, gänzlich unbeaufsichtigt weiter in der wundervoll fremden Stadt – gänzlich aller persönlichen Bemerkungen aus den Fenstern und von den Haustüren her überhoben. Dem scheuesten Reh, dem schüchternsten Mägdelein mußte das eine verwegene Sicherheit geben, und es gab sie ihr! Ja, es saßen keine Wunsiedler und Wunsiedlerinnen hinter den Fenstern und Blumenstöcken und kümmerten sich naseweis um Dinge, die sie gar nichts angingen. Die Leute hier am Ort wußten, Gott sei Dank, nicht das geringste von ihr, und sie kannte sie nicht: sie hatten das himmlische, närrische, allerliebste Koburg, seine Gassen und Plätze, seine Herbstsonne und sein Herbstgrün, seine Spaziergänge und hübschen Ruhebänke im Gebüsch vollständig für sich allein: O süße, süße, o wonnige erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins in Koburg! ... Es klingt freilich unpatriotisch; aber wahr ist es doch, und Wahrheit muß gesagt werden: ihretwegen, Herrn Wilhelms und Fräulein Klotildens wegen, konnten sie um diese zauberische Stunde des Tages, in der herzoglich sachsen-koburg-gothaischen Reitbahn aus Deutschland machen, was sie wollten, wenn sie ihnen – diesen zwei jungen Deutschen, nur nicht mit ihren Dummheiten kamen und ihre Meinung darüber wissen wollten! Sie machten durchaus keinen Anspruch darauf, daß die Zukunft des Vaterlandes ein bißchen auch von ihnen abhänge. Sie beschäftigten sich ganz allein mit sich selber – aus dem Unbewußten stieg es ihnen immer klarer auf, daß diese erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins einzig und allein ihretwegen hierher berufen war: O süße, erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins! o wonniger Ausschuß! o himmlischer Rudolf von Bennigsen! o Koburg! Koburg! Koburg! Von der Stadt Koburg hatten sie aber bald genug. Sie kannten sie beide nun schon zur Genüge und zogen sich bald der Ehrenburg zu und dem schönen Garten derselben, und der schöne Garten zog sie immer tiefer in sich hinein. Diese Thüringer Städtchen haben das so an sich, daß sie ihren Vorteil wahrzunehmen und sich so recht ins Grüne zu legen wissen. Ihre Lauben und Laubengänge wissen sie anlockend zu machen, nicht nur für Poeten und Politiker, sondern auch für Verliebte, Verlobte, und ganz besonders für solche, die letzteres werden wollen. Im Garten der Ehrenburg, ziemlich dicht an dem aufsteigenden Pfade, den sie schon am vorigen Morgen zusammen gewandelt waren, mit dem aufdämmernden Gefühl: »Das ist ein recht netter junger Mensch!« ... »Das ist ja mehr und mehr ein ganz herziges, kleines Mädchen!« fanden sie die Bank ihres Schicksals und nahmen Besitz davon. Konnten sie dafür, daß sie ihnen in den Weg gestellt worden war? Hatten sie die erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins nach Koburg zusammenberufen? Hatte Fräulein Klotilde es beim Papa und dem Onkel Poltermann in Vorschlag gebracht, daß man ihr das an der Tante Adele in Immelborn wohlverdiente Vergnügen im Park der Ehrenburg zu Koburg auf dem Wege nach der Feste Koburg zukommen lasse? Durchaus nicht! – Aus dem Dinge an sich, aus dem Unbewußten, aus der Welt als Wille heraus nahmen sie Platz auf der Bank, setzten sie sich, – ergriffen sie Besitz: das Fräulein natürlich scheu, schüchtern, zweifelnd von der einen Ecke, das Männ – Herr Kamerad Supernumerar Gutmann aus H. fast noch scheuer, schüchterner und bescheidentlicher von der andern. Fürs erste lag zwischen ihren beiderseitigen körperlichen und seelischen Zuständen noch ein Raum, gegen den der Abstand zwischen der Dynastie Ming und der Dynastie Tsing, zwischen Norddeutschland und Süddeutschland, gegen den das Weltmeer zwischen Hamburg und New York um einen Katzensprung bedeutete. Wie die Versammlung im herzoglichen Reithause hätten sie immer noch die eine Hälfte nach dem Nordpol, die andere nach dem Südpol abmarschieren können, und der sittlichsten vorübersteigenden Matrone würde der schärfste kritische Seitenblick keinen Grund zu dem seit Anfang den Erdball umkreisenden weiblichen Entrüstungsgemurmel geliefert haben: »Nun, das muß ich sagen!« ... Sie saßen tadellos vor dem Auge der Welt. Sie mit dem Sonnenschirmchen Figuren in den Sand zeichnend, er wie Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen oder sonst einer von den berühmten mittelalterlichen Minnesängern mit einem Knie über dem andern, und also auch; um den Blutumlauf nicht zu unterbrechen, mit dem hängenden Bein den Esel ausläutend. Und hatten sie im Gehen sich unterhalten, so saßen sie nun eine ziemliche Weile stumm, was in solchen Fällen immer der Fall ist und worüber noch kein Handbuch der Psychologie genügende Auskunft gegeben hat. Und wie in den allermeisten solcher Fälle war sie es auch, die den Bann brach und seiner Marter, gar nicht zu wissen, wie er jetzt die Unterhaltung von neuem einzuleiten habe, ein Ende machte. Mit boshaft zugespitztem Mundwerkchen lächelte sie: »Ich glaube, in Ihrer Stelle würde ich jetzt doch die fürchterlichsten Gewissensbisse haben, Herr Gutmann.« »Wieso? Weshalb denn, Fräulein?« »Nun – ich meine nur.« Und sie machte eine Bewegung, so über die Schulter ins Weite, Unbestimmte, und doch mit dem Ausdruck, daß sie da – dorten einen ganz bestimmten Ort wisse, wo er gegenwärtig unbedingt mit mehr Recht und Verpflichtung zu sitzen habe, als auf dieser Bank. Eine Bewegung, die er machte, um ihr näher zu rücken und ihre Meinung deutlicher zu vernehmen, wies sie mit wieder einer andern Bewegung zurück und flötete dazu: »Nun, ich denke doch. Sie sind wie die andern Herren aus einem ganz bestimmten Grunde jetzt hier in Koburg? Mein Papa sagt wenigstens, es hänge furchtbar viel davon ab, daß jeder jetzt hier an seinem richtigen Platze sei. Was sagt denn Ihr Herr Vater dazu, wenn er sich nun in der herzoglichen Reitbahn vergeblich nach Ihnen umsieht? O, es würde mir unendlich leid tun, wenn ich Sie abgehalten haben sollte – abhielte, Ihren Pflichten und Ihren edelsten Gefühlen fürs Vaterland zu folgen!« Er durfte es leider nicht laut herausrufen, wo das Vaterland für ihn, weltmeerweit von ihm entfernt auf der Bank, und doch so himmlisch-verlockend nahe auf der nämlichen Bank völlig als eins und alles saß und immer tiefer mit der Schirmspitze in den Sand bohrte und immer schalkhafter von der Minierarbeit auf- und – von ihm wegsah. Zu Hause galt er als ein geistvoller Mensch (auch hielt er sich selber dafür); zu Hause konnte er reden (seine Freunde sagten, bei Gelegenheiten verfüge er sogar über ein ganz erkleckliches Maulwerk); jetzt hatte er weder Geist, noch wußte er den Mund aufzutun; die Gelegenheit mußte wohl für beides nicht günstig sein. Ihm wurde nur immer dummer zu Sinne und immer trockner in der Kehle. Als er die Albernheit, zu welcher er sich krampfhaft aufschwang, heraus hatte, hätte er sich natürlich selber sofort rechts und links dafür ohrfeigen mögen. »O, Fräulein, das hat gar nichts zu sagen!« stotterte er, und sie seufzte, wenn man so ein verstohlenes Kichern Seufzen nennen konnte: »O, ich mache mir wirklich Gewissensbisse! Sie waren so sehr freundlich, Herr Gutmann; aber ich darf Ihre Güte wahrhaftig nicht zu sehr mißbrauchen. Und ich komme auch ganz gut noch ferner hier in Koburg allein aus, bis Papa und Onkel Poltermann mit ihren Geschäften in der Politik fertig sind und wieder an mich denken können. Ich amüsiere mich gottlob ganz leicht und habe mein Vergnügen ganz gut allein für mich – also, bitte – es wird mir wirklich peinlich, Sie hier so aufzuhalten. Nach Papas Reden kommt es heute auf die allereinzelnste Stimme bei der Abstimmung an, und es wäre mir schrecklich, wenn das Ihre wäre, die fehlte, wenn am Ende nichts als Unsinn da unten herauskäme. Ich kenne ja freilich Ihre Partei nicht; aber was sollte sie von Ihnen in solchem Falle denken?« Jetzt hatte er das Wort, und wenn er nicht ganz zum Idioten werden wollte, mußte er es hinausrufen, herausschreien. »Fräulein Blume,« ächzte er, »Sie mögen lachen über mich, oder nicht; aber was sie da unten von mir denken, das ist mir in diesem Augenblick ganz – ganz – ganz einerlei! Auf der Rednerliste stehe ich nicht; die Gesichter der Alten – das Gesicht meines Alten hätte ich sehen mögen, wenn ich mich dazu gemeldet hätte! O, Fräulein, stellen Sie sich doch nicht so! Sie wissen es ja ebensogut als ich, daß Ihr Herr Vater und mein Papa, und der Onk– Herr Poltermann die Sache recht gut ohne mich ausfechten werden. Und meinen Kindheitsfreund, den dicken A– ich meine Herrn von Pärnreuther aus Wien haben sie ja auch noch in ihrem Rat und Trost bei sich; und bei der letzten Abstimmung bin ich – kann ich ja immer noch zugegen sein und meinen Stimmzettel für unsere Zukunft in die Wagschale werfen.« Bei der Erwähnung des Herrn Alois war ein Schatten, der nicht von der Akazie über ihr stammte, über der Jungfrau Gesicht geflogen; nun aber lachte sie doch, und zwar so schelmisch-ungläubig, daß der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins jüngstes und flammendstes Mitglied sofort einen Schuh lang auf der Bank zu ihr hinrutschte, was freilich die Folge hatte, daß sie rasch einen Schuh weit von ihm wegzurutschen suchte. Aber non plus ultra, wie Karl der Fünfte sagte, dessen Reich einige in des Herzogs Ernst des Zweiten Reithause eben zu erneuern wünschten: weiter als es ging, ging es eben nicht. Über die Banklehne konnte sie nicht hinaus, in dieser Hinsicht glücklicherweise saß sie schon, so weit es möglich war, von ihm entfernt. Wir haben das ja wohl auch schon bemerkt; aber wir können wahrhaftig die Sache nicht deutlich genug machen. Ach, sie wissen sich immer zu helfen und zu schützen, diese lieben, armen Mädchen! Die Mutter Natur muß es sie wohl aus ganz bestimmten Gründen gelehrt haben. Klotildchen legte ihren Sonnenschirm zwischen sich und den möglicherweise zu vertraulich werdenden Knaben. Gerade in die Mitte, wie sich in früherer romantischer Mittelalterlichkeit ein blankes Schwert zwischen die schöne Prinzeß und den stellvertretenden oft scheußlichen Abgesandten auf einem fürstlichen Beilager legte; oder – sechs Jahre nach diesem Jahr Achtzehnhundertsechzig die Mainlinie zwischen Unter- und Oberdeutschland. Bis dahin und nicht weiter sollte dies auch in der Mädchendiplomatie heißen, und das Schicksal litt es auch hier für eine kurze Zeit, und die Sonne auch. Ja, die Sonne auch! wie sie auch dazu lachte, sie ließ das Pärchen für jetzt im Blätterschatten der Akazie bei ihrem Wege über das Vaterland, das Thüringerland, über die Stadt Koburg und den Wundergarten der Ehrenburg. Von ihrem Weiterrücken am Himmelsgezelt ließ sie sich freilich nicht abhalten, weder durch jüngferliche Scheu und Schämigkeit da unten, noch durch ein französisches, britisches, russisches unverschämtes Veto. – Wiederum handelt kein Handbuch der Seelenkunde darüber, weshalb sie nun wieder eine geraume Weile stumm saßen. Auch wir haben die Tatsache hinzunehmen und ihr nur noch hinzuzufügen, daß der Herr Kameralsupernumerar sie nur noch auffälliger machte, durch seinen Versuch, diesmal er als der erste die Stille zu unterbrechen. »Es ist wirklich ein herrlicher Morgen!« sagte er. »Hm!« sagte sie, und ein Zwinkern des ihm zugewendeten Äugeleins, und ein Jucken um das Näschen bewies, daß und wie sie den Versuch zu würdigen wußte. Aber gut war sie doch. Das Erbarmen gewann sofort wieder die Oberhand bei ihr. Abermals war sie es, welche der Stille in Wahrheit ein Ende machte; nämlich lachend rief sie: »Hören Sie mal, wenn man Sie wirklich da unten in Ihrer Versammlung nicht nötig hat, dann könnten Sie sich vielleicht, wenn es Ihnen nicht zu langweilig ist, ein bißchen bei mir nützlich machen. Ich bin ja zu dumm in diesen Dingen und Angelegenheiten. Denn erstens habe ich bei unserm großen Haushalt wenig Zeit gehabt, mich damit zu beschäftigen, und dann auch, offen gestanden, haben sie mich bis jetzt auch ganz und gar nicht interessiert. Erzählen Sie mir doch ein wenig mehr, aber recht nach meinem schwachen Verständnis davon: um was handelt es sich denn eigentlich hier bei diesem Zusammenlauf von allen Seiten? Da man im Grunde doch so ein bißchen auch mich dazu herzitiert hat, so ist mein Wunsch, etwas Genaueres darüber zu erfahren, so ganz unnatürlich nicht. Daß mein Vergnügen nicht die Hauptsache dabei ist, wie der Papa nach Immelborn schrieb, das habe ich schon heraus; aber was sonst dabei herauskommen kann, das ist mir noch nicht klar, und gerade aus Papas und Herrn – Herrn von Pärnreuthers Hin- und Herden zu Hause in Wunsiedel habe ich mir nur abgemerkt, daß noch keiner das weiß. Was aber den Onkel Lau–, den Onkel Poltermann anbetrifft, so werden Sie, selbst bei der kurzen Bekanntschaft, erfahren haben, daß er viel zu gut für alle Politik ist, und wie ich das deutsche Vaterland kenne, auch viel zu gut für es. Ebenso wie sein geliebter Jean Paul, wissen Sie, der berühmte Dichter aus unserm Wunsiedel! Sie halten wohl auch wenig von Jean Paul, Herr Gutmann?« »Es ist ein herrlicher Morgen, Fräulein; es ist wirklich ein wunderschönes Wetter!« zu sagen, erfordert dann und wann geistige Geburtskrämpfe, die selbst nachher in der Erinnerung nicht leicht genommen werden können; aber was sollte der junge Mensch aus dem deutschen Norden jetzt sagen, um auf der Höhe der von ihr wieder aufgenommenen Unterhaltung zu bleiben? Ihre letzte Frage war die erste, welche er zu beantworten hatte. Er hätte lügen, er hätte Begeisterung für des Onkel Laurians Heimats- und Lieblingsdichter heucheln können. Er tat es nicht; er half sich auf andere Weise, oder es wurde ihm auf andere Weise von oben geholfen. Jedenfalls wußte er nicht, daß es nicht ohne Geist war, was er erwiderte. Nämlich: »O Fräulein, er war auch aus Wunsiedel! ... Sechzig Bände voll hat er geschaffen – die mögen vergehen, aber Wunsiedel bleibt ihm und dem deutschen Volk durch alle Zeit, durch jede Literaturgeschichte. Wunsiedel! Solch ein Ortsname für eine Dichterwiege! Jean Paul Friedrich Richter und Wunsiedel: wer wird das je voneinander trennen können? Ja, Fräulein, er ist auch mir ein großer Poet, denn er war auch aus Wunsiedel!« »Pah! Da bin ich ja auch her. Das kann jeder sein. Das ist keine Kunst und kein Verdienst! Und übrigens, wie kommen Sie denn auch sofort wieder hierauf, wenn Sie auch zufällig nicht bloß aus der Fremdenliste wissen, daß wir, der Papa, der Onkel Laurian und ich, auch aus Wunsiedel sind? Sie wollten mir doch nur etwas deutlicher klarmachen, weshalb wir uns hier eigentlich jetzt in Koburg aus aller Herren Ländern zusammengefunden haben! unsere Angehörigen da unten in der herzoglichen Reitbahn, und wir –« Sie brach ab, aber um alles in der Welt hätte sie ihn nun nicht sofort zum Wort gelassen. Sie behielt es, hastig, heftig, mit sozusagen bebend zugreifenden beiden Händen. »Ja, es wäre sehr freundlich von Ihnen,« sagte sie, sich aufrecht, abwehrend, fast altjüngferlich auf ihrer Seite der Bank zurechtrückend, »wenn Sie, da Sie doch sonst nichts Besseres zu tun haben, ein bißchen Politik und deutsche Vaterlandskunde mit mir trieben. Papa hat es wohl gewiß dann und wann zu Hause des Abends versucht, uns Kinder ein bißchen darüber zu belehren; aber da ist immer Mama mit Wichtigerem dazwischen gekommen, oder er hat sich selber mit Herrn von Pä– und dem Onkel Laurian oder einem andern Besuch darüber verwickelt und die Geschichte dann ärgerlich aufgegeben. Zu einer richtigen Klarheit ist keiner gekommen, und ich am wenigsten; also bitte, weshalb sitzen wir und unsere Angehörigen da unten hier in Koburg, wo wir persönlich doch gar nichts zu suchen haben? Das hat sich doch ganz gewiß, wie alles, schon von längerer Zeit her angesponnen und ist zu dieser Verwickelung gekommen und soll nun hier freundschaftlichst gelöst werden?« »O nein, von gestern ist dieses Durcheinander gerade nicht, Fräulein.« »Wie bei den meisten Familiengeschichten.« »Gerade so! Und wie mußten wir in der Familie uns im Laufe der Zeiten ändern, ehe es zu dem heutigen freundschaftlichen Versuch, uns künftig besser zu vertragen, kommen konnte! Die Eskimos sind groß und wild, zu allem Guten träge – den Vers haben Sie wohl auch einmal auswendig gelernt, Fräulein; aber daß wir, Sie und ich, auch einmal solche Eskimos gewesen und in Pelzen gegangen sind, das hat man Ihnen wohl vorenthalten.« »Ist es möglich?« »Jawohl ist es möglich; aber das war noch in der soliden Eiszeit; nachher ist's noch sonderbarer in den Modejournalen zugegangen. Tätowiert haben wir uns – blau, rot, grün und gelb –« »Herr Gutmann?!« »Und in allen möglichen Figuren, und es ist sicherlich auch reizend und entzückend an den damaligen Damen gewesen. Das einzige Unangenehme war nur dabei, daß der Zierrat festsaß und das Kostüm nur mit der Haut gewechselt werden konnte.« »Herr Supernumerar, ich bitte aber –« »Gottlob kamen endlich die Römer und brachten andere Moden. Hermann und Thusnelda kann man ganz gut und anständig in jedem lebenden Bilde auftreten lassen –« »Und das soll deutsche Geschichte sein, was Sie mir da vortragen? das soll mit der Versammlung dort im herzoglichen Reithause zusammenhängen? O bitte, dann halten Sie Ihren Vortrag lieber doch dort! ich hier verzichte darauf.« »Fräulein,« rief der arme Knabe, mit gefalteten Händen so dicht als möglich an die Mainlinie – an das Sonnenschirmchen auf dieser seligen Bank rückend. »Fräulein Blu–, gnädiges Fräulein, weiß ich denn, was ich spreche? Für das Reden vor den versammelten Vätern da unten bin ich zu jung; für das Reden hier –« »Wahrscheinlich zu alt, zu erhaben über ein armes Ding wie ich, um vernünftig mal über eine Sache mit unsereiner, wenn auch nur aus Erbarmen, zu reden.« Sie hatte unwillkürlich den Schirm wieder aufgenommen und bohrte von neuem in den Sand vor ihren Füßen; verlegen rückte jetzt der junge Mann sich zurecht: so im flimmernden, tanzenden Baumblätterschatten, auf solcher Bank, solcher Zuhörerin, unter solchen kritischen, politischen Umständen, Vernunft reden sollen! ja, er versuchte es, denn er mußte. Und es wurde danach; denn – es sollte danach werden. Wer kann es ändern, was im Buche des Schicksals für das deutsche Volk und seine Angehörigen geschrieben steht? Seinen alten, klugen, närrischen, spaßigen Geschichtslehrer hatte er wieder vor sich, und das bohrende Sonnenschirmchen hatte er im Auge zu behalten, und einen kleinen Fuß, der den zerwühlten Sand des herzoglichen Parks wieder ebnete, und so polterte es ihm heraus bei lachender Sonne und bei merkbar ihn auslachender Wunsiedlerin: »Na, Fräulein, auf die Römer folgten dann die römischen Kaiser, die die Päpste machten, das heißt, eigentlich von ihnen gemacht wurden, und das Haus Österreich, aus welchem auch Ihr – mein Freund Alois – der Herr von Pärnreuther stammt, und dann die Markgrafen von Brandenburg, die nachher Kurfürsten wurden und, kein Mensch weiß eigentlich, wie's zuging, Könige von Preußen, und dabei sehr viele andere Fürsten, die uns alle ihren Schutz gewährten und uns glücklich machten, wie wir sie. Wenn die Nachbarschaft sich nicht immer und ewig hereingemischt hätte, wäre ja wohl auch alles in der Ordnung und in der Familie geblieben. Aber die Nachbarschaft –« »Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt,« seufzte Klotilde: doch »Schiller!« wie der Onkel Poltermann in dem herzoglichen Reithause murmelte Willi Gutmann nicht hierauf. Er horchte nur gespannt, ob das Fräulein nicht noch mehr bemerken werde; da sie aber nur hinzufügte: »Wie oft sagt auch meine Mama in Wunsiedel das!« fuhr er fort: »Sehen Sie wohl? Ja, wo wären wir jetzt, wir Deutschen, wenn wir trotz der Einsprache, des Naserümpfens, des Stichelns, kurz der Bosheit der Nachbarn uns nicht doch immer wieder unter uns geheiratet hätten – unter uns: sowohl die Fürsten wie die Völker?! Sie mögen es mir glauben oder nicht, Fräulein Blume, aber es ist so, es verhält sich so; nur durch sein ununterbrochenes zärtliches Vertrauen aufeinander unter sich, durch sein ununterbrochenes Heiraten trotz alles Stichelns und Anbohrens der Nachbarschaft ist das deutsche Volk heute noch, wie es vor Jahrtausenden war, und gottlob noch vorhanden! Du gütiger Himmel, was haben sie für Ausrottungsversuche an uns gemacht, erst die Mammuts, die Höhlenlöwen und Höhlenbären, dann die Kelten und nachher die Römer, die Hunnen, Herrn von Pärnrenther seine edlen Magyaren, die Russen, die Schweden, die Franzosen, die Spanier, von dem kleinen Kroppzeug gar nicht zu reden: wir sind ihnen allen zu viel geblieben. Und wodurch? Wie gesagt, nur durch unser inniges, zärtliches Anschließen; die Fruchtbarkeit des Grund und Bodens, trotz des ewigen schlechten Wetters gar nicht in das Faktum eingerechnet.« »Sie wissen das wirklich recht hübsch, aber auch recht komisch auseinanderzusetzen, Herr Gutmann,« lachte das Fräulein, aber zu ihrem Lachen doch ein wenig errötend. »Komisch?« fragte Willi. »Großer Gott, in diesen ernsten Tagen? Fräulein Klotilde,« (er nannte sie im heiligen Eifer zum erstenmal bei ihrem Taufnamen) »wie holdselig auch der heutige schöne Herbsttag ist, wie lieblich Koburg hier neben uns liegt, und wie freundlich die alte Feste von da oben auf uns heruntersieht: sie, die Fremden um uns herum, haben augenblicklich mehr als je die unfreundliche Absicht, unser gutes Herz sich zu Nutze zu machen und es sich auf unsere Kosten so bequem als möglich. Sie haben es gewollt, Fräulein Klotilde,« (sie hatte wiederum nichts gegen die Vertraulichkeit einzuwenden!) »ich werde politisch Ihnen zu Gefallen; aber daß ich ein wenig poetisch bleibe, erlauben Sie wohl? Alle Völker also umher ballen sich zu Fäusten, und unser sogenanntes deutsches Vaterland liegt da wie eine ausgespreizte, offene Hand. Wehrlos! Und, sehen Sie, deshalb sind wir jetzt nach Koburg gekommen und verplempern die älteren Herren sorgenvoll den wonnigen Morgen dort in der herzoglichen Reitbahn hinter den Bäumen und überlegen, wie sie mit gesetzlichen Mitteln aus den wehrlosen fünf Fingern auch einen derben Knaul mit eisernen Knöcheln machen können, der sich im Notfall jedem unverschämten Lümmel im Norden, Süden, Osten und Westen mit Nachdruck auf die Nase legen und Blut herausziehen kann. Ja, ja, Blut, Blut, Blut, liebes Fräulein! Trotz dieser herzigen Bank und lieben Sonne, trotz dem hübschen Koburger Kinde, das da jetzt seinen Reifen an uns vorbeitreibt: Blut, Blut, Blut!« Eigentlich hätte er bei so gräßlichen Worten aufspringen und mit seinen Fäusten in den Lüften herumfechten müssen; das fiel ihm aber nicht im Traume (denn im Traume befand er sich in der Tat) ein. Im Gegenteil: wenn er nicht ganz still saß, so rückte er nur ganz leise. Aber ihr näher! Und wie zu ihrer Beruhigung den Ton etwas senkend, seufzte er: »Der gute Familiensinn in unserer großen deutschen Familie hat uns den Fremden gegenüber immer wieder obenauf gebracht – statistisch, Fräulein: aber – aber mit dem Heiraten ist das ln großen und kleinen Verhältnissen stets ein eigen Ding. Den Preußen hat eigentlich nie eine recht gewollt; aber das Haus Österreich, was muß das liebenswürdig gewesen sein durch die Jahrhunderte! Was hat das zusammengeheiratet im Laufe der Jahrhunderte! Und nun –« »Und nun?« fragte Fräulein Blume und fügte hinzu: »Das will ich noch anhören; aber dann gehe ich wieder zu der Mutter Wellendorf; denn dann bin ich konfus genug, und das ist auch kein Vergnügen.« »Und nun,« rief Willi Gutmann, unfähig, jetzt etwas anderes als sich selber zu hören, »nun, heute, jetzt freien sie beide, der Preuß und der Herr von Pärn– das Haus Österreich um uns zwei, – Sie und mich; und drunten in der herzoglichen Reitbahn sitzen unsere Väter und Überlegen, was die beste Partie für uns zwei ist, die wir hier auf dieser Bank das schöne deutsche Vaterland vorstellen. Was der Preuße bieten kann, weiß man so ziemlich; aber nun stellen Sie sich vor, Fräulein, Sie selber heiraten mal –« »Und das soll auch mit den Verhandlungen da unten zusammenhängen?« rief die junge Dame, sich halb von ihrem Sitze erhebend. »O bitte, bitte! es ist ja nur des Beispiels wegen, und ich rede ja auch nur solch dummes Zeug, weil Sie selber mich dazu aufgefordert haben! Nehmen wir's an, Sie bringen dem Glücklichsten aller Sterblichen – dem Herrn Gemahl meine ich – ein recht bedeutendes Vermögen in liegenden Gründen und Ansprüchen an liegende Gründe mit –« »Aber das tue ich ja gar nicht!« »Bitte, bitte, bitte, immer nur beispielweise! ich kann ja leider nichts dafür, daß ich nur Jura studiert habe, und auch in dieser – dieser Stunde nichts weiß als meine albernen, dummen juristischen Vergleiche! »Von Avalun, von Dschinnistan, von Jorinde und Joringel möchte ich zu Ihnen reden und auf die Zunge gerät mir nichts als die Rechtswohltat des Inventars. Unsern Fremd Alois hätten Sie vor zwölf Jahren auffordern müssen, Ihnen deutsche Reichshistorie vorzutragen; nun haben Sie mich nüchternen Gesellen aufgefordert – o, ihr Götter, wer hilft mir in der Verwirrung! – und Sie bringen, um Ihnen die Sache auf meine Weise klarzumachen, dem Glücklichsten der Sterblichen, dem Göttergünstling an jedem Ihrer ihm mitgebrachten Grundstücke einen Prozeß mit einem näheren oder ferneren Nachbar zu! Fräulein, da setzen Sie sich mal in Germanias – aber Herr Gott, die soll ja jetzt den Mann repräsentieren und die schöne Austria mit ihrem Eingebrachten – Fräulein, Fräulein –« Er war es, der aufgesprungen war und sich in seiner Konfusion vor der lachenden jungen Wunsiedlerin im Kreise drehte, und sich mit beiden Händen den Kopf dabei zusammenhielt, und also, trotzdem auch das ganz vergeblich und ganz dummes Zeug war, keine übrig behielt, um das Herz damit zu halten. O, wie sie den politischen Konfusionarius so von unten auf, unter dem breitrandigen Strohhut weg, anlächelte, wie sie ihm süß verlegen Hohn lächelte, und wie sie lachend begann: »Hören Sie, mein Herr Preuße –« Aber da saß er schon wieder, und zwar ganz und gar ohne Sonnenschirm, Schwert und Mainlinie zwischen ihr und ihm auf der Bank, der historischen Bank des deutschen Volkes, der Heiratsbank und rief mit dem in die Stunde gehörenden Beben, Zucken und Zittern in Gliedern und Stimme: »Aber um Gottes willen, ich bin ja gar kein Preuße! ich bin auch bloß, wie Sie und der Onkel Poltermann und Jean Paul Friedrich Richter aus Wun – nein; aus dem Hause des deutschen Michels und hatte heute wie alle die übrigen auch nur politisch die Wahl und also auch die Qual zwischen der Borussia und der Austria. Und wenn ich zufällig die Vermögensverhältnisse der beiden Damen ein bißchen kenne und zufällig in der Schule mal aufgepaßt habe, wenn da von historischen Hypotheken oder möglichen Ansprüchen älterer Liebhaber die Rede gewesen ist, so heirate ich doch lieber –« »Ja, das können Sie,« sagte Fräulein Klotilde Blume. »Natürlich können Sie heiraten, wen Sie wollen! Das geht mich doch gar nichts an, und ich weiß auch gar nicht, mein deutscher Herr Michel –« Es ist in alle Ewigkeit ungesagt geblieben, was sie nicht zu wissen behauptete. Die Sonne hatte sich allgemach über den zwei närrischen, politisch gänzlich unzurechnungsfähigen Kindsköpfen um den Akazienbaum herumgeschlichen und mit lachendem Strahl in das liebliche, liebe, aber ganz kurios verzogene Gesichtchen des Mägdleins. Ehe sie sich mit ihren so drolligen und doch so ernsten germanistischen Studien noch konfuser machten, als sie schon waren, hatte sie, die deutsche Jungfrau, erst den Sonnenschirm aufzuspannen gegen Phöbus Apollos schalkhaft zudringlichen fragenden Blick um die Ecke. Es wurde durch ihre Bewegung wieder Raum zwischen ihm und ihr; aber es war von blauer Seide, das Schirmchen nämlich, und wer das Hübscheste aus der Farbenlehre sich herauszuholen wünschte, der hatte einfach jetzt hier am Platze zu sein und sich mit in den holden Schatten einzuschmuggeln, und Blau und Rot und Rosiges und Grün und Gold, Himmlisches und Irdisches in der Wechselwirkung aufeinander zu studieren. Darunter, darin hatte alles Platz: Newton und Goethe, Großdeutschtum und Kleindeutschtum; in diesem Blau ging alles auf, löste sich alles in Zufriedenheit, Glück und Seligkeit, und auf eine Frage: wie das eigentlich komme? würde der Esel von Frager von dem Kameralsupernumerar Gutmann aus H. wahrscheinlich die Gegenfrage vernommen haben: »Schafskopf, wie kann man Politik und Farbenlehre treiben, wenn der Schleier der Maja so süß, so süß, so – süß über den Augen, über dem Herzen liegt?« ... Für jetzt handelte es sich für besagten Kameralsupernumerar aber immer noch, erst in den seligen Schatten mit hineinzukommen, ohne sofort wieder hinaus- und in seine Grenzen zurückgewiesen zu werden. Es war noch immer die Möglichkeit gegeben, daß man ihn aufmerksam drauf mache, die Welt sei groß, und es seien noch mehr Bänke im Park der Ehrenburg vorhanden, auf welchen er seinen Erdenschatten finden könne, wenn ihm hier die Sonne, der Kopf und das Herz zu heiß werde. Er rückte. Er rückte unruhig. Daß er rückte, wußte er nicht; es machte sich ganz von selber. Daß sie nicht weiter abrücken konnte, sagen wir jetzt zum dritten Male, aber, Gott sei Dank, damit ist es auch aus und zu Ende: wir brauchen es nicht zu wiederholen; Gutmanns Reisen werden jetzt und jetzt hoffentlich! dem deutschen Volke schon teuer genug geworden sein! ... »Fräulein!« »Herr Gutmann?« »Fräulein – es – gibt doch – nichts Herrlicheres als das Reisen!« »Meinen Sie?« seufzte sie. »So befreiend! und so – bildend! Immer etwas Neues – immer andere Menschen und Gesichts–punkte! Gestern noch Krähwinkel, heute Wunsiedel! Gestern im Schreibstall, im Muff, Knuff und Puff des Alltags, heute im ewigen – Blau, im Thüringer Herbstsonnenschein, auf dieser himmlischen Bank! Die edelsten Geister des Vaterlandes, Deutschlands beste Männer und unsere Väter ruhig da hinten in der Herzoglichen Reitbahn am großen Werk, und wir – hier! So märchenhaft, und – o! – so wirklich, wirklich! o, Fräulein Blume!...« Sie lächelte. Daß auch sie von dem Muff, Knuff und Puff des Alltags auszusagen wußte, daß sie einen schweren Monat lang im Interesse der Familie bei der Tante Adele in Immelborn geduldet hatte, mochte wohl dazu beitragen, daß sie so lächelte, wie sie lächelte. Jedenfalls, hätte sie nicht so gelächelt, wie sie lächelte, so wären sie, Willi Gutmann und Tilde Blume, heute noch nicht Mann und Frau. Sie lächelte zu dem »neuen Unsinn« des Jünglings aus dem Norden, und zwar auf die Weise, die, wenn nicht Berge verrücken, so doch Klötze verrückt machen und an die kleinen Mädchen heranwinken kann. Die schlechte Redensart »auf den Leim locken« hat selbstverständlich nicht das Mindeste mit diesem Lächeln zu tun. Die andere »auf den Leim gehen« schon eher; aber das ist doch nicht die Sache der kleinen Mädchen! Wer das tun will, der hat es nachher nur sich selber zuzuschreiben. – Was hatte sie plötzlich zu zittern, als er ihr noch näher auf den Leib rückte? Die ganze qualvolle, wonnevolle Stunde durch hatte er konfuses Zeug geschwatzt, und er blieb auch jetzt dabei – »Es muß so süß sein, nicht so allein in seinem Elternhause zu sein. Sie haben Geschwister – liebe Schwestern –« »Eine ganze Menge,« stotterte sie. »Ich hatte auch eine Schwester, Fräulein Klotilde! Sie hieß Mathilde. Der Name klingt auch so hübsch.« »Oh!« »Sie ist aber leider vor meiner Geburt gestorben –« »Meine Mutter verknüpft heute mit ihr noch alles, was hübsch und lieb in der Welt ist. O, Fräulein Klotilde, wäre sie doch mit nach Koburg gekommen und hätte Sie kennen gelernt – meine Mutter, meine ich –« »Herr Gutmann,« hauchte sie, und dann konnte er ihr nicht näher rücken; er saß ganz und gar mit unter dem blauen Sonnenschirm – – – das Schicksal hatte es so gewollt; sie hatten sich beide so lange als möglich gegen seinen Beschluß gewehrt und können uns dafür heute noch zum Zeugen aufrufen, daß nichts dagegen auszurichten gewesen war. »O Gott, ist es denn wahr, daß das Schicksal dies so gewollt hat?« fragte schluchzend die Maid aus Oberfranken im Arm des Jünglings aus Niedersachsen, und er, der Jüngling, konnte es ihr jetzt nur beruhigend bestätigen durch ein bebendes »Ganz gewiß!« und ein nicht endenwollendes »Ja, ja, ja!« Herz am Herzen, Mund auf Mund. Aber wie als wenn das Schicksal auch das gewollt hätte, so hatte gerade um diese Zeit von Bennigsen in der herzoglichen Reitbahn gejagt: »Wir machen jetzt eine Stunde Pause!« und auch das hatte einstimmige Billigung gefunden, und sie hatten sich alle aus dem herzoglichen Reithause ins Freie und »an die Büfetts« ergossen und so – »Kamen sie also auch über uns in unsern siebenten Himmel, wie ein Donnerschlag aus blauem Himmel,« wie Fräulein Klotilde später berichtete. Sie fügte aber, tief aufatmend, hinzu: »Glücklicherweise für mich kam der Onkel Laurian zuerst!« Achtzehntes Kapitel. Ja, glücklicherweise, aber nicht bloß für sie, die liebe, aber – na, na! – Nichte kam der gute Onkel Poltermann zuerst. Auch Herr Willi Gutmann konnte ihn unter geschilderten Umständen recht sehr als Vermittler zwischen Himmel und Erde gebrauchen! Und auf daß man ihn nach der rechten Art ge- und verbrauchen konnte, kam er aus der wilden germanischen Katzbalgerei im Reithause ganz und gar wie aus einer deutschesten, wunsiedelerischten Idylle heraus, mit dem gutmütigen, feinen Näslein auf der Suche nach rechts, nach links, nach hinten über die rechte Schulter und über die linke Schulter, nur nicht geradeaus dorthin, wo sie saß, die er suchte. Natürlich suchte er seine Nichte, hatte sie in der Zwiebelmarktgasse gesucht und »merkwürdigerweise« dort nicht gefunden in der Gesellschaft der Witwe Wellendorf. Nachher war er auf Zufall gewandelt, und daß er sie – das gute Mädchen – hier fand, im Garten der Ehrenburg, dafür konnte er eigentlich nichts. Sie, Fräulein Klotilde und Herr Willi, erblickten ihn selbstverständlich auch zuerst, und so fand er sie wieder mit Siriusweiten zwischen ihnen – die eine in der einen Ecke der Bank, den andern in der anderen – sehr anständig, sehr verständig, völlig tadellos in Haltung und Mienen – wenigstens dem ersten Anschein nach. »Der Onkel Laurian!« hatte Klotilde selbst bei seinem Anblick wenn nicht entsetzt, so doch erschrocken gerufen und den für Zeit und Ewigkeit gewonnenen Lebensgenossen, den Beschützer in Not und Tod, ihren Willi mit beiden Händen von sich geschoben und auch ihrerseits ihn fürs erste seiner Verwirrung und Verlegenheit allein überlassen. »Mein Gott, hier sitzest du?« fragte der Onkel Poltermann. »Ich suche die halbe Stadt nach dir ab und fange an, mir schon Sorgen zu machen –« »So? Seit wann denn? Wo soll ich denn eigentlich sitzen, wenn sich keiner von euch nach mir umsieht?« tat das Liebchen die Gegenfrage, und zwar für eine solche Sünderin, mit so bösem, von Jubel, Glück und angstvoller Schämigkeit überquellendem Herzchen bemerkenswert hell, kühl und klar von ihrem weiblichen Vorrecht: »Rühr mich nicht an oder ich beiße!« Gebrauch machend. »Ja, ja,« stotterte denn auch der Onkel Poltermann, »ja, es ging eben recht scharf her in der Versammlung, es platzten zu viele interessante Gegensätze aufeinander. Aber jetzt ist eine Frühstückspause gemacht worden –« »Und Papa, und – wohl auch Herr von Pärnreuther machen Gebrauch davon, und ob ich vor Hunger und Einsamkeit und Verlassenheit vergehe, das kümmert keinen?« »Großer Gott, ja, wahrhaftig, wahr ist es! Recht hast du! Aber glaube mir, ich habe doch an dich gedacht, ich bin auch in der Zwiebelmarktgasse gewesen, – Appetit hatte ich nicht – höchstens das Bedürfnis nach etwas Ruhe und frischer Luft.« »Und da wandeltest du wie dein hoher Albano, dein Emanuel, dein Horion, dein liebster Walt und wie alle sonst aus Hof und Bayreuth und Wunsiedel und Flachsenfingen heißen, und triffst jetzt nur aus Zufall auf mich armes Wurm, deine bloß Gott und der Welt anheimgegebene Nichte, die auch nur aus Zufall auf – auf – Herrn – auf Herrn –« »Du liebster Himmel, jawohl, du hast recht, mein armes Kind. Leider nur zu sehr recht. Herr Gutmann, ich sage Ihnen meinen besten Dank, daß Sie wenigstens sich ein wenig meiner armen vernachlässigten Kleinen angenommen haben. Zu meinen Zeiten hätte ich unter solchen Umständen die glückliche Gelegenheit ganz gewiß ebenfalls benutzt, und die junge Dame zum Zuckerbäcker – zum Konditor geführt.« »Onkele, lieb Onkele!« lächelte Klotilde, als ob ihr übervolles Herz nicht bloß jenseits der Thüringer Berge, sondern auch jenseits des Fichtelgebirges liege. »Onkele, rühmst du dich da nicht zu sehr? wärst du wirklich deiner Zeit nicht zu schüchtern zu so was gewesen? Du bist doch unverheiratet geblieben, und wie du selber mir mal gesagt hast, nur weil du dich im rechten Augenblick nie gleich recht hast fassen können. Was weißt du denn, was Wil– was Herr Gutmann mit mir angefangen hat und wohin er mich geführt hat, seit wir auf dem Bahnhofe zu Immelborn zuerst zusammengestoßen sind?« Ein anderer Onkel als der Onkel Laurian hätte hiernach nach weiter nichts mehr gefragt; er hätte vollkommen gewußt, woran sie – er – die Familie – beide Familien waren: der Onkel Laurian fragte: »Also hat der Herr Supernumerar wirklich die Gelegenheit, sich angenehm und ritterlich zu zeigen, besser zu benutzen verstanden als ich meiner Zeit?« »Ich hoffe!« lallte das jüngste Mitglied der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, und der Onkel Poltermann gab ihm die Hand und rief: »Nun, das freut mich und nimmt mir wenigstens in dieser Hinsicht einen Stein vom Herzen. Aber nun, Kinder, erlaubt auch, daß ich mich einen Augenblick zwischen euch niederlasse. Es ging für einen ältern, ruhigen und wohl zu wenig parteipolitisch angelegten Mann doch ein wenig sehr bewegt in der herzoglichen Reitbahn her. Dieser Herr von Bennigsen hatte ganz gewiß recht mit seinem Vorschlag, erst einmal eine Frühstückspause zu machen, um den Geistern Gelegenheit zu geben, sich etwas zu beruhigen.« Er ließ sich zwischen ihnen nieder. Er setzte sich zwischen sie, die beiden Heimtücker, das unschuldigste, ahnungsloseste Lamm von einem Onkel Poltermann, und um sein gutes Gesicht herum sahen sich die zwei Bösewichter in die glückstrahlenden, flimmernden Augen, und hinter seinem braven Rücken faßten sie sich an den Händen, die Racker, und drückten sich dieselben auch, die bösen, bösen – na, kurz, die Sünder, die Erbsünder – oh! »Das freut mich wirklich, Herr Gutmann, daß Sie sich meines Nichtchens so freundlich angenommen haben. Ich würde sonst gern bereit sein, mit euch in der nächsten Restauration –« »Wir sind ganz gewiß ganz satt, lieber Herr Pol– lieber Herr Onkel Laurian!« rief Willi Gutmann. »Und wir sind auch gar nicht auf Erden. Wir haben oben gefrühstückt. Dort!« Der Onkel blickte nach oben. »Was? Zum andernmal auf der Feste Koburg? Sieh, sieh, da muß es euch gestern morgen doch recht gut gefallen haben. Ha, ha, wohl gar auf der Bärenbastei, Thildle?« »Noch etwas höher, Onkelchen,« stotterte Fräulein Klotilde. »Auf jenem Stern dort oben!« rief der Kameralsupernumerar Gutmann, nach der Hand des alten Wunsiedeler Apothekers greifend. »Dort links über jenem Kastanienwipfel!« »Wa – was?! Nun, beim Hesperus, beim Luzifer, bei der Venus, seht ihr denn die Sterne am hellen Mittage?« »Wir haben sie gesehen. Onkelchen!« riefen die beiden und hatten beide die Arme um seine Schultern. »Wir haben unsererseits das neue deutsche Reich gegründet – den wirklichen deutschen Nationalverein!« rief Wilhelm Gutmann aus H. »Er hat mich gefragt, ob ich seine – seine Frau werden wolle, und – ich – ich habe ja gesagt!« hauchte Klotilde Blume aus Wunsiedel. Der Onkel Poltermann sah aus wie Jean Paul Friedrich Richters sämtliche Werke. Alles was in den sechzig Bänden vorkommt, malte sich in diesem Augenblicke in seinem Gesichte ab, und erst minutenlang später war er fähig (Gott sei Dank, in der Linken des Mädchens Rechte, in der Rechten des jungen Mannes Linke) zu fragen: »Aber dein Vater, Mädle?... und noch mehr deine Mutter, Kind?... und – und – ihr Herr von Pärnreuther?« »O Gott, das ist ja deine – das muß und wird ja nun deine Sache sein, liebster, bester Onkel Laurian!« »Und Ihr verehrter Herr Papa, Sie Tausendsassa? und Ihre Frau Mama zu Hause?« wandte sich der Onkel von der Sünderin an den Sünder. »Junger Mensch, wie ich auch über dieses – dieses Frühstücken auf mir gänzlich unbekannten Gestirnen denken mag: für Sie wäre es doch sehr nützlich gewesen, wenn Sie beides hätten miteinander vereinigen können – die Teilnahme an meiner armen Kleinen hier und die Teilnahme an der Versammlung in der herzoglichen Reitbahn. Er hat grimmig genug nach Ihnen ausgeschaut, der Herr Papa! Augenblicklich scheint es mir doch noch etwas unwahrscheinlich, daß er Sie mit nach Koburg genommen hat, um die Sterne am Mittage zu sehen und so auf einem von ihnen Ihr Privatreich zu gründen und Ihren besonderen deutschen Nationalverein. Es ist scharf hergegangen zwischen euern Vätern, arme Kinder! Das bitte ich mir aus, wie es ferner kommen mag, daß mir keins die Julia und keins den Romeo spielt! Daß sie nicht selber von der Tribüne gesprochen haben, hat die Sache nur noch giftiger gemacht. Hie Welf, hie Waiblingen! hätte ich nicht dabei gesessen und abwechselnd nach ihren Fäusten gegriffen, so könnte jetzt schon zwischen ihnen Blut geflossen sein! Kinder, arme Kinder, die beiden sitzen auch auf ihrem Stern, aber nicht wie ihr einträchtiglich auf der Frau Venus, sondern jeder von ihnen auf dem seinigen, der Herr Gutmann auf dem nördlichen großen Bären und mein Schwager, lieber Herr Gutmann, der Major Blume aus Wunsiedel, auf dem südlichen Kreuz. Kinder, arme Kinder, habt ihr es denn so ganz vergessen, daß es sich heute hier in Koburg nicht um euch, sondern darum handelt, in welche Hand demnächst die militärische und diplomatische Gewalt des deutschen Volkes gelegt werden soll? Mein hoher Dichter würde auch jetzt vielleicht schalkhaft dazu blicken und lächeln: Nun, nun, auch zwischen diesen beiden jungen Narren könnte es sich heute in Koburg darum handeln, wer später den Pantoffel führt und die Hosen anhat: ich tue das nicht; – es ist vielleicht unrecht von mir, aber ich, ich versetze mich ganz in eure höhergestimmte Lage und sage: wie die Sachen bis jetzt in der Reitbahn stehen, geben eure zwei grauköpfigen Starrköpfe euch nur an Parteigenossen ab. Ihr verlaßt euch auf mich? Liebster Himmel, was soll, was kann ich dazu tun, um solche politischen Bocksbeine dazu zu bringen, die Arme auszurecken und die Hände segnend über eure Kindsköpfe zu legen?« Sie saßen stumm ihm zur Seite und sahen wieder in die Höhe wie nach einem vierten Stern, welcher allen, allen – politischen Bocksbeinen wie Verliebten gestattete, einträchtiglich, zärtlich auf ihm zusammen zu hocken. »Es ist entsetzlich!« schluchzte Klotilde. »Fu dumm! verrückt ist's!« murmelte Wilhelm; und so saßen sie noch stummer, bis endlich der Onkel fragte: »Wißt ihr was?« »Nun?« riefen sie beide, zufahrend – um bei dem bekannten Gleichnis zu bleiben – zufahrend wie Ertrinkende nach einem Strohhalm. »Ich setze meine einzige Hoffnung eines glücklichen Ausgangs für euch auf – auf unseren Herrn Alois, deiner Eltern teuren Herrn von Pärnreuther, Klotilde.« Klotilde ließ den Strohhalm fahren und sah ihren Onkel Laurian nicht bloß vorwurfsvoll an. Da er nochmals nickte, versank sie wehrlos in die Tiefe der Verzweiflung. Herr Willi Gutmann seinerseits hielt besagten Strohhalm noch einen Augenblick länger fest. »Jedenfalls halte ich mich in irgend einer Weise an ihn,« murmelte er und meinte seinen edelsten Idealfreund, sein Kindheit-, sein Jugendideal, den österreichisch-ungarischen Weingroßhändler, Herrn Alois von Pärnreuther. »Nämlich, es ist im Grunde ein guter, ein herzensguter, ein wirklich zu gutmütiger, lieber Mensch, unser Wiener Freund,« meinte der Onkel Poltermann. »Wir haben ihn gern in Wunsiedel – von euch in euerm Norden spricht er nur mit Tränen in den Augen. Wie sie sich aber in der Reitbahn hin- und her, gerissen haben, er, und dein Vater, lieber Sohn, und mein Schwager – das war fast nicht mehr schön; aber – wie ich ihn kennen gelernt habe, könnte man vielleicht doch noch auf sein Gemüt einwirken. Wenn es möglich zu machen wäre, daß du, mein Sohn, dem Major, meinem Schwager, Klotildens Vater zuliebe großdeutsch würdest, und er sich von deinem Papa ins Kleindeutsche hinüberziehen ließe und dann edelmütig hinginge und mit euren Müttern – und vorzüglich deiner Mutter, Klotilde, redete –« »O Gott, o Gott, o Himmel, liebster Himmel, ja, ja, ja, unsere Mütter – meine – Mutter!« rief Fräulein Klotilde. »O bitte, bitte, liebster, bester Onkel, rede doch nicht so weiter – das ist ja nichts! Ja, ja, ja, unsere Mütter, Willi! Es mag ja furchtbar hergehen mit unseren Vätern in der herzoglichen Reitbahn; aber unsere Mütter zu Hause – was werden unsere Mütter zu Hause dazu – zu uns sagen?« »Für meine bürge ich, wenn ich dich ihr bringe!« schrie der Kameralsupernumerar aufspringend, verzückt, begeistert, außer sich vor Siegesgewißheit. Und wahrlich, es war wirklicher sieghafter Lebenssonnenschein, der aus seiner kleinen Heimat auf die große Frage fiel und sie zauberisch, gemütlich vollkommen löste. »Mama kann nichts an dir auszusetzen haben, mein Herz!« schluchzte zärtlich, aber erst nach einigen Augenblicken zärtlichen Schluchzens, das liebe Mädchen und dabei stand auch sie auf den Füßen vor der verhängnisvollen Bank und dem Onkel Laurian; und sie hielten sich ungescheut jetzt vor dem Onkel Laurian in den Armen, und der Onkel Laurian mit dem Bewußtsein, eben grenzenlosen Unsinn geredet zu haben, machte bei diesem Anblick politisch unzurechnungsfähig die Sache wieder gut, indem er, wie aus dem Herzen seines großen Weltdichters heraus das unzurechnungsfähige Menschenvolk fragte: »Kinder, wißt ihr, was ich an eurer Stelle täte?« Sie wußten es nicht. Sie schüttelten nur die Köpfe. »Was denn, Onkel Poltermann?« »Da denn die Sache ist, wie sie ist, und das Unglück eben geschehen ist, und die Folgen wohl ihren Lauf haben werden, so – es ist wohl ein großes Unrecht, daß ich es sage – so, wie ich mich kenne und in meiner Offizin, in der Phantasie, durch die langen Jahre immer besser kennen gelernt habe, so – machte ich es wie ihr – und dächte an gar nichts! ... Du lieber Himmel, in einer Viertelstunde eröffnet Herr von Bennigsen die Sitzung von neuem, und – Herr Gott, Tildle, da kommt dein Herr von Pärnreuther. Er sucht jedenfalls uns. Mädel, nun klug wie eine Schlange, wenn auch ohne Falsch wie eine Taube! Sohn Gutmann, ich sehe es ihm an, vorzüglich sucht er Sie – dich, und zwar im Auftrage deines Vaters.« »Wenn er weiter nichts sucht!« ächzte Herr Willi. »Sei nur ruhig, liebes Herz, er ist dein Freund – mein Ideal; aber alles hat doch seine Grenzen!« Die Brautleute blieben aufrecht; aber der Onkel Poltermann mußte sich setzen! Er saß auf der Zauberbank und hatte nie in seinem Leben die Daumen so krampfhaft umeinander gedreht wie jetzt, sämtliche Werke seines Lieblingsdichters nach gutem Rat für die Minute durchblätternd. Neunzehntes Kapitel. »So? da fasse ich dich, Willi?« rief Herr Alois, in die Minute hineinstürzend. »Und Sie auch, Herr Poltermann! Die Sitzung wird eben von neuem eröffnet. Meine Herren, ich bin hierher gekommen nach Koburg, eigentlich ohne Ahnung – so ganz nur zu meinem Vergnügen! – eine Ahnung von dem bittern Ernst, um den es sich handelt, habe ich wirklich nicht gehabt; aber – ich habe dich, Willi, und – begreife nicht, wie Sie, Herr Poltermann, hier sitzen können – entschuldigen Sie, Fräulein Klotilde – und uns die Sache allein ausfechten lassen. Willi, Willi, deinen Vater habe ich auch noch nie mit einem solchen dicken, roten Kopfe gesehen, und er hat dich sehr vermißt! Und Ihr Herr Vater, Fräulein Klotilde –« »O Gott, mein Vater? ...« »Ja, der wird bald rot, bald bleich und hat geschworen, nur über seine Leiche ginge der Weg nach – zu – zur« – »Wohin? Wohin?« rief Klotildchen in zitternder Aufregung, doch der Wiener Weingroßhändler stand darauf einigermaßen verlegen und ratlos. »Ja, wohin? Freilich! Kommen Sie mit, Herr Poltermann. Komm sofort mit zurück in das Reithaus, Willi! Ihr werdet es am besten selber dort hören – wohin!« »Gehe mit ihm,« flüsterte der Onkel Laurian Herrn Gutmann dem Jüngeren zu. »Führe ihn wieder ab. Vielleicht ist es recht gut, und jedenfalls mir sehr lieb, mit meinem armen Kinde ein paar Augenblicke allein zu sein.« Wilhelm sah sein Mädchen an. Wenn nicht in Verzweiflung, so doch in vollkommener Verstörtheit und Verwirrung aller Begriffe von Politik, Freundschaft, Nächstenliebe, Elternliebe und – Liebe überhaupt. Eben erst in Stille, Friede und lieblicher Einsamkeit zusammen für Zeit und Ewigkeit, und jetzt schon das erste Abschiednehmen – ein Weggerissenwerden, ein Hineingerissenwerden in den gemeinsten, ödesten, schnödesten, allerdummsten, nichtssagendsten Vaterlandsphilisterkrakeel! Zum Elendsaufkreischen lächerlich, – abgeschmackt – und – doch, doch wäre es ihm auch sehr unangenehm gewesen, sich bis zum Auffälligwerden gegen Pärnreuther – gerade seinen Freund Pärnreuther zu sträuben. So blieb ihm doch nichts übrig, als Klotilden und dem Onkel Poltermann noch einen Blick des Jammers und der Wut zuzuwerfen und den Arm des Freundes, des Jugendideals, zu nehmen. Alois zog wirklich mit ihm ab, und das Schafsmäßige bei der Sache lag ganz auf Herrn Wilhelm Gutmanns Seite. Was die Neugestaltung des deutschen Volkes von seiner Stimmung zu erwarten hatte, nun, das mochte sich möglicherweise ja auch ausweisen; aber eines wußte er ganz genau: nämlich wohin in einer gewissen Richtung nur über seine Leiche der Weg ging. Sie hatten sich alle zur Fortsetzung der Verhandlungen gestärkt. Mit mehr oder weniger roten Köpfen hatten sie sich aus dem herzoglichen Reithause herausgedrängt, einen politisch verblaßten Eindruck machten sie auf keinen der anwesenden Berichterstatter, als sie sich nunmehr wieder hineinzwängten. Im Tor der Halle schob Alois den Sohn Gutmann dem Vater zu, und letzterer packte sofort zu und nahm sein Kind beim Kragen: »Bengel, wo hast du gesteckt? Wo hast du die ganze Zeit über gesteckt?« Für einen aus dem Empyreum Herabgesunkenen paßte der Ausdruck »Bengel« kaum; allein abzuschütteln war er so wenig, wie die väterliche Faust, die jetzt den Sünder und »Herumtreiber« am Oberarm nahm und an seinen richtigen Platz zurückführte. »Hier bleibst du, bis ich gehe! Meinst wohl, du willst bei der späteren Abstimmung mich die Suppe allein ausfressen lassen, um nachher, wenn die Geschichte schief gehen sollte, zu Hause desto frivoler das Maulreißen haben zu können? Ne, ne, mein Sohn. Bist du in Koburg, das neue deutsche Reich zu gründen, so gründe es auch mit! Privatkneipereien werden heute mal nicht statuiert! Allotria werden nicht auf eigene Faust getrieben!« »Allotria?!« murmelte der verstörte Jüngling. Er hatte sich wirklich erst darin zurechtzufinden, daß andere Leute anderes ernst nahmen, daß die Leute heute hier in der herzoglichen Reitbahn ihre Sache mit dem bittersten Ernst nahmen, und daß wohl nur eine Aufregung wie die seinige dazu gehöre, um die ihrige nicht mehr zu begreifen. Aber willig oder widerwillig, er war wieder mit drin. Herr von Bennigsen erteilte Herrn Streckfuß aus Berlin das Wort, und nur, wenn wir uns ganz in die Seele des so frisch Verliebten und Verlobten versetzen, können wir ihm nachempfinden, wie störend es auf seine Gefühle wirkte und in seinem Gedankenzusammenhang im Verlaufe der Verhandlungen eingriff, wenn er alle Augenblicke die väterliche Faust in seiner Seite verspüren und die Frage vernehmen mußte: »Aber Junge, bist du auch bei der Sache? Es scheint mir wieder nicht so!« Es hatte dem bekümmerten Vater sehr häufig »wieder nicht so zu scheinen.« »Was hast du denn eigentlich, Menschenkind? Was guckst du immer so nach der Tür? Da auf Herrn Streckfuß aus Berlin höre! Der Mann hat vollständig recht. Wer von uns hier weiß denn noch genau was von der Reichsverfassung von 1849? Ich nicht! Du nicht! Du wahrscheinlich auch nicht, Bruder Major, – also nur keine unnötige Aufregung drum. Historisches Recht? Pah! Bravo, Herr Doktor! Ganz meine Meinung. König Franz von Neapel besteht nach historischem Recht auch noch als letzter Bourbone; aber – Garibaldi hole ihn so schnell wie möglich! – Junge, Junge, ich sage dir, du bleibst hier – du gehst mir nicht wieder durch. Glaubst du etwa, hier der Herr Major und ich sagten uns nicht ebenfalls draußen in einer gemütlichen Wirtshausecke behaglicher unsere gegenseitige Meinung? Jetzt kommt Pickford aus Heidelberg.« Pickford aus Heidelberg kam und über ihn kam es beinahe schon wieder zu einem recht unbehaglichen Konflikt zwischen den zwei zukünftigen Schwiegervätern. Doktor Pickford aus Heidelberg sagte nämlich den Frankfurtern geradeweg ins Gesicht, ihre Meinung sei, daß der Prinz-Regent von Preußen sich erst von ihnen ein Zeugnis des Wohlverhaltens zu holen habe, ehe ihn gegenwärtige Versammlung als Führer Deutschlands nur in Aussicht nehmen könne. Den König Viktor Emanuel und den General Garibaldi habe sich der hohe Herr bis jetzt wahrlich noch nicht zu Mustern genommen, und das sei doch unbedingt notwendig, um vom deutschen Volke auf den Schild gehoben zu werden. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« riefen die Frankfurter, und der Major Blume aus Wunsiedel rief mit. »Schreien die Herren da nicht ein bißchen ins Blaue hinein?« fragte Vater Gutmann ironisch, und das nahm der Vater Blume übel und ließ es so derb bayerisch aus, daß diesmal statt des Onkels Poltermann Herr Alois von Pärnreuther ängstlich wurde, nach den respektiven Rockschößen griff und trotz eigenster Aufregung bat: »Meine Herren, jedes Mannes Gefühle werden ja heute verletzt – die meinigen auch! – aber – ich bitte Sie darum doch: ausreden lassen!« ... Eben erinnerte der Präsident den Redner an die Geschäftsordnung, in der Versammlung erscholl der Ruf: »Weiterreden!« und Doktor Pickford sagte: »Ich schließe, meine Herren. Wollen wir eins werden, so bedürfen wir der preußischen Führerschaft, und wollen wir diese Führerschaft, so müssen wir ihr nach Kräften in die Hände arbeiten. Die Freunde in Süddeutschland aber erinnere ich daran, daß wir damit nicht dem Manteuffelschen Regiment, ja nicht einmal dem gegenwärtigen Inhaber der preußischen Krone, sondern einzig dem Staate huldigen, den Friedrich der Große geschaffen und unser Landsmann, der Freiherr vom Stein, regeneriert hat.« Stürmischer Beifall, während welchem Alois auf seinen Sitz zurücksinkend ächzte: »Es ist gerade, als ob wir heute schon gar nicht mehr vorhanden wären! Willi, Willi, wofür habe ich denn geblutet? Mein Kopf, mein Herz, meine Nerven, o, hätte ich sie doch noch so beisammen wie vor zehn Jahren, nachdem mich deine gute Mutter wieder herausgefüttert und auf die Beine gestellt hatte und ich für – Deutschland – Alldeutschland nach Schleswig-Holstein ging!« »Das war eben damals dein Privatvergnügen!« brummte Willi Gutmann. »Unseres Privatvergnügens wegen sind wir aber heute hier nicht in Koburg zusammen, sondern endlich einmal wirklich des deutschen allgemeinen Besten wegen. Könntest du nicht wenigstens noch einmal den Versuch machen, so rasch als möglich von Wien aus am Vaterland mitzubauen?« Ja, ja, die Liebe treibt zu vielem! Glücklicherweise hub in diesem Augenblick Rechtsanwalt Georgii aus Eßlingen von der Tribüne aus seine Rede an mit dem Wort: »Freunde!« weil er dachte, daß »Männer, die einer Sache dienten, befreundet seien und blieben, möchten auch ihre Ansichten noch so weit auseinander gehen.« »Sehr gut! bravo!« rief Wilhelm Gutmann aufspringend und in die Hände klatschend, daß er nicht wenige mit für das gute Wort begeisterte und sie bewog, bei dem Beifallslärm mitzuhelfen. Natürlich mußte ihm daran liegen, daß Klotildens Vater und der seinige in dieser Hinsicht wie Georgii dächten. Leider sagte sein Vater nur: »Nun hör aber endlich auf und laß den Herrn weiterreden!« »Ich bin aus Württemberg,« erklärte merkwürdigerweise der süddeutsche Turnvater Jahn. Ob er an den Nestelschwab dachte, der solches zu seiner Entschuldigung vorbrachte, müssen wir dahingestellt sein lassen. »Ich bin aus Württemberg,« sagte er, »welches bis jetzt nur wenige Mitglieder für den Verein gestellt hat; diese scheinbare Teilnahmlosigkeit liegt aber nicht darin, weil wir weniger als die anderen für eine machtvolle Einheit unseres Vaterlands begeistert wären, sondern weil – weil –« Na, kurz und gut, die Schwaben trauten, trotz des schönen Eingangswortes ihres Abgesandten, den Preußen noch lange nicht! »Sehr gut! bravo, bravissimo!« rief Herr Alois von Pärnreuther, seinerseits aufspringend und Beifall klatschend. Ihn zog der Major auf den Sitz zurück, als Georgii fortfuhr: »Die preußische Führerschaft um jeden Preis wird kommen in einer Zeit, wo kein anderer Weg mehr vorhanden ist, wo die Gefahr an die Tore klopft, und niemand anderes da ist. Dann wird es jeder Dank wissen, wenn Preußens Regent und Preußens Heer bereit sind. Dann aber braucht es keiner Versammlungen mehr.« »Keine Versammlungen mehr? Sind wir endlich aufgelöst? Ist die Geschichte zu Ende?« fragte Willi Gutmann, wiederum aufspringend. Er mußte wohl nicht gut hingehört haben, sondern mit seinen Gedanken wo anders gewesen sein. »Bist du denn ganz verrückt, Junge?« fragte ihn sein mehr und mehr erstaunter Vater, und seufzend sank er zurück und haßte während der nächsten zehn Minuten niemand mehr in der Welt als Herrn Bürgers aus Köln, der noch einen neuen Verbesserungsantrag zu dem Ausschußantrage übergab. Bürgers erhielt »großen Beifall« von der Versammlung und konnte also auf den Willis verzichten. Übrigens wünschte er nur etwas ganz Selbstverständliches, nämlich, daß das deutsche Volk von der zu gründenden Zentralgewalt alle Garantie fordere, daß dieselbe die Interessen Deutschlands nach jeder Richtung tatkräftig wahrnehme und alle Schritte tue, welche zur weiteren Durchführung der deutschen Einheit und damit zur Begründung eines großen mächtigen Reiches deutscher Nation geboten sein würden. Wie er den Wunsch begründete, entging dem Kameralsupernumerar Gutmann gänzlich; denn der hörte plötzlich seinen Freund Alois zum Major Blume sagen: »Wenn Sie zu Fräulein Klotildens Vergnügen auf dem Abstecher nach Nürnberg bestehen, so bin ich natürlich unbedingt dabei. Herziger wär's mir freilich, wir führen allesamt nach dem Ende dieser fürchterlichen Tage hier nach Wunsiedel zur Mama zurück. Was mich anbetrifft, so habe ich hier in Koburg völlig genug. Sie glauben's mir ja doch nicht, wenn ich in Wien davon erzähle.« Er, Willi, hatte nur gehört, gehorcht; aber wir sprächen besser von einem grellen Seitenblick! Vor diesem grellen Seitenblick, den er plötzlich in sein eigenes mögliches Menschenschicksal, trotz möglicher herrlichster Neuaufrichtung und Zusammenleimung des deutschen Volkes, getan hatte, entging Gutmann dem Jüngeren, was Bessels aus Köln noch sagte und was Dr. med. Ludwig Rückert aus Koburg und Dr. med. Lüning aus Rheda in ihrem gemeinschaftlichen Kompromißantrag noch zum besten zu raten wünschten, vollkommen. Wie er sonst philosophisch darüber denken mochte: augenblicklich bestand ihm der Mensch doch aus Körper und Seele und zwar beides sehr getrennt. Mit dem Körper befand er sich freilich in der herzoglichen Reitbahn; aber seine Seele war draußen – ganz! sie konnte gar nicht abgetrennter vom Leibe draußen sein. »Mein armes Mädchen, so weit waren deine Eltern schon mit dir und ihm? ... Und nach Nürnberg will er zu deinem Vergnügen auch mit? Holla!!« – – – Es war fast ein Glück zu nennen, daß ein Rippenstoß seines Vaters ihm die Seele wenigstens wieder zum Teil in den Körper zurückrief und ihn hinderte, sich in der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins lächerlich und seinen Jugend-Ideal-Freund, Alois von Pärnreuther tot zu machen. »Ich frage mich nochmals, wozu ich dich eigentlich mit nach Koburg genommen habe, wenn du mir auf diese Weise wie unzurechnungsfähig weiterzappelst!« schnurrte Vater Gutmann dem Sohne nunmehr aber im Ernste erbost ins Ohr. »Jetzt kommt ein Mann, der meiner Meinung nach vor allen eine Zukunft hat. Tu mir den Gefallen und höre den wenigstens als ein verständiger Mensch an!« Obergerichtsanwalt Dr. Miquel aus Göttingen war's, der kam, und verblüffte den Vater Gutmann zuerst ungemein dadurch, daß er heiter bemerkte: »Meine Herren, die ganzen Verhandlungen über das Programm scheinen mir nicht von dem Werte zu sein, den man ihnen beilegt.« »O Klotilde!« hauchte der Sohn Gutmann. »Na, so was?!« brummte der Vater Gutmann und zwar ganz vernehmlich. Aber Dr. Miquel fuhr fort: »Wir sind in einem Vereine, der nur vorbereitet, keine reale Macht besitzt, nur die Nation geistig heranbilden will, der die Hoffnung auf die Zukunft setzen soll. Was wir also hier beschließen, wird von sehr geringer Bedeutung für die Verhältnisse sein. Wir können nicht absehen, welches der letzte Ruck sein wird, der angesetzt werden muß, um zur Einheit zu gelangen, ob mit Hülfe Preußens, ob durch die Revolution oder durch die öffentliche Meinung und so weiter! Was wir tun wollen und können, ist, die Frucht reif zu machen und den Boden zurechtzulegen für den Moment, der da kommen muß.« »O Klotilde!« »Die Hauptsache ist, daß der Nationalverein zusammenbleibt und seine Bestrebungen, auf Einheit gerichtet, fortsetzt und fortwährend die Aufmerksamkeit der Nation darauf richtet, die Hindernisse zu beseitigen sucht, und erst dann die Frucht pflückt, wenn eine da ist, die gepflückt werden kann.« »Ich habe ihn lieb wie meinen Bruder, aber nach Wunsiedel kommt er nicht lebendig mit ihr,« ächzte Willi Gutmann in der Tiefe seiner Seele und meinte in grimmigster Entschlossenheit mit dem »ihn« und »er« seinen »Freund« Alois von Pärnreuther. Was Miquel sonst noch redete, entging ihm dabei leider wieder ganz, übrigens trat dieser Redner auch unter wenig Beifallsgeräusch ab, nachdem er ruhig geschlossen hatte: »Sind doch die Italiener auch einig geworden, wo die Mazzinisten alle Staaten beseitigen wollten, während andere einen Förderativstaat wünschten und die italienischen Gothaer einen allmählichen Anschluß an ein einiges Italien als Programm aufstellten. Heute sind sie einig, weil die Verhältnisse nur noch den einen Weg gelassen haben: Einheit unter einer monarchischen Spitze. So wird es uns wohl auch gehen. Wir wollen die Einheit um jeden Preis, vielleicht selbst mit Aufhebung der kleineren Staaten, wenn das nötig wird; daher erkläre ich mich immer wieder für die Ausschußanträge.« »Ich auch!« rief Wilhelm Gutmann, wie in der Schule die Hand ausstreckend. »Wären sie doch gleich angenommen worden! O mein süßes Mädchen! Das kann sich noch in die Ewigkeit hinziehen! Wenn ich nur wüßte, wie ich wieder herauskäme!« »Herr Schmelzkopf hat das Wort,« rief Rudolf von Bennigsen vom Präsidentensitz, und – o – wenn sich die Sache mit dem Gefühl hätte machen lassen, dann wäre vieles nicht noch nötig gewesen, dann wäre Willi Gutmann längst wieder draußen bei seinem Mädchen, – dann wären sie alle – alle, alle sofort draußen – drinnen im großen, mächtigen, einigen, einzigen, blühenden deutschen Reich gewesen, und – Unruh aus Berlin hätte nicht doch noch, auch nach diesem Redner, das Wort erhalten! »Wohl weiß ich, deutsche Männer,« sagte der Redner, der sich jetzt über die Häupter der Versammlung erhob, »daß ihr alle mit der genauesten Erkenntnis der ernsten Zeitverhältnisse, mit dem besten Willen und der festesten Überzeugung hierher gekommen seid in die Oase Koburg; daher richte ich kurz nur die Bitte an euch: denkt und handelt als weise Staatsmänner, als echte Patrioten, als deutsche Brüder! Ich sehe dort eine hohe, edle Gestalt im schwarzen Kleide, bleich und abgehärmt, und gleichwohl so frisch und lebenskräftig; sie blutet aus vielen Wunden; o, ich brauche sie euch nicht erst zu nennen: es ist unsere teure Mutter Germania! Tut alles, was ihr unter den gegebenen Verhältnissen für möglich und gut haltet, um ihre Wunden zu heilen. Doch hütet euch vor dem Mikroskop! Wer das Mikroskop in die Hand nimmt, entdeckt immer etwas Neues, und manchem war dann das Mikroskop nicht vollständig genug! Tragt Sorge, daß nicht vor lauter Gründlichkeit das deutsche Volk zugrunde geht! Und weiter sehe ich dort traurige Gestalten – im Leichenhemde – das sind die Manen aller Deutschen, die im heiligen Kampf um die höchsten Güter des Lebens, im unseligen Bruderzwist gefallen sind! Bei den Grüften unserer deutschen Brüder in Schleswig-Holstein, bei den deutschen Grüften in ferner Scholle jenseits des Ozeans, bei den deutschen Grüften in jenem herrlichen Lande, dessen Alpen, die treuesten Wächter deutschen Wesens, in den blauen Himmel ragen, beschwöre ich euch: denkt und handelt als weise Staatsmänner, als echte Patrioten, als deutsche Brüder!« Sie hingen ihm alle am Halse – symbolisch –, die in dem Reithause mit ihm fühlten. Von den uns besonders Angehenden Alois von Pärnreuther »frenetisch«, Major Blume aus Wunsiedel ruhiger, aber ebenso innig. Auch der alte Lützower Reitersmann, Pastor Nodth, winkte ihm vom Platze aus lächelnd, freundlich, zustimmend zu. Wer von unseren näheren Bekannten bedenklicher: »Na, na, na!« sagte, das war der Vater Gutmann aus H., und er erhielt auch sofort seine Strafe; denn fragend nach seines Sohnes Meinung sich umsehend, hatte er zu rufen: »Herrgott, wo ist der Junge? Weiß Gott, ist mir der Bengel doch richtig wieder durchgegangen! Da verlasse sich einmal einer auf seine nächste Nachkommenschaft, wenn es sich darum handelt, die fernste Zukunft seines Volkes zu begründen!« Die günstigste Gelegenheit zum Durchgehen hatte es freilich wieder benutzt, das jüngste Mitglied der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, draußen war es; aber nun wohin mit seinem Mikrostop im Herzen, das war eine andere Frage. Sein Mädchen wiedersuchen! Natürlich! Aber wo? Im Garten der Ehrenburg konnte es doch nicht alle Ewigkeit sitzen geblieben sein, auf der Götterbank, mit dem Onkel Poltermann! Koburg war keine große Stadt, aber nach der Geliebten suchen konnte man doch darin. Also – wie immer in solchen Dingen – fürs erste blind losgestürmt! aufs Geratewohl der Nase nach! und selbstverständlich in der falschen Richtung, letzteres wieder mal nur, um dem Glück Gelegenheit zu geben, sich von seiner liebenswürdigsten, gefälligsten Seite zu zeigen. »Willi! Willi! Willi! Aber – Willi!« Daß dieser Ruf ihm galt, konnte er doch nicht wissen; denn laut schreien hatte er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gehört. Erst als eine heisere, knarrende, außer Atem gekommene andere Stimme dem holden Jagdruf seinen Familiennamen hinzufügte: »Aber Herr Gutmann –« und seinen Titel: »Herr Kameralsupernumerar Gutmann!« hielt er an im Vorstürzen, stand er, starrte, fuhr herum und – sah sie hinter sich herlaufen: sie und den armen, atemlosen Onkel Poltermann. »Der Mensch ist ja reinewegs wie verhext!« ächzte der letztere. »Recht gut auf den Beinen; aber, wie mir scheint, etwas schwerhörig. Wirst in deiner Ehe also wohl dann und wann etwas laut zu sprechen haben, Tilde, wenn – ihr wirklich noch zusammenkommen solltet.« »Aber Onkel? ... Willi!« Zum letztenmal klang der letztere Ruf und jetzt dem Geliebten wie Sphärenklang melodisch. Auf dem Königsplatz in Kassel antwortet das Echo dem Anrufer siebenmal; zehntausendmal, hunderttausendmal antwortete das Herz des Geliebten der Geliebten, und auch das reichte noch nicht. Er stürzte ihr entgegen. Er streckte ihr die Hände zu, sie reichte ihm die ihrigen, und der Onkel Poltermann keuchte: »Also bist du wirklich wieder draußen?« »Wo sollte ich denn sonst sein?« rief der Jüngling, seiner Jungfer in die Augen sehend. Seinetwegen hätte das deutsche Volk seine Neugestaltung nochmals für einen Zeitraum verschieben dürfen, wie von dem Frieden von Münster und Osnabrück bis auf den gegenwärtigen Tag. Den Himmel in ihren Augen, in ihrem Herzchen hatte er sicher; dummes Zeug alles übrige! seinetwegen mochte die ganze Welt einfallen. Fürs erste aber bemerkte seine Himmlische, allgemach wieder zu Atem kommend: »Jesus, Herz, wenn ich nicht so gelaufen wäre und so geschrieen hätte, so liefest du noch und ließest uns dir um ganz Koburg nachlaufen! Da sieh dir mal den guten Onkel an!« »Ja, sieh dir mal den guten Onkel an!« keuchte der Onkel Laurian. »Na, ihr zwei könnt euch wahrhaftig gratulieren, daß ich in dem Jean Paul aufgewachsen bin und noch in seine Zeit hinunterreiche! Wie weit sind sie denn da drinnen – ich meine in der herzoglichen Reitbahn?« »Ja – wie weit? Ein Herr Miquel hatte das Wort, und Alois – Herr von Pärnreuther hat einem Herrn Schmelzkopf aus Braunschweig einen Kuß geben wollen, wegen einem Mikroskop im Kopf und wegen – ja, was denn? – wegen Schleswig-Holstein.« »Aber Menschenkind! Mensch, wo bist du denn? Dort war er ja freilich im Jahre Neunundvierzig. Er hat dort wacker mitgeschlagen – mit dem Strick um den Hals von Windischgrätz her! Eure Bekanntschaft, eure Zuneigung, eure Freundschaft mit ihm, Wilhelm, stammt ja von dort her.« »Aber nicht mit uns, nicht mit mir. Zu uns ist er erst als ungarischer Weinhändler nach Wunsiedel gekommen,« hauchte Klotilde Blume. »Meinetwegen mag er küssen, wen er will, nur – und dann, wie lange ist das eigentlich her: Achtzehnhundertneunundvierzig?« »Unendlich lange!« ächzte der Kameralsupernumerar Gutmann – Gutmann der Jüngere aus H., den Arm um die Kleine schlingend. »Ich ging noch in die Schule.« »Und mich stellte Mama in die Ecke, wenn ich damals unartig war, bis der Onkel Laurian kam und mich losbat. Damals verließ sich die Familie noch nicht auf mich, wenn es sich darum handelte, die Tante in Immelborn bei guter Laune, bei lieber Stimmung für sie zu erhalten. Hast du auch einmal in der Ecke stehen müssen, Willi?« »Immer! Bis heute morgen – bis du mich herausholtest,« jauchzte er. Es war doch zu entzückend, jetzt schon von ihr ausgefragt und dazu »Willi« genannt zu werden: er, der vorgestern morgen noch nicht die kleinste Ahnung von ihr hatte, sowie sie nicht von ihm. O Deutschland, Deutschland, wie bringst du deine Kinder von Nord und Süd doch zusammen, wenn du nicht bloß den Kopf, sondern auch das Herz darauf gestellt hast. Selbst bei Gelegenheiten, wo sich sonst deine Kinder am liebsten mit den Fäusten unter die Nase gehen, gelingt es dir, daß wenigstens zwei von ihnen, natürlich von zweierlei Geschlecht, sich kriegen! Aber waren sie denn schon fest zusammen? Hatten sie sich fest, die beiden armen deutschen Kindlein, Willi Gutmann und Tilde Blume? Saßen nicht noch die harten Väter unerweicht drinnen in dem herzoglichen Reithause, wußten noch von nichts, spannen giftig mit am neuen deutschen Reich, und spieen möglicherweise sofort Gift, Wut und Galle, sobald sie erfuhren, was sich hinter ihrem Rücken angesponnen hatte? Onkel Poltermann machte hierauf aufmerksam. »Nehmt doch die Sache nicht so leicht,« meinte er kopfschüttelnd. »Auch den armen und wirklich herzensguten Herrn Alois nicht!« »Sei mir von dem still!« rief weinerlich-ärgerlich Klotildchen, mit dem Fuße aufstampfend. »In deiner Abwesenheit bei unserer guten Tante Adele hat sich das Verhältnis zwischen deiner lieben Mama und ihm noch um ein Bedeutendes fester gezogen.« »O, Willi, es ist leider so!« schluchzte Klotilde. »Es ist ärgerlich, aber es wird wohl so sein, wie der Onkel sagt. Da ich wegen meiner Aufopferung draußen mich zu Hause nicht persönlich wehren konnte, wird wohl ganz Wunsiedel uns schon ganz sicher für verlobt halten und uns so von Haus zu Haus herumtragen.« »Der Satan soll ganz Wunsiedel holen!« rief er, sich dieses rasch bis ins furchtbarste ausmalend, Kameralsupernumerar Gutmann. »Das sage doch nicht,« sprach wiederum der Onkel Laurian kopfschüttelnd. »Weißt du wirklich, was Wunsiedel dem deutschen Volke und also auch dir bedeutet?« »Jawohl! ... natürlich!« keuchte der Jüngling lachend, aber nicht aus Wohlwollen lachend. »Ihren Jean Paul Friedrich Richter –« »Nein, mein Sohn! Den zwar auch, aber die ganze deutsche Familie dazu, von Flachsenfingen bis Wien und Berlin, in Gemüt, Herz, Hochsinn – in Gemütlichkeit, Herzlichkeit, Zartsinn und – dem vollen Gegenteil von alledem! Junger Mensch, bei dir zu Hause hast du dasselbige, aber siehst darüber weg, weil du es zu nahe vor dir hast. In Wunsiedel wirst du das Ding objektiv fassen müssen. Nur wer mit den gegebenen Verhältnissen rechnet, kommt zu etwas; dort in der herzoglichen Reitbahn werden sie sich wohl auch darin finden müssen, wenn sie zu etwas kommen wollen.« »Mein Herz, mein höchstes Glück,« rief der jüngere Gutmann, sein Mädchen von neuem fester an sich ziehend, »was geht uns zwei denn das alles an? Wenn wir ihnen ganz durchgingen –« »Hinein in die Welt Jean Paul Friedrich Richters?« lächelte der Onkel Poltermann. »Papa hat mich nach Koburg zu seiner dummen Politik berufen, um mir ein Vergnügen zu machen,« schluchzte seine Nichte. »Hat er es mir gemacht? sag es selber, Onkel, hat sich wer von euch nach mir umgesehen, außer hier meinem – meinem nun einzigen, ewigen, einzigen Willi? Aber sei nur ruhig, mein armer Engel, wenn ich mir mein Vergnügen endlich selber ein bißchen gemacht habe, so können sie das uns höchstens nur stören; unser Glück werden sie uns nicht nehmen!« »Kinder! Kinder!« rief der Onkel Poltermann halb in Entzücken, halb in Verzweiflung um die beiden mit gerungenen Händen herumhüpfend. »Was seid ihr für Kinder! O, und ich! ich! Meines Vergnügens wegen hat mich dein Vater, Mädchen, und dein Herr von Pärnreuther, du armes Närrchen, nicht mit nach Koburg genommen, sondern nur, um auch meinerseits alle Gegensätze im deutschen Volke ausgleichen zu helfen, und – und – nun stecke ich so darin! Mädchen, wenn die nun da drinnen in völliger Harmonie wären und dein Vater herausgestürzt käme, um dich und den Herrn Alois mit dem ganzen übrigen deutschen Volk an sein Herz zu drücken, und dich gar nicht so fände, hätte er dann diesmal nicht wirklich alles Recht, zu sagen: So sind diese Preußen?!« »Aber ich habe es ja schon zehntausendmal gesagt, daß ich gar kein Preuße bin!« schrie Wilhelm Gutmann aus der Stadt H. »Für uns hier zu Lande doch aus dem nämlichen Topfe. Aber was ist denn das? Ist denn schon wieder eine Erfrischungspause? Das ist ja dein Vater, Sohn Gutmann, der da hergestürzt kommt!« Zwanzigstes Kapitel. Klio hat's aufgehoben auf ihrer ehernen Tafel, wer noch das Wort gehabt hat, bis die Rednerliste erschöpft war: Unruh aus Berlin, Morgenstern aus Fürth, Welcker aus Heidelberg, Crämer aus Doos, Schulze aus Delitzsch! Jeder von den Herren hatte mit seinen Ansichten recht gehabt, nicht nur in seiner eigenen Meinung, sondern auch in der eines mehr oder weniger großen Teiles der Versammlung. Jedenfalls aber war nunmehr alles ausgesprochen worden, was ausgesprochen werden konnte und mußte; es durfte also jetzt wohl wieder Herrn Metz aus Darmstadt, dem Berichterstatter des Ausschusses, das Wort zum Abschluß erteilt werden. »Wir machen aber vorher zehn Minuten Pause, und der Ausschuß zieht sich dann zu einer nochmaligen Prüfung sämtlicher Anträge zurück,« verkündete der Vorsitzende. Daraufhin fuhren unter großem Gesumm und Sitzgepolter Antragsteller und Gesinnungsgenossen gleichfalls zu letzter Überlegung und Beratung im Saal mit den Köpfen zusammen. (»Wir müssen den Feind in uns bekämpfen, die Selbstsucht nämlich, durch die jeder einzelne glaubt, sein Weg sei der beste!« hatte Crämer aus Doos unter stürmischem Beifall gerufen.) Einzelne jedoch meinten, besser draußen in freier Luft zur endgültigen Erleuchtung und zu einem festen Entschluß in betreff der folgenschweren Abstimmung zu gelangen. Zu diesen nicht wenigen einzelnen gehörte Herr Gutmann Vater. »Du willst doch nicht gehen?« fragte verwundert Major Blume. »Meinen Jungen will ich hier haben!« schrie der Vater Gutmann. »Tot oder lebendig will ich ihn wenigstens jetzt hier haben! Wie ich selber stimmen werde, weiß ich auch ohne Metz; aber den Schlingel will ich mit in der Wagschale für mich und den Ausschuß werfen – tot oder lebendig!« »Na, dann laufe meinetwegen,« brummte der Major. »Pärnreuther, Sie sind mein Mann! Sie brauche ich mir nicht an den Haaren herbeizuholen, wie der da seinen – seinen jungen – Preußen! Na, es soll mich wundern, ob der übrigens wirklich nette Alte seinen Deserteur wirklich aufgreift und bei was für einer angenehmen Unterhaltung er ihn findet. Vergnüglicher und kühler hat der junge Herr sicherlich gesessen, als wie wir hier in unserem Drangsal fürs Vaterland.« – – »So, Bengel?! Da faß' ich dich!« rief der ›Alte‹ im Gewühl der aus dem Reithaus hervordrängenden ›Einzelnen‹ zuerst natürlich nur sein Kind ins Auge und auch sofort am Kragen fassend. »Ich hätte wahrhaftig Lust, dich – ah, mein Fräulein! ... und auch Sie, Herr Poltermann – sehr erfreut, Sie auch hier zu treffen, meine Herrschaften; aber Sie werden mir recht geben, daß ich auf diesen Burschen hier einigermaßen erbost bin. Junge, wozu habe ich dich mit hierher nach Koburg genommen? Etwa bloß deines Vergnügens wegen? Wie angerötet das Menschenkind aussieht! Gesteh es, von welchem Getränk aus, aus welcher gemütlichen Ecke, von welchem angenehmen Koburger Fensterplatz aus führt dich dein unverschämtes Glück dem lieben Fräulein in den Weg? Und währenddem, mein bester Herr Poltermann, zieht sich da drinnen die Pyramide in die Spitze zusammen. Die deutsche Zukunft hängt von jeder Stimme ab, die in die Wagschale geworfen werden kann. Sie waren auch nicht recht bei der Sache, Herr Poltermann, aber das geht mich ja weiter nichts an. Du aber, Wilhelm, kommst auf der Stelle wieder mit mir herein und tust das Deinige wenigstens zum Schluß dazu, daß endlich doch – die Vernunft siegt!« Spätere Koburger, so zum Beispiel des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts, werden Fremde auf die Stelle führen, wo das vorging, was jetzt geschah, und werden sprechen: »Hier!« Steht dann auch vielleicht das herzogliche Reithaus nicht mehr, so wird der Platz in der Nähe desselben oder des Ortes desselben, worauf die unselig-selig Verliebten und jach Verlobten mitsamt dem Onkel Poltermann, so nach und nach Fuß vor Fuß setzend, wieder angelangt waren – noch immer vorhanden sein und, wie gesagt, den dann lebenden Leuten gezeigt, zur Hebung des »Fremdenverkehrs« sehr verwertet werden können. Sie standen vor der Pforte der Reitbahn: Klotilde, Willi, der Onkel Laurian und der Vater Gutmann. Drin saßen der Vater Blume und Herr von Pärnreuther. Um die betäubten Liebenden, den verwirrten Onkel Poltermann und den aufgeregten Vater Gutmann wirbelten und drängten die Abgesandten zur ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, die in der freien Luft besser zu einem letzten festen Entschluß kommen zu können geglaubt hatten. Die zehn Minuten Pause gingen zu Ende; die Gelegenheit, mit einer Eröffnung wie sie die beiden wirklichen Bevollmächtigten der Zukunft des deutschen Volkes auf dem Herzen hatten, nunmehr vor die Versammlung zu treten, konnte also gar nicht günstiger gegeben sein: o, es ist einfach fürchterlich, wie dann und wann das Schicksal sich einen Spaß daraus macht, mit den zartesten Gefühlen auf dem lebendigsten Tummelplatz des Lebens zu spielen! Wäre der Onkel Poltermann nicht seinen beiden armen Schützlingen zu Hülfe gekommen, sie ständen heute noch da, wie's im Märchen heißt. Der alte Zauberer löste den Bann und zwar auf die allereinfachste Weise. Jean Paulsche Mondregenbogen und Sonnenwirbel kreisten nicht rundum, aber ein gut Stück vom Doktor Katzenberger war in ihm, als er, die Daumen umeinander drehend und den Kopf auf die Schulter legend, erst den jungen Sünder und dann den Erzeuger desselben anblinzelte: »Gerötet sieht er aus? Angerötet? Hmhmhm, aus der Schenke kommt er heraus, Herr Landsmann? ... Hm, hm, Sie haben sich nie in einem schönern Irrtum befunden, mein bester Herr! Was kann es helfen? Klingelt nicht da der Weihnachtsmann? Nein, Herr von Bennigsen! Nun Kinder, dann macht rasch! Gesteht es, was ihr getan habt! Wirf dich deinem guten Papa zu Füßen, mein Sohn! Wirf du dich mit, Mädle!«– Das wäre freilich das Höchste gewesen, was die Liebe im Gedränge der wieder in das Reithaus zurückströmenden Abgeordneten aller verständigen Parteibildungen des deutschen Volkes hätte leisten können. Wilhelm Gutmann machte es doch lieber anders, und sein Mädchen half ihm. Sie rückten vor dem erstaunten Vater Gutmann aneinander, Schulter an Schulter, er legte ihr den Arm um die Hüften, sie legte ihm den ihrigen auf die Schulter, der Vater Gutmann hätte sich am besten in seiner Verblüffung steif hingelegt, flach auf die Erde. »Wenn ich nur sein Gesicht bei der Geschichte hätte sehen können!« sagte noch Jahre nachher die Mutter Gutmann, und sie hatte recht: sehenswert ist sein Gesicht damals gewesen. Da es der Sohn der Mutter nicht beschreiben konnte, so lassen auch wir lieber unsere Hand und Kunst davon. »Ja, Papa, das ist sie!« stammelte jetzt aber dieser Sohn, »du hast sie ja auch schon kennen gelernt auf der Fahrt von Immelborn her! ... Vater, das ist sie für Zeit und Ewigkeit, und du hast ja selber auch schon gesagt: ›Das ist doch ein ganz reizendes Mädchen!‹ Und ich bin überzeugt, zu Hause die Mutter –« Der Alte sah aus seiner Versteinerung heraus vollständig an dem verlegenen Stotterer vorüber; immer fester, mit immer größeren, merkwürdigeren Augen sah er auf den allerliebsten Fang, den Reisefang desselben. Was blieb dem armen Kind übrig, als unter diesem Blick immer verlegener, immer verschämter, und dazu von rechts und links gepufft und geknufft von allen in die herzogliche Reitbahn zurückdrängenden politischen Tieren (nach Aristoteles!) in ein helles, erbarmenflehendes Mädchengeweine auszubrechen? Der alte, brave, vergnügliche Musterreiter, der Vater Gutmann aus H., sah es ihr vom Herzen, vom Zwerchfell aufwärts steigen, sah sie in ihrer Kehle mit ihm ringen, sah es die Oberhand über ihren Widerstand gewinnen im Zucken ihrer Schultern, sah es ihr an der Nase und den – Augen an, daß sie »losheulen« würde, und – hatte in seinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal »solchen nichtsnutzigen Weibertränen widerstanden.« »Mein Töchterchen – aber ist es denn glaublich? möglich?« »O Gott, ja Papa! Aber – meine – Schuld ist es wirklich nicht! Ohne ihn – ohne Willi würde ich nicht – und, und, o Gott, Gott, mein Vater weiß ja auch noch nichts davon!« In diesem Augenblick läutete drinnen, in der herzoglichen Reitbahn, Herr von Bennigsen so mit seiner Glocke, daß die letzten noch draußen weilenden Mitgründer des neuen deutschen Reiches nicht nur an der Familienszene vorbei, sondern beinahe über sie weggestürzt wären, hinein in die Halle, zur letzten Handreichung und Mitarbeit am großen Werke. Und hinein in den Tummel schleuderte der Vater Gutmann seinen Sohn Wilhelm und mit der andern Hand griff er zartfühlend nach dem zittrigen Händchen seines – Schwiegertöchterchens: »So! ... Jetzt bin ich hier außen an der Reihe und du da drinnen. Junge! Jetzt wünsche ich auch hier klar und nachher nach dem Rechten zu sehen und meine Stimme mit Vernunft abzugeben. Knabe, ich rate dir, daß du jetzt doppelt deinen Verstand zusammennimmst und mir keine Dummheiten begehst.« Der Knabe hielt dies anfangs noch für Scherz; aber nur für einen kürzesten Moment. Die in die Halle zurückströmende Flut von Vaterlands-Verdruß, -Ekel, Mut, -Hingebung und -Begeisterung faßte ihn, hob ihn trotz alles Zappelns seiner Privatgefühle, nahm ihn, betäubt, widerstrebend, willenlos mit sich hinein. Wie es eigentlich zugegangen war, wußte er nicht, aber er fand sich im bittern Ernst plötzlich wieder inmitten des Zweckes, wegen welches er im Grunde doch einzig und allein nach Koburg gekommen war; aber dazu noch auf dem Sitz zwischen seinem wirklichen Freunde Alois von Pärnreuther und seinem, immer doch nur erst möglichen, Schwiegervater. Der erstere verbiß, mit dem Knie emporzuckend, den Schmerz eines zertretenen Hühnerauges; der andere rieb sich, mit hochgezogenen Augenbrauen, die Schulter, an welche sich der zukünftige, das heißt noch immer erst mögliche, Sohn und Schwiegersohn gerade nicht geschmiegt hatte. Er war wirklich mehr daran geworfen worden, und erst nachdem der Major ihn als seine Reisebekanntschaft erkannt hatte, nahm er ihn leicht und sagte auf dem Stockzahn lachend: »Aha, junger Herr, sind Sie endlich da? Donner und Doria, Ihnen merkt man es an, daß Sie jetzt noch gern Versäumtes nachholen möchten! Ja, ja, so geht man in Ihren Jahren um die Schule herum, übrigens können Sie mir doch dankbar sein, der Herr Vater hat schon nach Ihnen ausgeschaut! Ich hab' ihn aber immer von neuem beruhigt: Lassen's ihn doch, den jungen Herrn, Papa Gutmann; wir zu unserer Zeit hätten's wahrscheinlich nicht anders gemacht. – Nun aber mal auch im Vertrauen, haben's noch ein neues angenehmes Lokal und sauberes Getränk für uns hier in Koburg ausgefunden?« Einundzwanzigstes Kapitel. »Herr Metz aus Darmstadt hat das Wort!« klang es vom Präsidentenstuhl und überhob glücklicherweise den jüngsten Politiker der Versammlung der Aufgabe, für seinen möglichen zukünftigen Schwiegervater eine passende Antwort zu finden. »Jetzt kommt's, Pärnreuther. Achtung! An die Gewehre!« wendete sich Major Blume an seinen auch immerhin noch möglichen zukünftigen Schwiegersohn. Was aber von der Rednertribüne kam, vernahm Herr Wilhelm Gutmann nur sehr unbestimmt und wie durch einen dicken, dicken Vorhang, auf dem alle Farben und Figuren, die es in der Welt gibt, durcheinanderwirbelten. Metz sagte, daß der Ausschuß die zehn Minuten Pause nach Möglichkeit ausgenutzt habe; aber wozu, wurde dem Kameralsupernumerar nicht ganz klar, und konnte das auch niemand verlangen. Wie es schien, hatte der Ausschuß sämtliche Gegenanträge noch einmal geprüft und rasch mit dem seinigen verglichen: du lieber Himmel, wenn Vater Blume, ihr Vater, der Major Blume, demnächst vor die Aufgabe gestellt wurde, seinen, Willis, Antrag zu prüfen und ihn mit einem des Freundes und Ritters Alois von Pärnreuther zu vergleichen! ... Metz schien Herrn Pickford ans Heidelberg was aufzuriechen zu geben, weil der sich an den früheren Mitgliedern eines Montagskränzchens in Frankfurt am Main, den »Trägern des ganzen politischen Fortschritts« in jener Stadt gerieben hatte: o ja, Klotilde hatte ihm, ihrem Wilhelm, auch von einem Montagskränzchen in Wunsiedel gesprochen, welches freilich nicht schon von Achtzehnhundertachtundvierzig her für Fortschritt und Freiheit gekämpft hatte, welches sich aber sehr über ihr plötzliches Verhältnis mit ihm, Willi, wundern würde ... Metz ging himmelweit auseinander mit Herrn Weber aus Stade. Er konnte sich dessen Geneigtheit, Preußens Hegemonie auch mit einem Ministerium Stahl-Gerlach anzunehmen, nur daraus erklären, daß er eben im Königreich Hannover wohne, wo, »wie keine andere Regierung das getan hat, alles aufgeboten wird, den Teufel des Partikularismus auszutreiben.« Metz erkannte zwar eine Auffassung an, welche selbst unter dem Teufel und seiner Großmutter einig zu werden wünschte, allein zu einer solchen Höhe der Anschauung hatte er sich für seine Person noch nicht aufgeschwungen: Willi Gutmann hatte das, soweit Klotilde Blume bei der Vereinigung in Betracht kam. Mit ihr ein Leib und eine Seele für Zeit und Ewigkeit auch unter dem Teufel und seiner Großmutter, auch unter zwei pech- und schwefelschnaubenden Schwiegervätern und zwei dito Höllenschwiegermüttern! Mit ihr auch in der Hölle selig! ... »Hören Sie mal, junger Herr, sind Sie nicht wohl, oder sind Sie nur immer noch nicht bei der Sache?« brummte ihn gerade jetzt, und eigentlich also zur ganz richtigen Zeit, der Major an. »Donnerwetter, so sitzen Sie doch still, und – zum Henker, was machen Sie mir denn für Augen? Habe ich was an mir, was Sie –« Rundum sahen schon andere, zum Beispiel der alte Lützower Pastor Nodth, nach ihrer Richtung hin, und es wurde schon ziemlich deutlich Ruhe geboten. »So sitz doch endlich still, Liebster,« flüsterte Freund Alois. »Der Papa Blume hat ganz recht, was hast du denn? Erst störst du uns durch dein Haußenbleiben, und jetzt zum Schluß kannst du möglicherweise deines Kommens wegen wieder hinausgeworfen werden. Wir hier sind doch auch in ziemlicher Aufregung, und es kommt doch wahrhaftig was darauf an, was Herr Metz sagt und wozu er uns noch bringt bei der Abstimmung! Bist du selbst aus irgendwelchen fröhlichen Gründen unfähig, momentan für dein künftiges Wohl und Wehe im deutschen Volke mitzusorgen, so hindere mich und den Major nicht. Sitze still!« Er saß still: Ward je in solcher Laun' ein Weib gewonnen? nämlich einem ahnungslosen Papa und einem noch ahnungsloseren feurigen Nebenbuhler abgewonnen? Er versuchte anzuwurzeln auf seinem Sitze. Er versuchte es, politisch zurechnungsfähiger Mensch zu sein, zu hören, zu verstehen, zu wägen und zu beschließen. Metz redete weiter – immer besser, immer eindringlicher, immer überzeugender. Er rief, daß, wenn die Frankfurter Herren fort und fort wiederholten, sie wollten sich nicht für die Zukunft verschreiben, sie damit ganz unrecht hätten, denn er habe ja dasselbe gesagt, und der Ausschuß sei ganz seiner Meinung: die Statuten des Nationalvereins blieben ja unverändert und nur das Programm stelle man fest, wenn man den Ausschußantrag annehme. Das Programm könne man immer ändern, wenn es nötig sein sollte. Wenn es durch die Macht der Verhältnisse sich zeige, daß Deutschland nicht anders gerettet werden könne, als durch Änderung des Programms, so werde jedermann darauf eingehen. Der tosende Beifall, der diesen letzten Worten in der Versammlung folgte, deutete schon ziemlich bestimmt an, was das am Ort versammelte Deutschland über sich beschließen werde: Willi Gutmann hatte es nun aufgegeben, nach einem Verständnis dessen, um was es sich handele, zu ringen. Bei seiner Gemütsverfassung kam er heute nicht mehr dazu. Er saß still jetzt und stierte auf den Vater Klotildens und dachte an seinen eigenen Vater und Klotilde draußen vor dem herzoglichen Reithause. »Der junge Mensch muß zu Hause von Mama sehr scharf gehalten worden sein. Einen Hausschlüssel hat er sicherlich noch nie mitbekommen!« dachte Freund Alois, trotz gespanntester Aufmerksamkeit auf den Darmstädter Hofgerichtsadvokaten, das Kind seiner Wohltäter immer wieder ins Auge fassend. Metz näherte sich dem Schluß. Er sprach: »Es ist weiter gesagt worden, die Reichsverfassung von 1849 bestehe zu Recht. Meine Herren! Über diese Frage hat der Ausschuß sich nicht verneinend ausgesprochen; er spricht nur gegen eine sofortige Agitation für die Reichsverfassung. Wenn uns erwidert wird: habt ihr keine Mittel für die Durchführung der Reichsverfassung, so habt ihr sie auch nicht für euer Programm; so können wir hingegen sagen: wir haben für unser Programm Einigkeit des Nationalvereins; wenn wir aber in Spezialitäten uns einlassen, dann öffnen wir doktrinären Streitigkeiten Tür und Tor. Meine Herren, es kann unmöglich jemand in der Versammlung entgangen sein, wie richtig der Ausschuß die Sache auffaßte, wenn er sagte: die widerstrebendsten Ansichten zeigen sich, da heute Anträge, die sich diametral entgegenstehen, zu Dutzenden kamen.« »Da hat der Herr recht!« murmelte der Vater Blume. »Was meinen Sie, Herr Kameralsupernumerar?« Der Herr Kameralsupernumerar wußte nur von Einem Antrag, mit welchem er aber dem Herrn Major noch nicht gekommen war. Auf die Frage ging es ihm durch den wirbelnden Sinn, ihn jetzt zu stellen. Unmöglich! Metz ließ es nicht zu. »Wenn Sie dieser Tatsache den Umstand entgegenstellen, daß der Ausschuß nach mehrtägiger reiflicher Diskussion einstimmig zu einem bestimmten Antrag kam, so werden Sie doch vorerst glauben müssen, daß die Ausarbeitung des Ausschusses, soweit menschliche Kräfte es möglich machen, die geeignetste ist, um Zwistigkeiten zu vermeiden.« »Hören läßt sich das wohl!« meinte der Major. »Ja, aber was soll aus mir werden!« ächzte Herr Alois von Pärnreuther. »Österreich wird hinausgeworfen, ich sehe es jetzt schon ganz deutlich. Ich fühle mich schon ganz draußen vor der Tür!« »Liebster, bester Freund, Sie bleiben unter allen Umständen bei uns! Sie wissen es, was Sie uns in Wunsiedel sind. Wir wissen es in Wunsiedel, in Franken, – in Bayern, was wir an Ihnen haben.« Die beiden drückten sich die Hand; Willi griff mit der seinigen nach der Kehle, um das stöhnende Herz aus ihr an seinen natürlichen Platz wieder herabzudrücken. Metz mit erhobener Stimme rief: »Wir haben mehr oder minder für die Sache Opfer gebracht, ich kann Sie versichern, daß ich persönlich in Eisenach alte Ansichten aufgab, daß ich in Frankfurt abwich von manchen Überzeugungen, nur um die Einigkeit herbeizuführen. Ich weiß nicht, wie es mit meiner Person, mit meiner Freiheit und Existenz demnächst aussieht; schrecklich wäre es für mich, wenn ich jetzt nach Hause ginge und hätte alles umsonst gewagt!!« »Klotilde!« stöhnte Gutmann der Jüngere. »Ich bin aber überzeugt, daß die Abstimmung Einigkeit ergeben wird. Denn es sind wohl Meinungsverschiedenheiten vorhanden, aber keine solchen, welche einen einheitlichen Beschluß verhindern müssen, und dieser Beschluß wird ganz gewiß mit imponierender Stimmenmehrheit auf die nach reiflicher Erwägung aller Umstände gefaßten Ausschußanträge hin fallen. Meine Herren! In Ihrer Hand liegt das Geschick des Vereins, aber ich bin außer Zweifel: Der Nationalverein wird fortleben und wird die deutsche Nation ein gutes Stück vorwärts bringen, zur freiheitlichen Einigung!!!« »Großer Beifall,« steht im Protokoll, wie Herr Wilhelm Gutmann es nachher gedruckt vor sich hatte. Ob er dabei beteiligt gewesen war, konnte er nicht sagen. Daß der Ausschußantrag mit allen gegen fünf Stimmen angenommen worden war, hatte er gleichfalls gedruckt nachher vor sich: ob er mitgestimmt hatte und wofür, wußte er nicht. Reine Freude können wir an diesem, seinem völligen Aufgehen im Herzen nicht haben; der Kopf muß doch auch immer, wenigstens ein bißchen, sein Recht behalten, besonders bei solchen Gelegenheiten. Bloß Fräulein Klotilde Blumes wegen war er doch nicht nach Koburg gekommen, befand er sich augenblicklich nicht in dem herzoglichen Reithause in Koburg! Aber befand er sich wirklich in dem herzoglichen Reithause in Koburg? Und wenn oder wenn nicht – war er bei solchen geistigen Zuständen augenblicklich einer ferneren genaueren Berücksichtigung, Beaufsichtigung durch uns wert? Wir halten es wahrhaftig für das Beste, jetzt über ihn hinwegzusehen. Die höhere Macht, die ihn ergriffen hatte, mochte auch für ihn sorgen in seiner Erdenentrückheit. Was uns anbetrifft, so befinden wir uns ruhigen Herzens, klaren Kopfes immer doch in der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins in Koburg wirklich am Platze. Auf seinen Stuhl stieg ein kleiner, dürrer, schwarzer Herr, schwang den Hut und rief: »Alles, was für das deutsche Volk ritt, stritt und litt, stimme mit mir, und ich stimme für den Ausschuß!« Das war der Pastor Nodth, der alte, tapfere, klaräugige Lützowsche Reiter. »Ich ritt, stritt und litt für Deutschland, und ich stimme – nein – ich enthalte mich der Abstimmung!« rief jemand hinter ihm und das war der ungarische Weingroßhändler von Pärnreuther aus Wien. »Pärnreuther!?« rief der Major Blume aus Wunsiedel. »Herr von Pärnreuther, ich würde mit Ihnen gegen die preußische Spitze gestimmt haben; der Abstimmung enthalte ich mich nicht. Ohne Sie stimme ich für den Ausschuß! Herr Alois, nehmen Sie's mir nicht übel, liebster, bester Freund! Im Grunde habe ich wahrhaftig deshalb nicht hierher nach Koburg kommen wollen.« »Wenn ich nur wüßte, welcher Dämon mich hierher nach Koburg gebracht hat!« ächzte Herr Alois von Pärnreuther. »Wenn ich nur wüßte, wie es anderen so leicht möglich ist, festen Fuß zu fassen zwischen Kopf und Herz, zwischen Vernunft und Gefühl! O, Willi, weshalb bin ich nicht auch wie du draußen geblieben und habe diese Leute hier, wie du, unsere Zukunft unter sich ausmachen lassen! Maria und Joseph, ich wußte es doch, welche Rücksicht ich jetzt in meinen jungen Jahren schon auf mich und meine Nerven zu nehmen habe!« ... Nach der Abstimmung wurde noch ein Antrag wegen Erteilung einer Amnestie für vergangene politische Verbrechen einstimmig angenommen von den gegenwärtigen in dem herzoglich koburgischen Reithause versammelten Sündern, die selber die Verzeihung ihrer vielfachen, beziehungsweisen Landesväter so sehr, so hoch nötig brauchten. Willi Gutmann schloß sich davon nicht aus, aber bei dem Wort »Amnestie« hatte dieser Verbrecher doch bedeutend mehr seinen möglichen zukünftigen Schwiegervater, als seinen ganz gewissen im bitteren Ernst schon vorhandenen Landesvater im Auge. Nun wurde noch die schleswig-holsteinische, die kurhessische und die italienische Frage, dann die Militärfrage und die Wahl eines neuen leitenden Ausschusses auf die nächste Tagesordnung gesetzt. »Die Sitzung ist geschlossen!« sagte Herr von Bennigsen: das jüngste Mitglied des nunmehr festbegründeten deutschen Nationalvereins war nicht zu seinem Worte gekommen. – – Zweiundzwanzigstes Kapitel. Sie wühlten sich zum letztenmal für heute wieder hinaus ins Freie: jeder mit einem Gefühl der Verfilzung sämtlicher heute von ihm angehörten, gebilligten und mißbilligten Parteiansichten in sich: jeder mit dem Gefühl, daß es so gut sei, wenn er es sich auch ein bißchen anders gedacht habe: manche mit dem Bedürfnis, nun fürs erste gar nichts weiter mehr von solchen Sachen zu hören: die meisten mit dem Bedürfnis, Gott sei Dank, nach etwas Warmem in den Leib und etwas Kühlem dazu und hinterher – womöglich immer einer besseren Sorte zur Feier der großen Vollbringung und des segensreichen Tages. Herr Wilhelm Gutmann fühlte sich mit hinausgewühlt, willenlos im Kielwasser von Major Blume aus Wunsiedel und seinem Freunde Alois aus Wien. Er hatte nicht das Bedürfnis nach Speise und Trank – er hatte nur die eine Frage in sich, nämlich ob sie wohl draußen vor der Tür des herzoglichen Reithauses ständen, sein Mädchen, sein Vater und der Onkel Laurian aus Wunsiedel und – was dann wohl kommen möge? Er hatte sich selten im Leben so widerstandslos herumstoßen und puffen lassen in einer Eingangs- und Ausgangstür: die Idee, daß er auch vergeblich nach ihnen um sich herumstieren könne, war ihm bis jetzt sonderbarerweise noch nicht gekommen. Als es immer mehr Luft um ihn her gab und ihm die Gewißheit wurde, daß sie nicht da seien, der Onkel Poltermann, sein Vater und Fräulein Klotilde Blume aus Wunsiedel, um ihm sein Leben sofort wieder ins Gleichgewicht bringen zu helfen, wurde ihm nicht mehr schwach zumute, denn das war ihm schon so: muffig wurde er und murrte stumpfig: »Und ich habe sie doch!« Nämlich zu derselben Zeit sagte Major Blume, und zwar auch nicht mit dem gewohnten behaglichen Freundschaftston: »Na, lieber Pärnreuther, da dies denn endlich zu einem sogenannten guten Abschluß gebracht ist, so haben wir ja nun wohl Zeit, uns zu unserem Privatgewissen zu wenden. Wenigstens ich! Ohne den Schwager Poltermann hätte ich schon längst vor Sorgen umkommen sollen. Was ist aus meinem armen Mädel geworden – diesen ganzen halben Tag durch? Ich habe die liebe Kreatur zur Belohnung und ihres Vergnügens wegen hierher nach Koburg beordert, und wer von uns hat sich nur ein einziges Mal nach ihr umgeguckt? In dieser Hinsicht ist uns das deutsche Vaterland eben ein wenig zu sehr ihr vorgegangen. Wahrhaftig, ich gäbe was drum, wenn ich es ihr in irgend einer Art doch noch gut machen könnte. Der Himmel bewahre mich, wenn sonst meine Frau – wenn die Frauenzimmer nachher zu Hause die Köpfe zusammenstecken und Rechenschaft fordern! Sie sind imstande, in diesem Falle selbst die Tante Adele aus Immelborn kommen zu lassen, um mir die Hölle heiß zu machen.« Alois war zu geknickt durch das, was er in dem Reithause erlebt hatte, um anders als durch ein stumpfsinniges Gestöhne auch hierüber noch seine Meinung kundgeben zu können. Aber sie gingen doch immer noch Arm in Arm der Zwiebelmarktgasse zu, Wunsiedel und Wien, und Herr Gutmann junior aus H. hatte gerade jetzt hinter ihnen herzuziehen, als ob er nicht im geringsten zu ihnen gehöre, als ob er eigentlich ganz und gar nichts in ihrer Gesellschaft zu suchen habe. Sie gelangten in die Zwiebelmarktgasse. »Was? sie sind noch nicht zu Hause?« rief der Major. »Zum Henker, was ist denn das?« »Seit Fräulein am Morgen fortgegangen ist, habe ich ihr liebes Gesicht nicht wieder zu Augen bekommen,« sagte die Witwe Wellendorf auf der Schwelle ihres Hauses. »Nun werde ich aber auch etwas besorgt.« »Sie hat ja den Onkel bei sich und Herrn Gutmann,« seufzte Alois. »O, wäre ich doch auch so vernünftig gewesen und bei ihr geblieben!« Der Major kratzte sich mißmutig hinter den Ohren, wendete sich plötzlich kurz und schnarrte: »Guten Tag, Herr Kameralsupernumerar. Dann also heute abend auf Wiedersehen beim großen Essen im Schießhause. Ändern läßt sich hieran nichts mehr; meinen Verdruß mit dem Mädel hier und der Frau zu Haus habe ich sicher. Ich lege mich ein Stündchen aufs Sofa und aufs Ohr; ältere Leute greift solche Vaterlandsaufopferung doch ein bißchen an. Gehen Sie mit mir hinauf, oder verdämmern Sie lieber den Rest des Nachmittags im Löwen, Pärnreuther?« »Ich zöge es vor, Fräulein Klotilde aufzusuchen.« »Seien Sie jetzt kein Narr, bester Freund! Das Fräulein wird wohl von selber wieder auftauchen. Was wollen Sie sich unnötigerweise die Beine nach dem Frauenzimmerle ablaufen?« höhnte der Major. »Dann ziehe ich es doch vor, im Hotel mich wieder etwas zurechtzufinden. O Koburg, o Deutschland, Deutschland, was kostet es für Mühe, ein gemütlicher Mensch in dir zu bleiben! Nun, Willi, wie ist es mit dir? Gehst du mit mir nach dem Löwen zu einer Partie Domino, oder wünschest auch du dich nach deinen Anstrengungen für ein besseres Vaterland in der Einsamkeit ein wenig aufs Ohr zu legen?« »Einige Rücksicht habe ich doch auf meinen Vater zu nehmen,« stotterte Willi. »Möglich ist es, daß er mich in unserem Quartier suchte und – vielleicht – Wichtiges –« »Nun denn, auf heute abend, meine Herren,« gähnte der Major Blume und stieg, geleitet von der Mutter Wellendorf, in seinem Quartier die Treppe hinauf. »Auf heute abend denn, Willi!« ächzte Alois von Pärnreuther und entschwankte wie einer, der mit der ersten Geige unterm Arm gekommen war, aber sie nicht gespielt hatte. »Auf heute abend, Alois!« stöhnte Herr Wilhelm Gutmann wie einer, dem der Himmel zwar voll Geigen hing, der aber mehr als eine Ahnung davon hatte, daß er nach einem oder zwei der Instrumente im Verlauf des Abends noch zu tanzen haben werde, wie im Märchen der Jude im Dornbusch. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Auch er stieg die Treppe hinauf in seinem Koburger Gastquartier beim Schneidermeister Daniel. Er fand sich daselbst allein mit sich und seinen Gedanken: Herr Daniel hatte nicht das Geringste gesehen von seinem Vater und seinem Mädchen, wußte gar nicht, wo sie sich aufhalten könnten. Sollte er, Willi, sie suchen? Ja, wo sollte er sie suchen? Kannte er seinen Papa nicht? Das heißt, hatte er ihn nicht viel genauer als vorher kennen gelernt auf dieser Reise zur Feststellung des deutschen Znkunftsprogramms? Ja, Feststellung! Bei dem Worte saß der junge Mann schon auf dem besten Sofa der Frau Daniel und starrte noch mal auf den Herzog Ernst an der Wand, wie der die Gefion nahm und den Christian den Achten in die Luft sprengte, und blieb – selig, trotzdem daß er zugleich zerschlagen, schwindelnd, sehr voll Unruhe und ganz unfähig war, »jetzt aufs Geratewohl nach dem Alten, ihr und dem Onkel Poltermann in der Stadt herumzulaufen.« – Nach Hause mußten sie ja einmal kommen und dann mußte sich alles, alles lösen! Er hatte sie ja! er hatte sie fest! Lächerlich, sie an diesen dicken, guten alten Alois abgeben zu sollen – bloß weil ihre Eltern es vielleicht wünschten! ... Hatte er nicht auch Eltern, die schon längst gewünscht hatten, daß er sich wie der wackere Hermann in Hermann und Dorothea aus den Jungfrauen des Landes ein gutes liebes Kind hole und ihnen bringe? ... Ja, Donnerwetter, aus den Jungfrauen des Landes! Und seine Frau Mutter? Hatte die nicht in dieser Hinsicht vielleicht doch auch ihren Kopf, trotz dem, was er vorhin darüber geschwatzt hatte? Die Mama in Wunsiedel konnte er sich bis jetzt nur vorstellen; aber seine eigene Mama, die kannte er doch schon ziemlich genau. – – – »O, mein Lieb!« stammelte er, was bei jungen Leuten in seinem Falle und bei ähnlichen verworrenen Verhältnissen gewöhnlich so die Regel sein soll, und so lassen wir ihn denn in seiner Sofaecke, mit den Händen unterm Hinterkopf seinerseits zu Pferde die Gefion nehmen und den Christian den Achten in die Luft sprengen; das Glück ist bei allem die Hauptsache; was sein soll, wird; was nicht sein soll, wird nicht – einerlei, ob es sich um die Neugründung des deutschen Volkes und Reiches, oder um die Gründung eines jungen, neuen, deutschen Haushalts für das neue deutsche Reich handelt. Landes- und Familienväter, Vormünder, verschmähte Liebhaber, Tanten, Onkel und dergleichen fragt das Schicksal wahrhaftig wenig dabei. Ob das europäische Gleichgewicht und das Legitimitätsgefühl verletzt wird, oder die Tante Adele in Immelborn, ist ihm völlig gleichgültig; und also im Grunde ist nicht nur diese Geschichte, sondern auch die Weltgeschichte, »wenn man sie genau betrachtet, einfach scheußlich!« – – – – – Auf dem Sofa hielt er es nicht lange aus. Er legte sich ins Fenster. Nach Hause, nach der Zwiebelmarktgasse mußten sie doch kommen! und dann – dann konnte sich, mußte sich ja wohl noch alles leichter wieder ins Gemütliche wenden, als er es für jetzt selber für möglich hielt! Dann, dann gab es sich vielleicht ganz von selber, denn dann, wenn er nur erst einmal zu Worte gekommen war, dem Vater Blume gegenüber, gab er es wahrhaftig nicht eher wieder ab, bis er alles, alles von der Seele los war, bis er ihn, seinen Schwiegervater Blume, den Major Blume aus Wunsiedel, tränenübergossen in den Armen hielt – sie natürlich auch, und den Freund Alois, wenn der wollte, gern, aber ein wenig später, gleichfalls. – Sehr schön! aber wann und wie erfüllen sich die Phantasien des Menschen? »Es kommt immer ganz anders!« Das ist das wahrste Wort und im Grunde zugleich auch der beste Trost, der ihm, dem Menschen, in seinem Erdenleben mit auf den Weg gegeben worden ist. Herr Wilhelm Gutmann hatte während seines Wartens im Fenster auf die Erfüllung seiner Hoffnungen die Rechnung im wörtlichsten Sinne ohne den Wirt gemacht. Daß der Wirt diesmal sein Vater gewesen war, das war eben das, ausnahmsweise mal durchaus gutmütig lächelnde, ohne Hinterhalt Gewährung nickende Schicksal. Er, Willi, war ja persönlich entschuldigt. Er brauchte auf der Bank im herzoglichen Park und nachher in den Gassen von Koburg nicht daran zu denken, daß jeder – ja jeder Mensch auch essen will. Das war um die seligen erdentrückten Stunden sein ewiges und nicht bloß aus Wunsiedel, aus dem Jean Paul Friedrich Richter stammendes Verliebungs- und Verlobungsrecht! Ihn ging es nichts an, daß die Jungfrau, die Göttin auch einen Magen besitze; aber ihr Vater, der Vater Blume aus Wunsiedel, und sein und ihr Freund, der Weingroßhändler von Pärnreuther aus Wien, daß die nicht daran gedacht hatten, daß das Mädchen auch Hunger haben konnte, das war schlecht, das war unverzeihlich und sprach bedeutend gegen die väterliche Liebe und ganz und gar gegen die Liebenswürdigkeit des Herrn von Pärnreuther, wenngleich noch so sehr für ihr Aufgehen in den Verhandlungen in dem herzoglichen Reithause und ihre Sorgen fürs allgemeine deutsche Vaterland und die Zukunft desselben. Was den Onkel Laurian anbetraf, nun so nährte sich der, wie wir schon wissen, von Licht und Luft und Schönheit und Zartheit und gutmütigem Aufgehen in den Stimmungen der anderen, aber am liebsten der jungen anderen. Wenn er ein Mädchen gewesen wäre und auch in den Büchern seiner Lieblingsdichter vorgekommen wäre, hätte er in dieser Hinsicht auch Liane oder sonst so heißen können. Daß er eine schlechte Verdauung und gewöhnlich nicht den geringsten Appetit hatte, kam ihm freilich dabei zu Hülfe. Zu Tische pflegte er aus letzterem Grunde gewöhnlich erst dann zu kommen, wenn man ihn dreimal gerufen hatte. – – – Wir haben uns nun um einige Stunden rückwärts zu versetzen. »Was du hier draußen angerichtet hast, werde ich ja nun herauszubringen suchen; – daß du mir aber jetzt da drinnen für mich mit achtgibst und keine Dummheiten machst, Junge!« das war das letzte Wort gewesen, was der Sohn von dem Vater vernommen hatte vor dem Tor der herzoglichen Reitbahn. Daß der Sohn drinnen gleich unfähig sich erwiesen hatte, sowohl bei Klugem wie bei Dummem mitzuraten, geschweige selber Kluges oder Dummes anzuraten, wissen wir. Was der alte Herr, der fröhlich wieder aufgelebte »Reisende«, Vater Gutmann, draußen für seine Firma ausgerichtet hatte, werden wir jetzt erfahren. Auf seine Spesen war der listige alte Landstraßenfuchs sicherlich gekommen, was der Kompagnon der Firma daheim, Frau Lina Gutmann darüber zu buchen hatte – darüber freilich später. – Den jungen Sünder hatte er abgeschüttelt, die Sünderin nahm er fester an sich, indem er ihren Arm noch mehr durch den seinigen zog. »Kinder, und Sie vor allem, Onkel Poltermann, nehmt wenigstens die Rücksicht auf mich, daß ihr mein Zartgefühl schont! So was läßt sich wirklich nicht hier in der Öffentlichkeit, vor allem deutschen Volk und der Bevölkerung von Koburg dazu, ins einzelnste bereden. Ich sage also: fürs erste nur einen Platz, wo wir unter uns sind, wo uns die ganze deutsche Zukunft nicht zugafft und ihr Ohr herhält. Ein stilles Plätzchen, mein liebes Mäd – liebes Fräulein! Einen stillen Ort, wo ich alles in Ruhe erfahren kann, wie dies alles gekommen ist und mein stilles Schaf von einem Jungen das fertig gebracht hat!« »Es war ein Zufall, Herr Gut – Papa – auf einer Bank im herzoglichen Schloßgarten! Ich konnte nichts dafür,« schluchzte Klotilde immer mehr nicht nur vor der Bevölkerung der Stadt Koburg und dem deutschen Volk, sondern auch vor »Gottes ganzer Welt« sich in sich selber hineinkauernd. »Natürlich!« sagte der Vater Gutmann. »Da werdet ihr euch wohl einen stillen Platz ausgesucht haben! Also auf einer Bank im herzoglichen Schloßgarten? so recht hübsch hinter den Leuten, mein armes Herzchen? Ha, hm, natürlich! Der Junge hat sich hier wenigstens eine Warnung an mir genommen. Meinen Dra– mein Erdenglück habe ich mir in einem Kotillon – im Ballsaal eingefangen. Ha, ha, sehr passend von euch gewählt für solch ein Geschäftchen; aber – non bis in idem sagt mein lateinisch-gelehrter Schlingel, was auf deutsch heißt: nicht zweimal derselbe Imbiß! Kindchen, was meinst du, wenn du jetzt auch den guten alten Papa Gutmann an so ein stilles Plätzchen führtest, um ihn menschlich-milder gegen dich allerliebste Sünderin zu stimmen? Lieber Poltermann, da drinnen war das doch ein ziemlich nüchternes und trockenes Geschäft! wenn wir wenigstens bei einer anständigen Speise- und Weinkarte –« »O Gott, ja!« rief das zitternde Bräutchen mit solchem Eifer in dem gemütlichen Vorschlag aufgehend, daß der jüngste Schwiegerpapa der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins ganz betroffen stammelte: »O Gott, ja! sagst du? ... Höre ich dies mit meinen Ohren? Mein Gott, Kindchen, du bist hungrig? ... Du, du, ganz bedeckt mit dem Blütenstaub, vollgefüllt mit dem Blumenhonig deiner jungen Liebe? Dir sagt dein Magen sonst noch was? Das ist ja –« »Ja, ja! Aber, Papa, seit dem frühesten Morgen irre ich ja nicht nur verlassen, sondern auch nüchtern hier in Koburg herum! Kein Mensch hat sich um mich bekümmert, und es war nur Zufall, daß Willi mich fand, und – und –« Der Vater Gutmann nahm trotz dem Koburger Volk umher seine Schwiegertochter ganz in die Arme. Zärtlich, mitleidigst faßte er sie fester und fester, küßte sie, strich ihr die Haare aus der Stirn und ächzte: »Das ist einfach unglaublich! Mein Junge ist wenigstens etwas entschuldigt; aber was Sie anbetrifft, Onkel Poltermann, so hört da doch alles auf. O, mein Herz, weshalb bist du nicht schon längst mein Nichtchen gewesen! Das war ja wahrhaftig die höchste Zeit, daß du mein Töchterchen wurdest!« »Ja, ja, ja!« lachte und schluchzte Klotildchen. Der Onkel Laurian, auch halb lachend und halb schluchzend, wußte nichts zu seiner Entschuldigung vorzubringen als natürlich seinen »schlechten Magen«. Mit seinem großen Wunsiedler Landsmann wäre er diesmal wieder weder bei seiner Nichte noch bei dem neuen Herrn Vetter aus Niedersachsen durchgekommen. Der letztere murmelte übrigens, ohne weiter auf ihn zu achten: »Hier unten in der Stadt sind alle Kneipen voll. Da kommen wir nicht zu dem Platz, wie wir ihn brauchen. Aber auf der Feste Koburg sitzt wahrscheinlich augenblicklich kein Mensch; – die hätten wir ganz für uns allein.« Laut rief er: »Kind, Schatz, Schätzchen, es soll bloß eine Viertelstunde bergan sein, hast du noch die Kraft dazu?« »Ja, ja, ja!« schluchzte und lachte Klotilde, warf aber dabei noch einen Blick nach dem herzoglichen Reithause. »O, Papa, aber könnten wir nicht Willi –« »Den Jungen herausholen? mit uns nehmen? ... Ne, ne, ne, mein Engelchen, den lassen wir für jetzt ruhig da drinnen. Das wäre ja eine Sünde, den jetzt in seinem Eifer und seiner Begeisterung fürs deutsche Vaterland zu stören! Und dann, mein Fräulein, handelt es sich im Grunde fürs erste doch noch um eine etwas genauere Auseinandersetzung zwischen uns beiden! Sage mal, du niedliches Kätzchen, hast du eigentlich, hast du wirklich schon meine Einwilligung, meinen väterlichen Segen zu eurem Geniestreich da auf der stillen Bank im Himmelblau und Erdengrün? Sauber habt ihr unsern deutschen Zusammenlauf in der herzoglichen Reitbahn ausgenutzt! Aber hast du auch wohl bedacht, daß da auch so etwas weiter dem Nordpol zu, so was wie eine mögliche böse Schwiegermutter sitzen könnte, die ihr auch nicht vorher um ihre Meinung gefragt habt? Und dann hier in der Reitbahn der Herr Papa, mein intimster Gegner in betreff der Zuspitzung der deutschen Frage, und in Wunsiedel die Frau Majorin, und – Poltermann, in Katzenbergers Namen, das Kind wird uns ohnmächtig, und wir haben noch eine gute Viertelstunde bergan! Sie sind mir ein schöner Onkel, Vetter Poltermann! Komm rasch zu Tische, Kind, Theoda, und nachher laß den Vater Gutmann dafür sorgen, Klotilde, daß dir endlich das dir in Koburg versprochene Vergnügen gemacht wird!« Halb schluchzend, halb lachend trippelte die junge Braut zwischen den zwei liebenswürdigsten älteren Herren aus der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins wieder bergan, himmelan, und es wies sich so aus, wie es der schlaue, alte, neuaufgelebte Weltfahrer Vater Gutmann vermutet hatte: auf der Feste Koburg hatten sie das Reich, die Speisekarte und den Nachmittag für sich allein; – drunten im Tal konnten sie lange nach ihnen suchen – auch der Bräutigam. – Ward je in solcher Weise einem Schwiegertöchterchen auf den Zahn gefühlt, wie es nunmehr der Vater Gutmann tat – zuerst auf der Feste Koburg und sodann noch an verschiedenen anderen Orten rund um Koburg herum. »So ganz das Kätzlein im Sack kaufen, ging doch nicht, schon meiner Alten wegen,« äußerte er sich nachher darüber. »Ich kannte das Liebchen wohl schon von Immelborn und von der Tante Adele her; aber besser war doch besser!« Es ging daher ziemlich spät in den Nachmittag hinein, als der graue Schlauberger mit einem Seufzer wonnigster Befriedigung seufzte: »So! Du! Also ein Weinzünglein besitzest du auch; nicht bloß ein Honigzünglein! Wir beide sind denn vollkommen einig, der Onkel Poltermann natürlich immer eingeschlossen. Onkel, heute ist die Gelegenheit noch nicht ernst genug dazu; aber später biete ich Ihnen in einer feierlichen Stunde als ihrem Haupterzieher das Du an! – Deiner Schwiegermutter gefällst du auch, mein Herz! ich werde euch zwei bald genug in Waffen gegen mich haben, also Punktum! Und nun ganz vergnügt, Perlenzähnchen! Vom Hungertode habe ich dich errettet, vor unserm guten gemeinschaftlichen Freund Alois mein diesmal überraschend gescheiter dummer Junge! Also – Onkel Laurian, hinein in Ihren ganzen Jean Paul! Vivat, er lebe hoch! und du, mein Mäuschen, kümmere dich um gar nichts mehr, weder um meinen Jungen, noch um deinen Alten; und um deinen – meinen – unsern alten, guten, lieben Pärnreuther gar nicht! Bei der Hochzeit finden wir uns alle wieder zusammen, darauf gebe ich dir mein Wort, und nun widme dich zum erstenmal in deinem Leben auch deinem alten, wohlmeinenden Schwiegerpapa, meine Tochter! Sitze du mal, wie ich gestern und heute morgen gesessen habe fürs Vaterland und sehne dich nicht nach dem Vaterland, wie's da unten im Sonnenschein um uns herumliegt! Onkel Laurian, wirklich geheimer grauer Göttersohn, ja drehen Sie nur Ihre Dichter-Daumen umeinander – was Sie und der Major nur versprochen haben, das führt der Vater Gutmann jetzt aus. Wir machen der Kleinen ein Vergnügen, Onkel Poltermann! Nach der Rosenau fahren wir jetzt. Dem alten Rückert in Neuseß machen wir einen Besuch oder gucken ihm wenigstens über den Zaun. Den fragen wir, was er von dieser Geschichte der Neugründung des deutschen Volkes und vom deutschen Nationalverein überhaupt hält! Was meinen Sie, Onkelchen Laurian?« »Ich meine gar nichts mehr!« rief der Apotheker Poltermann aus Wunsiedel, halb lachend, halb schluchzend die Hände über den Kopf erhebend. »Ist denn so etwas nur möglich aus dem Preußen her, aus dem norddeutschen Bruderlande?« »Alles ist vom Nordpol her möglich, wenn sich so ein alter, frischaufgelebter Handlungsreisender in Politik-Tran daran gibt!« rief Vater Gutmann. »Na, wie ist's, Kindchen, gehst du mit? fährst du mit nach der Rosenau? Fragst du mit den alten Rückert um Rat?« »O Gott, sie werden sich ja da unten nach mir zu Tode suchen.« »Da unten?!« rief der Onkel Poltermann. »Gutmann, feierlicher kann die Gelegenheit werden, besser kann sie nicht kommen, da – da hast du meine Hand, Bruder. So hat mir ja noch kein anderer Mensch den Werktag in den Sonntag verwandelt, wie du, Bruder Gutmann!« » Bon !« rief der alte Kommis dagegen, halb schluchzend, halb lachend. »Habe ich es dir nicht gleich an der Nase angesehen, daß wir zueinander gehören, Bruder Poltermann?« Die junge Braut, ganz schluchzend und ganz lachend, sagte nichts, rief nichts, sondern dachte nur: »O, wenn ich doch meine Mutter jetzt hier hätte!« Vierundzwanzigstes Kapitel. Drunten im Tal war der Nachmittag auch hingegangen. Sie hatten sich natürlich wieder zueinander gefunden, der Major Blume aus Wunsiedel, der Weingroßhändler von Pärnreuther aus Wien und Kameralsupernumerar Gutmann aus H. Sie waren auch zusammen natürlich noch verschiedentlich auf der Suche gewesen nach dem verlorenen Kinde, der verschwundenen Braut, und ein Vergnügen war das nicht gewesen – am allerwenigsten für den bangend-ratlosen jungen Verlobten, der hinter den zwei vergrollten, verstimmten Neugründern des deutschen Reichs herzuziehen hatte, ohne seine Liebe bei dem Alten und seinen Ingrimm bei dem Jungen an den Mann bringen zu können. Und sie, der Alte und der Jüngere, der Major und Freund Alois, nahmen es noch dazu als eine ungeheure Freundlichkeit, daß der norddeutsche Jüngling ihre Beängstigung und ihr Ärgernis teile, als ob auch er jetzt nichts anderes in Koburg zu suchen habe als das dumme Mädel und nichts Besseres daselbst finden, wiederfinden könne! Auch im Tal schritt der Nachmittag immer mehr dem Abend zu, und Wilhelm war dem Major noch nicht an den Busen gefallen, hatte den ahnungslosen Militärgreis auch auf eine Bank im Grünen, oder in eine Kneipe gezogen und hatte gebeichtet. Alois war ja immer dabei. Wie hätte Willi in seines Freundes Gegenwart vom Herzen los werden können, was er gegen ihn drauf hatte, nur in gewohnter Weise »durch sein Schicksal entschuldigt«? Es war vollständig Dämmerung geworden, als der Major vor dem Hause, in welchem sein Landsmann Jean Paul nicht bloß den Titan, sondern auch die Flegeljahre gedichtet hatte, seinem und seines Weibes Lieblinge durchaus nicht durch die Blume kundgab, daß er das längere Suchen nach seinem Kinde aufgebe, aber einen Sündenbock dafür brauche. »Ich will Ihnen jetzt mal was sagen, Pärnreuther,« schnarrte er. »Wenn ich als ein junger Mann so wie Sie unter diesen Verhältnissen nach Koburg gekommen wäre, so wäre mir dieses nicht passiert!« »Ich? Mir?« stammelte Herr Alois, aus dem Abenddunkel vollständig über den Haufen gerumpelt durch den unvermuteten Angriff. »Jawohl! Sehen Sie sich mal diesen jungen Herrn hier an! Er hat doch auch das deutsche Volk mit neu gründen helfen; aber hat er nicht auch noch für anderes Zeit gehabt? Er hat ruhig von seinem Jugendrecht Gebrauch gemacht und sich stellenweise in dem Reithause vermissen lassen. Waren wir Alten nicht da, um das mehr Nüchterne, das Geschäftliche in der Versammlung zu besorgen? Wenn dieser Jüngling einmal, seines – der frischen Lust wegen draußen blieb, konnten Sie da nicht von Ihrer Freundschaft für mein Haus getrieben werden, lieber Pärnreuther, die Gans, das Mädel, meine Tochter draußen ein bißle im Auge zu behalten?« »Herr Major –« »Seien Sie still, ich weiß alles, und Sie haben vollkommen recht. Wir sind beide hier, um Geschichte, deutsche Geschichte, Weltgeschichte zu machen! und Sie von Ihrem Wien aus ganz besonders. Natürlich haben Sie recht, und ich meine auch bloß nur so ... ich wollte nur sagen – ja, Donnerwetter, ich wollte nur, Sie gäben mir jetzt schon einen guten Rat, Pärnreuther, was ich zu Hause sagen soll, wenn mein Weib mir unter die Nase reiben wird: ›Schöne Geschichten habt ihr mir da in eurem Koburg gemacht!‹ – Sie sind stumm, Pärnreuther. Sie wissen nichts? Nun denn Sie, liebster junger Freund, Herr Supernumerar, wissen Sie irgend etwas, was mir in diesem Verdruß zum Trost und zur Aufrichtung und nachher zur Sühne in Wunsiedel dienen kann? Reden Sie mal!« So etwas von der Gelegenheit, zu Worte zu kommen und mit der Sache herauszurücken, war wieder vorhanden; aber nur eine in der Lüneburger Heide verirrte Heidschnucke konnte sich so jammervoll in die Situation finden als wie er. Da er nach seiner Mutter nicht um Hülfe rufen konnte, rief er nach seinem Vater, indem er stotterte, stammelte: »Mein Papa wird jedenfalls Klo – Fräulein Klotilde –« »Der ist auch mein einziger Trost! Ich wüßte keinen zweiten, den ich so gern für mich nach Wunsiedel schickte, um meiner Alten es klar zu machen, daß ihr Küchlein hier, den Umständen nach, doch recht gut aufgehoben gewesen und auch zu ihrem versprochenen Vergnügen gekommen sei. Herr Kameralsupernumerar, Ihr Herr Vater ist mir ein sehr lieber Bekannter geworden. Und was seinen Feuereifer fürs deutsche Vaterland anbetrifft, der richtige vergnügte, alte Bauerhahn, der auch noch einen andern Seinesgleichen zum Mitscharren auf seinem politischen Misthaufen mit dranläßt. Ich hätte so was von so einem Preuß' gar nicht für möglich gehalten! und zu meinem jungen Dinge, meinem Mädle, Herr Supernumerar, paßt er, Gott sei Dank, ganz! Sie werden sagen: sie hat ja auch den Onkel Laurian, die Klotilde; – wie sie zu dem Namen kommt, das weiß auch nur mein Herr Schwager – nämlich er, mein Schwager, der Onkel Poltermann, hat sie zwar erzogen und ich bin ihm auch dankbar dafür, aber langweilig wird er ihr auf die Länge doch. Er hat es in sich; aber er kann es nicht gut von sich herausgeben, vorzüglich so an einem fremden Ort und wie hier in Koburg in diesem deutschen politischen Weltgetöse. Was hätte das Kind heute hier davon, wenn er sie aus seinem Jean Paul anlächelt und die Daumen umeinander dreht? Jawohl, Ihr Herr Vater, Herr Gutmann, ist in meiner jetzigen Beunruhigung noch mein einziger Trost. Wie spät am Tage ist es denn eigentlich, Herr von Pärnreuther?« Herr Alois sah nach seiner Uhr, indem er sofort mit ihr unter die nächste Gaslaterne trat. »Meine Unruhe ist wohl nicht geringer als die Ihrige, Herr von Blume,« stotterte er, »aber – entschließen müssen wir uns jetzt doch, ob wir unter diesen Umständen an dem großen Abendessen im Schützenhause noch teilnehmen wollen.« Das mochte richtig sein, aber ob es das Wort war, welches der Major von seinem braven Wiener Hausfreunde erwartet hatte, durfte jedenfalls zweifelhaft bleiben. Er sah den ältlichen Jüngling erst eine Weile an, ehe er erwiderte, das heißt brummte: »Wenn Ihre Siegesstimmung danach ist! meine ist nicht mehr so recht danach. Wie ist es denn mit Ihnen, Herr Supernumerar? Sie haben ja auch bei der Abstimmung alles nach Wunsch gekriegt?!« Daß dieser Jüngling nicht in ein lautes Weinen ausbrach, um seiner Stimmung Luft zu machen, war ein Wunder. Er griff nach der Hand seines immer noch erst möglichen Schwiegervaters, er drückte sie und stammelte: »O, mein teurer Herr, wenn – wenn – Ihr Fräulein Tochter –« »Mein Fräulein Tochter soll Ihnen höchstens als Warnung dienen!« schnarrte der Major. »Schleppen Sie sich nur mit Weibern, wenn Sie Wichtiges vorhaben, sich fürs Vaterland opfern und auf ein vergnügtes Abendessen nach abgetanem Verdruß rechnen wollen. Pärnreuther, mir kommt der Appetit jetzt sozusagen vor Ärger wieder! Unser alter Freund aus Lützows wilder, verwegener Jagd wollte ja wohl Plätze für uns mit belegen? Und dem sind wir doch auch verpflichtet schon von Anno Dreizehn her? Bin ich dazu hier in Koburg, um mir von dem dummen Mädel das Vergnügen verderben zu lassen? Sie versteht es so gut wie ihre Mutter, sich selber ihr Vergnügen in Sicherheit zu bringen, wenn sie mir meines zehnmal dabei verdirbt! Geben Sie mir Ihren Arm, lieber Gutmann. Wenn Ihnen Ihr politisches Gefühl nach der Abstimmung für die preußische Spitze es erlaubt, lieber Herr von Pärnreuther, so kommen Sie! Haben wir sie gesucht – den alten stillvergnügten Schwätzer, den Poltermann, und Ihren Herrn Vater eingeschlossen – so laß sie jetzt nach uns suchen. Vorwärts nach dem Café Moulin! Habe ich keinen Hunger, so macht das zwecklose Herumlaufen gottlob doch noch durstig, und merken Sie sich auch das, junger norddeutscher Freund: wie bei der Liebe, soll man auch bei einem schönen Durst rasch zufahren und die Gelegenheit nicht verpassen. Das ist mein Gefühl, und kommen Sie, ich meine Sie und Ihre Landsleute, mit diesem Gefühl zu uns über den Main, so sind Sie bei uns immer willkommen, und einen möglichen Katzenjammer nehmen wir mit in den Kauf! Kommen Sie, Pärnreuther. Haben wir der ersten Generalsversammlung des deutschen Nationalvereins beigewohnt und uns ins Unabänderliche gefügt, so wollen wir auch der ersten Generalkneipe beiwohnen. Meine Gefühle in Hinsicht auf meine Tochter erlauben es mir; Ihnen Ihre für – Deutschlands Zukunft hoffentlich gleichfalls!« ... Eine Festversammlung vieler hundert deutscher Männer, die vom Fels zum Meer, von der Weichsel bis zur Mosel mit allen gegen fünf Stimmen einen großen Beschluß gefaßt und ihn sicher im Protokoll haben, die hört man schon von weitem. Weit in die laue thüringische Herbstesnacht hinein vernahm man an diesem Abend die Koburger Schützenhaus-Geburtstagsfeier des deutschen Nationalvereins. Weit in die Nacht hinein erglühte das Café Moulin im Scheine seiner Lichter und versendete seinen Glanz über ganz Germanien. Nachdem die drei deutschen Brüder, die noch nicht dabei waren, in der Zwiebelmarktgasse und den zwei Gastquartieren zu letzter größerer Beruhigung hinterlassen hatten, wohin sie gegangen seien, gingen sie auch hin und langten an; wie das von vornherein kein vernünftiger deutscher Bruder bezweifelt haben kann. Sie langten an: Gedränge, Getöse, Gaskronleuchter, ein Redner, ein Saucennapf über die Schulter, Tusch, Getöse, Gedränge, Tusch, Blechmusik, Mutter Germania, Deutsches Vaterland! Kellnär! Herr Oberkellner! ... Deutsche Brüder Schulter an Schulter nach innen und nach außen! ... Wenn ein deutscher Bruder und zwar der jüngste Germane in der Gesellschaft, mit einer kleinen deutschen Schwester im Herzen, im Sinn, in den Gedanken, im ganzen Leibe, augenblicklich nicht wußte, wo ihm der Kopf stand, so war das zum mindesten erklärlich. Die Weltgeschichte weiß es: es braucht gar keine kleine deutsche Schwester zu sein; jede beliebige andere aus jeder anderen Nation kann jedem in jedem Augenblicke die Weltgeschichte über den Haufen werfen. Kein Vaterland mit aller Wut und allem Entzücken, die es in der Männerbrust erregt, ist sicher vor ihrem Eingreifen. Was in den Geschichtsbüchern von heroischen Heldenweibern zu lesen ist, bedeutet stets nur die Ausnahmen. Auf ein Hannchen von Orleans kommen Millionen Johannen und Jeannen, die zehntausendmal lieber zu Hause bleiben, als daß sie Rheims befreien und ihren König krönen! Was würde aus der Welt werden, wenn dem nicht so wäre, Gott sei Lob und Dank? Nichts weiter als ein blutiger, versalzener, angebrannter stinkender Brei, an dem keine ordentliche ruhige, reinliche Hausfrau ein Gefallen haben könnte und mit dem sie wahrhaftig nicht ihre Kinder – Kindeskinder mitgezählt, weiter aufpäppeln möchte. – Bennigsen redete, Schulze-Delitzsch redete, Metz redete, Miquel redete – »Sie reden doch jetzt wenigstens menschlich!« stöhnte Herr Alois. »Da macht Herr von Metz wieder einen sehr guten Witz und nicht auf meine Kosten! O Gott, wenn ich armes ausgestoßenes deutsches Schmerzenskind doch nun wenigstens hier bei Tische ein Wort von meinen Gefühlen in euer Vergnügen hineinrufen könnte. Meinst du, daß ich es versuche, Willi?« »Versuche es!« ächzte Willi. »Zehn Jahre meines Lebens, wenn ich aus eurem ganzen Jubelgetöse nur fünf Minuten den Va – den Major für mich allein hätte! Zehn Jahre meines Lebens gäbe ich, wenn« – – – – – – – – – – – Er fuhr herum. Es hatte sich ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. Hinter ihm stand sein Vater, hinter ihm stand sie – ganz und gar nicht Jeanne d'Archaft, sondern sehr angstvoll, sehr scheu, sehr zitternd, ob ihres löblichen Verdienstes ums Vaterland stand sie, das einzige deutsche Frauenzimmer, das in der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins für ihr Teil jedenfalls das Beste zur innigsten Vereinigung von Süden und Norden getan hatte! Mit einem Rosenstrauß in den bebenden Kinderhänden stand sie da, und daß Jean Paul Friedrich Richter aus Deutschland, das heißt in diesem Falle, der gute Onkel Laurian aus Wunsiedel neben ihr stand und ihr stumm zulächelte und seinen Schwager an, verstand sich in diesem Falle ganz besonders von selber. »Habe ich es nicht gesagt? da sind sie. Na, gottlob!« rief der Major, Messer und Gabel niederlegend. »Ja, da sind wir, alter Freund!« rief der Vater Gutmann. »Na, gottlob, es freut auch mich, daß auch hier die Mordgeschichte ziemlich glatt verlaufen zu sein scheint! Siehst du wohl. Tildchen! was habe ich dir gesagt?« »Welche Mordgeschichte?« fragte der Major, Messer und Gabel von neuem ergreifend. »Schöne Sorgen hat uns das dumme Mädel gemacht! Was hast du ihr denn gesagt, Bruder Gutmann?« »Was?« rief der Vater, den Sohn anstarrend. »Das muß ich sagen! ... Ihr feiert hier nicht die endgültige Verlobung und Vereinigung des deutschen Nordens und Südens?« »Mein lieber Vater –« »Bleib mir mit dem Komödienton vom Leibe! Mädchen, was sagst du hierzu? Ich schicke ihn in die herzogliche Reithalle, um die Sache fertig zu machen, und er kommt nicht zu Worte! Er hat den ganzen Nachmittag für sich, um für sich und das neue deutsche Reich zu sprechen, und er enthält sich des Wortes! Junge, Junge, in welche Verlegenheit bringst du nun mich und diese junge Dame! Und noch dazu vor dem gesamten deutschen Volke, wie es scheint.« Das schien nicht nur, sondern das war so. Die gesamte Tischnachbarschaft war aufmerksam geworden. Schon das Erscheinen dieses lieblichen Fräuleins und Rosenmädchens mitten im Männertumult war auffällig. Wer am freundlichsten und verständnisvollsten in die Szene hineinlächelte und nickte, das war der greise, geistliche Lützowsche Reitersmann, Pastor Nodth, den seine Jugend wie sein Alter am fähigsten gemacht zu haben schienen, hier und jetzt völlig zu begreifen. Halb Schaf und halb Tigertier trat aber zu allem übrigen Herr Willi Gutmann seinem Jugendideal Pärnreuther auf den Fuß, daß dieses in den Verlegenheitsschrei des jungen Freundes hineinheulte. »Herr Major, bester, teuerster Herr Major,« schrie Gutmann, der Jüngere. »Ich – sie – wir – wir haben – Fräulein Tochter – Klotilde – meine Klotilde –« Das Wort versagte ihm wieder, er faßte nur das Nächste – die junge Dame in den Arm. Der Major Blume hielt jetzt nur das Messer in der Faust, mit offenem Munde und im Blick nichts als das Ding an sich. Ohne den Onkel Poltermann aus Wunsiedel wären sie alle in Blödsinn untergegangen; der Onkel Laurian aber sagte sehr vernünftig: »Komme doch mal einen Augenblick mit hinaus, Schwager Blume.« »Bin ich verrückt, oder seid ihr es?« rief jetzt der Vater, Schwager und Schwiegervater. Nunmehr mit der Gabel in der Faust. »Was in des Henkers Namen gibt es denn eigentlich? Wo bist du gewesen, Klotilde? wo hast du gesteckt? was hast du getrieben?« »Ich habe mir das mir hier in Koburg versprochene Vergnügen machen lassen, Vaterle!« lachte und schluchzte Klotilde, ihre Rosen vor ihrem Vater auf den Festtisch der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins niederlegend. »Papa Gutmann war so gütig, an deiner Stelle mit mir nach – Neuseß zu fahren.« »Nach Neuseß? Der Papa Gutmann?« »Es ist wirklich das Beste, du kommst mal einen Augenblick mit heraus, Schwager!« riet nochmals der Onkel Poltermann. Sie aber, Wilhelm und Klotilde, standen jetzt ihm, dem Vater Blume, Arm in Arm gegenüber, und wenn er nun die Gabel fallen ließ, so blieb ihm nichts übrig, als nach der Stuhllehne zu greifen. »Du solltest mal einen Augenblick mit mir hinauskommen,« rief der Onkel Laurian und zwar mit einem Blick und Ton, als zitiere er einen Streckvers seines Lieblingsdichters. »Bin ich hier im Irrenhause oder hier im Koburger Schießhause beim Abstimmungsfest der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins?« »Beim Abstimmungsfest der ersten Generalversammlung des deutschen Nationalvereins, Bruder Blume,« lächelte freundlich Gutmann der Ältere. »Als wir hierher kamen, lieber Major, wußte freilich keiner von uns beiden, in welche Spitze die Sache auslaufen würde. Das hat sich denn so gemacht. Ich habe nichts zur Sache getan. Frage du die jungen Leute, Major, wie es zugegangen ist. Ich habe dein Kindchen, mein liebes Kindchen, heute nachmittag nur mit dem Onkel Poltermann nach Neuseß zum alten Rückert gebracht, und wir haben ihm über den Zaun geguckt und ihn um Rat gefragt.« »Und er hat uns in seinen Garten eingeladen, und auch er hat gesagt, ich scheine ein gutes Kind zu sein, und auch er sei für die herzlichste Verbindung von Nord und Süd im deutschen Volk! Und dann hat er mir diesen Strauß gepflückt und hat gesagt, wenn er nicht zu alt wäre, wäre er auch heute in Koburg in seinem guten Herzog seiner Reithalle; aber er hätte seinen Sohn hingeschickt, und der würde ganz gewiß auch für das Richtige und Willi stimmen. Und dann läßt er dich schön grüßen, Vater, und dir sagen, was man versprochen hätte, müsse man halten, und wenn an mir in Immelborn das Familienwohl gehangen und ich es erhalten habe, dann müsse man es auch mir zutrauen, daß ich für mein Bestes auch in Koburg zu sorgen wisse und auf das mir versprochene Vergnü – Lebensglück Anspruch machen könne.« »Pärnreuther!« »Herr Major?« Wie mit einem letzten Schnappen nach Luft kam das Wort bei dem erstarrten versteinerten Helden von Wien, Schwechat und Friedrichstadt heraus. »Pärnreuther!« schrie der Major von neuem. »Da haben Sie's! Was Sie sich hier in Koburg gefallen lassen wollen, geht mich freilich nichts an; aber den Gefallen tun Sie mir noch: nehmen Sie das Mädchen am Kragen, den jungen Mann nehme ich auf mich! Aus dem Wege, Poltermann! Von der Zwiebelmarktgasse aus sprechen wir vor unserer Trennung noch miteinander, Herr Gutmann Vater!« Ohne den alten Lützower hätte es jetzt schon Blut gegeben, wie bei Kissingen; aber der hatte nunmehr schon so sehr Lunte gerochen, daß er völlig Bescheid wußte und dreist von seinem geistlichen Amt aus beruhigend einwirken konnte. »Aber meine Herrschaften,« rief er, halb lachend, halb gerührt, »bedenken Sie doch, daß ganz Deutschland auf uns hier sieht! Sei ruhig, mein gutes Kind, ich kenne den Papa genau, er meint es so schlimm nicht! Ein bißchen kenne ich seit vorgestern die Verhältnisse schon und glaube nicht zu irren, sowohl als freiwilliger Jäger wie als Seelsorger. Herr Kameralsupernumerar, Sie als der Hauptübeltäter, versuchen Sie es wenigstens, Ihren Herrn Freund aus Wien freundschaftlich seiner Erstarrung zu entreißen. Herr von Pärnreuther, denken Sie an seine – Ihres jungen Freundes Mutter und was die an Ihnen getan hat. Tun Sie mir und – tun Sie sich den Gefallen, seien Sie groß, seien Sie edelherzig, bleiben Sie uns in unserm Norden auch unter diesen freilich etwas verzwickten Zuständen unser bester, liebster Freund, Bruder und Landsmann im Süden! Herr Major Blume, ändern können Sie die Sache doch nicht, bedenken Sie, wie entzückt Sie mir von unserm gemeinschaftlichen Freunde Gutmann gesprochen haben: da Sie Ihrem lieben Kinde Ihr Wort nicht gehalten, ihr das ihr in Koburg versprochene Vergnügen nicht gemacht haben, so machen Sie sie dafür glücklich in Koburg. Ich glaube wirklich, ja ich weiß es: es schweben gute Geister über dieser Stunde. Herr Gutmann senior , reichen Sie dreist die Hand über den Tisch! Sehen Sie, so ist recht, Herr von Pärnreuther! Wenn der Nebenbuhler zum Nebenbuhler erst: du heimtückisches Menschenkind sagt, dann ist keine Gefahr mehr, daß sie sich einander die Hälse brechen. Lieber, bester Herr von Pärnreuther, wenn ich ganz klar in die Verhältnisse sehe, so hängt an Ihnen hier alles; also – werden Sie nicht wütend, laufen Sie nicht im Haß weg, bleiben Sie bei uns, bleiben hier als der Familie liebster, bester, teuerster, treuester Freund und Hausgenosse. Wie wollten Sie Ihrer lieben Wohltäterin, der Mutter dieses jungen Mannes hier, unter die Augen treten können – was Sie doch jetzt müssen –, wenn Sie, die Hände mit seinem Blute befleckt, zu ihr kämen?« »Alois?« rief Wilhelm. »Willi!« rief sein Jugendideal, das ihm niemals in solchem Glanze geleuchtet hatte als wie jetzt; trotzdem daß er hinzufügte: »Eigentlich bist du der heilloseste Schlingel, der mir auf allen meinen Schlachtfeldern und im Geschäftsverkehr im Weingroßhandel begegnet ist.« Die beiden lagen sich in den Armen. Der Onkel Laurian fing wieder an, die Daumen umeinander zu drehen. Der Lützowsche Reiter sagte stillvergnügt, aber doch tief aufatmend: » Dixi . Ich habe gesprochen, und wie mir scheint, wenn auch etwas aufs Geratewohl, gut und, gottlob, dem Vaterland zum Zweck!« Dem war ganz gewiß so; aber während er gesprochen hatte, hatte auch noch ein anderer geredet an der Festtafel des deutschen Nationalvereins, und wie es schien, auch der gut und dem Vaterland zum Zweck. Tusch der Musik! ein immer von neuem wiederholtes, nimmer endenwollendes Hoch der Versammlung. »Es ist doch grade so, als ob sie sich auch das dazu bestellt hätte!« ächzte der Major Blume, die Hand, die er dem Vater Gutmann nicht gegeben hatte, ihm lassend. Nachher mußte er sich wirklich setzen und tat es. »O mein teurer Vater,« hauchte Gutmann der Jüngere, sich zu ihm beugend und immer von neuem nach seiner Hand greifend. »Sie halten gefälligst fürs erste noch den Mund, junger Herr! Zu Ihnen komme ich erst allmählich. Daß du nicht an mich gedacht hast, Klotilde, das war ja natürlich; aber deine Mutter!? Weißt du genau, was die hierzu sagen wird?« »O Papa, Papa, Papa, sie braucht ja ihn – meinen Wilhelm nur zu sehen!« »So? Sie braucht ihn – deinen Wilhelm nur zu sehen? Schwager Laurian, meine besten Grüße an den Herrn Legationsrat Richter und den Herrn Professor Rückert in Neuseß: Du hast das Mädel erzogen und verzogen, jetzt sieh wenigstens du zu, wie du in Wunsiedel mit deiner Frau Schwester zurecht kommst!« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Wir sind wieder da, von wo wir ausgegangen sind. Am Mittwoch, den fünften September Achzehnhundertsechzig war die erste Generalversammlung des deutschen Nationalvereins mit einem wohlverdienten Hoch auf denjenigen deutschen Fürsten geschlossen worden, der sie möglich gemacht hatte, indem er ihr in seinem Staat ein Asyl verschaffte, welches das sämtliche übrige Deutschland, soweit es von Gottes Gnaden regiert wurde, ihr verweigert hatte. Für uns aber, die wir mit der Firma Vater und Sohn Gutmann auf Reisen gingen, war die Hauptsache natürlich schon am Vierten besorgt worden. Die Leser dieses Buches geht es heute wirklich nichts mehr an, wie wir damals in der schleswig-holsteinischen, der kurhessischen und der italienischen Frage abgestimmt haben, was in der Militärfrage unsere Meinung war, und wem wir bei der Wahl des neuen leitenden Ausschusses unsere Stimme gaben. Wir schreiben den zwölften September Achtzehnhundertsechzig. Es ist Mittwoch und also auch wieder ein Markttag in H. gewesen. Es ist wieder am Spätnachmittag, wieder ist der Groß- wie der Kleinhandel vorbei; wieder ist der Marktplatz gekehrt worden und liegt reinlich wie eine Putzstube da. Wieder sitzt die Mutter Gutmann mit ihrem Strickstrumpf in ihrem Rundbogenfenster und hat wieder den Markt, aber diesmal mit zwei spielenden Hunden drauf, ganz allein für sich. An ihren »Plätzen« sind die Apotheke und der großstädtische Herr Provisor drin, ebenso das »Palais« des benachbarten großhändlerischen Konkurrenten; auch die Ecke, um welche »es nach dem Bahnhof geht«, und um welche man ebenso »muß«, wenn »man vom Bahnhof kommt«, ist noch da, und was auch die Mutter Gutmann von ihrem Fensterplatz ins Auge fassen mag, diese Ecke behält sie stets im Auge. Scharf! mit einer Mischung von Unbehagen, Unmut und Unruhe. Letztere will sie natürlich nicht an sich herankommen lassen. – Die letzten Nummern des städtischen Tageblatts hat sie auf ihrem Tischchen vor sich, legt jetzt die Hand drauf und murmelt: »Merkwürdig ist es zum wenigsten, daß sie nach dem ersten kurzen, dünnen, dummen Brief, in welchem das Kind ihre Ankunft dahinten meldet, nicht das geringste von sich hören lassen. Ihre politische Prostemahlzeit habe ich tagtäglich hier im Blatt gedruckt vor mir gehabt, aber von ihnen keinen Muck dabei! Kein Wort, was sie zur Sache gesagt haben, oder was ein anderer über sie gesagt hat! Allmählich sollte einem unheimlich dabei werden. Daß sie nicht selber die Finger zwischen die Räder haben klemmen wollen, das will ich ihnen noch nicht so sehr verdenken; aber wenn sie nicht öffentlich reden wollten, so konnten sie doch wenigstens nach Hause schreiben. Ist das nun bloß ihre Rücksichtslosigkeit, oder wollen sie mich überraschen, oder – wollen sie fürs erste mal wieder gar nicht nach Hause kommen? Wenn nur der Alte nicht mit dabei wäre! Wenn den einer kennt, so muß ich das doch sein – wenn der auf seinen früheren Eisenbahnen und Chausseen wieder zu seinem alten Wesen aufgelebt sein sollte, dann ist er imstande und verführt mir meinen Jungen zu Geschichten, an die das unschuldige Lamm von selber gewiß nie gedacht haben würde. Na, na, auf ihre Entschuldigungen bin ich jedenfalls gespannt. Die werden mir schön was zusammenlügen; aber kommt mir nur erst!« Zweidrittel der Welt können an dem einen Ende zusammenfallen, oder neu aufgebaut werden, ohne daß das dritte Drittel nur eine Ahnung davon hat. So war es, ein jeder muß das zugeben, in diesem Falle. In der Stadt Koburg hatte die endgültige Vereinigung des deutschen Nordens mit dem deutschen Süden stattgefunden, und in der Stadt H. vergoldete die Nachmittagssonne, in tiefster Stille, ruhig weiter, hier und da eine Hauswand und noch viele Giebel und wußte sonst von nichts und Frau Lina Gutmann auch nicht. Das einzige Zeichen, daß das Weltall noch immer rund um den Fenstersitz und das Strickzeug der Frau Lina lag, war, daß es vor zehn Minuten wieder »auf dem Bahnhofe gepfiffen hatte.« Sie konnten auch jetzt – mit diesem Zuge gekommen sein. – Der wenige Verkehr des Städtleins wälzte sich jetzt um die Ecke. Sie aber waren wieder nicht darunter! Mehr mit dem Unmut als der Wehmut der Gattin und der Mutter das Haupt schüttelnd, erhob sich Frau Lina Gutmann von ihrem Stuhl, um das Warten für heute aufzugeben, als sie nochmals stehen blieb und nach einem Fremdling hinübersah, der jedenfalls auch mit dem letzten Zuge gekommen war, jetzt an der Ecke stand und, wie es schien, ihr Haus mit außergewöhnlicher Teilnahme ins Auge gefaßt hielt. Da stand er an der Ecke. Von Körper wohlbehäbig, von Kostüm elegant. Mit Geldtasche, Reisetasche und einem Knaben, der ihm einen eleganten Handkoffer nachtrug. Auch der autochthone Knabe deutete auf das Haus Gutmann. – »Wieder so ein maulfertiger Handlungsreisender, mit dem ich in Abwesenheit meines Alten nichts anzufangen weiß,« brummte die Frau Gutmann. Jetzt fing der feine Fremde an, auf das Haus und das Bogenfenster loszuschreiten, und die Mutter Lina sich vor der drohenden Höflichkeiten- und Wortüberschwemmung immer tiefer in das Innere ihres Kontors zurückzuziehen; als es, wenn auch ähnlich, so doch ganz anders kam, was die »Überschwemmung« mit Höflichkeiten anbetraf. Aus dem Heranwatscheln wurde ein Sprung. Der Fremdling streckte beide Arme weit geöffnet in das Fenster des Hauses Gutmann. »Ja, sie ist es.« Ein zweiter, ein dritter Sprung führte ihn in die Ladenpforte. Er stolperte über den Lehrling vor dem Essigfaß, er rannte den ersten Kommis über den Haufen und setzte den zweiten beinahe in eine Heringstonne. Er zerstieß sich selber das Schienbein an der Sirupstonne; aber er hatte die Firma Gutmann mit Sturm genommen; er hielt die alte Dame an beiden Händen, er hielt die Erstarrte in den Armen und er küßte sie, wie er Klotilde Blume nie abgeküßt haben würde. »O, Sie kennen mich noch, gnädige Frau! Sie müssen mich noch kennen, meine Lebensretterin, meine Wohltäterin! Geben Sie mir rechts und links die mir gebührenden Watschen; aber ich bin's noch einmal! Mein Name ist von Pärnreuther – aus Wien, und Sie – Sie – Sie – Mama Gutmann, Sie haben, als ich mit dem Strick von Neunundvierzig um den Hals zu Ihnen kam, mehr als Mutterstelle an mir vertreten. Nicht wahr, Sie kennen mich noch, Sie wollen mich noch wiedererkennen? O, was für ein gewissenloser, vergeßlicher Nichtsnutz bin ich die letzten zehn Jahre durch gegen Sie gewesen, Sie liebe, Sie gute, Sie beste Mama!« »Ja freilich,« stammelte, allmählich mehr und mehr wieder zur Besinnung kommend, die alte Dame. »Ja freilich sollte ich Sie kennen. Aber, Herr, wohin ich Sie tun soll –« »O, schlagen Sie nur nach in Ihrem lieben, guten, gütigen Herzen, Mutter Lina. Es steht freilich die ganze Welt, soweit sie Not hat, drin; aber blättern Sie nur zurück, bis Sie auch auf mich wieder kommen! den Alois! Gnädige Frau, liebe Seele, der tolle Österreicher, der zu Hause noch nicht genug bekommen hatte, und sich in Schleswig-Holstein das Fehlende dazu holen wollte ...« »Unser – Herr Alois – unser armer toller Wiener!« stammelte die alte Frau. »Der arme Junge, den sie in Wien und Ungarn hängen und der sich in Schleswig fürs deutsche Vaterland totschießen lassen wollte! ... Aber weshalb haben Sie denn nicht ein einziges Mal geschrieben, wenn – wenn – es Ihnen so gut geht und – Sie wirklich noch am Leben sind?« »Weil ich, weil – ich – ein Viech – weil mich meine Mutter im alten lustigen Wien, dem früheren, beim Tanze auf die Welt gebracht hat! Der Saphir hat damals einen Witz darauf gemacht, und der Nestroy hat's in einem Couplet im Theater an der Wien abgesungen. O, Frau Lina, wir sind aber das alte Wien nicht mehr; – o Mama, Mama, wie freu' ich mich, daß ich aber Sie so ganz unverändert, so ganz wie vor zehn Jahren vor mir habe!« Sie hatten sich jetzt aber schon nicht mehr bloß vor sich; sie hielten nun einander beide in den Armen. Als die Mutter Gutmann, ihn, ihren Schützling, wieder daraus frei ließ, rief sie: »Jetzt kann es mich aber noch einmal so arg verdrießen, daß mein Mann und mein Sohn noch nicht zu Hause sind. Wie würden auch die sich freuen! Aber nun legen Sie ab, Herr Alois, fürs erste lasse ich Sie nicht wieder aus dem Hause, Pärnreuther! Wenn mein Mann und der Junge hiervon eine Ahnung hätten! Aber es geschieht ihnen schon recht! Nämlich Sie müssen wissen, liebes Kind, und es wird Sie auch vielleicht interessieren, daß die beiden, so wie Sie damals, wieder dabei sind, das neue deutsche Volk zu gründen. In Koburg sind sie hierfür am Werke. Wie sie mit der Geschichte grade dahin geraten sind, ist mir bis jetzt noch nicht ganz klar geworden, aber da sie einmal ihr Herz draufgestellt hatten, und ich die ewige Unruhe hier im Hause darüber herzlich satt hatte, na, so habe ich sie denn ziehen lassen. Eigentlich sollten sie den Zeitungen nach schon längst wieder zu Hause sein, – na, Herz, meinen braven Alten kennen Sie ja: der bleibt immer gern ein bißchen lange bei Tisch sitzen, und mein Herr Sohn, Ihr kleiner Willi, hat sich auch zu einem netten Früchtchen ausgewachsen. Übrigens hat er seine Studien vollendet und führt jetzt den Titel Kameralsupernumerar, und so ist auch gestern ein dicker blauer Brief an ihn angekommen mit dem großen Amtssiegel. Gott schütze uns vor Schaden, wenn sie zuviel Unsinn in Koburg gemacht haben! Nun, jetzt habe ich ja wenigstens Sie zum Trost und sehe, daß nicht jeder gehängt wird, der den Strick um den Hals hat. Sie sind doch hoffentlich gekommen, um recht lange bei uns zu bleiben, Alois. Und eine Ewigkeit werden meine zwei Politikvagabunden ja hoffentlich wohl auch nicht in dem Koburg versitzen, nachdem dort schon längst alles in Ordnung und fürs erste wieder hoffentlich zu Ende ist.« Es war ihm, dem Herrn von Pärnreuther, bis jetzt vollständig unmöglich gewesen, das mindeste Wort in den Herzenserguß seiner alten Beschützerin einzuschieben. Jetzt gelang's und geschah's, da die gute Frau doch endlich einmal Atem holen mußte. »Sie lassen schön grüßen,« bestellte er von Koburg her. »Sie befinden sich recht wohl, der Herr von Gutmann und mein – Freund Willi, und sind sehr vergnügt und lassen schönstens grüßen.« »Wer läßt mich schönstens grüßen?« fragte Frau Lina, die Arme am Leibe sinken lassend. »Mein teurer Herr von Gutmann, mein edler Freund, und mein Freund Wilhelm, mein – junger – Freund! Ich komme auch von Koburg, und sie haben mich nur vorausgeschickt, um es zu Hause zu bestellen, daß sie sehr gesund und – vergnügt sind. Sie machen nur noch einen kleinen Abstecher.« »Einen kleinen Abstecher? Ei, ei, ei, ei! Und wohin, wenn ich fragen darf?« »In das Fichtelgebirge. Nach Wunsiedel.« »Ist das außerhalb von Deutschland? Ist das so bei Ihnen?« »O nein, es gehört beides zum Königreich Bayern. Jean Paul ist in Wunsiedel geboren.« »So? Aber was haben sie denn da zu suchen? Und wie lange gedenken sie sich im Siedelgebirge oder Wunsiegel aufzuhalten?« »Das wußten sie selber noch nicht genau. Das kam ganz und gar auf die gnädige Frau – auf die Frau Major von Blume in Wunsiedel an.« »Hören Sie, Pärnreuther, ich sollte eigentlich erst für eine Erfrischung und Ihre sonstige Bequemlichkeit sorgen; – Ihr altes Zimmerchen nehmen Sie natürlich der alten Erinnerungen wegen gern wieder – aber dieses geht mir doch so sehr über allen Spaß und alles Verständnis, daß ich Sie und mich doch noch ein bißchen bei dieser Sache verweilen muß. Vor allem also, wer ist diese Frau Majorin von Blume?« »Nun, Fräulein Klotildens Mama, die auch noch gar nichts von den – Vorfällen in Koburg wußte, und erst, wie jetzt Sie, damit bekannt gemacht werden mußte.« »Und weshalb sind denn nicht Sie in dieser geheimnisvollen Geschichte mit nach dem Wun – Wunsiedel weitergereist?« »Ich war dabei gänzlich überflüssig geworden. Sogar störend! Aber sie meinten – Fräulein Klotilde und Wilhelm meinten –« »Mein Wilhelm?« »Mein intimster Freund Willi Gutmann.« »Klotilde und Willi?! ... Pärnreuther?!« »Ja, sie meinten, den Gefallen könne ich ihnen zu allem übrigen auch noch tun, und hierher reisen – zu Ihnen! O teuere Frau und Wohltäterin, Sie wissen ja, wie gern ich das tun mußte, nachdem ich Herrn Gutmann und meinen Freund Willi in Koburg –« »Ja, ja, alles schon recht! aber die Dunkelheit wird mir durch Sie jetzt nur immer dunkler! Also heraus ohne weitere Redensarten! Was haben mein Mann und mein Junge, statt hier nach ihren Geschäften zu sehen, mit der mir gänzlich unbekannten Reisebekanntschaft im Fichtelgebirge zu suchen?« »O, sie haben auch dort ein großes Geschäft. Sie haben die Frau Majorin dort zu besänftigen, wie ich es auf mich genommen habe, hier zu Ihnen zum Guten zu reden. O, Frau, gnädige Frau, gütige Mama, es sind Sünder! ... An mir haben sie gesündigt, an dem Herrn Major haben sie gesündigt, an der Frau Majorin haben sie gesündigt, und – an Ihnen, Mama Gutmann sündigen sie eben jetzt noch!« »Jesus Christus, mir beben allmählich alle Glieder, Alois! Um des Himmels willen, wer hat denn so gesündigt?« »Mein Freund Willi und Fräulein Klotilde und Herr Gutmann, Ihr lieber Herr Gemahl, der freilich den alten Rückert in Neuseß um Rat gefragt hat, ehe er die Sünde auf sich nahm.« Die Frau griff sich mit beiden Händen an den Kopf; Herr Alois aber seufzte weiter: »Der alte Rückert meinte natürlich, so weit er es über die Gartenhecke beurteilen könne, habe der junge Mann eine allerliebste Wahl getroffen, und liebste beste Retterin, wenn noch ein Mensch dieses noch besser beurteilen konnte als der große Poet und Herr Professor, so war ich das! Nun, es war so bestimmt. Es war alles in Koburg vom Schicksal anders bestimmt, als ich es mir in Wien und die Frau Majorin in Wunsiedel uns gedacht hatten. Unser Willi gefiel ihr, dem lieben Kinde, besser als ich; und weil ich ein so guter Kerl bin, so hätte ich wirklich in jenen Tagen ein recht schlechter Mensch sein müssen, wenn ich mich nicht auch hier ins Unvermeidliche geschickt hätte. Nun bleibt mir nichts übrig, als auch noch ein guter Onkel zu werden. Und auch das habe ich mir vorgenommen und komme jedes Jahr von Wien mit einem Patenlöffel.« »Was?« kreischte jetzt die Mutter Gutmann, mit beiden Händen den Gastfreund packend. »Ja, gnädige Frau, es ist nicht anders,« seufzte Herr Alois dumpf. »Sie haben ohne mich in Wunsiedel Verlobung gefeiert, und ich –« »Und ich,« schrie die Mutter Gutmann, »bin wohl die größte Närrin, daß ich Ihnen hier mit Ihren Dummheiten so ruhig zuhöre? Kommen Sie, Pärnreuther, wenn Sie keine Pantoffeln mitgebracht haben, so können Sie in die meines Mannes oder Sohnes steigen. Hungrig und durstig werden Sie auch sein, und dafür werde ich sorgen; aber nun machen Sie mir auch weiter keine Flausen vor. Wenn ich Ihr Gesicht von heute mit dem von vor zehn Jahren vergleiche, so habe ich die Versicherung, daß man Sie heute in Wien nicht mehr aufhängt und totschießt, sondern daß Sie sich gottlob wieder zu einem recht vergnügten Wiener von der alten Sorte, so aus der Komödie, herausgefüttert haben. Aber nun machen Sie ein Ende mit dem Spaße; denn im Grunde habe ich dergleichen doch nicht damals an Ihnen verdient, Sie armes blutiges Lamm, das seine ganze damalige Wolle an den dummen Politikbüschen hatte hängen lassen!« Der österreichische deutsche Bruder hatte es sich auf verschiedene Weise unterwegs, von Koburg her, ausgemalt, wie die alte Frau wohl seine Sendung aufnehmen könne. Was konnte er jetzt anderes tun, als mit bebender Stimme zu ächzen: »Lieber Himmel, es ist ja leider Gottes kein Wiener Jux, kein Spaß, sondern bitterer Ernst mit der preußischen Spitze! Beste Frau, was mich anbetrifft, so hat sie, Fräulein Klotilde, mir nur den Korb gegeben; aber Sie haben recht, so lange Menschen auf Erden sich zusammenfinden, ist so was noch nicht dagewesen, wie ich hier stehe und meinen Auftrag – Himmel und Hölle, meinen Auftrag an Ihr liebes Herz ausrichte! Sie sind wahrhaftig in Wunsiedel und feiern Verlobung und haben mich geschickt, um mir noch mehr Gelegenheit zu geben, mein gutes Herz zu zeigen, und Sie, beste Mama, in solche furchtbare und ganz unnötige Aufregung zu bringen. Denn es ist wirklich ein allerliebstes Mädchen, und die Familie respektabel und der Herr Major ein Schwiegervater, wie nur zu wünschen! Und der Onkel Poltermann, o Frau Gutmann, lernen Sie nur erst den Onkel Poltermann kennen! Eigentlich wollten sie den zuerst schicken; aber nachher hielten sie es für schicklicher, daß ich ginge: ich, ich, ich! O, o, und nun seien Sie wenigstens so gut, wie Sie immer sind, und lassen's mich nicht entgelten, was die anderen an Ihnen gesündigt haben!« ... »Ich habe ihnen vieles zugetraut, als ich sie so ohne Beaufsichtigung ins Wilde losließ, aber dieses nicht!« sprach nach einer geraumen Weile tonlos, völlig gebrochen, geknickt und erschöpft Frau Lina Gutmann und also beinahe schon in der ins Schicksal ergebenen Stimmung des Vaters Blume im Schießhause zu Koburg. »O dieser dumme Junge,« ächzte sie noch. »Mein armes, unschuldiges Wurm! Ich hatte ihm hier am Orte alles Verfängliche von dieser Sorte aus dem Auge gerückt, und nun muß ihm und mir das passieren! Es ist nur schade, daß mein Mann nicht als Witwer wieder von neuem auf Reisen gegangen ist, nachher wären Gutmanns Reiseabenteuer freilich vollständig geworden; dann natürlich wäre auch der Alte – der ersten Elipse in die Netze gefallen, so wie er nur da um die Ecke herum nach dem Bahnhofe hingewesen wäre!« »Kalypso werden Sie meinen, gnädige Frau. Aber darin irren Sie sich gottlob doch, was Fräulein Klotilde anbetrifft. Unser Willi ein dummer Junge in diesem Fall? ... Einem verruchteren Spitzbuben und hinterlistigeren Schlaukopf bin ich noch nicht auf meinem Lebenspfade begegnet. Hier! da – da – hier! haben Sie ihre Photographie. Sie können lange suchen, ehe Sie eine zweite so Süße, so Wonnigliche, so Liebe zur Schwiegertochter ausfindig machen! Wenn ein Mensch noch in der Welt ist, der das wissen kann, so bin ich's!« Er hatte das Bild aus seinem Busen hervorgeholt und reichte es hin, und die alte Frau nahm es wie eine, die eine Spinne noch nicht einmal sehen, geschweige denn anfassen kann. Mit spitzen Fingern nahm sie das Bildchen. Sie besah es behutsam erst von ferne, dann aus der Nähe. Dann setzte sie die Brille auf und ging mit ihm zum Fenster, und dann sagte sie nach sehr langer Betrachtung: »Wenn nur den Photographen überhaupt zu trauen wäre! Diesem äußern Anschein nach hätte es freilich noch schlimmer auslaufen können.« »Nicht wahr?« seufzte Herr Alois wehmütig, weinerlich entzückt. »Behalten Sie nur!« ächzte er, mit der Hand abwehrend, als ihm die Frau Lina das Bild zurückreichte. »Sie legen kein Gewicht darauf, Pärnreuther?« »Mir liegt es zentnerschwer auf der Seele,« ächzte der geknickte Wiener. Die alte Dame schüttelte den Kopf; endlich sagte sie: »Kommen Sie, lieber Freund, machen Sie es sich wenigstens fürs erste so bequem wie Anno Neunundvierzig, wo Sie auch mit einem Strick um den Hals und einer Kugel hinter sich zu mir kamen. Das sehe ich schon, wir können eine Woche Tag und Nacht zusammensitzen und haben uns immer noch nicht ausgesprochen. Was die anderen anbetrifft – na, so laß mir die nach Hause kommen, übrigens, Pärnreuther, meinem Sohne werde ich es noch nicht einmal selber zu sagen brauchen; dem teilt hier schon sein angeborener Landesfürst und Vater mit, was er über ihn und seine Fahrt nach Koburg denkt. Sehen Sie mal diesen Brief: An den hochfürstlichen Kameralsupernumerar Gutmann, – Regierungssachen! In der Stadt weiß man es schon, was drin steht: als Mutter sollte ich mich entweder totweinen oder totärgern über die Nase, die ihm darin von oben herab angehängt wird; – laß sie nur nach Hause kommen, den jungen und den alten – Nichtsnutz!« ... O, die schlauen Sünder, ehe die nach Hause kamen von ihren Reisen, schickten sie natürlich erst noch einen Brief sich voraus. Wir könnten die Leser raten lassen, wer den geschrieben hatte, und den, der's erriete, könnten wir den übrigen zum Muster hinstellen. »Pärnreuther, ein Brief aus Wunsiedel!« rief die Frau Lina am Morgen des dreizehnten September am Kaffeetisch. »Sagen Sie nichts, unterbrechen Sie nicht, ich sage auch nichts, bis ich weiß, was ich zu sagen habe.« Sie rückte die Brille zurecht und buchstabierte die etwas unleserliche Handschrift. »Hochgeehrte Frau! Bloß wenn Sie sich mit der Feder in der Hand in meine Lage setzen, können Sie sich in meine Lage versetzen als Mutter und als Frau und ausdrücken, wofür man weder schriftlich noch mündlich Worte finden sollte. Und Sie haben nicht einmal dazu das Haus plötzlich so voll wie beim Weltuntergang und sitzen wahrscheinlich in Ihrer Erstarrung nur allein mit Herrn von Pärnreuther aus Wien, welchen ich auch gern noch einmal im Leben bloß ein Viertelstündchen ganz allein für mich haben möchte, um ihm meine Meinung zu sagen. Doch das ist nunmehr die Nebensache; die Hauptsache ist: was fangen wir mit ihnen an? Sie mit Ihrem Mann und Herrn Sohn, und ich mit meinem – ich will nicht sagen was! und mit meinem Mädel, wo ich wohl eher die Worte gefunden und ihr auch nicht vorenthalten habe. Ist denn jemals so etwas erlebt worden seit Erschaffung der Welt? Ist jemals zweien von uns, die sich ein längeres Leben durch für Mann und Kinder und Haushalt abgesorgt haben, so hinterm Rücken mitgespielt worden? – Und nachher dann noch zu tun, als sei das nur ein guter Spaß mit dem Erschrecken und Zusammenfahren und habe sich nur ganz natürlich mit der übrigen deutschen Politik in Koburg so gemacht!! – Hochgeehrte Frau, was Sie dem Herrn von Pärnreuther für ein Gesicht gemacht haben, kann ich mir denken; ich für mein Teil habe nicht in den Spiegel gesehen, als die Sache über mich kam, und kenne meines doch! Und nun frage ich Sie einfach von unsern beiden Gesichtern aus: was sollen wir machen? – Geehrte Frau Gutmann, wir Frauen sollten doch wirklich mehr Politik treiben; denn dann hätten wir doch vielleicht eine Ahnung davon gehabt, worauf es hinauslaufen kann, wenn man ihrem, der Mannsleute, Vorgeben, einfach dumm und gutmütig Glauben schenkt und sie ziehen läßt, um ihr deutsches Volk im Reich zu begründen oder es zu hintertreiben. Fragen Sie den Herrn von Pärnreuther, ob ich eine Ahnung von dem gehabt habe, was jetzt passiert ist. Sie etwa? ich glaube auch nicht; – Ihr Herr Gemahl sieht mir nicht danach aus, wenn ich danach frage: Haben Sie nun endlich nach Hause geschrieben, Herr – Schwager? Aus diesem Grunde und von wegen dieses Gesichtes Ihres Herrn Gemahls schreibe ich heute und unterstreiche dies. Die Bösewichter behaupten, wir beide seien noch immer die Hauptsache, und so sage ich: zum wenigsten bleibt die Hauptsache, was wir beide, Sie und ich, hochgeschätzte, unbekannte Frau jetzt tun? Und die Zeit drängt; denn mit den Dienstboten hier zu Lande ist das wohl gerade so wie bei Ihnen. Verlassen kann man sich auf niemand. Der einzig Ruhige in der Verwirrung ist noch mein Bruder, der Apotheker Poltermann, Ihnen unbekannterweise. Seine Apotheke hat er abgegeben und sich ganz unserm großen Dichter Jean Paul gewidmet und Klotilde erzogen. Er wollte sie eigentlich Wina nennen; aber da sagte mein Mann, damals noch Oberleutnant: dann lauft ich nicht bloß in Wunsiedel, sondern auch in München und Würzburg oder sonst in der Garnison mein ganzes Leben als der General Zablocki herum! Da ist es denn bei Klotilde geblieben, deren wir hier des Namens viele bei uns in Franken und Bayern haben. Also mein Bruder sagt: Du magst kochen, was du willst, Schwester, du reichst nicht an die Gefühle der zwei jungen Leute und noch viel weniger an die des Vetters Gutmann, dem jedweder Bissen mit einem Gewissensbiß heruntergehen muß, bis seine Frau aus Norddeutschland dir wieder geantwortet hat. Mein Mann ist jetzt ganz unzurechnungsfähig; ebenso wie der Ihrige. Es ist doch gerade so, als wären sie beide von den verschiedensten Weltenden nach Koburg gereist, um dieses zustande zu bringen und zueinander, nämlich ihre Kinder, welche immer doch ein bißle auch noch unsere sind, Frau Schwester. Politisch liegen sie sich trotz aller nähern und wichtigeren Aufregung doch alle Augenblicke von neuem in den Haaren, und da ist es wiederum nur mein Bruder Laurian, der sie mit Vernunft, das heißt lieber: mit seiner kindlichen Ruhe auseinanderbringt, indem er sie auslacht und die Daumen umeinander dreht. Die – unsere beiden Kinder, Ihr Wilhelm und mein Mädel, sind selbstverständlich für uns gar nicht vorhanden, die schweben in einer Welt für sich über unseren Köpfen. Mein Mädel, da es mich glücklich herum hat, ohne Gewissensbisse; Ihr Sohn, liebe Frau Gutmann, der noch seine ganze Schuld gegen Sie ungebeichtet auf sich trägt, mit Gewissensbissen. Und damit komme ich nunmehr zu der wirklichen Hauptsache. Nämlich da das Unglück nun mal geschehen ist, und wir zwei nichts mehr dagegen machen können, so bitte gütigst unbekannterweise, liebste, beste Frau, machen Sie es wie ich, und geben Sie den armen verständnislosen Geschöpfen Ihren Muttersegen!!! Was meine Tochter ist, so hat die außer Ihnen noch einen anderen schweren Stand; nämlich gegen die Tante Adele in Immelborn, auf deren Gesicht zu einem gestrigen Briefe von dem Kinde an sie wir auch recht gespannt sind. Herr von Pärnreuther, der die Tante Adele persönlich kennt, ist vielleicht so gütig, Ihnen auch in dieser Sache nähere Aufklärung zu geben. Wenn er auf seiner Rückreise nach Wien auch in Immelborn vorsprechen und zur Güte reden wollte, wäre es mir lieb. Ihr Herr Gemahl und ich und mein Mann und vor allem der Onkel Laurian, mein Bruder, haben nun beschlossen, wenn Sie uns ein kurzes Wort zugeschickt haben, Ihnen dagegen die zwei jungen Leute zuzusenden, um mit ihnen, wie ich hier in Wunsiedel, ganz gehörig Abrechnung zu halten. Ihr Herr Gemahl meint, ehe ihm unsere Tochter nicht von Ihnen aus geschrieben habe, daß Mutter zu Hause nicht mehr böse sei, traue er sich nicht heim. Lieber lasse er Ihnen das Geschäft ganz auf dem Halse und beiße wieder in den sauren Apfel und bleibe wieder auf Reisen, für jede Firma, die ihn mit anständigen Spesen rund um die Welt schicken wolle. Sehen Sie, so sind sie, die Männer, meine ich! Und nun darüber besonders noch ein Wort ganz im Vertrauen, beste unbekannte Freundin und Schwägerin. Ein bißchen unvorsichtig sind Sie gewesen. Er, Sie wissen schon, wen ich meine, hat meiner Meinung nach, und wie ich ihn nun kennen gelernt habe, wirklich wieder Geschmack an der Sache, nämlich der Vagabondiererei unterm Vorgeben irgend eines Zweckes gefunden. Er ist imstande und wird Ihnen wieder, wie er sich ausdrückt, unglücklicher ewiger Jude, oder wie er es nennt, ewigseliger Reiseonkel! Den Vorschlag, lieber Sie, liebe Frau, zu uns kommen zu lassen, aber nicht nach Wunsiedel, sondern poetisch auf den Nürnberger Plärrer, der jetzt eben im Gange ist, hat er schon gemacht. Liebste Frau Schwägerin, ich an Ihrer Stelle ließe mir erst die Kinder von mir zuschicken, spräche mit denen ernsthaft wie ich und behielte mir für meinen Mann das übrige bis dahin vor, wo ich ihn wieder in Händen und in seinem Schlafrock zu Hause hätte. Vor allem aber schlösse ich jetzt schon brieflich Freundschaft mit mir – mit Ihrer Ihnen leider persönlich noch ganz unbekannten Freundin Liane Blume.« P. S. Wenn wir uns nicht zusammentun, so bleibt uns nachher, da sich mein Mann und Ihr Mann schon zusammengetan haben, nichts als kummervolles Zukreuzekriechen oder ein fernerer Verdruß im Ehestand, woran ich gar nicht denken mag! Ich wiederhole es: Sie sind so, die Männer! und damit unterstreiche ich: Frau Gutmann, lassen Sie uns zwei zusammenhalten, denn das ist das einzige, was uns übrig bleibt, wenn wir nicht ganz und gar ihnen gegenüber abdanken wollen und abgedankt werden wollen; denn die Kinder haben sie auch auf ihrer Seite! Ihre Ihrem besten Verständnis mit Zuversicht entgegensehende Liane Blume geb. Poltermann.« Frau Lina Gutmann legte den Brief auf den Kaffeetisch nieder, sah längere Zeit ihren Freund Alois an, ohne ihn eigentlich sich zu besehen, und sagte dann: »Was ist das mit dem Nürnberger Plärrer, Pärnreuther?« »Der Nürnberger Plärrer? Nun, hier werden Sie es Schützenhof, in München Theresienwiese, in Stuttgart Kannstatter Wasen nennen. In Wien hatten wir das bis Achtundvierzig alle Tage. Es pflegt da sehr vergnügt herzugehen auf dem Nürnberger Plärrer.« »So? Nun dann stimmt auch das ja zu dem andern, was mein Alter bei mir auf dem Kerbstock hat.« »Er steht jetzt freilich in Nürnberg in seiner Blüte, der Nürnberger Plärrer. Es war in Koburg schon mehrfach die Rede davon, und verschiedene der Herren sprachen davon, sofort nach Aufrichtung des deutschen Volkes sich dorthin zu begeben und sich auf dem Plärrer in Nürnberg von ihren Arbeiten und Strapazen in Koburg zu erholen.« Die Frau sah wiederum auf ihren Schützling, sah ihn aber diesmal wirklich an. Sie sagte – denn fragend kam das Wort nicht heraus: »Was raten Sie, Alois?« »Ich?« »Ja, Sie. Sie kennen sie ja alle! Was mich angeht, so kenne ich von der ganzen sauberen Gesellschaft nur meinen Mann und meinen dummen Jungen und – diese liebe, gute, arme Frau hier, die mir diesen Brief geschrieben hat.« »Das ist eine liebe, gute Frau, Frau Gutmann, und auch ich habe es ja erfahren, wie gut sie es mit den Menschen meinen kann! Und da auch Sie das heraushaben, so täte ich ihr in ihrer Not und Aufregung den Gefallen und reichte ihr aus Ihrer eigenen Not und Aufregung heraus nicht bloß den kleinen Finger, sondern gleich die ganze Hand. Lassen Sie sich die jungen Leute kommen, das andere macht sich dann schon von selber. Ich wüßte keinen in der Familie, dessen Stimme hierbei schwerer ins Gewicht fallen könnte, als meine!« »Sie sind der beste Mensch, den ich je kennen gelernt habe, Pärnreuther! Und, seien Sie nur ganz ruhig. Was auch in Koburg vorgefallen sein mag: uns reißt nichts voneinander!« – Hier endet nun eigentlich die Geschichte, und alles geht gut aus, soweit es sich diesmal im einzelnen vom einzelnen im kurzen Erdenleben übersehen läßt. Wir hoffen diesmal allem Rechnung getragen zu haben, um dieses schöne Wort im deutschen Sprachschatz auch unsernteils nicht verstauben zu lassen. Wir brauchen keinem, der uns lächelnd, wenn auch kopfschüttelnd durch diese Blätter begleitet hat, noch genauer auseinanderzusetzen, weshalb am Morgen nach dem dritten Juli Achtzehnhundertsechsundsechzig die Mutter und Großmutter Blume in Wunsiedel zu ihrem Major sagte: »Da hat nun dieser Basilisk zugeschnappt, den ihr damals in Koburg ausgebrütet habt! Nun ja, sei nur still: der Willi ist freilich ein herzensguter Mensch, und die beiden Kindle, das Büble und Mädel sind gewiß allerliebst, und wenn unser Mädel, die Klotilde telegraphiert, daß sie mich zu ihrem Dritten trotz der Schwester Lina nötig hat, so reise ich morgen zu ihr in das Preußenland und zur Schwester Lina und ihrem Alten, und wenn sich auch eure ganze Bundesarmee mir in den Weg legt. In diesem Falle steige ich nicht bloß nochmal über meine eingeborensten Vorurteile weg, sondern auch über sie.« – Noch weniger aber brauchen wir dem lächelnden Freunde vor diesen Blättern auseinanderzusetzen, weshalb die Mutter und Großmutter Gutmann am Abend des achtzehnten Januars Achtzehnhunderteinundsiebenzig zu einem gewissen weißhaarigen Sünder sagte: »Na, meinetwegen darfst du mir heute abend mal wieder über die Zeit ausbleiben, wie damals in Koburg. Aber, Alter, bedenke, daß wir seitdem doch wieder um eine Reihe von Jahren älter geworden sind! Da ist es nur ein wahres Glück, daß ich heute mich auch nicht noch um den Jungen wie damals abzusorgen habe! Das ist jetzt Klotildchens Sache, und die mag es vor ihrem Mädchen und ihren drei Jungen verantworten, ob der neue deutsche Kaiser und Bismarck ein genügender Grund sind, unserm Herrn Sohn den Hausschlüssel mitzugeben. Ich wasche gottlob in dieser Hinsicht mir jetzt die Hände in Unschuld über Gutmanns Fahrten und Reisen.«