Wilhelm Müller Die Winterreise Inhalt:       Am Brunnen vor dem Tore Auf dem Flusse Auf einem Totenacker Das Irrlicht Das Wirtshaus Der du so lustig rauschtest Der greise Kopf Der Leiermann Der Lindenbaum Der Reif hatt einen weißen Schein Der stürmische Morgen Der Wegweiser Der Wind spielt mit der Wetterfahne Die Krähe Die Nebensonnen Die Post Die Wetterfahne Drei Sonnen sah ich am Himmel stehn Drüben hinterm Dorfe Ein Licht tanzt freundlich hin und her Eine Krähe war mit mir Einsamkeit Erstarrung Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten Es brennt mir unter beiden Sohlen Fliegt der Schnee mir ins Gesicht Fremd bin ich eingezogen Frühlingstraum Gefrorne Tränen Gefrorne Tropfen fallen Gute Nacht Hier und da ist an den Bäumen Ich such im Schnee vergebens Ich träumte von bunten Blumen Im Dorfe In die tiefsten Felsengründe Letzte Hoffnung Manche Trän aus meinen Augen Mut! Nun merk ich erst, wie müd ich bin Rast Rückblick Täuschung Von der Straße her ein Posthorn klingt Was vermeid ich denn die Wege Wasserflut Wie eine trübe Wolke Wie hat der Sturm zerrissen Gute Nacht           Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh ich wieder aus. Der Mai war mir gewogen Mit manchem Blumenstrauß. Das Mädchen sprach von Liebe, Die Mutter gar von Eh' – Nun ist die Welt so trübe, Der Weg gehüllt in Schnee. Ich kann zu meiner Reisen Nicht wählen mit der Zeit: Muß selbst den Weg mir weisen In dieser Dunkelheit. Es zieht ein Mondenschatten Als mein Gefährte mit, Und auf den weißen Matten Such ich des Wildes Tritt. Was soll ich länger weilen, Bis man mich trieb' hinaus? Laß irre Hunde heulen Vor ihres Herren Haus! Die Liebe liebt das Wandern, – Gott hat sie so gemacht – Von einem zu dem andern – Fein Liebchen, Gute Nacht! Will dich im Traum nicht stören, Wär Schad um deine Ruh, Sollst meinen Tritt nicht hören – Sacht, sacht die Türe zu! Ich schreibe nur im Gehen Ans Tor noch »Gute Nacht«, Damit du mögest sehen, Ich hab an dich gedacht. Die Wetterfahne       Der Wind spielt mit der Wetterfahne Auf meines schönen Liebchens Haus. Da dacht ich schon in meinem Wahne, Sie pfiff' den armen Flüchtling aus. Er hätt es ehr bemerken sollen, Des Hauses aufgestecktes Schild, So hätt er nimmer suchen wollen Im Haus ein treues Frauenbild. Der Wind spielt drinnen mit den Herzen, Wie auf dem Dach, nur nicht so laut. Was fragen sie nach meinen Schmerzen? Ihr Kind ist eine reiche Braut. Gefrorne Tränen           Gefrorne Tropfen fallen Von meinen Wangen ab: Und ist's mir denn entgangen, Daß ich geweinet hab? Ei Tränen, meine Tränen, Und seid ihr gar so lau, Daß ihr erstarrt zu Eise, Wie kühler Morgentau? Und dringt doch aus der Quelle Der Brust so glühend heiß, Als wolltet ihr zerschmelzen Des ganzen Winters Eis. Erstarrung           Ich such im Schnee vergebens Nach ihrer Tritte Spur, Hier, wo wir oft gewandelt Selbander durch die Flur. Ich will den Boden küssen, Durchdringen Eis und Schnee Mit meinen heißen Tränen, Bis ich die Erde seh. Wo find ich eine Blüte, Wo find ich grünes Gras? Die Blumen sind erstorben, Der Rasen sieht so blaß. Soll denn kein Angedenken Ich nehmen mit von hier? Wenn meine Schmerzen schweigen, Wer sagt mir dann von ihr? Mein Herz ist wie erfroren, Kalt starrt ihr Bild darin: Schmilzt je das Herz mir wieder, Fließt auch das Bild dahin. Der Lindenbaum       Am Brunnen vor dem Tore Da steht ein Lindenbaum: Ich träumt in seinem Schatten So manchen süßen Traum. Ich schnitt in seine Rinde So manches liebe Wort; Es zog in Freud und Leide Zu ihm mich immerfort. Ich mußt auch heute wandern Vorbei in tiefer Nacht, Da hab ich noch im Dunkel Die Augen zugemacht. Und seine Zweige rauschten, Als riefen sie mir zu: »Komm her zu mir, Geselle, Hier findst du deine Ruh!« Die kalten Winde bliesen Mir grad ins Angesicht, Der Hut flog mir vom Kopfe, Ich wendete mich nicht. Nun bin ich manche Stunde Entfernt von jenem Ort, Und immer hör ich's rauschen: Du fändest Ruhe dort! Die Post     Von der Straße her ein Posthorn klingt. Was hat es, daß es so hoch aufspringt,     Mein Herz? Die Post bringt keinen Brief für dich: Was drängst du denn so wunderlich,     Mein Herz? Nun ja, die Post kömmt aus der Stadt, Wo ich ein liebes Liebchen hatt,     Mein Herz! Willst wohl einmal hinübersehn, Und fragen, wie es dort mag gehn,     Mein Herz? Wasserflut         Manche Trän aus meinen Augen Ist gefallen in den Schnee; Seine kalten Flocken saugen Durstig ein das heiße Weh. Wann die Gräser sprossen wollen, Weht daher ein lauer Wind, Und das Eis zerspringt in Schollen, Und der weiche Schnee zerrinnt. Schnee, du weißt von meinem Sehnen: Sag mir, wohin geht dein Lauf? Folge nach nur meinen Tränen, Nimmt dich bald das Bächlein auf. Wirst mit ihm die Stadt durchziehen, Muntre Straßen ein und aus: Fühlst du meine Tränen glühen, Da ist meiner Liebsten Haus. Auf dem Flusse       Der du so lustig rauschtest, Du heller, wilder Fluß, Wie still bist du geworden, Gibst keinen Scheidegruß. Mit harter, starrer Rinde Hast du dich überdeckt, Liegst kalt und unbeweglich Im Sande hingestreckt. In deine Decke grab ich Mit einem spitzen Stein Den Namen meiner Liebsten Und Stund und Tag hinein: Den Tag des ersten Grußes, Den Tag, an dem ich ging, Um Nam' und Zahlen windet Sich ein zerbrochner Ring. Mein Herz, in diesem Bache Erkennst du nun dein Bild? Ob's unter seiner Rinde Wohl auch so reißend schwillt? Rückblick         Es brennt mir unter beiden Sohlen, Tret ich auch schon auf Eis und Schnee. Ich möcht nicht wieder Atem holen, Bis ich nicht mehr die Türme seh. Hab mich an jedem Stein gestoßen, So eilt ich zu der Stadt hinaus; Die Krähen warfen Bäll und Schloßen Auf meinen Hut von jedem Haus. Wie anders hast du mich empfangen, Du Stadt der Unbeständigkeit! An deinen blanken Fenstern sangen Die Lerch und Nachtigall im Streit. Die runden Lindenbäume blühten, Die klaren Rinnen rauschten hell, Und ach, zwei Mädchenaugen glühten! – Da war's geschehn um dich, Gesell! Kömmt mir der Tag in die Gedanken, Möcht ich noch einmal rückwärts sehn. Möcht ich zurücke wieder wanken, Vor ihrem Hause stille stehn. Der greise Kopf         Der Reif hatt einen weißen Schein Mir übers Haar gestreuet. Da meint ich schon ein Greis zu sein, Und hab mich sehr gefreuet. Doch bald ist er hinweggetaut, Hab wieder schwarze Haare, Daß mir's vor meiner Jugend graut – Wie weit noch bis zur Bahre! Vom Abendrot zum Morgenlicht Ward mancher Kopf zum Greise. Wer glaubt's? Und meiner ward es nicht Auf dieser ganzen Reise! Die Krähe                 Eine Krähe war mit mir Aus der Stadt gezogen, Ist bis heute für und für Um mein Haupt geflogen. Krähe, wunderliches Tier, Willst mich nicht verlassen? Meinst wohl bald als Beute hier Meinen Leib zu fassen? Nun, es wird nicht weit mehr gehn An dem Wanderstabe. Krähe, laß mich endlich sehn Treue bis zum Grabe! Letzte Hoffnung       Hier und da ist an den Bäumen Noch ein buntes Blatt zu sehn, Und ich bleibe vor den Bäumen Oftmals in Gedanken stehn. Schaue nach dem einen Blatte, Hänge meine Hoffnung dran; Spielt der Wind mit meinem Blatte, Zittr' ich, was ich zittern kann. Ach, und fällt das Blatt zu Boden, Fällt mit ihm die Hoffnung ab, Fall ich selber mit zu Boden, Wein' auf meiner Hoffnung Grab. Im Dorfe         Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten. Die Menschen schnarchen in ihren Betten, Träumen sich manches, was sie nicht haben, Tun sich im Guten und Argen erlaben: Und morgen früh ist alles zerflossen. – Je nun, sie haben ihr Teil genossen, Und hoffen, was sie noch übrig ließen, Doch wieder zu finden auf ihren Kissen. Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde, Laßt mich nicht ruhn in der Schlummerstunde! Ich bin zu Ende mit allen Träumen – Was will ich unter den Schläfern säumen? Der stürmische Morgen       Wie hat der Sturm zerrissen Des Himmels graues Kleid! Die Wolkenfetzen flattern Umher in mattem Streit. Und rote Feuerflammen Ziehn zwischen ihnen hin. Das nenn ich einen Morgen So recht nach meinem Sinn! Mein Herz sieht an dem Himmel Gemalt sein eignes Bild – Es ist nichts als der Winter, Der Winter kalt und wild! Täuschung Ein Licht tanzt freundlich vor mir her; Ich folg ihm nach die Kreuz und Quer; Ich folg ihm gern, und seh's ihm an, Daß es verlockt den Wandersmann. Ach, wer wie ich so elend ist, Gibt gern sich hin der bunten List, Die hinter Eis und Nacht und Graus Ihm weist ein helles, warmes Haus, Und eine liebe Seele drin – Nur Täuschung ist für mich Gewinn! Der Wegweiser       Was vermeid ich denn die Wege, Wo die andren Wandrer gehn, Suche mir versteckte Stege Durch verschneite Felsenhöhn? Habe ja doch nichts begangen, Daß ich Menschen sollte scheun – Welch ein törichtes Verlangen Treibt mich in die Wüstenein? Weiser stehen auf den Straßen, Weisen auf die Städte zu, Und ich wandre sonder Maßen, Ohne Ruh, und suche Ruh. Einen Weiser seh ich stehen Unverrückt vor meinem Blick; Eine Straße muß ich gehen, Die noch keiner ging zurück. Das Wirtshaus     Auf einen Totenacker Hat mich mein Weg gebracht. Allhier will ich einkehren: Hab ich bei mir gedacht. Ihr grünen Totenkränze Könnt wohl die Zeichen sein, Die müde Wandrer laden Ins kühle Wirtshaus ein. Sind denn in diesem Hause Die Kammern all besetzt? Bin matt zum Niedersinken Und tödlich schwer verletzt. O unbarmherzge Schenke, Doch weisest du mich ab? Nun weiter denn, nur weiter, Mein treuer Wanderstab! Das Irrlicht             In die tiefsten Felsengründe Lockte mich ein Irrlicht hin: Wie ich einen Ausgang finde, Liegt nicht schwer mir in dem Sinn. Bin gewohnt das Irregehen, 's führt ja jeder Weg zum Ziel: Unsre Freuden, unsre Wehen. Alles eines Irrlichts Spiel! Durch des Bergstroms trockne Rinnen Wind ich ruhig mich hinab – Jeder Strom wird 's Meer gewinnen, Jedes Leiden auch ein Grab. Rast             Nun merk ich erst, wie müd ich bin, Da ich zur Ruh mich lege; Das Wandern hielt mich munter hin Auf unwirtbarem Wege. Die Füße frugen nicht nach Rast, Es war zu kalt zum Stehen, Der Rücken fühlte keine Last, Der Sturm half fort mich wehen. In eines Köhlers engem Haus Hab Obdach ich gefunden; Doch meine Glieder ruhn nicht aus: So brennen ihre Wunden. Auch du, mein Herz, im Kampf und Sturm So wild und so verwegen, Fühlst in der Still erst deinen Wurm Mit heißem Stich sich regen! Die Nebensonnen         Drei Sonnen sah ich am Himmel stehn, Hab lang und fest sie angesehn; Und sie auch standen da so stier, Als könnten sie nicht weg von mir. Ach, meine Sonnen seid ihr nicht! Schaut andren doch ins Angesicht! Ja, neulich hatt ich auch wohl drei: Nun sind hinab die besten zwei. Ging' nur die dritt erst hintendrein! Im Dunkel wird mir wohler sein. Frühlingstraum             Ich träumte von bunten Blumen, So wie sie wohl blühen im Mai, Ich träumte von grünen Wiesen, Von lustigem Vogelgeschrei. Und als die Hähne krähten, Da ward mein Auge wach; Da war es kalt und finster, Es schrien die Raben vom Dach. Doch an den Fensterscheiben Wer malte die Blätter da? Ihr lacht wohl über den Träumer, Der Blumen im Winter sah? Ich träumte von Lieb um Liebe, Von einer schönen Maid, Von Herzen und von Küssen, Von Wonn und Seligkeit. Und als die Hähne krähten, Da ward mein Herze wach; Nun sitz ich hier alleine Und denke dem Traume nach. Die Augen schließ ich wieder, Noch schlägt das Herz so warm. Wann grünt ihr Blätter am Fenster? Wann halt ich dich, Liebchen, im Arm? Einsamkeit       Wie eine trübe Wolke Durch heitre Lüfte geht, Wann in der Tanne Wipfel Ein mattes Lüftchen weht: So zieh ich meine Straße Dahin mit trägem Fuß, Durch helles, frohes Leben, Einsam und ohne Gruß. Ach, daß die Luft so ruhig! Ach, daß die Welt so licht! Als noch die Stürme tobten, War ich so elend nicht. Mut!         Fliegt der Schnee mir ins Gesicht, Schüttl ich ihn herunter. Wenn mein Herz im Busen spricht, Sing ich hell und munter. Höre nicht, was es mir sagt, Habe keine Ohren. Fühle nicht, was es mir klagt, Klagen ist für Toren, Lustig in die Welt hinein Gegen Wind und Wetter! Will kein Gott auf Erden sein, Sind wir selber Götter. Der Leiermann       Drüben hinterm Dorfe Steht ein Leiermann, Und mit starren Fingern Dreht er, was er kann. Barfuß auf dem Eise Schwankt er hin und her; Und sein kleiner Teller Bleibt ihm immer leer. Keiner mag ihn hören, Keiner sieht ihn an; Und die Hunde brummen Um den alten Mann. Und er läßt es gehen Alles, wie es will, Dreht, und seine Leier Steht ihm nimmer still. Wunderlicher Alter, Soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern Deine Leier drehn?