Fritz Reuter Ut de Franzosentid/Aus der Franzosenzeit Ins Hochdeutsche übertragen von Heinrich Conrad   © und Herausgeber: Projekt Gutenberg-DE   Dat irste Kapittel Erstes Kapitel Worüm Möller Voß nich Pankerott spelen kann, un woans hei den Herrn Amtshauptmann in grote Not bisteiht. Warum Müller Voß nicht Bankerott spielen kann, und wie er dem Herrn Amtshauptmann in großer Not beisteht. Döfft bün ick ok un heww ok Pädings hatt: vir Stück. Un wenn min vir Pädings noch lewten un güngen mit mi äwer de Strat, denn würden de Lüd' still stahn un seggen: »Kikt, wat sünd dat för dägte Kirls! Nah so'n Ort kann ein up Stun'ns lang säuken; dat sünd noch Pädings!« Un ein was dorunner, de was en Kopp länger as de annern un kek äwer ehr rut as Saul äwer sine Bräuder; dat was de oll Amtshauptmann Wewer un hadd en saubern blagen Rock an un 'ne gelrige Hos' un lange blankgewichste Stäweln, un was sin Gesicht ok von Pocken terreten un hadd de Düwel ok sin Arwten dorup döscht, dat hei utsach, as hadd hei mit dat Gesicht up en Ruhrstaul seten; up sin breide Stirn stunn schrewen un ut sin blagen Ogen kunnt ji lesen: »Kein Minschenfurcht, woll äwer Gottesfurcht!« Un hei was en Kirl up en Platz. Getauft bin ich und Paten hab ich auch gehabt; vier Stück. Und wenn meine vier Paten noch lebten und mit mir über die Straße gingen, da würden die Leute still stehen und sagen: »Guck mal, was sind das für tüchtige Kerle! Na, nach solcher Art kann man heutzutage lange suchen: das sind doch noch Paten!« Und Einer war darunter, der war einen Kopf länger als die anderen und ragte über sie hinaus, wie Saul über seine Brüder, das war der alte Amtshauptmann Weber, der hatte einen sauberen blauen Rock an und eine gelbliche Hose und lange, blankgewichste Stiefel. Und war sein Gesicht auch von Pocken zerrissen, und hatte auch der Teufel seine Erbsen darauf gedroschen, daß er aussah, als hätte er mit dem Gesicht auf einem Rohrstuhl gesessen – auf seiner breiten Stirn stand geschrieben und aus seinen blauen Augen konntet ihr lesen: »Keine Menschenfurcht, wohl aber Gottesfurcht!« Und er war ein Mann auf dem Platz. Des Morgens hentau elwen, denn satt bei midden in de Stuw' up en Staul, un sine leiwe Fru snerte en denn 'ne witte Schawrack üm den Hals, wat sei dunnmals en »Purgiermantel« näumen deden, un stöwte em mit Puder in un bünn de Hor hin'n tausam un drehte em en nüdlichen Zopp. Dat was denn grad nicks Besonders, un uns' Frugenslüd' dreih'n uns achter'n Rüggen jo ok noch ümmer en nüdlichen Zopp; äwer so einen, as de Fru Amtshauptman'n drehen ded, so einen krigen uns' Ort nu nich mihr t'recht, denn wenn de oll Herr 's Middags unner de Kastannenböm in'n Schatten spazieren gung, denn kek dat oll lütt Spitzbauwen-Zöppken so fidel un vernimm äwer den blagen Rockkragen weg un säd tau jeden, de 't hüren wull: »Ja, kik, Klas Abendsegen! Wat du di denkst? Ick bün blot dat bütelst En'n von sinen Kopp un wippel all so kurjos in de Welt herin, nu kannst du di verstellen, wo lustig dat binnen utsüht.« Morgens gegen elf Uhr saß er mitten in der Stube auf einem Stuhl, und seine liebe Frau schnürte ihm dann eine weiße Schabracke um den Hals – man nannte das damals einen Purgiermantel – und stäubte ihn mit Puder ein und band die Haare hinten zusammen und drehte ihm einen niedlichen Zopf. Das war ja gerade nichts Besonderes, und unsere Frauen drehen uns hinterm Rücken ja auch noch immer einen niedlichen Zopf; aber so einen, wie die Frau Amtshauptmann drehte, den kriegen sie heute nicht mehr zurecht; denn wenn der alte Herr mittags unter den Kastanienbäumen im Schatten spazieren ging, dann guckte das kleine Spitzbubenzöpfchen so fidel und gescheit über den blauen Rockkragen und sagte zu jedem, der es hören wollte: »Ja, schau, Klaus Abendsegen! Bezeichnung für einen dummen Menschen. Was du dir denkst! ich bin bloß das äußerst Ende von seinem Kopf und wipple schon so kurios in die Welt hinein – nun kannst du dir vorstellen, wie lustig es drinnen aussieht.« Un wenn ick denn 'ne Bestellung utrichten ded von minen Vader un hadd't glatt rut kregen, denn slog hei mi up den Kopp un säd: »Fix, Jung', as en Füerslott! Dat möt nich lang' hacken un knarren un knacken; as du losdrückst, möt't ok blitzen. – Nu gah hen nah Mamsell Westphalen un lat di en Appel gewen.« Tau minen Vader säd hei denn: »Min Herzenskindting, ne, wat denn? Sei freu'n sick woll ok, dat Sei en Jungen hewwen. Jungs sünd beter as Dirns; Dirns sünd mi tau quarig. Gottlob, ick heww ok en Jungen; ick mein minen Jochen. – Ne, wat denn?« Und wenn ich mal eine Bestellung von meinem Vater auszurichten hatte, und hatte es glatt herausgekriegt, dann schlug er mich auf den Kopf und sagte: »Fix, Junge, wie ein Feuerschloß! Das darf nicht lange hacken und knarren und knacken; sowie du losdrückst, muß es auch blitzen. Nun geh zu Mamsell Westphal und laß dir 'nen Apfel geben.« – Zu meinem Vater sagte er dann: »Mein Herzenskindting – ne, was denn? Sie freuen sich wohl auch, daß Sie einen Jungen haben, Jungens sind besser als Mädchen; Mädchen sind mir zu quarrig. Gottlob, ich habe auch einen Jungen; ich meine meinen Jochen. – Ne, was denn?« Min Vader säd tau min Moder: »Weißt, wat de oll Amtshauptmann seggt? Jungs sünd beter as Dirns.« Ick stunn äwer in de Kamer un hürt dat un säd natürlich: »Ja woll«, säd ick, »min Päding hett ümmer recht, Jungs sünd beter as Dirns, un allens nah Verdeinst un Würdigkeit«, un namm dat grot Stück Pottkauken un gaww min Swester dat lütt un bild't mi nicks Gerings in, denn ick wüßt jo nu, dat ick en grot Stück von en lütten Appel was. Äwer dat süll nich so bliwen; de Sak, de kreg en Ümswang. Mein Vater sagte zu meiner Mutter: »Weißt du, was der alte Amtshauptmann sagt? Jungens sind besser als Mädchen.« Ich aber stand in der Kammer und hörte das und sagte natürlich: »Jawohl! mein Pate hat immer recht, Jungens sind besser als Mädchen, und alles nach Verdienst und Würdigkeit,« und nahm das große Stück Topfkuchen und gab meiner Schwester das kleine, und bildete mir nichts Geringes ein, denn nun wußte ich ja, daß ich ein großes Stück von einem kleinen Apfel sei. Aber das sollte nicht so bleiben, die Geschichte kriegte einen Umschwung. – – Eines Dags – 't was in de Tid, as dat Takeltüg, de Franzosen, ut Rußland t'rügg kamen wiren un as sick dat all bi uns so rögen würd – kloppt wer an den Herrn Amtshauptmann sin Stuw'. »Herein!« rep de oll Herr, un rinne kamm oll Möller Voß ut Gielow, mit't verkihrt En'n tauirst, un makt en Diner, de hellsch dwaslings rute kamm, as müßt bei den Herrn Amtshauptmann vör allen Dingen irst wisen, von wat för 'ne Ort Tüg sin Hosenbodden makt wir. »Gun Dag, Herr Amtshauptmann!« säd hei. »Gun Morrn, min leiw' Möller!« säd de oll Herr. – Na, wenn sei sick ok verschiedene Dagstid böden, so hadden sei doch, jedwerein up sin Ort, recht, denn de Möller stunn des Morgens Klock vir up, un bi em was 't Nahmiddagstid, un bi den Herrn Amtshauptmann was't tidig an'n Morgen, denn hei stunn Klock elwen up. – »Wat wull Hei, min leiw' Möller?« – Denn dunn würden de Möllers noch »Hei« heiten. – »Je, Herr Amtshauptmann, ick kam tau Sei in 'ne grote Sak. Ick wull Sei man mellen, ick wull nu ok Pankerott spelen.« – »Wat wull Hei, min leiw' Möller?« – »Pankerott spelen, Herr Amtshauptmann.« – »Hm, hm!« brummt de oll Herr, »das ist ja eine verzweifelte Sache«, un riwwt sick den Kopp un geiht in de Stuw' up un dal. »Wo lang' wahnt Hei all in dat Stemhäger Amt?« – »Taukamen Jehanni warden't dreiundörtig Johr.« – »Hm, hm«, brummt de Herr Amtshauptmann wider, »un wo olt is Hei, Möller?« – »In'n Arwtaust warden't fiwunsößtig Johr, känen mäglich ok sößunsößtig sin, denn wat uns' oll Paster Hammersmidt was, de was nich sihr för de Kirchenbäuker un för Schriwen äwerall nich, un de Fru Pastern, de dat Anschriwen besorgen ded – leiwer Gott, sei hadd ok süs ehr Last –, de let dat ümmer up en drei Johr ansummen, dormit dat sick de Schriweri ok lohnen ded, un gung denn eins 's Nahmiddags dörch dat Dörp un schrew de Gören an; äwer dat gung denn ümmer mihr nah de Grött un nah de Vülligkeit as nah't Öller, un min Moder säd ümmer, sei hadd mi 'n Johr in'n Schaden rekent, wil dat ick man en knendlich Kind west wir. – Äwer von fiwunsößtig bruk ick mi nicks afstriden tau laten, de bün ick wiß.« De oll Herr Amtshauptmann is währenddes in de Stuw up un dal gahn un hett mit halven Uhr tauhürt un steiht nu vör den Möller still un kickt em stiw in de Ogen rin un seggt barsch: »Möller Voß, denn is Hei vel tau olt tau Sin Vörnehmen.« – »Wo so denn?« fröggt de Möller ganz verdutzt. – »Pankerottmaken is en swer Geschäft, dor ward Hei in Sinen Öller nich mihr mit farig.« – »Meinen Sei, Herr Amtshauptmann?« – »Ja, dat mein ick. – Wi sünd dor beid tau olt tau, dat möt wi jung'n Lüd' äwerlaten. – Bedenk Hei mal, wat würden de Lüd' seggen, wenn ick Pankerott spelen wull? Sei würden seggen: de oll Amtshauptmann up den Sloß is nahrsch worden«, un läd em nahdrücklich de Hand up de Schuller, »un sei hadden recht, Möller Voß. Ne, wat denn?« – De Möller kickt sin Stäwelsnuten an un kratzt sick achter de Uhren: »Wohr is't, Herr!« – »Na«, fröggt de oll Herr un schüddelt den Möller so'n beten an de Schuller, »wo drückt Em denn de Schauh? Wat quält Em denn hauptsächlich?« – »Quälen, seggen Sei, Herr Amtshauptmann?« rep de Möller, un 't was, as hadd em 'ne Imm achter't Uhr steken, so kratzt bei. »Schinnen, Herr, süllen Sei seggen, schinnen! – De Jud', de verfluchtige Jud'! Un denn de Prinzeß, Herr Amtshauptmann, de verfluchtige Prinzeß!« – »Süht Hei, Möller, dat is ok en Hansbunkenstreich von Em, dat Hei sick in Sinen Öller in en Prozeß rin giwwt.« – »Je, Herr, as ick mi in den rin gaww, was ick noch in gauden Johren, un ick dacht ok so, ick würd em noch bi Lewstiden utfechten; äwer ick mark woll, so'n Prinzeß hett en längern Aten, as 'ne ihrlich Möllerlung' uthollen kann.« – »Hei löppt nu äwer, mein ick, stark tau En'n.« – »Ja, Herr Amtshauptmann, un denn löppt hei mi dod, denn min Sak ward woll slimm stahn, un de Avkaten hewwen s' verbruddelt, un wat minen Vaderbrauder, den ollen Jochen Vossen, sin Sähn is, de nu dat Ganze arwen deiht, dat sall so'n richtigen Slus'uhr sin, un de Lüd' seggen jo, hei hett en Swur dorup dahn, dat hei mi rutsmiten will ut de Borchertsche Wirtschaft tau Malchin. – Un, Herr Amtshauptmann, ick heww 'ne gerechte Sak, un wo ick tau'n Prinzeß kamen bün, weit ick hüt noch nich, denn de oll Borchertsch, as sei noch lewen ded, was de Tanten von min Mutter ehr Swesterdochter, un Jochen Voß, wat min Vedder was...« – »Ick weit de Geschicht«, seggt de Herr Amtshauptmann, »un wenn ick Em raden kann, denn verglik Hei sick.« – »Dat kann ick nich, Herr! Unner de Hälft deiht dat Jochen Vossen sin Slüngel nich, un wenn ick de rut gewen sall, bün 'ck en Snurrer. Ne, Herr Amtshauptmann, 't mag gahn, wohen 't gahn will, gewen dauh 'ck mi nich, ick gah bet an den Herzog. – So'n Slüngel, so'n Näs'water, de mit sin Vaders Geld in de Tasch gahn un trecken kann, wo hei will, un nich weit, wo 'n Minschen tau Maud' is, de 'n Husstand erhollen sall in desen slichten Tiden, den de gottverdammten Hallunken-Franzosen sin Veih nich namen hewwen un sin Mähren nich ut den Stall treckt hewwen un sin Hus nich plünnert hewwen, de will sick gegen mi räken? – Herr Amtshauptmann, Sei verlöwen woll, ick haust in so'n Bengel, un nemen S' nich äwel, wenn ick unbescheiden bün.« – »Möller Voß«, seggt de oll Herr, »ruhig, Möller Voß! De Prozeß kümmt jo ok enmal tau En'n, denn hei is jo in vullen Gang.« – »In'n Gang, Herr Amtshauptmann? Ne, hei 's in'n Swung, as de Düwel säd, dunn hadd bei Gottswurd in de Pietsch bunnen un swenkt't sick üm den Kopp rüm.« – »Wohr, Möller Voß, wohr is't! – Äwer indessen, dit kann Em doch up den Ogenblick nich so drücken.« – »Drücken? – Klemmen, seggen Sei, Herr, klemmen, dat einen dat Blaud ut de Fingerspitzen spritzt. – De Jud', Herr Amtshauptmann, de dreimal distellierte Jud'!« – »Wecke Jud' is dat?« fröggt de Herr Amtshauptmann. – Un de Möller dreiht sinen Haut in de Fingern un kickt sick so hallweg üm, ob em ok ein hürt, un slept de Tritten so langsam an den ollen Herrn ran, leggt de Hand an den Mund un flustert halwlud: »De' Itzig, Herr Amtshauptmann.« – »Pfui!« seggt de oll Herr. »Wo kümmt Hei tau den Kirl?« – »Herr Amtshauptmann, wo kümmt de Esel tau de langen Uhren? Weck gahn nah'n Irbeernplücken un verbrennen sick in'n Nettel, un de Gägelowsch Köster glöwt, bei hadd sin Schuwkohr vull heilige Engel, un as bei baben up den Barg kamm un as bei glöwt, sei sullen nu upburren, dunn satt den Düwel sin Großmoder dorin un grint em an un säd: ›Vader, wi spreken uns wider!‹ – In mine grötste Not, as de Find mi allens namen hadd, heww ik mi tweihunnert Daler von em leihnt, un nu heww ick sid twei Johr von Termin tau Termin mi ümmer unnerschriwen müßt, un de Schuld is ruppe krapen bet up fiwhunnert Daler, un äwermorgen sall ick sei betahlen.« – »Möller, hett Hei sick unnerschrewen?« – »Ja, Herr Amtshauptmann.« – »Denn möt Hei s' ok betahlen. Wat schrewen is, is schrewen.« – »Je, Herr Amtshauptmann, ick dacht...« – »Helpt Em nicks: wat schrewen is, is schrewen.« – »Äwer de Jud'...« – »Möller, wat schrewen is, is schrewen.« – »Je, Herr Amtshauptmann, wat dauh ick denn dorbi?« – De oll Herr gung in de Stuw' rüm un rew sick den Kopp un kek den Möller denn mal wedder so recht irnsthaft an, un de Möller kek em wedder so an, un endlich säd hei: »Möller, jung' Lüd' kamen ut so'n Verlegenheiten beter rut as oll; schick Hei mi einen von Sin Jungs.« – De oll Möller kek sick wedder up de Stäwelsnuten un dreiht sick 'ne halwe Wenning rüm un säd mit 'ne Stimm, de gung den ollen Herrn Amtshauptmann dörch un dörch: »Herr, wen sall ick schicken? – Min Jochen hett sick dod mahlt, un Korlen hewwen verleden Johr de Franzosen mitnamen nah Rußland, un hei 's nich wedder kamen.« – »Möller«, seggt de oll Amtshauptmann un strakt den ollen Möller den Puckel dal un fött em unner dat Kinn, »hett Hei denn gor kein Kinner?« – »Ja, Herr Amtshauptmann«, seggt hei un wischt sick äwer de Ogen, »noch so'n lütt Dirnwarks.« – »Je«, seggt de oll Herr, »Möller, ick bün nich sihr för de Dirns, Dirns sünd mi tau quarig!« – »Dat sünd sei, Herr, sei sünd tau quarig!« – »Un nützen känen sei Em in so'n Ümstän'n gor nich, Möller.« – »Wat ward denn ut min Sak?« – »Exkutschon, oll Fründ; de Jud' ward Em allens wegdragen laten.« – »Na, Herr Amtshauptmann, dat hett de Franzos' all tweimal dahn, denn kann't de Jud' nu ok mal versäuken. De Mählenstein ward hei jo liggen laten. Un tau'n Pankerott, meinen Sei, bün ick tau olt?« – »Ja, min leiw' Möller.« – »Na, denn adjüs, Herr Amtshauptmann!« – Dormit gung hei. Eines Tages, es war zur Zeit, als das Takelzeug, die Franzosen, aus Rußland zurückgekommen waren, und als es bei uns sich schon zu rühren begann – da klopfte es an des Herrn Amtshauptmanns Stubentür. »Herein!« rief der alte Herr, und herein kam der alte Müller Voß aus Gielow, mit dem verkehrten Ende zuerst, und machte einen Diener, der arg verquert herauskam, als müßte er dem Herrn Amtshauptmann vor allen Dingen erst zeigen, aus was für Zeug sein Hosenboden gemacht wäre. »Guten Tag, Herr Amtshauptmann!« sagte er. »Guten Morgen, mein lieber Müller!« sagte der alte Herr. – Na, wenn sie sich auch verschiedene Tageszeit boten, so hatten sie doch jeder auf seine Art recht: denn der Müller stand morgens um vier auf, und bei ihm war's Nachmittagszeit, und beim Herrn Amtshauptmann war es zeitig am Morgen, denn er stand um elf auf. – »Was möchte Er, mein lieber Müller?« – denn damals wurden die Müller noch mit ›Er‹ angeredet. – »Je, Herr Amtshauptmann, ich komme zu Ihnen in 'ner großen Sache. Ich wollte Ihnen nur melden, ich wollte nun auch Bankerott spielen.« – »Was wollte Er, mein lieber Müller?« – »Bankerott spielen, Herr Amtshauptmann.« – »Hm, hm!« brummt der alte Herr, »das ist ja eine verzweifelte Sache,« und reibt sich den Kopf und geht in der Stube auf und nieder. »Wie lange wohnt Er schon im Stavenhäger Amt?« – »Nächsten Johannis werden's dreiunddreißig Jahre.« – »Hm, hm,« brummt der Herr Amtshauptmann weiter, »und wie alt ist Er, Müller?« – »Zur Erbsenernte werden's fünfundsechzig Jahre – möglicherweise können's auch sechsundsechzig sein; denn was unser alter Paster Hammerschmid war, der war nicht sehr für die Kirchenbücher und überhaupt nicht fürs Schreiben, und die Frau Pastern, die das Anschreiben besorgte – lieber Gott, sie hatte auch sonst ihre Last – die ließ es immer so auf drei Jahre ansummen, damit sich die Schreiberei auch lohnte, und ging dann eines Nachmittags durchs Dorf und schrieb die Gören auf; aber das ging dann immer mehr nach der Größe und Breite, als nach dem Alter, und meine Mutter sagte immer, sie hätte mir ein Jahr zum Schaden gerechnet, weil ich nur ein zartes Kind gewesen wäre – aber von fünfundsechzig brauch ich mir nichts abschneiden zu lassen; die hab ich gewiß.« – Der alte Herr Amtshauptmann ist unterdessen in der Stube auf- und abgegangen und hat mit halbem Ohr zugehört und steht nun vor dem Müller still und sieht ihm steif in die Augen und sagt barsch: »Müller Voß, dann ist Er viel zu alt zu seinem Vornehmen.« – »Wieso denn?« fragt der Müller ganz verdutzt. – »Bankerott machen ist ein schweres Geschäft, da wird Er in seinem Alter nicht mehr mit fertig.« – »Meinen Sie, Herr Amtshauptmann?« – »Ja, das meine ich. – Da sind wir beide zu alt dazu, das müssen wir jungen Leuten überlassen. Bedenkt einmal, was würden die Leute sagen, wenn ich Bankerott spielen wollte? Sie würden sagen: der alte Amtshauptmann auf dem Schloß ist verrückt geworden,« – und legte ihm mit Nachdruck die Hand auf die Schulter – »und sie hätten recht, Müller Voß. Ne, was denn?« – Der Müller sieht seine Stiefelspitzen an und kratzt sich hinterm Ohr: »Wahr ist's, Herr!« – »Na,« fragt der alte Herr und schüttelt den Müller ein bißchen an der Schulter, »wo drückt Ihn denn der Schuh? was quält Ihn denn hauptsächlich?« – »Quälen sagen Sie, Herr Amtshauptmann?« rief der Müller, und es war, als hätte ihn eine Biene hinters Ohr gestochen, so kratzte er; »schinden, Herr, sollten Sie sagen, schinden! – der Jude! der verfluchtige Jude! Und dann der Prinzeß, Herr Amtshauptmann! der verfluchtige Prinzeß!« – »Sieht Er, Müller? das ist auch ein Hansnarrenstreich von Ihm, daß er in seinem Alter sich in einen Prozeß einläßt.« – »Je, Herr, als ich mich in den einließ, war ich noch in guten Jahren, und ich dachte auch so, ich würde ihn noch bei Lebzeiten ausfechten; aber ich merke wohl, so'n Prinzeß hat einen längeren Atem als eine ehrliche Müllerlunge aushalten kann.« – »Er läuft nun aber, meine ich, stark zu Ende.« – »Ja, Herr Amtshauptmann, und dann läuft er mich tot; denn meine Sache wird wohl schlimm stehen, und die Advokaten haben sie verbruddelt, und was meinem Vaterbruder, dem alten Jochen Vossen sein Sohn ist, der jetzt das Ganze erbt, das soll so ein richtiger Schleicher sein, und die Leute sagen ja, er habe einen Schwur darauf getan, er wolle mich rausschmeißen aus der Borchertschen Wirtschaft zu Malchin. – Und, Herr Amtshauptmann, ich hab 'ne gerechte Sache, und wie ich zum Prinzeß gekommen bin, das weiß ich heute noch nicht, denn die alte Borchertsche, als sie noch lebte, war die Tante von meiner Mutter ihrer Schwestertochter, und Jochen Voß, was mein Vetter war...« – »Ich weiß die Geschichte,« sagte der Herr Amtshauptmann, »und wenn ich Ihm raten soll, dann vergleiche Er sich.« – »Das kann ich nicht, Herr! Unter der Hälfte tut es Jochen Vossens Schlingel nicht, und wenn ich die herausgeben soll, bin ich ein Schnorrer. Nein, Herr Amtshauptmann, es mag gehen, wohin's gehen will, geben tu ich mich nicht, ich gehe bis an den Herzog. – So'n Schlingel, so'ne Rotznase, der mit seines Vaters Geld in der Tasche gehn und ziehn kann, wohin er will, und nicht weiß, wie einem Menschen zumute ist, der einen Hausstand halten soll in diesen schlechten Zeiten; dem die gottverdammten Halunkenfranzosen sein Vieh nicht genommen haben und seine Mähren nicht aus dem Stall gezogen und sein Haus nicht geplündert haben, der will sich gegen mich rächen? Herr Amtshauptmann, Sie erlauben wohl, ich huste in so 'nen Bengel, und nehmen Sie's nicht übel, wenn ich unbescheiden bin.« – »Müller Voß,« sagt der alte Herr, »ruhig, Müller Voß! der Prozeß kommt ja auch einmal zu Ende, denn er ist ja in vollem Gang.« – »Im Gang, Herr Amtshauptmann? Ne, er ist im Schwung, wie der Teufel sagte, da hatte er Gotteswort an die Peitsche gebunden und schwenkte es sich um den Kopf herum.« – »Wahr, Müller Voß, – wahr ist es! Aber indessen, dies kann Ihn doch für den Augenblick nicht so arg drücken.« – »Drücken? klemmen, sagen Sie, Herr! klemmen, daß einem das Blut aus den Fingerspitzen spritzt. – Der Jude, Herr Amtshauptmann, der dreimal destillierte Jude!« – »Welcher Jude ist es?« fragt der Herr Amtshauptmann. Und der Müller dreht seinen Hut in den Fingern und sieht sich so halbwegs um, ob ihn auch einer hört, und geht so langsam mit schleppenden Schritten an den alten Herrn heran, legt die Hand an den Mund und flüstert halblaut: »Der Itzig, Herr Amtshauptmann.« – »Pfui!« sagt der alte Herr. »Wie kommt Er zu dem Kerl?« – »Herr Amtshauptmann, wie kommt der Esel zu den langen Ohren? Manche gehen aufs Erdbeerpflücken und verbrennen sich in den Nesseln, und der Gägelowsche Küster glaubte, er hätte seinen Schiebkarren voll heiliger Engel, und als er oben auf den Berg kam und glaubte, nun würden sie ausfliegen, da saß des Teufels Großmutter drin und grinste ihn an und sagte: ›Gevatter, wir sprechen uns noch!‹ – In meiner größten Not, als der Feind mir alles genommen hatte, habe ich mir zweihundert Taler von ihm geliehen, und nun hab ich seit zwei Jahren von Termin zu Termin immer unterschreiben müssen, und die Schuld ist hinaufgekrochen bis auf fünfhundert Taler, und übermorgen soll ich sie bezahlen.« – »Müller, hat Er sich unterschrieben?« – »Ja, Herr Amtshauptmann.« – »Dann muß Er sie auch bezahlen. Was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Je, Herr Amtshauptmann, ich dachte ...« – »Hilft Ihm nichts: was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Aber der Jude...« – »Müller, was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Je, Herr Amtshauptmann, was tu ich denn dabei?« – Der alte Herr ging in der Stube herum und rieb sich den Kopf und sah den Müller dann mal wieder so recht ernsthaft an, und der Müller sah ihn wieder so an, und endlich sagte er: »Müller, junge Leute kommen aus solchen Verlegenheiten besser heraus als alte; schick Er mir einen von seinen Jungens.« – Der alte Müller sah sich wieder auf die Stiefelspitzen und drehte sich mit einer halben Wendung um und sagte mit einer Stimme, die dem alten Amtshauptmann durch und durch ging: »Herr, wen soll ich schicken? Mein Jochen ist in der Mühle zu Tode gekommen, und Karl haben voriges Jahr die Franzosen mitgenommen nach Rußland, und er ist nicht wiedergekommen.« – »Müller,« sagt der alte Amtshauptmann und streichelt dem Müller den Rücken und faßt ihn unters Kinn, »hat Er denn gar keine Kinder?« – »Ja, Herr Amtshauptmann,« sagt er und wischt sich über die Augen, »noch so'n kleines Mädchen.« – »Ja,« sagt der alte Herr, »Müller, ich bin nicht sehr für die Mädchen; Mädchen sind mir zu quarrig!« – »Das sind sie, Herr, sie sind zu quarrig!« – »Und nützen können sie Ihm in solchen Umständen gar nicht, Müller.« – »Was wird denn aus meiner Sache?« – »Exekution, alter Freund – der Jude wird Ihm alles wegtragen lassen.« – »Na, Herr Amtshauptmann, das hat der Franzos schon zweimal getan, dann kann's der Jude nun auch mal versuchen. Die Mühlsteine wird er ja liegen lassen. Und zum Bankerott, meinen Sie, bin ich zu alt?« – »Ja, mein lieber Müller.« – »Na, denn adjüs, Herr Amtshauptmann!« – Damit ging er. De oll Herr steiht noch 'ne Wil un kickt den Möller nah, as hei äwer den Sloßhof geiht, un seggt tau sick: »'t is en slimm Stück für einen ollen Mann, den annern so allmählich an de slichten Tiden un an de noch slichteren Minschen tau Grun'n gahn tau seihn. Wer äwer kann em helpen? Dat einzigst is, em Tid gewinnen laten. – Fiwhunnert Daler! – Wer hett up Stun'ns fiwhunnert Daler? Ick glöw, wenn de oll Roggenbom tau Scharpzow utnamen ward, denn kann em dat ganze Stemhäger Amt up den Kopp stellen un de Stadt dortau, dor fallen kein fiwhunnert Daler rut; un Roggenbom deiht dat nich. Tau Ostern güng dat möglicher Wis'; so lang' täuwt äwer de Jud' nich. – Ja, ja! För olle Lüd' is't 'ne slimme Tid!« Der alte Herr steht noch eine Weile und sieht dem Müller nach, wie er über den Schloßhof geht, und sagt zu sich: »'s ist ein schlimmes Stück für einen alten Mann, den anderen so allmählich an den schlechten Zeiten und an den noch schlechteren Menschen zugrunde gehen zu sehen. Wer aber kann ihm helfen? Das einzige ist, ihn Zeit gewinnen zu lassen. – Fünfhundert Taler! – Wer hat jetzt fünfhundert Taler? Ich glaube, wenn der alte Roggenbom auf Scharpzow ausgenommen wird, kann man das ganze Stavenhäger Amt aus den Kopf stellen und die Stadt dazu und es fallen keine fünfhundert Taler heraus; und Roggenbom tut es nicht. Zu Ostern ginge es möglicherweise; so lange wartet aber der Jude nicht. – Ja ja! für alte Leute ist's 'ne schlimme Zeit!« Un as hei noch so rute kickt ut dat Finster, dunn ward dat buten so lewig up den Hof, un säben französche Schassürs riden in't Dur rin, un de ein stiggt af un binnt sin Pird an de Klink von Mamsell Westphalen ehren Häuhnerstall un geiht stracks rinne nah den ollen Herrn sin Stuw' un fangt dor an, em wat vör tau ßackerieren un mit de Arm tau fuchteln, wobi de oll Herr ganz ruhig stahn bliwwt un em ankickt. – As dat äwer düller ward un de Franzos' de Plämp blank treckt, geiht de oll Herr an de Klingel un röppt nah Fritz Sahlmannen, wat sin Klafakter was un de lopenden Geschäfte besorgen müßt, un hei seggt: »Fritz«, seggt hei, »lop runne nah den Herrn Burmeister, ob hei nich glik en beten kamen wull, denn min Latin wir wedder mal tau En'n.« Und als er noch so aus dem Fenster sieht, da wird es draußen auf dem Hof so lebendig, und sieben französische Chasseurs reiten zum Tor herein, und der eine steigt ab und bindet sein Pferd an die Klinke von Mamsell Westphals Hühnerstall und geht geraden Wegs auf des alten Herrn Stube und fängt da an, ihm etwas vorzusackerieren und mit den Armen zu fuchteln, wobei der alte Herr ganz ruhig stehen bleibt und ihn anguckt. – Als es aber schlimmer wird, und der Franzose die Plempe blankzieht, geht der alte Herr an die Klingel und ruft nach Fritz Sahlmann – das war sein Kalfaktor, der die laufenden Geschäfte zu besorgen hatte – und sagt: »Fritz, lauf zum Herrn Bürgermeister hinunter, ob er nicht gleich ein bißchen kommen möchte, denn mein Latein wäre wieder mal zu Ende.« Un Fritz Sahlmann kümmt nu dal nah minen Vader un seggt: »Herr Burmeister, kamen S' fixing ruppe nah't Sloß; dat geiht süs allmeindag nich gaud!« – »Wat is 'e denn los?« fröggt min Oll. – »Up den Sloßhof hollen söß entfahmtige französche Spitzbauwen-Schassürs, un wat de Öbberst von ehr is, de is binnen bi den ollen Herrn un hett allen Respekt vergeten un hett blank treckt un fackelt em mit de nackte Plämp vör de Ogen, un de oll Herr steiht vör em steidel in En'n un rüppelt un rögt sick nich, denn hei versteiht so vel von't Französch as de Kauh von'n Sünndag.« – »Dat wir der Deuwel!« seggt min Oll un sprung up, denn hei was en kräsigen resolvierten Mann, un Furcht hadd hei nich so vel as dat Swart' unner'n Nagel, un lep up't Sloß. Und Fritz Sahlmann kommt denn nun zu meinem Vater herunter und sagt: »Herr Bürgermeister, kommen Sie fixing nach dem Schloß 'rauf; sonst geht's all meiner Tage nicht gut.« – »Was ist denn los?« fragt mein Alter. – »Auf dem Schloßhof halten sechs entfamtige französische Spitzbuben-Chasseurs, und was der Oberste von ihnen ist, der ist drinnen beim alten Herrn und hat allen Respekt vergessen und hat blank gezogen und fackelt ihm mit der nackten Plempe vor den Augen, und der alte Herr steht hochaufgerichtet vor ihm und rippt und rührt sich nicht, denn er versteht vom Französischen so viel wie die Kuh vom Sonntag.« – »Das wäre der Teufel!« rief mein Alter und sprang auf – denn er war ein beherzter, entschlossener Mann, und Furcht hatte er nicht so viel wie das Schwarze unter dem Nagel – und lief aufs Schloß. As min Oll rin kümmt tau den Herrn Amtshauptmann, dunn futert de Franzos' dor rüm as en will Dirt, un ut sin Mulwark prust't dat herut, as wenn en Tappen ut 'ne Tunn treckt is; de oll Herr äwerst steiht ruhig dor un hett sinen Tikzionnöhr von Pochen in de Hand, un wenn hei'n Wurd von den Franzosen hallweg' versteiht, denn sleiht hei nah, wat Poche woll dortau seggen deiht, un as min Oll heran kümmt, dunn fröggt hei: »Min Herzenskindting, wat will de Kirl? – Ne, wat denn? – Fragen S' doch den Kirl, wat hei will.« – Min Vader fangt also mit den Kirl an tau reden, de äwer stellt sick so ungebärdig un schimpt un schandiert, dat de oll Amtshauptmann wedder fröggt: »Min Herzenskindting, wat iwert sick de Kirl?« – Na, endlich kriggt min Oll den Franzosen so wid, dat hei mit sin Sak herut rückt, un as hei nu den ollen Herrn verkloren deiht, dat de Franzmann föfteihn fett Ossen un 'ne Last Weiten un säbenhunnert Ehl gräun Laken un hunnert Luggerdur verlangt un denn för sick un sin Lüd' noch velen »dü Wäng«, dunn seggt de oll Amtshauptmann: »Min Herzenskindting, seggen S' den Kirl, wi wull'n em brav...« – »Holt!« röppt min Oll, »Herr Amtshauptmann! Dat Wurd seggen Sei nich, dat ward hei in de letzte Tid up vel Fläg' all hürt hewwen, un hei künn't mägliche Wis' verstahn. Ne, ick rad dortau, wi gewen em den dü Wäng', denn mag jo woll dat anner in de Hor drögen.« – Un de Herr Amtshauptmann giwwt em recht un röppt Fritz Sahlmannen, hei sall von Mamsell Westphalen Gläs' un Win besorgen, äwer nich von den besten. Als mein Vater zum Herrn Amtshauptmann hereinkommt, da tobt der Franzose da herum wie ein wildes Tier, und aus seinem Mundwerk prustet es heraus wie wenn der Zapfen aus einem Faß gezogen wird; der alte Herr aber steht ruhig da und hat seinen Dictionaire de poche in der Hand, und wenn er ein Wort von dem Franzosen halbwegs versteht, dann schlägt er nach, was Poche wohl dazu sagt, und als mein Alter herankommt, fragt er: »Mein Herzenskindting, was will der Kerl? – Ne, was denn? – Fragen Sie doch den Kerl, was er will.« – Mein Vater fängt also an mit dem Kerl zu reden, der aber stellt sich so ungebärdig an und schimpft und schandiert, daß der alte Amtshauptmann wieder fragt: »Mein Herzenskindting, was ereifert sich der Kerl?« – Nun, endlich kriegt mein Vater den Franzosen so weit, daß er mit seiner Sache herausrückt, und als er nun dem alten Herrn erklärt, daß der Franzmann fünfzehn fette Ochsen und eine Last Weizen und siebenhundert Ellen grünes Tuch und hundert Louisdor verlangt und dann außerdem für sich und seine Leute noch vielen ›du vin‹ , da sagt der alte Amtshauptmann: »Mein Herzenskindting, sagen Sie dem Kerl, wir wollten ihm brav...« – »Halt!« ruft mein Alter, »Herr Amtshauptmann! Das Wort sagen Sie nicht, das wird er in der letzten Zeit auf vielen Stellen schon gehört haben, und er könnte es möglicherweise verstehen. Nein, ich rate dazu, wir geben ihm den ›du vin‹ – dann wird ja vielleicht das andere sanft und selig vergessen werden.« – Und der Herr Amtshauptmann gibt ihm recht und ruft Fritz Sahlmann, er solle von Mamsell Westphal Gläser und Wein besorgen, aber nicht vom besten. Na, de Win, de kümmt, un min Vader schenkt den Franzosen in, un de Franzos' schenkt minen Vader in, un 't geiht ümmer ümschichtig, un min Oll, de seggt: »Herr Amtshauptmann«, seggt hei, »Sei möten mit ran un möten mi helpen, denn dit is ein von de Ort, de keinen Bodden in'n Liw' hett.« – »Min Herzenskindting«, seggt de oll Herr, »ick bün en ollen Mann un bün irste Herzogliche Beamte in't Stemhäger Amt, wo paßt sick dat vör mi, dat ick mi mit den Kirl in de Zech gew?« – »Je«, seggt min Oll, »Not kennt kein Gebot; un dit is för't Vaderland.« – Un de oll Herr set't sick mit ran un wirkt ok nah Kräften. Doch nah einige Wil seggt min Oll: »Herr Amtshauptmann, de Kirl ward uns äwer; dat wir 'ne Gnad von Gott, wenn hei uns up Stun'ns einen schicken ded, de en gauden Magen un en fasten Kopp hett.« Un as hei dit seggt, dunn kloppt dor wat an de Dör. »Herein!« – »Gun Dag ok!« seggt oll Möller Voß ut Gielow un kümmt in de Dör. »Gun Dag, Herr Amtshauptmann.« – »Gun Dag, min leiw' Möller.« – »Je, Herr, ick kam noch mal in min Sak.« – »Dor is hüt kein Tid dortau«, seggt de oll Herr, »denn Hei süht woll, in wat för Ümstän'n wi uns befinnen.« – Un min Vader röppt: »Min leiw' Voß, kam Hei her un dau Hei en christlich Wark un legg Hei sick dwars vör den Franzosen in't Geschirr un nehm Hei'n mal tau Protokoll, äwer scharp.« – Un Möller Voß kickt minen Ollen an un kickt den Herrn Amtshauptmann an un denkt sin Deil as jenne Kuhnhahn un seggt tau sick: up so'n Gerichtsdag bün 'ck noch nich west, find't sick äwer licht in de Sak. Na, der Wein kommt, und mein Vater schenkt dem Franzosen ein, und der Franzose schenkt meinem Vater ein und es geht immer umschichtig, und mein Vater sagt: »Herr Amtshauptmann, Sie müssen mit 'ran und müssen mir helfen, denn das ist einer von der Art, die keinen Boden im Leibe hat.« – »Mein Herzenskindting,« sagt der alte Herr, »ich bin ein alter Mann und bin erster herzoglicher Beamter im Stavenhäger Amt – wie paßt sich das für mich, daß ich mich mit dem Kerl in die Zeche gebe?« – »Ja,« sagt mein Alter, »Not kennt kein Gebot – und dies ist fürs Vaterland.« – Und der Herr setzt sich mit heran und wirkt auch nach Kräften. Doch nach einiger Zeit sagt mein Alter: »Herr Amtshauptmann, der Kerl wird uns über; es wäre eine Gnade von Gott, wenn er uns jetzt einen schickte, der einen guten Magen und einen festen Kopf hätte.« Und als er dies sagt, klopft es an die Tür. »Herein!« – »Guten Tag auch!« sagt der alte Müller Voß aus Gielow und kommt zur Tür herein; »guten Tag, Herr Amtshauptmann.« – »Guten Tag, mein lieber Müller.« – »Je, Herr, ich komme noch einmal in meiner Sache.« – »Dazu ist heute keine Zeit,« sagt der alte Herr, »denn Er sieht wohl, in was für Umständen wir uns befinden.« – Und mein Vater ruft: »Mein lieber Voß, komm Er her und tu Er ein christliches Werk und leg Er sich quer vor den Franzosen ins Geschirr und nehm Er ihn mal zu Protokoll, aber scharf!« – Und Müller Voß guckt meinen Alten an und guckt den Herrn Amtshauptmann an und denkt sich sein Teil, wie jener Truthahn, und sagt zu sich: auf so einem Gerichtstag bin ich noch nicht gewesen – findet sich aber leicht in die Sache. Min Vader geiht nu an den Herrn Amtshauptmann ran un seggt: »Herr Amtshauptmann, dit is uns' Mann, de ward mit em farig, ick kenn em.« – »Schön«, seggt de oll Herr, »min Herzenskindting, wo warden wi äwer mit de söß Kirls hir buten up den Sloßplatz farig?« – »Dit is man so'ne Marodür- und Ströper-Ban'n«, seggt min Oll, »laten S' mi man minen Willen, ick mak sei grugen«; un hei röppt Fritz Sahlmannen un seggt: »Fritz, min Sähn, gah hinnen dörch den Sloßgoren, dat di keiner süht, un lop nah den Uhrkenmaker Droz, un hei süll stantepeh sin Unneform antrecken mit de langen swarten Stifeletten un de Borenmütz un Obergewehr un Unnergewehr un süll sick dörch de lütt gräun Purt dörch den Goren sliken bet unner dat Eckfinster, un denn süll hei hausten.« Mein Vater geht nun an den Herrn Amtshauptmann heran und sagt: »Herr Amtshauptmann, das ist unser Mann, der wird mit ihm fertig, ich kenne ihn.« – »Schön,« sagt der alte Herr. »Mein Herzenskindting, wie werden wir aber mit den sechs Kerlen da draußen auf dem Schloßhof fertig?« – »Das ist nur so eine Marodeurs- und Landstreicherbande,« sagt mein Alter, »lassen Sie mir nur meinen Willen, ich mache ihnen bange.« Und er ruft Fritz Sahlmann und sagt: »Fritz, mein Sohn, geh hinten durch den Schloßgarten, daß dich niemand sieht, und laufe zum Uhrmacher Droz: er sollte sich stantepee seine Uniform anziehen mit den langen schwarzen Stiefeletten und der Bärenmütze und Obergewehr und Untergewehr und sollte sich durch die kleine grüne Pforte durch den Garten schleichen bis unters Eckfenster und dann sollte er husten.« Wat nu den Uhrkenmaker Droz anbedrapen deiht, so was hei von Geburt en Nöffschandeller, hadd vele Potentaten deint un ok de Franzosen un was nahsten in min Vaderstadt hacken blewen, indem dat hei 'ne Wittfru frigen ded. Sine französche Unneform hadd hei uphegt, un wenn hei des Abends in de Schummerstun'n tau'n Uhrenflicken nich mihr seihn kunn, denn treckt hei sick sin Mondierung an un gung ümmer in sin lütt Kamer up un dal; äwer in'n Horen, denn mit de Borenmütz gung't nich, de schrammt an'n Bähn. Un denn redte hei von »la grang Nationg« un »lö grang Amperör« un kommandierte dat ganze Batteljon un let rechts inswenken un links inhau'n, dat sick Fru un Kinner achter't Bedd verkröpen. Hei was äwer en gauden Mann un ded kein Kind wat, un Dags äwer lagg »la grang Nationg« in'n Kuffert, un hei flickte Uhren un puste un smerte sei un att meckelbörgsch Pölltüften un stippte sei in meckelbörgsch Speck. Was nun den Uhrmacher Droz anbetrifft, so war er von Geburt ein Neuchateller, hatte vielen Potentaten gedient und auch den Franzosen, und war später in meiner Vaterstadt hängen geblieben, indem er eine Witfrau geheiratet hatte. Seine französische Uniform hatte er aufbewahrt, und wenn er abends in der Schummerstunde zum Uhrenflicken nicht mehr sehen konnte, dann zog er sich seine Montur an und ging immer in seiner kleinen Kammer auf und nieder, aber in bloßen Haaren, denn mit der Bärenmütze ging es nicht, die schrammte an die Decke an. Und dann redete er von ›la grande nation‹ und ›le grand empereur‹ und kommandierte das ganze Bataillon und ließ rechts einschwenken und links einhauen, daß Frau und Kinder sich hinters Bett verkrochen. Er war aber ein guter Mann und tat keinem Kinde was, und tagsüber lag ›la grande nation‹ im Koffer, und er flickte Uhren und pustete und schmierte sie und aß mecklenburgsche Pellkartoffeln und stippte sie in mecklenburgschen Speck. Na, während des nu also de Uhrkenmaker sick de Stifeletten anknöpt un de Borenmütz upset't, satt Möller Voß mit den Franzosen tausam un let sick dat in den Herrn Amtshauptmannen sinen Rotwin sur warden, un de Franzos' stödd mit den Möller an un säd: »A Wuh!«, un de Möller namm denn sin Glas, drunk un säd: »Na nu!«, un denn stödd de Möller wedder mit den Franzosen an, un de Franzos' bedankte sick un säd: »Serwitör!«, un de Möller drunk denn ok un säd: »Sett en vör de Dör!«, un so redten sei französch mit enanner un drunken. Na, während nun also der Uhrmacher sich die Stiefeletten anknüpfte und die Bärenmütze aufsetzte, saß Müller Voß mit dem Franzosen zusammen und ließ sich des Herrn Amtshauptmanns Rotwein sauer werden, und der Franzos stieß mit dem Müller an und sagte: »A vous!« und der Müller nahm dann sein Glas, trank und sagte: »Na nu!«, und bann stieß wieder der Müller mit dem Franzosen an, und der bedankte sich und sagte: »Serviteur!« und der Müller trank denn auch und sagte: »Sett en vor de Dör!« Setz' ihn vor die Tür. und so sprachen sie französisch miteinander und tranken. So würden sei denn nu ümmer fründschaftlicher mit enanner; de Franzos' stek de blanke Plämp in de Scheid, un't wohrt nich lang', dunn russelt sin swarte Snurrbort den ollen Möller unner de stuw Näs', und de Möller smet em en por in't Gesicht, de säden man so »Stah!«, denn de oll Möller hadd en Mulgeschirr, as wir hei mit 'ne Worpschüpp upfött, un jedwerein von sin Küß güll gaud drei gadlich. So wurden sie denn nun immer freundschaftlicher zu einander; der Franzose steckte die blanke Plempe in die Scheide, und es dauerte nicht lange, so raschelte sein schwarzer Schnurrbart dem alten Müller unter der stumpfen Nase, und der Müller schmiß ihm ein paar ins Gesicht, die sagten nur so ›steht!‹ – denn der alte Müller hatte ein Mundgeschirr, als wäre er mit der Wurfschippe aufgefüttert, und jeder von seinen Küssen konnte für drei tüchtige Durchschnittsküsse gelten. Grad' as dit geschach, dunn haust dat unner dat Eckfinster, un min Oll slek sick rut un säd den Uhrkenmaker Bescheid, wat hei dauhn süll. De Herr Amtshauptmann äwer gung ümmer up un dal un dacht, wat hohe Herzogliche Kammer woll dortau seggen würd, wenn sei dit mit anseg, un säd tau den Möller: »Möller, verzag' Hei nich, ick ward't Em gedenken.« Un de Möller verzagt ok nich, sondern drunk rüstig wider. Gerade als dies geschah, hustete es unterm Eckfenster, und mein Vater schlich sich raus und sagte dem Uhrmacher Bescheid, was er tun sollte. Der Herr Amtshauptmann aber ging auf und ab und dachte, was wohl die hohe Herzogliche Kammer dazu sagen würde, wenn sie dies mit ansähe, und sagte zum Müller: »Müller, verzag' Er nicht; ich werd's Ihm gedenken!« Und der Müller verzagte auch nicht, sondern trank rüstig weiter. De Uhrkenmaker gung wildeß heimlich wedder t'rügg dörch den Sloßgoren, as hei äwerst up den gewöhnlichen Weg kamm, de nah't Sloß ruppe geiht, dunn smet hei sick in de Bost un trampst up, denn hei was nu wedder »grang Nationg«, un hei marschiert strack un stramm in't Sloßdur rinne, wat hei denn ok schön taurecht kreg, wil dat hei von Angesicht un Statur en anseihnlichen Kirl was. Na, de söß Schassürs, de bi ehr Pird stunnen, de keken un flusterten mit enanner, un de ein gung nah em ran un frog: wohen? un woher? Droz äwerst kek em recht höhnschen äwer de Schuller an un antwurt't em kort un barsch up Französch, hei wir de Quartiermeister von't dreiunsäbentigste Regiment un in 'ne halw' Stun'n kem dat von Malchin rup un hei müßt irst mit Mußiö lö Balljif reden. Dunn schot den Schassür dat Blatt, un as Droz en beten handgriplich mit den Tunpahl up Marodürs tau spitzen anfung un vertellte, dat sin Oberst gistern en por hadd dod scheiten laten, dunn drückt sick irst de ein un dunn de anner, un wenn ok noch weck von ehr tausam snatern deden un up dat Sloß wis'ten von wegen ehren Kummandür, so hadd doch keiner rechte Tid taum Täuwen, un in'n Handümdreihn was de Sloßhof leddig, un in't Bramborg'sch Dur stun'n wi Jungs un keken de söß französchen Schassürs nah, wo sei den deipen Leimweg hendal klabasterten, denn dat was grad in de schönste Tid von den dunnmaligen meckelbörgschen Landweg', so in'n Frühjohr, in'n Andäu. Der Uhrmacher ging unterdessen heimlich wieder durch den Schloßgarten zurück; als er aber auf dem gewöhnlichen Weg kam, der nach dem Schloß hinaufgeht, da warf er sich in die Brust und trampte auf, denn er war nun wieder ›grande nation‹ , und marschierte strack und stramm zum Schloßtor hinein, was er denn auch schön fertig kriegte, weil er von Angesicht und Statur ein ansehnlicher Kerl war. Na, die sechs Chasseurs, die bei ihren Pferden standen, die guckten und flüsterten untereinander, und einer von ihnen ging zu ihm 'ran und fragte ›wohin?‹ und ›woher?‹. Droz aber sah ihn recht höhnisch über die Schulter an und antwortete ihm kurz und barsch auf Französisch, er wäre der Quartiermeister vom 73. Regiment, und das käme in 'ner halben Stunde von Malchin 'rauf, und er müßte erst mit monsieur le baillif reden. Da schoß dem Chasseur die Angst in die Knochen, und als Droz ein bißchen handgreiflich mit dem Zaunpfahl auf Marodeurs zu spitzen anfing und erzählte, sein Oberst hätte gestern ein paar totschießen lassen, da drückte sich erst der eine und dann der andere, und wenn auch noch ein paar von ihnen zusammenschnatterten und auf das Schloß wiesen von wegen ihres Anführers, so hatte doch keiner rechte Zeit zum Warten, und im Handumdrehen war der Schloßhof leer, und im Brandenburger Tor standen wir Jungens und guckten den sechs französischen Chasseurs nach, wie sie den tiefen Lehmweg hinunterklabasterten, denn es war gerade in der schönsten Zeit der damaligen mecklenburgischen Landwege, so im Frühjahr, im Antau. Dat tweite Kapittel Zweites Kapitel Wat Mamsell Westphalen un de Uhrkenmaker mit enanner redten, un worüm Fridrich den Franzosen de Knöp von de Hosen sniden will un em nahsten in den Stemhäger Babenholt tau Bedd bringt, un worüm Fiken den Malchiner Kopmann nich namen hett. Was Mamsell Westphal und der Uhrmacher mit einander sprachen, und warum Friedrich dem Franzosen die Knöpfe von den Hosen schneiden will und ihn nachher im Stavenhäger Oberholz zu Bett bringt, und warum Fiken den MaIchiner Kaufmann nicht genommen hat. As de Sloßhof leddig was, marschiert de Uhrkenmaker mit Obergewehr un Unnergewehr in Mamsell Westphalen ehr Spis'kamer rin, un Mamsell Westphalen drögt sick de Ogen un säd: »Herr Droi, Sei sünd en Engel der Rettung!« – Sei nennt em nämlich ümmer »Droi« staats »Droz«, wil sei glöwt, »Droi« wir richtiger Französch, un de Lüd' gewen em den richtigen Akzang nich. – De Engel der Rettung set't nu sinen Schapschinken in den Septubben, hung sin Kes'metz an den Fleischhaken, stülpt sin Borenmütz up dat Botterfatt un set't sick sülwst up den Anrichtklotz, treckt en gewürfelt Snuwdauk herut, läd dat sauber up de Knei tausam un fohrt sick dormit tweimal sachtmäudig unner de krumme Näs' dörch, treckt drup sine grote, runne Snuwtobacksdos' herut un reckt sei Mamsell Westphalen hen un frog ehr: »Pläh t'i?« – »Ja woll«, säd Mamsell Westphalen, »pläh t'i mi dat, denn, Herr Droi, ick heww sihr slichte Ogen, un sei sünd sid verleden Harwst ümmer swäcker worden; ick hadd dunn de grote Krankheit, un de Dokters gewen ehr en hogen Namen; äwer, Herr Droi, ick segg, dat was dat gewöhnliche miserabele Stoppelfewer, un dorbi bliw ick.«' So säd sei un set't vör Herr Droi'n 'ne schöne braden Ahnt un 'ne Buddel Win, äwer von den Herrn Amtshauptmann sinen gauden, un makt en Knix, as wenn ein in't Water unnerduken deiht, un säd ok: »Pläh t'i?« Na, den Uhrkenmaker »pläh t'i 't« denn dit ok sihr, un em würd tau Maud', as wir hei'n würklichen Engel, un Mamsell Westphalen ehr Spis'kamer wir gegen sin Pölltüften un Speck en Paradis, un as hei bi de tweite Buddel Win was, redte hei vel von den schönen »Wäng dö Walangäng« un von »der ßöne Sweiz«. – Un Mamsell Westphalen säd: »Sei hewwen recht, Herr Droi, Sweit is e ne schöne Sak, vör allen bi'n Snuppen; ick drink den ümmer Fledertee.« – »Ah«, seggt Herr Droi, »Fiereteh! Wui, sche swi fiähr von meine Land. – Oh, Sie muß mal kommen in die Land, da singen die Vögel, un da brummen die Bachen.« Na, mit de Wil was dat düster worden, un Fritz Sahlmann kümmt herin in de Spis'kamer un seggt: »Na, dit's ne schöne Geschicht: de Herr Amtshauptmann löppt in'n Horen bi düster Nacht in'n Goren rümmer un resonniert för sick hen, de Burmeister hett sick sachten ut den Stohm makt, Möller Vossen sin Fridrich hölt nu all 'ne Stun'n lang vör den Dur un schimpt up de verfluchten Patriotten un up den Spitzbauwen Dümurrjöh, un de Möller hölt den Franzosen de Fust vör de Snut un fröggt, wo sin vir Mähren un sin söß Ossen blewen sünd, de em de Franzosen namen hewwen, un de Franzos' sitt dor un rüppelt un rögt sick nich un rallögt.« – »Fritz Sahlmann«, fröggt Mamsell Westphalen, »rögt hei sick nich ?« – »Ne, Mamselling.« – »Fritz Sahlmann, ick weit, du hest tauwilen den Hasenfaut in de Tasch, un du dröggst di männigmal stark mit Unwohrheiten; ick frag di up din Gewissen: rögt hei sick gor nich?« -«Ne, Mamselling, ganz un gor nich.« – »Na, Herr Droi, denn kamen S', denn will wi ruppe gahn un dor taum Rechten seihn; nemen Sei sick äwer wat von Ehr Geschirr taum Hauen un taum Steken mit, un wenn Sei seihn, dat hei mi tau Liw' will, denn stahn Sei mi bi. Un du, Fritz Sahlmann, lop nah den Möller sinen Fridrich un segg em, hei sall de Pird afsträngen un sall rin kamen, denn beter is beter, un wat ein gaud dauhn kann, ward twei nich sur.« Als der Schloßhof leer war, marschierte der Uhrmacher mit Obergewehr und Untergewehr in Mamsell Westphals Speisekammer hinein, und Mamsell Westphal trocknete sich die Augen und sagte: »Herr Droi, Sie sind ein Engel der Rettung!« Sie nannte ihn nämlich immer ›Droi‹ statt ›Droz‹, weil sie glaubte, ›Droi‹ wäre richtigeres Französisch und die Leute gäben ihm nicht den richtigen Akzent. Der Engel der Rettung setzte nun seinen ›Schafschinken‹ an den Seifenbottich, hängte sein Käsemesser an den Fleischhaken, stülpte seine Bärenmütze auf das Butterfaß und setzte sich selber auf den Anrichteklotz, zog ein gewürfeltes Schnupftuch hervor, legte es sauber auf den Knien zusammen und fuhr sich damit zweimal sachte unter der krummen Nase durch; dann nahm er seine große runde Schnupftabaksdose heraus, streckte sie Mamsell Westphal hin und fragte: »Plaît-il?« – »Jawohl,« sagte Mamsell Westphal, »pläht'i mir das, denn, Herr Droi, ich habe sehr schlechte Augen, und seit dem vorigen Herbst sind sie immer schwächer geworden; ich hatte damals die große Krankheit, und die Doktoren gaben ihr einen hohen Namen; aber, Herr Droi, ich sage, das war das gewöhnliche miserable Stoppelfieber, und dabei bleibe ich! – So!« sagte sie dann und setzte vor Herrn Droz eine schöne gebratene Ente hin und eine Flasche Wein – aber von des Herrn Amtshauptmanns gutem – und machte einen Knicks, wie wenn einer im Wasser untertaucht, und sagte auch: »Pläht' i?« Na, dem Uhrmacher plähtite dies denn auch sehr und ihm wurde zumute, als wäre er ein wirklicher Engel, und Mamsell Westphals Speisekammer war im Vergleich mit seinen Pellkartoffeln und Speck ein Paradies, und als er bei der zweiten Flasche Wein war, redete er viel von dem schönen vin de Valengin und von ›der szöne Sweiz‹. Und Mamsell Westphal sagte: »Sie haben recht, Herr Droi, Schweiß ist 'ne schöne Sache, vor allem bei einem Schnupfen: ich trinke dann immer Fliedertee.« – »Ah!« sagte Herr Droz, »fierté! Oui, je suis fier von meine Land. Oh, Sie muß mal kommen in die Land, da singen die Vögel und da brummen die Bachen.« Na, mittlerweile war es dunkel geworden, und Fritz Sahlmann kommt in die Speisekammer und sagt: »Na, dies ist 'ne schöne Geschichte: der Herr Amtshauptmann läuft bei düsterer Nacht in bloßen Haaren im Garten 'rum und räsonniert vor sich hin, der Bürgermeister hat sich sachte aus dem Staub gemacht, Müller Vossens Friedrich hält nun schon 'ne ganze Stunde lang vor'm Tor und schimpft auf die verfluchten Patrioten und den Spitzbuben Dumouriez, und der Müller hält dem Franzosen die Faust unter die Nase und fragt, wo seine vier Mähren und seine sechs Ochsen geblieben seien, die die Franzosen ihm genommen, und der Franzose sitzt da und rippelt und rührt sich nicht und verdreht die Augen.« – »Fritz Sahlmann,« fragte Mamsell Westphalen, »rührt er sich nicht?« – »Ne, Mamselling!« – »Fritz Sahlmann, ich weiß, du hast zuweilen den Hasenfuß in der Tasche und trägst dich manchmal stark mit Unwahrheiten; ich frage dich auf dein Gewissen: rührt er sich gar nicht?« – »Ne, Mamselling – ganz und gar nicht!« – »Na, Herr Droi, dann kommen Sie! Dann wollen wir hinaufgehn und nach dem Rechten sehen. Nehmen Sie sich aber was von Ihrem Geschirr zum Hauen und Stechen mit, und wenn Sie sehen, daß er mir zu Leibe will, dann stehn Sie mir bei! Und du, Fritz Sahlmann, lauf zu Müllers Friedrich und sag ihm, er solle die Pferde absträngen und 'rein kommen; denn besser ist besser, und was einer gut tun kann, das wird zweien nicht sauer.« Fridrich kümmt denn nu ok rin un kriggt en dägten Snaps un schüddt sick, as dat nah en groten Sluck Mod' is, un de Tog geiht nu vorwärts nah den Herrn Amtshauptmann sin Stuw'; Fridrich vöran, denn Mamsell Westphalen, de den Uhrkenmaker unner den Arm fat't hett, un tauletzt Fritz Sahlmann in'n Hinnerholt. Friedrich kommt denn nun auch herein und kriegt einen tüchtigen Schnaps und schüttelt sich, wie's nach einem großen Schluck Mode ist, und der Zug geht darauf vorwärts nach des Herrn Amtshauptmanns Stube. Friedrich voran, dann Mamsell Westphal, die den Uhrmacher untergefaßt hat, und zuletzt Fritz Sahlmann im Hintertreffen. As sei rin kamen in de Stuw', sitt de Möller an'n Disch un hett twei vulle Gläs' vör sick stahn un stött mit dat ein an dat anner un mit dat anner an dat ein un drinkt ümschichtig för twei un grint lustig äwer dat ganze breide Gesicht. Den Rock hett hei uttagen, wil em bi de Sak heit worden is, un up den Kopp hett hei den Franzosen sine Kaskett mit den langen Pirdswanz, un äwer sinen dicken Buk hett hei, so gaud as't geiht, den Franzosen sinen Säbel snallt. De äwer liggt verlangs in 'ne Eck von den Sofa un hett den Herrn Amtshauptmann sine wittbomwull'ne Slapmütz up un sinen Slaprock mit de roden Blaumen an, un de Spitzbauw von Möller hett em staats den Säbel 'ne grote Fedderflunk in de Hand gewen, un dormit fuchtelt hei stillswigend in de Luft rüm, denn reden kann hei kein Wurd. Als sie in die Stube kommen, sitzt der Müller am Tisch, hat zwei volle Gläser vor sich stehn und stößt mit dem einen an das andere, dann mit dem anderen an das eine und trinkt abwechselnd für zwei und grinst lustig über das ganze breite Gesicht. Den Rock hat er ausgezogen, weil ihm bei der Sache heiß geworden ist, auf dem Kopf hat er des Franzosen Kaskett mit dem langen Roßschweif und über seinen dicken Bauch hat er, so gut es gehen will, den französischen Säbel geschnallt. Der Franzos aber liegt lang ausgestreckt in der Sofaecke, hat des Herrn Amtshauptmanns baumwollene Schlafmütze auf und seinen rotgeblümten Schlafrock an, und der Spitzbube von Müller hat ihm statt des Säbels einen großen Flederwisch in die Hand gegeben, und damit fuchtelt der Chasseur stillschweigend in der Luft herum, denn reden kann er kein Wort mehr. As Mamsell Westphalen in de Dör kümmt un den Ümstand süht, set't sei de beiden Arm in de Sid, as jede rechtschaffene, öllerhafte Person, de up richtigen Wegen is, eigentlich dauhn müßt, un fröggt: »Möller Voß, wat sall dit? Wat heit dit? Un wat bedüd't dit?« De Möller will antwurten, kriggt äwer dat Lachen un bringt mit knappe Not herut: »Kemedikram!« – »Wat?« fröggt Mamsell Westphalen. »Is dat 'ne Antwurt von en Mann mit Fru un Kinner? Is dat en Respekt vör sinen Vörgesetzten, so'ne Uhlenspeigelstreich in sine Studierstuw' antaustellen? Herr Droi, kamen S' mit.« Dormit geiht sei up den Franzosen los un ritt ein de Slapmütz von den Kopp un sleiht sei em tweimal üm de Uhren un seggt blot de beiden Würd: »de unschüllige Slapmütz!« un »du Farken!« un dreiht sick üm un röppt: »Un Hei, Fridrich, kam Hei her, un help Hei mi den Kirl ut den oll'n Herrn sinen Rockelur; un Sei, Herr Droi, denn Sei warden sick dorup verstahn, nemen S' den unklauken Möller den Suppenpott von den Kopp un snallen S' em von den Säbel los.« – As dit denn nu gescheihn is, dunn seggt sei: »Un du, Fritz Sahlmann, du olle Plätertasch, du Snackfatt von de Eck, du unnersteihst di nich un seggst den Herrn Amtshauptmann, wat mit sin Kommoditäten hir passiert is, denn hei lett sei süs verbrennen, un wat kann de Slaprock un de Slapmütz dorför, dat olle Lüd' tau Jungs warden.« Dorbi kiekt sei den ollen grinigen Möller scharp an, steckt den Proppen up de Winbuddel, set't de Arm wedder in de Sid un fröggt: »Wat nu?« Als Mamsell Westphal zur Tür hereinkommt und die Bescherung sieht, setzt sie beide Arme in die Seite, wie's jede rechtschaffene ältliche Person, die auf rechten Wegen ist, eigentlich tun sollte, und fragt: »Müller Voß, was soll das? Was heißt dies? Und was bedeutet dies?« – Der Müller will antworten, gerät aber ins Lachen und bringt mit knapper Not heraus: »Komödienkram!« – »Was!« ruft Mamsell Westphal. »Ist das 'ne Antwort von 'nem Mann mit Frau und Kindern? Ist das ein Respekt vor seinem Vorgesetzten, solche Eulenspiegelstreiche in seiner Studierstube anzustellen? Herr Droi, kommen Sie mit!« Damit geht sie auf den Franzosen los, reißt ihm die Schlafmütze vom Kopf, schlägt sie ihm zweimal um die Ohren und sagte bloß die beiden Worte: »Die unschuldige Schlafmütze!« und: »Du Ferkel!« Dreht sich um und ruft: »Und Er, Friedrich, komm Er her und helf Er dem Kerl aus des alten Herrn Rockelor heraus; und Sie, Herr Droi, denn Sie werden sich darauf verstehen, nehmen Sie dem unklugen Müller den Suppentopf vom Kopf und schnallen Sie ihm den Säbel los!« Als dies denn nun geschehen war, sagt sie: »Und du, Fritz Sahlmann, du alte Plaudertasche, du Schnackfaß von der Ecke! Du unterstehst dich nicht und sagst dem Herrn Amtshauptmann, was mit seinen Kommoditäten hier passiert ist; denn er läßt sie sonst verbrennen, und was können der Schlafrock und die Schlafmütze dafür, daß alte Leute zu Jungens werden!« Dabei guckt sie den alten grinsenden Müller scharf an, steckt den Pfropfen auf die Weinflasche, setzt wieder die Arme in die Seiten und fragt: »Was nun?« »Ick weit't«, seggt Fridrich, tüht sin Klappmetz ut de Tasch, snappt dat up, geiht up den Franzosen los, ritt em de Mondierung up un ward em dor up 'ne sihr sonderbore Ort unner de korten Rippen rümfummeln. »Ich weiß!« sagt Friedrich, zieht sein Klappmesser aus der Tasche, macht es auf, geht auf den Franzosen los, reißt ihm die Montur auf und fängt an, ihm auf eine sehr sonderbare Art unter den kurzen Rippen herumzufummeln. »Herre Jesus, Fridrich!« röppt Mamsell Westphalen un springt dortwischen, »wo, plagt Em de Bös'? Hei ward hir doch keinen Murd anstiften?« – »Diabel!« seggt Herr Droi un ritt Fridrichen den Arm t'rügg, un Fritz Sahlmann, de unverstännige Slüngel, ritt dat Finster up un schrie't: »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann! Nu geiht't los!« – Swabb! hett hei einen up dat Mul, de em ganz bekannt vörkamm, wil dat hei däglich von Mamsell Westphalen ehr Ort en Stückener drei kreg; dat heit in'n pohlschen Bogen berekent, denn tellt würden sei nich. »Herre Jesus, Friedrich!« ruft Mamsell Westphal und springt dazwischen, »was? plagt Ihn der Böse? Er wird hier doch keinen Mord anstiften?« – » Diable !« sagt Herr Droz und reißt Friedrich den Arm zurück, und Fritz Sahlmann, der unverständige Schlingel, reißt das Fenster auf und schreit: »Herr Amtshauptmann! Herr Amtshauptmann, nun geht's los!« Schwabb! hat er einen an den Ohren, der ihm ganz bekannt vorkam, weil er täglich von Mamsell Westphals Sorte etwa drei bekam – das heißt: in Bausch und Bogen berechnet, denn gezählt wurden sie nicht. Fridrich äwer stunn ganz ruhig dor un säd: »Wo so denn? Wat meinen Sei? Denken Sei, dat ick Kinner freten dauh? – Ick will em blot de Knöp von de Büx afsniden, denn so hewwen wi dat ümmer makt, wenn wi weck fungen hadden, as ick noch gegen de verfluchten Patriotten in Holland deinen ded un gegen den Spitzbauwen Dümurrjöh unner den Herzog von Brunswik in de nägentiger Johren.« Un wend't sick an Mamsell Westphalen: »Denn, Mamselling, denn känen sei nich schappieren, denn sackt ehr de Hos' in de Knei.« Friedrich aber stand ganz ruhig da und sagte: »Wieso denn? Was meinen Sie? Denken Sie, daß ich Kinder fresse? Ich will ihm bloß die Knöpfe von der Hose abschneiden; denn so haben wir's immer gemacht, wenn wir welche gefangen hatten, als ich noch gegen die verfluchten Patrioten in Holland diente und gegen den Spitzbuben Dumouriez unter dem Herzog von Braunschweig in den neunziger Jahren.« Und zu Mamsell Westphalen gewandt: »Denn, Mamselline, dann können sie nicht schappieren; dann sinken ihnen die Hosen in die Knie.« »Schäm Hei sick, Fridrich, mi so wat tau seggen! Wat gellen mi den Franzosen sin Hosen an un sin Knei? Un von so'n Anblick will ick hir nicks weiten, un kein Minsch sall seggen, dat hir in den Herrn Amtshauptmann sine Studierstuw' so wat Despektierliches tau seihn west is. Ne, leiwerst will'n wi ratslagen, wo wi mit den Kirl bliwen.« »Schäm Er sich, Friedrich, mir so was zu sagen!! Was gehen mich dem Franzosen seine Hosen an und seine Knie! Und von solchem Anblick will ich hier nichts wissen, und kein Mensch soll sagen, daß hier in des Herrn Amtshauptmanns Studierstube so was Despektierliches zu sehen gewesen ist. Nein, lieber wollen wir ratschlagen, wo wir mit dem Kerl bleiben!« Dunn drängt sick Möller Voß nah vör un will sick vör de Bost slagen, sleiht sick äwer wider dalwarts up de Mag' un seggt. »Bliwen? Wat bliwen? Wo ick bliw, bliwwt hei ok, un wi beiden hewwen Bräuderschaft drunken, un hei 's en richtigen Franzos' un ick en richtigen Meckelnbörger, un wer dorvon wat weiten will, de kam her!« Un kickt sei all de Reih nah an, un as keiner wat dortau seggt, kloppt hei den Franzosen up de Schuller un seggt: »Brauder, ick nem di mit mi.« – »Dat is ok dat Best«, seggt Mamsell Westphalen, »denn sünd wi em los. – Herr Droi, faten S' an!« Un de ein »grang Nationg« fött de anner »grang Nationg« an de Bein, un Fridrich fött em 't Ens den Kopp, Fritz Sahlmann dröggt dat Licht, Mamsell Westphalen kummandiert dat Ganze, un de Möller geiht in'n lütten Bogen achter her. Da drängt sich Müller Voß nach vorne und will sich vor die Brust schlagen, schlägt sich aber weiter unten vor den Magen und sagt: »Bleiben? Was bleiben! Wo ich bleibe, bleibt er auch, und wir haben Brüderschaft getrunken, und er ist 'n richtiger Franzos, und ich bin 'n richtiger Mecklenburger, und wer davon was wissen will, der komme her!« Sieht sie alle der Reihe nach an, und als keiner was dazu sagt, klopft er dem Franzosen auf die Schulter und sagt: »Bruder! ich nehme dich mit!« – »Das ist auch das beste!« ruft Mamsell Westphal. »Dann sind wir ihn los ... Herr Droi, fassen Sie an!« – Und die eine ›grande nation‹ faßt die andere ›grande nation‹ an den Beinen, Friedrich hält ihn oben am Kopfende, Fritz Sahlmann trägt das Licht, Mamsell Westphal kommandiert das Ganze, und der Müller geht in einem kleinen Bogen hinterher. »So«, seggt Fridrich, »nu man hinnen rin in dat Krett! – So, nu ligg du man! – Fritz Sahlmann, sträng mi de Mähren an! Un Sei, Herr Droi, helpen S' mi den Möller rup; äwer nemen S' sick in acht, dat hei de Blansierung nich verliert, denn ick kenn em, hei sleiht äwer.« »So!« sagt Friedrich. »Nun man hinten 'rein ins Krett! So! Da liege du man! Fritz Sahlmann, sträng' mir die Mähren an! Und Sie, Herr Droi, helfen Sie dem Müller hinauf; aber nehmen Sie sich in acht, daß er nicht das Gleichgewicht verliere; denn ich kenne ihn: er überschlägt sich!« As de Möller nu sitt, fröggt Fridrich: »Na, allens an Burd?« – »Allens an Burd!« seggt Mamsell Westphalen. – »Na, denn man ›jüh‹!« seggt Fridrich. Knapp äwerst is hei en por Schritt führt, dunn röppt de Uhrkenmaker: »Alt! alt! Friderik! – Sie aben vorgestern die Kamerad sein Schewal, es stehn in die Logis für die kleine Puhl!« – »Ja«, seggt Fritz Sahlmann. »'t steiht in den Hauhnerstall.« – »Na, denn hal't«, seggt Fridrich, »un bind't achter den Wagen.« Als der Müller nun sitzt, fragt Friedrich: »Na? Alles an Bord?« – »Alles an Bord!« ruft Mamsell Westphalen. – »Na, denn man jüh!« sagt Friedrich. Kaum aber ist er ein paar Schritte weit gefahren, so ruft der Uhrmacher: »Alt! Alt! Friderik! Sie aben vergestern die Kamerad sein cheval , es stehn in die logis für die kleine poule .« – »Ja,« sagt Fritz Sahlmann, »es steht im Hühnerstall!« – »Na, dann hol's!« sagt Friedrich, »und bind's hinter den Wagen.« Na, dat schüht denn ok, un as sei noch dorbi sünd, kümmt de oll Amtshauptmann von sin Motschon ut den Goren taurügg un fröggt, wat hir los wir. »Nicks nich«, seggt Mamsell Westphalen. »Möller Voß hett blot den Franzosen inladen, mit em tau führen un de Nacht up de Gielowsch Mähl tau bliwen.« – »Das ist denn eine andere Sache!« seggt de oll Herr. »Adjüs ok, Möller! Ich ward Em dat gedenken.« – De Möller brummelt wat in den Bort von sihr schönes, fruchtbores Weder, un Mamsell Westphalen flustert Fritz Sahlmannen tau, hei süll vörup lopen un süll den Franzosen sinen Säbel un sinen Pirdswanz ut den Herrn sine Stuw' halen, dat sei em nich in de Ogen felen. »Bring sei man nah min Stuw'«, säd sei, »un stell sei achter min Bedd.« Dies geschieht denn auch, und als sie noch dabei sind, kommt der alte Amtshauptmann von seinem Spaziergang aus dem Garten zurück und fragt, was hier los sei. »Nix nicht!« antwortet Mamsell Westphal. »Müller Voß hat bloß den Franzosen eingeladen, mit ihm zu fahren und die Nacht auf der Gielowschen Mühle zu bleiben.« – »Das ist denn eine andere Sache!« sagt der alte Herr. »Adjüs auch, Müller, ich werd' Ihm das gedenken.« Der Müller brummelt was in den Bart von sehr schönem, fruchtbarem Wetter, und Mamsell Westphal flüstert Fritz Sahlmann zu, er solle voraus laufen und den Säbel und Pferdeschwanz des Franzosen aus des Herrn Amtshauptmanns Stube holen, damit sie ihm nicht in die Augen fielen. »Bringe sie nur in meine Stube,« sagte sie, »und stelle sie hinter mein Bett.« Fridrich äwer klappte nu mang de Mähren un jog den Sloßbarg hendal, rin in de Malchiner Strat un säd tau sick: »Dit is dat Prauwstück; wenn de Möller bi desen Damm un bi dit Bädeln up den Sack sitten bliwwt, denn kümmt hei hüt abend ok allein von den Wagen run.« Äwer as hei mang de Schüns kamm un sick ümsach, dunn lagg de Möller tischen den vöddelsten un hindelsten Sack, un Fridrich säd: »Ahn Hülp kümmt de nich wedder run«, un halt en por Säck hervör un deckt sei em äwer't Liw, dat hei sick nich verküllen ded. Friedrich aber schlug jetzt auf die Pferde und jagte den Schloßberg hinunter in die Malchiner Straße hinein und sagte zu sich selber: »Dies ist das Probestück. Wenn der Müller bei diesem Pflaster und bei diesem Jagen auf dem Sack sitzen bleibt, dann kommt er heute abend auch allein vom Wagen herab.« Aber als er an die Scheunen kam und sich umsah, da lag der Müller zwischen dem vordersten und hintersten Sack und Friedrich sagte: »Ohne Hilfe kommt der nicht wieder 'runter« – und holte ein paar Säcke hervor und deckte ihm diese über den Leib, damit er sich nicht erkältete. So kemen sei ut de Schüns rut, un de Mähren sleus'ten ümmer 'n eben Schritt dörch den deipen Weg un de düster Nacht hendörch, un Fridrichen kemen allerlei Gedanken. Tauirst föll em de Möllerfru in, wat de vördem seggt hadd, wenn de Möller allein so ankamen was, un wat sei nu woll seggen würd, wenn hei sülwt tweit so ankem, un wat den Möller sin Fiken woll dortau seggen würd, un hei schüdd't mit den Kopp un säd: »Keinen gauden Gang geiht't nich.« – Un taum annern föll em in, dat dat ok üm dese Johrstid west was un in so'ne Nacht, as hei vör 'n halw Stig Johr von de Preußen ut Prenzlow dissentiert was, un dat hei ok dunntaumalen, bet hei sick in't Stemhäger Amt rin slagen, in'n Frien legen hadd un hadd sick mit en Sledurnbusch taudeckt. – Un taum drüdden föll em in – un as em dat infallen ded, dunn gnurrscht hei mit de Tähn –, wo hei mit den Herzog von Brunswik in Frankreich west was, nicks up den Liw', nicks in den Liw' as de rode Ruhr, un wo em de Franzosen jagt un stäkert hadden, un wo so vel von sine Kammeraden an de Landstrat liggen blewen wiren un ok sin beste Fründ, Krischan Kräuger, un wo dat Volk kein Erbarmen hewwen ded. »Un de beiden schönen Brunen«, säd hei tau sick, »hewwen sei mi ok namen, un ick möt hir führen mit twei olle spatlahme Schinners? Un de sälen sick hir noch in den deipen Weg mit so'n Karnallenvagel von Marodür afquälen, wat gor keinen orndlichen Militör is? – Verfluchte Patriotten! Spitzbauw, Dümurrjöh!« – Dit wiren sin einzigsten Flüch, wenn hei bös was. – »Purr, öh!« rep hei un sprung von den Wagen un gung achter rüm un klinkt dat Krett up un kreg den Franzosen bi de Bein un treckt em halw ut den Wagen, hukt mit de Schuller unner un drög em äwer'n Grawen in dat Stemhäger Babenholt un läd em unner 'ne Bäuk. – »Je«, seggt hei, as de Franzos' sick dor wat rögen würd, »dat is di woll en beten fucht, äwer du büst binnen fucht, worüm denn nich ok buten?« un kek tau Höcht taum Hewen un säd: »Vör de letzten Dag' von den Februwori is dit 'ne sihr schöne warme Nacht, un wenn de Kukuk ok just nich singt, so heww ick em doch verleden Sommer in dese Bäuk singen hürt, un – so Gott will – singt hei dit Johr hir wedder.« – Un as de Franzos' so'n beten schuddern ded, as wenn em frür, seggt hei: »Nich wohr, Brauder, 't is en beten käuhl, un ick künn di hir nu schön taudecken mit en gauden widen Schacht, un dor kreiht nich Hund noch Hahn nah, äwer ick will di wisen, dat ick en christlich Hart heww«, un geiht nah'n Wagen ran un halt en por Arm vull Stroh un smitt em dat äwer un seggt: »Na, adjüs! Mitnehmen dauh 'ck di nich, wotau sall sick de Möllerfru un Fiken äwer di argern?« Stiggt up den Wagen rup un führt sachten nah Hus. So kamen sie aus den Scheunen heraus, und die Pferde zogen den Wagen immer in sachtem Schritt durch den tiefen Weg und die finstere Nacht hindurch, und Friedrich kamen allerlei Gedanken. Zuerst fiel ihm die Müllerfrau ein, was die früher schon gesagt hatte, wenn der Müller alleine so ankam, und was sie jetzt wohl sagen würde, wenn er selbzweit so ankäme, und was Müllers Fiken wohl dazu sagen würde, und er schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Keinen guten Gang geht's nicht.« – Und zum andern fiel ihm ein, daß es auch um diese Jahreszeit gewesen war und in solch einer Nacht, als er vor einem Dutzend Jahren von den Preußen aus Prenzlau desertierte, und daß er damals, bis er sich nach dem Stavenhäger Amt durchschlagen konnte, auch im Freien gelegen und sich mit einem Schlehdornbusch zugedeckt hatte. – Und zum dritten fiel ihm ein – und als ihm dies einfiel, da knirschte er mit den Zähnen – wie er mit dem Herzog von Braunschweig in Frankreich gewesen war, nichts auf dem Leibe, nichts in dem Leibe als die rote Ruhr, und wie die Franzosen ihn gejagt und gehetzt hatten, und wie so viele von seinen Kameraden an der Landstraße liegen blieben, und auch sein bester Freund, Krischan Krüger, und wie das Volk kein Erbarmen gehabt hatte. »Und die beiden schönen Braunen,« sagte er zu sich, »haben sie mir auch genommen, und ich muß hier mit zwei alten spattlahmen Schindern fahren? Und die sollen sich hier noch in dem tiefen Weg mit so einem Kanaillenvogel von Marodeur abquälen, der gar kein ordentlicher Militär ist? – Verfluchte Patrioten! Spitzbub – Dümurriöh!« – dies waren seine einzigen Flüche, wenn er böse war – »Purr, öh!« rief er und sprang vom Wagen und ging hinten herum und klinkte das Krett auf und packte den Franzosen an den Beinen und zog ihn halb aus dem Wagen, hockte mit der Schulter unter und trug ihn über den Graben in das Stavenhäger Oberholz und legte ihn unter eine Buche. – »Ja,« sagte er, als der Franzose anfing sich zu rühren, »es ist ja wohl ein wenig feucht, aber du bist inwendig feucht, warum denn nicht auch auswendig?« – und sah zum Himmel hinauf und sagte: »Für die letzten Tage im Februar ist es eine sehr schöne warme Nacht, und wenn der Kuckuck auch just nicht singt, so hab ich ihn doch vorigen Sommer in dieser Buche singen gehört, und – so Gott will – singt er dieses Jahr hier wieder.« – Und als der Franzose ein bißchen zusammenschauerte, wie wenn ihn fröre, sagte er: »Nicht wahr, Bruder, es ist ein bißchen kühl, und ich könnte dich nun hier schön zudecken mit einem guten Weidenprügel, und es würde nicht Hund noch Hahn danach krähen, aber ich will dir zeigen, daß ich ein christliches Herz habe,« und geht nach dem Wagen und holt ein paar Armvoll Stroh und wirft es über ihn und sagt: »Na, adjüs! Mitnehmen tu ich dich nicht, wozu sollen sich die Müllersleute und Fiken über dich ärgern!« Steigt auf den Wagen und fährt sachte nach Hause. Nich wid von de Mähl weckte hei den Möller up un vermünterte em un säd: »Möller, setten S' sick steidel up den Sack, ick help Sei nahst raf.« – De Möller richt sick up un säd: »Ick bedank mi ok, Herr Amtshauptmann!« un kek sick wild üm, wo hei wir, un frog, wat dat för 'ne Mähr wir, de achter'n Wagen anbammeln ded, un as hei sick wat besunnen hadd, grep hei achter dal in dat Krett un frog: »Fridrich, wo 's de Franzos'?« – »Je, wo 's de!« säd Fridrich un führt vör de Husdör vör un sprung von den Wagen un hülp den Möller runne, ihre de Frugenslüd' mit Licht kemen. Sin Herr kräpelt sick nah de Dähl herup, un de Möllerfru kamm em entgegen un frog: »Na, Vatting, wo is't worden?« – De Möller snuwwelt äwer den Dörensüll nah de Stuw' herinne, läd Haut un Hanschen up den Disch un gung en pormal in de Stuw' up un dal, wobi hei sihr de Ritz in't Og fat't hadd, un säd: »Dat is en sworen Gang!« – »Dat seih ick«, seggt de Möllerfru. – Fiken satt achter'n Disch un neiht Linnentüg. – Un de Möller gung wedder stolz up un dal un frog: »Seiht ji mi gor nicks an?« – »Naug«, säd sin Fru. »Du hest wedder bi Bäcker Witten seten un hest dine bedrängten Ümstän'n vergeten un din Fru un Kinner un hest di in 'ne Zech gewen.« – »So? Meinst du? Denn lat di seggen: en klauk Hauhn leggt ok vörbi. Ne, ick heww mit den Herrn Amtshauptmann un den Burmeister un en französchen General, oder so wat, Bräuderschaft drunken, un de Herr Amtshauptmann hett mi seggt, hei wull mi't gedenken, denn dit güng för't Vaderland. – Un, Fiken, di segg ick, smit di nich weg! Dat hest du nich nödig! Den Malchiner Kopmann haddst du vör minentwegent frigen künnt; äwer du wullst jo nich!« – Fiken kek so halw tau Höcht von ehr Neiheri un säd: »Vatting, lat dat doch, taum wenigsten hüt abend!« – »Schön, min Döchting! Du hest recht, min Kindting. Süh, du büst jo min einzigst, denn wo is Korl un Jochen? Ach, du leiwer Gott! Äwer ick segg blot: smit di nich weg!, un wider segg ick nicks. – Un, Mutter, uns' Geldsak? – Wat seggt de oll Herr Amtshauptmann? – ›Möller Voß, ick will Em dat gedenken.‹ – Un denn de Franzos'! Mutter, de Franzos'! – Wo, Dunnerwetter, is de Franzos'? Hei lagg doch in dat Krett; Fridrich möt dat doch weiten.« Un ritt dat Finster up un röppt: »Fridrich! Fridrich, hürst du nich?« Nicht weit von der Mühle weckte er den Müller auf und machte ihn munter und sagte: »Müller, setzen Sie sich stramm auf den Sack, ich helfe Ihnen dann herunter.« – Der Müller richtete sich auf und sagte: »Ich bedank mich auch, Herr Amtshauptmann!« und sah sich wild um, wo er wäre, und fragte, was das für ein Gaul sei, der hinter dem Wagen herbammelte, und als er sich ein wenig besonnen hatte, griff er hinter sich in das Krett und fragte: »Friedrich, wo ist der Franzos?« – »Je, wo ist der!« sagte Friedrich und fuhr vor der Haustür vor, sprang vom Wagen und half dem Müller herunter, ehe die Frauen mit Licht kamen. Sein Herr krabbelte sich nach der Diele hinauf, und die Müllerfrau kam ihm entgegen und sagte: »Na, Vatting, wie ist's geworden?« – Der Müller stolperte über die Türschwelle in die Stube hinein, legte Hut und Handschuhe auf den Tisch, ging ein paarmal in der Stube auf und nieder, wobei er scharf die Dielenritze ins Auge gefaßt hatte, und sagte: »Das ist ein schwerer Gang!« »Das seh ich,« sagte die Müllerfrau. – Fiken saß hinterm Tisch und nähte Leinenzeug. – Und der Müller ging wieder stolz auf und nieder und fragte: »Seht ihr mir gar nichts an?« – »Genug,« sagte seine Frau. »Du hast wieder bei Bäcker Witt gesessen und hast deine bedrängten Umstände vergessen und deine Frau und Kinder, und hast dich in eine Zeche eingelassen.« – »So? meinst du? dann laß dir sagen: ein kluges Huhn legt auch vorbei. Nein, ich habe mit dem Herrn Amtshauptmann und dem Bürgermeister und einem französischen General, oder so was, Brüderschaft getrunken, und der Herr Amtshauptmann hat mir gesagt, er wollte mir's gedenken, denn dies ginge fürs Vaterland. – Und, Fiken, dir sag ich: schmeiße dich nicht weg! Das hast du nicht nötig! – Den Malchiner Kaufmann hättest du meinetwegen freien können; aber du wolltest ja nicht!« – Fiken sah von ihrer Näherei halb empor und sagte: »Vater, laß das doch, zum wenigsten heute abend!« – »Schön, Tochter; du hast recht, mein Kindting. Sieh, du bist ja mein einziges, denn wo sind Karl und Jochen? Ach, du lieber Gott! Aber ich sage bloß: schmeiß dich nicht weg! und weiter sag ich nichts. – Und, Mutter, unsere Geldsache? – Was sagt der alte Herr Amtshauptmann? – ›Müller Voß, ich will Ihm das gedenken‹. – Und dann der Franzose! Mutter, der Franzos! Wo, Donnerwetter, ist der Franzos? Er lag doch im Krett; Friedrich muß es doch wissen,« Und er reißt das Fenster auf und ruft: »Friedrich, Friedrich! Hörst du nicht?« Fridrich hürt em recht gaud; äwer hei plinkt mit dat ein Og un säd: »Ja, schri du man! – Wat sall ick dor grot seggen, wat de Möllerfru gaud seih'n kann? Ick ward mi de Fingern nich klemmen.« Dorbi bünn hei den Franzosen sin Mähr an de Röp un namm ehr dat Sadeltüg af, un as hei den Mantelsack afnamm, säd hei: »Deuwel! Is de swor!« un läd em in sin Fauderkist, schüdd't sin Mähren de letzte Faudering in, läd sick in't Bedd un slep, as wir em hüt nicks passiert. Friedrich hörte ihn recht gut; aber er plinkte mit dem einen Auge und sagte: »Ja, schreie du nur! – Wozu soll ich das erst sagen, was die Müllerfrau gut genug sehen kann? Ich werde mir nicht die Finger klemmen.« Damit band er des Franzosen Pferd an die Raufe und nahm ihm das Sattelzeug ab, und als er den Mantelsack aufhob, sagte er: »Teufel! ist der schwer!« – legte ihn in seine Futterkiste, schüttete seinen Pferden die letzte Fütterung ein, legte sich ins Bett und schlief, als wäre ihm heute nichts passiert. As nu de Möller an tau schellen fangen wull, dat Fridrich nich kamm, säd sin leiw' Fru: »Vatting, lat em, du büst mäud, du hest den Dag äwer up den Wagen zuckelt un hest di sur warden laten, kumm tau Bedd; Fiken sall di 'n beten Bir warm maken, dat di de Nachtluft nich schaden deiht.« – »Mutting«, antwurt't hei, »du hest ümmer recht, ick heww mi schändlich afstrapziert, denn Geldsaken gripen ümmer an. Na, min sünd in de Reih, so gaud as in de Reih, denn de Herr Amtshauptmann säd: ›Möller Voß, ick ward Em dat gedenken.‹ Un morgen tidig möt ick wedder hen nah Stemhagen.« Un dormit ward hei in de Kamer gahn, leggt sick dal, un snart slöppt hei los. Als nun der Müller anfangen wollte, darüber zu schelten, daß Friedrich nicht käme, sagte seine liebe Frau: »Vatting, laß ihn – du bist müde, bist den Tag über auf dem Wagen herumgeschüttelt worden und hast dir's sauer werden lassen. Komm zu Bett; Fiken soll dir ein bißchen Bier warm machen, damit dir die Nachtluft nicht schadet.« – »Mutting,« antwortete er, »du hast immer recht – ich habe mich schändlich abstrapeziert, denn Geldsachen greifen immer an. Na, meine sind in der Ordnung – so gut wie in der Ordnung; denn der tzerr Amtshauptmann sagte: ›Müller Voß, ich werde Ihm das gedenken‹. Und morgen muß ich beizeiten wieder hin nach Stavenhagen.« Und damit geht er in die Kammer, legt sich nieder und eins zwei drei, schläft er los. Mutter un Fiken sitten noch 'ne Tidlang up, un Fiken sitt still in Gedanken un neiht förfötsch weg. – »Ja«, seggt Mutter endlich, »Fiken, du büst flitig, un ik legg de Hän'n ok nich in'n Schot, un uns' Vader hett sin Lewdag' wirkt un dahn, wat hei kunnt hett; äwer wat helpt dat all? De slimmen Tiden wassen uns äwer den Kopp, un wat uns de Franzosen laten hewwen, dat nemen uns de Avkaten un de Juden; äwermorgen säl wi fiwhunnert Daler an Itzigen betahlen, un wi hewwen keinen Schilling.« – »Vatting deiht jo doch so, as wenn hei mit allens dörch is.« – »Kihr di hüt abend an den nich, Abendred un Morgenred sünd zweierlei; äwer in ein Sak hett hei hüt abend recht hatt: haddst du man den Malchiner Kopmann namen!« – »Mutting«, seggt Fiken und läd ehr Hand sachten up Muttern ehr un kek ehr ruhig in de Ogen: »Mutting, dat was nich de Rechte.« – »Min Döchting, ganz nah ehren frien Willen frigen up Stun'ns wenig in de Welt, wat bammelt dor ümmer bi rüm. Süh, de Kopmann hett sin gaud Brod, un wenn din Vader un ick di versorgt wüßten, denn wir uns en groten Stein von'n Harten namen.« – »Mutting, Mutting, red nich so! Ick süll jug verlaten, wenn ji in Not wirt? Un dat noch dortau up 'ne unihrliche Wis'?« – »Unihrlich, Fiken?« – »Ja, unihrlich, Mutting!« säd Fiken, un ein künn't ehr anseihn, dat't ehr kribbeln würd, »denn as de Kopmann üm mi anhöll, dacht hei, bi uns hüng vel ut, un dorüm wull hei mi hewwen, ick wull em äwer nich bedreigen, denn wenn du un Vader in jug Gaudheit mi't ok nich seggt hewwt, wo dat mit uns steiht un dat wi arm Lüd' worden sünd, so heww ick dat doch lang markt. Nu weiten't de Lüd' so tämlich all, un wenn nu ein kümmt un will mi heww'n, denn will hei mi un nich dat Geld , un't is jo mäglich, dat hei de Rechte is.« Un dormit stunn sei up un namm ehr Neihgeschirr tausam un küßt ehr Mutting: »Gun Nacht, Mutting!« un gung in ehr Slapkamer. De Möllerfru satt noch 'n Tidlang still in Gedanken un süfzt: »Recht hett sei, un uns' Herrgott mag allens taum besten regieren!« – Sei gung ok tau Bedd, un allens lagg in deipe Rauh; blot de Mähl, de dreiht sick ahn Rauh un Rast un klappert un jog, un de Arm grepen nah links un nah rechts in wille Hast as en Minsch, de in drange Not sitt un arbeit't sick af un quält sick, dat hei rute kamen müggt ut den Stoff von dat dägliche Gewarw; un von dat Mählrad leckt dat Water run, as wir't de bittersure Sweit, un deip un'n in'n Grun'n, dor runscht de Bäk mit einerlei Red' un mit einerlei Sang: »Dat helpt di nich! Dat helpt di nich! Ick bün din Hart. So lang ick fleit mit Well up Well, mit Wunsch up Wunsch, so lang hest du kein Rauh. Wenn de Aust äwer kümmt un dat Kurn ript, denn ward min Strom sachter fleiten, denn makt de Möller dat Schütt tau, denn steiht allens still, un denn is't Sünndag.« Mutter und Fiken bleiben noch eine Zeitlang auf, und Fiken sitzt still in Gedanken und näht emsig. – »Ja,« sagt die Mutter endlich, »Fiken, du bist fleißig, und ich lege die Hände auch nicht in den Schoß, und unser Vater hat seiner Lebtage gearbeitet und getan, was er konnte; aber was hilft das alles? Die schlimmen Zeiten wachsen uns über den Kopf, und was uns die Franzosen gelassen haben, das nehmen uns die Advokaten und die Juden; übermorgen sollen wir fünfhundert Taler an Itzig bezahlen, und wir haben keinen Schilling.« – »Vatting tut ja doch so, wie wenn er mit allem in Ordnung ist.« – »Kehr dich heut abend nicht an den; Abendrede und Morgenrede sind zweierlei; aber in einer Sache hat er heute abend recht gehabt: hättest du nur den Malchin« Kaufmann genommen!« – »Mutting,« sagt Fiken und legt ihre Hand leise auf die Hand ihrer Mutter und sieht ihr ruhig in die Augen: »Mutter, das war nicht der Rechte.« – »Mein Kind, ganz nach ihrem freien Willen heiraten heutzutage wenig in der Welt; irgend ein Haken ist immer dabei. Sieh, der Kaufmann hat sein gutes Brot, und wenn dein Vater und ich dich versorgt wüßten, dann wäre uns ein großer Stein vom Herzen genommen.« – »Mutting, Mutting, sprich nicht so! Ich sollte euch verlassen, wo ihr in Not seid! Und noch dazu auf eine unehrliche Weise?« – »Unehrlich, Fiken?« – »Ja, unehrlich, Mutter!« sagte Fiken, und man konnte ihr ansehen, daß ihr das Gespräch peinlich wurde; »denn als der Kaufmann um mich anhielt, dachte er, bei uns hinge viel aus, und darum wollte er mich haben; ich wollte ihn aber nicht betrügen, denn wenn du und Vater in eurer Güte mir's auch nicht gesagt habt, wie es mit uns steht, und daß wir arme Leute geworden sind, so habe ich es doch langst gemerkt. Nun wissen's die Leute so ziemlich alle, und wenn jetzt einer kommt und mich haben will, dann will er mich und nicht das Geld, und es ist ja möglich, daß er der Rechte ist.« Und damit stand sie auf und nahm ihr Nähgeschirr zusammen und küßte ihre Mutter: »Gute Nacht, Mutting!« – und ging in ihre Schlafkammer. Die Müllerfrau saß noch eine Zeitlang still in Gedanken und seufzte: »Recht hat sie, und unser Herrgott mag alles zum Besten regieren!« – Sie ging ebenfalls zu Bett, und alles lag in tiefer Ruhe; nur die Mühle, die drehte sich ohne Ruh und Rast und klapperte und jagte, und die Arme griffen nach links und nach rechts in wilder Hast, wie ein Mensch, der in Bedrängnis und Not sitzt und sich abarbeitet und sich quält, um heraus zu kommen aus dem Staub der Tagesfron; und vom Mühlrad troff das Wasser herunter, als war's der bittersaure Schweiß, und tief unten im Grunde da rauschte der Bach mit eintöniger Rede und eintönigem Sang: »Das hilft dir nicht! das hilft dir nicht! Ich bin dein Herz. So lange ich fließe mit Welle auf Welle, mit Wunsch auf Wunsch, so lange hast du keine Ruh. Wenn aber die Ernte kommt, und das Korn reift, dann wird mein Strom sachte fließen, dann macht der Müller das Wehr zu; dann steht alles still, und dann ist Sonntag.« Dat drüdde Kapittel Drittes Kapitel Worüm Fritz Sahlmann 'ne Mulschell kriegt un de Uhrkenmaker de ganze Nacht mit Mamsell Westphalen ehr Gardinenbeddstell in de Stuw' herümmerführt, un worüm de französche Oberst in 'ne rode Beddeck bi den Uhrkenmaker taum Besäuk kümmt. Warum Fritz Sahlmann eine Maulschelle kriegt, und der Uhrmacher die ganze Nacht mit Mamsell Westphals Gardinenbettstelle in der Stube herumfährt, und warum der französische Oberst in einer roten Bettdecke beim Uhrmacher zu Besuch kommt. As de Möller den Sloßweg dalführt was, gung de Herr Amtshauptmann nah sin Stuw' tau, kihrt äwer wedder üm, gung up Herr Droin los un frog: »Wat bün ick Sei schüllig, min leiw' Droz?« – Na, de säd nu so gaud as hei kunn: hei hadd dat girn dahn, denn die Allemange sei nun seine Patrie un hei wir tuh för de Patrie. – »Dat mein ick nich«, säd de oll Herr, »ick mein för min Taschenuhr, de Sei mi t'recht makt hewwen.« – Dat wir allens betahlt, säd Herr Droz, die kleine Garßong, die Fritz Sahlmann, hadd allens richtig makt. – »Dat weit ick woll«, säd de oll Herr, »äwer min leiw' Droz, einen Uhrkenmaker möt einer nich blot dorför betahlen, dat hei an de Uhr wat makt hett, ne, ok dorför, dat hei dor nicks an makt hett, un wil Sei dit nich dahn hewwen, dorüm hir , min leiw' Droz«, un drückt ein twei Daler in de Hand un gung in't Hus. »Na«, säd Mamsell Westphalen, »lat em gahn! Hei is en ollen wunderlichen Heiligen; äwer hei meint dat gaud. Äwer Herr Droi, nu kamen S' mit rin un däuen S' sick en beten up in min Stuw', denn bi dit oll grusig Weder kann einen de Seel in'n Liw friren warden.« Herr Droi gung ok mit, un as sei sick knapp dal set't hadden, kamm Fritz Sahlmann herin mit den Franzosen sinen Pirdswanz up den Kopp un den blanken Säbel in de Hand un hadd sick in alle Geswindigkeit en Snurrbort mit en Lichtäsel makt. Swabb! hadd hei einen von Mamsell Westphalen ehr Ort an de Uhren: »Uhlenspeigel!«, un sei ret em den Blackpott von den Kopp un den Säbel ut de Hand un stellt sei achter ehr Bedd: »Uhlenspeigel! An so'n Abend, wo wi all in Nöten sitten, willst du din Hanswurstenstreich maken? – Gah leiwerst runne nah Herr Droin sine leiwe Fru, un en Kumpelment von mi, sei süll sick nich ängsten, Herr Droi wir bi mi in min Stuw' un Gefohr hadd dat hir gor nich.« Als der Müller den Schloßweg hinuntergefahren war, ging der Herr Amtshauptmann auf seine Stube zu, kehrte aber wieder um, kam auf Herrn Droz los und fragte: »Was bin ich Ihnen schuldig, mein lieber Droz?« Na, der sagte denn nun so gut, wie er konnte, er hätte es gern getan, denn die Allemagne sei nun seine Patrie, und er sei tout for die Patrie . – »Das meine ich nicht,« sagte der alte Herr; »ich meine für meine Taschenuhr, die Sie mir zurecht gemacht haben.« – Das wäre alles bezahlt, antwortete Herr Droz; die kleine garçon die Fritz Sahlmann, hätte alles richtig gemacht. – »Das weiß ich wohl,« sagte der alte Herr; »aber, mein lieber Droz, einen Uhrmacher muß man nicht bloß dafür bezahlen, daß er an einer Uhr was gemacht hat, nein, auch dafür, daß er nichts daran gemacht hat – und weil Sie das nicht getan haben, darum hier, mein lieber Droz« – und drückte ihm zwei Taler in die Hand und ging ins Haus. »Na,« sagte Mamsell Westphal, »lassen Sie ihn gehn! Er ist ein wunderlicher alter Heiliger, aber er meint es gut. Aber Herr Droi, nun kommen Sie mit 'rein und tauen Sie sich in meiner Stube ein bißchen auf, denn bei diesem alten grausigen Wetter kann einem ja die Seele im Leibe gefrieren.« Herr Droz kam auch mit, und als sie sich kaum hingesetzt hatten, kam Fritz Sahlmann herein, des Franzosen Pferdeschwanz auf dem Kopf und den blanken Säbel in der Hand, und hatte sich in aller Geschwindigkeit mit einer Lichtschnuppe 'nen Schnurrbart gemalt. Schwabb! hatte er einen von Mamsell Westphals Sorte an den Ohren: »Eulenspiegel!« Und sie riß ihm den Suppentopf vom Kopf und den Säbel aus der Hand und stellte sie hinter ihr Bett. »Eulenspiegel! An so einem Abend, wo wir alle in Nöten sitzen, willst du deine Hanswurststreiche machen? Geh lieber 'runter zur lieben Frau vom Herrn Droi und: ein Kompliment von mir, sie sollte sich nicht ängsten; Herr Droi wäre bei mir in meiner Stube, und Gefahr wäre hier gar nicht vorhanden.« Fritz Sahlmann geiht, un nu sitten sei dor un vertellen sick von ollen un nigen Tiden; dat heit, wat Herr Droi vertellt, dat versteiht Mamsell Westphalen man sihr slicht, un wat Mamsell Westphalen vertellt, dat versteiht Herr Droi nich recht. »Er sein bong!« seggt Droi un klimpert mit de beiden Dalers in de Hand herüm. – »Ja woll«, seggt Mamsell Westphalen, »sünd sei gaud. – Meinen Sei, dat de Herr Amtshauptmann Sei falsch Geld gewen ward?« – »Ah, nicks falsch Geld! Ick meinen ihn lüi mehm«, seggt Herr Droi un wis't mit den Finger nah baben. – »Ach so, Sei meinen den Herrn Amtshauptmann! Ja woll is hei bong, äwer je öller hei ward, je wunderlicher ward hei, denn hei makt de Nacht taum Dag, Herr Droi. Seihn S', dor möt ick nu sitten un möt braden un rösten in de Nacht herin, denn hei ett sin Abendbrod irst nachts Klock elwen, un't ward ok woll twölw; un wenn dat leiw' Eten verdrögt un verbradt is, denn schellt hei, un de Fru Amtshauptmannen is man sihr weikmäudig un kriggt denn dat Rohren. Denn segg ick: ›Fru Amtshauptmannen, wat hulen S'? Känen wi dörför, dat hei lewt as en Unchrist? – Laten S' dat Hulen, wi hewwen en gaud Gewissen!‹ Äwer, Herr Droi, dat is en swor Stück för mi, hir tau sitten as 'ne einsame Person un tautauhüren, wo de Stormwind üm dat Sloß rümme brus't, de Regen ankloppt an de Finstern, de Ulen schri'n un de Togwind dörch de Gäng' hult, as wiren de bösen Geister los. – Nu hüren S' blot, wat is dat wedder för en' Weder! – Herr Droi, Sei grugen sick woll gor nich?« – »Ah, nong«, seggt Herr Droi, sitt äwer still un horkt nah dat Weder rut un seggt endlich: »Attangdeh, dü Tonnähr!« – »Wat Pommdetähr?« fröggt Mamsell Westphalen, »wat hett dat Weder in dese Johrstid mit de Tüften tau dauhn?« – »Ick meinen nich die kleine Garßong mit die graue Jack, ick meinen« – un hei rückt mit den Finger krüz un quer in de Luft – »ick meinen der helle Szik-Szak mit Rumpel, Pumpel, Rattetetah.« – »Denn hewwen Sei recht, Herr Droi«, seggt Mamsell Westphalen, »denn bute geiht dat würklich: Rumpel, Pumpel, Rattetetah.« – »Ah«, seggt Herr Droi, »das sein deh Tambur, das sein meine Kamerad, die Grenadier«, un sprung up un marschiert up un dal mit de Borenmütz up den Kopp, denn hir was't hoch naug dortau, un stunn denn wedder still: »Hork! Sie marschier auf die Marsché, auf die Markt!« un »Hork! Das sein die grang Kanong, die swere Geßütz!« Un Mamsell Westphalen sitt dor un hett de Hän'n in den Schot un kickt em an un schüddelt den Kopp un seggt: »Wo dat doch einmal insitt! Hei 's süs en orndlich Minsch, üm wat stellt hei sick denn nu so wütig an? 't is as mit de ollen Fuhrlüd', wenn sei nich mihr führen känen, mägen sei noch ümmer klappen.« Fritz Sahlmann geht, und nun sitzen sie da und erzählen von alten und neuen Zeiten; das heißt: was Herr Droz erzählt, das versteht Mamsell Westphal nur sehr schlecht, und was Mamsell Westphal erzählt, das versteht Herr Droz nicht recht. »Er sein bon !« sagt Droz und klimpert mit den beiden Talern in der Hand. »Jawohl sind sie gut!« ruft Mamsell Westphal. »Meinen Sie, der Herr Amtshauptmann werde Ihnen falsches Geld geben?« – »Ah, nix falsch Geld! Ich meinen ihn lui-méme ,« sagt Herr Droz und zeigt mit dem Finger nach oben. – »Ach so, Sie meinen den Herrn Amtshauptmann! Jawohl ist er bong , aber je älter er wird, desto wunderlicher wird er, denn er macht die Nacht zum Tage, Herr Droi. Sehn Sie, da muß ich nun sitzen und muß braten und rösten in die Nacht hinein, denn er ißt sein Abendbrot erst nachts um elf, und 's wird auch wohl zwölf; und wenn das liebe Essen vertrocknet und verbraten ist, dann schilt er, und Frau Amtshauptmann ist so sehr weichmütig und kriegt dann das Weinen. Dann sag' ich: ›Frau Amtshauptmann, was heulen Sie? Können wir dafür, daß er lebt wie ein Unchrist? Lassen Sie das Heulen, wir haben ein gutes Gewissen!‹ ... Aber, Herr Droi, das ist ein schweres Stück für mich, hier zu sitzen als 'ne einsame Person und zuzuhören, wie der Sturmwind ums Schloß 'rum braust, der Regen anklopft an die Fenstern, die Eulen schreien und der Zugwind durch die Gänge heult, als wären die bösen Geister los ... Nun hören Sie bloß, was ist das wieder für 'n Wetter! ... Herr Droi, Sie graueln sich wohl gar nicht?« – »Ah, non !« sagt Herr Droz, sitzt aber still und horcht nach dem Wetter 'raus und sagt endlich: » Attendez, du tonnerre! « – »Was, Pommdetähr?« fragt Mamsell Westphal? »was hat das Wetter in dieser Jahreszeit mit den Kartoffeln zu tun?« – »Ick meine nich die kleine garçon mit die graue Jack, ick meinen« – und er fährt mit dem Finger kreuz und quer durch die Luft – »ick meinen der helle Szick-Szack mit Rumpel, Pumpel, Rattetetah!« – »Dann haben Sie recht, Herr Droi; denn draußen geht es wirklich: Rumpel, Pumpel, Rattetetah.« – »Ah!« ruft Herr Droz. »Das sein des tambours , das sein meine Kamerad, die Grenadier!« Und springt auf und marschiert auf und nieder mit der Bärenmütze auf dem Kopf – denn hier war's hoch genug dazu – und steht dann wieder still: »Hork, sie marschier auf die marché , auf die Markt!« Und: »Hork? das sein der grand canon , die swere Geszütz!« – Und Mamsell Westphal sitzt da und hat die Hände im Schoß und guckt ihn an und schüttelt den Kopf und sagt: »Wo das doch mal drin sitzt! Er ist sonst ein ordentlicher Mensch – um was stellt er sich denn nun so wütig an? 's ist wie mit den alten Fuhrleuten; wenn sie nicht mehr fahren können, knallen sie immer noch gerne mit der Peitsche.« Un't wohrt nich lang', dunn kümmt Wewer Stahlsch in de Dör rin – dat was Mamsell Westphalen ehr dägliche Aportendräger un Apostel, de drog ehr dat Nige ut de Stadt tau, un för jeden Mund vull Niglichkeiten, den sei rup drog up't Sloß, drog sei ein Henkelpott vull Eten wedder raf –, hadd den Rock äwer'n Kopp namen un leckt as 'ne Dackrönn, schüddelt sick irst en pormal un säd dunn: »Brr, wat is't för'n Weder!« – »Dat ist dat, Fru Meistern«, säd de Mamsell – sei nennt sei ümmer »Fru Meistern«; »nich üm Stahlsch ehrentwillen«, säd sei, »ne, üm minentwillen, denn wat würden de Lüd' dortau seggen, wenn ick mi mit en gewöhnlich Frugensminsch afgew – ne! ick heww ok minen Stolz!« – »Mamselling«, säd de Fru Meistern, »ick kam ruppe: up de Mark grimmelt un wimmelt dat vull Franzosen, un hewwen en groten Hümpel Kanonen mitbröcht, un de Burmeister hett nah minen Mann schickt, de sall in dit Weder un in de düster Nacht up de Dörpe rümlopen un sall de Buren un de Häw tau Fuhrwark bestellen up morgen middag, un passen S' up, Sei krigen ok Inquartierung.« – »Dat weit de leiw' Gott!« seggt Mamsell Westphalen un geiht an de Dör un röppt Korlin un Fik, sei sälen Füer in de blag' Stuw' maken neben ehr an un sälen twei Bedden uprichten, denn de Düwel würd bald so'n grotmüligen französchen Obersten un so'n ßawwerig Krät von Adjudanten den Sloßbarg rup karen, un dreiht sick üm tau ehr Gesellschaft un seggt: »Dor känen sei liggen; un wenn dat Späuk in de blag' Stuw' en christlich Späuk is, denn warden sei just nich vel Rauh finnen in de Nacht, un dat günn ick ehr. Denn, Herr Droi«, seggt sei, »hir neben an späukt dat, glöwen Sei ok an Späuk?« – Herr Droi seggt: »Ne«, un't ward mitdewil buten en Upstand, un as Mamsell Westphalen rute kickt, kümmt richtig en französchen Oberst mit sinen Adjudanten rinne in de Husdör, un en por Ordonnanzen folgen achter drin. Sei warden in de blag' Stuw' bröcht, wo sei sick drög antrecken, un gahn dunn rup nah'n Herrn Amtshauptmann un eten dor Abendbrod. Und es dauerte nicht lange, da kam Stahlsche, die Webersfrau, in die Tür hinein, – das war Mamsell Westphals Apostel und tägliche Rapportbringerin; sie trug ihr das Neue aus der Stadt zu, und für jeden Mund voll Neuigkeiten, die sie aufs Schloß hinaufbrachte, trug sie einen Henkeltopf voll Essen wieder herunter – hatte den Rock über den Kopf genommen und leckte wie eine Dachrinne, schüttelte sich erst ein paarmal und sagte dann: »Brr, was ist das für'n Wetter!« – »Das ist es, Frau Meistern,« sagt die Mamsell – sie nannte sie immer ›Frau Meistern‹; »nicht wegen Stahlsche,« sagte sie, »nein, um meinetwillen, denn was würden die Leute dazu sagen, wenn ich mich mit einer gewöhnlichen Frauensperson abgebe – nein! ich habe auch meinen Stolz!« – »Mamselling,« sagte die Frau Meistern, »ich komme 'rauf: auf dem Markt grimmelt und wimmelt es voll Franzosen, und haben einen großen Haufen Kanonen mitgebracht, und der Bürgermeister hat nach meinem Mann geschickt, er soll bei diesem Wetter und in der düstern Nacht auf den Dörfern 'rumlaufen, und soll die Bauern und die Hofpächter zu Fuhrwerk bestellen auf morgen mittag, und passen Sie auf, Sie kriegen auch Einquartierung.« – »Das weiß der liebe Gott!« sagt Mamsell Westphal und geht an die Tür und ruft Karline und Fiken, sie sollen in der blauen Stube neben der ihrigen Feuer machen und zwei Betten aufschlagen, denn der Teufel würde wohl bald so einen großmäuligen französischen Obersten und so eine spuckende Kröte von Adjutanten den Schloßberg hinaufkarren – und dreht sich zu ihrer Gesellschaft um und sagt: »Da können sie liegen; und wenn der Spuk in der blauen Stube ein christlicher Spuk ist, dann werden sie in der Nacht just nicht viele Ruhe finden, und das gönn' ich ihnen. Denn, Herr Droi,« sagte sie, »hier nebenan spukt es; glauben Sie auch an Spuk?« Herr Droz sagt: nein – und mittlerweile gibt es draußen einen Lärm, und als Mamsell Westphal hinaussieht, kommt richtig ein französischer Oberst mit seinem Adjutanten in die Haustür herein, und ein paar Ordonnanzen folgen hinterher. Sie werden in die blaue Stube gebracht, wo sie sich trocken anziehen, und gehen dann zum Herrn Amtshauptmann hinauf und essen da Abendbrot. Wildeß sitt Herr Droi deip in Gedanken, un hei seggt einmal äwer't anner: »Diabel!« un »Diangter!«, un as sei em fragen, kümmt hei endlich dormit rut: hei wir in grote Swulitäten un't künn sin Unglück sin, denn wenn hei mit sin Mondierung un de Borenmütz un Obergewehr un Unnergewehr ut de Stuw' güng un dörch de Straten, künn em de Ordonnanz seihn oder ein von de französchen Wachtposten oder so'n Ströper von Franzos', un sei kün'n em fragen: wo so? un woans?, un wenn hei denn nich Hals gewen künn, künn de Düwel sin Spill heww'n un de Geschicht von hüt nahmiddag künn rute kamen, un wat denn ?« – Herr Droi«, seggt Mamsell Westphalen, »dat is en slimm Stück! Den Slüngel, den Fritz Sahlmann sin Tüg känen Sei nich antrecken, denn wenn Sei ok Ehr leiw' Middelstück dorinne premsen wullen, wo bliwen de En'n? – Un von den Herrn Amtshauptmann sin Tüg? Ne, Herr Droi, verlangen S' nich von mi so 'ne Undaht, denn dat wir jo, as süll ick mit eigne Hand dat Sloß anstecken. Un anner Mannslüd' hewwen wi, Gott sei Dank, nich hir. – Äwer Herr Droi, Sei hewwen uns hüt nahmiddag ut grote Not reddt, un dorüm redd ick Sei wedder. Ehr Fru weit, dat Sei hir baben unner Christenminschen sünd; Sei sälen des' Nacht in min Gardinenbeddstäd slapen, ick legg Sei frisch Laken up, un ick slap bi dat Stubenmäten. Fru Meistern, kamen S'!« Dormit geiht sei ut de Dör, un't wohrt nich lang', dunn kümmt sei wedder rin un deckt frisch Laken äwer dat Bedd un fröggt wedder: »Herr Droi, grugen Sei sick ok?« – Herr Droi seggt wedder: »Ne«, un sei seggt: »Dat is schön! Denn männigmal geiht dat hir nebenan up 'ne sonderbare Ort üm, ›tap! tap! tap!‹, äwer hir kümmt dat nich rinne, ick heww en Haufisen up min Dör nageln laten. – Nu hür mal einer! Nu hür mal einer! Nu gahn de Franzosen hir bian ok tau Bedd. Nu hür mal einer dat Gesnater! – Herr Droi«, fröggt sei lis', »känen Sei dat all verstahn?« – »Wui«, seggt Herr Droi. – »Ick glöw't«, seggt sei, »denn de Wand is sihr dünn. Dit was irst 'ne grote Stuw', nu sünd dor äwer twei ut makt worden. – Na, gun Nacht ok, Herr Droi! Fru Meistern, kamen S'!« – Herr Droi seggt ok sin gun Nacht up Französch, süht äwer ut, as hadd hei noch wat up den Harten, wat hei nich seggen künn oder nich seggen müggt, un Mamsell Westphalen seggt sachten tau de Fru Meistern: »Fru Meistern, Sei sünd 'ne verfrigte Fru, för mi paßt sick dat nich, seggen S' den Mann Bescheid«, un geiht. As sei furt is, geiht de Uhrkenmaker mit de Fru Meistern ok rut. Unterdessen sitzt Herr Droz tief in Gedanken und sagt einmal übers andere: » Diable! « und » Diantre! « – und als sie ihn fragen, kommt er endlich damit heraus: er wäre in großen Schwulitäten, und es könnte sein Unglück sein, denn wenn er mit seiner Montur und der Bärenmütze und Obergewehr und Untergewehr aus der Stube ginge und durch die Straßen käme, dann könnte ihn die Ordonnanz sehen oder einer von den französischen Wachtposten oder irgend ein herumstrolchender Franzos, und sie könnten ihn fragen: »Wie und wer? und woher und wohin?« Und wenn er dann nicht Rede stehen könnte, dann möchte vielleicht der Teufel sein Spiel treiben und die Geschichte von heute nachmittag könnte herauskommen, und was dann? »Herr Droi,« sagt Mamsell Westphal, »das ist ein schlimmes Stück! Des Schlingels, des Fritz Sahlmanns Zeug können Sie nicht anziehen, denn wenn Sie auch Ihr liebes Mittelstück hineinpressen wollten, wo bleiben die Enden? – Und von des Herrn Amtshauptmanns Zeug? Nein, Herr Droi, verlangen Sie nicht von mir solche Untat, denn das wäre ja, als sollte ich mit eigener Hand das Schloß anzünden! Und andere Mannsleute haben wir, Gott sei Dank, nicht hier. – Aber Herr Droi, Sie haben uns heute nachmittag aus großer Not gerettet, und darum rette ich Sie wieder. Ihre Frau weiß, daß Sie hier oben unter Christenmenschen sind; Sie sollen diese Nacht in meiner Gardinenbettstelle schlafen, ich lege Ihnen frische Laken auf, und ich schlafe beim Stubenmädchen. Frau Meistern, kommen Sie!« Damit geht sie aus der Tür, und es dauert nicht lange, da kommt sie wieder herein und deckt frische Laken über das Bett und fragt wieder: »Herr Droi, graueln Sie sich auch?« – Herr Droi sagt wieder: »Nein,« – und sie sagt: »Das ist schön! denn manchmal geht es hier nebenan auf eine sonderbare Art um: ›Tap, tap, tap!‹ – Aber hier kommt es nicht hinein, ich habe ein Hufeisen auf meine Tür nageln lassen. – Nun höre mal einer! Nun höre mal einer! Nun gehen die Franzosen hier nebenan auch zu Bett. Nun höre mal einer das Geschnatter! Herr Droi,« fragt sie leise, »können Sie das alles verstehen?« – » Oui ,« sagt Herr Droz. – »Ich glaub's,« sagte sie, »denn die Wand ist sehr dünn; dies war früher eine große Stube; nun sind aber zwei daraus gemacht worden. – Na, gute Nacht auch, Herr Droi! Frau Meistern, kommen Sie!« – Herr Droz sagt auch seine gute Nacht auf Französisch, sieht aber aus, als hätte er noch etwas auf dem Herzen, was er nicht sagen könnte oder nicht sagen möchte, und Mamsell Westphal sagt leise zu der Frau Meistern: »Frau Meistern, Sie sind eine verheiratete Frau – für mich paßt sich das nicht; sagen Sie dem Mann Bescheid,« und geht. Als sie fort ist, geht der Uhrmacher mit der Frau Meistern auch hinaus. As sei all rut sünd, dunn wutscht wat äwer den Gang, wo de Nachtlamp brennt, in Mamsell Westphalen ehr Stuw' herin, dat is de Spitzbauben-Jung', de Fritz Sahlmann, un hett unner'n Arm en groten Klupen Is as en Hauttöppel grot, un as 'ne Katt springt hei up de Beddlad von Mamsell Westphalen ehr grot Gardinenkutsch in de Höcht un leggt den Isklumpen baben up den Himmel von dat Beddgestell un seggt tau sick: »Täuw, du olle Racker! Dit is för de Mulschellen, de ik kregen heww; dit sall di de upstigende Hitz woll käuhlen«, un dormit wutscht hei wedder rut ut de Dör. Als sie alle draußen sind, da witscht etwas über den Gang, wo die Nachtlampe brennt, in Mamsell Westphals Zimmer hinein – das ist der Spitzbubenjunge, der Fritz Sahlmann, hat unterm Arm einen großen Klumpen Eis, wie einen Hutkopf groß, und wie eine Katze springt er auf die Bettlade von Mamsell Westphals großer Gardinenbettstelle, legt den Eisklumpen oben auf den Himmel des Gestells und sagt zu sich: »Warte, du alter Racker! dies ist für die Maulschellen, die ich gekriegt habe; dies soll dir die aufsteigende Hitze wohl kühlen!« Und damit witscht er wieder aus der Tür. Herr Droi kümmt nu ok wedder rin, treckt sick ut, leggt »la grang Nationg« vör't Bedd up den Staul, pust dat Licht ut un leggt sick dal, reckt sick in dat schöne, weike Bedd lang ut un seggt: »Ah! Szeh bong!«, horkt nu up den Storm buten un up den Regen, wo de dal gütt, un up dat Resonnieren von de beiden Franzosen nebenan, doch endlich hürt dat Szackerieren up, un Herr Droi is grad so twischen Slapen un Waken, dunn geiht dat: tap – tap – tap. »Haha«, denkt Herr Droi up Französch, »dat is dat Späuk hir nebenan!« un horkt nu, wat sin Landslüd' woll dortau seggen warden. De liggen ganz still; äwer tap – tap – tap, geiht dat ruhig wider, un nu is det Herr Droin, as wenn't in sin Stuw' is. Ja, in sin Stuw' is't, un wenn't in sin Stuw' is, denn is't in de Dör rinne kamen, wo süll't süs rin kamen sin? Hei grippt also nah einen von sin Schauh un smitt nah de Dör hen, bautz! fohrt de Schauh gegen de Dör, un up den Gang bullert dat, as wenn't Gewitter inslagen hadd. De Franzosen nebenan fangen an sick tau rögen un reden mit enanner. Bald is dat indes wedder still; äwer tap – tap – tap, geiht dat wedder dicht bi Herr Droin sin Bedd. Herr Droi richt sick in En'n un bögt sick vöräwer, üm beter hüren tau känen – klatscht föllt em en Druppen up den kahlen Kopp – un klatsch! – noch ein up de krumme Näs', un as hei vör sick hengrippt, dunn fäuhlt hei, dat sin Äwerbedd so bi Lütten anfangt dörchtauweiken. »Diangter!« seggt hei, »dat Dack is nich dicht, un dat leckt dörch den Bähn. Wat nu?« Hei verföllt natürlich glik up dat vernünftigste Mittel, up wat en Minsch in so'n Ümstän'n verfallen kann, hei will mit sin Bedd ümtrecken; hei steiht also up un fangt mit de olle swere Beddlad t'Ens den Kopp an tau schurren, denkt äwer nich an den Franzosen sin Kaskett un Säbel, de in de Eck stahn, un – hest nich geseihn – schurrt dat an de Wand entlang un klappert un rummelt up den Fautbodden dal. Herr Droi verfirt sick nich slicht un steiht un horkt, un – richtig! – de beiden Franzosen sünd upwakt von den Spektakel un schellen un futern. Hei denkt äwer, dat mag jo woll hulpen hewwn, un krüppt in't Bedd. Nu was de oll Isklumpen äwer all schön dörchdäu't, un dat pirrt natürlich in dat Bedd herin; hei liggt 'ne Wil, äwer dat löppt ümmer düller, dat ward em all so käuhlhaftig, dat Water sleiht all dörch, un hei denkt – natürlich up Französch –: »Nu slapen s' woll. Wenn du dat Fauten'n nu so nahbringen künnst, denn müggst du jo woll von de Leck loskamen«; steiht up un rückt dat Fauten'n los, – bautz! – föllt sin Obergewehr de Wand entlang up den Fautbodden, un hett dat irst nicht knallt, denn knallt dat nu. Herr Droz kommt nun auch wieder herein, zieht sich aus, legt › la grande nation ‹ vor das Bett auf den Stuhl, pustet das Licht aus und legt sich nieder, streckt sich in dem schönen weichen Bett lang aus und sagt: » Ah! c'est bon! « – horcht nun auf den Sturm draußen und auf den Regen, der vom Himmel herniedergießt, und auf das Räsonnieren der beiden Franzosen nebenan; doch endlich hört das Sackerieren auf, und Herr Droz ist gerade so zwischen Schlafen und Wachen, da geht es: Tap–tap–tap. »Aha,« denkt Herr Droz auf Französisch, »das ist der Spuk hier nebenan!« – und horcht nun, was seine Landsleute wohl dazu sagen würden. Die liegen ganz still; aber tap–tap–tap – geht es ruhig weiter, und nun ist es Herrn Droz, als wäre es in seiner Stube ... Ja, in seiner Stube ist es, und wenn's in seiner Stube ist, dann ist's zur Tür hereingekommen – wo sollte es sonst hereingekommen sein? Er greift also nach einem von seinen Schuhen und schmeißt nach der Tür. Bauz! fährt der Schuh gegen die Tür, und auf dem Gang bullert es, als wenn das Gewitter eingeschlagen hätte. Die Franzosen nebenan fangen an sich zu rühren und reden miteinander. Bald ist es indessen still; aber tap–tap–tap– geht es wieder dicht bei Herrn Droz' Bett. Herr Droz richtet sich empor und beugt sich vorneüber, um besser hören zu können – klatsch! – da fällt ihm ein Tropfen auf den kahlen Kopf – und klatsch! – noch einer auf die krumme Nase, und als er vor sich hingreift, da fühlt er, daß sein Oberbett so bei kleinem anfängt durchzuweichen. » Diantre! « sagt er, »das Dach ist nicht dicht, und es leckt durch den Boden. Was nun?« Er verfällt natürlich gleich auf das vernünftigste Mittel, worauf ein Mensch in solchen Umständen verfallen kann: Er will mit seinem Bett umziehen. Er steht also auf und fängt an das Kopfende der alten schweren Bettstelle abzurücken, denkt aber nicht an des Franzosen Helm und Säbel, die in der Ecke stehen, und – hast du nicht gesehen! – schurrt es an der Wand entlang und klappert und rasselt auf den Fußboden nieder. Herr Droz bekommt keinen schlechten Schreck und steht und horcht, und – richtig! – die beiden Franzosen sind von dem Spektakel aufgewacht und schelten und futern. Er denkt aber: Das mag ja wohl geholfen haben – und kriecht ins Bett. Nun war der alte Eisklumpen aber schon schön durchgetaut, und natürlich läuft es in einem seinen Strahl ins Bett hinein. Er liegt eine Weile, aber es läuft immer mehr, es wird ihm schon so kühl, das Wasser schlägt schon durch, und er denkt – natürlich auf Französisch: – »Nun schlafen sie wohl. Wenn du nun auch noch das Fußende nachbringen könntest, kämest du ja wohl von dem Leck los« – steht auf und rückt das Fußende ab, – bauz! – fällt sein Obergewehr an der Wand entlang auf den Fußboden, und hat es erst nicht geknallt, dann knallt es jetzt. Dor stunn nu de arm Uhrkenmaker un bet sick up de Lipp un kau't sick up de Nägel un höll de Luft an, as wenn sin Atenhalen de Franzosen upwecken künn, de nebenan all ludhals' schimpfen un schandierten un »Szilangz« repen un an de Wand kloppten. »Kö fähr?« säd hei up Französch vör sick hen. »De irste Not möt kihrt warden, as dat oll Wiw säd, dunn slog s' den Backeltrog intwei un makt dat Sürwater dormit heit«, krop in dat Bedd un säd: »Gott sei Dank! Nu bün ick ut de Leck.« Hei was äwer ut den Regen in de Drupp kamen, denn – strull! – göt dat runner von den Bähn – strull! – göt dat in dat Bedd herin. Em würd ganz kolt un waterig tau Maud', as wir hei' ne Pogg in Frühjohrstid. – Dat hülp em allens nich, hei müßt wedder rut un müßt wedder ümtrecken; äwer lising, dat hei nicks ümstöten ded. Hei treckt in de ein Eck, dor was't doch vörher drög west, hei treckt in de anner Eck, dor was't doch ok drög west, un so führt hei de schöne lange Nacht mit de Gardinenkutsch in de Stuw' ümmer rund herüm, lising, ganz lising, äwer wo hei henkamm, was ok de Leck. Da stand nun der arme Uhrmacher und biß sich auf die Lippen und kaute an den Nägeln und hielt die Luft an, wie wenn sein Atemholen die Franzosen aufwecken könnte, die nebenan schon aus vollem Halse schimpften und fluchten und › Silence! !‹ riefen und an die Wand klopften. » Que faire? « dachte er auf Französisch; »der ersten Not muß abgeholfen werden, wie das alte Weib sagte, da schlug sie den Backtrog entzwei und machte damit das Säuerwasser heiß,« – kroch ins Bett und sagte: »Gott sei Dank! nun bin ich aus dem Leck.« Er war aber aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn – strull! – goß es vom Boden herunter, – strull! – goß es ins Bett hinein. Ihm wurde ganz kalt und wässerig zumute, als wäre er ein Frosch zur Frühjahrszeit. Es half ihm alles nichts, er mußte wieder heraus und mußte wieder umziehen; aber ganz, ganz leise, um nichts umzustoßen. Er zog in die eine Ecke, da war's doch vorhin trocken gewesen; er zog in die andere Ecke, da war's doch auch trocken gewesen – und so fuhr er die schöne lange Nacht mit der Gardinenkutsche in der Stube immer rund herum, leise, ganz leise – aber wo er hinkam, war auch der Leck. So stunn hei denn nu in'n blanken Hemd midden in de Stuw' un sünn un sünn, wo dit woll wir un wo dat woll wir, un slog sick endlich up Französch mit de Hand vör'n Kopp un säd: »Ick Schapskopp!«, denn em was en Licht upgahn. Dat heit in'n Kopp, denn in de Stuw' was't düster, un Licht müßt hei doch hewwen. Hei slek sick also lising rut up den Gang, un – richtig! – dor brennt ok de Lamp noch; hei stek sin Licht an, gung t'rügg, lücht nah den Beddhimmel rup, sach dor wat baben liggen, säd: »Ah, Cannalje!«, steg up de Beddlad, kunn't äwer nich langen. Hei reckt sick nah Mäglichkeit un grawwelt up den Isklumpen rüm, de was äwer tau gliwwerig, hei let sick nich faten. Parblöh! Einen halwen Toll länger! Hei leggt sick mit aller Gewalt in't Geschirr – knack! seggt de Himmel, un Himmel un Isklumpen un Droi, allens föllt gegen de Franzosen ehr Wand, un dor liggt Herr Droi unner de unschülligen witten Gardinen un ampelt mit de nakten Beinen in de Luft herüm, as künnen de vertellen, wo ehren Herrn tau Maud' was. So stand er denn nun im blanken Hemd mitten in der Stube und sann und sann, wie dies wohl wäre und wie das wohl wäre – und schlug sich endlich auf Französisch mit der Hand vor den Kopf und sagte: »Ich Schafskopf« – denn ihm war ein Licht aufgegangen. Das heißt im Kopf, denn in der Stube war es dunkel, und Licht mußte er doch haben. Er schlich sich also leise nach dem Gang heraus, und richtig – da brannte auch die Lampe noch. Er steckte sein Licht an, ging zurück, leuchtete nach dem Betthimmel hinauf, sah dort oben etwas liegen, sagte »Ah, Canaille« , stieg auf die Bettlade, konnte das Ding aber nicht erreichen. Er streckte sich nach Möglichkeit und grabbelte auf dem Eisklumpen herum; der war aber zu schlüpfrig, er ließ sich nicht fassen. Parbleu! Einen halben Zoll länger! Er legt sich mit aller Gewalt ins Geschirr – knack – sagt der Himmel, und Himmel und Eisklumpen und Droz, alles fällt gegen die Wand der Franzosen an, und da liegt Herr Droz unter den unschuldigen weißen Gardinen und strampelt mit den nackten Beinen in der Luft herum, als könnten die erzählen, wie's ihrem Herrn zumute ist. Mit einmal geiht de Dör up, un herinne kümmt de französche Oberst un hett sick gegen de Verküllung 'ne rode wullin'tlinnen Beddeck ümnamen un höllt 'ne duwweltlöpig Pistol vör sick hen, un achter em steiht mit en blanken Degen un süs noch mit allerlei Blanks sin Adjudant. – Herr Droi rappelt sick ut den Himmel rut, stülpt sick de Borenmütz up den Kopp, richt sick steidel in En'n, leggt de Hand an de Mütz un seggt: »Bong Swar, mong Colonnel!« – De Oberst, de kickt em an, de Adjudant kickt den Obersten an, sei hüren, dat sei mit en Franzosen tau dauhn hewwen, sei seihn de swarten Stifeletten un de ganze »grang Nationg« vör dat Bedd liggen, sei seihn Obergewehr un Unnergewehr, un – wat düller is as dull – sei seihn den Säbel un den Pirdswanz von den Schassür. Wat heit dit? un wat sall dit? – Herr Droi stamert up sine Ort wat taurecht, Herr Droi fangt an, von Marengo un Jena tau vertellen, Herr Droi fangt an tau leigen, Herr Droi lüggt wunderschön, man schad, sei glöwen em nich. In de Stuw' un up den Gang ward dat en Höllenlarm, de Oberst schellt Herrn Droin für en Dissentür un en Marodür, de Adjudant röppt äwer de Ordonnanzen; de Ordonnanzen störten von de ein Sid von den Gang in Hast un korten Tüg' vör, as wir wer in't Water follen un sei wullen em nahspringen, ahn sick de Hosen natt tau maken; von de anner Sid rückt Mamsell Westphalen mit dat Stubenmäten un de Käksch vör un hett 'ne grote Stallücht in de Hand, süs äwer man in sihr bedrängten Kledungsümstän'n. Sei höllt sick de Hand vör de Ogen, as wir sei ganz blen'nt von de Stallücht, un äwer ehr Schuller kickt de Stubendirn un seggt tau de Käksch: »Herre je, doch! kik, Korlin...!« – »Schäm di wat«, seggt Mamsell Westphalen, »wat sall sei kiken? Wat hest du tau kiken? Un wat is hir tau kiken? – Wi sünd hir wegen dat unchristlich Wesen bi Nachtslapentid, un wil dat Herr Droin sin Stimm ut Ängsten un Nöten tau uns raupen hett. Un nu dreiht jug üm!« – De beiden Dirns un Mamsell Westphalen dreihn sick nu üm un wisen de Franzosen ehr Rüggsid, un de Mamsell seggt: »Herr französche Oberst, wat sall dit? wat is dit? un wat bedüd't dit? Wat laten Sei Herr Droin nich in min Stuw' ruhig slapen? Dit is en christlich Hus un en ruhig Hus, un so'n Upstand sünd wi hir nich gewennt.« Un set't halwlud för sick hentau: »Ein von't oll Takeltüg ward mi jo woll verstahn.« – De französche Oberst kickt sick an, wo hei dor steiht in sin rod Deck, un denn Herr Droin mit de Borenmütz up den Kopp un sinen spirrbeinigen Adjudanten, wo dei herümmer hüppen deiht in sinen Iwer, un Mamsell Westphalen ehr breide Achtersid, un dat Ganze kümmt em so nahrsch vör, dat hei lud anfangt tau lachen, un hei seggt up gaud Dütsch: sei süll man wider reden, hei künn ehr gaud naug verstahn, denn hei wir en Dütscher, hei wir en Westfal. – »So schriw ick mi ok!« seggt Mamsell Westphalen. – De Oberst lacht un seggt: hei wir blot en Westfal, heiten ded hei von Toll. – Mamsell Westphalen makt en deipen Knix von achter: »Um Vergebung tau fragen: sünd Sei villicht 'ne Fründschaft von den Herrn Postmeister un Gastwirt Tollen hir unnen in de Stadt?« – Dat nich! säd de Oberst; äwer em würd nahgrad friren; de Ordonnanzen süllen bi Herr Droin bliben, denn hei würd woll'n französchen Dissentür sin, un sei süllen ok nahforschen, wo de französche Schassür blewen wir, den Säbel un Kaskett hüren ded. – Herr Droi fung nu wedder an tau leigen, un Mamsell Westphalen schämt sick in sine Seel un dreiht sich in'n Arger rüm un seggt: »Schämen S' sick, Herr Droi, den Lehnstaul för't Öller mit Slichtigkeiten tau pulstern, dat giwwt en hart Küssen för't Gewissen. Un schämen S' sick, Herr Droi, wecke anstännig Mannsminsch set't sick irst de Mütz up un treckt sick nahst irst de Hosen an!« Dreiht sick üm, un as sei gewohr ward, dat dat Stubenmäten sick ok ümdreiht hett, giwwt sei ehr en lütten Fuck in de horten Ribben un seggt: »Dumme Dirn!« un makt wedder en deipen Knix von achter un seggt: »Mine Empfehlung, Herr Oberst von Toll!« un marschiert mit de beiden Dirns af. De annern gungen ok, un bald würd denn allens still, un de Herr Amtshauptmann hadd kein Ahnung dorvon, wat in sinen Hus' passieren ded, denn hei slep den Slap der Gerechten. Mit einem Mal geht die Tür auf, und herein kommt der französische Oberst; der hat sich zum Schutz gegen Erkältung eine rote wollene Bettdecke umgenommen und hält ein doppelläufiges Pistol vor sich hin, und hinter ihm steht mit einem blanken Degen und sonst noch mit allerhand Blankem sein Adjutant. Herr Droz rappelt sich aus dem Betthimmel heraus, stülpt sich die Bärenmütze auf den Kopf, richtet sich stramm empor, legt die Hand an die Mütze und sagt: »Bon soir, mon colonel!« – Der Oberst, der guckt ihn an, der Adjutant guckt den Obersten an; sie hören, daß sie mit einem Franzosen zu tun haben, sie sehen die schwarzen Stiefeletten und die ganze grande nation vor dem Bett liegen, sie sehen Obergewehr und Untergewehr und – was toller ist als toll – sie sehen den Säbel und den Pferdeschwanz des Chasseurs. Was heißt dies? und was soll dies? Herr Droz stottert auf seine Art sich was zurecht, Herr Droz fängt an von Marengo und Jena zu erzählen, Herr Droz fängt an zu lügen, Herr Droz lügt wunderschön – nur schade, sie glauben ihm nicht. In der Stube und auf dem Gang wird es ein Höllenlärm; der Oberst schilt Herrn Droz einen Deserteur und Marodeur, der Adjutant ruft nach den Ordonnanzen; die Ordonnanzen stürzen von der einen Seite des Ganges in Hast und kurzem Zeug vor, als wäre jemand ins Wasser gefallen und sie wollten ihm nachspringen, ohne sich die Hosen naß zu machen; von der anderen Seite rückt Mamsell Westphal mit dem Stubenmädchen und der Köchin vor und hat eine große Stallaterne in der Hand, ist sonst aber nur in sehr bedrängten Kleidungsumständen. Sie hält sich die Hand vor die Augen, als wäre sie ganz geblendet von der Stallaterne, und über ihre Schulter sieht das Stubenmädchen und sagt zur Köchin: »Herrjeh doch, herrjeh doch! guck, Karline ...« – »Schäm dich was!« sagt Mamsell Westphal: »was soll sie gucken; was hast du zu gucken; und was ist hier zu gucken? Wir sind hier wegen des unchristlichen Wesens bei nachtschlafender Zeit, und weil Herrn Droi seine Stimme aus Aengsten und Nöten zu uns gerufen hat. Und nun dreht euch um!« Die beiden Mädchen und Mamsell Westphal drehen sich nun um und zeigen den Franzosen ihre Rückseite, und die Mamsell sagt: »Herr französischer Oberst, was soll dies? was ist dies? und was bedeutet dies? Was lassen Sie Herrn Droi nicht in meiner Stube ruhig schlafen? Dies ist ein christliches Haus und ein ruhiges Haus, und solchen Aufstand sind wir hier nicht gewöhnt.« Und setzt halblaut für sich hinzu: »Einer von dem alten Takelzeug wird mich ja wohl verstehen.« – Der französische Oberst guckt sich an, wie er dasteht in seiner roten Decke, und dann Herrn Droi mit der Bärenmütze auf dem Kopf und seinen spindelbeinigen Adjutanten, der in seinem Eifer herumhüpft, und Mamsell Westphals breite Hinterseite – und das Ganze kommt ihm so närrisch vor, daß er laut herauslacht. Und er sagt auf gut Deutsch: Sie solle nur weiter reden, er könne sie gut genug verstehen, denn er sei ein Deutscher, er sei ein Westphale. – »So schreib ich mich auch!« sagt Mamsell Westphal. – Der Oberst lacht und sagt: er wäre nur ein Westphale; er hieße ›von Toll‹.–Mamsell Westphal macht einen tiefen Knix von hinten: »Um Vergebung – zu fragen: sind Sie vielleicht ein Verwandter von dem Postmeister und Gastwirt Toll hier unten in der Stadt?« – »Das nicht!« sagte der Oberst – aber er fing allmählich an zu frieren; die Ordonnanzen sollten bei Herrn Droz bleiben, denn der würde wohl ein französischer Deserteur sein, und sie sollten auch nachforschen, wo der französische Chasseur geblieben wäre, dem der Säbel und der Helm gehörten. – Herr Droz fing nun wieder zu lügen an, und Mamsell Westphal schämte sich in seine Seele und drehte sich in ihrem Aerger herum und sagte: »Schämen Sie sich, Herr Droi, den Lehnstuhl für's Alter mit Schlechtigkeiten zu polstern; das gibt ein hartes Kissen fürs Gewissen. Und schämen Sie sich, Herr Droi! Welcher anständige Mannsmensch setzt sich erst die Mütze auf und zieht sich nachher erst die Hosen an!« Damit dreht sie sich wieder um, und als sie gewahr wird, daß das Stubenmädchen sich auch umgedreht hat, gibt sie ihr einen kleinen Stoß in die kurzen Rippen und sagt: »Dumme Dirn!« und macht wieder einen tiefen Knix von hinten und sagt: »Meine Empfehlung, Herr Oberst von Toll!« – und marschiert mit den beiden Mädchen ab. Die andern gingen nun auch, und bald wurde denn alles still, und der Herr Amtshauptmann hatte keine Ahnung davon, was in seinem Hause passierte, denn er schlief den Schlaf des Gerechten. Dat virte Kapittel Viertes Kapitel. Woans den Möller den annern Morgen tau Maud' was; worüm Fridrich de Möllerfru as de Slang' ut den Paradisgorn vorkamm, un worüm Fiken de Meinung is, dat Jochen Vossen sin Sähn von Gott schickt is. Wie dem Müller am andern Morgen zumute war; warum Friedrich der Müllerfrau wie die Schlange aus dem Paradiesgarten vorkam, und warum Fiken der Meinung ist, daß Jochen Vossens Sohn von Gott geschickt sei. Den annern Morgen was Möller Vossen tau Maud', as hadd hei'n halw Dutzend Sparlings in den Kopp un snappten dor nah Brümmers, nich blot von wegen dat swer Gedränk von gistern abend, ne, in de Hauptsak von wegen den Franzosen. »Mutter«, säd hei, as hei sick de Stäweln antog, un wiwakt mit den Kopp so hen un her un kek so wiß in de Stäwelschächt rinne, »Rotwin is des Abends 'ne schöne Sak, äwer des Morgens kümmt hei mi ok man so vör as Bramwin un Brunbir. Indessen, kümmt ein äwer'n Hund, kümmt hei ok äwer'n Swanz; dat is blot mit den Franzosen! In't Krett hett hei legen, un Fridrich möt weiten, wo hei blewen is.« – »Vatting«, seggt sin Fru, »lat dat; Fridrich möt jo kamen, denn't is Tid tau't irste Frühstück.« – De Möller geiht rin in sin Dönsk un set't sick achter den Disch, wo de Mehlsuppschöttel steiht, un langt mit den Lepel tauirst in de Supp, un dorup langt Mutter tau un Fiken un tauletzt de beiden Deinstdirns – denn so was't dunn Mod, un von Koffe wüßt noch kein Möller wat. Am andern Morgen war dem Müller Voß zumute, als hätte er ein halbes Dutzend Sperlinge im Kopf, die nach Brummern schnappten – nicht bloß wegen des schweren Getränks von gestern abend, sondern in der Hauptsache wegen des Franzosen. »Mutter,« sagte er, als er sich die Stiefel anzog, und nickte dabei so mit dem Kopf hin und her und sah so steif in die Stiefelschäfte hinein: »Rotwein ist abends eine schöne Sache, aber morgens kommt er mir auch nur so vor wie Branntwein und Braunbier. Indessen – kommt einer über den Hund, so kommt er auch über den Schwanz; das Schlimme an der Geschichte ist bloß mit dem Franzosen! Im Krett hat er gelegen, und Friedrich muß wissen, wo er geblieben ist.« – »Vatting,« sagt seine Frau, »laß das; Friedrich muß ja kommen, denn es ist Zeit zum ersten Frühstück.« – Der Müller geht in seine Wohnstube und setzt sich hinter den Tisch, auf dem die Mehlsuppenschüssel steht, und langt mit dem Löffel zuerst in die Suppe, und darauf langt Mutter zu und Fiken und zuletzt die beiden Dienstmädchen – denn so war es damals Mode, und von Kaffee wußte noch kein Müller etwas. De Möller ett un leggt den Lepel hen: »Wo Fridrich woll bliwwt?« Hei ett wedder un geiht an't Finster un röppt äwer'n Hof: »Fridrich!« – Fridrich kümmt nich. – De Schöttel ward leddig, de Dirns dragen dat Geschirr rut, un de Möller seggt: »Wenn'ck en Knecht meid't heww, will'ck keinen Herrn in'n Hus' hewwen!« un will eben rut un den Knecht up den Deinst passen, dunn kümmt Fridrich in de Dör herin un dröggt wat unner'n Arm. – »Wo bliwwst du, Hallunk?« fröggt de Möller. – »Möller«, seggt Fridrich un treckt sin Klappmetz ut de Tasch un klemmt dat unner'n Dörendrücker, »wenn'n Sei sick so'ne Redensorten af, dat paßt sick nich för Sei un nich för mi. – Wenn will Gäus' in de Luft sünd, is slicht Arwten sei'n, un wenn snatrige Dirns in de Stuw' sünd, is slicht Geschichten tau vertellen. Dorüm heww ick so lang täuwt, bet de Dirns rut sünd. Un hir!« seggt hei un smitt wat up den Disch, dat dat binnen klimpert un klingt, »un hir, Möller Voß, is twors nich de Voß sülwst un ok nich sin Fell, äwer sin Fellisen!« – »Wat sall dit?« fröggt de Möller un fohrt in Hast äwer den Mantelsack her un snallt de Reims up. – »Wat dat sall?« seggt Fridrich, »dat mägen Sei seggen, dat's nich min Sak. Min Deil heww ick mi namen.« Der Müller ißt und legt den Löffel hin: »Wo Friedrich wohl bleibt?« Er ißt weiter und hört wieder auf und geht ans Fenster und ruft über den Hof: »Friedrich!« – Friedrich kommt nicht. Die Schüssel wird leer, die Mädchen tragen das Geschirr heraus und der Müller sagt: »Wenn ich einen Knecht gemietet habe, will ich keinen Herrn im Hause haben!« – und will eben hinaus und dem Knecht auf den Dienst passen, da kommt Friedrich zur Tür herein und trägt etwas unter dem Arm. – »Wo bleibst du, Halunke?« fragt der Müller. – »Müller,« sagt Friedrich und zieht sein Klappmesser aus der Tasche und klemmt es unter den Türdrücker; »gewöhnen Sie sich solche Redensarten ab, das paßt sich nicht für Sie und nicht für mich. – – Wenn wilde Gänse in der Luft sind, ist schlecht Erbsen säen, und wenn schnatterige Dirnen in der Stube sind, ist schlecht Geschichten erzählen. Darum hab ich so lange gewartet, bis die Mädchen draußen waren. Und hier!« sagt er und schmeißt etwas auf den Tisch, daß es drinnen klimpert und klingt, »und hier, Müller Voß, ist zwar nicht der Fuchs selbst und auch nicht sein Fell, aber sein Felleisen!« – »Was soll dies?« fragt der Müller und fährt in Hast auf den Mantelsack los und schnallt die Riemen auf. – »Was es soll?« sagt Friedrich, »das mögen Sie sagen, das ist nicht meine Sache. Meinen Teil hab ich mir genommen.« De Möller schüdd't den Mantelsack äwer den Disch ut, un en Pack sülwerne Lepel felen rut un grotes Sülwergeld un schönes, rundes, geles Gold, un 'ne lütt Schachtel kamm taum Vörschin, un as de Möllerfru de apen maken ded, dunn lagg dor Ring bi Uhrring, un de golden Keden slüngen sick dordörch as Slangen unner bunte Blaumen. »Gott bewohr uns!« schreg sei up un let de Schachtel fallen. Der Müller schüttete den Mantelsack auf den Tisch aus, und ein Packen silberner Löffel fiel heraus und großes Silbergeld und schönes rundes gelbes Gold; auch eine kleine Schachtel kam zum Vorschein; und als die Müllerfrau diese öffnete, da lag darin Ring bei Ohrring, und die goldenen Ketten wanden sich hindurch wie Schlangen unter bunten Blumen. »Gott bewahre uns!« schrie sie aus und ließ die Schachtel fallen. Fiken hadd dor stahn un allens mit anseihn, un de Hän'n läden sick äwer ehr Bost, un ehr Ogen würden gröter un gröter, un blaß as de Dod smet sei sick äwer den Disch un äwer den golden un sülwernen Schatz un deckt de Arm doräwer un rep: »Dat is den Franzosen sin! Dat is den Franzosen sin! Dat is nich uns'!« Sei böhrt den Kopp up un kek ehren Vader an un sach ut, as hadd ein ehr 'n Metz in de Bost stött, un de Dodesangst lagg up ehr Gesicht, un sei säd: »Vatting, Vatting!« – Un de oll Möller satt dor un schow mit de Slapmütz up den Kopp herüm un kek sin Kind an un sin Angst un denn wedder dat blanke Geld, un mit einmal sprung hei up, dat hei binah den Disch ümstött hadd, un rep: »Gott in'n Himmel, ick weit von nicks, ick weit nich, wo hei blewen is, hei lagg in min Krett, dat weit ick!«, un ganz swack set't hei hentau: »Fridrich möt dat äwrig weiten.« – Fiken let dat Geld un sprung up Fridrichen in un schreg: »Wo is de Franzos' blewen?« – Fridrich stunn ruhig dor un kek sei mit sin oll isern Gesicht an un säd: »Gott bewohr uns, dat ward jo wol en orndlichen Gerichtsdag? – Fiken! Fiken! Wo? Seih ick denn ut as en Röwer un Mürder? – Den Franzosen heww ick mit min eigen Hand in'n Stemhäger Babenholt unner 'ne Bäuk leggt, un wenn em de Nacht nich tau käuhl worden is, denn liggt hei noch dor as 'ne Rott, denn hei was stiw dun.« – »Dat was hei«, seggt de Möller; un Fiken kickt Fridrichen an un ehren ollen Vader, de ok up Fridrichen sin Red' horkt, un seggt: »Fridrich, Fridrich! Wat kann ick dorför? Hei hett all ümmer so'ne Reden führt von Ümbringen un Franzosendodslahn«; un namm de Schört vör de Ogen, smet sick up de Bänk achter'n Aben un fung bitterlich an tau weinen. – »Dümurrjöh!« seggt Fridrich, »dat heww ick! Un wenn ick dit verdammte Patriottentakel mit de Hand dat Gnick ümdreihn künn, denn ded ick't; äwer'n Minschen, de sick nich wehren kann, un denn noch üm Geld un Gaud?«, brummt wat in'n Bort un gung an de Dör, treckt sin Klappmetz unner den Drücker rut, un as hei rut gahn wull, dreiht hei sick üm un seggt: »Möller, de Luft is nu rein, denn de beiden Dirns gahn nah'n Meßstreuen. Ick heww Sei nu den Kram gewen, äwerleggen S' sick de Sak woll. Willen Sei't behollen – gaud! För minentwegen, ick heww nicks dorwedder, denn nah minen dummen Verstand heww'n Sei Recht dortau. De Franzosen heww'n Sei mihr namen as dit, un willen Sei nich, dat doräwer redt ward, ick för min Part kann swigen. Willen Sei't äwerst an't Amt utliwern un sälen Sei dat beswören, dat dor nicks von afhannen kamen is, denn seggen Sei man, ick hadd min Deil dorvon namen.« – »Fridrich, Fridrich«, seggt de Möllerfru, »sett Hei sick in kein Ungelegenheiten un uns ok nich; denn in desen Ogenblick kümmt Hei mi vör as de Slang' ut den Paradisgorn.« – »Fru«, seggt Fridrich, »jedwerein möt weiten, wat hei tau dauhn hett. Vör twei Johren führt ick för Ratsherr Krügern tau Malchin mit Solt äwer'n Klaukowschen Kraug, un as ick min Zech dor betahlen wull un en Achtgröschenstück up den Disch läd, sprung so'n infame Spitzbauben-Schassür tau un grappst mi dat weg, un as ick mi dorwedder läd, kemen sei sülwt drei äwer mi her un slogen mi dat Fell so mör, dat ick dacht, ick süll an'n Lewen verzagen. De acht Gröschen heww ick mi wedder namen; äwer de Släg' behollen sei noch tau gaud. Un hett des' Kirl dat ok nich dahn, denn het't mäglich sin Brauder dahn oder sin Kamerad, un't bliwwt denn in de Fründschaft. De acht Gröschen beholl ick.« Un dormit gung hei ut de Dör. Fiken war dagestanden und hatte alles mit angesehen, und die Hände legten sich ihr über die Brust, und ihre Augen wurden größer und größer, und blaß wie der Tod warf sie sich über den Tisch und über den goldenen und silbernen Schatz und deckte die Arme darüber und rief: »Das gehört dem Franzosen! das gehört dem Franzosen! Das ist nicht unser!« Sie hob den Kopf in die Höhe und sah ihren Vater an und sah aus, als hätte einer ihr ein Messer in die Brust gestoßen, und die Todesangst lag ihr auf dem Gesicht, und sie rief: »Vater, Vater!« – Und der alte Müller saß da und schob die Schlafmütze auf dem Kopf herum und sah sein Kind an und dessen Angst und dann wieder das blanke Geld, und auf einmal sprang er auf, daß er beinahe den Tisch umgestoßen hätte, und rief: »Gott im Himmel, ich weiß von nichts! – Ich weiß nicht, wo er geblieben ist; er lag in meinem Krett, das weiß ich!« Und ganz schwach setzte er hinzu: »Friedrich muß das übrige wissen.« – Fiken ließ das Geld und sprang auf Friedrich zu und schrie: »Wo ist der Franzos geblieben?« – Friedrich stand ruhig da und sah sie mit seinem alten eisernen Gesicht an und sagte: »Gott bewahre uns, das wird ja wohl ein ordentlicher Gerichtstag? Fiken! Fiken! Wie? Seh ich denn aus wie ein Räuber und Mörder? Den Franzosen hatte ich mit meiner eigenen Hand im Stavenhäger Oberholz unter eine Buche gelegt, und wenn ihm die Nacht nicht zu kühl geworden ist, dann liegt er noch da wie eine Ratte, denn er war steif betrunken.« – »Das war er,« sagt der Müller; und Fiken sieht Friedrich an und ihren alten Vater, und dieser sagt: »Friedrich, Friedrich! was kann ich dafür? Er hat schon immer solche Reden geführt von Umbringen und Franzosentotschlagen.« Und Fiken nahm die Schürze vor die Augen, warf sich auf die Bank hinterm Ofen und fing bitterlich an zu weinen. – »Dümurrjöh!« sagt Friedrich, »das hab ich! und wenn ich diesem verdammten Patriotentakel mit der Hand das Genick umdrehen könnte, dann tät ich's, aber einem Menschen, der sich nicht wehren kann – und dann noch um Geld und Gut ...?« – brummte was in den Bart und ging an die Tür und zog sein Klappmesser unter dem Drücker heraus, und als er hinausgehen wollte, drehte er sich um und sagte: »Müller, die Lust ist nun rein, denn die beiden Mädchen gehen nach dem Miststreuen. Ich habe Ihnen nun den Kram gegeben, überlegen Sie sich die Sache gut. Wollen Sie's behalten – gut! Meinetwegen, ich habe nichts dagegen, denn nach meinem dummen Verstand haben Sie ein Recht dazu. Die Franzosen haben Ihnen mehr genommen als dies, und wollen Sie nicht, daß darüber geredet wird – ich für mein Part kann schweigen. Wollen Sie's aber ans Amt ausliefern, und sollen beschwören, daß nichts davon abhanden gekommen ist, dann sagen Sie nur, ich hätte meinen Teil davon genommen.« – »Friedrich, Friedrich,« sagt die Müllerfrau, »bringe Er sich in keine Ungelegenheiten und uns auch nicht, denn in diesem Augenblick kommt Er mir vor, wie die Schlange aus dem Paradiesgarten.« – »Frau,« sagt Friedrich, »jeder muß wissen, was er zu tun hat. Vor zwei Jahren fuhr ich für Ratsherrn Krüger in Malchin Salz und kehrte im Klockower Krug ein, und als ich meine Zeche bezahlen wollte und ein Achtgroschenstück auf den Tisch legte, sprang so ein infamer Spitzbubenchasseur zu und grappste mir's weg, und als ich mich dagegen wehrte, fielen sie selb dritt über mich her und schlugen mir das Fell so mürbe, daß ich dachte, ich sollte am Leben verzagen. Die acht Groschen habe ich mir wieder genommen; aber die Schläge behalten sie noch zugute. Und hat dieser Kerl es auch nicht getan, dann hat's vielleicht sein Bruder getan oder sein Kamerad, und so bleibt es in der Verwandtschaft. Die acht Groschen behalte ich.« Und damit ging er aus der Tür. De oll Möller was wildeß in de Stuw' up un dal gahn un hadd sick den Kopp rewen un sick in de Hor kratzt, hadd denn mal stillstahn un dat Geld anseihn, un as Fridrich ut de Dör was, gung hei an sin Schapp un halt den Kalenner von Adlers Erben in Rostock herut un kek dornah, wo hei all hunnertmal nah keken hadd, un süfzt vör sick hen: »Ja, morgen ist dat.« – Sin Fru stunn mit den Rüggen an de Stubenklock un slog einmal äwer't anner de Hän'n tausam un wunnerwarkt in'n stillen. – »Ja«, seggt de Möller, »wenn wi't behollen, sünd wi ut all uns' Not.« – »Ach Gott, Vatting!« seggt de Fru un kickt so verzagt tau em tau Höcht. – »Un stahlen hett de Kirl dat«, seggt hei wider, »de sülwernen Lepel hewwen en grotes Wapen, un wenn sick dat ok utfinnig maken let, wen de tauhürt hewwen, so is dat Geld von allerlei Ort, un de enzeln Stücken warden woll knapp in de richtige Tasch taurügg finnen.« – »Vatting«, seggt sin Fru, »du wagst den Hals, wenn de Kirl nu klagt, dat ji't em namen hewwt.« – »De ward dat Mul woll hollen, denn wenn de vertellen sall, wo hei tau dat Geld kamen is, denn warden s' em ok grad nich sin Lewlang mit Rosinen un Mandelkarn fettmaken. – Un hewwen wi't denn namen? – Dat Pird hewwen s' uns up den Sloß achter'n Wagen anbunnen, dat Pird hett den Mantelsack Fridrichen gistern in den Stall rinne dragen, un Fridrich hett en mi hüt morgen in de Stuw' rinne bröcht; wer seggt denn nu, dat ick't namen heww?« Un dorbi fung hei an, de Geldstücken utenanner tau lesen, un tellt sei in Reih un Glid. – »Je, hüren deiht't uns äwer nich«, seggt sin Fru. – «Wenn hürt't denn?« fröggt de Möller. »Den Franzosen hürt't ok nich, un wenn wi't em wedder gewen wullen, wo is hei?« – »Fridrich seggt jo: in'n Babenholt.« – »So?« fröggt de Oll. »Meinst du, dat de bi dit Weder von 's Abends Klock acht bet 's Morgens Klock nägen dor liggen ward? De ward lang sin Weg' gahn sin; un wer het mi tau befehlen, dat ick achter em an karjolen un em sin Geld nahdragen sall?« Dormit tellt hei wider, un de Fru set't sick dal un leggt de Hän'n in den Schot, kickt vör sick hen un süfzt: »Du möst dat weiten.« – Fiken sitt up de Bänk un weint sachten för sick hen. De Möller tellt dat Geld tau En'n un kickt af un an so unsäker nah Fiken räwer, un 't is denn ümmer, as wenn hei sick vertellen müßt. Endlich is hei dormit farig un stemmt de beiden Hän'n vör sick up den Disch un kickt dat Geld noch mal äwer un seggt: »Wenn ick dat Drüttelgeld un dat Gold tau preußschen Krant reken, denn sünd't äwer säbenhunnert Daler. Nu sünd wi ut all uns' Not.« – Dunn steiht Fiken up un drögt sick de Tranen af, un ehr Gesicht is ganz witt un ruhig, un sei seggt still för sick hen: »Uns' Not geiht nu irst an.« – »Fiken, red nich so«, seggt ehr Vader un kickt bi Sid weg. – »Von nu an«, seggt sei, »eten wi ungesegent Brod un slapen ungesegenten Slap, un du kannst dat Geld vergrawen un vergröwwst dinen ihrlichen Namen mit.« – »Von Vergrawen is kein Red«', seggt de Möller. »Ne, ick betahl ihrlich min Schulden dormit.« – »Ihrlich, Vatting? Un wenn't ok all so wir, as't nich is, ward de oll Herr Amtshauptmann nich fragen, mit wat för Geld du den Juden betahlt hest, un warden de Franzosen nich fragen, woher du dat Pird hest, un wer steiht di dorför, dat Fridrich reinen Mund höllt?« – De Oll makt en Gesicht, halw verdutzt un halw argerlich, un wull eben losbullern, as de Minsch deiht, wenn en anner em up 'ne Dummheit oder 'ne Unredlichkeit bedröppt. Hei will sick denn binnen dat Gewissen wegresonnieren, as de Kinner dauhn, wenn sei in'n Düstern singen un fläuten, üm sick dat Späuk von'n Liw' tau hollen. Der alte Müller war unterdessen in der Stube auf- und abgegangen und hatte sich den Kopf gerieben und sich in den Haaren gekratzt, war ab und zu einmal stehen geblieben und hatte das Geld angesehen, und als Friedrich aus der Tür war, ging er an seinen Schrank und holte den Kalender von Adlers Erben in Rostock heraus und sah das Datum an, das er schon hundertmal angesehen hatte, und seufzte vor sich hin: »Ja, morgen ist es.« – Seine Frau stand mit dem Rücken an die Stubentür gelehnt und schlug einmal übers andere die Hände zusammen und wunderwerkte im stillen. – »Ja,« sagt der Müller, »wenn wir's behalten, sind wir aus aller unserer Not.« – »Ach Gott, Vatting!« sagt die Frau und sieht so verzagt an ihm hinauf. – »Und gestohlen hat der Kerl es,« fährt er fort, »die silbernen Löffel haben ein großes Wappen, und wenn es sich auch ausfindig machen ließe, wem diese gehört haben, so ist doch das Geld von allerlei Art, und die einzelnen Stücke werden wohl kaum in die richtige Tasche sich zurückfinden.« – »Vatting,« sagt seine Frau, »du wagst den Hals; wenn der Kerl nun klagt, daß ihr's ihm genommen habt!« – »Der wird wohl den Mund halten, denn wenn er erzählen soll, wie er zu dem Gelde gekommen ist, dann werden sie ihn auch nicht gerade sein Leben lang mit Rosinen und Mandelkern fett machen! Und haben wir's denn genommen? Das Pferd haben sie uns auf dem Schloß hinterm Wagen angebunden; das Pferd hat den Mantelsack gestern Friedrich in den Stall hineingebracht; wer sagt denn nun, daß ich's genommen habe?« Und dabei fing er an, die Geldstücke auseinander zu lesen, und zählte sie in Reih und Glied auf. – »Ja, es gehört uns aber doch nicht,« sagt seine Frau. – »Wem gehört's dann?« fragt der Müller; »dem Franzosen gehört's auch nicht – und wenn wir's ihm auch wieder geben wollten, wo ist er?« – »Friedrich sagt ja: im Oberholz.« – »So?« fragt der Alte, »meinst du, daß der bei diesem Wetter von abends acht bis morgens neun dort liegen bleibt? Der wird längst seiner Wege gegangen sein; und wer hat mir zu befehlen, daß ich hinter ihm her karriolen und ihm sein Geld nachtragen soll?« Damit zählt er weiter, und die Frau setzt sich nieder und legt die Hände in den Schoß, sieht vor sich hin und seufzt: »Du mußt es wissen.« – Fiken sitzt auf der Bank und weint leise vor sich hin. Der Müller zählt das Geld zu Ende und sieht ab und an so unsicher nach Fiken hinüber, und dann ist es immer, als wenn er sich verzählen sollte. Endlich ist er damit fertig und stemmt die beiden Hände vor sich auf den Tisch und sieht noch einmal über das Geld hin und sagt: »Wenn ich das Drittelgeld Drittelgeld, die früher in Mecklenburg übliche Münze, eigentlich Drittel- und Zweidrittel-Talerstücke; auch in allgemeiner Beziehung in der Bedeutung ›Geld‹ gebraucht: »er hat Drittel« – heißt: »er hat Geld.« und das Gold zu preußischem Kurant rechne, dann sind es über siebenhundert Taler. Nun sind wir aus all unserer Not.« – Da steht Fiken auf und trocknet sich die Tränen, und ihr Gesicht ist ganz weiß und ruhig, und sie sagt still vor sich hin: »Unsere Not geht jetzt erst an.« – »Fiken, rede nicht so!« sagt ihr Vater und sieht zur Seite. – »Von nun an,« sagt sie, »essen wir ungesegnetes Brot und schlafen ungesegneten Schlaf, und du kannst das Geld vergraben und vergräbst deinen ehrlichen Namen mit!« – »Von vergraben ist keine Rede,« sagt der Müller. »Nein, ich bezahle ehrlich meine Schulden damit.« – »Ehrlich, Vater? Und wenn auch alles so wäre, wie es nicht ist – wird nicht der alte Herr Amtshauptmann fragen, mit was für Geld du den Juden bezahlt hast? und werden die Franzosen nicht fragen, woher du das Pferd hast? und wer steht dir dafür, daß Friedrich reinen Mund hält?« – Der Alte macht ein Gesicht, halb verdutzt und halb ärgerlich, und will eben lospoltern, wie's der Mensch tut, wenn ein anderer ihn auf einer Dummheit oder einer Unredlichkeit betrifft. Er will sich dann inwendig das Gewissen wegräsonnieren, wie es die Kinder tun, wenn sie im Finstern singen und pfeifen, um sich den Spuk vom Leibe zu halten. Äwer Fiken let dat dortau nich kamen, sei smet sick hastig an ehren Vader ran, slog de Arm üm em, kek em so wiß in de Ogen un rep: »Vatting! Vatting! drag dat Geld up't Amt, giww dat den ollen Amtshauptmann, hei hett seggt, hei will di dat gedenken, hei ward di dit ok gedenken. – Wo oft hest du mi vertellt von dinen ollen Vader, wo oft hest du mi seggt von din Moder, wo sei sick mit Spinnen hett ihrlich dörchhulpen bet an ehr En'n; wo oft hest du mi vertellt, wo du up din Wannerschaft den annern Handwarksburßen sinen Geldbüdel funnen un wo du em den wedder gewen hest, wo de Minsch sick freut hett un wo di tau Maud' west is!« – »Dat was jo ok ganz wat anners«, seggt de Möller, »ick wüßt jo, wen dat Geld hürt, un hir weit ick't nich un heww't jo ok nich stahlen un namen. Ick heww en gaud Gewissen.« Aber Fiken ließ es dazu nicht kommen, sie warf sich hastig an ihren Vater heran, schlug die Arme um ihn, sah ihm so fest in die Augen und rief: »Vatting! Vatting! trag das Geld aufs Amt! Gib es dem alten Amtshauptmann! – Er hat gesagt, er wollte es dir gedenken; er wird dir auch dies gedenken. Wie oft hast du mir erzählt von deinem alten Vater, wie oft hast du mir gesagt von deiner Mutter, wie sie sich mit Spinnen ehrlich durchgeholfen hat bis an ihr Ende, wie oft hast du mir erzählt, wie du auf deiner Wanderschaft den Geldbeutel fandest, der dem andern Handwerksburschen gehörte, und wie du ihm den wiedergabst, wie der Mensch sich gefreut hat, und wie dir zumute gewesen ist!« – »Das war ja auch ganz etwas anderes,« sagt der Müller, »ich wußte ja, wem das Geld gehörte, und hier weiß ich's nicht; ich hab's ja auch nicht gestohlen und genommen. Ich habe ein gutes Gewissen.« Mit einmal springt de Möllerfru von ehren Staul tau Höcht un röppt: »Herre Jesus! dor geiht en fremden Minsch an't Finster vörbi un kümmt nah de Dör rin!« – »Holl de Dör tau!« röppt de Möller un springt kort herüm nah dat Geld, stött an den Disch, un weck Stapel fallen üm, un dat Geld tründelt in de Stuw' rin. – »Is dat jug gaud Gewissen?« fröggt Fiken un kickt ehren Vader un ehr Moder an un seggt: »Mutting, lat de Dör los! Den Minschen schickt uns' Herrgott, de bringt uns Segen in't Hus.« – De Möllerfru lett de Dör los un kickt still vör sick dal; de Möller ward äwer un äwer rod un dreiht sick hastig üm un kickt ut dat Finster. Auf einmal springt die Müllerfrau von ihrem Stuhl auf und ruft: »Herre Jesus! da geht ein fremder Mensch am Fenster vorbei und kommt zur Tür herein!« – »Halt die Tür zu!« ruft der Müller und springt kurz herum nach dem Gelde, stößt an den Tisch, und einige Stapel fallen um, und das Geld rollt in die Stube hinein. – »Ist das euer gutes Gewissen?« fragt Fiken und sieht ihren Vater und ihre Mutter an und sagt: »Mutting, laß die Tür los! Den Menschen schickt unser Herrgott, der bringt uns Segen ins Haus.« – Die Müllerfrau läßt die Tür los und sieht still vor sich nieder; der Müller wird über und über rot und dreht sich hastig um und sieht aus dem Fenster. Buten kloppt dat. »Herein!« röppt Fiken; un rin kümmt en jungen schiren Kirl von so'n Johrener twintig un noch en por un kickt sick so en beten niglich üm, as einer tau dauhn pleggt, de all lang' girn hadd weiten müggt, woans dat woll bi de un de Lüd' utseg, un makt en anstännigen Diner mit ein lütt En'n von Kratzfaut un seggt: »Gun Morrn!« – »Schön Dank!« seggt Fiken; de Möller rögt sick nich, un de Fru bückt sick dal un sammelt de Dalers up, de in de Stuw' follen sünd. As de beiden Ollen em nich »schön Dank!« beiden un hei dat Geld up den Disch gewohr ward, seggt de jung' Minsch: »Nich för ungaud! Ick kam Sei hir woll nich tau Paß?« – »O doch!« seggt Fiken un set't en Staul an den Aben taurecht. »Setten S' sick en beten. Vatting is glik mit sin Angelegenheiten prat.« – »Ja, glik!« seggt de Möller un ritt dat Finster up un röppt: . »Fridrich! Schirr de Mähren an den lütten Wagen un binn dat Franzosenpird achter an; wi führen tau Amt.« Makt dat Finster tau, dreiht sick üm un seggt tau Mutter un Fiken: »So! mit de Sak sünd wi dörch. Nu packt den Kram hir tausam in den Mantelsack, un Fridrich kann em nahsten ruppe smiten.« Geiht up den Frömden tau, reckt em de Hand hen un seggt: »Willkam ok!« – »Möller Voß«, seggt de jung' Minsch, giwwt em de Hand un steiht von den Staul up, »laten S' sick nich stüren in Ehr Geschäften, min Sak hett Tid, un wenn ick ok in 'ne besondere Angelegenheit kamen bün, so hett de doch kein Il, un de Hauptsak is doch dorbi: ick wull min Fründschaft doch mal begrüßen.« – »Fründschaft?« fröggt de Möller un kickt em ungewiß an. – »Ja«, seggt de anner, »denn ick bün Jochen Vossen sin Sähn un Ehr Annerbäulkenkind«, un as de Oll nicks seggt un sin Hand t'rügg tüht, set't hei noch tau: »Un vör virteihn Dag' hewwen sei mi münnig spraken, un dunn dacht ick so bi mi: Swestern un Bräuder hest du nich un ok kein Fründschaft hir in de Gegend, sallst mal in't Stemhäger Amt führen un dor mal nahseihn, wat sei dor noch woll wat von Jochen Vossen sinen Sähn weiten willen.« Un dormit geiht hei up de Möllerfru tau un giwwt ehr de Hand un Fiken ok, un as de Möller noch ümmer so ebendrächtig dor steiht un utsüht, as hadden em de Müs' de Botter von't Brod namen, seggt hei: »Vedder, Sei liggt uns' Prinzeß in den Sinn, laten S' den, wi känen bi alldem gaude Frün'n sin.« – »So?« seggt de Möller, »un hest di vör de Lüd' beräuhmt, du willst mi rutsmiten ut de Borchertsche Wirtschaft?« – »Wat Lüd'?« fröggt Hinrich Voß. »De Lüd' reden. Wat kann ick dorför? – Min Vader hett den Strid anfungen un glöwt ok, hei hadd recht, un min Vörmund hett en wider fuchten, un ick heww taukeken. Äwer dat will ick ehrlich bekennen, en schön Stück Geld hett hei mi all ut de Fingern reten, un wenn wi uns einigen kün'n, an mi süll't nich fehlen.« – »Du willst up den Busch kloppen; dit Stück hett di din Avkat raden.« – »Ick rad mi sülwst, Vedder«, seggt de jung' Mann un langt nah sinen Haut, »denn wenn ick noch lang' up de Avkaten ehren Rat hüren will, künn mi't Water knapp warden, un min Mähl künn still stahn. Bi Sei frilich is dat wat anners. Wer sin Fellisen so spicken kann, de kann noch lang' braden, ihr hei anbrennt«, un wis't up den Mantelsack, den Mutter un Fiken grad vull packt hadden. – »Dat gellt di en Quark an!« begährt de Möller up un dreiht sick hastig üm, ganz brun in't Gesicht. »Dat Geld – dat Geld, dat hürt mi nich.« Fiken geiht nah ehren Vader ran un strakt em un seggt: »Vatting, dat was jo nich bös meint.« – »Ne«, seggt Hinrich, »ick bün in'n Gauden kamen un will ok in'n Gauden gahn. Min Fuhrwark steiht buten vör de Hofstäd anbunnen, un bet dorhen sünd dat man en por Schritt.« – »Holt!« seggt Fiken, »Vedder Hinrich, nich so hastig! Uns' Vader hett vörmorrn sinen Kopp vull von 'ne Sak, de besorgt warden möt. Dat würd em arg verdreiten, wenn Sei in Unfreden von em gahn wiren.« – »Fiken«, seggt de oll Möller un dreiht sick üm un küßt sin Dochter up de Stirn, »du hest hüt morrn all tweimal recht hatt, un ich tweimal unrecht; du büst min leiw' Kind«, un reckt den jungen Mann de Hand hen. »Un, Hinrich, dat sall keiner von mi seggen, dat ick Jochen Vossen sinen Sähn mit harte Würd' ut minen Hus' drewen heww. – Du wullst hir gahn ahn Natt un Drög? Ne, min Sähn, du bliwwst mi hir, bet ick wedder kam, denn ick möt tau Amt in 'ne notwennige Sak. – Süh, Fridrich höllt all. Na, adjüs, min Sähn, un wenn du't mit dat Einigen ihrlich meint hest, denn kann dor wat ut warden. – Adjüs, Mutter, adjüs, Fiken!« Somit geiht hei rut un stiggt up den Wagen. Draußen klopft es. »Herein!« ruft Fiken; und herein kommt ein junger sauberer Mann von zwanzig und einigen Jahren und sieht sich so ein bißchen neugierig um, wie es einer zu tun pflegt, der schon längst gerne gewußt hätte, wie es wohl bei den und den Leuten aussähe, und macht einen anständigen Diener mit einem kleinen Kratzfuß und sagt: »Guten Morgen!« »Schönen Dank!« sagt Fiken; der Müller rührt sich nicht, und die Frau bückt sich und sammelt die Taler auf, die in die Stube gefallen sind. Als die beiden Alten ihm nicht ›schönen Dank‹ bieten, und er das Geld auf dem Tische gewahrt, sagt der junge Mensch: »Nichts für ungut! ich komme Ihnen wohl hier nicht gelegen?« »O doch!« sagt Fiken und setzt einen Stuhl am Ofen zurecht. »Setzen Sie sich ein bißchen. Vater ist gleich mit seinen Angelegenheiten fertig.« – »Ja, gleich!« sagt der Müller und reißt das Fenster auf und ruft: »Friedrich! schirre die Mähren an den kleinen Wagen und binde das Franzosenpferd hinten an; wir fahren zu Amt.« Macht das Fenster zu, dreht sich um und sagt zu Mutter und Fiken: »So! mit der Sache sind wir durch. Nun packt den Kram hier zusammen in den Mantelsack, und Friedlich kann ihn nachher auf den Wagen schmeißen.« Geht auf den Fremden zu, streckt ihm die Hand hin und sagt: »Willkommen auch!« – »Müller Voß,« sagt der junge Mensch, gibt ihm die Hand und steht vom Stuhl auf, »lassen Sie sich nicht stören in Ihren Geschäften, meine Sache hat Zeit; und wenn ich auch in einer besonderen Angelegenheit gekommen bin, so hat diese doch keine Eile, und die Hauptsache dabei ist doch: ich wollte meine Verwandtschaft mal begrüßen.« – »Verwandtschaft?« fragt der Müller und sieht ihn unsicher an. – »Ja,« sagt der andere, »denn ich bin der Sohn von Jochen Voß und bin der Enkel von Ihrem Vatersbruder« – und als der Alte nichts sagt und seine Hand zurückzieht, setzt er noch hinzu: »Und vor vierzehn Tagen haben sie mich mündig gesprochen, und da dachte ich so bei mir: Schwestern und Brüder hast du nicht und auch keine Verwandtschaft hier in der Gegend, sollst mal ins Stavenhäger Amt fahren und mal nachsehen, ob sie dort wohl noch etwas von Jochen Vossens Sohn wissen wollen.« Und damit geht er auf die Müllerfrau zu und drückt ihr die Hand und auch Fiken, und als der Müller noch immer so kalt und ruhig dasteht und aussieht, als hätten ihm die Mäuse die Butter vom Brot genommen, sagt er: »Vetter, Ihnen liegt unser Prozeß im Sinn, lassen Sie den – wir können bei alledem gute Freunde sein.« – »So?« sagt der Müller, »und hast dich vor den Leuten berühmt, du willst mich rausschmeißen aus der Borchertschen Wirtschaft?« – »Was Leute!« sagt Hinrich Voß. »Die Leute reden. Was kann ich dafür? Mein Vater hat den Streit angefangen und glaubte auch, er hätte recht, und mein Vormund hat ihn weiter gefochten, und ich habe zugesehen. Aber das will ich ehrlich bekennen: ein schönes Stück Geld hat er mir schon aus den Fingern gerissen, und wenn wir uns einigen könnten, an mir sollte es nicht fehlen.« – »Du willst auf den Busch klopfen; dies Stück hat dir dein Advokat geraten.« – »Ich rate mir selber, Vetter,« sagt der junge Mann und greift nach seinem Hut, »denn wenn ich noch lange auf den Rat der Advokaten hören wollte, könnte mir das Wasser knapp werden, und meine Mühle bliebe still stehen. Bei Ihnen freilich ist das etwas anderes. Wer sein Felleisen so spicken kann, der kann noch lange braten, ehe er anbrennt,« und weist auf den Mantelsack, den Mutter und Fiken gerade vollgepackt hatten. – »Das geht dich einen Quai! an!« begehrt der Müller auf und dreht sich hastig um, ganz braun im Gesicht. »Das Geld – das Geld, das gehört nicht mir.« – Fiken geht an ihren Vater heran und streichelt ihn und sagt: »Vatting, es war ja nicht böse gemeint.« – »Nein,« sagt Hinrich, »ich bin in Gutem gekommen und will auch in Gutem gehen. Mein Fuhrwerk steht draußen vor der Hofstätte angebunden, und bis dorthin sind es nur ein paar Schritte.« – »Halt!« sagt Fiken, »Vetter Hinrich, nicht so hastig! Unser Vater hat heute morgen seinen Kopf voll von einer Sache, die besorgt werden muß. Es würde ihn arg verdrießen, wenn Sie im Unfrieden von ihm gegangen waren.« – »Fiken,« sagt der alte Müller und dreht sich um und küßt seine Tochter auf die Stirn, »du hast heute morgen schon zweimal recht gehabt, und ich zweimal unrecht; du bist mein liebes Kind,« – und streckt dem jungen Mann die Hand hin. »Und, Hinrich, das soll keiner von mir sagen, daß ich Jochen Vossens Sohn mit harten Worten aus meinem Hause getrieben habe! Du wolltest ohne Naß und Trocken von uns gehen? Nein, mein Sohn, du bleibst mir hier, bis ich wiederkomme; denn ich muß in einer notwendigen Sache Zu Amt. – Sieh, Friedrich hält schon. Na, adjüs, mein Sohn, und wenn du's mit dem Einigen ehrlich gemeint hast, dann kann etwas draus werden. – Adjüs Mutter, adjüs Fiken!« Damit geht er hinaus, und steigt auf den Wagen. Dat föfte Kapittel Fünftes Kapitel Wo Fridrich den Möller den preußschen Spruch »suum cuique« äwersetten deiht un achter den Schassür up de wille Gaus'jagd geiht, un wo den Möller klor ward, dat hei sick in en Immenswarm dalset't hett. Wie Friedrich dem Müller den preußischen Spruch ›Suum cuique‹ übersetzt und hinter dem Chasseur auf die Wilde-Gans-Jagd geht, und wie dem Müller klar wird, daß er sich in einen Bienenschwarm gesetzt hat. »Möller«, seggt Fridrich, as sei ut dat Gehöft sünd un in den deipen Weg kamen, »hewwen Sei all mal 'ne olle Fru seihn, wenn s' en Pott intwei smeten hett un paßt denn de Stücken an enanner un seggt: So het't seten?« – »Worüm meinst du?« fröggt oll Voß. – »Oh, ick mein man«, seggt Fridrich un swept so verluren mit de Pitsch äwer de Mähren, as wir't in de Fleigentid. De Möller sitt in Gedanken. – Nah 'ne Wil fröggt Fridrich wedder: »Möller, hewwen S' mal en Jungen seihn, den de Sparling ut de Hand flagen is un de denn in de leddig Hand herinkickt un seggt: Oh?« – »Worüm meinst du?« fröggt de Möller, un Fridrich seggt: »Oh, ick mein man.« – De Möller sitt wedder still dor, lett sick allerlei dörch den Kopp gahn un set't grad en schönes Regeldetri-Exempel in den Kopp tausam: wat woll üm Ostern ut de Schepel Roggen kosten würd, wenn hei morgen den Juden dat Geld nich gew, un kamm dorbi sihr in de Brüch. – Sei führen un führen; endlich dreiht sick Fridrich so halw up den Sack rüm un fröggt: »Möller, kennen Sei dat Sprückwurt woll: Geit kein smutzig Water ut, ihr du rein wedder hest?« – Den Möller fung dat nu an tau argern, un as hei sick so'n Tidlang bedacht hadd, wat Fridrichen sin Fragen woll eigentlich bedüden süllen, smet hei de Unnerlipp tau Höcht un säd: »Wo, dit sälen jo woll Spitzen sin?« – »Spitzen?« frog Fridrich wedder. »Bewohr uns! – Ick mein man. – Äwer ick weit noch en anner Sprückwurt, dat heit: Wat einer hett, dat hett 'e; un wi Preußen hewwen en Adler in't Wapen, un dor steiht en latinschen Vers unner, de hürt sick binah an, as wenn ein en Farken in den Start knippt, un wat uns' Feldwebel bi de Kumpani was, was en weglopen Student un verstunn den Vers un äwerset't en: Holl wiß, wat du hest, un nimm, wat du krigen kannst. De Spruch is up Fläg' tau bruken, vör allen in Krigstiden. – Prrr öh!« säd hei un dreiht sick wedder rüm up den Sack. »Möller Voß, verflucht sall de Schilling sin, den ick in minen Lewen minen Mitkollegen stahlen un namen heww, un verflucht sall dat Kurn Hawern oder Roggen sin, wat ick minen Brodherrn veruntrut heww; äwer in'n Krig is dat anners: de Türk un de Franzos' is de Riksfind, un en Riksfind is üm kein Hor beter as de Erzfind, un uns' Herr Gott lacht äwer't ganze Gesicht, wenn einer den Düwel orndlich eins up de Likdürn pedd't. Wo säd de oll Hauptmann von Restörp? ›Dem Feinde muß in jeder Weise Abbruch geschehn.‹ – Möller Voß« – un hei wis't up den Mantelsack – »dit wir denn nu woll so'n Abbruch.« – »Lat dat!« seggt de Möller kortweg, »de Sak is afmakt, ick will nicks mit de Geschicht tau dauhn hewwen, ick bring dat Geld tau Amt, un ick wull, ick künn den Franzosen mit henbringen; Fiken meint ok, dat künn en slimm Stück warden.« – »Mi nich tauwedder«, seggt Fridrich. »Jüh!« – un klappt de Mähren an – »Weck hüren up Mannslüd' un weck up Frugenslüd'; ick bün nich sihr för de Frugenslüd' ehren Rat.« – »Ick süs ok nich«, seggt de Möller. »Müller,« sagt Friedrich, als sie aus dem Gehöft heraus sind und in den tiefen Weg kommen, »haben Sie schon einmal eine alte Frau gesehen, wenn sie einen Topf entzweigeschmissen hat und dann die Stücke aneinanderpaßt und sagt: ›So hat's gesessen‹?« – »Warum meinst du?« fragt der alte Voß. – »Oh, ich meine man,« sagt Friedrich und streift so leise mit der Peitsche über die Pferde hin, als war's in der Fliegenzeit. Der Müller sitzt in Gedanken. – Nach einer Weile fragt Friedrich wieder: »Müller, haben Sie mal einen Jungen gesehen, dem der Sperling aus der Hand geflogen ist, und der dann in die leere Hand hineinguckt und sagt: ›Oh!‹« – »Warum meinst du?« fragt der Müller, und Friedrich sagt: »Oh, ich meine man.« – Der Müller sitzt wieder still da, läßt sich allerlei durch den Kopf gehen, und setzt gerade ein schönes Rechenexempel im Kopf zusammen: was wohl um Ostern herum der Scheffel Roggen kosten würde, wenn er morgen dem Juden das Geld nicht gäbe – und kommt dabei sehr in die Brüche. – Sie fahren und fahren; endlich dreht sich Friedrich so halb auf dem Sack herum und fragt: »Müller, kennen Sie wohl das Sprichwort: ›Gieße kein schmutziges Wasser aus, ehe du reines hast‹?« – Der Müller fing nun an sich zu ärgern, und als er sich so eine Zeitlang bedacht hatte, was Friedrichs Fragen wohl eigentlich bedeuten sollten, warf er die Unterlippe empor und sagte: »Wie? dies sollen ja wohl Spitzen sein?« – »Spitzen?« fragte Friedrich zurück. »Bewahre! – Ich meine man. – Aber ich weiß noch ein anderes Sprichwort, das heißt: ›Was einer hat, das hat er‹ – und wir Preußen haben einen Adler im Wappen, und darunter steht ein lateinischer Vers, Suum cuique = jedem das Seine. der hört sich beinahe an, wie wenn man ein Ferkel in den Schwanz kneift, und was unser Feldwebel bei der Kompagnie war, der war ein weggelaufener Student und verstand den Vers und übersetzte ihn: »Halte fest, was du hast, und nimm, was du kriegen kannst‹. Der Spruch ist manchmal gut zu brauchen, vor allem in Kriegszeiten. – Prrr öh!« fügt er und dreht sich wieder auf dem Sack herum: »Müller Voß, verflucht soll der Schilling sein, den ich in meinem Leben meinen Mitmenschen gestohlen oder genommen habe! Und verflucht soll das Korn, Hafer oder Roggen sein, das ich meinem Brotherrn veruntreut habe; aber im Kriege ist es anders: der Türke und der Franzose ist der Reichsfeind, und ein Reichsfeind ist um kein Haar besser als der Erzfeind, und unser Herrgott lacht übers ganze Gesicht, wenn einer dem Teufel mal ordentlich auf die Hühneraugen tritt. Wie sagte der alte Hauptmann von Restorf? ›Dem Feinde muß in jeder Weise Abbruch geschehen.‹ – Müller Voß,« und er zeigte auf den Mantelsack – »dies wäre denn nun wohl so ein Abbruch.« – »Laß das!« sagte der Müller kurz angebunden, »die Sache ist abgemacht; ich will nichts mit der Geschichte zu tun haben, ich bringe das Geld zu Amt, und ich wollte, ich könnte den Franzosen mit hinbringen; Fiken meint auch, es könnte ein schlimmes Stück werden.« – »Mir nicht zuwider,« sagt Friedrich. »Jüh!« – und er gibt den Pferden einen Schlag – »einige hören auf Mannsleute, und andere auf Frauensleute; ich bin nicht sehr für den Rat der Frauensleute.« – »Ich sonst auch nicht,« sagt der Müller. Sei führen nu sachten wider, un Fridrich fröggt nah 'ne Wil: »Möller, wat was dat för en schiren Kirl, de hüt morgen in de Mähl rin gung?« – »Dat was Jochen Vossen sin Sähn, mit den ick den Prinzeß heww. Geföllt hei di?« – »Ick heww en blot von achter seihn. Ih, ja; 't giwwt en Granedier.« – »Hei seggt jo, hei will sick mit mi vergliken.« – »Denn geföllt hei mi all en ganz Deil beter. En magern Verglik is beter as en fetten Prozeß.« – »Hei will up mi täuwen, bet ick wedder kam.« – »So?« fröggt Fridrich un dreiht sick wedder so halw üm un seggt: »Möller, weiten S' wat, hei süll sick leiwer mit uns' Fiken vergliken, dat wir dat Best.« – »Wo meinst du dat?« fröggt de Möller. – »Ick mein man«, seggt Fridrich, un as hei sick wedder ümdreiht hett, bögt hei sick vöräwer un kickt scharp den Weg langs, giwwt den Möller de Lin in de Hand, springt von den Wagen, binnt dat Schassürpird hinnen von dat Krett los, un ihr de Möller noch recht weit, wat los warden sall, is hei mit de Mähr in den groten Kölpiner Scheidelgraben rinne, bögt üm 'ne Eck un binnt dat Kretur an'n Dornbusch in den Graben an, dat de Möller nicks von em seihn kann. »Wat hest du?« fröggt de Möller, as hei wedder kümmt. – »Wat ick heww? – Ick heww nicks Gaud's seihn. Dor hinnen up den Stemhäger Stadtfelln kamen twei an tau riden, un as de Sünn so'n beten hervör kek, blitzt dat so; dat sünd Franzosen, un wenn de hir en Schassürpird mit Sadel un Tom drapen hadden, de würden nich slicht mit uns redt hewwen.« – »Wohr ist's«, seggt de Möller. Sie fahren nun sachte weiter, und Friedlich fragt nach einer Weile: »Müller, was war das für ein schmucker Kerl, der heute in die Mühle hineinging?« – »Das war Jochen Vossens Sohn, mit dem ich den Prinzeß habe. – Gefällt er dir?« – »Ich habe ihn nur von hinten gesehen – ih ja, es gibt einen Grenadier.« – »Er sagt ja, er will sich mit mir vergleichen.« – »Dann gefällt er mir schon ein ganz Teil besser. Ein magerer Vergleich ist besser als ein fetter Prozeß.« – »Er will auf mich warten, bis ich wiederkomme.« – »So?« fragt Friedrich und dreht sich wieder halb um und sagt: »Müller, wissen Sie was? Er sollte sich lieber mit unserer Fiken vergleichen, das wäre das beste.« – »Wie meinst du das?« fragt der Müller. – »Ich meine man,« sagt Friedrich, und als er sich wieder umgedreht hat, biegt er sich vorne über und sieht scharf den Weg entlang, gibt dem Müller die Leine in die Hand, springt vom Wagen, bindet das Chasseurpferd hinten vom Krett los, und ehe der Müller noch recht weiß, was los werden soll, ist er mit der Mähre im großen Kölpiner Scheidegraben, biegt um eine Ecke und bindet das Tier an einen Dornbusch im Graben an, daß der Müller nichts von ihm sehen kann. – »Was hast du?« fragt der Müller, als er wiederkommt. – »Was ich habe? Ich habe nichts Gutes gesehen. Da hinten im Stavenhäger Stadtfeld kommen zweie angeritten, und als die Sonne ein bißchen hervorguckte, blitzte es so; das sind Franzosen, und wenn die hier ein Chasseurpferd mit Sattel und Zaum gefunden hätten, die würden nicht schlecht mit uns geredet haben.« – »Wahr ist's,« sagt der Müller. So kamen sei nah't Stemhäger Babenholt ran, un Fridrich wis't mit de Pitsch nah de Bäuk, wo noch dat Stroh liggt, un seggt: »Dor heww ick en henleggt.« – »Wenn hei doch noch dor leg!« seggt Möller Voß. – »Nich tau verlangen, Möller! Denn dat hett dese Nacht Bindfaden regent, un in dese Johrstid höllt so'ne Bäuk nich recht dicht.« – »Wohr is't«, seggt de Möller, un as sei dor noch dräwer judizieren, kamen twei Franzosen an tau riden un fragen in ehre Wis' nah de Gielowsch Mähl, denn hir was en Krüzweg, un ihr de Möller noch antworten kann, wis't ehr Fridrich rechts af nah'n Kummerowschen Holt rin, un as sei fragen: wo wid noch?, seggt hei: »'ne lütt liöh«; un de Franzosen riden af. So kommen sie ans Stavenhäger Oberholz, und Friedrich zeigt mit der Peitsche nach der Buche, wo noch das Stroh liegt, und sagt: »Da hab ich ihn hingelegt.« – »Wenn er doch noch dort läge!« sagt Müller Voß. – »Nicht zu verlangen, Müller! Denn heute nacht hat es Bindfaden geregnet, und in dieser Jahreszeit hält so eine Buche nicht recht dicht.« – »Das ist wahr,« sagt der Müller, und als sie noch darüber reden, kommen zwei Franzosen angeritten und fragen in ihrer Weise nach der Gielowschen Mühle, denn hier war ein Kreuzweg; und ehe der Müller was antworten kann, weist Friedrich sie rechts ab nach dem Cummerowschen Holz hinein, und als sie fragen: wie weit noch? sagt er: »'ne kleine Lieue,« – und die Franzosen reiten ab. »Wo? Plagt hei di, oder ritt hei di?« fröggt de Möller un schüddelt mit den Kopp: »Wenn de so wider riden, denn känen sei ehr Lewlang de Gielowsch Mähl mit den Start ankiken. – Äwer wotau dat?« – »Möller«, seggt Fridrich, » de Ort dröggt einen nicks in't Hus, un ick heww kein Lust, alle Morgen taum irsten Frühstück korten, upgewarmten Kohl tau eten.« – »Wo meinst du dat?« fröggt de Möller. – »Oh, ick mein man. – Seihn S', Möller, wer weit, ob de beiden, wenn sei nah de Mähl kamen wiren, sick nich in uns' Stin verleiwt hadden. Un't künn jo ok mäglich sin, dat sei ehr nah den Kauhstall nahgahn wiren un dat ehr dat in den Stall en beten beengt vorkamen wir un hadden uns' beiden letzten Melkkäuh rute ledd't; un wenn sei s' denn buten hatt hadden, hadden sei s' villicht in Gedanken vör sick hen drewen, un denn wir't mit de Melksupp des Morgens vörbi west, un de gräun Kohl wir an de Reih kamen, un ick mag den Kohl nich.« – »Mäglich wir dat«, säd de Möller. – »Mäglich is't ok, dat dat nich de Käuh gellt«, seggt Fridrich. »Dit sünd en por von ehr Armeeschandoren, de säuken woll wat anners, un ick glöw, dat is en Glück von Gott, dat wi rut ut de Mähl sünd, denn – Möller, Möller, passen S' up! – sei säuken den Franzosen oder ok Sei sülwst. Wer weit, wat in Stemhagen passiert is! Dor kann wat ruchbor worden sin, un wer weit, ob Fiken nich recht hatt hett. Nu wull ick sülwst, wi hadden den Franzosen.« – »Dat segg ik!« röppt de Möller, »dat segg ick!« – »Hm«, seggt Fridrich, »legen hett hei hir, un upstahn is hei, un hir is hei hendalen gahn; dit sünd sin Spor in den deipen Leihm, un kiken S', hei hett dat Stroh noch en En'n lang mit slept, un nah Gülzow is hei hentaugahn. Nu will ick Sei dat Pird halen, un Sei führen tau Amt un liwern Pird un Mantelsack af, un ick gah achter den Franzosen her un grip em.« »Wie? plagt er dich, oder reitet er dich?« fragt der Müller und schüttelt den Kopf; »wenn die so weiter reiten, dann können sie ihr Lebelang die Gielowsche Mühle mit dem Schwanz angucken – aber wozu das?« – »Müller,« sagt Friedrich, »die Art trägt einem nichts ins Haus, und ich habe keine Lust, jeden Morgen zum ersten Frühstück aufgewärmten kurzen Kohl zu essen.« – »Wie meinst du das?« fragt der Müller. – »Oh, ich meine man. – Sehen Sie, Müller, wer weiß, ob die beiden, wenn sie nach der Mühle gekommen wären, sich nicht in unsere Stine verliebt hätten. Und es könnte ja auch möglich sein, daß sie ihr in den Kuhstall nachgegangen wären, und daß es ihnen im Stall ein bißchen beengt vorgekommen wäre, und daß sie unsere beiden letzten Milchkühe herausgezogen hätten; und wenn sie sie dann draußen gehabt hätten, hätten sie sie vielleicht in Gedanken vor sich hin getrieben, und dann wäre es mit der Milchsuppe des Morgens vorbei gewesen, und der grüne Kohl wäre an die Reihe gekommen, und ich mag den Kohl nicht.« – »Möglich wäre das,« sagte der Müller. – »Möglich ist es auch, daß es nicht den Kühen gilt,« sagt Friedrich. »Diese sind ein Paar von ihren Armeegendarmen; die suchen wohl was anderes, und ich glaube, es ist ein Glück von Gott, daß wir aus der Mühle heraus sind, denn – Müller, Müller, passen Sie auf! – sie suchen den Franzosen oder auch Sie selber! Wer weiß, was in Stavenhagen passiert ist! Da kann etwas ruchbar geworden sein – und wer weiß, ob Fiken nicht recht gehabt hat? Nun wollte ich selber, wir hätten den Franzosen.« – »Das sage ich!« ruft der Müller »das sage ich!« – »Hm,« sagt Friedrich, »gelegen hat er hier, und aufgestanden ist er, und hier ist er entlang gegangen; dies sind seine Spuren im tiefen Lehm, und sehen Sie, er hat das Stroh noch ein Stück Weges mit sich geschleppt, und nach Gülzow zu ist er gegangen. Nun will ich Ihnen das Pferd holen, und Sie fahren zu Amte und liefern Pferd und Mantelsack ab, und ich gehe hinter dem Franzosen her und greife ihn.« Geseggt, gedahn. Dat Pird ward anbun'n, un Fridrich geiht dörch dat Babenholt nah Gülzow tau un seggt tau sick: »Dümurrjöh! Ick heww den ollen Möller schön wat anrührt, un uns' Fiken is doch 'ne lütte hellsche Dirn, un wenn de Franzos' noch twischen hir un Gripswold tau finnen is, her sall hei!« Gesagt, getan. Das Pferd wird angebunden, und Friedrich geht durch das Oberholz nach Gülzow zu und sagt bei sich selber: »Dümurrjöh! ich habe dem alten Müller was Schönes angerührt, und unser Fiken ist doch ein kleines verteufeltes Mädchen, und wenn der Franzose noch zwischen hier und Greifswald zu finden ist, her soll er!«– – De Möller satt up den Wagen un führt nah Stemhagen tau, un hei kratzt sick den Kopp un wunnerwarkt, un allerlei gung em mit Grundis. »Herr du meines Lewens«, säd hei, »wenn min lütt Fiken nich west wir, ick set jo woll all in Block un in Isen, un rut bün ick noch lang' nich, denn der Deuwel geiht nu irst los, un regen deiht't nu ok all, un dat nich slicht.« Der Müller saß auf dem Wagen und fuhr nach Stavenhagen, und kratzte sich den Kopf und wunderwerkte, und allerlei ging ihm mit Grundeis. »Herr du meines Lebens,« sagte er, »wenn meine kleine Fiken nicht gewesen wäre, ich säße ja wohl schon in Block und Eisen, und 'raus bin ich noch lange nicht, denn der Teufel geht jetzt erst los, und regnen tut's nun auch schon, und das nicht schlecht.« So kümmt hei mang de Stemhäger Schüns, un de irst, de em upstött, is Bäcker Witt; de höllt mit en Strohwagen vör sin Schün un seggt: »Gun Morgen, Gevatter. Wo Dunner? Wo kümmst du tau 'n Franzosenpird?« – »Je, dat segg man mal!« seggt Möller Voß un vertellt em de Sak ganz in'n korten. »Dat's en slimm Stück«, seggt Bäcker Witt, »denn de ganze Stadt liggt vull Franzosen, un dat Pird kannst du nich dörchbringen, ahn dat sei't künnig warden; ick rad di, stell't hir in min leddig Schünfack.« So kommt er zwischen die Stavenhäger Scheunen. Der erste, der ihm begegnet, ist Bäcker Witt; der hält mit einem Strohwagen vor seiner Scheune und sagt: »Guten Morgen, Gevatter! Wie, Donner? Wie kommst du zu einem Franzosenpferd?« – »Je, das sage man mal!« sagt Müller Voß und erzählt ihm die Sache in aller Kürze. »Das ist ein schlimmes Stück!« sagt Bäcker Witt; »denn die ganze Stadt liegt voll von Franzosen, und das Pferd kannst du nicht durchbringen, ohne daß sie's merken; ich rate dir, stell es hier in mein leeres Scheunenfach.« Na, dat geschüht, un oll Bäcker Witt treckt sinen krummen missingschen Horkamm von vör nah achter dörch dat grise Hor, schüddelt den Kopp un seggt: »Vadder, du hest di dor in 'ne Sak inlaten, wo du vel Ungelegenheiten von hewwen kannst; un up den Sloß schint mi dat all gor nich richtig tau sin, denn de Herr Amtshauptmann hett sick hüt morgen sin Herrenbrod tau'n Koffe all Klock acht halen laten staats süs Klock elben; un Fritz Sahlmann seggt, Mamsell Westphalen wir feldflüchtig worden, kein Minsch wüßt, wo sei staben un flagen wir; un dat de Uhrkenmaker in't Börgergehursam smeten is, heww ick sülwst seihn, un de Lüd' reden jo von Standrecht un von Dodscheiten.« – »Gott sall mi bewahren!« röppt de oll Möller, »in wat för'n Immenswarm heww ick mi dalset't! Äwer dat helpt nich, den Mantelsack möt ick den ollen Herrn up't Sloß bringen. Un, Vadder, ick ward üm de Stadt rüm führen bet nah de gräun Purt von den Sloßgorn, un dor ward ich min Mähren anbin'n, gah mi nah un bring dat Fuhrwark in Säkerheit, un sülln sei mi in den Presong bringen, denn führ rut nah de Mähl un bring min Fru un Fiken dat mit Gelimplichkeit bi, un segg den jungen Minschen, den du dor drapen wardst, hei süll't sinen Vedder tau Gefallen dauhn un süll up Mähl un Wirtschaft passen un de Frugenslüd' nich verlaten.« – Bäcker Witt verspreckt em dat, un hei führt üm den Sloßgorn rüm, binnt dat Fuhrwark an un will den Mantelsack up't Sloß dragen, dunn jagt oll Pächter Roggenbomen sin Kutscher, Jehann Brümmer, dörch de Purt un klappt achter de vir Hellbrunen, dat sei hinnen utslahn un em den Dreck in de Ogen smiten, un röppt: »Beter mi wat in't Gesicht as jug Strimen up't Fell!« – Achter drin kümmt oll Zanner ut Gülzow mit sin beiden Gelen un seggt: »Na, dat fehlt noch! Schinnerban'n!« un jöggt in'n G'lopp äwer'n Amtsbrink. »Ja«, seggt oll Ackersmann Adler ut Stemhagen, hett sick en Sack äwer de Schullern namen – denn dat wiren de dunnmaligen Regenröck – un stangelt sin oll swart Sadelmähr in de Ribben rüm, »Kanonenführen? Nich wohr, Ollsch, dat wir en Geschäft för uns? – Ne, ick bring jug in't Stemhäger Stadtholt un binn jug in de Sandkuhl an. 't is ganz egal: tau freten hewwt ji tau Hus ok nicks; äwer regen deiht't verfluchten.« – Un as de Möller in den Goren kümmt, dunn tockt un hurrickt dat allens dor mit de Gespannen rümme achter de Büsche un achter den Wall, un jeder will sin Mähren in Säkerheit bringen. – »Möller Voß«, seggt Schult Besserdichen sin Sähn ut Gülzow, »bring Hei sin Mähren bi Sid! Wat jichtens en beten klauk is, makt sick den schönen Regen tau Nutz, denn de Franzosen sünd unner Dack un Fack krapen.« De oll Möller geiht äwer stramm wider un dröggt sinen Mantelsack up't Sloß. Nun, das geschieht, und der alte Bäcker Witt zieht seinen krummen Messinghaarkamm von vorne nach hinten durch das graue Haar, schüttelt den Kopf und sagt: »Gevatter, du hast dich da in eine Sache eingelassen, von der du viele Ungelegenheiten haben kannst; und auf dem Schloß erst, da scheint es mir gar nicht richtig zu sein, denn der Herr Amtshauptmann hat sich heute morgen sein Herrenbrot zum Kaffee schon um acht holen lassen, statt sonst um elf; und Fritz Sahlmann sagt, Mamsell Westphal wäre feldflüchtig geworden; kein Mensch wüßte, wo sie abgeblieben wäre; und daß der Uhrmacher ins Bürgergehorsam geworfen ist, habe ich selber gesehen, und die Leute reden ja von Standrecht und von Totschießen.« – »Gott soll mich bewahren!« ruft der alte Müller. »In was für einen Bienenschwarm habe ich mich gesetzt! Aber das hilft nichts, den Mantelsack muß ich dem alten Herrn aufs Schloß bringen. Und, Gevatter, ich werde um die Stadt herumfahren bis nach der grünen Pforte des Schloßgartens und werde dort meine Pferde anbinden; geh mir nach und bringe das Fuhrwerk in Sicherheit, und sollten sie mich ins Loch bringen, dann fahre nach der Mühle hinauf und bringe es meiner Frau und Fiken glimpflich bei, und sage dem jungen Menschen, den du dort treffen wirst, er solle seinem Vetter zu Gefallen auf Mühle und Wirtschaft passen und die Fraunsleute nicht verlassen.« – Bäcker Witt verspricht ihm dies, und er fährt um den Schloßgarten herum, bindet das Fuhrwerk an und will den Mantelsack aufs Schloß tragen, da jagt des alten Pächters Roggenbom Kutscher, Johann Brümmer, durch die Pforte und schlägt auf die vier Hellbraunen, daß sie hinten ausschlagen und ihm den Dreck in die Augen schmeißen, und ruft: »Besser mir was ins Gesicht, als euch Striemen aufs Fell!« – Hinterdrein kommt der alte Zanner aus Gülzow mit seinen beiden Gelben und sagt: »Na, das fehlte noch! Schinderbande!« Und jagt im Galopp über den Amtsbrink. »Ja,« sagt der alte Ackersmann Adler aus Stavenhagen, hat seinen Sack über die Schultern genommen – denn das waren die damaligen Regenröcke – und schlagt seinem alten schwarzen Sattelpferd mit den Absätzen in die Rippen, »Kanonenfahren? Nicht wahr, Altsche, das wäre ein Geschäft für uns? – Nein, ich bringe euch ins Stavenhäger Stadtholz und binde euch in der Sandgrube an. 's ist ganz egal: zu fressen habt ihr zu Hause auch nichts. Aber regnen tut es ganz verflucht!« – Und als der Müller in den Garten kommt, da zieht und zerrt dort alles mit den Gespannen hinter den Büschen und hinterm Wall herum, und jeder will seine Mähren in Sicherheit bringen. – »Müller Voß,« sagt der Sohn vom Schulzen Besserdich aus Gülzow, »bring Er seine Pferde beiseite! Alles was ein bißchen klug ist, macht sich den schönen Regen zunutze, denn die Franzosen sind unter Dach und Fach gekrochen.« Der alte Müller geht aber stramm weiter und trägt seinen Mantelsack aufs Schloß. Dat söste Kapittel Sechstes Kapitel Wat Mamsell Westphalen för 'ne Ansicht von ehr Bedd kreg, un worüm sei sick von Korlin en por in't G'nick gewen let. Worüm Fritz Sahlmann den Herrn Amtshauptmann sin Pipen intwei smet un de französche Oberst binah den Degen treckt hadd. Was für einen Anblick von ihrem Bett Mamsell Westphal bekam; und warum sie sich von Karline ein paar ins Genick geben ließ; warum Fritz Sahlmann des Herrn Amtshauptmanns Pfeifen entzwei warf, und der französische Oberst beinahe den Degen gezogen hätte. Wenn einer 'ne Geschieht richtig vertellen will, denn möt hei 't grad so maken as de Häkers un de Pläugers, wenn s' en Acker bestellen, hei möt ümmer gradut haken, allens mitnemen un kein Balken stahn laten. Äwer wenn hei dit ok all befolgt, so bliwwt doch hir un dor en En'n liggen, un hei möt taurügg trecken un hir en Kiel utspitzen un dor 'ne Ahnwenning nahhalen. So geiht mi dat denn nu ok, ick möt en Strämel taurügg trecken un möt Herr Droin un Mamsell Westphalen ehr En'n heranholen, dormit ick wedder in eine Flucht weghaken kann. Wenn einer eine Geschichte richtig erzählen will, dann muß er's gerade so machen wie die Pflüger, wenn sie einen Acker bestellen: er muß immer geradeaus pflügen, alles mitnehmen und keine ungepflügten Streifen stehen lassen. Aber wenn er dies auch alles befolgt, so bleibt doch hier und dort ein Ende liegen, und er muß zurückziehen und hier einen Keil ausspitzen und dort eine Anwende nachholen. So geht es mir denn nun auch, ich muß ein Stückchen zurückziehen und muß Herrn Droz und Mamsell Westphals Ende heranholen, damit ich dann wieder in gerader Flucht lospflügen kann. Den sülwigen Morgen, as de Möller mit de Koppweihdag' in sin Stäwelschächt rin kek, treckt sick Mamsell Westphalen vullstännig an, denn sei was sihr ordentlich, un as sei ehr Mützenwark upsetten wull, dücht ehr dat nich mihr in den richtigen Verfat tau sin, denn sei was sihr rendlich; sei gang also nah ehr Stuw' un wull sick 'ne reine Mütz halen, kloppt äwer irst an un frog: »Herr Droi, sünd Sei ok in Ehren vullstännigen Habit?« – »Wui«, säd de Uhrkenmaker. – Sei makt de Stuwendör up – Gott in den hogen Himmel! wo sach dat dor ut! So wat hadd sei noch mindag' nich seihn, denn in de Nacht was sei man bet up den Gang kamen un hadd kein Og in ehr Stuw' smeten. De ganze Himmel was dalbraken, un dwars vör de Stuwendör lagg ein von de Franzosen in de witten Wulkengardinen un rokt ut 'ne irden Pip, den schönen witt- und rodstripigen Pähl unner'n Kopp; de anner satt in ehren Lehnstaul un hadd sick de Beinen mit ehren nigen ghinghangenen Äwerrock taudeckt; Herr Droi satt up't Fauten'n von't Bedd, un unner sin Borenmütz kek en Gesicht rut, dat redt von nicks anners as van Waddik un Weihdag'. Wo sach dat in ehr lütt Stüwken ut! – Dat was ümmer ehr Stolz west, ehr Putzkasten; hir hadd sei ümmer up ehr eigen Hand regiert, hir hadd sei ümmer in purer Ordnung un Rendlichkeit seten, hadd allens eigenhändig afwischt un afstöhmt. Keiner dürwt ehr hir wat anfaten un ümkatern, sülwst de Fru Meistern nich: »Ne«, säd sei, »de Fru Meistern is recht gaud; äwer sörredem, dat sei mi mal min Bernsteinkralen up de Ird fallen let, sörredem tru ick ehr nich .« – Un nu! – Allens was ümreten un ümstellt, de Stuw' was blag von Tobacksqualm, ehr Kledungsstücken wiren unner dat Rigel rutreten un legen bi Herr Droin sin Obergewehr un den Franzosen sinen Pirdswanz, un ehr Bedd, ehr schönes Bedd, stunn midden in de Stuw'. – Dat Bedd was ehr eigen; ehr Gevadder, de Discher Reuß, de oll Reuß – nich de jung' – hadd ehr de Beddlad ut dat sülwige Stück Holt makt, worut hei ehr ehr Sark hadd maken müßt, sei hadd dat Gorn tau de Inlett sülwst spunnen; Meister Stahl hadd't wewt, »tämlich gaud«, säd sei, »äwer jede Bahn twei Finger breid tau small, un dat is 'ne Dummheit, denn ick bün en wat vullkamen Frugensminsch, un dat möt hei weiten.« De Feddern hadd ehr de Fru Amtshauptmannen schenken wullt, sei hadd s' äwer nich annamen un hadd s' ehr betahlt, »denn«, säd sei, »Fru Meistern, mine zeitliche un mine ewige Rauh will ick mi verdeint hewwen, denn dat is min Stolz.« Un as nu dat Bedd so wid farig was, dunn köfft sei sick twei Gäng' slohwitte Gardinen von dow Hirschen un stek sei sick an dat Himmelgestell un stellt sick in de Stuw' drei Schritt von af un nickt mit den Kopp un säd: »Fru Meistern, dat En'n krönt dat Wark!« – Nu legen de Beddstücken in Unordnung herüm, un de Kron lagg up de Ird. Am selben Morgen, als der Müller mit Kopfweh in seine Stiefelschäfte hineinsah, zog sich Mamsell Westphal vollständig an, denn sie war sehr ordentlich; und als sie ihre Mütze aufsetzen wollte, schien ihr die nicht mehr im richtigen Stande zu sein, denn sie war sehr reinlich; sie ging also nach ihrer Stube und wollte sich eine reine Mütze holen, klopfte aber erst an und fragte: »Herr Droi, sind Sie auch in Ihrem vollständigen Habit?« – »Oui,« sagte der Uhrmacher. – Sie machte die Stubentür auf – Gott im hohen Himmel! – Wie sah es da aus! so etwas hatte sie noch ihrer Lebtage nicht gesehen; denn in der Nacht war sie nur bis auf den Gang gekommen und hatte in ihre Stube keinen Blick geworfen. Der ganze Betthimmel war niedergebrochen, und quer vor der Stubentür lag einer von den Franzosen in den weißen Wolkengardinen und rauchte aus einer irdenen Pfeife, den schönen weiß- und rotgestreiften Pfühl unter dem Kopf; der andere saß in ihrem Lehnstuhl und hatte sich die Beine mit ihrem neuen Ueberrock zugedeckt; Herr Droz saß auf dem Fußende des Bettes, und unter seiner Bärenmütze sah ein Gesicht heraus, das von nichts anderem als von Jammer und Elend redete. Wie sah es in ihrem kleinen Stübchen aus! – Das war immer ihr Stolz gewesen, ihr Putzkasten; hier hatte sie immer auf ihre eigene Hand regiert, hier hatte sie immer in purer Ordnung und Reinlichkeit gesessen, hatte alles eigenhändig abgewischt und abgestäubt. Niemand durfte ihr hier was anfassen und umstellen, selbst die Frau Meisterin nicht: »Ne,« sagte sie, »die Frau Meistern ist recht gut; aber seitdem sie mir mal meine Bernsteinkorallen auf die Erde fallen ließ, seitdem trau ich ihr nicht. « Und nun! Alles war umgerissen und umgestellt, die Stube blau vom Tabaksqualm, ihre Kleidungsstücke waren unter dem Riegel herausgerissen und lagen bei Herrn Droz' Obergewehr und dem Pferdeschwanz des Chasseurs, und ihr Bett, ihr schönes Bett, stand mitten in der Stube. – Das Bett war ihr eigen; ihr Gevatter, der Tischler Reuß – der alte Reuß, nicht der junge – hatte ihr die Bettlade aus demselben Stück Holz gemacht, woraus er auch ihren Sarg hatte machen müssen; sie hatte das Garn zum Inlett selbst gesponnen; Meister Stahl hatte es gewebt – »ziemlich gut,« sagte sie, »aber jede Bahn zwei Finger breit zu schmal, und das ist 'ne Dummheit, denn ich bin ein etwas vollkommenes Fraunzimmer, und das muß er wissen.« Die Federn hatte ihr die Frau Amtshauptmann schenken wollen, sie hatte sie aber nicht angenommen und hatte sie ihr bezahlt – »denn,« jagte sie, »Frau Meistern, meine zeitliche und meine ewige Ruhe will ich mir verdient haben; denn das ist mein Stolz.« Und als nun das Bett so weit fertig war, kaufte sie sich zwei Bahnen schlohweiße Gardinen vom tauben Hirsch und steckte sie sich ans Himmelgestell und stellte sich in der Stube drei Schritte davon ab und nickte mit dem Kopf und sagte: »Frau Meistern, das Ende krönt das Werk!« – Nun lagen die Bettstücke in Unordnung herum, und die Krone lag auf der Erde. Tauirst steiht sei as andunnert un kickt dörch den Tobacksqualm as de Vullmahn dörch den Abenddak, dorup geiht sei en por Schritt up Herr Droin los, ehr Gesicht ward so rod as de Bodden von den groten köppern Waschketel in ehr Käk, ehr Nachtmütz bewert ehr up den Kopp vör Arger, äwer sei seggt nicks wider as: »Wat is dit?« – Herr Droi stamert wat taurecht von dit un von dat, äwer sei süht em scharp in't Gesicht un seggt: »Lägen, Herr Droi! Sei hewwen dese Nacht lagen, Sei leigen ok hüt morrn. Ick heww Sei ut Barmherzigkeit min Slapstäd, min eigen Bedd inrümt, un dit is min Dank!« – Dormit geiht sei an ehr Kommod un halt sich 'ne reine Morgenmütz ut de Schuwlad' un will nu ut de Dör gahn, ahn Herr Droin antauseihn, dunn süht sei äwer ehr schönes Unnerbedd ut de Beddlad heruthängen, halw an de Ird; dat jammert ehr denn doch tau sihr, un sei will't in de Höcht böhren, fött äwer unglückliche Wis' grad up dat natte Flag, wo dat Water rin lopen was, un smitt dat Herr Droin an den Kopp un seggt: »Pfui! Ok dat noch!« un segelt ut de Dör un lett von achter so priswürdig un ihrenfast, as wenn de Unschuld up den Richtplatz führt ward. Zuerst steht sie wie angedonnert und guckt durch den Tabaksqualm, wie der Vollmond durch den Abendnebel; darauf geht sie ein paar Schritt auf Herrn Droz lös, und ihr Gesicht wird so rot wie der Boden des großen kupfernen Waschkessels in ihrer Küche. Ihre Nachtmütze zittert ihr auf dem Kopf vor Aerger; aber sie sagt nichts weiter, als: »Was ist das?« – Herr Droz stammelt etwas zurecht von diesem und jenem, aber sie sieht ihm scharf ins Gesicht und sagt: »Lügen, Herr Droi! Sie haben diese Nacht gelogen, Sie lügen auch heute morgen. Ich habe Ihnen aus Barmherzigkeit eine Schlafstelle, mein Bett eingeräumt – und dies ist mein Dank!« – Damit geht sie an ihre Kommode und holt sich eine reine Morgenmütze aus der Schublade und will nun aus der Tür gehen, ohne Herrn Droz anzusehen; da sieht sie aber ihr schönes Unterbett aus der Bettlade heraushängen, halb an der Erde; das jammert sie denn doch zu sehr, und sie will es aufheben, greift aber unglücklicherweise gerade in die nasse Stelle, wo das Wasser hineingelaufen war, schmeißt das Unterbett Herrn Droz an den Kopf und sagt: »Pfui! Auch das noch!« – und segelt aus der Tür und steht von hinten so preiswürdig und ehrenfest aus, wie wenn die Unschuld auf den Richtplatz geführt würde. De beiden Franzosen lachen un ßackerieren, sei äwer kihrt sick nich doran, un as sei den Gang hendalen geiht, trett de französche Oberst mit sin Adjudanten in vuller Uniform ut de blag' Stuw' un makt ehr 'ne höfliche Rewerenz. Frilich is ehr gor nich sihr nah Höflichkeiten tau Maud'; äwer so as einer anfröggt, möt hei jo doch ok Antwurt hewwen, un as de Mann is, möt em doch ok de Wust brad't warden, sei dukert also wedder mit en Knix unner un seggt: »Gun Morrn, Herr Oberst von Toll«, un will vöräwer. – De Oberst höllt sei äwer up un seggt: »Erlauben Sei, ick möt den Herrn Amtshauptmann spreken. Wo is de woll tau finnen?« – Mamsell Westphalen denkt, ehr sall de Slag rühren. »Wat wull'n Sei?« fröggt sei ganz verdutzt. – De Franzos' bringt sin Gewarw noch mal an. – »Wo wir dat woll mäglich!« seggt Mamsell Westphalen. » Unsern Herrn Amtshauptmann willen Sei des Morgens halwig acht spreken?« Un as de Franzos' dorbi bliwwt, seggt sei: »Herr Oberst von Toll, in mine Stuw' is mi dese Nacht dat Bäbelst tau't Unnerst ümkihrt – leider Gotts möt ick mi dat gefallen laten äwer keiner sall von mi seggen, dat ick de Hand dortau baben heww, dat de Weltordnung ümkihrt warden sall. Un wenn dat ok kein christlich Slapen is mit den ollen Herrn, so is hei doch Herr un kann slapen as en Herr un dauhn, wat em geföllt. Kein König un kein Kaiser, un wenn uns' Herzog Fridrich Franz sülwen kem, süllen mi dortau bewegen, mi in 'ne Rebelljon gegen dat hüsliche Herkamen intaulaten.« – Denn würd hei dat sülwst dauhn, säd de Oberst, schow Mamsell Westphalen höflich bi Sid un gung de Stufen nah baben rup. »Gott sall mi bewohren!« säd de oll Dam, un ehr sackten de Hän'n an den Liw' hendal: »Ick glöw, de Kirl deiht't!« Un as sei den Franzosen in den ollen Herrn sine Stuw' rinne gahn hürt, seggt sei. »Hei deiht't!«, un as de Adjudant nah ehr Stuw' tau Herr Droin geiht, seggt sei: »Scheiwbeinige Ekel, du fehlst noch!« un geiht in de Käk un seggt tau de beiden Dirns: »Fik un Korlin, unsen Herrgott sin hütige Dag fangt slimm an, un wenn dat so bibliwwt, denn ward hei dat sülwst am besten weiten, womit dat hei en'n sall. – Morgen legg wi up de Bük, dor heww ick min Grün'n tau; hüt geiht jeder von uns an sin Arbeit un deiht, as wenn nicks passiert is.« Un dormit namm sei de Kaffemähl un dreiht un dreiht, un de Kaffemähl, de rätert un rätert, un as sei de lütt Schuwlad' unnen utschüdden wull, dunn was dor nicks in, denn sei hadd baben kein Bohnen upschüdd't. Die beiden Franzosen lachen und sackerieren, sie aber kehrt sich nicht daran, und als sie den Gang hinunter geht, tritt der französische Oberst mit seinem Adjutanten in voller Uniform aus der blauen Stube und macht ihr eine höfliche Verbeugung. Freilich ist ihr gar nicht sehr nach Höflichkeit zumute; aber wie einer anfragt, muß er ja doch auch Antwort bekommen, und wie der Mann ist, muß ihm doch auch die Wurst gebraten werden; sie taucht also wieder mit einem Knix unter und sagt: »Guten Morgen, Herr Oberst von Toll,« und will vorübergehen. – Der Oberst hält sie aber an und sagt: »Erlauben Sie, ich muß den Herrn Amtshauptmann sprechen. Wo ist der wohl zu finden?« – Mamsell Westphal denkt, der Schlag soll sie rühren. »Was wollten Sie?« fragt sie ganz verdutzt..– Der Franzose trägt sein Anliegen noch einmal vor. – »Wie wäre das wohl möglich!« sagt Mamsell Westphal. » Unsern Herrn Amtshauptmann wollen Sie des morgens um halb acht sprechen?« Und als der Franzose dabei bleibt, sagt sie: »Herr Oberst von Toll, in meiner Stube ist mir diese Nacht das Oberste zu unterst gekehrt – leider Gottes muß ich mir das gefallen lassen – aber keiner soll von mir sagen, daß ich die Hand dazu geboten hätte, die Weltordnung umzukehren. Und wenn es auch kein christliches Schlafen ist mit dem alten Herrn, so ist er doch Herr und kann schlafen wie ein Herr und tun, was ihm gefällt. Kein König und kein Kaiser, und wenn unser Herzog Friedrich Franz selbst käme, sollten mich dazu bewegen, mich in eine Rebellion gegen das häusliche Herkommen einzulassen.« – Dann würde er es selber tun, sagte der Oberst, schob Mamsell Westphal höflich beiseite und ging die Stufen nach oben hinauf. »Gott soll mich bewahren!« sagte die alte Dame, und ihr sanken die Hände am Leibe herab; »ich glaube, der Mann tut's!« Und als sie den Franzosen in die Stube des alten Herrn hineingehen sieht, sagt sie: »Er tut's!« Und als der Adjutant nach ihrer Stube zu Herrn Droz geht, sagt sie: »Schiefbeiniger Ekel, du fehlst noch!« – und geht in die Küche und sagt zu den beiden Mädchen: »Fiken und Karline, unseres Herrgotts heutiger Tag fängt schlimm an, und wenn es so beibleibt, dann wird er selbst am besten wissen, womit er enden soll. – Morgen weichen wir Wäsche ein, dazu hab ich meine Gründe; heute geht jeder von uns an seine Arbeit und tut, wie wenn nichts passiert ist.« Und damit nimmt sie die Kaffeemühle, und dreht und dreht, und die Kaffeemühle, die rattert und rattert, und als sie die kleine Schublade unten ausschütten will, da ist nichts drin – denn sie hatte oben keine Bohnen aufgeschüttet. – – Baben bi den ollen Herrn würd dat nu sihr lebendig, un sihr lud würd dor spraken, un Fritz Sahlmann, de unverstännige Slüngel, de grad dorbi was, den ollen Herrn sin irden Pipen tau stoppen, wull denn nu jo doch vertellen, wo't baben hergüng, un stör't mit dat ganze Pipengedriw' in de Hand nah de Käkendör rin, wo Fik grad ganz andächtig ehr Uhr an den Dörenpost leggt hadd, üm ok en beten dorvon tau profentieren, un – bautz! fohrt hei gegen Fik, un – klacks! liggt de ganze Pipenbescherung un klätert in de Käk rüm. Mamsell Westphalen ehr Hand reckt sich äwerst nich äwer em, ehr Hän'n liggen in ehren Schot, un sei seggt ganz sachtmäudig: »Ganz in de Ordnung! – Wenn allens unnergahn un tausambreken sall, breckt so'n irden Pip woll am irsten, un wenn de Himmel inföllt, fallen all de Sparlings dod. – Mi süll't gor nich wunnern, wenn nu wer rin kem un smet all uns' puzzellanen Geschirr dörch de Finsterruten.« Oben beim alten Herrn wurde es jetzt sehr lebendig, und sehr laut wurde dort gesprochen, und Fritz Sahlmann, der unverständige Schlingel, der gerade dabei war, des alten Herrn irdene Pfeifen zu stopfen, wollte denn nun doch erzählen, wie es oben herging, und stürzte mit dem ganzen Pfeifengeschirr in der Hand zur Küchentür hinein, wo Fiken gerade ganz andächtig ihr Ohr an den Türpfosten gelegt hatte, um auch ein bißchen davon zu profitieren, und – bautz! – fährt er gegen Fiken, und – klacks! – liegt die ganze Pfeifenbescherung und klappert in der Küche herum. Mamsell Westphal streckt aber nicht ihre Hand über ihn aus; ihre Hände liegen in ihrem Schoß, und sie sagt ganz friedfertig: »Ganz in der Ordnung! Wenn alles untergehen und zusammenbrechen soll, bricht so eine irdene Pfeife wohl am ersten, und wenn der Himmel einfällt, fallen alle Sperlinge tot. Mich sollte es gar nicht wundern, wenn nun jemand hereinkäme und schmisse unser ganzes Porzellangeschirr durch die Fensterscheiben.« De Strit baben würd luder, de Wurdwessel schallt von den Vörplatz her, ein de oll Herr Amtshauptmann steg mit den Obersten de Stufen runner nah den Gang. De oll Herr säd mit barsche, korte Würd': de anner süll dauhn, wat hei nich laten künn, denn hei hadd jo de Macht. De Oberst säd: dat wüßt hei. Ihre hei äwerst von de Macht Gebruk makt, wull hei irst unnersäuken, wo de Sak stünn, denn dat künn nich anners sin: hir wiren Ding' vörgahn, de vertuscht warden süllen. – Hei hadd nicks tau vertuschen, säd de Amtshauptmann. Wenn hir wat tau vertuschen wir, denn hadden de Franzosen wat tau vertuschen; oder ob so'n Hallunk, as de Schassür west wir, bi ehr in Ihren un Achtung stünn. Hei för sin Part wüßt wider nicks, as dat de Kirl as en Röwer tau em kamen wir un as en Swinhund sick bedragen hadd un dat sin Lüd' un de Uhrkenmaker Droz em seggt hadden, de Gielowsch Möller hadd em up den Wagen un wull em mitnemen; denn seihn hadd hei'n nich. – Woher denn äwer de Uhrkenmaker Droz in de französche Uniform kem? frog de Oberst. Dat kümmert em nich, säd de oll Herr, un hei brukt dor nich för uptaukamen, denn de Mann wir nich amtssässig. Hei hadd man hürt, de Mann treckt männigmal tau sinen Vergnäugen de Uniform an. – Dat wiren Utflücht, säd de Oberst. – Dunn brus't äwer de oll Herr up, un hei richt't sick in sine ganze Läng' in de Höcht, hei kek den Franzosen mit so'n vörnehmen Blick an un säd: »Utflücht sünd Swesterkinner von Lägen. Sei vergeten min Öller un minen Stand!« – De Oberst ward heftiger un seggt: kort un gaud, de Sak wir em unwohrschinlich. – »So?« fröggt de oll Herr, un unner sin grisen Ogenbranen lücht dat rute mit en Blick vull Haß un Grull, as wenn ut 'ne düster Dunnerwulk en Blitz äwer 'ne fründliche Landschaft fohrt, »dat schint Sei unwohrschinlich?« un makt 'ne halwe Wenning un kickt den Obersten so äwer de Schuller an. »Worüm süll sick en Franzos' nich tau sinen Vergnäugen 'ne französche Uniform antrecken, wenn dorin so vele Dütsche tau ehren Vergnäugen rümme lopen?« Der Streit oben wurde lauter. Der Wortwechsel schallte vom Vorplatz her, und der alte Herr Amtshauptmann stieg mit dem Obersten die Stufen nach dem Gang herunter. Der alte Herr sagte mit barschen kurzen Worten: der andere sollte tun, was er nicht lassen könnte, denn er hätte ja die Macht. Der Oberst sagte: das wüßte er. Bevor er aber von der Macht Gebrauch machte, wollte er erst untersuchen, wie die Sache stände – denn es könnte nicht anders sein: hier wären Dinge vorgegangen, die vertuscht werden sollten. – Er hätte nichts zu vertuschen, sagte der Amtshauptmann. Wenn hier etwas zu vertuschen wäre, dann hätten die Franzosen etwas zu vertuschen. Oder ob so ein Halunke, wie der Chasseur gewesen wäre, bei ihnen in Ehren und Achtung stände? Er für sein Teil wüßte weiter nichts, als daß der Kerl wie ein Räuber zu ihm gekommen wäre und wie ein Schweinehund sich betragen hätte, und daß seine Leute und der Uhrmacher Droz ihm gesagt hätten, der Gielowsche Müller hätte ihn auf dem Wagen und wollte ihn mitnehmen; denn gesehen hätte er ihn nicht. – Woher denn aber der Uhrmacher Droz in französische Uniform käme? fragte der Oberst. – Das kümmerte ihn nicht, sagte der alte Herr, dafür brauchte er nicht aufzukommen, denn der Mann wäre nicht amtssäßig. Er hätte nur gehört, der Mann zöge manchmal zu seinem Vergnügen die Uniform an. – Das wären Ausflüchte, sagte der Oberst. – Da brauste aber der alte Herr auf; er richtete sich zu seiner ganzen Länge empor, sah den Franzosen mit so einem vornehmen Blick an und sagte: »Ausflüchte sind Schwesterkinder von Lügen; Sie vergessen mein Alter und meinen Stand!« – Der Oberst wird heftiger und sagt: kurz und gut, die Sache wäre ihm unwahrscheinlich. – »So?« sagt der alte Herr, und unter seinen grauen Augenbrauen leuchtet es heraus mit einem Blick voll Haß und Groll, wie wenn aus einer finstern Donnerwolke ein Blitz über eine freundliche Landschaft fährt; – »das scheint Ihnen unwahrscheinlich?« – und macht eine halbe Wendung und guckt den Franzosen so über die Schulter an. »Warum sollte ein Franzose nicht zu seinem Vergnügen eine französische Uniform anziehen, wenn so viele Deutsche zu ihrem Vergnügen darin herumlaufen?« Füerrod gütt dat den Obersten äwer dat Gesicht – en korten Ogenblick –, blaß as de Dod trett hei en por Schritt taurügg, grippt nah den Degen, un't was, as wenn 'ne grugliche Gewaltdaht as en Späuk achter em stünn un em de Hand lenken wull – ok man en korten Ogenblick. Hastig dreiht hei sick üm un gang mit starken Schritten den Gang dal. Un Fik, de in de Käk dörch de Dörenritz allens mit anseihn hadd, säd nahsten ümmer, so wat hadd sei in ehren Lewen nich seihn: »Hei was jo en smucken Mann un hadd en fründlich Gesicht«, set't sei hentau, »äwer, as hei den Gang so runner kamm, dunn weit ick nich, föll mi dat mit einmal in, dat ick mal, as ick noch Gäus' häuden ded, midden in'n Sommer bi hellen Sünnenschin en Küselwind erlewt heww, de in'n Handümdreihn von de schöne Eik achter'n Preistergorn all de Telgen afbrök, dat allens dörchenanner flog, un so flog dat ok äwer sin Gesicht.« Feuerrot übergießt sich des Obersten Gesicht – einen kurzen Augenblick – blaß wie der Tod tritt er ein paar Schritte zurück und greift nach dem Degen, und es war, wie wenn eine grausige Gewalttat wie ein Gespenst hinter ihm stände und ihm die Hand lenken wollte – auch nur einen kurzen Augenblick – hastig drehte er sich um und ging mit starken Schritten den Gang hinunter. Und Fik, die in der Küche durch die Türritze alles mit angesehen hatte, sagte später immer, so etwas hätte sie in ihrem Leben nicht gesehen. »Er war ja ein schmucker Mann und hatte ein freundliches Gesicht,« setzte sie hinzu, »aber als er so den Gang herunterkam, da weiß ich nicht, da fiel mir mit einemmal ein, daß ich mal, als ich noch Gänse hütete, mitten im Sommer bei hellem Sonnenschein einen Wirbelwind erlebt habe, der im Handumdrehen von der schönen Eiche hinterm Priestergarten alle Aeste abbrach, daß alles durch einanderflog, und so flog es auch über sein Gesicht.« De Oberst dreiht sick wedder üm, gung up den Amtshauptmann los un säd kolt un ruhig: sei spröken sick äwer den Punkt woll mal wider; sin Pflicht verlangt, de Sak up den Grund tau kamen. – Worüm de Uhrkenmaker dese Nacht up den Sloß slapen hadd? – »Hei hett hir nich slapen«, säd de oll Herr. – Ja, säd de Oberst, hei hadd hir slapen, in de Stuw' hadd hei slapen – un wis't up Mamsell Westphalen ehr Stuw'. – »Nich mäglich!« rep de oll Herr un erhöw de Stimm, as wull hei vör aller Welt 'ne Unschuld vertreden, »dat is Mamsell Westphalen ehr Stuw'. Dat olle Mäten is äwer twintig Johr in minen Hus', un de süll des Nachts Mannslüd' bi sick beharbargen?« – »Korlin«, säd Mamsell Westphalen in de Käk, »slah mi dreimal drist in dat G'nick, denn mi treden de Ahnmachten an, un allens geiht mit mi rund!« Der Oberst drehte sich wieder um, ging auf den Amtshauptmann los und sagte kalt und ruhig: sie sprächen sich über den Punkt wohl mal weiter; seine Pflicht verlangte, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum der Uhrmacher diese Nacht auf dem Schloß geschlafen hätte? – »Er hat hier nicht geschlafen,« sagt der alte Herr. – Ja, sagte der Oberst; er hätte hier geschlafen, in der Stube hätte er geschlafen – und Zeigte auf Mamsell Westphals Stube. – »Nicht möglich!« rief der alte Herr und erhob die Stimme, als wollte er vor aller Welt eine Unschuld vertreten, »das ist Mamsell Westphals Stube. Das alte Mädchen ist über zwanzig Jahre in meinem Hause, und die sollte des Nachts Mannsleute bei sich beherbergen?« – »Karline!« sagte Mamsell Westphal in der Küche; »schlag mir dreimal tüchtig ins Genick, denn mich treten die Ohnmachten an, und alles geht mit mir rund!« Indessen ritt de Oberst de Dör up, un dor süht denn de Herr Amtshauptmann den Uhrkenmaker vör sick stahn, den währenddeß grad de Adjudant in't Gebett namen hett, un de allens Mägliche vertellt hett, blot nich de Wohrheit, dat min Vader em as Schugels gegen de Franzosen brukt hett, un de ok Stein un Bein sworen hett, daß de Gielowsch Möller den Schassür mitnamen hett. – De oll Herr Amtshauptmann verfirt sick dägern, as hei den Uhrkenmaker dor süht. »Dit is mi unerklärlich!« röppt hei ut. – De Oberst lacht höhnschen vör sick hen un seggt: hei hofft, dat süll nich lang' unerklärlich bliwen; redt dorup en par Würd' heimlich mit den Adjudanten un verlangt de Slätel tau't Amtsgefängnis. – »De gew ick nich rut för desen Gefangen«, seggt de Amtshauptmann, »denn de Mann hett kein Recht an dat Amtsgefängnis, hei is en Börger, un hei hürt up't Börgergehursam.« – Dat wir schön, seggt de Oberst, un so wir't em ok leiwer, denn so wüßt hei doch, dat nich so licht Dörchstekerien passieren kün'n. Unterdessen reißt der Oberst die Tür auf, und da sieht denn der Herr Amtshauptmann den Uhrmacher vor sich stehen, den in der Zwischenzeit gerade der Adjutant ins Gebet genommen hat, und der alles mögliche erzählt hat, bloß nicht die Wahrheit: daß mein Vater ihn als Franzosenscheuche gebraucht, und der auf Stein und Bein geschworen hat, der Gielowsche Müller habe den Chasseur mitgenommen. – Der alte Herr Amtshauptmann kriegt einen tüchtigen Schreck, als er den Uhrmacher sieht, und ruft: »Dies ist mir unerklärlich!« – Der Oberst lacht höhnisch vor sich hin und sagt: er hoffe, es solle nicht lange unerklärlich bleiben; redet darauf ein paar Worte heimlich mit dem Adjutanten und verlangt den Schlüssel zum Amtsgefängnis. – »Den gebe ich nicht heraus für diesen Gefangenen,« sagt der Amtshauptmann, »denn der Mann hat kein Recht an das Amtsgefängnis. Er ist ein Bürger und gehört aufs Bürgergehorsam.« – Das wäre schön, sagt der Oberst, und so wär's ihm auch lieber, denn so wüßte er doch, daß nicht so leicht Durchsteckereien passieren könnten. Herr Droi ward also in de Midd von en por Soldaten namen – denn mit de Wil grimmelt dat all vull allerlei französch Volk up den Sloßhof – un würd nah't Rathus transportiert. De Oberst gung ok; äwerst as hei in de Dör was, dreiht bei sick üm un säd, wenn hei streng nah sin Pflicht güng, müßt hei den Herrn Amtshauptmann ok arretieren laten, äwer wil hei en ollen Mann wir, un vör allen, wil hei em persönlich hir so'n grausam bitter Wurd seggt hadd, wull hei em in Freden laten, denn hei wull in dese Sak ok nich den entfirntesten Schin up sick laden, as wull hei sick för dat Wurd räken; äwer dat säd hei em, süll sin Gegenwärtigkeit oder de von Mamsell Westphalen in de Unnersäukung nödig warden, denn künn hei't em nich schenken, un hei müßt för sick un Mamsell Westphalen stahn. Dat säd de oll Herr ruhig un kolt tau, un de Oberst gung, beordert äwer up de Städ' en por Schandoren nah de Gielowsch Mähl, wobi bei den ollen Herrn scharp ankek. Herr Droz wurde also von ein paar Soldaten in die Mitte genommen – denn mittlerweile wimmelte es auf dem Schloßhof schon von allerlei französischem Volk – und wurde nach dem Rathaus transportiert. Der Oberst ging auch; aber als er in der Tür war, drehte er sich um und sagte: wenn er strenge nach seiner Pflicht ginge, müßte er den Herrn Amtshauptmann auch arretieren lassen; aber weil er ein alter Mann wäre, und vor allem, weil er ihm persönlich so ein grausam bitteres Wort gesagt hätte, wollte er ihn in Frieden lassen, denn er möchte in dieser Sache auch nicht den entferntesten Schein auf sich laden, als wollte er sich für das Wort rächen; aber das sagte er ihm: sollte in der Untersuchung seine Gegenwart oder die von Mamsell Westphal nötig werden, dann könnte er's ihm nicht schenken, und er müßte für sich und Mamsell Westphal einstehen. Das sagte der alte Herr ruhig und kalt zu, und der Oberst ging, beorderte aber auf der Stelle ein paar Gendarmen nach der Gielowschen Mühle, wobei er den alten Herrn scharf ansah. De oll Herr gung irst up de Käk tau, un Fik verkröp sick all un buckt von ehr Dörenritz t'rügg, den sei dacht, de Herr würd rinkamen, de äwer stunn mit einmal still un dreiht sick üm un säd vör sick hen: »Wat säd de Kirl von de Dörchstekeri un von Schin up sick laden? – Wat so'n französche Oberst blot reden kann, kann de Amtshauptmann Wewer gaud dauhn: ick will ok nich den Schin up mi laden, as hadd ick in den Sinn, Dörchstekeri tau driwen.« Un he gung in sin Stuw'. Der alte Herr ging erst auf die Küche zu, und Fik verkroch sich schon und fuhr von ihrer Türritze zurück, denn sie dachte, der Herr würde hereinkommen. Der aber stand mit einem Male still und drehte sich um und sagte vor sich hin: »Was sagte der Kerl von Durchsteckerei und von Schein-auf-sich-laden? Was so ein französischer Oberst nur reden kann, kann der Amtshauptmann Weber gut tun: ich will auch nicht den Schein auf mich laden, als hätte ich im Sinn, Durchsteckerei zu treiben.« Und er ging in seine Stube. Dat säbente Kapittel Siebentes Kapitel Wat min Unkel Hers' säd, un wat min Unkel Hers' was; un worüm Fritz Sahlmann fläuten müßt. Was mein Onkel Herse sagte, und wer mein Onkel Herse war; und warum Fritz Sahlmann flöten mußte. As de Uhrkenmaker den Sloßbarg hendal bröcht ward, was jo denn nu natürlich Fritz Sahlmann mitgahn, blot üm tau seihn, wo den Arrestanten de Sak kleden würd un wat hei woll nich utrischen ded; doch dit letztere geschach nich. De Tog gung langsam dal nah't Rathus, denn hei müßt sick mit Mäuh dörchwinnen dörch allerlei Gespann un Fuhrwark, dat taum Transportieren von Gepäck un Maroden un taum Vörspann von Kanonen ut de Dörper un de Stadt kummandiert was un de nu up den Sloßhof un den Weg taum Sloß tausam drewen un mit Franzosen ümstellt wiren, dat sei nich wedder schappieren süllen, denn dor wiren de ollen Buren nu all hellschen klauk up. – De Uhrkenmaker gung gedüllig as en Lamm un ok ganz ruhig mit sin beiden Wächters dörch den Hümpel, denn wenn hei sick ok in de Irst hellschen verfirt hadd un wenn em de ganze Sak dese Nacht äwer ok hellschen eklich un bedenklich was, so was hei doch während dat Verhür, wat de Adjudant mit em anstellen ded, in 'ne Ort von Verfat kamen, de sick mit de Redensort beteiken lett: »Red du man! Du kannst vel reden, ihre mi en Wurd dorvon gefällt«, un sin Antwurten wiren hellschen sporsam utfollen. Un wenn hei ok nich so'ne wille Krasch' in sick hadd, de up allens glik losgeiht, so was hei doch all tau lang' in de Welt west un hadd all so oft in de Tint' seten, dat bei nich glik verzagt. Hei let dat an sick kamen. »Wo dit woll ward?« säd hei sülwst, as hei in de Rathusdör rinne schuppst würd. Als der Uhrmacher den Schloßberg hinunter gebracht wurde, war natürlich Fritz Sahlmann mitgegangen, bloß um zu sehen, wie den Arrestanten die Sache kleiden würde, und ob er wohl nicht ausrisse; doch dies letztere geschah nicht. Der Zug ging langsam nach dem Rathaus, denn er mußte sich mit Mühe durch allerlei Gespanne und Fuhrwerke durchwinden, die zum Transportieren von Gepäck und Maroden und zum Kanonenvorspann aus den Dörfern und der Stadt kommandiert und jetzt auf dem Schloßhof und dem Wege zum Schloß zusammengetrieben und mit Franzosen umstellt waren, damit sie nicht wieder ausrissen – denn das verstanden die alten Bauern jetzt bereits ganz ausgezeichnet. – Der Uhrmacher ging geduldig wie ein Lamm und auch ganz ruhig mit seinen beiden Wächtern durch den Menschenhaufen; denn wenn er sich auch anfangs sehr erschrocken hatte, und wenn ihm die ganze Sache diese Nacht über auch sehr eklig und bedenklich war, so war er doch während des Verhörs, das der Adjutant mit ihm angestellt hatte, in eine Art von Verfassung geraten, die sich mit der Redensart bezeichnen läßt: »Rede du nur! Du kannst viel reden, ehe mir ein Wort davon gefällt!« – und seine Antworten waren äußerst sparsam ausgefallen. Und wenn er auch nicht so einen wilden Mut in sich hatte, der gleich auf alles losgeht, so war er doch schon so lange in der Welt gewesen und hatte schon so oft in der Tinte gesessen, daß er nicht gleich verzagte. Er ließ es an sich kommen. »Wie dies wohl wird?« sagte er selbst, als er in die Rathaustür hineingeschoben wurde. – »Fritz Sahlmann«, seggt Ratsherr Hers', as de Jung' wedder nah't Sloß ruppe will, »wat heit dit?« – Fritz vertellt denn nu mit de grötste Wichtigkeit de Geschicht von gistern, un wo Herr Droi in Mamsell Westphalen ehre Stuw' slapen un allens kort slagen hadd un wo hei sülwst den Herrn Amtshauptmann sin Pipen intwei smeten hadd – hei künn dor äwer nich vör, denn Fik wir schüllig doran – un wo de Oberst den Herrn Amtshauptmann hadd dodstecken wollt un wo Mamsell Westphalen in de Käk set as en Bild des Leidens; von den Isklumpen säd hei äwerst nicks. »Fritz Sahlmann,« sagte Ratsherr Herse, als der Junge wieder nach dem Schloß hinauf wollte, »was heißt dies?« – Fritz erzählte denn nun mit der größten Wichtigkeit die Geschichte von gestern, und wie Herr Droz in Mamsell Westphals Stube geschlafen und alles kurz und klein geschlagen, und wie er selbst des Herrn Amtshauptmanns Pfeifen entzweigeschmissen hätte – er könnte aber nicht dafür, denn Fik wäre schuld daran – und wie der Oberst den Herrn Amtshauptmann hätte totstechen wollen, und wie Mamsell Westphal in der Küche säße als ein Bild des Leidens; vom Eisklumpen sagte er aber nichts. Nu was äwerst min Unkel, de Ratsherr Hers', en ungeheuren Patriot, wenn ok man heimlich. Un dat hett sinen Grund. Denn, as hei mi nah langen Johren, as Bonepart all dod was, tauflustern ded, hürt hei üm dese Tid tau den Tugendbund. Un glöwen will ick em dat, denn wenn hei in Gesellschaft was, denn spelt hei ümmer mit 'ne lange Uhrked von sihr helle Hor – un Tanten Hersen ehr wiren swart – un wis't ümmer en gefährlich groten isern Fingerring, womit hei mal den Vagebunden, den Slössergesellen Höpner, binah dodslagen hadd, as de sick in de Gerichtsstuw' sihr unhöflich upführen ded. – »Fritz«, säd hei späder tau mi, »dit helle Hor is von eine heldenmütige Jungfrau, de sick Anno drütteihn den Kopp för't Vaderland hett scheren laten, un de isern Ring hett mi minen gollenen kost. Red' äwer nich dorvon, ick mag dat nich.« Hei was also üm de Tid, as dese Geschicht spelen ded, mit Recht sihr för Heimlichkeiten. Un mäglich is't ok, dat sin Ort un Wis', allens in'n ganzen, ut en widen Gesichtspunkt tau äwerslahn, mit sine heimliche Verbräuderung tausam hung, denn wenn min Oll mit de nichtswürdigsten Plackerien un Schinnerien sick Nacht un Dag afquälen müßt, dormit dat oll lütt dürftig Stadtwesen knapp noch tausam hacken blew un nich ganz ut den Lim güng, denn let Ratsherr Hers' Kutusoffen rechts marschieren un Czernitscheffen links un lawt Yorken un schüll up Bülown, hei verstünn sin Sak nich, denn hei hadd sick nich up Berlin, hei hadd sick bet rechts nah Stemhagen trecken un hadd Boneparten bet in de Flanken fohren müßt. Kort, hei was so recht de Mann dortau, ut en Sünnenprust en Dunnerslag tau maken: in jeden unschülligen französchen Kapperal sach hei den korsikanischen Wüterich, un hadd de Stadtdeiner Luth an'n blagen Mandag bi 'ne Gesellen-Slägeri en por Raps afkregen, denn hadd hei sick, as wir de Herzog von Meckelnborg mit Mulschellen traktiert worden. Nun war aber mein Onkel, der Ratsherr Herse, ein ungeheurer Patriot, wenn auch nur heimlich. Und das hatte seinen Grund. Denn, wie er mir nach langen Jahren, als Bonaparte schon tot war, zuflüsterte, gehörte er um diese Zeit zum Tugendbund. Und das will ich ihm glauben; denn wenn er in Gesellschaft war, spielte er immer mit einer langen Uhrkette aus sehr hellen Haaren – und Tante Herses Haare waren schwarz – und zeigte immer einen gefährlich großen eisernen Fingerring, womit er mal den Vagabunden, den Schlossergesellen Höpner, beinahe totgeschlagen hätte, als dieser sich in der Gerichtsstube sehr unhöflich aufführte. – »Fritz,« sagte er später zu mir, »dies helle Haar ist von einer heldenmütigen Jungfrau, die sich anno dreizehn fürs Vaterland den Kopf hat scheeren lassen, und der eiserne Ring hat mich meinen goldenen gekostet. Sprich aber nicht davon, ich mag das nicht.« Er war also um die Zeit, wo diese Geschichte spielte, mit Recht für Heimlichkeiten. Und möglich ist es auch, daß seine Art und Weise, alles im Ganzen, aus einem weiten Gesichtspunkt zu überschlagen, mit seiner heimlichen Verbrüderung zusammenhing; denn wenn mein Alter sich Tag und Nacht mit den nichtswürdigsten Plackereien und Schindereien abgeben mußte, damit das alte kleine dürftige Stadtwesen knapp noch zusammenhängen bliebe und nicht ganz aus dem Leim ginge, dann ließ Ratsherr Herse den Kutusow rechts marschieren und den Tschernitschew links, und lobte York und schalt auf Bülow, er verstände seine Sache nicht, denn er hätte sich nicht auf Berlin, er hätte sich mehr rechts nach Stavenhagen ziehen und Bonaparten in die Flanken fahren müssen. Kurz, er war so recht der Mann dazu, aus einem Riesen einen Donnerschlag zu machen: in jedem unschuldigen französischen Korporal sah er den korsikanischen Wüterich; und hatte der Stadtdiener Luth am blauen Montag bei einer Gesellenschlägerei ein paar Hiebe abgekriegt, dann regte er sich auf, als wäre der Herzog von Mecklenburg mit Maulschellen traktiert worden. – – »Holl din Mul, Jung«', flustert Ratsherr Hers' sihr indringlich, »Willst du jug' Dodsurtel hir up den öffentlichen Mark utschrigen? – För den Uhrkenmaker sin Lewen gew ik keinen Gröschen, denn dat is gewiß, dat de Möller un sin Fridrich den Schassür dodslagen hewwen...« – »De Möller nich «, föllt em Fritz in de Red', »de Möller was gistern nicks as Bramwin un Barmherzigkeit.« – »Na, denn sin Fridrich, dat's en Preuß. Weitst du, wat en Preuß is? Weitst du, wat en Preuß tau bedüden hett? Weitst du...? Dumme Jung', wat kickst mi an? Meinst du, dat ick di min Angelegenheiten up de Näs' binnen sall? – Doch, wat ick seggen wull – den ollen Amtshauptmann warden sei nah Bäjonn in Frankrik schicken, wo sei den Ivenacker Grafen sinen Schimmelhingst, den Herodoht, ok henschickt hewwen, un Mamsell Westphalen – so vel as ick de französchen Kriegsgesetze kennen dauh – ward woll einfach uphängt warden, un du, min Sähn, för de Bestellung, de du utricht hest, wardst woll en ungeheuren Puckel vull Släg' krigen.« – Fritz Sahlmann sach denn nu in 'ne trurige Taukunft un makt ok en Gesicht dornah. »Herr Ratsherr, doch nich up den öffentlichen Mark?« frog hei. – »Wo du grad geihst un steihst; dorüm heit dat jo Standrecht. Wenn äwer de Sak in de richtige Hand namen ward, kann allens noch schön taurecht kamen. – Kannst du swigen?« – Fritz Sahlmann säd, hei künn ganz utverschamten swigen. – »Na, denn kumm mal her un stek de beiden Hän'n in de Hosentaschen un fläut mal. – So! dat geiht all! – Un nu mak man so'n verluren Gesicht, as wir di gor nicks weg, as du bi Sommertiden makst, wenn die in'n Sloßgoren Appel von de Böm smittst un Mamsell Westphalen d'räwer taukümmt. – Richtig! Un nu mark di jedes Wurd, wat ick di segg: nu geihst du mit dit Gesicht un mit desen schönen Schin vull kindliche Unschuld dörch de Franzosen un de Buren dörch up dat Sloß in de Käk un röppst Mamsell Westphalen allein in de Eck un seggst denn blot de beiden Würd': Rettung naht!' Süll sei sick dormit nich taufreden gewen, denn kannst du ehr in aller Gelimplichkeit seggen, wat ick von't Uphängen seggt heww, un süll sei sick doräwer in etwas verfiren, denn seggst du ehr, sei süll noch lang' nich verzagen, denn ick , de Ratsherr Hers', hadd de Sak in de Hand namen. Vör allen süll sei äwerst glik de Käkendör afsluten un de Achterdör nah den Goren hen, un sei un de beiden Dirns un du süllen jeder en Stück Dings in de Hand nemen un keinen Franzosen rinne laten un süll'n sick wehren bet up den letzten Mann, bet ick kam. Ick äwer ward glik dörch den Sloßgorn nah de Achterdör gahn – will mi man irst en Mantel halen, denn dat regent all infam –, un min Parol wir: ›Wohl, wohl!‹, un min Feldgeschri wir: ›York!‹ Ne, dat geiht nich, dat versteiht sei nich. – Na, wat denn ? 't is ganz egal – 't is ganz egal. – Na, min Feldgeschri wir – wir – ›Sur Swinfleisch!‹ Dat versteiht sei. Wenn also einer kem un röp dit Wurd, denn süll sei de Achterdör upmaken. – Hest allens behollen?« – »Ja, Herr Ratsherr.« – »Na, denn gah! Un keiner, sülwst de Amtshauptmann nich, erfohrt dorvon en Wurd!« – Fritz gung, un ok de Herr Ratsherr. »Halt deinen Mund, Junge,« flüsterte Ratsherr Herse sehr eindringlich, »willst du euer Todesurteil hier auf dem öffentlichen Markt ausschreien? Für des Uhrmachers Leben geb' ich keinen Groschen, denn das ist gewiß, daß der Müller und sein Friedrich den Chasseur totgeschlagen haben ...« – »Der Müller nicht,« fiel ihm Fritz in die Rede, »der Müller war gestern nichts wie Branntwein und Barmherzigkeit.« – »Na, dann sein Friedrich; das ist ein Preuß. Weiht du, was ein Preuß ist? Weißt du, was ein Preuß zu bedeuten hat? Weißt du ...? Dummer Junge, was guckst du mich an? Meinst du, daß ich dir meine Angelegenheiten auf die Nase binden soll? – Doch, was ich sagen wollte – den alten Amtshauptmann werden sie nach Bayonne in Frankreich schicken, wo sie den Schimmelhengst des Ivenacker Grafen, den Herodot, auch hingeschickt haben, und Mamsell Westphal – so viel wie ich die französischen Kriegsgesetze kenne – wird wohl einfach aufgehängt werden, und du mein Sohn, wirst wohl für die Bestellung, die du ausgerichtet hast, einen ungeheuren Buckel voll Schläge kriegen.« – Fritz Sahlmann sah denn nun in eine traurige Zukunft und machte auch ein Gesicht danach. »Herr Ratsherr, doch nicht auf dem öffentlichen Markt?« fragte er. – »Wo du gerade gehst und stehst – darum heißt es ja Standrecht. Wenn aber die Sache in die richtige Hand genommen wird, kann alles noch schön zurecht kommen. Kannst du schweigen?« – Fritz Sahlmann sagte, schweigen könnte er ganz riesig. – »Na, dann komm mal her und stecke die beiden Hände in die Hosentaschen und flöte mal. – So! das geht schon! – Und nun mache mal so ein gleichgültiges Gesicht, als fehlte dir weiter gar nichts, wie du's zur Sommerszeit machst, wenn du im Schloßgarten Aepfel von den Bäumen wirfst und Mamsell Westphal drüber zukommt. – Richtig! – Und nun merke dir jedes Wort, das ich dir sage. Jetzt gehst du mit diesem Gesicht und mit diesem schönen Schein von kindlicher Unschuld durch die Franzosen und die Bauern hindurch aufs Schloß in die Küche und rufst Mamsell Westphal allein in die Ecke und sagst dann bloß die beiden Worte: ›Rettung naht!‹ Sollte sie sich nicht damit zufrieden geben, so kannst du ihr in aller Glimpflichkeit sagen, was ich vom Aufhängen gesagt habe, und sollte sie sich darüber ein bißchen erschrecken, dann sagst du, sie sollte noch lange nicht verzagen, denn ich, der Ratsherr Herse, hätte die Sache in die Hand genommen. Vor allem aber sollte sie gleich die Küchentür abschließen und die Hintertür nach dem Garten hin, und sie und die beiden Mädchen und du sollten jeder ein Stück Dings in die Hand nehmen und keinen Franzosen hineinlassen, und sollten sich wehren bis auf den letzten Mann, bis ich komme. Ich aber werde gleich durch den Schloßgarten nach der Hintertür gehen – will mir nur erst einen Mantel holen, denn es regnet ja schon infam – und meine Parole wäre: ›Wohl, wohl!‹ und mein Feldgeschrei wäre: ›York!‹ Nein, das geht nicht, das versteht sie nicht. – Na, was denn? 's ist ganz egal – 's ist ganz egal. Na, mein Feldgeschrei wäre – wäre – ›Saures Schweinefleisch!‹ Das versteht sie. – Wenn also einer käme und dies Wort riefe, dann sollte sie die Hintertür aufmachen. – Hast du alles behalten?« – »Ja, Herr Ratsherr.« – »Na, dann geh! und niemand, selbst der Amtshauptmann nicht, erfährt davon ein Wort!« – Fritz ging, und der Herr Ratsherr auch. Min Unkel Hers' hadd sick natürlich glik, as hei Ratsherr worden was, de blage Ratsherrnuniform mit den roden un gollen Kragen maken laten, un wil hei en groten, starken, statschen Mann was, treckt hei sei sihr girn an, wenn jichtens Gelegenheit dortau was, taum Bispill wenn de Sprütten probiert würden oder wenn an'n Maidag de Käuh in de Koppel kemen oder wenn Inquartierung kamm, üm sick in den gehörigen Respekt tau setten. Wenn denn min Vader in sinen grisen Röckschen achter den Gerichtsdisch sitten ded un schrew, dat em de Fingern knackten, gung Ratsherr Hers' vör den Gerichtsdisch up un dal un besorgte de Würd un den Glanz, wobi em dat denn sihr ketteln ded, wenn so'n Franzos' em mit »Monsieur le maire« anredt! Minen Vader was dat ok nich entgegen, denn meistendeils gaww dat bi dit Geschäft wat uttaubaden, un dat äwerlet hei denn mit den Glanz ok den Herrn Ratsherrn, un hei äwernamm de Arbeit. So hadden sei sick dat richtig indeilt, un wenn Ratsherr Susemihl sin swor Deil as Bisitzer bi 'n Gerichtsdag ordentlich besorgte un Stadtdeiner Luth dat Lopen up de Strat un Stadtspreker Dohmstreich nich dicker würd, as hei würklich was, dat hei noch af un an dörch Feld un Holt gung un up 'ne weike Grawenburd sinen Middagsslap beschaffte, wenn de Virtelslüd' af un an de Sprütten probierten un de Bullenangelegenheit besorgten un Panner Hirsch de Jungs ut de Arwtpalen jog – denn wull ick mal eins seihn, wo 'ne Stadt un 'ne Feldmark tau finnen wir, de so in'n Tog un up den Damm was as min Vaderstadt Stemhagen! Un dat kamm all dorvon her, dat Ratsherr Hers' girn sin Uniform dragen müggt. Mein Onkel Herse hatte sich natürlich gleich, als er Ratsherr geworden war, die blaue Ratsherrenuniform mit dem roten und goldenen Kragen machen lassen, und weil er ein großer, starker, stattlicher Mann war, zog er sie sehr gerne an, wenn nur irgend eine Gelegenheit dazu war – zum Beispiel, wenn die Spritzen probiert wurden, oder wenn am Maitag die Kühe auf die Weide kamen, oder wenn Einquartierung kam – um sich in den gehörigen Respekt zu setzen. Wenn dann mein Vater in seinem grauen Röckchen hinter dem Gerichtstisch saß und schrieb, daß ihm die Finger knackten, ging Ratsherr Herse vor dem Gerichtstisch auf und nieder und besorgte die Würde und den Glanz, wobei es ihn denn sehr kitzelte, wenn so ein Franzos ihn mit ›Monsieur le maire‹ anredete! Meinem Vater war das auch nicht zuwider, denn meistenteils gab es bei diesem Geschäft etwas auszubaden, und das überließ er dann mit dem Glanz ebenfalls dem Herrn Ratsherrn, und er übernahm die Arbeit. So hatten sie sich's richtig eingeteilt, und wenn Ratsherr Susemihl sein schweres Teil als Beisitzer beim Gerichtstag, und Stadtdiener Luth das Laufen auf der Straße besorgte, und Stadtsprecher Dohmstreich nicht dicker wurde, als er schon war, sodaß er noch ab und zu durch Feld und Holz ging und auf einem weichen Grabenrand seinen Mittagsschlaf beschaffte, wenn die Viertelsleute ab und zu die Spritzen probierten und die Bullenangelegenheit besorgten und Flurschütz Hirsch die Jungens aus den Erbsenschoten jagte – dann wollte ich doch mal sehen, wo eine Stadt und eine Feldmark zu finden wäre, die so im Zuge und auf dem Damm war, wie meine Vaterstadt Stavenhagen! Und das kam alles davon her, daß Ratsherr Herse gerne seine Uniform tragen mochte. Also, as min Unkel Hers' nu nah Hus gung – denn dat regent all piplings –, söcht hei in sinen Klederschapp nah sinen grisen Mantel, un dorbi föll em sin Uniform in de Hand, un hei dacht: »Süh, hüt is de Gelegenheit dornah, un wer weit, sei kann mi mäglich in min Vörnemen nütten«, un treckt sei an un set't sick ok den schönen Dreimaster up, den wi Jungs nahsten ümmer as Kahn up den ollen Nahmaker sinen Dik hewwen swemmen laten. Na, tau dese Tid was hei noch in sinen besten Verfat, un as de Herr Ratsherr ut de Husdör gung, slog hei den Mantelkragen doräwer, dat de Haut nich natt würd, un min Unkel Hers' sach nu bi heiligen Dag' ut as en französchen General bi Nacht, wenn hei de findlichen Posten wohrschu't. »So!« säd hei, »un nu kennt mi ok kein Minsch !« Hei gang äwer'n Mark un makt en lütten Ümweg äwer'n Buhof, wo Pächter Nahmaker ut dat Eckfinster sine Mähren nahkek, de em de Franzosen ut den Stall treckt hadden. »Gun Morrn, Herr Ratsherr!« säd de Pächter. »Min Herzing, wat is dit för 'ne Tid!« – »Still!« säd min Unkel Hers' un gung wider. Achter de Buhofsschün begegent em Dresler Swirdfeger: »Gun Morrn, Herr Ratsherr!« – »Hollen S' Ehr Mul!« seggt min Unkel ärgerlich un geiht achter'n Sloßgorn rüm. – »Gun Morrn, Herr Ratsherr!« seggt oll Spelmann Hartloffen sin Jung'. – Swabb! hett hei eins mit de verwendte Hand an den Däts: »Dumme Jung! sühst du nich, dat ick nich kundbor warden will?« Somit geiht hei in den Sloßgoren un argert sick un seggt: »Dat weit de Düwel! 'ne öffentliche Stellung liggt ordentlich as en Fluch up einen!« Also, als mein Onkel Herse nun nach Hause ging – denn es regnete jetzt schon in Strömen – suchte er in seinem Kleiderschrank nach seinem grauen Mantel, und dabei fiel ihm seine Uniform in die Hand und er dachte: »Sieh, heute ist die Gelegenheit dazu, und wer weiß, sie kann mir vielleicht in meinem Vorhaben nützen!« – und zog sie an und setzte sich auch den schönen Dreimaster auf, den wir Jungens später immer als Kahn aus des alten Nahmachers Teich haben schwimmen lassen. Na, zu dieser Zeit war er noch im besten Stande, und als der Herr Ratsherr aus der Haustür ging, schlug er den Mantelkragen darüber, damit der Hut nicht naß würde, und mein Onkel Herse sah nun bei hellichtem Tag aus wie ein französischer General bei Nacht, wenn er nach den feindlichen Posten ausschaut. »So,« sagte er, »und nun kennt mich auch kein Mensch.« Er ging über den Markt und machte einen kleinen Umweg über den Bauhof, wo Pächter Nahmacher aus dem Eckfenster seinen Pferden nachsah, die ihm die Franzosen aus dem Stall gezogen hatten. »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« sagte der Pächter; »mein Herzing, was ist dies für eine Zeit!« – »Still!« sagte mein Onkel Herse und ging weiter. Hinter der Bauhofscheune begegnet ihm Drechsler Schwerdtfeger: »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« – »Halten Sie Ihren Mund!« sagt mein Onkel ärgerlich und geht hinterm Schloßgarten herum. – »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« sagt des alten Spielmanns Hartloffs Junge – schwaps! hat er eins mit der umgekehrten Hand an den Kopf: »Dummer Junge! siehst du nicht, daß ich nicht kundbar werden will?« Damit geht er in den Schloßgarten und ärgert sich und sagt: »Das weiß der Teufel! Eine öffentliche Stellung liegt ordentlich wie ein Fluch auf einem!« Dat achte Kapittel Achtes Kapitel. Worüm min Unkel Hers' mit Parol un Feldgeschri kümmt; worüm Mamsell Westphalen nich in't Torfmur sitten will, un worüm de Herr Ratsherr up den Möller sinen Wagen rup un ok wedder runnen kümmt. Warum mein Onkel Herse mit Parole und Feldgeschrei kommt; warum Mamsell Westphal nicht im Torfmoor sitzen will, und warum der Herr Ratsherr auf des Müllers Wagen hinauf und auch wieder davon herunterkommt. Wildeß is Fritz Sahlmann mit dat vorgeschrewene Gesicht, de Hän'n in de Tasch un mit Fläuten up't Sloß ruppe gahn, doch as hei in de Käk rin kümmt, vergett hei alle Vörschriften un set't en Gesicht up, dat kunn ein verlangs bekiken un verdwas bekiken, dat sach ümmer ut as Bileammen sin, as sin Esel an tau reden fung, un stamert Mamsell Westphalen in't Uhr: »Rettung naht!« – »Jung'! Fritz Sahlmann!« seggt Mamsell Westphalen, »wat is dit? wat sall dit? un wat bedüd't dit?« – Fritz seggt denn nu, wat sei dauhn süllen, dat sei sick in de Käk bet up den letzten Mann hollen süllen un keinen Franzosen rinne laten un dat Ratsherr Hers' mit Parol un Feldgeschri kamen un't Kommando äwernehmen wull. »Leiwer Gott!« seggt Mamsell Westphalen, »wat sall ick dauhn? Den Herrn Amtshauptmann kann ick unner so'ne Ümstän'n nich unner de Ogen gahn, denn dat litt min Schimp nich. Ick will mi also getrost den Herrn Ratsherrn in de Arm smiten un sinen Rat folgen, un de ward richtig sin, woför wir hei süs Ratsherr. – Fik un Korlin, nemt ji beiden de Achterdör, Fritz Sahlmann un ick nemen de Käkendör, un nu paßt gaud up, dat ji dat Feldgeschri nich verfehlt.« – De Dören würden afslaten, Fik namm en Bessen, Korlin 'ne Kohlhack, Fritz Sahlmann 'ne Füllkell, un Mamsell Westphalen langt all nah 'ne Mäuserkül, let s' äwer liggen un säd: »Gott sall mi bewahren, dat ick mit Murd un Dodslag min Schuld gröter mak! Ne, ick weit en beter Middel«, ein halt en Aschkasten, sett em vör sick up den Käkendisch, von wo ut sei de Achterdör un de Käkendör bestriken kunn, un säd: »So, nu mit Gott! Nu lat s' man kamen! – Wer äwer von min Ort 'ne Salw in't Gesicht kriggt, de sall sick de Ogen gaud wischen.« Unterdessen ist Fritz Sahlmann mit dem vorgeschriebenen Gesicht, die Hände in der Tasche und mit Flöten aufs Schloß hinaufgegangen; doch als er in die Küche hineinkommt, vergißt er alle Vorschriften und setzt ein Gesicht auf, das konnte man in die Länge und in die Quere begucken, und es sah immer aus wie Bileams Gesicht, als sein Esel anfing zu reden – und stottert Mamsell Westphal ins Ohr: »Rettung naht!« – »Junge! Fritz Sahlmann!« sagt Mamsell Westphal; »was ist dies? was soll dies? und was bedeutet dies?« – Fritz sagte nun, was sie tun sollten, daß sie sich in der Küche bis auf den letzten Mann halten sollten und keinen Franzosen hineinlassen, und daß Ratsherr Herse mit Parole und Feldgeschrei kommen und das Kommando übernehmen wollte. »Lieber Gott!« sagt Mamsell Westphal, »was soll ich tun? Dem Herrn Amtshauptmann kann ich unter solchen Umständen nicht unter die Augen treten, denn das leidet meine Scham nicht. Ich will mich also getrost dem Herrn Ratsherrn in die Arme werfen und seinem Rat folgen, und der wird richtig sein, wofür wäre er sonst Ratsherr? – Fik und Karline, nehmt ihr beiden die Hintertür, Fritz Sahlmann und ich nehmen die Küchentür, und nun paßt gut auf, daß ihr das Feldgeschrei nicht verfehlt.« – Die Türen wurden abgeschlossen. Fik nahm einen Besen, Karline eine Feuerzange, Fritz Sahlmann eine Füllkelle, und Mamsell Westphal langte schon nach einer Mörserkeule, ließ sie aber liegen und sagte: »Gott soll mich bewahren, daß ich mit Mord und Totschlag meine Schuld größer mache; nein, ich weiß ein besseres Mittel,« – und sie holte einen Aschkasten, setzte ihn vor sich auf den Küchentisch, von wo aus sie die Hintertür und die Küchentür bestreichen konnte, und sagte: »So, nun mit Gott! Nun laß sie nur kommen! Wer aber eine Salve von meiner Art ins Gesicht bekommt, der soll sich gut die Augen wischen.« Dat wohrt denn ok nich alltaulang', dunn röp ein vör de Achterdör: »Wohl, wohl!«, un nah 'ne lütte Wil röp de sülwige Stimm halwlud dörch dat Slätellock: »Sur Swinfleisch.« – »Dat is de Rechte«, seggt Mamsell Westphalen. »Korlin, mak mannsbreid de Dör up, un wenn hei rin is, denn snapp glik wedder tau.« – Korlin makt denn nu also de Dör en En'nlang up, un de Herr Ratsherr will sick dor dörch drängen, dunn schüfft sick sin Mantelkragen taurügg, un sin Dreimaster un rode Uniformskragen kümmt taum Vörschin. »Huch!« krischt Korlin up un klemmt den Herrn Ratsherrn halw in de Dör fast, »en Franzosenkirl! En Franzosenkirl!« – »Sur Swinfleisch!« röppt Ratsherr Hers', »hür' ji nich? Sur Swinfleisch!« Äwer't kamm tau lat: Fik hadd em all mit ehren stuwen Bessen den Haut von den Kopp un dat Fell von't Gesicht runnestrakt, un Mamsell Westphalen hadd em all mit twei Hän'n vull Asch in de Ogen schaten. Es währte denn nun nicht allzu lange, da rief einer vor der Küchentür: »Wohl, wohl!« Und nach einer kleinen Weile rief dieselbe Stimme halblaut durch das Schlüsselloch: »Saures Schweinefleisch!« – »Das ist der Rechte,« sagt Mamsell Westphal; »Karline, mach die Tür mannsbreit auf, und wenn er drin ist, dann schnappe gleich wieder zu.« – Karline macht also die Tür ein Stückchen auf, und der Herr Ratsherr will sich da durchdrängen, da schiebt sich sein Mantelkragen zurück, und sein Dreimaster und der rote Uniformkragen kommen zum Vorschein, »Huch!« kreischt Karline und klemmt den Herrn Ratsherrn halb in der Tür fest, »ein Franzosenkerl! Ein Franzosenkerl!« – »Saures Schweinefleisch!« ruft Ratsherr Herse, »hört ihr nicht? Saures Schweinefleisch!« Aber es kam zu spät: Fik hatte ihm schon mit ihrem stumpfen Besen den Hut vom Kopf gestreift und das Gesicht zerschunden, und Mamsell Westphal hatte ihm schon zwei Hände voll Asche in die Augen geschossen. Min Unkel Hers' stunn dor un pust un prust un snow un grappst mit de Hän'n vör sick hen, as wenn einer Blindkauh spelt, Nacht vör sine Ogen un helle Wut in sinen Harten. Sin ganzes Vörnemen was en Klackeierkauken worden, denn wat will 'ne Heimlichkeit seggen, ut de en Käkenspektakel ward, wat kann en wichtig Gesicht utrichten, wenn't mit en stuwen Bessen bearbeit't is, un wo bliwwt alle Glanz, wenn de Torfasch doräwer liggt as de Mehldau up 'ne Blaum. Mein Onkel Herse stand da und pustete und prustete und schnob und griff mit den Händen vor sich hin, wie wenn einer Blindekuh spielt – Nacht vor seinen Augen und helle Wut in seinem Herzen. Sein ganzes Vorhaben war Klackeierkuchen geworden, denn was will eine Heimlichkeit sagen, aus der ein Küchenspektakel wird? Was kann ein wichtiges Gesicht ausrichten, wenns mit einem stumpfen Besen bearbeitet ist? und wo bleibt aller Glanz, wenn die Torfasche darüber liegt, wie der Mehltau auf einer Blume? De irste, de de Besinnung wedder kreg un gewohr würd, wen eigentlich dit allens passiert was, was Fik; mit einen Satz was sei ut de Achterdör rin in den Regen. Korlin folgt ehr nah un rep: »Beter en natt Johr von unsen Herrgott as von uns' Mamsell!« – Fritz Sahlmann röp: »Herr Je, dat is de Herr Ratsherr!« – Mamsell Westphalen stunn dor as Lots Wiw – man blot, dat sei vullstänniger was as de Lotten – un kek up den Herrn Ratsherrn, as wir hei Sodom un Gomorrha, un röp ganz swack: »Allbarmherziger! Wi wandeln all in Finsternis!« – »Sei hewwen gaud reden«, prust min Unkel Hers' herut, » Sei känen doch kiken; äwer ick kann de Ogen nich upmaken. – Water her!« – Nu gung denn dat Waschen los un dat Wischen un dat Duren un dat Wunnern un dat Schellen un dat Begäuschen; äwer min Unkel was tau arg un säd: för sinentwegen künnen all de Sloßmamsells uphängt warden, hei würd sick woll häuden un sick mit Frugenslüd' in 'ne heimliche Verswörung inlaten. – Mamsell Westphalen treckt de Schört an de Ogen un fung an tau rohren un säd: »Herr Ratsherr, raden Sei mi; Vader un Moder heww ick nich mihr, den Herrn Amtshauptmann kann ick in so'ne Umstän'n nich unner de Ogen treden; Sei sünd min einzigste Trost.« Die erste, die die Besinnung wiederbekam und gewahr wurde, wem eigentlich dies alles passiert war, war Fik; mit einem Satz war sie aus der Hintertür in den Regen hinein. Karline folgte ihr nach und rief: »Besser ein nasses Jahr von unserem Herrgott als von unserer Mamsell!« – Fritz Sahlmann rief: »Herrjeh, das ist der Herr Ratsherr!« – Mamsell Westphal stand da wie Lots Weib – nur daß sie vollständiger war als die Loten – und sah auf den Herrn Ratsherrn, als wäre er Sodom und Gomorrha, und rief ganz schwach: »Allbarmherziger! Wir wandeln alle in Finsternis!« – »Sie haben gut reden,« pustete mein Onkel Herse heraus; »Sie können doch sehen; aber ich kann die Augen nicht aufmachen; Wasser her!« – Nun ging denn das Waschen los und das Wischen und das Bedauern und das Wundern und das Schelten und das Begütigen; aber mein Onkel war zu böse und sagte: seinetwegen könnten alle Schloßmamsells aufgehängt werden, er würde sich wohl hüten und sich mit Frauensleuten in eine heimliche Verschwörung einlassen. – Mamsell Westphal zog die Schürze an die Augen und fing an zu weinen und sagte: »Herr Ratsherr, raten Sie mir; Vater und Mutter hab ich nicht mehr; dem Herrn Amtshauptmann kann ich in solchen Umständen nicht unter die Augen treten; Sie sind mein einziger Trost.« Min Unkel Hers' hadd en Hart un en gaudes Hart, min Unkel Hers' hadd en Sinn un en weikmäudigen Sinn, un as em de Asch nich mihr in de Ogen fratt un as em Mamsell Westphalen de Schrammen in sin Gesicht mit säuten Rohm insmert hadd, dat sin leiwes rodes Antlitz utsach as en Poggenstaul, wo de Fleigen mit dodmakt warden, säd hei fründlich: »Laten S' dat Weinen man sin, ick help Sei taurecht: Sei möten feldflüchtig warden.« – »Feldflüchtig?« röp sei un kek ganz verdutzt ehre Figur von baben bet unnen an. »Herr Ratsherr, ick feldflüchtig!« un dacht dorbi an de Feldflüchters, de sei baben up den Duwenslag hadd, un wenn ehr Umstän'n nich so bedräuwt west wiren, hadd sei binah lacht. – »Ja«, seggt min Unkel. »Känen Sei bi desen Weg un Weder woll so'n Milener drei bet vir in einer Tour marschieren? Denn Fuhrwark is nich tau krigen, is ok nich heimlich naug.« – »Herr Ratsherr«, seggt Mamsell Westphalen, un dat Lachen vergung ehr ganz un gor, »Seihn S' min Perßon an, ick bün wat vüllig bugt, un dat Treppenstigen ward mi tau Tiden all wat sur.« – »Känen Sei denn riden?« – » Wat seggen Sei?« – »Ick mein', ob Sei riden känen?« – Mamsell Westphalen stunn nu up un set't de Hän'n in de Sid un säd: »Mit Schan'n will ick nich lewen. Wecker Frugensminsch ritt? Ick heww man ein kennt in minen Lewen, un dat was en Frölen, äwer de was ok dornah.« – Ratsherr Hers' stunn nu ok up un gung en pormal in Gedanken in de Käk up un dal un frog endlich: »Trugen Sei sick dat woll tau, dat Sei bi dese Witterung viruntwintig Stun'n in uns' städtisches Torfmur in't Schülp steken känen?« – »Herr Ratsherr«, seggt Mamsell Westphalen un grippt wedder nah de Schört un drögt sick de Ogen, »seihn S', ick bün nu in de Föftigen un heww vörleden Harwst de grote Krankheit hatt...« – »Denn geiht dat ok nich«, föllt ehr Ratsherr Hers' in de Red', »denn giwwt dat blot noch twei Weg', einen nah baben un einen nah unnen. Flüchten möten Sei, entweder up den Bähn oder in den Keller.« – »Herr Ratsherr«, röppt Fritz Sahlmann un krüppt achtern Füerhird herut, »ick weit't.« – »Jung'«, seggt min Unkel, »büst du hir?« – »Ja«, seggt Fritz ganz benau't. – »Denn is't wedder mit de ganze Heimlichkeit nicks, denn wat drei weiten, weit de Welt.« – »Herr Ratsherr«, seggt Fritz, »ick segg wohrhaftig in Gott nicks nah! Un, Mamselling, ick weit en Flag. An den Rökerbähn is de ein Plank los un lett sick afbögen, un wenn Sei sick en beten dünn maken, denn känen Sei sick dordörch bängen, un dor achter is unner de Auken 'ne lütte Afsid, dor findt Sei kein Deuwel nich.« – »Entfahmte Slüngel«, seggt Mamsell Westphalen un vergett all ehr Angst un Trübsal, »denn büst du dat west, de mi ümmer de Mettwust von den Bähn stahlen hett, un, Herr Ratsherr, ick heww ümmer de unschülligen Rotten in Verdacht hatt.« – Min Unkel redd't nu Fritz Sahlmannen vör 'ne düchtige Dracht Släg' un seggt, dat wir nu de höchste Tid un sei müßt flüchten un dit wir dat richtige Flag. Mein Onkel Herse hatte ein Herz und ein gutes Herz, mein Onkel Herse hatte einen Sinn und einen weichmütigen Sinn; und als ihm die Asche nicht mehr in die Augen fraß, und als ihm Mamsell Westphal die Schrammen in seinem Gesicht mit süßem Rahm eingeschmiert hatte, daß sein liebes rotes Antlitz aussah wie ein weiß- und roter Fliegenschwamm, sagte er freundlich: »Lassen Sie das Weinen nur sein, ich helfe Ihnen zurecht: Sie müssen feldflüchtig werden.« – »Feldflüchtig?« rief sie und sah ganz verdutzt ihre Figur von oben bis unten an; »Herr Ratsherr, ich feldflüchtig!« – und dachte dabei an die Feldflüchter, die sie oben auf dem Taubenschlag hatte, und wenn ihre Umstände nicht so betrübt gewesen wären, hätte sie beinahe gelacht. – »Ja,« sagt mein Onkel; »können Sie bei diesem Weg und Wetter wohl so ein drei bis vier Meilen in einer Tour marschieren? Ein Fuhrwerk ist nicht zu kriegen, ist auch nicht heimlich genug.« – »Herr Ratsherr,« sagte Mamsell Westphal, und das Lachen verging ihr ganz und gar, »sehen Sie meine Person an, ich bin etwas völlig gebaut, und mir wird zu Zeiten schon das Treppensteigen etwas sauer.« – »Können Sie denn reiten?« – »Was sagen Sie?« – »Ich meine, ob Sie reiten können?« – Mamsell Westphal stand nun auf und setzte die Hände in die Seite und sagte: »Mit Schande will ich nicht leben! Welches Frauenzimmer reitet? Ich habe nur eine gekannt in meinem Leben, und das war ein Edelfräulein. Aber die war auch danach.« – Ratsherr Herse stand nun auch auf und ging ein paarmal in Gedanken in der Küche auf und ab und fragte endlich: »Trauen Sie sich's wohl zu, daß Sie bei dieser Witterung vierundzwanzig Stunden in unserm städtischen Torfmoor im Schilf sitzen können?« – »Herr Ratsherr,« sagt Mamsell Westphal und greift wieder nach der Schürze und trocknet sich die Augen, »sehen Sie, ich bin nun in den fünfzigen und habe vorigen Herbst die große Krankheit gehabt ...« – »Dann geht das auch nicht,« fällt Ratsherr Heise ihr ins Wort; dann gibt es bloß noch zwei Wege, einen nach oben und einen nach unten. Flüchten müssen Sie – entweder auf den Boden oder in den Keller.« – »Herr Ratsherr,« ruft Fritz Sahlmann und kriecht hinterm Feuerherd hervor, »ich weiß!« – »Junge,« sagt mein Onkel, »bist du hier?« – »Ja,« sagt Fritz ganz kleinlaut. – »Dann ist es wieder mit der ganzen Heimlichkeit nichts; denn was drei wissen, weiß die Welt.« – »Herr Ratsherr,« sagt Fritz, »ich sage wahrhaftigen Gotts nichts nach! Und, Mamselling, ich weiß eine Stelle: am Räucherboden ist die eine Planke los und läßt sich abbiegen, und wenn Sie sich ein bißchen dünn machen wollen, dann können Sie sich da hindurch zwängen, und dahinter ist unter den Dachsparren ein kleiner Verschlag, da findet Sie kein Teufel nicht.« – »Infamer Schlingel,« sagt Mamsell Westphal und vergißt all ihre Angst und Trübsal, »dann bist du es gewesen, der mir immer die Mettwürste vom Boden gestohlen hat; und, Herr Ratsherr, ich habe immer die unschuldigen Ratten im Verdacht gehabt.« – Mein Onkel rettet nun Fritz Sahlmann vor einer tüchtigen Tracht Schläge und sagt, es wäre jetzt die höchste Zeit, und sie müßte flüchten, und dies wäre die richtige Stelle. Sei flüchten nu all drei nah den Rökerbähn herup, un as Fritz Sahlmann de los' Plank un de Gelegenheit dor achter wis't hett, seggt min Unkel Hers': »So, Mamselling, nu setten Sei sick hir up den Rökerbähn, denn sitten möten Sei nu; ick ward achter Sei tausluten, un wenn Sei hüren, dat wer hir vör an de Dör kümmt, denn krupen Sei sachten dörch de Plank in de Afsid un nemen S' sick vör Hausten un Prusten in acht.« – »Dat seggen Sei woll, Herr Ratsherr – in desen Rok!« seggt sei. – »Dat will wi krigen!« seggt hei un stött de Luk up. – Sei willen nu gahn, dunn seggt sei: »Fritz Sahlmann, min Sähn, verlat mi nich un bring mi Orre, wo de Sak steiht.« – »Unner keinen Umstän'n«, seggt Ratsherr Hers', »darf hei up den Bähn ruppe gahn, dat künn wer seihn, un denn is allens verraden.« – »Laten S' man, Mamselling«, seggt Fritz, »ick ward dat woll krigen«, un plinkt ehr listig tau. – Sei gahn, un Mamsell Westphalen sitt in Truer unner ehr Specksiden un Schinken un Wust un seggt: »Wat helpt all de leiwe Gottessegen, wenn ein in mine Johren up de Flucht is!« Sie flüchten nun alle drei nach dem Räucherboden hinauf, und als Fritz Sahlmann die lose Planke und die Gelegenheit dahinter gezeigt hat, sagt mein Onkel Herse: »So, Mamselling, nun setzen Sie sich hier auf den Räucherboden, denn sitzen müssen Sie nun; ich werde hinter Ihnen zuschließen, und wenn Sie hören, daß jemand hier vorne an die Tür kommt, dann kriechen Sie leise durch die Planke in den Verschlag und nehmen Sie sich vor Husten und Prusten in acht.« – »Das sagen Sie wohl, Herr Ratsherr – in diesem Rauch!« sagt sie. – »Das wollen wir wohl kriegen!« meint er und stößt die Luke auf. – Sie wollen gehen, da sagt sie: »Fritz Sahlmann, mein Sohn, verlaß mich nicht und bringe mir Bescheid, wie die Sache steht.« – »Unter keinen Umständen,« sagt der Ratsherr Herse, »darf er auf den Boden hinaufklettern; das könnte einer sehen, und dann ist alles vorbei.« – »Lassen Sie nur, Mamselling,« sagt Fritz, »ich werde das schon kriegen!« – und blinzelt ihr listig zu. – Sie gehen, und Mamsell Westphal sitzt in Trauer unter ihren Speckseiten und Schinken und Würsten und sagt: »Was hilft all der liebe Gottessegen, wenn einer in meinen Jahren auf der Flucht ist!« As Unkel Hers' Mamsell Westphalen in den Drögen wüßt, gung hei wedder nah de Käk hendalen un rems't Fritz Sahlmannen noch einmal recht düchtig mit en lütten Handgriff an de Uhren dat Swigen in. In de Käk treckt hei sick den grisen Kragen von sinen Mantäng wedder äwer den gestickten Rockskragen un den Dreimaster un slek heimlich, as de Katt von den Duwenslag, ut de Achterdör. Knapp hadd hei äwer sin Babengestell ut de Dör steken, dunn krischt un lacht dor wat los, un Fik un Korlin, de glöwt hadden, de Luft wir nu wedder rein, un in de Käk rinwullen, preschten utenein as en por wittbunt Duwen, wenn de Häwk dor mang fohrt. – »Hollt jug Mul!« rep min Unkel Hers', »ick dauh jug nicks!« – Doch wat hülp dat? De Buren, de noch mit ehr Pird in den Goren blewen wiren, keken sick bi dat Krischen üm, un as sei achter sick den verpuppten französchen Offzierer segen, wat äwer eigentlich min Unkel Hers' was, dunn bündelten sei ut, all up de gräune Purt los, un 't wohrt nich lang', dunn was kein Hauf un kein Klaw von Kanonenvörspann tau seihn. De Herr Ratsherr slog sick nu sidwarts in de Büsch', un as hei so'n lütten verdeckten Katerstig entlang geiht, wer kümmt an tau gahn? Oll Möller Voß mit sinen Mantelsack unner den Arm, »Gun Morrn, Herr Ratsherr!« – »Dat weit doch der Deuwel!« seggt Ratsherr Hers'. »Möller Voß, seihn Sei nich? Ick will jo nich kundbor warden.« – »Na, mi verlangt dor ok nich nah«, seggt de Möller. »Äwer, Herr Ratsherr, Sei können mi en Gefallen dauhn: an de gräun Purt heww ick min Fuhrwark anbunnen, bringen S' mi dat in Säkerheit! Ick dauh Sei mal wedder en Gefallen; so drad de Bors in den Mähldik biten deiht, lat ick Sei't weiten.« – »Will't besorgen«, seggt de Herr Ratsherr un geiht nah de gräune Purt, un as hei den Möller sin Fuhrwark dor finnt, binnt hei dat los, stiggt up den Wagen un will eben afkarjolen, dunn trett em 'ne Parti Franzosen entgegen, vöran de Kanonenoberst sülwst, up den sinen Befehl all dat Vörspann anordniert was un de nu vele sach, de nich dor wiren, denn sei wiren so tämlich all utbrummt. Min Unkel Hers' würd denn nu glik arretiert un von den Wagen reten, un as de Kanonenoberst sin Uniform sach un hei ümmer röp: hei wir conseiller d'état – denn hei wüßt in den Ogenblick keinen betern französchen Namen för en Stemhäger Ratsherrn tau finnen –, dunn dachten de Franzosen, sei hadden en rechten Fats makt un hadden den Häupter von dat Ganze. De Kanonenoberst verfluchte un verswur sick up dat unchristlichste Französch: hei wull an em en Exempel statuwieren. Vir Mann müßten em in de Midd nemen, un so würd min Unkel Hers', de in de schönste Heimlichkeit kamen was, en gaud Wark tau stiften., taum apenboren Spektakel äwer'n Buhof in de Stadt t'rügg ledd't, üm an sick sülwst en leges Stück tau erfohren. As dit geschach, stunn dient dorbi oll Bäcker Witt achter'n groten Kastannenbom, denn hei was ok kamen, den Möller sin Fuhrwark in Säkerheit tau bringen. »Schaden kann dat den Herrn Ratsherrn nich«, säd hei tau sick, »hei köfft sinen Stuten von Guhlen, worüm nich von mi? Na, hei möt sick sülwst raden, un hei kann't ok, denn hei is sihr klauk; äwer dat unschüllige, unvernünftige Veih kann't nich, dorför möt unserein sorgen«, un dormit steg hei up den Wagen un führt sachten achter de Franzosen her nah sin Schün ein treckt de Pird in't Fack. Als Onkel Herse Mamsell Westphal im Trocknen wußte, ging er wieder nach der Küche hinunter und schärfte Fritz Sahlmann noch einmal recht tüchtig mit einem kleinen Handgriff an die Ohren das Schweigen ein. In der Küche zog er sich den grauen Kragen von seinem Mantel wieder über den gestickten Rockkragen und den Dreimaster und schlich heimlich, wie die Katze vom Taubenschlag, aus der Hintertür. Knapp hatte er aber sein Obergestell aus der Tür gesteckt, da kreischte und juchte etwas los, und Fik und Karline, die geglaubt hatten, die Luft sei nun wieder rein, und in die Küche hinein wollten, stoben auseinander wie ein Paar weißbunte Tauben, wenn der Habicht zwischen sie fährt. – »Haltet euren Mund!« rief mein Onkel Herse, »ich tu euch nichts!« Doch was half das? Die Bauern, die noch mit ihren Pferden im Garten geblieben waren, sahen sich bei dem Kreischen um, und als sie hinter sich den vermummten französischen Offizier sahen – der aber eigentlich mein Onkel Herse war, – da rissen sie aus, alle auf die grüne Pforte los, und es dauerte nicht lange, da war kein Huf und keine Klaue von Kanonenvorspann mehr zu sehen. Der Herr Ratsherr schlug sich nun seitwärts in die Büsche, und als er so einen kleinen verdeckten Katersteig entlang geht, wer kommt da angegangen? Der alte Müller Voß mit seinem Mantelsack unterm Arm. »Guten Morgen, Herr Ratsherr!« – »Das weiß doch der Deuwel!« sagt Ratsherr Herse; »Müller Voß, sehen Sie nicht? Ich will ja nicht kundbar werden.« – »Na, danach verlangt mich auch nicht,« sagt der Müller. »Aber, Herr Ratsherr, Sie könnten mir einen Gefallen tun: an der grünen Pforte habe ich mein Fuhrwerk angebunden, bringen Sie mir das in Sicherheit! Ich tu Ihnen mal wieder einen Gefallen; sobald der Barsch im Mühlteich beißt, laß ich Sie's wissen.« – »Will's besorgen,« sagt der Ratsherr und geht nach der grünen Pforte. Und als er des Müllers Fuhrwerk dort findet, bindet er es los, steigt auf den Wagen und will eben losfahren, da tritt ihm eine Abteilung Franzosen entgegen, voran der Kanonenoberst selbst, auf dessen Befehl all der Vorspann anbefohlen war, und der nun viele sah, die nicht da waren, denn sie hatten sich so ziemlich alle davon gemacht. Mein Onkel Herse wurde denn nun gleich arretiert und vom Wagen gerissen, und als der Kanonenoberst seine Uniform sah, und er immer rief: er wäre Conseiller d'état – denn er wußte im Augenblick keinen besseren französischen Namen für einen Stavenhäger Ratsherrn zu finden, – da dachten die Franzosen, sie hätten einen rechten Fang gemacht und hätten den Häuptling vom Ganzen. Der Kanonenoberst verfluchte und verschwor sich im unchristlichsten Französisch, er wollte an ihm ein Exempel statuieren; vier Mann mußten ihn in die Mitte nehmen, und so wurde mein Onkel Herse, der in der schönsten Heimlichkeit gekommen war, ein gutes Werk zu stiften, zum offenbaren Spektakel über den Bauhof in die Stadt zurückgeführt, um an sich selber ein böses Stück zu erfahren. Als dies geschah, stand dicht dabei der alte Bäcker Witt hinter einem großen Kastanienbaum, denn er war ebenfalls gekommen, des Müllers Fuhrwerk in Sicherheit zu bringen. »Schaden kann es dem Herrn Ratsherrn nicht,« sagte er zu sich selbst, »er kauft seine Semmel von Guhl; warum nicht von mir? Na, er muß sich selber raten und er kann's auch, denn er ist sehr klug; aber das unschuldige unvernünftige Vieh kann's nicht, dafür muß unsereins sorgen.« Und damit stieg er auf den Wagen und fuhr langsam hinter den Franzosen her nach seiner Scheune und zog die Pferde ins Fach. Dat nägente Kapittel Neuntes Kapitel Worüm de Herr Amtshauptmann in den Mark Aurel lesen müßt un sick dat Gesicht nich waschen dürwt, un worüm em den Möller sin Fiken nich mihr tau quarig dücht. Warum der Herr Amtshauptmann im Mark Aurel lesen mußte und sich das Gesicht nicht waschen durfte; und warum ihm Müllers Fiken nicht zu quarrig däuchte. De oll Herr Amtshauptmann gung in sin Stuw' rümmer un argert sick, denn wenn hei ok kein von de hastige Ort was, so was hei doch en ollen Mann, de dat Kummandieren gewennt was un sin Moden för sick hadd, un nu süll hei sick kummandieren laten un hadd des Morgens Klock acht upstahn müßt – wat gegen sin Natur was –, un Koffe hadd hei ok nich kregen, un as hei sick tau sine Vermünterung 'ne irden Pip in't Gesicht steken wull, wiren kein Pipen dor. Hei klingelt einmal, Fritz Sahlmann kamm nich; hei klingelt tweimal, Fik kamm ok nich. Hei treckt sin Snuwtobacksdos' ut de Tasch un namm de Pris' mit so'n nahdenklichen Snäw, as einer deiht, de sick up allens mögliche Ungemak gefaßt maken will, treckt de Lorjett ut de Tasch un kek in't Weder. Buten regent dat Bindfaden, un in de hogen, nakten Telgen von de ollen Rüstern seten de Kreihn so still un dukerig, as wiren ehr de Flüchten tausambackt, un leckten as oll Bur Kugler, as hei mal 's Abends bet an de Hautkremp in den Dörpdik seten hadd. »Ok kein Vergnäugen!« säd de oll Herr. »Äwer wo is up Stun'ns Vergnäugen in dütschen Landen? Es ist doch eine sonderbare Sache mit der Weltregierung! Uns' Herrgott lett dat tau, dat ein so'n Hundsvott de ganze Welt in Schaden bringt. Dat is swor för'n Christenminschen intauseihn. Hohe herzogliche Kammer makt oft männigmal Inrichtungen un Verordnungen, de kein Christ un Beamter begripen kann, äwer hohe Domänenkammer is doch ok man so'n armen Sünner, den von Anfang an bi alle hogen Eigenschaften de Dämlichkeit in de ein Slipp mit inknüppt is, un dat weiten wi un finnen uns dorin, dat heit mit gelinden Arger un Verdruß. Äwer hir, bi den christlichen Glowen an 'ne göttliche Weltregierung, den Nutzen von den Hundsvott Bonepart intauseihn, dat is – dat is...« – Un hei namm sin Slapmütz af un höll sei en Toll'ner drei äwer sinen Kopp. »Uns' Herrgott mag mi de Sün'n vergewen! Ick heww gegen keinen Minschen en Haß hatt, gegen keinen Minschen Findschaft, ok nich gegen hohe Kammer mit ehre ßackermentschen Monitorien, äwer nu heww ick einen Haß«, un hei smet de Slapmütz up de Ird un set't den Bein dorup, » nu heww ick einen, un ick will em ok behollen!« Der alte Herr Amtshauptmann ging in seiner Stube herum und ärgerte sich; denn wenn er auch keiner von der hastigen Art war, so war er doch ein alter Mann, der das Kommandieren gewohnt war und seine Moden für sich hatte; und nun sollte er sich kommandieren lassen und hatte des Morgens um acht Uhr aufstehen müssen – was gegen seine Natur war – den Kaffee hatte er auch nicht bekommen, und als er sich zu seiner Aufmunterung eine irdene Pfeife ins Gesicht stecken wollte, waren keine Pfeifen da. Er klingelte einmal – Fritz Sahlmann kam nicht; er klingelte zweimal– Fik kam auch nicht. Er zog seine Schnupftabaksdose aus der Tasche und nahm die Prise mit so einem nachdenklichen Schnauben, wie einer tut, der sich auf alles mögliche Ungemach gefaßt machen will, zog die Lorgnette aus der Tasche und sah ins Wetter. Draußen regnete es Bindfaden, und in den hohen nackten Aesten der Ulmen saßen die Krähen so still und geduckt, als wären ihnen die Flügel zusammengeklebt worden, und leckten wie der alte Bauer Kugel, als ei eines Abends bis an die Hutkrempe im Dorfteich gesessen hatte. »Auch kein Vergnügen!« sagte der alte Herr. »Aber wo ist heute Vergnügen in deutschen Landen? Es ist doch eine sonderbare Sache mit der Weltregierung! Unser Herrgott läßt es zu, daß ein solcher Hundsvott die ganze Welt in Schaden bringt! Das ist für einen Christenmenschen schwer einzusehen. Hohe Herzogliche Kammer macht auch manchmal Einrichtungen und Verordnungen, die kein Christ und Beamter begreifen kann, aber hohe Domänenkammer ist doch auch nur so ein armer Sünder, dem von Anfang an bei allen hohen Eigenschaften die Dämlichkeit in den einen Rockschoß mit eingeknüpft ist; und das wissen wir und finden uns darein – das heißt mit gelindem Aerger und Verdruß. Aber hier, bei dem christlichen Glauben an eine göttliche Weltregierung den Nutzen von dem Hundsfott Bonaparte einzusehen, das ist – das ...« – und er nahm seine Schlafmütze ab und hielt sie etwa drei Zoll hoch über seinen Kopf – »unser Herrgott mag mir die Sünde vergeben! Ich habe gegen keinen Menschen einen Haß, gegen keinen Menschen Feindschaft, auch nicht gegen hohe Kammern mit ihren sakramentischen Monitorien, aber jetzt hab ich einen Haß,« – und er warf die Schlafmütze auf die Erde und setzte das Bein darauf – »jetzt hab' ich einen! und ich will ihn auch behalten!« Dit letztere müggt hei woll en beten lud raupen hewwen, denn sine leiwe Fru kamm ganz ängstlich in de Dör rinne: »Wewer! Wewer! Wat is di? Hett Fritz Sahlmann oder Fik...?« – »Ne, Neiting«, föll hei ehr in de Red un namm de Slapmütz up, »de nich, blot Bonepart.« – »Gott in den Himmel«, röp sei, »all wedder! Wat willst du di an den argern?« un gung an den Herrn Amtshauptmann sin Bäukerschapp ranne un halt en Bauk rut. »Da, Wewer, les in din Bauk!« Dat was nu dat Bauk von Mark Aurelen, dorut las de Herr Amtshauptmann, wenn hei in Arger geraden was, ein Kapittel, un wenn't dull was, twei. Hei namm nu also ok dat Bauk un las, un sine leiwe Fru bunn em den witten Purgiermantel üm un strählt em dat gaude, grise Hor un wickelt em dat oll lütte vernimme Zöppken un stöhmt em sacht un lising den weiken Puder äwer den Kopp; Mark Aurel ded ok dat Sinige, un all de argerlichen Schrumpeln wiren weg von sine irnstfaste Stirn, as de Fru Amtshauptmann mit dat lütte, sülwerne Putzmetz den Puder ut dat Gesicht schrapte. – »Denn dat möt sei em ümmer afschrapen«, säd Fik, wenn sei dorup tau reden kamm, »un waschen kann hei sick denn nich, wil dat em süs dat Weitenmehl de Ogen tauklistern würd.« Dies letzte mochte er wohl ein bißchen laut gerufen haben, denn seine liebe Frau kam ganz ängstlich zur Tür herein: »Weber! Weber! Was ist dir? Hat Fritz Sahlmann oder Fik ...?« – »Nee, Neiting,« fiel er ihr in die Rede, indem er die Schlafmütze aufnahm, »die nicht, bloß Bonaparte.« – »Gott im Himmel,« rief sie, »schon wieder! Was willst du dich an dem ärgern?« – und ging an des Herrn Amtshauptmanns Bücherschrank heran und holte ein Buch heraus und sagte: »Na, Weber, lies in deinem Buch!« Dies war nun das Buch von Mark Aurel, daraus las der Herr Amtshauptmann, wenn er in Aerger geraten war, ein Kapitel, und wenn's schlimm war, zwei. Er nahm nun also auch das Buch und las, und seine liebe Frau band ihm den weißen Pudermantel um, und strählte ihm das gute graue Haar und wickelte ihm das alte kleine kecke Zöpfchen und stäubte ihm sacht und leise den weichen Puder über den Kopf; Mark Aurel tat auch das Seinige, und alle die ärgerlichen Runzeln waren fort von seiner ernsthaften Stirn, als die Frau Amtshauptmann mit dem kleinen silbernen Putzmesser den Puder aus dem Gesicht schabte. – »Denn das muß sie ihm immer abkratzen,« sagte Fik, wenn sie darauf zu reden kam, »und waschen kann er sich dann nicht, weil ihm sonst das Weizenmehl die Augen zukleistern würde.« – »Neiting«, säd de Herr Amtshauptmann, as hei von Koppswegen in den Stand set't was, »kik doch mal, wenn di dat paßt, in de Wirtschaft runner. Es ist doch eine sonderbare Sache! Fik kümmt nich, Fritz Sahlmann kümmt nich; de gottverd... – wull ick seggen – dat gottlose Franzosentüg hett jo woll dat ganze Hus ümkihrt. – Ne, wat denn?« »Neiting,« sagte der Herr Amtshauptmann, als sein Kopf in Stand gesetzt war, »sieh doch mal, wenn es dir paßt, unten in der Wirtschaft nach. Es ist doch eine sonderbare Sache! Fik kommt nicht, Fritz Sahlmann kommt nicht; die gottverd ... – wollte ich sagen – das gottlose Franzosenzeug hat ja wohl das ganze Haus umgekehrt. Ne, was denn?« De Fru Amtshauptmannen was 'ne lütte gaude Fru, en beten swäcklich von Person, dorbi äwerst nich verdreitlich un ümmer parat, in Fründlichkeit de Wunderlichkeiten von den ollen Herrn tau dragen. Sei hadden einen Sähn, ehren Jochen, de was all in de Frömd', un so wiren de beiden ollen Lüd' in dat oll grote Sloß allein up sick anwist un drögen in Tru un Ihrborkeit Leid un Lust tausam, un wenn de Langewil sick bi ehr insliken wull, denn gaww dat Glück ümmer, dat de Herr Amtshauptmann grad tau rechter Tid up en nigen wunderlichen Infall verföll, un ut dat Hujahnen würd denn en rechten gesunnen Sünnenprust, de de Leiw' wedder upfrischen ded, denn mit de Leiw' is dat as mit en Bom, je mihr de Wind in de Kron un in de Bläder spält, desto faster smitt bei sin Wörtel. Die Frau Amtshauptmann war eine kleine gute Frau, ein bißchen schwächlich von Person, dabei aber nicht verdrießlich und immer bereit, in Freundlichkeit die Wunderlichkeiten des alten Herrn Zu tragen. Sie hatten nur einen Sohn, ihren Jochen; der war schon in der Fremde, und so waren die beiden alten Leute in dem alten großen Schloß allein auf sich angewiesen und trugen in Treue und Ehrbarkeit Leid und Lust gemeinsam, und wenn die Langeweile sich bei ihnen einschleichen wollte, dann gab das Glück es immer, daß der Herr Amtshauptmann gerade zu rechter Zeit auf einen neuen wunderlichen Einfall verfiel, und aus dem Gähnen wurde dann ein rechter gesunder Nieser, der die Liebe wieder auffrischte; denn mit der Liebe ist es wie mit einem Baum: je mehr der Wind in der Krone und in den Blättern spielt, desto fester schlägt er seine Wurzeln. Na, dat de Herr Amtshauptmann von sine leiwe Fru hüt morrn verlangte, dat sei sick mal nah de Wirtschaft ümseihn süll, was denn nu grad kein wunderliche Infall, un dorüm pruste de Fru Amtshauptmannen ok nich glik los, obschonst dat in unsere jitzige Tid männige wollertagene Fru woll dahn hadd. – Sei was grad ehren Gang gahn, as oll Möller Voß mit dat Fellisen in de Dör kamm. Na, daß der Herr Amtshauptmann von seiner lieben Frau heute morgen verlangte, sie sollte sich mal nach der Wirtschaft umsehen, war ja gerade kein wunderlicher Einfall, und darum schnob die Frau Amtshauptmann auch nicht gleich los, obschon in unserer jetzigen Zeit manche wohlerzogene Frau dies wohl getan hätte. Sie hatte sich gerade dazu auf den Weg gemacht, als der alte Müller Voß mit dem Felleisen in die Tür kam. »Gun Morrn, Herr Amtshauptmann«, säd de Möller un makt sinen Diner, »mit Verlöw!« un läd dat Fellisen up den Disch, »hir is't!« – »Wat is't?« frog de oll Herr. – »Herr, wat weit ick? Ick weit wat, ick weit vel, ick weit gor nicks: doch so vel weit ick, Spitzbauwenkram is't.« – »Möller Voß, wo kümmt Hei tau Spitzbauwenkram?« – »Wo kümmt de Hund in de Koppel, Herr Amtshauptmann? Wo kamm jen'n Mäten tau't Kind? – Ick weit blot, dat dit den Franzosen sin Fellisen is un dat de Düwel mi den Franzosen gistern abend up den Wagen un min Fridrich em nahsten wedder runne smeten hett.« Un nu vertellte de Möller de ganze Geschicht. »Guten Morgen, Herr Amtshauptmann,« sagte der Müller und machte seinen Diener, »mit Verlaub!« – und legte das Felleisen auf den Tisch. »Hier ist es!« – »Was ist hier?« fragt der alte Herr. – »Herr, was weiß ich? ich weiß etwas, ich weiß viel, ich weiß gar nichts: doch so viel weiß ich, Spitzbubenkram ist es.« – »Müller Voß, wie kommt Er zu Spitzbubenkram?« – »Wie kommt der Hund in die Wiese, Herr Amtshauptmann? Wie kam jenes Mädchen zum Kind? Ich weiß bloß, daß dies dem Franzosen sein Felleisen ist, und daß der Teufel mir den Franzosen gestern abend auf den Wagen, und mein Friedrich ihn nachher wieder heruntergeschmissen hat.« Und nun erzählte der Müller die ganze Geschichte. De oll Herr gung wildeß in de Stuw' up un dal un brummte wat von »übele Sache!« in den Bort un stunn denn wedder vör den Möller still un kek em fast in de Ogen, un as de Möller tau En'n was, säd bei: »Na, Möller Voß, dat is denn nu äwer doch gewiß, dat de Franzos' noch lewt?« – »Je, Herr Amtshauptmann, wat weit ick? – Seihn S', ick mak minen Reknungsäwerslag so: kolt was dat de Nacht för dese Johrstid grad nich; äwer regent hett dat de ganze Nacht, un wenn wi beiden, Herr Amtshauptmann, Sei oder ick, de Nacht dor legen hadden, wi wiren mägliche Wis' verklamt. Äwer ick reken so: so'n Volk is dat Rümliggen beter gewennt as wi, un hett em dat in Rußland nicks dahn, so mag em dat jo hir ok woll nich schadt hewwen. Un weg gahn is hei jo nahsten; Fridrich is em jo nah, un wenn em denn nahsten noch wat taustött is, so sünd wi jo dor nich an schüllig.« – »Möller, Möller«, säd de oll Herr un schüddelt mit den Kopp, »dit is en slimm Stück! Wenn Sin Fridrich den Franzosen nich wedder grippt, kann Em dat an den Kragen gahn.« – »Gott sall mi bewohren!« rep de Möller, »von wat för Dämlichkeiten lat ick mi in minen ollen Dagen riden! Herr Amtshauptmann, ick bün jo unschüllig, un ick heww jo ok dat Fellisen nich behollen, un dat Pird steiht in Bäcker Witten sin Schün.« – »Dat's ok Sin Glück, Möller, dat's ok Sin grotes Glück; denn dit kann ick Em betügen. Un luter Gold un Sülwer is in dat Fellisen, seggt Hei?« – »Luter Gold un Sülwer, preußschen K'rant un Drüttel un Luggedurs un sülwerne Lepel!« Un dormit snallte hei dat Fellisen up un wis'te de Bescherung. Der alte Herr ging unterdessen in der Stube auf und ab und brummte etwas von ›übele Sache!‹ in den Bart, und stand dann wieder vor dem Müller still und sah ihm fest in die Augen, und als der Müller zu Ende war, sagte er: »Müller Voß, das ist denn nun aber doch gewiß, daß der Franzose noch lebt?« – »Je, Herr Amtshauptmann, was weiß ich? Sehen Sie, ich mache meinen Rechnungsüberschlag so: kalt war es die Nacht für diese Jahreszeit gerade nicht; aber geregnet hat es die ganze Nacht, und wenn wir beide, Herr Amtshauptmann, Sie oder ich, die Nacht dort gelegen hätten, wir wären möglicherweise erfroren; aber ich rechne so: so 'n Volk ist das Herumliegen besser gewöhnt als wir, und hat es ihm in Rußland nichts getan, so mag es ihm ja wohl hier auch nicht geschadet haben. Und weggegangen ist er ja später; Friedrich ist ja hinter ihm her, und wenn ihm dann nachher noch etwas zugestoßen ist, so sind wir ja nicht schuld daran.« – »Müller, Müller,« sagte der alte Herr und schüttelte mit dem Kopf, »dies ist ein schlimmes Stück! Wenn Sein Friedrich den Franzosen nicht wieder greift, kann es Ihm an den Kragen gehen.« – »Gott soll mich bewahren!« rief der Müller, »von was für Dummheiten laß ich mich in meinen alten Tagen reiten! Herr Amtshauptmann, ich bin ja unschuldig und ich habe ja auch das Felleisen nicht behalten, und das Pferd steht in Bäcker Witts Scheune.« – »Das ist auch Sein Glück, Müller, das ist auch Sein großes Glück; denn dies kann ich Ihm bezeugen. Und lauter Gold und Silber ist in dem Felleisen, sagt Er?« – »Lauter Gold und Silber, preußisch Kurant und Drittel und Louisdor und silberne Löffel!« Und damit schnallte er das Felleisen auf und zeigte die Bescherung. De Herr Amtshauptmann makte grote Ogen. »Gott bewohr uns!« rep hei, »dat is jo en Schatz.« – »Je, dat seggen S' man mal, Herr Amtshauptmann! Min Fru seggt süs nich vel, äwer as sei dit sach, slog sei de Hän'n tausam un säd kein Wurd.« – »Stahlen is dat all, Möller. Hir up dat Sülwertüg is dat Uertzensche Wapen, dat kenn ick. De Lepel hett de Spitzbauw hir in de Nahwerschaft stahlen. – Äwer dormit ward Sin Sak nich beter.« Der Herr Amtshauptmann machte große Augen. »Gott bewahre uns!« rief er, »das ist ja ein Schatz.« – »Je, das sagen Sie man mal, Herr Amtshauptmann! Meine Frau sagt sonst nicht viel, aber als sie dies sah, schlug sie die Hände zusammen und sagte kein Wort.« – »Gestohlen ist dies alles, Müller. Hier auf dem Silberzeug ist das Oertzensche Wappen, das kenne ich. Die Löffel hat der Spitzbube hier in der Nachbarschaft gestohlen, aber damit wird Seine Sache nicht besser.« De oll Möller stunn dor, as süll hei verörgeln; de Herr Amtshauptmann gung in de Stuw' rüm un rew sick den Kopp, endlich gung hei up den Möller tau, läd em de Hand up de Schuller: »Möller Voß, ick heww Em ümmer för en ihrlichen Mann hollen, äwer so'ne Ihrlichkeit in so'ne Ümstän'n! Hei kann nich von einen Dag taum annern kamen, un Hei giwwt ut eigenen Gewissen so'n Deil Geld taurügg, von dat eigentlich keiner weit, wo't henhürt?« – De oll Möller stickte sick äwer und äwer rod as en Füer an un kek up sin Stäwelsnuten. »Ja, Möller«, säd de oll Amtshauptmann wider, »dat is en besonderes Benemen von Em, denn von dat, wat hir passiert is, kann Hei kein Kundschaft hewwen; äwer dank Hei sinen Schöpfer, denn 't is mäglich, dat Em dit Stück dat Lewen redd't.« Der alte Müller stand da, als sollte er vergehen; der Amtshauptmann ging in der Stube herum und rieb sich den Kopf. Endlich ging er auf den Müller zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Müller Voß, ich hab' Ihn immer für einen ehrlichen Mann gehalten, aber solche Ehrlichkeit in solchen Umständen! Er kann nicht von einem Tag zum andern kommen, und Er gibt aus freiem Willen solch eine Menge Geld Zurück, von dem eigentlich niemand weiß, wo es hingehört?« – Der alte Müller wurde über und über feuerrot und sah auf seine Stiefelspitzen. »Ja, Müller,« sagte der alte Amtshauptmann weiter, »das ist ein besonderes Benehmen von Ihm; denn von dem, was hier passiert ist, kann Er keine Kunde haben; aber dank Er Seinem Schöpfer, denn es ist möglich, daß Ihm dies Stück das Leben rettet.« De Gefohr, in de hei sick meinen müßt, dat unverdeinte Loww, wat em just so sacht ankamm, as wenn einer sick up en Lehnstaul dalset't, wo sin leiwe Fru en Nadelküssen henleggt hett, de Utsicht, dat hei mit Gotts Hülp ut desen slimmen Handel noch dörch en lütt Lock krupen künn, un dat hei dat all nich verdeint hadd, set'ten den ollen Möller hart tau. Hei stunn dor mit dalslagene Ogen un wrüng sick hen un her un dreiht sinen Haut dull un düller, endlich slog hei'n mit beide Hän'n tausam, dat hei ganz ut de Faßong kamm, un röp: »Hal de Düwel de ganze Franzosengeschicht un mi dortau, Herr Amtshauptmann! Wenn uns' Herrgott gegen mi Gnad' för Recht ergahn laten will un mi ut dessen Trübsal helpt, denn will ick ok nich mit Ungerechtigkeiten gegen em bestahn. Ne, wat wohr is, is wohr! Un wenn min lütt Fiken nich west wir, denn leg dat entfahmte Franzosengeld in min Schapp un ick bammelt hüt abend an den Galgen.« Un nu vertellt hei de Sak. Die Gefahr, in der er sich glauben mußte, das unverdiente Lob, das ihm gerade so sanft ankam, wie wenn einer sich auf einen Lehnstuhl niedersetzt, auf den seine liebe Frau ein Nadelkissen gelegt hat, die Aussicht, daß er mit Gottes Hilfe noch durch ein kleines Loch aus diesem schlimmen Handel kriechen könnte, und daß er dies alles nicht verdiente – setzten dem alten Müller hart zu. Er stand mit niedergeschlagenen Augen da und wand sich hin und her und drehte seinen Hut schnell und schneller; endlich schlug er ihn mit beiden Händen zusammen, daß er ganz aus der Façon kam und rief: »Hol der Teufel die ganze Franzosengeschichte und mich dazu, Herr Amtshauptmann! Wenn unser Herrgott gegen mich Gnade für Recht ergehen lassen will und mir aus dieser Trübsal hilft, dann will ich auch nicht mit Ungerechtigkeiten gegen ihn bestehen! Nein, was wahr ist, ist wahr! Und wenn meine kleine Fiken nicht gewesen wäre, dann läge das infame Franzosengeld in meinem Schrank und ich baumelte heute abend am Galgen.« Und nun erzählte er die Sache. »Möller«, säd de Amtshauptmann, as de Umstän'n vertellt wiren, »ick bün nich sihr för Dirns, Jungs sünd beter; Dirns sünd mi tau quarig; äwer mit Sin Fiken...? Das ist denn eine andere Sache. – Möller, dat gereikt Em un Sin Fru tau 'ne Ihr, dat ji so'n Kind upfött hewwt. Möller, hürt Hei, wenn Hei mal wedder tau Amt kümmt, bring' Hei Sin Fiken mal mit; ick – dat heit, min Fru ward sick dortau freu'n. Ne, wat denn? – Un nu nem Hei dat Fellisen un drag Hei dat runner nah den Rathus' un mell Hei sick dor, denn de Franzosen warden dor woll all so'ne Ort Gerichtsdag hollen – ward dor ok nah sin! –, un frag Hei irst nah den Burmeister, dat is en wollmeinend Mann un kann ok Französch, un binnen korten ward ick dor sin, un, wat jichtens mäglich, ward ick för Em dauhn.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Mi is en ganz Deil lichter üm't Hart. – Un mit de anner Geschicht, mit dat Pankrottspelen, meinen Sei...?« – »Dat Hei en ollen Nahr is, sick in sinen ollen Dagen in noch mihr Widlüftigkeiten intaulaten.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Na denn adjüs!« Un dormit gung de Möller. »Müller,« sagte der Amtshauptmann, als er alle Umstände erzählt hatte, »ich bin nicht sehr für Mädchen; Jungens sind besser; Mädchen sind mir zu quarrig; aber mit seiner Fiken ...? Das ist denn eine andere Sache. Müller, das gereicht Ihm und Seiner Frau zur Ehre, daß Ihr solch ein Kind aufgezogen habt. Müller, hör Er, wenn Er mal wieder zu Amt kommt, bring Er seine Fiken mal mit; ich – das heißt meine Frau – wird sich herzlich freuen. Ne, was denn? – Und nun nehm Er das Felleisen und trag Er's nach dem Rathaus herunter und melde Er sich dort, denn die Franzosen werden da wohl schon so eine Art Gerichtstag halten – wird auch danach sein – und frag Er erst nach dem Bürgermeister. Das ist ein wohlmeinender Mann und kann auch Französisch; und binnen kurzem werde ich da sein, und, was irgend möglich, werde ich für Ihn tun.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Mir ist ein ganz Teil leichter ums Herz. Und mit der anderen Geschichte, mit dem Bankerottspielen, meinen Sie ...?« – »Daß Er ein alter Narr ist, sich in seinen alten Tagen in noch mehr Weitläufigkeiten einzulassen.« – »Schön, Herr Amtshauptmann! Na, denn Adjüs!« Und damit ging de« Müller. Dat teihnte Kapittel Zehntes Kapitel Worüm Fritz Sahlmann tau Winterstid ahn Regenschirm in'n Kantappelbom satt, worüm hei sick en lütt Aktenbund unner de West knöpen ded, un worüm sick Mamsell Westphalen för 'n arge Sünnerin erklärt. Warum Fritz Sahlmann zur Winterszeit ohne Regenschirm im Kantapfebaum saß; warum er sich ein kleines Aktenbündel unter die Weste knöpfte, und warum Mamsell Westphal sich für eine arge Sünderin erklärt. Nah 'ne lütte Wil kamm de Fru Amtshauptmann wedder rin nah de Stuw' un säd: »Wewer, wat heit dit? Fritz Sahlmann is nich dor, Mamsell Westphalen is nich dor, in ehre Stuw' süht dat ut, as wenn Heiden un Türken dor Hus hollen hewwen, un de Dirns, de seggen, sei weiten von nicks, as dat Ratsherr Hers' in de Achterdör sick rinsleken hett, un Fik hett em ut Verseihn mit en stuwen Bessen äwer't Gesicht strakt, un Mamsell Westphalen hett em en por Hän'n vull Torfasch in de Ogen smeten, ok blot ut Verseihn, un nahsten is Fritz Sahlmann un Mamsell Westphalen weg west; un sei weiten nich, wo sei sünd.« – »Dies ist doch eine besondere Sache«, seggt de oll Herr. »Wat deiht Ratsherr Hers' in min Käk? Ick mag den Mann süs woll liden, Neiting, hei 's en pläsierlichen Mann; äwer hei steckt sin Näs' in jeden Quark, un wat Vernünftiges is dorbi sindag' nich herut kamen. – Segg mal, Neiting, wecker von de Dirns höllst du woll för de Verstännigst?« – . ,.Wewer, wat red'st du? Von Verstand kann bi de Ort woll nich vel de Red' wesen.« – »Na, denn de Kläukst, de Pfiffigst.« – »Oh, denn woll Fik Besserdichs, denn de Ogen gahn ehr ganz fix in den Kopp un't Mulwark noch vel beter.« – »Raup mi de mal eins herinner.« Nach einer kleinen Weile kam die Frau Amtshauptmann wieder in die Stube hinein und sagte: »Weber, was heißt dies? Fritz Sahlmann ist nicht da, Mamsell Westphal ist nicht da, in ihrer Stube sieht es aus, wie wenn Heiden und Türken dort Haus gehalten hätten, und die Mädchen sagen, sie wissen von nichts, als daß Ratsherr Herse sich in die Hintertür hineingeschlichen hat, und Fik ist ihm aus Versehen mit einem stumpfen Besen übers Gesicht gefahren, und Mamsell Westphal hat ihm ein paar Hände voll Torfasche in die Augen geworfen, auch bloß aus Versehen, und nachher sind Fritz Sahlmann und Mamsell Westphal weg gewesen; und sie wissen nicht, wo sie sind.« – »Dies ist doch eine besondere Sache,« sagt der alte Herr; »was tut Ratsherr Herse in meiner Küche? Ich mag den Mann sonst wohl leiden, Neiting, er ist ein pläsierlicher Mann; aber er steckt seine Nase in jeden Quark, und was Vernünftiges ist dabei noch niemals herausgekommen. – Sag mal, Neiting, welche von den Dienstmädchen hältst du wohl für die verständigste?« – »Weber, was redest du? Von Verstand kann bei der Sorte wohl nicht gut die Rede sein!« – »Na, dann die klügste, die pfiffigste.« – »Oh, dann wohl Fik Besserdich, denn die Augen gehen ihr ganz fix im Kopf und das Mundwerk noch viel besser.« – »Ruf mir die doch mal herein.« Dat geschach, un Fik kamm. Fik Besserdichs was 'ne lütte fixe Dirn, so wacht un kregel, as 'ne Gülzowsche Schultendochter man sin kann – denn dunnmals deinten de Schultendöchter noch. – Nu stunn sei äwerst vör den Herrn Amtshauptmann un slog de Ogen dal un knäselt an den Schörtenband, denn sei hadd't in't Gefäuhl, dat dit woll 'ne Ort Gerichtsdag warden würd. – »Also«, fung de oll Herr an, »zur Wahrheit ermahnt und so weiter – Fik Besserdichs, wat weitst du von Mamsell Westphalen? Fang von gistern abend an.« – Fik vertellte nu, wat sei wüßt un wat wi weiten. »Also«, säd de oll Herr, »sei hett bi di slapen un nich in ein Stuw' mit Herr Droin.« – »Wewer, wat red'st du?« föll de Fru Amtshauptmannen in. – »Neiting, jede Ümstand is wichtig, wenn de Unschuld an den Dag kamen sall. – Un du meinst nich«, wend't hei sick in Fik, »dat sei mit den Herrn Ratsherrn Hers' weglopen is?« – »Ne, Herr, flüchtig is sei, glöw ick; äwer nich mit den Herrn Ratsherrn, denn de is mi nahst allein in de Achterdör begegent, as ick von minen Brauder t'rügg kamm; denn de was hir in den Goren, Herr Amtshauptmann, mit uns' Pird tau Vörspann; äwer –«, un hir slog sei de Ogen up, un ut dat frische Gesicht lücht so'n hellen Spitzbauw rut, »äwer, Herr Amtshauptmann, hei is de Franzosen utritscht.« – »So?« frog de oll Herr, »hei 's also utritscht?« – »Ja, Herr«, säd Fik un lacht so schelmschen vör sick hen, »un hei hett de ganze Utritschung anstifft un hett de annern de gräun Purt wis't.« – »Dat is en dummen Streich von em, un wenn de Franzosen em krigen, warden sei't em inknöpen. Ji sid 'ne näsewise Ort, ji Besserdichs. – Neiting, help mi mal an den Slüngel, den Fritz Besserdich, bedenken. – Un wo is Fritz Sahlmann?« – Nu was Fik denn wedder sihr benau't, un wat nu kamm, dat kamm man ganz dünn un druppwis': »Je, Herr Amtshauptmann, hüt morrn smet hei all Sei Ehr Pipen intwei, un nahsten säd hei, ick hadd't dahn. Un, Herr Amtshauptmann, ick kunn dor nich för, denn ick wull blot üm de Eck kiken, as de französche Oberst dor so rüm towen ded, dunn lep hei mi mit de Pipen entgegen, un nu liggen de Schören in de Käk.« – »Un wider hest du em hüt morrn nich seihn?« – »Ja, Herr, as de Uhrkenmaker transperiert würd, dunn lep hei mit, un as hei dunn wedder kamm, dunn redt hei mit de Mamsell hochdütsch, un nahsten flusterten sei tausamen.« – »Hochdütsch? Fritz Sahlmann, hochdütsch? Wat hett de Slüngel hochdütsch tau reden? Wat säd hei denn?« – »Hei säd: Rettung naht.« – »So? Un nahsten kamm de Ratsherr?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, un ick fohrt em mit den Bessen in dat Gesicht; äwer ick kunn dor ok nich för.« – »Dies ist doch eine besondere Sache!« säd de oll Herr un gung up un dal un fot sick unner dat Kinn un kek up den Bodden un kek an den Bähn. Endlich stunn hei still un säd: »Neiting, de Sak is mi klor, dat olle Worm, de Westphalen, hett dat mit 'ne Angst kregen, un de Ratsherr hett sick dorinne mengeliert un hett jichtens wat Verdreihtes anstifft. Du sallst seihn, sei hett sick versteken.« – »Denn lat sei, Wewer.« – »Dat geiht nich, Neiting, sei möt tau Städ', denn sei möt Tügnis afleggen för den Uhrkenmaker un för den Möller; dat kann de beiden süs an den Kragen gahn. – Wenn ick blot wüßt, wo de Slüngel, de Fritz Sahlmann, is, de weit üm den ganzen Umstand. – Un du weitst nich, wo hei is, Fik?« – »Ne, Herr.« – »Na, denn kannst du gahn.« Dies geschah, und Fik kam. – Fik Besserdich war eine kleine, fixe Dirne, so aufgeweckt und munter, wie eine Gülzowsche Schulzentochter nur sein kann – denn damals dienten die Schulzentöchter noch; – nun stand sie aber vor dem Herrn Amtshauptmann und schlug die Augen nieder und zupfte am Schürzenband, denn sie hatte es im Gefühl, daß dies Wohl eine Art Gerichtstag werden würde. – »Also,« fing der alte Herr an, »zur Wahrheit ermahnt und so weiter – Fik Besserdich, was weißt du von Mamsell Westphal? Fange von gestern abend an!« – Fik erzählte nun, was sie wußte, und was wir auch wissen. »Also,« sagte der alte Herr, »sie hat bei dir geschlafen und nicht in einer Stube mit Herrn Droz?« – »Weber, was redest du!« fiel die Frau Amtshauptmann ein. – »Neiting, jeder Umstand ist wichtig, wenn die Unschuld an den Tag kommen soll. Und du meinst nicht,« wandte er sich an Fik, »daß sie mit dem Herrn Ratsherrn Herse weggelaufen ist?« – »Nein, Herr, flüchtig ist sie, glaube ich; aber nicht mit dem Herrn Ratsherrn, denn der ist mir später allein in der Hintertür begegnet, als ich von meinem Bruder zurückkam; denn der war hier im Garten, Herr Amtshauptmann, mit unseren Pferden zu Vorspann; aber –« und hier schlug sie die Augen auf, und aus dem frischen Gesicht leuchtete so ein heller Spitzbube heraus, »aber, Herr Amtshauptmann, er ist den Franzosen ausgerissen.« – »So?« fragte der alte Herr; »er ist also ausgerissen?« – »Ja, Herr,« sagte Fik und lachte so schelmisch vor sich hin, »und er hat die ganze Ausreißerei angestiftet und hat den anderen die grüne Pforte gezeigt.« – »Das ist ein dummer Streich von ihm, und wenn die Franzosen ihn kriegen, werden sie's ihm eintränken. Ihr seid eine naseweise Art, Ihr Besserdichs. Neiting, hilf mir mal an den Schlingel, den Fritz Besserdich, denken! – Und wo ist Fritz Sahlmann?« Nun war Fik denn wieder sehr kleinlaut, und was jetzt kam, das kam nur ganz leise und tropfenweise heraus. »Je, Herr Amtshauptmann, heute morgen schmiß er alle Ihre Pfeifen entzwei, und nachher sagte er, ich hätte es getan. Und, Herr Amtshauptmann, ich konnte da nicht für, denn ich wollte bloß um die Ecke gucken, als der französische Oberst da so herumtobte; da lief er mir mit den Pfeifen entgegen, und nun liegen die Scherben in der Küche.« – »Und weiter hast du ihn heute morgen nicht gesehen?« – »Ja, Herr, als der Uhrmacher transportiert wurde, da lief er mit, und als er dann wiederkam, da redete er mit der Mamsell hochdeutsch, und nachher flüsterten sie zusammen.« – »Hochdeutsch? Fritz Sahlmann hochdeutsch? Was hat der Schlingel hochdeutsch zu reden? Was sagte er denn?« – »Er sagte: ›Rettung naht!‹« – »So? Und nachher kam der Herr Ratsherr?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, und ich fuhr ihm mit dem Besen ins Gesicht; aber auch dafür konnte ich nichts.« – »Dies ist doch eine besondere Sache!« sagte der alte Herr und ging auf und nieder und faßte sich unters Kinn und sah auf die Diele und sah an die Decke. Endlich stand er still und sagte: »Neiting, die Sache ist mir klar: das alte Wurm, die Westphal, hat es mit der Angst gekriegt, und der Ratsherr hat sich da hineingemischt und hat irgend etwas Verdrehtes angestiftet. Du sollst sehen, sie hat sich versteckt.« – »Dann laß sie, Weber.« – »Das geht nicht, Neiting, sie muß zur Stelle, denn sie muß Zeugnis ablegen für den Uhrmacher und für den Müller; es kann den beiden sonst an den Kragen gehen. – Wenn ich nur wüßte, wo der Schlingel, der Fritz Sahlmann, ist, der weiß um die ganzen Umstände! – Und du weißt nicht, wo er ist, Fik?« – »Nein, Herr.« – »Na, dann kannst du gehen.« – As sick Fik ümdreihen ded, föllen ehr Ogen up dat Eckfinster; äwer wil dat ehr Ogen sihr hell un wacht wiren, föllen sei ok dörch dat Finster un segen, wat wid achter passieren ded. Sei dreihte sick fix wedder üm un säd: »Herr Amtshauptmann, nu weit ick, wo hei is.« – »Na, wo denn?« – »Seihn S', dor sitt 'e.« – »Wo?« frog de oll Herr un läd sin Vörspann von Lorjett an de Ogen un kek allenthalben hen, blot nicht dorhen, wo Fritz Sahlmann satt. – »Dor, Herr Amtshauptmann, dor in unsen ollen Kantappelbom, de an de Eck von de Käk steiht.« – »Wohrhaftig! ja! – Dies ist doch eine besondere Sache! Neiting, in'n Winter! Wenn dat in'n Harwst wir, wenn Appel up den Bom sünd; äwer Neiting, in'n Winter!« – »Oh, Wewer«, säd sin leiwe Fru, »hei äuwt sick woll man dorup.« – »Fik Besserdichs, du hest klore Ogen, wat deiht hei dor?« frog de oll Herr un schow mit de Lorjett vör de Ogen hen un her. – »Je, Herr, en langen Staken hett hei dor; äwer wat hei dormit bezwecken deiht, dat's minen Ogen verborgen. Hei handtiert dormit gegen de Rökerbähnluk.« – »Neiting, gegen unsern Rökerbähn! Wat mag hei dor handtieren, Neiting?« – »Ick weit't nich, Wewer; äwer wunnern sall mi dat nich, wenn morgen wedder Wust fehlen.« – »Süh mal! süh mal! – Ih, dit wir nett! – Dat is jo en prächtigen Bom för minen Fritz Sahlmann! 's Sommers Appel, un 's Winters Wust!« Dormit makt hei dat Finster up un röp: »Fritz Sahlmann! Fritz! Kumm dor runne, min Sähn, du künnst di dor in den Regen verküllen.« Als Fik sich umdrehte, fielen ihre Augen auf das Eckfenster; aber weil ihre Augen sehr hell und munter waren, fielen sie auch durch das Fenster und sahen, was weit hinten passierte. Sie drehte sich schnell wieder um und sagte: »Herr Amtshauptmann, nun weiß ich, wo er ist.« – »Na, wo denn?« – »Sehen Sie, da sitzt er.« – »Wo?« fragte der alte Herr und legte seinen Vorspann von Lorgnette an die Augen und sah allenthalben hin, nur nicht dahin, wo Fritz Sahlmann saß. – »Da, Herr Amtshauptmann, da in unserm alten Kantapfelbaum, der an der Ecke von der Küche steht.« – »Wahrhaftig, ja! Dies ist doch eine besondere Sache! Neiting, im Winter! Wenn das im Herbst wäre, wenn Aepfel auf dem Baum sind; aber Neiting – im Winter!« – »Oh, Weber,« sagte seine liebe Frau, »er übt sich wohl nur darauf.« – »Fik Besserdich, du hast klare Augen, was tut er da?« fragte der alte Herr und schob die Lorgnette vor den Augen hin und her. – »Ja, Herr, eine lange Stange hat er da; aber was er damit bezwecken tut, das ist meinen Augen verborgen. Er hantiert damit gegen die Räucherbodenluke.« – »Neiting, gegen unseren Räucherboden! Was mag er da hantieren?« – »Ich weiß es nicht, Weber; aber wundern soll's mich nicht, wenn morgen wieder Würste fehlen.« – »Sieh mal! Sieh mal! Ih, dies wäre nett! – Das ist ja ein prächtiger Baum für meinen Fritz Sahlmann! Sommers Aepfel und Winters Wurst!« Damit machte er das Fenster auf und rief: »Fritz Sahlmann! Fritz! Komm herunter, mein Sohn! Du könntest dich da in dem Regen erkälten.« Dat sall en Dirt gewen, wat sei 'n Fuldirt nennen, dat brukt säben Dag', bet dat in den Bom rinne kümmt, un säben Dag', bet dat wedder runne kümmt. Na, vull so lang' brukte Fritz Sahlmann nu nich, as hei ut den Appelbom kamm; äwer 't was doch lang' naug, un von wegen sine Büxen kletterte hei woll nich so bedächtig, un as hei unnen was, dunn was dat ogenschinlich, dat hei in en starkes Bedenken stunn, ob hei kamen oder dörchbrennen süll. Äwer Fritz Sahlmann was en frames Kind, hei kamm; blot männigmal höll hei sick en beten up. – »Fik, wat makt hei dor achter den Stickelbeerenbusch?« frog de oll Herr. – »Je, Herr, hei hett dor jo woll wat achter smeten.« – »So? Das ist denn eine andere Sache. – Na, Fritz, kumm man dörch de Käkendör rinne! Un du, Fik, gah hen un paß mi up, dat hei nich dörch de Vördör wedder schappiert.« – Fik gung, un Fritz kamm, langsam as de düre Tid; äwer hei kamm. »Fritz Sahlmann, min Sähn, so vel Insichten möst du all hewwen, dat dat nich gaud för de Gesundheit is, bi Regenweder buten tau sitten, nimm di nah dissen en Regenschirm mit, wenn du buten sitten willst; un so vel Insichten möst du ok all hewwen, dat dat nich gaud för de Hosen is, bi Regenweder in en Bom tau stigen, säuk di nah dissen 'ne dröge Johrstid dortau ut. Nu segg mi mal: wat dedst du in den Bom?« – »Oh, Herr Amtshauptmann, doch man so.« – »Hm«, säd de oll Herr, »de Grund lett sick hüren. Äwer wat ick eigentlich fragen wull: Hest du nicks von Mamsell Westphalen seihn?« Es soll ein Tier geben, das man Faultier nennt; das braucht sieben Tage, bis es in den Baum hinaufkommt, und sieben Tage, bis es wieder 'runterkommt. Na, ganz so lange brauchte Fritz Sahlmann nicht, als er aus dem Apfelbaum kam; aber es war doch lange genug, und seiner Hosen wegen kletterte er wohl nicht so bedächtig, und als er unten war, da stand er augenscheinlich in starkem Bedenken, ob er kommen oder durchbrennen sollte. Aber Fritz Sahlmann war ein frommes Kind, er kam; nur manchmal hielt er sich ein bißchen auf. – »Fik, was macht er da hinter dem Stachelbeerenbusch?« fragte der alte Herr. – »Je, Herr, er hat wohl was dahinter geschmissen.« – »So? Das ist denn eine andere Sache. – Na, Fritz, komm nur durch die Küchentür herein! Und du, Fik, geh hin, und paß ihm auf, daß er nicht durch die Vordertür wieder ausreißt.« – Fik ging, und Fritz kam, langsam wie die teure Zeit, aber er kam. »Fritz Sahlmann, mein Sohn, so viel Einsicht wirst du schon haben, daß es nicht gut für die Gesundheit ist, bei Regenwetter draußen zu sitzen; nimm dir in Zukunft einen Regenschirm mit, wenn du draußen sitzen willst; und so viel Einsicht mußt du auch schon haben, daß es nicht gut für die Hosen ist, bei Regenwetter in einen Baum zu steigen, suche dir in Zukunft eine trockene Jahreszeit dazu aus. Nun sage mir mal: was tatest du in dem Baum?« – »Oh, Herr Amtshauptmann, doch nur so.« – »Hm,« sagte der alte Herr, »der Grund läßt sich hören. Aber was ich eigentlich sagen wollte: hast du nichts von Mamsell Westphal gesehen?« Fritz Sahlmann, de sick 'ne ganz anner Frag' vermauden was, lewte ogenschinlich wedder up un säd ganz kregel: »Ne, Herr Amtshauptmann.« – »Ja, min Sähn, worüm sallst du ok von 'ne Sak wat weiten, wovon keiner wat weit. Nu dauh mi äwer mal den Gefallen un kik mi mal grad in de Ogen.« – Fritz Sahlmann ded em den Gefallen; äwer sin Blick was en falschen Gröschen, un de oll Herr müggt em woll nich för vull annemen willen, denn hei säd: »Fritz Sahlmann, hir is en Metz, gah mal nah den Goren un snid mi mal ut de Hasseln – du weitst jo, wo sei stahn – so'n lütten Stock, so as en – as en – na, as din Mittelfinger dick, un denn, min Sähn, hest du achter den Stickelbeerenbusch in den Goren wat verluren, raup di Fik Besserdichs, de sall di säuken helpen, dat du doch wedder tau dat Dinige kümmst. – Äwer hürst du, Fik Besserdich sall mit.« Fritz Sahlmann, der auf eine ganz andere Frage gefaßt gewesen war, lebte augenscheinlich wieder auf und sagte ganz munter: »Nein, Herr Amtshauptmann.« – »Ja, mein Sohn, warum solltest du auch von einer Sache etwas wissen, wovon keiner was weiß? Nun tu mir aber mal den Gefallen und sieh mir mal grade in die Augen.« – Fritz Sahlmann tat ihm den Gefallen; aber sein Blick war ein falscher Groschen, und der alte Herr mochte ihn wohl nicht für voll annehmen wollen, denn er sagte: »Fritz Sahlmann, hier ist ein Messer; geh mal nach dem Garten und schneide mir mal aus den Haseln – du weißt ja, wo sie stehen – so einen kleinen Stock, so wie ein – wie ein – na, wie dein Mittelfinger dick, und dann, mein Sohn, hast du hinter dem Stachelbeerbusch im Garten was verloren; ruf dir Fik Besserdich, die soll dir suchen helfen, damit du doch wieder zu dem Deinigen kommst. – Aber hörst du, Fik Besserdich soll mitgehen!« Fritz Sahlmann sach nu also unner sihr bedrängten Umstän'n in 'ne trurige Taukunft; hei bugte äwer up twei Ding', worup de Minschen meistendeils in ehr Verlegenheit bugen, nämlich irstens up den Himmel, dat de noch tau rechter Tid den ollen Herrn tau sinen Vörnemen en Stein in den Weg smiten würd, un denn tweitens up sine früheren Erfohrungen in so'ne Verlegenheiten; un uterdem hadd hei noch 'ne Hülp in de Not, von de de gewöhnlichen Minschen nicks weiten, nämlich so'n lütt Aktenbund, wat hei sick in bedenklichen Fällen unner de West tau knöpen plegte; dit verget hei denn nu hüt ok nich. Hei gung nu also tämlich beruhigt in den Goren, in de stille Hoffnung, Fik, de mit em gung, würd den richtigen Stickelbeerenbusch verfehlen; äwer as hei grad beschäftigt was, de passende Gadung von Hasselrauden uttausäuken, sach hei mit inwendigen Grugel, dat de Dirn grad up den richtigen Busch losgung un dor wat upnamm, wat em in de Firn vele Ähnlichkeit mit 'ne Wust tau hewwen schinte. Hei müßt sick also anners tau helpen säuken, hei sned also för't irst en por unmerkliche Karben in de Hasselraud, wat denn grad nich sihr tau ehre Holtborkeit bidrog, un denn versöchte hei Fik den Fund aftausnacken. Dit gelung em äwer nich, denn Fik hadd kein Lust, en tweit Examen vör den Herrn Amtshauptmann tau bestahn, un denn föll ehr in, dat dat mägliche Wis' Fritz Sahlmann west wir, de ehr vör'n Dagener acht 'ne Hand vull kortsneden Swinsbösten in't Bedd streut hadd. So kamm denn nu Fritz Sahlmann mit den Stock un Fik mit 'ne lütte nüdliche Mettwust wedder vör den Herrn Amtshauptmann. Fritz Sahlmann sah nun also unter sehr bedrängten Umständen in eine traurige Zukunft; er baute aber auf zwei Dinge, worauf die Menschen in ihrer Verlegenheit meistens bauen: nämlich erstens auf den Himmel, daß dieser noch zur rechten Zeit dem Vorhaben des alten Herrn einen Stein in den Weg werfen würde, und dann zweitens auf seine früheren Erfahrungen in solchen Verlegenheiten; und außerdem hatte er noch eine Hilfe in der Not, von der die gewöhnlichen Menschen nichts wissen – nämlich so ein kleines Aktenbündel, das er sich in bedenklichen Fällen unter die Weste zu knöpfen pflegte; dies vergaß, er denn nun auch heute nicht. Er ging also ziemlich beruhigt in den Garten, in der stillen Hoffnung, Fik, die mit ihm ging, würde den richtigen Stachelbeerbusch verfehlen; aber als er gerade beschäftigt war, die passende Gattung Haselruten auszusuchen, sah er mit inwendigem Grauen, daß das Mädchen gerade auf den Busch losging und dort etwas aufnahm, was ihm in der Ferne viele Aehnlichkeit mit einer Wurst zu haben schien. Er mußte sich also anders zu helfen suchen; er schnitt daher fürs erste ein paar unmerkliche Kerben in die Haselrute, was ja nicht gerade sehr zu ihrer Haltbarkeit beitrug, und dann versuchte er Fik den Fund abzuschnacken. Dies gelang ihm aber nicht, denn Fik hatte keine Lust ein zweites Examen vor dem Herrn Amtshauptmann zu bestehen, und dann fiel ihr ein, daß es möglicherweise Fritz Sahlmann gewesen wäre, der ihr vor acht Tagen eine Handvoll kurzgeschnittener Schweinsborsten ins Bett gestreut hatte. So kam denn nun Fritz Sahlmann mit dem Stock, und Fik mit einer kleinen niedlichen Mettwurst wieder vor den Herrn Amtshauptmann. »Fik«, säd de Herr Amtshauptmann un namm ehr de Wust af, »du kannst nu gahn, min Dochter. – Neiting«, säd hei tau sine leiwe Fru un höll ehr de Wust vör de Ogen, »dit nennen wi en corpus delicti.« – »'t is mäglich, Wewer, dat sei up Latinsch so heit, wi seggen dor Mettwust tau.« – »Schön, Neiting! Segg mal, kannst du dat behaupten, dat dat ein von uns' Mettwüst is?« – »Ja, Wewer, ick kenn sei an den Band.« – »Fritz Sahlmann, wo büst du tau de Mettwust kamen?« – Dit was nu för Fritzen eine ganz entfahmte Frag' von den Herrn Amtshauptmann; de Himmel läd sick ogenschinlich nich in't Middel; sine Erfohrungen leten em in Stich, de Herr Amtshauptmann stunn vör em, in de ein Hand de Wust, in de anner den Stock, un de Stock was knapp twei Faut von sinen Puckel af, hei was also vüllig up dat lütt Aktenbund anwist, un dat was ok man so so; de Herr Amtshauptmann hadd't all mal an't Klappen markt. Hei gaww sick also verluren, fung an tau rohren un säd: »Ick heww sei gewen kregen.« – »Dat lüggst du!« fohrt de Fru Amtshauptmannen up, »du hest sei mit den Staken von den Rökerbähn halt.« – »Neiting, ruhig! Keine Suggestivfragen! – Fritz, wer hett di de Wust gewen?« – »Mamsell Westphalen.« – »Fritz, wo?« – »As ick in den Bom satt.« – »Satt sei dor bi di?« – »Ne, sei satt up den Rökerbähn, un dunn hett sei mi de Wust up den Staken steken, dor hadd ick en Nagel inslagen.« – »Du hest mi doch eben seggt, du wüßt nich, wo Mamsell Westphalen wir. Fritz Sahlmann, du hest also lagen.« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann! Slagen S' mi nich! Ick kann dor jo nich för. Ick un Ratsherr Hers' hewwen uns verswuren, un ick heww em heilig verspreken müßt, keinen Minschen, ok Sei nich, tau seggen, wo Mamsell Westphalen wir.« – »Steihst du bi den Herrn Ratsherrn in Lohn un Brod oder bi mi? Du hest lagen, Fritz, un wenn du lüggst, denn krigst du Släg', so steiht dat in unsen Kuntrakt.« Un dormit kreg de Herr Amtshauptmann Fritzen in den Kragen un böhrt den Stock tau Höcht, un wenn de Himmel noch in't Middel treden wull, denn was't nu de allerhöchste Tid, un – de Himmel ded't. »Fik,« sagte der Herr Amtshauptmann und nahm ihr die Wurst ab, »du kannst nun gehen, meine Tochter. – Neiting,« sagte er zu seiner lieben Frau und hielt ihr die Wurst vor die Augen, »dies nennen wir ein corpus delicti .« – »'s ist möglich, Weber, daß sie auf Lateinisch so heißt; wir sagen Mettwurst dazu.« – »Schön, Neiting! sag mal, kannst du behaupten, daß dies eine von unseren Mettwürsten ist?« – »Ja, Weber, ich kenne sie am Bande.« – »Fritz Sahlmann, wie bist du zu der Mettwurst gekommen?« – Dies war nun für Fritzen eine ganz infame Frage des Herrn Amtshauptmanns; der Himmel legte sich augenscheinlich nicht ins Mittel; seine Erfahrungen ließen ihn im Stich; der Herr Amtshauptmann stand vor ihm, in der einen Hand die Wurst, in der andern den Stock, und der Stock war knapp zwei Fuß von seinem Buckel ab; er war also völlig auf das kleine Aktenbündel angewiesen, und damit war es auch nur soso; der Herr Amtshauptmann hatte es schon mal am Klappen gemerkt. Er gab sich also verloren, fing an zu weinen und sagte: »Ich habe sie geschenkt gekriegt.« – »Das lügst du!« fuhr die Frau Amtshauptmann auf, »du hast sie mit der Stange vom Räucherboden geholt!« – »Neiting, ruhig! Keine Suggestivfragen! – Fritz, wer hat dir die Wurst gegeben?« – »Mamsell Westphal.« – »Fritz, wo?« – »Als ich im Baum saß.« – »Saß sie da bei dir?« – »Nein, sie saß auf dem Räucherboden; und da hat sie mir die Wurst auf die Stange gesteckt, in die ich einen Nagel eingeschlagen hatte.« – »Du hast mir doch eben gesagt, du wüßtest nicht, wo Mamsell Westphal wäre? Fritz Sahlmann, du hast also gelogen.« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann! Schlagen Sie mich nicht! Ich kann ja nicht dafür. Ich und Ratsherr Herse haben uns verschworen, und ich habe ihm heilig versprechen müssen, keinem Menschen, auch Ihnen nicht, zu sagen, wo Mamsell Westphal wäre.« – »Stehst du bei dem Herrn Ratsherrn in Lohn und Brot, oder bei mir? Nu hast gelogen, Fritz, und wenn du lügst, dann kriegst du Schläge – so steht es in unserm Kontrakt.« Und damit nahm der Amtshauptmann Fritz beim Kragen und hob den Stock empor; und wenn der Himmel noch ins Mittel treten wollte, bann war es nun die allerhöchste Zeit, und – der Himmel tat's. Buten würd ankloppt, un herin kamm de Stadtdeiner Luth: »Empfehlung von den Herrn Burmeister, un de Sak stünn heil leg för den Uhrkenmaker un den Möller, un de Herr Amtshauptmann müggt doch so gefällig sin un so drad runner kamen; vör allen äwer Mamsell Westphalen mitbringen, denn ehr Tügnis wir hauptsächlich von Wichtigkeit.« – »Ick kam glik, min leiw' Luth. – Neiting, de Sak is pressant. Fritz Sahlmann, hal mi minen Rock, un du, Neiting, gah nah dat oll Unglücksworm up den Rökerbähn un hal sei runner.« – Wo fix bröcht Fritz Sahlmann den Rock! Wo hild hadd hei't, den Herrn Amtshauptmann ut de Ogen tau kamen! »Fru Amtshauptmannen, ick möt mit, allein för Sei makt sei nich up, un eigentlich sitt sei gor nich up den Rökerbähn, sei sitt dor achter up en Flag, wat ick allein weit.« So lep hei denn vörup, un de Fru Amtshauptmann folgte em, äwer sachten. Draußen wurde angeklopft und herein kam der Stadtdiener Luth: »Empfehlung vom Herrn Bürgermeister, und die Sache stände ganz schlecht für den Uhrmacher und den Müller, und der Herr Amtshauptmann möchte doch so gefällig sein, und sofort herunterkommen – vor allem aber Mamsell Westphal mitbringen, denn ihr Zeugnis wäre hauptsächlich von Wichtigkeit.« – »Ich komme gleich, mein lieber Luth. – Neiting, die Sache ist pressant. Fritz Sahlmann, hole mir meinen Rock, und du, Neiting, geh nach dem alten Unglückswurm auf dem Räucherboden und hole sie herunter.« – Wie fix brachte Fritz Sahlmann den Rock! Wie eilig hatte er's, dem Herrn Amtshauptmann aus den Augen zu kommen! »Frau Amtshauptmann, ich muß mit – Ihnen allein macht sie nicht auf, und eigentlich sitzt sie gar nicht auf dem Räucherboden, sondern sie sitzt dahinter auf einer Stelle, die ich alleine kenne.« So lief er denn vorauf, und die Frau Amtshauptmann folgte ihm. Fritz kloppte an de Dör: »Mamselling, maken S' up, ick bün't!« – Kein Antwurt. – »Mamselling, wohl, wohl! Sur Swinfleisch!« – Kein Antwurt. – »Mamselling, de Franzosen sünd weg!« – Dunn let sick wat hüren, un 'ne bedräuwte Stimm let sick vernemen: »Fritz Sahlmann, du büst en Lägner dines Namens. – Führ mi nich in Versäukung!« – Mitdewil rep nu ok de Fru Amtshauptmannen: »Westphalen, maken Sei up! Ick bün dat, de Fru.« – »Ick kann mi nich vör Sei seihn laten«, rep de Stimm, »ick bün 'ne Sünnerin, 'ne arge Sünnerin!« – »Maken Sei man up, dat kümmt all wedder tau Schick.« Fritz klopfte an die Tür: »Mamselling, machen Sie auf, ich bin's!« – Keine Antwort kam. – »Mamselling, wohl, wohl! Saures Schweinefleisch!« – Keine Antwort. – »Mamselling, die Franzosen sind weg!« – Da ließ sich etwas hören, und eine betrübte Stimme ließ sich vernehmen: »Fritz Sahlmann, du bist ein Lügner deines Namens. Führe mich nicht in Versuchung!« – Mittlerweile rief nun auch die Frau Amtshauptmann: »Westphal, machen Sie auf! Ich bin's, die Frau.« – »Ich kann mich nicht vor Ihnen sehen lassen,« rief die Stimme; »ich bin eine Sünderin, eine arge Sünderin!« – »Machen Sie nur auf, das kommt alles wieder in Ordnung.« Nah langen Prekademen makte Mamsell Westphalen denn endlich up un stunn nu dor, rod in't Gesicht un de hellen Tranen lepen ehr de Backen dal. Äwer dat weit bet up den hütigen Dag noch keiner: was dat von Rührung oder was dat von Rok; genaug, de Tranen lepen, un wenn dat bi 'ne korpulente, öllerhafte Jungfru statuwiert warden kann, so müggt ick seggen, sei stunn dor as en »knicktes Ruhr«. – »Fru Amtshauptmannen«, säd sei, »ick kann Sei nich unner de Ogen gahn, ick bün deip sunken; äwer twintig Johr bün ick in Ehren gesegenten Hus', un mindag' nich heww ick Sei dat Swarte unner den Nagel entfirnt, eine böse Stun'n hett dat anners makt: ick heww mi an dat Ehrige vergrepen.« – »Ih, Westphalen, laten Sei dat doch! Kamen Sei man mit runner!« – »Keinen Schritt, Fru Amtshauptmannen! Irst en umständlich Bekenntnis! – Seihn S', Sei weiten, ick bün up de Flucht; Ratsherr Hers' hett mi flüchten hulpen un dese Slüngel, dese Fritz Sahlmann. Un nu sitt ick hir in Waddik un Weihdag' un denk an Herrn Droin sin Schicksal un an all dat anner un denk, dese Slüngel, de Fritz Sahlmann, sall mi Nahricht bringen, wo de Sak steiht, dunn hür ick buten vör de Luk wat hausten, un dunn röppt dat minen Namen, un as ick mi ranne slik an de Luk un rute seih, dunn denk ick doch, mi rührt de Slag; denn denken S' sick, Fru Amtshauptmannen, dat Unglückskind is in den Kantappelbom stegen un is den langen Telgen entlang rutscht un swewt as 'ne Kreih äwer den Afgrund. ›Jung‹, segg ick, ›Fritz Sahlmann, willst du woll ut den Bom!‹ Dunn grint de Jung' mi an. ›Jung‹, raup ick, ›ick kann dat nich vör dinen Vader verantworten, di in so'ne Gefohr tau seihn.‹ Seihn S', Fru Amtshauptmannen, dunn lacht de Jung' lud up un säd: ›Ick wull Sei blot Nahricht bringen: de Uhrkenmaker ward uphängt, un Ratsherr Hersen hewwen de Franzosen kregen, de liggt in Keden; un en ganzes Batteljohn is utschickt, Sei tau säuken.‹ Fru Amtshauptmannen, dat was keine tröstliche Nahricht, un min Angst was grot; äwer ick kann mi dat Tügnis gewen, min Angst üm den Jungen was gröter. ›Jung‹, rep ick, ›stig ut den Bom!‹ Seihn S', dunn grint hei mi an as en Ap up en Kameel un säd: ›Ja, wenn S' mi 'ne Wust gewen‹, un dormit fung hei an, allerhand Hanswustenstreich tau maken, un hüppt up den Telgen rüm as en Karninken in'n Kohlgoren, dat mi gräun un gel vör de Ogen würd. Dunn, Fru Amtshauptmannen, dunn dacht ick, wat is 'ne Mettwust? Un wat is en Minschenlewen? Un in mine Angst vergrep ick mi an Ehr Eigendauhm, hei höll den Staken rin, un ick stek em de Wust up. Dunn kreg hei Raup von den Herrn Amtshauptmann, un as hei run steg, röp hei mi sachten tau, hei hadd mi wat inbildt, dat wir all nich wohr. Dorüm segg ick, hei is en Lägner, Fru Amtshauptmannen, un dorbi bliw ick.« – »Laten S' man, Westphalen, hei hett bi minen Mann ok noch en Schinken in't Solt; hei ward sinen Richter nich entgahn.« Mit Mäuh kreg de Fru Amtshauptmannen de olle Dam von den Bähn heraf, un as sei unnen ankemen, gung de Herr Amtshauptmann mit sinen staatschen Schritt in vullen Antog up un dal un täuwte all. En swor Stück was dat nu, Mamsell Westphalen tau bewegen, mit den ollen Herrn nah't Rathus daltaugahn – »in den apnen Löwenrachen«, säd sei. Sei wull liden, wat sei in ehren Unverstand verdeint hadd, obschonst dat in Gaudheit un in Ihren gescheihn wir; äwer vör all dat frömde Mannsvolk tau stahn un sick von wegen Herr Droin tau deffendieren, dat wir äwer ehre Kräften as ordentliches Frugensminsch, un wenn de Herr Amtshauptmann doch dorup bestünn, so müßten Fik un Korlin ok mit, denn de müßten ehr wedder betügen, dat sei de Nacht bi ehr slapen hadd. Nach langen Redensarten machte Mamsell Westphal denn endlich auf und stand nun da, rot im Gesicht, und die hellen Tränen liefen ihr die Backen herunter. Aber bis auf den heutigen Tag weiß noch niemand: war es von Rührung, oder war es vom Rauch; genug, die Tränen liefen, und wenn man von einer korpulenten ältlichen Jungfrau den Ausdruck gebrauchen kann, so möchte ich sagen, sie stand da wie ein ›geknicktes Rohr‹. – »Frau Amtshauptmann,« sagte sie, »ich kann Ihnen nicht unter die Augen gehen, ich bin tief gesunken; über zwanzig Jahre bin ich in Ihrem gesegneten Hause, und niemals habe ich Ihnen so viel wie das Schwarze unterm Nagel entfernt; eine böse Stunde hat das anders gemacht: ich habe mich an dem Ihrigen vergriffen.« – »Ih, Westphal, lassen Sie das doch; kommen Sie nur mit herunter!« – »Keinen Schritt, Frau Amtshauptmann! erst ein umständliches Bekenntnis! – Sehen Sie, Sie wissen, ich bin auf der Flucht; Ratsherr Herse hat mir flüchten geholfen, und dieser Schlingel, dieser Fritz Sahlmann. Und nun sitz ich hier in Kummer und Elend und denke an Herr Droi's Schicksal und an alles andere, und denke, dieser Schlingel, der Fritz Sahlmann, soll mir Nachricht bringen, wie die Sache steht; da hör' ich draußen vor der Luke etwas husten, und da ruft es meinen Namen, und als ich mich heranschleiche an die Luke und hinaussehe, da denke ich doch, mich rührt der Schlag; denn denken Sie sich, Frau Amtshauptmann, das Unglückskind ist in den Kantapfelbaum gestiegen und ist den langen Ast entlang gerutscht und schwebt wie eine Krähe über dem Abgrund. ›Junge‹ sag ich, ›Fritz Sahlmann, willst du wohl aus dem Baum heraus!‹ Da grinst der Junge mich an. ›Junge‹ ruf ich, ›ich kann das nicht vor deinem Vater verantworten, dich in solcher Gefahr zu sehen.‹ Sehen Sie, Frau Amtshauptmann, da lacht der Junge laut auf und sagt: ›Ich wollte Ihnen bloß Nachricht bringen: Der Uhrmacher wird aufgehängt, und Ratsherrn Herse haben die Franzosen gekriegt, er liegt in Ketten; und ein ganzes Bataillon ist ausgeschickt, Sie zu suchen.‹ Frau Amtshauptmann, das war keine tröstliche Nachricht, und meine Angst war groß: aber ich kann mir das Zeugnis geben, meine Angst um den Jungen war größer. ›Junge,‹ ruf' ich, ›steig auf dem Baum!‹ Sehen Sie, da grinst er mich an wie ein Affe auf dem Kamel, und sagt: ›Ja, wenn Sie mir 'ne Wurst geben,‹ und damit fängt er an, allerlei Hanswurststreiche zu machen, und hüpft auf dem Ast herum wie ein Kaninchen im Kohlgarten, daß mir grün und gelb vor den Augen wurde. Da, Frau Amtshauptmann, da dachte ich: was ist eine Mettwurst? und was ist ein Menschenleben? Und in meiner Angst vergriff ich mich an Ihrem Eigentum; er hielt die Stange hinein, und ich steckte ihm die Wurst auf. Da rief ihn der Herr Amtshauptmann, und als er herunterstieg, rief er mir leise zu, er hätte mir was eingebildet, es wäre alles nicht wahr. Darum sag' ich: er ist ein Lügner, Frau Amtshauptmann, und dabei bleib ich.« – »Lassen Sie nur, Westphalen; er hat bei meinem Mann auch noch einen Schinken im Salz; er wird seinem Richter nicht entgehen.« Mit Mühe kriegte die Frau Amtshauptmann die alte Dame vom Boden herunter; und als sie unten ankamen, ging der Herr Amtshauptmann mit seinem stattlichen Schritt schon in vollem Anzug auf und ab und wartete. Ein schweres Stück war es noch, Mamsell Westphal zu bewegen, mit dem alten Herrn nach dem Rathaus hinunter zu gehen – »in den offenen Löwenrachen,« sagte sie. Sie wolle leiden, was sie in ihrem Unverstand verdient habe, obschon es aus Güte und in Ehren geschehen sei; aber vor all dem fremden Mannsvolk zu stehen und sich von wegen Herrn Droi zu defendieren, das gehe über ihre Kräfte als ordentliches Frauenzimmer. Und wenn der Herr Amtshauptmann doch darauf bestände, so müßten Fik und Karline auch mit, denn die müßten ihr wieder bezeugen, daß sie die Nacht bei ihnen geschlafen hätte. In desen Punkt müßt de Herr Amtshauptmann denn nahgewen, un as Mamsell Westphalen in ehr Stuw' gahn was, sick in Geswindigkeit en Dauk un 'ne Kapp tau halen, gung de oll Herr mit groten Schritten in Gedanken up un dal un fuchtelt mit sinen Jenenser Ziegenhainer in de Luft, denn ahn desen gung hei sindag' nich ut, un säd endlich: »Neiting, sei hett recht; de Dirns känen uns nich schaden. Äwer, Neiting«, un hir snüffelte hei so'n beten in de Luft rümmer, »dit rückt hir jo nah Spikaal; is oll Neils ut Gülzow mit sin Aal hir west?« – »Wat redst du, Wewer? Dat is jo von ehr, sei hett jo äwer 'ne Stun'n up den Rökerbähn seten.« – »Das ist denn eine andere Sache!« säd de oll Herr, un sin Fru müßt de beiden Dirns raupen. As Mamsell Westphalen kamen was, was de Tog tausam un gung af, nahdem de Mamsell von de Fru Amtshauptmannen en Afschid up Lewen un Dod namen hadd. Keiner sprök en Wurd, blot as sei an dat Sloßdur kemen, bögt sick Mamsell Westphalen taurügg un säd: »Fik, wenn wi up den Mark kamen, denn lop räwer nah den Herrn Dokter Lukow, hei süll sick infinnen in minen Unglück, mi künn wat Minschliches passieren, denn mi künnen de Ahnmachten antreden.« In diesem Punkt mußte der Herr Amtshauptmann ihr nachgeben, und als Mamsell Westphal in ihre Stube gegangen war, sich geschwind ein Tuch und eine Kappe zu holen, ging der alte Herr mit großen Schritten in Gedanken auf und ab und fuchtelte mit seinem Jenenser Ziegenhainer in der Luft – denn ohne diesen ging er niemals aus – und sagte endlich: »Neiting, sie hat recht; die Mädchen können uns nicht schaden. Aber, Neiting,« – und hier schnüffelte er so ein bißchen in der Luft herum – »es riecht hier ja nach Spickaal; ist der alte Neils aus Gülzow mit seinen Aalen hier gewesen?« – »Was redest du, Weber? Das ist ja von ihr, sie hat ja über eine Stunde auf dem Räucherboden gesessen.« – »Das ist denn eine andere Sache!« sagte der alte Herr, und seine Frau mußte die beiden Dienstmädchen rufen. Als auch Mamsell Westphal gekommen war, war der Zug beisammen und ging ab, nachdem die Mamsell von der Frau Amtshauptmann einen Abschied auf Leben und Tod genommen hatte. Niemand sprach ein Wort, nur als sie an das Schloßtor kamen, beugte sich Mamsell Westphal zurück und sagte: »Fik, wenn wir auf den Markt kommen, dann lauf hinüber zum Herrn Doktor Lukow, er sollte sich einfinden in meinem Unglück; mir könnte was Menschliches passieren, denn mich könnten die Ohnmachten antreten.« Dat elfte Kapittel Elftes Kapitel Worüm Bäcker Witt dörch sinen meerschümenen Pipenkopp mit in dat Kumplott kümmt; worüm Mamsell Westphalen den Herrn Amtshauptmann för 'ne witte Duw un Fik Besserdichs för einen Gottesengel ansüht, un wat sei för 'ne Meinung von den französchen Auditör hett. Warum Bäcker Witt durch seinen Meerschaum-Pfeifenkopf mit ins Komplott kommt; warum Mamsell Westphal den Herrn Amtshauptmann für eine weiße Taube und Fik Besserdich für einen Gottesengel ansieht, und was für eine Meinung sie von dem französischen Auditeur hat. Gung dat up den Sloß all tämlich bunt her, so sach dat in de Stadt noch vel bunter ut. Frilich, wenn so'n Hümpel Inquartierung äwer 'ne lütte Stadt kümmt, wenn de Buren von den Lan'n un de Börgers ut de Stadt tau Hand- un Spann-Deinsten tausamen trummelt warden, wenn hir de Jammer un dat Elend weint un klagt un dor de Äwermaut sick breid makt, denn kann't nich still hergahn as in de Kirch. Äwer as achteihnhunnertunsöß Mürat un Bernadott un Dawuh achter den ollen Blücherten herjagten un hei ehr bi Speck un Wohren de Tähn wis'te, as von Berlin dat saubere Stichwurd utgahn was: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«, dunn gung dat ruhiger her as tau dese Tid; dunn was blot von Befehl un Gehursam de Red'. Dunn plünnerten un brandschatzten de Herrn Franzosen nah Hartenslust, un dat Volk dukerte sick un schow sick ein achter den annern, un de richtige Nidertracht gaww sick allentwegent kund, denn ein jeder dachte an sick un sin Habseligkeiten, un Meister Kähler in Malchow säd tau sin Fru un Kinner: » Ick möt mi redden, an jug is nicks gelegen; ji bliwwt hir, wenn de Franzosen kamen«, un lep in't Ellerbrauk un kröp in't Ruhr. – Ful un anrüchig was allens von baben bet unnen. Ging es auf dem Schloß schon ziemlich bunt her, so sah es in der Stadt noch viel bunter aus. Freilich, wenn so ein Haufen Einquartierung über eine kleine Stadt kommt, wenn die Bauern vom Lande und die Bürger aus der Stadt zu Hand- und Spanndiensten zusammengetrommelt werden, wenn hier der Jammer und das Elend weint und klagt, und dort der Uebermut sich breit macht – dann kann es nicht still hergehen wie in der Kirche. Aber als 1806 Murat und Bernadotte und Davout hinter dem alten Blücher herjagten, und er ihnen bei Speck und Waren die Zähne zeigte, als von Berlin das saubere Stichwort ausgegangen war: ›Ruhe ist die erste Bürgerpflicht‹ – da ging es ruhiger her als zu dieser Zeit; da war bloß von Befehl und Gehorsam die Rede. Da plünderten und brandschatzten die Herren Franzosen nach Herzenslust, und das Volk duckte sich, und einer schob sich hinter den andern, und die richtige Niedertracht gab sich allerwegen kund, denn ein jeder dachte an sich und seine Habseligkeiten, und Meister Kähler in Malchow sagte zu Frau und Kindern: »Ich muß mich retten – an euch ist nichts gelegen; ihr bleibt hier, wenn die Franzosen kommen,« – und lief ins Erlenbruch und kroch ins Rohr. – Faul und anrüchig war alles, von oben bis unten. De Tiden süllen sick ännern. De Not lihrt beden; äwer sei lihrt ok sick wehren. Schill brok los un de Herzog von Brunswick; in ganz Nedderdütschland würd't späuken; keiner wüßt, woher't kamm; keiner wüßt, wohen't führen süll. Schill treckte dwars dörch Meckelborg nah Stralsund. Up Befehl von Boneparten müßten em de Meckelbörger den Paß bi Damgoren un Tribsees verleggen; sei kregen Släg', denn sei slogen sick hundsvöttsch slicht. Ein Schillsche Husor namm 'ne ganze Kapperalschaft lange meckelbörgsche Granedier gefangen. »Kinner«, röp hei ehr tau, »sid ji all gefangen?« – »Ne«, säd de brave Kapperal, »uns hett nüms wat seggt.« – »Na, denn kamt man mit!« – Un sei gungen mit. – Was dat Feigheit? Was dat Furcht? Wer uns' Landslüd' achteinhunnertdrütteihn un -virteihn seihn hett, wer wat von't strelitzsche Husoren-Regiment hürt hett, urtelt anners. Wenn ein Stamm in Dütschland dat Tüg dortau hett, up en Slachtfeld tau stahn, dann hett't de Meckelbörger. – Ne, dat was kein Feigheit – dat was de Unwill, gegen dat tau striden, wat sei sülwst in den deipsten Harten drogen un wünschten. Dat späukte in Meckelborg; un as't in Preußen losbrok, was Meckelborg dat irste Land in Dütschland, wat folgen ded. So is't west, un so möt't ok bliwen. Die Zeiten sollten sich ändern. Die Not lehrt beten, aber sie lehrt auch sich wehren. Schill brach los und der Herzog von Braunschweig; in ganz Deutschland begann es zu spuken; niemand wußte, woher es kam; niemand wußte, wohin es führen sollte. Schill zog quer durch Mecklenburg nach Stralsund, auf Befehl von Bonaparte mußten ihm die Mecklenburger bei Damgarten und Triebsees den Paß verlegen; sie bekamen Schläge, denn sie schlugen sich hundsvöttisch schlecht. Ein Schillscher Husar nahm eine ganze Korporalschaft lange mecklenburgische Grenadiere gefangen. »Kinder,« rief er ihnen zu, »seid ihr schon gefangen?« – »Ne,« sagte der brave Korporal, »uns hat niemand was gesagt.« – »Na, dann kommt nur mit!« – Und sie gingen mit. – War das Feigheit? War das Furcht? Wer unsere Landsleute 1813 und 14 gesehen hat, wer etwas vom Strelitzschen Husarenregiment gehört hat, der urteilt anders. Wenn ein Stamm in Deutschland das Zeug hat, auf einem Schlachtfeld zu stehen, dann hat's der Mecklenburger. – Nein, es war keine Feigheit: es war der Unwille, gegen das zu streiten, was sie selbst im tiefsten Herzen trugen und wünschten. Es spukte in Mecklenburg; und als es in Preußen losbrach, war Mecklenburg das erste Land in Deutschland, das folgte. So ist es gewesen, und so muß es auch bleiben. Un de Tiden wiren anners worden. Uns' Herrgott hadd den Franzosen in den rußschen Winter de goldschinige Snakenhut afströpt. Hei, de süs as Herr rümme pucht hadd, kamm as Snurrer un Pracher taurügg un wendt sick an't dütsche Erbarmen, un dit schöne dütsche Gottsgeschenk kreg de Äwerhand äwer den grimmigen Haß. Keiner wull de Hand upböhren gegen den Mann, de von Gott slagen was, dat Mitled let vergeten, wat hei verschuldt hadd. Knapp hadd sick äwer de verklamte Snak wedder verdort in dat warme dütsche Bedd, as sei ok den Stachel wedder wisen würd, un de Schinneri süll wedder losgahn; äwer dat Späuk in Nedderdütschland was taum Schatten worden, un de Schatten kreg Fleisch un Bein un kreg en Namen, un de Namen würd lud up de Strat raupen: »Upstand gegen den Minschenslachter!« – Dat was dat Feldgeschri. Äwer dat Feldgeschri was kein Dagsgeschri. Nich en Hümpel unbedarwte junge Lüd', nich de Janhagel up de Strat fung dormit an, ne, de Besten un Vernünftigsten treden tausam, nich tau 'ne Verswörung mit Metz un Gift, ne, tau 'ne Verbräuderung mit Wehr un Wurd gegen andahne Gewalt; de Ollen redten dat Wurd, un de Jungen schafften de Wehr. Nich up apne Strat bluckte de irste Flamm tau Höcht; wi Nedderdütschen liden kein Füer up de Strat; ne, ein jeder stickte dat still in sinen Hus' an, un de Nahwer kamm taum Nahwer un warmte sick an sine Glaut. Nich as en Füer von Dannenholt un Stroh, wat tauletzt blot en Hümpel Asch äwrig lett, steg de Läuchen taum Hewen, ne, wi Nedderdütschen sünd en hart Holt, wat langsam Füer fangt, äwer denn ok Hitt giwwt. Un tau de dunnmalige Tid was ganz Nedderdütschland en groten Kahlenmiler, de in sick swälte un gläuhte, heimlich un still, bet de Kahlen gor wiren; un as sei fri wiren von Rok un Flackerflammen, dunn smeten wi uns' Isen in de Kahlenglaut un smäd'ten uns' Waff un Wehr dorin, un de Haß gegen den Franzosen was de Slipstein, de makte sei scharp, un wat dunn kamm, weit jedes Kind up de Strat, un süll't dat nich weiten, denn is't dütsche Mannspflicht för sinen Vader, em dat so intauremsen, dat hei't sindag' nich vergett. Und die Zeiten waren anders geworden. Unser Herrgott hatte im russischen Winter dem Franzosen die goldscheinende Schlangenhaut abgestreift. Er, der sonst als Herr herumgepocht hatte, kam als Schnorrer und Pracher zurück und wandte sich ans deutsche Erbarmen, und dieses schöne deutsche Gottesgeschenk bekam die Oberhand über den grimmigen Haß. Keiner wollte die Hand aufheben gegen den Mann, der von Gott geschlagen war; das Mitleid ließ vergessen, was er verschuldet hatte. Kaum aber hatte sich die frosterstarrte Schlange im warmen deutschen Bett wieder erholt, als sie auch wieder den Stachel wies, und die Schinderei sollte wieder losgehen. Aber das Gespenst in Niederdeutschland war zum Schatten geworden, und der Schatten bekam Fleisch und Bein und bekam einen Namen, und der Name wurde laut auf der Straße gerufen: »Aufstand gegen den Menschenschlächter!« – das war das Feldgeschrei. Aber das Feldgeschrei war kein Tagesgeschrei. Nicht ein Haufen unbedeutender junger Leute, nicht der Janhagel auf der Straße fing damit an – nein, die Besten und Vernünftigsten traten zusammen, nicht zu einer Verschwörung mit Messer und Gift, sondern zu einer Verbrüderung mit Wehr und Wort gegen angetane Gewalt; die Alten redeten das Wort, und die Jungen schafften die Wehr. Nicht auf offener Straße blitzte die erste Flamme empor; wir Niederdeutschen leiden kein Feuer auf der Straße; sondern ein jeder zündete es still in seinem Hause an, und der Nachbar kam zum Nachbarn und wärmte sich an seiner Glut. Nicht als ein Feuer von Tannenholz und Stroh, das zuletzt nur ein Häufchen Asche zurückläßt, schlug die Lohe zum Himmel – nein, wir Niederdeutschen sind ein hartes Holz, das langsam Feuer fängt, aber dann auch Hitze gibt. Und zu damaliger Zeit war ganz Niederdeutschland ein großer Kohlenmeiler, der in sich schwelte und glühte, heimlich und still, bis die Kohlen gar waren; und als sie frei waren von Rauch und von Flackerflammen, da warfen wir unser Eisen in die Kohlenglut und schmiedeten unsere Waffe und Wehre darin, und der Haß gegen den Franzosen war der Schleifstein, der machte sie scharf; und was dann kam, weiß jedes Kind auf der Straße, und sollte einer es nicht wissen, dann ist's deutsche Mannespflicht für seinen Vater, ihm das so einzubläuen, daß er seiner Lebtage es nicht vergißt. Ok in unsre Gegend swälte un smökte de Kahlenmiler, un de Franzosen röken't in de Luft; sei fäuhlten bi jeden Schritt un Tritt, dat de Bodden, up den sei marschierten, unner sei bäwern ded as 'ne Ruhrplag: sei müßten erfohren, dat de süs so demäudigen Beamten un Magistratspersonen anfungen, sick tau winnen un tau strüben un katthorig tau warden, sei segen, dat Börger un Bur unnod worden was, un sei läden ehr Hand sworer up dat Land. Dat was nu nich dat Middel, den upsternatschen Sinn sachter tau stimmen, dat Volk würd ümmer wedderhoriger; de Befehle von un för de Franzosen würden mit Afsicht falsch verstahn; wat süs glatt gahn was, würd nu 'ne Tüderi. Tag as en Reimen wehrte sick dat Volk mit Listen allerlei Ort, un de Franzosen, de woll marken müggten, dat ehr Regiment hir bald sin Endschaft hadd, nemen, wat sei mit de Tähnen dorvon wegtrecken können, denn de Soldat wüßt, dat sin Offizierers dat nich beter makten. Auch in unserer Gegend schwelte und rauchte der Kohlenmeiler, und die Franzosen rochen es in der Luft; sie fühlten bei jedem Schritt und Tritt, daß der Boden, auf dem sie marschierten, unter ihnen bebte wie eine Sumpfdecke: sie mußten erfahren, daß die sonst so demütigen Beamten und Magistratspersonen anfingen sich zu winden und zu sträuben und widerhaarig zu werden; sie sahen, daß Bürger und Bauer unbotmäßig geworden waren, und sie legten ihre Hand schwerer auf das Land. Das war nun nicht das Mittel, den obstinaten Sinn sanfter zu stimmen; das Volk wurde immer widerhaariger; die Befehle von den Franzosen und für die Franzosen wurden mit Absicht falsch verstanden; was sonst glatt gegangen war, war jetzt lauter Verwirrung. Zäh wie ein Riemen wehrte sich das Volk mit Listen von allerlei Art, und die Franzosen, die wohl merken mochten, daß ihr Regiment hier bald ein Ende haben würde, nahmen, was sie mit den Zähnen davon wegziehen konnten; denn der Soldat wußte, daß seine Offiziere es nicht besser machten. So bald, as dat würklich geschach, wiren sei sick frilich keinen apenboren Upstand vermauden; hadden sei äwerst verstahn, in de Gesichter tau lesen, taum Bispill blot in oll Bäcker Witten sin Gesicht, as hei von den Möller sin Fuhrwark ut de Schün taurügg kamen was un nu äwer sin halwe Dör lagg un sin Pip Toback smökte un dorbi spuckte un achter de Franzosen so gnittig herkek, sei hadden sick hött, den Bagen tau stramm tau spannen; taum wenigsten hadd de Franzos', de eben an em vörbi gung un em den sülwerbeslagenen Meerschumpipenkopp ut de Tähnen ret un ruhig in sinen Äwermaud dorut wider smökte, sick hastiger up de Bein makt. Denn de Oll hadd knapp den Ruck in de Tähnen fäuhlt, as hei ut de Dör fohrte, so'n lütten Fustenstein upsammelte un den den Franzosen en beten unsacht in dat Gnick läd, so dat sin Kopp un de Pipenkopp in den Rönnstein tründelten. Un grad as de Herr Amtshauptmann mit sinen Tog Wiwer up den Mark kamm, slogen Bäckergesellen un Franzosen un Franzosen un Nahwers mit scharpe un mit stumpe Ding' upenanner los, bet en Offizierer dor mang kamm un sei utenanner bröcht. Oll Bäcker Witt würd mit en bläudigen Kopp nah't Rathus slept, denn hei hadd sick an de grande nation vergrepen, un wat hei ok seggen ded, dat de grande nation sick an sinen Pipenkopp vergrepen hadd, nicks hülp, hei müßt mit. So bald, wie er wirklich losbrach, hatten sie freilich keinen offenen Aufstand erwartet; hätten sie aber verstanden in den Gesichtern zu lesen, zum Beispiel nur in des alten Bäcker Witts Gesicht, als er von des Müllers Fuhrwerk aus der Scheune zurückgekommen war und nun über seiner Halbtür lag und seine Pfeife Tabak schmauchte und dabei so giftig spuckte und hinter den Franzosen hersah – sie hätten sich gehütet, den Bogen zu straff zu spannen. Zum wenigsten hätte der Franzose, der eben an ihm vorbeiging und ihm den silberbeschlagenen Meerschaumpfeifenkopf aus den Zahnen riß und in seinem Uebermut ruhig daraus weiterrauchte, sich schneller auf die Beine gemacht. Denn der Alte hatte kaum den Ruck in den Zähnen gefühlt, als er aus der Tür fuhr, so einen kleinen faustgroßen Stein auflas und diesen dem Franzosen ein bißchen unsanft in das Genick legte, sodaß dessen Kopf und der Pfeifenkopf in den Rinnstein rollten. Und gerade als der Herr Amtshauptmann mit seinem Weiberzug auf den Markt kam, schlugen Bäckergesellen und Franzosen und Nachbarn mit scharfen und mit stumpfen Dingern aufeinander los, bis ein Offizier dazwischen kam und sie auseinander brachte. Der alte Bäcker Witt wurde mit einem blutigen Kopf nach dem Rathaus geschleppt; denn er hatte sich an der grande nation vergriffen; und was er auch sagte, daß die grande nation sich an seinem Pfeifenkopf vergriffen hätte – nichts half, er mußte mit. Up den Rathus satt de französche Auditör un hadd oll Möller Vossen in't Verhür von wegen den afhandenkamen Franzosen; de Mantelsack mit dat Geld lagg up den Disch; de Oberst von Toll un min Oll as Burmeister wiren dorbi gegenwärtig. Min Vader hadd de Geschicht, so wid hei sei wüßt, ganz in de Wohrheit vertellt, blot dat de Uhrkenmaker up sinen Befehl de Franzosen hadd grugen maken müßt, hadd hei verswegen, denn hei dacht ok so: wotau? De Uhrkenmaker ward't woll sülwst seggen, oder wenn hei't nich seggt, denn möt hei doch dörch Mamsell Westphalen ehr Tügnis fri kamen. Mit den Möller stunn de Sak äwerst slimmer: hei von allen, de bi de Sak bedeiligt wiren, was de letzt west, de den Franzosen seihn hadd, hei hadd em mitnemen wullt nah sin Mähl, un de Kirl was nich tau finnen. Wat för em sprök, was, dat hei sihr dun west was un dat hei ut frigen Stücken dat Geld afliwert hadd un dat ok dat Schassürpird von em ahn Umstän'n, as in Bäcker Witten sin Schün befindlich, nahwist würd. As hei dese Angaben makt un ut min Vadern sin Fragen dat spitz kregen hadd, dat em sine Dunigkeit wat nützen künn, makt hei 'ne grugliche un umständliche Beschriwung dorvon un blew dorbi, up alle Fragen tau antworten, hei wüßt von nicks, denn hei wir rechtschaffen dun west; wenn einer äwer Fridrichen fragen wull, de müßt allens weiten. Auf dem Rathaus saß des französische Auditeur und hatte den alten Müller Voß im Verhör über den abhanden gekommenen Franzosen. Der Mantelsack mit dem Geld lag auf dem Tisch; der Oberst von Toll und mein Vater, als Bürgermeister, waren dabei anwesend. Mein Vater hatte die Geschichte, so weit er sie wußte, ganz der Wahrheit gemäß erzählt; bloß daß der Uhrmacher auf seinen Befehl den sechs Franzosen hatte bange machen müssen, hatte er verschwiegen; denn er dachte so bei sich: wozu? Der Uhrmacher wird's wohl selber sagen, oder wenn er's nicht sagt, dann muß er doch durch Mamsell Westphals Zeugnis frei kommen. Mit dem Müller stand die Sache aber schlimmer: er war von allen, die bei der Sache beteiligt waren, der letzte gewesen, der den Franzosen gesehen hatte; er hatte ihn nach seiner Mühle mitnehmen wollen, und der Kerl war nicht zu finden. Für ihn sprach, daß er sehr betrunken gewesen war, und daß er aus freien Stücken das Geld abgeliefert hatte, und daß auch das Chasseurpferd von ihm ohne Umstände, als in Bäcker Witts Scheune befindlich, nachgewiesen wurde. Als er diese Angaben gemacht und aus meines Vaters Fragen gemerkt hatte, daß ihm seine Betrunkenheit etwas nützen könnte, machte er eine grauliche und umständliche Beschreibung davon und blieb dabei, auf alle Fragen zu antworten: er wisse von nichts, denn er wäre rechtschaffen ›duhn‹ gewesen; wenn man aber Friedrich fragen wollte – der müßte alles wissen. So stunn de Sak, as buten up den Mark de Slägeri mit Bäcker Witten losgung. Min Vader sprung ut de Dör, üm taum Rechten tau seihn, as oll Witt ok all ranne slept würd, wobi hei denn af un an en por Knüff mit sin Geleit wesseln ded un för sin »Spitzbauwen un Röwers« en por »bougres« un »sacres« intuschte. Na, dordörch, dat hei in de Gerichtsstuw' rinne schubbst würd, würd dat binnen grad nich ruhiger; hei schimpte, hei schull, un min Oll hadd himmelnaug tau dauhn, em man halwweg' still tau krigen. – »Minen Pipenkopp, Herr Burmeister! Ein Arwdeil von minen Vader! Wat? Un den mi vör min sichtlichen Ogen ut de Tähnen tau riten! Wat? Bün ick en Stemhäger Börger oder nich?« – De Franzosen zausterten un zackerierten dormang; Oberst von Toll was rute gahn, un de Auditör beföhl, den Bäcker tau binnen, up den Wagen tau smiten un mittaunemen; dat Widere würd sick finnen, hei hadd sick an en Franzosen vergrepen, un dat wir naug. Dunn tred min Oll em entgegen un set't em utenanner, dat de Bäcker en ihrlich Mann wir, dat hei Lasten un Krigskunterbutschonen dragen hadd un sick nich gegen dat französche Regiment, man blot gegen einen gewöhnlichen Spitzbauwen wehrt hadd; oder wat de Franzosen nu all sülwerbeslagene Pipenköpp för Krigskunterbutschonen ansegen? – Dit treckte den Franzosen in de Kron', hei snauzte minen Vader an un makte em begriplich, dat hei sülwst gor nich in alltaugrote Säkerheit wir. Min Vader was en krätigen Kirl, un wenn hei mal wat för recht inseihn hadd, was hei so steinpöttig, as en richtigen Meckelbörger man sin kann. Dat wüßte hei, säd hei, dat up Stun'ns kein ihrlich Mann in sinen eigenen Lan'n säker wir, hei för sin Part äwer höll dat för sin Pflicht, sinen Börger bitaustahn in 'ne gerechte Sak, un dat würd hei dauhn, un wenn ok so vel Franzosen in'n Lan'n wiren, dat ein dor Swin mit faudern künn. – De Franzos' schümte vör Wut un pruste den Befehl herut, minen Ollen glik tau arretieren un ut de Stuw' tau ledden. As dat nu losgahn süll, sprung oll Bäcker Witt vör den Ollen tau un schot en pormal mit »Snurrers un Spitzbauwen« dormang, un ok Möller Voß was all dorbi, Fust un Mulregister in den Stand tau setten, as de Oberst von Toll wedder rin kamm un, as hei erfohren hadd, wat de Upstand bedüden ded, säd: de Bäcker hadd in de Pipenkoppsgeschicht recht, hei hadd sick dat buten befragt, un de ganze Geschicht wir 'n Nebensak; äwer de Bäcker wir de sülwige Mann, de dat Schassürpird in sin Schün stahn hadd, un em kem dat vör, as wenn hir en Murd in en grotes Kumplott begahn wir – un dorbi kek hei minen Vader sihr scharp an –, un dat süll herut, hei set't sin Lewen tau Pand: un wenn't hir nich ruttaukrigen wir, denn wüßt hei en Flag, dor süll't woll rute kamen, un dat Flag heit Stettin. So stand die Sache, als draußen auf dem Markt die Schlägerei mit Bäcker Witt losging. Mein Vater sprang aus der Tür, um zum Rechten zu sehen, da wurde auch schon der alte Witt herangeschleppt, wobei er denn ab und zu mit seinem Geleite ein paar Knüffe wechselte und für seine ›Spitzbuben und Räuber‹ ein paar ›Bougre‹ und ›Sacré‹ eintauschte. Dadurch, daß er in die Gerichtsstube hineingeschleppt wurde, wurde es drinnen nicht eben ruhiger; er schimpfte, er schalt, und mein Alter hatte himmelsgenug zu tun, ihn nur halbwegs still zu kriegen. – »Meinen Pfeifenkopf, Herr Bürgermeister! Ein Erbteil von meinem Vater! Was? Und den mir vor meinen sichtlichen Augen aus den Zähnen zu reißen! Was? Bin ich ein Stavenhäger Bürger oder nicht?« – Die Franzosen schnatterten und sackerierten dazwischen; Oberst von Toll war hinausgegangen, und der Auditeur befahl, den Bäcker zu binden, auf den Wagen zu werfen und mitzunehmen; das Weitere würde sich finden; er hätte sich an dem Franzosen vergriffen, und das wäre genug. Da trat mein Vater ihm entgegen und setzte ihm auseinander: der Bäcker wäre ein ehrlicher Mann, er hätte Lasten und Kriegskontributionen getragen und sich nicht gegen das französische Regiment, sondern nur gegen einen gewöhnlichen Spitzbuben gewehrt; oder ob etwa die Franzosen jetzt schon silberbeschlagene Pfeifenköpfe für Kriegskontributionen ansähen? – Dies stieg dem Franzosen in die Krone; er schnauzte meinen Vater an und machte ihm begreiflich, er wäre selber gar nicht in allzu großer Sicherheit. Mein Vater war ein kratzbürstiger Mann, und wenn er einmal etwas für Recht erkannt hatte, war er so hartköpfig, wie ein richtiger Mecklenburger überhaupt nur sein kann. Das wüßte er, sagte er, daß heutzutage kein ehrlicher Mann in seinem eigenen Lande sicher wäre – er für sein Teil aber hielte es für seine Pflicht, seinem Bürger beizustehen in einer gerechten Sache, und das würde er tun, und wenn auch so viele Franzosen im Lande wären, daß man Schweine damit füttern könnte. – Der Franzose schäumte vor Wut und sprudelte den Befehl heraus, meinen Alten sogleich zu arretieren und aus der Stube zu führen. Als dies nun losgehen sollte, sprang der alte Bäcker Witt vor und schoß ein paarmal mit ›Schnurrer und Spitzbuben‹ dazwischen, und auch Müller Boß war schon dabei, Faust und Mundregister in Stand zu setzen, als der Oberst von Toll wieder hereinkam und, als er erfahren hatte, was der Lärm bedeutete, sagte er: der Bäcker hätte in der Pfeifenkopfgeschichte recht; er hätte sich draußen danach erkundigt, und die ganze Geschichte wäre eine Nebensache; aber der Bäcker wäre derselbe Mann, in dessen Scheune das Chasseurpferd stände, und es käme ihm vor, wie wenn hier in einem großen Komplott ein Mord begangen wäre – und dabei sah er meinen Vater sehr scharf an – und das sollte herausgebracht werden, dafür setzte er sein Leben zum Pfande; und wenn es hier nicht heraus zu kriegen wäre, dann wüßte er ein Plätzchen, wo es wohl herauskommen sollte – und das Plätzchen hieße Stettin. Min Vader, Möller Voß un Bäcker Witt würden nu rute gahn heiten un in 'ne annere Stuw' unner Wach' hollen, un de Herr Amtshauptmann würd rinne raupen. De oll Herr kamm grad upgericht un statsch, as sick dat för en irsten Beamten un en gaud Gewissen hürt, mit den Ziegenhainer in de Hand, in de Dör rinne. De ein von de Franzosen wull de Dör achter em taumaken; äwer dat gung so nich: Mamsell Westphalen klemmte sick sträwig dörch de Dör, un achter ehr her schöwen sick Fik un Korlin in ehr breides Fohrwater mit hendörch, denn sei wullen ok nich, as sei säden, taum Spektakel för de Lüd' mang all de ollen Franzosenkirls up de apne Dähl stahn; un Mamsell Westphalen säd, as sei sick rin klemmte: »Musjöh Franzos', parduhn! Wo de Herr Amtshauptmann bliwwt, bliw ick ok, denn hei is min Schutz.« Mein Vater, Müller Voß und Bäcker Witt erhielten nun Befehl, hinaus zu gehen; sie wurden in einer anderen Stube unter Wache gehalten, und der Herr Amtshauptmann wurde hereingerufen. Der alte Herr kam gerade aufgerichtet und stattlich, wie sich 's für einen ersten Beamten und ein gutes Gewissen gehört, mit dem Ziegenhainer in der Hand, zur Tür herein. Einer von den Franzosen wollte die Tür hinter ihm zumachen; aber so ging das nicht: Mamsell Westphal klemmte sich mit Nachdruck durch die Tür, und hinter ihr her schoben sich Fik und Karline in ihrem breiten Fahrwasser mit hindurch; denn sie wollten auch nicht, wie sie sagten, zum Spektakel für die Leute zwischen all den alten Franzosenkerls auf der offenen Diele stehen; und Mamsell Westphal sagte, als sie sich durchklemmte: »Musjöh Franzos, parduhn! Wo der Herr Amtshauptmann bleibt, bleibe ich auch; denn er ist mein Schutz.« As de oll Herr herinne kamm, dreiht sick de Oberst üm un kek ut dat Finster. De Auditör frog nu den Herrn Amtshauptmann dörch den Dollmetscher, wer hei wir un wo hei heit. – »Ick bün irster Beamter hir in't Stemhäger Amt, un min Nam is Jochen Wewer«; un dormit läd hei Haut un Stock up den Staul. Bi den Namen »Jochen Wewer« was't, as wenn de französche Oberst hellhörig würd, hei dreihte sick halw üm un kek den ollen Herrn an, un't was, as wull hei em wonah fragen, doch unnerlet hei dat un kek wedder ut dat Finster. Als der alte Herr hereinkam, drehte der Oberst sich um und sah aus dem Fenster. Der Auditeur fragte nun den Herrn Amtshauptmann durch den Dolmetscher, wer er wäre, und wie er hieße. – »Ich bin erster Beamter hier im Stavenhäger Amt, und mein Name ist Jochen Weber,« – und damit legte er Hut und Stock auf den Stuhl. Bei dem Namen ›Jochen Weber‹ war es, wie wenn der französische Oberst hellhörig würde; er drehte sich halb um und sah den alten Herrn an, und es war, als wollte er ihn nach etwas fragen; doch unterließ er es und sah wieder aus dem Fenster. De Herr Amtshauptmann würd nu bedüd't, dat hei sick setten süll. »Ick dank Sei«, säd hei, »tau mine Bequemlichkeit bün ick hir nich herkamen, un in't Verhür tau sin, is 'ne tau ungewendte Sak för mi, as dat ick sei in'n Sitten afmaken kann.« – Hei vertellte nu up Befragen von den Schassür sin irstes Uptreden an allens, wat hei dorvon weiten kunn. Un, slot hei sine Red', wenn ein den Möller dorut en Verbreken maken wull, dat hei den Kirl dun maken hulpen hadd, denn stunn hei sülwst vör den Riß, denn up sin Geheit hadd de anner sick mit dat Geschäft bemengt, un hei wir sin Vörgesetzter. – Hir fung de Auditör höhnschen an tau lachen un meint, dat dat spaßig wir, dat de Burmeister irst för sinen Bäcker un dat de Amtshauptmann nu för sinen Möller intreden wull. – »Un dor lachen Sei äwer?« frog de oll Herr so ruhig, as hadd hei mit Fritz Sahlmannen tau dauhn. »Is dat in Frankrik nich so? Sünd in Ehren Lan'n de Beamten blot dortau dor, de Lüd' dat Fell äwer de Uhren tau trecken? Möten Sei ehr nich in 'ne gerechte Sak bistahn? Un is dat nich 'ne gerechte Sak, wenn man sick en Röwer un Spitzbauwen, de de Gewalt hett, mit en por Buddel Win von'n Hals' schafft?« – Na, nu was denn wedder dat Kalw in't Og slagen. Röwer un Spitzbauw un en französchen Schassür, dat wiren twei Ding', de sei sick nich tausamen rimen kun'n, oder wat beter is, wollen. De Oberst hadd sick von't Finster afwendt un gung mit groten Schritten achter den ollen Herrn up un dal, de Auditör fohrte em mit harten Würden an; de Herr Amtshauptmann blew ruhig, gung an den Disch un halte ut den Franzosen sinen Mantelsack en sülwernen Lepel herut, höll den Auditör den Lepel hen un säd: »Seihn S' hir dit Wapen! Ick kenn't un kenn ok de Lüd', de't führen. De Ort Lüd' verköpen ehr sülwern Lepel nich, un nah mine Meinung hett en ihrlichen Soldat wat anners tau dauhn, as Handel mit sülwerne Lepels tau driwen.« – Hir was nu nich vel gegen tau seggen, de Auditör makte also en geschickten Sidensprung un kamm up den Uhrkenmaker un frog den ollen Herrn, wo de in de französche Uniform kamen wir un wat de de Nacht up den Sloß tau dauhn hatt hadd? – »Dor fragen Sei mi tau vel«, säd de Herr Amtshauptmann, »ick heww em dat nich heiten; ick heww em blot des Abends, as de Möller mit den Schassür furtführte, flüchtig seihn, un dat hei de Nacht up den Sloß blewen is, is gegen min Willen un Weiten gescheihn.« Dem Herrn Amtshauptmann wurde nun bedeutet, er solle sich setzen. »Ich danke Ihnen,« sagte er; »zu meiner Bequemlichkeit bin ich hier nicht hergekommen, und im Verhör zu sein, ist eine zu ungewohnte Sache für mich, als daß ich sie im Sitzen abmachen könnte.« – Er erzählte nun auf Befragen von dem ersten Auftreten des Chasseurs und alles, was er davon wissen konnte; und, schloß er seine Rede: wenn man dem Müller daraus ein Verbrechen machen wollte, daß er geholfen hätte, den Kerl betrunken zu machen, dann träte er selber vor den Riß, denn auf sein Geheiß, hätte der andere sich auf die Sache eingelassen, und er wäre sein Vorgesetzter. – Hier lachte der Auditeur höhnisch auf und meinte, es sei spaßig, daß der Bürgermeister erst für seinen Bäcker, und daß der Amtshauptmann jetzt für seinen Müller eintreten wolle. – »Und darüber lachen Sie?« fragte der alte Herr so ruhig, als hätte er mit Fritz Sahlmann zu tun; »ist das in Frankreich nicht so? Sind in Ihrem Lande die Beamten nur dazu da, den Leuten das Fell über die Ohren zu ziehen? Müssen sie ihnen nicht in einer gerechten Sache beistehen? Und ist es nicht eine gerechte Sache, wenn man sich einen Räuber und Spitzbuben, der die Gewalt hat, mit ein paar Flaschen Wein vom Halse schafft?« Damit hatte er denn nun wieder dem Kalb ins Auge geschlagen. Räuber und Spitzbube und ein französischer Chasseur, das waren zwei Dinge, die sich nicht zusammenreimen konnten, oder besser gesagt: wollten. Der Oberst hatte sich vom Fenster abgewandt und ging mit großen Schritten hinter dem alten Herrn auf und ab, der Auditeur fuhr ihn mit harten Worten an; der Herr Amtshauptmann blieb ruhig, ging an den Tisch, holte aus dem Mantelsack des Franzosen einen silbernen Löffel heraus, hielt diesen dem Auditeur hin und sagte: »Sehen Sie hier dies Wappen! Ich kenne es und kenne auch die Leute, die es führen. Diese Art Leute verkaufen ihre silbernen Löffel nicht, und nach meiner Meinung hat ein ehrlicher Soldat was anderes zu tun, als Handel mit silbernen Löffeln zu treiben.« – Hiergegen war nun nicht viel zu sagen, der Auditeur machte also einen geschickten Seitensprung und kam auf den Uhrmacher und fragte den alten Herrn, wie dieser in die französische Uniform hineingekommen wäre, und was er Nachts auf dem Schloß zu tun gehabt hätte? – »Da fragen Sie mich zu viel,« sagte der Herr Amtshauptmann, »ich habe ihn das nicht geheißen; ich habe ihn nur am Abend, als der Müller mit dem Chasseur fortfuhr, flüchtig gesehen, und daß er die Nacht auf dem Schloß geblieben ist, ist gegen meinen Willen und ohne mein Wissen geschehen.« De Auditör müggt woll marken, dat mit den ollen Herrn nich vel uptaustellen wir; hei brok de Sak af un bedüdt den Herrn Amtshauptmann, hei künn gahn, süll sick äwer nich ut dat Rathus enfirnen. »Schön!« säd de oll Herr un dreihte sick üm. »Also bis auf ausgemachte Sache.« Der Auditeur mochte wohl merken, daß mit dem alten Herrn nicht viel aufzustellen war; er brach die Sache ab und bedeutete dem Herrn Amtshauptmann, er könne gehen, solle sich aber nicht aus dem Rathaus entfernen. »Schön!« sagte der alte Herr, und drehte sich um. »Also bis auf ausgemachte Sache.« As hei sick ümdreihen ded un Haut un Stock nemen wull, hadd de französche Oberst sinen Stock in de Hand un kek up den Stock so iwrig un doch so unsäker, as wenn einer in de Tidingen sin Nummer mit dat grote Loß findt. Un up den Stock was ok würklich wat tau lesen, denn hei was ut den ollen Herrn sin Jenenser Studententid, un Nam bi Nam was dorup sneden. De Herr Amtshauptmann kek em einen Ogenblick an, dorup makte hei ein so'n verlurnen Diner von baben dal: »Mit Verlöw, Herr Oberst, minen Stock.« – De Oberst fohrte etwas verlegen tausam, gaww em den Stock, un as de oll Herr ut de Stuw' gung, gung hei em nah. Mamsell Westphalen wull nu ok nah, un Fik un Korlin schickten sick ok dortau an; äwer »Alt! Alt!« schreg de Auditör, un wer nich rut kamm, wiren de drei Frugenslüd'. Als er sich umdrehte und Hut und Stock nehmen wollte, hatte der französische Oberst seinen Stock in der Hand und betrachtete diesen so eifrig und doch so unsicher, wie wenn einer in der Zeitung seine Nummer mit dem großen Los findet. Und auf dem Stock war auch wirklich was zu lesen, denn er war aus des alten Herrn Jenenser Studentenzeit, und Name bei Namen war darauf eingeschnitten. Der Herr Amtshauptmann sah ihn einen Augenblick an, machte darauf ihm so eine flüchtige Verbeugung von oben herab und sagte: »Mit Verlaub, Herr Oberst, meinen Stock.« – Der Oberst fuhr etwas verlegen zusammen und gab ihm den Stock; und als der alte Herr aus der Stube ging, ging er ihm nach. Mamsell Westphal wollte ihm nun auch nach, und Fik und Karline schickten sich ebenfalls dazu an; aber »'alt! 'alt!« schrie der Auditeur, und wer nicht heraus kam, waren die drei Frauenzimmer. Mamsell Westphalen hett nahsten oftmals un velmals dit Verhür un ehren Taustand dorin vertellt; äwer ümmer fung sei dormit an: ehr wir tau Maud' west, as hadd sei up den Stemhäger Klockturm stahn, wo de Klocken hüngen, un all de Klocken, grot un lütt, hadden ehr in de Uhren summt, un as de Herr Amtshauptmann von ehr furtgahn wir, wir dat west, as wenn 'ne witte Duw ut dat Schallock flagen wir, un sei hadd em nahspringen wullt up Lewen un Starben; äwer de Kirl, den sei 'n Auditör schellen deden, hadd ehr an den Rocksom fast hollen. »Un«, set't sei denn hentau, »Fru Meistern, ick heww en gaud Dutzend von Auditers kennt, de de Herr Amtshauptmann alltausamen utlihrt hett, un't wiren all lustige Vägel; äwer so'n bunten Vagel un so'n Galgen vagel as dese französche Auditer was dor nich unner; denn seihn S', Fru Meistern, de Kirl hadd en bunten Liwree-Rock an, un de Galgen stunn em up't Gesicht.« Mamsell Westphal hat später oftmals und vielmals dieses Verhör und ihren Zustand darin erzählt; aber immer fing sie damit an: ihr wäre zumute gewesen, als hatte sie auf dem Stavenhäger Glockenturm gestanden, wo die Glocken hingen, und alle die Glocken, groß und klein, hätten ihr in die Ohren gesummt, und als der Herr Amtshauptmann von ihr fortgegangen wäre, wäre es gewesen, als flöge eine weiße Taube aus dem Schalloch, und sie hätte ihm nachspringen wollen auf Leben und Sterben; aber der Kerl, den sie Auditeur geschimpft, der hätte sie am Rocksaum festgehalten. »Und,« setzte sie dann hinzu, »Frau Meistern, ich habe ein gutes Dutzend von Auditoren Bezeichnung für die angehenden mecklenburgischen Domanialbeamten. gekannt, die der Herr Amtshauptmann alle zusammen in der Lehre gehabt hat, und es waren lauter lustige Vögel; aber so ein bunter Vogel, und so ein Galgenvogel, wie dieser französische Auditor, war nicht darunter; denn sehen Sie, Frau Meistern, der Kerl hatte einen bunten Livreerock an, und der Galgen stand ihm auf dem Gesicht.« Mamsell Westphalen gung dat as vele ihrliche Seelen; sei hewwen 'ne grote Angst vör 'ne Gefohr, de in de Firn drauht, sünd sei dor äwer irst midden in, denn spelen sei dormit; sei sünd as de Müggen, den Rok känen sei nich verdragen, äwer dat Füer lockt sei an. As sei sach, dat de Brüggen achter ehr afbraken wiren un dat de Sak taum Swur kamm, set'te sei de Hän'n in de Sid, gung nah vörwarts un stellte sick up dat sülwige Flag, wo de Herr Amtshauptmann stahn hadd. »Denn«, säd sei nahsten, »ick hadd seihn, dat hei dor stolz stahn hadd, un sin Geist kamm äwer mi.« Mamsell Westphal ging es, wie vielen ehrlichen Seelen: sie haben eine große Angst vor einer Gefahr, die in der Ferne droht; find sie aber erst mitten drin, dann spielen sie damit; sie sind wie die Mücken: den Rauch können sie nicht vertragen, aber das Feuer lockt sie an. Als sie sah, daß die Brücken hinter ihr abgebrochen waren, und daß die Sache zur Entscheidung kam, stemmte sie die Hände in die Seiten, trat vor und stellte sich auf dieselbe Stelle, wo der Herr Amtshauptmann gestanden hatte. »Denn,« sagte sie nachher, »ich hatte gesehen, daß er so stolz dort gestanden hatte, und sein Geist kam über mich.« De Auditör frog nu: wat sei von den Uhrkenmaker wüßt? – »Ick weit von em nicks, as dat hei en Dütschverdarwer is, dat hei tau't Brod ›düh päng‹ un tau'n Win, ›düh wäng‹ seggt, un dat is dat Ganze.« – Wo hei in de französche Unneform kamen wir? – »Ick weit nich, wo hei dorinne kümmt, un weit ok nich, wo hei dorute kümmt, hei ward dat woll so maken as de annern Mannslüd' all.« – Worüm hei den Abend up dat Sloß kamen wir? – »Up dat Sloß kamen vel Lüd' un luter ehrliche Lüd', mit Utnam von de, de de Schandoren bringen; un wenn ick mi dorüm kümmern sall, wat de all vörhewwen, denn künn de Herzog mi tau'n Amtshauptmann maken, un de Herr Amtshauptmann künn denn de Käk besorgen.« – Worüm de Uhrkenmaker den Abend nich tau Hus gahn wir? – »Wil dat en Weder was, worin einer keinen Hund ut de Dör jagt, vel weniger en Christenminschen, un ick holl den Mann vörlöpig för en Christen, wenn ok för keinen richtigen, denn as ick man hürt heww, geiht hei des Nachts up de Hasenjagd – worüm nich bi Dag' as anner Lüd'? –, un denn bedeint hei sick en Hüker mit einen Bein, den hei sick hin'nwarts ansnallen deiht, un jeder anner Christenminsch sitt up en Hüker mit drei Beinen, un hei hett uns' Korlin tau dese appeldwatsche Mod' up de Melkenrägel verführen wullt, sei hett em äwer deint: wenn dat Mod' in sinen Lan'n wir, so künn hei jo mit den Pal achterut herümme lopen, sei wull nich den Ulenspeigel up de Rägel afgewen.« – Worüm sei äwer den Uhrkenmaker heimlich in ehr Stuw' upnamen hadd? – Hir sweg Mamsell Westphalen still, dat Blaud schot ehr gläugnig in dat Gesicht äwer de Utverschamtheit von den französchen Kirl; dat was de Frag', de ehr up de Flucht un up den Rökerbähn drewen hadd; äwer as sei in ehre würkliche Herzensnot nah 'ne Antwurt söcht, kamm ehr Hülp. Fik Besserdichs un Korlin drängten sick an ehr ranne un schoten nu los: dat wiren Lägen! Dat wiren utgestunkene Lägen! Un sei wullen't beswören. Ehr Mamselling hadd bi ehr slapen, un sei wullen't den Herrn Amtshauptmann seggen. Un wenn't so losgahn süll, denn künn't ehrentwegen losgahn. – Dat würd en gruglichen Larm, un wenn de Auditör knapp Rauh stifft hadd, denn gungen sei wedder los mit spitze Redensorten, bet endlich de ganze Gesellschaft rute bröcht würd. Der Auditeur fragte nun: was sie vom Uhrmacher wüßte. – »Ich weiß von ihm nichts, als daß er ein Deutschverderber ist, daß er zu Brot ›düh päng‹ und zu Wein ›düh wäng‹ sagt, und das ist das Ganze.« – Wie er in die französische Uniform gekommen wäre? – »Ich weiß nicht, wie er da hineinkommt, und weiß auch nicht, wie er da herauskommt; er wird es wohl so machen, wie die anderen Mannsleute alle.« – Warum er den Abend auf das Schloß gekommen wäre? »Aufs Schloß kommen viele Leute, und lauter ehrliche Leute, mit Ausnahme von denen, die die Gendarmen bringen; und wenn ich mich darum kümmern sollte, was die alle vorhaben, dann könnte der Herzog mich zum Amtshauptmann machen, und der Herr Amtshauptmann könnte dann die Küche befolgen.« – Warum der Uhrmacher am Abend nicht nach Hause gegangen wäre? – »Weil es ein Wetter war, worin man keinen Hund aus der Tür jagt, viel weniger einen Christenmenschen, und ich halte den Mann vorläufig für einen Christen, wenn auch für keinen richtigen; denn wie ich nur gehört habe, geht er des Nachts auf die Hasenjagd – warum nicht bei Tage, wie andere Leute? – und dann bedient er sich eines Schemels mit einem Bein, den er sich hinterwärts anschnallt, und jeder andere Christenmensch sitzt auf einem Schemel mit drei Beinen; und er hat unsere Karline zu dieser albernen Mode auf der Kuhweide verführen wollen; sie hat ihm aber gedient: wenn es in seinem Lande Mode wäre, so könnte er ja mit dem Pfahl hintenraus herumlaufen – sie aber wollte sich nicht auf dem Melkplatz zum Eulenspiegel machen.« – Warum sie aber den Uhrmacher heimlich in ihre Stube aufgenommen hätte? – Hier schwieg Mamsell Westphal still; das Blut schoß ihr glühend heiß ins Gesicht über die Unverschämtheit von dem französischen Kerl; das war die Frage, die sie auf die Flucht und auf den Räucherboden getrieben hatte; aber als sie in ihrer wirklichen Herzensangst nach einer Antwort suchte, kam ihr Hilfe. Fik Besserdich und Karline drängten sich an sie heran und schossen nun los: das wären Lügen! Das wären ausgestunkene Lügen! Und sie wollten's beschwören: ihr Mamselling hätte bei ihnen geschlafen, und sie wollten's dem Herrn Amtshauptmann sagen. Und wenn es so losgehen sollte, dann könne es ihretwegen losgehen. – Es gab einen greulichen Lärm, und wenn der Auditeur kaum Ruhe gestiftet hatte, dann gingen sie wieder los mit spitzen Redensarten, bis endlich die ganze Gesellschaft herausgebracht wurde. »Fru Meistern«, säd Mamsell Westphalen nahsten tau de Wewerfru Stahlen, »Sei weiten, ick heww mi ümmer argert äwer Fik Besserdichs ehr loses Mulwark; äwer kein Gottesengel kunn mi in desen Ogenblick truer tau Sid stahn as sei mit ehr Zaustern. Fru Meistern, de Minsch sall dat nich verachten, wat em tau Tiden unbequem is, wer weit, wotau hei't bruken kann, un dortau hürt en gaud Mundwark, un dorbi bliw ick. Un gedenken will ick't de Dirn.« »Frau Meistern,« sagte Mamsell Westphal nachher zur Weberfrau Stahl, »Sie wissen, ich habe mich immer geärgert über Fik Besserdichs loses Maulwerk; aber kein Gottesengel konnte mir in diesem Augenblick treuer zur Seite stehen, als sie mit ihrem Keifen. Frau Meistern, der Mensch soll das nicht verachten, was ihm zu Zeiten unbequem ist; wer weiß, wozu er's brauchen kann; und dazu gehört ein gutes Mundwerk und dabei bleib' ich. Und gedenken will ich's dem Mädchen.« Dat twölfte Kapittel Zwölftes Kapitel Worüm de Herr Amtshauptmann un de französche Oberst sick binah küßt hadden; worüm min Mutting den Herrn Amtshauptmann an den Rock zuppen un de korsikanische Lindworm minen Vader un minen Unkel Hers' wegslepen ded. Warum der Herr Amtshauptmann und der französische Oberst sich beinahe geküßt hätten; warum meine Mutter den Herrn Amtshauptmann am Rock zupfte, und der korsikanische Lindwurm meinen Vater und meinen Onkel Herse wegschleppte. As de Herr Amtshauptmann ut de Gerichtsstuw' gung, gung hei snurstracks nah de anner Sid von de Däl nah en Flag, wo hei vörher un nahher oftmals kamen is, nah de Stuw' von min Mutting – denn wi wahnten in dat Rathus. Als der Herr Amtshauptmann aus der Gerichtsstube trat, ging er schnurstracks nach der anderen Seite der Diele nach einem Ort, an den er vorher und nachher oft gekommen ist, nach der Stube meiner Mutter – denn wir wohnten im Rathaus. Min leiw' Mutting satt un neiht, un wi Gören spelten üm ehr rüm; denn wat is so'ne Gören weg? Sei äwer was beängstlich un trurig, still satt sei dor un hürte villicht den Larm gor nich, den wi üm ehr makten; sei wüßt villicht noch gor nicks von den slimmen Handel, worin min Vader satt, denn't was nich sin Sak, sin Drangsal hiddlich tau vertellen; äwer mit 'ne gaude Fru hett dat 'ne eigene Bewandnis: weit en düchtig Mann glik up de Städ', woher de Wind weiht, so weit 'ne gaude Fru all lang' vörher, dat wat in de Luft is. Meine liebe Mutter saß und nähte, und wir Kinder spielten um sie herum; denn was machen Kinder sich viel aus ernsten Ereignissen? Sie aber war ängstlich und traurig: still saß sie da und hörte vielleicht den Lärm gar nicht, den wir Um sie herum machten; sie wußte vielleicht noch gar nichts von dem schlimmen Handel, worin mein Vater saß, denn es war nicht seine Sache, seine Drangsal aufgeregt zu erzählen; aber mit einer guten Frau hat es seine eigene Bewandtnis: weiß ein tüchtiger Mann gleich auf der Stelle, woher der Wind weht, so weiß eine gute Frau schon lange vorher, daß etwas in der Luft ist. De oll Herr kamm also tau ehr in de Stuw' rin un säd: »Gun Morrn, min Herzenskindting! Wo geiht Sei dat? Vele Unrauh mit dat oll Franzosenvolk! Ne, wat denn?« Min Mutting höll em de Hand entgegen, denn sei höll vel von den ollen ihrenwirten Mann, de so männig Stun'n bi ehr satt un mit Wisheit un Rechtfarigkeit de Erfohrungen von sine grisen Hor vör ehr utschüdden ded un de doch lewig un lustig naug was, dat dor hen un wenn en beten Puder mang stöhmt, wenn hei von sine Jenenser Studententid vertellen ded, wo hei un sin Brauder, Adolf Didrich – »de Professer juris utriusque in Rostock, min Herzenskindting« – in den Amicistenorden rümme wirkt hadden. Min Mutting höll em de Hand entgegen, denn upstahn kunn sei nich, sei was lahm in 'ne swere Krankheit worden, un ick heww sei nich anners kennt, as dat sei in ehre gauden Tiden up en Staul satt un neiht, so flitig, so flitig, as wiren ehr armen swacken Hän'n gesund, un dat sei in ehre slimmen Tiden tau Bedd lagg un unner Weihdag' in de Bäuker les'. Wat dat för Bäuker wiren, weit ick nich mihr; äwer Romanen wiren't nich , un dat weit ick blot, dat den ollen Herrn Amtshauptmann sin Mark Aurel dor mitunner lep, denn ick müßt em hen un her dragen. Der alte Herr kam also zu ihr in die Stube und sagte: »Guten Morgen, mein Herzenskindting! Wie geht es Ihnen? Viele Unruhe mit dem alten Franzosenvolk! Ne, was denn?« – Meine Mutter streckte ihm die Hand entgegen, denn sie hielt viel von dem alten ehrenwerten Mann, der so manche Stunde bei ihr saß und mit Weisheit und Rechtschaffenheit die Erfahrungen seiner grauen Haare vor ihr ausschüttete, und der doch lebendig und lustig genug war, um dann und wann ein bißchen Puder inzwischen zu stauben, wenn er von seiner Jenenser Studentenzeit erzählte, wie er und sein Bruder Adolf Dietrich – ›der Professor juris utriusque in Rostock, mein Herzenskindting‹ – im Amicistenorden herumgewirkt hatten. Meine Mutter hielt ihm die Hand entgegen, denn aufstehen konnte sie nicht; sie war in einer schweren Krankheit lahm geworden, und ich habe sie nicht anders gekannt, als daß sie in ihren guten Zeiten auf einem Stuhl saß und nahte – so fleißig, so fleißig, als wären ihre armen schwachen Hände gesund – und daß sie in ihren schlimmen Zeiten zu Bette lag und unter Schmerzen in den Büchern las. Was das für Bücher waren, weiß ich nicht mehr; aber Romane waren es nicht, und das weiß ich nur, daß des alten Herrn Amtshauptmanns Marc Aurel auch mit unterlief, denn ich mußte ihn hm und her tragen. Frugenslüd' bang' maken was nu den ollen Herrn sin Sak nich, un staats von den Truwel in de Gerichtsstuw' tau reden, fung hei leiwer mit dat slichte Weder an un makte grad 'ne kortfarige Beschriwung von de Pütten up den Stemhäger Mark – denn de was dunn noch nich ni dämmt –, as de Dör upgung un de französche Oberst rinne kamm. De makte min Mutting en korten Gruß un gung an den Herrn Amtshauptmann ran; wi Gören leten un's Spelwark un kröpen in de Abeneck up einen Kluten tausam as de Häuhner, wenn de Häwk in de Luft is, un mägen jo woll dacht hewwen: »wo dit woll möt?« Datsülwige dacht min Mutting ok woll, denn sei kek den ollen Herrn so beängstlich an, wil dat in sin Angesicht so 'ne irnsthaft vörnehme Min kamm, de sei an em nich gewennt was. Den Franzosen let dat äwer gor nich barsch, un in sine Utred was 'ne fründliche Höflichkeit, as hei den ollen Herrn frog: »Üm Vergebung, ick hürt eben in de Gerichtsstuw den Namen ›Wewer‹, heiten Sei Wewer?« – »Jochen Hinrich Wewer«, säd de Oll kort un stunn grad as en Pal. – »Heww'n Sei nich en Brauder, de Adolf Didrich heit?« – »Adolf Didrich, Professer in Rostock«, antwurt't de oll Herr un rögte kein Glid. – »Herr Amtshauptmann«, säd de Franzos' un reckt de beiden Hän'n em entgegen, »laten S' vergeten sin, wat hüt morrn tüschen uns passiert is, Sei gahn mi neger an, as Sei glöwen. Ick heww up Ehren Stock en Namen lesen, de mi deip in't Hart schrewen is. Seihn S' hir: ›Renatus von Toll‹.« – »Un den Mann kennen Sei?« frog de oll Herr, un't was, as wenn in sin Gesicht en helles Morgenrot upgüng. – »Wat wull ick nich!« säd de Oberst, »'t is jo min Vader.« – »Mann!« säd de oll Herr, »Mann, ne, wat denn? Wat denn?« un schow den Obersten en En'n lang von sick t'rügg un kek em in de Ogen, »Sei Renatus von Tollen sin Sähn?« – »Ja, un hei hett mi oftmals un vel von sin besten Frün'n verteilt, von de beiden Wewers, von de beiden langen Meckelbörger.« – »Min Herzenskindting«, rep de oll Herr un wen'nt sick an min Mutting, »von wen heww ick Sei vertellt, am meisten vertellt? Ne, wat denn? Von den braven Westfälinger, von den Renatus?« – Min Mutting nickt mit den Kopp, denn de Freud von den ollen Herrn hadd so wat an sick, wat ehr de Tranen in de Ogen bröcht, un wi dummen Gören kröpen ok achter'n Aben rut un würden drister, un't was uns tau Maud', as wenn Mutterbraudersähn tau Hus kamen wir. – »Jüngschen, Jüngschen!« rep de oll Herr, »ick hadd Sei kennen müßt, wenn de verdammte französche Unneform... Ne, laten S' sin! Dat wull ick nich seggen«, set't hei rasch hentau, as hei gewohr würd, dat den Obersten dat Blaud in't Gesicht schot. »Seggen S' mal, Kindting, hett Ehr Vader noch de hellen, brunen Ogen? Ne, wat denn? Hett hei noch de krusen, brunen Hor? Ne, wat denn? – Ein prächtiger Mensch, mein Herzenskindting!« säd hei tau min Mutting, »ein Mensch, dem unser Herrgott den Mann auf die Stirn geschrieben hat!« – De Oberst säd denn nu, de brunen Ogen wiren woll noch dor; äwer de brunen Hor wiren ok all verblaßt. – »Wohr! wohr!« säd de Herr Amtshauptmann, »dat möt woll so sin, Adolf Didrichen sin sünd ok all gris. – Äwer nu, min Herzenskindting, nu kamen S' mit mi nah dat Sloß heruppe un bliwen S' 'ne Tidlang bi mi. Weiß Gott, dit is dat irstemal, dat ick en französchen Offezier inlad, bi mi tau bliwen. Äwer Sei sünd jo eigentlich kein französche Offezier, Sei sünd jo en Dütscher. Der Sohn von Renatus von Toll kann nur ein braver Deutscher sein, min Herzenskindting«, säd hei un wen'nt sick dorbi an min Mutting, »ne, wat denn?« – Min Mutting, de sach, wo dat den Obersten bi den ollen Herrn sine Red heit un kolt äwergot, winkt em un plinkt em, äwer vergews; un as hei nu bi de letzte Frag ehr neger kamm, treckt sei em sacht an den Rock, dat hei swigen süll. – De oll Herr wen'nt sick dorbi kort üm un frog: »Min Herzenskindting, wat zuppen Sei mi?« – Nu was de Reih, rod tau warden, an min Mutting. De Oberst hadd sick äwer währenddeß fat't, hei makte min Mutting so'n halwen Diner tau un säd irnst un fast tau den ollen Herrn: »Herr Amtshauptmann, Ehre Inladung möt ick utslagen, denn in 'ne halwe Stun'n möt ick marschieren, un wat dese Unneform anbedröppt, de Sei nich geföllt, ok nich gefallen kann – ick will dat taugewen –, so kann ick sei nich dordörch beschimpen, dat ick sei in de Stun'n von de Gefohr uttreck. Sei seggen, ick bün en Dütscher, min Vaders Sähn möt en Dütscher sin – Sei hewwen recht –, äwer wenn Sei mi en Verbreken dorut maken will'n, dat ick up de anner Sid stah, denn schuwen Sei mi dat nich in't Gewissen, sondern minen Landsherrn. As ick Soldat würd, stunn de Kurfürst von Köln in en Verbündnis mit den Kaiser, un as ick vör vir Johren nah Spanjen gahn müßt, lagg ganz Dütschland mit all sin Fürsten em tau Fäuten. Sit drei Wochen bün ick t'rügg ut Spanjen un finn Dütschland anners, as dat was; wat mi dor dörch den Kopp un dörch't Hart gahn is, is min Sak; un wenn ick doräwer mit 'ne Minschenseel reden süll, denn künn't blot mit minen Vader gescheihn; för den besten Jugendfründ von minen Vader möt dat naug sin, 't is mihr, as ick meindag' tau einen annern Minschen in dese Angelegenheit redt heww.« De oll Herr stunn wildeß vör em un kek em fast in de Ogen un schüddelt denn un wenn den Kopp; äwer as hei gewohr würd, dat äwer den Obersten sin Gesicht so'n rechten truhartigen Irnst lagg, dunn söchten sin Ogen en anner Flag, un as de Oberst sin Red' slot, säd hei: »Das ist denn eine andere Sache!« un dreiht sick nah min Mutting üm un säd: »Min Herzenskindting, ne, wat denn? De Mann hett recht. Renatus von Tollen sin Sähn hett recht. Blot schad, dat hei recht hett!« un fot den Obersten an de Hand: »Min leiwe junge Fründ, un hir bliwen känen Sei nich?« Un as de Oberst em versäkert, dat wir unmöglich, röp hei mi: »Fritz«, säd hei, »Jung', du kannst all en Gewarw bestellen, lop nah Neiting, nah de Fru Amtshauptmannen, un segg ehr, sei sall runner kamen, hier wäre ein erfreuliches Ereignis eingetreten, hürst du!, ein erfreuliches Ereignis. – Süs ängstigt sei sick, min Herzenskindting«, säd hei tau min Mutting. Frauen bange zu machen, war nun des alten Herrn Sache nicht, und statt von dem Trubel in der Gerichtsstube zu reden, fing er lieber mit dem schlechten Wetter an und machte gerade eine kleine Beschreibung der Pfützen auf dem Stavenhäger Markt – denn der war damals noch nicht gepflastert – als die Tür aufging und der französische Oberst hereinkam. Der machte meiner Mutter einen kurzen Gruß und ging an den Herrn Amtshauptmann heran; wir Kinder ließen unser Spielwerk und krochen in der Ofenecke zu einem Klumpen Zusammen, wie die Hühner, wenn der Habicht in der Luft ist, und mögen ja wohl gedacht haben: »Wie dies wohl abläuft?« Dasselbe dachte wohl auch meine Mutter, denn sie sah den alten Herrn so ängstlich an, weil in sein Angesicht so ein ernsthaft vornehmer Ausdruck kam, den sie an ihm nicht gewöhnt war. Der Franzose trat aber gar nicht barsch auf, und in dem Klang seiner Stimme lag eine freundliche Höflichkeit, als er den alten Herrn fragte: »Um Vergebung, ich hörte eben in der Gerichtsstube den Namen Weber – heißen Sie Weber?« – »Jochen Heinrich Weber,« sagte der Alte kurz und stand gerade wie ein Pfahl. – »Haben Sie nicht einen Bruder, der Adolf Dietrich heißt?« – »Adolf Dietrich, Professor in Rostock,« antwortete der alte Herr und rührte kein Glied. – »Herr Amtshauptmann,« sagte der Franzose und streckte ihm beide Hände entgegen, »lassen Sie vergessen sein, was heute morgen zwischen uns passiert ist; Sie gehen mich näher an, als Sie glauben. Ich habe auf Ihrem Stock einen Namen gelesen, der mir tief ins Herz geschrieben ist. Sehen Sie hier: Renatus von Toll.« – »Und den Mann kennen Sie?« fragt der alte Herr, und es war, wie wenn in seinem Gesicht ein helles Morgenrot aufginge. – »Wie sollte ich nicht!« sagte der Oberst; »es ist ja mein Vater.« – »Mann!« sagte der alte Herr, »Mann! Ne, was denn? Was denn?« – Und schob den Obersten ein Stückchen von sich zurück und sah ihm in die Augen, »Sie Renatus von Tolls Sohn?« – »Ja, und er hat mir oft und viel von seinen besten Freunden erzählt, von den beiden Weber, von den beiden langen Mecklenburgern.« – »Mein Herzenskindting,« rief der alte Herr und wandte sich an meine Mutter, »von wem habe ich Ihnen erzählt, am meisten erzählt? Ne, was denn? Von dem braven Westfalen, von dem Renatus?« – Meine Mutter nickte mit dem Kopf, denn die Freude des alten Herrn hatte so etwas an sich, was ihr die Tränen in die Augen brachte, und wir dummen Gören krochen auch hinterm Ofen hervor und wurden dreister, und es war uns zumute, wie wenn ein Mutterbrudersohn ins Haus gekommen wäre. – »Jüngchen, Jüngchen!« rief der alte Herr, »ich hätte Sie kennen müssen, wenn die verdammte französische Uniform ... nein, lassen Sie's gut sein! Das wollte ich nicht sagen,« setzte er rasch hinzu, als er bemerkte, daß dem Obersten das Blut ins Gesicht schoß. »Sagen Sie mal, Kindting, hat Ihr Vater noch die hellen braunen Augen? Ne, was denn? Hat er noch die krausen, braunen Haare? Ne, was denn? – Ein prächtiger Mensch, mein Herzenskindting!« sagte er zu meiner Mutter, »ein Mensch, dem unser Herrgott den Mann auf die Stirn geschrieben hat!« – Der Oberst sagte denn nun, die braunen Augen wären wohl noch da; aber die braunen Haare wären auch schon verblaßt. »Wahr! Wahr!« sagte der Herr Amtshauptmann; »das muß wohl so sein, Adolf Dietrichs Haare find auch schon grau. – Aber nun, mein Herzenskindting, nun kommen Sie mit mir nach dem Schloß hinauf und bleiben Sie eine Zeitlang bei mir. Weiß Gott, dies ist das erstemal, daß ich einen französischen Offizier einlade, bei mir Zu bleiben. Aber Sie sind ja eigentlich kein französischer Offizier, Sie sind ja ein Deutscher. Der Sohn von Renatus von Toll kann nur ein braver Deutscher sein, mein Herzenskindting,« sagte er und wandte sich dabei an meine Mutter, »ne, was denn?« – – Meine Mutter sah, wie es bei des alten Herrn Rede den Obersten heiß und kalt übergoß; sie winkte und blinzelte ihm zu; aber vergebens; und als er nun bei der letzten Frage ihr näher kam, zog sie ihn sachte am Rock, daß er schweigen solle. – Der alte Herr wandte sich kurz um und fragte: »Mein Herzenskindting, was zupfen Sie mich?« – Nun war die Reihe, rot zu werden, an meiner Mutter. Der Oberst hatte sich aber unterdessen gefaßt, er machte meiner Mutter eine leichte Verbeugung zu und sagte ernst und fest zu dem alten Herrn: »Herr Amtshauptmann, Ihre Einladung muß ich ausschlagen, denn in einer halben Stunde muß ich marschieren – und was diese Uniform anbetrifft, die Ihnen nicht gefällt, auch nicht gefallen kann – ich will es zugeben – so kann ich sie nicht dadurch beschimpfen, daß ich sie in der Stunde der Gefahr ausziehe. Sie sagen, ich bin ein Deutscher, meines Vaters Sohn muß ein Deutscher sein – Sie haben recht – aber wenn Sie mir ein Verbrechen daraus machen wollen, daß ich auf der anderen Seite stehe, dann schreiben Sie es nicht mir ins Gewissen, sondern meinem Landesherrn! Als ich Soldat wurde, stand der Kurfürst von Köln in einem Bündnis mit Frankreich, und als ich vor vier Jahren nach Spanien gehen mußte, lag ganz Deutschland mit allen seinen Fürsten dem französischen Kaiser zu Füßen. Seit drei Wochen bin ich aus Spanien zurück und finde Deutschland anders, als es war; was mir da durch den Kopf und durchs Herz gegangen ist, ist meine Sache; und wenn ich darüber mit einer Menschenseele reden sollte, dann könnte es nur mit meinem Vater geschehen; für den besten Jugendfreund meines Vaters muß das genug sein; es ist mehr, als, ich jemals zu einem anderen Menschen in dieser Angelegenheit gesagt habe.« Der alte Herr stand unterdessen vor ihm und sah ihm fest in die Augen und schüttelte dann und wann den Kopf, aber als er gewahrte, daß auf des Obersten Gesicht so ein rechter treuherziger Ernst lag, da wandte er seine Augen ab, und als der Oberst seine Rede schloß, sagte er: »Das ist denn eine andere Sache!« und drehte sich nach meiner Mutter um und sagte: »Mein Herzenskindting, ne, was denn? Der Mann hat recht. Renatus von Tolls Sohn hat recht. Nur schade, daß er recht hat!« – und faßte den Obersten an der Hand: »Mein lieber junger Freund, und hier bleiben können Sie nicht?« Und als der Oberst ihm versicherte, das sei unmöglich, rief er mich und sagte: »Fritz, Junge, du kannst schon eine Bestellung auslichten – lauf zu Neiting, zur Frau Amtshauptmann, und sage ihr, sie sollte herunterkommen, hier wäre ein erfreuliches Ereignis eingetreten, hörst du: ein erfreuliches Ereignis . Sonst ängstigt sie sich, mein Herzenskindting,« sagte er zu meiner Mutter. Na, ick löp denn nu, wat ick kunn, nah dat Sloß ruppe, an't wohrt ok nich lang', dunn gung de Fru Amtshauptmannen neben mi, still un sacht, as ehr Mod' was, un ick hüppt as en Wepstart üm ehr rümmer, dat sei naug tau dauhn hadd, mi vör Pird un Wagen in acht tau nemen. Na, ich lief denn nun, so schnell ich konnte, nach dem Schloß hinauf, und es dauerte auch nicht lange, da ging die Frau Amtshauptmann neben mir, still und leise, wie es ihre Art war, und ich hüpfte wie eine Bachstelze um sie herum, daß sie genug zu tun hatte, mich vor Pferden und Wagen in acht zu nehmen. As wi äwer den Mark gungen, rüst'ten de Franzosen stark taum Afmarsch, de Kanonen höllen anspannt dor, un dat Batteljon stunn in Reih un Glid, un ein kunn seihn, dat dat losgahn süll. De Fru Amtshauptmannen gung in't Rathus, süll äwer nich wid kamen, denn up de Dehl würd sei von Mamsell Westphalen un de beiden Dirns upgrepen, un ihre sei sick dat versach, stunn sei midden in dat Klugen von Mürder un Dodslägers, bi Bäcker Witten un Droin un Möller Vossen, un jeder vertellt ehr sin Sak, un üm dit Klugen wickelten sick nu noch Herr Droin sin Fru un Kinner mit Bidden un Rohren, un de Fru Meistern Stahlen hadd Mamsell Westphalen hinnen in den Rockquedder fat't un hadd sick, as wull de oll Dam in't Water springen un sei süll sei vör den Sülwstmurd bewohren. Bäcker Witt schot noch af un an einen Spitzbauwen los, äwer't was man noch 'ne halwe Pulwerladung in em, un as hei dat Jammern von den Uhrkenmaker sin Fru wohr würd, föll em sin eigen Husstand in, un hei röp mi: »Fritzing«, säd hei, »lop räwer nah minen Hus', min Jünging, sallst ok en Zuckerkringel hewwen, un raup minen Jehann an min Dochter, wat de Strüwingken is, un segg ehr, sei süllen räwer kamen, denn de Spitzbauwen-Franzosen würden mi nu ok woll mitnemen in ehr gottvergetenes Land, as sei't vördem all mit min fiwjöhrig brun Fahlen makt hadden.« Als wir über den Markt gingen, rüsteten die Franzosen stark zum Abmarsch, die Kanonen hielten angespannt da, das Bataillon stand in Reih und Glied, und man konnte sehen, daß es losgehen sollte. Die Frau Amtshauptmann ging ins Rathaus, sollte aber nicht weit kommen, denn auf der Diele wurde sie von Mamsell Westphal und den beiden Mädchen abgefangen, und ehe sie sich's versah, stand sie mitten in dem Knäuel von Mördern und Totschlägern bei Bäcker Witt, dem Uhrmacher Droz und Müller Voß, und jeder erzählte ihr seine Suche, und um dieses Knäuel wickelten sich nun noch Herrn Droz' Frau und Kinder mit Bitten und Weinen, und Frau Meistern hatte Mamsell Westphal hinten an dem Rockbund gefaßt und hatte sich, als wollte die alte Dame ins Wasser springen und sie müßte sie vor dem Selbstmord bewahren. Bäcker Witt schoß noch ab und zu einen Spitzbuben los, aber es war nur noch halbe Pulverladung in ihm, und als er das Jammern von des Uhrmachers Frau hörte, fiel ihm sein eigener Hausstand ein und er rief mich: »Fritzing, lauf 'rüber nach meinem Haus, mein Jünging, sollst auch einen Zuckerkringel haben, und rufe meinen Johann und meine Tochter, was die Strübingen ist, und sage ihr, sie sollten 'rüber kommen, denn die Spitzbubenfranzosen würden mich nun auch wohl mitnehmen in ihr gottvergessenes Land, wie sie's vordem schon mit meinem fünfjährigen braunen Fohlen gemacht hätten.« Ick bestellt dat Gewarw, un as ick mit Jehannen un de Strüwingken un den Zuckerkringel taurügg kamm, höll Möller Vossen sin Vedder Hinrich mit de oll Möllerfru un Fiken Vossen vör den Rathus up Hinrichen sinen Wagen, denn de Armeeschandoren hadden sick tauletzt doch richtig nah de Gielowsch Mähl dörchfäuhlt un hadden dor dat ganze Nest utnamen. Ich bestellte den Auftrag, und als ich mit Johann und der Frau Strübing und dem Zuckerkringel zurückkam, hielt Müller Vossens Vetter Hinrich mit der alten Müllerfrau und Fiken Voß vor dem Rathaus auf Hinrichs Wagen; denn die Armeegendarmen hatten sich Zuletzt doch richtig nach der Gielowschen Mühle hingetastet und hatten da das ganze Nest ausgenommen. Nu gung denn up't Frisch dat Jammern un Rohren los, un de einzigst, de ruhig blew, was Fiken. Sei frog ehren Vader sachten: »Hest du dat Geld afgewen?« – De oll Möller wis'te up de Gerichtsstuw' un säd: »Dor ligg't.« – »Vatting, denn wes' man getrost, uns' Herrgott ward di nich verraten.« Nun ging das Jammern und Weinen von frischem los, und die einzige, die ruhig blieb, war Fiken. Sie fragte ihren Vater leise: »Hast du das Geld abgegeben?« – Der alte Müller zeigte auf die Gerichtsstube und sagte: »Da liegt's.« – »Vatting, dann sei nur getrost, unser Herrgott wird dich nicht verlassen.« Min Vader was in de ganze Tid still för sick up de Dehl up un dal gahn, in em müßt dat woll nich ruhig wesen, denn männigmal stunn hei still un fohrt sick in de Hor, wenn hei dat Jammern von de Frugenslüd' anhüren ded, un einmal gung hei an Herr Droin ranne un säd: hei süll sick nich ängsten, för em wir dat nich so slimm. Herr Droi nickte mit den Kopp un säd: »Bong!«, würd en ganzen Toll gröter, reckt den einen Bein nah vör un set'te getrost den Arm in de Sid. Mein Vater war die ganze Zeit über still für sich auf der Diele hin- und hergegangen; in ihm mußte es wohl nicht ruhig sein, denn manchmal stand er still und fuhr sich in die Haare, wenn er das Jammern der Frauen anhörte, und einmal ging er an Herrn Droz heran und sagte: er solle sich nicht ängsten, für ihn sei es nicht so schlimm. Herr Droz nickte mit dem Kopf und sagte: » Bon! « – wurde einen ganzen Zoll größer, streckte das eine Bein vor und setzte getrost den Arm in die Seite. Nu müßt jo woll so wid allens in de Reih sin, denn de Adjudant röp den Obersten ut min Mutting ehr Stuw', un as de herute kamm, hadd hei 'ne vel fründlichere Mien upset't un gung mit den Herrn Amtshauptmann an de Gefangenen ran un ordniert dat an, dat Mamsell Westphalen un de beiden Dirns in Friheit set't warden süllen, un Mamsell Westphalen dükerte dreimal mit ein Knix unner un säd: »Ick bedank mi ok, Herr Oberst von Toll.« – De Herr Amtshauptmann kreg sin leiwe Fru in den Hümpel tau seihn un makte de ok fri, un wildeß, dat hei sei den Obersten vörstellen ded un ehr vertellt, wat sick begewen hadd, kummandierte de Adjudant: ›Marsch!‹ un Möller Voß, Bäcker Witt un Herr Droi süllen rute bröcht warden. Den Möller sin Fiken hadd ehren Vater an den Arm fat't un wull nich von em laten, un as sei mit Gewalt von em reten würd, blew sei ganz ruhig un säd: »Vatting, wo sei di ok henbringen warden, ick bliw doch bi di.« – Mit den ollen Bäcker gung dat lichter, hei spuckte dreimal kort ut, schot en por Spitzbauwen up Gewinn un Verlust in de Luft, säd Jehannen kort von de Wirtschaft Bescheid un gung ut de Dör; äwer mit den Uhrkenmaker was dat slimmer, sin Fru un sin lütten Gören hungen an em un jammerten up dütsch un französch, dat dat en Stein erbarmen müggt. Nu kunn't min Vader nich länger uthollen, hei tred vör un frog, weswegen de Uhrkenmaker gefangen wegführt warden süll? De Mann wir en ansässiger Börger, de sick sindag' nich wat hadd tau Schulden kamen laten. Dorut, dat hei baben up den Sloß de Nacht slapen hadd, künn em nüms en Verbreken maken, denn de Herr Oberst un de Herr Adjudant hadden jo ok baben slapen, un dat hei 'ne französche Unneform hadd, wir natürlich, wil hei unner de Franzosen deint hadd, und dat hei sei denn un wenn antrecken ded, dat künnen em de Franzosen man gaud nemen, denn de Mann bewis'te dordörch, dat hei noch mit Lust un Leiw' an de Tid dacht, wo hei sei in ehre Reihen dragen hadd. – Hei hadd de Uniform mißbrukt! schreg de Adjudant dortwischen. – Dat wir nich wohr! rep min Oll, dat wir kein Mißbruk, wenn einer sick dörch 'ne unschüllige List Röwers un Spitzbauwen von'n Liw' höll, un de Bewis, dat sei mit so'ne Raß tau dauhn hadd hadden, leg in den Franzosen sinen Mantelsack. Nun mußte ja wohl so weit alles in Ordnung sein, denn der Adjutant rief den Obersten aus meiner Mutter Stube, und als dieser herauskam, hatte er eine viel freundlichere Miene aufgesetzt und ging mit dem Herrn Amtshauptmann an die Gefangenen heran und ordnete an, Mamsell Westphal und die beiden Mädchen sollten in Freiheit gesetzt werden. Und Mamsell Westphal tauchte dreimal mit einem Knix unter und sagte: »Ich bedanke mich auch, Herr Oberst von Toll.« – Der Herr Amtshauptmann gewahrte seine liebe Frau in dem Haufen und machte sie auch frei und während er sie dem Obersten vorstellte und ihr erzählte, was sich begeben hätte, kommandierte der Adjutant: Marsch! – und Müller Voß, Bäcker Witt und Herr Droz sollten hinausgebracht werden. Müllers Fiken hatte ihren Vater an den Arm gefaßt und wollte nicht von ihm lassen, und als sie mit Gewalt von ihm gerissen wurde, blieb sie ganz ruhig und sagte: »Vatting, wo sie dich auch hinbringen, ich bleibe doch bei dir.« – Mit dem alten Bäcker ging es leichter; er spuckte dreimal kurz aus, schoß ein paar Spitzbuben auf Gewinn und Verlust in die Luft, sagte seinem Johann kurz von der Wirtschaft Bescheid und ging aus der Tür. Aber mit dem Uhrmacher war es schlimmer: seine Frau und seine kleinen Kinder hängten sich an ihn und jammerten auf Deutsch und Französisch, daß es einen Stein erbarmen konnte. Jetzt konnte mein Vater es nicht länger aushalten; er trat vor und fragte, weswegen der Uhrmacher gefangen weggeführt werden sollte? Der Mann wäre ein ansässiger Bürger, der sich niemals etwas hätte zuschulden kommen lassen. Daraus, daß er oben auf dem Schloß die Nacht geschlafen hätte, könnte ihm niemand ein Verbrechen machen, denn der Herr Oberst und der Herr Adjutant hätten ja auch oben geschlafen, und daß er eine französische Uniform hätte, wäre natürlich, weil er unter den Franzosen gedient hätte; und daß er sie dann und wann anzöge, könnten ihm die Franzosen nur zugute rechnen, denn der Mann bewiese dadurch, daß er noch mit Lust und Liebe an die Zeit dächte, wo er sie in ihren Reihen getragen hätte. – Er hätte die Uniform mißbraucht! schrie der Adjutant dazwischen. – Das wäre nicht wahr! rief mein Vater. Das wäre kein Mißbrauch, wenn man sich durch eine unschuldige List Räuber und Spitzbuben vom Leibe hielte; und der Beweis, daß sie mit so einer Rasse zu tun gehabt hätten, läge in des Franzosen Mantelsack. De Adjudant kek minen Ollen gnittig un giftig an, as hadd hei em girn eins mit den Degen versetzen müggt. De Oberst tred heran mit en Gesicht, worin en ganzes Dunnerwetter heruppe tog, un winkte mit de Hand, den Uhrkenmaker aftauführen; äwer min Oll, bi den dat krus' En'n ganz herute kamen was, sprung vör un röp: »Holt! de Mann is unschüllig, un wenn hir einer Schuld hett, denn bün ick dat, denn up min Geheit un Befehl hett de Mann dat Stück utäuwt. Wenn hir einer arretiert warden sall, denn bün ick dat.« – .Kann gescheihn!« säd de Oberst kolt. »Lat't den Mann los un nemt desen hir!« – »Min Herzenskindting«, röp de Herr Amtshauptmann, »wat dauhn Sei?« – »Mine Pflicht, Herr Amtshauptmann«, säd de Oberst un gaww em de Hand. »Lewen Sei woll, Herr Amtshauptmann, min Tid is üm!« Dormit gung hei ut den Hus'. Der Adjutant sah meinen Alten wütig und giftig an, als hätte er ihm gerne eins mit dem Degen versetzen wollen; der Oberst trat heran mit einem Gesicht, worin ein ganzes Donnerwetter heraufzog, und winkte mit der Hand, den Uhrmacher abzuführen; aber mein Vater, bei dem jetzt die kratzige Seite ganz herausgekommen war, sprang vor und rief: »Halt! Der Mann ist unschuldig, und wenn hier einer Schuld hat, dann bin ich's, denn auf meinen Auftrag und Befehl hat der Mann das Stück verübt. Wenn hier einer arretiert werden soll, dann bin ich's.« – »Kann geschehen,« sagte der Oberst kalt; »laßt den Mann los und nehmt diesen!« – »Mein Herzenskindting!« rief der Herr Amtshauptmann, »was tun Sie?« – »Meine Pflicht, Herr Amtshauptmann,« sagte der Oberst und gab ihm die Hand. »Leben Sie wohl, Herr Amtshauptmann, meine Zeit ist um!« Damit ging er aus dem Hause. De ganze Sak gung so rasch vör sick, dat de meisten gor nich wüßten, wovon de Red' was; ick am allerwenigsten, denn ick was man noch en lütten Dummbort; äwer ick verstunn doch all so vel, dat mi klor würd: min Vader hadd sick wat in de Supp brockt un set dor nu ganz nüdlich in. Ick fung denn nu natürlich an tau rohren, un as de lütten Drois ehr Tranen drögen deden, lepen min de Backen dal. Ick drängte mi achter minen Vader her, as hei nah de Strat rute schawen würd; ok de Herr Amtshauptmann folgte. »Herr Amtshauptmann«, säd de Oll, »trösten S' min arme Fru! Un du, Fritz«, röp hei mit tau, »hal mi minen Haut.« – Ick lep rin un halte den Haut, un as ick em den bröcht, böhrt hei mi up un gaww mi en Kuß un säd mi in't Uhr: »Segg Mutting, ick wir bald wedder hir.« Die ganze Sache ging so rasch vor sich, daß die meisten gar nicht wußten, wovon die Rede war; ich am allerwenigsten, denn ich war nur noch ein kleiner Dummbart; aber ich verstand doch schon so viel, daß mir klar wurde, mein Vater hatte sich etwas in die Suppe gebrockt und säße jetzt ganz niedlich drin. Ich fing denn nun natürlich zu weinen an, und als die kleinen Uhrmacherkinder ihre Tränen trockneten, liefen mir die Tränen über die Backen. Ich drängte mich hinter meinem Vater her, als er nach der Straße hinausgeschoben wurde; auch der Herr Amtshauptmann folgte. – »Herr Amtshauptmann,« sagte mein Vater, »trösten Sie meine arme Frau! Und du, Fritz,« rief er mir zu, »hol mir meinen Hut.« Ich lief ins Haus und holte den Hut; und als ich ihn brachte, hob er mich auf und gab mir einen Kuß und sagte mir ins Ohr: »Sag Mutting, ich wäre bald wieder hier.« Nu gung de Tog denn af, twei Mann vör, twei Mann hin'n un in de Midd Möller Voß, Bäcker Witt un min Vader. As sei an dat Sprüttenschur vörbi kemen, gung de Dör up, un wer kamm rut? Min Unkel Hers', ok mit twei Mann, denn den hadd de Kanonen-Oberst vörlöpig dor inspunnen laten von wegen dat Utritschen von de Buren. Nun ging der Zug denn ab, zwei Mann vorne, zwei Mann hinten, und in der Mitte Müller Boß, Bäcker Witt und mein Vater. Als sie am Spritzenhause vorbeikamen, ging die Tür auf, und wer kam heraus? Mein Onkel Herse, ebenfalls mit zwei Mann, denn den hatte der Kanonenoberst vorläufig da einsperren lassen wegen des Ausreißens der Bauern. »Mein Gott!« säd min Oll, »Herr Ratsherr wat is dat mit Sei ?« – »För't Vaderland, Herr Burmeister«, röp min Unkel Hers'; »ick heww mi mit Mamsell Westphalen in 'ne Verswörung inlaten, un nu hett mi de korsikanische Lindworm in sine Krallen; äwer eigentlich is't wegen Möller Vossen sin Fuhrwark un de ollen slusuhrigen Buren.« – Sei vertellten sick nu in'n korten ehr Geschicht, un min Unkel Hers' gung mit sinen Dreimaster un sinen bunten Kragen so statsch de Strat hendal, as kummandiert hei dat Ganze. Min Unkel Hers' was kein Bangbüx, hei fürcht sick nich, hei höll dit för sinen grötsten Ihrendag, un as wir hei in de Nacht nah den Regen twei Toll länger schaten, gung hei hoch utgereckt de Bramborgsch Strat entlang un grüßte nah rechts un nah links, nah Juden un Christen, un plinkte den Sprüttenmeister Tröpner mit de Ogen tau, hei süll jo nich verraden, wat hei wüßt, un läd den Finger up den Mund, as hei bi Jud' Salomonnen vörbi gung, taum Teiken, dat hei swigen süll, un knapp was hei ut dat Dur rute, dunn vertellte oll Wewer Stahlsch allenthalben, den Herrn Ratsherrn hadden de Franzosen mitnamen, sei wollen ut em en General maken; de annern würden äwer woll uphängt warden. »Mein Gott!« sagte mein Vater, »Herr Ratsherr, was ist denn mit Ihnen?« – »Fürs Vaterland, Herr Bürgermeister!« rief mein Onkel Herse; »ich habe mich mit Mamsell Westphal in eine Verschwörung eingelassen, und nun hat mich der korsikanische Lindwurm in seinen Krallen; aber eigentlich ist es wegen Müller Vossens Fuhrwerk und wegen der alten verschmitzten Bauern.« – Sie erzählten sich nun in aller Kürze ihre Geschichte, und mein Onkel Herse ging mit seinem Dreimaster und mit seinem bunten Kragen so stattlich die Straße hinunter, als kommandierte er das Ganze. Mein Onkel Herse war kein Hasenfuß, er fürchtete sich nicht, er hielt dies für seinen größten Ehrentag; und als wäre er in der Nacht nach dem Regen zwei Zoll gewachsen, ging er hoch aufgerichtet die Brandenburger Straße entlang und grüßte nach rechts und nach links, nach Juden und Christen, und blinzelte dem Spritzenmeister Tröpner mit den Augen zu, er sollte ja nicht verraten, was er wüßte; und legte den Finger aus den Mund, als er am Juden Salomon vorbeiging, zum Zeichen, daß er schweigen solle; und kaum war er aus dem Tor heraus, da erzählte die alte Weberfrau Stahl allenthalben, den Herrn Ratsherrn hatten die Franzosen mitgenommen, sie wollten aus ihm einen General machen; die andern würden aber wohl aufgehängt werden. Dat drütteihnte Kapittel Dreizehntes Kapitel Worüm Fritz Sahlmann in den Dreck föll, Schauster Bank einen mit den Flintenkolben kreg, de Herr Ratsherr Hers' all de Mählen in den ganzen Lan'n anstecken will, un worüm de König von Preußen för den Herrn Ratsherrn ümmer en Kuwert bereit höllt. Warum Fritz Sahlmann in den Lehm fiel, Schuster Bunt einen mit dem Flintenkolben bekam, Herr Ratsherr Herse alle Mühlen im ganzen Lande anzünden will, und warum der König von Preußen für den Herrn Ratsherrn immer ein Gedeck bereithält. As uns' Gefangen ut dat Bramborgsch Dur kemen, marschierten sei mit ehre twei Mann hin'n un twei Mann vörn äwer den Amtsbrink den ollen Bramborgschen Weg entlang – denn Schasseen gaww dat dunn noch nich in Meckelborg –, un as sei in den Hollweg kemen, de den Mählenbarg ruppe gung, den de Stemhäger Börgers den »Pirddod« un ok woll »dat Hals- un Bein-En'n« näumen deden, kummandiert de Wachtmannschaft »Holt!«, denn wider gung't abslutenmang nich. Dat ganze Kanonen-Fuhrwark lagg in den Hollweg un was dor tau Senk drewen, un wenn alle Pird ut Stadt un Amt, de nu nich dor wiren, taum Vörspann bi de Hand west wiren, sei hadden desen Klumpen Unglück nich ut den Leim kregen. Dor seten nu de Franzosen un futerten un ßackerierten. De Daglöhners ut de Stadt un von den Amtsbrink würden mit Hack un Schüpp heranne slept, un frische Pird würden ut dat Ritterschaftlich, ut Jürnsdörp un Klaukow ranne kummandiert, un dorbi regent dat, dat nüms en drögen Faden an'n Liw' behöll. »Vader Voß«, seggt Bäcker Witt, »wat's dit för'n Regen!« – »Schön Weder för'n laten Gasten«, seggt oll Voß, »wenn ein all wecken sei't hett.« – »Ick kann min Hemd all utwringen«, seggt de Bäcker. »Un mi lopen bi lütten de Stäwel all vull«, seggt de Möller. – »Herr Burmeister, stellen S' sick achter minen Mantel in de Schuling«, seggt min Unkel Hers' un makt sick noch en beten breider, as hei von Natur all was, »ick freu' mi man, dat dese Tyrannen-Knechte ok dörch un dörch natt warden.« – Min Vader stellte sick achter den Mantel, säd äwer nicks, denn hei hadd wat in't Og fat't. Als unsere Gefangenen aus dem Brandenburger Tor kamen, marschierten sie mit ihren zwei Mann hinten und zwei Mann vorne über den Amtsbrink den alten Brandenburger Weg entlang – denn Chausseen gab es damals noch nicht in Mecklenburg – und als sie in den Hohlweg kamen, der den Mühlenberg hinaufführte, den die Stavenhäger Bürger den ›Pferdetod‹ und auch wohl ›das Hals- und Bein-Ende‹ nannten, kommandierte die Wachtmannschaft Halt, und weiter ging es absolut nicht. Das ganze Kanonenfuhrwerk lag im Hohlweg und war dort im Lehm versunken, und wenn alle Pferde aus Stadt und Amt, die jetzt nicht da waren, zum Vorspann bei der Hand gewesen wären, sie hätten diesen Klumpen Unglück nicht aus dem Lehm gekriegt. Da saßen nun die Franzosen und wetterten und fluchten. Die Tagelöhner aus der Stadt und vom Amtsbrink wurden mit Hacke und Schaufel herangeschleppt, und frische Pferde wurden aus dem ritterschaftlichen Gebiet, aus Jürgensdorf und Klokow herankommandiert; und dabei regnete es, daß niemand einen trockenen Faden am Leibe behielt. – »Gevatter Voß,« sagt Bäcker Witt, »was ist dies für'n Regen!« – »Schönes Wetter für die späte Gerste,« sagt der alte Voß, »wenn man schon welche gesäet hat.« – »Ich kann mein Hemd schon auswringen,« sagt der Bäcker. – »Und mir laufen bei kleinem schon die Stiefel voll,« sagt der Müller. – »Herr Bürgermeister, stellen Sie sich hinter meinen Mantel in Deckung,« sagt mein Onkel Herse und macht sich noch ein bißchen breiter, als er von Natur schon war; »ich freue mich nur, daß diese ›Tyrannenknechte‹ auch durch und durch naß werden.« – Mein Vater stellte sich hinter den Mantel, sagte aber nichts, denn er hatte etwas ins Auge gefaßt. Baben up de Burd von den Hollweg stunnen allerlei Lüd', Daglöhners un Knechts un Börgers ut Stemhagen, de trotz Regen un Unweder ut Niglichkeit un Mitgefäuhl achter den Tog an gahn wiren, un mang desen Hümpel krop Fritz Sahlmann hen un her un vertellte den einen un den annern, de't noch nich wüßt, den ganzen Hergang von de Sak. As min Oll em gewohr würd, stunn hei grad bi den ollen Inspekter Nicolai ut Jürnsdörp, de tau Pird kamen was un mit de Franzosen riden müßt, dormit sei em sine Hofpird nich för ümmer mitnemen. – De oll Inspekter Nicolai was en sihr gauden Fründ von minen Vader, un as em Fritz Sahlmann sinen Strämel vertellt hadd, kunn min Oll dütlich seihn, wo em de oll Inspekter taunicken ded un den Jungen wat in't Uhr säd. Fritz Sahlmann stek nu de Hän'n in de Tasch un fläut't sick wat un fläut't sick an de Burd heran un fläut't sick de Burd herunner, un as hei binah unnen was, hackt hei mit Geschicklichkeit achter 'n Wörtel von 'ne olle Wid' un snuwwelte ganz natürlich up de Gefangenen los, un as hei dicht bi minen Ollen was, föll hei, as künn't gor nich anners sin, in den Dreck. Min Vader bückt sick dal un böhrt em tau Höcht. »Passen s' up dat Pird«, säd de Jung', würd äwer ok glik von de Franzosen ut den Kreis jagt un klattert de Burd wedder ruppe. Oben am Rande des Hohlwegs standen allerlei Leute, Tagelöhner und Knechte und Bürger aus Stavenhagen, die trotz Regen und Unwetter aus Neugierde und Mitgefühl hinter dem Zuge hergegangen waren, und in diesem Haufen kroch Fritz Sahlmann hin und her und erzählte dem einen und dem andern, die's noch nicht wußten, den ganzen Hergang der Sache. Als mein Vater ihn bemerkte, stand er gerade beim alten Inspektor Nicolai aus Jürgensdorf, der zu Pferde gekommen war und mit den Franzosen reiten mußte, damit sie ihm seine Hofpferde nicht für immer mitnähmen. – Der alte Inspektor Nicolai war ein sehr guter Freund meines Vaters, und als ihm Fritz Sahlmann sein Stückchen erzählt hatte, konnte mein Vater deutlich sehen, wie ihm der alte Inspektor zunickte und dem Jungen was ins Ohr sagte. Fritz Sahlmann steckte nun die Hände in die Tasche und flötete sich was, und flötete sich an den Wegrand heran, und flötete sich zum Wege hinunter, und als er beinahe unten war, blieb er mit Geschicklichkeit hinter der Wurzel einer alten Weide hängen und stolperte ganz natürlich auf die Gefangenen los, und als er dicht bei meinem Vater war, fiel er, als könnte es gar nicht anders sein, in den Lehm. Mein Vater bückte sich und hob ihn auf. »Passen Sie auf das Pferd!« sagte der Junge, wurde aber auch gleich von den Franzosen aus dem Kreise gejagt, und kletterte wieder den Abhang des Hohlwegs hinauf. Was min Oll all vördem hallweg upmarksam up den Inspekter un den Jungen, so würd hei dat nu noch mihr. Hei sach, wo de oll Nikolai von't Pird steg, mit sin Ridpitsch klappt un sei Fritz Sahlmannen in de Hand gaww; wo de Jung' nu mit dat Pird an tau ledden fung, ümmer up un dal, äwer ümmer dichter an de Burd, bet hei endlich achter 'ne olle Wid' still höll, as wull hei dor Schutz gegen den Regen säuken. Von hir ut makte hei den Ollen en Teiken, un de Oll, de in den Schutz von Ratsherr Hersen sinen breiden Puckel stunn, ded, as wenn hei sich dat Water von den Haut schüdden wull, un swenkt em dreimal tau. War mein Vater schon vorher halbwegs aufmerksam auf den Inspektor und den Jungen, so wurde er es jetzt noch mehr. Er sah, wie der alte Nicolai vom Pferde stieg, mit seiner Reitpeitsche klappte und sie Fritz Sahlmann in die Hand gab; wie der Junge jetzt das Pferd hin- und herzuführen anfing, immer auf und nieder, aber immer dichter an den Straßenrand, bis er endlich hinter einer alten Weide still hielt, als wollte er dort Schutz gegen den Regen suchen. Von hier aus machte er meinem Vater ein Zeichen, und dieser, der im Schutze von Ratsherrn Herses breitem Buckel stand, tat, als wenn er das Wasser aus seinem Hut schütteln wollte, und schwenkte ihm dreimal zu. 'ne lütte Wil hadd dat wohrt, dunn kamm üm den Ümswang, wo de Ivenacker Weg in de Bramborgsch Landstrat rinne bögt, 'ne grote Kutsch antauführen, dor satt en General in, de de Nacht bi den Ivenacker Grafen in Quartier legen hadd, de führte ok den Hollweg ruppe, un as sei an dat Flag kamm, wo de Transport hacken ded, kamm dor 'ne Unordnung in de Soldaten, sei müßten de Kutsch ut den Weg' gahn, un knapp würd min Oll dat gewohr, dunn flog hei, as ut 'ne Pistol schaten, achter den Ratsherr sinen Mantel rute up jennsid von de Kutsch, de Burd tau Höcht, achter de olle Wid', ret Fritz Sahlmannen Pitsch un Tägel ut de Hand, rup up de Mähr un – hest du nich seihn! – den Barg hendal. Eine kleine Weile hatte es gedauert, da kam um die Ecke, wo der Ivenacker Weg in die Brandenburger Landstraße einbiegt, eine große Kutsche angefahren; in dieser saß ein General, der die Nacht beim Ivenacker Grafen im Quartier gelegen hatte. Er fuhr ebenfalls den Hohlweg hinauf, und als er an die Stelle kam, wo der Transport feststak, kam eine Unordnung in die Soldaten; sie mußten der Kutsche aus dem Wege gehen, und kaum wurde mein Vater dies gewahr, da flog er wie aus einer Pistole geschossen hinter des Ratsherrn Mantel heraus auf die andere Seite der Kutsche, den Abhang des Weges in die Höhe, hinter die alte Weide, riß Fritz Sahlmann Peitsche und Zügel aus der Hand, 'rauf auf den Gaul, und – hast du nichts gesehen! – den Berg hinunter. »Föh! Föh!« schrie'ten de Franzosen, »knack! knack!« säden de Hahns, un »Kasten!« antwurte dat oll Füerslott, denn de Pulwer was so natt as oll Wewer Stahlsch ehr Koffesatz. »Feu! Feu!« schrien die Franzosen; »Knack! Knack!« sagten die Hähne; und »Kasten!« antworteten die alten Feuerschlösser, denn das Pulver war so naß, wie der Kaffeesatz im Topf der alten Weberfrau Stahl. En lütten Ogenblick was dat, as de Stemhäger Börgers ehren Burmeister so äwer dat Feld un de Grabens henbösten segen, as wull'n sei em en lustig Hurrah nahraupen, un Schauster Bank fung all an: »Uns' Herr Burmeister viv...«, as em en französchen Flintenkolben tüschen de Schullern set't würd, dat hei blot desen Wink tau folgen brukt, üm in de grötste Geswindigkeit unnen an den Barg antaukamen, de annern folgten denn, un in'n Ümseihn was de Burd leddig bet up den Inspekter Nicolai, de sick an 'ne Wid' lehnt hadd un dor in alle Rauh sin Pip Toback rokte. Hadd dat nu keiner bemarkt, dat hei tau Pird ankamen was, oder hadden de Franzosen utdrücklich seihn, dat hei nicks mit den Handel tau dauhn hatt hadd, wil dat hei wid von sin Pird afstunn; genaug, em würd nicks seggt. De drei äwrigen Gefangen äwer kregen duwwelte Wachen un würden ut den Hollweg up't fri Feld ruppe bröcht un von dor, wil dat doch en beten bet in'n Drögen was, unner de oll Buckmähl, von de de Barg den Namen hett. Als die Stavenhäger Bürger ihren Bürgermeister so über Feld und Gräben hinbürsten sahen, da war es einen kleinen Augenblick, als wollten sie ihm ein lustiges Hurra nachrufen, und Schuster Bank fing schon an: »Unser Bürgermeister viv...«, als ihm ein französischer Flintenkolben zwischen die Schultern gesetzt wurde, sodaß er bloß diesem Wink zu folgen brauchte, um mit der größten Geschwindigkeit unten am Berge anzukommen; die anderen folgten, und im Umsehen war der Wegrand leer bis auf den Inspektor Nicolai, der sich an eine Weide gelehnt hatte und dort in aller Ruhe seine Pfeife Tabak rauchte. Hatte nun niemand bemerkt, daß er zu Pferde angekommen war, oder hatten die Franzosen ausdrücklich gesehen, daß er nichts mit dem Handel zu tun gehabt hatte, weil er weit von seinem Pferde abstand – genug, ihm wurde nichts gesagt. Die drei übrigen Gefangenen aber bekamen doppelte Wachen und wurden aus dem Hohlweg aufs freie Feld hinaufgebracht, und von da, weil es doch ein bißchen mehr im Trockenen war, unter die alte Bockmühle, von der der Berg den Namen hat. Hir seten sei nu Rügg' an Rügg' up en Mählenstein un kalennerten. »För den Burmeister is't gaud«, säd oll Witt un kämmt sick dat natte Hor mit den missingschen Kamm achter äwer, »dat hei up so'ne Wis' fri kamen is, äwer för uns is't slimm, denn nu sünd wi as de Immen ahn Wiser. Hei hadd uns doch woll am En'n noch fri kregen.« – »Je, Vadder, wat wull dat nich«, säd de oll Möller Voß un nickte den Inspekter Nicolai tau, de sick ok unner de Mähl stellen würd. – »Hm!« smet min Unkel Hers' dormang, »Meister Witt, in städtsche Angelegenheiten weit hei Bescheid, dat strid ick em nich af; äwer in Kriegsangelegenheiten, wat dat Militörische anbedrapen deiht, dor hett hei sick sindag' nich üm bekümmert, dor weit hei grad so vel von, as... as...« – »As Sei un ick, Herr Ratsherr«, säd oll Möller Voß, ahn sick wider wat dorbi tau denken. – »Möller Voß«, säd de Herr Ratsherr un richt't sick en Enning höger, »jeder red von sick un nich von den annern. Wat Sei dorvon verstahn, dat weiten Sei sid gistern nahmiddag, denn Sei un de oll Amtshauptmann un de Burmeister hewwen uns in de Sak rinne fidelt, un wenn ick nich dormang kamen wir, denn set oll Mamsell Westphalen hir ok up den Stein un klapperte mit de Tähnen. Wat ick dorvon verstah, dat will ick Sei bald wisen. Kennen Sei Jahnen?« – »Meinen Sei den ollen Jahn von de Peenhüser, de mine Fru de Pött beknütten deiht?« – »Ih, wo! Turn-Jahnen mein ick, de up Stun'ns in Berlin is, Kolloffen in Lukow sinen Swager.« – »Ne, de Mann is mi nich bekannt.« – »Na, denn hüren S'. Des' Turnjahn geiht mal mit en Studenten in Berlin de Strat entlang un kümmt nah't Bramborgsch Dur – denn de Berliner hewwen ebensogaud en Bramborgsch Dur as wi Stemhäger – un wis't dor baben ruppe, wo de Sigsgöttin süs stahn hett, de de Franzosen mitnamen hewwen, un fröggt den Studenten, wat hei sick dorbi denken deiht. – Nicks, seggt de. – Swabb! haut hei em an den Hals.« – »Dat was drist«, seggt Möller Voß. – »Ja, Herr Ratsherr«, seggt oll Witt, »mi sitt de oll Hand ok verdeuwelt los, äwer...« – »So lat't mi doch utvertellen!« seggt min Unkel Hers'. »Musche Nüdling, säd Turnjahn tau den Studenten, as de sick äwer de Mulschell stark verstutzen ded, dit is en Denkzettel för't Nicksdenken. Du haddst di dorbi denken müßt, dat wi de Sigsgöttin uns ut Paris wedder halen möten.« – »Ja, äwerst...«, seggt Witt. – »Dat's denn doch, äwerst...«, seggt de Möller. – De Herr Ratsherr let sei äwer nich tau Wurd kamen un wen'nt sick an den Möller: »Nu frag ick Sei, Möller Voß, wenn Sei sick dese Mähl so anseihn, wat denken Sei sick dorbi?« – »Herr Ratsherr«, seggt Möller Voß un steiht up un stellt sick en beten ut de Firn, »Herr Ratsherr, Sei warden mi doch nich so traktieren?« – »Ick frag blot, Möller Voß, wat denken Sei sick dorbi?« – »Je«, seggt de Möller un kickt de Mähl in de Höcht, »wat sall ick mi dorbi denken? Ick denk, dat dat 'ne olle Huk is un dat sei äwer Frühjohr nige Flägel hewwen möt un dat, wenn de Stein baben nich beter sünd as de, de hir unnen liggt, de Stemhäger verdeuwelt velen Sand mit ehr Mehl verzehren möten.« – »Un dorin hest du recht, Vadder«, seggt de Bäcker. »Un dorin hett hei unrecht«, röppt min Unkel Hers', »wenn hei richtig antwurt't hadd, denn hadd hei seggen müßt: sei möt anstickt warden. Un sei ward anstickt warden; all de Mählen in'n ganzen Lan'n möten anstickt warden.« Un dormit stunn hei up un gung mit groten Schritten üm den Mählenstein herüm. – »Gott sall uns bewohren!« seggt Möller Voß, »wer sall dese Schanddaht utäuwen?« – » Ick! « säd min Unkel Hers' un slog sick för de Bost un gung neger an de beiden ran, de gor nich wüßten, wo ehr geschach, un flustert ehr tau: »Wenn de Landstorm losbreckt, denn stek wi all de Mählen as Füerteiken an; en Fanal nennt einer dat, un de beste Bewis, dat ji nicks von den Krig verstaht, is, dat ji nich mal weit't, wat en Fanal is.« – »Herr Ratsherr«, seggt Möller Voß, »'t is mi ganz egal, ob dat en Fanal oder en Kanal oder sü's en annern Aal is; wer mi min Watermähl ansteckt, de kann sick up wat gefaßt maken.« – »Buckmählen, Windmählen mein ick, Möller Voß; wer seggt denn von Watermählen? Watermählen liggen in de Grund un brennen nich. Un nu frag ick jug, hett de Burmeister woll de Kenntnis un de Kurasch', in Krigstiden so tau handeln as ick ?« – »Dat hei Mählen anstecken will, hett hei nich seggt«, säd de Bäcker un kek den Herrn Ratsherrn en beten sihr ungewiß an, as wenn hei nich wüßt, ob dat Irnst oder Spaß sin süll. – »Min leiw' Witt, Sei kiken mi an as de Kauh dat nige Dur; Sei wunnern sick äwer mi un denken: Wat will so'n Stemhäger Ratsherr? Wat weit de von Krigskunst? Min leiw' Witt, Sei kneden Ehren Deig mit de Füst in'n Backeltrog, ick kned minen mit Äwerleggung in'n Kopp. Wenn ick henstellt wir, wo ick henhürt, denn stünn ick vör'n König von Preußen un redt mit den Mann. ›Majestät‹, säd ick, ›sünd woll en beten sihr in Verlegenheit?‹ – ›Wat wull ick nich, Herr Ratsherr‹, seggt hei, ›dat Geld is mi up Stun'ns hellschen knapp.‹ – ›Wider nicks?‹ segg ick. ›Dat's Kleinigkeit! Gewen S' mi blot 'ne Vullmacht, dat ick dauhn kann, wat ick will‹ – licentia poetica heit dat up Latinsch, Möller Voß – ›un ein Regiment Garde-Granedier.‹ – ›De sälen Sei hewwen, min leiw' Herr Ratsherr‹, seggt de König, un ick lat de ganze Judenschaft ut all sinen Staaten up den Sloßhof in Berlin tausamen kamen, beset't dat Sloß mit min Gardegranedier un stell mi an de Spitz von ein Kumpani un marschier dormit in den Sloßhof. ›Sid ji nu all dor?‹ frag ick de Juden. – ›Ja‹, seggen sei. – ›Will'n ji nu friwillig‹, segg ick tau de Juden, ›de Hälft von jug Vermägen up den Altor des Vaterlandes opfern?‹ – ›Dat kän' wi nich‹, seggt de ein, ›denn sünd wir rungeniert.‹ – ›Will'n ji, oder will'n ji nich?‹ frag ick. ›Achtung!‹ kummandier ick. ›Herr Ratsherr‹, seggt en anner, ›nemen S' en Virtel.‹ – ›Keinen Gröschen unner de Hälft‹, segg ick. ›Macht euch fertig!‹ – ›Wi will'n jo!‹ schrigen de Juden. – ›Schön!‹ segg ick. ›Denn gah nu jeder enzeln ruppe nah den witten Saal, dor sitt des Königs Majestät up den Thron, un dor legg ein jeder sin Geld vor die Stufen des Thrones.‹ – Wenn sei all ruppe west sünd, gah ick ok rup. ›Na‹, segg ick, ›Majestät, wo's 't nu?‹ – ›Wunderschön, min leiw' Herr Ratsherr!‹ seggt hei. ›Wenn't anner all so wir!‹ – ›Dat will wi woll krigen!‹ segg ick. ›Gewen S' mi blot en Stückener twintig Regimenter Infanterie, teihn Regimenter Kavallerie un so vel Kanonen, as Sei up Städ's grad missen känen.‹ – ›De sälen Sei hewwen‹, seggt de König. – ›Schön!‹ segg ick un marschier mit min Soldaten af, ümmer dörch Wischen un Bräuker un jung' Dannenschonungen, Flanken stets gedeckt. Ick smit mi up Hamborg; den Prinzen Eckmühl äwerfall ick, hei ward vör mi bröcht. ›Bugt mi mal en rechten hogen Galgen!‹ segg ick. – ›Gnade!‹ seggt hei. – ›Nicks dor‹, segg ick, ›von Gnad'! Dat's dorför, dat du hest Herzog von Meckelborg warden wullt.‹« – »Ick bidd Sei üm Gottes willen, Herr Ratsherr«, seggt Möller Voß, »reden S' sick un uns nich üm den Hals, bedenken S' blot, wenn de Kirls dorvon wat verstün'n.« – »Dat wir der Deuwel!« säd min Unkel Hers' un kek de Franzosen de Reih lang an, doch as hei sach, dat sei nich Achtung up em gewen, säd hei: »Sei sünd 'ne olle Bangbüx, Möller Voß. De Kirls verstahn kein Plattdütsch. – Also: ick häng em up un treck mi linksch in't Hannöwersch rin un fall em sülwst, den Korsikan... – na, ji weit't, wen ick mein – in den Rüggen. Dat anner is all dumm Tüg; in'n Rüggen fallen is de Hauptsak. – 'ne grote Slacht! Föfteihndusend Gefangen! Hei schickt mi 'n Trumpeter: ›Waffenstillstand!‹ – ›Kann nicks ut warden‹, segg ick, ›taum Spaß sünd wi nich hir.‹ – ›Freden!‹ lett hei mi seggen. – ›Schön!‹ segg ick, ›Rheinland un Westfalen, ganz Elsaß un dreivirtel Lothringen.‹ – ›Kann ick nich!‹ seggt hei, ›min Brauder möt dorvon lewen.‹ – Also wedder vörwarts! Ick treck mi rechtsch un beruhig' Belligen un Holland, mit einmal swenk ick linksch in. ›Weit der Deuwel!‹ seggt hei, ›dor hett dat Unglück den ßackermentschen Ratsherrn wedder up min Achtersid!‹ – ›Erstes Granedier-Regiment, fällt's Bajonett!‹ kummandier ick; de Batteri ward namen. ›Zweites Husaren-Regiment vor!‹ – Hei wagt sick mit sinen Generalstab tau wid vör, wupp! hewwen em de Husoren bi de Slafitten. ›Hir is min Degen!‹ seggt hei. – ›Schön!‹ segg ick. ›Nu kamen S' man mit. Un ji, Kinnings, känt nu ruhig nah Hus gahn; de Sak is vörbi.‹ Ick bring em nu gefesselt an die Stufen des Thrones: ›Majestät von Preußen, hir is'e!‹ – ›Herr Ratsherr‹, seggt de König, ›bidden S' sick 'ne Gnad ut.‹ – ›Majestät‹, segg ick, ›Kinner heww ick nich, will'n Sei äwer wat äwriges an mi dauhn, denn gewen S' min Fru, wenn ick ut de Welt gahn süll, 'ne lütte Pangsionierung. In'n äwrigen wünsch ick in'n Privatstand as Stemhäger Ratsherr wedder taurügg tau treden.‹ – ›As Sei will'n‹, seggt de König. ›Dat marken S' sick äwer: wenn Sei mal nah Berlin kamen süllen, en Kuwert is ümmer för Sei deckt.‹' – Ick mak min Verbeugung: ›Adjüs!‹ un gah wedder nah Stemhagen.« – »Dat's brav von Sei!« seggt Bäcker Witt. »Äwerst wat helpt uns de ganze schöne Krigskunst? De Sak is ditmal up't verkihrt En'n tau Welt kamen: Sei hewwen em nich, hei hett Sei un uns dortau, un wenn weck gefesselt an die Stufen des Thrones brecht warden, denn sünd wi dat. Ick glöw, de Burmeister is doch woll de Kläukst von uns west, denn de is nu all äwer alle Barg un sitt in den Drögen, un uns klappern de Tähnen in'n Mund, as wenn en Büdel mit Hasselnät schüdd't ward.« – »Ach, wat!« säd min Unkel Hers', »dat's kein Kunst, so vör alle sichtlichen Ogen wegtaujagen – ne, min Rat is, wi maken't finer, mit 'ne Krigslist; also mak sick en jeder en por Krigslisten t'recht, den kän wi jo nahsten de best dorvon utsäuken.« Hier saßen sie nun Rücken an Rücken auf einem Mühlstein und hielten weise Reden. »Für den Bürgermeister ist's gut,« sagte der alte Witt und kämmte sich das nasse Haar mit dem Messingkamm hintenüber, »daß er auf solche Weise frei gekommen ist; aber für uns ist es schlimm, denn nun sind wir wie die Bienen ohne Weisel. Er hätte uns doch am Ende wohl noch freigekriegt.« – »Je, Gevatter, das soll wohl so sein,« sagte der alte Müller Voß und nickte dem Inspektor Nicolai zu, der sich ebenfalls unter die Mühle stellte. – »Hm! – Hm!« warf mein Onkel Herse dazwischen, »Meister Witt, in städtischen Angelegenheiten weiß er Bescheid, das streite ich ihm nicht ab; aber in Kriegsangelegenheiten, was das Militärische anbetrifft, darum hat er sich niemals bekümmert, davon weiß er gerade so viel, wie ... wie ...« – »Wie Sie und ich, Herr Ratsherr,« sagte der alte Müller Voß, ohne sich weiter was dabei zu denken. – »Müller Voß,« sagte der Ratsherr, und richtete sich ein Ende höher auf, »jeder rede von sich und nicht von den anderen. Was Sie davon verstehen, das wissen Sie seit gestern nachmittag; denn Sie und der alte Amtshauptmann, und der Bürgermeister haben uns in die Sache hineingefidelt, und wenn ich nicht dazwischen gekommen wäre, dann säße die alte Mamsell Westphal hier auch auf dem Stein und klapperte mit den Zähnen. Was ich davon verstehe, das will ich Ihnen bald zeigen. Kennen Sie Jahn?« – »Meinen Sie den alten Jahn von den Peenhäusern, der meiner Frau die Töpfe mit Draht bestrickt?« – »Ih wo! Turn-Jahn meine ich, der jetzt in Berlin ist, den Schwager von Kolloff in Lukow.« – »Nein, der Mann ist mir nicht bekannt.« – »Na, dann hören Sie: dieser Turn-Jahn geht mal mit einem Studenten in Berlin die Straße entlang und kommt nach dem Brandenburger Tor – denn die Berliner haben ebensogut ein Brandenburger Tor wie wir Stavenhäger – und zeigt dort oben hinauf, wo sonst die Siegesgöttin gestanden hat, die die Franzosen mitgenommen haben, und fragt den Studenten, was er sich dabei denkt. – ›Nichts‹, sagt der. – Schwabb! haut er ihn an den Hals!« – »Das war dreist,« sagt Müller Voß. – »Ja, Herr Ratsherr,« sagt der alte Witt, »mir sitzt die alte Hand auch verteufelt lose, aber ...« – »So laßt mich doch auserzählen!« sagt mein Onkel Herse. »›Musche Niedlich‹, sagte Turn-Jahn zum Studenten, als dieser sich über die Maulschelle stark verwunderte, – ›dies ist ein Denkzettel fürs Nichtsdenken; du hättest dir dabei denken müssen, daß wir uns die Siegesgöttin aus Paris wieder holen müssen‹.« – »Ja, aber ...« sagt Witt. – »Das ist denn doch aber ...« sagt der Müller. – Der Herr Ratsherr ließ sie aber nicht zu Worte kommen und wandte sich an den Müller: »Nun frage ich Sie, Müller Voß, wenn Sie sich diese Mühle so ansehen, was denken Sie sich dabei?« – »Herr Ratsherr,« sagt Müller Voß und steht auf und stellt sich ein bißchen abseits, »Herr Ratsherr, Sie werden mich doch nicht so traktieren?« – »Ich frage bloß, Müller Voß, was denken Sie sich dabei?« – »Je,« sagt der Müller und sieht an der Mühle in die Höhe, »was soll ich mir dabei denken? Ich denke, daß sie ein altes windschiefes Gestell ist, und daß sie in diesem Frühjahr neue Flügel haben muß, und daß, wenn die Steine oben nicht besser sind, als die, die hier unten liegen, die Stavenhäger verteufelt vielen Sand mit ihrem Mehl verzehren müssen.« – »Und darin hast du recht, Gevatter,« sagt der Bäcker. – »Und darin hat er unrecht!« ruft mein Onkel Herse; »wenn er richtig geantwortet hätte, dann hätte er sagen müssen: sie muß angezündet werden. Und sie wird angezündet werden; alle Mühlen im ganzen Lande müssen angezündet werden!« Und damit stand er auf und ging mit großen Schritten um den Mühlstein herum. – »Gott soll uns bewahren!« sagt Müller Voß, »wer soll diese Schandtat ausüben?« – »Ich!« sagte mein Onkel Herse und schlug sich vor die Brust und ging näher an die beiden heran, die gar nicht wußten, wie ihnen geschah, und flüsterte ihnen zu: »Wenn der Landsturm losbricht, dann stecken wir alle Mühlen als Feuerzeichen an; ein Fanal nennt man das, und der beste Beweis, daß ihr nichts vom Kriege versteht, ist, daß ihr nicht mal wißt, was ein Fanal ist.« – »Herr Ratsherr,« sagt Müller Boß, »'s ist mir ganz egal, ob das ein Fanal oder ein Kanal oder sonst ein anderer Aal ist; wer mir meine Wassermühle anzündet, der kann sich auf was gefaßt machen!« – »Bockmühlen, Windmühlen meine ich, Müller Voß; wer spricht denn von Wassermühlen? Wassermühlen liegen im Grunde und brennen nicht. Und nun frag ich euch: hat der Bürgermeister wohl die Kenntnis und die Courage, in Kriegszeiten so zu handeln wie ich ?« – »Daß er Mühlen anzünden will, hat er nicht gesagt,« sagte der Bäcker und sah den Herrn Ratsherrn ein bißchen sehr unsicher an, wie wenn er nicht wüßte, ob es Ernst oder Spaß sein sollte. – »Mein lieber Witt, Sie sehen mich an, wie die Kuh das neue Tor; Sie wundern sich über mich und denken: was will so ein Stavenhäger Ratsherr? Was weiß der von Kriegskunst? Mein lieber Witt, Sie kneten Ihren Teig mit den Fäusten im Backtrog, ich knete meinen mit Ueberlegung im Kopf. Wenn ich hingestellt würde, wo ich hingehöre, dann stände ich vor dem König von Preußen und redete mit dem Mann. ›Majestät‹ sagte ich, ›sind wohl ein bißchen sehr in Verlegenheit?‹ – ›Wie sollte ich nicht, Herr Ratsherr‹ sagt er, ›das Geld ist mir heute höllisch knapp,‹ – ›Weiter nichts?‹ sag' ich. ›Das ist 'ne Kleinigkeit! Geben Sie mir bloß 'ne Vollmacht, daß ich tun kann, was ich will – licentia poetica heißt das auf Lateinisch, Müller Voß – und ein Regiment Gardegrenadiere!‹ – ›Die sollen Sie haben, mein lieber Herr Ratsherr‹, sagt der König, und ich lasse die ganze Judenschaft aus allen seinen Staaten auf dem Schloßhof in Berlin zusammenkommen, besetze das Schloß mit meinen Gardegrenadieren, stelle mich an die Spitze einer Kompagnie und marschiere damit in den Schloßhof. ›Seid ihr jetzt alle da?‹ frag' ich die Juden. – ›Ja,‹ sagen sie. – ›Wollt ihr nun freiwillig,‹ sag' ich zu den Juden, ›die Hälfte eures Vermögens auf den Altar des Vaterlandes opfern?‹ – ›Das können wir nicht,‹ sagt einer von ihnen, ›dann sind wir ruiniert.‹ – ›Wollt ihr oder wollt ihr nicht?‹ frag' ich. ›Achtung!‹ kommandier ich. – ›Herr Ratsherr,‹ sagt ein anderer, ›nehmen Sie ein Viertel.‹ – ›Keinen Groschen unter der Hälfte!‹ sag' ich. ›Macht euch fertig!‹ – ›Wir wollen ja!‹ schreien die Juden. – ›Schön!‹ sag' ich. ›Dann gehe nun jeder einzeln 'rauf nach dem Weißen Saal, da sitzt des Königs Majestät auf dem Thron, und da lege ein jeder sein Geld vor die Stufen des Thrones.‹ – Wenn sie alle oben gewesen sind, gehe ich auch hinauf. ›Na,‹ sag' ich, ›Majestät, wie ist es nun?‹ – ›Wunderschön, mein lieber Herr Ratsherr!‹ sagt er, ›wenn's andere alles so wär!‹ – ›Das wollen wir wohl kriegen,‹ sag' ich. ›Geben Sie mir bloß ein Stücker zwanzig Regimenter Infanterie, zehn Regimenter Kavallerie und so viele Kanonen, wie Sie im Augenblick gerade entbehren können.‹ –›Die sollen Sie haben,‹ sagt der König. – ›Schön!‹ sag' ich und marschiere mit meinen Soldaten ab, immer durch Wiesen und Brüche und junge Tannenschonungen, Flanken stets gedeckt. Ich werfe mich auf Hamburg; den Prinzen Eckmühl Marschall Davout. überfalle ich, er wird vor mich gebracht. ›Baut mir mal einen recht hohen Galgen!‹ sag' ich. – ›Gnade!‹ sagt er. – ›Nichts da von Gnade!‹ sag' ich; ›das ist dafür, daß du Herzog von Mecklenburg hast werden wollen.‹« – – »Ich bitte Sie um Gotteswillen, Herr Ratsherr,« sagt Müller Voß, »reden Sie sich und uns nicht um den Hals; bedenken Sie nur, wenn die Kerle was davon verstanden!« – »Das wäre der Deuwel!« sagte mein Onkel Heise und sah die Franzosen der Reihe nach an; doch als er sah, daß sie auf ihn nicht acht gaben, sagte er: »Sie sind ein alter Hasenfuß, Müller Voß. Die Kerls verstehen kein Deutsch. – Also: ich hänge ihn auf und ziehe mich links ins Hannoversche 'rein und falle ihm selber, dem korsikan ... na, ihr wißt, wen ich meine – in den Rücken. Das andere ist alles dummes Zeug; in den Rücken fallen ist die Hauptsache. – 'ne große Schlacht! Fünfzehntausend Gefangene! Er schickt mir einen Trompeter: ›Waffenstillstand!‹ – ›Daraus kann nichts werden,‹ sag' ich, ›zum Spaß sind wir nicht hier.‹ – ›Frieden!‹ laßt er mir sagen. – ›Schön!‹ sag' ich, ›Rheinland und Westphalen, ganz Elsaß und dreiviertel Lothringen.‹ – ›Kann ich nicht!‹ sagt er, ›mein Bruder muß davon leben.‹ – Also wieder vorwärts! Ich ziehe mich rechts und beruhige Belgien und Holland; mit einmal schwenk ich links ein. ›Weiß der Deuwel!‹ sagt er; ›da hat das Unglück den sakramentischen Ratsherrn wieder auf meine Hinterseite gebracht!‹ – ›Erstes Grenadierregiment fällt 's Bajonett!‹ kommandier' ich; die Batterie wird genommen. ›Zweites Husarenregiment vor!‹ – Er wagt sich mit seinem Generalstab zu weit vor, wupp! haben ihn die Husaren bei den Schlaffitten. ›Hier ist mein Degen!‹ sagt er. – ›Schön!‹ sag' ich. ›Nun kommen Sie mal mit. Und ihr, Kinnings, könnt nun ruhig nach Hause gehen, die Sache ist vorbei.‹ Ich bringe ihn nun gefesselt an die Stufen des Thrones: ›Majestät von Preußen, hier ist er!‹ – ›Herr Ratsherr,‹ sagt der König, ›bitten Sie sich 'ne Gnade aus.‹ – ›Majestät,‹ sag' ich, ›Kinder hab ich nicht; wollen Sie aber was Uebriges an mir tun, dann geben Sie meiner Frau, wenn ich aus der Welt gehen sollte, 'ne kleine Pensionierung. Im übrigen wünsche ich wieder in den Privatstand als Stavenhäger Ratsherr zurückzutreten.‹ – ›Wie Sie wollen,‹ sagt der König; ›das merken Sie sich aber: wenn Sie mal nach Berlin kommen sollten, ein Gedeck ist immer für Sie aufgelegt.‹ – Ich mache meine Verbeugung: ›Adjüs!‹ und gehe wieder nach Stavenhagen.« – »Das ist brav von Ihnen!« sagt Bäcker Witt, »aber, was hilft uns die ganze schöne Kriegskunst? Die Sache ist diesmal mit dem verkehrten Ende zur Welt gekommen: Sie haben nicht ihn, er hat Sie und uns dazu, und wenn jemand gefesselt an die Stufen des Thrones gebracht wird, dann find wir es. Ich glaube, der Bürgermeister ist doch wohl der Klügste von uns gewesen; denn der ist jetzt über alle Berge und sitzt im Trockenen, und uns klappern die Zähne im Mund, wie wenn ein Beutel mit Haselnüssen geschüttelt wird.« – »Ach was!« sagte mein Onkel Herse. »Das ist keine Kunst, so vor allen sehenden Augen wegzujagen – ne, mein Rat ist, wir machen's seiner, mit 'ner Kriegslist; also mache sich ein jeder ein paar Kriegslisten zurecht, dann können wir ja nachher die beste davon aussuchen.« De oll Möller Voß hadd wildeß kein Wurd spraken, hei kek, so gaud as dat in den Regen gung, den Barg hendal nah de Landstrat. »Mein Gott!« säd hei endlich, »dat is jo woll rein unmäglich! Dat is jo woll min Fiken un Jochen Vossen sin Hinrich, de dor antauführen kamen?« Der alte Müller Voß hatte unterdessen kein Wort gesprochen; er sah, so gut es in dem Regen ging, den Berg hinunter nach der Landstraße. »Mein Gott!« sagte er endlich, »das ist ja wohl rein unmöglich! Das sind ja wohl meine Fiken und Jochen Vossens Hinrich, die dort angefahren kommen?« Un so was't. Und so war es. Dat virteihnte Kapittel Vierzehntes Kapitel Worüm de Herr Amtshauptmann mit 'ne leddige Waschschöttel vör min Mutting stunn. Wat Fiken un Hinrich wullen; un worüm Fritz Sahlmann mit sine Red nich tau Schick kamm. Warum der Herr Amtshauptmann mit einer leeren Waschschüssel vor meiner Mutter stand. – Was Fiken und Hinrich wollten, und warum Fritz Sahlmann nicht mit seiner Rede zustande kam. De trurigste Dag in mine Jugendtid, up den ick mi tau besinnen weit, was des'. Leiwer Gott! wo sach dat in min Mutting ehr Stuw' ut! Der traurigste Tag meiner Jugendzeit, aus den ich mich zu besinnen weiß, war dieser. Lieber Gott! wie sah's in Muttings Stube aus! Min Mutting hadd woll all lang' markt, dat wat vörgüng, wat nich sin süll, un wenn sei ok en sihr beweglichen Geist hadd un 'ne lewige Vörstellung, de ehr allens glik vör de Ogen bröcht un in't Licht stellt, so hadden doch Krankheit un Leid sei doran gewennt, sick tau faten, un, wat kamen müßt, in Ergewung tau dragen; äwer Ungewißheit is in so'ne Lag' sihr slimm, un wat noch slimmer is, dat is de Unmäglichkeit, sick Gewißheit tau verschaffen. Als sei de lude Red' von minen Vader up de Dehl hüren ded un de heftigen Würd' von den Franzosen un den korten Befehl von den Obersten, ahnt sei, wat dor geschach, ahn dat sei de Würd' verstunn; de Angst steg in ehr up, un kein Minsch was üm ehr, kein Minsch hürt up ehr Klingeln. Ehre hülplose Lag' un dat bittere Gefäuhl, dat sei nich helpen künn, dat sei nich dor stünn, wo sei stahn müßt, an de Sid von minen Vader, äwernemen sei, un as de oll Amtshauptmann in de Stuw' rinne kamm, was sei beswimt un lagg för dod in ihren Krankenstaul. Meine Mutter hatte wohl schon lange gemerkt, daß etwas vorging, was nicht sein sollte; und wenn sie auch einen sehr lebendigen Geist hatte und eine lebhafte Vorstellung, die ihr gleich alles vor die Augen brachte und ins Licht stellte, so hatten doch Krankheit und Leid sie daran gewöhnt, sich zu fassen und, was kommen mußte, in Ergebung zu tragen; aber Ungewißheit ist in solcher Lage sehr schlimm, und was noch schlimmer ist, das ist die Unmöglichkeit, sich Gewißheit zu verschaffen. Als sie die laute Rede meines Vaters auf der Diele hörte und die heftigen Worte des Franzosen und den kurzen Befehl des Obersten, ahnte sie, was dort geschah, ohne daß sie die Worte verstand; die Angst stieg in ihr auf, und kein Mensch war um sie, kein Mensch hörte auf ihr Klingeln. Ihre hilflose Lage und das bittere Gefühl, daß sie nicht helfen konnte, daß sie nicht dort stand, wo sie hätte stehen müssen: an der Seite meines Vaters – übernahmen sie, und als der alte Amtshauptmann in die Stube hereinkam, war sie ohnmächtig und lag wie tot in ihrem Krankenstuhl. De oll Herr was mit den schönsten Trostspruch ut Mark Aurelen up de Lippen rinne treden; äwer as hei den Taustand gewohr würd, föll hei ganz ut de Rull un röp ein äwer't anner Mal: »Ne, wat denn? Min Herzenskindting! Wat is Sei? Wat is Sei?« De oll Herr, de süs nich ut de Fatung tau bringen was, was mit sin Gedanken rein ut Rick un Schick geraden, un hei hadd blot dat düstre Gefäuhl behollen, dat hir wat gescheihn müßt, un as ick mit de hellen Tranen in de Ogen rinne störten ded, stunn hei mit 'ne Waschschöttel, wo kein Water in was, vör min Mutting un röp: »Dies ist doch eine sehr sonderbare Sache!« – Endlich kamm up min Schrigen de Fru Amtshauptmannen un Mamsell Westphalen tau Hülp. Ick hadd mi an min Mutting ran smeten un röp ein äwer't anner Mal: »Mutting, min leiw' Mutting, hei kümmt wedder; ick sall di seggen, hei wir bald wedder hir!« – Endlich, endlich kam sei tau Besinnung, un was dat irst ängstlich west, so würd dat nu en Jammer. Der alte Herr war mit dem schönsten Trostspruch aus Mark Aurel auf den Lippen eingetreten; aber als er den Zustand sah, fiel er ganz aus der Rolle und rief einmal übers andere: »Ne, was denn? Mein Herzenskindting! Was ist Ihnen? Was ist Ihnen?« Der alte Herr, der sonst nicht aus der Fassung zu bringen war, war mit seinen Gedanken rein aus Rand und Band geraten und hatte nur das dunkle Gefühl behalten, daß hier etwas geschehen müßte, und als ich mit hellen Tränen in den Augen hereinstürzte, stand er mit einer Waschschüssel, worin kein Wasser war, vor Mutting und rief: »Dies ist doch eine sehr sonderbare Sache!« – Endlich kamen auf mein Schreien die Frau Amtshauptmann und Mamsell Westphal zu Hilfe. Ich hatte mich an meine Mutter herangeworfen und rief einmal übers andere: »Mutting, lieb Mutting, er kommt wieder; ich sollte dir sagen, er wäre bald wieder hier!« Endlich, endlich kam sie zur Besinnung, und war es erst eine Angst gewesen, so wurde es jetzt ein Jammer. Trösten is dat lichtste Geschäft för den, de mit Redensorten baben den Harten weg en Trurigen einen Bewis von sin Höflichkeit gewen will; äwer't is dat swönnste Geschäft, wenn einer sin Hart, bet an den Rand vull Leiw', in en anner bedürftig Hart utgeiten müggt un dorbi fäuhlt, dat all de Leiw', de man beiden kann, nich utreikt, üm dat arme Hart tau nige Hoffnung lebendig tau maken; un dit swor Geschäft ward tau 'ne Unmäglichkeit, wenn einer an sinen eigenen Trost nich glöwt. Gott Lob un Dank! Dit was hir nich de Fall. De tru'sten Harten stunnen uns bi, un den ollen Herrn un sine gaude Fru gelung dat bi Lütten, min Mutting in ehren Jammer Rauh tau verschaffen, un as sei man irst för Grün'n taugänglich was, dunn süll't nich doran fehlen, denn hadd ein Minsch up de Welt Grün'n, denn hadd sei de oll Herr Amtshauptmann, un hüt sport hei sei nich. Trösten ist das leichteste Geschäft für den, der mit Redensarten, die nicht vom Herzen kommen, einem Traurigen einen Beweis seiner Höflichkeit geben will; aber es ist das schwerste Geschäft, wenn einer sein Herz, bis an den Rand voll Liebe, in ein anderes bedürftiges Herz ausschütten möchte, und dabei fühlt, daß alle die Liebe, die man bieten kann, nicht ausreicht, um das arme Herz zu neuer Hoffnung lebendig zu machen; und dieses schwere Geschäft wird zu einer Unmöglichkeit, wenn einer an seinen eigenen Trost nicht glaubt. Gott Lob und Dank, dies war hier nicht der Fall! Die treuesten Herzen standen uns bei, und dem alten Herrn und seiner guten Frau gelang es bei kleinem, meiner Mutter in ihrem Jammer Ruhe zu verschaffen; und als sie nur erst für Gründe zugänglich war, da sollte es daran nicht fehlen, denn hatte ein Mensch auf der Welt Gründe, so hatte sie der alte Herr Amtshauptmann, und heute sparte er sie nicht. Bi mi verslogen de Grün'n weniger, äwer ick was dorüm doch noch ihre tröst't as min Mutting. Mi hadd Mamsell Westphalen up den Schot namen, un währenddeß, dat ehr de Tranen ut de Ogen schoten, makt sei mi de prächtigsten Utsichten up de schönsten Appel, un dat ded't bi mi; en Kinnerhart is bald tröst't, un verlangt en Bom en düchtigen Regen, so ward en Grashalm all nah en Daudruppen frisch. As de irste Jammer vöräwer was, kamm de Stadtdeiner Luth herinne un säd den Herrn Amtshauptmann, Möller Vossen sin Fiken stünn buten un wull em en por Würd' spreken. »Min Herzenskindting«, säd de oll Herr, »dat is en braves Mäten, ick weit dat gewiß, un sei ward ok üm ehren Vader in Ängsten sin; ick denk, wi hüren hir, wat dat arme Worm will. Wo seggt Horaz: est solamen miseris socios habuisse malorum. Ick äwersett Sei dat nahsten. – Luth, min leiw' Mann, lat Hei dat Mäten rinne kamen.« Bei mir verschlugen die Gründe weniger, aber ich war darum doch noch eher getröstet, als meine Mutter. Mich hatte Mamsell Westphal auf den Schoß genommen, und während ihr die Tränen aus den Augen schossen, machte sie mir die prächtigsten Aussichten auf die schönsten Aepfel, und das tat's bei mir; ein Kinderherz ist bald getröstet, und verlangt ein Baum einen tüchtigen Regen, so wird ein Grashalm schon nach einem Tautropfen frisch. Als der erste Jammer vorüber war, kam Stadtdiener Luth herein und sagte dem Herrn Amtshauptmann, Müller Vossens Fiken stände draußen und wollte ihn auf ein paar Worte sprechen. »Mein Herzenskindting,« sagte der alte Herr, »das ist ein braves Mädchen, das weiß ich gewiß; und sie wird auch um ihren Vater in Aengsten sein; ich denke, wir hören hier, was das arme Wurm will. Wie sagt Horaz: ›est solamen miseris socios habuisses malorum.‹ Ich übersetz' Ihnen das nachher. – Luth, mein lieber Mann, laß Er das Mädchen hereinkommen.« Fiken kamm herin. Sei was 'ne lütte, finbugte Dirn, äwer de Gesundheit lagg up ehre frischen Backen, un wenn ehr Ogen up Stun'ns ok trurig vör sick hen segen, so kunn em doch seihn, dat sei tau Tiden lustig in de Welt rinne lachen kunnen. Ehr ganz Utseihn wis'te, dat sei in allen Dingen en bedräplich Mäten was, wat sick nich von ehr Unnernemen afwennig maken let, un up ehr truhartig Gesicht was tau lesen, dat sei sick nich mit een Unnernemen afgaww, wenn sei't nich für recht inseihn hadd. Sei hadd äwer ehr dreistückig Mütz wegen den Regen en rodes Dauk bunnen un stunn so sauber in ehren rod- un gräunstripigen wullintlin'n Rock vör den ollen Herrn, dat hei sick nah sin Fru ümwen'nte un halwlud säd: »Ne, wat denn, Neiting?« – As Fiken em ehren Knix makt hadd, gung sei an de Frau Amtshauptmannen un min Mutting un Mamsell Westphalen ranne un makte ehr ok einen un gaww ehr de Hand, so wull dat de oll truhartige Tid. Fiken kam herein. Sie war eine kleine, feingebaute Dirne, aber die Gesundheit lag auf ihren frischen Backen, und wenn ihre Augen jetzt auch traurig vor sich hinsahen, so konnte man doch sehen, daß sie zu Zeiten lustig in die Welt hineinlachen konnten. Ihr ganzes Aussehen zeigte, daß sie in allen Dingen ein geschicktes Mädchen war, das sich nicht von ihrem Unternehmen abwendig machen ließ; und auf ihrem treuherzigen Gesicht war zu lesen, daß sie sich nicht mit einem Unternehmen abgab, wenn sie es nicht für recht erkannt hatte. Sie hatte über ihre dreistückige Mütze wegen des Regens ein rotes Tuch gebunden, und stand so sauber in ihrem rot und grün gestreiften Rock vor dem alten Herrn, daß er sich nach seiner Frau umdrehte und halblaut sagte: »Ne, was denn, Neiting?« – Als Fiken ihm ihren Knix gemacht hatte, ging sie an die Frau Amtshauptmann und meine Mutter und Mamsell Westphal heran und machte ihnen auch einen und gab ihnen die Hand; so wollte es die alte treuherzige Zeit. »Herr Amtshauptmann«, säd Fiken, »min Vader un uns' Buren hewwen ümmer vel Gauds von Sei vertellt, un dorüm bün ick drist naug, in min Drangsal tau Sei tau kamen.« – »Wat haddst du denn woll up dinen Harten, min Döchting?« frog de oll Herr fründlich un läd ehr de Hand up den Kopp. »Ne, wat denn?« – »Herr, min Vatting is unschüllig«, säd sei wider un kek den Ollen so recht mit Vertrugen in de Ogen. – »Dat hei dat is, weit ick, min Kindting«, säd de oll Herr un nickte mit den Kopp. – »Un dorüm heww ick ok kein Angst, dat hei nich bald fri kamen möt«, säd Fiken. – »Hm! Ja! Dat heit, dat wir nich mihr as recht. Äwer in de jitzige Tid geiht Gewalt vör Recht, un is dat all bi den besten Willen in ruhigen Tiden för den Minschen swor, den Unschülligen von den Schülligen utfinnig tau maken, so is dat in Krigstiden noch swönner, vör allen, wenn de gaude Will fehlt.« – »Dorvör heww ick kein Bang'n«, föll Fiken rasch in; »fri möt hei kamen, un dat ball. Äwer min Vatting is en ollen Mann, em kann wat taustöten, un denn is keiner üm em rümmer, dorüm wull ick em nah.« – »Min Döchting«, säd de oll Herr un schüddelt mit den Kopp, »du büst jung, un Soldaten sünd ruge Gäst, dat künn kein Trost för dinen Vader sin, wenn hei di in ehr Gesellschaft wüßt.« – »Herr, ick wull ok nich allein mit, min Vedder Hinrich, wat Jochen Vossen sin Sähn is, de wull mit mi, un wi dachten, wenn Sei uns en Schriwen, so as en Schutzbreiw, mitgewen, denn künn uns nicks passieren.« – . »En Schutzbreiw?« säd de oll Herr un schüddelt düller mit den Kopp. »Min Döchting, dat Volk ward sick vel an en Schutzbreiw von einen Stemhäger Amtshauptmann kihren. Un doch, min Herzenskindting!« un wen'nt sick an min Mutting, »wenn ick ehr so'n Breiw an den Obersten von Toll mitgew; ne, wat denn? – Neiting, er müßte nicht der Sohn von Renatus von Toll sein, wenn hei dit lütt Mäten ahn Schutz let. – Un du seggst«, wen'nt hei sick wedder an Fiken, »din Vedder Hinrich will mit di?« – »Ja, Herr, hei steiht hir up de Dehl.« – »Raup em mal rinne!« »Herr Amtshauptmann,« sagte Fiken, »mein Vater und unsere Bauern haben immer viel Gutes von Ihnen erzählt, und darum bin ich so dreist, in meiner Drangsal zu Ihnen zu kommen.« – »Was hättest du denn wohl auf deinem Herzen, meine Tochter?« fragte der alte Herr freundlich und legte ihr die Hand auf den Kopf; »ne, was denn?« – »Herr, mein Vater ist unschuldig,« fuhr sie fort und sah dem Alten so recht mit Vertrauen in die Augen. – »Daß er das ist, weiß ich, mein Kindting,« sagte der alte Herr und nickte mit dem Kopf. – »Und darum habe ich auch keine Angst, daß er nicht bald frei kommen muß,« sagte Fiken. – »Hm! Ja! Das heißt, es wäre nicht mehr als recht – aber in der jetzigen Zeit geht Gewalt vor Recht, und ist es schon bei dem besten Willen in ruhigen Zeiten für den Menschen schwer, den Unschuldigen von dem Schuldigen zu unterscheiden, so ist es in Kriegszeiten noch schwerer, vor allem, wenn der gute Wille fehlt.« – »Davor hab' ich keine Bange,« fiel Fiken rasch ein; »frei kommen muß er und das bald. Aber Vatting ist ein alter Mann, ihm kann etwas zustoßen, und dann ist keiner um ihn herum, darum wollte ich ihm nach.« – »Mein Kind,« sagte der alte Herr und schüttelte den Kopf, »du bist jung, und Soldaten sind rauhe Gäste; das könnte kein Trost für deinen Vater sein, wenn er dich in deren Gesellschaft wüßte.« – »Herr, ich wollte auch nicht allein mit, mein Vetter Hinrich, Jochen Vossens Sohn, der wollte mit mir gehen; und wir dachten, wenn Sie uns ein Schreiben, so eine Art von Schutzbrief, mitgäben, dann könnte uns nichts passieren.« – »Einen Schutzbrief?« sagte der alte Herr und schüttelte stärker mit dem Kopf. »Mein Kind, das Volk wird sich viel an einen Schutzbrief von einem Stavenhäger Amtshauptmann kehren. Und doch, mein Herzenskindting!« – und er wandte sich an meine Mutter – »wenn ich ihr so einen Brief an den Obersten von Toll mitgäbe: ne, was denn? Neiting, er müßte nicht der Sohn von Renatus von Toll sein, wenn er dies kleine Mädchen ohne Schutz ließe. – Und du sagst,« wandte er sich wieder an Fiken, »dein Vetter Hinrich will mit?« – »Ja, Herr, er steht hier auf der Diele.« – »Ruf ihn mal herein!« Hinrich kamm rin. Hei was en sturen Kirl, breid in de Schullern un rank in de Hüften, blag von Ogen un hell von Hor; von de Ort, de einer bi uns in de Austtid von morgens Klock söß bet abends Klock nägen den Seißenbom regieren süht, as wir't 'ne Schriwfedder, womit en jeder sin Dagwark verteiken müßt. – »Un du, min Sähn«, säd de oll Herr, »du wullst mit Fiken gahn?« – »Ja, Herr.« – »Un du wullst ehr Schutz sin un wullst sei nich verlaten?« – »Ja, Herr! Un ick heww min Pird un Wag' hir, un ick dacht so. wenn dat Franzosentüg nicks dorwedder hadd, kün'n jo de Gefangen mit Fiken führen, un ick güng denn biher.« – »Herr Amtshauptmann«, röp min Mutting, »helpen S' em tau sin Vörnemen, dit is möglicher Wis' de einzigste Gelegenheit, dat ick minen Mann dat Notwendigste nahschicken kann. Hei is jo, as hei gung un stunn, up de Strat reten worden, un denn in dit Weder!« – »Wohr, min Herzenskindting, wohr! Ja, ick will di den Breiw schriwen, Fiken. Un, Neiting, de oll Möller is ok ahn Kledaschen wegkamen, sorg dorför. – Minen Mantel, Mamsell Westphalen, un ok 'ne Slapmütz, denn ick weit, hei dröggt weck. Un, min Herzenskindting«, säd hei tau min Mutting, »wer sick einmal doran gewennt hett, för den is dat slimm, wenn hei sei missen sall.« – »Fritz«, säd Fru Amtshauptmannen tau mi, »lop räwer nah Bäcker Witt's, ob de Strüwingken ehren Vader nich ok wat mitschicken wull.« Hinrich kam herein; er war ein strammer Bursch, breit in den Schultern und schlank in den Hüften, blau von Augen und hell von Haar; von der Art, die man bei uns in der Erntezeit von morgens sechs bis abends neun den Sensenbaum regieren sieht, als wäre er eine Schreibfeder, womit ein jeder sein Tagewerk verzeichnen müßte. »Und du, mein Sohn,« sagte der alte Herr, »du wolltest mit Fiken gehn?« – »Ja, Herr.« – »Und du wolltest ihr Schutz sein und wolltest sie nicht verlassen?« – »Ja, Herr! Und ich habe Pferde und Wagen hier, und ich dachte so, wenn das Franzosenzeug nichts dagegen hätte, könnten ja die Gefangenen mit Fiken fahren, und ich ginge dann nebenher.« – »Herr Amtshauptmann,« rief meine Mutter, »helfen Sie ihm bei seinem Vorhaben! Dies ist möglicherweise die einzige Gelegenheit, daß ich meinem Mann das Notwendigste nachschicken kann. Er ist ja, wie er ging und stand, auf die Straße gerissen worden, und noch dazu in diesem Wetter!« – »Wahr! Mein Herzenskindting! Ja, ich will dir den Brief schreiben, Fiken – und, Neiting, der alte Müller ist auch ohne Kleider weggekommen; sorge dafür! – Meinen Mantel, Mamsell Westphal und auch eine Schlafmütze, denn ich weiß, er trägt welche. Und, mein Herzenskindting,« sagte er zu meiner Mutter, »wer sich einmal daran gewöhnt hat, für den ist es schlimm, wenn er sie missen soll.« – »Fritz,« sagte Frau Amtshauptmann zu mir, »lauf hinüber zu Bäcker Witts, ob die Strübingen ihrem Vater nicht auch etwas mitschicken will.« Nu gang dat denn an't Packen; in'n Ümseihn was dat besorgt, un as allens up den Wagen lagg, kamm de Strüwingken noch mit en groten Korw vull Botterpamel un Mettwust antaudragen. Fiken satt all up den Wagen, de Herr Amtshauptmann hadd den Breiw farig, un as hei'n Fiken gewen hadd, röp hei Hinrichen bi Sid un säd: »Also du büst Jochen Vossen sin Sähn, de mit den Möller so lang in'n Prozeß legen hett?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, nemen S' 't nich äwel, äwer min Vader was ok wat steinpöttig un hadd sick dorup set't; äwer ick bün derowegen herkamen un heww ok mit den Möller all redt un nahsten ok mit Fiken, un wenn't nah minen Willen geiht, denn kümmt de Sak in de Reih.« – »Min Sähn«, säd de oll Herr un gaww em de Hand un schüddelt s', »irstens will 'ck di wat seggen: du geföllst mi. Äwer tweitens will ick di ok watt seggen: du hest di tau den Möller sin Fiken ehren Schutz upsmeten, lettst du mi dat Mäten en Hor krümmen, denn kumm mi nich wedder unner de Ogen.« – Dormit dreiht hei sick üm, gung in min Mutting ehr Stuw' un säd: »En prächtiges Mädchen, min Herzenskindting!« Nun ging es denn ans Packen; und das war im Umsehen besorgt, und als alles auf dem Wagen lag, kam die Strübingen noch und trug einen großen Korb voll Butterwecken mit Mettwurst heran. Fiken saß schon auf dem Wagen, der Herr Amtshauptmann hatte den Brief fertig, und als er ihn Fiken gegeben hatte, rief er Hinrich beiseite und sagte: »Also du bist Jochen Vossens Sohn, der mit dem Müller so lange im Prozeß gelegen hat?« – »Ja, Herr Amtshauptmann, nehmen Sie's nicht übel, aber mein Vater war auch ein bißchen hartköpfig und hatte sich darauf versteift; aber ich bin gerade deswegen hergekommen und habe mit dem Müller schon gesprochen und nachher auch mit Fiken, und wenn's nach meinem Willen geht, dann kommt die Sache in Ordnung.« – »Mein Sohn,« sagte der alte Herr und gab ihm die Hand und schüttelte sie; »erstens will ich dir etwas sagen: du gefällst mir. Aber zweitens will ich dir noch etwas sagen: du hast dich zu Fiken Vossens Schutz aufgeworfen; läßt du mir dem Mädchen ein Haar krümmen, dann komm mir nicht wieder unter die Augen!« – Damit drehte er sich um, ging in die Stube meiner Mutter und sagte: »Ein prächtiges Mädchen, mein Herzenskindting!« »Wat säd de Herr Amtshauptmann tau di?« frog Fiken, as Hinrich an ehre Sid satt un dat Fuhrwark furt gung. »Oh, hei säd man so«, säd Hinrich. »Äwerst du wardst di verküllen!« set't hei hentau un wickelt sei in den ollen Herrn sinen Mantel un führt grelling de Strat dal. »Was sagte der Herr Amtshauptmann zu dir?« fragte Fiken, als Hinrich an ihrer Seite saß und der Wagen fortfuhr. »Oh, er sagte nur so,« sagte Hinrich. »Aber du wirst dich erkälten,« setzte er hinzu und wickelte sie in des alten Herrn Mantel und fuhr in schlankem Trab die Straße hinunter. As sei knapp ut den Dur wiren, kemen ehr de Stemhäger Lüd' entgegen, de noch 'ne Wil mit de Franzosen un de Gefangen gahn wiren; vöran natürlich Fritz Sahlmann. Wo sach de Jung' ut! As hadd hei den Dag äwer in Teigelkuhl un Leimtrad wirkt. »De Burmeister is utritscht!« röp hei de Strat lang. »De Burmeister is up oll Nicolain sinen Brunen in de Wicken gahn. Ick heww em en Wink gewen, un heidi! was hei.« – »Jung', wat redst du?« säd Schauster Banken sin Fru, de äwer de halwe Husdör nah ehren Mann utkek. – »Ja, Nahwersch«, säd Sprüttenmeister Tröpner, de nu ranne kamm. »de Burmeister is ehr fläuten gahn; äwer dinen Mann hewwen s' en Denkzettel gewen; kak em man en beten Saffran un Roggenmehl un legg em dat mang de Schullern, wo em de Franzos' mit den Flintenkolben keddeln ded.« Als sie kaum aus dem Tor waren, kamen ihnen die Stavenhäger entgegen, die noch eine Weile mit den Franzosen und den Gefangenen gegangen waren; voran natürlich Fritz Sahlmann. Wie sah der Junge aus! Als hatte er den Tag über in Ziegelgrube und Lehmtrade gewirkt! »Der Bürgermeister ist ausgerissen!« rief er die Straße entlang; »der Bürgermeister ist auf des alten Nicolai Braunem in die Wicken gegangen! Ich hab ihm einen Wink gegeben, und heidi! war er.« – »Junge, was redest du?« sagte Schuster Banks Frau, die über der halben Haustür nach ihrem Mann aussah. – »Ja, Nachbarin,« sagte Spritzenmeister Tröpner, der nun herankam, »der Bürgermeister ist ihnen flöten gegangen; aber deinem Mann haben sie einen Denkzettel gegeben; koche ihm nur ein bißchen Safran und Roggenmehl und lege ihm das zwischen die Schultern, wo ihn der Franzos mit dem Flintenkolben gekitzelt hat.« As en Lopfüer gung de Nahricht dörch de Stadt: »De Burmeister is up Nicolain sinen Brunen de Franzosen ut de Lappen gahn!« Un de Stadtdeiner Luth ströt't in min Mutting ehr Stuw' herin mit en Gesicht, as wenn de tweite Pingsten- un Oster-Dag up einen Dag follen wir un hei wir dortau set't, dat hei dat Part von Vergnäugen, wat an desen Dagen up de ganze Stemhäger Börgerschaft fallen ded, allein geneiten süll. »Fru Burmeistern!« röp hei, »verfiren S' sick nich! – Herr Amtshauptmann, 't is wat Gauds! – 't is wat Gauds, Fru Amtshauptmannen! – Mamsell Westphalen, wo is't mäglich! – Uns' Herr is de Franzosen utritscht!« – Ach du leiwer Gott, wat würd't för en Upstand! Min Mutting bäwerte an Hän'n un Fäuten, de Herr Amtshauptmann verget sin Öller un sin Stellung, kreg den Stadtdeiner bi'n Kragen un schüddelt em nah Kräften: »Luth, Mann, besinn Hei sick! Uns is hir nich spaßig tau Maud'.« – De Fru Amtshauptmannen gung in Besorgnis an min Mutting ranne, un Mamsell Westphalen satt stur un stiw un säd: »Mit Verlöw tau seggen, Herr Amtshauptmann, hei 's 'n Hanswust!« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann!« röp Luth un let sick schüddeln, »glöwen S' mi dat doch tau, Fritz Sahlmann het't jo mit anseihn un hett mi't seggt.« – »Fritz Sahlmann? Min Fritz Sahlmann?« frog de oll Herr un let den Stadtdeiner los. – »Herr Amtshauptmann«, säd Mamsell Westphalen ganz ruhig, »as de ein heit, süht de anner ut. Fritz Sahlmann un de Wohrheit kiken sick enanner an as Kukuk un Säbenstirn.« – »Wo is de Jung'?« frog de oll Herr, – »Hir buten steiht hei up de Dehl«, säd Luth. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch die Stadt: »Der Bürgermeister ist auf Nicolai seinem Braunen den Franzosen durch die Lappen gegangen!« Und der Stadtdiener Luth stürzte in die Stube meiner Mutter herein mit einem Gesicht, wie wenn der zweite Pfingst- und Ostertag auf einen Tag gefallen waren, und er wäre dazu angestellt worden, den Anteil von Vergnügen, der an diesen Tagen auf die ganze Stavenhager Bürgerschaft fiel, allein zu genießen. »Frau Bürgermeister!« rief er, »erschrecken Sie sich nicht! – Herr Amtshauptmann, 's ist was Gutes! – 's ist was Gutes, Frau Amtshauptmann! – Mamsell Westphal, wie ist's möglich! Unser Herr ist den Franzosen ausgerissen!« – Ach du lieber Gott, was wurde das für ein Aufstand! Meine Mutter bebte an Händen und Füßen, der Herr Amtshauptmann vergaß das Alter und seine Stellung, packte den Stadtdiener beim Kragen und schüttelte ihn nach Kräften: »Luth, Mann, besinn' Er sich! Uns ist hier nicht spaßig zumute!« – Die Frau Amtshauptmann ging in Besorgnis an meine Mutter heran, und Mamsell Westphal saß starr und steif und sagte: »Mit Verlaub zu sagen, Herr Amtshauptmann; er ist ein Hanswurst!« – »Herr Amtshauptmann, Herr Amtshauptmann!« rief Luth und lieh sich schütteln, »glauben Sie's mir doch, Fritz Sahlmann hat es ja mit angesehen und hat mir's gesagt.« – »Fritz Sahlmann? Mein Fritz Sahlmann?« fragte der alte Herr und ließ den Stadtdiener los. – »Herr Amtshauptmann,« sagte Mamsell Westphal ganz ruhig, »wie der eine heißt, sieht der andere aus. Fritz Sahlmann und die Wahrheit gucken einander an, wie Kuckuck und Siebengestirn.« – »Wo ist der Junge?« fragte der alte Herr. – »hier draußen steht er auf der Diele,« sagte Luth. Mit grote Schritten gung de oll Herr nah de Dör un röp rute: »Fritz! Fritz Sahlmann, kumm hir mal rinne!« – Fritz Sahlmann kamm; in sine Bost wiren twei Gewalten: de Lust, sine Heldendahten tau vertellen, un de Furcht vör en natt Johr von wegen sin Utseihn; de ein drew em nah vörwarts, un de anner höll em taurügg, un't müggt jo woll de ein linksch un de anner rechtsch wirken, genaug, hei kamm verschrat in de Dör, mit sin gaud Sid irst, hadd äwer doch sin Reknung falsch äwerslagen, denn hei let dorbi uter acht, dat up dese Wis' sin natürliche Swerpunkt, mit den hei sick in den Hollweg dal set't hadd, de Fru Amtshauptmannen un Mamsell Westphalen alsoglik vör de Ogen kamen müßt. – »Fritz Sahlmann«, frog de oll Herr, »wat is dit all?« – Fritz Sahlmann, de in'n ganzen mit 'ne Ort von Stolz inrückt was, let den Kopp hängen un kek sin Unnerdeil an: »Ob, nicks, Herr Amtshauptmann! Blot en beten reinen Leim.« – »Gott bewohr uns!« röp de Fru Amtshauptmannen, »wo süht de Jung' ut! Wer sall den wedder rein krigen!« – »Dör möt Fik un Korlin, jede mit ein stuwen Bessen, äwer«, säd Mamsell Westphalen ganz ruhig. – »Jung'«, säd de Herr Amtshauptmann, »nu segg mi glick de reine Wohrheit: is de Burmeister flüchtig worden oder nich?« – »Ja, Herr Amtshauptmann«, säd Fritz un kek wedder tau Höcht, »hei's ehr schappiert.« – »Lägen!« smet Mamsell Westphalen verluren dormang. »Wo kann ut so'n unreines Gefäß de reine Wohrheit kamen?« – »Vertell, Fritz!« säd de Oll. Un Fritz vertellt. Mit großen Schritten ging der alte Herr nach der Tür und rief hinaus: »Fritz! Fritz Sahlmann, komm hier mal 'rein!« – Fritz Sahlmann kam. In seiner Brust waren zwei Gewalten: die Lust, seine Heldentaten zu erzählen, und die Furcht vor einem nassen Jahr wegen seines Aussehens; die eine trieb ihn vorwärts; und die andere hielt ihn zurück, und es mochte ja wohl die eine nach links und die andere nach rechts wirken – genug, er kam schräge zur Tür herein, hatte aber doch seine Rechnung falsch überschlagen, denn er ließ dabei außer acht, daß auf diese Weise sein natürlicher Schwerpunkt, mit dem er sich in den Hohlweg niedergesetzt hatte, der Frau Amtshauptmann und Mamsell Westphal alsogleich vor die Augen, kommen mußte. – »Fritz Sahlmann,« fragte der alte Herr, »was ist dies alles?« – Fritz Sahlmann, der im ganzen mit einer Art von Stolz eingerückt war, ließ den Kopf hängen und sah sein Unterteil an: »O nichts, Herr Amtshauptmann! Bloß ein bißchen reiner Lehm.« – »Gott bewahre uns!« rief die Frau Amtshauptmann, »wie sieht der Junge aus! Wer soll den wieder rein kriegen?« – »Da müssen, Fik und Karline, jede mit einem stumpfen Besen drüber her,« sagte Mamsell Westphal ganz ruhig. – »Junge,« sagte der Herr Amtshauptmann, »nun sage mir gleich die reine Wahrheit: ist der Bürgermeister flüchtig oder nicht?« – »Ja, Herr Amtshauptmann,« sagte Fritz und sah wieder empor, »er ist ihnen schappiert.« – »Lügen!« warf Mamsell Westphal halbleise dazwischen. »Wie kann aus so einem unreinen Gefäß die reine Wahrheit kommen?« – »Erzähle. Fritz!« sagte der Alte. Und Fritz erzählte. 't kümmt oft vör in de Welt, dat einer tau vele Ihr inausten will un doräwer ok de verlustig geiht, de em mit Recht taukümmt. So gung dat Fritzen ok. As hei bet sinen Andeil an de Geschicht kamen was, vertellt hei so ümständlich, beschrew sinen natürlichen Fall so genau un makt so vele Redensorten, üm sine Daht in en helles Licht tau stellen, dat hei noch lang' nich mit de Geschicht tau En'n was, as Luth mit den Sprüttenmeister Tröpner herinne kamm un de Herr Amtshauptmann sick an den wen'nte: »Mein lieber Meister, was wissen Sie von der Sache?« – Meister Tröpner fäuhlte ut dese hochdütsche Frag rute, dat hei von den ollen Herrn as en gebildten Minsch traktiert würd, un beslot, sick ok as en gebildten Minsch tau bedragen, hei säd also up Hochdütsch: »Ich hätte es von Ur tau En'n mit angesehn.« Nu vertellte hei denn de Sak wedder von vör, let Fritz Sahlmannen sinen Andeil ganz weg un slot sine Vertellung mit dese Würd': »Un somit sprung de Herr Burmeister achter den Herrn Ratsherrn sinen Mantäng heraus, fuhr um die Ekklipage rum, krawwelte sich fixing den Äuwer in die Höchte, sprung achter de holle Weide, riß Fritzen vor Gewalt die Tägel aus die Hände, swung sich in den Sadel, un als er man erst die Fühlung von den Braunen unter sich hatte, bädelte er plängschaß den Barg hendal, ümmer auf die Pribbenowschen Dannen zu, was't Tüg hollen wull.« – »Un de Franzosen?« frog de oll Herr. – »Oh, Herr Amtshauptmann, die wären halb verklamt, un als sie schießen wollten, gung nichts nich los von wegen der Nassigkeit, sie schmissen sich also in ihrer Zornigkeit auf uns Unschuldswürm von bloße Zuschauer und hätten den Schustermeister Bank aus der Bramborgsch Strat mit den Kolben mang de Schullerbläder ramponiert, worauf wir alle uns exküsierten, indem daß wir den Barg run lepen.« – »Min Herzenskindting«, röp de oll Herr, »des' lütt Burmeister is en Kirl as en Uhrworm! Das ist ein Kerl, fix wie ein Feuerschloß, min Herzenskindting!« – Äwer de , för de des' Red bestimmt was, hürte em nich. Min Mutting lagg in ehren Staul un weinte bitterlich. As de Red' up dat Scheiten kamm, drückte sei den Arm von de gaude Fru Amtshauptmannen so fast an sick, as wull sei sick doran hollen gegen den Swindel, de ehr beföll, äwer as endlich de Gewißheit herute kamm, dat min Vader gesund dorvon kamen was, stört'ten de Tranen ehr ut de Ogen, sei deckte ehr Dauk äwer ehr Gesicht un weinte still vör sick hen. Wiren dat Freudentranen? Wer weit. Wer kann seggen, wo Freud un Weihdag' sick scheiden? Sei spelen tau wunderlich in dat Minschenhart inenanner äwer; sei sünd Uptog un Inslag, un woll den , bi den ut beiden en fastes Gewew' ward! De Tran, de ut Weihdag' geburen is, hett so gaud ehren Inslag von Hoffnung as de Freudentranen ehren Inslag von Furcht. De vergangen Angst üm minen Vader un de Furcht vör sine Taukunft wewten sick in min Mutting ehr freudig Dankgefäuhl, un de Tran, de up de Ird föll, was kein reine Freudentran. Föllt äwerhaupt up unsre Ird 'ne reine Freudentran? Es kommt oft vor in der Welt, daß einer zu viele Ehre einernten will und darüber auch derjenigen verlustig geht, die ihm mit Recht zukommt. So ging es auch Fritzen. Als er zu seinem Anteil an der Geschichte gekommen war, erzählte er so umständlich, beschrieb seinen natürlichen Fall so genau und machte so viele Redensarten, um seine Tat in ein helles Licht zu stellen, daß er noch lange nicht mit der Geschichte zu Ende war, als Luth mit dem Spritzenmeister Tröpner hereinkam, und der Amtshauptmann sich an diesen wendete: »Mein lieber Meister, was wissen Sie von der Sache?« – Meister Tröpner fühlte aus dieser hochdeutschen Ansprache heraus, daß er von dem alten Herrn als ein gebildeter Mensch behandelt wurde, und beschloß, sich auch wie ein gebildeter Mensch zu betragen; er sagte also auf hochdeutsch: »Ich hätte es von Ur tau Enn' mit angesehen.« Nun erzählte er dann wieder die Sache von vorne, ließ Fritz Sahlmanns Anteil ganz weg und schloß seine Erzählung mit den Worten: »Un somit sprung de Herr Burmeister achter den Herrn Ratsherrn sinen Mantäng heraus, fuhr um die Ektlipasche rum, krawwelte sich fixing den Aeuwei in die Höchte, sprung achter die holle Weide, riß Fritzen vor Gewalt die Tägel aus die Hände, swung sich in den Sadel, und als er man erst die Fühlung von den Braunen unter sich hatte, bädelte er plängschaß den Barg hendal, ümmer auf die Pribbenowschen Wannen zu, was 't Tüg hollen wull.« – »Und die Franzosen?« fragte der alte Herr. – »Oh, Herr Amtshauptmann, die waren halb verklamt, un als sie schießen wollten, gung nichts nich los von wegen der Nassigkeit; sie schmissen sich also in ihrer Zornigkeit auf uns Unschuldswürm von bloße Zuschauer und hätten den Schustermeister Bank, aus der Bramborgsch Strat, mit den Kolben mang de Schullerbläder ramponiert, worauf wir alle uns exküsierten, indem daß wir den Barg 'runlepen.« – »Mein Herzenskindting,« rief der alte Herr; »dieser kleine Bürgermeister ist ein Kerl wie ein Ohrwurm! Das ist ein Kerl, fix wie ein Feuerschloß, mein Herzenskindting!« – Aber die, für die diese Rede bestimmt war, hörte sie nicht. Meine Mutter lag in ihrem Stuhl und weinte bitterlich. Als die Rede auf das Schießen kam, drückte sie den Arm der guten Frau Amtshauptmann so fest an sich, als wollte sie sich daran halten gegen die Ohnmacht, die sie befiel; aber als endlich die Gewißheit sich herausstellte, daß mein Vater gesund davongekommen war, stürzten ihr die Tränen aus den Augen; sie deckte ihr Tuch über ihr Gesicht und weinte still vor sich hin. Waren das Freudentränen? Wer weiß? Wer kann sagen, wo Freud und Leid sich scheiden? Sie spielen im Menschenherzen zu wunderlich ineinander über; sie sind Aufzug und Einschlag, und wohl dem, bei dem aus beiden ein festes Gewebe wird! Nie Träne, die aus Schmerz geboren ist, hat so gut ihren Einschlag von Hoffnung, wie die Freudenträne ihren Einschlag von Furcht. Die vergangene Angst um meinen Vater und die Furcht um seine Zukunft webten sich in meiner Mutter freudiges Dankgefühl, und die Träne, die auf die Erde fiel, war keine reine Freudenträne. Fällt überhaupt auf unsere Erde eine reine Freudenträne? 't was ganz still worden, en Engel flog dörch de Stuw', ne korte Tid man; de Engel täuwen nich lang' bi uns – ick weit't, denn ick stunn mit den Kopp an uns' brune Stuwenklock un weinte un horkte up den Parpendikel – ne korte Tid! Ick kek tau Höcht: de oll Herr kek ut dat bäwelste Finster in den grauen Hewen, min Mutting un de Fru Amtshauptmannen weinten, Mamsell Westphalen ok, sei hadd Fritz Sahlmannen an de Hand fat't, un bi den letzten Flägelslag von den Engel säd sei: »Fritz, min Sähning, gah nah'n Sloß un treck di drög an, Fik sall di din sünndagsch Tüg gewen.« – »Un ick, Herr Amtshauptmann«, säd Luth, »will nah Gülzow, un Tröpner kann nah Pribbenow gahn, dat wi den Herrn Burmeister nich verfehlen.« – De oll Herr nickte mit den Kopp, gung an min Mutting ran, an de ehr Knei ick mi ran leggt hadd, un säd: »Sei un de Jung' hir hewwen hüt alle Ursak, unsern Herrgott tau danken, min Herzenskindting.« Es war ganz still geworden; ein Engel flog durch die Stube – eine kurze Zeit nur; die Engel warten nicht lange bei uns – ich weiß es, denn ich stand mit dem Kopf an unsere braune Stubenuhr gelehnt und weinte und horchte auf den Perpendickel. Eine kurze Zeit! Ich blickte auf: der alte Herr sah durch das oberste Fenster in den grauen Himmel; meine Mutter und die Frau Amtshauptmann weinten; Mamsell Westphal auch; sie hatte Fritz Sahlmann an die Hand gefaßt, und beim letzten Flügelschlage des Engels sagte sie: »Fritz, mein Söhning, geh aufs Schloß und zieh dich trocken an. Fik soll dir dein Sonntagszeug geben.« – »Und ich, Herr Amtshauptmann,« sagte Luth, »will nach Gülzow, und Tröpner kann nach Pribbenow gehen, damit wir den Herrn Bürgermeister nicht verfehlen.« – Der alte Herr nickte mit dem Kopf, ging an meine Mutter heran, an deren Knie ich mich gelehnt hatte, und sagt«: »Sie und der Junge hier haben heute alle Ursache, unserm Herrgott zu danken, mein Herzenskindting.« Dat föfteihnte Kapittel Fünfzehntes Kapitel Worüm sick de Oberst bi Fiken ehr Red' afwennen müßt, un worüm sick Fiken bi Hinrichen sin Red' afwennen müßt. Worüm de Herr Ratsherr up de knendlichen Lüd' schull, un de Möller wünscht, dat hei 'ne Kreih wir. Warum sich der Oberst bei Fikens Rede abwenden mußte, und warum sich Fiken bei Hinrichs Rede abwenden mußte. – Warum der Herr Ratsherr auf die schmächtigen Leute schalt, und der Müller wünschte, daß er eine Krähe wäre. As Fiken mit Hinrichen an den Mählenbarg kamm, flogen ehr Ogen nah allen Siden, un't durt ok nich lang', dunn hadd sei ehren Vader un sin Gesellschaft rute kennt, wo sei dor unner de Mähl seten. »Dor is min Vader«, säd sei tau Hinrichen. – »Na«, säd Hinrich, »denn will'n wi hir rechtsch von den Hollweg nah den hakten Acker nah de Mähl tau ruppe bögen. Slicht ward't man gahn; äwer dörch den Hollweg is jo nich dörchtaukamen, un du kannst jo denn ok mit dinen Vader reden.« – »Holt«, röp Fiken, »nich rechtsch nah de Mähl tau, ne, linksch von de Mähl af bög ut den Weg'; ick will nich mit em reden. – Leiwer Gott! nu hett hei uns all seihn, nu winkt hei.« – »Fiken«, säd Hinrich, as hei nah ehre Wisung führen ded, »wat heit dat? Worüm geihst du dinen Vader ut den Weg'?« – »Wil ick em nicks nützen kann, ihre ick den Breiw bestellt heww. Wer weit, wo de Franzosen dat upnemen, wenn ick mit em red? Dor kann Larm un Strid ut entstahn, un wenn wi in de Ort vör den Obersten bröcht warden, ward hei uns grad nich mit fründliche Ogen anseihn. Un denn, wotau sall ick minen ollen Vader mit Utsichten unner de Ogen gahn, de noch in widen Felden liggen? För den Ogenblick is dat naug, dat hei weit, wi sünd üm ern.« Als Fiken mit Hinrich an den Mühlenberg kam, flogen ihre Augen nach allen Seiten, und es dauerte auch nicht lange, so hatte sie ihren Vater erblickt, der mit seiner Gesellschaft dort unter der Mühle saß. »Da ist mein Vater,« sagte sie zu Hinrich. – »Na,« sagte Hinrich, »dann wollen wir hier rechts vom Hohlweg über den gepflügten Acker nach der Mühle zu hinaufbiegen. Schlecht wird es nur gehen; aber durch den Hohlweg ist ja nicht durchzukommen, und du kannst ja dann auch mit deinem Vater reden.« – »Halt!« rief Fiken; »nicht rechts nach der Mühle zu, sondern links von der Mühle ab biege aus dem Wege; ich will nicht mit ihm reden. – Lieber Gott! nun hat er uns schon gesehen, nun winkt er.« – »Fiken,« sagte Hinrich, als er nach ihrer Weisung fuhr, »was heißt das? Warum gehst du deinem Vater aus dem Wege?« – »Weil ich ihm nichts nützen kann, bevor ich den Brief bestellt habe. Wer weiß, wie die Franzosen es aufnehmen, wenn ich mit ihm spreche? Daraus kann Lärm und Streit entstehen, und wenn wir auf diese Art vor den Obersten gebracht werden, wird er uns nicht gerade mit freundlichen Augen ansehen. Und dann – wozu soll ich meinem alten Vater mit Aussichten unter die Augen gehen, die noch in weitem Felde liegen? Für den Augenblick ist es genug, wenn er weiß, daß wir in seiner Nähe sind.« Mitdewil wiren denn nu ok de Kanonen ut den Hollweg losböhrt un losgrawen, un de Tog was wedder in Bewegung. De Gefangen würden up de ein Sid von den Hollweg entlang kummandiert, un Hinrich führt up de anner, so grell hei in oll Nahmakern sin Streking vörwarts kamen kunn. Fiken kek nah den Obersten ut. »Wenn ick em seih, kenn ick em wedder«, säd sei tau Hinrichen. »Hei hett en gaud Gesicht, wenn dat ok hart utsach, as hei den Burmeister wegbringen let.« So kemen sei an de Kanonen vörbi un an männigen Hümpel Franzosen, de in den deipen Weg sachten furtsleus'ten. Tauletzt, dicht vör den Bremsenkraug, segen sei den Obersten, wo hei mit weck von sin Offizierers Schritt vör Schritt vörwarts red. – »Hinrich«, säd Fiken, »hir jag vörtau un up den Äuwer holl still, ick will denn afstigen.« Mittlerweile waren nun auch die Kanonen aus dem Hohlweg losgegraben und wieder aufgerichtet, und der Zug war wieder in Bewegung. Die Gefangenen wurden aus der einen Seite des Hohlwegs entlang kommandiert, und Hinrich fuhr auf der anderen, so schnell er in des alten Nahmachers Streckfurche vorwärts kommen konnte. Fiken sah nach dem Obersten aus. »Wenn ich ihn sehe, kenn ich ihn wieder,« sagte sie zu Hinrich, »er hat ein gutes Gesicht, wenn dieses auch hart aussah, als er den Bürgermeister fortbringen ließ.« So kamen sie an den Kanonen vorbei und an manchem Haufen Franzosen, die in dem tiefen Wege langsam weiter zogen. Zuletzt, dicht vor dem Bremsenkrug, sahen sie den Obersten, der mit einigen von seinen Offizieren Schritt vor Schritt vorwärts ritt. – »Hinrich,« sagte Fiken, »hier jage voraus und auf der Höhe halte still; ich will dann absteigen.« Dit geschach. As de Oberst heran kamm, stunn Fiken up den Fautstig in den Weg, gung em en por Schritt entgegen, reckt em den Breiw tau un säd: »Herr, ick heww en Breiw för Sei.« – De Oberst höll an, namm den Breiw, kek Fiken en beten verwunnert an: »Von wen, min Kind?« – »Von unsen Herrn Amtshauptmann Wewer.« – De Oberst brok den Breiw up un las; sin Gesicht würd so mitledig utseihn, un as hei tau En'n lesen hadd, schüddelt hei still mit den Kopp. Fiken hadd em mit de grötste Angst anseihn, sei las de Antwurt up den Breiw in den Obersten sin Minen, un as hei so trurig mit den Kopp schüddeln ded, stört'ten ehr de hellen Tranen ut de Ogen: »Herr, 't is min oll Vader, un ick bün sin einzigst Kind!« röp sei. Dies geschah. Als der Oberst herankam, stand Fiken auf dem Fußsteig im Wege, ging ihm ein paar Schritte entgegen, reichte ihm den Brief zu und sagte: »Herr, ich habe einen Brief für Sie.« – Der Oberst hielt an, nahm den Brief, sah Fiken ein bißchen verwundert an und fragte: »Von wem, mein Kind?« – »Von unserm Herrn Amtshauptmann Weber.« – Der Oberst brach den Brief auf und las; sein Gesicht bekam einen so mitleidigen Ausdruck, und als er zu Ende gelesen hatte, schüttelte er still mit dem Kopf. Fiken hatte ihn mit der größten Angst angesehen. Sie las die Antwort auf den Brief in der Miene des Obersten; und als er so traurig mit dem Kopf schüttelte, stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen: »Herr, 's ist mein alter Vater, und ich bin sein einziges Kind!« rief sie. Sei hadd allens in de Welt seggen künnt, de schönste Red' un den kräftigsten Bibelspruch, nicks hadd so'n Indruck up den starken Mann makt as des' por Würd' in plattdütsche Sprak. – Hei hadd ok en ollen Vader un was sin einzigstes Kind; sin Vader satt up en hoges Sloß in't Westfalen-Land, äwer in Einsamkeit, untaufreden mit sin Volk un sin Vaderland; Tid un Welt hadden männigen Stein twischen em un den einzigsten Sähn smeten, bet dat en breiden Wall worden was, äwer den räwer sei sick man swack verstännigen kunnen. Mißverstand un Unfreden was dorut entstahn, un wo de sünd, dor meld't sick ok in stillen Stun'n dat Gewissen. Wo oft hadd sin Hart tau em spraken: »'t is din oll Vader, un du büst sin einzigst Kind!« – Lust un Drangsal, Kanonendunner un Feldslacht hadden de Stimm woll tau Tiden äwerschallen kunnt; äwer ümmer kamm de wunne Placken von sinen Harten wedder taum Vörschin as 'ne bläudige Städ up de Stubendehl. Taum irstenmal hürt hei dit Wurd utspreken von frömde Lippen, taum irstenmal in de Sprak von sine Kindheit; em was, as wir kein Vörwurf mihr in dit Wurd, so weik würd dat spraken, em klung dat sacht in't Uhr as en Wurd von Vergewung, un as hei dat arme Kind vör sick stahn sach, mit sin bang', bekümmert Gesicht, dunn würd't em tau warm, hei müßt sick afwen'n, un't wohrt 'ne Tid lang, ihre hei wedder mit ehr reden kunn. Tauletzt hadd hei sick fat't un säd tau ehr mit all de Herzlichkeit, de ut so'n Ogenblick geboren ward: »Min leiwes Kind, frilaten kann ick dinen Vader nich; 't ward äwer woll kamen. Du un din Leiw' tau dinen Vader sälen äwer nich ümsüs bi mi ankloppt hewwen, du sallst üm em bliwen, un hei sall up dinen Wagen mit di führen. – Un wenn wi in Bramborg kamen, denn mell di bi mi.« Dormit ordnierte hei dat Nödige an un red mit sin Offzierers wider. Sie hätte alles in der Welt sagen können, die schönste Rede und den kräftigsten Bibelspruch – nichts hätte solchen Eindruck auf den starken Mann gemacht, wie diese Worte in deutscher Sprache. – Er hatte auch einen alten Vater und war sein einziges Kind; sein Vater saß auf einem hohen Schloß im Westfalenland, aber in Einsamkeit, unzufrieden mit seinem Volk und seinem Vaterland; Zeit und Welt hatten manchen Stein zwischen ihn und den einzigen Sohn geworfen, bis es ein breiter Wall geworden war, über den hinüber sie sich nur schwach verständigen konnten. Mißverstehen und Unfrieden war daraus entstanden; und wo die sind, da meldet sich auch in stillen Stunden das Gewissen. Wie oft hatte sein Herz zu ihm gesprochen: »'s ist dein alter Vater, und du bist sein einziges Kind!« – Lust und Drangsal, Kanonendonner und Feldschlacht hatten wohl zu Zeiten die Stimme überschallen können; aber immer kam der wunde Fleck seines Herzens wieder zum Vorschein, wie eine blutige Stelle auf der Stubendiele. Zum erstenmal hörte er dies Wort von fremden Lippen aussprechen, zum erstenmal in der Sprache seiner Kindheit; ihm war, als läge kein Vorwurf mehr in diesem Wort, so weich wurde es gesprochen; es klang ihm leise ins Ohr, wie ein Wort von Vergebung; und als er das arme Kind vor sich stehen sah, mit seinem bangen, bekümmerten Gesicht, da wurde ihm zu warm – er mußte sich abwenden, und es dauerte eine Zeitlang, bevor er wieder mit ihr sprechen konnte. Zuletzt hatte er sich gefaßt und sagte zu ihr mit all der Herzlichkeit, die aus solch einem Augenblick geboren wird: »Mein liebes Kind, freilassen kann ich deinen Vater nicht; das wird aber wohl kommen. Du und deine Liebe zu deinem Vater sollen aber nicht umsonst bei mir angeklopft haben; du sollst um ihn bleiben, und er soll auf deinem Wagen mit dir fahren. – Und wenn wir in Neubrandenburg ankommen, dann melde dich bei mir.« Hierauf ordnete er das Nötige an und ritt mit seinen Offizieren weiter. Hinrich kamm nu mit sinen Wagen neger ran, sprung runner un frog: »Fiken, wo is't? – Äwer wat frag ick noch lang'? Du sühst jo ut, as set di't Hart up de Tung; nich wohr, hei hett den Ollen frilaten?« Un hei slog den Arm üm ehr: »Kumm, Fiken, stig up den Wagen, dor kümmt wedder so'n Hümpel Volks, will'n den ut den Weg gahn.« – »De dauhn uns nicks«, säd Fiken un steg höher nah de Grawenburt ruppe un kek den Weg lang. »Frilaten hett hei em nich; äwer hei hett mi't tauseggt. Ick sall üm em bliwen, un sei sälen mit mi führen, un, Hinrich, du künnst jo nu nah Hus un up de Mähl seihn un Mutting bistahn.« Hinrich kam jetzt mit seinem Wagen näher heran, sprang herunter und fragte: »Fiken, wie ist es? – Aber was frag' ich noch lange? Du stehst ja aus, als säße dir das Herz auf der Zunge; nicht wahr, er hat den Alten freigelassen?« Und er schlug den Arm um sie: »Komm, Fiken, steig auf den Wagen; da kommt wieder so ein Haufen Volks, denen wollen wir aus dem Wege gehen.« – »Die tun uns nichts,« sagte Fiken und stieg höher nach dem Grabenrande hinauf und sah den Weg entlang. »Freigelassen hat er ihn nicht; aber er hat mir zugesagt, ich solle um ihn bleiben, und sie dürfen mit mir fahren; und, Hinrich, du könntest ja nun nach Hause gehen und auf die Mühle sehen und Mutter beistehen.« Hinrich bünn de Lin üm 'ne Wid fast un bückt sick dal, snallt an't Geschirr un strek denn sin Unnermähr mit de Hand den glatten natten Puckel langs. »Du hest recht, Hinrich«, säd Fiken, »du hest woll Sorg', din Fuhrwark tau verlaten; äwer dat kann jo oll Inspekter Nicolai ut Bramborg mit taurügg nemen, de deiht uns riklich den Gefallen.« – »Fiken«, säd Hinrich, »an't Fuhrwark heww ick nich dacht; ick dacht an di un an dat, wat de oll Herr Amtshauptmann tau mi säd.« – »Wat was dat?« frog sei. – »Wenn ick di en Hor krümmen let, denn süll ick em nich wedder vör de Ogen kamen. Un, Fiken, ick heww em verspraken, för di uptaukamen tau allen Tiden, un as ick em dat versprok« – un hei gung tau ehr ran un namm ehre Hand un kek ehr so recht ihrlich in de Ogen – »dunn wiren noch twei taugegen, de hewwen't mit anhürt, un keiner wüßt dorvon as ick allein; dat wir uns' Herrgott, Fiken, un min eigen Hart.« – Fiken würd rod as 'ne Ros', un as hei sinen Arm üm ehr slog, wünn sei sick rute: »Hir nich, Hinrich! Hüt nich, Hinrich! – Gott in den Himmel! Dor kümmt min oll Vader an!« Un dormit gung sei von em af, ehren Vader entgegen, un Hinrich stunn still as en Bom tau Winterstid, wenn de gräunen Bläder affollen sünd un de Vägel nich mihr von Leiw' un Lust in de Telgen singen. As sei sick äwer ümwen'n ded, wedder tau em taurügg kamm: »Hinrich! Hinrich!« un de hellen Tranen ehr ut de Ogen schoten, un dunn hastig wedder up ehren Vader taugung, dunn schot Blatt up Blatt ut den stillen Bom, un Leder von Lust un Leiw' klungen in sine Twig', un dat Frühjohr gung in em up, dat einzige Frühjohr, wat dörch't ganze Lewen, in Sommerhitt, in Harwststorm un Winterküll, vörhollen möt, wenn't en richtig Frühjohr un en richtig Lewen is. Hinrich band die Leine um eine Weide fest und bückte sich, schnallte am Geschirr und strich dann seinem Sattelpferd mit der Hand über den glatten nassen Rücken. »Du hast recht, Hinrich,« sagte Fiken; »du hast wohl Sorge, dein Fuhrwerk zu verlassen; aber das kann ja der alte Inspektor Nicolai aus Brandenburg mit zurücknehmen; der tut uns sehr gerne den Gefallen.« – »Fiken,« sagte Hinrich, »ans Fuhrwerk hab ich nicht gedacht; ich dachte an dich und an das, was der alte Herr Amtshauptmann zu mir sagte.« – »Was war das?« fragte sie. – »Wenn ich dir ein Haar krümmen ließe, dann sollte ich ihm nicht wieder vor die Augen kommen. Und, Fiken, ich hab ihm versprochen, für dich aufzukommen zu allen Zeiten, und als ich ihm das versprach« – und er ging zu ihr heran und nahm ihre Hand und sah ihr so recht ehrlich in die Augen – »da waren noch zwei zugegen, die haben's mit angehört, und keiner wußte davon als ich allein; das waren unser Herrgott, Fiken, und mein eigenes Herz.« – Fiken wurde rot wie eine Rose, und als er seinen Arm um sie schlug, wand sie sich heraus: »Hier nicht, Hinrich! Heute nicht, Hinrich, Gott im Himmel – da kommt mein alter Vater an!« Und damit ging sie von ihm fort ihrem Vater entgegen, und Hinrich stand still wie ein Baum zur Winterszeit, wenn die grünen Blätter abgefallen sind und die Vögel nicht mehr von Liebe und Lust in seinen Zweigen singen. Als sie sich aber umwandte, wieder zu ihm zurückging: »Hinrich! Hinrich!« und die hellen Tränen ihr aus den Augen schossen, und dann hastig wieder auf ihren Vater zuging – da schoß Blatt auf Blatt aus dem stillen Baum, und Lieder von Lust und Liebe klangen in seinen Zweigen, und das Frühjahr ging in ihm auf, das einzige Frühjahr, das durch das ganze Leben, in Sommerhitze, in Herbststurm und Winterkälte vorhalten muß, wenn es ein richtiges Frühjahr und ein richtiges Leben ist. »Fiken«, röp oll Möller Voß, »wo kümmst du her?« Un as Fiken em üm den Hals fel un em mit Tranen in de Ogen de Umstän'n utenanner set't, dunn schull de Oll un säd, Hinrich hadd allein kamen künnt, un dit wiren Angelegenheiten, wo Frugenslüd' wegbliwen süllen; äwer Ratsherr Hers' erklärt, von so'ne Saken verstünn de Möller gor nicks, un Fiken ehr Infall mit den Wagen wir so schön, dat hei'n sick sülwst nich hadd beter utdenken künnt, denn wat sin postpapierne Stäweln anbedrapen ded, so wiren sei von Schauster Banken utdrücklich tau de Ratssitzungen upricht't worden, un nich tau vir Mil meckelbörgsche Landweg' in dese Johrstid. Un Bäcker Witt, as hei von den Korw mit Mettwust un Pamel hürt, slog sick up de Mag' un säd: Fiken wir sin best Päding, un wenn hei ok tau de Ort hüren ded, de ehr Fauderkist ümmer bi sick dragen, so verännerten de Umstän'n de Sak, un bi so'n Weder müßt ok in den besten Backaben af un an nahbött warden. »Fiken,« rief der alte Müller Voß, »wo kommst du her?« Und als Fiken ihm um den Hals fiel und ihm mit Tränen in den Augen die Umstände auseinandersetzte, da schalt der Alte und sagte, Hinrich hätte alleine kommen können, und dies wären Angelegenheiten, von denen Frauensleute wegbleiben sollten; aber Ratsherr Herse erklärte, von solchen Sachen verstände der Müller gar nichts, und Fikens Einfall mit dem Wagen wäre so schön, daß er ihn selber sich nicht besser hätte ausdenken können; denn seine postpapierenen Stiefel, die wären von Schuster Bank ausdrücklich für die Ratssitzungen gebaut worden und nicht für vier Meilen mecklenburgische Landwege in dieser Jahreszeit. Und als Bäcker Witt von dem Korb mit Mettwurst und Semmel hörte, schlug er sich auf den Magen und sagte: Fiken wäre sein bestes Patchen, und wenn er auch zu der Art gehörte, die ihre Futterkiste immer bei sich tragen, so veränderten doch Umstände die Sache. Und bei solchem Wetter müßte auch im besten Backofen ab und zu nachgeheizt werden. De französche Schersant hadd nu de Wachtmannschaft den Befehl von den Obersten äwerbröcht, un de Gesellschaft steg up den Wagen un makte sick dat so warm un bequem, as jeder kunn. Min Unkel Hers' eigent sick de för minen Vader bestimmten Kledaschen an, wil hei as Kolleg de negste dortau wir, un schull up de smächtigen Lüd' in'n allgemeinen un up minen Vader in't besondere. Von de Läng', säd hei, wull hei nicks seggen, denn de kunn sick keiner gewen un nemen, äwer för de richtige Breid künn jeder vernünftige Minsch mit de Tid sorgen. »Kiken S', Meister Witt, dit sall en Rock för en utgewuss'nen un en dörchgewussenen Minschen sin!« Un dormit höll hei minen Vader sin Röckschen taum Spektakel in de Höcht. – »Herr Ratsherr«, säd Bäcker Witt, »fohren S' von vör mit de beiden Arm in de Ärmel, so dat den Burmeister sin Rüggblatt up Ehr Bostblatt tau sitten kümmt; hir is noch en Rock, den häng' ick Sei achter äwer, so maken wi ut twei lütt einen gadlichen; de Minsch möt sick tau helpen weiten.« – Na, dat geschach, un min Unkel Hers' sach ut as 'ne schöne fette Auster, de all 'ne Tid lang up Reisen schickt is; hin'n un vörn hadd hei 'ne faste Schell, äwer up de Siden jappt hei af un an utenanner. Bäcker Witt hadd en siden Rockelur von sin verstorbene Fru vörfun'n, un hei bunn em üm mit de Karninkenfellen nah buten, denn, säd hei, üm dat siden Tüg wir't in so'n Weder schad; äwer de Fellen künnen't verdragen, denn so vel hei wüßt, lepen de Karninken ok mit de Hor nah buten rüm. Der französische Sergeant hatte nun der Wachtmannschaft den Befehl des Obersten überbracht, und die Gesellschaft stieg auf den Wagen und machte sich's so warm und bequem wie jeder konnte. Mein Onkel Herse eignete sich die für meinen Vater bestimmten Kleider an, weil er als Kollege der nächste dazu war, und schalt auf die schmächtigen Leute im allgemeinen und auf meinen Vater im besonderen. Von der Länge, sagte er, wollte er nichts sagen, denn die könnte sich keiner geben und nehmen, aber für die richtige Breite könnte jeder vernünftige Mensch mit der Zeit sorgen. »Sehen Sie, Meister Witt, dies soll ein Rock für einen ausgewachsenen und durchgewachsenen Menschen sein!« Und damit hielt er meines Vaters Röckchen zum Spektakel in die Höhe. – »Herr Ratsherr,« sagte Bäcker Witt, »fahren Sie von vorne mit den beiden Armen in die Aermel, sodaß des Bürgermeisters Rückenblatt auf Ihrem Brustblatt zu liegen kommt; hier ist noch ein Rock, den hänge ich Ihnen hintenüber, so machen wir aus zwei kleinen einen leidlichen; der Mensch muß sich zu helfen wissen.« – Na, das geschah, und mein Onkel Herse sah aus wie eine schöne fette Auster, die schon eine Zeitlang auf Reisen geschickt ist: hinten und vorne hatte er eine feste Schale, aber auf den Seiten klaffte er ab und zu auseinander. Bäcker Witt hatte einen seidenen Rockelor von seiner verstorbenen Frau vorgefunden und band ihn um mit dem Kaninchenfelle nach außen; denn, sagte er, um das seidene Zeug wär's schade in solchem Wetter; aber die Felle könnten es vertragen, denn so viel er wüßte, liefen die Kaninchen auch mit den Haaren nach außen herum. Mit dese beiden gung de Verpuppung in'n ganzen tämlich rasch; äwer mit den Möller kamm sei sihr in de Tüderi, denn as hei hüren ded, dat de Mantel mit de säben Kragens, de för em bestimmt was, rechtmäßig den Herrn Amtshauptmann tauhürt, kreg hei dat irst mit den Respekt un makte Diner äwer Diner, as stünn de oll Herr vör em un wull em den Vörtritt in de Dör laten, un nahsten kreg hei't mit de Rührsamkeit, wil dat de oll Herr an sine Notdurft dacht hadd, un säd, hei wir dat gor nich wirt, un as em Fiken den einen Ärmel antreckt hadd, kamm em dat Bedenken, de Lüd' kün'n em för en vernehmen Mann hollen. »Un, Vadder«, wennt hei sick an Witten, »wenn ick nu an tau reden fang' un wenn denn de Eselsuhren ut de säben Kragens rute kiken, wat denn ?« – »Ja, Vadder«, seggt de Bäcker, »dorin hest du recht: ut en Swinsuhr lett sick mindag' kein siden Geldbüdel maken; äwer du kannst jo dat Mul hollen; oder süs red Hochdütsch, du kannst jo.« – »Ick kann woll, äwer't is ok dornah«, seggt de Möller un set't sick up den vöddelsten Sack. Sei seten nu all, blot Hinrich nich. »Hinrich«, säd Möller Voß, »wo? Du wardst jo doch woll up dinen eigen Wagen tau sitten kamen! Fiken, rück bet ran un mak den Vedder Platz.« – Äwer Hinrich led dat nich, hei slog Fiken de Pirddeck üm de Fäut un säd: hei wull gahn. Hei gung, un as hei nu so gung un hir äwer'n Graben sprung un denn wedder taurügg, ümmer vörup, dat hei Fiken in de Ogen kiken kunn, säd Möller Voß: »Herr Ratsherr, 't is min Vedder, Jochen Vossen sin Sähn; is't nich en schiren Kirl?« – Un Ratsherr Hers' säd: »Dat is hei, Möller; hei's en smucken Kirl.« – Un Bäcker Witt säd: »Hei's en dägten Kirl.« – Fiken säd nicks; äwer sei dacht: »Hei's en gauden Kirl un en trugen Kirl«, un sei hadd möglicher Wis' noch mihr von em dacht, äwer Hinrich stunn mit einmal bi ehr un kek ehr so fründlich an un frog, ob ehr ok friren ded, dunn was dat mit dat Denken vörbi, un sei gaww em de Hand: »Fat mi blot an, ick bün ganz warm.« Mit diesen beiden ging das Umkleiden im Ganzen ziemlich schnell, aber der Müller machte viele Umstände; denn als er hörte, daß der Mantel mit den sieben Kragen, der für ihn bestimmt war, eigentlich dem Herrn Amtshauptmann gehörte, kriegte er es erst mit dem Respekt und machte Diener über Diener, als stände der alte Herr vor ihm und wollte ihm den Vortritt an der Tür lassen; und nachher kriegte er's mit der Rührung, weil der alte Herr an seine Notdurft gedacht hätte, und sagte, das wäre er gar nicht wert; und als Fiken ihm den einen Aermel angezogen hatte, kam ihm das Bedenken, die Leute könnten ihn für einen vornehmen Mann halten. »Und, Gevatter,« wandte er sich an Witt, »wenn ich nun zu reden anfange, und wenn dann die Eselsohren aus den sieben Kragen herausgucken, was dann?« – »Ja, Gevatter,« sagt der Bäcker, »darin hast du recht: aus einem Schweinsohr läßt sich niemals ein seidener Geldbeutel machen; aber da gibt es ja ein einfaches Mittel: du kannst ja den Mund halten.« – »Ja, das kann ich allerdings,« sagt der Müller und setzt sich auf den vordersten Sack. Sie saßen jetzt alle, nur Hinrich nicht, »Hinrich,« sagte Müller Voß, »wie? du wirst dich ja doch wohl auf deinen eigenen Wagen setzen! Fiken, rück' ein bißchen mehr heran und mach dem Vetter Platz.« – Aber Hinrich litt es nicht; er schlang Fiken die Pferdedecke um die Füße und sagte: er wolle gehen. Er ging, und als er nun so ging und hier über den Graben sprang und dort wieder zurück, immer vorauf, um Fiken in die Augen sehen zu können, sagte Müller Voß: »Herr Ratsherr, 's ist mein Vetter, Jochen Vossens Sohn; ist er nicht ein strammer Kerl?« – Und Ratsherr Herse sagte: »Das ist er, Müller; er ist ein schmucker Kerl.« – Bäcker Witt sagte: »Er ist ein tüchtiger Kerl.« – Fiken sagte nichts, aber sie dachte: »Er ist ein guter Kerl und ein treuer Kerl.« Und sie hätte möglicherweise noch mehr von ihm gedacht, aber auf einmal stand Hinrich bei ihr und sah sie so freundlich an und fragte, ob sie auch fröre; da war es mit dem Denken vorbei, und sie gab ihm die Hand: »Faß mich nur an, ich bin ganz warm.« Bäcker Witt langt nu in den Wust- und Stutenkorw un gaww jeden sin Deil, un as de Herr Ratsherr den Pamel sihr lawen ded, säd de oll Bäcker tau sick: »Kik den Racker, süs köfft hei von Guhlen; äwer wenn ein keinen annern hett, is de Uhl ok en Vagel.« – De Herr Ratsherr bögt sick an den Bäcker ran un flustert em halwlud in de Uhren: »Meister Witt, dor vör uns liggt de Bremsenkraug, un wenn de Schergen von den korsikanischen Wüterich noch eine Spur von menschliches Gefäuhl in sick dragen, denn warden sei nicks dorgegen hewwen, wenn wi uns dor von den ollen Haker tau unsern Stuten en Sluck inschenken laten.« Dorbi hadd hei äwer sinen Stuten uter Obacht laten un hadd em mitsamt de Wust en beten äwer den Ledderbom räwer hollen. Mit einmal fäuhlt hei, dat em dor wat mang de Fingern grawweln würd, un as hei sick ümkek, sach hei, wo de ein von de korsikanischen Schergen grad in sin Wust un sinen Pamel inbet, un as hei nu mit harte Würd' gegen so'n apenbores Marodieren lostrecken wull, langte en anner Szackermenter hin'n äwer dat Krett un führt sick den ganzen Korw' tau Gemäud. – »Gott sall mi bewahren!« röp min Unkel Hers', »so slicht heww ick mi de Taustän'n in unsern Vaderland doch nich dacht.« – »Entfahmte Spitzbauwen!« schot oll Witt wedder los, un de Möller, de führt, hadd in den Herrn Amtshauptmann sine warmen Mantel sin Lag' so ganz vergeten, dat hei de Swep all in de Höcht böhrt, üm den Franzosen eins tau verreiken, as em Fiken den Arm fast höll: »Um Gottes willen! Vatting, wat deihst du?« – »Hm! – Ja!« säd de Möller un besunn sick, »Fiken, du hest wedder recht«, un wen'nt sick an de Franzosen: »Nehmen S' 't nich äwel, ick ded man so.« Bäcker Witt langte nun in den Wurst- und Semmelkorb und gab jedem sein Teil, und als der Herr Ratsherr die Semmel sehr lobte, sagte der alte Bäcker zu sich selbst: »Guck den Racker, sonst kauft er von Guhl; aber wenn man keinen anderen hat, ist die Eule auch ein Vogel.« – Der Herr Ratsherr beugte sich an den Bäcker heran und flüsterte ihm halblaut in die Ohren: »Meister Witt, da vor uns liegt der Bremsenkrug, und wenn die Schergen des korsikanischen Wüterichs noch eine Spur von menschlichem Gefühl in sich tragen, dann werden sie nichts dagegen haben, wenn wir uns da von dem alten Haker zu unserm Brot einen Schluck Schnaps einschenken lassen.« Dabei hatte er aber seine Semmel außer acht gelassen und sie mitsamt der Wurst ein bißchen über den Leiterbaum gehalten. Mit einemmal fühlte er, wie ihm etwas zwischen den Fingern krabbelte, und als er sich umdrehte, sah er, wie einer von den korsikanischen Schergen gerade in seine Wurst und in seine Semmel hineinbiß, und als er nun mit harten Worten gegen solch ein offenbares Marodieren losziehen wollte, langte ein anderer Sakramenter hinten über das Krett und führte sich den ganzen Korb zu Gemüte. »Gott soll mich bewahren!« rief mein Onkel Herse, »so schlecht hab ich mir die Zustände in unserm Vaterland doch nicht gedacht.« – »Infame Spitzbuben!« schoß der alte Witt wieder los, und der Müller, der fuhr, hatte in dem warmen Mantel des Herrn Amtshauptmanns seine Lage so ganz vergessen, daß er schon die Peitsche in die Höhe hob, um dem Franzosen eins zu verabreichen, als ihm Fiken den Arm festhielt: »Um Gotteswillen! Vatting, was tust du?« – »Hm! – Ja!« sagt der Müller und besann sich, »Fiken, du hast wieder recht,« und wandte sich an die Franzosen: »Nehmen Sie's nicht übel, ich tat nur so.« Na, de nemen't denn ok sichtlich nich äwel un eten ganz vergnäuglich in de Wust un den Stuten, dat den Herrn Ratsherrn vör Arger un Afgunst dat Gift un de Gall in den leddigen Magen steg un ehr alle ehre Lag' wedder kunnig würd, de sei in de warme Behaglichkeit von den Wagen up 'ne Tidlang vergeten hadden. Sei führten also in den grisen Abend nah Bramborg hentau, un wo süs de Stutenkorw stunn, hin'n in't Krett, was nu dat Bedenken un de Sorg' un de Trurigkeit uphackt, un de flusterten ehr allerlei beängstliche Geschichten in de Uhren, un as mal en Tog Kreihn äwer ehr wegflog, säd min Unkel Hers': »Je, wat hewwt ji för Nod, ji känt lachen!«, un de Bäcker säd: »De Ort giwwt kein Hür un kein Stür«, un de oll Möller süfzt un säd: »Ick wull, dat ick 'ne Kreih wir!« Äwer in twei Harten funn de Sorg' keinen Platz, dor was de Leiw' inkihrt mit ehren Hofstaat von heimliche Wünsch un Hoffnung un Vertrugen, un de heimlichen Wünsch lepen as flinke Brutjumfern dörch't ganze Hus un all sin Kamern, rümten up, wat in den Weg stunn, un wischten den Stoff von den Disch un von de Bänk un putzten de Finstern, dat ein wid rut seihn kunn in't schöne Lewensland, un deckten den Disch in den hellen Saal un makten dat Bedd in de stille Kamer un hüngen frische Kränz' von Low un Blaumen äwer Dör un Finster un an de Wand de buntsten Biller. Un de Hoffnung stek ehre dusend Lichter an un set't sick dunn heimlich still in de Eck, as wir sei't gor nich west, as hadd't ehr Steifswester dahn, de Würklichkeit; un dat Vertrugen stunn an de Dör un let keinen rin, de kein Hochtidskled anhadd, un säd tau de Sorg', as sei nah Fiken frog: »Gah din Weg', de oll Möller danzt up uns' Hochtid«, un säd tau dat Bedenken, as dat nah Hinrichen frog: »Gah din Weg', 't is allens in Richtigkeit.« Na, die nahmen's denn auch sichtlich nicht übel und aßen ganz vergnügt die Wurst und die Semmel, daß dem Herrn Ratsherrn vor Aerger und Abgunst Gift und Galle in den leeren Magen stieg, und ihnen allen ihre Lage wieder zum Bewußtsein kam, die sie in der warmen Behaglichkeit des Wagens eine Zeitlang vergessen hatten. Sie fuhren also in dem grauen Abend nach Brandenburg zu; und wo sonst der Semmelkorb stand hinten im Krett, waren jetzt das Bedenken und die Sorge und die Traurigkeit aufgehockt und flüsterten ihnen allerlei beängstigende Geschichten in die Ohren, und als einmal ein Zug Krähen über sie wegflog, sagte mein Onkel Herse: »Ja, was habt ihr für Not – ihr könnt lachen!« Und der Bäcker sagte: »Die Art gibt keine Heuer und keine Steuer!« Und der alte Müller seufzte und sagte: »Ich wollte, ich wäre eine Krähe!« Aber in zwei Herzen fand die Sorge keinen Platz, da war die Liebe eingekehrt mit ihrem Hofstaat von heimlichen Wünschen und Hoffnung und Vertrauen; und die heimlichen Wünsche liefen als flinke Brautjungfern durch das ganze Haus und alle seine Kammern, räumten ab, was im Wege stand, und wischten den Staub von Tisch und Bänken und putzten die Fenster, daß man weit hinaus sehen konnte ins schöne Lebensland, und deckten den Tisch im hellen Saal und machten das Bett in der stillen Kammer und hingen frische Kränze von Laub und Blumen über Tür und Fenster und an die Wand die buntesten Bilder. Und die Hoffnung steckte ihre tausend Lichter an und setzte sich dann heimlich still in die Ecke, als wäre sie's gar nicht gewesen, als hätt' es ihre Stiefschwester getan, die Wirklichkeit; und das Vertrauen stand an der Tür und ließ niemanden ein, der kein Hochzeitskleid an hatte, und sagte zur Sorge, als sie nach Fiken fragte: »Geh deiner Wege, der alte Müller tanzt auf unserer Hochzeit,« – und sagte zum Bedenken, als es nach Hinrich fragte: »Geh deiner Wege, 's ist alles in Richtigkeit.« Dat sösteihnte Kapittel Sechzehntes Kapitel Worüm ick den Möller sinen Fridrich un kein Prinzessin dörch dat Gülzowsche Holt schick, worüm Fridrich tau den Schulten Besserdich »Swigervader« seggt, worüm hei den Hund ut den Aben lockt, un worüm de Stadtdeiner Luth äwer sinen eignen Burmeister lacht. Warum ich Müllers Friedrich und keine Prinzessin durch das Gülzowsche Holz schicke; warum Friedrich zum Schulzen Besserdich ›Schwiegervater‹ sagt; warum er den Hund aus dem Ofen lockt, und warum Stadtdiener Luth über seinen eigenen Bürgermeister lacht. Wenn eine von den lütten Mamsellings, de dit Bauk lesen dauhn, sick döräwer argern süll, dat dit Kapittel mit en Möllerknecht anfangt un nich mit 'ne Prinzessin, so möt sei bedenken, dat Prinzessinnen gor nich vorhanden sin künnen, wenn dor kein Möllerknechts wiren, un dat up Fläg' en Möllerknecht mihr wirt is as 'ne Prinzessin, taum Bispill in desen Ogenblick för mi. Denn wenn ick den französchen Schassür wedder gripen will, so kann ick doch kein Prinzessin mit 'ne Kranelin un pattistmußelinene Schauh in desen Weg un Weder dörch dat Gülzowsche Holt em nahschicken, dortau paßt sick en Möllerknecht beter, un vör allen den Möller sin Fridrich. Wenn eine von den kleinen Mamsellchen, die dieses Buch lesen, sich darüber ärgern sollte, daß dies Kapitel mit einem Müllerknecht anfängt und nicht mit einer Prinzessin, so muß sie bedenken, daß Prinzessinnen gar nicht vorhanden sein könnten, wenn keine Müllerknechte da wären, und daß an manchen Orten ein Müllerknecht mehr wert ist, als eine Prinzessin zum Beispiel in diesem Augenblick für mich. Denn, wenn ich den französischen Chasseur wieder greifen will, so kann ich doch keine Prinzessin mit einer Krinoline und battist-musslinenen Schuhen in diesem Weg und Wetter durch das Gülzowsche Holz ihm nachschicken; dazu paßt ein Müllerknecht besser, und vor allen Müllers Friedrich. »Dümurrjöh!« säd Fridrich, as hei den Franzosen sin Fautspur nahgung, »wenn de Franzos' tüschen hir un Gripswold tau finnen is, her sall hei!« »Dümurrjöh!« sagte Friedrich, als er der Fußspur des Franzosen nachging, »wenn der Franzose zwischen hier und Greifswald zu finden ist, her soll er!« Fridrich spört also den Schassür dörch dat Stemhäger Babenholt un dörch dat Gülzowsche Holt nah un kümmt so nah den Gülzowschen Weg; äwer dor was't all, dor hadd 'ne Uhl seten, un Spuren wiren nich dor. Wir de Kirl linksch oder rechtsch gahn? 'ne Tid lang stunn hei dor as Matz Fots von Dresden; bald würden em de Gedanken äwer smidig, un hei säd tau sick: »Wir de Kirl nah Stemhagen tau gahn, so müßt ick em dat doch tau'n puren Unverstand anreken. Ne, de Racker is nah Gülzow gahn.« Un hei gung em nah. In Gülzow stunn Bur Freier an sin Heck un smet Stein as en Hauttöppel grot in en Weglock, wat sei up Städen in Meckelborg Wegbetern nennen. »Gun Morrn, Freier, hest hir nich vörmorrn en Franzosen lopen seihn?« fröggt Fridrich. »En Franzosen?« fröggt Freier. »Ja«, seggt Fridrich, »en französchen Schassür.« »En Schassür?« fröggt Freier. »Ja, in 'ne gräune Mondierung«, seggt Fridrich. »Tau Pird?« fröggt Freier. »Ne, tau Faut«, seggt Fridrich. »Wat sall de?« fröggt Freier. »Wat hei sall?« fröggt Fridrich. »Nicks sall hei; ick wull blot man mit em reden.« »Wat hest du mit en Franzosen tau reden?« »Dümurrjöh!« seggt Fridrich, »wat hest du Däs'kopp dornah tau fragen? Ick frag' jo blot, ob du den Kirl seihn hest.« »In 'ne gräune Mondierung?« fröggt Freier. »Ja«, seggt Fridrich. »Mit en Schacko?« fröggt Freier. »Ne, in'n Horen.« »In'n Horen? Un denn hüt morrn in den Regen?« »Ja, du hürst jo!« röppt Fridrich in Arger. »So antwurt doch, ob du den Kirl seihn hest?« »Täuw mal! Hewwen wi hüt nich Dunnerdag?« »Ja«, seggt Fridrich. »Ne, hüt nich; äwer'n Mandag«, seggt Freier, »dunn wiren hir fluggs weck; äwer mit blage Mondierung un denn tau Pird; un hüt is min Zamel mit Vörspann nah Stemhagen.« »Freier«, seggt Fridrich, »dat Vörspann hadd'st du nich nah Stemhagen schicken süllt, dat kannst du sülwst beter bruken, vör allen, wenn du Lüd' Antwurt gewen sallst.« »Wo so?« fröggt Freier. »Un denn, Freier«, seggt Fridrich, »denn weit ick noch en gaud Geschäft för die, du künnst Krewt nah Berlin rup driwen, en Kirl as du, de kümmt dormit vörwarts.« »Wo meinst du dat?« fröggt Freier verdutzt. »Oh, ick mein man«, seggt Fridrich. »Un nu gun Morrn, Freier. Un wenn de Franzos' kümmt, den ick säuk, denn segg em, ick hadd seggt, du hadd'st seggt, din Großmoder hadd di vertellt, wenn hei säd, wat sei säd, süllst du em seggen, hadd ick seggt, hei süll nich Schapskopp tau di seggen. Un nu adjüs! Freier.« »Wat?« seggt Freier un kickt em nah, as hei dat Dörp entlang geiht, un dreiht en Stein von en Pundener dörtig in de Hän'n rüm, »wat? Hei hadd seggt, ick hadd seggt? Wat? Du hadd'st seggt, süll ick seggen, hei süll nich Schapskopp tau mi seggen? Wat?« Un hei nimmt den Stein un smitt em mit aller Gewalt mang de annern: »Entfahmte preußsche Spitzbauw! So makt hei dat ümmer.« Friedrich spürte also dem Chasseur durch das Stavenhäger Oberholz und durch das Gülzowsche Holz nach und kam so auf den Gülzowschen Weg; aber da war's alle, da hatte eine Eule gesessen, und Spuren waren nicht da. War der Kerl links oder rechts gegangen? – Eine Zeitlang stand er ganz ratlos da; bald aber wurden ihm die Gedanken geschmeidig, und er sagte zu sich: »Wäre der Kerl nach Stavenhagen zu gegangen, so mußte ich ihm das doch als puren Unverstand anrechnen. Nein, der Racker ist nach Gülzow gegangen.« Und er ging ihm nach. In Gülzow stand Bauer Freier an seiner Heckenpforte und warf Steine, wie einen Hutkopf groß, in ein Wegeloch, was man stellenweise in Mecklenburg Wegebessern nennt. »Guten Morgen, Freier, hast du hier nicht heute morgen einen Franzosen laufen sehen?« fragt Friedrich. – »Einen Franzosen?« fragt Freier. – »Ja,« sagt Friedrich, »einen französischen Chasseur.« – »Einen Chasseur?« fragt Freier. – »Ja, in einer grünen Montur,« sagt Friedrich. – »Zu Pferde?« – »Ne, zu Fuß.« – »Was soll der?« – »Was er soll? Nichts soll er; ich wollte bloß mit ihm reden.« – »Was hast du mit einem Franzosen zu reden?« – »Dümurrjöh! Was hast du Schafskopf danach zu fragen? Ich frage ja bloß, ob du den Kerl gesehen hast?« – »In einer grünen Montur?« fragt Freier. – »Ja.« – »Mit einem Schacko?« – »Nein, im bloßen Kopf.« – »Mit bloßem Kopf und dann heute morgen in dem Regen?« – »Ja, du hörst ja!« ruft Friedrich voll Aerger; »so antworte doch, ob du den Kerl gesehen hast!« – »Warte mal! Haben wir heute nicht Donnerstag?« – »Ja,« sagt Friedrich. – »Nein, heute nicht; aber am Montag,« sagt Freier, »da waren hier welche, aber mit blauer Montur und zu Pferde; und heute ist mein Zamel mit Vorspann nach Stavenhagen.« – »Freier,« sagt Friedrich, »den Vorspann hättest du nicht nach Stavenhagen schicken sollen, den kannst du selber besser brauchen, vor allem, wenn du Leuten Antwort geben sollst.« – »Wieso?« – »Und dann, Freier, dann weiß ich noch ein gutes Geschäft für dich: du könntest Krebse nach Berlin 'rauftreiben; ein Kerl wie du, der kommt damit vorwärts.« – »Wie meinst du das?« fragt Freier verdutzt. – »O, ich meine man. Und nun, guten Morgen, Freier. Und wenn der Franzos kommt, den ich suche, dann sag ihm, ich hätte gesagt, du hättest gesagt, deine Großmutter hätte dir erzählt, wenn er fragte, was sie sagte, solltest du ihm sagen, hätte ich gesagt, er sollte nicht Schafskopf zu dir sagen – und nun adjüs, Freier!« – »Was?« sagt Freier und guckt ihm nach, als er das Dorf entlang geht, und dreht einen Stein von dreißig Pfund oder so in den Händen herum, »was? Er hätte gesagt, ich hätte gesagt? – Was? Du hättest gesagt, sollte ich sagen, er sollte nicht Schafskopf zu mir sagen? Was?« Und er nimmt den Stein und wirft ihn mit aller Gewalt zu den anderen: »Infamer preußischer Spitzbube! So macht er es immer!« Fridrich geiht wider, oll Schult Besserdich kickt äwer de Dör. »Schult, hett Hei vörmorrn hir keinen Franzosen gahn seihn?« »Ein Franzosen?« fröggt de Schult. »Na, de Ort is hir up Stun'ns grad nich knapp; äwer hüt morrn, seggst du?« »Na, nu fang Hei ok noch an tau fragen!« seggt Fridrich. »Ick will em leiwerst de Geschieht vertellen, dat ward schafflicher wesen.« Hei vertellte nu so un so. »Un«, slot hei sin Red', » her möt hei!« »Dat möt hei, Fridrich«, seggt de Schult. »Un ick will mit di gahn, denn ick bün jo nu doch einmal dortau set't, un uns' Herr Amtshauptmann säd noch nilich tau mi: Schult, säd hei, up Em beruht dat Ganze in Gülzow, un gaww mi en Bagen Poppier un säd: dese Sak is pressant. Na, ick let mi dat von den Landrider vörlesen, un as hei dat farig hadd, säd hei: Schult, de Sak hett äwerst Il. Ne, segg ick, dat weit ick beter, de Herr Amtshauptmann hett mi seggt, de Sak is pressant, un wenn hei dat vördem seggt hett, denn heww ick ümmer noch gaud vir Wochen täuwt un bün ümmer noch tau rechter Tid kamen. Un so kamm't ok ditmal. Äwer, Fridrich, din Sak is nich pressant, de hett Il; ick will mi man noch minen Haut halen, un denn kann't losgahn.« Friedrich geht weiter; der alte Schulz Besserdich guckt über die Tür. »Schulz, hat Er heute morgen hier keinen Franzosen gehen sehen?« – »Einen Franzosen?« fragte der Schulze. »Na, die Art ist hier zur Zeit nicht gerade knapp; aber heute morgen, sagst du?« – »Na, nun fang' Er auch noch an zu fragen!« sagt Friedrich. »Ich will Ihm lieber die Geschichte erzählen, das wird schafflicher sein.« – Er erzählt nun also: So und so. »Und,« schloß er seine Rede, »her muß er!« – »Das muß er, Friedrich,« sagt der Schulz; »und ich will mit dir gehen, denn ich bin ja doch nun mal dazu eingesetzt, und unser Herr Amtshauptmann sagte noch neulich zu mir: ›Schulz,‹ sagte er, ›auf Ihm beruht das Ganze in Gülzow,‹ und gab mir einen Bogen Papier und sagte: ›diese Sache ist pressant.‹ Na, ich ließ mir das vom Landreiter vorlesen, und als er damit fertig war, sagte er: ›Schulz, die Sache hat aber Eile.‹ – ›Ne,‹ sag' ich, ›das weiß ich besser: der Herr Amtshauptmann hat mir gesagt, die Sache ist pressant; und wenn er das vordem gesagt hat, dann hab ich immer noch gute vier Wochen gewartet und bin immer noch zur rechten Zeit gekommen.‹ Und so kam es auch diesmal. Aber, Friedrich, deine Sache ist nicht pressant, die hat Eile; ich will mir bloß noch meinen Hut holen und dann kann's losgehen.« Dat geschach, un sei gungen. As sei ut dat Dörp kemen, seggt de Schult: »Fridrich, min Hanne du kennst jo den Jungen, hei 's nu in't sösteihnst, un ick dacht, ick wull em noch so'n Johr für Bull rümme gahn laten, de hött hir de Schap up den Roggen denn, sühst du, ick dacht ok so, dat Fauder is di knapp, un in dese Johrstid verpedden sei sick all 'ne Mahltid up den Fell'n, un so jog ick sei denn rut süh, de Jung' kann mäglich den Kirl seihn hewwen.« Sei fragen nu Hannen, un de Jung' hett den Kirl richtig seihn; hei 's nah Pinnow hentau gahn. In Pinnow gahn sei bi den Schaulmeister vör un fragen, wat hei kein Franzosen seihn hadd. Dies geschah, und sie gingen. Als sie aus dem Dorf kamen, sagte der Schulz: »Friedrich, mein Hanne – du kennst ja den Jungen, er ist nun im sechzehnten, und ich dachte, ich wollte ihn noch so ein Jahr so 'rumlaufen lassen – der hütet hier die Schafe auf dem Roggen – denn siehst du, ich dachte mir so: das Futter ist dir knapp, und in dieser Jahreszeit vertreten sie sich schon eine Mahlzeit auf dem Felde. Und so jagte ich sie denn 'raus – sieh, der Junge kann möglicherweise den Kerl gesehen haben.« Sie fragen nun Hanne, und der Junge hat richtig den Kerl gesehen: er ist nach Pinnow zugegangen. In Pinnow gehen sie beim Schulmeister vor und fragen, ob er keinen Franzosen gesehen hätte. De Schaulmeister heit Sparling; sei nennten em äwer ümmer Baukfink; weck säden, wil hei so schön singen künn, weck, wil hei ümmer Hans vör allen Hägen was un mit jedwerein sinen Putzen drew. De oll Schult let sick nu ok richtig von den Baukfink an de Näs' rümme ledden; äwer Fridrich sach bald, wo't fuchten wir, un as hei wohr würd, dat de Baukfink sin Fru tauplinken ded, dat sei mit em in ein Karw hau'n süll, dacht hei: Täuw, dit sall di begrismulen!, stunn up un säd: hei wull sick up sin Pip ne Kahl ut de Käk halen. Der Schulmeister hieß Sperling; man nannte ihn aber immer Buchfink; einige sagten: weil er so schön singen könnte; andere: weil er immer Hans in allen Hägen wäre und mit jedermann seine Possen triebe. Der alte Schulz ließ sich auch richtig von dem Buchfink an der Nase herumführen; aber Friedrich sah bald, wie die Sache stand, und als er gewahr wurde, daß der Buchfink seiner Frau zublinzelte, sie sollte mit ihm in eine Kerbe hauen – dachte er: wart, dabei sollst du dich schneiden! – stand auf und sagte, er wollte sich aus der Küche eine Kohle für seine Pfeife holen. De Baukfink redt denn nu den ollen Schulten allerlei verfluchte Akten vör, un wenn de Schult tau Wurd kamm un frog: wat hei den Franzosen nich seihn hadd, denn säd de Baukfink: ne, un sin Fru säd ok: ne. As sei nu den ollen Schulten so brüdten, kamm Fridrich wedder rin un säd: »Fru, in Ehren Wim is woll wat passiert, denn de ein Staken mit de Wust liggt an de Ird.« De Fru springt nu rute un kümmt mit den Staken wedder rinne un röppt: »Süh so! Dat hewwen wi dorvon, de verfluchte Kirl hett uns 'ne Wust namen.« »Wat för en Kirl?« fröggt Fridrich. »De Franzosenkirl, wonah ji fragt.« »Na, also is hei doch hir west«, seggt Fridrich. »Wat wull hei nich! Un Sparling hett em noch en Snaps un Botterbrod gewen un hett em den Weg nah Demzin wis't.« »Na, denn adjüs!« seggt Fridrich. »Schult, kam Hei! Wider wull'n wi jo nicks weiten.« Der Buchfink redete dem alten Schulzen allerlei verfluchte Stückchen vor, und wenn der Schulz zu Worte kam und fragte, ob er den Franzosen nicht gesehen hätte, sagte der Buchfink ›nein‹, und seine Frau sagte auch ›nein‹. Als sie nun den alten Besserdich so hänselten, kam Friedrich wieder herein und sagte: »Frau, in Ihrem Wiem ist wohl was passiert, denn die eine Stange mit den Würsten liegt an der Erde.« – Die Frau springt heraus und kommt mit der Stange wieder herein und ruft: »Sieh so! Das haben wir davon: der verfluchte Kerl hat uns eine Wurst genommen.« – »Was für ein Kerl?« fragt Friedlich. – »Der Franzosenkerl, wonach ihr fragt.« – »Na, also ist er doch hier gewesen,« sagt Friedrich. – »Natürlich! und Sperling hat ihm noch einen Schnaps und Butterbrot gegeben und hat ihm den Weg nach Demzin gezeigt.« – »Na, dann adjüs!« sagt Friedlich. »Schulz, komm Er! Weiter wollten wir ja nichts wissen.« »Schult!« seggt Fridrich, as sei 'n En'n von Pinnow un den Baukfink af sünd, »Hei is doch 'ne Ort Gerichtsperson un möt dat weiten, wat steiht eigentlich up 'ne Wust för 'ne Straf?« »Je, Fridrich«, seggt de Schult, »mit Wust bün ick in de Ort nich bewandt; wat up 'ne Specksid steiht, dat weit ick woll, denn as mi de oll lahm Schauster dunn ein ut den Rok namen hadd, let em de Herr Amtshauptmann virteihn Dag' sitten, un dortau kreg hei en Stückener twölf in de Jack.« »Dat wir just nich gefährlich«, seggt Fridrich, »denn wenn einer dornah berekent, wovel up 'ne Wust kümmt, denn is't blitzwenig.« »Wo so?« »Na, Schult, segg Hei mal, wenn Hei säben Swin inslachten deiht, wo vel Specksiden kriggt Hei denn?« »Virteihn«, seggt de Schult. »Dat is nich wohr«, seggt Fridrich. »Hei kriggt man drütteihn; ein kümmt in de Wust.« »Dor hest du recht!« seggt de Schult. »Un wo vel Wust makt Sin Fru denn nu woll von säben Swin? Doch woll en Stückener dörtig, also kemen dörtig Wust up 'ne Specksid, un up ein Wust kem also, in'n pohlschen Bogen berekent, höchstens en halwen Dag un en halwen Slag, un dat estimier ick för'n richtig un en gnedig Gericht, un Hei kann mi glik hir up frische Daht den halwen Slag in't Gnick gewen, un den halwen Dag will'ck den negsten Sünndagnahmiddag in Sinen Hus' achter'n Aben afsitten, denn kik Hei hir! Ick heww den Baukfink de Wust namen.« »Wo, di plagt jo woll de Düwel?« seggt de Schult. » De nich, äwer de Hunger«, seggt Fridrich un treckt de Wust ut de Tasch un snitt en En'n af. »Schult, hir! De Wust is gaud, de kann ein ahn Brod eten.« »Ne«, seggt de Schult, »mit stahlen Wohr will ick nicks tau dauhn hewwen.« »Wo so, stahlen?« fröggt Fridrich. »Dit is 'ne Furagierung , as wi bi'n Herzog von Brunswik säden, oder en Mundrow , as Ji seggt. Un, Schult, Hei's doch gewiß ok oft in den Preister sin Appel stegen?« »Weit de Düwel, wat du hüt hest? Ja, dat bün ick, as ick en unverstännigen Jung' was, äwer nu heww ick grot Kinner un sall ehr mit en Bispill vörangahn.« »Wohr is't«, seggt Fridrich, »un wat sick för einen schickt, dat schickt sick nich för den annern. Schult«, seggt hei nah 'ne Wil, »wo olt is Sin Fiken?« »Je«, seggt de Schult, un sin Ogen fungen an tau lüchten, »Fridrich, de Dirn, ick segg di, de Dirn. Olt is sei nich, sei ward irst achteihn; äwer ick segg di, klauk is sei as 'ne Imm'« »Dat weit ick«, seggt Fridrich, »ick heww noch gestern abend up den Stemhäger Sloß bi ehr seten, un ick kann woll seggen, sei hett mi so gaud gefollen, dat ick in'n Stan'n wir, ehr tau Gefallen mi tau verännern.« »Na, hür mal, du geihst gaud!« seggt de Schult un kickt Fridrichen von baben bet un'n an. »Ja«, seggt Fridrich, »un ick dacht, för Sinen Fritzen fin'nt sick woll wat anners, un Hei ward all olt, un wenn Hei sick denn so up't Ollendeil gew, denn künn Hei uns de Hauw gewen, denn hadd Fiken un ick 'ne schöne Brodstäd', un Hei künn vel Freud an uns erlewen.« »Gott sall mi bewohren!« seggt de Schult, »du meinst dat doch nich in Irnst?« »Worüm nich?« seggt Fridrich, un richt't sick in'n En'n. »Seih ick as en Spaß ut?« »Wat!« röppt de oll Schult un geiht up em los, »so'n ollen Snurrer as du büst, de wull 'ne Schultendochter frigen? Min Dochter! 'ne jung' Dirn von achteihn Johr?« »Schult«, seggt Fridrich, »seih Hei tau Sinen Würden! Olt, seggt Hei? Kik Hei mi an, ick bün in minen besten Johren, twischen twintig un föftig. Snurrer, seggt Hei? Ick heww Em noch üm kein Pip Toback beden. Äwer wohr is't, Sin Fiken is in'n ganzen jünger as ick; doch dor mak ick mi nicks ut, ick nem sei doch, denn sei is klauk un weit, dat so'n Kirl as ick, de de Welt seihn hett, mihr gelt as so'n Burjung' mit en dicken, roden Kopp un Flaßhor, de en Diner makt as en Klappmetz un de Lüd' in de Stuw' spuckt.« »Hest du mi de Dirn all Rupen in den Kopp set't?« schrigt de oll Schult un böhrt den Stock gegen em up. »Holt, Schult!« seggt Fridrich. »Den Stock bi Sid! Wat würden de Lüd' seggen, wenn dat heit, ick hadd mi mit minen Swigervader all vör de Hochtid up de Landstrat slagen.« De Schult let den Stock fallen. »Schult«, seggt Fridrich, »ick bün woll in'n Stan'n, so'n Baukfink 'ne Wust tau strizen, äwer mindag' nich dortau, so'n lüttes, junges Blaud üm ehr Glück tau bedreigen; ick heww Sin Fiken kein Rupen in den Kopp set't.« De oll Schult kek em so von de Sid an, as wull hei seggen: di mag de Düwel trugen!, säd äwer nicks. Sei gungen nu wider, äwer dat Ei was intwei. »Schulz!« sagt Friedrich, als sie ein Stück von Pinnow und dem Buchfink fort sind; »Er ist doch eine Art Gerichtsperson und muß es wissen: was steht eigentlich für eine Strafe auf eine Wurst?« – »Je, Friedrich,« sagt der Schulz, »mit Wurst weiß ich in dieser Art nicht Bescheid; was auf 'ne Speckseite steht, das weiß ich wohl, denn als mir der alte lahme Schuster dazumal eine aus dem Rauch genommen hatte, ließ ihn der Herr Amtshauptmann vierzehn Tage sitzen, und dazu kriegte er so seine zwölf in die Jacke.« – »Das wäre just nicht gefährlich,« sagt Friedrich; »denn wenn man danach berechnet, wie viel auf 'ne Wurst kommt, dann ist es blitzwenig.« – »Wieso?« – »Na, Schulz, sag' Er mal: wenn Er sieben Schweine einschlachtet, wie viele Speckseiten kriegt Er dann?« – »Vierzehn.« – »Das ist nicht wahr; Er kriegt nur dreizehn: eine kommt in die Wurst.« – »Da hast du recht!« sagt der Schulz. – »Und wie viele Würste macht Seine Frau denn nun wohl von sieben Schweinen? Doch wohl an die dreißig – also kämen dreißig Würste auf eine Speckseite, und auf eine Wurst käme also, in Bausch und Bogen berechnet, höchstens ein halber Tag und ein halber Schlag; und das estimiere ich für ein richtiges und ein gnädiges Gericht, und Er kann mir gleich hier auf frischer Tat den halben Schlag ins Genick geben, und den halben Tag will ich am nächsten Sonntag Nachmittag in Seinem Hause hinterm Ofen absitzen – denn seh Er hier: ich habe dem Buchfink die Wurst genommen.« – »Wie? Dich plagt ja wohl der Teufel?« sagt der Schulz. – »Der nicht, aber der Hunger,« sagt Friedrich und zieht die Wurst aus der Tasche und schneidet ein Stück ab. »Hier, Schulz! Die Wurst ist gut, die kann man ohne Brot essen.« – »Ne,« sagt der Schulz, »mit gestohlener Ware will ich nichts zu tun haben.« – »Wieso, gestohlen?« fragt Friedrich; »dies ist eine Fouragierung, wie wir beim Herzog von Braunschweig sagten, oder ein Mundraub, wie Ihr sagt. Und, Schulz, Er ist doch gewiß auch oft dem Priester in die Aepfel gestiegen?« – »Weiß der Teufel, was du heute hast! Ja, das bin ich, als ich ein unverständiger Junge war; aber jetzt habe ich große Kinder und soll ihnen mit einem Beispiel vorangehen.« – »Das ist wahr,« sagt Friedrich, »und was sich für den einen schickt, das schickt sich nicht für den anderen. – Schulz,« sagt er nach einer Weile, »wie alt ist seine Fiken?« – »Je,« sagt der Schulz, und seine Augen fangen an zu leuchten, »Friedrich, das Mädchen! ich sage dir: das Mädchen! Alt ist sie nicht, sie wird erst achtzehn; aber ich sage dir: klug ist sie, wie eine Biene.« – »Das weiß ich,« sagt Friedrich. »Ich habe noch gestern abend auf dem Stavenhäger Schloß bei ihr gesessen, und ich kann wohl sagen, sie hat mir so gut gefallen, daß ich imstande wäre, ihr zu Gefallen meinen ledigen Stand zu verändern.« – »Na, höre mal, du gehst gut!« sagt der Schulz und sieht Friedrich von oben bis unten an. – »Ja,« sagt Friedrich, »und ich dachte, für Seinen Fritz findet sich wohl was anderes, und Er wird schon alt, und wenn Er sich denn so aufs Altenteil gäbe, dann könnte Er uns die Hufe geben, dann hätten Fiken und ich eine schöne Brotstelle und Er könnte viele Freude an uns erleben.« – »Gott soll mich bewahren!« sagt der Schulz, »du meinst das doch nicht im Ernst?« – »Warum nicht?« sagt Friedrich und richtet sich hoch auf; »seh' ich nach Spaß aus?« – »Was!« ruft der alte Schulz und geht auf ihn los, »so ein alter Schnorrer, wie du bist, der wollte eine Schulzentochter freien? Meine Tochter! Ein junges Mädchen von achtzehn Jahren?« – »Schulz,« sagt Friedrich, »steh' Er zu seinen Worten! Alt, sagt Er? Seh Er mich an, ich bin in meinen besten Jahren: zwischen zwanzig und fünfzig. Schnorrer, sagt Er? Ich habe ihn noch um keine Pfeife Tabak gebeten. Aber wahr ist's, Seine Fiken ist im Ganzen jünger als ich; doch daraus mache ich mir nichts – ich nehme sie doch, denn sie ist klug und weiß, daß ein Kerl wie ich, der die Welt gesehen hat, mehr wert ist, als so ein Bauernjunge mit einem dicken roten Kopf und Flachshaar, der einen Diener macht wie ein Klappmesser und den Leuten in die Stube spuckt.« – »Hast du mir dem Mädchen schon Raupen in den Kopf gesetzt?« schreit der alte Schulz und hebt den Stock gegen ihn auf. – »Halt, Schulz!« sagt Friedrich. »Den Stock beiseite! Was würden die Leute sagen, wenn es hieße, ich hätte mich mit meinem Schwiegervater schon vor der Hochzeit auf der Landstraße geschlagen!« – Der Schulze ließ den Stock fallen. – »Schulz,« sagt Friedrich, »ich bin wohl imstande, so einem Buchfink eine Wurst zu stibitzen, aber niemals dazu, solch ein junges Blut um ihr Glück zu betrügen; ich habe Seiner Fiken keine Raupen in den Kopf gesetzt.« – Der alte Schulz sah ihn so von der Seite an, als wollte er sagen: dir mag der Teufel trauen! – sagte aber nichts. Sie gingen nun weiter, aber das Ei war entzwei. As sei nah Demzin ran kamen, steiht dor en jungen Schriwer, un Fridrich geiht nah em ran: »Üm Vergewung, hewwen Sei hir keinen Franzosen seihn?« un so, un so. De jung Minsch seggt: ja, vör 'ne lütte Stun'n wir em so'n Kirl vörbi gahn. Sei gahn dörch't Dörp, un up't anner En'n hett ok 'ne olle Fru den Schassür seihn. »Nu hewwen wi em bald«, seggt Fridrich. Äwer as sei en beten wider hen up den Fell'n en ollen Mann drapen, de Widen an den Weg kröppt, will de von keinen Franzosen wat weiten un seggt: hir wir de Kirl sörre Klock söß des Morgens nich vörbi kamen. Als sie in die Nähe von Demzin kommen, steht dort ein junger Wirtschaftsschreiber, und Friedrich geht an ihn heran: »Um Vergebung, haben Sie hier keinen Franzosen gesehen?« – und so weiter. Der junge Mensch sagt: Ja, vor einer kleinen Stunde wäre so ein Kerl an ihm vorbeigegangen. Sie gehen durchs Dorf, und auf dem anderen Ende hat auch eine alte Frau den Chasseur gesehen. »Nun haben wir ihn bald,« sagt Friedrich. Aber als sie ein bißchen weiterhin auf dem Felde einen alten Mann treffen, der am Wege Weiden kappt, will dieser von keinem Franzosen etwas wissen und sagt, hier wäre der Kerl seit sechs Uhr Morgens nicht vorbei gekommen. Wat nu? Den Weg wedder nahgahn? Dat wir 'ne richtige Willgaus'jagd worden. Ut den Dörp was äwer de Kirl rute gahn; wo was hei blewen? De Schult kratzt sick den Kopp, Fridrich kek sick allentwegen üm un besach sick de Gelegenheit; endlich säd hei: »Schult, wider kän wi nich gahn; hir is de Spur tau En'n: will'n uns also de Sak äwerleggen; hir pust't dat äwer hellschen kolt äwer de Rüm', will'n uns dor achter den Backaben setten.« Na, sei dauhn dat. »Wat ick för en Nahr bün«, seggt de Schult, »hir in so'n Weg un Weder achter'n Franzosen hertaulopen!« »Swigervader, lat Hei den Franzosen«, seggt Fridrich, »den krigen wi ümmer noch.« »Fangst du mi all wedder an mit dinen Swigervader, du preußsche Spitzbauw?« »Schult, wat Hei nich is, kann Hei jo noch warden. Ick heww vel Lüd' kennt, de hewwen för desen Namen ehr Döchter un denn noch vel Geld gewen.« »Denn hewwen s' ok anner Swigersähns dorför kregen, as du büst.« »Kik Hei mi mal an, Schult«, seggt Fridrich un stellt sick vör den Schulten steidel tau Höcht, »en Avkat bün ick nich un en Dokter ok nich; äwer ick heww gesunne Knaken, un kik Hei min Hand an, de kann von Arbeit mitreden. Un wenn Hei Sin eigen Ogen nich trugt, denn kann Hei jo minen Möller fragen.« »Je, weitst, wat de seggt? De seggt, du wirst woll en düchtigen Kirl un verstünnst ok 'ne Sak antaufaten; äwer du haddst Redensorten an di, unnütze Redensorten, mit de keiner en Hund achter'n Aben rut locken künn.« »Dat ick dat kann, dat will ick Em nahsten bewisen. Äwer nu, Schult: will Hei mi Sin Fiken gewen?« »Dunnerwetter!« seggt de Schult, »ick dacht irst, dat süll Spaß sin, un nu glöw ick, du Racker willst hir Irnst bruken.« »Schult«, seggt Fridrich, »mit de Hauw un dat Ollendeil, dat was Spaß; denn Sin Fritz möt de Hauw hewwen, un Hei brukt noch nich up't Ollendeil; äwer mit Sin Fiken, dat is Irnst; un 'ne Hauw krig ick sacht.« »Du Prahlhans!« seggt de Schult. »Süh, dit is so 'ne Redensort, as ick seggt heww, mit de du keinen Hund ut den Aben lockst.« »Dat will 'ck Em wisen!« röppt Fridrich. »Dickdauher!« seggt de Schult un steiht up. »Ick gah nah Hus, un du gah nah'n Hun'nledden oder grip di dinen Franzosen.« »Den heww ick«, seggt Fridrich. »Prahlhans!« röppt de Schult. »Schult«, seggt Fridrich, »wenn in drei Minuten de Franzos' vör Em steiht un ick mit min Redensorten en Hund ut den Aben lock, will Hei mi denn Sin Fiken gewen?« un hölt em de Hand hen, »denn slag Hei in!« »Du Lägenbalg!« röppt de Schult, »blot üm di mit de Näs' dorup tau stöten, dat du en Prahlhans büst. Ja!« Un hei sleiht in. Was nun? Den Weg weiter verfolgen? Das wäre eine richtige Wildgansjagd geworden. Aus dem Dorf war der Kerl aber heraus gegangen; wo war er geblieben? Der Schulz kratzte sich den Kopf, Friedrich sah sich überall um und beschaute sich die Oertlichkeit; endlich sagte er: »Schulz, weiter können wir nicht gehen; hier ist die Spur zu Ende: wir wollen uns also die Sache überlegen. Aber hier pustet es höllisch kalt über das freie Feld herüber; wollen uns dort hinter den Backofen setzen.« – Na, das tun sie. »Was ich für ein Narr bin,« sagt der Schulz, »hier in solchem Weg und Wetter hinter einem Franzosen herzulaufen!« – »Schwiegervater, laß Er den Franzosen,« sagt Friedrich, »den kriegen wir immer noch.« – »Fängst du mir schon wieder an mit deinem Schwiegervater, du preußischer Spitzbube?« – »Schulz, was Er nicht ist, kann Er ja noch werden! Ich habe viele Leute gekannt, die haben für diesen Namen ihre Tochter und dazu noch viel Geld gegeben.« – »Dann haben sie auch andere Schwiegersöhne dafür gekriegt, wie du bist!« – »Seh Er mich mal an, Schulz,« sagt Friedrich und stellt sich hoch aufgerichtet vor den Schulzen hin, »ein Advokat bin ich nicht und ein Doktor auch nicht; aber ich habe gesunde Knochen, und seh' Er meine Hand an, die kann von Arbeit mitreden. Und wenn Er seinen eigenen Augen nicht traut, dann kann Er ja meinen Müller fragen.« – »Je, weißt du, was der sagt? Der sagt, du wärest wohl ein tüchtiger Kerl und verständest auch eine Sache anzufassen; aber du hättest Redensarten an dir, unnütze Redensarten, mit denen keiner einen Hund hinterm Ofen hervorlocken könne.« – »Daß ich das kann, das will ich Ihm nachher beweisen. Aber nun, Schulz: will Er mir Seine Fiken geben?« – »Donnerwetter!« sagt der Schulz, »ich dachte erst, es sollte Spaß sein; und nun glaube ich, du Racker willst hier Ernst machen.« – »Schulz, mit der Hufe und dem Altenteil, das war Spaß; denn sein Fritz muß die Hufe haben, und Er braucht noch nicht aufs Altenteil; aber mit Seiner Fiken, das ist Ernst; und eine Hufe kriege ich schon.« – »Du Prahlhans!« sagt der Schulz. »Sieh, dies ist so eine Redensart, wie ich vorhin sagte, mit der du keinen Hund aus dem Ofen lockst.« – »Das will ich Ihm zeigen!« ruft Friedrich. – »Dicktuer!« sagt der Schulz und steht auf; »ich geh nach Haus, und du geh' auf den Hundefang oder greif dir deinen Franzosen.« – – »Den hab ich,« sagt Friedrich. – »Prahlhans!« – »Schulz, wenn in drei Minuten der Franzos vor Ihm steht, und ich mit meinen Redensarten einen Hund aus dem Ofen locke, will Er mir dann Seine Fiken geben?« – und hält ihm die Hand hin: »Da, schlag Er ein!« – »Du Lügenbalg!« ruft der Schulz, »bloß um dich mit der Nase darauf zu stoßen, daß du ein Prahlhans bist – ja!« – und er schlägt ein. Fridrich grifflacht so'n beten vör sick hen, bückt sick dal tau dat Backabenlock: »Mossiöh, allong! ißi! Allong! ißi!« Un wat krüpt taum Vörschin? De französche Schassür. »Gotts ein Dunner...!« röppt de Schult. »Pardong! Mossiöh!« röppt de Franzos'. »Schult, wer hett de Wedd wunnen?« fröggt Fridrich. »Hir is de Franzos', un hir is ok de Hund! Wer kriggt nu Sin Fiken?« »Preuß'sche Hallunk!« röppt de Schult un böhrt wedder den Stock in de Höcht, »du willst mi hir taum besten hewwen? Du, min Fiken! Leiwerst will ick jo doch...« »Schult«, seggt Fridrich, »legg Hei den Stock bi Sid, de Franzos' ängst't sick. Kam Hei leiwerst her un help Hei mi bi dat Arretierungsgeschäft; äwer de Wedd reden wi nahsten.« »Pardong!« röppt de Franzos' dormang. »Wat hir, wat dor! Pardong!« röppt Fridrich. »Wat löppst du mi unner de Bäuk furt, wo ick di henleggt hadd? Ditmal will 'ck di mal nah min Ort traktieren, Mamsell Westphalen is hier nich begäng'«, un dormit snitt hei em de Knöp von de Kledage af. »Un nu allong! avang!« Un so geiht dat denn nu vörwarts dörch Demzin nah Pinnow hentau. Friedrich lacht leise spöttisch vor sich hin und bückt sich zum Backofenloch nieder: »Mossiöh, allong! ißi! – Allong! ißi!« – und was kriecht zum Vorschein? Der französische Chasseur. »Gotts ein Donner...!« ruft der Schulz. – »Pardon, monsieur!« ruft der Franzose. – »Schulz, wer hat die Wette gewonnen? Hier ist der Franzos, und hier ist auch der Hund! Wer kriegt nun Seine Fiken?« – »Preußischer Halunke!« ruft der Schulz und hebt wieder den Stock empor, »du willst mich hier zum besten haben? Du meine Fiken! Lieber will ich ihr doch ...« – »Schulz,« sagt Friedrich, »leg Er den Stock beiseite; der Franzos ängstigt sich, komm Er lieber her und helf Er mir bei dem Arretierungsgeschäft; über die Wette sprechen wir später.« – »Pardon!« ruft der Franzose dazwischen. – »Was hier, was da! Pardong!« ruft Friedrich. »Was läufst du mir unter der Buche fort, wo ich dich hingelegt hatte? Diesmal will ich dich mal nach meiner Art traktieren; hier ist keine Mamsell Westphal,« – und damit schneidet er ihm die Knöpfe von den Hosen ab: »Und nun allong! avang!« Und so geht es denn nun vorwärts durch Demzin nach Pinnow zu. De oll Schult geiht in den dullen Regen still biher un argert sick, am meisten äwer sick sülwst, un wenn hei de Schuld up Fridrichen schuwen will, denn möt hei ümmer tau sick seggen: »En Hallunk is hei; äwer en verdeuwelten Kirl is hei doch! Von wat hei dat woll wüßt, dat de Franzos' in den Backaben satt? Un denn dit mit dat Knöpafsniden! Na, dit Stück will 'ck mi marken!« Der alte Schulz geht in dem gießenden Regen still nebenher und ärgert sich, am meisten aber über sich selbst, und wenn er die Schuld auf Friedrich schieben will, dann muß er immer zu sich sagen: »Ein Halunke ist er; aber ein verteufelter Kerl ist er doch! Woher er wohl wußte, daß der Franzos im Backofen saß? Und dann dies mit dem Knopfabschneiden! Na, dies Stück will ich mir merken!« As sei gegen Gülzow kamen, seggt Fridrich: »Schult, wer Deuwel kümmt dor dwars äwer Jug Streking tau jagen? Wat hett de dor tau jagen? Den Regen jöggt hei doch nich ut den Weg.« »Wo Dunner!« seggt de Schult, »dat is jo den Inspekter Nicolain sin Brun, un de dorup sitt, is jo woll gor de Stemhäger Burmeister?« Un so was't. Als sie in die Nähe von Gülzow kommen, sagt Friedrich: »Schulz, wer zum Teufel kommt da quer über Euren Acker angejagt? Was hat er da zu jagen? Dem Regen jagt er ja doch nicht aus dem Wege.« – »Was Donner!« sagt der Schulz, »das ist ja dem Inspektor Nicolai sein Brauner, und der darauf sitzt, ist ja wohl gar der Stavenhäger Bürgermeister?« – Und so war es. Min Vader kamm ran, un as hei den Franzosen sach un Fridrichen, säd hei, nu süll sick de Sak woll schicken. »Äwer«, set't hei hentau, »Schult, nu nah Sinen Hus'! Denn mi frirt de Seel in minen Liw', un dörchnät't bün 'ck bet up de Knaken.« »Dat segg ick man, Herr, un wi sünd ok schön dörchbükt.« Mein Vater kam heran, und als er den Franzosen sah und Friedrich, sagte er, jetzt sollte die Sache wohl in Ordnung kommen. »Aber,« setzt er hinzu, »Schulz, jetzt schnell nach Seinem Hause, denn mir friert die Seele in meinem Leibe, und durchnäßt bin ich bis auf die Knochen!« – »Das sag ich ja man, Herr, und wir sind auch schön durchgeweicht.« As sei in den Schultenhus' ankamen wiren, halt de Schultenfru allerlei äwerleidiges Tüg taum Vörschin, doch langt dat man knapp, denn de slimmen Tiden spelten ok in den Schulten sin Klederkamer stark ehren schawernackschen Zwickel, un jeder dankte Gott, wenn hei man wat fünn, wat em hallweg' tau Paß satt. De oll Schult kunn kein anner Hüsung finnen as in sin eigen Büx; Fridrich stek ganz statsch in Fritzen sinen Gottsdischrock, un min Vader, as de lüttst, müßt sick mit Hannern sin kort Jack begnäugen, wat natürlich de Schult nich wull un vel Kumpelmenten doräwer makt; äwer wenn einer ut 'ne Verdreitlichkeit in Säkerheit un ut en Regen in'n Drögen kamen is, denn stellt sick de Lustigkeit licht in, un min Vader lacht äwer sinen Uptog, dat em de Ogen tranten. »Leiwer Gott«, säd hei mit einmal un würd sihr irnsthaft, »wi lachen hir, ein unner uns sitt en Minschenkind, dat schüdd't nich de Frost allein, dat schüdd't ok de Angst, un wi süllen em taum wenigsten dat tau Gauden dauhn, wat wi künnen. Fru, Sei möt ok den Franzosen mit wat unner de Arm gripen.« Dat gung denn nu man swack, un as allens vernutzt was, wat sick jichtens dortau schicken ded, müßt doch oll Schultenmutter ehr gaschen Rock dat grötste Loch taustoppen. Als sie im Schulzenhause angekommen waren, brachte die Schulzenfrau allerlei überzähliges Zeug zum Vorschein; doch langte das nur kaum, denn die schlimmen Zeiten hatten auch in des Schulzen Kleiderkammer stark ihren Schabernack getrieben, und jeder dankte Gott, wenn er nur was fand, das ihm halbwegs paßte. Der alte Schulz konnte keine andere Behausung finden als in seiner eigenen Hose; Friedrich stak ganz stattlich in Fritzens Gottestischrock; und mein Vater, als der kleinste, mußte sich mit Johanns kurzer Jacke begnügen, was natürlich der Schulz nicht wollte, und worüber er viele Komplimente machte; aber wenn jemand aus einer Verdrießlichkeit in Sicherheit und aus einem Regen ins Trockene gekommen ist, dann stellt sich die Lustigkeit leicht ein, und mein Vater lachte über seinen Aufzug, daß ihm die Augen tränten. – »Lieber Gott,« sagte er auf einmal und wurde sehr ernst, »wir lachen hier, und unter uns sitzt ein Menschenkind, das schüttelt nicht der Frost allein, das schüttelt auch die Angst; und wir sollten ihm zum wenigsten das zugute tun, was wir können. Frau, Sie müssen auch dem Franzosen mit etwas unter die Arme greifen.« – Das ging denn nun man schwach, und als alles benutzt war, was sich irgend dazu eignete, mußte doch ein dicker Wollrock von der alten Schulzenmutter das größte Loch zustopfen. »Brauder, ett düchtig!« säd Fridrich, as sei üm de vulle Dracht von Vesperbrod rüm seten, un schow den Franzosen so'n Stück Pökelfleisch von en Pundener drei hen. »Ett, Brauder! So lang' de Minsch ett, so lang' lewt hei noch.« Un minen Vader würd de Kirl jammern, un hei redt en por Würd' französch mit em in en tröstlichen Ton, un de arme Sünner antwurt't so leidig un de- un wehmäudig, dat dat den ollen Schulten, obschonst hei nicks dorvon verstunn, doch an't Hart grep un hei sick an minen Vader ranne bögt: »Herr Burmeister, will'n den Kirl wedder lopen laten.« Ne, säd min Oll, so güng de Sak denn doch nich. De Möller un de Bäcker seten in grote Nod un hadden 'ne gerechte Sak, un de Franzos' set ok in Nod, hadd äwer ne ungerechte Sak, un't Recht müßt dörch de Welt gahn. »Bruder, iß tüchtig!« sagte Friedrich, als sie um das reichliche Vesperbrot herumsaßen, und schob dem Franzosen so ein Stück Pökelfleisch von drei Pfund hin; »iß, Bruder! Solange der Mensch ißt, so lange lebt er noch.« – Und meinen Vater jammerte der Mann, und er redete ein paar Worte Französisch mit ihm in tröstlichem Ton, und der arme Sünder antwortete so sachte und de- und wehmütig, daß es dem alten Schulz, obwohl er nichts davon verstand, doch ans Herz griff und er sich an meinen Vater heranbeugte: »Herr Bürgermeister, wollen den Kerl wieder laufen lassen.« – Nein, sagte mein Vater, so ginge die Sache denn doch nicht; der Müller und der Bäcker säßen in großer Not und hätten eine gerechte Sache, und der Franzose säße auch in Not, hätte aber eine ungerechte Sache; und das Recht müßte doch in der Welt bestehen bleiben. Dunn kümmt den Schulten sin Fritz mit de Mähren up den Hof tau riden un kümmt in de Dör: »Gun Abend, Vader! Ick bün de Franzosen utritscht«, un giwwt sinen Ollen de Hand un geiht nah minen Vader ran, de em den Rüggen taukihrt, un giwwt em en recht nüdlichen Denkzettel in't Gnick: »Gun Abend, Hanne! Kannst dinen Brauder de Dagstid nich beiden?« Min Vader fohrt in En'n un dreiht sick üm, un Fritz steiht nu dor as Loten sin Wiw'. »Gott sall mi bewohren!« röppt de Schult. »Kümmt hir rin un sleiht mi den Stemhäger Burmeister in minen eigen Hus'! Un de Slüngel will mal Schult warden!« »Lat em!« seggt min Oll. »Dorför sall hei äwer hüt abend noch nich tau Rauh, hei sall uns hüt abend noch all nah Stemhagen führen.« »Dörch de ganze Welt, Herr Burmeister«, seggt Fritz. »Wat kümmst du äwerst so lat an't Hus?« fröggt de Schult. »Je, Vader, ick dacht so, wenn s' di krigen, ward de Sak slimm, un dorüm treckt ick de Mähren in'n Holt un stellt mi up de Lur un wull täuwen, bet't Abend würd; un as ick so stunn, dunn kamm de Stadtdeiner Luth antaugahn, un de säd, de Franzos' wir lang' weg un de Herr Burmeister wir de Franzosen ok utritscht un hei söcht em.« »Wo's hei denn blewen?« frögt min Oll. »Hei ward glik kamen«, seggt Fritz, »hei frog man noch bi den Schaulmeister vör.« Da kommt des Schulzen Fritz mit den Pferden auf den Hof geritten und kommt in die Tür: »Guten Abend, Vater! Ich bin den Franzosen ausgerissen!« – und gibt seinem Vater die Hand und geht an meinen Vater heran, der ihm den Rücken zukehrt, und gibt ihm einen recht niedlichen Denkzettel ins Genick: »Guten Abend, Hanne! Kannst du deinem Bruder nicht die Tageszeit bieten?« – Mein Vater fährt empor und dreht sich um, und Fritz steht nun da wie Lots Weib – »Gott soll mich bewahren!« ruft der Schulz; »kommt hier rein und schlägt mir den Stavenhäger Bürgermeister in meinem eigenen Haus – und der Schlingel will mal Schulz werden!« – »Laß ihn!« sagt mein Alter: »Dafür soll er aber heute abend nicht zur Ruhe kommen; er soll uns heute abend noch alle nach Stavenhagen fahren.« – »Durch die ganze Welt, Herr Bürgermeister,« sagt Fritz. – »Warum kommst du aber so spät ans Haus?« fragt der Schulz. – »Ja, Vater, ich dachte so: wenn sie dich kriegen, wird die Sache schlimm – und darum zog ich die Pferde ins Holz und stellte mich auf die Lauer und wollte warten, bis es Abend würde; und als ich so stand, da kam Stadtdiener Luth angegangen und der sagte mir, die Franzosen wären längst weg, und der Herr Bürgermeister wäre den Franzosen auch durchgebrannt, und er suchte ihn.« – »Wo ist er denn geblieben?« fragt mein Vater. – »Er wird gleich kommen,« sagt Fritz, »er fragte nur noch beim Schulmeister vor.« Un Luth kamm denn nu ok mitdewil, un as hei nah minen Vader frog un em de in de korte Jack vör Ogen kamm, was't vörbi mit sine ganze Utrichtung, hei verget allens, wat hei seggen süll an wull, un fung ludhals' an tau lachen, un min Oll argert sick, denn hei dacht nich mihr an sinen Uptog, sondern an min Mutting un an't Hus, un kreg den Stadtdeiner bi den Kragen: »Luth, is Hei unklauk worden? Wat makt min Fru un min Kinner?« »Prächtig tau Weg', Herr Burmeister! Hahaha! Un de Herr Amtshauptmann les't de Fru Burmeistern wat ut de Bäuker vör, un Mamsell Westphalen proppt Fritzen mit Appel un Kringel, äwer hahaha! nemen S' 't nich äwel, ick möt lachen.« Un Fridrich fung ok an tau lachen, un de oll Schult ok, un Fritz; un Schultenmutter säd: de Herr Burmeister seg doch heil spaßig ut. Minen Ollen was dat Hart nu licht worden, un hei lacht von Harten mit. »Luth, lach Hei düchtig«, säd hei, »äwer lach Hei fix tau! Denn för Em heww ick wat Iliges tau dauhn. Nich wohr, de Franzosen hewwen den Mantelsack mit dat Geld un dat Sülwertüg mitnamen?« »Ja, Herr. Ick heww't seihn, as sei't furt dragen deden.« »Denn spaud Hei sick. In den Stall steiht den Inspekter Nicolain sin Brun, den nimmt Hei un jöggt, al wat Hei kann, nah Kittendörp nah den Herrn Landrat von Ürtzen denn von dorher sünd gistern de Schassürs kamen, un dor warden ok woll de Lepel herstammen, un denn vertellt Hei den Herrn Landrat, wo't uns in Stemhagen gahn is, un bidd't em, hei süll Em en säkern Minschen, de up de Lepel swören kann, mitgewen. Up so'ne Wis' künn hei mäglich sin Eigendaum wedder krigen. Un nu furt mit Em! Und du, Fritz, spann fixing an!« Mit der Zeit kam denn nun auch Luth, und als er nach meinem Vater fragte, und dieser ihm in der kurzen Jacke vor die Augen kam, war es mit seiner ganzen Bestellung vorbei; er vergaß alles, was er sagen sollte und wollte, und fing aus vollem Halse zu lachen an, und mein Vater ärgerte sich, denn er dachte nicht mehr an seinen Aufzug, sondern an meine Mutter und ans Haus, und faßte den Stadtdiener an den Kragen: »Luth, ist Er unklug geworden? Was machen meine Frau und meine Kinder?« – »Prächtig zuwege, Herr Bürgermeister! Hahaha! – Und der Herr Amtshauptmann liest der Frau Bürgermeister etwas aus den Büchern vor, und Mamsell Westphal stopft Fritzing mit Aepfeln und Kringeln; aber – hahaha! – nehmen Sie's nicht übel: ich muß lachen.« – Und Friedrich fing auch zu lachen an, und der alte Schulz und Fritz auch; und Schulzenmutter sagte, der Herr Bürgermeister sähe doch auch gar zu spaßig aus. – Meinem Vater war das Herz nun leicht geworden, und er lachte von Herzen mit. »Luth, lach' Er tüchtig,« sagte er, »aber lach' Er schnell! Denn für Ihn Hab' ich was Eiliges zu tun. Nicht wahr, die Franzosen haben den Mantelsack mit dem Geld und dem Silberzeug mitgenommen?« – »Ja, Herr, ich hab's gesehen, als sie es forttrugen.« – »Dann spute Er sich. Im Stall steht Inspektor Nicolais Brauner, den nimmt Er, und jagt, all was Er kann, nach Kittendorf zum Herrn Landrat von Oertzen – denn von dorther sind gestern die Chasseurs gekommen, und daher werden wohl auch die Löffel stammen – und dann erzählt Er dem Herrn Landrat, wie es uns in Stavenhagen gegangen ist, und bittet ihn, er solle Ihm einen sicheren Menschen mitgeben, der auf die Löffel schwören könne. Auf diese Weise könnte er vielleicht sein Eigentum wieder bekommen. – Und nun fort mit Ihm! Und du, Fritz, spann fixing an!« – Wohrt ok nicks, dunn seten sei all up den Wagen, blot den Schulten wull Mutter nich mitlaten: »Du hest dor nicks tau dauhn, du künnst tau Hus liggen.« »Mutter«, säd de Schult un set't den einen Faut in't Rad un den annern up den Schinken von den Wagen un kek sick von baben dal üm, »dit's gegen uns' Äwereinkamen. Du büst Herr in den Hus', un ick bün Herr in min Schultengeschäften, un en Gefangen tau transperieren is en Schultengeschäft.« Un dorbi klemmt hei sick mit Fridrichen un den Franzosen up einen Sack: »So, Fritz, nu man jüh!« Es dauerte auch kaum einen Augenblick, da saßen sie alle auf dem Wagen; nur den Schulzen wollte Mutter nicht mitlassen: »Du hast dort nichts zu tun; du könntest zu Hause bleiben.« – »Mutter,« sagte der Schulze und setzte den einen Fuß ins Rad und sah sich von oben herab um, »dies ist gegen unser Uebereinkommen. Du bist Herr im Hause, und ich bin Herr in meinen Schulzengeschäften, und einen Gefangenen zu transportieren, ist ein Schulzengeschäft,« und dabei klemmte er sich mit Friedrich und dem Franzosen auf einen Sack: »So, Fritz, nun man jüh!« Dat säbenteihnte Kapittel Siebzehntes Kapitel Worüm Fridrich eigentlich kein Spitzbauw was; worüm de Kaiser Napoleon nicks mit den Herrn Ratsherrn tau dauhn hewwen will, un worüm de Oberst mit den Herrn Ratsherrn Heimlichkeiten hett. Warum Friedlich eigentlich kein Spitzbube war; warum Kaiser Napoleon nichts mit dem Ratsherrn zu tun haben will, und warum der Oberst mit dem Herrn Ratsherrn Heimlichkeiten hat. Vör den Rathus tau Stemhagen höll de Wagen still, un mit einen Satz was min Vader raf von sinen Sack un heit de annern noch en beten sitten bliwen, bet hei sei röp. As hei up de Dehl kamm, begegent em Marik Wienken mit Licht, denn 't was all mitdewil düster worden. Marik, wat uns' Deinstmäten was, hadd binah dat Licht fallen laten un wull eben upschrigen, as sei minen Vader ut Hannern sin Mondierung herute kennen ded; hei treckt sei äwer fix in sin Stuw' un säd: »Holt din Mul, Marik! Du büst jo'n verstännig Mäten!« Marik was man düsig, äwer nicks grippt de Dummheit beter unner de Arm, as wenn sei för klauk utgewen ward; in Marik ehren Kopp würd dat denn ok en ganz Deil heller. »Is de Herr Amtshauptmann noch hir?« frog min Vader. »Ja, Herr.« »Denn sett dat Licht hir hen un gah nah de Stuw' rin un lat di nicks tau min Fru marken un segg den Herrn Amtshauptmann: buten wir ein, de em spreken wull, un denn bring em hir rin.« Vor dem Rathaus zu Stavenhagen hielt der Wagen still, und mit einem Satz war mein Vater von seinem Sack herunter und sagte den anderen, sie möchten noch ein bißchen sitzen bleiben, bis er sie riefe. Als er auf die Diele kam, begegnete ihm Marie Wienke mit Licht, denn es war mittlerweile schon dunkel geworden. Mariechen, unser Dienstmädchen, hätte beinahe das Licht fallen lassen und wollte eben aufschreien, als sie meinen Vater aus Hanne Besserdichs Kleidern herauskannte; er zog sie aber schnell in seine Stube und sagte: »Halt deinen Mund, Marie! Du bist ja ein verständiges Mädchen!« – Mariechen war nur dummlich; aber nichts greift der Dummheit besser unter den Arm, als wenn sie für klug ausgegeben wird; in Mariechens Kopf wurde es denn auch ein ganz Teil heller. – »Ist der Herr Amtshauptmann noch hier?« fragte mein Vater. – »Ja, Herr.« – »Dann setze das Licht hierhin und geh' in die Stube hinein und laß dir meiner Frau gegenüber nichts merken und sage dem Herrn Amtshauptmann: draußen wäre einer, der ihn sprechen wollte; und dann bring' ihn hier herein.« Na, dat geschach, un de oll Herr kamm herin: »Gun Abend, min Sähn, wat willst du, un wat deihst du hir in den Herrn Burmeister sin Stuw'?« »Herr Amtshauptmann, wat makt min Fru un Kinner?« »Min Jüngschen, wat weit ick von din Fru un Kinner? Wo kümmst du tau Fru un Kinner?« »Gottsdausend«, röppt min Oll, »kennen Sei mi denn nich? Ick bün jo de Burmeister!« »Das ist denn eine andere Sache!« röppt de oll Herr. »Das is ja eine ganz besondere Sache! Ne, wat denn? Consul Stavenhageniensis in 'ne korte Jack! Äwer wat seggt Horaz? Nil admirari, seggt hei! Vör allen in desen Tiden, min Herzenskindting.« »Herr Amtshauptmann, min Fru?« »Weit, dat Sei los sünd, min Herzenskindting, un ward sick sihr freuen.« »Äwer...« »Nee, 't schadt ehr nich, ok nich, wenn sei Sei in 'ne korte Jack süht. Kamen S' man!« Dies geschah nun, und der alte Herr kam herein: »Guten Abend, mein Sohn, was willst du, und was tust du hier in des Herrn Bürgermeisters Stube?« – »Herr Amtshauptmann, was machen meine Frau und Kinder?« – »Mein Jüngelchen, was weiß ich von deiner Frau und deinen Kindern? Wie kommst du zu Frau und Kindern?« – »Potztausend!« ruft mein Vater. »Kennen Sie mich denn nicht? Ich bin ja der Bürgermeister!« – »Das ist denn eine andere Sache!« ruft der alte Herr. »Das ist ja eine ganz besondere Sache! Ne, was denn? Consul Stavenhagenensis in einer kurzen Jacke! Aber was sagt Horaz? Nil admirari, sagt er! Vor allem in diesen Zeiten, mein Herzenskindting.« – »Herr Amtshauptmann, meine Frau?« – »Weiß; daß Sie los sind, mein Herzenskindting, und wird sich sehr freuen.« – »Aber ...?« – »Nein, es schadet ihr nicht, auch nicht, wenn sie Sie in einer kurzen Jacke sieht. Kommen Sie nur!« All de Äwerraschungen dägen den Düwel nicks, sülwst nich de gauden. Wenn de Freud' den Minschen mit einmal in de Uhren schallt, as wenn twei Dutzend Muskanten tauglik dicht bi einen achter'n Busch losleggen, denn ritt dat einen dörch dat Hart un dörch den Kopp, un dat schönste Lied ward idel Weihdag'. Ne! ick law mi de Freud, wenn sei ankümmt as en schönen Singvagel in'n käuhlen Holt, wenn sei neger kümmt un ümmer neger von Twig tau Twig, bet sei mi tauletzt von den negsten Busch ehr Lied vull in de Uhren singt. Alle Ueberraschungen taugen den Teufel nichts, selbst nicht die guten. Wenn die Freude dem Menschen mit einmal in die Ohren schallt, wie wenn dicht bei einem zwei Dutzend Musikanten zugleich hinterm Busch loslegen, dann reißt es einem durch das Herz und durch den Kopf, und das schönste Lied wird eitel Schmerz. Nein! Ich lobe mir die Freude, wenn sie ankommt wie ein schöner Singvogel im kühlen Wald, wenn sie näher kommt und immer näher von Zweig zu Zweig, bis sie mir zuletzt vom nächsten Busch ihr Lied voll in die Ohren singt. De Freud' kamm bi min Mutting tauirst woll en beten hastig; äwer dat was äwerstahn; nu kamm sei von Twig tau Twig, un as min Vader rin kamm in de Stuw', dunn sung sei ehr Lied ehr vull in de Uhren, un as de Vagel tauletzt gor in 'ne korte Jack kamm, dunn was't ehr, as wenn hei ehr allerlei Wippkens in den Busch vörmaken ded, dat sei von Harten doräwer lachen müßt. Un de Erinnerung an desen Dag is in unsern Hus' lewig blewen bet in de spädsten Tiden: wenn min Vader unner Arbeit un Sorgen mal recht lustig an't Hus kamm, denn heit dat unner uns: »Vatting hett hüt de korte Jack an.« Die Freude kam bei meiner Mutter zuerst wohl ein bißchen hastig; aber das war überstanden; nun kam sie von Zweig zu Zweig, und als mein Vater in die Stube hereinkam, da sang sie ihr Lied ihr voll in die Ohren, und als der Vogel zuletzt gar in einer kurzen Jacke kam, da war's ihr, als wenn er ihr im Busch allerlei Wippchen vormachte, daß sie von Herzen darüber lachen mußte. – Und die Erinnerung an diesen Tag ist in unserem Hause lebendig geblieben bis in die spätesten Zeiten: wenn mein Vater unter Arbeit und Sorge mal recht lustig nach Hause kam, dann hieß es unter uns: »Vatting hat heute die kurze Jacke an.« As sick de Freud hallweg' tau Rauh set't hadd, fung de oll Herr an: »Un den Franzosen hewwen Sei glik mitbröcht, min Herzenskindting?« » Ick nich«, säd min Oll, »den Möller sin Fridrich hett woll 't Best dorbi dahn, un de Gülzowsche Schult hett em dorbi hulpen.« »Min Herzenskindting, dieser Fridrich muß ein verteufelter Kerl sein, ein resolvierter Mensch, will'n em mal rinne kamen laten.« Als sich die Freude einigermaßen zur Ruhe gesetzt hatte, fing der alte Herr an: »Und den Franzosen haben Sie gleich mitgebracht, mein Herzenskindting?« – »Ich nicht,« sagte mein Vater; »Müllers Friedrich hat wohl das Beste dabei getan, und der Gülzowsche Schulz hat ihm dabei geholfen.« – »Mein Herzenskindting, dieser Friedrich muß ein verteufelter Kerl sein, ein resolvierter Mensch; wollen ihn mal hereinkommen lassen.« Fridrich kamm, un de Schult ok. »Hür mal, min Sähn, büst du dat, de den Franzosen von den Wagen smeten hett?« Fridrich dacht bi sick: wo? dit sall jo woll wedder en Gerichtsdag warden? Un wil hei dese Frag mit »ja« beantworten müßt, set't hei sick stracks up de Achterbein un let dat an sick kamen. »Ja, Herr«, säd hei. »Weitst du denn ok woll, dat du den Möller in grote Verlegenheit bröcht best?« »Verlegenheit? Hei is't mit Verlegenheiten gewennt, un ein mihr ward em nich schaden.« »Büst du dat, de den Mantelsack von dat Franzosenpird namen hett?« »Ja, Herr.« »Hest du di dorbi nich mit acht Gröschen an den Franzosen sin Eigendaum vergrepen?« »Ick heww mi min acht Gröschen blot wedder namen«, säd Fridrich un vertellte de Geschicht. »Du hest sei di gegen Gesetz un Recht namen, un wo ward so einer nennt, de dat deiht?« Fridrich kek den ollen Herrn drist an, säd äwer kein Wurd. »Schult Besserdich, wo ward so'n Minsch nennt?« »Mit Verlöw, Herr Amtshauptmann, en Spitzbauw!« brok de oll Schult los. »Un dat is hei, Herr; hei hett hüt noch de oll Baukfinksch 'ne Wust ut den Rok stahlen, un so'n Kirl will min Fiken frigen?« »Wat will hei?« »Min Fiken, Herr, de bi Sei deint, Herr, de will hei frigen, Herr.« »So? So?« säd de Herr Amtshauptmann un kek Fridrichen von baben bet unnen an, »das ist denn eine andere Sache! Min Sähn, denn kannst du rute gahn; äwer ick ward di den gistrigen un den hütigen Dag gedenken. Fridrich gung un schull in sinen Harten up den Schulten un den Amtshauptmann. »Wat will hei mi gedenken?« frog hei sick, as hei up de Dehl stunn. Hadd hei äwer wüßt, wat dit Wurd bi den ollen Herrn in den Mun'n führt, hadd hei woll so nich fragt, denn in'n Bösen gedacht de oll Herr sindag' nich wat; dat Bös' gung an em voräwer, dat hackte em nich an, un hei makte drei Krüzen achter her; kamm em äwer dat Gaude entgegen, denn was em bang, dat hei't so rasch verliren süll, denn heit dat: »Neiting, Fritz Sahlmann, Westphalen, Kinnings, helpt mi doran gedenken.« Friedrich kam, und auch der Schulz. »Hör mal, mein Sohn, bist du das, der den Franzosen vom Wagen geschmissen hat?« – Friedrich dachte bei sich: wie? dies soll ja wohl wieder ein Gerichtstag werden? – und weil er diese Frage mit ja beantworten mußte, setzte er sich stracks auf die Hinterbeine und ließ es an sich kommen. »Ja, Herr,« sagte er. – »Weißt du denn auch wohl, daß du den Müller in große Verlegenheit gebracht hast?« – »Verlegenheit? Er ist Verlegenheiten gewöhnt; und eine mehr wird ihm nicht schaden.« – »Bist du das, der den Mantelsack vom Franzosenpferd genommen hat?« – »Ja, Herr.« – »Hast du dich dabei nicht um acht Groschen an des Franzosen Eigentum vergriffen?« – »Ich habe mir meine acht Groschen bloß wieder genommen,« sagte Friedrich und erzählte die Geschichte. – »Du hast sie dir gegen Gesetz und Recht genommen, und wie wird so einer belangt, der dies tut?« – Friedrich sah den alten Herrn dreist an, sagte aber kein Wort. – »Schulz Besserdich, wie wird so ein Mensch genannt?« – »Mit Verlaub, Herr Amtshauptmann, ein Spitzbube!« brach der alte Schulz los. »Und das ist er, Herr; er hat heute noch der alten Buchfinksch eine Wurst aus dem Rauch gestohlen! Und so ein Kerl will meine Fiken heiraten?« – »Was will er?« – »Meine Fiken, Herr, die bei Ihnen dient, Herr, die will er heiraten, Herr.« – »So? so?« sagte der Herr Amtshauptmann und sah Friedrich von oben bis unten an, »das ist denn eine andere Sache! – Mein Sohn, dann kannst du herausgehen; aber ich werde dir den gestrigen und den heutigen Tag gedenken.« Friedrich ging und schalt in seinem Herzen auf den Schulzen und den Amtshauptmann: »Was will er mir gedenken?« fragte er sich, als er auf der Diele stand. Hätte er aber gewußt, was dieses Wort beim alten Herrn besagen wollte, dann hätte er wohl nicht so gefragt; denn im Bösen gedachte der alte Herr niemals etwas; das Böse ging an ihm vorüber, das blieb nicht an ihm haften, und er machte drei Kreuze dahinter her; kam ihm aber das Gute entgegen, dann war ihm bange, daß er's zu rasch verlieren sollte, dann hieß es: »Neiting, Fritz Sahlmann, Westphal, Kinder, helft mir daran gedenken.« As Fridrich ut de Dör was, dreiht de oll Herr sick üm un lachte ut vullen Harten: »Neiting, üm Fritz Sahlmannen sin Wust von hüt morrn büst du nu doch rüm, de kriggt de Baukfinksch in Pinnow, denn wenn dese Bengel, de Fridrich, den Schulten sin Fik frigen sall, denn möt wi em doch irst wedder ihrlich maken.« »Ja«, röp min Oll un läd en Achtgröschenstück up den Disch, »un hir is dat Geld, wat hei den Franzosen namen hett.« »Na, un nu, Schult, wennihr ward de Hochtid?« lachte de oll Herr. De oll Schult stunn dor un makt en Gesicht, as hadd em einer von achter 'ne Brill von Schauhsahlen upset't; hei wüßt nich, wat üm em geschach. »Herr Amtshauptmann«, säd hei endlich, »de Kirl is jo äwerst en Snurrer.« »Schult«, säd de oll Herr, »de Sak kann sick ännern. In'n Amt sünd in desen Tiden Burhäw' fri kamen, un wer weit, wo hohe Herzogliche Kammer doräwer denkt.« »Ja, hei is doch äwerst ok en Spitzbauw, Herr.« »Schult, dat wull ick blot noch mal von Em hüren. As de Kirl hüt morrn sick de acht Gröschen ut dat Fellisen halt hett, hadd hei dunn nich dat Ganze behollen künnt? Wer hadd dor wat von wüßt? Un wenn hei't up den Nacken namen hadd un wir dormit äwer de preußsche Grenz gahn, wecke Hund un wecke Hahn hadd dornah kreiht? Ne, wat denn?« »Je, Herr, äwer mit de acht Gröschen un de Wust?« »Dat ein hett hei in sinen Unverstand för sin Recht hollen un dat anner för en Spaß.« »Je, Herr«, seggt de Schult un kratzt sick an den Kopp, »wenn dat ok all so is, min Fik is doch tau jung för den ollen Bengel.« »Mit Verlöw, Herr Amtshauptmann«, föll hir Mamsell Westphalen in, »dat ick mang Gerichtssaken un Burenangelegenheiten red. Schult Besserdich, dat is en dummen Snack von Em; denn wenn Sin Fik noch 'ne junge, dumme Dirn is, dann is dat gaud, dat sei en erfohren Mann kriggt, denn dat hett ümmer sin Ort hadd. Un, Herr Amtshauptmann, nehmen S' nich äwel, hei is en resolvierten Kirl un in dese Tid tau bruken, un gistern abend ick will nicks nich gegen Herr Droin seggen, denn hei möt weiten, wenn dat Tid is, mit Obergewehr un Unnergewehr up en Minschen lostaugahn, äwer gistern gung Fridrich itzig un allein up den Franzosen los, un wenn sine Redensorten ok för Ehre Stuw' un mine Uhren nich rendlich naug wiren, so säd ick doch tau mi: dat is en Kirl, de hett dat mit de Daht. Un, Schult Besserdich, de beiden passen för enanner, denn wat hei in de Daht hett, het sei in de Würden; un, Herr Amtshauptmann, sei kann sick en Kirl von den Liw' hollen, denn sei hett en gottgesegentes Mulwark, un dat segg ick .« Als Friedrich aus der Tür war, drehte der alte Herr sich um und lachte aus vollem Herzen: »Neiting, um Fritz Sahlmanns Wurst von heute früh bist du nun doch gekommen – die kriegt die Buchfinken in Pinnow; denn wenn dieser Bengel, der Friedrich, des Schulzen Fik freien soll, dann müssen wir ihn doch erst wieder ehrlich machen.« – »Ja,« rief mein Alter und legte ein Achtgroschenstück auf den Tisch, »und hier ist das Geld, das er dem Franzosen genommen hat.« – »Na, und nun, Schulz, wann wird die Hochzeit?« lachte der alte Herr. – Der alte Schulz stand da und machte ein Gesicht, als hätte ihm jemand von hinten eine Brille von Schuhsohlen aufgesetzt; er wußte nicht, was um ihn geschah. »Herr Amtshauptmann,« sagte er endlich, »der Kerl ist ja aber ein Schnorrer.« – »Schulz,« sagte der alte Herr, »die Sache kann sich ändern. Im Amt sind in diesen Zeiten Bauernhöfe frei geworden, und wer weiß, wie Hohe Herzogliche Kammer darüber denkt.« – »Ja, er ist aber doch auch ein Spitzbube, Herr.« – »Schulz, das wollte ich nur noch mal von Ihm hören. Als der Mann heute morgen sich die acht Groschen aus dem Felleisen holte, hätte er da nicht das Ganze behalten können? Wer hätte was davon gewußt? Und wenn er es auf den Nacken genommen hätte und wäre damit über die preußische Grenze gegangen, welcher Hund und welcher Hahn hätte danach gekräht? Ne, was denn?« – »Je, Herr, aber mit den acht Groschen und der Wurst?« –»Das eine hat er in seinem Unverstand für sein Recht gehalten, und das andere für einen Spaß.« – »Je, Herr,« sagt der Schulz und kratzt sich den Kopf, »wenn das alles auch so ist – meine Fik ist doch zu jung für den alten Bengel.« – »Mit Verlaub, Herr Amtshauptmann,« fiel hier Mamsell Westphal ein; »daß ich in Gerichtssachen und Bauernangelegenheiten hineinrede: Schulz Besserdich, das ist ein dummer Schnack von Ihm; denn wenn Seine Fik noch eine junge dumme Dirne ist, dann ist es gut, daß sie einen erfahrenen Mann bekommt; denn das hat immer seine Art gehabt. Und, Herr Amtshauptmann, nehmen Sie's nicht übel, er ist ein resolvierter Kerl und in dieser Zeit zu brauchen, und gestern abend – ich will nichts gegen Herrn Droi sagen, denn er muß wissen, wann es Zeit ist, mit Obergewehr und Untergewehr auf einen Menschen loszugehen – aber gestern ging Friedrich ganz allein auf den Franzosen los, und wenn auch seine Redensarten für Ihre Stube und meine Ohren nicht reinlich genug waren, so sagte ich doch zu mir: das ist ein Kerl, der hat es mit der Tat! Und, Schulz Besserdich, die beiden passen für einander, denn was er mit der Tat hat, hat sie mit den Worten: und, Herr Amtshauptmann, die kann sich einen Kerl vom Leibe halten, denn sie hat ein gottgesegnetes Mundwerk, und das sage ich.« De oll Schult kek Mamsell Westphalen an un denn wedder den Herrn Amtshauptmann, hei was ganz verdutzt, all de Inwennungen, de hei makt hadd, wiren em t'rügg slagen, hei söcht nah nige un funn kein, bet em tauletzt dat inföll, wat em tauletzt ümmer inföll; hei kratzt sick also achter de Uhren un säd: »Je, Herr Amtshauptmann, ick möt irst hüren, wat Mutter dortau seggt.« »Recht, min leiw' Schult! Vör allen äwer möt Hei irst hüren, wat Sin Fiken dortau seggt. Ick för min Deil heww Em man klor maken wullt, dat dese Fridrich kein Spitzbauw is.« Der alte Schulz sah Mamsell Westphal an und dann wieder den Herrn Amtshauptmann; er war ganz verdutzt: alle die Einwendungen, die er gemacht hatte, waren ihm zurückgeschlagen; er suchte nach neuen und fand keine, bis ihm zuletzt das einfiel, was ihm zuletzt immer einfiel; er kratzte sich also hinter den Ohren und sagte: »Je, Herr Amtshauptmann, ich muß erst hören, was Mutter dazu sagt.« – »Recht, mein lieber Schulz! Vor allem aber muß Er erst hören, was Seine Fiken dazu sagt; ich für mein Teil habe Ihm nur klar machen wollen, daß dieser Friedrich kein Spitzbube ist.« Somit was denn dese Angelegenheit vörlöpig up den Nümms- un Nahrensdag herut schaben; de Fru Amtshauptmannen was mit Mamsell Westphalen all rup up dat Sloß gahn, un bi de anner Gesellschaft was de Mäudigkeit inkihrt, as de Stadtdeiner Luth von sin Fort nah Kittendörp taurügg kamm un ansäd, dat de Herr Landrat 'ne schöne Empfehlung maken let un hei schickte sinen eignen Herrn Kammerdeiner mit von wegen dat Sülwertüg. Somit war denn diese Angelegenheit vorläufig auf den Nimmermehrstag hinausgeschoben; die Frau Amtshauptmann war mit Mamsell Westphal schon auf das Schloß gegangen, und bei der anderen Gesellschaft war die Müdigkeit eingekehrt, als Stadtdiener Luth von seiner Fahrt nach Kittendorf zurückkam und ansagte, der Herr Landrat ließe eine schöne Empfehlung sagen und schickte wegen des Silberzeugs seinen eigenen Herrn Kammerdiener mit. Dordörch was denn nu allens schön in Ordnung kamen, de Herr Amtshauptmann schrew nu noch ein Breiw an den französchen Oberst, min Oll säd Luthen genau Bescheid, wat hei tau dauhn un tau seggen hadd, Fridrich un Luth nemen den Schassür tüschen sick up den Wagen, de Herr Kammerdeiner un Fritz Besserdich set'ten sick vörn up, un furt gung dat in de düstre Nacht un den deipen Weg nah Bramborg hentau. Dadurch war denn nun alles schön in Ordnung gekommen; der Herr Amtshauptmann schrieb einen Brief an den französischen Oberst, mein Vater sagte dem Stadtdiener genau Bescheid, was er zu tun und zu sagen hätte, Friedrich und Luth nahmen den Chasseur zwischen sich auf den Wagen, der Herr Kammerdiener und Fritz Besserdich setzten sich vorne auf, und fort ging es in der dunklen Nacht und dem tiefen Weg nach Brandenburg zu. »Ja«, säd de oll Schult, as hei allein in de Nacht nah Gülzow hentau gang, »ji hewwt gaud reden! So'n Amtshauptmann un Burmeister un Mamsell up den Sloß, dat sünd vörnem Lüd' un hewwen keinen äwer sick; äwer so'n Schulten kummandiert jedwerein. Ja, wenn Mutter nich wir! Un de Kirl wir kein Spitzbauw, un hei wir en teihn Johr jünger, un hei hadd 'ne Burstäd', un min Fik wull em, ja denn denn kreg hei de Dirn doch nich, denn Mutter litt't nich.« »Ja,« sagte der alte Schulz, als er allein in der Nacht nach Gülzow ging, »ihr habt gut reden! So ein Amtshauptmann und Bürgermeister und 'ne Mamsell auf dem Schloß, das sind vornehme Leute und haben keinen über sich; aber so einen Schulzen kommandiert ein jeder. Ja, wenn Mutter nicht wäre, und der Kerl wäre kein Spitzbube, und er wäre so ein zehn Jahre jünger, und er hätte eine Bauernstelle, und meine Fiken wollte ihn, ja, dann – dann kriegte er das Mädchen doch nicht, denn Mutter leidet es nicht.«– – Kein Minsch kann mi nu verdenken, dat ick bi dat Vertellen von 'ne lustige Geschicht nich Lust heww, grugliche Geschichten mit mang tau mengen, un dorüm red ick nich wider as nödig von den französchen Schassür; ick segg nicks dorvon, wo em tau Maud' was, as hei nah Bramborg kamm, nicks dorvon, as hei vör't Krigsgericht stunn, nicks dorvon, wo em de Angst, de Dodesangst ümmer neger kamm, as hei sinen bösen Lohn kreg. Un wenn ick't ok wull, so künn ick't nich, denn ick schriw man Ding', de ick kenn, un dit kenn ick nich; ick heww't mindag' nich äwer't Hart bringen künnt, en armen Sünner niglich up den letzten Gang tau bekiken un tautauseihn, wo ein Sünner den annern von minschlichen Gerichtswegen vörilig vor dat Gericht von unsern Herrgott bringt. Äwer dat was nu einmal so, un dat geschach ok so; un as sin bläudig Liw up den Sand lagg, hett woll keiner doran dacht, dat de Kugeln wid hinnen in Frankrik vel harter in en Hart slogen as in sin eigen ick mein in sin olle Moder ehr. Kein Mensch kann mir nun verdenken, daß ich beim Erzählen einer lustigen Geschichte keine Lust habe, grauliche Geschichten hineinzumengen, und darum sage ich von dem französischen Chasseur nichts weiter als nötig ist; ich sage nichts davon, wie ihm zumute war, als er nach Neubrandenburg kam; nichts davon, wie er vor dem Kriegsgericht stand; nichts davon, wie ihm die Angst, die Todesangst, immer näher kam, als er seinen bösen Lohn erhielt. Und wenn ich's auch wollte, so könnte ich's nicht, denn ich schreibe nur Dinge, die ich kenne, und dieses kenne ich nicht; ich habe es niemals übers Herz bringen können, einen armen Sünder neugierig auf dem letzten Gang zu begucken und zuzusehen, wie ein Sünder den anderen von menschlichen Gerichtes wegen voreilig vor das Gericht unseres Herrgotts bringt. Aber es war nun einmal so, und es geschah auch so; und als sein blutiger Leib auf dem Sande lag, hat wohl niemand daran gedacht, daß die Kugeln weit hinten in Frankreich viel härter in ein Herz schlugen, als in sein eigenes – ich meine in das Herz seiner alten Mutter. Ick will drüm blot vertellen, dat dörch de Afliwerung von den lewigen Franzosen de Möller un de Bäcker von den Murdverdacht fri kemen un dat dörch sin Geständnis un dörch dat Tügnis von den Inspekter Nicolai un den Herrn Kammerdeiner de Landrat von Ürtzen wedder tau dat Sinige kamm un dat de Oberst von Toll, as de Auditör dat bore Geld taurügg behollen wull as herrnlos Gaud, upstunn un mit strenge Würd' säd: mit Row un Deiwstal süll sin Regiment nich anteert warden. Dormit stunn hei up, namm dat Fellisen un säd tau Luthen: »Min leiw' Fründ, Sei schinen mi en vernünftig Mann tau sin, nemen S' hir den versiegelten Mantelsack un gewen S' em den Herrn Amtshauptmann Wewer, hei süll dormit dauhn, wat hir tau Lan'n Rechtens wir.« Luth kreg 'ne Schrift dortau, un so wir de Sak afmakt. Ich will darum nur erzählen, daß durch die Ablieferungen des lebendigen Franzosen der Müller und der Bäcker von dem Mordverdacht freikamen, und daß durch sein Geständnis und durch das Zeugnis des Inspektors Nicolai und des Herrn Kammerdieners der Landrat von Oertzen wieder zum Seinigen kam, und daß der Oberst von Toll, als der Auditeur das bare Geld als herrenloses Gut zurückbehalten wollte, aufstand und in strengen Worten sagte: mit Raub und Diebstahl solle sein Regiment nicht besudelt werden. Damit nahm er das Felleisen und sagte zu Luth: »Mein lieber Freund, Sie scheinen mir ein vernünftiger Mann zu sein: nehmen Sie hier den versiegelten Mantelsack und geben Sie ihn dem Herrn Amtshauptmann Weber; er solle damit machen, was hier zu Lande Rechtens sei.« Luth bekam eine Schrift dazu, und so war die Sache abgemacht. Äwer nu kamm 'ne Swirigkeit dormang, doran hadd keiner dacht: wat süll mit minen Unkel Hersen warden? As de Möller un de Bäcker un de annern all ut de Gerichtsstuw' rute un von em weg gahn wiren, stunn min Unkel Hers' dor as en schönen einsamen Eikbom in en Hau, den de Förster allein in sine Statlichkeit verschont hett. De Oberst kek em verwunnert an un frog em: »Wat stahn Sei hir noch?« Min Unkel Hers' rögte sine Telgen, un an sin düsterrodes Gesicht kunn einer seihn, dat in sin Zoppen'n de Stormwind anfung tau brusen. »Dat wull ick Sei fragen«, was sin Antwurt. Wir in desen Ogenblick en frömd Minsch in de Dör kamen, hei hadd woll swigen süllt, wer Oberst un wer Ratsherr wir. 'ne statsche Uniform hadden beid an, un beid hadden 'ne vörnem, stolze Min, un beid hadden sei dese ut Gewohnheit von wegen dat Kummandieren; was de Oberst en por Toll länger, so was min Unkel en halwen Faut dicker; hadd de Oberst den Krig unner de Näs', so hadd min Unkel em äwer dat ganze Gesicht, denn hei hadd sick en por Dag' nich balbieren laten kunnt, oll Doktor Metz hadd vörgistern äwerschaten, un wat de Dag' vörher un gistern un hüt wussen was, wog gaud so vel as de Snurrbort von den Franzosen. Aber nun kam eine Schwierigkeit dazwischen, an die niemand gedacht hatte: was sollte aus meinem Onkel Herse werden? Als der Müller und der Bäcker und die anderen alle aus der Gerichtsstube heraus und von ihm weggegangen waren, stand mein Onkel Herse da, wie ein schöner einsamer Eichbaum in einer Lichtung, den der Förster um seiner Stattlichkeit willen allein verschont hat. Der Oberst sah ihn verwundert an und fragte ihn: »Was stehen Sie hier noch?« – Mein Onkel Herse bewegte seine Zweige, und an seinem dunkelroten Gesicht konnte man sehen, daß in seinem Wipfel der Sturmwind zu brausen anfing. »Das wollte ich Sie fragen,« war seine Antwort. Wäre in diesem Augenblick ein fremder Mensch zur Tür hereingekommen, er hätte wohl schweigen sollen, wenn man ihn gefragt hätte, wer Oberst und wer Ratsherr wäre. Eine stattliche Uniform hatten beide an, und beide hatten eine vornehme stolze Miene, und beide hatten sie diese aus Gewohnheit, wegen des Kommandierens; war der Oberst ein paar Zoll länger, so war mein Onkel einen halben Fuß dicker; hatte der Oberst den Krieg unter der Nase, so hatte mein Onkel ihn über das ganze Gesicht, denn er hatte sich ein paar Tage nicht barbieren lassen können; der alte Doktor Metz hatte vorgestern übergeschlagen, und was den Tag vorher und gestern und heute gewachsen war, wog reichlich so viel wie der Schnurrbart des Franzosen. »Wer sünd Sei?« frog de Franzos'. »Ick bün en Ratsherr , en Stemhäger Ratsherr«, säd min Unkel. Dat schint denn nu den Franzosen doch tau verblüffen; hei gung up un dal, un tauletzt blew hei vör minen Unkel stahn un säd: »Ick seih den Vurtel för den Kaiser Napoleon nich in, wenn ick noch länger mit Sei in'n Lan'n herüm treck. Sei känen gahn.« So wat was min Unkel denn nu nich gewennt. »Herr«, röp hei, »dese Behandlung...!« »Ick bedur uprichtig«, föll em de Oberst in't Wurd, »dat Sei äwerall inkummodiert sünd. Sei möten schir ut Verseihn mitnamen sin.« Dat was denn nu doch för minen Unkel en tau starkes Stück! Hei hadd sick den ganzen Weg lang un de Winternacht dormit tröst't, dat hei en utgesöchtes Opfer von den korsikanischen Draken wir, un nu süll dat Ganze en blotes Verseihn sin? Hei hadd in sine Unschuld taum wenigsten up 'ne öffentliche Ihrenerklärung vör de Frunt von en ganzes französches Regiment rekent, un nu stödd em mit Respekt tau seggen de französche Oberst mit den Faut vör den Allerwertsten un säd: hei kunn nu gahn. »En Mann, as ick bün«, röp hei, »ut Verseihn mitnamen!« »Sei känen noch von Glück seggen«, säd de Oberst un kloppt em fründlich lachend up de Schuller, »in den Krig kümmt männigmal wat Slimmeres vör, dor ward männigein ut Verseihn dodschaten. Seihn S' de Sak as 'ne Prüfung von Gott an.« »Wenn dat 'ne Prüfung sin sall«, säd min Unkel, »denn is't man 'ne sihr dumme.« De Oberst lacht un fot minen Unkel unner'n Arm: »Kamen Sei, Herr Ratsherr, ick bün recht vergnäugt in minen Harten, dat de Sak so ut de Welt kamen is un dat ick den Herrn Amtshauptmann heww tau Willen sin künnt. Un ick hadd woll noch en por Würd' in't geheim mit Sei unner vir Ogen tau reden.« In't geheim un unner vir Ogen, dat wiren denn nu en por Würd', de kunn min Unkel Hers' nich wedderstahn, hei folgte also. »Wer sind Sie?« fragte der Franzose. – »Ich bin ein Ratsherr , ein Stavenhäger Ratsherr,« sagte mein Onkel. – Das schien den Obersten denn doch zu verblüffen; er ging auf und ab und blieb zuletzt vor meinem Onkel stehen und sagte: »Ich sehe den Vorteil für den Kaiser Napoleon nicht ein, wenn ich noch länger mit Ihnen im Lande herumziehe. Sie können gehen.« – So etwas war mein Onkel denn doch nicht gewöhnt: »Herr!« rief er, »diese Behandlung...!« – »Ich bedaure aufrichtig,« fiel ihm der Oberst ins Wort, »daß Sie überhaupt inkommodiert worden sind. Sie müssen rein aus Versehen mitgenommen worden sein.« – Das war denn nun doch für meinen Onkel ein zu starkes Stück! Er hatte sich den ganzen Weg entlang und die Winternacht hindurch damit getröstet, daß er ein ausgesuchtes Opfer des korsikanischen Drachen wäre – und nun sollte das Ganze ein bloßes Versehen sein? Er hatte in seiner Unschuld zum wenigsten auf eine öffentliche Ehrenerklärung vor der Front eines ganzen französischen Regiments gerechnet – und nun stieß ihn, mit Respekt zu sagen, der französische Oberst mit dem Fuß vor den Allerwertesten und sagte: er könnte nun gehen! – »Ein Mann, wie ich bin,« rief er, »aus Versehen mitgenommen!« – »Sie können noch von Glück sagen,« sagte der Oberst und klopfte ihm freundlich lachend auf die Schulter, »im Kriege kommt zuweilen noch viel Schlimmeres vor, da wird mancher aus Versehen totgeschossen. Sehen Sie die Sache als eine Prüfung von Gott an.« – »Wenn das eine Prüfung sein soll,« sagte mein Onkel, »dann ist es nur eine sehr dumme.« – Der Oberst lachte und faßte meinen Onkel untern Arm: »Kommen Sie, Herr Ratsherr; ich bin recht vergnügt in meinem Herzen, daß die Sache so aus der Welt gekommen ist, und daß ich dem Herrn Amtshauptmann habe zu Gefallen sein können. Und ich hätte wohl noch ein paar Worte im geheimen mit Ihnen unter vier Augen zu reden.« Im geheimen und unter vier Augen – das waren denn nun ein paar Worte, denen mein Onkel Herse nicht widerstehen konnte; er folgte also. »Herr Ratsherr«, säd de Oberst, as sei buten up den Mark vör den Gasthof taum Goldenen Knop stun'n, denn in den Goldenen Knop was den Obersten sin Hauptquartier, »Herr Ratsherr, seggen Sei den ollen, braven Herrn Amtshauptmann, ick let em noch velmals grüßen, un wenn ick sin Bed' glücklicherwis' hadd erfüllen künnt, so süll hei tauseihn, dat hei ok min erfüllen ded, un min Bed' wir: hei süll, wenn dat mit Recht gescheihn künn, dat herrnlos' Geld dat lütt Mäten tauwen'n, de mi gestern unnerwegs den Breiw von em bröcht hadd. Un, Herr Ratsherr, Sei seihen in, dat dit geheim hollen warden möt, denn süs künn de Herr Amtshauptmann doräwer verdächtigt warden.« Min Unkel Hers' was nu wedder in sin vull Fohrwater: »Sei meinen doch Fiken?« frog hei iwrig. »Möller Vossen sin Fiken, de dor steiht?« Un wis'te up Fiken, de en beten afsid mit ehren Vader stunn un em den Arm üm den Hals leggt hadd un vör Freuden weinte. »De mein ick«, säd de Oberst un gung up dat Por tau. »Herr Ratsherr,« sagte der Oberst, als sie draußen auf dem Markt vor dem Gasthof zum goldenen Knopf standen, denn im goldenen Knopf war des Obersten Hauptquartier, »Herr Ratsherr, sagen Sie dem alten braven Herrn Amtshauptmann, ich ließe ihn noch vielmals grüßen, und wenn ich seine Bitte glücklicherweise hätte erfüllen können, so möchte er doch zusehen, daß er auch meine erfüllte; und meine Bitte wäre: er sollte, wenn es mit Recht geschehen könnte, das herrenlose Geld dem kleinen Mädchen zuwenden, das mir gestern unterwegs den Brief von ihm gebracht hätte. Und Herr Ratsherr, Sie sehen ein, daß dies geheim gehalten werden muß, denn sonst könnte der Herr Amtshauptmann darüber verdächtigt werden.« – Mein Onkel Herse war nun wieder in seinem vollen Fahrwasser: »Sie meinen doch Fiken?« fragte er eifrig; »Müller Vossens Fiken, die dort steht?« – und er zeigte auf Fiken, die ein bißchen abseits bei ihrem Vater stand und ihm den Arm um den Hals gelegt hatte und vor Freuden weinte. – »Die meine ich,« sagte der Oberst und ging auf das Paar zu. Fiken let den Arm von ehren Vader sinen Nacken los, äwer de Tranen kunn sei nich wehren, un as de Oberst neger kamm, was't ehr, as müßt sei noch mihr weinen, un as de Oberst ehr de Hand gaww, makte sei en stillswigenden Knicks, sei kunn kein Wurd herutbringen. So lang' de Nod as 'ne düstere Nacht up ehr legen hadd, so lang' was sei still un ruhig, ahn sick links un rechts ümtaukiken, ehren Gang gahn, un blot dat Vertrugen up Gott hadd ehr as en schönen Stirn lücht; nu dor de Sünn upgahn was, stunn sei still, ehr Hart bläuhte as 'ne schöne Rosenblaum tau dat Licht in de Höcht, de frische Morgenwind spelte in ehre Bläder, dat sei sick ümkiken kunn nah rechts un nah links un nah rüggwarts un vörwarts, un de Morgendau föll an de Ird. Fiken ließ den Arm von ihres Vaters Nacken los, aber den Tränen konnte sie nicht wehren, und als der Oberst näher kam, war's ihr, als müßte sie noch mehr weinen; und als der Oberst ihr die Hand gab, machte sie stillschweigend einen Knix; sie konnte kein Wort herausbringen. So lange die Not wie eine dunkle Nacht auf ihr gelegen hatte, so lange war sie still und ruhig, ohne sich links und rechts umzusehen, ihren Weg gegangen. Und nur das Vertrauen auf Gott hatte ihr als ein schöner Stern geleuchtet. Jetzt, da die Sonne aufgegangen war, stand sie still, ihr Herz blühte wie eine schöne Rosenblume zum Licht empor, der frische Morgenwind spielte in ihren Blättern, daß sie sich umsehen konnte nach rechts und nach links und nach rückwärts und vorwärts, und der Morgentau fiel zur Erde. De oll Möller stunn ok stillswigend vör den Obersten; äwer as de frog, ob hei de Vader von dat lütt Mäten wir, dunn kamm't em mit Würden äwer den Hals. »Ja«, säd bei, »Herr. Un wenn't ok wohr is, wat uns' Herr Amtshauptmann seggt, dat Jungs beter un Dirns tau quarig sünd, denn dat sünd sei, Herr, as Sei an Fiken seihn känen« un dorbi wischte hei sick sülwst 'ne Tran ut de Ogen, »so weit ick doch för Ehre Gaudheid keinen annern Wunsch, as dat uns' Herrgott Sei mal so'n oll lütt Dirnken schenken müggt, as min lütt Fiken is«. De Oberst müggt dat ok woll denken; äwer hei säd dat nich, hei wenn't sick rasch nah Fiken üm un frog: »Min leiw' Döchting, kannst du schriwen?« »Ja, Herr«, säd Fiken un makt en Knicks. »Sei kann allens«, säd de Möller, sei kann schrewen Schrift lesen un kann schriwen as en Schaulmeister; denn sei möt jo all min Schriften besorgen.« »Na, denn, min lütt Dirning«, säd de Oberst, »schriw mi hir mal dinen Namen un den Urt rin, wo du her büst; äwer plattdütsch«. Un Fiken schrew in dat Taschenbauk von den Obersten: »Fiken Vossen up de Gielowsche Mähl in't Stemhäger Amt.« De Oberst les' dat, klappt sin Bauk tau, gaww ehr un ehren Vader de Hand un gung mit de Würden: »Adjüs! Un wi treffen mägliche Wis' noch einmal wedder tausam.« Der alte Müller stand ebenfalls stillschweigend vor dem Obersten; aber als dieser fragte, ob er der Vater des kleinen Mädchens sei, da kam das Reden über ihn und er sagte: »Ja, Herr. Und wenn es auch wahr ist, was unser Herr Amtshauptmann sagt, daß Jungens besser und Mädchen zu quarrig sind, denn das sind sie, Herr, wie Sie an Fiken sehen können« – und dabei wischte er sich selbst eine Träne aus den Augen – »so weiß ich doch für Ihre Güte keinen andern Wunsch, als daß unser Herrgott Ihnen mal so ein liebes kleines Dirnchen schenken möchte, wie meine kleine Fiken ist.« – Der Oberst mochte das auch wohl denken; aber er sagte es nicht, er wandte sich rasch nach Fiken um und fragte: »Mein liebes Kind, kannst du schreiben?« – »Ja, Herr,« sagte Fiken und machte einen Knix. »Sie kann alles,« sagte der Müller, »sie kann geschriebene Schrift lesen und kann schreiben, wie ein Schulmeister; denn sie muß ja alle meine Schriften besorgen.« – »Na, denn, mein kleines Dirning,« sagte der Oberst, »schreib mir hier mal deinen Namen und den Ort herein, wo du her bist; aber plattdeutsch.« – Und Fiken schrieb in des Obersten Taschenbuch: ›Fiken Vossen up de Gielowsche Mähl in't Stemhäger Amt‹. Der Oberst las es, klappte sein Buch zu, gab ihr und ihrem Vater die Hand und ging mit den Worten: »Adieu! Und wir treffen möglicherweise noch einmal wieder zusammen.« Dat achteihnte Kapittel Achtzehntes Kapitel. Worüm Bäcker Witten sin Pottmat äwerlöppt; worum de Stadt Stemhagen de Dannenschonung anleggt het; worüm Vatter Rickert de Stormklock treckt, un worüm ick ümmer bi Julius Cäsaren an minen Unkel Hersen denken möt. Warum Bäcker Witts Topfmaß überläuft; warum die Stadt Stavenhagen die Tannenschonung angelegt hat; warum Vater Rickert die Sturmglocke zieht, und warum ich bei Julius Cäsar an meinen Onkel Herse denken muß. Nah 'ne lütt halw Stun'n führten ut den Treptowschen Dur tau Bramborg twei Wagens nah Stemhagen hentau; up den irsten Wagen satten de Ollen, de Herr Ratsherr un de Bäcker un de Möller un as Respektsperßon de Herr Kammerdeiner, up den tweiten satt Fritz Besserdich mit Luthen up den vördelsten Sack, un up den annern Hinrich un Fiken, Fridrich lagg achter in't Krett. Nach einer kleinen halben Stunde fuhren aus dem Treptower Tor von Neubrandenburg zwei Wagen nach Stavenhagen zu; auf dem ersten Wagen saßen die Alten, der Herr Ratsherr und der Bäcker und der Müller und als Respektsperson der Herr Kammerdiener; auf dem zweiten saßen Fritz Besserdich mit Luth auf dem vorderen Sack, und auf dem anderen Hinrich und Fiken; Friedrich lag hinten im Krett. As sei en En'n lang führt wiren, fung min Unkel Hers' an tau reden: So!« säd hei, »ut de Klemm wiren wi richtig rut.« »Ja woll, Herr Ratsherr«, antwurt't oll Bäcker Witt, »un dat hewwen wi denn woll den Herrn Amtshauptmann un unsen Burmeister, vör allen äwer woll den Möller sinen Fridrich tau danken.« »As einer dat ansüht, Meister Witt«, säd min Unkel. »Ick för min Person heww nicks gegen de drei, un dat de Schassür tau Städ' bröcht würd, hett uns gaude Deinsten dahn, äwer fri makt hett uns dat nich. Hewwen Sei nich seihn, wo de französche Oberst mit mi unner vir Ogen vör de Dör redt?« »Ja, Herr.« »Na, denn laten S' sick seggen, wenn mi de Franzos' nich tau en geheimen Updrag brukt hadd, denn wiren wi ut Bramborg woll dörch en anner Dur as dörch dit ruteführt.« »Dat wir der Deuwel!« röp de oll Bäcker un kek den Herrn Ratsherrn so'n beten von de Sid an. Min Unkel säd nicks, hei plinkte blot sihr irnsthaft mit de Ogen un kek dunn bi Sid äwer de kahlen Feller räwer, as wull hei irst sin Würd' in den Bäcker gehürig wirken laten. Dat slog em äwer fehl; oll Bäcker Witten sin Kopp was as sin Pottmat, worin hei sin Gedränk verköfft; was de irst bet an den Rand vull, denn namm sei nicks mihr up, un wat noch kamm, drüppt in de Stuw'; un up Stun'ns was sin Kopp bet an den Rand vull von all de Saken, de hei erlewt hadd, dat den Herrn Ratsherrn sin Würd' richtig bitau drüppten; hei säd nicks. »Meister Witt«, säd de Herr Ratsherr nah 'ne Wil, »ick wull, ick wir in Stemhagen.« Dit Drüpping gung noch in den Bäcker sin Pottmat rinne, hei säd also: »Dat wull ick ok, denn dat ward sick hellschen lang hentrecken.« »Dat mein ick nich«, säd de Herr Ratsherr, »ick mein wegen unsen Empfang.« Den Bäcker sin Pottmat lep wedder äwer. »Wo so?« frog hei. »Ick mein wegen unsen Empfang mit 'ne Ihrenpurt.« Nu drüppt dat ut de Pottmat piplings up de Ird. »Empfang? Ihrenpurt? Wo so? Kümmt denn uns' Herzog?« »Meister Witt, de kümmt nich; äwer wi kamen.« Nu was't oll Witten denn grad', as hadd em einer bi't Inmeten an den Arm stött un as wenn de Hälft ut de Pottmat an de Ird flog un sick dat anner, wat drin blew, all dörchenanner dörchküseln ded. Dit was en Glück, denn nu kreg den Herrn Ratsherrn sine Erklärung Platz. »Meister Witt, ick segg, wi kamen. Süllen de Börgers ut 'ne Stadt, as uns' Stadt is, nich ebenso gaud för ehre Mitbörgers un Magistratspersonen, de för't Vaderland leden hewwen, 'ne Ihrenpurt bugen as för en Herzog? Äwer wer sall't dauhn? De oll Amtshauptmann? De Burmeister? De denken nich doran! Oder meinen Sei, de oll Rekter, wil hei mal en Ding von Transparenten makt hett? Na, dat was dor ok nah! Oder oll Metz? De het't blot in de Würd', Meister Witt, as de Katteiker in'n Swanz. Oder oll Zoch? Von den Torm kann hei blasen, wider nicks. Ja, wenn ick dor wir!« »Äwer, Herr Ratsherr«, säd de Bäcker, bi den sick de Küsel nahgradens setten ded, »in dese Johrstid! Wo sälen sei Blaumen un Gräuns herkrigen?« »Blaumen? Wotau handelt oll Heimann Kasper un oll Leip un de annern Juden mit roden un gelen Band? Gräuns? Wotau hett de Stadt Stemhagen denn de Dannenschonung in den Stadtholt anleggt?« »Wohr is't«, säd oll Witt, denn nu was de Pottmat wedder ganz vull. »Wat seggen Sei, Möller Voß?« frog de Herr Ratsherr. »Ick segg gor nicks, Herr Ratsherr«, säd de Möller un dreiht sick nah den hindelsten Sack üm mit en Gesicht so vull Schrumpeln, as wenn en tausamsnerten Tobacksbüdel äwer sin Schuller kek, »ick segg gor nicks, ick denk blot, as ick gistern nah Bramborg tau führt, was mi nich gaud tau Maud', un hüt, dat ick wedder von Bramborg t'rügg führ, heww ick wedder Mag'weihdag' in'n Kopp.« »Wo denn dat?« frog min Unkel, un de oll Möller vertellte sin Verlegenheit mit Itzigen. »Hm«, säd min Unkel un strek sick sachten mit de Hand von babendal afwarts dat Gesicht entlang bet an't Kinn; wider kamm de Hand nich, dor blew sei hacken von wegen den struwen Bort, dat Kinn treckt sick dal, de Mund ded sick up, un hei kek so 'ne Tidlang stiw in de Luft rin. Hei versöcht dat Stück en pormal, äwer ümmer dat Sülwige: äwer den Bort kamm hei nich weg. Als sie ein Stück Weges entlang gefahren waren, fing mein Onkel Herse zu reden an: »So!« sagte er, »aus der Klemme wären wir glücklich 'raus.« – »Jawohl, Herr Ratsherr,« antwortete der alte Bäcker Witt, »und das haben wir denn wohl dem Herrn Amtshauptmann und unserem Bürgermeister, vor allem aber wohl Müllers Friedrich zu verdanken.« – »Wie einer das ansieht, Meister Witt,« sagte mein Onkel; »ich für meine Person habe nichts gegen die drei; und daß der Chasseur zur Stelle gebracht wurde, hat uns gute Dienste getan – aber frei gemacht hat es uns nicht . Haben Sie nicht gesehen, wie der französische Oberst vor der Tür unter vier Augen mit mir redete?« – »Ja, Herr.« – »Na, dann lassen Sie sich sagen, wenn mich der Franzos nicht zu einem geheimen Auftrag gebraucht hätte, dann wären wir aus Neubrandenburg wohl durch ein anderes Tor als durch dieses herausgefahren.« – »Das wäre der Deuwel!« rief der alte Bäcker und sah den Herrn Ratsherrn so ein bißchen von der Seite an. Mein Onkel sagte nichts mehr; er blinzelte nur sehr ernsthaft mit den Augen und sah dann zur Seite über die kahlen Felder hinüber, als wollte er erst seine Worte auf den Bäcker gehörig wirken lassen. Das schlug ihm aber fehl; des alten Bäckers Kopf war wie sein Topfmaß, worin er sein Getränk verkaufte: war es erst bis an den Rand voll, dann nahm es nichts mehr auf, und was noch kam, troff in die Stube; und in diesem Augenblick war sein Kopf bis an den Rand voll von all den Sachen, die er erlebt hatte, so daß des Herrn Ratsherrn Worte richtig vorbeitropften; er sagte nichts. – »Meister Witt,« sagte der Herr Ratsherr nach einer Weile, »ich wollte, ich wäre in Stavenhagen.« – Dieses Tröpfchen ging noch in des Bäckers Topfmaß hinein, er sagte also: »Das wollte ich auch, denn es wird sich höllisch lange hinziehen.« – »Das meine ich nicht,« sagte der Herr Ratsherr, »ich meine wegen unseres Empfanges.« – Des Bäckers Topfmaß lief wieder über: »Wieso?« fragte er. – »Ich meine wegen unseres Empfanges mit 'ner Ehrenpforte.« – Jetzt troff es aus dem Topfmaß in Strömen auf die Erde: »Empfang? Ehrenpforte? Wieso? Kommt denn unser Herzog?« – »Meister Witt, der kommt nicht; aber w i r kommen.« – Nun war es dem alten Witt gerade, als hätte ihn einer beim Einmessen an den Arm gestoßen, und als wenn die Hälfte aus dem Topfmaß an die Erde flösse, und das andere, das darin blieb, sich alles durcheinander drehte. Dies war ein Glück, denn jetzt kriegte des Herrn Ratsherrn Erklärung Platz. »Meister Witt, ich sage: wir kommen. Sollten die Bürger einer Stadt, wie unsere Stadt ist, nicht ebensogut für ihre Mitbürger und Magistratspersonen, die fürs Vaterland gelitten haben, eine Ehrenpforte bauen wie für einen Herzog? Aber wer soll's tun? Der alte Amtshauptmann? Der Bürgermeister? Die denken nicht daran! – Oder meinen Sie, der alte Rektor, weil er mal so ein Ding von einem Transparent gemacht hat? Na, das war auch danach! Oder der alte Metz? Der hat es nur in den Worten, Meister Witt, wie das Eichhörnchen im Schwanz. Oder der alte Zoch? Vom Turm kann er blasen, weiter nichts! – Ja, wenn ich da wäre!« – »Aber, Herr Ratsherr,« sagte der Bäcker, bei dem sich der Wirbel allmählich beruhigte, »in dieser Jahreszeit! Wo sollen sie Blumen und Grünes hernehmen?« – »Blumen? Wozu handeln der alte Heimann Kasper und der alte Leip und die anderen Juden mit rotem und gelbem Band? Grünes? Wozu hat denn die Stadt Stavenhagen die Tannenschonung im Stadtholz angelegt?« – »Wahr ist's,« sagte der alte Witt, und jetzt war das Topfmaß wieder ganz voll. – »Was sagen Sie, Müller Voß?« fragte der Herr Ratsherr. – »Ich sage gar nichts, Herr Ratsherr,« sagte der Müller und drehte sich nach dem hinteren Sack um mit einem Gesicht so voller Runzeln, wie wenn ein zusammengeschnürter Tabaksbeutel über seine Schulter sähe, »ich sage gar nichts; ich denke bloß: als ich gestern nach Brandenburg fuhr, war mir nicht gut zumute, und heute, wo ich wieder von Brandenburg zurückfahre, habe ich wieder Magenschmerzen im Kopf.« – »Wieso denn?« fragte mein Onkel, und der alte Müller erzählte seine Verlegenheit mit Itzig. – »Hm,« sagte mein Onkel und strich sich leise mit der Hand von oben nach unten das Gesicht entlang bis ans Kinn; weiter kam die Hand nicht, da blieb sie hängen wegen des struppigen Barts: das Kinn zog sich nach unten, der Mund tat sich auf, und er sah so eine Zeitlang steif in die Luft hinein. Er versuchte es ein paarmal, aber es war immer dasselbe: über den Bart kam er nicht weg. Nu hadd min Unkel Hers' woll en struwen Bort, äwer hei hadd en weiken Sinn; un ded sick sin Mund wid up, so ded sick ok sin Hart wid up, un as hei dat letztemal mit sin gauden Ogen in den grisen Hewen rinne kek, drop hei up en blages Flag, un en Stückschen von den blagen Hewen föll dörch de Ogen in sin wides Hart; hei müßt en gaud Wark, stiften. »Meister Witt«, säd hei, »setten Sei sick up den vördelsten Sack un laten S' den Möller hir sitten; ick heww mit em tau reden.« Nun hatte mein Onkel Herse wohl einen rauhen Bart, aber er hatte einen weichen Sinn; und tat sich sein Mund weit auf, so tat sich auch sein Herz weit auf; und als er das letztemal mit seinen guten Augen in den grauen Himmel hineinsah, traf er auf ein blaues Fleckchen, und ein Stückchen des blauen Himmels fiel durch die Augen in sein weites Herz; er mußte ein gutes Werk stiften. »Meister Witt,« sagte er, »setzen Sie sich auf den vorderen Sack und lassen Sie den Müller hier sitzen; ich habe mit ihm zu reden.« Un dat geschach, un Bäcker Witt redte up den vördelsten Sack sihr lud mit den Herrn Kammerdeiner, un de Herr Ratsherr redte up den hindelsten Sack sihr sachten mit den Möller. »Möller Voß«, säd min Unkel, »ick help Sei ut de Tint. Morgen lat ick Itzigen kamen, un passen S' up, wo smidig hei sin ward, denn ick weit wat von em, wat Heimlichs, wat keinen wider angeiht; äwer wat Saubers is't nich. De Kirl sall Sei bet Ostern Tid laten, un ick will mi för Sei verbörgen; un morgen kam ick rut un seih all Ehr Schriften nah un nem de Sak in mine Hand, denn seihn Sei« un dormit halt hei dat Pittschaft an sin Uhrked hervör, »ick bün dortau berechtigt un dortau set't. Hir steiht't. Känen Sei woll latinsche Schrift verkihrt lesen?« De oll Möller antwurt't, hei künn s' nich grad noch verkihrt lesen. »Na, 't schadt ok nich. Hir steiht: Not. pub. im. caes., dat heit, ick bün Notarius publicus, un im caes. heit so vel, ick kann in jeden Prozeß üm Rat fragt warden. Also, Möller, ick help Sei! Äwer ein Bedingung heww ick: Sei seggen tau keinen von min Börgschaft un tau keinen von uns' Afkamen, vör allen nich tau den ollen Amtshauptmann. De Sak bliwwt heimlich.« De Möller versprok dat denn ok. Dies geschah, und Bäcker Witt sprach auf dem vorderen Sack sehr laut mit dem Herrn Kammerdiener, und der Herr Ratsherr redete auf dem hinteren Sack sehr leise mit dem Müller. »Müller Voß,« sagte mein Onkel, »ich helfe Ihnen aus der Tinte. Morgen laß ich Itzig kommen, und passen Sie auf, wie geschmeidig er sein wird; denn ich weiß was von ihm, was Heimliches, das niemanden weiter angeht; aber was Sauberes ist es nicht. Der Kerl soll Ihnen bis Ostern Zeit lassen, und ich will mich für Sie verbürgen; und morgen komm ich 'raus und sehe alle Ihre Schriften durch und nehme die Sache in meine Hand, denn sehen Sie,« – und damit holte er das Petschaft an seiner Uhrkette hervor – »ich bin dazu berechtigt und dazu eingesetzt. Hier steht's! Können Sie wohl lateinische Schrift verkehrt lesen?« – Der alte Müller antwortete, er könnte sie weder gerade noch verkehrt lesen. – »Na, schadet auch nicht. Hier steht: Not. Pub. Im. Caes . – Das heißt: Ich bin Notarius Publicus , und Im. Caes , Immatriculatus Caesareus. heißt so viel: ich kann in jedem Prozeß um Rat gefragt werden. Also, Müller, ich helfe Ihnen! Aber eine Bedingung habe ich: Sie sagen zu niemandem von meiner Bürgschaft und zu niemandem von unserem Abkommen, vor allem nicht zum alten Amtshauptmann. Die Sache bleibt heimlich.« – Das versprach der Müller denn auch. Up den tweiten Wagen was't in ein Ort grad so as up den irsten: up den vördelsten Sack würd sihr lud redt un up den hindelsten, wo Fiken un Hinrich satt, sihr sachten, un ick bruk nich tau vertellen, wat sei mitenanner redten, denn Fridrich lagg jo hinnen in't Krett un hürt Wurd för Wurd, un de ward dor woll tau rechter Tid mit rut kamen. Auf dem zweiten Wagen war es in gewisser Art gerade so wie auf dem ersten: auf dem vorderen Sack wurde sehr laut gesprochen, und auf dem hinteren, wo Fiken und Hinrich saßen, sehr leise, und ich brauche nicht zu erzählen, was sie mit einander redeten, denn Friedrich lag ja hinten im Krett und hörte Wort für Wort, und der wird ja wohl zur rechten Zeit damit herauskommen. – En Stundener drei nahher, as dit redt würd, lep de Slüngel, de Fritz Sahlmann, dörch de Straten von de gaude Stadt Stemhagen un röp: »Sei kamen, sei kamen!« Hei hadd up den Mählenbarg all twei Stun'n Posten stahn, un de Herr Amtshauptmann hadd in dese Tid all säbenmal nah em klingelt un was tauletzt ut Verdreitlichkeit nah min Mutting runner gahn. An die drei Stunden später lief der Schlingel, der Fritz Sahlmann, durch die Straßen der guten Stadt Stavenhagen und rief: »Sie kommen! Sie kommen!« Er hatte auf dem Mühlenberg schon zwei Stunden lang Posten gestanden, und der Herr Amtshauptmann hatte während dieser Zeit schon siebenmal nach ihm geklingelt und war zuletzt aus Verdrießlichkeit zu meiner Mutter hinuntergegangen. »Sei kamen!« röp de Slüngel. »Is't wohr, Jung'?« frog oll Rickert, de Pulsant up den Klocktorm was. »Ja, Vadder Rickert, sei sünd all up den Brink.« Un oll Rickert säd tau sick: »Denn helpt dat nich, denn möt ick dat Minige dauhn!«, gung nah'n Torm, un wil hei dat ganze Gelüd' doch nich bedwingen kunn, treckt hei de Stormklock. Nu kamm denn allens tau Bein un tau Dören: »Sei kamen!« »Wer kümmt?« »De Ratsherr un Bäcker Witt un de Möller un all de annern!« »Hurah!« rep Schauster Bank un swenkt den Arm in de Luft, hadd äwer vergeten, dat hei en Stäwel äwertreckt hadd. »Hurah!« röp Slösser Tröpner un stört't mit sin Schortfell up de Strat, »aber, Kinder, allens in Orndlichkeit un Manierlichkeit!« un stödd oll Wewer Stahlsch den Henkelpott ut de Hand, den sei von Mamsell Westphalen runner bröcht hadd. »Hurah?« röp Herr Droi un stört't mit de Borenmütz up de Strat, süs äwerst in korten Tüg, un achter em stünnen sin lütten französchen Gören un schregen: »Wiw lamperör!«, as de Herr Ratsherr up den irsten Wagen dörch den Hümpel führt. »Sie kommen!« rief der Schlingel. – »Ist's wahr, Junge?« fragte der alte Rickert, der Pulsant auf dem Glockenturm war. – »Ja, Vater Rickert, sie sind schon auf dem Brink.« – Und der alte Rickert sagte zu sich: »Dann hilft es nicht, dann muß ich das Meinige tun!« – und ging nach dem Turm, und weil er doch nicht das ganze Geläute bezwingen konnte, zog er die Sturmglocke. Nun kam denn alles auf die Beine und vor die Türen: »Sie kommen!« – »Wer kommt?« – »Der Ratsherr und Bäcker Witt und der Müller und all die anderen!« – »Hurra!« rief Schuster Bank und schwenkte den Arm in der Luft, hatte aber vergessen, daß er einen Stiefel übergezogen hatte. »Hurra!« rief Schlosser Tröpner und stürzte in seinem Schurzfell auf die Straße; »aber, Kinder, alles in Ordentlichkeit und Manierlichkeit!« – und stieß der alten Weberfrau Stahl den Henkeltopf aus der Hand, den sie von Mamsell Westphal heruntergebracht hatte. – »Hurra!« rief Herr Droz und stürzte mit der Bärenmütze auf die Straße, sonst aber in kurzem Zeug, und hinter ihm standen seine kleinen französischen Gören und schrien: » Vive l'empereur !«, als der Herr Ratsherr auf dem ersten Wagen durch den Haufen fuhr. De äwerst satt steidel up sinen Sack un höll de Hand de ganze Strat lang an sinen Haut un dreihte sin würdig Gesicht nah rechts un nah links, un in sine Würdigkeit mengt sick de Gerührsamkeit, un hei flustert den Möller tau: »Voß, dit lett mi de Ihrenpurt vergeten.« Un de oll Möller kek den Herrn Ratsherrn an, wo de dat maken ded, un makte dat ebenso un antwurt't minen Unkel: »Ja, Herr, un mi Itzigen.« De Herr Kammerdeiner dinerte ümmer nah sine Sid von den Wagen raf un strapzierte sinen Haut up dat Unminschlichste, un up de anner Sid röp oll Witt up dat Allerminschlichste von den Wagen heraf: »Gun Dag. Vadder! Gun Dag, Bank, wat makt din Puckel? Gun Dag, Jehann! Gun Dag, Strüwingken! Na? Allens woll? Wat maken de Swin?« Der aber saß steil aufrecht auf seinem Sack und hielt die ganze Straße entlang die Hand an seinen Hut und drehte sein würdiges Gesicht nach rechts und nach links, und in seine Würdigkeit mengte sich die Rührung, und er flüsterte dem Müller zu: »Voß, dies läßt mich die Ehrenpforte vergessen.« – Und der alte Müller sah den Herrn Ratsherrn an, wie der es machte, und machte es ebenso und antwortete meinem Onkel: »Ja, Herr, und mich Itzig.« – Der Herr Kammerdiener dienerte immer nach seiner Seite von dem Wagen herunter und strapazierte seinen Hut auf das unmenschlichste, und auf der anderen Seite rief der alte Witt auf das allermenschlichste vom Wagen herunter: »Guten Tag, Gevatter! – Guten Tag, Bank, was macht dein Buckel? – Guten Tag, Johann! – Guten Tag, Strübingen! – Na? Alles wohl? Was machen die Schweine?« As sei äwer up den Mark kemen, dunn weihte Tanten Hersen mit de halwe witte Gardin ut dat Finster rut un weihte in min Unkel Hersen sin Hart en Stormwind up, dat sin Gefäuhl in grote Bülgen un Wachten slog un em dat Water bet in de Ogen spritzt. »Tanten!« säd hei halwlud vör sick hen, »Tanten!« denn hei nennt sin eigen Fru »Tanten«, un sei nennt em dorför »Unkel« »Tanten, ick kann dinen Wink nich nahkamen, denn dese beiden Dag' hewwen mit mi as öffentliche Perßon un nich as hüsliche, hewwen mit mi as Ratsherr un nich as Unkel tau dauhn hatt, un so möten sei ok tau En'n bröcht warden. Bäcker Witt«, röp hei, un dorbi drückte hei sick den Dreimaster in de Ogen, »nah'n Rathus'!« De Ratsherr hadd äwer den Husvader un Unkel den Sieg wunnen. Als sie über den Markt kamen, da ließ Tante Herse eine halbe weiße Gardine aus dem Fenster herauswehen und wehte in meines Onkels Herses Herzen einen Sturmwind auf, daß sein Gefühl hohe Wellen und Wogen schlug und ihm das Wasser bis in die Augen spritzte. »Tante!« sagte er halblaut vor sich hin, »Tante!« – denn er nannte seine eigene Frau Tante und sie nannte ihn dafür Onkel – »Tante, ich kann deinem Wink nicht nachkommen, denn diese beiden Tage haben mit mir als öffentlicher Person und nicht als häuslicher, haben mit mir als Ratsherr und nicht als Onkel zu tun gehabt, und so müssen sie auch zu Ende gebracht werden. – »Bäcker Witt,« rief er und dabei drückte er sich den Dreimaster in die Augen, »nach dem Rathaus!« Der Ratsherr hatte über den Hausvater und Onkel den Sieg errungen. Ach, wat was dat för en schönen Abend up den Rathus'! Allens wat in Käk un Keller vör de Franzosen versteken was, würd hervör halt, un wat fehlen ded, kamm von den Sloß. Marik Wienken deckte en langen, langen Disch, un an den Disch würden ümmer Anstekers an Anstekers steken, un as de groten Dischen nich langten, kemen de lütten, un as de nich langten, würd för uns Gören up den Staul deckt. Mamsell Westphalen stunn an dat Eckschapp un drückte Zitronen up Zucker, un dorup würd ut allerlei Buddeln allerlei upgaten, un de Teeketel gung ümmer von de Käk in de Stuw' un ut de Stuw' in de Käk, un de Herr Amtshauptmann stunn dorbi un probiert ümmer un schüddelt mit den Kopp un got denn ok mal wat tau, un tauletzt nickt hei un säd: »Mamsell Westphalen, so is't recht! Dies ist eine andere Sache!« Un tau min Mutting dreiht hei sick üm un säd: »Min Herzenskindting, in ein Sak laten S' mi nu minen Willen; den Punsch gew ick.« Min Vader handtierte mit den Proppentrecker, un Luth besorgte de Schenk, un de Herr Kammerdeiner stunn an den Aben un schüddelte bi all dese Anstalten ümmer mit den Kopp un wull Luthen dat wisen, wo hei präsentieren müßt, un as't Luth so maken wull, got hei Mamsell Westphalen en Glas Punsch in den Schot. Ja, 't was en schönen Abend! Fridrich stunn an de Dör, steidel as en Granedier, un rüppt un rögt sick nich, blot dat hei drunk; un Fritz Besserdich stunn bi em, rüppt un rögt sick ok nich, blot dat hei ok drunk un dat hei denn un wenn rute gung un sick up de Dehl de Näs' utsnöw. Un Fiken Vossen satt bi min Mutting, un min Mutting drückt ehr de Hän'n un strakt ehr äwer dat weike Gesicht, un as ick tau ehr ranne kamm, strakte sei mi ok un säd: »Wardst du ok so vel von mi hollen?« De Herr Amtshauptmann röp Hinrich Vossen in de Eck un redte mit em heimlich. Wat hadd de Herr Amtshauptmann mit Hinrich Vossen Heimliches tau reden, un worüm slog hei em ümmer up de Schuller? Oll Möller Voß frog sick ok in'n Stillen dornah, un as hei't rute hadd, dat't von wegen den Prozeß was, säd hei tau Witten: »So! Mit den Prinzeß bün 'ck nu ok dörch, nu bliwwt mi man noch de Jud', un den will 'ck mi hüt abend in den Punsch stippen.« »Du bringst mi up den Gedanken«, seggt de Bäcker un geiht ut de Dör un kümmt nah 'ne Wil taurügg, an de ein Hand en Henkelkorw, an de anner de Strüwingken. »Mit Verlöw, Herr Burmeister, dat ick doch ok min Deil an dat Traktement drag', un hir sünd en por Zuckerkringel, un hir, Fru Burmeistern, is min Strüwingken, nemen S' nich äwel, sei hadd tau des' Gesellschaft so'ne grote Lust.« Ach, was war das für ein schöner Abend auf dem Rathause! Alles, was in Küche und Keller vor den Franzosen versteckt worden war, wurde hervorgeholt, und was fehlte, kam vom Schloß. Mariechen Wienke deckte einen langen, langen Tisch, und an den Tisch kam ein Anstecker nach dem anderen, und als die großen Tische nicht langten, kamen die kleinen, und als diese nicht langten, wurde für uns Kinder auf dem Stuhl gedeckt. Mamsell Westphal stand am Eckschrank und drückte Zitronen auf Zucker, und darauf wurde aus allerlei Flaschen allerlei aufgegossen, und der Teekessel ging immer von der Küche in die Stube und aus der Stube in die Küche, und der Herr Amtshauptmann stand dabei und probierte immer und schüttelte mit dem Kopf und goß dann auch mal was dazu, und zuletzt nickte er und sagte: »Mamsell Westphal, so ist's recht! Dies ist eine andere Sache!« Und zu meiner Mutter drehte er sich um und sagte: »Mein Herzenskindting, in einer Sache lassen Sie mir nun meinen Willen; den Punsch gebe ich .« Mein Vater hantierte mit dem Pfropfenzieher, und Luth besorgte das Schenken, und der Herr Kammerdiener stand am Ofen und schüttelte bei all diesen Anstalten immer den Kopf und wollte Luth zeigen, wie er präsentieren mühte, und als Luth es so machen wollte, goß er Mamsell Westphal ein Glas Punsch in den Schoß. Ja, es war ein schöner Abend! Friedrich stand an der Tür, steil wie ein Grenadier, und rippte und rührte sich nicht, nur daß er trank; und Fritz Besserdich stand bei ihm, rippte und rührte sich auch nicht, nur daß er auch trank, und daß er dann und wann hinausging und sich auf der Diele die Nase ausschnaubte. Und Fiken Voß saß bei meiner Mutter, und meine Mutter drückte ihr die Hände und streichelte ihr das weiche Gesicht, und als ich zu ihr herankam, streichelte sie mich auch und sagte: »Wirst du auch so viel von mir halten?« Der Herr Amtshauptmann aber rief Hinrich Voß in die Ecke und redete heimlich mit ihm. – Was hatte der Herr Amtshauptmann mit Hinrich Voß Heimliches zu reden, und warum schlug er ihn immer auf die Schulter? Der alte Müller Voß fragte sich auch im stillen danach, und als er's heraus hatte, daß es wegen des Prozesses wäre, sagte er zu Witt: »So! Mit dem Prozeß bin ich nun auch durch; nun bleibt mir nur noch der Jude, und den will ich mir heute abend in den Punsch stippen.« – »Du bringst mich auf einen Gedanken,« sagt der Bäcker und geht aus der Tür und kommt nach einer Weile zurück, in der einen Hand einen Henkelkorb und an der anderen die Strübingen. »Mit Verlaub, Herr Bürgermeister, daß ich doch auch meinen Teil zum Traktement beitrage; und hier sind ein paar Zuckerkringel, und hier, Frau Bürgermeister, ist meine Strübingen – nehmen Sie's nicht übel, sie hatte zu dieser Gesellschaft solche große Lust.« Wat will dit äwer allens bedüden gegen den Glanz un de Ihr, de üm minen Unkel Hers' upgung; hei hadd sinen Mantel afnamen un stunn nu dor in blanke Unneform, un allens stunn üm em rümme un bedankt sick bi em: min Vader, dat hei em in den Schutz von sinen Mantel namen hadd; min Mutting. dat hei minen Vader dordörch tau de Flucht verhulpen hadd; Mamsell Westphalen dukerte dreimal unner un säd, sei würd't em nich vergeten, wat hei an ehr dahn hadd, un Möller Voß säd, eigentlich wiren sei all blot dörch den Herrn Ratsherrn in Bramborg fri kamen; un as oll Witt dat ok bekräftigte, lawte de Strüwingken em in ehren Harten en groten Kaffeekauken an. Sin schönes, rodes Gesicht blinkerte un blänkerte vör Lust un Behagen, un hei bückte sick dal tau min Mutting un säd: »Ick weit gor nich, wo min Tanten bliwwt.« Bi den Möller sin Würd' föll em den Franzosen sin Updrag in, un hei wendt sick an den Herrn Amtshauptmann: »Herr Amtshauptmann, ick heww mit Sei ein por Würd' unner vir Ogen tau reden in 'ne besonders heimliche Angelegenheit«, un dormit treckte hei den Herrn Amtshauptmann in 'ne Eck herinne. Wi weiten, wovon de Red' sin süll, äwer wenn de Eck reden künn un uns vertellte, wat de Herr Ratsherr dor vertellte, wi müßten seggen, wi wüßten von nicks. Tauletzt müßt min Vader den Herrn Amtshauptmann man erlösen, hei namm minen Unkel un set't em baben an up den Ihrenplatz, un mindag' is en Minschenkind nich so tau rechter Tid up sinen richtigen Platz set't worden as min Unkel, denn knappemang satt hei, dunn gung de Dör up, un herin kamm Tanten Hersen in en swartsiden Kled, un achter dit Kled stunn de oll Dokter Metz, wat den jitzigen ollen Metz sin Vader was, un de jitzige rike Josep Kasper, wat dunn en lütten Judenjung' was. Un Tanten Hersen hadd en Kranz von gräune Lurbeerbläder in de Hand, de hadd de oll Metz von sinen Bom plückt, von den hei süs man Bläder plückte, wenn sine leiwe Fru Brassen kakte, un de Kranz was mit en langen, rotsiden Band taubunnen, den hadd Josep Kasper besorgt, un dorför namm Tanten em mit. Tanten gung up Unkeln los un gaww em en Kuß un stülpte em von achter den Kranz up den Kopp, dat de roden Bän'n em den Puckel dal hungen, un säd en por sihr schöne Würd', de keiner hürt hett, denn Bäcker Witt brok tau tidig mit: »Hurah!« los, un de Möller mit »Vivat hoch!«, un allens stimmte mit in un stödd mit de Gläser an. Was will aber dies alles bedeuten gegen den Glanz und die Ehre, die um meinen Onkel Herse aufgingen! Er hatte seinen Mantel abgenommen und stand nun da in blanker Uniform, und alles stand um ihn herum und bedankte sich bei ihm: mein Vater, daß er ihn in den Schutz seines Mantels genommen hätte; meine Mutter, daß er dadurch meinem Vater zur Flucht verholfen hätte; Mamsell Westphal tauchte dreimal unter und sagte, sie würde ihm's nicht vergessen, was er an ihr getan hätte, und Müller Voß sagte, eigentlich wären sie alle nur durch den Herrn Ratsherrn in Neubrandenburg freigekommen; und als der alte Witt dies ebenfalls bekräftigte, gelobte die Strübingen ihm in ihrem Herzen einen großen Kaffeekuchen. Sein schönes rotes Gesicht war blink und blank vor Lust und Behagen, und er bückte sich zu meiner Mutter nieder und sagte: »Ich weiß gar nicht, wo meine Tante bleibt.« Bei des Müllers Worten fiel ihm der Auftrag des Franzosen ein, und er wandte sich an den Herrn Amtshauptmann: »Herr Amtshauptmann, ich habe mit Ihnen ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen, in einer besonders geheimen Angelegenheit.« Und dabei zog er den Herrn Amtshauptmann in eine Ecke. – Wir wissen, wovon die Rede sein sollte, aber wenn die Ecke reden könnte und uns erzählte, was der Herr Ratsherr da erzählte, da müßten wir sagen, wir wüßten von nichts. Zuletzt mußte mein Vater den Herrn Amtshauptmann erlösen; er nahm meinen Onkel und setzte ihn obenan auf den Ehrenplatz, und niemals ist ein Menschenkind so zur rechten Zeit auf seinen richtigen Platz gesetzt worden, wie mein Onkel; denn kaum saß er, da ging die Tür auf, und herein kam Tante Herse in einem schwarzseidenen Kleid, und hinter diesem Kleid standen der alte Doktor Metz, der Vater des jetzigen alten Metz, und der jetzige reiche Josef Kasper, der damals ein kleiner Judenjunge war. Und Tante Herse hatte einen Kranz von grünen Lorbeerblättern in der Hand; die hatte der alte Metz von seinem Baum gepflückt, von dem er sonst nur Blätter pflückte, wenn seine liebe Frau Brachsen kochte, und der Kranz war mit einem langen rotseidenen Band zugebunden, den hatte Josef Kasper besorgt, und dafür nahm Tante ihn mit. Tante ging auf Onkel zu und gab ihm einen Kuß und stülpte ihm von hinten den Kranz auf den Kopf, daß die roten Bänder ihm über den Rücken herunterhingen, und sagte ein paar sehr schöne Worte, die niemand gehört hat, denn Bäcker Witt brach zu zeitig mit ›Hurra!‹ los und der Müller mit ›Vivat hoch!‹ und alles stimmte mit ein und stieß mit den Gläsern an. Ja, 't was en schönen Abend! Un lange Tid nahher, wenn ick en Bild von Julius Cäsar'n sach, föll mi min Unkel Hers' in, denn grad so kledt em de Lurbeerkranz, blot dat min Unkel en gaud Deil fründlicher un vülliger was as de surpöttige, knakendröge Römer. Un lange Tid nahher, wenn ick den schönsten Kauken vör mi hadd, dacht ick an Bäcker Witten sin Zuckerkringel, un ick law sei ok hüt noch; denn einer kunn sihr vel dorvon eten un kreg kein Mag'weihdag'. Ja, es war ein schöner Abend! Und noch lange Zeit nachher, wenn ich ein Bild von Julius Cäsar sah, fiel mir mein Onkel Herse ein, denn gerade so stand ihm der Lorbeerkranz; nur daß mein Onkel ein gut Teil freundlicher und beleibter war, als der sauertöpfische, knochendürre Römer. Und noch lange Zeit nachher, wenn ich den schönsten Kuchen vor mir hatte, dachte ich an Bäcker Witts Zuckerkringel – und ich lobe sie auch heute noch: denn man konnte sehr viel davon essen und bekam keine Magenschmerzen. Dat nägenteihnte Kapittel Neunzehntes Kapitel Worüm de Möller wedder in sinen Stäwelschacht kickt; wo ut 'ne Matt en Schepel ward; worüm Hinrich adjüs seggt, un worüm Fridrich de Meinung is, dat de Frugenslüd' wollfeil warden. Warum der Müller wieder in seinen Stiefelschaft guckt; wie aus einer Metze ein Scheffel wird; warum Hinrich Abschied nimmt, und warum Friedrich der Meinung ist, daß die Frauensleute wohlfeil werden. As den annern Morgen Möller Voß up sine Gielowsche Mähl ut dat Bedd rute krapen was, satt hei wedder mit den Kopp in de Hand un kek nahdenklich in de Stäwelschächt herinne. »Mutter«, frog hei tauletzt, »heww ick mi gistern mit Hinrichen vertürnt, oder hett mi dat drömt?« »Ih wo, Vatting«, seggt sin Fru, »du hest em jo ümmertau küßt un hest em ümmer dinen leiwen Sähn nennt, un Fridrichen hest du vel Geld verspraken, wenn du irst en riken Mann wirst, un dat süll denn nu so lang nich duren.« »Mutting, denn heww ick sihr dämlich Tüg angewen.« »Dat säd ick di all gestern abend; äwer dunn wullst du dat nich Wurd hewwen.« »Gott sall mi bewohren!« röp de Möller, »ick kam jo ut de Dummheiten gor nich rut!« Fridrich kamm herin: »Gun Morgen, Möller! Gun Morgen, Fru! Ick kam blot rinne, Möller, un will Sei seggen, ick heww mi de Sak äwerleggt; ick will dat Geld, wat Sei mi gistern abend verspraken hewwen, noch 'ne Tidlang bi Sei up Tinsen stahn laten, bet ick dat notwendig bruk.« »Hm!« röp de oll Möller un rögt sick hen un her up den Staul. »Ja«, säd Fridrich; »äwer ick hadd woll 'ne anner Bed': will'n sei mi nich tau Ostern trecken laten, obschonst dat uter de Tid is?« »Wotau? Wat hest du vör?« »Ick wull frigen.« »Wat? Du frigen?« »Ja, Möller, ick frig Schult Besserdichen sin Fiken, de nu up den Sloß deint; un wenn Hinrich Voß uns' Fiken frigen deiht un wenn uns' beiden Swigeröllern nicks dorgegen hewwen deden, denn heww ick mi so dacht, kün'n wi jo up einen Dag Hochtid maken.« Dit was denn nu den ollen Möller doch tau stramm: »Du Snurrer...!« sprung hei up en grep nah den einen Stäwel. »Holt, Möller!« säd Fridrich un richt't sick en En'n. » De Redensort paßt sick nich för mi un nich för Sei. Wo dat mit mi steiht, weit ick sid drei Dag', un wo dat mit Hinrichen un uns' Fiken steiht, weit ick sid gistern nahmiddag; ick lagg achter ehr in't Krett un heww allens mit anhürt.« »Vatting«, röp de Möllerfru, »dit wir dat Best!« »Dat versteihst du nich!« röp de Oll un schüll in de Stuw' rümme. »Na, Möller«, säd Fridrich un gung ut de Dör, »äwerleggen S' sick de Sak; wat min Swigervader is, de geiht ok all sid ihrgistern abend in Äwerleggung rümme.« »Du kannst dinen Schin krigen«, röp de Möller achter em her, »äwer irst tau Jehanni.« Als am anderen Morgen Müller Voß auf seiner Gielowschen Mühle aus dem Bett gekrochen war, saß er wieder mit dem Kopf in der Hand und sah nachdenklich in den Stiefelschaft. »Mutter,« fragte er zuletzt, »Hab' ich mich gestern mit Hinrich erzürnt, oder hat mir das geträumt?« – »Ih wo, Vatting,« sagte seine Frau »du hast ihn ja immerzu geküßt und hast ihn immer deinen lieben Sohn genannt, und dem Friedrich hast du viel Geld versprochen, wenn du erst ein reicher Mann wärest, und das sollte nun so lange nicht mehr dauern.« – »Mutting, dann hab' ich sehr dummes Zeug angegeben.« – »Das sagt' ich dir schon gestern abend; aber da wolltest du es nicht Wort haben.« – »Gott soll mich bewahren!« rief der Müller, »ich komme ja aus den Dummheiten gar nicht heraus!« Friedrich kam herein: »Guten Morgen, Müller! Guten Morgen, Frau! Ich komme bloß herein, Müller, um Ihnen zu sagen, daß ich mir die Sache überlegt habe; ich will das Geld, das Sie mir gestern abend versprochen haben, noch eine Zeitlang bei Ihnen auf Zinsen stehen lassen, bis ich es notwendig brauche.« – »Hm!« rief der alte Müller und rutschte auf dem Stuhl hin und her. – »Ja,« sagte Friedrich; »aber ich hätte wohl eine andere Bitte: Wollen Sie mich nicht zu Ostern ziehen lassen, obschon es außer der Zeit ist?« – »Wozu? Was hast du vor?« – »Ich wollte heiraten.« – »Was, du heiraten?« – »Ja, Müller, ich heirate Schulz Besserdichs Fiken, die jetzt auf dem Schloß dient; und wenn Hinrich Voß unsere Fiken heiratet, und wenn unsere beiden Schwiegereltern nichts dagegen hätten, dann, habe ich mir so gedacht, könnten wir ja an einem Tage Hochzeit machen.« – Dies war denn nun dem alten Müller doch zu stark: »Du Schnorrer ...!« rief er, sprang auf und griff nach dem einen Stiefel. – »Halt, Müller!« sagte Friedrich und richtete sich auf; »die Redensart paßt nicht für mich und nicht für Sie. Wie es mit mir steht, weiß ich seit drei Tagen, und wie es mit Hinrich und unserer Fiken steht, weiß ich seit gestern nachmittag; ich lag hinter ihnen im Krett und habe alles mit angehört.« – »Vatting,« rief die Müllerfrau, »dies wäre das beste!« – »Das verstehst du nicht!« rief der Alte und schalt in der Stube herum. – »Na, Müller,« sagte Friedrich und ging aus der Tür, »überlegen Sie sich die Sache; was mein Schwiegervater ist, der geht auch schon seit vorgestern abend in Ueberlegung herum.« – »Du kannst deinen Schein kriegen,« rief der Müller hinter ihm her, »aber erst zu Johanni.« Worüm was de oll Möller denn so arg? Hei müggt doch Hinrichen girn liden; hei sülwst hadd in de letzten Dag' oft doran dacht, dat Hinrich un sin Fiken för enanner passen deden, hei sülwst hadd em gistern sinen »leiwen Sähn« nennt; äwer dat was't eben! Gistern abend hadd em de Punsch taum riken Mann makt, un hüt kek hei as en Snurrer in sin Stäwelschächt; un wenn ok Itzig sick ümstempeln let bet tau Ostern, so was dat 'ne Galgenfrist. »Vatting«, säd de Möllerfru, »dit is dat Best, wat uns' Fiken un uns passieren künn.« »Mutter«, säd de Oll, un't was en Glück, dat hei noch kein Stäwel an hadd, hei hadd süs vör Arger mit de Bein trampelt, »ick segg di, dat versteihst du nich! Wat? Ick süll Jochen Vossen sinen Sähn, de mit mi in en Prinzeß liggt un de mit en groten Büdel Geld in'n Lan'n rümreis't, min Kind gewen min bestes, leiwstes Kind! un süll tau em seggen: dor hest du s', äwer mitgewen kann ick ehr nicks, denn ick bün en Snurrer? Ne, Mutter, ne! Ick süll de Lappen borgen, worin min einzigst Kind, min lütt Fiken, vör de Tru stünn? Ne, ne! Irst möt ick wedder in de Wehr!« Warum war denn der alte Müller so böse? Er mochte doch Hinrich gerne leiden; er selbst hatte in den letzten Tagen oft daran gedacht, daß Hinrich und seine Fiken für einander paßten; er selbst hatte ihn seit gestern seinen ›lieben Sohn‹ genannt; aber das war es eben: gestern abend hatte ihn der Punsch zum reichen Mann gemacht, und heute guckte er als ein Bettler in seinen Stiefelschaft; und wenn auch Itzig sich umstempeln ließ und bis Ostern wartete, so war das nur eine Galgenfrist. – »Vatting,« sagte die Müllerfrau, »dies wäre das beste, was unserer Fiken und uns passieren könnte.« – »Mutter,« sagte der Alte, und es war ein Glück, daß er noch keine Stiefel anhatte, sonst hätte er vor Aerger mit den Beinen gestrampelt, »ich sage dir, das verstehst du nicht! Was? Ich sollte Jochen Vossens Sohn, der mit mir im Prinzeß liegt und mit einem großen Beutel Geld im Lande herumreist, mein Kind geben – mein bestes, liebstes Kind! – und sollte zu ihm sagen: da hast du sie, aber mitgeben kann ich ihr nichts, denn ich bin ein Bettler? – Nein, Mutter, nein! Ich sollte die Lappen borgen, worin mein einziges Kind, meine kleine Fiken, vor dem Traualtar stände? – Nein, nein, erst muß ich wieder in ordentlichen Umständen sein!« So geiht dat oft in de Welt: en grot Glück hängt dicht vör einen ut taum Aflangen, un wenn einer de Hand utrecken will un will't faten, denn is de Hand mit Keden bunnen, un de Keden sünd in lang vergahene Tiden smädt, ahn dat't einer gewohr worden is, un sei sünd wid achter einen fastmakt, so dat einer sei nich aflangen kann. Den Möller sin Ked' was sin Prozeß un woll ok sin slichte Wirtschaft in frühern Tiden, un as hei nu nah dat Glück gripen wull, dunn höll sei em taurügg, un hei bos'te un iwerte sick vergewens. Hei hadd sei nu woll stuw dörchhauen künnt, denn müßt hei äwer tidlewens dat Kedenen'n dörch de Welt slepen as en verlopen Tuchthüsler, un dat led sin Ihr nich. So geht es oft in der Welt: ein großes Glück hängt dicht vor einem; er braucht nur zuzugreifen, und wenn er die Hand ausstreckt und es fassen will, dann ist die Hand mit Ketten gebunden, und die Ketten sind in längst vergangenen Zeiten geschmiedet, ohne daß er's gewahr geworden ist, und sie sind weit hinter ihm festgemacht, so daß er sie nicht losmachen kann, weil seine Hand nicht so weit reicht. Des Müllers Kette war sein Prozeß und wohl auch seine schlechte Wirtschaft in früheren Zeiten, und als er nun nach dem Glück greifen wollte, da hielt sie ihn zurück, und er erboste und ereiferte sich vergebens. Er hätte sie nun wohl mit einem entschlossenen Hiebe durchhauen können, dann hätte er aber zeitlebens das Kettenende durch die Welt schleppen müssen, wie ein entlaufener Zuchthäusler, und das litt seine Ehre nicht. De oll Mann kunn einen jammern, hei gung jeden ut den Weg' un handtierte för sick allein in de Mähl un in den Stall herüm, as wull hei an desen Dag allens nahhalen, wat hei sid langen Johren versümt hadd. Endlich würd hei erlös't, min Unkel Hers' kamm an, hüt äwerst in en börgerlichen Uptog: »Gun Dag, Voß! Na, uns' Sak is in Richtigkeit.« Äwer den Ollen was hüt nich lichtglöwig tau Maud', un hei säd kort af: »Ja, wer't glöwt, Herr Ratsherr.« »Wenn ick't segg, Möller Voß«, säd de Herr Ratsherr un halt en Packet Schriften ut den Wagen un gung mit den Möller in de Stuw', »denn möt dat einer glöwen, denn ick bün hüt hir as Notarius publikus.« »Mutter«, säd de Möller, »lat uns allein, un du, Fiken, stick uns irst en Licht an.« Dat ded denn nu grad nich nödig, denn 't was hellig Dag; äwer de Oll hadd dat seihn, dat de Herr Amtshauptmann bi en Gerichtsdag ümmer en Waßstock brennen hadd, un hei wull't ok so hewwen, denn dit schint em sekerer, wil't vullstänniger was. Un dormit gung hei an sin Schapp un halt sin Brill herut un set't sei sick up, wat ok nich nödig ded, denn hei kunn kein schrewen Schriwwt lesen; äwer em was doch so, as künn hei mit de Brill beter uppassen; un dorup set't hei einen Disch midden in de Stuw' un twei Stäuhl doran. Der alte Mann konnte einen jammern; er ging jedem aus dem Wege und hantierte für sich alleine in Mühle und Stall herum, als wollte er an diesem Tage alles nachholen, was er seit langen Jahren versäumt hatte. Endlich wurde er erlöst; mein Onkel Herse kam, heute aber in bürgerlichem Aufzug: »Guten Tag, Voß. Na, unsere Sache ist in Richtigkeit.« – Aber dem Alten war heute nicht leichtgläubig zumute, und er sagte kurz angebunden: »Ja, wer's glaubt, Herr Ratsherr.« – »Wenn ich es sage, Müller Voß,« sagte der Herr Ratsherr und holte ein Paket Schriften aus dem Wagen und ging mit dem Müller in die Stube, »dann muß man's glauben, denn ich bin heute hier als Notarius publicus .« – »Mutter,« sagte der Müller, »laß uns allein, und du, Fiken, steck uns erst ein Licht an.« – Das hätte nun nicht gerade nötig getan, denn es war heller Tag; aber der Alte hatte gesehen, daß der Herr Amtshauptmann bei einem Gerichtstag immer einen Wachsstock brennen hatte, und so wollte er es auch haben, denn dies schien ihm sicherer, weil es vollständiger war. Und damit ging er an seinen Schrank und holte seine Brille heraus und setzte sie sich auf, was ebenfalls nicht nötig war, denn er konnte keine geschriebene Schrift lesen; aber ihm war doch so, als könnte er mit der Brille besser aufpassen; und darauf setzte er einen Tisch mitten in die Stube und zwei Stühle dazu. As sei nu allein üm den Disch un dat Licht seten, las de Herr Ratsherr mit sihr düdliche Stimm 'ne Schriwwt vör, worin de Jud' gegen den Herrn Ratsherrn sin Börgschaft bet Ostern täuwen wull, un as hei de lesen hadd, läd hei dat Poppier neben sick un kek den Möller mit en Gesicht an, dat sach ut as: »wat seggst nu, Flesch?« De oll Möller nörrickt nu los mit »Hm« un »Je« un »Äwer« un kratzt sick in de Hor. »Möller Voß«, säd min Unkel sihr argerlich, »wat sall dat Nörricken? Hir steiht min Sigel unner seihn Sei, hir! en Hirsestengel, wil ick Herse heit; ick hadd ok en Fallgatter dorup steken laten kunnt, wil dat up Französch hersé heit, äwer ick bün nich för de Franzosen un hir drüm rüm steiht mine Befugnis: Not. pub. im. caes., un hir steiht den Juden sin Unnerschrift: Itzig; un wat schrewen is, is schrewen.« »Dat seggt de Herr Amtshauptmann ok«, säd de Möller un wür en ganz Deil heller utseihn, »wat schrewen is, is schrewen.« »Wat de seggt, is mi ganz egal, ick , Möller Voß, ick bün dortau set't dörch min Amt, schrewen Schriwwten kräftig tau maken dörch min Sigel. Un dörch dese Schriwwt sünd Sei bet Ostern ut alle Verlegenheit.« »Ja, Herr, un ick bedank mi ok, äwer wat denn ?« Nu kamm de Reih tau nörricken an minen Unkel: »Hm! Wat denn ? Je Na! Na, Möller Voß«, un sin oll gaud Gesicht smet sine ganze Amtsmin as Notorius publikus ut de Dör un set't sick de Minschenfründlichkeit as Brill up sine hübsche Näs' un kek den ollen Möller un de ganze Welt fründlich an, »na, Möller Voß, heww ick bet Ostern Luft schafft, kann ick jo ok wider Rat schaffen, ick bün her kamen un will reinen Disch maken. Dortau is dat äwerst nödig, dat Sei mi all Ehr Ümstän'n verteilen un all Ehr Poppieren wisen.« Dat gung denn de Möller ok in un vertellte un vertellte, dat en anner Kopp, as min Unkel Hersen sin, ganz düsig worden wir, un hei halte so vel Poppieren rut, dat en annern angst un bang' worden wir; äwer min Unkel was hellschen pükerig in sin Geschäften, hei müggt girn Rätsel lösen un Bindfaden utenanner wiren, hei hürt un las allens mit Geduld, äwer nich mit Vurtel för sin Vörnemen. »Möller Voß«, frog hei endlich, »is't dit all?« »Ja, Herr«, säd de Möller un let de Uhren hängen as en Tüftenfeld, wenn de Nachtfrost doräwer gahn is, »un dit is noch min Kuntrakt mit dat Stemhäger Amt.« Min Unkel namm den Kuntrakt un las em so verluren dörch un sach ok ut, as wir em de Peiteßill verhagelt; äwer mit einmal sprung hei up: »Wat's dit? Wi sünd dormit dörch, Möller! In Tid von en por Johr sünd Sei en Milljonär! Dat ganze Stemhäger Amt is mahlpflichtig un de Stadt Stemhagen dortau, hir steiht't in Paragraph vir, un wat seggt Paragraph fiw: Für jeden Scheffel, den der Müller mahlt, kann er rechtlich einen Scheffel als Mahllohn beanspruchen.« »'ne Matt, Herr Ratsherr!« röp de oll Möller un sprung nu ok tau Höcht, »von jeden Schepel 'ne Matt!« »Ne! En Schepel! Hir steiht: für jeden Scheffel einen Scheffel als Mahllohn; un wat schrewen is, is schrewen. Un hir hett de Amtshauptmann dat Amtssigel unnerset't.« »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr, mi summt de Kopp; dat is jo doch man en Verseihn.« »Verseihn is ok verspelt, un wat schrewen is, is schrewen; dat hett de oll Amtshauptmann Sei jo sülwen seggt.« »Dat hett hei, Herr«, säd de Möller, »ja, dat hett hei, dat kann ick beswören.« Als sie nun allein am Tisch und bei dem Licht saßen, las der Herr Ratsherr mit sehr deutlicher Stimme eine Schrift vor, wonach der Jude gegen des Herrn Ratsherrn Bürgschaft bis Ostern warten wollte, und als er diese gelesen hatte, legte er das Papier neben sich und sah den Müller mit einem Gesicht an, das sah aus wie: »Was sagst du nun, Flesch?« – Der alte Müller räusperte nun los mit ›hm‹ und ›ja‹ und ›aber‹ und kratzte sich in den Haaren. – »Müller Voß,« sagte mein Onkel sehr ärgerlich, »was soll das Gehuste? Hier steht mein Siegel drunter – sehen Sie, hier! – ein Hirsestengel, weil ich Herse heiße; ich hätte auch ein Fallgatter, darauf können stechen lassen, weil das auf Französisch ›herse‹ heißt, aber ich bin nicht für die Franzosen – und hier rund herum steht meine Befugnis: Not. Pub. Im. Caes. , und hier steht die Unterschrift des Juden: Itzig; und was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Das sagt der Herr Amtshauptmann auch,« sagte der Müller, und sein Gesicht wurde viel heller, »was geschrieben ist, ist geschrieben.« – »Was der sagt, ist mir ganz egal, ich, Müller Voß, ich bin dazu gesetzt durch mein Amt, geschriebene Schriften kräftig zu machen durch mein Siegel. Und durch diese Schrift sind Sie bis Ostern aus aller Verlegenheit.« – »Ja, Herr, und ich bedank mich auch, aber was dann?« – Jetzt kam die Reihe zu räuspern an meinen Onkel. »Hm! Was dann? – Je – na! – Na, Müller Voß,« und sein altes gutes Gesicht warf seine ganze Amtsmiene als Notarius publicus zur Tür hinaus und setzte sich die größte Menschenfreundlichkeit als Brille auf seine hübsche Nase und sah den alten Müller und die ganze Welt freundlich an: »Na, Müller Voß, hab' ich bis Ostern Luft geschafft, kann ich ja auch weiter Rat schaffen, ich bin hergekommen, um reinen Tisch zu machen. Dazu ist es aber nötig, daß Sie mir alle Ihre Umstände erzählen und alle Ihre Papiere zeigen.« – Das leuchtete dem alten Müller auch ein, und er erzählte und erzählte, daß ein anderer Kopf, als meines Onkels Herse Kopf, ganz dumm geworden wäre, und er holte so viele Papiere heraus, daß einem anderen angst und bange geworden wäre; aber mein Onkel war sehr eigen in seinen Geschäften; er mochte gerne Rätsel lösen und Bindfaden auseinanderwirren: er hörte und las alles mit Geduld, aber es nützte ihn nichts. »Müller Voß,« fragte er endlich »ist dies alles?« – »Ja, Herr,« sagte der Müller und ließ die Ohren hängen, wie ein Kartoffelfeld, wenn der Nachtfrost drüber gegangen ist, »und dies ist noch mein Kontrakt mit dem Stavenhäger Amt.« – Mein Onkel nahm den Kontrakt und las ihn gedankenlos durch und sah ebenfalls aus, als wäre ihm die Petersilie verhagelt; aber auf einmal sprang er auf: »Was ist dies? – Wir sind damit durch, Müller – In Zeit von ein paar Jahren ist Er Millionär! Das ganze Stavenhäger Amt ist mahlpflichtig und die Stadt Stavenhagen dazu. Hier steht's in Paragraph vier, und was sagt Paragraph fünf? ›Für jeden Scheffel, den der Müller mahlt, kann er rechtlich einen Scheffel als Mahllohn beanspruchen.‹« – »'ne Metze, Herr Ratsherr!« rief der alte Müller und sprang ebenfalls auf, »von jedem Scheffel eine Metze!« – »Nein! ein Scheffel! Hier steht: für jeden Scheffel einen Scheffel als Mahllohn; und was geschrieben ist, ist geschrieben. Und hier hat der Amtshauptmann das Amtssiegel drunter gesetzt.« – »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr, mir summt der Kopf, das ist ja doch nur ein Versehen.« – »Versehen ist auch verspielt, und was geschrieben ist, ist geschrieben; das hat der alte Amtshauptmann Ihnen ja selber gesagt!« – »Das hat er, Herr,« sagte der Müller, »ja, das hat er. Das kann ich beschwören!« Un nu gung in den ollen Möller 'ne Utsicht up Erlösung ut de Judenfingern up, un 'ne Utsicht up vele, vele Schepels Kurn un up vele, vele blanke Dalers, denn dat ganze Amt was jo mahlpflichtig, dat müßt em jo kamen. »Herr«, röp hei, »dat kann sick helpen! Äwer... äwer...« »Voß«, säd min Unkel ärgerlich, »wat hewwen Sei mit Ehr Inwendungen? De Sak is klipp un klor.« »Ja, Herr, äwer ick mein man, wo ward dat äwer mit de Säck?« »Mit de Säck? Mit wat för Säck?« »Mit de Säck, worin mi dat Kurn bröcht ward. Dat Kurn krig ick all, äwer wer kriggt de Säck?« »Hm«, säd min Unkel, »dat is 'ne swore juristische Frag', Möller, doran heww ick noch nich dacht, un in den Kuntrakt steiht nicks dorvon; wenn ick Sei äwer raden sall, denn behollen Sei sei vörlöpig, denn wat seggt dat Lübsche Recht: beati possidentes, dat heit up Dütsch: wat einer hett, dat hett hei. Möller, ick heww Sei nu ut allens rutehulpen, äwer eins beding ick mi ut: reinen Mund! Äwer de Sak ward tau keinen Minschen redt hüren Sei! tau keinen Minschen! Mit Itzigen ward ick spreken, de möt Kurn staats Geld annemen, un tau Ostern ward denn allens klor sin un denn, Möller Voß...« »Un denn, Herr Ratsherr?« »Denn kümmt de bore Äwerschuß. Äwer Möller, de Sak bliwwt in't geheim!« Und nun ging in dem alten Müller eine Aussicht auf Erlösung aus den Judenfingern auf, und eine Aussicht auf viele viele Scheffel Korn und auf viele viele blanke Taler, denn das ganze Amt war ja mahlpflichtig, das mußte ihm ja kommen. »Herr,« rief er, »das kann sich helfen – aber... aber ...« – »Voß,« sagte mein Onkel Herse, »was haben Sie mit Ihren Einwendungen? Die Sache ist klipp und klar.« – »Ja, Herr, aber ich meine nur – wie wird es dann aber mit den Säcken?« – »Mit den Säcken? Mit was für Säcken?« – »Mit den Säcken, worin mir das Korn gebracht wird. Das Korn kriege ich alles, aber wer kriegt die Säcke?« – »Hm,« sagte mein Onkel, »das ist eine schwere juristische Frage. Müller, daran hab' ich noch nicht gedacht, und im Kontrakt steht nichts davon; wenn ich Ihnen aber raten soll, dann behalten Sie sie vorläufig; denn was sagt das Lübsche Recht? › Beati possidentes ‹. Das heißt auf Deutsch: was einer hat, das hat er. – Müller, ich habe ihm nun aus allem herausgeholfen, aber eins bedinge ich mir aus: reinen Mund! Ueber die Sache wird mit keinem Menschen gesprochen – hören Sie! – zu keinem Menschen! Mit Itzig werde ich sprechen, der muß Korn statt Geld annehmen, und zu Ostern wird dann alles klar sein, und dann, Müller Voß ...« – »Und dann, Herr Ratsherr?« – »Dann kommt der bare Ueberschuß. – Aber Müller, die Sache bleibt im geheimen!« De Möller versprok dat, un de Herr Ratsherr reiste wedder af, un Hinrich un Fiken segen noch, wo hei von den Wagen ut den Ollen taunickt un den Finger up den Mund läd. Der Müller versprach das, und der Herr Ratsherr reiste wieder ab, und Hinrich und Fiken sahen noch, wie er vom Wagen aus dem Alten zunickte und den Finger auf den Mund legte. »Fiken«, säd Hinrich, » mi is de Heimlichkeit nich gewen, ick möt reinen Win inschenken; ick gah nah dinen Vader un red mit em.« »Dauh dat«, säd Fiken. Hadd sei äwer wüßt, wo dat mit den Ollen stunn, sei hadd em woll noch täuwen heiten. »Fiken,« sagte Hinrich, »mir ist die Heimlichkeit nicht gegeben, ich muß reinen Wein einschenken; ich geh' jetzt zu deinem Vater und melde mich ihm.« – »Tu das,« sagte Fiken. Hätte sie aber gewußt, wie es mit dem Alten stand, sie hätte ihn wohl noch warten lassen. Mit den Ollen stunn dat äwerst heil wunderlich. Hüt morrn was hei en Snurrer un wull sin einzigst Kind nich ahn Mitgift weggewen, hüt abend was hei en riken Mann, un sin einzigst Kind brukt nich jeden tau nemen; sei künn 'ne Madam warden, so gaud as ein. För sinen Kopp was de Wessel tau rasch kamen, hei wüßt nich recht, wat mit em vörgahn wir, dortau kamm nu noch 'ne heimliche Angst, dat dat nich allens so wir, as dat sin müßt, un 'ne grote Unrauh, dat dat, wat gescheihn süll, nich recht wir. »Äwer«, säd hei denn tau sick, »de Amtshauptmann hett sülwst seggt, wat schrewen is, is schrewen; un wat recht is, möt de Ratsherr beter weiten as ick.« Mit dem Alten stand es aber ganz wunderlich. Heute morgen war er ein Bettler und wollte sein einziges Kind nicht ohne Mitgift weggeben; heute abend war er ein reicher Mann, und sein einziges Kind brauchte nicht jeden zu nehmen; sie konnte eine Madam werden, so gut wie nur eine. Für seinen Kopf war der Wechsel zu rasch gekommen, er wußte nicht recht, was mit ihm vorgegangen war; dazu kam nun noch eine heimliche Angst, daß nicht alles so wäre, wie es sein müßte, und eine große Unruhe, daß das, was geschehen sollte, nicht recht wäre. »Aber,« sagte er dann zu sich selbst, »der Amtshauptmann hat selber gesagt: was geschrieben ist, ist geschrieben; und was recht ist, muß der Ratsherr besser wissen als ich.« Was hei all in ruhigeren Tiden swor tau en Entsluß tau krigen, so was't in desen Ogenblick gor nich mäglich. As Hinrich sin Gewarw' anbröcht hadd, fung hei von den Prozeß tau reden an un säd, Hinrich süll jo nich glöwen, dat hei en rungeniert Mann wir; em hadden vele in de Fingern hatt, de em hadden dümpeln wullt, äwer noch swemmte hei baben. Hinrich säd nu, hei hadd dat gaud naug in den Sinn, hei hadd sick dat so dacht, die beiden Swigeröllern süllen in Rauh un Freden bet an ehr selig En'n bi em wahnen, un de Möller süll em sin Fiken gewen, un sinen Pachtkuntrakt süll hei em verköpen. Dunn fohrt äwer de oll Möller up: dat glöwte hei sacht! Dor hadd Hinrich woll Lust tau! Äwer keiner süll ihre raupen »halt Fisch!«, ihre hei weck hadd; hei let sick ok nich von en Krabbenwagen äwerführen, noch tau von so'n jungen Burßen, as Hinrich wir. Sinen Kuntrakt! Sinen Kuntrakt wull hei behollen, un wenn en König üm sin Fiken frigt! So'ne Red' was sick Hinrich nich vermauden nah allen dem, wat vörgahn was, em steg ok de Hitz tau Kopp, un hei säd hastig, de Möller süll »Ja« oder »Ne« seggen, ob hei em sine Dochter gewen wull oder nich. De Möller dreiht sick snubbs üm, kek ut dat Finster un säd: »Ne!« Hinrich dreiht sick ok üm un gung ut de Dör, un 'ne halwe Stun'n nahher höll Fridrich mit Hinrichen sin Fuhrwark up den Möllerhof, un as hei äwer Hinrichen raupen ded, kamm de mit Fiken ut den Goren, un Fiken sach sihr blaß, äwer ok sihr gefaßt ut un säd: »Hinrich, dat Wurd, dat ick di seggt heww, dat holl ick, un du holl't ok!« Hei nickte mit den Kopp un drückte ehr de Hand, gung up de Möllerfru tau, de vör de Dör stunn, säd ehr en por Würd' taum adjüs, steg up den Wagen un führt sachten von den Möllerhof. War er schon in ruhigeren Zeiten schwer zu einem Entschluß zu bringen, so war das in diesem Augenblick gar nicht möglich. Als Hinrich seinen Antrag vorgebracht hatte, fing er an vom Prozeß zu reden und sagte, Hinrich sollte ja nicht glauben,, daß er ein ruinierter Mann wäre. Ihn hätten viele in den Fingern gehabt, die ihn hätten untertauchen wollen, aber noch schwämme er oben. Hinrich sagte darauf: er hätte es gut genug im Sinn; er hätte sich so gedacht, die beiden Schwiegereltern sollten in Ruh und Frieden bis an ihr seliges Ende bei ihm wohnen, und der Müller sollte ihm seine Fiken geben, und seinen Pachtkontrakt sollte er ihm verkaufen. Da fuhr aber der alte Müller auf! Das glaubte er wohl, dazu hätte Hinrich wohl Lust! Aber niemand sollte: ›Holt Fisch!‹ rufen, ehe er welche hätte; er ließe sich auch nicht von einem Krabbenwagen überfahren, noch dazu von so einem jungen Burschen, wie Hinrich wäre. Seinen Kontrakt! Seinen Kontrakt wollte er behalten, und wenn ein König um seine Fiken freite! – Auf eine solche Rede war Hinrich nach allem, was vorgegangen war, nicht gefaßt gewesen; ihm stieg ebenfalls die Hitze zu Kopf, und er sagte hastig, der Müller sollte ja oder nein sagen, ob er ihm seine Tochter geben wollte oder nicht. Der Müller drehte sich kurz um, sah aus dem Fenster und sagte: »Nein!« Hinrich drehte sich auch um und ging aus der Tür, und eine halbe Stunde nachher hielt Friedrich mit Hinrichs Fuhrwerk auf dem Müllerhof; als er aber Hinrich rief, kam der mit Fiken aus dem Garten, und Fiken sah sehr blaß, aber auch sehr gefaßt aus und sagte: »Hinrich, das Wort, das ich dir gesagt habe, das halte ich – und halte du es auch!« Er nickte mit dem Kopf und drückte ihr die Hand, ging auf die Müllerfrau zu, die vor der Tür stand, sagte ihr ein paar Worte zum Abschied, stieg auf den Wagen und fuhr langsam vom Müllerhof. As hei en En'n lang von de Mähl af was, röp wat äwer em, un as hei sick ümkek, kamm Fridrich dwars äwer 'ne Eck Roggensaat nah em ran: »Hinrich, wo führen Sei hentau?« »Nah Stemhagen.« »Bliwen Sei de Nacht dor?« »Ja, ick dacht, ick wull de Nacht bi Bäcker Witten bliwen, denn ick wull noch irst mit den Herrn Amtshauptmann reden.« »Dat möt ick en verstännigen Infall heiten, Hinrich; un ick heww hüt abend ok noch wat in Stemhagen up den Sloß tau dauhn, un mäglich heww ick mit Sei ok noch tau reden, un dörüm, Hinrich, führen S' nich ihre af, as bet ick kamen bün; ick kam äwerst irst lat, wenn allens tau Schick is.« Hinrich versprok, hei wull up em täuwen, un führt nah Stemhagen hentau. Als er ein Stück von der Mühle weg war, rief ihm etwas nach; und als er sich umsah, kam Friedrich quer über eine Ecke Roggensaat zu ihm heran: »Hinrich, wo fahren Sie hin?« – »Nach Stavenhagen.« – »Bleiben Sie die Nacht da?« – »Ja, ich dachte, ich wollte die Nacht bei Bäcker Witt bleiben, denn ich wollte noch erst mit dem Herrn Amtshauptmann reden.« – »Das muß ich einen verständigen Einfall nennen. Hinrich; und ich habe heute abend auch noch was in Stavenhagen auf dem Schloß zu tun, und möglicherweise habe ich mit Ihnen auch noch zu reden, und darum, Hinrich, fahren Sie nicht früher ab, als bis ich gekommen bin; ich komme aber erst spät, wenn alles in Ordnung ist.« Hinrich versprach also, er wolle auf ihn warten, und fuhr nach Stavenhagen. Unnerwegens begegent em Bäcker Witt, de führt mit en Drömt Weiten nah de Mähl un säd: »Na, Hinrich, führen S' man bi mi an, mit Abend un all bün ick ok wedder tau Hus, denn snacken wi en beten mit enanner.« Unterwegs begegnete ihm Bäcker Witt, der mit einer Drömte Zwölf Scheffel = [ca. 1200 Liter] Weizen nach der Mühle fuhr, und sagte: »Na, Hinrich, fahren Sie nur bei mir vor; mit der Abendzeit bin ich auch wieder zu Hause, dann schnacken wir ein bißchen miteinander.« Je ja! je ja! Dat was all lang' Abend, un de Bäcker was all lang' tau Hus; äwer Hinrich was noch ümmer bi den ollen Herrn up den Sloß. Fridrich was ok all kamen un up't Sloß gahn, un oll Witt säd tau de Strüwingken: »Strüwingken, up de Mähl sünd Geschichten passiert, du sallst dat seihn! Dat de Ollsch sitt un rohrt, dat hett grad nich vel tau bedüden, denn de Tranen sitten ehr wat los; äwer dat Fiken bi den Ollen sin Schellen un Dummheiten still rümme geiht un gor nicks seggt, süh, dat will mi nich gefallen; un de Oll hett hüt wedder sine richtigen Stuken, ut den is nich klauk tau warden. As ick em frog: Vadder, wennihr kann ick mi dat Mehl halen? seggt hei: dor möt ick irst minen Kuntrakt nah fragen. Un as ick säd, ick brukt dat Mehl notwendig taukamen Woch', säd hei, dat wir em ganz egal, hei güng nah sinen Kuntrakt; un as ick wegführt, röp hei mi nah, wenn mi mit dat Mehl en wunnerlich Stück passieren süll, denn süll ick man nah Ratsherr Hersen gahn, de würd mi woll de Sak utenanner setten, wenn hei't för gaud höll.« »Dat's jo nahrsch«, seggt de Strüwingken. Ja, ja! Ja, ja! es war schon lange Abend, und der Bäcker war schon lange zu Hause; aber Hinrich war noch immer bei dem alten Herrn auf dem Schloß. Friedrich war auch schon gekommen und aufs Schloß gegangen, und der alte Witt sagte zur Strübingen: »Strübingen, auf der Mühle sind Geschichten passiert, das sollst du sehen; daß die Alte sitzt und weint, das hat gerade nicht viel zu bedeuten, denn die Tränen sitzen ihr ein bißchen lose; aber daß Fiken bei des Alten Schelten und Dummheiten still herumgeht und gar nichts sagt, sieh, das will mir nicht gefallen; und der Alte hat heute wieder seine richtigen Schrullen – aus dem ist nicht klug zu werden. Als ich ihn fragte: ›Gevatter, wann kann ich mir das Mehl holen?‹ sagte er: ›danach muß ich erst meinen Kontrakt fragen.‹ Und als ich sagte, ich brauchte das Mehl notwendig nächste Woche, sagte er, das wäre ihm ganz egal, er ginge nach seinem Kontrakt; und als ich wegfuhr, rief er mir nach, wenn mir mit dem Mehl ein wunderliches Stück passieren sollte, dann sollte ich nur zum Ratsherrn Herse gehen, der würde mir wohl die Sache auseinandersetzen, wenn er's für gut hielte.« – »Das ist ja schnurrig,« sagte Frau Strübing. Dunn kamm Hinrich Voß in de Dör un sach sihr still un einerlei ut, un as de Bäcker von de Mähl anfung, un dat hei dor 'ne snurrige Begegnung förfunnen hadd, brok Hinrich kort af un frog: »Meister Witt, wullen Sei mi woll en Gefallen dauhn?« »Worüm dat nich?« säd de Bäcker. »Bi Sei kamen vele Lüd', un Sei hewwen ok Stallrum; ick wull min Pird un Wag' verköpen; will'n Sei mi dorbi nich behülplich sin?« »Worüm dat nich?« frog Witt; »äwer, Hinrich«, set't hei nah 'ne Wil hentau, un einer kunn binah von buten seihn, wo hei binnen de Gedanken sammelt un tau en Faden anenanner knüppt, woran hei de Unnerhollung wider spinnen wull, »äwer, Hinrich, dat hett jo Tid. De Mähren de Mähren süh, nu sünd sei wollfeil, worüm? Je, wat weit ick! Woll dorüm, will keiner seker is, dat em de Franzos' sei nich äwer Nacht ut den Stall halt; äwer de Mähren du sallst seihn sei warden dür denn du sallst seihn in Tid von en por Wochen marschiert allens gegen den Franzosen.« »Dat heww ick eben von en Mann hürt, de dat beter weiten kann as wi beiden, Meister Witt, äwer dorüm grad will ick sei los sin.« »Ja«, föll Fridrich in, de bi den Bäcker sine Red' in de Stuw' kamen was, »ja, de Mähren warden dür, un de Frugenslüd' wollfeil. Nah de Mähren ward vel Nahfrag' sin, wenn't losgeiht, un nah de Frugenslüd' wenig; un wenn't vörbi is un de Hälft von de jungen Lüd' dodschaten is, noch weniger. Un los geiht't! Gistern in Bramborg kreg mi einer bi Sid, de sach ut, as hadd hei de blagen Bohnen all präuwt, un säd tau mi, nah min Utseihn hadd ick mi ok all mit den Schapschinken slept, un wenn ick Lust hadd, so wüßt hei en Flag för mi. Ick säd, ick wull mi besinnen; äwer gistern is nich hüt, hüt bruk ick mi nich tau besinnen. Ick bün bi de Preußen dissentürt, äwer blot, wil ick Kinner weigen süll bi minen Hauptmann; un gistern besunn ick mi blot, wil ick dacht, ick würd mal min eigen Kinner weigen; un hüt besinn ick mi nich mihr un gah gegen den Franzosen. Un, Meister Witt, ick heww keinen up de Welt, de nah dat Minig süht, wenn Sei hüren, dat ick furt von de Mähl bün, denn seihn S' nah min Lad'. Un nu adjüs, ick möt des' Nacht wedder nah de Mähl.« Da kam Hinrich Voß zur Tür herein und sah sehr still und einerlei aus, und als der Bäcker von der Mühle anfing, und daß man ihm dort so sonderbar begegnet sei, brach Hinrich kurz ab und fragte: »Meister Witt, wollten Sie mir wohl einen Gefallen tun?« – »Warum das nicht?« sagte der Bäcker. – »Bei Ihnen kommen viele Leute, und Sie haben auch Stallraum; ich wollte meine Pferde und den Wagen verkaufen; wollen Sie mir nicht dabei behilflich sein?« – »Warum das nicht?« fragte Witt; »aber Hinrich,« setzte er nach einer Weile hinzu, und man konnte beinahe von außen sehen, wie er drinnen die Gedanken sammelte und zu einem Faden aneinanderknüpfte, woran er die Unterhaltung weiter spinnen wollte, »aber, Hinrich, das hat ja Zeit, die Pferde – die Pferde – sieh, jetzt sind sie wohlfeil. Warum? Je, was weiß ich! Wohl darum, weil keiner sicher ist, daß ihm der Franzose sie nicht über Nacht aus dem Stall holt; aber die Pferde – du sollst sehen – sie werden teuer; denn – du sollst sehen – in Zeit von ein paar Wochen marschiert alles gegen den Franzosen.« – »Das hab ich eben von einem Mann gehört, der es besser wissen kann, als wir beiden, Meister Witt, aber gerade darum will ich sie los sein.« – »Ja,« fiel Friedrich ein, der während der letzten Worte des Bäckers in die Stube gekommen war, »ja, die Gäule werden teuer, und die Frauensleute wohlfeil. Nach den Pferden wird viele Nachfrage sein, wenn's losgeht, und nach den Frauensleuten wenig; und wenn's vorbei ist, und die Hälfte der jungen Leute totgeschossen, noch weniger. – Und los geht's! Gestern in Neubrandenburg nahm mich einer beiseite, der sah aus, als hätte er die blauen Bohnen schon probiert; der sagte zu mir, nach meinem Aussehen hätte ich auch schon den Schafschinken geschleppt, und wenn ich Lust hätte, so wüßte er ein Plätzchen für mich. – Ich sagte, ich wollte mich besinnen; aber gestern ist nicht heute, heute brauch ich mich nicht zu besinnen. Ich bin von den Preußen desertiert – aber nur, weil ich bei meinem Hauptmann Kinder wiegen sollte; und gestern besann ich mich nur, weil ich dachte, ich würde mal meine eigenen Kinder wiegen; und heute besinn ich mich nicht mehr, sondern gehe gegen den Franzosen. – Und, Meister Witt, ich habe keinen auf der Welt, der nach dem Meinigen sieht; wenn Sie hören, daß ich von der Mühle fort bin, dann sehen Sie nach meiner Lade. Und nun adjüs, ich muß diese Nacht wieder nach der Mühle.« Dormit gung hei. – Hinrich gung em nah. »Fridrich, wat heit dit?« »Wat dies heit?« frog Fridrich. »Dat will 'ck Sei seggen: wo de ein heit, süht de anner ut. Uns is beiden datsülwig passiert, blot dat Ehr Fiken rohrt un min Fiken lacht. Ick bün ehr nich jung naug. Na, 't schad't ok nich! Den Mann in Bramborg was ick nich tau olt, un wat den einen sin Uhl is, is den annern sin Nachtigall.« »Fridrich«, antwurt't em Hinrich sachten, »red nich so lud. Du willst Soldat warden un ick ok.« »Wat, Sei?« »Still! Ja, ick ok. Ick heww kein Fründschaft wid un sid un stah allein in de Welt; nu heww ick mit den ollen Herrn Amtshauptmann redt, un de hett mi verspraken, up min Eigendaum en Og tau smiten; min Mähl in de Parchensche Gegend kann ick jeden Ogenblick verpachten, un min Pird un Wag' verköp ick.« »Hurah!« röp Fridrich, »Hand her, Kamerad! Dümurrjöh! Ick sach di dat glik den irsten Morgen an, dat in di en Soldat stek.« »Ja«, säd Hinrich, »dat is all recht gaud! Den Willen heww ick, äwer wo bliwwt dat Vullbringen?« »Brauder, wenn einer wat Slichts in den Sinn hett, is de Düwel glik parat, em den Weg tau wisen; uns' Herrgott ward sick von den Düwel nich lumpen laten, hei ward uns de richtigen Weg' woll wisen, denn't geiht för't Vaderland. Süh, ick kann nich, bet Ostern möt ick bliwen; äwer du führ morgen glik nah Bramborg un frag in dat Wirtshus, wo wi west sünd, nah en statschen Mann mit en grisen Snurrbort un 'ne Nor äwer de rechte Back du wardst em woll finnen, un bi den mell di un mi an: Fridrich Schult', un hadd all deint, brukst äwerst nich tau seggen, dat ick mal von't Kinnerweigen dissentürt bün. Un wenn du't in Richtigkeit hest, denn giww mi Order, denn kam ick.« »Dat sall gellen!« röp Hinrich. »Un, Fridrich, du grüß jug Fiken von mi un segg ehr, sei süll sick nich stutzig maken laten, wat ick ehr seggt hadd, dat höll ick.« »Dat will ick bestellen, un nu gun Nacht!« »Gun Nacht!« Un as Hinrich noch so stunn un up Fridrichen sin Tritten horkt, dunn hürt hei von de Apteikereck her: »Dümurrjöh! Verfluchte Patriotten!« Damit ging er. Hinrich ging ihm nach: »Friedrich, was heißt dies?« – »Was dies heißt?« fragte Friedrich, »das will ich Ihnen sagen: Wie der eine heißt, sieht der andere aus. Uns ist beiden dasselbe passiert, nur daß Ihre Fiken weint, und meine Fiken lacht. Ich bin ihr nicht jung genug. Na, schadet auch nicht! Dem Mann in Brandenburg war ich nicht zu alt, und was dem einen seine Eule ist, ist dem andern seine Nachtigall.« – »Friedrich,« antwortete Hinrich nun leise, »sprich nicht so laut. Du willst Soldat werden, und ich auch.« – »Was?« – »Still! Ja, ich auch. Ich habe keine Verwandten weit und breit und stehe alleine in der Welt; nun habe ich mit dem alten Herrn Amtshauptmann geredet, und der hat mir versprochen, ein Auge auf mein Eigentum zu werfen; meine Mühle in der Parchimer Gegend kann ich jeden Augenblick verpachten, und Pferde und Wagen verkaufe ich.« – »Hurra,« rief Friedrich, »Hand her, Kamerad! Dümurrjöh! Ich sah dir's gleich den ersten Morgen an, daß in dir ein Soldat steckte.« – »Ja,« sagte Hinrich, »das ist alles recht gut! den Willen habe ich, aber wo bleibt das Vollbringen?« – »Bruder, wenn einer was Schlechtes im Sinn hat, ist der Teufel gleich bereit, ihm den Weg zu zeigen; unser Herrgott wird sich vom Teufel nicht lumpen lassen, er wird uns die richtigen Wege wohl zeigen, denn es geht fürs Vaterland. – Sieh, ich kann nicht, bis Ostern muß ich bleiben; aber du fahre morgen gleich nach Brandenburg und frage in dem Wirtshaus, wo wir gewesen sind, nach einem stattlichen Mann mit einem grauen Schnurrbart und einer Narbe über die rechte Backe – du wirst ihn wohl finden, und bei dem melde dich und mich an: ›Friedrich Schult‹, und hätte schon gedient, brauchst aber nicht zu sagen, daß ich mal vorm Kinderwiegen desertiert bin, und wenn du's in Richtigkeit hast, dann gib mir Bescheid, dann komm' ich.« – »Das soll gelten!« rief Hinrich. »Und, Friedrich, du grüße euer Fiken von mir und sage ihr, sie sollte sich nicht stutzig machen lassen – was ich ihr gesagt hätte, das hielte ich.« – »Das will ich bestellen, und nun: gute Nacht!« – »Gute Nacht!« – Und als Hinrich noch so stand und auf Friedrichs Tritte horchte, da hörte er von der Apothekerecke her: »Dümurrjöh! Verfluchte Patrioten!« Dat twintigste Kapittel Zwanzigstes Kapitel Wo dat in de Welt, in Stemhagen un in den Möllerhus' bunt äwer Eck geiht; worüm de Möller un Fridrich nah Stemhagen führen un Fiken ehr nahgeiht. Wie es in der Welt, in Stavenhagen und im Müllerhause bunt übereck geht; warum der Müller und Friedrich nach Stavenhagen fahren und Fiken ihnen nachgeht. De Franzos' kamm nich wedder in uns' Gegend; äwer dorüm würd't dor nich ruhiger. De Landstorm brok los, de Herr Amtshauptmann kommandierte dat Ganze, un unner em Kaptein Grischow; äwer de ehr Lüd' hadden man Peiken blot Rekter Schäfer hadd sick von Slösser Tröpnern 'ne Hellebard maken laten, min Unkel Hers' erricht't en Schützenkur von einuntwintig Schrotflinten, un de jungen Landlüd' seten tau Pird mit grote Säbels an de Sid. Dat is taum Lachen, seggen de nägenklauken Herrn; ick segg, dat is taum Weinen, dat so'ne Tid so selten in dütschen Landen wedder kümmt, dat so'ne Tid kein anner Folgen hatt hett, as de letzten virtig Johr uptauwisen hewwen. Ein einzig Regiment Franzosen hadd den ganzen Swindel utenanner jagt, seggen de Nägenklauken; 't is mäglich, segg ick, äwer den Geist hadden sei nich verjagt; äwer dat Einzelne kunn einer lachen, äwer dat Ganze lachte dunnmals keiner, sülwst Bonepart nich. Der Franzose kam nicht wieder in unsere Gegend; aber darum wurde es doch nicht ruhiger. Der Landsturm brach los, der Herr Amtshauptmann kommandierte das Ganze, und unter ihm Kapitän Grischow; aber deren Leute hatten nur Piken – nur Rektor Schäfer hatte sich von Schlosser Tröpner eine Hellebarde machen lassen – mein Onkel Herse dagegen errichtete ein Schützenkorps von einundzwanzig Schrotflinten, und die jungen Landleute saßen zu Pferde mit großen Säbeln an der Seite. Das ist zum Lachen, sagen die neunmalklugen Herren; ich sage, das ist zum Weinen, daß solch eine Zeit so selten in deutschen Landen wiederkommt, daß solch eine Zeit keine anderen Folgen gehabt hat, als die letzten vierzig Jahre aufzuweisen haben. Ein einziges Regiment Franzosen hätte den ganzen Schwindel auseinandergejagt, sagen die Neunmalklugen; das ist möglich sage ich; aber den Geist hätten sie nicht verjagt; über das Einzelne konnte einer lachen, über das Ganze lachte damals keiner, selbst Bonaparte nicht. An ein un densülwigen Dag gung dörch ganz Nedderdütschland von de Weichsel bet tau de Elb, von de Ostsee bet nah Berlin de Raup: »De Franzosen kamen!« Sei seggen up Stun'ns, dat wir absichtlich anstift't worden, üm tau seihn, wat Nedderdütschland ded. Wenn't wohr is, denn hewwen sei't tau seihn kregen; Nedderdütschland höll Prauw. Allentwegen, wid un sid, gungen de Stormklocken, kein Dörp blew tau Hus; allentwegen würd marschiert, hir hen un dor hen, un dat ein französch Regiment hadd lange Bein hewwen müßt, wenn't allentwegen tauglik hadd löschen wullt. An einem und demselben Tag ging durch ganz Niederdeutschland, von der Weichsel bis zur Elbe, von der Ostsee bis nach Berlin der Ruf: »Die Franzosen kommen!« – Jetzt sagt man, dies wäre absichtlich angestiftet worden, um zu sehen, was Niederdeutschland tun würde. Wenn es wahr ist, dann haben sie's zu sehen bekommen: Niederdeutschland bestand die Probe. Ueberall, weit und breit, gingen die Sturmglocken, kein Dorf blieb zu Hause; allerwegen wurde abmarschiert, hierhin und dorthin, und das eine französische Regiment hätte lange Beine haben müssen, wenn es überall zugleich hätte löschen wollen. De Stemhäger marschierten nah Ankershagen: in Nistrelitz süll de Franzos' sin; de Malchiner marschierten nah Stemhagen: in Stemhagen süll de Franzos' sin. Ja, 't was 'ne bunte Wirtschaft! Up den Mark würden de Peikenlüd' in Tüg' un Kumpanien indeilt; Herr Droi un den Möller sin Fridrich süllen de Sak anrichten, wil sei allein wat dorvon verstün'n; äwer de Börgers parierten ehr nich Order, wil dat de ein en Franzos' wir un de anner en Knecht. In't tweite Glid wull keiner stahn: Schauster Deichert nich, wil Schauster Bank in't irste stunn; Stüerinnehmer Groth nich, wil Wewer Stahl von vören bi't Bajonettfällen em ümmer mit dat verkehrte En'n von de Peik in de korten Rippen fummelt, un dat kunn hei nich verdragen. In de Pird-Koppel exierte min Unkel Hers' in vullen Füer mit de einuntwintig Schrotflinten, ümmer in'n ganzen. Sin Hauptkommando was:«Ruff! Ruff!«, denn müßten sei all mit einmal losscheiten, irst mit losen Pulver, nahsten mit scharpe Ladung; as äwer bi't tweitemal Dokter Lukow'n sin wittbunt Kauh dodschaten würd, würd't instellt. Sei säden nahsten all, 't hadd Snider Zachow dahn, 't is äwer nich utmakt worden. Endlich wiren sei all schön in Reih un Glid, ein as Kaptein Grischow »links schwenken« kummandiert, kemen sei ok all richtig in de Bramborgsche Strat rinne un marschierten in en schönen Klumpen rut, un as sei buten wiren, söcht sick jeder en drögen Fautstig, un sei marschierten ein achter'n annern as de Gäus' in'n Gasten. Die Stavenhäger marschierten nach Ankershagen: in Neustrelitz sollte der Franzos sein; die Malchiner marschierten nach Stavenhagen: in Stavenhagen sollte der Franzos sein. Ja, es war 'ne bunte Wirtschaft! Auf dem Markt wurden die Pikenleute in Züge und Kompagnien eingeteilt, Herr Droz und Müllers Friedrich sollten die Sache einrichten, weil sie alleine was davon verstanden; aber die Bürger wollten ihnen nicht Order parieren, weil der eine ein Franzos war, und der andere ein Knecht. Im zweiten Gliede wollte keiner stehen: Schuster Deichert nicht, weil Schuster Bank im ersten stand; Steuereinnehmer Grot nicht, weil Weber Stahl von vorne beim Bajonettfällen ihm immer mit dem verkehrten Ende der Pike in die kurzen Rippen fummelte, und das konnte er nicht vertragen. In der Pferdekoppel exerzierte mein Onkel Herse im vollen Feuer mit den einundzwanzig Schrotflinten, immer im Ganzen. Sein Hauptkommando war: »Ruff! Ruff!« Dann mußten sie alle mit einmal losschießen, erst mit losem Pulver, später mit scharfer Ladung; als aber beim zweitenmal Doktor Lukows weißbunte Kuh totgeschossen wurde, wurde dies eingestellt. Später sagten alle, Schneider Zachow hätte es getan; das ist aber nicht festgestellt worden. Endlich waren sie alle schön in Reih und Glied, und als Kapitän Grischow ›links schwenken‹ kommandierte, kamen sie auch alle richtig in die Brandenburger Straße herein und marschierten in einem schönen Klumpen hinaus, und als sie draußen waren, suchte sich jeder einen trocknen Fußsteig, und sie marschierten einer hinter dem andern, wie die Gänse in der Gerste. Bi den Uhlenbarg würd Holt makt, sei täuwten up ehren Kummandanten, up den Herrn Amtshauptmann. De Herr Amtshauptmann was taum Gahn tau olt, un riden kunn hei nich, hei führte also in den Krig. Hei satt stattlich up sinen langen, hogen Korwwagen, sin Degen lagg bi em up de Bänk. As hei ankamm, kreg hei'n »Vivat!« von sine Truppen un höll dorup 'ne Anred un sprok: »Kinnings! Soldaten sünd wi nich, un Dummheiten warden wi maken, dat schadt äwer nich; wer doräwer lachen will, kann't dauhn. Wi willen äwer uns' Schülligkeit dauhn, un de is: wi willen de Franzosen wisen, dat wi up den Platz sünd. Slimm äwer is't, dat ick nicks von Krigskunst verstah, un dörüm will ick mi bi Tiden nah en Mann ümseihn, de dorin bewandert is. Herr Droz, stigen S' bi mi up den Wagen, un wenn de Find kümmt, seggen S' mi Bescheid, wat tau dauhn is. Verlaten, Kinnings, dauh ick jug nich, un nu vörwarts för't Vaderland!« »Hurah!« röp sin Volk un furt gung't gegen den Find. Beim Eulenberg wurde halt gemacht, sie warteten auf ihren Kommandanten, auf den Herrn Amtshauptmann. Der Herr Amtshauptmann war zum Gehen zu alt, und reiten konnte er nicht; er fuhr also in den Krieg. Stattlich saß er auf seinem langen hohen Korbwagen, sein Degen lag neben ihm auf der Bank. Als er ankam, kriegte er ein ›Vivat!‹ von seinen Truppen und hielt darauf eine Anrede und sprach: »Kinnings! Soldaten sind wir nicht, und Dummheiten werden wir machen, das schadet aber nicht; wer darüber lachen will, kann's tun. Wir wollen aber unsere Schuldigkeit tun, und die ist: wir wollen den Franzosen zeigen, daß wir auf dem Platz sind. Schlimm aber ist es, daß ich nichts von Kriegskunst verstehe, und darum will ich mich beizeiten nach einem Mann umsehen, der darin bewandert ist. Herr Droz, steigen Sie zu mir auf den Wagen, und wenn der Feind kommt, sagen Sie mir Bescheid, was zu tun ist. – Verlassen, Kinnings, werde ich euch nicht. Und nun vorwärts fürs Vaterland!« – »Hurra!« rief sein Volk, und fort ging's gegen den Feind. De Pribbnowschen Buren un de Daglöhners ut Jürnsdörp un Kittendörp kemen mit Stakelforken un Dinger un sloten sick an. »Hanning Heinz«, säd min Unkel Hers' tau sinen Adjudanten, »dit sünd uns' Unregelmäßigen. Tau Tiden is de Ort gaud tau bruken, as wi bi de Kosacken seihn hewwen; äwer sei bringen licht Tüderi in de regelmäßigen Truppen, dorüm hollt jug ümmer gaud up einen Hümpel, un wenn't losgeiht, denn ümmer ruff!« Die Pribbenowschen Bauern und die Tagelöhner aus Jürgensdorf und Kittendorf kamen mit Heuforken und allerlei Dingern und schlossen sich an. »Hanning Heinz,« sagte mein Onkel Herse zu seinem Adjutanten, »dies sind unsere Unregelmäßigen. Zu Zeiten ist die Art gut zu gebrauchen, wie wir bei den Kosaken gesehen haben; aber sie bringen leicht Wirrwarr in die regelmäßigen Truppen, darum haltet euch immer gut auf einem Haufen, und, wenn's losgeht, dann immer ›Ruff‹!« De Kavalleri würd up Kundschaft utschickt un red vörup, un oll Inspekter Nicolai un de Reisenschriwer ut Ivenack hadden Pistolen; dormit schoten sei af un an, wohrschinlich üm de Franzosen grugen tau maken, un so kemen sei bet nah Ankershagen; äwer Franzosen dropen sei nich. As sei dit den Herrn Amtshauptmann melden deden, säd de: »Kinnings, mi dücht, för hüt is't naug, un wenn wi nu ümkihren, denn kamen wi noch bi Dag' nah Hus. Ne, wat denn?« De Infall was gaud; Kaptein Grischow kummandiert »kihrt!«, un allens gung nah Hus, bet up 'ne halwe Kumpani Peiken un twei Schrotflinten, de in den Kittendörper Kraug infelen un dor Wunnerding' verricht'ten. Die Kavallerie wurde auf Kundschaft ausgeschickt und ritt voraus, und der alte Inspektor Nicolai und der Reiseschreiber aus Ivenack hatten Pistolen; damit schossen sie ab und zu, wahrscheinlich um den Franzosen bange zu machen, und so kamen sie bis nach Ankershagen; aber die Franzosen trafen sie nicht. Als sie dies dem Herrn Amtshauptmann meldeten, sagte er: »Kinnings, mich dünkt, für heute ist's genug; und wenn wir jetzt umkehren, dann kommen wir noch bei Tage nach Hause. Ne, was denn?« – Der Einfall war gut; Kapitän Grischow kommandierte ›Kehrt!‹ und alles ging nach Hause, bis auf eine halbe Kompagnie Piken und zwei Schrotflinten, die in den Kittendorfer Krug einfielen und dort Wunderdinge verrichteten. As sei taurügg marschierten, kamm Wewer Stahl an den Herrn Amtshauptmann ranne un frog: »Mit Verlöw, Herr Amtshauptmann, sall ick min Peik man en beten in Sei Ehren Wagen leggen?« »Recht gern, mein lieber Meister.« Un't kamm Schauster Deichert, un't kamm Snider Zutow, un't kemen vele, un't kemen all mit de sülwige Bed', un as de Herr Amtshauptmann rinne führt in't Stemhäger Dur, dunn sach sin olle frame Korwwagen as 'ne Krigsmaschin un Sichelwagen ut Perser- un Römer-Tiden ut. Als sie zurückmarschierten, kam Weber Stahl an den Herrn Amtshauptmann heran und fragte: »Mit Verlaub, Herr Amtshauptmann, soll ich meine Pike wohl ein bißchen in Ihren Wagen legen?« – »Recht gern, mein lieber Meister.« – Und es kam Schuster Deichert, und es kam Schneider Zutow, und es kamen viele, und es kamen alle mit derselben Bitte, und als der Herr Amtshauptmann zum Stavenhäger Tor hereinfuhr, da sah sein alter frommer Korbwagen wie eine Kriegsmaschine und ein Sichelwagen aus Perser- und Römerzeiten aus. Ratsherr Hers' let noch dreimal »Ruff!« up den Mark scheiten, un jeder gung taufreden nah Hus. Blot min Unkel was verdreitlich. »Hanning Heinz«, säd hei tau sinen Adjudanten, »dor kunn nicks ut warden, worüm let mi de oll Amtshauptmann nich irst de Buckmähl anstecken?« Ratsherr Herse ließ auf dem Markt noch dreimal ›Ruff!‹ schießen, und jeder ging zufrieden nach Hause. Bloß mein Onkel war verdrießlich: »Hanning Heinz,« sagte er zu seinem Adjutanten, »daraus kann nichts werden; warum ließ uns der alte Amtshauptmann nicht erst die Bockmühle anstecken?« Gung dat bunt äwer Eck in de Welt tau, so gung dat up de Gielowsche Mähl nich anners. De Lüd' brächten Kurn un kregen kein Mehl; de Mähl stunn still, un dat Kurn würd up den Kurnbähn schüdd't. Jud' Itzig kamm un halte Sack äwer Sack, un jedesmal, wenn hei von den Möllershof führt, säd de Möller: »Gott sei Dank, all wedder dörtig oder virtig Daler afbetahlt!«, je nahdem 't was. Äwer vergnäugt was hei nich dorbi, hei würd ihre kleinmäudig, un blot wenn de Herr Ratsherr bi em west was un em frischen Maud' inspraken hadd, denn satt hei hoch tau Pird un redte von den groten Christopher. Wenn sin Fru satt un weint un Fiken mit ehr still Gesicht üm em rümmer gung, denn würd em frilich wedder sihr unruhig tau Sinn, un hei müßt sick denn mit ludes Reden de Furcht von den Liw' hollen, un wenn Fiken, wat öfters geschach, em an de Hand fot oder em üm den Hals föll un so recht indringlich mit Tranen in de Ogen em fragte: »Vatting, wat is di eigentlich? Wat hett din Wirken tau bedüden?«, denn was't unnerscheidlich, wat hei antwurt't, je nahdem em tau Maud' was. Hadd hei sin riken Turen, denn küßt hei sin Kind un säd, sei süll man täuwen, dat würd sick för ehr schön reigen; hadd hei sin bangen Turen, denn schow hei sei von sick un redte hart un barsch, sin Saken wiren kein Frugensaken un hei müßt weiten, wat hei tau dauhn hadd. Dat was en heimlich Quälen un en heimlich Ängsten up allen Siden; äwer endlich müßt't apenbor tau Dag' breken, as Bäcker Witt sin Weitenmehl hewwen wull. Hei hadd dorüm schickt, hei hadd dorüm schrewen, nu kamm hei sülwst, un't würd en Larm un en Schellen, un as de Bäcker von den Hof führte, schot hei mit »Spitzbauwen« un drauhte mit Klagen. Alle Dag' kamm nige Argernis. Dat Osterfest kamm ranne; von de Häw' un ut de Burdörper kamm vel Kurn tau't Festmehl; den Möller sin Weiten bläuht, äwer vel, vel Unkrut stunn dormang. De Landrider red up den Hof un süll sick de Sak befragen, de Möller drähnte unverständlich Tüg von sinen Kuntrakt un von sin Recht. Den Dag vör Ostern kam Itzig un halte de letzte Fuhr Kurn, un de Möller kamm taum Middageten tau sin Fru un Fiken un säd: »So! Mit den sünd wi utenein, de hett sin Geld.« Sin Fru un Fiken swegen still, un de Möller firt kein gaud Osterfest in sinen Harten, denn en fröhlichen Globen an 'ne sekere Taukunft wull in em nich uperstahn. Un den Dag nah Ostern kamm de Landrider wedder un bestellte den Möller up den annern Dag tau Amt un frog ok nah Fridrichen, un as de kamm, säd hei em, hei süll ok tau Amt kamen. »Wenn'ck will«, säd Fridrich un dreiht sick snubbs üm, denn em föll dat Wurt von den Herrn Amtshauptmann in: »Dat will ick di gedenken.« »Wenn du nich kümmst«, säd de Landrider, »denn geschüht dat up din Gefohr.« »De Herrn meinen ümmer«, lacht Fridrich, »wenn ehr Plummen rip sünd, sall unserein sei plücken. Äwer ick will morgen so wi so nah Stemhagen, denn min Tid bi den Möller is üm.« »Du sallst di woll schicken!« brummte de Möller, »bet Jehanni heww ick di meid'!« Ging es in der Welt bunt übereck zu, so ging es auf der Gielowschen Mühle nicht anders. Die Leute brachten Korn und bekamen kein Mehl; die Mühle stand still, und das Korn wurde auf den Kornboden geschüttet. Jud Itzig kam und holte Sack über Sack, und jedesmal, wenn er vom Müllerhof fuhr, sagte der Müller: »Gott sei Dank, schon wieder dreißig oder vierzig Taler abbezahlt!« – Je nachdem wie es war. Aber vergnügt war er nicht dabei, sondern eher kleinmütig, und nur, wenn der Herr Ratsherr bei ihm gewesen war und ihm frischen Mut eingesprochen hatte, dann saß er hoch zu Pferde und redete vom großen Christopher. Wenn seine Frau saß und weinte, und Fiken mit ihrem stillen Gesicht um ihn herumging, dann wurde ihm freilich wieder sehr unruhig zu Sinn, und dann mußte er sich mit lautem Reden die Furcht vom Leibe halten, und wenn Fiken, was öfter geschah, ihn an die Hand faßte, oder ihm um den Hals fiel, und so recht eindringlich mit Tränen in den Augen fragte: »Vatting, was ist dir eigentlich? Was hat dein Tun zu bedeuten?« – dann antwortete er ganz verschieden, je nachdem ihm zumute war. Hatte er seine Anfälle, wo er sich als reicher Mann fühlte, dann küßte er sein Kind und sagte, sie sollte nur warten, es würde für sie schön in Ordnung kommen; hatte er seine Anfälle von Bangigkeit, dann schob er sie von sich und sagte hart und barsch, seine Sachen wären keine Frauenzimmersachen, und er müßte wissen, was er zu tun hätte. Es war ein heimliches Quälen und ein heimliches Aengsten auf beiden Seiten; aber endlich mußte es offenbar zutage brechen, als Bäcker Witt sein Weizenmehl wollte. Er hatte darum geschickt, er hatte darum geschrieben; nun kam er selbst, und es gab ein Lärmen und ein Schelten, und als der Bäcker vom Hofe fuhr, schoß er mit ›Spitzbuben‹ und drohte mit Klagen. Alle Tage kam neue Aergernis. Das Osterfest kam heran; von den Höfen und aus den Bauerndörfern kam viel Korn zum Festmehl. Des Müllers Weizen blühte, aber viel, viel Unkraut stand dazwischen. Der Landreiter ritt auf den Hof und sollte sich nach der Sache erkundigen; der Müller schwatzte unverständliches Zeug von seinem Kontrakt und von seinem Recht. Den Tag vor Ostern kam Itzig und holte die letzte Fuhre Korn, und der Müller kam zum Mittagessen zu seiner Frau und Fiken und sagte: »So! Mit dem sind wir auseinander, der hat sein Geld.« – Seine Frau und seine Fiken schwiegen still, und der Müller feierte kein gutes Osterfest in seinem Herzen, denn ein fröhlicher Glaube an eine sichere Zukunft wollte in ihm nicht auferstehen. Und den Tag nach Ostern kam der Landreiter wieder und bestellte den Müller auf den nächsten Tag zu Amt und fragte auch nach Friedrich, und als der kam, sagte er ihm, er solle auch zu Amt kommen. »Wenn ich will,« sagte Friedrich und drehte sich kurz um, denn ihm fiel das Wort des Herrn Amtshauptmann ein: ›Das will ich dir gedenken‹. – »Wenn du nicht kommst,« sagte der Landreiter, »dann geschieht es auf deine Gefahr.« – »Die Herren meinen immer,« lachte Friedrich, »wenn ihre Pflaumen reif sind, soll unsereiner sie pflücken. Aber ich will morgen so wie so nach Stavenhagen, denn meine Zeit beim Müller ist um.« – »Du sollst dich wohl schicken!« brummte der Müller, »bis Johanni habe ich dich gemietet.« Den annern Dag führt de Möller mit Fridrichen nah Stemhagen. Keiner sprok en Wurd. As sei up den Mark kemen, wull Fridrich nah Bäcker Witten ranner bögen. »Holt!« röp de Möller, »dor will ick nich hen, ick kihr bi Guhlen an.« »Na, Möller«, säd Fridrich un sprung von den Wagen un smet em de Lin tau, »denn führen S' sick man sülwst hen, denn ick kihr bi Witten an«, un dormit gung hei. In gauden Dagen hadd de Möller dit woll nich leden, hei würd sinen Knecht schön hohaliert hewwen, un wenn't ok Fridrich wir; hüt säd hei nicks, hei was de oll Möller nich mihr, hei süfzte deip up, führte vör Guhlen sin Dör vör, ahn intautreden, un gung nah den Herrn Ratsherrn sinen Hus' räwer. Am andern Tage fuhr der Müller mit Friedrich nach Stavenhagen. Keiner sprach ein Wort. Als sie auf den Markt kamen, wollte Friedrich zu Bäcker Witt herüberfahren. – »Halt!« rief der Müller, »da will ich nicht hin; ich kehre bei Guhl ein.« – »Na, Müller,« sagte Friedrich und sprang vom Wagen und warf ihm die Leine zu; »dann fahren Sie sich nur selber hin, denn ich kehre bei Witt ein.« Und damit ging er. In guten Tagen hätte der Müller dies wohl nicht gelitten; er würde seinen Knecht schön hoch genommen haben, und wenn's auch Friedrich war; heute sagte er nichts, er war der alte Müller nicht mehr, er seufzte tief auf, fuhr vor Guhls Tür vor, ohne einzutreten, und ging nach des Herrn Ratsherrn Haus herüber. Knapp was de Wagen von den Möllerhof, dunn kamm Fiken in ehr bestes Tüg nah ehr Mutting rinne, de satt achtern'n Aben un weint. »Mutting, ick kann mi nich helpen, ick kann de Gedanken nich los warden: hüt is uns vel vermakt, hüt ward sick dat utwisen, ob wi up de Mähl bliwen oder nich. Vatting hett was anricht't, un wat dat ok is...« »Hei het't in sine Dummheit dahn!« röp de Möllerfru dormang. »Un dorüm will ick em nah; ick will den Herrn Amtshauptmann bidden oder de Fru Amtshauptmannen oder süs wen ick weit't jo ok noch nich. Uns' Herrgott ward mi jo woll de Weg' wisen un de Würd' lihren.« »Gah, Fiken«, säd ehr Moder. Kaum war der Wagen vom Müllerhof, da kam Fiken in ihrem besten Zeug zu ihrer Mutter herein, die hinter dem Ofen saß und weinte. »Mutting, ich kann mir nicht helfen, ich kann den Gedanken nicht los werden, heute ist für uns ein großer Tag; heute wird es sich ausweisen, ob wir auf der Mühle bleiben oder nicht. Vatting hat etwas angerichtet, was es auch ist...« – »Er hat's in seiner Dummheit getan!« rief die Müllersfrau dazwischen. – »Und darum will ich ihm nach. Ich will den Herrn Amtshauptmann bitten oder die Frau Amtshauptmann, oder sonst wen – ich weiß es ja auch noch nicht – unser Herrgott wird mir ja wohl die Wege weisen und mich die Worte lehren.« – »Geh, Fiken,« sagte ihre Mutter. Fiken gung, sei kunn den Wagen noch vör sick henführen seihn. Sei kamm nah Stemhagen un gung as ümmer nah Witten sinen Hus'; sei frog nah den Bäcker, de was all tau Amt; sei gung in de Stuw' rin, dor satt Fridrich un redt mit en Soldaten, de hadd 'ne gräune Jack an un hadd ehr den Rüggen taukihrt. Fridrich sprung up: »Dümurrjöh! Fiken, wo kamen Sei her?« De Soldat sprung ok up. Leiwer Gott! wat was dat? Dat was jo woll Hinrich? Ja. de was't, hei slog den Arm üm ehr: »Fiken, min leiw', lütt Fiken! Kennst du mi denn nich mihr?« Ach, woll kennt sei em noch, lud schreg sei up: »Hinrich, Hinrich, du unner de Soldaten?« »Na«, röp Fridrich dortüschen, »Fiken, Sei maken sich gaud! Wo hürt denn up Stun'ns en düchtigen Kirl hen, as unner de Soldaten?« Fiken hürte nich up sin Red', sei hadd mit ehr Gedanken tau dauhn, un in Gedanken brok dat äwer ehre Lippen: »Ach Gott, un ok doran is min oll Vader schuld. Wat heit't mit em, wat is't mit em?« »Fiken«, säd Hinrich, »üm minetwegen brukt hei sick kein Gewissen tau maken, un wenn ick ok in de Irst man weg wull, glik vel wohen un tau wat, nu is dat anners, nu weit ick irst, woför ick Soldat worden bün un woför dat in't Feld geiht, nu weit ick irst, wat dat heit, wenn en Kamerad taum Kameraden steiht un wenn en ganzes Regiment mit Liw un Lewen för't Vaderland tau Feld geiht. Süh, du weitst, wat ick von di holl; äwer wullst du mi hüt din Hand reiken, ick künn s' nich nemen; ick möt mit, äwer din Hart nem ick mit mi.« »So redt en Kirl!« röp Fridrich. »Gaud, Hinrich!« säd Fiken, »du hest recht, un so gah denn; äwer wenn du taurügg kümmst, darwst du uns hir nich mihr säuken; äwer uns breckt dat Unglück tausam, un wer weit, wo lang' uns de Mähl noch Dack und Fack giwwt.« »Ih wat, Fiken«, säd Fridrich, »de Oll hett sick wat ankohlsurt, hei is bet an den Hals in't Water gahn, äwer dorüm bruken em de Bülgen noch nich äwer den Kopp tausam tau slagen, hei hett noch gaude Frün'n, de em de Hand reiken känen.« »Wer kann em helpen?« säd Fiken, set't sick dal un let de Hän'n in den Schot fallen, »keiner weit, wat hei sick in den Kopp set't hett.« »Oh«, säd Fridrich, » wat weit Hinrich, hei hett hüt morgen so'n Vägelken singen hürt, un dat laten S' sick man von em vertellen, denn ick möt nu ok tau Amt.« Fiken ging, sie konnte den Wagen noch vor sich hinfahren sehen. Sie kam nach Stavenhagen und ging, wie immer, nach Witts Haus; sie frug nach dem Bäcker, der war schon zu Amt; sie ging in die Stube herein, da saß Friedrich und sprach mit einem Soldaten, der hatte eine grüne Jacke an und hatte ihr den Rücken zugekehrt. Friedrich sprang auf: »Dümurrjöh! Fiken, wo kommen Sie her?« – Der Soldat sprang auch auf. Lieber Gott! Was war das? Das war ja wohl der Hinrich? – Ja, der war's, er schlang den Arm um sie: »Fiken, meine liebe kleine Fiken! Kennst du mich denn nicht mehr?« – Ach, wohl kannte sie ihn noch, laut schrie sie auf: »Hinrich, Hinrich, du unter den Soldaten?« – »Na,« rief Friedrich dazwischen, »Fiken, Sie machen sich gut! Wo gehört denn heute ein tüchtiger Kerl anders hin als unter die Soldaten?« – Fiken hörte nicht auf seine Worte, sie hatte mit ihren Gedanken zu tun, und in Gedanken brach es über ihre Lippen: »Ach Gott, und auch daran ist mein alter Vater schuld. Was heißt dies mit ihm, was ist mit ihm?« – »Fiken,« sagte Hinrich, »meinetwegen braucht er sich kein Gewissen zu machen, und wenn ich auch anfangs nur fort wollte, gleichviel wohin und wozu, jetzt ist das anders, jetzt weiß ich erst, wofür ich Soldat geworden bin, und wofür es ins Feld geht, jetzt weiß ich erst, was es heißt, wenn ein Kamerad zum Kameraden steht, und wenn ein ganzes Regiment mit Leib und Leben fürs Vaterland ins Feld zieht. – Sieh, du weißt, wie viel ich von dir halte, aber wolltest du mir heute deine Hand reichen, ich könnte sie nicht nehmen, ich muß mit; aber dein Herz nehm ich mit mir.« – »So spricht ein Mann!« rief Friedrich. – »Gut, Hinrich,« sagte Fiken, »du hast recht, und so geh denn: aber wenn du zurückkommst, darfst du uns hier nicht mehr suchen; über uns bricht das Unglück zusammen, und wer weiß, wie lange uns die Mühle noch Dach und Fach gibt.« – »Ih was, Fiken,« sagte Friedrich, »der Alte hat sich was eingebrockt; er ist bis an den hals ins Wasser gegangen, aber darum brauchen ihm die Wellen noch nicht über dem Kopf zusammen zu schlagen; er hat noch gute Freunde, die ihm die Hand reichen können.« – »Wer kann ihm helfen?« sagte Fiken, setzte sich hin und ließ die Hände in den Schoß fallen, »niemand weiß, was er sich in den Kopf gesetzt hat.« – »Oh,« sagte Friedrich, »etwas weiß Hinrich; er hat heute morgen so ein Vögelchen singen hören, und das lassen Sie sich nur von ihm erzählen, denn ich muß nun auch zu Amt.« Dat einuntwintigste Kapittel Einundzwanzigstes Kapitel Worüm de Möller dorbi bliwwt, dat schrewen is, wat schrewen is; worüm de Herr Amtshauptmann Fritz Sahlmannen an de Uhrzippel kriggt un min Unkel Hers' ümmer ut de Fatung kümmt. Womit denn ok de Geschieht ganz schön tau En'n kümmt. Warum der Müller dabei bleibt: was geschrieben sei, sei geschrieben; warum der Herr Amtshauptmann Fritz Sahlmann am Ohrzipfel nimmt, und warum Onkel Herse immer aus der Fassung kommt. – Womit denn auch die Geschichte ganz schön zu Ende kommt. Hei gung, un Hinrich un Fiken blewen allein. Up den Sloß satt de oll Herr Amtshauptmann mit den Pudermantel up den Puderstauhl, hei was verdreitlich. »Neiting«, säd hei, »de Mantel snert mi.« »Ih, Wewer, wo kann hei sneren?« »Neiting, hei snert mi, un ick bün kein türkschen Pascha, de dat utprobiert, wo dat deiht, wenn einer sick mit de siden Snur wörgt.« »Na, is't so gaud?« »Hm, ja; aber das ist eine verdrießliche Sache.« »Wat denn, Wewer?« »Mit den ollen Gielowschen Möller; de oll Minsch is jo woll nahrsch worden, will ick seggen, obschonst sin Sak sihr nah Slichtigkeit smeckt.« »Wat hett hei?« »Je, wat hett hei? All dat Kurn hett hei behollen, wat em de Lüd' taum Mahlen bröcht hewwen, un nahst sall hei't an Itzigen verköfft hewwen. Wat kickst du, Neiting?« »Oh, ick seih em dor eben mit Ratsherr Hersen ruppe kamen.« »Mit Ratsherr Hersen?« röp de oll Herr, stunn up un kek ok ut dat Finster. »Wat will Ratsherr Hers', Neiting?« »Hei redt jo mit den Möller.« »Un recht angelegentlich redt hei mit em, Neiting«, säd de oll Herr, un sin Gesicht würd hell utseihn, un en lustig Lachen gled äwer sine Minen, »Gott sei Dank, nu ward ick den Möller von Slichtigkeiten losspreken möten, dit ward up 'ne Dummheit rut kamen, denn de Herr Ratsherr sitt dor mang.« »De Ratsherr is doch so'n gauden, ihrlichen Mann.« »Dat is hei, Neiting, äwer hei makt Stückschens Stückschens makt hei!« Dormit gung de Herr Amtshauptmann in de Gerichtsstuw'. Er ging, und Hinrich und Fiken blieben allein. Auf dem Schloß saß der alte Herr Amtshauptmann mit dem Pudermantel auf dem Puderstuhl; er war verdrießlich. »Neiting,« sagte er, »der Mantel schnürt mich.« – »Ih, Weber, wie kann er schnüren?« – »Neiting, er schnürt mich; und ich bin kein türkischer Pascha, der ausprobiert, wie es tut, wenn einer sich mit der seidenen Schnur erwürgt.« – »Na, ist es so gut?« – »Hm, ja; aber das ist eine verdrießliche Sache.« – »Was denn, Weber?« – »Mit dem alten Gielowschen Müller; der alte Mensch ist ja wohl verrückt geworden, will ich sagen, obschon seine Sache sehr nach Schlechtigkeit schmeckt.« – »Was hat er?« – »Je, was hat er? Alles Korn hat er behalten, das ihm die Leute zum mahlen gebracht haben, und nachher soll er's an Itzig verkauft haben. – Was guckst du, Neiting?« – »Oh, ich sehe ihn da eben mit Ratsherrn Herse heraufkommen.« – »Ratsherrn Herse?« rief der alte Herr, stand auf und sah aus dem Fenster. »Was will Ratsherr Herse, Neiting?« – »Er spricht ja mit dem Müller.« – »Und recht angelegentlich spricht er mit ihm, Neiting,« sagte der alte Herr, und sein Gesicht erhellte sich, und ein lustiges Lachen glitt über seine Miene; »Gott sei Dank, nun werde ich den Müller von Schlechtigkeiten lossprechen müssen, dies wird auf eine Dummheit herauskommen, denn der Herr Ratsherr sitzt dazwischen.« – »Der Ratsherr ist doch so ein guter, ehrlicher Mann.« – »Das ist er, Neiting, aber er macht Stückchen – Stückchen macht er!« Damit ging der Herr Amtshauptmann in die Gerichtsstube. Vör de Gerichtsstuw' stunn Pächter Roggenbom un Bäcker Witt un Schult Besserdich un noch en Dutzend anner, de all den Möller verklagt hadden. As de nu mit den Herrn Ratsherrn tüschen sei rinne tred un sin besten Frün'n gegen sick sach, sackte em dat Hart in de Hosen, un as sei em all ut den Weg gungen un hei sinen Schimp in ehre Ogen lesen kunn, würd em swack tau Sinn, hei müßt sick an den Herrn Ratsherrn sinen Arm hollen un säd sachten: »Min leiw' Herr Ratsherr, min leiw' Herr Ratsherr, mi ward nich gaud tau Maud'.« So wat stickt an; minen Unkel Hers' würd ok nich gaud tau Maud'. Taum irstenmal wil de ganze Tid, wo dat Stück spelte, steg in em 'ne düstere Ahnung up, daß hei sick wohrschinlich in den Nettel setten würd. Allens, wat hei för den Möller spreken wull, küselte sick in em üm un üm, un as de Möller rin raupen würd in de Gerichtsstuw' un hei mit gung, was allens bi em ut den Text bet up sin würdig Utseihn, un dat fang ok gewaltig an tau wackeln, as de oll Herr irnsthaft up em losgung: »Wat verschafft mi de Ihr, Herr Ratsherr?« Vor der Gerichtsstube standen Pächter Roggenbom und Bäcker Witt und Schulz Besserdich und noch ein Dutzend andere, die alle den Müller verklagt hatten. Als dieser nun mit dem Herrn Ratsherrn zwischen sie trat und seine besten Freunde gegen sich sah, sank ihm das Herz in die Hosen, und als sie ihm alle aus dem Wege gingen, und er seine Schande in ihren Augen lesen konnte, wurde ihm schwach zumute; er mußte sich an des Herrn Ratsherrn Arm halten und sagte leise: »Mein lieber Herr Ratsherr, mein lieber Herr Ratsherr, mir wird nicht gut zumute.« – So etwas steckt an; meinem Onkel Herse wurde auch nicht gut zumute. Zum erstenmal während der ganzen Zeit, daß das Stück spielte, stieg in ihm eine düstere Ahnung auf, daß er sich wahrscheinlich in die Nesseln setzen würde. Alles, was er für den Müller sprechen wollte, wirbelte in ihm um und um, und als der Müller in die Gerichtsstube hereingerufen wurde, und er mitging, war bei ihm alles aus dem Text, bis auf sein würdiges Aussehen, und auch dieses fing gewaltig zu wackeln an, als der alte Herr ernsthaft auf ihn losging: »Was verschafft mir die Ehre, Herr Ratsherr?« Min Unkel Hers' was sihr stark in richtigen Antwurten, äwer einer müßt em Tid laten, hei müßt ümmer irst en groten Bogen maken, ihr hei an de Sak heranner kamm; dese Frag' was em tau liktau, un den ollen Herrn sin Gesicht was em tau stramm; hei snuwwelte also mit den Notorius publicus un den Rechtsbistand von den Möller äwer sin Lippen räwer. »Bistand?« frog de oll Herr, un äwer sin Gesicht flunkerte so'n snurrig Licht. »Schön, Herr Ratsherr; setten S' sick gefälligst un hüren S' tau.« Min Unkel Hers' set'te sick also, un dit was en Glück för em, denn hei kunn in'n Sitten beter nahdenken un sick ok beter faten. Un so dacht hei denn nah un fat'te sick. Mein Onkel Herse war sehr stark in richtigen Antworten, aber man mußte ihm Zeit lassen, er mußte immer erst einen großen Bogen machen, ehe er an die Sache herankam; diese Frage war ihm zu gradezu, und des alten Herrn Gesicht war ihm zu stramm; er stolperte also mit dem Notarius publicus und dem Rechtsbeistand des Müllers über seine Lippen herüber. »Beistand?« fragte der alte Herr, und über sein Gesicht flackerte so ein schnurriges Licht. »Schön, Herr Ratsherr, setzen Sie sich gefälligst und hören Sie zu.« – Mein Onkel Herse setzte sich also, und dies war ein Glück für ihn, denn im Sitzen konnte er besser nachdenken und sich auch besser fassen. Und so dachte er denn nach und faßte sich. »Möller Voß«, frog de oll Herr, »hett Hei von den un den un den Kurn taum Mahlen kregen? Ne, wat denn?« »Ja, Herr Amtshauptmann.« »Wo is dat Kurn blewen?« »Dat heww ick an Itzigen verköfft; äwer de Säck liggen in minen Hus', de will ick an't Gericht afliwern.« »So? dat is jo recht nett. Äwer weit Hei ok, dat Hei sick in grote Unrechtfarigkeiten inlaten hett un dat dit sihr stark nah Bedreigeri smeckt?« »Herr Amtshauptmann«, säd de Möller, »ick bün in min Recht«, un wischte sick mit de verwendte Hand den Angstsweit von den Kopp. »Ja«, säd min Unkel Hers' un stunn up, »Wi sünd...« »Herr Ratsherr«, säd de Herr Amtshauptmann, »ick heww in min Gerichtsstuw' min eigen Moden, setten S' sick un hüren S' tau.« Worüm was min Unkel Hers' äwer ok upstahn? Nu was hei wedder uter Fatung kamen un müßt sick wedder setten, üm sick von frischen tau faten. »Möller Voß, wat redt Hei von Sin Recht?« »Je, Herr, Sei hewwen mi sülwst seggt: wat schrewen is, is schrewen, un in minen nigen Kuntrakt von vergangen Johr steiht dat schrewen, dat ick von jeden Schepel einen Schepel Mahllohn hewwen sall.« »Wo is Sin Kuntrakt?« »Hir«, antwurt't de Möller un gaww em hen. De oll Herr las em, schüddelt mit den Kopp: »Hm, hm! Das ist ja eine sonderbare Sache!«, namm de Klingel un klingelt: »Fritz Sahlmann sall mal rinne kamen!« Fritz kamm. »Fritz, kumm mal hir neger!« Fritz kamm neger. De Herr Amtshauptmann kreg em bi dat Uhrläppken un ledd't em an den Disch, wo de Kuntrakt upslagen lagg: »Fritz, wat heww ick di ümmer seggt: du richtst noch mal in dine Flüchtigkeit allerlei Unheil an, un nu is't richtig so kamen, nu hest du en por olle Lüd' tau Dummheiten verführt, de ehr dür tau stahn kamen künnen, wenn ick nich wüßt, dat dat eben blote Dummheiten wiren. Nimm de Fedder un strik hir Schepel ut un schriw Matt baben.« Fritz ded dat; de Herr Amtshauptmann namm den Kuntrakt un gaww em den Möller: »So, Möller Voß, nu is allens in Richtigkeit.« »Äwer, Herr Amtshauptmann...«, röp de Möller. »Möller«, unnerbrok em de oll Herr, »ick ward mit de Klägers reden, dat sei em acht Dag' Respit gewen, denn möt Hei äwer dat Kurn oder dat Geld dorför schaffen, süs geiht dat nich gaud.« »Äwer, Herr Amtshauptmann...«, röp min Unkel Hers' un stunn up. De Herr Amtshauptmann kek em an, min Unkel was ogenschinlich uter Fatung. »Herr Ratsherr, setten S' sick un hören S' tau«, säd de oll Herr sihr irnsthaft. »Herr Ratsherr, Sei hewwen nich Kind un nich Kegel un hewwen so vel, dat Sei gaud so lewen känen; gewen S' den Notorius publicus up, un känen Sei nich von em laten, denn bliwen S' mit em ut dat Amtsgebeit furt, Segen kümmt för uns nich dorbi rut.« Dormit dreiht hei den Herrn Ratsherrn den Rüggen tau, klingelt und säd: »Den Möller sin Knecht, Fridrich Schult, sall rinne kamen.« »Müller Voß,« fragte der alte Herr, »hat Er von dem und dem Korn zu mahlen bekommen? Ne, was denn?« – »Ja, Herr Amtshauptmann.« – »Wo ist das Korn geblieben?« – »Das habe ich an Itzig verkauft; aber die Säcke liegen in meinem Haus, die will ich ans Gericht abliefern.« – »So? Das ist ja recht nett. Aber weiß Er auch, daß Er sich in große Unrechtmäßigkeiten eingelassen hat, und daß dies sehr stark nach Betrügerei schmeckt?« – »Herr Amtshauptmann,« sagte der Müller, »ich bin in meinem Recht,« und wischte sich mit der Rückseite der Hand den Angstschweiß vom Kopf. – »Ja,« sagte mein Onkel Herse und stand auf, »wir sind...« – »Herr Ratsherr,« sagte der Herr Amtshauptmann, »ich habe in meiner Gerichtsstube meine eigenen Moden, setzen Sie sich und hören Sie zu.« – Warum war mein Onkel Herse aber auch aufgestanden? Nun war er wieder aus der Fassung gekommen und mußte sich wieder setzen, um sich von frischem zu fassen. – »Müller Voß, was redet Er von seinem Recht?« – »Je, Herr, Sie haben mir selbst gesagt: was geschrieben ist, ist geschrieben, und in meinem neuen Kontrakt vom vergangenen Jahr steht es geschrieben, daß ich von jedem Scheffel einen Scheffel Mahllohn haben soll.« – »Wo ist Sein Kontrakt?« – »Hier,« antwortete der Müller und gab das Papier hin. – Der alte Herr las den Kontrakt, schüttelte mit dem Kopf: »Hm, hm! Das ist ja eine sonderbare Sache!« – nahm die Klingel und klingelte: »Fritz Sahlmann soll mal rein kommen!« Fritz kam. »Fritz, komm mal hier näher!« Fritz kam näher. Der Herr Amtshauptmann faßte ihn am Ohrläppchen und zog ihn an den Tisch, wo der Kontrakt aufgeschlagen lag: »Fritz, was hab ich dir immer gesagt: du richtest in deiner Flüchtigkeit noch mal allerlei Unheil an, und jetzt ist es richtig so gekommen: jetzt hast du ein paar alte Leute zu Dummheiten verführt, die ihnen teuer zu stehen kommen könnten, wenn ich nicht wüßte, daß es eben bloß Dummheiten sind. Nimm die Feder und streiche hier ›Scheffel‹ aus und schreibe ›Metze‹ darüber.« Fritz tat das; der Herr Amtshauptmann nahm den Kontrakt und gab ihn dem Müller: »So, Müller Voß, nun ist alles in Richtigkeit.« – »Aber, Herr Amtshauptmann...« rief der Müller. – »Müller,« unterbrach ihn der alte Herr, »ich werde mit den Klägern reden, daß sie Ihm acht Tage Frist geben, dann muß Er aber das Korn oder das Geld dafür schaffen, sonst geht es nicht gut.« – »Aber, Herr Amtshauptmann ...« rief mein Onkel Herse und stand auf. Der Herr Amtshauptmann sah ihn an, mein Onkel war augenscheinlich außer Fassung. »Herr Ratsherr, setzen Sie sich und hören Sie zu,« sagte der alte Herr sehr ernsthaft. »Herr Ratsherr, Sie haben nicht Kind noch Kegel, und haben so viel, daß Sie gut so leben können; geben Sie den Notarius publicus auf, und können Sie nicht von ihm lassen, dann bleiben Sie mit ihm aus dem Amtsgebiet fort; Segen kommt für uns nicht dabei heraus.« Damit drehte er dem Herrn Ratsherrn den Rücken zu, klingelte und sagte: »Des Müllers Knecht, Friedrich Schult, soll hereinkommen.« De oll Möller was ganz slagen un braken an de Dör gahn, min Unkel was em nahgahn; äwer einer kunn seihn, dat dat in sinen Kopp schümen un brusen ded. In de Dör fot hei Posten, hei reckt de beiden Arm vör sick hen; noch säd hei nicks; äwer nu nu kamm Fridrich herin un schow em en En'n lang bi Sid un ut de Dör hei smet en hastigen Blick up Fridrichen de oll Amtsdeiner Ferge makte de Dör tau, un dat was de letzte Blick, den hei in Rechtssaken dahn hett, denn sörredem hung hei den Notorius an den Nagel. Der alte Müller war ganz geschlagen und gebrochen an die Tür gegangen, mein Onkel war ihm nachgegangen; aber man konnte sehen, daß es in seinem Kopf schäumte und brauste. In der Tür stand er still und streckte die beiden Arme vor sich hin; noch sagte er nichts; aber jetzt – jetzt kam Friedrich herein und schob ihn ein Stückchen beiseite und aus der Tür – er warf einen hastigen Blick auf Friedrich – der alte Amtsdiener Ferge machte die Tür zu, und das war der letzte Blick, den er in Rechtssachen getan hat, denn seitdem hing er den Notarius an den Nagel. »Min Sähn«, säd de Herr Amtshauptmann tau Fridrichen, »kumm en beten neger ran! Du büst dat jo woll, de min Fik Besserdichs frigen will?« »Ne«, säd Fridrich. »Ih«, säd de oll Herr un kek em nipper an, »deinst da denn nich bi den Möller?« »Ne«, säd Fridrich wedder un rögt sick nich. »Wat?« frog de oll Herr, »büst du nich de Möllerknecht Fridrich Schult, tau den ick mal seggt heww, ick wull't em gedenken? Ne, wat denn?« »De Fridrich Schult bün ick, Herr; äwer bi den Möller dein ick nich mihr, dor bün ick gahn, un de Dirn will ick nich mihr, denn de lett mi gahn, un Möllerknecht bün ick ok nich mihr, denn sörre 'ne halwe Stun'n bün ick unner de Soldaten gahn.« »Na, so gah un gah! Ick glöw, nu büst du up 't rechte Flag gahn. Äwer, min Sähn, du hest noch en Schinken bi mi in'n Solt. Büst du dat nich west, de tauirst den Mantelsack von dat Schassür-Pird namen hett?« »Ja.« »Un du hest den Mantelsack upmakt un hest di dor Geld rute namen un hest also wüßt, dat dor Geld in was?« »Dat heww ick«, säd Fridrich un sach patzig ut, »un dat strid ick ok nich.« »Na, denn hür mal nipping tau, wat ick di seggen will. Dat Geld is herrenlos Gaud, denn de Franzosen hewwen dat upgewen, un du hest dat funnen un hest di ok all in den Besitz set't, denn du hest dorvon namen; nu is dor äwer noch en Kirl, den nennen sei Fiskus', dat's en dullen Kirl, de sluckt allens äwer, wat hei krigen kann, un vör allen is hei slimm up herrenlos Gaud, un dit hett hei, so tau seggen, ok all in sinen Rachen; äwer tauwilen kriggt hei ok sachtmäudige Anwandlungen, wenn hei 'ne orndliche, echte Ihrlichkeit süht un wenn em einer de recht beweglich vör de Ogen rückt. Dat Letzt heww ick nu nah minen Kräften dahn, un de Herr Fiskus hett tau dinen Gunsten up dat Geld Verzicht leist't. Un hir, min Sähn, dit is de Schinken, den du bi mi in'n Solt hest!« Dormit slog hei en Dauk taurügg, un den Franzosen sin Mantelsack kamm taum Vörschin. »Fridrich Schult, de Mantelsack un dat Geld is din.« »Mein Sohn,« sagte der Herr Amtshauptmann zu Friedrich, »komm ein bißchen näher 'ran! Du bist es ja wohl, der meine Fik Besserdich heiraten will?« – »Ne,« sagte Friedrich. – »Ih,« sagte der alte Herr und sah ihn genauer an, »dienst du denn nicht bei dem Müller?« – »Ne,« sagt Friedrich wieder und rührt sich nicht. – »Was?« fragt der alte Herr, »bist du nicht der Müllerknecht, Friedrich Schult, zu dem ich mal gesagt habe, ich wollt's ihm gedenken? Ne, was denn?« – »Der Friedrich Schult bin ich, Herr; aber bei dem Müller diene ich nicht mehr, da bin ich gegangen; und das Mädchen will ich nicht mehr, denn die läßt mich gehen, und Müllerknecht bin ich auch nicht mehr, denn seit einer halben Stunde bin ich unter die Soldaten gegangen.« – »Na, so geh und geh! Ich glaube, jetzt bist du auf die rechte Stelle gegangen. Aber, mein Sohn, du hast noch einen Schinken bei mir im Salz. Bist du das nicht gewesen, der zuerst den Mantelsack vom Chasseurpferd genommen hat?« – »Ja.« – »Und du hast den Mantelsack aufgemacht und hast dir da Geld herausgenommen und hast also gewußt, daß Geld darin war?« – »Das hab ich,« sagte Friedrich und sah patzig aus, »und das bestreite ich auch nicht.« – »Na, dann höre mal genau zu, was ich dir sagen will. Das Geld ist herrenloses Gut, denn die Franzosen haben es aufgegeben, und du hast's gefunden und hast dich auch schon in den Besitz gesetzt, denn du hast davon genommen; nun ist aber noch ein Kerl, den nennen sie ›Fiskus‹, das ist ein toller Kerl, der schluckt alles über, was er kriegen kann, und vor allem ist er erpicht auf herrenloses Gut, und dieses hat er sozusagen auch schon in seinem Rachen; aber zuweilen kriegt er auch sanftmütige Anwandlungen, wenn er eine ordentliche, echte Ehrlichkeit sieht, und wenn ihm einer diese recht beweglich vor die Augen rückt. Das letzte habe ich nun nach meinen Kräften getan, und der Herr Fiskus hat zu deinen Gunsten auf das Geld Verzicht geleistet. Und hier, mein Sohn, dies ist der Schinken, den du bei mir im Salz hast!« Damit schlug er ein Tuch zurück, und des Franzosen Mantelsack kam zum Vorschein. »Friedrich Schult, der Mantelsack und das Geld sind dein.« Fridrich stunn dor un kek den Herrn Amtshauptmann un den Mantelsack an un denn wedder den Mantelsack un den Herrn Amtshauptmann un fung endlich an, sick mit groten Iwer achter de Uhren tau kratzen. – »Na?« frog de oll Herr un läd em de Hand up de Schuller. »Ne, wat denn, Fridrich?« »Hm«, säd Fridrich, »ja, Herr Amtshauptmann, un ick bedank mi ok velmal; äwer't paßt mi nich recht.« »Dat Geld paßt di nich?« »Ih ja, dat Geld paßt mi woll; äwer dat paßt mi up Stun'ns man nich. De Dirn will mi nich, un ick bün unner de Soldaten; dor kann ick't doch nich mitnemen.« »Hm«, säd de oll Herr un gung mit groten Schritten in de Stuw' up un dal, »das ist doch eine sonderbare Sache.« Endlich blew hei vör Fridrichen stahn un kek em mit en eigenen Blick in de Ogen: »Fridrich Schult, bores Geld is up Stun'ns sihr knapp, un ick weit Fläg', wo de Husvader sick dorüm den Bast von de Fingern wringt un Fru un Kind in Tranen sitten.« De Möllerknecht Fridrich Schult kek tau Höcht, hei kek in den ollen Herrn sin Ogen, un't was em, as wenn em dor en Strahl entgegen lücht, de em warm in't Hart föll. »Dümurrjöh!« röp hei, langte nah den Mantelsack, namm em unner'n Arm, »ick weit Bescheid, Herr Amtshauptmann. Adjüs, Herr!« Hei wull gahn, de oll Herr gung em bet an de Dör nah: »Fridrich Schult«, säd hei un fot sin Hand, »min Sähn, wenn du ut den Krig wedder taurügg kümmst, sprek en beten bi mi vör, du sallst mi vertellen, wo di dat gahn is. » Friedrich stand da und sah den Herrn Amtshauptmann und den Mantelsack an, und dann wieder den Mantelsack und den Herrn Amtshauptmann und fing endlich an, sich mit großem Eifer hinter den Ohren zu kratzen. – »Na,« fragte der alte Herr und legte ihm die Hand auf die Schulter; »ne, was denn, Friedrich?« – »Hm, ja, Herr Amtshauptmann, und ich bedanke mich auch vielmal; aber es paßt mir nicht recht.« – »Das Geld paßt dir nicht?« – »Ih ja, das Geld paßt mir wohl; es paßt mir nur gerade jetzt nicht, das Mädchen will mich nicht, und ich bin unter den Soldaten, da kann ich's doch nicht mitnehmen.« – »Hm,« sagte der alte Herr und ging mit großen Schritten in der Stube auf und nieder, »das ist doch eine sonderbare Sache.« Endlich blieb er vor Friedrich stehen und sah ihm mit einem eigentümlichen Blick in die Augen: »Friedrich Schult, bares Geld ist heutzutage sehr knapp, und ich weiß Stellen, wo der Hausvater sich darum den Bast von den Fingern ringt, und Frau und Kind in Tränen sitzen.« – Der Müllerknecht Friedrich Schult sah auf, er sah dem alten Herrn in die Augen, und es war ihm, als wenn ihm daraus ein Strahl entgegenleuchtete, der ihm warm ins Herz fiel. »Dümurrjöh!« rief er, griff nach dem Mantelsack und nahm ihn unter den Arm; »ich weiß Bescheid, Herr Amtshauptmann. Adjüs, Herr!« – Er wollte gehen, der alte Herr ging ihm bis an die Tür nach und ergriff seine Hand und sagte: »Friedrich Schult, mein Sohn, wenn du aus dem Kriege wieder zurückkommst, sprich ein bißchen bei mir vor, du sollst mir erzählen, wie es dir gegangen ist.« De Gerichtsstuw' was leddig, de Herr Amtshauptmann satt bi sin Fra in ehre Stuw' un säd: »Neiting«, säd hei, »des' Möllerknecht, des' Fridrich, wenn de mal wedder tau mi taurügg kümmt, ick glöw, ick freu mi mihr, as wenn 'ne Prinzessin bi mi tau Besäuk kümmt.« Die Gerichtsstube war leer, der Herr Amtshauptmann saß bei seiner Frau in deren Stube und sagte: »Neiting, dieser Müllerknecht, dieser Friedrich! Wenn der mal wieder zu mir zurückkommt, ich glaube, ich freue mich mehr, als wenn 'ne Prinzessin bei mir zum Besuch kommt.« As de Möller un min Unkel Hers' den Sloßbarg dal gungen, säden sei kein Wurd, äwer ut ganz unnerscheidlichen Ursaken; de Möller sweg, wil hei ganz in sick was, min Unkel, wil hei ganz uter sick was, hei kunn de Würd' nich finnen. Tauletzt brok hei los: »Dat sall en Gerichtsdag sin?! Dat sall en Urtel sin?! De oll Amtshauptmann, de olle grawe Kirl, lett de en Minschen tau Wurd kamen?! Möller Voß, wi gahn wider, wi gahn in de tweite Instanz.« »Herr Ratsherr«, säd de oll Möller ganz swack, »ick gah nich wider, ick bün wid naug, ick bün all bet an den Hacken.« »Vadder«, säd de oll Bäcker Witt, de achter ehr hergahn was un den Möller sin Würd' hürt hadd, »treck di dat nich tau sihr tau Kopp, dat kann all beter warden. Un nu kumm mit nah minen Hus', din Fiken is ok dor.« »Min Fiken?« Äwer de Bäcker let em nich wider tau Wurd kamen, un de oll Möller folgt em in't Hus as en willenlos Kind. De Armaut nich, de Schimp drückt em dal. Als der Müller und mein Onkel Herse den Schloßberg hinuntergingen, sagten sie kein Wort, aber aus ganz verschiedenen Ursachen; der Müller schwieg, weil er ganz in sich war, mein Onkel, weil er ganz außer sich war; er konnte die Worte nicht finden. Zuletzt brach er los: »Das soll ein Gerichtstag sein? Das soll ein Urteil sein?! Der alte Amtshauptmann, der alte grobe Kerl! Läßt der einen Menschen zu Worte kommen?! Müller Voß, wir gehen weiter, wir gehen an die zweite Instanz.« – »Herr Ratsherr,« sagte der alte Müller ganz schwach, »ich gehe nicht weiter, ich bin weit genug gegangen, ich sitze schon vollständig fest.« – »Gevatter,« sagte der alte Bäcker Witt, der hinter ihnen hergegangen war und des Müllers Worte gehört hatte, »nimm dir das nicht zu sehr zu Kopf, das kann alles besser werden. Und nun komm mit nach meinem Hause, deine Fiken ist auch da.« – »Meine Fiken?« – Aber der Bäcker ließ ihn nicht weiter zu Worte kommen, und der alte Müller folgte ihm ins Haus wie ein willenloses Kind. Nicht die Armut, die Schande drückte ihn nieder. Min Unkel Hers' gung nich mit in't Hus, hei gung vör de Dör up un dal, un em kemen allerlei Gedanken. Min Unkel hadd ümmer vel Gedanken, un för gewöhnlich spazierten sei in sinen Hirnkasten herüm as lütte, nüdliche, smucke Kinner mit helle, blage Ogen, un wenn sei sick ok männigmal en beten jogen un äwer enanner henpurzelten un wenn sei ok männigmal Blindkauh spelten un allerlei verdreihtes Tüg an den Dag gewen, so wiren sei doch ümmer sünndagsch antreckt un för em smuck un nüdlich antauseihn; äwer des' Gedanken, de em vör Witten sin Dör kemen, wiren 'ne Haud' verlumpte Bedelgören, de sick nich afwisen leten un de Hän'n utreckten un ut einen Hals' repen: »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr Hers', helpen S' den Möller! Sei hewwen em in de Tint bröcht, nu helpen S' em wedder rute.« »Mein Gott«, säd min Unkel, »so lat't mi doch! Ick will jo; ick will 'ne Hypothek up min Hus upnemen, äwer wo sall't herkamen? Wo sall't bore Geld herkamen?« Un de lütten Bedelgören bröchten em so in de Eng', dat hei nah Witten sinen Durweg rinne müßt, üm ehr ut den Weg' tau kamen. Mein Onkel Herse ging nicht mit ins Haus, er ging vor der Tür auf und nieder, und ihm kamen allerlei Gedanken. Mein Onkel hatte immer viele Gedanken, und für gewöhnlich spazierten sie in seinem Hirnkasten herum, wie kleine niedliche schmucke Kinder mit hellen blauen Augen, und wenn sie sich auch manchmal ein bißchen jagten und übereinander herpurzelten, und wenn sie auch manchmal Blindekuh spielten und allerlei verdrehtes Zeug zutage brachten, so waren sie doch immer sonntäglich angezogen und für ihn schmuck und niedlich anzusehen; aber diese Gedanken, die ihm vor Bäcker Witts Tür kamen, waren eine Bande zerlumpter Bettelkinder, die sich nicht abweisen ließen und die Hände ausstreckten und aus vollem Halse riefen: »Herr Ratsherr, Herr Ratsherr Herse, helfen Sie dem Müller! Sie haben ihn in die Tinte gebracht, jetzt helfen Sie ihm wieder heraus.« – »Mein Gott,« sagte mein Onkel, »so laßt mich doch, laßt mich doch, ich will ja; ich will eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen, aber wo soll's herkommen? Wo soll 's bare Geld herkommen?« Und die kleinen Bettelkinder brachten ihn so in die Enge, daß er in Witts Torweg treten mußte, um ihnen aus dem Wege zu kommen. Hir stunn Hinrich un sadelte un tömte sin beiden Brunen, de noch nich verköfft wiren, un as min Unkel em in de gräune Jack un mit den Krig unner de Näs' knapp herute kennt hadd, kamm Fridrich in den Durweg rinne un smet sinen Mantelsack in de Krüww, dat dat klimpert un runscht. »Hinrich«, röp hei, »aller Anfang is swor, hadd de Düwel seggt un hadd sick mit Mählenstein dragen, äwer...« hir würd hei den Herrn Ratsherrn gewohr un unnerbrok sick. »Gun Morrn, Herr Ratsherr, un nemen S' nich äwel, äwer Sei künnen mi en groten Gefallen dauhn. Seihn S', de Möller hett mi noch bet tau Jehanni meidt, un uthollen müßt ick eigentlich; äwer ick heww doch so'ne grote Lust mittaugahn, un nu seggen S' em, wenn hei mi gahn let, denn wull ick em dat Franzosengeld leihnen, bet ick wedder kem, denn dat hewwen sei mi hüt up den Sloß tauspraken, un't liggt hir in de Krüww.« Hier stand Hinrich und sattelte und zäumte seine beiden Braunen, die noch nicht verkauft waren, und als mein Onkel ihn in der grünen Jacke und mit dem Krieg unter der Nase sah, kam Friedrich in den Torweg herein und warf seinen Mantelsack in die Krippe, daß es klimperte und rasselte, »Hinrich,« rief er, »aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da hatte er sich mit Mühlsteinen geschleppt, aber...« hier wurde er den Herrn Ratsherrn gewahr und unterbrach sich: »Guten Morgen, Herr Ratsherr, und nehmen Sie's nicht übel, aber Sie könnten mir einen großen Gefallen tun: sehen Sie, der Müller hat mich noch bis Johanni gemietet, und eigentlich müßte ich aushalten; aber ich habe doch schon die größte Lust mitzugehen, und nun sagen Sie ihm, wenn er mich gehen ließe, dann wollte ich ihm das Franzosengeld leihen, bis ich wiederkäme, denn das haben sie mir heute auf dem Schloß zugesprochen, und es liegt hier in der Krippe.« Weg wiren ut minen Unkel sinen Verstandskasten de lütten Bedelgören, un de lütten sünndagsch upputzten Kinner sprungen drin rüm un schoten Koppheister, un hei sülwst schot binah Koppheister äwer 'ne Halfterked, as hei up Fridrichen lossprung: »Fridrich, Fridrich! Hei is en is en is en Engel.« »Ja, en ollen schönen Engel!« säd Fridrich. »Fridrich«, röp min Unkel, »dat will'n wi glik schriftlich maken.« »Ne, Herr Ratsherr«, säd Fridrich, »dat will'n wi nich dauhn, dor künn sick wedder en Schriwfehler insliken, un denn künn dor wedder Elend ut entstahn. Wat von Mund tau Mund spraken is, dat sall gellen. Hinrich«, wendt hei sick tau den, »büst du mit allens un mit Fiken in'n Kloren?« Hinrich stunn achter sin Mähr, hadd die beiden Arm up den Sadel leggt un kek dräwer hen un nickte mit den Kopp, denn reden kunn hei nich. »Na, denn!« röp Fridrich un langte nah den Tägel von de spatlahm Sadelmähr; Hinrich ret em den Tägel ut de Hand, swung sick in den Sadel un smet em den Tägel von den schönen brunen Wallach tau: »Brauder, dat Best is för di noch tau slicht'« »Mein Gott«, röp min Unkel, »will'n ji denn den Möller un Fiken nich...?« »Is all all gaud!« röp Fridrich. »Adjüs, Herr Ratsherr!« Un rute drawten sei ut den Bramborgschen Dur. Weg waren aus meines Onkels Verstandskasten die kleinen Bettelkinder, und die kleinen sonntäglich herausgeputzten Kinder standen darin herum und schossen Kobolz, und er selber schoß beinahe Kobolz über eine Halfterkette, als er auf Friedrich lossprang: »Friedrich, Friedrich! Er ist ein – ist ein – ist ein Engel.« – »Ja, ein alter schöner Engel!« sagte Friedrich. – »Friedrich,« rief mein Onkel, »und das wollen wir gleich schriftlich machen.« – »Nein, Herr Ratsherr,« sagte Friedrich, »das wollen wir nicht tun, da könnte sich wieder ein Schreibfehler einschleichen, und dann könnte wieder Elend daraus entstehen. Was von Mund zu Mund gesprochen ist, das soll gelten. – Hinrich, bist du mit allem und mit Fiken im klaren?« – Hinrich stand hinter seinen Pferden, hatte die beiden Arme auf den Sattel gelegt und sah darüber hin und nickte mit dem Kopf, denn reden konnte er nicht. »Nun denn!« rief Friedrich und langte nach dem Zügel des spattlahmen Sattelpferdes; Hinrich riß ihm den Zügel aus der Hand, schwang sich in den Sattel und warf ihm den Zügel des schönen braunen Wallach zu: »Bruder, das Beste ist für dich nicht zu schlecht.« – »Mein Gott,« rief mein Onkel, »wollt ihr denn dem Müller und Fiken nicht ...?« – »Ist alles schon gut!« rief Friedrich. »Adjüs, Herr Ratsherr!« und heraus trabten sie aus dem Brandenburger Tor. Wi Gören stunnen an den Dur un keken ehr nah. »Dat sünd kein Franzosen«, säd Hanne Bank. »Dat sünd weck von uns' «, säd Fritz Risch, un't was, as wenn en eigen Stolz in uns inkihrt was. Wir Kinder standen am Tor und sahen ihnen nach. »Das sind keine Franzosen,« sagte Hanne Bank. – »Das sind welche von unseren,« sagte Fritz Risch, und es war, wie wenn ein eigener Stolz in uns eingekehrt wäre. »Gott gew, dat sei wedder kamen!« säd oll Vader Rickert. »Gott gebe, daß sie wiederkommen!« sagte der alte Vater Rickert. Un sei kemen wedder. Nah Johr un Dag un taum annern Mal nah Johr un Dag was en Frühjohr för Dütschland anbraken. Slachten wiren slagen, Blaud was flaten up de Barg' un in de Grün'n, äwer de Regen hadd't afspäult, un de Sünn hadd't drögt, un de Ird let Gras dräwer wassen, un de Wunden von't Minschenhart wiren von de Hoffnung verbunnen mit en Balsam, den sei Friheit heiten. Vele sünd nahst wedder upbraken, denn't müggt woll nich de richtige von den Himmel stammende Balsam wesen. Und sie kamen wieder. Nach Jahr und Tag und zum andernmal nach Jahr und Tag war ein Frühjahr für Deutschland angebrochen. Schlachten waren geschlagen, Blut war geflossen auf den Bergen und in den Gründen, aber der Regen hatte es abgespült, und die Sonne hatte es getrocknet, und die Erde ließ Gras darüber wachsen, und die Wunden des Menschenherzens waren von der Hoffnung verbunden, mit einem Balsam, den man Freiheit heißt. Viele sind später wieder aufgebrochen, denn es mochte wohl nicht der richtige, vom Himmel stammende Balsam sein. Äwer doran dacht in dit schöne Frühjohr keiner, un in min lütt Vaderstadt gräunte un bläuhte dat in Goren un Feld, un de bange Minschenbost atent deip up, denn up de Welt lagg Minschen- un Gottesfreden. Min Unkel Hersen sin Schüttenkur hadd sin einuntwintig Schrotflinten achter't Schapp stellt, un hei hadd dorute en Musikkur tausam stellt, wat hei 'ne »Kapell« näumen ded, un't kamm em sihr tau statten, dat hei sei in de Krigstid dortau anlihrt hadd, dat sei all tauglik losscheiten müßten, denn nu föllen sei von sülwst mit Fideln un Fläuten un Klarenetten tausam in. Des Abends bröchten sei Ständschen, un de Melodi kann ick hüt noch singen, denn sei spelten ümmer ein un datsülwig Stück, un min Unkel hett mi nahst seggt, dat wiren Variationen west tau dat schöne Thema »Gestern abend war Vetter Michel da«. As de Slacht von Leipzig wunnen was, brennten de Freudenfüer up den Uhlenbarg un den Mählenbarg, un de Stadt was illuminiert; schaten würd twors nich, denn wi hadden kein Kanonen , äwer Kanonen dunner hadden wi doch; denn den Herrn Ratsherrn sin Adjudant, Hanne Heinz, un de oll Dokter Metz wiren up den glücklichen Infall kamen un hadden etzliche Zentner-Stein up 'ne Meßböhr leggt un smeten sei mit aller Gewalt gegen den ollen Podagra-Kasper sinen Durweg, bet de richtige Kanonendunner rute kamm un de Durweg in Stücken lagg. Aber daran dachte in diesem schönen Frühjahr niemand, und in meiner kleinen Vaterstadt grünte und blühte es in Garten und Feld, und die bange Menschenbrust atmete tief auf, denn auf der Welt lag Menschen- und Gottesfriede. Meines Onkels Herse Schützenkorps hatte seine einundzwanzig Schrotflinten hinter den Schrank gestellt, und er hatte daraus ein Musikkorps zusammengestellt, das er eine ›Kapelle‹ nannte, und es kam ihm sehr zu statten, daß er sie in der Kriegszeit dazu angelernt hatte, alle zugleich loszuschießen, denn nun fielen sie von selbst mit Fiedeln und Flöten und Klarinetten zusammen ein. Des Abends brachten sie Ständchen, und die Melodie kann ich heute noch singen, denn sie spielten immer ein und dasselbe Stück, und mein Onkel hat mir später gesagt, es wären Variationen gewesen zu dem schönen Thema: ›Gestern abend war Vetter Michel da‹. – Als die Schlacht von Leipzig gewonnen war, brannten die Freudenfeuer auf dem Eulenberg und dem Mühlenberg, und die Stadt war illuminiert; geschossen wurde zwar nicht, denn wir hatten keine Kanonen, aber Kanonendonner hatten wir doch, denn des Herrn Ratsherrn Adjutant Hanne Heinz und der alte Doktor Metz waren auf den glücklichen Einfall gekommen und hatten etliche Zentnersteine auf eine Misttrage gelegt und schmissen sie mit aller Gewalt gegen den Torweg des alten Podagra-Kasper, daß ein richtiger Kanonendonner herauskam und der Torweg in Stücken lag. Un wat was't för en Jubel, un wat was't för 'ne Herrlichkeit, wenn ein Mutter tau de anner vertellte: »Vaddersching, min Jochen is ok dorbi west, un hei hett schrewen, dat hei glücklich dorvon kamen is.« Un Hinrich hadd ok schrewen, un Fridrich hadd größen laten. Un as dat in Stemhagen bekannt würd, dunn gung dat von Mund tau Mund: »Je, de oll Fridrich! Den lat't man! Dat's en ollen Gedeinten!« Un en jeder redte von den ollen Fridrich, un so hett sick allmählich in min Vaderstadt Stemhagen de Sag' utspunnen, de oll Unteroffzierer Fridrich Schult hadd eigentlich de Slacht bi Leipzig gewunnen, hei hadd't sinen Obersten Warburg seggt, wo't makt warden müßt, un de hadd't oll Blücherten sinen Adjudanten seggt, un de hadd't oll Blücherten seggt, un oll Blüchert hadd seggt: »Fridrich Schult hett recht!« hadd hei seggt. Und was war es für ein Jubel, und was war es für eine Herrlichkeit, wenn eine Mutter der anderen erzählte: »Gevatterin, mein Jochen ist auch dabei gewesen, und er hat geschrieben, daß er glücklich davongekommen ist.« Und Hinrich hatte auch geschrieben, und Friedrich hatte grüßen lassen. Und als dies in Stavenhagen bekannt wurde, da ging es von Mund zu Munde: »Ja, der alte Friedrich! Den laßt nur! Das ist ein alter Gedienter!« Und ein jeder redete vom alten Friedrich, und so hat sich allmählich in meiner Vaterstadt Stavenhagen die Sage ausgesponnen, der alte Unteroffizier Friedrich Schult hätte eigentlich die Schlacht bei Leipzig gewonnen: er hätte seinem Obersten Warburg gesagt, wie's gemacht werden müßte, und der hätte es des alten Blüchers Adjutanten gesagt, und der hätte es dem alten Blücher gesagt, und der alte Blücher hätte gesagt: »Friedrich Schult hat recht!« hätte er gesagt. Äwer ok dese Tid vull Jubel un vull Twifel, vull Furcht un vull Hoffnung was vöräwer, un dat schöne Frühjohr was kamen, von dat ick baben seggt heww, un eines Dags was 'ne schöne Kutsch nah den Sloß ruppe führt, un de Lüd' säden, up den Sloß süll't hoch hergahn, un Fritz Sahlmann kamm den einen Dag runne un vertellte, mit Mamsell Westphalen würd't woll bald tau En'n gahn, denn wenn dit acht Dag' so bi blew, denn würd sei woll blot noch in de Graden hängen, un de Gäst, säd hei, wullen acht Dag' bliwen. Den annern Dag kamm hei wedder un vertellte, de Herr Amtshauptmann wir all Klock nägen upstahn un hadd't Finster upmakt un hadd sungen, mit sine natürliche Stimm sungen! Un de Fru Amtshauptmannen hadd achter em stahn un hadd de Hän'n äwer den Kopp slagen, un hei, Fritz Sahlmann, süll 'ne schöne Empfehlung maken an min Vatting un min Mutting, un wenn't mäglich wir tau Middag. Un den drüdden Dag würd ick sauber antagen un up't Sloß schickt: 'ne Empfehlung an den Herrn Amtshauptmann un de Fru Amtshauptmannen un de frömden Herrschaften un tau Tee un Abendbrod, un Mamsell Westphalen ok; un min Mutting rems'te mi dat gehürig in: ick süll tau de junge Dam ümmer »gnedige Fru« seggen. Aber auch diese Zeit voll Jubel und voll Zweifel, voll Furcht und voll Hoffnung war vorüber, und das schöne Frühjahr war gekommen, von dem ich vorhin gesagt habe, und eines Tages war eine schöne Kutsche nach dem Schloß hinaufgefahren, und die Leute sagten, auf dem Schloß sollte es hoch hergehen, und eines Tages kam Fritz Sahlmann herunter und erzählte, mit Mamsell Westphal würde es nun bald zu Ende gehen, denn wenn dies acht Tage so weiter ginge, dann würde sie wohl bloß noch in den Gräten hängen, und die Gäste, sagte er, wollten acht Tage bleiben. Den andern Tag kam er wieder und erzählte, der Herr Amtshauptmann wäre schon um neun Uhr aufgestanden und hätte das Fenster aufgemacht und hätte gesungen, mit seiner natürlichen Stimme gesungen! und die Frau Amtshauptmann hätte hinter ihm gestanden und hätte die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, und er, Fritz Sahlmann, sollte eine schöne Empfehlung ausrichten an meinen Vater und meine Mutter, und, wenn's möglich wäre: zu Mittag. Und am dritten Tage wurde ich sauber angezogen und aufs Schloß geschickt: 'ne Empfehlung an den Herrn Amtshauptmann und die Frau Amtshauptmann und die fremden Herrschaften: und zu Tee und Abendbrot, und Mamsell Westphal auch; und meine Mutter schärfte mir gehörig ein: ich sollte zu der jungen Dame immer ›gnädige Frau‹ sagen. Un as ick ruppe kamm un min Gewarw' anbröcht, dunn satt de Herr Amtshauptmann up den Sofa, un bi em satt en ollen Herr, de sach sihr irnsthaft ut, un de Herr Amtshauptmann säd tau em: »Min Herzenskindting, dat is min Päding, dat is den Burmeister sin Fritz. Ne, wat denn?« Un de frömde Herr würd fründlicher, un ick müßt em de Hand gewen, un hei frog mi nah dat un nah dit. Un as ick noch so stunn, dunn gung de Dör up, un herinne kamm de französche Oberst von Toll, un den Arm hadd hei üm 'ne junge, wunderhübsche Dam slagen, dat was sine gnedige Fru. Ick kek den Obersten an, un mi was, as hadd ick em all seihn, un wil dat de Minsch in de Ungewißheit grad nich de kläuksten Gesichter makt, müggt mi dat eben ok woll passieren, denn sei lachten beid, un as ick min Empfehlung von Vatting un Mutting herut stamerte, dunn säden sei, sei wullen kamen, un de frömde Dam strek mi äwer'n Kopp un säd: ick hadd sturres Hor, ick hadd ok woll en sturren Sinn; un de Herr Amtshauptmann säd: »Dor hewwen Sei recht, min Herzenskindting, den hett hei; un wat hei mit sinen harten Kopp verschulden deiht, dat ward hei woll mit en mören Puckel utbaden möten.« Und als ich hinaufkam und meine Bestellung anbrachte, da saß der Herr Amtshauptmann auf dem Sofa, und bei ihm saß ein alter Herr, der sah sehr ernsthaft aus, und der Herr Amtshauptmann sagte zu ihm: »Mein Herzenskindting, das ist mein Patchen, das ist des Bürgermeisters Fritz. Ne, was denn?« Und der fremde Herr wurde freundlicher, und ich mußte ihm die Hand geben; und er fragte mich nach diesem und jenem. Und als ich noch so stand, da ging die Tür auf, und hereinkam – der französische Oberst von Toll, und den Arm hatte er um eine junge wunderhübsche Dame geschlungen, das war seine gnädige Frau. Ich sah den Obersten an und mir war, als hätte ich ihn schon gesehen, und weil der Mensch in der Ungewißheit nicht gerade die klügsten Gesichter macht, mochte es mir eben auch wohl passieren, denn sie lachten beide, und als ich meine Empfehlung von Vater und Mutter herausstotterte, da sagten sie, sie wollten kommen, und die fremde Dame strich mir über den Kopf und sagte: ich hätte starres Haar, ich hätte auch wohl einen starren Sinn; und der Herr Amtshauptmann sagte: »Da haben Sie recht, mein Herzenskindting, den hat er; und was er mit seinem harten Kopfe verschuldet, das wird er Wohl mit einem mürben Buckel ausbaden müssen.« Den Abend gung dat wedder hoch bi uns her, äwer nich so lustig as dunn, as min Unkel Hers' Julius Cäsar was; un Punsch gaww't ok nich, äwer Marik Wienken müßt Langkork bringen, dat was dunn de beste Win, denn kein Minsch wüßt dunn wat von Schatoh un Schepandi. De Mannslüd' redten von de Krigstiden un de Frugenslüd' von de Möllerhochtid, de morgen up de Gielowsche Mähl gewen warden süll, un as de Gäst furtgungen, dreihte de Oberst sick nah minen Vader üm un säd: »Äwer, Herr Burmeister, keiner darf fehlen von all dejenigen, de dann in dit Stück mitspelt hewwen!« Min Oll versprock em dat. Am Abend ging es wieder hoch bei uns her, aber nicht so lustig wie damals, als mein Onkel Herse Julius Caesar war; und Punsch gab es auch nicht, aber Mariechen Wienke mußte Langkork bringen, das war damals der beste Wein; denn lein Mensch wußte damals etwas von Chateau und Champagner. Die Männer redeten von den Kriegszeiten, und die Frauen von der Müllerhochzeit, die morgen auf der Gielowschen Mühle gegeben werden sollte, und als die Gäste fortgingen, drehte der Oberst sich zu meinem Vater um und sagte: »Aber, Herr Bürgermeister, keiner darf fehlen von allen denen, die damals in diesem Stück mitgespielt haben!« Mein Vater versprach ihm das. Den annern Middag geschach dat wedder mal, dat den Herrn Amtshauptmann sin Strid- un Rüstwagen smert würd, un hei un sin Renatus von Toll seten nahsten dorin un führten ut den Malchinschen Dur. »Fru Meistern«, säd Mamsell Westphalen nahsten, »dor seten sei beid denn tausam in den Sches'wagen un keken so fründlich un so unschüllig in de Welt rin as en por nigeburene Twäschen. Un, Fru Meistern, in de frömde Glaskutsch hadd de gnedige Fru von Tollen un de Fru Amtshauptmannen un de Fru Burmeistern un ick de Ihr tau führen, un de Fru Burmeistern hadd den Jungen, den Fritz, mitnamen, un de Slüngel lagg mi den Weg äwer tau Liw', dat mi de Faut inslapen müßt, un wenn de Husoren-Unteroffzierer Fridrich Schult nich west wir, denn wir ick bi't Utstigen von den Wagentritt follen. Dat kümmt von de Gören, un dat segg ick .« Un up en groten Austwagen satt Bäcker Witt un de Strüwingken un Luth un Fik Besserdichs un Fritz Sahlmann un Herr Droi, un hinnen in lagg en Hümpel Bein un Arm, dat wiren Herrn Droin sin lütten französchen Gören. Min Vader un de Oberst reden tau Pird. »Wo äwer is de Herr Ratsherr?« frog de Oberst. »Hei kümmt«, säd min Oll, »äwer wenn un wo, dat mag de leiw' Gott weiten, denn as hei mi dat versekert, plinkt hei mit dat ein Og un hadd en Gesicht upset't, wat ick an em kenn un wat ick sin heimlich Gesicht' nenn.« Am andern Mittag geschah es wieder einmal, daß des Herrn Amtshauptmanns Streit- und Rüstwagen geschmiert wurde, und nachher saßen er und sein Renatus von Toll darin und fuhren aus dem Malchiner Tor. »Frau Meistern,« sagte Mamsell Westphal nachher, »da saßen sie beide denn zusammen in dem Chaisewagen und sahen so freundlich und unschuldig in die Welt hinein, wie ein paar neugeborene Zwillinge. Und, Frau Meistern, in der fremden Glaskutsche hatten die gnädige Frau von Toll und die Frau Amtshauptmann und die Frau Bürgermeister und ich die Ehre zu fahren, und die Frau Bürgermeister hatte den Jungen, den Fritz mitgenommen, und der Schlingel lag mir den Weg über auf dem Leibe, daß mir richtig der Fuß einschlief, und wenn der Husarenunteroffizier Friedrich Schult nicht gewesen wäre, dann wäre ich beim Aussteigen vom Wagentritt gefallen. Das kommt von den Gören, und das sage ich. « – Und auf einem großen Erntewagen saßen Bäcker Witt und die Strübingen und Luth und Fik Besserdich und Fritz Sahlmann und Herr Droz, und hinten lag ein Haufen Beine und Arme, das waren Herrn Droz' kleine französische Kinder. Mein Vater und der Oberst ritten zu Pferde. »Wo aber ist der Herr Ratsherr?« fragte der Oberst. – »Er kommt,« sagte mein Vater, »aber wann und wo, das mag der liebe Gott wissen; denn als er mir dies versicherte, blinzelte er mit dem einen Auge und hatte ein Gesicht aufgesetzt, das ich an ihm kenne, und das ich sein ›heimliches Gesicht‹ nenne.« As de Herr Amtshauptmann ankamm, stunn Möller Voß mit 'ne swartmanschesterne Kapp up den Kopp vör de Dör, un sin Fru stunn bi em in en swartkalmankenen Rock, un hei dinert, un sei knickst, un de Herr Amtshauptmann frog: »Na, Möller Voß, wo geiht't?« »Heil prächtig!« säd de oll Möller un makte den Tritt dal. Un de Herr Amtshauptmann bögt sick an sinen Renatus ranne un säd: »Min Herzenskindting, de oll Möller is up Stun'ns wedder gaud in de Wehr, hei is klauk worden un hett sick't begewen un hett sin Fiken wirtschaften laten.« Als der Herr Amtshauptmann ankam, stand Müller Voß mit einer schwarzmanchesternen Kappe auf dem Kopf vor der Tür, und seine Frau stand bei ihm in einem schwarzkalmankenen Rock, und er dienerte, und sie knixte, und der Amtshauptmann fragte: »Na, Müller Voß, wie geht's?« – »Ganz prächtig!« sagte der alte Müller und ließ den Tritt herunter. Und der Herr Amtshauptmann beugte sich an seinen Renatus heran und sagte: »Mein Herzenskindting, der alte Müller ist jetzt gut wieder imstande; er ist klug geworden und hat das Wirtschaften aufgegeben und hat seine Fiken wirtschaften lassen.« Nu kamm de Kutsch, de Damen stegen ut, un Fridrich drog min Mutting in de Stuw' rin; hei hett sei nahsten noch oft dragen. De Austwagen höll still; allens sprung runne, allens gung in't Hus, ick mit; blot de lütten Drois lepen tauirst in den Goren un föllen äwer de unripen Stickelbeeren her. Nun kam die Kutsche, die Damen stiegen aus, und Friedrich trug meine Mutter in die Stube hinein; er hat sie später noch oft getragen. Der Erntewagen hielt still; alles sprang herunter, alles ging ins Haus; ich mit; nur die kleinen Droz liefen, zuerst in den Garten und fielen über die unreifen Stachelbeeren her. In de Stuw' stunn de Herr Pastur, hei hadd all täuwt, un bi em stunn Hinrich mit sin Fiken. Wat was Fiken schön! Wat is 'ne Brut doch schön! De Herr Pastur höll sin Trured, sin beste; hei wüßt von de Ort drei, un ein gung ümmer äwer de anner, un dornah richt'te sick ok de Pris. De von de Kron was de schönste un de dürste, sei kost'te einen Daler sößteihn Gröschen, denn kamm de von den Hirsch, kost'te einen Daler, un tauletzt kamm de von ein »jämmerlich erbärmlich Ding«, de kost'te man acht Gröschen un was för den lütten Mann. Hüt treckt hei dat grote Register von de Kron an, denn de Möller wull't so hewwen. »Herr Pastur«, hadd de Möller seggt, »min Fiken will dörchut, dat sall 'ne stille Hochtid warden, un sei sall ok ehren Willen hewwen; äwer wat tau 'ne Hochtid äwerall hürt, dat sall von't beste En'n sin.« In der Stube stand der Herr Pastor, er hatte schon gewartet, und bei ihm stand Hinrich mit seiner Fiken. Wie war Fiken schön! Wie ist eine Braut doch schön! – Der Herr Pastor hielt seine Traurede, seine beste; er wußte von der Art drei, und eine ging immer über die andere, und danach richtete sich auch der Preis. Die von der Krone war die schönste und die teuerste, die kostete einen Taler sechzehn Groschen; dann kam die von dem Hirsch, kostete einen Taler; und zuletzt kam die von ›ein jämmerlich erbärmlich Ding‹, die kostete nur acht Groschen und war für den kleinen Mann. Heute zog er das große Register von der Krone auf, denn so wollte es der Müller haben. »Herr Pastor,« hatte der Müller gesagt, »meine Fiken will durchaus, es soll eine stille Hochzeit werden, und sie soll auch ihren Willen haben; aber was zu einer Hochzeit überhaupt gehört, das soll vom besten Ende sein.« Un so geschach dat ok. Un as de Red' tau En'n was, denn gung de schöne gnedige Fru an Fiken ran un gaww ehr einen Kuß un slung ehr 'ne goldne Ked üm den Hals, dor hung en hübsches Schild an, un dorup stunn de Dag, an den Fiken den Obersten üm ehren Vader beden hadd. De Oberst was nah Hinrichen ran treden, un as hei em de Hand drückte, dunn rauhten den ollen fremden Herrn sin Ogen so fründlich up em, dat de Herr Amtshauptmann sin Hand fot un tau em säd: »Min Herzenskindting, ne, wat denn?« Hei müggt woll mihr von de Sak weiten as wi annern. Und so geschah es auch. Und als die Rede zu Ende war, da ging die schöne gnädige Frau an Fiken heran und gab ihr einen Kuß und schlang ihr eine goldene Kette um den Hals, daran hing ein hübsches Schild, und darauf stand der Tag, an dem Fiken den Obersten um ihren Vater gebeten hatte. Der Oberst war an Hinrich herangetreten, und als er ihm die Hand drückte, da ruhten des fremden alten Herrn Augen so freundlich auf ihm, daß der Herr Amtshauptmann nach seiner Hand faßte und zu ihm sagte: »Mein Herzenskindting, ne, was denn?« – Er mochte wohl mehr von der Sache wissen, als wir anderen. Nu gung dat taum Eten. De Strüwingken was bi de Supp anstellt un Luth bi den Braden, un Fik Besserdichs besorgt mit de beiden Möllerdirns dat Upwohren. Un knapp hadd de Möller den irsten Teller vull Hauhnersupp tau Bost, dunn stunn hei up un höll 'ne indringliche Red' an sine Gesellschaft, kek äwer dorbi ümmer blot den Herrn Amtshauptmann an. Hei hadd de ganze Gesellschaft, säd hei, blot tau 'ne Hochtid ahn Musik, so up »mir nichts, dir nichts« inladen, sin Fiken hadd dat so wullt, un de Herrschaften süllen't nich äwel nemen; äwer wenn sei ok kein Musik hadden... Hir was't mit sin Red' tau En'n, denn buten brok dat mit einmal los: »Gestern abend war Vetter Michel da, Vetter Michel, der war gestern da«, un as de Dör upreten würd, dunn stunn min Unkel Hers' dor mit sine ganze Kapell, hadd den Möller sinen Handstock tau faten un slog den Takt up en Mehlsack, dat dat Ganze utsach, as fläut'ten un trumpet'ten de leiwen, heiligen Engel ut 'ne schöne, witte Sommerwulk herute. Nun ging es zum Essen. Die Strübingen war bei der Suppe angestellt, und Luth beim Braten, und Fik Besserdich besorgte mit den beiden Müllermädchen die Aufwartung. Und kaum hatte der Müller den ersten Teller voll Hühnersuppe zu Leibe, da stand er auf und hielt eine eindringliche Rede an seine Gesellschaft, sah aber dabei immer nur den Herrn Amtshauptmann an. Er hätte die ganze Gesellschaft, sagte er, nur zu einer Hochzeit ohne Musik, so auf ›mir nichts, dir nichts‹ eingeladen, seine Fiken hätte das so gewollt, und die Herrschaften sollten's nicht übelnehmen; aber wenn sie auch keine Musik hätten ... – Hier war es mit seiner Rede zu Ende, denn draußen brach es mit einemmal los: ›Gestern abend war Vetter Michel da, Vetter Michel, der war da‹, und als die Tür aufgerissen wurde, da stand mein Onkel Herse da mit seiner ganzen Kapelle, hatte des Müllers Handstock ergriffen und schlug den Takt auf einem Mehlsack, daß das Ganze aussah, als flöteten und trompeteten die lieben heiligen Engel aus einer schönen, weißen Sommerwolke heraus. Dat was 'ne Freud', dat was en Lewen! De Oberst sprung up un begrüßt sick mit minen Unkel un treckt em an sine Sid, un de Herr Amtshauptmann flustert sinen Renatus in de Uhren, so dat de ganze Disch dat hüren kunn: »Dat is de Ratsherr, min Herzenskindting, von den ick hüt morgen dat verdreihte Stück vertellte von den Kuntrakt; is sünst en gauden pläsierlichen Mann.« Un de oll Möller treckte de Kapell herinne in de Stuw', un de heilige Zäzilie würd in de Eck rinne stellt, un de Hauhnersupp lös't ehr af, un denn kamm Vetter Michel wedder, un den lös'te de Braden af, un so gung't ümmer ümschichtig. Un as de Abend kamm, kreg't min Unkel Hers' wedder mit 'ne Heimlichkeit, hei un sin Adjudant Hanne Heinz wirkten un handtierten in'n Düstern achter'n Goren herum, endlich äwer würden wi all nah buten rute nödigt, un en Füerwark gung los, un't hadd schön warden künnt; äwer schad'! schad'! dat was wat tau swack, dor müßt bi pust't warden, un dat was wat tau stark, dat flog in de Luft, un 'ne Gnad von Gott was't, dat Fridrich grad up den Meßhof stunn, as de an tau brennen anfung, denn süs wir't woll slimm worden. Min Unkel Hers' wull äwer sin Sak dörchsetten un hadd all wedder en frisch bi de Wickel; äwer de Herr Amtshauptmann gung nah em ranne un säd: nu wir't naug, un't wir sihr schön west, un hei bedankt sick ok velmal. Den annern Dag äwer schickt hei den Landrider dörch dat ganze Stemhäger Amt, wer sick unnerstahn ded un brennte Füerwark in't Herzogliche Amt af, den süll en Dunnerwetter regieren. Das war eine Freude, das war ein Leben! Der Oberst sprang auf und begrüßte sich mit meinem Onkel und zog ihn an seine Seite, und der Herr Amtshauptmann flüsterte seinem Renatus in die Ohren, sodaß der ganze Tisch es hören konnte: »Das ist der Ratsherr, mein Herzenskindting, von dem ich heute morgen das verdrehte Stück mit dem Kontrakt erzählte; ist sonst ein guter pläsierlicher Mann.« – Und der alte Müller zog die Kapelle in die Stube, und die heilige Cäcilie wurde in die Ecke gestellt, und die Hühnersuppe löste sie ab, und dann kam Vetter Michel wieder, und den löste der Braten ab, und so ging es immer umschichtig. Und als der Abend kam, kriegte mein Onkel Herse es wieder mit einer Heimlichkeit; er und sein Adjutant Hanne Heinz wirkten und hantierten im Dunkeln hinter dem Garten herum; endlich wurden wir aber nach draußen genötigt, und ein Feuerwerk ging los, und es hätte schön werden können; aber – schade! schade! – das eine war zu schwach, dabei mußte gepustet werden, und das andere war zu stark, das flog in die Luft, und eine Gnade von Gott war es, daß Friedrich gerade auf dem Misthof stand, als der zu brennen anfing; denn sonst wäre es wohl schlimm geworden. Mein Onkel Herse wollte aber seine Sache durchsetzen und hatte schon wieder ein frisch Feuerzeug beim Wickel; aber der Herr Amtshauptmann ging an ihn heran und sagte: nun wär's genug, und es wäre sehr schön gewesen, und er bedankte sich auch vielmal. Den anderen Tag aber schickte er den Landreiter durch das ganze Stavenhäger Amt: Wer sich unterstände und im herzoglichen Amt Feuerwerk abbrennte, den sollte ein Donnerwetter regieren. So slot de Dag, un so slütt ok min Geschicht; de Dag was lustig, un jeder was dormit taufreden, ick wull, min Geschicht wir ok lustig un jeder wir ok dormit taufreden. So schloß der Tag, und so schließt auch meine Geschichte; der Tag war lustig, und jeder war damit zufrieden – ich wollte, meine Geschichte wäre auch lustig, und jeder wäre ebenfalls damit zufrieden. Äwer, wo sünd sei blewen, all de lustigen un truhartigen Lüd', de in dit Stück mitspelt hewwen? All dod, all dod! Sei hewwen't sick all entseggt: sei slapen all den langen Slap. Bäcker Witt was de Irst, un de Stadtdeiner Luth is de Letzt west; un wer is äwrig blewen? Na, wi beiden Jungs, Fritz Sahlmann un ick, un Fik Besserdichs. Fik Besserdichs hett richtig oll Bur Freiern sinen flaßköppigen Jungen frigt un sitt nu schön in de Wehr in Gülzow up den irsten Burhof linker Hand. Fritz Sahlmann is en düchtigen Kirl worden, un wi sünd ümmer gaude Frün'n blewen, un süll hei mi dat äwel nemen, dat ick von em Geschichten vertellt heww, denn ward ick em de Hand henhollen un ward seggen: »Min Herzenskindting, wat schrewen is, is schrewen; dat lett sick nich mihr ännern. Äwer bös büst du mi dorüm doch nich! Ne, wat denn?« Aber, wo sind sie geblieben, alle die lustigen und treuherzigen Leute, die in diesem Stück mitgespielt haben? Alle tot, alle tot! Sie alle sind dahingegangen; sie schlafen alle den langen Schlaf. Bäcker Witt war der erste, und der Stadtdiener Luth ist der letzte gewesen; und wer ist übrig geblieben? Na, wir beiden Jungens, Fritz Sahlmann und ich, und Fik Besserdich. Fik Besserdich hat richtig des alten Bauern Freier flachsköpfigen Jungen geheiratet und sitzt nun in stattlichen Verhältnissen in Gülzow, auf dem ersten Bauernhof linker Hand. Fritz Sahlmann ist ein tüchtiger Kerl geworden, und wir sind immer gute Freunde geblieben, und sollte er mir's übel nehmen, daß ich von ihm Geschichten erzählt habe, dann werde ich ihm die Hand hinhalten und werde sagen: »Mein Herzenskindting, was geschrieben ist, ist geschrieben; das läßt sich nicht mehr ändern. Aber böse bist du mir darum doch nicht! Ne, was denn?«