Max Nordau Paradoxe Vorwort zur ersten Auflage. Weshalb »Paradoxe«? Weil dieses Buch an die darin behandelten Probleme in voller Unbefangenheit herantritt, unbeirrt von einschüchternden Dekreten der Schule und unbekümmert um herkömmliche Anschauungen. Behauptungen, die für unantastbar gelten, weil man sie nie zur Rede gestellt hat, müssen es sich gefallen lassen, nach ihren Legitimationspapieren gefragt zu werden, und da zeigt es sich oft genug, daß sie keine haben. Gemeinplätze werden gezwungen, den Wahrheitsbeweis anzutreten, und wenn sie ihn nicht führen können, so behütet sie weder Rang noch Stand vor der Verurteilung. Dieses Buch soll hauptsächlich beweisen, daß auch das Selbstverständlichste noch sehr viele Fragen offen läßt und große Verlegenheiten bereitet, sowie, daß es für dieselbe Thatsache die entgegengesetztesten Auffassungen und Erklärungen geben kann, die alle gleich einleuchtend scheinen und wahrscheinlich alle gleich falsch sind. Der Verfasser wird seine Absicht erreicht haben, wenn er den Leser dazu veranlaßt, allen fertigen Formeln gegenüber mißtrauisch, aber auch allen ehrlichen Meinungen gegenüber nachsichtig zu werden. Der überzeugendste Beweis soll noch einen Zweifel übrig lassen, aber auch das unannehmbarste Argument geduldiger Prüfung gewürdigt werden, vor allem aber soll man niemals auf das Recht eigener Entscheidung verzichten, und wäre es zu Gunsten der größten Autorität. Der Verfasser giebt gerne zu, daß diese Regeln zuerst auf ihn angewandt werden. Er verlangt nicht, daß man seine Meinungen teile, nur daß man sie anhöre. Er schmeichelt sich nicht, Lösungen gebracht zu haben, er möchte nur den Leser anregen, selbst nach solchen auszuschauen. Im Streben nach der Wahrheit ist ja nicht das Finden die Hauptsache, sondern das Suchen. Der hat genug gethan, der ehrlich gesucht hat. Im Mai 1885. Der Verfasser. Optimismus oder Pessimismus? Die Pyramiden werden als ein Weltwunder angesehen? Die hängenden Gärten der Semiramis? Der Koloß von Rhodus? Ich kenne ein größeres, vielleicht das kunstvollste und staunenswerteste, das der menschliche Geist bisher hervorgebracht hat, und das ist der Pessimismus; ich meine den richtigen, gründlichen, zur Weltanschauung ausgebildeten Pessimismus, der Natur, Menschheit und Leben ewig wie aus einem von vierundzwanzig erlauchten Schoppen abstammenden Standes-Katzenjammer heraus ansieht. Wir müssen zwei Arten von ehrlichem Pessimismus unterscheiden: den wissenschaftlichen und den praktischen. Der wissenschaftliche Pessimismus übt eine vernichtende Kritik an der gesamten Erscheinungswelt. Der Kosmos, so lehrt er voll Überzeugung, ist ein elendes Machwerk, nicht besser als der mißlungene Erstlingsversuch eines Stümpers. Hat sein Bestand überhaupt einen Zweck? Man steht kopfschüttelnd vor der schwerfälligen und verwickelten Maschine und sucht vergebens nach einem Sinn und Verstand in dem tollen Getriebe. Und wenn schon das Weltganze ein unvernünftiges, planloses Durcheinander ist, haben wenigstens seine einzelnen Teile Logik und Gesetz? Auch nicht. Roher Zufall beherrscht die Natur und das, was uns in ihr am meisten interessiert, das Menschenleben. Keine Sittlichkeit lenkt den Gang der großen wie der kleinen Ereignisse; das Böse triumphiert öfter als das Gute; Ahriman wirft Ormuzd zur Treppe hinunter und lacht unverschämt, wenn dieser dabei ein Bein bricht. Weshalb ist, weshalb dauert nun eine solche Welt und wäre es nicht klüger und moralischer, sie würde in das Urnichts zurückgeschmettert, aus dem sie hervorgegangen sein soll, – was aber erst noch zu beweisen wäre? Welche kindliche Selbstverliebtheit und Überhebung liegt doch dieser Denkweise zu Grunde! Sie geht von der Annahme aus, daß das menschliche Bewußtsein die höchste Leistung der Natur sei, daß es alles Seiende zu umfassen vermöge, daß also außerhalb desselben nichts vorhanden sein könne und daß seine Gesetze auch die des Weltalls sein müssen. Nur von diesem Standpunkt aus ist die Kritik der Welterscheinung verständlich. Allerdings, wenn die Natur von einem Bewußtsein geleitet wird, welches ähnlich dem menschlichen beschaffen ist, so ist sie thöricht und tadelnswert, denn sie läßt nicht erkennen, was sie vorhat, sie begeht dumme Streiche, ist bald verschwenderisch, bald knickerig und wirtschaftet überhaupt so unbekümmert um die Zukunft, so leichtsinnig in den Tag hinein, daß man sie, je früher, je besser, unter die Vormundschaft eines Professors der Philosophie stellen sollte. Ebenso verhält es sich mit der empörenden Unsittlichkeit des Weltlaufs. Hätte ein feingebildeter, edelgesinnter, mit einem guten Sittenzeugnis von seiner Heimatsbehörde versehener Gentleman aus dem neunzehnten Jahrhundert die Weltordnung festzustellen, so wäre sie sicherlich anders. Dann würde das Beispiel der vom Schicksal verfolgten Tugend uns nicht betrüben und das Laster uns nicht durch seine frechen Siege empören. So oft denn auch ein solcher Gentleman berufen ist, aus sich heraus eine Welt nach seinem Sinn aufzubauen, also einen Roman oder ein Theaterstück zu dichten, läßt er die erfreulichste Sittlichkeit walten und das liebe Publikum klatscht sich wie unsinnig die Hände wund, wenn auf der letzten Seite oder im fünften Akte die Tugend einen Orden und das Laster fünf Jahre Zuchthaus bekommt, und es denkt sich: »So soll es sein! Das Leben trifft es nur nicht so gut wie unser edler Dichter.« Freilich giebt es auch unter den Schriftstellern sonderbare Käuze, welche sich's angelegen sein lassen, die Wirklichkeit ohne Auswahl und Verbesserung nachzuschreiben, und in den Werken dieser Menschen ohne Einbildungskraft geht es thatsächlich ganz so bedenklich zu wie im Leben selbst; der Hans kriegt die Grete nicht, trotzdem er sie ehrlich und treu liebt, vielmehr giebt sie einem Halunken den Vorzug, der sie elend macht, das Talent geht zu Grunde, weil es keine für seine Entwickelung günstigen Verhältnisse findet, und der Herr Präsident bleibt Präsident, und wenn der ganzen Stadt noch soviel erzählt wird, wie er es geworden ist. Die Moral macht da so schlechte Geschäfte, daß sie zum Schlusse bankerott wird, und das Publikum wendet sich mit Entrüstung von so trostlos unsittlichen Erzeugnissen ab. Es ist also wohlverstanden: die Natur hat weder Logik noch Moral und sie sollte sich entweder bessern oder machen, daß sie verschwindet. Aber armseliger Tropf, der du diese Kritik übst, wer sagt dir, daß deine Logik etwas anderes ist als das Gesetz, welches das Neben- und Nacheinander der organischen Vorgänge bloß in unserem eigenen Denkapparate regelt? Woher nimmst du das Recht, sie auf die Folge von Zuständen im Weltganzen anzuwenden? Ist es nicht möglich, ja im höchsten Grade wahrscheinlich, daß unsere menschliche Logik die kosmischen Erscheinungen so wenig regelt, wie etwa der kleine Hohlschlüssel unserer Taschenuhr älteren Systems das Brahmaschloß eines feuersichern Geldschranks öffnet? Die Kräfte, die in unserem Organismus und im Weltganzen walten, können darum doch dieselben sein, wie ja auch die mechanischen Grundsätze, nach welchen das Brahmaschloß und die Taschenuhr gebaut werden, dieselben sind. Es handelt sich da nur um den Unterschied zwischen einem Kleinen und einem unendlich Großen, zwischen einem vergleichsweise Einfachen und einem im höchsten Grade Zusammengesetzten. Nichts beweist uns, daß es in der Natur kein Allbewußtsein giebt, dessen Umfang unser enges Bewußtsein nicht zu fassen vermag. Man mag dabei an Spinozas Pantheismus oder an Schopenhauers Willen denken; auf den Namen kommt es nicht an. Sicher ist eins: wir sehen, daß der Stoff, wenn er in Form eines Menschenhirns gruppiert ist, und die Kraft, wenn sie als Nerventhätigkeit wirkt, ein Bewußtsein geben. Dieselben Elemente, welche den Leib und das Hirn des Menschen bilden und unter denen außer Sauer-, Wasser-, Stick- und Kohlenstoff Eisen, Phosphor, Schwefel, Calcium, Natrium, Kalium und Chlor die wichtigsten sind, finden sich in ungeheuren Massen auch außerhalb des menschlichen Organismus; die Kräfte, welche die Lebensvorgänge bewirken, also die chemischen und mechanischen Einflüsse, die Elektrizität und andere Formen der Kraft, die uns unbekannt sind, erscheinen auch außerhalb des menschlichen Organismus thätig. Wer darf nun kecken Mutes versichern, daß diese Elements und diese Kräfte nur in der Form von Nervengewebe, nur in der Form eines Menschenhirns ein Bewußtsein hervorbringen können? Ist es nicht denkbar, ja wahrscheinlich, daß die Form des Nervengewebes das Zufällige und nur die es bildenden Elemente, die darin wirkenden Kräfte das Wesentliche sind und daß diese auch dann einem Bewußtsein als Unterlage dienen können, wenn sie auf einander in einer Weise wirken, welche völlig verschieden ist von der, die in den unserer Beobachtung zugänglichen Organismen herrscht? Aber ich gehe noch weiter und sage: wir bedürfen nicht einmal der Annahme eines Weltbewußtseins, um einzusehen, daß wir kein Recht haben, die Vorgänge im Kosmos mit der kurzen Elle menschlicher Logik zu messen. Um den Weltlauf unvernünftig zu nennen, müssen wir zuerst annehmen, daß er irgend etwas bezwecke, daß er auf irgend ein Ziel lossteure; denn von einem Wanderer, von dem wir nicht wissen, ob er überhaupt irgendwohin gelangen wolle, ob er nicht einfach gehe, um Bewegung zu haben, können wir doch nicht sagen, daß er unrichtige Straßen wähle, Umwege mache, nicht rasch genug ausschreite! Diese Voraussetzung eines Zwecks ist aber völlig willkürlich. Es ist doch denkbar, daß Finalität, ganz so wie Kausalität, ausschließlich eine an organische Vorgänge geknüpfte Erscheinung ist und außerhalb des Organismus einfach nicht existiert. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß in unserem Hirn kein Denk- und kein Willensakt entsteht, ohne daß er von einer ihm vorangehenden Veränderung im Nervensystem, einem Sinneseindrucke, veranlaßt ist; wir haben uns deshalb daran gewöhnt, bei jeder unserer Handlungen, bei jedem Vorgang in unserem Organismus, eine Ursache vorauszusetzen, selbst wenn sie uns nicht besonders zum Bewußtsein gelangt ist, und wir verallgemeinern diese Gewohnheit und tragen sie selbst in unsere Beurteilung der Erscheinungen, die außer uns vorkommen. Allein weil unsere Organe einer äußern Erregung bedürfen, um in Thätigkeit versetzt zu werden, weil sie ohne Reiz nicht arbeiten, weil ihnen jede Veränderung in der That eine Ursache hat, weil sie also wirklich unter dem Gesetze der Kausalität stehen, so folgt daraus doch noch nicht, daß dieses Gesetz für den Stoff auch dann Geltung hat, wenn er sich unter Bedingungen befindet, die von seiner Anordnung in unserem Organismus völlig verschieden sind! Nehmen wir an, eine Kaffeemühle wäre ein Wesen mit Bewußtsein; müßte sie nicht glauben, eine Frauenhand sei die unerläßliche Voraussetzung jeder Bewegung und eine solche nicht denkbar, wenn sie nicht durch eine die Kurbel drehende weibliche Hand bewerkstelligt wird? Sähe diese arme Kaffeemühle nun eine elektrodynamische Maschine, die in Bewegung gesetzt wird, ohne daß ihr eine menschliche Hand nahekommt, so würde ihr diese Erscheinung offenbar unglaublich und undenkbar vorkommen und sie würde vergebens nach der Kausalität suchen, die für sie die ausschließliche Form einer Frauenhand angenommen hat. Die Kaffeemühle kann von ihrem Standpunkte sicherlich nicht anders als annehmen, daß ohne eine Frauenhand keine Bewegung denkbar ist; ihre Erfahrung muß sie zu dieser Überzeugung bringen und für die ganze Ordnung der Kaffeemühlen hat sie auch vollkommen Recht; wir aber wissen dennoch, daß sie irrt, daß ihr Gesetz keine Verallgemeinerung zuläßt, daß es auch Bewegungen giebt, die nicht von einer Frauenhand hervorgebracht werden, wenn auch galante Flachköpfe nahe genug sein mögen, in diesem Punkte die Überzeugungen der Kaffeemühle zu teilen. Ich übersehe keineswegs, daß die Bewegung der elektrodynamischen Maschine freilich auch eine Ursache hat, ganz so wie die der Kaffeemühle, mein Beispiel soll eben nur zeigen, wie wenig die aus einer bestimmten Ordnung von Thatsachen gezogenen Erfahrungen geeignet sind, zu Gesetzen verallgemeinert zu werden, welche einer Anwendung auf verschiedenartige Thatsachen fähig wären. Wie meiner Kaffeemühle mit der Kausalität, so würde es einer Lokomotive, die Bewußtsein hätte, mit der Finalität ergehen. Sie wüßte, daß ihr Dampf den Zweck hat, durch den Kolben Räder zu drehen. Wäre sie von einer epigrammatischen Geistesrichtung oder Freundin knapper Formeln, so würde sie, wahrscheinlich mit einiger Selbstgefälligkeit, sagen: »Kein Dampf ohne Räderdrehung!« Wie sehr müßte diese Lokomotive nun staunen, wenn sie etwa einmal vor dem Geysir stände und da eine gewaltige Dampfentwickelung beobachtete, die nicht das geringste Rad dreht! Das würde ihr absurd scheinen, alle ihre Vorstellungen von Zweck und Wirkung des Dampfes wären auf den Kopf gestellt und es sollte mich nicht wundern, wenn sie über dieser unheimlichen, in kein ihr bekanntes Gesetz einzuordnenden Erscheinung den Verstand verlöre. Es wäre doch möglich, daß die Veränderungen des Stoffs, die außerhalb des Organismus vorkommen, im Stoffe selbst ihre Ursache haben und sich Selbstzweck sind, daß wir also vergebens für sie eine äußere Ursache und einen fremden Zweck suchen, der eine Beziehung zu einer andern Stoffgruppe voraussetzt. In diesem Falle könnten wir die Natur nicht länger thöricht nennen, unsere Kritik ihres Zwecks oder ihrer Zwecklosigkeit würde gegenstandslos und wir würden, um sie zu verstehen und zu beurteilen, um eine Ursache und einen Zweck ihrer Erscheinungen zu begreifen, im Mittelpunkte stehen müssen, aus dem heraus sich diese Erscheinungen abwickeln. Noch kaffeemühlenhafter als die Anklage der Zwecklosigkeit ist die der Unsittlichkeit der Weltvorgänge. Vom Standpunkt unserer Moral aus scheint sie allerdings begründet; aber wer giebt uns denn auch das Recht, uns auf diesen Standpunkt zu stellen, wenn wir Natur und Leben ansehen wollen? Unsere Moral ist etwas zeitlich und örtlich Begrenztes; sie ist etwas geschichtlich Gewordenes; sie wechselt ihren Schnitt wie Kleider und Hutformen. Sie ist die Moral der weißen christlichen Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts und keiner andern. Selbst innerhalb der engen Gemarkung, in der sie wenigstens theoretische Geltung hat, muß sie sich zu vielen Zugeständnissen verstehen und viele Widersprüche hinnehmen. Sie tadelt den Totschlag als Verbrechen, wenn ihn ein einzelner begeht, und lobt ihn als etwas Edles und Tugendhaftes, wenn ihn ein ganzes Volk in Waffen im Großen an einem andern Volke übt; sie nennt den Betrug und die Lüge ein Laster und gestattet ihn doch in der Diplomatie; ein großes, hochgebildetes Volk, das der Vereinigten Staaten von Nordamerika, das Raub und Diebstahl an Individuen hart ahndet, findet diese Sünden unbedenklich, wenn Gesamtheiten, Städte oder Bundesstaaten, sich ihrer schuldig machen, indem sie betrügerischen Bankbruch anmelden und ihre Gläubiger beschwindeln. Unsere Moral ist heute etwas anderes, als sie in einer bekannten Vergangenheit war, und es ist nicht unvernünftig anzunehmen, daß sie in der Zukunft wieder etwas anderes sein wird. Sie ist überhaupt nichts anderes als eine in die Form von Gesetzen und Sittenregeln gegossene Definition der Bedingungen, welche jeweilig als dem Bestande unserer Gattung nützlich erkannt werden. Mit der Entwickelung der Menschheit ändern sich einige der Bedingungen ihres Gedeihens und mit ihnen auch die Anschauungen über das, was moralisch und unmoralisch ist. Und diesen unsichern Maßstab unserer Moral will man an die Weltvorgänge legen? Etwas, was nicht einmal für unsere Urgroßväter galt und vielleicht unseren Enkeln nicht mehr Wahrheit scheinen wird, soll das unwandelbare Gesetz der ewigen Natur sein? Eine alberne Zierpuppe, die sich über das stets gleichmäßige Blau des Himmels beklagte und die Forderung erhöbe, daß seine Farbe mit der ihrer Tagestoilette wechsele, um mit ihr hübsch im Einklang zu sein, wäre ganz so weise und bescheiden, wie es der Weltkritiker ist, der sich über die Unsittlichkeit und Tyrannei des Weltlaufs beschwert. Der ego- oder geozentrische Standpunkt des Aristoteles ist in der Kosmologie seit Kopernikus aufgegeben. Man glaubt und lehrt nicht mehr, daß unsere Erde der Mittelpunkt des Weltsystems und der Mensch der Endzweck der Natur sei; daß der Mond die Bestimmung habe, unsere Nächte zu erhellen und das Sternenheer, unseren lyrischen Dichtern als Gleichnis zu dienen. In der Philosophie aber hält mancher an dieser kindlichen Auffassung fest und schilt den Kosmos unvernünftig, weil sich der Kohlenvorrat der Erde mutmaßlich erschöpfen wird und Krakatoa mit so und so viel tausend lebensfrohen Menschen untergegangen ist, und unmoralisch, weil die Jungfrau von Orleans verbrannt wurde, Gustav Adolf bei Lützen fiel und manche liebende Mütter im Kindbette sterben. Wenn die Fäulnisbakterien philosophischen Denkens fähig sind, wie schwarz muß ihre Weltanschauung sein! Alle Einrichtungen der Welt, von ihrem Standpunkt aus gesehen, sind grausam und verabscheuenswert unsittlich und werden es täglich mehr. Besen und Scheuerlappen, der tödliche Sauerstoff und das grimmige heiße Wasser verschwören sich gegen ihr Dasein; was ihnen zur Nahrung dienen könnte, wird von ihnen unsichtbaren Mächten weggeschafft, zerstört, unzugänglich gemacht. In ihr behaglichstes Liebeleben bricht oft die verheerende Karbolsäure und verwandelt ihr fröhliches Gewimmel in einen Totentanz, in welchem die tugendhafte Bakterie ganz so mitwirbeln muß wie die lasterhafte. Aber was ihnen zu einem sehr berechtigten Pessimismus Anlaß geben muß, das wird von uns in dicken Büchern als Fortschritt der Hygieine beschrieben und als etwas Hocherfreuliches gefeiert! Ich stelle mir eine Fliege vor, die mit Kunstverständnis begabt wäre und beispielsweise die kleine Biene, das Münzzeichen auf gewissen Jahrgängen französischer Zwanzigfrankenstücke, sehr hübsch fände; meine Annahme hat nichts besonders Phantastisches an sich, denn die Vorliebe dieses Tieres für Gemälde und Statuen ist allen reinlichen Haushälterinnen schmerzlich bekannt. Nun fliegt sie aber an der Münchener Bavariastatue entlang – wie sinnlos, wie unlogisch, wie unförmlich muß ihr diese Metallmasse erscheinen – ohne Anfang und Ende, bald unverständlich glatt, bald wunderlich rauh, hier ein unmotivierter Vorsprung, da eine gesetzlose Einsenkung; und wenn die ästhetische Fliege ihr Dasein im Innern der großen Bildsäule zu verbringen, hätte, so könnte sie über das, was ihr das Universum scheinen müßte, ein Buch voll bitterer Epigramme schreiben, in welchem die Zwecklosigkeit und Unvernunft ihrer Welt beredt dargethan wäre und das aus alle ihre tierischen Mitbewohner des Bavaria-Innern überzeugend wirken würde. Zur Erkenntnis der Wahrheit wäre sie aber doch nicht gelangt, wie ihr auch ein mäßig begabter Münchener Fremdenführer unschwer beweisen könnte. Nein nein; die pessimistische Philosophie verträgt keine ernsthafte Behandlung. Soweit sie ehrlich ist, scheint sie nichts anderes zu sein als eine Form der tiefen Unzufriedenheit mit der Endlichkeit unseres Verstandes. Man möchte den Weltmechanismus begreifen und kann nicht und ist darum mürrisch und lästert ihn, wie ein naiver Wilder schmollend die Spieldose zur Erde wirft, nachdem er umsonst versucht hat, ihre Einrichtung zu verstehen. Man preist sich als den Herrn der Schöpfung und muß sich auf Schritt und Tritt überzeugen, daß es mit der Herrlichkeit doch nicht so weit her ist. Darüber wird man verstimmt, man bringt die üble Laune in ein System und nennt sie Pessimismus. Das Kind, das die Hand nach dem Mond ausstreckt und zu greinen beginnt, weil es ihn nicht erreichen kann, ist in seiner Art auch ein Pessimist, ohne es zu wissen. Nur heilt man seinen Pessimismus leicht mit etwas Gerstenzucker. Es ist übrigens erfreulich festzustellen, daß die Systematiker des Pessimismus in der Regel Schätzer eines frohen Mahls und guten Trunks sind, daß sie sich nach gefühlvoller Werbung in den bewährten Formen schwunghaft beweiben und für alles Angenehme im Leben einen entwickelten Sinn haben. Ihre Philosophie ist eine Amtstracht für große Gelegenheiten und als solche für die achtungsvolle Zuschauermenge imposant genug; wir wissen aber, daß unter dem feierlich schwarzen Talar mit dem gekreuzten Totenbein alltagsmenschliche Unterkleider getragen werden, das unscheinbare, aber behagliche Flanellleibchen des fröhlichen Peters und des trällernden Pauls. Neben dem überzeugten wissenschaftlichen Pessimismus, der die größte Fidelität im wirklichen Leben nicht ausschließt, giebt es allerdings auch einen praktischen, den der Volksmund Mieselsucht nennt. Dieser Pessimismus raisonniert und argumentiert nicht. Er hat keine Systeme und keine Klassifikationen. Er versucht gar nicht, zu erklären, weshalb ihm Welt und Leben mißfallen; er empfindet eben aufrichtig und triebhaft alles, was ist, als unleidlich und Zerstörungsgedanken einflößend. Einen solchen Pessimismus kann man nicht widerlegen, nur zergliedern. Er ist immer die Begleiterscheinung einer Gehirnerkrankung, die entweder bereits voll ausgebrochen oder erst im Keime vorhanden ist. Jahrelang, ehe ein solcher unglücklicher Wahnsinnskandidat ausgesprochen geistesgestört wird, leidet er an Schwermut, ist er weltscheu und menschenfeindlich. Ein unvollkommen entwickeltes oder intimen Zerstörungsvorgängen anheimfallendes Denkorgan hat die unheimliche Gabe, seine eigene Verwüstung wahrzunehmen, deren Fortschritte zu beobachten, sich als in der Auflösung begriffen zu erkennen. So blickt das Bewußtsein fortwährend auf den eigenen Zerfall und dieses schauerliche Schauspiel fesselt es so vollkommen, daß es für andere Erscheinungen nur eine schwache und zerstreute Wahrnehmungsfähigkeit übrig behält. In einem solchen Gehirn muß sich natürlich die Welt so spiegeln wie in einem staarblinden Auge: als die tragische Nacht des Chaos. Alle großen Dichter des Weltschmerzes waren zerrüttete Organismen. Lenau starb im Wahnsinn, Leopardi litt an gewissen geschlechtlichen Verirrungen, die dem Irrenarzt wohlbekannt sind, Heine wurde erst trüb und verschleiert, als seine Rückenmarkskrankheit ihre nie fehlende Wirkung auch auf das Gehirn übte, und Lord Byron hatte jene Exzentrizität des Charakters, die der Laie Genialität nennt, während der Psychiater sie als Psychose etikettiert. Dieser Pessimismus, der angesichts eines Liebespaares die Hände ringt und an einem leuchtenden Maimorgen in Schluchzen ausbricht, ohne Grund, ohne Trost, ohne Ende, ist Krankheit und kein Gesunder wird daran denken, auf ihn einzugehen. Das sind die Formen des ehrlichen Pessimismus, die allein auf Kritik Anspruch haben. Außerdem giebt es freilich auch eine geheuchelte Schwarzseherei, die sehr beliebt ist bei Thoren, welche sich einbilden, daß sie ihnen gut stehe. Es ist ein seiner Dilettantismus, eine geistige Vornehmheit, durch die man sich von der gewöhnlichen Menge absondert. Die Blässe des Gedankens gilt bei Leuten mit verdorbenem Geschmacke für interessant wie die Blässe der Wangen. Man ist bitter, um die Ahnung zu erwecken, daß man viel und merkwürdiges erlebt habe, der Held seltsamer Abenteuer gewesen ist. Man seufzt und ächzt, um glauben zu machen, man sei ein Mitglied der kleinen hocharistokratischen Gemeinde, welche in die eleusynischen Mysterien des Schmerzes eingeweiht ist. Bei dem Pessimisten dieser Gattung braucht man nicht analytisch zu verweilen. Man klopft ihm nach französischer Sitte auf den Bauch und sagt ihm: »Loser Schäker!« Ein Weltwunder ohne Gleichen habe ich den Pessimismus genannt und wollte damit sagen, daß er einen Triumph der Einbildungskraft über die Wirklichkeit und ein Zeugnis für die Fähigkeit des Menschen darstellt, die Natur trotz ihres heftigsten Widerstandes in die ihr von seiner Laune zugeschnittenen Verkleidungen zu zwängen. Wie er das kronenhafte Geäst ehrlicher Bäume veranlaßt, in unvernünftige Tier- und Bauformen zu wachsen, wie er Wasser gegen dessen ausgesprochenste Neigung mit Hilfe von Pumpwerken den Berg hinauffließen macht, so leitet er aus Thatsachen, welche ihm die hellsten Gedanken nahelegen, eine finstere Weltanschauung ab und trägt seinen Pessimismus in die Natur hinein, die mit allen Blumenglocken und allen Vogelkehlen den Optimismus ausläutet und ausruft. Denn das thut die Natur und um es zu hören, braucht man nicht einmal besonders aufmerksam hinzuhorchen, da der Laut durchdringt, selbst wenn man sich die Ohren mit scholastischer und rabulistischer Baumwolle zustopft. Der Urinstinkt, der allem Denken und Thun des Menschen zu Grunde liegt und sein ganzes Leben beherrscht, ist der Optimismus. Jeder Versuch, diesen zu entwurzeln, ist vergeblich, denn er ist der eigentliche Grundstein unseres Wesens und nur mit diesem zu zerstören. Wenn man die Hauptbeschwerden des Pessimismus ganz nahe betrachtet, so findet man, daß sie aus einem Übermute protzigen Selbstbewußtseins hervorgehen und mit den Sorgen zu vergleichen sind, die einem Millionär seine Reichtümer machen. Man ist unzufrieden mit der Zwecklosigkeit des Weltganzen oder genauer mit dem Unvermögen des Menschen, einen Zweck desselben zu erkennen? Ist denn aber diese Unzufriedenheit selbst nicht ein Beweis, zu welcher hohen Entwicklung der menschliche Geist gelangt ist, und haben wir nicht Grund, uns mit dem Erreichten zu freuen? Welche Gesundheit und Kraft des Denkens setzt es voraus, sich die Frage nach einem Endzwecke der Natur vorzulegen! Welche Weite des Gesichtskreises, solche Probleme überhaupt wahrzunehmen! Und welche schönen Aussichtspunkte muß der Mensch erklommen, welche geistigen Genugthuungen und Freuden auf dem Weg erfahren haben, ehe er den hohen Standpunkt erreichte, auf dem er sich ernstlich berechtigt und fähig glaubt, das Weltganze vor sich zu laden und ihm mit der Autorität eines Generalinspektors zu sagen: »Du mußt nach einem Plan angelegt sein; in diesen Plan will ich Einsicht nehmen, um an ihm meine Kritik zu üben!« Kein Tier hat Weltschmerz und unser Ahn, der Zeitgenosse des Höhlenbärs, war gewiß von allen Sorgen um Menschheitbestimmung frei; wenn dieser prognathe Realist ordentlich vollgegessen war, so fand er ohne allen Zweifel, daß sein Leben einen ausreichenden Inhalt habe, und blieb ihm dann überhaupt noch ein Wunsch, so kann man annehmen, daß es der war, ungestört zu schlafen. Wir aber sind mit dem zunehmenden Gesichtswinkel vornehmer geworden und haben ganz andere Ideale als ein fettes Auerochs-Steak. Allein, wie das ja natürlich ist, unsere Gier nach geistigem Erwerb wird um so heißer, je größere Kapitalien wir angehäuft haben, und da wir es so herrlich weit gebracht, so lassen wir es uns überhaupt nicht mehr gefallen, daß unserem Lauf und Flug eine Grenze gezogen sei. Ähnlich verhält es sich mit einer andern Klage des Pessimismus, der über das Vorhandensein des Schmerzes in der Welt. Welche Kurzsichtigkeit, ich möchte fast sagen: welche Undankbarkeit! Aber brave Pessimisten, wenn der Schmerz nicht bestände, so müßte man ihn ja erfinden! Er ist eine der wohlthätigsten und nützlichsten Einrichtungen in der Natur! Vor allem setzt der Schmerz ein gesundes und hochentwickeltes Nervensystem voraus, ein solches ist aber auch die Vorbedingung all der angenehmen Empfindungen, die man doch aus dem Leben nicht hinausleugnen kann. Die niedrigen Lebewesen sind starker Schmerzempfindungen unfähig, aber wir dürfen annehmen, daß auch ihre Lustempfindungen unvergleichlich stumpfer und matter sind als die unsrigen. Es wäre doch gar zu wunderbar, wenn wir zwar genug feine Sinne haben sollten, um uns am Duft einer Rose, an einer Symphonie Beethovens oder einem Bilde Lionardos zu berauschen, jedoch für den Geruch der Verwesung, das Knirschen der Feile in den Sägezähnen und den Anblick eines Krebsgeschwürs unempfindlich wären! Man frage einmal eine hysterische Kranke, die mit Unempfindlichkeit einer oder beider Körperhälften behaftet ist, ob sie sich ihres völlig schmerzlosen Zustandes freut! Ihr kann die Außenwelt nicht wehthun; aber sie kann ihr auch keine angenehmen Eindrücke senden und nach kurzer Erfahrung fordert sie ungestüm, daß man sie wieder fähig mache, Schmerzen zu empfinden. Dutzende Male war ich Zeuge, wie eine solche Kranke es mit einem Freudenschrei begrüßte, wenn ihr ein Nadelstich zum ersten Male wieder wehthat! Der Schmerz hat die Rolle, welche der Köhlerglaube dem Schutzengel zuteilt; er ist unser Warner, der uns die Gefahren zeigt und uns auffordert, sie zu bekämpfen oder ihnen zu entfliehen. Er ist also unser bester Freund, der Erhalter unseres Lebens und die Quelle unserer stärksten Lustempfindungen. Denn der Schmerz regt uns zur Anstrengung an, seiner Ursache entgegenzuwirken, diese Anstrengung ist mit der höchsten Spannung unserer Fähigkeiten verbunden und gewährt die unvergleichliche Befriedigung, welche mit der Bethätigung unserer Individualität verbunden ist. Ohne Schmerz würde unser Leben kaum einen Augenblick lang dauern können, denn wir wüßten die Schädlichkeiten nicht zu erkennen und uns nicht vor ihnen zu hüten. Ein Weltverbesserer großen Stils wendet vielleicht ein, es sei denkbar, daß die Schmerzempfindung durch die Einsicht ersetzt sei; wir müßten nicht notwendig durch ein Leiden gemahnt werden, uns gegen drohende Einwirkungen zur Wehr zu setzen, eine schmerzlose triebhafte Erkenntnis dessen, was uns schädlich ist, thäte denselben Dienst. Darauf ist zu antworten: entweder würde die Erkenntnis uns nicht mächtig genug zu einer Anstrengung spornen und rütteln, dann würden wir ihrer Aufforderung auch nicht immer und nicht in genügendem Maße nachkommen und von den Feinden unseres Daseins leicht besiegt werden, oder ihre Mahnung wäre so stark und eindringlich, daß wir ihr unbedingt mit einer äußersten Anspannung unserer Kräfte antworten müßten, und dann würden wir sie einfach ebenfalls als Schmerz empfinden, ganz so wie jetzt die mahnenden Vorgänge in unseren Empfindungsnerven. Was der Schmerz im Körperlichen, das ist die Unzufriedenheit im Geistigen. Wenn sie stark genug auftritt, um als Leiden empfunden zu werden, so wird sie zur Anregung, die Verhältnisse, welche sie veranlassen, mit Anspannung aller Kräfte zu andern und zu bessern. Einem Glücklichen wird es nie einfallen, seine Umgebung mit zerstörungslustigen Blicken zu betrachten; ohne Zwang führt auch Herkules, den es doch nichts Besonderes kostet, seine zwölf Arbeiten nicht aus, und um sein Lager umzubetten, muß man unbequem liegen. Die Unzufriedenheit ist also die Ursache allen Fortschrittes und wer ihr Vorhandensein in unserem Geistesleben als ein Ungemach beklagt, der sollte gleich den Mut haben, die Verurteilung der Menschheit zu einer unwandelbaren, lebenslangen Chineserei als sein Ideal anzuerkennen. Übrigens ist die Unzufriedenheit mit den thatsächlichen Verhältnissen, in denen ein Einzelmensch oder ein ganzes Volk zu leben gezwungen ist, gar nicht einmal als Beweisgrund für den Pessimismus zu verwenden, sie ist im Gegenteil ein Beweis mehr, daß ein unzerstörbarer Optimismus die Grundlage unseres Denkens bildet. Jede Kritik ist nämlich das Ergebnis eines im Geist angestellten Vergleichs zwischen den wirklichen und idealen Zuständen, welche man sich in der Vorstellungswelt aufgebaut hat und die man als vollkommen erkennt; der Thatsache aber, daß man eine solche Kritik mehr oder minder klar formuliert, liegt der unausgesprochene Gedanke zu Grunde, daß die als tadelnswert oder unleidlich empfundenen Verhältnisse einer Änderung zum Guten fähig sind, und dieser Gedanke wird doch wohl ein optimistischer genannt werden müssen! Ja noch mehr: indem man über etwas Bestehendes murrt, indem man deutlich denkt oder undeutlich ahnt, daß es oder wie es besser werden könnte, hat man die Besserung potentiell schon durchgeführt, die Umwandelung ist in der Vorstellungswelt des unzufriedenen Individuums bereits vollzogen und sie hat, wenigstens für dieses Letztere, den Grad von Thatsächlichkeit, der überhaupt allen Vorgängen in unserem Bewußtsein eigen ist, der durch die Sinnesnerven vermittelten Erkenntnis der Außenwelt nicht mehr als der auf einer kombinierenden Thätigkeit der Hirnzellen beruhenden Konstruktion einer besseren Idealwelt. So ist jeder Unzufriedene ein Reformator im Geist, ein Schöpfer einer neuen Welt, die in seinem Kopfe vorhanden ist und alle Bedingungen des menschlichen Glücks in sich schließt, und wenn er in der Analyse der eigenen Empfindungen geübt ist, so wird er unschwer erkennen, daß ihn seine Unzufriedenheit mit den Dingen zu einer großen Zufriedenheit mit sich selbst führt und daß die Freude, welche die ideale Welt seiner eigenen Schöpfung ihm verursacht, den Unmut, welchen die reale Welt ihm bereitet, mindestens aufwiegt. Und hier gebe ich meinem Argument unbedenklich eine persönliche Wendung und frage den ehrlichen pessimistischen Philosophen, ob er nicht sehr mit sich zufrieden, wenn es ihm gelungen ist, die Schlechtheit und Unvernunft von Welt und Leben recht überzeugend darzustellen? Er springt vielleicht vom Schreibtisch auf und läuft vor Entzücken seine Frau umarmen, wenn eine Seite seiner Abhandlung besonders glänzend schwarz geraten ist, und hat er sein Buch vollendet, so liest er wohl in der Stammkneipe den Freunden daraus ein Kapitel vor und hat dabei innere Genugthuungen, die allein ihm das Leben schon lebenswert machen würden. So ist die Bitterkeit über das Nichtverstehen des Weltmechanismus und Weltzwecks ein Beweis hoher Entwickelung unseres Denkens, die uns stete Befriedigungen und Genüsse verschafft, der leibliche Schmerz ein Zeuge der Gesundheit und Leistungsfähigkeit unseres Nervensystems, der wir alle angenehmen Empfindungen unseres Daseins verdanken, und die Unzufriedenheit der Anlaß schöpferischer Thätigkeit unserer Phantasie, die uns zu einer Quelle tiefen Vergnügens wird. Wo da der Pessimismus bleiben soll, das kann ich nicht erkennen. Hoffentlich wird niemand meine Ausführungen so arg mißverstehen, daß er mich für einen Jünger des weisen Pangloß hält. Ich bin durchaus kein Bekenner der thomistischen Lehre dieses zufriedenen Philosophen und behaupte keineswegs, daß diese Welt die beste aller Welten sei. Was ich sage, das ist etwas ganz anderes. Ich sage: diese Welt mag nun die beste oder die schlechteste aller Welten oder eine mittelmäßige sein, die Menschheit sieht sie immer und ewig als eine erträgliche an; der Mensch hat die wunderbare Gabe, die natürlichen Verhältnisse, die er absolut nicht ändern kann, nicht etwa bloß mit mürrischer Duldung hinzunehmen, sondern sich mit ihnen zu befreunden, sie selbstverständlich und angenehm zu finden und sich in ihnen so zu gefallen, daß er gar keinen Wunsch hat, sie mit anderen zu vertauschen, selbst wenn er sich viel bessere denken kann. Das ist doch nur möglich, weil das Grundgewebe seines Wesens, auf welches die Erfahrung allerlei schwermütige Bilder stickt, aus eitel Optimismus besteht. Sollte es der Beispiele bedürfen, um diese Behauptungen zu erläutern? Sie sind zur Hand. Selbst der Berufspessimist giebt die Schönheit der Natur zu und freut sich eines Sommertages, wenn die Sonne vom wolkenlosen Blau des Himmels niederleuchtet, oder einer lauen Juninacht mit dem Vollmond inmitten zehntausend glitzernder Sterne. Nun denn: ein Bewohner der Venus, der sich plötzlich auf unsere Erde verpflanzt sähe, würde sich wahrscheinlich wie in einer trostlosen Wüste voll Kälte und Finsternis vorkommen. An die blendende Helle und Backofenhitze seines Geburtsplaneten gewöhnt, fröre er in unserem Tropenmittag und fände unsere heitersten Farben erloschen und aschgrau, unser schönstes Licht bleich und trübselig. Und einem Bewohner des Saturn, wie langweilig, wie tot müßte ihm der Anblick unseres Himmels mit seinem einzigen Mond erscheinen, ihm, der an das unfaßbar reiche Wechselspiel von acht Monden und zwei, vielleicht noch mehr Ringen gewöhnt ist, die mit ihrem Auf- und Untergang, ihren ewig verschiedenen Stellungen zu einander, ihrer verwickelten Bewegung in seinen Gesichtskreis einen Reichtum der Abwechselung bringen, von dem wir uns gar keine anschauliche Vorstellung machen können! Wir aber haben gar keine Sehnsucht nach der Sonnenpracht der Venus und der verwirrenden Mondquadrille des Saturn und bescheiden uns mit unseren armseligen astronomischen Verhältnissen so dankbar, als hätten wir wirklich zu den Füßen Pangloß' gesessen. Doch wozu die Bewohner der Nachbarplaneten heranziehen? Es bedarf gar keiner Ausflüge in den Weltraum, um den menschlichen Optimismus zu beweisen. Wir müssen nur nach den Polargegenden blicken. Dort wohnen Menschen, deren Frohsinn allen Forschungsreisenden aufgefallen ist. Sie können sich nichts Herrlicheres denken als ihre eisstarrenden Wohnsitze und ihre ewige Nacht und wenn sie Poeten hätten, so würden diese die grauenhaften Schneewüsten Grönlands gewiß mit ebensolcher Überzeugung besingen und feiern wie unsere Dichter eine Rheinlandschaft mit Rebenhügeln, wogenden Ährenfeldern und dunkelnden Wäldern im Hintergrunde. Das eröffnet, nebenbei bemerkt, tröstliche Ausblicke in die künftige Eiszeit, der die Erde entgegenaltert, sofern nämlich die Auskühlungstheorie richtig ist. Wenn wir uns diese Zukunft vorstellen, so denken wir uns gewöhnlich die letzten Menschen in Robbenfelle gehüllt um ein armseliges Feuer aus den letzten Kohlen gekauert, die mageren Hände zitternd über die spärliche Glut haltend und traurig, traurig wie ein brustkranker Orang-Utang im Berliner Tiergarten. Dieses Bild ist sicherlich falsch. Von den Eskimos auf unsere eiszeitlichen Nachkommen schließend, bin ich überzeugt, daß diese die kreuzlustigsten Kumpane der Welt sein werden. Sie werden Fastnachtsvereine bilden, täglich Eisfeste halten, sich die Kälte durch unermüdlichen Tanz aus den Gliedern treiben, ihren Thran in Begleitung jauchzender Trinklieder genießen und ihren Zustand für einen vortrefflichen halten. Wenn endlich der letzte Mensch erfrieren wird, so wird er wahrscheinlich ein breites Lachen auf den Lippen und die letzte Nummer des Kladderadatsch der Epoche in den erstarrten Händen haben. Der Dichter sagt zwar, das Leben sei der Güter höchstes nicht, wir denken und empfinden aber, als ob es dies wäre. Der Gedanke des Aufhörens unseres Bewußtseins, der Vernichtung unseres Ichs ist entsetzlich, der Tod, wenn schon nicht der eigene, so doch der der Eltern, der Kinder, derjenigen, die wir lieben, verursacht uns die bittersten Schmerzen, die wir zu empfinden fähig sind, und wir können uns und unseren Freunden kein köstlicheres Gut wünschen als langes Leben. Was ist aber langes Leben? Hundert, hundertzwanzig Jahre, das sind äußerste Zahlen; mehr wird wohl niemand wünschen. Ein Hundertjähriger fühlt, daß er beneidenswert ist, man beklagt dagegen das Geschick des Jünglings, der zu zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren sterben mußte. Nun denn, alle diese uns so geläufigen Anschauungen, gegen die wir uns nicht auflehnen und die wir nicht kritisieren, sind der Ausfluß unseres unverwüstlichen Optimismus. Wir begnügen uns mit 100 Jahren und weniger, weil wir kaum jemals ein Beispiel sehen, daß diese Frist überschritten wird. Wäre die Lebensdauer des Menschen 2 oder 300 Jahre, wie es die des Raben, Karpfen und Elefanten sein soll, er würde 2 oder 300 Jahre alt werden wollen und jammern, wenn ihm angekündigt würde, er habe schon zu 150 Jahren zu sterben, obwohl er sich doch jetzt mehr als 100 Jahre gar nicht wünscht. Umgekehrt wenn der Mensch bloß für eine 30- oder 35 jährige Lebensdauer organisiert wäre wie etwa das Pferd, kein Mensch würde wünschen, älter als dreißig oder fünfunddreißig Jahre zu werden, und man würde ein Individuum, das in diesem letztern Alter stürbe, ebenso glücklich preisen, wie man es heute bedauert. Mehr als das: wenn nur ein Beispiel, ein einziges, bekannt wäre, daß ein Mensch dem unerbittlichen Gesetze des Todes entgangen sei, so würde niemand sterben wollen, jeder würde hoffen, wünschen, träumen, daß das blos einmal beobachtete Ereignis sich bei ihm wiederholen werde, die große Mehrzahl der Menschen würde an den Tod so denken wie etwa gegenwärtig an eine chinesische Hinrichtung durch Zersägung zwischen zwei Brettern, ein gräßliches Ausnahmegeschick, das manchmal Einzelne heimsucht, dem man aber mit aller Macht zu entgehen strebt. Da man jedoch nie gehört hat, daß ein Mensch dem Tod entgangen sei, so macht sich jeder ohne besondere Schwierigkeit, und selbst ohne besondern Schmerz, mit dem Gedanken des Hinscheidens vertraut und hofft nur, daß dasselbe recht spät erfolgen werde. Könnte der Mensch nicht einige hundert, einige tausend Jahre alt werden? Wir kennen keinen vernünftigen Grund, weshalb das nicht sollte sein können. Wir wünschen es aber nicht, weil es eben nicht ist. Muß der Tod überhaupt das individuelle Dasein zu einem Ende bringen? Die Notwendigkeit ist nicht einzusehen, wenn auch Weismann und Götte zu beweisen gesucht haben, daß er eine im Interesse der Gattung gelegene zweckmäßige Einrichtung sei. Dennoch findet man sich mit der schrecklichen Thatsache des Todes ab, wieder bloß, weil wir sie als unvermeidlich kennen. Wir sind eben so glücklich organisiert, daß wir das wirklich, das absolut Unvermeidliche leichtblütig hinnehmen und uns weiter keine trüben Gedanken darüber machen. Das erklärt unter anderem auch die Möglichkeit des Galgenhumors, der lustigen Stimmung armer Sünder, die zur Richtstätte geführt werden. Ihr Vorkommen ist nicht zu bezweifeln, sie ist von zuverlässigen Zeugen beobachtet worden. Der Todeskandidat findet sich selbst mit dem Strick ab, wenn er erst von der Überzeugung durchdrungen ist, daß er unabwendbar sei. Bleibt dagegen auch nur die leiseste, die entfernteste Möglichkeit offen, daß ein Zustand änderungsfähig, ein Übel abwendbar sei oder ein günstiges Ereignis eintreten könne, wie bricht da der ursprüngliche Optimismus des Menschen wieder siegreich und unaufhaltsam hervor! Eine Möglichkeit, die so klein ist, daß kein seiner Sinne mächtiger Mensch auf sie eine Wette eingehen würde, die so klein sein kann, daß sie sogar fast schon der Wahrscheinlichkeitsrechnung unzugänglich wird, genügt ihm dann noch als Baugrund für die stattlichsten Luftschlösser und versetzt ihn in einen Zustand der Erwartung, welcher der Glückseligkeit nahekommt. Hier ist ein äußerstes Beispiel dieses optimistischen Hanges des Menschen. In Frankreich wurde eine Lotterie veranstaltet, deren Haupttreffer 500 000 Fr. betrug. Es wurden 14 Millionen Lose ausgegeben, von denen nur eins das glückliche sein konnte. Jeder Käufer eines Loses erwarb also ein Vierzehnmillionstel Wahrscheinlichkeit, daß das große Los ihm zufallen werde. Um den Wert dieses Bruches zu veranschaulichen, will ich eine Analogie anführen. Es giebt in Europa ungefähr 100 000 Millionäre und wahrscheinlich über 500 000 Personen, die eine halbe Million besitzen. Vernachlässigen wir die halbe Million und nehmen bloß die 100 000 Millionäre zur Grundlage unserer Berechnung. Wir dürfen annehmen, daß von zehn Millionären einer kinderlos, ohne nähere Verwandte oder mit seiner Familie verfeindet und in der Stimmung ist, einen Menschen, dessen Bekanntschaft er zufällig macht und der ihm gefällt, zum Universalerben einzusetzen, Europa zählt zur Zeit etwa 320 Millionen Einwohner. Es kommt also auf 32 000 Europäer ein Millionär, der nur auf einen Zufall wartet, um einem von den 32 000 seine Million oder Millionen zu hinterlassen. In Wirklichkeit stellt sich für einen Deutschen oder Engländer das Verhältnis noch viel günstiger, weil in Deutschland oder England die Millionäre zahlreicher sind als z. B. in Rußland oder Italien. Die Wahrscheinlichkeit, daß jeder von uns, ohne ein Los zu kaufen, einen Millionär beerben wird, beträgt demnach mindestens ein Zweiunddreißigtausendstel, ist also 437 mal größer als die, daß ein Besitzer eines Loses der » Loterie des Arts « den Haupttreffer von 500 000 Fr. gewinnen würde, und wenn wir unsern Ehrgeiz auf die halbe Million beschränken wollen, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie uns einmal als Erbteil von einem ganz unbekannten, nicht einmal im Verhältnis des Onkels aus Amerika mit uns verwandten Gönner beschert wird, sogar 2500 mal größer als die Gewinnchance eines solchen Loskäufers. Dennoch würde wohl keiner von uns auf diese Million oder halbe Million hoffen oder gar rechnen wollen. Nun denn: es haben sich zwölf Millionen Menschen in einem einzigen Lande gefunden, die für die vierzehnmillionstel Gewinnchance einen Franken bezahlten und ernste Hoffnungen auf sie bauten, obwohl sie dazu 437- oder 2500mal weniger berechtigt waren als jeder von uns, die wir für unsere Erbschaftschance mindestens nichts bezahlen. Ich glaube, statt den Berufspessimisten mit Gründen zu widersprechen, sollte man ihnen als zermalmendes Schlußargument ein Los der Loterie des Arts ins Haus senden. Drehen wir das Verhältnis um. Jeder von uns thut Dinge, die ihn mit einer Wahrscheinlichkeit, welche 1/14 000 000 wesentlich übersteigt, der Todesgefahr aussetzen. Auf den europäischen Eisenbahnen wird z.B. von weniger als vierzehn Millionen Reisenden jährlich einer getötet. Ist darum jemand pessimistisch genug, die Benutzung der Eisenbahn zu unterlassen? Eine Möglichkeit von einem Vierzehnmillionstel ist offenbar ungenügend, uns ängstlich zu machen; sie ist aber genügend, um in uns Hoffnungen zu erwecken. Für eine so schwache Einwirkung unangenehmer Vorstellungen ist unser Geist unempfindlich; einer nicht stärkeren Einwirkung angenehmer Vorstellungen ist er zugänglich. Warum? Weil er seiner Natur nach optimistisch und nicht pessimistisch gestimmt ist. Das beobachten wir wie im größten so im kleinsten. Wer von uns würde jemals einen Beruf wählen, wenn wir nicht hartnäckige Optimisten wären? In jeder Laufbahn sind diejenigen, die es zu einer ersten Stellung bringen, die seltenen Ausnahmen. Von 50 Avantageuren wird einer General; von 100 Ärzten einer Universitätsprofessor; der Rest bleibt in ruhmloser Dunkelheit, oft in Armut, und hat bis an sein Lebensende mit allen Bitternissen seines Berufs zu kämpfen, ohne eine einzige seiner erfreulichen und belohnenden Seiten kennen zu lernen. Wir sehen aber, wenn wir zur Berufswahl schreiten, nur den einen von 50 oder 100 und nicht die 49 oder 99 und haben die feste Zuversicht, daß wir dieser eine sein werden, obwohl dies doch für jeden nüchternen Rechner im höchsten Grad unwahrscheinlich ist. Mit jedem Unternehmen, das wir beginnen, verhält es sich genau so. Das Fehlschlagen ist in der Regel ganz so möglich wie das Gelingen, vielleicht möglicher. Wir zögern dennoch nicht, uns in das Unternehmen einzulassen, und wir thun dies natürlich nur, weil mir an den Erfolg glauben. Das, was den Ausschlag giebt, das, was die Ziffern der Wahrscheinlichkeitsrechnung aufwiegt, das, was die Vorhänge an den Fenstern zuzieht, welche auf das wahrscheinliche schlimme Ergebnis Aussicht haben, und das Bild des weit weniger wahrscheinlichen guten Erfolges an die Wand hängt, das ist der Optimismus. Wohlgemerkt: dies gilt nur für uns selbst und unsere eigenen Angelegenheiten. Wenn wir dagegen einem andern zur Wahl eines Berufs raten, die Aussichten des Unternehmens eines andern beurteilen sollen, dann nehmen wir die Hindernisse und die Wahrscheinlichkeiten des Mißlingens genau wahr und neigen fast immer zu pessimistischen Voraussagungen hin. Warum? Weil dann das rein subjektive Element des Optimismus unsere kaltblütige Rechnung nicht fälscht und unsere Schätzung nicht beeinflußt. Die Schwierigkeiten sehen wir wohl, aber nicht zugleich die Kraft, welche den Vorsatz und darum auch die Hoffnung hat, jene zu überwinden. Diese Kraft fühlt nur ihr Besitzer, der sich zu irgend einer Handlung anschickt, und darum beurteilt er deren Ausgang ganz anders als der Zuschauer, der die Dinge vom Profil sieht und nicht wahrnimmt, eine wie breite Angriffsfront das Selbstgefühl und das Bewußtsein der eigenen Lebensfülle vor sich haben. Recht lustig ist, daß selbst die schlimmsten Skeptiker diesen subjektiven Optimismus besitzen und bei allen Gelegenheiten, oft unbewußt, bekunden. Leute, die sich für unbelehrbare Schwarzseher halten, empfinden Ehrfurcht vor dem Alter und Rührung vor der Kindheit. Der Greis erweckt in ihnen die Vorstellung der Weisheit und Erfahrung, der Säugling die der vielversprechenden Entwicklung. Und doch ist das Kind vorläufig nichts anderes als ein unbewußtes Tierchen, das sich besudelt, schreit und seine Umgebung quält, und der Greis ist der unvoreingenommenen Betrachtung leiblich ein unangenehmes Bild des Zerfalls, gemütlich eine blinde, unerbittliche Selbstsucht, die gar nicht die Fähigkeit hat, sich noch mit etwas anderem als sich selbst zu beschäftigen, und geistig ein geschwächtes, beschränktes Denken, dessen Hauptinhalt alte Irrtümer und Vorurteile sind und das neuen Vorstellungen verschlossen ist. Warum betrachtet man dennoch das Alter mit Ehrfurcht und Pietät, die Kindheit mit Zärtlichkeit? Weil wir glücklich sind, uns Illusionen machen zu können, und weil ein Lebensende wie ein Lebensanfang, ein letztes wie ein erstes Kapitel, uns Gelegenheit bietet, den fehlenden Roman aus eigenen Mitteln so schön, so erbauungsvoll wie möglich hinzuzudichten. Dem Greise geben wir die Vergangenheit, dem Kinde die Zukunft eines Idealmenschen, obwohl doch hundert gegen eins zu wetten ist, daß der ehrwürdige Greis als Jüngling und Mann ein banaler Einfaltspinsel, in Vorzügen und Fehlern ein keinen Blick verdienender Dutzendmensch gewesen ist und daß das rührende Kind ein unerquicklicher Geck von Charakter, ein knickeriger Gewürzkrämer von Beruf werden, lügen, kriechen, seinen Nebenmenschen verlästern wird wie neun Zehntel der Leute, die um uns wimmeln und die uns weder Ehrfurcht noch Rührung einstoßen. Wir räumen widerwärtige Thatsachen eben nur ein, wenn mir mit der Nase auf sie stoßen, und selbst dann nicht immer; wo wir aber, wie beim Greise oder Kinde, die Wahl haben, in Ermangelung sicherer Kenntnis von Vergangenheit und Zukunft uns die eine und die andere schön oder häßlich vorzustellen, da schwanken wir keinen Augenblick und improvisieren uns aus dem Greise und dem Kinde Lichtgestalten von Halbgöttern, die in Wirklichkeit nichts anderes sind als überlebensgroße Illustrationen zu unserem tiefinnern Optimismus. Sage und Märchen, welche die Weltanschauung der schlichten Masse plastisch einkleiden, bezeugen hundertfach den unwiderstehlichen, elementaren Optimismus des Volks. Ich habe oben gezeigt, wie leichtblütig sich jeder einzelne mit der grauenhaften Thatsache des Todes abfindet. Das Volk geht weiter: es macht aus der Not sogar eine Tugend und ersinnt eine Geschichte, die den Gedanken ausdrückt, daß der Tod eine Wohlthat ist und ewiges Leben ein schreckliches Mißgeschick wäre. Denn das ist klärlich die Moral der Legende vom ewigen Juden, der den Tod verzweiflungsvoll als Erlösung ersehnt, ihn jedoch nicht finden kann. Gleicht das Volk, das diese Legende erfindet, nicht dem Fuchs in der Fabel, der voll Überzeugung die unerreichbaren Trauben, nach welchen er giert, für saure erklärt? Die Unsterblichkeit ist nicht zu erlangen, folglich ist sie ein tragisches Übel und damit sind wir getröstet und der Fiedelmann kann zum Tanz aufspielen. Oder das schöne Märchen von dem armen Manne, den sein Kreuz so schwer drückte und der um ein anderes flehte! Sein Schutzengel führte ihn an einen Ort, wo viele Kreuze lagen, große und kleine, schwere und leichte, scharfkantige und gerundete; er versuchte sie der Reihe nach, keins paßte ihm ganz. Endlich fand er eins, zu dem er sich noch am besten schickte, und siehe da – es war sein eigenes, das er doch zu vertauschen, gewünscht hatte! Dann die lustige Geschichte von den drei Wünschen, wo ein blutarmes, altes Ehepaar, dem ein Geist die Gewährung dreier beliebiger Bitten zusagte, aus dem wundersamen Glücksfalle nicht mehr herauszuschlagen weiß als eine Bratwurst! In verschiedenen Formen und Wendungen ist da immer wieder die Anschauung ausgedrückt, daß jeder Mensch sich in den eigenen Verhältnissen ausgezeichnet befindet, daß er Unrecht hätte, sich etwas anderes zu wünschen, als was er hat, und daß der Höcker eigentlich ganz so das Glück des Buckeligen ausmacht wie sein hoher Wuchs das des Gardeflügelmanns. Die Wahrheit ist, daß der Optimismus, ein grenzenloser unentwurzelbarer Optimismus, die Grundanschauung des Menschen bildet, das instinktive Gefühl, das ihm in allen Lagen natürlich ist. Was wir Optimismus nennen, ist einfach die Form, in der uns die eigene Lebenskraft, der Lebensvorgang in unserem Organismus zum Bewußtsein kommt. Optimismus ist also nur eine andere Bezeichnung für Vitalität, eine Bekräftigung der Thatsache des Seins. Wir empfinden die Lebensthätigkeit in jeder Zelle unseres Ichs, eine fruchtbare Thätigkeit, welche fortgesetztes Wirken vorbereitet und damit auch vorahnen läßt; wir glauben also an eine Zukunft, weil wir sie in den Tiefen unseres Wesens fühlen; wir hoffen, weil wir das Bewußtsein haben, daß wir noch dauern werden. Erst wenn dieses Bewußtsein mit der Lebenskraft selbst schwindet, verdämmert und schwindet auch die Hoffnung und die Lichtpforte der Zukunft schließt sich, aber dann bricht auch schon das Auge und kann die unangenehme Veränderung nicht mehr wahrnehmen. Die Fähigkeit des Organismus, sich den Verhältnissen anzubequemen, eine Fähigkeit, ohne die er eben nicht bestehen könnte, und der ihm innewohnende Wachstumsplan, der ihn antreibt, einen vorbestimmten Entwickelungskreis zu durchlaufen, das sind die lebendigen Unterlagen des Optimismus, den wir zugleich als ein Sichbescheiden mit Gegebenem und als ein erwartungsvolles Vorwärtsschauen kennen gelernt haben. Tapferes Hinstreben zum Entwickelungsziele, siegreiche Selbstbehauptung gegen feindliche Einwirkungen, Bewegung, Fortschritt, Hoffnung, Leben, das sind alles nur Synonyme von Optimismus. Der alte Lateiner, der den Spruch erfand: »dum spira spero«, »so lange ich atme, hoffe ich«, hat die Philosophie des Lebensprozesses kurz zusammengefaßt und einer biologischen Grundwahrheit die Form eines klassischen Kalauers gegeben. Mehrheit und Minderheit. Für jede wohlgeborene Seele ist der Philister der schwarze Mann. Wer nur die geringste Genialität in sich spürt, kaum genug, um das Tragen langer Haare und die Verachtung des Cylinderhut-Vorurteils zu rechtfertigen, der übt seine Armmuskeln, indem er auf das Haupt des Philisters losschlägt, – natürlich nur bildlich, denn der Philister hat in der Regel einen Hausknecht, wenn er nicht selbst einer ist. Diese Feindschaft ist schnöde Undankbarkeit. Der Philister ist nützlich und hat selbst die verhältnismäßige Schönheit, die der vollkommenen Zweckmäßigkeit eigen ist. Er ist der perspektivische Hintergrund im Gemälde der Zivilisation, ohne dessen kunstvolle Kleinheit die Vollgestalten des Vordergrunds nicht den Eindruck der Größe machen würden. Das ist seine ästhetische Rolle, aber diese ist nicht entfernt die wichtigste, die er mit Autorität spielt. Wenn man die Pyramiden bewundert – ich weiß nicht, warum ich schon wieder an die Pyramiden denke; vielleicht nur, weil sie sich um ihrer Figur willen zu festen Punkten für geistige Vermessungsarbeiten besonders eignen – sagt man sich da nicht, daß man sie dem arg verkannten Philister verdankt? Erdacht hat sie ja wahrscheinlich ein begabter altägyptischer Staatsingenieur erster Klasse, ausgeführt aber haben sie die Kinder Israels, trotzdem diese sehr gewöhnliche Naturen gewesen sein müssen, wenn man aus ihrem verbürgten Geschmack an Zwiebeln und Fleischtöpfen auf ihren Gesamtcharakter schließen darf. Was helfen uns alle Konzeptionen des Genius? Sie leben nur in seinem Kopfe und für ihn, sind aber für uns nicht vorhanden, so lange nicht der uninteressante Philister mit baumwollener Zipfelmütze herangekommen ist und sie brav verwirklicht hat, dieser Philister, der seine dienstbereite Aufmerksamkeit nicht mit eigener Erfindungsthätigkeit zerstreut, sondern in gewinnender Gedankenlosigkeit auf Anregungen, Eingebungen und Befehle Berufener wartet. Wer selbst schaffen kann, der hält sich in der Regel mit Recht zu gut zum Übersetzen. Sache der erwählten Geister ist es, zu denken und zu wollen; Sache der mittelmäßigen Menge, den Gedanken und Willen in die Formen der Erscheinung zu übertragen. Was wirft man dem Philister noch vor? Daß er dem Anstoße des Genius nicht leicht nachgiebt? Das ist vortrefflich; dafür soll er noch besonders gesegnet sein. Seine Schwerfälligkeit, sein sicheres Gleichgewicht, das nicht leicht zu erschüttern ist, machen ihn zu einem Turngerät, zu einer Art Werfstein oder Hantel, woran die Elitenatur ihre Kraft zu erproben, aber auch zu entwickeln hat. Gewiß, es ist hart, seine träge Masse in Bewegung zu setzen. Es ist aber für das Genie eine heilsame Gymnastik, sich anzustrengen, bis es gelingt. Wenn ein neuer Gedanke nicht imstande ist, den Philister zu handhaben, so beweist dies offenbar, daß er nicht robust genug ist, daß er nichts oder noch nichts taugt; wirkt dagegen eine Konzeption auf den Philister, so hat sie schon die erste und wichtigste Probe ihrer Vortrefflichkeit bestanden. Mit seinem Verstande ist er allerdings nicht fähig, die Ideen der Auserwählten zu prüfen und zu beurteilen; aber durch sein Beharrungsvermögen wird er zu einer Vorrichtung, die unbewußt, doch deshalb um so sicherer, die Vollentwickelten und lebensfähigen von den unreifen und wertlosen sondert. Es wäre verständlich, wenn die Philister sich über einander beklagten ober erlustigten, wenn ein Philister dem andern diesen Schimpfnamen voll Verachtung an den Kopf würfe, wie ein Schwarzer den andern im Zorn Nigger zu heißen pflegt; denn in der That, ein Philister kann mit einem andern nichts anfangen; er hat von ihm weder Anregung noch Unterhaltung zu erwarten; der eine sieht im lichtlosen Gesichte des andern das Spiegelbild der eigenen Beschränktheit; der eine gähnt dem andern Rezitative der Langweile vor; wenn zwei von ihnen beisammen sind, so erschreckt sie gegenseitig die unheimliche Lautlosigkeit ihres Geistes und sie haben das niederdrückende und demütigende Bewußtsein der Hilflosigkeit, welche der an Führung gewöhnte Mensch empfindet, wenn ihn sein Leiter im Stiche läßt. Aber der Mensch von Begabung sollte den Philister preisen. Dieser ist sein Reichtum, der Acker, der ihn ernährt. Gewiß, er ist mühsam zu bestellen, aber so fruchtbar! Man muß schwer arbeiten, um ihn ergiebig zu machen; man muß von früh bis spät Furchen ziehen, tiefpflügen, hauen, brechen, wenden, harken, ausstreuen, zudecken, schneiden, man muß schwitzen und stieren, aber die Ernte bleibt nicht aus, wenn die Saat keimfähig war. Wer freilich faules Korn oder Steinchen auswirft, der hat auf keinen Ertrag zu hoffen. Ebensowenig, wer etwa Dattelkerne den Ufern des kurischen Haffs anvertraut. Wenn aber bei solcher Wirtschaft das Feld tot bleibt, so ist das nicht die Schuld des Feldes, sondern des Träumers, der jene versucht. Dem Genius muß das Urteil zur Seite stehen, um ihm den richtigen Ort und die richtige Zeit für die Äußerung seiner Gedanken zu bezeichnen. Sofern er nur Zeit und Ort vernünftig zu wählen weiß, wird er die Philisterschar immer bereit finden, auf die Saat mit der Ernte zu antworten. So oft denn auch Genies um einen Stammtisch versammelt sind, sollte nach Recht und Sittlichkeit ihr erstes Prosit dem Philister gelten. Was ist eigentlich die große Schuld, deren man den Philister bezichtigt? Daß man nicht suchen muß, um ihn zu finden; daß er in ungeheurer Menge vorkommt; daß er die Regel und nicht die Ausnahme ist. Wollte man einmal davon absehen, in welchen Zahlenverhältnissen er verbreitet ist, und ihn an sich betrachten, so müßte man, sofern man billig wäre, anerkennen, daß er ein ganz patenter Kerl ist. Er ist meistens schöner als selbst ein hübscherer Affe, wenn er auch nicht so schön ist wie der Apoll vom Belvedere, der aber auch banal wäre, wenn er den Durchschnittstypus der Menschheit bildete; er ist vielfach geschickter als selbst ein abgerichteter Pudel, wenn er auch keinen Zirkusclown abgeben könnte, den man aber gleichfalls als plump verachten würde, wenn jeder Bauernjunge auf dem Kopfe stehen und Luftsprünge machen könnte, wie er jetzt auf seinen Beinen stattlich fürbaß schreitet, und mit dem Fleurett Fliegen an die Wand spießt, wie er jetzt mit der Heugabel Mieten baut; er ist häufig ein gut Stück vernünftiger als eine Auster, ja selbst als der weise Elefant, wenn er auch nicht so tief und scharf denkt wie Darwin, dessen Einsicht die Philosophen der Zukunft indes wahrscheinlich nicht höher schätzen werden, als wir die physiologischen Theorien des Parmenides oder Aristoteles. Wer Philister sagt, der sagt einfach Mehrheit und wer diese verachtet, der lehnt sich gegen das theoretische Grundgesetz aller staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen auf. Freilich giebt es viele, denen dieses Vergehen nicht nur keine Angst macht, sondern die sogar eine Vorliebe dafür heucheln oder aufrichtig fühlen. Ich hasse die gemeine Menge und halte sie mir vom Leibe, sagen sie mit Horaz; sie verkünden ausdrücklich, daß sie zur Minderheit gehören, und sind stolz darauf; sie behaupten, anders zu empfinden, anders zu denken und zu urteilen als der Haufe, das heißt in minder geringschätziger Ausdrucksweise als die Mehrheit, und nichts würde ihnen beleidigender scheinen, als wenn man sie banal nennte, womit man doch auch wieder nichts anderes gesagt hätte, als daß sie der Mehrheit ähnlich seien. Wir werden uns gleich mit der Frage zu beschäftigen haben, woher diese Abneigung vor der Mehrheit komme und ob sie berechtigt sei; zuerst aber wollen wir sehen, ob die vornehmen Menschen, welche sich dagegen verwahren, daß man sie zur Masse zähle, auch folgerichtig denken und handeln. Sie müßten, wenn sie logisch wären, ihre Verschiedenheit vom Troß in allen ihren Lebensäußerungen markieren und durch Hervorkehrung ihres Sondercharakters die Verwechselung mit der Mehrheit zu verhüten suchen; sie müßten andere Kleiderformen zur Schau tragen, andere Gewohnheiten, Sitten, Moralbegriffe annehmen, sich stets über die Rechtsprüche der Mehrheit hinwegsetzen. Thun sie dies? Nein; sie thun sogar das gerade Gegenteil von alledem. Es scheint ihnen geschmackvoll, nicht aufzufallen, also von der verachteten Menge nicht unterschieden zu werden; sie beugen sich vor der öffentlichen Meinung und empfinden es schmerzlich, wenn sie sich im Gegensatze zu ihr wissen; sie sind die kräftigsten Stützen des Gesetzes, das doch nichts ist als die Zusammenfassung der Anschauungen des Volkes, das heißt der Mehrheit, in Form von Geboten; sie verteidigen den Parlamentarismus, der auf der Anerkennung des Rechtes der Mehrheit beruht, der Minderheit ihren Willen aufzunötigen, und in vielen Fallen schwärmen sie für das allgemeine Stimmrecht, das doch die Apotheose der Banalität ist. Ich übersehe nicht, daß man häufig mit dem Strome schwimmt, nicht weil man wirklich die Absicht hat, in dessen Richtung vorwärts zu gelangen, sondern weil man nicht stark genug ist, gegen ihn anzukämpfen. Derjenige, der das Sprichwort erfunden hat, daß man mit den Wölfen heulen müsse, hat damit eine harte Notwendigkeit und nicht eine besondere Hochachtung vor den Wölfen ausdrücken wollen. Aber ein anderes Sprichwort erklärt Volkesstimme für Gottesstimme und führt den Philister geradenwegs in den Olymp ein. Und es bleibt eine Thatsache, daß auch beim Verächter der Menge die wichtigsten Handlungen und Unterlassungen die Erkenntnis zur stillschweigenden Voraussetzung haben, die Anschauungen des Marktpöbels seien in ihren Hauptzügen richtig und achtenswert. Einige wenige Männer, so wenige, daß man sie an den Fingern einer Hand herzählen könnte, haben den Mut gehabt, logisch zu sein, das ist wahr. Treitschke preist den aufgeklärten Despotismus, jenes summarische Regierungssystem, das die Mehrheit für nichts achtet und der bis zur Einheit zusammengeschmolzenen Minderheit das Recht zuspricht, für das ganze Volk zu denken und zu beschließen. Carlyle predigt den Heroendienst und fordert die unbedingte Unterordnung der Masse unter das gewaltige einzelne Individuum. Montesquieu macht den Scherz, das Schöffengericht nur unter einer Bedingung für annehmbar zu erklären: wenn nämlich die Meinung nicht der Mehrheit, sondern der Minderheit zum Wahrspruch erhoben würde, da unter zwölf Geschworenen sicherlich mehr Schafsköpfe als Weise sein werden, folglich das Urteil der Minderheit voraussichtlich das Urteil der Weisen, das Urteil der Mehrheit das der Schafsköpfe sein wird. Das ist ja eine recht drastische Art, den Gedanken auszudrücken, daß sich die Einsicht bei den wenigen findet, während die Menge thöricht und beschränkt ist. Montesquieu übersieht jedoch, daß die Minderheit, da sie alles in sich schließt, was anders ist als die Durchschnittsmasse, nicht bloß diejenigen enthält, die über das Gemeinmaß hervorragen, sondern auch die, welche darunter zurückbleiben, also neben den Genies auch die Trottel und neben der gesunden Eigenart auch die krankhafte Sonderbildung. Die Mitglieder der Akademie sind eine winzige Minderheit in der Nation, aber die Insassen der Staatsirrenanstalt sind es auch und Montesquieu läuft Gefahr, einem Forscher und zwei Idioten den Sieg über neun mittelmäßige Schulzes oder Müllers zu wünschen, was absurd wäre, wie Euklid sagen würde. Ich habe aber auch den Verdacht, daß Carlyle und Treitschke die Mehrheit nicht so verachten, wie sie sich den Anschein geben und wie sie vielleicht selbst glauben. Aufgeklärter Despotismus! Heroendienst! Hm! Sehen mir einmal zu: Heißt denn aufgeklärter Despotismus nicht, daß ein regierendes Genie die Masse dahin bringe, auf seine Anschauungen und Absichten einzugehen, seine Meinungen anzunehmen, mit ihm eines Sinnes zu werden, also in letzter Linie die Übereinstimmung zwischen jenem und dieser herzustellen? Und Heroendienst, ist denn das nicht der Wunsch, den Heros, das heißt die Ausnahmeerscheinung, vom Gevatter Hinz und Kunz gewürdigt, gefeiert, anerkannt zu sehen? Das scheint mir doch ein stetes Hinschielen auf die Menge, das sich mit der vorgeblichen Verachtung derselben nicht recht zusammenreimen läßt. Was braucht dem Schmäher des Philisters an dessen Meinung zu liegen? Was fängt er mit seiner Zustimmung und Bewunderung an? Aus Treitschkes Auffassung ginge folgerichtig hervor, daß ein Friedrich der Große, ein Josef der Zweite eigentlich abdanken und den Thron irgend einem biedern Dutzendmenschen seiner Verwandtschaft überlassen sollte, denn er ist zu gut, um sich mit der Kanaille abzugeben; er hat kein vernünftiges Interesse daran, Dummiane zu seinen erleuchteten Gedanken zu bekehren, und seine Perlen sind nicht dazu da, vor die Säue geworfen zu werden. Nach Carlyles Auffassung ist es eine Selbstentwürdigung, wenn ein Michel Angelo den Moses vor die blöden Glotzer von der Straße hinstellt oder ein Goethe den Faust zum Gebrauch für höhere Töchter drucken läßt; der Beifall der Menschenherde, statt ihnen erwünscht zu sein, sollte sie im Gegenteil bedenklich machen, und sie müßten eigentlich wie jener wirklich konsequente Redner ausrufen: »Man applaudiert – habe ich denn eine Dummheit gesagt?« Ein Friedrich der Große schließe sich also in einen Schloßpark ein und habe mit dem gemeinen Volke nichts zu thun, ein Goethe ziehe sich nach einer wüsten Insel zurück und deklamiere seine Verse bloß den eigenen Ohren vor und es lebe die Logik! Es besteht da ein Widerspruch, den man nicht wegleugnen kann. Auf der einen Seite behauptet man, die Menge zu verachten, auf der andern Seite thut man alles im Hinblick auf sie; man spricht der Menge die Fähigkeit ab, über die Leistungen des Genius zu urteilen, und der schönste Traum des Genius ist doch Ruhm und Unsterblichkeit, das heißt die Anerkennung der Menge. Man leugnet die Einsicht der Menge, und Parlamentarismus, Schöffen- und Schwurgericht, öffentliche Meinung, Einrichtungen, die von der höchsten Achtung umgeben sind, beruhen doch auf der Voraussetzung, daß die Mehrheit nicht bloß zuverlässig weise, sondern geradezu unfehlbar sei. Man betrachtet es als eine Erniedrigung, zur Menge gezählt zu werden, und ist doch bei allen großen Gelegenheiten stolz darauf, genau so zu fühlen und zu denken wie die Menge. In einer Bewegung hohen Aufschwunges findet der alte Römer nichts Vornehmeres von sich zu behaupten als: »Ich bin ein Mensch; nichts Menschliches betrachte ich als mir fremd;« und er wäre doch vielleicht erstaunt, wenn ihm ein cynischer Dialektiker unter seinen Zeitgenossen entgegnen würde: »Du sagst, du seist ein Mensch wie andere Menschen auch; du rühmst dich also, banal zu sein?« Nun denn: diesen Widerspruch, ich glaube, ich bin imstande, ihn zu erklären. Es erscheint mir mit überzeugender Klarheit, daß er auf einer biologischen Grundlage beruht. Die unbekannte Kraft, welche den Stoff zu Lebewesen anordnet, bringt ursprünglich nicht Gattungen, sondern Individuen hervor. Ich will hier nicht die verschiedenen Theorien des Lebensanfangs erörtern und lasse dahingestellt sein, ob, wie die landläufige Ansicht ist, zu einer gegebenen Zeit aus dem leblosen Stoffe lebendes Protoplasma sich gebildet oder ob, wie Preyer meint, der Stoff in aller Ewigkeit Leben ganz so zum Attribut gehabt hat wie Bewegung und Anziehung. Genug, zur Bildung der Lebewesen, die der Stoff heute hervorbringt, ist der Anstoß in anderen Lebewesen gegeben, die ihnen vorausgegangen sind und von denen sie abstammen. Leben ist in letzter Analyse Aufbau und Zersetzung eiweißartiger Stickstoffverbindungen unter Dazwischenkunft von Sauerstoff; dieser Vorgang kann sich in den mannigfaltigsten Formen vollziehen und so oft die Natur daran geht (ich drücke mich nur der Bequemlichkeit halber so uneigentlich, so anthropomorphisch aus), ein Lebewesen zu bilden, hat sie die Wahl, ihm eine von den Billionen oder Trillionen denkbarer und möglicher Formen zu geben. Würde sie denn auch die Lebewesen aus dem Urstoffe neu bilden, so ist es wahrscheinlich, daß jedes von dem andern verschieden ausfallen würde und daß sie untereinander kaum eine andere als die sehr schwache Ähnlichkeit hätten, welche eine Folge des Umstandes wäre, daß sie alle schließlich doch der Ausdruck, die Erscheinungsform eines identischen chemischen Grundgesetzes, das Werkzeug einer und derselben Funktion zu sein hätten. Nun entstehen aber die Lebewesen heute, wenigstens unseres Wissens, nicht mehr aus dem Urstoffe durch einen Spontan-Akt der Natur, sondern sie werden aus demselben durch die Vermittelung eines elterlichen Organismus gebildet. Der Stoff, aus dem das neue Lebewesen geformt wurde, ist durch einen bestehenden Mechanismus hindurchgegangen, er ist von diesem gehandhabt worden, er hat also von ihm Eindrücke empfangen. Es ist aber eine der nicht erklärten, jedoch kaum zu bezweifelnden Eigenschaften des Stoffes, oder etwas genauer seiner Zusammensetzungen, empfangene Eindrücke, Gruppierungen, Formen zu bewahren. Darauf beruht beim Einzelwesen das Gedächtnis, bei der Gattung die Vererbung. Das neue Lebewesen, dessen Baumaterial von einem andern Lebewesen manipuliert worden ist, wird also die von dem letztern ihm aufgeprägten Eindrücke bewahren, es wird ihm ähnlich werden. Es wirken folglich in ihm zwei verschiedene Gesetze: das ursprüngliche Lebensgesetz, welches selbständige, von anderen verschiedene und unabhängige Organismen aufzubauen trachtet, die bloß geschickt sein müssen, eiweißartige Stickstoffverbindungen zu bilden und zu zersetzen, diese Arbeit aber in irgend einer der zahlreichen möglichen Formen verrichten können und nicht notwendig einer gegebenen Form ähnlich zu sein brauchen, und das Vererbungsgesetz, welches strebt, den neuen Organismus seinen Eltern, von denen er gebildet worden ist, ähnlich zu machen. Jedes Individuum ist demnach das Ergebnis des Waltens dieser beiden Tendenzen: des primitiven Lebensgesetzes und der Vererbung. Jenes möchte neue, zur Besorgung des Lebensgeschäfts taugliche Formen schaffen, diese ein bereits vorhandenes Schema, das der Eltern, wiederholen. Ich kann nicht nachdrücklich genug betonen, daß meiner Ansicht nach die unbeschränkte Freiheit der Wahl unter allen möglichen Formen das Ursprüngliche, die diese Freiheit einschränkende Ähnlichkeit mit der elterlichen Form das später Hinzugetretene ist; denn erst diese Annahme macht die ganze Darwinsche Theorie verständlich, die ohne sie keine Erklärung, sondern eine bloße Konstatierung wahrgenommener Thatsachen ist. In der That: wenn, wie Darwin und mit ihm die ganze Schar seiner Jünger und Ausleger glaubt, die Vererbung das ursprüngliche und wichtigere Gesetz wäre, welches die Entwicklung des Individuums bestimmte, wie wäre dann eine Abweichung davon, eine Aufhebung desselben denkbar? Das Erzeugte müßte unter allen Umständen dem Erzeuger ähnlich bleiben und wenn die äußeren Verhältnisse ihm dies nicht möglich machten, so müßte es einfach zu Grunde gehen. Die große Erscheinung der Anbequemung an gegebene Lebensbedingungen, welche nach Darwin eine der Hauptursachen des Entstehens der Arten ist, bliebe ein völlig unlösbares Rätsel. Meine Hypothese dagegen bietet die Lösung dieses Rätsels. Das Lebewesen, sage ich, ist an die eine Form nicht mehr gebunden als an die andere, es braucht nur überhaupt eine Form zu haben, die ihm die Sauerstoffaufnahme und die Herstellung von Proteinstoff ermöglicht; gerade diese ursprüngliche unbedingte Freiheit gestattet ihm, die Form anzunehmen, die ihm durch äußere Verhältnisse aufgeprägt wird, wie ein ruhender, freischwebender Körper von allen möglichen Richtungen diejenige einschlagen wird, in die ihn auch nur der leiseste äußere Anstoß bewegt. Der elterliche Organismus giebt ihm die eigene Form? Gut; so wird der junge Organismus die elterliche Form annehmen. Die äußeren Bedingungen, unter denen er leben soll, suchen ihn umzugestalten, ihn seinen Eltern unähnlich zu machen? Gut; so wird er die ererbte Form aufgeben und, dem neuen Impulse folgend, diejenige annehmen, welche die äußeren Lebensbedingungen ihm aufzuprägen streben. Auf diese Weise erklärt sich die Anpassung, die nach dieser Hypothese nicht mehr ein Gegensatz, sondern eine Analogie der Vererbung ist. Rudolf Virchow hat auf der deutschen Naturforscher-Versammlung von 1889 in einem Vortrage, der den Darwinisimus zum Gegenstande hatte, vollständig den obigen Gedankengang entwickelt. Dies ist mir eine Genugthung, auch wenn der große Forscher mich nicht angeführt und auf meine Auseinandersetzungen mit keinem Worte hingewiesen hat. Die Biologie, die Wissenschaft des Lebens, kennt nur das Individuum, nicht die Gattung. Nur jenes ist etwas wirklich vorhandenes, selbständiges, scharf begrenztes, diese ist viel unbestimmter, sie mit Sicherheit zu definieren ist oft unmöglich. Zwei Individuen gehen nie in einander über, verschmelzen nie und unter keinen Umständen, selbst nicht in den teratologischen Bildungen von der Art der siamesischen Zwillinge. Von den Gattungen kann man das nicht sagen, sie sind im Gegenteil in fortwährender, wenn auch langsamer Umgestaltung begriffen, ihre Grenzen sind fließend und bis zur Unkenntlichkeit verwaschen, sie entwickeln sich in neue Formen hinein und sind in einer geologischen Epoche etwas ganz anderes, als sie in einer frühern gewesen sind, und wahrscheinlich auch, als sie in einer spätern sein werden. Das, was trotzdem das Individuum an die Gattung knüpft, das ist das Gesetz der Vererbung, das ist die Ureigenschaft des Stoffes, in der Anordnung zu verharren, die er einmal empfangen hat, und sie erst unter dem Zwange eines neuen Anstoßes aufzugeben, der stärker ist als die Neigung zum Verharren. Die gegenwärtige Ökonomie der Natur kennt anscheinend nur die Entstehung von Leben aus Leben. Theoretisch wäre es ganz gut denkbar, daß das Leben immer wieder neu aus nichtlebendem Stoffe entstände. Daß dies nicht geschieht, das hat seinen Grund wahrscheinlich darin, daß durch die Thätigkeit von elterlichen Organismen Leben mit geringerer Anstrengung erzeugt werden kann als durch das Zusammentreten von Urstoff und es ein bekannter, durch die ganze Natur gehender Zug ist – auf den Leibniz zuerst hingewiesen hat, der aber freilich neuestens von Karl Vogt mit geistreicher Begründung geleugnet wurde, – daß diese jeden Zweck mit der größtmöglichen Sparsamkeit, dem denkbar geringsten Kraftaufwand zu erfüllen sucht. So haben wir nun die logische Kette der Lebenserscheinungen: der eigentliche Schauplatz dieser letzteren, die Form, in der sie sichtbar werden, ist das Individuum, nicht die Gattung. Daß dennoch die Individuen einander ähnlich sind und die Gattung einen Anschein von Bestand hat, das ist die Folge zweier Ursachen: einmal, daß heute unseres Wissens das Leben aus anderem Leben hervorgeht, zweitens, daß das eben erklärte Gesetz der Vererbung waltet. Die Abstammung von einem elterlichen Organismus bedingt Ähnlichkeiten und einen gewissen Zusammenhang der Individuen, das ursprüngliche Lebensgesetz bedingt Sonderung und Selbständigkeit derselben. Thatsächlich giebt es wirklich nicht zwei Individuen, die einander völlig gleich wären, und wahrscheinlich ist sogar jedes Individuum im innersten und geheimsten Chemismus und Mechanismus seiner Grundbestandteile von jedem andern ungleich verschiedener als jede Gattung von jeder andern. Das erklärt auch die Möglichkeit des Egoismus, der undenkbar und unerklärlich wäre, wenn man die Gattung als etwas thatsächlich Vorhandenes und nicht bloß als eine Abstraktion des menschlichen Geistes betrachten müßte. Das Individuum fühlt sich ursprünglich als das einzig Seiende und einzig Wesentliche und erst die höhere Ausbildung seines Denkens legt ihm die Erkenntnis nahe, daß zwischen ihm und den ihm ähnlichen Wesen notwendige Beziehungen bestehen und daß es durch gewisse Rücksichten auf sie sein eigenes Wohlbefinden fördere. Das Gemeingefühl ist also kein ursprünglicher Trieb wie das Sonder- oder Selbstgefühl, sondern eine erworbene Einsicht, der Altruismus ist kein Gegensatz, sondern eine Vertiefung und Ausweitung des Egoismus und der Mensch gelangt zur idealen Einrichtung der Solidarität, wie er zur materiellen Einrichtung der Polizei und des Grundbuchs-Amtes gelangt ist: durch die Erwägung ihrer Nützlichkeit für ihn. Und nun fügt sich diese ganze biologische Betrachtung, die dem Leser bisher vielleicht eine Abschweifung schien, in das Geleise der gegenwärtigen Untersuchung ein. Das Vererbungsgesetz bedingt die Banalität, das ursprüngliche Lebensgesetz die Originalität. Die niedrigsten Verrichtungen, welche zugleich die notwendigsten und darum die häufigsten sind und die gewiß auch der Vater und Ahn ausgeführt hat, verfallen dem Gesetze der Vererbung; die höheren und höchsten Verrichtungen dagegen, die selten nötig werden und die der Vorfahr vielleicht nie oder so wenige Male zu besorgen gehabt hat, daß sie keine genug tiefe Spur in seinem Organismus zurückgelassen haben, um vererbt werden zu können, werden selbständig und eigenartig vollzogen. Mit einer Lage, in der er sich oft befindet und die für viele und alle dieselbe ist, wird der Organismus auf banale Weise fertig; in einer Lage, die sich ihm zum ersten Male darstellt, wird er originell sein, wenn er sich ihr nicht entziehen kann. Der größte Genius wie der bescheidenste Wasserträger ißt mit dem Munde und hört mit den Ohren und der französische Dichter trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt: »Man ahmt jemand nach, wenn man Kohl pflanzt.« Diese Verrichtungen, die allen Menschen gleich sind, werden von allen Menschen gleich vollzogen. Dagegen wird sich sofort ein Unterschied zeigen, wenn man zwei Menschen etwa an die Spitze je einer Gesellschaft gleich derjenigen der »Pilgrimväter« stellt, die in der »Mayflower« nach Amerika segelten, um eine neue Gesellschaft zu gründen, und wenn man ihnen die Aufgabe vorzeichnet, eine unbekannte Welt zu erobern und von Grund auf ein Staatswesen zu erbauen. Ein Organismus, der bloß mit der durchschnittlichen Menge von Lebenskraft geladen ist, gelangt überhaupt nie dazu, die höheren und höchsten Verrichtungen vollziehen zu müssen; er sucht keine Lage auf, die nicht schon seinen Vorfahren geläufig war; wenn er gegen seinen Willen in eine neue Lage gestellt wird, so bemüht er sich zunächst, ihr zu entgehen; gelingt das nicht, so strebt er, sie nach gewohnten Analogien zu behandeln, das heißt, sich in ihr so zu benehmen, wie er es in anderen, häufig vorkommenden, der neuen ungefähr ähnlichen Lagen zu thun gepflegt hat, und kann er durch dieses Auskunftsmittelchen ihren Anforderungen nicht gerecht werden, so läßt er sie eben sich über den Kopf wachsen und unterliegt ihr, es sei denn, daß in ihm Kräfte verborgen leben, die in seinen gewohnten Verhältnissen keine Gelegenheit hatten, sich zu entfalten, durch die Notwendigkeit aber wachgerufen werden; er bleibt also immer innerhalb des Bannkreises der Erblichkeit, er schrickt vor der kleinsten Änderung der Linien seiner Ähnlichkeit mit den Vorfahren und Genossen in der Mittelmäßigkeit zurück und er beschließt sein Leben, wie er es begonnen hat: als ein Abklatsch von Formen, die ihm vorausgegangen sind und neben ihm bestehen. Ein Organismus jedoch, dessen Lebenskraft den Durchschnitt übertrifft, fühlt entweder geradezu den Drang nach neuen Lagen, oder wenn er in sie versetzt ist, so unterwirft er sie sich oder paßt sich ihnen an, ohne sich an gegebene Beispiele zu halten oder von der Gewohnheit der Väter bestimmt zu sein. Ein solcher Organismus wächst über die Schranken der Erblichkeit, die nur bis zu einer gewissen Höhe reichen, triumphierend hinaus und in einer Erhebung, zu der sich schwächere Individualitäten nie emporentwickeln, entfaltet er sich ungebunden zu selbsteigenen, allen anderen unähnlichen Formen. Ich habe also in letzter Linie Eigenart und Durchschnittsart auf die Menge von Lebenskraft zurückgeführt. Hat man davon nur ein solches Maß, das gerade ausreicht, um einen Organismus von bestimmtem Typus auszustatten, so bleibt man in der überkommenen Form und hilft der Gattung die hergebrachte Physiognomie erhalten; hat man dagegen einen Überschuß davon, so überwindet die Lebenskraft die Trägheit, die den Stoff in die ererbte Bildung bannt, sie gestaltet sich in voller Freiheit nach eigenem Drang ihre Erscheinungsform und ihren Entwickelungsplan und man kann so weit gehen, zu sagen, sie werde zum Ursprung einer neuen Unterart in der Gattung. Das Leben ist die erhabenste Funktion des Stoffs; sein Besitz flößt allen Wesen instinktive Achtung ein, ungefähr wie Geldreichtum gemeinen Naturen; weil nun die Eigenart auf größerem Reichtum an Leben beruht, so erkennt man sie als vornehmer an denn die Durchschnittsart, welche das Einbekenntnis kleiner Renten von Lebenskraft ist. Darum verachtet man die Banalität und sucht originell zu sein oder, wenn man das nicht vermag, mindestens zu scheinen. Nicht zum Haufen gehören wollen heißt sich für einen Millionär an Vitalität ausgeben. Die Geringschätzung des Philisters ist eine Form, in der man dem Leben Bewunderung zollt. Man ist viel stolzer darauf, Stammvater als Erbe, Schriftsatz als Abzug zu sein, und weiß sich etwas, als Titelblatt eines Buchs und nicht als eingeheftete, fortlaufend numerierte Seite darin zu figurieren. Da aber auch der zeugungstüchtigste Vater denn doch gleichzeitig ein Sohn ist und jeder Gründer einer neuen Linie Vorfahren bis zur Ascidie oder zum Urplasma hinauf hat, so hängt selbst das eigenartigste Individuum doch wieder mit der Gattung zusammen, auch die mächtigste Lebensfülle unterliegt in ihren niedrigeren Verrichtungen der Banalität, der Widerspruch zwischen der Absonderung vornehmer Naturen und ihrem gelegentlichen Aufgehen in der Menge löst sich und wenn der Philister will, so kann er sich etwas darauf einbilden, daß selbst ein Goethe oder Napoleon mit all ihrer Originalität nicht anders weinen und lachen, schlafen und sich rasieren können als er. Bei den Lebewesen, die geschlechtlich differenziert sind, scheinen im Weibchen die Lebenskraft und deren Gestaltungsdrang geringer zu sein als im Männchen. Warum das ist, das weiß ich nicht zu sagen, aber es ist Thatsache, daß es sich so verhält. Darwin hat auf mehreren hundert Seiten (der »Abstammung des Menschen«) Einzelbeobachtungen angehäuft, aus welchen hervorgeht, daß bei den meisten Tiergattungen das Weibchen den Typus der Gattung bewahrt, während die Männchen, oft sehr bedeutend, von demselben individuell abweichen. Im Weibchen herrscht also das Vererbungs-, im Männchen das Sonderbildungsgesetz vor, das ich als das ursprüngliche Lebensgesetz anspreche. Dieses Verhältnis besteht auch im Menschengeschlecht. Das Weib ist in der Regel typisch, der Mann eigenartig; jenes hat die durchschnittliche, dieser eine besondere Physiognomie. Das läuft allerdings der gemeinen Anschauung zuwider, aber diese Anschauung ist eben eine grundfalsche. Sie ist dadurch entstanden, daß man gewöhnlich seine Vorstellung vom Weibe aus Gedichten und Erzählungen geschöpft hat. Die Dichter sind bei der Schilderung des Weibes nicht von ehrlicher Beobachtung, sondern von unbewußten geschlechtlichen Erregungen bestimmt worden. Im schönwissenschaftlichen Schrifttum ist das Weib keine nüchterne naturgeschichtliche Abbildung, sondern die Idealschöpfung einer brünstig verzückten Mannesphantasie; der Dichter will nicht schildern, sondern den Hof machen; wenn er vom Weibe spricht, so ist er kein unbefangener Betrachter, sondern instinktiv ein Werber um Liebesgunst. Das fälscht die Beobachtung vollständig und man kann sagen, das Weib erscheine in der Dichtung aller Völker und Zeiten nicht wie es wirklich ist, sondern wie es sich einem verliebten Schwärmer darstellt. Das ist die natürliche Folge davon, daß alle Dichtung ursprünglich von Männern gepflegt wurde. Hätten Frauen die Lyrik und Epik erfunden, so wäre das Bild des Weibes in der Litteratur wahrscheinlich ein unparteiisches und darum recht gleichgiltiges geworden. Heute, wo das Romanschreiben, wenigstens in manchen Ländern, fast zu einer ausschließlich weiblichen Handarbeit geworden ist, wiederholt auch die weibliche Verfasserin das herkömmlich gewordene, vom Manne erfundene Idealbild des Weibes, einfach weil sie unfähig ist, sich über das Herkommen emporzuentwickeln und eigenartig zu denken. »Das Weib ist wechselnd wie die Flut und mannigfaltig,« lehrt ein tiefsinnig thuender Weltweiser; »wer kann sich rühmen, das Weib zu kennen!« ruft ein augenverdrehender Lyriker und leckt sich unter angenehmen Vorstellungen die Lippen; »jedes Weib ist ein Geheimnis und ein Rätsel und keine dieser Sphinxe gleicht der andern,« versichert ein Erzähler und spinnt uns zur Erläuterung seines Gedankens ein ellenlanges Garn von Räubergeschichten vor. Das ist aber alles hohle Phrase, über welche gerade vernünftige Frauen am meisten lachen und die nur albernen Gänsen gefällt, weil diese sie als ein persönliches Kompliment auffassen. Das Weib ist ungleich weniger verschieden als der Mann. Wer eins kennt, der kennt sie mit wenigen Ausnahmen alle. Ihr Denken, ihr Fühlen, ja selbst ihre leibliche Erscheinung ist typisch und Gretchen, Julie und Ophelia sehen einander so ähnlich, daß man sie für Schwestern mit etwas verschiedenem Temperament und etwas anderer Erziehung halten möchte. Daraus erklärt es sich, daß Frauen sich so leicht in allen gesellschaftlichen Stellungen zurechtfinden. Ein Stallknecht, der durch die Gunst einer Zarin zum Herzog von Kurland erhoben wird, bleibt sein Lebelang vom Pferdeduft umwittert. Die Tochter eines Tambourmajors, die zur gräflichen Beherrscherin eines Königsherzens wird, unterscheidet sich nach wenigen Monaten, manchmal nach wenigen Wochen, in nichts von einer Dame, die für den Gothaschen Almanach geboren wurde. Es giebt keine weiblichen Emporkömmlinge. Sobald eine Frau sich die Formen eines ihr neuen Ranges angeeignet hat, – und bei ihrem Sinne für das Äußerliche und Kleinliche erlernt sie dieselben mit wunderbarer Leichtigkeit – ist sie auch vollständig in diesen Rang hineingewachsen. Es ist eben zwischen der Prinzessin und Wäscherin ein äußerst geringer Grundunterschied, das Wesentliche an beiden ist die Weiblichkeit, das heißt die unselbständige Wiederholung der Gattungsphysiognomie. Michelet verdichtet die Philosophie des Weibes in ein einziges Wort, dem er die durchbohrende Wirkung eines Stachelverses geben möchte; er sagt: »das Weib ist eine Persönlichkeit.« Das ist einer der grüßten Irrtümer dieses feurigen und schwungvollen, aber oberflächlichen Schriftstellers. Das Gegenteil ist wahr: das Weib ist keine Persönlichkeit, sondern eine Gattung. Gewiß, es giebt auch sogenannte originelle Frauen. Darf ich dir aber einen Rat geben, lieber Leser? Hier hast du ihn: hüte dich vor der originellen Frau. Die Abweichung vom Typus ist bei der Frau in hundert Fällen achtzigmal krankhaft. Die eigenartige Frau unterscheidet sich von der gewöhnlichen wie ein Lungensüchtiger von einem Gesunden. Und in den übrigbleibenden zwanzig Fällen, die ich nicht als Krankheit deuten kann, ist die Sonderbildung eine geistige Vertauschung des Geschlechts. Was hierunter verstanden wird, das dürfte wohl allgemein bekannt sein. Man hat den Leib eines Weibes, jedoch den Charakter, die Anschauungen und Neigungen eines Mannes, oder umgekehrt. Das Volksurteil ist auf der richtigen Fährte, wenn es eine originelle Frau schlechthin ein Mannweib nennt. Dieser Ausdruck schließt die Erklärung der Erscheinung in sich. Sowie das Weib aus der Gleichförmigkeit heraustritt, verliert es das hauptsächlichste seiner psychologischen Geschlechtsmerkmale. Ich kann als Beweis für die Begründetheit dieser Anschauung geltend machen, daß eigenartige Frauen in der Regel nur auf Männer mit verwaschener Physiognomie besonderen Eindruck machen, während männliche Individualitäten von scharf ausgeprägter Eigenart sich mit Vorliebe ans Dutzendweib halten. Das ist ein so häufiges Vorkommnis, daß ich ein Überflüssiges thue, wenn ich an das Beispiel Goethes, Heines, Carlyles, Byrons, Viktor Hugos u. s. w. erinnere. Das macht: der Mann, in dem die Lebenskraft nicht gewaltig genug ist, um zur Schöpfung neuer Formen auszureichen, sucht den Grundtrieb des Organismus, den der eigenartigen Bildung und Entfaltung, unbewußt durch Vereinigung mit einem reicher als er selbst ausgestatteten Weibe zu befriedigen; der von der Natur besser bedachte Mann hat das nicht nötig; er läßt es sich an seiner eigenen Sonderart genug sein. Mit dem typischen Charakter des Weibes hängt die trostlose Banalität seiner Neigungen zusammen. Allerdings, eine ungewöhnliche Manneserscheinung, sei deren Ungewöhnlichkeit nun eine leibliche oder geistige, erregt wie alles Außerordentliche die Phantasie des Weibes und übt auf dasselbe eine mächtige Anziehung. Aber was beweist das? Doch nichts anderes, als daß das Neue auf die Frau, wie ja auch auf alle höheren Tiere, anregend und fesselnd wirkt. Aber ihr Urtrieb zieht sie unwiderstehlich zum Gewöhnlichen hin und der vollkommene Dutzendmensch, der weder durch zu auffallende Dummheit noch durch besondere Klugheit von der Norm abweicht, der sich in seinen Komplimenten an die guten Vorbilder hält, im Gespräch dem Wetter die Ehre giebt, für die in den Volksschulen eingeführten Ideale schwärmt und den behördlich genehmigten schwarzen Mann haßt, die Meinungen und Gesinnungen der wohlhabenderen Musterbürger teilt und dabei in der Form und Farbe seiner Halsbinde mit dem Zeitgeiste Fühlung behält, dieses Meisterwerk eines durch die Schablone malenden Raphaels wird 99 Frauen von 100 den Kopf verdrehen und kein aus freier Hand gezeichnetes Exemplar der höheren Menschenbildung kann neben ihm bestehen. In Jahrhunderten wird einmal ein Weib geboren, das Ehrgeiz hat. Ich bitte, dieses vornehme Gefühl nicht mit der gemeinen Eitelkeit zu verwechseln, die sich gern für jenes ausgiebt. Ränkegewandte Frauen, die herrschen, Komödiantinnen, Zierpuppen, Salonpythien, die glänzen wollen, bilden sich manchmal wohl selbst ein, daß sie ehrgeizig seien; das sind sie aber nicht im geringsten. Ihnen handelt es sich um eine Nahwirkung der Persönlichkeit; sie wollen ihrer niedrigen Selbstsucht die Genugthuung verschaffen, daß man sie allgemein als schön, als reich gekleidet, als geistvoll anerkenne; sie wollen, daß viele Frauen sie beneiden, daß viele Männer zu ihren Füßen liegen, daß man auf der Straße den Kopf nach ihnen umwende und im Theater das Opernglas auf sie richte; es ist ihnen bloß um die äußerlichsten und einfältigsten Begleiterscheinungen örtlicher Bekanntheit zu thun. Ehrgeiz ist etwas ganz anderes; das ist der gewaltige Drang, das eigene Ich in einer Ausgeburt, einer Leistung zu verkörpern, welche ihm weit über die leibliche Dauer des Individuums hinaus Bestand sichert; es ist ein leidenschaftlicher Kampf gegen das allgemeine Gesetz der Vergänglichkeit, der hochgesinnte Wunsch, das eigene Sein, das man als vollberechtigt, als stark und nötig empfindet, in seiner Sonderform zu erhalten und die Natur selbst zu seiner Schonung zu zwingen. Das, was man Ehrgeiz nennt, läuft wieder nur auf das ursprüngliche Lebensgesetz hinaus und ist eine äußerste Kundgebung desselben; dieses drängt nämlich nicht nur zu selbständigen organischen Bildungen, die bloß sich selbst und nichts anderem ähnlich zu sein brauchen, sondern auch zum Versuch der Erhaltung dieser Bildungen, der Sicherung ihrer Dauer, wenn möglich ihrer Erweiterung zu einer neuen Art. Der Ehrgeiz beruht auf einer Fülle von Lebenskraft, wie die Frau sie kaum jemals hat. Sie träumt deshalb wohl Eroberungen, aber nicht die sogenannte Unsterblichkeit. Sie beschäftigt nur die Gesellschaft, die ihr gleich brühwarm sagen kann: »Madame, ich liebe Sie«; für die ungeborenen Geschlechter der fernen Zukunft, deren Huldigungen und Blumenbouquets nicht zu ihr gelangen können, hat ihre Koketterie kein Interesse. Das Verlangen, von der Gattung abzuweichen und eine neue Art zu begründen, deren Urbild sie wäre, hat sie nicht. Aus dem Vorherrschen des Vererbungsgesetzes im weiblichen Organismus erklären sich auch alle übrigen Geistes- und Charakter-Eigentümlichkeiten der Frau. Diese ist fast immer eine Feindin des Fortschrittes und die festeste Stütze der Reaktion in jeder Form und auf jedem Gebiete. Sie hält am Alten und Hergebrachten leidenschaftlich fest und betrachtet das Neue, soweit es nicht etwa eine Mode ist, von der sie sich eine Steigerung ihrer leiblichen Wirkung verspricht, als eine persönliche Beleidigung. Sklavisch wiederholend, was vor ihr gethan wurde, verwandelt sie in ihrer Gedankenwelt Religion in Aberglauben, vernünftige Einrichtungen in äußerliche Formen, Handlungen voll Sinn in leere Zeremonieen und ursprünglich von der Rücksicht auf den Nebenmenschen eingegebene Satzungen des gesellschaftlichen Verkehrs in tyrannische und alberne Etikette. Sie ist, immer mit den seltenen Ausnahmen, die ich zugegeben habe, ein geistiger Automat, der bis zum Stillstand ablaufen muß, wie er aufgezogen wurde, und aus sich heraus den Mechanismus seines Ganges nicht ändern kann. Nun, nachdem ich meine biologische Begründung der Banalität auseinandergesetzt habe, ergiebt sich meine Anschauung von den Grenzen der Eigenartigkeit von selbst. Subjektiv ist deren Berechtigung unbeschränkt; objektiv ist sie umschrieben. Wenn ich allein bin, kann ich originell sein; wenn ich unter die Menge hinaustrete, ist Gewöhnlichkeit meine erste Bürgerpflicht. Gedanken und Thätigkeiten, die ausschließlich ihn selbst betreffen, sind bei jedem der Vormundschaft des Herkommens ledig; Handlungen, welche in den Lebenskreis anderer eingreifen, müssen es sich gefallen lassen, von der Regel der allgemeinen Überlieferung beherrscht zu werden. Wohl bin ich kraft des ursprünglichen Lebensgesetzes ein unabhängiges, selbständiges Individuum, gleichsam eine Art für mich, keinem andern Wesen ganz gleich und mich nach den bloß mir eigenen organischen Formeln entwickelnd; aber kraft des Vererbungsgesetzes hänge ich doch in einer gewissen Ausdehnung meiner Oberfläche mit der Gattung, mit den Wesen zusammen, die infolge gleicher Abstammung mir ähnlich sind, und dieser Teil meiner Oberfläche ist meiner freien Selbstbestimmung entzogen. Darin geht es jedem von uns wie den siamesischen Zwillingen. Denken kann jeder Kopf für sich, nach Belieben heiter oder traurig, nach Vermögen klug oder dumm; gehen oder sitzen aber müssen beide Leiber zusammen. Diese Sätze haben eine weite Nutzanwendung. Sie verteidigen das allgemeine Stimmrecht. Sie machen der Demokratie eine Verbeugung. Sie begründen die Herrschaft der Mehrheit in Staats- und Gemeinde-Angelegenheiten. Mein geistiger Gesichtskreis gehört mir allein; da brauche ich nichts zu dulden, was mich stört oder mir nicht gefällt, und ich werfe die baumwollene Zipfelmütze des Nachbars, deren Troddel sich anspruchsvoll wie eine bewaldete Bergkuppe vor mir aufrichtet, mit der Fußspitze jenseits meines Horizonts; allein die Straße, die Stadt, das Land gehört uns allen zusammen; da bist du mein Bruder, würdiger Philister; da habe ich dir deinen Wunsch aus den Augen zu lesen; da darf ich nichts thun, was dir nicht behagt, und wenn ich will, daß du mir einen Gefallen erweisest, so ist es meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, es dir in einer Sprache zu sagen, die du verstehst, und es mit Gründen zu unterstützen, die dir einleuchten. Einen originellen Politiker, Gesetzgeber, Staatsmann darf es deshalb nicht geben. Je banaler jeder von ihnen ist, um so besser für ihn, um so besser für sein Volk. Wer berufen ist, Einrichtungen zu schaffen, in denen die Menge leben soll, der muß der Menge und nicht den Wenigen das Maß nehmen. Der Regimentsschneider arbeitet nach Durchschnittsnummern und nicht nach den Leibesverhältnissen eines hübsch gewachsenen Füsiliers seiner Bekanntschaft und was dabei herauskommt, wenn der Fuchs den Storch zu Gaste lädt und ihm die Speisen in seinem Familien-Eßgeschirr vorsetzt, das kann in Schillers nachdenksamer Fabel gelesen werden. Das natürliche Spiel der Kräfte verhindert selbstthätig jede Originalität in der Behandlung der Menschheit und Volksgeschäfte. Man braucht weder besonders tiefsinnig zu sein noch besonders scharf zu beobachten, um zu bemerken, daß jede größere Versammlung hoffnungslos mittelmäßig ist. Man setze vierhundert Goethes, Kants, Helmholtz', Shakespeares, Newtons u. s. w. zusammen und lasse sie über konkrete Fragen sprechen und stimmen. Ihre Reden werden sich vielleicht – sicher ist selbst das nicht – von denen eines Kreistags unterscheiden, ihre Beschlüsse nicht. Warum? Weil jeder von ihnen neben seiner persönlichen Sonderart, die ihn zu der ausgezeichneten Individualität macht, die er ist, die ererbten Gattungseigenschaften hat, welche ihm nicht nur mit seinen Nachbarn in der Versammlung, sondern auch mit allen namenlosen Vorübergehenden auf der Straße gemeinsam sind. Man kann das so ausdrücken, daß alle normalen Menschen ein Gemeinsames von gleichem Werte haben, das wir a nennen wollen, und die hervorragenden noch dazu ein Besonderes, das in jedem Individuum verschieden ist und das mir bei jedem anders bezeichnen müssen, also b, c, d u.s.w. Sind nun 400 Menschen beisammen, und wären sie allesamt Genies, so bedeutet das, daß wir 400 a, dagegen nur ein b, ein c, ein d u.s.w. vor uns haben. Da ist es dann nicht anders möglich, als daß die 400 a, über das eine b, c, d u.s.w. glänzend siegen, das heißt, daß das Gemeinmenschliche das Individuelle in die Flucht schlägt, daß sich die Baumwoll-Nachtmütze über den Doktorhut stülpt. Das Verschiedene ist keiner Addition fähig, das lernt man schon in der Volksschule. Darum ist wohl eine Partei von Flachköpfen, nicht aber eine Partei von Genies denkbar. Über den Wohlgeschmack von Sauerkraut ist durch Abstimmung ein Mehrheitsbeschluß zustande zu bringen, über den Wert von Weltanschauungen nicht. Stimmte man über solche ab, so würde mutmaßlich für jede eine Stimme abgegeben werden, die ihres Urhebers. Thatsächlich ist also der Philister Herr im Lande und der bockbeinigste Sonderling hat im Takte mitzutanzen, wenn der allgemeine Hopser aufgespielt wird. Den Inhalt aller öffentlichen Einrichtungen und der ganzen Politik giebt nicht die Geistesarbeit eines John Stuart Mill oder Herbert Spencer, sondern der stereotypierte Gedanke des würdigen Kunz, der sein Kreisblättchen nur mit Nachhilfe des wegweisenden Zeigefingers entziffern kann, und der eigenartigste Genius verliert seine Physiognomie und verschwindet unauffindbar im großen Aufzuge, wenn die Menge am Wahltage zur Urne strömt. Muß der Genius deshalb darauf verzichten, seine neuen, von allem zeither Bekannten abweichenden Gedanken zu verkünden, ihre Verwirklichung anzustreben, den Philister zu ihnen bekehren zu wollen? Keineswegs. Er muß das nicht, ja er kann es nicht einmal. Denn wir haben ja gesehen, daß jede Sonderart den unbezwinglichen Grundtrieb hat, sich der Allgemeinheit aufzudrängen und diese nach sich zu formen. Worauf der Genius aber allerdings verzichten muß, das ist, seine Anschauungen wie Befehle vorzutragen und zu erwarten, daß die Heerschar der Philister darauf wie ein wohlabgerichtetes Regiment einschwenke. Er muß predigen, nicht kommandieren. Das ist ein gewaltiger Unterschied; der Unterschied zwischen dem Missionär und dem Oberst. Ich habe oben gesagt, der Philister sei der Acker des Genius. Das Bild scheint mir so richtig, daß ich darauf zurückkomme. Der eigenartige Denker hat grobe Landwirtschaft zu treiben wie der Kindererzieher feine Gartenkunst. Dieser pfropft auf Wildlinge fertige Reiser über, die auf anderen, veredelten, älteren Bäumen gewachsen sind, jener wirft mit breitem Armschwung Saatkorn aus und hat nach redlichem Düngen und Eggen geduldig zu warten, bis ihm nach Monaten stillen Wachstums die Ernte ersprießt. Das Ganze ist eine Frage der Zeit. Der Dutzendmensch will seine Gedanken erben und nicht selbst verarbeiten. Man hat also nur dem einen Geschlechte das mitzuteilen, wovon man will, daß es das Gemeingut der nächsten Geschlechtsfolge werde. Vorstellungen und Gedankenverbindungen, die schon der Vater und der Großvater im Kopfe gehabt und die sich seit langen Menschenaltern häufig wiederholt haben, sind zu einem Bestandteile des Organismus, sind organisiert worden, sie zu denken ist für das Individuum nicht anstrengender als zu gehen, zu essen, zu schlafen, das heißt als irgend eine andere organisch gewordene Verrichtung zu besorgen. Neue Vorstellungen und Gedankenverbindungen dagegen, die vor dem Individuum zum ersten Mal erscheinen, stören die ganze Arbeit der Denkmaschine, machen zu ihrer Aufnahme neue Einrichtungen nötig, erfordern Aufmerksamkeit und Dazwischenkunft des Willens und Bewußtseins. Es ist wie bei der mechanischen Weberei. Wenn ein altes Muster gewebt wird, auf das die Maschine gerichtet und der Arbeiter eingeübt ist, dann geht alles glatt und wie im Schlafe; der Arbeiter kann gedankenlos vor sich hinträumen, während das Gewebe Meter um Meter wächst. Soll aber ein neues Muster hergestellt werden, so muß man den Webstuhl darauf einrichten, an der Kette herumknüpfen, dem Schiffchen einen andern Gang geben, der Aufseher muß dazutreten und selbst Hand anlegen, der Arbeiter hat sich aus seinem bequemen Dusel aufzurütteln und aufzupassen, kurz die Arbeit macht sich nicht mehr von selbst, sondern will mit Hand und Kopf verrichtet sein. Dutzendmenschen sind auf die organisierte Denkarbeit eingestellt und können keine andere leisten. Sie sind nicht stark und nicht geschickt genug, ihren Webstuhl auf ein neues Muster zu richten. Die überlegene Natur hat nun die Aufgabe, nicht nur neue Muster zu erfinden, sondern auch die Webstühle in der großen Fabrik, welche man Menschheit nennt, von Grund aus so zu verändern, daß sie das neue Muster weben können, wie sie vordem das alte gewebt haben. Die Menge wehrt sich gegen neue Gedanken, nicht weil sie diese nicht denken will, sondern weil sie sie nicht denken kann. Das erfordert eine Anstrengung und alle Anstrengungen sind schmerzlich, Schmerzen aber wehrt man von sich ab. Dem scheint die Beobachtung zu widersprechen, daß die Menge im Gegenteile nach neuem begierig ist und daß alles neue bei ihr Glück macht. Dieser Widerspruch ist aber nur ein scheinbarer, wie eine kurze Untersuchung leicht darthun wird. Zur Empfindung und zum Bewußtsein gelangen nur Veränderungen in unserem Nervensystem. Wenn sich in diesem nichts rührt, so erfährt das fühlende und denkende Ich auch nichts. Der Nachrichtendienst in unserem Organismus ist nicht etwa so eingerichtet, daß im Mittelpunkte des Ichs ein wachsamer Oberaufseher sitzt, der alle kleine Weile in die Vorzimmer und Außenhöfe Boten hinausschickt, um anzufragen, ob nichts neues vorgehe; dieser Oberaufseher bleibt vielmehr unbeweglich an seinem Tisch im innersten Kabinett, wo alle Meldungen von außen zusammenlaufen. Langt keine Mitteilung an, so hält er sich ruhig, schlummert sogar ein und giebt jedenfalls kein Lebenszeichen. Wenn aber von außen die Nachricht kommt: »ans rechte Thor wird geklopft!« oder: »gegen das Fenster im ersten Stockwerk wird ein Stein geworfen!« oder: »der Wachtposten im Vorhof übernimmt eine Lebensmittellieferung!« oder dergleichen, so wird der Oberaufseher wach und giebt augenblicklich wenigstens die Bestätigung zurück, daß die Nachricht angelangt und zur Kenntnis genommen ist, oder er antwortet mit einem Befehl, welcher anordnet, was gegenüber der Veranlassung des gemeldeten Vorganges zu geschehen habe. Wäre es denkbar, daß die Welt einmal in völliger Unbeweglichkeit erstarrte, so blieben unsere Nerven in dem Zustand, in welchem sie sind, nichts würde auf sie einwirken, nichts sie anregen, nichts eine Veränderung in ihnen hervorbringen, die zur Kenntnis des Bewußtseins gelangen könnte. Unsere Augen würden nicht sehen, unsere Ohren nicht hören. Die Vorposten an der äußern Grenze unserer Persönlichkeit wären ausgestellt, aber sie hätten nichts zu beobachten und nichts zu melden. Dann würden wir auch nicht denken und unser Bewußtsein wäre wie in einem traumlosen Schlafe gefangen. Empfinden heißt also wahrnehmen, daß in einem Nervengebiete ein bestehender Zustand in einen andern übergeht. Der fast unmeßbar kurze Zeitabschnitt des Aufhörens eines und des Anfangens eines andern Zustandes ist eigentlich der ganze Inhalt unserer Wahrnehmungswelt. Daraus ergiebt sich, daß der Mensch, um zu denken, um sich seines Ichs bewußt zu werden, angeregt sein muß; die Anregung aber wird nur durch eine Veränderung bewirkt, das heißt durch etwas neues. Und da das Bewußtsein des eigenen Ichs die notwendige Voraussetzung aller angenehmen Empfindungen, ja schon an sich ein Lustgefühl, Vielleicht sogar das mächtigste von allen ist, so wird das Neue, die Veränderung, die durch Erregung der Nerven zur Quelle des Bewußtseins wird, als etwas Angenehmes empfunden und eifrig gewünscht. Damit aber die Veränderung als angenehm empfunden werde, darf sie keine jähe und heftige sein. Das Neue, das die Nerven erregt, darf sich vom Alten, das ihm vorangegangen ist, nur ganz schwach, nur um einen Grad, eine Schattierung unterscheiden. Es muß der Nachbar des Alten sein und als eine Fortsetzung desselben auftreten. Um dies mit einem familiären Bilde zu verdeutlichen: eine neue Frackform wird leicht Mode werden, wenn sie die großen Linien des Fracks, den allgemeinen Charakter dieses luftig leichtfertigen und doch so würdevollen Kleidungsstückes unverändert läßt und nur in unwesentlichen Einzelheiten vom Vorbestehenden abweicht; wenn sie also kürzere oder stärker gerundete Schöße, breitere oder schmälere Brustlappen, diese glatt oder mit Seide ausgeschlagen zeigt; dagegen dürfte es einem starkgeistigen und vorurteillosen Schneider schwer werden, mit einem Festkleide durchzudringen, das mit der bisherigen Mode gründlich bräche und etwa eine römische Toga oder etwas noch Unbekannteres darstellte. Etwas vom Vorbestehenden völlig Verschiedenes erregt unangenehme Empfindungen, die sich bis zum heftigsten Widerwillen und Entsetzen steigern können. Lombroso, der große italienische Psychologe, hat dafür ein glückliches Wort erfunden: er nennt diesen Widerwillen, dieses Entsetzen »Misoneismus«, Feindschaft gegen das Neue, und weist sein Vorkommen beim ungebildeten Menschen, beim Kinde, ja beim Tiere nach. Um bei meinem Gleichnisse vom Webstuhle zu bleiben: es macht weder der Maschine noch dem sie bedienenden Arbeiter etwas, wenn die Fäden eine andere Farbe haben, solange nur das Muster dasselbe bleibt. Eine Veränderung der Farbe des Gewebes bedingt weder eine Umstellung des Webstuhls noch eine größere Aufmerksamkeit des Arbeiters. Nur wenn das Muster geändert werden soll, wird die Mühsal eintreten, die oben geschildert wurde. So erklärt es sich, daß zwar das Neue der Menge gefallen kann, daß sie aber dennoch das wirklich Neue, dasjenige, was von ihren gewohnten Vorstellungen spezifisch verschieden ist, mit wahrer Wut, oft mit verzweifelter Anstrengung ablehnt. Ich bin sehr geneigt, zu glauben, daß die wilden Stämme vor der einbrechenden Zivilisation nur darum verschwinden, weil die ungeheuere Veränderung aller Verhältnisse rings um sie zu viele neue Vorstellungen und individuelle Verrichtungen von ihrem Geiste verlangt. Für sich selbst, ohne jede Hilfe der ererbten Denkvorgänge, soll der einzelne Wilde die neuen Eindrücke aufnehmen, unterbringen, verbinden, sie zu Vorstellungen und Gedanken zusammenfassen und auf sie mit individuellen Entschließungen und Handlungen antworten, die seinem Organismus völlig fremd und auf die sein Gehirn und seine Nerven nicht eingestellt sind. Das ist eine Arbeitsleistung, von der sich der Kulturmensch kaum eine richtige Vorstellung machen kann. Denn selbst der eigenartigste, von seinen Artgenossen verschiedenste Kulturmensch kommt verhältnismäßig nur selten in die Lage, ganz neue Eindrücke aufzunehmen und ganz neue Kombinationen von Anschauungen und Entschließungen zu schaffen. Der Wilde aber soll diese höchste Thätigkeit des menschlichen Organismus plötzlich und unausgesetzt im größten Maße liefern. Kein Wunder, daß sie ihn bald vollkommen erschöpft und daß er unter ihr zusammenbricht. Wenn es eine Gesittung gäbe, die von der unsern so unfaßbar weit verschieden wäre wie die unsrige von der eines Neuguinea-Papua und sie ohne Vorbereitung über uns hereinbräche, so würden die größten Philosophen und Staatsmänner der weißen Menschheit unserer Zeit vor ihr ganz so dahinsiechen und verschwinden wie die Wilden vor unserer Gesittung. Aus diesen Betrachtungen ergiebt sich meine Auffassung vom Verhältnisse des Genius zum' Philister, welche der Carlyles entgegengesetzt ist. Der Seher von Chelsea läßt seinen Heros wie einen Kapitän Cook unter der Schar der Dutzendmenschen erscheinen und von diesen unter Hinweis auf gute Flinten und Kanonen Unterwerfung, Anerkennung seiner Überlegenheit und Bewunderung seiner höhern Kunst und Wissenschaft verlangen. Ich betrachte den Lebensgang des Menschen der Auslese nicht als eine Entdeckungsreise in der Südsee und Landung bei nackten Menschenfressern. Ich kann ihm nicht das Recht zusprechen, vom typischen Haufen, der seine Gedanken fertig geerbt hat, dieselbe eigenartige und von der organisierten Gewohnheit unabhängige Geistesthätigkeit zu verlangen, die ihm, dem nichttypischen Individuum, durch eine größere organische Kraftfülle leicht gemacht ist. Wenn einsame Größe seinem Drang, auf andere zu wirken, nicht genügt, wenn er nicht gleich dem unglücklichen König Ludwig II. von Bayern sein Lebelang als einziger Zuschauer im Theater sitzen und dem Schauspiel zusehen will, das seine Gedanken vor ihm allein aufführen, wenn er den von gewaltiger Lebenskraft untrennbaren Trieb hat, seiner Form die Dauer zu sichern und sie anderen Organismen aufzuprägen, dann muß er seiner Originalität eine Gesellschaftsdame mieten, die Geduld heißt. Er muß der Menge die neuen Gedanken allmählich beibringen wie eine fremde Sprache oder eine kunstvolle Leibesübung: durch Beispiel, systematischen Vortrag und häufige Wiederholung. Mit einem Worte, es handelt sich darum, den Dutzendmenschen ins Joch einer neuen Gewohnheit zu brechen, die er ebenso gedanken- und mühelos, ebenso automatisch, halbschlummernd und wiederkäuend tragen kann wie die alten, und das schließt jähe Einwirkungen aus. Der Leser bemerkt, daß ich hier immer neue und alte Gedanken einander entgegensetze, nicht bessere und schlechtere, höhere und niedrigere, mit einem Worte, daß ich mich scheue, Beiwörter zu gebrauchen, die Lob oder Tadel in sich schließen und Vorliebe für die einen, Abneigung gegen die anderen bezeugen. In dem stillen oder lauten Kampfe der eigenartigen Minderheit gegen die typische Mehrheit handelt es sich eben in der That nur darum, an die Stelle alter, ererbter Auffassungen neue zu setzen; diese neuen brauchen gar nicht besser zu sein, ihr wesentliches Merkmal ist bloß, daß sie neu, daß sie anders sind als die herkömmlichen. Man nennt gewöhnlich die Menge dumm. Das heißt ihr Unrecht thun. An sich betrachtet ist sie gar nicht dumm, sie ist nur nicht so klug wie die allergescheidtesten Individualitäten der Zeit. Sie stellt einfach die geistige Entwickelungsstufe dar, auf der die Besten gestern gestanden haben. Die Besten von heute sind freilich weiter, aber morgen wird die Menge ebensoweit sein und um ein Recht zu haben, sie zurückgeblieben zu nennen und über sie die Nase zu rümpfen, werden die Genies von morgen denen von heute so weit überlegen sein müssen, wie diese dem heutigen Marktpöbel. Eigenart und Mittelmaß haben also keine absolute, sondern nur eine relative Bedeutung. Die Ausnahme strebt, zur Regel, die Originalität, zum Typus zu werden. Die mächtigen Naturen haben den Wert frei erfundener Modelle, die von den Dutzendmenschen getreu nachgemacht werden. Die Hutform, die gestern von einem kühnen Erfindertalent ersonnen wurde und auf dem Korso der Residenz Aufsehen erregte, prangt morgen bei der Dorfkirchweih auf dem Haupte aller Bauerndirnen und zieht nicht einmal mehr die Aufmerksamkeit der bebänderten Knechte auf sich. Woher diese Verschiedenheit der Wirkung? Ist die Form eine andere geworden? Nein. Sie hat nur aufgehört, selten zu sein. Banalität ist abgetragene Originalität, Originalität die erste Vorstellung, die » première «, wie die Franzosen sagen, der Banalität. Wir zucken heute die Achsel, wenn wir einen lyrischen Dichter dabei ertappen, wie er die Augen der Geliebten mit Sternen vergleicht, und bewundern Lenau, wenn er in seiner kühnen Bildlichkeit sagt: »An ihren bunten Liedern klettert die Lerche selig in die Luft.« Und doch ist eigentlich jenes Gleichnis ein ganz schönes, viel schöner als dieses. Indem der Liebende die Augen der Geliebten mit Sternen vergleicht, giebt er zunächst eine völlig anschauliche Umschreibung; er wendet ferner auf die Nachzeichnung des Bildes dieser Augen eine Methode der Vergrößerung an, die der Eigenliebe der Gefeierten schmeicheln muß und von seiner eigenen Exaltiertheit eine gute Vorstellung ermöglicht; er knüpft endlich die Erscheinung der Geliebten an die schönsten Phänomene des Weltalls an und hebt sie gleichsam aus ihrer armen individuellen Endlichkeit heraus, um sie zur Unendlichkeit der Natur selbst zu erweitern. Wie kann daneben das Gleichnis Lenaus bestehen, das uns höchstens die Vorstellung einer Leiter, wenn auch einer buntangestrichenen, nahelegt, auf der eine Lerche wie ein abgerichteter Laubfrosch in seinem Glase emporsteigt, was zwar kurios anzusehen, aber weder besonders schön, noch namentlich erhaben ist! Der Vergleich der Augen mit Sternen hat sicher auf die Zeitgenossen einen tiefen Eindruck gemacht, als ihn ein Dichtergenie der allerdunkelsten Vorzeit zum ersten Male fand. Er ist banal geworden. Warum? Weil er vortrefflich ist. Lenaus packendes Bild wird dieses Schicksal nicht haben. Es ist dazu nicht tiefsinnig genug. Darauf habe ich hinauskommen wollen: die Banalität von heute ist nicht nur die Originalität von gestern schlechtweg, sie ist sogar die Blütenlese dieser Originalität, das beste und wertvollste derselben, das von ihr, was Dauer verdiente, weil es nicht neu allein, sondern neu, wahr und gut war. Hut ab vor der Banalität! Sie ist die Sammlung des Vortrefflichsten, was der Menschengeist bis zur Gegenwart hervorgebracht hat. Das, was man die öffentliche Meinung nennt, also die Anschauung der Menge, kann für die besten Geister einer gegebenen Zeit nicht bestimmend sein. Aber sie verdient insofern selbst die besten Geister zu interessieren, als sie die Frucht der ganzen vorausgegangenen Entwicklung der Menschheit ist. Das wüste Geschrei einer Volksversammlung besteht aus den Stimmen großer Henker, die aus ihrem oft tausendjährigen Grabe heraus durch die bierheisere Kehle eines politischen Flickschusters sprechen, und wer sich die Mühe giebt, den Lärm auf seine einzelnen Elemente zu untersuchen, der wird jedes sinnlos gewordene Schlagwort, jede hohle Phrase auf einen bedeutenden Urheber zurückführen können. Der Gemeinplatz der Philisterrede hat seinen Lebenslauf als überraschende und glänzende Wendung begonnen und jede instinktive Neigung und Abneigung, jedes Vorurteil, jede unbewußte Handlung des Dutzendmenschen war ursprünglich das Ergebnis schwerer und ernster Gedankenarbeit eines Ausnahmemenschen. Die Mehrheit bedeutet in letzter Linie die Vergangenheit, die Minderheit kann die Zukunft bedeuten, wenn ihre Eigenart sich bewährt. Aristoteles, der Vater unseres heutigen Wissens auf den meisten Gebieten der Erkenntnis, könnte heute nirgends ein Abiturientenexamen bestehen, es sei denn im Griechischen, das er aber auch nicht so ergründet haben dürfte wie ein neuzeitlicher Philologe; Harveys Erklärung des Blutumlaufs, seinen Zeitgenossen eine unerhört kühne und ketzerische Auflehnung gegen alle anerkannte Wahrheit, wird jetzt ohne Aufsehen in den Volksschulen gelehrt und der Genius, der sich heute vornehm von der Menge absondert und stolz darauf ist, mit ihr nichts gemein zu haben, anders zu denken und zu fühlen als sie und von ihr nicht verstanden zu werden, dieser Genius würde vielleicht, könnte er in tausend Jahren auf die Erde zurückkehren, erstaunt sein, die kleinen Jungen seine eigensten und verblüffendsten Gedanken mit derselben Geläufigkeit und Selbstverständlichkeit ausdrücken zu hören, mit der sie die Tageszeit wünschen. Was ich unter solchen Umständen nicht begreifen kann, das ist, daß die Konservativen und Reaktionäre, die Verteidiger des Bestehenden und Bekämpfer der Neuerungen, Feinde der Demokratie sind. Wenn sie Verständnis für ihr wirkliches Interesse hätten, so wären sie allesamt Erzdemokraten, würden dem Zaren zur Einführung des allgemeinen Stimmrechts in Rußland raten, das schweizer Referendum an die Stelle des Parlaments setzen und den Beschlüssen von Volksversammlungen ein ungleich größeres Gewicht beimessen als denen eines Ministerrats. Die Menge ist immer konservativ, weil sie nach ererbten Gattungstrieben, nicht nach neuen individuellen Denkvorgängen handelt, sich also auch nur in ererbten Verhältnissen und nicht in neuen zurechtfinden kann. Sie mag einem mächtigen Einzelwillen folgen, der sie aus den Bahnen der Gewohnheit herausreißt, aber aus eigenem Drange freien Umherschweifens wird sie nie ihr von den vorangegangenen Geschlechtern ausgefahrenes Geleise verlassen. Umwälzungen sind immer die That der Minderheit, deren Eigenart sich mit den nicht auf sie berechneten und ihnen nicht angepaßten überlieferten Verhältnissen nicht abfinden kann. Die Mehrheit folgt nur widerstrebend, es sei denn, sie wäre seit mehreren Zeitaltern allmählich darauf abgerichtet worden, die bestehenden Zustände als überlebt und unberechtigt zu empfinden. Die einzigen wirklichen Neuerer, welche die Geschichte kennt, waren die aufgeklärten Despoten, für welche die konservativen Historiker schwärmen. Dagegen fielen die Revolutionen, welche von der Masse ausgingen, unaufhaltsam in den Gemeinplatz zurück. An die Spitze eines reaktionären Geschichtswerks sollte man nicht das Porträt Friedrichs des Großen oder Josefs des Zweiten, sondern das eines 1848er Demokraten mit dem ausdrucksvollen Hute der Epoche setzen und die Reaktionäre, wenn sie einsichtig und ehrlich wären, müßten bekennen, daß die Barrikade eine Stütze des Staats- und Gesellschaftsbaues ist. Wenn ich übrigens das Wort Gemeinplatz im Zusammenhang mit Politik ausspreche, so hat das Wort in meinem Munde den Wert einer Achtungsbezeugung. Die Politik hat den Zweck, der Menge möglichst günstige Daseinsbedingungen zu schaffen, sie muß sich also nach den Bedürfnissen der Menge richten. Diese denkt und fühlt automatisch, das heißt nach ererbten Formeln und organisierten Gewohnheiten, sie verlangt also mit Recht, daß man ihr nicht zumute, neue individuelle Geistesarbeit zu leisten, die fast stets über ihr Vermögen hinausgeht. Wer also Politik sagt, der sagt Mehrheitsherrschaft, Gemeinplatz, Herkommen. Der Übelgelaunte, dem diese Worte zu unparteiisch sind, mag meinethalben Tyrannei der Mittelmäßigkeit und Schlendrian an ihre Stelle setzen. Der mächtigen Individualität von eigenartiger Entwickelung behagt es nicht, sich in die typischen Verhältnisse einzuordnen, die für die typische Menge gerade das Richtige sind. Um so schlimmer für jene. Sie hat darum doch nicht das Recht, die kurzen Beine der Alltagsleute in ihre langen Pantalons zu stecken. Jede Einrichtung, welche der Mehrheit gefällt, ist gut; nicht an sich betrachtet, aber unter den gegebenen Verhältnissen. Das kann gar nicht anders sein. Nehmen wir an, die Menge irre sich, sie fordere einen Unsinn und schaffe die blödsinnigsten Gesetze. Man beeile sich ums Himmelswillen, ihr den Unsinn zu bewilligen und die blödsinnigen Gesetze einzuführen! Die Menge wird alsbald finden, daß sie übler dran ist als früher, klügere und weitersehende Geister werden ihr die Ursache ihrer Leiden zeigen und sie wird schnell genug die nötigen Änderungen fordern. Befindet sie sich aber wider Erwarten im Unsinn wohl und bei den blödsinnigen Gesetzen glücklich, so hat sie vollständig Recht, den Weisen, der sie mit aller Gewalt überzeugen will, daß es von ihr unvernünftig sei, sich glücklich zu fühlen, nach antikem Gebrauch mittels Topfscherben zum Tempel hinaus zu komplimentieren oder in minder eleganter neuzeitlicher Art bei der Polizei als Majestätsbeleidiger oder Wühler anzuzeigen. Wenn eine Menge blitzdumm ist, so muß man sie vorerst blitzdumm sein lassen. Es ist vom Klügern sehr schön und edel, wenn er sich der harten Arbeit unterziehen will, sie allmählich zu größerer Klugheit emporzuzüchten, aber zunächst hat sie Anspruch auf Einrichtungen und Gesetze, die für Hornvieh und nicht für schlaue Rechtsverdreher oder Börsenspekulanten berechnet sind. Der Minderheit von Klugen, denen es auferlegt ist, unter denselben Gesetzen und Einrichtungen zu leben, kann ich nur mein herzliches Beileid ausdrücken. Stellen wir uns doch nur einmal eine Stadt vor, die ganz oder fast ausschließlich von Blinden bewohnt würde. Theoretisch ist das ja denkbar. Ein Sehender würde nun fordern, daß man eine Straßenbeleuchtung einführe. Sein Vorschlag wäre an sich gewiß vortrefflich. Er könnte unschwer die überzeugendsten Gründe für die Notwendigkeit von Gasflammen anführen, mit hinreißendster Beredsamkeit die Pracht einer elektrisch erhellten Nacht schildern. Und dennoch würde die blinde Bevölkerung den Vorschlag einstimmig verwerfen und ich möchte den Vernünftigen sehen, der nicht ihr Recht geben würde und dem Verteidiger des Lichts Unrecht! Abdera braucht eine Stadtverordneten-Versammlung von Abderiten und die Gäste der platonischen Symposien haben da keinen Platz. Wohnen sie dennoch in der Stadt und wollen nicht auswandern, so bleibt es ihnen allerdings unbenommen, einen Skatklub zu gründen und sich untereinander über ihre Mitbürger lustig zu machen. Ich denke, der Philister kann mit dem Platze zufrieden sein, den ich ihm in der Welt eingeräumt habe. Ich erkenne ihn als eine monumentale Erscheinung an, nämlich als ein Denkmal der Vergangenheit, allerdings als ein oft schlecht erhaltenes: mit verstümmelter Nase, stümperhaften Ausbesserungen und der Kalktünche eines Viehs von bürgerlichem Anstreichermeister. Seine Physiognomie ist eine Chromolithographie nach einem Bilde, das hohen Kunstwert hat. Er ist der Erbe des Genius, der ihm beständig seine kostbarsten Güter hinterläßt. Ich sehe im Geiste über seiner Schlafmütze den grünen Turban, der ihn als Abkömmling des Propheten kennzeichnet. In seine innere Welt wird ihn der Genius allerdings nicht eintreten lassen. Die gehört diesem allein. Da gilt keine Mehrheit. Wie er denkt und fühlt, das ist ganz allein seine Sache. Allein so wie er aus seiner innern Welt heraustritt, so wie er es sich nicht genügen läßt, bloß durch sein Beispiel zu wirken und bloß für sich zu handeln, hat er die Sondertracht der Eigenartigkeit auszuziehen und die Uniform der Banalität zu tragen. Da ist er nur noch ein Ehrenphilister unter den Philistern. In England muß ein Prinz oder Lord, der in der Cityverwaltung eine Rolle spielen will, sich in eine Gilde aufnehmen lassen. Er muß dem Namen nach Schneider oder Tuchscherer oder etwas ähnliches werden. Das ist ganz, was ich meine. Rückblick In einer größeren Abendgesellschaft saß ich in einer Ecke und betrachtete mir das Bild, das ich vor Augen hatte. Der Hausherr zwang sein hartes und widerstrebendes Gesicht in das festgefrorne Lächeln oder vielmehr Grinsen einer Tänzerin, dem man allzu deutlich ansieht, daß es für die Gelegenheit vom Maskenverleiher geborgt ist. Die Hausfrau gab ihren rotgeschminkten Lippen eine liebenswürdig süßliche Krümmung und schoß ab und zu mit dreifachem Auszug von giftigem Neide versetzte Blicke auf einige weibliche Gäste, die jünger und hübscher waren als sie selbst. Die jungen Mädchen spielten teils geschickt, teils so ungeschickt, daß man sie hätte auspfeifen und mit faulen Äpfeln bewerfen mögen, die Possenrolle der verblüfften und eingeschüchterten Unschuld vom Lande; das waren in holder Verwirrung offen vergessene Mündchen, in grundloser Verzückung himmelwärts verdrehte Augen, das waren vollkommen blödsinnige »Ah« und »Oh«, Ausbrüche eines idiotischen Gekichers, wie es Austern haben mögen, wenn ein mutwilliger Finger sie kitzelt, geistreiche kleine Antworten, bei denen man hätte beide Arme gen Himmel erheben und in ein Jammergeschrei ausbrechen mögen; bei all diesem lieblichen Gethue und Gehabe die wunderbare Selbstbeherrschung eines unter den Waffen ergrauten Kriegers, dann und wann ein harter, unerbittlicher Seitenblick auf die Nebenbuhlerin, grausame und haßerfüllte Beurteilung ihrer Erscheinung und Toilette, krämerisch peinliche Abschätzung des Werts derselben, wissenschaftlich genaue Beobachtung der Dauer ihrer Unterhaltung mit den verschiedenen Herren und Feststellung der Anzahl ihrer Tänzer und Hofmacher; und zwischen dieser kaltblütigen Arbeit des Kopfrechnens alle kleine Weile im Geiste ein schwärmerischer Kniefall vor sich selbst und die litaneiartig wiederkehrende inbrünstige Selbstanbetungsformel: »Du bist doch die schönste, die klügste, die anmutigste von allen, Amen.« Die jungen und jungseinwollenden Herren waren würdige Partner dieses »reizenden Damenflors«, wie man ja wohl zu sagen pflegt. Sie bewunderten die Weiße und Glätte ihrer Hemdbrustfläche, den Glanz ihrer spitzen Plattfuß-Schuhe, den Schwung ihres Frackschnitts. Sie wußten beinahe das Kunststück des Chamäleons nachzuahmen und blickten mit dem einen Auge verliebt nach einem Mädchen, mit dem andern weit verliebter in den Spiegel. Die Leere ihres Geistes war von einem Bilde erfüllt: dem ihrer eigenen Unwiderstehlichkeit. Wenn einer von ihnen mit einer Dame sprach, so beobachtete er mit höchster Anspannung all seiner seelischen Fähigkeiten die Wirkung, die er auf sie hervorbrachte und die er mit hundert possierlichen Künsten des Leibes, der Stimme, des Blickes, des Wortes aufs äußerste zu verstärken suchte. Während dieser Zeit war auch die Dame mit nichts anderem beschäftigt als damit, einen möglichst tiefen Eindruck auf ihn hervorzubringen, und der Zusammenstoß dieser beiden unmeßbaren Eitelkeiten, dieser doppelten schonungslosen Selbstsucht ließ in der Dame und dem Herrn sichtlich eine angenehme Selbstzufriedenheit zurück, wie der Organismus sie empfindet, wenn er sich einer großen und zweckdienlichen Kraftausgabe bewußt ist. Neben den leidenschaftlich in sich verliebten Narren und Närrinnen, neben den ruchlosen Skalpjägern beiderlei Geschlechts, die in einem Salon wie in einem Urwald bloß Opfer suchen, um Trophäen auf ihren Gürtel reihen zu können, gab es auch andere Gestalten, die den Beobachter unterhalten konnten. Praktische Streber umlagerten Mütter und Tanten reicher Erbinnen. Widerwärtige Flachköpfe bildeten Gruppen um irgend eine dumm und frech aussehende Kokette, von der man sich allerlei unsaubere Geschichten ins Ohr zischelte, und ihre faunischen Augen, ihr satyrhaftes Lächeln verrieten uneingestehbare Vorstellungen, die ihre entarteten Sinne angenehm erregten. Man drängte sich um einen wichtigthuenden jungen Menschen, den einflußreichen Privatsekretär des Ministers, und schämte sich nicht, seine unsagbaren Plattheiten mit kriecherischem Beifallslächeln anzuhören. Ein berühmter Dichter wurde von zwei anspruchsvollen Damen, die ihre Jahresringe zu verheimlichen suchten, in eine Ecke gedrängt und zum Vorwande genommen, alberne Gemeinplätze über poetische Werke von sich zu geben. Ein tiefsinniger Philosoph war so ungeschickt, sich in einen kleinen Kreis zu verirren, der sich um einen aufgeblasenen Maler geschlossen hatte, und so gutmütig, sich da an der Unterhaltung zu beteiligen. Der Maler sprach von nichts als sich, seinen Nebenbuhlern, seinen Bildern und seinen Erfolgen und gab dem Denker eine halbe Stunde lang bloß zu nichtssagenden, ja einfältigen Bemerkungen Gelegenheit, über die er hernach selbst erröten mußte. Ein Schauspieler trug abgeschmackte Theateranekdoten mit einem Gewicht und einer Durchdrungenheit vor, als stände er auf dem Sinai und verkündete Heilsoffenbarungen, und aus den Augen seiner Zuhörerinnen brach ein Feuer der Bewunderung, das dem pontifizierenden Komödianten beinahe Löcher in die Weste brannte. Ein starker Millionär übersah das bunte Treiben und bedachte voll Selbstachtung, um wie viel größer und erhabener er dastehe als diese Dichter und Philosophen, Schauspieler und Maler, Leutchen, denen die Mode, das Vorurteil der Gesellschaft eine gewisse gleichmäßige Beachtung verschaffe, die aber alle miteinander noch nicht ein Hundertstel seiner Unterschrift gelten. So quirlte dieses Gemisch blödsinnigen Dünkels, alberner Ziererei, Beschränktheit und Gesinnungsniedrigkeit, demantharter Selbstsucht und schlichter Dummheit ohne weiteres Beiwort bald im Tanze, bald im Gespräche, von Musik oder dem Geklapper von Tellern und Tassen harmonisch begleitet, geschlagene fünf oder sechs Stunden durcheinander, bis man sich mit langgezogenen Gesichtern und schwarzen Ringen um die Augen zum Aufbruch anschickte. Zu Hause angekommen überdachte ich nach meiner leidigen Gewohnheit die Eindrücke des Abends. Weshalb hatte ich mich durch die ungesunde Nachtwache ermüdet? Weshalb mich der Wohligkeit des Bettes beraubt, um in Hitze und Gedränge die Luft zu atmen, deren Sauerstoff bereits von gemeinen, dummen, schlechten oder gleichgiltigen Leuten verbraucht worden war? Welcher Vorteil an Leib, an Geist, an Gemüt war mir aus dieser Rackerei erwachsen? Welche angenehmen Eindrücke hatte ich empfangen, welches kluge oder sinnige Wort gehört, zu welcher vernünftigen Äußerung selbst Anregung empfangen? Auf die jüngsten Stunden zurückblickend, sah ich nichts; eine Einöde mit einigen dürren Kamelknochen und fernem Schakalgekläff; eine Finsternis mit etwas widerwärtigem Fäulnisgeflimmer; eine schwarze Lücke im Leben. Ich schämte mich der Feigheit, mit der ich die Einladung angenommen hatte, weil es doch nicht angehe, den vornehmen und einflußreichen Hausherrn durch eine Ablehnung vor den Kopf zu stoßen; ich war gedemütigt durch die Erinnerung an die unsittliche Duldung, mit der ich unverschämt dünkelhafte oder einfältig flache Bemerkungen hingenommen, ja höflich belächelt hatte, an die unbegreifliche Schwäche, mit der ich selbst auf das Gefasel der Leute eingegangen, in den Straßenschlamm ihrer Anschauungen getreten war und die mir nachträglich als strafwürdige Mitschuld ohne mildernde Umstände erschien. Ich hatte einen wahren Katzenjammer, der um so empfindlicher war, als ich vorher nicht das Vergnügen der Trunkenheit gehabt hatte. Und wie das zu gehen pflegt, ließ ich meinen Unmut nicht an mir, dem im Grunde allein Schuldigen, sondern an den übrigen aus. Es ist ja so menschlich, für das Ungemach, das man sich selbst zugefügt hat, andere verantwortlich zu machen. Ich suchte also meine verbitterte Stimmung durch die Fällung eines allgemeinen Verdammungsurteils über die Menschheit zu erleichtern. Lauter Hanswürste, oder Waldesel, oder Halunken! Wiederkäuendes Vieh, oder blutsaufende Bestien, oder gemeine Köter von der Art, deren Junge man zu ertränken oder zu verschenken pflegt! Ein Ekel oder ein Grauen! Und ein Schelm oder ein Narr, der sich ohne Halsnot unter dieses Gezücht begiebt und freiwillig mit den Wölfen heult und den Ochsen brüllt, mit dem Aasgeier die Appetitlichkeit des Luders rühmt und der Truthenne um ihres Geistes willen den Hof macht! Während lästerliche Gedanken dieser Art einander in meinem Gehirn jagten, fiel mein Blick zufällig auf mein Mikroskop, das von der Nachmittagsarbeit her auf dem Schreibtisch stehen geblieben war. Dieses Werkzeug wirkte auf mich wie nie zuvor. Der Vergleich mag seltsam dünken, aber es schien sich vor mich hinzustellen wie die nackte Phryne vor die Richter von Athen und zu sagen: »Sieh mich an und verurteile dann, wenn du dazu imstande bist.« Eine Stimme erhob sich in mir, die mich mit Ernst und Nachdruck ungerecht nannte und die Menschheit, die ich eben verdammt hatte, begeistert zu preisen begann. Wie wagte ich es, dieselben Menschen dumm und oberflächlich zu schelten, die das Mikroskop erfinden gekonnt! Welche tiefe, anhaltende und starke Geistesarbeit setzte schon dieses eine Instrument voraus! Es mag sein, daß es der Zufall war, der zuerst lehrte, wie sich ein hohles, wie ein gewölbtes Glas, wie eine Vereinigung beider dem Lichtstrahle gegenüber verhalte. Aber der menschliche Geist hatte diesen Zufall durch seine Arbeit auszubeuten, um alle Früchte aus ihm zu ziehen, die er liefern konnte. Man mußte den Weg verfolgen und genau feststellen, den der Lichtstrahl durch die verschiedenen Gläser zurücklegte, bald auseinanderweichend, bald gleichlaufend, bald zusammentretend. Man mußte die geometrische Theorie dieser Erscheinungen finden. Man mußte Vorrichtungen von wunderbarer Feinheit herstellen, um auf eine Glasplatte Striche einzuritzen, die einen Millimeter in Zehntel teilen. Das alles haben Menschen fertig gebracht. Und wofür haben sie soviel Mühe und Scharfsinn aufgewendet? Um die Grenzsteine der Erkenntnis um eine ganz winzige, fast unermeßbar kleine Strecke weiter hinauszurücken. Denn über die wirklichen Dienste, welche das Mikroskop zu leisten vermag, täuscht sich nur der ganz Unwissende. Was man durch das Mikroskop unterscheidet, das ist nicht nur an Umfang, sondern auch an Wichtigkeit verschwindend gegen das, was man mit freiem Auge sieht. Der Hund ist viel merkwürdiger als das Aufgußtierchen und die Eiche als die Bakterie. Eine Schlagader ist viel wunderbarer als ein Haargefäß, die zusammengesetzte Bewegung eines Arms viel überraschender als die einfache Kriech-Regung eines Protoplasma-Klümpchens oder das Brownsche Flimmern eines winzigen, unorganischen Stoffteilchens und eine Menschenbrust mit allem, was sie enthält, viel erstaunlicher als eine Zelle und das, was in ihr ist. Die Aufschlüsse, die uns ein einziger Blick in die Außenwelt über alle Verhältnisse des Kosmos und unseres Ichs gewährt, lassen sich mit denen gar nicht vergleichen, die uns das anhaltendste Studium mikroskopischer Präparate geben kann. Was wir eigentlich wissen möchten: wie die Körper in ihrem innersten Wesen beschaffen, aus welchen letzten, einfachsten Bestandteilen sie zusammengesetzt sind, wie die chemischen und die Lebenskräfte wirken, davon verrät uns das Mikroskop auch nicht eine Silbe. Die letzte Form, die uns auch das beste dieser Werkzeuge enthüllt, ist die Zelle, in der wir einen Kern unterscheiden. Vielleicht sehen wir auch noch diesen Kern aus einer Hülle, einem wahrscheinlich flüssigen Inhalt und einem Mittelpunkt-Körperchen bestehen. Da hört aber auch das Sehen und Unterscheiden auf. Nach seiner Thätigkeit zu schließen, muß jedoch der Zellkern noch eine überaus komplizierte Maschine sein, deren Bau und Arbeit wir kennen müßten, um hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen. Zwischen dem eben noch wahrnehmbaren Zellkern und dessen letzten Bestandteilen dehnt sich noch ein so ungeheurer Abstand aus, daß das Stückchen Weg zwischen dem mit freiem Auge sichtbaren Gewebe und der Zelle, das wir mit Hilfe des Mikroskops zurücklegen können, dagegen gar nicht in Betracht kommt. Es ist genau, als wollte ich, in Berlin in einer Stube sitzend, nach New-York hinüberschauen und öffnete mir die Thür, so daß ich meinen Gesichtskreis um die ganze Breite des Vorzimmers erweitert hätte. Und um diese winzige Verlängerung des Ausblicks haben sich Menschen so viel Mühe gegeben, haben sie so viel ausdauernde Arbeit, Geist und Geschicklichkeit aufgewandt! Von meinem Mikroskop wanderte mein Blick zur Bücherei, wo er zuerst auf die Werke von W. Thomson und Helmholtz fiel. Ich überdachte, was wir heute von dem wissen, was man so überaus ungenau die Geheimnisse der Natur nennt. Die Natur hat keine Geheimnisse. Sie thut alles mit gutmütiger Offenheit. Ihre Verrichtungen geschehen bei hellem Tage, unter Entwicklung von Licht und Geräusch, in Begleitung von Erscheinungen, welche Aufmerksamkeit erwecken. Unsere Schuld oder vielmehr Schwäche ist es, daß wir nicht verstehen, was um uns und in uns vorgeht. Wie unbekümmerte Eltern in Gegenwart ganz kleiner Kinder über alles Mögliche sprechen, ohne daß der noch zu unentwickelte Geist der kleinen nicht beachteten Zuhörer den Inhalt des Gesprächs aufzufassen und mehr als einzelne Worte ohne Zusammenhang zu behalten vermöchte, so giebt sich die Natur in unserer Gegenwart allen ihren Arbeiten hin und wir sehen mit blöden Kinderaugen zu und begreifen nicht und merken uns nur ab und zu einen Handgriff, eine häufig wiederkehrende Bewegung, ein Wort, ohne zu ahnen, was das alles bedeute und wozu es geschehe. Man sieht, ich überschätze den Umfang unseres Wissens von der Natur nicht. Aber selbst das Wenige, was wir der großen Mutter abgeguckt haben, welche herrlichen Eigenschaften setzt es bei uns Menschen voraus! Man hat Jahrhunderte, Jahrtausende lang aufpassen, Scharfsinn, Gedächtnis, Kombinationsgabe, Einbildungskraft in gewaltiger Menge ausgeben, Geduld und Aufmerksamkeit aufs Äußerste anspannen, man hat die tückischsten Irreführungen vermeiden, die hartnäckigsten Gewohnheiten des Denkens besiegen müssen, um auf unsern heutigen Stand des Wissens von der Natur zu gelangen. Es ist ein Lieblingsbild meiner Phantasie, mir Pythagoras vorzustellen, wie er als berühmter ausländischer Gelehrter unter Führung der betreffenden Professoren das physikalische und chemische Laboratorium einer großen Universität unserer Tage besichtigt. Ich male mir die Vorgänge in seinem Geiste und den Wechsel von Staunen, Andacht und Bewunderung auf seinem Antlitz aus, wenn man ihm die Apparate zeigt und erklärt, welche die Sonnen- und sogar die Nebelhaufen-Strahlen auf die chemische Natur ihrer Quellen analysieren, welche die Anzahl der Wellen eines Tons in einer Sekunde, die Zahl und Weite der Schwingungen eines Lichtstrahls verzeichnen, die Geschwindigkeit des Ganges eines elektrischen Stroms durch einen Kupfer- oder Silberdraht messen, die Wärmemenge erkennen lassen, welche bei der chemischen Verbindung oder Trennung zweier Gase frei oder gebunden wird. Welcher Gesichtskreis würde sich ihm plötzlich aufthun! Welche gottähnliche Erweiterung seines Geistes würde er in sich spüren! Und dieser alte Großgrieche wußte doch schon selbst so viel und hatte schon den Gedanken gehabt, feste, einfache Zahlenverhältnisse hinter den Naturerscheinungen zu suchen. Was gehörte bloß dazu, auf die Vermutung zu kommen, daß die Luft, die wir atmen, aus mehreren Körpern zusammengesetzt sei, daß das einfache, allgegenwärtige, uns darum vertraute und sicherlich jahrtausendelang unauffällige Wasser aus zwei Luftarten bestehe, daß ein Ton in Wirklichkeit eine Wellenbewegung, eine einzige Farbe etliche Tausende oder Millionen Schwingungen sei! Denn in der That: wenn ich meine Gefühle zergliedere, so finde ich, daß das, was mich ergreift, weit weniger diese Thatsachen sind, die wir nun kennen, als der Drang, der uns angetrieben hat, sie zu suchen. Die Menschen, die dem schlichten Wasser Jahre der Forschung und Betrachtung widmeten, die, von der Beobachtung ausgehend, daß Hitze es in einen luftartigen Zustand versetze, sich die Frage vorlegten, ob der Dampf nicht seinerseits aus einfacheren Dämpfen oder Gasen zusammengesetzt sei, diese Menschen waren nicht stumpf und nicht flüchtig. Sie gaben sich mit keinem oberflächlichen Anschein zufrieden. Sie wollten allen Dingen auf den Grund gehen. Oder die Menschen, die sich bei etwas so Alltäglichem, wie es ein Gesichts- oder Gehörseindruck ist, aufhielten und diesen scheinbar einheitlichen und unteilbaren Eindruck als eine Zusammenfassung mehrerer Urbestandteile erkannten, waren sie etwa flüchtige Genießer, die sorglos in den Tag hineinlebten? Nein, diese Menschen waren sittlich. Sie waren tief und groß. Sie suchten keine Befriedigung ihrer gröberen und gröbsten Sinne, sondern Genüsse für den feinsten, den wir besitzen: für den Drang nach Wahrheit und Erkenntnis. Gewiß, es ist auch ein Vergnügen, eine neue Wahrheit zu finden, und wahrscheinlich ein viel mächtigeres, als es irgend eine andere leibliche Genugthuung gewähren kann. Der Schrei »Gefunden!« des Archimedes jubelt heller durch die Menschheitgeschichte als der verzückte Ruf irgend eines Liebenden bei der ersten Umarmung der Geliebten und das sprachlose Entsetzen Newtons, als seine Katze durch Umwerfen der Lampe die Blätter mit seinen wichtigsten Rechnungen verbrannte, ist wahrscheinlich eine ebenso qualvolle Empfindung gewesen wie die Napoleons am Abend von Waterloo. Aber es ist doch ein Vergnügen ganz anderer Art wie das, welches ein gutes Abendessen oder selbst eine sich bis ans Lebensende erstreckende Reihe guter Abendessen, welches das Einherstolzieren in schönen Kleidern, schmeichelhafte Ansprachen von Tischnachbarn, sogenannte Eroberungen und gesellschaftliche Erfolge gewähren können, und es sind doch Menschen, vor denen man die Hände falten möchte, die Menschen, die sich für ihr Leben keinen andern Inhalt verlangen als die Hoffnung, eine Wahrheit zu finden, und deren Glück und Freude eine neue Erkenntnis ist. Neben den Physikern, den Astronomen, den Naturforschern tauchten vor dem langsam weitergleitenden Auge die Philosophen auf. Fechner, Lange, Wundt, Zeller, Lazarus, Spencer, Bain, Mill, Ribot, so las ich der Reihe nach auf dem Rücken von Büchern, die mir teuer sind. Es war ein Macbethsches Gesicht: gewappnete Häupter, Gestalten mit Kronen erschienen vor mir; ein langer Zug von Königen trat aus dem Dunkel hervor und schritt herrlich an mir vorüber, einen Gruß im leisen Neigen des gewaltigen Kopfes, eine Huld im freundlichen Auge. Und anders wie Macbeth bei der Hexe, empfand ich bei diesem Anblick kein Grauen, sondern eine unsagbare Erhebung. Denn diese Könige, diese Eroberer weiter Geistesgebiete, diese siegreichen Heerführer in Kriegen gegen mächtige Irrtümer waren keine Feinde, sondern meine eigenen stolzen Ahnen, mit denen, wenn auch noch so weitläufig, verwandt zu sein, von denen, wenn auch in noch so entfernter Herkunft, abzustammen, ein unvergleichliches Hochgefühl ist. Und diese Abstammung, diese Verwandtschaft kann nicht bestritten werden. Wir alle, die an der Bildung unserer Zeit teilhaben, gehören zur Familie jener Geisterkönige, wenn auch vielleicht nur als jüngere Söhne und ohne Aussicht auf Nachfolge in den höchsten Stellen; wir haben die Stammesähnlichkeit mit den erlauchten Münzköpfen; wir können den Besitz von Familien- Kleinodien nachweisen, von Gedanken und Anschauungen, die wir von jenen Ahnen geerbt haben. Sie haben für uns geschafft wie die Riesen und wir leben, fast ohne uns etwas Besonderes dabei zu denken, in Erkenntnissen, deren Erwerbung weit wunderbarer war als alle Arbeiten des Herkules zusammengenommen. Ich wiederholte, was man vor mir schon so oft gethan hat, daß es schier Gemeinplatz geworden ist: angeregt durch den Anblick von Lubbocks Urgeschichte des Menschen überflog ich im Geiste die ganze Entwicklung unserer Gattung von ihrem ersten Auftreten auf Erden bis zum heutigen Tage. Welch ein Aufstieg! Welch eine Folge von glorreichen und erhabenen Bildern! Die Menschen, die in den dänischen Mooren ihre Küchenabfälle und im Neanderthal, im Cro-Magnon, in Solutre ihre Schädel zurückgelassen haben, standen nicht viel höher als die begabteren Tiere, vielleicht nicht so hoch wie der gebildete Pudel, den Sir John Lubbock lesen zu lehren versuchte; jedenfalls tiefer als Feuerländer, Buschmänner oder irgend ein gegenwärtig lebender Menschentypus. Sie waren gegen Kälte und Nässe schlechter geschützt als der nackte Regenwurm, der sich wenigstens rasch und leicht in die Erde einbohren kann. Sie waren schwächer als die großen Fleischfresser, langsamer als die Huftiere, wehrloser als die gehörnten Pflanzenfresser. Wo sie keine Baumfrüchte fanden, da hockten sie kläglich an Meeresküsten und warteten, bis die Ebbe ihnen allerlei Gewürm auf dem hervortretenden Seegrunde zur Nahrung überließ. Aber in diesen armseligen Geschöpfen lebte etwas, was sie zum Stolze der Erde machte. Die einzigen Wesen in der uns bekannten Reihe der Lebenden, ließen sie sich ihr Schicksal nicht gefallen und nahmen den Kampf gegen die ihnen von der Natur gemachten Daseinsbedingungen aus. Sie waren nackt? Sie erfanden sich Hüllen vom mythischen Feigenblatt bis zur Seiden- und Samtrobe des weltstädtischen Modeschneiders, die von ganz ernsten Leuten als Kunstwerk angesprochen wird. Der Regen ärgerte sie? Sie bauten sich Obdächer vom Baumnest aus geflochtenen Zweigen bis zur Kuppel St. Petri von Michel Angelo und fanden dazwischen noch Zeit zu solchen Scherzen, wie es ein Regenschirm, ein Panamahut und dessen Verspottung, die Cereviskappe, sind. Sie liefen nicht rasch genug? Sie brachen zunächst dem Pferde das Kreuz und gelangten schließlich zum Blitzzug, ihren Geist unterwegs mit der Erfindung der Droschke, des Bicykles und Bummelzugs ausruhend. Sie waren schwächer als die großen Tiere? Krupp und Whitehead sind da, um zu bezeugen, daß sie heute vor ihren Feinden keine besondere Angst mehr zu haben brauchen. Keinen Augenblick lang stillstehend, stetig vorwärtsschreitend, gelangten sie immer weiter, immer höher, vom Geflecht aus geknüpftem Bast bis zum mechanischen Webstuhl und vom Steinkeil bis zum elektrischen Accumulator. Jede Generation hat an diesem Werke mitgearbeitet, jede ohne Ausnahme. Man liest und hört manchmal, daß die Menschen allerlei wichtige Erfindungen vergessen haben sollen; daß den alten Ägyptern, Indern, Juden Künste und Naturkräfte bekannt gewesen seien, die uns entweder völlig verloren gegangen oder die wir nach jahrtausendelanger Verschollenheit von neuem haben entdecken müssen. Das ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Eine solche Annahme ist die Ausgeburt derselben Mystik, die den Menschen auch den weitverbreiteten Traum der »guten alten Zeit«, des in der Vergangenheit liegenden »goldenen Zeitalters« eingeraunt hat. Es ist nicht wahr, daß es Epochen des Rückschritts oder selbst nur des Stillstandes in der Geschichte der Menschheit giebt. Die entgegengesetzte Behauptung beruht auf ungenauer Beobachtung und auf Einseitigkeit. In Jukatan findet man mitten im Urwald die Ruinen großer Tempel, die eine hochentwickelte Baukunst bekunden, während die heutigen Bewohner des Landes in Hütten aus Baumzweigen wohnen. In Mittelasien schweifen Hirtenvölker, deren Obdach ein Filzzelt ist, durch die Trümmer weitläufiger Städte mit Steinpalästen, Abzugskanälen, Bildhauereien und Inschriften. In Ägypten blicken die Pyramiden und Thortürme auf die Lehmnester der Fellahin herab. Das frühe Mittelalter sieht sich wie ein Untergang der alten griechisch-römischen Gesittung an. Das übersehe ich keineswegs. Aber was bemerken wir in jedem einzelnen der angeführten Fälle? Bloß das eine, daß die Menschen es zeitweilig verlernt haben, Luxusbedürfnisse zu haben und sie zu befriedigen. Das Schöne, aber Überflüssige konnte vergessen werden, das Notwendige niemals. Die Menschen konnten die Fertigkeit verlieren, ihre Kleider zu sticken, niemals die, sich zu bekleiden, wenn sie dieselbe einmal erworben hatten. Man konnte aufhören, die Dächer mit Goldplatten zu überziehen, man hörte nie auf, sich ein Obdach zu bereiten. Die wesentlichen Kenntnisse, das heißt diejenigen, die bestimmt sind, die angeborene Hilflosigkeit des Menschen inmitten einer feindlichen Natur wettzumachen, also die ihm die Selbsterhaltung erleichtern, diese Kenntnisse hat er nie verlernt, sondern immer erhalten und erweitert. Es ist vorgekommen, daß barbarische Völker über Staaten, die durch eine hohe Zivilisation erschlafft und vermorscht waren, herfielen und sie zertrümmerten. Da schreit man dann über Rückschritt und Verwilderung. Mit Unrecht. Die siegreichen Barbaren blieben in diesen Fällen niemals stehen. Sie entwickelten sich weiter, aus sich heraus oder von den Unterworfenen lernend. Auch die Besiegten gingen nicht zurück, weil es etwa in ihnen lag, sich nicht weiter auszubilden, sondern weil sie von ihren neuen Herren gewaltsam verhindert wurden, in ihren Gewohnheiten weiter zu leben. Ich werde an die Möglichkeit des menschlichen Rückschritts glauben, wenn man mir in der ganzen Weltgeschichte einen einzigen Fall zeigen wird, in welchem ein Volk, obwohl keinen äußern, unüberwindlichen Zwang erleidend, obwohl in den von früher her gewohnten Verhältnissen verbleibend, rasch oder allmählich von einem einmal erreichten auf einen tiefern Stand der Gesittung hinabgeglitten wäre. Einen solchen Fall suche ich vergebens. Überzeugten Verächtern des Menschengeschlechts flößen stoffliche Fortschritte keine Achtung ein, das weiß ich. Was beweist es, daß wir heute telephonisch und telegraphisch verkehren, sagen sie, oder daß wir nicht mehr mit Pfeilen, sondern mit Repetiergewehren schießen? Erfindungen, und wären sie noch so schön und nützlich, entspringen weder der Güte noch selbst der besonderen Klugheit der Menschen. Ihren Ursprung kann man gewöhnlich auf einen Zufall zurückführen und ihre Vervollkommnung ist fast immer das Werk der niedrigsten Triebe. Der erste Erbauer der Dampfmaschine dachte nicht daran, armen Lastträgern oder Radtreibern die Mühsal des Lebens zu erleichtern, sondern daran, sich zu bereichern und Ruhm zu erwerben. Kein Erfinder hat sich mit dem Bewußtsein begnügt, der Menschheit einen Liebesdienst erwiesen zu haben. Er hat sich eifrig um Patente bemüht, die der geliebten Menschheit eine oft schwere Steuer für den Genuß der neuen Bequemlichkeit auferlegten; er hat wie ein Zahnbrecher geschrieen, wenn er sich von den Zeitgenossen nicht hinreichend geehrt, anerkannt und bar belohnt glaubte. Eisenbahnen und Werkzeugmaschinen sind also in keiner Art Beweise gegen die Erbärmlichkeit der Menschen. Ich halte mich gar nicht dabei auf, die Anschauungen im einzelnen zu widerlegen; ich sage nur: wie groß sind neben den stofflichen doch auch die geistigen und sittlichen Fortschritte! Welche Summe von Edelmut, Überzeugungstreue und Erhabenheit der Gesinnung ist die Geschichte der Menschheit! Freilich, wenn man will, kann man in ihr nichts anderes sehen als eine Folge von wüsten Kriegen, viehischen Zerstörungen, Ränken, Lügen, Ungerechtigkeiten und Gewaltthaten. Aber es ist nicht die Schuld der Menschen, daß die Geschichtschreiber mit Vorliebe die häßliche und verbrecherische Seite der Ereignisse hervorgehoben haben. Diese haben auch eine schöne Seite, man muß sie nur suchen. Im scheußlichsten Gemetzel einer Schlacht treten glorreiche Züge von Selbstlosigkeit, Opfermut und Nächstenliebe zu Tage. Beim Kindermorde von Bethlehem haben wahrscheinlich Mütter Gelegenheit gehabt, alle Schätze eines mit Selbstvergessenheit liebenden Herzens auszubreiten, und ich zweifle nicht daran, daß es in der Bartholomäusnacht an Thaten rührender Treue und bewundernswürdigen Heldentums nicht fehlte. Auf jedem Blatte der Weltgeschichte leuchtet der Name von Blutzeugen, die für das, was sie als wahr erkannt hatten, stritten und litten. Für jede Erkenntnis, für jeden Fortschritt ist Blut geflossen, edles, großmütiges Blut, oft in Strömen. Und die es unerschrocken und ohne Zögern hingaben, welchen Lohn haben sie erwartet? Offenbar keinen stofflichen, denn was nutzen alle Millionen der englischen Bank, wenn die Verbindung zwischen Mund und Magen durch Zerschneidung der Speiseröhre unterbrochen ist. Und selbst keinen geistigen, selbst nicht den Nachruhm, das Fortleben in der Erinnerung der Menschen, denn viele Großthaten sind im Dunkeln geschehen, unbeachtet von geschwätzigen Zeugen, bloß von dem innerm Auge des Helden gesehen, das sich für immer schloß, als das Opfer vollbracht war. Nicht um groben Eigenvorteil haben die Vorkämpfer des Gedankens gerungen, sondern um ein so feines und edles Gut, daß es einen hochadeligen Geist voraussetzt, um es zu schätzen: um das Recht, in einem Luftkreise von Wahrheit zu atmen, die Handlungen mit den Anschauungen in Übereinstimmung zu bringen, die leisen Gedanken der innersten Seele laut auszusprechen, an einer gefundenen Erkenntnis alle Menschen teilnehmen zu lassen. Ich habe aber gar nicht nötig, die tragischen Beispiele von Märtyrern anzuführen. Die Schönheit des Menschentums hat sich ja nicht bloß in den Flammen des Scheiterhaufens und aus der Schaubühne des Blutgerüstes enthüllt, sie waltet bescheidener, doch ebenso sichtbar, zu allen Zeiten, an allen Orten und mitten unter uns. Unser tägliches Leben ist von ihr umflochten und durchdrungen. Unsere Gesittung trägt im Größten wie im Kleinsten ihre Züge. Man vergegenwärtige sich nur, aus welchen Empfindungen heraus sich der Entschluß bildet, ein Hospital zu gründen, wo arme Leute in ihrer Krankheit gepflegt werden! Oder ein Leihhaus, wo der Dürftige zu geringen Zinsen ein Darlehn erhält! Die Menschen, welche diese Einrichtungen erfanden, waren in der Regel reiche Leute, in Überfluß lebend und sterbend, ohne eigene Erfahrung von Not und Verlassenheit. Man dürfte ihnen gar keinen Vorwurf daraus machen, wenn ihren Geist bloß die ihnen bekannten Bilder eines üppigen Daseins füllten, wenn Vorstellungen von Elend, die sie nie gesehen, in demselben keinen Platz fänden. Sie traten aber aus sich selbst heraus. Sie suchten das Fernliegende auf. Sie nahmen sich die Mühe, sich fremde Leiden zu vergegenwärtigen. Als die Reichen bei Tische sitzend, fragten sie sich, wie es Lazarus vor der Thür zu Mute sein müsse, und mit Goldstücken spielend, stellten sie sich vor, wie es wohl wäre, wenn sie den Marktpfennig nicht hätten, um den Kindern Brot zu kaufen. Ist das nicht gut, ist das nicht selbstlos? Da mag übrigens noch der Zusammengehörigkeits-Gedanke eine Rolle gespielt haben. Der Erste, der für Kranke und für Arme sorgte, mag unbewußt von der Vorstellung bestimmt worden sein: »Ich kann auch einmal arm und krank sein und dann wäre das Spittel oder Leihhaus auch für mich eine Wohlthat.« Aber daran hat, wenigstens in Europa, wo an Seelenwanderung nur wenig geglaubt wird, doch wohl schwerlich jemand gedacht, daß er auch einmal ein Köter oder Gaul werden könnte, und dennoch hat man Tierschutz-Vereine und Pflegestätten für herrenlose Hunde gestiftet und den Königsmantel menschlichen Mitgefühls auch über die unvernünftige Kreatur geworfen. Diese Weitherzigkeit, die sogar tierisches Leiden in ihre Fürsorge einschließt, achte ich selbst noch in der Antivivisektions-Bewegung. Die Menschen, von welchen dieselbe herrührt, sind zwar in geistiger Hinsicht hoffnungslose Trottel, die ein so vollständiges Unvermögen des Begreifens und Urteilens bekunden, daß man ihnen unbedingt das Recht nehmen müßte, in Staat und Gemeinde mitzusprechen oder selbst über ihr eigenes Vermögen zu verfügen. In Hinsicht auf das Gefühl ist aber gegen sie nichts einzuwenden. Sie haben ein Herz für Leiden, die sie sehen oder sich vorstellen können. Sie handeln aus uneigennütziger, wenn auch idiotischer Sympathie. So sind wir von erhabenen und rührenden Kundgebungen menschlicher Tugenden ganz umgeben. So spricht alles von großen und edeln Eigenschaften des Menschen zu uns: jede Erfindung von seinem klugen Sinn und seiner Handgeschicklichkeit, jede Wissenschaft von seiner Gabe geduldiger Beobachtung und seinem ernsten Wahrheitsdrange, jede sittengeschichtliche Thatsache von seiner selbstlosen Herzensgüte und liebevollen Rücksicht auf Mitgeschöpfe. Unzählig sind die gewaltigen Geister und tiefen Gemüter, die vor uns gelebt haben und mit uns leben, und der ganze Inhalt unseres Daseins, unsere Gedanken- und Empfindungswelt wie unsere Alltags-Bequemlichkeit, besteht aus den Früchten ihrer Arbeit. Der Anwalt des Teufels verliert seine Rechte nie. Er hemmte hier den hohen Flug meiner Begeisterung für die Menschheit, indem er grinsend die Zwischenbemerkung machte: Ganz richtig, große Geister hat es immer gegeben und wird es vielleicht immer geben; aber sind sie nicht die seltene Ausnahme? Ist darum die regelrechte Mehrheit weniger erbärmlich und gemein? Werden jene nicht immer von dieser verfolgt und angefeindet? Johann Huß, Arnold von Brescia waren je einer; der Pöbel, der um ihren Holzstoß stand und sie mit Erbauung braten sah, zählte nach Tausenden. Galilei war einer; die Kardinale, die ihn unter Androhung der Folter zum Widerrufe zwangen, waren Dutzende. Dir stellt sich der Entwickelungsgang der Menschheit als ein ununterbrochener Vormarsch mit breiter Front und in tiefen Massen dar. Das ist ein Bild. Ich sehe ein anderes; das einer Reihe von Tierbändigern, die einer feigen und blutgierigen Bestie zahme Sitten beibringen möchten; das böse Vieh denkt bloß daran, seinen Bändiger zu zerreißen, und es wird davon nur durch die Peitsche und die Pistole und seine eigene Dummheit und Niederträchtigkeit abgehalten. Es ist wohl überflüssig, hinzuzufügen, daß die Bestie die Menschheit und die Bändiger die großen Geister sind. Diese Rede der innern Stimme erweckte einen Augenblick lang alle die Unlust-Empfindungen wieder, die ich von meiner Abendgesellschaft heimgebracht hatte. Ich war nahe daran, dem Teufelsanwalt Recht zu geben. Aber da stand noch das Mikroskop, da glänzten noch auf dem Rücken der Bücher die erlauchten Namen – nein, er hatte doch nicht Recht. Es ist ein rednerischer Kniff, die Menschheit in eine große Herde und wenige Hirten zu teilen. Es ist falsch, die auserlesenen Geister als die einzige Triebkraft, die Menge als das ewige Hindernis hinzustellen. Diesen Irrtum habe ich auch lange geteilt, ich gestehe es. Ich war der Meinung, man könnte die ganze weiße Menschheit auf den Standpunkt des Mittelalters oder noch tiefer zurückwerfen, wenn man zehntausend klug gewählten Zeitgenossen, den einzigen wirklichen Trägem unserer Kultur, den Kopf abschlüge. Ich glaube das nicht mehr. Die erhabenen Eigenschaften der Menschheit sind nicht das ausschließliche Gut von wenigen, welche Ausnahmen bilden, sondern Grundgaben, die gleichmäßig durch die ganze Masse der Gattung verteilt sind wie die Organe und Gewebe selbst, wie Blut und Hirnmasse und Knochen. Gewiß, einzelne haben mehr davon, aber alle haben etwas. Wie schade, daß der Versuch nicht zu machen ist! Aber theoretisch kann ich mir ihn ausdenken: man nehme eine Anzahl der gleichgiltigsten Dutzendmenschen, ohne besondere Geistesbildung, ohne Fachkenntnisse, Leute, die von nichts ein tieferes Wissen haben, als man es durch flüchtiges Überfliegen von Zeitungsartikeln und Bierhaus-Gespräche erlangen kann; man lasse sie durch Schiffbruch auf eine wüste Insel verschlagen werden und dauernd auf sich allein angewiesen sein; wie wird sich das Schicksal dieser Robinsons gestalten? Anfangs werden sie übler daran sein als die Wilden der Südsee. Sie haben nicht gelernt, sich ihrer natürlichen Gaben zu bedienen. Sie wissen nicht, daß man essen kann, ohne vom Kellner bedient zu werden, daß es außerhalb der Markthallen Nahrungsmittel giebt und daß man, um sich notwendige Kurzwaren zu verschaffen, auch andere Wege einschlägt als den zum Kramladen. Aber das wird nicht lange dauern. Sie werden sich bald zu helfen wissen. Sie werden zuerst in sich selbst Entdeckungen und dann wichtige Erfindungen machen. Es wird sich herausstellen, daß in dem einen ein großes technisches, im andern ein philosophisches, im dritten ein organisatorisches Talent steckte. Sie werden in einem oder zwei Menschenaltern die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit aus sich heraus wiederholen. Alle von ihnen haben Dampfmaschinen gesehen, keiner von ihnen weiß genau, wie eine solche beschaffen ist, und sie werden durch eigenes Nachdenken dennoch bald dahinter kommen und sich eine bauen. Alle von ihnen haben von Pulver reden hören und keiner weiß genau, in welchen Verhältnissen seine Bestandteile gemischt sind; sie werden trotzdem alsbald brauchbares Pulver bereiten. Und so mit allen Geräten, Kenntnissen und Fertigkeiten. Die Leute, die man daheim für das gewöhnlichste Pack ansehen mußte, waren in Wirklichkeit lauter, kleine Newtons, Watts, Helmholtz', Graham Bells. Inmitten unserer Gesittung fehlte ihnen die Gelegenheit, sich zu entwickeln, die Insel hat sie ihnen geboten. Das zivilisierte Leben verlangte nichts von ihnen als Klatsch und Eselei und etwas Bargeld. Um letzteres kauften sie, was sie brauchten und nicht auf Borg bekommen konnten, und Klatsch und Eselei lieferten sie zur Genüge. Die Not forderte von ihnen Ernst, Tiefe, Erfindung und siehe da – sie lieferten auch diese und genug, um in einer europäischen Hauptstadt einen großen Mann auszustatten. Die Volksweisheit hat längst bemerkt, daß man Menschen am besten im Krieg und auf Reisen kennen lernt. Warum? Weil sie da nicht in gewohnten Gleisen hinrollen, weil sie, um mit den Verhältnissen fertig zu werden, allen Witz, den sie im innersten Wesen haben mögen, hervorkehren müssen und weil sie in der Regel unter diesem Zwange thatsächlich Eigenschaften entfalten, die man sonst in ihnen nie geahnt hätte. Ich bin nicht weit davon entfernt zu glauben, daß in jedem gesund entwickelten Menschen die Anlage zu einem großen Kulturförderer ist. Man muß ihn nur zwingen, es auch zu werden. So kann aus jeder Baumkrone eine Wurzel werden, wenn man den Baum umgekehrt in die Erde setzt und auf diese Weise die belaubten Zweige zwingt, Nahrung aus dem Boden zu saugen. Meine Abendgesellschaft stellte sich mir nun in einem ganz andern Lichte dar. Ich sah nicht mehr Närrinnen und Gecken, Selbstlinge und Dummköpfe, Gemeinheit und Eitelkeit, sondern nur noch unerkannte Talente, Brutus, die Blödsinn heucheln, große Menschen, die unsere ganze heutige und künftige Gesittung wieder herstellen würden, wenn sie aus irgend einer Ursache verloren ginge. Eine tiefe Liebe und Bewunderung für die ganze Menschheit zog in mein Herz ein und sie hat thatsächlich so lange gedauert, bis ich – wieder unter Menschen ging. Erfolg Was ist der letzte Zweck der Schule, allen Unterrichts wie aller Erziehung? Offenbar, das Leben durch Vertiefung, Bereicherung und Verschönerung desselben angenehmer zu machen, anders gesagt, das Wohlbefinden des Einzelnen und der Gesamtheit zu erhöhen. Darüber kann es nur eine Meinung geben. Die Pädagogen, welche die Aufgabe der Schule scheinbar anders umschreiben, gehen einfach nicht bis zu deren äußerstem Ziele, sondern bleiben unterwegs stehen. So wenn man sagt, die Schule habe den Charakter zu formen. Was heißt das, wenn man dieser Phrase auf den Grund geht? Man formt doch den Charakter nicht um seiner eigenen Schönheit willen oder um das Auge einiger Kenner zu erfreuen, wie man etwa eine Bronzebüste gießt und ziseliert, sondern im Hinblick auf eine Nutzwirkung! Ein tüchtiger Charakter, das ist Festigkeit in den Vorsätzen, Ausdauer in den Unternehmungen, Unerschütterlichkeit in den Überzeugungen, Treue in den Neigungen und Furchtlosigkeit in den nötigen Feindschaften, wird als eine gute Wehr und Waffe im Kampfe ums Dasein betrachtet; man setzt voraus, daß er den Sieg über Mitstrebende und Gegner erleichtert oder, wenn es einmal den Göttern gefällt, eine schlechte Sache triumphieren zu lassen, und die gute sich die Niederlage mit dem Gedanken an den Beifall Catos versüßen muß, dem Besiegten doch die Genugthuung gewährt, daß er mit sich zufrieden und gerade auf die Eigenschaften, die seine Niederlage herbeigeführt haben, stolz ist. Oder wenn es heißt, die Schule sei berufen, den Geist zu bilden, den Willen zu stärken, den Sinn für das Gute und Schöne zu entwickeln. Wozu das alles? Man bildet den Geist, damit er die Erscheinungen der Natur und Gesellschaft begreife, damit er die Freude habe, das Wesen und den Grund vieler Dinge wenigstens bis zu einem gewissen Punkte zu verstehen, damit er Gefahren vermeiden und Vorteile benützen lerne; man stärkt den Willen, damit er Schädlichkeiten aller Art vom Individuum fern halte; man entwickelt den Sinn für das Schöne und Gute, damit er dem Bewußtsein erfreuliche Eindrücke zuführe. Worauf läuft all das hinaus? Immer nur darauf, dem Individuum das Dasein angenehm zu machen. Erfüllt nun die Schule mit ihren gegenwärtigen Einrichtungen und Arbeitsmethoden diese Aufgabe? Ich leugne es. Fast alle Menschen streben einem einzigen Ziele zu, dem äußern Erfolge in der Welt. Ohne Erfolg kann das Leben für sie keine Annehmlichkeit haben. Wenn man sich anheischig macht, ihnen das Dasein angenehmer zu gestalten, so verstehen sie darunter nichts anderes, als daß man ihnen den Erfolg erleichtern und sichern will. Verwirklicht sich diese Vorstellung nicht, so fühlen sie sich verkauft und betrogen. Das ist der Standpunkt von 999 Menschen unter tausend. Und vielleicht ist in Wirklichkeit die Zahl derjenigen, die vom Leben etwas anderes verlangen als äußere Erfolge, noch kleiner, als ich hier annehme. Die Schule bereitet aber für alles andere eher vor als für den Erfolg, diese einzige Quelle des Glücks und der Zufriedenheit einer überwältigend großen Mehrheit. Die Ideale der Schule sind von denen des Lebens vollkommen verschieden, ja ihnen entgegengesetzt. Der ganze Lehr- und Erziehungsplan scheint mit der Absicht ausgesonnen, Menschen zu bilden, die im Getriebe der Wirklichkeit alsbald zur Welt- und Menschenverachtung gelangen, die sich voll Ekel aus dem Ringen um die staatlichen und gesellschaftlichen Preise in eine friedliche und keusche Selbstbetrachtung und Anschauung von hehren Traumbildern flüchten, die mit einem Worte den anderen, den Gemeinen, den Platz beim Gastmahl des Lebens ohne Kampf überlassen sollen. Das ist der Kern der Sache. Es ist, als wäre die Schule von schlauen Leuten erfunden, die sich und ihresgleichen die besten Bissen sichern und guten, frischen Mägen, deren künftiger Hunger ihnen gefährlich werden könnte, im voraus gründlich den Appetit verderben wollen; es ist, als sähen die Lehrer in den Schülern heranwachsende Nebenbuhler und suchten sie von vornherein unschädlich zu machen, indem sie ihnen die Nägel beschneiden, die Zähne befeilen und vor die scharf lugenden Augen blaue Brillen binden. Die Schule bereitet für den Kampf ums Dasein genau in derselben Weise vor, wie etwa ein Exerzier-Reglement den Soldaten für den Krieg vorbereiten würde, wenn es ihn lehrte, daß seine Waffen dazu da seien, um zu Hause gelassen zu werden; daß er sich hüten müsse, auf das Herschießen des Feindes mit Hinschießen zu antworten; daß er günstige Stellungen, die er dennoch innehaben sollte, dem Gegner zu überlassen habe und daß es überhaupt weit rühmlicher sei, geschlagen zu werden, als zu siegen. Manche Leute werden ein solches Reglement unsinnig finden; der Feind freilich wird damit höchlich zufrieden sein. Der Erfolg, von dem ich hier spreche, kann ebenfalls mit wenigen Worten umschrieben werden. Er bedeutet, daß man bei der Mehrheit Ansehen erlangt. Dieses Ziel kann freilich auf vielen Wegen erreicht werden. Man gewinnt Ansehen bei der Mehrheit, wenn man viel Geld hat oder doch so thut; wenn man seinen Namen gleich einem Edelstein in einer kostbaren Fassung von Titeln präsentieren kann; wenn man seine Brust mit Bändern und Kreuzen koloristisch beleben darf; wenn man Macht und Einfluß besitzt; wenn man der Stadt oder dem Lande die Überzeugung beizubringen vermag, man sei ein großer, oder weiser, oder gelehrter, oder tugendhafter Mann. Die Rückwirkung des Ansehens auf den Angesehenen ist ebenfalls eine mannigfaltige. Sie ist stofflich oder geistig oder beides zugleich, meist mit Vorwiegen des einen oder andern Elements. Die Menge hat die gute Gewohnheit, ihre Schätzung in Form von Barleistungen auszudrücken. Der angesehene Arzt hat viele Patienten und empfängt majestätische Honorare. Der angesehene Schriftsteller setzt seine Bücher in zahlreichen Auflagen ab. Wenn man Erfolg hat, wird man also meist viel Geld verdienen und sich all die Annehmlichkeiten verschaffen können, die in diesem Jammerthale um Mammon zu haben sind. Der eine denkt dabei an Fasanen und Trüffeln, der andere an Sekt und Johannisberger, der dritte an Balletttänzerinnen, irgend ein Sonderling vielleicht sogar an die Unterstützung verschämter Armer. Doch den verschlungenen Pfaden individueller Neigungen nachzugehen haben wir nicht nötig. Die unstofflichen Vorteile des Erfolges sind anderer Art, aber wiewohl man sich nach dem volkstümlichen Ausdrucke für sie nichts kaufen kann, so haben sie für die meisten Menschen dennoch einen hohen Wert. Seltsamer Widerspruch der Menschennatur! Der Gewürzkrämer schätzt diese Vorteile bei anderen so wenig, daß er für sie kein Dütchen gemahlenen Pfeffers, selbst nicht wenn er mit Olivenkernen verfälscht ist, auf Borg giebt; aber er bringt für sie die größten Opfer an Zeit, Geduld, heißem Streben, ja sogar an Geld, an gesegnetem, teurem Gelde. Sie bestehen darin, daß man auf der Straße gegrüßt wird; daß die Zeitungen einen ab und zu nennen, in den höheren Graden sogar in Begleitung schmeichelhafter Beiwörter. Sie nehmen in den verschiedenen Gesellschaftsklassen und Berufen verschiedene Formen an. Eine Ansprache beim Hofball; Ausstellung der Photographie in den Schaufenstern; Pflichtmäßiger Besuch von ausländischen Vergnügungsreisenden; Anpumpung von Seiten vertrauensvoller Unbekannter; ein Ehrenbürger-Diplom; die Hochachtung der Kellner im Stammlokal; Aufforderungen, zu Denkmälern berühmter Seifensieder beizusteuern; schmeichelhafte Einladungen zu Mittag- und Abendessen in seinen Häusern; das sind einige Beispiele der nicht materiellen, aber innig ersehnten Genugthuungen, welche das Kapital Erfolg als Zinsen abwirft. Daß ich die Einladungen zu den unstofflichen Vorteilen des Ansehens zähle, geschieht nicht irrtümlich, sondern mit gutem Bedacht. Denn das Wesentliche an ihnen sind nicht die angebotenen Speisen, sondern die erwiesene Ehre. Die Speisen sind bloß sinnbildlich gemeint und wollen überdies mit Weihnachtsbescherungen zu ihrem weitherzig abgeschätzten vollen Werte bezahlt sein; die Ehre dagegen ist Reingewinn und wird nur von niedriggesinnten Naturen weniger gewürdigt als das Menü. Sehen wir nun, ob die Schule die Jugend für das Ringen um den Erfolg ausrüstet und ihr auch nur die Anfangsgründe der Kunst beibringt, sich die aufgezählten materiellen und ideellen Befriedigungen zu verschaffen. Gegen die Volksschule ist nicht viel einzuwenden, das sei gleich zugegeben. In dem Alter, in welchem die Kinder sie besuchen, kann man mit diesen noch nichts Ernstes anfangen, denn die Fertigkeiten, mit denen man in der Welt seinen Weg macht, setzen eine gewisse Verstandesentwickelung und einige Reife voraus. Die Volksschule bringt den Kindern das Lesen und Schreiben und Rechnen bei und das kann nur nützen, namentlich das letztere. Rechnen zu können ist ein großer Vorteil beim Geben, wenn auch ein kleinerer beim Nehmen, und auch Schreiben und Lesen sind meist förderlich, wenn man sich weise einzuschränken weiß und diese Künste nicht mißbraucht. Die Universität kann man sich ebenfalls teilweise gefallen lassen, denn die Verbindungen und Vereine bieten Gelegenheit, einige wichtige Talente zu entwickeln oder zu erwerben, zum Beispiel das, die Aufmerksamkeit Gleich- und Höhergestellter durch lautes Reden und Vielgeschäftigkeit auf sich zu ziehen, oder herrschende Strömungen zu erraten und sich mit ihnen treiben zu lassen, oder einflußreichen Leuten den Hof zu machen; aufmerksame Beobachtung der Assistenten-, Dozenten- und Professoren-Verhältnisse wird den Begabten ebenfalls zu gewissen Erkenntnissen führen, die von großem Werte fürs Leben werden können. Leider legen jedoch die Hochschulen nicht auf die Burschenschaften das Hauptgewicht und beschränken sich nicht darauf, durch das Beispiel der akademischen Laufbahnen erziehlich zu wirken; sie belästigen die Jugend auch mit Vorlesungen und Übungen, mit Hörsälen und Laboratorien und das scheint mir von sehr fraglichem Nutzen für das Fortkommen der Studenten. Das Gymnasium endlich ist keinen Schuß Pulver wert. Es fördert den ihm anvertrauten künftigen Bürger in keiner Weise. Im Gegenteile, es macht ihn eher noch ungeschickter für das Ringen um den Erfolg. Es bedeutet eine betrübende Verschwendung wertvoller Lebensjahre. Ich frage, was es dem Jungen nützen soll, mit Horaz und Homer genährt zu werden. Wird ihm das später das Verständnis der Butzenscheiben- oder Mistkarren-Poesie erleichtern? Oder welchen Vorteil wird es ihm gewähren, daß er sich für die Iphigenie begeistert hat? Wird es ihn in den Stand setzen, geistreich über Cavalleria rusticana zu plaudern? Man sucht ihm als letzten Auszug der Geschichte den Satz beizubringen: Pro patria mori. Ist dieser klangvolle Satz eine Anleitung zu Ergebenheitsadressen an den Reichskanzler? Kurz der Bursche lernt in seiner bildsamsten Verfassung nichts von dem, was er später brauchen kann, und er wird nichts brauchen können von dem, was er lernt. Es besteht da in unserem Bildungsleben eine bedauerliche Lücke, die wirklich nicht länger unausgefüllt bleiben sollte. Ich träume eine Schule, die ausgesprochen bloß auf den Erfolg vorbereiten und nicht heucheln sollte, ich weiß nicht welchen abgezogenen Idealen zu dienen. Gewiß giebt es auch gegenwärtig Menschen, die ohne derartige Anstalten zum Erfolge gelangen. Aber das beweist nichts gegen die Richtigkeit meines Gedankens. In finsteren Zeiten der Barbarei hat es ja auch in Ländern, die keinerlei Schulen besaßen, vereinzelt und ausnahmsweise Gelehrte gegeben, die ihr Wissen ohne Anleitung und fremde Hilfe, ganz durch eigenen Fleiß erwarben. Aber wie mühsam ist dieses einsame Lernen! Wie viel Zeit verliert man dabei ohne Not und Nutzen! Welchen Irrtümern ist man ausgesetzt! Wie unvollkommen und einseitig ist selbst im günstigsten Falle das Ergebnis! Die Leute, die autodidaktisch sich zum Erfolge durchgearbeitet haben, werden, wenn sie sich am Ziele umwenden und die durchlaufene Bahn übersehen, mit Bedauern erkennen, wie viel Umwege, wie viel steile Kletterpartieen, wie viel aufreibende Sand- und Sumpf-Stellen ihnen ein kundiger Führer oder ein bischen Ortskenntnis erspart hätte. Eins sei gleich von vornherein festgestellt: Mädchenklassen würde meine Schule des Erfolges nicht haben. Das Weib ist in der glücklichen Lage, in dieser Wissenschaft keines Unterrichts zu bedürfen. Es ist von der Natur mit allen Kenntnissen ausgerüstet, deren es bedarf, um zum Erfolge im Leben zu gelangen, und die kleinen Künste, die ihm nicht schon angeboren sein sollten, erlernt es später ganz von selbst. In der heutigen Weltordnung streben weitaus die meisten Frauen bloß eine Form des Erfolges an: sie wollen dem Manne gefallen. Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen sie nur hübsch zu sein oder sich auffällig zu machen. Verkehrte Geister sind auf die unglückselige Schrulle verfallen, für die Mädchen höhere Töchterschulen zu errichten. Da lehrt man die armen Geschöpfe Zeichnen, Klavierpauken, mit lächerlichem Accent fremde Sprachen radebrechen und geschichtliche Daten verwechseln, also gerade das, was sie später für Männer zu einem Gegenstande des Grauens machen wird. Der Plan dieser Schulen kann nur im Gehirn vergrämter alter Jungfern oder rachsüchtiger Ehekrüppel, die von ihrer Frau geprügelt werden, entstanden sein. Er beweist ein vollständiges Verkennen weiblicher Lebensziele. Die Orientalen fassen in ihrer uralten Erbweisheit die Sache ungleich vernünftiger an. Bei ihnen lernt das Mädchen nichts anderes als singen, tanzen, auf der Laute spielen, Märchen erzählen, sich die Nägel mit Henna und die Lidränder mit Khol färben, also die Fertigkeiten, die dasselbe dem Manne wünschenswert machen, die ihm Gelegenheit bieten, seine Reize in günstiger Beleuchtung zu zeigen, die seinen männlichen Lebensgefährten entzücken und dauernd an es fesseln werden. Unsere armen Mädchen des Westens werden von der herrschenden Erziehungsmethode künstlich verhindert, sich ihrem Triebe zu überlassen, der sie sicherer fördert als alle bebrillten und unbebrillten Lehrer in ihren Anstalten. Erst wenn sie die thörichte Mühsal der Schule völlig hinter sich haben, können sie frei ihrem innern Drange folgen und sich zweckentsprechend entwickeln. Dann erwerben sie aus sich selbst heraus die Kunst, sich zu schminken oder doch mit Reispulver herzurichten, herausfordernde Kleider zu tragen, so zu gehen, zu stehen und zu sitzen, daß das Anstößige in der Form ihrer Kleidung ganz besonders hervortritt; dann kommen sie von selbst darauf, ausdrucksvoll mit dem Fächer zu spielen, das Auge werbend wandern zu lassen, kleine Mienen, liebliche Gesten, süße Zuckermäulchen zu machen und der Stimme die reizenden Biegungen kindlicher Unschuld, jugendlicher Schelmerei und pikanter Unwissenheit zu geben. Mit diesen Mitteln sind sie sicher, überall, wo sie erscheinen, eine Herde von Bewunderern um sich zu sammeln, Tänzer, Anschwärmer, einen Mann und das übrige zu finden, kurz alles zu erlangen, was das Leben schön und angenehm macht. Die Frauen werden allerdings die Nase über sie rümpfen, auf die besseren und edleren Männer werden sie gleichfalls eher abstoßend als anziehend wirken; diese werden finden, daß Fett, Farbenflecke, Mehlstaub und Geschmier jeder Art auf einem weiblichen Gesichte nicht mehr an ihrem Platze sind als etwa auf einem Samtkleide, daß Schulterwülste und Sattel-Tournüren das Weib buckelig und schwindsüchtig oder hottentottisch erscheinen lassen und daß Gefallsucht und Ziererei selbst das hübscheste Geschöpf bis zur Unleidlichkeit entstellen; aber was braucht dem Weibe an diesen Urteilen zu liegen? Bei dem eigenen Geschlecht erwartet sie kein Wohlwollen, sie könnte auch mit diesem nichts Vernünftiges anfangen; und was die männlichen Kritiker betrifft, so ist es ihr in hohem Grade gleichgiltig, wenn ein Schulfuchs ihr mißbilligend den Rücken wendet, sofern nur die jungen Herren vom Jockeyklub das Monocle wohlgefällig nach ihr kehren. Sie kann ihr Wesen und Gehaben unmöglich für den Mann von Geschmack einrichten. Dieser ist ein Phönix. Viele Frauen leben und sterben, ohne ihm je begegnet zu sein. Dem Dornröschen geht es nur im Märchen so gut, daß der Ritter kommt und es erlöst. In der Wirklichkeit darf man auf diesen Helden nicht rechnen und wer sich hinter dem Stachelzaun verbirgt, der hat alle Aussicht, dort vergessen zu werden. Das Weib beweist also große Klugheit, wenn es der Menge und nicht dem unfindbaren Phönix zu gefallen sucht. Allein wenn das Weib im allgemeinen der theoretischen Anleitung zum Erfolge entbehren kann, so ist es dem Manne in der Regel nicht so gut geworden. Er muß, um seinen Weg in der Welt zu machen, Personen seines eigenen Geschlechts gefallen und das ist nicht so einfach, wie auf solche des entgegengesetzten Geschlechts einen guten Eindruck zu machen. Freilich, in einzelnen Laufbahnen erfreut sich der Mann derselben Vorteile wie das Weib; er kann mit seiner Persönlichkeit wirken und braucht nur den Frauen zu gefallen; zum Beispiel als jugendlicher Liebhaber, als Tenorist oder Verkäufer in einem Modewarengeschäfts. Männer dieser Klasse bedürfen keiner Schule des Erfolges. Wenn die Natur sie mütterlich behandelt hat, so kommen sie ohne jede Theorie vorwärts wie mit Dampf. Der beste Unterricht kann leider kein anmutig gekräuseltes Schnurrbärten geben und wenn man auch durch kunstvolle Scheitelung der Haartracht einen besonderen Zauber mitzuteilen vermag, so muß doch der Haarkräusler eine ausreichende Lockenfülle vorfinden, um seines Priesteramtes mit Erfolg walten Zu können. Ein Apollo von Belvedere in Fleisch und Blut, oder selbst nur ein unverwundeter Krieger von der Schloßbrücke zu Berlin braucht sich um sein Gedeihen in der Welt keine Sorge zu machen. Als Füsilier wird er bald aus der Küche in die Stube der Herrschaft aufrücken; als Lakai oder Kutscher lebhaft begehrt sein; als Kellner das Glück seines Hotels und sein eigenes machen; als Statist oder Chorist unter den Töchtern und vielleicht selbst ein wenig unter den Müttern des Landes wählen können; er thut zwar, um sich immerhin unangenehme Enttäuschungen zu ersparen, besser, von vornherein nicht nach Marschallstäben und Herzogtümern zu streben, weil zur Zeit auf den respektableren Thronen Europas keine Katharinen sitzen; aber einem mäßigen und soliden Ehrgeiz ist bei unseren Voraussetzungen Befriedigung sicher. Ein solcher Liebling der Frauen würde sich nur beeinträchtigen, wenn er seinen leiblichen Vorzügen auch noch geistige hinzufügen wollte. Es wäre schade, wenn er sich durch vieles Lesen den Glanz seiner Augen verdürbe. Durch Bildung, durch Witz könnte er seine Bewundererinnen einschüchtern und ihnen einen Zwang auferlegen, der es ihnen erschweren würde, sich rückhaltlos an seiner Erscheinung zu erfreuen. Schön sein wie ein griechischer Gott und dumm wie ein Teichkarpfen; damit hat man Mohameds Paradies auf Erden, mit den Huris und allem, was sonst noch zu seiner orthodoxen Vollständigkeit gehört. So ausgestaltete Individuen bedürfen ebensowenig einer Schule wie ein Genie. Das Genie ist jedoch die seltene Ausnahme und die menschlichen Einrichtungen sind auf die Durchschnitts-Erscheinung berechnet. Beethoven wird auch ohne Konservatorium, was er werden soll, aber Kantorssöhne des alltäglichen Schlags müssen zum Ochsen des Kontrapunkts angehalten werden, damit sie später einmal zu einer Kapellmeisterstelle mit Pensionsberechtigung gelangen. Lassen wir also alle Kategorieen von Ausnahmeerscheinungen aus dem Spiele: die Apollos, die hohen Aristokraten mit ernstem Jahreseinkommen, die Söhne der Millionäre; diese haben nicht dem Erfolge nachzulaufen, der Erfolg lauft ihnen nach. Meine Schule des Erfolgs ist bloß für die elende Masse bestimmt, die ohne Titel und Renten geboren wird und trotzdem hohe Steuerklassen und rote Adlerorden träumt. Die Mittelmäßigen nun würden mit viel besseren Aussichten den Kampf ums Dasein beginnen, wenn sie systematisch abgerichtet würden, sich im Gedränge der Wirklichkeit zurechtzufinden. Bestände die Schule des Erfolges, so müßte deren Leiter jedem Vater, der ihm einen Jungen anvertrauen wollte, in aller Offenheit mit dieser kleinen Standrede das Gewissen schärfen: »Lieber Mann, werden Sie sich zunächst darüber klar, was Sie eigentlich wollen. Wenn Ihr Sohn bestimmt ist, sein Leben in einer idealen Welt zu verbringen, in der das Verdienst allein Kränze empfängt, die bescheidene Tugend in ihrem Verstecke aufgesucht und belohnt wird, Dummheit, Eitelkeit, Bosheit unbekannt sind und das Gute und Schöne allgewaltig herrschen, oder wenn Sie glauben, daß Ihr Sohn immer die Selbstachtung über den Beifall der Menge stellen, nur auf sein Gewissen und gar nicht auf die Meinung des Marktpöbels horchen und sich damit begnügen wird, seine Pflicht zu thun und von dem innern Zeugen gelobt zu werden, dann hat er nichts bei mir zu suchen. Dann thun Sie besser daran, ihn in eine beliebige andere Schule zu schicken und nach dem Schlendrian erziehen zu lassen. Dann soll er alte und neue Dichter lesen, sich mit den Wissenschaften amüsieren und bei dem Worte des Lehrers schwören. Wenn Sie aber wollen, daß Ihr Sohn ein Mann werde, den man auf der Straße grüßt, der in Salonwagen reist und in Hotels ersten Ranges absteigt, wenn Sie wollen, daß er Geld und Einfluß habe und dunkle Hungerleider verachten könne, dann lassen sie ihn hier. Daß er einmal im Plutarch stehen wird, verbürge ich nicht; wohl aber, daß Sie ihn einst an einer guten Stelle im Staatshandbuch finden werden.« Die Schule des Erfolges müßte natürlich ganz so wie die Schule des abgezogenen Wissens verschiedene Abteilungen haben, niedere und höhere. So wie nicht jeder Schulpflichtige die Universitätsbildung und eine Professur erstrebt, so will nicht jeder Ehrgeizige Minister oder Milliardär werden. Viele begnügen sich mit bescheideneren Zielen und bedürfen deshalb bloß einer elementaren Unterweisung. Eine Gliederung in Volks-, Mittel- und Hochschule wäre also berechtigt und notwendig. Die Volksschule wäre für diejenigen bestimmt, die sich den gewöhnlicheren Berufen, dem Handwerk, dem Handel u. s. w. widmen. Man müßte ihnen nur einen einzigen Grundsatz beibringen, den die Volksweisheit längst gefunden hat, nämlich den, daß »Ehrlichkeit die schlaueste Politik ist«. Das klingt wenig macchiavellisch, aber daran ist nichts zu ändern: es ist einmal so, daß man sich in den niederen Verrichtungen durch Sorgfalt und Verläßlichkeit am besten empfiehlt. Der Schuster, der Stiefel gut und preiswürdig macht, der Krämer, der unter dem Namen Zucker solchen und nicht Sand verkauft, wird seinen kleinen bescheidenen Weg in der Welt machen und glücklich sein, wenn er nicht höher hinaus will, sondern sich mit dem Wohlwollen seiner Kunden und täglichem Fleisch mit Gemüse begnügt. Dieselbe Volksweisheit meint zwar auch, Klappern gehöre zum Handwerk, allein wenn man alles recht überlegt, so wird man vor dieser Anschauung warnen müssen. Die Verhältnisse liegen im Handmerk zu einfach, als daß Charlatanene sich empfehlen würde. Selbst der Dümmere kommt da zu rasch hinter Lügen, Flausen und Aufschneidereien und wird kopfscheu. In diesen Laufbahnen ist der Erfolg wirklich der Preis der Tüchtigkeit, weil jeder diese zu beurteilen vermag. Ob ein Rock zu eng oder zu weit ist, sieht jeder; wenn die Bettlade nicht hält, so merkt das auch ein stumpferer Geist und eine Beimischung von Cichorie zum Kaffee wird nur in einzelnen Gesellschaftskreisen Sachsens keinen Anstoß erregen. Anders stehen die Dinge bei den höheren Berufen. Wer diese wählt, bedarf einer längeren und sorgfältigeren Vorbereitung für den Erfolg, die ihm in der Mittel- und Hochschule zu teil werden könnte. Da gälte es, dem Schüler einige Ur-Prinzipien einzuprägen, die vollständig von denen abweichen, an welche die gewöhnliche Erziehungsmethode glauben zu machen sucht. Aussprüche des Volksmundes wären sorgfältig zu beachten, denn sie schließen oft einen großen Kern von Wahrheit in sich. Da ist zum Beispiel der kluge, wenn auch ungrammatikalische Vers: »Bescheidenheit ist eine Zier, doch kommt man weiter ohne ihr.« Das ist eine goldene Lehre, die nicht genug beherzigt werden kann. In der That, der Erfolg in der Welt hat kein größeres und gefährlicheres Hindernis als die Bescheidenheit. Habe das größte Verdienst, sei aufs höchste begabt, leiste das Schwerste und Nützlichste, wenn du bescheiden bist, so wirst du nie den Lohn deiner Arbeit sehen. Vielleicht wird man dir einst ein Denkmal aufs Grab setzen; sicher ist auch das nicht; aber bei Lebzeiten wirst du weder Geld noch Ehren haben. Bescheidenheit heißt, bei der Thür bleiben und den anderen die Vorderplätze lassen: zögernd zum Tische treten, wenn die übrigen gesättigt sind; warten, daß man den Bissen angeboten bekommt, statt um ihn zu bitten, ihn zu verlangen, sich um ihn zu balgen. Wer diese thörichte Haltung einnimmt, der kann darauf rechnen, daß man ihn bei der Thür stehen läßt, daß er die Tafel abgeräumt findet, daß ihm niemand den Bissen darbieten wird. »Man vermeide sorgfältig die Geschmacklosigkeit, von sich zu sprechen.« Welcher Unsinn! Das Gegenteil ist richtig: sprich immer, sprich ausschließlich, sprich systematisch von dir. Mache dir gar nichts daraus, wenn das den andern nicht unterhält. Zunächst interessiert es dich. Dann verhinderst du, daß während der Zeit, da du das Wort hast, von einem andern, vielleicht einem Nebenbuhler, gesprochen wird. Endlich bleibt von dem, was du sagst, immer etwas haften, selbst im widerstrebendsten Gedächtnisse. Natürlich wirst du die einfache Weisheit besitzen, von dir nur Gutes zu sagen. Lege dir in dieser Hinsicht keinen Zwang und keine Einschränkung auf. Rühme dich, lobe dich, preise dich, sei beredt, begeistert, unerschöpflich. Gieb dir die herrlichsten Beiwörter, erhebe das, was du thust oder gethan hast, in den siebenten Himmel, beleuchte es liebevoll von allen Seiten, dichte ihm Vorzüge an, erkläre es für die wichtigste Leistung des Jahrhunderts, versichere, daß alle Welt es bewundere, wiederhole nötigenfalls schmeichelhafte Urteile darüber, die du gehört hast oder die du frei erfinden kannst. Du sollst sehen, wie weit du mit diesem System kommst. Die Weisen werden dich auslachen oder über dich empört sein. Was liegt dir daran? Die Weisen sind eine verschwindende Minderheit und die Lebenspreise werden nicht von ihnen verteilt. Deine Nebenbuhler werden dich ebenfalls tadeln. Um so besser! Du wirst ihnen zuvorkommen, ihre Äußerungen für Neid erklären und diesen letztern als neuen Beweis deiner Größe anführen. Die ungeheure Mehrheit aber, gerade die Menge, welche den Erfolg macht, wird dir glauben, dein Urteil über dich wiederholen und dir den Platz einräumen, den du dir angemaßt hast. Diese Wirkung ist dir durch die Feigheit und Geistesträgheit der Menge gesichert. Ihre Feigheit macht, daß sie sich nicht getraut, dir zu widersprechen, dich, wie man zu sagen pflegt, auf deinen Platz zurückzustellen. Man wird dich hinnehmen, wie du bist, man wird deine Unbescheidenheit als eine Eigentümlichkeit gelten lassen, sie vielleicht im Vorübergehen bemerken und sich dann weiter keine Gedanken über sie machen. Wenn man dich irgendwo einladen wird, so wird die Hausfrau sagen: »Dieser Mensch erhebt außerordentliche Ansprüche. Man kann sich nicht genug mit ihm beschäftigen, ihm nicht genug Ehren erweisen. Was soll man thun? Ich muß ihn zu meiner Rechten sitzen lassen, sonst ist er imstande und geht beleidigt davon.« Ist gerade ein bescheidenes Verdienst da, dem dieser Platz wirklich gebühren würde, so sagt man ihm ganz ruhig: »Nicht wahr, Sie haben nichts dagegen, daß ich ihn bevorzuge? Sie sind ja über solche Kleinlichkeiten erhaben –« und du hast endgiltig den ersten Platz erobert, du hast die Leute daran gewöhnt, ihn dir einzuräumen, und nach einiger Zeit wird niemand auch nur auf den Gedanken kommen, daß es anders sein könnte. Die Geistesträgheit der Menge ist die zweite Gewähr der Nützlichkeit deiner Selbstüberhebung. Die wenigsten Menschen sind imstande oder doch gewohnt, aus dem Rohstoff der Thatsachen ein Urteil zu destillieren, das heißt Eindrücke aufzunehmen, die Erfahrungen genau zu beobachten, sie zu vergleichen, zu deuten, geistig zu verarbeiten und zu einer festgegründeten eigenen Anschauung über sie zu gelangen; alle dagegen können ein vor ihnen ausgesprochenes Wort nachsagen. Deshalb werden fertige Urteile anderer von der Menge mit Freude und Überzeugung angenommen. Es verschlägt nichts, wenn diese Urteile vollkommen falsch sind, wenn sie zu den Thatsachen im schreiendsten Widerspruche stehen. Um diesen zu bemerken, müßte ja die Menge die Thatsachen selbst prüfen und logisch verwerten können und dazu ist sie eben nicht fähig. Davon habe ich vor kurzem ein merkwürdiges Beispiel erlebt. Ich mußte einem kleinen Kinde Met verschreiben, wovon ihm ein Kaffeelöffelchen von Zeit zu Zeit eingegeben werden sollte. Eine halbe Stunde nach meinem Besuche bei dem kleinen Patienten fiel dessen Mutter wie eine Bombe in mein Zimmer und schrie schon bei der Thür atemlos: »Ach, Herr Doktor, das Kind stirbt! Kaum hatte es einige Tropfen der höllischen Medizin über die Lippen gebracht, als es ganz schwarz wurde, fürchterlich zu husten anfing und ersticken wollte. Ach, was haben Sie dem unglücklichen Kinde da für eine Arznei gegeben!« Mir war sofort klar, daß sich das Kind verschluckt hatte, doch erwiderte ich mit düsterer Miene: »Ja, das nimmt mich nicht Wunder. Wenn man ein so heroisches Mittel wie Met anwendet, dann kommen solche Wirkungen vor.« Die Frau rang die Hände und fing wieder an: »Wie kann man aber auch ein so heroisches Mittel ...« »Wissen Sie, woraus Met besteht?« unterbrach ich sie. »Nein.« »Es ist ein Gemisch von Honig und Wasser.« Ihr Antlitz drückte ein solches Grauen aus, als hätte ich gesagt: »Von Schwefelsäure und Rattengift.« »Sie begreifen,« fuhr ich fort, »wenn man so gewaltthätige Stoffe eingiebt wie Wasser und Honig ...« »Das ist wahr,« seufzte sie und aus ihrer Miene sprachen Schmerz und bittere Vorwürfe. So wie diese Frau, so nimmt die Menge alles, was man ihr sagt, buchstäblich und wiederholt es gläubig, ohne Wahrheit von Lüge, ohne Ernst von Hohn zu unterscheiden. Dem verdanken ganze Völker ihren Leumund und Rang in der Welt. Sie haben in Wirklichkeit alle schlechten und niedrigen Eigenschaften, aber sie versichern, daß sie die herrlichsten und edelsten besitzen. Sie sind neidisch und nennen sich großmütig, sie sind eigennützig und nennen sich selbstlos, sie hassen und verachten alle fremden Völker und rühmen sich ihrer allgemeinen, brüderlichen Menschenliebe; sie sträuben sich gegen jeden Fortschritt und behaupten, sie seien die Brutstätte aller neuen Gedanken; sie sind auf allen Gebieten zurückgeblieben und wiederholen beständig, daß sie überall an der Spitze stehen; mit den Händen knechten und unterdrücken sie schwächere Völker, berauben sie ihrer Freiheiten, brechen ihnen die Vertragstreue, mit dem Munde verkünden sie gleichzeitig die schönsten Grundsätze der Gerechtigkeit. Und die Welt nimmt sich nicht die Mühe, die Thatsachen zu sehen, sondern hört nur die Worte und wiederholt sie gläubig. Sie merkt nicht, daß die Hände den Lippen widersprechen, und ist überzeugt, daß jene Völker wirklich all das sind, wofür sie sich selbst ausgeben. Also keine Bescheidenheit, mein Junge, wenn du in der Welt Figur machen willst. Demütige dich selbst und die anderen werden dich demütigen. Lasse einem andern den Vortritt und die Zuschauer werden überzeugt sein, daß er ihm gebührt. Nenne dich unwürdig, deine Leistung unbedeutend, deine Verdienste überschätzt, und die Hörer werden nichts Eiligeres zu thun haben, als deine Selbstbeurteilung ohne Quellenangabe zu verbreiten. Wohlverstanden: ich sage nicht, daß die Bescheidenheit unter allen Umständen zu verwerfen ist. Es kommt ein Augenblick, wo man sie ohne Schaden, ja sogar mit Vorteil aufhissen kann. Das ist, wenn man vollständig ans Ziel gelangt ist. Bist du erst in einer anerkannten, zweifellosen ersten Stellung, ist dein Rang so sicher definiert, daß niemand über den dir gebührenden Platz in Zweifel sein kann, dann magst du den Bescheidenen spielen. Bleibe dann immerhin bei der Thür, man wird dich schon im Triumph auf die Bühne schleppen; lehne nur getrost Komplimente ab, man wird sie schon mit Schwung und Heftigkeit erneuern; sprich nur unbesorgt von deiner Wenigkeit, dein Ordensstern, dein gestickter Frack werden dir schon deutlich genug widersprechen. Du wirst dich nicht beeinträchtigen und noch den Vorteil haben, daß man von deiner Tugend gerührt und entzückt sein wird. Du hast nun gelernt, daß scheinen viel wichtiger ist als sein. Trinke so viel Wein, wie du willst, aber predige Wasser. Das ist selbst dann erbaulich, wenn deine Nase wie ein unheimliches Irrlicht flammt und die Beine dich nicht tragen können. Sollten auch, während du Pindars Hymne zum Preise des Wassers deklamierst, deine Lippen vor eitel Tatterich zittern, besorge dennoch nichts. Deine Gemeinde wird das für Rührung halten und doppelte Ehrfurcht vor dir empfinden. Ein anderer grundlegender Lehrsatz ist: hüte dich, wohlwollend zu sein. Damit kommst du zu nichts. Deine Nebenbuhler werden dich verachten, deine Feinde dich verspotten, deine Gönner dich langweilig finden. Niemand wird auf dich Rücksicht nehmen, denn man wird sagen: »Ach, der N., der ist so gutmütig, wenn man ihm auf die Zehen tritt, so bittet er verbindlich lächelnd um Entschuldigung.« Kurzsichtige, thörichte Ratgeber sagen dir vielleicht, es sei eine schlaue Politik, von aller Welt gut zu sprechen, da man dadurch die möglichen Gegner entwaffne. Bilde dir das ja nicht ein. Das Gegenteil ist wahr. Da man von dir kein Zurückschießen zu fürchten hat, so wird man um so lustiger auf dich hinschießen. Du mußt boshaft sein wie eine Hexe und eine giftige Zunge haben wie eine Schlange. Dein Wort muß Schwefelsäure sein und ein garstiges Loch lassen, wo es hinfällt. Ein Name, der durch deinen Mund gegangen ist, muß aussehen, als hätte man ihn eine Woche lang in einem Vitriolkrug aufbewahrt. Mache dich gefürchtet und bekümmere dich nicht darum, daß du dich gleichzeitig verhaßt machst. Die Feigen, die, wie dir schon auseinandergesetzt wurde, die große Mehrheit bilden, werden dich behandeln wie wilde Völkerschaften einen übelthuenden Götzen: sie werden dir schmeicheln und opfern, um dich bei guter Laune zu erhalten; die anderen werden dir zwar vielleicht mit gleicher Münze bezahlen, aber bedenke, welchen Vorteil du hast, wenn du auf feindselige Äußerungen eines Angeschwärzten achselzuckend erwidern kannst: »Der arme Mann sucht sich zu rächen. Sie wissen ja, was ich immer von ihm gedacht und gesagt habe!« Jedem abfälligen Urteile über dich ist in den Augen der Menge das Gewicht genommen, wenn du so klug gewesen bist, über den Urteiler zuvor immer und überall Böses zu reden, denn du kannst jenes dann als einen Vergeltungsversuch hinstellen. Ein weitverbreitetes Vorurteil, das offenbar von unpraktischen Idealisten herrührt, will, daß man sich besonders um die gute Meinung und Achtung von seinesgleichen zu bemühen habe. Hüte dich, an die Richtigkeit dieses Satzes zu glauben. Deine Mitstreber sind deine Nebenbuhler. Ihre große Mehrheit will gleich dir den Erfolg und nichts als den Erfolg und ihr Platz wird um die ganze Breite des deinigen geschmälert. Erwarte von ihnen weder Gerechtigkeit noch Wohlwollen. Deine Fehler werden sie übertreiben und herumtragen, deine Vorzüge klüglich verschweigen. Du hast dich bloß um zwei Gattungen von Menschen zu kümmern, um die große Menge, die unter dir steht, und um die wenigen einflußreichen Personen, in deren Hand die Ehren, die Stellen, mit einem Worte deine Beförderung ruhen. Du mußt dich den Gesetzen einer doppelten Optik anpassen und dich so zu halten lernen, daß du von unten gesehen sehr groß, von oben gesehen sehr klein erscheinst. Das ist nicht ganz leicht, aber mit Übung und einiger natürlicher Anlage erlangt man diese Fertigkeit. Die Menge muß glauben, daß du ein Genius von außerordentlicher Ausdehnung bist, die Vorgesetzten oder Hohenpriester deines Berufes dagegen müssen dich für eine fleißige, willige Mittelmäßigkeit halten, die bei den Worten der Lehrer schwört, deren Ruhm eifrig verbreitet und eher sterben als diesen durch Kritik oder eigene Leistungen zu verdunkeln streben würde. Verstehst du es, dich von den Leuten unter und über dir stets im richtigen Focus sehen zu lassen, dann mache dir aus der Meinung von deinesgleichen weniger als aus einem Pappenstiel. Du kommst vorwärts und das ist dir doch die Hauptsache. Hast du die Mitstrebenden erst hinter dir zurückgelassen, bist du erst in der Lage, ihnen zu nützen oder zu schaden, dann sollst du deine Freude an der Raschheit und Vollkommenheit erleben, mit der sich üble Nachrede in begeistertes Lob, kühle Zurückhaltung in brennende Freundschaft, Geringschätzung in ehrfurchtsvolle Bewunderung verwandelt. Über den philosophischen Grundsätzen, nach denen du dein Benehmen in der Welt einzurichten hast, darfst du selbstverständlich die Äußerlichkeiten nicht vernachlässigen. Nur der sehr Reiche, dessen Millionen von niemand angezweifelt werden können, hat das Recht, wirtschaftlich bescheiden zu sein, aber ein solcher hat ja ohnehin in meiner Schule des Erfolges nichts zu suchen. Je ärmer du bist, um so nötiger hast du es, stattlich aufzutreten. Kleide dich reich, wohne vornehm, lebe, wie wenn du in Golkonda ein Majorat hättest. Aber das kostet Geld? Ganz richtig, viel sogar. Wenn man aber eben keines hat? Dann macht man Schulden. Schulden?! Allerdings, mein Junge, Schulden. Es giebt wenige Leitern, die einen so raschen und sichern Aufstieg zu den höchsten Zielen gestatten wie gerade Schulden. Es ist empörend, daran zu denken, wie sehr sie von Pedanten verleumdet und in Mißachtung gebracht worden sind. Man hat ihnen das schwerste Unrecht gethan. Dem genialen Heine wird viel Übermut und Ausgelassenheit verziehen werden, aber niemals sein Vers: »Mensch, bezahle deine Schulden!« Welcher Leichtsinn, welche Unsittlichkeit! Wenn du diesem Rate folgst, so bist du verloren. Bedenke doch nur eins: Wer soll sich um dich kümmern, wenn du in kleinlicher, engherziger Redlichkeit deinen Weg bezahlst? Niemand wird den Kopf nach dir umwenden. Gehe in einem fadenscheinigen Fähnlein daher, wohne in einer Dachkammer, iß trockenes Brot und mache keine Schulden; du sollst sehen, was dabei herauskommt; die Hunde werden dich anbellen, die Schutzleute dich mißtrauisch mustern, die anständigen Leute ihre Thür vor dir doppelt verriegeln. Und der Krämer, dessen Kunde du bist, wird in dem Augenblicke aufhören, auch nur das geringste Interesse an dir zu nehmen, in dem du ihm den Preis seiner Ware beglichen hast. Falle vor seiner Ladenthür zusammen und er wird nur den einen Gedanken haben, die Störung vor seiner Schwelle fortzuschaffen. Nimm dagegen alles auf Borg, pumpe, wo du kannst, und deine Stellung ändert sich wie mit einem Zauberschlage. Zunächst sind dir alle Genüsse zugänglich, die sich der arme Schlucker versagen muß. Dann wird deine Erscheinung überall das günstigste Vorurteil über dich erwecken. Endlich wirst du eine ganze Leibwache oder Gefolgschaft von eifrigen, ja fanatischen Mitarbeitern an deinem Erfolge haben. Denn jeder Gläubiger ist ein Freund, ein Gönner, ein Förderer. Er läßt nichts auf dich kommen. Er geht durchs Feuer für dich. Kein Vater wird sich für dich Mühe geben wie ein Gläubiger. Je mehr du ihm schuldig bist, ein um so größeres Interesse hat er, dich gedeihen zu sehen. Er wacht über dich, daß dir kein Haar gekrümmt werde, denn dein Leben ist sein Geld. Er zittert, wenn dir eine Gefahr droht, denn dein Untergang ist das Grab seiner Forderung. Habe viele Gläubiger, mein Junge, und dein Los ist von vornherein gesichert. Sie werden dir eine reiche Frau, eine große Stellung, einen guten Ruf sichern. Die unvergleichlichste Kapitalanlage ist die, das Geld der anderen zu einer ornamentalen Gestaltung des eigenen Daseins zu verwenden. – Das wären ungefähr die leitenden Gedanken, nach welchen das Wesen der Erfolg-Zöglinge gebildet, ihr Benehmen geübt werden müßte. Die reifsten Schüler könnten auch in die Grundanschauung eingeweiht werden, auf welcher sich die ganze Wissenschaft der Erziehung für den Erfolg aufbaut. Sie läßt sich kurz darlegen. Man kann seinen Weg in der Welt auf zwei Arten machen: entweder durch eigene Vorzüge oder durch die Fehler der anderen. Die erstere Art ist die weitaus schwierigere und unsicherere, denn zunächst setzt sie voraus, daß man Vorzüge habe, was aber nicht jedermanns Fall ist, dann ist sie an die Bedingung geknüpft, daß diese Vorzüge rechtzeitig und ausreichend bemerkt und gewürdigt werden, was erfahrungsgemäß fast niemals geschieht Das Spekulieren auf die Fehler der anderen gelingt dagegen immer. Der Lehrer wäre also berechtigt, seinem Schüler zu sagen: Gieb dir keine Mühe, Außerordentliches zu leisten und deine Arbeit für dich sprechen zu lassen; ihre Stimme ist schwach und wird vom Geschrei der eifersüchtigen Mittelmäßigkeit überschrieen; ihre Sprache ist fremd und wird von der unwissenden Menge nicht verstanden; nur die Vornehmsten und Selbstlosesten werden deine Leistungen beachten und anerkennen, aber auch sie werden schwerlich etwas für dich thun, wenn du deine Person nicht unter ihre Augen drängst. Statt also deine Zeit mit redlichem und strengem Schaffen zu verlieren, gebrauche sie, um die Fehler der Menge zu studieren und aus ihnen Vorteil zu ziehen. Die Menge hat kein Urteil, dränge ihr also eines auf; die Menge ist seicht und gedankenlos, hüte dich also, tief zu sein und ihr Gedankenarbeit zuzumuten; die Menge ist stumpfsinnig, tritt also mit solchem Getöse auf, daß selbst harte Ohren dich hören und blöde Augen dich sehen müssen; die Menge versteht keine Ironie, sondern nimmt alles buchstäblich, sage also gerade heraus und in den satzlichsten Ausdrücken von deinen Nebenbuhlern das Böse und von dir selbst das Gute; die Menge hat kein Gedächtnis, benutze also unbesorgt jeden Weg, der dich zum Ziele führen kann; bist du erst angelangt, so erinnert sich niemand, wie du herangekommen bist. Mit diesen Grundsätzen wirst du reich und groß werden und es wird dir Wohlergehen auf Erden. Wenn nur kein Schüler, den ich in die Geheimnisse des Erfolges einweihen würde, auf den naseweisen Einfall geriete, mich zu fragen: »Da Sie so genau wissen, wie man es anfangen muß, so haben Sie selbst es wohl sehr weit gebracht?« Das würde mich in Verlegenheit setzen. Ich könnte bloß erwidern: ich habe andere zum Erfolge gelangen sehen und daran habe ich genug gehabt. Wenn man in der Küche steht und zusieht, wie der Brei angerührt wird, so verliert man den Appetit. Anderen kann man ihn aber noch immer wünschen. Es hat sich das Unglaubliche begeben, daß mehrere Kritiker dieses Kapitel als eine ernsthafte Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze auffaßten und über deren Unsittlichkeit die erbaulichste Entrüstung äußerten. Wie schade, daß ich mir die Photographie dieser weisen Thebaner nicht verschaffen konnte! Ich hätte den Lesern dieses Buches so gern Gelegenheit geboten, die Züge dieser fabelhaften Zeitgenossen mindestens im Bildnis kennen zu lernen. Psycho-Physiologie des Genies und Talents. Den Betrachtungen, welchen dieses Kapitel gewidmet ist, muß ich eine möglichst genaue Umgrenzung der Begriffe vorausschicken, um welche jene sich drehen werden. Was ist ein Talent? Was ist ein Genie? Die Antwort auf diese Fragen besteht gewöhnlich in unbestimmtem Gefasel, in welchem Hauptwörter, die Bewunderung, und Beiwörter, die Lob ausdrücken, vorherrschen. Daran können wir es uns nicht genügen lassen. Wir wollen keine komplimentierenden Floskeln, sondern eine nüchterne Erklärung. Ich glaube nun, wir kommen der Wahrheit sehr nahe, wenn wir sagen: Ein Talent ist ein Wesen, das allgemein oder häufig geübte Thätigkeiten besser leistet als die Mehrheit derjenigen, welche sich dieselbe Fertigkeit anzueignen gesucht haben; ein Genie ist ein Mensch, der vor ihm noch nie geübte, neue Thätigkeiten erfindet oder alte Fertigkeiten nach einer ganz eigenen, rein persönlichen Methode übt. Ich definiere absichtlich das Talent als ein Wesen, das Genie dagegen als einen Menschen. Das Talent scheint mir nämlich keineswegs auf die Menschheit beschränkt. Es ist zweifellos auch im Tierreich vorhanden. Ein Pudel, den man zu verwickelteren Kunststücken abrichten kann als andere Hunde, ist ein Talent; ebenso ein Rotkehlchen oder Schwarzplättchen, das besser singt als seine Artgenossen; vielleicht selbst ein Hecht, der erfolgreicher jagt, oder ein Glühwürmchen, das heller glimmt. Ein Genie dagegen ist bloß beim Menschen denkbar, insofern es bei einem Einzelwesen auftritt. Es soll darin bestehen, daß ein Individuum, um es volkstümlich auszudrücken, neue Bahnen einschlägt, die vor ihm nie gewandelt wurden. Das thut, soweit menschliche Beobachtung es feststellen konnte, kein einzelnes Tier. Gattungen mögen es thun. Sie mögen also gemeinsam mit Genie begabt sein. Die ganze Gemeinschaft der Lebewesen thut es gewiß. Die Entwickelung der Organismen vom einzelligen Wesen bis zum Menschen beweist es. Man kann also sagen, die organische Welt ist in ihrer Gesamtheit ein Genie. Evolution und Genialität sind Synonyme und die Deszendenz-Theorie ist nichts anderes als die Erkenntnis und Verkündigung des Waltens eines Genies in der organischen Welt. Sicherlich besteht ja auch beim einzelnen Tiere eine gewisse Freiheit der Entwickelung, ein Drang zum Abweichen vom ererbten Stammestypus, denn die Veränderungen, die wir im Bau und Wesen der Arten nach langen Zeiträumen wahrnehmen, müssen sich doch in Individuen vollzogen haben. Aber bei dem einzelnen Tiere ist die Abweichung vom Alten und das Streben zum Neuen so überaus gering, daß wir es vernachlässigen müssen, weil wir es nicht wahrnehmen können. Eine Biene, die statt einer sechs- eine acht- oder viereckige Honigzelle baute, eine Schwalbe, die für ihr Nest eine neue Form fände, ein Ochse, der sich lieber töten als ins Joch spannen ließe, wäre ein Genie. Aber dergleichen hat eben die Welt noch nicht erlebt, während sie allerdings Menschen gesehen hat, die gleichwertige Abweichungen von ererbten Thätigkeiten fertig bringen gekonnt. Zwischen dem Talent und dem Genie besteht also nicht ein quantitativer, sondern ein qualitativer Unterschied. Es entgeht mir hierbei nicht, daß man in letzter Linie dennoch jeden Unterschied auf ein Mehr oder Minder zurückführen kann, wenn man mit der Untersuchung sehr tief in das Wesen der Dinge eindringt. Es sei nur ein Beispiel angeführt. Um Professor der Geschichte zu werden, muß man ein gewisses Maß von Gedächtnis, von Willenskraft und von Urteil haben. Diese Eigenschaften geben zusammen doch nur eine erfolgreiche Mittelmäßigkeit, höchstens ein achtbares Talent. Sind sie aber in ganz außergewöhnlicher Stärke vorhanden, so kann ihr Besitzer ein großer Staatsmann, ein Beherrscher der Menschen werden, er giebt vielleicht der Weltgeschichte eine neue Wendung und man muß ihn als Genie ansprechen. Es ist wahr, der Unterschied beruht bloß auf der verschiedenen Größe derselben Eigenschaften, er ist aber ein so bedeutender, daß die beiden bloß quantitativ verschiedenen Erscheinungen den Eindruck machen, ihrem Wesen nach verschieden zu sein und in keiner Verwandtschaft zu einander zu stehen. So sind ja auch der Montblanc und ein Sandkörnchen aus Quarz bloß quantitativ von einander verschieden. Im Grunde sind sie eins und dasselbe. Das Quarzkörnchen brauchte nur genug groß zu sein, dann wäre es der Montblanc; dieser müßte nur zu einer ganz winzigen Ausdehnung zusammenschrumpfen, dann wäre er das Sandkörnchen. Dennoch finden wir, daß die bloße Größenverschiedenheit ausreicht, um aus zwei ihrem Wesen nach identischen Dingen so grundverschiedene Erscheinungen zu machen, wie es der Montblanc und das Sandkörnchen sind. Im Kapitel über Mehrheit und Minderheit habe ich bereits zu zeigen gesucht, daß nicht jeder Organismus die Fähigkeit besitzt, auf die von außen kommenden Eindrücke mit eigenen, neuen, nicht ererbten Reaktionen des Nerven- und Muskelsystems, das heißt Gedanken und Handlungen, zu antworten. Das kann nur ein Organismus, der besonders vollkommen gebaut, an Lebenskraft besonders reich ist. Das Genie, dessen wesentliche Eigenschaft ich im Vermögen zu erkennen glaube, die Wahrnehmungen von der Außenwelt eigenartig zu verarbeiten, hat also eine höhere organische Entwickelung zur Voraussetzung. Das Klavier seines Geistes besitzt gleichsam eine Oktave mehr. Diesen größeren Umfang kann kein Fleiß, keine Übung geben. Er muß im Bau des Tonwerkzeugs begründet sein. Goethe sagt so ganz leichthin und mit der unschuldigsten Miene von der Welt: »Greift nur hinein ins volle Menschenleben!« Der »lustigen Person«, der er diesen Vers in den Mund legt, sitzt der Schalk im Nacken. Der Ausspruch klingt wie eine Naivetät und ist thatsächlich die stolze Ruhmredigkeit eines hohen Selbstbewußtseins. »Greift nur hinein ins volle Menschenleben ...« Wirklich! Das Rezept ist bewährt, aber ein Genie muß es befolgen. Der gewöhnliche und selbst der begabte Mensch weiß gar nicht, wie er es anzufangen hat, um diesen Griff zu thun, und wenn er ihn versucht, so wird er die Hand leer zurückziehen. Das macht: der Durchschnittsmensch, und ich rechne auch das Talent zu dieser Gattung, sieht die Welt gar nicht, sondern nur ihr Abbild in den Augen des Genies. Er sieht das »volle Menschenleben« nicht in wahrer Leiblichkeit, im Relief vor sich, sondern nur als Schattenspiel an der Wand, von der magischen Laterne des Genies dahin geworfen. Er mag immerhin versuchen, nach diesen bunten und beweglichen Schatten zu greifen, er wird nichts in die Hand bekommen. Die Erscheinung der Welt bildet einen Rohstoff, mit dem der Durchschnittsmensch nichts anfangen, aus dem nur das Genie etwas formen kann, das dann auch jener zu verstehen imstande ist. Wenn der Durchschnittsmensch Dinge und Ereignisse in abgeschlossenen Gruppen sieht, so ist es, weil das Genie die Gruppen gestellt hat; wenn sich ihm Welt und Leben in Form von übersichtlichen Bildern darstellen, so ist es, weil das Genie sie zusammengefaßt und eingerahmt hat. Er fühlt, urteilt und handelt, wie das Genie vor ihm zum ersten Mal gefühlt, geurteilt und gehandelt hat. An Erscheinungen, die das Genie nicht organisch verarbeitet hat, geht er vorüber, ohne sie wahrzunehmen, ohne etwas bei ihnen zu fühlen, ohne über sie zu urteilen. Ich kann dieses Verhältnis nicht deutlicher machen als durch ein Gleichnis aus der organischen Welt. Die Stoffe, deren jedes Lebewesen zu seiner Ernährung bedarf, namentlich der Kohlen- und Stickstoff, sind überall auf Erden in ungeheurer Menge vorhanden, aber die Tiere können mit ihnen nichts anfangen, sie in der Form, in welcher die Natur sie ihnen ursprünglich bietet, nicht verwenden. In einer Atmosphäre, die mit Kohlensäure geschwängert, auf einem Boden, der an salpetersauren Salzen überreich wäre, müßte ein Tier elend zu Grunde gehen. Diese Rohstoffe zur Nahrung zu Verarbeiten vermag nur die Pflanze und unter den Pflanzen auch nur die chlorophyllhaltige. Erst wenn die Pflanze in ihrem eigenen Organismus den Kohlen- und Stickstoff verarbeitet hat, wird derselbe für das Tier zur Nahrung tauglich. Ganz so verhält es sich mit dem Genie und Nichtgenie, das Talent mitinbegriffen. Das Nichtgenie kann die Natur nicht verdauen, nicht assimilieren, nicht in Bestandteile des eigenen Bewußtseins umsetzen. Es sieht die Erscheinungen, aber es macht sich kein Bild aus ihnen; es hört, aber es begreift und deutet nicht. Das Genie dagegen hat ein Besondres in sich, gleichsam ein Chlorophyll, wodurch es befähigt wird, aus den Erscheinungen fertige Vorstellungen zu bilden, die dann auch der gewöhnliche Menschengeist in sein Bewußtsein aufnehmen kann. Darwin giebt im ersten Kapitel seiner »Reise eines Naturforschers um die Welt« ein überraschendes Bild von dem Leben auf dem ganz nackten St. Pauls-Felsen mitten im atlantischen Ozean. Zwei Vogelarten brüten da, der Tölpel und eine Seeschwalbenart, der Weißkopf. Auf den Vögeln leben aber als Schmarotzer eine Fliege, eine Zecke und eine Federmotte; von ihrem Dünger nähren sich eine Art Mistkäfer und eine Holzlaus; den Fliegen und Motten stellen zahlreiche Spinnengattungen nach und man kann hinzufügen, was Darwin nicht sagt, daß nämlich um diese höheren Tiere sicherlich eine ganze Welt von mikroskopischen Wesen, von Infusorien, Kokken und Bakterien wimmelt. Es braucht also nur ein Vogel nach St. Paul zu kommen, um die kahle Klippe sofort in eine Nährstätte für eine recht lange Reihe von Geschöpfen zu verwandeln, die ohne jenen keinen Tag lang an diesem Orte dauern könnten. Ein ganz ähnlicher Vorgang ist der der Entstehung z. B. eines Schrifttums in einem Volke. Ein Genie schafft mit den ihm allein eigenen geistigen Verdauungsorganen die sinnlichen Eindrücke in ein menschlich faßbares Kunstwerk um. Sofort giebt es einer ganzen Schar von Schmarotzerwesen die Entstehung. Zuerst kommen die Nachahmer und wandeln das erste Kunstwerk mehr oder minder geschickt ab. Das sind gleichsam die Fliegen und Zecken, welche vom Blute der Seeschwalben zehren. Dann thun sich kritische und ästhetische Schulen auf; die mit der nackten Natur gar nichts mehr zu thun haben und sich nur mit den Ergebnissen der Verdauung dieser Natur durch das Genie und seine Nachahmer abgeben. Das sind etwa die Spinnen, welche hinter den Fliegen her sind, und die Mistkäfer, die sich von den Dungstoffen nähren. Zuletzt erscheinen die Geschichtschreiber der Litteratur, die mit großer Wichtigthuerei erzählen, wie alles vor sich gegangen sei. Für diese finde ich in der Eile nicht gleich das entsprechende Lebewesen auf dem St. Pauls-Felsen, da ich sie doch nicht den Mikroben gleichachten darf. So haben wir nun schon eine große Nationallitteratur mit schöngeistigen Werken zweiten Ranges, mit ästhetischen Systemen, mit geistreichen kritischen Arbeiten, mit Litteraturgeschichten und Sonderabhandlungen über einzelne Abschnitte derselben, mit gelehrten Erläuterungen aller dieser Bücher und mit einer ganzen Zunft von Professoren, die davon leben, daß sie jahraus jahrein über sie tiefsinnige Redensarten machen, und diese ganze Bücherei nebst ihrem lebendigen Anhang von Gelehrten nimmt ihren Ausgang und ihre Daseinsberechtigung ganz allein von den Schöpfungen irgend eines naiven Genies, das weder Gelehrter noch Professor war und sein Meistermerk hervorbrachte, wie der Apfelbaum Äpfel trägt, weil es eben organisch in ihm lag, sie hervorzubringen, und alle die anderen Leutchen, die nach ihm kamen, würden, der nackten Natur gegenübergestellt, nicht einmal Bäh! zu sagen gewußt haben, ja sie wären gar nicht erschienen, ebensowenig wie die kleine Tierwelt auf dem St. Paul-Felsen ohne den Vogel, der ihr Dasein ermöglicht. Das Genie beruht also auf einer ursprünglich höhern organischen Entwicklung, das Talent auf einer durch Fleiß und Übung erlangten vollen Ausbildung der natürlichen Anlagen, die innerhalb eines gegebenen Stammes die Mehrzahl der gesunden und normalen Individuen besitzt. Wenn ich nun aber die Behauptung aufstelle, daß das Genie eine physiologische, strukturelle Unterlage hat, so ist man berechtigt, mich zu fragen, welches das Gewebe sei, dessen reichere Entwickelung das Genie ergebe. Die Frage sieht sich einschüchternd genug an, sie wäre indes vielleicht nicht gar so schwer zu beantworten, wenn Genie oder Talent einfache Erscheinungen wären. Man könnte dann mit einer recht simpeln Methode zur Lösung der Schwierigkeit gelangen. In diesem Falle ist ein auffallend großes Gedächtnis, in jenem ein ungewöhnlicher Wille vorhanden; offenbar sind also in diesen beiden Fällen die Hirnzentren besonders ausgebildet, welche dem Gedächtnis oder dem Willen vorstehen. Welches diese Zentren sind, weiß man zur Stunde auch noch nicht genau, aber man wird sie mit der Zeit finden und manchen ist man schon auf der Spur. Auf diese Weise wäre die Zergliederung und Erklärung der geistigen Ausnahmeerscheinungen ein Kinderspiel. Ja, aber leider liegen die Dinge nicht so einfach. Genie und Talent sind höchst zusammengesetzte Erscheinungen; nur selten erklären sie sich durch das starke Hervortreten einer einzigen geistigen Grundfähigkeit, wenn auch meistens eine solche vorherrscht und durch genaue Untersuchung festgestellt werden kann; fast immer sind mehrere Grundfähigkeiten, obschon in ungleichem Maße, daran beteiligt, die Gesamterscheinung des Genies oder Talents hervorzubringen, und ihre verschiedenen Mischungsverhältnisse äußern sich in so verschiedenen Endergebnissen, daß es oft überaus schwer ist, aus diesen auf ihre organischen Ursachen zu schließen. Die ganze Kunst der psychologischen Analyse des Genies wie des Talents wird also darin bestehen, das, was sich wie ein einheitliches Ganzes ansieht, in seine einfachen Grundbestandteils zu zerlegen und diese bis zu ihrer Quelle im Organismus zurückzuverfolgen. Jeder Gebildete weiß heute, daß unser Zentral-Nervensystem, also das Groß- und Kleinhirn, das verlängerte Mark, das Rückenmark, die Sinnes- und Bewegungsnerven, kein einheitliches Organ mit einfacher Verrichtung wie etwa das Herz oder die Niere, sondern eine Zusammenfassung zahlreicher Organe ist, die zwar ihrer Beschaffenheit nach verwandt sind, jedoch ganz verschiedenen Verrichtungen vorstehen. Es verhält sich damit ähnlich wie mit dem Verdauungs-System. Der ganze Zug der Eingeweide von der Aufnahms- bis zur Ausscheidungs-Pforte mit allen ihren Anhängseln bildet einen einzigen Apparat, dessen Teile sämtlich miteinander auf den Zweck hinarbeiten, die eingeführten Nahrungsstoffe durch zweckmäßige mechanische und chemische Veränderung derselben zum Aufbau und zur Erhaltung des Organismus tauglich zu machen. Aber wie verschieden sind die einzelnen Bestandteile dieses großen Apparats? Die Mundspeicheldrüsen haben mit dem Pancreas und der Leber nichts gemein; der Magen ist anders eingerichtet als der Dünndarm; die Pepsindrüsen unterscheiden sich in jeder Hinsicht von den Darmzotten. Hier wird ein Saft ausgeschieden, der Stärkemehl in Zucker verwandelt, dort ein solcher, der unlösliches Eiweiß löslich macht. Dieses Gewebe beschäftigt sich bloß mit der Fortbewegung der Nahrungsmasse, jenes hat ihr im Gegenteile zeitweilig den Weg zu versperren und sie zum Verweilen zu zwingen, noch ein anderes besorgt ausschließlich die Aussaugung. Ebenso erfüllt zwar das Zentral-Nervensystem in seiner Gänze die große Gesamtaufgabe, zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich, minder philosophisch gesprochen zwischen der Außenwelt und dem Individuum, Beziehungen zu vermitteln, Eindrücke in Bewußtsein umzuwandeln und das Bewußtsein auf die Welt zurückwirken zu lassen, aber diese Arbeit zerfällt in zahlreiche einander sehr unähnliche Einzel-Leistungen, die von ganz verschiedenen Teilen des Gehirns und Rückenmarks geliefert werden. Ich will dies an einem einzigen Beispiele verdeutlichen. Nehmen wir das Sehen. Wer diesem Gegenstande als völliger Laie gegenübersteht, der denkt wohl, es sei etwas ganz Einfaches, ein Zeitungsblatt zu nehmen und zu lesen, was darin steht. Daß man dies nicht können wird, wenn man blind ist, das leuchtet ihm sofort ein. Dagegen wird er vielleicht sehr erstaunt sein, wenn man ihm sagt, daß ein sehendes Auge nicht genügt, um die Handlung des Lesens zu vollziehen, daß dazu die Mitwirkung einer Reihe anderer Organe nötig ist, die im Gehirn ihren Platz haben, und daß das Lesen nicht möglich ist, wenn auch nur ein einziges dieser Organe nicht ordentlich arbeitet. Der Augapfel stellt eine Vorrichtung nach Art der Dunkelkammer dar, auf deren Hinterwand ein verkleinertes und möglichst scharfes Bild der Außenwelt fällt. Diesen Hintergrund bildet eine Ausbreitung des Sehnervs, durch den der empfangene Eindruck, das heißt das auf den Augenhintergrund gefallene Bild, ins Gehirn geleitet wird. Empfunden wird der Eindruck an einer Stelle des Gehirns, die sehr wahrscheinlich im hintern Teil der sogenannten innern Kapsel liegt. Die Deutung des Eindrucks endlich findet an einer andern Stelle statt, die man nach den Forschungen Kutzmauls, Westphals und anderer ziemlich bestimmt in den linken untern Seitenlappen des Gehirns verlegen kann. Das Auge spiegelt also die Außenwelt wieder; das Spiegelbild wird vom Sehnerv zur innern Kapsel geleitet; die innere Kapsel verwandelt das Spiegelbild in eine Sinnesempfindung, diese wird an die graue Hirnrinde weitergegeben und von ihr in eine bewußte Vorstellung verarbeitet. Ist das Auge leistungsunfähig, so spiegelt sich die Außenwelt an keiner nützlichen Stelle ab und die Verbindung zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich ist auf diesem Wege, dem des Gesichtssinns, völlig aufgehoben. Ist der Sehnerv krank, so spiegelt sich zwar die Welt an der richtigen Stelle ab, allein das Bild gelangt nicht dorthin, wo es erst empfunden wird. Ist der hintere Teil der innern Kapsel nicht in Ordnung, so gelangt das Bild wohl ins Gehirn, aber es ist dort sozusagen niemand, der es in Empfang nimmt; es ist, wie wenn eine telegraphische Leitung bestände, im Telegraphenamt jedoch der Empfangsapparat fehlte. Das Bild wird dann nicht empfunden. Ist endlich die Hirnrinde am untern linken Seitenlappen desorganisiert, so wird das Bild zwar empfunden, aber nicht verstanden, nicht gedeutet. Man sieht, aber man weiß nicht, was man sieht. Es ist, um beim Gleichnis mit dem Telegraphen zu bleiben, als wäre der Empfangsapparat da und die Depesche würde im Amte empfangen, sie könnte aber dem Adressaten nicht zugestellt werden. So ist jede einzelne Geistesthätigkeit, jeder Willensakt, jedes Gefühl, jede Vorstellung, und wenn sie sich noch so einfach und einheitlich ansieht, in Wirklichkeit etwas sehr zusammengesetztes, an dessen Zustandekommen zahlreiche wesentlich verschiedene Teile, das heißt Organe, des Zentral-Nervensystems einen Anteil haben. Diese einzelnen innerhalb des Rückenmarks und Gehirns gelegenen Organe werden Zentren genannt und man hat sie in ein Rangverhältnis zueinander gebracht. Man spricht von niedern und höheren Zentren. Ihren Platz auf der Stufenleiter der Würde bestimmt natürlich die Verrichtung, die sie zu besorgen haben. Man ist aber bei der Schätzung des Werts dieser Verrichtungen nicht etwa von ihrer Wichtigkeit für die Erhaltung des Lebens, sondern von ihrem Anteil am Zustandebringen des spezifisch menschlichen Wesens ausgegangen. Es giebt Fähigkeiten, die der Mensch ganz allein besitzt; z. B. das Vermögen der Abstraktion oder die Sprache; andere, die er mit den Tieren teilt; z. B. das Gedächtnis, den Willen; noch andere, die er mit allen Lebewesen gemein hat; z. B. die Ernährung, die Fortpflanzung. (Wohlverstanden: selbst die menschlichste aller Fähigkeiten, also gerade die als Beispiel angeführte Abstraktion oder Sprache, ist nicht etwa in dem Sinne ausschließlich menschlich, daß sie beim Menschen voll entwickelt auftritt, bei den unter ihm stehenden Tieren aber auch nicht durch eine Spur angedeutet ist; nach den Arbeiten Romanes', des englischen Tierpsychologen, ist es vielmehr kaum zweifelhaft, daß das menschliche Geistesleben nur eine höhere Ausbildung des tierischen Geisteslebens ist und daß die Natur auch hier wie überall nur ununterbrochene Entwickelungslinien, keine Sprünge und Risse kennt. Die weitere Ausführung dieses Gegenstandes gehört aber nicht hierher.) Die Würde einer Verrichtung, folglich auch des ihr vorstehenden Zentrums, steht nun in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrer Verbreitung in der organischen Welt und zu ihrer Wichtigkeit für die Erhaltung des Lebens. Ohne die gröberen und feineren Ernährungsvorgänge, also ohne Verdauung, Atmung und Blutumlauf, könnte der Organismus keinen Augenblick lang bestehen; allein die Verdauungszentren in den Ganglien des sogenannten Sympathikus, die Zentren für die Brustmuskel und Herzthätigkeit im verlängerten Mark sind die allerniedrigsten. Die Bewegungen der Gliedmaßen, namentlich aber die richtige Kombination dieser Bewegungen, die erst das Gehen, das Greifen u. s. w. möglich macht, sind wohl noch sehr wichtig für das Individuum, aber man kann doch ohne sie leben; die Zentren der Muskelbewegungen und ihrer richtigen Zusammenstimmung (Koordination ist der Fachausdruck) im Rückenmark und wahrscheinlich in den Hirnschenkeln, vielleicht auch im Kleinhirn, sind aber schon höhere. Gedächtnis, Urteil, Einbildungskraft endlich sind für den Organismus überhaupt keine Lebensnotwendigkeit, sondern ein erfreulicher Luxus; das Individuum kann ohne sie sehr gut jahre-, selbst jahrzehntelang fortbestehen; ihre Zentren in der grauen Hirnrinde aber sind die höchsten. Diese Rangordnung ist durchaus nicht willkürlich, sondern wohlbegründet. Je allgemeiner und notwendiger eine Verrichtung ist, um so einfacher und gröber ist das Werkzeug dazu; in dem Maße, in welchem die Verrichtung eigenartiger und differenzierter wird, muß auch das Werkzeug feiner, verwickelter und darum heikler werden. Ein Pflug ist eine größere Notwendigkeit und wird von mehr Menschen benutzt als eine Taschenuhr, diese ist notwendiger und verbreiteter als ein Präzisionsinstrument zur genauen Vergleichung eines Meterstabs mit dem Pariser Ur-Meter. Der Pflug ist aber viel gröber und einfacher als die Taschenuhr und diese ist viel gröber und einfacher als das Präzisionsinstrument. Einen Pflug zu zerstören ist nicht leicht; eine Taschenuhr will schon etwas zarter behandelt werden, widersteht aber noch manchem Puff; das Präzisionsinstrument wird schon von der Erschütterung des Bodens durch einen in der Ferne vorüberfahrenden Wagen in Unordnung gebracht. Mit den Nervenzentren verhält es sich nicht anders. Je eigenartiger, je besonderer und ausschließlicher die von ihnen verlangte Arbeit ist, um so verwickelter, seiner und darum auch heikler sind sie. Die Ernährung ist eine vergleichsweise grobe Thätigkeit. Streng genommen würde man dazu gar keiner besonderen Organe bedürfen, wie man ja auch zum Beispiel eine Furche ohne Pflug, mit einem Stocke oder Steine oder selbst mit der bloßen Hand graben könnte, nur nicht so leicht und bequem. Jedes allereinfachste Klümpchen Protoplasma hat das Vermögen, sich im weitesten Sinne, durch Aufnahme von festen, flüssigen und gasartigen Stoffen, zu ernähren, also zu verdauen und zu atmen. Wenn wir zu diesem Geschäfte höchst zusammengesetzter Werkzeuge, wie des Blutumlaufs-, Atmungs- und Verdauungs-Systems, bedürfen, so ist es, weil unser Organismus auch verwickeltere Leistungen zu besorgen hat als ein Protoplasma-Klümpchen und auf die Arbeitsteilung angewiesen ist, wie denn auch z. B. ein Staatsminister nicht Zeit hat, sich selbst sein Mittagmahl zu kochen und seine Kleider zu flicken, was dagegen der neapolitanische Lazzarone ganz gut besorgen kann. Immerhin ist auch in unserem zusammengesetzten und mit sehr weitgehender Arbeitsteilung schaffenden Organismus die Ernährung ein niedriges und einfaches Geschäft und die ihr vorstehenden Zentren sind so grob, daß sie zerstörenden Einflüssen am längsten widerstehen und thatsächlich am letzten sterben. Auch die Bewegungszentren sind noch ziemlich niedrig und darum entsprechend widerstandskräftig. Es wird von diesen Zentren, die sich im Rückenmark befinden, nur ganz wenig verlangt. Wenn die Empfindungsnerven ihnen die Wahrnehmung zutragen, daß auf den Leib irgendwo eine fremde Kraft einwirkt, möge sich diese in Form einer einfachen Berührung oder eines Schmerzes kundgeben, so haben sie bestimmte Muskelgruppen zu einer Zusammenziehung zu veranlassen, andere an einer solchen zu verhindern und auf diese Weise eine zweckmäßige Bewegung zustande zu bringen, welche den Leib aus dem Bereiche der fremden Kraft entfernt. Man nennt das eine Reflexbewegung. Sie erfolgt ohne Befehl, ja ohne Kenntnis des Bewußtseins. Ein Frosch, dem das Gehirn ausgeschnitten ist, kann sie vollziehen. Die Bewegungszentren sind recht beschränkt, um nicht zu sagen dumm. Sie können die veranlassende Ursache der ihnen zugetragenen Wahrnehmungen nicht unterscheiden. Sie können auf die äußeren Anregungen nur mit den einfachsten Bewegungs-Maßregeln antworten. Wenn der Leib ohne Gefahr der fremden Kraft ausgesetzt bleiben kann, so muß ein höheres Zentrum ihnen befehlen, sich ruhig zu verhalten. Wenn es umgekehrt mit dem einfachen Wegrücken nicht genug ist, wenn der Leib etwa laufen oder springen soll, um sich einer äußern Einwirkung zu entziehen, so muß ihnen wieder ein höheres Zentrum befehlen, die richtigen Muskelgruppen in Bewegung zu setzen, deren Zusammenziehung das Laufen oder Springen giebt. Die Hirnzentren endlich, die den Willen und das Bewußtsein mit seinem ganzen Inhalt erzeugen, sind die höchsten, denn ihre Thätigkeit ist die mannigfaltigste und zusammengesetzteste, sie ist eine am ausschließlichsten menschliche und bedarf, wenn sie richtig besorgt werden soll, eines so genauen Ineinandergreifens so vieler seiner Bestandteile, daß schon sehr kleine Einflüsse den überempfindlichen Apparat stören, wie ja auch schon sehr kleine Einwirkungen ihn in Thätigkeit versetzen. Je höher ein Zentrum ist, um so später entwickelt es sich zur Reife, um so länger arbeitet der Organismus daran, es fertig zu machen, um so früher nützt es sich ab. Die Rangordnung der Zentren ist also keine willkürliche, sie ist nicht nach individuellen Anschauungen von der größern oder geringern Wichtigkeit ihrer Leistungen festgestellt, sondern von der Natur selbst gegeben. Ein Feinschmecker würde vergebens sagen: »Meinung gegen Meinung; ich stelle das Ernährungszentrum höher als das Gedächtnis- oder Urteilszentrum.« Man müßte ihm darauf erwidern, daß seine persönlichen Neigungen ihn zu einem Irrtum verleiten, das Ernährungszentrum könne nicht das höhere sein, denn es sei durch das ganze Tierreich verbreitet, erscheine im ersten Augenblicke des individuellen Lebens, dauere bis zum äußersten Verfalle des Organismus und liefere eine stets gleichförmige, niemals individuell modifizierte Arbeit, während das Gedächtnis- und Urteils-Zentrum erst bei den höheren Tieren auftreten, im individuellen Leben erst auf einer gewissen Höhe der Entwickelung erscheinen, in der Regel vor dem natürlichen Tode des Organismus stumpf und untüchtig werden und eine Arbeit liefern, die allen Änderungen der äußeren Verhältnisse folgen können muß. Die übrigens schon von Virchow vorgeahnte neue, darwinistische Biologie faßt selbst den höchsten Tierorganismus, den menschlichen, nur als eine Kolonie einfacher Lebewesen mit weitgehender Arbeitsteilung und durch sie bedingter Veränderung der einzelnen Bürger dieser Kolonie auf. Ursprünglich ist jede Zelle, aus der wir bestehen, ein Organismus für sich, der alles kann, was zu können einem Organismus, der bestehen will, notthut; die Zelle kann sich also ernähren, auf die einfachste Weise durch Teilung fortpflanzen und durch Zusammenziehung ihres Protoplasmas bewegen. Indem ihrer aber ungezählte Millionen zusammentreten, um einen Tier- oder Menschen-Organismus zu bilden, teilen sie sich in diese verschiedenen Beschäftigungen, jede kann nur noch eine bestimmte Arbeit besorgen, verlernt die übrigen und müßte zu Grunde gehen, wenn die anderen Zellen nicht für sie thäten, was sie nicht mehr zu thun vermag. Das rote Blutkügelchen kann Sauerstoff aufnehmen und allen Geweben zutragen, aber sich nicht mehr bewegen und fortpflanzen. Die Muskelfaser kann sich bewegen und die übrigen Gebilde des Leibes mit sich schleppen, aber sie könnte keine unvorbereiteten Nahrungsstoffe aus der Natur an sich ziehen und sich nicht vermehren u. s. w. Bei aller ursprünglichen Gleichheit sämtlicher Bestandteile, oder, um bei dem frühern Ausdrucke zu bleiben, sämtlicher Bürger der Kolonie, hat sich jedoch in dieser ein sehr strenges Rangsystem ausgebildet. Der Organismus ist eine zusammengesetzte Gesellschaft mit Proletariern, Bürgern und herrschenden Klassen. Er schließt Elemente in sich, welche die verschiedensten Entwickelungsstufen tierischen Lebens vertreten. Blutkörperchen und Lymphzellen stehen nicht höher als Bakterien, mit denen sie sich ja oft zu schlagen haben, von denen sie sogar manchmal besiegt werden, wenn sie sich auch in der Regel als die stärkeren erweisen. Das Rückenmark steht nicht höher als etwa das eines Frosches, das Empfindungszentrum nicht höher als das eines Menschen der niedersten Race, etwa eines Buschmanns, erst die vornehmsten Zentren des Denkens und Urteilens erheben den vagen Organismus über alle anderen Lebewesen und machen denselben nicht zu einem Lebewesen überhaupt, nicht zu einem Wirbeltiere, nicht zu einem Menschen im allgemeinen, sondern zu einem bestimmten Menschen, zu einem Individuum, das sich von allen anderen unterscheidet und über alle anderen hervorragt, wenn jene Zentren besonders entwickelt sind. Die Hierarchie innerhalb des Organismus schließt übrigens eine gewisse Selbständigkeit der einzelnen Klassen dennoch nicht aus. Ich möchte sagen: es herrscht zwischen ihnen ein beständiger Kampf demokratischer und aristokratischer Grundsätze. Die niedrigen Zentren lassen sich von den höheren nicht gern befehlen, die höheren streben vergebens, sich der Tyrannei der niederen zu entziehen. Die Hirnzentren können die Ernährungszentren nicht verhindern, ihre Arbeit zu verrichten, sie können sie nicht bestimmen, die Arbeit so oder so, rascher oder langsamer zu verrichten; die Leistungen der Blutkörperchen, der Lymphdrüsen u. s. w. entziehen sich vollständig der Einwirkung des Bewußtseins und Willens; nur indirekt vermögen die Hirnzentren den Beweis zu liefern, daß sie denn doch die mächtigeren sind; es liegt in ihrer Gewalt, den niederen Zentren die Bedingungen vorzuenthalten, unter denen allein sie ihre Thätigkeit ausüben können, indem sie z. B. die Einführung von Nahrung in den Magen, von Luft in die Lunge verhindern und es dadurch den Verdauungsdrüsen und Blutkügelchen unmöglich machen, ihre Arbeit zu thun. Umgekehrt halten die niederen Zentren auch die höheren in einer starken Abhängigkeit, denn die letzteren können ihr Bestes nur dann leisten, wenn die ersteren ihre Pflicht regelrecht und vollständig erfüllen. Demokratische Tendenzen herrschen nicht nur in den niederen Klassen der Kolonie, welche den Organismus bildet; auch deren ganzes Staatsrecht ist ein demokratisches oder doch wenigstens kein monarchisches. Wir haben nicht ein einziges Zentrum, welches mit Allgewalt wie ein absoluter König alle Zentren des Organismus regiert, sondern mehrere, die einander vollständig gleichgeordnet sind und in der organischen Kolonie ganz dieselbe Würde bekleiden. Wenigstens drei dieser Zentren können den Anspruch erheben, als das Triumvirat angesehen zu werden, das im Organismus Herrscherbefugnisse übt; es sind das die Zentren des Bewußtseins, des Gedächtnisses und des Willens. (Eigentlich ist es eine bloße Annahme von mir, daß diese drei Thätigkeiten bestimmte Zentren haben; bewiesen ist es bis jetzt nicht und es wäre möglich, daß eine noch tiefere Untersuchung die Erkenntnis zum Ergebnis hätte, Bewußtsein, Gedächtnis und Wille seien nicht einfach, sondern zusammengesetzt und auf letzte Grundbestandteile zurückführbar.) Sie beeinflussen einander, sind aber von einander unabhängig. Damit ihre Thätigkeit eine dem Organismus förderliche und nützliche sei, müssen sie zusammenstimmen; doch fehlt diese Harmonie manchmal in Fällen von Hirnkrankheiten und selbst bei anscheinend voller geistiger Gesundheit. Man verliert manchmal das Gedächtnis, bewahrt aber das Bewußtsein. Ebenso kann man bei erhaltenem Bewußtsein den Willen verlieren. Willen und Gedächtnis bestehen andererseits bei fehlendem Bewußtsein, z. B. im Nachtwandeln oder in manchen Formen des Hypnotismus. Und auch wenn alle drei Zentren normal arbeiten, gehen sie gewöhnlich dennoch ihre eigenen Wege, die ja gleichlaufend fein können, es aber durchaus nicht immer sind. Wir wissen, daß das Gedächtnis vom Willen ganz unabhängig ist. Es bringt uns Vorstellungen ins Bewußtsein, die mir nicht gesucht und verlangt haben, und enthält uns hartnäckig andere vor, an die wir uns mit größter Anstrengung zu erinnern suchen. Ebenso ist der Wille vom Bewußtsein und dessen ganzem Inhalt unabhängig. Wir haben gut uns mit dem Aufgebot aller Kräfte unseres Urteils zu überreden, eine bestimmte Handlung zu vollziehen, wir thun sie dennoch nicht. Das Bewußtsein ist voll überzeugt, der Wille aber kehrt sich nicht daran. Oder wir beweisen uns selbst mit den unwiderleglichsten Gründen, daß mir eine bestimmte Handlung unterlassen müssen. Der Wille hört zu, läßt reden und thut schließlich doch das, wogegen sich das Bewußtsein auflehnt. Die höchsten Zentren stehen also selbständig nebeneinander, vertragen sich einmal, stoßen ein andermal feindlich auseinander und ringen eigentlich während des ganzen Lebens um den vorwiegenden Einfluß im Organismus. Wir haben schon früher, im Kapitel »Mehrheit und Minderheit«, gesehen, daß die höchsten Zentren nur bei sehr reicher und vollkommener Entwickelung imstande sind, neue Kombinationen herzustellen, das heißt auf die äußeren Eindrücke mit solchen Gedanken und Handlungen zu antworten, die bis dahin nicht üblich waren und für die es überhaupt noch kein Beispiel giebt, während dieselben Zentren bei nicht ganz so hoher Entwickelung nur in herkömmlicher und ererbter Weise arbeiten, das heißt genau so schaffen, wie sie selbst bei ähnlichen Anlässen früher geschafft haben und wie vor ihnen von den Eltern geschafft worden ist. Jede Thätigkeit, die man wiederholt übt, wird organisiert; das heißt das Verhältnis, in welches die Nervenzellen und Nervenfäden zu einander treten müssen, um diese Thätigkeit hervorzubringen, wird zu einem festen und starren und die letztere geht automatisch vor sich. Trotz allem, was Herbert Spencer gegen die Heranziehung von Vergleichen und Bildern zur Erklärung psychologischer Vorgänge sagen mag, bleibt dieselbe doch ein gutes Mittel, um den so überaus schwierigen Gegenstand auch Laien klar zu machen. Ich zögere also nicht, zur Erklärung dessen, was unter nicht organisierter und organisierter Thätigkeit der Hirnzentren verstanden wird, ein grobes und darum anschauliches Beispiel anzuführen. Die organisierte Thätigkeit verhält sich zur nicht organisierten wie das Spiel einer Musikdose zu dem eines Künstlers. Das Stück, für welches die Musikdose gebaut ist, spielt sie richtig durch, wenn man sie aufzieht; ein anderes als dieses Stück kann sie aber natürlich nicht spielen. Der Künstler dagegen wird jedes Stück spielen, dessen Noten man ihm vorlegt, und bei einem höhern Grade der Begabung wird er auch Stücke neu erfinden und nicht bloß aus fremden Noten heraus spielen können. Bei der Durchschnittsmenge sind die Hirnzentren wie die mechanischen Musikwerke; sie spielen nur die Stücke, die in sie hineingebaut, die in ihnen organisiert sind. Wer war der Mechaniker, der ihr Spielwerk auf die bestimmten Musikstücke eingerichtet hat? Das war die Reihe der Vorfahren, welche diese Musikstücke immer in derselben Weise so lange gespielt haben, bis das anfangs von frei spielenden Fingern zum Tönen gebrachte Instrument automatisch wurde. Bei den Ausnahmemenschen dagegen sind die Hirnzentren wie die Künstler; sie können Stücke spielen, die man früher nicht gehört hat; ihr Repertoir besteht nicht aus ein paar Stücken, die immer wieder heruntergeleiert werden, sondern wechselt fortwährend und ohne Zahlbeschränkung. Es bleibt eine letzte Frage: weshalb werden häufig geübte Thätigkeiten organisiert? Oder, um beim gewählten Beispiele zu bleiben: weshalb wird ein wiederholt frei gespieltes Stück schließlich auf die Musikwalze aufgesetzt? Meine Antwort kann nur eine Hypothese sein, die aber mit allem übereinstimmt, was wir von den Gesetzen der Natur wissen: das geschieht durch die Wirkung des allgemeinen Gesetzes, daß in der Natur alles mit dem möglich geringsten Kraftaufwands gethan wird. Wenn der Wille oder das Bewußtsein neue Kombinationen zu veranstalten haben, so erfordert das eine große Ausgabe an Nervenkraft. Jedes Tempo der Arbeit muß kommandiert und beaufsichtigt werden. Diese Ausgabe wird nun erspart, wenn es möglich ist, häufig vorkommende Tätigkeiten automatisch zu verrichten. Dann genügt ein einmaliger Impuls, den ein bloßer Sinneseindruck oder ein Befehl des Willens oder Bewußtseins geben kann, um die Mechanik in Bewegung zu setzen, und die Arbeit wird von Anfang bis Ende gethan, ohne daß die höchsten Zentren achtzugeben, einzugreifen und Einzelbefehle zu erteilen haben. Das ist wohl der Grund, weshalb häufig geübte Thätigkeiten nicht mehr von den höchsten Zentren frei verrichtet werden, sondern automatisch, das heißt organisch, vor sich gehen. Diese Tendenz der Arbeit- und Kraftersparung durch möglichst weitgehende Umwandlung freier in automatische Thätigkeit ist eine so starke, daß sie sich nicht bloß in der Gattung, sondern auch im Individuum fortwährend zur Geltung drängt. Es bedarf keiner langen Reihe von Geschlechtsfolgen, um eine Verrichtung in den sie leistenden Zentren zu organisieren; das geschieht in ganz kurzer Zeit, in viel weniger als einem einzigen Menschenleben. Selbst der mächtigste, also nach meiner früheren Auseinandersetzung originellste Organismus sieht seine Eigenartigkeit automatisch werden und wenn er den anderen Organismen gegenüber noch immer originell ist, so ist er es sich gegenüber nicht mehr. Er wird gleichsam zur Spieldose, welche die eigenen Tondichtungen mechanisch spielt. So erklärt es sich, daß das persönlichste Genie zuletzt manieriert wird und der brave Schuster hatte so unrecht nicht, als er vor einem schönen Bilde die Bemerkung machte, daß wohl viel Gewohnheit dazu gehöre, dergleichen hervorzubringen. Die automatischen Verrichtungen der höchsten Zentren kommen uns nicht in der Form von Gedanken, sondern in der von Emotionen zum Bewußtsein. Nur diejenigen Thätigkeiten, die vom Anfang bis zum Ende im Bewußtsein vor sich gehen, das heißt die mit einem Sinneseindruck beginnen, sich in eine Wahrnehmung verwandeln, eine Deutung auf ihre Ursache erfahren, im Gedächtnis untergebracht werden und zu einem Urteil führen, dessen Vollstreckung dem Willen ausdrücklich aufgetragen wird, nur diese Thätigkeiten werden vom denkenden Ich als klare, scharf umrissene Gedanken empfunden. Diejenigen Thätigkeiten dagegen, die ohne direkte Dazwischenkunft des Bewußtseins vor sich gehen, die also darin bestehen, daß ein Zentrum auf eine Anregung hin maschinenmäßig einen Cyklus organisierter Handlungen durchläuft, wie eine Musikdose ihr Stück abspielt, diese Thätigkeiten werden nur als unklare, verschwommene Gemütsbewegungen, oder, um bei dem fremden, aber genau umschriebenen Fachausdrucke zu bleiben, als Emotionen empfunden. An dieser Unterscheidung ist sehr strenge festzuhalten. Sie bildet die Voraussetzung all dessen, was ich in diesem Kapitel noch zu sagen habe, und ich werde in den folgenden Abschnitten dieses Buches von ihr noch manches ableiten. Man vergesse nur nie, daß das, was wir das Bewußtsein nennen, nicht den ganzen Organismus, sondern nur ein Organ desselben, ein Hirnzentrum umfaßt, daß es mit einem Worte nicht das Bewußtsein, sondern ein Bewußtsein ist. Jedes Zentrum hat sein eigenes Bewußtsein, von dem aber das höchste Zentrum, dasjenige, welches die Grundlage unseres denkenden Ichs, unserer geistigen Persönlichkeit ist, keine oder nur dunkle Kunde erhält. Von den Vorgängen in den Zentren des Rückenmarks und des sympathischen Systems erfährt unser Ich, das heißt das höchste Hirnzentrum, nichts oder nichts Genaues. Und doch ist es zweifellos, daß jene Zentren auch ihr Bewußtsein, allerdings ein enges und untergeordnetes, haben, daß sie in jedem Falle wissen, mit welcher Thätigkeit, mit welchen Befehlen an die ihnen unterstehenden Gewebe, sie auf Anregungen antworten fallen. Man muß sich das Bewußtsein als ein inneres Auge vorstellen, welches durch eine Art Mikroskop auf die Zentren und deren Thätigkeit blickt. Das Sehfeld dieses Mikroskops ist ein verhältnismäßig kleines; was außerhalb desselben liegt, sieht das beobachtende Auge natürlich nicht; ebensowenig die Ursprünge und Enden von Bildern, die über das enge Sehfeld hinausragen. Letzte Ergebnisse der Thätigkeit anderer Zentren nimmt das Bewußtsein wahr; ihre Anfänge und Entwickelung nicht. Wenn das Gedächtnis eine Vorstellung ins Sehfeld des Bewußtseins rückt, so sieht dieses sie; wie diese Vorstellung aber herbeigeschafft wurde und wohin sie gleitet, das sieht das Bewußtsein nicht. Ebenso verhält es sich mit dem Willen. Die Wirkung einer Thätigkeit des Willenszentrums, nämlich eine zweckentsprechende, zusammengesetzte Muskelbewegung oder Reihe von Bewegungen, sieht das Bewußtsein. Wie aber der Innervations-Impuls, das heißt die Kraft, welche durch die Nervenbahnen die Muskeln zur Zusammenziehung anregt, entsteht, das erfährt das Bewußtsein nicht. Die Art, wie das Bewußtsein die eigene Thätigkeit und die der anderen Zentren, soweit sie in seinem engen Sehfelde erscheinen, empfindet, ist eine völlig verschiedene. Die eigenen Handlungen, die es beginnt und beendigt, deren alle Teile es selbst bereitet, lassen in ihm keine Unsicherheit und kein Unbefriedigtsein zurück. Es sind eben, wie oben gesagt, Gedanken, also Helligkeiten; die nur unvollkommen wahrgenommenen Handlungen der anderen Zentren dagegen, auf die es keinen direkten Einfluß hat, deren einzelne Abschnitte es nicht sicher unterscheidet, deren Anfang, Entwickelung und Ende ihm entgehen, erwecken im Bewußtsein eine Art Unbehagen und Spannung, ich möchte sagen eine Sehanstrengung, das Gefühl, das ein Auge hat, welches etwas Entferntes, Kleines oder schwach Beleuchtetes genau sehen möchte und nicht kann; es ist eine Erkenntnis der eigenen Grenze, eine Erkenntnis von Schwäche und Unvollkommenheit, eine Neugierde und Unruhe und ein Drang des Mehrwissens. Diese Empfindung ist eben die Emotion, die uns nur als Ahnung, Sehnsucht, unbestimmte Erregung und verschwommen begrenzter Wunsch zum Bewußtsein kommt. Die scharfe und klare Gedankenarbeit, diese Thätigkeit des höchsten Bewußtsein-Zentrums, die ich der Kürze halber im Gegensatze zur Emotion Kogitation nennen will, wird von den vollkommener ausgerüsteten Individuen geleistet, welche die Fähigkeit besitzen, neue Kombinationen herzustellen. Die Durchschnittsmenge, deren Zentren automatisch arbeiten, die also nur organisierte Kombinationen enthalten, bleibt auf die Emotion beschränkt. Weitaus die meisten Menschen haben während ihres ganzen Lebens nie einen klaren, vollbeleuchteten Gedanken im Bewußtsein; dieses bekommt bei ihnen nie andere als halbdunkle, verschwommene Bilder zu sehen; sie wären nicht imstande, in einem gegebenen Augenblicke deutlich auszusprechen, was in ihrem Geiste vorgeht; jeder Versuch dieser Art würde alsbald in unbestimmtes Gefasel und nichtssagende Gemeinplätze ohne Relief auslaufen; sie leben ausschließlich von Emotionen. Die Emotion ist also das Ererbte, die Kogitation das Erworbene. Die Emotion ist Gattungsthätigkeit, die Kogitation Thätigkeit des Einzelwesens. Die Emotion ist trotz ihrer Verschwommenheit, trotzdem sie das Bewußtsein unbefriedigt läßt, ja beunruhigt, subjektiv angenehmer als die Kogitation, und zwar aus drei Gründen. Erstens ist sie leichter, das heißt sie kommt mit geringerem Aufwande an Nervenkraft zustande, da eben automatische Arbeit der Zentren bequemer ist als bewußte und freie, Bequemlichkeit aber als Annehmlichkeit, Anstrengung als Mühsal oder Schmerz empfunden wird. Zweitens schließt gerade das Unvermögen des Bewußtseins, in den Vorgängen innerhalb der automatisch arbeitenden Zentren, also in den Emotionen, klar zu sehen, neben einem Elemente der Beängstigung auch ein Element des Reizes und der Anregung in sich; das Bewußtsein sucht zu erraten, was es nicht weiß, es sucht auszugestalten, was es nicht deutlich sehen kann; diese Thätigkeit des Bewußtseins ist nichts anderes als die Phantasie, die also durch die Emotion angeregt wird; die Phantasie aber ist erfahrungsgemäß eine angenehme Thätigkeit des Bewußtseins. Drittens – und dieses Argument findet sich schon bei Darwin – sind natürlich die wichtigsten Thätigkeiten des Organismus auch die am häufigsten geübten; es werden also in der Regel die infolge ihrer häufigen Wiederholung automatisch gewordenen, organisierten Verrichtungen auch für die Erhaltung des Einzelwesens und der Gattung die wichtigsten sein; da diese Verrichtungen nur in der Form von Emotionen zum Bewußtsein gelangen, so wird der Organismus den Emotionen als dem Ausdruck der für ihn wesentlichsten und bedeutungsvollsten organischen Thätigkeiten die größte Bedeutung beimessen, das heißt subjektiv gesprochen, sie am tiefsten und mächtigsten empfinden. Von der Kogitation gilt das Gegenteil dieser drei Argumente. Sie kann nicht als angenehmer empfunden werden, weil sie erstens dem Durchschnitts-Organismus zu schwer und unbequem ist, weil sie zweitens das erfreuliche Spiel des Bewußtseins, das man Phantasie nennt, nicht anregt, weil sie drittens dem Organismus auf den ersten Blick nicht wichtig und wesentlich erscheint, denn er hat erfahrungsgemäß bis dahin ohne sie bestanden und sie wird ihre Wichtigkeit oder Nützlichkeit erst zu erweisen haben, indem sie, einmal mit Vorteil für den Organismus geübt, häufig sich zu wiederholen Gelegenheit findet; in diesem Falle aber wird sie rasch organisiert sein und sich aus Kogitation in Emotion verwandeln. Eine Fülle dunkler Erscheinungen wird durch diese Voraussetzungen aufgeklärt. Die Romantik, die das Alte dem Neuen vorzieht, das Mittelalter »poetischer« findet als unsere Zeit, eine Ruine anschwärmt und ein zweckmäßiges, in gutem Stande befindliches Gebäude scheußlich nennt, diese Romantik hat ihre Wurzel darin, daß die alten, ererbten Vorstellungen automatische Thätigkeiten der Zentren anregen, folglich als Emotion empfunden werden, während die neuen noch nicht organisierten Vorstellungen mit einer Anstrengung des Bewußtseins nachgedacht werden müssen, also Kogitation hervorrufen. Die alte Postkutsche erweckte bei der Generation, die sich ihrer noch bedient hat, Emotion, die Eisenbahn Kogitation; die Zeitgenossen der großen Umgestaltung des Verkehrswesens fanden also die Postkutsche poetisch, die Eisenbahn nüchtern und unangenehm. Die ganze Poesie und ihre Wirkung beruhen auf diesem Grundunterschiede zwischen Emotion und Kogitation. Der Inhalt der Poesie sind allgemein menschliche Beziehungen, Zustände und Leidenschaften, also oft geübte, automatisch gewordene, organisierte Thätigkeiten; die Poesie geht demzufolge aus Emotion hervor und erweckt Emotion. Selbst in ihrer Ausdrucksweise knüpft sie an alte Vorstellungen an, nicht zufällig, sondern notwendig, weil es eben naheliegt, daß sich ererbte Vorstellungen auch in der Tracht, in der man sie von den Ahnen ererbt hat, in das Sehfeld des Bewußtseins schieben. Darum spricht die Poesie heute noch von Geistern und Elfen und Göttern; darum anthropomarphosiert sie die Natur und die Gemütsregungen; darum waffnet sie ihre Helden mit Pfeil und Keule und nicht mit Mausergewehren; darum läßt sie Reisende ihre Bahn auf einem guten Rosse und nicht in einem Schlafwagen zurücklegen; darum bewahrt sie die Weltanschauung der Kinderzeit unserer Gesittung. Mit neuzeitlichen Vorstellungen und Formen kann sie nichts anfangen. In unserer heutigen Weltanschauung findet sie sich nicht zurecht. Das ist zu neu für sie; das hat sich noch nicht organisiert; das ist noch nicht automatisch; es ist mit einem Worte noch nicht emotionell, sondern kogitationell. Darum ist jeder Versuch, der Poesie einen modernen Inhalt zu geben, vollständig aussichtslos. Wenn manche Reimer sich vorsetzen, sogenannte Gedankenpoesie zu schaffen, Wissenschaft in ihre Verse einzuführen, so beweisen sie nur, daß sie vom Wesen der Poesie auch nicht die leiseste Ahnung haben. Die Poesie ist Emotion; sie zur Kogitation machen zu wollen ist ganz so, als wollte man einen Traum in helles Wachen verwandeln, ohne daß er doch aufhören sollte, Traum zu sein. Der Übergang aus der Kogitation in die Emotion wird aber erfolgen. Das ist nur eine Frage der Zeit. Was heute neu ist, das wird in einem Jahrtausend alt sein. Was heute individuell ist, das wird dann der Gattung angehören, ererbt und organisiert sein. Dann wird ein Bahnhof ganz so poetisch scheinen wie heute eine Burgruine, eine Kruppsche Kanone ganz so wie heute eine Turnierlanze, eine Anspielung auf eine elektrodynamische Maschine oder einen Bacillus ganz so wie heute ein Hinweis auf die Flügel des Gesanges oder auf das Schluchzen der Nachtigall. Denn man vergesse nur nicht, daß all das alte Rüstzeug der Poesie einst ganz so neu, also kogitationell war wie heute die Eisenbahn, die Artillerie, die Naturwissenschaft; damals hat man ganz gewiß die Ritterrüstung und das Schloß auf der Bergkuppe ebenso nüchtern gefunden wie heute einen Waffenrock und eine Kaserne und nur das, was damals das Alte war, als poetisch gelten lassen. Das ist nicht bloße Vermutung, wir haben bestimmte Anhaltspunkte für diese Behauptung. Fast bei allen alten Völkern knüpften sich an die Steinwerkzeuge religiöse, mystische, also emotionelle Vorstellungen, als jene bereits seit Jahrhunderten im Besitze von Bronzegeräten waren. Das Steinwerkzeug war den Barbaren der Bronze- und frühen Eisenzeit, was der mittelalterliche Kram den schwärmerischen Naturen unserer Zeit ist. Es giebt Geschlechter, Alter, Völker, Epochen, in denen die automatische über die frei kombinierende Thätigkeit der höchsten Zentren, Emotion über Kogitation, vorwiegt. Das Weib, dessen höchste Zentren fast niemals zu der kräftigsten Ausbildung gelangen, die sie im Manne viel häufiger erreichen, ist weit emotioneller als der Mann. Das Kind, dessen Zentren noch nicht voll entwickelt, der Greis, bei dem sie bereits im Verfall sind, haben beinahe nur Emotionen, keine Kogitation. In der Krankheit, in der Rekonvaleszenz, während der Organismus, also auch das ganze Zentralnervensystem, noch geschwächt ist, bringt derselbe nur Emotionen zustande. Hirnkrankheiten kündigen sich zu allererst durch die Leichtigkeit an, mit der das betreffende Individuum die Stimmung wechselt, weinerlich und lachlustig wird, also Emotionen hat. Die Chinesen, die neuzeitlichen Romanen sind emotionelle Völker, sie lassen sich von halbbewußten Stimmungen, das heißt von der automatischen Erbthätigkeit ihrer Zentren leiten und bringen nur wenige Individuen hervor, in denen die höchsten Zentren genug stark sind, um den Automatismus zu hemmen (»zu inhibieren« ist der Fachausdruck der Physiologen) und freie Kombinationen herzustellen, das heißt persönlich zu denken, kogitationell zu sein. Das Mittelalter war eine ganze lange Epoche von rein emotionellem Charakter. Das Herkömmliche war allmächtig. Das Individuum ging vollständig in Sippe, Körperschaft und Stand auf. Es gab fast ein halbes Jahrtausend lang kein Hirnzentrum, das zur Kogitation fähig gewesen wäre. Darum mußte die ganze Epoche sentimental religiös und mystisch sein, Beiwörter, die nichts anderes bedeuten als jene Unklarheit, mit der, wie wir oben gesehen haben, die automatische Thätigkeit der Zentren dem Individuum zum Bewußtsein kommt. Die Auseinandersetzungen, die ich bisher gegeben, sind breit geworden, aber der Leser, der nicht Psychologe von Fach ist, wird sie unerläßlich finden. Nun erst kann er verstehen, was damit gemeint war, als ich sagte, Genie und Talent seien auf den Grad der Entwicklung bestimmter Zentren zurückzuführen. In welchem Teile des Gehirns jedes der Zentren zu suchen ist, deren besondere Entwicklung sich durch eine besondere Begabung äußert, das wissen wir in den meisten Fällen nicht. Es ist aber nicht ausgeschlossen, ja sogar wahrscheinlich, daß die vereinigten Forschungen der klinischen Medizin, der pathologischen Anatomie und der Experimental-Pathologie, vielleicht auch die erst in neuester Zeit begonnene systematische Untersuchung des Gehirns hervorragender Männer, den Sitz der einzelnen Zentren feststellen werden. Derjenige, für den die geistigen Thätigkeiten Verrichtungen einer Seele, also eines nichtstofflichen Gastes unseres Körpers, sind, wird die Erklärung der Erscheinung eines Genies und selbst Talents entweder lächerlich leicht oder ganz unmöglich finden. Er kann sich nicht damit helfen, daß er sagt, Peter hat mehr Seele als Paul, denn dort, wo kein Stoff vorhanden ist, giebt es auch keine Ausdehnung, welche nur dem Stoffe, und keine Intensität, welche nur der an Stoff gebundenen Kraft zukommt, also auch kein Mehr und kein Weniger, sondern immer nur die Einheit. Ebensowenig kann er sagen, die Verschiedenen Seelen seien ihrem Wesen nach verschieden, es handle sich also nicht um ein Mehr oder Weniger, sondern um ein Anders; denn eine Wesensverschiedenheit des Nichtstofflichen ist dem menschlichen Verstande ebenso undenkbar wie eine Wesensverschiedenheit des Stoffes, den unsere Weltanschauung als einheitlich, unveränderlich und immer sich selbst gleich annimmt. Es bleibt also nur die Erklärung, die keine ist, daß Gottes Gnade der einen Seele eben eine reichere Thätigkeit gestattet als der andern. Wer dagegen mit der neuzeitlichen Wissenschaft annimmt, daß geistige Thätigkeiten Verrichtungen bestimmter Organe, nämlich der Hirnzentren, sind, der kann ohne jede Schwierigkeit verstehen, daß ein besser entwickeltes Organ besser arbeiten wird, als ein minder gut entwickeltes. Warum bei einem Individuum dieses oder jenes Zentrum besser entwickelt ist als bei einem andern, das ist damit freilich noch nicht erklärt. Aber diesem zudringlichen Warum, das nach dem letzten Grunde der Erscheinungen fragt, geht ja die exakte Wissenschaft überhaupt aus dem Wege. Bei dem Talente brauchen wir nicht lange zu verweilen. Es hat keine anatomische Unterlage. Es beruht nicht auf einer besonderen Entwicklung der Zentren. Es unterscheidet sich weder im Wesen noch selbst in den Mengeverhältnissen von den Leuten, an denen man kein Talent bemerkt. Ich bin nicht weit entfernt, diesen Gedanken noch schroffer auszudrücken und zu sagen: es giebt überhaupt kein Talent. Man darf wenigstens unter diesem Worte nichts Spezifisches verstehen. Was es giebt, das ist Fleiß und Gelegenheit, nämlich Gelegenheit zur Übung und zur Entwickelung. Jeder Normalmensch, eine Bezeichnung, die also Krankheit, Verkümmerung und Zurückbleiben hinter dem heutigen Durchschnittstypus der weißen Menschheit ausschließt, hat alles in sich, was nötig ist, um jede Thätigkeit in einer Weise zu verrichten, die man gemeinhin »talentiert« nennt. Er braucht sich dieser Thätigkeit nur ausschließlich oder vorwiegend zu widmen. Aus jedem vollkommen gesunden Durchschnittskinde kann man alles machen, was man will, wenn man es vernünftig, genügend lang und genügend streng dazu drillt. Bei richtiger Trainierung wäre es durchaus kein Kunststück, Regimenter, ja Armeen von allem, was Sie wollen, von Künstlern, Schriftstellern, Rednern, Gelehrten heranzubilden, ohne vorhergehende Auswahl, nach Los oder Laune, wie man Rekruten ins Heer einstellt, und jeder Mann dieser Armeen müßte durchaus als ein Talent anerkannt werden. Auf dieser stillschweigenden Voraussetzung beruht ja unser ganzes Bildungswesen. Die Schule nimmt an, daß alle Schüler gleich begabt sind und dieselben Bildungsziele erreichen können; sie hat deshalb für alle dieselben Lehrmethoden, dieselben Aufgaben, denselben Lehrstoff. Wenn es in der Wirklichkeit dennoch gute und schlechte Schüler giebt, so liegt dies, soweit unvollkommene, also nicht typische, krankhafte Entwickelung ausgeschlossen werden kann, nur noch an größerem oder geringerem Fleiße oder an der Möglichkeit, sich den Aufgaben der Schule mehr oder minder ausschließlich zu widmen. Allerdings werden diese Armeen von Gelehrten, Rednern, Dichtern, Malern u. s. w. nie etwas Neues schaffen; sie werden die Grenze ihres Fachs nie erweitern, dessen Ziele nie hinausrücken; aber das, was man vor ihnen gethan hat, werden sie ganz geschickt, ganz leicht, ganz tadellos nachthun und wer das kann, den nennt man ja ein Talent. Es giebt Beispiele genug von Menschen, die tatsächlich auf den verschiedensten Gebieten als Talente anerkannt werden mußten. Ich will nur an die Universaltalente der Renaissance erinnern und als individuelles Beispiel etwa Urbino Baldi nennen, der klassischer Philologe, Maler, Mathematiker, Arzt, Dichter war, sechzehn Sprachen erlernte, an der Paduaner Universität Medizin lehrte und in allen Fächern ganz Tüchtiges leistete. In früheren Jahrhunderten waren solche Universaltalente überhaupt nicht selten und man könnte ihrer auch heute so viel wie man nur will heranzüchten, wenn der Wissensstoff sich nicht so bedeutend vermehrt hätte. Es kostet jetzt viel mehr Zeit, alles geschickt nachzuahmen, was bereits vorher geleistet worden ist. Das ist eine Frage der Jahre, nichts der Anlage. Würden die Menschen zweihundert Jahre alt, so könnte auch heute wie zur Zeit der Renaissance ein und derselbe Mensch eine ganze Anzahl verschiedener Geistesthätigkeiten bis zu ihrer vollkommenen Beherrschung erlernen und in jeder derselben die Tüchtigkeit erlangen, die ihn zu einem Talente der betreffenden Spezialität machen würde. Was fange ich nun aber mit den sogenannten ausgesprochenen Neigungen zu einem bestimmten Berufe an? Ein Kind will von frühauf Soldat, ein anderes Musiker, oder Naturforscher, oder Mechaniker werden. Das deutet doch darauf hin, daß in ihm etwas ist, was anderen ganz fehlt oder nicht in diesem Maße eignet. Allerdings; so sagt man. Ich glaube aber, daß es sich in allen diesen Fällen von angeblicher Neigung eines Kindes zu einem Berufe um ungenaue Beobachtungen handelt. Meistens wird dem Kinde durch einen äußerlichen Umstand, durch das Beispiel seiner Umgebung, durch vor ihm geführte Gespräche, durch zufällig in seine Hand geratene Bücher oder vor seine Augen gelangte Schauspiele die Vorliebe für einen bestimmten Beruf nahegelegt worden sein und bei noch vorhandener vollständiger Gleichgiltigkeit für alle Berufe bedarf es ja nur einer ganz geringen Anregung, um die Aufmerksamkeit auf den einen mehr als auf die anderen hinzulenken. Und in den wenigen Fällen, die nicht auf diese Weise zu erklären sind, ist die sogenannte ausgesprochene Neigung zu einem bestimmten Berufe durchaus keine solche, sondern eine ausgesprochene Abneigung gegen andere Berufe, die auf der Empfindung der Unfähigkeit zu gewissen Thätigkeiten beruht, welche wieder durch mangelhafte Entwicklung einzelner Nervenzentren bedingt, ist. Damit sind wir aber schon in das Gebiet des Krankhaften gelangt, wir haben da Individuen vor uns, die in irgend einer Richtung hinter dem Normaltypus zurückbleiben, mein Satz aber, daß Talent bloß Entwickelung durch ausreichende Übung ist, darf nur auf voll und gleichmäßig ausgebildete, normaltypische Individuen angewandt werden. Man sehe nur genau zu und man wird finden, daß jedesmal, wenn ein Junge dem Gymnasium oder dem Kaufmannskontor entläuft und Künstler oder Soldat wird, er nicht, wie er sich später wohl selbst einbildet, aus unwiderstehlichem Drang zum Künstler- oder Soldaten-Berufe gehandelt hat, sondern aus Angst vor der Mathematik oder vor der strengen Zucht eines Geschäftshauses und in der unbestimmten Vorstellung, daß die andere Laufbahn leichter und angenehmer sein werde als die ursprünglich eingeschlagene. Dieser Umsattler hat nicht vor anderen etwas voraus, eine bestimmte Fähigkeit zur Kunst oder zum Waffenhandwerk, sondern er hat um etwas weniger als die anderen, es fehlt ihm die Fähigkeit, die Anstrengungen des regelrechten Lernens oder der kaufmännischen Zucht zu ertragen. Nach dem Vorausgeschickten erledigt sich die Frage der Erblichkeit des Talents von selbst. Da ich an das Talent als an etwas im Organismus Vorgebildetes nicht glaube, so kann ich auch an seine Erblichkeit nicht glauben. Was man für Erfahrung ausgiebt, das kann mich in dieser Anschauung nicht irremachen, ebensowenig wie das vielgerühmte Buch Galtons, das er mit merkwürdig ungenauer Anwendung des Hauptworts »Erbliches Genie« nennt. Daß in einer Familie eine Reihenfolge sogenannter Talente einer und derselben Richtung beobachtet wird, beweist nicht das Geringste. Was ist natürlicher, als daß das Kind früh durch das Beispiel des Vaters oder Oheims etc. angeregt wird, seinem Denken eine bestimmte Richtung zu geben? Der Sohn des Arztes ist seit seiner Kindheit von Vorstellungen medizinischer und naturwissenschaftlicher Art umgeben; er muß sich, wenn er nicht stumpfsinnig ist, notwendig mit diesen Vorstellungen beschäftigen, sie werden ihn zur Wahl des väterlichen oder eines verwandten Berufes drängen und wenn er ein Normalmensch ist, so wird er zweifellos in dem gewählten Berufe tüchtig, also ein Talent werden. Hat er darum ein bestimmtes Talent seines Vaters geerbt? Nein. Seine Fähigkeit, alle menschlichen Thätigkeiten vollkommen zu erlernen, wurde nur durch das Beispiel des Vaters auf die Erlernung der väterlichen Thätigkeit gelenkt. Als der Sohn eines Generals wäre derselbe Knabe ein militärisches Talent, als der Sohn eines Malers ein talentierter Künstler geworden, in allen Fällen ein anständiges Mittelmaß, doch schwerlich mehr erreichend. Das Vorkommen mehrerer Talente derselben Art in einer Familie, weit entfernt die Erblichkeit des Talents zu zeigen, beweist geradezu das Gegenteil, es beweist, daß ein normal entwickeltes Kind in jeder Laufbahn, auf die es durch Familienüberlieferung hingewiesen wird, es zum Rang eines Talentes bringen kann, durch die bloße Wirkung des Beispiels, ohne daß eine besondere organische Bildung dazu notwendig ist. Es giebt eine Kreuzprobe, welche die Frage endgiltig lösen könnte, aber sie ist meines Wissens nie gemacht worden. Sie bestände darin, daß ein auf der Straße aufgelesenes, im Findelhause erzogenes Kind trotz einer Schule, die keinen Beruf besonders hervorhöbe, aus entschiedener Neigung einen bestimmten Beruf wählte, es in demselben zu anständigen, wenn auch nicht außerordentlichen Erfolgen brächte, später seine Herkunft entdeckte und fände, daß es aus einer Familie stamme, welche in demselben Berufe bereits Talente aufzuweisen hatte. Diese Probe müßte wiederholt geliefert werden, damit man die Einwirkung eines Zufalls ausschließen könne. Dann erst wäre bewiesen, daß ein bestimmtes Talent erblich ist. Aber ich wiederhole, es ist mir nicht bekannt, daß eine solche Kreuzprobe bisher jemals vorgekommen ist, und ich zweifle sehr, daß sie je vorkommen wird. Ganz anders liegen die Dinge beim Genie. Dieses ist nicht ein anderer Ausdruck für Fertigkeit, durch hinreichende Übung erlangt. Es ist kein Normaltypus, der sich infolge günstiger Bedingungen gut entwickelt hat. Das Genie ist eine außerordentliche Bildung, die von den normalen Bildungen abweicht. Es beruht auf der besondern Entwickelung eines Nervenzentrums, manchmal möglicherweise auch mehrerer oder sogar aller Zentren. Es verrichtet deshalb alle Thätigkeiten, denen die bei ihm ungewöhnlich entwickelten Zentren vorstehen, in einer außerordentlich vollkommenen Weise, viel vollkommener als Menschen vom Durchschnittstypus, und hätten sie durch Übung ihre gleichen Zentren zu der ihnen erreichbaren Vollkommenheit ausgebildet. Vom rein physiologischen Standpunkte aus mühte man eigentlich in jedem Falle von Genie sprechen, wo irgend ein Zentrum, ja irgend ein Gewebe in außerordentlicher, das normale Maß weit überragender Weise ausgebildet ist. Ein überaus robuster Mensch, der imstande wäre, anhaltend die härtesten Arbeiten zu verrichten, allen Unbilden des Wetters ausgesetzt zu bleiben, des Schlafes beraubt, unzureichend genährt, mangelhaft bekleidet zu sein und dabei an seiner Gesundheit keinen Schaden zu leiden, könnte ein Genie der Lebenskraft genannt werden, denn seine allerniedrigsten Zentren, diejenigen, welche die einfachsten Verrichtungen des Organismus, die intimsten mechanischen und chemischen Arbeiten der lebendigen Zelle besorgen, müßten bei ihm außerordentlich vollkommen sein. Milo van Kroton war in diesem Sinne ein Muskelgenie. Das Muskelgewebe hatte bei ihm eine Entwickelung wie bei keinem andern Menschen, von dem die Alten Kenntnis hatten. Er konnte darum Dinge thun, die vor ihm nie gethan wurden, die den Normalmenschen nicht möglich schienen und auch nicht möglich waren. Er riß Bäume mit den Händen entzwei. Das war eine Methode des Spaltens, auf die vor ihm niemand verfallen und die man ihm mit aller Übung nicht nachmachen konnte. Höchstens mochte man es an viel dünneren und schwächeren Bäumen versuchen. Es hat gewiß Muskeltalente gegeben, die durch anhaltende Übung dahin gelangten, an jungen Stämmen das Kunststück fertig zu bringen, welches das Muskelgenie allein an alten Bäumen ohne Vorbild und Übung beim ersten Versuche vollbringen gekonnt. Es könnte einen Menschen geben, der ein so vollkommenes Gehör hätte, daß er, auf der Straße dahinwandelnd, mit größter Deutlichkeit vernähme, was in den innersten Gemächern der Häuser gesprochen oder selbst nur geflüstert würde. Er wäre ein Gehörgenie. Er würde ohne Mühe, ganz von selbst, Dinge erfahren und hinter Geheimnisse kommen, die zu erraten dem Normalmenschen gar nicht denkbar schiene. Solche Vollkommenheiten nennen wir aber nicht Genie, weil sie nicht ausschließlich menschlich sind. Die niedrigsten Zentren der Lebensvorgänge hat jedes Lebewesen und wenn der vorhin gezeichnete robuste Mensch als Genie der Lebenskraft angesprochen würde, so hätte auch ein Frosch, der in einen Stein eingewachsen ungezählte Jahrhunderte lang fortlebt, oder eine Katze, die sechs Wochen lang ohne Nahrung in einer Eisenröhre unter Brandschutt eingeschlossen bleibt, ohne umzukommen, ein Recht auf dieselbe Bezeichnung. Ebenso wird Milo von Kroton durch seine Muskelentwickelung nur in eine Reihe mit einem besonders starken Elefanten oder selbst nur mit einem Ausnahme-Floh gestellt, der viel weiter springen kann als alle seine Artgenossen, und ein Gehörgenie ragt nicht über die Tiere hervor, bei denen der eine oder der andere Sinn bis zu einer uns unbegreiflichen Vollkommenheit entwickelt ist, wie der Gesichtssinn bei den Tag-Raubvögeln und der Geruchssinn bei den Hunden. Gewisse Tiere haben Fähigkeiten, welche ein eigenes Zentrum voraussetzen, was dem Menschen fehlt. Der Zitteraal kann elektrische Schläge austeilen; die Brieftaube findet über ganze Kontinente hinweg den Weg zu ihrem Schlage zurück; gewisse fleischfressende Wespen haben eine so genaue Kenntnis der Anatomie der Gliedertiere, daß sie durch Stiche, die mit unfehlbarer Sicherheit geführt sind, die Nervenganglien sämtlicher Leibesringe einer Raupe mit Ausnahme der Kopfganglien durchbohren, so daß die Raupe vollkommen gelähmt ist, aber nicht stirbt und der Wespenbrut lebendigen Leibes zur Nahrung dienen, sie aber nicht durch Bewegungen in dem engen Neste beschädigen kann. Alle diese Fähigkeiten gehen dem Menschen ab. Er wird sie auch schwerlich jemals erlangen, weil er sie nicht braucht. Er ersetzt sie überreichlich durch eine höhere, umfassendere Fähigkeit, die des Urteils. Er baut sich mächtigere Elektrizitätsquellen als die des Zitterrochen. Er findet mit Kompaß und Landkarten seinen Weg ebenso sicher wie die Brieftaube. Er erlernt die Anatomie, bis er in ihr noch bewanderter ist als die Raubwespe. Aber theoretisch wäre es doch denkbar, daß ausnahmsweise einmal ein Mensch geboren würde, der das elektrische Organ des Gymnotus besäße, oder das Orientierungs-Organ der Brieftaube, oder das Organ, welches der Raubwespe ein Lehrbuch der Anatomie und Physiologie ersetzt, oder ein Organ, das ihn befähigte, die Bewegungen, welche in arbeitenden fremden Hirnzentren vorgehen, so wahrzunehmen, wie wir mit den Augen und Ohren Bewegungen anderer Art wahrnehmen, also Gedanken zu lesen. Ein solcher Mensch würde Dinge vollbringen, die wir nicht anders als wunderbar nennen könnten. Bei allen anderen als den Höchstgebildeten würde er für einen Zauberer gelten. Aber als ein Genie würde man ihn schwerlich bezeichnen. Wir müssen eben diesen Namen solchen Wesen vorbehalten, bei denen nicht irgend ein unter- oder außermenschliches, sondern ein rein und ausschließlich menschliches Zentrum, eines jener höchsten Zentren, die der Mensch allein unter allen Organismen in voller Ausbildung besitzt, ausnahmsweise mächtig entwickelt ist. Diese Begrenzung seines Sinnes schließt den Mißbrauch des Wortes aus, dessen sich selbst die sorgfältiger bedachte Rede gewöhnlich schuldig macht. Es ist mir leid, daß ich Namen heranziehen muß, aber ich glaube, ihrer nicht entbehren zu können, wenn diese Ausführungen ganz deutlich werden sollen. Man nennt einen Liszt, einen Makart, einen Damison ein Genie. Das ist nicht richtiger, als wenn man nach meinem Beispiele von vorhin einen außerordentlich muskelstarken Menschen ein Genie nennte. In allen drei Fällen handelt es sich um eine besondere Vollkommenheit sehr niedriger Zentren. Um dies zu beweisen, muß man nur die offenbar höchst zusammengesetzte Erscheinung eines Klavierspielers, Farbenkünstlers und Tragöden zergliedern und in ihre einfachen letzten Bestandteile auseinanderlegen. Nehmen wir zuerst das Klavierspiel. Dasselbe wird durch Finger-, Hand- und Armbewegungen (die vergleichsweise unwesentlichen Fußbewegungen können wir vernachlässigen) und durch Impulse hervorgebracht, welche diese Bewegungen stärker oder schwächer, langsamer oder rascher, gleichartiger oder unregelmäßiger machen. Es kommen also dabei in absteigender Reihenfolge in Betracht: ein Zentrum, das verschieden starke und verschieden geartete, ungemein rasch wechselnde Bewegungs-Impulse ausschlägt, Nerven, die empfindlich genug sind, diese Impulse mit größter Schnelligkeit und Genauigkeit zu übermitteln, so daß sie weder an dem Maße ihrer Stärke noch an ihrer Eigenart die geringste Veränderung erleiden, endlich Muskeln der oberen Gliedmaßen, die ihre Zusammenziehungen so genau abstufen, daß die Bewegungen den Impulsen stets vollkommen proportionell bleiben. Wir wissen, daß die Arbeit der zweckmäßigen Zusammenfügung von Muskelbewegungen, die Koordination, bestimmte Zentren hat, und mir dürfen annehmen, daß die musikalischen Impulse in einem Empfindungszentrum entstehen, dessen automatische Thätigkeit durch Eindrücke namentlich des Gehörssinns, aber auch anderer Sinne und Hirnzentren angeregt wird, wenn diese Eindrücke immer oder oft mit solchen des Gehörssinns zusammengesellt auftreten. Solche nichtakustische, aber mit diesen gewöhnlich zusammengesellte Eindrücke sind in erster Linie die geschlechtlichen. Der Urmensch, wie noch heute eine ganze Reihe von Tieren, hat sein Liebeleben höchst wahrscheinlich mit Lautkundgebungen (rhythmischen Schreien, Gesang) begleitet und davon ist eine in unseren Hirnzentren organisierte Verknüpfung der Thätigkeiten des Fortpflanzungs- und des Tonempfindungs-Zentrums zurückgeblieben. Wird das eine Zentrum angeregt, so tritt gleichzeitig das andere in Thätigkeit. Liebesempfindungen regen also musikalische Impulse, Thätigkeit des Zentrums für die musikalischen Impulse die Arbeit des Liebes- (Fortpflanzungs-) Zentrums an. Aber das ist nicht entfernt die einzige Verknüpfung dieser Art. Jede Erscheinung der Außenwelt schließt Anregungen, nicht für einen Sinn, sondern für alle Sinne in sich. Nehmen wir die Erscheinung eines sonnigen Frühlingsmorgens. Der Hauptsinn, an den sich die Erscheinung wendet, ist allerdings das Gesicht, weil ihr wesentlichster Bestandteil das Sonnenlicht und dessen eigenartige Wirkung auf die Landschaft ist. Aber daneben erhält der Geruchssinn den Eindruck von Gras- und Blumenduft, Wasserdunst und Ozon, der Gefühlssinn den Eindruck von Kühle und einem bestimmten Grad von Feuchtigkeit und der Gehörssinn den gewisser Tier- und Vogelstimmen und Laub- oder sonstiger Geräusche. Jede einzelne zusammengesetzte Erscheinung besteht so aus Eindrücken mehrerer oder aller Sinns, diese verschiedenen Eindrücke, von denen die einen stärker, die anderen schwächer sind, werden vom Gedächtnis als Gesamtbild aufbewahrt und ein bestimmter Eindruck eines einzigen Sinnes erweckt auch in den anderen Sinnes- und Empfindungszentren die Eindrücke, die gewöhnlich mit jenem zusammen empfangen werden. So wird der charakteristische Geruch des Sommermorgens auf dem Lande oder im Walde die ganze Erscheinung des Sommermorgens in uns wachrufen, also auch die übrigen Sinneseindrücke, aus denen sie sich zusammensetzt: den Gefühlseindruck der Kühle und Frische, den Gehörseindruck des Hahnenschreis, Lerchengesangs, Hundegebells und Glockengeläutes u.s.w. Irgend eine ganz leise Anregung eines beliebigen Sinnes kann also wie die übrigen, so auch das Tonempfindungs-Zentrum zu einer Thätigkeit anregen, die nach der Natur jener Sinnesanregung verschieden geartet sein wird. Die Verknüpfung der Thätigkeit der verschiedenen Zentren geht vollkommen außerhalb des Bewußtseins, vollkommen automatisch vor sich. Das Bewußtsein kann auch nicht immer unterscheiden, welcher Sinneseindruck die Thätigkeit eines anderen Zentrums angeregt hat, weil es nicht gewohnt ist, die Erscheinungen zu analysieren und festzustellen, welchen Anteil jeder Sinn an ihrem Zustandekommen hat, sondern gewöhnlich einen einzigen Sinneseindruck, weil er der stärkste ist, für den allein wesentlichen hält und die übrigen, schwächeren und untergeordneteren, ganz vernachlässigt. Um von meinem eigentlichen Gegenstande nicht allzuweit abzuschweifen, will ich dafür nur ein Beispiel anführen. Von der Erscheinung eines Ölgemäldes bildet auch ein Geruchseindruck, der von Ölfarbe oder Firnis, einen Bestandteil; doch ist derselbe ein so schwacher und namentlich so unwesentlicher neben dem Gesichtseindruck, daß wir uns seiner schwerlich bewußt werden, daß wir ihn vollkommen vernachlässigen und nicht bedenken, daß an der Ausarbeitung der Vorstellung »Ölgemälde« in unserm Bewußtsein auch das Geruchszentrum einen Anteil hat. Dennoch genügt es, daß das Geruchszentrum einmal einen ähnlichen Sinneseindruck, also den von Firnis oder Ölfarbe, erhält, um auch die übrigen Zentren zu der Arbeit anzuregen, die sie gewohnheitsmäßig zusammen verrichten, so oft sie die Vorstellung »Ölgemälde« ausarbeiten; in unserm Bewußtsein wird also plötzlich die Vorstellung eines Gemäldes erscheinen, ohne daß wir uns erklären können, woher uns dieses Bild ins Gedächtnis komme. Das ist eine der wesentlichsten Formen der Gedanken-Assoziationen; so erklären sich die Stimmungen, die uns beschleichen, wir wissen nicht wie; so vielleicht auch die meisten Träume, in denen die Sinneszentren bei schwacher oder aufgehobener Thätigkeit des Bewußtsein-Zentrums sehr geringe äußere Eindrücke automatisch zu den Vorstellungen verarbeiten, von denen sie einen Bestandteil bilden. Um ein ausgezeichneter Klavierspieler zu sein, muß also ein Individuum diese Bedingungen erfüllen: es muß ein sehr empfindliches, das heißt leistungstüchtiges Nervensystem haben, sein Lautempfindungs-Zentrum muß durch äußere Eindrücke, nicht bloß des Gehörs, sondern nach dem vorstehend erklärten Mechanismus auch der übrigen Sinne, leicht angeregt werden, Impulse auszugeben, und sein Koordinations-Zentrum muß ein besonders vollkommenes sein, so daß es die feinsten, genauesten und verwickeltsten Bewegungen der Handmuskeln in raschester Abwechselung kombinieren kann. Den Rang des Klavierkünstlers bestimmt das Vorwiegen des einen oder des andern Zentrums. Ist hauptsächlich sein Koordinations-Zentrum entwickelt, so wird er ein glänzender Techniker sein, alle Schwierigkeiten spielend überwinden, aber den Eindruck der Kälte und Seelenlosigkeit machen. Ist dagegen neben dem Koordinations- auch das Lautempfindungs-Zentrum hervorragend entwickelt, so wird das Spiel nicht bloß technisch gewandt sein, sondern auch wechselnde und mannigfaltige Empfindungs-Impulse widerspiegeln, also belebt und seelenvoll wirken. Ein überaus hochentwickeltes Lautempfindungs-Zentrum wird imstande sein, mächtigere Impulse auszugeben als die gewöhnlichen und bekannten und dieselben in eigenartiger, neuer Weise zu kombinieren; es bildet die psychophysische Unterlage eines Tonsetzer-Genies; es ist das Merkmal eines Beethoven. Ein ebenso entwickeltes Lautempfindungs-Zentrum, zu dem sich ein gut entwickeltes Koordinations-Zentrum gesellt, giebt ein Individuum, das als Kompositeur ein Genie und dabei als Klavierspieler bedeutend ist; etwa einen Mozart. Ist das erste Zentrum noch immer ungemein vollkommen, aber dennoch das zweite vorwiegend, so entsteht einer jener Komponisten, deren Musik nur dann zur vollen Wirkung kommt, wenn sie von ihnen selbst oder ganz getreu nach ihrer Eigenart, das heißt nach der Eigenart ihres Koordinations-Zentrums, gespielt wird; also z.B. ein Chopin. Ein überaus gut entwickeltes Koordinations-Zentrum zusammen mit einem etwas, aber nicht viel über den Durchschnitt hervorragenden Lautempfindungs-Zentrum endlich giebt einen wunderbaren Klavierspieler und bemerkenswerten musikalischen Nachempfinder, aber kaum mittelmäßigen Komponisten wie Liszt, den man mißbräuchlich ein Genie nennt. Dieses Genie würde, wie die eingehende Analyse gezeigt hat, auf außerordentlicher Entwickelung des Koordinations-Zentrums beruhen, also ein Koordinations-Genie sein. Dieses Zentrum ist aber ein niedriges, nicht ausschließlich menschliches und seine besondere Entwicklung giebt keinen Anspruch auf die Bezeichnung Genie, die für die Vollkommenheit spezifisch menschlicher Zentren vorbehalten werden muß. Eine ausgezeichnete Koordination zeigen auch Tiere, so namentlich Affen, deren Kletter- und Gleichgewichts-Kunststücke von nicht vielen Menschen nachgeahmt werden können. Beim Menschen selbst setzt die hervorragend gute Verrichtung vergleichsweise niedriger Thätigkeiten ebenfalls sehr vollkommene Koordinations-Zentren voraus. Man muß z.B. ein hochentwickeltes Koordinations-Zentrum der unteren Gliedmaßen besitzen, um ein ausgezeichneter Schlittschuhläufer zu sein. Dieselbe Vollkommenheit, verbunden mit einem gut entwickelten Lautempfindungs-Zentrum, wird einen hervorragenden Tänzer geben; dagegen wird sie die psychophysische Unterlage eines ausgezeichneten Reiters bilden, wenn sie statt mit einem bemerkenswerten Lautempfindungs-Zentrum mit gut entwickelten Zentren des Willens, dieses wesentlichsten Bestandteils des Mutes, und des Urteils gesellt ist. Eine hohe Entwickelung des Koordinations-Zentrums der oberen Gliedmaßen giebt ebenfalls eine ganze Reihe von verschiedenen Fähigkeiten, je nach den höheren Zentren, die gleichzeitig gut entwickelt sind und ihre Impulse jenem mitteilen. Die Kombination des Koordinations- und Lautempfindungs-Zentrums giebt, wie wir gesehen haben, den Klavierkünstler; diejenige des ersteren und der Willens- und Urteils-Zentren wird einen ausgezeichneten Fechter geben. So besteht eine kuriose Parallele zwischen dem Tänzer und Klavierspieler einerseits, dem Reiter und Fechter andererseits. Von einem »genialen« Klavierspieler zu sprechen ist also nicht richtiger, als einem Tänzer, Reiter oder Fechter den Titel Genie zu geben. Der Stoff, den ich da behandele, ist ein ungeheuer großer. Er würde die weitläufigsten Entwickelungen nicht in Kapiteln, sondern in dicken Bänden gestatten. Man könnte nahezu endlos die verschiedenen Zentren kombinieren und sehen, welche besondere Fähigkeit dabei herauskommt. Das muß dem Leser überlassen bleiben, der durch die vorstehenden Beispiele dazu angeregt sei. Noch eine Frage will ich, aber ebenfalls nur andeutend, nicht erschöpfend, behandeln. Was wird ein Mensch, der die organischen Anlagen eines Liszt hat, wenn er geboren wird, ehe das Klavier oder irgend ein Werkzeug erfunden ist, das durch Handbewegungen zum Tönen gebracht wird? Es entsteht dann eben nicht die charakteristische Kombination der beiden Zentren, von denen das eine außerordentlich, das andere gut entwickelt ist. Jedes arbeitet dann für sich und wir sehen statt eines Liszt ein Wesen, das sich durch große Fingerfertigkeit in allen Handarbeiten, also etwa durch geschicktes Knüpfen, oder Flechten, vielleicht auch durch bemerkenswerte Taschenspieler-Kunst auszeichnet und daneben musikalische Stimmungen hat, die sich bloß durch Vorliebe für Gesang, vielleicht auch durch Versuche im Singen oder Pfeifen ausdrücken können. Selbst die Thätigkeit des vornehmsten Zentrums, das bei einem Klavierkünstler in Betracht kommt und dessen höchste Entwickelung thatsächlich ein Genie, etwa einen Beethoven, giebt, die des Lautempfindungs-Zentrums, ist noch eine rein automatische, rein emotionelle und steht hinter jeder kogitationellen Thätigkeit zurück. Die des minder vornehmen, des Koordinations-Zentrums, ist überhaupt keine geistige, keine ausschließlich menschliche Thätigkeit mehr, sondern eine solche, die sehr vielen Organismen auch außerhalb der Menschheit, und zwar in hoher Vollkommenheit, eigen ist. Wenden wir nun dieselbe Zergliederungsmethode auf die Erscheinung eines Farbenkünstlers, z. B. eines Makart, an. Ein malerisches Kunstwerk, ein Bild, ist wieder etwas sehr Zusammengesetzes, dessen einfache Bestandteile in den verschiedensten Verhältnissen an der Hervorbringung der Gesamterscheinung beteiligt sein können. Was bei einem Bilde in Betracht kommt, das ist zuerst die Farbenwirkung, dann die Form und schließlich der geistige Inhalt, man nenne ihn nun Gegenstand (»Anekdote«) oder Komposition. Unser Lichtempfindungs-Zentrum ist so beschaffen, daß es die Eindrücke von gewissen Farben und deren Zusammenstellungen als angenehme, die von anderen als unangenehme empfindet. Worauf diese Verschiedenheit der subjektiven Empfindung beruht, das kann ich nicht mit Bestimmtheit erklären. Helmholtz und Brücke haben über diese Frage herrliche Untersuchungen veröffentlicht und es mindestens sehr wahrscheinlich gemacht, daß die subjektive Wirkung der Zusammenstellung von Farben wie von Tönen auf dem Verhältnisse beruht, in welchem die Zahl, Weite und Form der Schwingungen oder Wellenbewegungen zu einander stehen, die wahrscheinlich in unseren Sinnesorganen die Veränderungen hervorrufen, welche wir als Farben oder Töne empfinden. Es würde sich also nach diesen großen Forschern bei angenehmen und unangenehmen Farben- und Tonempfindungen um die unbewußte Feststellung einfacher oder komplizierter arithmetischer und geometrischer Verhältnisse der Äther- oder Stoffbewegungen handeln. Doch dem sei nun wie ihm wolle, genug es ist Erfahrungs-Thatsache, daß es angenehme und unangenehme Farben und Farbenzusammenstellungen giebt. Ein besonders gut entwickeltes Lichtempfindungs-Zentrum wird einen Menschen befähigen, zunächst die Farbeneindrücke besonders stark zu empfinden, also an gut zusammengestimmten Farben sich besonders zu erfreuen, von mißtönenden besonders abgestoßen zu werden, sodann selbst Farben und Farbenzusammenstellungen zu finden, die in hervorragendem Maße angenehm wirken. Das Zentrum, das hier in Betracht kommt, gehört, wie alle Sinneszentren, zu den niederen Hirnzentren. Es ist durchaus kein wesentlich menschliches, sondern ein durch das ganze Tierreich bis sehr tief hinunter verbreitetes. Wir dürfen annehmen, daß sehr viele Vögel, ja sogar Falter, Käfer und selbst Weichtiere es besitzen, da die prächtige Färbung dieser Tiere sonst vollkommen unverständlich wäre; seit Darwin giebt man aber ziemlich allgemein zu, daß die schönen Farben der Tiere durch die geschlechtliche Zuchtwahl erlangt worden sind, also dadurch, daß das Individuum, welches mit ihnen geschmückt war, von den Individuen des entgegengesetzten Geschlechts bevorzugt wurde, was undenkbar wäre, wenn man bei diesen Individuen nicht einen Sinn für Farbenwirkung, eine Freude an schönen Farben voraussetzte. Durch seinen bloßen Farbensinn, das heißt durch seine Freude an schönen Farben wird also ein Mensch erst zum Genossen der Elster, des Pfauenauges oder der Seeanemone. Die Entwicklung des Lichtempfindungs-Zentrums genügt bloß zu einer Kunstübung: zur Herstellung angenehm bunten Flächenschmucks, also von Teppichen, Tapeten und Wandbemalungen mit gut zusammengestimmten Farben. Eigentliche Bilder, die unter dem Impulse dieses Zentrums entstehen, werden vielleicht so wirken wie hübsche orientalische Teppiche, jedoch als Kunstwerke einen tiefern Rang einnehmen, weil sie in ihrer Art nicht entfernt so vollkommen sind wie diese. Das zweite Element, das bei einem Gemälde in Betracht kommt, ist die Form. Das Bild sucht uns nämlich die äußere Erscheinung der Dinge vorzutäuschen. Die Mittel, deren sich die Malerei zur Herbeiführung dieser Täuschung bedient, sind die Zeichnung und die Farbe. (Wohlverstanden: diese Unterscheidung halte ich nur der Bequemlichkeit wegen fest; denn im Grunde ist das, was wir Zeichnung nennen, auch nur eine Farbenwirkung; die Zeichnung täuscht uns die Dinge ebenfalls durch einen Gegensatz von Lichtstärke-Graden oder Farben, gewöhnlich von Schwarz und Weiß, vor.) In der Wirklichkeit sehen wir die Dinge je nach ihrer Lage im Raume, also nach ihrer Entfernung von uns und von einander, nach ihrer Stellung über oder unter uns oder seitlich von uns in verschiedener Form, Größe und Beleuchtung. Eine und dieselbe Kugel erscheint uns groß, wenn sie uns nahe, klein, wenn sie von uns entfernt ist; einmal, wenn sie entsprechend beleuchtet ist, sehen wir eine volle Hälfte, in anderen Lagen bloß einen größern oder kleinern Abschnitt von ihr; daß sie rund ist, erkennen wir nicht direkt, sondern daran, daß der hervorgewölbteste, uns am nächsten liegende Teil anders beleuchtet ist, eine andere Färbung zeigt als die weiter zurück liegenden. Trotzdem das Bild, das wir auf unserer Netzhaut von dieser Kugel haben, in jeder Lage ein andres ist, führen wir es dennoch auf eine und dieselbe veranlassende Ursache zurück, das heißt wir erkennen in dem, was wir sehen, immer dieselbe Kugel, wir mögen sie nun in der Nähe groß, aus der Entfernung klein, wir mögen eine Hälfte oder einen kleinern Schnitt, wir mögen sie, von vorn beleuchtet, in der Mitte am hellsten und nach den Rändern des Kreisbildes hin dunkler, oder, von hinten beleuchtet, in der Mitte am dunkelsten und nach den Rändern hin heller sehen. Das, was uns die Bilder, das heißt die Netzhaut-Eindrücke, deuten gelehrt hat, ist die Erfahrung, die wir unter Mitwirkung der übrigen Sinne und des Urteils erlangt haben. In Wirklichkeit sehen wir nur Flächenbilder, die in einer und derselben Ebene liegen, deren Bestandteile verschiedene Größen, verschiedene Farben und verschiedene Helligkeitsgrade haben. Daß diesen Verschiedenheiten in der Farbe, der Größe, der Beleuchtung Verschiedenheiten in der Entfernung entsprechen, daß die uns in derselben Ebene erscheinenden Gegenstände thatsächlich in verschiedenen Ebenen liegen, das wissen wir durch die Erfahrung. Um zu wissen, daß ein Flächenbild von Kreisform, das in der Mitte anders beleuchtet ist als an den Rändern, eine Kugel sei, müssen wir einmal ein solches Bild abgetastet haben, wir müssen uns der Bewegungen erinnern, die unsere Hand ausführen mußte, um die Oberfläche dieses Gegenstandes zu umschreiben, der Muskelsinn muß unserm Gesichtssinn zu Hilfe kommen und dessen Angaben vervollständigen. Ebenso müssen wir, um zu wissen, daß ein uns klein und verschwommen scheinendes Haus thatsächlich groß, aber entfernt ist, einmal den Weg zu einem solchen kleinen und verschwommenen Objekte zurückgelegt haben und uns erinnern, welche Bewegungen unsere Beine machen mußten, damit schließlich aus dem kleinen und verschwommenen ein großes und scharf begrenztes Objekt werde. Die Malerei nun ahmt die Gegenstände nach, nicht wie sie wirklich sind, sondern wie sie sich auf unserer Netzhaut abzuspiegeln pflegen, also in ihren scheinbaren Größen-, Farben- und Beleuchtungs-Verhältnissen, und wenn sie diese richtig wiedergiebt, so folgen wir unserer erworbenen Gewohnheit und deuten dieses Flächengemälde, wie wir die Flächenbilder unserer Netzhaut zu deuten pflegen, das heißt wir sehen in einem Pünktchen, das unklar gemalt ist, trotz seiner Kleinheit ein großes Haus, trotzdem es eine Spanne vor unserem Auge auf der Leinwand dasteht, ein entferntes Haus, und trotzdem es mit vielen anderen Gegenständen auf derselben Leinwandfläche liegt, ein Haus, das in einer ganz anderen, weit mehr zurückgerückten Ebene liegt als etwa die Bäume oder andere Gegenstände des Vordergrundes. Die Arbeit der Deutung geht natürlich nicht im Auge, sondern in den höheren Zentren, denen des Gedächtnisses und Urteils, vor sich, sie wird nur durch den Gesichtseindruck angeregt. Um also in unserem Bewußtsein ein Bild hervorzurufen, braucht der Maler uns eigentlich bloß ein einziges Merkmal, sei es den Umriß, sei es die Lichtwirkung des betreffenden Gegenstandes, vor das Auge zu führen. Die übrigen Merkmale fügt das Gedächtnis automatisch hinzu, weil es gewohnt ist, dieses Merkmal immer zusammen mit anderen auftreten zu sehen. Auf diese Weise glauben wir oft auf einem Gemälde mit den Augen Dinge zu sehen, die gar nicht auf der Leinwand sind, die also unser Auge gar nicht sehen kann, die unsere Hirnzentren hinzufügen und mit denen sie selbstthätig die Andeutungen ergänzen, die der Maler allerdings in sein Gemälde eingeführt hat. Ich will das nur durch ein einziges Beispiel erläutern. Wir glauben auf einem Gemälde die einzelnen Haare eines Bartes, die einzelnen Blätter eines Baumes zu sehen. Der Maler hat aber weder Haare noch Blätter gemalt, sondern eine gewisse Wirkung von Licht auf einer unregelmäßigen braunen oder grünen Fläche; da wir aber diese Lichtwirkung oft auf Bärten und Baumkronen beobachtet und die Erfahrung gemacht haben, daß sie Haare oder Blätter voraussetzt, so legt unsere Erinnerung ihr auch auf dem Gemälde die Haare oder Blätter unter, die gar nicht dort sind, und wir sehen in unseren Hirnzentren etwas, was unsere Augen durchaus nicht sehen. Die Kunst des Malers besteht nun darin, die Merkmale der Dinge zu finden und sie so nachzuahmen, wie sie unsere Netzhaut in der Wirklichkeit zu empfinden pflegt. Er kann alle Merkmale wiedergeben ober nur einige, aber die wesentlichen. Der bloße Umriß erinnert nur an ein einziges Merkmal, an die Begrenzung der Dinge, erfordert also eine sehr ausgedehnte Nachhilfe der Hirnzentren, wenn er allein eine Vorstellung der Dinge erwecken soll. Die perspektivische Umrißzeichnung giebt uns bereits eine Vorstellung von den Verhältnissen der Dinge im Raume, denn wir finden in ihr die scheinbaren Größenverschiedenheiten wieder, die wir in der Wirklichkeit beobachten. Die schattierte Zeichnung fügt den Dingen ein weiteres Merkmal hinzu, nämlich die Verschiedenheit der Beleuchtung, die uns in der Wirklichkeit die Schätzung der Größe und Entfernungen und damit die Erkenntnis der Beschaffenheit des Objekts erleichtert. Die Farbe endlich liefert uns das letzte Merkmal, welches der Gesichtssinn überhaupt wahrnehmen kann, und das in den Umrissen, der Perspektive, der Beleuchtung und der Farbe richtige Gemälde bringt im Auge ganz denselben Eindruck hervor wie die Dinge selbst, so daß es den höheren Zentren unmöglich ist, den einen Eindruck von dem andern zu unterscheiden und bei dem Vorhandensein aller optischen Merkmale in der gemalten Nachahmung der Dinge nicht die Dinge selbst zu erkennen. Die Arbeit des Malers ist eine sehr scharfe Analyse seiner Vorstellungen, in denen er den Anteil der höheren Zentren von denen der Gesichtseindrücke unterscheiden muß. Um beim obigen Beispiele zu bleiben: wenn er Laub sieht, so muß er diese Vorstellung zergliedern und bemerken, daß er mit den Augen keine Blätter, sondern nur eine eigenartig beleuchtete, unregelmäßige grüne Fläche sieht, welche erst sein Gedächtnis in das Bild einzelner Blätter auflöst; er darf also auch keine Blätter, die er sich vorstellt, aber nicht wirklich sieht, sondern nur die eigenartig beleuchtete grüne Fläche, die sein Auge wirklich wahrnimmt, wiedergeben. Der Laie hat gar keine Vorstellung, wie verschieden das, was unser Auge wirklich sieht, von dem ist, was wir uns vorstellen, wenn wir einen bestimmten Gesichtseindruck empfangen. Der Maler aber muß von der Vorstellung ganz absehen und sich bloß an den Eindruck halten, der sie hervorruft. Diese Analyse geht unbewußt vor sich. Sie beruht auf einer Fähigkeit, von den Lichtwahrnehmungs-Zentren aus die Muskeln, welche beim Zeichnen und Malen in Bewegung gesetzt werden, zu innervieren, ohne daß eine Dazwischenkunft der höheren, der Gedächtnis- und Urteils-Zentren, stattfindet. Die Hand kann auf diese Weise bloß das zeichnen und malen, was das Lichtempfindungs-Zentrum wirklich empfindet, das heißt sieht, und nicht das, was die höheren Zentren ergänzend oder ändernd hinzufügen. Ganz schließt die direkte Verbindung der Lichtempfindungs- mit den Bewegungs-Zentren, welche die organische Unterlage der malerischen und zeichnerischen Begabung ist, die Dazwischenkunst höherer Zentren nicht aus. Diese treffen nämlich unter den Bestandteilen des Eindrucks, den das Lichtempfindungs-Zentrum von einem Dinge empfängt, eine Auswahl und behalten nur einige, die wesentlichen, zurück, welche dann mittels Muskelbewegungen nachgebildet werden, während die nichtwesentlichen mehr oder weniger vernachlässigt bleiben. Die auch noch in vielen Fällen unbewußte Empfindung, daß das eine Merkmal, eine Umrißlinie, eine Lichtwirkung, eher geeignet ist, eine Vorstellung von einem bestimmten Objekte zu erwecken als ein anderes, erhebt die Thätigkeit des Malers von einer Sinnes- und Muskel- zu einer geistigen Thätigkeit und bewirkt, daß ein Gemälde etwas anderes ist als eine Photographie. Immerhin ist diese Thätigkeit noch eine recht tiefstehende; sie geht nur zum kleinsten Teile von den höchsten Zentren aus und wendet sich nicht an die höchsten Zentren. Ihr Ergebnis ist ein Kunstwerk, dessen einziges Verdienst die Wahrheit ist; aber eine uninteressante, in keiner Weise anregende Wahrheit. Ein Individuum, das die Fähigkeit besitzt, seine Gesichtseindrücke rein, ohne Beimischung der von der Erinnerung und dem Urteil gelieferten Ergänzungen wiederzugeben, wird ein vortreffliches Stillleben zeichnen und, wenn es auch noch Farbensinn hat, malen können. Es wird ein Klassiker des Spargels und der Austern werden und in der Abbildung von Kupferkesseln und Römern triumphieren. Darüber hinaus wird es aber nicht gelangen. Und nun kommen wir zum dritten Elemente, das bei einem Gemälde in Betracht zu ziehen ist, zu seinem geistigen Inhalte, also zu dem, was es darstellt, zu seinem Stoffe oder Gedanken. Dieselbe Gabe der Analyse, die es dem Maler ermöglicht, die wirkliche optische Erscheinung der Dinge von ihrem psychischen Bilde zu trennen und von jener Erscheinung die wesentlichsten Bestandteile zu erfassen und wiederzugeben, gestattet ihm in höherer Ausbildung, auch die wirkliche optische Erscheinung von Vorgängen festzuhalten und nachzubilden. So wenig wir die Rundung einer Kugel wirklich sehen, so wenig sehen wir eine Bewegung oder eine Gemütsverfassung. In jenem Falle sehen wir thatsächlich einen charakteristisch beleuchteten flachen Kreis, in diesem eine Reihe aufeinanderfolgender Bilder oder eine gewisse Stellung der Gesichtsmuskeln, der Gliedmaßen und des Leibes. Aber die Erfahrung hat uns gelehrt, daß der flache Kreis, wenn er in der gewissen Weise beleuchtet ist, eine Kugel bedeutet, und ebenso wissen wir aus Erfahrung, daß eine Reihe identischer Bilder, die nacheinander auf unserer Netzhaut erscheinen und, um immer deutlich gesehen zu werden, Bewegungen unserer Augen- und Halsmuskeln erfordern, Bewegung des gesehenen Gegenstandes, und daß gerunzelte Brauen und geballte Fäuste bei einem Menschen Zorn bedeuten. Der Maler erfaßt nun das optische Merkmal, das z. B. für den Zorn, die Freude, den Kummer bezeichnend ist, und indem er es getreu wiedergiebt, erweckt er in uns die Vorstellung, daß er die eigentlich nicht darstellbare entsprechende Gemütsverfassung dargestellt hat. Aus dem Vorangeschickten ergeben sich die Grenzen der Kunst des Malers. Diese Kunst ist zunächst eine rein historische; das heißt sie kann nur Vorgänge darstellen, die wir bereits so oder ähnlich gesehen haben, deren optische Merkmale uns bekannt sind. Wollte der Maler solche Vorgänge darstellen, die uns gänzlich unbekannt sind, so würden wir vor einer optischen Erscheinung stehen, die wir nicht deuten könnten; die Netzhaut empfinge Eindrücke, Gedächtnis und Urteil würden diesen aber nichts hinzufügen und das Gemälde würde bloß eine Sinneswirkung, aber keine Vorstellung hervorbringen, die ja der Maler mit den Mitteln seiner Kunst nicht geben, nur anregen kann und die unser eigner Geist auf Grund der vom Maler gelieferten Veranlassung ausarbeiten muß. Die Malerei ist ferner nicht fähig, sehr differenzierte Geistesvorgänge darzustellen, sondern muß sich an weite, umfassende Allgemeinheiten halten. Sie kann den besondern Gedanken nicht ausdrücken: »Ich bin unzufrieden mit der Art, wie ich meine letzten zehn Jahre verbracht, und namentlich mit der Laufbahn, die ich gewählt habe,« höchstens kann sie im allgemeinen die Empfindung ausdrücken: »Ich bin unzufrieden.« Warum? Weil wohl die Unzufriedenheit im allgemeinen ein sichtbares Merkmal hat, nämlich eine gewisse Miene und Haltung, während sich die Unzufriedenheit mit einer Laufbahn oder einem Lebensabschnitte durch kein besonderes, ihr allein eigenes optisches Merkmal von der Unzufriedenheit im allgemeinen unterscheidet. Diese Grenzen der Malerei bedingen, daß sie eine rein emotionelle Kunst ist und keine kogitationelle sein kann. Das völlig Neue, das rein Persönliche, das an nichts Bekanntes Anknüpfende ist ihr unzugänglich. Das Genie des Malers wird aber darin bestehen, daß er erstens selbst an sehr verwickelten Vorgängen optische Merkmale herausfindet, die nur ihnen und keinen anderen eigen sind, die jedoch jede andere als die schärfste und eindringlichste Analyse übersieht, daß er zweitens die Merkmale, die er wahrgenommen hat, mit höchster Treue wiedergiebt und daß er drittens bedeutende Vorgänge zum Gegenstande seiner Darstellung wählt. Das bloße Talent und gar die Talentlosigkeit würden es wenigstens in den beiden ersten Punkten dem Genie niemals gleichthun können, denn sie sind unvermögend, die Erscheinung selbst auf ihre wesentlichen optischen Merkmale zu analysieren und diese Merkmale charakteristisch wiederzugeben; alles, was sie können, ist, die vom Genie ihnen gebotene malerische Analyse der Erscheinungen nachzuahmen. Wir haben nun die einfachen Bestandteile, die zusammen ein Malergenie geben: Farbensinn, die Fähigkeit, an einer Erscheinung das vom Auge wirklich Gesehene von dem durch die Geistesthätigkeit Hinzugefügten zu unterscheiden, endlich das Vermögen, zusammengesetzte Vorgänge auf die ihnen allein zukommenden optischen Merkmale zurückzuführen, die ihre richtige Deutung sofort gestatten. Die beiden ersten Fähigkeiten sind niedere und automatische; ihr Besitz kann auf die Bezeichnung »Genie« keinen Anspruch geben. Die dritte dagegen setzt bereits die Dazwischenkunft hoher Zentren voraus und bedingt eine neue, selbständige Thätigkeit: das Herausfinden bezeichnender optischer Merkmale, die vorher nie als solche erfaßt worden waren. Alle drei Fähigkeiten müssen nicht notwendig vereint und in gleichem Maße entwickelt sein. Je nach dem Vorwiegen der einen oder der andern wird auch die Physiognomie des Malergenies eine andere werden. Analytische Fähigkeit, Wahrhaftigkeit und Farbensinn in annähernd gleicher Vollkommenheit geben einen Raphael; damit schafft man eine sixtinische Madonna, welche die wesentlichen Merkmale derjenigen Erscheinung wiedergiebt, die im Manne (im Weibe viel weniger und im halbwüchsigen Individuum gar nicht) die mächtigsten Emotionen erweckt, nämlich des vollkommen schönen und reinen Weiblichen, das seine Geschlechtszentren anregt, und des Göttlichen, das zu seinem ererbten Sinne für das Mystische spricht, welche dabei in Zeichnung und Farbe den Eindruck der Wahrheit macht und durch ihre Farbenstimmung sinnlich angenehm wirkt. Ein Murillo und Velasquez haben ebenso angenehme Farbenstimmung und größere optische Wahrheit, erwecken aber nicht dieselben Emotionen, weil der Inhalt ihrer bedeutendsten Werke sich nicht an zwei so mächtige Gefühle wie die Geschlechtlichkeit und den Mystizismus, sondern entweder an den letztern allein oder an die bloße Neugierde, an die mehr oder weniger oberflächliche Teilnahme an einem menschlichen Vorgänge, wendet. (An die Madonnen Murillos denke ich dabei nicht, weil ich sie nicht für seine besten Schöpfungen halte, sondern an seine großen epischen Bilder in der Caridad.) Farbenreiz, leidliche Wahrheit und Anknüpfung, nicht an tief menschliche, sondern an vaterländische, nationale Emotionen geben einen Paolo Veronese, Wahrheit und bedeutender Inhalt ohne besonderen Farbenreiz einen Cornelius oder Feuerbach. Fehlt die höchste Gabe des Malers, nämlich die, bedeutende Erscheinungen oder Vorgänge in ihren wesentlichen optischen Merkmalen wiederzugeben, sind aber optische Wahrheit und Farbensinn hervorragend vorhanden, so bekommen wir einen Leibl, einen Meissonier, einen Hondekoeter, Künstler, die Überraschendes und Angenehmes schaffen, jedoch schwerlich tiefere Emotionen erregen können und die man nicht mehr Genie wird nennen dürfen. Starkes Vorwiegen der Fähigkeit, optisch wahr zu sehen und nachzubilden, bei geringer oder fehlender Entwickelung des höchsten analytischen Vermögens und Farbensinns giebt einen Courbet, dessen Bilder weder farbensinnlich angenehm noch inhaltlich bedeutend, aber so optisch wahr sind, daß sie uns ganz dieselben Empfindungen geben wie die dargestellten Dinge in der Wirklichkeit selbst. Da sind wir beinahe schon bei der Photographie angelangt, mit dem einen kleinen Unterschiede, daß diese alle optischen Merkmale der Dinge – bis auf deren Farbe – gleichmütig wiedergiebt, während bei einem Courbet doch noch ein höheres Zentrum das Bild auf seinem unbewußten Wege von der Netzhaut zur malenden Hand aufhält, einige unwesentliche Bestandteile unterdrückt und nur die charakteristischen durchläßt. Der bloße Farbensinn allein endlich giebt einen Makart, der angenehme Farben nebeneinander zu legen versteht wie der australische Kragenvogel vor seiner kunstvollen Laube auch, aber weder die Dinge optisch wahr sieht und wiedergiebt, noch imstande ist, bedeutende Vorgänge oder Erscheinungen in ihren wesentlichen sichtbaren Merkmalen so darzustellen, daß man sie begreift und von ihnen die Emotionen erhält, welche die Vorgänge oder Erscheinungen selbst zu geben vermöchten. Einen Makart ein Genie zu nennen wird nur dann zulässig sein, wenn man diese Bezeichnung auch auf den Kragen- oder Atlas-Laubenvogel anwendet. Mit dem Schauspieler können wir viel rascher fertig werden. Seine eigenartige Fähigkeit beruht auf der durch besondere Pflege erreichten Entwickelung solcher organischen Eigenschaften, die zu den allgemeinsten nicht bloß der Menschen, sondern auch der höheren Tiere gehören, nämlich des Nachahmungs-Vermögens und der Wechselwirkung der Vorstellungen auf die Bewegungen, der Bewegungen auf die Vorstellungen. Über das Nachahmungs-Vermögen brauche ich kein Wort zu verlieren. Jeder weiß, was das ist, und zu zeigen, auf welchen organischen Voraussetzungen es beruht, wird die Aufgabe eines folgenden Kapitels sein. Die Wechselwirkung der Vorstellungen und Bewegungen dagegen bedarf eines Wortes der Erläuterung. Alle äußeren Eindrücke, die durch die Sinnesnerven den Rückenmarks- oder Hirnzentren zugetragen werden, erregen in diesen eine Arbeit, die als Bewegungs-Impuls zu sinnlicher Wahrnehmung gelangt. (Hier sei nur nebenhin bemerkt, doch nicht des weiteren ausgeführt, daß selbst dann, wenn der äußere Eindruck scheinbar bloß bewußte Gedankenarbeit – Kogitation – oder unbewußte, automatische Arbeit der höheren Zentren – Emotion –, jedoch keine verspürbare Bewegung anregt, auch ein, wenn schon nur sehr schwacher, Bewegungs-Impuls mit ausgelöst wird, den besonders empfindliche Personen wie die bekannten »Gedankenleser« in manchen Fällen eben noch wahrnehmen können.) Nehmen wir grobe und darum deutliche Beispiele. Die Empfindungsnerven einer Fingerspitze, die unvorsichtig einer heißen Ofenplatte genähert wurde, tragen dem Rückenmark und Gehirn einen Eindruck zu, der im niederen Rückenmarkszentrum allgemein als Gefahr, im höhern Hirnzentrum bestimmter als Schmerz und zwar als brennender Schmerz empfunden wird. Die Antwort darauf giebt das Rückenmarkszentrum in Gestalt eines Bewegungsimpulses an die Armmuskeln, der ein rasches Zurückfahren der Hand bewirkt, und das Hirnzentrum in Gestalt eines Bewegungsimpulses an die Gesichts-, Atem- und Kehlkopf-Muskeln, der ein schmerzliches Verziehen der Miene und das Ausstoßen eines Schreis zur Folge hat. Die Empfindung oder Vorstellung eines Brandschmerzes hat also bestimmte Bewegungsimpulse hervorgerufen. Umgekehrt erwecken nun dieselben Bewegungen, also das jähe Zurückziehen der Hand, das charakteristische Verziehen der Gesichtsmuskeln und das durch kräftige Zusammenziehung der Zwischenrippenmuskeln und des Zwerchfells bei entsprechender Haltung der Kehlkopfmuskeln bewirkte Ausstoßen eines Schreis in den höhern Hirnzentren zwar nicht die Empfindung, aber die Vorstellung eines plötzlichen Schmerzes an der Hand. Jedermann kann folgenden Versuch machen: er stelle zunächst fest, in welchen Bewegungen bei ihm der Seelenzustand tiefer Trauer zum sichtbaren Ausdruck gelangt; etwa durch Senken des Hauptes, eine bestimmte Miene, eine bestimmte Klangfarbe der Stimme, Schluchzen u. s. w.; er mache nun alle diese Muskelbewegungen genau nach und er wird sehr bald, vielleicht zu seinem Staunen, bemerken, daß er tief traurig gestimmt ist. Er wird dann sogar wahrnehmen, daß selbst diejenigen Begleiterscheinungen dieser Stimmung mit auftreten, die nicht willkürlich hervorgerufen werden können, weil sie nicht auf Bewegungen der quergestreiften Muskeln beruhen, also Thränen-Absonderung und trübe Gedanken-Verbindungen, Phantasiebilder u. s. w. Man muß sich eben immer gegenwärtig halten, daß die Nerven, die von den Körpergrenzen zu den Zentren gehen, dann diese Zentren selbst und die Nerven, welche von ihnen zu anderen Zentren oder zu Muskeln ziehen, einen einzigen Apparat bilden, dessen Verbindungen organisch und automatisch geworden sind, und daß der Apparat seine ganze automatische Arbeit abhaspelt, wenn man ihn an welcher Stelle immer in Thätigkeit setzt, entweder in der richtigen oder in umgekehrter Reihenfolge, durch die Vorstellung zur Bewegung oder durch die Bewegung zur Vorstellung. Das ist der Mechanismus, mit welchem der Schauspieler seine Aufgabe erfüllt, die darin besteht, gegebene Seelenzustände, diejenigen der Person, welche er darstellt, sinnlich wahrnehmbar zu machen. Er kann diese Aufgabe auf zwei Arten erfüllen, auf eine bewußte und auf eine unbewußte. Mit Bewußtsein kann er genau und scharf beobachten, durch welche Muskelbewegungen, also Gesten, Mienen und Stimmbiegungen, gegebene Seelenzustände, etwa Heiterkeit, Mißtrauen, Träumerei u. dgl., bei bestimmt organisierten Personen, bei ruhigen, bei nervösen, bei wohlerzogenen, bei rohen Männern zum sicht- und hörbaren Ausdruck zu gelangen pflegen, und sich bemühen, durch den bloßen Willen diese sämtlichen Gruppen von Bewegungen nachzuahmen. Oder er kann sich im allgemeinen den auszudrückenden Seelenzustand vorstellen, der Vorstellung durch einige von ihr gewöhnlich veranlaßte Bewegungen nachhelfen und es diesen dann überlassen, rückwirkend die Vorstellung zu einer sehr lebhaften zu machen, so daß sie dann unbewußt und automatisch alle Bewegungsimpulse ausgiebt, die ihr geläufig sind, die willkürlichen ebenso wie die unwillkürlichen. Die erste Methode ist die schwierigere und sie bleibt immer höchst unsicher. Sie setzt dieselbe Gabe der Beobachtung und Analyse der Erscheinungen voraus, die wir beim Maler als notwendig erkannt haben. Der mit Bewußtsein nachahmende Schauspieler muß die Seelenzustände, die er darstellen will, tatsächlich beobachtet haben; es darf ihm von ihren wahrnehmbaren Äußerungen keine einzige wesentliche entgangen sein und er kann sich nicht, wie der Maler, auf die optischen Merkmale der Erscheinungen beschränken, sondern muß auch die phonetischen berücksichtigen. Findet er in seinem Gedächtnis nicht das Vorbild, das er nachahmen will, oder hat er dieses nicht genügend scharf beobachtet, so wird seine Nachahmung unbeholfen und unvollkommen sein und nicht den Eindruck der Wahrheit machen können. Die zweite Methode ist dagegen leicht und sicher. Da dieselben Seelenzustände mit ganz leichten individuellen Anpassungen bei allen Menschen dieselben wahrnehmbaren Kundgebungen anregen und der Schauspieler doch auch ein Mensch ist, so wird er, wenn er einmal den betreffenden Seelenzustand in sich hervorgebracht hat, diesen ruhig arbeiten lassen können; die für ihn bezeichnenden wahrnehmbaren Kundgebungen, alle ohne Ausnahme, die willkürlichen wie die unwillkürlichen, selbst Thränen, Augenausdruck u. s. w., werden nacheinander unfehlbar zum Vorschein kommen und die volle menschliche Wahrheit der Nachahmung wird erreicht sein. Das einzige, was zur Übung dieser Methode nötig, ist ein sehr unstäter loser Gleichgewichtszustand der Hirnzentren. Man darf keine festen Stimmungen, kein kräftiges Bewußtsein, keine eigenartige Persönlichkeit haben. Die kogitationelle Thätigkeit der höchsten Zentren darf nicht über deren emotionelle vorherrschen, nicht deren automatische Arbeit hindern und beeinflussen. Der ausgezeichnete Schauspieler muß gleichsam eine Flinte mit ungemein leichtem Spiel des Hahns sein. Wie in diesem Falle die leiseste Berührung den Schuß losgehen macht, so führt bei jenem der geringfügigste äußere Eindruck den Seelenzustand herbei, der dargestellt werden soll und der dann seine eigene Versinnlichung automatisch ausarbeitet. Ein solches Verhalten, das leuchtet wohl ein, ist nur von einem Gehirn zu erwarten, dessen höchste Zentren in der Regel unbeschädigt sind, also keine eigene Gedankenarbeit verrichten und deshalb bereit sind, auf alle Sinneseindrücke mit den entsprechenden Stimmungen und Vorstellungen zu antworten. Wo bleibt da für ein Genie Platz? Die allenfalls noch kogitationelle Gabe der Beobachtung und bewußten Nachahmung stattet nur einen Schauspieler zweiten Ranges aus. Gerade die ausgezeichnetsten, wahrsten und wirkungsvollsten Menschendarsteller dagegen müssen untergeordnete Geister sein, ein leeres Bewußtsein und eine verkümmerte Persönlichkeit haben und ihre Zentren müssen mit einer fast schon als krankhaft anzusprechenden Leichtigkeit in automatische Thätigkeit versetzt werden können. Ist es doch bezeichnend, daß Leibesschönheit und gute Eigenschaften der Stimme, also niedere organische Vollkommenheiten, mit zu den wesentlichen Voraussetzungen gehören, die einen wirkungsvollen Menschendarsteller geben! Der ausgezeichnete Schauspieler hat recht eigentlich die psychologische Beschaffenheit des Kindes und des Wilden: die hemmende (inhibierende) Thätigkeit der Bewußtseins-Zentren übt bei ihm keinen Einfluß auf die automatische Arbeit der Bewegungszentren. Die Erziehung hat beim Menschen der Gesittung gerade die Aufgabe, diese hemmende Thätigkeit zu üben und zu stärken; wir werden dazu angehalten, unseren Gemütszuständen nicht zu gestatten, daß sie sich in Bewegungsimpulsen, in Schreien, Gesichtsverzerrungen und Gesten, versinnlichen, und wir bringen es tatsächlich dahin, daß wir die automatische Arbeit der Zentren völlig unterdrücken, daß wir jede oder fast jede sinnlich wahrnehmbare Kundgebung unserer Gemütszustände verhüten und durch kein äußeres Zeichen verraten, was in unserem Bewußtsein vorgeht. Der Schauspieler, der dieses Erziehungsideal erreichen würde, könnte seine Kunst nicht länger üben. Es ist also, wie wir nun gesehen haben, durchaus mißbräuchlich, in der Musik einen Instrumentisten, in der Malerei einen Zusammensteller angenehmer Farben und einen Schauspieler überhaupt ein Genie zu nennen. Besondere Entwickelung so niederer Zentren, wie es das Koordinations- oder das Lichtempfindungs-Zentrum sind, oder besonders rege Wechselwirkung von Bewegungen und sie gewöhnlich veranlassenden Seelenzuständen geben nicht mehr den Anspruch auf die Bezeichnung Genie als etwa eine besonders vollkommene Muskelentwickelung oder ein besonders gutes Auge. Das Genie beruht nur auf der ausnahmsweisen Vollkommenheit der höchsten und darum rein menschlichen Hirnzentren, als deren Thätigkeit wir das Urteil und den Willen betrachten. Urteil und Wille, das sind in letzter Linie die Fähigkeiten, deren Zusammenwirken den Menschen über das Tier und deren außergewöhnlich mächtige Ausbildung das Genie über den Durchschnittsmenschen erhebt. Durch Urteil und Willen allein und durch nichts anderes ist das Genie ein Genie. Was ist Urteil? Eine Thätigkeit, die aus Vorstellungen, welche von Sinneseindrücken oder vorangegangener Urteilsthätigkeit gegeben sind, selbständig neue Vorstellungen entwickelt. Den Stoff, den das Urteil verarbeitet, liefern das Gedächtnis, welches seinerseits aus den Sinneseindrücken schöpft, und der Verstand, der die Sinneseindrücke deutet. Die Gesetze, nach denen das Urteil arbeitet, bilden zusammen das, was wir Logik nennen. Also der Sinneseindruck wird von den Empfindungszentren aufgenommen, vom Verstande gedeutet, vom Gedächtnis bewahrt und zuletzt vom Urteil nach festen Regeln, denen der Logik, zu neuen Vorstellungen verarbeitet, die nicht mehr auf direkter sinnlicher Wahrnehmung beruhen. Ein allereinfachstes Beispiel wird dies selbst demjenigen Leser klar machen, der nie etwas von wissenschaftlicher Psychologie gehört hat. Meine Sinne, Gefühl und Gesicht, gaben mir einmal den Eindruck, daß auf mich im Freien Wasser fiel und der Himmel schwarz war. Mein Verstand verknüpfte diese verschiedenen Sinneseindrücke und deutete sie zu der Vorstellung: es regnet aus den Wolken. Mein Gedächtnis bewahrte die Eindrücke und ihre Deutung. Nun sehe ich einmal dicke Wolken heraufziehen und alle sonstigen Bedingungen (Temperatur, Barometerstand, Windrichtung u. s. w.) sich wiederholen, unter denen es zu regnen pflegt. Mein Urteil wird nun aus der ihm vom Gedächtnis gelieferten Vorstellung von Regengüssen in der Vergangenheit, deren Bedingungen der Verstand festgestellt hat, nach dem von der Erfahrung gegebenen logischen Gesetze, daß dieselben Ursachen unter denselben Bedingungen dieselben Wirkungen veranlassen, die neue Vorstellung ausarbeiten: es wird alsbald regnen, eine Vorstellung, die auf keinem Sinneseindruck beruht, da ja ein Vorgang, der erst in der Zukunft eintreten wird, noch keinen Sinneseindruck hervorbringen kann. Daß auch das Urteil auf der Thätigkeit eines Organs, eines Hirnzentrums beruht und nicht eine außerhalb des Stoffes stehende Erscheinung sein kann, wie der sonst so große und tiefe Denker Wundt annimmt, ist schon dadurch bewiesen, daß es sich durch häufige Wiederholung wie jede andere Hirn- und Rückenmarkszentrums-Thätigkeit im Einzelwesen wie durch Vererbung in der Gattung organisiert, also automatisch wird. Wenn wir bei meinem einfachen Beispiel bleiben, so finden wir, daß auch sehr niedere Tiere, sogar Würmer, des Urteils fähig sind, daß es regnen wird, wenn gewisse Erscheinungen auftreten, denn sie treffen bei drohendem Regen die bei ihnen üblichen Vorbereitungen für denselben, Verkriechen sich, graben sich ein u. s. w. Je vollkommener aber das Urteilszentrum ist, um so leichter wird es ihm, aus dem ihm von den Sinnen, dem Gedächtnis und dem Verstande gelieferten Stoffe neue Vorstellungen zu bilden und um so weiter werden sich diese neuen Vorstellungen zeitlich, räumlich und artlich von den Sinneseindrücken entfernen, welche zu ihrer Bildung die erste Veranlassung gegeben haben. Es wird sich also von dem minder vollkommenen Urteilszentrum darin unterscheiden, daß letzteres bei der Bildung von neuen Vorstellungen, also Urteilen, sich nicht gern von der sichern Unterlage, den Sinneseindrücken und den Erinnerungen, entfernt, während das erste in wunderbar kühner Thätigkeit aus den Sinneseindrücken und Erinnerungen ein Urteil ausarbeitet, dieses Erzeugnis seines eigenen Schaffens wieder als ein dem Sinnes-, Gedächtnis- und Verstandes-Material gleichwertiges Produkt behandelt und aus ihm mit den Gesetzen der Logik weitere Urteile ableitet und dieses Ableiten von Urteilen auseinander, dieses Aufhäufen neuer Vorstellungen auf der manchmal überaus kleinen Unterlage eines Sinneseindrucks frei und leicht bis zu Grenzen treibt, die dem Durchschnittsmenschen unerreichbar scheinen. Man kann dieses Verhältnis von Sinneseindruck und Urteil veranschaulichen und sagen, die Urteilsthätigkeit gleiche beim Durchschnittsmenschen einer Pyramide, deren Basis der Sinneseindruck, deren Spitze das Urteil ist, beim Genie dagegen einer umgekehrten Pyramide, die auf einer Spitze von Sinneseindruck steht und sich zu einer Basis von Urteil verbreitert. So befähigt der Besitz eines mächtigen Urteilszentrums, aus einem einzigen Eindrucke, einem Blicke, einem Laute, den verwickeltsten Zusammenhang der Dinge zu erraten, aus der Gegenwart die Zukunft, oft die ferne Zukunft vorherzusehen, aus einer Erscheinung ihr Gesetz zu erkennen, das Ergebnis der Einwirkung verschiedener Erscheinungen aufeinander noch vor der unmittelbaren Beobachtung vorauszuwissen; ein solches Urteilszentrum giebt, um es volkstümlich auszudrücken, Menschenkenntnis, Herrschaft über die Lage, sicherste Selbstführung und Führung anderer, Weisheit, Einsicht und Erfindungskraft. Das Urteil, wie ich es bisher definiert habe, hat die Annahme der Kausalität zur Voraussetzung, das heißt die Annahme, daß jede Erscheinung eine Ursache hat, daß gleiche Ursachen unter gleichen Verhältnissen gleiche Wirkungen haben und daß die Größe der Ursache zur Größe der Wirkung in geradem Verhältnisse steht. Nur bei dieser Annahme hat das Material, welches ihm vom Gedächtnis geliefert wird, für das Urteil einen Wert und kann dieses aus Erinnerungsbildern neue Vorstellungen formen, aus der Vergangenheit auf die Zukunft, aus Nahem auf Fernes, aus sinnlich Wahrnehmbarem auf außerhalb des unmittelbaren Sinnesbereichs Liegendes schließen. Ich kann mir aber ein so gewaltiges Urteilszentrum vorstellen, daß es zu seiner Arbeit keines Gedächtnismaterials, also auch keiner Kausalität bedürfte, sondern fähig wäre, den Sinneseindruck unmittelbar zu neuen Vorstellungen zu verarbeiten, die auf der Erkenntnis eines eigenen Gesetzes in jeder neuen Erscheinung beruhten und nicht einfache Projektionen von Erinnerungsbildern in die Zukunft, sondern wirklich vollständig eigenartige, nichts Bekanntes wiederholende Bewußtseinszustände wären. Doch ich will diesen Gedanken nicht ausspinnen, da ich mich innerhalb der Grenzen des heute gegebenen Menschlichen halten möchte. Neben dem Urteil, haben wir gesagt, ist der Wille der wesentlichste Bestandteil des Genies. Was ist Wille? In der Beantwortung dieser Grundfrage habe ich die Kühnheit, sowohl von Kant, vor dessen erdrückender Größe ich mich sonst in Demut beuge, als auch von Ribot, dessen Tiefsinn und Forschergründlichkeit ich übrigens freudig anerkenne, abzuweichen. Wenn uns Kant erklärt, der Wille sei zugleich das Befehlende, das Gesetz und das Gehorchende, so ist das eine transscendentale Definition, die schwerlich verständlicher und einleuchtender ist als die theologische Erklärung von der Einheit der drei Naturen Gottes. Ribots Definition, nach welcher der Wille die Reaktion des Ichs auf die Einwirkungen der Außenwelt wäre, ist viel zu weit und umfaßt eigentlich das ganze Bewußtsein, das, insofern es auf Sinneseindrücken beruht und seinen ganzen Inhalt aus Sinneseindrücken schöpft (die Frage, ob wir es nötig haben, aprioristische Vorstellungen anzunehmen, lasse ich hier unberührt), auch nur eine »Reaktion des Ichs auf die Einwirkungen der Außenwelt« ist; eine Definition aber, welche zur Annahme führen müßte, daß Bewußtsein und Wille identisch seien, kann nicht richtig sein. Wer auf dem naturwissenschaftlichen Standpunkte steht, der wird mit mir sagen dürfen: der Wille ist die Thätigkeit eines Zentrums, dessen einzige Aufgabe im Organismus es ist, Muskelzusammenziehungen zu veranlassen, anders gesagt, Bewegungsimpulse auszugeben. Philosophisch kommt diese Definition des Willens derjenigen Schopenhauers nahe, denn Schopenhauer nennt das, was Bewegungen veranlaßt, nicht nur bei einem Organismus, sondern auch bei unorganischen Dingen Willen und da jede Erscheinung in letzter Analyse eine Bewegung oder ein Widerstand gegen eine Bewegung, also eine passive Bewegung ist, so wäre der Wille das Wesen aller Erscheinungen, also der Welt. So weit gehe ich nicht. Trotz der theoretischen Ähnlichkeit oder meinethalben selbst Identität des Falles eines Steins und des Schrittes eines Menschen ist man dennoch berechtigt, praktisch diese beiden Bewegungen voneinander zu unterscheiden und für das, was den Steinfall und was den Menschenschritt veranlaßt, nicht dieselbe Bezeichnung anzuwenden. Wir werden also die Ursache von Bewegungsimpulsen nur bei Organismen Willen nennen und den Willen bloß als eins Begleiterscheinung des Lebens gelten lassen. Daß man Muskelzusammenziehungen nicht bloß mit dem Willen, sondern auch durch andere Einwirkungen, z. B. einen galvanischen Strom, veranlassen kann, beweist nichts gegen die Richtigkeit meiner Definition; denn erstens ist es nicht ausgeschlossen, daß dieselbe Erscheinung von verschiedenen Ursachen hervorgerufen sein kann, und zweitens beweist uns nichts, daß nicht auch der Wille eine Art elektrischer Erscheinung ist, wie man denn auch von »Nervenströmen«, »Nervenkraft«, »Nervenfluidum« spricht, Ausdrücke, die alle auf die Vorstellung zurückführen, daß das Willenszentrum eine Art elektrischer Batterie und der den Muskeln gesandte Bewegungs-Impuls eine Art elektrischen Stromes sei. Man wendet vielleicht ein, daß der Wille auch Erscheinungen hervorrufe, die nicht geradezu Muskelbewegungen genannt werden können; man macht z. B. zweifellos Willensanstrengungen, um sich einer Sache zu erinnern, Gedächtnis aber ist keine Muskelthätigkeit. Darauf erwidere ich: das Gedächtnis gehorcht denn auch tatsächlich dem Willen nur sehr unvollständig und ich glaube, der Wille wirkt nur ganz indirekt auf das Gedächtniszentrum in der Weise ein, daß er Zusammenziehungen und Erweiterungen, also Bewegungen der nicht unter der direkten Kontrole des Bewußtseins stehenden glatten Muskeln in den Gefäßen veranlaßt, welche dem Gedächtniszentrum Blut zuführen. Durch die reichlichere Blutzufuhr wird das Organ zu größerer Thätigkeit angeregt und es kann dann manchmal dem Bewußtsein das gewünschte Erinnerungsbild liefern, welches von ihm nicht zu erlangen war, solange es weniger Blut erhielt und weniger lebhaft arbeitete. Ich bleibe also dabei, daß keine mir bekannte psycho-physiologische Erfahrung dem Satze widerspricht, der Wille sei die Thätigkeit eines Organs, welches Bewegungsimpulse ausgiebt. Nun sind die Fragen zu beantworten, wie die vom Willen ausgegebenen einfachen Bewegungsimpulse zweckmäßige Bewegungen veranlassen und wie der Wille selbst zu seiner spezifischen Thätigkeit angeregt wird. Man findet die Antwort auf diese Fragen, wenn man sich gegenwärtig hält, daß das Leben überhaupt eine sehr zusammengesetzte Erscheinung ist und namentlich jede höhere Lebensthätigkeit nur durch ineinandergreifendes Zusammenwirken verschiedener Organe zustande kommt. Der Wille veranlaßt bloß Zusammenziehungen der Muskeln; nichts anderes. Die Koordinationszentren nehmen aber den Impuls auf und verteilen ihn an diejenigen Muskeln, welche sich zusammenziehen müssen, um die beabsichtigten, zweckmäßigen Bewegungen herbeizuführen, um sie nicht bloß in der gewünschten Form, sondern auch in der gewünschten Stärke herbeizuführen. Die Koordinationszentren spielen also dem Willen gegenüber die Rolle wie in einem elektrischen Apparat etwa die eingeschalteten Kommulatoren, Relais und Widerstände der Batterie gegenüber. Wer hat aber die Koordinationszentren gelehrt, die Muskeln zu erkennen, die sich zusammenziehen müssen, damit eine bestimmte Bewegung in der beabsichtigten Weise und Stärke ausgeführt werde? Die Erfahrung des Einzelwesens und der ganzen Gattung seit ihrem Entstehen, eine Erfahrung, die organisiert ist und automatisch wirkt. Und wie wird der Wille zu seiner spezifischen Thätigkeit angeregt? Durch Einwirkung aller anderen Zentren, durch Induktion, möchte ich mit Heranziehung einer Vorstellung aus dem Bereiche der Elektrizitäts-Wissenschaft sagen. Ein bloßer Sinneseindruck kann ohne Dazwischenkunft des Bewußtseins den Willen zum Ausgeben eines Bewegungs-Impulses veranlassen; es entsteht eine Reflexbewegung, die ganz falsch »unwillkürlich« genannt wird. Unwillkürlich, das heißt nicht vom Willen angeordnet, ist sie nicht; nur unbewußt. Die automatische Thätigkeit der hohen Zentren, also die Emotionen, regen ebenfalls den Willen an. Diese Ursache einer Willenshandlung gelangt mit der oben geschilderten den Emotionen eigentümlichen Halbdeutlichkeit zum Bewußtsein. Endlich kann auch die selbständige, neue, nicht organisierte Thätigkeit des Bewußtseins, also das Urteil, die Kogitation, eine Willensarbeit veranlassen. Das Urteil selbst »will« nicht; es bildet nur eine Vorstellung von irgend einer einfachen oder zusammengesetzten Bewegung oder selbst langen Reihe aufeinander folgender Bewegungen, die ihm in einer gegebenen Lage zweckmäßig scheinen; ist der Organismus gesund, regelrecht entwickelt und im Gleichgewichts, so genügt diese Vorstellung, um das Willenszentrum zur Ausgabe eines Bewegungsimpulses zu veranlassen. Daß die Bewegung vollzogen ist, erfährt das Bewußtsein wieder durch die ihm gemeldeten Eindrücke des Muskelsinnes. Der Vorgang ist also dieser: das Urteil bildet eine Vorstellung von Bewegungen, der Wille giebt die Impulse zu ihnen, die Koordinationszentren verteilen die Impulse zweckmäßig und der Muskelsinn meldet die geschehene Bewegung ins Gehirn zurück. Bewußt sind nur der Anfang und das Ende dieses Vorganges, die Bewegungsvorstellung, welche das Urteil ausgearbeitet hat, und die Kenntnis der vollzogenen Bewegung. Was dazwischen liegt, das entzieht sich dem Bewußtsein. Wie die Bewegungsvorstellung zur Bewegung wurde, das erfährt es nicht. Ungenaue Beobachtung aber hat diese so einfache und klare Folge organischer Akte verdunkelt. Weil man sich der Bewegungsvorstellungen und der ausgeführten Bewegungen bewußt wird, hat man den Willen selbst ins Bewußtsein verlegt. Und doch lehrt die Erfahrung, daß auch die allerlebhafteste Bewegungsvorstellung nicht notwendig von einer Bewegung gefolgt, daß also das Urteil noch durchaus nicht der Wille sei. In einer Krankheit, welche man Neurasthenie oder Nervenschwäche nennt, ist das Willenszentrum dem Einflusse des Urteils entzogen. Man hat dann gut sich Bewegungen vorstellen, man führt sie nicht aus. Man erkennt vollkommen die Zweckmäßigkeit, ein Buch zu nehmen oder über die Straße zu gehen, allein man vermag die Arme oder Beine nicht zu den hierzu notwendigen Bewegungen zu bestimmen; man ist aber nicht etwa gelähmt, sondern vollkommen imstande, z. B. fremde Befehle auszuführen. Der Kranke sagt dann wohl: »Ich will, aber ich kann nicht.« Das ist jedoch unrichtig. Die Wahrheit ist, daß er denkt, aber nicht will. Das Urteilszentrum arbeitet, das Willenszentrum nicht. Man sagt sehr häufig von Menschen, daß sie willensschwach seien. Das ist in der Regel unrichtig. Das, was meistens schwach ist, das ist das Urteilszentrum. Dieses ist nicht fähig, bestimmte Bewegungsvorstellungen in genügender Schärfe auszuarbeiten. Darum kann auch der Wille nicht in Thätigkeit treten. Wenn aber ein fremdes Urteil ihnen solche Bewegungs-Vorstellungen mitteilt, also ihnen rät oder befiehlt, so führen sie die Bewegungen gewaltig, sicher und unwiderstehlich aus, ein Beweis, daß ihr Willenszentrum stark genug ist. Dasselbe gilt von den Fällen, in welchen man von einem Willenszwiespalt oder von einer dem Einflüsse des Willens entzogenen Handlung der Leidenschaft spricht. Der Zwiespalt herrscht nicht im Willen, sondern im Urteil. Man hat nicht »zwei Willen, die einander bekämpfen«, sondern zwei Vorstellungen, deren keine klar und deutlich genug ist, um den Willen zu einem Impulse anregen zu können. Sowie eine Vorstellung ganz deutlich wird, besiegt sie die andere und versetzt den Willen in Thätigkeit. Hamlet ist nicht willenlos, sondern urteillos. Sein Urteilszentrum erweist sich nicht als stark genug, um eine bestimmte Vorstellung zweckmäßiger Bewegungen auszuarbeiten. Könnte er dies, so würde sein Wille die Bewegungen auch vollziehen, vorausgesetzt, daß das Willenszentrum gesund ist, worüber uns Shakespeare keine Andeutung giebt. Und wenn man in der Leidenschaft etwas thut oder unterläßt, was scheinbar die Vernunft verbietet oder befiehlt, so ist nicht etwa »der Wille ohnmächtig gewesen«, wie die Romanphrase geht, sondern die automatische, emotionelle Thätigkeit der höchsten Zentren war stärker als ihre freie, kogitationelle, die bewußten Vorstellungen des Urteils haben gegen die halb- oder unbewußte organisierte Arbeit der Hirnzentren nicht Vorgewogen, der Wille hat die kräftigere Anregung von ihrem Automatismus erhalten und die Bewegungsbilder verwirklicht, die automatisch, und nicht diejenigen, die vollbewußt hergestellt morden sind. Der Wille ist also mächtig genug gewesen; ohnmächtig war nur das Urteil, die automatische Arbeit der höchsten Zentren zu hemmen und mit seiner freien, bewußten Arbeit auf den Willen einzuwirken. Wir werden die Verwechselung von Urteil und Willen nicht begehen und bei Unentschlossenheit oder vernunftwidrigen Handlungen der Leidenschaft oder bloßer Gewohnheit nicht von Willens-, sondern von Urteilsschwäche sprechen. Wirkliche Willensschwäche werden mir nur dann annehmen dürfen, wenn bei einem gesunden Menschen (wo also nicht etwa die Verbindung zwischen dem Urteils- und Willenszentrum gestört ist und beide zwar kräftig genug, aber unfähig sind, einander regelrecht zu beeinflussen) ganz klare und bestimmte Bewegungsvorstellungen des Urteils nicht verwirklicht oder nur unvollkommen und zögernd ausgeführt werden und wo auch Impulse der Leidenschaft bloßes Gefühl, Wunsch, Sehnsucht bleiben, aber nicht zur That werden. Denn das einzige Maß der Stärke des Willens ist seine Fähigkeit, Widerstände zu überwältigen. Nicht die Muskeln sind es, die Hindernisse besiegen, sondern der Wille ist es, die Menge von Anregung, die er den Muskeln giebt. Wahnsinnige, bei denen das Willenszentrum krankhaft erregt ist und außerordentlich starke Impulse an die Muskeln ausgiebt, vollbringen Handlungen, die man nicht für möglich halten würde. Schwächliche Greise oder Frauen zerbrechen Eisenstäbe, zerreißen Ketten, können im Ringen von mehreren handfesten Aufsehern nicht überwunden werden. Wenn dieselben Personen in gesundem Zustande Ähnliches leisten könnten, so würde man sie zu den stärksten Individuen des Zeitalters rechnen. Sie können es aber nicht, obwohl sie doch im Besitze desselben Muskelsystems sind wie zur Zeit ihres Wahnsinns. Man ersieht daraus, daß es bei großen Kraftleistungen nicht entfernt so viel auf die Muskeln als auf die Stärke des Impulses ankommt, den ihnen das Willenszentrum sendet. Der erste Widerstand, den der Wille zu besiegen hat, ist der Leitungswiderstand, der ihm von den Geweben, den Nerven und Muskeln, entgegengesetzt wird. Je kürzer die in Betracht kommende Nervenbahn, je kleiner und zarter die anzuregende Muskelgruppe ist, um so geringer ist dieser Widerstand, um so schwächer kann der Willensimpuls sein, der zur Hervorbringung einer Bewegung notwendig ist. Die feinsten quergestreiften Muskeln, die wir besitzen, sind der Reihe nach diejenigen des Kehlkopfs, des Auges, der Mundhöhle, des Gesichtes, der Hand. Schon ein sehr schwacher Wille genügt also, um diese Muskeln in Bewegung zu setzen und zu schmatzen, Gesichter zu schneiden, grimmig oder froh zu blicken und zu gestikulieren. Darauf beschränken sich dann auch die Handlungen gewöhnlicher Menschen. Etwas schwerer ist es schon, die groben Muskelgruppen der Arme, noch schwerer, die der Beine und des Rumpfes zur Zusammenziehung zu veranlassen. Das erfordert eine stärkere Impulsion, also eine kräftigere Arbeit des Willenszentrums. Wirklich willensschwache Menschen gelangen deshalb kaum dazu, dem Schwatzen und Gestikulieren ein Unternehmen folgen zu lassen, das Gänge oder ein Schaffen mit den Armen erfordert. Am schwersten endlich ist die Ausführung solcher Bewegungen, die den Zweck haben, äußere Widerstände, sei es unbelebter Dinge oder lebender Wesen, zu überwältigen. Da muß der Wille nicht blos die inneren Leitungshindernisse, die uns als Trägheit oder Bewegungsunlust zum Bewußtsein kommen, sondern Naturkräfte (z.B. die Schwerkraft) oder die Impulse eines fremden Willens besiegen; er muß also imstande sein, kräftige Impulse auszugeben, jedenfalls kräftigere als die des gegnerischen Willens, wenn der zu überwindende Widerstand von einem Menschen herrührt. Ist der Wille dazu nicht stark genug, so werden die Bewegungsvorstellungen des Urteils, und wären sie noch so klar und bestimmt, unverwirklicht bleiben. Man wird genau wissen, was man thun sollte, man wird auch aufs lebhafteste wünschen, es zu thun, aber thun wird man es doch nicht. Das, was man Mangel an Ausdauer und Feigheit nennt, ist nichts anderes als eine Erscheinungsform der Willensschwäche. Man verharrt nicht bei einem Unternehmen oder schreckt schon vor dessen Beginn zurück, wenn man entweder aus Unkenntnis desselben seine Schwierigkeiten überschätzt oder es kennt und seinen Schwierigkeiten nicht gewachsen zu sein glaubt. In beiden Fällen formt das Urteil die im gegebenen Falle angezeigten Bewegungsvorstellungen nicht deutlich, weil ihm das Gedächtnis Erinnerungsbilder von Fällen vorhält, in welchen der Wille sich zur Bewältigung ähnlicher Schwierigkeiten zu schwach erwiesen hat. Lauheit und Feigheit beruhen demnach auf der Erfahrung von Willensschwäche. Mächtige Entwickelung des Urteils- und des Willenszentrums sind also die organischen Unterlagen der Erscheinung, die man Genie nennt. Einseitige Entwicklung des Willenszentrums genügt noch nicht zur Ausstattung eines Genies. Riesen an Willen werden imstande sein, alle Hindernisse zu überwinden, die sich der Verwirklichung ihrer Bewegungsvorstellungen entgegenstellen, mögen sie nun die Form von Dingen oder Menschen, von Gesetzen oder Sitten annehmen; aber sie werden nicht selbständig bedeutende und zweckmäßige Bewegungsvorstellungen ausarbeiten können. Herkules vollbringt die zwölf Arbeiten, aber Eurystheus muß sie ihm auftragen. Mit dem Willen allein wird man im besten Falle ein Heerführer unter Alexander dem Großen, ein Seleukus, ein Ptolemäus, oder ein Marschall Napoleons; man wird der berühmte Minister eines genialen Monarchen oder, und zwar viel häufiger, der unsterbliche Souverän eines genialen Ministers; im schlechtesten Falle wird man ein Wüstling, von dessen Orgien Länder und die Geschichte widerhallen, oder ein Verbrecher, der alle Zeitgenossen in Schrecken versetzt; ein Cäsar Borgia oder ein Schinderhannes. In jenem Falle verwirklicht man die Bewegungsvorstellungen, die ein fremdes, geniales Urteilszentrum ausgearbeitet hat, in diesem die halb- oder unbewußten emotionellen Anregungen der eigenen Zentren. Einseitige Entwickelung des Urteilszentrums bringt dagegen für sich allein ein Genie hervor, nur wird dieses einen andern Charakter haben, je nachdem neben dem Urteils- auch das Willenszentrum weniger oder mehr ausgebildet ist. Urteilsgenie ohne besondere Willenskraft giebt einen großen Denker, einen Philosophen, Mathematiker, vielleicht noch Naturforscher. Denn bei ihren Thätigkeiten sind die geringsten dynamischen Hindernisse zu überwältigen, die schwächsten Muskelzusammenziehungs-Impulse auszugeben; ihr Urteil braucht nicht grobe Bewegungsvorstellungen auszuarbeiten, sondern erweist seine Größe und Gewalt auf andere Art, indem es aus den Sinneseindrücken endlose, neue, unsinnliche Vorstellungen ableitet; aus einer einfachen Zahlenbeobachtung den pythagoräischen Lehrsatz, die Theorie der Zahlen, die Integral- und Differenzialrechnung; aus dem Falle eines Apfels das Gesetz der Schwerkraft; aus dem Wahrnehmungsinhalt des Bewußtseins eine Erkenntnistheorie, aus den Erfahrungsthatsachen der Entwicklungslehre und Paläontologie das evolutionistische System Darwins. Ich kann die Anschauung Bains nicht teilen, der in der Rangordnung des Genies das philosophische Genie obenan stellt. Meine Theorie zwingt mich, dem reinen Denker und Forscher den untersten Platz in dieser Rangordnung anzuweisen; denn ihre Größe beruht auf ihrem Urteil allein, dieses ist aber für sich, ohne Mitwirkung des Willens, außer stande, die von ihm ausgearbeiteten Vorstellungen, und wären sie noch so wunderbar, zu sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen zu machen. Um sie wenigstens auszusprechen oder aufzuschreiben, bedarf es schon einer Muskelthätigkeit, also eines Willensimpulses. Würde der Wille eines Urteilsgenies nicht einmal zur Veranlassung der Schreib- oder Sprechthätigkeit genügen, so blieben dessen erhabenste Vorstellungen rein subjektive Bewußtseins-Zustände, von denen niemand außer ihm selbst eine Ahnung hätte. Sie wären molekulare Bewegungsvorgänge in seinem Gehirn und von anderen nur in dem Maße wahrnehmbar, in welchem solche durch den Raum hindurch von einem andern Gehirn empfunden und wiederholt werden können, sofern man nämlich diese Art der Wahrnehmung, also ein Gedankenlesen höchster Art, für möglich hält. Tritt zum Urteilsgenie ein Willenszentrum von guter Durchschnittsbildung, so erhalten wir den großen Förderer der Experimental-Wissenschaften und den Erfinder. Das Wesen der Anlagen und Thätigkeit dieser beiden ist eigentlich identisch. Der Experimentator wie der Erfinder leitet aus den Erscheinungen Gesetze ab und sinnt stoffliche Bedingungen aus, die ihm gestatten, die gefundenen Gesetze nach seiner Willkür wirken zu lassen. Der Unterschied zwischen ihnen ist kein theoretischer, nur ein praktischer. Jener begnügt sich damit, solche Umstände und Vorrichtungen zusammenzustellen, die ihm zeigen sollen, ob die sinnlichen Vorgänge mit den Vorstellungen seines Urteils übereinstimmen, ob ein von seinen Hirnzentren gefundenes Gesetz sich in der Welt der Erscheinungen bewahrt; dieser dagegen sucht solche Veranstaltungen zu schaffen, die den ausschließlichen Zweck haben, die menschliche Bequemlichkeit im weitesten Sinne zu erhöhen. Allerdings haben wir da einen Irrtum zu vermeiden. Eine Erfindung, eine Entdeckung muß nicht notwendig das Ergebnis von Urteilsgenie gepaart mit ausreichender Willenskraft sein. Der Zufall kann an ihr mitgearbeitet haben. Der Mönch Schwarz suchte nicht das Pulver, als sein Schwefel-, Salpeter- und Kohlengemenge im Mörser aufflog, und Professor Galvani dachte nicht im Entferntesten an eine unbekannte Naturkraft, als er seinen sezierten Froschschenkel an den Kupferhaken steckte. Im ganzen bin ich aber dennoch nicht geneigt, dem Zufall mehr als einen ganz geringen Anteil an den großen Entdeckungen und Erfindungen einzuräumen. Es gehört immerhin ein außergewöhnliches Urteil dazu, eine unbekannte Erscheinung richtig zu beobachten, sofort zu bemerken, daß sie mit den zur Zeit vorhandenen Kenntnissen nicht befriedigend erklärt werden kann, ihre Ursachen und Bedingungen zu finden und aus ihr neue Vorstellungen abzuleiten. Der Zufall wird also nur dann zum Ausgangspunkte einer Entdeckung oder Erfindung, wenn er einen bedeutenden kogitationellen Menschen zum Zeugen hat. Der emotionelle Durchschnittsmensch mit seinem automatisch arbeitenden Gehirn bleibt stumpf vor Erscheinungen, die sich mit seinen ererbten und organisierten Vorstellungen nicht decken. Wäre der Mörser von Schwarz vor einem Durchschnittsmenschen losgegangen, so hätte dieser sich bekreuzt, an eine Teufelserscheinung geglaubt und aus seiner Beobachtung höchstens die Lehre gezogen, daß er sich hüten müsse, je wieder an Schwefel zu rühren. Das Pulver hätte er nicht erfunden. Die gewissen fruchtbaren Zufälle ereignen sich täglich vor den Augen der Menschheit und haben sich immer vor ihnen zugetragen. Es muß aber erst ein außerordentlich mächtiges Urteil vor sie hintreten, um sie zu verstehen, ihre Gesetze und Anwendungen zu finden. Der ganze Stoff an Erscheinungen, die den biologischen, chemischen und physikalischen Wissenschaften, den Erfindungen im Gebiete der Dampfkraft, der Elektrizität, der Mechanik zu Grunde liegen, ist unverändert seit ewigen Zeiten da und er war für die Menschen der Steinzeit ganz so vorhanden wie für uns. Allein um ihn zu verstehen und zu bemeistern bedurfte es einer Entwicklung des Urteils, die weder von den Urmenschen noch von den Menschen des Altertums erreicht war. Ebenso sind wir auch heute zweifellos von Erscheinungen der wunderbarsten Art umgeben, bei denen wir uns nichts denken, die wir nicht zu deuten wissen und deren Gesetze wir nicht suchen, weil unter den Mitlebenden niemand ein genug mächtiges Urteil besitzt, um aus ihrer sinnlichen Wahrnehmung die Vorstellung ihrer Ursachen und möglichen Wirkungen abzuleiten. Es ist aber äußerst wahrscheinlich, daß später Genies kommen werden, denen dies erreichbar, ja leicht sein wird, und unsere Nachfolger auf Erden werden nicht begreifen, daß wir blöd und stumpf, an den merkwürdigsten Erscheinungen vorübergehen konnten, wie wir nicht verstehen, daß die Menschen nicht schon vor Jahrtausenden auf Sprengstoffe, Dampfmaschinen und Anwendungen der Elektrizität gekommen sind. Sehen wir nun von der, wie ich zu zeigen gesucht habe, winzig kleinen Mitarbeit des Zufalls ab, so bleibt die Thatsache übrig, daß Versuche im Sinne Bacons, »an die Natur gerichtete vernünftige Fragen«, die mit Bewußtsein und Absicht gestellt sind und auf die man eine im Voraus erratene Antwort erwartet, also die methodischen Arbeiten eines Robert Meyer, Helmholtz, Röntgen, ein Urteilsgenie und ein tüchtig organisiertes Willenszentrum zur Voraussetzung haben. Die Gesellung des Willenszentrums ist nötig, weil es sich ja beim Experimentieren und Erfinden wesentlich darum handelt, vom Urteilszentrum ausgearbeitete Vorstellungen zu versinnlichen, die Versinnlichung aber nur durch Muskelthätigkeit bewirkt werden kann, die wieder bloß durch Willensimpulse zustande kommt. Wenn endlich das Willenszentrum ebenso außerordentlich entwickelt ist wie das Urteilszentrum, wenn wir also einen Menschen vor uns haben, der zugleich ein Urteils- und ein Willensgenie ist, so grüßen wir eine jener Erscheinungen, welche den Lauf der Weltgeschichte verändern. Ein solches Genie äußert sich nicht in Gedanken und Worten, sondern in Thaten. Sein Urteil arbeitet neue, persönliche Vorstellungen aus und sein Wille ist rege und stark genug, sie allen Hindernissen zum Trotze in Handlungen umzusetzen. Es verschmäht die bequemeren Arten der Versinnlichung von Vorstellungen, nämlich die durch Laute und Zeichen, und strebt diejenigen an, die ein Überwältigen der größten Widerstände nötig machen. Es spricht und schreibt also nicht, sondern handelt, das heißt verfügt über andere Menschen und über Naturkräfte im Sinne seiner Vorstellungen. Dieses Genie wird in der Menschheit, was es will und thut, was es will. Es entdeckt Weltteile. Es erobert Länder. Es beherrscht Völker. Es geht den Lebensgang Alexanders, Mohameds, Cromwells, Napoleons. Seinem Walten setzt nichts Menschliches eine Grenze, es müßte denn ein gleich großes ober noch größeres Urteils- und Willensgenie zum Zeitgenossen haben. Es kann nur an einer Naturkraft scheitern, die mächtiger ist als die Kraft seines Willens. Ein Orkan hätte Columbus vernichten können; Krankheit fällte Alexander; Napoleon wurde an einem russischen Winter zu Schanden. Das Urteilszentrum kann in seinen Vorstellungen selbst die Natur überwinden. Das Willenszentrum vermag nur Kräfte zu besiegen, die schwächer sind als seine eigene Kraft. Die Organisation eines solchen Urteils- und Willensgenies bringt es mit sich, daß es mehr oder weniger, in äußersten Fällen vollkommen, dessen entbehrt, was man Gefühl und künstlerischen Sinn, Schönheits- und Liebesbedürfnis nennt. Seine mächtigen Zentren setzen alle Eindrücke in klare Vorstellungen um und leiten vollbewußte Urteile aus ihnen ab. Eine automatische Thätigkeit findet höchstens in den niederen Zentren der Koordination und Ernährung statt; die höheren arbeiten eigenartig, nicht nach ererbter Schablone. Von dunkeln, halb- oder unbewußten Regungen ist das Genie beinahe ganz frei. Es ist in keiner Weise sentimental. Es macht deshalb den Eindruck der Härte und Kälte. Diese Worte besagen aber nichts anderes, als daß es rein kogitationell, nicht emotionell ist. Mit dieser Organisation hängt es auch zusammen, daß das Genie den fertigen Gedanken anderer Köpfe sehr schwer zugänglich ist. Seine Zentren sind auf eigenartige, nicht auf Nachahmung fremder Arbeit gerichtet. Sie müssen sich dem Rohstoff sinnlicher Wahrnehmungen gegenüber befinden, um denselben in ihrer persönlichen Weise zu neuen Vorstellungen zu verarbeiten. Vorverdaute Erzeugnisse des Urteils, das heißt ein Rohstoff sinnlicher Wahrnehmungen, der bereits in fremden Hirnzentren die Umwandlung in Vorstellungen erfahren hat, also gerade die, ich möchte sagen geistigen Peptone, die der Durchschnittsmensch allein assimilieren kann, widerstehen ihnen. Bei diesem Punkte meiner Betrachtungen richtet sich eine bedrohliche Frage vor mir auf. Wenn das Genie Urteil und Wille in außerordentlicher Vollendung ist, wenn seine Thätigkeit in Hervorbringung neuer, unsinnlicher Vorstellungen und in deren sinnlicher Verwirklichung besteht, was fange ich dann mit den emotionellen Genies, mit den Dichtern und Künstlern an? Habe ich dann überhaupt das Recht, zuzugeben, daß Dichter und Künstler ebenfalls Genies sein können? Nun, dieses Recht ist in der That mindestens zweifelhaft. Halten wir uns nur gegenwärtig, was eigentlich Emotion ist. Sinneseindrücke werden zu den zuständigen Sinneszentren geleitet, diese Sinneszentren versetzen andere Sinneszentren, nämlich diejenigen, welche gewöhnlich mit den anderen zusammen Eindrücke zu empfangen pflegen, in Thätigkeit; sie regen die Willens- und Koordinationszentren an und rufen irgend eine Handlung des Organismus, sei es auch nur einen Gesichtsausdruck, eine Änderung im Herzrhythmus, einen Ruf, als Gegenwirkung hervor; alles das automatisch, nach ererbter, organisch gewordener Gewohnheit, ohne Dazwischenkunft des Urteils, das von den Vorgängen in den niederen Zentren nur eine dunkle Halbkenntnis, eine unbestimmte Ahnung erhält. Diese Vorgänge, die außerhalb des Bewußtseins stattfinden, sind eben die Emotionen. Die Dichtung, die Musik, die bildenden Künste haben keine andere Aufgabe, als Emotionen hervorzubringen. Jede sucht mit ihren Mitteln in unserem Organismus die Vorgänge anzuregen, welche in der Wirklichkeit durch eine bestimmte Folge von Sinneseindrücken veranlaßt werden und die wir als Emotionen empfinden. Der lyrische Dichter strebt mit Worten, der Musiker mit Tönen, der Maler mit Farben unsere Hirnzentren zu der Arbeit zu bestimmen, welche sie zu liefern pflegen, wenn die Sinne ihnen die Eindrücke zutragen, die etwa von einem schönen und liebreizenden Wesen des entgegengesetzten Geschlechts, einem Feinde, einer zerstörenden Naturgewalt, einem leidenden Mitgeschöpfe, einer bestimmten Jahreszeit ausgehen. Je richtiger sie die durch ihre Kunst darstellbaren, also die in Worten ausgedrückten geistigen, die optischen, die akustischen Merkmale der Vorgänge zu erfassen und nachzuahmen wissen, um so näher werden die von ihnen angeregten Emotionen den Emotionen kommen, welche die Vorgänge selbst hervorrufen würden. Eine Hervorbringung der Dichtkunst, Malerei u. s. w., die in uns keine Emotionen erregt, wird von uns nicht als Kunstwerk anerkannt, und wenn unser Urteil noch so sehr erkennt, daß sie klug erdacht, mit großem Aufwand an Fleiß und Geschicklichkeit, mit Besiegung mächtiger Hindernisse hergestellt ist. Die Wirkung des Kunstwerks beruht also auf automatischer Thätigkeit unserer Zentren; diese wird aber nur durch Eindrücke angeregt, die der Organismus und die ganze Reihe seiner Vorfahren zu empfangen gewohnt waren; dies schließt jede wirkliche Neuheit des Kunstwerks aus; dasselbe muß, um zu wirken, alte, gewohnte, organisierte Eindrücke zum wesentlichen Inhalt haben. Als das Eigentümliche des Genies haben wir aber die Fähigkeit erkannt, neue, von den bis dahin bekannten abweichende Vorstellungen zu bilden und in sinnlich wahrnehmbare Erscheinungen umzusetzen. Wie verträgt sich das nun mit der Kunst, in der es sich ausschließlich darum handelt, alte, der ganzen Gattung eigene und in ihr organisch gewordene Eindrücke zu wiederholen? Die Antwort auf diese heikle Frage macht mich bloß insofern verlegen, als ich mit ihr gegen weitverbreitete Anschauungen verstoßen muß. Es ist wahr, das emotionelle Genie ist nicht eigentlich ein Genie. Es schafft in der That nichts neues, giebt dem menschlichen Bewußtsein keinen reicheren Inhalt, findet keine unbekannten Wahrheiten und übt keinen Einfluß auf die Welt der Erscheinungen, aber es hat dennoch gewisse psychophysische Voraussetzungen, die es zu einem Sonderwesen machen und vom Durchschnittsmenschen unterscheiden. Die Zentren, welche die emotionellen Thätigkeiten liefern, müssen bei ihm mächtiger entwickelt sein als in gewöhnlichen Organismen. Die Folge davon ist, daß nicht bloß ein Sinneseindruck bei ihm die automatisch arbeitenden Zentren zu intensiverer Thätigkeit anregt, sondern auch, daß sein Bewußtsein von dieser Thätigkeit mehr wahrnimmt, weil dieselbe in ihm sozusagen geräuschvoller, großartiger, aufsehenerregender vor sich geht. Ich kann dies ganz deutlich machen, wenn ich an ein früheres Bild anknüpfe. Ein emotionelles Genie ist auch nur ein mechanisches Spielwerk, kein frei erfindender und frei spielender Virtuose; gut; aber es giebt Spielwerk und Spielwerk, von der winzigen Musildose, die ein schwindsüchtiges, kaum hörbares Gesäusel von sich giebt, bis zur mechanischen Orgel, deren Donner die Mauern erzittern machen kann. So muß man sich vorstellen, daß die automatisch arbeitenden Zentren beim emotionellen Genie wohl auch mechanisch, aber unvergleichlich lauter spielen als bei den Durchschnittsmenschen, daß jenes die Orgel ist, während diese bloß Dosen sind. Und eine Folge der Gewalt seines Mechanismus ist, daß das Bewußtsein des emotionellen Genies an dessen Thätigkeit mehr teilnimmt als bei den gewöhnlichen Menschen; aber wohlgemerkt, nicht schaffend und beeinflussend, sondern wahrnehmend. Sein Urteil kann an der automatischen Arbeit seiner Zentren nichts ändern, aber es kann zusehen und beobachten, wie sie vor sich geht. In diesem beschränkten Sinne erfüllt das emotionelle Genie ebenfalls die Forderung der Neuheit und Eigenartigkeit, die ich an die Arbeit des Genies stelle. Es bringt allerdings nur Emotionen hervor, die der Menschheit angeerbt und altgewohnt sind, aber es bringt sie mächtiger hervor, als andere Menschen vor ihm es vermochten. Seine Wirkung ist also im Grade, wenn schon nicht in der Art, neu. Die Rangordnung der Genies wird durch die Würde des Gewebes oder Organs bestimmt, auf dessen ausnahmsweiser Vollkommenheit sie beruhen. Jede andere Rangordnung ist unnatürlich und willkürlich, und wäre sie selbst so geistreich begründet wie die, welche Bain aufstellt. Je ausschließlicher menschlich ein Hirnzentrum ist, ein, um so höheres Genie wird seine besondere Entwickelung geben. Es ist kaum nötig, diesen Gedanken durch einen Hinweis auf früher Gesagtes zu erläutern. Die Entwicklung von Knochengewebe kann kein Genie geben, denn große Knochen sind nicht menschlich im engsten Sinne, sondern eignen auch den Walen und Elefanten; ebensowenig die Entwickelung von Muskelgewebe, die einen Milo von Kroton auszeichnet, ihn aber noch nicht über den Rang starker Tiere erhebt; auch die Sinneszentren sind nicht geeignet, die organische Unterlage eines Genies zu bilden, denn in der Scharfsichtigkeit wird der Kondor immer auch das vollkommenste menschliche Äuge und Lichtwahrnehmungszentrum meistern, in der Feinhörigkeit der Mensch es nie mit gewissen Antilopenarten aufnehmen können u. s. w. Selbst die höchsten Zentren sind noch nicht rein menschlich, wenn ihre Vollkommenheit nicht über den Automatismus hinausreicht. Denn aller automatischen Gegenwirkungen des Organismus auf die Eindrücke von außen sind auch die höheren Tiere fähig und diese Gegenwirkungen kommen ihnen sogar unverkennbar als Emotionen zum Bewußtsein. Handlungen und die sie begleitenden Psychischen Erregungen der Liebe, des Hasses, der Rache, der Furcht, der Rührung beobachten wir beim Hunde oder Elefanten ganz so wie beim Menschen und der einzige Unterschied zwischen den Tieren und dem Menschen ist in dieser Hinsicht der, daß die menschlichen Emotionen auch durch künstliche Nachahmungen oder Symbolisierungen von natürlichen Erscheinungen angeregt werden können, die tierischen dagegen bloß durch diese Erscheinungen selbst, daß also am Zustandekommen der Emotionen beim Menschen die deutende Thätigkeit des Urteils, folglich auch des Gedächtnisses und Verstandes einen viel größeren Anteil hat als beim Tiere. Rein menschlich ist dagegen das Urteil, soweit es über die einfache, unmittelbare Deutung des Sinneseindrucks hinausgeht, soweit es aus diesem Vorstellungen bildet, denen kein vor den Sinnen stattfindender Vorgang entspricht, soweit es also, um es mit dem Fachausdrucke zu bezeichnen, abstrahiert und von Abstraktionen wieder Abstraktionen ableitet. Urteil in diesem Sinne hat außer dem Menschen kein anderes Tier. Und ebensowenig ist die organische Abhängigkeit des Willenszentrums vom Urteilszentrum bei irgend einem Tiere so ausgesprochen wie beim Menschen. Urteils- und Willenszentrum bringen also durch ihre hohe Entwicklung ein echt menschliches Genie hervor, das der höchste Ausdruck der bisher erreichten organischen Vollkommenheit des Menschen ist. Am höchsten stehen folglich unter den Genies diejenigen, die Urteils- mit Willensgenialität vereinigen. Das sind die Männer des Handelns, die die Weltgeschichte machen, die Völker geistig und stofflich formen und ihnen auf lange Zeit hinaus ihre Geschicke vorschreiben, die großen Gesetzgeber, Organisatoren, Staatenbilder, Revolutionäre mit klaren und von ihnen erreichten Zielen, auch noch Feldherren und Eroberer, wenn sie nach scharf umrissenen Vorstellungen ihres eigenen Urteils und nicht halbbewußten Impulsen oder fremden Eingebungen handeln. An Erkenntnis stehen diese vornehmsten Genies ganz so hoch wie diejenigen der folgenden Kategorie, sie leiten aus ihren Wahrnehmungen ebenso sicher unsinnliche Vorstellungen ab, finden also ebenso zuverlässig den sinnlich nicht wahrnehmbaren Zusammenhang der Erscheinungen, ihre Ursachen, ihre Gesetze, ihre fernen und fernsten Folgen in der Zeit und im Raume. Doch haben sie vor ihnen die Fähigkeit voraus, ihre Vorstellungen nicht bloß gegen die Widerstände des unbelebten Stoffes, sondern auch gegen die lebendiger Organismen, gegen die der Menschen, zu verwirklichen; sie dürfen also ihrem Urteile gestatten, mit Aussicht auf Versinnlichung durch den Willen Vorstellungen zu bilden, welche Völker, ja die ganze Menschheit zum Inhalt haben und die sie nur auf die Weise verwirklichen können, daß sie die Willenszentren von Völkern, ja der Menschheit von ihrem eigenen Willen und Urteil abhängig machen. Einige Kritiker wollen durchaus einen Widerspruch finden zwischen der vorstehenden Stelle und dem Satze Seite 51: »Einen originellen Politiker, Gesetzgeber, Staatsmann darf es nicht geben. Je banaler jeder von ihnen ist, um so besser für ihn, um so besser für sein Volk.« Ich bitte diese Kritiker, beide Stellen und dann auch Seite 53 etwas aufmerksamer zu lesen. Sie werden dann finden, daß ich alles Ersinnen neuer Organisationen, Gesetze, Staatenbildungen als Geniearbeit bezeichne, jedoch die Verwirklichung dieser Gedanken von den Gedanken selbst sorgsam unterscheide. Die »großen Gesetzgeber, Organisatoren, Staatenbilder«, die mit dem Urteils» zugleich Willensgenie verbinden, werden die Völker gewaltthätig in ihre neuen Konzeptionen hineinzwingen und das schlägt selten zum Heile der Völker aus. Sind sie aber bloße Urteilsgenies, so werden sie so wirken, wie es Seite 53 angegeben ist; sie werden überreden, predigen, erziehen; sie werden die Menge allmählich mit ihren neuen Gedanken vertraut machen, und wenn diese bereits Gemeingut geworden sind, wenn selbst der Philister sie schon bequem nachdenken kann, weil er sie vom Vater und Großvater geerbt hat, dann wird es einem »Politiker, Gesetzgeber, Staatsmann« der landläufigen Art, das heißt, der es im Wege der Anciennetät geworden ist, leicht sein, die Gedanken des Genies, die nicht länger neu, sondern bereits banal geworden sind, zu verwirklichen. Daß diese Art der Reform für die Völker die wünschenswertere ist, wird man mir wohl zugeben. In zweiter Linie kommen die Genies des Urteils mit guter, aber nicht genialer Entwicklung des Willens, die großen Forscher, Versucher, Entdecker und Erfinder. Was sie hinter den Genies der ersten Kategorie zurückstehen macht, das ist ihr Unvermögen, sich der Menschen als des Stoffes zur Verwirklichung der Vorstellungen ihres Urteils zu bedienen. Sie werden also nur solche Vorstellungen verwirklichen können, die den unbelebten Stoff zum Inhalt haben. Ihr Wille ist stark genug, um tote, nicht, um lebendige Hindernisse zu überwinden. Den dritten Rang nehmen die reinen Urteilsgenies ohne entsprechende Ausbildung des Willens ein, die Denker, die Philosophen. Durch ihre Erkenntnis, ihre Weisheit, ihre Gabe des Erratens sinnlich nicht wahrnehmbarer, zeitlich oder örtlich entfernter Vorgänge kennzeichnen sie sich als vollbürtige Genies von derselben Familie wie die Staatengründer und die Entdecker. Aber sie sind darin unvollkommen, daß die Vorstellungen, die ihr Urteil in herrlicher Vollendung ausarbeitet, in ihrem Gehirn bleiben oder höchstens in Gestalt von geschriebenen oder gesprochenen Worten eine Versinnlichung erfahren. Einen direkten Einfluß auf die Menschen oder die unbelebten Dinge haben sie nicht. Bewegungserscheinungen veranlassen sie nicht. Ein fremder Wille muß erst von ihren Vorstellungen angeregt werden, damit die Vorgänge in ihrem Urteilszentrum Vorgänge außerhalb ihres Organismus veranlassen. Hinter den drei Kategorien der kogitationellen Genies, hinter den Bändigern der Menschen, den Bändigern des Stoffs und den bloßen Denkern, kommen endlich die emotionellen Genies, die sich durch eine größere Stärke der automatischen Arbeit ihrer Zentren, aber nicht durch eine persönliche Sonderentwickelung derselben von der Durchschnittsmenge unterscheiden und der letzteren keine neuen bewußten Vorstellungen, auch keine bewußten Bewegungs-Anregungen, sondern nur halb- oder unbewußte Emotionen geben können. Unter den emotionellen Genies nehmen wieder die Dichter den ersten Platz ein, denn erstens hat an ihrer Arbeit das Urteil einen großen Anteil und zweitens bringen sie ihre Wirkung durch ein Mittel hervor, welches von allen sinnlichen Mitteln weitaus das geeignetste ist, Bewußtseins-Zustände, diesen höchsten Inhalt aller Kunst, wahrnehmbar zu machen, nämlich durch das Wort. Während sich bildende Künstler und Musiker auf das Erfassen und Wiedergeben solcher sinnlich wahrnehmbaren Merkmale von Bewußtseins-Zuständen beschränken müssen, welche diese nur in großer Allgemeinheit erkennen lassen, ist der Dichter imstande, sie scharf zu umgrenzen und so zu spezialisieren, daß man sie kaum mit anderen, verwandten Bewußtseins-Zuständen verwechseln kann. Der Mitwirkung des Urteils kann höchstens der Lyriker entbehren, dessen »Aug' in schönem Wahnsinn rollt« und bei dem die Eindrücke ohne Umweg durch das Bewußtsein die Sprachzentren automatisch zur Thätigkeit anregen. In allen anderen Dichtungsarten dagegen hat der Dichter mit seinem Urteile bewußte Vorstellungen zu bilden, die sich von denen des Denkers nur darin unterscheiden, daß sie die Vergegenwärtigung ererbter Emotionen und nicht das Erraten nicht wahrnehmbarer Beziehungen der Erscheinungen zum Gegenstande haben. Diese Rangordnung ist die allein natürliche, denn sie beruht auf organischen Voraussetzungen. Die gewöhnliche Schätzung der verschiedenen Kategorien von Genies weicht aber allerdings von ihr sehr bedeutend ab. Kogitationelle Naturen bewerten das Genie nach dem Nutzen, den es der Gesamtheit bringt und den sie zu erfassen vermögen, emotionelle Naturen nach der Stärke und Wonnigkeit der Emotion, die es in ihnen zu erregen vermag. Für ein ursprüngliches Gemeinwesen ist ein tapferer und kräftiger Krieger das wichtigste Mitglied. Muskel- und Willensstärke, also Mut, werden deshalb als die herrlichsten Gaben eines Menschen geschätzt, ihr glücklicher Besitzer wird über alle seine Stammesgenossen gestellt und als Halbgott verehrt werden. In einem solchen Gemeinwesen kann offenbar kein großer Denker und Forscher, kein Philosoph, kein Mathematiker, kein Experimentator auf Würdigung Anspruch erheben. Wenn einem Stamme der Rothäute ein Descartes oder Newton erstände, so würde man ihn als unnützes Mitglied der Horde betrachten und jeden glücklichen Bärenjäger, jeden Krieger, der bereits mehrere feindliche Skalpe am Gürtel trägt, hoch über ihn stellen. Und vom Nützlichkeitsstandpunkte aus mit vollem Rechte, denn was der Indianerstamm auf der von ihm erreichten Entwicklungsstufe braucht, das ist keine Mathematik und Metaphysik, sondern Fleisch und Sicherheit. Ein Überlebsel dieser Anschauungsweise von Wilden und Barbaren ist es, wenn man mitten in unserer angeblichen Gesittung dem Soldaten den Vornehmsten Rang anweist und seiner Kriegstracht, den kriegerischen Tätowierungen an seinem Kragen, seinen Ärmeln und der Brust seines Waffenrocks die Verehrung erweist, die im Urzustände der Menschen durchaus natürlich und verständlich war, auf unserer heutigen Kulturhöhe aber ohne vernünftige Bedeutung ist. Und ebenso natürlich ist es, daß die emotionellen Naturen den Wert eines Genies nach den Emotionen bemessen, die dasselbe ihnen giebt. Sie sind eigenartigen, persönlichen Denkens unfähig, dagegen mag ihre automatische, organisierte Hirnthätigkeit ganz tüchtig sein. Ihr Bewußtsein ist also nicht mit klaren Vorstellungen, sondern mit den hier wiederholt geschilderten Halbdunkeln, verschwommenen Bildern gefüllt, als welche die automatische Thätigkeit der Hirnzentren vom Bewußtsein wahrgenommen wird. Das wirkliche, das heißt das Urteils-Genie verlangt von ihren höchsten Zentren bewußte, nicht organisierte, nicht ererbte Arbeit, und die können sie nicht leisten. Das Urteils-Genie besteht also für sie gar nicht. Das emotionelle Pseudo-Genie dagegen regt die automatische Thätigkeit ihrer Zentren an und wird deshalb von ihnen wahrgenommen; es ist für sie eine Quelle von Empfindungen und da man das Leben nach seinem Inhalt an Empfindungen mißt, so ist das emotionelle Genie für sie geradezu ein hehrer Lebensspender. Frauen (und Männer, die ihnen an Geistesentwickelung gleichkommen) werden daher einen Künstler immer höher schätzen als einen Denker und Forscher und unter den Künstlern steht ihnen sehr natürlich der Musiker am höchsten, weil die Emotionen, welche ihnen die Musik giebt, auch die Geschlechtszentren anregen und darum die tiefsten und angenehmsten sind. Auch der Maler und selbst der Schauspieler werden bei ihnen einen sehr hohen Platz einnehmen, der erstere, weil seine Kunst keinerlei kogitationelle Thätigkeit anregt, also von ihnen ohne die Beschwerlichkeit des Denkens genossen werden kann, der zweite aus demselben und dem dazutretenden Grunde, daß sich die Wirkung seiner nachahmenden und emotionelle Seelenzustände verwirklichenden Thätigkeit durch die menschliche Wirkung seiner Persönlichkeit verstärkt. Den Dichter werden die emotionellen Naturen, also in erster Linie auch wieder die Frauen, nur in dem Maße schätzen, in welchem seine Arbeit eine rein emotionelle, nicht kogitationelle ist; also den Lyriker mehr als den Epiker, den Schilderer äußerlicher, aufregender Vorgänge mehr als den Zergliederer von Seelenregungen. Eine solche Bewertung des Genies kann natürlich für uns nicht maßgebend sein. Wenn die Stärke der von ihm erregten Emotionen für den Rang des Genies bestimmend sein soll, so müßte beispielsweise dem Manne seine Geliebte, dem Weibe sein Geliebter höher stehen als irgend ein Genie, das die Menschheit bisher hervorgebracht hat, denn zweifellos, ruft Julie in Romeo und Leander in Hero gewaltigere Empfindungen hervor als Goethe oder Shakespeare, Beethoven oder Mozart, von Kant oder Laplace, Julius Cäsar oder Bismarck natürlich nicht zu sprechen. Und ich glaube auch, wenn man diese interessanten Pärchen befragte, sie würden nicht anstehen, ihre Julie oder ihren Leander als das herrlichste aller denkbaren vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Genies zu erklären. Nicht die Wirkung einer Persönlichkeit auf andere ist also der Maßstab ihrer Bedeutung, denn diese Wirkung ist eine ganz verschiedene, je nachdem die Menschen, auf die sie geübt wirb, mehr oder minder hoch entwickelt, mehr oder minder kogitationell sind, – sondern der mehr oder minder ausschließlich menschliche Charakter der Hirnzentren, deren außergewöhnliche Entwickelung die psychophysische Grundlage ihrer Erscheinung ist. Und da das höchste und menschlichste Hirnzentrum das Urteilszentrum ist, so stattet die Urteilsentwickelung allein ein wahres Genie aus, das allerdings auch entsprechender Willensentwickelung bedarf, um die Arbeit seines Urteilszentrums anderen sinnlich wahrnehmbar zu machen. Das Urteilsgenie ist bis jetzt das letzte Wort menschlicher Vollkommenheit. Ob die organische Entwickelung der Menschheit noch weitergehen und welche Richtung sie nehmen wird, das konnte höchstens kraft seiner Fähigkeit, aus Gegebenem auf Entferntestes in Raum und Zeit zu schließen, ein großes Urteilsgenie erraten. Suggestion. Der Leser hat nun erfahren, wie ich mir den Mechanismus des Menschheitsfortschritts denke. Dieser geschieht nicht in breiter Front mit den Offizieren in Reih und Glied. Eine ganz winzige Minderheit von Pfadfindern geht einzeln vor, durchbricht den Busch, kerbt die Bäume, richtet Wahrzeichen auf und zeigt den Weg; die Menge kommt dann nach, zuerst in kleinen Gruppen, dann in dicken Haufen. Jede Förderung der Menschheit ist das Werk des Genies, das in ihr dieselben Verrichtungen übt wie die höchsten Hirnzentren im Einzelwesen. Das Genie denkt, urteilt, will und handelt für die Menschheit; es verarbeitet Eindrücke zu Vorstellungen, es errät die Gesetze, deren Ausdruck die Erscheinungen sind, es antwortet auf die äußeren Anregungen mit zweckmäßigen Bewegungen und bereichert fortwährend den Inhalt des Bewußtseins. Die Mehrheit thut nichts anderes, als das Genie nachahmen; sie wiederholt, was ihr das Genie vorgethan hat. Die vollkommen normal gebildeten, gut und gleichmäßig entwickelten Individuen thun es sofort und erreichen annähernd das Muster. Man nennt sie Talente. Die in einer oder der andern Richtung zurückgebliebenen, an die Durchschnittsmaße des jeweiligen Menschentypus nicht heranreichenden Individuen gelangen erst später und mühsamer dazu und ihre Nachahmung ist weder geschickt noch treu. Das sind die Philister. Auf welche Weise wirkt nun aber das Genie auf die Menge? Wie bringt es diese dazu, seine Gedanken nachzudenken, seine Handlungen nachzuthun? Oberflächlichkeit ist mit der Antwort rasch genug bei der Hand. »Beispiel! Nachahmung!« Mit diesen Schlagworten glaubt man alles gesagt zu haben. In Wirklichkeit erklären sie nichts; sie machen weder verständlich, weshalb der Mensch, und übrigens auch das Tier, den Drang hat, nachzuahmen, noch mit welchen Mitteln ein Wesen das andere bestimmt, seine Hirnzentren und Muskeln in ungefähr derselben Weise arbeiten zu lassen wie es selbst. Hier ist ein Mensch, der etwas denkt oder thut. Hier ist ein anderer Mensch, der innerlich denselben Gedanken, äußerlich dieselbe Handlung wiederholt. Ich kann nicht umhin, den Gedanken oder die Handlung des einen als Ursache, den Gedanken oder die Handlung des andern als Wirkung aufzufassen. Ich sehe das Beispiel und die Nachahmung. Aber zwischen den beiden klafft eine Lücke. Ich sehe das Band nicht, das sie verknüpft. Ich weiß noch nicht, womit die Kluft zwischen der Ursache und der Wirkung überbrückt ist. Wir stehen da ungefähr vor derselben Schwierigkeit wie in der Kinematik oder Bewegungs-Wissenschaft, die wohl feststellt, daß Bewegungen vorhanden sind, auch ihre Gesetze mit größerer oder geringerer Sicherheit findet, aber noch niemals auch nur den leisesten Versuch gemacht hat, zu erklären, wie die Bewegung eines Körpers sich auf einen andern überträgt, wie die Kraft von einem Atom durch den nicht mit Stoff ausgefüllten Zwischenraum auf das andere Atom hinüberspringt und auf dasselbe einwirkt. Die Unfähigkeit des menschlichen Geistes, sich vorzustellen, wie Kraft oder Bewegung, die selbst nichts Stoffliches, sondern ein Zustand des Stoffs ist, einen stoffleeren Raum zwischen Stoffteilchen soll durchschreiten können, ist sogar der stärkste Vernunfteinwand gegen die atomistische Theorie, welche feit Anaxagoras die Philosophie beherrscht und unserer heutigen Mechanik und Chemie zu Grunde liegt; sie ist es, die zur Annahme des völlig unverständlichen Äthers, der die Atome umgeben soll, genötigt und zu allen Zeiten, auch in der Gegenwart wieder, einige der tiefsten Geister, wie z.B. Descartes, bestimmt hat, die Theorie der Einheit und Kontinuierlichkeit des Stoffs durch den ganzen Raum der atomistischen Theorie vorzuziehen. Die Psychologie, glaube ich, wird mit ihrer Schwierigkeit leichter fertig, als die Bewegungswissenschaft. Sie kann sich auf eine erst in neuerer Zeit kennen gelernte Erscheinung berufen, welche eine recht befriedigende Erklärung der Erfahrungsthatsache in sich schließt, daß Menschen aufeinander geistig wirken, daß Menschen andere Menschen nachahmen. Diese Erscheinung ist die Suggestion. Ein Wort der Erläuterung für diejenigen, die nicht wissen sollten, was man in der Psychologie unter Suggestion versteht. Wir haben im vorigen Kapitel gesehen, daß alle Bewegung vom Willen veranlaßt wird und daß der Wille auf bewußte Anregungen des Urteils oder auf unbewußte, automatische Anregungen emotioneller Art seine Bewegungsimpulse ausschlägt. Wenn nun diese Anregungen, die den Willen in Thätigkeit versetzen, nicht von dem eigenen, sondern von einem fremden Gehirn ausgehen, wenn sich der Wille eines Individuums zum Diener eines fremden Urteils oder einer fremden Emotion macht und Bewegungsvorstellungen verwirklicht, die in einem andern Zentralnervensystem ausgearbeitet wurden, so sagen wir, daß diesem Individuum seine Handlungen suggeriert sind, daß es unter dem Einflüsse einer Suggestion steht. Am besten ist die Suggestion natürlich zu beobachten, wenn sie krankhaft übertrieben wirkt. Dies ist der Fall im Zustande des Hypnotismus. Ein Individuum, das hypnotisiert werden kann, also in der Regel ein hysterisches, wird in diese seltsame und noch nicht genügend erklärte Verfassung des Nervensystems versetzt. Derjenige, der es hypnotisiert hat, sagt ihm dann: »Du wirst morgen früh um 8 Uhr in die X-straße Nummer Soundsoviel zu Herrn Mayer gehen und ihn mit einem Küchenmesser, das du mitnimmst, erstechen.« Das hypnotische Individuum wird geweckt und geht fort. Es hat nicht die geringste Erinnerung von dem, was während seiner Bewußtlosigkeit mit ihm vorgegangen ist. Es kennt Herrn Mayer nicht, ist vielleicht auch nie in der X-straße gewesen und hat namentlich nie einer Fliege etwas zu Leide gethan. Am nächsten Morgen aber nimmt es ein Küchenmesser, es, wenn es sein muß, einfach irgendwo stehlend, geht in die X-straße, klingelt Schlag 8 Uhr bei Herrn Mayer und würde ihn ganz gewiß erstechen, wenn eben Herr Mayer nicht vom Experiment unterrichtet wäre und die nötigen Vorsichtsmaßregeln getroffen hätte. Man nimmt das Individuum nun fest, entwaffnet es und fragt, was es vorgehabt habe. In der Regel gesteht es sofort seine verbrecherische Absicht, manchmal versucht es anfangs zu leugnen und bekennt erst nach einigem Drängen. Wenn man zu wissen wünscht, weshalb es den Mord habe begehen wollen, so sagt es, sofern es von der Natur einfältig ist, entweder: »Es hat sein müssen«, oder es hüllt sich in ein verstocktes Schweigen; ist es dagegen aufgeweckt oder klug, so ersinnt es die merkwürdigsten Geschichten, um seine Handlungsweise sich selbst und den anderen zu erklären. Herr Mayer ist dann ein alter Feind seiner Familie. Er hat im Geheimen gegen das Individuum gewühlt. Er hat es verleumdet, ihm in seiner Laufbahn geschadet u. dergl. Niemals ahnt es, daß ihm seine Handlung von einem fremden Urteil eingegeben, suggeriert worden ist. Aber die Suggestion wirkt nicht bloß von einem Tage auf den andern, man hat sie ihren Einfluß schon sechs Monate lang bewahren sehen. Eine Handlung, die im hypnotischen Zustande suggeriert wurde, erfuhr ein halbes Jahr später, an dem vorher bestimmten Tage, die volle Verwirklichung, ohne daß das betreffende Individuum während der Zwischenzeit von der Suggestion, unter welcher es stand, auch nur die leiseste Vermutung hatte. Die Suggestion braucht nicht in der Form eines bestimmten Befehls aufzutreten. Eine Andeutung genügt. Man macht eine traurige Miene und spricht in weinerlichem Tone einige gleichgiltige Worte zum hypnotisierten Individuum. Dasselbe gerät sofort in die kläglichste Stimmung und spricht und handelt, wie man es in tiefster Niedergeschlagenheit zu thun pflegt. Man sagt ihm leichthin: »Bist du gern Soldat?« und es hält sich, auch wenn es ein Frauenzimmer ist, sofort für einen Soldaten, beginnt zu kommandieren, zu exerzieren, vielleicht auch zu fluchen, kurz all das zu thun, was nach seiner Auffassung für einen Soldaten wesentlich ist. Man reicht ihm ein Glas Wasser und fragt: »Wie schmeckt dir dieser Wein?« Das Individuum empfindet den Weingeschmack und ist imstande, wenn es ein Kenner ist, Gattung und Jahrgang des Gewächses anzugeben; läßt man es viel davon trinken, so wird es sogar vollständig berauscht. Ich könnte noch hundert derartige Beispiele der Suggestion anführen, über die namentlich in Frankreich bereits eine ganze Litteratur vorhanden ist und mit der sich so hervorragende Beobachter und Versucher wie Charcot, Bernheim, Luys, Dumontpallier und Magnin eingehend beschäftigt haben. In all diesen Fällen handelt es sich um krankhafte Übertreibung. Bei einem gesunden Menschen kann die Suggestion nicht so grell auftreten. Es ist unmöglich, ihm weis zu machen, Wasser sei Wein, oder er sei ein Kardinal, wenn er in Wirklichkeit ein Referendar ist, und es wird schwerlich gelingen, ihm nahezulegen, daß er mittels rechtsgiltiger Urkunde sein Vermögen einem Fremden schenke, den er nicht einmal dem Namen nach kennt. Allein daß auch bei ihm die Suggestion, wenngleich in weit beschränkterem Maße, ihre Wirkung übt, daß auch seine Vorstellungen und Handlungen unter dem Einflüsse der Suggestion stehen, das ist kaum zu bezweifeln. Ich wollte erklären, wie ein Mensch auf den andern wirkt, wie einer Gedanken und Handlungen des andern nachahmt, ich habe aber bis jetzt bloß an die Stelle eines Wortes ein anderes gesetzt, statt »Beispiel und Nachahmung« »Suggestion« gesagt. Was ist nun aber das Wesen der Suggestion und auf welche Weise kommt sie zu stande? Die Antwort, welche ich auf diese Frage zu geben habe, ist natürlich nur eine Hypothese, aber sie scheint mir ausreichend und es wird ihr von keiner bisher beobachteten Thatsache widersprochen. Suggestion ist die Übertragung der Molekularbewegungen eines Gehirns auf ein anderes in der Weise, wie eine Saite ihre Schwingungen auf eine benachbarte Saite überträgt, wie eine heiße Eisenstange, wenn man sie gegen eine kältere hält, dieser ihre eigenen Molekularbewegungen mitteilt. Da alle Vorstellungen, Urteile und Emotionen Bewegungsvorgänge der Hirnmoleküle sind, so werden natürlich durch die Übertragung der Molekularbewegungen auch die Urteile, Vorstellungen und Emotionen übertragen, deren mechanische Unterlage jene Bewegungen sind. Herr Karl du Prel hat 1891 ein Buch veröffentlicht, welches die Erscheinung des Gedankenlesens mittels einer Hypothese zu erklären sucht, die meine obige hypothetische Erklärung der Suggestion beinahe wörtlich wiederholt. Ich könnte geradezu von Plagiat sprechen, will aber lieber annehmen, daß meine sechs Jahre vor der seinigen veröffentlichte Arbeit dem doch so ungewöhnlich belesenen Herrn Karl du Prel unbekannt geblieben ist. Um diesen Vorgang ganz deutlich zu machen, habe ich nur noch einige kurze Ausführungen hinzuzufügen. Wie wir schon im vorigen Kapitel gesehen haben, besitzt unser Organismus nur ein einziges Mittel, um Zustände seines Bewußtseins, also Urteile, Vorstellungen und Emotionen, auch für andere sinnlich wahrnehmbar zu machen, nämlich Bewegungen. Bestimmte Zustände des Bewußtseins veranlassen bestimmte Bewegungen, die also ihr Ausdruck sind. Wir gewöhnen uns daran, die Bewegungen mit den sie veranlassenden Bewußtseins-Zuständen zu verknüpfen und von jenen auf diese zu schließen. Eine Bewegung ist entweder ein direkter oder ein symbolischer Ausdruck eines Bewußtseins-Zustandes. Wenn ein Mensch einem andern einen Faustschlag versetzt, so ist diese Muskelhandlung der direkte Ausdruck eines Bewußtseins-Zustandes, der die Vorstellung in sich schließt: »Ich will schlagen«. Wenn man dagegen den Kopf hängen läßt und seufzt, so sind diese Bewegungen der Hals- und Brustmuskeln der symbolische Ausdruck eines Bewußtseins-Zustandes, den wir Niedergeschlagenheit oder Trübsinn nennen können. Die Symbole der Bewußtseins-Zustände zerfallen wieder in zwei Gruppen, in natürliche und konventionelle. Die natürlichen Symbole sind solche, die organisch mit bestimmten Bewußtseins-Zuständen verknüpft sind. Diese können nicht bestehen, ohne jene hervorzurufen. Gähnen, Lachen sind natürliche Symbole der Ermüdung und Heiterkeit. Die Einrichtung unseres Organismus bringt es mit sich, daß im Zustande der Ermüdung, das heißt bei einer durch Arbeit hervorgerufenen Anhäufung von Zersetzungsprodukten (z. B. Milchsäure) in den Geweben, die Nervenzentren, welche die Atemmuskeln innervieren, gereizt werden und den Krampf dieser Muskeln veranlassen, den wir mit dem Ausdrucke Gähnen bezeichnen. Da die großen Züge des Organismus in der ganzen Menschheit, ja teilweise in allen Lebewesen dieselben sind, so bleiben auch die natürlichen Symbole durch die ganze Menschheit dieselben, sie werden von allen Menschen, zum Teil sogar von den höheren Tieren, verstanden und die Erfahrung, welche man durch bloße Selbstbeobachtung erlangt, genügt, um ihre Bedeutung erkennen zu lassen, um zu erraten, welchen Bewußtseins-Zustand die betreffenden Symbole ausdrücken. Die konventionellen Symbole dagegen sind solche, die nicht organisch mit den Bewußtseins-Zuständen, welche sie ausdrücken sollen, verknüpft sind, von diesen nicht notwendig hervorgerufen werden, sondern nur durch menschliche Übereinkunft ihre Bedeutung erlangt haben. Kopfnicken, Heranwinken mit dem Finger sind konventionelle Symbole der Bewußtseins-Zustände, welche die Vorstellungen in sich schließen: »Ich stimme zu« oder »komm her«. Es ist eine willkürliche Verabredung, daß wir diesen Bewegungen eine solche Bedeutung geben (ganz willkürlich ist sie freilich auch nicht, vielmehr sind die konventionellen Symbole ebenfalls aus natürlichen hervorgegangen, doch ist hier nicht der Ort, dies zu entwickeln), und sie haben auch nicht bei allen Völkern dieselbe Bedeutung. Die Orientalen beispielsweise bewegen bei der Bejahung den Kopf nicht wie wir von oben nach unten, sondern von rechts nach links und zurück. Das beste und wichtigste Beispiel einer konventionellen symbolischen Bewegung ist das Wort, dieses Ergebnis der Muskelthätigkeit in den Atmungs- und Sprachwerkzeugen. Um den Bewußtseins-Zustand, dessen Ausdruck das Wort ist, zu erraten, muß man gelernt haben, beide mit einander zu verknüpfen, und die durch Selbstbeobachtung gewonnene Erfahrung reicht dazu nicht aus. Der klügste Mensch wird nicht vermuten, daß »Fu« Seligkeit bedeutet, wenn er nicht chinesisch kann. Die Molekularbewegungen im Gehirn, welche Bewußtseins-Zustände geben, regen also Muskel-Bewegungen an. Diese werden in einem andern Gehirn mit Hilfe seiner Sinne zur Wahrnehmung gebracht; und zwar können dazu alle Sinne dienen. Manche Bewegungen und die von denselben zurückgelassenen Spuren, z. B. die Schrift, wenden sich an den Gesichtssinn, andere an das Gehör, noch andere an das Gefühl. Der Sinn nimmt den Eindruck auf, leitet ihn weiter, regt den Vorgang der Deutung an, das heißt bestimmt ein Zentrum, den Eindruck in eine Vorstellung umzuarbeiten, und versetzt das Bewußtsein in denselben Zustand, dessen Ausdruck die vom Sinne wahrgenommene Muskel-Bewegung war. Mit Anknüpfung an mechanische Vorstellungen kann man denselben Vorgang so darstellen: Durch Bewegungs-Erscheinungen angeregte Veränderungen in den Sinnesnerven veranlassen ihrerseits Veränderungen in den Sinneswahrnehmungs-Organen des Gehirns, welche wieder die Bewußtseinszentren zu Molekularbewegungen bestimmen, deren Form und Stärke bedingt ist durch die Natur der Anregung, also durch die Form und Stärke der Molekularbewegungen des andern Gehirns, welches die Muskelbewegungen veranlaßt hat. So wird mit Hilfe der Muskeln einerseits, der Sinne andererseits der Zustand eines Gehirns auf ein anderes mechanisch übertragen, das heißt die Suggestion ausgeübt. Damit ein Gehirn auf die geschilderte Weise die Molekularbewegungen eines anderen Gehirns annehme, also dessen Urteile, Vorstellungen, Emotionen und Willensimpulse wiederhole, darf es selbst nicht der Schauplatz eigener Molekularbewegungen von anderer Form und ebenso großer oder größerer Stärke sein, das heißt es darf nicht selbst kräftige Gedankenarbeit liefern, wie ja auch eine schwingende Saite nur eine ruhende oder schwächer bewegte, jedoch weder eine stärker noch eine anders schwingende Saite zum Hervorbringen ihres eigenen Tones anregen kann. Je organisch unbedeutender also ein Gehirn ist, um so leichter folgt es der Bewegungs-Anregung, die von einem andern Gehirn ausgeht; je vollkommener und mächtiger es ist, je lebhafter seine eigenen Bewegungsvorgänge sind, um so größere Widerstände setzt es den fremden entgegen. Unter normalen Verhältnissen übt also das vollkommnere Individuum auf das unvollkommnere eine Suggestion aus, nicht aber umgekehrt. Freilich können sich die Bewegungsvorgänge auch minder vollkommener Gehirne summieren und dadurch eine solche Stärke erlangen, daß sie die Bewegungsvorgänge selbst eines sehr vollkommenen Gehirns besiegen. Wenn große Menschenmassen dieselbe Emotion empfinden und ausdrücken, so können sich selbst geistesstarke und eigenartige Individuen ihr nicht entziehen. Sie werden gezwungen, die Emotion zu teilen, und wenn sie sich noch so sehr anstrengen wollten, das Zustandekommen dieses Bewußtseins-Zustandes durch abweichende Vorstellungen und Urteile zu verhindern. Daß die Suggestion bei hypnotischen Individuen am leichtesten und mit größtem Erfolge geübt wird, erklärt sich daraus, daß in diesem Zustande des Nervensystems die Gehirnmoleküle die geringste eigene Bewegung vollziehen und in einer besonders unstäten Gleichgewichtslage sind, also schon durch den leisesten Anstoß in die durch die Form und Stärke der Anregung bedingte Bewegung versetzt werden können. Die Sinneseindrücke, durch welche die Suggestion vermittelt wird, können mit Bewußtsein wahrgenommen werden, es ist aber möglich, ja wahrscheinlich, daß im Gehirn fortwährend Molekularbewegungen auch durch solche Sinneseindrücke angeregt sind, deren man sich in keiner Weise bewußt wird. Die Londoner Gesellschaft für psychologische Untersuchungen hat Berichte über Versuche veröffentlicht, die diese Thatsache unzweifelhaft feststellen. Ein Individuum, das in einem Raume mit einem andern ist, zeichnet auf eine schwarze Tafel Figuren, welche sich dieses denkt. Wohlgemerkt, das zeichnende Individuum wendet dem denkenden den Rücken, das letztere spricht auch kein Wort und es findet zwischen den beiden überhaupt kein sinnlich wahrnehmbarer Verkehr statt. In anderen Versuchen schrieb das eine Individuum Worte, Zahlen oder Buchstaben auf, die sich ein anderes dachte. Manchmal gelangen diese Versuche, andere Male mißlangen sie. Immerhin war das Gelingen so häufig, daß man den Zufall ausschließen muß. Die Gesellschaft ist eine ernste und besteht aus Männern von anerkannter Ehrbarkeit und zum Teil von gelehrtem Rufe. Sie giebt sich mit spiritistischem Schwindel nicht ab und wenn sie sich auch durch ihre Forschungen über Geistererscheinungen in ein etwas ungünstiges Licht gesetzt hat, so hätte man dennoch Unrecht, deshalb ihre übrigen Arbeiten gleichfalls gering zu schätzen. Die unbewußte Suggestion kann um so leichter zugegeben werden, als sie einer befriedigenden Erklärung durch sichergestellte Thatsachen zugänglich ist. Jede Vorstellung, die eine Bewegung in sich schließt (und andere Vorstellungen giebt es nicht, da selbst die abgezogensten in letzter Linie sich aus Bewegungs-Bildern zusammensetzen), regt diese Bewegung, wenn auch im denkbar schwächsten Maße, tatsächlich an. Die Muskeln, welche die betreffende Bewegung auszuführen haben, erhalten einen ganz leisen Impuls und die höchsten Zentren werden sich desselben durch den Muskelsinn bewußt, welcher den empfangenen Impuls zurückmeldet. Man muß sich den Vorgang so vorstellen, daß das Gedächtnis, der Verstand und das Urteil, wenn sie eine Vorstellung ausarbeiten, eine Innervation der bei jener eine Rolle spielenden Muskeln anregen und daß die Vorstellung ihre volle Intensität erst erlangt, wenn das Urteil die Mitteilung von der erfolgten Innervation empfängt. Stricker in Wien ist es, der diese Thatsache zuerst genau beobachtet und dargestellt hat, allerdings zunächst bloß im Hinblick auf das Zustandekommen von Lautvorstellungen. Wenn man sich, sagt der gelehrte Experimental-Pathologe, beispielsweise den Buchstaben B denkt, so wird durch diese Vorstellung eine Innervation der Lippenmuskeln angeregt, die am Zustandebringen des Buchstaben B mitwirken. Die Vorstellung »B« ist also thatsächlich ein Bild der Lippenbewegung, durch welche das B hervorgebracht wird, und die Bewegung wird auch, natürlich nur ganz diskret, in den Lippen gespürt. Was Stricker von den Bewegungen der Muskeln des Sprachapparats sagt, das gilt wohl auch von denen aller anderen Muskeln. Wenn im Bewußtsein die Vorstellung des Laufens erscheint, so hat man eine Bewegungsempfindung in den Muskeln der unteren Gliedmaßen u.s.w. Daß nicht jede Vorstellung einer Bewegung sofort die Bewegung selbst zur Folge hat, liegt daran, daß erstens der Impuls, den das bloße Bewegungsbild in die betreffenden Muskeln sendet, zu schwach ist, um deren wirksame Zusammenziehung zu veranlassen, und daß zweitens das Bewußtsein allen Bewegungsbildern, deren Verwirklichung nicht beabsichtigt wird, eine Hemmungsvorstellung entgegensetzt. Ist die Vorstellung eine sehr lebhafte oder hat das Bewußtsein nicht die Kraft und Übung, Hemmungsvorstellungen von hinreichender Intensität auszuarbeiten, so genügt das Bewegungsbild in der That, um wenigstens eine deutlich wahrnehmbare Skizzierung der Bewegung selbst anzuregen. Das gedachte Wort wird gemurmelt; es entsteht ein Selbstgespräch; die gedachte Reihe von Bewegungen wird mit den Händen und Armen angedeutet; man gestikuliert. Selbstgespräch und Gestikulation, diese Eigenschaften lebhafter oder ungenügend zur Selbstbeherrschung erzogener Personen, die aber auch an kaltblütigen und wohlerzogenen Individuen bei besonders starken Erregungen beobachtet werden, sind naheliegende Bestätigungen der Richtigkeit und Allgemeinheit des Strickerschen Gesetzes von den »Bewegungs-Bildern«. Was aber im Selbstgespräch und in der Gestikulation grobsinnlich wahrnehmbar wird, das geschieht fortwährend und bei jeder Vorstellung in ganz geringem, mit unseren Sinnen gewöhnlich in bewußter Weise nicht wahrnehmbarem Maße. Das Wort, das wir uns denken, formen wir thatsächlich mit unseren Sprachorganen; die Bewegung, die wir uns vorstellen, wird von unseren Muskeln andeutungsweise thatsächlich ausgeführt. Da wir nun bloß in Worten und anderen Bewegungsbildern denken, so kann ich sagen, daß wir eigentlich all unsere Gedanken mit Wort und Geberde aussprechen. Die Regel ist freilich, daß dieses unbewußte Selbstgespräch, dieses unbeabsichtigte Geberdenspiel nicht gehört und gesehen wird. Sie würden dies aber sofort werden, wenn wir entweder genug feine Sinne hätten oder Werkzeuge nach Art des Mikroskops und Mikrophons besäßen, welche winzigste Bewegungen der Muskeln des Sprachapparats und der Gliedmaßen, des Gesichts u.s.w. deutlich sicht- und hörbar machten. Wer sagt uns nun, daß unsere Sinne, oder doch die Sinne mancher besonders gearteten Individuen, diese schwächsten Bewegungen nicht dennoch wahrnehmen? Bewußt wird man sich dessen freilich nicht, aber das kann noch nicht als Beweis dienen, daß es nicht wirklich geschieht. Denn wir wissen aus Erfahrung, daß ein Sinneseindruck schon eine gewisse Stärke haben muß, um vom Wahrnehmungszentrum dem Bewußtsein mitgeteilt zu werden, und daß selbst recht starke Sinneseindrücke vom Bewußtsein unbemerkt bleiben, wenn dasselbe ihnen nicht seine Aufmerksamkeit zuwendet, daß aber diese vom nicht genügend angeregten oder nicht aufmerksamen Bewußtsein unbeachtet gelassenen Sinneseindrücke dennoch stattfinden und vom Gehirn außerhalb des Bewußtseins automatisch in emotioneller Weise verarbeitet werden. So ist es also nicht bloß möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß unser Geist ununterbrochen von allen anderen Menschengeistern beeinflußt ist. Vom Bewußtsein unbemerkt, doch von den Hirnzentren wahrgenommen, redet und gestikuliert unsere ganze nahe und ferne menschliche Umgebung auf uns los, Millionen und Millionen leiser Stimmen und seiner Geberden dringen auf uns ein und wir hören im verwirrenden Durcheinander buchstäblich unser eigenes Wort nicht, wenn es nicht mächtig genug ist, um das Gesumme zu übertönen. Das Bewußtsein aller Menschen wirkt auf das unsrige ein, die Molekularbewegungen aller Gehirne teilen sich dem unsrigen mit und es nimmt deren Rhythmus an, wenn es ihnen nicht einen andern von größerer Lebhaftigkeit entgegensetzen kann, obwohl auch ein solcher wohl modifiziert, wenn schon nicht ganz den auf ihn einschwirrenden Rhythmen angepaßt werden dürfte. Das wäre die unbewußte Suggestion. Lassen wir diese nun und kehren zur bewußten zurück, die vielleicht nicht die wichtigere, aber jedenfalls die sicherer zu unserer Kenntnis gelangende ist. Sie wird durch alle Kundgebungen geübt, mittels deren Bewußtseins-Zustände sich ausdrücken, am häufigsten durch das Wort, doch auch durch Handlungen, die man beobachten kann. Der ausgesprochene Gedanke regt nach dem oben erklärten Mechanismus im Gehirn des Lesers oder Hörers denselben Gedanken, die vollzogene Handlung im Willen des Zuschauers dieselbe Handlung an. Nur die Minderheit der Eigenartigen, der Genies, wird sich diesem Einflusse ganz entziehen können. Suggestion ist alle Erziehung, aller Unterricht. Das noch unentwickelte Gehirn des Kindes bildet sich nach den Molekularbewegungs-Anregungen, die ihm von den Eltern und Lehrern beigebracht werden. Durch Suggestion wirkt das Beispiel der Sittlichkeit wie der Verderbtheit. Die Masse eines Volks übt Thaten der Liebe oder des Hasses, der Bildung oder Rohheit, der Menschlichkeit oder Bestialität, je nachdem ihm die einen oder anderen von den gewaltigen Individuen der Epoche suggeriert werden. Was redet man da von Volksseele oder nationalem Charakter? Das sind sinnlose Worte. Der nationale Charakter ist in jedem Zeitalter ein anderer. Die Volksseele wechselt von Tag zu Tag. Will man Beispiele? Hier sind einige. Das deutsche Volk war in der vorigen Generation weichlich sentimental, romantisch schwärmerisch, kurz emotionell. Es ist in der gegenwärtigen hartpraktisch, kühl erwägend, mehr handelnd als sprechend, mehr rechnend als duselnd, kurz kogitationell. Das englische Volk war im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts sittlich entartet; es soff, fluchte, trieb Unzucht und breitete seine Laster im Tageslichte aus; heute ist es zimperlich, nüchtern bis zur Enthaltsamkeit und im höchsten Grade ehrbar; es findet seine Volksideale in Mäßigkeitsvereinen, in Liebeswerken zur Rettung Gefallener, in augenverdrehender Andacht; es vermeidet anstößige Ausdrücke in der Rede und unbescheidene Auffälligkeiten im Thun. Solcher Umschwung ist das Werk kurzer dreißig oder fünfzig Jahre. Wie kann man da glauben und behaupten, die Denkungs- und Handlungsweise eines Volkes sei das Ergebnis bestimmter organischer Eigentümlichkeiten desselben? Solche Eigentümlichkeiten könnten sich nur sehr allmählich in langen Zeiträumen ändern. Es handelt sich da um etwas ganz anderes, was die Völkerpsychologen von Beruf bisher nicht gesehen haben. Es handelt sich um Suggestion. Die großen Menschenerscheinungen innerhalb eines Volkes suggerieren diesem das, was man die Volksseele und den nationalen Charakter nennt und fälschlich für ein Dauerndes und Unwandelbares hält, da es doch fortwährend von einzelnen Geistern umgemodelt wird. Man muß sich den Hergang so vorstellen, daß eine ganz kleine Anzahl von Ausnahmemenschen vor einem Volke oder selbst vor einer Rasse so steht wie Bernheim vor einer hypnotisierten Hysterischen und dem Volke oder der Rasse Gedanken, Gefühle und Handlungen suggeriert, die ohne Widerstand und Kritik nachgedacht, nachempfunden und nachgethan werden, als wären sie im eigenen Bewußtsein der Menge entstanden. Suggerieren jene Ausnahmemenschen Tugend und Heldenmut, so sieht die Welt ein Volk von Gralsrittern und Winkelrieden; suggerieren sie Laster und Erbärmlichkeit, so hat die Weltgeschichte von einem Byzanz der Verfallszeit zu erzählen. Confutse erzieht ein Volk zu Feiglingen, Napoleon der Erste zu Streitern und Siegern. Das Genie formt das Volk nach seinem Ebenbilde und wer die Volksseele studieren will, der hat dies nicht in der Masse, sondern im Gehirn der Führer zu thun. Das, was allerdings im Volke organisch vorgebildet ist, das ist seine größere oder geringere Tüchtigkeit. Wohl wird ihm all sein Denken und Thun suggeriert, aber wenn es ein starkes Volk ist, so wird es der Suggestion intensiv, wenn ein schwächliches, flau gehorchen. Es ist ein Unterschied wie zwischen der Dampfmaschine von tausend und der von einer Pferdekraft: dieselbe Einrichtung, dieselben bewegenden Kräfte, dieselbe Form; aber die eine versetzt Berge und die andere treibt eine Nähmaschine. So ist das eine Volk gewaltig in Tugend und Laster, das andere unbedeutend im Guten wie im Bösen; das eine Volk stellt große, das andere kleine Kräfte in den Dienst seiner Genies. Aber das, was diesen organischen Kräften die Verwendung vorschreibt, ist die Suggestion, die von den Ausnahmemenschen ausgeht. Man spreche darum nicht von der Volksseele, sondern höchstens vom Volksleibe, von der Volksfaust oder dem Volksmagen. Dagegen glaube ich allerdings, daß es organisch in einem Volke liegt, seltener oder, häufiger Genies hervorzubringen, doch ist dies ein Punkt, den ich in einem späteren Kapitel behandeln will. Die Gleichartigkeit der Anschauungen und Empfindungen innerhalb eines Volks erklärt sich also nicht aus organischer Gleichartigkeit, sondern aus der Suggestion, die auf alle Angehörigen des Volks durch die gleichen Beispiele der Geschichte, die gleichen lebenden Häupter der Nation, das gleiche Schrifttum geübt wird. So erhalten die Bewohner großer Städte die gleiche geistige Physiognomie, obwohl sie in der Regel die verschiedensten Ursprünge haben und einer Unzahl von Stämmen angehören. Ein Berliner, ein Pariser, ein Londoner hat psychologische Eigenschaften, die ihn von allen seiner Stadt fremden Individuen unterscheiden. Können dieselben organisch begründet sein? Unmöglich. Denn die Bevölkerung dieser Städte ist ein Gemisch der mannigfaltigsten ethnischen Bestandteile. Aber sie steht unter dem Einflüsse derselben Suggestionen und zeigt darum notwendig die allen Beobachtern auffallende Übereinstimmung im Thun und Denken. Verirrungen des Geschmacks und der Sitte, moralische Epidemien, Strömungen des Hasses oder der Begeisterung, die zu einer gegebenen Zeit ganze Völker unwiderstehlich fortreißen, werden erst durch die Thatsache der Suggestion begreiflich. Wir haben gesehen, daß das Hauptmittel der Übertragung von Vorstellungen aus einem Bewußtsein in ein anderes das Wort ist. Das Wort ist aber nur ein konventionelles Symbol von Bewußtseins-Zuständen und hierin liegt eine große, manchmal unbesiegbare Schwierigkeit für die Versinnlichung ganz neuer Vorstellungen. Ein Genie arbeitet in seinem Bewußtsein eine Vorstellung aus, die vor ihm noch nie in einem Gehirn kombiniert worden ist. Wie wird es versuchen, diesen neuen und eigenartigen Bewußtseins-Zustand auszudrücken und anderen sinnlich wahrnehmbar zu machen? Offenbar durch das Wort. Die Bedeutung des Wortes ist aber eine durch Übereinkommen festgestellte. Es versinnlicht einen Bewußtseins-Zustand, der von früher her bekannt ist. Es erweckt im Hörer bloß eine alte, von jeher damit verknüpfte Vorstellung. Wenn der Hörer oder Leser es als Symbol nicht der Vorstellung, welche das Wort bis dahin ausgedrückt hat, sondern einer anderen, ihm noch völlig unbekannten, erfassen soll, so muß mit ihm ein neues Übereinkommen getroffen werden, das Genie muß streben, ihm auf anderem Wege, durch Hinweis auf Ähnlichkeiten oder Gegensätze, den neuen Begriff beizubringen, für den es das alte Wort angewandt hat. Das kann meist nur annähernd, fast nie vollkommen geschehen. Unsere Sprache trägt beinahe in jedem Worte, in jeder Redewendung Spuren dieses Bemühens der eigenartigen Ausnahmemenschen, neue Vorstellungen mit Hilfe der alten Symbole in die Gehirne der Masse zu übertragen. Alle Bildlichkeit des Ausdrucks leitet sich daraus ab. Wenn dieselbe Wurzel, etwa in Minne, zuerst Erinnerung und dann Liebe bedeutet, so läßt sie die Gedankenarbeit eines eigenartigen Geistes erkennen, der, um eine neue Vorstellung, die der selbstlosen, treuen Zärtlichkeit, auszudrücken, sich eines Wortes bedienen mußte, welches bis dahin eine andere, gröbere, aber immerhin mit ihr oberflächlich verwandte Vorstellung ausdrückte, die des bloßen Gedenkens. Jedes Genie bedürfte eigentlich einer neuen, eigenen Sprache, um seine neuen Vorstellungen richtig zu versinnlichen. Dadurch, daß es sich der von ihm vorgefundenen Sprache, das heißt der Symbole von früheren Bewußtseins-Zuständen anderer Individuen, bedienen muß, richtet es oft genug Verwirrung an, da es seinem Worte einen andern Sinn giebt als der Hörer, für den es bis auf weiteres bloß die herkömmliche Bedeutung haben kann. Das Genie füllt recht eigentlich neuen Wein in alte Schläuche, mit dem erschwerenden Umstande, daß der Empfänger des Schlauchs den Wein bloß nach dem Aussehen des Schlauches beurteilen, nicht aber diesen öffnen und seinen Inhalt kosten kann. Die Natur der Sprache, der Umstand, daß dieselbe alte und älteste Vorstellungen symbolisiert und den Wortwurzeln eine bildliche Bedeutung geben muß, um sie zur Bezeichnung neuer Bewußtseins-Zustände schlecht und recht tauglich zu machen, ist ein mächtiges Hindernis der Übertragung des Denkens eines genialen Gehirns in die Gehirne der Menge. Diese ist notwendig geneigt, die neue bildliche Bedeutung des vom Genie vertieften und in eigenartigem Sinne angewandten Wortes mit dessen alter buchstäblicher Bedeutung zu verwechseln. Die alten und ältesten Vorstellungen leben störend und verwirrend unter den neuen fort, der Volksgeist denkt bei der Erdachse an ein Ding,' das ungefähr wie eine Wagenachse beschaffen sein mag, und beim elektrischen Strome an eine Flüssigkeit, die im Innern eines Drahts dahinströmt wie Wasser in Bleiröhren, und wo das Genie mit dem Worte zu erklären geglaubt hat, da hat es manchmal verdunkelt, da hat es nicht seine eigenen Vorstellungen im fremden Geiste erweckt, sondern solche, die ihnen oft gerade entgegengesetzt sind. Doch das ist wieder eine menschliche Unvollkommenheit, die wir nicht ändern können. Vielleicht entwickelt sich unser Organismus noch so weit, daß die Bewußtseins-Zustände sich nicht mehr durch konventionelle Symbole, sondern direkt ausdrücken. Dann wird das eigenartige Gehirn nicht mehr des Wortes bedürfen, um seine Molekularbewegungen anderen Gehirnen mitzuteilen, es wird möglicherweise genügen, eine Vorstellung klar und bestimmt zu denken, um sie wie Licht oder Elektrizität durch den Raum zu verbreiten und anderen zu suggerieren, und man wird nicht mehr nötig haben, sie in die alten Flicken einer Sprache zu kleiden, die uns zwingt, beispielsweise die Vorstellung eines Alls, dessen Teile wir sind, mit dem Worte Natur auszudrücken, welches ursprünglich die Gebärende bedeutet, uns also die Vorstellung einer Mutter mit allen Attributen der bei der Fortpflanzung nach Säugetierart notwendigen Geschlechtlichkeit nahelegt. Bis wir aber diese fabelhafte Vollkommenheit erreicht haben werden, müssen wir uns schon mit dem Worte begnügen und wir sollten nur ehrlich trachten, einander zu verstehen, so weit uns dies eben möglich ist. Die Wissenschaft schreitet rasch. Als dieses Kapitel im Jahre 1885 geschrieben wurde, war meine Hypothese von der Suggestion etwas ganz neues, ein richtiges Paradoxon. Seitdem sind bloß wenige Jahre verflossen und dieser kurzer Zeitraum hat genügt, um das kühne Paradoxon in eine allgemein angenommene Banalität zu verwandeln, die selbst von der amtlichen Gelehrsamkeit in Akademien und Universitäten nicht mehr bestritten wird. Dankbarkeit. Als »eine lebhafte Empfindung künftiger Gunsterweisungen« hat der englische Satiriker die Dankbarkeit definiert. Er glaubte einen Witz zu machen und gab in Wirklichkeit eine das Wesen dieses Gefühls erschöpfende Erklärung. In allen gesund und natürlich empfindenden Individuen liegt der Dankbarkeit die deutliche oder unklare Erwartung weiterer erfreulicher Leistungen zu Grunde. Ist auf eine Fortsetzung oder Erneuerung der Wohlthaten durchaus nicht zu hoffen, so hört jede Erkenntlichkeit für den Wohlthäter auf oder wenn sie trotzdem noch fortbesteht, so ist dies nur eine Folge entweder organischer Gewohnheit oder durch die Gesittung geübter künstlicher Hemmung natürlicher Rückbildungsvorgänge im Gefühlsleben. Ich glaube mit den evolutionistischen Philosophen, mit Darwin, Spencer und Bain, daß alle menschlichen Gefühle ihren Ursprung in ihrer Notwendigkeit oder Nützlichkeit für die Erhaltung des Einzelwesens und der Gattung haben. Wir empfinden heute z. B. Liebe als eine Wonne, Mißbilligung unserer Handlungen durch die öffentliche Meinung als Unannehmlichkeit. Das ist evolutionistisch leicht zu erklären. Von zwei Urmenschen, deren einer bei den Liebesvorgängen angenehme Empfindungen hatte, während sie im Organismus des andern nichts derartiges erregten, wird der eine eifrig gestrebt haben, sich solche Empfindungen zu verschaffen, während der andere sich um sie schwerlich bemüht haben wird. Der eine wird viel, der andere wenig oder keine Nachkommen hinterlassen haben. In diesen wiederholt sich durch Vererbung die organische Eigentümlichkeit der Väter, die Liebeseifrigen werden immer zahlreicher, die Liebeskühlen immer seltener geworden und bald ganz ausgestorben sein, so daß nur solche Menschen übrig bleiben, in denen die Liebe mit wonnigen Empfindungen verknüpft ist. Ebenso wird von zwei Urmenschen derjenige, dem die Meinung seiner Stammesgenossen gleichgiltig war, leicht Handlungen geübt haben, die jene ärgern oder schädigen konnten; der Stamm wird sich das schwerlich haben gefallen lassen und ihm rasch genug durch Verjagung ungünstigere Daseinsbedingungen bereitet oder ihn kurzweg getötet haben; der andere dagegen, der fortwährend die Wirkung seines Thuns auf die Nebenmenschen in Betracht zog, wird mit dem Stamme gut ausgekommen sein, von demselben Hilfe und Schutz erfahren, dadurch leichter und sicherer gelebt und mehr Nachkommen erzeugt haben, denen er seine organische Eigentümlichkeit vererben konnte, so daß in der heutigen Menschheit nur noch Individuen anzutreffen sind, denen der Gedanke an die Feindseligkeit der öffentlichen Meinung eine Unlustempfindung erregt, welche stark genug ist, um sie von Handlungen abzuhalten, die eine solche Feindseligkeit wachrufen könnten. Ist nun aber Dankbarkeit ein Trieb, der sich durch den evolutionistischen Grundsatz erklären läßt? Durchaus nicht. Die Dankbarkeit kann nie einem Urmenschen nützlich gewesen sein, ihm nie bessere Daseinsbedingungen verschafft haben. Er zog aus diesem Gefühle keinen Vorteil und dessen Mangel hatte keinerlei Nachteil im Gefolge. Wenn man scharf zusieht, so findet man sogar, daß ein mit der Anlage zur Dankbarkeit behaftetes Individuum übler daran war als solche, die von ihr frei waren; denn während es seine Zeit mit Aufmerksamkeiten und seine Kraft mit Handlungen vergeudete, die ihm keinen denkbaren Nutzen bringen konnten, verwendeten die anderen Kraft und Zeit zu ihrem Vorteile. Die Dankbarkeit war und ist also in allen Fällen, wo sie nicht ein von Selbstsucht und Eigennutz eingegebenes Gefühl ist und den Zweck hat, einen Wohlthäter durch Unterwürfigkeit und Schmeichelei zu weiteren Wohlthaten zu verlocken, für die Erhaltung des Einzelwesens und der Gattung unnütz und konnte darum zu keinem natürlichen Triebe der Menschen werden. Wie erklärt es sich da, daß den religiösen Vorstellungen der Menschheit dennoch Dankbarkeit zu Grunde liegt, daß man die Götter für die Gaben lobte, die sie den Menschen bescherten, daß man sich ihnen dafür mit Opfern erkenntlich zeigte, daß man den Dahingegangenen, den eigenen Vorfahren wie den toten Stammeshelden, dankbare Verehrung erwies? Einfach aus den groben Irrtümern eines unwissenden Geistes. Die Menschen hielten die Götter, die toten Ahnen und Heroen für lebende Wesen, die noch immer die Macht haben, ihnen nützlich zu sein, und ihre Gefühle der liebenden Hingebung, ihre Opfer und Lobpreisungen waren keine Dankbarkeit für vergangene, sondern dringende Einladungen zu künftigen Leistungen. Noch heute wirkt die abergläubische Grundvorstellung vom Dasein eines persönlichen, mit Menscheneigenschaften ausgerüsteten Gottes und der Fortdauer des Individuums nach seinem Tode in den Gemütern mächtig nach und veranlaßt ab und zu, allerdings selten genug, Kundgebungen der Dankbarkeit für totes Verdienst. In einer fernen Zukunft, wenn dieser durch hunderttausendjährige Denkgewohnheit organisierte Aberglaube aus dem Gehirn der Menschen verschwunden sein wird, dürfte auch der Heroenkult in seiner heutigen Form bis auf die letzte Spur aufgehört haben. Vielleicht errichtet man dann noch großen Männern Denkmäler, hält ihre Gräber in stand und feiert ihre Gedenktage, aber nicht mehr mit der Vorstellung, ihrer Person ein Liebes zu erweisen, eine Schuld an sie abzutragen, für empfangene Wohlthaten eine Gegenleistung zu gewähren, sondern ausschließlich zu volkserziehlichen Zwecken, mit der Absicht, die Gestalt des gefeierten Heros als Suggestion auf die Masse wirken zu lassen und dieser die Nachahmung seiner Tugenden nahezulegen, und weil die Gesellschaft immer das Bedürfnis empfinden wird, die Eigenschaften, welche sie im Interesse ihrer Selbsterhaltung von ihren Mitgliedern fordern muß, in Idealgestalten verkörpert vorzudemonstrieren. Wenn Dankbarkeit für eine Handlung Sinn und Zweck haben sollte, so müßte sie vor der Vollendung dieser Handlung erwiesen werden. Dann hätte sie vielleicht einen Einfluß auf deren Zustandekommen, Art und Umfang. Was soll sie aber nützen, wenn die Handlung einmal gethan ist? Was kann sie dann an ihr ändern, was bessern oder verschlechtern? Hat der Mohr seine Arbeit gethan, so bleibt ihm wirklich nichts übrig als zu gehen, und wenn er sich beklagt, so mag ihm jemand, der zu einem so überflüssigen Geschäfte Zeit hat, einen Vortrag über Naturgesetze halten und ihm erklären, daß Gegenwärtiges und Künftiges Vergangenes nicht beeinflussen kann und daß eine gegenständlich gewordene Leistung in aller Ewigkeit das bleibt, was sie ist, ob der Mohr, von dem sie herrührt, nachträglich eine verbitterte Grimasse oder ein vergnügtes Gesicht zu ihr macht. Man wende nicht ein, daß das Beispiel der Dankbarkeit oder des Undanks, wenn es auch auf die Handlung, welcher sie gilt, keinen Einfluß zu üben vermag, doch vielleicht auf künftige Handlungen bestimmend wirkt; daß der Lohn der Verehrung, der einem Vorgänger geworden ist, einen Nachfolger aneifern kann, in seine Fußstapfen zu treten; daß der Anblick der Undankbarkeit gegen die Dahingegangenen die Spätgeborenen abhalten wird, Anstrengungen altruistischer Natur zu machen, die sie sonst unternommen hätten. Das ist nicht der Fall. Der Genius wirkt seine Großthaten für die Menschheit, weil er muß und nicht anders kann. Es ist ein Drang seines eigenen Organismus, den er befriedigt. Er würde leiden, wenn er dessen Forderungen nicht erfüllte. Daß die Durchschnittsmenge dabei gut fährt, ist für ihn nicht bestimmend. Der Strom braust dahin, weil die Gesetze der Hydraulik es so erfordern. Es ist aber für ihn nicht wesentlich, ob sich an seinen Ufern Mühlen ansiedeln, die aus ihm ihre Bewegungskraft schöpfen, oder nicht. Das Bild Scipios, auf den Trümmern von Karthago sitzend, hat noch keinen möglichen Retter des Vaterlands im Keime zu einem Ephialtes gemacht, obwohl doch die Vorstellung eines alten Mannes, der in der Zugluft mitten zwischen scharfkantig gebrochenen Steinen hockt und beim Weitergehen voraussichtlich über Schutt stolpern oder in ein Kellerloch fallen wird, nur für freiwillige Feuerwehrleute nicht abschreckend sein dürfte. Und ich rufe die deutschen Verleger als Zeugen an, ob die Erinnerung an Camoëns, den seine undankbaren Landsleute in Not und Elend umkommen ließen, die dichterische Hervorbringung wesentlich vermindert hat! Der Leser hat bereits erkannt, daß die Dankbarkeit der Einzelperson gegen die Einzelperson von der gegenwärtigen Betrachtung ausgeschlossen ist, weil sie nicht als Beispiel einer selbstlosen, auf keinen neuen Lohn hoffenden, bloß dem bedankten und durchaus nicht dem dankenden Wesen zu Gute kommenden Regung angeführt werden kann, sondern nur eine mehr oder minder kluge Kapitalsanlage ist, von der man sich gute Zinsen verspricht, also nicht in die Moralphilosophie, sondern ins Geschäftliche gehört. Nur die Dankbarkeit der Masse gegen den Einzelnen, den sie persönlich gar nicht kennt, von dem sie persönlich nichts zu erwarten hat, der vielleicht schon tot ist, wäre ein derartiges Beispiel. Aber ein experimentell reines und wirklich beweiskräftiges Beispiel dieser Art, das sich weder durch nationale Eitelkeit noch durch Erbaberglauben erklären, also auf selbstsüchtige Beweggründe zurückführen ließe, wird man in der ganzen Geschichte der Menschheit vergebens suchen. Nein, eine Dankbarkeit der Massen, der Völker oder der Menschheit, giebt es nicht und kann es nicht geben, weil sie keine anthropologische Begründung hat. Das Genie, von dessen Geistesarbeit die Art lebt, das in sich allen Fortschritt der Art vollzieht, das den Ansatz zu aller neuen Entwickelung der Menschheit darstellt, hat auf Dank zu verzichten. Es muß seinen einzigen Lohn darin finden, daß es denkend, handelnd und schaffend seine höheren Eigenschaften auslebt und sich seine Eigenart in Begleitung mächtiger Lustgefühle zum Bewußtsein bringt. Eine andere Befriedigung als die der möglichst intensiven Empfindung des eigenen Ichs giebt es für das erhabenste Genie ebensowenig wie für das letzte Lebewesen, das in einer Nährflüssigkeit wimmelt. Das Genie schmeichelt sich manchmal mit der Vorstellung der Unsterblichkeit. Es hat Unrecht. Die Unsterblichkeit, die Klopstock einen »schönen Gedanken« nennt, ist weniger als ein schöner Gedanke, sie ist ein Nebelbild der Phantasie, ein in die Zukunft projicierter Schatten der eigenen Individualität, ähnlich dem, den ein Baum bei tiefem Sonnenstande weit in die Ebene hinaus wirft. Im Augenblicke, wo der Baum gefällt ist, Verschwindet auch sein Schatten. Die Vorstellung der Fortdauer des Namens, das Streben, sich Nachruhm zu sichern, fließt aus derselben Quelle, der auch der Aberglaube einer individuellen Fortdauer nach dem Tode entsprungen ist. Es ist immer wieder eine Auflehnung des lebenden Individuums gegen das Aufhören seines Bewußtseins, eine Form des ohnmächtigen Kampfes gegen das Allgesetz der Endlichkeit individueller Erscheinung, ein Beweis der Unfähigkeit des denkenden, sein eigenes Sein empfindenden Ichs, sich selbst als nicht denkend und nicht seiend sich vorzustellen. Der Mann, der Großes geschafft, sein Volk oder die Menschheit gefördert hat, möchte wohl wenigstens dieser schwächsten und billigsten Kundgebung der Dankbarkeit sicher sein, die im Festhalten seines Andenkens besteht. Eitler Wunsch und eitles Bestreben! Das Gedächtnis der Menschheit ist widerwillig, den Namen und das Bild von Einzelmenschen festzuhalten und einen blassen Widerschein van deren individuellem Dasein mindestens in der Erinnerung über die natürliche Grenze des Menschenlebens hinaus zu verlängern. Wie lange dauern selbst die allerberühmtesten Namen? Bisher hat die Menschheit keinen bewahrt, der zehntausend Jahre alt ist, und was sind zehntausend Jahre im Leben der Menschheit, vom Leben unseres Planeten- oder Sonnensytems gar nicht zu sprechen! Nur wenn lebende Menschen einen stofflichen Vorteil daraus ziehen, das Andenken an bestimmte Personen nicht untergehen zu lassen, bewahrt die Masse von diesen eine helle Erinnerung; so von Religionsstiftern oder Stammvätern einer Herrscherfamilie; denn da haben Priester und Monarchen ein Interesse daran, die Menge künstlich zu verhindern, daß sie ihrem tiefen und auf die Dauer unwiderstehlichen Triebe undankbaren Vergessens gehorche. Wo aber kein solches Interesse obwaltet, da beeilt sich die Menschheit, die Toten zu vergessen, und wären sie ihre größten Wohlthäter gewesen. Es ist ein bemitleidenswerter Anblick, die verzweifelten Anstrengungen zu beobachten, die das Individuum macht, um seine individuelle Form dem Gesetze der Vernichtung zu entziehen. Es häuft gewaltige Steine zu riesigen Baudenkmälern, es zwingt das Erz, die Linien eines Umrisses zu bewahren, es schreibt seinen Namen auf jede Seite von Büchern, es gräbt ihn in Marmor und Bronze, es verknüpft ihn mit Stiftungen, Straßen und Städten. Die Paläste und Statuen, die Bücher und Inschriften sollen in den fernsten Zeiten den Menschen den einen Namen in die Ohren rufen und sie gemahnen, daß einst ein großer Mann ihn trug und daß dieser große Mann sich den Anspruch auf dankbare Verehrung erworben hat. Die toten Gegenstände, denen das Individuum die Sorge um die Pflege seines Andenkens anvertraut, thun nicht lange ihre Schuldigkeit. Selbst wenn sie der Zerstörung entgehen, verlieren sie die Stimme und hören bald auf, den Namen auszusprechen, den sie den spätesten Geschlechtern wiederholen sollten. Der Palast dient Menschen, die über seinen Ursprung eine willkürliche Geschichte erfinden; der Statue hängen sie einen beliebigen Namen an, selbst im Namen der Stadt verdunkeln sie den des Gründers, indem sie etwa aus Konstantinopel Stambul machen, und unbekümmert streichen sie die Spur des großen Mannes aus, wie ein unbewußtes Kind mit spielendem Finger die Buchstaben auf einer Schiefertafel verwischt. Und wer wird den Menschen daraus einen Vorwurf machen? Nur derjenige, der für die deutlichsten Erscheinungen und Bedingungen des organischen Lebens keinen Sinn hat. Das Individuum hat bloß für sich einen Wert, aber nicht für die Natur, nicht für die Gesamtheit. Für die Natur ist es bloß eine Gußform, in welcher der Stoff organisch gemodelt wird; eine Durchgangsstation im großen Entwicklungsgange des Stoffes vom Unbelebten zum Belebten. Ist der Guß vollzogen, so wird die Form zerschlagen. Ist die Durchgangsstation zurückgelegt, so wird sie vergessen. Das, was im Individuum dauernd und zu einem Dasein ohne absehbares Ende bestimmt ist, sein Fortpflanzungs-Prinzip, ringt sich von ihm los und beginnt ein neues, selbständiges Leben, das in keiner Weise mehr des Zusammenhanges mit dem Organismus bedarf, in welchem es entstanden ist; der elterliche Organismus aber geht dann zu Grunde wie die Blüte, aus der sich die Frucht hervorgerungen hat. Ganz derselbe Vorgang wiederholt sich bei den geistigen Funktionen des Individuums. Dieselben lösen sich vom Organismus los, werden gegenständlich und bilden Erscheinungen für sich, zu deren Vollkommenheit es in keiner Weise nötig ist, daß sie an das Individuum erinnern, welches sie hervorgebracht hat; sie sind das zur Dauer Bestimmte, gleichsam das Fortpflanzungs-Prinzip der geistigen Individualität, und hat diese ihr Bestes von sich gegeben, hat sie lebendige Gedanken und Thaten hervorgebracht, die selbständig weiter wirken und neues Leben anregen können, so ist es nicht ungerecht, daß sie das Los alles Lebendigen und Lebengebenden teile und verschwinde. Der alte Mythus von Saturn, der seine Kinder verschlingt, beruht auf verkehrter Naturauffassung. Nicht der Vater ist es, der seine Sprößlinge aufißt, diese sind es, die sich von den Eltern nähren. Dieses Beispiel urgewaltiger, rücksichtsloser Selbstsucht hat nichts Abstoßendes. Im Gegenteil. Es ist schauerlich und schön zugleich wie jedes mächtige Naturschauspiel. Indem das Gezeugte den Lebenskeim vom Zeuger übernimmt und weiter in die Zukunft hinausträgt, erneuert und verjüngt es den elterlichen Organismus, aber nur das, was an ihm das Wesentliche ist. Diese Arbeit der Erhaltung des Wesentlichen erheischt so viel von der Kraft des neuen Organismus, daß es für die Bewahrung des Unwesentlichen, nämlich der Zufälligkeiten individueller Lebensform, keine übrig behält. Das Gesetz, welches ich das umgekehrt saturnische nennen möchte, das Gesetz, kraft dessen das Erzeugende in dem Maße in Finsternis taucht, in welchem das Erzeugte in Helle rückt, duldet keine Ausnahme. Wie es das menschliche Wesen nicht giebt, das sich seinen fernen Ahn lebendig erhalten hätte, so giebt es die menschliche Geistesthat nicht, die ihren Lebensweg dauernd in Begleitung ihres Urhebers zurücklegte. Was wissen wir von den Individualitäten, aus deren Geistesarbeit unsere ganze Gesittung und Bildung besteht? Wie groß war der Mensch, der uns zuerst das Feuer gegeben hat! Wer hat sein Andenken bewahrt? Wem fällt es ein, sich seiner dankbar zu erinnern, wenn er sich im Winter an der Ofenwärme labt? Welch ein Genie muß es gewesen sein, das zuerst auf den Gedanken kam, sich vom Zufall eines Pflanzenfundes loszumachen und die notwendigen Körner methodisch vom Boden zu fordern! Segnen wir etwa seinen Namen, wenn wir unser tägliches Brot genießen? Heute kennen wir noch den Erfinder des Telegraphen, der Dampfmaschine, der Eisenbahn. Aber diese Erfindungen sind von gestern. Die Menschen leben zum Teil noch, vor deren Augen sie gemacht wurden. Wie lange dauert es, so sind die Soemmering, Oersted und Ampère, die Graham Bell und Edison, die Papin, Watt und Stephenson ebenso vergessen wie die gleichgroßen oder größeren unbekannten Erfinder der künstlichen Feuererzeugung oder des Ackerbaues und die Menschheit bedient sich ihrer Fernsprecher und Schnellzüge wie des Feuers und Brotes, ohne den kleinsten Zoll dankbarer Erinnerung an ihre Wohlthäter zu entrichten. Und die Erfinder sind nicht übler daran als die Denker, die Menschenbeherrscher, die Staatsmänner, die Gesetzgeber, die Künstler. Eine Wahrheit wird gefunden, sie bleibt ein ewiger Besitz der Menschheit, um ihren Urheber aber kümmert man sich nach wenigen Generationen nicht mehr. Spezialisten wissen heute noch, von wem die einzelnen Fortschritte in der Mathematik, den Naturwissenschaften, der Astronomie herrühren. Wie viele giebt es aber selbst unter den Gebildeten und Hochgebildeten, die zu sagen vermöchten, welchen persönlichen Anteil Phythagoras und Euklid, Hipparchus, Hero von Alexandrien und Descartes, Aristoteles, Roger Bacon und Harvey, ja selbst so nahe Menschenerscheinungen wie Lamarck, Young, Leslie, Bell, Joule und Schwann an unserer Naturerkenntnis und Weltanschauung haben? Von welchen Einzelmenschen rühren die römischen Staatseinrichtungen her, deren Grundriß noch heute in unserem Staatsbau beibehalten ist? Wie hießen die Gesetzgeber (nicht die Kompilatoren), welche die Bestimmungen des römischen Rechts formten, das noch heute unsere Rechtsanschauungen beherrscht? Das Werk steht da, der Urheber ist verschollen oder der Legende anheimgefallen. Die Ilias wird noch gelesen, allerdings hauptsächlich von Gymnasiasten, die sich an ihr wenig erfreuen, aber Homer ist uns so vollständig verloren gegangen, daß seine Existenz geleugnet werden kann. Die Nibelungen leben und blühen, ihr Verfasser ist von der Vergangenheit verschlungen. Wer die Venus von Milo gemacht, können wir ebensowenig vermuten wie den Namen des Bildhauers, der den Apollo von Belvedere gemeißelt hat. Vergebens schmeicheln sich die Genies von heute, daß es von nun ab anders sein werde. Der persönliche Ruhm steht auf Zeitungen und Büchern und Buchstabenbildern in Erz und Stein. All das verweht die Zeit wie die Asche eines verbrannten Blattes. Einige tausend Jährchen und alles ist verschwunden. Die Menschheit aber hat vielleicht noch Millionen Jahre vor sich. Bismarck wird das Schicksal der vergessenen Staatengründer des Altertums teilen, Goethe und Shakespeare werden zum Verfasser des Buches Job und zum Sänger der Veden hinabtauchen, das deutsche Volk aber wird sich mächtig weiterentwickeln und Faust und Othello werden den Menschen tiefe Emotionen geben, solange man auf Erden deutsch und englisch verstehen wird. »Es kann die Spur von meinen Erdetagen nicht in Äonen untergehn!« sagt sich Faust mit tröstender Selbstüberredung. Er hat buchstäblich Recht. Seine Spur, das heißt das, was er gewirkt hat, geht nicht bald unter, wenn es bedeutend ist. Aber er hat Unrecht, wenn er mit der Dauer der Spur die Vorstellung von der Dauer seiner Individualität verknüpft. Er hat dem Meer ein Land entrissen? Gut. Eine fröhlich wimmelnde Menge bewohnt es und erfreut sich darauf des Lebens und Sonnenscheins. Aber dem Menschen danken, der die Dämme aufgeführt und den Ackerboden geschaffen? Mit Nichten. Der Dank macht die Ernte nicht reicher und das Land nicht blühender; man ist nicht gezwungen, ihn zu empfinden, und darum empfindet man ihn nicht. Die Volkswirtschafts-Lehre hat festgestellt, daß nicht ihre Unentbehrlichkeit fürs Menschenleben den Wert der Dinge bestimmt, sondern die größere oder geringere Leichtigkeit, mit der man sich sie verschaffen kann. Die Luft ist das Nötigste, was der Mensch braucht; sie hat aber keinen Wert, weil er sie jederzeit ohne Mühe haben kann, weil er, um seinen Bedarf an Lebenslust zu schöpfen, keine Arbeit leisten muß. Man kann die Hervorbringung des Genies in diesem Sinne den Gütern gleichstellen, die keinen Wert haben. Einmal vollendet, einmal objektiv geworden, bildet sie einen Bestandteil der Natur selbst, ist sie wie die Luft; die man atmen, das Wasser, das man schöpfen kann, ohne Mühe, ohne Gegenleistung, ohne Dank. Die Wahrheit, die ein Mensch gefunden und ausgesprochen, ist allen Menschen zugänglich; in dem dichterischen Kunstwerk, das ein Mensch geschaffen, können alle Menschen sich Emotionen holen, wenn es sie danach dürstet; die Erfindung, die staatliche und gesellschaftliche Einrichtung, die ein Menschenhirn ersonnen und ein Menschenwille verwirklicht hat, finden alle Menschen bei ihrer Geburt fertig vor wie die Erde, auf der sie dahin wandeln, und die Jahreszeiten, deren Wechsel die Einförmigkeit der Zeit unterbricht. Was der Einzelne von diesen Wahrheiten und Schönheiten, Erfindungen und Einrichtungen für sich braucht und nimmt, das vermindert ihre Menge nicht, das nutzt sie nicht ab, das entzieht sie keinem andern. Er hat darum Recht, sie ohne Dank und Lohn zu benutzen. Und die Menschen, die für die Masse arbeiten, haben dennoch keinen Grund, über Undankbarkeit zu klagen, wenn man sie über ihren Leistungen vergißt, wenn Mitwelt und Nachgeborene ein von ihnen entdecktes Amerika besiedeln und für den Columbus des neuen Nährbodens nicht einmal ein Andenken übrig behalten. Ihr Organismus hat seine Schöpfungen hervorgebracht, wie ein mütterlicher Organismus ein Kind gebiert: weil er sie nicht in sich bergen konnte, sie ausstoßen mußte, als sie reif waren. Überdies hat jedes Genie auch für die größte Leistung eigentlich seinen Lohn dahin, ja es arbeitet sogar erst nach Vorausbezahlung. Denn ihm kommt die Arbeit aller vorausgegangenen Genies zu Gute, jener namenlosen Männer, welche die Urheber aller unserer Bildung und Gesittung, all unserer Bequemlichkeiten und Triumphe über die Natur gewesen sind. Es tritt auf die Schultern seiner Vorgänger, es ist billig, daß die Nachfolger auf seine Schultern treten. Es ist den vergessenen Führern und Förderern der Menschheit nicht anders dankbar, als indem es deren hinterlassene Schätze benutzt, es darf nicht erwarten, daß seine Erben ihm in anderer Weise danken werden. Die geistigen Güter, die es vorfindet und in denen es schöpfen kann, tragen längst nicht mehr die persönliche Marke ihrer Erzeuger an sich; warum sollte das Genie sich da nicht darüber trösten, daß auch die Güter, die es selbst hervorbringen wird, ohne Ursprungszeichen zum Erbgut der Menschheit geschlagen werden und deren Reichtum vermehren? Inhalt der poetischen Litteratur. In welcher Wechselbeziehung stehen Leben und Dichtung zu einander? Geht die Unterhaltungslitteratur aus der Beobachtung der Wirklichkeit hervor? Bemüht sich nicht vielmehr diese, die Dichtung zum Vorbilde zu nehmen und ihr ähnlich zu werden? Was ist Muster? Was ist Nachahmung? holen sich Roman und Theater ihre Gestalten vom Markte? Formt sich die Menge nach den Gestalten des Romans und Theaters? Mir ist die Beantwortung dieser Fragen keinen Augenblick lang zweifelhaft. Die Wirkung des belletristischen Schrifttums auf das Leben ist eine unvergleichlich größere als die umgekehrte. Vor Allem macht sich der Dichter oft von den Thatsachen völlig unabhängig und wendet seine Aufmerksamkeit ausschließlich dem willkürlichen Spiele seiner Einbildungskraft zu. Und selbst wenn er seine Anregungen aus der Wirklichkeit schöpft, so hält er sich nicht an die Durchschnittsthatsachen und Wahrheiten, welche der gewissenhafte Beobachter aus dem gewöhnlichen Laufe des Massenlebens ableiten würde, sondern liest sich irgend einen Ausnahmefall aus, den ihm der Zufall vor die Augen geführt oder der aus persönlichen, organischen Gründen auf ihn Eindruck gemacht hat, und giebt übrigens auch diesen nicht treu wieder, sondern gestaltet ihn nach seiner Eigenart um. Das ist also die ganze Berührungsfläche zwischen dem Leben und der Dichtung. Sie ist so schmal wie ein Messerrücken. Ein von einem launischen Windstoß versprühter, in seltsamen Farben schillernder Gischttropfen vertritt in der Dichtung den breiten und tiefen Ozean des Lebens. Wenn da überhaupt noch von einer Einwirkung des Lebens auf die Dichtung die Rede sein kann, so ist sie nicht größer als die der Wirklichkeit auf die Träume, die ja auch teilweise durch sehr schwache Sinneseindrücke angeregt werden, diese aber maßlos und willkürlich zu den unwahrsten Vorstellungen verarbeiten. Die Wirkung der Dichtung auf das Leben ist dagegen eine ungeheure. Sie übt eine gewaltige und unablässige Suggestion aus, die sich die ganze geistige Persönlichkeit, die ganze Denkungs- und Handlungsweise des Lesers unterwirft. Man vergegenwärtige sich nur die Daseinsbedingungen der durchschnittlichen Menge. Das Individuum verbringt da sein Leben in den engsten Verhältnissen. Es lernt nicht viele Menschen außerhalb seines Familienkreises näher kennen und hat kaum jemals Gelegenheit, ins Innere eines fremden Geistes Blicke zu werfen. Er weiß aus eigener Anschauung nichts von den großen Leidenschaften und Gefühlen, den Wirrnissen und Zwiespältigkeiten der Menschheit und würde, auf seine persönlichen Erfahrungen angewiesen, schwerlich vermuten, daß es außerhalb der Küche, des Ladens, allenfalls noch der Kirche, des Marktes und Gemeindehauses, noch eine Welt gebe. Aber es liest Unterhaltungsschriften, es geht ins Theater und sieht Gestalten vor sich, die es in seiner Wirklichkeit nie gegeben hat: Märchenprinzen und vornehme Damen mit Diamantsternen im Haare, Abenteurer und Verbrecher, engelsgütige Lichtmenschen und arglistige Ränkeschmiede; es beobachtet seltsame Lagen, in denen es sich nie befunden hat, und erfährt, wie die Phantasiegestalten des Dichters in denselben denken, fühlen und handeln. Nach allen Gesetzen der Psychologie ist es unvermeidlich, daß das Individuum, welches die in Form positiver Mitteilungen auftretenden Versicherungen des Dichters nicht durch eigene Beobachtungen einschränken oder berichtigen kann, ihm ohne Mißtrauen glaube, seine Vorstellungen vom Leben aus dessen Werken schöpfe, seine Menschen sich zum Vorbild nehme, seine Urteile, Neigungen und Abneigungen sich aneigne. Wie jede Suggestion beeinflußt auch die durch Roman und Theater geübte das geistig minder entwickelte oder minder gesunde mehr als das bedeutende, eigenartige und völlig normale Individuum; also in erster Linie die Schablonennaturen, die Jugend, das Weib, die Hysterischen und Geistes- oder Nervenschwachen. Ich kann das in Paris seit Jahren direkt beobachten. Die Pariserin ist vollständig das Werk der französischen Journalisten und Romanschreiber. Diese machen aus ihr buchstäblich, was sie wollen, leiblich und geistig. Sie spricht, sie denkt, sie fühlt, sie handelt, ja sie kleidet sich, geberdet sich, geht und steht, wie ihre Modeschriftsteller es wollen. Sie ist eine Gliederpuppe in deren Hand und gehorcht willenlos allen ihren Eingebungen. Ein verkommener Kerl von widerlich verfaultem Geschmacks schildert in einer Zeitung oder einem Buche sein Ideal eines Weibes, wie er es eben in der Verwesungsatmosphäre seiner entarteten Phantasie erbrüten konnte: ihr Gang ist trippelnd, ihre Stimme aus der Fistel wie die eines Kindes, ihre Augen sind weit geöffnet, ihr kleiner Finger gabelt während des Essens von den übrigen abstehend in die Luft. Sofort beeilen sich alle Leserinnen, dieses Ideal zu Verwirklichen, und man sieht nur noch Äffinnen, die mit winzigen Schrittchen dahinhopsen, mit hoher Stimme piepsen, die Augenbrauen bis in die Mitte der Stirne hinaufziehen, den kleinen Finger krampfhaft von der übrigen Hand wegspreizen und sich mit ihrem falsch kindlichen Gethue jedem gesunden Geschmack unsagbar widerwärtig machen. Dabei ist das nicht einmal bewußte und gewollte Ziererei, sondern automatische, zur Natur gewordene Gewohnheit. »Ein anderer Satyr der Feder, dessen stumpfe Sinne durch andere Vorstellungen als die eines weiblichen Wesens im Kindesalter wachgekitzelt werden, lüstelt sich in eine Beschreibung der Haarlöckchen hinein, die sich in den Nasen mancher Frauen ringeln; er spricht von ihnen in den frech liebkosenden Ausdrücken, die für sinnliche Erregungszustände bezeichnend sind, und umschmeichelt sie mit raffinierten Worten, die so schamlos sind wie gewisse Blicke und Berührungen. Unverzüglich streichen sich die Leserinnen den Haarsaum vom Hinterhaupts abwärts, richten sich ihn zu Zotteln und steif gedrehten Korkziehern zurecht und gehen mit einer in den Rücken hängenden Halskrause daher, die ihnen eine täuschende Ähnlichkeit mit einem Kondor oder Aasgeier verleiht, alles bloß, um wie das Weib auszusehen, das ihnen ihr Dichter als geeignet geschildert hat, einen Mann (allerdings einen durch und durch im Laster vergorenen Mann, aber das sagt er ja nicht dazu) erotisch zu reizen. Es ist bei uns in Deutschland nicht anders. Wie Clauren's Frauengestalten, wie heute die Goldelfen und Geierwallys ganze Generationen deutscher Mädchen und Frauen nach ihrem Ebenbilde geformt haben, das weiß jeder, den die Gegenwart des Weibes nicht gleich so von Sinnen bringt, daß das Urteil gelähmt ist und die Betrachtung zur Anbetung wird. Glücklicherweise sind die Schöpfer der Goldelfen und Geierwallys keine schmutzigen Volksvergifter und die Gestalten, die sie ihren Leserinnen als Muster vorhalten, sind, wenn auch unwahr, naturwidrig und geschmacklos, doch mindestens sittlich einwandfrei. Der Mann steht weniger als das Weib unter der Wirkung der Roman- und Theater-Suggestion, vor allem auch, weil er weniger Unterhaltungsschriften liest als jenes, aber er entgeht ihr ebenfalls nicht. Als die Leiden des jungen Werther erschienen, da schwärmte es in Deutschland alsbald von Werthers, die sich nicht bloß den Anschein gaben, wie ihr Vorbild zu denken und zu fühlen, sondern dies aufrichtig thaten und ihre Ernsthaftigkeit in vielen Fällen durch den Selbstmord bewiesen, bis zu welchem bloße Schauspielerei schwerlich gegangen wäre. In Frankreich hat das Liebes- und Schicksalsopfer Antony eine ganze Rasse von Antonys hervorgebracht und Byron ist dafür verantwortlich, daß in den dreißiger Jahren die ganze Kulturwelt von dämonischen Jünglingen mit blassen Wangen, langen Haaren, breitem Hemdkragen, verwüsteter Stirne und schauerlich geheimnisvollem Blicke wimmelte. So stellen sich die Dichter und Erzähler wie der biblische Jakob vor die geistige Tränke hin und legen nach Belieben ihre »Stäbe von grünen Pappelbäumen, Haseln und Kastanien«, an denen sie »weiße Streifen losgeschält« haben, in die Rinne und verursachen »sprenglige, fleckige und bunte« Generationen. Das wäre nun weiter kein Unglück, wenn das schönwissenschaftliche Schrifttum der Menge gesunde und wahre Muster vorhielte. Das thut es aber nicht. Die poetische Litteratur enthält mit so geringen Ausnahmen, daß man sie vernachlässigen muß, nichts als Unmöglichkeiten, Unwahrscheinlichkeiten und Anomalien. Die Fälle, die sie schildert, sind Ausnahmefälle, die sich nie oder nur äußerst selten ereignet haben; die Menschen, die sie zeichnet, gehören einer winzigen Minderheit an, wenn sie überhaupt noch in Fleisch und Blut denkbar sind; die Anschauungen, die Gefühle, die Handlungen, die sie darstellt, sind nach einer oder der andern Richtung krankhaft übertrieben und sehr verschieden von denen der typischen Durchschnittsmenschen, die sich des geistigen und sittlichen Gleichgewichts erfreuen. Die poetische Litteratur ist eine ungeheure Sammlung von Krankengeschichten, von denen einige wenigstens gewissenhaft beobachtet, weitaus die meisten aber noch dazu mit grausamer oder unwissender Phantasie ausgeheckt sind, ein endloses Verzeichnis aller Störungen, die den Menschen heimsuchen können, von der leichten Trübung des Urteils durch eine unvernünftige Leidenschaft bis zur monströsesten moralischen Entartung. Schon die Zeitung hat diesen Charakter des ausnahmweisen und krankhaften. Die Neuigkeiten, die sie ihren Lesern erzählt, betreffen Mord und Totschlag, Feuersbrünste, Eisenbahnunfälle, Überschwemmungen, Erdbeben, alles Ereignisse, die von hundert Menschen in gesitteten Ländern kaum einer während eines ganzen Lebens mit eigenen Augen gesehen hat. Das ist ja auch natürlich. Das normale Leben scheint nach herkömmlicher Anschauung nichts Mitteilenswertes zu enthalten. Daß Gevatter Hinz gut geschlafen, seinen Morgenkaffee genossen, Vormittag seine Kunden bedient und mit gutem Appetit zu Mittag gegessen hat, alles wie gewöhnlich, das bietet keinen Anlaß zu einer Tagesneuigkeit. Verzeichnet wird nur, was von der Norm abweicht, und das ist eben die Ausnahme, das Krankhafte. Wenn deshalb ein weiser Thebaner, dem die Zeitung eine unbekannte Einrichtung wäre, unter uns erschiene und ein Blatt zur Hand nähme, er würde sicherlich fragen: »O edler Gastfreund, ist die Welt und die Menschheit so schlecht geworden, daß nichts anderes mehr vorgeht als Verbrechen? Zürnen die Götter den Bewohnern der Erde, daß sie sie mit allem Unglück heimsuchen? Brennen sämtliche Völker, einander mit Krieg zu überziehen?« Nur die Börsen- und Marktberichte und die Inserate würden sein bekümmertes Gemüt einigermaßen beruhigen und ihm zeigen, daß es neben den Greueln und Aufregungen auch noch stillfriedliches und regelmäßiges Alltagsleben gebe. Roman und Theater haben in ihrer höhern Form doch dieselbe Richtung wie die Zeitung. Sie beschäftigen sich bloß mit der Ausnahme und dem Krankhaften. Der belletristische Schund erzählt roh äußerliche Vorgänge von ungewöhnlichem Charakter, also Abenteuer, unerhörte Zufälle und Verbrechen, die anspruchsvollere Litteratur schildert außergewöhnliche Menschen und Seelenzustände ungewohnter Art. Dem Leser von niedriger Bildung kommen die für ihn arbeitenden Schriftsteller mit den Blut- und Gespenstergeschichten der Kolportage-Romane, bestenfalls mit Entdeckungsfahrten, sonderbaren Erlebnissen unter Land- und Seeräubern, in Kriegen und Schiffbrüchen, dem Leser von hoher Bildung tischt man Leidenschaften und innere Konflikte auf, die auch nicht gerade auf der Straße angetroffen zu werden pflegen; immer aber ist es etwas von gewöhnlichen Menschengeschicken Abweichendes, was den Gegenstand des poetischen Werkes ausmacht. Freilich besteht da wieder der Unterschied, daß die berufenen Dichter sich nur insofern von der Wahrheit entfernen, als sie sie übertreiben, oder bloß in den Voraussetzungen willkürlich sind, aus diesen aber richtige Folgerungen ableiten, während die Mittelmäßigen und Nachahmer in ihrem Versuche, die Wirklichkeit darzustellen, nicht die Linien bloß nachdrücklicher ziehen und die Farben stärker auftragen, sondern fehlerhaft zeichnen und stümpernd malen. Nie aber hat der Dichter das Recht, zur Mehrheit seiner Leser, nicht zu einem mühsam auserlesenen, mit einer Diogeneslaterne gesuchten, das tiefsinnige »Tat twam asi!« »Das bist du!« des indischen Weisen zu sagen. Wie viele Bücher giebt es, die dem gesunden, normal entwickelten Menschen gegenüber mit dem alten Römer wiederholen dürfen: »Von dir wird die Fabel erzählt«? – Suchen wir einmal zusammen. Jeder Germane, vielleicht jeder auf eine höhere Stufe der Ausbildung gelangte Mensch, hat etwas von Faust in sich, den Durst nach Wahrheit und Erkenntnis, das wurmende Gefühl seiner Endlichkeit; aber wie viele von uns empfinden jenen Durst quälend genug, um ihn mit dem Inhalt der »krystallnen, reinen Schale« stillen zu wollen? Die meisten Mädchen werden in einem gewissen Abschnitte ihres Lebens ähnlich wie Julie fühlen; aber die wenigsten von ihnen treiben die Exzentrizität ihrer Liebe zu Romeo so weit, daß sie zum alten Klausner gehen und sich in die Gruft hinlegen. Eifersüchtige Männer giebt es genug und leider haben viele von ihnen mehr Ursache zu Qual und Argwohn als Othello. Aber ihre Desdemona erwürgen sie doch nicht, auch nicht wenn sie zur verschwindenden Minderheit der Generäle und Statthalter gehören. Ich für meinen Teil habe nur einen Mann leibhaftig gekannt, der den Versuch machte, Shakespeares Suggestion zu verwirklichen. Aber die ganze Geschichte wird dadurch kläglich verdorben, daß Othello, ein Hausknecht in einer Kaffee-Großhandlung, sich zuvor in Schnaps zu seiner That Mut trank und sich, als er nach der übrigens nur halb gelungenen That verhaftet wurde, an nichts erinnern wollte. Dabei sind die bisher als Beispiele angeführten Dichtungen mit die allerwahrsten und allermenschlichsten der Weltlitteratur. Wenn wir zu den minder vornehmen Rängen derselben hinabsteigen, so wird die Sache weit schlimmer. Die lustigen drei Musketiere haben nie gelebt und könnten namentlich in unserer heutigen Welt ihr aus unregelmäßiger Liebe, Spiel und Rauferei gewobenes Dasein nicht eine Woche lang führen, ohne alle Gendarmen des Kreises auf ihren Fersen zu haben. Von Millionen Lesern ist noch nicht einer der Möglichkeit ausgesetzt, ein Robinson Crusoe zu werden, und der gute Freitag bedeutet uns allen unvergleichlich weniger als Hekuba den Schauspielern. Giebt es denn aber keine Dichtung, die ganz wirklich, ganz allgemein menschlich ist? Ich antworte in gutem Glauben: ich sehe keine. Selbst Hermann und Dorothea, dieses treuherzige, schlichte Gemälde deutschen Bürgerlebens in der Kleinstadt, ist insofern nicht thatsächlich, als es von Voraussetzungen ausgeht, die sich in Jahrhunderten einmal bewahrheiten. Man sieht kaum jemals ganze Gemeinden mit Kind und Kegel ihre Heimat verlassen und landfahrend umherirren und so findet Hermann keine Gelegenheit, Dorothea wie in der Patriarchenzeit am Brunnen zu finden und die Magd ins Vaterhaus zu führen. Alle diese Wesen, die sich im Roman und auf der Bühne umhertummeln, sind Leute aus dem Monde, Jahrmarkts-Sehenswürdigkeiten mit einem Horn auf der Stirne, bärtige Weiber, Zauberer, Riesen und Zwerge, sie schleppen ein kurioses Schicksal mit sich, das wert ist, den Gaffern um zehn Pfennig Eintrittsgeld gezeigt zu werden, sie haben ein wertvolles Geheimnis in ihr Rockfutter eingenäht, sie sind innen um eine ganze Anzahl Meter tiefer als außen; die gewöhnliche, stille Menschheit, die nicht besonders gut und nicht besonders schlecht ist, die sich redlich nährt und mit einem Testamente stirbt, wenn sie etwas zu hinterlassen hat, und deren fröhliches Gewimmel auf der breiten Erde die Sonne bescheint, diese Menschheit ist es nicht, welche die Dichtung wiederspiegelt. Ich hoffe, daß mir niemand den »Naturalismus« vorrückt, den einige moderne Franzosen als ihre funkelnagelneue Erfindung ausgeben. Ich weiß wohl, daß derselbe sich rühmt, bloß die nackte Wahrheit des Lebens zu schildern und nach »menschlichen Dokumenten«, das heißt nach beobachteten Thatsachen zu arbeiten. Aber das ist ja ein niederträchtiger Schwindel und die reinste Bauernfängerei. Die Schriftsteller, die mit dem Naturalismus spekulieren, thun genau dasselbe, was ich einen Winkelphotographen in einer kleinen Stadt Hessens habe thun sehen. Dieser besaß eine große Sammlung alter Visitenkarten-Porträts, die er einmal bei einer Versteigerung in Frankfurt um einen Pappenstiel erstanden hatte. So oft nun irgend eine Persönlichkeit von den Ereignissen in den Vordergrund des Tagesinteresses geschoben wurde, holte er einen Kopf, der seiner Vorstellung von der neuen Modeberühmtheit entsprach, aus seinem Wuste hervor und bot ihn als das Konterfei der betreffenden Persönlichkeit feil. So verkaufte er 1878 einen Disraeli mit einer Gurkennase von stark alkoholischer Beschaffenheit und vier Jahre später einen Gambetta mit einem ehrwürdigen Prophetenbart und einer Art Pelzkalpak auf dem Kopfe. Sein Handwerk wurde ihm erst gelegt, als er unter dem Namen Garfields die Photographie eines Mannes ausstellte, der ihm ein Fremder war, in welchem jedoch der ganze Ort den verstorbenen Steuerinspektor erkannte. Die naturalistischen Schriftsteller haben von ihren Vorgängern in den letzten dreitausend Jahren die alte Methode geerbt; weil aber jetzt die Richtung der Zeit eine ernste, wissenschaftliche, kogitationelle ist, weil das Publikum vorgiebt und vielleicht sogar selbst glaubt, nur noch für beobachtete Thatsachen und wissenschaftliche Versuche Interesse zu haben, so geben sie ihrer Methode solche Modenamen wie Naturalismus, Experimentalroman, menschliches Dokument u.s.w. Ein Roman von Zola ist genau wie ein Roman von Sue oder wie ein solcher von Prevost oder von Scarron: eine frei erfundene Geschichte, die bloß in der Phantasie des Verfassers und sonst nirgends vor sich gegangen ist. Wenn ein Schriftsteller mit Vorliebe im Kote sudelt und ein anderer reinliche Aufenthaltsorte vorzieht, wenn der eine gern Trunkenbolde, Straßendirnen und Blödsinnige, der andere reiche, vornehme und löbliche Musterbürger schildert, so ist dies persönliche Eigentümlichkeit, ändert aber an der Methode nichts. Der »Naturalismus« ist darum doch ebensowenig die Natur, das wirkliche Leben, wie der Idealismus oder der Konventionalismus, denn jede Statistik belehrt uns, daß selbst in der verderbtesten Großstadt erst auf hundert Einwohner eine Nana, auf fünfzig Bürgerwohnungen ein Assommoir kommt, daß der Fall Nanas oder des Assommoirs für die ungeheure Mehrheit ein unbekannter Ausnahmefall und darum ohne Bedeutung ist und daß Nana und der Assommoir, selbst wenn sie thatsächlich existieren, selbst wenn sie, was aber nicht zugegeben werden kann, ohne Übertreibung und willkürliche Zurechtmachung geschildert sind, höchstens den Wert einer kuriosen Nummer in einem pathologischen Museum, aber nicht den eines allgemein giltigen »menschlichen Dokuments« haben können. Weshalb beschäftigt sich aber die poetische Litteratur, die naturalistische ganz so wie die andere, bloß mit den ausnahmweisen und krankhaften Erscheinungen? Der eine Grund, der schon oben angedeutet wurde, liegt im Leser. Das Publikum will im Buche nicht das wiederfinden, was es ohnehin kennt. Es sucht Sensationen, diese giebt aber nur der Übergang aus einem bestehenden in einen neuen Bewußtseins-Zustand, das Aufhören eines und das Beginnen eines andern, verschiedenen Eindrucks. Die Verhältnisse, in denen wir gewöhnlich leben, sind unseren Sinnen und unserem Bewußtsein so vertraut, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, wie wir den Luftdruck nicht spüren, unter dem wir beständig stehen. Um es anzuregen, muß der Schriftsteller deshalb dem Publikum andere, unbekannte Verhältnisse und Menschen zeigen und die kann er naturgemäß nur außerhalb der Gewöhnlichkeit, außerhalb der Mehrheit und ihrer Norm finden. Der zweite Grund liegt nicht im Leser, sondern im Dichter. Heute und wohl schon seit hundert Jahren ist der Roman- und Theaterdichter entweder der Sohn oder doch der lebenslange Bewohner einer Großstadt und von deren geistiger und sittlicher Atmosphäre beeinflußt. Er lebt unter aufgeregten und in vielen Fällen krankhaft entarteten Menschen. Man vergesse nicht, daß der Großstädter einen zum Untergang bestimmten Typus der Menschheit darstellt. Jede Familie von Großstädtern stirbt im dritten, spätestens vierten Geschlechte aus, wenn Zuzügler vom Lande ihr Blut nicht erneuern und ihr nicht frische Lebenskraft zuführen. Besonders die nervösen Störungen sind in dieser Menge häufig. Unzählige Individuen siedeln da in jenem Grenzlande zwischen der gesunden Vernunft und dem Wahnsinn, das in der letzten Zeit die Irrenärzte und Psychologen so mächtig anzieht. Sie sind noch nicht eigentlich verrückt, aber nicht mehr völlig normal. Ihre Hirnzentren arbeiten nicht, wie sie sollen. Das eine ist geschwächt und entartet, das andere übermäßig erregbar und unnatürlich vorwiegend. Sie fühlen, denken und handeln anders als gesunde und starke Menschen. Leise Berührungen erregen Stürme in ihnen;, ihre Empfindungen werden zu Leidenschaften, über welche das Urteil keine Macht hat; sie sind emotionell und impulsiv, übertrieben in Haß und Liebe, voll Wunderlichkeiten in ihren Anschauungen, unzusammenhängend in ihrem Thun und Lassen. Das sind die Menschen, welche die großstädtischen Schriftsteller beständig vor sich sehen, die sie beobachten, zu denen sie meistens selbst gehören. Es ist klar, daß das Zusammenleben derartiger Naturen Probleme erzeugt, die unter Normalmenschen nie entstehen können. Die Anziehungs- und Abstoßungs-Verhältnisse, die inneren und äußeren Konflikte, die Verwickelungen und Katastrophen sind ganz andere wie zwischen gesunden Leuten, in deren Leben Sonnenschein und Wiesenbachplätschern, Bergwaldschatten und die freien Winde der Ebene, kurz das Walten und Weben der Natur die Rolle eines beständig wirkenden Regulators spielen. Der großstädtische Dichter in seiner Umgebung von überempfindlichen oder abgestumpften, nervösen oder hysterischen, sentimentalen oder verderbten Ausbund-Menschen, die halbe Genies und halbe Idioten sind und ihr Lebelang zwischen den nach ihnen ausgestreckten Händen des Irrenarztes und Strafrichters hin- und herschwanken, verliert das Verständnis für die menschliche Wahrheit und weiß zuletzt gar nicht mehr, wie sich die Welt in einem klaren, ungetrübten Auge und in einem weder überreizten noch entarteten Gehirn abspiegelt. So schreibt man diese Zolaschen Romane der erblichen Geisteskrankheit, so schreibt man die »Gespenster« von Ibsen, so alle diese übergeschnappten Liebes-, Eifersuchts- und Ehebruchs-Geschichten, die einem kräftigen und tüchtigen Organismus ebenso fremd und unverständlich sind wie die Migränen und Magenkrämpfe bleichsüchtiger Siechlinge. Und das Bild solcher unholden Leidenschaften, Seltsamkeiten und Gleichgewichtsstörungen des Verstandes und der Sittlichkeit wird dem Leser vorgehalten, wirkt als Suggestion auf ihn, dient ihm als orbis pictus , aus dem er Welt und Menschen kennen lernt, und als Muster, nach dem er sich selbst formt! Was ist dagegen zu thun? Die Unterhaltungs-Schriftsteller früherer Jahrhunderte, die noch keine Großstädter und Nervenleidende waren, boten ihrem Publikum die Anregungen, die es verlangte, in Gestalt von derben Schwänken, von Reise-, Jagd- und Kriegsabenteuern oder von eingestandenen Märchen, die nur ein armer Narr wie der edle Don Quixote ernst nehmen konnte. Für solchen Lesestoff sind unsere Zeitgenossen schon zu naseweis geworden und Rothäute, Kongoneger und verwunschene Prinzessinnen fesseln nur noch Kinder unter zwölf Jahren. Die Idealformel eines Werkes der Einbildungskraft wäre offenbar diese: besonders menschliche Thatsachen zu finden, aus denen allgemeine biologische und soziologische Gesetze abzuleiten wären, die auf die ganze Gattung oder doch mindestens auf ansehnliche Menschengruppen angewendet werden könnten; diese Thatsachen dürften nur insofern ausnahmsweise sein, als sie mit ungewöhnlicher Deutlichkeit und Kraft die Gesetze zeigen würden, deren Wirkung und Ausdruck sie sind und die gewöhnlich verschleiert bleiben. Kürzer gesagt: das gemeine Gesetz, verkörpert im seltenen Fall. Ein nach dieser Formel gebautes Werk würde zugleich die Forderung des Philosophen erfüllen, der verlangt, daß es umfassend, wahr für viele und allgemein menschlich sei, und die des Durchschnittslesers, der wünscht, daß es von seiner Alltagserfahrung verschieden sei. Aber um diese Formel zu verwirklichen, ist nicht weniger als das höchste Genie erforderlich und dieses ist leider selten. Und da man ein solches Genie nicht immer zur Hand hat, so sehe ich kein Heil für die Durchseuchung der Leserphantasie mit belletristischen Zersetzungsstoffen, es sei denn, man entschlösse sich von Staatswegen, allen Roman- und Theaterdichtern den Aufenthalt in Großstädten zu verbieten und sie in friedliche Dörfer unter robuste Landleute zu verbannen, oder man überredete die Berufsschriftsteller, statt seltener Ausnahmefälle statistisch festgestellte Massen-Thatsachen, statt geistiger Pathologie geistige Physiologie unter das Volk zu bringen und statt des Buches vom kranken das Buch vom gesunden Menschen zu schreiben. Ich fürchte nur, ich fürchte, daß dieses nützliche und empfehlenswerte Buch weder einen Verleger noch einen Leser finden würde. Zur Naturgeschichte der Liebe. Was hat die durch die poetische Litteratur geübte Suggestion gerade aus dem für die Gattungserhaltung wichtigsten Gefühle, aus der Liebe gemacht! Kein anderer Grundtrieb des Menschen ist so wie sie verkünstelt, aus seiner wahren Richtung gedrängt und ungesund umgezüchtet, keine andere psychische Erscheinung so wie sie verfälscht und systematisch verdunkelt worden. Es ist so weit gekommen, daß es schwere Bedenken hat, an die Untersuchung der Liebe, ihrer Entstehungsweise, ihrer Zwecke, ihres Verlaufs und der mit ihr verbundenen Bewußtseins-Zustände mit kühlem Ernst und wissenschaftlicher Unvoreingenommenheit zu gehen. Alle emotionellen Duseler beiderlei Geschlechts, denen die Unterhaltungs-Litteratur, ihre einzige Geistesnahrung, die schwachen Köpfe verdreht hat, erheben ein Zetergeschrei und verlangen, daß man den unehrerbietigen Zergliederer steinige. Die Entrüstung gegen ihn kennt keine Grenzen. Er ist ein herzloser Cyniker, ein Seelenkrüppel, dem die Natur die erhabensten Empfindungen versagt hat. Er ist ein Verbrecher, der sich an der Majestät des Weibes versündigt, und ein Verruchter, der kirchenschänderisch ins Allerheiligste der Liebe eindringt. Das hat man von Schopenhauer und seinem Fortsetzer E. v. Hartmann gesagt, das würde der Haufe der Veilchenfresser von Darwin, Herbert Spencer und Bain sagen, wenn er diese Denker läse und verstände. Die Liebe darf nicht Gegenstand der unbefangenen Darstellung, nur verzückter Dithyramben sein. Man darf ihr nicht als Beobachter, nur als Verliebter nahen. Mit Verlaub: das ist eine unzulässige Forderung. Vom Hunger darf ich sprechen, ohne hungrig zu sein, von der Furcht, ohne Furcht zu haben. Es ist mir gestattet, diese Erscheinungen kaltblütig zu zergliedern und zu beschreiben, ohne daß man deshalb zur Annahme berechtigt ist, ich sei unfähig, die Freuden einer wohlbesetzten Tafel zu würdigen oder die Aufregungen zu empfinden, welche die Erkenntnis einer schweren und seinen Mitteln der Abwehr unverhältnismäßig überlegenen Gefahr im Menschen hervorruft. Weshalb soll die Liebe nicht auch der nüchternen Beobachtung zugänglich sein, ohne daß man deshalb gleich behauptet, der Beobachter sei unfähig, Liebe zu empfinden, folglich auch sie zu begreifen? Die denkbar schlechtesten Bedingungen zur Erforschung des Hungers oder der Furcht wären diese Empfindungen selbst. Vom Hungrigen ist nicht zu erwarten, daß er die Wirkung der Vorstellung eines Bratens auf sein Nervensystem methodisch feststelle, namentlich wenn derselbe vor ihm auf dem Teller duftet, und wer Furcht hat, handelt als ein kluger Mann, wenn er bloß ans Davonlaufen und nicht an Selbstbetrachtung denkt. Ebenso ist der Verliebte der allerletzte, von dem zu hoffen wäre, daß er über die seelischen Vorgänge während der Liebe Licht verbreite. Das kann nur der unbeteiligte Zuschauer. Und dieser hat keine Ursache, niederzuknien, die Augen zu verdrehen und sich in lyrischen Überschwang hineinzuschwindeln oder hineinzurasen, wenn er von Liebe spricht. Eben weil sie die mächtigste und für die Menschheit bedeutungsvollste Empfindung ist, muß man sie mit um so klarerem Kopfe betrachten und sich sorgfältig vor Aufregung und Schwärmerei, vor Bilder- und Blumensprache hüten, da auf diese Weise die wirklichen Thatsachen weder gesehen noch geschildert werden können. Es geht aber bei der Liebe ebenfalls nur mit ganz natürlichen Dingen zu, wenn auch die Verliebten es nicht wahr haben wollen. Das menschliche Gehirn enthält ein höchstes Geschlechtszentrum, von welchem niedrigere Zentren im Rückenmarke abhängig sind und das seinerseits von Erregungszuständen der letzteren beeinflußt wird. In der Lebenszeit, während welcher das Reproduktionssystem des Individuums in voller Reife und der Sitz lebhafter Ernährungsvorgänge ist, befindet sich auch das Geschlechtszentrum des Gehirns in einem Zustande der Spannung und Empfindlichkeit, der es für alle Reize sehr empfänglich macht. In emotionellen Naturen und in solchen, deren Geist müßig ist, übt es auf das ganze Bewußtsein einen vorwiegenden, häufig sogar alleinherrschenden Einfluß. Es wirkt auf das Urteil, die Phantasie, den Willen, regt Vorstellungen an, die dem Gebiete der Geschlechtlichkeit entnommen sind, und giebt aller Gehirnarbeit eine einzige Richtung, ich möchte sagen eine geschlechtliche Polarität. Subjektiv wird dieser Zustand vom Individuum als Liebesdrang oder Liebessehnsucht empfunden. Es genügt, daß das Individuum in dieser Verfassung einem solchen des andern Geschlechts begegne, damit der Drang und die Sehnsucht einen Gegenstand finden und zur Liebe werden. Alle vom Geschlechtszentrum angeregte Thätigkeit des Gehirns hat dann das geliebte Wesen zum Inhalte, das nicht so wahrgenommen und beurteilt wird, wie es ist, sondern so, wie es dem organischen Bedürfnisse des liebenden Wesens entspricht. Es ist eine Gliederpuppe, welche das letztere nach seinem Geschmacke kleidet und drapiert. Jedes gesunde menschliche Individuum hat die triebhafte, unbewußte Empfindung der Eigenschaften, die das Individuum des entgegengesetzten Geschlechts haben muß, damit durch seine Vereinigung mit ihm die eigenen Eigenschaften in den Nachkommen erhalten und gesteigert seien. Je höher ausgebildet, je eigenartiger, je differenzierter es selbst ist, um so komplizierter sind auch die Eigenschaften, mit denen es das gewünschte und erwartete Individuum des andern Geschlechts ausstattet. Hat es die Wahl unter vielen Individuen, so liest es sich mit unfehlbarer Sicherheit dasjenige aus, welches seinem mit dem Augenblicke der Geschlechtsreife fertig ausgearbeiteten organischen Ideale am nächsten kommt. Hat es keine Wahl, so nimmt es mit jedem Individuum vorlieb, wenn es nur von seinem Ideale nicht so vollständig verschieden und entfernt ist, daß es sein Geschlechtszentrum gar nicht mehr anzuregen vermag und diesem als etwas so Fremdes und Gleichgiltiges gegenübertritt wie etwa ein Individuum des eigenen Geschlechts, ein Tier oder ein unbelebter Gegenstand. Je näher ein Individuum dem organischen Ideal eines andern kommt, um so rascher geht natürlich die Arbeit der Identifikation desselben mit dem Ideale vor sich; decken sich beide ungefähr vollständig, so schlägt der bekannte Blitzstrahl ein, man verliebt sich auf der Stelle, im ersten Augenblicke, und hat die Empfindung, das Objekt der Liebe immer gekannt und geliebt zu haben; bestehen einzelne Verschiedenheiten, so hat das Individuum erst eine Arbeit der Anpassung, Ausgleichung und Gewöhnung zu leisten, von den Ungleichheiten zwischen dem andern Individuum und dem Ideal abzusehen, im Geiste die beiden einander nach Möglichkeit anzunähern; man verliebt sich dann nur allmählich, schneller oder langsamer, je nachdem man den Gegenstand der Liebe dem vorbestehenden organischen Ideale schneller oder langsamer anpassen kann. In jedem Falle liebt man eigentlich nicht ein anderes Menschenwesen, sondern ein Ideal, das der eigene Organismus ausgearbeitet hat; Liebesdrang ist das Suchen nach einer Verkörperung des inneren Ideals, Liebe die Selbstüberredung, daß man diese Verkörperung gefunden habe, das geliebte Wesen die Projektion des innern Ideals nach außen. Das Liebeleben des Individuums beginnt darum auch mit seiner Geschlechtsreife und dauert so lange wie diese; das Ideal ist dann organisch ausgearbeitet und bleibt während der ganzen Zeit der Geschlechtsreife lebendig; ob es verwirklicht wird oder nicht, das kommt nicht in Betracht; es besteht und harrt der Gelegenheit, sich zu verkörpern; man liebt virtuell oder potentiell, wenn man auch nicht thatsächlich liebt; man liebt sein Ideal, wenn man kein bestimmtes Menschenwesen liebt. Je niedriger und einfacher das Ideal ist, um so leichter findet das Individuum dessen Verkörperung. Darum können gemeine und schlichte Naturen sich unschwer verlieben und einen Gegenstand der Liebe unschwer durch einen andern ersetzen, während feine und zusammengesetzte große Mühe haben, ihr Ideal oder etwas genügend Annäherndes im Leben anzutreffen und ihm, wenn es verloren gegangen ist, einen Nachfolger zu geben. Bewerbung wirkt als ein starker Reiz auf das Geschlechtszentrum und das Individuum, das der Gegenstand einer solchen ist, kann unter dem Einfluß der Erregtheit seines Geschlechtszentrums leicht die Sicherheit der instinktiven Empfindung dessen, was ihm zur Erhaltung und Steigerung seiner Eigenschaften in den Nachkommen organisch notthut, einbüßen und einen Irrtum begehen, der aber die Bewerbung, das ist den störenden Reiz, nicht überlebt. Die Erkenntnis, daß man sich geirrt habe, läßt dann eine Beschämung und Demütigung zurück, die sich in Haß gegen das veranlassende Individuum verwandelt und zu den schärfsten Unlust-Empfindungen gehört, deren der Mensch fähig ist. Die gesunde und natürliche Liebe ist sich immer ihres Zwecks klar bewußt. Sie ist das Verlangen des Besitzes, die Forderung jener leiblichen Vereinigung, welche die Entstehung von Nachkommenschaft anregen kann. In starken Individuen löst die Liebe genug mächtige Willensimpulse aus, um jeden entgegenstehenden Willen zu besiegen und jedes Hindernis zu überwinden. In willensschwachen Individuen hat sie diese Fähigkeit nicht; die Emotion bleibt subjektiv und setzt sich nicht in Handlungen um. Die Stärke der Liebe eines Wesens darf man also nicht nach den Anstrengungen messen, die es macht, um das geliebte Wesen zu erlangen, denn die Größe dieser Anstrengungen hängt von der Stärke seines Willens, nicht von der seiner Liebe ab. Doch muß einschränkend hinzugefügt werden, daß im gesunden und normalen Menschen alle Hirnzentren ungefähr gleichmäßig entwickelt sind, so daß willensschwache Individuen auch schwerlich sehr kräftige Geschlechtszentren, solche Individuen, die heftig zu lieben vermögen, in der Regel auch einen mächtigen Willen haben werden. Die verschiedene Bedeutung der beiden Geschlechter für die Gattungserhaltung bedingt auch entsprechende Verschiedenheiten in ihrem Liebeleben. Die Rolle des Weibes ist die ungleich wichtigere; dieses hat den ganzen Stoff zur Bildung eines neuen Wesens herzugeben, es im eigenen Organismus vollständig auszuarbeiten, ihm hauptsächlich die eigenen Eigenschaften, wie es sie von den Vorfahren geerbt hat, mitzuteilen; der Mann liefert zu dieser langwierigen und schweren, ja heroischen Arbeit bloß die Anregung, von deren Beschaffenheit übrigens bis zu einem gewissen Grade die Beschaffenheit jener Arbeit abhängt, wie ja auch beispielsweise dasselbe Dynamit ruhig verbrennt oder lebhaft aufflammt oder mit fürchterlicher Gewalt explodiert, je nachdem es durch eine glimmende Kohle oder ein flackerndes Streichholz oder einen Sprengstoff in Brand gesetzt wird. Beim Weibe ist deshalb daß Geschlechtszentrum stärker entwickelt, dessen Thätigkeit eine regere und in der Gesamtthätigkeit des Gehirns wichtigere; das Weib hat ein deutlicher ausgebildetes Ideal des ihm organisch notwendigen, es ergänzenden Mannes, es kann schwerer bestimmt werden, auf dieses Ideal zu verzichten und sich mit einem allzu unähnlichen Ersatze zu bescheiden; hat es sein Ideal gefunden, so ist es dem Weibe fast unmöglich, darauf zu verzichten, und die Emotion, als welche es die lebhafte Erregung seines Geschlechtszentrums empfindet, verdrängt aus seinem Bewußtsein jeden anderen Inhalt, so daß es nichts anderes mehr kann als lieben, seinen Willen, sein Urteil, seine Phantasie in den Dienst seiner Liebe stellt und einen Versuch des Urteils, die Emotion mit vernünftigen Vorstellungen zu bekämpfen, gar nicht aufkommen läßt. Das Weib hat die triebhafte Empfindung, daß es sich nicht irren dürfe, daß ein Irrtum für es selbst und die Nachkommenschaft nicht gut zu machende Folgen hätte, daß er unter allen Umständen die Vergeudung einer verhältnismäßig großen Menge organischer Arbeit nach sich zöge, und es ist deshalb gegen die Möglichkeit des Irrtums äußerst mißtrauisch und ängstlich; andererseits erkennt es auch sicher, daß es sich nicht geirrt hat, wenn es den richtigen Mann gefunden, und ist dann leichter bereit, das Leben, als den Mann aufzugeben. Beim Manne ist das alles anders. Er darf sich leichter irren, weil ein Irrtum für ihn gar keine organischen Folgen hat und sozusagen schon in der nächsten Minute gut gemacht werden kann, soweit es sich bloß um seinen Anteil an der Gattungserhaltung handelt. Darum ist auch sein Ideal des ihn organisch ergänzenden Weibes viel weniger deutlich vorgebildet, darum verliebt er sich viel rascher und leichter in das erstbeste Weib, darum ist er auch viel unbeständiger, darum kann er auch viel öfter lieben, viel leichter verzichten, viel müheloser vergessen, darum nimmt die Thätigkeit des Geschlechtszentrums in der Gesamtthätigkeit seines Gehirns keinen so großen Platz ein und darum kann seine Liebe verhältnismäßig leicht von seinem Urteil gemäßigt, gedämpft und sogar völlig besiegt werden. Das ist in großen und flüchtigen Zügen die Naturgeschichte der Liebe, wie man sie bei ganz gesunden und normalen Individuen beider Geschlechter beobachten kann. Kommt denn aber diese einfache, wahre, zweckmäßige Liebe in den Kreisen, deren Geistesnahrung die Unterhaltungslitteratur ist, überhaupt noch vor? Ich bezweifle es sehr ernstlich. Was man da für Liebe hält und für Liebe ausgiebt, das sind Nachahmungen von ungesunden und unwahren Zuständen, deren Darstellung den Roman und das Theater füllt. Störungen und Erkrankungen des Geschlechtszentrums gehören unter hochzivilisierten Menschen zu den allerhäufigsten Vorkommnissen. Ein im Niedergange begriffenes Geschlecht wird zuerst an dieser Quelle der künftigen Geschlechter heimgesucht. Schwäche, Erschöpfung, Entartung des Einzelwesens wie des Volkes und der Rasse drückt sich am frühesten in Funktionsanomalien des Geschlechtszentrums aus, so daß die Liebe in ihrer Form, ihrer Stärke, der Wahl ihres Gegenstandes unnatürlich wird. Auch sonst hat Zerrüttung des Nervensystems einen Widerhall im Geschlechtszentrum, welches selbst im normalen Menschen das Bestreben hat, die ganze Thätigkeit des Organismus zu beherrschen und seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen, jedoch durch den Widerstand der übrigen Zentren an Übergriffen verhindert wird, während es in einem geschwächten, oder aus dem richtigen Gleichgewichte geratenen Gehirn ungehemmt schaltet und waltet, mit seinen Erregungen ganz allein das Bewußtsein füllt, den gesamten Organismus zu seinem Sklaven macht und auf den Trümmern des Verstandes und Urteils seine siegreiche Fahne aufpflanzt, die einmal ein Unterrock, ein andermal eine Narrenkappe, manchmal aber auch ein Prozessionsbanner oder die Stachelgeißel der Selbstkasteier ist. Die poetische Litteratur, besonders unserer Zeit, stellt nun durchgehends solche ungesunde Formen der Liebe dar. Der Grund dieser Erscheinung ist im vorigen Kapitel angegeben. Die Schriftsteller haben entweder selbst überreizte Nerven oder leben in einer großstädtischen Umgebung, in der sie keine anderen Beispiele als solche des gestörten organischen Gleichgewichts vor sich sehen. Wenn nun auch nicht jede poetische Gestalt geradezu an ausgesprochenem Liebeswahnsinn leidet, so gehören sie doch samt und sonders zu den Bewohnern jenes Grenzlandes zwischen der vollen Gesundheit und Geisteskrankheit, von dem im vorigen Kapitel die Rede war. Der Irrenarzt erkennt in der Darstellung der Seelenzustände und Handlungen Verliebter, wie sie in der Unterhaltungslitteratur zu finden ist, die Anzeigen von Formen der Geistesstörung, die ihm wohlbekannt sind. Gewöhnlich sind die bedenklichen Symptome bloß leicht angedeutet; wenn sie aber nur einigermaßen verstärkt wären, so gäben sie klassische Exemplare von erotischer Manie, von ekstatischem Delirium, religiösem Wahnsinn und noch anderen Gehirnkrankheiten, deren Erwähnung vor einem Laienpublikum nicht statthaft ist. Ein urteilsfähiger und namentlich ein fachlich gebildeter Leser glaubt sich in einer Klinik, wenn er sich in der poetischen Litteratur umsieht. Nichts als Kranke und Siechlinge! Da ist ein Individuum, das beim Anblick eines Weibes von Sinnen gerät, den Verstand verliert und die tollsten Dinge treibt; da ist ein anderes, das durch einen Handschuh oder eine Blume der geliebten Person in gefährliche laute oder stille Ekstase versetzt wird; hier veranlaßt die Liebe Impulsionen zu verbrecherischen Handlungen, dort Schwermut und Trübsinn; man zeigt uns einmal einen verdächtigen Wechsel von launenhafter Kälte und plötzlicher Zärtlichkeit, ein andermal den Bankbruch eines Charakters und Geistes bis zur jämmerlichsten Willenlosigkeit unter dem Einfluß der Leidenschaft. Und all diese Grillen und Wunderlichkeiten, diese Exaltationen und Entsagungen, diese Schwärmereien und Begierden, diese schwächliche Lüstelei und verrückte Gewaltthätigkeit werden ohne ein Wort der Warnung, ohne die Bemerkung, daß es sich um krankhafte Ausnahmen handelt, als regelmäßige und natürliche Erscheinungsformen der Liebe hingestellt! Solcher Lesestoff macht einen tiefen und äußerst schädlichen Eindruck selbst auf den gewöhnlichen und nun gar auf den nervös angelegten und vielleicht schon ein wenig aus dem geistigen Gleichgewichte geratenen Leser, besonders auf das Weib der Großstadt. Die Frau neigt von Natur dazu, die Liebe für den einzigen Lebenszweck und Lebensinhalt des Menschen zu halten, und sie wird in dieser Auffassung, die für sie berechtigt sein mag, jedoch auf den Mann keine Anwendung findet, völlig bestärkt, wenn sie sieht, daß die Bücher, aus denen sie alle Kenntnis von Welt und Leben schöpft, sich von der ersten bis zur letzten Zeile um nichts als Liebe drehen. Die Schilderung der Kämpfe um ein Weib und der Verzückungen über den Sieg steigert ihre natürliche Eingenommenheit von sich selbst bis zum Größenwahn und zur Selbstvergötterung und sie glaubt thatsächlich, daß ihr Besitz ein überirdisches Glück sei, dessen Erlangung der Mann mit dem Verzicht auf alle anderen Aufgaben und Ziele seines Daseins noch lange nicht bezahlen könne. Sie lernt den Mann bloß wegen seiner Liebesfähigkeit schätzen; den elenden Schwächling, dessen blödsinniges Gehirn seinen verliebten Emotionen keinen Widerstand entgegenzusetzen vermag und der mast- und steuerlos im Strome der Leidenschaft treibt, findet sie rührend und liebenswert; den gesunden und starken Mann, dessen Kogitation seine Emotion in Zaum hält, der selbst noch in der Erregung der Liebe vernünftig bleibt und ihren Eingebungen nur soweit folgt, als sie von seinem Urteil gebilligt werden, verabscheut sie als kalt und herzlos. Butterweiche Zerflossenheit und winselnde Rührseligkeit nennt sie Hingebung, stramme Kernhaftigkeit, die in Selbstbemeisterung geübt ist und in stolzer Schätzung des Eigenwerts gebotene Neigung ganz so hoch achtet wie empfangene, erscheint ihr als abstoßende Rohheit. Die krankhafte Entartung, welche aus einem Manne einen Spielball des Weibes und ein Opfer seiner eigenen Erregung macht, scheint ihr das Zeichen wahrer Männlichkeit und ihre Einbildungskraft giebt dem Liebeshelden schon als äußere Erscheinung blasse Wangen, schmachtenden Blick und träumerische Stirne, Züge, die nicht zu den Attributen männlicher Gesundheit und Rüstigkeit gehören. Sie stellt sich vor, daß die Liebe, wenn sie tief und aufrichtig sein soll, die Form von Übergeschnapptheit annehmen muß; sie erwartet von ihr geistige und leibliche Akrobatenkunststücke, unsinnige Ergüsse in Prosa und Versen, Seufzer, Thränen und Händeringen, unverständliche Mystik der Rede, Einfälle, auf die kein vernünftiger Mensch gerät, und Thaten nach Art derjenigen des rasenden Roland oder des Amadis von Gallien. Um als echt anerkannt zu werden, muß die Liebe sich haben und geberden; stilles, verhaltenes Gefühl, das weder schmatzt noch gestikuliert, den Schlaf und die Eßlust nicht wesentlich beeinträchtigt und mit Erfüllung der Berufspflichten vereinbar ist, gilt nicht als Liebe. Diese wird nur als Gewitter verstanden; sie muß mit Donner und Blitz auftreten; der Liebende muß zur Geliebten fahren wie Zeus zur Semele; erscheint er anders, so ist er nicht der erwartete Gott. Das ist nicht alles. Die Unterhaltungslitteratur stört auch den natürlichen Entwickelungsgang der Liebesgefühle im jugendlichen Leser und ganz besonders in der Leserin. Die Regel ist, daß mit der Reife des Organismus das Geschlechtszentrum in Thätigkeit tritt und im Bewußtsein Emotionen und Vorstellungen erotischer Natur anregt. Bei der Jugend der gebildeten Klassen geschieht das Umgekehrte. Die erotischen Emotionen und Vorstellungen werden durch den Lesestoff künstlich in das Bewußtsein getragen und regen das Geschlechtszentrum zu verfrühter und darum schädlicher Thätigkeit an. Ist der Liebesdrang eine Folge der Geschlechtsreife des Individuums, so hat der Organismus auch die Zeit und Kraft gehabt, sich triebhaft das Ideal des Partners auszuarbeiten, das er als zu seiner Ergänzung notwendig empfindet, das Gefühl wird sicher und zuverlässig, der Einfluß der Grillenhaftigkeit beschränkt, die Gefahr eines Irrtums in der entscheidenden Wahl wesentlich verringert. Wenn dagegen die erotischen Vorstellungen dem Bewußtsein vorzeitig durch die Lektüre suggeriert werden, so wird der Organismus von ihnen überrascht, ehe er noch sein Ideal eines Partners bilden konnte; die fremde Suggestion stört diese heikle Arbeit; der Organismus hört nicht mehr auf seine eigenen dunklen Stimmen, sondern auf die der Dichter; die Phantasie empfängt die Vorstellung des ersehnten Individuums nicht aus den geheimen Tiefen der Zellen und Gewebe, sondern aus den Blättern der Romane; das Individuum gelangt nicht zur sichern Empfindung des notwendigen Partners und eine zufällige Begegnung kann in Ermangelung des innern Prüfers, welcher sie zu deuten hat, verhängnisvoll werden. Die Romanleserin oder Theatergängerin weiß nicht, ob der Mann, der ihr näher tritt, der rechte ist, denn sie hat kein organisches Ideal, sondern bloß Erinnerungen an Roman- und Dramenhelden. Sie verwechselt ihre Launen mit den wahren Bedürfnissen ihres Organismus und begeht leichtblütig die unheilvollen Verwechselungen, die ein Frauenleben für immer elend machen. Neunundneunzigmal unter hundert Fällen ist in den gebildeten Klassen namentlich der großstädtischen Bevölkerung das, was man selbst für Liebe hält oder was man für Liebe ausgiebt, keine im Organismus entstandene Liebe, sondern Wirkung dichterischer Suggestion. Vielleicht nie ist der Einfluß der durch die Poesie geübten Suggestion auf das Entstehen eines Liebesverhältnisses so überraschend deutlich und bestimmt hervorgehoben worden wie in Dantes berühmten Versen: Noi leggiavamo un giorno per diletto Di Lancilotti come amor lo strinse .................................... Quando leggiemmo il disiato riso Esser baciato da cotanto amante Questi, che mai da me non sia diviso, La bocca mi baciò tutto tremante ...« (Inferno, Canto V.) Wenn die Liebenden dieser Kategorie nie einen Roman gelesen oder ein sentimentales Theaterstück gesehen hätten, so würden sie sich wahrscheinlich nicht in dem Gemütszustande befinden, den sie an sich wahrnehmen, oder wenn sie wirklich verliebt wären, so würde sich ihr Gefühl jedenfalls in ganz anderen Gedanken, Reden und Thaten kundgeben, als es dies thut. Sie lieben nicht mit dem Geschlechtszentrum, sondern mit dem Gedächtnis. Bewußt oder unbewußt spielen sie eine Salon- oder Boudoir-Komödie und wiederholen mit Ernst und Eifer die Auftritte, deren Schilderung in Büchern, deren Darstellung auf der Bühne sich ihrer Phantasie bemächtigt hat. In Paris ist es üblich, daß Liebespaare in der Honigwoche ihrer jungen Minne zum Grabmal von Heloise und Abälard, diesem berühmten und unglücklichen mittelalterlichen Liebespaare, wallfahren. Es ist ein tiefer Sinn in diesem Spiele. Denn höchst wahrscheinlich danken die beiden Liebenden ihre Beziehungen, die sie als angenehme empfinden, den toten Wonneflötern aus dem zwölften Jahrhundert, anders gesagt, den Liebesgeschichten, die ihnen von Dichtern in Begleitung von Harfenakkorden vorgesungen worden sind. Der Mann, den ein belesenes Weib liebt, hätte Unrecht, sich etwas darauf einzubilden. Was sie wirklich liebt, das ist nicht seine Persönlichkeit, auch nicht ihr organisches Ideal, dem jene etwa nahekommt, sondern die romantische Figur, die irgend ein Schriftsteller erfunden hat und für die sie einen Darsteller sucht. Schlagen wir uns an die Brust, meine Brüder! So demütigend dies auch unserem Selbstbewußtsein scheinen mag, wir müssen uns doch ehrlich gestehen, daß wir alle in unseren Liebeserfahrungen mehr oder weniger der Zettel mit dem Eselskopfe aus dem Sommernachtstraum gewesen sind, in den Titania verliebt war, weil sie unter der Wirkung der Zauberblume stand. Der Oberon, welcher unseren Titanien den Saft der Zauberblume über den Augen ausgedrückt hat, war einfach der Dichter. Der für uns immerhin erfreuliche Zufall hat gemacht, daß gerade wir Titanien in den Weg kamen, als sie in diesem Zustande war. Aber ob Zettel, ob Squinz, Titania liebt sicherlich weder den einen noch den andern, sondern eine ihr vom schalkhaften Oberon suggerierte romantische Gestalt, wie Faust »mit diesem Zaubertrank im Leibe« in jedem Weibe eine ideale Helena sieht. Der Pariserin ist von mehreren Generationen schablonenhaft arbeitender Schriftsteller aller Völker, ich weiß nicht welcher Reiz, welcher Schick oder »chic« angedichtet worden. Die Folge davon ist, daß jeder Einfaltspinsel das Wasser im Munde zusammenlaufen fühlt und mit den Augen zwinkert, wenn man das Wort Pariserin ausspricht oder wenn er gar eine solche im Fleische vor sich steht. Fragt man den Idioten, was er an ihr findet, so begnügt er sich, wie ein Kalb immer das eine Wort zu blöken: »chic! chic!« Er sieht in der Pariserin das, was seine Bücher ihn überredet haben, in ihr zu sehen. Auch für Schauspielerinnen und Kunstreiterinnen hat die Litteratur, ich kann es nicht anders nennen, ähnliche Reklame gemacht und darum sind diese Personen vorzugsweise Gegenstand der Liebesschwärmerei aller Portepeefähnriche, Gymnasiasten und schöngeistigen Ladenschwengel. Der Frau hat die Litteratur, wenigstens in Deutschland, eigentlich bloß den Offizier auf diese Weise als das würdigste Objekt der Liebe suggeriert und das zweifarbige Tuch mag den Musen der Dichtung Weihkränze in den Tempel hängen, so oft es über ein Frauenherz siegt. Man untersuche, wenn man in der Lage ist, dies zu thun, die Liebesverhältnisse, die man in der eigenen gesellschaftlichen Umgebung entstehen, wachsen und zum Eheglück oder zu aufdringlich geräuschvollen Katastrophen führen sieht. In der Regel wird man ungefähr diesen schematischen Hergang finden: ein Mann beschäftigt sich, durch Tischnachbarschaft oder Tanzordnungs-Verpflichtungen veranlaßt, etwas mehr, und natürlich galant, mit einem Mädchen. Dieses empfindet zunächst nur eine Genugthuung über die gewöhnlich sehr überschätzte Wirkung seiner Person und seine geschmeichelte Eitelkeit versetzt es in eine liebenswürdige und entgegenkommende Stimmung, die wieder von der Selbstverliebtheit des Mannes mißdeutet wird. Jetzt hört die Arbeit des Zufalls auf und die Suggestion der Dichter beginnt ihr Werk. Er und sie haben eine leichte Anregung empfangen, die Phantasie arbeitet dieselbe aus, das Gedächtnis beschwört alle Bilder berühmter Liebespaare herauf, alle lyrischen Gedichte, Liebesbriefe und Geständnisse, die man gelesen, fangen zu rumoren an und schießen in die Feder und auf die Lippen, man steigert sich immer mehr, versenkt sich immer eifriger in die erotische Rolle, die man zu spielen begonnen, und tritt schließlich vor den Altar, wo unsichtbar eine Schar von Schriftstellern segnende Hände über die Häupter des Paares breitet, das sie und niemand sonst zusammengeführt haben. Nachträglich stellt sich nur zu häufig heraus, daß Thekla die Rolle ihres Max mit einem ganz unzulänglichen Darsteller besetzt hat und umgekehrt, und dann wird wieder ein anderes Stück aufgeführt, das ebenfalls ein Dichter suggeriert hat, sei es ein Ehebruchsdrama, sei es eine Entsagungs- und Kloster-Romanze. Aber fast immer handelt es sich um eine phonographische Liebe, in der Männlein und Weiblein wie das listige Instrument des Amerikaners Edison mit blecherner Polichinell-Stimme getreu die Worte wiederholen, die der Dichter zuvor in sie hineingesprochen hat. Ihr Spintisierer der Liebe, Quintessenzler der Leidenschaft und Pathologen des Menschenherzens, ihr Ausdiftler geschraubter Lagen, außergewöhnlicher Menschen mit doppelläufigen Seelen und unerhörter Zufälle, was habt ihr mit euren Mord- und Räubergeschichten aus dem schlichtesten, wahrsten und erfreulichsten Triebe des Menschen gemacht, was habt ihr an uns allen gesündigt! Evolutionistische Ästhetik Herbert Spencer sagt in seiner Biologie (ich zitiere nach dem englischen Originale, 2. Band S. 153): »Dies scheint mir ein ganz geeigneter Platz, um die Thatsache zu verzeichnen, daß der größte Teil von dem, was wir in der organischen Welt Schönheit nennen, in irgend einer Weise von den geschlechtlichen Beziehungen abhängt. Dies ist nicht nur mit den Farben und Düften der Blumen der Fall, sondern auch mit dem prächtigen Gefieder der Vögel und mit ihrem Gesange, welche beide nach Herrn Darwins Anschauung geschlechtlicher Auswahl zuzuschreiben sind; und es ist wahrscheinlich, daß auch die Farben der auffälligeren Kerbtiere teilweise ähnlich veranlaßt sind. Der bemerkenswerte Umstand daran ist, daß diese Eigentümlichkeiten, die durch Begünstigung der Hervorbringung der besten Nachkommen entstanden und die naturgemäß solche sind, welche die durch sie ausgezeichneten Organismen direkt oder indirekt einander gegenseitig anziehend machen, zugleich diejenigen sind, die auch uns so allgemein anziehend erscheinen und ohne welche Feld und Wald ihren halben Zauber für uns verlieren würden. Es ist auch interessant zu beobachten, in einem wie ansehnlichen Grade der Begriff menschlicher Schönheit auf diese Weise entstanden ist; und die alltägliche Bemerkung, daß das aus der geschlechtlichen Beziehung hervorgehende Element der Schönheit in ästhetischen Hervorbringungen, in Musik, Drama, Erzählung, Poesie so vorherrscht, erlangt eine neue Bedeutung, wenn wir sehen, wie tief in die organische Welt hinunter sich dieser Zusammenhang erstreckt.« In diesen wenigen Zeilen, denen ich ihre etwas unbeholfene Fassung gelassen habe, sind alle drei oder sogar alle neun sibyllinischen Bücher einer natürlichen Schönheitswissenschaft enthalten. Der menschliche Geist, auch derjenige der Massen, wird sich allmählich daran gewöhnen, evolutionistisch zu denken, das heißt in jeder Erscheinung eine Entwickelungs-Episode zu erkennen, die an sich unbegreiflich ist, jedoch durch Vorausgegangenes verständlich wird und im Zusammenhange mit der Vergangenheit gesehen weit weniger geheimnisvoll wirkt, als wenn man sie für sich allein betrachtet. Ist das menschliche Denken erst auf diesem Standpunkt angelangt, so werden wenige Dinge so komisch auf dasselbe wirken wie die Anschauungen und Erklärungsversuche, welche heute noch den Inhalt der amtlich gelehrten Ästhetik ausmachen. Bis jetzt hat nämlich die Verstandeswissenschaft großenteils nicht evolutionistisch gedacht. Sie betrachtete die Erscheinungen des Seelenlebens so, wie sie sich uns heute darstellen, und suchte sie zu begreifen, ohne zu fragen, wie sie entstanden seien, aus welchen einfachen Anfängen sie sich bis zu ihrer gegenwärtigen Zusammengesetztheit herausgebildet haben, welche Teile von ihnen verkümmerte Überlebsel oder abgestorbene Reste, welche andere lebenskräftige Triebe seien. Selbst Kant wird, wenn er von den Kategorien spricht, seiner Gewohnheit scharfen und klaren Denkens untreu und knüpft an sie die mystische Bemerkung, sie seien Formen des menschlichen Gedankens, die auf Außer- und Übermenschliches hinausweisen. In minder geheimnisvolle Sprache übersetzt will dies einfach sagen, daß die Formen des menschlichen Gedankens, wie Zeit, Raum und Ursächlichkeit, nicht auf Erfahrungen, das heißt sinnlichen Wahrnehmungen, des Einzelwesens beruhen, also auf anderem als dem sinnlichen Wege in sein Bewußtsein gelangt, mit ihm geboren sein müssen. Und dies sagte er, nachdem Hume schon so lange vor ihm wenigstens für eine dieser Kategorien, für die Ursächlichkeit, die Erklärung gefunden hatte, sie sei einfach dadurch entstanden, daß der menschliche Geist die Erscheinungen immer auf einander folgen sah und allmählich die Gewohnheit annahm, diese Folge ununterbrechbar zu glauben und zwischen den Erscheinungen dynamische Beziehungen zu vermuten. Die Vorstellung des Raumes ist seitdem – besonders von Bain, Spencer und Mill – als ein Ergebnis der durch den Muskelsinn dem Bewußtsein zugeführten Wahrnehmungen der eigenen Bewegungen des Individuums nachgewiesen worden und in neuester Zeit ist die Sprachforschung auf gutem Wege, aus dem Wurzelsinne der Wörter, welche heute Zeitvorstellungen ausdrücken, den Beweis abzuleiten, daß der Mensch unter Zeit ursprünglich bloß den Tag, die Dauer des Sonnenscheins verstand, nicht aber irgend etwas Absolutes, Aprioristisches, das außerhalb des Sonnensystems, außerhalb eines Wechsels der Tages- und Jahreszeiten, außerhalb einer eine Aufeinanderfolge von Veränderungen aufweisenden Natur besteht. Mit der Moral hat man es gerade so gemacht. Man fand sie eines Tages bestehen, man erkannte, daß die Menschen den Begriff von Gut und Schlecht, von Tugend und Laster haben, und man fragte nicht, wie sich dieser Begriff wohl habe natürlich entwickeln mögen, sondern sprang sofort zur Annahme, daß er so, wie er ging und stand, den Menschen von einem göttlichen Wesen geoffenbart worden sein müsse. Heute wissen wir freilich, daß es an sich weder ein Gut noch ein Schlecht giebt, sondern daß die Notwendigkeit des Zusammenlebens die Menschen allmählich dazu geführt hat, Handlungen, die dem Interesse der Gemeinschaft abträglich wären, schlecht und lasterhaft, solche, die diesem Interesse vorteilhaft und fördersam wären, gut und tugendhaft zu nennen. Die Ästhetik ist diesem allgemeinen Gesetze der menschlichen Schnellfertigkeit, die sich seltsamerweise für Tiefsinn ausgiebt, nicht entgangen. Da das Gefühl des Schönen, wie der Mensch es heute besitzt, nicht unmittelbar durch irgend eine Nutzwirkung oder einen sinnlich wahrnehmbaren Vorgang erklärt werden kann, so waren von Plato bis Fichte, Hegel, Vischer und Carrière hundert Philosophen flugs mit der dogmatischen Behauptung bei der Hand, dieses Gefühl sei auch wieder eine jener geheimnisvollen Erscheinungen, welche auf ein Übermenschliches im Menschen hindeuten, eine Form, in welcher der endliche Menschengeist annähernd eine Vorstellung der Unendlichkeit erfassen könne, eine erhabene Ahnung des unsinnlichen Wesens, das aller sinnlichen Erscheinung zu Grunde liegt, und was dergleichen völlig inhaltlose Wortverknüpfungen mehr sind. Der Volksmund sagt, man solle einem Narren kein ungebautes Haus zeigen. Da spricht der Volksmund eine wahre Ketzerei aus. Gerade umgekehrt: dem Narren soll man kein gebautes Haus zeigen; denn steht es erst fertig da, so staunt er es augen- und maulaufsperrend an und kann nicht begreifen, wie es so hoch und breit und prächtig geworden ist; wenn man es ihm dagegen ungebaut zeigt, wenn man ihn zusehen läßt, wie Stein an Stein und Balken an Balken sich fügt, so wird es ihm nicht schwer, das Werden und Sein des blauen Wunders, seine Einrichtung und seinen Zweck, das Warum seiner Teile und das Wie seiner Gestalt zu verstehen. Eine bekannte Anekdote erzählt, König Georg III. von England sei einmal vor Pflaumenklößen, die ihm gelegentlich einer Fuchsjagd in einer Farm vorgesetzt wurden, tiefsinnig geworden und nach schwerem Nachdenken in den Ruf ausgebrochen: »Wie zum Henker sind die Pflaumen in die Klöße hineingelangt.« Die Metaphysik steht vor den Erscheinungen des Seelenlebens wie Georg III. vor den Pflaumenklößen. Da es ihr nicht denkbar scheint, daß auf natürlichem Wege eine Pflaume in einen ringsherum geschlossenen Kloß hineingelangen könne, so nimmt sie unverzagt einen außer- und übernatürlichen Weg an. So müssen die Vorstellungen von Zeit und Raum und Ursächlichkeit als Postulate menschlichen Denkens angeborene, »aprioristische Intuitionen«, so muß die Moral eine göttliche Offenbarung, so muß das Schönheitsgefühl eine Wahrnehmung des Übersinnlichen und Unendlichen sein. Da kommt nun die evolutionistische Philosophie und zeigt mit der schlichten Weisheit einer Köchin, daß der Pflaumenkloß, so wie er rauchend auf den Tisch kommt, freilich nicht zu begreifen und nicht zu erklären sei; er sei aber nicht immer in seiner Rundung ohne Ende und in seiner Gänze ohne Öffnung das Sinnbild der Ewigkeit gewesen, sondern habe sich als schmeidiger Teig ganz natürlich und ganz faßlich um die Pflaume herumgelegt, womit das Mysterium aufhört, ein Mysterium zu sein. Wie die Moral, wie die Vorstellung von Zeit, Raum und Ursächlichkeit, so darf man auch den Schönheitsbegriff nicht in seiner heutigen Vollendung betrachten, wenn man ihn verstehen will, sondern muß untersuchen, wie er zu dem geworden, was er jetzt ist. Gegenwärtig ist er etwas sehr Zusammengesetztes, ursprünglich war er etwas sehr Einfaches. Wir nennen heute eine ganze Reihe von Erscheinungen schön, die den verschiedensten Charakter haben und sich an die verschiedensten Sinne wenden: Musik und Gemälde; eine Landschaft und einen Wasserfall; einen Dom und einen Seesturm; eine Dichtung und einen Juwelenschmuck. Ebenso bezeichnen wir eine ganze Reihe von Empfindungen als ästhetische, die einander durchaus unähnlich sind: das wonnige Grauen beim Anblick einer donnernden Springflut-Brandung ebenso wie das heitere Wohlgefallen bei der Betrachtung der Oberländerschen Bilder in den Fliegenden Blättern; die Bewunderung der Venus von Milo ebenso wie die Billigung eines stattlichen Gebäudes. Die metaphysische Ästhetik hat sich abgerackert, diese Mannigfaltigkeit auf eine Einheit zurückzuführen. Das war eine Marter, bei der nichts herauskommen konnte. Um die verschiedenen Erscheinungen einander ähnlich zu machen, mußte man sie ihrer wesentlichen Eigenheiten entkleiden, der einen etwas anfügen, was die andere hatte, der andern etwas wegnehmen, was der einen fehlte. Und wenn selbst dieser Fälscher- oder Gleichmacher-Kniff nicht ausreichte, so lieh man allen Erscheinungen eine willkürliche Zugabe und stellte auf diese Weise eine sophistische Ähnlichkeit her, die nicht in natürlichen Zügen, sondern in künstlichen Ankleidungen der Erscheinungen begründet ist. Wir wollen es mit einer ehrlichern Methode versuchen; anstatt die Bestandteile des zusammengesetzten Phänomens noch eifriger durcheinander zu quirlen und sie durch einen Aufguß von metaphysischer Unendlichkeits-Brühe noch unkenntlicher und scheinbar gleichförmiger zu machen, wollen wir sie im Gegenteil aufmerksam auseinander lesen und jedem seine ursprüngliche Physiognomie wiedergeben. Eine Eigenschaft ist allen ästhetischen Empfindungen allerdings gemein: die, daß sie das Gegenteil von Unlust-Empfindungen sind. Aber die angenehmen Sensationen, welche die verschiedenen Arten des Schönen in uns erregen, fließen aus verschiedenen organischen Quellen. Ehe wir diesen nachgraben, nur ein Wort über die Lust- und Unlust-Empfindungen selbst. Lust-Empfindungen sind solche, die durch Eindrücke oder Vorstellungen von Eindrücken erregt werden, welche in irgend einer Weise der Erhaltung des Einzelwesens oder der Gattung förderlich sind, Unlust-Empfindungen das Gegenteil. Daß dies so ist, hat einen natürlichen und selbstthätigen Grund. Ein Wesen, in welchem Eindrücke, die sein Dasein bedrohten oder schädigten, keine unangenehmen Empfindungen erweckte, hatte keine Ursache, diese Eindrücke zu vermeiden, und mußte ihnen alsbald unterliegen, so daß es keine Nachkommen hinterlassen konnte, also in der heutigen organischen Welt nicht mehr vertreten sein kann. Umgekehrt hatte ein Wesen, welches schädliche und bedrohliche Eindrücke als unangenehme empfand, einen genügenden Antrieb, sie zu vermeiden oder abzuwehren, sich also vor Schaden zu hüten und sich eine regelrechte Entwicklung zu sichern, welche auch die Hervorbringung von Nachkommen in sich schließt. Bis jetzt handelte es sich um Vermeidung von Schädlichkeiten. Damit ist es aber nicht genug. Um besonders reich zu gedeihen, mußte der Organismus Bedingungen aufsuchen, die ihm nicht nur nicht schädlich, nicht nur gleichgültig, sondern geradezu förderlich waren. Er mußte günstige und zuträgliche Eindrücke als angenehme empfinden und dadurch veranlaßt werden, sie zu wünschen und anzustreben. Je stärker seine Lust-Empfindungen bei nützlichen Eindrücken waren, um so lebhafter bemühte er sich, sie zu erlangen, und um so günstiger konnten sie auf sein Gedeihen und seine Entwickelung wirken. Die heutigen Organismen stellen deshalb die Auslese solcher Vorfahren dar, in welchen ihr Dasein gefährdende Eindrücke die stärksten Unlust-, es fördernde Eindrücke die stärksten Lust-Empfindungen erregten. Nur ein einziges Beispiel zur Veranschaulichung, dieser Thatsache. An sich sind alle Düfte gleichwertig und es giebt unter ihnen weder angenehme noch unangenehme. Verwesungsduft und Rosenduft sind an sich nicht verschiedener als etwa blaues und grünes Licht, Trompeten- und Flöten-Ton. Wenn es außer dem Geruchssinn noch irgend etwas anderes, etwa einen Stoff gäbe, auf den der Duft einen Eindruck machte wie das Licht auf Chlor- oder Bromsilber, so daß man eine Vorrichtung herstellen könnte, welche für Düfte das wäre, was der photographische Apparat für Lichterscheinungen ist, so würde man auch dem unphilosophischsten Geiste mit größter Leichtigkeit begreiflich machen können, daß der Fäulnisduft an sich ein Duft ist wie jeder andere und nur auf die menschliche Nase in ihrer heutigen Beschaffenheit einen unangenehmen Eindruck macht. Nun fügt es sich aber, daß der Fäulnisduft flüssigen und gasförmigen Stoffen anhaftet, welche durch die organische Thätigkeit von winzigen Lebewesen entstehen, die den höheren Tieren sehr gefährlich sind, wahrend der Rosenduft einer Blume eigen ist, die an trockenen, sonnigen Stellen vorkommt und in der schönen Jahreszeit blüht. Ein Wesen, dem beide Düfte gleichgiltig waren oder das gar den Fäulnisduft vorzog, scheute die Orte nicht, wo Verwesungsvorgänge stattfanden; es atmete giftige Gase, aß vielleicht faulige Stoffe, welche Leichengift (die sogenannten »Ptomaine«) enthielten, kam mit Mikroorganismen in Berührung, die in ihm gefährliche, vielleicht sogar tödliche Krankheiten hervorriefen, und mußte früher oder später der Verkümmerung und dem Untergange anheimfallen. Ein Wesen dagegen, in welchem Fäulnisduft unangenehme und Rosenduft angenehme Empfindungen hervorrief, vermied alle Schädlichkeiten, die in Begleitung des ersteren auftreten, und suchte mit Vorliebe im Frühling und Sommer warme und sonnige Stellen im Freien auf, was seiner Gesundheit offenbar sehr zuträglich war. Es gedieh und brachte kräftige Nachkommen hervor, die durch größere Starke und Fruchtbarkeit bald die Nachkommen des Wesens verdrängen mußten, welches Fäulnisduft nicht als unangenehm oder gar als angenehm empfand, so daß es heute nur noch Menschen giebt, denen im gesunden Zustande des Nervensystems Fäulnisduft Unlust-, Rosenduft dagegen Lust-Empfindungen giebt. In krankhaft entarteten Individuen allein wird das Gegenteil beobachtet und ihre Vorliebe für Gerüche, welche von der gefunden Mehrheit als Gestank empfunden und gescheut werden, trägt häufig zu einer Verschlechterung ihres Zustandes bei. Verstärkt wird diese Wirkung beider Düfte dann noch durch die Gedanken-Verbindungen, welche sie anregen. Mit dem Fäulnisduft verbinden wir nämlich die Vorstellung von Erscheinungen, welche mit Tod und Vernichtung des Organismus zusammenhängen, mit dem Rosenduft die Vorstellung der Jahreszeit, in welcher die Nahrung dem Naturmenschen reichlich zu werden begann, die Wärme wiederkehrte und sein Leben überhaupt leichter und angenehmer wurde. Diese Regel, daß alle Lust- und Unlust-Empfindungen ursprünglich auf der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der sie hervorrufenden Erscheinungen für das Einzelwesen oder die Gattung beruhen, duldet keine Ausnahme. Die Thatsachen, die man gegen sie anführt, sind schlecht beobachtet oder oberflächlich gedeutet. Auch dafür nur ein Beispiel. Weingeisthaltige, berauschende Flüssigkeiten rufen im Trinker entschieden Lust-Empfindungen hervor und sind seiner Gesundheit und seinem Leben dennoch im höchsten Grade schädlich. Das ist richtig. Aber weshalb wirken alkoholische Getränke so? Weil sie zuerst, ehe sie den Organismus lähmen und betäuben, das Nervensystem zu höherer Thätigkeit anregen, intensives Kraftgefühl, Fröhlichkeit, Willensimpulse und reichliche Vorstellungen des Urteils hervorrufen, also einen Zustand, den auf natürliche Weise bloß solche Umstände herbeiführen, die der Gesundheit und dem Leben des Individuums im höchsten Grade vorteilhaft sind, nämlich ausgezeichnete Ernährung, hinreichende Ausgeruhtheit, vollkommenes Wohlbefinden, Aufenthalt in sauerstoffreicher Luft, Gesellschaft gerngesehener Genossen, Jugend, Mangel jeder Ursache zu Angst und Besorgnis u.s.w. Der ursprüngliche Mensch lernte die gehobene Stimmung, die dem eigentlichen Rausche vorangeht, nur in Begleitung dieser günstigsten Umstände kennen und mußte sie nach obigem Gesetze als Lust-Empfindung wahrnehmen. Erst sehr viel später, als die Freude an jener Stimmung bei ihm schon zum organischen Triebe geworden war, erfand er den Wein und Schnaps und gewann die Möglichkeit, dieselbe überaus angenehme Steigerung der Hirn- und Nerventhätigkeit durch ein anderes, schädliches Mittel hervorzurufen. Das ist aber erst wenige tausend Jahre her und in dieser vergleichsweise kurzen Zeit konnte ein Trieb nicht umgestaltet werden, zu dessen Organisierung die Menschheit Hunderttausende von Jahren gehabt hatte. Gäbe es in der Natur fertigen und leicht zugänglichen Alkohol wie Wasser oder Baumfrüchte, so daß der Mensch und seine Vorgänger bei ihren Lebensanfängen den Schnaps kennen gelernt und von vornherein die gehobene Stimmung mit ihm in Verbindung gebracht hätten, so wären alle Wesen, welche diese Stimmung als angenehm empfunden und deshalb gestrebt hätten, sich sie durch reichlichen Schnapsgenuß zu verschaffen, Säufer geworden, hätten auch alle Übel des Alkoholismus an sich erfahren und wären sehr bald ausgestorben; es gäbe dann heute nur noch Menschen, denen weingeistige Flüssigkeiten so widerwärtig röchen und schmeckten wie etwa Petroleum oder Fäulnisjauche und welche die gehobene Stimmung, die der Alkohol hervorbringt, als Unlust-Empfindung wahrnähmen. Die Lust-Empfindungen nun, die das Schöne im weitesten Sinne in uns anregt, haben keinen andern Ursprung als alle übrigen Lust-Empfindungen. Sie sind eine Folge davon, daß das, was wir heute als schön empfinden, entweder ursprünglich auch dem Einzelwesen oder der Gattung zuträglich oder förderlich war oder daß die Lebewesen es zuerst in Begleitung zuträglicher oder förderlicher Erscheinungen kennen lernten und mit der Erinnerung an diese organisch gesellten. Die Erscheinungen, die als schön empfunden werden, zerfallen naturgemäß in zwei große Klassen. Sie beziehen sich entweder auf das Dasein des Einzelwesens oder auf das der Gattung. In die erste Klasse gehören das Erhabene, Reizende und das Zweckmäßige, in die zweite Klasse das eigentlich Schöne im engern Sinne und das Niedliche. Diese fünf Formen des Ästhetischen werden häufig verwechselt, während sie doch um ihrer Verschiedenheit willen sorgsam auseinandergehalten werden müssen. Wir werden sie der Reihe nach untersuchen und zu verstehen trachten, wie sie mit dem Selbsterhaltungstriebe des Einzelwesens und der Gattung zusammenhängen. Das Erhabene ist die Empfindung eines ungeheuren Mißverhältnisses zwischen dem wahrnehmenden Individuum und der wahrgenommenen Erscheinung und der zermalmenden Überlegenheit der letztern über das erstere. Alles überaus Große und Mächtige wirkt erhaben. Die der Empfindung des Erhabenen zu Grunde liegende Vorstellung ist die: »An dieser Erscheinung gemessen bin ich nichts. Gegen diese Erscheinung sind meine Kräfte verschwindend. Gegen sie anzukämpfen, sie zu überwinden, ist vollkommen unmöglich. Müßte ich mit ihr kämpfen, so würde ich vernichtet werden.« Diese Empfindung ist eine ganz nahe Verwandte der Angst und sie unterscheidet sich von ihr eigentlich bloß dadurch, daß sie neben der Vorstellung der eigenen gänzlichen Ohnmacht noch die zweite Vorstellung enthält, daß glücklicherweise eine Bekämpfung der gewaltigen Erscheinung nicht notwendig ist und diese ihre zermalmende Übermacht nicht thatsächlich zur Überwindung und Vernichtung des wahrnehmenden Wesens gebrauchen wird. Der Anblick des brennenden Roms von der Terrasse des Kaiserpalastes kann die Empfindung des Erhabenen erwecken, weil die gewaltige Erscheinung da den Betrachter nicht gefährdet. Stände dieser dagegen mitten in der Feuersbrunst, so würde dieselbe Erscheinung in ihm nicht die Empfindung des Erhabenen, sondern die der Todesangst erwecken. Die Meeresbrandung ist, vom Badestrande gesehen, erhaben; dem Schiffbrüchigen, der durch sie hindurch an die Küste gelangen soll, erweckt sie Todesangst. Die körperlichen Erscheinungen, welche die Empfindung des Erhabenen begleiten, sind dieselben wie die, welche mit der Angstempfindung gesellt sind. Es ist dieselbe Beklommenheit, dasselbe Stillstehen des Herzens, dieselbe Unterbrechung des Atmens, alles Anzeichen der Erregung des sogenannten Vagus; es ist derselbe über den Rücken hinabrieselnde Schauer, dieselbe Unbeweglichkeit, die man eine momentane Lähmung nennen kann. Das Starrwerden, das Versteinertsein tritt in empfindlichen Naturen angesichts des Erhabenen ebenso ein wie angesichts eines Schrecklichen, das sie wirklich bedroht. Das Erhabene hängt also am direktesten mit dem Selbsterhaltungstriebe des Individuums zusammen, nämlich mit seiner Gewohnheit, sich als Gegensatz zur Außenwelt zu empfinden, diese als möglichen Feind aufzufassen und die Aussichten des Sieges oder der Niederlage im Falle des Zusammenstoßes abzuschätzen. Das Reizende ist die Empfindung, welche von Erscheinungen erregt wird, die in einer gegebenen Zeiteinheit eine große Zahl von Sinneseindrücken hervorbringen und eine lebhafte Thätigkeit der Wahrnehmungs-, Verstandes- und Urteilszentren veranlassen. Eine nackte Wand wirkt langweilig, weil sie bloß einen einzigen Gesichtseindruck hervorbringt und keine regere Deutungs-Thätigkeit des Gehirns notwendig macht. Eine reich geschmückte Wand wirkt dagegen reizend, weil sie auf einen einzigen Blick zahlreiche Gesichtseindrücke und eine große Deutungs-Thätigkeit des Gehirns anregt. Das Einförmige kann, wenn es in ungeheurer Ausdehnung auftritt, erhaben, aber niemals reizend wirken, dies kann nur das Mannigfaltige. Dasselbe hört nur dann auf, als reizend empfunden zu werden, wenn es nicht mehr übersichtlich und faßlich, wenn es nicht mit einem einzigen Blick aufgenommen und vom Verstande mühelos gedeutet werden kann, sondern den Hirnzentren eine anstrengende Arbeit des Suchens, Einteilens und Zergliederns auferlegt. Darum ist das Verworrene und Überladene nicht mehr reizend. Selbstverständlich wird das Mannigfaltige auch in dem Falle nicht reizend sein, wenn seine einzelnen Bestandteile an sich nicht als angenehm empfunden werden. So wird eine mit sehr vielen Schmutzflecken von verschiedenster Größe und Form besudelte Wand trotz der Mannigfaltigkeit ihres Anblicks nicht reizend wirken. Das Reizende hängt also damit zusammen, daß das Individuum das Bewußtsein seines eigenen Lebens als angenehm empfindet. Dieses Bewußtsein besteht aber, im Wahrnehmen von Eindrücken und was viele gleichzeitige, noch ohne Mühe wahrnehmbare Eindrücke giebt, das giebt dem Bewußtsein eine größere Intensität und dem Individuum eine reichere Empfindung seines Lebens. Das Zweckmäßige wird eigentlich nicht als schön, sondern als befriedigend empfunden, da aber auch dieses eine Lust-Empfindung ist, so verwechselt man letztere leicht mit dem Schönen. Das Zweckmäßige ist das Verständliche, dasjenige, was den menschlichen Vorstellungen von den Gesetzen der Erscheinung entspricht. Eine auf der Spitze stehende Steinpyramide würde als durchaus unschön empfunden werden, weil sie unzweckmäßig scheint, weil ihre Anordnung unserer Vorstellung vom Gesetze der Schwere und dem daraus abgeleiteten Gesetze des Gleichgewichts zuwiderläuft. Wir würden die Empfindung haben, daß sie in dieser Lage nicht dauernd verharren könne, daß sie fallen müsse. Ähnlich wirkt beispielsweise auch der schiefe Turm von Pisa. Er macht auf natürliche Menschen einen unschönen Eindruck, er erweckt Mißtrauen und Besorgnis, also Unlust-Empfindungen. Ein Haus, dessen steinerne massive Stockwerke auf einem Erdgeschoß von ganz dünnen Eisenpfeilern ruhen, wirkt unschön, weil seine Anordnung unzweckmäßig scheint. Wenn die Menschen sich Jahrhunderte hindurch an den Anblick von Bauten gewöhnt haben werden, bei welchen Eisen und Stein auf diese Weise verwendet sind, so wird die Empfindung allgemein sein, daß eine geringe Menge von Eisen eine große Tragkraft besitzt, welche viel größere Mengen von Stein oder Holz nicht überwinden können, der Anblick breiter Steinmassen, die auf schmalen Eisenträgern aufruhen, wird nicht mehr die Vorstellung des Absurden und Unzweckmäßigen erwecken und man wird Häuser mit eisernen Erdgeschossen und steinernen Stockwerken nicht mehr als unschön empfinden, wie man heute den Anblick eines Baumes mit breit ausladenden Ästen, trotzdem er von unserem Grundbilde des fest und sicher stehenden Gegenstandes, nämlich einer auf breiter Basis aufruhenden und nach oben sich verjüngenden Figur, abweicht, nicht als unschön empfindet, weil man weiß, daß der Stamm trotz seiner Schmalheit im Verhältnis zur Gesamterscheinung fest, die Krone trotz ihres großen Umfanges leicht ist. Die ästhetische Wirkung des Zweckmäßigen hängt mit dem Triebe des Menschen zusammen, die Erscheinungen zu begreifen und ihre sinnlich nicht wahrnehmbaren Gesetze zu erraten. Er empfindet das Unbekannte und Unverständliche als etwas Feindliches und Unheimliches, als etwas Drohendes, dem er nicht gewachsen ist, während das Einleuchtende und Vernünftige ihn vertraut und befreundet anmutet. Deshalb wird das Zweckmäßige, welches nur eine andere Bezeichnung für das Bekannte und Verständliche ist, angenehme, das Unzweckmäßige Unlust-Empfindungen anregen. Wir haben gesehen, daß das Erhabene, das Reizende und Zweckmäßige an die Grundvorstellungen des Menschen von seinem gegensätzlichen, also feindseligen Verhältnisse zur Außenwelt, das heißt zum Nicht-Ich, anknüpfen und Regungen seines Selbsterhaltungstriebes veranlassen. Wir werden jetzt sehen, daß das Schöne im engern Sinne und das Niedliche mit dem Gattungs-Erhaltungstriebe des Menschen zusammenhängen. Als Schönheit wird jeder Eindruck empfunden, der in irgend einer Weise, sei es direkt, sei es durch Gedankenverbindungen, das höchste Geschlechtszentrum im Gehirn anregt. Der Urtypus alles Schönen ist für den Mann das im geschlechtsreifen Alter stehende und fortpflanzungstüchtige, also junge und gesunde Weib. Von diesem empfängt sein Geschlechtszentrum die mächtigsten Anregungen, die Erscheinung und die Vorstellung desselben giebt ihm also die stärksten Lust- Empfindungen, die ein bloßer Anblick oder Gedanke überhaupt geben kann. Die organisch gewordene Gewohnheit, die Erscheinung des Weibes mit dem Begriffe der Schönheit und mit den von dieser angeregten Lust-Empfindungen zu gesellen, legt es dem menschlichen Geiste nahe, auch jeder als angenehm oder schön empfundenen abgezogenen Vorstellung die Form des Weibes zu geben. Darum versinnlicht man sich den Begriff des Vaterlandes, des Ruhmes, der Freundschaft, des Mitleids, der Weisheit u.s.w. als Weib. Für die Vorstellungswelt des Weibes sollte all das eigentlich nicht gelten. Der Anblick oder die Vorstellung einer Person seines eigenen Geschlechts kann das Geschlechtszentrum des Weibes in keiner Weise anregen, sein Schönheitsideal müßte also der Mann sein. Daß dennoch das Weib ungefähr dieselben Schönheitsbegriffe hat wie der Mann, das rührt daher, daß der Mann als der kräftigere Organismus seine eigenen Anschauungen durch Suggestion auf das Weib übertragen und dessen abweichende Anschauungen überwinden kann. Übrigens ist der Schönheitsbegriff beider Geschlechter tatsächlich nur »ungefähr« und nicht vollkommen derselbe und wenn das Weib die Fähigkeit und Übung der genauen Selbstbeobachtung, Zergliederung und Darstellung seiner Bewußtseins-Zustände besäße, so hätte es längst festgestellt, daß seine Ästhetik in vielen Punkten von der des Mannes wesentlich verschieden ist. Das Niedliche ist diejenige Erscheinung, die direkt oder durch Gedankenverbindung an die Vorstellung des Kindes anknüpft und den unmittelbar mit der Gattungserhaltung zusammenhängenden Trieb der Kinderliebe anregt. Als niedlich wird also alles Kleine, Zierliche, jugendlich Unbeholfene empfunden, besonders aber die verkleinerte Nachbildung von bekannten Gegenständen, die in Wirklichkeit bedeutend größer vorzukommen pflegen. Derartige Verkleinerungen erwecken die Vorstellung, daß sie sich zu den wirklichen Vorbildern so verhalten wie Kinder zu Erwachsenen. Von dieser Anschauungsweise sind bei Naturvölkern und in weniger entwickelten Sprachen deutliche Spuren anzutreffen. Die Indianer glauben tatsächlich, daß ein Schiebkarren der Sohn eines Lastwagens sei, und die Pistole heißt auf Magyarisch »Flinten-Junges« ( kölyök-puska ). Die körperlichen Erscheinungen und Gegenwirkungen, welche das Niedliche hervorruft, haben die größte Ähnlichkeit mit den vom Anblick des Kindes veranlaßten. Frauen finden das Niedliche »zum Küssen« und haben thatsächlich den manchmal unwiderstehlichen Drang, es in charakteristisch mütterlicher Weise zu liebkosen, nämlich es abzutasten, in die Arme zu nehmen und an die Lippen zu führen. Manche Erscheinungen wenden sich infolge der ausgebreiteten und mannigfaltigen Gedankenverbindungen, die sie wachrufen, zugleich an den Selbst- und den Gattungs-Erhaltungstrieb und an Verschiedene Unter-Formen dieser Triebe und werden auf verschiedene Weise als schön empfunden. Der Frühling in der freien Natur ist zum Beispiel zugleich schön, reizend und zweckmäßig. Er regt das Geschlechtszentrum an, weil er für den Urmenschen und seine organisch niedriger stehenden Vorfahren die Jahreszeit der Fortpflanzung war, welche er dadurch begünstigte, daß er den Lebewesen reichlichere Nahrung brachte und ihnen eine kräftigere Lebensthätigkeit gestattete. Er ist ferner reizend, weil er eine große, aber dennoch nicht verwirrende Fülle von an sich angenehmen Einzelerscheinungen in sich schließt und darum in einer gegebenen Zeiteinheit die größte Menge von Sinneseindrücken gewährt, er ist endlich zweckmäßig, weil er die Vorstellung von günstigen Bedingungen für das individuelle Leben erweckt. Ich habe oben von der Verschiedenheit der Ästhetik beider Geschlechter gesprochen. Sie ist durch die Beschaffenheit und Arbeitsteilung der Geschlechter in der heutigen Menschheit organisch bedingt. Der Mann vertritt in der Gattung den Individualismus, die eigenartige Bildung, darum auch in einem gewissen Sinne die Selbstsucht, die bloß für sich sorgt oder für andere nur, wenn die eigenen Bedürfnisse es unvermeidlich machen; er ist ein Streiter wider die Natur und die Artgenossen und hat in seinen Kämpfen um Nahrung und Liebe fortwährend Gefahren abzuwehren, Widerstände zu besiegen und Angriffsmethoden auszusinnen. Bei ihm ist also der Selbsterhaltungstrieb besonders entwickelt, weil dieser allein Gefahren vermeiden und Feinde überwinden lehrt. Auf ihn wirken darum auch die Erscheinungen, die an den Selbsterhaltungstrieb anknüpfen, stärker als auf das Weib; für das Erhabene, das Reizende, das Zweckmäßige hat er mehr Sinn und Empfindung als dieses. Das Weib dagegen ist die Trägerin der Erbeigenschaften in der Gattung; ihm liegt hauptsächlich deren Erhaltung ob. Es kämpft nicht, ist deshalb weniger Gefahren ausgesetzt und bedarf keiner besonderen Entwickelung des Selbsterhaltungstriebes; dagegen ist in ihm der Gattungserhaltungstrieb stärker ausgebildet und es empfindet die Eindrücke, welche auf die Geschlechts- und Mutterschafts-Vorstellungen wirken, mächtiger als der Mann. Es hat also mehr Sinn für das, Schöne im engern Verstande und namentlich für das Niedliche, das sich noch weit mehr als das Schöne an einen spezifisch weiblichen Trieb, den der Kinderliebe, wendet. Ursprünglich wird die Empfindung des Schönen bloß durch natürliche Erscheinungen hervorgerufen; die Kunst kann diese Empfindung nur insofern erregen, als es ihr gelingt, mit ihren Mitteln die Vorstellung solcher natürlichen Erscheinungen wachzurufen, welche als schön empfunden werden. Ihre Mittel sind die direkte Nachahmung, die Symbolisierung und die Aufwindung des Mechanismus der Gedanken-Verknüpfung durch Vorstellungen oder Sinneseindrücke. So kann das Wort die Empfindung des Erhabenen hervorrufen, wenn es die Vorstellung von etwas Gewaltigem, dem Menschen unermeßlich Überlegenem anregt, z.B. wenn es ein allmächtiges Gott-Wesen schildert, das Walten ungeheurer Kräfte in Naturerscheinungen, Schlachten, Menschengeschicken zeigt u.s.w. Die Baukunst wird die Empfindung des Erhabenen geben, wenn sie so großartige Räume und Konstruktionsmassen herstellt, daß der Beschauer sich ihnen gegenüber so klein und schwach vorkommt wie dem Walde oder dem Urgebirge gegenüber. Die Vorstellung des Zweckmäßigen giebt ein Kunsterzeugnis, wenn es durch seine Form seinen Zweck und sein Entstehungsgesetz erkennen läßt, was es nur dann thut, wenn es an uns bekannte natürliche Erscheinungen erinnert, deren Zweck uns durch Erfahrung vertraut geworden ist und deren Entstehungsgesetz wir – immer mit Ausschluß der letzten Gründe – erraten haben. Organische Tier- und Pflanzenformen, Kristallumrisse und die Gruppierung größerer Stoffmassen unter dem Einflüsse der mechanischen Gesetze sind die uns vertrauten und verständlichen natürlichen Erscheinungen, welchen die Kunsterzeugnisse ähnlich sein müssen, damit sie von uns als zweckmäßig begriffen und als schön empfunden werden. Jede einzelne Kunst kann nicht alle ästhetischen Eindrücke geben, sondern bloß solche, welche mit den Erscheinungen verbunden sind, die sie nachzuahmen oder an die sie zu erinnern vermag. Die Architektur kann z. B. nicht den Eindruck des Schönen im engern Sinne geben, das heißt das Geschlechtszentrum anregen, es sei denn durch Verwendung bildhauerischen Schmucks, was aber nicht mehr Baukunst ist. Die Musik kann nicht den Eindruck des Niedlichen geben, weil sie die wesentlichen Züge der Kindeserscheinung weder nachahmen noch durch Gedanken-Verbindung auf sie bringen kann u.s.w. Das sind die Grundzüge der natürlichen, evolutionistischen Ästhetik, die, wie man sieht, kein übersinnliches Element anzurufen braucht, um die Empfindung des Schönen zu erklären. Und wenn jetzt ein geduldiger Methodiker diese Leitgedanken zu einem dreibändigen Kompendium auswalzen will, so wünsche ich ihm dazu gute Verrichtung. Symmetrie Beginnen wir zunächst damit, festzustellen, daß es in der Natur kein einziges Beispiel von vollkommener Symmetrie giebt, nämlich von einer Form, welche dadurch entsteht, daß sich dieselbe Bildung zu beiden Seiten einer gedachten Mittellinie gleichmäßig wiederholt. Selbst diejenigen natürlichen Erscheinungen, in welche der Mensch mit dem geringsten Zwange ein Gesetz des Gleichmaßes hineintragen kann: die Kristalle, die Blumen, die zweireihig angeordneten Blätter, die rechts und links von einer Längenachse sich entwickelnden Tiere, sind nicht wirklich symmetrisch und können nicht thatsächlich in zwei oder mehrere Teile zerlegt werden, welche einander vollkommen decken würden. Alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, ist unregelmäßig. Es weicht in nie vorherzusehender Weise mehr oder weniger von dem Plane ab, den der menschliche Geist ihm unterlegen möchte, es lehnt sich stets mit größerer oder geringerer Heftigkeit gegen das Gesetz auf, von welchem wir es gern gebunden glauben. Kein Himmelskörper ist mathematisch rund, keine Sternbahn fügt sich genau der ihr von uns gegebenen wissenschaftlichen Formel. Kein menschliches Gesicht sieht rechts genau so aus wie links, kein Vogel hat zwei ganz gleiche Flügel. Und diese allgemeine Asymmetrie herrscht nicht bloß in den Erscheinungen, welche wir mit dem freien Auge wahrnehmen können, sondern auch in der geheimsten und innersten Anordnung des Stoffes, namentlich in seinen organischen Verbindungen. Die Thatsache, daß der Lichtstrahl auf seinem Wege durch Lösungen organischer Stoffe in den verschiedensten Winkelgraden abgelenkt wird, und zwar von einem Körper, der scheinbar seiner chemischen Zusammensetzung nach derselbe ist, einmal nach rechts und ein andermal nach links, ist von Pasteur als Beweis angesprochen worden, daß die Atome in den Molekülen nach einem unsymmetrischen Plane gelagert sind, und derselbe Gelehrte findet den Grund dieses Verhaltens darin, daß auch die natürlichen Kräfte, welche die Gruppierung der Atome und Moleküle veranlassen, also Wärme, Licht, Elektrizität, Anziehung u. s. w., asymmetrische sind. Er entwickelt diese Vorstellung weiter und wagt sich bis zur Behauptung vor, Leben sei in letzter Linie Asymmetrie und es werde uns möglich sein, in Retorten aus den einfachen Urstoffen Leben zu brauen, wenn mir gelernt haben werden, uns asymmetrischer Kräfte zu bedienen. Ich gestehe, daß mir diese Gedanken mehr an die Mystik als an die Chemie, Mechanik und Biologie zu rühren scheinen. Ich weiß nicht recht, was ich mir unter einer asymmetrischen Kraft oder Kraftwirkung vorstellen soll. Doch ihre Ursache sei welche immer, die Thatsache steht fest, daß die Natur keine Symmetrie kennt. Diese ist eine Erfindung des Menschengeistes, auf die ihn kein Vorbild hat bringen können. Er hat sie ganz aus sich heraus geschöpft. Die Kunst hat ein triebhaftes Bewußtsein dieses Verhältnisses und sucht in ihren höchsten Anstrengungen der launenhaft scheinenden Asymmetrie der Natur zu folgen. So oft sie symmetrisch wird, hört sie auf, reizvoll zu wirken. Die Natur bringt den Strom hervor, dessen geschlängelter Lauf auf jeder Strecke wechselnde Linien zeigt, die Kunst schafft den Kanal, der die Verwirklichung einer geometrischen Formel ist und von einem Ende bis zum andern keine unvorhergesehene Abweichung von seinem nach wenigen Schritten erkennbaren Bildungsgesetze darbietet. Im freien Forste bringt jeder Schritt eine Überraschung und man braucht immer nur eine Viertelswendung auszuführen, um eine neue Anregung zu empfangen. Der französische Garten ist wie ein Teppich, welcher auf jeder Gevierteile dasselbe Muster vorführt und bei genügender Aufrollung arm scheinen muß, auch wenn die erste Elle reich erfunden ist. Der menschliche Geschmack erbaut sich am Asymmetrischen und erhält von der Symmetrie eine Unlust-Empfindung. Er zieht, wenn er nicht verkümmert oder verbildet ist, auch im Menschenwerk die asymmetrischen Annäherungen an die Natur den symmetrischen Schöpfungen weit vor. Wir finden die Straße, die sich in grillenhaften Krümmungen über Berge und durch Thäler windet, ungleich schöner als die mit der Schnur gezogene strenge Eisenbahn, den englischen Park mit seiner künstlichen Verwilderung weit anmutiger als die Lenôtreschen Anlagen, eine Morrissche Tapete mit verwahrlost rankendem Blumen- und Blattwerk anregender als die Wandpapiere im französischen Rococo-Stil, den gotischen Dom, in dessen Fensterrosen und Wimpergen die schöpferische Phantasie des Baukünstlers frei waltet, an welchem nicht eine Fiale der andern, nicht ein Stück Maßwerk dem andern ganz gleich ist, unendlich reizvoller als den griechischen Tempel, dessen eine Säule genau so aussieht wie die andere, der vorn so ist wie hinten und rechts so wie links und den man wenden könnte wie ein gutes Tuch, ohne daß sich sein Anblick verändern würde. Wir bewundern ein Porträt, das alle Unregelmäßigkeiten einer individuellen Gesichtsbildung getreu wiedergiebt, und belächeln mitleidig selbst das bestgezeichnete Modenbild mit seinem ausdruckslosen, weil peinlich symmetrischen Idealkopfe. Das, was der japanischen Kunst so große Erfolge in Europa verschafft hat, ist ihr asymmetrischer Charakter. Eine sklavische Nachahmerin der Natur, folgt sie dieser in ihren scheinbaren Willkürlichkeiten. Sie verachtet den goldenen Schnitt, den Menschen erfunden haben, welche mehr Spekulation als Schönheitssinn hatten, und tyrannisiert keine Menschengestalt mit einem Kanon, der nicht deren ureigener ist. Da nun aber die Symmetrie weder eine natürliche Bildung ist noch als schön empfunden wird, so muß man fragen, wie der Menschengeist auf sie hat verfallen können und welchem Bedürfnisse desselben sie entspricht. Die Antwort ist durch die Grundeigentümlichkeiten der menschlichen Denkthätigkeit gegeben. Wir haben zunächst die Gewohnheit des ursächlichen Denkens. Wir vermuten hinter den sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen ein unsinnliches, der direkten Beobachtung völlig unzugängliches Element, das wir nach unserer Willkür Ursache, zureichenden Grund, Gesetz nennen und dem verschiedene Philosophen andere Namen gegeben haben, z.B. Schopenhauer den Namen Wille, Frohschammer den Namen Phantasie u.s.w. Niemand hat noch eine Ursache als solche leibhaftig wahrgenommen. Man hat immer nur Erscheinungen bemerkt, die auf einander ohne jeden wirklichen Zusammenhang folgten. Ihre Verknüpfung mittels eines unsinnlichen Bandes von Ursache und Wirkung geschieht ausschließlich durch unser Denken. Wir sehen den Blitz und wir hören den Donner. Wir bemerken auch, daß sie in der Regel nach einander auftreten. Aber daß vom Blitze gleichsam eine Kette ausgeht, die den Donner nachschleift, das sehen und hören wir nicht, das lehrt uns keiner der Sinne, welche die Erscheinungen des Blitzes und des Donners selbst unserem Bewußtsein zutragen, das fügt unser Gehirn ganz aus freien Stücken jenen Erscheinungen hinzu. Durch die Gewohnheit der Ursächlichkeit sind wir sogar dahin gelangt, dem unsinnlichen, nicht wahrgenommenen Elemente der Erscheinung, also ihrer vorausgesetzten oder hinzugedichteten Ursache, eine größere Wichtigkeit beizumessen als der Erscheinung selbst. Das ist natürlich. Der Plan, den wir der Erscheinung unterlegen, ist eine Hervorbringung unseres Gehirns und kann, von unserem Bewußtsein ohne Vermittelung der Sinne direkt wahrgenommen werden, während die Erscheinung selbst außerhalb unseres Bewußtseins vor sich geht und dem Bewußtsein bloß durch die Sinne vermittelt wird; das Selbstgeschaffene, gleichsam vor dem Blicke des denkenden Ichs Entstehende, ohne Sinnesvermittelung Wahrgenommene muß aber diesem Ich wirklicher, wesentlicher und lebendiger scheinen als die außerhalb des Ichs stattfindende und nie ganz vollkommen wahrgenommene Erscheinung. Wenn darum die Erscheinung, so wie unsere Sinne sie wahrnehmen und unserem Bewußtsein melden, ihrem Plane oder Gesetze, wie unser Gehirn es ersonnen hat, nicht ganz gleichkommt, so opfern wir ruhig die Erscheinung dem Gesetze, wir fälschen jene, um dieses zu retten, wir glauben der innern Arbeit des Gehirns mehr als den Sinnen und zwingen unsere Wahrnehmung, sich unserer Erdichtung anzubequemen. Wir sehen z. B. einen Kristall, etwa den einfachsten, einen Würfel. Drei Seiten desselben sind regelmäßig, die drei anderen sind es nicht. Wir haben nun in unserem Gehirn für diese Erscheinung einen Plan ausgesonnen, der sechs gleichgroße viereckige Flächen, zwölf gleichlange Kanten und acht dreiflächige rechtwinkelige Spitzen bedingt. Der Kristall, den wir sehen, entspricht diesem von uns erdichteten Plane nicht. Wir zögern nun keinen Augenblick lang, der Erscheinung Unrecht und unserer Dichtung Recht zu geben, und sagen: »Dieser Kristall hat ein Würfel werden sollen. Der Stoff ist aber hinter dem Gedanken zurückgeblieben. An uns ist es, dem Stoffe nachzuhelfen, ihm die Gestalt zu geben, die er annehmen wollte, jedoch nicht konnte«, und so sehen wir in dem Gebilde, das eine Erscheinung für sich und von einem Würfel ganz verschieden ist, getrost und selbstzufrieden einen Würfel. Wir sind da in der geheimsten Werkstätte des menschlichen Gedankens und ich bitte den Leser um ein klein wenig Geduld, damit wir uns zusammen noch genauer in jener umsehen können. Eine Arbeitsbedingung des Bewußtseins ist die Aufmerksamkeit. Darunter hat man sich die durch reichlichere Blutzufuhr bedingte regere Thätigkeit bestimmter Nervenfasern und Zellen im Gehirn vorzustellen, während die übrigen Fasern und Zellen weniger Blut erhalten, schwächer genährt sind und deshalb völlig ruhen oder nur lässig arbeiten. Ein stärkerer Sinneseindruck übt auf die zu seiner Aufnahme bestimmten Hirnfasern und Zellen einen stärkern Reiz aus und rüttelt sie gleichsam aus ihrem Ruhezustande wach, ein schwächerer gestattet ihnen, mehr oder weniger in ihrer Müßigkeit zu verharren. Der stärkere Sinneseindruck erregt also unsere Aufmerksamkeit und kommt uns zum Bewußtsein, der schwächere thut dies nicht. Wir haben schon im Kapitel über Genie und Talent gesehen, daß wir von den Erscheinungen bloß die Elemente bewußt wahrnehmen, welche unsere Sinne am stärksten reizen, also unsere Aufmerksamkeit erregen. Das Beispiel, das ich dort angeführt habe, ist das eines Ölgemäldes. An dieser offenbar sehr zusammengesetzten Erscheinung ist es das optische Element, welches am stärksten unsern Gesichtssinn reizt und unsere Aufmerksamkeit erregt, also bewußt wahrgenommen wird; die anderen Elemente, z.B. der Ölduft, sind schwächer; sie regen die betreffenden Sinne, z.B. den Geruchssinn, nicht genug an, die entsprechenden Wahrnehmungszentren werden nicht kräftig genug gereizt, um zur Aufmerksamkeit zu erwachen, das Bewußtsein erfährt also nichts von jenen anderen Elementen der Erscheinung »Ölgemälde« und wenn es sich die Vorstellung des Ölgemäldes ausarbeitet, so wiederholt es sich bloß den Gesichtseindruck, während es die Wahrnehmungen der anderen, vom Bilde nicht bis zur Aufmerksamkeit angeregten Sinne vernachlässigt. Das, was wir bei der Wahrnehmung und Vorstellung des Ölgemäldes beobachtet haben, wiederholt sich bei der Wahrnehmung und Vorstellung aller anderen Erscheinungen. In jeder derselben wiegt ein Element vor, während die anderen schwächer hervortreten, also die Aufmerksamkeit weniger erregen. Wir machen nun – immer mit derselben Willkürlichkeit, mit der wir den Erscheinungen eine unsinnliche Ursache unterlegen – aus dem vorwiegenden Elemente der Erscheinung ihr wesentliches Element und vernachlässigen bei ihrer Wahrnehmung und Vorstellung die übrigen Elemente. Im verkümmerten natürlichen Würfelkristall, etwa vom Steinsalz, wiegt das Element der Würfelbildung vor. Einige mehr oder minder regelmäßige Flächen, Kanten und Spitzen erregen unsere Aufmerksamkeit und wir behalten für die Abweichungen von der Würfelform, für die verbildeten Flächen, die verfehlten Kanten, die fehlenden Spitzen, keine Aufmerksamkeit übrig. Die Folge davon ist, daß wir an der Erscheinung des unregelmäßigen Steinsalzkristalls nur ihr vorwiegendes Element, das der Würfelbildung, wahrnehmen und uns vorstellen, obwohl doch offenbar auch ihre schwächer hervortretenden Elemente, ihre Unregelmäßigkeiten, eigene Würde und Bedeutung haben und für den individuellen Steinsalzkristall, den wir gerade vor uns haben, ganz so wesentlich sind wie die dem vorausgesetzten Würfelplane entsprechend gebildeten Kristallteile. Unser Gehirn ist nun einmal ein unvollkommenes Gerät. Es ist so gebaut, daß nicht alle seine Fasern und Zellen zu gleicher Zeit hinreichend von Blut umspült, hinreichend genährt und angeregt sein können, um den Grad von Thätigkeit zu erreichen, der uns als Aufmerksamkeit zum Bewußtsein kommt. Es arbeitet nur immer ein Teil des Gehirns voll, während der andere mehr oder weniger ruht. Aus dieser Unvollkommenheit ergiebt sich die notwendige Folge, daß wir nicht auf alle Elemente einer Erscheinung gleichmäßig aufmerksam sein, sie nicht alle gleichmäßig wahrnehmen können, sondern bloß die am stärksten hervortretenden bemerken, die unsere Sinne am meisten reizen und das nährende Blut zu den mit den gereizten Sinnen zusammenhängenden Hirnfasern und Zellen rufen, dieselben also zur Aufmerksamkeit erwecken. Das eine Element, das unsere Sinne am meisten reizt, scheint uns die ganze Erscheinung in sich zu fassen und wir wenden den Plan, den wir dem einen Elemente untergelegt haben, auf die ganze Erscheinung an. So erklärt es sich, daß wir die Neigung haben, die Erscheinungen zu schematisieren, sie auf eine einfache Voraussetzung zurückzuführen. Denn was ist ein Schema? Das Formgesetz, das wir einem willkürlich herausgehobenen Elemente einer Erscheinung unterlegen und in dessen Rahmen wir auch die übrigen Elemente derselben einfügen wollen, obwohl sie sich thatsächlich dagegen sträuben. Diese Neigung zum Schematisieren ist ein Fehler unseres Denkens, den die dargestellte Unvollkommenheit unseres Gehirns erklärt. Denn wenn wir schon ursächlich denken, wenn wir schon einer jeden sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung eine unsinnliche Voraussetzung andichten, so müßten wir ja folgerichtig nicht bloß einzelnen willkürlich gewählten, sondern allen Erscheinungen diese Voraussetzung, also eine Ursache, andichten. Thatsächlich ist nicht eine Erscheinung ganz genau wie die andere; die individuellen Abweichungen müssen ebenso ihre Ursache haben wie die Ähnlichkeiten, wenn wir einmal annehmen, daß diese von einer Ursache, einem Gesetze, bedingt sind, und wir haben einer Erscheinung nicht einen einzigen Plan, ein Schema, sondern hundert Pläne, hundert Schemas unterzulegen, ein Schema für jedes Element, das ihr allein und keiner andern eigen ist. Bleiben wir bei dem Beispiele vom Steinsalzkristall. Wenn wir in dem unregelmäßigen Gebilde, das wir vor uns haben, einen Würfel sehen wollen, so berücksichtigen wir bloß die regelrecht ausgestalteten Teile und sagen uns: »Die Ursache der Form dieser Teile ist die, daß das Ganze ein Würfel werden wollte. Das Schema dieses Gebildes ist also der Würfel.« Wir haben aber nicht das geringste Recht, die Abweichungen von dem Schema zu vernachlässigen; wir müssen auch für diese eine Ursache annehmen; die Ursache, welche einzelne Flächen und Kanten verkümmern ließ, ist offenbar eine andere als die, welche andere Flächen und Kanten nach Würfelart gestaltete, thatsächlich wollte also das Gebilde, das wir vor uns haben, nicht ein regelmäßiger Würfel werden, sondern etwas Verschiedenes, Neues, von der Würfelform Abweichendes, gerade die individuelle Erscheinung, die wir sehen, und nichts anderes; das Würfelschema paßt also auf sie nicht und es ist ein Irrtum, wenn wir in dem Gebilde einen Würfel zu erkennen glauben. Wir begehen aber diesen Irrtum dennoch, weil wir unfähig sind, den Unregelmäßigkeiten, die uns weniger auffallen, gleichzeitig dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie den regelmäßigen Teilen, und uns deshalb nicht gedrängt fühlen, für jene ebenso eine schematische Ursache zu erfinden wie für diese. So ist jede Klassifikation, jede Schematisierung ein Irrtum, jede Annäherung verschiedener Erscheinungen aneinander eine Willkür, jede Vereinfachung der Mannigfaltigkeit ein Bekenntnis unserer Unfähigkeit des Begreifens. Die Natur bringt bloß Individuen hervor; wir vereinigen sie künstlich zu Gattungen, weil wir unvermögend sind, jeden Zug, der dem einen Individuum eigentümlich ist und keinem andern, scharf zu bemerken, voll zu würdigen und auf eine individuelle Ursache zurückzuführen. Wenn es Ursachen giebt, so hat jede Erscheinung nicht eine, sondern hundert, sondern tausend verschiedene Ursachen, die sich nur einmal und nie wieder in dieser Art kombinieren, so ist jede Erscheinung eine Resultierende von ungezählten Einwirkungen, die alle gleich wichtig sind, da die Erscheinung etwas anderes sein müßte, als was sie ist, wenn nur eine einzige jener Einwirkungen fehlte oder anders geübt würde; giebt es dagegen keine Ursachen, so ist jede Erscheinung ein selbständiger Zufall und kann mit keiner andern Erscheinung verglichen, sondern muß an sich beurteilt und streng individuell angesehen werden. Das ist ein Dilemma, dem wir nicht entgehen können und aus welchem sich logisch ergiebt, daß das Schema in allen Fällen ein Fehler unseres Denkens ist und uns verhindert, die Erscheinungen so zu sehen und aufzufassen, wie sie wirklich sind; denn giebt es Ursachen, so verhüllt uns die Annahme eines schematischen Plans, also einer einzigen bestimmten Ursache, die Aussicht auf alle übrigen Ursachen, deren Ergebnis die individuelle Erscheinung ist, und giebt es keine Ursachen, so ist der vorausgesetzte schematische Plan überhaupt nur ein Traum, der mit der Erscheinung selbst nicht das Geringste gemein hat. Daran ist aber nichts zu ändern und wenn wir nicht annehmen wollen, daß unser Gehirn einen viel höhern Grad organischer Vollkommenheit erreichen und einst fähig sein wird, in seiner ganzen Ausdehnung mit gleicher Aufmerksamkeit zu arbeiten, so bleibt uns nichts übrig, als uns in das Notwendige zu fügen und in aller Zukunft an den Erscheinungen einen Zug deutlicher wahrzunehmen als die anderen, diesen einen Zug mit der ganzen Erscheinung zu verwechseln, ihm die anderen Züge zu opfern, ihn zum Range eines Schemas zu erheben und die Erscheinung als die Verwirklichung dieses Schemas aufzufassen. Jetzt bleibt uns noch übrig, eine letzte Eigentümlichkeit der menschlichen Denkarbeit zu betrachten. Wie fängt es der Geist an, um den vorausgesetzten idealen Plan zu ersinnen, als dessen Verwirklichung er die Erscheinung auffaßt? Er bedient sich bei diesem Geschäfte einer sehr einfachen Methode: er wiederholt den Zug, der als der auffallendste seine Aufmerksamkeit geweckt und sich seinem Gedächtnisse und Bewußtsein eingeprägt hat. Er konstruiert sich also das Würfelschema des Steinsalzkristalls, indem er die Bildungen, die ihm aufgefallen sind, also die gleichmäßigen Flächen und Kanten, wiederholt, bis sie eine geschlossene Figur geben. In dieser Weise vervollständigt der Geist unvollkommene gekrümmte Linien zu regelmäßigen, vollendeten Kreisen, verkümmerte Kristall-, Blumen- oder Blattbildungen zu schematischen Figuren u. s. w. Die Phantasie verhält sich den Sinneseindrücken gegenüber wie ein Kaleidoskop; sie wiederholt die an sich unregelmäßigen Erscheinungen, so daß sie eine regelmäßige Figur geben; denn Regelmäßigkeit ist ja nichts anderes als mehrmaliges Vorkommen derselben Erscheinung. Der Vorgang im Gehirn ist demnach folgender: eine Erscheinung wird durch Vermittelung der Sinne wahrgenommen und dem Gedächtnisse eingeprägt; am deutlichsten wird ein auffallender oder ein an sich nicht besonders hervorstechender, aber sich wiederholender Zug wahrgenommen und behalten, letzterer in der Weise, wie auf den GaltonschenFamilien-Photographien Die Galtonschen Familien-Photographien werden bekanntlich in der Weise hergestellt, daß gleichgroße Photographien der verschiedenen Familien-Mitglieder während einer gleich langen Zeitdauer nacheinander vor derselben befindlichen Platte ausgesetzt werden. Die Züge, die in mehreren oder allen Einzelphotographien identisch sind, haben eine sich wiederholende, also längere Einwirkung auf die empfindliche Platte als die Züge, die weniger häufig oder nur einmal vorkommen, und treten darum auf der Gesamt-Photographie stärker hervor. So entsteht ein Durchschnitts-Bild, das die allen oder den meisten Familiengliedern eigenen Züge am deutlichsten, die nur wenigen Mitgliedern oder nur einem einzigen zukommenden dagegen um so schwächer zeigt, je weniger häufig sie sich in der Familie wiederholen. diejenigen Züge, welche sich in den verschiedenen Gesichtern wiederholen, stärker hervortreten als die, welche individuelle Eigentümlichkeiten der einzelnen Gesichter sind und nur einmal vor der empfindlichen Platte erscheinen. Wenn das Urteil sich dann die Erscheinung zum Bewußtsein bringen, sich ihrer erinnern will, so liefert das Gedächtnis sie ihm in der Form, in der es sie behalten hat; das heiß, es giebt dem Bewußtsein bloß den hervorstechenden Zug oder denjenigen, der sich wegen seiner Wiederholung besser eingeprägt hat; um aus diesen Einzelzügen nun eine vollständige, allseitig begrenzte Erscheinung machen zu können, ergänzt die Phantasie sie derart, daß sie die vom Gedächtnis gegebenen Züge vervielfältigt, und bringt so eine kaleidoskopische und damit regelmäßige Figur zustande, die das Urteil kraft seines Hanges zur Annahme einer unsinnlichen Voraussetzung der sinnlichen Erscheinung sich gewöhnt, als das Schema oder den Plan zu betrachten, welcher der betreffenden Erscheinung zu Grunde liegt. Die dargestellten Bedingungen unserer Geistesthätigkeit machen es begreiflich, wie der Mensch zur Erfindung der Symmetrie gelangt ist. Unfähig, mit allen Teilen seines Gehirns zugleich aufmerksam zu sein, hat er von den Erscheinungen nur einzelne Züge wahrgenommen und behalten. Um sich später der Erscheinungen zu erinnern, hat er durch Vervielfachung dieser Einzelzüge die Lücken ergänzt, welche durch den Ausfall der nicht wahrgenommenen und darum auch nicht behaltenen übrigen Züge entstanden. Wenn er sie künstlich darstellte, so ahmte er nicht die wirkliche Erscheinung nach, sondern das kaleidoskopisch regelmäßige, aus Wiederholungen der wahrgenommenen Züge bestehende Bild, das er davon in seinem Bewußtsein hatte. Jedes symmetrische Menschenwerk ist also die Verwirklichung eines von der Phantasie ausgearbeiteten schematischen Erinnerungsbildes mangelhaft beobachteter natürlicher Erscheinungen. Es gehört den Anfängen menschlicher Kunstthätigkeit an. In dem Maße, in welchem der Mensch sich entwickelt, wird sein Geist größerer Aufmerksamkeit fähig; er nimmt mehr Elemente der Erscheinungen wahr; er prägt von ihnen seinem Gedächtnisse ein vollständigeres Bild ein; seine Phantasie hat weniger nötig, die fehlenden Teile durch Wiederholung der vorhandenen zu ersetzen. So sieht er die Dinge richtiger und genauer und wenn er sie künstlich darstellen will, so giebt er sie individueller und weniger schematisch wieder. Je oberflächlicher und flüchtiger die Betrachtung ist, um so symmetrischer ist die Erinnerung, die sie zurückläßt. Das ist für Einzelwesen wie für Völker und Rassen wahr. Die Symmetrie in der Kunst tritt in zurückgehenden Nationen und in Perioden des Verfalls auf. Blühende Perioden und aufstrebende Völker begnügen sich nicht mit dem Schema und der kaleidoskopischen Vervielfältigung einzelner Züge, sondern sind bestrebt, den individuellen Eigenheiten der Erscheinungen möglichst weit nachzugehen. Derselbe Hang des menschlichen Geistes, seine unvollständigen Vorstellungen durch Wiederholung ihrer in seinem Bewußtsein vorhandenen Bestandteile zu ergänzen, führt auch zu anderen psychologischen Erscheinungen als zu denen der Symmetrie; oder um genauer zu sein, er führt zu anderen als den stofflichen Anwendungen der letztern. Die Sagen vom Kaiser Rotbart, vom portugiesischen Dom Sebastian beruhen ebenfalls auf der menschlichen Neigung zur Symmetrie. Ein Teil des Lebens dieser Helden ist dem Volke bekannt und hat sich seinem Gedächtnisse eingeprägt; den andern Teil, das Ende, hat es nicht kennen gelernt oder vergessen; um nun von dem Leben kein unabgeschlossenes Bild zu behalten, ergänzt es das Fehlende durch Wiederholung des Vorhandenen und dichtet den Geschicken der Helden eine Fortsetzung an, welche in demselben Charakter gehalten ist wie der dem Volke bekannte Anfang. Diese Sagen sind also symmetrische Bildungen; sie sind Beweise, daß der Mensch das Schematisieren der Erscheinungen nicht auf sichtbare Formen beschränkt. Auf entwickelte und gesunde Geister wirkt die Symmetrie langweilig und unerfreulich, weil sie keinen Reiz zu regerer Geistesthätigkeit übt. Das Urteil will, so oft es eine Erscheinung wahrnimmt, ihr Bildungsgesetz komponieren, ihr ein Schema andichten; das ist zwar eine Unvollkommenheit, aber eine solche, an die das Urteil gewöhnt ist und die es nicht ohne Widerstreben aufgiebt. Die symmetrische Erscheinung läßt ihr keine derartige Arbeit übrig. An ihr ist nichts zu erraten, ihr ist nichts hinzuzudichten. Ihr Bildungsgesetz? Sie drückt es weitschweifig und pedantisch aus. Ihr Schema? Es ist mit ihr identisch und sie weicht nirgends davon ab. Da giebt es keine hervorstechenden Züge zu behalten und durch ihre Vervielfältigung ein unvollständiges Erinnerungsbild zu vervollständigen. Die symmetrische Erscheinung hat dies schon selbst für uns gethan. Sie ist die Stoff gewordene Verlegenheitsarbeit unserer Phantasie und darum für diese eine Beschämung. Aber natürlich machen dieselben Gründe, welche sie dem aufgeweckten Geiste verleiden, sie für die stumpfen und trägen Gehirne erfreulich. Wer nie eine Erscheinung mit genügender Aufmerksamkeit betrachtet hat, um alle oder doch viele Züge derselben wahrzunehmen und um zu erkennen, daß sie ganz eigenartig, nur sich selbst und keiner andern gleich sei, der findet in einem symmetrischen Menschenwerk genau das wieder, was er in der Natur hat sehen können. Seine Erinnerungsbilder sind aus Wiederholungen einzelner grober Züge gezimmert; in seinem Geiste spiegelt sich die Welt symmetrisch und schematisch ab. Es gewährt ihm eine Genugthuung, seine oberflächliche Wahrnehmung von dem symmetrischen Kunstgegenstande bestätigt zu sehen, und er empfindet diesen als ein Kompliment für seine Flüchtigkeit. Die Symmetrie wird darum immer das Schönheitsideal der Philister bleiben, die mit offenen Augen schlafen und jede Störung der dauernden Siesta ihres Gehirns verabscheuen. Wer aber kein geistiger Siebenschläfer ist, der wird das Symmetrische als eine Karikatur seiner eigenen fehlerhaften Denkgewohnheit betrachten und aus seinem Wahrnehmungsbereiche möglichst verbannen. Verallgemeinerung Wir hatten beim Schoppen Bier von einem gewissen Volke gesprochen und waren dazu gelangt, über seinen Charakter, seine leiblichen und geistigen Eigentümlichkeiten ein weites Urteil zu fällen. Da unterbrach einer von uns das Gespräch mit dem Einwande: »Hüten wir uns vor Verallgemeinerungen.« Die Mahnung wurde allseitig als berechtigt anerkannt und ich mochte an ihr keine Kritik üben. Was aber an einem Kneipabend nicht am Platze gewesen wäre, das ist in der Stille des Arbeitszimmers statthaft. Hüten wir uns vor Verallgemeinerungen! Die Forderung ist theoretisch unanfechtbar. Sie geht aus der Erkenntnis oder doch wenigstens der richtigen Empfindung hervor, daß eine Erscheinung uns über eine andere keine wirkliche, nur eine scheinbare Auskunft geben kann, daß die Erfahrungen, welche wir aus einer Erscheinung abgeleitet haben, auf keine andere, frühere oder spätere, volle Anwendung finden. Jedes Phänomen steht in der Wirklichkeit für sich allein da; es hat thatsächlich keinen sinnlich wahrnehmbaren Zusammenhang mit einem andern Phänomen und wenn es ihn zu haben scheint, so ist es, weil wir ihn in unserem Geiste künstlich herstellen. Um eine Erscheinung so aufzufassen wie sie ist, das heißt wie sie unseren Sinnen zugänglich ist, um ihr voll gerecht zu werden, um sicher zu sein, daß wir nur das wahrnehmen, was sich thatsächlich vor unseren Sinnen ereignet, müßten mir der Erscheinung gänzlich unbefangen, unwissend und ohne Vorurteil gegenüberstehen, das heißt wir müßten alles vergessen, was uns von früheren Erscheinungen bekannt geworden ist, wir müßten sorgfältig vermeiden, ein vorher empfangenes Bild mit dem neuen zu vermischen und der Erscheinung Züge und Beziehungen anzufügen, die nicht in ihr sind und die wir aus anderen Erscheinungen auf sie übertragen. Das wäre die unerläßliche Vorbedingung, um der Wahrheit so nahe zu kommen, wie unsere Organisation dies überhaupt möglich macht. Das wäre der Weg, um leidlich genau zu erfahren, was außerhalb unseres Ichs vorgeht, und um die Wirklichkeit auf uns wirken zu lassen, statt daß wir die Vorgänge in unserem Ich in die Wirklichkeit hinaus versetzen, diese mit den bunten Bildern der Zauberlaterne unseres Denkens bevölkern und dadurch ihren eigentlichen Inhalt überstrahlen und unsichtbar machen. Das, wie gesagt, ist die theoretische Forderung. Aber sie ist praktisch unerfüllbar. Die Bedingungen, unter denen unser unvollkommmer Denkapparat allein arbeiten kann, widersetzen sich dem. Wir haben im vorigen Kapitel das sehr zusammengesetzte Gefüge der Denkgewohnheit zerlegt, welche den Menschen zur Erfindung der Symmetrie führte. Wir haben gesehen, wie unser Geist, welcher wahrnimmt, daß die Erscheinungen immer auf einander folgen, sie in einen Zusammenhang bringt, in jeder die Ursache der folgenden, die Wirkung der vorausgegangenen sieht, und wie er dazu gelangt, die Ursache als etwas thatsächlich Vorhandenes, Wesenhaftes, von der Erscheinung Getrenntes sich vorzustehen, das von der Erscheinung nur teilweise und unvollkommen versinnlicht wird; wir haben ferner gesehen, daß das Urteil sich die unsinnliche Ursache, welche es sich als die notwendige Vorbedingung der Erscheinung vorstellt, aus Erinnerungsbildern vorher wahrgenommener Erscheinungen aufbaut und daß es die Erinnerungsbilder selbst durch Vervielfältigung einzelner Züge herstellt, welche die Aufmerksamkeit erweckt haben. Ganz dieselbe Denkgewohnheit führt mit Notwendigkeit auch zur Verallgemeinerung. Denn was ist Verallgemeinerung? Ein Schließen von Erfahrenem auf noch nicht Erfahrenes, von Bekanntem auf Unbekanntes, von Vergangenem und Gegenwärtigem auf Zukünftiges. Alles an dieser Handlung unseres Denkapparates ist willkürlich und fehlerhaft. Wir haben kein wirkliches Recht, vorauszusetzen, daß sich überhaupt neue Erscheinungen ereignen oder daß sie, wenn sie sich ereignen, den früheren ähnlich sein werden. Die Zukunft ist unserer Erfahrung unzugänglich. Wir haben nicht einmal einen einzigen Beweis, daß es überhaupt eine Zukunft geben wird, daß überhaupt unseren Sinneserfahrungen neue Erfahrungen folgen werden. Und dennoch zweifeln wir keinen Augenblick lang, daß morgen auch ein Tag ist und daß er ungefähr die Wiederholung des heutigen Tages sein wird. Wie kommen mir zu dieser Sicherheit? Ausschließlich durch unsere Denkgewohnheit. Weil bisher jeder Wahrnehmung immer eine neue Wahrnehmung gefolgt ist, hat sich unser Geist an die Vorstellung gewöhnt, daß dies immer so sein werde und sein müsse, und wenn er die Leere der unbekannten und unkennbaren Zukunft ausfüllen will, so stattet er sie mit Erinnerungsbildern, das heißt mit Wiederholungen früher wahrgenommener Ereignisse aus. »Vom heut'gen Tag, von heut'ger Nacht Verlange nichts, Als was die gestrigen gebracht« sagt Goethe im West-östlichen Divan. Die Mahnung ist tiefsinnig, aber im Grunde überflüssig. Denn selbst wenn wir wollten, könnten wir vom Heute und nun gar vom Morgen nichts verlangen als was uns das Gestern gebracht hat; wir kennen und wissen nichts anderes, als was wir bereits erfahren haben, und was mir Zukunft nennen, ist nichts als ein Spiegelbild der Vergangenheit, welches mir infolge einer Sehtäuschung unseres Denkens vor uns zu erblicken glauben, während es tatsächlich hinter uns liegt. Es ist wahr, unsere willkürlichen und fehlerhaften Annahmen haben sich bis jetzt immer verwirklicht. Wenn unsere Vorfahren sicher darauf rechneten, daß es eine Zukunft geben werde, so haben sie sich nicht getäuscht, denn ein Teil dieser Zukunft ist seitdem Gegenwart und Vergangenheit, eine Reihe ihrer auf keiner Wahrnehmung beruhenden Voraussagungen Sinneserfahrung geworden. Die Ereignisse treten in der Weise ein, wie wir es vermuten, und das vorausgeworfene Spiegelbild des Geschehenen wird leibhaft. Aber das beweist nicht, daß wir Recht haben. Es war und ist immer nur ein wildes Raten, mit dem wir Glück hatten. Einen überzeugenden und zuverlässigen direkten Beweis dafür, daß es auch ferner, daß es immer so sein werde, können wir nicht anführen. Unsere in organischer Mangelhaftigkeit des Denkapparats wurzelnde Geistesgewohnheit der Verallgemeinerung liegt aller Welterkenntnis, allen Naturgesetzen zu Grunde. Diese sind deshalb nichts anderes als Selbsttäuschungen. Denn in Wirklichkeit haben wir vom Wesen der Welterscheinung nicht die leiseste Kenntnis und wir begreifen nicht ein einziges der sogenannten Naturgesetze. Oder kann von Begreifen die Rede sein, wenn wir nicht einmal imstande sind, zu einer Sicherheit darüber zu gelangen, ob die Erscheinungen einen Grund haben? Gäbe es keinen Grund, so könnte es auch keine Gesetze geben, sondern nur Zufälle, die sich wiederholen, wir wissen nicht wie. Angenommen aber, es giebt einen Grund und man kann ihn in Form eines Gesetzes ausdrücken, welches ist dieser Grund und wie lautet das Gesetz, welches ihn nennt und sein Wirken darstellt? Es giebt den lebenden Menschen nicht, der auf diese Frage eine vernünftige Antwort hätte. Wenn wir dennoch von Naturgesetzen sprechen, so ist das ein gefälliges Spiel mit Worten, das wir erfunden haben, um uns über die unleidliche, langweilige Öde unserer Unwissenheit hinwegzuhelfen. Das, was wir ein Naturgesetz nennen, ist einfach die Feststellung, daß gewisse Erscheinungen sich immer ereignet haben; aber es erklärt weder, wie dies geschah, noch schließt es einen Beweis in sich, daß dieselben Erscheinungen sich immer ereignen werden. Wir sagen: es ist ein Naturgesetz, daß die Körper einander anziehen, und zwar steht die Stärke der Anziehung in geradem Verhältnisse zur Masse der Körper und in umgekehrt quadratischem zu ihrer Entfernung. Das ist falsch. Richtig wäre es, zu sagen: man hat bisher stets beobachtet, daß die Körper einander angezogen haben und zwar in geradem Verhältnisse zu ihrer Masse und in umgekehrt quadratischem zu ihrer Entfernung. Eine Erklärung der Beobachtungsthatsache giebt das angebliche Gesetz nicht; es ist nur eine wichtigthuende Art, sie auszudrücken. Die mathematischen Formeln sind ja auch keine Erklärungen mechanischer Erscheinungen, sondern bloß Umschreibungen derselben in einer besondern Sprache. So giebt der komische Arzt in Molière Geronte, der ihn fragt, weshalb seine Tochter stumm sei, die Auskunft: »Sie ist ihrer Sprache beraubt und das ist der Grund, weshalb Ihre Tochter stumm ist.« Ein Gesetz ist ein Befehl, der eine Handlung oder Enthaltung vorschreibt. Die Naturgesetze, das heißt das, was wir so nennen, sind Befehle, welche wir erteilen, nachdem wir gesehen haben, daß die betreffende Handlung oder Enthaltung stattgefunden hat. Wir finden es natürlich, daß die Erscheinungen, die wir stets beobachtet haben, sich immer wiederholen, und würden uns überaus wundern, wenn sie nicht mehr vorkämen und durch andere, abweichend geartete ersetzt würden. Dies zeigt wieder, wie unvernünftig unsere Denkgewohnheit ist. Wenn wir logisch wären, so müßten wir uns gerade über die Wiederholungen verwundern und die Abweichungen natürlich finden, wir müßten über die Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen stets von neuem staunen und nur bei der Regellosigkeit gleichmütig bleiben. Denn unsere Sinne lehren uns, daß die Erscheinungen selbständig und für sich abgegrenzt sind und keinen wahrnehmbaren Zusammenhang miteinander haben; da wäre es dann viel natürlicher und vernünftiger, daß jede Erscheinung eine neue und eigenartige Sinneserfahrung veranlaßte, als daß sie frühere Erfahrungen erneuerte und vertiefte. Da jede Erscheinung etwas Individuelles ist, wie kommt es dann, daß sie mit anderen eine gewisse Ähnlichkeit hat? Das Naturgesetz, das heißt die prätentiöse Feststellung der Thatsache, daß sich die Erscheinungen wiederholen, ist nicht die Erklärung derselben, sondern ihr Geheimnis. Als kleiner Junge habe ich ein Spiel gekannt und geübt, das mir damals recht anregend schien. Es bestand darin, daß ich oder ein Altersgenosse auf ein weißes Blatt Papier willkürliche Punkte hinsetzte und der andere dann diese Punkte durch Linien so verband, daß vernünftige Figuren entstanden. Einer meiner kleinen Kameraden zeichnete sich in dieser Übung besonders aus. Wenn ich die Punkte noch so boshaft und toll hinsetzte, einen ganzen Schwarm in eine Ecke und nichts in die anderen, oder einen Wirbel, oder eine Anzahl Punkte in gleichmäßigen Abständen, er brachte es immer fertig, daß mit seinen Verbindungslinien irgend etwas herauskam, was einen Sinn hatte, einmal ein Löwe, ein andermal ein Haus oder eine ganze Schlacht mit den merkwürdigsten Zwischenfällen. Ja er trieb die Kunst so weit, daß er die Punkte mit verschiedenfarbigen Tinten in verschiedener Weise verband und sie zugleich zu einem roten Hunde, einer blauen Schwalbe, einem grünen Kehrbesen und einer gelben Alpenlandschaft anordnete. Unsere ganze Weltanschauung ist nichts anderes als dasselbe Spiel im Großen und mit tragischem Ernste geübt. Die Erscheinungen, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, sind die gegebenen Punkte. Sie stellen nichts Vernünftiges vor und lassen keinen verständlichen Zusammenhang erkennen. Sie sind das Chaos und der Tumult. Wir aber ziehen geduldig und kunstvoll Linien von einem Punkte zum andern und siehe da, es entstehen Figuren, die etwas Bekanntem ähnlich sehen. Wer nicht weiß, wie es gemacht wird, der könnte glauben, die Figuren seien auf dem Papiere gegeben, durch die Punkte bereits vorgezeichnet gewesen. Man muß ihm dann erst zeigen, daß das, was aus den Punkten erst Figuren macht, von der Menschenhand hinzugefügt ist und daß der Punkt auf dem Papier stand, rätselhaft und undeutbar, ein Selbstzweck, ehe ihn die Linie mit seinem Nachbar verknüpfte und dienend in den Umriß einer im Kopfe des spielenden Knaben entstandenen Gestalt einfügte. Die Philosophie thut sogar, was mein Spielgefährte gethan hat, sie verbindet mit verschiedenfarbiger Tinte dieselben gegebenen Punkte zu den verschiedensten Gestalten und jede Weltanschauung, jedes System giebt von denselben rätselhaften und undeutbaren Erfahrungs-Thatsachen ein anderes Zusammenhangs-Bild und wenn man mich dazu zwingt, so werde ich mich herbeilassen, jedes System und jede Weltanschauung gleich berechtigt, das heißt gleich willkürlich und subjektiv, nur mehr oder weniger hübsch und geschickt zu finden. Die Namen, die wir für unsere willkürlichen Verallgemeinerungen ausgesonnen haben, klingen gut und treten mit vertrauenerweckendem Aussehen auf. Wir sprechen von Hypothesen, von Naturgesetzen. Was ist eine Hypothese? Eine Linie, die wir von einem gegebenen Punkte aus in beliebiger Richtung ziehen. Was ist ein Naturgesetz? Eine Linie, welche zwei gegebene Punkte verbindet und in derselben Richtung weiter hinaus verlängert ist, ins Unbekannte, ins Unendliche. Eine einzige beobachtete Thatsache genügt uns, um sie zu einer Hypothese zu verallgemeinern, die nicht bewiesen und nicht widerlegt werden kann und die aus dem festen Mittelpunkte nach allen Richtungen der Windrose laufen mag, wie es der Phantasie des Verallgemeiners beliebt; zwei beobachtete Thatsachen, zwischen denen wir eine Ähnlichkeit wahrnehmen, sind ausreichend, um sie in der Form eines Gesetzes auszudrücken, von dem wir annehmen, daß es nachfolgende Erscheinungen bis ins Unendliche bestimmen wird. Es ist immer das Spiel meiner Kindheit, die Verbindung selbständiger Punkte zu zusammenhängenden Figuren! Und doch – es hilft nichts, wir können der Verallgemeinerung nicht entbehren. Wir wissen, daß sie willkürlich und unberechtigt ist. Wir wissen, daß sie uns täuscht, daß sie für Zukunft ausgiebt, was Vergangenheit, und für Erraten, was Erinnern ist, daß sie als Erfahrung hinstellt, was Zusammenstoppelungs-Arbeit der Einbildungskraft ist, aber unsere organische Unvollkommenheit zwingt uns dennoch, uns ihrer unausgesetzt zu bedienen, und mir müssen sogar anerkennen, daß sie vielleicht die Grundbedingung aller Erkenntnis ist, jedenfalls aber diese erleichtert. Jede Wahrnehmung wird dem Bewußtsein deutlicher, wenn sie an Erinnerungen anknüpft und diese wachruft. Wenn wir einen Gegenstand wiederholt gesehen und seine Erscheinung unserem Gedächtnisse eingeprägt haben, so daß wir ihn uns bei geschlossenen Augen vorstellen können, so brauchen wir ihn nur ganz kurz und flüchtig zu erblicken, um ihn sofort mit der größten Deutlichkeit wahrzunehmen, während wir einen andern Gegenstand, der uns unbekannt wäre, viel schärfer und näher sehen und viel länger betrachten müßten, um von ihm ein annähernd ebenso deutliches Bild zu erhalten. Deshalb lesen wir unsere eigene Sprache leicht und schnell, eine fremde, uns unbekannte Sprache dagegen viel schwerer und langsamer, obwohl sie uns in denselben Lettern und unter denselben Bedingungen von Druck, Papier, Beleuchtung und Abstand vom Auge entgegentritt. Deshalb erkennen wir einen Freund auf eine Entfernung, in welcher mir noch kaum die Züge eines Unbekannten unterscheiden könnten. Wundt ist es, der in seiner Logik diese Thatsachen vortrefflich darstellt und sie als eine der Bedingungen der Gedanken-Gesellung auffaßt. Wir bekommen eben von den wenigsten Erscheinungen bei unserer ersten Begegnung mit ihnen einen klaren Sinneseindruck, der hinreicht, um dem Bewußtsein eine scharfe Vorstellung von ihnen zu geben. Wir müssen sie wiederholt wahrnehmen und dem Gedächtnis einprägen. Was wir von ihnen dann sehen oder hören, das sind weit weniger sie selbst als die Erinnerungsbilder, die sie im Gedächtnis heraufbeschwören. Das ist so wahr, daß unserem Denkapparate oft genug allerlei Verwechselungen widerfahren. Wir lesen z. B. eine Anführung in einer uns ganz vertrauten fremden Sprache inmitten eines deutschen Textes und glauben auch die Anführung deutsch zu sehen. Da steht »sunt denique fines« und ich lese in Gedanken: »Es hat Alles seine Grenze!« Die lateinischen Wörter werden vom Auge nur flüchtig gesehen und das Bewußtsein nimmt nicht ihre wirkliche Form wahr, sondern nur das Erinnerungsbild ihres Sinnes, das der optische Eindruck im Gedächtnis geweckt hat. Durch diesen Mechanismus erklärt es sich, daß die Verallgemeinerung uns manchmal die Wahrnehmung der Erscheinungen erleichtert. Wir behalten von einer wahrgenommenen Erscheinung ein Bild im Gedächtnisse; wir gestalten dieses Erinnerungsbild zu einem Schema oder Gesetze aus; wenn dann auch nur ein Zipfel einer ähnlichen Erscheinung vor unseren Sinnen auftaucht, so genügt das, um das Erinnerungsbild im Bewußtsein heraufzubeschwören und uns die ganze Erscheinung wahrnehmen zu lassen. Gewiß ist dieser Vorgang nicht eine Erleichterung allein, sondern auch zugleich eine Fehlerquelle. Denn er macht, daß wir »Es hat Alles seine Grenze« vor uns zu sehen glauben, während tatsächlich »sunt denique fines« dasteht; daß wir unserem inneren Schema mehr Aufmerksamkeit schenken als der äußern Erscheinung. Aber andererseits würden zahllose Erscheinungen, die wir auf diese Weise doch mindestens mangelhaft und verfälscht wahrnehmen, ganz unbemerkt an uns vorübergehen, wenn wir nicht schon ein schematiches Bild von ihnen im Geiste hätten. Wir können ohne Übertreibung sagen: wir sehen in der Regel nur, was wir schon gesehen haben und zu sehen erwarten. Sowie wir eine Erscheinung, die uns genugsam aufgefallen ist, um unsere Aufmerksamkeit zu erwecken, zu einer Hypothese oder einem Gesetze verallgemeinert haben, fällt uns plötzlich eine Fülle von Thatsachen in die Augen, die bis dahin vollkommen unbemerkt geblieben sind. Davaine und Villemain bemerken, daß im Blute von Tieren, die am Milzbrand erkrankt sind, mikroskopische Organismen auftreten und daß die Tuberkulose mit den Auswurfstoffen von einem Tiere auf das andere übertragen werden kann. Es vergehen keine zehn Jahre und man hat in fünfzehn oder sechzehn Tier- und Menschenkrankheiten und in etwa einem Dutzend außerhalb des Organismus vor sich gehender Gärungsprozesse Spaltpilze gefunden, welche dieselben veranlassen. Ein Arzt beobachtet eine neue Krankheit, die vor ihm nie gesehen oder beschrieben worden ist. In wenigen Monaten berichten hundert andere Ärzte über Fälle der neuen Krankheit, die ihnen in der kurzen Zeit vorgekommen sind. Heidenhain findet, daß man gewisse empfindliche Individuen in einen seltsamen Zustand versetzen kann, den er Hypnotismus nennt. Heute, wenige Jahre später, wissen wir, daß ungefähr jeder vierte Mensch hypnotisierbar ist, und auf Schritt und Tritt stolpern wir förmlich über hypnotische Erscheinungen. Haben diese früher nicht bestanden? Gewiß. Aber wir haben sie nicht wahrgenommen. Warum? Weil wir nicht schon im voraus ein Bild von ihnen im Geiste hatten. Das ist der Wert der Verallgemeinerung. Indem wir von einer sinnlich wahrgenommenen Thatsache auf eine andere, die wir noch nicht erfahren haben, schließen, beschwören wir diese thatsächlich vor uns herauf. Die Erscheinungen umwimmeln uns, aber sie tragen Tarnkappen, die sie uns unsichtbar machen. Durch die Hypothese reißen wir ihnen die Tarnkappe vom Haupte. Das Naturgesetz ist ein Vorstehhund, mit dem wir die listig verborgene Erscheinung aufspüren. Die Gefahr ist nur, daß unser Hund vor einem schlafenden Hirten vorsteht, wenn wir auf Rebhühner pürschen. Das widerfährt manchmal selbst den besten englischen Hühnerhunden. Die meisten Menschen sind ungenaue Beobachter, weil sie keines genügend hohen Grades von Aufmerksamkeit fähig sind. Sie sehen deshalb auch nur, was sie sehen wollen. Sowie darum eine Hypothese auftaucht, bauen sie sich mit Hilfe derselben im Bewußtsein ein Bild von Erscheinungen auf und übertragen dieses auf alles, was ihnen vor die Augen kommt, so daß sie überall nur noch Thatsachen sehen, die zu ihrer Hypothese zu passen scheinen. Es giebt einen einfachen Versuch, den jeder wiederholen kann. Man zeichne auf ein Blatt Papier oder eine Schiefertafel vier gleichlange und möglichst genau gleich stark aufgetragene Linien in der Weise, daß sie sich sämtlich im Mittelpunkte rechtwinkelig schneiden und ein lateinisches (gerades) und ein Andreas- (liegendes) Kreuz bilden. Diese Figur betrachte man mit der vorgefaßten Vorstellung, daß man in ihr hauptsächlich eins der beiden Kreuze, entweder das gerade oder das liegende sehe. Man wird thatsächlich das Kreuz, das man sehen will, stark hervor-, das andere, das doch gleich deutlich gezeichnet ist, zurücktreten, blasser und schmaler und zu einem bescheidenen Anhängsel des ersten werden sehen. Eine falsche Hypothese, die Mode wird, schafft sich ihr Beweismaterial haufenweise herbei und herrscht auf einem festen Unterbau angeblich mit den Sinnen wahrgenommener Thatsachen Jahrzehnte und Jahrhunderte lang, bis ein stärkeres Gehirn kommt, das größerer Aufmerksamkeit fähig ist, die Erscheinungen mehr mit den Sinnen als mit dem fertigen Erinnerungsbilde seines Bewußtseins beobachtet und herausfindet, daß die Erscheinungen sich mit der Hypothese nicht decken. Ich kann mir bei diesem Sachverhalte nichts Erstaunlicheres denken, als daß die Philosophen sich Jahrhunderte lang darüber herumzanken konnten, ob die induktive oder die deduktive Methode die vorzüglichere sei. Die Induktion soll darin bestehen, daß man die Thatsachen vorurteilslos beobachtet und aus ihnen ein Gesetz ableitet, die Deduktion darin, daß man sich im Geiste ein Gesetz ausdenkt und es dann schlecht und recht auf die Thatsachen anwendet. Bacon von Berulam gilt als der Vater der übrigens schon von Aristoteles geübten Induktion, die scholastischen Philosophen des Mittelalters sieht man als die besten Beispiele deduktiver Denker an, obwohl eigentlich das erste Beispiel wissenschaftlicher Deduktion in der pythagoräischen Komposition der Welterscheinung nach vorgefaßten Zahlenvorstellungen zu sehen sein dürfte. Aber im Grunde genommen handelt es sich ja da bloß um ein eitles Spiel mit Worten, die ganz dasselbe bedeuten! Wie kommt man zu einer Deduktion, das heißt zu einer verallgemeinernden Vorstellung von den Dingen? Offenbar nur durch einen Sinneseindruck von den Dingen, wenn auch durch einen flüchtigen; durch eine Beobachtung der Dinge, wenn auch durch eine ungenaue. Die wildesten Begriffe, die man sich von den Erscheinungen macht, können nur entstehen, wenn man die Erscheinungen wahrgenommen hat. Sie sind also Induktionen, nichts als Induktionen. So ist selbst die pythagoräische Vorstellung von der Rolle der Drei, Sieben und Zehn aus der sinnlichen Wahrnehmung der drei Dimensionen, der Mondphasen und der Finger abgeleitet. Und was ist Induktion? Die Ableitung eines Begriffs von einem Sinneseindrucke. Die Verarbeitung einer wirklich wahrgenommenen Thatsache zu einem Schema, einer Verallgemeinerung, einer fertigen Vorstellung, mit welcher der Geist an alle ähnlichen künftigen Thatsachen herantreten wird. Diese fertige Vorstellung, die wir noch vor dem neuen Sinneseindruck in uns haben, die nicht von der individuellen Erscheinung, sondern von einer andern, ihr vorausgegangenen abgeleitet ist, mit der sie thatsächlich nicht das geringste gemein hat, ist Deduktion, nichts als Deduktion. Laßt mich also mit eurem Kauderwälsch zufrieden, denn es bedeutet nichts. All unser Denken ist immer zugleich Induktion und Deduktion; es beginnt mit Sinneseindrücken und Wahrnehmungen, also mit Induktion, und es schreitet zu deren Verallgemeinerung, zu ihrer Verarbeitung in von da ab vorbestehende Begriffe vor, also zur Deduktion. Der Astronom, der auf Grund des Newtonschen Anziehungsgesetzes eine Planetenbahn ausrechnet, und der Kongoneger, der überzeugt ist, daß die Europäer auf dem Meeresgrunde wohnen und von demselben auftauchen, um zu ihm zu kommen, weil er von den anlangenden Schiffen zuerst die Mastspitzen, dann allmählich die tieferen Teile am Horizonte aufsteigen und die sich entfernenden Schiffe in umgekehrter Ordnung nach und nach bis zu den Mastspitzen verschwinden sieht, üben ganz dieselbe zugleich induktive und deduktive Geistesthätigkeit. Beide beobachten Erscheinungen und leiten von ihnen eine Hypothese ab. Beide fügen den sinnlich wahrnehmbaren Thatsachen Züge hinzu, die ihnen in Wirklichkeit nicht eigen sind, die sie an ihnen nicht thatsächlich wahrgenommen haben, die nur in ihrer Einbildungskraft existieren. Wir sagen allerdings: der Astronom hat Recht und der Kongoneger hat Unrecht. Was ist aber unser Kriterium? Die Hypothese, mit welcher der Astronom arbeitet, stimmt zu allen Thatsachen, die wir kennen, diejenige des Kongonegers thut dies nicht. Wüßte der Letztere, daß der Europäer ganz so beschaffen ist wie er selbst und nicht am Grunde des Meeres leben kann; wüßte er ferner, daß die Erde rund ist und ihre Krümmung ihm allmählich den Anblick des sich entfernenden Schiffes entzieht; oder wäre er endlich einmal selbst nach Europa gekommen, so sähe er ein, daß er sich irrt, und er würde für die Erscheinung des allmählichen Verschwindens der Seeschiffe von unten an und ihres allmählichen Sichtbarwerdens von oben an eine andere Hypothese finden. Und wer weiß, ob uns die Hypothese des Astronomen nicht bloß darum genügt, das heißt wahr scheint, weil wir die Thatsachen nicht kennen, die ihr widersprechen. Wer weiß, ob mir sie nicht aufgeben müßten, wenn sich unsere Kenntnis von Thatsachen erweitern würde! Wer weiß, ob nicht einst besser unterrichtete Menschen alle unsere heutigen Hypothesen so belächeln werden, wie wir heute die des Kongonegers belächeln, trotzdem sie mit derselben Methode erdacht ist wie die von der Anziehungskraft, trotzdem sie ebenfalls auf der Beobachtung einer sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung beruht, nämlich des Versinkens fortsegelnder Schiffe im Meere und des Aufsteigens der ankommenden aus demselben, trotzdem sie also wirkliche Induktion ist. Die Methode des Denkens ist bei allen Menschen dieselbe, bei den Kongo-, ja bei den Australnegern ganz so wie bei einem Universitätsprofessor der Naturwissenschaften. Das, was allein einen Unterschied zwischen ihnen macht, das ist die Menge der ihnen bekannten Thatsachen und die Fähigkeit der genauen Beobachtung, das heißt der Aufmerksamkeit, die wieder der Ausdruck größerer und geringerer Entwickelung des Gehirns ist. Je aufmerksamer wir zu sein vermögen, um so genauer werden wir die Erscheinungen wahrnehmen; je mehr Thatsachen wir kennen, um so leichter werden wir es vermeiden, ihnen Züge anzudichten, deren Unrichtigkeit und Unmöglichkeit durch andere Thatsachen bewiesen wird. Aber wir alle haben den Drang, die von uns wahrgenommene einzelne Erscheinung zu verallgemeinern, sie mit anderen zu verknüpfen, mit denen kein sinnlich wahrnehmbarer Zusammenhang sie verbindet, und ihnen Züge anzufügen, die nicht in ihnen liegen. Diese Denkgewohnheit, eine Folge unserer organischen Unvollkommenheit, ist die Quelle aller unserer Irrtümer. Ließen wir die Erscheinungen auf unsere Sinne wirken, ohne ihnen mit fertigen Erinnerungsbildern anderer, vorausgegangener, ihnen mehr oder weniger oberflächlich ähnlicher Erscheinungen entgegenzukommen, wir könnten unwissend sein, aber uns nicht irren; wir könnten Thatsachen übersehen oder unvollkommen wahrnehmen, aber sie nicht falsch deuten; mir hätten in unserem Bewußtsein vielleicht wenig Vorstellungen, aber keine unrichtigen; denn der Irrtum ist nie die Wahrnehmung, sondern die Deutung, diese aber ist das, was nicht in der Erscheinung liegt, sondern was wir ihr aus eigenen Mitteln hinzufügen, was nicht die Sinne dem Gehirn mitteilen, sondern was das Gehirn den Sinnen weismacht. Wir halten aber auf unsere fehlerhafte Denkgewohnheit, denn sie giebt uns ein angenehmes Gefühl des geistigen Reichtums, indem sie unser Bewußtsein mit einem Gedränge von Vorstellungen erfüllt, die durch keinen ihnen angeborenen Zug erraten lassen, ob sie richtig oder unrichtig, Schemen oder Wirklichkeiten sind. Ein Irländer, den sein ganzes Dorf als Bettler kannte, kam eines Tages in die Kneipe und ließ sich einen Schweinebraten und viel Whisky vorsetzen. Als ihm der Wirt seine Verwunderung über diese Üppigkeit ausdrückte, sagte Paddy stolz: »Ein Mann, der ungefähr hundert Pfund Jahreseinkommen hat, kann sich das erlauben.« »Wie, du hättest hundert Pfund Einkommen?« »Gewiß, ein englischer Herr, dem ich den Handkoffer zum Bahnhof trug, schenkte mir fünf Schilling, und fünf Schilling auf den Tag machen gegen hundert Pfund auf das Jahr.« Jedesmal, wenn wir eine Wahrnehmung verallgemeinern, ahmen wir den Paddy dieser Anekdote nach und es könnte wohl sein, daß unser Reichtum an Erkenntnis den hundert Pfund Jahreseinkommen dieses zugleich induktiven und deduktiven Irländers gleichwertig sei. Wo ist die Wahrheit? Zufällig kam ich eines Abends in einem Salon neben eine Dame aus den sogenannten »höheren Finanzkreisen« zu sitzen. Da die Notwendigkeit bestand, mit ihr eine Unterhaltung zu führen, so mußte ich natürlich von den Dingen sprechen, die sie interessieren konnten. Alsbald waren wir bei ihrer letzten Badereise angelangt und sie erzählte mit Entzücken, wie herrlich es in Trouville gewesen sei, wo sie des Tags verblüffende Toiletten ausgestellt und die Nächte durch im Kasino Baccara gespielt habe. Ich wagte die Frage, ob sie sich nicht vorzustellen vermöchte, daß man sein Leben besser ausfüllen könne. »Nein,« erwiderte sie sehr bestimmt; »wenn man thut, was Einem volle und ganze Freude macht, so hat man das Richtige gethan.« »Und glauben Sie nicht,« fragte ich weiter, »daß die Leute zu beklagen sind, denen Toiletten und Baccaranächte volle und ganze Freude machen?« Die Bemerkung war zweifelsohne impertinent. Ich erhielt die spitze Antwort: »Mein Gott, es kann doch nicht jeder Bücher schreiben.« »Richtig. Aber ist nicht vielleicht Bücherschreiben eine würdigere und höhere Beschäftigung als Toilettenausstellen und Baccaraspielen?« »Durchaus nicht. Das Eine ist nicht besser als das Andere. Jenes amüsiert die Einen, dieses die Anderen. Einen Unterschied sehe ich nicht.« »Die Mehrheit der Menschen ist doch wohl nicht dieser Ansicht?« »Das weiß ich nicht. Und darum kümmere ich mich übrigens auch nicht. In meiner Welt denkt man gewiß so wie ich und die anderen Leute sind mir gleichgiltig.« »Die besten und bedeutendsten Menschen stellen aber geistige Beschäftigung über Spiel und Tand und der Bücherschreiber ist im Staate und in der Gesellschaft angesehener als der Baccaraspieler und der Aufhisser glänzender Toiletten.« »Finden Sie?« sagte sie mit unnachahmlicher Betonung, »ich habe das nie bemerkt. Wo ich noch hingekommen bin, da haben die, welche sie die Baccaraspieler und Aufhisser glänzender Toiletten nennen, mehr Beachtung und Ehren gehabt als die Bücherschreiber.« Ich war so gründlich geschlagen, wie man es nur sein kann, und hatte meine Niederlage einzugestehen. Da standen also zwei Ansichten einander gegenüber und jede hielt sich ehrlich für die allein richtige und keine vermochte die andere zu Verdrängen. Für die eine Überzeugung bestanden die Gründe der andern einfach nicht und keiner der Gründe hatte ein unwiderstehliches Merkmal absoluter Richtigkeit und Geltung in sich, das jeden Menschengeist zwingen konnte, ihn als Wahrheit und alles, was ihm widerspricht, als Irrtum zu begreifen. Ich kenne eine Frau, die häßlich und sogar mit einem Gebrechen behaftet ist (sie hinkt nämlich) und deren Verstand um einige Gänsekopflängen hinter dem eines begabteren Pudels zurücksteht. Sie liebt aber die Gesellschaft der Männer und weiß deren Artigkeit durch rückhaltloses Entgegenkommen herauszufordern. Man merkt natürlich sofort, daß ihr Komplimente angenehm sind und daß sie dieselben in jeder Stärke vertragen kann, und da Komplimente heute noch billiger sind als Brombeeren zur Zeit Falstaffs, so macht man ihr deren so viel sie nur will. Die Frau ist jetzt nahe an die Vierzig und sie hat in ihrem Leben noch keine anderen als glückliche Stunden gehabt. Sie ist fest überzeugt, daß sie die schönste, geistreichste und anmutigste Verkörperung der Weiblichkeit ist; daß jeder Mann, der sie erblickt, sich sterblich in sie verliebt; daß ihr Gebrechen selbst ihre Unwiderstehlichkeit erhöht. Alle Männer sagen es ihr, weil sie verlangt, daß man es ihr sage, und sie glaubt es. Eine abweichende Meinung hat sie nie gehört. Wenn Frauen das Entzücken und die Bewunderung der Männer nicht teilen, so stört sie das in ihrem Selbstbewußtsein nicht im Geringsten; denn die Frauen sind eben ihre Feindinnen, weil sie sie beneiden. Niemand wird ihr je verraten, daß alle Männer sich ihr Lebelang über sie lustig gemacht haben, und auf ihrem Sterbebette wird sie sich sagen: »Mein Leben war ein einziger, endloser, unvergleichlicher Triumph und mit mir stirbt das Weib, das alle männlichen Zeitgenossen für das schönste, geistreichste und anmutigste der Generation erklärt haben.« Das wird ihr volle und absolute Wahrheit dünken und nichts wird in ihr auch nur den leisesten Zweifel wachrufen, ob sie nicht vielleicht doch das Opfer einer Täuschung gewesen sei. Im Februar 1881 kamen in Paris einige junge Leute, Mitarbeiter eines Winkelblättchens, auf den Einfall, sich wichtig und von sich reden zu machen. Sie beschlossen, für Viktor Hugo eine »nationale Apotheose« zu veranstalten. Sie begannen damit, daß sie sich zu einem »Viktor-Hugo-Feier Komitee« verbanden und zahlreiche wirklich hervorragende Persönlichkeiten – natürlich ohne sie vorher zu befragen – zu Mitgliedern desselben Komitees ernannten. Die stattliche Namensliste erschien in allen Zeitungen. Diese wagten es nicht, die Reklame-Notizen zurückzuweisen, mit denen sie von da an durch vier Wochen täglich überschwemmt wurden; denn wer will sich nachsagen lassen, daß er kein Patriot sei und für eine nationale Glorie kein Herz habe? Dem Publikum wurde weisgemacht, es handle sich um eine Kundgebung, deren Gedanke von selbst in hunderttausend Köpfen entstanden sei; die Behörden wurden gezwungen, an den Veranstaltungen teilzunehmen; die Bewegung riß sogar im Auslande naive oder reklamesüchtige Leute mit sich fort, welche die Gelegenheit benutzten, um in Pariser Zeitungen ihren Namen gedruckt zu sehen. An dem dafür anberaumten Tage kam die große Kundgebung zu stande. Etwa fünfzehntausend Menschen zogen an Viktor Hugos Hause vorüber; darunter waren etwa zweitausend fliegende Händler mit Schaumünzen, Bändchen, Gedichten und dergleichen, die ein Geschäftchen machen wollten; gegen zehntausend Neugierige, die sich den Ulk ansahen und von denen übrigens schwerlich die Hälfte einen einzigen Band der Werke Viktor Hugos gelesen hatte; endlich vielleicht dreitausend harmlose, überzeugte Gemüter, die sich wirklich in einen Begeisterungsdusel hatten hetzen lassen. Am nächsten Morgen las man in allen Pariser Zeitungen, daß fünfmalhunderttausend Personen jubelnd und verzückt Viktor Hugo begrüßt hatten, daß Paris eine in der Weltgeschichte einzig dastehende Feier erlebt und die ganze gesittete Menschheit sich mit Frankreich verbunden hatte, um dem größten Dichter des Jahrhunderts einen Triumph zu bereiten, wie er noch keinem Sterblichen zu teil geworden. Die ausländischen Blätter druckten das nach, die Legende verbreitete sich über das ganze Erdenrund und gilt heute überall, sogar in Paris selbst, als unanfechtbare Thatsache. Künftige Sittengeschichtschreiber werden sie verzeichnen und beim angestrengtesten Suchen in den zeitgenössischen Quellen nichts finden, was sie auf das Bedenken bringen könnte, ob sich alles auch wirklich so verhalten habe, wie es in der Presse beider Welten erzählt ist? So ist es mit der Wahrheit bestellt, wenn es sich um ein Ereignis handelt, das vor vielen tausend Augenzeugen vor sich ging. Geht es denn aber mit anderen als solchen flüchtigen Erscheinungen besser? Was wissen wir von all den natürlichen Verhältnissen, in deren Mitte wir leben? Die scheinbar einfachsten Thatsachen sind unsicher, die Gesetze, die für die festesten und bestgegründeten gelten, schwanken gefährlich unter dem Fuße der Forscher, nur die Halbgebildeten, welche ihre Kenntnisse gläubig und ohne Mißtrauen aus der Hand ungenauer Zusammenstoppler und Vulgarisatoren empfangen, glauben zuverlässige und unangefochtene Wahrheiten zu besitzen, die eigentlichen Gelehrten aber, welche die Thatsachen aus erster Quelle der Beobachtung schöpfen, wissen, daß es vielleicht keine einzige giebt, die so gewiß ist, daß man über sie keine zwei Meinungen haben kann. Wir sprechen geläufig – und oft mit großer Selbstgefälligkeit – über die Entfernung der Erde von der Sonne, ja sogar vom Sirius und wir wissen thatsächlich nicht einmal, wie lang die Linie vom Washingtoner bis zum Kapstädter Observatorium ist. Die Rechnungen, die von dem größten Astronomen der Zeit mit Hilfe der vollkommensten Instrumente und bewährtesten Methoden angestellt sind, gehen um mehr als eine englische Meile oder etwa ein Zehntausendstel des ganzen Abstandes auseinander. Die genaue Länge des astronomischen Tages, das heißt die wirkliche Dauer der Umdrehung unserer Erde um ihre Achse, ist zweifelhaft, ebenso die richtige Lage dieser Achse, das heißt der Winkel, in welchem sie zur Umlaufsbahn der Erde um die Sonne geneigt ist. Die Angaben über den Wärmegrad der Sonne schwanken zwischen 200 und 20 000 und ein so bedeutender Forscher wie W. Herschel konnte die Theorie aufstellen, daß die Oberfläche des Sonnenkerns fest und von Lebewesen bewohnt sei. Den Naturwissenschaften ist es also bis jetzt noch nicht gelungen, der Wahrheit ganz nahe zu kommen oder gar sie sicher zu fassen. Dabei stehen sie Erscheinungen gegenüber, die sich unausgesetzt vor unseren Augen erneuern, die sich, soweit wir es wahrnehmen können, nicht verändern, die geduldig abwarten, daß der Mensch sie verfolge, sie erreiche, in Vorrichtungen sperre, mit Zangen zwacke, mit Fingern und Werkzeugen abtaste, sie umdrehe, ausweide, von innen und außen begucke und überhaupt alles mit ihnen vornehme, was ihm nur nötig und nützlich scheint. Was soll man nun gar zu den Geschichtswissenschaften sagen, welche sich vermessen, die Wahrheit solcher Erscheinungen zu finden, die längst vergangen sind und von denen ihnen nichts in den Händen und vor den Augen geblieben ist als eine halbverwehte Spur in tiefem Sande oder ein undeutlicher Widerhall oder noch weniger? Ich will gegen die Geschichtswissenschaften nicht ungerecht sein. Sie nehmen in der Encyklopädie der Wissenschaften eine merkwürdige und einzige Stelle ein, denn im Gegensatze zu allen anderen arbeiten sie nicht mit Verallgemeinerungen und kennen weder Hypothesen noch Naturgesetze. Sie sind die einzigen, welche das im vorigen Kapitel aufgestellte Erfordernis der Erkenntnis erfüllen: sie suchen die Erscheinung so zu erfassen und darzustellen, wie sie wirklich mit den Sinnen wahrgenommen worden ist, und vermeiden es peinlich, ihr außersinnliche Züge anzufügen, die nicht in ihr sind. Da die Erscheinung das thatsächlich Gegebene, ihre Deutung, ihre Verallgemeinerung, ihre Verknüpfung mit anderen, sei es gleichzeitigen, früheren oder späteren, ihre Ableitung von außer ihr liegenden Ursachen, ihre Zurückführung auf Gesetze das willkürlich Hinzugefügte ist, da nur die sinnliche Wahrnehmung der Erscheinung zur Erkenntnis führen kann, jede Vermutung, Hinzudichtung u. s. w. aber dem Irrtum aussetzt, so wäre die Geschichte, welche sich vorsetzt, bloß die Erscheinung festzuhalten, der Hinzudichtung grundsätzlich aus dem Wege zu gehen und die Vermutung möglichst zu vermeiden, eigentlich die zuverlässigste Wissenschaft, diejenige, die am meisten Wahrheit und am wenigsten Irrtümer enthält, die die größte Summe gegenständlicher Erscheinungen und die kleinste Summe subjektiver Einbildungsarbeit in sich schließt. Im Gegensatze zur Mathematik, die leicht subjektiv wahr sein kann, weil sie nichts anderes ist als eine Form des menschlichen Denkens und sich nicht mit sinnlich wahrgenommenen äußeren Vorgängen beschäftigt, sondern mit solchen im Bewußtsein selbst, die ohne Vermittelung der Sinne wahrgenommen werden, im Gegensatze zur Mathematik, sage ich, welche die subjektiv wahrste Wissenschaft ist, wäre die Geschichte die objektiv wahrste, weil sie nicht das Mögliche, Wahrscheinliche oder dasjenige, was uns das Nötige dünkt, sondern das Wirkliche, das Ereignis zum Gegenstande hat, weil ihr Inhalt nicht subjektive Voraussetzung, sondern objektive Erscheinung ist. Ja, wäre! Die Geschichte wäre dies alles, wenn die menschliche Denkvorrichtung nicht das unvollkommene Werkzeug wäre, das sie eben ist. An dieser Unvollkommenheit scheitert sie, sie macht ihr Bestreben, bis zum objektiven Ereignis zu gelangen, aussichtlos. Die Geschichte will die Vorgänge darstellen, wie sie thatsächlich stattgefunden haben; sie kann jedoch im besten Falls nur herausdringen, wie dieselben wahrgenommen worden sind. Die Bedingungen aber, unter denen unser Gehirn arbeitet, machen, daß die Wahrnehmungen der Vorgänge nicht mit den Vorgängen selbst identisch sein können. Denn entweder sind diese unbedeutend, dann erwecken sie keine Aufmerksamkeit und werden nicht scharf wahrgenommen, gelangen nicht zum Bewußtsein, lassen kein deutsches Erinnerungsbild zurück; oder sie sind bedeutend, dann erwecken gleich ihre ersten Phasen einen so hohen Grad von Aufmerksamkeit, daß die Nervenkraft alsbald erschöpft ist, das Gehirn seine Wahrnehmungsfähigkeit verliert und die weiteren Phasen des Vorganges an den Zeugen wie ein verworrener Traum vorübergleiten. Daher kommt es, daß beispielsweise kein Teilnehmer an einem großen Ereignisse, einer Schlacht, einem Gewaltstreiche von Verschwörern, einem aufregenden parlamentarischen Auftritte, ein genaues Bild des Vorganges vom Anfang bis zum Ende bewahrt. Tausend Zeugen, die man vernähme, gäben tausend verschiedene Aussagen ab, die gerade in den wichtigsten Punkten aufs Seltsamste von einander abwichen. Nur eine Maschine, welche durch ein Uhrwerk getrieben jede Sekunde dem Ereignisse eine frische photographische Platte vorhielte und davon eine ununterbrochene Reihe von Augenblicksbildern aufnähme, könnte wenigstens dessen optische Erscheinung zuverlässig festhalten. Unser Organismus ist keine solche Maschine. Wir haben nicht eine endlose Reihe immer frischer photographischer Platten, sondern nur einen sehr beschränkten Vorrat an solchen. Ist derselbe aufgebraucht, so stehen wir dem Ereignisse wie eine leere Dunkelkammer gegenüber und wir müssen uns ausruhen, ehe wir neue Platten bereiten können. Darum sind die Teilnehmer an den Ereignissen deren unsicherste Beobachter, darum sind alle Zeugenschaften nur subjektiv wahr, darum bleibt der Geschichtswissenschaft kein Mittel, nachträglich mit Hilfe menschlicher, subjektiver Wahrnehmungen die absolute, gegenständliche Wahrheit der Ereignisse wiederherzustellen. Wohlgemerkt, die Geschichte, von der ich bisher gesprochen, ist die naive, die nur erzählt und keinen Anspruch erhebt, auch zu erklären. Es ist die Geschichte der Chronisten, die treuherzig berichten, am ersten des Monats habe es geregnet, am zweiten eine Schlacht stattgefunden und am dritten sei ein neuer Papst gewählt worden. Dieser ursprüngliche Standpunkt, der mindestens theoretisch das Erfassen der Wahrheit und Vermeiden des Irrtums ermöglichte, ist aber nicht mehr derjenige der heutigen Geschichtsforscher. Diese wollen nicht nur erzählen, sondern auch erklären. Der Gewohnheit des menschlichen Denkens, den sinnlichen Erscheinungen unsinnliche Züge hinzuzufügen, ihnen Gesetze unterzulegen und Ursachen vorangehen zu lassen, kurz dem Spiele des Verbindens der Punkte durch willkürliche Linien zu Figuren, konnte natürlich auch die Geschichte nicht entgehen und die kühnsten Pfleger derselben möchten sie schon zu einer Naturwissenschaft machen, das heißt ihren Stoff so schematisieren, wie die letztere die Naturerscheinungen schematisiert. Sie möchten die Ereignisse, deren Schauplatz die Menschheit gewesen ist, auf allgemeine Naturgesetze zurückführen, für sie Hypothesen und Formeln finden und mit Hilfe derselben künftige Vorgänge vorhersagen, wie wir uns mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Formeln, Hypothesen und Gesetze vorherzusagen getrauen, daß morgen die Sonne aufgehen wird und im nächsten Frühling die Bäume blühen werden. Sie sind ja auch in ihrem Rechte. Es giebt gar keinen Grund, die menschlichen Ereignisse anders zu behandeln als alle anderen Erscheinungen im Weltall. Ist nicht der Mensch, ist nicht die Menschheit so gut ein Bestandteil dieses Alls wie der Quarzfelsen, das Meteor, die Palme? Ist nicht ein menschlicher Gedanke oder eine That so gut ein organischer Vorgang wie Verdauung und Fortpflanzung, wie das Wandern der Vögel oder der Winterschlaf der Nagetiere, ist der Gedanke oder die That nicht ebenso gut ein dynamischer Vorgang wie das Fallen eines freien Gegenstandes oder das Kreisen des Mondes um die Erde? Wenn wir den Anspruch erheben, diese organischen und dynamischen Vorgänge nicht einfach zu beschreiben, sondern zu schematisieren und durch ein unsinnliches Band von Hypothesen und Gesetzen zu verständlichen Figuren zu verknüpfen, warum nicht dieselbe Methode auch auf die menschlichen Gedanken und Thaten anwenden? Wir thun es denn auch, aber damit verlassen wir den sichern Boden des Gegebenen und Sinnlichen und fliegen ins Außer- und Übersinnliche hinaus. Damit wird die Geschichte erst vernünftig, das heißt damit entspricht sie erst unserer Denkgewohnheit, die wir als eine unvermeidliche Folge unserer organischen Unvollkommenheit kennen gelernt haben, aber damit wird sie zugleich zum Tummelplatz aller subjektiven Irrtümer unseres Denkapparats, denn jedes Ereignis hat nur eine sinnlich wahrnehmbare Form, dagegen ist die Zahl der unsinnlichen Voraussetzungen, die ihm der menschliche Geist unterlegen kann, unbeschränkt und unbeschränkt ist darum auch die Zahl der möglichen Irrtümer. Eine Schule der Geschichtschreibung erklärt die Vorgänge aus den Menschen heraus, die an ihnen teilnehmen. Sie mißt äußeren Einwirkungen höchstens die Rolle eines Anstoßes bei und verlegt die eigentlichen Beweggründe und Triebkräfte geschichtlicher Handlungen in die Seele der leitenden Persönlichkeiten eines Zeitalters. Bei dieser Auffassung wird die Geschichtswissenschaft zur Psychologie und die Geschichtschreibung zur Biographie. Man kann sich dann die Menschheit beinahe von der Natur losgelöst denken und darf von allen Einflüssen absehen, die etwa allgemeine Naturkräfte und die Veränderungen des Gleichgewichtszustandes derselben wie auf alle übrigen Organismen so auch auf die Völker und Menschen geübt haben mögen. Dann ist man berechtigt, anekdotische Geschichte zu schreiben und den Untergang großer Staaten von der Verdauung eines Heerführers abhängen zu lassen. Die schönen Augen Helenas veranlassen dann den trojanischen Krieg, die Franzosen werden bei Sedan geschlagen, weil General Wimpffen sich 1869 in Algier mit Marschall Mac Mahon wegen der Anwesenheit eines zweideutigen Frauenzimmers, der Geliebten des erstern, bei einem von der Gattin des letztern veranstalteten Wohlthätigkeits-Bazar verfeindete, und das Scribesche Lustspiel »Ein Glas Wasser« enthält die eigentliche Erklärung der Gründe, weshalb der spanische Erbfolgekrieg so und nicht anders verlaufen ist. Wenn man noch einen Schritt weiter geht und mit Wundt annimmt, daß die Kraft, welche im menschlichen Bewußtsein waltet und Vorstellungen ausarbeitet, Beschlüsse faßt u.s.w., undeterminiert ist, das heißt nicht durch äußere Anregung und in geradem Verhältnis zur Stärke dieser Anregung in Thätigkeit versetzt wird, so ist der letzte Zusammenhang zwischen dem Menschen und den außer ihm waltenden Kräften zerrissen und eine entschlossen psychologische Geschichtschreibung, die auf dem Wundtschen Standpunkte steht, kann jedes Ereignis als die durch nichts vorbereitete, von nichts Fremdem abhängige Offenbarung eines zufälligen und willkürlichen seelischen Vorganges in irgend einem mächtigen Einzelmenschen hinstellen. Eine andere Schule der Geschichtschreibung, die ich im Gegensatze zur eben gekennzeichneten psychologischen die naturwissenschaftliche nennen will, sieht in den Ereignissen die Wirkung allgemeiner Naturgesetze. Ein Volk führt nach ihrer Auffassung Krieg, weil es hungrig ist, und nicht, weil sein König oder Führer Launen hat. Der einzelne Mensch verliert seinen Einfluß und verschwindet in der Bewegung der Masse. Er glaubt zu schieben und wird geschoben. Die Eigennamen hören auf, Wert und Bedeutung zu haben, und können aus der Geschichte gestrichen werden. Die Völker handeln und leiden, wie die Bäume im Frühling blühen und im Herbste die Blätter abwerfen; in den geschichtlichen Ereignissen kommen kosmische Gesetze zum Ausdruck und die Geschicke der Staaten werden nicht im Boudoir einer schönen Frau oder im Kabinet eines genialen Ministers, sondern recht eigentlich in den Sternen gelenkt. Die Astrologie erhält eine ungeahnte Rechtfertigung, nicht wie sie thatsächlich geübt wurde, sondern als Theorie, als Ahnung des richtigen Zusammenhanges der Dinge, und wir dürfen nicht mehr lächeln, wenn das Volk beim Anblick eines Kometen die Besorgnis hegt, daß er Krieg bringen wird. Hat man doch zu bemerken geglaubt, daß das Auftreten der Sonnenflecken mit den großen Handelskrisen zusammenfällt! Natürlich stellt man sich nicht vor, daß durch die Sonnenflecken direkt die Preisliste der Haupthandelswaren verändert oder alle Kauflust unterdrückt wird; man zweifelt nicht, daß die Wirkung eine viel indirektere ist; aber man kennt eben die Zwischenglieder der Verkettung nicht, nur ihren Anfang und ihr Ende. Warum sollte es dann nicht denkbar sein, daß astronomische Erscheinungen, Vorgänge in der Sonne, im Planetensystem, im Weltraum, in letzter Linie Aufregungszustände in den Menschen, Kriege, Umwälzungen, Fortschritts- und Stillstands-Zeitalter veranlassen? Man braucht nicht so ausschließlich auf dem einen oder andern Standpunkte zu stehen, man kann auf jeden einen Fuß stellen und sagen, die allgemeinen Naturkräfte seien in der That wie in allen anderen Erscheinungen so auch in den geschichtlichen Ereignissen das Treibende, aber die Richtung werde ihnen von einzelnen Ausnahmemenschen gegeben. Dann tritt die Persönlichkeit wieder teilweise in ihre herkömmlichen Rechte; sie macht zwar nicht Geschichte, wie ein Dichter aus seiner Einbildungskraft heraus Dramen schöpft, aber sie führt die Völker wie ein Mechaniker einen Eisenbahnzug auf dem gegebenen Geleise, nach seinem Belieben die Lokomotive rascher oder langsamer laufen oder stillstehen lassend. Das Genie ist dann ein großer Experimentator mit der Menschheit; es schafft zwar seine Großthaten so wenig, wie etwa Harvey den Blutumlauf schafft, aber es findet die mechanischen Gesetze, die in den Völkern thätig sind, und es erprobt sie, indem es sie anwendet. Dann wäre es andererseits auch verständlich, daß »mit geringer Weisheit die Welt regiert werden« kann, da die Regierung der Welt von den Naturgesetzen besorgt würde und die scheinbar Regierenden sie nur nicht zu stören hätten. Da sind drei Hypothesen; alle drei sind gleich einleuchtend und gleich willkürlich; keine von den dreien kann man widerlegen, keine beweisen. Alle drei können nicht zugleich wahr, wohl aber können sie alle drei falsch sein. Welches Vertrauen soll man dann zu einer Wissenschaft haben, die notwendig auf einer der drei Hypothesen ruht, also in jedem Falle möglicherweise auf einer falschen? Da spießt uns wieder ein mörderisches Dilemma auf seine Hörner. Entweder die Geschichte ist rein gegenständlich und verzeichnet die Ereignisse bloß, wie sie vor sich gegangen sind, dann wird sie inhaltlos, weil es ihr unmöglich ist, die Ereignisse in ihrer objektiven Wirklichkeit herzustellen; oder sie wird subjektiv und hypothetisch, sucht zu erklären und Ursachen anzugeben, die nicht ein sinnlich wahrnehmbares Element der Ereignisse bilden, dann bietet sie nicht länger eine Gewähr der Wahrheit und kann vom Anfang bis zum Ende ein Gewebe individueller Irrtümer sein. Als ein Mittel, der Wahrheit näher zu kommen, gilt die Analyse der Erscheinung. Ist das Mittel ein zweckmäßiges? Man darf darüber schwere Zweifel hegen. Die Analyse führt vielleicht nicht zum Wesen der Erscheinung, aber sie zerstört sicher die Erscheinung. Nehmen wir ganz flach verständliche Beispiele. Ich habe einen Menschen in einer Soldatenuniform vor mir. Ich kenne kein Zögern und kein Schwanken und sage sofort mit Bestimmtheit: das ist ein Soldat. Jetzt beginne ich die Analyse dieser Erscheinung. Ich ziehe ihr die Uniform aus. Was habe ich nun noch vor mir? Nicht mehr eine deutlich gekennzeichnete, differenzierte Erscheinung, sondern etwas Unbestimmteres und Allgemeineres, einen Menschen der weißen Rasse. Wenn ich ihm die Haut abziehe, so ist er überhaupt ein Mensch und man kann ihn nur schwer von einem Neger oder Indianer unterscheiden. Wenn ich die Analyse noch weiter treibe und ein Stück Muskel unter das Mikroskop bringe, so kann ich nur noch sagen, daß die Erscheinung ein Tier war, aber ich weiß weder, daß sie ein Mensch, noch daß sie ein Weißer, noch daß sie ein Soldat gewesen ist. Zersetze ich endlich den Muskel in seine chemischen Bestandteile, so bleibt mir von der Erscheinung gar nichts Bezeichnendes und Wesentliches übrig und ich kann nur noch sagen, daß sie aus Stoffen bestanden hat, die in unserem Planetensystem vorkommen. So habe ich mit der unerbittlichen und immer weiter gehenden Analyse es glücklich dahin gebracht, aus einem deutlichen und faßbaren Soldaten, der mit nichts anderem verwechselt werden konnte, etwas Sauerstoff, Kohlenstoff u. s. w. zu machen, der ebensogut aus einem Weltnebel wie aus einer Habana-Zigarre herstammen mochte. Alle Eigenschaften der Dinge, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, sind Bewegungen. Solche, die nicht weniger als 16 ½ und nicht mehr als 16896 mal in der Sekunde wechseln, zählen wir mit den Hörnerven und nehmen wir als Töne wahr; solche Bewegungen, die sich in der Sekunde zwischen 395- und 765 billionenmal wiederholen, zählen wir mit dem Sehnerven und empfinden sie als Licht und Farbe. Für die Bewegungen, die zwischen 16896 und 395 Billionen, unter 16 ½ und über 765 Billionen liegen, haben wir kein Zählorgan, also auch keine Wahrnehmung. Die Wahrnehmung einer Erscheinung ist also nichts anderes als die Zählung von Bewegungen; somit sind alle Erscheinungen dem Wesen nach identisch und nur der Menge nach verschieden. Das ist das Ergebnis einer sehr weit getriebenen Analyse. Sehr schön. Es ist also das Schöne und das Häßliche, das Helle und das Dunkle, das Erfreuliche und das Betrübende ganz dasselbe, immer nur eine Bewegung, eine langsamere oder raschere Bewegung. Aber wie ist es dann doch, daß ich diese verschiedenen Bewegungen, die ganz dasselbe sind, verschieden empfinde, daß die eine mir angenehm, die andere mir unangenehm ist, daß die eine mir Befriedigung, die andere Kummer bereitet? Da bin ich wieder so weit wie bei der Analyse des Soldaten bis zu seinen einfachen chemischen Elementen. Ich habe die deutliche, faßbare, von allen anderen unterschiedene Erscheinung geopfert und mir doch nicht ihr Wesen dafür eingetauscht. Solche Erfahrungen machen mißtrauisch und bringen uns auf die Vermutung, daß wir das Problem von vornherein falsch aufgestellt haben. Wir suchen das Wesen der Dinge und zerstören deren Erscheinung. Ist nicht die Erscheinung das Wesen selbst und thun wir, indem wir analysieren, nicht dasselbe wie das Kind, das, neugierig, was in der Zwiebel steckt, eine Schale nach der andern abreißt und, nachdem es die letzte weggeworfen hat, nichts mehr in der Hand behält? Das heißt nicht, das »Ding an sich« leugnen, sondern es statt in die geheime und unzugängliche Tiefe an die Oberfläche der Erscheinung verlegen und mit der Erscheinung identifizieren. Wir suchen ferner die gegenständliche, absolute Wahrheit. Und wer sagt uns, daß unser Ausgangspunkt nicht ein Irrtum ist? Woher wissen wir, daß es eine gegenständliche, absolute Wahrheit giebt? Wie, wenn das Unbekannte, das unsere Sinneseindrücke veranlaßt, erst in unserem Organismus zur faßbaren Erscheinung wird und als solche außerhalb unseres Bewußtseins gar nicht existiert? Es wird heute allgemein zugegeben, daß die Phänomene außerhalb unseres Organismus weder Farben noch Töne, weder Düfte noch Wärme oder Kälte haben, Sonde daß diese Eigenschaften ihnen in unserem Organismus hinzugefügt werden. Könnte dies nicht auf das ganze Verhalten der Erscheinung seine Anwendung finden? Dann nähme die Erscheinung ihre menschlich faßbare Form überhaupt erst im Organismus an, es gäbe keine gegenständliche und absolute, sondern bloß eine subjektive Wahrheit, die nur dann für zwei Menschen dieselbe sein könnte, wenn ihr Organismus identisch wäre, dann wäre jeder Versuch, eine objektive Wahrheit zu finden, völlig aussichtslos und wir wären mehr als je dazu verurteilt, alle Erkenntnis ausschließlich in unserem eigenen Bewußtsein und nicht außerhalb desselben zu suchen. Auf diesen Höhen des Gedankens ist es kalt. Mich fröstelt. Wir wollen in tiefere Regionen hinabsteigen, wo wir dem platt praktischen, aber behaglich warmen Menschentreiben näher sind. Der Staat als Charakter-Vernichter. Hundertmal hat man sich über das deutsche Rang- und Titelwesen lustig gemacht und der in Prosa und Versen darüber ausgegossene Spott bildet eine ganze Bücherei. Aber der Stoff ist unerschöpft und namentlich gewisse Seiten desselben sind noch kaum berührt worden. So hat man nicht entfernt genug eindringlich auf die Gefahr hingewiesen, die der Entwicklung, ja dem Dasein eines Volkes daraus erwächst, daß es den Mandarinen-Mützenknopf zu seinem privaten und öffentlichen Ideale erhebt. Gehe in eine deutsche Gesellschaft und sieh dich in ihr um: du findest da Assessoren und Inspektoren, Majore und Räte, namentlich Räte jeder Farbe und jedes Formats, vom unmaßgeblichen Kommissionsrat bis zum hochansehnlichen »wirklichen geheimen«. Jeder Beruf hat seinen besonderen Rat, der gleichsam seine Blüte ist, und man muß sich nur wundern, daß es noch einzelne Berufe giebt, die keine solche Blüte haben, also die Kryptogamen in der Staats-Flora bilden. Es wäre so niedlich, wenn auch die gediegensten Bettler oder Schoppenstecher hoffen dürften, den absteigenden Teil ihrer erfolgreichen Lebensbahn mit dem Schmucke eines passenden Titels, der etwa Fechtrat und Kneiprat lauten könnte, zurückzulegen. Einen schlichten, einfachen Menschen, der es sich an seinem Vor- und Zunamen genügen läßt, suchst du unter all diesen Räten vergebens und wenn du mit einer Diogenes-Laterne herumgingest, die auf der vollen Höhe der neuesten Elektrizitäts-Beleuchtungs-Technik stände. Der Lakai, der die Mandelmilch herumreicht, ist anscheinend der einzige Vertreter des genus Adam Homo ohne Beilage, aber der Schein trügt auch in diesem Falle. Denn so oft der Staat Gelegenheit hat, sich mit ihm amtlich zu beschäftigen, sei es, daß er ihn zur Steuer heranzieht oder ihn wegen nächtlicher Ruhestörung verfolgt oder ihm für langjährige sorgfältige Pflege von Generals- oder Geheimratsstiefeln das allgemeine Ehrenzeichen an die Brust nagelt, spricht er ihn nicht »Friedrich Wilhelm Müller« an, sondern fügt ein unterscheidendes »der Lakai Friedrich Wilhelm Müller« hinzu. Das ist kein besonders auszeichnender Titel, aber doch ein Titel. Er nimmt wenigstens den Platz eines Titels ein und hält ihn warm. Er markiert, daß an der Stelle etwas stehen sollte. Er hält die Gewohnheit lebendig, an den Namen wie an einer Kasserole eine Handhabe befestigt zu sehen. Der Staat hat eine Schamhaftigkeit besonderer Art. Es entsetzt ihn, einen nackten Namen vor sich zu sehen. Pfui der Schande! Geschwind den Mantel eines Titels her! Oder doch wenigstens das Feigenblatt der Berufsangabe! Die Mathematik, die doch sehr auf Genauigkeit hält, erspart sich das Vorzeichen, wo sie kann, und trifft mit uns die Übereinkunft: wenn vor einem Ausdrucke gar nichts steht, so habt ihr euch ein Pluszeichen davor zu denken. Der Staat macht kein derartiges Zugeständnis. Jeder Name muß seinen Griff haben. Wer nichts anderes ist, der erhält wenigstens den Titel »Privatier«. Wie deutsch ist der Herzensschrei jenes Mannes in den Fliegenden Blättern, welcher ausruft: »Wenn ich gar nichts bin, ein Zeitgenosse bin ich doch!« Wenn man dir einen Mann als den Herrn Rat Soundso vorgestellt hat, so weißt du alles, was du von ihm zu wissen brauchst. Nimm dir keine Mühe, seine Persönlichkeit kennen zu lernen; du brauchst dir nicht einmal sein Gesicht anzusehen und noch viel weniger seinen Namen zu merken. Das sind Nebensachen. Das Wesentliche ist der Rat. Dieser giebt die volle Definition des Mannes. Du kannst aus seinem Titel mit unfehlbarer Gewißheit entnehmen, was er ist und was er treibt; was er gelernt hat; was er liebt und was er haßt; wie und wo er seine Tage und Nächte verbringt, wie er über alles, vom Freihandel bis zur Unsterblichkeit der Seele, denkt, ja in vielen Fällen sogar, wie viel Geld er verdient. Es ist ein herrliches Gefühl der Sicherheit, das du einem solchen betitelten Manne gegenüber empfindest. Da giebt es keinen Vexier-Schleier, der das Antlitz einer geheimnisvollen Isis verbirgt. Maya steht in befriedigender Sichtbarkeit da und läßt dir nichts zu suchen und nichts zu erraten übrig. Ich wundere mich nur, daß man noch nicht auf eine Vereinfachung verfallen ist, die sich als sehr praktisch empfiehlt. Wozu den betitelten Herren überhaupt noch einen Eigennamen lassen? Ein solcher erinnert doch noch an eine Persönlichkeit, der höchste Triumph dieser Herren ist ja aber, keine Persönlichkeit zu haben, sondern einen Rang, eine Stellung, einen Titel. Dieser ist doch die Hauptsache, der Mensch ist bloß das unwesentliche Anhängsel. Gut, unterdrücken wir dieses vollständig und bezeichnen wir jeden Titelträger nur noch mit der Seiten- und Zeilenzahl des Staatshandbuchs oder der Rang- und Quartierliste, wo er verzeichnet steht. Oder wenn das unbequem scheinen sollte, so geben wir ihm einen bestimmten leicht zu behaltenden Namen, der für alle Zeiten derjenige des Inhabers einer bestimmten Stelle zu sein hat und mit dem Titel zugleich angenommen wird. Man zieht dann mit der Uniform auch einen Namen an und geht ganz, mit Haut und Haaren, in seinem Rang und Titel auf. Die großen Herren in Frankreich des vorigen Jahrhunderts wußten zu leben. Sie hatten für jeden Lakaien ein für allemal einen Erbnamen, auf den der Bursche zu hören hatte, wenn er in ihren Dienst trat. Der erste Kammerdiener hieß etwa Jeunesse, der Jäger Picardie, der Kutscher Viktor, den Namen übernahm er mit der Livree von seinem Vorgänger und trat ihn an seinen Nachfolger ab und die Herrschaft, der es nicht darum zu thun war, Individualitäten zu unterscheiden, sondern einen gleichmäßigen Dienst gleichmäßig verrichtet zu sehen, ersparte sich auf diese Weise die Notwendigkeit, Gedächtniskünste für die Gesindestube zu üben. Es wäre übrigens noch nicht so schlimm, wenn bloß die Beamten die kindische Freude an ihrem Titel hätten und ihrer Uniform eine größere Bedeutung beilegten als ihrem Leibe. Aber diese Erscheinung ist ja nicht auf die Kreise beschränkt, in denen der Titel doch mindestens einer Thätigkeit entspricht und die Uniform keine Fastnachtsverkleidung, sondern eine Amtstracht ist; sie ist durch das ganze Volk verbreitet und wird bei zahllosen Leuten beobachtet, die mit dem Staatsdienste höchstens insofern zusammenhängen, als sie bei der Volkszählung zum amtlichen Gesamtergebnis eine Einheit liefern. Auch im bürgerlichen Leben strebt der Deutsche nach irgend einer staatlichen Anerkennung, irgend einer Marke oder einem Brande, der seine Zugehörigkeit zur Elektoral-Herde bezeugt. So lange der Staat nicht durch irgend eine Verleihung von seinem Dasein amtlich Kenntnis genommen hat, glaubt er nicht an sein eigenes Dasein. Ohne eine sogenannte Auszeichnung fühlt er sich nicht als einen Vollmenschen, sondern höchstens als einen Ansatz zu einem solchen. Seinen Beruf sieht er als Unterlage zu einem Titel an und die natürliche Bestimmung seiner Brust scheint ihm, einen Orden zu tragen. Freigeborene, unabhängige Männer haben nicht den Stolz, bloß auf sich selbst gestellt zu sein und niemand etwas verdanken zu wollen, sondern geben ihre Selbständigkeit, die mehr wert ist als Esaus Erstgeburt, für eine Gunsterweisung hin, die weniger bedeutet als das Linsengericht Jakobs. Als sich der Feudalismus entwickelte, da mußten die freien Männer ihren Vollbesitz in die Hände der großen Adeligen legen und ihn von ihnen als Lehen wie ein Gnadengeschenk wieder empfangen. Man thut heute ohne Not und Zwang, was das stolze Geschlecht jener Zeit nur nach hartem Widerstände thun wollte. In Rußland nennt man die Leiter mit den Rang-Sprossen des Beamtentums den Tschin. Auf irgend einer Sprosse dieser Leiter muß jeder Russe stehen, wenn er in der Welt etwas mehr gelten soll als ein Hering in seiner Bank. Der Tschin ist aber keine russische Einrichtung geblieben, sondern hat seinen Weg über die Grenze gefunden. Die Leiter ist auch in Deutschland aufgelichtet und die Welt hat das wunderliche Schauspiel vor Augen, wie das erste und mächtigste Kulturvolk der Erde sein Leben damit hinbringt, gleich einer Anzahl abgerichteter Laubfrösche feierlich von einer Sprosse zur andern an derselben emporzuklettern. Die Entwicklung des Individuums geschieht nicht von innen heraus, sondern durch äußern Ansatz; nicht wie bei einem von Lebenskraft erfüllten selbstthätigen Organismus, sondern wie bei einem toten, trägen Steine. Der Staat ist es, der dem Individuum neue Zolle zu seinem natürlichen Maße hinzufügt und es von Zeit zu Zeit um einen Kopf größer macht. Das Wachstum besteht nicht in einem Höherwerden des Charakters, sondern in einem Längerwerden des Titels. Die Persönlichkeit verliert eine Eigenschaft, der Titel gewinnt ein Beiwort. Das Temperament wird ärmer, der Ordensschmuck wird reicher. Und wehe dem Einzelnen, der sich dieser allgemeinen freiwilligen Knechtschaft entziehen will! Er wird angesehen wie in der Fabel der freie Wolf von den Haushunden. Oder richtiger: er wird gar nicht angesehen. Grimmelshausen erzählt von einem wunderbaren Vogelneste, das denjenigen, der es bei sich trug, unsichtbar machte. Der Titel hat die umgekehrte Wirkung des wunderbaren Vogelnestes. Er macht seinen Träger erst sichtbar. So lange man ihn nicht hat, wird man von der Gesellschaft gar nicht bemerkt, ist man ein Schemen, ein Luftgebilde. Der Mensch, der aus eigener organischer Kraft und seinem innern Wachstumsgesetze gehorchend sich zu einer Individualität gebildet hat, die für sich betrachtet und gemessen sein will und in ihrer Eigenart und Schönheit bloß begriffen werden kann, wenn sie frei ist von allen äußerlichen, willkürlichen Zuthaten, welche nur die Linien stören und die Gesamterscheinung verwirren, ein solcher Mensch verschwindet hinter gleichgiltigen Gliederpuppen, die nur als Träger von Uniformen und Rangabzeichen Verwendung finden! Das Kind in der Anekdote sagt, es wisse nicht, ob badende Kinder, die es gesehen, Knaben oder Mädchen gewesen seien, da sie keine Kleider angehabt. Die Gesellschaft steht auf dem Standpunkte dieses Kindes. Sie begreift das Menschliche nicht, wenn es nicht in einer bestimmten Tracht auftritt. Sie erkennt einen Mann nur, wenn er in vollem Wichs von Rang und Titel vor ihr erscheint. Diese Auffassung zwingt jeden, der den berechtigten Wunsch hat, bei seinen Mitbürgern etwas zu gelten, seine natürliche Entwickelungsbahn zu verlassen und sich der Menge anzuschließen, die sich im staatlich gezogenen, rechts und links von Schutzmännern beaufsichtigten Geleise in schläfrigem Gleichschritte vorwärts schiebt. So entsteht im Individuum die Anschauung, daß sein ursprüngliches Leben, welches es von der Natur hat, nicht zählt, daß es, um ins eigentliche Dasein einzutreten, zum zweiten Male mit Hilfe des Staats als irgend ein Rat geboren werden muß, wie in Indien die Angehörigen der drei höchsten Kasten »Dhwitschas« sind, das heißt sich als erwachsene Menschen einer symbolischen Zeremonie der Wiedergeburt unterziehen müssen, die darin besteht, daß sie, ganz weiß gekleidet, unter allerlei Förmlichkeiten durch ein schmales Pförtchen treten. Welch ein kläglicher Rückschritt zu überwundenen Entwickelungsstufen! Welch ein Widerspruch zu allen Grundgedanken und treibenden Kräften der Zeit! Je höher ein Organismus ausgebildet ist, um so eigenartiger, um so differenzierter ist er, um so mehr tritt in ihm die Gattung hinter dem Individuum zurück. Unter diesem Gesetze stehen nicht bloß die Einzelwesen, sondern auch die Gesellschaften. Im Altertum, im Mittelalter war das Gemeinwesen als geschlossene Gesamtheit organisiert und der Einzelne galt nur als ein Teil des Ganzen. Da konnte und durfte man nicht eigenartig sein, sondern hatte sich in den genau gezeichneten Bauplan des Staates, der Gesellschaft, der Zunft oder Gilde zu fügen. Wen Behörden oder privilegierte Genossenschaften nicht in ihren Verband aufgenommen hatten, der war ein rechtloser fahrender Mann und vogelfrei. Die gesellschaftliche Entwicklungsstufe entspricht derjenigen eines Polypenstocks, wo die einzelnen Individuen zusammengewachsen, unvollständig ausgebildet, organisch unfrei sind, für sich allein weder leben noch sich herumbewegen können und nie über ein untergeordnetes und verkümmertes Teildasein hinausgelangen. Wir sind heute weiter. Wir bilden nicht mehr einen Korallenbau, sondern doch wohl schon eine Herde. Jedes Individuum führt ein Sonderdasein, wenn auch alle für gewisse Verrichtungen auf einander angewiesen sind. Das Band der Solidarität, das uns alle verknüpft, läßt uns doch ein genügendes Maß von Selbständigkeit und es ist jedem von uns die organische Möglichkeit gegeben, für sich zu grasen. Diesen Individualismus, die Errungenschaft der Neuzeit, opfert man freiwillig für den alten Kollektivismus, in welchem das Einzelwesen nur eine Zelle, weniger als ein Organ, ein zuckendes, sinnloses Nichts ist. Denn dahin gelangt man mit Naturnotwendigkeit, wenn man erkennt, daß aller Wert und alle Würde einem Manne nur von der Staatsgewalt kommen können und für seinen Platz inmitten der Menschen eine Ernennungs- oder Verleihungs-Urkunde maßgebender sei als eigener Wert, geistige Bedeutung und Handlungen, die nicht im Hinblick auf das Amtsblatt gethan wurden. Was ist das, der Staat? Theoretisch heißt das: wir Alle! Praktisch aber ist es eine herrschende Klasse, eine kleine Anzahl von Persönlichkeiten, manchmal nur eine einzige Person. Die Anerkennung des Staats über alles stellen heißt, ausschließlich einer Klasse, wenigen Personen, einer einzigen Person gefallen wollen. Es heißt, sich nach einem Ziele hin entwickeln, das nicht von der eigenen Natur gegeben, sondern von einem fremden Gedanken, vielleicht sogar bloß einer fremden Laune aufgestellt ist. Es heißt, auf sein innerstes Wesen verzichten und sich nach einem äußern Muster formen, dem vielleicht alle ursprünglichen Anlagen und Neigungen widerstreben. Die ganze Bildungsschichte einer Nation verwandelt sich auf diese Weise in eine Art Jesuitenorden, der das »Opfer der Vernunft« gebracht und darauf verzichtet hat, mit dem eigenen Kopfe zu denken und mit dem eigenen Gewissen über Recht und Unrecht zu urteilen. Man gestaltet sich nicht nach dem organischen Drange, sondern tröpfelt sich wie weiches Metall in eine behördlich hergerichtete Gußform hinein und setzt seinen Stolz darein, statt eines Lebewesens mit eigener Physiognomie eine billige Dutzend-Zinkfigur für Standuhren zu sein. Durch diesen Schmelz- und Gußprozeß wird das kristallinische Gefüge eines Volkes aufgelöst und sein fester Kern zerstört. Die schöne und reiche Mannigfaltigkeit natürlicher Entwickelungen weicht einer aufgezwungenen armseligen Uniformität. Wenn man den Einzelnen meuchlings fragt, wie er über irgend einen Gegenstand denke, so weiß er es nicht aus dem Stegreife zu sagen, sondern muß erst rasch nach dem Kastanienwäldchen gehen und sich die ausgegebene Parole holen. Millionen entsagen ihrer Mündigkeit und stellen sich mit all ihrem Denken und Handeln unter eine Vormundschaft, deren enge Tyrannei sie bald gar nicht mehr fühlen. Man wende mir nicht ein, daß das nicht anders sein könne und daß ich ja selbst lang und breit nachgewiesen habe, wie die große Masse zu eigenartiger, selbständiger Geistesarbeit unfähig sei, wie diese ausschließlich von den Ausnahmemenschen verrichtet und durch die Suggestion von der winzigen Minderheit auf die ungeheure Mehrheit übertragen werde. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob das Denken eines Einzigen oder Weniger einem ganzen Volke durch natürliche Suggestion oder durch Zwang und Gewalt ins Gehirn getrichtert wird. Siehe auch die Anmerkung 3 zu Seite 188 . In dem einen Falle wird kein organischer Vorgang gestört; nur diejenigen, die individuellen Denkens unfähig sind, fallen unbewußt dem Einflusse des überlegenen Geistes anheim und werden notwendig dessen Nachbeter. In dem andern Falle dagegen wird eine natürliche Entwickelung verhindert und unterdrückt, auch begabte und starke Geister, die dazu angelegt sind, eigene neue Gedankenarbeit zu liefern und den geistigen Besitz ihres Volkes und der Menschheit zu vermehren, lähmen absichtlich und mit bewußter Willensanstrengung ihre Hirnthätigkeit, um den der ganzen Nation vorgebuchten amtlichen Normal-Gedanken unverändert nachdenken zu können und sich dadurch einer staatlichen Anerkennung würdig zu machen. Es ist derselbe Unterschied wie zwischen der Unthätigkeit kleiner Kinder und der Arbeitsschwänze von Männern im Alter des Hervorbringens. Jene ist vorgesehen und selbstverständlich und richtet keinen wirtschaftlichen Schaden an; diese bringt, wenn sie allgemein ist, ein Volk an den Bettelstab. Das Regieren erleichtert ein solcher Massenverzicht aus menschliche Unabhängigkeit natürlich in hohem Grade. Der Pudel verhält sich nie so vollkommen ruhig, wie wenn man ihm das Stück Zucker auf die Schnauze legt und ihm als Lohn für braves Aufwarten die Erlaubnis es zu schnappen in Aussicht stellt. Ein Volk, das einen Menschen nur dann achtet, wenn er im Staatsanzeiger seine obrigkeitliche Wiedertaufe empfangen hat, und durch diese Gewohnheit allen seinen bedeutenderen Mitgliedern den Wunsch nahelegt, ja sie zwingt, um jeden Preis ins Heiligtum des Amtsblatts einzudringen, ein solches Volk ist ganz in der Hand seiner Regierung, das heißt seiner herrschenden Klasse. Der Gedanke: »was wird man hohen Orts dazu sagen?« ist der stete Begleiter aller seiner Bürger und guckt ihnen bei ihren geheimsten Arbeiten, Vorsätzen und Gesprächen über die Achsel. Unablässig bewacht von diesem Aufpasser, verliert der Bürger die notwendige und fruchtbare Übung des Alleinseins mit sich selbst und dem eigenen Gewissen und wird so unsicher, so komödiantenhaft, so augendienerisch, wie man es werden muß, wenn man sich beständig von einem krittlichen Zeugen beobachtet weiß. Aber die Regierung hat natürlich das größte Interesse, einen solchen Zustand zu unterhalten. Er verhindert unbequeme Widerstände des öffentlichen Gedankens. Er legt ein großes Land zu den Füßen eines Ministers und einiger vortragenden Räte. Er drückt die unabhängigen Männer zu Bürgern zweiter Klasse hinab, denen ein Makel anhaftet, da sie nie zu betitelten und mit Orden ausgezeichneten Vollmenschen heranreifen können, und giebt jeder politischen Gegnerschaft gegen die Regierung in den Augen der Menge den Charakter des Unehrenhaften, den Charakter einer Handlung, welche dem Verüber die als die wertvollsten angesehenen Ehrenrechte nimmt, nämlich die, eines Tages sein Knopfloch farbig zu schmücken und seinem Namen einen Titel aufzusetzen. Das ist ein Zustand, der nicht bloß kläglich, nicht bloß unsittlich, sondern auch für die Zukunft eines Volks überaus gefährlich ist. Ich glaube, ich habe in Vasari gelesen, daß Michel Angelo, als er zweiundzwanzig Monate lang an der Decke der sixtinischen Kapelle gemalt hatte, so gewöhnt war, aufwärts zu blicken, daß er gar nicht mehr geradeaus oder rechts und links schauen konnte wie ein natürlicher Mensch, sondern selbst die Schrift, die er lesen wollte, sich mit hochgehobenen Händen über die Augen halten mußte. So ergeht es einem Volke, das die Gewohnheit angenommen hat, immer nach oben, immer nach den Häuptern der Regierung zu schielen. Es verliert die Fähigkeit des freien Um- und Ausblicks; es verlernt, die von den Seiten herankommenden Gefahren wahrzunehmen. Die Männer, die für das Gemeinwohl arbeiten oder zu arbeiten vorgeben, bemerken weder ihre Nachbarn noch die Wirkung ihrer Worte und Handlungen auf dieselben, sondern haben in ihrem ganzen künstlich beschränkten Gesichtskreise nur das Bild einer Persönlichkeit oder Gruppe, an deren Lippen und Augenbrauen sie wie Hampelmänner hängen. Sie sehen das Gemeinwesen gar nicht mehr und nicht diesem zu nützen und zu gefallen ist ihr Ziel, sondern vom Gewaltigen eine herablassende Handbewegung oder ein Lächeln zu erlangen. Ich weiß wohl, was zu Gunsten eines solchen Zustandes gesagt zu werden pflegt. Er soll die Zusammenfassung der ganzen Volkskraft zu großen Thaten erleichtern, ja erst ermöglichen, deren Zersplitterung in hundert Richtungen verhüten, eine einheitliche und zielbewußte Leitung der nationalen Geschicke unterstützen. In einem Lande, wo man den Bürger nur dann schätzt, wenn er von der durch die Regierung vertretenen Gesamtheit sichtbar ausgezeichnet worden ist, fühlt sich der Bürger angespornt, seine Kraft der Gesamtheit zu widmen und sich um sie verdient zu machen; die Selbstsucht, wird bekämpft und der Gemeinsinn großgezogen; eine enge Solidarität verknüpft alle Glieder der Nation und die straffe Mannszucht, ohne die selbst die mächtigsten Anstrengungen der Massen erfolglos sind, wird zu einem Grundcharakterzuge des Volkes. So sagt man, aber das ist ein Trugschluß vom ersten bis zum letzten Worte. Die Kraft einer Gesamtheit beruht in letzter Linie doch auf der Kraft ihrer einzelnen Bestandteile. Sind diese schwach, so wird aller Zusammenschluß, alle Manneszucht und Unterordnung unter einheitliche Leitung sie nicht stark machen. Tausend Schafe haben gut sich zur äußersten Solidarität erziehen, sie werden nie einem einzigen Löwen widerstehen oder gar ihm gefährlich werden können. Wenn man systematisch in einer Nation die mannhafte Selbständigkeit verkümmert und ausrottet, wenn man mit mächtigem Drucke die Charaktere zermalmt, so bleibt zuletzt kein lebendiger Volksorganismus übrig, sondern nur noch ein atomistischer Staub, durch den ein spielendes Kind mit dem Finger fahren kann. Eigenartiges Wesen gelangt nicht zur Entwickelung, die Mannigfaltigkeit verschwindet, die Quellen der Wahrheit, die dem Volke sonst in tausend Einzelköpfen zu sprudeln pflegten, versiegen und von einer Landesgrenze bis zur andern begegnet man nur noch Kommiß-Nachbildungen einer einzigen Figur, die von Amtswegen als der allein echte und richtige Nationaltypus verkündet worden ist. In friedlichen Zeitläuften kann ein Volk einen derartigen Verfall lange erleiden, ohne sich seiner beängstigenden Lage bewußt zu werden und den Abgrund zu sehen, an dessen Rande es sich entlang bewegt. Es kann auch das Glück haben, von einem mächtigen und erleuchteten Geiste regiert zu werden, der sich hohe Aufgaben vorsetzt und große Thaten verrichtet. Dann geht alles leidlich gut, die Streber triumphieren, der Erfolg giebt denen Recht, die vom Volke verlangen, daß es einen einzigen Kopf für sich denken und einen einzigen Arm für sich handeln lasse, und das allgemeine Buhlen nach dem Regierungswohlwollen, das bloß durch vorbehaltlose Rückkehr zum Standpunkte des beschränkten Unterthanenverstandes zu erlangen ist, scheint dem Staate zum Heile zu gereichen. Aber auch das Genie lebt nicht ewig, nicht jedes Zeitalter bringt ein neues hervor und selbst das größte Volk ist nicht sicher, daß es an der Spitze seiner Regierung immer außerordentliche Männer haben wird. Die Geschichte lehrt, daß im Rate der Mächtigen die »winzige Weisheit«, von welcher Oxenstierna spricht, weit häufiger ist als große Geisteskraft. Wie dann, wenn die Mittelmäßigkeit oder gar die Beschränktheit, die Leichtfertigkeit, die Selbstsucht, der Eigennutz, das niedrige Laster die Geschicke des Volks in die Hände bekommt? Die alte Gewohnheit, die Regierung für sich denken und handeln zu lassen und ihre Ansichten als unfehlbare Offenbarungen zu verehren, bleibt bestehen, denn sie ist organisch geworden; die Menge fährt fort, nur den Rat für einen Vollmenschen und Bürger erster Klasse anzusehen, die Bildungsschichten der Nation fahren fort, sich um Titel und Orden zu bemühen, die Regierung fährt fort ihre Gunst nur denen zuteil werden zu lassen, die ihr Beifall klatschen. Wer also nach Ansehen bei der Menge trachte der fährt fort, vor der hohen Obrigkeit in Bewunderung um Verehrung zu ersterben, die Kritik verstummt, der Widerstand der wenigen Unabhängigen ist wirkungslos und in eine Idylle selbstzufriedenen Regierens und bewundernden Gehorchens kann ohne Warnung über Nacht die furchtbarste Katastrophe einbrechen. Dann zeigen sich die Folgen des Systems allgemeiner Minister-Anbetung. Man hat es verlernt, an das Gemeinwohl zu denken und im eigenen Verstande und Gefühle zu suchen, was demselben frommen möchte; man hat immer nur an die Regierung gedacht und diese mit dem Volke, mit dem Vaterlande verwechselt; man hat sich gewöhnt, um Lohn und Anerkennung Augendienst zu treiben, nicht durch Auslebung des eigensten Wesens Selbstachtung und Selbstzufriedenheit zu erringen; das Unheil findet darum das ganze Volk unvorbereitet und wehrlos und dieses geht endgiltig zu Grunde, wenn es nicht noch in seinen Tiefen gesunde und urwüchsige Elemente enthält, die ihre eigenen Entwicklungswege gehen gekonnt, weil sie nie um Titel und Orden gesorgt, und deren unverwüstete Kernhaftigkeit in den Stunden der äußersten Gefahr alle Verbrechen einer blödsinnigen, Regierung und einer schranzenhaften Elite wieder gutmacht. Eine Nation, die das Staatshandbuch mit abgöttischer Verehrung umgiebt, hat nur, was sie verdient, wenn man ihr das Pferd Incitatus als Senator vorsetzt. Sie züchtet sich ihre Bedrücker und Entmanner selbst groß. Auf diese Weise geschieht es, daß man mit Roßbach einschläft und mit Jena erwacht. Nationalität. Wenn man nicht wüßte, wie vollkommen die Subjektivität unser Denken beherrscht, wie unfähig eine irrige Vorstellung, welche wir uns von einer Erscheinung ausgearbeitet haben, unser Bewußtsein macht, diese Erscheinung richtig wahrzunehmen und die Verschiedenheiten zwischen ihr und unserem innern Bilde zu bemerken, wenn man mit einem Worte nicht wüßte, um wie viel das Vorurteil zählebiger ist als das Urteil und das Märchen mächtiger als die Wahrheit, man würde nicht verstehen, daß es heute Menschen geben kann, welche die Nationalitätenfrage für einen Zeitirrtum und eine Modesache halten und sie allen Ernstes als einen Schwindel bezeichnen, der allerdings viele Köpfe ergriffen habe, jedoch binnen Kurzem vergessen sein werde. Es besteht tatsächlich eine Schule von Leuten, die den Mut haben, sich Staatsmänner zu nennen, und sich anmaßen, Völkergeschicke zu lenken, und diese Schule lehrt, die Nationalitätenfrage sei einfach von Napoleon III. erfunden worden, um fremden Staaten innere Verlegenheiten zu bereiten und im Auslande Förderer und Unterstützer seiner unruhigen Abenteuer-Politik großzuziehen. Nur ein einziger Umstand kann vernünftige Menschen abhalten, die angeblichen Staatsmänner, die so sprechen, für unheilbare Trottel zu erklären, und das ist der, daß sie ohne Ausnahme Ländern und Volksstämmen angehören, denen das Erwachen des nationalen Bewußtseins gefährlich wird, und daß sie deshalb durch ihre Wünsche und Leidenschaften, durch Angst vor der Zukunft, Haß auf die aufstrebenden Stämme und Grimm über den drohenden Verlust angemaßter Vorrechte in der Beobachtung und Deutung der Thatsachen gehindert sind. Man trifft sie in Frankreich, dem die Einigung Deutschlands und Italiens die herrschende Stellung in Europa nahm, in Österreich-Ungarn, wo unterdrückte Völker ihre Menschenrechte fordern, in Belgien, wo die Vlaemen von den Wallonen ihre Mündigsprechung ertrotzen. Wem nicht die Sorge um persönliche Interessen den Verstand verdunkelt, der erkennt, daß das Erwachen des nationalen Bewußtseins eine Erscheinung ist, die an einem bestimmten Punkte der menschlichen Entwickelung im Einzelwesen wie in der Volksmasse notwendig und natürlich eintritt und die man so wenig hintanhalten oder gar verhindern kann wie die Gezeiten des Meeres oder die Sonnenwärme im Hochsommer. Die Leute, die den Völkern versichern, daß sie bald wieder von der Betonung ihrer Nationalität abkommen werden, stehen auf derselben geistigen Höhe wie das Kind, das seiner Mutter sagt: »Warte, wenn du einmal ein kleines Kind wirst, werde ich dich auch tragen.« Worin ist die Nationalität begründet? Was ist ihr Kennzeichen? Es ist darüber viel gestritten worden und man hat die Frage verschiedentlich beantwortet. Die einen betonen das anthropologische Element, also die Abstammung. Das ist ein so handgreiflicher Irrtum, daß man ein inneres Widerstreben empfindet, ihn zu widerlegen. Ich glaube allerdings nicht an die Einheit des Menschengeschlechts; ich glaube, daß die verschiedenen Hauptrassen Unterarten unserer Gattung darstellen und daß ihre Verschiedenheiten der anatomischen Bildung und Hautfarbe nicht bloße Anpassungs-Erscheinungen und Folgen der Umbildung eines ursprünglich einheitlichen Typus durch örtliche Einwirkungen sind, sondern sich durch Verschiedenheit des Ursprungs erklären; es scheint mir, daß zwischen einem Weißen und einem Neger, einem Papua und einem Indianer die Verwandtschaft nicht größer ist als zwischen einem afrikanischen und indischen Elefanten, einem Hausrinde und Buckelochsen. Allein innerhalb einer und derselben Rasse, und namentlich innerhalb der weißen, sind die Unterschiede sicherlich nicht bedeutend genug, um eine schroffe Trennung und scharfe Begrenzung einzelner National-Typen zu rechtfertigen. In jedem weißen Volke giebt es große und kleine, licht- und dunkelhaarige, blau- und schwarzäugige, lang- und kurzschädelige Individuen, solche von ruhigem und andere von lebhaftem Temperament und wenn auch die einen in diesem und die anderen in jenem Volke vorwiegen, so haben alle ihre leiblichen und geistigen Merkzeichen doch nicht die Bedeutung, daß sie ein Individuum so zweifellos als Angehörigen eines bestimmten Volkes und keines andern charakterisieren wie etwa die schwarze Haut, die Gesichtsbildung und der Haarwuchs den Neger als Angehörigen einer bestimmten Rasse. Die oft gemachten Versuche, einen Durchschnittstypus für die einzelnen Völker zu finden, sind ohne wissenschaftlichen Wert; seine Schilderungen mögen sich angenehm lesen und die Eigenliebe mag sich bei seinem Bilde geschmeichelt fühlen, aber er ist nichts als eine Dichtung. So weit die Züge eines solchen Typus nicht willkürlich erfunden sind, bestehen sie aus Äußerlichkeiten, die dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen sind und die er noch in reifem Alter ablegen kann, die er übrigens auch gar nicht erwirbt, wenn er als Kind in eine ausländische Umgebung gebracht und den Einflüssen eines fremden Volkstums ausgesetzt wird. Chamisso, der bereits ein halbwüchsiger Knabe war, als er noch kein Wort Deutsch konnte, ist ein so deutscher Mann und Dichter geworden wie nur irgend einer, in dessen Adern angeblich das Blut der alten germanischen Gastfreunde des Tacitus rollt; Michelet, nicht der französische Schwärmer, sondern der deutsche Philosoph, zeigt die geistigen Züge: den Tiefsinn, den sittlichen Ernst, ja selbst die Dunkelheit, die man als spezifisch germanisch anspricht; der liebenswürdige Denker Julius Duboc zeichnet sich durch einen undeutschen Idealismus aus; Du Bois-Reymond ist das Musterbild eines gründlichen deutschen Gelehrten; Fontane ist in seiner Naturbetrachtung und Seelenzergliederung nicht bloß deutsch im allgemeinen, sondern sogar norddeutsch u. f. w. Ähnliche Erscheinungen treffen wir in jedem andern europäischen Volke an. Wer wird behaupten, daß Ulbach und Müller (der Verfasser der Dorfgeschichte »La Mionette«) nicht Musterfranzosen sind? Wer findet in Hartzenbusch und Becker nicht alle Züge wieder, die für spanische Dichter bezeichnend sind? Was ist an Dante Gabriel Rossetti unenglisch, wenn man von seinem Namen absieht? Man braucht durch keinen Blutstropfen mit einem Volke zusammenzuhängen und nimmt dennoch dessen Charakter mit allen Vorzügen und Fehlern an, wenn man nur inmitten desselben erzogen wird und lebt. Wenn einzelne Schriftsteller oder Künstler einen Widerspruch zu dieser Behauptung darzustellen scheinen würden, so hätten wir erst noch zu untersuchen, ob sie und wir nicht unter dem Einfluß von zwei schwer zu vermeidenden Fehlerquellen ständen. Denn es ist klar, daß wir leicht in die Neigung verfallen, etwa in Chamisso Züge zu suchen, die wir willkürlich den Franzosen zuschreiben, und daß wir sie dann auch finden, da wir ja wissen, wie flink wir die Erscheinungen im Sinne unserer vorgefaßten Meinungen umgestalten; andererseits liegt es ja auch sehr nahe, daß etwa ein in England lebender Dichter oder Künstler fremder Abstammung fortwährend die Vorstellung des Vaterlandes seiner Vorfahren im Kopfe hat und sich einbildet, er müsse Eigenheiten haben, die an dieses Land erinnern; er wird unter der Suggestion, die dieser Gedanke auf ihn übt, unbewußt sein Wesen verändern, allerlei künstliche Manieren annehmen und dem Bilde ähnlich zu werden suchen, das er sich von einem Angehörigen seines Ursprungslandes macht; das Hübscheste an der Sache ist dann, daß er nicht etwa die Eigenschaften zeigen wird, die dem betreffenden Volke wirklich anhaften, sondern die, welche das englische Vorurteil demselben herkömmlich und irrtümlich zuschreibt. Die Abstammung ist es also nicht, die dem Menschen seine bestimmte Nationalität giebt. Die Nachkommen der nach der Mark Brandenburg ausgewanderten Hugenotten sind ausgezeichnete Deutsche und die, der holländischen Besiedler von Neu-Amsterdam tadellose Nordamerikaner geworden. Kriege, Massenwanderungen und der Verkehr der Einzelnen haben die ursprünglich vielleicht deutlich genug verschiedenen Volkselemente unkennbar durcheinander gewirrt und die Gesetzgebung aller gesitteten Staaten zeigt, wie wenig Wert sie auf die Blutsangehörigkeit legt, indem sie es Ausländern möglich macht, sich »naturalisieren« zu lassen, das heißt Vollbürger eines ihnen ursprünglich fremden Staates mit den Rechten und Pflichten aller übrigen Volksangehörigen zu werden. Da die anthropologische Grundlage der Nationalität nicht zu verteidigen ist, so hat man versucht, ihr eine geschichtliche und gesetzliche zu geben. Man hat gesagt: das, was Menschen zu Angehörigen einer und derselben Nation macht, das ist eine gemeinsame Vergangenheit, gemeinsame Geschicke, das Zusammenleben unter derselben Regierung und denselben Gesetzen, die Erinnerung an gleiches Leid und gleiche Freuden. Die These gestattet hübsche rednerische Entwicklungen, aber sie ist dennoch rein sophistisch und wird von allen Thatsachen verächtlich mit dem Fuße bei Seite gestoßen. Man frage einmal einen Ruthenen Galiziens, ob er sich als einen Polen fühlt, trotzdem doch die Ruthenen seit mehr als einem Jahrtausend, ja so weit man in die Geschichte zurückblicken kann, Geschicke, Gesetze und Staatseinrichtungen mit den Polen teilen. Oder man erkundige sich bei einen Finnen oder Suomi, wie er sich selbst nennen wird, ob er glaubt, daß er derselben Nationalität angehört wie der finnische Schwede, mit dem er ebenfalls seit über einem Jahrtausend ein einziges politisches Volk bildet. Gewiß, Gemeinsamkeit der Gesetze und Einrichtungen, namentlich aber der Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche, bedingt Annäherungen, die ein gewisses Zusammengehörigkeits-Gefühl erwecken können, wie denn auch umgekehrt kaum zu bezweifeln ist, daß z. B. die Juden von den Völkern, unter denen sie leben, hauptsächlich darum als Fremde angesehen werden, weil sie mit unbegreiflicher Verblendung und Hartnäckigkeit an äußerlichen Gepflogenheiten, wie Zeitrechnung, Feier der Ruhetage und Feste, Speisengesetze, Wahl der Vornamen u. s. w. festhalten, welche von denen ihrer christlichen Volksgenossen völlig verschieden sind und in diesen das Gefühl eines Gegensatzes und einer Absonderung fortwährend lebendig erhalten müssen; aber jene Gemeinsamkeit ist keinesfalls hinreichend, um aus Völkern ein Volk zu bilden und Angehörigen eines Staats eine Nationalität zu geben. Nein, all das sind pfiffige Künsteleien, welche die Wahrheit wie Seifenschaum zerbläst. Seine körperliche Abstammung trägt der einzelne Mensch nur äußerst selten auf die Stirne geschrieben, sie ist an ihm in der Regel nicht zu erkennen und nicht nachzuweisen, er fühlt sie nicht von selbst und auf eine elementare Art und was man von der Stimme des Blutes faselt, das ist ein Hirngespinst von Verfassern schlechter Vorstadt-Melodramen; auch Gesetze und Einrichtungen, obwohl ihr Einfluß auf die Charakterbildung des Menschen nicht zu leugnen ist, bestimmen nicht die Nationalität. Das thut einzig und allein die Sprache. Durch sie allein wird der Mensch zum Angehörigen eines Volks; sie allein giebt ihm seine Nationalität. Man vergegenwärtige sich doch nur die Bedeutung der Sprache für das Individuum, ihren Anteil an der Formung seines Wesens, seines Denkens, seines Fühlens, seiner ganzen menschlichen Eigenart! Durch die Sprache nimmt das Individuum die Anschauungsweise des Volkes an, das diese Sprache gebildet und entwickelt und ihr die geheimsten Regungen seines Geistes, die feinsten Besonderheiten seiner Vorstellungswelt anvertraut und organisch eingefügt hat. Durch die Sprache wird es Adoptivkind und Erbe aller Denker und Dichter, Lehrer und Führer des Volks; durch die Sprache gelangt es unter die Wirkung der allgemeinen Suggestion, die von dem Schrifttum und der Geschichte eines Volks auf dessen sämtliche Glieder ausgeübt wird und sie einander im Empfinden und Handeln ähnlich macht. Die Sprache ist ganz eigentlich der Mensch selbst. Sie vermittelt ihm die Aufnahme der meisten und wichtigsten Züge der Welterscheinung und sie ist das Hauptwerkzeug, mittels dessen er auf die Außenwelt zurückwirkt. Unter Millionen denkt Einer selbständig und verarbeitet die Sinneseindrücke zu eigenartigen Vorstellungen; die Millionen aber denken nach, was ihnen vorgedacht worden ist und was ihnen bloß durch die Sprache zugänglich wird; unter Millionen handelt Einer und versinnlicht seine Vorstellungen durch Zwangseinwirkungen auf die Menschen und die Natur; die Millionen aber reden und bringen die Vorgänge in ihrem Innern durch das Wort zur Wahrnehmung. Die Sprache ist darum bei weitem das stärkste Band, das Menschen überhaupt miteinander verknüpfen kann. Geschwister, die nicht derselben Sprache mächtig wären, würden einander weit fremder gegenüberstehen als zwei wildfremde Leute, die einander zum ersten Male begegnen und einen Gruß in der gleichen Muttersprache austauschen. Wir haben es ja gesehen und sehen es noch fortwährend vor uns: Engländer und Nordamerikaner haben miteinander Kriege geführt und oft genug widerstreitende Interessen gehabt; aber dem Nicht-Engländer gegenüber fühlen sie sich eins, fühlen sie sich als Söhne Größer-Britanniens; Vlaemen und Holländer schlugen sich 1831 mit Erbitterung und sind jetzt im Begriffe, von neuem einen Bruderbund zu schließen; als die Boeren gegen die Engländer fochten, da pochte den Niederländern das Herz in angstvoller Erregung, trotzdem seit fast einem Jahrhundert jede politische Verbindung zwischen Holland und dem Kap aufgehört hat; die große Verschiedenheit der Gesetze, Sitten, Staatsangehörigkeit und geschichtlichen Erinnerungen zwischen Frankreich, der Schweiz und Belgien hat die französischen Schweizer und Belgier nicht verhindert, 1870 wild leidenschaftlich und ungerecht für die Franzosen Partei zu nehmen, und obwohl man in Norwegen Jahrhunderte lang die Dänenherrschaft gehaßt, sich schließlich von ihr befreit hatte und von den Dänen noch heute nicht besonders günstig denkt, sah man zur Zeit des Schleswig-Holsteinschen Krieges dennoch begeisterte Norweger den Dänen zu Hilfe eilen, mit welchen sie nichts gemein hatten als die Sprache. Dieses Nichts ist eben alles. Auf einer weit hinter uns liegenden Stufe der Völker-Entwickelung konnte die Sprache für den Einzelnen wie für den Staat eine geringere Bedeutung haben. Das war zu einer Zeit, als die Masse der Nation rechtlos und hörig und nur eine ganz kleine Minderheit im Besitze der Gewalt war. Der Niedriggeborene brauchte damals sozusagen keine Sprache. Wozu hätte sie ihm denn auch dienen sollen? Höchstens dazu, in seiner Hütte zu ächzen oder zu fluchen oder in der Schänke grobschlächtige Spaße zu machen. Mit anderen Menschen als seinen Dorfgenossen, die ohnehin dieselbe Sprache redeten, kam er nie zusammen; in die Fremde zu ziehen oder Fremde bei sich zu sehen war nicht üblich. Regiert wurde mit der Peitsche, deren Lakonismen ohne Grammatik und Wörterbuch verstanden wurden; Schulen gab es nicht; in der Rechtspflege gelangte der sein kleines Recht suchende gemeine Mann nie dazu, vor dem Richter sein Herz in lebendiger Rede auszuschütten, sondern mußte einen Anwalt zum Dolmetscher seiner Beschwerde machen; die Verwaltung ließ sich auf keinen Austausch von Ansprache und Erwiderung mit den Unterthanen ein; selbst in der Kirche durfte das Volk nicht reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, denn der Katholizismus zeigte seinen Gott als einen ausländischen vornehmen Herrn, zu dem man nur durch Vermittelung sprachenkundiger Priester in fremder, lateinischer Zunge sprechen konnte. Für den Einzelnen gab es weder die Notwendigkeit noch selbst die Möglichkeit, aus der Enge angeborener Verhältnisse herauszutreten und mit Hilfe des Wortes auf größere Kreise zu wirken. Wo aber wie in den städtischen Gemeinwesen dennoch Selbstverwaltung bestand und die Bürger Gelegenheit hatten, über ihre Angelegenheiten zu beraten und zu beschließen, da gewann die Frage der Sprache sofort eine große Wichtigkeit und die Bürgerschaft schied sich, wenn sie verschiedenen Sprachstämmen angehörte, nach ihrer Zunge in Nationalitäten, die mit größter Erbitterung um die Übermacht rangen. Für den Vornehmen hatte die Sprache aus anderen Gründen keine Wichtigkeit. Sein Anteil an der Gewalt war ihm durch die Geburt gesichert und er war Herr und Gebieter, ohne den Mund aufzuthun oder eine Feder einzutunken. (Kann sich doch in England, dessen Einrichtungen mit so vielen mittelalterlichen Überlebseln durchsetzt sind, noch in unseren Tagen der Fall ereignen, daß ein Holländer, der Abkömmling eines vor mehreren Menschenaltern ausgewanderten Schotten, durch das Aussterben des im Lande gebliebenen Mannesstammes seiner Familie plötzlich englischer Peer und Mitglied des Hauses der Lords wird, also einen Anteil an der gesetzgebenden Gewalt des britischen Reichs erlangt, ohne daß er englischer Staatsangehöriger zu sein und ein Wort Englisch zu können braucht!) Und in den wenigen Fällen, in welchen Kundgebungen nötig wurden, bediente der Vornehme sich der lateinischen Sprache, deren er entweder selbst mächtig war oder die doch sein geistlicher Geheimschreiber zu handhaben verstand. Bei solchen Verhältnissen war die Nationalität etwas Untergeordnetes, weil auch ihr Hauptmerkmal, die Sprache, es war. Darüber ist man aber heute überall hinaus, sogar in Rußland und der Türkei. Das Individuum ist mündig geworden und darf, selbst wenn es der niedrigsten Klasse angehört, über den Rang hinausstreben, auf den es der Zufall der Geburt gestellt hat. Die Rechtspflege ist mündlich, die Verwaltung menschlich nahbar geworden und steht dem Bürger Rede; in der Schule, im Heere wird zu jedem Angehörigen des Volks gesprochen und muß jeder antworten; der Protestantismus hat das Volk gelehrt, zu seinem Gott in der eigenen Sprache zu reden und von der Kanzel Belehrung und Ermahnung in der eigenen Sprache zu fordern. Für jede Laufbahn ist Handhabung des Worts nötig geworden; selbst der Vornehmste, selbst der Monarch kann bei zahlreichen Handlungen von Bedeutung die Sprachgewandtheit nicht entbehren und alle Einrichtungen der Gemeinde und des Staats erfordern den beständigen Gebrauch der freien Rede. Da gewinnt die Sprache eine ungeheure Bedeutung und das Individuum empfindet jede Beschränkung seines Rechts, sich der eigenen zu bedienen, jeden Zwang, sich in einer fremden auszudrücken, als eine unleidliche Schmach und Gewalt. Was die Nationalitätenfrage eigentlich bedeutet, davon hat derjenige gar keine Vorstellung, der ruhig inmitten seiner Stammgenossen als Bürger einer Gemeinde und eines Staates sitzt, die national einheitlich sind, und der nie in die Lage kommen kann, sich seiner Sprache schämen oder sie verleugnen zu müssen. Schilderung und Erzählung können von der Wut und Beschämung, die ein Mann in einer solchen Lage empfindet, ebensowenig einen wirklichen Begriff geben wie von einem leiblichen Schmerze, den man nie empfunden hat. Über diesen Gegenstand darf nur der mitsprechen, der in einem Lande geboren wurde, wo seine Nationalität in der Minderheit und unterdrückt, wo seine Sprache nicht die Staatssprache ist und wo er sich gezwungen sieht, eine fremde Zunge, deren er sich doch nur wie ein Fremder bedienen wird, zu erlernen, wenn er nicht für immer auf jede höhere Bethätigung seiner Persönlichkeit, auf jede bessere Laufbahn, auf jede Ausübung seiner Bürgerrechte in Gemeinde und Staat so verzichten will wie ein mittelalterlicher Sklave oder wie ein abgestrafter Verbrecher der Gegenwart. Man muß es selbst erlebt haben, um zu wissen, wie es thut, wenn man im eigenen Staate seiner ursprünglichen Menschenrechte beraubt und genötigt wird, vor einer fremden Nationalität die Stirne in den Staub zu beugen. Was ist die Aberkennung der Ehrenrechte gegen die Aberkennung der eigenen Sprache? Was ist die Fesselung von Händen und Füßen gegen die Fesselung der Zunge? Man möchte aus sich heraustreten und wird in sich zurückgesperrt. Man weiß, daß man beredt sein könnte, und muß in fremder Sprache kläglich lallen. Man sieht sich des mächtigsten Mittels der Wirkung auf andere beraubt und fühlt sich gelähmt und verstümmelt. Gutwillig wird sich ein Mann, der diesen Namen verdient, in solche Verhältnisse niemals finden. Wer vermöchte ohne Widerstand auf die eigene Persönlichkeit zu verzichten? Wer könnte einwilligen, ein Leben anzunehmen, dem das wichtigste Attribut des Lebens geraubt ist, nämlich die Möglichkeit, die inneren Lebensvorgänge, das Fühlen und Denken, zu versinnlichen? Ich verstehe den gläubigen Indier, der sich unter den Wagen von Dschaggernaut wirft und sich zermalmen läßt; er glaubt nicht, seine Individualität zu opfern, sondern strebt im Gegenteil in einem künftigen Leben eine reichere Entfaltung derselben an; ich verstehe auch den Fakir, der freiwillig auf den Gebrauch eines Gliedes verzichtet und jahrelang bis zu seinem Tode als Halb- oder Pflanzenmensch hindämmert; er findet Anregung und Lohn in den Vorstellungen, die er sich von den Folgen seiner gottgefälligen Entsagung für sein Seelenheil macht. Aber ich verstehe die Überläufer nicht, die ihre Nationalität aufgeben, die sich herbeilassen, eine fremde Sprache anzunehmen und sie ihr Lebelang zu radebrechen, anderen zum Spott und sich zur fortwährenden Beschämung. Die ein solches Opfer aus Feigheit, Schwäche oder Dummheit bringen, erregen allenfalls noch Mitleid. Unsagbar widerwärtig sind jedoch diejenigen, die ihre Sprache, das heißt ihr Selbst, die Versinnlichung ihres denkenden Ichs, von sich werfen und in eine fremde Haut kriechen, um Vorteile zu erlangen. Sie stehen tiefer als die greulichen Skopzi, die russischen Selbstverstümmler; denn diese entmannen sich doch einer religiösen Überzeugung zu Liebe, während jene Renegaten sich um Geld und Geldeswert zu geistigen Eunuchen verschneiden lassen. Es giebt kein Wort, das eine solche bodenlose Verworfenheit der Gesinnung richtig zu kennzeichnen vermöchte. Zur Ehre der Menschheit sei es gesagt: diese schmachvollen Überläufer bilden überall nur eine Minderheit. Die Mehrheit hält an ihrer Sprache fest und bewahrt ihre Nationalität wie ihr Leben. Der herrschende Volksstamm kann Gesetze geben, die seine Sprache zur Staatssprache machen und diejenige der unterjochten Nationalität zu einem niedrigen Kauderwälsch der Kärrner und Knechte herabdrücken, welches aus der Schule und Kirche, dem Gerichts- und Ratssaal ausgeschlossen ist; wenn diese Sprache eine entwickelte, wenn sie gar in einem andern Lande die herrschende ist, ein Schrifttum besitzt und irgendwo in der Welt zu den höchsten Kundgebungen des Menschentums in Staat und Wissenschaft dient, so ergiebt sie sich niemals in ihre Entehrung. Die vergewaltigte Nationalität wird dann zur Todfeindin ihrer Verfolgerin, sie beißt wütend die Faust, die sie zu knebeln sucht, sie stößt Notschreie um Hilfe aus, da man sie nicht reden lassen will, und sucht mit verzweifelter Anstrengung einen Staatshalt zu sprengen, der ihr kein Obdach, sondern ein unmenschlicher Kerker ist. Durch Überredung bringt man keinen Menschen mit gesundem Verstande dazu, sich guillotinieren zu lassen; das hat schon der französische Humorist festgestellt; und durch Gesetze kann man keine Nationalität, die sich zum Bewußtsein ihrer selbst entwickelt hat, zum Verzicht auf ihre Sprache und Eigenart bewegen. Ein Staat, der mehrere Nationalitäten in sich schließt, ist darum zu erbarmungslosen inneren Kämpfen verurteilt, für die es keine andere als radikale Lösung giebt. Eine radikale Lösung wäre die weitestgehende Dezentralisation, die von manchen Politikern vorgeschlagen wurde. In absehbarer Zeit ist aber eine solche nur theoretisch denkbar, nicht tatsächlich ausführbar. Denn man halte sich gegenwärtig, wie weit eine Dezentralisation gehen müßte, um alle Nationalitäten eines nicht auf der Grundlage der Volkseinheit aufgebauten Staates zufriedenzustellen. Das setzt voraus, daß jeder einzelne Bürger, welchem Stamme er auch angehöre, sich nach allen Richtungen und auf allen Gebieten voll ausleben, alle seine Menschen- und Bürgerrechte üben könne, ohne gezwungen zu sein, sich einer andern als seiner Muttersprache zu bedienen. Es müßte also nicht bloß die Verwaltung vom Dorf-Postamt bis zum Ministerium, nicht bloß die Rechtspflege vom Friedensrichter bis zum höchsten Reichsgerichte in allen Landessprachen amten, man müßte sich auch in den Gemeinde-, Landes- und Staatsvertretungen aller Landessprachen bedienen können, es müßten Volks-, Mittel- und Hochschulen für jeden Stamm errichtet sein, man mühte mit der schriftstellerischen Pflege der eigenen Muttersprache zu allen staatlichen und akademischen Ehren und Vorteilen gelangen können, die überhaupt den Lohn einer derartigen Thätigkeit bilden, kurz es dürfte für keinen Bürger eine Nötigung bestehen, eine fremde Sprache zu erlernen, wenn er etwas erlangen will, was anderen Landsassen ohne einen solchen Zwang erreichbar ist. Das sind praktisch unerfüllbare Forderungen. Das hieße den Staat in Atome auflösen, die miteinander in keiner wahrnehmbaren Weise mehr zusammenhingen. Eine so weit getriebene Gleichberechtigtes verschiedener Stämme innerhalb desselben Staates ist vielleicht dort möglich, wo bloß zwei ungefähr gleichstarke Nationalitäten nebeneinander leben wie etwa in Belgien, aber nicht in einem Staate mit zehn oder zwölf Nationalitäten wie etwa in Österreich-Ungarn, nicht dort, wo die Stämme an Zahl und Bildung ungleich sind und nicht in gesammelten Massen bei einander sitzen, sondern sich in seltsamer Zersplitterung mannigfach durcheinander schieben, wo oft ein Dorf drei oder vier, ein Kreis noch mehr Nationalitäten und Sprachen in sich schließt. Ein solcher Staat kann einer Staatssprache nicht entbehren, dadurch wird der Stamm, dessen Zunge die amtliche und vorwiegende ist, zum herrschenden, die Gleichberechtigung ist gebrochen, die übrigen Stämme sind benachteiligt und zu einem untergeordneten Dasein hinabgedrückt, es entstehen Voll- und Halbbürger, es entstehen Landesbewohner, denen das Gesetz die Zunge löst, und andere, die dasselbe Gesetz zur Stummheit verurteilt, das Märchen von den sieben Raben, wo ein Mädchen sieben Jahre lang kein Wort sprechen darf, wird zu einer staatlichen Einrichtung und die ihrer einfachsten und zugleich höchsten Menschenrechte beraubten Einwohner befinden sich in den unerträglichen Verhältnissen, die oben geschildert sind. Es giebt schwärmerische Politiker, die ernstlich glauben, daß die gesittete Menschheit sich eines Tages in einer Verfassung befinden wird, welche größere Staatsbildungen nicht länger erforderlich macht. In diesem Zustand giebt es keine Kriege und keine auswärtigen Angelegenheiten mehr; die Menschen formen größere Gruppen, gleichsam erweiterte Familien oder mäßig umfangreiche Gemeinden, innerhalb deren der Einzelne sich aller Entwickelungsfreiheit erfreut und deren sämtliche Mitglieder einander alle die geistige und leibliche Unterstützung gewähren, deren der Mensch in seinem Dasein nicht entbehren kann; jede Gruppe ist von der andern unabhängig und nur wenn es sich um Unternehmungen handelt, die mehreren zugleich nötig und nützlich sind und von einer allein nicht ausgeführt werden können, setzen sich alle die, welche ein Interesse an der betreffenden Unternehmung haben, in ein vorübergehendes, bloß im Hinblick auf einen bestimmten Zweck getroffenes Einvernehmen. Bei einer solchen Verfassung der Menschheit gäbe es allerdings keine Nationalitätenfrage mehr, denn die selbständigen Gruppen könnten so klein sein, daß sie bloß aus Mitgliedern einer einzigen Sprachgemeinschaft bestanden; aber ehe ich an die einstige Verwirklichung dieses Zukunfts-Gesichts glaube, bin ich noch eher bereit, anzunehmen, daß die Menschen im Laufe ihrer organischen Entwickelung eines Tages dahin gelangen werden, zur Versinnlichung ihrer Bewußtseins-Zustände nicht mehr der Sprache oder überhaupt einer symbolischen Bewegung zu bedürfen, sondern daß sich die Molekularbewegungen eines Gehirns direkt durch eine Art Ausstrahlung oder kontinuierliche Übertragung den anderen Gehirnen mitteilen werden. Ich schreibe dieser mystischen Vorwärts-Entwickelung denselben Grad der Wahrscheinlichkeit zu wie der geträumten Rück-Entwickelung vom Nationalstaats zur unabhängigen Gemeinde. Um niemand zu kränken, will ich diesen Grad der Wahrscheinlichkeit einen sehr hohen nennen, aber ich erwarte dafür das billige Gegen-Zugeständnis, daß es bis zur Erreichung des einen oder andern der angegebenen Ziele noch sehr lange dauern wird, jedenfalls viel länger, als die heute unterdrückten Nationalitäten warten können und wollen. Auch zur Annahme einer Weltsprache werden sie sich schwerlich bestimmen lassen. Es mag sein, daß die höchstgebildeten Individuen der ganzen Menschheit in einer fernen Zukunft sich einer gemeinsamen Zunge bedienen werden, um miteinander in Gedankenverkehr zu treten. Es ist aber hart zu glauben, daß jemals weite Volkskreise dieser klassischen Bildungssprache genügend mächtig sein werden, um mit ihrer Hilfe regiert und Verwaltet werden zu können. Bei ihren wichtigsten Geistesverrichtungen, wenn sie die Jugend in die Geheimnisse der Wissenschaft einweihen, wenn sie ihre Mitbürger zu bedeutungsvollen Beschlüssen überreden, wenn sie den Wahrspruch ihres Gewissens über Recht und Unrecht abgeben, werden die hervorragenden Männer eines Volkes ihre Gedanken niemals in eine fremde Sprache verkleiden wollen; die ihnen notwendig ihre Eigenart verkümmert und die Freiheit der Bewegung beschränkt. Nach der Beseitigung aller anderen radikalen Lösungen bleibt nur noch eine, die radikalste von allen: die Gewalt. Mit faulen Vermittelungen und hinkenden Ausgleichsversuchen ist nichts auszurichten. Wo es sich um ein Ureigentum wie die Sprache handelt, um einen wesentlichen Teil der Persönlichkeit selbst, da kann man keine Zugeständnisse machen, da muß man jedem Ansinnen eines Verzichts die schroffe Antwort entgegensetzen: Nichts oder Alles! Der Kampf um die Sprache ist eine andere Form des Kampfes ums Leben und muß wie dieser geführt werden; man tötet den Feind oder man wird von ihm getötet oder man flieht. Der Kampf der Nationalitäten ist die Abwickelung eines Prozesses, der vor Jahrhunderten, zum Teil vor Jahrtausenden begonnen hat und nur all die Zeit her gleichsam eingefroren war, jetzt aber endlich auftaut und seinem Abschlüsse entgegeneilt. Wie ist es denn geschehen, daß sich verschiedene Nationalitäten ineinander schoben? Ein Volk drang erobernd in die Sitze eines andern ein und verdrängte dieses nur teilweise; es blieben Inseln des besiegten Volkes inmitten der Sieger übrig; oder das Eroberervolk war wenig zahlreich und verbreitete sich nur als dünne Deckschicht über die Besiegten. Der Kampf hat in diesem Falle heute dort aufgenommen zu werden, wo er zur Zeit der Eroberung einschlief. Das Eroberervolk muß die letzte Anstrengung machen und das überfallene Volk vollends verdrängen oder geistig töten, indem es dasselbe mit rauher Gewalt seiner Sprache beraubt, es sei denn, das verfallene Volk raffte sich auf und erwehrte sich der Eindringlinge, würfe sie wieder zum Lande hinaus oder zwänge sie zum Verzicht auf ihr Volkstum. Auch andere Verhältnisse werden beobachtet. Ein Volksteil, der im eigenen Lande nicht genug Nahrung und Glück fand, verließ die Stammsitze und ließ sich in einem andern Lande nieder. War dieses Land unbesiedelt, ist aber heute von anderen, später eingewanderten Volksstämmen bewohnt, so haben die ersten Besitzergreifer heute den Kampf um ihre Sprache als eine Episode des Kampfes gegen die natürlichen Hindernisse zu betrachten, den ein ausschwärmender Volksüberschuß bestehen muß, wenn er in neuen Erdgegenden Pflanzstätten gründen will; wie der Sümpfe und Strome, wie der Gletscher und Klüfte, wie der Fieber und reißenden Tiere, wie der Hungersnot und Kälte, so müssen sie sich der menschlichen Gegner erwehren und sie dürfen das Glück, das sie in der Heimat nicht fanden und fern von ihr suchten, nur als Preis eines mit Einsetzung des Lebens zu erzwingenden Sieges über alle diese toten und lebenden Widerstände betrachten. War dagegen das Land, daß die Auswanderer zur neuen Heimat machten, bewohnt, so mußten sie ja wissen, unter welchen Bedingungen sie Gastfreundschaft verlangten und erhielten. War Aufgabe ihres Volkstums eine dieser Bedingungen und ließen sie sich sie gefallen, so verdient ihre Schwäche und Feigheit kein Mitleid und ihre Wirte haben Recht, von ihnen für das gereichte Brot den Verzicht auf die Sprache und Individualität zu fordern. Hatten sie aber die Kraft, sich einen Teil des fremden Landes ohne Zugeständnisse entehrender Art zu ertrotzen, so müssen sie jetzt auch die Kraft und den Willen haben, das zu thun, was sie gleich damals hätten thun müssen, wenn ihnen im fremden Lande feindselig begegnet worden wäre: nämlich von dannen zu ziehen oder mit dem Schwerte einen freien Anteil am Lande zu erzwingen oder im Abenteuer, dem sie nicht gewachsen sind, unterzugehen. So stellt sich mir die Nationalitätenfrage dar. Sie ist der fünfte Akt geschichtlicher Tragödien, die zur Zeit der Völkerwanderung und später, zum Teil sehr viel später, zu spielen begonnen haben. Die Zwischenakte haben lang gedauert, aber sie konnten nicht ewig dauern. Der Vorhang ist aufgegangen und die Katastrophe bereitet sich vor. Sie wird grausam und hart sein, aber hart und grausam sind die Geschicke alles Lebenden und das Dasein ist ein Kampf ohne Erbarmen. Es handelt sich da um keine Rechtsfrage, sondern im höchsten und menschlichsten Sinns um eine Machtfrage. Es giebt kein Recht, das ein Lebewesen dazu verhalten könnte, notwendigen Daseinsbedingungen zu entsagen. Das ist nur durch Zwang zu erreichen und Zwang fordert Widerstand heraus. Kein Fanatiker des Rechts hat noch vom Löwen verlangt, daß er ein Enteignungsverfahren einleite, wenn er ein Schaf fressen will. Der Löwe nimmt das Schaf, weil er muß; es ist sein Recht, das Schaf zu fressen. Freilich wäre es auch das Recht des Schafes, den Löwen zu töten, wenn es könnte. Wo es ums Leben oder um Gleichwichtiges geht, da fallen die Begriffe von Recht und Macht zusammen; das ist so klar, daß selbst das geschriebene Gesetz in allen Ländern dem Individuum die Notwehr als ein Recht vorbehält, also einräumt, daß es Lagen giebt, in denen der Mensch sein Recht in seiner Kraft zu suchen hat. Und was ist denn der Krieg anderes als ein solcher Fall der Notwehr, nicht eines Individuums, sondern eines Volks? Ein Volk erkennt, oder glaubt zu erkennen, daß ihm zum Leben oder zur Bequemlichkeit des Lebens etwas nötig ist, und es streckt die Hand danach aus. Es hat ein Recht darauf, dasselbe Recht, das der Löwe auf das Schaf hat. Will ein anderes Volk es hindern, sich dieses Notwendige zu verschaffen, so hat es für sein Recht mit seiner Macht einzutreten. Der Besiegte darf sich nicht beklagen, er darf höchstens versuchen, den Kampf zu erneuern. Ist er endgültig geschlagen und bleibt ihm keine Aussicht, jemals der Stärkere zu werden, so muß er sein Schicksal als letzten Urteilsspruch der Natur hinnehmen und sich sagen: »Ich bin nun einmal als Schaf geboren und muß mich den Lebensbedingungen eines Schafes anbequemen; es wäre gewiß besser, ich wäre ein Löwe, ich bin aber eben kein Löwe und es ist zwecklos bis zur Lächerlichkeit, darüber mit der Natur zu hadern, daß sie mich nicht als Löwe geboren werden ließ.« Ein Volksstamm, dem man seine Sprache nehmen will, ist im Falle der Notwehr. Er hat das Recht, für sein kostbarstes Gut zu kämpfen. Wenn er aber nicht stark genug ist, es zu verteidigen, so hat er sich nicht zu beklagen. Ebenso hat ein herrschendes Volk das Recht, sich die Freiheit seiner Rede durch die Anwesenheit eines andern Volksstammes in demselben Lande nicht verkümmern zu lassen und diesem keinerlei Zugeständnisse zu machen, die ihm seine Bequemlichkeit einschränken. Wenn es aber sein Recht nicht mit Zwang durchsetzen kann, so muß es sich eben herbeilassen, den andern Volksstamm als gleichberechtigt anzuerkennen, es muß von seinem höhern Standpunkte eines herrschenden Volks gedemütigt hinabsteigen, ja es muß zu Grunde gehen, wenn seine Herrschaft die Bedingung seines Lebens war. Dieses Schema wende ich unparteiisch auf alle kämpfenden Nationalitäten an, auf die Deutschen in Ungarn und Böhmen ebenso wie auf die Dänen in Nordschleswig und die Polen in Posen, auf die Rumänen in Siebenbürgen ebenso wie auf die Italiener im Trientinischen. Die fünf Millionen Magyaren haben Recht, wenn sie die elf Millionen Nicht-Magyaren Ungarns in Magyaren zu verwandeln suchen; sie setzen damit nur die Eroberungsthat fort, die sie unter Arpad im Jahre 884 begannen; aber die Deutschen, Slaven und Rumänen Ungarns haben ebenfalls Recht, wenn sie sich wehren, und sollten sie die Stärkeren sein, sollten sie die in Europa vereinzelten Magyaren besiegen und ihnen ihre haltlose Nationalität vom Leibe reißen, so dürfen die Magyaren sich nicht beklagen, sondern müssen ihr Schicksal hinnehmen, dem sie sich vor tausend Jahren wohlbedacht aussetzten, als sie in ein fremdes Land einfielen und ihr Leben daran wagten, sich da üppige Sitze zu erobern. Die Czechen haben Recht, wenn sie einen unabhängigen Staat bilden und in demselben kein deutsches Volkstum dulden wollen; sie nehmen damit den Kampf auf dem Marchfelde und an den weißen Bergen wieder auf; aber die Deutschen haben ebenfalls Recht, der Gewalt die größere Gewalt entgegenzusetzen, nach den beiden geschichtlichen Entscheidungsschlachten eine dritte zu schlagen und den Czechen endgültig zu beweisen, daß sie nicht die Kraft besitzen, als Eroberer in dem Lande aufzutreten, in das sie sich vor zwölf Jahrhunderten einschleichen konnten, weil sich ihnen niemand widersetzte. Europa wird der großen und gewaltthätigen Auseinandersetzung der Nationalitäten nicht mehr lange entgehen. Die versprengten Volksteile werden sich entweder ihrem Hauptstamme wieder anschließen oder dessen Hilfe anrufen und mit seiner Unterstützung die kleineren Völker überwinden, in deren Mitte sie sich befinden und deren Zwang sie jetzt erleiden. Die kleinen Völker, die ein Land mit anderen teilen und sich auf keine mächtigen Verwandten stützen können, sind zum Untergang bestimmt. Sie können sich im Kampfe ums Dasein gegen die stärkeren Landgenossen nicht behaupten. Sie müssen als Völker zu Grunde gehen. Dauern werden nur die großen Nationen und von den kleineren bloß diejenigen, die imstande sein werden, ein unabhängiges, nationales Staatswesen zu gründen, nötigenfalls durch Verjagung oder Unterdrückung fremder Volkselemente, die unter ihnen siedelten. Das zwanzigste Jahrhundert wird schwerlich zur Neige gehen, ohne das Ende dieses weltgeschichtlichen Dramas zu erleben. Bis dahin wird ein großer Teil Europas viel Not und Blutvergießen, viel Gewaltthaten und Verbrechen sehen, man wird gegen Völker wüten und Stämme unbarmherzig zermalmen, neben Tragödien menschlicher Niedertracht werden sich solche hohen Heldentums abspielen, Horden von Feiglingen werden sich widerstandslos entmannen lassen, tapfere Scharen kämpfend und glorreich untergehen. Die Überlebenden aber werden sich dann des Vollbesitzes ihrer nationalen Rechte erfreuen und sprechend und handelnd immer und überall sie selbst sein können. Es sind unheimliche Aussichten, die sich uns da eröffnen, aber sie können den nicht erschrecken, der sich mit der Härte des allgemeinen Lebensgesetzes abgefunden hat. Leben heißt kämpfen und die Kraft zum Leben giebt das Recht zum Leben. Dieses Gesetz beherrscht die Sonnen im Weltraum wie die Aufgußtierchen im Teichwasser. Es beherrscht auch die Völker und giebt ihren Erdengeschicken die Richtung, die keine heuchlerische Gesetzgebung und keine knifflige Politik, kein Interesse einer Dynastie und keine Verschlagenheit feiler Renegaten ablenken kann. Sentimentalität mag sich beim Anblick des Unterganges eines Volkes die Augen wischen. Der Verständige erkennt, daß es verschwand, weil es nicht die Kraft zur Dauer hatte, und reiht es zu den überwundenen Daseinsformen, über welche die Weltentwickelung hinweggegangen ist. Blick in die Zukunft Ich habe es gewagt, auf die große schwarze Tafel der Zukunft ein Bild zu zeichnen, das Bild von Ereignissen, an deren Eintreffen ich glaube. Auf der Tafel ist ungeheuer viel leerer Raum, ich kann der Versuchung nicht widerstehen, noch eine kleine Ecke mit Phantasie-Zeichnungen zu bedecken. Die nächsten Menschenalter werden, wie ich im vorigen Kapitel ausgeführt habe, die gewaltsame Lösung der Nationalitätenfrage sehen. Die kleinen und schwachen Völker werden verschwinden, das heißt ihre Sprache und Eigenart verlieren, wie die Wenden in der Lausitz und in Mecklenburg, wie die Celten in der Bretagne, in Wales und Schottland. Nahverwandte Stämme werden sich zusammenschließen und eine einzige große Nation zu bilden suchen, wie es Nieder- und Oberdeutsche, Provenzalen und Nordfranzosen bereits gethan haben, wie die Slaven unter russischer Führung, wie die Skandinaven es zu thun beginnen. Ausgewanderte Gruppen mächtiger Völker werden entweder untergehen oder mit Unterstützung der Hauptmacht ihres Volks sich zu Herren der von ihnen besiedelten Gebiete emporkämpfen und diese ihrem Nationalstaate als Teile angliedern. Das allgemeine Ringen und Drängen, Schieben und Stoßen wird für eine Weile ein chaotisches Durcheinander der Völker schaffen, aus dem schließlich einige wenige gewaltige Bildungen sich herauskristallisieren werden. Dann wird es in Europa nur noch vier oder fünf große Nationen geben, von denen jede vollständig Herrin in ihrem Hause sein, alle fremden und störenden Elemente ausgestoßen oder aufgesogen haben und keine Veranlassung kennen wird, über ihre Grenze anders als gutmütig und zu freundnachbarlichem Geplauder hinauszusehen. Welche Nationen nach dem großen Kampfe übrigbleiben werden, das wird nicht die Politik der Kabinette, nicht der Genius einzelner Staatsmänner, überhaupt kein Fehler und keine Großthat, keine Beschränktheit und keine Geisteskraft leitender Personen, sondern die eingeborene, natürliche Lebenskraft der Völker bestimmen, die in allen möglichen Formen sichtbar werden kann, als Leibestüchtigkeit wie als Fruchtbarkeit, als Überlegenheit auf dem Schlachtfelde wie als Vorsprung in Gesittung, Kunst und Wissenschaft, als unüberwindliches Zusammengehörigkeits-Gefühl wie, als Zähigkeit im Festhalten an der Nationalität. Ich glaube nicht, daß es Zufall ist, ob ein Volk zahlreich oder gering ist. Die Anzahl ihrer Individuen scheint mir auch im Tierreich einer der wesentlichen Züge, eins der kennzeichnenden Merkmale einer Gattung zu sein. Wenn die Celten fast überall verschwanden, wenn die Griechen es nie auf mehr als einige Millionen bringen konnten, wenn Magyaren, Albanesen, Basken, Romanschen ganz kleine Völker blieben, so ist es, weil es nicht in ihnen lag, große zu werden. Zur Zeit Alfreds des Großen gab es etwa zwei Millionen Engländer und wahrscheinlich (geschichtliche Angaben sind darüber nicht vorhanden) ebensoviel Skandinaven. Heute zählt England 39 Millionen Einwohner, alles skandinavische Land zusammen bloß acht Millionen. Die klimatischen und Bodenverhältnisse können es nicht sein, die ein so ungleiches Vermehrungs-Ergebnis herbeigeführt haben; denn Dänemark und das südliche Schweden und Norwegen sind vom größten Teile Englands nicht wesentlich verschieden und überdies haben die Engländer sich nicht auf ihre Insel beschränkt, sondern den größten Teil der Erde mit ihrer überschüssigen Volkskraft besiedelt. Ebenso ist es nicht aus klimatischen und Boden-Verhältnissen zu erklären, daß Frankreich zu Anfang dieses Jahrhunderts 22 Millionen Einwohner hatte und gegenwärtig 38 Millionen zählt, während die Bevölkerung Deutschlands in derselben Zeit von 16 Millionen auf 55 gestiegen ist. Die Franzosen hatten das günstigere Klima, die größere Bodenfläche, das fruchtbarere Land für sich und sind doch so bedeutend hinter den Deutschen zurückgeblieben. Es handelt sich also offenbar um eine organische Erscheinung, um eine leibliche Eigentümlichkeit, die von allem Anfang in einem Volke liegt, durch Blutmischungen und ungünstige Daseinsbedingungen allerdings verändert und verkümmert werden kann, unter leidlich naturgemäßen Verhältnissen aber immer wieder vorwaltet und auf die Dauer das unabwendbare, durch keine Menschengewalt zu verhindernde geschichtliche Ergebnis herbeiführt, daß ein Volk sich über weite Gebiete ausbreitet, mit jedem Jahrhundert zahlreicher und mächtiger wird und zuletzt ganze Erdteile beherrscht, während ein anderes Volk, das ursprünglich hinter jenem nicht zurückstand, allmählich aufhört, mit dem Nachbar Schritt zu halten, mit jedem Jahrhundert mehr zusammenschrumpft, immer mehr an Ausdehnung und Bedeutung verliert und zuletzt nur noch ein Schattendasein führt oder gänzlich untergeht. So gelangen wir zu einem Europa, das sein inneres Gleichgewicht gefunden hat und in welchem die übriggebliebenen wenigen Völker an Gebiet, Macht und Einheitlichkeit all das erlangt haben, was sie mit höchster Anspannung aller organischen Kräfte überhaupt erlangen konnten. Ein europäisches Volk achtet dann das andere und betrachtet es wie eine unwandelbare Naturerscheinung, mit der man wie mit etwas Gegebenem rechnet. Man sieht die Grenzen als etwas so Unabänderliches an wie die des Festlandes gegen das Weltmeer und ein Russe denkt so wenig daran, in deutsches Land, oder ein Deutscher, in italienisches einzubrechen, wie ein Vogel, unter dem Wasser, oder ein Fisch, in der Luft leben zu wollen. Jedes Volk arbeitet im eigenen Lande an der Verbesserung der Daseinsbedingungen, räumt nacheinander alle Hindernisse weg, die sich der freien und allseitigen Entfaltung des Individuums, der höchsten Verwertung aller Kräfte, dem denkbar vollkommensten Wohlbefinden der Einzelnen wie der Gesamtheit entgegenstellen, und errichtet schließlich in allmählicher ruhiger Entwicklung oder mit gewaltsamen Umwälzungen die Formen des Staats, der Gesellschaft und des Wirtschaftslebens, die ihm oder seiner großen Mehrheit die passendsten scheinen. Neben intensivem Geistesleben haben die Völker nur noch eine allgemeine Beschäftigung: die, der Natur das tägliche Brot abzugewinnen. Die Zahl der Menschen, die von Berufen leben können, welche nicht die Hervorbringung von Nahrungsstoffen zum Gegenstand haben, wird immer kleiner. Ausgedehnteste Verwendung der Naturkräfte, Erfindung sinnreicher Maschinen macht neun Zehntel der Arbeiter entbehrlich, die heute im Gewerbebetrieb beschäftigt sind. Eine Organisation der Gesellschaft auf Grund der Solidarität verwandelt ganze Gemeinden in Verbrauchsgenossenschaften und unterdrückt den kleinen Zwischenhandel. Alles, was sich sonst als Krämer und Handlanger durch die Welt bewegte, muß zum Acker zurückkehren und die Scholle bearbeiten. Dabei fährt die Nation fort, sich zu vermehren, die Menschen rücken dichter zusammen, das Land, das jedem Einzelnen zugemessen werden kann, wird immer kleiner, der Kampf ums Dasein immer schwieriger. Man verbessert die Methoden des Ackerbaus und der Viehzucht, man verwandelt Wüsten in Gärten, Flüsse und Seen in Fischweiher, das Land bringt Erträge, die man früher nicht geahnt hat, aber schließlich kommt der Augenblick, wo mit allen Künsten der Boden zu einer weitern Steigerung seines Ertrags nicht mehr gezwungen werden kann und die Brotfrage wie ein Gespenst vor der Nation aufsteigt. Woher für die Erwachsenen, deren Leben eine entwickeltere Gesundheitswissenschaft verlängert, für die Kinder, die jährlich zu Hunderttausenden geboren werden und sich guter Eßlust erfreuen, die Nahrung nehmen? Das einfache Hinausströmen über die Grenze, das friedliche Überschwemmen der Nachbarländer ist nicht möglich. Denn in ganz Europa herrschen ungefähr dieselben Zustände und die Schwierigkeiten des einen Volkes sind auch die der anderen Völker. Ebenso ist die Anwendung von Gewalt ausgeschlossen. Man führt keinen Raubkrieg mehr, um eine andere Nation auszurotten oder von ihren Sitzen zu verdrängen und diese an sich zu reißen. Die Gesittung hat überall ungefähr dieselbe Höhe erreicht, die Gewohnheiten und Einrichtungen sind einander ähnlich geworden, der lebhafte, weil leichte und billige Verkehr hat tausend innige Beziehungen zwischen allen Völkern geknüpft, man würde es als ein Verbrechen betrachten, die Hand nach fremdem Gut auszustrecken. Und nicht nur als ein Verbrechen, sondern auch als ein allzugefährliches und darum thörichtes Unternehmen. Denn alle europäischen Völker haben dieselben furchtbar vollkommenen Waffen, dieselbe Wehrverfassung und Übung in der Kriegskunst und wenn man mit einem Nachbarvolke einen blutigen Streit begänne, um Grund und Boden wegzunehmen, so hieße das nicht, dem Volksüberschusse, für den das eigene Land zu eng geworden, neue Wohnsitze erringen, sondern ihn, weil für ihn daheim kein Platz mehr ist, in den sichern Tod schicken. Übrigens besteht auch kein Nationalhaß mehr, denn die Kämpfe zwischen den Nationen liegen in der Vergangenheit, die volle Daseinsberechtigung jedes übriggebliebenen großen Volkes ist von den andern Völkern anerkannt und die in ununterbrochenem Gedankenaustausch begriffene, gleichmäßig gebildete Bevölkerung des ganzen Erdteils hat sich allmählich gewöhnt, alle Völker Europas als Mitglieder einer einzigen Familie zu betrachten und zwar nur in den eigenen Landsleuten Brüder, aber in den übrigen weißen Menschen doch Vettern zu sehen. So wenig die Bewohner einer Provinz eines Nationalstaates heute daran denken, in eine Nachbarprovinz einzufallen, die Bewohner zu verjagen und ihr Land an sich zu reißen, so wenig denkt dann ein Volk daran, an einem europäischen Nachbarvolk eine solche Gewaltthat zu verüben. Was aber thun, um die Brotfrage zu lösen? Da tritt ein Naturgesetz in Wirksamkeit. Der Überschuß der europäischen Bevölkerung strömt nach der Richtung des geringsten Widerstandes aus dem Weltteile hinaus. Dieser geringste Widerstand wird von den farbigen Rassen geleistet, sie sind darum notwendig dazu verurteilt, von den Söhnen der weißen Rasse zuerst verdrängt, dann ausgerottet zu werden. Das Solidaritätsgefühl, das allmählich alle Europäer umfaßt, erstreckt sich nicht auf die Nichteuropäer. Die Gleichheit der Gesittung, welche die Völker Europas einander ähnlich macht, besteht nicht zwischen diesen und den Bewohnern der übrigen Weltteile. Die Anwendung der Gewalt, die in Europa aussichtlos ist, verspricht außerhalb seiner Grenzen leichte Erfolge. Der auswandernde Europäer entfernt sich von dem gemäßigten Himmelsstrich, der ihm am zuträglichsten und angenehmsten, nicht weiter, als unbedingt nötig ist. Er besiedelt zuerst ganz Nordamerika und Australien, ganz Afrika und Amerika südlich des Wendekreises. Dann besetzt er die südlichen Küsten des Mittelländischen Meeres und dringt in die wirtlichsten Teile Asiens ein. Die Eingeborenen versuchen zuerst, Widerstand zu leisten, sehen aber bald ihr einziges Heil in der Flucht. Sie weichen vor den Europäern zurück und wälzen sich ihrerseits über schwächere Hintersassen, die sie so behandeln, wie sie selbst von den stärkeren Weißen behandelt worden sind. Jedes Menschenalter bringt aber in Europa einen neuen überschüssigen Menschenschwarm hervor, der auswandern muß; der neue Guß spült über die Flutgrenze des ersten Stroms hinaus und die Spitzen der europäischen Kolonisation dringen immer tiefer in die fremden Kontinente, immer weiter gegen den Äquator hin vor. Die niedrigeren Rassen sind bald vollständig verloren. Ich sehe keine Rettung für sie. Missionare mögen ihnen noch so viel Bibeln und äußerliches Christentum beibringen, Theoretiker der Menschenliebe, die einen Neger oder Indianer nur in Abbildungen oder Hagenbeckschen Karawanen gesehen haben, noch so sehr für den Sohn der Wildnis und die Maori- oder Karaiben-Romantik schwärmen, der Weiße ist zum Kampfe ums Dasein besser ausgerüstet als alle übrigen Menschenrassen und sowie er das Land der Wilden zum Leben braucht, nimmt er es ohne Bedenken. Der schwarze, rote oder gelbe Mensch ist dann nur noch ein Feind, der ihm das Dasein erschweren oder unmöglich machen will, und er behandelt ihn so, wie er die tierischen Feinde seiner Kinder, Herden und Felder, wie er die großen Katzen Afrikas und Indiens, die Bären, Wölfe und Auerochsen der europäischen Urwälder behandelt hat: er vernichtet sie mit Stumpf und Stiel. Der erste Haltepunkt auf unserer Wanderung in die Zukunft war die endgültige Abgrenzung der im Kampfe um ihre Sprache und Eigenart übrig gebliebenen großen Nationalstaaten, der die allgemeine Geistesentwickelung und große Vermehrung der Völker Europas folgte. Der zweite Haltepunkt ist die Besiedelung der ganzen Erde mit den Söhnen der weißen Rasse, nachdem ihr zuerst Europa und dann auch die gemäßigten Himmelsstriche der übrigen Weltteile zu eng geworden sind, und die Ausrottung der niedrigeren und schwächeren Rassen. Viele Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende wird es dauern, bis die Geißel des Hungers den weißen Menschen an den Oberlauf des Kongo, an die Ufer des Ganges und Amazonenstroms getrieben haben und bis der letzte Wilde der Urwälder Brasiliens, Neu-Guineas und Ceylons vor ihm verschwunden sein wird, aber schließlich wird dies geschehen und die ganze Erde dem Pfluge und der Lokomotive der Söhne Europas unterthan sein. Tritt jetzt ein Stillstand ein? Hört die Entwickelung der Menschengeschicke auf? Nein. Die Weltgeschichte ist das perpetuum mobile und sie läuft und läuft ins Unabsehbare. Die weiße Menschheit, die allein auf Erden übrig geblieben ist, fährt fort, in ihren alten Stammsitzen auf dem europäischen Festlands und in den gemäßigten Himmelsstrichen der übrigen Weltteile kräftig zu gedeihen; die Völker vermehren sich, immer wieder wächst eine frische Jugend heran, die einen Platz unter der Sonne und ein Gedeck am Tische fordert, und nach mehreren Zeitaltern tritt immer wieder die Notwendigkeit ein, daß ein neues Geschlecht aus dem alten Stocke ausschwärme. Aber jetzt giebt es keine niedrigere Rasse mehr, die man mühelos und ohne das lebhafteste Gefühl der Vergewaltigung eines Bruders verdrängen und vernichten kann. Überall findet man die eigene Gesichts- und Leibesbildung, überall verwandte europäische Sprachen, Anschauungen, Sitten und Gebräuche, überall die vertrauten Staats- und Kulturformen wieder und überall hat ein zivilisierter weißer Mensch mit den heiligen Furchen des Pfluges sein Eigentumsrecht in den Acker eingeschrieben. Wohin sollen sich die Auswanderer wenden? Was soll mit dem Überschuß der Geburten in den ältesten Kulturländern geschehen? Ein Gesetz bleibt in voller Geltung und hilft aus der Not: wieder das Gesetz des geringsten Widerstandes. Niedrigere Rassen giebt es nicht mehr, aber die Abkömmlinge der weißen Einwanderer, die am weitesten nach dem Äquator vorgedrungen sind, gehen in dem tropischen Klima organisch zurück und stellen nach wenigen Menschenaltern eine untergeordnete Menschengattung dar, welche sich gegenüber den Stammgenossen in den günstiger gelegenen Ländern so verhalten wie jetzt Neger oder Rothäute gegenüber den Weißen. Daß dies so kommen muß, ist nicht zweifelhaft. Die mannhaftesten und reisigsten weißen Völker verkommen in heißen Gegenden nach wenigen Geschlechtsfolgen und wenn sie nicht durch Unfruchtbarkeit und Krankheit gänzlich aussterben, so werden sie doch so schwächlich und welk, so dumm und feige, so widerstandlos gegen alle Laster und verderblichen Gewohnheiten, daß sie bald kaum mehr die Schatten ihrer Väter und Ahnen sind. Das war binnen weniger als hundert Jahren das Los der herrlichen Vandalen, die als germanische Hünen in Karthago einbrachen und als weinerliche Siechlinge von elenden Byzantinern daraus vertrieben werden konnten. Derselbe Vorgang wiederholt sich auch heute in allen tropischen Ländern, die sich der Weiße unterwirft. Die englische Regierung bemüht sich vergebens, die Ehen ihrer englischen Soldaten mit weißen Frauen in Indien zu vermehren. Man hat niemals, wie sich Generalmajor Bagnold ausdrückt, »genug männliche Kinder großziehen können, um die Regimenter mit Trommlern und Pfeifern zu versehen«. In Französisch-Guyana sind nach einer schönen Arbeit von Dr. I. Orgeas von 1859 bis 1882 zwischen Europäern 418 Ehen geschlossen worden. Von diesen sind 215 unfruchtbar geblieben, die übrigen 203 brachten 403 Kinder hervor. 24 dieser letzteren wurden tot geboren, 238 starben vom April 1861 bis zum Januar 1882 in verschiedenen Lebensaltern. 141 Kinder stellten also nach 33 Jahren die ganze Nachkommenschaft von 836 verheirateten Europäern dar. Und wie sah dieser Nachwuchs aus! Es waren beinahe durchgehends kleinköpfige, im Wachstum zurückgebliebene, runzelhäutige, mit mannigfaltigen Gebrechen behaftete Geschöpfe. Die Siedler zwischen den Wendekreisen fallen also der Verkümmerung anheim; nicht nur entwickeln sie die mitgebrachte Gesittung nicht weiter, sie büßen sie sogar ein und behalten von ihrem Stammes-Erbgut bald nichts weiter als eine verdorbene Sprache und die Eitelkeit der Kaste, von deren leiblichen und geistigen Kennzeichen nichts mehr übrig ist. Angesichts dieser entarteten Sterblinge empfinden die kräftigen Einwanderer kein Bedenken und der schwache Widerstand, den sie leisten können, kommt nicht in Betracht. Eine frische Schicht von Menschen, die Land und Nahrung brauchen, ergießt sich daher über diese in Sonnenglut gebadeten Länder, die ältere, ausgedorrte unter sich begrabend und den aussichtlosen Kampf gegen das Klima von neuem aufnehmend. Die Äquatorial-Gegenden verrichten also in der zukünftigen Menschheit-Geschichte dieselbe Arbeit wie in der Meteorologie. So wie die kalten Wasser der Pole nach dem Gleicher strömen, hier verdampfen und in Gestalt von Dünsten und Wolken wieder zurückgesendet werden, so wie durch diese Verdunstung ein Fallen des Meeresspiegels eintritt, welches von neuen Wassermassen aus den kalten Gegenden ausgeglichen werden muß, so wie endlich auf diese Weise die Wassermassen aller Meere in beständiger Bewegung erhalten, die Regenverhältnisse auf der ganzen Erde geregelt und die entferntesten Länder fruchtbar gemacht werden, so strömen dann die Überschüsse der Geburten aus den alten Kulturländern nach den Tropen, gehen hier zu Grunde, verdampfen gleichsam und werden vom beständigen Nachguß wieder ersetzt. Der Äquator wird zum furchtbaren Dampfkessel, in welchem das Menschenfleisch schmilzt und verdunstet. Es ist eine Erneuerung des uralten Molochdienstes. Die Völker der mäßigen Zone werfen einen Teil ihrer Kinder in den Rachen des Glutofens und behalten dadurch Platz für eigenes Gedeihen und eigene Entwicklung. Das Bild ist grauenhaft, aber der Vorgang ist es nicht. Denn es ist kein schmerzlicher Tod, zu dem die Kinder der Völker verurteilt sind. Üppig lacht ihnen in den heißen Ländern ein überschwengliches Leben, lau umschmeicheln die Lüfte und Wogen ihre Glieder, Feld und Wald bieten die Fülle der Nahrung, ohne dazu gezwungen werden zu müssen, wonniger und leichter scheint ihnen das Dasein als den Vätern und Brüdern auf der alten widerspenstigen Scholle und mit süßen, brennenden Küssen, denen sie sich mit Schauern der Wollust hingeben, saugt ihnen die Sonne das Leben aus allen Poren. Es ist ein Sterben, das jede weichliche Natur dem rauhen Kampf ums Dasein vorziehen wird, es ist ein sanftes Verrinnen und Zerstießen, in das man geschmeichelt wird wie in einen Opiumtraum und das eher Neid als Mitleid erwecken kann. Aber nicht ewig wirkt der Äquator als Dampfkessel oder Verdunstungs-Pfanne der Menschheit, nicht ewig ist er die Sicherheitsklappe, die sich öffnet, so oft in den alten Kulturländern der Druck zu stark wird. Es kommt ein Augenblick, wo sich die Verhältnisse vollkommen umkehren. Die Auskühlung der Erde schreitet vorwärts, der Eisgürtel der Pole gleitet tiefer und tiefer, schnürt sich um einen Breitengrad nach dem andern und erstickt immer neue Gegenden. Die Menschen wandern eifriger als je den Tropen zu, aber die heiße Zone ist jetzt nicht mehr die tückisch liebkosende Würgerin, sondern die Amme des Menschengeschlechts. Sie allein nährt ihre Bewohner noch reichlich, sie allein läßt sie sich voll entwickeln, fröhlich gedeihen und klug und stark bleiben. Alle Bildung und Gesittung zieht sich um den Äquator zusammen. Hier erheben sich die Paläste und Akademien, die Hochschulen und Museen, hier wird gedacht, geforscht, gedichtet und geschaffen. Hier allein leben sich die Menschen noch vollkommen aus. Um so schlimmer für die Lässigen, Bequemen oder Ängstlichen, die sich in den alten Ländern verspätet haben. Wenn auch sie sich endlich unter der Pressung der vordringenden Eismauer entschließen, den Wanderstab zu ergreifen, finden sie die behaglichen Sitze eingenommen und wohlgehütet von einem starken Geschlechte, das blühender und mächtiger geworden ist, während sie selbst von Kälte und Hunger geschwächt sind. Sie lagern an den Rändern des Zauberringes wie ein Rudel Wölfe und blicken mit wildgierigen Räuberaugen in die Lebensfülle hinüber, so oft sie aber den Versuch wagen, einzubrechen und sich Beute zu holen, werden sie von den kraftvollen Herren der gesegneten Erde in ihre Eiswüste zurückgejagt. Und dann? Ja, was dann ist, das weiß ich nicht. Hier wird die schwarze Zukunft noch viel schwärzer, ich kann gar nichts mehr unterscheiden und so muß das Märchen ein Ende haben.