Theodor Herzl Philosophische Erzählungen Solon in Lydien. 1900. Solon war in der Kraft seiner Jahre und seines Geistes, als er sich entschloß, Athen zu verlassen. Auf den Kyrben standen seine Gesetze, aber den Bürgern waren sie noch allzu neu. Täglich kamen Männer aus allen Kreisen und betrachteten mit Staunen oder Unwillen die Axones des Solon. Sein Freund Hipponikos redete ihn darauf an: »Du siehst, wie Deine Gesetze allen Steuerklassen mißfallen.« »Weil sie neu sind, Hipponikos. Meine Gesetze sind noch nicht gut, aber auch noch nicht schlecht. Junge Gesetze gleichen in Manchem dem Weine. Sie müssen reifen, nachdem sie fertig geworden sind.« »Mein Solon, Du hast es Keinem recht gemacht. Ich wundere mich nicht, daß die Pentakosiomedimnen, die Ritter und auch die Zeugiten wider Dich sind, denn Du bist ein Freund der vierten Klasse, zu der Du selbst nicht gehörst. Aber auch die Theten murren in ihrem Innern, und wenn sie Dich nicht so blind verehrten, weil ihnen Deine Seisachtheia das Schuldenzahlen erleichtert hat, sie würden wohl gegen Dich aufstehen.« »Gesetze, Hipponikos, können nicht allen Leuten behagen. Der ist ein Tor, ein Träumer, wenn nicht ein Schurke, der durch Gesetze irgendwen zufriedenstellen will. Das Gesetz kann nur auf der Unzufriedenheit Aller beruhen.« »Ein Tyrann könnte nicht anders denken.« »Nur würde er es nicht sagen, mein guter Hipponikos. Der geheime Sinn meiner Gesetze war es, eine erträgliche Unzufriedenheit Aller herzustellen. Dieser Zustand ist nun erreicht. Ich habe noch die eine Sorge, wie ich ihn auf die Dauer erhalte. Denn das vermag nur ich allein.« »Du willst also König werden, Solon?« »Nicht doch! Wie wenig verstehst Du mich, und bist mein Freund! Ich wäre zwar fähig, Attika auch dieses Opfer zu bringen und in der Akropolis den Sitz meines hohen Ahnherrn Kodros einzunehmen. Welcher von den Eupatriden wollte mir es wehren? Doch wozu sollte ich das Abenteuer Kylons wiederholen? Denn bald wäre ich ein Kylon, meine Ordnung sähe aus, als hätte ich sie zu meinem Vorteil ersonnen, und es würden Demagogen die Unzufriedenheit ausbeuten, die der geheime Reichtum meiner Gesetze ist. Schon ängstigt mich meine eigene Macht, weil sie eine Gefahr für mein Gesetz bedeutet. Sieh', es kommen alle Tage Männer von der Küste oder aus den Bergen zu mir und fragen mich, ob sich meine Verfügungen nicht irgendwie erleichtern ließen. Ich als der erste Archon, der Allgewaltige, könne doch tun und lassen, was ich wollte. Aber soll ich, wie Penelopeia, Nachts auftrennen, was ich bei Tage gewoben? Dann gibt es wieder Andere, namentlich unter den kleinen Handwerkern, die möchten den Grund einzelner Bestimmungen erfahren. Aber es wäre vergebene Mühe, dürfte wohl auch schaden, wollte ich den Einzelnen erklären, was nur vom Staate aus gesehen verständlich wird. Es gibt Härten in meinem Gesetze, und manchmal jammern mich die Menschen, denen ich weh tun muß. Könnte ich mein Archonten-Amt niederlegen, mir wäre besser zu Mute. Aber sie würden mich in jeder Not wieder rufen, weil ich in Attika der Einzige bin, dem Alle vertrauen. Dann käme ein Tag, an dem ich aus Mitleid oder um mir die Volksgunst zu erhalten, ein Loch in meine Tafeln schlüge. Ich bin ein Mensch, Hipponikos, und mißtraue meiner Schwäche.« »Das ist freilich eine böse Lage«, sagte Hipponikos nachdenklich. »Und was gedenkst Du nun zu tun? Ich sehe einen Entschluß in Deinen Augen.« »Ich dachte ans Sterben. Es wäre groß, wie Kodros Opfer, wenn ich den Giftbecher leerte. Niemand hätte dann die Kraft, meine Tafeln zu ändern. Aber Athen wird mich noch brauchen. Lykurgos und Miltiades, des Kypselos Sohn, und Megakles und mein Verwandter Peisistratos würden das Land nach meinem Tode mutmaßlich in Fetzen reißen. Den Peisistratos, der sich auf die mißgestimmten Diakrier stützt, halte ich für den gefährlichsten, weil er der Liebenswerteste ist. Darum will ich es so einrichten, daß ich dem Volke nicht völlig verloren gehe, wenn ich mich ihm auch entziehe. Ich will eine lange Reise unternehmen. Ich lasse mir von den Bürgern Urlaub geben. Bis ich wieder komme, werden meine Gesetze ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sein. In meiner Abwesenheit wird Niemand mein Werk zu ändern wagen aus Furcht vor meiner rächenden Heimkehr. Der ferne Solon ist schrecklicher, als der, den sie täglich sehen können. So schütze ich meine Tafeln vor Parteien und Tyrannen, und vor mir selbst.« So tat Solon. Es war sein Gedanke, zehn Jahre dem Vaterlande fern zu bleiben. Den Bürgern machte er begreiflich, daß er nach erfüllter Archontenpflicht nun auch seiner eigenen Geschäfte eingedenk sein müsse. Denn er mochte keinen Vorteil für sich vom Staate haben. Er war ein Kaufmann und wollte nichts Anderes sein. Solons Abschied betrübte die Athener sehr, und die allgemeine Unzufriedenheit wandelte sich in Dankbarkeit und Rührung, da der Gesetzgeber von dannen zog. Solon segelte wohl über das weinfarbene Meer. Mit liebendem Blick sah er zurück nach der Küste Attikas, die in einem Sonnenstaube verblaßte, verdämmerte und entschwand. Seine Brust hob sich in Seufzern, und die Augen waren ihm ganz voll von Tränen. Da ward ihm die Dichtung zu einem guten Trost, und dieweil das Schiff an den rosig überhauchten Kykladen vorüberglitt, vorbei an Andros, Tenos, Naxos, vorbei auch später an Rhodos, hinaus ins karpathische Meer – sang sich Solon in glücklichen Hexametern die Schmerzen von der Seele weg. Wie in den Tagen seiner Jugend war er nur noch ein Kaufmann und Poet. In Aegypten nahm er zuerst längeren Aufenthalt. Hier waren Psenophis von Heliopolis und Sonchis von SaÏs die Gesellen seiner nachdenklichen Stunden. Diesen klugen und gelehrten Priestern verdankte er die erste Kunde von der Insel Atlantis, die in wundervollen Tagen jenseits der Säulen des Herakles schimmerte und von der Oberfläche des Meeres verschwunden ist, weil sie so herrlich war. Nachdem er sich mit der Weisheit der Aegypter vollgesogen hatte, wie ein Schwamm, fuhr Solon weiter. Auf Cypern war er der willkommene Gast eines Herrschers, dem er die königliche Gastfreundschaft solonisch vergalt. Er riet und half dem Könige, dessen Stadt Aepeia auf einer ungünstigen Anhöhe lag, die ganze Stadt hinunter in eine prächtige Ebene zu legen. Denn der Blick Solons war immer ins Große und auf das Wohl der Menschen gerichtet. Der König gab der neuen Stadt zu Ehren des edlen Atheners den Namen Soli. Von da reiste Solon nach Sardes, zu Kroisos, dem überreichen Könige der Lyder. Kroisos wollte anfänglich nach Art unvornehmer Leute durch die Vorzeigung seiner Schätze auf Solon Eindruck machen. Der Grieche betrachtete diesen aufdringlichen Prunk höflich und gelassen. Er brach nicht in die von Kroisos erwartete Bewunderung aus, was den eitlen Herrn von Lydien ein wenig schmerzte. Dennoch blieb er seinem Gaste wohlgesinnt und ertrug sogar dessen allzu philosophische Bemerkungen – über das wahre Glück – mit Geduld. Wenn Solon in seiner freiwilligen Verbannung meinte, daß Niemand vor dem Tode glücklich zu preisen sei, so wußte das Kroisos besser. Er war glücklich. Lydien, das reiche, gehörte und gehorchte ihm. Von Persern oder Griechen gab es nichts zu fürchten. Im Innern war eine Ruhe, die das Herrschen zur lauteren Wonne machte. Dazu kam das Behagen der Familie. Dem Kroisos blühte eine Tochter, Omphale genannt nach jener sagenhaften Königin von Lydien, und lieblich anzuschauen in ihrer Jungfrauschaft. Kroisos verstand es aber auch, sich das Leben auf erlesene Art zu zieren. Er schuf sich Genüsse des Geistes, ohne die Reichtum und Macht nur den rohen Gemütern Freude bereiten. Künstler und Philosophen bewirtete er mit Anmut, und die besten Männer von Hellas waren ihm Freunde. So war um diese Zeit auch der Fabeldichter Aesop sein Gast in Sardes. Diesem aufgeklärten Poeten verriet Kroisos in traulicher Stunde sein Erstaunen über Solons Kälte. »Wundere Dich nicht, o König«, rief Aesop; »so sind die Weisen. Das Vorübergehende berührt sie nicht. Sie spielen immerfort mit dem Gedanken der Ewigkeit, wie Kätzchen mit einem Knäuel Wolle.« Solon hielt sich zu Sardes lange auf, und Kroisos empfand von Tag zu Tage mehr Achtung für den Athener, der so unbeugsamen und dabei milden Sinnes war. Er gewöhnte sich, Solon in allen wichtigeren Sachen des Staates um Rat zu fragen. So lagen sie einst beim Symposion, der König, der attische Politiker und der Fabeldichter, die Häupter mit Rosen bekränzt. Kroisos hatte schweigsamer als sonst seine Trinkschale geleert. Tanz und Flötenspiel vermochten nicht, seine Stirne zu entwölken, indessen die beiden Anderen in halkyonische Träume versanken. Des Königs Laune fiel endlich dem Aesop auf. »Ich will Euch den Grund sagen, meine Freunde«, sprach der König, und er winkte den Sklaven, daß sie sich entfernten. Dann fuhr er fort: »Heute ist die schwerste Aufgabe meiner Regierung an mich herangekommen, plötzlich wie das Schicksal. Nie habe ich in meinem Gemüte die Götter so heiß angefleht, sie mögen mir den Weg zeigen.« »Was ist es, Kroisos?« sagte Solon ruhig. »Ein Jüngling von ionischer Herkunft aus Bolissos auf Chios ist vor mir erschienen und hat meine Tochter Omphale zum Eheweibe verlangt.« »Ist er aus königlichem Blute?« fragte Aesop. »Er ist vielleicht mehr als alle Könige«, antwortete Kroisos; »aber sein Vater schafft nur als armer Handwerker zu Bolissos.« »Ich verstehe Dich nicht«, meinte Solon. Und Kroisos sprach: »Der Jüngling behauptet, er habe etwas gefunden, das die Not der Menschen für immer von der Erde verbannen wird. Er will es mir, nein, den Lydern, oder vielmehr allen Menschen zum Geschenke machen. Als einzigen Lohn fordert er dafür meine Omphale, die er unendlich liebe?« »Der Bursche hat keinen schlechten Geschmack«, schmunzelte Aesop. Solon aber forschte: »Was ist das für ein Mittel, das er gefunden haben will?« »Er soll es Euch selbst erklären«, rief Kroisos und befahl, den Jüngling zu holen. Eukosmos von Bolissos trat ein. Er war von edler Gestalt. Den ionischen Chiton trug er mit Anstand. Sein Gesicht war wie Milch und Blut, und seine Wangen leuchteten aus dem hellbraunen jungen Bart heraus. Besonders stolz und lachend herrschten seine blauen Augen. »Eukosmos!« sagte der König sanft, »dies sind meine Freunde. Du magst frei vor ihnen reden, wie Du zu mir gesprochen hast. Gib uns Dein Wundermittel an.« »Hier ist es«, sprach Eukosmos mit einer warmen Stimme, die den Männern zu Herzen ging, und er hob ein Säckchen hoch. »Was hast Du da? Gold?« erkundigte sich Aesop. »Mehr!« lächelte Eukosmos. »Viel mehr als Gold! ... Mehl!« Der Fabeldichter wendete sich ergötzt an Solon. »Unser fürstlicher Wirt gibt uns noch ein Scherzspiel zum Besten.« »Nein«, schrie Kroisos etwas ungeduldig; »es ist Ernst. Wenigstens behauptet es dieser. Sprich, Eukosmos!« »Es ist Mehl«, wiederholte der Jüngling von Bolissos. »Mehl, das ich selbst erzeugt habe.« Aesop hielt sich den Bauch vor Lachen: »Nun ja. Du hast einen Acker bestellt, hast Korn geerntet und hast es dann zwischen Steinen zu Mehl zerrieben. Dergleichen habe ich schon manchesmal vernommen.« »Eukosmos blickte still über den Lachenden hinweg: »Ich habe keinen Acker bestellt, ich habe auch kein Korn geerntet, und darum konnte ich es auch nicht zwischen Steinen zerreiben. Dieses Mehl habe ich auf andere Art gewonnen.« »Auf andere Art?« murmelte Solon. »Und es gleicht dem allerbesten Weizenmehl«, fügte Kroisos hinzu. »Die Brote, die wir heute beim Mahle hatten, waren aus diesem Stoffe.« »Es war ein köstlicher Geschmack«, staunte Aesop. Solon fuhr den Jüngling rauh an: »Treibe mit uns keine Possen, Knabe! Wenn sich der König auch von Dir belustigen läßt, so müßte Dich die Ehrfurcht vor gereiften Männern abhalten, ihnen solchen Unsinn vorzumachen.« Eukosmos entgegnete ruhig: »Ich weiß, Du bist Solon, und ich ehre Dich. Beim ewigen Zeus schwöre ich Dir, daß es ist, wie ich sagte. Ich habe das Mittel gefunden, ohne Feldfrucht Mehl zu erzeugen. Ich mache es aus einem Stoffe, der in der Natur in unerschöpflicher Menge vorkommt. Ich kann davon so viel herstellen, als mir beliebt, und mit kaum nennenswerter Mühe. Die Jahreszeit vieler hundert Ackersleute kann auf meine Weise ein einziger Mann in einem Tage verrichten.« »Nenne Dein Mittel«, sagte Solon, »oder ich verachte Dich als einen Lügner.« Eukosmos erwiderte: »Ich besitze nichts als mein Geheimnis. Der König weiß, wofür ich es preisgeben will. Aber nur dafür, und für nichts anderes in der Welt. Eher lasse ich mich in Stücke reißen. Ich könnte es allmählich in Gold umsetzen, wenn ich nach niederem Gewinne lüstern wäre. Doch wem von den Göttern solche Gnade ward, wie mir, der darf das Köstliche nur gegen das Köstlichste hingeben. Am Tag, an dem mein Wunsch erfüllt wird, schenke ich der Menschheit für alle Zeit das Brot. Brot ohne Schweiß, von keinem Mißwachse bedroht, im Ueberfluß, auf ewig ...« Kroisos sagte erschüttert: »Wir haben Dich gehört. Geh' und erwarte meine Entscheidung!« »Wenn dem so ist«, meinte Aesop, »könnte er doch immerhin anfangen, Mehl für die Armen zu machen. Warum sollen die auch nur eine Stunde unnütz hungern? Du magst Dein Geheimnis vorläufig für Dich behalten, lieber Eukosmos; wenn Du ein Herz im Leibe hast, und gewissen Leuten gefallen willst, die auch ein Herz im Leibe haben sollen, dann beginne mit Großmut.« »Gern!« sagte Eukosmos. »Der König möge mir nur bürgen, daß kein Versuch sein wird, mich zu belauschen, oder mir es abzulisten.« »Eukosmos, mein Königswort!« Der Jüngling verneigte sich und ging. »Nun, was sagen meine Freunde?« sprach Kroisos, als sie wieder allein waren. »Gib ihm Deine Tochter, König von Lydien!« schrie Aesop begeistert. »Und was ist Dein Rat, Solon?« »Töte ihn!« Kroisos und Aesop sahen den Athener bestürzt an. Es war eine eigene Flamme in seinem Blicke. Der König faßte sich zuerst: »Du meinst, Solon, wenn er mich belogen hat?« »Nein, König der Lyder! Du sollst ihn töten, wenn er die Wahrheit gesprochen hat!« »Solon, ich verstehe Dich nicht!« stöhnte Aesop. »Du willst den größten Wohltäter des menschlichen Geschlechtes hinrichten lassen?« »Ich würde es mir keinen Augenblick überlegen«, erklärte Solon. »Aber ich!« rief Kroisos. »Ich bin zwar empört über den Burschen, der es wagt, die Hand nach meiner Tochter auszustrecken – aber ihn töten? Ich denke nicht daran.« Solon erwiderte hierauf mit kaltem Zorn: »Dann bist Du nicht wert, ein König zu sein!« Aesop erschrak und wollte sich begütigend einmischen, aber Kroisos lächelte: »Ich bin König genug, um die harten Worte eines Mannes zu ertragen. Führe Deinen Gedanken aus, mein teurer Solon!« »Mein Gedanke, Kroisos, ist einfach wie immer, einfach wie der Eure. Der Unterschied ist nur im Zeitmaß. Darum hatten meine Athener, glaube ich, Recht, als sie mir die Gesetze zu machen gaben. Ihr meßt den Vorteil einer Sache an Stunden, Wochen oder an Jahren, wo ich mir Aeonen durch die Finger gleiten lasse. ... Dieser junge Mensch ist eine der größten Gefahren, die jemals auf die Erde gekommen sind. Ich will nicht in der Sprache der Kinder und Frommen zu Euch reden, sonst würde ich über den Verwegenen klagen, der in das Schicksal der unsterblichen Götter eingreift und Persephone nicht mehr in die Unterwelt entsteigen läßt. Wir sind Männer, die hinter die Schleier geblickt haben. Wir wissen, was hinter dem Hierophantentum von Eleusis steckt. Das Feld bringt Früchte, nicht weil Demeter will, sondern weil es mit dem Schweiße des Arbeiters getränkt wird. Und dieser Bursche will das ändern. Sorglos will er die Menschen machen, dieser Verruchte. Das Beste, was sie haben, den Hunger, will er ihnen rauben. Was dann? Sollen die rohen Zeiten der Pelasger wiederkehren, soll mit dem Ackerbau die Seßhaftigkeit, der bürgerliche Sinn, die Gesittung abermals entschwinden? ... König der Lyder, töte ihn, wenn Du ein König bist!« »Solon, Du zermalmst mich!« ächzte Kroisos. »Ein König muß töten können«, fuhr Solon erbarmungslos fort. »Aber nicht nur die Schlechten, die Missetäter, denn das wäre gar leicht und angenehm. Auch die Guten muß er vertilgen, wenn es die Wohlfahrt des Volkes heischt. Darum ist kein Irdischer über Dir, damit Du auch solches vollbringen könnest. Das ist die verschwiegene Rechtfertigung Deiner Macht. Dieser Fabeldichter da findet mich wahrscheinlich herzlos. Sei es drum. Du kannst mich auch in Deinen Gedichten als ein reißendes Tier schildern, Aesop! Du verdienst es, volkstümlich zu sein. Ich aber sage Euch, daß es keine größere Tat in unserer Zeit zu begehen gibt, als die Vernichtung dieses sonnigen Jünglings, den ich vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen habe. Ich werde um ihn weinen, wenn er stirbt; aber ich müßte stärker weinen, wenn er am Leben bliebe. Wenn wir ihn ermorden, haben wir uns um Hellas und die Welt verdient gemacht und werden den Lohn in unserem Bewußtsein tragen. Es wird eine stumme Großtat sein, eine jener hohen, dem Verständnisse des gemeinen Mannes entrückten, die kein Geschichtsschreiber meldet und kein Homer besingt.« »Gemach!« sagte der König, bewegt. »Noch ist es nicht beschlossen.« »Allen Himmlischen sei Dank!« stieß Aesop erleichtert hervor. »Und ich will auch dem Musagetes ein besonderes Opfer dafür bringen, daß er mich keinen Politiker werden ließ. ... Höre mich an, guter Solon! Wenn schon alles wäre, wie Du sagst – woher weißt Du, ob nicht morgen ein anderer dasselbe finden wird, was Eukosmos fand? Es ist ein Zufall, daß er gerade hierher kam, die Omphale lieben mußte, und daß wir diese Dinge erfuhren. Den Anderen werden wir nicht kennen und er wird den Hunger auch abschaffen, was ich, nebenbei gesagt, nicht beklagen könnte. Denn ich, Solon, ich weiß, wie der Hunger schmeckt. Vielleicht bin ich darum ein volkstümlicher Poet.« Solon entgegnete: »Ich würdige Deine Gründe, Aesop. Es ist möglich, daß Eukosmos einen Nachfolger bekommt. Die Frage ist nur: wann? Es können darüber Jahrtausende vergehen. Diese sind dem menschlichen Geschlecht nicht verloren, wie Du in Deiner dichterischen Gutmütigkeit meinst, sondern gewonnen. Wie hoch ist heute das Land der Griechen in der Gesittung, wenn wir es mit der alten Zeit vergleichen. Wir danken es dem Hunger, der uns die Arbeit lehrte. Die Arbeit veredelt sich in ihrer feinsten Blüte zur Kunst, gleichwie das Nachsinnen über den eigenen Vorteil sich bis zur erhabenen Philosophie steigern kann. Wer weiß, welche Atlantis noch auf unbekannten Meeren der Entdecker harrt. Ich kann mir denken, daß die Menschen einer späteren Zeit auf schnelleren Wagen von Athen nach Korinth reisen werden als wir. Ich kann mir sogar noch tüchtigere Schiffe denken als unsere gewaltigsten Trieren. Lähmet mir den Erfindungsgeist nicht! Vielleicht kommen auch noch wolkenlose Tage der Menschheit, in denen sie den Hunger nicht mehr braucht. In solche Ferne reicht freilich mein Blick nicht. ... Kroisos, töte mir den Eukosmos! ... Du schwankst noch! Wohl, ich will Dir einen Vorschlag machen. Es lebt ein Mann, welcher von allen Griechen der Weiseste ist. Dieser möge unseren Streit entscheiden.« »Thales von Miletos?« sagte Aesop. »Thales!« bestätigte Solon. »Gib ihm die ganze Sache bekannt. Unser Freund Aesop wird es mit seiner schönen Klarheit aufschreiben. Erzähle ihm nichts von mir. Er soll sein freies Urteil aussprechen. Was er sagt, das will auch ich als das Richtige anerkennen.« »Gut!« rief Kroisos aus, der froh war, einem unmittelbaren Entschlusse ausweichen zu können. »Thales möge uns künden, was in diesem unerhörten Falle die Pflicht ist.« Am andern Morgen eilte die königliche Botschaft nach Miletos. Bald kam die Antwort des Weisen. Sie lautete: »König! Du mußt mir eine Zeit des Bedenkens gewähren. Ich kann Dir in einer so schweren Gewissensfrage nicht allsogleich mein letztes Wort angeben.« Monde kamen und gingen. Von Thales erschien aber keinerlei Nachricht. Kroisos schickte einen andern Boten hinüber nach Milet. Der Bote kehrte mit einer wunderlichen Meldung zurück. Thales sei verreist, und man wisse nicht, wohin. Kroisos schüttelte unmutig das Haupt. Doch Solon sagte: »Lass' nur! Thales weiß immer, was er tut. Du wirst sein Urteil hören. Wohlschmeckend wird es sein, gleichwie eine reife Frucht.« In Sardes aber entwickelten sich die Dinge. Eukosmos war ein lieber Genosse des Königs und seiner Freunde geworden. Immer von neuem erfreute sie die Anmut seines Geistes, die Kühnheit und männliche Heiterkeit seines Wesens. Und wer ihn am stärksten liebte, das war Solon. Oft sprach er zu dem Jüngling: »Ich wollte, mein Sohn gliche Dir, wenn ich aus meiner Verbannung heimkehre und ihn wiedersehe!« Da pflegte wohl Kroisos den Gast vertraulich beiseite zu nehmen und ihn zu fragen: »Nun, bist Du immer noch Deiner Ansicht?« »Immer noch!« war Solons unbeugsame Antwort. Auch der holden Omphale durfte Eukosmos ungehindert sich nähern. Er gestand ihr seine Liebe, und es war Frühling. Es war Frühling, als Omphale ihm erwiderte: »Eukosmos, auch ich liebe Dich und will Dein Weib sein, wenn Deine Probezeit vorüber ist.« Denn sie wußte nur von einer unbestimmten Probezeit, die ihr Vater dem Freier auferlegt hatte. Es war aber ein sonderbarer Frühling in Lydien. der die Leute froh und schwer machte. Ein unerklärter Reichtum hatte sich über das Land ergossen. Wenigstens gab es keine Darbenden und Bettler mehr. Das hatte mit den unentgeltlichen Mehlverteilungen vor einigen Monaten begonnen. Diese erfolgten im Namen des Königs zu Sardes und in allen übrigen Städten und Gemeinden des Landes. Anfänglich nahmen nur die Aermsten die Gabe. Doch da der Vorrat unerschöpflich schien, wie die Gnade des guten Herrschers, und da sich Jeder so viel Mehl holen konnte, als er für sein Haus brauchte. kamen nach und nach auch die Anderen. Es war ein Leben wie am öffentlichen Brunnen. Man zog mit vollen Eimern ab. Einige suchten die Erklärung des wundersamen Vorganges, und da fanden sie scharfsinnig heraus, daß es dem Kroisos durch eine glückliche auswärtige Politik gelungen sei, den Brotbedarf des Landes in solchen Massen einzuführen. Die Meisten nahmen es ohne Kopfzerbrechen hin und freuten sich der Gottesgabe bis sie durch die Alltäglichkeit des Wunders dagegen abgestumpft wurden. Allerdings gab es auch Leute, denen die Sache unangenehm vorkam: die Ackerbauer, Grundbesitzer und Händler. Das Korn war entwertet, und da ließen sie verdrießlich sogar die angefangenen Arbeiten im Stiche. Die üppigen Getreidefelder Lydiens verwilderten. Niemand kümmerte sich mehr um ihre Pflege oder um die sorgliche Abwehr von Schäden. Mochten Vögel oder Ungeziefer die Aecker verheeren, was lag daran? Vor der äußersten Not war dennoch Jeder geborgen, so lange des Königs Mehlkammer nicht leer wurde, und diese wurde nicht leer. Je mehr man brauchte, um so mehr Vorrat war da. So ergaben sich die Landleute, wenn auch mit einigem Zähneknirschen, in das harte Schicksal des Ueberflusses. Auf die Lyder, die nicht vom Ackerbau, sondern von sonstigen Beschäftigungen lebten, wirkte der neue Zustand eigentümlich entnervend, wie ein schwüler Wind. Alle Regsamkeit erschlaffte. Die Männer wurden faul und dabei unruhig. Sie hatten weniger Sorgen, als ihnen frommte, und gaben sich daher allerlei müßigem und gefährlichem Zeitvertreibe hin. Sie wurden händelsüchtig und liederlich, weil ihre von der Arbeit nicht erschöpfte Kraft nach Ausflüssen drängte. Sie wendeten sich auch der Politik zu, in einer ungebärdigen, aufrührerischen Art. Sie fingen an, wider Kroisos zu murren, und es bildete sich eine förmliche Umsturzpartei, deren Rädelsführer dem Kreise der verarmenden kleinen Gutsbesitzer angehörten. »Das sind Deine Diakrier, Kroisos«, sagte Solon, als diese Ereignisse bei Hofe gemeldet wurden. »Ich kenne sie vom Pentelikon her. Die Menschen sind hier wie dort dieselben.« Ein grimmiger Heerführer des Königs aber meinte: »Was unsere Lyder brauchen, ist ein kleiner Krieg. Sie müssen Siege oder Schläge bekommen, damit sie sich beruhigen. Wir könnten beispielsweise mit Kyros von Persien anbinden.« Eine Kriegspartei gab es natürlich auch am Hofe zu Sardes, und dieser war das aus der Seele gesprochen. Kroisos lehnte den Gedanken noch ab. Um diese Zeit kam Jemand aus Miletos und erzählte beiläufig, daß er den Thales gesehen habe. »Wie?« sprach Kroisos; »er ist heimgekehrt und sendet mir keine Nachricht? Kannst Du Dir es erklären, Solon? Wir harren seiner Entscheidung, und er schweigt!« »Brauchst Du sein Urteil noch, König der Lyder?« entgegnete Solon, indem er mit ausgestrecktem Arme nach der Stadt hinunterdeutete. »Ja!« rief Kroisos hastig. »Jetzt erst recht! Weil eine Unruhe in meine Seele gekommen ist. Ich wußte vordem, wohin ich mich neigen sollte. Zu Dir Aesop! Ich weiß es nicht mehr. Es ist Deine Schuld, Solon!« »Schicke einen Boten nach Miletos«, sagte Solon gelassen. »Der Weiseste der Hellenen wird Dich von Deinen Zweifeln frei machen. Wir wollen mittlerweile eine Schale duftenden Weines mit einem schnell wirkenden Gifte vorbereiten.« »Aber auch den Quittenapfel, den die Brautleute miteinander verzehren«, drängte Aesop. »So sei es«, erklärte Kroisos; »beides stehe bereit: Quitte und Giftschale. Wir wollen hören, was uns Thales sagt.« Wieder eilte ein Bote nach Miletos. Als er wiederkam, konnte er nur mit Mühe durch die Straßen von Sardes dringen, denn sie waren vom Aufruhr erfüllt. Die Krieger des Kroisos kämpften wider das verstörte Volk. Man hörte den Waffenlärm bis in die Gemächer des Königs, wo bei Kroisos dessen Freunde Solon und Aesop und die jungen Brautleute weilten. Eine goldene Trinkschale und einen schönen Quittenapfel hatte Kroisos vor sich. »Omphale!« flüsterte Eukosmos, »ängstige Dich nicht. Ich verteidige Dich mit meinem Leben, wenn dieser Pöbel herankommen wollte.« »Mir ist nicht bange, Eukosmos, wenn ich Dich nur habe. Mögen sie uns verjagen. Ich folge Dir nach Bolissos und wohin Du willst. Ich will Dein Weib sein. Dein, Dein, Dein! In Armut oder Wohlergehen – nur Dein! Ich liebe Dich.« Kroisos hatte die Antwort des Thales gelesen. Er seufzte tief und reichte sie den Freunden. Aesop las murmelnd und bebend: »König! Ich reiste fort, um Dir zu gehorchen. Denn in mir fand ich die Weisheit nicht, welche Du von mir verlangst. Es gibt nur einen Mann unter den Griechen, der den Staat tief genug erfaßt, um eine solche Frage lösen zu können. Diesen Mann suchte ich und ging nach Athen. Er hatte seine Vaterstadt verlassen. Ich zog seiner Spur nach und kam in das Land der Aegypter. Er war schon fort. Erst auf Cypern erfuhr ich, wo er weile. Er weilt bei Dir. Darum schwieg ich. Was soll ich Dir seine Weisheit im Eimer bringen, da Du selber aus dem Brunnen schöpfen kannst. ... Tue, König, was Dir Solon rät!« Zitternd langte Kroisos nach der goldenen Trinkschale, zitternd gab er sie dem Solon und bedeckte sich hierauf die tränenüberströmten Augen mit der Hand. Solon trat zu den Liebenden: »Omphale, ich muß mit Deinem Bräutigam Ernstes reden. Dein Vater wünscht, daß wir Männer allein seien. Du darfst ihm den Brautkuß geben. ... Und nun geh'!« Selig lag die Braut an des Eukosmos Brust. Kein höherer Augenblick ist im Leben, das fühlte sie. Und mit einem letzten Lächeln aus zärtlichen Augen entwand sie sich ihm und schritt gefügig hinaus, weil die Männer zu Ernstem allein sein wollten. »Nun, Eukosmos«, sagte Solon, »bist Du noch der Meinung, daß die Menschen sich beglücken lassen? Du hörst den Aufruhr da unten. Den hat Dein Göttergeschenk hervorgebracht. Willst Du ihnen noch immer das ewige Brot ohne Sorge, ohne Arbeit bescheren? Willst Du nicht lieber Dein Geheimnis für Dich behalten? Vernichte es, vergiß es! Omphale ist Dein, weil Du ihrer würdig bist, Kroisos wird sie Dir geben, auch wenn Du Dein Wundermittel nicht verrätst. Folge mir, lass' die Leute wie ehemals auf dem Acker schwitzen und sich lahm und krumm arbeiten. Es tut Ihnen gut. Sie bringen es zu etwas.« Eukosmos richtete sich auf: »Ich kann nur glauben, daß Du mich auf eine Probe stellst, Solon! Du möchtest sehen, ob ich so niedrigen Sinnes sei, daß ich mein Wort nicht hielte. Omphale ist meine Braut, und morgen werde ich mein Geheimnis kund machen. Das Mittel ist nicht mein, es gehört vielmehr allen Menschen, für die ich es nur in Treue aufbewahrte. Daß die da unten rasen, ändert an ihrem Rechte nichts. Auch rasen sie nur, weil sie nicht wissen. Ich werde Ihnen die Augen öffnen.« Da sagte Solon mit weicher Stimme: »Du hattest es erraten, es war eine Probe. Eukosmos, ich liebe Dich, wie Du bist. Ich habe nie einen Menschen so geliebt, wie Dich. O Du teurer Träumer, Du Volksbeglücker! Du verdienst es auch, Deinen eigenen Traum zu haben, den Traum von Omphale. Ich denke mir, Deine Seele ist jetzt völlig durchduftet von ihr, der Lieblichen. Nie warst Du glücklicher, Eukosmos, und wenn Dein Leben in das Greisenalter ginge, nie wirst Du glücklicher sein! ... Siehe, Kroisos, wir sprachen einstens vom wahren Glücke. Hier ist es vor Deinen Augen: Eukosmos! Er liebt die Menschen und Omphale. Alle, die ihn kennen, lieben ihn. ... Eukosmos! Leere diese Trinkschale, die Dir Kroisos durch mich reichen läßt. Leere sie auf das Wohl der Menschheit, und denk' an Deine Geliebte!« Und Eukosmos trank. Das lenkbare Luftschiff. 1896. In einer Dämmerung unter Bäumen saß eine gute Gesellschaft von Frauen und Männern. Die Frauen waren von der edlen Art, was man am ganzen Zug des Gespräches erkannte, das doch nur die Männer führten. Es wurden keine niederen Spässe gemacht, wie frei man auch über Manches redete, und Keiner dachte an Klatsch oder geringe Tagesneuigkeiten. Für den Ton in einer Gesellschaft sind immer die Frauen verantwortlich, weil die Männer ihnen Alles an den Augen absehen, das Hohe wie das Gemeine. In dieser Gesellschaft nun wagte man es zuweilen, laut zu phantasieren und moderne Märchen zu erzählen, die in einer andern Umgebung lächerlich geklungen hätten. Einer, der eben von Paris zurückgekehrt war, berichtete über gesehene Dinge. Er sprach von den neuen Moden, aber nicht wie ein Schneider, sondern bemühte sich, die Herkunft und den Sinn der Erscheinungen aufzuklären. Vom Fahrrad ging er aus, und wie es das Straßenbild verändere. Wer hätte vor wenigen Jahren gedacht, welche Umwälzungen diese Spielerei hervorrufen würde. Nun tauchen die Wagen ohne Pferde auf. Was werden diese bringen? Jede Verkehrserneuerung kann gewaltige und unerwartete Folgen haben. Sonderbar äußert sich das im Leben der Massen, in ihrer Wohlfahrt und Sittlichkeit. Es entstehen neue Krankheiten, oder der Menschenschlag wird gesünder. Die Bedingungen des Daseins ändern sich gegenwärtig rascher als in irgend einer Zeit der Geschichte. Hierüber sprachen sie eine Weile. Da sagte der Doktor ironisch: »Es wundert mich, daß noch Niemand das lenkbare Luftschiff erwähnt hat.« »Wir haben Alle daran gedacht,« erwiderte der Maler Robert ruhig. »Jawohl,« meinte der Pariser, »denn die Erfindung wird doch früher oder später gemacht werden. Vielleicht lebt der Mann schon, der dem menschlichen Geschlechte diese größte aller Ueberraschungen bereiten soll. Wie dann die Welt aussehen wird, möchte ich erraten.« »Und ich,« sagte leise eine der Frauen, »möchte mir den Mann vorstellen, der das findet: ein Held, ein Halbgott!« »Ich glaube eher,« lachte der Doktor, »daß er eine närrische Figur sein wird, ein schrullenhafter, ungeschickter armer Teufel. Das Geheimnis dürfte er sich stehlen lassen, Andere werden sich daran bereichern, und er bekommt nichts, als ein Denkmal – nach dem Tode. Sein Leben aber wird man ihm vermutlich gehörig verbittern. Und mit Recht! Es wird eine ganz einfache, naheliegende Entdeckung sein. Warum sind wir Alle daran vorbeigegangen? Welche Beleidigung für uns. Ich glaube, wenn ich vernähme, daß einer meiner Bekannten das lenkbare Luftschiff erfunden hat, ich würde ihn ohrfeigen. Warum er, warum nicht ich?« Da hörte man die tiefe Stimme des Malers Robert: »Das lenkbare Luftschiff ist schon erfunden worden, und ich kenne den Mann.« Es war schon so dunkel, daß man die Züge des Sprechers nicht deutlich sah. Er liebte die Dämmerung von Geschichten zwischen Scherz und Ernst, das wußten die Frauen, und sie baten: »Erzählen Sie es uns!« Und der Maler Robert erzählte: »Er hieß Joseph Müller. Das ist kein großartiger Name, aber er hatte ihn von seinem Vater. Aeltere Bewohner der Laudongasse im achten Bezirke werden sich noch des Vaters erinnern, der in einem kleinen Gewölbe nahe der Kochgasse alte Schuhe flickte und dabei heiter dreinsah, wie irgend ein griechischer Philosoph. Ich gebe absichtlich Namen und Wohnort so genau an, damit Sie diese Geschichte nicht für eine gänzlich aus der Luft gegriffene halten. Doktor, erkundigen Sie sich in der Laudongasse, ob dort nicht ein Schuhmacher Müller gelebt habe. Joseph Müller kam zu einem Mechaniker in die Lehre, wurde mit der Zeit Gehilfe und eines Tages erfand er das lenkbare Luftschiff. Es scheint, daß er das Prinzip durch beharrliches Nachdenken entdeckte. Ich verstehe nicht viel von der Physik, meine Erklärung wird daher Einiges zu wünschen übrig lassen. Ich weiß nur so viel, daß Joseph Müller von einem Apfel ausging. Er hatte bemerkt, daß ein Apfel sich in der Luft wesentlich anders benehme, als zum Beispiel der Erdball. Ein Apfel muß auf den Tisch gelegt werden, wenn er nicht zu Boden fallen soll. Die Erde hingegen schwebt ganz frei im Weltraum. Die Bewegung ersetzt also die Stützen, und ein Körper kann sich beliebig lang in der Luft halten, wenn seine Bewegung und Drehung in einem gewissen Verhältnisse zu seinem Gewichte ist. Joseph Müller rechnete dieses Verhältnis aus, und er fand auch die zur fortwährenden Erzeugung der Bewegung nötige Kraft in Sprengstoffen, deren Namen mir in diesem Augenblicke nicht einfallen. Er hatte nämlich in seinen freien Stunden Chemie studiert, weil er schon lange vermutete, daß die Bewegung in der Luft nur durch eine ununterbrochene Reihe kleiner, sozusagen gebändigter Explosionen bewirkt werden könne. Wie er die Kraft der Explosionen übertrug, wie er die Sprenggase, bevor er sie entweichen ließ, zur Drehung und Lenkung des ganzen Fahrzeuges verwendete, das will ich Ihnen nicht auseinandersetzen. Es würde die Damen ermüden. Ich will ja auch gar nicht das Luftschiff schildern, sondern das eigentümliche Schicksal seines Erfinders. Vierzehn Jahre hatte Joseph Müller nachgedacht, studiert, gerechnet und versucht. Dabei versäumte er das Handwerk nicht und war seinem Meister ein fleißiger Arbeiter. Nur zu Unterhaltungen und Liebschaften nahm er sich nicht Zeit. Erst in seinem fünfunddreißigsten Jahre, in dem er auch die Entdeckung machte, lernte er in der Nachbarschaft eine schnippische Jungfer kennen, die es ihm antat. Im Uebrigen war er ein vernünftiger Mensch. Das zeigte sich am besten an der Art, wie er selbst später von seiner Erfindung sprach. Er wollte sie rein zufällig gemacht haben, es wäre eigentlich gar nicht sein Verdienst, er sei nur im Herumtappen darauf gestoßen. Freilich, der Augenblick, in dem er erkannte, daß er das Flugproblem gelöst habe, bedeutete für ihn eine große Erschütterung. Er brach in Tränen aus und schluchzte lange in der Einsamkeit seiner armen Stube. Es war vorläufig nur das einfache Prinzip, das er hatte, gleichsam die Melodie; aber er wußte auch sofort die ganze Instrumentierung, er ahnte die herrliche Aufführung und den Rausch, den Jubel der Menge voraus. Dann sammelte er sich und arbeitete seine Entwürfe im Einzelnen aus. Es war wieder eine lange Mühe. Als er die Zeichnungen, Berechnungen und Kostenüberschläge fertig hatte, trat er damit vor seinen Meister hin. Er wollte, daß der Meister sich mit anderen Meistern zusammentue, und daß diese Vereinigung, verstärkt durch eine Anzahl gelehrter Techniker, einen öffentlichen Aufruf zur Beschaffung der Kosten erlasse. Denn es war ein großer Betrag erforderlich, ungefähr zwei Millionen Gulden. Es mußte nämlich eine eigene Fabrik zur Herstellung der einzelnen Bestandteile gebaut werden. Ferner waren besondere Laboratorien für die Erzeugung der Sprengstoffe nötig. Kurz und gut, zwei Millionen; anders ging es nicht. Der Meister lachte ihm ins Gesicht: er möge sich diese Narrheit aus dem Kopfe schlagen, das sei eine vollkommen verrückte Geschichte, auf die kein denkender Mensch jemals eingehen werde. Joseph Müller schlich beschämt von dannen, war aber von seiner Erfindung durchaus nicht abgebracht. Er sagte sich nur, daß er auf das Wohlwollen und die Hilfe anderer nicht rechnen dürfe. Und mit seiner eisernen Beharrlichkeit begann er nun nach praktischen Auskunftsmitteln zu suchen. Indessen war es in der Werkstatt ruchbar geworden, daß Joseph Müller übergeschnappt sei. Die anderen Arbeiter fingen an, ihn mit dem lenkbaren Luftschiff zu hänseln, und er lachte gutmütig mit über die derben Dummheiten. Es gab unter den Gesellen einen Spaßmacher, den Hanswurst, der sich überall findet, wo ein paar Menschen beisammen sind. Dieser trieb es besonders arg. Joseph Müller ließ das eine Zeitlang ruhig über sich ergehen. Einmal verhöhnte ihn aber der Hanswurst auch vor der schnippischen Jungfer, und sie lachte dazu sehr laut, so daß es dem armen Erfinder ordentlich ins Herz schnitt. Sie fügte sogar einige Bosheiten aus Eigenem hinzu; doch machte Joseph Müller in seinem Innern auch dafür den Hanswurst verantwortlich, weil er die strohgelbe Jungfer noch liebte und sich ihre Herzlosigkeit nicht eingestehen wollte. Als nun der Spaßmacher am andern Morgen wieder mit seinen Albernheiten kam, verabreichte Müller ihm eine solche Tracht Prügel, daß ihm die Schwarten knackten. Man trug den windigen Kerl für leblos hinaus auf den Hof, wo er sich übrigens bald erholte. Joseph Müller ging hierauf beruhigt an seine Arbeit, umgeben von einer gewissen Achtung der Genossen. Ein paar Stunden später rief ihn der Meister ab; es waren zwei fremde Herren da, die vom lenkbaren Luftschiff gehört hatten und mit ihm reden wollten. Bereitwillig und feurig setzte Joseph Müller ihnen Alles auseinander. Die Sache gefiel ihnen sichtlich, und sie baten ihn, sie zu begleiten. Er stieg in ihren Wagen, und sie fuhren mit ihm nach dem Irrenhause. Es gab dort noch andere Erfinder von lenkbaren Luftschiffen, und Joseph Müller befreundete sich mit ihnen herzlich und überlegen. Er hörte ihre krausen Reden geduldig an. Seinen eigenen Fehler hatte er rasch eingesehen: ein Erfinder, wie er, durfte keine heftigen Aufwallungen haben; denn wer etwas Großes plant, dem nehmen die Menschen Alles übel. Wegen einer derartigen Prügelei wäre ein anderer Geselle sicher nicht in den Narrenturm gekommen. Zum Glück hatte Joseph Müller eine bedeutende Heiterkeit in seinem Gemüte. Er trug das Schicksal gelassen. Gern fütterte er im schönen Irrengarten die Vögel, lauschte ihrem Gesang der frühen Sommerszeit und beobachtete ihre Art, zu fliegen, wobei er auf einige Verbesserungen seiner Maschine geriet. Den Aerzten wußte er freilich allmählich die Meinung beizubringen, daß er genesen sei. Und so entließ man ihn denn nach mehreren Monaten als geheilt. Joseph Müller war nicht dumm, obwohl er ein Genie war. Er hatte den Sinn für das Wirkliche und sah mit lichten Augen in die Bedürfnisse des gewöhnlichen Lebens hinein. Er sagte sich, daß er seine Einbildungskraft nur herunterzuschrauben brauche, um ein sogenanntes nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Er ging zu einem Elektriker und verbesserte diesem binnen kurzer Zeit mehrere Apparate, so daß ihn der eiligst zum Geschäftsteilhaber machte, um sich ihn zu erhalten. Vom lenkbaren Luftschiffe war nicht mehr die Rede. Wohl aber schuf er einen neuen Korkzieher, einen Hosenstrecker, eine Wäscherolle, ein Sparbügeleisen für Schneider, kurz, Erfindungen, durch die man sich die bürgerliche Achtung erwirbt. Sie trugen ihm sonst nicht viel ein, weil er sie nicht in allen Ländern patentieren ließ. Auch diesen letzten Rest von Idealismus streifte er ab, als er die selbsttätige Bremse für Eisenbahnen konstruiert hatte. Er verkaufte die Bremsen-Idee für fünfzigtausend Gulden an einen Unternehmer, der daran reich wurde. Als jene schnippische Jungfer davon hörte, bettelte sie sich mit ihrer Liebe und Bewunderung an ihn heran. Er gab ihr einiges Geld und bat sie, ihn nicht weiter zu behelligen. Er wurde immer praktischer und geehrter. Jetzt erfand er einen unzerreißbaren Gummischlauch für Fahrräder und verdiente damit seine erste Million. Eine neue Gasglühlampe brachte ihm zwei Millionen und den Weltruhm. Endlich errichtete er eine große Maschinenfabrik, aus der die gewaltigsten Lokomotiven hervorgingen. Als Joseph Müller so weit war, übergab er alle seine Unternehmungen den Geschäftsführern und reiste ab. Er hatte sich eine stolze Yacht bauen lassen, welche er »Aegaeon« nannte. Bei mir bestellte er die Wandfüllungen für Speisezimmer und Salon. Damals lernte ich ihn kennen. Er war ein heiterer Mann, der die Menschen verachtete und sich sein Glück eigenmächtig herstellte. Auf dem schönen »Aegaeon« fuhr er häufig von Triest nach einer der südlichen Cykladen. Was er dort zu tun hatte, wußte Niemand. Auch seinen Vertrauten sagte er nur, daß er auf jener Insel eine neue Fabrik einrichte. Wären mir seine früheren Schicksale schon bekannt gewesen, so hätte ich vielleicht vermutet, was er insgeheim schaffe. Ich erfuhr es erst, als er mich mit noch zwei anderen Herren zu einer Frühlingsfahrt auf dem »Aegaeon« einlud. Unterwegs erzählte er uns seine Geschichte. Er habe ein glücklicher Erfinder sein wollen, nicht einer der Märtyrer des Fortschrittes, die man ihr Lebenlang quält, und darum sei er den praktischen Weg gegangen, vom Korkzieher bis zur Lokomotive. Nachts langten wir vor der Insel an. Auf der Höhe des Felsens bemerkten wir die Umrisse von Gebäuden, und aus mehreren glänzte elektrisches Licht. Joseph Müller bat uns, zur Ruhe zu gehen; er selbst fuhr im Boot ans Land. Wir Drei plauderten aber noch ein Stündchen auf dem Verdeck. Plötzlich, gleichzeitig stießen wir alle Drei einen Schrei aus. Die dunkle Vordermauer des einen Gebäudes dort oben war gesunken, eine Lichtflut sprang auf das Meer hinaus, und durch die weite Oeffnung stob, rauschte, sauste etwas Großes mit glühenden Augen ins Freie. Es war schon in der Nacht verschwunden, ehe wir zur Besinnung kamen und erschüttert ausriefen: »Das Luftschiff!« Nach aufgeregten Stunden, in denen wir vergeblich auf die Rückkehr des Vogels warteten, überwältigte uns die Müdigkeit. Wir schliefen ein, wo wir saßen. Im ersten Sonnenschein weckte uns Joseph Müller lächelnd auf: »Sie haben meine »Halkyone« schon gesehen? Ich war mit ihr heute Nachts über Konstantinopel und Cypern. Ich will sie Ihnen jetzt bei Tage zeigen.« Er führte uns den Berg hinauf. In dem Gebäude, das dicht am steilen Abhänge des Felsens lag und einem Bootshause ähnelte, ruhte die »Halkyone« auf eisernen Schienen. Ihre Form war etwa die einer Libelle, ihre harten Bestandteile waren aus Aluminium, die weichen aus hundertblättriger weißer Seide. Joseph Müller bestieg das wundersame Fahrzeug und wendete sich mit einer fragenden Gebärde an uns. Wir folgten ihm. Mir schlug das Herz heftig. Zwei griechische Jünglinge, denen diese Luftreise schon vertraut war, schnallten uns an den Sitzen fest und schwangen sich dann behend hinten auf. Der Herr gab ein Zeichen, und wir glitten hinaus, hinauf. Ich hatte zuerst eine rechte Angst, aber dann wurde mir hoch und frei zu Mute. Wir saßen hinter dem keilförmigen Windschirm aus Bergkrystall und empfanden kein Unbehagen, wie jäh wir auch dahinrasten. Aber zuweilen schwebten wir regungslos oder kreisten in einer weiten Spirale abwärts, wobei die schimmernden Flügel der »Halkyone« denen des Adlers glichen. Waren wir dann schon dem Meeresspiegel nahe, so genügte der Druck auf einen Taster, um uns wieder schräg in die Höhe zu treiben. Einer der Griechen besaß ein goldenes Saitenspiel und jauchzte dazu alte Strophen. Ich nahm ihm die Harfe aus der Hand, um das Frühlingslied aus der »Walküre« zu singen. Wir Alle sangen, wir konnten nicht sprechen. Nur der Herr der »Halkyone« blieb schweigsam und ernst, indes er uns durch die Lüfte steuerte. Zwei Tage verbrachten wir so über allen Küsten des mittelländischen Meeres. Joseph Müller hatte auf mehreren Berggipfeln Halteplätze eingerichtet, wo unser Fahrzeug mit Chemikalien gespeist wurde. Wir lernten in dieser halkyonischen Zeit eine Welt von oben kennen. Am dritten Tage mußten wir uns wieder auf dem »Aegaeon« einschiffen. Erstaunt bemerkten wir, daß die »Halkyone« mit einer Kette an unsere Yacht gehängt wurde, und wir schleppten sie wie eine Leiche hinter uns her. Keiner von uns wagte, den Schiffsherrn zu fragen, was das bedeuten solle. Er sah eigentümlich unnahbar aus. Auf hoher See befahl er, die Kette zu lösen. Das schwimmende Luftschiff war mit dem »Aegaeon« nur durch eine dünne elektrische Schnur verbunden, die sich von der Spule endlos abwand. Schon waren wir fern von der zierlichen Luftseglerin. Was dort auf den Wellen tanzte, war anzusehen wie ein tote Möwe. Jetzt kam Joseph Müller zu uns und sprach: »Hier verlasse ich die »Halkyone«. Ich habe mir Wort gehalten, das war die Hauptsache, und einige Freunde, die ich schätze, wissen es. Für die Menschen im Allgemeinen will ich nichts tun; denn sie haben mich gequält, als ich arm und schwach war, und sie haben mir durch ihre Erbärmlichkeit Ekel eingeflößt, als ich erstarkte. Für die sind Korkzieher, Sparbügeleisen und Gasglühlampen genug. Die Menschen sind nicht wert, zu fliegen. Für das, was sie sind, ist Kriechen noch lange gut.« Er drückte lächelnd auf einen Knopf. Ein Knall erdröhnte; wo die »Halkyone« gelegen, schäumte das Wasser hoch auf, und bis zu uns flogen kleine Fetzen von der blütenweißen Seide ihrer Flügel. Und unsere Herzen waren bekümmert, als wir weiter zogen, dahin über das weinfarbene Meer ....« Der Maler Robert schwieg. Sie ließen seine Erzählung lange auszittern. Endlich rief der Doktor: »Ihr Joseph Müller war wirklich gar nicht dumm. Man hätte ihm seine »Halkyone« sicherlich verdorben. Zunächst wäre sie für Kriegszwecke mißbraucht worden, dann hätte sie das Wohlbefinden einiger Machthaber und Geldprotzen weiter erhöhen müssen, unter gleichzeitiger Verbreitung von neuen Formen des Elends.« »Sie sind mir zu sozialistisch, lieber Freund,« entgegnete der Pariser; »Joseph Müller war im Unrecht, und vor allem hat er die Tragweite seiner Erfindung nicht verstanden. Er durfte nicht an die Menschen seiner Zeit denken und am wenigsten an die Armseligen seiner nächsten Umgebung. Wer die Zukunft vorbereitet, muß über die Gegenwart hinwegblicken können. Die besseren Menschen werden kommen.« Eine der Frauen aber wendete sich zum Erzähler, und ihre Stimme klang lieblich in den Abend hinein: »Zur Größe fehlt dem Helden ihres Märchens nur Eins: das Verzeihen.« Sarah Holzmann. 1896. Herr Hellmund, ein wohlhabender älterer Junggeselle verbrachte einige Sommerwochen an diesem Gebirgssee. Der Ort war den reisenden Herden noch nicht bekannt. Das Hotel beherbergte selten mehr als zwei oder drei Dutzend Gäste. Diese bildeten aber fast eine einzige Gesellschaft, so daß man immer Unterhaltung genug hatte. Nur eine kleine Gruppe blieb vom Verkehr der Uebrigen dauernd ausgeschaltet. Man mußte freilich länger im Seehof sein, um diese Ausschaltung wahrzunehmen. Bei den Mahlzeiten saßen alle am gemeinschaftlichen großen Tisch. Am oberen Ende hatte Herr Gerhard, ein Maler, seinen angestammten Platz, weil er schon seit Jahren hierher kam. Weiterhin war eine töchterreiche Hofratsfamilie angesiedelt. Dann folgte Doktor Hübner Bey mit seiner Frau, zwei Buben und einer Gouvernante. Diese Gruppe war selten vollzählig, entweder es fehlte der Bey oder seine Frau bei Tische; erschienen aber beide, so war in jener Gegend ein heftigeres Tellergeklapper, manchmal auch ein halblauter Wortwechsel zu hören. Dann schob wohl der Bey mit gerötetem Gesicht seinen Stuhl zurück und eilte vor dem Ende der Mahlzeit hinaus. Um den langen Tisch herum flatterte nach solchen Abgängen des Afrikaners ein wohlerzogenes, kaum merkliches Lächeln, woran sich nur zwei Personen nicht beteiligten. Es waren dies Herr Gerhard, der steinern wie sonst drein sah, und das junge Fräulein Holzmann. Fräulein Holzmann war eigentlich ein Kind, das man nur bei Tisch für eine Erwachsene halten konnte, weil es gar ernst und gemessen zwischen seiner Mutter und dem Baron Rosen saß. Wenn Sarah Holzmann aufstand, sah man, daß sie noch ein kleines dürres Ding war, vielleicht vierzehn und ein halbes Jahr alt. Die Mutter war eine schöne Frau im Verblühen. An diesem Tage nun kam Herr Hellmund in einiger Erregung zu Tische. Er grüßte wichtig nach rechts und links, und wollte sich die Erzählung des Zwischenfalles allmählich entreißen lassen. Aber Niemand fragte. Am Ende war der ganze Lärm unbemerkt geblieben? Herr Hellmund wartete bis nach dem dritten Gange, dann brachte er die Geschichte selbst vor. Ob die Damen bei dem Geheul am Vormittag nicht erschrocken wären? Die Tischnachbarinnen verneinten. Sie waren nicht zu Hause gewesen. Der Hofrat fragte langsam: »Welches Geheul meinen Sie?« Herr Hellmund sagte: »Die singenden Hunde. Das war eine schöne Bescherung. Sie sahen wohl den Mann, der gestern Abends mit seiner Meute eintraf und sich ein Zimmer geben ließ, wie ein richtiger Gast?« Alle aßen gerade, und man hörte die fette Stimme des Herrn Hellmund im ganzen Kreise: »Wissen Sie, was er war? Ein Hundeprofessor!« »Was ist das?« lachte Herr v. Rosen. »Das ist ein Akrobat oder Clown, der mit Hunden auftritt. Er bekam das Zimmer neben mir. Ich hatte eine gestörte Nacht. Jeden Augenblick gab ein anderer Hund Laut. Oder war es immer derselbe? Jedenfalls antworteten ihm seine Kollegen mit Winseln und Gebell bis der Professor mit einem gräßlichen Fluch dazwischen fuhr und eine Peitsche knallen ließ. Erst gegen Morgen schlief ich ein und schlief ein paar Stunden. Als ich erwachte, wurde drüben schon musiziert. Jawohl, Geigentöne, der »Karneval von Venedig«, und dazu das rhythmische Winseln verschiedener Hundestimmen. Ich weiß nicht, durch welche Quälereien der Kerl die Tiere zu dieser Singart brachte. Ich ließ den Wirt kommen und drohte mit meiner sofortigen Abreise. Daraufhin wurde der Hundelehrer mit seinen Zöglingen aus dem Hause gewiesen. Seien wir froh.« »Die armen Hunde!« sagte Sarah Holzmann halblaut und errötete gleich darauf heftig, als Herr Gerhard ihr Wort aufnahm, aber nicht zu ihr, sondern zu Herrn Hellmund gewendet sprach: »Ganz richtig, den Hunden ist nicht geholfen; er wird sie weiter quälen.« Der Hofrat schüttelte den Kopf: »Was man Alles erfindet! Singende Hunde – das ist gegen die Natur ihrer Art.« »Vielleicht ist jede Kunst gegen die Natur der Art,« sagte Herr Gerhard. Und Dr. Hübner Bey fügte hinzu: »Ja, ja, ich glaube die besten Leistungen verdanken wir Martern.« Herr Hellmund vermochte dem Gespräch nicht mehr zu folgen. Er vertiefte sich in die Bratenschüssel, mit der leisen Genugtuung, auch einmal den allgemeinen Unterhaltungsstoff geliefert zu haben. Nach Tische saß man gewöhnlich draußen vor dem Seehof und trank schwarzen Kaffee. Herr Hellmund wagte sich schüchtern an Herrn Gerhard heran, der ihm durch seine Kälte sehr imponierte, aber heute beinahe liebenswürdig gewesen war. »Wie meinten Sie das eigentlich mit der Kunst gegen die Natur – oder wie war es doch?« »Nicht jetzt!« sagte Herr Gerhard freundlich und drückte ihm den Arm. »Hören wir lieber zu!« Und er wies mit der Zigarre hinauf nach einem Balkon des ersten Stockwerkes. Zur offenen Türe heraus drangen Klaviertöne. Herr Hellmund lauschte, und nach einer Weile flüsterte er: »Wer spielt denn so wundervoll?« »Sarah Holzmann!« »Die kleine Jüdin?« »Ja.« Auch die Uebrigen horchten hinauf. Frau Holzmann saß da mit einer eleganten Handarbeit; vor ihr auf einem niedrigen Weidenfauteuil, beinahe zu ihren Füßen, Herr v. Rosen. Frau Holzmann blickte manchmal auf, sah dem Baron sekundenlang tief in die Augen und dann wieder auf ihre Stickerei, wobei sie immer nachträglich lächelte, als hätten sie einander etwas gesagt. Oben klang es weiter. Auf dem See lag ein Mittagshauch. Herr Gerhard träumte über die Berge hinweg. Wie lange saßen sie? Herr Hellmund sprach mitten in einem Stück, halb zu sich selbst: »Diese Musik geht mir durch Mark und Bein.« Da schaute ihn Herr Gerhard mit einem dankbaren Ausdruck an und sagte ganz leise: »Sie sind vielleicht ein guter Mensch.« Auch dieses zeitlose Zuhören ging zu Ende. Als nun die letzten Klänge verhallt waren und nichts mehr nachkommen wollte, erwachten die beiden Herren. »Das sind doch andere Töne, als die ich heute Morgens aus dem Nebenzimmer hörte,« sagte Herr Hellmund, um etwas zu sagen. Aber Herr Gerhard gab eine sonderbare Antwort: »Sie irren, Herr Hellmund, es sind dieselben.« »Das verstehe ich nicht,« erklärte Herr Hellmund. »Natürlich. Woher sollten Sie diese Geschichte kennen – die vielleicht nur Einer kennt?« »Und der sind Sie, Herr Gerhard?« Dieser war aufgestanden und wollte ins Haus gehen. Eben kam Sarah Holzmann die Treppe herunter, ihr lichtes Kleid schimmerte durch das Halbdunkel des Stiegenraumes. Herr Gerhard blieb außen am Tor stehen, um sie vorbei zu lassen. Sie sah ihn nicht an. Da sagte der Maler laut: »Wollen Sie mit mir später, wenn es nicht mehr so heiß ist, nach Sankt Leodegar gehen, Herr Hellmund? Hin durch den Wald und Abends im Boot wieder zurück. Wir haben Mond.« »Mit tausend Freuden!« erwiderte Herr Hellmund. »Ich werde Sie hier erwarten, bis es Ihnen beliebt, aufzubrechen.« Herr Hellmund saß jetzt allein, zündete sich eine frische Zigarre an und betrachtete Sarah Holzmann, die ihm nach den leichten Andeutungen des Malers merkwürdiger vorkam. Wahrhaftig, noch ein Kind im kurzen Kleide; aber auf dem blassen Gesicht lag ein großer Ernst. Sie war zu ihrer Mutter hingetreten. Der Baron erhob sich gefällig und bot ihr den Weidenfauteuil an. Sarah Holzmann lehnte frostig ab, indem sie ihm ihr Buch zeigte, und ging dann gleich nach der Laube, die am Hügelrande seewärts stand. Frau Holzmann blickte ihrer Tochter achselzuckend nach und lud Herrn v. Rosen mit einer Bewegung ihrer fleischigen, ringbeladenen Hand ein, sich wieder hinzusetzen. Herrn Hellmund fiel es zum erstenmal auf, daß Frau und Fräulein Holzmann von den anderen Damen gänzlich abgesondert waren. Die Uebrigen, auch die Fremdesten, sprachen doch ab und zu mit einander, und die jungen Mädchen schäkerten, kicherten, spielten Tennis auf der Wiese oder Gesellschaftsspiele im Salon, wenn es regnete. Nur Sarah Holzmann war immer einsam. Ihre Mutter schien sich wenigstens nicht zu langweilen, da ihr der geschniegelte Baron beständig zur Seite war. Herr Hellmund empfand in seiner Gutmütigkeit ein rechtes Mitleid mit dem einsamen Kinde, das sich dort in der Laube mit aufgestütztem Arm über sein Buch beugte. Er stand auf und ging mehrmals an der Laube vorbei. Da bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß Sarah Holzmann gar nicht las, sondern hinter der vorgehaltenen Hand gar traurig über den leblosen See hinschaute, wie wenn sie an jenem Ufer etwas suchte. Doch als er ihr in seiner ungeschickten Neugier zu nahe kam, fuhr sie zusammen, starrte ihn einen Augenblick scheu und finster an und sah dann mit gerunzelter Stirn regungslos in ihr Buch. Als die Sonne tiefer stand, ging Herr Hellmund mit Herrn Gerhard durch den Fichtenwald gegen Sankt Leodegar zu. Herr Gerhard gab wieder recht einsilbige Antworten auf die Anregungen und Fragen seines Begleiters. Nachdem sie etwa eine halbe Stunde dahingeschritten waren, hörten sie in der Ferne des Weges laut streitende Stimmen, die sich näherten. Es war Dr. Hübner Bey und dessen Frau. Wie diese die Entgegenkommenden bemerkten, schwiegen sie. Im Vorbeigehen ließ der Bey seine erhitzte Gattin ein paar Schritte voraus und hielt Herrn Gerhard an: »Leben Sie wohl! Ich reise heute Abend.« »So plötzlich? Wohin?« »Nach Afrika. Ich vertrage wieder einmal – Europa nicht.« »Wie schade. Leben Sie wohl!« Herr Gerhard schüttelte dem Bey die Hand, sah ihm noch ein Weilchen nach und wendete sich dann lächelnd zu Herrn Hellmund: »Sehen Sie, das ist komisch; aber es ist eigentlich dieselbe Erscheinung, von der wir sprachen.« »Welche Erscheinung?« sagte Herr Hellmund. »Dieser Bey hat ebensowenig Lust zum Erforschen dunkler Weltteile, wie die Hunde ihres Nachbars zum Singen. Wenn er seine Ruhe hätte, wäre er vermutlich ein ebensolcher guter Bourgeois wie Sie.« Herr Hellmund wußte nicht gleich, wie er das nehmen sollte. Er murmelte nur: »Nun und so?« »So ärgert ihn seine Frau zum Hause hinaus – was, übers Meer! Die Wissenschaft verdankt dieser Frau viel. Ja, die Ursachen unserer Leistungen sind zuweilen komisch. Und öfter sind sie traurig. Ihr guten Bourgeois habt nicht die leiseste Ahnung, worauf die Lieder beruhen, die Euch entzücken, und die Taten, die Ihr bewundert. Ihr hört, aber versteht nicht den Gesang, der aus den Leiden kommt. Freilich muß auch die Seele danach sein, die, wenn sie recht sehr zerknittert und mißhandelt wird, sich in reinen und hohen Ausbrüchen Luft macht. Dafür ist mir die arme kleine Sarah Holzmann ein schönes Beispiel.« »Ach ja, Herr Gerhard, Sie wollten mir die Geschichte dieses Kindes erzählen.« »Was ich davon weiß, kann ich Ihnen sagen. Es ist eine eigentümliche, halbwüchsige Tragödie. Ich lernte Sarah vor drei Jahren kennen, hier. Damals sprach sie noch mit mir. Sie haben vielleicht heute Nachmittags bemerkt, daß sie meinen Gruß nicht annimmt.« »Ich hielt es für Ungezogenheit. Warum sollte ein solches Kind? ... Sie kann noch nicht sechzehn Jahre alt sein.« »Noch nicht fünfzehn. Sie war zwölf Jahre alt, als ich sie kennen lernte, Ihr Vater, der Kommerzienrat Holzmann, hatte, wie heuer auch, Frau und Tochter hierher gebracht. Sahen Sie den alten Mann nicht? Er war vorige Woche hier.« »Der? Ich glaubte, daß es ihr Großvater wäre. Die Frau ist um so viel jünger.« »Er hat spät geheiratet, ich erfuhr es damals. Ich pflegte oft mit ihm zu plaudern, und er erzählte mir manches Merkwürdige aus seinem Leben, das lange Zeit unstet war. Er hat sich in der ganzen Welt umgetan und dabei nicht nur Reichtümer, sondern auch vielerlei seltene Kenntnisse erworben. Er ist ein großer Kaufmann und zugleich ein Gelehrter. Spät machte er sich seßhaft und nahm die Tochter seines Bruders zum Weibe, dieses eitle Weib. Es wurde ihm ein Kind des hohen Alters geboren. Daß er das holde Mädchen mit seiner zitternden Liebe umgab, konnte mich nicht wundern. Aber wie Sarah an ihrem Vater hing und hängt, das ist etwas Ergreifendes. Wenn sie den Alten ansah, war in ihrem Blicke eine Angst, die man wohl bei den Müttern kranker Kinder bemerken kann. Mich fragte sie einmal mit unsicherer Stimme, ob ich ihren Vater sehr gebrechlich fände, und bevor ich noch verneinen konnte, tropften schon ihre Tränen auf meine Hand. Sie wich ihm nicht von der Seite. Für sie gab es kein Spiel und keine andere Gesellschaft, wenn er da war. Nie sah ich eine solche Kindeszärtlichkeit, so bewölkt von Bangen vor dem kommenden Verlust. Dennoch konnte sie heiter sein wie ein richtiges Kind ihres Alters. Was waren das für bezaubernde Gänge durch diesen Wald, wenn sie, an den Arm des Alten geklammert, zwischen ihm und mir einhertänzelte. Ich hatte ja auch schon bald meine vierzig auf dem Rücken, und es konnten überhaupt nur die Empfindungen eines bejahrten Onkels sein, die mir das reine Kind einflößte. Was war schöner, wenn sie uns erzählen ließ – den Vater von den Reisen und Schauplätzen seiner Jugend, mich von meiner Kunst und den guten Meistern – und wenn sie mit einem Glanz in ihren tiefen Augen lauschte? Oder ihr eigenes Geplauder, dieses Zwitschern, dieser Gesang, wobei wir Großen einander nur stumm über ihr liebes Köpfchen hinweg anblickten? Hielt sie dann ein, so sprach ihr Vater gern die Worte des Liedes vor sich hin: O du Kindermund, o du Kindermund, Unbewußter Weisheit froh – Vogelsprachekund, vogelsprachekund, Wie Salomo ... Auf solchen Ausflügen gingen wir Drei gewöhnlich voran. Frau Holzmann kam mit dem Baron hinterdrein. Der war schon damals in ihrer Gesellschaft. Der Kommerzienrat sprach zu mir mit einer unnachahmlichen stillen Ironie von diesem Herrn, der sich, wenn ich nicht irre, wohl oft von ihm Geld ausgeborgt haben mag. Wie weit reichte aber der Scharfblick des überlegenen Alten, wie viel sah und übersah er? Das weiß ich nicht. ... Nun begab es sich, daß der Kommerzienrat auf einige Zeit verreisen mußte, um nach seinen Geschäften zu sehen. Sarah war natürlich recht betrübt. Er mußte ihr versprechen, daß er schreiben, telegraphieren und bald wiederkommen werde. Sie war doch ein vernünftiges Kind und schickte sich, wenn auch mit ein bißchen Schwermut, darein. Nachdem er weggefahren war, machte ich ihr alle meine erprobten Spässe vor. Ich unterhielt sie und mich königlich. Am nächsten Morgen meldete ein Telegramm des Vaters, daß er noch früher als versprochen, zurückkehren werde. Wir freuten uns sehr, und unsere Freude währte bis zum nächsten Abend. Frau Holzmann war mit Sarah zeitlich zur Ruhe gegangen. Um den Baron los zu werden, der mich langweilte, machte ich eine Kahnfahrt, wovon er kein Freund war. Ich ruderte weit hinaus und kam zurück. Als ich den Hügel zum Seehof hinanschritt, war im ganzen Hause kaum ein Licht mehr zu sehen. Alles schon zur Ruhe. Nach dem raschen Aufstiege hielt ich oben still, um mich zu verschnaufen. Da hörte ich etwas – einen langgezogenen unterdrückten Ton, der mich sogleich, noch bevor ich ahnte, was es war, mit Grausen erfüllte. Denn es war ein Ton des größten Schmerzes, eigentlich gar nicht mehr wie vom Menschen klingend, obwohl es eine menschliche Stimme war. Es näherte sich dem Winseln eines sehr gemarterten Hundes. Ich ging auf den Ton zu. Im feuchten Grase vor dem Gebüsche am Hügelrand lag eine kleine helle Gestalt flach ausgestreckt, das Gesicht auf den Boden gedrückt. Da war ich schon bei ihr und hatte sie erkannt. »Sarah!« rief ich unwillkürlich ebenso leise wie sie wimmerte. »Um Gotteswillen, was gibt es?« Sie hörte mich nicht oder wollte nicht hören. Ich sah, daß sie statt zu antworten in die Erde hineinbiß, um ihr Stöhnen zu ersticken. Ich sah auch, daß sie nur mit einem Röckchen und der Nachtjacke bekleidet und bloßfüßig heruntergelaufen war. Mit einem Sprung war ich beim offenen Fenster meines ebenerdigen Zimmers, schwang mich hinein, holte einen dicken Plaid, und wie ich wieder bei ihr war, nahm ich vor Allem die Zarte und wickelte sie trotz ihres Sträubens warm ein, daß sie sich gar nicht rühren konnte. Jetzt schluchzte sie an meiner Brust in das Tuch hinein. »Sarah, Kind, was gibt es? Sind vielleicht schlechte Nachrichten von Papa gekommen?« »Ach nein,« wimmerte sie, »ach nein, ach nein, ach nein!« »Also was, mein Kind?« »Ach, Herr Gerhard, ach, Herr Gerhard! Ich kann es nicht sagen, ich kann es nicht sagen.« »Soll ich nicht Mama rufen?« sagte ich. Da wollte sie sich aus meinen Armen zur Erde werfen und schrie in einem heiseren Tone, den ich nie vergessen werde: »Nein, die nicht! Nie, nie mehr!« Schon durchfuhr mich eine jähe Ahnung. Ich sprach ihr zu, so sanft ich es nur vermochte. Sie müsse sich beruhigen, an Papa denken. Das half. Aus dem krampfhaften Schluchzen geriet sie in ein stilleres Weinen. Wie es weinte, das arme Kind. Allmählich lösten sich ihr auch die Worte, und da kam es endlich heraus, was ich erraten, befürchtet hatte. Sie sprach leise: »Ich bin so unglücklich, weil – weil meine Mama einen fremden Mann lieb hat.« Ich erschrak sehr und stammelte: »Kind, Sarah, wie können Sie das glauben? Das ist eine törichte Einbildung, so etwas darf man gar nicht denken.« Sie antwortete tonlos: »Sagen Sie mir nichts! Ich weiß. Ich weiß es seit einer Stunde. Ich wollte ins Wasser laufen. Ich war schon am Ufer. Aber Papa! Mein armer, teurer! Ich darf nicht vor ihm sterben, und er darf es nicht erfahren. Ach, und da bin ich wieder heraufgekommen. Aber wie soll ich damit weiterleben, Herr Gerhard, wie soll ich damit weiterleben?« Ich war so erschüttert. Ich wagte nicht, ihr zu widersprechen, zu fragen. Was ich in meinem Herzen an Trost fand, das brachte ich ihr bei. Ich sprach nicht mehr wie mit einem Kinde, denn wer solches erleidet, gehört schon zu den gereiften Duldern. Ich sagte ihr, welch eine Tröstung die Kunst mir in meinem eigenen Leben gewesen und wie sich durch die Kunst unsere Schmerzen in lauter Blumen verwandeln, die wieder andere Menschen erfreuen, gerade die mühseligen und beladenen Menschen. Und dann mußte ich doch wieder lächeln, als sie kindlich einfältig fragte: »Glauben Sie, Herr Gerhard, daß ich mir mit Klavierspielen darüber hinweghelfen kann?« Ich bewog sie endlich, zur Ruhe zu gehen. Welche Wandlung vollzog sich aber in dieser Nacht im Gemüte der kleinen Sarah? Durch welchen launenhaften Umsprung kehrte sich ihr Unwille gegen mich? Sie bereute vielleicht, einem Fremden die Schande ihres Hauses verraten zu haben. Oder befürchtete die arme Unerfahrene, daß ich ihrem Vater etwas erzählen könnte? Dem wollte sie es um jeden Preis verheimlichen, das erkannte ich bald. Sie behandelte mich bis zur Rückkunft des Kommerzienrates kalt und schroff. Es versteht sich, daß ich ihr auch nicht durch die verstohlenste Andeutung das Vorgefallene ins Gedächtnis rief. Einige Tage später benützte der Alte ein Alleinsein, um mir zu sagen: »Denken Sie sich die Laune des Kindes, mein lieber Herr Gerhard! Sie hat plötzlich etwas gegen Sie – ich konnte nicht herausbringen, was. Ich halte es für eine der wunderlichen Stimmungen, die um diese Lebenszeit der Rätsel in jungen Menschen auftauchen. Sie will nicht mehr mit Ihnen verkehren, und ich mußte es ihr feierlich versprechen. Sie ist ja sonst ein so gutes Kind. Ihnen mußte ich es aber doch insgeheim sagen, damit Sie nicht etwa einen ernsteren Grund vermuten, denn ich schätze Sie nach wie vor.« »Und sehen Sie, mein lieber Herr, so habe ich die kleine Sarah Holzmann verloren.« Herr Hellmund meinte: »Das ist ja sehr – sehr, wie soll ich sagen? Kurios!« Der Maler schloß seine Erzählung: »Ich treffe sie jeden Sommer hier. Aus der Ferne sehe ich sie wachsen, reifen. Ich erkenne auch an manchen Zeichen, wie dieser unbehobene Schmerz ihre Seele ausarbeitet. Ihre Musik ist mir eine Botschaft vom tiefen Geheimnis. Sie leidet und kämpft. Wie eine Mitschuldige sorgt die Reine dafür, daß ihre Mutter nie ertappt werde; denn der alte Mann erführe ja so die Schande. Ob das abscheuliche Paar weiß, wie sie ihnen hilft? Ich nehme an, daß die Beiden in ihrer sorglosen Unsauberkeit sich weiter darüber keine Gedanken machen. Sie können ruhig sein, sie sind ruhig; Sarah Holzmann wacht.« Die Herren waren jetzt im Uferdorfe Sankt Leodegar angelangt. Herr Hellmund versuchte da sitzen zu bleiben, um, wie er sagte, die Geschichte zu verdauen. Herr Gerhard wollte aber sogleich mit dem Boote zurückfahren. »Es hieß doch, daß wir im Mondschein heimkehren?« wendete Herr Hellmund ein. »Ja, ich sagte das nur vor Sarah Holzmann, weil sie nie singt, wenn sie mich in der Nähe weiß; das habe ich durch einen Zufall erfahren und dann durch Beobachtungen festgestellt. Seit jener Nacht schämt sie sich vor mir, und sie will nicht, daß ich aus ihrem Gesang das Geheime höre, was sie in der Zeit durchgemacht hat. Sie will, daß ich vergesse. Jenes Ereignis soll aus meiner Erinnerung vertilgt werden. Sarah Holzmann weiß nämlich nicht, wie sehr ich sie – wie sehr ich sie nicht vergessen kann. Und wenn ich sie, verborgen lauschend, singen höre. ... Kommen Sie, vielleicht singt sie heute!« Sie saßen im Boote. Herr Gerhard ruderte mächtig, daß sich das Schifflein ordentlich im Wasser bäumte. Es wurde dunkel. Als sie nur hundert Ruderschläge vom Seehofe waren und noch nichts hörten, gaben sie die Hoffnung auf. Herr Gerhard hatte eine Weile die Ruder nicht gebraucht. Eben wollte er sie enttäuscht wieder aufnehmen, da erscholl es lieblich von oben; eine Stimme, in der eine Seele enthalten war. Es flog leicht und hoch hinaus, rein als schwänge sich ein Vogel über den See. Pygmalion. 1887. Spangelberg, der Impresario, ist wieder hier. Das heißt, ich sah ihn vor acht Tagen. Ob er sich heute in Olmütz, Petersburg oder Lissabon aufhält, ob er für fünfundsechzig Centimes in irgend einem Bouillon Duval zu Paris tafelt, oder bei Doney in Florenz getrüffelte Kapaunen mit Champagner begießt – wer vermöchte das zu sagen? Einzelne seiner Gläubiger würden vielleicht etwas dafür geben, wenn sie es wüßten: nämlich die Exekutionskosten. Soviel ist sicher: die Heerstraße der Spießbürger geht er nicht, sondern immer querfeldein durchs Leben; gleichgültig, wem die Felder gehören. Er kennt alle Genüsse, mit Ausnahme der sogenannten Pflichterfüllung, und alle Entbehrungen, die nicht auf Tugendhaftigkeit zurückzuführen sind. An allen vier Enden der Welt hat er Philister genasführt, Weiber betört und Händel ausgefochten. Noch heute, wo sein Rubensbart zu ergrauen beginnt, glänzen seine Augen jung und abenteuerlustig, und wenn er hoch und elastisch vorüberschreitet, schielen die Frauen wohlgefällig nach ihm hin. Ein Zug von spöttischer Ueberlegenheit ist in seinem Gesichte, denn er kennt sehr viele Träger imposanter Namen ledig des arrangierten Ansehens, das sie sich vor der gläubigen Menge geben; kennt sie von ihren Anfängen her, oder aus der schlechten Gesellschaft. Für ihn selbst ist nach wie vor der morgige Tag angefüllt mit tausend wunderbaren Rätseln; er weiß nicht, wo und wovon er leben wird – und darin liegt seine ewige Jugend. In geordneten Verhältnissen wäre seine Spannkraft längst verdorben. Er fühlt sich nur wohl in der Bedrängnis und heimisch nur unterwegs. Er hat nichts, und darum gehört ihm die Welt. In farbigeren Zeiten, als es diese sind, wäre er – halb Spitzbube, halb Ritter – ausgezogen auf die wilden Streiche, hätte ein gutes Schwert für jede schlechte Sache gelüftet. Aber auch ohne Lederwams und Raufdegen, in der bürgerlichen Tracht, die er einem vorzüglichen Londoner Kleidervirtuosen schuldig bleibt, umweht es ihn wie ein Duft von Aventiuren, der die Weiber berauschen muß. Ein Lump und Aufschneider von verführender Liebenswürdigkeit. Von seinen Gaunerstücken redet er nicht ohne Selbstgefälligkeit wie von Heldentaten. Und wenn er der Frauen gedenkt, die ihn betrogen oder die er betrog, so schimmern seine Augen in schöner Rührung. Denn er ist auch sentimental, der Strolch. Oder ist das nur eine seiner vielen lustigen Masken, die er vorbindet zum Vertreib einer Viertelstunde? Vielleicht ist er stets aufrichtig, vielleicht lügt er immerwährend? Man weiß ja bei ihm nie, ob er scherzt oder ernsthaft redet; doch glaube ich, daß nicht alles erfunden war an der wunderlichen Geschichte, die er mir heute vor acht Tagen erzählte, als wir uns zufällig in einem Restaurant getroffen hatten und durch die stillen sommernächtlichen Straßen schlenderten. Er legte mit beseligender Vertraulichkeit seinen Arm in den meinigen und sprudelte unaufhaltsam alle seine neuen und alten Witze hervor, die bald von betrübender Geschmacklosigkeit sind, und bald zu brüskem Gelächter kitzeln. Wir waren, ohne des Weges zu achten, aus der Stadt in die Vorstadt gekommen. Er hielt plötzlich an und zwang mich dadurch auch stehen zu bleiben. »Sakkerment!« rief er, »das ist ja die Gegend!« ... »Welche Gegend, Spangelberg?« »Der Ort, wo Spangelbergs letzte Liebe begann.« »Ah, ah! Ein Roman?« »Jawohl. Den ich noch keiner menschlichen Seele mitgeteilt habe. Ich werde aber doch endlich anfangen müssen, ihn in mein Repertoire aufzunehmen. Es sind da ohnehin einige Nummern, die nicht mehr so recht ziehen wollen. Sie müssen wissen, ich erzähle Alles. Das aber habe ich noch nie erzählt.« »Weil Sie es sich erst jetzt aus dem Daumen saugen?« »Sie kennen mich bloß zur Hälfte, lieber Freund! Ich lüge nie, wenn ich keinen Vorteil darin sehe ... Nein, ich schwieg von der Sache, weil sie tief gegangen ist, tief. ... Ja, wie lang ist es denn schon her? ... Vor fünf Jahren reiste ich mit der Sängerin Laury ... Es war früher. Den Geiger Mendoza managete ich auch erst nach dieser Geschichte. Vor neun oder zehn Jahren mag es gewesen sein ...« »Sie waren noch ein Knabe.« »Fast. Ich zählte noch nicht vierzig Spargelzeiten oder Lenze ... Unterbrechen Sie mich nicht. Ich muß mich sammeln ... Wie gesagt, die Erzählung steht nicht so fest, wie meine anderen. Sie genießen die Primeur ... Sehen Sie, das ist die Gegend. Durch diese leblosen Gassen ging ich vor neun oder zehn Jahren, auch in einer solchen Sommernacht, mit dem Maler Mäusel. Sie wissen, der Mäusel, der sich nachher im Irrsinn erhenkte. Er hatte die fixe Idee, farbenblind zu sein, weil er die glure Farbe nicht sehe, und glur sei das Allerschönste. War ein talentvoller Kerl. Schad' um ihn! ... Wir gehen also, Mäusel und ich, schlürfen mit Wollust unsere Zigarre, lassen die Weinschwere vom Souper verrauchen. Auf einmal – warten Sie, da muß das Haus bald sein – hören wir eine schöne, junge Stimme ein Lied singen. Ich mache noch einen Witz über nächtliche Ruhestörung oder dergleichen. Der Mäusel aber – der viel mehr von Musik verstand als ich – packt mich ganz aufgeregt am Arm und sagt mir: »Mensch, das ist ein Wunder von einer Stimme!« ... Ich spitze natürlich gleich die Ohren und schnuppere die Fährte auf, wie ein Jagdhund. Kurz und gut, was soll ich Ihnen da viel sagen: Ich mache das Mädchen ausfindig, dem die Stimme und die Schustersleute, denen das Mädchen gehört. Am nächsten Morgen gehen wir – Mäusel wollte durchaus dabei sein – zu dem Papa Schuster (Klimpfinger hieß er) und ich gebrauche den unscheinbaren Vorwand, mir ein Paar Stiefel zu bestellen. Lerne das Mädchen kennen – ein Entsetzen! Sie war abschreckend häßlich und ungepflegt. Lang, dürr, trotz ihrer neunzehn Jahre, waschrote Hände, unreiner Teint, verkniffene Augen, großer Mund – ein Ekel. Und doch hatte sie etwas im Blick, das mich gleich stutzig machte. Wie wir nachher aus der Stube, in der es nach Kleister, Armut und Verwahrlosung roch, wieder im Freien waren – schauten wir uns an: »Nun, Mäusel, was sagen Sie? ...« Er sagte gar nichts, schnitt nur eine klägliche Grimasse, wie Einer, der etwas Widerwärtiges geschmeckt hat. Ich mache ihm spaßhafte Vorwürfe; sein gestriger Enthusiasmus koste mich ein Paar elende Stiefel und eine Illusion. Er war ganz zerknirscht, erbot sich, einen Stiefel zu tragen, und gab mir schließlich den Rat, sie hinter einem Vorhang singen zu lassen ... »Nein«, sage ich ihm darauf, »die wird nicht hinter einem Vorhang singen, denn sie wird, noch mehr als durch ihre Stimme, durch ihre Schönheit das Publikum hinreißen. Heute ist sie eine Vogelscheuche, ich werde sie aber in die Hand nehmen und aus ihr eine Beauté machen. Ich werde sie arrangieren. Ich kann das ... »Wenn Sie mir das zeigen, Spangelberg«, sagte er, »dann sind Sie ein Meister!« ... Nun, ich konnte es zwar nicht ihm zeigen, er war nämlich inzwischen auf die glure Farbe gekommen, – aber ich habe es der Welt gezeigt. Wer etwas von meiner Kunst versteht, wird zugeben, daß es wirklich ein Meisterstück gewesen. Denn ich habe aus jener Schustertochter die Geraldini gemacht.« »Nicht möglich, die Geraldini?« Spangelberg streichelte den Bart, warf seine Zigarre weg, brannte sich eine neue an und wiederholte schlicht: »Wie ich Ihnen sage, mein Lieber, die Geraldini ... Ich habe sie arrangiert. Ein Anderer würde das nie aus ihr gemacht haben. Es gibt ja unter meinen Kollegen oder Konkurrenten auch einige schneidige Jungens, die mir in Manchem überlegen sind. Binzer zum Beispiel, der schlechte Kerl, ist in der Intrigue hervorragender als ich. Andere sind geschickt im Erfinden neuer Coups, um die Aufmerksamkeit zu erregen. Ich arbeite meistens reell, ich biete etwas. Von den Impresarii, die sich nur in den alten Geleisen bewegen, will ich gar nicht reden. Die sind eigentlich bloß Reisemarschälle, Geschäftsführer, bessere Lakaien ihrer Künstler. Das war ich nie. Ich stehe über meinem Virtuosen, denn ich bin selber einer. Und was ist seine Kunst ohne die meinige? Er wendet sich, wenn es hoch kommt, an die Kenner. Die zahlen aber, wie jener sparsame Gourmand, für den Duft der Speisen bloß mit dem Klange des Goldes. Von den Kennern allein lebt man nicht, wenigstens nicht gut, denn sie kriegen meistens Freikarten. Ich kommandiere eine größere Legion: die Nachbeter! Ich führe die stürmenden Leute an die Billettschalter, wo sie sich die Kleider vom Leibe reißen lassen – einem Kunstgenuß zuliebe, dem sie ausweichen würden, wenn sie ihn gratis haben könnten. Drängen sie sich nicht, so arrangiere ich das Gedränge und lasse mir von Mietlingen das Kasselokal verwüsten. Von nichts wird das Publikum so sehr hingerissen, wie von sich selbst. Das ist die brutale und alberne Selbstgefälligkeit der Massen, die so leicht zu leiten ist. Nur sind viele dieser kleinen Mittel durch die Stümper diskreditiert worden. Wenn man nicht aufpaßt, fällt man dabei hinein. So wollten einmal in Lyon einige unbezahlte Enthusiasten der Geraldini die Pferde ausspannen. Ich kenne aber dieses Volk, das am Morgen den Gegenstand seiner gestrigen Begeisterung blaguiert, in Grund und Boden lacht. Ich kam noch rechtzeitig dazu und bat die Leute im Namen der anspruchslosen Künstlerin flehend, solche Ovationen sein zu lassen. Dieser »vornehme Zug« ging dann durch alle Blätter und wurde zu einer Riesenreklame. Ich habe mir den Coup gemerkt und ihn noch ein paarmal angewendet – bis er auch abgenützt war. Aber davon wollte ich nicht reden ... Ich ließ also die Klimpfingersche ausbilden, nachdem ich sie durch gute Kontrakte an mich gebunden hatte. Die Kunstfertigkeiten erlernte sie wie ein Papagei – aber was will das heißen? Sie sang richtig, doch ohne Gefühl. Den tragischen Schritt hatte sie bald heraus, aber nicht den seelenvollen Gang. Es fehlte ihr die angeborene Grazie. Sie war eine Frauensperson, aber kein Weib. Und das konnten die Lehrer nicht aus ihr machen. Das konnte nur ich. Sie haben keine Ahnung, wie schwer es ist, so eine »gottbegnadete Künstlerin« herzurichten. Der Pöbel im Parterre will trotz aller Kunsttartüfferie bei gröberen Instinkten gepackt werden. Das sogenannte »elektrische Fluidum«, das durch den Zuschauerraum zittert, ist wunderbar das gleiche bei allen Darstellungen – mag das Weiblein als Maria Stuart über die Bretter wanken oder in Gazeröckchen durch Papierreifen springen, mag das Männchen als Parforcereiter einhersprengen oder ein Frühlingslied säuseln. Ich kam mir vor, wie der griechische König oder Bildhauer – ich weiß nicht mehr, was er war – dieser Pygmalion, der aus Elfenbein das göttliche Weib schnitzte. Ich habe aus dem Klimpfingerschen Klotz eine Diva herausgenommen ... Die meisten meiner Kollegen nehmen den Expreßzug durch die Lehrzeit; dann kommen die jämmerlichen Zöglinge abgehetzt, hungrig und ermüdet an. Ich dagegen gewöhnte die Klimpfinger an das Wohlleben, die Trägheit, die Eleganz. Ich nahm sie nach Paris. Da lernte sie sich parfümieren und kleiden. Ich brachte ihr alle Raffiniertheiten bei – von der Rosette, die den kleinen Schuh verführerisch macht, bis zu der bizarren Goldnadel, die köstlich und verwegen im duftenden Haare steckt. Und sie gedieh in meiner Pflege. Schon sah sie einem schönen Weibe täuschend ähnlich. Das gute Leben füllte ihren Körper, rundete ihre Wangen, gab ihrer ganzen Erscheinung Farbe und Glanz. Die Leute begannen sich nach ihr umzudrehen, wenn sie an meinem Arme vorüberschritt. Die Bekannten fragten mit dem bekannten Augenzwinkern, wer die interessante Person sei. Ich ließ die Herren zwinkern, denn es konnte dem Mädchen nur nützen, wenn es hieß, daß sie den Spangelberg an sich fessle. Und so kam die Geraldini – ich nannte sie schon Geraldini – zu dem Renommee, jahrelang meine – wie soll ich sagen – Gefährtin gewesen zu sein. Und wie sah es mit unserm »Verhältnis« in Wahrheit aus? Sie ging mit mir wie ein Murmeltier mit dem Savoyarden, der es abrichtet. Sie ließ mich so kalt, so kalt! Ich sah immer noch die ungepflegte widerwärtige Schusterstochter in ihr. Auch hatte sie abscheuliche Gewohnheiten. Bis ich ihr nur das Kauen an den Nägeln abgewöhnte ... für mich war und blieb sie Klimpfinger, der Klotz. Reine Geschäftssache. Und endlich war sie soweit, daß ich sie in kleineren Städten auftreten lassen konnte. Ich brauche Ihnen das nicht ausführlich zu erzählen. Wenn Sie eine Künstlerbiographie kennen, kennen Sie alle. Erst sind die Leute spröde, spöttisch, gleichgültig, dann kriegt man sie herum. Die Hammel springen ... Ich übergehe das Unwesentliche – von den ersten Buketts, die ich bezahlte, bis zu den Treibhauswäldern, die man ihr später schickte; von dem Selbstmord aus Liebe zu ihr, den ich erfunden, bis zu dem armen dummen Jungen, der sich tatsächlich in ihrem Vorzimmer eine Kugel durch den Kopf jagte. Die Geraldini war gemacht. Sie kennen ja den weiteren Verlauf ihres Triumphzuges ... Sie ist sehr überschätzt worden – das sage ich Ihnen. Es ist wahr: ich hatte sie großartig inszeniert. Dennoch verblüfften die Erfolge mich selber. Sie sang ja wirklich nicht schlecht, aber es hat Viele gegeben, die besser sangen. Nur ging von ihr ein gefährlicher und sonderbarer Zauber aus, über den ich lachte, und auf den ich stolz sein konnte, denn ich war der Hexenmeister, der ihn gebraut ... So saß ich einmal in Moskau, man gab die »Traviata«, glaube ich, neben zwei Herren, die sich in spanischer Sprache unterhielten. Ich verstehe spanisch. Der Eine sagte: »Dieses Weib raubt mir den Atem!« ... Und der Andere, blaß, ernsthaft: »Ich darf sie überhaupt nicht mehr sehen, sonst heirate ich sie. Dieser war ein Gesandtschafts-Attaché. Ich traf ihn später doch täglich im Theater, und er hat sie nicht geheiratet ... Gleichviel, ich betrachtete an jenem Abend nicht ohne Rührung und Heiterkeit mein gelungenes Werk. Die Schusterstochter! Diese Diva? Diese berückende Frau mit der schläfrig süßen Stimme? Wenn Mäusel das erlebt hätte! ... Als ich nach der Vorstellung mit ihr in unserem gemeinschaftlichen Salon soupierte, rief ich befriedigt aus: »Rosel, heute hast Du mir gefallen!« (Ich duzte sie nämlich aus Bequemlichkeit.) Und bei diesen Worten kniff ich sie wohlwollend in die Wange. Sie aber bog sich ganz empört zurück und warf mir den strafenden Königinnenblick zu, den ich ihr beigebracht, für den Fall, daß sich Jemand zu viel herausnehmen sollte. Das ergötzte mich noch mehr. Ich fand sie auf einmal wirklich reizend und – und begriff beinahe, daß sie Einem »den Atem rauben« könne ... Ohne viel Ueberlegung, mich in einem Rechte fühlend, von dem ich zufällig bisher keinen Gebrauch gemacht, lege ich also meinen Arm um ihre Taille und will sie an mich ziehen. Sie reißt sich los, heftig, daß ich fast das Gleichgewicht verloren hätte, stürzt aus dem Zimmer und sperrt sich ein ... Erst war ich verdutzt, dann lachte ich laut, dann sang ich vor ihrer Tür zum Spaß »Gute Nacht. Du mein herziges Kind!« dann trank ich allein den Champagner weiter, und als ich mich schlafen legte – war ich sterblich in sie verliebt ... Verliebt! Ich! der Pygmalion, in den geformten Klotz! ... Nun kamen meine Fehler. Wie ich die Weiber kenne, wäre Alles anders gekommen, wenn ich sie am nächsten Tag von oben herab behandelt hätte, wie bisher. Statt dessen war ich liebenswürdig, schmeichlerisch, zärtlich. In einem einzigen Augenblicke ging meine Herrschaft verloren. Sie verbot mir das Duzen, die Vertraulichkeiten, stellte ihre Gesellschafterin zwischen uns. Ich war ganz sprachlos und betäubt – sie raubte mir den Atem. Ich konnte mir nicht helfen. Ich hatte plötzlich Respekt vor ihr. Wie war das nur gekommen? Für mich begann aber eine miserable Zeit. Ich brachte ihr jeden Morgen Blumen, ich! Ich schenkte ihr den teuersten Schmuck. Was ich verdiente, ging für sie auf. Ich machte sogar Verse auf sie. Mit einem Wort: komplett verrückt. Was wollen Sie – Jeden von uns packt einmal die Leidenschaft so hart am Genicke und krallt sich in den Schädel ein ... Es ist weiter nicht viel zu erzählen. Die Geraldini machte mit mir, was sie wollte. Die Verträge wurden zu ihren Gunsten geändert, was eine nicht unbedeutende Eselei von mir war. Wenn bei dem Geschäfte Jemand ausgebeutet wurde, so war ich es – der Impresario von der Künstlerin. Immerhin ein interessanter Fall! Von ihrem Widerstande zum Aeußersten gebracht, wollte ich sie endlich heiraten. Sehen Sie mich, den Spangelberg, auf Freiersfüßen? ... Sie lachte mir unter die Nase. Sie habe glänzendere Aussichten. Sie war wählerisch, die Schusterstochter. Und hat es auch erreicht, wie Sie vielleicht wissen. An der Kunst hing sie ohnedies nicht, sie war ja nie eine Künstlerin gewesen. Ein junger Lord hatte das erhebliche Glück, sie heimzuführen. Anfangs war ich natürlich wütend, dann sah ich ein, daß ich es nicht ändern könne, und nahm die zehntausend Pfund Abfindung wie ein Philosoph hin ... Ich teilte dieses Geld in zwei Teile. Die eine Hälfte habe ich an der Börse verspielt, mit der anderen, besseren Hälfte war ich ein Jahr lang lustig in Paris. Sehr lustig. Das hat mich auch von der Geraldini geheilt – derart gründlich, daß ich mich erstaunt fragte, wieso ich denn diesem Anfall erliegen konnte. Sehen Sie, mein Lieber, ich wußte es lange nicht, ich weiß es erst jetzt. Nicht ihre Vorzüge, sondern jene beiden Spanier hatten mich in die Geraldini verliebt gemacht. Ich begehrte sie, weil sie von Anderen begehrt wurde. Das ist die lächerliche Gewalt, die das Urteil der Anderen auf das meinige übt. So werden die großen Männer und die schönen Frauen gegründet ... Es ist spät. Wir wollen nach Hause gehen ... Ja, noch Eins: Wenn jemals in Ihrer Gegenwart die Vollendung eines Werkes, der Geist eines Mannes oder die Schönheit einer Frau gepriesen wird, dann sehen Sie sich den Sprecher genau an. Er ist entweder ein Schafskopf oder ein Impresario.« Der Aufruhr von Amalfi. 1888. Wir waren nach der Mahlzeit. Befanden uns in der glücklichen und nachsichtigen Stimmung, in der man bereitwillig braune Geschichten erzählt und selbst die rosenroten nicht übermäßig höhnisch aufnimmt. Der Impresario Spangelberg, der unser Tischgenosse gewesen, hielt denn auch den Augenblick für gekommen, uns wieder einmal ein Kapitel aus seinem Leben vorzutragen. Der Gasthaussessel, auf dem er so gerne rittlings sitzt, wird unter Spangelberg immer zum Hippogryphen. Wenn es ihn hinausreißt ins farbige Land der Erzählung, tun wir zwar entrüstet, lauschen aber doch den Worten des liebenswürdigen Lügners. Was da kommen wollte, erkannten wir an einer weiten erzählerischen Gebärde, die er vorausschickte. Er legte sich gewissermaßen aus wie ein Fechter: »O, meine Herren, die Technik der Posaunenstöße allein macht nicht den Impresario. Sie genügte bloß für den Ruhm des biblischen Feldzeugmeisters von Jericho, des Ahnherrn jener Musik, die den Zuhörer zermalmt. Der Impresario von größerem Wuchs muß noch auf anderen Instrumenten spielen. Um die Massen zu bewegen, muß man sie annähernd verstehen. Die Menge unterscheidet sich, wie Sie wissen, nicht nur durch die Zahl vom Einzelnen; die Menge ist aus dem Einzelnen gar nicht zu erklären. Hundert schläfrige Dummköpfe sind in der Vereinigung unberechenbar und gefährlich, wie ein Mann von Geist! Hundert geistreiche Leute zusammengenommen sind zuweilen Ein Dummkopf. Die Menge ist bekanntlich großmütig und boshaft, intelligent und albern, tollkühn und feig – Alles in demselben Augenblick – sie weicht einem Milchkarren vorsichtig aus und geht in die Bajonette hinein, sie lacht über einen Witz und versteht keinen Spaß, wird durch eine sentimental aufgedonnerte Phrase gerührt und jubelt einer Grausamkeit zu. Die Nuancen sind unerschöpflich. Darum kann ein Demagog ebensowenig wie ein Impresario voraussehen, wie sich der Erfolg gestalten werde. Der Impresario ist ja dem Demagogen innig verwandt. Das ist kein verwegener Dessertausspruch, meine Herren! Ich bin fest überzeugt, Gambetta würde es auch verstanden haben, einen Tenor zu managen. Und wenn Barnum sich nicht auf die Elephanten, sondern auf die höhere Politik geworfen hätte, so wäre er vielleicht Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Ich selbst .... Nun, ich will von mir nicht reden. Das heißt – wenn es Sie doch interessieren könnte? – mir fällt da ein kleines Erlebnis ein, beinahe ein Roman, der fast schlecht geendigt hätte. Wollen Sie hören? Sollte ich die Geschichte schon Einem der Anwesenden erzählt haben, so bitte ich ihn, unterdessen ein wenig zu schlummern, aber nicht zu schnarchen, weil mich das stören würde. Hm, in welchem Jahr ist es denn nur gewesen? ... Einen Augenblick! War's auf meiner ersten oder zweiten italienischen Reise? ... Darauf kommt's eigentlich gar nicht an. In Amalfi ... Halt, jetzt besinne ich mich. Auf meiner zweiten italienischen Tour geschah es. Ich hatte einen Klavierspieler bis nach Neapel mitgenommen. Dort ging er mir durch – eine ältere, aber warmfühlende Gräfin hatte sich in seine Affektationen verliebt und entführte ihn. Ich war darüber nicht in Verzweiflung, denn ich hatte mit diesem abgeschmackten Bengel miserable Geschäfte gemacht. In eine ziemliche Verlegenheit brachte er mich allerdings. Für das nächste Konzert hatte ich nämlich schon eine Anzahl Sitze voraus verkauft und mußte nun das Geld zurückerstatten. Dazu wäre ich mit Vergnügen bereit gewesen – wenn ich es noch gehabt hätte. Aber wir lebten von vorgegessenem Brot. Ein paar Napoleons hatte ich wohl noch. Die waren nicht hinreichend. Was tun? Ich tat Folgendes: ich annoncierte, daß unser nächstes Konzert – von dem ich wußte, es könne nie mehr stattfinden – in acht oder zehn Tagen stattfinden werde, weil sich mein Virtuose den kleinen Finger der linken Hand verstaucht habe. In acht oder zehn Tagen konnte ich mir die nötigen Fonds aus aller Welt zusammengetrommelt haben und meinen Verpflichtungen nachkommen. Denn dem Publikum bin ich nie etwas schuldig geblieben. Da ich aber voraussah, daß ich mich während dieser Wartezeit in Neapel nicht behaglich fühlen dürfte, so suchte ich mir einen stilleren Ort in der Umgebung aus, wo ich billig leben und – wo mich Niemand finden konnte. So entschloß ich mich, nach Amalfi zu gehen. Dahin fahren höchstens die Fremden, nie ein Neapolitaner... Meine Herren, es reist sich schön, wenn man Banknoten in der Tasche hat, oder – wie man altertümlich sagt – wenn die Geldkatze geschwollen ist. Der sonnige Schein des Goldes überglänzt die Gebirge. Aber schöner, viel, viel schöner ist es, ohne Geld zu reisen. Nämlich nicht ganz ohne Geld, sondern nur mit so wenig, daß man sich eine Menge reizender Dinge nicht kaufen kann. Wie begehrenswert erscheint einem dann die ganze Welt! Das Rätsel des Glückes hat für jeden Menschen eine andere Lösung. Die meinige ist: nicht genug Geld haben. Ich war oft so glücklich. Ich stieg also eines schönen Morgens am Kai von Santa Lucia in die tanzende Barke und ließ mich an den Dampfer übersetzen. Wir fuhren. Anfangs sah ich nicht ohne Melancholie nach dem anmutreichen Orte zurück, an dem ich außer einigen unglücklichen Sperrsitz-Inhabern auch noch eine Gläubigerin meiner Liebe verlassen hatte: Madamigella Teresina vom Ballett des Teatro San Carlo, die sich während der letzten Wochen meiner irdischen Glückseligkeit angenommen hatte. Ein liebes Geschöpf! Sie schwor immer, sie werde es nicht überleben, wenn ich je von ihr ginge. Sie malte mir die Todesarten, die sie wählen würde – täglich eine andere – mit verschwenderischen Farben. Ich glaube so etwas immer. Auf dem Schiffe nun dachte ich darüber nach, ob die Heißgeliebte zehn Minuten oder gar eine Viertelstunde lang untröstlich sein werde. Da mir aber diese Gedanken auf die Dauer zu schwarz wurden, so vertiefte ich mich in den aufheiternden Anblick eines blonden Haarknotens, der glücklicher Weise mit an Bord war. Das reine gesponnene Gold. Die Besitzerin, eine junge Engländerin, die keinen Blick von ihrem Reisebuche verwandte. Wenn diese Engländerinnen sich entschließen, schön zu sein, dann sind sie es überraschend. Die, von der ich spreche, hatte sogar kleine Füße. So klein – ich übertreibe nicht. Und dabei die hohe Wölbung, genau nach der alten Schönheitsregel, daß ein kleiner Vogel darunter Platz haben müsse. Ich nenne deshalb Füße dieser Art: zwitschernde Füße. Ich möchte ihnen immer gerne meinen Sammetmantel unterbreiten, wenn ich einen hätte und in den Zeiten der Ritterlichkeit lebte ... Und das Gesicht von adeliger Feinheit, und der Hals, der Schulternfall, die weiche Linie des jungen Leibes! ... Kurz, ich betete sie gleich an. Denn das war noch meine gute Zeit, in der ich nicht nur geliebt wurde, sondern ab und zu auch selber liebte. Uebrigens wird Sie das nicht interessieren. Erfahrung hatte ich allerdings schon damals. Ich wußte, wie man ein Boot entert. Jedenfalls war ich sofort entschlossen, sie nicht mehr aus den Augen zu lassen, mitzufahren bis ans Ende der Welt oder wenigstens bis an das Ende meiner Barmittel, welches näher gelegen war. Ich besah mir ihre Gesellschaft unauffällig. Es war ein Vater und eine Mutter da, sowie ein verdächtiger Kerl mit roten Whiskers, in dem ich gleich den angehenden Bräutigam witterte. Unverkennbar die angeborene Flegelhaftigkeit und das Bestreben, dieselbe vor Mister, Mistreß und Miß Coverley nicht in einem die Nationalgewohnheiten übersteigenden Maße zu verraten. Der Herr mit den Whiskers war Kapitän Hatton-Green. (Die Namen erfuhr ich natürlich erst später.) Es zeigte sich bald, daß die Engländer dasselbe Ziel hatten, wie ich. Wir ignorierten uns aber gegenseitig auf das kunstvollste. In Sorrent bestiegen drei Bänkelsänger unser amalfitanisches Schiff. Ich gab ihrem Häuptling einen Wink. Die drei Musikanten führten nun mit Tambouringeklirr, Guitarrengezirp und Geigenquieken, singend und tanzend, ein paar groteske Ständchen auf. Die Miß dankte mir mit einem vorüberhuschenden reizenden Blick, den ich nicht wahrzunehmen für gut fand. Nach dem zweiten oder dritten Liedchen hatte ich einen wahrhaft fürstlichen Einfall. Ich warf Jedem der Spielleute einen Louisd'or hin, absichtlich ungeschickt, so daß die Goldstücke in der Richtung der Coverleys entrollten. Die Wirkung war magisch. Die drei Barden ließen ihre Instrumente fallen und setzten ihrem flüchtigen Scheibchen nach, daß es nicht ins Meer entschwinde. Einer kroch unter die Bordbank, alle Drei lagen menschlich ordinär auf dem Bauche, bis sie es hatten. Mr. Coverley sah beim Aufklingen des Goldes instinktiv nach mir, in seinem Blicke lag Verdammung und Bewunderung. Mrs. Coverley betrachtete mich mit dem träumerischen und prüfenden Blicke einer Mutter, die Schwiegermutter zu werden bereit ist. Miß Coverley benahm sich noch am besten; sie lächelte über die Goldjäger, aber in dem Lächeln war auch Anerkennung für meine Freigebigkeit enthalten. Der Mann mit den roten Whiskers wurde grün und gelb vor Aerger. Aber Alle lagen auf dem Bauche. Gönnen Sie sich einmal einen ähnlichen Scherz, meine Herren! Der Anblick, den die Zuschauer darbieten, ist dreimal zwanzig Francs wert. ... Die Minnesänger von Piedigrotta verliehen mir alsdann den Titel »Eccellenza« und legten ihre ganze Seele in das folgende Lied. Einer dieser Gesänge fand besondere Gnade bei der schönen Miß. Sie äußerte auf Englisch lebhaften Beifall zu ihren Leuten gewendet. Daraufhin gebot ich den Musikanten, dieses Stück zu wiederholen. Sie dankte mir mit einem ganz kleinen Kopfnicken und wurde auch ein wenig rot. Diesmal verneigte ich mich, selbstverständlich in der zurückhaltendsten Weise. Doch das Eis war gebrochen. ... Verweilte ich bei dieser Prozedur zu lange? Wenn man, wie ich, seine grauen Haare nicht mehr zu zählen vermag, so scheint Einem der Anfang das Allerbeste zu sein. Was später kommt, ist ja fast immer von erdrückender Banalität. Ich will Sie entschädigen, indem ich über den weiteren Verlauf des Bekanntwerdens hinweggleite. Wir wohnten Alle im oberen Kapuziner-Hotel, das man auf Anglo-Italienisch »Upper-Capuccini« nennt. Das Wort erinnert angenehm an die oberen Zehntausend, an erhabene Preise und dergleichen. Aus den schmalen Fenstern des alten Hauses genießt man einen weiten Ausblick auf die verwitterte Felsenküste und auf das grüne Meer ... Ich blieb fortwährend in der Gesellschaft der Coverleys, den Kapitän Hatton-Green mußte ich natürlich auch mit in den Kauf nehmen. Was mir seine Anwesenheit versüßte, war der große Verdruß, den ihm die meinige offenbar bereitete. Meine Eitelkeit sehnt sich immer nach Rivalen – weil ich es liebe, vorgezogen zu werden. In Allem ließ ich ihn meine Ueberlegenheit fühlen. Wenn er ein Lied gekrächzt hatte, sang ich eins. Ich tanzte besser als er, lief schneller, ruderte geschickter, ritt verwegener, traf mit dem Revolver mehr Vögel im Fluge; ich war gelassen, wenn er gereizt war, und übermütig, wenn er verstummte. ... Wir waren also immer beisammen; bei schlechtem Wetter im Salon, bei gutem im Freien. Amalfi! Das ist für mich die unvergeßliche Landschaft. Wir machten köstliche Ausflüge: Eselsritte hinauf nach Ravello, Spaziergänge nach Majori, Minori und Barkenfahrten nach – nach dem Sonnenuntergang, Miß Mabel Coverley strahlte mich mit zärtlichen Augen an und gab mir die förmliche Erklärung, daß sie sich noch nie so gut unterhalten habe. Denn wie ich schon die Ehre hatte, Ihnen mitzuteilen, war das meine prachtvollste Zeit. Ich war damals noch ein großer Amuseur. Ich war unerschöpflich in Schwanken, Mätzchen, Spaßen von tausenderlei Art. Wie hat Miß Mabel sich das Taschentuch in den lachenden Mund gestopft, wenn ich unsern Hotelgenossen, den Amerikaner Mr. Timberlake, täglich nach dem Diner in einer von mir vorher angesagten Minute dahin brachte, eine und dieselbe Geschichte zu erzählen, die ich ihn nie vollenden ließ. Wenn der dicke Ehrenmann bei der Stelle angelangt war: »Der Zug stand still. Da tauchten plötzlich sechs vermummte Indianer auf ...«, so wußte ich immer irgend ein kleines Unglück zu improvisieren, das ihn zwang, innezuhalten. Man hat im Upper-Capuccini-Hotel nie erfahren, was die sechs Vermummten taten; aber täglich mußte der arme Mr. Timberlake von vorne beginnen, »weil wir den Anfang nicht mehr wüßten ...« Ich will Ihnen nicht alle diese Dummheiten erzählen. So etwas ist eigentlich nur lustig im ersten Augenblicke, wo der Streich ersonnen und ausgeführt wird. Auch die Prellereien haben eine beauté du diable ... Hatton-Green versuchte wohl ab und zu, mir den Spaß zu verderben, er hielt immer Wetten gegen mich. Aber man lachte doch, und die Wetten verlor er. So machte ich mich auch einmal anheischig, zu Miß Coverleys Unterhaltung einen Aufruhr in dieser braven Stadt Amalfi zu inszenieren, und zwar mit einem Aufwande von nur zehn Francs. Einen regelrechten Aufruhr ohne Blutvergießen, aber mit einschreitender Polizeimacht, erbitterten Bürgern, heulenden Weibern, kreischenden Gassenjungen und beschwichtigendem Sindaco. Der Kapitän wollte zehn Flaschen Champagner dagegen wetten. Ich wich natürlich nicht zurück. Abgemacht! Nur wünschte Herr Hatton-Green ausreichende Garantien, daß ich nicht um einen einzigen Centesimo mehr zur Beunruhigung der Bevölkerung aufbieten würde. »Mein Wort genügt doch?« sagte ich. »In jedem anderen Falle,« erklärte er; »bei einer Wette kann jedoch nur von objektiver Sicherstellung die Rede sein.« – Ich ließ ihn nicht entkommen: »Meinetwegen, Kapitän! Welche Sicherung wünschen Sie?« – »Daß Sie Alles Geld, das Sie mithaben – bis auf die zehn Francs – bei dem Hotelier Mr. Coverley oder mir deponieren, ehe Sie hinausgehen.« Das war für mich ein unangenehmer Augenblick. Mein Vermögen belief sich auf vier Napoleons und fünfzehn Lire in Silber. Ich wurde verlegen wie ein Armer. Statt dem Kapitän ins Gesicht zu lachen und zu erklären, daß ich überhaupt mit ihm nicht mehr wette – willigte ich in seine Bedingung. Ich hielt ihn für einen Gentleman. Ich sperrte meine Brieftasche, die außer Mahnbriefen nichts enthielt, sowie den Geldbeutel in meinen Kasten und lieferte den Schlüssel dem draußen wartenden Hatton-Green ab. Er bat mich hierauf zuvorkommend, auch das Zimmer zu verschließen und den Schlüssel einer dritten Person meiner Wahl zu hinterlassen, da wir uns ja erst seit einigen Tagen kannten. Diese unfeine Bemerkung hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. ... Ich gab den Zimmerschlüssel Mr. Timberlake. Für zehn Francs ließ ich mir kleine Kupfermünzen einwechseln, die mich sehr beschwerten, und dann ging ich. »Miß Mabel,« sagte ich, »in zwei Stunden ist Aufruhr in Amalfi! Vom Balkon des Hotels an der Marina können Sie Alles sehen.« Sie lachte lustig und bat mich, nicht gar zu verwegen zu sein. O. man braucht die Weiber nur zu amüsieren, dann hat man sie gewonnen. Als ich die Felsentreppe vom Hotel hinunterschritt, kam mir eine hochrote Rose nachgeflogen. Ich preßte sie an meine Lippen, wie wenn ich in die Schlacht gezogen wäre. Meine Herren, Sie werden vielleicht finden, daß es ein frivoler und impertinenter Scherz war, den ich mir mit dem armen Pöbel von Amalfi erlaubte. Aber Sie werden hören, wie ich dafür bestraft wurde. Auch war ich damals um zwanzig Jahre törichter als heute. Auch setzte ich mich immerhin der Möglichkeit aus, ein paar Messerstiche aus dem Handel fortzutragen. Jedenfalls brauche ich mich meines Streiches weniger zu schämen, als der rote Kapitän Hatton noch jetzt über den seinigen erröten sollte ... Ich hatte also vor, die Münze allmählich unter die Leute zu streuen, was sie in Hitze bringen mußte. Wissen Sie, was das für Kerle sind? Arm, bettelarm, faul, dumm und gierig. Das brät in Lumpen an der Sonne, das liebe Leben hindurch. Als Kinder jagen sie barfuß und seelenvergnügt über die heißen Strandkiesel. In der mannbaren Zeit lungern sie schläfrig im Schatten. Die Greise sitzen wieder in der Sonne, auf den Stufen der großen Freitreppe vor der Kathedrale und küssen den feisten Priestern, die vorüberkommen, die Hand. Vielleicht möchten sie arbeiten? Aber die Menschenkraft ist billiger als die des Zugtieres. Für zwei Soldi tun sie Alles, was man will, sogar etwas Rechtschaffenes. Der Lazzarone in Neapel ist ein vornehmer, ein fleißiger Herr gegen den Faulenzer von Amalfi. Jedes kleine Ereignis lockt Hunderte zusammen. Als die wildere Brandung eines Tages ein schlecht verwahrtes Boot zerbrochen hatte, war die halbe Stadt um den wehklagenden Padrone versammelt. Als das geringe Fahrzeug später ausgebessert wurde, umgab neuerlich eine dichtgedrängte Menschenmenge den einzigen arbeitenden Zimmermann ... So ist das Völkchen beschaffen, mit dem ich experimentierte. Ich begann damit, die Gassenjungen um mich zu versammeln. Für zwanzig Centesimi kaufte ich gedörrte Kürbiskerne, von denen ich eine Handvoll unter die Buben warf. Im nächsten Augenblick wälzte sich ein wirrer Knäuel von Kämpfenden auf dem Straßenpflaster. Dann zog ich weiter, kreuz und quer durch die Stiegengäßchen, über den Marktplatz, an die Marina und wieder zurück, der reine Rattenfänger von Hameln. Die Buben jauchzten. Als die Kürbiskerne zu Ende waren, hatte ich schon eine riesige Eskorte. Ich stimmte einen ihrer beliebten Gassenhauer an, mit meinem Stock den Takt schwingend. Die wilde Jugend heulte wonnetrunken mit. Mein Zug wuchs. Die Leute liefen aus den Häusern, um das Spektakel auch zu genießen. Ich immer vorauf, die Buben hinterdrein, und endlich die Erwachsenen, die sehen wollten, was der offenbar verrückte »Inglese« noch unternehmen werde. Nachher stand ich auf der Freitreppe unterhalb der Kathedrale und begann ihnen Kupfermünzen zuzuwerfen. Vor mir der Marktplatz, auf dem die Menge anschwoll. Jetzt balgten sich nicht mehr die Kleinen, die zu schwach waren, sondern die Großen. Die Kinder hatten sich zu mir auf die Treppe gezogen, kreischten um mich her, streckten mir den wackelnden schmutzigen Zeigefinger entgegen: »Da mi un soldo! .. Muojo di fame!« Ganz Kleine, die das mit schelmisch liebenswürdiger Miene zwitscherten: »Signo', Signo', un soldo!«, und Größere, die schon ein Messer führten, mit rauher Drohung in der Stimme: »Un soldo!« Ab und zu mußte ich mich ihrer schon mit dem Stocke erwehren. Wortloser und grimmiger standen die Großen unter mir auf dem Marktplatze, der bald zu eng wurde. Anfangs war es ein Spaß. Wenn das Soustück geflogen kam, haschten sie lachend danach. Wenn sie es nicht im Fluge fingen, so warfen sich die Nahestehenden übereinander auf den Boden, so daß die Gruppe von meinem Standpunkte sich ausnahm wie ein Polyp mit gierig zuckenden Armen. Die nicht nahe genug waren, um sich an der Konkurrenz zu beteiligen, sahen geringschätzig und neidisch hin – wenn ich aber den Soldo in weiter ausgreifendem Bogen bis zu ihnen warf, taten sie genau ebenso. Und immer hingen an meiner schleudernden Hand so und so viele saugende Augen. Auf seiner Flugbahn begleiteten sie das Kupferstück durch die Luft. Um einen Soldo! Aber multiplizieren Sie diesen Soldo, meine Herren, und Sie werden finden, daß nicht nur auf dem Marktplatze zu Amalfi Aller Augen auf ihn gerichtet sind. ... Anfangs, sage ich, war es ein Spaß. Nun vermehrten sich die Mitwerber. Die müßigen Fischer kamen von der Marina hergelaufen. Die Eseltreiber banden das Tier an, um freie Hand zu haben. Die wandernden Verkäufer brachten ihre Ware in Sicherheit, um mitzutun. Geschäftsleute wurden zu Bettlern. Kurz, Handel und Wandel stockte. Und die Straßenpolizei? Es war ein Wachmann da, der wohl Versuche gemacht hatte, die Leute auseinanderzujagen, es dann aber als hoffnungslos aufgab. Er stand nun da, mit gerunzelten Brauen, gekreuzten Armen, würdevoll und mißbilligend. Erheitert nahm ich ihn zum Ziele. Er blieb unbeweglich im Soldo-Regen. Als aber eine der Münzen dicht genug an ihn herankam, da schnappte er mit dem Munde, wie der Hofhund, der eine Fliege fängt, und weg war sie. Ich hielt mir die Seiten vor Lachen ... Mein Geldvorrat wurde geringer. Dagegen wuchs die Aufregung der Menge. Die schon etwas hatten, wollten noch mehr; die Anderen, die Ungeschickten oder Schwachen ergrimmten. Heftiger kämpften sie um jedes Stückchen Kupfer, das unter sie fiel. Die Weiber kreischten, die Männer fluchten. Kleiderfetzen rissen sie einander vom Leibe, setzten in sinnlos werdender Gier mehr ein, als sie gewinnen konnten. Brausend wurde der Lärm, wirrer, leidenschaftlicher das Getümmel. Die Leute erbosten sich über einander, steckten sich mit ihrer Wut gegenseitig an. Und mich selber packte es mit aufregender Gewalt, dieses großartige Bild. Ein Stoff für Maler, die ihrer Zeit nicht aus dem Wege gehen wollen! Das heißt: Rechenschaft über diese Dinge gab ich mir erst später, viel später. Damals verstand ich sie kaum. Weil ich nicht mehr viel Soldi hatte, mußte ich das Geld allmählich sparsamer hinauswerfen. Das erbitterte sie gegen mich. Grelle Pfiffe, zornige Schreie stiegen auf. Es schien fast, als ob dieser arme Pöbel plötzlich zum Bewußtsein der Demütigung gelangt wäre, die ich ihm zufügte. Meine Herren, ich gestehe, daß mir das Lachen verging. Ich hatte die Wildheit des Tieres, mit dem ich spielte, unterschätzt. Es war zu spät, um zurückzuweichen. Das Entfesselte wuchs mir über den Kopf. Die Wütenden drängten mir immer näher. Es gab nur ein Beschwichtigungsmittel: weiter Geld unter sie werfen! Aber wie lange reichte es noch? Schon begann der Abend zu dämmern. Ich verlor einen Moment lang die Ruhe und schleuderte mehr Münzen auf einmal hinunter. Brüllend fielen sie darüber her. Was jetzt vor mir tobte, war eine Straßenschlacht. Ein paar Wachleute waren vorhin aufgetaucht, um Ruhe zu schaffen, und wurden einfach weggetrieben. Bis sie Verstärkung bekamen, konnte ich längst zertreten sein. Instinktiv wendete ich mich nach Rettung um. Die Kathedrale! Aber ich hatte vielleicht fünfzig Stufen zu steigen. Ein Versuch. Laufend wollte ich hinauf. Das war eine Torheit. Kaum hatte ich ihnen den Rücken gewendet, überholten mich dreißig, vierzig der Kerle. Ich blieb stehen und deckte mir den Rücken an der Treppenbrüstung. Ich war wieder besonnen. Von drei Seiten rückten sie mir jetzt auf den Leib mit dem heiseren Wutruf: »Un soldo! Un soldo! ...« Ich hatte keinen mehr. Ich schrie es den Nächsten zu. Sie glaubten mir nicht. Auch drängte man von hinten nach. Ein paar Dreiste griffen mir an den Rock. Ich stieß sie zurück. Mit dem Stocke säbelte ich mir jetzt einen Durchgang bis an den Fuß der Treppe. Dann fing einer hinter mir das sausende Holz und entriß es mir. ... Und dann weiß ich keine Einzelheit mehr. Weiß nur, daß ich umhergestoßen und mißhandelt wurde, bis sie mich zufällig an ein Haustor warfen. Das sprang unter meinem Anprall auf. Ich taumelte hinein. Im nächsten Moment hatte ich die Tür hinter mir zugeschlagen, den Riegel vorgeschoben. Draußen heulten die Kerle laut auf und wollten mich wieder haben. Diesmal hätten sie mich zerrissen. Prasselnd kamen Steine an das Haus geflogen. Der Hausherr aber war mildherzig und geleitete mich zur Hinterpforte, die auf den Berg führte, und von da erreichte ich in zerfetztem Gewande, mit Beulen auf dem Kopfe und Striemen im Gesichte »Upper-Capuccini«. Ich machte Toilette. Miß Mabel und die anderen Erschrockenen waren längst von der Marina zurückgekehrt, wo sie einen Teil mit angesehen. Man hatte mich scheußlich zugerichtet, aber meine Wette war gewonnen. Aufruhr tobte durch Amalfi. Aus der unteren Stadt kamen Bulletins: der Sindaco hatte eine Rede gehalten, die Zollwache war zur Unterstützung der Polizei aufgeboten worden, und daß mich heute kein vergossenes Blut belastet, verdanke ich einem Platzregen, der endlich die Straßen säuberte. Unterdessen tranken wir Hatton-Greens Champagner ... Der rote Kapitän war außerordentlich gut gelaunt. Er verlor mit Anstand. Die Coverleys aber, die bisher von so überströmender Liebenswürdigkeit gewesen, waren gegen mich jetzt völlig erkaltet. Auch Miß Mabel! Und um ihr zu gefallen, hatte ich doch den wilden Streich unternommen. Das ist die Geschichte meines Aufruhrs von Amalfi, in welchem ich gezeigt habe, daß ein richtiger Impresario auch Straßenszenen arrangieren kann ... Wollen Sie nun aber das groteske Ende der Liebes-Aventiure hören? Am nächsten Morgen teilte Mr. Coverley mir ohne weiteres mit, daß er mit seinen Leuten Amalfi verlasse. Sie wollten nach Capri. Mich forderten sie nicht auf, mitzufahren, obgleich früher davon die Rede gewesen. Nur Kapitän Hatton-Green fragte mich – fast schien es mir wie Spott – ob ich nicht mit wolle. Als ob er gewußt hätte, daß ich von »Upper-Capuccini« nicht fort konnte – wegen der Rechnung. Ich sagte dumm, daß ich es in Amalfi sehr behaglich fände, ich würde jedoch in einigen Tagen nachkommen. Miß Mabel hatte daraufhin einen leichten Hustenanfall ... Ich habe ihr noch ein schönes Blumenbukett zum Abschied in die Hand gedrückt, unten an der Marina, ehe sie das Boot bestieg. Sie dankte eisig. Verglommen der Liebesstrahl in diesen blauen Augen. Warum, Miß Mabel? ... Dann stand ich und sah dem Schiffe nach, das hinausflog aus der Bucht von Amalfi, hinter dem Felsenvorsprunge verschwand. So blieb ich unbeweglich, bis eine kleine Horde von Kindern neben mir auftauchte mit dem bekannten Rufe: »Signo', signo', un soldo!« Ich sah zu, daß ich weiter kam. Drei Tage war ich noch, der Ablösung harrend, auf »Upper-Capuccini«, sendete Telegramme um Geld in der ganzen bewohnten Welt herum. Aber mehr als das quälte mich die Frage: Warum, Miß Mabel? ... Endlich war meine Rechnung beglichen. Nun, auf nach Capri! Nein, im letzten Augenblicke kam das Stubenmädchen und fragte mich schluchzend, ob mir nichts weggekommen wäre? Der rote Kapitän hatte sie durch ein reiches Trinkgeld überredet, ihm mein Zimmer aufzusperren, während ich in der unteren Stadt den Aufruhr machte. Zuerst war Hatton allein, dann kam er mit Mr. Coverley wieder, und sie öffneten meinen Kasten. ... Meine Herren, ich habe laut aufgelacht, als ich diese Lösung erfuhr. So laut, so heiter, daß die brave Stubenjungfer sich beruhigte. Es war mir ja auch wirklich nichts abhanden gekommen außer einer Illusion. Dies sagte ich ihr. Da schluchzte sie wieder: ob so etwas sehr teuer sei und ob sie es mir ersetzen müsse? »No, no,« sagte ich ihr tröstend, »das ist unersetzlich, und doch ist man um so besser dran, je weniger man davon besitzt.« Ich wage allerdings nicht, zu behaupten, daß sie mich verstanden habe. ... Und ich fuhr nicht nach Capri, sondern in lebhaften Selbstgesprächen nach Neapel. O Miß Mabel! Ich zürne Ihnen nicht. Ich verlange von den schönen Weibern nicht, daß sie unpraktisch seien. Ich begreife ganz gut, daß Sie sich von mir zurückzogen, nachdem Sie so erschöpfende Einsicht in meine Verhältnisse genommen. Aber um wieviel sind Sie und Ihre Leute besser, als dieser soldo-begeisterte Pöbel von Amalfi, der Ihnen solchen Ekel einflößte? Um wieviel, Miß Mabel? ... Mein erster Gang in Neapel war zu Madamigella Teresina. Ich wurde nicht vorgelassen. Ihre Zofe legte vertraulich den Zeigefinger auf den Mund: »Ein reicher Russe ...« Und wieder habe ich recht herzlich gelacht und bin fortgegangen. An den wunderbaren Strand. Ein Frühlingsabend war es. Blaurote Lichter wiegten sich auf dem Golf. Drüben die rosige graue Wolke Capri. Noch einmal zogen die Bilder dieser vollen Tage durch meinen Sinn. Mir war, als hätte ich etwas Unvergeßbares erlebt. Der triviale Liebestraum konnte es nicht sein. Was denn? etwas Größeres! Halt, jetzt wußte ich es plötzlich. ... Der Marktplatz von Amalfi ist die Welt. Und dieser häßliche Aufruhr ist das Leben. ...« Kilchberg und sein Vetter. 1899. Kilchberg und sein Vetter Martin waren in derselben Stadt geboren und wuchsen dort zusammen auf. Frühzeitig ward der Freundschaftsbund der Beiden geschlossen, die ihr Leben in fortwährender Beziehung aufeinander verbringen sollten. Es war noch mehr eine Wahl- als eine Blutsverwandtschaft, obwohl Kilchberg und sein Vetter so vervettert waren, wie es selten vorkommt. Sie waren die Söhne von Zwillingsschwestern, die am gleichen Tage die Zwillingsbrüder Kilchberg die Aelteren geheiratet hatten. Die beiden Jungen, Kilchberg und sein Vetter Martin, hatten also Alles gemeinsam, Blut und Namen, Jugend und Erziehung. Sie gingen zusammen in die Schule oder daneben; Einer stieg nicht ohne den Andern über Nachbars Zaun, wenn die Aepfel im Laube lachten und gestohlen sein wollten, und Alles teilten sie brüderlich. Man nannte sie schon früh die Zwillingsvettern. Als Kilchberg die erste Zigarre bei den großen Steinhaufen vor der Stadt rauchte, hielt Martin ihm den Kopf. Als Martin seine erste Liebe liebte, erwies ihm Kilchberg einen ähnlichen Dienst, denn er ließ sich Martins Gedichte vorlesen. Die Sympathie der Jünglingsjahre erreichte den Höhepunkt, als Kilchberg mit seinem Vetter zugleich durch das Abiturienten-Examen fiel. Die Legende wollte wissen, daß Einer von den Beiden sich dem Andern bei dieser Gelegenheit aus Freundschaft geopfert habe. Kilchbergs Vater war bei der schrecklichen Kunde schmerzerfüllt zu Martins Vater gelaufen und hatte diesem jammernd gesagt: »Denke Dir, mein Sohn ist durchgefallen!« Worauf der Andere entgegnete: »Tröste Dich, meiner auch!« Welcher von beiden aus Großmut eine ungenügende Prüfung abgelegt hatte, das konnte nie mit voller historischer Verläßlichkeit klargestellt werden. In der böswilligen Ecke der Familie – bekanntlich gibt es in jeder Familie eine böswillige Ecke, und manche besteht überhaupt nur aus solchen Ecken – wurde diese Opferungsgeschichte zwar für eine sinnreiche Fabel erklärt; aber den Vätern war es doch ein anhaltender Trost, daß der Bruderssohn auch nicht mehr tauge. Jeder ließ übrigens in Gespräche durchschimmern, daß sein Sprößling aus jugendlichem Zartgefühl den Vetter nicht habe beschämen wollen. Kilchberg und sein Vetter waren nun von weiterem Kopfzerbrechen befreit und durften sich dem kaufmännischen Berufe zuwenden. Der Bund litt natürlich keineswegs darunter. Anstatt den Thukydides mißzuverstehen, drangen sie selbander in die Geheimnisse der doppelten Buchführung ein und erlernten den Stil flotter Geschäftsbriefe, die man »mit Bezug auf Ihr Wertes vom sovielten« beginnt und »ohne Mehranlaß mit Achtung« schließt. Sie wurden zwei gediegene Schwengel, lebten sich rasch in die Routine hinein und wurden allmählich respektabel. Ganz gleich waren sie allerdings nicht mehr. Kilchberg war der Bedeutendere von den Beiden. Er hatte kühnere Ideen, träumte auch zuerst davon, sich selbständig zu machen und die Stadt durch seine Unternehmungen in Staunen zu versetzen. Indessen war Martin der solidere Rechner, tat nie einen Fuß vor den andern, ohne sich vorher die Tragweite dieses Schrittes wohl überlegt zu haben. Aber sie harmonierten doch noch vollständig. Sie tauschten nach wie vor ihre sämtlichen Gedanken aus, die freilich immer mehr in Ziffern ausgedrückt waren. Es galt als ausgemacht, daß sie sich im geeigneten Zeitpunkte zusammen etablieren würden. Ueber die kommende Firma stritt man ein wenig. Martin war in seiner gemessenen Art für etwas Gewöhnliches und Unauffälliges. Beispielsweise: »Kilchberg \& Comp.« Der Andere aber wünschte ein originelles Schild, wie »Kilchberg und Kilchberg«, oder vielleicht »Kilchberg und Vetter«. Gegen diesen letzteren Gedanken sprach sich Martin mit Heftigkeit aus, denn er witterte dahinter Kilchbergs Präpotenz; er, Martin, sollte wohl als Anhängsel, als stillerer Gesellschafter mitgeschleppt werden. Bei »Kilchberg und Kilchberg« blieb es wenigstens in der Schwebe, wer der Erste war. Bei »Kilchberg und Vetter« waren Zweifel möglich. Ueberhaupt hatte Kilchberg durch sein sicheres Auftreten in der Gesellschaft die Leute schon daran gewöhnt, daß man ihn, Martin, nur als den Herrn Martin oder Vetter Martin, oder gar nur als »den Vetter« kannte. Als ob er keinen eigenen Wert gehabt hätte und nur der Mond des leuchtenderen Kilchberg gewesen wäre. Aus den Gesellschaften und Weibern machte sich Martin nicht viel, obwohl er auch wie Kilchberg ans Heiraten dachte. Es kränkte ihn nicht übermäßig, wenn er auf Hausbällen und Picknicks nur der Vetter Martin war, es klang sogar gemütlicher. Aber im Geschäftsleben, nein! Da war er selbst Herr Kilchberg, mindestens so sehr wie der Andere, und da er einen solideren Zug als der Andere hatte, war es nicht ausgeschlossen, daß mit der Zeit in der Firma »Kilchberg \& Comp.« Martin als der eigentliche Kilchberg gelten würde. So standen die Dinge, als Kilchberg auf einem Tanzkränzchen die Tochter eines wohlhabenden Eisenfabrikanten kennen und das Geschäft ihres Vaters lieben lernte. Kilchberg wußte es so einzurichten, daß man ihn einlud, ins Haus zu kommen. Kilchberg war kein schöner Mann, aber er trug immer herrliche Krawatten, so daß die holde Jungfrau sich in aller Stille ausrechnete, er würde auch ihr an der Toilette nichts absparen. Dann stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn man sie Frau Kilchberg nennte. Auf diese Art verliebte sie sich in ihn. Ihr Vater wollte jedoch den jungen Mann vorher »auskosten«, wie er sagte. Kilchberg müsse sich selbständig zeigen, und zu diesem Behufe vertraute er ihm eine Niederlage seiner industriellen Erzeugnisse an; zuerst das Eisen von seinem Eisen, bevor an das Fleisch von seinem Fleisch gedacht werden konnte. Kilchberg war großmütig genug, seinen Vetter in den eisernen Teil der Kombination mit einbeziehen zu wollen. Es spielte dabei allerdings auch die Erwägung mit, daß der Vetter durch seine Tüchtigkeit dem Geschäfte den inneren Halt geben würde und er, der größere Kilchberg, frei bliebe für die Repräsentation nach Außen und den Aufflug zu Unternehmungen. Der bornierte Vetter erhob aber Schwierigkeiten. Martin empfand es ohnehin als eine Demütigung des Schicksals, daß ihm noch keine wohlhabende Jungfrau gelächelt hatte. Nun sollte er in die Firma »Kilchberg und Vetter« als zweiter Mann, als Vetter für Lebenszeit eintreten. Dagegen bäumte sich sein Stolz auf. Zugeständnisse wollte Kilchberg in dieser Frage nicht machen. Wem gehörte das eiserne Mädchen, auf das die Niederlage sozusagen gegründet wurde? Ihm! Nun also. Von einer vollkommenen Gleichberechtigung konnte doch unter diesen Umständen nicht mehr die Rede sein. Es geht im Leben nicht anders. Der Eine ist mehr und hat mehr, als der Andere. Darin muß man sich finden und in eine so vetterlich, ja brüderlich hingehaltene Hand einschlagen. »Ich will aber von Deiner Großmut nichts wissen«, schrie Martin, in dem ein Vorgefühl des Klassenunterschiedes zu rumoren begann. »Gleich und Gleich oder gar nicht!« »Lieber Martin«, bemerkte Kilchberg darauf mit Ueberlegenheit, »Gleich und Gleich gibt es in der Welt nicht. Denn nicht einmal wir, die wir von gleichen Eltern abstammen und dieselben Erinnerungen, Anschauungen und Wünsche haben, sind oder können jemals gleich sein. Aus dem Unterschied unserer Anlagen erwächst eine Verschiedenheit unserer Verhältnisse. Das wirst Du gütigst nicht leugnen wollen, denn es drückt sich in etwas aus, wovor Du ebensoviel Respekt hast wie ich selbst: in Ziffern.« Martin entgegnete bitter: »Du sprichst schon in Deiner Eigenschaft als Protz, obwohl das noch ziemlich verfrüht ist. Uebrigens erkenne ich daraus, welche Rolle Du mir zudenkst. Aber lieber will ich bei fremden Leuten dienen, als Dein Schleppträger werden, der Du nur der Mann Deiner Frau sein wirst.« »Das nimmst Du zurück!« forderte Kilchberg. Das nehme ich nicht zurück«, erklärte Martin, der froh war, ein verwundendes Wort gefunden zu haben, weil er seit der Geschichte mit der eisernen Dame innerlich von Neid ganz und gar zerfressen war. »Dann kenne ich Dich nicht mehr«, sagte Kilchberg. Und Martin schloß: »Recht so, Du behandelst mich schon als armen Verwandten.« Sie kamen auseinander. Der Streit war nicht einmal besonders groß gewesen. Als Jungen hatten sie sich oft geprügelt, als Jünglinge einander nicht selten brüderlich beschimpft, als Männer manchen Hader gehabt. Immer war die Versöhnung leicht und bald erfolgt. Aber diesmal wollte das nicht kommen. Jeder wartete auf die Zerknirschung des Andern. Keiner machte den ersten Schritt. Kilchberg nicht, weil es ihm besser ging; sein Vetter nicht, weil es ihm schlechter ging. Kilchberg richtete sich ein und nahm, was Martin als Provokation, als unverzeihbare Bosheit ansah, einfach die Firma »Kilchberg« an. Kilchberg kurzweg, als ob es keinen zweiten Menschen dieses Namens gäbe. Und so war es auch in der Stadt. Man kannte nur noch einen Kilchberg. Gerade das, was Martin hatte vermeiden wollen, trat ein. Wer ihn überhaupt beachtete, sprach von ihm nur als dem Vetter des einzigen, des wirklichen Kilchberg. Und während dieser scheinbar mit raschen Schritten aufstieg, hoch lebte und seine eiserne Braut heimführte, mußte Martin sich kümmerlich durchfristen. So sah es wenigstens aus, weil er keine Lustbarkeit mitmachte, sich von Allem zurückzog und in ärmlichen Kleidern einherging. Indessen kam auch der Vetter heimlich vorwärts. Jahr um Jahr legte er sich von seinem wachsenden Gehalte größere Ersparnisse zurück. Er hatte seinen festen Gedanken, den er um jeden Preis ausführen wollte. Rache wollte er nehmen. An wem, wofür? An Kilchberg, für dessen unverdientes, demütigendes Glück, für alle Kränkungen und Beschämungen, die nach und nach aus dem Unterschiede der Verhältnisse hervorgequollen waren. Denn kein Haß ist so inbrünstig, wie der von ärmeren Verwandten, selbst wenn man sie nicht durch Wohltaten aufs äußerste gereizt hat. Fünf Jährchen mochten so vergangen sein, seit die Zwillingsvettern sich mit einander überworfen hatten. Da war Martin endlich mit seinen Spar- und Kriegsvorbereitungen fertig. Er stellte sich als Konkurrent seines Vetters auf und führte den Geschäftsnamen Martin Kilchberg auf dem Schilde. Martin unterstrichen, Martin überall nachdrücklich hervorgehoben, gleichsam als stille Verwahrung gegen jeden Versuch einer Verwechslung mit dem andern Kilchberg, den es übrigens um diese Zeit anfing, schlecht zu gehen. Er hatte es im Hausgebrauch zu groß getrieben, daneben vielerlei Verwegenes unternommen, war plötzlich in Stockung geraten und nur durch den Vater seiner Frau vor dem gänzlichen Zusammenbruche bewahrt worden. Aber mit dem Prestige des Hauses Kilchberg war es vorbei, während Martin Kilchbergs Stern sich erhob. Der Erste war nicht abgeneigt, in dieser zufälligen Folge eine ursächliche zu erblicken. Martin war schuld an seinem Niedergange, und wenn Kilchberg seinen beschränkten Vetter bisher nur aus der Höhe verachtet hatte, begann er ihn jetzt aus der Tiefe bitterlich zu hassen. Kamen sie an einander vorbei, so warfen sie sich Blicke wie vergiftete Dolche zu. Der Unterschied ihrer Verhältnisse mochte sie noch höhnischer ergrimmen, weil es jetzt der umgekehrte war. Kilchberg wurde zusehends ärmer, wie sein Vetter von Tag zu Tag reicher. In der Stadt aber ward es ein Sprichwort, wenn man Todfeindschaft zwischen zwei Leuten bezeichnen wollte: Sie hassen einander, wie Kilchberg und sein Vetter. Da trat nach mehreren Jahren eine neue Wendung ein. Kilchbergs Schwiegervater starb und hinterließ ein unerwartet großes Vermögen, das er aus Furcht vor dem waghalsigen Unternehmungsgeiste seines Tochtermannes verheimlicht hatte. Nun hatte Kilchberg wieder Wasser auf der Mühle, und nun wollte er an seinem Vetter die langgenährte Rache nehmen. Nun sollte man in der Stadt sehen, wer der eigentliche Kilchberg war. Aber nicht mehr mit der Unvorsichtigkeit seiner jugendlichen Zeit ging er zu Werke, Kilchberg hatte aus seinem Auf- und Niederstiege gelernt. Er war unerschrocken geblieben, aber umsichtig geworden. Und es entbrannte ein mächtiger Wettkampf zwischen den zornerfüllten Geschwisterkindern. War Kilchberg bei aller Kühnheit besonnen geworden, so entwickelte sein zäher Vetter in sich einen ungeahnten Wagemut. Es war ein Ringen, wie man es in der Stadt, im Lande noch nie gesehen hatte. Die feindlichen Vettern bekriegten einander mit epischer Wucht. Die ganze Energie ihres Lebens war darauf gerichtet, den Nebenbuhler zu überwältigen. Schlau und rücksichtslos und rastlos gingen sie an die Arbeit. Keiner von ihnen kannte mehr eine Erholung oder Freude. Alle Kraft wurde in dem immer sinnloseren Wettstreit angespannt. Es kam davon ein neues Sprichwort in ihrem Kreise auf. Man sagte von verwilderten Mitbewerbern: sie machen einander Konkurrenz wie Kilchberg und sein Vetter. Aber Keiner trug den Sieg davon, oder richtiger beide. Denn beide erstarkten in diesem Ringen, das sie zwang, den höchsten Scharfsinn, die letzte Willensmacht fort und fort aufzubieten. Sie wurden beide sehr reich, ja es war auch kein erheblicher Unterschied in ihrem Vermögen. Und sie wußten das, weil sie einander wie eifersüchtige Mächte auskundschafteten. Es gab eine Zeit, wo sie genau die gleiche Stufe einnahmen, im Ansehen, im Reichtum. Und wie es am Anfang ihres Lebens gewesen war, so wurde es wieder. Die Zwillingsvettern befanden sich in einer Zwillingslage, die Verhältnisse des Einen so glücklich wie die des Andern. Längst waren die Ursachen der Feindschaft hinweggeräumt. Keiner stand über dem Andern, Keiner brauchte den Andern zu beneiden. Der Augenblick zum Friedensschlusse schien endlich gekommen zu sein. Es bemühten sich auch viele der Freunde, an denen es reichen Leuten nicht fehlt, um die Aussöhnung der Geldmagnaten. Aber Kilchberg pflegte auf solche Vorschläge zu antworten: »Bis er zu mir betteln kommt!« Und sein Vetter: »Nicht bevor er zugrunde geht!« Sie hatten die Gewohnheit angenommen, einander zu hassen, und sie haßten einander fort, über alle Wechselfälle des Schicksals hinweg. Es wäre darin auch niemals ein Wandel eingetreten ohne den letzten großen Streich Kilchbergs. Kilchberg, der immer zum Gigantismus geneigt hatte, kam auf der Höhe seiner Erfolge, am Abend seines Lebens, auf den Gedanken, einen Ring der Produzenten nach amerikanischer Art zu schaffen. Kaum hatte sein Vetter davon erfahren, begann er, ihm mit aller Macht entgegenzuarbeiten. Jäh war das Gefecht im Gange. Was sie bisher streitend unternommen hatten, war Spiel und Tändelei gegen diesen Feldzug. Es war ein Feldzug, dessen Schilderung einer berufeneren Feder aus der Eisenbranche vorbehalten bleiben mag. Genug, der Eisenmarkt erzitterte unter den Stößen, die Kilchberg und sein Vetter einander versetzten. Martin hatte des Gegners Kräfte sorgsam berechnet, bevor er sich auf den Kampf einließ, und er war nahezu sicher, den Ring zu sprengen. Welcher Triumph! Doch nein, zum erstenmale in seinem Leben verrechnete sich der Vetter. Kilchberg hatte durch unbekannte Kombinationen plötzlich viel größere Mittel zur Verfügung, als angenommen werden konnte, und sein Vetter wurde gefangen, erdrückt. Er kämpfte, wie der Heldendichter sagen würde, mit Konkursverachtung; es half ihm nichts, er wurde vernichtet. Aber bald nach ihm nahm eine größere Macht den Kampf gegen Kilchbergs Ring auf, und nun unterlag auch dieser mit Schimpf und Schande. Kilchberg und sein Vetter waren Bettler. Da begab sich das Wunderbare. Niemand bemühte sich darum, die alten, deklassierten armen Feinde zusammenzubringen. Was konnte auch gleichgültiger sein, als ob sich Kilchberg und sein Vetter jetzt noch die leeren Hände reichten oder nicht. Und dennoch fanden sie sich wieder. Dies geschah, nachdem sie schon einige Zeit in der Armut verbracht hatten. Zuerst waren sie nämlich lichtscheu gewesen, wie alle gesunkenen Leute. Dann bemerkten sie, daß sich Keiner mehr um sie kümmerte. Da schlichen sie aus, verbrachten ihre beschäftigungslosen Tage als Gaffer vor Schaufenstern und mit anderen Unterhaltungen, die nichts kosten. So gerieten sie auch zufällig beide in eine Volksversammlung, in der stark von Brüderlichkeit die Rede war. Diese Worte gefielen ihnen gar wohl, und sie blickten einander aus der Entfernung wie auf ein Zeichen an, nicht mehr mit Haß, eher schüchtern und vorwurfsvoll. Beim Ausgang trafen sie zusammen, und sie gingen wie auf eine Verabredung Seite an Seite fort. Gingen ganz wortlos, denn sie hatten so lange nicht mit einander gesprochen, daß sie sich nichts zu sagen wußten. Sie fühlten nur, daß sie wieder gut waren, Freunde, mehr als Freunde, die Zwillingsvettern von ehemals. Kilchberg, nach wie vor der Stärkere, begann mit einer Anspielung auf das eben in der Versammlung Gehörte: »Der Redner sprach manches wahre Wort.« »Ja wohl«, sagte Martin nachgiebig wie in der alten Zeit, »manches wahre Wort.« »Wir sind Brüder, und wir sollten auch immer Brüder bleiben«, fuhr Kilchberg fort. »Bist Du nicht auch derselben Ansicht?« »Ich bin ganz derselben Ansicht«, entgegnete sein Vetter ernst. »Aber – nimm es mir nicht übel – ich glaube, die richtige Brüderlichkeit haben wir nur dann, wenn wir nichts Anderes haben.« Die Reise nach einem Lächeln. 1889. Die vier Herren saßen nach dem Souper auf der breiten Terrasse des Landhauses. Aus dem Garten herauf strich ein sommerlicher Duft. Jeder hatte sein Maiweinglas vor sich. Ab und zu kam lautlos der wohlerzogene Diener und füllte die grünen Kelche. Viel hatte er aber damit nicht zu tun, denn drei von den Vieren waren gewitzigte Lebemänner, die den Genuß durch Maßhalten zu erhöhen verstanden. Nur der Vierte, ein lebhafter junger Mensch, übernahm sich ein wenig im Trinken und Reden. Und wie immer, wenn Herren unter sich sind, kam das Gespräch auf die Frauen oder – wie man nach dem Souper aufgeknöpfter zu sagen pflegt – auf die Weiber. Der lebhafte junge Mensch tat sich besonders hervor durch die Erzählung sehr brauner Anekdoten. Anfangs lachten die Anderen dazu. Allmählich wurden ihnen aber diese Scherze zu bunt und zu derb. »Schweig doch!« rief der Hausherr endlich dem jungen Manne zu, der sein Vetter war und den er mit verwandtschaftlicher Grobheit zu behandeln pflegte. »Schweig Fritz, Du verdirbst uns mit solchen Reden die gottvolle Nacht!« Der Doktor nickte zustimmend und rief: »Ja wohl! Rauchen, trinken, schweigen! Wir können nichts Besseres tun. Es wäre denn, daß Einer von Euch eine Geschichte wüßte, die so rein und schwermütig, so sehnsuchtsvoll und köstlich ist, wie diese Sommernacht.« »Ich weiß eine solche!« sagte da langsam Herr Paul, der bisher stumm dagesessen, im tiefen Schatten hinter der Tür. »Die Frage ist nur, ob ich nicht allen Schmelz von diesem Abenteuer streife, indem ich es erzähle. Jedenfalls hab' ich nie ein besseres erlebt.« »Ein eigenes Erlebnis?« stöhnte Fritz in komischem Entsetzen; »das pflegt lange zu dauern!« »Willst Du wohl, Du Schlingel!« ... schrie der Hausherr. »Bitte, lieber Freund, beginnen Sie! Wir werden gläubig lauschen.« »Ich beginne.« »Wahrheit und Dichtung!« schaltete Fritz zum letzten Male ein. »Nur Wahrheit, lieber Fritz! Sie werden gleich sehen.... Vor zehn Jahren war es. Am Pfingstsonntag kam ich von Baden-Baden nach Straßburg, spät in der Nacht. Am nächsten Morgen wollte ich weiter, nach Paris. Schwer ermüdet kroch ich ins Bett und verschlief richtig den Pariser Eilzug. Ich kam auf den Bahnhof, als eben der letzte Waggon zur Halle hinausrollte. Der ganze Tag war verloren. Nach Frankreich ging an diesem Tage nur noch ein Bummelzug, und der nicht weiter als bis Nancy. Erbittert kehrte ich in die Stadt zurück, die ich schon von früher kannte, in der ich nichts zu suchen hatte. Als ich aber die feiertäglich langweiligen Straßen im heißen Sonnenschein auf und ab schritt, kam eine solche Verzweiflung über mich, daß ich nicht bleiben konnte. So bestieg ich denn gefaßt den Bummelzug und erreichte noch vor Sonnenuntergang Nancy. Diese Stadt überraschte mich in der liebenswürdigsten Weise. Nancy ist eine helle, luftige, lustige Stadt, durchschwirrt von Gesang und Kurzweil, die Häuser sind trikolor beflaggt, auf den Balkonen stehen lachende Frauen, junge Leute gehen unten vorüber und werfen einen Kuß, eine Blume oder ein Scherzwort hinauf. So hab' ich's gesehen, und so haftet es freundlich in meiner Erinnerung. Und draußen, vor der Stadt, ist Jahrmarkt: die foire de pentecôte. Wir Fremden, die aus ernsthafteren Ländern kommen, sind von solch einer französischen Jahrmarktsfröhlichkeit immer geblendet und entzückt. Wie unbegreiflich und hinreißend ist diese gute Laune, wie groß der Lärm, wie grell und wirr die Farben und Gerüche! Aber der Staub, der langsam aufwallende, und eine goldige Abendstimmung legen sich darüber hin, und mitten in der lärmenden Lustigkeit ist man sanft bewegt. So war es mir zu Mute, als ich damals unter den Bäumen hin, an den Sesselreihen vorbeischlenderte. Da, in vorsichtiger Entfernung von den minderen Leuten, saßen die Damen und Herren der Stadt, und sie lauschten den blechernen Klängen einer Militärmusik ... Und da: wie ich vorüberging, sah ich jenes schöne Weib zum ersten Male. Schön? War sie eigentlich so besonders schön? Ich weiß, daß mir damals nicht ihre Schönheit auffiel, sondern bloß das sonderbare Lächeln, mit dem sie mich ansah ...« Fritz hielt es in diesem Augenblick für angemessen, sich ein wenig zu räuspern. »Sie vermuten ganz falsch, lieber Fritz!« unterbrach sich der Erzähler. »Es war eine tadellos aussehende Dame, und ebenso korrekt war der alte Herr an ihrer Seite, mit dem sie plauderte. Als ich sie lächeln sah, blickte ich unwillkürlich hinter mich, um den zu suchen, dem es galt. Erst gab es mir einen jähen Ruck, dann ging ich ruhig meines Weges. Als ich wieder an ihrem Platz vorüberkam, waren sie und ihr Begleiter verschwunden. Gleich darauf hatte ich sie vergessen. Am anderen Tag verließ ich Nancy. Im letzten Augenblick vor der Abfahrt wurde die Coupétür aufgerissen, und herein schoben sich der alte Herr und die Schöne von gestern. Sie lächelte kaum merklich, fast nur mit den Augen, als sie meiner gewahr wurde, aber ich sah es... Wir waren unser Vier in dem Coupé. Mir gerade gegenüber in der Ecke saß ein rotbehoseter Offizier, schrägüber am jenseitigen Fenster meine Unbekannte, und ihr vis-à-vis der alte Herr. Er hatte die Ehrenlegion im Knopfloch und las legitimistische Zeitungen. Ihr Mann oder ihr Vater? Wenn er ihr Vater war, so hatte er spät geheiratet ... So gut es ging, ohne zudringlich zu sein, betrachtete ich sie aufmerksam. Eine Schlanke, Hohe, mit ganz kleinen Händen und Füßen. Das Haar brünett, die Gesichtsfarbe aber sehr licht und die Augen blau. Und in dem blassen, edlen Gesicht, um den rosenroten Mund spielte jenes Lächeln, das ich nicht verstand. Denn ich war niemals der Geck gewesen, der sich gleich zu einer Eroberung gratuliert, wenn ihn eine Frau ansieht. Ich hatte auch nie Glück auf dem Trottoir, nie zärtliche Erfolge gehabt. Ich meinte also, daß jenes Lächeln sich auf irgend eine mir unbekannte Absonderlichkeit meines Aeußeren beziehe – vielleicht auf den fremdländischen Schnitt meines Bartes, was weiß ich? ... Wir fuhren. Wäre ich nicht so tief davon durchdrungen gewesen, daß mir ein Liebesblick, ein verheißungsvolles Lächeln nicht gelten könne, so würde ich ihr vielleicht ein Zeichen gegeben, ein Gespräch begonnen haben. Ich tat nichts dergleichen. Ich starrte sie bloß verstohlen an. Dann kam Commercy, und bei Commercy endete mein Glück. Sie stieg mit ihrem Begleiter aus. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Ich stand am Fenster und sah hinaus auf den Perron. Da war sie noch einmal, blickte mich noch einmal an. Jetzt lächelte sie nicht mehr, die feinen Mundwinkel waren herabgezogen, verachtungsvoll. Galt auch das mir oder wieder einem Anderen? ... Zwei Stunden später hatte ich sie vergessen. Der Offizier, mit dem ich vor Paris in ein Gespräch geraten war, brachte sie mir wieder ins Gedächtnis. Ehe wir uns trennten, sagte er mir scherzend: »Wissen Sie nicht? Die Dame von Commercy, sie hat Ihnen Augen gemacht! ... Viel Glück noch weiter!« Mir? War's möglich? Das Pariser Leben nahm mich auf. Ich brauche Ihnen das nicht zu schildern. Aus einem Taumel in den anderen. Ich machte lustige Bekanntschaften, auch in der besseren Gesellschaft. Es währte nicht lange, und ich verstand mich selbst auf die Frauen – so weit wir sie überhaupt jemals verstehen können. In einem Wirbelwind stoben die Monate davon. Dann wurde ich in Geschäften heimberufen. Ohne sonderliches Bedauern reiste ich ab. In dem unaufhörlichen Genießen war ich ein wenig stumpf geworden. Ich kehrte also gelassen heim. Während der ganzen Pariser Zeit hatte ich nicht eine Sekunde lang an jene flüchtige Begegnung gedacht. Erst auf der französischen Grenzstation fiel sie mir wieder ein. Da stand nämlich ein struppiger Junge und hielt Düten mit Naschwerk feil. Dazu gröhlte er: »Madeleines de Commercy!« So heißen diese Süßigkeiten. Welch ein reizender Name und wie gut paßte er für die Unbekannte mit dem süßen Lächeln ... Hinüber in deutsches Land! Aber während unser Zug donnernd und klappernd die spätherbstliche Landschaft durchbrauste, flogen meine Gedanken rückwärts, nach dem sonnigen Anfang dieser Reise. Und alle Räusche und Tollheiten der letzten Monate waren spurlos vergangen, die guten Gesellen, mit denen ich getafelt, waren versunken; vergessen die Schönen, die ich umarmt, die Spröden wie die Gefügigen. Nur eine Einzige stand vor mir, begehrenswert und unerreichbar: die, deren Namen ich nicht einmal wußte, von der ich nichts besessen hatte, als ein Lächeln. ... Wenn ich die Augen zudrückte, sah ich sie – blasser als in der Wirklichkeit und noch bezaubernder und süßer, Madeleine de Commercy! ... Glauben Sie nicht, daß dieses törichte Gefühl gleich wieder verschwand. O nein. Es wuchs, je mehr ich mich von ihrer Heimat entfernte, je größer die Wahrscheinlichkeit wurde, daß ich sie nie wieder sehen könne. Zu Hause angelangt, trat ich in den gewohnten Kreis meiner Geschäfte und Zerstreuungen. Es geschah ziemlich mechanisch und freudlos. Mir war zu Mute, wie einem armen Teufel, der das große Los besessen und vor der Ziehung fortgegeben hatte. Jenes Lächeln war eine Verheißung – ich hatte sie nicht begriffen ...« »Und Sie haben die Dame von Commercy nicht wiedergesehen?« fragte der Hausherr. »Geduld!« sagte Herr Paul sanft. »Ich werde gleich zu Ende kommen. ... Ein, zwei Jahre wandelten vorüber. Ich dachte in unveränderter Zärtlichkeit an die Liebliche. Das feine Gesicht, in dem das fragende, geheimnisvolle Lächeln blühte, kam mir nie aus dem Sinn. Und allmählich setzte sich in mir der Entschluß fest, sie aufzusuchen um jeden Preis. Dann wollte ich nicht mehr so albern sein, wie das erste Mal, sondern sie gewinnen mit Mut und Schlauheit ... Von langer Hand bereitete ich Alles vor. Die größte Chance, sie zu finden, hatte ich offenbar, wenn ich genau zur selben Zeit am selben Ort eintraf. In der Provinz ist man konservativ. Ob meine Unbekannte in Nancy selbst oder an einem anderen Orte der Umgebung wohnte – wahrscheinlich kam sie alljährlich zum weitberühmten Pfingstmarkt ... Und als es sich zum dritten Male jährte, fuhr ich wieder den bekannten Weg nach Frankreich. Zögernd, im selben Zickzack, das mir ehemals die Reiselaune gezeichnet, näherte ich mich dem Ziele. Nie ward eine törichtere Reise unternommen, als diese Pilgerschaft nach einem Lächeln. Ich sagte mir es selbst. Welche Veränderungen konnten, mußten in der Zwischenzeit vorgegangen sein! Mit einem schwermütigen Behagen kostete ich den Anfang jenes blassen Abenteuers noch einmal durch. Ich fuhr spät Abends am Pfingstsonntag von Baden-Baden nach Straßburg. Dann versäumte ich am Montag Morgens absichtlich den Pariser Eilzug. Dann ging ich noch einmal zurück in die feiertäglich öde Stadt. Dann stieg ich in den Bummelzug nach Nancy. Ich tat, wie wenn ich einen Roman, der mich einst bezauberte, zum zweiten Male läse. Abergläubisch meinte ich, daß dann notwendig auch dieselbe Stelle kommen müsse, an der mich jene holde Stimmung ergriffen hatte ... Und sie kam. Nancy! Helle, luftige, lustige Stadt. Gesang und junge Weiber und wehende Trikoloren. Alles wie damals. Und draußen der Jahrmarkt. Hastig und doch stockenden Fußes bin ich hinausgeschritten. Dieselben Lustbarkeiten, in Staub und Glanz gehüllt, am gleichen Ort. Da, unter den Bäumen, neben der Militärmusik, die Sesselreihen ... Und da – da saß auch sie wieder! Sie, wirklich sie! Madeleine de Commercy! Sie trug diesmal ein lichtes Kleid. Ich erkannte sie sofort, schon aus der Ferne. Wie hoch mein Herz nach so jahrelanger Sehnsucht schlug, wie's mir in den Schläfen pochte, wie ich nach Atem rang ... Aber längst war ich mit meinem Feldzugsplane im Reinen. Behutsam schlich ich hinter sie und stellte meinen Sessel so, daß ich Alles sehen konnte und dabei unauffällig blieb ... Neben ihr befand sich der alte Herr – ihr Gatte oder Vater? Er sah vortrefflich aus und las Zeitungen – wahrscheinlich die gleichen Artikel wie damals in den legitimistischen Blättern vom Tage. Alles war so unberührt und unverändert, als wäre die Zeit still gestanden, als schliefe Dornröschen noch. Nur sie war ein wenig voller geworden, frauenhafter, und runder, träger die Bewegungen, wie nach einem vorzüglichen Schlummer, der voll von rosigen Träumen gewesen... Sie saß ganz still und ernst da. Nur ihre Blicke wanderten immer in derselben Richtung, als erwarte sie Jemanden, Mich? Glaubte, hoffte auch sie, daß der Vorübergehende von damals erscheinen würde? Ich bebte vor Seligkeit. O, ich erzähle Ihnen meine ganze Torheit, meine ganze Enttäuschung. Denn bald kam er der Erwartete: ein Geck der Provinz. Da leuchteten ihre schönen Augen, und um den küssigen Mund tändelte jenes unvergeßbare Lächeln, das verheißungsvolle, süße, liebeswarme ... Ich will Ihnen kurz das Ende sagen. Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, versuchte ich in sehr törichter Weise noch einmal mein Glück. Ich suchte mich ihr bemerkbar zu machen. Ich ging dicht an ihr vorbei, starrte sie vielsagend an: Da bin ich – erkennst Du mich! Ach nein, sie erkannte mich nicht. Fremd und abweisend strich ihr Blick über mich hinweg. Als ich meine komischen Bemühungen beharrlich fortsetzte, machte sie endlich ihren Liebhaber aufmerksam. Und beide kicherten dann über mich. Es war für beide ein Hauptspaß. Ich hatte genug, schlich zerknirscht und beschämt von dannen. Ich habe sie nie mehr gesehen.« »Und das ist Alles?« rief spöttelnd Herr Fritz. Der Doktor aber sagte ernsthaft: »Junger Fritz, Sie sind unendlich jung. Wenn ich das Schulbeispiel der wahren Liebe zu geben hätte, ich wüßte kaum ein deutlicheres. Denn hier ist Alles Illusion, Traum, Einbildung. Ein Hauch, ein Blick, ein Lächeln genügt.« Und Herr Paul schloß mit einem leichten Seufzer: »Ja wohl. Doch zürne ich der Madeleine von Commercy nicht, habe ihr nie gezürnt. Denn ich verdankte ihr köstliche Jahre einer schönen Sehnsucht. Und wenn ich's recht bedenke – was ist das Leben aller sensitiven Menschen Anderes als die Reise nach einem Lächeln?« Der Sohn. 1890. Sterbendes Nachmittagslicht im Marmorsaale des Schwurgerichtes. Die Köpfe der Zuschauer in den hinteren Reihen versinken allmählich in der raschen Dämmerung dieses Wintertages. Nur die in den vorderen Bänken kann der Angeklagte noch von seinem Platze aus unterscheiden. Da sitzen sie, müßig und lernbegierig, die aufgestützte Hand hinterm Ohre, die Stammgäste dieses Lokals: kommende Kridatare, beschäftigungslose Advokaten. Und mitten unter ihnen Einer, dessen blasse Züge der Angeklagte so gut kennt: sein Sohn ... Weiterhin die Journalisten, blasiert und hastig; tief auf ihr Papier gebeugt, raffen sie Anmerkungen zusammen für das Morgenblatt. Der Angeklagte ist so stumpf durch die zweitägige Verhandlung, in der aller Unrat, alles heimliche Ungemach seines Privatlebens aufgerührt worden, daß er bloß fortwährend mit einem törichten Drange kämpft, aufzustehen und den Vorsitzenden um Licht zu bitten für die armen Schreiber, die sich dort die Augen verderben. Warum man eigentlich die Gasflammen noch nicht angezündet hat? Ach so, um den Redner nicht zu unterbrechen. Der Staatsanwalt hat das Wort. Er hat es schon seit anderthalb Stunden. Er gießt die volle Schale der landläufigen Moral über das Haupt des Schuldigen aus. Man lebt nicht über seine Verhältnisse! Man treibt keinen Aufwand, wenn man schon zahlungsunfähig ist! Man fährt nicht in der Equipage, während die ahnungslosen Gläubiger zerknirscht zu Fuße gehen! Man unterschlägt nicht die anvertrauten Gelder von Witwen und Waisen! Und jahrelang hat das dreiste Spiel gedauert! Jahrelang hat sich der Angeklagte den Schein des aufrechten Mannes gegeben, hat er vorzügliche Ehrenstellen bekleidet, seinen Mitbürgern die Achtung abgelistet, den Stachel des Neides tief in das Herz der Besitzlosen gebohrt. Sein Gauklerwagen in der Mitte des Fahrweges, wo nur schuldenfreie Karossen rollen durften – wenn überhaupt ... Und vom einzelnen Falle schwingt sich der Redner zu den bekannten allgemeinen Betrachtungen auf, indes der Verteidiger sich vorläufig kampfesfroh die Manschetten zurechtzupft. Auch dieser führt eine nicht unbedeutende Klinge. Die Blößen, die sich sein verehrter Gegner und glänzender Vorredner gibt, erspäht der Verteidiger und wird sie in dieser ritterlichen Wortfehde wohl verwerten. Auch er wird sich vom einzelnen Fall in unerwarteter Weise aufschwingen zu den allgemeinen Betrachtungen, natürlich von einer andern Seite. Denn zu den allgemeinen Betrachtungen gelangt man von den verschiedensten Seiten. Der Staatsanwalt schließt. Bei dem reuigen, vollen Geständnisse des Angeklagten – wie späterhin auszuführen, der einzige Milderungsgrund – sei der gerechte Schuldspruch unbedingt zu erwarten. Redner hoffe auf Einhelligkeit im Verdikte der Geschworenen, als eine glänzende Genugtuung für die frech beleidigte öffentliche Moral. Beifall im Zuschauerraume. Der Vorsitzende rügt diese Ausschreitung und verkündet eine kurze Pause. Der Angeklagte erhält von seinem Nachbar, dem Justizsoldaten, einen Wink, aufzustehen. Beim Hinausgehen lächelt er in den Zuschauerraum, was von strengeren Beobachtern als Rohheit und Verhärtung ausgelegt wird. Aber er hat nur seinem Sohne zugelächelt, um ihm tröstend anzudeuten, daß dies Alles nicht schmerze. Nach der Pause. Die Gasluster strahlen jetzt. Ah! Alles erscheint wieder, erfrischt wie nach dem Zwischenakt im Theater. Auch der Angeklagte fühlt sich wohler. Der Kopfschmerz, der ihn vorhin bedrückte, wie eine bleierne Haube, ist nun ein wenig gelüftet. »Herr Verteidiger, Sie haben das Wort!« Bevor der aber der präsidialen Einladung entspricht, wartet er kunstvoll ein Weilchen. Gänzliche Stille muß eingetreten sein, damit keines seiner kostbaren Worte unter den Tisch falle. Namentlich für den Anfang hat er einige delikate Spitzen, reizende Sächelchen für Feinschmecker – die gröberen und darum der Wirkung sicheren werden weise für den Schluß gespart: allerhand Sentimentalitäten, gerichtshöfische Lyrik, der Griff nach der Tränendrüse. Eine Reklame, wie dieser Prozeß, kommt nicht bald wieder. »Meine Herren Geschworenen!« Der Angeklagte lauscht anfangs den glatten, sorgsam gesteigerten Sätzen. Aber sämtliche Tatsachen hat er in den letzten zwei Tagen so oft erwähnen gehört, daß sie ihm allmählich gleichgültig wurden und fremd, in demselben Maße, wie sie den Herren Geschworenen nach und nach vertraut sind. Auch erkennt er wahrhaftig sein Schicksal nicht in dieser doch so meisterhaften Darstellung. Es fehlen entscheidende Züge, die freilich auch in den Prozeßakten nicht vorkamen. Und eine leise Betäubung überwältigt ihn, eine angenehme Müdigkeit. Es ist ihm zu Mute wie dem Verirrten im tiefen Schnee, wenn der kritische Augenblick der Schlafsucht eintritt. Er träumelt verloren vor sich hin. So würde er sprechen, wenn nicht die Scham ihn abhielte. Meine Herren Geschworenen! Kennen Sie meinen Sohn? Dort sitzt er, ein lieber Junge – er hat sich natürlich der Aussage entschlagen. Und was hätte er auch aussagen können? Er wußte ja von nichts. Obwohl er, nur er daran schuld ist, daß ich jetzt neben dem Herrn Justizsoldaten vor Ihnen sitze. O, Sie mißverstehen mich, meine Herren Geschworenen. Er ist tadellos, wohlgeraten und brav, brav! Wenn Einer von Ihnen auch dem innerlichen Zensus entspricht und ein Gerechter von mildem Sinn ist, ein barmherziger Gerechter, so wünsch' ich ihm einen solchen Sohn. Er hat mir Freude gemacht von seinem ersten Tage an, und nur ein einziges Mal weh getan. Das erzähle ich Ihnen gleich. Es ist der Grund, warum ich hier sitze. Als er mir geboren wurde, da war die Welt plötzlich so voll ... Sie wissen, ich bin aus gutem Hause, habe eine sorgfältige Erziehung genossen und meine Jugend flott verbracht. In die Ehe zog ich ebenfalls tändelnd ein. Gesicherte Verhältnisse, die alte Firma, die ich übernahm – wo soll da der Ernst herkommen? Das Hauswesen wurde auf großem Fuß eingerichtet. Das ist der Aufwand, den mir der Staatsanwalt vorwirft. Aber dieser Aufwand war lange Zeit berechtigt, und als er es nicht mehr war, durfte ich ihn nicht aufgeben, ohne mich selber aufzugeben. Der Rock war nicht zu weit, nur der Leib magerte unversehens ab. Und doch kam mir der Ernst – von meinem Sohn. Noch als er in der Wiege lag, heilte er mich von allerlei spöttischen und leichtfertigen Anschauungen, die ich vor ihm gehabt. Die Kinder sind unsere größten Lehrmeister. Er lehrte mich eine sinnvolle Liebe zum Leben. Denn mein Leben war er, meine unbegrenzbare Fortsetzung, die Bürgschaft, daß ich immer unter der Sonne wandeln würde, als mein Sohn, mein Enkel, immer jung, immer schön und stark, in zunehmender Veredlung ... So geht's ja jedem Vater. Auch erwähne ich dieses Wohlbekannte, Selbstverständliche nur darum, weil bei mir die Liebe zum Sohn einen nervösen Zug hatte. Ich war vom ersten Tage an in ihn verliebt, leidenschaftlich närrisch. Ich hatte sozusagen die Monomanie des Sohnes. Das Wunderbare ist, daß ich ihn dabei doch nicht verzog. Freilich, er ist so gut veranlagt. Er hat ein so treues, standhaftes Herz. Instinkt für alles Hohe und Mitleid für jedes Elend. Gar manche Lehre der Menschlichkeit verdankte ich seinem stammelnden Kindesmund. Und mit seinen unverdorbenen Augen gewöhnte ich mich, die köstlich verjüngte Welt anzuschauen. So wurde ich auch im andern Sinne mit dem Erscheinen meines Sohnes neugeboren ... Auf den ersten Jahren liegt für mich noch jetzt der blonde Glanz seiner Locken. Was waren das für unvergeßliche Spazierritte rund um das Zimmer. Ich das Pferd und er mit Hü und Hott und Händeklatschen der Reiter. Dann wuchsen wir heran und lernten. Ich mit ihm. Ich hatte den Ehrgeiz, mich von ihm im Wissen nicht überflügeln zu lassen. So wurden die alten Kenntnisse aufgefrischt, aber den Schulplunder ersparte ich uns. Mein Hans wurde nicht unnütz gequält, saß nie in einem Pferch mit anderen mißhandelten Kindern. Zusammen machten wir die homerischen Kämpfe durch, lasen die Anabasis, und als wir mit den Rückkehrenden das Meer, das Meer wiedersahen, überflog uns beide ein gleicher Schauer der Rührung. Und die Erkenntnis der Naturkräfte! Was war in diesen Lehren während meiner Abwesenheit hinzugewachsen! Um wieviel weiter war die Welt geworden, seit ich die Schulbücher meiner Jugend zugeklappt hatte! ... Verzeihen Sie, das gehört eigentlich nicht zur Sache. Ich will nur sagen, daß ich der Spielkamerad und der Mitschüler meines Sohnes gewesen. Als er zur Reife kam, wurde ich sein Freund. Er hat nie ein Geheimnis vor mir gehabt, ich hatte keines vor ihm – mit Ausnahme der letzten Zeit. Von meinen Betrügereien hatte er keine Ahnung, er wußte lediglich, daß ich Sorgen und Kämpfe habe ... Wie er an mir hing und hängt! Sehen Sie, dort sitzt er seit dem Beginn der Verhandlung, regungslos. Höchstens, daß er mir manchmal zulächelt. Ich soll den Freund an meiner Seite wissen. Obwohl sein Herz stärker blutet, als meines ... Ja, wie ich also dazu kam, ein Verbrechen aus Gewinnsucht zu begehen? Vor Allem: die Tatsachen, die Ihnen der Herr Staatsanwalt vortrug, sind sämtlich richtig. Ich war seit länger als drei Jahren passiv und wußte es. Ich habe betrogen und große Summen veruntreut. Meine Herren Geschworenen! In Fällen wie der meinige handelt es sich bloß um die erste Lüge. Das Andere folgt von selbst, man hat nicht mehr die Willensfreiheit. Man ist im Sumpf, und je heftiger man sich anstrengt, hinauszugelangen, desto tiefer sinkt man ein ... Wie bin ich nun zum ersten Fehler getrieben worden? Das Kohlenbergwerk, von dem Ihnen alles Nötige bekannt ist, verschlang bedeutende Kapitalien und gab nichts wieder. Mein Kredit war überdies angespannt. Doch war meine Lage durchaus nicht bedenklich. Da begab es sich, daß ich für eine ganz kurze Zeit – zwei Tage – fünfzigtausend Gulden brauchte. In zwei Tagen hatte ich fällige Wechselforderungen in der gleichen Höhe. Um nun nicht erst borgen zu müssen, entnahm ich das Geld einem der bei mir liegenden Depots. Das war nicht korrekt, geschah aber nicht in verbrecherischer Absicht. Ich konnte ja mit Bestimmtheit auf die Einlösung der Wechsel rechnen ... Sie wurden nicht eingelöst. Mein Schuldner, ein scheinbar solider Mann, brach jäh zusammen. Das Schlimmste dabei, daß sich sofort Gerüchte verbreiteten, ich sei schwer mitgenommen. Das vernichtete meinen Kredit. Unter solchen Umständen war es mir für den Augenblick vollkommen unmöglich, das Depot wieder herzustellen. Hätte ich das gekonnt, ich würde ohne Zögern meinen Konkurs angemeldet haben. Acht Tage lang suchte ich erfolglos alle Mittel und Wege, um den Riß zu verstopfen. Andere Forderungen traten an mich heran. Da sah ich ein, daß mir nichts Anderes übrig blieb, als eine Pistolenkugel, wenn ich meinem Sohne keinen besudelten Namen hinterlassen wollte. Nach meinem Tode würde meine Handlungsweise milder beurteilt werden. Bei der Konkurserklärung mußte die Veruntreuung aufkommen, der von mir ernannte Verlassenschaftspfleger konnte hingegen das Depot leicht ergänzen. Das Alles hatte ich mir in leidlicher Ruhe ausgedacht, geordnet, aufgeschrieben. Es kam der letzte Abend, an dem ich es vollbringen wollte. Wir waren allein bei Tische, mein Sohn, meine Frau, meine Tochter. Die Zeit über war ich verdrossen und aufgeregt gewesen – was ich den Meinigen mit Geschäftssorgen erklärte – jetzt war die Feierabend-Stimmung da. Abschied nehmen! Ich kann sagen, daß ich es mutig tat. Ich scherzte mit Frau und Tochter, mit meiner Tochter, die eben lieblich im Aufblühen war. Gerade jetzt bedurfte sie meiner mehr als je, fand ich. Fand auch, daß ich sie bisher immer vernachlässigt hatte. Nun, ich hinterließ ihr einen starken Schützer: meinen Hans! Erst zwanzigjährig, war er doch schon ein Mann ... Ich scherzte, wie gesagt, mit Frau und Tochter – ihn konnte ich nicht anschauen. Wenn ich hinsah, verdunkelte sich mir der Blick. Dann sagte ich ihnen gelassen gute Nacht! Ich küßte, wie gewöhnlich, Frau und Tochter auf die Stirne. Nur bei meinem Sohne war ich für einen Augenblick schwach. Ich gab ihm einen langen, langen Kuß. Er sah mich forschend an. Ich weiß jetzt, daß dieser Kuß mein Verräter war ... Ich ging auf mein Zimmer. Ich wollte nur noch warten, bis sie alle schliefen. Da lag schon der Revolver bereit ... Meine Tür wurde plötzlich aufgerissen – er war es: Hans! Mit einem Blick übersah er die Sachlage. Ich wollte mich auf den Revolver stürzen – er war schneller. Er stieß mich zurück, daß ich taumelte. Und da stand er schon, durch den Tisch gedeckt, und hatte den Revolver in der Hand. »Gib her!« schrie ich. »Nein! Du willst Dich töten!« »Gib her! ... Ja, wenn Du es wissen willst. Ich muß. Ich kann nicht anders.« Und wollte mich nähern. »Nicht einen Schritt, Vater!« Dabei setzte er sich die Mündung an die Schläfe. »Wenn Du einen Schritt machst, drücke ich los.« Und in dieser gräßlichen Situation begannen wir zu unterhandeln. Er verlangte mein Ehrenwort, daß ich nicht Hand an mich legen werde. Sonst töte er sich augenblicklich. Er wollte den Vater nicht verlieren ... Nun, meine Herren Geschwornen, hätte ich meinen Sohn, einen solchen Sohn in den Tod schicken sollen? Wenn ich ihm auch gleich nachgefolgt wäre ... Ich gab ihm mein Ehrenwort, zu leben. Ich lebe. Ich sitze jetzt da. Sprechen Sie mich schuldig! Mumbo. 1889. In jener erquicklichen »Residenz«, die Sie aus so vielen deutschen Lustspielen kennen, lebte als schlichter Biedermann und Redakteur der »Volksstimme« Herr Johannes Bunge. Johannes Bunge, genannt »Doktor«, war das Ideal eines Redakteurs für Alles. Er genügte in erstaunlicher Art den großen Anforderungen, die man bei einem kleineren Blatte an die Mitarbeiter zu stellen pflegt. Er war schön, jung, unendlich blond, wußte mit Schere und Oblaten meisterhaft umzugehen. Er war sprachenkundig wie ein Kavallerist und von der ritterlichen Schneidigkeit eines Hauslehrers. Der Orthographie war er in einer Weise mächtig, daß es dem Korrektor der Zeitung zuweilen Freudentränen entlockte. Johannes Bunge kannte ferner das Geburtsjahr aller europäischen Fürsten, beherrschte die schwierigsten Partien des hundertjährigen Kalenders und verfügte über ein so wahrhaft enzyklopädisches Wissen, wie es außer ihm vielleicht bloß der jüngste Brockhaus (letzte Auflage) besitzt. Zu alledem war er auch noch das Muster eines wohlinformierten Zeitungsmannes. Eine Bungesche Nachricht trug den Stempel der Verläßlichkeit an der Stirne. Wenn Bunge mit der ihm eigentümlichen stilistischen Gewandtheit schrieb: »Wie wir aus bester Quelle erfahren ...«, so konnte man ruhig darauf schwören, daß die Mitteilung echt, wahr, unbestreitbar sei und niemals »richtiggestellt« werden könne. Dadurch war er eben seinem Konkurrenten von der »Morgenwacht« so weit, weit überlegen. Die Perle der »Morgenwacht«, Herr Friedrich Schnepp, hatte ja auch seine Nachrichten, manchmal sogar sehr frische; aber Schnepp war leichtfertig. Den Morgenwächtern kam es zum Beispiel auf ein Attentat mehr oder weniger nicht an. Sie setzten die Fixigkeit über die Richtigkeit. Es ist dies das amerikanischere System der Zeitungsschreiberei. Die Morgenwächter zogen die Neuigkeit der Wahrheit vor. Diesem frivolen Treiben hatte die »Volkesstimme« lange Zeit eine feierliche Langsamkeit und Gewissenhaftigkeit entgegengesetzt, die alle ehrbaren und nicht neugierigen Leute entzücken mußte. War nun in dieser guten Stadt die Neugier stärker als die Ehrbarkeit, oder gab es dafür andere Gründe – genug, die »Volkesstimme«, das viel angesehenere Blatt, büßte immer mehr Abonnenten ein. Da raffte sich der Eigentümer der »Volkesstimme« zu einer heroischen Tat auf und inserierte: »Redakteur gesucht!« Auf diese Weise kam Johannes Bunge aus Berlin nach der »Residenz«, um als Perle angestellt zu werden. Er war schön, jung, blond, sprachenkundig, orthographisch u. s. w., und er wurde der Stolz und die Stütze seiner Zeitung. Diese hob sich zusehends wieder, denn zu ihrem alten Ansehen gesellte sich nun die neue Beweglichkeit. Johannes Bunge war immer mindestens so gut unterrichtet wie der Morgenwächter Schnepp, mit dem er in höflicher Feindschaft lebte. Aber Bunge wurde allgemein ernst genommen – ein Glück, das Herr Schnepp nie hatte erreichen können. Bunge und Schnepp haßten einander, wie Nachbarn, und der reichere Nachbar war Johannes. Er war es durch volle drei Jahre: bis zu dem Augenblick, wo Mumbo dazwischen kam. Mumbo? Ja wohl. * * * Die für solche Zwecke geeigneten Mauern der Residenz bedeckten sich eines schönen Tages mit riesigen Anschlagzetteln, auf denen das eine einzige geheimnisvolle Wort zu lesen war: Mumbo. Zu einer anderen Zeit hätte es vielleicht eine volle Woche gedauert, bis das aufregende Rätsel gelöst worden wäre. Nicht so jetzt, wo »Morgenwacht« und »Volkesstimme« um die Perlen rangen, einander die Neuigkeiten abliefen. Die »Morgenwacht« hatte schon am nächsten Tage eine längere Notiz über Mumbo. Mumbo sei der Name einer Tinktur gegen das Ausfallen der Haare und zur Beförderung des Bartwuchses. Die »Morgenwacht« knüpfte an diese Mitteilung einige scherzhafte und noch fast neue Bemerkungen über das Wesen der Reklame. Die »Volkesstimme« schwieg an diesem Tage. Aber in ihrer nächsten Nummer hatte sie Folgendes: »Wie wir aus bester Quelle erfahren« – Bunge ist aus der Klaue zu erkennen – »wie wir aus bester Quelle erfahren, ist Mumbo der beispiellos dressierte Elephant, der in dem demnächst in hiesiger Stadt gastieren sollenden Zirkus, welcher außerdem noch über zwei andere Stars, nämlich Miß Fiorentina , die gefeierte Jongleuse zu Pferde, und Mr. Box , den dümmsten »August« der bewohnten Welt, verfügt, seine Künste produzieren wird. Damit ist wohl die ganze Nichtigkeit einer in einem hiesigen Blatte erschienenen Notiz, in welcher Mumbo als Bartpomade ausgegeben wird, bewiesen ...« Und so war es. Bunge hatte wieder einmal über Schnepp gesiegt. Die »Volkesstimme« war wohl um einen Tag später gekommen, aber welch ein Unterschied in der Treffsicherheit. Die Bungesche Mitteilung war die richtige. Schnepps Gemütszustand braucht nicht erst geschildert zu werden. Bald darauf langte der Zirkus Madré in der Residenz an. Die drei Hauptsterne: Mumbo, Mr. Box und Miß Fiorentina eroberten sich im Sturme alle Herzen. Nicht unabsichtlich ist in dieser Reihenfolge der Elephant zuerst und die schöne Frau zuletzt genannt. Denn in der Kunst entscheidet die Größe der Leistung, die Galanterie hat zu schweigen. Und wenn man den Herrn Direktor Madré – geborener Mader – gefragt hätte, ob er Mumbo oder Fiorentina vorziehe, so würde er mit einem gräßlichen Stallfluch geantwortet haben: »Mumbo«! Und doch war Miß Fiorentina ein süßes Weib von schlanker Schönheit, von einem weichen Schwung der Linien. Wenn sie hoch zu Pferde mit drei Gummibällen, einer Orange und einem scharfgeschliffenen Yatagan spielte, wenn sie diese emporgeworfenen Gegenstände graziös wieder auffing, so dachten sich alle männlichen Zuschauer: Herrgott, was hat sie für schöne Arme! ... Bei Mumbo waren es nicht die körperlichen Vorzüge, welche das Publikum betörten. Mumbo war ein gesunder Elephant in den besten Jahren, weiter nichts. Aber seine Kunst! Mumbo ließ Alles weit hinter sich, was man bisher gesehen hatte. Er tanzte mit verbundenen Augen auf dem Seil, spielte mit dem Rüssel Violine und Klavier, feuerte eine Kanone ab – ein Genie. Mumbos Produktion war darum auch immer die letzte Nummer. Es wäre ja nicht möglich gewesen, das noch durch Höheres zu überbieten ... Was endlich Mister Box betraf, so war er sicherlich der Dümmste von Allen, die sich je als »dummer August« gezeigt hatten. Wenn er »Ahi« rief, so jauchzte das ganze Haus. Wenn er plötzlich stolperte und in den Sand der Arena hinfiel, so hielten sich selbst die feierlichsten Leute die Seiten vor Lachen. Die Wirkung der drei Stars läßt sich etwa so definieren: Mumbo flößte Achtung und Bewunderung ein, die Fiorentina Leidenschaft, Mr. Box aber Sympathie. Denn nichts ist den Leuten sympathischer als die Dummheit. * * * Am Eingange der Manege konnte man, so oft Miß Fiorentina auftrat, einen ernsten Mann bemerken. Es war Herr Johannes Bunge. Er, um dessen kostbare Gunst die muntersten Liebhaberinnen und die sentimentalsten Salondamen des Residenztheaters sich vergeblich bewarben, er hatte eine Schwäche für die Jongleuse zu Pferde. Er fühlte ganz wohl, welche Auszeichnung er ihr dadurch zuteil werden ließ, daß er sie überhaupt gewahrte. Aber auch hochstehende Personen dürfen kleine Anwandlungen von Menschlichkeit haben, und so gab sich Johannes denn dieser vorübergehenden Herzenslaune hin. Im Allgemeinen war Johannes ein strenger und gerechter Mann; nur zuweilen drückte er gefällig ein Auge zu, namentlich wenn es sich um ihn selber handelte. Direktor Madré – der geborene Mader – hatte ihn der Jongleuse vorgestellt mit einigen begleitenden Worten, welche den »Doktor« als den hervorragendsten Schriftsteller und Kunstkenner der Gegenwart erscheinen ließen. Miß Fiorentina schlug träumerisch die Augen auf zu dem hohen Manne, der seinen blonden Bart so ernst streichelte, als er ihr einige herablassende Freundlichkeiten über ihre Leistungen sagte. Miß Fiorentina war ein echtes Zirkuskind, aufgewachsen mitten unter gebändigten Löwen, purzelnden Clowns, fliegenden Messern, in Freiheit dressierten Trakehnerhengsten und monokletragenden Mitgliedern aristokratischer Klubs. Was sie täglich sah, konnte ihr natürlich nicht imponieren. Um so stärker wurde sie durch dieses völlig Neue geblendet: die ernste Bildung, verkörpert in dem hervorragendsten Schriftsteller Doktor Bunge. Der Bauer, der auf dem Jahrmarkte die Produktionen eines abgerichteten Esels sieht, kann den Mund nicht erstaunter aufreißen, als Fiorentina vor Bunge. Nur war der ihrige ein sehr rosiger, kleiner Mund, und wenn sie ihn aufriß, kamen allerliebste Zähnchen zum Vorscheine. Dieser Mund war eine der größten Sehenswürdigkeiten des Zirkus Madré. Es fehlte selbstverständlich in der Residenz nicht an kühnen Eroberern, welche sich um Miß Fiorentina bemühten. Ein hoher Adel und das löbliche Militär voran, in zweiter Reihe einige beklommene Herren vom Zivil. Und unter all den strebsamen Männern, Knaben und Greisen gefiel der schönen Künstlerin jener Edle am besten, der ihr weder Blumen noch Bonbons, noch Brillanten schenkte, der bloß die Gewalt seiner Persönlichkeit, den ernsten blonden Bart und die Bildung auf sie wirken ließ: Johannes Bunge! Ihm galt ihr letztes Lächeln, bevor sie an der Hand des Stallmeisters in die Arena hinaushüpfte. dem Applaus entgegen; ihm ihr erster Blick, wenn sie ruhmbedeckt zurückkehrte. Bunge war beglückt, doch er trug sein Glück ernst, maßvoll, gelassen. Wenn ein Bunge liebt, so muß er Gegenliebe finden; das ist nicht anders möglich. Welche Sommerfäden sich zwischen dem gefeierten Rezensenten und der gefeierten Künstlerin spannen, das entging vielleicht dem weniger scharf blickenden hohen Adel, dem löblichen Militär und den beklommenen Herren vom Zivil. Nicht entging es einem Manne, der unter der Maske des dümmsten August sein lauerndes Wesen und seine glühende Leidenschaft verbarg. Mister Box war in Miß Fiorentina sterblich verliebt, das wußte jeder Stallpage. Es ging sogar das Gerücht, daß er bloß darum der Gesellschaft des Herrn Madré angehöre, weil er stets in der Nähe der schönen Jongleuse bleiben wolle. Einem so dummen August steht bekanntlich die ganze Welt offen; er aber harrte unter wenig günstigen Bedingungen bei Madré aus, wegen der Geliebten. Der Zirkus-Direktor selber erzählte dies eines Abends mit spöttischem Grinsen dem Herrn Johannes. Fiorentina war eben in der Arena, und die beiden Herren plauderten mit einander am Eingange. Die Geschichte von des Spaßmachers Liebe belustigte Bunge außerordentlich. »Er betet sie an, und sie will absolut nichts von ihm wissen«, schloß Herr Madré seinen drolligen Bericht. »Na, das finde ich sehr begreiflich!« meinte der Redakteur der »Volkesstimme« lächelnd. »O, warum? Er ist im Privatleben ein ganz hübscher Mensch, hat auch noch eine große Zukunft. Renz oder Fernando geben ihm das Dreifache seiner jetzigen Gage, wenn er bei ihnen eintreten will«, sagte der Direktor. Johannes Bunge raffte sich zu einer Bemerkung von großer psychologischer Feinheit auf. »Mein lieber Direktor«, sagte er und strich dabei gedankenvoll den Bart; »mein lieber Direktor, eine Frau kann nie einen Mann lieben, über den alle Leute lachen! Das sage ich Ihnen.« In demselben Augenblicke ertönte dicht neben den Beiden ein wohlbekannter Ruf: »Ahi!« Und der dumme August kollerte ungeschickt über die Barrière in den Sand. Ein donnerndes Gelächter... Zum ersten Male hatte Doktor Bunge das Glück, Miß Fiorentina bis an ihr Haustor begleiten zu dürfen. Die Vorstellung war noch nicht zu Ende, aber die Jongleuse hatte nichts mehr zu tun. So ging sie denn an seinem Arm nach Hause. Er preßte ihre Hand wiederholt in einer höchst zärtlichen Weise und flüsterte ihr allerlei hochtrabendes Zeug ins Ohr, das sie nicht verstand und wovon sie daher ganz entzückt war. Am Haustore verabschiedete sie ihn aber. Er durfte ihr nur die Hand küssen. Dann ging er mit seligen Gefühlen und voll von Hoffnungen auf morgen durch die linde Nacht ... Der Durst bewog ihn endlich, in seinem gewohnten Bierhause, beim »blauen Ochsen« einzukehren. In dem Hinterstübchen, das durch Johannes regelmäßigen Besuch seine Weihe erhielt, saß heute auch Herr Friedrich Schnepp an einem Nebentische. Seit jener Mumbo-Notiz war wieder eine kleine Spannung zwischen den beiden Männern eingetreten, und sie behandelten sich gegenseitig als Luft. Bunge begab sich auf seinen Platz, brannte eine Zigarre an und träumte beim kühlen Bier weiter von Fiorentina ... Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Mr. Box trat ein. Er lüpfte den Hut vor Bunge, übersah jedoch Herrn Schnepp vollständig. Nur im Vorübergehen, für keinen Anderen als Schnepp hörbar, murmelte er: »All right!« Dann setzte sich Mr. Box an den dritten Tisch, wo sich schon zwei Herren befanden, und diesen erzählte er laut und vernehmbar in seinem sehr gebrochenen Deutsch, was sich soeben im Zirkus zugetragen habe: »Denken Sie, Gentlemen, uas uir just für ein Schreck haben gehabt. Es uar die letzte Number – Mumbo. Mumbo uar gewesen sehr unruhig schon die ganze Abend. Auf einmal, mitten in der Manège, er brüllt und strampt mit die Füße. Und auf einmal Mumbo legt sich auf das Sand und uill nicht aufstehen und hat Krämpfe. Ich sage zum Direktor: ›Goddam, das sind Geburtsuehen‹. Und richtig, es uaren Geburtsuehen. Und mitten in de Manège Mumbo hat gehabt Junge. Drei kleine Mumbo! Drei Stuck!« ... Herr Friedrich Schnepp hatte kein Wort von dieser Mitteilung verloren. Jetzt sah er hastig nach der Uhr, langte seinen Hut herunter und stürzte aus dem Zimmer. Herr Bunge benahm sich viel ruhiger. Doch nach fünf Minuten erhob er sich ebenfalls. Es war die höchste Zeit, wenn das noch ins Morgenblatt kommen sollte. Er eilte in seine Redaktion und verfaßte einen ausgezeichneten Bericht, der sich über hundertfünfzig Druckzeilen erstreckte. Das Ereignis wurde sehr anschaulich geschildert, zum Schluß konnte Herr Bunge aber einen leisen Tadel nicht unterdrücken. »Der Direktion, wiewohl sie sonst an Einsicht wenig zu wünschen übrig läßt, können wir nicht umhin, zu bemerken, daß sie ein in einem solch vorgeschrittenen Zustande befindliches Tier besser getan hätte, nicht auftreten zu lassen; das ist kein Schauspiel für Götter.« Am nächsten Morgen suchte Herr Bunge vergeblich den rivalisierenden Bericht in der »Morgenwacht«. Dieses Blatt hatte gar nichts über Mumbos Entbindung. Welch ein Esel dieser Schnepp! Er hatte es gewußt und nicht gebracht! Oder war er zu faul gewesen, noch in der Nacht zu schreiben? Ein neuer Sieg über den Morgenwächter. ... Mit einem begreiflichen Gefühle der Genugtuung begab sich Herr Bunge in sein Bureau. Und da – da fand er einen schrecklichen Brief vor. Herr Madré schrieb nämlich, daß »an der ganzen Fabel der »Volkesstimme« kein wahres Wort sei – schon darum, weil Mumbo dem männlichen Geschlecht angehöre«. Man mußte Alles »richtigstellen«. Herr Johannes Bunge war zerschmettert. Die »Morgenwacht« nützte diese Blamage weidlich aus und brachte eine längere Satire aus der Feder Friedrich Schnepp's. Es wurde namentlich scharf betont, daß selbst die weiblichsten Elephanten sich nie dazu herbeilassen, mehr als ein Junges auf einmal in die Welt zu setzen. Nur der Gelehrte der »Volkesstimme« könne so etwas behaupten ... Drei Tage lang wagte sich Bunge nicht auf die Gasse. Dann trieb ihn aber doch die Liebe zu Fiorentina wieder in den Zirkus. Wo er ging und stand, sah er spöttische, grinsende Gesichter. Er hüllte sich in seine alte Würde, und das half ihm auch wirklich in den Augen Einiger. Nur nicht bei Miß Fiorentina. Denn diese lachte ihm wegwerfend ins Gesicht, als er sich ihr nähern wollte, und sie wandte sich einem Anderen zu. Der Zauber, den Bunges Bildung auf sie geübt hatte, war gebrochen. Ein wenig zerknirscht trat er von Fiorentina weg. Da sagte Jemand hinter ihm: »Eine Frau wird nie einen Mann lieben, über den alle Leute lachen. Das sage ich Ihnen! Ich, Box! ...« Und laut und fröhlich schmetterte er dann ins Haus: »Ahi!« Herrn Johannes Bunge stieg das Blut in den Kopf. Er ballte die Fäuste und drang auf den dummen August ein. Im nächsten Augenblicke kollerte die Perle der »Volkesstimme« zusammen mit dem dümmsten August über die Barriere in den Sand des Zirkus. Sie wälzten sich über einander. Im Publikum hielt man es für ein gelungenes neues Intermezzo. Erst später, als man den schäumenden Bunge aufhob und hinausführte, kam die Wahrheit heraus. Der Morgenwächter behandelte den famosen Zwischenfall gleich in der nächsten Nummer unter der heiteren Spitzmarke: »Gastspiel des Herrn Johannes Mumbo.« Johannes Mumbo! So hieß er fortan, und seines Bleibens war nicht mehr in der Residenz. An seine Stelle kam als Perle Herr Friedrich Schnepp von der »Morgenwacht« ... * * * Was weiter noch geschah, ist mir nicht bekannt. Ob Mr. Box die schöne Fiorentina heiratete? Und ob sie ihn betrog? Danach habe ich gar nicht gefragt, als mir diese Geschichte erzählt wurde. Mir schien sie doch schon des Aufschreibens wert. Denn sie zeigt, wie die Spaßmacher lieben und wie sie sich an den ernsthaften Leuten rächen. Die Güter des Lebens. 1898. Vier junge Leute, frisch von der Universität, saßen an einem Abend vor zwanzig Jahren beisammen und wollten Abschied nehmen. Sie wußten, daß ihre Wege sich nun trennen würden, nachdem sie ihr Doktorat erlangt hatten. Sie waren in der Studienzeit miteinander öfters lustig gewesen, und beim Scheiden überfiel sie ein Ernst. »Jetzt ist das Leben da,« sagte der Eine. »Ja wohl,« seufzte der Zweite; »wie wird es uns werden?« »Was, ist die Frage! Was wird aus uns werden?« meinte der Dritte. Aber der Vierte erklärte: »Ich glaube, das hängt zum größten Teile von uns ab. Wenn diese lange Vorbildung, in der unsere Jugend verging, überhaupt einen Sinn hat, kann es nur der sein, daß wir als fertige Menschen in das Leben hinausgehen. Nicht mehr der Zufall wirft uns auf diesen oder jenen Weg. Wir selber steuern unser Schifflein. Ich weiß, was ich erreichen will. Ich weiß freilich nicht, ob ich es erreiche. Aber doch bin ich schon dem vulgus überlegen, weil ich das Bewußtsein meiner selbst habe.« »Und was willst Du aus diesem Bewußtsein herausnehmen?« fragte man ihn. »Meine Antwort wird Euch vielleicht nicht gefallen, aber ich gebe sie doch nach der Wahrheit. Ich will den Reichtum.« »Das ist ein gemeiner Traum,« sagte Wilhelm, der zuerst gesprochen hatte. »Ach was, Du gehst auf dem Mond spazieren, ich aber auf der Erde. Ich will den Reichtum, weil er in der Gesellschaft unserer Zeit Alles ist. Du, Herr Hofrat, kannst darüber die Nase rümpfen, so viel Du willst. Was möchtest denn Du Dir vom Leben holen?« Der junge Mensch, den sie Hofrat nannten, verkniff die Lippen ein wenig und sprach dann trocken: »Ehre!« »Ihr seid mir die rechten Esel,« sagte der, welcher vorhin geseufzt hatte. »Der will ein Millionär sein und der ein betitelter Herr. Und wo bleibt das Glück? Denkt ihr nicht ans Glück, so seid ihr, mit Respekt gesagt, ärger als das liebe Vieh. Der Mensch soll nur das erstreben, was ihn befriedigt, wenn er es hat. Ein bürgerliches Auskommen, um die Herzallerliebste heimzuführen.« »Sing' mir von Deiner Lalage!« spöttelte der angehende Millionär. »Nein, er ist Romeo, er wird an seiner Liebe sterben,« meinte der Hofrat. Der Verhöhnte schrie gemütlich: »Nach zwanzig Jahren möchte ich uns wiedersehen. Da wird sich zeigen, wer von uns der Heuochse war. Geben wir uns ein Stelldichein. Aber nicht ein so gewöhnliches wie das aller Abiturienten. Von heut' in zwanzig Jahren sollen nur die von uns hierher wiederkommen, die wirklich erreicht haben, was sie sich vorsetzten. Werden wir alle vier da sein? Oder nur Drei, nur Zwei, nur Einer – Keiner?« »Nicht übel!« sagte der Millionär, »kommen soll nur, wer den Erfolg gehabt hat, den er suchte. Wir sagen also Reichtum, Ehre, häusliches Glück und – oho, der Wilhelm hat seine Forderung an das Leben noch nicht formuliert.« »Ja, Ihr seid eben schon mit Euch im Klaren,« erwiderte Wilhelm; »ich aber nicht. Schopenhauer's drei Rubriken gehen mir durch den Sinn, wie ich Euch da reden höre: was Einer ist, was Einer hat, was Einer vorstellt. Der Pessimist hat nur diese drei Grundbestimmungen für die Güter des Lebens. Gibt es nicht noch andere? Ich könnte es Euch jetzt nicht sagen, denn ich bin mit mir nicht so fertig, wie Ihr. Es schwebt mir unaussprechlich vor. Am nächsten komme ich vielleicht meinem Gedanken, wenn ich sage: was Einen ausfüllt.« »Damit sagst Du erst recht nichts Besonderes,« erklärte der Hofrat. »Lass' ihn,« sprach der Millionär; »er ist ein guter Mensch in seinem dunklen Drange.« Aber das Stelldichein wurde fest verabredet. In diesem selben Stübchen des Wirtshauses nächst der alten Universität wollten sie einander in zwanzig Jahren wiedersehen, wenn sie den Erfolg hätten, Jeder nach seiner Art, und sie versprachen, aufrichtig wie heute von den erworbenen Gütern ihres Lebens zu berichten. ... Und wie es geht, die zwanzig Jahre vergingen. Erst schlichen die Jahre jedem Einzelnen in betrüblicher Länge dahin, Tag um Tag mußte mühsam unter Kämpfen, Sorgen, Entbehrungen, Aufregungen umgebracht werden. Dann beflügelte sich allmählich der Schritt der Zeit. Denn je älter man wird, um so hastiger entrinnen die Jahre. Die Freunde sahen einander anfangs oft, später immer seltener. Doch das Stelldichein des Erfolges hatten sie sich wiederholt in Scherz und Ernst eingeschärft, so daß sie es nicht vergaßen. Von dem, der den Reichtum, wie von dem, der die Ehre suchte, war es schon nach der halben Frist gewiß, daß sie kommen würden; man sah und hörte wie rasch sie ihren Weg machten. Die anderen Zwei verloren sich in der Menge der Mittelmäßigen. Als aber der bestimmte Tag erschien, da war Wilhelm als Erster zur selben Stunde wie damals an dem alten Ort. Dann kam der, den sie Romeo nannten. Die Beiden mußten freilich auf der Straße stehen und harren, nachdem sie einander die Hände geschüttelt hatten. Denn das Studentenwirtshaus war längst geschlossen worden, weil die Universität von hier weit weg in ihren neuen Palast gezogen war. Wilhelm sah ein bißchen dürftig aus in seinem abgetragenen Rock. Romeo hatte einen Schmerbauch, und als er den Hut zog, leuchtete seine Glatze beim Scheine der Laternen. »Gerade wir sind die Ersten,« sagte er staunend, »vielleicht die Einzigen?« »Du hast mich wohl gar nicht erwartet,« lächelte Wilhelm. Da fuhr ein schöner Wagen mit einem edlen Gespann vor. Der magere Herr, der ausstieg und dem Kutscher einige Worte nervös zuwarf, das war der »Millionär« von einst. Er gab gleichzeitig Wilhelm die rechte und Romeo die linke Hand: »Nun, da stehen wir natürlich auf der Gasse. Wir hielten damals nur den Zusammenbruch unserer Hoffnungen und nicht auch den des Wirtshauses für möglich.« »So ist es doch besser,« schmunzelte Romeo. »Drei sind wir gekommen, ein schöner Prozentsatz immerhin. Sollten wir zufällig in der besten der denkbaren Welten leben? Nur, daß Exzellenz nicht kommt, begreif ich nicht. Der hätte doch Grund genug.« »Oder zu viel,« sagte der Millionär; »der fürchtet vielleicht, daß er uns erzählen müßte, wie er's angefangen hat, wie er die Protektionen erschlichen, wie er die häßliche Frau geheiratet hat, deren Verwandtschaft ihm vorwärts helfen sollte.« In diesem Augenblicke bog ein eleganter Herr um die Ecke, sah hinter sich, als ob er besorgte, daß ihm Jemand in diesem schmutzigen Gäßchen nachspüren könnte. Das war Se. Exzellenz. »Vollzählig!« schrie Romeo, »es ist nicht zu glauben. Aber hier können wir nicht stehen bleiben. Weiß Jemand, wo der Krug zum grünen Kranze ist?« Exzellenz flüsterte: »Wir sehen allerdings da wie ein Rudel Verschwörer aus. Nur möchte ich einen stillen, stimmungsvollen Ort für unsere Plauderei.« Der Millionär bemerkte ein wenig ironisch: »Wo man nicht gesehen wird.« »Ich kann Euch einen Vorschlag machen,« sagte Wilhelm. »Ganz in der Nähe habe ich ein Lokal, wo wir ungestört sind. Freilich ist es sehr, sehr einfach.« »Um so besser!« rief der reiche Mann, »das wird uns gleich in die alten Zeiten versetzen. Ich schicke den Wagen fort.« Er tat es. Sie gingen unter Wilhelms Führung ein paar Gassen weit. Vor einem armseligen Hause hielt Wilhelm an. »Da sind wir.« Die Anderen waren nicht wenig verwundert. Romeo stöhnte: »Wo ist der grüne Kranz?« »Du wirst nicht verdursten,« entgegnete Wilhelm, »kommt nur!« Sie gingen über den halbdunklen Hof. Unter einer Laterne hing die Tafel mit der Aufschrift: »Arbeitsvermittlung«. Daneben die Tür. Sie kamen in einen Vorraum, auf den mehrere Zimmer mündeten. Auf angeschlagenen Zetteln stand: »Speisesaal«, »Lesesaal«, »Kanzlei«. Da sich bei ihrem Eintritte eine Glocke gerührt hatte, eilte ein junger Mensch aus dem Speisesaal ihnen entgegen, und sie konnten durch die sekundenlang offene Tür einen langen Tisch erblicken, an dem ärmlich gekleidete Menschen in bescheidener Haltung saßen und eine Mahlzeit genossen. »Ein wunderbarer Gedanke!« sagte der Millionär, »er hat uns in die Volksküche geführt. Bekommen wir wenigstens ein Cabinet particulier?« »Natürlich,« lachte Wilhelm. »Uebrigens seid Ihr nicht in der Volksküche, sondern bei mir.« Exzellenz unterdrückte eine Bemerkung und bedauerte nur innerlich, daß er in seiner Jugend nicht wählerischer im Umgange gewesen sei. In der Kanzlei war ein Tisch für vier Personen sauber und recht arm gedeckt. An den Wänden hingen Landkarten und graphische Darstellungen. In einem Glaskasten befanden sich verschiedene Modelle für technologischen Unterricht. Man sah auch in ein zweites Kämmerchen hinein, in welchem nur ein eisernes Bett, ein Waschtisch und ein Schrank standen. »Da wohne ich,« sagte Wilhelm. »Ich nahm an, daß Ihr mir folgen würdet, und ließ uns ein Abendbrot bereiten. Euch wird es wohl ein bißchen kümmerlich vorkommen, aber für dieses Haus ist es eine große Schwelgerei. Ich möchte gar nicht, daß meine Schützlinge drüben darum wüßten. Bier darf man hier überhaupt nicht trinken, Wein bekommen nur die Kränklichen oder vom Hunger Geschwächten.« Der Millionär rief: »Für uns machst Du offenbar eine Ausnahme vom Grundgesetz, Du bist ja wohl hier der Souverän!« Und er blinzelte der Exzellenz vergnügt zu, wie wenn er sagen wollte: Total übergeschnappt! Wilhelm nickte gelassen. Dann ließ er durch den Burschen das Mahl auftragen. Die Stimmung, die anfangs überaus frostig gewesen, wurde allmählich freundlicher bewegt. Romeo erklärte das Bier für genießbar; der Millionär fand es eigentlich charmant, daß sie die Sonntagskost armer Leute bekamen. Das war doch einmal was Anderes. Bald schwärmten Erinnerungen herauf, man wurde in den Gesprächen jünger. Selbst Se. Exzellenz verlor die anfängliche Steifheit, und als die Schüsseln abgetragen wurden, hatten sich die Genossen beinahe schon in den Ton der früheren Tage heimgefunden. Wilhelm verabschiedete den Diener mit einem Winke und begann: »Wir haben also Wort gehalten, einander und uns selbst. Dieses ist das Gastmahl des Erfolges. Nun gilt es aber, das Gelöbnis zu vollenden. Wir wollen Jeder über die Güter des Lebens berichten, die wir uns erwarben. Nur mache ich Euch aufmerksam, daß unsere Geständnisse keinen erheblichen Wert hätten, wenn sie nicht aufrichtig wären. Als unser guter Romeo damals die philosophische Wette vorbrachte, ich glaube mit dem volkstümlichen Worte: wer wohl der größte Heuochse sei, da war das innere Ergebnis des Erfolges gemeint. Was wir nach außen vorstellen, das hätten wir wohl auch sonst von Jedem erfahren, obwohl uns das Leben weit auseinander getrieben hat. Und ich vermute, wir werden auch nach der Aussprache wieder unsere getrennten Wege fortgehen. Gerade darum sollen und dürfen wir in dieser Zusammenkunft eine philosophische Wahrheitsliebe bekunden. Uebrigens werden wir es ja herausfühlen, ob Einer aus tiefem Herzen gesprochen hat oder nicht. Wer will den Anfang machen?« »Ich,« sagte der Millionär. »Ich will Euch zeigen, daß ich mich nicht scheue, die Wahrheit zu bekennen. Du bist mir zwar heute in dieser Umgebung zuerst gar – eigentümlich vorgekommen, Wilhelm ....« »Sag' ruhig: verrückt!« warf dieser ein. »Aber in Deinen Worten ist etwas, das mich betroffen macht. Ich wollte Euch eigentlich nur erzählen, daß ich das Ziel erreicht habe. Die Million! nannte ich es damals. Wenn man ein Ziel zehnmal erreichen kann, hab' ich's.« »Zehn Millionen?« staunte Romeo. »Donnerwetter!« murmelte Exzellenz. »Ja, ungefähr – genau könnte ich es Euch nur nach der nächsten Bilanz sagen. Aber hier will ich Bilanz machen. Das meinst Du doch, Wilhelm? Aktiva, Passiva. Ich habe mich geschunden, die erste Zeit. Nein, es ist nicht zu sagen, wie ich mich geschunden habe. Mein Doktordiplom warf ich gleich unter den Tisch, nachdem ich es hatte. Die Advokatur war mir zu dumm und armselig.« »Ich danke,« sagte Romeo. »Entschuldige, ich vergaß, daß Du einer bist. Ich meinte nur, dabei kann man nicht reich werden. Ich warf mich auf das Eisenbahnwesen, das mir am meisten zu versprechen schien. Ich trat ganz unten als Beamter ein, als Streckenbeamter. Kinder, von dem Leben habt Ihr keine Vorstellung. Da draußen auf einer verlorenen Station liegen, manchmal vierzehn oder sechzehn Stunden Dienst. Einerseits verblödet man, und anderseits geht man vor Aufregung zugrunde. Die Verantwortung für jeden Zug, der durchbraust. Man steht mit einem Fuß im Zuchthaus und mit dem andern im Grabe. Der Zufall verschlug mich in eine Holzgegend. Ich hatte mit Schwellenlieferungen zu tun, lernte die Händler und ihr Geschäft kennen, das einen Zug ins Große hat. Da wechselte ich noch einmal den Beruf, trat in den Dienst eines Holzhändlers. Auch eine harte Arbeit. Nach Jahr und Tag machte ich mich selbständig. Ich fing klein an, furchtbar klein. Habt Ihr schon eine Ameise mit einem Span über ein Steinchen klettern sehen? Wie sie sich überpurzelt, den Span verliert, ihn wieder aufnimmt, sich wieder aufrafft. Ich bin ein paarmal zugrunde gegangen und bin doch immer wieder hinaufgekommen. Was das für eine märchenhafte Energie gekostet hat und woher ich sie genommen habe, ich weiß es nicht. Nur das weiß ich: noch einmal möchte ich es nicht durchmachen. Ich habe nicht Zeit gehabt, zu heiraten, auch keine Lust; zuerst, weil es mir schlecht ging, nachher, weil es mir gut ging. Ich setzte immer meinen ganzen Gewinn an neue Unternehmungen, die Einzelheiten würden Euch langweilen. Genug, ich bin oben.« »Und wie sieht es oben aus?« fragte Wilhelm. »Na, nicht ganz wie in Johann dem munteren Seifensieder. Ja, wenn ich aufhörte, würde ich vermutlich vor Langweile verrecken. Aber ich höre nicht auf, ich jage weiter. Werd' ich mir endlich den Hals brechen, chi lo sà? Werd' ich Dich einmal um einen Löffel Suppe bitten kommen, Wilhelm, wie die da draußen? Diese Ungewißheit ist eigentlich noch das Einzige, was mich am Leben reizt. Gesellig bin ich nicht, weil ich die Menschen kenne. Jeder will was von mir haben. Ihr da, wenn Ihr mir das Stelldichein nicht gegeben hättet, als ich noch ein armer Schlucker war, ich wär' Euch ausgewichen wie der Pest ... Nehmt mir's nicht übel!« Exzellenz räusperte sich: »Du drückst Dich einigermaßen derb aus, aber in unserer ungewöhnlichen Begegnung ist aller Freimut zulässig. Und ich will nicht hinter Dir zurückstehen an Wahrheitsliebe. Mir ist es ja auch in Erfüllung gegangen, auch mehr als wonach ich verlangte. Ich kann es noch kürzer sagen als Du. Früher suchte ich Gönner, jetzt bin ich selbst ein Gönner; muß mich freilich noch beugen, und werde es immer müssen. Während Du das Abenteuer Deines Reichtums erzähltest, habe ich Dich beneidet, obwohl die Bilanz nicht ganz gut ist. Wenigstens kannst Du um Dich schlagen. Unsereiner ist wie eingesperrt in seiner Ehre. Es ist, als ob man sich in einem Zimmer aufhalten müßte, dessen Wände ganz mit Spiegeln verkleidet sind, und nirgends ein bequemer Platz zum Ausruhen von sich selbst. Und macht man nur eine heftig freie Bewegung, so geht vielleicht ein Spiegel in Trümmer. Dabei gibt es Demütigungen. Die Leute grüßen meinen Titel, meine Stellung, nicht mich. Ob ich in dem Rocke stecke oder ein Anderer, darauf kommt es wohl gar nicht an. Früher pflegte ich mich zu kränken, wenn ein Höherer mich nicht bemerkte. Das war nichts. Der tiefe Gruß der Untergebenen ist das Schlimmste. Ich weiß ja noch, warum ich jedem Vorgesetzten huldigte; sie tun es mir jetzt aus denselben Gründen ... Alles keinen Schuß Pulver wert. Kinder müßte man haben, ein paar gesunde Kinder, und in der Verborgenheit leben. Der wackere Romeo hatte damals Recht.« »Ich hatte Recht, ich hatte Recht,« sagte der Angerufene nachdenklich und fuhr sich mit der flachen Hand mehrmals über die Glatze. »Hatte ich wirklich Recht? Ich glaube es, seit ich Euch beide reden hörte; vorher war ich dessen nicht ganz sicher. Mein Ziel war weniger hoch gesteckt, als Eueres, und so hab' ich es denn auch leichter erreicht. Ich habe um meine Frau gedient, wie Jakob in der Bibel. Ich war nämlich sieben Jahre Konzipient in der Kanzlei meines späteren Schwiegervaters und endlich sein Teilhaber. Er starb, die Kanzlei gehört mir, sie geht leidlich. Meiner braven Frau kann ich Frühjahrskleider machen lassen, meine Kinder kann ich lernen lassen. Wir sind Alle gesund. Ich sage mir oft, daß ich alle Ursache habe, Gott zu danken, weil meine Wünsche in Erfüllung gegangen sind und weil ich dazu auch ein genügsames Herz habe.« Es trat eine kleine Pause ein. Der Satz klang nicht wie abgeschlossen. Als der Advokat noch zögerte, fragte einer der Freunde: »Etwas scheint Dich aber noch zu drücken?« »Ja, etwas. Es kommt zuweilen sonderbar über mich, selten bei Tage, weil ich da allerlei Beschäftigung habe. Bei Nacht überfällt es mich zumeist. Ich wache auf, mitten in der stillen Nacht. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Eine Angst? Ein Gefühl der Leere. Es ist möglicherweise Todesfurcht, wenn es nicht die Furcht vor dem Leben ist. Ich weiß, meine Frau, meine Kinder sind in der Nähe, ich höre sie atmen, schnarchen. Und doch habe ich das Gefühl einer bitterlichen Einsamkeit, und ich verstehe nicht, wozu ich da bin. Das wird so noch zwanzig oder dreißig Jahre dauern, ich werde noch so und so viele Prozesse gewinnen oder verlieren, meinen Zins und die Fleischerrechnungen bezahlen, meine Expensnoten einstreichen. Ja, aber wozu? Kann mir Einer sagen, wozu?« »Darauf gibt es freilich keine Antwort,« sagte der reiche Mann mit leiser Stimme. Da nahm Wilhelm das Wort: »Wir haben nun die Entbehrungen des Reichtums, die Demütigungen der Ehre, die Unfruchtbarkeit der Familie gehört. Lasset Euch mein Leben sagen, und warum ich mich unterfing, auch zum Stelldichein zu kommen, obwohl ich nichts bin, nichts habe und nichts vorstelle. Nach der Universität habe ich mich eine Zeitlang in der Schriftstellerei versucht. Dann machte es mir eine kleine Erbschaft möglich, diese Beschäftigung aufzugeben, bei der man durch gemeinen Neid, Ränke und Gevatterschaften mit Ekel bis da hinauf angefüllt wird. Ich reiste. In England und Frankreich lernte ich neuartige Wohlfahrtsbestrebungen kennen, hier seht Ihr deren bescheidene Nachbildung. Ich lebe mit armen und unwissenden Leuten, welche vom Elend hereingeführt werden. Sie gehen wieder, nachdem sie ein wenig aufgerichtet und gestärkt worden sind. Ein Lehrkörper von gutgearteten Jünglingen hat sich rasch um mich versammelt. Wir tragen nützliche Bildung unter die Armen hinaus, keine politischen Redensarten. Ich meine, die neuen Entdeckungen und Erfindungen sollen nicht denen allein zu statten kommen, die schon genug haben. Ich lehre meine Leutchen, wie groß, wie weit, wie schön die Welt unseres lieben Herrgotts ist, und daß sie nicht gleich die Flinte ins Korn werfen müßten, wenn es an einem Orte schlecht geht. Ich lehre sie hoffen, indem ich ihnen zeige, wie hoch wir in der Kultur schon halten. Denn es ist ja eine Zeit, die an die glorreichen Jahrhunderte der Renaissance und Reformation gemahnt.« »Sag' einmal,« schaltete der Millionär mit einem bösen Lächeln ein, »pflegt Dir nach einem solchen Vortrag nicht die Taschenuhr zu fehlen? Führst Du überhaupt Buch über den Undank?« »Es gibt keinen, weil ich keinen Dank erwarte. Tritt ein Neuer herein, so denk' ich bei mir: Willkommen, Undankbarer!« Exzellenz bemerkte schneidend: »Er ist ein Altruist!« Und Wilhelm endete gelassen: »So hat auch mein Leben Güter in dem, was mich ausfüllt. Es ist der Gedanke an die Zukunft. Wahrlich, es ist Frühling darin. Auch der Gedanke an meinen eigenen Vorübergang wird dadurch alles Schmerzlichen entledigt. Und schon bin ich ein Bürger dieser Zukunft, weil ich für sie wirke. Hat nicht er selbst, der große Pessimist, sich immer an seine kommende Gemeinde gewendet? Auch er glaubte also über die Verneinung hinweg an das Zukünftige. Dieses ist das Einzige, wovon man nicht enttäuscht wird.« Der Advokat ergänzte: »Weil man es nie erreicht.« Die Garderobe. 1887. Man klopfte. »Herein!« rief sie; blieb aber bewegungslos auf ihrem unbequemen, gradlehnigen Sessel sitzen. Sie wandte nicht einmal den Kopf; weder nach links, dem Eintretenden entgegen, noch auch nach rechts, wo sie ihn hätte im Spiegel erblicken können. Dennoch fragte sie zweimal ungeduldig: »Wer ist es?« Er hatte nicht geantwortet, sondern war langsam und lautlos auf dem dicken Teppich dieses eleganten Ankleidezimmers an sie herangekommen. Nun stand er vor ihr und sagte: »Wie Sie heute wieder aussehen, Frau Käthe!« »Ah, Sie sind es, Doktor! ... Warum blieben Sie nicht ganz ruhig auf Ihrem Parkettsitz, wenn ich Ihnen gefiel? Die Schminke sieht in der Nähe abscheulich aus. Sie werden sich noch alle Ihre Illusionen erkälten! ... Jetzt ist das Unglück geschehen. Sie dürfen da bleiben, ich habe im zweiten Akt nichts zu tun.« Der Doktor saß ihr schon gegenüber und lachte. »Wissen Sie, was mich an Ihnen immer von Neuem betroffen macht? Sie werden es nicht erraten. Sie sind die größte Künstlerin und eine der schönsten Frauen, die ich kenne. Aber daran habe ich mich allmählich gewöhnt. Sie lächeln spöttisch – genau so wie jetzt – wenn man Ihnen eine Schmeichelei sagt. Das ist auch eine seltene Eigenschaft. Sie sind geistreich und dennoch wahrheitsliebend, in der Kunst wie im Leben. So merkwürdig diese Tatsache auch ist. sie überrascht mich bei Ihnen nicht mehr. Höchstens, daß mich irgend ein neuer Zug, eine Nuance, eine zitternde Feinheit entzückt. Wenn ich Ihnen eine Krankheit im Spital gezeigt habe, wissen Sie sie derart nachzumachen, daß ich oft von meinem Sperrsitz aufspringen und Ihnen zu Hilfe eilen möchte – um Gotteswillen, sie stirbt wirklich! ...« »Werden Sie bald aufhören, mich zu loben, Doktor?« »Wodurch Sie mich aber immer wieder bis zur Sprachlosigkeit verblüffen, Frau Käthe, ist, daß Sie sich so unglaublich schnell anziehen. Das wollte ich sagen.« Sie lächelte. Dann wurde sie plötzlich ernst und starrte finster vor sich hin nach der Wand, die mit Lorbeerkränzen, Atlasschleifen, Bildern in reichem Rahmen farbig herausstaffiert war, von Seide und Gold strahlte. Der Arzt fügte hinzu: »Ich habe die Garderobe mancher Künstlerin gesehen. Da ist ein so fahriges Getue, eine Unruhe und Aufregung, immer noch ein letzter, ein allerletzter Blick in den Spiegel, noch eine Stecknadel anzubringen unmittelbar vor dem Auftreten. Sie dagegen, obgleich Sie die wichtigste Person sind, sitzen längst fertig da, und vor der Tür Ihre Dienerin wie eine gelassene Schildwache.« »Sagen Sie der Schildwache, daß ich jetzt keinen Besuch empfange, und ich werde Ihnen erzählen, wie ich das lernte, was Sie so außerordentlich bewundern. Vielleicht wäre ich nie geworden, was ich bin, wenn ich das nicht hätte erleben müssen.« Der Doktor kam von der Türe zurück und setzte sich wieder hin: »Eine Geschichte?« »Ja wohl,« sagte sie dumpf; »eine häßliche, kleine Geschichte. So wahr und abstoßend wie eine der Krankheiten, die Sie mir im Spital zeigten. Ich will Ihnen Revanche geben. Das war vor vierzehn oder fünfzehn Jahren. Ich zog damals kreuz und quer durch die Provinz als Mitglied kleiner Schauspielertruppen. Heute da, morgen dort. Ich möchte das nicht noch einmal durchmachen ... Ich habe zuweilen Fieberträume, in denen ich angstvoll glaube, noch einmal übers Moor gehen zu müssen bei Nacht, oder daß ich abermals bei dem Herrn Direktor Lemke Engagement nehmen müsse, um nicht zu verhungern ... Unter einer »Schmiere« stellen Sie sich gewiß etwas recht Humoristisches vor, wie? Es ist ganz einfach entsetzlich, das Elend der Namenlosen, dieses namenlose Elend. Wie tief man sich da für ein Stück Brot demütigen läßt, welche Gemeinheiten man begeht ... Nein, ich will mich nicht aufregen. Ich werde mir denken, daß eine andere Person diese Dinge erlebt habe. Das junge Mädchen, welches damals in zerrissenen, aufgebogenen Stiefletten die regenzerweichte Landstraße hinschritt, war ja auch eine ganz andere, als ich jetzt bin. Sie sehen mir heute nicht mehr an, wie häßlich und mager ich gewesen. Eine Vogelscheuche. Was man gegenwärtig mein »edles Profil« nennt, war zu jener Zeit eine ganz gewöhnliche krumme Nase. Der Kopf saß mir vorgeneigt auf schmalen, spitzen Schultern; diese Hände waren knochig und rot. Nie verirrte sich das Liebeswort eines Mannes zu mir, und Sie wissen vielleicht, wie schnell die Herren sich dazu entschließen, wenn sie nicht geradezu etwas Abstoßendes vor sich haben. Namentlich die Kollegen paaren sich überraschend leicht. Wenn das Engagement zu Ende ist, löst sich ja auch das Verhältnis zu Der oder Dem. Man hat seine Freiheit wieder, ohne daß man sich jedoch während der Dauer des Verhältnisses gar zu ängstlich für gebunden gehalten hätte. Ich kann nicht sagen, daß ich der Verführung widerstanden habe; denn es nahm sich Keiner die Mühe. Ich war nur das Zielblatt kameradschaftlich roher Spässe, und das Gewieher jedes spottlustigen Publikums galt vor allem mir. Meine Häßlichkeit war wohl hauptsächlich schuld daran, aber ich spielte auch schlecht; schlechter noch als Jene, die kein Talent hatten. Ich besaß nämlich schon damals Ohr für meine eigene Rede und Augen für meine Bewegungen. Kaum war mir ein Ton entgleist oder eine Gebärde mißraten, so empfand ich es blitzartig, verlor alle Fassung und stockte. Schlimmer noch war meine Befangenheit, die nicht dem üblichen Lampenfieber glich. Denn ich trat immer unerschrocken hinaus, hielt mich sogar gelassen und aufrecht, wenn man zischte oder pfiff. Nur in den Liebesszenen, die ich zu spielen hatte, überwältigte mich diese Bangigkeit, die eigentlich – Schamhaftigkeit war. Ja, es klingt närrisch: ich schämte mich vor den Zuschauern, wie wenn sie Mitwisser eines zärtlichen Geheimnisses meines Herzens geworden wären; wie wenn die kaschierte Liebeserklärung meines jeweiligen ungeschlachteten Partners wirklich mir gegolten hätte. Ich bekam ja außerhalb der Bühne nie solch einen heißen Blick oder ein leidenschaftliches Geständnis. Darum verwirrte mich das, verschlug es mir den Atem. Es war Mädchentum in diesem einfältigen Betragen oder, wenn Sie wollen: Keuschheit, Verschämtheit. Nun darf aber eine Schauspielerin brav und tugendhaft sein – und ich kenne genug, die es sind – verschämt darf sie nicht sein. Vom Kopf bis zu den Füßen ist sie immer den gierigen Blicken einer Menge preisgegeben, und wenn sie groß sein will, so genügt es nicht, daß sie eine Seele habe, sie muß diese auch entblößen. Wie weit war ich davon! Meine arme, verschüchterte Seele zog sich scheu zurück, und in einer Welt, wo nur das Geäußerte gilt, lebte ich träumerisch nach innen ... Bis endlich jener Vorfall eintrat, von dem die Wendung herdatiert ...« »Eine Liebschaft?« warf der Arzt ein. Sie lachte kurz und bitter. »Wenn es das gewesen wäre! Ich säße vielleicht heute als Souffleuse in irgend einem Nest. Nein, etwas Anderes. Ich zog damals mit der Gesellschaft des Herrn Direktors Lemke. Dieser Lemke war ein gemütlicher Schuft. Daß er seine Leute übervorteilte und ihnen soviel Arbeit erpreßte, als er nur konnte, davon will ich nicht reden. Die eigentliche Lumperei bestand in seinen Nebengeschäften, von denen Sie eines kennen lernen sollen. Dabei hatte er ein rosiges, lächelndes Gesicht, von blonden Locken umwallt, der echte Künstlerkopf. Wir waren in eine geringe Provinzstadt gekommen. Ich sehe sie noch vor mir. Helle, freundliche, leblose Gäßchen mit niedrigen Häusern. Der Hauptplatz mit runden, kleinen Steinen gepflastert, zwischen denen lustig das Gras wucherte. Die Sonnenstrahlen glänzten darauf. Nach zwei Tagen war man von der ganzen Einwohnerschaft gekannt und geringgeschätzt. Vor dem Wirtshause »zum roten Löwen«, wo wir spielten, standen, auf den Säbel gestützt, die Offiziere der kleinen Garnison und ließen gewählte Scherze hören, so oft wir vorübergingen. Die besseren Bürger maßen uns wegwerfend, wenn ihre Gattinnen sich in der Nähe befanden, und versengten uns mit verführerischen Blicken, wenn sie allein oder ledig waren. Ich spreche von meinen Kolleginnen; ich war auch denen zu schlecht. Die Männer in den kleineren Städten sind ärger als die in den großen. Sie werden vielleicht wissen, warum? Wir gaben unsere Vorstellungen im großen Saale des »roten Löwen«. Es gab da eine hübsche Bühne für die durchreisenden Gesellschaften. Ferner zwei Ankleide-Logen: eine für uns, eine für die Herren; keine Garderobe wie diese da, aber man konnte sich doch aus- und anziehen. Das Ankleidezimmer! Ein wirres Durcheinander von Kostümen, Requisiten, Straßengewändern. Da ist ein Strumpf als Lesezeichen in ein Buch geklemmt, dort steckt das Lockenholz in einem lichten Atlasschuh, dessen Flecken man mit Seife zu putzen versucht hat. An der Wand weiße Unterröcke, die erst wochenlang auf der Szene getragen worden und noch zu gut sind für die Straße. Was da alles umherliegt an der ungehörigen Stelle, golddurchwirkte Gürtel, Lichtscheren, verwitwete Galoschen, leere Schminktöpfe, Notenrollen durch ein Strumpfband zusammengehalten, Unordnung, Schmutz. Die eine legt alle ihre Sachen über einander auf einen Sessel, der schließlich umfällt. Die andere verstreut gleich von vornherein das, was sie brauchen wird. Und über allem liegt eine feine Wolke von Staub und ein eigentümlich brenzlich schwerer, dumpfer Geruch. Jene Garderobe war dann der Schauplatz dessen, was ich Ihnen erzähle. Vielleicht finden Sie, daß es keine so große Sache gewesen, daß sich das alle Tage ereigne. Ich selbst habe seither diesen anderen Standpunkt kennen gelernt, von dem aus dergleichen nur als grober, jedoch verzeihlicher Spaß erscheint. Dazumal sah ich darin eine Schändung und Brutalität; ich war ja mitten in der Gemeinheit jungfräulich geblieben. So war es. Eines Abends saß ich gleich meinen Kolleginnen kaum bekleidet, dicht an der Holzwand. Hatte ich ein verdächtiges Geräusch dahinter gehört oder war mir nur eines der zahlreichen Astlöcher aufgefallen, ich steckte gedankenlos den Finger durch die runde Oeffnung und – stieß in das Auge eines Menschen. Ein halbunterdrückter Ausruf. Ich selber war zu Tod erschrocken, die anderen hatten nichts gemerkt. Ich brachte kein Wort hervor, warf aber meinen langen Mantel über und eilte hinaus, um mir Gewißheit zu verschaffen, ob man uns wirklich belauschte ... Ja. Und nicht etwa nur ein einziger verwilderter Bengel, nein, mehrere Herren. An unsere Garderobe grenzte ein Holzverschlag, in dem sie sich aufgehalten hatten. Ich blieb, einen Augenblick im tiefsten Schatten des Hofes hinter einem Wagen stehen, bis ich in der Dunkelheit sah. Da kamen sie auch schon heraus. Ich zählte vier, fünf, ein halbes Dutzend. Einer davon ging unsicher und drückte sich das Taschentuch ans Auge. Offenbar der, den ich getroffen. Wer es war, konnte ich in der Finsternis nicht erkennen. Auch die andern Gestalten waren nicht zu unterscheiden. Da, der Letzte, der heraustritt und die Tür leise hinter sich zuzieht, den kenne ich an der runden Figur und dem großen Kopf. Es ist Lemke. Hat er denn nichts bemerkt? Ich eile geräuschlos auf ihn zu. »Herr Direktor!« flüstere ich hastig, »man sieht in unsere Garderobe hinein!« Er kichert halblaut; »Machen Sie sich nichts draus, Ihnen gilt's ja doch nicht!« Er wußte also davon. Ich war entsetzt, empört. Vielleicht erriet er meine Gedanken; denn er faßte nun meine Hand und sagte leise, drohend: »Es soll Ihnen nicht einfallen, Lärm zu machen oder es den Andern zu erzählen – sonst sind Sie augenblicklich entlassen.« Ich kehrte in die Garderobe zurück. Ich schwieg. Was sollte ich denn tun? Ich mußte froh sein, das Unterkommen zu haben. Wo hatte ich die Aussicht, ein Engagement zu erhalten mit meiner körperlichen Erscheinung, die nicht einmal vor den Augen dieser verdorbenen kleinstädtischen Wüstlinge Gnade fand, wenn sie hereinspähten? Und obgleich es nicht mir galt, wie Lemke gespottet hatte, kam ich mir dennoch wie entehrt vor. Ich allein? Hatten nicht auch noch andere meiner Genossinnen Kenntnis von dem infamen Vorgang? Wenn eine kokett herumhüpfte oder sich zierlich gebärdete, hatte ich sie im Verdacht. Vielleicht fügte sie sich der gleichen Drohung, unter der ich verstummt war. Vielleicht paßte es ihr gar in den Kram? Zwar stieg mir der Ekel bis in den Hals, gern wäre ich auf und davon gelaufen, aber wohin, wohin? Ich blieb. Da haben Sie die versprochene Erklärung: damals lernte ich mich so schnell anziehen. Denn die Kerle hinter dem Verschlag waren alle Abende da, ich weiß nicht, ob es immer dieselben gewesen. Unser Direktor machte jedenfalls gute Geschäfte, wie ich bei Gelegenheit herausbrachte. Denn er ließ sich dafür bezahlen. Und sehen Sie, ich glaube, daß ich damals anfing, gut zu spielen. Psychologisch – das ist doch Euer Ausdruck? – kann ich es nicht genau erläutern. Hatte die große Erschütterung schlummernde Kräfte in mir ausgelöst, war meine Schamhaftigkeit in der Schande ertrunken? Kam die Leidenschaft meines Tones daher, daß ich immer unter dem Eindruck dieser revoltanten Dinge stand? Bewegte ich mich freier, weil ich den Zuschauern nichts mehr vor mir zu verbergen hatte? Denn ob ein halbes Dutzend oder die ganze Stadt an den Astlöchern des Holzverschlags gelauert hatte, das war im Grunde gleich. Man hat mich dann eines Tages »entdeckt« wie eine neue Tierart oder Insel im Meer. Ich bin empor gekommen und freue mich meiner Erfolge. Ich habe es ziemlich weit gebracht, nicht wahr? Ich werde bewundert und beneidet. Nun denn, ich sage Ihnen, wenn ich zehnmal oder hundertmal höher kommen könnte – ich möchte dafür nicht noch einmal durchmachen, was hinter mir liegt. Genug ...« Die schöne Rosalinde. 1890. Beim Ausgange trafen sie zusammen. Drin im Saale rauschte die triviale Freude der Festlichkeit, an welcher sie teilgenommen hatten, noch fort. Der Aeltere warf gähnend die Garderobe-Nummer hin und ließ sich in den Ueberzieher helfen. Der Andere brannte sich unterdessen eine Zigarette an, und als er sich zu gehen anschickte, war auch jener schon fertig. Sie traten gleichzeitig zum Tore hinaus. »Adieu!« sagte der Aeltere. »Sie wollen doch nach Hause?« »Ich weiß wirklich nicht. Die Nacht ist angenehm. Ich werde vielleicht noch ein bißchen bummeln.« »Guter Gedanke! Nehmen Sie mich mit?« Und sie gingen nebeneinander hin. Es verband sie die gewisse wertlose Vertraulichkeit Gleichgestellter, die mit der Erzählung einer pikanten Anekdote beginnt und beim ersten oder zweiten Versuche, sich Geld auszuborgen aufhört. »Sie haben beim Bankett offenbar denselben Fehler begangen, wie ich«, meinte der Erste nach einer kurzen Pause; »Sie haben zu wenig getrunken!« »Predigen Sie der Jugend Unmäßigkeit, verehrter Mann?« »Ich sage bloß, daß es ungeschickt ist, nüchtern zu bleiben, wenn Andere sich berauschen. Was, ungeschickt? Unklug, unangenehm, entsetzlich!« »Entsetzlich? Sie übertreiben!« »Glauben Sie? Dann haben Sie sich nie über diesen sonderbaren Zustand Rechenschaft gegeben. Für mich gibt es nichts Peinlicheres. Ich weiß nur nicht, warum ich mich immer wieder herumkriegen lasse, an solchen Tafeln Platz zu nehmen. Wo ich mir doch vorher sagen kann, daß ich sie mit Schaudern erblicken werde, die schöne Rosalinde!« »Rosalinde, Rosalinde? Kenn' ich nicht!« »O das ist nur so ein Spezialwort von mir. Es bedeutet für mich eine Reihe von Erlebnissen, Stimmungen, Gedanken ... Wird Sie wohl nicht interessieren, junger Mann!« »Im Gegenteile, riesig! Ich habe mich immer gefragt: hat denn dieser Mensch – ich meine damit Sie – gar keine Abenteuer? ... Denn Sie wissen Ihre Leidenschaften brillant zu verbergen ... Was wars also mit Ihrer schönen Rosalinde? Los! Erzählen Sie!« Der ältere Herr lachte leise: »Sie erwarten offenbar eine Liebesgeschichte. Werden Sie enttäuscht sein! Na, übrigens, Sie haben mich provoziert. Ihre Schuld ... Auch habe ich jetzt schon lange nicht davon gesprochen. Es drückt mich wieder einmal furchtbar. Es will heraus ... Die Sache beginnt mit einem Duell.« »Sie schlugen sich für die schöne Rosalinde?« »Sie vermuten ganz falsch ... Hören Sie mir ganz geduldig zu! Jener Zweikampf fand aus irgend einem albernen Anlaß statt. Aber es war ein anständiges Duell, nämlich der Eine nicht stärker oder geübter in den Waffen, als der Andere. Eine ganz gleiche Partie. Säbel, ohne alle Binden, bis zur Kampfunfähigkeit. Nicht meine erste Affaire und ich war deshalb nicht übermäßig aufgeregt. Unbehaglich bleibt ja so etwas doch. Mein Partner, ein sehr liebenswürdiger Mensch, und ich verabsäumten vor Beginn der Fechterei keine der kleinen Koketterien des Mutes. Wir scherzten leise mit unseren Sekundanten, lächelten so viel als ohne Verletzung des Anstandes möglich, und erhielten unsere Zigaretten immer in Brand. Mein Gegner blies mir sogar – um seine Seelenruhe anzudeuten – Rauchringe in die Luft. Ich bedauerte damals lebhaft, dieser Kunst nicht auch mächtig zu sein ... Die Zeugen taten mittlerweile geschäftig und wichtig. Endlich wurden wir einander gegenübergestellt, nachdem wir den Oberkörper entblößt hatten. Ich war vorzüglich disponiert. Er auch. Wir fochten beide mit fast schulmäßiger Ruhe, saßen keiner Finte auf und sahen jeden Hieb kommen. Es war ein elegantes Klirren und Glitzern der Klingen in der Luft, »bei dem aber nichts herausschaute«, wie sich einer meiner Sekundanten nach dem vierten oder fünften Gange bedauernd ausdrückte. Zugleich flüsterte er mir einige Ratschläge zu, die aus der Beobachtung der gegnerischen Gewohnheiten geschöpft waren. Ich befolgte sie im nächsten Gange und traf ihn richtig auf die Brust. Ein Haltruf. Mein Gegner lächelte freundlich und sagte: »Es ist nichts!« ... Der Arzt wischte mit dem Schwamm das Blut weg und bestätigte, daß es eine leichte Wunde sei. Der Hieb war halbflach gewesen. Dann fochten wir weiter. Abermals einige erfolglose Gänge. Von einer Pause zur andern öffneten sich jedoch die Ränder dieser länglichen, seichten Wunde, die ich ihm beigebracht, und Blut sickerte hervor. Der Arzt wusch es immer weg, aber nach ein paar heftigen Bewegungen war es wieder da. Ich konnte den Blick nicht von dem roten Streifen verwenden, der über die weiße Haut hinlief. Er war nämlich ein reizender blonder Mensch, und seine Brust bis an den sonnengebräunten Hals hinauf blütenweiß, wie die eines Mädchens. Ich empfand plötzlich eine unklare Sympathie für ihn. Warum schlugen wir uns eigentlich? Wegen einer Dummheit, die durch das geringste Entgegenkommen hätte können aus der Welt geschafft werden. Und jetzt mußten wir weiter bis zur Kampfunfähigkeit. Der hellste Blödsinn! Meine Aufmerksamkeit ließ nach. Ich wurde zerstreut und starrte wie gebannt nach der roten Linie auf dem weißen Grunde. Ich fing an, mir Blößen zu geben und bekam denn auch endlich eine unparierte Terz auf den Arm. Ich war kampfunfähig. Wir reichten einander gutmütig die Hände – ich ihm die linke. Die Sache war ausgeglichen.« »Ihr Gegner war doch wohl kein verkleidetes Weib?« »Hahaha! Was fällt Ihnen ein!« »Ja, wozu erzählen Sie mir dann eigentlich eine so alltägliche Begebenheit?« »Warten Sie!« ... Der Arzt versah meine Wunde. Sie war ganz anständig, Knochensplitter et caetera. Während des Verbindens saß ich zufällig vor einem Spiegel. Kein Handgriff des Doktors entging mir. Ich schaute ihm zu, wie er mit den blanken Instrumenten an mir herumarbeitete. Ein sonderbares Gefühl. Ich spreche nicht vom körperlichen Schmerz, sondern von dem andern ... Haben Sie schon jemals Ihr eigenes Skelett gesehen?« »Brrr – ist das ein schauderhafter Spaß!« »Nicht wahr brrr? ... Und Sie besitzen gewiß auch den vorschriftsmäßigen Mut, den Jeder von uns haben muß. Aber diese Vorstellung ist so entsetzlich – so entsetzlich! Finden Sie, daß dies eine zwecklose Grübelei ist? Möglich. Aber seit Jahr und Tag schleppe ich mich damit herum. Zuweilen wird der Schrecken dieser Vision so groß, daß ich mich mühsam zurückhalten muß, um nicht wie ein Irrsinniger aufzuschreien. Dann wieder malt es sich mir in sanften Farben, und ich denke fast behaglich darüber nach. Losgeworden bin ich diesen Gedanken keine Stunde mehr ... Und ich war doch von Haus aus kein Grübler, war gesund, jung, in guten Verhältnissen, nahm das Leben von der leichten Seite – bis zu jenem Augenblicke, wo ich der Behandlung meiner Hiebwunde zusah! Welch' sonderbare Gewebe da bloßgelegt wurden! Nervenstränge, Muskeln, der graue Knochen. Die jungen Studenten der Medizin pflegen bekanntlich bei der ersten Operation, die sie sehen, in Ohnmacht zu fallen. Ich fiel nicht in Ohnmacht. Ich sah ruhig, aufmerksam zu, wie wenn ich mir hätte etwas Teueres, das ich vielleicht nie wieder erblicken würde, tief ins Gedächtnis prägen wollen. Das ist mir gelungen. Da sitzt es, unvergeßlich, unvertilgbar! ... Meine Wunde heilte. Der Arm war eine Zeit lang steif, dann wurde er wieder beweglich; ordentlich gebrauchen werde ich ihn freilich nie können. In der Wundkrankheit wurde ich von Fiebern heimgesucht. Sie verflogen. Nur Einer blieb, der Fiebertraum von meinem eigenen Skelett. Als ich wieder ausging, erkannten mich meine leichtlebigen Freunde nicht mehr. Ich war ein nachdenklicher Mensch geworden. Sie haben mir soeben vorgeworfen, daß ich Ihnen eine alltägliche Begebenheit erzähle. Ich glaube, es ist wirklich eine solche, aber in einem anderen Sinne. Auch werden die tausend Jahre alten Abgedroschenheiten des Lebens unendlich interessant, sobald sie uns selber widerfahren. Alles war schon da und alles passiert zum ersten Male, weil immer andere begleitende Umstände den Fall modifizieren. So bringt man an irgend einer vorhandenen Maschine ein neues Schräubchen oder Rädchen an und man hat eine ganz verschiedene Maschine – kriegt darauf sogar ein Patent. – Ich war bis zu jenem kritischen Augenblicke ein gewöhnlicher Vergnügungsmensch gewesen, sorglos, leichtsinnig, für alle Lebenslagen ausgestattet mit einem wohlfeilen Gassenjungen-Skeptizismus, und die Kenntnisse, die meine Lehrer mir einst so schwer eingetrichtert, hatte ich vollkommen verschwitzt. In der Knabenzeit, als wir Zoologie lernten, hat man uns bei der »ersten Gattung« natürlich auch das Skelett eines Homo sapiens gezeigt. Aber dieses machte uns jungen Gedankenlosen keinen viel größeren Eindruck, als das Gerippe eines Geiers oder Pferdes. Mein Standpunkt in dieser unklaren Epoche meines Lebens, die bis in mein Mannesalter reichte, dürfte beiläufig der gewesen sein: Das Skelett des Homo sapiens geht mich nichts an, ich bin jedoch jedenfalls etwas ganz anderes. Ich war daher eigentlich sehr überrascht, als ich unter der Pinzette des Duellarztes sekundenlang meinen Knochen schimmern sah. Klingt das albern? Vergessen Sie nicht: ich war ein Unwissender! ... Vielleicht wäre diese Sensation bald wieder verblaßt und verzogen, wenn ich den lustigen Wirbel meiner gewohnten Lebensweise hätte gleich fortsetzen können. Die Wundkrankheit kam aber dazwischen. Das Krankenlager hat schon Manchen zum Philosophen gemacht. In meiner Schwäche überfiel mich die sonderbare Skelettgrübelei, diese neue Gefährtin meiner Tage und Nächte, und als ich endlich genesen, da war sie schon so stark erwachsen, daß ich sie nicht mehr verjagen konnte. Ich litt schwer darunter. In meiner Unerfahrenheit wußte ich nicht, daß es nur die Geburtswehen der Erkenntnis waren. Es macht dieselben jeder durch, der sich entschließt, auf eigene Faust nachzudenken. ... Ich versuchte zunächst, mich selbständig zu heilen. Ging nach der Anatomie und kaufte mir ein schon präpariertes Skelett. Die Gewohnheit sollte mich gegen das Grauen abstumpfen. Oft und oft stand ich nun vor meinem großen Wandspiegel neben meinem beinernen Unbekannten und verglich und verglich. Wurde nicht müde an diesem poor Yorick aus der Anatomie mich selber zu studieren. Fortwährend sah ich meiner Zukunft in die leeren Augenhöhlen. Dabei hielt ich mich für einen Unglücklichen, den die Vorsehung schwerer belastet hatte, als jeden anderen. Täglich lernte ich mich genauer kennen und täglich wuchs mein Grauen vor mir selbst. Rastlos untersuchte und betastete ich mich und wußte endlich ganz genau, wie mein Skelett aussieht. Es ist ein wohlgebildetes männliches Gerüst, über Mittelgröße, vollständig normal, am linken Schlüsselbein befindet sich ein Bruch, den ich mir bei einem Sturze vom Pferde zugezogen und am rechten Oberarm ein Defekt, herrührend von jenem Hiebe.« »Es läuft mir über den Rücken. Sie scherzen wie ein Totengräber, Verehrtester!« »Hören Sie mich zu Ende! ... Ich hatte geglaubt, die Gewohnheit werde mich nach und nach abstumpfen. Gefehlt! Da erfaßte mich die hilfloseste Wut, und in einer Nacht zertrümmerte ich meinen Yorick mit schweren Säbelhieben ... Dann wollte ich mir selbst entrinnen, verließ meine bisherige Umgebung, fuhr hinaus in die Welt. Zu spät. Der eine eiserne unerbittliche Gedanke war nicht mehr zu bannen. Er war bei mir, wenn ich im Zelte eines Beduinen lag und atemlos aufgeregt, mit stockendem Herzschlage in die nächtliche Wüste hinauslauschte nach dem Gebrüll ferner Löwen. Er war bei mir auf dem Opernballe zu Paris, wenn eine parfümierte und schamlose Schöne ihr rotes Haupt an meine Frackklappe lehnte. Immer war er da, dieser kleine Wahnsinn oder große Spleen – das Bewußtsein meiner selbst! ... So kam ich auf meinen Kreuz- und Querfahrten auch nach Brüssel, und da fand ich zufällig die schöne Rosalinde.« »Endlich! ... War sie sehr schön?« »Sehr! Es ist aber bloß ein Gemälde, hängt im Musée Wiertz. Dieser Maler Wiertz war ein großer Kerl. Das Bild, von dem ich spreche, trägt die Aufschrift: »Zwei junge Mädchen«. Es zeigt in rosiger Nacktheit ein junges Weib. Sie steht in Betrachtung versunken vor einem Skelett, auf dem ein Zettel klebt: »La belle Rosine«. Mir gefällt aber der Name Rosalinde besser, ich habe sie für mich umgetauft ... Beim ersten Anblicke dieses Bildes war ich halb bestürzt und halb erfreut, wie wir es sind, wenn ein Fremder unsere heimlichsten dunklen Gedanken unvermutet in Worte faßt. Das war für mich eine brüske Erleuchtung. Nicht, was er sagte, sondern daß er es sagte. Jeder Mensch denkt sich also genau das Gleiche; man ist aber stillschweigend übereingekommen, nicht viel davon zu reden. Und als ich dies weiter verfolgte, gelangte ich allmählich zu einem entgegengesetzten Irrtume. Nachdem ich mich für den Ersten und Einzigen gehalten hatte, dem sein eigenes Skelett das Leben verdarb, meinte ich, das dies bei allen der Fall sei. Auch das ist nicht wahr. Die meisten Menschen verbringen ihr Dasein, ohne die schöne Rosalinde je erblickt zu haben, oder sie wenden feige das Auge von ihr weg. Ich verstehe jetzt die sonderbaren Heiligen der alten Zeit, die sich auf Säulen flüchteten, nur um die Lebensfreude und deren knöcherne Begleiterin nicht zu sehen. Ich verstehe das bequeme Mönchstum. Aber das taugt doch bloß für den, der glaubt. Andere flüchten in die Gelehrsamkeit, spiegeln sich vor, daß sie etwas wissen und gehen Abends würdevoll zum Bier. Was aber soll ein moderner Mensch, wie ich, tun, der an nichts glaubt und nichts weiß, dem keine Arbeit über den Tag und keine Schwelgerei über die Nacht hinweghilft? Ein Mensch, der bestimmt war, in den Boudoirs der Tänzerinnen herumzulungern und seine Zeit mit der Anschauung der schönen Rosalinde verbringt. ...« Er hielt inne und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sein Gefährte ging stumm neben ihm her. Nach einer Weile sagte der Erste wieder mit gezwungenem Lachen: »Zum Teufel! Wie bin ich eigentlich dazu gekommen, Ihnen das alles vorzuschwatzen? Wovon sprachen wir denn vorher? Revenons! »Wir sprachen vom Bankett.« »Richtig. Sie müssen mir noch sagen, warum Sie heute so nüchtern blieben. Das ist doch sonst nicht Ihre Gewohnheit.« »Welch ein Vorwurf! Es ist ganz einfach; ich wurde abgerufen, und als ich nach einer Stunde zurückkehrte, fand ich mich in die vorgerückte Stimmung nicht mehr hinein.« »Hm, ja ... Sehen Sie, junger Mann, das ist ein passendes Gleichnis für meinen Fall. Ich wurde auch vom Bankett des Lebens abgerufen, und als ich wiederkam, verstand ich die Lustigkeit der Anderen nicht mehr. ... Darum meide ich für gewöhnlich die Geselligkeit.« »Nach dem, was Sie mir sagten, muß Ihnen das Alleinsein noch unerträglicher werden.« »Nicht immer. Ich lese viel. Freilich geschieht das ebenso planlos und kavaliermäßig und querfeldein, wie ich ehedem reiste. Ich erfahre dabei aber die merkwürdigsten Dinge. Zum Beispiel, daß es zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die sich die schmerzlose Ruhe des Gemütes durch eigenes Nachdenken zerstörten. Wenn sie ihr Leid in sich hineinschweigen, so gehen sie spurlos vorüber, wie Nebelbilder auf der weißen Wand. Wenn sie es in die unverständlichen Worte einer selbsterfundenen Geheimsprache bringen, so nennt man sie Philosophen. Wenn sie aber dieses uralte Weh in lieblich gerundeter Rede vortragen, so daß es jeder verstehen mag, wenn sie einen duftenden Hauch von Melancholie oder das großartige Gelächter darüber breiten – dann nennt man sie Poeten. Erwäge ich es recht, so handelt alle Dichtung – die wahrhafte nämlich – von den beiden jungen Mädchen des Wiertz. Denn sie enthüllt das, was uns Allen gemeinsam, uns allen unsichtbar ist, das Skelett, den Menschen oder, wie ich sage, die schöne Rosalinde ...« Die Heilung vom Spleen. 1892. Im Vorzimmer des berühmten Arztes standen zwei buntlivrierte Mohren regungslos und wie aus Holz geschnitzt. Dem jungen Mann, der eben eingetreten war, half ein außerordentlich korrekter Kammerdiener, der wie ein Marquis aussah, beim Ablegen des Ueberrockes. Dieser Kammerdiener war auch wirklich Marquis, ein ehemaliger Löwe von Paris, der nach erfolgter Ausballotierung aus dem Cercle Impérial sich vorsichtsweise nicht erschossen hatte, sondern ausgewandert und in New-York nach dem gesunden Grundsatz vom lebendigen Hund Kammerdiener geworden war. Der Marquis gab Rock und Hut des jungen Mannes dem einen Mohren, worauf der andere wie ein gut geschmierter Automat den Arm erhob und eine Wartenummer hinhielt. Der Besucher machte eine verächtlich ablehnende Bewegung und sagte kurz: »Ich wünsche nicht zu warten.« Der Marquis zuckte bedauernd die Achseln: »Sir, ich könnte auch dem Präsidenten der Vereinigten Staaten nur die Nummer 48 geben.« Der Ankömmling griff wortlos in die Tasche, reichte ihm eine Handvoll Dollars. »Ach so!« hauchte der Marquis und schnappte ergebenst zusammen, wie er es einst von seinem eigenen Kammerdiener gesehen hatte. (Das sind die unverlierbaren Vorteile einer schönen Abstammung.) Im nächsten Augenblicke stand der Ungeduldige im Bibliothekssaale des berühmten Doktor Boaster. Ah, noch nicht im allerheiligsten Ordinations-Zimmer. So schnell ging das denn doch nicht. Ein Patient, der nicht warten muß, kann kein Vertrauen zu seinem Arzte haben. Boaster, der alles wußte, hätte dies nicht wissen sollen? Freilich wurde der ernsthafte Klient, der vom Kammerdiner als solcher erkannt worden war, nicht in den großen Empfangssalon geleitet, wo die klafterlangen und -hohen »Meissoniers« hingen. Das bilderlose, tiefernste Bibliothekszimmer, das ordentlich nach durchwachten Forschungsnächten roch, war dazu bestimmt, diesen Wartenden das für höhere Honorarsätze unerläßliche Gruseln beizubringen. Große lateinische, nie gelesene Bücher überall. Bücher, Bücher. Bücher in dunklen Einbänden, nur stellenweise von dem freundlicheren Glanz eines Menschen- oder Tierskeletts unterbrochen. Auch scharf geschliffene, stählerne Instrumente blitzten da und dort. Denn keine Feinheit der Scharlatanerie war Boaster fremd. Und doch war er ein großer Arzt. Er kannte den Menschen. Der jetzige Besucher kümmerte sich blutwenig um all diese ausgeklügelten Herrichtungen, gleichgültig schritt er auf und nieder. Dann öffnete sich endlich die Tapetentür vom Ordinations-Zimmer aus. »Wenn's beliebt, Herr!« sagte Doktor Boaster. Nun saßen sie einander gegenüber. Boaster mit dem Rücken zum Fenster, während das volle Licht auf das rotwangige, gesunde, von dichtem Bart umgebene Gesicht des Hilfesuchenden fiel. Dieser begann: »Doktor, wenn Sie mich herstellen, zahle ich Ihnen ein Honorar von zehntausend Dollars.« Boaster erhob die Hand leicht, wie zur Abwehr. Diese unendlich vornehme Gebärde konnte ebensowohl: »Ich helfe jedem Leidenden, ob er nun reich oder wohlhabend sei,« bedeuten, als auch: »Ich habe schon größere Honorare bekommen. Dann lehnte er sich zurück, schloß die Augen halb und fragte: »Was fehlt Ihnen?« »Nichts!« »Oho!« Boaster sah den Fremden scharf an. Ein Narr oder ein Spaßvogel? Nein. Der hielt den Blick ruhig aus. Da sagte der gefeierte Heilkünstler wohlwollend: »Erklären Sie sich näher. Aber kurz!« »Ganz kurz, Doktor! Ich werde Ihnen meine Lebensgeschichte erzählen.« »Sind Sie bei Trost? ... Im Salon warten siebenundvierzig Menschen.« »Bewilligen Sie mir fünf Minuten – die Minute stellt sich Ihnen also auf 2000 Dollars. Zeit war, glaub' ich noch nie so viel Geld.« Der Doktor zog seine Uhr hervor: »Sprechen Sie!« »Als ich geboren wurde, hatte mein Vater eben seine erste Million voll. Er hatte sie in Hosenträgern verdient.« »In Hosentr...?« »Ja. Eine Erfindung. Sie kennen vielleicht die Windall Braces?« »Ich trage selber welche.« »Ich bin John Habakuk Windall – der Sohn des Erfinders.« Der Doktor steckte die Uhr ein. »Mit dieser Million,« fuhr Windall der Jüngere fort, »ging mein Vater nach Chicago und fing an, Schweine bis zur Bewußtlosigkeit zu mästen. Mein Vater wurde dabei dreißig Millionen Dollars schwer. Als er dieses Gewicht erreicht hatte, starb er. Ich war einziger Erbe.« »Wohlgetan! ... Wenn es Ihnen aber gleichgültig ist, wollen wir jetzt von Ihrem Leiden sprechen, Mister Windall.« »Wir sind mitten drin. Ich bin dreißig Jahre alt, frei, reich, kerngesund – wenigstens körperlich. Dennoch ist mir das Leben zur schrecklichen Last geworden. Mühsam schleppe ich mich aus einem Tag in den andern. Alles ist mir ekel und verhaßt. Ich langweile mich, wie zweiundzwanzig britische Lords zusammen genommen ... Kurzum: Spleen! ... Wissen Sie ein Mittel dagegen, so sagen Sie es mir. Wissen Sie keines, so geben Sie mir die schmerzloseste Todesart an, in der ein Mann weggehen kann. In beiden Fällen erhalten Sie die Zehntausend.« »Ja, mein lieber Windall, da muß ich zunächst hören, was Sie schon Alles versucht haben. Ich nehme an, daß Sie schon Mehreres versuchten, ehe Sie zu mir kamen.« »Sie nehmen richtig an. Ich habe Alles versucht. Reisen, Gefahren, Jagden, Spiel, Wein, Weiber.« »Was für Weiber?« »Alle Arten, alle Farben, alle Größen, alle Nationalitäten.« »Sie sagten, Sie waren frei. Waren Sie es immer?« »Es gab eine Zeit, in der ich verlobt war. Mit einem herrlichen Geschöpf: Miß Lillian Sleed, Tochter des Pferdedecken-Barons Sleed. Sie liebte mich um meiner selbst willen, denn sie ist ja noch um sechs bis acht Millionen schwerer als ich. Sie hat die Werbung eines der jungen Vanderbilt ausgeschlagen. Mich aber betete sie an. Ich verließ sie. »Weshalb?« »Eines Sommerabends – wir saßen in ihrem Parke, der mit dem Fundus instructus drei Millionen unter Brüdern wert ist ... Wir saßen auf der Steinterrasse vor dem Schlosse .... Sagte ich schon: es war Sommerabend? Die Nachtigall schlug im Gebüsche, es duftete die Luft – der Mond schien – da entdeckte ich plötzlich, daß Miß Lillian Sleed mich mitsamt ihrer Liebe und ihrem Reichtume fürchterlich langweile. Ich erhob mich und teilte ihr mit, daß ich am nächsten Tage, infolge einer Wette, nach Irkutsk in Sibirien reisen müsse. Das leuchtete ihr vollkommen ein. Sie reichte mir in lieblicher Wehmut ihre weiße Hand, die ich zum Abschiede küßte. Und ich ging nach Irkutsk. Als ich wiederkam, war sie noch unvermählt. Sie ist es noch heute, obwohl sie weiß, daß sie auf mich nicht zu hoffen hat. Sie ist mir zu schön, zu gut, zu reich – mit einem Wort: zu vollkommen. Vollkommenheit ist unerträglich.« »Das haben Sie gut herausgefunden, Mister Windall ... Aber es gibt auch fehlerhafte Frauen.« »Weiß ich. Und die mag ich erst recht nicht.« »Ein schwerer Fall, Mister Windall! ... Ich nehme an, daß Sie es auch schon mit verschiedenen Arten der körperlichen Ermüdung versucht haben.« »Hab' ich.« »Kann's mir denken. Die alte Schule der Heilung vom Spleen.« »Alles nichts für meinen Fall, Doktor! Habe monatelang meine eigenen Schweine gehütet. Ich arbeitete längere Zeit in einem englischen Bergwerke. Fing dabei an zu husten, aber gelangweilt habe ich mich doch. Was Männer sonst erfreut, läßt mich kalt. Ich focht zum Beispiel in dem Cricket Match zwischen Amerika und Australien für die Ehre des Sternenbanners. Dabei hatte ich das Unglück, mein Vaterland um vier Points zu schädigen. Das kam so. Ich gähnte eben aus ganzer Seele, als der Ball geschlagen wurde, und er flog mir in den weit offenen Mund. Bis ich den Ball, der zwischen meinen Kiefern eingeklemmt war, herauskriegte, waren die vier Points weg. ... Wenn ich Ihnen sage, Doktor, daß ich die schwärzeste Form von Spleen führe, die je ein Mann englischer Zunge führte ...« »Seh' ich ein, Windall, seh' ich ein.« »Nur der Vollständigkeit wegen will ich erwähnen, daß ich auch die Verarmung durchkostete.« »Ah? ... Das ist allerälteste Schule! Natürlich auch erfolglos?« »Natürlich! Als ich in Irkutsk war, erhielt ich die Nachricht, daß ich durch verschiedene Unterschleife, Bankerotte und Betrügereien um mein ganzes Vermögen gebracht sei. Auch das besserte meine Laune nicht. Ich langweilte mich weiter. Nach Monaten, als ich heimkehrte, erfuhr ich, daß es eine fromme Lüge gewesen. Im Gegenteile, eine riesige Schweine-Konjunktur war eingetreten. Ich war reicher als je. Ich zuckte die Achseln.« »Und wer hatte diesen naiven Plan ausgebrütet?« »Miß Lillian Sleed. So glaubte sie mich von meiner Schwermut heilen zu können. Sie wollte mir recht wehe tun.« »Das ist echt weiblich.« »Und nun, Doktor, wende ich mich an Sie! Wenn auch Sie nichts für mich wissen, so wollen wir nach einem komfortablen Abgang für einen Gentleman suchen.« »Gemach, Mister Windall! Ich weiß etwas.« »Sie können mir helfen?« »Ich kann.« »Wenn es wahr wird, sollen Sie außer dem Honorar auch ein herrliches Geschenk bekommen.« Boaster machte wieder jene unendlich vornehme Geste der Abwehr. Dann sprach er. »Kommen Sie morgen Mittags in mein Sanatorium, Third Avenue 12. Bringen Sie mir ein von zwei Zeugen unterfertigtes Dokument mit, worin Sie feierlich erklären, daß Alles, was ich morgen mit Ihnen vornehme, auf Ihren Wunsch und nach Ihrem festen Willen geschieht.« Windall lächelte freundlich. »Ich sehe, Sie halten meinen Fall auch für hoffnungslos und wollen mich angenehm töten.« »Ich will Sie heilen,« sagte Boaster gelassen. »Es kann aber nicht schaden, wenn Sie für alle Fälle Ihr Testament besorgen. Ich nehme an, daß Sie nicht erschrecken.« »Sie nehmen richtig an.« »Also auf morgen!« »Auf morgen!« Boaster stand auf: »Hm, ja – und noch Eins, Windall. Sie können auch gleich den ausgefüllten Scheck über die Zehntausend mitbringen.« »Ganz recht! ...« An der Tapetentür blieb John H. Windall unschlüssig stehen: »Hm, ja – aber wenn Ihre Kur fehlschlägt, verfallen die Zehntausend auch dann?« »Auch dann, Herr!« »Und wer bürgt mir dafür, daß es kein wertloses Experiment sein wird?« Boaster richtete sich hoch auf und sagte kühl und großartig: »Mein Name! ...« Hierauf wendete er sich geringschätzig ab, öffnete die Tür des Wartesalons, rief hinaus: »Nummer zwei!« Windall hauchte nur noch niedergeschmettert: »Ich komme morgen.« Dann verschwand er ... Pünktlich um die Mittagsstunde des nächsten Tages fand John Habakuk Windall sich im Sanatorium, Third Avenue ein. Er wurde sofort in das Operationszimmer geleitet. Boaster, umgeben von zwei Assistenzärzten und zwei Pflegerinnen erwartete ihn. »Alles in Ordnung, Windall?« »Alles in Ordnung, Doktor! Hier die von zwei Zeugen unterfertigte Urkunde, hier der Scheck.« »Wohl ... Mister John H. Windall – Mister Ham und Mister Egg, meine Assistenten. Erklären Sie vor diesen Gentlemen, daß es Ihr freier Wunsch und Wille ist, sich meiner Behandlung anzuvertrauen. Erklären Sie, daß Sie als volljähriger Amerikaner und bei gesunder Vernunft Alles vorher billigen, was ich mit Ihnen vornehmen werde.« »Ich erkläre es!« sagte Windall fest. »Wohl! Entkleiden Sie sich!« In der nächsten Minute hatte John Habakuk seinen von junger Kraft und Gesundheit strotzenden Körper entblößt. »Legen Sie sich auf diesen Tisch!« kommandierte Boaster. Es geschah ohne Zögern. »Den Schwamm!« befahl der Doktor, drückte ihn an des Patienten Mund und Nase. Gleich darauf schlief John H. Windall den Aetherschlaf. Nun rief der große Arzt seinen Gehilfen zu: »Nehmt ihm den rechten Fuß ab!« Ham nickte. Egg fragte einfach: »Wo, Meister?« »Am Knie, mein Junge! ... Ich muß fort, Besuche machen. Verlasse mich auf Euch. Sauber arbeiten, Jungens! Der Stummel wird in Spiritus aufbewahrt. Guten Tag!« »Guten Tag!« – – – Das Erste, was John wieder fühlte, war ein jäher, grimmiger Schmerz im rechten Knie. Er stöhnte mit noch geschlossenen Augen. Anfangs meinte er, zu träumen. Aber der wilde Schmerz ließ nicht nach. Da blinzelte er nach seinen Füßen hin. Ha! Er sah nur noch Einen. Blitzschnell war ihm Alles klar. Boaster hatte ihm einen Fuß geraubt! Das Glück des in schlechten finanziellen Verhältnissen lebenden Mister Ham wollte es, daß er sich just in diesem Augenblicke über den Leidenden beugte, um nachzusehen, ob er schon erwacht sei. Denn Windall verabreichte ihm eine fürchterliche Ohrfeige. Mister Egg bemerkte hiezu kollegial und philosophisch: »Entkräftigung ist bei dem Patienten nicht eingetreten.« Mister Ham zog sich schweigend zurück. Er hatte sofort die vermögensrechtliche Tragweite dieses Backenstreiches erfaßt. In der Tat wurde ihm später der Schmerz und der an seiner Ehre entstandene Schaden mit 2000 Dollars abgelöst. Windall wollte die Sache nicht vor die Gerichte kommen lassen. Wesentlich billiger war der Fußtritt, den er einem der Wärter versetzte. An diesen hatte er nämlich eine Stunde nach dem Zwischenfall mit Mister Ham die sanfte Frage gerichtet: »Ihr dreifach gesalzenen Schurken, wo habt Ihr meinen Fuß hingetan?« Der Wärter antwortete höflich: »Herr, Sie können ganz unbesorgt sein. Bei uns geht nichts verloren. Hier ist Ihr werter Fuß.« Und zeigte auf eine mächtige Spiritusflasche. Wohl hielt sich der Mann in weiser Entfernung von Windalls Händen, aber er hatte mit dem noch vorhandenen linken Fuß nicht gerechnet. Von dieser jetzt vereinsamten Extremität empfing er denn auch einen nicht unbedeutenden Fußtritt. Weil jedoch kein edler Teil berührt wurde, gelang es Windall nachträglich, den Wärter mit 300 Dollars zu besänftigen. Und wo war Boaster? In den ersten Tagen, so lange John Habakuk schäumte und tobte und gebunden werden mußte, ließ der große Arzt sich überhaupt nicht blicken. Als man ihm mitteilte, der Patient sei ruhiger geworden, besuchte er ihn. John Habakuk rief ihm die von Jägerphantasie zeugenden Worte entgegen: »Du Schakal von einem triefäugigen Aasgeier, ich werde Dir beide Ohren abschneiden und mir Deine Nase braten lassen.« Nur hatte er zufällig die Zwangsjacke an, so daß der Doktor sich mit diesen sympathischen Absichten begnügen mußte. »Sobald Sie den Ton der guten Gesellschaft wiedergefunden haben, mein junger Freund, lassen Sie es mich wissen. Wir wollen dann weiter plaudern.« Und mit fürstlichem Abstande zog sich der Mann der Wissenschaft zurück, während sein Opfer ihm noch eine Unzahl Namen aus den verrufensten Gebieten der Zoologie nachschrie. Es dauerte volle drei Wochen, bis J. H. Windall den Ton der guten Gesellschaft wiedergefunden hatte. Denn er war eine kräftige Natur, die allem lange widerstand. Aber die Langeweile machte ihn gefügig. Ah, nicht jene alte Langeweile, die ihn vordem geplagt. Eine genußsüchtige, lebenslüsterne war es – etwas wie die Sträflingsgier nach freien Himmeln, weiten Spaziergängen. Er ließ sich die Zeitungen bringen und las mit wachsender Leidenschaft die Sportberichte vom männlichen Football bis hinunter zum harmlosen Lawn Tennis. Die Mitteilungen aus dem Skating Rink und Anzeigen von Tanzunterhaltungen versetzten ihn in hitzige Aufregung. Er wäre überall gern dabei gewesen, wo man zwei gesunde Füße braucht. Diese Seelenstimmung führte er endlich in einem elegischen, aber höflichen Schreiben an Dr. Boaster aus, den er um seinen Besuch bat. Der berühmte Arzt erschien. Und bitter, wenn auch sanft sprach John Habakuk: »Wollten Sie mir so das Leben angenehm gestalten, indem Sie mich zum Krüppel machten?« »Mein junger Freund,« erwiderte Jener, »das Leben ist schön – nur muß einem etwas dazu fehlen. So ging meiner Weisheit Schluß.« »Und Sie verhinderten mich für immer daran, was ich am meisten liebe: Tanzen, Reiten, Laufen!« »Mister John, man liebt nur das, was man nicht haben kann! ... Uebrigens habe ich mich mit einem ausgezeichneten Mechaniker in Verbindung gesetzt. Schon arbeitet er an einem künstlichen Fuß für Sie, der es Ihnen möglich machen wird, ohne Krücke zu gehen. Es soll ein Meisterwerk werden. Kein Mensch wird ahnen, daß nicht auch Ihr rechter Fuß von Fleisch und Bein ist. Kostet 8700 Dollars.« »Nicht billig!« meinte Windall. Und nach einer Pause: »Weiß Lillian Sleed, daß ich um einen Fuß ärmer geworden bin?« »Keine Seele in New-York weiß es – mit Ausnahme meiner verschwiegenen Angestellten. Man vermutet Sie bei Ihren Schweinen in Chicago. ... Mein Mechaniker hofft, daß Sie nach ein paar Monaten der Uebung auch mit Ihrem neuen Fuße werden tanzen, reiten und Schlittschuh laufen können.« Da lächelte John Habakuk gerührt: »Habe die Meinung, Doktor; daß es doch noch schlechtere Menschen gibt als Sie.« Innerlich ergänzte er diesen Ausspruch dahin: »Man muß sie freilich suchen ...« Ein halbes Jahr später führte er Miß Lillian Sleed als seine Gattin heim. Mit der Anziehungskraft eines Abgrundes hatte ihn der Gedanke verlockt, daß sie im Brautgemache seine Verkrüppelung entdecken würde. Und wie er nun einmal von diesem Höhenschwindel erfaßt war, da stürzte er auch richtig ab – in die Ehe. »Lillian!« sagte er ihr, als sie »endlich allein« waren – »Lillian, ich muß Dir ein beschämendes Geständnis machen – beschämend für mich, weil Du so vollkommen bist! ... Ich verfüge nur über einen Fuß.« Er schnallte ihn ab. Die junge Mistreß Lillian Windall überglänzte John mit ihren holden Augen. In lieblicher Bewegung hob und senkte sich ihr anmutreicher Busen. Dann lispelte sie: »Ach, John, wie selig macht mich dieses Bekenntnis! Auch ich hatte Dir eine Kleinigkeit zu verbergen.« Und rasch nestelte sie ihren anmutreichen Busen von den Schultern und legte ihn auf das Nachtkästchen. Er war vom selben Mechaniker – der für die besten Familien New-Yorks arbeitet. ... Einige Monate nachher. Auf einem Ball der guten – hu, sagen wir: der reichen Gesellschaft. Mistreß Windall flirtet bereits unter den Palmen jener Fensternische mit irgend einem sehr blonden und rotbefrackten Jüngling. John Habakuk durchrast derweilen im Walzertakt den Saal. Drei seiner Tänzerinnen, kräftige Mädchen, mußten sich schon lendenlahm und keuchend in den Buffetraum zurückziehen. Der bekannte irische Witzbold Oberst Mac Row, der für seine beißenden Bemerkungen wiederholt durchgeprügelt worden, meinte: »Dieser Windall tanzt so leidenschaftlich, wie wenn er ein Greis wäre.« Endlich ist aber auch John, der Unermüdliche, müde. Er drückt sich das Taschentuch vor die heiße Stirn und tritt zurück. Da flüstert hinter ihm Jemand: »Geben Sie nur Acht, daß Sie Ihren Fuß nicht verlieren! Die jungen Damen könnten erschrecken.« Blaß vor Zorn und Scham wendet John sich nach dem Sprecher um. »Ah, Sie mein teuerster Doktor!« Boaster ist leichtsinnig genug, ihm die Hand zu geben. Als er sie nach vier Sekunden zurückzieht, sind die Finger blau und rot geschwollen. John Windall will offenbar durch diese Mißhandlung andeuten, wie sehr er sich über das Wiedersehen freue. Der Doktor lächelt mühsam: »Na, und Sie haben ja auch geheiratet, wie ich höre? Ihre schöne Miß Lillian!« John Habakuk neigt sich dicht an sein Ohr und seufzt: »Leider!« »He?« »Leider, sage ich, Doktor! Leider ... Ihnen kann ich ja alles gestehen. Sie ist der abscheulichste Drache der Vereinigten Staaten.« »Danken Sie dem Himmel, Windall! Jetzt erst sind Sie vollkommen geheilt.« »Noch Spott?« »Junger Mann – uns Menschen muß etwas drücken. Nun haben Sie eine Frau. Die wird schon weiter dafür sorgen, daß Ihnen das Leben nicht zu leicht werde. Wie Ihnen jetzt Tanz und junge Mädchen gefallen, heh? Habe die Ansicht, daß es nur eine Radikalkur gegen den Spleen gibt: die Ehe. Dieses Mittel wagte ich freilich damals nicht, Ihnen vorzuschlagen.« »Sie wagten etwas nicht? Sie! Und warum?« »Das Mittel schien mir zu grausam.« Die Raupe. 1889. Riviera! ... Goldiger Glanz liegt auf dem Meere. Draußen, weit, weit draußen an der Wassergrenze stehen wie weiße Flämmchen die Segel der Fischerbarken, die Morgens ausgefahren. Ein leichter Wind kommt tändelnd gezogen, man spürt ihn kaum. Man fröstelt auch nicht, denn es ist warmer Frühling, Frühling an der Riviera. Kinder spielen am Ufersaum. Ein paar welsche, schmutzige Bettelkinder mit brauner Haut und struppigen Haaren. Und mitten unter ihnen glänzt ein wohlgewachsener, weißer, blonder kleiner Sohn des Nordens. Das ist Kurt. Er versteht die lustigen Spielkameraden so wenig wie sie ihn. Das heißt: nur, wenn sie sprechen. Denn die artikulierten italienischen Laute sind ihm fremd, wie den Anderen das Deutsche. Aber sie unterhalten sich königlich im Volapük der Kinderei. Sie laufen der fliehenden Welle nach, und wenn diese dann bärbeißig umkehrt, so weichen sie vor ihr lachend und erschrocken zurück. Und in die großen Rhythmen der Brandung zwitschern, jauchzen sie Ringelreihelieder als helle Gegenstrophe. Unfern sitzen die drei Erwachsenen. Sie haben sich bequeme Weidenfauteuils vom Hotel herunterbringen lassen. Fritz und seine Kusine Klara schauen den Kindern zu; Mergenthien, Klaras Gatte, liest. Frau Klara hat den roten Sonnenschirm aufgespannt und über ihr hübsches freundliches Gesicht huschen nun rosige Reflexe. Der Vetter Fritz blinzelt sie ab und zu an. Ah ja, sie ist in ihrer gesunden Frische immer noch tausendmal charmanter als alle diese verblüffenden Pariserinnen, die ihn längst nicht mehr verblüffen, weil er sie täglich sieht. Als Attaché der deutschen Legation in Paris hat er jahraus, jahrein sehr viel Zeit und Muße, die Schönheitskniffe, die Trucs der Anmut, ganz genau kennen zu lernen. Die Abenteuer sind, Gott sei's geklagt, immer die gleichen, immer! Eines ist wie das andere. Und den Süßigkeiten entwächst allmählich der Ueberdruß, der Ekel. So hat Fritz denn auch die elegante und lustige Bande von Pariser Freundchen und Freundinnen, mit denen er in Nizza beisammen war, eiligst verlassen, als er hörte, daß sich die Mergenthiens hier in diesem allerliebsten schmutzigen Nest an der Riviera aufhielten. »Eine dringende Abberufung!« hatte er in Nizza mit wichtiger gesandtschaftlicher Miene vorgeschützt und war heimlich hieher geeilt. Wie hätten die Damen ihre graziösen, gepuderten Naschen gerümpft, wenn sie dieser »dringenden Abberufung« auf die Spur gekommen wären! Herr Fritz verbrachte hier seine Tage damit, den lieben Buben seiner Kusine in die drallen Waden zu kneifen oder gedankenlos zuzuschauen, wenn Kurt mit den Bettelkindern um die Wette am Ufer hinjagte, wie eben jetzt ... »Wer von Euch will den Wagen für heute Nachmittag besorgen?« sagt Frau Klara. »Tu' mir den einzigen Gefallen, Klara, und lass' mich jetzt ruhig sitzen!« meint Vetter Fritz. Mergenthien sieht vom Buch auf: »Ja, vom Nichtstun wird man faul.« »Was hast denn Du heute schon geleistet, mein Dicker?« lacht Fritz. »Du liest da irgend einen französischen Roman – et voilà tout, um mich gebildet auszudrücken.« »Gott verzeihe Dir Deine Unwissenheit,« erwidert Mergenthien; »Du hältst das für einen Roman! Das ist Taine, »De l'intelligence!« Etwas Tiefes, Feines, Gelehrtes!« »Ah so! ... Ich dachte, weil das Buch einen gelben Umschlag hat, wie die Werke von Zola oder Bourget.« »Du bist ein schrecklicher Ignorant,« erklärt der Dicke wohlwollend. »Und kommst wahrscheinlich nie über den Umschlag der Bücher hinaus?« fügte Klara lächelnd hinzu. »Niemals!« beteuert Fritz. »Da kennst Du gerade das Allerbeste nicht, was das Leben bietet, Du Lebemann! ... Sieh', dieses wunderbare und ernste Buch: »Die Intelligenz! ...« Fritz unterbricht ihn: »Ja, was geht denn mich die Intelligenz an?« Frau Klara lacht laut auf: »Geh«, Du wirst den Boulevardier da nicht ernst machen, Max! Halte ihm keinen Vortrag, den er nicht verstünde! ... Besorg' uns lieber den Wagen für Nachmittag. Ja?« Mergenthien lacht nun ebenfalls, erhebt sich willig und geht nach dem Hotel. Die Zwei sitzen eine Weile still da. Die junge Frau blickt ihren Vetter stumm und lächelnd an. Fritz aber träumelt vor sich hin. Dann sagte Frau Klara plötzlich, ohne rechten Zusammenhang mit dem Früheren: »Höre, Fritz, Du sollst es ja sehr arg treiben!« »Ich? Wo denn?« »In Babylon!« »Hahaha. Ich erkenne dich, deutsche Tugendhaftigkeit ... Paris sagt man nicht, sondern, mit frommem Schauder, »das Babel an der Seine.« Wenn Ihr wüßtet, wie ich mich manchmal in Babylon langweile! Was, manchmal? Immer! Wie ein Sträfling – zum Sterben! Und wie ich mich zuweilen nach der blonden Fadaise eines heimatlichen Tanzkränzchens sehne. Wenn ich mit den Prinzessinnen des Chic beisammen bin, überkommt mich ein wilder Wunsch: Herrgott! Wenn Du jetzt mit Schmallwitz und Mergenthien Skat spielen könntest! Was müßte das für eine Wonne sein! ...« »Hat sie Dich denn hintergangen, Fritz?« »Wer?« »Na, Deine Angebetete!« »Ich habe keine.« »Wem willst Du das einreden? ... Vielleicht ist Dein Herz im Augenblick beschäftigungslos. Aber daß es nicht immer so ist, darauf will ich wetten. Ganz Pommern hält Dich für einen stürmischen Lebemann.« »Ganz Pommern irrt sich.« »Da erinnere ich mich an etwas. Beim letzten Skat vor unserer Abreise – Schmallwitz und Marzahn spielten mit meinem Mann – saß ich und schaute gelangweilt zu, und plötzlich fielst Du mir ein. Vielleicht war's derselbe Moment, in welchem Du Dich nach dem Skat sehntest. Ich dachte mir – ich erinnere mich ganz deutlich, – Fritz ist doch gescheiter, als diese Krautjunker Schmallwitz und Marzahn. Während die hier ihr lediges Leben verdämmern, flattert er von Blume zu Blume, der Schmetterling!« »Der Schmetterling soll ich sein?« »Leugne nicht! ... Und ich nahm mir fest vor, daß ich mir von Dir Geschichten werde erzählen lassen, wenn wir uns treffen.« »Geschichten! ... Weiß der Himmel, was Du Dir vorstellst! Ich habe gar nichts erlebt. Als junger Gänserich flog ich wohl über den Rhein – da hast Du meine Geschichte.« »Hilft Dir nichts, Du mußt mir erzählen! Wenn schon nicht Alles, so doch Dein merkwürdigstes Abenteuer.« »Mein – merk–wür–digstes – Abenteuer?« »Ja wohl! ...« Frau Klara unterbricht sich mit einem leichten Aufschrei. Kurt ist im Spielen hingefallen und scheint sich weh getan zu haben, denn er heult. Sie springt auf und eilt in mütterlicher Aengstlichkeit zu dem Knaben hin, um ihn zu trösten und aufzurichten. Fritz ist ruhig sitzen geblieben. Jetzt nimmt er mechanisch das von Mergenthien zurückgelassene Buch in die Hand, klappt es auf. Die Intelligenz! ... Mit einem Mal bleibt sein nachlässig streifender Blick an einer Stelle haften. Von Schmetterlings-Verwandlungen ist die Rede. Er liest: »Wenn uns ein Schlaf, gleich jenem der eingepuppten Raupe, in der Mitte unseres Lebens befiele und wir nachher mit verwandelten Sinnen und einem so ganz anderen Nervenapparat erwachten, wie die zum Schmetterling gewordene Raupe – der Bruch zwischen diesen unseren zwei Verkörperungen wäre dann sichtbarlich ebenso mächtig bei uns, wie bei jenen.« Fritz überliest die Worte noch einmal, halblaut: »Wenn uns ein Schlaf befiele ...« Er träumt in die Zeilen hinein, bis ihm die Buchstaben vor den Augen flimmern. Oder blendet ihn das Sonnenglitzern auf den blauen Wellen? Er schließt die Augen ... * * * ... Hochsommertag. Eine eigentümlich, schläfrige, warme Stille liegt über dem Garten. Unter dem großen Ahornbaum wartet Fritz auf sie. Bei Tische hat ihm nämlich Kusine Klara zugeraunt, daß sie ihm etwas Dringendes sagen wolle – Nachmittags, wenn Niemand im Garten sein werde, unter dem Ahornbaum. Was das wohl zu bedeuten habe? Sein Gymnasiastenherz schlägt heftig. Wird sie ihm die erfreuliche Mitteilung machen, daß sie ihn liebe? Vorsichtsweise hat er einige Gedichte, die er für sie während des ganzen Schuljahres geschrieben, zu sich gesteckt. Denn er liebt sie schon lange – zu Ostern waren es zwei Jahre, daß er dieses Gefühl in sich entdeckt hat. Gesprochen hat er natürlich nichts davon – es ist ja die erste Liebe ... Schritte knirschen über den Kiesweg, ein blaues Kleid schimmert durch die Büsche, sie kommt. »Fritz!« »Da bin ich. Was willst Du mir sagen?« Zuerst schwöre mir, daß Du treu und verschwiegen sein wirst!« »Treu und verschwiegen! Bis in den Tod! Ich schwöre es Dir!« ' »Gut, gut ... Oh, vorher noch Eins! Liebst Du mich?« »Ob ich Dich liebe, Klara?« »Ja. Ich meine aufrichtig?« »Wie kannst Du nur fragen?« »So will ich mich Dir ganz anvertrauen.« »Wann wird sie mir denn endlich um den Hals fallen?« denkt sich Fritz. Er ist aber zu bescheiden, um den Anfang zu machen. Sie fällt ihm nicht um den Hals, sieht sich aber noch einmal vorsichtig um: »Pst, Fritz, diesen Brief!« »Was solls mit dem Brief?« »Du mußt ihn unbemerkt dem Leutnant Mergenthien überbringen!« »Max von Mergenthien?« sagt er tonlos. »Natürlich Max! Für mich gibt's nur diesen Einen.« »Für Dich gibt's nur ...?« »Papa will zwar nichts von ihm wissen. Ich aber lasse nicht von Max, Papa kennt ihn nicht, weiß nicht, daß Max unter dem Ulanenrock ein ehrliches Herz trägt. Er ist nicht bloß schneidig, sondern auch lieb und gut, und gescheit und gebildet.« Fritz rafft sich zu einer ironischen Bemerkung auf: »Kurz, ein Reiter ohne Furcht und Tadel.« Sie nimmt es ernst: »Oh ja, das ist er ... Du, Fritz, Du wirst unseren brieflichen Verkehr möglich machen, da er doch jetzt leider nicht herüber kommen darf. Willst Du?« Nicht umsonst hat sich Fritz an den griechischen Helden gebildet. Er ist eine standhafte Seele. Und darum erklärt er mit feierlicher, wenn auch etwas umflorter Stimme: »Du kannst auf mich rechnen. Ich habe Dir es ja zugeschworen.« Da fällt sie ihm um den Hals und küßt ihn, ja wohl, sie küßt ihn: »Fritz, Du bist ein reizender Junge! ...« Bitterer Kuß, schmerzliches Wort! Als »reizender Junge« zu gelten, wenn man großartig liebt und sich unaussprechlich unglücklich fühlt! Das ist hart! ... Aber entsagungsvoll läßt er sich ein Pferd satteln und reitet hinüber nach der Garnison Max von Mergenthiens. Der empfängt ihn strahlend vor Glück, fällt ihm ebenfalls um den Hals und ruft wahrhaftig ebenfalls: »Herr Fritz – entschuldigen Sie die Vertraulichkeit – aber Sie sind ein reizender Junge! ...« Fritz schluckt mannhaft einige Tränen hinunter, läßt sich die Antwort einhändigen und reitet zurück. Nur unterwegs hält er einmal an, bindet das Pferd an einen Baum, legt sich ins grüne Gras und weint bitterlich. So geht's die ganzen Ferien hindurch täglich hin und her. Nie hat ein gefühlvoller Gymnasiast schmerzlichere Ferien verlebt. Doch Alles geht vorüber. Es kommt der Tag, wo er zum letzten Male bei Max von Mergenthien eintritt, mit dem letzten Brief. Mit zuckenden Lippen, die zu lächeln versuchen, sagt er: »Ihr werdet Euch jetzt einen anderen Boten verschaffen müssen, die Schulzeit ist wieder da.« Max faßt seine Hand und drückt sie warm. »Wie soll ich Ihnen danken, lieber Fritz? Wir müssen Bruder werden, auf Du und Du! Denn Du bist ein reizender Junge!« Fritz fühlt sich eigentlich sehr geehrt. Es ist der erste Leutnant, mit dem er sich duzt. Dennoch bringt er das vor, was ihn schon so lange bedrückt: »Wie Sie – wie Du mir danken sollst? Nenne mich nie mehr einen reizenden Jungen! ...« * * * Wie durch einen feinen Schleier sieht er diese alten Bilder, gemalt mit den blassen Farben der Erinnerung, gemischt aus Traum und Wahrheit. Vom großen, sonnigen, blauen Hintergrunde des Meeres hebt sich eine Frauengestalt ab. Er blinzelt sie unter halbgeschlossenen Lidern hervor an. Frau Klara steht schon seit ein paar Minuten vor ihm, betrachtet ihn ergötzt. »Schläfst Du denn, Fritz?« lacht sie. Und er darauf, noch ganz dämmrig: »Wenn uns in der Mitte unseres Lebens ein Schlaf befiele, gleich jenem der eingepuppten Raupe, und wir nachher erwachten ...« »So erwache doch, Mittagsschläfer!« Ermuntert fährt er jetzt in die Höhe, lächelt auch ein wenig und sagt: »War mir's doch ... Ich glaube, Du hast mich vorhin nach meinem merkwürdigsten Abenteuer gefragt? Nicht?« »Ganz recht. Lass' also hören!« »Mein merkwürdigstes Abenteuer war, daß ich einst eine Raupe gewesen.« »Ich verstehe nicht.« »Oder ein ,reizender Junge', wenn Dir das lieber ist. So hoch hat nimmermehr mein Herz geschlagen, so atemlos, so glücklich und unglücklich wie damals war ich nie wieder in meinem Leben ... In dem Buche da hab' ich etwas Sonderbares, Köstliches gefunden. Lies! ... Ein Bruch geht durch unser Wesen, und teilt es wunderbar in Raupe und Schmetterling. In meiner Art lese ich das so: Wenn wir selber nicht mehr lieben, werden wir geliebt. Das Erste ist aber viel seliger als das Zweite. Und darum meine ich, daß die Raupe weit, weit mehr zu beneiden ist, als der Schmetterling ...« Eine gute Tat. 1888. Wenn Du etwas Gutes tust, so verbirg Deine Beweggründe sorgfältig. Der erste Liebhaber, Herr Philipp Schaumschlager, feierte sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Mitglied des herzoglichen Hoftheaters. Das erregte kein kleines Aufsehen in der Residenz. Die »deutsche Residenz!« Sie kennen diesen Ort vielleicht bloß aus unserm braven, charakterlosen und spießbürgerlichen deutschen Lustspiel – aber das genügt vollauf, um Ihnen einen solchen Ekel vor der »Residenz« einzuflößen, wie wenn Sie zehn Jahre in ihr gelebt hätten. Was sind unsere gefeierten Bühnenschriftsteller doch für große Satiriker – ohne es zu wissen – wie wunderbar machen sie die Gegenstände herunter, mit welchen sie sich beschäftigen! ... In der Wirklichkeit, die vom herkömmlichen Drama so weit entfernt liegt, ist jedoch die Residenz wenn möglich noch charakterloser, verklatschter und beschränkter. Und darum erregte das Jubiläum des Herrn Schaumschlager so viel Aufsehen. Dieser Zug im Bilde der Residenz ist von unseren gottbegnadeten Poeten noch nicht festgehalten worden. Sie widmen die ganze Schärfe ihrer Beobachtung, den bezaubernden Glanz ihrer Darstellung lediglich dem Herrn Kommerzienrat, der nie vor ¾ 10 Uhr in die Heirat seiner Tochter willigt, und wenn es hoch kommt, greifen sie aus der Zeit das, was ihr das Gepräge gibt: eine Leutnants-Uniform, heraus. Es geht aber noch Anderes in der Residenz vor: zum Beispiel die Vergötterung des Schauspielers. Die beiden Blätter der Stadt frönten natürlich dem lebhaften Bedürfnisse des Publikums in einer ausgiebigen Weise. Zur selben Zeit war nämlich den beiden Blättern die Besprechung wichtiger politischer Fragen, ja selbst die Erwähnung freimütiger wissenschaftlicher Bestrebungen durch behördliche Maßnahmen sehr erschwert worden. (Diese Geschichte spielt, wie man hieraus ersieht, nicht in der Gegenwart.) Ein in späterer Zeit zu Flügeln gekommenes Wort besagt zwar, daß eine Zeitung bloß aus Druckerschwärze und Papier bestehe, aber praktische Rücksichten auf den Leserkreis haben die Redaktionen von jeher veranlaßt, auch Nachrichten und Raisonnements in das Blatt zu setzen. Es sind sogar Fälle bekannt, in denen man sich nicht schämte, lyrische Gedichte zu bringen. Und so wurde denn das Schaumschlagersche Jubiläum von den beiden Journalen sehr eingehend gewürdigt. Sehr eingehend. Wie bei jedem bedeutungsvollen Anlasse rivalisierten auch diesmal die beiden Blätter auf Tod und Leben. Der Sieg blieb allerdings unentschieden. Denn in der Beleuchtung der sozialen Wichtigkeit dieser Jubelfeier zeigte sich »Der Unabhängige« durch zwei geradezu bengalische Leitartikel überlegen. Die »Volksstimme« war dagegen unerschöpflich in bezeichnenden, rührenden, humoristischen Anekdoten aus dem Leben Schaumschlagers. Wohl wurde nach einem halben Jahre von einem Mitarbeiter des »Unabhängigen« festgestellt, daß dies alte, abgelegte Dawison-, Devrient- und Döring-Anekdoten gewesen seien, doch da hatte die Enthüllung nicht mehr den Reiz der Aktualität. Die Bevölkerung der Residenz huldigte also dem ausgezeichneten Jubilar. Die Vorstellung am Festabend war eine Kette rauschender Ovationen. Wenn im Stücke eine Stelle vorkam, wie etwa: »Hab' ich das nicht gut gemacht?« oder »Wie finden Sie mich heute?« und dergleichen, so fiel das nicht auf unfruchtbaren Boden. Im Zuschauerräume saßen geistreiche und geschmackvolle Leute genug, die jede dieser feinen Anspielungen aus dem Dialog herausfanden und bejubelten. Das Stück war übrigens – ein sinniger Einfall! – dasselbe, in welchem Herr Schaumschlager vor einem Vierteljahrhundert diese herzogliche Bühne betreten hatte. Und dieselben Liebesworte, mit denen er damals manches zärtliche Herz im Publikum entflammt hatte, ganz dieselben entflohen auch heute dem nicht mehr so dichten Gehege seiner Zähne. Nur seine Partnerin in diesem anmutsvollen Liebesgetändel war nicht mehr die von einst. Die Angebetete vom Tage (im Stück) war die unübertreffliche Lanz-Birkenstein – auch kein Kind mehr – die es verstanden hatte, sich durch einen rechtzeitigen Vertrag die lebenslängliche Naivität zu sichern ... Von den Blumenspenden, welche Herrn Schaumschläger an diesem Abend zuteil wurden, könnte nur ein gewiegter Botaniker angemessen berichten. Der große Künstler stand in einem Lorbeerwald, der zugleich Palmengarten und Rosenhain war, und Hunderte von ausgestopften Tauben umflatterten ihn an blauen und rosigen Seidenbändern .... Nach dem letzten Akt wurde Schaumschlager oft und oft gerufen. Sein bisher so beredter Mund brachte aber nichts hervor, als die in ihrer kunstvollen Schlichtheit unendlich ergreifenden Worte: »Ich bin sehr glücklich!« ... Nachher fanden jedoch auf der Bühne die verschiedenen feierlichen Ansprachen statt, und da erlangte er seine Wortgewandtheit wieder. Zunächst pries der Intendant Herrn Schaumschlager, hierauf trat der Direktor vor und tat dasselbe, dann drückte im Namen der Kollegen Herr Eberling los. Herrn Eberlings Rede war die bemerkenswerteste, weil er Schaumschlagers präsumtiver Nachfolger war – sozusagen der Kronprinz, der zweite erste Liebhaber – ferner weil in dieser Rede ein später vielbesprochener Passus vorkam. »Möge es Dir vergönnt sein, großer Meister, noch im höchsten Greisenalter die ersten Liebhaber zu verkörpern!« ... Bei diesen sympathischen Worten zuckte der Verherrlichte ein wenig zusammen. Dann sprachen noch der Chef der Komparserie, der Obermaschinist im Namen des technischen Personals, der Kassier im Namen der Hilfsbeamten. Als Letzter überreichte der Dramaturg seine Broschüre, die er auf eigene Kosten hatte drucken lassen und in welcher er nach einem kurzen, aber gelehrten Rückblicke auf die Geschichte des Theaters bei den Kulturvölkern die entscheidende Bedeutung Schaumschlagers für die Kunst des neunzehnten Jahrhunderts verfocht. Und all dieses Lob nahm der Gefeierte demütig hin. In seinen Antworten – er antwortete Jedem ausführlich, bloß dem Dramaturgen nicht, weil da die Zeit schon zu sehr vorgerückt war – lehnte er das Uebermaß der Anerkennung bescheiden ab. Er nahm lediglich die Rolle des »einfachen Soldaten, der seine Pflicht getan«, für sich in Anspruch – wie seine Vergleiche überhaupt vorwiegend militärischer Art waren. Er erwähnte, »die Fahne, der wir alle folgen«, und ähnliche rührende, begeisternde Dinge. Die Träne floß denn auch in Strömen, namentlich bei jenen Damen, die sich schon abgeschminkt hatten. Die unübertreffliche Lanz-Birkenstein schluchzte wiederholt laut auf – ihr berühmtes Schluchzen durch die Nase, das ihr sobald Niemand nachmacht. Nach der Träne floß der Champagner in Strömen. Im Prachtsaale des »Blauen Ochsen« versammelte man sich zu einem großen Souper, dem auch die Berichterstatter der beiden Blätter freundlichst zugezogen wurden. Heitere Scherze würzten das köstliche Mahl. Die Komiker des herzoglichen Theaters führten eine kleine Schnurre auf. Wiederholt ertönte das silberne Gelächter, der unübertrefflichen Lanz-Birkenstein – ihr silbernes Gelächter, das ihr sobald Niemand nachmacht. Urdrollige Trinksprüche entflatterten den Champagnergläsern. Nach dem historischen Ernst der Ansprachen im Theater nunmehr die Munterkeit. »Nach dem Kothurn der Soccus,« wie sich der Dramaturg imposant ausdrückte. Diesem gelang es auch in einem unbewachten Augenblicke, ein längeres Festgedicht vorzutragen. Das war aber der einzige Wermutsbecher, der den Gästen gereicht wurde. Im Uebrigen eitel Wonne, Genuß, Kollegialität, Freundschaft. Schaumschlager ging mit dem Glase in der Hand von Einem zum Andern, dankte jedem Einzelnen nochmals tiefgerührt. Herrn Eberling aber umarmte und küßte er dreimal. Dann standen die beiden Männer stumm und ergriffen da, Hand in Hand, und sie sahen einander treu in die Freundesaugen. Und beide dachten sich dabei etwas, nämlich: »Komödiant! ...« Am nächsten Morgen erwachte Herr Schaumschlager mit ziemlich schwerem Kopfe. Als er dann seine Gedanken so weit gesammelt hatte, schellte er seinem Diener und verlangte – wie es jeder halbwegs große Mann tut, auch wenn er's öffentlich leugnet – stürmisch die Zeitungen. Der Diener brachte sie zugleich mit der Schokolade und meldete, daß sich im Vorzimmer zwei unbekannte junge Leute befänden. »Aha, wahrscheinlich schon wieder Genies, die entdeckt werden wollen!« brummte Schaumschlager ungnädig vor sich hin und nahm die viel interessanteren Zeitungen vor. Spaltenlange Berichte über das gestrige Jubiläum – selbstverständlich! Er las sie aufmerksam durch. Da stand natürlich auch Eberlings Rede. Ah verdammt! Die gewisse Stelle vom »höchsten Greisenalter« brachte der »Unabhängige« durchschossen! Was, und eine Anmerkung in der Klammer dazu? »(Ein etwas malitiöser Wunsch! Die Redaktion.)« Wer hätte sich einer solchen Perfidie vom »Unabhängigen« versehen? Ja wohl, eine Perfidie! O, alles Ueble, das man diesen Journalisten nachsagte, war nur zu gerechtfertigt. ... Geschwind, die »Volksstimme« her! Was sagte die? »... Hierauf wünschte Herr Eberling dem Jubilar, dieser möge noch im spätesten Greisenalter die ersten Liebhaber verkörpern. Fürwahr, schöne erhebende Worte aus dem Munde eines selbstlosen Kollegen! ...« Das war aber Herrn Schaumschlager zu stark. Mit einem Wutrufe zerknüllte er die »Volksstimme« und warf sie weg. Solche Kretins! Die waren dem Eberling aufgesessen, hatten das für bare Münze genommen. Unglaublich! ... Herr Schaumschlager erhob sich und machte Toilette. Dann wurden die angemeldeten jungen Leute – nachdem sie anderthalb Stunden lang die Arabesken der Tapete gezählt hatten – vorgelassen. Es waren richtig angehende Genies. Der Erste ein Dichter. Der wurde mit der Dichternummer abgefertigt: Schaumschlager nahm ihm das Manuskript – vier blutige Akte – ab und versprach huldvoll eine baldige Entscheidung. Der verlegene Jüngling empfahl sich hoffnungstrunken. Schaumschlager schrieb dann sogleich einen kurzen charmanten Brief an den Abgegangenen des Inhalts: »Enorm viel Talent, Stück für uns leider nicht geeignet, lassen Sie sich aber dadurch nicht entmutigen.« Dieses Schreiben und das Manuskript wurden dann dem verläßlichen Diener eingehändigt, mit dem Auftrage, es in acht Tagen auf die Post zu geben. Der zweite Vorzimmerherr war ein aufstrebender Mime. Für Solche hatte Schaumschlager eine andere bewährte Nummer, Er ließ sie Einiges rezitieren, klopfte ihnen dann entzückt auf die Schulter und sagte: »Ihr Talent möchte ich haben! Versuchen Sie es zuerst an kleineren Bühnen! Wir treffen uns wieder! Leben Sie wohl, junger Mann!« ... Das war nicht sehr zeitraubend, aber äußerst liebenswürdig und machte ihm keine Feinde. Der Mime trat ein. Ein magerer, blasser dürftiger Bursche. Er war nicht weit her, ein armseliger Sohn dieser Stadt, sein Vater ein Schuhmacher, und er nannte sich schlechtweg Meier. Lauter Eigenschaften, die keine besonderen Sympathien erwecken können. Der berühmte Künstler lud den unberühmten ein, loszulegen. Meier legte los: Stellen aus »Don Carlos«, dann »Sein oder Nichtsein«. Schaumschlager lehnte sich zurück, kniff die Augen halb zu, nickte wiederholt wohlwollend. Schon bei den ersten Worten des Anfängers war das Urteil fertig: Ein ganz talentloser Kerl. Und während der Jüngling in eintöniger Getragenheit fortdeklamierte, arbeiteten in Schaumschlager die bösen Gedanken über das »höchste Greisenalter« Eberlings weiter. Wenn man sich an ihm rächen könnte, an diesem Elenden, der immer dreister auf sein Kronprinzentum pochte, der sogar im festlichsten Augenblicke eine höhnische Anspielung wagte! Und jeder schwindende Tag brachte den Erbfall näher – vielleicht schon in kurzer Zeit müßten alle die schönen ersten Liebhaber an den Eberling abgegeben werden. Warum? Weil er um zehn Jahre jünger war. Als ob es auf die Jugend ankäme und nicht auf das Können! Wenn das Jungsein genügte, so wäre dieser Meier da, kraft seiner zwanzig Jahre, beiden überlegen ... Halt, halt! Eine Idee! Lebhaft unterbrach er den Aufstrebenden, der gerade erwog, ob es nicht edler im Gemüte, die Pfeil' und Schleu... »Wie steht's mit modernen Sachen? Haben Sie sich darin schon versucht, Herr Meier?« »O ja,« sagte dieser schüchtern und nannte einige Rollen, darunter auch die gestern von Schaumschlager gespielte. »Schön, lassen Sie mich das hören!« Abermals legte Meier los – sein Zuhörer gab ihm stellenweise die Replik – und abermals meinte Schaumschlager im Stillen, daß er noch nie etwas Talentloseres vernommen habe. Um so besser! Der da würde ihn nie beim Publikum in Vergessenheit bringen. Wenn er noch vor erreichtem »höchsten Greisenalter« die ganz jugendlichen Rollen an den da abgäbe, würde die schmerzliche Lücke immerdar weiter klaffen. Und Eberling wäre geprellt. Als Schaumschlager seinen schnell gefaßten Entschluß dem jungen Meier mitteilte, da sank dieser vor ihm in die Knie, küßte ihm unter aufrichtigen Tränen die Hand und stammelte: »Mein Wohltäter! Mein Wohltäter!« Vorerst galt es freilich, den Burschen heranzubilden. Er konnte nicht gehen, nicht stehen und nicht sitzen; er hatte ein sprödes Organ, sein Gesicht war in der Ruhe stumpf, in der Bewegung grotesk. Aber er war unendlich willig. Schaumschlager drillte ihn wie ein Murmeltier. Manchmal kam eine Verzweiflung über den Meister, wenn er den Schüler in hölzerner Steifheit vor sich sah – dann brauchte er jedoch bloß an Eberling und das höchste Greisenalter zu denken, und das flößte ihm frischen Feuereifer ein. Meier war arm wie eine Kirchenmaus. Der Wohltäter kleidete ihn, nährte ihn, gab ihm Taschengeld und Zigarren. Er tat noch mehr: er lancierte ihn. In der Kunst ist die Lancierung Alles. Die verschollene edle Fertigkeit der Falknerei bietet dafür ein Gleichnis. Der Falke saß auf der Faust des Jägers. Dieser nahm dem Vogel die Haube ab, warf ihn kräftig in die Luft, und dann erst kam der Flügelschwung zur Geltung. So tat auch Schaumschlager mit seinem Falken, der den Eberling herunterholen sollte. Die Lancierung heißt mit einem andern Wort: Reklame. Wer die nicht hat, kommt nimmermehr in die Höhe; freilich, wenn Einer sie hat, muß er auch noch ein wenig fliegen können. Schaumschlager fütterte die beiden Blätter der Residenz mit Aufsehen erregenden Notizen über seinen Schützling, über den »vielverheißenden Stern, den er entdeckt hatte«. Man nahm seine Meldungen bereitwillig auf, weil er ganz unverdächtig war. Was hätte ihn veranlassen können, sich des armen Schusterssohnes, der mit ihm nicht verwandt war, den Niemand protegierte, anzunehmen, wenn es nicht das große Talent war? Beide Blätter fanden auch nicht genug Worte des Lobes für seine Neidlosigkeit, für seine opferfreudige Kunstbegeisterung, und so feierte er nebenbei kleine Triumphe auf der Gemütsseite. Die »Volksstimme«, deren Theater-Redakteur ein empfindsamer Mensch war, behandelte das Ereignis in einem lyrisch angehauchten Sonntags-Feuilleton unter der Aufschrift: »Eine gute Tat.« Eberling schäumte. Doch gelang es seinen sinnreichsten Intriguen nicht, die Meierschen Debüts, welche nach Jahresfrist stattfanden, zu vereiteln. Nach dem Beschlüsse der Intendanz sollten drei Debütsrollen über das Engagement Meiere entscheiden. Schaumschlager hatte sich für den Fall des Gelingens bereit erklärt, seinem Schüler die wichtigsten ersten Liebhaber in dauernden Besitz zu übertragen. Eberling schäumte. Der »Unabhängige« erklärte sich mit Schaumschlager ganz einverstanden, »vorbehaltlich der Prüfung des Debütanten«. Weiterhin wurde ausgeführt, »daß es im Interesse der Stabilität der Kunstleistungen gelegen sei, eine Rollenübergabe nicht zu oft vorzunehmen, einmal weil man nicht wisse, ob jeder Nachfolger Schaumschlagers diesem an Selbstentäußerung gleichen würde, dann, weil es sich empfehle, den wirklich Jungen Platz zu machen«. Der Fall wurde staatsmännisch und besonnen erörtert. Eberling schäumte. So näherte sich die Zeit des Debüts. Was Schaumschlager seinem Zöglinge an Kunst und Künsten hatte beibringen können, das hatte er ihm beigebracht. Aber wie nun die Entscheidung heranrückte, kam die Angst der Anfänger in dem armen Jungen schrecklich zum Ausbruche. Hier in dieser selben Stadt, die seine elende Jugend gesehen, wo er zu den Letzten und Dürftigsten gehörte, hier sollte er plötzlich zu Worte kommen vor den Reichen und Vornehmen, vielleicht gar vor dem Herzog. Denn er war ein demütiger Mensch, und da er bisher seinen Weg nicht hatte erkämpfen müssen, war er auch noch gut. Boshaft und grausam wird man ja erst in der Schlacht. Seinem angebeteten Meister wagte er nichts zu sagen von den Todesängsten, von den Fieberträumen. Aber Schaumschlager sah überrascht und beklommen auf den letzten Proben, daß Meier sich zusehends veränderte. Wohl saß ihm die Zucht eisern in den Gliedern, aber etwas Fremdes, Neues war hinzugekommen. Was? Schaumschlager bebte bei dem Gedanken, daß die ganze schwere Mühe verloren sei. Das wäre bitter. Noch bitterer, daß dann Herr Eberling in die aufgegebene Position einrücken würde. An das Bitterste hatte Herr Schaumschlager keinen Augenblick gedacht. Und gerade das blieb ihm nicht erspart: Meiers Erfolg! Gleich am ersten Abend entschied sich das. Wer darüber genauer unterrichtet sein will, der lese die Rezensionen im »Unabhängigen« oder in der »Volksstimme« nach. Meier debütierte in der Rolle, die Schaumschlager am Jubiläumstage gespielt hatte. Wie er sie spielte? »Sieghaft!« schrieb ein Kritiker. Und tatsächlich war lachende, blitzende junge Jugend in Meiers Darstellung, eine wilde Grazie, etwas Köstliches. Was war denn geschehen? Ein Wunder. Der Schusterssohn hatte zufällig eine Seele, und sie war erwacht. Im geblümten Stil der »Volksstimme« könnte man sagen: »Aus der unscheinbaren Knospe hatte sich über Nacht eine unerwartete Blüte entfaltet.« Eberling schäumte. Doch nur während der ersten Akte. Im vierten Aufzuge, eben als Meier seine Hauptszene hatte, kam Eberling hinter die Kulissen und bemerkte Herrn Schaumschlager. Dieser bedeutende Mime saß auf einer Kiste, schwer atmend, mit vorgebeugtem Kopf, und lauschte, lauschte. Wie Eberling das wutverzerrte Gesicht seines älteren Rivalen sah, da schäumte er plötzlich nicht mehr. Mit einem Blick erkannte er, was in dem gequälten Gemüte seines Kollegen vorging. Er verstand ihn. Der Erfolg da draußen brach dem Meierschen Wohltäter beinahe das Herz. Auch Herrn Eberling war recht weh zu Mute. Das gemeinschaftliche Unglück führte diese Männer, die sich so innig gehaßt hatten, jählings wieder zusammen. Schaumschlager warf sich, ohne ein Wort zu reden, an Eberlings Brust ... Jetzt drang die frische, warme, junge Stimme Meiers von der Bühne her deutlich zu den beiden Horchern, es waren seine letzten Worte vor dem Abgang. Und dann brach der Beifall los, ein Gewitter, eine donnernde Brandung. Noch bei offener Szene wurde Meier zehnmal gerufen. Während dies geschah, stand Schaumschlager bebend, empört, vernichtet hinter der bemalten Leinwand. Er stützte sich auf die Schulter des treuen Eberling und röchelte: »Der Undankbare, der Undankbare! ...« Der Unternehmer Buonaparte. 1900. »... Alors, abandonnant tout rêve de gloire et même celui de cette conquête de l'Italie dont sa conscience était pleine, son imagination s'égara dans plusieurs essais de spéculations mercantiles. Ce fut, entre autres, dans une entreprise de librairie. L'expédition d'une caisse de livres á Bâle fut son premier essai qui tourna mal; il y fallut renoncer. Aussitôt il lui en substitua un autre dans un genre d'industrie tout différent, mais qu'il ne put réaliser.« Général Cte. de Ségur, Mémoires. Die Herzogin, die Marquise, der Vicomte de Bois-Vermoulu und Herr Godefroy, der Akademiker, bogen aus der Rue St. André des Arts in eine noch engere, schmutzige Gasse ein. Herr v. Bois-Vermoulu führte die Gesellschaft. »Mir wird angst und bange, Vicomte!« rief die Herzogin. »Wir sind schon am Ziele, meine Damen«, sagte der Angerufene. »Aber von jetzt ab verbitte ich mir meinen Titel. Hier kennt man mich nur als Herrn Dubois.« »Sie scheinen hübsche Bekanntschaften zu haben, mein Lieber!« lachte die Marquise. »Darum mußten wir uns also zu diesem Ausfluge wie unsere Portiersfrauen kleiden. Das ist lustig!« Der Vicomte sagte: »Ich weiß übrigens nicht, ob man sich meiner noch erinnert. Es ist so lange her. ... Da sind wir beim »Hôtel de l'Eperon«. Grüßen Sie das Haus, meine Damen und Herr Godefroy! Hier habe ich in den schlechtesten Tagen unserer Geschichte gewohnt.« »Ich grüße!« sagte der Akademiker Godefroy lächelnd. Sie standen vor der niederen Tür des Gasthauses. Der Vicomte fuhr fort: »Hier habe ich an dem Tage gespeist, an dem unsere teure Königin von den Mördern auf das Schafott geschleift wurde.« »Ich hätte an dem Tage überhaupt nichts essen können«, murmelte die Herzogin. »Ich sage ja nicht, daß ich Appetit hatte, Madame. Ich mußte mich nur zu Tische setzen, wie gewöhnlich. Ich wäre sonst aufgefallen. Wehe dem Verdächtigen! Aber wie mir zu Mute war, können Sie sich denken. Das Gesindel um mich herum scherzte über die Hinrichtung. Ich konnte der armen Marie Antoinette nicht mehr helfen, auch wenn ich eine Dummheit machte. Ich schluckte meine Tränen mit der elenden Suppe hinunter. Ich weiß es noch, als ob es gestern und nicht vor siebenundzwanzig Jahren gewesen wäre ... Nebenbei, das macht mich nicht jünger!« »Und hier wollen Sie uns dinieren lassen, Herr Dubois?« fragte die Marquise. »Glauben Sie, daß die Suppe inzwischen besser geworden ist?« »Nein, aber er wird sie uns mit geschichtlichen Erinnerungen würzen«, erklärte Godefroy ein wenig ironisch. »Ja, ja, treten wir nur ein!« entschied die Herzogin. »Gut essen können wir alle Tage. Ich verstehe unseren Freund. Wir werden nach einer solchen Gedächtnismahlzeit mit um so größerem Vergnügen heimkehren.« »In Ihre Paläste, die Sie Gott und dem König sei Dank wieder haben«, ergänzte Herr Godefroy, von dem man eigentlich nie wußte, ob seine Worte ganz ernst gemeint waren. Es war eine ärmliche Taverne. Die getünchten Mauern ziemlich unsauber, Spinngewebe in den oberen Ecken und an der Hauptwand als einziger Schmuck ein schlechtes Bild Sr. Majestät des regierenden Königs Ludwig XVIII. Das mit Speiseresten befleckte Tuch auf dem Tische, an den sie sich setzten, machte die Marquise schaudern. Aber die mutige Herzogin flüsterte ihr ins Ohr: »Wie froh wären unsere Mütter in Dreiundneunzig gewesen, wenn sie hätten hier sein dürfen, statt in der Conciergerie.« Außer ihnen befanden sich nur wenige Gäste im Speisezimmer, das von einigen Oellampen schwach erleuchtet war. Am hellsten war es beim Eingange, so daß man vom Schanktisch jeden Kommenden sogleich deutlich sehen konnte. Der Wirt, ein stämmiger Mann von fünfzig Jahren, hatte sie ein bißchen verwundert begrüßt und ihre Bestellung entgegengenommen. Ein Diner für vier Personen, das vielleicht elf oder zwölf Francs ausmachen dürfte, war beim Sporenwirt nichts Alltägliches. Er entschloß sich auch im Hinblicke auf die Größe der Bestellung, eine reine Serviette über das bemäkelte Tischtuch zu spreiten. Die Marquise atmete ein wenig auf: »Nun kann ich mir vorstellen«, sagte sie, »wie es in der Schreckenszeit zugegangen sein muß, wenn ein Mann wie Sie in einer solchen Spelunke dinieren konnte. Mein armer Freund!« »Und Sie haben keine Ahnung, wie nobel ich da lebte! Eine kleine Mahlzeit kostete mich vier- bis fünftausend Francs!« »Sie scherzen! Hier, in der Taverne ›zum Sporn‹?« »Er spricht von Assignaten, Madame«, erläuterte der Akademiker. »Das Geld war so entwertet, daß ein Fiaker für die Stunde Fahrt sechstausend Francs verlangte. Nun ja, daran mußte schließlich die Lumpenwirtschaft verenden. Dem Bauer wurde die Feldfrucht entrissen, dem Städter wurde sein Eigentum und seine Arbeit durch die Notenpresse ruiniert. »Aha, darum rief man unseren guten König wieder zurück!« »Nicht stark in der Geschichte, diese teure Marquise!« lächelte der Vicomte. »Freilich, Sie waren ein kleines Kind, als das Alles sich abspielte.« Godefroy bemerkte noch: »Und zu lernen brauchte die Marquise glücklicherweise nichts, da die alten Zeiten wiedergekommen waren.« »O, bitte, halten Sie mich nicht für so ungebildet! Ich weiß, daß unser König nach der Revolution sich an die fremden Monarchen wendete und mit ihrer Hilfe wieder ins Land kam. Ich finde das auch sehr hübsch. Könige müssen einander solche Dienste leisten. Heute mir, morgen Dir.... Wie? Sie lachen? Es war nicht so?« »Nein, Kind!« sagte die Herzogin. »Nach dem Schrecken kam erst das Direktorium, das ein paar Jahre wirtschaftete und Kriege mit dem Auslande führte, bis alle republikanischen Heere besiegt wurden und die fremden Monarchen in Frankreich einzogen. Da wurden die Direktoren weggejagt, und Ludwig XVIII. gelangte auf den ihm gebührenden Thron.« »Es konnte nicht anders kommen«, meinte nun Herr Godefroy. »Die Revolution hatte kein Regierungstalent hervorgebracht, nur Schwärmer, Schwätzer, Narren, Betrüger, Diebe und Mörder. Ein einziger tüchtiger Mensch, der verwalten, befehlen, leiten konnte, hätte die Republik möglicherweise vor dem Untergange bewahrt.« »Oder sie in seine Tasche gesteckt«, sagte der Vicomte. Der Akademiker nickte: »Auch denkbar! Aber wo war er, dieser Mann? Vielleicht war er da und kam nur durch einen Zufall nicht zum Vorschein? Vielleicht verpaßte er den günstigen Augenblick? Er mußte einmal rechts gehen und ging links. Oder kam um eine Viertelstunde zu spät zum Stelldichein. Die Gelegenheit war versäumt und nichts konnte sie wieder bringen. Oder, wenn er ein Soldat war, fiel er am Rhein, in Italien oder in den Niederlanden. Er diente unter Hoche oder Pichegru, Moreau oder Schérer, und er starb in einem Lazarett an der Vernachlässigung seiner Wunde. Oder er blieb am Leben und entmutigte sich, kurz bevor der Erfolg eingetreten wäre.« »Und Sie wollen damit sagen?« »Ich will damit sagen ...« Eine auffallende Erscheinung unterbrach die Rede des Akademikers, der dann fortzufahren vergaß. Unter heftigem Stoße war die Tür aufgegangen, und ein kleiner, dicker, ältlicher Mann stand im Rahmen. Das Licht der Oellampen, welche den Eingang erhellten, fiel auf ihn. »Pétout!« schrie er nach dem Schanktische hin, »ist nichts für mich gekommen?« Pétout, der Wirt, der eben mit einem schmutzigen Lappen ein Glas zu reinigen versuchte, setzte Alles hin und stampfte zur Tür. Er hob die Hand wie zu militärischem Gruße, berührte sich die Stirn und meldete stramm: »Nichts, mein General!« Der dicke alte Mensch in der Tür ließ nach dieser Auskunft einen Augenblick das mächtige Kinn auf die Brust sinken. Zwar konnte man den Ausdruck seines Gesichtes nicht sehen, weil der tief in die Stirne gerückte Hut es beschattete; doch war die Enttäuschung und Niedergeschlagenheit in der ganzen Haltung des Mannes unverkennbar. Die kleine aristokratische Gesellschaft beobachtete ihn aufmerksam. Seine Kleidung war sehr abgenützt, aber sauber. Die Schuhe schief getreten, der schwarze Filzhut schimmerte an einzelnen Stellen ins Rötliche. Die linke Hand, die einen Stock umspannte, hielt er hinter dem Rücken, die Rechte hatte er zwischen zwei Knöpfe seines geschlossenen grauen Leibrockes gesteckt. Ein Weilchen stand er gesenkten Hauptes. Dann richtete er sich auf. Sein glattrasiertes, fahles, fettes Gesicht war nun voll beleuchtet. Er hatte merkwürdig herrische Augen, die düster auf den Wirt gerichtet waren, als er nun fragte: »War auch Niemand da?« »Niemand, mein General!« »Gut, Pétout! Ich werde wiederkommen. Ich muß mir noch ein bißchen Bewegung machen. Das Blut wird dick, Pétout! ... Wiedersehen!« Er hatte mit einem Ruck die Tür hinter sich zugezogen, noch bevor ihm der Wirt alle Abschiedsehren erweisen konnte. Die Damen und Herren blickten einander verwundert an. Der Wirt wollte an ihnen vorbei nach der Küche gehen. Godefroy rief ihn an: »Sagen Sie, Herr Wirt, wer war das?« Pétout kam heran, kratzte sich ein wenig hinter dem Ohre und sprach mit unbestimmtem Lächeln: »Einer unserer Stammgäste, ein Makler, der mit den Seineschiffern Geschäfte macht. Ich glaube, er sucht auch Mietwohnungen für Herrschaften, die sich diese Mühe nicht selbst nehmen wollen. Er heißt Buonaparte.« »Sonderbarer Name«, warf die Herzogin ein, »klingt gar nicht französisch.« »Mir kam es vor, als hätten Sie ihn General genannt«, sagte der Vicomte. »Ganz richtig. Eine alte Gewohnheit von mir. Ich habe nämlich unter ihm gedient.« »Er war also wirklich General?« erkundigte sich Godefroy. »Sozusagen!« entgegnete der Wirt. »Ganz in Ordnung war seine Generalschaft freilich nicht. Er war eben ein republikanischer General. Zu jener Zeit ging ja Alles drunter und drüber. Heute war man Hauptmann, morgen General, übermorgen gar nichts oder Alles oder tot. Ich habe in Toulon unter ihm gedient. Meine Batterie hieß die Batterie der furchtlosen Männer. Das waren wir, Bomben und Granaten. Ich habe noch die Abschrift eines Tagesbefehls, in dem er mich erwähnt hat. Datiert ist er vom neunten Pluviôse des Jahres Zwei aus Port-la-Montagne. Herr Buonaparte hatte vielleicht ein paar Grade übersprungen oder sonst eine Unregelmäßigkeit in seiner Vorrückung. Aber uns galt er voll, wie wenn er ein richtiger General gewesen wäre. Wir haben ihm gehorcht und ihn geliebt. Und ich will Ihnen was sagen: wir haben uns vor ihm gefürchtet, wir, von der Batterie der furchtlosen Männer. Und genau so die von den anderen Batterien. Sehen Sie, noch heute, wenn er da hereinkommt, habe ich Respekt vor ihm, als ob er mein Befehlshaber wäre. Und ich weiß doch, daß er kein General, sondern ein armer alter Makler ist. Er hat so etwas im Blick, da muß ich gehorchen, ob ich will oder nicht. Wenn Herr Buonaparte jetzt hereinkäme und mich anherrschte: »Pétout! Die Ofengabel geschultert! Wir marschieren gegen die Tuilerien!« Meiner Treu, ich glaube, ich ginge mit.« »Wie interessant!« flüsterte die Herzogin. »Herr Pétout«, sagte der Vicomte, »wollen Sie nicht ein Glas Wein mit uns trinken und uns noch mehr von Ihrem General erzählen?« »Mit Vergnügen. Auf das Wohl der Damen!« Der Akademiker dachte nach und murmelte: »Buonaparte! Den Namen muß ich doch schon irgendwo gehört haben. ... Halt! Herr Pétout, gab es nicht einen gewissen Buonaparte, der ein großes Kaufhaus führte – bis vor ein paar Jahren? Wie hieß es nur?« »Das Magazin des Weltalls! Freilich! Dieser Buonaparte und mein General ist ein und derselbe.« »Wieso?« »Der Kriegsminister Aubry wollte ihm seinen Generalsrang nicht bestätigen, überhaupt waren ihm die Bureauleute aufsässig. Sie ließen ihn petitionieren und antichambrieren. Endlich riß ihm die Geduld. Wir zogen die Uniform aus, und Adieu, Soldatenhandwerk!« »Wie? Sie auch?« »Jawohl. Ich wußte nicht, wohin mein General gehen wollte, aber ich folgte ihm. Na, es waren harte Tage. Wir hatten manchmal kaum das trockene Brot. Mit den Lebensmitteln stand es ja damals im Allgemeinen schlecht. Die Herren werden sich vielleicht noch erinnern, wie es im Jahre 1795 zuging. Die Damen sind zu jung, um es zu wissen. ... Auf Ihr Wohl, meine Damen! ... Also wo war ich? Richtig, bei den Lebensmitteln. Das war sein erster Geniestreich. »Pétout«, sagte er mir, »weißt Du, womit man jetzt einen Haufen Geld verdienen könnte, wirkliches, hartes, goldenes Geld?« – »Nein, mein General«, sagte ich, »ich habe keine Ahnung.« Und ich hatte auch tatsächlich keine Ahnung. Aber er, er hatte sie. Wir müssen Butter, Bier, Geflügel nach Paris bringen. Das war nun leichter gesagt, als getan. Erstens brauchte man dazu Geld, um einzukaufen. Zweitens mußte man die Sachen durch ein Land voll Räubern nach der Stadt schaffen. Buonaparte konnte aber Alles, was er wollte. Das Geld zum Einkaufe versorgte er sich durch eine Mietspekulation, die er mit einem gewissen Bourrienne gemeinschaftlich unternahm. Sie mieteten einige Häuser in der Rue Montholon auf Kredit und vermieteten die einzelnen Wohnungen an kleinere Parteien, die vorausbezahlen mußten. Mit dem Gelde reisten wir in die Normandie. Dort kaufte er zusammen, was er kriegen konnte, und richtete einen förmlichen Proviantdienst ein. Die Bauern kannten uns bald und brachten uns heimlich, was sie entbehren konnten, sonst wäre es ihnen von den sogenannten Behörden im Requisitionswege gestohlen worden. Wir kauften infolgedessen sehr billig und verkauften in Paris sehr teuer. Dazwischen lag freilich die nächtliche Reise nach Paris. Dagegen ist die gewöhnliche Schmuggelei an der Grenze ein Kinderspiel, denn die Schmuggler haben es mit ordentlichen Wachtleuten zu tun, wir aber mit hungrigen Räubern. Oft pfiffen uns die Flintenkugeln nach, wenn wir durch eine solche notleidende Ortschaft rasten. Die Dörfer in der Umgebung von Paris waren nämlich von den revolutionären Behörden schon ganz ausgeplündert. Das ging durch ein paar Monate, Buonaparte und ich saßen fast jede Nacht im Wagen, einmal hin, einmal her. Ich habe Jahre gebraucht, um das Versäumte nachzuschlafen. Mein General aber war immer frisch. Der ist von Eisen, ganz bedürfnislos – höchstens die Weiber ...« Der Vicomte räusperte sich stark. Petout verstand sofort: »Ich sage nichts als das ... Kurz, wir verdienten ein schönes Stück Geld. Das heißt: er verdiente. Ich war immer nur sein Sergent, wie einst in Port-la-Montagne bei den Furchtlosen. Als das Geschäft aufblühte, ließ er sich vor Allem seine Familie kommen. Nicht viel wert, die Familie, aber er hing an ihr. Er dachte immer an die Anderen mehr als an sich selbst. Die Mutter, die Brüder und Schwestern, die Freunde waren seine größte Sorge. Das Lebensmittelgeschäft wuchs rasch. Seine Brüder nahm er als Kommis, die Schwestern dienten als Verkäuferinnen, die geizige Mutter saß an der Kasse. Das Schwerste und Gefährlichste machte er immer selbst. Man mußte ihn gern haben, weil er sich so gar nicht schonte. Nur seine Geschwister, denen er Wohltaten erwies, hatten ihn nie recht lieb.« »Jawohl«, sagte Herr Godefroy, »eine Wohltat ist die größte Beleidigung, die man Verwandten zufügen kann.« Petout fuhr fort: »Als die Approvisionierung von Paris regelmäßiger wurde, begriff unser Chef, daß dieser Zweig nicht mehr so einträglich sein werde. Allmählich wandelte er das Geschäft um, indem er es vergrößerte. Er kaufte Gegenstände zusammen, die in der Schreckenszeit tief im Werte gesunken waren. Bei Buonaparte konnte man die verschiedensten Waren kaufen und verkaufen. Einmal übernahm er von einem bankerotten Sargfabrikanten dessen sämtliche Särge, ein andermal erwarb er aus dem Nachlaß eines Tierbändigers Löwen, Schlangen und Affen. Sein Plan war einfach und groß: er wollte das Warenhaus des Universums schaffen. Und er schuf es. Niemand wußte, wozu er diese mannigfaltigen, zusammenhanglosen Sachen aufstapelte. Es wäre ein wahnsinniges Durcheinander gewesen, ohne seinen ordnenden Geist. Ich war jeden Tag in seiner Nähe, ich sah Alles, was er machte, und doch hatte ich das Gefühl, daß eine Zauberei geschehen sei, als er einen Komplex von Häusern miteinander verband, Zwischenmauern niederreißen ließ und Uebergänge herstellte. Das Ganze bekam den Namen: Magazin des Weltalls. Was ein Mensch von der Wiege bis zum Sarge braucht, war bei uns zu bekommen. Und aus dem Chaos der Waren schuf er eine Einheit. Alle Fäden liefen in seiner Hand zusammen. Er verstand sich auf jede Ware, auf Ackergeräte, Bücher, Schiffsegel, Damenkleider, lebende Krokodile und Kinderspielzeug. Er kannte jede Fabrikation und wußte von jedem Stück, wann es gebraucht werden würde. Er bestellte neue Hutformen, Seidenmuster, Kredenzen, Glasgarnituren. Er gab die kommende Mode an. Um den alten Waren einen Abfluß zu sichern, richtete er in der Provinz Zweigniederlassungen ein. Seine Brüder und Schwäger wurden die Leiter dieser Filialen: Joseph in Lyon, Louis in Marseille, Jerôme in Nancy, Murat in Toulouse – kurz Alle, die mit ihm irgendwie verwandt oder bekannt waren, bekamen große Posten. In der Zentrale waren seine Hauptgehilfen Leute, die er irgendwo aufgegabelt und liebgewonnen hatte, fast lauter Undankbare. Er sah aber immer über die kleinen großgemachten Menschen hinweg ins Weite.« »Ins Weltall«, warf der Akademiker Godefroy nachdenklich ein. Der Wirt erzählte weiter: »Unser Chef wurde sehr beneidet. Man sagte, er habe Glück gehabt. Aber das ist nicht wahr. Nie hat ein Mensch so viel gearbeitet wie er. Wie oft habe ich ihn Kisten zunageln oder Pakete aufmachen gesehen. Keine Arbeit war ihm zu schlecht oder zu mühsam. Er war, wie ein Herr sein soll: gut gegen die geringsten Mitarbeiter und streng gegen sich selbst. Und darum hat mich sein Zusammenbruch so tief geschmerzt.« »Er ist also zusammengebrochen?« fragte die Marquise. »Freilich, Madame! Sie haben ihn ja vorhin gesehen. Wie es gekommen ist, kann ich aber nicht verstehen. Ich bin wohl zu dumm dazu. Ich habe nur sagen hören, daß er über seine Kraft gegangen sei. Seine Unternehmungen waren zu ausgedehnt, seine Kühnheit zu groß, seine Mithelfer zu schwach oder zu treulos. Als das Geschäft so groß wurde, daß nicht einmal er alles überblicken konnte, fing man an, schlecht zu wirtschaften. Die Filialen versagten, die Kommis wurden unaufmerksam, und unser Chef mutete seinem Kredit immer mehr zu.« »Die Größe ist die Ursache des Verfalles«, sagte Herr Godefroy. »Ach, mein lieber Herr«, schloß der Wirt seine Erzählung; »Sie können sich nicht denken, wie uns kleinen Leuten das Herz blutete, als er zugrunde ging. Die Großen, die durch ihn viel gewonnen hatten, verschmerzten es leicht. Aber wir, wir nicht. Der Zusammenbruch ist mir jetzt nur noch ein Traum, wie es der Aufbau war. Liegengebliebene Waren, wachsende Schulden, es war ein Taumel von Verlegenheiten. Und er kämpfte bis zur letzten Minute, suchte nach immer neuen Auswegen, schmiedete immer kolossalere Pläne, um unser Magazin zu retten – bis ihm die Gläubiger auf den Hals rückten. Mit seinem Kredit ist das ganze Haus niedergebrochen. Die Leute nennen das einen Konkurs, aber mir ist das Wort zu schlecht für meinen alten General von Toulon, wenn er auch nur ein zweifelhafter General war und jetzt kümmerlich von der Hand in den Mund lebt. Manchmal kommt er Abends her und läßt sich nur ein Stückchen Käse geben, weil er nicht genug Geld hat, um eine Fleischspeise zu bezahlen. Dann sagt er, er habe keinen Appetit. Er würde mich ohrfeigen, wenn ich ihm unentgeltlich etwas vorsetzen wollte.« Der Akademiker sagte: »Mein lieber Herr Wirt, unter den Bankerottierern gibt es wahrscheinlich Viele, die Ihrem Buonaparte ähneln. Dieser Fall hat nur größere Dimensionen. Der Unternehmer ist ein rechnender Phantast. Die reine Formel vom Unternehmer ist immer die gleiche, welche Sachen oder Werte Sie auch an Stelle der mathematischen Zeichen setzen mögen.« Pétout grüßte unwillkürlich militärisch: »Zu Befehl, Herr! Wenn ich es auch nicht verstehe.« Und die Marquise lächelte: »Offen gestanden, Godefroy, ich auch nicht.« Dieser spann seinen Gedanken weiter: »Stellen wir uns nun vor, dieser Buonaparte wäre damals nicht links, sondern rechts gegangen; was wäre dann aus dem Chaos der Republik entstanden? Man legt bei der Abschätzung bedeutender Persönlichkeiten zu viel Gewicht auf den Charakter und zu wenig auf den Zufall, der sie zur Geltung brachte. Ich meine, auch die großen Männer sind eine Saat, von der nicht alle Keime aufgehen. Die Frage ist nur, ob es für die Menschheit gut oder schlecht ist, daß nicht alle großen Männer zum Vorschein kommen.« Die Tür wurde aufgestoßen, und der kleine fette Mann trat wieder ein. »Pétout!« sprach er, »gib mir ein Stückchen Käse!« »Sonst nichts?« wagte der Wirt zu fragen. »Nein, Du Dummkopf!« brüllte der Alte wütend. »Ich habe heute keinen Appetit. Willst mich wohl aus Deiner schmierigen Höhle verjagen, Du Rindvieh?« Auf das Geschrei kam hinter dem Schanktisch eine dicke, bejahrte, nachlässig gekleidete Magd hervor. »Was ist das schon wieder für ein Lärm?« schrie sie. Beim Anblick dieses Weibsbildes heiterte sich das Gesicht Buonapartes auf: »Komm' her, meine schöne Cathérine! Bring Du mir den Käse. Er wird mir besser schmecken.« Mit schlurfenden Schritten näherte sie sich und setzte den Teller vor ihn hin. Er versuchte es bei dieser Gelegenheit, sie in die Wange zu kneifen. Sie schlug ihm aber auf die Hand, daß es klatschte. Er blickte sie zärtlich an und lachte. Herr Godefroy sagte leise zu seiner Gesellschaft: »Für sein persönliches Glück ist es offenbar gleichgültig, was er unternommen hat. Größeres oder Kleineres – er wäre jedenfalls derselbe gewesen. Jeder Mensch hat den wichtigsten Teil seines Schicksals in seinem Charakter. Selbst eine solche Betätigung an greifbaren Sachen, wie es das Magazin zum Weltall war, ist nur ein Traum. Der Wille und die Empfindungen sind Alles, die Gegenstände sind nichts.« »Oho!« rief der Vicomte, »wollen Sie vielleicht auch sagen, daß es gleichgültig ist, ob man eine duftende Prinzessin oder eine Maritorne liebt?« »Vielleicht!« lächelte der Akademiker. Die Marquise schmollte: »Was sind Sie für ein abscheulicher Philosoph!« Buonaparte kaute an seinem Käse. Er war wieder in guter Laune: »Pétout, darfst Dich zu mir setzen. Ich will Dir was erklären.« Und mit halblauter Stimme erklärte er seinem treuen Pétout, der ihn immer geliebt und nie verstanden hatte, einen neuen Plan für den Aufbau eines noch viel größeren Magazins zum Weltall. Das Wirtshaus zum Anilin. 1896. Es war ein Mann, der hatte eine zänkische Frau. Sie machte ihm das Leben durch ihre jäh aufspringenden Launen recht sauer. Nun traf ihn das aber härter als andere Männer, deren Hausfrau schilt, weil er nicht nur Professor der Philosophie, sondern auch ein nachdenklicher Mensch war. Ueber alles liebte er den stillen Traum der Arbeitsstube. Wenn er im Dufte der Bücher saß und schrieb oder las, oder in guten Dämmerstunden in das Ferne hinaussann, überfiel sie ihn häufig mit einem törichten Streit. Und wenn ihm seine Stimmung so zerrissen war, empfand er großes Mitleid mit sich selbst und lief aus dem Hause. Da pflegte er sich in seiner Betrübnis mit einem armen Hunde zu vergleichen, der umherläuft und sich nicht zu helfen weiß. Denn er war ungesellig und vertrug den Dunst und die Gespräche um den Biertisch nicht. Kehrte er dann ermattet heim, so begann der Tanz von neuem, oder es gab eine dumpfe Ruhe, in der ihm noch ängstlicher zu Mute war. Wie das zuweilen vorkommt, lehrte er Philosophie und hatte keine. Eines Abends trieb es die Frau Professorin ungewöhnlich arg, und statt sie mit barschen oder lustigen Worten zu bändigen, wie es ein gescheiter Mann getan hätte, rannte der Philosoph auf und davon, entschlossen, ein Ende zu machen. Er wollte geradeaus ins Wasser, da er sich keinen andern Ausweg wußte. Und wie er in seinem Kummer dahinlief, konnte er sich doch nicht enthalten, ein bißchen schadenfroh zu lächeln, wenn er ihr Entsetzen vorausbedachte. Das war eine ebenso schwere als gerechte Strafe, die er durch seinen Tod über sie verhängte. Sie würde in den Gymnasien der Zukunft noch mehr Unwillen erregen, als die Hausfrau des Sokrates. Er malte sich die nächsten Folgen des Ereignisses aus, dem er jetzt kaltblütig entgegenschritt. Auf einen ausführlichen Nekrolog in der Vierteljahrsschrift für philosophische Studien durfte er wohl rechnen. Einen leichten Schmerz empfand er nur bei dem Gedanken, daß man Herrn Schreier aus Jena auf die erledigte Lehrkanzel berufen könnte; denn gerade Herr Schreier wäre ihm als Nachfolger unangenehm gewesen. Aber gleich darauf erkannte er diese eifersüchtige Regung als das, was sie war: als eine Maske des Willens zum Leben, und er schüttelte sie beherzt ab. Wenn Philosophen sterben gehen, so blicken sie groß und gefaßt auf Alles, sogar auf die mögliche Nachfolgerschaft eines Menschen wie Schreier. Der Professor wandelte schnell und sicher durch die Nacht, wie Jemand, der seinen Weg genau kennt. Draußen vor der Stadt gab es am Strom eine Gegend, welche von jeher bei Selbstmördern beliebt gewesen, und sie hatte im Volksmunde den Namen »das letzte Ufer«. Dort war der Fluß an einer scharfen Biegung besonders reißend. Wer sich dort ins Wasser begab, der kam nicht wieder. Heitere Spaziergänger mieden das letzte Ufer, und auch der Professor besann sich jetzt, daß er schon seit Jahren nicht hiehergekommen war. Er bemerkte das an einer großen Fabrik; er konnte sich nicht erinnern, dieses Gebäude mit den hohen Schloten in früherer Zeit hier gesehen zu haben. Weiter unten, dicht am letzten Ufer, stand noch ein Haus, das ehemals nicht dagewesen, und vor seinem Tore flackerte trüb das Licht einer Laterne. Bei deren Scheine las der Professor die Inschrift eines Schildes: »Wirtshaus zum Anilin«. Jenes große Gebäude war also eine Fabrik der Farbstoffe. Indem der Professor dies feststellte, wunderte er sich zugleich über die Aufmerksamkeit, die er in einem solchen Augenblicke den gewöhnlichsten Dingen zuzuwenden vermochte. Er gab sich unverzüglich die Erklärung: der bedeutende Augenblick erhebt alles Umgebende zur Wichtigkeit. Und nun stand er am Ufer. Das Bild war düster und groß. Oben hinter den jagenden Wolken ab und zu ein weißer Schein, dort die dunkle Masse der Fabrik mit den Rauchminarets und hier unten die dumpf rauschenden Wellen – sein Grab. Er bog sich vor ... Da rief die Stimme eines Unsichtbaren: »Sie! Die gute Stelle ist weiter abwärts.« Der Professor schrak zusammen, dann ermannte er sich, lugte schärfer aus und gewahrte den Mann, der auf einem Baumstumpfe saß und seine Pfeife rauchte. »Wovon sprechen Sie, mein Bester?« »Ich dachte, Sie wollten sich ersäufen.« Der Professor war durch den Ausdruck verletzt. »Ersäufen!« murmelte er, stellte es aber nicht förmlich in Abrede, fügte nur hinzu: »Und was tun Sie hier?« Der andere blies in seine Matrosenpfeife, daß die Funken stoben, und erwiderte behaglich: »Ich fische Menschen.« Den Selbstmörder überlief eine Gänsehaut. Er sagte entrüstet: »Das ist ein sauberes Handwerk!« »Nicht das ärgste!« »Und was fangen Sie mit – mit den Menschen an?« »Ich verwende sie auf verschiedene Weise.« »Ich meine, wohin liefern Sie die – die Menschen?« Der Professor empfand eine Scheu vor dem eigentlichen Worte. »Wohin?« lachte der Unheimliche; »das sage ich Ihnen erst, nachdem Sie mir Ihr Leben geschenkt haben.« »Mein Leben!« »Ja, Sie wollten es doch grade wegwerfen. Es ist also etwas Wertloses.« »Woher wissen Sie, daß ich es wegwerfen wollte?« »Hören Sie, Mann«, rief der Fischer grob, »seien Sie doch bei einer solchen Gelegenheit ehrlich. Sonst muß ich Sie für einen Hanswurst halten und bedaure, Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben.« »Ich gestehe, daß ich allerdings ...«. stammelte der Professor eingeschüchtert. »Nun schenken Sie mir es?« »Verzeihen Sie, das geht denn doch nicht. Sie könnten von mir Handlungen gegen Ehre und Sittlichkeit verlangen.« »Der Einwand läßt sich hören. Sie scheinen demnach ein anständiger Mensch zu sein. Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag: schenken Sie mir diese Nacht. Sie können ruhig sein, das Wasser ist morgen früh auch noch da. Wenn Sie wollen, können Sie dann schlafen gehen. Kommen Sie jetzt in mein Wirtshaus!« »Wer sind Sie?« »Ich bin der Wirt vom Anilin.« Und schon hatte er sich erhoben und stampfte in schweren Stiefeln voraus, ohne sich einmal umzusehen. Der Professor ging willenlos hinter ihm her. Unter der trüben Laterne traten sie in das Haus. Eine dunkle, schmutzige Vorhalle, in der es stark nach Teer roch. Der Professor schnupperte ein wenig. »Das ist Teer«, sagte der Wirt erklärend. »Ich bemerke, daß es keine Rosen sind. Das schleppen wahrscheinlich die Arbeiter von der Fabrik herüber.« Sie waren in die niedere blanke Gaststube eingetreten, in der ein Kellner hinter dem Schanktisch schlummerte. Da war es hell. Der Wirt sagte: »Sie wissen also, woraus man das Anilinöl herstellt? Der Teerduft kommt übrigens aus meinem Laboratorium. Ich destilliere selbst.« »Sie destillieren – Schnaps?« »Nein, leichte und schwere Oele und dergleichen; nur zu meiner Unterhaltung ... Aber wollen Sie nichts essen?« »Danke, ich komme vom Speisen.« »Ein Satter?« sprach der Wirt wie für sich; »komplizierterer Fall.« Der Professor blickte immer erstaunter drein. Er musterte diesen freundlichen Raum und den sonderbaren Hausherrn, der sich schwer auf einen ächzenden Stuhl geworfen hatte. Es war ein großer, starker Mensch in der plumpen Tracht eines Strandfischers. Die Stiefel reichten beinahe bis zur kurzen Jacke hinauf. Er hatte schöne Hände, deren Haut aber an den Fingerspitzen von Säuren zerfressen war. Durch den dichten braunen Bart zogen sich einzelne Silberfäden, die Stirne war hoch, die Augen eigentümlich glänzend. Jetzt schmunzelte der Beobachtete: »Nun wissen Sie vielleicht schon, mit wem Sie es zu tun haben?« »Offen gestanden, keine Ahnung«, erwiderte der Professor. »Aber wenn Sie mir ein Glas Wein geben und mich in ihr Laboratorium führen wollen, so werden wir einander vermutlich kennen lernen.« »Gut, Wein gibt es auch in meiner Werkstatt, natürlich echten, gepreßt aus wirklichen Trauben.« Das Laboratorium war eine durch verschiebbare Eisentüren geteilte, große Halle. Die Hälfte eine chemische Küche mit großem Herd, Retorten, Tiegeln, Flaschen, Gläsern und vielerlei wunderlich geformtem Gerät; die andere Hälfte das weiche bunte Nest eines Künstlers mit Büchern, Bildern, Bronzen, Marmorstatuetten, Seidenteppichen, Waffen und Blumen. Der Wirt stellte eine Flasche Rheinwein hin, lud zum Trinken ein, ging aber dann an den Herd, machte Feuer unter einer Blase und schien seinen Gast allmählich zu vergessen. Dieser trank ein Gläschen und durchforschte die Kunstschätze des seltsamen Ortes. Vor einer reizenden Kopie der Gioconda des Lionardo hielt er lange still; hierauf entzifferte er mit Vergnügen die Inschrift eines verwitterten römischen Grabsteines, der in einer Ecke stand, endlich geriet er zwischen die alten Bücher und schwelgte. Es waren vielleicht Stunden vergangen, als ihn der Hausherr anrief: »Langweilen Sie sich nicht?« Da erst fiel ihm wieder ein, wie weit er vom Zweck seines Ganges nach dem letzten Ufer abgekommen war. Nun schritt er hinüber in die chemische Werkstatt, und er blickte fragend. »Ich jage Wasserdämpfe durch diese träge Masse«, sagte der Wirt gleichsam als Antwort. »Der Dampf nimmt die leichten Oele mit, und ich fange sie dann auf. Ist es nicht eine zarte Vorstellung, etwa wie ein Elfentanz? Ah, für viel geringere Künste, als ich sie da treibe, als sie jeder kleine Student der Chemie treibt, wäre man in voriger Zeit als Hexenmeister verbrannt worden. Welch ein Wunderreich ist die organische Chemie.« »Fischer, Wirt, Alchymist, wer sind Sie endlich?« Es kam keine grade Erwiderung: »Die Alchymisten waren närrische oder niedere Bursche. Gold! Was ist das für ein pöbelhafter Traum. Wir suchen jetzt etwas Anderes in der Retorte: Brot – oder auch ein Gold, wenn es Ihnen so gefällt, das Gold, das jetzt nur in den blonden Aehren ruht. Wer das findet – er steht vielleicht in dieser Nacht irgendwo in der Welt an einem Herd wie meiner da, vielleicht werde ich selbst der glückliche Mann sein, vielleicht wird er erst in hundert Jahren geboren – aber wer das findet, der wird das Antlitz der Erde und die Schicksale aller Menschen verändern. Das Geheimnis schlummert noch in einem Stoff, den wir gewiß kennen, an dem wir vorübergehen. Ein Zufall, ein Genieblitz oder eine Ungeschicklichkeit kann einmal die Verbindung herbeiführen ... Leben, nur leben. um das noch zu sehen!« »Man sollte demnach«, sagte der Professor, »aus Neugierde, oder, höher, aus Lust an der Erkenntnis leben? Aber Sie vergessen: Qui auget scientiam, auget et dolorem.« »Und wenn dem so wäre«, rief der Wirt, »ist es schön und tragisch, über die eignen Schmerzen hinwegzugehen, hinauf. Nur die Kanaille denkt an ihr Behagen. Wer ein Mensch ist, will und soll erkennen, und er klärt sich im Leiden. Wer sind Sie, mein lieber Gast?« »Ein Lehrer der Philosophie.« »Und Sie wollten ins Wasser gehen? Ich kenne Ihre Gründe nicht, aber um Ihnen Mut zu machen, daß Sie sich mir anvertrauen, werde ich Ihnen zuerst meine Geschichte sagen. Auch ich bin einmal, wie Sie, an dieses letzte Ufer heruntergekommen. Ich hatte mein Leben bis zur Ermüdung dumm geführt. Ich war reich, übersättigte mich an allen Genüssen und hatte schließlich den Ekel bis da hinauf. Spleen, schwerste Form; also weg damit. Als ich an den Fluß kam, in der Abendstunde, verließen eben die Arbeiter die Fabrik. Wie ich diese erschöpften Gestalten vorüberziehen sah, empfand ich plötzlich das Bedürfnis, ihnen wohlzutun. Ich verteilte meine Barschaft unter sie, und da sich ihre Gesichter aufheiterten, war es mir leid, daß ich nicht mehr bei mir hatte. Mein ganzes nutzloses Vermögen hätte ich armen Leuten zuwenden sollen, schon damit es nicht an einige meiner Verwandten falle, die davon einen ebenso schmählichen Gebrauch machen würden, wie ich selbst. Mit einem der beschenkten Arbeiter geriet ich in ein Gespräch. Ich ließ mir seine persönlichen Verhältnisse und den Lohnzustand sowie die Arbeitsart erklären. Ich lauschte dem armen Manne gerührt wie Einer, der Abschied nimmt. Was es in einer solchen Fabrik Alles gibt: Menschliches, Technisches! Und diese war besonders merkwürdig. Hier wurden Abfälle verarbeitet, mit denen man früher nichts anzufangen wußte. Die Gasfabriken ließen ehemals den Teer wegwerfen, man zahlte sogar für das Fortschaffen des übelriechenden Bodensatzes. Da wurde eine Methode entdeckt, wie man den Teer verarbeiten kann. Und siehe, jetzt wird aus dem verachteten Stoffe vielerlei Nützliches und Wertvolles gewonnen. Das Anilin ist nur eines dieser Erzeugnisse. Mir fiel aber in der einfachen Erzählung des Arbeiters der Gegensatz auf, daß die schönen freudigen Farben aus dem Teer herausgenommen werden, daß sie daraus sozusagen hervorblühen. Und das Ganze wurde mir zu einem ergreifenden Gleichnis. War nicht auch mein Leben, das ich wegschleudern wollte, ein solcher Fabrikationsrest, aus dem sich vielleicht noch Gutes ziehen ließ? Und wie ich erschüttert weitersann, brach in mir die frühere spöttische, feige und düstere Weltanschauung zusammen, und etwas Neues stieg herauf, das freilich Jahre brauchte, bis es so fest und heiter wurde, wie es heute ist. Statt mich umzubringen, baute ich hier mein Haus und nannte es erinnerungsvoll und hoffnungsvoll: »zum Anilin!« Meine Bekannten, denen es nicht eingefallen war, mich für verrückt zu halten, so lange ich meine Tage und Nächte verliebelte, verspielte und versoff, meine Bekannten fanden zwar, daß ich ein Narr sei, als ich anfing, in mein Leben einen Sinn zu legen. Aber das Urteil ist ungemein leicht zu tragen, wenn man nur in seinen eigenen Schuhen steht. Und ich pflege hier nicht nur der stillen Forschung, ich wirke auch weit hinaus in ferne Kreise durch meine Tat.« »Welche Tat?« »Ich fische Menschen, mein lieber Gast – bevor sie in das Wasser gefallen sind. So habe ich dem Flusse schon manchen Kadaver abgerungen und daraus etwas Tüchtiges gemacht. Mancher ist mir zu einer wahren Pracht gediehen. In ihrer tiefsten Verzweiflung nehme ich die Menschen und knete sie um ... So, du willst dich töten? Gut, gut, ich rate dir nicht ab. Ich sage nur: warte noch ein Weilchen und arbeite einmal mit deiner Verzweiflung. Denn die Verzweiflung ist ein kostbarer Stoff, aus dem sich die herrlichsten Dinge erzeugen lassen: Mut. Selbstverleugnung, Statthaftigkeit, Aufopferung ... Und in jedem einzelnen Falle fand ich für das gerettete Leben eine Verwendung. Den Störrigsten empfahl ich, ihren Untergang in einer großen Aufgabe zu suchen, und die haben es am weitesten gebracht. Was die gemeinen bequemen Leute nicht wagen, das wagen meine Leute. Wo der Berg am steilsten ist, dort klettern meine Jungen. Es geht dabei nämlich immer hinauf ... Nun, sagen Sie selbst, ist das nicht ein guter Inhalt für ein Leben? Dem Meere ein Stück Land abringen, ist noch nicht das Höchste. Höher ist, was ich mit Bewußtsein schaffe. Und blicke ich zurück in die Vergangenheit, so meine ich, daß alle großen Menschen der Geschichte einmal am letzten Ufer waren und umkehrten, damit ihre Verzweiflung Früchte trage. Alle Erfinder, Propheten, Helden, Staatsmänner, Künstler – auch alle Philosophen. mein lieber Gast, denn man philosophiert nie höher, als wenn man dem Tod ins Auge geschaut hat ... Blicken Sie da zum Fenster hinaus! Schon neigt sich die rosenfingrige Eos über den blassen Strom. Es wird ein holder Morgen. Wollen Sie noch? ...« »Nein«, sprach der Professor; »und ich schäme mich, zu sagen, warum ich es wollte. Leben Sie wohl, mein lieber Wirt, haben Sie Dank!« Er trat zum Hause hinaus. Ja, es lag ein rosiger Hauch auf dem letzten Ufer. Und der Philosoph ging mit einem Lächeln im Gemüte heim zu seiner Xanthippe.