Friedrich Hebbel Michel Angelo Ein Drama in zwei Akten 1855 Personen:         Michel Angelo Buonarotti, Raphael Sanzio, Bramante und Sangallo, Künstler Papst Julius Der Herzog. Pancrazio, sein Haushofmeister . Pandulpho, ein Archäolog . Ein Diener des Michel Angelo . Volk . Darunter: Matteo und Battista, römische Bürger . Onuphrio, ein Geizhals . Orsini, ein junger Nobile . Prospero, ein junger Künstler . Annunziata, eine junge Bettlerin . Ein Arbeiter. Giovanni, Bandit . Eine junge Fruchthändlerin. Ein Mönch. Ein Knabe. Signora Julia. Kinder . Zwölf Schüler des Michel Angelo . Zwölf Schüler des Raphael Sanzio . Ort der Handlung: Rom . Erster Akt             Zweiter Akt Erster Akt. Atelier. Michel Angelo steht vor seiner Statue des Jupiter, den Meißel in der Hand. Michel Angelo . Nun bist du vollendet, mein Meisterstück, Und ich genieße mein höchstes Glück, Das Glück, zu wissen, warum ich geschlitzt Und mich so viele Tage erhitzt! Wie lange wohl? Nun, bis der Nächste kommt! Ich weiß ja längst, wie dies mir frommt. Wenn das ein Freund, ein Bewunderer ist, So glotzt er, wie gen Himmel der Christ, Er wagt um Gottes willen kein Wort, Er nickt und nickt und schleicht sich fort. Da denk' ich: dem fällt ja gar nichts ein, So blieb dein Jupiter wohl ein Stein! Ist's aber der Herr Gevattersmann, Der alles weiß, weil er gar nichts kann, So bin ich gewiß, daß der entdeckt, Ein Cupido habe im Block gesteckt. Da wünsch' ich: wär' der eitle Gauch Doch kritisch beim Essen und Trinken auch, Dann stürbe er sicher den Hungertod, Bevor er noch rezensiert das Brot! Und wer von den beiden der erste sei: Mit meinem Spaß ist's stets vorbei! Drum riegle ich die Türe zu,     (Er tut's.) Für heute brauch' ich etwas Ruh'! Was will der verfluchte Meißel noch!     (Er wirft ihn weg.) Es ist genug! Mit dir zu Loch! Ich darf mir selbst nicht zu viel traun, Ich könnte einmal um mich haun, Und hätt' ich dich dann in der Faust, So gäb's, wovor der Themis graust, Ja, weil ich einen Floh geknickt, Würd' ich wohl gar von ihr erstickt. Das ist doch ein besondres Ding! Jüngst, wie ich in der Nacht so ging, Ich kam von einem lust'gen Schmaus Und paßte noch nicht ganz fürs Haus, Da setzte ich am Tiberstrom Die Kuppel auf Sankt Peters Dom, Es wurde mir auf einmal klar, Was mir so dunkel gewesen war, Ich rief: Ja wohl, so muß es gehn, Aus diesen Füßen wird sie stehn! Und was geschah? Ein feiger Molch Kam währenddem mit seinem Dolch Und stieß nach mir, er traf mich nicht, Ich aber packte den schnöden Wicht. Hund – rief ich – niederträchtig Tier, Jetzt räch' ich nicht mich allein an dir, Du fielst ein ganzes Heer hier an Und ich bin leicht der schlechteste Mann! Ich dachte an das, was noch in mir steckt Und schon zum Teil die Glieder reckt. Nun gab ich ihm denn Schlag für Schlag, So gut mein Arm nur dreschen mag: Der kommt von Christus – rief ich dabei – Und Moses schickt dir diese zwei; Die Tritte sind für's Jüngste Gericht, Herr Adam spuckt dir ins Angesicht, Die Ohren reißt die Sibylle dir ab, Und ich, ich werf' dich ins Wassergrab! Ich tat's, und lachte hinterher, Doch, wenn's nun anders gekommen wär'? Mir geht mein größter Gedanke auf, Doch eh' er noch Tat wird, vertritt mir den Lauf Der niedrigste Bube, stößt herzhaft zu Und schickt ihn mit mir in die ewige Ruh'. Zwar packt man ihn später – wie lächerlich! Ich für den Hund, der Hund für mich!     (Er tritt wieder vor die Statue.) Zurück zu dir, du Schmerzenssohn! Ich will gar keinen andern Lohn, Als dir ins Angesicht zu sehn, Auch das wird nur noch heut geschehn! Denn morgen fang' ich wieder an, Und wenn ich erst was Neues begann, So ist das Alte nicht mehr da, Wie's mir ja auch bei dir geschah. Der Künstler, auf der Wallfahrt, gleicht Dem Mann, der einen Berg ersteigt. Er ruht sich wohl zuweilen aus Und gönnt den Augen ihren Schmaus, Das gibt denn jedesmal ein Bild, Schön, wie die Aussicht, oder wild, Gleich aber heißt es: weiter fort, Zum Weilen ist hier nicht der Ort, Und was ihm auch ein Gott verlieh, Den Gipfel, den erklimmt er nie, Er weicht, wie der Himmel, vor seinem Blick, Je höher er dringt, je weiter zurück. Selbst Phidias sah ihn sicherlich So endlos weit noch über sich, Wie ich den Phidias über mir, Obgleich er droben steht, ich hier. Er hat sich ganz gewiß geplagt Und selbst vorm Zeus zu sich gesagt: So blickt er, wenn er sinnt und sitzt, Doch wie wohl, wenn er steht und blitzt? Ich ließ den meinigen dafür stehn, Nun möchte ich ihn sitzen sehn, Und weil sich beides nie vereint, So hat ein leichtes Spiel der Feind, Er fragt nach dem, was eben fehlt, Und das, was da ist, wird verhehlt! Der Diener (klopft) . He, Meister Michel, kommt heraus! Michel Angelo . Was gibt's denn draußen? Brennt das Haus? Der Diener . Nicht doch! Nicht doch! Ihr habt Besuch! Der Herzog selbst! Michel Angelo .               Da ist der Fluch!     (Gegen die Statue.) Gute Nacht! (Er zieht einen Vorhang vor.)                     Und Moses, guten Tag! Der Diener . Macht auf! Michel Angelo (noch immer mit dem Vorhang beschäftigt) .                                 So schnell man eben mag ! Gar wüst und grauslich ist es hier. Der Herzog (von außen) . Wär' mir's nicht recht, käm' ich zu dir? Michel Angelo (prüfend, ob die Statue auch ganz bedeckt ist.) So, Herr Patron? Dies büßest du! – Doch wie? Ich bringe ihn dazu, Den da zu kaufen! Aber – ich weiß, Daß er nur kauft, was sein Geheiß Ins Leben rief! Ei nun, so soll Er ihn bestellen! Klingt's auch toll: Ich kenne den Weg zu diesem Ziel Und habe nicht einmal ein schweres Spiel. Er will ja stets das Gegenteil Von dem, was ich, und mir zum Heil Hat sich's auch glücklich so geschickt, Daß keiner noch meinen Zeus erblickt!     (Er öffnet mit tiefer Reverenz.) Verzeiht mir, Herr, daß ich gesäumt! Der Herzog (tritt ein und sieht sich spöttisch um) . Hier also ward erst aufgeräumt? Ei, Michel, Michel, sag' mir an, Wie beides sich nur vertragen kann: In deinem Kopf ist alles rund, In deiner Werkstatt kunterbunt! Stört das dich nicht in deiner Kunst? Michel Angelo . Ich denk' darüber, mit Vergunst: Die Sterne haben zwar ihre Bahn, Der schnöde Sand rollt ohne Plan, Drum frage ich nicht viel darnach, Wie's bei mir stehen und liegen mag, Die Ordnung, mein' ich und bleibe dabei, Beginnt erst an der Staffelei! Der Herzog . Dem Raphael machte das sicher Qual! Michel Angelo . Ich weiß, der braucht das Lineal Sogar, wenn er beim Essen sitzt Und an der Käserinde schnitzt, Er legt sein Brot nach einem Riß, Und mathematisch ist selbst sein Biß! Der Herzog . Der Raphael rühmt und preist dich oft! Michel Angelo . So? Ei, das hätt' ich kaum gehofft! Nun ja, auch ich bin da, es geht, Solange nur er nicht neben mir steht! Der Herzog . O nein . Ganz anders! Ich hätt' es gern, Daß er dich zauste, denn wenn ihr Herrn Einander tadelt, so lernt man was, Er aber sagt – Michel Angelo .       Erlaßt mir das! Ich kann nun einmal, vernehmt's mit Huld, Ich kann sie nicht zahlen, diese Schuld! Der Herzog . Doch wie – Ich seh' ja nichts bei dir? Michel Angelo . An der Bestellung fehlt es mir! Mit Pinseln hätt' ich genug zu tun, Mich aber zieht's zum Marmor nun, Und eh' ich den Christus beginnen kann, Frag' ich natürlich: bringst du ihn an? Der Herzog . Du einen Christus? Michel Angelo .                             Warum denn nicht? Was stiert Ihr mir so ins Gesicht? Der Herzog . Dann ward die Absolution Dir wohl versagt? Ich ahn' es schon! Ja, weil du den Silen gemacht, Ward dir die Strafe zugedacht, Auch dem Gekreuzigten im Stein Ein Opfer deiner Kunst zu weihn! Das ist der Kirche erster Scherz. Michel Angelo . Ihr irrt, mich treibt allein mein Herz! Mir ekelt's jetzt vorm Heidentum, Ich werb' um einen höhern Ruhm, Ich möchte, daß der Herr der Welt Am jüngsten Tag, wenn's ihm gefällt, Mir auch ein wenig freundlich sei, Drum mache ich sein Konterfei. Ich zeig' den Menschen sein bittres Leid, Das macht sie vielleicht zur Buße bereit, Und bring' ich ihm irre Lämmer zurück, So gönnt er mir wohl einen Blick. Hatt' ich den Jupiter aufgestutzt, Die Venus neu herausgeputzt, Was hülf es mir? Das Volk ist tot Und zieht mich nimmer aus der Not. Nein, an den Heiland halt' ich mich! Der Herzog . Du sprichst ja fast, als wärst du ich. Michel Angelo . Wieso? Der Herzog .                   Als hätt'st du den Beutel voll Und ich die Werkstatt! Bist du toll? Ich dachte bisher, ich sei der Mann, Der wählen und bestellen kann! Michel Angelo . Ei, freilich! Der Herzog .                         Nun, so sag' ich dir: Dein christlich Wesen widert mir, Dein Heiland wäre nie mein Kauf, Dir trüg' ich höchstens den Satan auf! Michel Angel . Viel Ehre! Der Herzog .                     Nur dem Raphael Zeigt sich der Himmel klar und hell, Du weißt nur in der Hölle Bescheid, Dort ist dein Platz in Ewigkeit! Und kurz, ich will, daß du mir machst, Was dir so ekelt, damit du erwachst Aus deinem trüben, kranken Wahn Der dich verstört auf deiner Bahn! Michel Angelo . Was denn? Der Herzog .                         Was Heidnisches, du hörst! Michel Angelo . Nicht gern! Der Herzo g.                         Je mehr du dich empörst, Je fester richt' ich drauf den Sinn! Michel Angelo . Ihr wißt, daß ich kein Krösus bin. Der Herzog . Wohl dir! Du gingest sonst zugrund, Ich aber mach' dich wieder gesund. Michel Angelo . Ich werde tun nach Eurem Gebot, Doch beuge ich mich nur aus Not. Sagt mir denn näher, was Ihr wollt: Die Venus? Der Herzog .       Sind dir die Weiber hold? Nein, du bist viel zu reckenhaft, So sieht nicht aus, wer Schönes schafft! Michel Angelo . Ich beug' mich nochmals in Geduld, Doch bitt' ich Euch um eine Huld: Bestellt, was Euch beliebt, nur nicht Den Jupiter, der Euch gebricht! Der Herzog . Den will ich just! Der muß es sein! Das ist doch natürlich! was fällt dir ein? Von allem, was den Olymp bewohnt, Fehlt mir nur der, der droben thront! Ich habe die ganze Götterschar, Ich habe die arme Juno gar, Die sieht in ihrer Witwen-Qual Schon längst sich um nach dem Gemahl – Michel Angelo . Ich weiß! Der Herzog .                     Und dennoch weigerst du Mir deinen Dienst? Michel Angelo .             Jetzt laßt mir Ruh'! Mich schreckt der Zeus des Phidias. Der Herzog . Für diesen hätt' ich kein Gelaß. Ich hab' zwar manch geräumig Schloß, Doch wo wär' Platz für den Koloß? Nun, willst du? Schaffst du mir den Zeus? Ich zahle dir jedweden Preis! Michel Angelo . Muß ich nicht? Ist zu kühn die Tat: Ihr seid's, der mich gezwungen hat! Der Herzog . Dies Zeugnis geb' ich willig dir! Michel Angelo . So sei denn Phidias über mir! Ihr wollt doch einen, welcher sitzt? Der Herzog . Nein, einen, welcher steht und blitzt! Zum Stehen bedarf's des Mannes bloß, Zum Sitzen des Riesen, der bergegroß Gleich aus dem Felsen gehauen ist; Wie nur ein Künstler das vergißt! Michel Angelo (für sich) . Das hab' ich ihm einst selbst gesagt! Wie ihm das Widerkäuen behagt! Er hetzt mich mit dem eignen Hund. –     (Laut.) Was Ihr bemerkt, hat wirklich Grund, Ich stimme bei, wir sind am Ziel! Der Herzog . Nie hatte ich noch ein bessres Spiel Mit deinem Brausen, trotzigen Sinn. Michel Angelo . Ihr seht, wie ich herunter bin! Doch so sehr bin ich es noch nicht, Daß mir's schon ganz an Stolz gebricht: In meine Werkstatt tretet Ihr Erst, wenn ich rufe! Der Herzog .                   Du herrschest hier, Wie ich da draußen, und in dein Reich Fall' ich nicht ein, rebellengleich! Michel Angelo (für sich) . So arbeite ich am Moses jetzt Und zeige ihm den Zeus zuletzt! Der Herzog . So fange denn beizeiten an! Michel Angelo . Ich werd' mich beeilen, so sehr ich kann, Denn nach dem Christus sehn' ich mich! Der Herzog . Für viele Jahre brauch' ich dich! Mit dem ist's nichts! – Du kommst ja wohl? Michel Angelo . Wohin? Der Herzog .                   Ei, morgen! Aufs Kapitol! Ich lasse graben! Michel Angelo .           Da wünsch' ich Glück! Der Herzog . Die Erde birgt noch manches Stück! Sie schickt euch Lehrer von Zeit zu Zeit, Wärt ihr nur auch zum Lernen bereit! Ach, die Antiken stehn so nur auf! Michel Angelo . Es liegt nicht in der Dinge Lauf, Daß etwas heut erst geschaffen sei Und tausend Jahre alt dabei! Der Herzog . Was meinst du? Wenn mein Jupiter dort Gefunden würde? Michel Angelo .             Nehmt mein Wort: Dann führ' ich meinen gar nicht aus! Der Herzog . Ich glaub's! Du fürchtetest den Strauß! Doch das ist Spaß! (Er geht.) Michel Angelo (ihn begleitend) . Wer weiß, wer weiß!     (Er kehrt zurück.) Verfluchtes, windiges Geschmeiß, Das uns mit der Antike quält, Bloß, weil sie viele Jahre zählt, Das gar nicht ahnt, worin es steckt, Daß sie den Größten am meisten schreckt, Verdientest du nicht – – – Ha, es sei! Man kommt ja leicht von eins auf zwei, Und da mir das erste so gut gelang, Ist mir auch nicht ums andre bang! Oft hab' ich mir's schon ausgedacht, Jetzt sei der Anfang gleich gemacht!     (Er zieht den Vorhang von der Statue wieder zurück.) Du sollst heut nacht zu Grabe gehn Und morgen wieder auferstehn! Doch richten wir dich erst würdig zu, Bevor du eingehst in die Ruh! Wir bräunen dir zunächst die Haut, Weil's Archäologen vorm Weißen graut! Die Kunst ist Gott sei Dank nicht schwer, Die Farbe gibt der Schornstein her. Dann schlagen wir noch den Arm dir ab. Denn einen Torso will das Grab, Auch brauch' ich den zu guter Letzt.     (Er ruft.) Pietro! – Das tut der Diener jetzt, Und so gewiß es irgend ist, Daß du kein Werk der Griechen bist, So sicher erklären sie dich dafür Und weisen mir durch dich die Tür! Dann aber – doch, das findet sich! Ja, ja, Herr Herzog, Sie sehen mich! (Ab.) Zweiter Akt. (Ausgrabung auf dem Kapitol. Viel Volk.) Battista . Eins ist und bleibt doch höchst kurios! Matteo . Was denn? Battista .                   Daß unsrer Erde Schoß Uns niemals Gold und Silber zeigt. Matteo . Ich bin den Steinen auch geneigt. Battista . Ei freilich, freilich, sie haben Wert Und werden darum mit Recht verehrt, Da stimm' ich bei, ich meine nur, Man sieht da was von einer Spur, Daß die Barbaren – Matteo .                           Was hältst du ein? Battista . Sie können nicht Esel gewesen sein! Sie nahmen das Beste mit sich fort Und ließen nur die Blöcke am Ort. Matteo . Die holen sie jetzt zu unserm Glück Und bringen das Geld dafür zurück! Battista . Doch nur die Franzosen. Sprich: Denkst du dir nicht Die Deutschen mit einem behaarten Gesicht, Mit einem natürlichen rauhen Fell Und einer Stimme, wie Hundegebell? Ich meine die alten, von denen es heißt, Daß sie – (Er macht die Bewegung des Hauens.) Matteo .           Was du nicht alles weißt! Annunziata (zu Battista) . Ach, edler Herr, erbarmt Euch mein! Battista . Warum muß ich's denn grade sein? Annunziata . Ach, Herr, ich bin in bittrer Not, Drei Tage lang kein Bissen Brot! Battista (nestelt an seinem Beutel) . Nun, das ist hart. Annunziata .               Gott weiß, wie sehr! Und wenn ich's nur noch alleine wär'! Doch Vater und Mutter hungern mit mir. Battista (knüpft den Beutel auf) . Die leben noch? Annunziata (zeigt auf drei zerlumpte Kinder, die, wie sie beim Umblicken bemerkt, zufällig hinter ihr herkommen, denen sich aber, wie sie nicht mehr bemerkt, bald noch ein halbes Dutzend zugesellen.)                             Ach, und die Kinder hier! Battista . Auch die sind dein, so jung du bist? Das nenn' ich Segen! (Er greift in den Beutel.) Annunziata .                     Mein Gatte ist Ermordet worden! Battista .                       Wie viele denn nur?     (Er zieht Geld hervor.) Annunziata . Ach, alle! Matteo .                         Verfluchte Kreatur, Mein eigner Enkel ist mit dabei! Annunziata (sieht sich wieder um) . So? – Nun, ich meinte diese drei! Matteo . Heran, ihr Buben! Annunziata (fortlaufend) .     Du Klumpen Speck! Matteo . Nicht eins gehört ihr! Battista .                                   Das nenn' ich keck! Matteo . Drei Tage hungern! Wär fände denn nicht In einem Kloster ein schmales Gericht! Nur, wer sich in keins mehr hineingetraut. Battista . Es gibt doch manch verwünschtes Kraut! Aus Mitleid bestimmte ich ihr dies, Weil Gott mich noch nicht fasten ließ, Als wenn's auch der Papst und der Kaiser tut.     (Zu Onuphrio.) Nimm, Alter! Onuphrio .             Herr! (Wirft ihm das Geld vor die Füße.) Battista (hebt's wieder auf) . Gerätst du in Wut, Weil ich dir was schenke? Onuphrio .                                 Zum Teufel mit Euch, Was, seh ich einem Bettler gleich? Sprach ich Euch an? Battista .                           Nicht mit dem Mund, Doch mit dem Rock! Drum kauft zur Stund' Euch einen neuen, wenn Ihr nicht wollt, Daß man Euch herzliches Mitleid zollt. Matteo . Ein reicher Filz! Ich kenn' ihn wohl, Er schacherte früher am Kapitol. Battista . Almosen steck' ich nicht wieder ein, Die Münze soll des Nächsten sein. Ein Arbeiter (in der Grube) . Ein Fund! (Reicht eine Lampe herauf.) Pancrazio .       Mir her! Durch meine Hand Geht alles zuerst wie euch bekannt.     (Er nimmt die Lampe.) Eine köstliche Lampe, in der Tat, Was die wohl einst beschienen hat! Pandulpho (nähert sich) . Wie edel die Form, wie sicher der Schwung! Wer sähe sie ohne Begeisterung! Erlaubt Ihr? Nur für einen Kuß! Pancrazio . Nein! Oculis, non manibus! Pandulpho . Neidhart! Verfluchter! Er weiß recht gut, Daß nichts mir so erwärmt das Blut, Als zu berühren, was tausend Jahr Im Schoß der Erde verborgen war. Der Arbeiter (in der Grube) . Noch eine! Pandulpho (drängt sich durch) .                   Die ergreife ich! (Tut's.) Pancrazio . Herr, Herr! Pandulpho (gibt sie zurück) . Da ist sie! Nun strafet mich, Herr Haushofmeister: so grimmig Ihr seid, Ich bleibe der erste in Ewigkeit! Battista (zu Matteo) . Siehst du nun was Besondres daran? Matteo . Ich bin ein unstudierter Mann! Man muß in Bologna gewesen sein, Um so am Rost sich zu erfreun! Pandulpho (zu Pancrazio) . Doch wär't Ihr gescheit, so gäbet Ihr mir Sie mit nach Hause, dann wüßtet Ihr In einigen Monden, woher sie stammt, Und ob sie vielleicht dem Horaz geflammt. Nun, kommt der Herzog, so bitt' ich ihn, Er hat mir schon ähnliche Gnaden verliehn! Giovanni (tritt zu Pandulpho hastig heran, packt seinen Arm und führt ihn beiseite) . Herr, wollt Ihr eine? Pandulpho .                       Wer bist du, Freund? Giovanni . Von jedem, der so fragt, ein Feind! Sprecht, sprecht, ich liefre Euch, was Euch gefällt, Die alte Ware für neues Geld! Geht ins Museum und sucht Euch aus, Ich folg' Euch, Ihr nickt mir, ich schaff's Euch ins Haus! Pandulpho . Das wär' gefährlich! Giovanni .                                     Alter Tor, Fehlt dir die Courage? (Zeigt ihm einen Dolch.)                                       So sieh dich vor! (Entspringt.) Pandulpho . Gibt's solche Gesellen? So muß ich auch Kollegen haben, die Gebrauch Von ihnen machen! Die spür' ich auf! – Eine junge Fruchthändlerin . Orangen, frische, guter Kauf! Zwei für den Bajocco! Matteo (tritt zu ihr heran) .     Zwei brauch' ich nicht, Ich esse nur eine! Die Fruchthändlerin (während er sich aussucht und ihr Geld gibt) .                               Mir aber gebricht Die kleine Münze! So bet' ich für Euch Drei Vaterunser!     (Sie verliert sich, das Vaterunser betend, unter der Menge.) Matteo (essend) .         Saftig und weich! Ein Mönch (tritt auf und klappert mit einer Büchse) . Der arme Sünder wird eben geköpft! Geld, Geld zu Messen! Matteo (gibt) .                       Schon wieder geschröpft! Battista (gibt gleichfalls) . Da geb' ich gern! Fällt solch ein Kopf, Stehn unsre fester, sei doch kein Tropf! Kurios, die heilige Kirche erhält, Was jener Filz verschmähte, das Geld! (Der Mönch verliert sich sammelnd unter der Menge; während man ihn noch erblickt, kommt) Ein Knabe . Der Mörder entsprang den Sbirren, ist frei! Battista . War denn kein deutscher Landsknecht dabei? Der junge Orsini . Schämt euch, ihr Bürger, tut eure Pflicht, So braucht ihr die deutschen Söldner nicht. Einst habt ihr die Welt erobert, und jetzt Seid ihr vor den eigenen Mäusen entsetzt Und ruft den Löwen als Katze ins Haus? Pfui, streckt doch selber die Tatze aus! Signora Julia (tritt aus ihrem Hause, ein Diener folgt ihr, sie geht langsam über den Platz) . Der junge Orsini . Signora Julia? Schon Messe-Zeit?     (Er folgt von ferne.) Battista . Ein zweiter Cäsar! Er bringt es weit!     (Deutet auf die Signora.) Da siehst du seine Germania, Sein Rheinstrom ist die Gosse da! Der Arbeiter (in der Grube) . Juchhe! Juchhe! Wir haben Glück! Eine Statue! Pancrazio .           Was? (Guckt in die Grube.)                               Und welch ein Stück! Da muß ich zum Herzog! (Ab.) Pandulpho (drängt sich zur Grube) . Nun gibt es für mich Auf Jahre Arbeit, denn hoffentlich Ist's keine, die Attribute hat! Battista . Gottlob, die Mittagsstunde naht! Bleibst du noch länger? Ich geh' nach Haus, Wie dehnt sich doch ein Morgen aus! So auf dem Buckel den Sonnenschein, Man kann nicht schwerer beladen sein! (Geht.) Matteo . Man sieht's, daß das ein Lombarde ist, Der seinen Magen nie vergißt! Jetzt fortzulaufen! Viele Stimmen .           Seht hin! Seht hin! (Die Statue Michel Angelos wird aus der Grube gehoben und aufgestellt.) Viele Stimmen . Ein Jupiter! Pandulpho .                           Ein schöner Gewinn! Der Pöbel erkennt's auf den ersten Blick Und hat auch recht! Das nenn' ich mir Glück!     (Er tritt vor die Statue hin.) Ein Jupiter! Freilich! Ist bald gesagt! Die Blinden sehen's! Doch weiter gefragt: Ist's griechisch? Ist's römisch? In welchem Stil? Aus welchem Jahrhundert? Auch Kinderspiel? Ein Jupiter! Weisheit! Warum nicht: Ein Statue, der ein Arm gebricht! Prospero . Ein Meisterwerk auf jeden Fall! Pandulpho . Mein Freund, auch das ist leerer Schwall! Nichts andres geht aus der Erde hervor. Battista . Der Herzog! Prospero .                     Und mit ihm ein ganzer Chor Von Künstlern! Der Herzog tritt mit Gefolge auf. Ihn begleiten unter anderen Bramante und Sangallo . Er betrachtet die Statue. Der Herzog .             Das ist doch wunderbar! Wie ich ihn bestellte! Ganz und gar! Nun wahrlich, ein Meister hat dich gemacht, Doch ich hab' tief, wie er, gedacht. – Was sagt Ihr, Pandulpho? Pandulpho .                               Ein rarer Fund! Der Herzog . Und griechisch? Pandulpho .                               Das bezweifl' ich mit Grund! Nur römisch, doch aus der besten Zeit! Bramante . Gelahrter Herr, da fehlt Ihr weit! So griechisch, wie nur irgend was, Doch nicht aus der Zeit des Phidias. Pandulpho . Warum, Herr Artist? Bramante .                                   Den ersten Punkt Entscheidet mein Auge! Pandulpho .                           Geprahlt und geprunkt! Bramante . Den zweiten: nun, der Künstler wich Ab vom Homer, und sicherlich Hätt' er das nimmermehr getan, Wenn Phidias ihm die beßre Bahn Nicht schon durch seinen Koloß verlegt! Sangallo . Lebendig ist's als ob sich's regt'. Bramante . Und doch gebunden im tiefsten Kern! Der könnte nur wandeln, wie ein Stern. Prospero (für sich) . Der Grieche hat ein Modell gehabt, Wie's jetzt kein Teufel mehr erschnappt. Ich freue mich, daß ich ein Maler bin, Bildhauer haben schlechten Gewinn, Sie tun, was sie können, und dann reißt die     (Er zeigt mit dem Fuß auf die Erde.) Den Rachen auf und verspottet sie! Der Herzog . Ruft mir den Michel Angelo her! (Pancrazio ab.) Bramante . Ich fürchte, dem wird der Weg zu schwer! Der Herzog . Warum? Bramante .                   Nun, wie die Sachen stehn: Ein Meister soll kommen, als Schüler zu gehn! Wie hoch er sich auch immer vermißt, Jetzt wird er sehen, was er ist! Denn dieses Werk ist eigner Art, Hier scheint zum Alten alles gepaart, Was man bei den Neueren Gutes trifft, Gebt acht, das wirkt auf ihn, wie Gift! Der Mann versteht Anatomie: Der Grieche auch, doch zeigte er sie?     (Er befühlt die Statue.) Hier hat das Fleisch noch wieder Haut, Keine Stelle, wo man den Knochen schaut, Doch freilich merkt man's den Linien an, Daß man ihn drunter finden kann, Und so viel Härte soll auch sein, Denn Butter ist Butter, und Stein ist Stein! Sangallo . Ich stimm' Euch bei, Ihr habt ganz recht, Versteh' ich mich auch aufs Reden schlecht, So hab' ich doch einen Blick, wie Ihr, Und wie es Euch dünkt, dünkt's auch mir! Prospero . Was bückt' ich mich vor dem Kerl so tief? Es steht mit ihm ja mehr, als schief! Nun, Mütze, von heut' an schon' ich dich, Will er gegrüßt sein, so grüße er mich! Sein Bettel ist schon aufgedeckt, Wer aber weiß, was in mir noch steckt! Sangallo . Er kommt! Bramante .                 Und drüben der Raphael auch, Nun sehn wir gleich, was Künstlerbrauch. Michel Angelo tritt rechts auf, von seinen Schülern begleitet. Raphael Sanzio tritt links auf, auch von seinen Schülern begleitet. Raphael (Nachdem beide in der Mitte des Platzes zusammengetroffen sind und einander gegenüber stehen.) Ich grüße dich! Michel Angelo .         Ich danke dir! Raphael (bemerkt den Herzog und verneigt sich tief) . Verzeiht, Herr Herzog! Michel Angelo (ebenso) .       Verzeiht auch mir! Der Herzog . Was sagt ihr? Ist euch das Kommen leid? Michel Angelo (zu Raphael) . Sprich du zuerst! Raphael .                     Ich brauche Zeit! Dies Werk – Ich weiß nicht! Michel Angelo (für sich) .               Mein ganzer Plan Kann scheitern an dem! Raphael .                               Es ist dein Ahn, Der es gemacht hat! Du solltest knien! Ich geh'! Michel Angelo (für sich) . Ein Auge ist ihm verliehn! Raphael . Doch freilich kehr' ich wieder zurück, Denn immer bleibt es ein Meisterstück, Und müßt' ich nicht aufs Quirinal, Ich würde verweilen! (Ab mit seinen Schülern.) Der Herzog .                       Nun sag' einmal, Wie siehst du's an, daß so mein Scherz Zur Wahrheit ward? Michel Angelo .               Ganz ohne Schmerz! Der Herzog . Wagst du nun auch noch einen Versuch? Michel Angelo . Ihr habt wohl an einem Zeus genug! Der Herzog . Ich hätte Platz für zwei und drei, Doch frag' dich: kämst du diesem bei? Michel Angelo . Wer weiß! Der Herzog .                       Wer weiß? Michel Angelo .                                     Nun ja, wer weiß? Der Herzog . Am Ende gewinnst du noch gar den Preis? Michel Angelo . Warum nicht? Eh' er am Boden liegt, Glaubt jeder Kämpfer, daß er siegt! Und dieses Werk – Nun, rund herum Stehn Kenner, wie Pilze: was sind sie stumm? Ich frage sie, ob es so einzig ist, Daß man sich gleich zu viel vermißt, Wenn man es zu erreichen hofft? Bramante, mutig sah ich dich oft, Traust du dir nicht dasselbe zu? Bramante . Nein, Michel, ich bin kein Tor, wie du! Ich schlug vor dir die Augen zwar nie Zu Boden, doch hier senk' ich sie, Und so gewiß es ist, daß ich Dir ziemlich gleich bin, so sicherlich Steh' ich weit hinter dem zurück, Der das gemacht, und weiß es zum Glück! Michel Angelo . Ihr hörtet, wie der Raphael sprach! Sangallo . Sein kühles Wesen gereicht ihm zur Schmach! Wir sind uns keines Neides bewußt, Drum loben wir aus voller Brust! Michel Angelo . Ihr Herrn, ich kenn' euch heute nicht, Wo blieb denn euer scharfes Gesicht? Es prüfe doch jeder, so gut er kann: Entdeck' ich allein denn Fehler daran? Bramante . Du hast dich etwas schief gestellt: Wer seine Fehler für Tugenden hält, Der muß die Tugenden anderer auch Für Fehler halten! Michel Angelo (für sich) . Du windiger Schlauch, Wie sollst du mir büßen! – Ihr Freunde, ihr seid Besessen, doch habt ihr's zum Arzt nicht weit!     (Zu Pandulpho.) Ihr seid ja weise, wie Sokrates, Gelehrter, wie Aristoteles, Der viel zu früh gestorben ist, Um alles zu wissen, was Ihr wißt, Ihr tragt den Bart, wie Plato, kraus Und habt vor ihm die Brille voraus: Archäolog, wie noch keiner war, Stich diesen hier, oder auch mir, den Star! Stellt Ihr das Werk so hoch, wie sie? Pandulpho . Du wenigstens erreichst es nie! Michel Angelo . Also antik, unzweifelhaft? Pandulpho . Welch eine Frage! Michel Angelo .                         So fühl' ich mir Kraft, Es der Antike gleich zu tun! Der Herzog . Läßt dich dein Hochmut noch nicht ruhn? Ich zahle die ganze Statue dir, Verhilfst du auch nur zum Arme ihr. Bramante . O, der Gedanke ist Goldes wert, Den hat Apoll Euch selber beschert! Ja, mache den Arm, und wenn er dir glückt, Ohrfeige ich jeden, der dir sich nicht bückt! Michel Angelo (zieht den Arm der Statue unterm Mantel hervor) . So tu's! Und fange an bei dir! Der Arm, den du verlangst, ist hier! Schau her! Was sagst du? Papst Julius tritt im Hintergrund mit Raphael während der ersten Pause des allgemeinen Erstaunens auf, wehrt, wie er von Einigen bemerkt wird, alle Ehrenbezeigungen ab und verfolgt mit gespannter Aufmerksamkeit den Verlauf, ohne von den handelnden Personen bemerkt zu werden. Bramante .                               Unmöglich! Michel Angelo .                                           Mit Gunst!     (Er hält den Arm an die Statue.) Er paßt, wie gegossen! Gefällt euch die Kunst? Der Herzog . Was ist denn das? Michel Angelo .                           Ich hab' sie gemacht Und ließ sie vergraben bei dunkler Nacht! Sie stand schon ganz vollendet da, Als ich euch gestern bei mir sah. Doch dem, der die Geige spielen kann, Vertraut ihr gern die Flöte an, Darum verstellt' ich mich gegen euch, Und was ihr jetzt tut, gilt mir gleich!     (Zu den Andern.) Nun werdet ihr sicher die Fehler sehn, Doch, was geschehn ist, ist geschehn, Und selbst der Allerfrechste muß Jetzt schweigen und würgen an seinem Verdruß!     (Pause.) Ihr großen Meister, die ihr seid, Ihr weisesten Richter von weit und breit, Nun wißt ihr, wie es mit euch steht, Doch eins vernehmt noch, eh' ihr geht! Glaubt nicht, daß ich, weil euer Verstand Mein armes Werk für antik erkannt, Es selbst so hoch halte, o nein, ich weiß, Wieviel ihm noch mangelt zum höchsten Preis! Doch weiß ich auch: mehr fehlt mir nicht Zum Phidias, als euch gebricht, Um mir zu gleichen, und wie ich ihn, So habt ihr mich zu ehren! Wir knien Nicht bloß vorm allerhöchsten Gott Und treiben mit seinen Heiligen Spott. Wir beugen uns nicht dem Kaiser allein Und werfen auf den, der ihm folgt, den Stein: Wir fangen beim jüngsten Heiligen an Und ehren den Kaiser im letzten Mann. Und sträubt sich einer, so denkt der Wicht: Herrgott und Kaiser begegnen mir nicht, Und beug' ich mich vor denen bloß, So komm' ich leichten Kaufes los Und schone die Kniee, wie das Genick, Doch solch ein Hund verdient den Strick. Dem Wicht seid ihr so ziemlich gleich, Denn an die Alten hängt ihr euch, Um allen Neuern den schuldigen Zoll Zu unterschlagen, von Scheelsucht voll. Ich aber verkünd' euch zu dieser Frist, Wie denen das Opfer willkommen ist: Ihr tragt die Schuld an jenen ab, Der euch zunächst steht, und als Stab Euch dienen soll, der an seinem Ort Dem Höhern und so fort und fort, Bis es der Höchste den Göttern bringt, Und wer ein Glied nur überspringt In dieser Kette, der zeigt auch klar, Daß er von jeher ein Heuchler war. Ja, der sogar, der an seinem Platz Den Zoll nicht fordert, ist ein Fratz; Er soll ihn verlangen, er hat nicht das Recht, Auf ihn zu verzichten, er selbst wird schlecht, Wenn er's mit heimlichem Murren tut, Weil sich's auf dem Lorbeer dann besser ruht; Er soll, sobald ein Tor sich bläht, Mit des Gesetzes Majestät Ihn niederschmettern, wenn auch der Wicht Ihn später dafür in die Fersen sticht, Da dem, der umsonst nach der Löwenklau lechzt, Ein Schlangenzahn gewöhnlich wächst! Denn selbst der Richter am Tribunal Läuft die Gefahr und schleudert den Strahl Des Blitzes trotzdem mit eherner Hand, Sobald er es als Pflicht erkannt. Bescheidenheit gegen den Vordermann! Denn fängt man bei dem Hinteren an, So stellt man ja sich und die Welt auf den Kopf, So pflanzt man ja eben dem armen Tropf, Was man ersticken will, selber ein. Den leeren Dünkel auf hohlen Schein! Und denke nur keiner, daß dabei Der Stolz des ersten zu fürchten sei, Denn zwischen ihm und dem Höchsten bleibt Die Kluft, wie weit er's immer treibt, Stets größer, als die, die den letzten trennt Von ihm, und weil ihn das ewig brennt, Geht er gerade am tiefsten gebückt, Wenn er auch nicht nach hinten blickt! Bramante . Vortrefflich gepredigt! Nur ohne Grund! Dein Werk ist gut! Doch sei dir kund: Ein gleiches hast du noch nie gemacht! Michel Angelo . Die Antwort hab' ich mir gedacht! Auch glückt's mir nicht zum zweitenmal, Nicht wahr? Das hilft euch aus der Qual! Denn, komm ich wieder, was bringt's für Not? Ihr schlagt mit der Rose die Lilie tot, Ihr fordert die Kirsche vom Feigenbaum, Und selbst der Garten verwirrt euch kaum, Der alle Früchte, die ihr verlangt, Auf einmal beut, und daneben prangt Mit allen Blumen: Ihr beugt euch nur Dem Baum, der das tut, und da die Natur Dies Wunder nirgends geschaffen hat, So wißt ihr euch auch immer Rat. Der Papst (tritt mit Raphael vor und tickt Michel Angelo auf die Schulter) . Erhitze dich nur nicht zu sehr, Recht hast du freilich! Doch höre mehr! Der Herr hat mitten in die Welt Den Feind, den Teufel, hineingestellt. Der dient ihm auch, doch mit Verdruß, Und da er's nur tut, weil er muß, Bringt er sich um den Lohn, und Gott Wird ihm nichts schuldig, als Hohn und Spott. So ist und bleibt er denn der Tor, Der seine Mühe noch stets verlor, Und wenn er auch der letzte ist, Er beichtet noch einst, und wird ein Christ. Er sieht den Weizen lustig gedeihn, Ihn ärgert's, da sät er sein Unkraut hinein: Was schadet's dem Feld? Man ackert's um, Und bald ruft Satan: wie war ich dumm! Denn nun erst regt sich jede Kraft, Es schießt der letzte Keim in Saft, Und zog der Pflüger murrend aus, Der Schnitter kommt mit Jubel nach Haus! Der Vogel würde bis zur Stund' Die Flügel nicht kennen, hätte der Hund Nie nach ihm geschnappt und ihn aufgejagt: Glaubst du, daß er sich drob beklagt? Dich fällt der Schwarm der Neider an; Was tut's? Vom Prickeln stirbt kein Mann, Er wendet dem Wespen- und Horniß-Ort Gelassen den Rücken, und schreitet fort, Den Berg hinauf, in dessen Tal Er ruhen wollte, zwar erst mit Qual, Doch, eh' er's denkt, ist der Punkt erreicht, Wo all dies Volk von selbst entweicht, Und oben sieht er, was er nie Gesehen hätte ohne sie, Da ruft er denn wohl, und es ziemt sich für ihn: Ich dank' euch nicht, doch euch sei verziehn! Michel Angelo . So sei's! Aus schuldigem Respekt! Ich pardoniere jedes Insekt, Ich fordre nicht mehr, es wär' ja toll, Daß eins sich selber knicken soll, Und da es nun freilich auch leben will, So stech' es nur fort, ich halte still! Der Papst . Das ist noch nicht die rechte Art! Hast du dich denn so rein bewahrt, Daß dich nicht das geringste drückt? Hast du mit zu dem Kranz gepflückt, Der (Er faßt Raphael bei der Hand.)             Deines Bruders Stirne krönt? Bist du nur jetzt mit ihm versöhnt? Er aber trieb mich so eifrig hieher, Als ob hier ein Wunder zu schauen wär'! Michel Angelo . Wir beide sind nun einmal zwei! Der Papst . Steht's denn dem Zwillingspaar nicht frei, Wenn's nimmer eins auch werden kann, Sich zu umarmen? – Nun? Michel Angelo .                         Wohlan! (Er schreitet auf Raphael zu. Dieser fällt ihm in die Arme.) Der Papst (ritt hinter sie und erhebt segnend die Hände) . So recht! Jetzt öffn' ich euch die Bahn! (Zu Raphael.) Du gierst mir meinen Vatikan, (Zu Michel Angelo.) Du schmückst mir in Sankt Peters Haus Die prächtigste Kapelle aus! Und was ihr mit vereinter Kraft Dort Schönes und Erhabnes schafft, Wird hehr sein, wie der hehre Dom, Und ewig wie das ew'ge Rom!