Johann Gottfried Herder Briefe zu Beförderung der Humanität Nach den besten Quellen revidirte Ausgabe Herausgegeben und mit Anmerkungen begleitet von Heinrich Düntzer. Berlin Gustav Hempel Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. Vorbemerkung des Herausgebers Herder hatte seine »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« bis zum Beginne der neuen Bildung Europa's im Gegensatz zu der bis dahin herrschenden päpstlichen Hierarchie geführt, als er von einer schweren Krankheit befallen wurde, welche ihn an der Vollendung des fünften und letzten Bandes hinderte, der so ungemein wichtig und reich umfassend war, daß die Bewältigung des ungeheuren Stoffes dem eben Genesenden, dazu mit den mannichfachsten geschäftlichen Arbeiten Ueberladenen unmöglich schien. Zur Vorbereitung darauf dachte er frei sich ergehende Briefe über die Bedingungen zur Verbreitung wahrer Humanität in die wild stürmende, auf den Wogen ärgster Inhumanität umgetriebene Zeit zu werfen. In der Anmerkung zu Brief 79 unserer Sammlung (S. 352) spricht er diese Beziehung zu den »Ideen« aus. Am Ende der vierten, im Frühjahr 1792 erschienenen Sammlung seiner »Zerstreuten Blätter«, die er noch fortzusetzen gedachte, hatte er den bedeutenden Aufsatz »Tithon und Aurora« gegeben, in welchem er den Glauben an eine Verjüngung und Neugestaltung der Menschheit allen Gräueln der Zeit gegenüber aufrechthielt und die besorgte Frage Berkley's, ob der fünfte Act Europas in Amerika ausgespielt werden solle, dahin beantwortet: kaum drei Acte im großen Schauspiele dieses noch jungen Welttheils seien vorüber, und der alte Tithon der Menschheit könne und werde sich noch oft auf unserm Erdball verjüngen. Als der noch immer rüstige alte Grenadier, sein edler Freund Gleim, ihm seine »Zeitgedichte« zusandte, erwiderte er am 22. Mai 1792, kurz vor der Abreise in das Aachener Bad: »Ihr Büchelchen hat mich sehr erfreut; es ist so wohl und edel gemeint, menschlich, bieder, patriotisch und feurig. Mich interessirt die Stimme der Muse sehr, wenn sie über die acta et facta der Welt, von denen Wohl und Wehe abhängt, laut zu reden oder zu singen wagt und sich in das Pauken- und Trommelgetön, in die Thorheit und Weisheit öffentlicher Verhandlungen mischt. Ach, aber wie furchtsam, wie zurückhaltend muß sie noch immer sein! Werden Sie, wenn die große Katharine sich fernerhin in die polnische Angelegenheit mengt und das große Unschöpfungswort spricht: Non fiat lux, non fiat pax et ordo ! lauter zu reden wagen? – Ich gehe jetzt in Gedanken mit Briefen, die Fortschritte der Humanität betreffend , oder humanistischen Briefen um, in die ich das Beste, das ich in Herz und Seele trage, zu legen gedenke. Verleihe der Himmel mir Gesundheit, Muße, Geschick und Freude! – Ihre Gefühle an der krankenden Menschheit, zumal Fürstenheit, haben mich tief durchdrungen; das Jahrhundert eilt mit beschleunigendem Fall zu Ende! an den sollen sich also auch meine humanistischen oder humanen Briefe schließen, so Gott hilft!« Nach der Rückkehr von Aachen war Herder mit Geschäften überhäuft, dazu noch immer leidend, so daß er erst nach einiger Zeit zu seinen »Briefen« kommen und ihnen nur wenige freie Augenblicke widmen konnte. Es sollten Briefe ähnlicher Art sein wie die berühmten »Briefe, die neueste Literatur betreffend«, an denen Lessing anfänglich den bedeutendsten Antheil genommen hatte. Wenn diese an einen bei Zorndorf verwundeten preußischen Officier gerichtet waren, um die Lücke auszufüllen, welche der Krieg in seine Kenntniß der neuesten Literatur gerissen hatte, so sollte dieser Briefwechsel »über die Fort- oder Rückschritte der Humanität in ältern und neuern, am Meisten aber in den uns nächsten Zeiten,« zwischen Freunden geführt werden, welche über dasjenige, was sie in Bezug auf die Förderung der Humanität gehört, gelesen und gesehen, Das Erste und Letzte blieb freilich im Briefwechsel ganz unvertreten, der sich nur auf Gelesenes bezieht. einander Rechenschaft zu geben und aufzuklären sich verbunden hatten. Indessen war es auf eine künstlerische Durchführung dieser äußern Einkleidung am Wenigsten abgesehen; diese sollte nur den Faden bilden, der die Mittheilungen zwanglos verknüpfte und Rede und Gegenrede über bedeutende einschlagende Punkte gestattete. Daher wurden auch die zuerst unter die Briefe gesetzten Chiffern der Namen der Briefsteller noch vor der Herausgabe der ersten Sammlung weggelassen, die äußere Anknüpfung nur ganz allgemein gehalten und gar größere Abhandlungen und Zusammenstellungen über einzelne Gegenstände, die von anderer Seite einem der Briefsteller zugekommen waren, eingeschoben, über welche in den Briefen selbst verhandelt werden sollte. Sonst knüpfen die Briefe an die betreffende Literatur an, wobei sie aber auf die letzten sieben Jahre zurückgreifen. Der gewaltigen politischen Erschütterungen der Zeit wird jetzt gar nicht gedacht, obgleich bereits die erste Sammlung eine im Jahre 1792 erschienene Schrift bespricht; ursprünglich aber hatte sich Herder auch darüber ausgelassen. Eine Sammlung der Briefe war bereits Ende 1792 vollendet. Herder theilte die Handschrift am 29. December seinem Freunde Knebel mit, der am folgenden Tage sich eingehend darüber äußerte. »Manches daraus hat mich sehr erquickt,« schreibt Dieser, »und im Ganzen weiß ich Ihnen den herzlichsten Dank, daß Sie so manche Wunde und dumpfe Seite unseres Vaterlands aufgedeckt und zum gehörigen Anschauen und Beleuchten gebracht haben. So ist's über Politik, so ist's über Philosophie; und noch mehr haben Sie über letztere mein Gemüth und meinen Beifall rege gemacht. Sie thun wohl, daß Sie Sich die Streitfragen über Politik etwas entfernt halten, und in der That scheint Ihre Schrift hierinnen einige Jahre wieder zurückzugehn, um das Interesse nicht so nahe und innig zu legen. Dies ist gut, um die Vorstellungsart allmählig zu erziehen und zu leiten und hauptsächlich auf die großen Punkte zu deuten, wo der Schaden liegt, und die einer Verbesserung fähig sein möchten. Dazu kann der milde Stil Ihrer Briefe Vieles beitragen, um die Gemüther hierüber aufzuklären. Diesen milden Stil der Briefe habe ich nur einmal, wie mich däucht, vermißt, und das zwar im fünften Briefe, wo ich gewünscht hätte, einige Stellen mit weniger Schärfe ausgedrückt zu finden. Man muß nicht wohl nach Rache rufen, wenn die Rache wirklich schon vor der Thüre ist; vielleicht wären diese Stellen vor wenigen Jahren weniger auffallend gewesen. Es waren wol starke Stellen gegen die deutschen Fürsten in Nr. 4 und 5 jenes Briefes. Daß ich die französischen Sachen nicht ganz unter dem zweideutigen Lichte sehe, wie sie auch hier zum Theil gezeigt werden, können Sie wol glauben. Es ist aber vielleicht gut, den Schein davon noch eine Weile abzuhalten, wenn sie uns nur nachher nicht allzu geschwind übereilen. Ich sehe auch nicht ein, warum eine französische Constitution so antipathisch einer deutschen sein solle, wenn beide auf Vernunft und wahrer Menschlichkeit erbaut werden sollen. Doch möchte es freilich in dieser letzten Rücksicht bei den Deutschen noch einer Vermittlung zwischen Vernunft und – Mensch gebrauchen. Die Kantianer mit ihrem -anismus haben mir am Meisten Vergnügen gemacht, und ich habe bei dieser Gelegenheit mein Müthchen recht gekühlt, ob ich gleich eine Freude habe über das schöne Lob von Kant selbst. Das ist Alles an seinem rechten Fleck, ob ich schon dem alten Patriarchen so ganz eben nicht traue, wie denn der böse Geist oft den Heiligen in der Wüste erscheint. Die Stelle des Leibniz über die Cartesianer ist trefflich und passend. Die Aeußerung über Kant erschien erst in der fünften Sammlung, in Brief 79, wo aber das über die Kantianer Gesagte aus Liebe zum Frieden unterdrückt ist. Die Stelle von Leibniz über die Cartesianer steht jetzt unter den gesammelten Sprüchen von Leibniz in Brief 61 (S. 291 f.). Verzeihen Sie, daß ich hier und da einige kleine rothe Striche angezeichnet habe. Es geschah blos, um Ihren Willen zu erfüllen, und wo mir einzelne Ausdrücke etwas im Wege standen. Im Ganzen muß ich aber nochmals bekennen, daß ich nichts Beleidigendes finden konnte, das man nicht wenigstens aus Ihren andern Schriften schon gewohnt wäre. Noch Eins muß ich sagen wegen der Einkleidung. Da diese Briefe durchaus nichts Locales enthalten und nur fortgesetzte Beobachtungen, so könnten wol die unterscheidenden Buchstaben wegbleiben und sie allesammt als eine Collection von Briefen einiger Freunde, ohne besondere Motivirung des Anlasses dazu etc., angegeben werden.« Herder ließ darauf hin die Buchstaben unter den Briefen weg (vgl. die Anmerkung am Schlusse des ersten Briefes, S. 6), wodurch er der Mühe überhoben war, sich das Verhältniß der Briefschreiber gegen einander immer gegenwärtig zu halten. Nach dieser Aeußerung Knebel's waren die damals ihm vorgelegten Briefe von den jetzigen beiden ersten Sammlungen verschieden; sie enthielten Vieles über die Philosophie und besonders das Urtheil über Kant, was jetzt erst in der fünften und sechsten Sammlung sich findet, und auch politische Erörterungen fehlten nicht. Herder legte manche der bereits fertigen Briefe einstweilen zurück und schob dagegen andere Briefe ein, so wahrscheinlich die über Friedrich den Großen und Joseph II., welche auf die hohe Bedeutung der Fürsten für die Bildung und auf die Nothwendigkeit einer guten Fürstenerziehung hindeuten sollten. Herder war mit der Erziehung, die man dem Erbprinzen von Weimar gab, gar nicht einverstanden. Die beiden ersten Sammlungen wurden während des Winters druckfertig gemacht und in Druck gegeben; sie erschienen rasch hintereinander im folgenden Frühjahre. Gegen Mitte März schreibt Herder an Heyne: »Ein paar Sachen (er meint die Humanitätsbriefe und die fünfte Sammlung der »Zerstreuten Blätter«) kommen von mir nächste Messe oder nach der Messe heraus; ich bin aber, wie Sie sehen werden, sehr im Zwange gewesen. Die Briefe sollen meine silvae Wie Statius seine vermischten Gedichte genannt hatte. sein, worin ich nach Gefallen umherwandle. Die Anlage ist mit Fleiß etwas weit hergeholet. Dürfte ich zu diesem Behuf mir Proyart's Vie du Dauphin de Bourgogne aus Ihrer Bibliothek erbitten? Er benutzte das Buch zu der vierten Sammlung, Brief 49. Es ist mir in Aachen, wo ich's las, aus den Händen gegangen. Von Whitfield, dem Methodisten, ist in Ihren Gelehrten Anzeigen ein Leben weitläufig angezeigt gewesen. – Wollten Sie dies wol beilegen lassen?« An Gleim berichtet er am 12. April: zu den »Briefen«, von denen er bald ein Bändchen senden werde, habe er die Zeit sich nur ausstehlen müssen, um nicht ganz zum Actenstaube zu werden. Gerade einen Monat später schickt er Diesem die erste Sammlung mit der Aeußerung: »Manches wird Ihnen, zu unserer Zeit gesagt, fremde dünken. Aber sie wurden vor Jahren geschrieben; In Wirklichkeit nicht. Herder deutet auf die Zeit, wo man sie sich geschrieben denken soll. Die als eben erschienen bezeichneten Werke Friedrichs kamen 1788 heraus; der Tod Joseph's II., der die Gespräche über Diesen veranlaßt, fiel in den Februar 1790, wozu es freilich schlecht stimmt, daß vorher von Schlichtegroll's 1792 erschienenem »Nekrolog« die Rede ist. die Muse sitzt über dem Zodiakus, und unter ihr dreht sich die Erde. Mit Beziehung auf das der ersten Sammlung vorgesetzte, von H. Meyer gezeichnete, von Lips gestochene Kupfer, auf welchem die auf dem Zodiakus sitzende Muse, welche Papiere in der Hand hält, die Humanität sein soll, die er in einem Briefe an Jacobi eine ganz vortreffliche zehnte Muse, seine Muse nennt. Gefalle Ihnen davon, was Ihnen gefallen kann; die Wahrheit, wie die Grazie, leidet keinen Zwang, keinen als innere Ueberredung. Eins muß ich nur sagen: die Briefe sollen ins Unendliche fortgesetzt werden; darum mußte ihre Basis so breit, so breit sein.« An demselben Tage reiste Goethe zur Belagerung von Mainz ab, der auch ein Exemplar der ersten Sammlung der »Briefe« dem Herzog Karl August übergeben sollte. »Meine Briefe mögen Dir wohl gefallen, lieber Bruder,« schreibt Herder an demselben 12. Mai an Jacobi; »es sind mancherlei Stimmen darunter; einige oder eine wird Dir wenigstens recht sein, filosofo capriccioso ! Sie, lieben Schwestern, Lene und Lotte, bitte ich nur die Muse auf dem Zodiakus anzusehn; da haben Sie gnug! Nicht wahr, es ist schön, da zu sitzen? Die Papiere wirft man sodann auf die dunkle Erde. Im nächsten Theil, hoffe ich, wollen wir die Muse auf den Regenbogen placiren; der ist ein Zeichen des Friedens.« Aber die folgenden Sammlungen erschienen ohne Kupfer. Eine Woche später meldet er Heyne: »Hier sind Briefe , wie sie die Zeit gab, wie sie die Zeit zuließ, und wie ich mir dazu Stunden nur ausstahl. Sie sollen fortgeführt werden; darum ist die Base zu ihnen sehr breit geworden, hat aber nicht tief entblößt werden können, damit man nicht zu früh auf den Grund komme, der vor der Hand etwas unannehmlich sein möchte.« Dieser Grund war die Bildung der höhern Stände, besonders der Regierenden selbst, als der notwendigen Grundlage der Beförderung der Humanität. Am 2. Juni schreibt Goethe aus dem Lager bei Marienborn vor Mainz, ein Dämon habe ihn noch abgehalten, die Briefe dem Herzog zu übergeben; die Zerstreuung, Verwirrung, Inhumanität um sie sei zu groß. Eben hatte er dazu Muth bekommen, als er von Herder schon die zweite Sammlung erhielt; beide Sammlungen nahm der Herzog mit Dank auf, dem er in einem Briefe vom 14. Juni Ausdruck gab. »Die Muse auf dem Zodiakus ist glücklich bei mir eingeritten, schrieb er, »und hat mich nicht in der humanesten Beschäftigung gefunden; indessen zweckt unser Bestreben ab, die fränkischen Unmenschlichkeiten vom deutschen Boden zu kehren; und das ist ja auch wol ein Beitrag zu Ihrem humanen Vorhaben, lieber Herder? Ihr Buch hat mich sehr gefreut und die harte Schale etwas erweicht, die so viele Mühseligkeiten und Verdruß nebst allerhand wunderbaren Schauspielen sehr begreiflicher Weife über mein Sensorium gezogen hatten. Haben Sie meinen besten Dank dafür! Lasse uns das gute Glück bald die Zeit erleben, wo man nichts mehr zu thun hat, als sicher und ungestört die Endzwecke eines jeden wohldenkenden Menschen erfüllen zu helfen! Leben Sie wohl und seien der beständigen Freundschaft und Hochachtung Desjenigen versichert, den es freut, sich nennen zu können Ihr treuer Freund Karl August.« Goethe begleitete diesen Zuspruch mit den herzlichen Worten: »Mein Unglaube ist durch die Art, wie der Herzog und einige Andere, die in der leidigen Kriegsarbeit begriffen sind, Dein Buch aufgenommen haben, glücklich beschämt worden. – Fahre ja fort, Deine Sammlungen zu bearbeiten, und laß sie immer so wohlthätig sein!« Die freundliche Aufnahme der Briefe, die auch in der Literaturzeitung, Nr. 197 f., anerkennend besprochen wurden, gereichte Herder zur besonderen Freude. »Meine Briefe über die Humanität denke ich fortzusetzen,« schreibt er an Heyne; »ich habe mir deshalb eben den freiesten Spielraum gewählt. Ich kann jetzt Alles in sie bringen, was ich will, und darf keine Materie weiter erschöpfen, als der Moment es gebietet. Auch bin ich eigentlich für keine geäußerte Meinung responsabel. Die zwei ersten Sammlungen sind gerade von den Personen und Ständen gut aufgenommen, von denen ich vorzüglich gelesen zu sein wünschte, und das ist auch gut.« Neben andern, ihn mehr in Anspruch nehmenden Werken gelang es ihm, in den nächsten vier Jahren mit Leichtigkeit je zwei Bändchen dieser Briefe, von denen bereits Manches vollendet vorlag, zum Drucke zu befördern, da er sich einen ihm leicht zu Gebote stehenden Stoff wählen konnte, über den er frei sich ergehen durfte, wenn er auch freilich manche Rücksichten, besonders auf den Hof, zu nehmen hatte, den er durch zu freisinnige Aeußerungen nicht verletzen oder ihm mißliebige Bemerkungen von andern Höfen zuziehen durfte. Wie viel hatte er schon bei den »Ideen« unterdrücken zu müssen geglaubt! wie ängstlich hatte er sich zurückhalten müssen, um nicht anzustoßen und dem Buche den Eingang in höhere Kreise zu versperren! In der dritten Sammlung ging Herder, nachdem er über wahre Humanität sich eingehender geäußert hatte, zu der Humanität der Alten über, sprach sich auch auf Veranlassung von Lessing's »Emilia Galotti« über die sittliche Wirkung der Bühne aus; in der vierten nahm er die Deutschen als Nation gegen die ihnen gemachten Vorwürfe in Schutz, erging sich in Betrachtungen über die aus der Beschäftigung mit der Natur sich ergebende Bildung und sprach auch den auf die vaterländischen Angelegenheiten gerichteten Zeitschriften das Wort, wobei manches Andere zu belebender Abwechslung sich durchschlang. Eine sehr günstige Beurtheilung Heynes that ihm sehr wohl. Die fünfte Sammlung der Briefe, die von seines jungen Freundes, des Schweizers J. G. Müller »Bekenntnissen merkwürdiger Männer von sich selbst« ausging, brachte eine neue Bearbeitung seiner eigenen vor dreißig Jahren erschienenen Schrift über die Frage, welches Publicum wir jetzt haben im Gegensatze zu den Alten, und schloß mit einer besonders warmen Schilderung der Verdienste des nach Luther bedeutendsten deutschen Schriftstellers, des für die Hebung wahrer deutscher Bildung unablässig bestrebten Leibniz , woneben manches andere zeitgemäße Wort über Verbreitung wahrer Humanität fiel. Knebel, der an den Briefen den lebhaftesten Antheil nahm, auch selbst ein paar dichterische Gaben beigesteuert hatte, schrieb bei Lesung dieser Sammlung die Verse: »Welch ein seltener Geist beseelte die Feder des Schreibers, Das zu bezeichnen, was ist, und anzudeuten, was sein soll!« Die sechste Sammlung erging sich in tief geschöpften Aeußerungen über den humanen Werth der bildenden Kunst der Griechen und brachte Betrachtungen über Volkserziehung und wahren Gemeingeist. Am 3. Juni 1795 schreibt Herder an Gleim: »Ich erwarte bald über die Briefe der Humanität Ihre Stimme der Liebe. Ich habe in diesen zwei Theilen einen großen Theil meines Geistes und Herzens ausgegeben, fast zu viel auf einmal. Aber mich trieben die Musen! Mit den wenigen Briefen über die griechische Kunst hätte ich Bände ausfüllen können; gnug, wenn es Einigen gefällt!« Schiller äußerte Herder seine Freude über den reichhaltigen Stoff und das schöne Leben, welches in der ihm geschenkten fünften und sechsten Sammlung herrsche und ihn in eine sehr angenehme Stimmung versetzt habe. »Das eben ist das so sehr Auszeichnende darin (und was auch das Prädicat der Humanität eigentlich ausdrückt), daß Sie Ihren Gegenstand nicht mit isolirten Gemüthskräften anfassen, nicht blos denken , nicht blos anschauen , nicht blos fühlen , sondern zugleich fühlen, denken und anschauen, d. h. mit der ganzen Menschheit aufnehmen und ergreifen.« Ja, er bedauerte, daß diese schönen Aufsätze für die von ihm unternommenen »Horen« verloren gegangen, und forderte ihn dringend auf, diesen von jetzt an Alles zuzuwenden, was ihm in die Feder komme, indem er ihm selbst die Bestimmung des Honorars überließ. Aber Herder wollte von seinen »Briefen« nicht ablassen, wenn er auch einzelne Beiträge zu den »Horen« zu liefern bereit war. Als Gleim am Anfange des Jahres 1796 äußerte, Herder lasse sich die Humanität sauer werden, erwiderte Dieser, ja wohl lasse er es sich sauer werden, aber er müsse; womit er auf die Notwendigkeit schriftstellerischen Erwerbes deutete. Gleim tröstete ihn mit der Versicherung, daß er unendlich viel Gutes stifte und mehr gelesen werde, als er glaube. Hatte Herder bisher die humane Bedeutung der alten Dichtung und Kunst behandelt, so stellte er in der siebenten und achten Sammlung den Einfluß der neuern Dichtung auf humane Bildung mit vergleichender Beziehung auf das Alterthum dar. Hierüber läßt er einen der Briefsteller einige ihm zur Hand gekommene Fragmente mittheilen, über welche dann in den Briefen selbst verhandelt wird. Bei der etwas auffallenden Bezeichnung als »Fragmente« schweben wol die von Lessing mitgetheilten sogenannten »Wolfenbüttel'schen Fragmente« vor, die einen so leidenschaftlich geführten Streit erregten. Die deutsche Dichtung wird hier gegen die Vorwürfe, daß sie charakter- und formlos sei, in Schutz genommen und das Wesen der deutschen Kritik näher bezeichnet. Freilich mangelt der Besprechung der deutschen Dichtung jede Würdigung ihrer Kunstvollendung, da Herder bei ihr fast nur die Wirkung auf Herz und Geist beachtete, die innere Kunstform und wahrhaft dichterische Gestaltung, welche der Dichtung als solcher ihren Werth geben, bei Seite ließ, wie er denn später sogar öffentlich als Gegner der höhern Kunstrichtung hervortrat, welcher Goethe und Schiller mit Aufwendung ihrer vollen Dichterkraft sich widmeten. Schon am 16. Mai konnte er die siebente und achte Sammlung an Gleim schicken. Auch Goethe und Schiller erhielten sie. Der Erstere las sie mit großem Antheil, besonders die siebente schien ihm vortrefflich gesehen, gedacht und geschrieben, wogegen die achte, so viel Treffliches sie auch enthalte, Einem nicht wohl mache, und es sei dem Verfasser auch nicht wohl gewesen, da er sie schrieb. »Eine gewisse Zurückhaltung, eine gewisse Vorsicht, ein Drehen und Wenden, ein Ignoriren, ein kärgliches Vertheilen von Lob und Tadel macht besonders das, was er von deutscher Literatur sagt, äußerst mager. Es kann auch an meiner augenblicklichen Stimmung liegen; mir kommt aber immer vor, wenn man von Schriften wie von Handlungen nicht mit einer liebevollen Theilnahme, nicht mit einem gewissen parteiischen Enthusiasmus spricht, so bleibt so wenig daran, daß es der Rede gar nicht werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reelle, und was wieder Realität hervorbringt; alles Andere ist eitel und vereitelt nur.« Viel schärfer äußerte sich Schiller darauf in seiner herben Weise gegen Goethe. Herder wirke dadurch, daß er immer aufs Verbinden ausgehe und zusammenfasse, was Andere trennten, immer mehr zerstörend als ordnend auf ihn. Seine unversöhnliche Feindschaft gegen die Reime sei ihm auch viel zu weit getrieben, und was er dagegen aufbringe, halte er bei Weitem nicht für bedeutend genug; der Eindruck des Reimes lasse sich durch kein Raisonnement wegdisputiren. »An seinen Confessionen über die deutsche Literatur verdrießt mich noch außer der Kälte für das Gute auch die sonderbare Art von Toleranz gegen das Elende; es kostet ihn ebenso wenig, mit Achtung von einem Nicolai, Eschenburg u. A. zu reden als von dem Bedeutendsten, und auf eine sonderbare Art wirft er die Stolberge und mich, Kosegarten und wie viele Andere in einen Brei zusammen. Vgl. Brief 102 (S. 457). Seine Verehrung gegen Kleist, Gerstenberg und Geßner – und überhaupt gegen alles Verstorbene und Vermoderte hält gleichen Schritt mit seiner Kälte gegen das Lebendige.« An Eichhorn, dessen Aufforderung, in seiner »Geschichte der Künste und Wissenschaften seit der Wiederherstellung derselben« die schönen Wissenschaften zu übernehmen, er hatte ablehnen müssen, schreibt Herder bei Uebersendung der beiden Sammlungen am 20. Juni 1796: »Abermals treffen wir uns, hochgeschätzter Freund, unvermuthet wieder beisammen; in einer Messe sind wir mit Untersuchungen über einen Gegenstand erschienen. Eichhorn hatte eben den Anfang seiner »Allgemeinen Geschichte der Cultur und Literatur des neuen Europa« herausgegeben. Sie wie die reiche Stadt-, ich wie die arme Feldmaus. Der Plan der Briefe litt blos Resultate (Proben sollte ich freilich mehr gegeben haben, und es war unnütze Papierschonung, daß ich sie ausließ Vgl. dagegen die Schlußanmerkung zur siebenten Sammlung (S. 414). ; ich habe mir indessen vorgenommen, die Phänomene der epischen und Roman-Dichtkunst einzeln zu behandeln, wozu ich viel gesammelt habe. – Auch die Materie des achten Theils ist nicht geschlossen, sondern geht in den neunten über. Lesen Sie mit gutem Gemüth, lieber Freund, und schreiben mir einmal Ihre Meinung oder sagen sie in Ihrer Bibliothek .« Allgemeine Bibliothek der biblischen Literatur. Während des folgenden Winters arbeitete Herder die neunte und zehnte Sammlung der Briefe. Am 30. December 1796 scherzt er in einem Briefe an Gleim: »Ich schreibe, was ich kann, und will Euch mit der Humanität so ermüden, daß Ihr aus Noth human werden müßt, damit ich nur endlich schweige.« Fühlte er sich auch »zerknickt und zermergelt«, das Schreiben war für ihn eine Cur, er fühlte sich dabei gesund. Am 24. Februar 1797 meldete er seinem Sohne August, die sechste Sammlung der »Zerstreuten Blätter« und die neunte der »Humanitätsbriefe« seien ausgedruckt, an der zehnten, der letzten, arbeite er mit allen Kräften. Einen Monat früher hatte er Demselben geschrieben, er arbeite matt an der zehnten Sammlung der »Briefe«. Die Materie übermanne ihn, und ihn dünke, er schreibe zu viel, er singe ohne Echo; doch der Himmel werde durchhelfen, da er ohne Anmaßung schreibe. So hielt ihn das Bewußtsein, daß er zum allgemeinen Besten schreiben, der Welt seine warme Ueberzeugung sagen, sie für die wahre Humanität gewinnen müsse. In der neunten Sammlung sprach er eindringlich von dem Schaden, den die Verehrung der französischen Sprache unserer Bildung gethan, und zeigte am Beispiele Lessing 's, wie wenig die Deutschen es Denjenigen gedankt, die der unseligen Französirung gegenüber einen bessern Geschmack einzuführen gesucht. Daß die Deutschen sich von dem unwürdigen Einflusse der französischen Sprache und Literatur frei machen müssen, spricht er scharf aus und deutet darauf hin, wie schädlich hier die Höfe und die höhern Stände gewirkt. Den Schluß sollte eine Epistel in Versen über den Nationalruhm bilden; aber da er wegen der Schärfe einzelner Stellen damit Anstoß zu erregen fürchtete, forderte er den Verleger Hartknoch auf, das schon gedruckte Gedicht wegzulassen, worauf Dieser den Schlußbogen ganz umdrucken ließ. Erst im Jahre 1812 gab der Verleger der Briefe das Gedicht in einem Einzeldrucke, wobei er bemerkte, Herder habe sich, als es bereits am Schlusse der neunten Sammlung gedruckt gewesen, durch Verhältnisse veranlaßt gefunden, es zu unterdrücken. Wir haben es an seiner Stelle gegeben, wie es schon in der zweiten Ausgabe von Herder's Werken geschehen war. Die zehnte Sammlung handelt zunächst von den Nachtheilen der Aufdringung einer fremden Cultur, wobei Herder einige von ihm sogenannte »Negeridyllen« giebt, welche die Grausamkeit der Europäer gegen die an edler Gesinnung sie so oft übertreffenden rohern Völker scharf ausprägen. Gleim wünschte, Herder hätte an der Stelle dieser »menschenfeindlichen« Negeridyllen der Dichterin Karschin, wie er Lessing und Winckelmann gethan, hier ein Ehrendenkmal errichtet. Weiter geht die zehnte Sammlung auf die wahre Schätzung der Eigenthümlichkeit aller Völker ein und schildert die edlen Grundsätze mehrerer Fürsprecher der Menschheit, giebt sodann die Grundzüge einer Naturgeschichte der Menschheit, erklärt sich scharf gegen die verderblichen Grundsätze der herrschenden Politik, denen sie die allein zu Ruhe und Frieden führenden Grundsätze der Humanität entgegenstellt, und entwirft, mit Zurückweisung der falschen Geschichtschreibung, das Bild der wahren, welche alle Begebenheiten nach den festen Grundsätzen der Ueberzeugung von Recht und Unrecht, mit Sinn und Mitgefühl für die gesammte Menschheit darstelle. Endlich kommt sie auf das Christenthum, dessen unverfälschte Lehre in die reinste Humanität auf dem reinsten Wege geleite. Hiermit hatten die »Briefe zu Beförderung der Humanität« einen gewissen Abschluß gefunden, insofern hier der hohe menschliche Geist, den sie empfehlen, als Lehre des von den gebildeten europäischen Völkern als Heiland anerkannten Menschensohnes dargestellt wird. Freie Bildung des Geistes und Herzens eines jeden Volkes nach seiner eigenthümlichen Anlage, Entwicklung des in jedem liegenden Keimes zu gedeihlichster Entfaltung, Mitgefühl für alle Völker als gleichberechtigt zum Genusse ihres irdischen Daseins, dieses Evangelium hat Herder in diesen Briefen nach den mannichfachsten Richtungen bald andeutungsweise, bald in weiterer Ausführung verkündet und dadurch, wie durch seine leider unvollendeten »Ideen«, auf die gebildeten Kreise unseres Volkes nicht unbedeutend eingewirkt. Mag in ihnen auch Manches für uns veraltet sein, der edle Menschensinn des Verfassers tritt uns überall in sinniger Anmuth und treuer Herzlichkeit entgegen und läßt auf den tiefen Grund einer edlen, selbst vom Leben vielfach zerknickten Seele schauen. Von der eigentlichen Politik hielt sich Herder ebenso fern wie Goethe und Schiller, aber nicht aus Abneigung, sondern aus Furcht, Anstoß zu erregen, die Wieland in seinem jugendlich frischen Muthe überwand, der oft mit schöner Einsicht auf das verworrene Treiben der wild stürmenden Zeit einging. Wenn Herder es sich in seinen Briefen oft sehr leicht machte, Vieles mehr berührte als eingehend behandelte, so lag dies theils in dem einmal angeschlagenen Tone der auf einen weitern Leserkreis berechneten Briefe, theils in der raschen Ausarbeitung derselben, für die ihm nur wenige Zeit blieb, da Berufsgeschäfte, Krankheit, Verstimmung und die Ausarbeitung anderer Schriften ihn nicht zu ruhiger Hingabe an den ihm so sehr am Herzen liegenden Gegenstand gelangen ließen. Nicht allein hatte er noch zwei Sammlungen der »Zerstreuten Blätter« herausgegeben und die Uebersetzung Balde 's in der »Terpsichore« geliefert, auch eine Reihe das Christenthum betreffende Abhandlungen, an denen er mit gespanntester Seele hing, wurden diese Zeit über ausgearbeitet. Mögen wir es immer bedauern, daß unsere Briefe nur Neben-, ja zum Theil Erwerbsarbeiten waren, die er leicht hinwarf, Manches ist auch hier mit lebendiger Frische aus der Fülle des Geistes und Herzens geflossen, und das Ganze bleibt ein erhebendes Bekenntniß einer der freien Entwicklung edler Menschheit rein und warm zugewandten Seele, wird von einem Geiste sinnig belebt. Unsere Literatur hat nichts, was sie dieser Sammlung von Briefen des Priesters der Humanität, bei aller Mangelhaftigkeit im Einzelnen, zur Seite setzen kann. Die vollendete Sammlung fand in der Allgemeinen Literaturzeitung, 1798. Nr. 345 f., und in Posselt's »Weltkunde«, 1798. Nr. 207, die schönste Anerkennung. Beide Kritiken gehen auf den Inhalt der einzelnen Bände ausführlich ein, und die erstere faßt ihr Urtheil dahin zusammen, daß sie die Humanitäts-Briefe als eine Schrift bezeichnet, »die von dem reinsten, edelsten Geiste der Humanität belebt sei und einen herrlichen Schatz der wichtigsten und heilsamsten Lehren, mit wahrer Lebensweisheit und edler Freimüthigkeit schön und eindringend vorgetragen, enthalte,« von der man kein Bändchen »nicht mit dem Vergnügen aus der Hand legte, welches man jedesmal empfindet, wenn man aus einer geistreichen Gesellschaft, aus einer herzerhebenden Unterredung zurückkommt.« In der Kritik des letzten Journals heißt es u. A.: Noch nie ist eine Sammlung »in diesem Geiste, mit einem so umfassenden Ueberblick alles Forschens und Wissens älterer und neuerer Zeiten, mit einem so reinen Eifer für das Eine, was dem Menschen noth ist, wann's besser mit ihm werden soll, in einer so kraftvollen, originellen, herzergreifenden Sprache ... weder in Deutschland, noch bei irgend einer andern Nation geschrieben worden. Hätte Frankreich oder England ein solches Product hervorgebracht: wie gierig würden die Schakals unserer Literatur, die zahlreichen Uebersetzer-Gewerkschaften, darüber hergefallen sein, wie lobpreisend würden unsere kritischen Journale ... den ausländischen Posaunen nachgeklungen oder vielleicht an Schnelligkeit der Verkündigung es ihnen selbst zuvorgethan haben! ... Die Form dieser Briefe zur Beförderung der Humanität ist so mannichfaltig und abwechselnd, in so viel kleinere Ruhepunkte getheilt, dem Lustwandler in den Blumengefilden der Literatur aller Völker so einladend, daß selten eine reichere, vielleicht nie eine geistigere Blumenlese erschien als diese Sammlung. Durchs Ganze läuft in nur leise hingezogenen Fäden ein Briefwechsel über die Fort- und Rückschritte der Humanität unsers Zeitalters als des Productes aller frühern Weisheit und Thorheit« u. s. w. u. s. w. Wie Herder's Wirkung überhaupt später mehr zurücktrat, so war dies ganz besonders bei unsern Briefen der Fall, weil diese nicht ein freier Erguß seines vollen Geistes, sondern nur aus zufälligen Anlässen hervorgegangen waren, und auch so manches Fremde in sich aufgenommen, von Friedrich dem Großen und Lessing an bis zum Verfasser der Bonhommien und dem Dichter des Hymnus auf die Göttin Flora , ja auch Herder's Betrachtungen an manches Unbedeutende sich angeschlossen hatten, das einen nur zu vergänglichen Werth hatte. Neben den Ideen , die von seinen prosaischen Schriften fast allein noch durch den Vollwerth ihres Gehaltes sich in dauernder Gunst erhielten, traten sie ganz zurück, obgleich sie wie die Adrastea enge mit diesen zusammenhängen und in den verschiedensten Beziehungen höchst beachtenswerthe, zum Theil auch durch Schönheit der Darstellung ausgezeichnete Anschauungen und Betrachtungen bieten und selten Herder's freien, der reinsten Ausbildung der Menschheit liebevoll zustrebenden Geist verleugnen. Leider sollte es ihnen in der Ausgabe der »Werke« gar schlimm ergehen. Sie wurden hier willkürlich aus einander gerissen, so daß ein Theil unter dem ursprünglichen Titel in den Werken »Zur Philosophie und Geschichte«, ein anderer, Brief 23-25 und Brief 122, daselbst in dem vom Herausgeber »Postscenien zur Geschichte der Menschheit« genannten Bande unter der Ueberschrift: »Blicke in die Zukunft für die Menschheit«, die übrigen unter der Bezeichnung: »Ideen zur Geschichte und Kritik der Poesie und bildenden Künste«, in der Abtheilung »Zur schönen Literatur und Kunst« gegeben wurden, wodurch vielfach der Zusammenhang gestört, ja zuweilen eine Beziehung ganz unverständlich geworden ist. Die Sammlung der »Funken« aus Lessing hat man »zur Ersparung des Raumes« weggelassen, da ja auch eine Blumenlese aus Lessing's Schriften vor Kurzem erschienen sei. Allein Herder's Sammlung ist aus einem ganz andern Standpunkte als die von Fr. Schlegel herausgegebene angefertigt, und mit der Sammlung sind auch manche bedeutende Aeußerungen Herder's selbst über Lessing weggeblieben, welche er in den Anmerkungen beigefügt hatte. Am Ende des fünften Briefes ist die Ode von Uz »Der Patriot« ausgefallen. Noch weniger ist es zu billigen, daß am Anfange von Brief 10 die Ode Klopstock's »An den Kaiser« mit Herder's darauf bezüglichen Worten, die als Einleitung zum folgenden »Gespräch« dienen, weggeschnitten ist. Brief 55 hat ganz zweckwidrig die Ueberschrift »An M.« erhalten, weil er ursprünglich an Johann Georg Müller gerichtet war, da er doch in der jetzigen Fassung auf Brief 54 zurückweist; ja, Johann von Müller hat in den Werken »Zur Philosophie und Geschichte« zwischen Brief 54 und 56 (denn Brief 55 ist den Briefen in der Abtheilung »Zur schönen Literatur und Kunst« zugewiesen) einen ausführlichen, gar nicht zur Sammlung gehörenden Brief eingeschoben, den Herder an J. G. Müller in Bezug auf dessen Sammlung: »Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst«, geschrieben hatte, und der vom Herausgeber jenen »Bekenntnissen« vorgesetzt worden war. Neuerdings hat Heinrich Kurz unsere »Briefe«, wie schon Löbell gewünscht hatte, in ihrer ursprünglichen Gestalt abdrucken lassen. Die Epistel über den Nationalruhm fehlt hier wol, weil Kurz die Lage der Sache unbekannt geblieben war und er sich blos an den ersten Abdruck hielt. Wir haben die vielen fehlenden Nachweisungen der angeführten Stellen möglichst ergänzt und aus der Vergleichung derselben selbst manche eingeschlichene Versehen berichtigt, auch sonst, wo es nöthig schien, erläuternde oder berichtigende Bemerkungen hinzugefügt, welche von Herder's Anmerkungen überall durch ein beigefügtes D. geschieden sind, wogegen die von Herder gegebenen durch H. bezeichnet sind. Herder hatte bei den Anmerkungen oft zwischen den vom Briefsteller und den vom Herausgeber herrührenden unterschieden, was aber nicht überall gleichmäßig geschah. Wir haben, da beiderlei Anmerkungen Herder angehören, diese Unterscheidung weggelassen. Die jedem einzelnen Bande beigegebenen Inhaltsverzeichnisse haben wir zu einem einzigen , den Briefen vorangehenden vereinigt. Ueber alle Aenderungen mit Ausnahme der in der gegenwärtigen Sammlung durchgeführten Rechtschreibung giebt am Schlusse die Nachweisung »Zur Revision des Textes« nähere Auskunft. ——— Erste Sammlung. (1793.)   1. Mit Freude und Zustimmung, mein Freund, ist Ihr Vorschlag zu einem Briefwechsel über die Fort- oder Rückschritte der Humanität in älteren und neueren, am Meisten aber in denen uns nächsten Zeiten von unsern sämmtlichen Freunden aufgenommen und bewillkommt worden. » Ich bin ein Mensch ,« sagte D., » und nichts, was die Menschheit betrifft, ist mir fremde . Nach Terenz ( Hec ., I. 1. 25): » Homo sum, humani nihil a me alienum puto .« Herder brauchte den Spruch auch als Motto zum zweiten Theile seiner »Ideen«. – D. Mit jedem Jahr des Lebens fällt uns ein beträchtlicher Theil des Flitterstaats nieder, mit dem uns von Kindheit auf, so wie in Handlungen, so auch in Wissenschaften, in Zeitvertreib und Künsten die Phantasie schmückte. Unglücklich ist, wer lauter falsche Federn und falsche Edelsteine an sich trug; glücklich und dreimal glücklich, wem nur die Wahrheit Schmuck ist und der Quell einer teilnehmenden Empfindung im Herzen quillt. Er fühlt sich erquickt, wenn Andre, blos Menschen von außen, rings um ihn winseln und darben; im allgemeinen Gut, im Fortgange der Menschheit findet er sich gestärkt, seine Brust breiter, sein Dasein größer und freier.« »Sein Dasein größer und freier,« fiel L. ein; »denn indem er sich über den schleichenden, alltäglichen Gang der Dinge erhoben fühlt, athmet er ein reineres Element; er vergißt den niedrigen Kummer, der ihm da und dort das Herz drückte, wenn er den Strom der Zeit stockend und sich in einen stehenden Sumpf gesenkt glaubte. Der Strom der Zeit steht nie still; jetzt rieselt er sanft, jetzt rauscht er gewaltig; allenthalben aber weht auf ihm Othem des Lebens.« »In die Gedanken- oder Handlungssphäre andrer größerer Menschen versetzt,« sagte B., »nehmen wir Theil an ihrem Geist; wir denken mit ihnen, auch wenn wir mit ihnen nicht wirken konnten, und freuen uns ihres Daseins. Je reiner die Gedanken der Menschen sind, desto mehr stimmen sie zusammen; die wahre unsichtbare Kirche durch alle Zeiten, durch alle Länder ist nur eine .« »Und in diese wollen wir rein eintreten, meine Freunde,« fügte A. hinzu, »mit ungetheiltem Herzen, mit reinen Händen. Kein Parteigeist soll unser Auge benebeln, keine Schmeichelei unser Angesicht schänden. Unter uns ist, wie jener Apostel Paulus an die Galater, 3. 28. – D. sagte, kein Jude noch Grieche, kein Knecht noch Freier, kein Mann noch Weib; wir sind Eins und Einer . Indem wir an uns und nicht an die Welt schreiben, gehen wir aller eitlen Rücksichten müssig; warum sollten wir heucheln? Das lohnte der Mühe nicht, die Feder einzutunken; wir dürften sodann nur lesen.« »Lesen!« sagte das ganze Chor und ging in ein Detail über das, was Jener hier, Dieser dort gelesen hatte; Alle waren darüber einig, daß es der Seele eine Arznei sei, wenn sie vom zertheilten, vielfachen Lesen in sich zurückgezogen werde und, wie durch ein Gelübde oder vor einem heiligen Gericht, über das, was sie gehört, gelesen, gesehen hat, sich selbst redliche Rechenschaft gebe. »Diese Rechenschaft wollen wir uns einander geben,« fügte ich hinzu; und so ward ein Bund der Humanität geschlossen, vielleicht wahrer, wenigstens unanmaßender und stiller, als je einer geschlossen ward. Fangen Sie nun an, mein Freund! Unsre Freunde sind, wie Sie wissen, hie und da zerstreut; alle sind bereit, sie warten auf Ihren Anklang. Die Namen der correspondirenden Freunde und unter die Briefe nicht gesetzt; denn was könnten uns Buchstaben bezeichnen, das die Briefe nicht selbst erklärten? – H. Herder, der sich als Herausgeber darstellt, unterscheidet die Anmerkungen des Herausgebers (A. d. H.) von denen der einzelnen correspondirenden Freunde. Wir haben die von Herder als Herausgeber herrührenden Anmerkungen mit einem beigefügten »H.« bezeichnet. – D. 2. Endlich ist mir die Lebensbeschreibung eines meiner Lieblinge in unserm Jahrhundert, Benjamin Franklin 's, von ihm selbst für seinen Sohn geschrieben, zu Händen gekommen; aber bedauern Sie's, nur in der französischen Uebersetzung, und nur ein kleines Stück derselben, die früheren Lebensjahre des Mannes, ehe er völlig in seine politische Laufbahn trat. Sie sind jetzt auch deutsch übersetzt: »B. Franklin's Jugendjahre, übersetzt von Bürger«. Berlin 1792. – H. Sollte die Politik der Engländer vermögend sein, das Uebrige und Ganze in der Ursprache zu unterdrücken, so bedauern Sie mit mir den sinkenden Geist der Nation und lassen indessen dies Buch ja unter uns circuliren. Sie wissen, was ich von Franklin immer gehalten, wie hoch ich seinen gesunden Verstand, seinen hellen und schönen Geist, seine Sokratische Methode, vorzüglich aber den Sinn der Humanität in ihm geschätzt habe, der seine kleinsten Aufsätze bezeichnet. Auf wie wenige und klare Begriffe weiß er die verworrensten Materien zurückzuführen! Und wie sehr hält er sich allenthalben an die einfachen, ewigen Gesetze der Natur, an die unfehlbarsten praktischen Regeln, ans Bedürfniß und Interesse der Menschheit! Oft denkt man, wenn man ihn liest: »Wußte ich das nicht auch? aber so klar sahe ich's nicht, und weit gefehlt, daß es bei mir schlichte Maxime des Lebens wurde.« Zudem sind seine Einkleidungen so leicht und natürlich, sein Witz und Scherz so gefällig und fein, sein Gemüth so unbefangen und fröhlich, daß ich ihn den edelsten Volksschriftsteller unsers Jahrhunderts nennen möchte, wenn ich ihn durch diesen mißbrauchten Namen nicht zu entehren glaubte. Unter uns wird er dadurch nicht entehrt! Wollte Gott, wir hätten in ganz Europa ein Volk, das ihn läse, das seine Grundsätze anerkennte und zu seinem eignen Besten darnach handelte und lebte; wo wären wir sodann! Franklin's Grundsätze gehen allenthalben darauf, gesunde Vernunft, Ueberlegung, Rechnung, allgemeine Billigkeit und wechselseitige Ordnung ins kleinste und größte Geschäft der Menschen einzuführen, den Geist der Unduldsamkeit, Härte, Trägheit von ihnen zu verbannen, sie aufmerksam auf ihren Beruf, sie in einer milde fortgehenden, unangestrengten Art geschäftig, fleißig, vorsichtig und thätig zu machen, indem er zeigt, daß jede dieser Uebungen sich selbst belohne, jede Vernachlässigung derselben im Großen und Kleinen sich selbst strafe. Er nimmt sich der Armen an, nicht anders aber, als daß er ihnen Wege des Fleißes mit überwiegender Vernunft eröffnet. Mehrmals hat er es erwiesen, wie hell und bestimmt er in die Zukunft sah, wie entwirrt die verworrensten Geschäfte der Leidenschaft in einfachen Resultaten vor seinem Auge lagen. Einen solchen Mann von sich selbst sprechen, am Rande des Lebens ihn seinem Sohn erzählen zu hören, wer er sei, und wie er, was er ist, geworden: wen das nicht reizend belehrte! Hören Sie nun den guten Alten, und Sie finden in seiner Lebensbeschreibung durchaus ein Gegenbild zu Rousseau's »Confessionen«. Wie Diesen die Phantasie fast immer irre führte, so verläßt Jenen nie sein guter Verstand, sein unermüdlicher Fleiß, seine Gefälligkeit, seine erfindende Thätigkeit, ich möchte sagen: seine Vielverschlagenheit und ruhige Beherztheit. Begleiten Sie ihn in diesem Betracht aus der Bude des Lichtziehers in die Werkstätte des Messerschmiedes, in die Buchdruckerei, von Boston nach New-York, nach Philadelphia, London u. s. w., und bemerken, wie er allenthalben zu Hause ist, sich zu finden weiß, Freunde gewinnt, überall ins größere Allgemeine blickt und in jedem Verhältniß einen fortstrebenden Geist zeigt. Die Galerie seiner Bekannten und Mitgenossen, die er dabei aufstellt, wie Dieser hier verdirbt, dort Jener zu Grunde geht, und wie er dies oft voraussieht und zu seinem Besten gebraucht, ist äußerst lehrreich. Für junge Leute kenne ich fast kein neueres Buch, das ihnen so ganz eine Schule des Fleißes, der Klugheit und Sittsamkeit sein könnte als dieses. Und wie ruhig ist's gedacht! wie angenehm scherzhaft erzählt der liebenswürdige Alte! Glücklich, wer auf sein Leben zurücksehen kann wie Franklin, dessen Bestrebungen das Glück so herrlich gekrönt hat! Nicht der Erfinder der Theorie elektrischer Materie und der Harmonika ist mein Held (obwol auch in diesen ruhmwürdigen Erfindungen ein und derselbe Geist wirkte); der zu allem Nützlichen und Wahren aufgelegte und auf die bequemste Weise werkthätige Geist, er, der Menschheit Lehrer, einer großen Menschengesellschaft Ordner sei unser Vorbild! Auch außer denen ihm freilich äußerst vortheilhaften Zeit- und Landesumständen mag er uns dieses sein; denn Franklin's Geist fände sich überall zurecht, auch da, wo wir leben. Zu diesem Zweck werden Sie in seinem Leben besonders bemerken, wie er sich, trotz seiner Armuth und mechanischen Berufsart, selbst literarische Bildung gab, seinen Stil formte und jedes Mittel, auch die Buchdruckerei, dazu anwandte; wie er in dieser die popularsten Wege, Zeitungen, Kalender, einzelne Blätter, die gemeinsten und beliebtesten Einkleidungen auffand, um Ideen unter das Volk zu bringen und sich durch die Stimme der Nation zu belehren; wie endlich von frühen Jahren an er nicht sowol gelehrte als belehrende Gesellschaften liebte, deren Mitglieder sich mit einander übten. Auch dieserhalb wünschte ich jedem gutartigen Jünglinge diese Jugendjahre Franklin's in die Hände. Der Unbegüterte, der sich selbst nicht verläßt, wird finden, daß er von Gott durch dessen großes und vielfaches Organ, die Menschheit, nie verlassen werde; er wird auf das zurückgeführt, was der edle Jüngling Persius für den Zweck aller menschlichen Weisheit erkannte: » Quid sumus et quidnam victuri gignimur; ordo Quis datus aut metae quam mollis flexus et unde; Quis modus argento; quid fas optare; quid asper Utile nummus habet; patriae carisque propinquis Quantum elargiri deceat; quem te Deus esse Jussit et humana qua parte locatus es in re, Disce .« Vgl. Herder's Werke. VIII. 101. – Die letzten Worte bilden das Motto des ersten Bandes der »Ideen«. – D. Nächstens sende ich Ihnen Franklin's Plan zu einer seiner früheren Gesellschaften; lassen Sie unsre Freunde daraus oder dabei bemerken, was für uns dient; denn das Philadelphia, für welches diese Gesellschaft gestiftet ist, kann überall liegen. 3. Fragen zu Errichtung einer Gesellschaft der Humanität von Benjamin Franklin. »Haben Sie heut Morgen die Fragen durchgelesen, um zu erwägen, was Sie der Gesellschaft über eine derselben zu sagen haben möchten, nämlich: »1. Ist Ihnen irgend etwas in dem Schriftsteller, welchen Sie zuletzt gelesen, aufgestoßen, das merkwürdig oder zur Mittheilung an die Gesellschaft schicklich ist? besonders in der Geschichte, Moral, Poesie, Naturkunde, Reisebeschreibungen, mechanischen Künsten oder andern Theilen der Wissenschaften?« Mich dünkt, die Frage ist für uns geschrieben. Wie einst die Pythagoreer, so sollte jeder Rechtschaffene am Abend sich selbst fragen, was er, vielleicht unter vielem Nichtswürdigen, heut wirklich Nützliches gelesen und bemerkt habe. Jeder gebildete Mensch wird sich auf diesem Wege in Kurzem nach einem andern sehnen, dem er sein Merkwürdiges mittheile, und der ihm das seinige mittheile; denn das einsame Lesen ermattet; man will sprechen, man will sich ausreden. Kommen nun verschiedne Menschen mit verschiednen Wissenschaften, Charakteren, Denkarten, Gesichtspunkten, Liebhabereien und Fähigkeiten zusammen, so erwecken, so vervielfachen sich unzählbare Menschengedanken. Jeder trägt aus seinem Schatze vom Wucher seines Tages etwas bei, und in jedem Andern wird es vielleicht auf eine neue Art lebendig. Geselligkeit ist der Grund der Humanität, und eine Gesellung menschlicher Seelen, ein wechselseitiger Darleih erworbener Gedanken und Verstandeskräfte vermehrt die Masse menschlicher Erkenntnisse und Fertigkeiten unendlich. Nicht Jeder kann Alles lesen; die Frucht aber von dem, was der Andre bemerkte, ist oft mehr werth als das Gelesene selbst. »2. Haben Sie etwa neuerlich eine Geschichte gehört, deren Erzählung der Gesellschaft angenehm sein könnte?« So gemein diese Frage scheint, so ein fruchtbares Samenkorn kann sie in der Hand verständiger Menschen werden. Aus Geschichte wird unsre Erfahrung; aus Erfahrung bildet sich der lebendigste Theil unsrer praktischen Vernunft. Wer nicht zu hören versteht, versteht auch nicht zu bemerken; und aus dem Erzählen zeigt sich, ob Jemand zu hören gewußt habe. Franklin's beste Einkleidungen gingen aus solchen verständig angehörten lebendigen Thatsachen hervor; von ihnen empfingen sie ihre gefällige Gestalt, ihre leichte Wendung. In Zeiten, da man viel hörte, viel erzählte und wenig las, schrieb man am Besten; so ist's noch in allen Materien, die aus lebendiger Ansicht menschlicher Dinge entspringen müssen und dahin wirken. Schrift und Rede ist bei uns oft zu weit von einander getrennt; daher sind Bücher oft Leichname oder Mumien, nicht lebendig beseelte Körper. Griechen und Römer, auch unter Galliern und Briten die erlesensten Schriftsteller waren sprechende oder gar handelnde Personen; der Geist der Rede und Handlung athmet also auch in ihren Schriften. Ueberhaupt äußert sich in den entscheidendsten Fällen der wahre Geist der Humanität mehr sprechend und handelnd als schreibend. Wohl dem Menschen, der in lobwürdiger und angenehmer lebendiger Geschichte lebt! »3. Hat irgend ein Bürger nach Ihrem Bewußtsein neulich in seinen Verrichtungen Fehler begangen? und was war nach Ihrer erhaltenen Nachricht die Ursache davon?« »4. Haben Sie neulich vernommen, daß irgend einem Bürger etwas besonders geglückt sei? und durch welche Mittel? Haben Sie z. B. gehört, auf was Weise ein jetzt reicher Mann hier oder sonst irgendwo zu seinem Vermögen kam?« Fragen, die in einem aufstrebenden jungen Handelsstaat von der nützlichsten Wirkung sein konnten und in keinem Staate unnütz sein werden, in dem Industrie, Erfindung, Unternehmung noch nicht gar ausgetilgt sind. Ein auf den Mitbürger neidisches Auge schadet sich selbst am Meisten; wo findet dies aber mehrere Nahrung als in despotischen Verfassungen, wo von Schmeichelei, Gunst, Betrug und Willkür so Vieles abhängt? In Verfassungen von freier Concurrenz der Verstandes- und Gemüthskräfte sowie der Kunst und des Fleißes ist das Auge der Mitkämpfer und Mitwerber gewiß nicht träger, aber verständiger auf einander gerichtet. Man gewöhnt sich, Glück und Unglück, Reichthum und Armuth, Verdienst und Trägheit natürlich anzusehen, forscht den Mitteln nach, wodurch Jener sich hob, Dieser sank; so lernt man von Beiden. Schon der alte Hesiodus unterschied zwei Gattungen der Eifersucht, die böse und die gute; diese beschreibt er als nützlich, jene als niederträchtig und schädlich. Werke und Tage, II ff. – D. Je mehr sich die Einrichtung menschlicher Dinge bessert, um so mehr muß auch der falschen Eifersucht Zaum und Zügel angelegt werden, indem nämlich die freie und edle Eifersucht emporkommt. Wer sollte sich nicht einen Zustand denken können, in welchem alle Handlungen und Vortheile der Menschen natürlich betrachtet, mithin auch also geschätzt und erworben werden? Da tritt sodann das Gute und Böse gleich ans Licht; Jeder darf frei darüber sprechen und daran lernen. Wie weit wir aber noch von diesem Ziele sind, mag nur der Markt der Wissenschaft zeigen. Wie selten urtheilt ein Beurtheiler fremder Werke nach der strengen Frage: »Welche Fehler hat mein Mitbürger begangen? und was ist die Ursache davon? Hat dieser, redlich betrachtet, seine Sache weiter gebracht? wodurch ist's ihm gelungen? und was steht andern Mitbürgern noch zurück?« Und doch ist diese Frage die einzig billige, nützliche und gerechte; sonst urtheilen nur Sclaven oder Despoten. Von uns sei dieser Geist des kleinen Neides oder des übermüthigen Stolzes gleich fern; aber die edle Eifersucht auf alles Gute, Nützliche und Schöne, dessen die menschliche Natur fähig ist, sei unsre Göttin! »5. Ist Ihnen irgend ein Mitbürger bekannt, der neulich eine würdige Handlung gethan hat, welche Preis und Nachahmung verdient? oder der einen Fehler begangen, welcher uns zur Warnung und zu dessen Vermeidung dienlich sein kann?« »6. Welche unglückliche Wirkungen haben Sie neulich an der Unmäßigkeit, Unvorsichtigkeit, an der Hitze oder irgend einem Laster oder Thorheit wahrgenommen? Welche glückliche Wirkungen hingegen haben Sie von der Nüchternheit, Klugheit, Mäßigkeit oder irgend einer andern Tugend erfahren?« So fragt ein Lehrer der Humanität; so frage jeder Vater und Hausvater die Seinen. Wie weit wären wir gelangt, wenn über alle Fehler und Tugenden der Menschen, in Beziehung auf ihre Folgen, nur so klar und unbewunden gesprochen werden könnte, als wir bei uns gedenken! Was die falsche Bescheidenheit oder gar eine demüthige Heuchelei hier verschweigt, das entdeckt und übertreibt dort eine kecke Lästerzunge desto ärger. So wird endlich der Sinn der Menschheit verrückt und das moralische Auge geblendet. Alles scheint uns natürlich, nur die Natur des Menschen nicht, deren Weisheit und Thorheit mit ihren klaren Folgen uns unanschaubare Dinge, unaussprechliche Räthsel bleiben sollen. Und doch, welche Natur von außen und innen läge uns näher als die Natur des Menschen? »7. Sind Sie oder Jemand ihrer Bekannten neulich krank oder verwundet gewesen? Welche Mittel wurden gebraucht, und welches waren die Wirkungen?« So hoch die Arzneikunst gestiegen ist, so hat jeder geschicktere Arzt anerkannt, daß sie zum Wohl des Menschengeschlechts noch viel höher steigen könne und steigen werde. Daher die fast schon unzählbaren Bemerkungen einzelner Aerzte; daher die Bemühungen großmüthiger Menschen, erprobte Mittel aus der Dunkelheit ans Licht zu ziehen; daher endlich die Bemühungen ganzer Gesellschaften, aus andern Welttheilen, wäre es auch von Wilden, dergleichen Heil- und Hilfsmittel zu gewinnen und in Europa zu verbreiten. Ist das Wort Humanität kein leerer Name, so muß sich die leidende Menschheit dessen am Meisten zu erfreuen haben. »8. Fällt Ihnen etwas ein, wodurch die Versammlung dem Menschengeschlecht, Ihrem Vaterlande, Ihren Freunden oder sich selbst nützlich sein könnte?« »9. Ist irgend ein verdienter Ausländer seit der letzten Zusammenkunft in der Stadt angekommen? und was haben Sie von seinem Charakter oder Verdiensten vernommen oder selbst bemerkt? Glauben Sie, daß es im Vermögen der Gesellschaft stehe, ihm gefällig zu sein oder ihn, wie er es verdient, aufzumuntern?« »10. Kennen Sie irgend einen jungen verdienten Anfänger, der sich neulich etablirt hat, und welchen die Gesellschaft auf irgend eine Weise aufzumuntern vermögend wäre?« »11. Haben Sie einen Mangel in den Gesetzen Ihres Vaterlandes neulich bemerkt, um deswillen es rathsam wäre, die gesetzgebende Macht um Verbesserung anzusprechen? Oder ist Ihnen ein wohlthätiges Gesetz bekannt, was noch mangelt?« »12. Haben Sie neulich einen Eingriff in die rechtmäßigen Rechte des Volks bemerkt?« »13. Hat irgend Jemand neulich Ihren guten Namen angegriffen, und was kann die Gesellschaft thun, um ihn sicher zu stellen?« »14. Ist irgend ein Mann, dessen Freundschaft Sie suchen, und welche die Gesellschaft oder ein Glied derselben Ihnen zu verschaffen vermögend ist?« »15. Haben Sie neulich den Charakter eines Mitgliedes angreifen hören, und auf welche Weise haben Sie ihn geschützt? Hat Sie irgend Jemand beeinträchtigt, von welchem die Gesellschaft vermögend ist, Ihnen Genugthuung zu verschaffen?« »16. Auf was Weise kann die Gesellschaft oder ein Mitglied derselben Ihnen in irgend einer Ihrer ehrsamen Absichten beförderlich sein?« »17. Haben Sie irgend ein wichtiges Geschäft unter der Hand, bei welchem Sie glauben, daß der Rath der Gesellschaft Ihnen dienlich sein könnte?« »18. Welche Gefälligkeiten sind Ihnen neulich von einem nicht anwesenden Mann erzeigt worden?« »19. Ist irgend eins Schwierigkeit in Angelegenheiten vorhanden, welche sich auf Meinungen, auf Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit beziehen, und die Sie gern auseinandergesetzt haben möchten?« »20. Finden Sie irgend etwas in den jetzigen Gebräuchen oder Verfahrungsarten der Gesellschaft fehlerhaft, welches verbessert werden könnte?« Ohne alle Anmerkung sprechen diese Fragen zum Herzen wie zum Verstande. Manche geheime Gesellschaft, die zur Besserung der Menschheit wirken wollte, mag auch dahingegangen sein; diese kann vor den Augen der Welt allenthalben als ein Bund der Edlen und Guten fortdauern; denn sie ist auf die Tugend selbst gegründet. Folgendes waren die Fragen, die Jeder, der in der Gesellschaft aufgenommen werden wollte, die Hand auf seine Brust gelegt, beantworten mußte: »1. Haben Sie irgend eine besondre Abneigung gegen eins der hiesigen Mitglieder?« »2. Erklären Sie aufrichtig, daß Sie das Menschengeschlecht, ohne Rücksicht von welcher Hantierung oder Religion Jemand sei, überhaupt lieben?« »3. Glauben Sie, daß Jemand an Körper, Namen oder Gut, blos speculativer Meinungen oder der äußerlichen Art des Gottesdienstes wegen, gekränkt werden müsse?« »4. Lieben Sie die Wahrheit um der Wahrheit willen, und wollen Sich bestreben, sie unparteiisch zu suchen und, wenn Sie sie gefunden, auch Andern mitzutheilen?« »Die Hand aufs Herz, meine Brüder! Ja, Amen!« ——— 4. Glauben Sie nicht, mein Freund, daß Sie der einzige Liebhaber Franklin's in unsrer kleinen Zahl sind. Alle Brüder reichen Ihnen die Hand auf seine Fragen, und von F. werden Sie nächstens ein Kästchen von amerikanischem Holz empfangen, in dem Sie eine Sammlung kleiner und größerer Aufsätze Franklin's finden, unter welchen Ihnen wahrscheinlich Manches neu sein wird. Freund F. hat sie mit vieler Sorgfalt zusammengesucht und glaubt daran einen moralisch-politischen Schatz zu haben. Es wird davon eine niedliche Ausgabe im Deutschen veranstaltet werden; denn die meisten, alle sehr interessante Stücke, sind zerstreut oder gar nicht bekannt. – H. Ist es nicht sonderbar, daß in alten und neuen Zeiten die höchste und fruchtbarste Weisheit immer aus dem Volk entsprungen, immer mit Naturkenntniß, wenigstens mit Liebe zur Natur und Ansicht der Dinge verbunden, immer von ruhiger Unbefangenheit des Geistes, von heiterm Scherz begleitet gewesen und am Liebsten unter der Rose gewohnt hat? Doch warum nenne ich dies sonderbar, da es Natur der Sache selbst ist. Nur wer die Menschen kennt, kann für sie sorgen; nur wer, durch das Bedürfniß geweckt, durch Noth gereizt, in mancherlei Verhältnissen umhergetrieben, die süße Frucht der Mühe schmeckte, kann diese auf die bequemste Art Andern zu kosten geben. Er hat sich die schwere Wahrheit leicht gemacht; so macht er sie auch Andern angenehm und faßlich. Daß Franklin's Leben ganz und im Original erscheinen werde, will ich nicht zweifeln. Dem bessern Theil der englischen Nation ist es bekannt genug, daß er kein Aufrührer gewesen, daß er zum Frieden und zur Aussöhnung die einsichtvollsten Vorschläge gethan habe, die, wie Weissagungen eines Propheten, die Zeit genugsam bestärkt hat. Aeußerst schwer ging er an den Gedanken, daß England und Amerika sich trennen sollten; er fand es diesem Lande selbst nicht vortheilhaft und hielt auch das für gefährlich, daß es zur Freiheit so bald gelangte. Da nun die Zeit hierüber mit einer gebietenden Stimme bereits entschieden und England auf andre Weise schadlos gehalten hat, so glaube ich, daß nur wenige Augen sich schließen dürfen, und Franklin's Lebensgeschichte wird uns gegönnt sein und bleiben. Lesen Sie in beikommendem Nekrolog Nekrolog auf das Jahr 1790. Enthaltend Nachrichten von dem Leben merkwürdiger in diesem Jahre gestorbener Personen. Gesammelt von Friedrich Schlichtegroll. Zwei Bände. Gotha 1791. – H. Er erschien ununterbrochen, aber auf Deutschland beschränkt, bis 1806. – D.) die wenigen Fragmente seines politischen Lebens, und Sie werden den schönen Friedensstern , der in Franklin leuchtete, bis auf den Augenblick, da er in der westlichen Welt untergeht, segnen. Die letzte Rede, mit der er den Beitritt der widersinnigen Provinzen zur Constitution bewirkte, so ganz in seinem Geist und Charakter, ist der scheidende Strahl dieses Sternes. Aber ach, indem ich Ihnen den Nekrolog zusende, wie trübe sinkt mein Blick! Kein Stern mehr; ich wandle auf einem Kirchhofe und schaue traurig zur Erde nieder, insonderheit unter den deutschen Gebeinen. Die Pyramide hinten auf dem Umschlage dünkt mich Cestius' Pyramide zu Rom, neben welcher der Ausländer-Protestanten, meistens der deutschen, Körper ruhn, verscharrt hier in der Fremde. Welch eine niederschlagende Erinnerung giebt uns das Leben der Meisten! Die in der Folge angeführten Namen sind alle aus dem ersten Jahrgänge des »Nekrologs«. Mehrere waren damals noch nicht erschienen. – H. Arm geboren, fleißig, redlich, einestheils talent-, anderntheils verdienstreich, kamen sie nicht weiter, als daß sie ihr Leben entweder mühsam durchlebten oder in der Hälfte desselben fast unbemerkt niedergingen und starben. Loudon glänzt als ein Gestirn in diesem Todtenthale; aber lesen Sie, wie es auch ihm gegangen, wie schwer es ihm gemacht worden, und wie er zuletzt sein Grabmal von Trümmern einer unerstürmten Pforte sich selbst als ein castrum doloris aufgerichtet! Aus dem Württemberger Hahn , diesem wahrhaftig Newtonischen Kopfe, aus Schäffer, Ferber, Reiz, Meier und so manchen Andern, was wäre in England geworden? (Was aus Herschel nicht geworden wäre, wenn er in der Hannoverschen Hofkapelle diente!) Und wie ging's dem verdienten Crollius in Zweibrück, dem guten Meggenhofen in Baiern! wie verschwand Crugot , dieser sanft- und hellleuchtende Stern, so bald unter Wolken! Auf welche Irrwege ward Basedow geführt, und wie traurig schreitet der arme Ephraim Kuh seine Laufbahn danieder! Diese liegen nun neben Joseph II., neben Elliot, Howard, Franklin, Kreitmayr hier begraben. Sie schlafen freilich neben einander allesammt in Frieden; aber der Name auf ihren Leichsteinen giebt mehr zu denken, als selbst in Gray 's »Elegie auf dem Landkirchhofe« ausgedrückt sein möchte. Dem Todten, meine Freunde, gebührt eine Thräne; so manchem deutschen Todten gebührt mehr als ein Seufzer. ——— 5. Der Trübsinn, der Sie bei dem Nekrolog angewandelt hat, ist nicht ganz ohne Grund. Lassen Sie uns diesen aber näher beleuchten. Sollte die Grabstätte selbst, die hier errichtet worden, daran nicht etwa mit Schuld sein? Der Name »Todtenregister« ist schon ein trauriger Name. Laß Todte ihre Todten begraben ; wir wollen die Gestorbnen als Lebende betrachten, uns ihres Lebens, ihres auch nach dem Hingange noch fortwirkenden Lebens freuen und eben deshalb ihr bleibendes Verdienst dankbar für die Nachwelt aufzeichnen. Hiemit verwandelt sich auf einmal das Nekrologium in ein Athanasium , in ein Mnemeion; sie sind nicht gestorben , unsre Wohlthäter und Freunde; denn ihre Seelen, ihre Verdienste ums Menschengeschlecht, ihr Andenken lebt. Damit veränderte sich auch der Entwurf dieses Buches, und gewiß zu seinem Vortheil, wenn anders der Entwurf auszuführen wäre. 1. Nur Deren Leben gehörte in diese Sammlung, die zum Besten der Menschheit wirklich beigetragen haben ; und es wäre Hauptblick des Erzählers: wie sie dies thaten; wie sie Die wurden, die sie waren; womit sie zu kämpfen, was sie zu überwinden hatten; wie weit sie's brachten und was sie Andern zu thun nachließen; endlich wie sie ihr Geschäft, das Werk ihres Lebens, selbst ansahn. Eine treue Erzählung hievon, wo möglich aus dem Munde oder den Schriften der Entschlafnen, oder von Denen, die sie nahe gekannt und bemerkt haben, wäre wie eine Stimme aus dem Grabe , wie ein Testament des Verstorbnen über sein eigenstes Eigenthum, über seinen edelsten Nachlaß. 2. Hieraus folgte, daß bei Männern der Wissenschaft man sich nothwendig auf den Werth und die Wirkung ihrer Schriften , bei thätigen Geschäftsmännern auf den Beruf einlassen müßte, in welchem sie der Menschheit dienten . Bei Crugot z. B. sind seine »Predigten vom Verfasser des Christen in der Einsamkeit« nicht genannt, mit denen er doch, zumal im zweiten Theil, seinen Zeitgenossen so weit vorschritt. Crugot 's wenige Schriften verdienen zu bleiben, so lange die deutsche Sprache bleibt; und es war mir ein angenehmer Umstand, hier zu finden, daß Carmer den »Christen in der Einsamkeit« zum Druck gefördert habe. Wie nun? sollte der helldenkende, liebenswürdige Mann, dessen Moral so ganz die reine Humanität Christi athmet, ohne hinterlassene, des Drucks würdige Schriften gestorben sein? Und sollte Carmer , sollten die zwei Prinzen und die Prinzessin, die, wie die Biographie sagt, ihren verdienstvollen Lehrer in ihm ehrten und liebten, sollten die Freunde, die ihn näher kannten, dies Geschenk für Welt und Nachwelt verloren sein lassen? Ich hoffe nicht; denn nebst Sack und Spalding war Crugot nicht nur in jenen Gegenden, sondern für Deutschland überhaupt einer der ersten Verbreiter des guten Geschmacks und einer hellen Philosophie im Kreise seines Berufes. Er muß nicht todt sein, sondern er lebe! 3. Da schwerlich etwas Langweiligeres als ein unbestimmtes Leichenlob sein kann, so sind eben die zartesten Saiten des menschlichen Herzens auch hier, wie mich dünkt, aufs Leiseste zu berühren. Familien-, Freundes-, Privatsituationen, wenn sie nicht auf einem hellen Detail beruhen, ertragen in allgemeinen Ausdrücken selten ein langes Lob; man überschlägt's oder ermüdet. Ueberhaupt ist das, was der Lehrer der Menschen vom Innern der Moralität sprach, auch in Absicht auf die Darstellung derselben wahr: was fürs Auge des Allsehenden allein gehört und vor ihm gethan ward, will nicht vor dem Auge der Menschen prangen, gesetzt, daß es auch der wahrste Freund des Verstorbnen vorzeigte. Anders ist's mit bestimmten Thatsachen; die sprechen durch sich selbst, sie ermahnen, lehren, trösten. 4. Eingänge zu Lebensbeschreibungen durch einen Allgemeinsatz sind höchst mißlich. Welcher Allgemeinsatz erschöpft ein menschliches Leben? welcher verführt nicht öfter, als er zurechtweist? In den lateinischen memoriis sind solche Gemeinplätze hergebracht; hier, wünscht man, wachse die Bemerkung an ihrer natürlichen Stelle im Fortgange der Erzählung hervor, oder sie versiegle zuletzt den Eindruck des Ganzen. Ueber manches dieser Leben hätte viel Starkes können gesagt werden, bald mit einem strengen Blick, bald mit einem herzdurchdringenden Seufzer. 5. Denn freilich, mein Freund, ist's wahr: Deutschland weint um manche seiner Kinder ; es ruft: Sie sind nicht mehr , sie gingen gekränkt, beistand- und trostlos unter. Hier also auf dem Grabe des Verstorbnen, als auf einer heiligen Freistätte, müssen Wahrheit und Menschlichkeit, diese sanft und rührend, jene unparteiisch und strenge, ihre Stimmen erheben und sprechen: »Dieser Mann ward unterdrückt, jener gemißbraucht, dieser verlockt und gestohlen. Ohne Recht und Urtheil schmachtete er viele Jahre im Felsenkerker; das Auge seines Fürsten weidete sich an ihm; seine späte Entlassung ward Gnade, und nie bekam er die Ursache seines Gefängnisses zu wissen, bis an den Tag seines Todes.« Eine sehr bekannte deutsche Geschichte, über welche jetzt der zweite Theil von Schubart 's selbst geschriebenem Leben Auskunft giebt. – H. Wahre Begegnisse dieser Art müßten von Munde m Munde, von Tagebuch zu Tagebuch fortgepflanzt werden; denn wenn Lebendige schweigen, so mögen aus ihren Gräbern die Todten aufstehn und zeugen. Auf diese Weise geführt, was wäre lehrreicher und nützlicher als ein solches Register der Todten? Es ist kein Bösewicht auf der Erde, den nicht, wenn sein schuldloser oder gar edler Gegner mit hingestreckten Armen daliegt und die Todtenglocke über ihm ertönt, das, wodurch er ihm im Leben wehe that, jetzt im Herzen steche und nage. Die Schlangen der Rache, des Neides und Undanks entschlafen am Grabe des Todten und wenden sich gegen den lebenden Verbrecher. Hier also sitze, wie dort auf Ajax' Grabe, Tugend und Menschenwürde Vgl. Werke, VII. 132. – D. und wäge und richte! Ich weiß wohl, wie schwer dies Alles auszuführen sei, Zumal in Deutschland. Eben aber, daß Möser 's patriotische Phantasie »Aufmunterung und Vorschlag zu einer westphälischen Biographie« hier in einem weiteren Umfange erfüllt werden könnte, daß, wenn sonst nirgend, wenigstens auf einem Gottesacker die verdienten Männer mehrerer und aller deutschen Provinzen sich zusammenfänden und endlich doch in der Erde sich als Landesleute, als Brüder, als Mitarbeiter an einem Werk des Menschenberufs erkennten: das allein schon sollte jeden Gutgesinnten aufmuntern, aus seiner Gegend, wie er weiß und kann, zur Vervollkommnung des Ganzen mit beizutragen. 6. Vor allen Dingen aber wünschte ich eigne Biographien erlesner merkwürdiger Menschen . Wie weit stehen wir Deutsche hierin andern Nationen, Franzosen, Engländern, Italienern, nach! Wir lebten, dachten, müheten uns; aber wir konnten nicht schreiben. Die rauhe oder ermattete Hand, die das Schwert, den Scepter, das Handwerk- und Kunstwerkzeug, wol auch die breite Canzleifeder führte, verachtete meistens die Reißfeder mühsamer Selbstschilderung; mit der alten Chronikenzeit ging auch das häusliche und Familiengefühl, für die Seinen und mit ihnen fortzuleben, großentheils zu Grabe. Was also von merkwürdigen alten Selbstbeschreibungen gerettet, was von neuen hie und da entdeckt werden kann, sollte gerettet und genützt werden, bis (ich weiß gewiß, daß die Zeit kommt) merkwürdige Geschäfte auch freiere Gesinnungen, und diese den Geist einer edeln Publicität erwecken werden, bei dem alle Stände im Lichte wandeln . » Praecipuum munus Annalium, ne virtutes sileantur utque pravis dictis factisque ex posteritate et infamia metus sit .« Tac. Ann ., III. 65. – D. ——— Der Patriot. Von allen Helden, die der Welt Als ewige Gestirne glänzen, Durch alle Gegenden bis an der Erde Grenzen, O Patriot, bist Du mein Held. Der Du, von Menschen oft verkannt, Dich ganz dem Vaterlande schenkest, Nur seine Leiden fühlst, nur seine Größe denkest Und lebst und stirbst fürs Vaterland. Umsonst sucht von der Tugend Bahn Der Eigennutz Dich zu verdrängen, Und führet wider Dich mit Jauchzen und Gesängen Die lockende Verführung an, Und ihr Gefolg', die güldne Pracht, Den stolzen Reichthum mit der Ehre, Die Pfauenflügel schwingt, und einem Freudenheere, Das um die süße Wollust lacht. Siegprangender, als Cäsar war, Schlägt sich durch diesen furchtbarn Haufen Die große Seele durch, mit Gold nicht zu erkaufen, Nicht zu erschüttern durch Gefahr. Denn wie ein Fels, der unbewegt, Wann Wogen sich auf Wogen thürmen, Im Oceane steht und ruhig in den Stürmen Den ganzen Zorn des Himmels trägt: So stehest Du mit festem Muth Und trotzest, ohne Freund, verlassen, Dem Grimm der Mächtigen, der Bösen, die Dich hassen, Und ihrer ungerechten Wuth. Das Vaterland beglückt zu sehn, Ist Dir die göttlichste der Freuden, Ist Dir Ambrosia, selbst in dem härtsten Leiden, Wann Bürger Dich undankbar schmähn; Bis Dich der Himmel wieder ruft, Die lichte Wohnung wahrer Helden, Und wer Du warest, einst des Volkes Thränen melden, Verströmt um Deine stille Gruft. Unrühmlich, unbeweint im Tod, Vermodern in vergessnen Höhlen Die Bürger schlimmer Art, in deren kleinen Seelen Nur niedrer Eigennutz gebot. Die Schändlichen! Das Vaterland, Das ihnen, was sie hatten, Leben, Ruh', Ehr' und Ueberfluß und sichre Lust gegeben, Bat hilflos mit erhobner Hand; Sie aber wichen scheu zurück Und nützten den erzürnten Himmel Zu häßlichem Gewinn und dachten im Getümmel Nur sich und ihres Hauses Glück. Ihr Haus entflieht der Rache nicht, Die endlich den Verbrecher findet; Was mit verruchter Hand ein Bösewicht gegründet, Zerstört ein andrer Bösewicht. Des Bürgers Glück blüht mit dem Staat, Und Staaten blühn durch Patrioten. Athen besiegten Stolz und Eigennutz und Rotten, Noch eh es Philipp's Ehrsucht that. Und so fiel Rom, die Königin Der Könige von allen Zonen, Von ihrem Thron gestürzt, und ihre güldnen Kronen Nahm ein erkaufter Barbar hin. Oft wann in schauervoller Nacht Ihr Schutzgeist ihren Schutt umflieget, Stillschweigend übersieht, wie Rom im Staube lieget, In Trümmern seiner alten Pracht, Und dann die großen Thaten denkt, Die sein geliebtes Volk vollbrachte, So lang fürs Vaterland der Bürger Liebe wachte, Von niedrer Absicht unbeschränkt, Als alles fremden Goldes Feind, Ein Curius und Scipione Und die Fabricier und männliche Catone Noch lebten, mit dem Staat vereint: Dann klagt er laut: »Sie sind nicht mehr! Des Kolosseum's öde Mauern Beginnen rund umher antwortend mit zu trauern, Tief brausend wie ein stürmisch Meer: »Sie sind nicht mehr, und Rom starb nach! Erhoben durch die Patrioten, Fiel mein geliebtes Rom, als allen Bürgerrotten Ein patriotisch Herz gebrach!« Daß dieser Fall der großen Stadt Die sicher-stolzen Völker lehre, Der größte Staat sei schwach, der ungezählte Heere, Doch keine Patrioten hat! Uz . Im fünften Buche der lyrischen Gedichte. – D. ——— 6. Ein Athanasium , ein Mnemeion Deutschlands! Wahrlich, unser Vaterland ist zu beklagen, daß es keine allgemeine Stimme, keinen Ort der Versammlung hat, wo man sich sämmtlich hört. Alles ist in ihm zertheilt, und so Manches schützt diese Zertheilung: Religionen, Secten, Dialekte, Provinzen, Regierungen, Gebräuche und Rechte. Nur auf dem Gottesacker kann uns etwa eine Stelle gemeinsamer Ueberlegung und Anerkennung gestattet werden. Aber warum nur hier? Arbeiten nicht in allen, vom höchsten bis zu den niedrigsten Ständen sichtbare und unsichtbare Kräfte, diese gemeinsame Ueberlegung und Anerkennung zu erleichtern, zu bewirken? Ein Theil Deutschlandes hatte sich vor dem andern mit unleugbaren Vorschritten ein großes Voraus gegeben; der andre Theil eifert ihm nach, und wir können bald an der Stelle sein, ein Ebenmaaß zu finden. Jeder biedre Mensch muß sich bestreben, dieses zu fördern, und glücklicherweise scheinen mir Diejenigen, die die biedersten Deutschen sein sollen, die Fürsten, auf denselben Weg zu treten. Gewiß, der Unterschied der Religionen macht es nicht; denn in allen Religionen Deutschlands giebt es aufgeklärte, gute Menschen. Der Unterschied von Dialekten, von Bier- und Weinländern macht es auch nicht, was uns von einander hält und sondert: ein leidiges Staatsinteresse, eine Anmaßung mehreren Geistes, mehrerer Cultur auf der einen, auf der andern Seite mehreren Gewichts, mehreren Reichthums u. s. w. war es, was uns entzweit; und dem, dünkt mich, muß und wird die allmächtige Zeit obsiegen. Denn sagen Sie, was hindert uns Deutsche, uns allesammt als Mitarbeiter an einem Bau der Humanität anzuerkennen, zu ehren und einander zu helfen? Haben wir nicht Alle eine Sprache? ein gemeinschaftliches Interesse? eine Vernunft? ein und dasselbe menschliche Herz? Der Philosophie und Kritik hat man nirgend den Weg versperren können; sie arbeitet sich überall durch, sie wird in allen guten Köpfen rege. Ihre Regeln sind allenthalben dieselben, ihr Zweck allenthalben nur einer . Auch der Wetteifer verschiedner Provinzen gegen einander kann nicht anders, als diesen Zweck befördern. Ruhm und Dank verdient also ein Jeder, der die Gemeinschaft der Länder Deutschlands durch Schriften, Gewerbe und Anstalten zu befördern sucht; er erleichtert die Zusammenwirkung und Anerkennung mehrerer und der verschiedensten Kräfte; er bindet die Provinzen Deutschlands durch geistige und also die stärksten Bande. Daß uns eine Hauptstadt fehle, thut zu unsrer Sache gewiß nichts. Der Ausbildung des Geschmacks mag ihr Mangel eine Hinderniß sein; und auch der Geschmack kann durch sie ebensowol verderbt und gefesselt werden, als sie ihm anfangs Politur und Flügel verleihen mochte. Einsichten aber, ruhige Ueberlegungen, thätige Versuche, Empfindungen und Aeußerungen dessen, was örtlich und allenthalben zu unserm Frieden dient, sie verschmähen die Mauern einer Hauptstadt und suchen das freie Land; ihre Werkstätte ist das gesammte Deutschland. Je mehrere und leichtere Boten allenthalben her, allenthalben hin gelangen, desto mehr wird die Mittheilung der Gedanken befördert; und kein Fürst, kein König wird diese zu hemmen suchen, der die unendlichen Vortheile der Geistesindustrie, der Geistescultur, der gegenseitigen Mittheilung von Erfindungen, Gedanken, Vorschlägen, selbst von begangenen Fehlern und Schwächen einsieht. Jedes dieser Stücke kommt der Menschennatur, mithin auch der Gesellschaft zu gut; der Fehler wird entdeckt, der Irrthum wird gebessert, Gedanke weckt Gedanken, Empfindungen und Entschlüsse regen und treiben. Denn das ist eben die große und gute Einrichtung der menschlichen Natur, daß in ihr, wenn ich so sagen darf, Alles im Keim da ist und nur auf seine Entwicklung wartet. Entschließt sich die Blüthe nicht heute, so wird sie sich morgen zeigen. Auch alle möglichen Antipathien sind in der menschlichen Natur da; jedem Gift ist nicht nur sein Gegengift gewachsen, sondern die ewige Tendenz der waltenden lebendigen Kraft geht dahin, aus dem schädlichsten Gift die kräftigste Arznei zu bereiten. Ach, die Extreme liegen in unsrer enge beschränkten Natur so nahe, so dicht bei einander, daß es oft nur auf einen geschickten Fingerdruck ankommt, aus dem Einfalls- den Absprungswinkel zu machen, da unabänderlichen Gesetzen nach beide in ihrem Verhältniß einander gleich sind. Gedanken zu hemmen, dies Kunststück hat noch keine irdische Politik erfunden; ihr selbst wäre es auch sehr unzuträglich. Aber Gedanken zu sammeln, zu ordnen, zu lenken, zu gebrauchen, dies ist ihr für alle Zeiten hinaus unabsehlicher großer Vortheil. Doch die Seite des Verstandes ist's nicht allein, in Absicht welcher ich Deutschland einen gemeinsamen Zusammenhang wünschte; vielmehr ist's die Seite des Charakters, der Entschlüsse, der Unternehmung. Wir wissen Alle, daß die Deutschen von jeher mehr gethan als von sich reden gemacht haben; das thun sie auch noch. In jeder Provinz Deutschlands leben Männer, die ohne französische Eitelkeit, ohne englischen Glanz, gehorsam, oft leidend Dinge thun, deren Anblick Jedermann schönen und großen Muth einspräche, wenn sie bekannt wären. Denen vollends wünsche ich keinen Hof, keine Hauptstadt; einen Altar der Biedertreue wünsche ich ihnen, an dem sie sich mit Geist und Herzen versammeln. Er kann nur im Geist existiren, d. i. in Schriften; und, o daß ausgezeichnet vor allen eine solche Schrift da wäre! An ihr würden sich Seelen entflammen und Herzen stärken. Der deutsche Namen, den jetzt viele Nationen gering zu halten sich anmaßen, würde vielleicht als der erste Name Europa's erscheinen, ohne Geräusch, ohne Anmaßung, nur in sich selbst stark, fest und groß. 7. Wir sind darüber einig, daß wenn ein großer Name auf Europa mächtig gewirkt hat, es Friedrich gewesen. Als er starb, schien ein hoher Genius die Erde verlassen zu haben; Freunde und Feinds seines Ruhms standen gerührt; es war, als ob er auch in seiner irdischen Hülle hätte unsterblich sein mögen. Sie denken leicht, wie begierig ich auf seine »nachgelassenen Schriften« war. Oeuvres posthumes de Frédéric II. Berlin 1788. – H. Hier, sagte ich, lebt und spricht noch sein Geist nach dem Ableben seines alten vielgeübten Körpers. Briefe, Gespräche, ja Worte von ihm, die, so lang er König war, als Ehre gesucht, als Schätze umhergetragen wurden, sind jetzt ein gemeines Gut. Man kann sie unerschrocken prüfen, im Zusammenhange seines langen Lebens beherzigen; man darf ihnen widersprechen und sie mit seinen Thaten vergleichen. Zuerst also griff ich nicht nach Werken, die er absichtlich für die Welt geschrieben hatte, sondern nach seinem Briefwechsel, und unter diesem nach dem längsten und interessantsten mit Voltaire. Er erstreckt sich von 1736 bis 1777, also über vierzig Jahre, und zeigt die Seele des großen Königes in den verschiedensten Situationen seines Lebens. Ich will einige Züge und Stellen auszeichnen. Ein Prinz von dreiundzwanzig Jahren, der Erbe eines königlichen Thrones, sucht in weiter Entfernung den Mann auf, den er für den ersten Schriftsteller seiner Zeit hält, in dem er, wie er selbst sagt, Im ersten Briefe an Voltaire, vom 8. August 1736. – D. »nicht nur Schätze des Geistes, Stücke mit so viel Geschmack, Delicatesse und Kunst gearbeitet, daß ihre Schönheiten bei jedem neuen Lesen neu scheinen,« sondern auch jene Philosophie findet, die unser königlicher Jüngling insonderheit werth hält. Er übersendet ihm seinen Wolff , erbittet sich dagegen seine Schriften, seinen Unterricht in Briefen und wird ein Schüler des Philosophen, nicht aus Eitelkeit, sondern ernst und bescheiden. »Autoren,« sagt er, Im zweiten Briefe, vom 9. September 1736. – D. »sind die Gesetzgeber des menschlichen Geschlechts; ihre Schriften verbreiten sich m alle Theile der Welt; sie manifestiren Ideen, die Andre sich einprägen. Ist in ihnen Stärke des Gedankens mit Feuer des Ausdrucks vereinigt, so bezaubern sie und rühren. Bald athmet eine Menge Menschen die Liebe zum menschlichen Geschlecht, die sie ihr durch einen glücklichen Impuls einhauchten. Sie bilden gute Bürger, treue Freunde, Unterthanen, die Aufruhr und Tyrannei in gleichem Grade verabscheun, voll Eifer nur fürs allgemeine Beste. Ihnen, den Schriftstellern, ist man die Tugenden schuldig, die die Sicherheit und den Reiz des Lebens ausmachen; was ist man ihnen nicht schuldig?« So sahe Friedrich die Wissenschaften an, und dies blieb sein Bekenntniß. Die Talente, die hiezu dienten, schätzte er an Voltaire, in seiner Jugend fast über die Maaße, in seinem höheren Alter mäßiger; doch blieb ihm stets die hohe Achtung für einige große Stücke seines Lehrers, die er von andern sehr unterschied und ihm darüber offen seine Meinung sagte. Unter Waffen und im höchsten Alter hielt er die Wissenschaften nicht nur für sein schönstes Vergnügen, sondern auch dem Staat und der menschlichen Gesellschaft unentbehrlich; ohne sie, meinte er, würden und blieben Fürsten, Stände und Völker Barbaren ; Wissenschaften allein haben die Welt erleuchtet und einige auserwählte Seelen des Menschengeschlechts veredelt. »Blüht, Ihr freundlichen Künste, Blüht! Die goldenen Fluthen Des Paktolus benetzen Euch in Zukunft die Wurzeln Eures heiligen Hains. Euch gebühret, zu herrschen Ueber schwächere Geister Und vor Euren Altären Alle Söhne des Irrthums Feiernd opfern zu sehn. In der Mitternacht hör' ich Oft den himmlischen Wohllaut Eures Wettgesangs, höre Polyhymniens Saiten Und Uraniens Lied, Und zerfließe vor Wonne; Denn Ihr singet die Thaten Der unsterblichen Götter, Unterrichtet die Weisen Und Regenten der Welt. Angenehme Gefühle Und mein Genius reißen Allgewaltig mich zu Euch, Ketten ewig an Euren Siegeswagen mich an.« Ein von Götz übersetztes Gedicht Friedrich 's. – H. Es ist die Uebersetzung des Schlusses von Friedrich's Ode, » Le rétablissement de l'Académie « (vgl. Werke, III. 19 mit Anmerkung 1) unter der Aufschrift: Die schönen Wissenschaften . – D. Fast immer tönt diese Stimme um mein Ohr, wenn ich Friedrich's Schriften lese. Man wandelt in ihnen wie auf classischem Boden; ein Gefühl für die Würde, den Werth, die Schönheit der Wissenschaften ist in seine kleinsten und größten Aufsätze verbreitet. Insonderheit lebt sein Geist in einer gewissen Reihe erwählter größerer Seelen , die er, meistens aus dem Alterthum, sich zu Lieblingsnamen seiner Phantasie, zu Vorbildern, an denen er gern verweilt, ausersehen hatte. In Handlungen des Krieges und des Friedens, in Geschäften der Regierung und in Beziehungen der Menschheit kommen sie ihm oft wieder als alte Lehrer und Freunde; so wie es denn bekannt ist, daß er nur wenige Schriftsteller, diese aber immer von Neuem las und in seine Gedanken prägte. Nach gewissen Jahren wollte ihm das Neue nicht mehr gnugthun; er fand eine Spitzfindigkeit oder einen mathematischen Calcül in Schriften, wohin dieser nicht gehörte. Die alten großen Formen weniger Hauptgedanken lagen in ihm, von denen er sich ungern trennen mochte. In Sachen des Vortrags sah er Voltaire als die letzte Stütze des Geschmacks an, der unter Ludwig XIV. gewesen war und unter Ludwig XV. und XVI. freilich nicht mehr sein konnte. Dagegen sieht er seine eignen Aufsätze in Versen blos als Reimereien zum Vergnügen, in Prose als Uebungen zu Entwicklung seiner Gedanken an und spricht von ihnen ohn' alle Anmaßung. Diese Bescheidenheit ist, wie man offenbar sieht, kalte Ueberzeugung; er fühlt, was ihm fehle, und warum er nicht sein könne, was z. B. Voltaire war. Er will's auch nicht sein; denn er fühlt seinen größern Beruf, ob er gleich den andern, ein großer Schriftsteller zu sein, als angenehmer erkennt und in Augenblicken des Enthusiasmus fast zu beneiden scheint. Bald aber setzt sein Geist sich ins Gleichgewicht; gesunder Verstand, meint er, ein edler Trieb zur Ehre und unausgesetzte Thätigkeit sei seine Gabe; die wolle und müsse er auf seiner Stelle ausbilden, anwenden und gebrauchen. Fast unglaublich ist's auch, wieweit er in diesen Punkten nicht etwa nur Voltairen, sondern auch seinen sämmtlichen correspondirenden Freunden überlegen ist. Wenige, aber große Grundsätze liegen als unerschütterliche Fundamente in seiner Seele; wenige, aber feste Maximen sind seine treuen Gefährten, auf die er zuletzt, und als König oft mit sehr leichter Mühe, Alles zurückführt. Einige derselben wollten ihm im siebenjährigen Kriege zuweilen untreu werden; er nimmt aber seine große Seele zusammen und verbeißt die verachtende Bitterkeit, mit der er insonderheit die Regierungen der Welt, ihre Unterhändler und Werkzeuge, wol auch den größeren Theil des menschlichen Geschlechts ansieht. Ganz scheint er indessen von dieser zu langen und großen Ueberstrengung sich nie wieder erholt zu haben: sein Geist kehrte nach Endigung des siebenjährigen Krieges zu seinen früheren Vergnügen zwar zurück, war heiter, fest und wirksam; aber er blieb strenger und ernster. Mit Bewunderung habe ich, wenige Vorurtheile ausgenommen, die fast allgemeine Billigkeit, Mäßigung und Enthaltsamkeit des großen Königes in seinen Urtheilen von Sachen, Begebenheiten und Personen mir ausgezeichnet. Es war eine selbstständige, große Seele. Und daß sein Herz den Empfindungen der Humanität, der Freundschaft, der Bruder- und Schwesterliebe, dem Zuge zu allem Großen und Guten nicht verschlossen gewesen, zeigen hundert Stellen seiner Schriften, tausend Momente seines Lebens. In jüngern Jahren hatte er einen Brief über die Humanität geschrieben, von dem er viel zu halten scheint, den ich aber in seinen Schriften nicht finde; Erst neuerdings, nach dem Abschlusse der neuen großen Ausgabe seiner Werke, ist diese das Datum des 10. October 1738 tragende, am 9. November an Voltaire gesandte Abhandlung aufgefunden worden. – D. er sagt von ihm: Im Briefe an Voltaire vom 8. (nach den Oeuvres posthumes 10.) Januar 1739. – D. »Es scheint, man stärke sich in einer Gesinnung, wenn man seinem Geist alle Gründe vorhält, die sie unterstützen. Und dies bestimmte mich, über die Humanität zu schreiben. Sie ist nach meiner Meinung die einzige Tugend und soll insonderheit Denen als Eigenthum zugehören, die ihr Stand in der Welt unterscheidet. Ein Landesherr, er sei groß oder klein, soll als ein Mensch angesehen werden, dessen Beruf es ist, menschlichem Elende abzuhelfen, so viel er kann; er ist ein Arzt, die mancherlei Unfälle seiner Unterthanen zu heilen. Die Stimme der Unglücklichen, das Seufzen der Elenden Hier fehlt: »der Schrei der Unterdrückten«. – D. soll zu ihm gelangen. Sei es aus Mitleid mit ihnen Wörtlich: »mit Andern«. – D. oder aus einer Rückkehr des Gedankens auf ihn selbst, so muß ihn die traurige Lage der Leidenden rühren, und wenn sein Herz irgend Empfindung hat, werden sie Hilfe bei ihm finden. »Ein Fürst ist gegen sein Volk, was das Herz dem Körper ist. Dies empfängt das Blut aus allen Gliedern und stößt es mit Gewalt bis an ihre äußersten Enden zurück. Der Fürst empfängt die Treue und den Gehorsam seiner Unterthanen; er giebt ihnen Ueberfluß, Glückseligkeit, Ruhe, und was irgend zum Wachsthum und zum Wohl der Gesellschaft thun kann, wieder. »Dies sind Maximen, die im Herzen jedes Menschen von selbst entspringen müssen; das Gefühl giebt sie, wenn man nur etwas nachdenkt; man hat keinen großen Cursus der Moral nöthig, um sie zu lernen. Hier ist die weitere Ausführung von Herder weggelassen. – D. »Tyrannen betrachten die Sache anders. Sie sehen die Welt als für sie geschaffen Friedrich sagt: »nur in Bezug auf sich«. – D. an; und um über gewisse gewöhnliche Unglücksfälle erhoben zu sein, verhärten sie ihr Herz vor denselben. Wenn sie ihre Unterthanen unterdrücken, wenn sie hart, gewaltthätig und grausam sind, so kommt dies daher, daß sie das Böse nicht kennen, das sie verüben; sie haben es nie selbst gefühlt, darum gehen sie so leicht darüber. Sie sind nicht im Fall des Mucius Scävola gewesen, der vorm Porsenna die Hand ins Feuer steckte und dadurch die Wirkung des Feuers auf seine Hand wohl kennen lernte. »Mit einem Wort. Die ganze Haushaltung des menschlichen Geschlechts ist eingerichtet, um Menschenliebe einzuflößen. Die Aehnlichkeit der Menschen unter einander, die Gleichheit ihres Looses und das unentbehrliche Bedürfniß, das Einer vom Andern hat, Unglücksfälle, die die Bande des Bedürfnisses noch stärker anziehen, die natürliche Neigung, die man zu Seinesgleichen hat, unsre Selbsterhaltung, die uns Humanität predigt: die ganze Natur scheint sich zu vereinigen, um uns eine Pflicht einzuprägen, die unser Glück macht und täglich neue Annehmlichkeiten auf unser Leben verbreitet.« Wenn Friedrich immer so gefühlt und gethan hat, als er hier schreibt (und es war gewiß sein Ernst, da er es schrieb; auch wurden ihm in den unhumansten Situationen seines Lebens diese Gesinnungen nie ganz fremde), so wollen wir ihn als einen Heiligen anrufen, daß er uns seinesgleichen humane Denker, väterliche Regenten, Aerzte und Herzen des Volks erbitten helfe. Auch wollen wir wünschen, daß alle Fürsten und Prinzen die meisten seiner Werke (sie sind ja französisch geschrieben) lesen mögen, und zwar also, als ob sie den großen König selbst hörten. 8. Wenn König Friederich's Lob auf die Humanität Ihnen gefällig gewesen, so lassen Sie Sich einige kürzere Gedanken und Maximen vortragen, die ich in diesen angenehmen Briefen bezeichnet. ——— »Traurige Folge der menschlichen Hinfälligkeit! der Mensch ist nicht alle Tage sich selbst gleich. Oft zerstören sich ihre Entschlüsse ebenso schnell, als sie sie faßten. Der Spanier sagt sehr vernünftig: »Dieser Mann ist brav gewesen «. Könnte man nicht ebensowol sagen, daß große Männer es nicht immer, nicht allezeit sind?« Im Briefe vom 9. September 1736. – D. ——— »Wenn ich etwas wünschte, Wörtlich: »lebhaft ( avec ardeur ) wünschte«. – D. so wäre es, gelehrte und gescheite Leute um mich zu haben; ich glaube nicht, daß eine Sorge um sie sich nicht sehr belohnte. Zuerst ist es eine Achtung, die man ihrem Verdienst schuldig ist, sodann ein Bekenntniß des Bedürfnisses, das man hat, von ihnen Licht zu bekommen. Ich komme kaum von Erstaunen zurück, wenn ich denke, daß eine cultivirte Nation, die, vom Genie unterstützt, im Besitz des guten Geschmacks ist, den Schatz nicht kennt, den sie in ihrem eignen Schooße trägt.« Die Stelle folgt unmittelbar auf die vorhergehende in demselben Briefe. – D ——— »Meine jetzige Muße läßt mir Zeit, mich zu beschäftigen, wie ich will. Sie soll mir also nützlich und eine weise Muße werden, indem ich Philosophie und Geschichte studire und mich mit Poesie und Musik vergnüge. Ich lebe jetzt als Mensch und ziehe dies Leben der majestätischen Gravität und dem tyrannischen Zwange der Höfe unendlich vor. Ueberhaupt kann ich keine Lebensart nach der Elle abgemessen ausstehn; nur die Freiheit hat für mich Reize.« Im Briefe vom 6. März 1737. – D. ——— »Wenn Personen von einem gewissen Range die Hälfte ihrer Laufbahn erreichen, so urtheilt man ihnen den Preis zu, den Andre nur erhalten, wenn sie die ganze Laufbahn zurückgelegt haben. Woher dieses? Entweder wir sind weniger fähig, das recht zu machen, was wir thun sollen, oder es sind niedrige Schmeichler, die unsre kleinsten Handlungen geltend machen und zum Himmel erheben. Der verstorbne König »August« fügt Friedrich hinzu. – D. von Polen rechnete große Summen ziemlich leicht; alle Welt pries seine hohe Kenntniß der Mathematik, von der er doch kein Wort verstand. Mehrere Beispiele mag ich nicht anführen. In unsern Tagen hat es durchaus keinen großen Fürsten gegeben, der wirklich unterrichtet war, als Peter den Ersten.« In demselben Briefe bald darauf. – D. (Und auch bei diesem macht Friedrich in der Folge mit Recht große Ausnahmen.) Vgl. die Briefe vom 13. November 1737 und vom 4. Februar 1738. – D. ——— »Wie verschieden ist ein betrachtendes von einem handelnden Leben! Ein Mann, der sich nur mit Denken beschäftigt, kann gut denken und sich übel ausdrücken; ein handelnder Mann, wenn er sich auch mit aller ersinnlichen Grazie ausdrückte, darf nie schwach handeln; wie man z. B. dem Könige von England Jacob I. Bei Friedrich wird richtig Karl II. genannt, von dem Rochester dies erzählt. – D. vorwarf, daß er nie etwas Schlechtes gesagt, nie etwas Lobwürdiges gethan habe. Es fügt sich oft, daß Die, die gegen Handlungen Andrer am Meisten declamiren, es schlechter als sie machen, wenn sie sich in den nämlichen Umständen befinden. Daß es ja mir nicht also gehe! Wörtlich: »Ich habe Ursache, zu fürchten, daß dies mir einmal so geht«. – D. denn leichter ist's freilich, zu tadeln, als zu thun; leichter, Lehren zu geben, als sie auszuüben. Und dann lassen Menschen sich ja so leicht verführen, bald durch Anmaßung, bald durch den Glanz ihres Standes oder durch Hinterlist der Bösen, daß ihr Gewissen bestrickt wird, auch wenn sie die reinsten und besten Absichten von der Welt hätten.« Im Briefe vom 19. November 1737. – D. ——— »Ich habe wenig Verdienst und Gelehrsamkeit, aber viel guten Willen und eine unerschöpfliche Achtung und Freundschaft für Personen von entschiedenem Werth. Dabei bin ich alle der Beständigkeit fähig, die die wahre Freundschaft fordert.« Am 19. November 1737. – D. ——— »Könige Wörtlich: »Diese Könige, von denen Sie sprechen«. – D. ohne Freundschaft und ohne Erkenntlichkeit scheinen mir dem Könige Friedrich sagt: »dem Klotze«. Vgl. unten S. 79. Z. 3 v. u., und Theil VIII. 114. – D. gleich zu sein, den Jupiter den Fröschen gab. Ich kenne die Undankbarkeit nur insofern, als ich selbst durch sie gelitten habe, und kann, ohne Affectation fremder, mir unnatürlicher Gesinnungen, behaupten, daß ich jeder Größe entsagen würde, wenn sie die Freundschaft ausschlösse.« Im Briefe vom 6. Juli 1737. – D. ——— »Ich verachte die Jesuiten zu sehr, als daß ich ihre Schriften lesen sollte; ein schlechtes Herz verdunkelt bei mir die Fähigkeiten des Geistes. Ueberdem leben wir nur so kurze Zeit, und unser Gedächtniß ist so schwindend, daß nur das Ausgesuchteste uns unterrichten sollte.« Am 6. Juli 1737. – D. ——— »Die deutschen Prinzen verachten gemeiniglich die Gelehrten. Die unmodische Kleidung, Wörtlich: »Die wenige Sorgfalt, die sie auf ihre Kleidung verwenden«. – D. der Bücherstaub, der diesen etwa anhangt, und das wenige Verhältniß, das zwischen einem kenntnißreichen Kopf und dem leeren Hirn dieser Herren stattfinden kann, macht, daß sie sich über ihr Aeußeres aufhalten und den großen Mann ohne Hofkleid ganz und gar nicht gewahr werden. Diese und einige andre Bemerkungen Friedrich's haben sich gottlob seitdem hie und da verändert. – H. Die letztere Stelle lautet bei Friedrich: »und daß der große Mann ihnen entgeht«. – D. Der Höfling hält das Urtheil des Fürsten zu hoch, als daß er anders als er zu denken sich getrauen sollte; sie affectiren also auch, Die zu verachten, die tausendmal mehr als sie selbst werth sind. O Zeiten! o Sitten! Bei Friedrich steht der Ciceronische Ausruf lateinisch. – D. Ich, der ich mich überhaupt nicht für das Zeitalter geschaffen fühle, in dem wir leben, mag dem Beispiele meiner Herren Mitbrüder nicht nachfolgen; ich predige ihnen unaufhörlich, daß der Gipfel der Unwissenheit Hochmuth sei, und glaube, daß ein großer Mann, der über mir ist, auch meine Achtung verdiene.« Am Schlusse des angeführten Briefes. – D. ——— »Das lebhafteste Vergnügen, das ein vernünftiger Mensch in der Welt haben kann, ist, neue Wahrheiten zu entdecken; das nächste nach diesem ist, alter Vorurtheile los zu werden.« Im Briefe vom 27. September 1737, wo aber der Schluß: »das nächste ... werden«, nicht steht. – D. ——— »Die meisten Prinzen haben eine besondre Leidenschaft für die Stammbäume; eine Art Eigenliebe, die bis auf die entferntsten Vorfahren hinaufsteigt, ja, die sie nicht nur für Vorfahren in gerader, sondern auch in jeder Seitenlinie interessirt. Ihnen sagen, daß unter ihren Ahnen schlechte, mithin verächtliche Menschen gewesen, hieße ihnen ein Schimpf, den sie nie verzeihen; und wehe dem profanen Autor, der in das Heiligthum ihrer Geschichte verwegen dränge und die Schande ihres Hauses unter die Leute brächte! Wenn diese Delicatesse sich blos auf den guten Ruf ihrer Ahnen mütterlicherseits erstreckte, so wäre er noch zu entschuldigen; aber verlangen, daß funfzig, sechzig Vorfahren alle nach der Reihe die honnetsten Menschen von der Welt gewesen seien, das heißt die Tugend in eine Familie bannen und dem menschlichen Geschlecht Unrecht thun. Eines Tages hatte ich die Unbedachtsamkeit, in Gegenwart Jemandes zu behaupten, daß ein Herr von – so etwas gethan habe, das einem Cavalier nicht gezieme; unglücklicherweise war dieser Herr von – zweites Geschwisterkind mit Dem, in dessen Gegenwart ich dies sagte. Er formalisirte sich sehr darüber, und als ich ihn um die Ursache fragte, mußte ich erst durch einen langen Stammbaum passiren, um meine Beleidigung zu erfahren. Da war nun kein andrer Rath, als dem Unwillen meines Beleidigten alle meine Vorfahren preiszugeben, die etwa nicht verdient hätten, es zu sein. Man tadelte mich; ich rechtfertigte mich aber damit, daß jeder Mann von Ehre, jeder honnette Mann meines Stammes sei, und daß ich sonst Keinen dafür erkennte.« Am 19. Januar 1738. – D. ——— »Gern würde ich unter einem gemäßigten Klima leben, gern als Privatmann die Freundschaft und Achtung würdiger Menschen verdienen und dem entsagen, wornach die Meisten lüsten und streben; aber ich fühle zu sehr, daß, wenn ich nicht Prinz wäre, ich wenig sein würde. Euch reicht Euer Verdienst zu, geachtet, beneidet, bewundert zu werden; ich habe Ahnen, Wappen, Titel, Einkünfte nöthig, um die Augen der Menschen auf mich zu ziehen. Ein großer Fürst fiel einmal in die Hände seiner Feinde; er sahe seine Hofleute um sich her weinen, verzweifeln: » Ach ,« sagte er, » an Euren Thränen merke ich, daß ich noch König bin !« In demselben Briefe. Bei dem »großen Fürsten« schwebt der von Alexander besiegte Darius vor, nach der Erzählung des Curtius, V. 8. – D. Wenige Worte, aber voll großen Sinnes!« ——— »Brüssel und fast das ganze Deutschland ist seiner alten Barbarei noch nicht los; die Künste werden in ihm wenig geachtet, also auch wenig cultivirt. Der Adel dient unter den Truppen, oder mit sehr leichten Studien tritt er in Collegia und spricht das Recht, daß es eine Lust ist. Edelleute mit Renten leben auf dem Lande oder vielmehr in den Wäldern, wo sie denn auch so wild werden als die Thiere, die sie jagen. Der Adel unsers Landes gleicht zwar im Ganzen dem andern deutschen Adel; doch hat er mehr Lust, sich zu unterrichten, mehr Lebhaftigkeit und, wenn ich sagen darf, mehr Genie als der größere Theil der Nation, insonderheit der westphälische, fränkische, schwäbische, österreichische Adel. Dies giebt Hoffnung, daß die Künste einst auch hier, aus der untern Classe gezogen, gute Häuser und Paläste bewohnen werden. Berlin hat (wenn ich mich so ausdrücken darf) Funken aller Künste in sich; man sieht das Genie von allen Seiten hervorglimmen, und es bedürfte nur eines glücklichen Hauchs, um das Leben den Wissenschaften wieder zu geben, die Athen und Rom einst berühmter machten als ihre Eroberungen im Kriege. – – Ich freue mich, diese glücklichen Productionen meines Vaterlandes zu sehen; sie sind Rosen, die unter Dornen und Disteln wachsen, Funken des Genies, die durch die Asche hervorblicken, mit denen sie unglücklicherweise bedeckt sind.« (Geschrieben im Jahr 1739.) Herder hat zwei Stellen aus den Briefen vom 7. Juli und vom 4. December verbunden. – D. ——— »Eben hatte ich einen Brief angefangen über die Mißbräuche der Mode und der Gewohnheit , als die Gewohnheit des Erstgeburtsrechts mich auf den Thron rief und mir meinen Brief wegzulegen befahl. Gern hätte ich ihn in eine Satire gegen diese Gewohnheit umgeändert, wenn nicht Satire aus dem Munde der Fürsten verbannt sein müßte.« Im Briefe vom 12. Juni 1740. – D. ——— »Gewöhnlicherweise macht man sich in der Welt von den großen Revolutionen der Reiche eine abergläubige Idee; wenn man in den Coulissen ist, sieht man, daß die größten Zauberscenen durch die gemeinsten Triebfedern, durch Taugenichte hervorgebracht werden, die, wenn sie sich öffentlich, wie sie sind, zeigten, nur den Unwillen des Publicum auf sich ziehen würden. Betrug, Hinterlist, Doppelsinn, Treulosigkeit sind unglücklicherweise der herrschende Charakter der meisten Menschen, die an der Spitze der Nationen stehen und ihnen Exempel sein sollten. In solchen Fällen ist's demüthigend, das menschliche Herz kennen zu lernen; tausendmal schon habe ich meine liebe Einsamkeit, meine Studien, meine Freunde, meine ehemalige Unabhängigkeit zurückwünschend bedauert.« (1742.) Im Briefe vom 3. Februar. – D. ——— »Meine Ode auf den Krieg enthält meine wahren Gedanken. Man unterscheide den Stand des Mannes von ihm selbst; Wörtlich: »Unterscheidet den Staatsmann vom Philosophen«. – D. man kann Krieg führen aus Gründen, ein Staatsmann sein aus Pflicht und ein Philosoph aus Neigung. Fast nie sind die Menschen an Plätzen, die sie sich selbst wählen würden; daher giebt's so viele schlechte Schuster, schlechte Priester, schlechte Minister und Fürsten.« (1749.) Den 3. Februar. – D. ——— »Hier ist eine Apologie Der Brief an Darget. – D. der armen Könige, über die Jedermann glossirt; und doch beneidet Jeder ihr vorgegebnes Glück hundertmal. Die Versification ist unvollkommen; Die Stelle ist verkürzt. – D. dies Studium erfordert einen Menschen ganz; mich ziehen tausend Pflichten, tausend Beschäftigungen aus einander. Ich bin ein angeketteter Galeerensclave auf dem Schiff des Staats, oder ein Pilot, der weder sein Steuer verlassen, noch einschlafen darf, ohne Furcht, das Schicksal des unglücklichen Palinur's zu haben. Die Musen fordern Stille und eine gänzliche Gleichheit der Seele; keine von beiden ist mein Theil. Es giebt auch gewisse privilegiirte Seelen, die im Tumult der Höfe sowol als im Gefängniß der Bastille oder auf dem Strohsack der Reise dichten können; die meinige ist nicht von dieser Zahl. Es ist eine Ananas, die nur im Treibhause fortkommt, an frischer Luft aber verdirbt.« (1749.) Den 5. März. – D. ——— Doch ich ermüde Sie mit Vorzeigung ausgerissener Blumen, die eigentlich nur auf der Stelle, da sie stehen, in der Situation, die sie hervorbrachte, den schönsten Reiz haben. Stünde mir die Versification eines Jacobi Des Liederdichters G. Jacobi . – D. zu Gebot, und ich hätte Ihnen die eingestreuten Verse in der leichten Manier des Originals mitgeben können, freilich, da wäre es anders! ——— 9. Sie wollen also, daß ich meine Blumenlese auch in den reiferen, schwereren Jahren des Königs fortsetze; Ihr Wille geschehe! Fast mit jedem Jahre wächst meine stille Bewunderung des großen Mannes, und in den Zeiten des siebenjährigen Krieges steigt sie fast zum hohen tragischen Mitleid. Eine Seele, die zum Genuß, zur schönsten Wirksamkeit in Zeiten der Ruhe und des Friedens geschaffen war, die in jugendlichen Jahren ihren ersten und zweiten Ausflug nach dem Kranz kriegerischer Ehre gleichsam nur in der Begeisterung des Augenblicks, gelockt oder aufgefordert von Staatsgründen, von sogenannten Rechten und der damaligen Lage Europa's, rasch und glücklich gethan hatte, muß jetzt diesen leicht erworbenen Kranz schwer und theuer erkaufen. Alle Mächte Europa's vereinigen sich, den schwachgeglaubten, einzelnen Mann zu erdrücken, und seine unglaubliche Tapferkeit, sein unerschütterter Muth fordert, statt ihre Rache zu besänftigen, diese nur mehr auf. Er sieht die niedrigen Urheber und Werkzeuge seines fast schon unvermeidlichen Unglücks; mehr als ein Ungewitter zieht er mit künstlich kühner Hand auf seine Feinde selbst hernieder, und doch sammeln sich die Wolken immer furchtbarer über ihn zusammen. In diesen Augenblicken der Gefahr, des Sieges, der größeren Gefahr und des fast unvermeidlichen Untergangs sind tief aus der Seele des Helden geschriebene Briefe Dinge, die wir bei keiner andern Nation, weder bei Alten noch Neueren, finden. Aus Cato, Cäsar's, Brutus', Otho Seele haben wir nichts dergleichen; Keiner von ihnen hat auch die Gefahren bestanden, aus denen Friedrich sich, vielleicht in Jahrtausenden unerreichbar, herauszog. Da wird's merkwürdig, was dieser starke, friedliche Mann jetzt über Menschen, über das Schicksal der Welt dachte. Sogleich der erste vortreffliche Brief (9. October 1757), der sich mit den Worten endigt: » Pour moi, menacé du naufrage, Je dois, en affrontant l'orage, Penser, vivre et mourir en Roi !« und mehrmals übersetzt ist, enthüllt die Denkart des Königes. Schöne Parallelstellen dazu giebt die große Ausgabe der Werke, XXIII. 15. – D. In andern sind fürchterliche Ausrufe mit gefaßter Stärke: »Ich kann meinen Feinden sagen, wie Demosthenes den Atheniensern: »Wohl denn! wenn Philippus todt ist, was wäre es, Ihr Athenienser? Ihr würdet Euch bald einen andern Philippus machen.« O Oestreicher, Euer Hochmuth, Eure Sucht, Alles zu beherrschen, würden Euch bald andre Feinde machen; der Freiheit Deutschlands und Europa's wird es nie an Vertheidigern fehlen!« Im Briefe vom 16. Januar 1758. – D. Indessen betrübt ihn der Tod seiner Schwester aufs Zarteste, »für die er sein Leben unter diesen Unglücksfällen gern würde hingegeben haben.« Diese Aeußerung über den am 14. October 1758 erfolgten Tod der Markgräfin von Baireuth steht im Briefe vom 6. November. Vgl. auch den Brief vom 23. Januar 1759. – D. Er wird geschlagen und sagt, wie Franz: Franz I. von Frankreich. – D. »Alles ging verloren, nur nicht die Ehre.« »Je älter man wird, je mehr überredet man sich, daß die heilige Majestät, der Zufall , drei Viertheile dieser elenden Welt regiert, und daß Die, die sich die Weisesten zu sein einbilden, die größten Narren der Gattung sind, die ohne Federn auf zwei Füßen geht, zu der wir zu gehören die Ehre haben.« Im Briefe vom 12. März 1759. – D. ——— »In den großen Bewegungen, denen ich entgegen gehe, habe ich nicht Zeit, zu wissen, ob Jemand Pasquille gegen mich schreibt in Europa; das weiß ich, und dessen bin ich Zeuge, daß meine Feinde, mich zu erdrücken, alle Kräfte aufbieten. Ich weiß nicht, ob es der Mühe lohnt.« Am 21. März 1759. – D. ——— »Es scheint, man vergißt in diesem Kriege, was Wohlstand sei. Die policirtesten Nationen kriegen wie wilde Thiere. Ich schäme mich der Menschheit; ich erröthe über das Jahrhundert. Laßt uns die Wahrheit gestehen: Philosophie und Künste verbreiten sich nur auf eine geringe Zahl Menschen. Die große Masse, das Volk und der gemeine Adel bleiben das, wozu sie die Natur gemacht hat, boshafte Thiere.« Im Briefe vom 11. April 1759. – D. ——— »Ihr habt der Sorbonne ein Grab gemacht; baut auch dem Parlement ein Grabmal! Es radotirt so stark, daß es mit ihm bald aus sein muß.« Am 18. Mai 1759. – D. ——— »Ihr wünschet Frieden; wendet Euch an Die, die ihn der Welt geben können! Das sind aber Leute, die ihren Kopf voll hochmüthiger Projecte haben; sie wollen eigenmächtige Schiedsrichter der Regenten sein, und das mögen Menschen, die wie ich denken, nicht leiden. Ich liebe den Frieden, aber keinen andern als einen guten, standhaften, ehrenvollen Frieden. Sokrates und Plato hätten wie ich gedacht, wenn sie auf dem verwünschten Punkt gestanden hätten, den ich in dieser Welt einnehme. »Glaubt Ihr, daß es ein Vergnügen sei, dies alberne Leben Wörtlich: »dieses Hundeleben« ( cette chienne de vie ). – D. fortzuführen? Menschen, die man nicht kennt, um sich sterben sehen und sie dem Tode selbst zu überliefern, Tag für Tag seine Bekannte und Freunde zu verlieren, seinen Ruf dem Eigensinn des Ungefährs unaufhörlich ausgesetzt zu sehen, das ganze Jahr durch in Unruhe und scheuer Erwartung zuzubringen, ohne End' und Maaß Friedrich schreibt blos: » sans fin «. – D. sein Leben und Glück aufs Spiel zu setzen? »Gewiß, ich kenne den Werth der Ruhe, die Annehmlichkeiten der Gesellschaft und die Freuden des Lebens; auch ich wünsche glücklich zu sein, wie irgend Jemand. So sehr ich aber diese Güter begehre, so wenig mag ich sie durch Niederträchtigkeit und Ehrlosigkeit erkaufen. Die Philosophie lehrt uns unsre Pflicht thun, unserm Vaterlande selbst mit unserm Blut treu dienen, ihm unsre Ruhe, ja unser ganzes Dasein aufopfern.« Im Briefe vom 2. Juli 1759. Der Anfang ist verändert. – D. ——— »Trotz aller Schulen der Philosophie wird der Mensch immerhin das bösartigste Thier der Welt bleiben; Aberglaube, Eigennutz, Rache, Verrath, Undankbarkeit werden bis ans Ende der Zeiten blutige, traurige Scenen hervorbringen, weil Leidenschaften uns beherrschen, selten die Vernunft. Immer wird's Kriege, Processe, Verwüstungen, Pest, Erdbeben, Banqueroute geben; um solche Dinge drehen sich die Annalen der Welt. – Für Unglücksfälle ist die Aegide des Zeno gemacht; die Kränze aus dem Garten Epikur's sind für das Glück.« In demselben Briefe. – D. ——— »Ich stehe auf dem Punkt, mich mit den Russen zu setzen; es bleiben mir also nur die Königin von Ungarn, die Mandarinen des heiligen Reichs und die lappländischen Räuber fürs künftige Jahr übrig. Mein Herz hat mich diesen Gang thun heißen, ein Gefühl der Menschlichkeit, das gern die Ströme Bluts versiegen machen möchte, die beinah unsre ganze Sphäre überschwemmen, das gern den Mördereien, Barbareien, Mordbrennereien und allen den Abscheulichkeiten ein Ende machen möchte, die Menschen gegen einander ausüben, und durch die unglückliche Gewohnheit, sich im Blute zu baden, Tag für Tag wilder werden. Dauert dieser Krieg fort, so muß Europa in die Finsternis der Unwissenheit zurückfallen, und unsre Zeitgenossen werden wilde Thiere. Es ist Zeit, diesen Scheußlichkeiten ein Ende zu machen. Alle dies Unglück ist eine Folge der Ehrsucht Oesterreichs und Frankreichs. Laß sie ihren ungeheuren Projecten Grenze setzen; laß, wenn die Vernunft sie nicht weise machen kann, sie durch die Erschöpfung ihrer Finanzen, durch den übeln Zustand ihrer Sachen weise werden! Erröthen mögen sie, wenn sie hören, daß der Himmel, der die Schwachen gegen den Anfall der Starken unterstützt hat, den Ersten auch Mäßigung gnug verlieh, um von ihrem Glück keinen Mißbrauch zu machen und diesen den Frieden anzutragen. Das ist Alles, was ein armer, ermatteter, gereizter, gekratzter, gebissener, hinkender, geknickter Löwe Euch sagen kann.« (1759.) Am 19. November. – D. ——— »Schwert und Tod haben unter uns abscheulich gewüthet, und was das Traurigste ist, wir sind noch nicht am Ende der Tragödie. Ihr könnt leicht denken, was so grausame Stöße auf mich für Wirkung gehabt haben; ich hülle mich in meinen Stoicismus, so gut ich es kann. Fleisch und Blut empören sich oft gegen die tyrannische Herrschaft der Vernunft; sie müssen aber nachgeben. Wenn Ihr mich sehen solltet, würdet Ihr mich kaum wiedererkennen: ich bin alt, verfallen, greis, voll Runzeln; ich verliere Zähne und Lustigkeit. Wenn das fortwährt, wird an mir nichts überbleiben als die Tollheit, Verse zu machen, und eine unverletzbare Anhänglichkeit an meine Pflichten und an die wenigen tugendhaften Menschen, die ich kenne. Meine Laufbahn ist schwer, voll Dornen und Disteln. Ich habe allen Gram erprobt, der irgend die Menschheit kränken kann, und mir oft die schönen Verse wiederholt: »Beglückt, wer in der Weisen Tempel« u. s. w. Im Briefe vom 24. Februar 1760. – D. ——— »Ihr eifert gegen Jesuiten und Aberglauben. Es ist gut, gegen den Irrthum zu streiten; glaubt aber nicht, daß die Welt sich je ändern werde! Der menschliche Geist ist schwach; mehr als drei Viertheile der Menschen sind zu Sclaven des ungereimtesten Fanatismus geboren. Die Furcht vor Hölle und Teufel benebelt ihnen die Augen; sie verabscheuen den Weisen, der ihnen Licht schaffen will. Der große Haufe unsers Geschlechts ist dumm und boshaft. Umsonst suche ich in ihm das Bild der Gottheit, das ihm, wie die Theologen sagen, aufgeprägt worden. Jeder Mensch hat ein wildes Thier in sich; Wenige wissen es zu bändigen, die Meisten lassen ihm den Zügel, wenn die Furcht der Gesetze sie nicht zurückhält. »Vielleicht findet Ihr mich zu menschenfeindlich. Ich bin krank, ich leide, und habe mit einem Halbdutzend *** und *** Friedrich schrieb: » une demi-douzaine de coquins et de coquines «. – D. zu thun, die einen Sokrates und Antonin selbst außer Fassung bringen möchten. Ihr seid glücklich, dem Rath des Candide zu folgen und Euren Garten zu bauen; Im gleichnamigen Roman Voltaire's. – D. nicht Jedermann in der Welt kann es so gut haben. Der Ochs muß den Pflug ziehen, wie die Nachtigall singen, der Delphin schwimmen, und ich Krieg führen.« Am 31. October 1760. – D. ——— »Je mehr ich dies Handwerk treibe, desto mehr überrede ich mich, daß das Glück die größte Rolle dabei spiele. Ich glaube nicht, daß ich es lange treiben werde; meine Gesundheit nimmt zusehends ab, und es kann leicht sein, daß ich bald Ausgelassen ist: »den Virgil über die Henriade unterhalte und«. – D. in das Land wandre, wo Gram und Schmerz, wo unsre Vergnügen und Hoffnungen uns nicht mehr folgen, wo man sich in dem Zustande findet, in dem man vor der Geburt war. Vielleicht belustigt Ihr Euch bald mit meiner Grabschrift Hier ist ausgelassen: »Ihr werdet sagen, daß ich gute Verse liebte und schlechte machte, und daß ich nicht dumm genug war, Eure Talente zu schätzen«. – D. und gebt Rechenschaft von mir, wie Babouc In Voltaire's Roman: » Le monde comme il va. Vision de Babouc «. – D. dem Engel Ithuriel von Paris gab.« Unmittelbar darauf in demselben Briefe. – D. ——— Gnug! Muß man nicht unwillig werden, wenn man sieht, wie ein blühender Baum, eine so große, schöne Seele, nicht vom Sturme des Schicksals, sondern von giftigen Winden und Stürmen einer herrschsüchtigen Politik weniger schlechter Menschen so gebeugt und zerknickt wird? Die feste Eiche dauerte aus, der schöne Palmbaum erhob sich; seine fröhliche, jugendliche Gestalt kam ihm aber nie ganz wieder. Friedrich that seinem Lande wohl, wie sein Geist im großen Ganzen es erforderlich und nöthig hielt; aber hart zu sein, hatte er wider Willen in einer schweren Schule gelernt. Er sahe die Gefahr seiner Länder, seiner Krone, der Fortdauer seiner Macht; denn er hatte sie gegen ganz Europa behaupten müssen. Wie anders, als daß er fortan ernst und strenge an die Zukunft dachte und der von ihm gegründeten Monarchie wenigstens das zum Schutz ließ, was er ihr lassen konnte, Gerechtigkeit, innere Ordnung, Kriegsheere und Geld? Man verzeihe ihm, wenn er für diese Dinge auch auf harten Wegen sorgte. Die böse Politik, die leider das Staatssystem Europa's ausmacht, zwang ihn dazu; und freilich gingen manche zartere Zweige der Humanität, die der an sich selbst fühlbare, fröhliche Charakter Friederich's gewiß würde angebaut haben, dabei verloren. Hat überhaupt die Menschheit in Europa einen größeren Feind als diese Politik der Höfe in jenem sogenannten großen Staatensystem nebst Allem, was dazu gehört? Die Folge des Briefwechsels enthält eine Fortsetzung dieses Auszuges. – H. Vgl. unten Brief 21, S. 88. – D. ——— 10. An den Kaiser. Den Priester rufst Du wieder zur Jüngerschaft Des großen Stifters, machest zum Unterthan Den jochbeladnen Landmann, machst den Juden zum Menschen. Wer hat geendet, Wie Du beginnest? Wenn von des Ackerbaus Schweiß nicht für ihn auch triefet des Bauern Stirn, Pflügt er nicht Eigenthum dem Säugling. Seufzet er mit, wenn von Erntelasten Der Wagen seufzt. So bürdet Tyrannenrecht Dem Unterdrückten Landeserhaltung auf, Dienst, den die blut'ge Faust des Stärkern Grub in die Tafel. Und die zerschlägst Du! Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, Wie unser Pöbel Kanaan's Volk entmenscht! Und thut der 's nicht, weil unsre Fürsten Sie in zu eiserne Fessel schmieden? Du lösest ihnen, Retter, die rostige Engangelegte Fessel vom wunden Arm: Sie fühlen's, glauben's kaum. So lange Hat's um die Elenden her geklirret! Wir weinten Unmuth, daß uns der Römer Rom Zwar nicht beherrschte, aber doch peinigte; Und blutig ist die andre Thräne, Daß uns der Römlinge Rom beherrschet! Daß Deutschlands Kaiser Bügel des Zelters hielt! Daß Deutschlands Kaiser nackt um die Teufelsburg In den »Oden« steht dafür: »um des Buhlen Schloß«. – D. Herging, erfror, wenn nicht Mathildis – Aber Du kommst kaum und siehst, so siegst Du. Nun mag der dreikrontragende Ebendaselbst: »kronentragende«. – D. Obermönch Mit allen seinen purpurbemäntelten Mönchlein das Kanonsrecht, wie weit es Walte, beschielen; denn Du wirst sehen! Klopstock schrieb in den »Oden«: »Du hast gesehen!« – D. So bewillkommte Klopstock den Kaiser Joseph auf seinem Kaiserthrone; Klopstock ließ die 1781 gedichtete Ode im Vossischen Musenalmanach auf das Jahr 1783 drucken, nachdem sie ohne sein Wissen in den »Greifswalder kritischen Nachrichten« erschienen war. – D. mit welcher sonderbaren Empfindung lasen wir die Ode, die ich vorher nicht gekannt hatte, eben jetzt nach seinem vernommenen Tode! Der am 20. Februar 1790 erfolgt war. – D. Es entspann sich darüber zwischen meinem Freunde und mir eine Art elegischen Gesprächs, das ich Ihnen hersetzen will, so weit ich mich dessen erinnere. Gespräch nach dem Tode des Kaiser Joseph's II. A. Ein sonderbares Ding ist der Tod eines Monarchen. Wir sahen ihn bei Joseph vorher, wir wußten, daß der Kranke sich ihm nahte; und jetzt, da über ihm die Todtenglocken tönen, welch eine andre Empfindung! Ohne ihn gekannt und von ihm eine Wohlthat genossen zu haben, hätte ich weinen mögen, da ich die letzten Umstände seines Lebens las. Vor neun Jahren, da er auf den Thron stieg, ward er als ein Hilfsgott angebetet und von ihm das Größte, Rühmlichste, fast das Unmögliche erwartet; jetzt trägt man ihn als ein Söhnopfer der Zeit zu Grabe. Hat je ein Kaiser, hat je ein Sterblicher, möchte ich sagen, mehr gewollt, sich mehr bemüht, mehr angestrebt, rastloser gewirkt als er? Und welch ein Schicksal, vorm Angesichte des Todes in den besten Lebensjahren die Erreichung seiner Absichten nicht nur aufgeben, sondern die ganze Mühe und Arbeit seines Lebens förmlich widerrufen , feierlich ausstreichen zu müssen, und so zu sterben! Mir ist kein Beispiel in der Geschichte bekannt, daß es einem Monarchen so hart gegangen wäre. B. Das war das Schicksal des Monarchen; setzen Sie noch das Verhängniß hinzu, das ihn als Menschen traf. Das Einzige, was er in seinem Hause mit Zärtlichkeit liebt, der letzte Gegenstand seiner Familienhoffnung wird ihm genommen; und damit der Schmerz so empfindlicher sei, eben nach dem Aufblick der Freude, unerwartet genommen! Sein Liebling muß so dicht vor ihm das Opfer des Grabes werden, daß seine Leiche die ihrige aus dem Kaiserhause gleichsam wegdrängt und sein Leben sich nur so lange zu fristen scheint, damit vor seinen Augen noch dessen letzte Freude zerknickt werde! »Begrabt sie,« sprach er, »damit für meine Leiche Platz werde!« Ein einziges Schicksal! A. Der Unglückliche konnte zuletzt nicht sagen: »Ich kam, ich sah, ich siegte !« kaum: »Ich kam, ich sah, ich wollte !« B. Beruhigen Sie Sich! Auch darin schon liegt viel, wie er sagen zu können: »Ich sah und wollte !« Er hat viel, sehr viel, und Weniges müssig gesehen. Allenthalben, wo es in andern Ländern besser war oder ihm besser zu sein schien, sammelte er mit rastloser Thätigkeit Gedanken, Entwürfe in seine Seele – A. Die der Tod ihm jetzt alle raubt! – Ja, ja! er hat Vieles, fast zu Vieles gesehen. Nicht nur die Länder Europa's, die er bereiste, nicht nur das Innere seiner Länder, die er als Erbe und Mitregent früh und lange genug bis zum kleinsten Detail kennen lernte, nicht dies nur! er sah eben damit auch Gruben des Schlammes, die ihn erbitterten, Pfützen und Moräste von Untreue, Schwelgerei, Ueppigkeit, Trägheit, Unordnung, die er mit Gewalt ausfüllen und zum gesunden Garten machen wollte, und in deren Abgrunde er erliegt. Der Unrath schlägt über ihm zusammen, und vielleicht kommt die ganze alte Verfassung wieder. B. Das wollen wir nicht glauben. Er bekommt einen Nachfolger, Leopold II. – D. der ein geprüfter Haushälter, ein versuchter Regent ist, von dem Joseph selbst zum Theil gelernt und geborgt hatte – A. Und doch wollte er, fast ohne Ausnahme, der letzten Absicht nach lauter Billiges, Nützliches, Gutes! Oft war, was er wollte, nur erste Pflicht der Vernunft, der Humanität, der gesellschaftlichen Rechte; an etwas Außerordentliches und Ueberfeines war während seiner Regierung lange noch nicht zu denken. Dennoch erregt er in allen Provinzen und Ländern, auch bei Ständen, denen er am Meisten helfen wollte, murrende Unzufriedenheit; er stirbt beim Ausbruch eines allgemeinen Ungewitters, des Aufruhrs in seinem weiten Reiche. B. Wollen wir nicht, mein Freund, diesen Ort verlassen, wo die Todtenglocken uns übertäuben? Was hilft über einen Unglücksfall das bloße Staunen? Wir wollen freie Luft suchen und uns darüber frei unterreden. ——— Wir gingen auf eine angenehme Höhe, auf der die zahlreichen Dörfer der ringsum liegenden Ebene ein angenehmer Anblick waren. Die Todtenglocken, die von den Landkirchthürmen in der Entfernung tönten, machten eine sanftere Harmonie, und unser Gespräch knüpfte sich bald von Neuem an. ——— B. Woher glauben Sie denn, daß das ungewöhnliche Schicksal Joseph's gekommen sei? Alle Dinge in der Welt haben ihre Ursache. A. Wie mich dünkt, stand er dem großen Friedrich zu nahe ; und es war Natur der Sache – B. Wieso zu nahe? Friedrich hat ihm doch nicht geschadet. Er hat ihm zu einem größern Schlesien, den Königreichen Galizien und Ludomirien geholfen; aus dem bairischen Successionskriege gegen Friedrich kam Joseph auch mit fast unerwarteter Ehre. Ueberdem hat Friedrich von ihm meistens sehr günstig geurtheilt, und der alte König glaubte wol nicht, daß Joseph ihm so bald nachfolgen würde. A. So meine ich's nicht. Denken Sie Sich die Lebensgeschichte des Kaisers. Mit ihm als einem Säuglinge mußte seine Mutter nach Ungarn flüchten und ihn als einen Gegenstand des Mitleidens den Ständen zeigen: vor wem flüchtete sie? gegen wen erbat sie sich Mitleid und Beistand? Was war also natürlicher, als daß der Name Friedrich's dem Kinde und Jünglinge oft genannt werden mußte; denn eben auch die Jahre, in denen der Geist des Menschen aufwacht, fielen bei Joseph in die Zeit des siebenjährigen Krieges – B. Dem er dazu nicht beiwohnen durfte ! A. Nothwendig ward Friedrich ihm als Nachbar, als Feind seines Hauses, noch mehr aber als der König und Kriegsmann, für den er damals mit einem ganz einzelnen Glück und Ruhm galt – B. Und immer gelten wird! A. Ein Gegenstand der dringendsten Nacheiferung. B. Und worin eiferte er ihm zuerst nach? A. In Allem. Er wollte selbst regieren , wie Friederich. B. Das Selbstregieren ist ein erhabener Gedanke; wäre es aber vom Alleinbefehlen nicht sehr unterschieden? Friedrich theilte die Geschäfte, die auszuführen waren, mit großem Bedacht nicht nur ein, sondern auch aus. Er verrichtete, was für ihn gehörte, mit Leichtigkeit und überließ Andern, was sie thun sollten. A. Das that Joseph auch. Haben Sie das Reglement nicht gelesen, das er bei seiner zweiten Reise nach Italien den Chefs aller seiner Departements nachließ? Er wollte nur befohlen haben, und sie sollten ausführen; sie sollten seine Befehle selbst nach Ort und Stelle modificiren. B. Das ist mehr, als ein Gesetzgeber sonst zu verstatten pflegt. Aber auf die Geschäfte und die Geschäftigkeit des Monarchen selbst wieder zu kommen: Friedrich sah nicht nur, sondern er übersah auch Vieles, sobald er nur seinen Hauptzweck erreichte. A. Ob dieses ein uneingeschränktes Lob wäre? B. Dafür gebe ich es auch nicht; gnug, als ein einzelner Mensch erreichte er damit seinen Endzweck. Er blickte in das Detail der Dinge nicht zu tief, damit er sich nicht verwirrte. A. Die Ersparung würde Joseph mit der Zeit auch gelernt haben. B. Friedrich fing nicht zu viel, nicht Alles auf einmal an. A. Joseph that's, weil für ihn so viel, ja Alles zu thun war. Vielleicht ahnte er, daß er nicht lange leben würde; zudem verwickelte ihn Eins ins Andre; er glaubte. Nichts könnte ganz geschehen, wenn nicht Alles begonnen würde. Hatte er darin so ganz Unrecht? B. Nicht Unrecht; aber es ging über Menschenkräfte. Ueberdem zerstreute Friedrich sich nicht, er reiste nicht – A. Dem Kaiser waren diese Zerstreuungen Belehrung; sie waren ihm das einzige Vergnügen, seiner Gesundheit selbst unentbehrlich. B. Friedrich, der in jüngern Jahren zu reisen außerordentliche Lust hatte, entsagte, sobald er Regent war, allen Reisen in fremde Länder; er betrachtete sich als Steuermann auf dem Schiff seiner Staaten. So angenehm er in Gesellschaften hätte werden können, so begnügte er sich dennoch an einer Gesellschaft weniger erlesenen Freunde und wählte sich eine andre noch einsamere Ergetzung, die er unausgesetzt, obwol sehr regelmäßig trieb, ja, die ihm bald so unentbehrlich ward als den Morgenländern das Opium – A. Sie meinen die Lectüre? B. Die Lectüre und Schriftstellern, das Lesen und Schreiben; beide sind von einander auch vielleicht unzertrennlich. Durchs Schreiben lernt man lesen und hören; durchs Hören lernt man schreiben und wird dazu getrieben, begeistert. A. Ob das aber einen Regenten nicht zu sehr zerstreuen möchte? Kaiser und Autor! B. Autor muß ein Kaiser und jeder Regent unausbleiblich werden, indem er Gesetze, Verordnungen bekannt macht. Soll er also nur vor fremde Werke seinen Namen schreiben, so schreibt er sie meistens nur vor Werke, deren er sich selbst schämt. A. Das war Joseph's Fall nicht. Er schrieb selbst Gesetze. B. Und großenteils vortreffliche. Glauben Sie aber, daß das ewige Gesetzschreiben einem Regenten gnug ist zur geistigen Erheiterung, zur Verjüngung seiner Seele? Friedrich las und schrieb blos und allein zu Bildung seines Geistes, zur Erfrischung und Ordnung seiner Gedanken; dann vergaß er Politik und Staatssorgen. Er lebte unter den Alten, dachte mit ihnen, mit großen Männern einer edlern Zeit. Er stärkte sich damit in jener hohen Einfalt fester Grundsätze und der Erfüllung seiner Pflichten; er ward selbst ein Alter – A. Welches Alles freilich dem immer thätigen Joseph entgehen mußte! B. Ihn, scheint es, hatte die Muse, als er geboren ward, mit ihrem himmlischen Auge nicht gesegnet. Anspielung auf Horaz' Oden, IV. 3. – D. Jesuiten hatten ihn nicht gelehrt, was Friedrich in der schweren Schule seiner Jugend durch eignen Aufschwung seines Geistes sich selbst lehrte. A. Von Schriftstellern soll er überhaupt nicht groß gedacht haben. B. So wenig groß, daß er den ganzen Bücherhandel für einen Käsehandel ansah. Ihm war also die Hauptquelle der innern höheren Freude und Ermunterung versagt, aus welcher Friedrich schöpfte. Er wußte nur in unsrer Zeit zu leben; daher auch sein Zeitalter unclassisch geblieben. A. Es hat indessen doch vortreffliche Schriftsteller in Wien, in Böhmen, selbst in Ungarn unter ihm gegeben. B. Unter ihm, aber nicht durch ihn. A. Bei Friedrich mochte das derselbe Fall sein. B. Friedrich fand die Literatur seiner Länder auf einem Fuß, daß sie sich selbst forthelfen konnte. Sie war sogar gegen die Barbarei seines Vorgängers bestanden; mithin, sobald er nur die Freiheit, zu denken, nachließ und selbst einen großen, edlen Geschmack zeigte, so eiferte man nach, ja, man flog voran. A. Auch Joseph verstattete die Freiheit, zu denken. B. Vortrefflich! und noch edler, daß er sie nie zurückrief, wenn die Freiheit gleich Frechheit ward und ihn selbst antastete. Möge dieser große Geist sich auf seine Nachkommen fortbreiten! Damit aber erfüllte Joseph die Hoffnungen lange nicht, die man fast unglaublich von ihm hatte. A. Ueberspannte Hoffnungen! B. Nicht überspannte, weil Alles für ihn bereit stand und nur auf seinen Wink wartete. Welch ein Zeitalter hätte Joseph erwecken können, für sich und für Andre! Bei dem unendlich Vielen, was er sah, übersah er dieses. A. Der deutschen Sprache und Schaubühne indeß hat er doch genutzt. B. Ich glaube es. Und wie viel Andern hätte er mit der leichtesten Mühe nutzen können, wenn ihm von Kindheit auf der Geschmack daran beigebracht wäre! Unglücklich ist ein künftiger Regent, dem in seiner Jugend der Quell verschlossen oder trübe gemacht wird, der ihm in seiner künftigen, ewig zerstreuenden und ermüdenden Laufbahn doch allein die schönste Erquickung geben kann und muß. Nur durch die Wissenschaften gewinnt ein Regent das Maaß seiner selbst, eine Sammlung seiner Gedanken, ein geistiges Organ, die Dinge anzusehen und zu genießen. Ohne Liebe zur Wissenschaft bleibt er ein sinnlicher Mensch, dem bei aller seiner Thätigkeit von außen in entscheidenden Fällen dennoch das innere Auge, das innerste Herz zu fehlen scheint. ——— Hier verbreitete sich unser Gespräch auf einzelne verdiente Männer in den österreichischen Staaten, auf die reiche Ernte, die in diesem weiten Felde für die künftige Zeit zu erwarten steht; endlich beschieden wir uns auf den morgenden Tag zu dieser Stunde wieder auf diesen angenehmen Hügel. Und wir setzten das Gespräch fort. ——— B. Mich dünkt, aus unserm gestrigen Gespräch erhellte, daß Joseph dem alten Könige nicht in Allem, nicht im Vornehmsten nachgeeifert habe; wissen Sie etwas Anderes, worin Dieser ihm schädlich gewesen? A. In dem Kriegs -, in dem Eroberungsgeist , den er ihm wider Willen einflößte. B. Friedrich ihm? So viel ich weiß, war seit dem siebenjährigen Kriege dem großen Könige die Lust zu kriegen ganz vergangen; er suchte und predigte Frieden. Zur Theilung Polens Hat nicht er den Vorschlag; und als er ihn annahm, begnügte er sich mit dem kleinsten Theil des Erwerbes. Seinetwegen hätte Joseph immer in Ruhe regieren und seine Staaten ordnen können; ja, als er nach Baiern griff, setzte eben Friedrich sich seinem Ländererwerb blos in der Absicht entgegen, daß künftig ein so böser Zunder zu Kriegen, der Ländererwerb , in Deutschland nicht mehr statthaben sollte. Mich dünkt, dieser Habgeist durfte Joseph nicht eben anderswo herkommen; leider war er ja die ererbte Politik des Habsburgischen Hauses. Joseph dachte, wie bekannt ist, an die Länder, die Oestreich hatte aufopfern müssen, und vergaß, wie es zu manchen Ländern gekommen sei. Offenbar war auch, wenigstens im damaligen Moment, der Zeitgeist für dergleichen Erwerbe nicht gestimmt. Mit seinen Ansprüchen auf Baiern und die Schelde verlor der Kaiser das Zutrauen Europa's; mit Anmaßungen in Deutschland verlor er das Zutrauen des Reichs, vielleicht mehr, als er's verdiente. Mit dem traurigen Türkenkriege endlich – A. Denken Sie nicht an diesen Krieg! Feldherrn, Freunde, Gesundheit, Ruhe und Leben opferte der zu freigebige Bundsgenoß einem Feldzuge auf, der ihm vielleicht hätte fremde sein mögen. B. Und fremde sein müssen, da die innere Einrichtung seines Reichs, sein männlich großes Werk, alle seine Kräfte forderte. Jetzt, indem er die Krim durchwanderte, wohin nie ein römischer Kaiser gekommen war und nie einer zu einem solchen Zweck hätte kommen mögen, fingen die Niederlande an zu glühen. A. Und im unglücklichen Türkenkriege loderten fast alle Provinzen in hellen Flammen auf. Verwünscht seien überhaupt alle Eroberungskriege! Aus dem civilisirten Europa wenigstens sollten sie durch einen allgemeinen Fürstenbund alle verbannt sein. König Friedrich mit seinem eroberten Schlesien, das er durch seinen siebenjährigen Krieg schwer gnug vertheidigt hat, möge die Reihe der Eroberer, als beinah unübertrefflich, schließen! B. So werden auch in Friedenszeiten die deshalb gemachten drückenden Anstalten aufhören. Glauben Sie, mein Freund, reine Bemühungen zum Besten der Menschheit können in einem Staat schwerlich gedeihen, so lange der Eroberungsgeist die Fahne schwingt und die erste Staatslivrei trägt. Wir sind sodann und bleiben, was wir bereits zu Tacitus' Zeit waren, »auch im Frieden zum Kriege gewaffnete Barbaren«. Germ ., 31 ? – D. A. Das Lob des Kriegshelden gebe ich gern auf und beklage vielmehr, daß Joseph diesen Dienst auch persönlich sich so sauer werden ließ, als selten ein gemeiner Soldat thun würde. B. Friedrich war nie Soldat; er war Feldherr. A. So wollen wir denn lieber von Joseph's Feldzügen gegen den Aberglauben , gegen die Intoleranz und Pfäfferei reden. Hier ist doch sein Verdienst unstreitig. B. Unstreitig; ich hoffe, auch unsterblich. A. Es ward ihm auch sauer gnug. Die Hyder gewann immer neue Köpfe. Und doch war im Meisten seine Absicht ebenso unverkennbar als gerecht, nützlich, unentbehrlich. Was war z. B. rechtmäßiger, als daß er die Geistlichkeit seines Landes fremder Gerichtsbarkeit, die Sünden seines Landes fremder Dispensation entnahm? B. Oder billiger als die Freiheit, die er der Büchercensur gab? A. Oder pflichtmäßiger, als daß er die Klöster verminderte und den Unterricht des Volks vermehrte? B. Oder rühmlicher, als daß er alle Religionsparteien vor Bedrückungen schützte? Aber, mein Freund, wer hätte ihm bei diesem Allen die Hände binden können? A. Sie kennen die Hyder nicht! B. Wenn der Kaiser es unverrückt gewollt, wenn er bei jedem Schritt, den er thun wollte, die Folgen überdacht, die Auskunft gegen sie zum Voraus bestimmt, so viel möglich alle Aergernisse vermieden, sodann aber auch ruhig den Bann oder das Interdict erwartet hätte. A. Dazu wäre es wol nie gekommen; die innern Verdrießlichkeiten und Unordnungen aber waren desto größer. B. Lassen Sie es uns gestehen: an denen der Kaiser zum Theil selbst Schuld war. Durch Nachgeben, durch Aergernisse, durch unvorgesehene Folgen u. s. w. Ueberhaupt scheint es, daß er bei der Religionsänderung auf keinen festen Grund gebaut habe: Alles blieb schwankend, und die harte Behandlung der Deisten in Böhmen – A. Diese war eine Uebereilung! B. Nein! es war eine Folge des Unwillens, daß sich diese Leute von ihm selbst nicht bekehren lassen wollten. Ein andrer Regent hätte sich gefreut, ein Völkchen solcher Art zu finden; und wenn er's mit seinem Schutze beehrt hätte, würde er hie und da vielleicht nicht unverwerfliche Funken erweckt haben. Jetzt ward der Name, den Jeder hochschätzen muß, er sei Christ, Jude, Türk', Heide, der Name Deist , vom toleranten Joseph gemißhandelt; das thut mir weh, für ihn selbst und zum Besten der Menschheit. ——— Hier verbreitete sich das Gespräch abermals auf mehrere Anstalten des Kaisers, auf die Beschaffenheit und die Vertheidiger seines Kirchenrechts u. s. w. Am folgenden Tage endlich kamen wir zu den Hauptmerkwürdigkeiten seiner Regierung. ——— A. Daß Joseph sich des unterdrückten Landmanns annahm, wird also wol sein größter Ruhm bleiben. B. Sein größter, und wahrlich ein humaner Ruhm. Golden sind die Grundsätze, die er in mehreren Befehlen äußert: »Ist es nicht Unsinn, zu glauben,« sagt er, An die Chefs seiner Collegien. Vgl. unten S. 56. – D. »daß die Obrigkeiten das Land besessen, bevor noch Unterthanen waren, und daß sie das Ihrige unter gewissen Bedingungen an die Letztern abgetreten haben? Müßten sie nicht auf der Stelle vor Hunger davonlaufen, wenn Niemand den Grund bearbeitete? Ebenso absurd wäre es, wenn sich ein Landesfürst einbildete, das Land gehöre ihm und nicht er dem Lande zu, Millionen Menschen seien für ihn und nicht er für sie gemacht, um ihnen zu dienen.« A. Aehnliche Stellen sind in allen seinen Befehlen. Er kannte den Quell des Verderbens und nahm sich seiner bis auf den Grund an. Jede Saite des menschlichen Elends hat er berührt. B. Daß Joseph dies that, bleibt sein ewiger Ruhm, wenn er gleich nicht allenthalben durchdrang. Seine Verordnungen gegen die Leibeigenschaft, über Majorate, Steuern u. s. w. enthalten so viel Merkwürdiges, daß eine spätere Zeit gewiß besser und sichrer verfolgen wird, was er hie und da übereilt angab. Vielleicht traute er gelesenen Theorien zu sehr, that große Schritte und lebte nicht lange genug, seine Schritte zu behaupten. A. Welchen Widerstand hat er auch hierin erfahren! B. Einen größeren, als ihm selbst die Pfaffen in ihrem Kreise entgegensetzen konnten. Der Widerstand wird immer wiederkommen, sobald ein Regent sich des Landmanns annimmt, zumal in denen von slavischen Nationen bewohnten Ländern. Hier gilt's aber, was Kaiser Siegmund sagte: »Wer über ein Ding nicht springen kann, muß drunter wegkriechen.« A. Das dünkte Joseph nicht der königliche Weg. B. Drum ist er auch dem Sprunge erlegen. Alles, mein Freund, läßt sich in der Welt nicht auf einmal, nicht mit Gewalt ausführen, dazu ohne Gehilfen, ohne Werkzeuge, woran es dem Kaiser so sehr fehlte. A. Das wundert mich indeß, daher auch das Volk nicht mehr gewann, gegen welches er doch so populär war. Er suchte das Beste desselben so entschieden! B. Stieß aber dabei auch das Volk in Manchem so vor die Stirn, beleidigte unschuldige, ja angenehme Vorurtheile desselben so sehr, daß der arme Haufe von Pfaffen und Andern sich gegen seinen eignen Wohlthäter selbst ins Netz jagen ließ. A. Welche unschuldige Vorurtheile des Volks hat er beleidigt? B. Aus vielen führe ich nur wenige an: zuerst das Vorurtheil der Sprache . Hat wol ein Volk, zumal ein uncultivirtes Volk, etwas Lieberes als die Sprache seiner Väter? In ihr wohnt sein ganzer Gedankenreichthum an Tradition, Geschichte, Religion und Grundsätzen des Lebens, alle sein Herz und Seele. Einem solchen Volk seine Sprache nehmen oder herabwürdigen, heißt ihm sein einziges unsterbliches Eigenthum nehmen, das von Eltern auf Kinder fortgeht. A. Und doch kannte Joseph mehrere dieser Völker persönlich und sehr genau. B. Um so mehr ist's zu verwundern, daß er den Eingriff nicht wahrnahm, den er sich damit in ihre beliebtesten Rechte erlaubte. »Wer mir meine Sprache verdrängt,« glaubt der Idiot nicht ungründlich, »will mir auch meine Vernunft und Lebensweise, die Ehre und Rechte meines Volks rauben.« Wahrlich, wie Gott alle Sprachen der Welt duldet, so sollte auch ein Regent die verschiednen Sprachen seiner Völker nicht nur dulden, sondern auch ehren. A. Er wollte aber eine schnellere Betreibung der Geschäfte, eine schnellere Cultur bewirken. B. Die beste Cultur eines Volks ist nicht schnell; sie läßt sich durch eine fremde Sprache nicht erzwingen; am Schönsten, und ich möchte sagen, einzig gedeiht sie auf dem eignen Boden der Nation, in ihrer ererbten und sich forterbenden Mundart. Mit der Sprache erbeutet man das Herz des Volks, und ist's nicht ein großer Gedanke, unter so vielen Völkern, Ungarn, Slaven, Wlachen u. s. w., Keime des Wohlseins auf die fernste Zukunft hin ganz in ihrer Denkart, auf die ihnen eigenste und beliebteste Weise zu pflanzen? A. Was brauchte Joseph dazu für Hände! Ihm schien es ein größerer Gedanke, alle seine Staaten und Provinzen wo möglich zu einem Codex der Gesetze , zu einem Erziehungssystem , zu einer Monarchie zu verschmelzen. B. Ein Lieblingsgedanke unsers Jahrhunderts! Ist er aber ausführbar? ist er billig und nützlich? Brabanter und Böhmen, Siebenbürgen und Lombarden, stehen sie auf einer Stufe der Cultur? gehören sie also in ein Institut der Erziehung? in einen Codex der Gesetze und Strafen? Gott selbst hat sich eine solche Zusammenschmelzung nicht erlaubt; daher er jedes Volk nach seiner Weise unterrichtet. A. Leider war der ganze Normalzuschnitt der Collegien und Schulen ein exjesuitischer, armer Begriff! B. Der indessen ganze Völker aufbrachte. Ueber Armseligkeiten solcher Art empörte sich die Universität Löwen, die Niederlande machten dem erregten Feuer gerne Platz; so griff es weiter! A. Und doch meinte es auch hierin Joseph gut mit den Völkern. Was er ihnen gab, war freilich nicht das Beste, aber doch ein Besseres, als sie besaßen. Er war selbst nicht besser erzogen worden. B. Und seine Gesetzbücher ? A. Mit denen ging er freilich etwas schnell zu Werk. B. In einer nothdringenden Sache mußte die Bahn gebrochen werden. Was ich dabei am Meisten bedaure, ist, daß Joseph durch manche Gesetze seinen eignen Absichten völlig entgegenzuarbeiten schien. A. Zum Beispiel? B. Z. B. in seinem Criminalcodex die Häufung der Verbrechen gegen den Staat . A. Dagegen er ja aber die Verbrechen der beleidigten Majestät aufhob. B. Geringe Aufopferung gegen ein viel größeres Unheil, dem Platz gemacht wurde. Zum Verbrechen gegen den Staat kann Alles, auch das kleinste Vergehen gegen die Polizei gemacht werden. Denn was wäre nicht gegen den Staat, sobald man statt der sichtbaren, doch nur leibhaften Majestät dies willkürliche, unbestimmte Phantom auf den Thron erhöbe? A. Freilich, auch die mitleidswerthesten Krankheiten der Natur können sodann zu Rebellen gegen den Staat gemacht werden, z. B. der unglückliche Selbstmord. Der Aermste der Menschen hat sich dem Staat entzogen ; mithin müssen alle körperliche Beschimpfungen, die niedrigsten Schläge sein Loos sein. Was die gütige Natur selbst nicht verhindern konnte, will der Monarch im Namen des Staats durch knechtische Beschimpfungen nicht verhindern, sondern rächen und strafen. B. Schweigen Sie, Freund! Die Vernachlässigung, ja, ich möchte sagen, die Vernichtung des Gefühls für Ehre und Schande hat mich in Joseph's Gesetzgebung ganz irre gemacht. Vernichte das Gefühl der Ehre, den Namen der Familie und Verwandten, die den Todten gebührende Achtung u. s. w.: womit willst Du es ersetzen? Die Natur selbst sträubt sich gegen solche Einrichtungen, die Joseph daher bald selbst einschränken, einstellen mußte, oder auch bald unglücklicherweise nicht einstellte. In wenigen Jahren hätte er auf Straßen und Gassen zwischen lauter Verbrechern gegen den Staat wandeln müssen – ein fürs Volk, für den Regenten und für Alles, was Mensch oder Halbmensch ist, abscheulicher Anblick! A. Ich weiß selbst nicht, wie Joseph bei seinem übrigens guten Herzen zu diesem Mangel an Mitempfindung und Delicatesse kam. B. Ein Wort würde Ihnen dies erklären. Können Sie es leugnen, daß bei Joseph der Schein der Selbstherrschaft das Meiste, ja Alles verderbte? A. Kaum wage ich's zu leugnen. Er wollte das Beste, aber er wollte es als Despot . Selbst in dem schönen, ich möchte sagen väterlichen Aufsatze, den er an die Chefs seiner Collegien schrieb, von dem wir gesprochen haben, sind davon Spuren. B. Und die willkürliche Verkürzung zugesicherter Gehalte? könnte manche derselben auch die äußerste Noth entschuldigen? A. Kaum. B. Und die Benutzung der Waisengelder für den Staat? Und die Art der Klosteraufhebung und der Veräußerung geistlicher Güter? Und die Verwaltung der Religionskassen? Und die Conduitenlisten? Und die Verfügungen auf dieselben? Warum ließ er sich in Ungarn nicht krönen? warum entzog er den Ungarn ihre Krone? Ich könnte noch lange so fragen. A. Und doch war er in seinem mühseligen Leben nichts weniger als ein Sardanapal. Er diente dem Staat als Taglöhner, als unablässiger Werkmann. B. Wie gefährlich ist's, auf der oder jener Stelle, aus der oder jener Fürstengattung zum Thron, zu Thronen geboren zu sein ! Eine unglückliche Fee bringt an der Wiege des Prinzen einen unauslöschlichen Querstrich in die Seele des Kindes und giebt ihm die schreckliche Verwünschung mit, daß nach Verhältnis der besten Bemühungen des unglücklichen Halbgotts der Querstrich für ihn selbst und Andre unzerstörlich wachse. A. Unglücklich! B. Wem unterlag also Joseph? Nicht der Schwachheit der menschlichen Natur, sondern der geglaubten und von Kindheit auf genährten Allgewalt des Selbstbeherrschers . Nicht das Schicksal, die Natur der Dinge, der Wille seiner Unterthanen hat ihn gebeugt. ——— Natürlicherweise ging das Gespräch hier auf eine Menge einzelner Umstände seines Lebens und Todes über, die mein Freund wußte; es erhob sich endlich wieder. ——— A. Seine Fehler hat Joseph schwer gebüßt – B. Und in sein Grab genommen; das Gute, das er gewollt und anfangs weise bewirkt hat, wird, obwol einestheils in zerfallenden Resten, bleiben und dereinst glücklicher an den Tag treten; denn es ist dem größten Theile nach ein reines Gute zum Ertrage der Menschheit . Er hat es seinen Nachfolgern schwer gemacht. A. Ich dächte, leicht gemacht; sie dürfen nur seiner Bahn folgen. B. Vor der Hand schwer gemacht. Er hat an allen Säulen gerüttelt und den Staat bewegt. Wer künftighin eine Säule nur angreift, wird die Aufmerksamkeit Aller auf sich ziehen, und man wird ihn durch Liebkosungen und Schreckbilder von dem Werk abzuziehen suchen, das Joseph begann und unmöglich endigen konnte. Er hat die Bedürfnisse seiner Staaten tiefer gekannt als vielleicht kein Regent unsrer Zeiten. A. Und emsiger besorgt als vielleicht kein Regent unsrer Zeiten. B. Oft ist der Wille größer als die That, das Unternehmen edler als die Ausführung. Ich weiß nicht, ob Viele nach seinem Tode viel zu seinem Lobe schreiben werden; aber was man dazu aus Ansicht der Dinge schreibt, wird die billigere Nachwelt gutheißen; seinen Schatten ehren und nicht mehr mit Bedauern, sondern mit frohem Erstaunen einst sagen: »Auch er schon sah dies und wollte !« A. Kennen Sie seinen Brief, den er im Jahr 1784 an die Stadt Ofen schrieb, als sie ihm eine Ehrensäule setzen wollte? Hier ist er: »Wenn die Vorurtheile werden ausgewurzelt und wahre Vaterlandsliebe und Begriffe für das allgemeine Beste werden beigebracht sein; wenn Jedermann in einem gleichem Maaße das Seinige mit Freude zu den Bedürfnissen des Staats, zu dessen Sicherheit und Aufnahme beitragen wird; wenn Aufklärung durch verbesserte Studien, Vereinfachung in der Belehrung der Geistlichkeit und Verbindung der wahren Religionsbegriffe mit den bürgerlichen Gesetzen; wenn eine bündigere Justiz, Reichthum durch vermehrte Population und verbesserten Ackerbau; wenn Erkenntniß des wahren Interesse des Herrn gegen seine Unterthanen und dieser gegen ihren Herrn; wenn Industrie, Manufacturen und deren Vertrieb, die Circulation aller Producte in der ganzen Monarchie unter sich werden eingeführt sein, wie ich es sicher hoffe: alsdann verdiene ich eine Ehrensäule, nicht aber jetzt.« B. Wenn dies Alles geschehen ist, bedarf der große Wollende keiner Ehrensäule mehr; sein Unternehmen, sein schwerer Anfang ist ihm allein schon ein Koloß für die Nachwelt. ——— So endete unser Gespräch, und die Glocken verhallten. Wünschen Sie nicht auch mit mir ein Leben Joseph's zur Lehre für die Nachwelt? 11. Wie kommt es, mein Freund, daß unsre Poesie, verglichen mit der Poesie älterer Zeiten, an öffentlichen Sachen so wenig Theil nimmt? Die Poesie der Ebräer in den heiligen Büchern ist ganz patriotisch; die Poesie der Griechen nach ihren Hauptarten nahm in den besten Zeiten sehr vielen, die Poesie der Römer einen bei Weitem schon geringeren Antheil an öffentlichen Begebenheiten und Geschäften. Seitdem endlich die Barden und Leyermänner ziehender Heere Trompetern und Paukern ihre Stellen überließen, seitdem – Doch sofern beantworte ich mir die Frage selbst, auf die ohnedem Andre bereits geantwortet haben. Wie kommt's aber, daß, auch seitdem die Dichterei gedruckte Kunst ist, ihr Antheil an der gemeinen Sache zu verschiednen Zeiten so ungleich gewesen und jetzt sogar gering zu sein scheint? Mehrere tapfere Gedichte auch aus unserm Vaterlande von Luther, Opitz, Logau , und nach einem großen Sprunge der Zeiten von Kleist, Gleim, Uz, Klopstock, Stolberg, Bürger u. A. sind uns in Herz und Seele geschrieben; ist diese Muse anjetzt entschlafen? oder hat sie, wie Baal, etwas Anderes zu schaffen, daß sie, vom Geiste der Zeit nicht erweckt, das Geräusch um sich her nicht hört? Mich dünkt, so ist es; sie hat etwas Anderes zu schaffen. Schlagen Sie darüber die neueren Dichter nach. Und doch erwarten wir, wenn wir von einem neuen Dichter hören, zuerst und vor Allem ein Wort des Herzens zum Herzen, einen Laut der allgemeinen Stimme, des Wunsches und Strebens der Nationen, den Hauch und Nachklang des mächtigen Zeitgeistes. Der göttliche Mund der Muse ist in aller Welt gepriesen. Sie darf Dinge sagen, die die Prose nicht zusagen wagt, und flößt sie unvermerkt in Herz und Seele. Gab sie der Fabel einst jenen lieblichen Ton, jene Süßigkeit, nach welcher wir auch nach Jahrtausenden noch wie nach einer Erquickung lechzen: wie? und sie sollte der auf uns dringenden Wahrheit wenigstens einen gefälligen Anzug, eine einladende Gestalt nicht zu geben vermögen? Oft beunruhigen mich in meiner Einsamkeit die Schatten jener alten mächtigen Dichter und Weisen. Jesaias, Pindar, Alcäus, Aeschylus stehen als gewaffnete Männer vor mir und fragen: »Was würden wir in Euren Zeiten gedacht, gesagt, gethan haben?« Luther's edler Schatte schließt sich an sie an, und wenn die Erscheinung vorüber ist, finde ich um mich Oede. Gewiß, meine Freunde, wir wollen auf Alles merken, was uns der göttliche Bote, die Zeit, darbeut; keiner ihrer edlen Laute soll uns entschlüpfen. Glauben Sie nicht, daß ich damit die armselige Zunft jener Tyrannenbändiger und Regentenwürger zurückwünsche, die vor einigen Jahren ihre Wuth ausließ. Es war Geschrei; darum ist's verhallt, ein Nachklang ohne Kraft und Wesen. Die wahre Muse ist sittsam; » lene consilium et dat et dato gaudet alma ;« Nach Horaz' Oden, III. 4. 41 f. – D. diesen sanften Rathschluß empfing sie vom Himmel und haucht ihn dem Geiste der Zeit ein, » Finire quaerentem labores Aonio recreat antro .« Nach Horaz, daselbst 39 f. – D. Hold und schön klingen mir hierüber die Töne der Alten, und ich wünschte, daß wie einst dem Horaz, so auch mir die Muse des Simonides, Alcäus, Stesichorus noch ertönte. Anspielung auf Horaz' Oden, IV. 9. 5-8: » Non si priores Maeonius tenet Sedes Homerus, Pindaricae latent Ceaeque et Alcaei minaces Stesichorique graves Camenae .« – H. Aber sie liegt im Staube, und wir müssen uns nur an dem, was der Vergessenheit entrann, den Geist erheben und das Herz stärken. Mit unbeschreiblicher Freude habe ich in diesen Tagen jenes feine Echo der Griechen , den Horaz, gelesen und wiedergelesen. Er lebte in einer kritischern Zeit, als wir leben, war mit Glück und Person an August und Mäcen gefesselt; und wie edel, wie stolz und unterrichtend ist seine Muse! Sie bricht die Blüthe der Zeit und schwebt auf den Fittigen ihres reinsten Lufthauches. ——— 12. Mich dünkt, Ihre Fragen über den geringen Antheil, den die heutige Dichtkunst an den Händeln der Zeit nimmt, haben Sie Sich selbst beantworten können; denn der Stoff dazu liegt völlig in Ihrem Briefe. Schaffen Sie uns den Zustand der Griechen wieder, und Alcäus, Pindar, Aeschylus sind mit ihnen auch da. In vielerlei Rücksicht aber würden wir diese Zeiten nicht wünschen und uns dagegen an unsrer dichterischen Untheilnehmung begnügen. So wäre es auch in Ansehung der Zeiten Horaz' oder gar der Kreuzzieher und Harfner. Opitz und Logau fühlten die Drangsale des dreißigjährigen Krieges; wider ihren Willen mußten sie an dem Elende, das er verbreitete, Theil nehmen; der Widerschein seiner Flammen glänzt in ihren Gedichten. Kleist, Uz und Gleim trafen auf die Zeiten der preußisch-österreich'schen Kriege; alle Drei fanden darin unverwelkliche Lorbeern, der Erste aber auch bei vieler Noth, die er als Krieger mit bedrücktem Herzen sah, seinen blutigen Tod. Was diese Dichter uns aus theurer Erfahrung sangen, warum mühte es uns, durch neue Erfahrung theuer erkauft, wieder gesungen werden? Tönt uns Kleist 's Stimme nicht noch? Die folgenden Verse sind aus Kleist 's erster eigner Ausgabe des »Frühlings« genommen; wer will, vergleiche sie mit der jetzt gangbaren Ausgabe. – H. »Ihr, denen zwanglose Völker der Herrschaft Steuer vertrauten, Führt Ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen? Was wünscht Ihr, Väter der Menschen, noch mehrere Kinder? Ist's wenig, Viel Millionen beglücken? erfordert's wenige Mühe? O, mehrt Derjenigen Heil, die Eure Fittige suchen, Deckt sie gleich brütenden Adlern. Verwandelt die Schwerter in Sicheln, Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend!« Die rührende Stimme seines »Grab- und Geburtsliedes«, seine »Sehnsucht nach Ruhe«, sein »Abschied« hinter »Cissides und Paches« tönt noch jedem Leser ins Herz, nachdem der Dichter die Gesinnungen seiner Seele mit Leben und Blut versiegelt. So ist's mit den patriotischen Oden Uz ', Klopstock 's; und der preußische Kriegssänger ist ebensowol Volks-, Friedens-, Staatssänger geworden, hat bis auf die neuesten Zeiten fast an jeder großen Angelegenheit Antheil genommen, die seinem Gesichtskreise irgend nur nahe lag. Seitdem sind Gleim's »Zeitgedichte« in einer Sammlung erschienen (1792), die Keinem, der am Geiste der Zeit Antheil nimmt, uninteressant sein kann. – H. Aber, mein Freund, nach unsrer Lage der Dinge halte ich das zu nahe, zu starke Theilnehmen der Dichter an politischen Angelegenheiten beinahe für schädlich. Zu bald nimmt der Dichter einseitige Partei und thut der besten Sache, geschweige einer schwachen, wankenden, mit dem besten Willen Schaden. Dadurch schwächt er die gute Wirkung seiner Gedichte selbst; denn in Kurzem ist die Situation der Zeit vorüber; man sieht die Dinge anders an; man behandelt ihn als einen abgekommenen Barden. Also bleibe die Poesie in ihrem reinen Aether, der Sphäre der Menschheit , » Coetusque vulgares et udam Spernat humum fugiente penna !« Nach Horaz' Oden, III. 2. 23 f. – D. In diesem höheren, freieren Raume begegnen sich alle politische Meinungen als Freundinnen und Schwestern; denn im Elysium wohnt keine Feindschaft. Sehr gut also, daß unsre Musenalmanache äußerst wenige politische Oden mit sich führen. Bald würden Zwei gegen einander im Streit liegen; und überhaupt ist's doch nur Spiel, wenn Genien mit Waffen der großen Götter spielen. Das aber glauben Sie, daß die Poesie als eine Stimme der Zeit unwandelbar dem Geiste der Zeit folge; ja, oft ist sie eine helle Weissagung zukünftiger Zeiten. Lesen Sie in Stolberg 's »Jamben«, 1784 gedruckt, den »Rath« (S. 66) und mehrere Gedichte; lesen Sie mehrere, frühere und spätere Oden Klopstock 's, und leugnen noch, daß auch auf deutschen Höhen oder in ihren Thälern ein prophetischer Geist der Zeiten wehe! Schade nur, daß er nicht vernommen wird; denn um aller deutschen Redlichkeit willen, welcher Mann von Geschäften läse ein Gedicht, um in ihm die Stimme der Zeit zu hören! Wir, meine Freunde, wollen den Garten der Grazien und Musen in der Stille bauen. Verständiger Homer , edler Pindar , und Ihr sanften Weisen, Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles, Epikur, Zeno, Marc-Antonin, Erasmus, Sarpi, Grotius, Fénélon, St. Pierre, Penn, Franklin , sollt die heiligen Mitwohner unsrer friedlichen Gärten werden. Das aufschießende Korn bedarf mancherlei Witterung; die Saat in der Erde will Ruhe und milden, erquickenden Regen. 13. Milden erquickenden Regen wünscht die keimende Saat der Humanität in Europa, keine Stürme. Die Musen wohnen friedlich auf ihren heiligen Bergen, und wenn sie ins Schlachtfeld, wenn sie in die Rathskammern der Großen treten, entbieten sie Frieden. Eine edle, würdige That zu loben, ist ihnen ein süßeres Geschäft, als alle Flüche Alcäus' oder Archilochus' auf taube Unmenschen herabzudonnern. Wenn es z. B. in unsern Zeiten einen Regenten gäbe, der an seinem Theil dem barbarischen Menschenerkauf im andern Welttheil entsagte und damit andern Staaten zu ihrem Erröthen ein Beispiel gab; wenn er nach Jahrhunderten der Erste wäre, der die Sclaverei willkürlicher Frohnen und andre erdrückende Lasten seinem Volk entnahm und ein andres seiner Völker von ebenso drückenden Einschränkungen im Handel befreiete; wenn dieser Regent ein hoffnungsvoller königlicher Jüngling, und Einrichtungen dieser Art nur das Vorspiel seiner Regierung wären: Heil dem Dichter, der solche Thaten ohne alle Schmeichelei würdig und schön darstellte! Heil jedem Leser und Hörer, der diesem Sänger einer reinen Humanität mit reinem Herzen zujauchzte! Dänemark ist das friedliche, glückliche Land, dem dieser Stern aufgeht; sein Kronprinz ist der königliche Jüngling, der seine Laufbahn also beginnt, und F. L. Stolberg der Dichter, der ihm hierüber würdig dankt. Die folgende, 1792 gedichtete Ode lag damals in einem Einzeldruck vor. – D. ——— An den Kronprinzen von Dänemark. Noch nie erscholl ein Name der Mächtigen Zu meiner Leyer, Jüngling! ich weihte sie       Den Freunden nur und Gott und süßem             Häuslichen Glück und der Liebe Thränen, Und Dir, Natur, im Hain und am Meergestad', Und Dir, o Freiheit! Freiheit, Du Hochgefühl       Der reinen Seelen! Deinen Becher             Kränzt' ich mit Blumen des kühnen Liedes. Und werd' ihn kränzen, weil eine Nerve mir Noch zucket! werd' ihn kosten mit zitternder       Und blauer Lippe, wenn des Todes             Hand mir ihn reichet in hehrer Stunde. Nun wind' ich junge Blumen im Kranze Dir, O Jüngling, weil Du früh es nicht achtetest,       Zu herrschen über Sclaven, weil Du             Forschetest, hörtest, beschlossest, thatest! Das Joch des Landmanns drückte Jahrhunderte; Du brachst es! Hör es, heiliger Schatte Du       Von meinem Vater, der das Beispiel             Diesseit der Eider und dann am Sund gab! Des Dichters Vater war der Erste in Holstein, der den Bauern seines Guts Freiheit und Eigenthum gab. Die Königin Sophia Magdalena aus dem Hause Brandenburg, Großmutter des jetzigen Königs von Dänemark, gab den Bauern des Amts Hirschholm auf seinen Rath und nach der Einrichtung, die er trotz aller in den Weg gelegten Schwierigkeiten mit Muth durchsetzte, Freiheit und Eigenthum. – Stolberg. Du brachst es, Jüngling! wandtest erröthend Dich Vom Dank des Landes, sahst auf dem Ocean       Der Handlung Bande, die des Neides             Hand und der Habsucht im Finstern knüpfte, Zerrissest leicht wie Spinnengewebe sie, Daß nicht die stolze Fichte des Normanns mehr       Dem Bruderhafen huldigt, eh sie             Schwellende Segel dem Ostwind öffne. Den Norwegern ist die Ueberfahrt nach Westindien leichter als den Dänen, deren Schiffe der Kattegat oft aufhält. Jene dieses Vortheils zu berauben, verpflichtete man die Schiffer, vor der Fahrt nach Westindien erst in Kopenhagen einzulaufen. Man nannte das: sich präsentiren . – Stolberg. Nicht gleiche Gaben spendet des Vaters Hand Den Völkern. Eisen starret im Schachte dort,       Hier wanken Aehren, unsers Tisches             Freude gedeihet auf fernen Bergen. Zum freien Tausche ladet der Vater ein; Doch schmiedet hart und klügelnd der blinde Mensch       Dem Tausche Zwang; der biedre Normann             Kaufte sein Brod auf verengtem Markte. Nun reifen fremde Saaten für ihn, wenn früh Erwacht der Winter auf dem Gebirge sich       Ausstrecket und von starrer Schulter             Glänzende Flocken in Thäler schüttelt. Ich sah Dich handeln, Jüngling, und freute mich, Doch nur mit halber Freude. Lud Danien       Nicht häufend noch auf seine Schulter             Fluch des zertretnen, zerrissnen Volkes, Uneingedenk der heiligen Lehren, und Für jene Ader fühllos, die Gottes Hand       Im Herzen spannte, daß sie klopfend             Unrecht und Recht und Erbarmen lehre? Von Menschen kaufte Menschen der Mensch und ward Ein Teufel! Wer vermag den getrübten Blick       Zu heften auf des armen Mohren             Elend und Schmach und gezuckte Geißel? Aufs schwangre Weib, das jammernd die Hände ringt Am krummen Ufer? Thränenlos starret sie       Dem fernen Segel nach; noch schallt ihr             Dumpf in den Ohren das Hohngelächter Des Treibers, noch der klirrenden Kette Klang Und ihres Mannes Klage, das Angstgeschrei       Der jüngsten Tochter, die der Wüthrich             Ihr aus umschlingenden Armen losriß. Du setzest Ziel dem Gräuel, ein nahes Ziel! Erröthend staun' und ahme dem Beispiel nach       Der Brite, will er werth der Freiheit             Sein, die aus Weisheit und Recht sich gründet! Gott setze Deinen Tagen ein fernes Ziel, O Jüngling! keins dem Segen, der Dein einst harrt.       Sei Deinen Tausenden noch lange             Bruder! Nur Einer ist Aller Vater. F. L. Graf zu Stolberg Wenn mehrere solcher Gesänge über Anlässe solcher Art uns zukommen, meine Brüder, so wollen wir einander unsre Freude ja mittheilen; denn besangen Horaz und Pindar je ein edleres Thema edler? Zweite Sammlung. (1793.)   14. Mehrmals finde ich in Ihren Briefen den Geist der Zeit genannt; Vgl. Brief 11. S. 60, Brief 12. S. 62. Herder setzt im Folgenden meist: »Geist der Zeiten«. – D. wollen wir uns einander nicht diesen Ausdruck aufklären? Ist er ein Genius, ein Dämon? oder ein Poltergeist, ein Wiederkommender aus alten Gräbern? oder gar ein Lufthauch der Mode, ein Schall der Aeolsharfe? Man hält ihn für Eins und das Andre. Woher kommt er? wohin will er? wo ist sein Regiment? wo seine Macht und Gewalt? Muß er herrschen? muß er dienen? kann man ihn lenken? Hat man Schriften darüber? Wie lernt man ihn aus der Erfahrung kennen? Ist er der Genius der Humanität selbst? oder dessen Freund, Vorbote, Diener? ——— 15. Warum sollte ich Ihnen auf Ihren lakonischen Brief nicht ebenso räthselhaft antworten, als Sie gefragt haben? »Was ist der Geist der Zeiten?« Allerdings ein mächtiger Genius, ein gewaltiger Dämon. Wenn Averroës glaubte, daß das ganze Menschengeschlecht nur eine Seele habe, an welcher jedes Individuum auf seine Weise, bald thätig, bald leidend Theil nehme, so würde ich diese Dichtung eher auf den Geist der Zeit anwenden. Wir stehen Alle unter seinem Gebiet, bald thätig, bald leidend. »Ist er ein Schall der Aeolsharfe? ein Lufthauch der Mode?« Die flüchtige Mode ist seine unächte Schwester; er ist ihr nicht gewogen, lernt aber auch von ihr und hat mit ihr zuweilen lehrreichen Umgang. Desto entschiedner haßt er seinen wahren Feind und Verleumder, den Geist des Aufruhrs, der Zwietracht, den unreinen, abgeschmackten Pöbelsinn und Wahnsinn. Wo dieser sich hören läßt, in welchen Gesellschaften und Kreisen er ihn auch nur vermuthet, flieht er vor ihm und verachtet selbst die Lehre aus seinem Munde. Die Stimme des geläuterten Zeitgeistes ist verständig, überredend, sanft, freundlich. Bald läßt er sich wie ein Laut auf der Aeolsharfe hören, bald tönt sie in vollen Chören. Der geläuterte Geist der Zeiten, möchte ich mit jenem alten Buche Buch der Weisheit, 7. 22 f. – D. sagen, ist »heilig, einig, mannichfalt, scharf und behende, rein und klar, ernst und frei, wohlthätig, leutselig, fest, gewiß, sicher. Er vermag Alles, sieht Alles und geht durch alle Geister, wie verständig, lauter und scharf sie sind.« »Woher kommt er?« Wie sein Name sagt, aus dem Schooß der Zeiten. Der menschlichen Natur einwohnend, hatten ihn einst in unserm rauheren Klima die Pfäfferei und der wilde Kriegsgeist lange unterdrückt gehalten; sie schlossen ihn ein in Höhlen, Thürme, Schlösser und Klöster. Er entkam; die Reformation machte ihn frei; Künste und Wissenschaften, am Meisten aber die Buchdruckerei gaben ihm Flügel. Seine ernste Mutter, die selbstdenkende Philosophie , hat ihn, zumal an den Schriften der Alten, unterwiesen; sein ernster Vater, der mühsame Versuch , hat ihn erzogen und durch die Vorbilder der würdigsten, größten Männer gereift und gestärkt. Er ist kein Kind mehr, wiewol er bei jeder neuen Begebenheit ein Kind scheint; alle Erfahrungen voriger Zeiten sind in seine Seele gedrückt, sind auf seine Glieder verbreitet. »Wohin will er?« Wohin er kommen kann. Er hat aus den vorigen Zeiten gesammelt, sammelt aus den jetzigen und dringt in die folgenden Zeiten. Seine Macht ist groß, aber unsichtbar; der Verständige bemerkt und nutzt sie; dem Unweisen wird sie, meistens zu spät, nur in erfolgten Wirkungen glaubhaft. »Muß der Geist der Zeit herrschen oder dienen?« Er muß Beides an Stelle und Ort. Der Weise giebt ihm nach, um zu rechter Zeit ihn zu lenken; wozu aber eine sehr behutsame, sichre Hand gehört. Indessen wird er offenbar gelenkt, nicht von der Menge, sondern von wenigen, tiefer als andre blickenden, standhaften und glücklichen Geistern. Oft leben und wirken diese in der größten Stille; aber einer ihrer Gedanken, den der Geist der Zeiten auffaßt, bringt ein ganzes Chaos der Dinge zur Wohlgestalt und Ordnung. Glücklich sind Die, denen die Vorsehung solch einen erhabnen Platz gab, in welchem Stande sie auch leben; selten wird dieser Platz durch Mühe erstrebt, selten durch lautes Geräusch angekündigt, meistens nur in Folgen bemerkt; oft müssen die großen Lenker auch viel wagen, viel leiden. »Hat man Schriften über den Geist der Zeiten?« Das weiß ich nicht; am Besten lernt man ihn aus Geschichten, die im Geist ihrer Zeiten geschrieben sind, und aus der Erfahrung kennen, wo Eins das Andre erläutert. Ohne nachdenkende Erfahrung versteht man die Bücher nicht; diese wiederum machen uns auf den lebendigen Geist der Zeiten aufmerksam. Das Rad rollt fort, ist immer dasselbe und zeigt immer eine andre Seite. »Geist der Zeiten, ist er der Genius der Humanität selbst? oder dessen Freund, Vorbote, Diener?« Ich wollte, daß er das Erste wäre, glaube es aber nicht; das Letzte hoffe ich nicht nur, sondern bin dessen fast gewiß. Daß er ein Freund, ein Vorbote, ein Diener der Humanität werde, wollen auch wir an unserm unmerklich kleinen Theile befördern. ——— 16. Schwerlich wird unser Freund mit der rätselhaften Auflösung seines Räthsels befriedigt sein; also darf ich in einem offenern, wenn auch etwas schwerern Tone fortfahren. Was Geist ist, läßt sich nicht beschreiben, nicht zeichnen, nicht malen; aber empfinden läßt es sich; es äußert sich durch Worte, Bewegungen, durch Anstreben, Kraft und Wirkung. In der sinnlichen Welt unterscheiden wir Geist vom Körper, und eignen Jenem alle das zu, was den Körper bis auf seine Elemente beseelt, was Leben in sich hält und Leben erweckt, Kräfte an sich zieht und Kräfte fortpflanzt. In den ältesten Sprachen also ist Geist der Ausdruck unsichtbarer strebender Gewalt; dagegen Leib, Fleisch, Körper, Leichnam entweder die Bezeichnung todter Trägheit oder einer organischen Wohnung, eines Werkzeuges, das der einwohnende Geist als ein mächtiger Künstler gebraucht. Die Zeit ist ein Gedankenbild nachfolgender in einander verketteter Zustände; sie ist ein Maaß der Dinge nach der Folge unsrer Gedanken; die Dinge selbst sind ihr gemessener Inhalt. Geist der Zeiten hieße also die Summe der Gedanken, Gesinnungen, Anstrebungen, Triebe und lebendigen Kräfte, die in einem bestimmten Fortlauf der Dinge mit gegebnen Ursachen und Wirkungen sich äußern. Die Elemente der Begebenheiten sehen wir nie; wir bemerken blos ihre Erscheinungen und ordnen uns ihre Gestalten in einer wahrgenommenen Verbindung. Wollen wir also vom Geist unsrer Zeit reden, so müssen wir erst bestimmen, was unsre Zeit sei, welchen Umfang wir ihr geben können und mögen. Auf unsrer runden Erde existiren auf einmal alle Zeiten, alle Stunden des Tages und Jahres, vielleicht auch alle Zustände des menschlichen Geschlechts; wenigstens können wir voraussetzen, daß sie existirt haben und existiren werden. Alle Modificationen wechseln auf ihr, haben gewechselt und werden wechseln, nachdem der Strom der Begebenheiten langsamer oder schneller die Wellen treibt. Wenn wir uns demnach auf Europa bezirken, so ist Europa auch nur ein Gedankenbild, das wir uns etwa nach der Lage seiner Länder, nach ihrer Aehnlichkeit, Gemeinschaft und Unterhandlung zusammenordnen. Denken wir uns das einst oder jetzt katholische oder überhaupt das christliche Europa , so ist auch in ihm nach Ländern und Situationen der Geist der Zeit sehr verschieden. Er ändert sich sogar mit Classen der Einwohner, geschweige mit ihren Bedürfnissen, Neigungen und Einsichten. Ein einziger Umstand, eine vielleicht falsche oder übertriebene Nachricht, kurz, ein Wind und Wahn stimmt oft die Denkart und Meinung eines ganzen Volkes. Wenn also unser Freund vom Geist der Zeiten als einem verständigen, scharfen, klaren Wesen sprach, so kann er damit nur die Grundsätze und Meinungen der scharfsichtigsten, verständigsten Männer gemeint haben. Sie machten sich vom Wahne des Pöbels los und lassen sich nicht nach jedem Winke lenken. So wenig ihrer hie und da sein mögen, um so fester sind sie in sich selbst, um so standhafter hangen sie mit andern zusammen und bilden allerdings eine Kette im Fortgange der Zeiten. Das Lesen der Alten und Neuern, Gespräche und eine gemeinschaftliche Bemerkung dessen, was vorgegangen ist und täglich vorgeht, binden sie fest und fester an einander; sie machen wirklich eine unsichtbare Kirche, auch wo sie nie von einander gehört haben. Diesen Gemeingeist des aufgeklärten oder sich aufklärenden Europa auszurotten, ist unmöglich; wozu wäre aber auch die unnütze Mühe? Je aufgeklärter er ist, gewiß desto weniger ist er schädlich. Wo er irrt, kann er nur durch Wahrheit, nicht durch Zwang gebessert werden; denn Geist allein kann mit Geist kämpfen. Erlauben Sie mir zu Ende meines Briefes auch ein Räthsel. Irre ich nicht, so sind drei Hauptbegebenheiten oder Epochen Europa's , an denen dieser europäische Weltgeist haftet. Eine ist längst vorüber; sie dauerte fünf- bis achthundert Jahre und kommt hoffentlich nie wieder. Die zweite ist geschehen und geht in ihren Wirkungen fort; ihr Werth ist anerkannt und muß der Natur der Sache nach immer mehr anerkannt werden. Ueber der dritten brütet der Weltgeist, und wir wollen ihm wünschen, daß er in sanfter Stille ein glückliches Ei ausbrüten möge. Es ist aber ein gewaltig großes Straußenei; der glühende Sand und die allmächtige Sonne mögen es ihm ausbrüten helfen! ——— 17. Lassen Sie uns zusehen, ob ich Ihr Räthsel inne habe. Die erste Begebenheit, an welcher der europäische Zeitgeist haftet, ist die Bepflanzung unsers Welttheils nach den römischen Zeiten, die politische und religiöse Organisation der Völker , die jetzt Europa bewohnen. Sie ist der Einschlag zum Gewebe; die meisten zweifelhaften Fragen der folgenden Zeiten bezogen sich auf die Einrichtung, die damals gemacht ward. Einen Theil dieser Fragen hat die zweite große Begebenheit, die Wiederauflebung der Wissenschaften und die Reformation aufgelöst; vom elften bis zum sechzehnten Jahrhundert hat die Zeit über Vieles entweder schon entschieden und entscheidet noch, oder sie sammelt Kräfte und Athem, um künftig entscheiden zu können. Wahrscheinlich ist das die dritte Begebenheit, von der Sie reden. Merken Sie Sich aber, mein Freund, Eins! Bei der Reformation war größtentheils von blos geistigen Gütern, von Freiheit des Gewissens und Denkens, von Glaubensartikeln und Religion die Rede; denn an den Gebrauch der Kirchengüter wollen wir nicht, können auch nicht allemal mit billigendem Vergnügen denken. Die fortgehende Cultur des Menschengeschlechts, die aus der Erweckung der Wissenschaften entsprang, ist auch ein geistiges Gut; man kann ihren Fortgang hemmen, aber nicht vernichten. Eine andre Beschaffenheit scheint es mir mit der Reformation zu haben, von der jetzt die Rede sein soll; wie wäre es, wenn wir darüber den alten Reformator selbst hörten? Luther's Gedanken von der Regimentsänderung. »Des weltlichen Regiments Werk und Ehre ist, daß es aus wilden Thieren Menschen macht und Menschen erhält, daß es nicht wilde Thiere werden. Meinst Du nicht, wenn die Vögel und Thiere reden könnten und das weltliche Regiment unter den Menschen sehen sollten, sie würden sagen: »O Ihr Lieben, Ihr seid nicht Menschen, sondern Götter gegen uns«? Wer will dies Regiment nun erhalten, ohne wir Menschen, denen es Gott befohlen hat und die sein auch selbst wahrlich bedürfen? Die wilden Thiere werden's nicht thun, Holz und Steine auch nicht. Welche Menschen aber können's erhalten? Fürwahr, nicht allein die mit der Faust herrschen wollen, wie jetzt Viel' sich lassen dünken; denn wo die Faust allein soll regieren, da wird gewiß zuletzt ein Thierwesen draus, daß wer den Andern übermag, stoße ihn in den Sack; wie wir vor Augen wol Exempel gnug sehen, was Faust ohne Weisheit und Vernunft Gutes schafft. Darum sagt auch Salomo: »Weisheit müsse regieren und nicht die Gewalt. Weisheit ist besser denn Harnisch oder Waffen. Weisheit ist besser denn Kraft;« Prediger, 9. 16, 18. – D. daß kurzum nicht Faustrecht , sondern Kopfrecht regieren muß unter den Bösen sowol als unter den Guten.« An einem andern Ort In der Auslegung von Psalm 101. 6 (aus dem Jahre 1534). – D. sagt er: »Ehe das geschehen wird, daß Kaiser, Könige und Fürsten mit dem ganzen Reich dazu thäten, das Regiment zu bessern, so wollen wir den obersten Herrn aller Herren oben in den Wolken sehen kommen und mit ihm davon fahren. Indeß mag das Regiment, der böse Pelz, ein plumpes Regiment bleiben und (die Personat ungemenget!) Gott befohlen lassen sein, welchen er will hervorziehen und erheben. – Aenderung der Regiment und Rechte gehen ohn' groß Blutvergießen nicht ab, wie alle Historien zeugen; und ehe man in Deutschland eine neue Weise des Reichs anrichtet', so wäre es dreimal verheeret. – Wiewol mich auch zuweilen dünkt, daß die Regiment und Juristen wol auch eines Luther 's dürften, aber ich besorge, sie möchten einen Münzer kriegen. – Darum ich nicht hoffen kann noch will, daß sie einen Luther kriegen werden. – So ist's nicht zu rathen, daß man es ändere; sondern flicke und pletze dran, wer kann, weil wir leben, strafe den Mißbrauch und lege Pflaster und Schweden auf die Blattern. Wird man die Blattern ausreißen mit Unbarmherzigkeit, so wird den Schmerzen und Schaden Niemand baß fühlen denn solche kluge Barbierer. – Das Aendern und Bessern sind zweierlei. Eines steht in der Menschen Händen und Gottes Verhängen, das Andre in Gottes Händen und Gnaden.« Ferner sagt er: In der S. 74, Note 2, angeführten Auslegung zu Vers 1. – D. »Wenn das natürliche Recht und Vernunft in allen Köpfen steckte, die Menschenköpfen gleich sind, so könnten die Narren, Kinder und Weiber ebensowol regieren und kriegen als David, Augustus, Hannibal, und müßten Phormiones Nach Cic. de Orat ., II. 77, der » Phormiones « leere Schwätzer nennt nach jenem peripatetischen Philosophen, der den Hannibal über Feldherrnkunst belehren wollte. – D. so gut sein als Hannibales; ja, alle Menschen müßten gleich sein und Keiner über den Andern regieren. Welch ein Aufruhr und wüst Ding sollt' hieraus werden? Aber nun hat's Gott also geschaffen, daß die Menschen ungleich sind und Einer den Andern regieren, Einer dem Andern gehorchen soll. Zween können mit einander singen (d. i. Gott alle gleich loben), aber nicht mit einander reden (d. i. regieren). Einer muß reden, der Andre hören. Darum findet sich's auch also, daß unter Denen, die sich natürlicher Vernunft oder Rechts vermessen und rühmen, gar viel weidliche und große natürliche Narren sind; denn das edle Kleinod, so natürlich Recht und Vernunft heißt, ist ein selten Ding unter Menschenkindern. – »Aber das ist der Teufel und Plage in der Welt, daß wir in allen Dingen, an leiblicher Stärke, Größe, Schöne, Gütern, Gesicht, Farbe u. s. w. unter einander ungleich sind; und allein in der Weisheit und Glück Alle wollen gleich sein, da wir doch am Allerungleichsten unter einander sind. Und was noch wol ärger ist, ein Jeglicher will hierin über den Andern sein, – und kann den schändlichen Narren und Klüglingen Niemand nichts Rechts thun, wie Salomon spricht: Sprichwörter, 26. 16. – D. »Ein Narr dünkt sich klüger sein denn sieben Weisen, die das Recht setzen.« – »Also schreibt auch der Heide Plato, es sei zweierlei Recht, Justum natura, justum lege ; Herder setzt dafür: »Naturrecht und Gesetzrecht.« Vorher läßt er »der Heide« weg. – D. ich will's das gesunde Recht und das kranke Recht nennen. Denn was aus Kraft der Natur geschieht, das gehet frisch hindurch, auch ohn' alles Gesetz, reißt auch wol durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist und soll's mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk; geschieht gleichwol nicht mehr, denn in der kranken Natur steckt. Als wenn ich ein gemein Gesetz stellete: man soll zwo Semmel essen und ein Nößel Wein trinken zur Mahlzeit. Kommt ein Gesunder zu Tische, der frisset wol vier oder sechs Semmel und trinket eine Kanne oder zwo und thut mehr, denn das Gesetz giebt. Kommt ein Kranker dazu, der ißt eine halbe Semmel und trinkt drei Löffel voll und thut doch nicht mehr an solchem Gesetze, denn seine kranke Natur vermag, oder muß sterben, wo er sollt' das Gesetz halten. Hie ist's nun besser, ich lass' den Gesunden ohn' alles Gesetz essen und trinken, was und wie viel er will; dem Kranken gebe ich Maaß und Gesetze, wie viel er kann, daß er dem Gesunden nicht nach müsse. »Nun ist die Welt ein krank Ding und eben ein solcher Pelz, da Haut und Haar nicht gut an ist. Die gesunden Helden sind seltsam, und Gott giebt sie theuer, und muß doch regiert sein, wo Menschen nicht sollen wilde Thier' werden. Darum bleibt's in der Welt gemeiniglich eitel Flickwerk und Bettelei, und ist ein rechter Spital, da es beide, Fürsten und Herrn, und allen Regierenden fehlet an Weisheit und Muth, d. i. an Glück und Gottes Treiben, wie den Kranken an Kraft und Stärke. Darum muß man hie flicken und pletzen, sich behelfen aus den Buchstaben oder Büchern, mit der Helden Recht, Sprüchen und Exempeln, und müssen also der stummen Meister (d. i. der Bücher) Schüler sein und bleiben. Und machen's doch nimmermehr so gut, als daselbst geschrieben stehet, sondern kriechen hienach und halten uns dran als an den Bänken oder Stecken, folgen auch daneben dem Rath der Besten, so mit uns leben; bis die Zeit kommt, daß Gott wieder einen gesunden Helden oder Wundermann giebt, unter dessen Hand Alles besser gehet, oder ja so gut, als in keinem Buch stehet, der das Recht entweder ändert oder also meistert, daß es im Lande Alles grünet und blühet, mit Friede, Zucht, Schutz, Strafe, daß es ein gesund Regiment heißen mag; und dennoch daneben bei seinem Leben aufs Höchste gefürchtet, geehret, geliebt und nach seinem Tod ewiglich gerühmet wird. Und wenn's ein Kranker oder Ungleicher demselben wollt' nachthun und gleich oder besser sein, den hat Gott gewiß zur Plage der Welt geschickt, wie die Heiden auch schreiben: »Der Helden Kinder sind eitel Plagen.« Sprichwörtlich: »Ἀνδρῶν ἡρώων τέϰνα πήματα«. Aehnliche Sprüche finden sich bei Homer (Odyssee, II. 276 f.), Euripides und Demosthenes. – D. »Denn was hilft große, hohe Weisheit und trefflich herzlich guter Muth oder Meinung, wenn's nicht die Gedanken sind, die Gott treibt und Glück dazu giebt? Es sind doch eitel Fehlgedanken und vergebliche Meinung, ja auch wol schädliche und verderbliche. Darum ist's sehr wohl geredt: »Die Gelehrten, die Verkehrten.« Item: »Ein weiser Mann thut keine kleine Thorheit.« Und zeugen alle Historien, auch der Heiden, daß die weisen und gutmeinenden Leute haben Land und Leute verderbet. Welches Alles gesagt ist von den selbstweisen oder kranken Regierenden, die Gott nicht getrieben, noch Glück dazu gegeben hat; und haben's doch wollen sein. Also ist ihnen das Regiment zu hoch gewest, haben's nicht können ertragen, noch hinausführen, sind also drunter erdruckt und umkommen, als Cicero, Demosthenes, Brutus u. s. w., die doch aus der Maaßen hochweise und verständige Leute waren, daß sie möchten heißen Licht in natürlichem Recht und Vernunft, und haben zuletzt das elende Klaglied singen müssen: »Ich hätt' es nicht gemeinet.« Ja, Lieber, das gute Meinen macht viel Leute weinen. Summa, es ist eine hohe Gabe, wo Gott einen Wundermann giebt, den er selbst regiert; derselb' mag ein König, Fürst und Herr heißen mit Ehren, er sei selbst Herr, wie David, Augustus u. s. w., oder Rath zu Hofe, wie Naëman zu Syrien. 2. Könige, 5. – D. Darum spricht auch Salomo in seinem »Prediger«: 10. 11. Bei Herder fehlen die Worte: »in seinem Prediger«, ebenso vorher: »wie David, Augustus u. s. w.« und »wie Naëman zu Syrien«. – D. »Zu laufen hilft nicht schnell sein; zum Streit hilft nicht stark sein; zum Reichthum hilft nicht klug sein; angenehm sein, dazu hilft nicht, Alles wohl können, sondern Alles liegt es an der Zeit und am Glück.« Was ist das anders gesagt, denn so viel: Weisheit mag da sein, hohe Vernunft mag da sein, schöne Gedanken und kluge Anschläge mögen da sein; aber es hilft nichts, wenn sie Gott nicht giebt und treibt, sondern gehet Alles hinter sich.« Soweit Luther . 18. Luther war ein patriotischer großer Mann. Als Lehrer der deutschen Nation, ja als Mitreformator des ganzen jetzt aufgeklärten Europa ist er längst anerkannt; auch Völker, die seine Religionssätze nicht annehmen, genießen seiner Reformation Früchte. Er griff den geistlichen Despotismus, der alles freie, gesunde Denken aufhebt oder untergräbt, als ein wahrer Hercules an und gab ganzen Völkern, und zwar zuerst in den schwersten, den geistlichen Dingen den Gebrauch der Vernunft wieder. Die Macht seiner Sprache und seines biedern Geistes vereinte sich mit Wissenschaften, die von und mit ihm auflebten, vergesellschaftete sich mit den Bemühungen der besten Köpfe in allen Ständen, die zum Theil sehr verschieden von ihm dachten; so bildete sich zuerst ein populares literarisches Publicum in Deutschland und in den angrenzenden Ländern. Jetzt las, was sonst nie gelesen hatte; es lernte lesen, was sonst nicht lesen konnte. Schulen und Akademien wurden gestiftet, deutsche geistliche Lieder gesungen und in deutscher Sprache häufiger als sonst gepredigt. Das Volk bekam die Bibel, wenigstens den Katechismus in die Hände; zahlreiche Secten der Wiedertäufer und andrer Irrlehrer entstanden, deren viele, jede auf ihre Weise, zu gelehrter oder populärer Erörterung streitiger Materien, also auch zu Uebung des Verstandes, zu Politur der Sprachen und des Geschmacks beitrug. Wäre man seinem Geist gefolgt und hätte in dieser Art freier Untersuchung auch Gegenstände beherzigt, die zunächst nicht in seiner Mönchs- und Kirchensphäre lagen, daß man nämlich auf sie die Grundsätze anwendete, nach denen er dachte und handelte! Doch was nützt es, vergangne Zeiten zu lehren oder zu tadeln? Laßt uns seine Denkart, selbst seine deutlichen Winke und die von ihm ebenso stark als naiv gesagten Wahrheiten für unsre Zeit nutzen und anwenden! Ich habe mir aus seinen Schriften eine ziemliche Anzahl Sprüche und Lehren angemerkt, in denen er (wie er sich selbst mehrmals nannte) sich wirklich als Ekklesiastes , als Prediger und Lehrer der deutschen Nation darstellt. Neulich führte ich an, was er von der Regimentsveränderung dachte; laßt uns jetzt hören, was er vom Pöbel und von den Tyrannen hält. In der Schrift: Ob Kriegsleute auch in seligem Stand sein können ? (1527.) – D. Luther's Gedanken vom Pöbel und von den Tyrannen. »Die Heiden, weil sie von Gott nichts wußten, auch Die Worte »von Gott nichts wußten, auch« fehlen bei Herder. – D. nicht erkannt haben, daß weltliches Regiment Gottes Ordnung sei (denn sie haben's für ein menschlich Glück und That gehalten), die haben hie frisch drein gegriffen, und nicht allein billig, sondern auch löblich gehalten, unnütze, böse Obrigkeit absetzen, würgen und verjagen. – Es ist aber dahinten eine böse Folge oder Exempel, daß, wo es gebilligt wird, Tyrannen zu morden oder zu verjagen, reißt es bald ein, und wird ein gemeiner Muthwille draus, daß man Tyrannen schilt, die nicht Tyrannen sind, und sie auch ermordet, wie es dem Pöbel in Sinn kommt; als uns die römischen Historien wohl zeigen, da sie manchen feinen Kaiser tödteten, allein darum, daß er ihnen nicht gefiel oder nicht ihren Willen thät und ließ sie Herren sein. – Man darf dem Pöbel nicht viel pfeifen, er tollet sonst gern; und ist billiger, demselben zehn Ellen abbrechen, denn eine Hand breit, ja eines Fingers breit einräumen in solchem Fall. – Denn der Pöbel hat und weiß keine Maaße, und steckt in einem Jeglichen mehr denn fünf Tyrannen. – Gott spricht: »Die Rache ist mein, ich will vergelten!« – Ein böser Tyrann ist leidlicher denn ein böser Krieg; welches Du mußt billigen, wenn Du Deine eigne Vernunft und Erfahrung fragest. – Gott läßt einen Buben regieren um des Volks Sünde willen. Gar fein können wir sehen, daß ein Bube regiert; aber das will Niemand sehen, daß er Bei Luther geht noch voran: »nicht um seiner Büberei willen, sondern«. – D. um des Volks Sünde willen regieret. – Laß Dich nicht irren, daß die Obrigkeit böse ist; es liegt ihr die Strafe und Unglück näher, denn Du begehren möchtest. – »Obrigkeit ändern und Obrigkeit bessern, sind zwei Ding', so weit von einander als Himmel und Erde. Aendern mag leichtlich geschehen; Bessern ist mißlich und gefährlich. Warum? Es stehet nicht in unserm Willen oder Vermögen, sondern alleine in Gottes Willen und Hand. Der tolle Pöbel aber fragt nicht viel, wie es besser werde, sondern daß nur anders werde; wenn's denn ärger wird, so will er abermal ein Anderes haben. So kriegt er denn Hummeln für Fliegen und zuletzt Hornissen für Hummeln. Und wie die Frösche vorzeiten auch nicht mochten den Klotz zum Herren leiden, kriegten sie den Storch dafür, der sie auf den Kopf hackte und fraß sie. Es ist ein verzweifelt, verflucht Ding um einen tollen Pöbel, welchen Niemand so wohl regieren kann als die Tyrannen; dieselbigen sind der Knittel, dem Hunde an den Hals gebunden. Sollten sie besserer Weise zu regieren sein, Gott würde auch ander Ordnung über sie gesetzt haben denn das Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt wohl an, was es für Kinder unter sich habe, nämlich eitel verzweifelte Buben, wo sie es thun dürften. – In der Vermahnung zum Gebet wider den Türken (1541). – D. »Desgleichen will ich und kann auch nicht getröstet haben unsre Niphlim, Giganten , nach Luther zu 1. Mos., 6. 1. – D. die Tyrannen, Wuchrer und Schelmen unter dem Adel, die sich lassen dünken, Gott habe uns das Evangelium darum gegeben und vom geistlichen Gefängniß erlöset, daß sie mögen geizen, schinden und allen Muthwillen treiben, ihre Fürsten pochen, Land und Leute drücken und Alles in Allem sein wollen, das ihnen nicht befohlen, sondern verboten ist. Diese sind es, so dazu helfen, daß Gottes Zorn den Türken zum Drescher über uns, über sie selbst auch schicket, wo sie nicht Buße thun werden. Denn unmöglich ist's, daß Deutschland sollte stehen bleiben, auch untrüglich und unleidlich, wo solche Tyrannei, Wucher, Geiz, Muthwille des Adels, Bürgers, Bauers und aller Stände so sollten bleiben und zunehmen: es behielte zuletzt der arme Mann keine Rinde vom Brod im Hause und möchte lieber oder ja so gern mit der Weise unter dem Türken sitzen als unter solchen Christen.« »Es stellen und zieren sich fast der mehrere Theil des Adels so lästerlich und so schändlich, daß sie damit dem gemeinen Mann böses Blut und argen Wahn machen, als sei der ganze Adel durch und durch kein Nutze. – »Woher werden Tyrannen? Weil sie ihr Vertrauen auf ihre Macht setzen. Alle Weltweisen haben geklagt über die Beschwerung, so im Regiment ist, und daher pflegen auch die Tyrannen zu kommen, welche, wenn sie sehen, daß ihre Rathschläge und ihr Thun, das Alles sehr fein verordnet, keinen Fortgang oder Glück haben, oder daß ihnen Andre Widerstand thun, so werden sie gar toll und unsinnig und werden aus frommen Fürsten Tyrannen, die mit Gewalt und andrer Leute Schaden, welche sie meinen, daß sie ihnen im Wege liegen, sich unterstehen, hindurchzubrechen und damit ihre Gewalt zu erhalten; denn es sind nicht tapfere Helden, die sich selbst zwingen könnten, sondern hangen und folgen ihren Begierden nach. – »Also werden auch zur Zeit des Antichrist's Etliche sein, welche so genau auf den Frommen Achtung geben werden, ob er etwas aus Unvorsichtigkeit rede oder thue, das sie entweder mit Gewalt oder mit List können verdrehen oder gewaltsamerweise auf so einen Verstand ziehen, der wider den heiligen Sitz der Bestie sei, damit sie alsobald nach Gewohnheit unsrer Papisten schreien können: »Zum Feuer!« da doch Derjenige, der es gesagt, entweder niemals daran gedacht oder es doch niemals hat öffentlich vorbringen wollen. Ja, wenn auch der Fromme etwas mit aller möglichsten Vorsicht geredet hat und sich keiner Gefahr befürchten können, so wird doch dieses der Gottlosen Amt sein, die besten Reden zu verlästern und in den unschuldigen Silben Gift, wie die Spinne in den Rosen, zu finden. Dieses thun sie ihrem Bedünken nach nicht aus unweiser Absicht (sintemal sie dieses aus der Erfahrung als eine gewisse Sache haben, daß es um ein tyrannisches Reich nicht gar zu sicher und glücklich stehe), wenn sie nur Diejenigen zu Grunde richten, die entweder als Schuldige können überwiesen oder doch der fälschlichen Anklage können verdächtig gemacht werden; sondern man müsse auch allen Andern zum Exempel und Schrecken Diejenigen plagen, die sich nichts weniger befürchtet, als daß sie einmal in dergleichen Fallstricke und Netze verfallen sollten. Daß also Niemand ist, der sich nicht für einem Tyrannen zu fürchten habe, wenn er sich gleich auf sein gut Gewissen verlassen kann und sich keines bösen Anschlags wider den Tyrannen bewußt ist.« So weit abermals Luther. Bewahre der Himmel uns vor solchen Zeiten! denn leider, es ist nur ein Ding Pöbelsinn und Tyrannei, mit zwei Namen genannt, wie die rechte und linke Seite. ——— 19. Treu' und Glaube ist der Eckstein aller menschlichen Gesellschaft. Auf Treu' und Glaube sind Freundschaft, Ehe, Handel und Wandel, Regierung und alle andre Verhältnisse zwischen Menschen und Menschen gegründet. Man untergrabe diesen Grund: Alles wankt und stürzt, Alles fällt aus einander. Es giebt keine einseitigen Pflichten und einseitigen Rechte. Pflichten und Rechte gehören zusammen wie die obere und untere, wie die rechte und linke Seite. Was hier convex ist, ist dort concav, und bleibt dieselbe Sache, derselbe Körper. Laßt Staaten, laßt Stände gegen einander Treu' und Glauben verlieren; wer seinen Pflichten entsagt, verliert die Rechte, die der Pflicht anklebten; er täuscht und wird getäuscht, er handelt einseitig: so wird man auch gegen ihn handeln. Manche Vorzüge des Geistes und der Lebensweise hat man unsrer Nation absprechen wollen –, das Lob, das man ihr, das man ihren braven Männern, ihren guten Regenten und Helden durch alle Zeiten zugestand, war die sogenannte deutsche Biederkeit, Treu' und Glaube . Ihre Worte galten mehr als gesiegelte Briefe und Eidschwüre; der Herr baute auf seine Unterthanen, Unterthanen auf ihren Herrn; wenigstens ist dieses der Schild, den die meisten alten Sprüche und Apophthegmen der Deutschen vor sich tragen. Laßt uns hören, was zu seiner Zeit der alte Luther darüber sagt: In seiner Auslegung von Psalm 101, 7 (im Jahre 1534). – D. Deutsche, Deutschland ! »Es ist zwar eine gemein Klage in allen Ständen und Leben über falsche, verlogene Leute, wie man spricht: »Es ist keine Treu' noch Glauben mehr.« – Die alten Römer haben solch Laster an den Griechen fast getadelt, wie auch Cicero Pro Flacco , 4. 9. – D. selbst sagt: »Ich gebe den Griechen, daß sie gelehrte, weise, kunstreiche, geschickte, beredte Leute sind; aber Treu' und Glauben achtet das Volk nicht.« – Wolan, es hat auch solch untreu falsch Volk itzt lange her seine Strafe gelitten vom Türken, der sie auch baar über bezahlet. Welschland hat's nachher auch gelernt, daß sie dürfen zusagen und schwören, was man will, und darnach spotten, wenn sie es halten sollen. Darum haben sie auch ihre Plage redlich, und müssen Beide, Griechen und Walen, Exempel sein des andern Gebots Gottes, da er spricht: »er solle nicht ungestraft bleiben, wer Gottes Namen mißbraucht.« Uns Deutschen hat keine Tugend so hoch gerühmet und, wie ich glaube, bisher so hoch erhoben und erhalten, als daß man uns für treue, wahrhaftige, beständige Leute gehalten hat, die da haben Ja Ja, Nein Nein lassen sein, wie deß viel Historien und Bücher Zeugen sind. – Wir Deutschen haben noch ein Fünklein (Gott woll' es erhalten und aufblasen!) von derselben alten Tugend, nämlich daß wir uns dennoch ein Wenig schämen und nicht gern Lügner heißen, nicht dazu lachen, wie die Walen und Griechen, oder ein Scherz draus treiben. Und obwol die welsche und griechische Unart einreißet (Gott erbarm's), so ist dennoch gleichwol noch das übrig bei uns, daß kein ernster, gräulicher Scheltwort Jemand reden oder hören kann, denn so er Einen Lügner schilt oder gescholten wird. Und mich dünkt (soll's dünken heißen), daß kein schädlicher Laster auf Erden sei denn lügen und Untreu beweisen; welchs alle Gemeinschaft der Menschen zertrennet. Denn Lügen und Untreu' zertrennet erstlich die Herzen; wenn die Herzen zertrennet sind, so gehen die Hände auch von einander; wenn die Hände von einander sind, was kann man da thun oder schaffen? – Darum ist auch in welschem Lande solch schändlich Trennen, Zwietracht, Unglück. Denn wo Treu' und Glauben aufhöret, da muß das Regiment auch ein Ende haben. Christus helf' uns Deutschen!« 20. Ist Ihnen eine Ode Klopstock's zu Gesicht gekommen, die während des letzten nordamerikanischen Seekrieges erschien Im Musenalmanach von Voß auf das Jahr 1782. Die Ode erhielt in der zweiten Ausgabe von Klopstock's »Oden« manche Veränderungen. – D. und auch schon damals in der Art, diesen fürchterlichen Krieg zu führen, Spuren einer zunehmenden Humanität bemerkte? Sie wird Ihnen angenehm sein, auch nur als ein poetischer Traum, als das Gemälde einer Glück weissagenden Phantasie, gewiß aber noch mehr als eine Prophetenstimme der Zukunft betrachtet. Der jetzige Krieg. O Krieg, des schöneren Lorbeers werth, Der unter dem schwellenden Segel, des Windes Fluge, Jetzo geführt wird, Du Krieg der edleren Helden, Dich singe die Leyer, die keine Kriege sang! Ein hoher Genius der Menschlichkeit Begeistert Dich! Du bist die Morgenröthe Eines nahenden großen Tags! Europa's Bildung erhebt sich mit Adlerschwunge Durch weise Zögrung des Blutvergusses, Durch weisere Meidung, Durch göttliche Schonung In Stunden, da, den Bruder tödtend, Der erhabene Mensch zum Ungeheuer werden muß; Denn die Flotten schweben umher auf dem Ocean Und suchen sich und finden sich nicht. Und wenn sie, verweht oder verströmt, sich endlich erblicken, So kämpfen sie länger als je Den viel-entscheidenden Kampf Um des Windes Beistand. Und muß es denn zuletzt doch auch beginnen, Das Treffen, so schlagen sie fern. Fürchterlich brüllet Ihr Donner; aber er rollt Seine Tod' in das Meer. Kein Schiff wird erobert, und keins, zu belastet Von der hineinrauschenden Woge, versinkt; Keins flammt in die Höh' und treibet, Scheiter, umher über gesunknen Leichen. Der Flotten und der Schiffe Gebieter Schlagen so, ohne gegebenes Wort. Was brauchen sie der Worte? Die tiefer denkenden Männer, sie handeln, verstehn sich durch ihr Handeln! Erdekönigin, Europa, Dich hebt bis hinauf Zu dem hohen Ziele Deiner Bildung Adlerschwung, Wenn unter Deinen edleren Kriegern Diese heilige Schonung Sitte wird. O, dann ist, was jetzo beginnt, der Morgenröthen schönste; Denn sie verkündiget Einen seligen, nie noch von Menschen erlebten Tag, Der Jahrhunderte strahlt Auf uns, die noch nicht wußten, der Krieg sei Das zischendste, tiefste Brandmal der Menschheit. Mit welcher Hoheit Blick wird, wen die Heitre Des goldnen Tages labt, auf uns herabsehn! Bist Du wahrer Zukunft Weissagerin, Leyer, gewesen? Hat der Geist, der Dich umschwebt, Göttermenschen, oder hat er Vernichtungsscheue Gottesleugner gesehn? ——— Was Klopstock beim Seekriege bemerkt, ließe es sich prosaisch nicht auch beim Landkriege, noch mehr aber beim Handel, bei jeder Art des Gewerbs und Fleißes, selbst in der Art der Erhebung öffentlicher Gefälle und Lasten, bei Behandlung stehender Heere zu Friedenszeiten, diesem entsetzlichen Druck der Menschheit, bei Einrichtung öffentlicher Gebäude, insonderheit der Gefängnisse und Krankenhäuser, bei Behandlung der Krankheiten und einer der ärgsten Krankheiten unsers Welttheils, der Rechtshändel und rechtlichen Strafen, noch klärer endlich in Behandlung der Wissenschaften, Einrichtungen der Polizei, öffentlichen Religion, Erziehung und des ganzen häuslichen Lebens bemerken? Durch Noth gezwungen, wider unsern Willen müssen wir einmal, Gott gebe bald! vernünftigere, billigere Menschen werden. ——— 21. Verzeihen Sie, meine Freunde, daß ich Ihrem hoffnungsvollen Glauben an den Geist der Zeiten nur furchtsam und zweifelnd beitrete. Denn sobald man dem Wort seine magische Gestalt nimmt, was bedeutet es mehr als die herrschenden Meinungen, Sitten und Gewohnheiten unsers Zeitalters ; und sollten diese eines so hohen Lobes werth sein? sollten sie so große und sichre Hoffnungen für die Zukunft gewähren? Mir ist wohl bekannt, was für schön klingende Worte seit geraumer Zeit in Schriften und Gesellschaften im Umlaufe sind; sehen Sie aber auf die Grundsätze der Menschen, die in Handlungen zur täglichen Lebensweise übergehen, was finden Sie da? Alle wahren, thätigen Gesinnungen zum Besten des Ganzen sind ihrer Natur nach mit Aufopferung verbunden; und wer opfert zu unsrer Zeit gern auf? Versuchen Sie's einmal und bringen die kleinste Sache, die Mühe, Geld, Entsagung von Privatvortheilen, am Meisten von der Eitelkeit fordert, zu Stande, und Sie werden gewahr, daß Sie ein saitenloses Clavier spielen. Die lautsten Patrioten sind oft die engherzigsten Egoisten; die wärmsten Vertheidiger des Guten sind nicht selten die kältesten Seelen; Adler in Worten, in Handlungen Lastthiere der Erde. Hoffen Sie viel, sehr viel von aufgeklärten, guten Fürsten; das Unmögliche aber hoffen Sie nie! Auch sie sind Menschen, und nach ihrer gewöhnlichen Erziehung ist's oft zu bewundern, daß sie es noch blieben. Sie tragen die Fesseln ihres Standes; die engste Fessel ist ihre eigne von Kindheit auf gewonnene Denkart. Selten giebt es einen Friederich, der sich über das Gewohnte seiner Zeit früh und doch mit Weisheit hinaussetzt; selten! Zudem bedürfen sie als Regenten gnugsame Kenntniß der Dinge, Ueberlegung mit Andern, zur Ausführung Werkzeuge. Wenn sie diese nun nicht finden, wenn diese sie hintergehen und täuschen, wenn sie endlich aus Mißtrauen zu diesen unschicklicherweise selbst zur Sache greifen, so wird die Geschichte Joseph's II. daraus, der mit den reinsten, notwendigsten, besten Absichten von der Welt im Hafen selbst scheiterte. Ach, es muß ein Gott vom Himmel kommen oder außerordentlich gute und große, das ist wahrhaftig göttliche Menschen senden, oder die Verbesserung der Welt auf dem gewöhnlichen Wege der Zeit geht sehr langsam. Lassen Sie mich die herrschenden Gesinnungen andrer Stände und Innungen nicht durchgehn. Jede Zunft hat ihren Zunftgeist; der fesselt, zumal in unsern Zeiten, auch den besten Gemüthern Herzen und Hände. Man fühlt die Wände des alten Systems erschüttert und fürchtet den Fall des ganzen Gebäudes: um so mißtrauischer hält man sich also an jeden Balken, an jeden Span des Balkens und glaubt, mit ihm schon gehe Alles verloren. Das alte Schwert ist verrostet: desto ängstlicher putzt man Griff und Scheide. Ans Volk wollen wir eher mit Bedauern und Großmuth als mit Stolz und Zuversicht denken. Jahrhunderte lang ist's unerzogen geblieben; daß es erzogen werde, kann unser einziger Wunsch sein, nicht daß es herrsche, nicht daß es gebiete und lehre. Die Besserung muß vom Haupt kommen, nicht von Füßen und Händen; ich kenne nichts Abscheulicheres als eines wahnsinnigen Volks Herrschaft. Lassen Sie Sich auch die Stimmen unsrer Philosophen nicht bis zur Täuschung bezaubern; die wärmsten sind nicht immer die hellsten Köpfe. Von ihren Wünschen, vom Anschein der guten Sache eingenommen, vom thätigen Leben und von der wahren Gestalt der Dinge entfernt, gefallen sie sich in Speculationen, oder, als der zarteste, empfindlichste Theil des Publicums, trösten sie sich über das, was nicht ist, mit Träumen, was sein sollte, also auch sein wird. Der kranke, zarte, fast nur in der Einbildung lebende Rousseau , hat er mit seinen stark ausgedrückten, rege gefühlten Visionen mehr Nutzen oder mehr Schaden gebracht? Ich wage es nicht zu entscheiden. Wie ich fürchte, strebt der Geist unsrer Zeiten vorzüglich zur Auflösung hin. Dem einen Theil der Welt sollen alle Bande aufhören; Alles soll leicht und lustig werden, weil wir des Alten satt, träge und erschlafft sind. Der andre Theil der Menschen, der sich im Besitz, leider auch oft mit Härte und Uebermuth, fühlt, verachtet die Beschwerden der Andern und scheint die Drommeten vor Jericho zu erwarten. Ein nicht erfreulicher Zustand! Ich kenne keine schlimmere Jahrszeit als die, in welcher alle Elemente gegen einander zu sein scheinen, wenn Kälte, Regen und Sturmwinde toben. Selten hat eine Verfassung, welche es auch sei; vom Grundgesetz ihrer Entstehung sich so weit abbiegen können, daß sie ohne Sturz ihre Basis hätte verlassen mögen. Die Staaten Europa's sind auf ein System kriegerischer und religiöser Eroberung gegründet; die Pfeiler dieses Systems wanken; die Zeit nagt an ihnen; stürzen sie, so, fürchte ich, geht unter den Trümmern des Schlechteren auch das Beste mit unter. Vergönnen Sie mir also, daß ich vom Geist unsrer Zeiten hinwegsehe und mich noch etwas weiterhin an einige Gedanken des alten Philosophen zu Sans-Souci halte, der auch die Welt kannte. ——— Fortsetzung einiger Gedanken Friedrich's II. »Ich bin durch ein Land gereist, wo die Natur gewiß nichts gespart hat, den Boden fruchtbar, die Gegend lachend zu machen; aber es scheint, daß sie sich an Bildung der Pflanzen, Hecken und Flüsse, die die Gegend verschönen, erschöpft und nicht Kraft gnug gehabt habe, unser Geschlecht daselbst auch so vollkommen zu machen. Ich habe fast ganz Westphalen auf unsrer Reise gesehen; und gewiß, wenn Gott seinen göttlichen Hauch dem Menschen verlieh, so muß diese Nation davon wenig bekommen haben, daß man fast fragen möchte, ob diese Menschengestalten denkende Menschen sind oder nicht.« (1738.) Im Briefe vom 24. Juli. – D. ——— »Ihr habt Recht, daß Die, die am Consequentsten handeln sollten, d.i. die Königreiche regieren und, mit einem Wort, über das Glück und Unglück der Völker entscheiden, oft die sind, die sich am Meisten dem Ungefähr überlassen. Das macht, diese Könige, Fürsten, Minister sind Menschen wie Andre; der ganze Unterschied, den das Glück zwischen sie und Leute von geringerem Range gesetzt hat, ist, daß sie wichtigere Geschäfte betreiben. Ein Strahl Wasser, der drei Fuß, ein andrer, der hundert Fuß hoch steigt, sind beides Wasserstrahlen, nur mit verschiedner Kraft emporgetrieben. Eine Königin von England, mit einem weiblichen Hofe umgeben, wird in ihrer Regierung immer etwas Weibliches zeigen, Phantasien und Launen.« (1738.) Am 11. September. – D. ——— »Nichts zeigt so sehr die Verschiedenheit unsrer von den alten Zeiten als die Art, wie das Alterthum große Männer behandelte, und wie wir sie behandeln. Große Gesinnungen, Erhabenheit der Seele, Festigkeit gelten jetzt für chimärische Tugenden. »Er will den Römer machen«, sagt man; »davon ist man zurückgekommen; das ist außer der Zeit.« Desto schlimmer! Die Römer, die sich dieser Tugenden anmaßten, waren große Männer; warum sollten wir sie nicht nachahmen in dem, was Lob verdient?« (1738.) Im Briefe vom 9. November. – D. ——— »Unter Hunderten, die zu denken glauben, ist kaum Einer, der selbst denkt. Die Andern haben nur zwei oder drei Ideen, die sich in ihrem Hirn umherdrehen, ohne neue Formen zu erhalten; und auch dieser Eine unter den Hunderten denkt vielleicht, was ein Andrer gedacht hat; sein Genie, seine Einbildungskraft ist nicht schaffend. Ein schöpferischer Geist vervielfältigt Ideen, faßt zwischen Gegenständen Beziehungen auf, die der unaufmerksame Mensch kaum bemerkt. Stärke des gesunden Verstandes ist, nach meiner Meinung, der wesentliche Theil eines Mannes von Genie. Mittheilen läßt sich dies kostbare und seltne Talent nicht; die Natur scheint damit zu geizen; um es einmal zu verleihen, nimmt sie sich ein Jahrhundert Frist.« Am 9. August 1739. Der letzte Theil dieser Stelle, von »Mittheilen läßt sich« an, ist in Versen geschrieben. – D. ——— »Der Vicegott der sieben Berge hat Avignon wiederbekommen; ein solcher Zug von Freigebigkeit ist selten bei den Regenten. Ganganelli wird darüber in die Faust lachen und bei sich selbst sagen: »Auch die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen!« Und das geschieht im philosophischen, im achtzehnten Jahrhundert! Wolan nun, Ihr Herren Philosophen, bestrebt Euch, bestreitet den Irrthum, häuft Gründe auf Gründe, um ihn in Staub zu legen; Bei Friedrich: »um den Niederträchtigen zu Grunde zu richten«. Mit Bezug auf Voltaire's Wort: » Ecraser l'infame «. Unter l'infame verstand er den Papst. – D. nie werdet Ihr es verhindern, daß nicht viele Schwache über wenige Starke den Sieg davontragen sollten. Werfet die Vorurtheile zur Thür hinaus, sie kommen zum Fenster hinein. Ein Andächtler an der Spitze des Staats, ein Ehrsüchtiger, den sein Interesse mit dem Interesse der Kirche bindet, wirft an einem Tage um, was zwanzig Jahre Eurer Arbeiten kaum vollführt haben.« (1771.) Im Briefe vom 19. März. Die Stelle beginnt: »Es geht das Gerücht, daß Ihr Avignon dem Vicegott der sieben Berge wiedergebt.« – D. ——— »Ich wünsche Euch zum neuen Minister Dem Herzog von Aiguillon . – D. des allerchristlichsten Königes Glück. Man sagt, es sei ein Mann von Geist; Hier fehlt der Satz: »In diesem Falle werdet Ihr in ihm einen entschiedenen Beschützer finden.« – D. wenn er es ist, wird er weder die Imbecillität, noch die Schwachheit haben, Avignon dem Papst zurückzugeben. Man kann ein guter Katholik sein und doch dem Statthalter Gottes seine zeitlichen Besitzthümer nehmen, die ihn zu sehr von seinen geistlichen Pflichten zerstreuen und ihn oft in Gefahr seiner Seligkeit setzen. Wie fruchtbar auch unser Jahrhundert an Philosophen sein möge, die unerschrocken, wirksam und eifrig Wahrheiten verbreiten, so muß man sich doch nicht verwundern, daß der Aberglaube Bei Friedrich steht: »der Aberglaube, über den Ihr Euch in der Schweiz beklagt«. – D. auch sein Werk forttreibt. Seine Wurzeln haben Alles umschlungen; er ist ein Kind der Furcht, der Schwachheit und der Unwissenheit; diese Dreieinigkeit herrscht in gemeinen Seelen so allgewaltig als eine andre in den Schulen der Theologen. Welche Widersprüche vereinigen sich nicht im Gemüth des Menschen! Hier ist eine Stelle ausgelassen. – D. Laß einen Schelm sich vornehmen, Menschen zu betrügen, er wird Glaubende finden. Der Mensch ist zum Irren gemacht; Irrthum kommt von selbst in seinen Geist; einige Wahrheiten entdeckt er nur durch unendliche Mühe.« (1771.) Am 29. Juni. – D. ——— »Die Welt wird von Gevattern und Gevatterinnen regiert; manchmal, wenn man gnug Data hat, kann man die Zukunft errathen, oft betrügt man sich aber.« Im Briefe vom 6. December 1773. – D. ——— »Als ein ächter Schüler der Encyklopädisten predige ich den allgemeinen Frieden, wie wenn ich ein Apostel des Abts St. Pierre wäre, und vielleicht werde ich nicht mehr ausrichten als er. Ich sehe, daß es den Menschen leichter wird, Böses als Gutes zu thun; ich sehe, daß eine unglückliche Verkettung der Umstände uns wider unsern Willen dahinreißt und mit unsern Projecten spielt wie der Sturmwind in dem fliegenden Sande. Indessen geht der ordentliche Gang der Dinge fort.« (1773.) Am 29. Februar. – D. ——— »Ich habe den Artikel Krieg (in den »Encyklopädischen Fragen«) gelesen. »Und ich habe geschaudert,« fügt Friedrich hinzu. – D. Wie? ein Fürst, der seine Truppen in blaues Tuch kleidet und ihnen Hüte mit weißen Schnüren giebt, der sie sich kehren läßt rechtsum und linksum, kann er sie ehrenhalber einen Feldzug thun lassen, ohne den Ehrentitel eines Anführers von Taugenichten zu verdienen, die nur aus Noth gedungene Henker werden, um das ehrbare Handwerk der Straßenräuber zu treiben? – Die Philosophen müssen Missionare auf Bekehrungen ausschicken, um unvermerkt die Staaten von den großen Armeen zu entladen, die sie in den Abgrund stürzen, daß nach und nach Keiner übrig sei, der sich schlage. Kein Landesherr, kein Volk wird sodann die unglückliche Leidenschaft zu kriegen mehr haben, deren Folgen so verderblich sind; Jedermann wird eine Vernunft äußern, so vollkommen als eine geometrische Demonstration. Ich bedaure sehr, daß mein Alter mich eines so schönen Anblicks beraubt, von dem ich nicht einmal die Morgenröthe erleben werde. Beklagen wird man mich und meine Zeitgenossen, daß wir in einem Jahrhundert der Finsterniß lebten, an dessen Ende zuerst die Dämmerung der vervollkommeten Vernunft anbrach. Alles hängt ja von der Zeit ab, in der ein Mensch auf die Welt tritt.« (1773.) In den Briefen vom 9. October und vom 26. November. – D. ——— »Gegen das viertägige Fieber und gegen den Krieg declamiren, ist gleich vergebliche Arbeit. Friedrich sagt: »Ich gestehe, ich wollte lieber gegen das viertägige Fieber als gegen den Krieg declamiren.« – D. Die Regierungen lassen die Philosophen schreien und gehen ihren Weg; das Fieber nimmt davon auch keine Kunde. – – Es hat Kriege gegeben, so lange die Welt ist, und wird Kriege geben, wenn wir nicht mehr hier sind. – – Ein Arzt muß das Fieber wegschaffen, nicht darüber satirisiren.« In den Briefen vom 4. Januar, 16. Februar und 30. Juli 1774. – D. ——— »Ludwig XV. ist nicht mehr. Bei Friedrich: »Was den guten Ludwig XV. betrifft, so ist er mit der Post zum ewigen Vater gegangen. Es war mir ärgerlich.« – D. Es war ein guter Mann, der nur einen Fehler hatte, daß er König war.– – Laßt seinen Schatten in Friede! Hier ist eine Stelle ausgelassen. – D. Man darf empfindlich sein über das Unrecht, das man leidet; man muß aber auch zu verzeihen wissen. Die finstre, gallichte Leidenschaft der Rache ziemt nicht für Menschen, die so kurz existiren. Wir müssen wechselseitig einander unsre Thorheiten vergessen und uns auf den Genuß des Glücks einschränken, das unsre Natur uns gönnt.« In den Briefen vom 19. Juni und vom 30. Juli 1774. – D. ——— »Wenn Türenne und Louvois die Pfalz in die Asche legten, wenn der Marschall von Belle-Isle im letzten Kriege den Vorschlag that, ganz Hessen zu verwüsten, so sind solche Ausschweifungen ein ewiger Vorwurf der französischen Nation, die, so artig sie ist, sich zuweilen Grausamkeiten erlaubt hat, die nur für die ärgsten Barbaren gehörten. Ludwig XV. indessen verwarf den Vorschlag des Marschall Belle-Isle und zeigte sich hierin größer als sein Vorfahr.« Am 30. Juli 1774. – D. ——— »Beim Leben der Könige ist schwerer über sie zu urtheilen als nach ihrem Tode; ein einziger Umstand verändert oft die Sache so, daß man billigen muß, was man vorher verdammte. Ludwig XIV. ward bei seinen Lebzeiten getadelt, daß er den Successionskrieg unternahm; jetzt läßt man ihm Gerechtigkeit widerfahren, und jeder Unparteiische gesteht ein, daß er niedrig gehandelt hätte, wenn er das Testament des Königes von Spanien nicht hätte annehmen wollen. Jeder Mensch macht Fehler, also auch die Fürsten; der wahre Weise, der Stoiker und der vollkommene Fürst haben nicht existirt und werden nicht existiren. Fürsten wie Karl der Kühne, Ludwig XI., Alexander VI., Ludwig Sforza sind die Geißeln ihrer Völker und der Menschheit; solche Fürsten aber existiren jetzt nicht in unserm Europa. Wir haben schwache Regenten, Friedrich schreibt: »Wir haben zwei Könige, närrisch zum Anbinden, eine Anzahl schwacher Regenten«. – D. nicht aber Ungeheuer wie im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Schwäche ist ein unverbesserlicher Fehler; man muß sich deshalb an die Natur, nicht an die Person halten. Ich gebe zu, sie thun aus Schwachheit Böses; in Erbreichen ist's aber einmal ein nothwendiges Uebel, daß auch solche Wesen an der Spitze der Nation stehen; denn in keiner Familie folgen große Männer in einer Reihe unverrückt auf einander. Glaubt mir! menschliche Einrichtungen werden nie zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit Friedrich: »nie zur Vollkommenheit«. – D. kommen; man muß sich mit dem Beinahe gnügen und gegen unabänderliche Mißbräuche nicht gewaltsam declamiren.« Im Briefe vom 20. October 1774. – D. ——— »Ich wünsche der französischen Nation Glück über die Wahl, die Ludwig XVI. an Ministern gemacht hat. »Die Völker,« hat ein Alter Plato. »Vom Staate«, V. 18. – D. gesagt, »werden nicht glücklich sein, als wenn Weise ihre Könige sein werden.« Die französischen Minister, wenn sie gleich nicht Könige sind, gelten doch für dieselben an Ansehen und Gewalt. Euer König hat die besten Gesinnungen von der Welt, er will das Gute; nichts ist für ihn mehr zu fürchten als die Pest der Höfe, die ihn mit der Zeit umkehre und verderbe. Er ist jung; er kennt die Listen und Feinheiten nicht, dadurch die Hofleute ihn in ihr Interesse zu ziehen, ihn für ihren Haß oder ihre Ehrsucht einzunehmen suchen werden. Von Kindheit an ist er in der Schule des Fanatismus und der Imbecillität gewesen; dies muß fürchten machen, daß er sich nicht getraue, selbst zu untersuchen, was man ihn verehren gelehrt hat.« Im Briefe vom 13. August 1775. – D. ——— »Was Ihr von unsern deutschen Bischöfen sagt, ist nur zu wahr; »sie werden fett von den Zehnden aus Zion.« Friedrich: » Ce sont des porcs engraissés des dîmes de Sion «, wie Voltaire einen reichen Prälaten nannte: » porc engraisseé des dîmes de Sion «. – D. Aber im heiligen römischen Reich machen das Herkommen, die goldne Bulle und vergleichen alte Thorheiten die eingeführten Mißbräuche ehrwürdig. Man sieht sie, zuckt die Schultern, und die Sachen gehen ihren Gang fort. Den Fanatismus zu vermindern. muß man an die Bischöfe noch nicht rühren; aber die Mönche, insonderheit die Bettelmönche muß man vermindern. Damit wird das Volk kühler und wird Die Worte »weniger abergläubisch« sind ausgefallen. – D. den Mächtigen überlassen, die Bischöfe allgemach zum Besten des Staats zu disponiren. Dies ist der gangbare Weg. Allmählig und ohn' alles Geräusch das Gebäude der Unvernunft untergraben, heißt es selbst fallen machen. In der Lage, in welcher der Papst ist, muß er Bullen und Breve geben, wie seine geliebten Söhne sie irgend verlangen; diese Macht, auf den idealischen Credit des Glaubens gebaut, mindert sich, wie sich der Glaube mindert; und wenn an der Spitze der Nationen nur einige Minister sind, die sich über die gemeinen Vorurtheile erheben, so macht der heilige Vater banquerout. Schon sind seine Wechsel und Papiere zur Hälfte in Mißcredit. Ohne Zweifel wird die Nachwelt den Vortheil genießen, frei denken zu können und keine Auftritte mehr zu sehen, wie sie Toulouse und Amiens zeigten.« In demselben Briefe. Am Schlusse steht: »Toulouse, Abbeville« u. s. w. – Abbeville war mit Bezug auf die dortige Verurtheilung des jungen Morival genannt, welche Voltaire rückgängig machen wollte. – D. ——— »Ich kenne weder Turgot noch Malesherbes; wenn sie wahre Philosophen sind, sind sie an ihrem Platz. Weder Vorurtheil noch Leidenschaft gilt in den Geschäften; die einzige erlaubte Leidenschaft ist fürs gemeine Beste. So dachte Marc-Aurel, und so soll jeder Regent denken, der seine Pflicht erfüllen will.« Im Briefe vom 8. September 1775. – D. ——— »Die Regierung in Pensylvanien, wie sie jetzt eingerichtet ist, gefällt Euch; sie ist nur ein Jahrhundert alt; laßt sie noch fünf oder sechs Jahrhunderte fortdauern, und Ihr kennt sie nicht mehr. So wahr ist es, daß Unbestand eines der beständigsten Gesetze der Welt sei. Laß Philosophen die weiseste Regierung gründen, sie wird dasselbe Schicksal haben; und sind die Philosophen vor Irrthum immer gesichert gewesen? Sie haben ihn selbst oft auf die Bahn gebracht, wie des Aristoteles substantielle Formen, der Galimathias des Plato, Descartes' Wirbel und Leibniz' Monaden zeigen. Was ließe sich nicht von den Paradoxen sagen, mit denen Rousseau, wenn man ihn unter die Philosophen rechnen kann, Europa beschenkt hat! Und doch hat er manchen guten Vätern das Hirn so weit verrückt, daß sie ihren Kindern die Erziehung seines Emil's geben. Aus allen diesen Beispielen folgt, daß ungeachtet der guten Absichten, ungeachtet aller angewandten Mühe die Menschen in keiner Sache zur Vollkommenheit gelangen werden.« Am 29. September 1775. – D. ——— »Ich wünsche Euch zu Eurer guten Meinung von der Menschheit Glück; ich, der ich aus Pflicht meines Standes diese Gattung Geschöpfe auf zwei Beinen ohne Federn sehr gut kenne, muß Euch voraussagen, daß Friedrich: »daß weder Ihr noch«. – D. alle Philosophen der Welt das menschliche Geschlecht von dem Aberglauben nicht frei machen werden, an dem es hängt. Die Natur hat dieses Ingrediens in die Composition der ganzen Gattung gemischt; eine Furcht, eine Schwäche, eine Leichtgläubigkeit, eine Uebereilung des Urtheils zieht die Menschen durch einen natürlichen Hang in das System des Wunderbaren; und es giebt nur wenig philosophische Seelen, die stark genug gebaut sind, um die tiefen Wurzeln der Vorurtheile, die die Erziehung in sie schlug, zu zerstören. Diesen hat sein gesunder Verstand von einigen Wörtlich: »von den«. – D. Volksirrthümern losgemacht, er empörte sich gegen Ungereimtheiten; jetzt kommt der Tod ihm näher, und aus Furcht fällt er in den Aberglauben zurück; er stirbt als Kapuziner. Bei Jenem hängt seine Art zu denken von einer guten oder übeln Verdauung ab. Es ist also nicht gnug, Menschen den Trug zu entnehmen; man müßte ihnen auch eigne Stärke des Geistes einhauchen können, oder Empfindlichkeit und der Schrecken des Todes werden auch über die stärksten, nach aller Methode vorgetragenen Vernunftlehren triumphiren. Ihr glaubt, weil Quaker und Socinianer eine einfachere Religion festgestellt haben, man diese noch mehr simplificiren und auf solchen Grund einen neuen Glauben aufführen könnte; ich komme aber auf mein Voriges zurück und bin Hier ist »fast« ausgefallen. – D. überzeugt, daß wenn diese Heerde Neuglaubender angewachsen wäre, sie in Kurzem einen neuen Aberglauben in die Welt stellen würde; es sei denn, daß sie nur aus Seelen, frei von Furcht und Schwachheit, bestünde. Und diese sind nicht die gemeinsten. Friedrich: »Dies findet man nicht gewöhnlich« ( communément ). – D. Das glaube ich indeß, daß die Stimme der Vernunft, wenn sie sich gegen den Fanatismus immer stärker erhebt, die zukünftige Generation duldsamer, als die jetzige ist, machen kann; und auch das ist schon viel gewonnen.« Im Briefe vom 24. October 1766 (in den Oeuvres posthumes mit 1765 bezeichnet). – D. ——— 22. Gern geben wir Ihnen den größten Theil Ihrer Zweifel , die Sie mit dem Ansehen des großen Königes unterstützt haben, zu; aber was folgt daraus? Sollen wir, wenn wir auch Ursache hätten, an der höchsten Vollendung des edelsten Werks zu zweifeln, dies Werk deswegen aufgeben und an der guten Sache verzweifeln? Das wollte der große König nicht; er blieb seiner Pflicht getreu und ließ die Hand nicht vom Steuer, wenn er gleich wußte, daß er sein Schiff nicht ewig regieren könnte. Zu dieser Thätigkeit munterte er seine Freunde auf, hielt seine Unterthanen an; sie war ihm die Seele des Lebens. Auch sahe er wohl, daß die Zeit fortrückte. »Es scheint,« sagt er im Jahr 1777, Am 18. November. – D. »daß Europa jetzt im Zuge ist, sich über alle Gegenstände, die auf das Wohl der Menschheit am Meisten Einfluß haben, aufzuklären, und man muß Euch das Zeugniß geben, daß Ihr mehr als Einer unsrer Zeitgenossen dazu beigetragen habt, es mit der Fackel der Philosophie zu erleuchten.« Wenn er auf seinem Standpunkt, dazu im höchsten Alter, nicht in jede brausende Hoffnung der Encyklopädie einstimmen konnte, so war dies nicht nur ihm verzeihlich, sondern sehr vernünftig. Der Menschheit zu viel und zu wenig zutrauen wollen, Beides ist schädlich. Daß es zu unsrer Zeit edle, gute, große, selbst aufopfernde Seelen gebe, diesen Glauben wird mir Niemand rauben; denn ich habe ihn durch Erfahrung bewährt. Daß selbst diese Großmuth aber, wie alles Andre, das Gewand der Zeit tragen müsse, kann uns nicht unerwartet sein. Weil wir so gar viel bedürfen, sind wir von gar viel Fesseln gebunden; daß diese drückenden Fesseln aber wenigstens der Großmuth loser gemacht werden möchten, wer wünscht dies mehr als die ächte Humanität selbst? Fast kann sie ihres Wunsches auch nicht ungewiß sein, da bei dem immer wachsenden unersättlichen Bedürfniß die Natur der Dinge selbst einen neuen Anfang herbeizuführen scheint. Wenn jeder Einzelne fühlt, er könne in seinem jetzigen Verhältniß der leidenden Menschheit nicht zu Hilfe kommen, wie er sollte, so werden, so müssen sich diese Verhältnisse mit der Zeit ändern. Die Natur selbst arbeitet daran, und keine menschliche Kraft kann es hindern. Ist das Salz, das den Körper würzen soll, abgeschmackt, wozu ist es nach dem Evangelium nütz, als daß man es hinauswerfe und lasse es die Leute zertreten? Auch darüber wollen wir uns also nicht wundern, wenn gewisse alte Aeste und Zweige unserer Verfassung nicht mehr so viel Cultur erhalten als ehmals. Man fühlt, daß sie dürre Aeste sind, und wünscht junge Sprossen an ihre Stelle. Laßt uns Die beklagen, die als fruchtbare Zweige auf einem dürren Ast stehen; laßt uns Die tadeln, die den Ast verdorren ließen oder ihm seinen Saft entzogen: die Achtung und Meinung der Zeit aber kann sich nur nach dem, was da ist, nicht was es ehemals war oder künftig sein wird, gestalten. Jedes der Menschheit erwiesene Unrecht rächt aufs Fürchterlichste sich selbst; und wehe, wem der Glaube oder Nichtglaube hieran mit Spott und Verachtung in die Hand kommt! Stände veralten; mithin verjüngen sich auch Stände. Es ist ein und dasselbe Gesetz der Natur, das diese Seite des Rades hinunter-, jene emporkehrt. Neuen Most , sagt das Evangelium, fasse man in neue Schläuche, so werden sie beide erhalten . Matth., 9. 17.– D. Was hilft es, gegen die Vorurtheile der Erziehung Klage erheben? Man bessre die Erziehung, so fallen die Klagen weg. Philosophie aber kann dies nicht allein thun; sie ist nur der linke Arm, Regierung ist der rechte Arm der Menschheit; nur mit beiden läßt sich das große Werk, und alsdann sehr leicht vollführen. Was nützt es, über ungeschaffene oder halbgeschaffene Menschen zu klagen, deren Ausbildung ja uns allein überlassen ward? Dem trägen Erdklotz hauche Othem des Lebens ein; er wird sich munter bewegen und Dir fröhlich danken. Ist's gnug, auch in der Regierung der Völker Uebel zu bedauern, die wir heilen, denen wir zuvorkommen können? Laßt Stände, laßt Menschen in allen Aemtern und Bedienungen human und gerecht, groß, gut und billig denken; der Regent kann nicht anders, als mit und gleich ihnen denken. Denn nur aus einzelnen Theilen besteht das Ganze; verbessern sich die Theile und halten zusammen, das Ganze wird gut, ehe man's merkt. Tadeln Sie mir also nicht meine Philosophen, auch bei ihren kränklichen Klagen oder bei ihren überspannten Wünschen! Ist nicht der kränkliche Theil des Körpers der Witterung am Meisten empfindlich? Der Hygrometer muß zart, das Quecksilber muß in einer gläsernen Röhre verschlossen sein, wenn sie ihr Amt thun sollen. Anderntheils muß, wer Andre ermuntern, entflammen will, selbst warm und munter sein. Der kältere Beobachter oder Geschäftsmann wird ihn schon zurecht weisen. Welch ein Unglücksprophet sind Sie aber, daß Sie das barbarische Kriegs- und Eroberungssystem für die unerschütterliche Grundfeste Europa's halten? Das hat der große König nicht gemeint, so manchen Einfall er sich zumal in jungem Jahren über den guten Abt St. Pierre erlaubte. Vgl. Brief 21, S. 90. – D. Wäre diese traurige Behauptung wahr, was könnte man anders sagen, als zum Wohl der Menschheit gehe das unglückliche Europa unter? Hat es nicht lange gnug sich selbst und die Welt beunruhigt? Triefen nicht alle Länder vom Blut Derer, die es erschlug, vom Schweiß Derer, die es als Sclaven quälte? Auf den Tafeln der Natur steht das große Gesetz der Billigkeit und Wiedervergeltung geschrieben: » Man mache gut, was man böse gemacht hat, oder büße durch eigne Verbrechen .« Ich hoffe das Erste. Europa wird gut machen, was es im Taumel der Leidenschaft, unter den Hüllen des Aberglaubens und der Barbarei, unter dem Joch der Vorurtheile und des Despotismus böse gemacht hat; und die ganze Menschheit wird sich seiner klareren Vernunft, seiner gesetzteren Billigkeit, seines richtigem Calcüls freuen. Denken Sie Sich eine Gattung Thiere, die nicht Bedürfnisses, sondern des Vergnügens, der Kunst, der Raserei eines Einzigen ihrer Art wegen sich selbst aufriebe: was würden Sie vom Urheber der Natur sagen? Sich selbst zu regieren, einander zur Glückseligkeit zu helfen, dazu ist das menschliche Geschlecht gemacht; nicht einander zu sieden, zu braten und künstlich zu morden. Der große Friederich nannte die Kriege Fieberanfälle der Menschheit. » La fièvre chaude héroïque de l'Europe « nennt er am 16. Januar 1758 den damaligen Krieg. – D. Dem Fieber ruft man einen Arzt; auch dies Fieber wird seinen Arzt finden, der seine Anfälle wenigstens lindre und mindre. Denn das Menschengeschlecht dauert fort; was eine Zeit nicht thun konnte, kann die andre. Plus ultra ! ist der Spruch der Menschheit, plus ultra ! Kein Hercules hat an ihre letzten Säulen gereicht; Niemand wird sie erreichen. ——— 23. Ist's Braga's Lied im Sternenklang, Ist's, Tochter Dval's, Die nordische Parze. Braga ist der Gott der Dichtkunst. – H. Dein Weihgesang, Was rings die alte Nacht verjüngt Und mich, ach! meinen Staub durchdringt? – Kann dies die Stätte sein, wo wir Ins Thal des Schweigens flohn? Wie reizend, wie bezaubernd lacht Die heitre Gegend, wie voll sanfter Pracht! In schönrer Majestät, in reiferm Strahle Glänzt diese Sonne. Milder stießt vom Thale Mir fremder Blüthen Frühlingsduft, Und Balsamgeister steigen durch die Luft. Ha! nicht also in festlichem Gewand Grüßt' ich Dich einst, mein mütterliches Land. Unfreundlich, ungeschmückt und rauh und wüste In trübem Dunkel schauerte die Küste. Kein Himmel leuchtete mild durch den Hain, Kein Tag der Aehren lud zu Freuden ein; In Höhlen lauschte Graun und Meuterei, Und was am Ufer scholl, war Kriegsgeschrei. In sanfter, ätherischer Musik schallten diese Worte um mein Ohr, indeß mein schlummerndes Auge im Traum ein sehr erfreuliches Gesicht sähe. An der Hand eines ehrwürdigen Barden erschien ein altdeutscher Druide. Der Druide suchte vergebens seinen längst zerstörten heiligen Hain, seine zertrümmerte Opferstätte. Der Barde suchte die verlornen Fußtapfen seiner Helden; er sah neue Gesetze, neue Anstalten für Ruhe, Ordnung, Recht und Wohlstand der Menschen; Gärten und Fluren lachten um ihn her; neue Lieder erklangen, nicht blutige Heldenlieder. Da ergriff er seine längst verstummte Harfe; er sang die Töne, deren einzelne Laute ich eben aus der Erinnerung angeführt habe, und das Gesicht zog vorüber. Die Stelle ist aus Gerstenberg 's »Gedicht eines Skalden«. Kopenhagen und Leipzig 1766.– H. Aus dem Anfang des ersten und vierten Gesanges. Bei Gerstenberg beginnt V. 4: »Auch mich«; V. 6 steht nach »flohn« noch: »Gefühl, kaum glaub' ich Dir!« V. 12 »Balsamgeister strömen«. – D. ——— Nur die zauberische Gegend blieb vor meinem Auge; ich wachte und träumte. Was ich sah, war die jetzige Welt und die Zukunft; ich glaubte (so mischen wir im Traum die Dinge unter einander!) mit physisch-moralischem Geist von der unmittelbarsten Gegenwart der Dinge auf ihre Folgen zu schließen, oder vielmehr nicht zu schließen, weil in der wachenden Erscheinung Gegenwart und Zukunft nur Eins war. Es war die Blume in voller Gestalt; es war der Baum mit allen seinen Früchten. »Ach!« sprach ich zu mir selbst, »Ephemeren, die wir glauben, mit uns gehe Himmel und Erde unter! Blinde, die so selten gewahr werden, woran sie selbst arbeiten und was sich vor ihnen entwickelt. Die Gegenwart ist schwanger von der Zukunft; das Schicksal der Nachwelt ist in unsrer Hand, wir haben den Faden geerbt, wir weben ihn und spinnen ihn weiter.« Wollen Sie, meine Freunde, etwas aus diesem meinem wachenden Traume wissen? Hier sind einige Züge, von denen ich Ihnen künftig genaue Rechenschaft zu geben hoffe; In der Folge des Briefwechsels finde ich diese Anlagen entwickelt. – H. Die Briefe kommen nicht mehr darauf zurück. – D. denn, wie Sie wissen, Träume werden nur aus Erfahrungen, und das Grundgewebe dieser Hoffnungen sind sehr überdachte Gedanken. Ich stellte mir den Zustand der künftigen Literatur aus dem Zusammenhange der jetzigen und der vergangenen vor; ich sah die Morgenröthe eines schönen werdenden Tages. Was erfindsame, fleißige Geister unsrer Zeit und der Vorzeit Nützliches versuchten, begannen, thaten, sah ich von der Nachwelt gebraucht und übertroffen. Sie berichtigte Erfindungen, auf Anlagen baute sie; sie schuf sich gleichsam neue Organe; die ganze Ansicht der Dinge war verändert. Unsre Bemühungen, die Alten in ihrem Geist zu lesen, waren nichts weniger als verkannt; ich hörte den Namen einiger meiner Freunde mit Liebe und Hochachtung nennen. Man war aber weiter gekommen; man dachte und schrieb wie die Alten. Zeiten, denen ähnlich, in denen die edelsten Griechen und Römer schrieben, waren erschienen; man schrieb, was man sah und that, und schrieb merkwürdige Dinge. Der Feldherr und Bürger, der Phisosoph und Staatsmann trennten sich nicht von einander. Zeiten waren gekommen, in denen nicht Strafen allein, sondern auch öffentliche Ehren und Belohnungen waren. Da lebten Künstler, da sangen Dichter. Es war Griechenland und war es auch nicht; denn drittehalb Jahrtausende waren nicht umsonst verflossen in dem immer auf einander bauenden Tempel der Zeiten. Mein Herz erhob sich, da ich aus meinen Tagen einzelne Laute meiner Bekannten und Freunde hörte. Ich sah ein Theater, wie ich's zu unsrer Zeit nicht gesehen hatte, dem griechischen sehr ähnlich. Sogar der Chor erschien auf demselben wieder, als Zeuge einer allgemeinen Theilnehmung an dem, was verhandelt ward, unserer Zeit fremde. Ich bemerkte den Zustand der Philosophie; Männer, die mir theuer gewesen waren, erblickte ich als Gesetzgeber und Einrichter der Nachwelt. Meine ganze Seele war wie in den Tagen meiner Jugend. Gesetze endlich, Regierungen, der Zustand der Menschheit waren so, und so leicht verändert, daß ich mich wunderte, wie wir das Alles gewußt, gekannt und nicht angewandt haben konnten. Auch hier nannte man mir heilige, verehrte Namen meiner und der Vorzeit, die ich geliebt hatte. Allenthalben, auch im Tempel der Religion, verehrte man eine Göttin, aber nicht mit Worten, sondern in Thaten und Seele, die Humanität . Indem auch ich sie anbeten wollte, riß mich ein neues Traumgesicht fort. ——— Durch Sturm und Wellen, über Felsen und Wüsten kam ich zum Sitze des alten Menschenfreundes Prometheus . Er war nicht mehr an seinen Felsen geschmiedet; kein Adler zehrte mehr an seiner nimmerverzehrten Leber. Gewalt und Stärke , die ihn einst angeschmiedet hatten, dienten ihm; die vom Stachel der Liebe umhergetriebene Io saß in menschlich-göttlicher Gestalt ruhig zu seiner Seite. Der alte Ocean auf seinem geflügelten Roß und die Oceaniden auf ihrem Wagen, alle menschenfreundlichen Nymphen und Pflegerinnen der Erde waren um ihn versammelt, und er sprach: »Meine Vorsicht konnte mich nicht trügen; denn ich wußte, was ich den Menschen gegeben hatte mit meinem Geschenk. Unsterblichkeit ist nicht für sie auf Erden; aber mit dem Licht , das ich ihnen vom Olympus holte, hatten sie Alles. Träge Geschöpfe, daß sie so lang in der Dämmerung gingen! endlich haben sie das Mittel gefunden, das in ihnen selbst lag, die Vernunft . Sie giebt das Maaß und die Wage, sich selbst zu regieren, Leidenschaften, auch die stärksten und härtesten, zu überwinden und allein meiner Mutter Themis zu gehorchen. Lange litt ich mit ihren Leiden; darum war ich an den Felsen geschmiedet; die Zeit und ein edler Göttersohn , der Sohn meines ärgsten Feindes, haben mich befreit.« Vergleiche dazu Herder's spätere dramatische Ausführung (Werke, II. 143–158). – D. Das Traumbild verschwand, und ich erwachte. » Multa renascentur, quae jam cecidere, cadentque Quae nunc sunt in honore .« Horaz' Ars poetica , 70, 71, wo von den Worten der menschlichen Sprache die Rede ist. – D.   » Alter erit tum Typhis, et altera quae vehat Argo Delectos heroas, erunt etiam altera bella, Atque iterum ad Trojam magnus mittetur Achilles .« Virgil's Buc. ,4. 34–36. – D. ——— 24. Ich fürchte, Ihr armer Prometheus wird lange noch die Fesseln tragen, die ihm Gewalt und Stärke anlegten. Um indessen nicht alte Zweifel zu wiederholen, lege ich Ihnen nur noch eine , aber eine Hauptfrage vor: »Wäre die ganze Idee einer fortgehenden oder fortschreitenden Vervollkommung des Menschengeschlechts nicht ein bloßer Traum?« Prometheus wußte seinen armen Kranken kein anderes Heilmittel zu geben als die täuschende, blinde Hoffnung. »Welche andre Gattung der Geschöpfe läßt sich vervollkommen? Und für wen? für sich oder für Andre? Welchen Beruf also, welche Sicherheit darüber hätte der einzige Mensch für sich? Und wo steht sein Ziel der Vollkommenheit? Die Linie dahin, ist sie eine Asymptote? eine Ellipse? eine Cykloide? oder welch eine andre Curve?« Das menschliche Geschlecht besteht nur in einzelnen Menschen. Werden wir vollkommner geboren als unsre Vorfahren? vollkommner erzogen? Und wenn dies auch wäre: der einzelne Mensch wächst, culminirt und geht rückwärts. Ein Andrer tritt an seine Stelle, wächst, culminirt und geht rückwärts. Er nimmt, was er etwa erworben hatte, ins Grab; der Andre hat neue Mühe im Erwerben und eben den Ausgang. »Was heißt Vervollkommung? Heißt's Vermehrung der Kräfte?« Diese bleiben in dem den Menschen von der Natur bestimmten Maaß und Kreise. Der Mensch, so oft man ihn auch einen Gott oder einen Engel nennete, kann nie ein Gott oder ein Engel werden. »Oder wäre Vervollkommnung eine Vermehrung von Werkzeugen und Mitteln zum Gebrauch menschlicher Kräfte?« So kommt es immer doch darauf an, ob sie gut gebraucht werden; denn in den Händen des Bösewichts sind vermehrte Mittel vermehrte Uebel. Also veränderte sich die Frage dahin: »Wird das menschliche Geschlecht (nicht cultivirter, sondern) moralisch besser? Besser in Neigungen? in Grundsätzen? in Anwendung dieser Grundsätze zu Ordnung der Neigungen? zu Bezwingung der Leidenschaften? zu mehrerer und schwererer Tugendübung?« Getraueten Sie Sich, dieses zu behaupten? »Und woher behaupteten Sie's? Aus der Natur der Sache? aus dem Wesen der Menschheit? aus der Geschichte und Erfahrung? »Ziehen Sie die Zusammenordnung der Menschen auf unserm Erdball klimatisch, local, politisch, und wie Sie ferner wollen, in Erwägung; bemerken Sie den Wechsel der Dinge in Reichen, in Staaten, in Familien, in Ständen: allenthalben werden Sie zwar Macht, Reichthum, Trieb, Leidenschaft, blinde Neigung herrschend finden; aber auch erleuchtete Vernunft, Weisheit, Güte? und zwar nach dem Fortgange der Zeiten mit wachsendem Lichte?« Chronologisch und genealogisch hängt freilich das Menschengeschlecht zusammen oder rückt fort ; aber auch dynamisch? rationell? moralisch? »Und verlöre unser Geschlecht dabei, wenn es nicht fortrückte?« Der einzelne Mensch nicht; denn der lebt auf seiner Stelle und kommt nicht wieder. Das Ganze auch nicht; dies lebt nur in einzelnen Theilen. Die wachsende Vollkommenheit des Ganzen wäre ein Ideal, das Keinem zugutkommt, das nur in einem Alles übersehenden Geist existiren könnte, etwa im Geist des Schöpfers; und was wäre für Diesen ein solches Spielwerk! Vergönnen Sie also, daß ich mit Lessing den ganzen Traum von wachsender Vollkommenheit unseres Geschlechts für einen heilsamen Trug annehme. Der Mensch muß nach etwas Höherem streben, damit er nicht unter sich sinke. Er muß vorwärts getrieben werden, damit er nur von der Stelle komme und nicht in Trägheit ermatte. Der Wahn einer Perfectibilität und der Trieb dazu scheint ihm nur als Verwahrungsmittel gegen die Unthätigkeit und Verschlimmerung gegeben; er geht wie in der Mühle das blinde Pferd oder wie die kletternde Ziege. » Oh man, proud man, Drest in a little brief authority, Most ignorant of what he's most assur'd, Plays such fantastic tricks before high heav'n, as make an angel weep .« Shakespeare . Measure for measure , II. 3. Die Stelle beginnt a. a. O. mit: » O but man «; vor Plays findet sich noch der Vers: » His glassy essence – like an angry ape «, und im letzten Verse steht: » the angels «. – D. ——— 25. Alle Ihre Fragen über den Fortgang unsers Geschlechts, die eigentlich ein Buch erforderten, beantwortet, wie mich dünkt, ein einziges Wort: Humanität, Menschheit . Wäre die Frage: ob der Mensch mehr als Mensch, ein Ueber-, ein Außermensch werden könne und solle, so wäre jede Zeile zu viel, die man deshalb schriebe. Nun aber, da nur von den Gesetzen seiner Natur , vom unauslöschlichen Charakter seiner Art und Gattung die Rede ist, so erlauben Sie, daß ich sogar einige Paragraphen schreibe. Ueber den Charakter der Menschheit. 1. Vollkommenheit einer Sache kann nichts sein, als daß das Ding sei, was es sein soll und kann. 2. Vollkommenheit eines einzelnen Menschen ist also, daß er im Continuum seiner Existenz er selbst sei und werde; daß er die Kräfte brauche, die die Natur ihm als Stammgut gegeben hat; daß er damit für sich und Andre wuchere. 3. Erhaltung, Leben und Gesundheit ist der Grund dieser Kräfte; was diesen Grund schwächt oder wegnimmt, was Menschen hinopfert oder verstümmelt, es habe Namen, wie es wolle, ist unmenschlich. 4. Mit dem Leben des Menschen fängt seine Erziehung an; denn Kräfte und Glieder bringt er zwar auf die Welt, aber den Gebrauch dieser Kräfte und Glieder, ihre Anwendung, ihre Entwicklung muß er lernen. Ein Zustand der Gesellschaft also, der die Erziehung vernachlässigt oder auf falsche Wege lenkt oder diese falschen Wege begünstigt oder endlich die Erziehung der Menschen schwer und unmöglich macht, ist insofern ein unmenschlicher Zustand. Er beraubt sich selbst seiner Glieder und des Besten, das an ihnen ist, des Gebrauchs ihrer Kräfte. Wozu hätten sich Menschen vereinigt, als daß sie dadurch vollkommenere, bessere, glücklichere Menschen würden? 5. Unförmliche also oder schief ausgebildete Menschen zeigen mit ihrer traurigen Existenz nichts weiter, als daß sie in einer unglücklichen Gesellschaft von Kindheit auf lebten; denn Mensch zu werden, dazu bringt Jeder Anlage gnug mit sich. 6. Sich allein kann kein Mensch leben, wenn er auch wollte. Die Fertigkeiten, die er sich erwirbt, die Tugenden oder Laster, die er ausübt, kommen in einem kleinern oder größeren Kreise Andern zu Leid oder zur Freude. 7. Die gegenseitig wohlthätigste Einwirkung eines Menschen auf den andern jedem Individuum zu verschaffen und zu erleichtern, nur dies kann der Zweck aller menschlicher Vereinigung sein. Was ihn stört, hindert oder aufhebt, ist unmenschlich. Lebe der Mensch kurz oder lange, in diesem oder jenem Stande, er soll seine Existenz genießen und das Beste davon Andern mittheilen; dazu soll ihm die Gesellschaft, zu der er sich vereinigt hat, helfen. 8. Geht ein Mensch von hinnen, so nimmt er nichts als das Bewußtsein mit sich, seiner Pflicht, Mensch zu sein, mehr oder minder ein Gnüge gethan zu haben. Alles Andre bleibt hinter ihm den Menschen . Der Gebrauch seiner Fähigkeiten, alle Zinsen des Capitals seiner Kräfte, die das ihm geliehene Stammgut oft hoch übersteigen, fallen seinem Geschlecht anheim. 9. An seine Stelle treten junge, rüstige Menschen, die mit diesen Gütern forthandeln ; sie treten ab, und es kommen Andre an ihre Stelle. Menschen sterben, aber die Menschheit perennirt unsterblich. Ihr Hauptgut, der Gebrauch ihrer Kräfte, die Ausbildung ihrer Fähigkeiten, ist ein gemeines, bleibendes Gut und muß natürlicherweise im fortgehenden Gebrauch fortwachsen . 10. Durch Uebung vermehren sich die Kräfte nicht nur bei Einzelnen, sondern ungeheuer mehr bei Vielen nach und mit einander. Die Menschen schaffen sich immer mehrere und bessere Werkzeuge; sie lernen sich selbst einander immer mehr und besser als Werkzeuge gebrauchen. Die physische Gewalt der Menschheit nimmt also zu; der Ball des Fortzutreibenden wird größer, die Maschinen, die es forttreiben sollen, werden ausgearbeiteter, künstlicher, geschickter, feiner. 11. Denn die Natur des Menschen ist Kunst . Alles, wozu eine Anlage in seinem Dasein ist, kann und muß mit der Zeit Kunst werden. 12. Alle Gegenstände , die in seinem Reich liegen (und dies ist so groß als die Erde), laden ihn dazu ein; sie können und werden von ihm, nicht ihrem Wesen nach, sondern nur zu seinem Gebrauch erforscht, gekannt, angewandt werden. Niemand ist, der ihm hierin Grenzen setzen könne, selbst der Tod nicht; denn das Menschengeschlecht verjüngt sich mit immer neuen Ansichten der Dinge, mit immer jungen Kräften. 13. Unendlich sind die Verbindungen, in welche die Gegenstände der Natur gebracht werden können; der Geist der Erfindungen zum Gebrauch derselben ist also unbeschränkt und fortschreitend . Eine Erfindung weckt die andre auf; eine Thätigkeit erweckt die andre. Oft sind mit einer Entdeckung tausend andre und zehntausend auf sie gegründete neue Thätigkeiten gegeben. 14. Nur stelle man sich die Linie dieses Fortganges nicht gerade, noch einförmig, sondern nach allen Richtungen, in allen möglichen Wendungen und Winkeln vor. Weder die Asymptote, noch die Ellipse und Cykloide mögen den Lauf der Natur uns vormalen. Jetzt fallen die Menschen begierig über einen Gegenstand her; jetzt verlassen sie ihn mitten im Werk, entweder seiner müde, oder weil ein andrer neuerer Gegenstand sie zu sich hinreißt. Wenn dieser ihnen alt geworden ist, werden sie zu jenem zurückkehren, oder dieser wird sie gar auf jenen zurückleiten. Denn für den Menschen ist Alles in der Natur verbunden, eben weil der Mensch nur Mensch ist und allein mit seinen Organen die Natur sieht und gebraucht. 15. Hieraus entspringt ein Wettkampf menschlicher Kräfte, der immer vermehrt werden muß, je mehr die Sphäre des Erkenntnisses und der Uebung zunimmt. Elemente und Nationen kommen in Verbindung, die sich sonst nicht zu kennen schienen; je härter sie in den Kampf gerathen, desto mehr reiben sich ihre Seiten allmählig gegen einander ab, und es entstehen endlich gemeinschaftliche Produktionen mehrerer Völker. 16. Ein Conflict aller Völker unsrer Erde ist gar wohl zu gedenken; der Grund dazu ist sogar schon gelegt. 17. Daß zu diesen Operationen die Natur viel Zeit, mancherlei Umwandlungen bedarf, ist nicht zu verwundern; ihr ist keine Zeit zu lang, keine Bewegung zu verflochten. Alles , was geschehen kann und soll, mag nur in aller Zeit wie im ganzen Raum der Dinge zu Stande gebracht werden; was heute nicht wird, weil es nicht geschehen kann, erfolgt morgen. 18. Der Mensch ist zwar das erste, aber nicht das einzige Geschöpf der Erde; er beherrscht die Welt, ist aber nicht das Universum. Also stehen ihm oft die Elemente der Natur entgegen , daher er mit ihnen kämpft. Das Feuer zerstört seine Werke; Ueberschwemmungen bedecken sein Land; Stürme zertrümmern seine Schiffe, und Krankheiten morden sein Geschlecht. Alle dies ist ihm in den Weg gelegt, damit er's überwinde . 19. Er hat dazu die Waffen in sich . Seine Klugheit hat Thiere bezwungen und gebraucht sie zu seiner Absicht; seine Vorsicht setzt dem Feuer Grenzen und zwingt den Sturm, ihm zu dienen. Den Fluthen setzt er Wälle entgegen und geht auf ihren Wogen daher; den Krankheiten und dem verheerenden Tode selbst sucht und weiß er zu steuern. Zu seinen besten Gütern ist der Mensch durch Unfälle gelangt, und tausend Entdeckungen wären ihm verborgen geblieben, hätte sie die Noth nicht erfunden. Sie ist das Gewicht an der Uhr, das alle Räder derselben treibt. 20. Ein Gleiches ist's mit den Stürmen in unsrer Brust, den Leidenschaften der Menschen . Die Natur hat die Charaktere unseres Geschlechts so verschieden gemacht, als diese irgend nur sein konnten; denn alles Innere soll in der Menschheit herausgekehrt, alle ihre Kräfte sollen entwickelt werden. 21. Wie es unter den Thieren zerstörende und erhaltende Gattungen giebt, so unter den Menschen. Nur unter jenen und diesen sind die zerstörenden Leidenschaften die wenigern ; sie können und müssen von den erhaltenden Neigungen unsrer Natur eingeschränkt und bezwungen, zwar nicht ausgetilgt, aber unter eine Regel gebracht werden. 22. Diese Regel ist Vernunft , bei Handlungen Billigkeit und Güte . Eine vernunftlose, blinde Macht ist zuletzt immer eine ohnmächtige Macht; entweder zerstört sie sich selbst oder muß am Ende dem Verstande dienen. 23. Desgleichen ist der wahre Verstand immer auch mit Billigkeit und Güte verbunden; sie führt auf ihn, er führt auf sie; Verstand und Güte sind die beiden Pole, um deren Axe sich die Kugel der Humanität bewegt. 24. Wo sie einander entgegengesetzt scheinen, da ist's mit einer oder dem andern nicht richtig; eben diese Divergenz aber macht Fehler sichtbar und bringt den Calcül des Interesse unsers Geschlechts immer mehr zur Richtigkeit und Bestimmtheit. Jeder feinere Fehler giebt eine neue, höhere Regel der reinen allumfassenden Güte und Wahrheit . 25. Alle Laster und Fehler unsers Geschlechts müssen also dem Ganzen endlich zum Besten gereichen. Alles Elend, das aus Vorurtheilen, Trägheit und Unwissenheit entspringt, kann den Menschen seine Sphäre nur mehr kennen lehren; alle Ausschweifungen rechts und links stoßen ihn am Ende auf seinen Mittelpunkt zurück. 26. Je unwilliger, hartnäckiger, träger das Menschengeschlecht ist, desto mehr thut es sich selbst Schaden; diesen Schaden muß es tragen, büßen und entgelten; desto später kommt's zum Ziele. 27. Dies Ziel ausschließend jenseit des Grabes setzen, ist dem Menschengeschlecht nicht förderlich, sondern schädlich. Dort kann nur wachsen, was hier gepflanzt ist, und einem Menschen sein hiesiges Dasein rauben, um ihn mit einem andern außer unsrer Welt zu belohnen, heißt den Menschen um sein Dasein betrügen. 28. Ja, dem ganzen menschlichen Geschlecht, das also verführt wird, seinen Endpunkt der Wirkung verrücken, heißt ihm den Stachel seiner Wirksamkeit aus der Hand drehn und es im Schwindel erhalten. 29. Je reiner eine Religion war, desto mehr mußte und wollte sie die Humanität befördern. Dies ist der Prüfstein selbst der Mythologie der verschiednen Religionen. 30. Die Religion Christi , die er selbst hatte, lehrte und übte, war die Humanität selbst. Nichts anders als sie, sie aber auch im weitsten Inbegriff, in der reinsten Quelle, in der wirksamsten Anwendung. Christus kannte für sich keinen edleren Namen, als daß er sich den Menschensohn , d. i. einen Menschen nannte. 31. Je besser ein Staat ist, desto angelegentlicher und glücklicher wird in ihm die Humanität gepflegt; je inhumaner, desto unglücklicher und ärger. Dies geht durch alle Glieder und Verbindungen desselben von der Hütte an bis zum Throne. 32. Der Politik ist der Mensch ein Mittel ; der Moral ist er Zweck . Beide Wissenschaften müssen Eins werden, oder sie sind schädlich wider einander. Alle dabei erscheinende Disparaten indeß müssen die Menschen belehren, damit sie wenigstens durch eigenen Schaden klug werden. 33. Wie jeden aufmerksamen einzelnen Menschen das Gesetz der Natur zur Humanität führt, seine rauhen Ecken werden ihm abgestoßen, er muß sich überwinden, Andern nachgeben und seine Kräfte zum Besten Andrer gebrauchen lernen: so wirken die verschiedenen Charaktere und Sinnesarten zum Wohl des größeren Ganzen. Jeder fühlt die Uebel der Welt nach seiner eigenen Lage ; er hat also die Pflicht auf sich, sich ihrer von dieser Seite anzunehmen, dem Mangelhaften, Schwachen, Gedrückten an dem Theil zu Hilfe zu kommen, da es ihm sein Verstand und sein Herz gebietet. Gelingt's, so hat er dabei in ihm selbst die eigenste Freude; gelingt's jetzt und ihm nicht, so wird's zu anderer Zeit einem Andern gelingen. Er aber hat gethan, was er thun sollte und konnte. 34. Ist der Staat das, was er sein soll, das Auge der allgemeinen Vernunft, das Ohr und Herz der allgemeinen Billigkeit und Güte: so wird er jede dieser Stimmen hören und die Thätigkeit der Menschen nach ihren verschiednen Neigungen, Empfindbarkeiten, Schwächen und Bedürfnissen aufwecken und ermuntern. 35. Es ist nur ein Bau , der fortgeführt werden soll, der simpelste, größte; er erstreckt sich über alle Jahrhunderte und Nationen; wie physisch, so ist auch moralisch und politisch die Menschheit im ewigen Fortgange und Streben . 36. Die Perfectibilität ist also keine Täuschung; sie ist Mittel und Endzweck zu Ausbildung Alles dessen, was der Charakter unsers Geschlechts, Humanität , verlangt und gewährt. ——— Hebt Eure Augen auf und seht! Allenthalben ist die Saat gesät; hier verwest und keimt, dort wächst sie und reift zu einer neuen Aussaat. Dort liegt sie unter Schnee und Eise; getrost! das Eis schmilzt; der Schnee wärmt und deckt die Saat. Kein Uebel, das der Menschheit begegnet, kann und soll ihr anders als ersprießlich werden. Es läge ja selbst an ihr, wenn es ihr nicht ersprießlich würde; denn auch Laster, Fehler und Schwachheiten der Menschen stehen als Naturbegebenheiten unter Regeln und sind oder sie können berechnet werden. Das ist mein Credo. Speremus atque agamus ! ——— 26. Neulich sprach Jemand von einer Gesellschaft, von der er sonderbare Dinge behauptete. Er sagte, ihre wahren Thaten seien so groß, so weit aussehend, daß ganze Jahrhunderte vergehen könnten, ehe man sagen dürfte: »Das haben sie gethan!« Gleichwol hätten sie alles Gute gethan, was noch in der Welt ist (»Merke wohl,« sagte er, »in der Welt !«), und führen fort, an alle dem Guten zu arbeiten, was noch in der Welt werden wird. (»Merke wohl,« sagte er, »in der Welt !«) »Und,« setzte er hinzu, »die wahren Thaten dieser Gesellschaft zielen dahin, um größtentheils Alles, was man gemeiniglich gute Thaten nennt, entbehrlich zu machen.« Wer war begieriger über dieses Räthsel als ich? Und hier ist ungefähr unser Gespräch darüber. Gespräch über eine unsichtbar-sichtbare Gesellschaft. Er . Wofür hältst Du die bürgerliche Gesellschaft der Menschen? Ich . Für etwas sehr Gutes. Er . Ohnstreitig. Aber hältst Du sie für Zweck oder für Mittel? – Glaubst Du, daß die Menschen für die Staaten erschaffen worden, oder daß die Staaten für die Menschen sind? Ich . Jenes scheinen Einige behaupten zu wollen, Dieses aber mag wol das Wahrere sein. Er . So denke ich auch. Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Theil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser giebt es gar keine. Jede andre Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts! – Ich . Gut also! Das bürgerliche Leben des Menschen, alle Staatsverfassungen sind nichts als Mittel zur menschlichen Glückseligkeit. Was weiter? Er . Nichts als Mittel, und Mittel menschlicher Erfindung; ob ich gleich nicht leugnen will, daß die Natur Alles so eingerichtet, daß der Mensch sehr bald auf diese Erfindung gerathen müssen. – Nun sage mir, wenn die Staatsverfassungen Mittel, Mittel menschlicher Erfindungen sind: sollten sie allein von dem Schicksale menschlicher Mittel ausgenommen sein? Ich . Was nennst Du Schicksal menschlicher Mittel? Er . Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln verbunden ist – daß sie nicht unfehlbar sind; daß sie ihrer Absicht nicht allein öfters »öfters« haben wir aus Lessing (s. unten die Note auf S. 120) ergänzt; ebenso in der letzten Zeile die Worte »oder umgekehrt«. – D. nicht entsprechen, sondern auch wol gerade das Gegentheil davon bewirken. – Ich . Ich glaube Dich zu verstehen. Aber man weiß ja wohl, woher es kommt, wenn so viel einzelne Menschen durch die Staatsverfassung an ihrer Glückseligkeit nichts gewinnen. Der Staatsverfassungen sind viele; eine ist also besser als die andre; manche ist sehr fehlerhaft, mit ihrer Absicht offenbar streitend, und die beste soll vielleicht noch erfunden werden. Er . Das ungerechnet! Setze die beste Staatsverfassung, die sich nur denken läßt, schon erfunden; setze, daß alle Menschen in der ganzen Welt diese beste Staatsverfassung angenommen haben: meinst Du nicht, daß auch dann noch, selbst aus dieser besten Staatsverfassung, Dinge entspringen müssen, welche der menschlichen Glückseligkeit höchst nachtheilig sind, und wovon der Mensch in dem Stande der Natur schlechterdings nicht gewußt hätte? – Ich . Es würde Dir schwer werden, eins von jenen nachtheiligen Dingen zu nennen ... Er . Die auch aus der besten Staatsverfassung nothwendig entspringen müssen? O, zehne für eines. Ich . Nur eines erst! Er . Wir nehmen also die beste Staatsverfassung für erfunden an; wir nehmen an, daß alle Menschen in der Welt in dieser besten Staatsverfassung leben: würden deswegen alle Menschen in der Welt nur einen Staat ausmachen? Ich . Wol schwerlich. Ein so ungeheurer Staat würde keiner Verwaltung fähig sein. Er müßte sich also in mehrere kleine Staaten vertheilen, die alle nach den nämlichen Gesetzen verwaltet würden. – Er . Und jeder dieser kleineren Staaten hätte sein eignes Interesse? jedes Glied desselben hätte das Interesse seines Staats? Ich . Wie anders? Er . Diese verschiedenen Interesse würden öfters mit einander in Collision kommen, so wie jetzt; und zwei Glieder aus zwei verschiedenen Staaten würden einander ebenso wenig mit unbefangenem Gemüth begegnen können, als jetzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer begegnet. Ich . Sehr wahrscheinlich. Er . Das ist: wenn jetzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer, oder umgekehrt, begegnet, so begegnet nicht mehr ein bloßer Mensch einem bloßen Menschen, die vermöge ihrer gleichen Natur gegen einander angezogen werden, Die Worte »die vermöge ... werden« sind nach Lessing ergänzt. – D. sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die ihrer verschiedenen Tendenz sich bewußt sind, welches sie gegen einander kalt, zurückhaltend, mißtrauisch macht, noch ehe sie für ihre einzelne Person das Geringste mit einander zu schaffen und zu theilen haben. Ich . Das ist leider wahr. Er . Nun, so ist es denn auch wahr, daß das Mittel, welches die Menschen vereinigt, um sie durch diese Vereinigung ihres Glücks zu versichern, die Menschen zugleich trennt . – Tritt einen Schritt weiter! Viele von den kleinern Staaten würden ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen haben? Meinst Du nicht? »Meinst Du nicht?« haben wir nach Lessing hinzugefügt. – D. Ich . Das ist ein gewaltiger Schritt. – Er . Hätten sie das, so würden sie auch, sie möchten heißen, wie sie wollten, sich unter einander nicht anders verhalten, als sich unsre Christen und Juden und Türken von jeher unter einander verhalten haben. Nicht als bloße Menschen gegen bloße Menschen, sondern als solche Menschen gegen solche Menschen, die sich einen gewissen geistigen Vorzug gegen einander streitig machen und darauf Rechte gründen, die dem natürlichen Menschen nimmermehr einfallen könnten. – Ich . Allenfalls dächte ich doch, so wie Du angenommen hast, daß alle Staaten einerlei Verfassung hätten, daß sie auch wol alle einerlei Religion haben könnten. Ja, ich begreife nicht, wie einerlei Staatsverfassung ohne einerlei Religion auch nur möglich ist. Er . Ich ebenso wenig. Auch nahm ich Jenes nur an, um Dir Deine Ausflucht abzuschneiden. Eines ist zuverlässig ebenso unmöglich als das Andre. Ein Staat, mehrere Staaten. Mehrere Staaten, mehrere Staatsverfassungen. Mehrere Staatsverfassungen, mehrere Religionen. – Nun sieh da das zweite Unheil, welches die bürgerliche Gesellschaft ganz ihrer Absicht entgegen verursacht. Sie kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen; nicht trennen, ohne Klüfte zwischen ihnen zu befestigen, ohne Scheidemauern durch sie hinzuziehen. – Laß mich noch das dritte hinzufügen! Nicht gnug, daß die bürgerliche Gesellschaft die Menschen in verschiedene Völker und Religionen theilt und trennt; diese Trennung in wenige große Theile, deren jeder für sich ein Ganzes wäre, wäre doch immer noch besser als gar kein Ganzes. Nein, die bürgerliche Gesellschaft setzt ihre Trennung auch in jedem dieser Theile gleichsam bis ins Unendliche fort. Ich . Wie so? Er . Oder meinst Du, daß ein Staat sich ohne Verschiedenheit von Ständen denken läßt? Er sei gut oder schlecht, der Vollkommenheit mehr oder weniger nahe, ohnmöglich können alle Glieder unter sich das nämliche Verhältniß haben. Wenn sie auch alle an der Gesetzgebung Antheil hätten, so können sie doch nicht gleichen Antheil haben, wenigstens nicht gleich unmittelbaren Antheil. Es wird also vornehmere und geringere Glieder geben. Wenn anfangs auch alle Besitzungen des Staats unter sie gleich vertheilt worden, so kann diese gleiche Vertheilung doch keine zwei Menschenalter bestehen. – Es wird bald reichere und ärmere Glieder geben. Ich . Das versteht sich. Er . Nun überlege, wie viel Uebel es in der Welt wol giebt, die in dieser Verschiedenheit der Stände ihren Grund nicht hätten. Ich . Wenn ich Dir doch widersprechen könnte! – Aber was willst Du damit? Mir das bürgerliche Leben dadurch verleiden? mich wünschen machen, daß den Menschen der Gedanke, sich in Staaten zu vereinigen, nie möge gekommen sein? Er . Verkennst Du mich so weit? Wenn die bürgerliche Gesellschaft auch nur das Gute hätte, daß allein in ihr die menschliche Vernunft angebaut werden kann, ich würde sie auch bei weit größern Uebeln noch segnen. Ich . Wer des Feuers genießen will, – muß sich den Rauch gefallen lassen. Er . Allerdings. Aber weil der Rauch bei dem Feuer unvermeidlich ist, durfte man darum keinen Rauchfang erfinden? Und der den Rauchfang erfand, war der darum ein Feind des Feuers? Sieh, dahin wollte ich. Ich . Wohin? Ich verstehe Dich nicht. Er . Das Gleichniß war doch sehr passend. Wenn die Menschen nicht anders in Staaten vereinigt werden konnten als durch jene Trennungen, werden sie darum gut, jene Trennungen? Ich . Das wol nicht. Er . Werden sie darum heilig, jene Trennungen? Ich . Wie heilig? Er . Daß es verboten sein sollte, Hand an sie zu legen. Ich . In Absicht ...? Er . In Absicht, sie nicht größer einreißen zu lassen, als die Notwendigkeit erfordert. In Absicht, ihre Folgen so unschädlich zu machen als möglich. Ich . Wie könnte das verboten sein? Er . Aber geboten kann es doch auch nicht sein, durch bürgerliche Gesetze nicht geboten! Denn bürgerliche Gesetze erstrecken sich nie über die Grenzen ihres Staats. Und dieses würde nun gerade außer den Grenzen aller und jeder Staaten liegen. Folglich kann es nur ein opus supererogatum sein, und es wäre blos zu wünschen, daß sich die Weisesten und Besten eines jeden Staats diesem operi supererogato freiwillig unterzögen. – Ich . Recht sehr zu wünschen! Er . Recht sehr zu wünschen, daß es in jedem Staat Männer geben möchte, die über die Vorurtheile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüßten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört. Ich . Recht sehr zu wünschen! Er . Recht sehr zu wünschen, daß es in jedem Staat Männer geben möchte, die dem Vorurtheil ihrer angebornen Religion nicht unterlägen, nicht glaubten, daß Alles nothwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen. Ich . Recht sehr zu wünschen! Er . Recht sehr zu wünschen, daß es in jedem Staat Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt, in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herabläßt und der Geringe sich dreist erhebt. Ich . Recht sehr zu wünschen! Er . Und wenn er erfüllt wäre, dieser Wunsch? – Nicht blos hier und da, nicht blos dann und wann. – Wie, wenn es dergleichen Männer jetzt überall gäbe, zu allen Zeiten nun ferner geben müßte? Ich . Wollte Gott! Er . Und diese Männer nicht in einer unwirksamen Zerstreuung lebten, nicht immer in einer unsichtbaren Kirche? Ich . Schöner Traum! Er . Daß ich es kurz mache. Und diese Männer die *** Bei Lessing steht: »Freimaurer«. – D. wären? (Hier nannte er mir den Namen der Gesellschaft, doch ohne mich im Mindesten zu ihr einzuladen. Er, der aufrichtigste Mann, gestand selbst, daß die genannten Absichten zu ihrem Geschäft nur so mit gehörten, daß »dies Geschäft nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, sondern etwas Nothwendiges sei, darauf man durch eignes Nachdenken ebensowol verfallen könne, als man durch Andre darauf geführt wird, daß Worte, Zeichen und Gebräuche, daß die ganze Aufnahme in diese Gesellschaft nichts Notwendiges, nichts Wesentliches sei;« Diese Stelle steht in Lessing's erstem Gespräch von »Ernst und Fall«. Vgl. die Anmerkung am Schlusse (S. 120). – D. und durch diese Winke geleitet, war ich auf sicherem Wege. Es begann zwischen uns ein zweites Gespräch, ohngefähr folgendermaßen: Ich . Wenn es auch außer Deiner Gesellschaft eine andre, freiere Gesellschaft gäbe, die das große Geschäft, wovon wir sprachen, nicht als Nebensache, sondern als Hauptzweck, nicht verschlossen, sondern vor aller Welt, nicht in Gebräuchen und Sinnbildern, sondern in klaren Worten und Thaten, nicht in zwei oder drei Nationen, sondern unter allen aufgeklärten Völkern der Erde triebe: nicht wahr, so entließest Du mir die Aufnahme in Deine kleine Gesellschaft? Er . Herzlich gern. Das Nitrum muß ja wol in der Luft sein, ehe es sich als Salpeter an den Wänden einer dunkeln Kammer ansetzt. Ich . Zumal wenn ich in dieser Gesellschaft, die zu allen Zeiten existirt hat und existiren wird, längst gelebt und in ihr mein Vaterland, meine innigsten Freunde gefunden hätte? Er . Desto besser. Ich . Und in meiner Gesellschaft nichts von dem zu befürchten wäre, was ich in der Deinigen immer noch besorgen muß; wo nicht Trug für Wahrheit, so wenigstens pädagogische Anleitung, Pedanterie des Herkommens, Aufhalt? Er . Ganz nach meinem Sinn; aber nenne mir Deine Gesellschaft! Ich . Die Gesellschaft aller denkenden Menschen in allen Welttheilen . Er . Groß genug ist sie, aber leider eine zerstreute, unsichtbare Kirche. Ich . Sie ist gesammelt, sie ist sichtbar. Faust Der Erfinder der Buchdruckerkunst heißt eigentlich Fust , ward aber vielfach auch sonst bei Herder, mit dem Zauberer Faust verwechselt. – D. oder Guttenberg war, wie soll ich sagen? ihr Meister vom Stuhl, oder vielmehr ihr erster dienender Bruder. Ich treffe in ihr Alles an, was mich über jede Trennung der bürgerlichen Gesellschaft erhebt und mich zum Umgange nicht mit solchen und solchen Menschen, sondern mit Menschen überhaupt nicht nur einführt, sondern auch bildet. Er . Ich verstehe Dich wohl. Seitdem die Buchdruckerei ihre Worte und Zeichen in alle Welt sendet, sollte es, meinst Du, keine geheimen Worte und Zeichen mehr geben. Indessen stiftet auch die Buchdruckerei nur eine idealische Gesellschaft. Ich . Wie es in diesen Dingen sein muß. Ueber Grundsätze können sich nur Geister einander erklären; die Zusammenkunft der Körper ist sehr entbehrlich, wenn sie nicht zugleich auch meistens sehr zerstreuend und verführerisch wäre. Im Umgange mit Geistern auf Faust's Mantel bleibt meine Seele frei; sie kann jedes Wort, jedes Bild prüfen. Er . Und sie heben Dich über alle Vorurtheile der Staaten, der Religion, der Stände? Ich . Völlig. Entweder denke ich bei meinen Gesellschaftern Homer, Plato, Xenophon, Tacitus, Marc-Antonin, Baco, Fénélon gar nicht daran, zu welchem Staat oder Stande sie gehörten, welches Volkes und welcher Religion sie waren, oder wenn sie mich daran erinnern, geschieht's gewiß mit weniger Störung, als es in Deiner sichtbaren Gesellschaft je geschehen kann und mag. Er . Gewiß. Ich . Und kann darauf rechnen, daß sich in dieser Gesellschaft, an eben diesen Grundsätzen und Lehren alle edlen Geister der Welt mit mir vereinigen. Er . Und Du kannst selbst mit ihnen sprechen, Dich ihnen vernehmlich und hörbar machen auf eben dem Wege. Ich . Wenn ich's wie Du könnte! Ich sprach mit Deinem Geist, ehe ich Deine Person sah; ich kannte Dich, ohne von einer geheimen Gesellschaft zu sein, am Wort, am Griff, am Schlage. Deine und Andrer Thaten haben längst und sicherer bei mir bewirkt, was Gebräuche und Zeichen nur sehr unsicher und langsam bewirken könnten; sie haben mich über jedes Vorurtheil von Staatsverfassung, angeborner Religion, Rang und Ständen längst erhoben. Er . Welche Thaten? Ich . Poesie, Philosophie und Geschichte sind, wie mich dünkt, die drei Lichter, die hierüber Nationen, Secten und Geschlechter erleuchten; ein heiliges Dreieck ! Poesie erhebt den Menschen durch eine angenehme sinnliche Gegenwart der Dinge über alle jene Trennungen und Einseitigkeiten. Philosophie giebt ihm feste, bleibende Grundsätze darüber; und wenn es ihm nöthig ist, wird ihm die Geschichte nähere Maximen nicht versagen. Er . Ob aber auch diese Grundsätze, diese Maximen und Anschauungen Thaten wirkten? Gäbe nicht die Gesellschaft einen Antrieb mehr? Ich . Ich nehme Dir Deine eignen Worte aus dem Munde. »Sage mir nichts von der Menge der Antriebe! Lieber einem einzigen Antriebe alle mögliche intensive Kraft gegeben! – Die Menge solcher Antriebe ist wie die Menge der Räder in einer Maschine. Je mehr Räder, desto wandelbarer.« Gleichfalls aus dem ersten Gespräch von »Ernst und Falk«, auf das Herder hier eigentlich nicht verweisen durfte, da desselben vorher nicht gedacht ist. – D. Er . Und was wäre Dein einziger Antrieb? Ich . Humanität . Gäbe man diesem Begriff alle seine Stärke, zeigte man ihn im ganzen Umfange seiner Wirkungen und legte ihn als Pflicht, als unumgängliche, allgemeine, erste Pflicht sich und Andern ans Herz; alle Vorurtheile von Staatsinteresse, angeborner Religion, und das thörichtste Vorurtheil unter allen, von Rang und Stande, würden – Er . Verschwinden? Da irrst Du Dich sehr. Ich . Nicht verschwinden, aber gedämpft, eingeschränkt, unschädlich gemacht werden; was Deine genannte und vielleicht verdienstvolle Gesellschaft ja auch nur bewirken konnte , wenn sie es bewirken wollte . Weißt Du es nicht besser als ich, daß alle dergleichen Siege über das Vorurtheil von innen heraus, nicht von außen hinein erfochten werden müssen? Die Denkart macht den Menschen, nicht die Gesellschaft; wo jene da ist, formt und stimmt sich diese von selbst. Setze zwei Menschen von gleichen Grundsätzen zusammen: ohne Griff und Zeichen verstehen sie sich und bauen in stillen Thaten den großen, edlen Bau der Humanität fort. Jeder, nachdem er kann, in seiner Lage, praktisch; er freut sich aber auch am Werk andrer Hände, weil er überzeugt ist, daß dies unendliche, unabsehliche Gebäude nur von allen Händen vollführt werden kann, daß alle Zeiten, alle Beziehungen dazu erfordert werden, mithin ein Jeder einen Jeden nicht einmal kennen darf, kennen soll, geschweige, daß er ihn durch Eidschwüre, durch Gesetze und Symbole bände. Er . Du bist auf dem rechten Wege; auf ihm giebt es freie Arbeit. Kein wahres Licht läßt sich verbergen, wenn man es auch verbergen wollte; und das reinste Licht sucht man nicht eben in den Grüften. Ich . Alle solche Symbole mögen einst gut und nothwendig gewesen sein; sie sind aber, wie mich dünkt, nicht mehr für unsre Zeiten. Für unsre Zeiten ist gerade das Gegentheil ihrer Methode nöthig, reine, helle, offenbare Wahrheit . Er . Ich wünsche Dir Glück. Glaubst Du aber nicht, daß man auch dem Wort Humanität einen Fleck anhängen werde? Ich . Das wäre sehr inhuman. Wir sind nichts als Menschen ; sei Du der Erste unsrer Gesellschaft! Der erste Theil dieses Gesprächs ist aus Lessing 's » Ernst und Falk, Gespräche für Freimaurer «, Wolfenbüttel 1781, genommen, denen der zweite Theil des Gesprächs eine andre Wendung giebt,– H. Aus dem zweiten Gespräch, jedoch mit mehreren, von uns durch einen Gedankenstrich bezeichneten Auslassungen, sowie einzelnen Aenderungen und Einschaltungen. – Nach den Worten: »Und diese Männer die *** wären« (S. 116), beginnt Herder's eigne Ausführung. – D. Dritte Sammlung. (1794.)   27. Sie fürchten, daß man dem Wort Humanität einen Fleck anhängen werde; S. das Ende des vorigen Briefes. – H. könnten wir nicht das Wort ändern? Menschheit, Menschlichkeit, Menschenrechte, Menschenpflichten, Menschenwürde, Menschenliebe ? Menschen sind wir allesammt und tragen sofern die Menschheit an uns, oder wir gehören zur Menschheit . Leider aber hat man in unserer Sprache dem Wort Mensch und noch mehr dem barmherzigen Wort Menschlichkeit so oft eine Nebenbedeutung von Niedrigkeit, Schwäche und falschem Mitleid angehängt, daß man jenes nur mit einem Blick der Verachtung, dies mit einem Achselzucken zu begleiten gewohnt ist. » Der Mensch !« Adelung hat sogar dem verbannenswürdigen Ausdruck » das Mensch« einen Artikel einräumen müssen. – H. sagen wir jammernd oder verachtend und glauben einen guten Mann aufs Lindeste mit dem Ausdruck zu entschuldigen: »es habe ihn die Menschlichkeit übereilt.« Kein Vernünftiger billigt es, daß man den Charakter des Geschlechts, zu dem wir gehören, so barbarisch hinabgesetzt hat; man hat hiemit unweiser gehandelt, als wenn man den Namen seiner Stadt oder Landsmannschaft zum Ekelnamen machte. Wir also wollen uns hüten, daß wir zu Beförderung solcher Menschlichkeit keine Briefe schreiben. Der Name Menschenrechte kann ohne Menschenpflichten nicht genannt werden; beide beziehen sich auf einander, und für beide suchen wir ein Wort. So auch Menschenwürde und Menschenliebe . Das Menschengeschlecht, wie es jetzt ist und wahrscheinlich lange noch sein wird, hat seinem größten Theil nach keine Würde; man darf es eher bemitleiden als verehren. Es soll aber zum Charakter seines Geschlechts , mithin auch zu dessen Werth und Würde gebildet werden. Das schöne Wort Menschenliebe ist so trivial worden, daß man meistens die Menschen liebt, um Keinen unter den Menschen wirksam zu lieben. Alle diese Worte enthalten Theilbegriffe unseres Zwecks, den wir gern mit einem Ausdruck bezeichnen möchten. Also wollen wir bei dem Wort Humanität bleiben, an welches unter Alten und Neuern die besten Schriftsteller so würdige Begriffe geknüpft haben. Humanität ist der Charakter unsers Geschlechts ; er ist uns aber nur in Anlagen angeboren und muß uns eigentlich angebildet werden. Wir bringen ihn nicht fertig auf die Welt mit; auf der Welt aber soll er das Ziel unsers Bestrebens, die Summe unsrer Uebungen, unser Werth sein; denn eine Angelität im Menschen kennen wir nicht, und wenn der Dämon, der uns regiert, kein humaner Dämon ist, werden wir Plagegeister der Menschen. Das Göttliche in unserm Geschlecht ist also Bildung zur Humanität ; alle großen und guten Menschen, Gesetzgeber, Erfinder, Philosophen, Dichter, Künstler, jeder edle Mensch in seinem Stande, bei der Erziehung seiner Kinder, bei der Beobachtung seiner Pflichten, durch Beispiel, Werk, Institut und Lehre hat dazu mitgeholfen. Humanität ist der Schatz und die Ausbeute aller menschlichen Bemühungen, gleichsam die Kunst unsers Geschlechtes . Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Thierheit, zur Brutalität zurück. Sollte das Wort Humanität also unsre Sprache verunzieren? Alle gebildeten Nationen haben es in ihre Mundart aufgenommen; und wenn unsre Briefe einem Fremden in die Hand kämen, müßten sie ihm wenigstens unverfänglich scheinen; denn Briefe zu Beförderung der Brutalität wird doch kein ehrliebender Mensch wollen geschrieben haben. ——— 28. Gern nehme ich mit Ihnen das Wort Humanität in unsre Sprache, wenigstens im Kreise unsrer Gesellschaft, auf; der Begriff, den es ausdrückt, noch mehr aber dessen Geschichte scheint ihm das Bürgerrecht zu geben. So lange der Mensch, dies wunderbare Räthsel der Schöpfung, sich seinem sichtbaren Zustande nach betrachtete und sich dabei mit dem, was in ihm lag, mit seinen Anlagen und Willenskräften oder gar mit äußern Gegenständen der dauernden Natur verglich, so ward er auf das Gefühl der Hinfälligkeit , der Schwäche und Krankheit zurückgestoßen; daher in mehreren morgenländischen Schriften dieser Begriff dem Namen unsers Geschlechts ursprünglich beigesellt ist. Der Mensch ist von Erde , eine zerbrechliche , von einem flüchtigen Othem durchhauchte Leimhütte ; sein Leben ist ein Schatte , sein Loos ist Mühe auf Erden . Schon dieser Begriff führte zur Menschlichkeit , d. i. zum erbarmenden Mitgefühl des Leidens seiner Nebenmenschen, zur Theilnahme an den Unvollkommenheiten ihrer Natur, mit dem Bestreben, diesen zuvorzukommen oder ihnen abzuhelfen. Die Morgenländer sind so reich an Sittensprüchen und Einkleidungen, die dies Menschengefühl als Pflicht einschärfen oder als eine unserm Geschlecht unentbehrliche Tugend empfehlen, daß es sehr ungerecht wäre, ihnen Humanität abzusprechen, weil sie dies Wort nicht besaßen. Die Griechen hatten für den Menschen einen edleren Namen: ανθρωπος, ein Aufwärtsblickender , der sein Antlitz und Auge aufrecht empor trägt, oder wie Plato »Kratylos«, 17. Beide Deutungen des Wortes sind irrig. – D. es noch künstlicher deutet, Einer, der, indem er sieht, auch überzählt und rechnet. Sie konnten indessen ebenso wenig umhin, in diesem aufrechtblickenden, vernunftartigen Geschlecht alle die Mängel zu bemerken, die zum bedauernden Mitgefühl, also zur Humanität und zur Gesellung führen. In Homer und allen ihren Dichtern kommen die zärtlichsten Klagen über das Loos der Menschheit vor. Erinnern Sie Sich der Worte Apoll's, wenn er die armen Sterblichen beschreibt: Ilias, XXI. 464 ff. – D. »Wie sie, gleich den Blättern des Baums, jetzt grünen und frisch sind, Von den Früchten der Erde sich nährend, dann aber in Kurzem Welken und fallen entseelet dahin.« Oder wenn Jupiter selbst die unsterblichen Rosse Achills bedauert, die um ihren Gebieter trauern: Daselbst, XVII. 442 ff. – D. »Er sprach im Innern der Seele: »Arme, warum doch gaben wir Euch dem Könige Peleus, Einem Sterblichen, Euch, die niemals altern und sterben? War's, mit den unglückseligen Menschen Euch leiden zu sehen? Denn elender ist nirgend ein Wesen, als es der Mensch ist, Keines von allen, die über der Erde sich regen und athmen.«« In demselben Ton singen ihre lyrischen Dichter. Nächst der Selbsterhaltung ward es also die erste Pflicht der Menschheit, den Schwächen unserer Nebengeschöpfe beizuspringen und sie gegen die Uebel der Natur oder die rohen Leidenschaften ihres eignen Geschlechts in Schutz zu nehmen. Dahin ging die Sorge ihrer Gesetzgeber und Weisen, daß sie in Worten und Gebräuchen den Menschen diese unentbehrlichen heiligen Pflichten gegen ihre Mitmenschen anempfahlen und dadurch das älteste Menschen- und Völkerrecht gründeten. Religion war's, vom Morde sich zu enthalten, dem Schwachen beizuspringen, dem Irrenden den rechten Weg zu zeigen, des Verwundeten zu pflegen, den Todten zu begraben. In Religion wurden die Pflichten des Ehebundes, der Eltern gegen die Kinder, der Kinder gegen die Eltern, des Einheimischen gegen die Fremden eingehüllt und allmählig dies Erbarmen auch auf Feinde verbreitet. Heyne hat diesen Zweck alter griechischer Institute in mehreren seiner Opuscula academica vortrefflich gezeigt. – H. Was Poesie und gesetzgebende Weisheit begonnen hatten, entwickelte die Philosophie endlich; und wir haben es insonderheit der Sokratischen Schule zu danken, daß in Form so mannichfaltiger Lehrgebäude die Kenntniß der Natur des Menschen, seiner wesentlichen Beziehungen und Pflichten das Studium der erlesensten Geister ward. Was Sokrates bei den Griechen that, brachten bei andern Völkern Andre zu Stande; Confucius z. B. ist der Sokrates der Sineser, Menu der Indier worden; denn überhaupt sind die Gesetze der Menschenpflicht keinem Volk der Erde unbekannt geblieben. In jeder Staatsverfassung aber hat sie nach Lage und Zeit das sogenannte Bedürfniß des Staats theils befördert, theils aufgehalten und verderbt. Unter den Römern also, denen das Wort Humanität eigentlich gehört, fand der Begriff Anlaß gnug, sich bestimmter auszubilden. Rom hatte harte Gesetze gegen Knechte, Kinder, Fremde, Feinde; die obern Stände hatten Rechte gegen das Volk u. s. w. Wer diese Rechte mit größter Strenge verfolgte, konnte gerecht sein, er war aber dabei nicht menschlich . Der Edle, der von diesen Rechten, wo sie unbillig waren, von selbst nachließ, der gegen Kinder, Sclaven, Niedre, Fremde, Feinde nicht als römischer Bürger oder Patricier, sondern als Mensch handelte, der war humanus, humanissimus , nicht etwa in Gesprächen nur und in der Gesellschaft, sondern auch in Geschäften, in häuslichen Sitten, in der ganzen Handlungsweise. Und da hiezu das Studium und die Liebe der griechischen Weltweisheit viel that, daß sie den rauhen, strengen Römer nachgebend, sanft, gefällig, billig denkend machte, konnte den bildenden Wissenschaften ein schönerer Name gegeben werden, als daß man sie menschliche Wissenschaften nannte? Gewiß war von ihnen die Philosophie nicht ausgeschlossen; Ernesti 's Rede De humanitatis disciplina ist hierüber bekannt. – H. vielmehr war sie dieser bildenden Wissenschaften Erzieherin und Gesellin, bald ihre Mutter, bald ihre Tochter gewesen. Da bei den Römern also die Humanität zuerst als eine Bezähmerin harter bürgerlicher Gesetze und Rechte, als die eigentliche Tochter der Philosophie und bildenden Wissenschaften einen Namen gewonnen hat, der sich mit diesen nachher weiter vererbte, so lassen Sie uns ja Namen und Sache ehren! Auch in den abergläubigsten, dunkelsten Zeiten erinnerte der Name humaniora an den ernsten und schönen Zweck, den die Wissenschaften befördern sollten; diesen wollen wir, da wir menschliche Wissenschaften doch nicht wohl sagen können, mit und ohne dem Wort Humanität, nie vergessen, nie aufgeben. Wir bedürfen dessen ebensowol als die Römer. Denn blicken Sie jetzt weiterhin in die Geschichte! Es kam eine Zeit, da das Wort Mensch ( homo ) einen ganz andern Sinn bekam; es hieß ein Pflichtträger , ein Unterthan , ein Vasall , ein Diener . Daher noch der Ausdruck: »Er ist ein homo !« »Du homo !« u. s. w. – H. Wer dies nicht war, der genoß keines Rechts, der war seines Lebens nicht sicher; und Die, denen jene dienenden Menschen zugehörten, waren Uebermenschen . Der Eid, den man ihnen ablegte, hieß Menschenpflicht ( homagium ), und wer ein freier Mann sein wollte, mußte durch den Mannrechtsbrief beweisen, daß er kein homo , kein Mensch sei. Wundern Sie Sich nun, daß dem Wort Mensch in unsrer Sprache ein so niedriger Begriff anklebt? Seiner Abstammung selbst heißt es ja nichts anders als ein verachteter Mann, Mennisk, ein Männlein. Weder Wachter noch Adelung haben diesen Ursprung der Endung im Wort Mennisk bemerkt; er scheint aber der wahre; denn wenn man das Wort Mensch nach niedersächsischer, d.i. der alten und ächten Art ausspricht, so heißt es Mens-ch ( Mensk ), d.i. ein elender, unbewehrter Mann, ein Männlein. – H. Diese Behauptung ist irrig. Die Ableitung hat nichts weniger als verkleinernde Bedeutung. – D. Auch Leute, Leutlein wurden nur als Anhängsel des Landes betrachtet, das sie bebauen mußten, auf welchem sie starben. Der Fürst, der Edle war Herr und Eigentümer über Land und Leute, und seine Säckelträger, Kanzlisten, Capellane, Vasallen und Clienten waren homines , Menschen oder Menschlein , mit mancherlei Nebenbestimmungen, die ihnen blos das Verhältniß gab, nach welchem sie ihm angehörten. S. hierüber Du Fresne , Glossarium , unter Homo . Er nennt Homines Denariales, Chartularii, Ecclesiastici, Fiscales, Regii, de Corpore, Pertinentes, Commendati, Casati, Feudales, Exercitales, Franci, Romani, Ligii, de manu mortua, de suis manibus, de manupastu etc . – H. Lassen Sie uns ja zum Begriff der Humanität bei Griechen und Römern übergehen; denn bei diesem barbarischen Menschenrecht wird uns angst und bange! ——— 29. Das Hauptgut wollen wir ja nicht vergessen, das uns die tiefere Betrachtung der Menschennatur für alle Zeiten erworben hat; es ist die Erkenntniß unsrer Kräfte und Anlagen, unsers Berufes und unsrer Pflicht . Eben in dem, wodurch der Mensch von Thieren sich unterscheidet, liegt sein Charakter, sein Adel, seine Bestimmung; er kann sich davon so wenig als von der Menschheit selbst lossagen. Dies ist das wahre studium humanitas , in welchem uns Griechen und Römer vortrefflich vorgegangen sind; Schande, wenn wir ihnen nachbleiben wollten! Der Mensch hat einen Willen, er ist des Gesetzes fähig: seine Vernunft ist ihm Gesetz. Ein heiliges, unverbrüchliches Gesetz, dem er sich nie entziehen darf, dem er sich nie entziehen soll. Er ist nicht etwa nur ein mechanisches Glied der Naturkette, sondern der Geist, der die Natur beherrscht, ist theilweise in ihm. Jener soll er folgen; die Dinge um ihn her, insonderheit seine eignen Handlungen soll er dem allgemeinen Principium der Welt gemäß anordnen. Hierin ist er keinem Zwange unterworfen, ja, er ist keines Zwanges fähig. Er constituirt sich selbst; er constituirt mit andern ihm Gleichgesinnten nach heiligen, unverbrüchlichen Gesetzen eine Gesellschaft. Nach solchen ist er Freund, Bürger, Ehemann, Vater, Mitbürger endlich der großen Stadt Gottes auf Erden, die nur ein Gesetz, ein Dämon, der Geist einer allgemeinen Vernunft und Humanität beherrscht, ordnet, lenkt. Doch warum spreche ich und lasse nicht lieber den menschenfreundlichen Kaiser sprechen, der in seinen Betrachtungen über sich selbst mehr als in seiner Statue vor dem Capitol als Gesetzgeber der Welt dem Menschengeschlecht sanftmüthig groß gebietet? Marc-Antonin über sich selbst. »Von Apollonius habe ich gelernt, frei zu sein und ohne Wankelmuth unbeweglich; auf nichts anders, auch mit dem kleinsten Seitenblick hinzusehen als auf die Vernunft; immer Derselbe zu sein, unter den heftigsten Schmerzen, beim Verlust eines Kindes, in langwierigen Krankheiten. Wie in einem lebendigen Muster habe ich an ihm deutlich ersehen, wie derselbe Mann sehr strenge und doch auch nachgebend sein könne. Ich habe von ihm gelernt wie man von Freunden sogenannte Gefälligkeiten annehmen könne, daß man ihnen weder verhaftet werde, noch solche gefühllos zurückweisen dürfe.« – Daselbst. I. 9. – D. »Vom Sertus lernte ich Wohlwollen; ich empfing das Muster einer väterlichen Hausverwaltung und den Sinn, nach der Natur zu leben. Ich lernte ernst sein ohne Steifheit, mich in Freunde schicken ohne Laune, Unwissende und vom Wahn Geleitete dulden. An ihm sah ich, was Gefälligkeit gegen Jedermann sei; denn sein Umgang war angenehmer als alle Schmeichelei, und doch blieb er zu eben der Zeit bei Allen in Achtung.« – Daselbst, l. 14. – D. »Von meinem Bruder Severus lernte ich Verwandte, Recht und Wahrheit lieben. Durch ihn lernte ich einen Thrasea, Helvidius, Cato, Dion und Brutus kennen; ich empfing die Idee eines Staats, der nach gleichen Gesetzen und Rechten verwaltet wird, einer Regierung, die der Freiheit ihrer Unterthanen die höchste Achtung erweist. Von ihm lernte ich standhaft und ohne Scheu die Philosophie hochschätzen; gutthätig sein auf die beste, reichste Weise; jederzeit das Beste hoffen und auf die Liebe der Freunde trauen; es ihnen gestehen, worin man mit ihnen unzufrieden sei; was man wolle oder nicht wolle, sie nicht errathen lassen, sondern es ihnen klar sagen.« – »Marc-Antonin über sich selbst«. IV. 4. – D. »Haben wir den Verstand mit einander gemein, so ist uns auch die Vernunft gemein, durch die wir vernünftig sind. Ist dieses, so ist uns auch die Vernunft gemein, die vorschreibt, was wir zu thun und nicht zu thun haben. Ist dies, so haben wir auch ein gemeinschaftliches Gesetz. Ist das, so sind wir Bürger und nehmen an einem gemeinschaftlichen Staate Theil. Dieser Staat ist die Welt; denn was für einen andern Staat könnte Jemand nennen, an dem das ganze Menschengeschlecht Theil nehme? Aus diesem gemeinschaftlichen Staat also haben wir Alle denselben Verstand, dieselbe Vernunft, dieselbe gesetzgebende Vernunft; denn woher hätten wir sie sonst? Wie das Irdische an mir, das Feuchte, das Luftige, das Feurige jedes aus der Quelle seines Elements kommt und dahin gehört, so muß auch der Verstand irgend woher sein und dazu gehören.« – Daselbst, IV. 23. – D. »Was Dir füglich ist, o Weltall, ist auch mir bequem. Nichts kommt mir zu frühe, nichts zu spät, was Dir recht ist. Alles ist mir Frucht, o Natur, was Deine Horen mir bringen. Aus Dir kommt Alles, in Dir ist Alles, in Dich kehrt Alles zurück. Wenn Jener sagte: »O Du geliebte Cekropsstadt!« sollte ich nicht sagen: »O Du geliebte Gottesstadt?«« – Daselbst, V. 30. – D. »Der Geist des Weltalls ist ein Gemeinheitstifter. Das Schlechtere hat er des Bessern wegen hervorgebracht, das Bessere harmonisch zu einander geordnet. Du stehest, wie er unter-, wie er zusammenordnete, wie er jedem Dinge nach Würde das Seinige zutheilte und die edelsten Wesen zum einstimmigen Wohlwollen , zum Gleichsinn gegen einander verknüpft hat.«– Daselbst, V. 1. – D. »Stehst Du des Morgens ungern auf, so ermuntere Dich mit dem Gedanken: » Ich erwache zum Werk des Menschen ! Sollte ich mit Unwillen dran gehen, das zu thun, deshalb ich geboren, dazu ich in die Welt kommen bin?« »Die Ruhe ist aber angenehm.« Bist Du zum Genießen geboren? oder nicht vielmehr zum Thun, zum Wirken? Siehst Du nicht, wie Gewächse, Vögel, Ameisen, Spinnen, Bienen die Welt auf ihrem Platze mitzieren? und Du, ein Mensch, wolltest Deinen Menschenberuf nicht erfüllen? Du eilst nicht zu dem, was Deine Natur von Dir fordert? – Du liebst Dich also nicht selbst, da Du Deine Natur und ihr Gesetz nicht liebst. Andre, die ihre Kunst lieben, zehren sich in Ausübung derselben ab, sie vergessen Speise und Trank; Wörtlich: »ohne Bad und Speise«. – D. Du aber schätzest Deine Menschennatur geringer als der Drechsler die Drehekunst, der Tänzer die Tanzkunst, der Geizige das Geld, der Ehrsüchtige ein Wenig Ehre. – Scheinen Dir Arbeiten zum gemeinen Wohlsein zu geringe, als daß sie gleichen Fleißes bedürften?« – A. a. O., VI. 30. – D.} »Siehe zu, daß Du nicht verkaisert werdest; nimm die Tinctur nicht an! Denn das geschieht leicht. Erhalte Dich einfach, gut, unverfälscht, ernsthaft, prachtlos, rechtliebend, gottverehrend, sanftmüthig, liebend die Deinigen, tapfer zu jedem wohlanständigen Werk! Kämpfe, daß Du Der bleibest, zu dem Dich die Philosophie machen wollte! Verehre die Götter, erhalte die Menschen! Kurz ist das Leben, und es giebt nur eine Frucht des irdischen Lebens: ein heiliges Gemüth und zum Wohl der Gesellschaft dienende Werke.« – Daselbst, VI. 19. – D. »Glaube nicht, daß, wenn Dir etwas schwer dünkt, es dem Menschen unmöglich sei; und was dem Menschen je möglich war, das halte auch Dir möglich!« – Daselbst, VI. I4. – D. »Gegen unvernünftige Thiere, überhaupt auch bei allen vorkommenden vernunftlosen Dingen und Geschäften betrage Dich als Einer, der Vernunft hat, großmüthig und frei! Gegen Menschen aber, als gegen vernünftige Wesen, betrage Dich mit gemeinschaftlicher, geselliger Vernunft!« – Daselbst. VIII. 59. – D. »Die Menschen sind um einander willen da. Belehre sie also, oder ertrage sie!« – Daselbst, XI. 18. – D. »Fange endlich einmal an, ein Mensch zu sein; hüte Dich aber ebensowol, den Menschen zu schmeicheln, als über sie zu zürnen! Beides ist wider die Pflicht der Gesellschaft; Beides ist schädlich.« – Daselbst, XII. 11. – D. »Welche Macht und Würde hat der Mensch! Nichts zu thun, als was die Gottheit selbst billigen würde, und Alles aufzunehmen, was ihm Gott anweist.« – Daselbst, XII. 35.– D. »Mensch! Du warst in diesem großen Staate Gottes ein Mitbürger; was kümmert es Dich, daß Du es nur fünf Jahre lang warst? Was nach Gesetzen geschieht, thut Niemandem Unrecht. Was ist denn Schreckliches darin, daß Dich nicht ein Tyrann noch ein ungerechter Richter, sondern die Natur wegruft, die Dich in diesen Staat einführte? eben wie den Schauspieler, den der Prätor dung, der Prätor auch von der Schaubühne entläßt. »Aber die fünf Acte des Stücks sind von mir noch nicht geendet, sondern nur drei.« Wohl! Im Leben sind drei Acte auch ein Stück. Was ein Ganzes sein soll, bestimmt Der, der einst Compositeur, jetzt Auflöser des Spiels ist. Du bist keins von beiden. Geh also zufrieden fort! auch er entläßt Dich zufrieden.« So spricht Marc-Antonin auf allen Blättern. Wir wollen nicht sagen: »Heiliger, bitte für uns!« sondern: » Menschlicher Kaiser, sei uns ein Muster !« ——— 30. Wer vermag die Würde, von solchen Dingen, dem Geiste Ihrer Erfindung gemäß, ein Lied Im Lateinischen steht: »vermag ein würdiges Lied«. – D. zu dichten? Und wer hat Kraft im Busen und Worte der Zunge, zu strömen ein Loblied Jenem vortrefflichen Mann, der solche Schätze der Wahrheit, Die sich sein Herz erworben, uns zum Geschenke gelassen? Möcht' es auch Einer wagen, von sterblichem Blute geboren? Wenn der Dinge Gewicht, die sein hoher Geist uns entdeckt hat, Ihren vortrefflichen Werth wir bedenken, so war er ein Gott uns, Ja, ein Gott war's, ruhmvoller Memmius, welcher zuerst uns Jenen erhabenen Weg des Lebens gezeiget, den jetzt wir Weisheit nennen, und der durch ihre Hilfe das Leben Aus dem Dunkel der Nacht, aus wogenden Fluthen gerettet Und in den friedlichen Port, in klares Licht es gestellt hat. Nimm die Erfindungen Andrer, die man für göttlich erkannt hat: Ceres pflanzte die Aehren; es lehrte die Sterblichen Bacchus Den gekelterten Most aus der Rebe drücken, da dennoch Ohne Gebrauch von diesen Dingen das Leben bestehn mag, Wie man's an Völkern ersieht, die jetzt noch ihrer entbehren. Ist die Brust Dir nicht rein, so suchst Du vergebens ein Glück Dir, Denkest umsonst an Lebensgenuß. Drum scheint er ein Gott uns, Und mit mehrerem Recht als jene, von dem in die Herzen Aller Völker so süßer Trost für das Leben geflossen. Sollte Dir aber dünken, es gingen des Hercules Thaten Diesen weit noch voran, so würdest Du gröber Dich irren; Denn was hat des Nemeïschen Löwen gefürchteter Rachen Schreckbares jetzt für uns? und der Zahn des arkadischen Keilers? Was aus Kreta der Stier? was des Lernäischen Sumpfes Giftige Pest, die Hydra, mit zischenden Nattern umgürtet? Was kann die Riesenbrust des dreifachen Geryon, was die Rosse, die Flammen schnauben, die über Thraciens Felder Auf die bistonischen Fluren und auf die fruchtreichen Saaten, Wo sich Ismarus hebt, Tod brachten und wildes Verderben? Wodurch möchten der Stymphaliden gebogene Krallen Uns noch fürchterlich werden? wodurch der hesperische Drache, Der, um den Baum gewunden in ungeheuren Kreisen, Tod aus den Augen blitzend, die goldenen Aepfel bewachet? Was möcht' dieser uns schaden an seiner atlantischen Küste, An dem unwirthbaren Ufer, wo Keiner von uns den Fuß hin- Setzet, das der Barbar selbst zu betreten sich scheuet! Also verhält es sich auch mit den übrigen Abenteuern. Hätte sie Keiner bestanden, wer möchte sie jetzt noch bestehen? Niemand, wie ich glaube. Was sollten sie Schaden uns bringen? Noch ist voll die Welt von Ungeheuern, es herrschet Noch in den Thälern, den Wäldern, den tiefen Klüften der Berge Raubbegierige Wuth; allein was gehet sie uns an? Aber welche Gefahr und welche tödtende Zwietracht Schleicht sich in eine Brust, die von Leidenschaften nicht rein ist! Wie zerfleischen das Herz die ängstlichen, scharfen Begierden! Wie zernaget die Sorge den Menschen! wie quälet die Furcht ihn! Welche Verwüstungen richtet der Stolz nicht an und die Geilheit Und der Uebermuth, das Prassen, die niedrige Faulheit! Alles dieses hat er, mit Waffen nicht, aber mit Worten, Tief aus dem Herzen hinweggeräumet und selber gebändigt; Und ihm gebührete nicht der Dank, der Göttern gebühret, Ihm, dem Manne, der selbst mit Götterzunge von ihnen Oft gesprochen und ganz der Dinge Natur uns enthüllt hat? Auf die Spuren von seinem Pfade tret' ich. So pries ein römischer Dichter, Lucrez , einen seiner Lieblinge der Vorwelt, Mit diesem Lobe Epikur 's beginnt Lucrez sein fünftes Buch. Herder's Freund Knebel war damals mit einer Uebersetzung des Dichters beschäftigt. – D. und er hat mehrere derselben als Genien unsers Geschlechts, als Götter und Sterne an den Himmel gesetzt, weil sie Lebensweisheit und Humanität unter den Menschen gegründet oder befördert haben. Keiner seiner edeln Mitbürger ist ihm hiebei in Wort und That nachgeblieben. Viele Oden des Horaz, noch mehr aber seine Sermonen und sogenannten Satiren sind feine Bearbeitungen der Menschheit ; sie haben alle, wenigstens mittelbar, zum Zweck, einen Umriß in das rohe Gebilde des Lebens zu bringen, die Ideen und Sitten jener Person, dieser Stände nach dem Richtmaaß des Wahren und Guten, des Anständigen und Schönen zu ordnen. Persius, Juvenal, Lucan und Andre wirken dahin, Jeder nach seiner Weise; vor Allen aber bezeichnet Virgil, wo er kann, seine Gesänge mit einem zarten Druck der Menschenliebe. Unmöglich ist's, daß ein Mann oder Jüngling, dem das Innere dieser Heiligthümer aufgeschlossen wird, sein Inneres nicht durchdrungen und zu einer Form gebildet fühlte, die ihm vielleicht wenige neuere Schriften gewähren. Es ist, als ob jenen großen Autoren die Menschheit reiner vorstand, oder als ob sie mehr Kraft gehabt hätten, auch unter allen Unarten der Zeit ihre wahre Gestalt lebhafter anzuerkennen, stärker und reiner zu schildern; wozu denn nebst vielem Andern auch ihre Sprache und der Begriff beitrug, den sie sich von Poesie machten. Doch nicht bei Poesie allein blieb diese Bildung stehen; trotz alles Harten und Drückenden zeigt sie sich auch in der römischen Geschichte . Man lese im Cornelius des Atticus, in Sallust Catilina's, in Tacitus Agricola's Leben, vor Allen aber den Letzten, den wegen seiner dunkeln Härte so berüchtigten Tacitus : und man müßte ein entschiedner Barbar sein, wenn man in ihnen die tiefen Züge ächter Humanität nicht bemerkte. Tacitus beschreibt die grauenvollsten Zeiten, die lasterhaftsten Charaktere; er deckt einen Abgrund von Sitten und einer Regierungsform auf, vor dem man schaudert: zeige man in ihm aber ein einziges Gemälde solcher Unthaten und verderbten Seelen, das er nicht in das Licht gestellt hätte, dahin es gehört! Livia, Tiber, Sejan, Caligula, Claudius, und wie die Unmenschen weiter heißen; gegentheils jede unterdrückte Sprosse des Guten, die sich auf diesem abscheulichen Boden zeigte: Alle sind von ihm, wenn auch nur mit einem Wort, in einem Zuge, dem unparteiischen Mit- oder Gegengefühl nahe gebracht; sie stehen auf ewig in der Classe menschlicher, halb- und unmenschlicher Wesen , wo sie stehen sollten. Wer uns keine Umschreibung, sondern eine Uebersetzung dieses Geschichtschreibers ganz in seinen Umrissen, in seiner Physiognomie gäbe, könnte nicht anders als den Sinn der Menschheit auch für unsre Zeit tausendfach erwecken und bilden. Lassen Sie uns also glauben, daß Jung und Alt in beiden Geschlechtern, wenn es die Schriften der Alten in ihrem Geist liest, nicht anders als zur Humanität bearbeitet werden könne. Die barbarische Rinde des Herkommens, die uns von außen angesetzt ist, muß einigermaßen gebrochen werden, wenn wir andre Menschen zu einer andern äußerst verderbten Zeit männlicher denken, würdiger sprechen hören. Wir werden aus unserm Todesschlafe geweckt und lernen in strengern Umrissen kennen: » Quid sumus, aut quidnam victuri gignimur, ordo Quis datus, aut metae quam mollis flexus et unde, Quis modus argento, quid fas optare, quid asper Utile nummus habet, patriae carisque propinquis Quantum elargiri deceat, quem te Deus esse Jussit et humana qua parte locatus es in re. – Discite, o miseri, et causas cognoscite rerum !« Persius, III. 66–72. Herder hat den ersten Vers an den Schluß gesetzt. Vgl. Herder's Werke, VIII. 101. – D. ——— 31. Die Griechen hatten das Wort Humanität nicht; seit aber Orpheus sie durch den Klang seiner Leyer aus Thieren zu Menschen gemacht hatte, war der Begriff dieses Worts die Kunst ihrer Musen . Ich bin weit entfernt, die griechischen Sitten und Verfassungen zu jeder Zeit und allenthalben als Muster zu preisen; das kann indessen nicht geleugnet werden, daß das » Emollit mores nec sinit esse feros « Ovid schreibt dies dem » didicisse fideliter artes « zu ( Ex Ponto , II. 9. 48). – D. mittelbar oder unmittelbar der Endzweck gewesen, auf den ihre edelsten Dichter, Gesetzgeber und Weise wirkten. Von Homer bis auf Plutarch und Longin ist ihren besten Schriften bei einer großen Bestimmtheit der Begriffe eine so reizende Cultur der Seele eingeprägt, daß, wie sich an ihnen die Römer bildeten, sie auch uns kaum ungebildet lassen mögen. Einzelne Blätter, die mir über die Humanität einiger griechischen Dichter und Philosophen in die Hände gekommen sind, sollen Ihnen zu einer andern Zeit zukommen; jetzt bemerke ich nur, daß wenn in spätern Zeiten bei irgend einem Schriftsteller, er sei Geschäftsmann, Arzt, Theolog oder Rechtslehrer, eine feinere, ich möchte sagen classische Bildung sich äußerte, diese meistens auch auf classischem Boden, in der Schule der Griechen und Römer erworben, der Sprößling ihres Geistes gewesen. Wie die griechische Kunst unübertroffen und in Absicht der Reinheit ihrer Umrisse, des Großen, Schönen und Edlen ihrer Gestalten allen Zeiten das Muster geblieben, fast also ist's auch, Weniges ausgenommen, mit den Vorstellungsarten des menschlichen Geistes. Was wir kraus sagen und verwickelt denken, gaben sie hell und rein an den Tag; ein kleiner Satz, eine schlicht vorgetragene Erfahrung enthält bei ihnen, wenn man's zu finden weiß, oft mehr als unsre verworrensten Deductionen. Die Probleme, welche die Die Worte »welche die« fehlen im ersten Drucke. – D. neuere Staatskunst verwickelt vorträgt, sind in der griechischen Geschichte hell und klar auseinandergesetzt und durch die Erfahrung längst entschieden. Die Kritik des Geschmacks endlich, ja die reinste Philosophie des Lebens, woher stammen sie, als von den Griechen? In den schönsten Seelen dieser Nation bildeten sie sich; hie und da hat sich ihr Geist schwesterlichen Seelen mitgetheilt. So lange uns also die Griechen nicht geraubt, und da sie bisher dem Sturz der Zeiten, der Vertilgung wilder Barbaren und Schwärmer entronnen sind, wird wahre Humanität nie von der Erde vertilgt werden. Immer wird mir wohl, wenn ich auch in unsern Zeiten einen reinen Nachklang der Weisheit griechischer und römischer Musen höre. Eine Ausgabe, eine Uebersetzung, eine wahre Erläuterung dieses oder jenes Dichters, Philosophen und Geschichtschreibers halte ich für ein Bruchstück des großen Gebäudes der Bildung unsers Geschlechts für unsre und die zukünftigen Zeiten. Eine verständige Stimme, die über unsre jetzige Weltlage aus alter Erfahrung spricht, ist mir mehr, als ob ein Barde weissagte. ——— 32. Aus Ihren Briefen, meine Freunde, ziehe ich mir Folgendes: 1. Das weiche Mitgefühl mit den Schwächen unsers Geschlechts, das wir gewöhnlicherweise Menschlichkeit nennen, macht die ganze Humanität nicht aus. Zu rechter Zeit, am rechten Ort ziert es den Menschen allerdings, da Sympathie in reinem Verstande, d. i. eine lebhafte, schnelle Versetzung in den Zustand des Fehlenden, Irrenden, Leidenden, Gequälten, der zarteste Kitt der Vereinigung ähnlicher Geschöpfe und unter Menschen das lindeste Band ihrer Verbindung ist. Nichts stößt mehr zurück als gefühllose, stolze Härte. Ein Betragen, als ob man höheren Stammes und ganz andrer oder gar eigner Art sei, erbittert Jeden und zieht dem Uebermenschen das unvermeidliche Uebel zu, daß sein Herz ungebrochen, leer und ungebildet bleibt, daß Jedermann zuletzt ihn haßt oder verachtet. So nothwendig indessen eine menschliche Lindigkeit und Milde gegen die Fehler und Leiden unsrer Nebengeschöpfe bleibt, so muß sie doch, wenn sie zu weich und ausschließend wird, den Charakter erschlaffen und kann eben dadurch die härteste Grausamkeit werden. Ohne Gerechtigkeit besteht Billigkeit nicht; eine Nachsicht ohne Einsicht der Schwächen und Fehler ist eine Verzärtelung, die eiternde Wunden mit Rosen bedeckt und eben dadurch Schmerzen und Gefahr mehrt. 2. Auch ist Humanität Ihnen nicht blos jene leichte Geselligkeit , ein sanftes Zuvorkommen im Umgange , so viel Reize dies auch dem täglichen Leben gewährt. Vielmehr ist sie, subjectiv betrachtet, 3. Ein Gefühl der menschlichen Natur in ihrer Stärke und Schwäche, in Mängeln und Vollkommenheiten, nicht ohne Thätigkeit, nicht ohne Einsicht . Was zum Charakter unsers Geschlechts gehört, jede mögliche Ausbildung und Vervollkommung desselben, dies ist das Object, das der humane Mann vor sich hat, wornach er strebt, wozu er wirkt. Da unser Geschlecht selbst aus sich machen muß, was aus ihm werden kann und soll, so darf Keiner, der zu ihm gehört, dabei müssig bleiben. Er muß am Wohl und Weh des Ganzen Theil nehmen und seinen Theil Vernunft, sein Pensum Thätigkeit mit gutem Willen dem Genius seines Geschlechts opfern. 4. Zum Besten der gesammten Menschheit kann Niemand beitragen, der nicht aus sich selbst macht, was aus ihm werden kann und soll ; Jeder also muß den Garten der Humanität zuerst auf dem Beet, wo er als Baum grünt oder als Blume blüht, pflegen und warten. Wir tragen Alle ein Ideal in und mit uns, was wir sein sollten und nicht sind; die Schlacken, die wir ablegen, die Form, die wir erlangen sollen, kennen wir Alle. Und da, was wir werden sollen, wir nicht anders als durch uns und Andre, von ihnen erlangend, auf sie wirkend, werden können, so wird nothwendig unsre Humanität mit der Humanität Andrer eins, und unser ganzes Leben eine Schule, ein Uebungsplatz derselben. »Was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich ist, was wohllautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob; dessen befleißigt Euch!« sagt selbst ein Apostel. Paulus , an die Philipper, 4.8. – D. 5. Alle Einrichtungen der Menschen, alle Wissenschaften und Künste können, wenn sie rechter Art sind, keinen andern Zweck haben, als uns zu humanisiren , d. i. den Unmenschen oder Halbmenschen zum Menschen zu machen und unserm Geschlecht zuerst in kleinen Theilen die Form zu geben, die die Vernunft billigt, die Pflicht fordert, nach der unser Bedürfniß strebt. Daß die Wissenschaften, die man humaniora nennt, zum leeren Zeitvertreib oder zu eitelm Putz ausgeartet sind, ist ein Mißbrauch, den schon ihr Name straft. Ursprünglich war dies nicht also. Vollends Künste und Wissenschaften, die den angebornen Stolz, die freche Anmaßung, das blinde Vorurtheil, die Unvernunft und Unsittlichkeit stärken, verschleiern, schmücken, beschönen, sollte man brutalisirende Künste und Wissenschaften nennen, werth, von Sclaven getrieben zu werden, damit auf ihnen die menschliche Thierheit ruhe. Es freut mich, daß Sie den Dichter, der den unmenschlichen Achill besang, aus der Reihe humanisirender Weisen nicht ausschließen wollen; das Theater der Alten und ihre Gesetzgebung wird davon gewiß auch nicht ausgeschlossen sein. Das Gemüth läutert, hebt und stärkt sich durch die Betrachtung: »Wir sind Menschen, nichts mehr, aber auch nichts Minderes, als dieser Name sagt.« ——— Nachschrift. Fragment eines Gespräches des Lords Shaftesbury. Theokles . Kann eine Freundschaft so heroisch sein als die gegen das menschliche Geschlecht? Halten Sie die Liebe gegen Freunde überhaupt und gegen unser Vaterland für nichts? Oder glauben Sie, daß die besondre Freundschaft ohne solche erweiterte Neigung und ohne das Gefühl der Verbindlichkeit gegen die Gesellschaft bestehen könne? Philokles . Daß man Verbindlichkeiten gegen das menschliche Geschlecht habe, wird Niemand leugnen, der auf den Namen eines Freundes Anspruch macht. Schwerlich würde ich Dem nur den Namen Mensch zugestehen, der nie Jemanden Freund genannt oder nie selbst Freund geheißen hat. Aber wer sich als ein wahrer Freund bewährt, der ist Mensch genug und wird es der Gesellschaft an sich nicht fehlen lassen. Für meine Person sehe ich so wenig Großes und Liebenswürdiges an dem menschlichen Geschlecht und habe eine so gleichgiltige Meinung von dem großen Haufen der Gesellschaft, daß ich mir sehr wenig Vergnügen von der Liebe zu beiden versprechen kann. Th . Rechnen Sie denn Güte und Dankbarkeit unter die Handlungen der Freundschaft und des Wohlwollens? Ph . Ohne Zweifel; sie sind ja die vornehmsten. Th . Gesetzt also, der Verpflichtete entdeckte Fehler an seinem Wohlthäter, würde dies jenen von seiner Dankbarkeit lossprechen? Ph . Nicht im Geringsten. Th . Oder macht es die Ausübung der Dankbarkeit weniger angenehm? Ph . Mich dünkt vielmehr das Gegentheil. Denn wenn mir's an allen andern Mitteln der Vergeltung fehlte, so würde ich mich freuen, wenigstens dadurch meine Dankbarkeit gegen meinen Wohlthäter sicher zeigen zu können, daß ich seine Fehler als ein Freund ertrüge. Th . Und was die Güte betrifft, sagen Sie mir, mein Freund, sollen wir denn blos Denen Gutes thun, die es verdienen? Etwa blos einem guten Nachbar oder Verwandten, einem guten Vater, Kinde oder Bruder? Oder lehrt Natur, Vernunft und Menschlichkeit uns nicht vielmehr, einem Vater, blos weil er Vater, einem Kinde, blos weil es Kind ist, Gutes zu thun? Und so in jedem Verhältniß des menschlichen Lebens. Ph . Ich glaube, das Letzte ist das Richtigste. Th . O Philokles! Bedenken Sie also, was Sie sagten, da Sie die Liebe gegen das menschliche Geschlecht der menschlichen Gebrechen wegen verwarfen und den großen Haufen seines elenden Zustandes wegen verachteten! Sehen Sie nun, ob diese Gesinnung mit der Menschlichkeit bestehen kann, die Sie sonst so hoch schätzen und ausüben. Wo kann Edelmuth stattfinden, wenn nicht hier? Wo können wir je Freundschaft beweisen, wenn nicht an diesem Hauptgegenstands derselben? Gegen wen werden wir treu und dankbar sein, wenn nicht gegen das menschliche Geschlecht und gegen die Gesellschaft, welcher wir so stark verpflichtet sind? Welche Gebrechen oder Fehler können eine solche Unterlassung entschuldigen oder in einem dankbaren Herzen je das Vergnügen vermindern, welches aus liebevoller Erwiderung empfangener Wohlthaten entspringt? Können Sie, blos aus guter Lebensart, aus einem natürlich guten Temperament Vergnügen daran finden, Höflichkeit, Gefälligkeit, Dienstfertigkeit zu beweisen, Gegenstände des Mitleidens selbst aufsuchen und, wo es in Ihrer Macht steht, selbst Unbekannten dienen? kann es auch in fremden Ländern oder, wenn's Auswärtige betrifft, auch hier Sie entzücken, Allen, die es bedürfen, auf die leutseligste, freundschaftlichste Art zu helfen, zu rathen, beizustehen? Und sollte Ihr Vaterland oder, was noch mehr ist, Ihr ganzes Geschlecht weniger Wohlwollen von Ihnen fordern können, weniger Achtung von Ihnen verdienen als einer von jenen Gegenständen, die Ihnen von ungefähr in den Wurf kommen? Ph . Ich befürchte, daß ich auf diese Art nie ein Freund oder Liebhaber werde. Eine Liebe gegen eine einzelne Person kann ich so ziemlich fassen; aber diese zusammengesetzte, allgemeine Art von Liebe, ich gestehe es, Theokles, ist mir zu hoch. Ich kann das Individuum, aber nicht die ganze Gattung, ich kann nichts lieben, wovon ich nicht irgend ein sinnliches Bild habe. Th . Wie, Philokles? Sie könnten nie anders lieben als auf diese Art? War Palämon's Charakter Ihnen gleichgiltig, da er Sie zu dem langen Briefwechsel vermochte, der Ihrer neuerlichen persönlichen Bekanntschaft voranging? Ph . Ich kann dies nicht leugnen; und jetzt, dünkt mich, verstehe ich Ihr Geheimniß und begreife, wie ich mich dazu vorbereiten muß. Denn eben wie ich damals, als ich Palämon zu lieben anfing, mich genöthigt sah, mir eine Art von materiellem Gegenstande zu bilden, und immer ein solches Bild im Kopf hatte, so oft ich an ihn dachte, ebenso muß ich's in diesem Falle zu machen suchen. Th . Mich dünkt, Sie könnten immer so viel Gefälligkeit gegen das menschliche Geschlecht haben als gegen die alten Römer, in welche Sie, aller ihrer Fehler ungeachtet, doch immer verliebt gewesen sind, besonders unter der Vorstellung eines schönen Jünglings, der Genius des Volks genannt. Ph . Wäre mir's möglich, meiner Seele ein solches Bild einzudrücken, es möchte nun das menschliche Geschlecht oder die Natur bedeuten, so würde das vermuthlich auf mich wirken und mich zum Liebhaber nach Ihrer Art machen. Noch besser aber, wenn Sie es so veranstalten könnten, daß die Liebe zwischen uns wechselseitig würde; wenn Sie mich überreden könnten, zu glauben, dieser Genius sei nicht gleichgiltig gegen meine Liebe und fähig, sie zu erwidern. Th . Gut! ich nehme die Bedingung an. Morgen, wenn die östliche Sonne, wie die Dichter sagen, mit ihren ersten Strahlen den Gipfel jenes Hügels vergoldet, dann wollen wir, wenn's Ihnen beliebt, mit Hilfe der Nymphen des Hains dieser unsrer Liebe nachspüren, erst den Genius des Orts anrufen und dann versuchen, ob wir nicht wenigstens eines schwachen, fernen Anblicks des höchsten Genius und der ersten Urschönheit gewürdigt werden. Sollte es Ihnen glücken, nur einmal diese zu sehen, so stehe ich dafür, alle jene widrigen Züge und Häßlichkeiten sowol der Natur als des menschlichen Geschlechts werden augenblicks verschwinden. Ihr Herz wird ganz mit der Liebe erfüllt werden, die ich Ihnen wünsche. ——— So weit dies Gespräch. Wie Theokles seinen Zweck bewirkt habe, mögen Sie in der vortrefflichen Rhapsodie: » Die Moralisten «, beim edeln Shaftesbury selbst lesen. Meiner Gesinnung nach ist es eines der schönsten Verdienste Spalding 's, daß er zu jener Zeit, 1745, in seiner Lage, uns Shaftesbury 's »Moralisten« bekannt machte. Mehr als dreißig Jahre nachher ist zuerst die Uebersetzung des ganzen Shaftesbury gefolgt: »Shaftesbury's philosophische Werke«. Leipzig 1776-1779. – H. ——— 33. Mit Recht nennen Sie Shaftesbury einen edeln Schriftsteller, ob ihn gleich hie und da sein Stand, ich möchte sagen seine Lordschaft übereilte. Sein zuweilen zwangvoller Stil, manche Späße, die er sich über die Geistlichkeit erlaubte, sein Einfall, »Witz und Humor zum Prüfstein aller, auch der ernstesten Wahrheit zu machen,« haben Tadler und Widerleger gnug gefunden; über seinen Kunstgeschmack wäre auch Manches zu sagen. Die bessere philosophische Seele aber, die in ihm wohnte, sein honestum und decorum in der Moral, hundert feine Bemerkungen über Grundsätze, Sitten, Composition und Lebensweise sind nach allem Tadel unwiderlegt geblieben. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein unbefangener honnetter Mann diesen Schriftsteller ohne innige Achtung aus der Hand legen sollte; und für Jünglinge wünschte ich in unsrer Sprache zum übersetzten Shaftesbury eine Zugabe, »wie Shaftesbury zu lesen, und was in ihm zu berichtigen sein möchte.« Wie Leibniz , so hielten Diderot, Lessing, Mendelssohn von diesem Virtuoso der Humanität viel; auf die besten Köpfe unsers Jahrhunderts, auf Männer, die sich fürs Wahre, Schöne und Gute mit entschiedner Redlichkeit bemühten, hat er auszeichnend gewirkt. Und doch, mein Freund, dünkt mir sein System der Moral unzureichend, sofern es sich blos auf das decorum et honestum als auf ein Gefühl gründet. Es kommen starke Stellen darüber, auch als Pflicht, als Gesetz betrachtet, in ihm vor; im Ganzen aber, scheint mir's, hat er, um seine Moral liebenswürdig zu machen, mit der menschlichen Natur etwas zu sehr getändelt. Hier muß man hinter Allem doch endlich mit der stoischen Philosophie zum alten Wort Gottes zurückgehen: » Du sollst! Du sollst nicht !« sofern uns dies nicht Convenienz, Geschmack und Vergnügen, sondern Pflicht und Vernunft vorhält. Neulich kam mir ein Lehrgedicht zu Handen, wo mir zuerst folgende Stelle in die Augen fiel: »Sei liebreich mit Vernunft; nur weise Huld ist ächt, Giebt Jedem, was sie soll, und kränket Keines Recht. Kein Schimmer äußrer Macht, kein Geld, das Sclaven rühret, Hält den Gerechten ab, zu thun, was ihm gebühret. Gleich feurig zu dem Schutz des Edlen als des Knechts, Ist er der treue Freund des menschlichen Geschlechts. Unfähig zu der Kunst, die den Vertrag verdrehet, Hält er dem Fürsten Wort wie Dem, der nackend gehet; Bei ihm ist, was Du hast, so sicher als bei Dir, Das ihm geliehne Gut zieht er dem eignen für; Im kleinsten Werk getreu, verschwiegen bis zur Bahre, Und zu des Freundes Dienst bereit bis zum Altare. Hört, Bürger der Natur, den Inhalt aller Pflicht: Lernt die Gerechtigkeit! vergesset Gottes nicht !« Gereizt durch diese Stelle, schlug ich weiter zurück und fand die Geschichte der Humanität so vorgetragen: »Vernunft, der Gottheit Strahl, der rohen Völkern schien, Hieß aus des Waldes Nacht sie in die Städte ziehn, Gab Ordnung und Gesetz, schuf Menschen aus Barbaren, Gebot den Wilden selbst, Verträge zu bewahren. Dies hob der Weisen Ruhm in Griechenland empor Und rief aus Scythien den Anacharsis vor. So war der Menschheit Recht der Leitstern alter Weisen; Doch Keiner wagte sich, es Andern anzupreisen. Die Welt verdankt Dir's nie, unsterblicher Sokrat! Dein Fuß betrat zuerst den ungebahnten Pfad. er alte Philosoph, vertieft in Zahl und Sternen, Erhielt von Dir die Kunst, sich selbst beschaun zu lernen . Es sah der Mensch das Licht, das längst in ihm gebrannt, Und das, vom Wahn umwölkt, nur Trägheit nicht erkannt. Da fühlte sich Athen und lernte Platon's Lehren, Des Weisen von Stagir', Aristoteles . – D. des Epiktet's verehren; Da tratest Du auch auf, erhabner Epikur, Der Tugend ächter Freund und Kenner der Natur. »Verehrungswürd'ges Rom! groß durch erfochtne Kronen, Noch größer durch den Geist gepriesner Ciceronen. O Rom, Europa selbst, von Deiner Herrschaft Joch Vorlängst entlediget, ehrt Dein Gesetze noch! Aus Quellen der Natur sind Deines Rechtes Lehren Ursprünglich hergeführt; sie müssen ewig währen! Die Nacht der Barbarei verfinsterte dies Licht, Die Welt verwilderte und sah die Tugend nicht. Ein schwarzes Wunderthier, der Ketzereifer, siegte, Der Dummheit Tugend hieß und mit der Wahrheit kriegte, Bis ihr verstärkter Glanz der Welt mehr Einsicht gab; Da fielen der Vernunft die schweren Fesseln ab.« Der Dichter nennt Baco, Grotius, Pufendorf u. A. mit verdientem Ruhm; er geht die Pflichten durch gegen Seele und Leib, gegen Gott und Andre. Ueber Irrthum und Unwissenheit, Klugheit und Thorheit, über die Verbindlichkeit zur Wissenschaft und zu allgemeinen Begriffen, über Erfahrung, Vernunft, Geschichte, Fabel, Selbsterkenntnis als Mittel zu Besserung des Verstandes und Willens enthält sein Gedicht schöne Stellen. Desgleichen über einzelne Pflichten, die Mäßigkeit, Sittsamkeit, Gnügsamkeit, Verbindlichkeit zur Arbeit, über Pflichten in Glück und Unglück, über die Dankbarkeit gegen Gott, das Vertrauen auf die Vorsehung, über gesellige Hilfe, Sanftmuth, Großmuth, Wahrheitliebe, Freigebigkeit u. s. w., wobei sowol die entgegenstehenden Laster als die Grenzen der Tugend bemerkt oder geschildert werden. Es sind Lehren in ihm, die der Jugend Gedächtnißsprüche werden sollten, indem sie die Grundfesten aller moralischen Wahrheit enthalten, z. B. »Es ward ein gleicher Trieb in Aller Herz gelegt Und allen Sterblichen die Regel eingeprägt: » Du sollst das Gute thun, Du sollst das Böse lassen !« In diesen Götterspruch läßt das Gesetz sich fassen, Das die Natur uns schrieb. Er hält ein Recht in sich: Beginne, denke, flieh, begehre, schweige, sprich ! »Nicht Erz, das Rost verzehrt, nicht Blätter, die veralten, Kein Stein hat dies Gesetz der Menschen aufbehalten! Der Allmacht Tochter grub mit ewig heller Schrift Es in die Seelen ein, die nie Verwesung trifft. Ein ewiges Gebot, darin ich wandeln müßte, Wenn, welches ferne sei! ich auch von Gott nichts wüßte!« Zu wünschen wäre es, daß der Verfasser sich durchaus auf diesem strengen Pfade gehalten hätte. Da er aber das sogenannte System der Vollkommenheiten als Grund der Moral annimmt, so wird sein Gebäude hie und da schwankend. Allerdings vervollkommt uns die Ausübung der Pflicht; nicht aber müssen wir sie thun, um über Gewinn an Vollkommenheiten zu markten. Das Gebot heißt: » Du sollst !« nicht: » Du wirst !« welches blos eine höfliche Bettelei wäre. Sie halten vielleicht dies schöne Lehrgedicht für ein Manuscript; leider ist's seit seiner Bekanntmachung im Jahr 1758 für Viele ein Manuscript geblieben. Es heißt: Lichtwer 's » Recht der Vernunft «, und scheint unsrer poetischen Welt so veraltet, wie Haller's, Hagedorn's, Kästner's, Uz', Witthof's , ja überhaupt die Lehrgedichte . Unser Publicum ist jung; es liebt Tändeleien der Jugend. ——— 34. Die Blätter über die Humanität Homer's , die Sie zu sehen wünschen, nehme ich aus einer unvollendeten größern Schrift, die ihr Verfasser Ionien genannt hat, deren weitern Inhalt ich aber hier nicht zu verrathen habe. Ueber die Humanität Homer's in seiner Iliade. Wir kommen allmählig wieder in die Zeiten zurück, da man von Homer's Rohheit nicht gnug reden konnte. In Frankreich warf man ihm vormals nur Mangel an Geschmack vor; in Deutschland scheint es ein Lieblingsgesichtspunkt zu werden, in den Sitten seiner Helden, mithin wol gar in Homer selbst Mangel an Bildung , an moralischem Geschmack zu finden und dies unsterbliche Gedicht endlich nur als die » historische Tradition wilder Zeiten « zu behandeln, die, wie man sich ausdrückt, Homer's glühende Einbildungskraft aufnahm und feststellte. So viel Wahres dieser Gesichtspunkt in manchem Betracht zeigen mag, so zeigt er gewiß nicht alles Wahre, und sein weniges gewiß nicht auf die nützlichste Weise. Dazu gehört keine Kunst, hie und da Uebereinstimmung der Zeiten, die er besang, mit Völkern, die auf einer, wie uns dünkt, niedrigern Stufe der Cultur leben, zu finden, diese gefundene Aehnlichkeit zu übertreiben und dabei das Auge vor allem sittlichen Gefühl, insonderheit aber vor der Kunst und Weisheit zuzuschließen, die Homer unstreitig auf die Composition seines Gedichts gewandt hat. Bei jeder Kunstcomposition fragt man: »Wozu hat sie der Künstler componirt? was war dabei seine Idee? und wie setzte er die Theile seines Werks zusammen?« Sind Homer's Rhapsodien die rohe Stimme eines griechischen Barden, der einem rohen Volk Märchen aus roheren Zeiten vorsingt, um diese mit ihren Unförmlichkeiten ja nicht untergehen zu lassen, warum wandte man Jahrtausende hindurch auf ihn so viele Mühe? Waren die Griechen, die Römer und unter andern Nationen die feinsten Denker, waren unter den Griechen Gesetzgeber, Künstler, Weise, Dichter nicht abergläubig und blödsinnig, daß sie aus einer Tradition vergangener Unmenschlichkeiten so viel Wesens machten und einen unreinen Schlamm in so viel Bäche ableiteten? Das hieße ja die Unmenschheit oder Halbmenschheit um so gefährlicher festhalten, weil sie mit Homer's Farben geschmückt war. Fragt man bei jeder Geschichte, bei jedem Drama: »Wer spricht dies? wann, wozu spricht er's? in welchem Charakter handelt er? wozu stellte ihn der Geschichtschreiber oder Dichter auf?« wie? und bei der größten Composition der Welt wollte man nicht also fragen? Was besingt Homer? Nicht den Trojanischen Krieg, nicht eine Geschichte alter Zeiten als solche, auch nicht Achilles' Geschichte, sondern »Den Zorn, des Peleiden Achilles Schädlichen Zorn, der tausend Jammer den Griechen gebracht hat Und viel tapfere Seelen der Helden zum Orcus hinabstieß, Ihre Leiber den Hunden und allem Gevögel zum Raube Gab.« Ilias. I. 1–5. – D. – Wahrlich, das heißt doch den Unmuth Achills, er möge gerecht oder ungerecht sein, nicht unbedingt preisen. Sogleich bezeichnet ihn der Dichter als eine verderbliche Plage der Götter , die um so bedauernswürdiger war, weil sie blos aus einem unseligen Zwist entstand, den sein Held mit dem Könige Agamemnon hatte. Und wer ist Schuld an diesem Zwiste? Homer eröffnet sein Gedicht mit einer Erzählung, die keinen Leser oder Zuhörer im Zweifel lassen kann. Ein Vater, ein Priester Apoll's, ein schonenswürdiger, unantastbarer Greis kommt unter dem Schutz seines Gottes, um seine geraubte Tochter zu bitten. Er spricht weder Mitleid noch Erbarmen an; er will sie nur, und zwar überreichlich, loskaufen. Seine kurze Bitte ist so geziemend, so artig; und welche harte, ungeziemende Antwort giebt der König der Griechen dem flehenden Alten! Daselbst, I. 26.–32. –D. »Alter! daß ich Dich nie bei den hohlen Schiffen erblicke! Treff' ich ferner Dich an, es sei, Du weilest noch jetzo, Oder Du kehrest ein ander Mal wieder, so möchte der Goldstab Mit dem Kranze des Gotts Dich nicht mehr schützen. Die Tochter Geb' ich nicht los, bis einst in unsrer Wohnung in Argos Sie, von ihrem Geburtsland fern, bei Spindel und Webstuhl Und mein Lager bedienend, veraltet. Du aber entfliehe! Reize mich nicht zum Zorn, wenn noch Dein Leben Dir lieb ist!« Nicht den Vater, den Fremden, den Bittenden, den Greis beleidigt diese Antwort allein; sie beleidigt den Gott in seinem Priester und ist wirklich die Rede eines übermüthigen Atriden. Nun steigt der Gott vom Olymp; die Pfeile fliegen, die Menschen sterben, die Holzstöße flammen; Achill, den die Noth des Heers jammert, ruft die Versammlung zusammen, um die Ursache auszukunden, warum ein Gott auf sie Alle jetzt also ergrimmt, sei. Kann Achill edler auf den Schauplatz gebracht werden als also? Der Hirte der Völker war durch seinen Trotz ihr Verderben worden: sein königliches Herz machte sich keinen Vorwurf, ob er vielleicht an ihrem Untergange Schuld sei, noch suchte er Mittel dagegen; den großherzigen Achill allein kümmert die Sache des Ganzen. Als Solcher erscheint er sofort in seinen Reden, unbefangen, wie es die Großherzigkeit ist, und gerade. Da der weiseste Seher sich nicht erkühnt, zu sprechen, weil er sich vor dem Unwillen des Mächtigsten, dessen Gemüthsart ihm bekannt ist, fürchtet, nimmt ihn Achill für das gemeine Beste in Schutz, worauf denn der Uebermuth des Königs zuerst auf den Seher, sogleich, nach einer sehr billigen Rede des Achilles, auf Diesen herfällt. Und da Achill nicht geschaffen war, sich vor der Versammlung oder sonst schmähen, beleidigen, das Seine sich rauben zu lassen, am Wenigsten aber vom stolzen Dünkel eines übermüthigen Atriden, so entbrennt der Zwist, so folgt die Erbitterung, bei der, ich wage es zu sagen, Achill auch im wildesten Feuer gerecht bleibt. Pallas erscheint ihm zu rechter Zeit, ihn bei der blonden Haarlocke zu ergreifen; und als der unbesonnene Fürst, auch nachdem er Zeit zu besserer Ueberlegung gehabt hatte, sein unbefugtes Machtwort vollführt und ihm sein Eigenthum, seine geliebte Briseïs raubt, beträgt sich Achill gegen die Herolde mit einer hohen Mäßigung. Ungern, wie Briseïs dahingeht, sehn wir sie hingehn und setzen uns mit dem Gekränkten weinend ans Ufer. Da hören wir ihn der Mutter klagen und theilen mit ihr den Jammer um einen so herrlichen Sohn, den bei einem kurzen Leben ohne seine Schuld diese öffentliche Beleidigung, dieser Gram, dieser Unmuth treffen muhte. Mit Freuden sehen wir den Vater der Götter den großen Wink thun und den Gekränkten in Schutz nehmen. Wenn nun, ganze Gesänge der Iliade hindurch, unschuldige, tapfre, edle Männer, wenn liebe Söhne, junge Gatten, blühende Jünglinge fallen, wer ist an ihrem Tode, wer an der Trauer, den Thränen, dem Verlust ihrer Eltern und Gatten und Bräute Schuld? Achilles nicht; er streitet blos nicht mit und kann und darf als ein öffentlich und ungerecht Gekränkter nicht mitstreiten. Unmuthig sitzt er in seinem Zelt, und seine Myrmidonen murren zuletzt um ihn her, daß er sie nicht zum Streit führe. Der übermüthige König allein ist's, der dadurch die Völker stürzt, daß er nicht nur jenen Helden beleidigte, sondern sogleich auch, im Wahn seines Ruhms, zu zeigen, daß er Achill's nicht bedürfe, seine geliebten Völker zur Schlachtbank hinführt. Unglaublich ist's, wenn man es nicht sähe, mit welcher moralischen Zartheit Homer dies Alles einleitet und beschreibt. Ebendieselbe Mutter des Beleidigten, die den höchsten Gott anfleht, hatte dem Dichter Raum gemacht, einen falschen Traum vom Himmel kommen zu lassen, der dem Könige einbilde, er könne jetzt, dem Achill zum Trotz, Troja im Hui erobern. Dagegen erhebt sich nun freilich der alte Nestor, »Und sagte mit Weisheit: »Hätte den Traum von allen Achäern ein Andrer erzählet, Würden wir sagen: »Du lügst!« und ihn unwillig verschmähen; Aber ihn sah der König.« Ilias, II. 80–82. – D Und sogleich steht der König von seinem Sitz auf. stützt sich auf seinen über Alles gepriesenen Scepter, hat sogar eine herrliche List erdacht, die Anhänglichkeit der Griechen an ihn, an seinen Bruder Menelaus und dessen Weib Helena zu prüfen, überzeugt, daß sie sich ihm nicht anders als zum Opfer geben würden. Die königliche Persuasion mißräth; der kluge Ulysses, mit dem noch unveralteten Scepter Agamemnon's in der Faust, kann sie kaum wieder zu ihren verlassenen Sitzen bringen, wo denn Thersites aufsteht und er allein, auf die unschicklichste Art, der Sache Achill's erwähnt. So Mancherlei über diesen häßlich-lächerlichen Thersit geschrieben worden, so steht Jedermann das vor Augen, daß den Edelsten der Schlechteste, den Herrlichsten der Häßlichste allein und aufs Niedrigste vertheidigt. Jeder gönnt Diesem die Schläge des Ulysses; es ist aber große Weisheit des Homer's, daß er sie dem Thersites zukommen läßt, indeß alle Fürsten des Heers, deren keiner Agamemnon's Betragen gegen Achill loben konnte, dazu schwiegen. Allen bekommt dies Schweigen, die ganze Iliade hindurch, sehr unwohl, ihren Völkern aber noch übler. Es wird in einem andern Capitel davon die Rede sein, wie Homer, der überhaupt keinen Groll gegen ein menschliches Geschöpf, geschweige gegen den König seiner Griechen hegt, den Agamemnon allenthalben nicht nur geschont, sondern, wo er irgend konnte, königlich und festlich ausgeschmückt habe. Zum Treffen läßt er ihn ziehen. »Ganz an Augen und Haupt dem donnerbewaffneten Zeus gleich, Um den Gürtel dem Mars, an Brust und Schultern dem Meergott; Wie der führende Stier sich in der versammelten Heerde Ausnimmt, unter den Rindern der Erst' und Größte von Ansehn.« Ilias, II. 478–481. – D. Er läßt ihn den tapfersten Kriegern, einem Diomedes sogar, Verweise geben; doch das Alles thut nichts zur Sache. Nach vielen erlittenen Niederlagen muß der alte Nestor mit dem Bekenntniß doch heraus: Daselbst. IX. 105–111. – D. »Ich denke noch heute, so wie ich schon vormals Dachte, zur Zeit, o König, als Du die junge Briseïs Aus des erzürnten Achilles Gezeiten gewaltsam entführtest, Nicht nach unserm Ermessen : ich rieth es mit vielen und starken Gründen Dir ab; doch Du, vom hohen Muthe bemeistert, Kränktest die Ehre des Helden, der selbst von Göttern geehrt war. Und noch hast Du bei Dir den Siegslohn, den Du ihm raubtest.« Er schlägt zur Aussöhnung Geschenke und schmeichelnde Worte vor; Achilles schlägt sie aus, und muß sie ausschlagen; ja, wäre Agamemnon selbst in sein Zelt gekommen, er hätte einen bösen Weg daraus gefunden. Nun hatte Dieser Raum, seine Wunder der Tapferkeit und Oberherrschaft zu erweisen, die aber alle da hinausgingen, daß nach Niederlagen von allen Seiten die Mauer der Griechen erstürmt ward und Hektor, ans Schiff des Protesilaus greifend, ausrief: »Bringt Feuer!« Hier war das Ziel. Nicht Agamemnon's Geschenke, noch eines schlauen Ulysses Reden: Achilles' eigner Entschluß, mit welchem sich seines Freundes Patroklus Thränen verbanden, hemmte die äußerste Gefahr des Heeres. Jetzt gab Achill dem Patroklus seine Waffen, mit dem gemessenen Befehl, wie weit er gehen sollte. Als Patroklus diesen überschritten hatte und den Feinden erlag, als Hektor, in die Waffen Achill's zu seinem eignen Verderben gekleidet, dastand und die Nachricht vom Tode des Freundes, endlich auch seine kaum noch erbeutete Leiche ins Lager kam: da war aller Groll dahin; im Himmel und auf der Erde war Friede. In neue Waffen gekleidet, erscheint er in der Versammlung; und wie klein ist gegen ihn Agamemnon, ob er sich gleich noch jetzt zur Entschuldigung seines Fehlers in einem Märchen von der Ate dem Jupiter gleichstellt. Wie groß dagegen ist Achilles und wie zart! zart in den Klagen um seinen Freund, in den Klagen an seine Mutter, groß in der Versöhnung mit seinem Feinde, in der Anordnung des Begräbnisses seines Freundes: »Laßt Patroklus' Gebein, des Menötiaden, uns sammeln Mit sorgfältiger Wahl; es ist nicht schwer zu erkennen. Dieses legen wir bei in goldner Urne, bis ich auch Sinke zum Hause des Pluto. Dann erhöhn wir den Hügel zum Grabmal; aber ich wünsch' ihn Nicht von stolzer Größe, nur mäßig. Breiter und höher Möget Ihr, Freund', ihn künftig erbaun, so Viele von Euch mich Ueberleben!« Ilias, XXIII. 239-248. – D. Groß endlich in den Kampfspielen, in der Ueberwindung sein selbst, da er den Leichnam Hektor's zurückgiebt, in der Behandlung Priamus' dabei, groß von Anfange des Gedichts bis zu Ende. Scherzend spricht er zu Priamus: »Greis, wie schläfst Du so unbekümmert, kein Uebel befürchtend! Wenn Dich allhier Agamemnon entdeckt und die andern Achäer!« Die Stelle lautet in der Ilias (XXIV. 650-655) wesentlich anders. – D. Dies ist das letzte Mal, da Agamemnon's in der Ilias gedacht wird; wie tief steht er unter Achill, in dessen Zelte sein Feind ruhig schläft! Ich weiß wohl, daß man die gedrohte Mißhandlung am Leichnam Hektor's dem Achilles hoch aufnimmt; aber preist sie Homer? und verhindern sie die Götter nicht selbst, denen Achilles sogleich wie ein Kind gehorcht? Und was hatte Hektor mit Patroklus' Leiche im Sinn, über die ein so hitziger Kampf war? Man ist gewohnt, Achill und Hektor zum Nachtheil des Ersten zu vergleichen; nach welchem Maaßstabe? Nicht nur waren es verschiedene Charaktere, und zu Achill's Charakter gehörte, was er war, untrennbar, sondern Hektor war auch ein Trojaner. Daß in Troja, dem alten asiatischen Königssitze, ein größerer Reichthum, eine weichere Lebensart herrschte, als in den meisten griechischen Staaten sein konnte, zeigt sich in mehreren Stellen der Iliade; der Charakter des ersten Trojaners mußte diesem Zustande gemäß sein. Der Spiegel Homer's, in welchem sich alle Dinge der Welt gleich klar und rein darstellen, zeigt alle Gestalten gleich menschlich und milde. Bei völligen Gegensätzen scheint eine Vergleichung kaum möglich; und doch wirft Homer auf alle, wo irgend er kann, den milden Strahl der Menschheit. Sein Gedicht endet, ehe Troja erobert wird, ehe wir also die Gräuelthaten der Griechen in dieser eroberten Stadt gewahr werden. Selbst sein Held hatte das gute Schicksal, die schreckliche Folge seiner Tapferkeit nicht zu erleben; er fiel, wie wir aus Andern wissen, im Thore von Troja. Und bei Homer, sobald Achill mit seinen neuen Waffen dahergeht, geht er zum Tode. Dies weissagt ihm seine Mutter, seine weinenden Rosse, der sterbende Hektor, und er selbst weiß es. Sein Leben ist an Patroklus' Leben geknüpft; ein Hügel soll sie decken und eine goldne Urne Beider Asche am Troischen Strande vereinen. Was überhaupt der Glaube an ein Schicksal, was die Thaten der Götter, ihre Hilfe und Feindschaft gegen Völker und Menschen in die Composition Homer's an Ruhe, Milde und hoher Ergebenheit bringen, ist unsäglich. Man nehme diese göttliche Farce, wie Manche sie genannt haben (μώρον), aus seiner Iliade, und das Ganze wird widrig oder platt, wie fast alle politische Geschichte. Und doch ist alles Zuwirken der Götter bei ihm so menschlich, so natürlich! Nirgend ein zerstörendes Wunder; allenthalben nur der Gang des Menschengemüths, der Menschenkräfte, sofern er ans Zufällige, ans Unvorgesehene, ans Unendliche reicht. Was zumal die Götter über die Sterblichen und über Achill's Rosse sprechen, die einem Sterblichen dienen, ist seelezerschneidend. Menschlicher Homer, wie liebe ich Dich in allen Deinen Formen und Gestalten! Auch Paris, auch die Sünderin Helena hast Du nicht verschmäht und Beide in das schönste Licht gestellt, in welchem sie stehen konnten. Nicht vergessen sind ihre Brüder Kastor und Pollux; ihr Menelaus sammt Ulyß sind mit allen Würden geschmückt, deren sie auf der Ebne vor Troja fähig waren. So Ajax, Diomed, Idomeneus, Nestor; Jeder erscheint an seinem Orte, zu seiner Zeit in der Rennbahn des Ruhmes; kurz oder lange leuchtet sein Schein, aber er geht nach Verdienst auf und nieder. Drei Lehren drückst Du schweigend vor allen uns ins Herz: 1. » Discite justitiam, miseri, et non temnere divos !« Virgil's Aeneïs. VI. 620, wo moniti statt » miseri « steht. – D. welches ich hier so übersetzen möchte: »Lernt, Ihr Fürsten, gerecht sein und treffliche Männer verehren!« Dies lehrt uns mit seinem Uebermuth der prächtige Agamemnon in der ganzen Iliade. Er grenzt an alle Ausschweifungen, die Aristoteles' Ethik kannte, an die Habbegierde (Akolasie), den Neid , die Schamlosigkeit und Beifallgebung , die Prahlsucht ; doch grenzt er nur daran; denn der weise Homer hat ihn vor jedem Zuge des Verächtlichen bewahrt. Er ist und bleibt bei ihm ein unsträflicher König. Achilles dagegen besitzt den Kern dessen, was die Griechen Tugend nannten, Großherzigkeit (μεγαλοψνκια) und edlen Stolz, hohes Selbstgefühl und die äußerste Wahrheitliebe . Er ist freigebig und auf eine anständige Art prächtig, höflich in seinem Zelt und bis zur Scham bescheiden , dabei gebildeter als alle Griechen; denn er war Chiron's Zögling und ergetzte mitten im Unmuth sein schwerbeladnes Herz durch Töne. Der wärmste Freund seines Freundes , an Stärke, Tapferkeit, Schönheit und Ruhmliebe über alle Griechen erhaben. Und an diesem gottgeliebten Sohn einer Göttin und eines Helden zeigt uns Homer (μήνιν). 2. Die erschreckliche Plage des harten, obwol gerechten Unmuths . Achill konnte ihm nicht entweichen; denn der Vorfall, der ihn dazu reizte, drang auf ihn, ohne daß er ihn suchte. Er kann die ganze Iliade hindurch als Achill nicht anders handeln, als er handelt. Das Unangenehme aber dieses Unmuths für ihn und für Andre entwickelt der Sänger durch Worte aus des guten Phönix, ja aus Achills eignem Munde und durch Erfolge in lauter lebendigen Situationen. Sogar das herbeieilende letzte Schicksal des Edelzürnenden sehen wir in diese Reihe der Dinge verflochten, in diesen ihm unvermeidlichen Unfall. Konnte ein zarterer Punkt des menschlichen Herzens und Lebens zarter behandelt werden, als es der Dichter gethan hat? Gemeine Seelen wissen nichts vom edeln, göttlichen Unmuth; wie manchem größeren Gemüth aber ist er die Klippe des Glücks, seiner Brauchbarkeit fürs gemeine Wesen, des häuslichen und täglichen Wohlseins, ja endlich des Lebens selbst worden! Mehr als ein Gekränkter hat die Klagen angestimmt, die Achill am Ufer des Meers seiner Mutter zuseufzte; er konnte aber keinen andern Trost hören, als Jenem die Göttin selbst zu geben vermochte. 3. Endlich, welch eine böse Sache ist der Krieg ! Und wie mißlich ist jede Regierungsart unter den Menschen, so unumgänglich sie ist im Kriege und Frieden! Beides hat uns Homer so vorzüglich und hell dargelegt, daß wir auch hier den Meister sehen, der in die rohesten Dinge Weisheit und Menschlichkeit brachte. ——— 35. »Sohn! Dir werden die siegende Stärke nach ihrem Gefallen Pallas und Juno verleihn; Du aber bezähme des Herzens Stolz aufwallenden Muth! denn gütige Triebe sind edler.« Diese Lehre läßt Homer den alten Peleus seinem Achilles auf den Zug vor Troja mitgeben, Ilias, IX. 254–256. – D. und die ganze Iliade ist eigentlich ein Lob der Philophrosyne , An der angeführten Stelle heißt es: »φιλοφροσύνη γάρ άμείνων;«. – D. d. i. gefälliger, menschenfreundlicher Gesinnung; Unmuth ist dem Homer eine Plage des Lebens, selbst wenn es ein gerechter, göttlicher Unmuth μήνις wäre. Er frißt am Herzen und nagt ab die Blüthe des Lebens; bei den menschlichsten Gesinnungen wird der Gekränkte wider seinen Willen ein Unmensch. Die älteste griechische Philosophie ging dahinaus, das Gemüth der Menschen vor jedem Aeußersten zu bewahren; die älteste Philosophie der Griechen aber war bei den Dichtern. Mit Rechtschaffenheit, Ruhm und Gesundheit ein heiteres, frohes Leben führen zu können, stellten sie als den höchsten Wunsch der Sterblichen dar und warnten vor jedem Uebermaaße, vor jeder zu hart angesessenen Neigung. Wie klar muß es in der Seele Homers gewesen sein, da er, sein ganzes Gedicht hindurch, gleichsam die Wage Jupiter's in der Hand haltend, die Neigungen und Charaktere der Menschen gegen einander im Streit und in Folgen abwog! Der Schild Achilles' zeigt bei ihm, wie er sich die Welt dachte; unbefangen sah er ihre mancherlei, einander oft nahe entgegengesetzten Scenen, fröhliche und traurige, ruhige und stürmische Scenen, und schildert sie, wie dort Vulcan sie hämmerte, glänzend und unvergänglich. Wem Homers Muse den Nebel vom Auge nimmt, gewinnt über die Dinge der Welt gewiß eine große, weise und am Ende fröhliche Aussicht. Wie Achill mit seiner Leyer den Unmuth sich zu zerstreuen suchte, so war es das Amt der lyrischen Dichter , der Menschen Herz zur Mäßigung in Glück und Unglück zu stimmen und es zur Freude, Freundschaft und Heiterkeit zu ermuntern. Leider sind die meisten derselben untergegangen; die übrig gebliebenen Reste aber zeigen diese Bestimmung. Pindar selbst, ob er gleich laute Siege besingt, hat so manchen Spruch in seinen Gesängen, der zur Mäßigung im Glück, zum behutsamen Gebrauch des Lebens einladet, so manchen, der dem Unmuthe zuvorzukommen sucht oder nach Erfahrungen desselben die Seele des Kämpfers edel erquickt. Das feine Echo der Griechen, wie einer unserer Freunde ihn nannte, Brief 11 (S. 60). – D. Horaz, thut ein Gleiches. Es wäre zu wünschen, daß er in seiner wohlgefälligen, einschmeichelnden Art auch uns eigen werden könnte; vielleicht ist dies aber unmöglich; denn die meisten seiner Oden sind zu künstlich eingelegte musivische Arbeit. Mehrere derselben, wissen Sie, sind nach dem Lateinischen in Musik gesetzt; ich wollte, daß auch aus den für uns nicht ganz brauchbaren Oden alle rein menschliche Strophen, alle beruhigende, tröstende, aufheiternde Sprüche und Empfindungen latein componirt würden. Stellen aus Virgil desgleichen. Ich erinnere mich aus Luther, daß ihm einige Worte der sterbenden Dido in der Musik einen unvergeßbaren Eindruck gemacht hatten; wem würden nicht jene ewigen Sprüche der Alten, mit welchen sie im einfachsten, kräftigsten Ausdruck das Menschengemüth stärken, einen nach- und widertönenden Eindruck geben? Durch Musik ist unser Geschlecht humanisirt worden; durch Musik wird es noch humanisirt. Was dem Unmuthigen, dem Lichtlos-Verstockten die Rede nicht sagen darf, sagen ihm vielleicht Worte auf Schwingen lieblicher Töne. Wenn dies von Gesängen der Alten gilt, sollte es nicht viel mehr von Sprachen gelten, deren Genius uns vertraulicher und näher Laute des Trostes und der Weisheit zulispelt? Kein Zweifel. In den Dichtern der Italiener, Spanier, Gallier schlummern Töne, die, wenn sie durch Musik und Anwendung zur Weisheit des Lebens würden, Völker und Stände menschlich machen müßten. Auch in unsern lyrischen Dichtern sind Strophen, die der Sokratischen Schule würdig sind; warum leben sie so wenig im Ohr der Nation? warum schlafen sie mit ihren Erfindern vergessen im Staube? Die Ursache ist leicht zu finden: weil nur ein so kleiner Theil unsrer Nation cultivirt ist und bei einem andern die scheinbare Cultur zu einem falschen Schmuck fremder Ueppigkeit geworden ist. Wir wollen es uns nicht bergen; man spricht viel von Cultur und Aufklärung; man affectirt und fürchtet sie sogar, vielleicht weil man an sich selbst weiß, daß sie nicht tief geht, daß sie selten von rechter Art ist. Denn wirklich gebildete Gemüther , in dem Verstande, wie Griechen und Römer dies Wort uns zugebracht haben, können am Nutzen der ächten Bildung nicht zweifeln. Doch wo gerathe ich hin? Lassen Sie uns schnell zu unsrer Materie, zu dem unverfänglichen Wunsch nach Compositionen schöner Stellen aus lateinischen Dichtern zurückkehren! Oft, gar oft, wenn ich geistliche Musiken über lateinische Mönchsworte hörte, regte sich das Verlangen in mir, auch altrömische Stellen mit solcher Musik begleitet zu hören; und als in Reichardt 's »Todtenfeier auf Friederich« nach Lucchesini 's Worten altrömische Tugenden eine nach der andern auf des Unsterblichen Grab auch in Tönen sich zudrängten, ward der Wunsch aufs Neue in mir lebendig. Strophen aus Horaz (z. B. Buch I. Ode 7. V. 21–32; B. II. Ode 10. V. 13–24) oder ganze Stücke mit zweckmäßiger Abwechselung (wie vielleicht B. I. Ode 9, 24, 26; B. II. Ode 3, 11, 14, 16, 19, 20; B. III. Ode 2, 9, 21; B. IV. Ode 7; Epode 7) würden der Musik nothwendig den eigentümlichen Schwung geben, der ihr bei unsern verbrauchten Silbenmaaßen zu finden oft schwer wird. Der Hörer würde dadurch gewissermaßen in die römische Welt oder wenigstens in Zeiten seiner Jugend versetzt, in welchen er Horaz zuerst lieben lernte. Wie glücklich war überhaupt dieser Dichter! Nicht nur im Leben, sondern auch in der Reihe von Wirkungen, die ihm nach seinem Tode das Schicksal anwies. Die lyrischen Dichter der Griechen sind untergegangen; er fast allein hat uns mehrere Formen ihrer Gedanken, ihrer Empfindungen, ihres Ausdrucks, ihrer Silbenmaaße in seinen Nachbildungen gerettet; und was damit für ein Schatz gerettet sei, hat die Zeitfolge erwiesen. Die Pindarische Form, die Form der griechischen Skolien Tischlieder. – D. und Chöre war und blieb den Sprachen Europa's unanwendbar; in der Horazischen Form erhob sich die Ode, selbst zu einer Zeit, da die Nationalsprachen der europäischen Völker ungebildet dalagen. In allen Ländern schlossen sich die Geister des Gesanges dem Venusinischen Schwan an und drückten zuerst in der geliehenen lateinischen Sprache Gesinnungen aus, die sie in ihrer Landessprache noch nicht auszudrücken vermochten. Wie niedrig ist's, was Balde u. A. deutsch sangen! wie edler, wo sie das von Horaz geheiligte Werkzeug der Sprache anwenden konnten! Vgl. Herder's Werke, III. 221 f. – D. Ohne ihn hätten wir keinen Sarbievius , dessen Oden, von Götz u. A. wiederum in unsre Sprache übertragen, immer noch den römisch-griechischen Geist athmen. Ebendaselbst, S. 338 ff. – D. Gehen Sie in diesem Gesichtspunkt die Sammlungen durch, die Gruter Der » Deliciae poëtarum Germanorum, Belgarum, Gallorum, Italorum « in zehn Bänden unter dem Namen Rhanutius Gerus herausgab – D. u. A. von den lateinischen Dichtern der Italiener, Gallier, Belgen, Deutschen, Dänen, Schotten, Engländer u. s. w. gegeben haben; unter vielem Wortgeklingel werden Sie unstreitig wahre » delicias « finden. Jeder edlere Dichter vergaß gleichsam den Lauf der Dinge um ihn her; über die Vorurtheile seines Landes, seiner Secte, seines Ordens hinausgesetzt, mußte er gleichsam mit dem römischen Dichter auch römisch denken. Was späterhin in unsrer Sprache eben auch durch die Horazische Form geweckt und in ihr vorgetragen sei, darf ich Ihnen aus Klopstock, Götz, Uz, Ramler u. A. nicht anführen. Horaz ist Sänger der Humanität gleichsam vorzugsweise, die Form seiner Gedanken ist das erwählte Lieblingsmaaß der lyrischen Muse worden. O daß wir also schon Stellen, wie solche: Vitae summa brevis – Nil desperandum – Tu ne quaesieris – Felices ter et amplius – Quodsi Threïcio – Linquenda tellus – Aequam memento – Rebus angustis – Eheu fugaces – Tecum vivere amem, tecum obeam libens – in lateinischer Sprache componirt hörten! Hier eine von Sarbiev 's unschätzbaren Oden, auch in der Form des Römers: In dessen Lyrica , IV. 28. – D. An die Weisheit. Die Du, höchste Vernunft, weise die Schickung lenkst, Wie zuweilen der Ernst Deiner Verfügungen Uns ergetzet, ergetzen So die menschlichen Spiele Dich? Mit freigebiger Hand streuest Du Güter aus. Und wir raffen sie auf, wenn sie gefallen sind. Wie die Jugend die Nüsse Mit kurzweiligem Zanke rafft. Wer jetzt Kronen erhascht, bricht sie; wer Scepter kriegt, Sieht sie wieder entführt, eh er sie tragen kann. Welt! so schwankst Du, zerrissen Von den Händen der Mächtigen. Was das geizige Glück unter die Völker theilt, Ist ein Pünktchen. O laß, Weisheit, ich flehe Dir, Mich, indeß sie so zanken, Mit Dir lachen und fröhlich sein! ——— 36. Ein zweites Fragment aus der Handschrift Ionien handelt von der Humanität Homer's in Ansehung des Krieges und der Kriegführenden seiner Iliade . Lassen Sie es jetzt statt meines Briefes gelten! ——— Selbst in dem Heldengedicht, das größtenteils Thaten der Krieger besingt, dachte Homer über Krieg und Frieden menschlich . Nicht nur, daß er jenen so oft den thränenreichen, männerfressenden, verderblichen, harten, bösen Krieg nennt, er läßt keine Gelegenheit vorbei, ihn seiner Natur nach, mit allen begleitenden Uebeln, durch Thatsachen zu schildern. 1. Die Iliade beginnt mit einem Greise, der um seine geraubte liebe Tochter vergebens fleht; und bald wird es nicht verschwiegen, daß die Griechen alle benachbarten Küsten und Inseln geplündert, daß sie die neun Jahre her großentheils vom Raube gelebt haben. Schon fault das Holz an ihren Schiffen, die Seile vermodern: »Ihre Weiber daheim und unerzogene Kinder Schmachten, sie wiederzusehn.« Ilias, II. 136 f. – D. Daher denn, als Agamemnon ihnen den Vorschlag that, nach neun Jahren vergeblicher Arbeit wieder die Schiffe zu besteigen und »zu fliehn zum werthen Geburtsland,« Ilias, II, 140 – D so hatte er kaum das Wort gesprochen, als die Versammlung es in freudigem Ernst befolgte: »Der Staub stieg unter den Füßen der Männer Wallend empor, und Einer ermahnte den Andern zur Eile, Daß sie die Schiff' erreichten und bald ins Wasser sie zögen.« Daselbst, II, 150-152. – D Nur durch vieles Zureden und durch den gebietenden Stab des Königs konnte die kriegssatte Schaar wieder in die Versammlung, durch neue dringende Vorstellungen von Schande, Ruhm und Hoffnung wieder ins Feld gebracht werden. 2. Denn es hatte sich zur Last des Krieges auch die Plage der Pest gefunden; eben sie unterläßt Homer nicht im Anfange der Iliade schreckhaft zu zeichnen: »Die Völker aus Argos Fielen bei Haufen dahin; die scharfen Pfeile des Gottes Flogen tödtend umher im ganzen achäischen Kriegsheer, Daß man täglich die Leichen, gethürmt in Haufen, verbrannte.« Daselbst, I. 382-384, 52. Herder hat die Verse willkürlich verbunden – D Denn wem ist unbekannt, daß ansteckende Krankheiten das gewöhnliche Gefolge aller Kriegsheere sind und elender metzeln als das Schwert des Feindes? 3. Als die Göttin endlich im Busen der Griechen die Streitlust wieder erweckt, »Daß sie nach unablässigem Kampf und Schlachten sich sehnen,« und ihnen der Krieg wiederum viel süßer dünkt, »als vormals Ihnen die Rückfahrt schien zum werthen Lande der Heimath,« Daselbst, II. 451-454. – D will der Dichter dem blutigen Gefechte noch durch eine billige Auskunft zuvorkommen. Menelaus und Paris , deren Sache es eigentlich allein ist, um deren willen Menschen hingeopfert werden, sollen durch einen Zweikampf den Zwist entscheiden. »Ihn hörten mit Freude die Griechen und Trojer, Hoffend, das Ende zu sehn des Elend bringenden Krieges.« Daselbst, III. 111 f. – D 4. Da dies Mittel aber nicht gelang und die Heere gegen einander ziehen müssen, von wem läßt sie der Dichter empören? Die Trojer von Mars , den sein Vater Jupiter selbst späterhin also anredet: Ilias, V. 890–893. – D. »Wisse, Dich hass ich am Meisten von allen Bewohnern des Himmels; Denn Du findest nur Lust an Zank und Kriegen und Schlachten. Aehnlich bist Du der Mutter am unerträglichen Starrsinn, Der nie weichet und kaum von mir durch Worte gezähmt wird.« Die Griechen regt Pallas auf, und mit beiden Aufregern sind »Das Schrecken , die Furcht , die rastlos wüthende Zwietracht , Schwester des menschenverderbenden Mars und seine Gehilfin, Die erst klein sich immer erhebt, bis endlich ihr Haupt sich Hoch in Wolken verbirgt, indem sie die Erde bewandelt; Diese durcheilte die Heer' und säte zu beider Verderben Streitgier unter sie aus und mehrte der Krieger Getümmel.« Daselbst,IV. 440–445. – D. Sind diese Namen hier allegorische Kunstwerke? Gespenster sind's, die Homer eben deswegen schreckhaft einführt, weil durch Personen, die in bestimmten Umrissen erscheinen, die Wirkung nicht hervorzubringen war, die er hervorbringen wollte. So scheint er zu andrer Zeit den Zorn , die Schadenfreude , das schrecklich ergreifende Todesverhängniß zu personificiren, zu gleichem Endzweck, unsere Begriffe nämlich zu verwirren durch diese unumschriebenen Wortlarven. Der Zorn ist ihm wie ein Rauch, Daselbst. XVIII. 110. Herder faßt die Vergleichung irrig auf. Der Zorn lodert rasch doch auf, wie der Rauch rasch in die Höhe steigt. – D. und die Zwietracht erhebt sich gleichergestalt zwischen Himmel und Erde. Von allen Künstlerideen weggesehen, wie wahr und wie gräßlich! Aus einem Nichts entspringt die Zwietracht und wird in Kurzem unermeßlich. Nie umschrieben in ihrem Wesen, kommt sie vielleicht aus einer Kammer hervor und durcheilt Staaten, durcheilt Heere, sät Verderben und Streitgier umher, immer das Haupt in hohen, unabsehlichen Wolken verborgen. Selten wissen die Menschen, weshalb sie streiten; je länger aber, desto hartnäckiger hadern sie; denn von Schritt zu Schritt wächst die unersättliche Eris. 5. »Jetzo trafen sie nah auf einem Raume zusammen, Schild und Lanzen begegneten sich und Kräfte der starken Eisengepanzerten Männer. Es stießen die bäuchigen Schilde Wechselnd gegen einander, und ward ein schrecklich Getöse. Laut ertönte zugleich das Jammern und Jauchzen der Krieger, Schlagender und Erschlagner; es strömte von Blute die Erde.« Ilias, IV. 446–451. – D. Da sich Homer's Iliade einem großen Theil nach mit diesem Gemetzel beschäftigt, so wird das Menschengemüth des Dichters hier vorzüglich fühlbar. Seine Todte läßt er nie als Thiere fallen; er bezeichnet, so viel er kann, in einigen Versen als Menschenfreund ihr trauriges Schicksal. Dieser wird nie mehr zu seinen geliebten Eltern, zu seinen Brüdern, seiner Gattin, seinen Kindern wiederkehren; Jener hat Reichthum, Wohlstand, eine glückliche Ruhe verlassen, die er nie mehr genießen wird. Einen Andern zeichnet er als Künstler, als einen geschickten, schönen, gottbegabten Mann; seine Kunst ist dahin, seine Schönheit verwelkt, der Götter Gaben werden mit der Asche begraben. Jenen hat falsche Hoffnung, eine trügliche Weissagung ins Feld gelockt; der Tod ergreift ihn, schwarze Nacht umhüllt sein Auge. Und ferner. Mehrere dieser Erinnerungen sind so zart, daß sie Inschriften zu den Grabmälern der Erschlagenen sein könnten, wenn arme Kriegserschlagene Grabmal und Urne erhielten. 6. Merkwürdig ist hiebei, daß Homer dieses zärtliche Andenken am Meisten den Trojanern schenkt. Er, ein Grieche, der den Ruhm griechischer Helden verewigen wollte, war zugleich ein Asiat, ein Ionier, ein Mensch, und ich möchte sagen ein Bedaurer des Trojanischen Schicksals. Weit entfernt von der barbarischen Kleinmuth, seine Feinde verunglimpfend zu belügen, zeichnet er ihr zarteres Gemüth, die größere Weichlichkeit ihres Klima, ihre Familienneigungen, ihre Künste, ihr Wohlbehagen zu Friedenszeiten in Zügen, an denen sich offenbar das Auge des Dichters selbst ergetzte. Die armen Trojaner sind ihm eine Heerde Schafe, die von Wölfen angefallen wird; Daselbst, XVI. 352 ff. – D. unter ihnen sind viele fremde Bundsgenossen, die am Schicksal der bedrängten Königsstadt nur aus nachbarlichem Mitleid Theil nehmen. Uns den inneren Wohlstand Troja's zu zeigen, unser Herz für die Bedrängten mitfühlend zu machen, führt er seinen edlen Hektor im Anfange des Treffens in die Stadt zurück. Er zeigt uns Priamus' und seiner Söhne Wohnungen, zeigt uns die Helena selbst in einer zwar erniedrigten, aber nicht unwürdigen Gestalt; so die Aeltesten der Stadt, so endlich Andromache und ihr Kind. Rührender ist wol kein Abschied geschildert worden, als den Hektor von ihnen Beiden nahm; und es ist eine Ueberkritik der Grammatiker, daß in der Andromache Rede einige Verse zu allgemein und zu viel sein sollen. Ilias, VI. 433–439 verwarfen die Alexandrinischen Grammatiker mit vollem Rechte. – D. Bei dem Dichter spricht sie im Namen aller Trojanischen Frauen, für sie und ihre verwaisten, gefangenen Kinder. Auch hat sich Homer wohl gehütet, uns die Unthaten selbst zu erzählen, die dieser traurige Abschied nur vorahnt, ob sich gleich der Grund seiner ganzen Odyssee, die unglückliche Rückfahrt der Griechen, großenteils auf sie bezog. Weder mit der Gräuelthat des Ajax vor dem Bilde der Pallas, noch mit des Priamus, der Polyxena und Andrer unwürdigem Morde hat seine Muse sich befleckt; die Künstler und tragischen Dichter nahmen ihre Vorstellung dieser Scenen aus andern sogenannten cyklischen Dichtern. Hektor's letzter Gang nach Troja ist bei Homer in jedem Schritte groß und heilig. Der Edle will die zornige Göttin versöhnen und seine geliebte Vaterstadt entsündigen; daher er auch den Missethäter Paris ins Feld fordert, bis am Skäischen Thore endlich, an diesem Unglücksorte, der traurige Abschied die Scene endet. Vielmehr trifft dort Paris noch mit Hektor zusammen (VI. 514-529). – D. Homer war Keiner von Denen, die ihrem Lieblingshelden die ganze Welt aufopfern. Seinen Achilles kleidet er in gottähnliche Größe, Hektor dagegen in alle Würde und Zierde des Vertheidigers seiner Geburtsstadt. Beide Helden konnten in dem menschenverderblichen Kriege nicht auf einmal glänzen; indeß Jener also einige Tage ruht, läßt er Diesen sein Glück aufs Höchste treiben, bis er durch Anlegung der Waffen Achill's die Nemesis reizt und dem Tode ein Opfer dasteht. So übertrieb Patroklus seine Bestimmung und sank, nicht von Hektor, sondern zuerst von Apollo selbst rückwärts getroffen, daß Achill's Waffen von ihm fielen. So sollte, hinter Homers Iliade, Achilles, da sein Ziel erreicht war, auch sinken. Das Schicksal aller Dreien, der edelsten Männer, ist in einander verwebt, und der Tod Eines ein Verkündiger vom Tode des Andern. Im Leben und Tode ehrt Jupiter den Hektor. Da er vom Zorn der Juno ihn nicht erretten kann, opfert er seinen eignen geliebten Sohn Sarpedon mit ihm zugleich auf, und seinen Leichnam entzieht er der Rache Achill's auf die edelste Weise. Und wie den Hektor, so hat Homer den alten Priamus und alle seine Kinder geehrt. Deiphobus Soll »Helenus« heißen. Vgl. Ilias, VI. 76; VII. 44 f. – D. ist vom Apoll begeistert, wie Keiner im griechischen Heere; selbst Paris' Vorzüge werden bei allem Tadel, der ihm gebührt, nicht verschwiegen. 7. Warum untersagt Priamus bei dem Begräbniß der Erschlagenen seinem Heer die weinende Trauerklage? Ilias, VII. 427. Der Vers fällt in eine große Einschiebung. – D. Offenbar lag dies Verbot in der Situation der Trojaner. Sie, eine Versammlung asiatischer, weicherer Völker, an die laut weinende Trauerklage mehr noch als die Griechen gewöhnt, sie, die in der Nähe ihrer Verwandten, Kinder und Weiber, vor Troja's Mauern ihre nächsten Freunde und Landsleute bestatten und in ihrem Tode ihr eignes Schicksal voraussahen, sie hatten ein solches Verbot nöthiger als die härteren Griechen, die der angreifende Theil waren und fern von den Ihrigen nur ihre Mitstreiter begruben. Um Patroklus' Leiche weinen die Griechen, insonderheit die Myrmidonen, am Heftigsten Achilles; auch Brisels weint und die übrigen Weiber, letzters aber »Um Patroklus zum Schein, im Grund' um eigenes Elend.« Daselbst, XIX. 302. – D. 8. Noch mehr zeigt die Menschlichkeit Homer's sich in der Weisheit, mit der er über das Schicksal des Krieges dachte. Alles Kriegsunglück läßt er durch Fehler entstehen, durch Fehler und Leidenschaften der Götter und Menschen. Das alte Troja wird vom Jupiter dem Eigensinn eines unversöhnlichen Weibes aufgeopfert, die eine Reihe ihrer Lieblingsstädte hingeben will, wenn Jupiter hier nur ihren Willen erfüllt. Die keuscheste, stolzeste Göttin erröthet nicht, ihre Umarmung zum Netz des Betruges zu machen, aus tiefem Groll lieblos Liebe zu heucheln, mit geborgtem Schmuck an offnem Tage aus der Gattin eine berückende Buhlerin zu werden, nur damit einige Trojaner mehr bluten, indeß ihr bestochener Kümmerling, der Schlaf, dem schicksalwägenden Gott die Augen zuschließt. Das Aeußerste der Rache eines Weibes! Gegen Troja stehen zwei Weiber, für Troja zwei Männer; wer zweifelt, wenn es auf Haß ankommt, welche Partei zum Ziel gelangen werde? Ging es in den hartnäckigsten Kriegen der Erde je anders? In der menschlichen Scene hangen, wie vorher gezeigt worden, der Griechen Unfälle bei Homer lediglich vom Stolz und Wahn des Königes ab, dem keiner der rathgebenden Fürsten sich zu widersetzen getraute. Ein falscher Traum ist seine belehrende Gottheit; sonst erscheint ihm keine, deren mehrere doch Andern erscheinen, während der ganzen Iliade. Dieser falsche Traum heißt Dünkel , dem Agamemnon, schon seinem Namen nach ein Jupiter auf Erden, zum Verderben seines Volkes gehorcht. Den ältesten Rathgeber besticht er damit, daß der Traum in seiner Gestalt erschienen sei; andre Fürsten schweigen oder wetteifern thöricht mit Achilles' Ruhme. So kommt durch Einen, durch Wenige das ganze Heer an den Rand des Abgrundes. Zu spät wird gesprochen, zu spät geweint; und unter diesem Allen ist und bleibt Agamemnon der sorgsamste Hirte der Völker. O Homer, so oft ich von Neuem Deine Iliade lese, finde ich in ihr neue Züge der ordnenden Weisheit, Klugheit und Menschenliebe, mit der Du wilde Verhältnisse eines rohen Zeitalters erzählst. Und keine Lehre, keine Warnung entfließt Deinen Lippen, als ob sie die Deinige wäre; jedes Laster, jede Thorheit, jede Leidenschaft selbst lehrt und warnt. ——— Diderot über die Einfalt in Homer. Aus der Abhandlung: » De la poésie dramatique «, hinter der Komödie: » Le père de famille «, S. 276 ff. der Ausgabe Amsterdam 1572. – D. »Die Natur hat mir Geschmack an der Einfalt gegeben, und ich bemühe mich, diesen Geschmack durch das Lesen der Alten vollkommner zu machen. – O mein Freund, wie schön ist die Einfalt! Wie übel haben wir gethan, uns davon zu entfernen! »Wollen Sie hören, was der Schmerz einem Vater eingiebt, der jetzt seinen Sohn verloren hat? Hören Sie den Priamus! – Wollen Sie wissen, wie sich ein Vater ausdrückt, der dem Mörder seines Sohns fußfällig fleht? Hören Sie eben den Priamus zu den Füßen des Achilles! – »Was ist in diesen Reden? Kein Witz, aber so viel Wahrheit, daß man fast glauben sollte, man würde ebensowol als Homer darauf gefallen sein. Wir aber, die wir die Schwierigkeit und das Verdienst, so einfältig zu sein, ein Wenig kennen, mögen diese Stellen nur lesen, mögen sie mit Bedacht lesen und hernach alle unsre Schreibereien nehmen und ins Feuer werfen. Das Genie läßt sich fühlen, aber nicht nachahmen.« ——— Was Diderot hier von Homer's Einfalt sagt, möchte ich von seiner Humanität sagen. Man lese seine Beschreibungen des Todes der Erschlagnen, man lese Hektor's Abschied von seinem Weibe und Kinde; man bemerke jeden Zug, mit dem der Dichter des Achill's erwähnt, insonderheit wenn er ihn selbst redend einführt, auch was er hie und da über das Glück und Unglück des menschlichen Lebens, über Reichthum, Ehre, Adel der Seele und des Geschlechts, über Gerechtigkeit, Tapferkeit, Geduld, Weisheit, Mäßigung, Sanftmuth, Gastfreundschaft, Verschwiegenheit, Treue, Wahrheit, über die Verehrung der Götter, die Ergebung in den Willen des Schicksals , und die ihnen entgegengesetzten Thorheiten und Laster einstreut: welch eine Schule der Humanität ist in ihm! ——— 37. Lessing 's »Emilia Galotti« hat mich wieder einmal ins Theater gelockt; wie zufrieden, ja gesättigt bin ich hinausgegangen! Ein Theaterstück muß gesehen, nicht gelesen werden; denn wenn es ist, was es sein soll, so ist ja eben auf die Vorstellung Alles berechnet. Ich kann mir nicht einbilden, daß, wenn Stücke dieser Art, aber auch keine andre als solche, wöchentlich nur einmal, auf die leidlich vollkommenste Weise gegeben würden, und diese Stücke lauter Stände und Situationen unsrer Welt, wie dieses, enthielten, das Publicum ungebildet, unerleuchtet bleiben könnte. Bei der zweiten Ausgabe des Diderot 'schen »Theaters« bezeugte Lessing diesem Schriftsteller öffentlich seine Dankbarkeit als dem Manne, der an der Bildung seines Geschmacks großen Antheil habe. »Denn,« fährt er fort, »es mag mit diesem auch beschaffen sein, wie es will, so bin ich mir doch zu wohl bewußt, daß er ohne Diderot 's Muster und Lehren eine ganz andre Richtung würde bekommen haben. Vielleicht eine eignere, aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Verstand zufriedener gewesen wäre,« und setzt sodann weiter den Einfluß ins Licht, den Diderot 's Stücke, insonderheit sein »Hausvater«, auf das deutsche Theater gehabt habe. Sie wissen, wie viel Diderot darauf hielt, daß Stände aufs Theater gebracht werden sollten, und was Lessing in seiner »Dramaturgie« dabei zu erinnern fand. Natürlich können Stände ohne bestimmte Charaktere auf dem Theater keine Wirkung thun; aber bilden sich die Charaktere der Menschen nicht in und nach Ständen? und welcher Stand hätte auf den Charakter mehr Einfluß als der Stand eines Prinzen? Hier hatte also Lessing ein weites Feld, das philosophische Allgemeine , dadurch Aristoteles die Poesie von der nackten Geschichte unterscheidet, als Philosoph und Dichter zu bearbeiten. Er zeigt den Charakter des Prinzen in seinem Stande, den Stand in seinem Charakter, beide von mehreren Seiten, in mehreren Situationen. Nicht nur bringt er den Prinzen in seiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung mit den verschiedensten Personen, Männern und Weibern, mit Künstler und Kanzler, Kammerherr und Kammerdiener, mit einer Geliebten, die er jetzt nicht geliebt haben, und einer andern, die jetzt von ihm eben nicht geliebt sein will, mit dem Vater, der Mutter, dem Bräutigam derselben, ja mit sich selbst in Gespräch und Handlung; er unterläßt auch keine Gelegenheit, in jeder dieser Situationen eigentlich nach dem Ringe zu rennen und, wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, das Prinzliche dabei zu charakterisiren. Niemand wird unverschämt gnug sein, deshalb das Stück eine Satire auf die Prinzen zu nennen; denn nur dieser Prinz, ein italienischer, junger, eben zu vermählender Prinz ist's, der sich diese Spaße giebt und bei Marinelli andre zuläßt. Auch ist sein Stand, seine Würde, selbst sein persönlicher Charakter in Allem zart gehalten und mit wahrer Freundlichkeit geschont. Am Ende des Stücks aber, wenn der Prinz sein verächtliches Werkzeug selbst verachtend von sich weist und dabei ausruft: »Gott! Gott! – Ist es zum Unglücke so Mancher nicht genug, daß Fürsten Menschen sind? Müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?« und die unschuldige Braut dabei im Blut liegt, der Vater, ihr Mörder, sich eben vor diesen Fürsten als vor seinen Richter stellt, Marinelli, der Unterhändler dieses Gewerbes, sich noch bedenkt, den Dolch aufzuheben: wer ist, dem, wenn in solcher Situation der Vorhang sinkt, nicht noch andre Gedanken, außer dem, den der Prinz sagt, in die Seele strömen? Nothwendig fragt man sich: »Wie wird das Gericht über den alten Odoardo ablaufen? Wie lange wird Marinelli entfernt sein? d. i. wie bald wird er, wenn sein Dienst abermals brauchbar ist, wiederkehren?« u. s. w. Es ist vielleicht das höchste Verdienst der Poesie, insonderheit des Drama, Stände und Charaktere aller Art, wenn mir das niedrige Gleichniß erlaubt ist, an dem feinsten Spieß aufs Langsamste am Feuer eigner Thorheiten, Neigungen und Leidenschaften umzuwenden. In der Seele des Zuschauers werden diese Stände und Charaktere dadurch gar oder, mit einem edleren Ausdruck, geründet . Man sieht, was an der Figur Ernst oder Scherz, Wort oder That ist; man blickt auf den Grund hinunter und greift das Beständige oder Unstatthafte ihres Charakters, ihre Versatilität und innere Ehrlichkeit gleichsam mit Händen. Die alte Tragödie ging darauf hinaus, durch Darstellung unerwartet schrecklicher Königsunfälle und Katastrophen die Urtheile der Menschen zu berichtigen, ihre Grundsätze zu sichern und das poco più und poco meno der Leidenschaften, der Furcht und des Mitleids dem Zuschauer auf ächter Wage vorzuwagen. Die neuere Tragödie, wenn sie gleich ihren Bogen nicht so scharf spannen und ihre Keule so rasch schwingen kann als die alte, hat dennoch mit ihr einerlei Endzweck. Sie spricht zum innersten Gefühl, zur treuesten Ehrlichkeit des Menschen; die Uebelthat kann sie auch jenseit der Gesetze verfolgen, so wie das Lustspiel die Thorheit auch jenseit der Gesetze straft. Beide sind Sprecherinnen vor dem erhabensten Richterstuhl unsers Geschlechts, vor der Humanität selbst, und ventiliren, bescheinigen und gegenbescheinigen vor ihr auf die schärfste, freieste Weise. Lessing kannte diesen Proceß über die innere Ehrlichkeit eines Charakters aufs Genaueste; sein Tellheim ist ein von allen Seiten geprüfter, militärischer Charakter; Alles, was um ihn steht, was ihm begegnet, sichtet ihn das ganze Stück hindurch moralisch. Wen solche Komödien und Trauerspiele nicht bearbeiten können, der möchte durch Worte schwerlich zu bearbeiten sein. Man rückt Lessingen vor, daß er die zarteste Weiblichkeit, das über allen Ausdruck Reizende je ne sais quoi des schönen Geschlechts nicht gekannt und solches ebensowol in der Emilie als der Minna, der Recha als der Orsina verfehlt habe. Sie sind, sagt man, bei ihm Kinder oder Männer, Helden oder schwache Geschöpfe. Ich kann über diesen Punkt nicht entscheiden. Sollte es aber keinen Unterschied geben, wie ein weiblicher Charakter im Roman und auf der Bühne erscheinen darf? Das neuere Theater ist bei allen Völkern Europa's, vorzüglich Spaniern und Franzosen, aus romanhaften Erzählungen und Sitten entstanden; sollte es diese nicht ablegen dürfen? ja, sollte es sie endlich nicht ablegen müssen, da diese fremde Schminke aus der wirklichen Welt theils schon verbannt ist, theils in Manchem offenbar ihrer Verbannung zueilt? Das Theater der Alten kannte diese romantische Schminke nicht, und doch waren ihre Weiber Weiber. Wie dem auch sei, in diesem Stück getraute ich mir den Charakter der Emilie, Orsina, geschweige der Claudia völlig vertheidigen zu können; ja, es bedarf dieser Vertheidigung nicht, da sich hier Alles in der Sphäre eines Prinzen, um seine Person, um seine Liebe, Treue und Affection dreht. Wer kennt die Uebermacht dieses Standes beim schönen Geschlechte nicht? und wer darf es der Emilie in diesen Augenblicken einer solchen Situation verargen, wenn sie den Dolch ihres Vaters einer künftigen Gefahr vorzieht? Das flatternde Vögelchen (verzeihen Sie das naturhistorische Gleichniß!) fürchtet nicht etwa nur den anziehenden Hauch der nahen, großen, glänzenden Schlange; es fühlt denselben schon, sieht ihren auf sie gerichteten Blick – oder ohne Gleichniß, sie glaubt sich schon umschlungen von tausend feinen Netzen liebenswürdiger Eigenschaften, weiß, wie der Prinz ihre Empfindungen der Religion selbst vorm Altar störte, und wagt wie eine Heilige den Sprung in die Fluth. Wie verstandvoll hat Lessing das Herz der Emilie mit Religion verwebt, um auch hier die Stärke und Schwäche einer solchen Stütze zu zeigen! Wie überlegt läßt er den Prinzen sie am heiligen Ort aufsuchen, sie in der Kapelle vor aller Welt anreden, und stellt die schwache Mutter, den strengen grollhaften Fürstenfeind Odoardo neben sie. Ihr Tod ist lehrreich schrecklich, ohne aber daß dadurch die Handlung des Vaters zum absoluten Muster der Besonnenheit werde. Nichts weniger! Der Alte hat ebensowol als das erschrockene Mädchen in der betäubenden Hofluft den Kopf verloren; und eben diese Verwirrung, die Gefahr solcher Charaktere in solcher Nähe wollte der Dichter schildern. So erlaube ich auch der Orsina, die nothwendig mit Mäßigung gespielt werden muß, ihre Verhöhnung des Marinelli, selbst ihre höllische Phantasie im siebenten Auftritte des vierten Acts. Wenn sie nicht den Mund öffnet, wer soll ihn öffnen? Und sie darf's, die gewesene Gebieterin eines Prinzen, die in seiner Sphäre an Willkür gewöhnt ist. Als eine Beleidigte, Verachtete muß sie anjetzt übertreiben und bleibt in der größten Tollheit die redende Vernunft selbst, ein Meisterwerk der Erfindung. So auch das Uebereilen des Plans, das Hineintappen des Prinzen und vor Allem seine unbescholtene Rechtfertigkeit, Alles veranlaßt, gebilligt und am Ende doch, nachdem der Plan verunglückt, nichts befohlen, nichts gethan zu haben. In wenigen Tagen, fürchte ich, hat er sich selbst ganz rein gefunden, und in der Beichte ward er gewiß absolvirt. Bei der Vermählung mit der Fürstin von Massa war Marinelli zugegen, vertrat als Kammerherr vielleicht gar des Prinzen Stelle, sie abzuholen. Appiani dagegen ist todt; Odoardo hat sich in seiner Emilie siebenfach das Herz durchbohrt, so daß es keines Bluturtheiles weiter bedarf. Schrecklich! Als ich voll dieses Eindrucks nach Hause kam, fiel Diderot mir in die Hand, und zwar folgende Stelle: Die folgende Stelle ist aus der S. 163, in der Note, angeführten Abhandlung: » De la Poésie dramatique «, S. 232–235, genommen. – D. »Der Schauplatz Bei Diderot steht: » Le Parterre de la Comédie « ist der einzige Ort, wo sich die Thränen des Tugendhaften und des Bösen vermischen. Hier läßt sich der Böse wider Ungerechtigkeiten aufbringen, die er selbst begangen hätte; hier hat er bei Unglücksfällen Mitleiden, die er selbst veranlaßt hätte; hier ergrimmt er gegen Personen von seinem eigenen Charakter. Aber der Eindruck ist geschehen, und er bleibt, auch wider unsern Willen; der Böse geht also aus dem Schauplatze Diderot: » de sa loge «. – D. weit weniger geneigt, Uebels zu thun, als wenn ihm ein ernster und strenger Redner eine Strafpredigt gehalten hätte. »Der Dichter, der Romanschreiber, der Schauspieler dringen verstohlnerweise ans Herz und treffen es um so gewisser und stärker, je weniger es den Streich vermuthet, je mehr Blöße es folglich giebt. Die Unglücksfälle, durch die man mich rührt, sind erdichtet: was thut das? Sie rühren mich doch. Jede Zeile in dem »Ehrlichen Manne, der sich der Welt entzogen«, im »Dechant von Killerine«, im »Cleveland« erregt in mir ein zärtliches Teilnehmen an den Unglücksfällen der Tugend und kostet mich Thränen. Könnte es eine unseligere Kunst geben als die, die mich zum Mitschuldigen des Lasterhaften machte? Aber wo ist auch eine schätzbarere Kunst als die, die mich unvermerkt für das Schicksal des rechtschaffenen Mannes einnimmt, die mich aus der ruhigen und süßen Fassung, in der ich mich befand, reißt, um mich mit ihm umherzutreiben, mich in die Höhlen zu versetzen, in die er flüchten muß, mich zum Mitgenossen der Unfälle zu machen, durch die es dem Dichter beliebt, seine Beständigkeit auf die Probe zu stellen? »Wie sehr ersprießlich würde es für die Menschen sein, wenn sich alle Künste der Nachahmung einen gemeinschaftlichen Gegenstand wählten und sich einmal mit den Gesetzen dahin verbänden, uns die Tugend liebenswürdig und das Laster verhaßt zu machen! Des Philosophen Pflicht ist es, sie dazu einzuladen; er muß sich an den Dichter, an den Maler, an den Tonkünstler wenden und ihnen auf das Nachdrücklichste zurufen: »O Ihr von höheren Fähigkeiten, warum hat Euch der Himmel begabt?« Wird er gehört, so werden gar bald die Mauern unsrer Paläste nicht mehr von Gemälden der schändlichsten Wollust bedeckt sein; unsre Stimmen werden nicht länger die Verkündigerinnen des Lasters sein, und Geschmack und Tugend werden dabei gewinnen. – »Ich habe manchmal gedacht, daß man gar wohl die wichtigsten Stücke der Moral auf dem Theater abhandeln könnte, ohne dadurch dem feurigen und reißenden Fortgange der dramatischen Handlung zu schaden. – »Nicht Worte, sondern Eindrücke will ich aus dem Schauplatze Diderot: » du théâtre «. – D. mitnehmen. – Das vortrefflichste » Le poëme excellent « steht im Französischen. – D. Gedicht ist dasjenige, dessen Wirkung am Längsten in mir dauert. »O dramatische Dichter! Der wahre Beifall, nach dem Ihr streben müßt, ist nicht das Klatschen der Hände, das sich plötzlich nach einer schimmernden Zeile hören läßt, sondern der tiefe Seufzer, der nach dem Zwange eines langen Stillschweigens aus der Seele dringt und sie erleichtert. Ja, es giebt einen noch heftigern Eindruck, den sich aber nur Die vorstellen können, die für ihre Kunst geboren sind und es vorauswissen, wie weit ihre Zauberei gehen kann: Diderot: » si vous présentez toute la magie «. – D. diesen nämlich, das Volk in einen Stand der Unbehäglichkeit zu setzen, so daß Ungewißheit, Bekümmerniß, Verwirrung in allen Gemüthern herrschen, und Eure Zuschauer den Unglücklichen gleichen, die in einem Erdbeben die Mauern ihrer Häuser wanken sehen und die Erde ihnen einen festen Tritt verweigern fühlen.« ——— 38. Als Swift über »Gulliver's Reisen« brütete, schrieb er an Pope : »Ich habe ganze Nationen, ganze Professionen und Zünfte immer gehaßt; meine Liebe geht nur auf einzelne Personen. Z. B. ich hasse die Zunft der Rechtsgelehrten, aber ich liebe den Rath N., den Richter N. N. So habe ich's, von meiner eignen Profession nichts zu sagen, mit den Aerzten, mit den Soldaten, den Engländern, Schotten, Franzosen u. s. w. Vornehmlich aber hasse und verabscheue ich das Geschöpf, der Mensch genannt, obschon ich den Johann, den Peter, Thomas u. s. w. von Herzen liebe. An dieses System habe ich mich, unter uns gesagt, nun viele Jahre her gehalten und werde mich immer daran halten. Ich habe Materialien zu einer Abhandlung gesammelt, welche zeigen soll, daß man den Menschen unrecht durch ein vernünftiges Thier definirt, und daß man blos ein vernunftfähiges Thier setzen sollte. Auf dies starke und feste Fundament der Misanthropie, wiewol nicht nach Timon 's Manier, gründet sich das ganze Gebäude meiner Reisen; und ich werde nimmer ruhig sein, bis alle ehrliche Leute hierüber meiner Meinung sind. Die Sache ist so klar, daß sie keinen Widerspruch leidet; ja, ich will Hundert gegen Eins setzen, daß Sie und ich in dem Punkte übereinstimmen.« Diese Uebereinstimmung war ein freundschaftlicher Wahn oder ein Compliment, das der von seiner Meinung durchdrungene Swift sich selbst machte. Pope schien ihm Recht zu geben, äußerte aber zugleich, daß er Maximen schreiben wollte, die Rochefoucault 's Grundsätzen insgesammt entgegengesetzt wären; wogegen Swift in noch härteren Ausdrücken den Rochefoucault , als seinen Liebling, in welchem er seinen ganzen Charakter gefunden, heftig in Schutz nimmt. Bei Swift nämlich war diese Menschenfeindschaft nicht witzige Laune, sondern ein bittrer Ernst, wie seine Schriften, wie sein Leben es zeigt. Er hatte einen so tiefen Groll gegen die menschliche Gesellschaft gefaßt, daß selbst seine Menschenfreundschaft, seine strenge Sorge für die von der Natur und dem Staat verwahrlosten Unglücklichen sich in dies rauhe Gewand kleidete; er schien ein Zuchtmeister, auch wenn er ein wohlwollender Freund war. Es hieße Worte verschwenden, wenn man über das von Swift aufgestellte Paradoxon in der Form disputiren wollte; Jedermann sieht, was in ihm wahr oder übertrieben sei. Eine andre, oft aufgeworfene Frage: ob es besser sei, von den Menschen zu gut oder zu schlimm zu denken, d. i. den Menschen zu schmeicheln oder sie mit Schärfe zu behandeln, führt, wie mich dünkt, ihre Auflösung auch mit sich. Man muß Keins von Beiden, und eben hierin besteht die Philosophie und Kunst des Lebens. Alle Uebertreibungen sind ebenso unwahr als schädlich; meistens fallen sie auch zusammen und lösen einander auf. Young z. B., der in seiner Schrift »Ueber die Originalwerke« den armen Swift heftig und in der Gestalt des Menschenfreundes selbst menschenfeindlich angriff, hat sich gegen das von ihm verehrte Geschlecht ebenso versündigt, da er ihm in seinem jetzigen Zustande die Würde des Seraphs anschmeicheln, als Swift , da er es zum Yahoo erniedrigen wollte. Vgl. Herder's Werke, II. S. 291. – D. Jener, um sein System zu verfolgen, ward gezwungen, den Lorenzo zu einem Teufel zu machen, damit der erdichtete Engel in sein Licht träte; Dieser mußte seine vernünftigen Pferde mit allen Vollkommenheiten schmücken, die er doch nur im Menschengeschlecht kannte. Dem guten Rousseau ist es in seinen Uebertreibungen nicht anders gegangen; in der Phantasie ein Idealist fürs Gute, mußte er in einzelnen Urtheilen und im Betragen des Lebens ein leidendes Kind werden. Zwischen zwei Aeußersten giebt es keinen andern Weg der Vernunft und Rechtschaffenheit als die Mittelstraße. Man sage so viel Gutes, man schreibe so viel Böses vom Menschen, als man wolle, lediglich kommt's auf den Gebrauch an, den man von beiderlei Urtheilen macht, wie man sie durch thätige Güte und Weisheit zusammen vereint. Das edlere Schauspiel der Griechen hatte zum Zweck, zwischen beiden Extremen eine weise und tugendhafte Mitte im Menschen zu befestigen; o, hätten wir Menander's und Philemon's Schauspiele! Die übriggebliebenen wenigen Stellen und Sprüche zeigen, daß in ihnen der Mensch von allen Seiten betrachtet und zur Lehre aufgestellt worden, wie es denn auch Terenz, der halbirte Menander , Wie ihn Cicero nannte. – D. klar an den Tag legt. Sprüche aus Philemon. Herder nahm diese 32 Sprüche aus der Sammlung der Bruchstücke des Menander und Philemon von Clericus (Le Clerc), und zwar sämmtlich aus den ohne Angabe des Stückes angeführten. In des Hugo Grotius » Excerpta ex Tragoediis et Comoediis Graecis « finden sich nur 14 derselben. Der Spruch: »Den Armen hass' ich« gehört eigentlich dem Menander an, ward aber, nach dem Vorgange von Grotius, von Clericus irrig dem Philemon zugeschrieben. – D. Beschwerlich ist ein unverständiger Zuhörer; vor Dir sitzend, tadelt er Aus Thorheit nie sich selbst. ——— Viel leichter, eine Krankheit, als den Gram Ertragen. ——— Der Seele Kummer wird durch Rede leicht. ——— Wer unter uns dort außerhalb der Stadt Der Menschen Gräber sieht, der sage sich: »Auch Jeder Dieser sprach einst zu sich selbst: »Ich werde, wenn die Zeit kommt, schiffen, pflanzen, Die Mauer brechen und besitzen.« Jetzt Besitzen sie ein Grab.« ——— Ihr Götter, welch ein wohlgeartet Thier Ist eine Schnecke! Kommt auf ihrem Gange Sie einem bösen Nachbar nah, sie hebt Ihr Haus und wandert weiter. Darum wohnt Sie sorgenlos, weil sie die Bösen immer flieht. ——— Er ist ein Knecht, hat aber Fleisch und Blut Wie Du; denn Keiner ward durch die Geburt ein Knecht; Unglücklich Schicksal macht zum Sclaven nur. ——— Ein böser Diener wird der Strafe nicht entgehn, Du aber sei der Strafe Büttel nicht! ——— Dein Wort, o Freund, hat Deine schöne That Geschmäht; des Reichen That hat Bettlers Wort vernichtet Rühmst Du die Gabe selbst, die Du dem Freunde gabst, So warst in Thaten Du ein Feldherr und im Wort Ein Mörder. ——— Sprich nicht: »Das will ich geben.« Denn wer spricht, Der giebt noch nicht und hindert Andrer Gaben. ——— Mit rechter Unterscheidung gieb und nimm! ——— Das kleineste Geschenk, es wird das größeste, Wenn Du's wohlmeinend giebst. ——— Den Armen hass' ich, der dem Reichen schenkt; Er schilt das Glück die Unersättliche. ——— Sei einem Alten, der da fehlt, nicht hart! Ein alter Baum ist zu verpflanzen schwer. ——— Im Alter kommt der Reichthum uns zu gut; Er führt den Alten glücklich an der Hand. ——— Was grämest Du Dich, Freund? Du weißt es ja, Daß, eben wenn das Glück den Menschen lacht, Zu jedem Unglück es die Pforte finde. Auch über Keines Unglück freue Dich! Denn Alles mischt und kehrt das Schicksal um. ——— Nie schilt das Glück! Du weißt, zu böser Zeit Gehn auch der Götter Sachen selbst nicht wohl. ——— Gesundheit ist mein erster Wunsch, der zweite Glück im Geschäft, der dritte Freude, dann Noch einer: Keinem je verpflichtet sein! ——— Erst sieht, bewundert, dann betrachtet man Und fällt in Hoffnung und zuletzt in Liebe ——— »Sag an, wie soll ich Gott gedenken mir?« Daß er , der Alles sieht, unsichtbar sei. ——— »Was machst Du, Syra? Wie befind'st Du Dich?« Kannst Du noch also fragen einen Greis? Im Griechischen steht: »einen Greis oder eine Greisin «, da die sprechende Syra eine alte Frau ist. – D. Ein Greis ist nimmer wohl. Man sagt mit Recht, Und kann es sagen: »Auch der Tod ist gut.« ——— »Was ist es denn? warum will er mich sehn?« Ist's, wie die Kranken, wenn der Schmerz sie quält Und sie den Arzt erblicken, besser sind? So der Betrübte: siehet er den Freund Nur neben sich, gleich lindert sich sein Gram. ——— Auf Erden lebt kein Mensch, nicht Einer lebt, Der Böses nicht erfuhr, wie oder noch Erfahren wird. Nur wer, was ihm begegnet, Aufs Leichtste nimmt, nur der ist weis' und glücklich. ——— Erkenne, was der Mensch ist! und Du wirst Doch glücklich sein. Hier hörst Du Einen todt, Dort ist ein Anderer geboren; Diese Gebar nicht, Jenem ging es übel; Der Hat Husten, Jener weint. Das Alles bringt Die Menschheit mit sich; fliehe nur den Gram! ——— Viel Unglück ist in vielen Häusern, das, Wenn man es gut erträgt, uns Gutes bringt. ——— Der Menschen viele machen sich das Uebel Noch größer, als es ist. Dem starb ein Sohn, Dem eine Mutter, Dem, beim Jupiter! Gar ein Verwandter. Nähm' er's, wie es ist, So starb ein Mensch. Das ist an sich das Uebel. Nun aber ruft er aus: »Das Leben ist für mich Kein Leben mehr! Er ist dahin! Ich werd' ihn Nie wieder sehn!« Er sieht den Unglücksfall Allein in sich und häuft auf Uebel Uebel. Wer Alles mit Vernunft betrachtet, wie Es an sich selbst und nicht für ihn nur sei, Empfängt das Glück und hält das Unglück fern. ——— In Traurigkeit sein selbst noch Meister sein, Dies ist's, was mich erhält und was den Menschen macht. ——— Wir armen Menschen! Unser Dasein ist Ein Leben ohne Leben. Meinungen Beherrschen uns, seit wir Gesetze fanden. Der Vor- und Nachwelt Meinungen. Wir suchen Dem Uebel zu entgehn und finden uns Zum Uebel Vorwand. ——— Wer, was er sagen soll, nicht saget, der Ist immer lang, und spräch' er nur zwei Silben. Wer gut sagt, was er saget, ob er viel Und lang auch spräche, der spricht nie zu lang. Sieh den Homer! Er schrieb viel tausend Worte, Und wem schrieb er zu viel? ——— Wenn, was wir haben, wir nicht brauchen, und Was wir nicht haben, suchen, ach, so raubt Das Glück uns jenes, dieses wir uns selbst. ——— Gerecht ist nicht, der Niemand Unrecht thut; Der ist's, der Unrecht thun kann und nicht will. Nicht Der, der kleinen Raubes sich enthält; Der ist's, der großen Raub mit Muth verschmäht, Wenn er ihn haben und behalten kann. Nicht Der ist's, der dies Alles nur befolgt; Der ist's, der ungeschminkten, reinen Sinns Sein ein Gerechter und nicht scheinen will. ——— So viele Künste es, o Laches , gab, Kein Lehrer, alle lehrte sie die Zeit. Nicht Körper nur, es wachsen mit der Zeit Auch Dinge! Endlich den Hauptspruch: Ἄνθρωπος ὢν τοῦτ᾽ ἴσθι καὶ μίμνησ᾽ ἀεί. Du bist ein Mensch; das wiss' und denke stets daran! ——— 39. Neben den Griechen ist schwer zu stehen, und doch haben auch wir Stücke, die neben ihnen stehen können und dürfen. Menschentugend. Die Ohren und die Herzen willig her, Ihr Menschen! Euer Gott hat mich gelehrt, Was Tugend sei; ich lehr' es, Menschen, Euch! Dem Nackenden von zweien Linnen eins Um seine Blöße selbst ihm schmiegen, und Von zweien Broden eins dem Hungrigen Darreichen, und aus seinem Quell dem Mann, Der frisches Wasser bittet, einen Trunk Selbst schöpfen, flöss' er noch so tief im Thal. Ihr meine lieben Menschen! Tugend ist: Dem Hilfedürftigen zuvor mit Gold Und Weisheit kommen; seine Seele sehn Und seinen Kummer messen; und sich freun, Daß etwa Gold und etwa Weisheit ihn Der Freude wiederbringen; ihn auch nicht, Wer seines Kummers Ueberwinder war, Erfahren lassen. Menschen! Tugend ist: Und wenn die Bösen alle gegen Euch In ihrer Bosheit wütheten und sich Verschworen hätten alle gegen Euch, Von Menschenliebe nicht zu Menschenhaß Hinübergehen, immer, immer gut Den Bösen sein, dem undankbaren Mann Exempel werden edler Dankbarkeit. Ihr meine lieben Menschen! Tugend ist: Dem Gotterschaffenen Erhalter sein, Lebendigen das Leben fristen, rohen Stoff Umwenden, so daß er durch Euren Fleiß Einst Leben zu dem Leben bringen muß. Ihr meine lieben Menschen! Tugend ist: Die Summe jedes Guten, welches Gott In seine Welt gelegt, an seinem Theil Vermehren, wenn und wo und wie sie nur Vermehret werden kann. Vermehrest Du Die Summe dieses Guten, dann, o dann, Sei König oder Bettler, Du gefällst Dem Schöpfer alles Guten, Deinem Gott. Du willst ihm nicht gefallen? wie? Du willst Des Guten Summe nicht vermehren? willst Des Bösen, welches Gott in seiner Welt Zum Guten lenkt, Vermehrer sein? Sei es! Du wirst Dich schämen einst und es bereun. So unser Gleim in seinem »Halladat oder rothen Buche«, Das Gedicht steht im II. Theile von Gleim's »Halladat oder Das rothe Buch« (Hamburg 1774) unter Nr. XIV und trägt daselbst die Ueberschrift: » Die Tugend «. Herder giebt es im Obigen verkürzt wieder. Im Original stehen statt Strophe 1 V. 3 fünf Verse; hinter Str. 4 folgen sechzehn, hinter Str. 6. V. 7 drei, hinter Str. 7. V. 4 fünf, und am Schlusse noch vierzehn Verse. Außerdem weicht der Herder'sche Text im Einzelnen ab. Str. 1. V. 1 steht bei Gleim a. a. O.: »Ohren und Herzen«; Str. 1. V. 3: »Was Tugend ist. Ein Feuerfunke fiel « u. s. w.; Str. 3. V. 6: »wiederbringen, und ihn nicht; Str. 4. V. 5: » zum Menschenhaß«; Str. 6. V. 2: »Die Summe dieses Guten«; Str. 7. V. 1: » Ha! dem gefallen willst du nicht ? du willst«. Der 5. V. der 7. Str. ist von Herder wegen der Auslassung hinter V. 4 derselben Strophe anders gewendet. – Am 31. Januar schrieb Herder an Gleim: »Den dritten Theil (meiner »Briefe der Humanität«) schließen Sie.« Ueber die spätere Bearbeitung des »Halladat« vgl. Gleim's Brief an Herder vom 11. März 1801. – D. dem wir jetzt lieber einen andern Namen geben wollen; es enthält Blätter zum ächten Koran der Menschengüte. Und dieser Lehrer spricht nicht nur, er thut auch also. ——— Vierte Sammlung. (1794.)   40. Neulich lernt' ich in der Gesellschaft unsrer Unsichtbar-Sichtbaren Daß dieses keine Swedenborg'sche Geisterversammlung oder eine andre geheime Gesellschaft sei, ist aus dem letzten Briefe des zweitens Theils dieser Sammlung Brief 26 klar. Die Sichtbar-Unsichtbaren und Unsichtbar-Sichtbaren sind nichts mehr und minder als gedruckte Schriften . – H. einen besondern Mann kennen, der sich Realis de Vienna nannte. Er nahm es als Deutscher mit allen Ausländern um den Preis der Wissenschaften und des Verstandes auf und tadelte mehrere Schriftsteller Deutschlands, daß sie die Ehre ihres Vaterlandes zu sehr verkannt, Fremde zu sehr gelobt, ihnen nachgeahmt, geschmeichelt haben. Doch Sie sollen seine Behauptungen selbst hören. »Deutschlands Vorzug besteht in diesen vier Stücken: daß es nach der langen Nacht der dicken Unwissenheit die ersten, die meisten, die höchsten Erfinder gehabt und in 900 Jahren mehr Verstand erwiesen als die übrigen vier Meistervölker zusammen in 4000 Jahren. Man kann mit Wahrheit sagen, Gott habe die Welt durch zwei Völker klug machen wollen, vor Christi Geburt durch die Griechen, nach Christo durch die Deutschen. Die griechische Weisheit kann man das alte Vernunfttestament, die deutsche das neue nennen. »Durch zwei Stücke wird vornehmlich ein Volk herrlich, durch Ehrliebe und Verstand zusammen ; Tapferkeit und alles Andre, was dazu hilft, muß durch jene zwei eingerichtet werden; aus ihnen kommt Reichthum und Macht, aus allen mit einander endlich Ruhm, den alle Welt sucht. Die Deutschen sind aus Mangel der Großmüthigkeit und Landesliebe, die übrigen Europäer, außer den berühmten fünf Hauptvölkern, aus Mangel der Erfinder und großen Weltweisen zurückgeblieben. »Verachtung kommt aus Feigheit, Niedertracht oder Dummheit; jede allein kann arm, ohnmächtig und verachtet machen. Verstand aber allein oder Großmüthigkeit allein machen nicht berühmt, sie müssen zusammen sein. »Aus Wahn von der ausländischen Klugheit fließt die deutsche Niederträchtigkeit; oder ist sie schon in uns, so wird sie gräulich vermehrt und verhärtet. Hierauf folgt die unsinnige Aefferei; hieraus die Verstandesverfinsterung, Jugend- und Zeitverlust, die Schwindelreisen, die Geldverschleuderung und deutsche Armuth, fremder Nationen Reichthum, ihre Macht, Stolz, Trotz, ihre Verleumdungen und der Deutschen Verachtung, das Märchen von der deutschen Dummheit, unsre Bettelei, daß wir der Ausländer Lohnsoldaten heißen, stetiges Kriegen und Blutvergießen, da wir auf unsre eignen Unkosten gepeitscht werden, Verlust so vieler Länder und Städte, Verlust der deutschen Vertraulichkeit, Aufrichtigkeit, Glückseligkeit, mit Vertauschung der hochgeachteten fremden Sitten, Liederlichkeit und Blindheit. Alles dies hängt an einander am Märchen von der ausländischen Klugheit und deutschen Einfalt. »Dies Märchen scheut man sich, ins Licht zu setzen wegen der angeerbten sclavischen Niedertracht, wegen Mangel der Wahrheitliebe, Seltenheit des gesunden Urtheils, endlich aus Mangel der Geschichtkenntniß. Man begnügt sich mit Widersprechen, Wehklagen, Seufzen und Betteln: »die Ausländer möchten uns doch mit in ihre Gesellschaft nehmen, wir gehörten auch unter die fünf klugen Jungfern« u. s. w. Dies beweist man, statt Erfinder anzuführen, mit Schulmeistern, Pfarrern, Sprachkünstlern und geduldig schwitzendem Volk, welche Fleiß für Verstand halten, mit Stopplern und Ausziehern, woraus eben die Ausländer unsre Dummheit beweisen wollen. Wir haben nicht einmal das Herz, unsre Erfindungen wider die Ausländer zu vertheidigen; sobald sich derselben eine einer zuschreibt, so ist's damit aus, sie ist verloren. »Was geht mich ein hochbegabt Volk oder der tugendhafteste Mensch der Welt an, wenn er mich schändet? Ich habe die Briefe So viel als »die Gewißheit«, nach dem französischen » avoir lettres «. – D. von seiner Tugend, wenn er mich verleumdet. Tugend muß man zwar auch am Feinde loben, wo es der Wahrheit Ehre fordert; sonst aber muß man von seines Feindes Tugend stillschweigen, sonderlich wo sein Lob uns Schaden bringt. Doch wird ein Tugendhafter hochbegabte Leute nimmer schimpfen. »Bescheidenheit wird nur gegen ehrliche Leute erfordert; Irrende muß man unterrichten, nicht schimpfen mit harten Worten; Bosheit aber muß mit Beschämung gestraft werden, Unterricht hat da keine Statt. Will man vorsätzliche Bosheit ehrerbietig unterrichten, den Wolf bitten, die Schafe nicht zu fressen, so wird Bosheit durch die Ehre gestärkt und Andre zu gleicher Bosheit gereizt; » bonis nocet, malis qui parcit .« »Wie unzeitige Barmherzigkeit der ärgste Grimm ist, so stiftet unzeitige Ehrerbietung weit mehr Unglück als unnöthiger, allzu großer Zorn. Der Päpstler mörderischer Eifer hat mit Geißeln, Martern, Brennen die Welt nicht so verderbt als die heimliche Herrschsucht der bescheidnen Höflichen, der heiligen Heuchler tückische oder dumme Sanftmuth. Wie die abgedroschne Predigt von der Freiheit eine Eitelkeit ist, so ist's mit dem Senf der Bescheidenheit ein herber Betrug, daran ein Aufrichtiger sich nicht kehrt. Den Betrüger einen Betrüger zu nennen, gehört nicht nur zur Aufrichtigkeit, sondern auch mit zur Freiheit; es ist eine nothwendige Sache. »Unsre Ehrenretter, wenn sie am Eifrigsten sind, werfen den Franzosen die lächerlichsten Kindereien vor, die gar nichts bedeuten. Also, wenn sie ihnen heftig wehe thun und sie mit Vorhaltung grober Fehler recht demüthigen wollen, so zählen sie her, wie hie und da ein Franzos Wittenberg, Altorf; Rostock nicht gekannt und diese Städte für Personen gehalten. Nun ist zwar der Fehler grob genug; immittelst weil solche Unwissenheit aus Stolz und Verachtung unser herrührt, warum wollen wir damit ihre Dummheit beweisen? Ihre Sachen wieder verachten, nicht bewundern, anbeten, geschweige für Millionen kaufen, ihnen Urtheil- und Sinnigkeitfehler, Erfindungsmangel und Dieberei vorhalten, war die rechte Rache; diese kann demüthigen. Wie werden wir sie damit demüthigen, woraus sie Ehre suchen, nämlich aus Verachtung der deutschen Sachen, woran wir selbst Schuld sind, weil wir unsre Sachen selbst verachten? »Die Ausländer halten's für den ärgsten Spott, uns etwas nachzuthun, das hernach an ihnen unser hieße; viel weniger werden sie es mit Prahlerei thun und uns dabei herausstreichen. Nehmen sie etwas von uns an, so thun sie es verstohlen, schämen sich der Annehmung und Nachahmung und leugnen, daß es unser sei, mit Zorn und Gift. Und der Deutschen Ehre soll die Affenkunst der Nachahmung sein und bleiben? »Lernen ist eigentlich der Kinder Amt und Eigenschaft; daher Kinder der Strafe unterworfen sind; sie müssen gehorchen. Erwachsnen Leuten ist's gar unanständig, lernen sollen, was sie selbst können sollten; weit unanständiger aber ist einem ganzen Volk, einem andern Volk zu gehorchen. Nachahmen gehört entweder zum Lernen oder zur Knechtschaft. Der Schüler ist allezeit unterm Lehrmeister, der Erfinder hat die Ehre vorm Nachmacher; Erfindung macht Naturherrn, Nachahmung Naturknechte. »Wenn ein ganz Haus mit allen Hausgenossen, Alt und Jung, sich gegen seinen Nachbar so anstellte: der Mann ahmte dem Nachbar, die Frau der Nachbarin, Töchter, Söhne, Knechte, Mägde ahmten den Töchtern, Söhnen, Knechten, Mägden des Nachbars nach, würde nicht die ganze Stadt sagen: »Das Haus ist voll Narren; die drin wohnen, sind alle unsinnig«? Und trieben sie die Haserei Albernheit , wofür man auch »Haselei« braucht. – D. nur aus Unbedachtsamkeit, würden nicht alle Kinder auf der Gasse von diesen tollen Klugen als Nichtswürdigen zu reden wissen? Was würde man aber sprechen, wenn diese Nachahmer den Ersten noch Geld dazu geben, daß sie derselben Narren sein dürften? Von einem ganzen Lande nun ist es noch niedriger.« In dem Ton sprach Realis de Vienna weiter. Er zeigte, daß die Nachahmung, zumal der Franzosen, den Deutschen schädlich und verderblich sei; durch sie versaure und verroste der Verstand; man versuche nichts und verzage an eignen Kräften. Mit Nachahmung seien die wälsch-französischen Laster zu uns gekommen. Wir hätten das Nachahmen nicht nöthig; ja, man müßte den Deutschen auch in nützlichen Dingen die Aefferei nicht zulassen, weil keine Grenze bestimmt werden könne, was, wie viel, wie weit nachzuäffen sei. Der Deutsche sei beim Nachahmen ungeschickt u. s. w. Was dünkt Ihnen zu diesem Autor? ——— 41. Realis de Vienna ist keine erdichtete Person. Er lebte zu Anfange unsers Jahrhunderts, da die Cultur der höheren Wissenschaften durch Leibniz auch in Deutschland neuen Platz gewann; zugleich aber hatte sie damals mit dem elendesten Pedantismus der Hof- und Schulhasen , wie Realis sie nennt, zu streiten. An Höfen blühte eine französische Galanterie, von der wir uns kaum noch einen Begriff machen können; einige Schulpedanten wollten den Hofgecken nachahmen; so entstand die Talandrische, die Menantische, die Weisische Schreibart. Der verdienstreiche Christian Thomasius selbst konnte sich diesem sinkenden Boden nicht entziehen und ward in Manchem ein Hofphilosoph , allerdings nicht im besten Geschmack. Die Literargeschichte, die damals auch im Gange war, hinkte dem allgemeinen Geschmack nach, schmeichelte den Ausländern; der Schall von Ludwig XIV. hatte die Welt erfüllt, und in den deutschen Glocken sauste er in massiverem Ton um so länger nach. Da erkühnte sich nun dieser Realis de Vienna , den Hof- und Schulfüchsen deutscher Nation entgegenzusprechen, und schrieb eine »Prüfung des europäischen Verstandes durch die weltweise Geschichte«. Er schrieb sie; ich zweifle, daß sie je gedruckt worden. Das Manuscript muß sonderbare Schicksale gehabt haben; denn in der vorliegenden Schrift: »Nachricht von Realis' de Vienna Prüfung« werden sonderbare Umstände lautbar. Die Handschrift, so sagt der Verfasser, sei einundzwanzig Jahre umhergegangen, seitdem sie Professor Adam Rechenberg in Leipzig, Christian Thomasens Schwager, dem Buchführer im Jahr 1693 entführt. Dieser habe sie unter seinen Bekannten herumgeschickt. Andre auch von dieser Sache zu schreiben angereizt, endlich sie Reimmannen übergeben, der den Kern seiner Literaturgeschichte Deutschlandes J. Fr. Reimmann's »Versuch einer Einleitung in die historiam litterariam der Teutschen«. Halle 1709-1713. –D. ganz, aber äußerst kraftlos und unvollständig aus diesem Werk genommen und nur die elenden kindischen Schalen dazugethan habe u. s. w. Auch Kasimir 's »Kanonik«, glaubt er, sei aus seiner sogenannten »Vernunfterstattung« gezogen u. s. w. So anmaßend dies Alles klingt, um so mehr verdiente das Werk und die Behauptung des Verfassers Aufmerksamkeit und Prüfung. Was er über Reimmann 's Geschichte, über Thomasius' »Hofphilosophie«, über den Streit zwischen Leibniz und Newton , über den Ursprung der Journale, die Sprachenmischerei, über die Nachahmungssucht und Demuth der Deutschen gesagt hat, ist jetzt unser Aller Urtheil. Die Zeit hat darüber entschieden, und dieser unbekannte Gabriel Wagner Dies war Realis' wahrer Name. In Jöcher 's Lexikon findet man ihn; die Anzeige der Unternehmungen des Mannes aber ist kaum berührt. – H. (Thomasius hatte sich gegen seine Angriffe vertheidigt. Eine besondere Schrift gegen ihn war unter dem Namen eines Jucundus de laboridus (1708–1710) erschienen. – D.) , ein Magister der Philosophie aus Quedlinburg, der viele Universitäten besucht hatte und in seinem Leben zu nichts kommen konnte, ist in mehreren Urtheilen seiner Zeit so mächtig vorgeschritten, daß man es bewundert, wie sehr die Stimme der Wahrheit oft aufgehalten werden könne, und wie langsam die Zeit schleiche. Seine »Prüfung des europäischen Verstandes«, der Beschreibung nach ein ausführliches Werk, muß seinem Inhalt nach um so merkwürdiger sein, da er nicht etwa nur die Hof- und Schulfüchsereien verachtet, sondern auch den reellen Wissenschaften, der Mathematik, Philosophie, den höheren und nützlichen Erfindungen der Völker seine Aufmerksamkeit geschenkt zu haben scheint. Wenn also seine unterdrückte Handschrift sich irgendwo noch auffände – und ich zweifle daran um so weniger, da sie durch viele Hände gegangen ist und wahrscheinlich mehrere Abschriften veranlaßt hat –, so wäre, mit Auslassung Alles dessen, was für uns nicht mehr dient, eine geläuterte Bekanntmachung derselben zu wünschen. In der Nachricht, die vor mir liegt, wurde das Werk bei Frobösen in Greifswalde liegend angezeigt und Jedermann aufgefordert, es mit Verlag oder andrer Hilfe zu befördern; die damaligen Lichter Deutschlands mochten dieser Beförderung nicht hold sein, und so blieb es begraben. Mir wäre es kein unangenehmes Postpacket, wenn mir eine Fee dies irgendwo gewiß todt liegende Manuscript oder eine Nachricht davon zuschickte. Denn außer dieser »Prüfung des europäischen Verstandes« gedenkt der Verf. noch einer andern Schrift: » Geheimstube oder Velledenblätter «, 1692 in vier Büchern entworfen, deren Inhalt in Manchem sonderbar genug ist. I. Die Vernunfterstattung , die Europäer von der Viehheit, Quackerei und Aberglauben wieder zur Menschheit zu bringen und ihnen die fünf Sinne zu erstatten. Statt der Capitel zeichne ich blos einige Grundsätze aus. 1. Es giebt Gewißheit; der Mensch kann viel Wahrheit wissen. 2. Alle Gewißheit und Klarheit kommt aus rein mathematischem Grunde. 3. Zur Wahrheitforschung braucht's keiner ersten allgemeinen Wahrheitquelle, keines principii primi . 4. Wahrheit ist heilsamer als Erdichtungen. Diese Aufgabe (sagt Wagner ) mit ihren Beifügungen zieht ungewöhnliche neue Sätze nach sich und ist der Grund fast einer neuen Weltweisheit, die den Descartes, Hobbes, Spinoza, Pufendorf, Leibniz verbessert. 5. Aus Wahrheit folgt nimmer Unwahrheit, aus dieser nimmer Wahrheit. 6. Alle Unwahrheit kann widerlegt werden, sie sei so subtil sie wolle. 7. Der Wahrheit Thür, Ursprung und Boten sind die Sinne. 8. Es ist nur eine Vernunft. 9. Vernunft irrt nimmer. Klugheit und Wahrheitfindung entspringen beide aus der Natur Gütigkeit und Uebung, nicht aus Lehrsätzen und Unterricht. Diese sind ein äußerlich geringer Vortheil und Erleichterung dazu, geben aber weder Wahrheit noch Verstand. Wenn man sie für unentbehrlich ausgiebt, sind sie der Schulfüchserei Merkmal. 10. Der Mensch ist nicht vernünftig, doch nicht ohne Vernunft. 11. Des Menschen Vorzug vorm Vieh ist allein die Vernunftdämmerung. 12. Der Wille beherrscht den Menschen in Allem, die Vernunftdämmerung in nichts. 13. Sinne verführen; Aufrichtigkeit und Vernunftdämmerung sind die innern Mittel zur Wahrheit. 14. Die Natur ist nicht verderbt, nicht Gottes Feindin; sie ist Gottes Buch, der Vernunftschein Gottes Licht; nach ihnen muß man Alles erklären. 15. Aberglaube ist kein Mittel zur Wahrheit. 16. Naturkünste machen aufrichtig, Schulkünste stolz und grausam. 17. Man soll Alles so viel möglich nach der Natur erklären. 18. Lust zu Natursachen ist ein Merkmal der Großmüthigkeit. 19. Stolz und Dummheit sind aller Laster und alles Unglücks Ursach. 20. Weisheit besteht nicht in Eigennutz; ihr Ziel ist eigentlich allein Wahrheit. Ob aber Aufrichtigkeit allein mit Wahrheit ohne Nutz zufrieden sein soll, und ob Wahrheit ohne allen Nutz sein könne, sei eine andre Frage. 21. Alle Weisheit beruht auf vier Wissenschaften; alles Andre, was zu selbigen nicht gehört, gehört zur Schulfüchserei. 22. Die deutschen Handkünste zeigen Verstand, die ausländischen Fleiß, Geduld, Geiz und Stolz. 23. Ein Unchrist ist kein Ungötter (Atheist). 24. Viele Leute, insonderheit die Gelehrten, merken ihre eigne Bosheit nicht, viel weniger ihre Dummheit. 25. Einer sieht oft mehr als alle Schulen und das ganze Land. 26. Lehre artet den Verstand; den Willen greift sie nicht an. 27. Lehren ist nöthig, auch beim stoischen Glauben. 28. Der mathematische Lehrweg ist nicht der beste; der werkkünstige Lehrweg allein findet die Wahrheit. 29. Sittenlehrige Absichten verderben die Naturkundigung. 30. Die Reisen in barbarische Länder sind nützlicher als in die Hasenländer zu den freundlichen Mördervölkern. II. Der Naturglaube . III. Der Schulen Papstthum . IV. Umbildung der Staatskunst , nach folgenden Grundsätzen: 1. Gegen Natur- und Staatskünste sind alle andre Künste Kinderpossen; die Naturkundigung ist aller andern Künste Meer und Kaiserin. 2. Aeußerliches oder Hofsittenwerk ist Wahnwerk, ein frei willkürlich Werk; was man für schön und häßlich setzt, ist schön und häßlich. 3. Das Märchen von der Ausländer Klugheit und Deutschen Dummheit ist allein aus der Deutschen Geduld und der Ausländer Prahlerei entstanden. 4. Man kann fast sagen, daß weder Liebe, Geld noch Stolz so stark sei als der Deutschen Geduld und Demuth. Der Gemüthsunadel löscht in uns die Menschheit, die allgemeine Empfindniß, Selbstliebe und Selbsterhaltung ganz aus. 5. Angenommene Großmüthigkeit würde das ganze Märchen in zehn Jahren umkehren. 6. Verstandesehre geht über alle Ehre, ist aller andern Ehre Grund, also nicht in den Wind zu schlagen. 7. Eines Volks Ehre hängt großentheils an seiner Muttersprache; diese ist der Landesehre Fuhrwerk. Ueber sie muß man schärfer halten, über ihre Reinigkeit mehr eifern als über der zartesten Liebsten Ehre. 8. Mit Landsleuten muß man's, als mit Verwandten seines Geschlechts, nicht genau nehmen, gegen Ausländer Alles hoch spannen u. s. w. Ein Wort noch von der Deutschen grandezza , vor welcher der Gegner unsers Realis seine Landsleute warnen wollte. Realis sagt dagegen: »Die Deutschen, die gutherzigen Zigeuner, die armen Affen, die ewigen Schüler, von der grandezza wollen abhalten, ist ärger, als die Schafe vom Grimm, die Pferde vom Fleischfressen abmahnen. Mahne die Spanier von der grandezza , die Italier von der Herrschsucht, die Franzosen von der Prahlerei ab; mit den Deutschen darfst Du Dich nicht bemühen. Der Mangel nöthiger grandezza oder Ehrliebe ist eben die vornehmste Ursach des übeln deutschen Namens. In Deutschland wohnt aller Verstand außer Schulen, bei den Ausländern zuweilen in Schulen. Bei diesen sind oft die Gelehrten die Klügsten; in Deutschland ist's umgekehrt. Das Volk ist sinnreich, fast allein, obwol nicht allezeit; die Vornehmen sind schulfüchsisch, prangen mit statu quo und sind selten klug.« Ich lege das Buch bei und bitte, daß Sie die Jahrzahl nicht unbemerkt lassen. Es ist 1715 gedruckt; mich wundert, daß, da die Schriften, die es ankündigt, zwanzig Jahre vorher geschrieben waren, Leibniz unsers sonderbaren Autors nirgend erwähnt. ——— 42. Verzeihen Sie, daß ich Ihren Realis de Vienna nicht auf einen so tragischen Fuß nehme, als er in den Bedrängnissen seines mühseligen Lebens den Ton anstimmte. Sollten wir umsonst ein Jahrhundert später leben, in welchem sich Manches entwickelt hat, das er nicht wissen konnte? Man sagt gewissen Landsleuten nach, daß, ehe sie ihre Landsmannschaft nennen, sie ein Entschuldigungscompliment vorbringen, daß sie Die seien, die sie sind. Unser Autor wird das für niederträchtig halten; wenn es indeß gegen stolze Nationalverwandte gesagt würde, so möchte hinter dieser Demuth ein Spott liegen, dem ich fast beiträte. Unter allen Stolzen halte ich den Nationalstolzen sowie den Geburts- und Adelstolzen für den größten Narren. Was ist Nation? Ein großer, ungejäteter Garte voll Kraut und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Thorheiten und Fehlern sowie von Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen, und wenn es eine bloße Meinung von Seelenkräften oder Verdiensten gilt, für diese Dulcinea gegen andre Nationen den Speer brechen? Laßt uns, so viel wir können, zur Ehre der Nation beitragen; auch vertheidigen sollen wir sie, wo man ihr Unrecht thut, in welchem Falle damals unser Verfasser war; sie aber ex professo preisen, das halte ich für einen Selbstruhm ohne Wirkung. Wir Deutschen wollten uns mit den Griechen vergleichen? Und welches wäre der genau bestimmte, der unverfälschbare Maaßstab? Und wer wäre der unparteiische Richter? So auch mit andern Nationen. Die Natur hat ihre Gaben verschieden ausgetheilt; auf unterschiedlichen Stämmen, nach Klima und Pflege, wachsen verschiedne Früchte. Wer vergliche diese unter einander? oder erkennte einem Holzapfel vor der Traube den Preis zu? Vielmehr wollen wir uns wie der Sultan Soliman freuen, daß auf der bunten Wiese des Erdbodens es so mancherlei Blumen und Völker giebt, daß diesseit und jenseit der Alpen so verschiedene Blüthen blühn, so mancherlei Früchte reifen! Wir wollen uns freuen, daß die große Mutter der Dinge, die Zeit, jetzt diese, jetzt andre Gaben aus ihrem Füllhorn wirft und allmählig die Menschheit von allen Seiten bearbeitet. Denn es scheint sowol geistige als physische Notwendigkeit zu sein, daß aus der Menschennatur mit der immer veränderten Zeitfolge Alles hervorgelockt werde, was sich aus ihr hervorlocken läßt. Mithin müssen mit der Zeit Contranetäten ans Licht kommen, die sich endlich doch auch in Harmonie auflösen. Offenbar ist's die Anlage der Natur, daß, wie ein Mensch, so auch ein Geschlecht, also auch ein Volk von und mit dem andern lerne, unaufhörlich lerne, bis alle endlich die schwere Lection gefaßt haben: »kein Volk sei ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde; die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garte des gemeinen Bestens von allen gebaut werden; am großen Schleier der Minerva sollen alle Völker, jedes auf seiner Stelle, ohne Beeinträchtigung, ohne stolze Zwietracht wirken.« Den Deutschen ist's also keine Schande, daß sie von andern Nationen, alten und neuen, lernen. Das alte Vernunfttestament, wie der Autor die Weisheit der Griechen nennt, ist gewiß nicht verjährt, noch durch die Weisheit der Neuern unkräftig gemacht worden. So darf sich auch kein Volk Europa's vom andern abschließen und thöricht sagen: ...Bei mir allein , bei mir wohnt alle Weisheit.« Der menschliche Verstand ist wie die große Weltseele: sie erfüllt alle Gefäße, die sie aufzunehmen vermögen; belebend, ja selbst neu organisirend dringt sie aus allen in alle Körper. Hätte Realis nöthig gehabt, den Deutschen so oft unzeitige Geduld, ja Niederträchtigkeit Schuld zu geben, wenn die Großmuth, die er zu ihrem Vorzuge machen will, ihr eigenster Charakter wäre? Kann Jahrhunderte lang ein Volk seinen Charakter dergestalt verkennen, daß es beinah immer im entgegengesetzten handelt? Laßt uns nicht sagen: »Hindernisse haben ihn unterdrückt!« Im weiten Inbegriff der Zeit kennt ein Volk keine unübersteigliche Hindernisse; es muß zu dem gelangen, was es sein soll. Käme das Manuscript, wovon wir reden, in unsre Hand, so würde es dadurch am Meisten belehrend, was wir nach Ablauf eines Jahrhunderts in ihm ausstreichen oder hinzusetzen müßten. Wir würden sehen, wohin sein Verfasser den Kranz für Deutschland gesteckt, und wiefern es während dessen diesen oder einen bessern erreicht habe. Das gefällt mir an unserm Autor, daß er, wenn auch mit Uebertreibung, die Schulwissenschaften von den Lebenswissenschaften, die Naturkünste von Wortkünsten, den tüchtigen Verstand in Wirklichkeiten vom bloßen Façonniren der Begriffe absondert. Wäre dieser Gesichtspunkt in seinem Werk scharf genommen und festgehalten, so hätten wir in ihm Materialien zu einer Geschichte des praktischen deutschen Verstandes , wie wir sie im ganzen verflossenen Jahrhunderte nur hie und da theilweise erhalten haben. Die Materie ist hiemit nicht geendet; sie hat noch einige Briefe erhalten, die späterhin werden mitgetheilt werden. – H. Dies ist nicht geschehen. – D. ——— 43. Während Sie, mein Freund, um den Ruhm der Nationen wetteiferten, war ich in der Versammlung der blühendsten Völker der Erde. Alle standen friedlich neben einander, jedes Geschlecht, jede Art, jede Gattung in ihrem eignen Reiz und Charakter. Keine neidete, verfolgte die andre; unter dem blauen Bogen des weiten Himmels genossen alle das goldene Licht der Sonne, die Balsamkräfte der erquickenden Luft, des Thaues und Regens. Als ich mit süßem Staunen sie ansah, sang eine Stimme: »Flora, Dich feiert mein Hymnus, Dich Schönste, doch seltner als Deine Schwestern, des hohen Olymp's Bewohnerinnen, gesungen! Jauchzend gebar Dich die Erde dem alten chaotischen Winter, Dich, Du Erstling und Stolz und Wonne der fühlenden Schöpfung! Selig priesen sich damals in Deiner Götterumarmung Jupiter Pluvius und Hyperion's heilige Stärke. Ihnen gebarst Du Proserpinens Mutter und später Pomona, Beide zwar schön, doch schöner als Beide die blühende Mutter.« Und eine andre Stimme antwortete: »Flora, Du kleidest die Erde mit hellem smaragdnen Gewande, Schön durchwebet und bunt mit Farben des himmlischen Bogens. Prächtig glänzt in der Nacht der Sterne funkelnder Gurt hin, Welcher den blauen Tatar des alten Cölus umwallet; Aber noch reizender geht am offenen Tage die Tellus, Von Dir, Flora, geschürzt mit leichtem Blumengehänge.« – – Und es war, als, versammelten sich die Genien der verschiedenen Erdezonen. Eine Stimme sprach: »Zahllos ist die Menge der blumentragenden Pflanzen, Die am säugenden Busen der allernährenden Mutter Mit der oberen Fläche der vielfach gebildeten Blätter Trinken der Sonne Licht, den nächtlichen Thau mit der untern. Von den beschneiten Gebirgen der nordischen langen Polarnacht Bis zur erdumgürtenden Zone des heißen Aequators Ist kein Raum so gering im weiten Gefilde der Schöpfung, Keine der Alpen so steil und keine der Steppen so sandig, Daß sie nicht nähre Geschlechter der Pflanzen, der Lage geeignet. Pflanzen überweben das Bett der Quellen und Ströme, Andre nähret der Rhein und andre der Orellana , Selbst in den finstern Tiefen des erdumgürtenden Weltmeers, Wo kein Orkan sie empört, wohin kein Senkblei hinabfiel, Scherzen in weiten Fluren, umwallt von ragenden Hainen Seltsam gebildeter Pflanzen, die Heerden der Amphitrite.« Eins Schwesterstimme nahm das Wort auf: »Sterbliche haben gewähnt zu zählen die Kinder der Flora, Ihre Geschlechter zu ordnen und ihre Namen zu nennen; Zwar, wer hat sie besucht, der Ostwelt grünende Wüsten? Wer die Quellen des Ganges und siebenarmigen Nilus ? Wer die geheimeren Fluren der Oceaniden des Aufgangs? Ihre Gestade beschiffeten Wuchrer, der forschende Weise Seltner. Und wer sah sie, die Kränze der Nereïden, Wenn sie die grünlichen Locken umwinden im Schooße des Weltmeers? Wer hat je die Flechten, wer hat die Moose gezählet, Deren Frühling beginnt, wenn Fröste den Herbst entblättern, Deren üppiger Wuchs die Scheitel ätherischer Alpen Da, wo sie Flora verläßt, mit tausend Farben bekleidet?« – – Hier unterbrach eine sichtbare Scene die Unsichtbaren. Ein Jüngling trat aus der Laube hervor und umwand das Haupt seines Lehrers mit einem Kranz von Blumen, die alle ihm geweiht waren und in der Geschichte der Pflanzen seinen unsterblichen Namen tragen. Er begleitete sie mit Worten der innigsten Herzensverehrung in den erlesensten Bildern und zog sich bescheiden zurück. Und von Neuem erwachten Gesänge von der Vermählung und der nach Jahrszeiten geordneten Entwicklung der Blumen. Menschenfreundliche Genien sangen also: »Flora, wo Deine Hand mit Hymenäischem Bande Nicht im Lenz vermählte der Tellus zahllose Kinder, Trauert umher die Natur in nahrungentbehrender Oede. Wein- und gesanglos schleicht Autumnus, es darbet Pomona, Nichtiges Stroh entfaltet der Fackel des Sirius Ceres, Traurig stehet der Hain, der chaonischen Eicheln entbehrend; Denn es ergrauete schon im April die Hoffnung des Jahres.– – Glücklich ist der Hirte, der durch gesicherte Habe, Der, durch leitende Weisheit und Güte des Staates veredelt, Lernte der Emsigkeit Werth und zukunftahnende Vorsicht. Ihn ergreifen mit eisernem Arm des darbenden Jahres Schrecken nimmer; es spendet ihm nicht wie dem übrigen Zugvieh Schlechte, kärgliche Kost der unfreigebige Frohnherr. Ihn treibt nicht der Hunger aus thränenloser Despoten Ländchen, aus Deutschland hin zu des fernen Astrachan's Oeden. Siehe, der reiche Gewinn von tiefer geackerten eignen Saaten und üppiger Wiesen sich stets erneuernder Kleewuchs Blieb ihm von besseren Jahren. Er theilt den Ueberfluß willig Mit dem hilflosen Volk angrenzender Sclavenländer; Aber die Treue des Jahrs und der wiederkehrenden Monden Milder Geschenk ersetzet ihm bald den vergessenen Mißwachs.« Eben als ich noch wünschte, daß die Unsichtbaren diese Worte in aller Frohnherren Herz singen möchten, weckte mich ein sanfterer Laut. Er sang die allmählig anbrechende Zeit des Blumenfrühlings. »Sieh, im wärmeren Strahle der rückwärts kehrenden Sonne – Freut sich die Blumengöttin bei ihrer Kinder Entwicklung, Oeffnet die Kelche der Blüthen und schmückt die bräutliche Tellus. Zwar es entfalten früher die Schattengewächse der Haine, Eh sie das Laub bedunkelt mit seiner kühlen Umwölbung, Ihre zarteren Blumen dem ersten Strahle des Lenzes. Blaue Hepatika , Dich und das herzerfreuende Veilchen, Euch erziehn die Dryaden zu ihren frühesten Kränzen. Sie durchweben ihr Blau mit dem Golde des Frühlings-Krokus Und mit den Silbersternen der Anemone der Haine ; Früher blüht der Helleborus , früh die duftende Daphne Und der Aurikeln Geschlecht, verpflanzte Töchter der Alpen. Aber die späteren Blumen verschließen die duftenden Glocken Noch dem nächtlichen Froste, dem Störer ihrer Befruchtung. Wärmere Luft' umathmen den üppiger schwellenden Frühling. Wenn, von den Horen umtanzt, der Wagen des Sonnengottes Steileren Pfades rollt an dem hohen Bogen des Aethers; Wenn in dem jungen Laube die Vögel sich alle begatten; Wenn in den lauen Bächen sich paarend verfolgen die Fische, Oeffnen die Blumen sich auch der allebefruchtenden Liebe. Bräutlich pranget im weiß- und röthlichen Kleide der Obstbaum; Wärmende Augenblicke, sanft wechselnde Regenschauer Ueberweben mit tieferem Grün, mit dichteren Blumen Sonnigte Gipfel und duftende Wiesen, in welchen sich zahllos Wankende Blumen mit Blumen, mit Gräsern Gräser vermählen. Hymen herrschet im Hain; es neigen sich liebesehnend Weibliche Blüthenzweige zu männlich befruchtenden Aesten. Siehe, der Tannenwald raucht! Es öffnet die feuchte Nymphäa Ueber den Wellen den Schooß der zeugungfördernden Sonne. Feuerfarbener Mohn und blüthenbestäubter Weizen Taumeln unter einander, verwebt mit blauen Cyanen . Honig suchende Bienen und laue Lüfte befördern Ihren geheimeren Bund; doch keine der Arten verwirrt sich.« – Liebetrunken schlug die Nachtigall einzelne Töne in diese Beschreibung. Und sie fuhr fort, als eine andre Stimme die Vermählung der Blumen von denen Geschlechtern besang, »bei denen dieselbe Corolle In dem ambrosischen Bette voll Honigs und stärkender Düfte Mit den befruchtenden Männern die weibliche Zeugungskraft einschloß,« – – bis zu jenen getrennten Geschlechtern, wo oft »Kaum erreichbar ist der Liebesbund der Getrennten. Also entfaltet umsonst die weibliche, unvermählte Palme die Blüthentrauben in schattenentbehrender Wüste. Aber der Araber holte, der schmachtenden Braut sich erbarmend, Oft aus fernen Hainen befruchtende Palmenblumen. Oefter bringt ein behaartes Insect und auf goldgefleckten Federn ein Kolibri, gebadet im Blumenstaube, Die befruchtende Kraft des meilenentfernten Gatten.« Ernster wurden jetzo die Töne; liebreich warnend und tröstend sangen die Genien von schädlichen und heilenden Kräutern: »Weise hast Du, Natur, der Pflanzen Erzeugung geordnet, Gütig und weise die Kräfte der erdeverschönernden Pflanzen. Nicht der Schüler allein der rettenden Göttin Hygea Kennt sie, die heilenden Kräfte der aromatischen Staude, Fern am Ganges geholt und vom Haupte der Cordilleras , Oft verkannt an Ufern der vaterländischen Bäche; Sichrer weiß der Wilde die schmerzenlindernde Wurzel Und den geheimeren Stand der fieberheilenden Rinde. Aber er kennet sie auch, die tödtenden Gifte der Pflanzen, Kennt der Euphorbien Kraft und der giftigen Mancinella , Die den geflügelten Pfeil mit dem schnellsten Tode bewaffnet. – Friedlicher Hütten Bewohner! Die ländlichen Gärten umblühn auch Tödtende Kräuter zuweilen, vermischt mit nährenden Pflanzen. Zwar es meidet das Vieh den Schierling , des Equisetum Und der Cicuta Berührung; es meidet die Wiesenranunkel , Durch den eignen Instinct vorm herben Tode gesichert. Aber zu oft verkannte der harmlos spielende Knabe, Falbes Stramonium , Dich und die Beere der Belladonna , Der früh blühenden Daphne , der rankenden Dulcamara . Tödtet sorgsam, Ihr Hirten, die Pflanzen! des blauen Napellus Stauden, tödtet sie auch und der vielarmigen Wolfsmilch !« – Ebenso menschenfreundlich nannte die Stimme die bekanntesten heilenden Kräuter: »Heilend ist der Hollunder an Früchten. Blüthen und Rinde, Sanft auflösend der Mohn und die rosenfarbnen Althäen . Blaue Veronica , Dich und die Kerze des hohen Verbascum , Des Taraxakon Gold, der wuchernden Graswurzel Aufguß, Herber Cichorien Saft und des Löffelkrauts bittere Blätter, Eure lindernden Kräfte verkennt der weisere Arzt nicht, Sorgsam wählend; es sind des Bescheidneren Heilungsmittel, Einfach wie die Natur, und Deutschlands Himmel erzeugt sie.« – Der Inhalt dieser Gesänge dünkt mir so schön, daß ich Sie nicht zu ermüden fürchte, wenn ich Sie noch einmal davon unterhalte. Auf Wiesen und Auen, in Gärten und Feldern blüht der Menschen Gesundheit, Nahrung und Glück; da erholt, da erquickt sich die Seele. Ihr Realis hat Recht: »Lust zu Natursachen ist ein Merkmal der Großmüthigkeit. Naturkünste machen aufrichtig, Schulkünste stolz und grausam.« ——— 44. Von den heilenden Kräutern Deutschlands wandte sich der Genius des Menschengeschlechts zu Pflanzen, die die Natur jeder Zone, ihr angemessen, schenkte. Sie gab »des Betels Gewächs den Völkern am Indus, Und die Rhabarber dem Tanar der kalten tungusischen Steppe, Gab die Ginsengwurzel dem feuchten sinesischen Reisland, Ließ die Dolde der Squilla kanonischen Sümpfen entblühen Und in Balsamthränen zerfließen die Staude der Myrrha ; Schenkte dem armen Bewohner des reichen Potosi die Coca , Ihm des Guajak 's Gummi, den fieberheilenden Baum ihm, Und den siculischen Hirten die Perlentropfen der Manna .« Der Genius schien eine Biene zu werden, die um ihre süßesten Blumen umherfliegt. »Aromatischen Balsam entathmen die Pflanzen der Hügel. Duftende Kalamintha , der blaue Salbei und der Thymus Und die Melisse sind Bienen auf sonnigten Bergen ein Labsal, Wo sich der Rosmarin vermählt mit hohem Lavendel ; Jenen Blüthen entwenden sie narbonensischen Honig Und den fernher athmenden Nektar Hymettus' und Hybla's.« Aus der Laube erscholl die Stimme: »Aber wer kennt sie alle, die Kräfte der heilsamen Pflanzen, Oft vergessene Kunde der sorgsam forschenden Vorzeit, Oder nach Säclen Erfindung der Dioskoriden Der Aerzte, nach dem berühmten griechischen Arzte Dioskorides. – D. der Nachwelt?« Und der Genius antwortete: »Wenn, von alten Systemen entfesselt, bescheidner der Forscher Einst von Hirten auch lernt und ergrauenden Alpenbewohnern, Auch den Bergmann verschmähet er nicht und des Gemsenjägers Nicht stets fabelnde Kunst und angeerbtes Geheimniß: Siehe, dann werden Contoure der Anmuth mit Farbenverschwendung Blumenfreunde nicht fesseln allein, der Genzianella Tiefgesättigtes Blau,' der Lobelia flammende Röthe, Noch der Purpur und Safran der strahlenden Poinciana , Nicht der Aurikel Sammt und die Strahlen der Ringelblume , Wenn sie die goldenen Augen dem thauenden Morgenroth aufschleußt, Fesseln allein nicht mehr der Flora sammelnden Günstling: Thätige Weisheit umstrahlt des menschenfreundlichen Forschers Wärmere Seele, zu nützen mit Muth dem Menschengeschlechte.« Jetzt erhob sich Linneus' Urberg der Schöpfung vor mir, auf welchem vom Gipfel an bis zur niedrigsten Tiefe alle Gewächse blühen, deren Fruchtstaub seitdem über die ganze Erde verweht ist: »Reich seid Ihr an Pflanzen von mannichfaltigen Kräften, Quellentrunkene Thäler und sonnige Hügel der Alpen. Neben dem Akonit entfalten die Genzianen , Töchter desselben Hügels, die heilenden Safranglocken. Siehe! den Teneriff' und den Flammengipfel des Aetna, Kaukasus' Felsenhaupt, Dich, höheren Chimborasso, Decket ewiges Eis, seit Euch die Fluthen umstürmten. Euer beschneiete Scheitel, dem hundert Quellen entstürzen, Der das hohe Gewölbe des Himmels zu tragen uns scheinet, Kleidet sich über den Wolken in reine ätherische Bläue. Flora's Reich beginnet am Rande des ewigen Schneereichs; Grönlands kurzen Sommern entblühn grönländische Pflanzen. Malaga's Reben umranken den Fuß der Gebirge; die Höhen Decket der Saxifragen , der Diapensia Mooswuchs. Kurz ist die Lebensdauer der weißen Pygmäengeschlechter, Welche das Rennthiermoos umkreucht und die Alpenbirke . Tiefer vermählet der kleine Myrtill und des Rhododendron Purpurdolde sich mit dem erdwärts kriechenden Krummholz ; Ihre Schatten verbergen die Alpenmaus und das Schneehuhn. Tiefer erhebet der Taxus sein Haupt und der dunkle Wachholder Früher als diese die Birke , der Larix , entblättert im Winter. Ihren Füßen entsteigt, gedeckt von ihrer Umschattung, Ein unzähliges Heer balsamischer Pflanzen der Alpen. – Heerden irren hier in schwelgendem Ueberflusse Um die genügsame Sommerhütte der Freigebornen. Phöbus' Strahl entbindet aus tausend würzigen Pflanzen Reinere Lebenslust und rosenfarbne Gesundheit. – – Kühlende Lüft' umwehn Euch, Söhne heiliger Alpen, Würziger Pflanzen Duft umsäuselt Euch in der Kühlung; Aber betäubender ist der Duft von Auranzien hainen, Welchen der Wind ins Meer entführt von Portugal's Küsten Oder von Rosen gebüschen des zweimal blühenden Pästum; Selbst bemoosten Felsen entsteigen dort Veilchengerüche. »Lieblicher seid Ihr noch, Ihr Blüthen heißerer Zonen, Tausendfarbige Töchter der senkrecht stehenden Sonne, Deren Hauch mit Balsam die schwüleren Lüfte beschwängert. Dichter sangen nur Rosen, nur Gärten der Hesperiden; Niemand feierte noch die tropischen Blüthen des Aufgangs. Wer sang Dich, o Nyktanthes , die Zierde der Gangesgestade, Wer, Gardenia , Dich, die Königin der Gewächse, Und ambrosischer duftend als beide, den Oelbaum aus China ? Wer der Bromelia » Bromelia ananas «. Anmerkung des Dichters. – D. Gold, und die Früchte der Mangustana ? Staunend verweilt die Muse beim Stamm der keuschen Mimosa , Reizbar wie die Thiere, des Pflanzenreiches die Feinste. – Und wer sang von Euch, Ihr amboinischen Haine, Welche der Golddurst mehr als des Weltmeers stürmende Brandung Rings umher verschleußt dem harmlosen Freunde der Flora? »Die Holländer entfernen alle Fremden von ihren Gewürzinseln.« Anm. des Dichters. – D. Mitten in brennendem Sand erhebt sich Euer Gewölbe, Neben der höchsten Gluth der Sonne die nächtlichste Kühlung. Nicht der Muscatbaum nur und die aromatische Nelke , Auch des Brodbaums Stamm und die Riesenhöhe des Kokos Trotzen der Wuth der Orkane, verwebt mit schlanken Lianen; Fei'rliches Dunkel umhüllt die romantischen Zauberhaine; Keine Blumen entsprossen dem Schooße der nächtlichen Dämmrung; Aber seidener Mooswuchs und buntgemarmelte Schwämme Decken den Armadill und die vielgeringelte Schlange. Statt der Nachtigall Lied erschallet der Papageien Und der Affen Geschrei aus ferner Gipfel Umwölbung.« Lauter konnte der Gesang nicht werden. Ich befand mich auf Amboina mitten im Paradiese der Flora, im Dufte der Blumen, im Lustgeschrei der Affen und Papageien. Da sang aus der Laube die mildere Stimme: »Laß mich, holde Natur, den Sohn der kälteren Zone, Deiner Wunder mich immer erfreun im Reiche der Flora, Zwiefach ihrer mich freun aus schönen pannonischen Fluren! Denn schon sind sie, die Ufer, an welchen sich Vindobona Spiegelt in dem Silber des mächtigen Kaiserstromes.« – Und eine andre Stimme: »Aber dann erheben sie sich zum reizenden Urbild, Wenn, von der feinsten Empfindung und von des reinsten Geschmackes Sicherer Hand geleitet, ein Lascy oder Cobenzel Gärten wie Oberon schafft und Paradiese wie Milton: Gruppen, wie hingezaubert, von Grotten und Wasserfällen, Ueberwölbende Schatten und duftende Labyrinthe Seltsam gebildeter Bäum' und Blüthen wärmerer Zonen, Scheinbare Disharmonie, die sich löst in den süßesten Wohllaut, Wo in ihren höchsten Triumphen unsichtbar die Kunst wird.« – – Stimmen besangen Kaunitz', Loudon's »Loudon's Garten in Hadersdorf.« Anmerkung des Dichters. – D. Gärten, und eine holdere Stimme: »Edle Kinsky , Du sammelst in Gärten, »Die exotischen Pflanzungen der Gräfin von Kinsky, gebornen Gräfin von Harrach.« Anm. des Dichters. – D. wie die der Armida, Jene Blüthen umsonst, die der westlichen Atlantide Milderen Sonnen entblühn und jenen des rosigen Aufgangs. Siehe! von allen Blumen, die Deinen Tritten entsteigen, Die Dein schaffender Wink, genährt von Hyperion's Strahlen Und den Thränen Aurorens, dem Schooß der Tellus entrufet, Ist doch keine so schön wie Du.« – – Eine andre Stimme nannte Gärten, »Wo in Amerika's Büschen die deutsche Nachtigall flötet.« – – Unerwartet brachte endlich die Stimme des Dichters mich zu mir selbst wieder: »Aber auch Ihr seid schön, Ihr, meines nordischen Landes Quellentrunkene Thäler und grünende Blumengestade; Flora liebet Euch mehr als alle der kälteren Zone Fluren; sie webet in Euch sich ihre seltneren Kränze. Reizend ist die Aussicht, gelagert in dunkler Umschattung Ueberwölbender Buchen und Eichen, aus Odin's Zeiten, Welche das Meer umstürmt, zu sehen im Wellengetümmel Hundert züngelnde Flaggen und windgeschwängerte Segel; Ueber den Wogen die Heldengestade des felsigen Schwedens, Rauch von ihren Städten und Gipfel von ihren Gebirgen In dem röthlichen Schimmer des sinkenden Sonnenwagens. Sei mir gegrüßt, Du mütterlich Land, im Feiergesange, Wo mich die Blume des Feldes als Knaben mehr schon entzückte Als Hyacinthenprunk und eitle Tulpenästhetik, Blüthen ohne Frucht, des batavischen Krämers Erfindung!« So löste sich der Zauber. Ich kenne den Dichter nicht; Der ungenannte Dichter des »Hymnus an Flora« (Wien 1790) war der Freiherr C. von der Lühe , der 1800 seinen »Hymnus an Ceres« folgen ließ. Beide zusammen erschienen unter dem Namen des Dichters 1802 in einem Bändchen. Die Gräfin Harrach, geborene Fürstin von Lichtenstein, deren Gatte schöne, im Gedichte erwähnte Gartenanlagen in Bruck an der Mur besaß, sandte das Gedicht ihrem Freunde Goethe, der es in der Weimarer gelehrten Gesellschaft am 2. März 1792 vortrug. – D. könnte ich aber eine Gestalt an mich nehmen, so würde ich in Virgils oder Kleist 's freundlicher Gestalt vor ihn treten und sagen: »Mann oder Jüngling, Du bist werth, unser Genosse zu sein, ja, eine neue Stufe zu betreten, auf der die Wissenschaft der Natur sich mit der Kunst des Gesanges verbindet. Denn Dich umweht der Geist der Schöpfung; Du weißt nicht nur Namen ihrer Kinder, sondern fühlst Dich auch in sie und hast ein Herz für die Freuden und Leiden der Menschheit. Die Sprache steht Dir zu Gebot; die Wechselscenen der Natur werden Dich immer mehr zu wechselnden Tönen begeistern. Auf, und erweitre das Feld Demes Hymnus! Die Kränze, damit Du Deinen Lehrer schmücktest, erwarten auch Dich: »Sieh! es windet Dir Flora, die Liebende dem Geliebtern, Duftende Diademe von Blüthen aus jeglichem Welttheil.« So würde ich zu ihm reden, überzeugt, daß durch das Studium und durch den Gesang der Natur der menschliche Geist erweitert, das menschliche Herz unschuldiger, ruhiger, wohlthätiger werde. ——— 45. Unbezweifelt ist's, daß durch das Studium und durch den Gesang der Natur das menschliche Gemüth milder werde. Wer uns eine botanische Philosophie in einem schönen Lehrgedicht gäbe, welchen Reichthum hätte er vor sich! Ihm stünde die gesummte Mythologie, die Aesopische Fabel, die Idyllen der Alten und von den Neuern Reisebeschreibungen, Geschichte, Philosophie, endlich die Naturwissenschaft selbst zur Seite. Was haben die Alten in ihren Georgicis gesucht, als unter mancherlei Einkleidungen den Menschen menschlich zu machen und ihn allmählig zu Beobachtung der Natur, zur Ordnung, zum Fleiß und Wohlsein zu erheben? Auch dem Virgil in seinen Georgicis können wir diesen wenigstens mittelbaren Zweck nicht absprechen. Er, der außer dem Kriegsglück der Römer gewiß noch ein ander Glück der Landbesitzer und Landbewohner kannte, wollte durch sein schönes, in vielen Stellen so menschliches Gedicht eben auch dies befördern. Die Aesopische Fabel führt uns ganz aufs Land. Hier sprechen Bäume, Thiere, Menschen; Naturwahrheit ist's, was sie sagen. Und wenn Lessing die Thiere wegen ihrer Charakterbestandheit als eigentliche Fabelactoren gerechtfertigt hat, wem bliebe mehr Bestandheit als dem Baum, der Pflanze, der Blume, der ganzen Naturordnung in ihrem unermeßlich langsamen Fortschritt? Hier also ist, recht gebraucht, Weisheit und Klugheit der Natur zu lernen; hier oder nirgend. Immer werden uns die schönen Pflanzen- und Baumfabeln, insonderheit des Orients, reizen, wo sie in ihrer stummen Sprache uns ewige süße Naturwahrheit sagen. Die Mythologie ist eine belebte Welt. Nur mit Entzücken kann ich daran denken, wie viel Geist, Sinn und Gemüth man in flüchtige Erscheinungen, in wandelbare Gestalten der Natur gelegt hat, allen Menschen zur Ansicht und dem menschlichern Menschen zur Bildung und Lehre. Wer irgend eine schöne Dichtung der alten Mythologie und Naturlehre uns neu ins Gemüth zu rufen weiß, hat eine Blume vom Kranz der Mutter der Götter gepflückt und in unsre Gürten verpflanzt. Das Idyll der Alten, ein unbestimmter Name, hat mit dem Verfolg der Zeiten sich gleichsam willkürlich zu Land-, Schäfer-, Hirten-, Fischergedichten, kurz, in Gesellschaften zurückgezogen, in denen ohne politische Kunst die unschuldige Natur regiert. Manche von Bion's, Moschus', Theokrit's Gesängen gehören dahin, und die neuere Poesie, wenn sie der politischen Welt und der wollüstigen Kreise satt war, hat ihr Dasein dahin verlegt. Virgil , dessen meiste Eklogen bloße Nachbildungen sind, entbrach sich nicht, in seinem Tityrus, Pollio, Silen diese reizende Dichtung als eine Einfassung höherer Vorstellungen zu gebrauchen. Daher, als in den mittleren Zeiten die Poesie wieder auflebte, erinnerte sie sich bald ihres ehemaligen wahren Geburtslandes unter Pflanzen und Blumen. Die Provencal- und romantischen Dichter liebten dergleichen Beschreibungen; bei Spenser z. B. sind es noch immer anmuthige Stanzen, die uns schöne Wüsteneien sammt ihren Gewächsen und Blumen schildern. Mit außerordentlicher Liebe und einem Ueberfluß der Phantasie sind Cowley 's sechs Bücher von Pflanzen, Kräutern und Bäumen geschrieben; ein neuerer Brite, der den Botanischen Garten The Botanic Garden containing the Loves of the Plants, with Philosophical Notes. London , 1788. – H. Von Erasmus Darwin . Vgl. Goethe's Brief an Schiller vom 26. Januar 1798 mit Schiller's Erwiderung. – D. nach Linneus' Geschlechtersystem, in ihm also vorzüglich die Liebe der Pflanzen besang, scheint, nach Proben zu urtheilen, auch viel Artiges gereimt zu haben. Unter deutschen Dichtern hat von unserm alten Brockes Geßner mit Recht gesagt: »Er hat die Natur in ihren mannichfaltigen Schönheiten bis auf das kleinste Detail genau beobachtet; sein zartes Gefühl wurde durch die kleinsten Umstände gerührt; ein Gräschen mit Thautropfen an der Sonne hat ihn begeistert; seine Gemälde sind oft zu weitschweifig, oft zu erkünstelt, aber seine Gedichte sind doch ein Magazin von Gemälden und Bildern, die gerade aus der Natur genommen sind. Sie erinnern uns an Schönheiten, an Umstände, die wir oft selbst bemerkt haben und jetzt wieder ganz lebhaft denken.« Haller 's »Alpen«, Kleist's, Geßner's Gedichte, Thomson 's »Jahrszeiten« sprechen für sich selbst. Einer der Genannten hatte, als er sein Gedicht über Pflanzen und Bäume schrieb, sich aufs Land zurückgezogen und setzte sich daselbst als einem Lebenden folgende Grabschrift: Grabschrift eines Lebenden Hier ruht, o Wandrer, unter dem niedern Dach Der Dichter Cowley , selig entronnen schon Der, ach, wie leeren und wie eitlen Und so entbehrlichen Menschenmühe! In Armuth glänzt er, aber unrühmlich nicht; An träger Muße will er kein Edler sein. Reichthümer, die der Pöbel liebet, Haßte er stets mit der kühnsten Feindschaft Gieb ihm, o Wandrer, gieb dem Geschiedenen, Den hier ein kleiner Winkel der Erde birgt Und ihm genüget, Deinen Segen: »Leicht sei die Erde Dir, Sorgentladner!« Und streu ihm Blumen, Rosen, die bald verblühn! (Ein Abgeschiedner freuet der Blumen sich), Und mit dem duftendsten der Kränze Kröne die Asche des glühnden Dichters! ——— Ein sanfterer Naturdichter würde lebend und sterbend sagen: » Et ego in Arcadia !« Vgl. Herder's Werke, I. 20, Note 1. – D. ——— 46. In einer freundschaftlichen Versammlung hörte ich neulich eine Vorlesung über Wahn und Wahnsinn der Menschen , deren Abschrift ich mir erbat und Ihnen jetzt statt meines Briefes mittheile. Ueber Wahn und Wahnsinn der Menschen. Eine Vorlesung. Ohne Zweifel haben Sie, meine Herren, bei der Zergliederung menschlicher Körper die vielen, unendlich feinen Striche bemerkt, die im Gehirn dergestalt durch einander laufen, daß sie das Messer des Zergliederers nicht mehr verfolgen kann. Ebenso fein und vielleicht noch feiner laufen in der menschlichen Seele die Linien des Wahnes und der Wahrheit durch einander, daß man nach der sorgfältigsten Prüfung kaum an sich selbst weiß, wo Eins sich vom Andern scheide. Wenn Alles das Wahn ist, was wir ohne deutliche Gründe auf guten Glauben annehmen, so ist der größte Theil unsrer Erfahrungen, unsre früh gelernten Kenntnisse, unsre früh erworbenen Gewohnheiten und Neigungen auf Wahn gegründet. Sie beruhen entweder auf dem Zeugniß unsrer Sinne oder anderer Menschen, denen wir glauben, die wir unvermerkt, uns selbst unbewußt nachahmen, endlich am Meisten auf unsrer eignen Bequemlichkeit und Disposition, lieber so als anders zu handeln. So befestigt sich in uns allmählig eine Gedenk -, eine Handlungsweise , deren Ursprung in einzelnen Fällen wir selten erforschen mögen. Nur wenigen sehr hellen und reinen Seelen ist's gegeben, über die wichtigsten Striche ihrer Denkart sich unparteiisch zu prüfen, Wahrheit und Irrthum, Vorurtheil und Gewißheit in ihnen strenge zu unterscheiden, und sodann dem unschuldigen oder gar nothwendigen Wahn zwar sein Gebiet zu lassen, mit Nichten ihn aber zum Gesetzgeber jeder menschlichen Wahrheit, mit Nichten ihn zum Richter jeder fremden Denk- und Sinnesart zu erheben. Diese seltnen, vom Himmel privilegirten Seelen sind diejenigen, die man allein tolerant nennen kann; sie schonenden Wahn des Andern auch in Fällen, in denen er ihrem eignen liebsten Wahn entgegensteht. Sie sind die duldsamsten Freunde, die lehrreichsten Gesellschafter; denn auch über die verwickeltsten Aufgaben der Menschengeschichte läßt sich mit ihnen ohne Haß und Zorn disputiren. Der gemeine Haufe der Menschen ist nur so lange Freund gegen einander, als sein Lieblingswahn gefördert oder wenigstens nicht beleidigt wird. Und wie sonderbar, wie abenteuerlich dieser Lieblingswahn sein könne, lernt man zuweilen mit der größten Verwunderung ebenda einsehen, wo man dergleichen bei sonst so richtigen Begriffen und Grundsätzen je kaum vermuthet hätte. Der Glaube an Gespenster und an andre Dinge dieser Art ist wol der verzeihlichste in solchem geheimen Wahnregister, da sich in ihm oft wunderlichere Artikel finden. Gemeiniglich hält ihr Besitzer diese als sein eigenstes Eigenthum theuer und werth; unvermerkt entwischen sie ihm nur, wenn nicht etwa gewaltige Leidenschaften, außerordentliche Zeitumstände und Situationen sie mit Gewalt erpressen und herausfordern. Dann streitet er aber auch für sie, eben weil sie Schwächen seiner Natur, Gebilde seiner Phantasie sind, als für seine liebsten Kinder. Wer um die wichtigste Wahrheit mit ihm ficht, wird nie so sehr sein Gegner sein, als wer gegen eine Lieblingsmeinung, die wie ein Polypus in sein Herz gewachsen ist, einige Befremdung äußert. Gehen Sie, meine Herren, in Ihren Gedanken die Zahl Derer durch, die Sie in Ansehung ihres Innern am Nächsten gekannt haben! Sie werden Sich sonderbarer Wahngestalten erinnern. Das Gebiet des Wahnes erstreckt sich insonderheit auf Dinge, die den Menschen zunächst angehen, auf seine Person und Gestalt, auf seinen Stand, seine Nation, seinen Zweck und Charakter. Wie es z. B. Personen giebt. die im Innern ein ganz anderes Bild von sich umhertragen, als die sie sind; sie erschrecken vor ihrer äußern Gestalt im Spiegel als vor der Gestalt eines fremden Wesens; so giebt es deren noch weit mehrere, die in Ansehung ihres Innern ein fremdes Bild mit sich tragen. Ein berühmter König unsers Jahrhunderts Karl XII. von Schweden. – D. war in seiner Phantasie immer nur Oberster eines Regiments, und war's mit Lust; alle königlichen Pflichten erfüllte er als eine fremde Person, als ein strenger Amtmann. Unzählige Wunderlichkeiten flössen daher, die ohne dies Bild einer fremden, ihm einwohnenden Wahngestalt unerklärlich blieben, durch sie aber sich alle erklären. Was uns die Berichte der Aerzte von Krankheiten der Einbildungskraft erzählen, da Jener sich seine Füße als Strohhalme, Dieser sein Gesäß gläsern dachte, ein Dritter die Welt zu überschwemmen fürchtete, sobald er sein Wasser ließe, alle diese Geschichten oder Märchen sagen im Grunde weniger als die Erfahrungen manches Wahns, den man bei den vernünftigsten Menschen zuweilen wahrnimmt. Einige Gattungen desselben pflanzen sich in Familien fort und mischen sich als sin Erbtheil von Vater und Mutter auf die sonderbarste Weise. Andre haften an Ständen, Aemtern, Lebensarten, Zünften und bekommen den Ehrennamen esprit de corps , Gefühl seines Standes, Familienehre . Die feinsten aber hangen von individuellen Umständen und Erfahrungen ab; sie sind Abdrücke von der eigensten Beschaffenheit des Körpers und der Seele des Wähnenden sammt den Situationen, die vorzüglich auf ihn wirkten, kurz, befestigte Luftgebilde seiner frühen Jugend . Daher sind sie theoretisch oder praktisch, selten aber Eins ohne das Andre. Denn der Mensch ist nie so vergnügt, als wenn er nach Wahn handeln kann, zumal nach einem von Andern verdammten, von ihm selbst geformten Lieblingswahne. Da lebt er recht in seinem Element und ist seiner Kunst Meister. Sie merken leicht, meine Herren, in welchen Ständen diese Wahnbilder am Sichtbarsten sein müssen; in solchen nämlich, die sich am Freiesten äußern dürfen. Wer vor Andern Scheu haben, wer aus Beruf und Noch auf dem gebahnten Wege angenommener Meinungen oder richtiger Begriffe bleiben muß, der giebt sich Mühe, sonderbare Eigenheiten seines Kopfs und Herzens zu unterdrücken, wenigstens verschließt er sie in der innersten Kammer und reitet auf seinem Steckenpferde nicht eben an Hellem lichten Tage, nicht auf dem Markte. Wer sich dagegen Alles erlaubt und dabei sein Personale äußerst hoch hält, der kann mit diesen Originalpoesien seines Wesens oft nicht laut genug hervortreten; er erfindet deren eine Reihe, mit der Zeit aus bloßer Willkür, und glaubt sich gar dazu in die Welt gepflanzt, Andere damit zu vergnügen. Die sogenannten starken Charaktere, großen Geister , ex professo vornehmen Leute u. s. w. liefern in ihrer Geschichte davon wunderbare Beispiele. Die alten römischen Cäsars, eine Reihe Regenten, Helden, Religionsstifter, Schwärmer. Dichter, Philosophen hatten sonderbare Wahngestalten im Kopf, die sie gewöhnlich Andern aufzwingen wollten und damit oft zum Ziele kamen. Denn leider ist bekannt, daß es fast nichts Ansteckenderes in der Welt als Wahn und Wahnsinn gebe. Die Wahrheit muß man durch Gründe mühsam erforschen; den Wahn nimmt man durch Nachahmung, oft unvermerkt, aus Gefälligkeit, durch das bloße Zusammensein mit dem Wähnenden, durch Theilnehmung an seinen übrigen guten Gesinnungen auf guten Glauben an. Wahn theilt sich mit, wie sich das Gähnen mittheilt, wie Gesichtszüge und Stimmungen in uns übergehen, wie eine Saite der andern harmonisch antwortet. Kommt nun noch die Bestrebsamkeit des Wähnenden dazu, uns die Lieblingsmeinungen seiner Ichheit als Kleinode anzuvertrauen, und er weiß sich dabei recht zu nehmen: wer wird einem Freunde zu Gefallen nicht gern zuerst unschuldig mitwähnen, bald mächtig glauben und auf Andre mit eben der Bestrebsamkeit seinen Glauben fortpflanzen? Durch guten Glauben hängt das Menschengeschlecht an einander; durch ihn haben wir, wo nicht Alles, so doch das Nützlichste und Meiste gelernt, und ein Wähnender, sagt man, ist deshalb ja noch kein Betrüger. Der Wahn, eben weil er Wahn ist, gefällt sich so gern in Gesellschaft; in ihr erquickt er sich, da er für sich selbst ohne Grund und Gewißheit wäre; zu diesem Zweck ist ihm auch die schlechteste Gesellschaft die beste. Nationalwahn ist ein furchtbarer Name. Was in einer Nation einmal Wurzel gefaßt hat, was ein Volk anerkennt und hochhält, wie sollte das nicht Wahrheit sein? wer würde daran nur zweifeln? Sprache, Gesetze, Erziehung, tägliche Lebensweise, alle befestigen es, alle weisen darauf hin; wer nicht mitwähnt, ist ein Idiot, ein Feind, ein Ketzer, ein Fremdling. Gereicht überdem, wie es gewöhnlich ist, der Wahn zur Bequemlichkeit einiger der geehrtesten oder wol gar, dem Wahn nach, zum Nutzen aller Stände, haben ihn die Dichter besungen, die Philosophen demonstrirt, ist er vom Munde des Gerüchts als Ruhm der Nation ausposaunt worden: wer wird ihm widersprechen wollen, wer nicht lieber aus Höflichkeit mitwähnen? Selbst durch lose Zweifel des Gegenwahnes wird ein angenommener Wahn nur befestigt. Die Charaktere verschiedener Völker, Secten, Stände und Menschen stoßen gegen einander; eben desto mehr setzt Jeder sich auf seinem Mittelpunkt fest. Der Wahn wird ein Nationalschild, ein Standeswappen, eine Gewerksfahne. Schrecklich ist's, wie fest der Wahn an Worten haftet , sobald er ihnen einmal mit Macht eingeprägt wird. Ein gelehrter Jurist hat bemerkt, was an dem Wort Blut, Blutschande, Blutsfreunde, Blutgericht für eine Reihe schädlicher Wahnbilder hange; mit dem Wort Erbeigenthum, Besitzthum u. s. w. ist's oft nicht anders. Zu unsern Zeiten haben wir's erlebt, was die Wortschälle Rechte, Menschheit, Freiheit, Gleichheit bei einem lebhaften Volk für einen Taumel erregt; was in und außer seinen Grenzen die Silben Aristokrat, Demokrat für Zank und Verdacht, für Haß und Zwietracht angerichtet haben. Zu andern Zeiten war es das Wort Religion, Vernunft, Offenbarung, seligmachender Glaube, Gewissen , Covenant, the causes sake u. s. w. Unschuldige Farben, die Grünen und Blauen , die Schwarzen und Weißen , Losungsworte , mit denen man keinen Begriff verband, Zeichen , die gar nichts sagten, haben, sobald es Parteien galt, im Wahnsinn Gemüther verwirrt, Freundschaften und Familien zerrissen, Menschen gemordet, Länder verheert. Die Geschichte ist voll solcher Abbadonischer Nach Klopstock's gefallenem Seraph Abdiel Abbadona. – D. Namen, so daß man ein Wörterbuch des Wahnes und Wahnsinnes der Menschen aus ihr ziehen und dabei oft die schnellsten Abwechselungen, die gröbsten Gegensätze bemerken würde. Wahn und Wahnsinn sind überhaupt nicht so weit von einander, als man glaubt. So lange der Wahn sich in einem Winkel der Seele aufhält und nur wenige Ideen angreift, behält er diesen Namen; verbreitet er seine Herrschaft weiter und macht sich durch lebhaftere Handlungen sichtbar, so nennt man ihn Wahnsinn. Wer kann nun jederzeit das Mehr und Weniger bestimmen? zumal sowol bei einzelnen Menschen als bei ganzen Völkern nach Umständen und Perioden nichts als Convention die Wage in der Hand hat und Namen vertheilt. Die größten Veränderungen der Welt sind von Halbwahnsinnigen bewirkt worden, und zu mancher rühmlichen Handlung, zu manchem scharf verfolgten Geschäfte des Lebens gehörte wirklich eine Art bleibenden Wahnsinns. »Bewahre uns Gott,« werden Sie sagen, meine Herren, »vor solcher Ansicht der menschlichen Dinge! Unsre Erde würde ja damit ein Irrenhaus und unsre Geschichte ein Krankenregister.« Sollte sie in ganzen Perioden anders zu betrachten sein? und ist es nicht nützlich, daß man sie also betrachtet? Denn nun wird man zuerst , wenn auch in dem Zeitraum, in dem wir leben, Namen aufkommen, über welche Menschen einander hassen und morden, eben durch die Geschichte voriger Zeiten aufmerksam gemacht, zu prüfen, was hinter den Namen sei. Man wird sie weder gedankenlos nachbeten, noch fürchtend so anstaunen, als ob mit ihnen das Ende der Welt gekommen sei; am Wenigsten wird man im blinden Taumel mit einer der streitenden Parteien hassen, zürnen, verleumden, verfolgen. Die Geschichte belehrt uns, daß dergleichen Zufälle des menschlichen Geistes tausend und tausend Male bereits, nur unter andern Namen und Zeitumständen, ihr Spiel und Ende gehabt haben; man wird also auf seiner Hut sein, unschädlichen Wahn dulden, schädlichem Wahn ausweichen, mit nichten aber weder diesen noch jenen erbittern und reizen. Denn eben durch dies Erbittern und Reizen (dies zeigt die Geschichte) wird der Wahn Wahnsinn. Dadurch aber habe ich weder dem Kranken noch mir geholfen, es sei denn, daß ich ihn wirklich toll machen wollte . Eben auch die Geschichte lehrt zweitens , daß weder Gewalt noch Ueberredung, am Wenigsten mit Ueberredung verschleierte Gewalt und mit Gewalt unterstützte Ueberredung den Wahn der Menschen auszutilgen oder zurechtzubringen vermöge. Durch Waffen werden Irrthümer weder bestritten noch ausgerottet; der schlechteste Wahn hingegen dünkt sich eine Märtyrerwahrheit, sobald er mit Blute gefärbt dasteht. Eben durch dergleichen gewaltsame Schleichmittel sind Irrthümer, die sich selbst bald überlebt hätten, Meinungen, von denen die Betrogenen in Kurzem zurückgekommen wären, schädlich verewigt worden. Nie hat die reine Wahrheit mit schlauer Politik etwas zu schaffen gehabt, so wenig die Politik es je zum Zweck gehabt hat, reine Wahrheit zu befördern. Jede geht ihren Gang, und nur Kinder lassen sich von politischen Wahrheitphrasen dieser oder jener Partei oder, wie die Griechen sagen, von der Suada mit der Geißel in der Hand Die griechische Peitho wird so dargestellt. – D. täuschen. Drittens . Das einzige Mittel, wie man dem Wahn beikommen kann, ist, daß man ihm nicht beizukommen scheine. Man schütze sich vor ihm und lasse ihn seines Weges wandern; oder man zerstreue ihn und bringe ihn ohne gewaltsame Ueberredung unvermerkt auf andre Gedanken! Die Zeit allein kann ihn heilen. Man hat mehrere Beispiele, daß mitleidige Krankenwärter von der Krankheit selbst angesteckt wurden; nichts aber theilt sich leichter mit als Krankheiten der Seele. Wer gesund ist, suche gesund zu bleiben; alle Ansteckungen werden nur dadurch eingeschränkt, daß man sie isolirt. Viertens. Freie Untersuchung der Wahrheit von allen Seiten ist das einzige Gegenmittel gegen Wahn und Irrthum, von welcher Art sie sein mögen. Laßt den Wähnenden seinen Wahn, den Andersmeinenden seine Meinung vertheidigen; das ist ihre Sache. Würden Beide auch nicht gebessert, so entspringt für den Unbefangenen aus jedem bestrittenen Irrthum gewiß ein neuer Grund, eine neue Ansicht der Wahrheit. Daß man doch ja nicht glaube, Wahrheit könne je durch bewaffneten Wahn gefangen oder gar ewig im Gefängniß festgehalten werden! Sie ist ein Geist und theilt sich Geistern mit, fast ohne Körper. Oft darf ihr Ton an einem Weltende geregt werden, und er erklingt in entlegenen Ländern; immer aber läutert sich der Strom des menschlichen Erkenntnisses durch Gegensätze, durch starke Contraste. Hier reißt er ab, dort setzt er an; und zuletzt gilt ein lange und viel geläuterter Wahn den Menschen für Wahrheit. ——— 47. Sensca sandte seinem Freunde Lucil fast in jedem seiner Briefe einen Denkspruch zum Geschenk; was soll ich Ihnen für die mitgetheilte Vorlesung senden? Soll ich Sie nach Ariost Orlando furioso, Cant . XXXIV. Str . 75, 77, 79, 81. – H. in jenes Mondthal führen, wo Astols so viele Resultate des menschlichen Wahnes und Wahnsinnes erblickte? » Le lacrime e i sospiri degli amanti, L'inutil tempo, che si perde a gioco, E l'ozio lungo d'uomini ignoranti, Vani disegni, che non han mai loco; I vani desicderi sono tanti Che la più parte ingombran di quel loco, Ciò che in somma quaggiù perdesti mai, Lassù salendo, ritrovar potrai .« Lieber bleiben wir auf der Erde und wollen, auch mitten unter gefärbten Nebeln des Wahnes und Wahnsinns, die Burg der Wahrheit suchen. Nicht Alles ist Wahn und Traum im Gebiet der Menschheit; es giebt für uns insonderheit im Praktischen, im Moralischen eine gewisse, sichere Wahrheit. Ihre Stimme spricht auch mitten im Politischen Geräusch; sie spricht für Jeden, der sie hören will, in seinem innersten Herzen und straft jede Sirenenstimme gefälliger Meinungen Lüge. Auch in den dunkelsten Zeiten schien ihr Licht in reinere Seelen; auch in der größten Verwirrung der Welthändel war sie dem Unbefangenen ein sicheres Richtmaaß. Können Sie Sich z. B. verworrenere Zeiten als die Zeiten der Ligue und der Religionsgährungen in Frankreich denken? Und siehe! nebst vielen andern hellen und aufrichtigen Geistern erschien und schrieb in ihnen der Präsident De Thou seine Geschichte. Wollen Sie bei dem langen Werk in einem kürzern Inbegriff bemerken, wie hoch er sich über Wahn und Vorurtheile seines Standes, seiner Geburt, seines Landes, seiner Secte, seiner Zeit hinwegschwang, so lesen Sie nur die Stellen, die von der spanischen Inquisition weggestrichen wurden, die Lästerschriften, die Scioppius und Machault gegen ihn schrieben, und seine linde Antwort dagegen im Gedicht »An die Nachwelt«, Posteritati . Alles dies findet man im siebenten Theil der Londner Ausgabe von Thuan's Geschichte beisammen. Auch die Comentarios de vita sua , in denen nebst andern das Gedicht » Prosteritati « vorkommt. Die hier frei übersetzte Ode » Veritati « steht Tom . I. voran seiner Geschichte. In Gruter 's Deliciis Poëtarum Gallorum fehlen Thuan's beste Stücke gänzlich.– H. Vgl. Düntzer . »Jacques Auguste de Thou's Leben, Schriften und historische Kunst«, S. 52 ff. Im letzten Stücke der »Adrastea« (VI. 2. S. 147 ff.) steht eine spätere vollständigere Uebersetzung dieser Ode von Herder, als wäre sie ein eigenes Gedicht desselben. – D. Er, der den größeren Sieg erkämpft hatte, vom Wahne frei zu sein, erhielt auch den viel leichteren, den Verleumdungen, den Verfolgungen des Wahns sich klug zu entziehen oder beherzt entgegenzutreten. Davon sind seine Briefe, davon die von ihm selbst über sein Leben gegebene Rechenschaft Zeuge. Hören Sie die wahre Dedication seiner Geschichte, sein Gebet an die Wahrheit: Der Wahrheit. Des Himmels Tochter, freundliche Wahrheit Du, Der Erde Schreckbild, strafende Wahrheit Du, Wo bist Du hingeflohn, o Göttin? Du der Unschuldigen letzte Zuflucht! Wohin ich wende meinen erspäh'nden Blick, Wohin ich richte meinen verirrten Tritt, Dich find' ich nirgend, blindes Dunkel, Trügender Wahn hat die Welt umfangen. Doch wenn Du von uns, von dem unseligen Verfolgerlande zürnend die Flügel schwangst Und Dich mein Zutritt nicht erreichet, Hörest Du mich in der Fern' auch gütig. Du, der Gemüther leuchtende Führerin, O Du, der Nebel holde Zerstreuerin, Die, wann der Tritt uns fast ersinket, Mächtigen, hebenden Arm uns reichet! Daß nie, von banger, nichtiger Furcht betäubt, Daß nie, von leerem blendenden Glanz verlockt, Die Seele sich und Den verliere, Der auch in Irre der Menschen Weg lenkt! Du, die nicht Scheu, nicht trügliche Hoffnung kennt, Du, die nicht Haß erschüttert, noch eitle Gunst, Die der Verleumdung Bubenpfeile Frei von des Redlichen Brust zurückwirft: Den Ruhmeswerthen giebst Du Unsterblichkeit, Begrabnen Frevel ziehst Du ans Licht hervor, Und Recht und Unrecht bringet Deine Mächtige Stimm' in das Ohr der Nachwelt, Unwiderrufbar! Keine der webenden Drei Schicksalsschwestern löst, was die andre spann; Und was der Wahrheit heil'ger Rechtspruch Göttlich entschieden, das bleibt gerichtet. Wer Dich, o hohe Göttin, wer Dich verehrt, Der betet Gott an! Immer ein Herr sein selbst, Spricht er der Wahrheit Recht und übet Jede der Pflichten für Menschen menschlich. Nicht nach der Willkür stolzer Trimalcions Uebermüthig verschwenderischer Emporkömmlinge, wie jener Freigelassene bei Petronius. Richtiger ist die Form Trimalchio . Vgl. Brief 69 (S. 318 f.). – D. Wird er entscheiden, lüstend nach ihrem Mahl; Wird nie ihr juckend Ohr mit süßem, Menschenverderblichem Murmeln kitzeln. Für Freunde leben, leben fürs Vaterland, Den Frevel scheuen mehr als den bittern Tod, O Wahrheit, dies ist seine Ehre, Dies sein Beruf und sein innrer Lohn dies. Herab vom Himmel senke Dich, Königin, Und mit Dir komme strenge Gerechtigkeit Und Scham und Treu' der Erde wieder Und die so lang uns entflohne Einfalt! Wir warten Deiner. Waffen und Nerv und Arm Erwarten Alle, Göttin, von Dir allein! – Der Zeiten letzte nahn; es altert Blöde die Welt und erträumet Wahnsinn. Schau her! wie hebt dort, Flammen und Schwertern selbst Unüberwindbar, trotzend die Hyder sich! Zehn Häupter fallen, und aus jedem Blutenden steigen der Häupter tausend. Des Wahnes Weltmeer wälzet der Meinungen Auf Wellen Wellen; Religion erseufzt Im Schiffbruch, und der Liebe Bande Lösen sich auf, und der Boden sinket. Herab vom Himmel senke Dich, Königin, Mit Deiner Rechte stürzend des Unthiers Brut, Die süßes Gift den trägen Fürsten Täuschend in goldener Schale reichet. O Du, im Schiffbruch helfende Retterin, Dem tollen Aufruhr frevelnder Meinungen, Der Lüsternheit und Frechheit steure, Steure der heuchelnden Lüg', o Wahrheit! ——— 48. Gewiß, eine Fabel muß im Kreise der Gesellschaft erfunden werden. So erfand Aesop die seinen; sie flogen ihm gleichsam wie der Hauch lebendiger Gegenstände aus Veranlassungen zu; darum ist der Geist in ihnen auch jetzo noch lebendig. So sind des La Fontaine, Gleim's und aller guten Fabeldichter Erzählungen entstanden; selbst wenn sie alte Erfindungen aufnahmen, verjüngten sie diese und erzählten sie jetzt für ihre Gesellschaft. Wer sich hinsetzt und eine trockene Lehre, einen dürren Sittenspruch in eine Schale näht, dem ist die wahre Fabelmuse nie erschienen. Als neulich in einer Gesellschaft von den unverstandenen Namen Aristokrat, Demokrat u. s. w. gesprochen und disputirt war, trat wie ein freundlicher Genius Einer aus der Gesellschaft zur Königin des Festes, rührte ihre Schärpe an und sagte diese Fabel. Von Herder's Freund, dem Major von Knebel, in dessen »Gedichten« (1815) das Gedicht mit mehreren Verbesserungen unter der Ueberschrift: »Das Gürtelband. An Frau von S. (Schardt?) 1793« steht. – D. Laß Dir ein Märchen erzählen an Deinem heutigen Tage, Das vielleicht, wenn der Sinn Dir beliebt, Vergnügen Dir bringet! Seh' ich nicht hier ein Band, von Gold und Seide gewirket, Von der weicheren Hüfte herab zur Ferse Dir fließen? Davon nahmen die Fäden das Wort und redeten also: Der Goldfaden. »Nein! ich kann es nicht dulden, mit diesen seidenen Fäden Länger hier in Gemeinschaft zu leben; sie sind so geringrer Herkunft als ich; ich stamme vom Scepter Jupiter's selber. Gold ist der Dreizack Neptun's und golden die Krone des Pluto.« Der Seidenfaden. »Mir gebühret die Ehre! Ich bin nicht gegrabenes Gold nur, Aus der Fäule der Erd' und rohen Felsen gescharret; Ein lebendig Geschöpf ernährte zu feinerem Saft mich, Zog mich aus seinem Busen und spann mit Kunst und Geschick mich. Jetzo tragen die Könige mich und die Herren an Festen; Weit gefälliger bin ich als Dein beschwerlicher Reichthum.« Der Leinfaden. »Was erzählt Ihr Euch hier und sprecht von Euren Verdiensten? Bin nicht ich der Erde, des Wassers holdester Zögling? Mich erzeugte die thauende Nacht; der strahlende Himmel Siehet mit Wohlgefallen auf mich. Die goldenen Fäden Unterstütz' ich allein; sonst würd' ihr nichtiger Schimmer Bald verschwinden. Ich halt' und trag' empor sie zum Glanze Und verbarg mich bescheiden, verlange nicht selber zu schimmern.« Also sprachen die Drei. Und was geschahe? Sie trennten Zürnend sich von einander und rissen und wollten nicht weiter. – Nun lag ohne Zierde das Band und ohne Gestalt da: Das in stolzer Schöne vorhin die Hüfte gegürtet, Hatte nicht Form noch Werth; verachtet fiel es zur Erde. ——— Kaum war das Märchen geendigt, als Die, an welche es gerichtet war, aufstand und mit Genehmigung Aller die weiße Schärpe als ein Zeichen des Friedens im Saale der Gesellschaft aufhing. Mit guter Wirkung; denn wenn im Taumel der Worte nachher die genannten Friedensstörer Jemanden nur auf die Lippe traten, sogleich ward auf die Schärpe gewiesen. Die drei Fäden sprachen ihre stumme Lehre, und der Ton der guten Gesellschaft stellte sich wieder her. ——— 49. Der die Schickungen lenkt, läßt oft den frömmsten Wunsch, Mancher Seligkeit goldnes Bild Unvollendet und webt da Labyrinthe hin, Wo ein Sterblicher gehen will. Anfang von Klopstock's Ode » An Bodmer « von 1750, nach der ersten Fassung. – D. Gilt dies vom Schicksal einzelner Menschen, wie viel mehr vom Schicksal der Völker und Reiche! Eben habe ich die Geschichte des Herzogs von Bourgogne , Enkels Ludwig's XIV., Vaters Ludwig's XV., mit sonderbaren Empfindungen gelesen. Vie du Dauphin, Père de Louis XV., écrite sur les mémoires de la Cour, enrichie des écrits du même Prince, par l'Abbé Proyart . Lyon 1782 . – H. Sie wissen, daß dieser Prinz ein Zögling Fénélon 's war; die Unarten, die das königliche Kind an sich hatte, als Fénélon zu ihm kam, werden auch in dieser Geschichte nicht verschwiegen. Lesen Sie nun, wie Fénélon sich dabei benahm, und was für einen vortrefflichen, nicht nur hoffnungs-, sondern wirklich fruchtreichen Charakter er aus dem Prinzen gebildet, und ein süßes Erstaunen wird Sie ergreifen. Sie sehen hier den Prinzen ungeschmeichelt, in seinem ganzen Leben und Wesen, bei Hofe, im Felde, im Cabinet, zu Hause, gegen den König, gegen seine Gemahlin, gegen Hofleute, Erzieher, Lehrer, Hausgenossen handeln. Handeln, nicht nur sprechen oder denken. Und allenthalben ist er sich gleich; allenthalben bleibt er die edle, standhafte, in größter Stille wirkende Seele. Es ist, als ob Fénélon's Geist ihn nicht umschwebe, sondern erfüllt habe; Fénélon's Denkart ist in die seinige verwebt. Sage nun Jemand, daß Erziehung, wenn sie rechter Art ist, nichts fruchte! Der Mensch ist ja Alles durch Erziehung, oder vielmehr er wird's, bis ans Ende seines Lebens. Nur kommt es darauf an, wie er erzogen werde. Bildung der Denkart, der Gesinnungen und Sitten ist die einzige Erziehung, die diesen Namen verdient, nicht Unterricht, nicht Lehre. Und wohl dem Prinzen, dem ein Fénélon zum Erzieher ward! Wohl jedem Erzieher, dem Fénélon zum Muster dient! Sage Jemand, daß bei Prinzen keine Erziehung möglich sei! Am Hofe Ludwig's XIV., des eigensinnigsten Königs, mitten unter Schmeicheleien, Verderbnissen und Verführungen der Zeit, an einem Kinde von auffahrendem, gebieterischen, geburtsstolzen, launischen Charakter war sie möglich und erprobte sich in den verworrensten Verhältnissen, in den schwersten Scenen. Sage Jemand endlich, daß Prinzen keiner Dankbarkeit, keiner Freundschaft fähig sind! Auch unter dem äußersten Haß Ludwig's XIV. gegen Fénélon blieb der Herzog und Dauphin seinem Freunde treu bis ans Ende seines Lebens. Und Dieser schonte ihn auf keine Weise. Sie finden einige Briefe Fénélon's in dieser Sammlung, die übrigen (unersetzlicher Verlust!) verbrannte Ludwig mit eigner Hand nach seines Enkels Tode; vermuthlich, weil er sich selbst bei seinem Haß gegen diesen würdigen Mann so sehr im Unrecht fand und mit den Briefen sein eignes Unrecht zu vertilgen glaubte. Denn nie versöhnte sich Ludwig mit Fénélon, auch nicht auf den Brief, den Dieser ihm sterbend schrieb. Der Monarch wollte den Erzbischof nicht unrechtmäßigerweise gehaßt haben. Gut, daß der Monarch die Papiere des Prinzen mit jenen Briefen, deren keine Zeile er schreiben konnte, nicht auch verbrannte! Sie sind in langen Stellen hier gedruckt; Fénélon's Geist athmet in jedem Grundsatz so wie in der ganzen, sehr reinen und edeln Schreibart. Nur sieht man auch, daß ein Prinz diese Grundsätze gedacht habe; sie sind, wenn ich so sagen darf, gedrückter, beschränkter, als sie in Fénélon's Seele blühten; aber ehrenvoll, schön, königlich, fürstlich. Ausziehen will ich nichts aus diesen Maximen. Dem Geist des Zeitalters und der Denkart Fénélon's gemäß ehren sie die Stände ungemein, machen die Religion zur Basis der Reichsverfassung und sind dem Protestantismus nicht günstig. Dagegen enthalten sie von den unerlaßbaren Pflichten aller Stände und des Regenten selbst alle die Grundsätze, die wir in Fénélon's vortrefflichen »Rathschlägen an einen König« finden. Wenn diese viel eigentlicher das livre d'or sind, als was gewöhnlich den Namen führt, so kann man die Aufsätze des Dauphins ohne Schmeichelei dem Buch des Marc-Aurel 's an die Seite setzen, nicht als das Werk eines Mannes, sondern als die Vorübung eines Jünglings; nicht als System, sondern nach Zweck und Absicht. Und wie er schrieb, so handelte der königliche Jüngling. Sobald er, welches ihm sehr schwer ward, das Zutrauen Ludwig's gewann, veranlaßte er Berichte aus allen Provinzen des Landes nach Punkten, die er selbst aufgesetzt hatte, die allenthalben ins Einzelne gingen und zeigten, daß der Kronerbe alle Bedrücknisse des Reichs in allen Ständen classenweise kannte. Als Feldherr hatte er im Kriege sie kennen gelernt, und er besaß gerade den eisernen Fleiß, die unerschütterliche Stätigkeit des Willens, diesen Uebeln auf den Grund zu kommen und ihnen einmal, wenigstens theilweise, abzuhelfen. Die Berichte liefen ein, zweiundvierzig Bände in Folio, und die Beschwerden, die Mängel und Mißbrauche überstiegen den Begriff des Redacteurs, des bekannten Grafen Boulainvilliers , so weit, daß er sie sich dem Prinzen nicht vorzulegen getraute. Dieser aber las doch, las dabei die eingeschickten einzelnen Klagen, Beschwerden und Verbesserungsvorschläge mit dem großen Grundsatz, »daß, wenn in einem ganzen Bande chimärischer Speculationen sich auch nur eine nützliche Beobachtung fände, man die Zeit nicht bedauern müsse, die man aufs Lesen verwandt hat.« Die Mittel, diesen Verderbnissen abzuhelfen, reiften in der stillen Seele des Prinzen. Und nun? Trauern Sie, meine Freunde! die muntre Gemahlin des Prinzen, die er zärtlich liebte, stirbt, von den Aerzten hingerichtet; innerhalb sechs Tagen stirbt der Prinz ihr nach, im dreißigsten Jahr seines blühenden Lebens. Lesen Sie die Geschichte seiner Krankheit, den Eigensinn Ludwig's dabei, das Ende des Prinzen! Unwissend Ihrer wird eine Thräne in Ihr Auge treten, und was wird dabei Ihr Wort sein? Fénélon sagte, als er die traurige Nachricht vernahm: »Meine Bande sind gelöst; nichts hält mich mehr an der Erde.« Ludwig dagegen sagte: »Ich preise Gott für die Gnade, die er ihm geschenkt hat, so heilig zu sterben, als er lebte.« Der König ertrug, so sagt ein Geschichtschreiber, Alles als Christ, glaubte, daß Gott das Reich um der Sünden willen seines Königes strafe, betete seinen Richter an, und keine Klage entfuhr ihm. Wir, die wir keine Könige sind, dürfen keine so erhabne Gleichgiltigkeit äußern. Wir können aufrichtig und herzlich bedauern, daß die Vorsehung dem zu Grunde gerichteten Reich einen so geprüften, so festen, so thätigen König auch nur auf fünfzehn oder zwanzig Jahre zu schenken nicht genehmigte. Hätte er in diesen nur den hundertsten Theil seiner reif gewordenen Entschlüsse ausgeführt und nur den tausendsten Theil der Uebel, deren er sich erbarmte, gehoben, wie anders wäre der Zustand und die Geschichte Frankreichs seit einem Jahrhunderte geworden! Nun aber kam nach wenigen jammervollen Jahren statt unsers Bourgogne der Held aller Ausschweifungen, Orléans , und statt des staatsklugen Fénélon 's der ruchloseste der Menschen, Du Bois , ans Ruder. Die ewige Unmündigkeit Ludwig des Vielgeliebten folgte, und wie es seitdem in Frankreich beschaffen gewesen, ist welt- und staatskundig. Die Mémoires von St. Simon, Du Clos, Richelieu, Du Terray u. s. w. führen uns in einen so tiefen Abgrund von ungebundener Liederlichkeit und frevelhafter Unordnung, daß Jude, Christ, Heide und Türk über das Resultat äußerst besorgt und zugleich sehr einig sein mußten. Was ist hierauf zu sagen? Gegen die Vorsehung zu murren, wäre albern; denn wenn wir sie auch zur eigenthümlichen Schutzgöttin Frankreichs und der Bourbons personificirten, ja, ihr dabei die Wage des Jupiter's auf Ida selbst in die Hand gäben: in die eine Schale legt sie die Gräuel der alten festgewurzelten Reichsverwaltung, einen ungeheuren Berg, in die andre Schale den jungen, von ihr geliebten Kronerben. »Was kann er zu diesem Gebirge thun? wird er nach wenigen Jahren es vielleicht noch thun wollen? Er entschlafe also den Tod eines Heiligen, eines von Gott Geliebten, und es gehe der Ordnung der Dinge nach, nach welcher der fortgerollte Schneeball wächst, bis er schmilzt, die Gräuel sich thürmen, bis sie das Gleichgewicht verlieren.« Wir sind also auch des Glaubens vom großen Ludwig, » qui souffrit tout en Chrétien, il crût, que Dieu punissoit le Royaume des faultes de son Roi: il adora son juge; nulle plainte ne lui échappa ;« erinnern uns dabei aber jenes alten Judengottes, der mit unköniglichem Bedauern sprach: »Dich jammert des Kürbiß, und mich sollte nicht jammern« u. s. w. Lesen Sie die Worte selbst im unruhigen emigrirten Propheten! Jonas , 4. 10-12. ——— Ueber die Vergänglichkeit. Eine Ode von Sarbievius. In dessen Lyrica , II. 7. Die Uebersetzung ist nicht von Herder, sondern von Götz . – D. Menschlichem Elend wär' es eine Lindrung, Sänken die Dinge wieder, wie sie stiegen, Langsam; doch oft begräbt ein schneller Umsturz Hohe Gebäude. Lange beglückt stand nichts. Der Städt' und Menschen Schickungen fliegen immer auf und nieder; Jahre bedarf ein Königreich, zu steigen, Stunden, zu fallen. Du, der Du selbst des Todes Opfer sein wirst, Nenne darum nicht, weil die Zeit im Stillen Menschen und Menschenwohnungen zerstöret, Grausam die Götter! Die Dich zum Leben rufte, jene Stunde Rufte zum Tode Dich. Der lebte lange, Wer an Verdienst und Tugend sich ein ewig Leben erworben. ——— 50. Die griechische Philomele ist noch nicht verstummt; auch hat sie ihren Schmerz noch nicht vergessen. Sie klagt das Unrecht, das ihr von Menschen geschah, und erweicht mit ihrem Gesange das Herz, sich von gleichem Unrecht zu enthalten. » Flet Philomela nefas; neque adhuc de pectore caedis Effluxere notae, signataque sanguine pluma est .« Ungenau nach Ovid's Metam ., VI. 665, 669, 670. – D. Als ihre Schwester, die Schwalbe, sie aus der Einsamkeit des Waldes in die Gesellschaft, in die Häuser der Menschen schmeichelnd einlud: »Komm in das Feld, komm in die Wohnungen Der Menschen! Mit mir sollst Du da vergnügt, Geliebt von ihnen wohnen, wo Du nicht Den Thieren mehr, wo Du dem Landmann singst.« »Ach,« sprach sie, »laß mich hier in meiner Einsamkeit! Der Menschen Umgang bringt mir nur das Unrecht, Den Schmerz zurück, den ich von ihnen litt.« Vgl. die Fabel des Babrius in Herder's Werken, VII. S. 207. – D. Am Liebsten nimmt diese alte Philomele an den stummen Klagen der Menschen Theil, die sich ihrer Einsamkeit nahen. Sie bemerkt die Mienen ihres verschwiegenen Grams, den sie selbst einst ihrer Schwester nur in stummen Bildern entdecken konnte; seit ihr die Götter ihre Stimme wiedergaben, gebraucht sie dieselbe also am Liebsten zum Trost des sprachlosen Kummers der Menschheit. Einen ihrer Gesänge belauschte ich neulich zu einer Zeit, da Nachtigallen sonst schweigen, und theile Ihnen solchen, wie ihn ein Freund Major von Knebel . – D. aufschrieb, mit: Philomele in T. Tiefurt (bei Weimar). Knebel, der früher eine Reihe von Jahren mit dem Prinzen Constantin von Sachsen-Weimar als dessen Erzieher dort gelebt, hatte es vor Kurzem besucht. – D. Hast Du die Klagen gehört, die jüngst vom einsamen Aste An den Ufern der Ilm Philomela tönte? Mir kamen Einige Laute davon; vernimm von ihnen den Nachhall!     »Wie so blätterlos ist der Hain! wie leer das Gesträuche! Keine Stimme ertönt als nur der Raben und Elstern Heisres Geschrei. Es klettert und pfeift die diebische Meise An den Orten, die sonst nur meine Lieder erfüllten. Ach, wohin ist der Geist der Liebe geflohen? Wo ist er? Und wo soll ich ihn finden? Wer wird ihn wieder erwecken? Wenn wir umher im Kreise der schattigen Ulmen, der Pappeln Saßen und uns erweckten zu zärtlichen Liedern: ein Ton sucht Lockend den andern; es schlägt von der Brust des antwortenden Sängers Lauter die Liebe zurück ans Herz des Rufenden; wechselnd Streitet im brünstigen Zwist der Gesang. Es schallet vom Felsen, Schallt aus dem Haine wieder; es hebt der glänzende Bach In Knebel's »Nachlaß«, I. 21, wo sonst Manches offenbar verdruckt ist, findet sich hier: »aus dem Haine zurück; es hebt der hellere Bach sich«. – D. sich Liebeschwellend empor; von athmenden Blüthen und Zweigen Haucht balsamischer Duft umher durch die Lüfte, und leise Regt sich die schweigende Nacht mit thaubefeuchteten Schwingen. Aber der Menschen holdes Geschlecht, wie seh' ich sie traurig Jene Gefilde durchwandeln! Wie fremd am Blick und von Ansehn! Wohin wend't In Knebel's »Nachlaß« steht: »kehrt«. – D. sich ihr trüberes Aug'? Ach, hin zu den Scenen, Voll des Mordes und Bluts! O ruft die Sinnen zurücke! Warum sie tauchen in Gräul und Elend der Menschen? Wer wird Euch Künftig erwecken die Brust zu sanftern, holdern Gefühlen? Wird dann das beste Glück des Lebens, die Freiheit, so theuer, So mit Strömen des Blutes erkauft? Wer wird sie erkennen, Wer die schmalere Grenze, wo Recht sich scheidet vom Unrecht? Blicke des Argwohns begegnen dem Freund aus dem Auge des Freundes. Jedes festere Band des Lebens knüpfet und löst sich Nur durch Unwill' und Wuth. Ich sehe den stilleren Weisen Einsam wandeln; sein Haupt deckt trüber Tiefsinn; es hänget Zitternd über demselben das Schwert der Entscheidung; ihm tönen Nicht mehr die Lieder ins Ohr der zarten Liebe, der Freundschaft, Der erweckten Natur, des süßen traulichen Umgangs. Und o das blühende Mädchen! Ihr Hauch belebte die Wüste, Wenn die Wüste beleben sich könnte. Von ihrem Gesange Uebersteigen die Strahlen die meinigen. Wäre zur Blume Sie des Haines geschaffen, kein Blümchen glich' ihr an Reize, Keines an himmlischem Glanz noch Duft. Sie senket ihr Auge Nieder vom nackten Gipfel der hocherhabenen Ulme Auf das verödete Land, und in sich ersterben die Strahlen.«     Also sang vom schwankenden Ast weissagend der Vogel, Und der Nordwind verstummte; es nahten sich lindernde Weste. Aber es schwebt' in der Höh' mit ausgespreiteten Rudern Und mit gierigem Aug' ein Geier, dürstend nach Blute. Dieser ersah den lieblichen Sänger und stürzt von der Höhe, Faßt und drückt ihn gewaltig mit krummgespitzeter Klaue, Reißt ihm die blutende Brust auf und hackte begierig sein Leben. Nicht ein leiser wimmernder Laut ward weiter gehöret; Es entfloh die Seele mit stiller Wehmuth von dannen. ——— Ilicet (heu miseram!) tua Daulias exspiravit, Jane, gravi moestum tacta dolore jecur! Quid miseram dixi? Fatumne beatius ullum est, Talia cantantem quam potuisse mori? ——— 51. Wären Kränze der Belohnung in meiner Hand, so sollten mir außer den Einrichtungen, die das Bedürfniß fordert, besonders auch die Bemühungen werth sein, die den gehässigen Wahn der Menschen unvermerkt zerstreuen und gesellige Humanität befördern. Nichts ist dem Wohlsein der lebendigen Schöpfung so sehr entgegen als das Stocken ihrer Säfte; nichts bringt den Menschen tiefer hinab als ein trauriger Stillstand seiner Gedanken, seiner Bestrebungen, Hoffnungen und Wünsche. Also auch die Schriftsteller, die uns von der Stelle bringen, die das plus ultra auf leichte und schwerere Weise ausüben, gesetzt, daß sie auch keine neuen großen Resultate erjagten, wären mir sehr gefällig. Ein Mensch, der sich um Wahrheit bemüht, ist immer achtenswerth; wer bei unschuldigen Bestrebungen nur Zwecke hat, ist nie verächtlich, gesetzt, daß diese auch bei Weitem nicht Endzwecke wären. Denn was ist Endzweck in der Welt? wo liegt das Ende? Jedes gute Bestreben aber hat seinen Zweck in sich. Mögen die Philosophen alter und neuer Zeiten keine einzige Wahrheit ausgemacht haben (welches doch ohne Wortspiel nicht behauptet werden kann), gnug, sie bestrebten sich um Wahrheit. Sie erweckten den menschlichen Verstand, hielten ihn im Gange, führten ihn weiter; Alles, was er auf diesem Gange erfunden und geübt hat, haben wir also der Philosophie zu danken, wenn sie gleich selbst nichts hätte erfinden können und mögen. Der philosophische Geist ist schätzbar; die ausgemachte Meister- und Zunftphilosophie bei Weitem nicht so sehr, ja, sie ist dem Fortdringen oft schädlich. Insonderheit ist der philosophisch-moralische Geist, der die Sitten der Menschen betrachtet, ihre Farben scheidet und, wenn ich so sagen darf, ihr Inneres auswärts kehrt, eine wahre Gabe des Himmels, ein unserm Geschlecht unentbehrliches Gut. Stimme man nicht das alte Lied an: »Menschen sind Menschen! sie sind, was sie waren, und werden bleiben, was sie sind. Hat alle Moralphilosophie sie gebessert?« Denn diesem faulen, trübsinnigen Wahn steht mit nichten die Wahrheit zur Seite. Wenn wir auch nicht zum Ziel gelangten, müssen wir deshalb nicht in die Rennbahn? Ja, wenn das Ziel der Vollkommenheit auch nicht zu erreichen wäre und, je näher wir ihm zu kommen scheinen, immer weiter von uns rückte, haben wir deshalb nicht Schritte gethan? haben wir uns nicht bewegt? Was wäre das Menschengeschlecht, wenn keine Vernunft, keine Moralphilosophie von ihm geübt wäre? Vor andern scheinen mir die Moralisten wünschenswerth, die uns mit uns selbst in ernste Unterhandlung zu bringen vermögen und uns auf eine scherzende Weise durchgreifende Wahrheit sagen. Ich lasse der Akademie und Stoa ihren heiligen Werth; Plato und Marc-Aurel nebst ihren Genossen werden dem Menschen, dem seine Bildung Ernst ist, immer und immer Schutzgeister, Führer, warnende Freunde bleiben. Wenn aber z. B. Horaz auf eine ernsthaft scherzende Weise sich selbst zum Gegenstande der Moral macht; wenn er an sich und an seine Freunde im Ton der Vertraulichkeit mit leichter Hand das schärfste Richtmaaß legt und die Heuchelei, den Aberglauben, den Sittenstolz, den Wahn und Dünkel von uns lieber fortlächelt als fortgeißelt; wenn er an sich und Andern zeigt, daß man nicht im Aether hoher Maximen schweben, sondern auf der Erde bleiben und täglich in Kleinigkeiten auf seiner Hut sein müsse, um nicht mit der Zeit ein Unmensch zu werden: wer kann dem Dichter da den Fleiß vergelten, den er, damit seine zarten Sittengemälde der Nachwelt werth würden, auf sie als auf wirkliche Kunstwerke gewandt hat? Diese Kunstwerke sind nicht nur lebendig, sondern auch belebend; ihr moralischer Geist geht in uns über; wir lernen an ihnen nicht dichten, sondern denken und handeln. Jedem, der sich mit Horaz für Andre würdig beschäftigen konnte, möchte ich, wenn Verdienst sich beneiden ließe, sein Verdienst beneiden. Auch unser deutsche Uebersetzer der Briefe und Satiren dieses Dichters, Wieland , hat vorzüglich durch den Commentar derselben jedem feineren Menschen eine belehrende Schule der Urbanität eröffnet. Was Shaftesbury in seinen Schriften für den römischen Dichter überhaupt ist, dessen moralische Kritik sich bei ihm allenthalben äußert, das ist unser Uebersetzer im schwereren Einzelnen für Jünglings sowol als für Männer. Nach der langen Nacht der Barbarei brach endlich auch unter den europäischen Völkern für die feinere Moral eine Morgenröthe an. Die Provençalen und Romandichter der mittleren Zeiten waren ihre Vorboten; Weiber und Männer aus allen, auch den vornehmsten Ständen, suchten die Philosophie des Lebens wieder in die Welt einzuführen und streuten ihr wenigstens Blumen. Sie erschien endlich, diese Philosophie, unter mehreren Nationen, und jeder Tritt soll uns heilig sein, wo sie gewandelt. Sollte das böse Schicksal es wollen, daß ganze Länder Europa's (verhüte es der gute Genius der Menschheit!) wieder in die Barbarei versänken, so wollen wir, die an den Grenzen des Abgrundes stehen, die Namen und Schriften Derer, die einst der Humanität dienten, um so heiliger bewahren. Sie sind uns alsdann Reste einer versunkenen Welt, Reliquien zerstörter Heiligthümer. Du guter Montaigne , Ihr Dichter und Schriftsteller voriger ruhiger oder stürmischer Zeiten Frankreichs, und Ihr, die ihr guter Genius bei Zeiten hinwegrief, Rousseau, Büffon, D'Alembert, Diderot, Mably, Du Clos – was Ihr und Eure Genossen der Menschheit Gutes erwiesen, ist ein Gewinn für alle Völker! Die Briten haben durch das, was sie humour nennen, die Fehler des humour's selbst dargestellt und dadurch die Unregelmäßigkeiten, das Ausschweifende und Uebertriebne in menschlichen Charakteren dem Gelächter preisgeben, dem moralischen Urtheil ins Licht setzen wollen. Da uns Deutschen dieser humour (leider oder gottlob?) fehlt, indem unsre Thoren meistens nur abgeschmackte Thoren sind, so ist's für uns, in diesen fremden Spiegel zu sehen, gewiß keine unnütze Beschäftigung. Der Flügelmann exercirt vorspringend, damit der Soldat im Gliede und der steife Rekrut exerciren lerne. Aeußerst deutsch wäre es aber, wenn wir diese Uebertreibungen für Schönheit nehmen und Shakespeare's, Addison's, Swift's, Fielding's, Smollet's, Sterne's humoristische Figuren als Vorbilder des moralisch-guten Geschmacks ansehen wollten. Dichter und Uebersetzer wären an diesem Stumpfsinn wenigstens sehr unschuldig. Dank also auch jedem guten Uebersetzer guter britischen Humoristen! Und wir wissen Alle, wem wir in Deutschland vorzüglich hiebei Dank zu sagen haben. Dem Uebersetzer Yorick's, Sterne, Fielding's, Smollet's, Goldsmith's, Cumberland's u. s. w. Die Bode 'schen Uebersetzungen der »Empfindsamen Reisen«, des »Tristram Shandy«, »Thomas Jones«, »Humphrey Klinker's«, des »Landpriesters von Wakefield«, des »Westindiers« sind in Aller Händen. Für unser nordisches, angestrengtes und bedrücktes Leben sind überhaupt alle Schriften wohlthätig, in denen unser Geist abgespannt, erweitert und milde gemacht wird. Immerdar sich zu spornen, Andre zu treiben und von ihnen sich bedrängt zu fühlen, ist der Zustand eines Tagelöhners, gesetzt, daß wir ihn auch mit dem Titel eines Strebens nach höchster Vollkommenheit in unablässigem Eifer ausschmücken wollten. Die menschliche Natur erliegt unter einer rastlosen Anstrengung; während der Ruhe, während des Spiels zwangloser Uebungen gewinnt sie Munterkeit und Kräfte. Selten geht der unablässige Eifer anderswohin aus als auf Schwärmerei und Uebertreibung, die durch nichts zurecht gebracht werden kann als durch eine Darstellung dessen, was sie ist , durch eine leichte, fröhliche Nachahmung ihrer eignen Charaktere. Da lacht der Thor, falls er noch lachen kann, über sich selbst, und im leichtesten Spiel findet man, wie Leibniz meint, die ernsteste Wahrheit. ——— Nachschrift des Herausgebers. Statt einer langen Anmerkung erlaube der Leser mir hier eine Stelle mitten unter fremden Briefen. Der Mann, an den zu Ende des vorstehenden Briefes mit dem verdienten Lobe gedacht war, war mein Freund, und er ist nicht mehr. Eben da ich diesen Brief zum Druck übersehe, wird seine Leiche begraben; aber ein Theil seines Geistes und seine redliche Mühe wird, hoffe ich, in unsrer Sprache noch fortleben sowie sein Andenken im Herzen seiner Freunde. Bode war mehr als Uebersetzer; er war ein selbstdenkender, ein im Urtheil geprüfter Mann, ein redlicher Freund, im Umgange ein geistiger, froher Gesellschafter. Und doch war sein Charakter noch schätzbarer als sein Geist; seine biedern Grundsätze waren mir immer noch werther als die sinnreichsten Einfälle seines muntern Umganges. Er hatte viel erlebt, viel erfahren; in seinen mannichfaltigen Verbindungen hatte er Menschen aus allen Ständen von Seiten kennen gelernt, von denen wenige Andre sie kennen lernen, und wußte sie zu schätzen und zu ordnen. Die Schwärmerei haßte er in jeder Maske und war ein Freund, so wie der gemeinen Wohlfahrt, so auch des wahren Menschenverstandes. Der betrügenden Heuchelei entgegenzutreten, war ihm keine Mühe verdrießlich; gern opferte er diesem Geschäfte Zeit, Kosten und Seelenkräfte auf, die er sonst abwechselnder, vielleicht auch einträglicher hätte anwenden mögen. Viele seiner Freunde in mehreren Provinzen Deutschlands kennen ihn von dieser Seite; und wer einer standhaften Mühe in redlicher Absicht Gerechtigkeit widerfahren läßt, wird das Verdienst eines Mannes ehren, der in seinem sehr verbreiteten Kreise vielem Bösen widerstand und in seiner Art (nicht politisch!) ein Franklin war, der durch die Mittel, die in seiner Hand lagen, der Menschheit nichts als Gutes schaffen wollte und gewiß viel Gutes geschafft hat. Großmuth war der Grund seines Charakters, den er in einzelnen Fällen mehrmals erwiesen; nach solchem nahm er sich insonderheit der Verlassenen, junger Leute, vergessener Armen, der Gekränkten, der Irrenden an und war, fast über seine Kräfte, ein stiller Wohlthäter der Menschheit. Auch seine Uebersetzungen hatten diesen Zweck, und sein Fleiß dabei war unermüdet. Er bewarb sich bei ihnen sowol um die Eigenthümlichkeit des Gedankens als des Ausdrucks; mithin arbeitete er in beiden Sprachen. Er, Lessing's Freund und bei einer Schrift sein Mitübersetzer, wollte nie ein Sprachverderber, wohl aber mit Urtheil und Prüfung ein Erweiterer der Sprache werden. Die falschen Nachahmungen in seiner Manier haßte er ebensowol als die Nachäffungen der Charaktere, die er dem deutschen Publicum verständlich machte; er übersah und übersetzte sein Buch als ein Mann von gesundem Verstande. Ein schätzbares Geschenk, das er uns hätte geben können, wäre die Beschreibung seines eignen Lebens gewesen. Schonend und bieder sagte er aber: »Von meiner Seite würde es anmaßend scheinen; Andre würde es compromittiren. Ich will in Friede schlafen.« Und so schlafe er denn in Friede! Sein Ende kam, wie seine Freunde es wünschten, ohne langwierige Krankheit; fast bis an seinen Tod hin war er unverdrossen geschäftig. Viele Gute halten ihn werth. Unweit dem Künstler Cranach liegt er begraben. ——— 52. Als ich in Ihren Briefen die Fragmente über die Humanität Homers in der Iliade las, fiel mir ein Schriftsteller ein, der vor Jahren nicht recht nach meinem Sinne gewesen war, Thomas Gordon , » Ueber den Tacitus «. Das englische Original kenne ich nicht. Die französische Uebersetzung heißt: » Discours historiques, critiques et politiques sur Tacite par Gordon «. Amsterdam 1742. Die deutsche hat den unförmlichen Titel: »Die Ehre der Freiheit der Römer und Britten nach Gordon's staatsklugen Betrachtungen über den Tacitus«. Nürnberg 1764. – H. In der Jugend muß man keine politischen Betrachtungen, weder Gordon noch Tacitus lesen; sie machen uns eine zu ernste, zu saure Miene. Man sieht die Welt alsdann noch gern von der fröhlichen Seite an und haßt den grübelnden Tadel. Ueber den Tacitus änderte sich mein Urtheil, als ich ihn in reifern Jahren las. Ich kam davon zurück, daß er ein Sauertopf sei, der üble Gerüchte und politische Grübeleien zusammengemischt hätte (ein gemeines, aber äußerst falsches Urtheil); wie sehr wünschte ich, Ihnen auch den Areopagiten Gordon , frei von seinen Schlacken (britischen Vergleichungen und Epanorthosen) blos als einen lichten und leichten Versuch über die Humanität des Tacitus zusenden zu können! Nicht leicht hat ein Schriftsteller so viele Gemüther tiefer an sich gezogen als dieser Römer; wer ihn studirte, ward mit Geist und Sinn der Seine. Daher so viele Commentatoren des Tacitus; je redlicher es Jemand meinte, je mehr er die politische Welt aus eigner Erfahrung kennen gelernt hatte, desto mehr liebte er den alten Geschichtschreiber und ward gar selbst sein Commentator. Was Gordon über des Tacitus Charakter, über seine Denkart, seine Beschreibungen, seine Grundsätze, seine Moral, endlich über seine Schreibart behauptet, sagt eher zu wenig als zu viel; so Manches auch die lateinischen Stilisten, selbst der gute Lord Monboddo , dagegen einzuwenden haben möchten. Vor der Zweibrücker Ausgabe des Tacitus ist Crollius ' lange Vorrede über diese Materie sehr schätzbar. – H. Nach allen Vorübungen, die wir im Deutschen als Versuche seiner Uebersetzung gemacht haben, wünsche ich eine wahre Uebersetzung desselben; mich dünkt, unsre Sprache sei dazu vor allen andern fähig. Als Proben von der edlen Denkart des Tacitus führt Gordon schöne Stellen an, z. B. wie Hermann's Gemahlin, durch Verrath gefangen, unter andern edeln Frauen vor Germanicus geführt wird: »Segest's Tochter, doch gleichgesinnter dem Gemahl als dem Vater. Auch überwunden kannte sie keine Thränen, kein stehendes Wort; sie hatte die Hände über ihren schwangern Leib zusammengeschlagen und sah auf ihn nieder.« Annal ., I. 57. – D. Wie Germanicus, dem Teutoburger Walde nahend, in welchem die Gebeine des Varus und seiner Legionen noch unbegraben lagen, nun herzlich verlangt, dem erschlagenen Heerführer und seinem Heer der Menschheit letzte Pflicht zu leisten: »Da jammern Alle, die mit waren, über Verwandte, Freunde, über Kriegsunfälle, über der Menschen Schicksal. Sie kommen an den traurigen Ort; sie sehen Varus' Lager, die Ueberbleibsel Derer, die, zurückgedrängt, Rettung hatten suchen wollen, endlich das Feld voll weißer Gebeine, wie sie geflohen und gestanden, aus einander gesprengt und an einander gedrängt gewesen waren; nebenan lagen zerbrochene Spieße und Pferdeglieder; an Baumstämmen waren angenagelte Köpfe; nahan im Walde standen die barbarischen Altäre, auf welchen Tribunen und Centurionen geblutet hatten. Und die dieser Schlacht, die der Gefangenschaft entkommen waren, erzählten: »Hier fielen die Anführer der Legionen, dort wurden die Adler erbeutet; hier bekam Varus seine erste Wunde, dort gab er sich mit unglücklicher Rechte selbst den Tod. Auf dieser Höhe stand Hermann und sprach den Seinigen Muth zu; hier die Galgen, woran er die Gefangenen knüpfen, dort, wo er die Adler und Feldzeichen verhöhnen ließ.« Nach sechs Jahren also begrub eine römische Armee ihre drei Legionen, und Keiner kannte, wen er begrub, ob seinen Verwandten, ob einen Fremden. Jeder ward als Blutsfreund, als Verbündeter bestattet, mit desto größerem Zorn gegen den Feind, aufgebracht und traurig.« Annal ., I. 61, 62. – D. So führt Gordon die schöne Stelle über Tiberius an: »Seine Unthaten und Laster wurden ihm selbst zur Marterstrafe; denn vergebens hat der weiseste Alts nicht gesagt, daß, wenn man solcher Unmenschen Inneres aufschließen könnte und Striemen und Wunden der Seele auch sichtbar wären wie Wunden des Körpers, man ihr Gemüth nicht anders als von Grausamkeit, Wollust und übeln Rathgebern zerfleischt erblicken könnte.« Daselbst, VI. 6. – D. Dergleichen Stellen führt Gordon mehrere an. Aber was sind sie außer dem Zusammenhange der Geschichte, die ihnen eigentlich Urkunde und Beleg ist? Die letzte Stelle z. B. bezieht sich auf des Tiberius meisterhaften, kurzen Brief an den Römischen Rath: »Was ich Euch schreiben soll, meine Herren, oder wie ich schreiben, oder was ich Euch jetzt nicht schreiben soll: alle Teufel mögen mich holen, die mich täglich und stündlich plagen, wenn ich das weiß!« Da konnte Tacitus hinzusetzen: »Weder Glück noch Einsamkeit konnten den Tiberius schützen, daß er die Qual seiner Brust und die Strafe, die er an sich selbst litt, nicht selbst bekennte.« Die beiden hier angeführten Stellen stehen die erste vor, die andere nach der vorher ausgehobenen. Uebrigens heißt es bei Tacitus: »Die Götter und Göttinnen mögen mich noch schlimmer zu Grunde richten, als ich es täglich empfinde!« – D. Soll ich Ihnen von Gordon mehr erzählen? Nur seine Capitel will ich herschreiben. » Von Cäsar's unrechtmäßigem Besitz der Herrschaft, und warum dessen Name weniger als des Catilina Name gehässig ist. Von Octavius-Augustus' Ränken, seinem rachsüchtigen Gemüth, seinem Meineide, Grausamkeiten und den Begebenheiten, die zu seinem großen Namen beitrugen. Von der Liebe des Volks und Rathes, die er sich zu erwerben suchte. Von der Ehre, mit welcher ihm die Dichter geschmeichelt. Von dem falschen Glanz, den seine Nachfolger ihm verschafft haben. Vom Kaiserregiment. Vom Majestätsgesetz. Von Anklagen und Angebern. Von der allgemeinen Entehrung der Gemüther und von der Schmeichelei, die eine unumschränkte Regierung begleiten. Vom Geist der Höfe. Ueber Armeen und Eroberungen. Ueber die Kaiser, deren Geschichte Tacitus beschreibt; über ihre Minister, ihre Unglücksfälle und die Ursachen ihres Sturzes. Ueber die Bestechung der Minister. Von Finanzen, Volk, Adel, dem Aberglauben der Regenten « u. s. w. Ein ganzes Staatssystem, mit zahlreichen Beispielen und Sprüchen aus Tacitus belegt; zwar nicht im scharfsinnigen Weltgeschmack des Macchiavell's, desto mehr aber und bis zum Uebermaaße mit aller Wärme eines ehrlichen, das Beste wollenden Mannes gezeichnet. Diderot rechnete Gordon unter seine liebsten Schriftsteller; schaden wenigstens wird er Niemanden und muntert sehr zum eignen, verständigen Lesen des Tacitus an. Hätte er damit nicht seinen Zweck erreicht? O daß wir den Tacitus ganz hätten! Warum müssen seine Jahrbücher gerade mit dem Tode des edlen Thrasea, seine Geschichtbücher eben vor Vespasian aufhören? Seiner »Germania« wegen ist Deutschland ihm besondern Dank schuldig; und vielleicht hat keine europäische Nation mehr Ursache als sie, in Tacitus' Manier ihre Geschichte nach der vortrefflichen Grundlage, die er von Deutschland selbst gemacht, fortzuschreiben. Schenkte uns indessen nur ein zweites Kloster Corvey den ganzen Tacitus und in Absicht Deutschlandes seinen Gesellen, den Plinius, wieder! ——— 53. Wie, wenn ich Ihnen für Ihren schottischen Gordon einen deutschen Commentator des Tacitus nennte, der Jenem an der Seite zu stehn wohl werth, aber desto unbekannter, desto ungeschätzter ist? Die bloßen Grammatiker haben von seinen Anmerkungen über diesen Römer sehr zurücksetzend gesprochen; sie sind aber voll Kenntniß der Geschichte, voll Lebens- und Geschäftserfahrung, dabei mit so deutscher Treue und Biederkeit vor mehr als hundert Jahren geschrieben, daß sie für uns endlich doch ein lehrreiches Buch werden könnten. Es sind die sogenannten » Politischen Anmerkungen über Tacitus « vom Mömpelgard'schen Geheimen Rath Forstner . Christophori Forstneri Notae politicae ad C. Tacitum. Argent. 1650. – H. Moser hat sich um diesen Mann verdient gemacht, daß er seine Lebensgeschichte, so gut er sie haben konnte, in sein patriotisches Archiv aufnahm. Eine Reihe Briefe desselben kennen Sie aus einer andern nützlichen Sammlung. Le Bret 's Magazin zur Geschichte – H. Wie, wenn Jemand, jedoch mit Auswahl und Zusammenstellung, Forstner 's Gedanken über Tacitus übersetzte und Friedrich Carl Moser sie auch nur mit Wenigem commentirte, so käme dieser Reichthum bescheidener, geprüfter Gedanken doch einigermaßen in Umlauf. Ueberhaupt, warum liegen die Betrachtungen verdienter deutscher Staatsmänner voriger Zeiten bei uns so tief im Dunkel? Engländer, Franzosen und Italiener haben die ihrigen schön aufgeputzt; wir stehen hierin fast hinter Polen und Ungarn. Und doch ist das Geschäft- und Gedankenreich verdienter, sachkundiger Männer einer Nation gleichsam der Stamm, ohne welchen sie kaum eine Nation, geschweige ein durchdachter, durchempfundener Staatskörper genannt zu werden verdient. Die geographischen Grenzen allein machen das Ganze einer Nation nicht aus; ein Reichstag der Fürsten, eine gemeinschaftliche Sprache der Völker bewirken es auch nicht allein; ja, letztere ist in Deutschland den Provinzen nach so verschieden (große Striche sprechen ganz und gar eine fremde Sprache, ganze Classen der Menschen nehmen an Gedanken gar keinen Theil), daß, wenn man dies Alles zusammenhält, man es den Magistern nicht übel nehmen kann, wenn sie pro gradu noch bis jetzt über das Thema disputiren, »welche Regimentsverfassung Deutschland habe, oder ob die Deutschen eine Nation seien.« Die spottenden Urtheile der Ausländer hierüber, auch wenn sie unserm Fleiß, unsrer Treue, unserm Biedersinn Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind bekannt. Sollte es also nicht der geringste Dank sein, den man dem verstorbenen Diener erweist, daß man mit seinen Dienstleistungen auch die Gedanken, deren er sich dabei erkühnte, der Nachwelt nicht entziehe? Wenigstens bilden sodann doch die treuen Diener eine Kette, die Jahrhunderte durch reicht, und an die sich neue treue Diener anschließen mögen. Das Jahrhundert der Reformation erlaubte sich noch, auch über vaterländische Sachen laut zu denken; seitdem ward Alles Rang, Form und Stand, oder ging, sobald es ein eigner Gedanke schien, in die Archivgräber. Daher dann, daß uns eine Geschichte Deutschlandes so lange gefehlt hat und in manchen Theilen noch lange fehlen wird. Daher, daß unser Sleidan keine Ausgabe wie der französische Thuan erlebt hat, und unsre Mevii , verstandreich wie sie sind, den Montesquieus, Clarendons, Sarpis andrer Nationen an Ruhm, Glanz, allgemeiner Bekanntschaft und Schätzung wol nachstehen müssen. Daher, daß die Mozambanos , die A Lapide unter besonderm Schutz, immer also halb parteiisch schreiben, wol gar in fremde Länder gehn oder Fremde sein mußten. Daher endlich, daß die besten Schriften dieses Faches in Deutschland vergleichungsweise wenig oder keine Wirkung thun; denn oft ist mit jeder dritten Meile das politische Interesse der deutschen Provinzen geändert. Weit entfernt bin ich, hiemit eine Staatsklügelei nach Deutschland zu wünschen, die gottlob unser Charakter nicht ist, und die jedem Volk verderblich gewesen. Räsonnirte Geschichte aber, räsonnirte Erfahrungen des Lebens aus allen Ständen, in allen Verhältnissen und Aemtern muß Jedermann wünschen. Durch die Vernunft lebt der Mensch, ob er gleich vom Brode lebt; die oft theuer erworbene Summe von Gedanken und Erfahrungen unsers Lebens ist auch ein Besitz , und jedes Glied des Staats gehört dem Ganzen nicht nur durch das, was es mechanisch that, sondern auch durch das, was es bei diesem mechanischen Thun dachte. Schweigen verständige Leute, so redet der Thor; der spricht sodann desto unbesonnener und lauter. Mich dünkt, in Deutschland war zu neueren Zeiten Moser der Erste, der in dieser Art freimüthiger und bescheidner Biederkeit ein Beispiel gab. Stellt man ihn mit ältern deutschen sogenannten Staatsmännern, Kulpis, Reinking, Veit Seckendorf , zusammen, welch ein Unterschied! gewiß nicht zu seinem Nachtheil! Sein »Herr und Diener«, seine »Beherzigungen«, »Reliquien«, »Patriotische Briefe«, sein »Schutt zur Wegebesserung«, und was für Einkleidungen er sonst gewählt, sind einestheils mit einer so treffenden Wahrheit, anderntheils mit einer Herzlichkeit geschrieben, als ob der Verfasser einmal Luther's Freund und Amanuensis gewesen wäre. Züge der Beredsamkeit sind in ihm, deren sich mancher britische Parlamentsredner nicht schämen dürfte; und Alles hüllt sich endlich in den Mantel der deutschen Bescheidenheit und Demuth. Sein »Patriotisches Archiv« enthält treffliche Sachen; so wie durchaus keiner seiner Aufsätze von Geist und Herz leer ist. Die meisten derselben, weil sie deutsche Dinge betreffen, lesen sich, als ob sie heute geschrieben wären. Vgl. über Moser Goethe's Urtheil im zweiten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. – D. Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts entstanden periodische Schriften mancherlei Inhalts; im jetzigen mehrten sich diese nicht nur im Ganzen, sie vervielfachten sich auch in einzelnen Provinzen bis zu wöchentlichen Blättern und Beiträgen , die in Deutschland ein sehr guter Same geworden sind. Möser 's »Patriotische Phantasien« sind aus Beiträgen zum Osnabrückischen Wochenblatt entstanden; und was andre Zeitschriften hier, dort und da in den germanischen Wäldern für Nutzen gestiftet haben, ist weniger landkundig als wahr und rühmlich. Laß es hie und da auch Mißbräuche dieses Vehiculs gegeben haben und geben: Mißbrauch hebt die gute Sache nicht auf. Viele unsrer deutschen Journale sind ein Fundbuch trefflicher Materialien, ja in Deutschland fast das einzige Mittel, wodurch Provinzen und Stände einander kennen lernen. Mancher böse Pflichtträger, der sich gleich Jenem im Evangelium weder vor Gott noch Menschen fürchtet, scheut sich wenigstens vor der Schande eines Journals. Ungleich höher und weit voran alle Diesem stünde die Geschichte , wenn sie jeder Provinz unsers Landes mit Geschmack, Verstand und Patriotismus bereits einheimisch geworden wäre. Wollten wir uns von einigen derselben nach und nach nicht ausführlicher unterhalten? Wenn irgend eine Wissenschaft, so ist ja die Geschichte ein Studium der Humanität, ein Werkzeug des ächtesten Vaterlandsgeistes. Fünfte Sammlung. (1793.)   54. Der Wunsch unsers Freundes Brief 5 (Seite 20). – H. fängt an, in Erfüllung zu gehen; » Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst « sind in zwei Bündchen erschienen, die zu mehreren Hoffnung erwecken und Hoffnung geben. Winterthur 1791, 1793. Von J. G. Müller . – H. Petrarca, Augustin, Uriel Acosta, Franz Junius, Comenius, Holberg, Leibniz sprechen hier, allesammt in der eignen Sprache ihres Herzens und Geistes. Von Petrarca sind seine drei Gespräche über sich selbst, »Mein Geheimniß« genannt, ganz übersetzt, Augustin 's »Bekenntnisse« im Auszuge. Acosta 's Exemplar vitae humanae , wie es Limborch, Franz Junius' Lebensbeschreibung, wie sie Merula bekannt gemacht, Comenius' Bekenntniß von sich aus seinem »Eins ist Noth« ( Unum necessarium ), Holberg, Leibniz aus ihren Briefen. Können verschiedene, allesammt merkwürdige Männer in einem engeren Raum auftreten und von sich zeugen? Ihrem eignen Zeugnisse hat der Autor mit Erzählung ihrer Lebensumstände fortgeholfen, wie, dünkt mich, nothwendig und recht ist. Was weiß ein Sterblicher, wer oder wozu er da sei, zu welchen Zwecken ihn die Vorsehung in ihrem großen Plan brauchen werde? Er schüttet sein Herz aus, in Freude oder meistens in Leid, vor Gott, vor sich selbst oder vor Menschen; sein Auge blickt nieder zur Erde. Denn seiner Schwächen, seiner mühsamen, oft eiteln Bestrebungen, seines Kampfes mit sich und mit Andern demüthig bewußt, zählt er sich kaum und kann und darf nicht rechnen, was feine Ziffer zum großen Nenner der Welt bedeute oder bedeuten werde. Hier darf der Autor, der den Bekennenden als Freund vorführt, zumal wenn er Jahrhunderte nach ihm lebt, wohl ein Wort über ihn sprechen und auf der großen Tafel der Weltbegebenheiten zeigen, wo er stand, wo er künftig stehen möchte. Petrarca war eine der zartesten Seelen, die in menschlichen Körpern erschienen. Nicht seiner Sprache allein hat er jene Formen süßer Sonnette und Canzonen und mit diesen zugleich die erlesensten Gedanken der Provençalen, ja jenes Ideal einer Liebe eingedrückt, die sich mehr im Himmel als auf der Erde fühlt; sondern für ganz Europa war er ein eifriger Erwecker der Alten; für Italien, für Rom war er ein Patriot, desgleichen es unter den Petrarchisten keinen mehr gab, und, was über Alles geht, ein strenger Bearbeiter seines Herzens und Geistes. Seine Briefe und andre lateinische Schriften sind eine eigentliche Schule der Bildung sein selbst , voll männlicher Unterhaltung. Eine Seele dieser Art, die allenthalben Ruhe suchte und sie nirgend fand, in einsamen Selbstgesprächen mit ihrem Schutzgeist sprechen zu hören, mag freilich eitle Leser ermüden; Beobachter menschlicher Sinnesarten aber werden ihr angenehm lauschen, und zarte Gemüther, wie Petrarca selbst war, wird er tief in ihr Inneres führen. Diese Bekenntnisse und die »Nachrichten zu dem Leben des Petrarca« Lemgo 1774-1778. – H. Vgl. S. 238*). – D. müssen Jedem, der fürs stille Gemüth liest, eine liebe Unterhaltung sein. Augustin , der zweite Mann, den unser Autor in seinem Selbstbekenntnisse darstellt, war ein Kirchenvater; er ist's auch in seinen »Confessionen«. Um die Seele eines Kirchenvaters kennen zu lernen, von der Manche, die auf diesen Namen schmähen, fast reinen Begriff haben, muß man sie lesen. Die ganze Denkart, ja, ich möchte sagen der Witz, die Phantasie, selbst die täuschende Sophisterei Augustin's ist in ihnen. Unser Autor ist über ihn nur kurz gewesen; denn über Augustin müßte man ein Buch schreiben. Welche Kämpfe hat der arme Acosta sich zugezogen! welche Verfolgungen der redliche Junius standhaft ertragen! Auch bei Comenius sieht man seinen zwar nicht tief dringenden, aber viel umfassenden Geist, seinen allenthalben aufs Nutzbare, auf Reform der Wissenschaften und Schulen gestellten Sinn. Ueber ihn, der für sein Zeitalter mehr als Basedow war und noch mehr hätte sein können, wünschte ich, daß Jemand ausführlicher spräche. Adelung hatte in der »Geschichte der menschlichen Narrheit« sein Leben beschrieben. Eine gerechtere Würdigung gaben Raumer , in seiner »Geschichte der Pädagogik«, Seyffert u. A. – D. Holberg 's Leben ist äußerst merkwürdig und unterhaltend, wie es auch der Mann selbst war. In seiner Zeit und Lage, nach einer solchen Jugend hat er ungemein viel geleistet; er riß sich selbst über die Denkart seines Landes hervor und ward, zwar in keiner Bemühung ein Stern erster Größe, allenthalben aber ein freundlicher Stern mitten im dichten Nebel. Manche seiner Schriften sind noch jetzt sehr lesbar, zumal sein »Klimm« und seine »Briefe«. Unter den Alten waren ihm Plutarch und Lucian, Terenz, Ovid, Juvenal, Petron und Plinius , unter den Neuern nebst einigen Geschichtschreibern Grotius, Bayle, Le Clerc, Molière die liebsten; man sieht die Spuren davon in seinen Schriften, in denen sich nirgend ein tiefer, allenthalben aber ein heller, lebhafter, vernünftiger, moralischer Geist zeigt. Leibniz endlich – hier konnte unser Autor, der die bekannten Lebensumstände nicht wiederholen wollte, wenig sagen; denn die Geschichte seines Geistes hat Leibniz uns nicht selbst geschrieben. Er lebt für uns in seinen Schriften, aus welchen hier einige Umstände zusammengestellt sind. Hören Sie von ihm eine Weissagung: »Ich finde, daß solche (leichtsinnige, irreligiöse) Meinungen, indem sie je mehr und mehr unter Leuten von der großen Welt, nach welchen sich die Uebrigen zu richten pflegen, Liebhaber finden und sich in die Modebücher einschleichen, Alles zu der Generalrevolution , von welcher Europa bedroht wird, zubereiten und die Zerstörung Alles dessen vollenden helfen, was von den edlen Grundsätzen der Griechen und Römer, welche die Liebe des Vaterlandes, des gemeinen Wesens und die Sorge für die Nachwelt ihrem eignen Glück, ja selbst dem Leben vorzogen, bis jetzt noch übrig geblieben ist. Der Gemeingeist ( public spirit ) vermindert sich außerordentlich, kommt je mehr und mehr aus der Mode und wird noch mehr abnehmen, wenn er aufhört, von einer guten Moral und der wahren Religion, wie selbst die gesunde Vernunft sie uns lehrt, unterstützt zu werden. Sogar die Bessern von der entgegengesetzten Seite nehmen kein andres Principium mehr als die Ehre an. Bei ihnen aber heißt ein Mann von Ehre schon Der, der nichts thut, was sie für niederträchtig halten. Und wenn sogar Einer aus Laune, oder um seine Ehrsucht zu befriedigen, Ströme Blutes vergießen und Alles über einander werfen würde, so wäre ihnen das Alles nichts, und selbst ein Herostrat würde ihnen ein Held sein. Laut macht man sich über die Liebe des Vaterlandes lustig; laut macht man Die lächerlich, die für das allgemeine Beste sorgen; und zeigt Jemand in der reinsten Absicht die traurigen Aussichten, die sich uns für die Zukunft eröffnen, so ist die Antwort: »Laß diese für sich sorgen!« Leicht aber dürften solche Leute zuerst das Unglück erfahren, welches sie blos für Andre aufbewahrt glauben. Kommt man dieser epidemischen Krankheit, deren üble Wirkungen bereits sichtbar zu werden anfangen, noch in Zeiten vor, so lassen sich ihre Folgen vielleicht noch hemmen. Nimmt sie aber überhand, so wird die Vorsicht die Menschen gerade durch die Revolution, die daraus entstehen muß, heilen und, was auch kommen mag, am Ende zum Wohl des Ganzen leiten ; ob dies gleich ohne Züchtigung Derer, die durch ihre bösen Handlungen wider ihren Willen zur Beförderung des Guten beitrugen, weder erreicht werden wird, noch erreicht werden kann.« So weit Leibniz . Wünschen Sie nicht, daß unserm Autor viele, auch ungedruckte Bekenntnisse merkwürdiger Männer zukommen mögen? Wenn in unserm Vaterlande der moralische Gemeingeist, über dessen Abgang Leibniz klagt, noch nicht ganz ausgestorben ist, so sollte dieser ihm solche in sein Sacrarium treuer Bekenntnisse zuführen. ——— 55. Angenehm hat mich der Name Petrarca in Ihrem Briefe Brief 54. Obiger Brief war ursprünglich an J. G. Müller , den Herausgeber der »Bekenntnisse berühmter Männer«, gerichtet. Einen andern, ausführlichen Brief an J. G. Müller über Petrarca's und Rousseau's Bekenntnisse, der den »Bekenntnissen« vorgesetzt wurde, hat Johann von Müller in seine Ausgabe unserer Briefe hier eingeschoben. – D. geweckt; er erinnerte mich an die Zeiten, da ich, nicht etwa nur seine Sonnette und Canzonen, sondern die Nachrichten aus seinem Leben Mémoires pour la vie de Petrarque. Amsterdam 1764. 3 Quartbände. Ihre Ueebersetzung, Lemgo 1774-1778, ist sehr gut und zweckmäßig. – H. und die merkwürdigsten seiner Schriften und Briefe selbst las. Welch eine falsche Idee hat man gemeiniglich von Petrarca! wie falsch wäre auch die, wenn man sich aus diesen Selbstgesprächen etwa nur eine bußfertige Seele oder einen mit sich selbst Unzufriedenen abzöge! Ganz ein andrer Geist lebte in Petrarca. Zuerst trug er das große, unaustilgbare Gepräge der Liebe des Alterthums in seiner Seele; ein Gepräge, das mir allenthalben ehrwürdig ist, wo ich's gewahr werde, und das uns bei ihm, zu seiner Zeit, unter seinen Umständen, in der Anwendung, die er davon machte, äußerst wohl thut. Die Griechen kannte er wenig und setzte sie den Römern nach; er ward mit ihrer Sprache zu spät bekannt, und da er die Römer als seine Landsleute ansah, deren Glanz in Italien er wiederzusehen wünschte, so gab ihnen dieses schon in seiner Seele einen Vorrang vor allen Völkern der Erde. Nie haben ihre Redner, Dichter und Weisen einen eifrigern Schüler gehabt als ihn, der nicht etwa nur in der Sprache ihnen nachzubuhlen suchte, sondern ihren großen Sinn , ihre hohe Gedankenweise zur seinigen machte. Dies zeigen seine Schriften und Briefe, seine Sammlungen von Beispielen der Vorwelt, die Grundsätze, an welche er sich hielt, mit welchen er Andre tröstete oder weckte, endlich seine lateinischen Gespräche, Gedichte und andre Einkleidungen, in denen man bis zu seinen höchsten Jahren hinauf den Schüler der Alten wahrnimmt. Hier klopft Petrarca jedem Jünglinge und Mann auf die Schulter: »Liesest Du die Alten also? wendest Du sie also an?« Petrarca's lateinischer Stil mag unrein sein; seine Denkart war es nicht. Ein Freund des Vaterlandes, wie Tullius und Cato , weiß er die strengen Grundsätze eines Seneca durch die gesellschaftliche Theilnehmung und Gefälligkeit des Horaz anmuthig zu mildern. Manche Briefe, in denen er seine Schwachheiten liebenswürdig bekennt und entschuldigt, ja gleichsam mit seinem eignen Herzen spielt, sind ganz in der Denkart Horaz' geschrieben; und eine sittliche Urbanität ist der Charakter aller seiner Schriften. Dies Gefühl also, nach welchem er ganz unter den Alten lebte, webte den Faden seiner Begebenheiten und ward, wie man sagt, der Schmied seines Glücks Nach dem Spruche des Appius Claudius Cäcus : » Suae quisque faber fortunae est .« – D. Auf eine niedrige Weise nach den Begriffen seiner Zeit ein Glück machen konnte und wollte er nicht; er schlug dazu alle Gelegenheiten aus, die er auch nicht zu brauchen gewußt hätte; dagegen erwarb er sich eine Liebe und Anhänglichkeit, ein Ansehen und einen Namen, über welchen man fröhlich erstaunt. Welche Briefe und Anreden, die er an Kaiser, Könige, Päpste, Cardinäle, Bischöfe und Fürsten schrieb! und welche Art, in der sie aufgenommen wurden! Keine Veränderung der päpstlichen und bürgerlichen Welt, die einigermaßen sein Italien betraf, ging vor, ohne daß er den lebhaftesten Antheil daran genommen hätte; eben weil sein Vaterland so ganz in seinem Herzen wohnte. Vergleicht man in diesem Punkt, im Punkt der Achtung nämlich, die man dem hellen Verstande, der reinen Wissenschaft Petrarca's erwies, seine Zeiten mit den unsrigen: welche soll man barbarisch nennen? Dort hatte man wenigstens eine Achtung für den Verständigen, der, obwol blos ein Mann der Wissenschaft und kein Staatsdiener, bei öffentlichen Anlässen anmunterte, rieth, warnte, lehrte; jetzt würde dem Petrarca selbst schon der poetische Lorbeerkranz auf seinem Schädel allenthalben ein Stillschweigen auflegen, wo er nicht zu loben vermöchte. Und doch war es eben und einzig diese Liebe und Achtung für Wissenschaften, die den Zeiten aufhalf, ohne welche wir noch in der Barbarei lägen. Wer sieht nicht noch jetzt das Bild des Königes Robert's von Neapel , der edlen Colonnas und so mancher andern seiner großen Freunde in Petrarca's Schriften mit Liebe und Bewunderung an? Wie in einem Traum liest man ihre freundschaftlichen Briefe und hört Petrarca's Zeugnisse von ihnen, bis man durch Zeugnisse von Andern, die nicht so dachten, eben auch in denselben Briefen unangenehm aus dem Traume geweckt wird. Endlich ist das Ideal von Liebe , das Petrarca mit sich trug und in seinen Gedichten mit unglaublicher Kunst und Sorgfalt ausbildete, gewiß die kleinfügige Idee nicht, die man gewöhnlich sich an ihm denkt. Laura möge in Person oder zum leibhaften Petrarca gewesen sein, wer sie wolle: dem geistigen Petrarca war sie eine Idee, an die er auf Erden und im Himmel wie an das Bild einer Madonna allen Reichthum seiner Phantasie, seines Herzens, seiner Erfahrungen, endlich auch alle Schönheiten der Provençalen vor ihm dergestalt verwandte, daß er sie in seiner Sprache zum höchsten, ewigen Bilde aller sittlichen Weibesschönheit zu machen strebte. Auf griechische Weise konnte dies nicht geschehen; eine nackte Grazie oder eine Venus Urania konnte und wollte er nicht malen: er wählte also die Züge, die in seinem Zeitgeist, in der provençalischen Poesie, in den Begriffen seiner Religion und ihren Darstellungen als Stoff eines reinen weiblichen Ideals sittlicher Humanität zerstreut dalagen, und bildete seine Madonna daraus, die irdische und himmlische Laura. Diese zeigte er in Wirkung auf sich, auf sein eigen Herz, und zwar in mancherlei Umständen, in Wirkung auf seine Schwachheiten sowol als auf die edlere Seite seines Gemüths; hiedurch allein ward sie anziehend und belehrend. Denn eine Schönheit, die keine Liebe erregt, eine Liebe, die nur Bewunderung ist und ohne Kampf mit sich, ohne Fehler und Schwachheiten seufzt, sind ohne Reiz und Anwendung. Von allem Sittlich-Schönen im weiblichen Charakter pflückte Petrarca die Blüthe und wand seiner irdischen Freundin, die er vielleicht nur hie und da in seiner Jugend gesehen haben mag, die eines andern Mannes Weib und Mutter von Kindern war, die diese Gedichte vielleicht nicht verstand, die wenigsten sah (denn die schönsten sind nach ihrem Tode gedichtet), einen unsterblichen Kranz um ihre unschuldigen Schläfe. Wer den Geschmack der provençalischen Poesie, wer die Beatrice des Dante kennt, wird hieran nicht zweifeln und die Mühe bedauern, die der Lebensbeschreiber Petrarca's, ein Abkömmling der angeblichen Laura, auf die Anwendung jedes Zuges, der ihre Person betreffen soll, gewandt hat. Jeder Liebhaber kann und soll seine Laura in Petrarca's Gedichten finden; er soll sein Herz mit allen Schwachheiten auch darin finden und die Läuterung wahrnehmen, die ein reiner weiblicher Charakter im Gemüth sowol des Jünglinges als des Mannes bewirken soll und kann. Hiezu steht Laura da; und ich wüßte nicht, ob es einen schönern Zweck der Poesie der Liebe gebe, wenn einmal diese Gattung Poesie da sein soll. Gegen die römischen Dichter des Amors, Horaz, Tibull, Properz , macht Petrarca, der Idee seiner versi volgari nach, keinen kleineren Unterschied, als den er der Sprache, den Nationen und Zeiten selbst nach machen mußte. Von unsern erotischen Dichtern steht er in gleichem Maaße gesondert. Da es indessen doch wol Niemanden zu verargen sein wird, wenn er in seine Liebe Gemüth bringt und sie nicht blos als ein Werk des Bedürfnisses und der Convenienz betreibt, so sehe ich auch Petrarca's Laura als ein Ideal an, das keinen Jüngling verführen, das jedem edelgeschaffenen Jünglinge als ein Madonnenbild alter Zeiten in einer so schönen Sprache wohlthun wird. Die Empfindungen Petrarca's in Ansehung der Freundschaft gegen Freunde waren diesem Ideal nicht entgegen, und Italien, Rom, seine Sprache, die Menschheit waren seines Gemüths ewige Laura . Als ich in einer schönen Morgenstunde den letzten Aufenthalt seines irdischen Daseins vorüberfuhr, Im Juni 1789. Petrarca starb zu Arqua bei Padua. – D. umfing mich eine so süße Erinnerung seines freundschaftlichen Herzens und ganzen Lebens, daß ich nicht anders als die letzten Worte seines letzten Briefes ausrufen konnte: » Valete, amici, valete, epistolae! « Er starb im Jahr 1374; man weiß nicht recht, wie und wann; gnug, daß man den ruhigen Greis an seinem Pulte sitzend todt fand. Valete, amici ! ——— 56. So angenehm mir Petrarca war, so weh that mir Uriel Acosta in seinem letzten Selbstbekenntniß . Der arme Jude, von Zweifeln über seine Religion ergriffen, gab alle Verhältnisse seiner edlen Geburt, seines Glückes und Standes auf, suchte Ruhe hie und dort, fand an seinen nächsten Verwandten die ärgsten Feinde und endigte damit, daß er, als ein Neuaufgenommener in der Synagoge seiner Glaubensgenossen, schimpflich entblößt, mit Füßen getreten, gepeitscht, verspeit, es nicht länger ertragen zu dürfen glaubte und sich selbst den Tod gab. Die Aufschrift seines Urlaubes aus dem Leben: » Exemplar humanae vitae «, rührte mich von jeher; und o möchte ein Jeder, der, von Menschen aus der Welt gedrängt, zuletzt noch einige Worte für Menschen zu schreiben guten Willen und Kraft hat, sein Exemplar des menschlichen Lebens dem Exemplar des Acosta hinzufügen! Die Menschheit erhielte damit eine Anzahl sonderbarer Exemplare. Von Kindheit auf ist mir nichts abscheulicher gewesen als Verfolgungen oder persönliche Beschimpfungen eines Menschen über seine Religion. Wen geht diese als ihn selbst und Gott an? ja, wer weiß nicht, was an dem Wort Religion , sobald es innere Ueberzeugung und Gefühl betrifft, für tiefe Scrupel und Schwierigkeiten haften? Dem ist dieses , einem Andern das aufs Innigste anstößig; zu diesem Ausdruck kann er sich nicht gewöhnen, von jener früh erfaßten Vorstellungsart auf keine Weise sondern. An ihr hangen seine moralischen Begriffe, an ihr vielleicht seine vornehmste Triebfeder, ja sein Ideal der Moralität selbst. Dieser findet Zweifel, wo Keiner sie findet; die schwarze, phantastische Fliege verfolgt ihn, ohne daß ein Andrer als er sie sieht. Wie grausam ist's also, wie unvernünftig, nutzlos und unmenschlich, wenn sich ein Mensch, ein Gericht, eine Synagoge das Verdammungs-, das Verfolgungsurtheil über die Religion eines Andern, wäre er auch ein Neger und Indier, anmaßt! Mit Schauder liest man Acosta's Erzählung, Klagen und Seufzer, die er im tiefen Schmerz über die ihm, einem Rückkehrenden, in einem Gotteshause zugefügte peinliche Beschimpfung ausstößt, Müller 's Bekenntnisse merkwürdiger Männer, Bd. 2. S. 169 ff. – H. und die mit dem traurigen Gefühl der völligen Verlassenheit und Ohnmacht enden: »Hier habt Ihr die wahre Geschichte meines Lebens, und welche Person ich auf dem eiteln Schauplatz dieser Welt in meinem unbeständigen und unglücklichen Leben gespielt habe. Richtet nun gerecht und unparteiisch, Ihr Söhne der Menschen; richtet frei und nach der Wahrheit, wie es sich Männern geziemt! Findet Ihr etwas, das Euch zum Mitleiden hinreißt, so erkennt und beweint das traurige Loos der Menschheit, das auch Euch zu Theil geworden ist!« Dank der Menschheit sei allen Denen, die so unerträgliche Lasten und Fesseln, die jede unziemende Beschimpfung, jede kränkende Verfolgung, die Menschen Menschen von göttlichen oder menschlichen Rechts wegen ungescheut, ja pflichtmäßig und frohlockend anthaten, in ihr wahres Licht stellten! Grotius, John Locke, William Penn, Shaftesbury, Bayle, Leibniz , auch Spinoza, Voltaire und Mehrere nicht zu vergessen; was für Gesinnungen sie übrigens in andern Dingen haben mochten, in diesem Punkt sind sie Friedensengel im Namen aller Derer geworden, die, um mich eines schauderhaften Bildes der Apokalypse zu bedienen, als Erwürgte unter dem Altar um Rache rufen und in ihrem Blut weiße Feierkleider begehren. Die Rache solcher Verfolgungen ist nie ausgeblieben und bleibt nie aus; es wäre aber endlich Zeit, daß wir aus bessern Gründen als aus der Furcht solcher Rache zum Gefühl der Wahrheit und Menschlichkeit gelangten. Auch unsern deutschen Rechtslehrern, Thomasius, Polykarp Leyser, Hommel u. s. w., die über die mit Blut geschriebenen Carpzov 'schen Gesetze hie und da die Fackel der Vernunft angezündet und mildere Grundsätze in Gang gebracht haben, werde Dank! Sie thaten, was sie thun konnten. Vor Andern, dünkt mich, sind in Briefen Gesinnungen der Humanität wirksam verbreitet worden, selbst wo sie das strenge Rechts-, Staats- und Kirchensystem noch nicht aufnehmen durfte. In Briefen an Freunde schüttete Mancher sein Herz aus, wie er es in Schriften zu thun nicht wagte, und die Briefgestalt selbst ward zur glücklichen Form, milde Gesinnungen über einzelne Vorfälle sowol als über Lehren und Personen Freunden oder dem Publicum verständlich zu machen und ans Herz zu legen. Holberg's Briefe gehören auch in diese Zahl; in England und Frankreich ist die Art eines humanisirten Vortrages durch Briefe sehr ausgebildet worden und hat die nützlichsten Grundsätze verbreitet. In England z. B. fanden Plinius' Briefe eine glückliche Aufnahme; die Ersten der Nation buhlten ihnen nach. Selbst die erdichteten Briefe des Phalaris schätzte der Ritter Temple übermäßig hoch, so daß seit Addison ihre Wochenschriften, seit Richardson ihre Romane vorzüglich die Gestalt der Briefe liebten. Die französischen Briefeinkleidungen vom türkischen Spion an bis zu den persischen und so viel andern Briefen sind Jedermann bekannt; durch Einkleidungen solcher Art gewann nicht nur die Sprache, sondern auch der denkende Geist Leichtigkeit und Freiheit. Ohne eine Abhandlung oder Deduction schreiben zu wollen, konnte man Gedanken, Empfindungen äußern, seinen Verstand berichtigen, sein Urtheil am Urtheile des Andern schärfen und prüfen. In Deutschland hat aus mehrern Ursachen diese Form meistens nur gelehrte Urtheile, Trivialitäten oder Romane betreffen können. Ich wünschte eine Auswahl treffender Stellen aus den wahren Briefen merkwürdiger und großer Männer ; dem Sammler der Selbstbekenntnisse, einem Mann von reiner, fürs wahre Wohl der Menschheit gestimmten Denkart, möchte ich sie am Liebsten empfehlen. Von Staatsmännern, Kirchenvätern. Reformatoren, Sectirern, von Gelehrten und Weisen aller Art ist eine so ungeheure Menge Briefe ans Licht gefördert worden, daß eine Auswahl ihrer eigensten Meinungen und Urtheile über Begebenheiten, Schriften, fremde Meinungen und Handlungsarten die lehrreichste Unterhaltung sein müßte. Wer kann, wer mag jetzt das große Epistelfach berühmter und nicht berühmter Männer mit gehörigem Fleiße durchstören? Und doch liegt so manches Merkwürdige, Angenehme und Nützliche in ihm! ——— 57. Sie wünschten, daß Jemand über den menschenfreundlichen Comenius ausführlicher spräche. Der bescheidene Mann spricht von sich selbst, auch wo er es thun sollte und konnte, in seiner Kirchengeschichte der böhmischen Brüder , sehr wenig; das einzige Nothwendige lag ihm zu sehr am Herzen. Wenn ich einen Mann unsrer Nation (denn warum sollte man Böhmen und Mähren nicht zu Deutschland rechnen?) mit dem guten St. Pierre vergleichen möchte, so wäre es Comenius ; und dies gewiß nicht zu seinem Nachtheil. St. Pierre hat durch seine Schriften, die, als sie erschienen, Wenige lasen, Mehrere ungelesen verlachten, Andre auf eine schale Art widerlegten, ja, deren offenbarste Wahrheit ihm sogar Verdruß zuzog, in der Folge mehr Gutes gewirkt als manche blendende Schriftsteller seines Zeitalters, die ihn aus der Akademie verwiesen. Er ward 1718 ausgestoßen wegen seines gegen das Regierungssystem Ludwig's XIV. gerichteten Traité sur la polysynodie . – D. Seine Träume von einem ewigen Frieden, von einer besseren Verwaltung der Staaten, von einer größeren Nutzbarkeit des geistlichen Standes, von einer gewissenhaftern Pflege der Menschheit, selbst seine politischen Weissagungen können nicht immer Träume eines honnetten Mannes bleiben, wie sie damals ein duldender Minister nannte. Wenn St. Pierre wieder aufstünde und gewahr würde, daß nicht blos, wie d'Alembert meint, das Wort bienfaisance und gloriole Vgl. Herder's Werke, II. S. 295. – D. von ihm in der Sprache seiner Nation geblieben, sondern daß seine Grundsätze, seine Wünsche, seine Hoffnungen gewissermaßen der Geist aller Guten und Würdigen in Europa worden sind: der kalte, trockene Mann würde dabei nicht gleichgiltig bleiben. Wahrscheinlich würde er gelassen sagen: »Die Zeit ist schneller fortgeschritten, als ich es ihr zutraute.« Unser St. Pierre, Comenius , hat eine andere Gestalt. Er wurde zwar auch in einem Labyrinth von Weissagungen irregeführt, welches ihm zuletzt sehr leid that; diese hatten auch eine viel rohere Gestalt, als der politische Calcül des St. Pierre seiner Erziehung und seinen Lebensumständen nach haben konnte; in ihrem Ziel aber treffen Beide zusammen, und dieses ist das Wohl der Menschheit . Ihm weihten Beide, obwol auf den verschiedensten Wegen, alle ihre Gedanken und Bestrebungen; Beiden schien Alles das entbehrliche Ueppigkeit oder häßliche Unsitte, was nicht dahin führte. Beide haben eine schöne Klarheit des Geistes, eine beneidenswürdige Ordnung und Einfalt der Gedanken; sie sind von allem Leidenschaftlichen so fern und los; es verdrießt sie nicht, eine Sache oft, meistens mit denselben Worten zu sagen, damit man sie fassen und ja nicht vergessen möge, daß auch in diesen liebenswürdigen Fehlern sie einander ähnlich erscheinen. Der letzte Zweck ihrer Bemühungen ist ganz derselbe. Comenius , wissen Sie, war der letzte Bischof der böhmischen Kirche. Er lebte in den traurigen Zeiten des dreißigjährigen Krieges, da mit ihm so viele, viele Familien auf die härteste Weise vertrieben wurden; seit welcher Zeit dann diese blühenden Gemeinen nie mehr zu einigem, geschweige zu ihrem alten Flor gelangten. Wollen Sie Ihr Inneres sanft und schrecklich erschüttert fühlen, so unterrichten Sie Sich über den Zustand dieser Gemeinen von ihrer Entstehung an und endigen mit dieser traurigen Verstoßung! Keine Gemeine Deutschlands ist mir bekannt, die mit so reinem Eifer für ihre Sprache, für Zucht und Ordnung bei ihren Gebräuchen sowol als in ihrem häuslichen Leben, ja für Unterweisung und Aufklärung im Kreise ihres Nothwendigen und Nützlichen gesorgt, gestritten, gelitten hätte, als diese. Von ihr aus entsprang jener Funke, der in den dunkelsten Zeiten des härtesten geistlichen Despotismus Italien, Frankreich, England, die Niederlande, Deutschland wie ein Feuer durchlief und jene vielnamigen Albigenser, Waldenser, Lollarden u. s. w. weckte. In ihr ward durch Huß und Andre der Grund zu einer Reformation gelegt, die für ihre Sprache und Gegenden eine Nationalreform hätte werden können, wie keine es in Deutschland ward. Bis auf Comenius strebte dahin der Geist dieser slavischen Völker. In ihr ist eine Wirksamkeit, eine Eintracht und Tapferkeit gezeigt worden, wie außer der Schweiz diesseit der Alpen nirgend anders; und es ist kaum zu zweifeln, daß, wenn man sich vom zehnten, vierzehnten Jahrhundert an diese Thätigkeit nur einigermaßen unterstützt gedenkt, Böhmen, Mähren, ja überhaupt die slavischen Länder an der Ostseite Deutschlands ein Volk worden wären, das seinen Nachbarn andern Nutzen gebracht hätte, als den es jetzt seinen Oberherren zu bringen vermag. Die Unvernunft und Herrschsucht der Menschen wollte es anders. Eine Ilias beweinenswürdiger Umstände tritt dem Geschichtforscher vor Augen, über die der Freund der Ordnung und des Fleißes seufzend erröthet. Comenius betrug sich bei Allem mit der Würde eines apostolischen Lehrers. Der Flüchtling nahm seine Jugendbeschäftigung vor; er ward ein Lehrer der Jugend, aber in einer großen Aussicht. Seine Grundsätze: » Kinder müßten mit Worten zugleich Sachen lernen; nicht das Gedächtniß allein, sondern auch der Verstand und Wille, die Neigungen und Sitten der Menschen müßten von Kindheit auf gebessert werden; und hiezu sei Klarheit, Ordnung der Begriffe, Herzlichkeit des Umganges vor Allem nöthig ,« diese Grundsätze sind so einleuchtend, daß Jeder sie in Worten vorgiebt, ob er sie gleich eben nicht in Comenius' Geist und Sinne befolgt. Dieser griff zur That; er gab seine Janua , er gab einen Orbis pictus heraus, die zu seiner Zeit eine unglaubliche Aufnahme fanden, in wenigen Jahren in elf Sprachen übersetzt wurden, seitdem unzählige Auflagen erlebt haben und eigentlich noch nicht übertroffen sind; denn haben wir jetzt nach anderthalbhundert Jahren annoch ein Werk, das für unsre Zeit völlig das sei, was jene unvollkommenen Werke für ihre Zeit waren? Im ganzen Nordeuropa erregte Comenius Aufmerksamkeit auf die Erziehung; der Reichstag in Schweden, das Parlament von England beachtete seine Vorschläge. Nach England ward er gerufen; von Schweden aus sprach der große Kanzler Axel Oxenstirn mit ihm; er ward zu Ausarbeitung derselben unterstützt; und obwol, wie leicht zu erachten war, eine Hauptreform der Erziehung in Comenius ' Sinn aus zehn Ursachen nicht zu Stande kommen konnte, zumal im damaligen Zeitalter hundert Unglücksfälle dazwischen kamen, so hatte Comenius dabei seine Mühe doch nicht ganz verloren. Seine Vorschläge, obgleich die meisten seiner Werke uns die Flamme geraubt hat, sind ans Licht gestellt, ja, sie liegen größtentheils, so einfach sind sie, in aller Menschen Sinne; nur erfordern sie Menschen von Comenius ' Betriebsamkeit und Herzenseinfalt zur Ausführung. Wenn er auflebte und unsre neue Erziehung betrachtete, was würde der fromme Bischof zu mancher Marketenderei sagen? Sein Plan ging indeß noch weiter. Er sahe, daß keine Erziehungsreform ihren Zweck erreichte, wenn nicht die Geschäfte verbessert würden, zu denen Menschen erzogen werden; hier griff er das Uebel in der Wurzel an. Er schrieb eine Panegersie , einen allgemeinen Aufruf zu Verbesserung der menschlichen Dinge , in welchem ihm St. Pierre an Ernst und, ich möchte sagen, an heiliger Einfalt selbst nachstehen möchte. Er ladet aufs Menschlichste dazu ein, meint, es sei ja Unsinn, Glieder heilen zu wollen, ohne den ganzen kranken Leib zu heilen; ein gemeinschaftliches Gut sei eine Gemeinfreude; gemeine Gefahr fordre auch gemeinschaftliche Sorge, und schlägt Mittel zur Beratschlagung vor. Die menschlichen Dinge , die er für verderbt hält, seien Wissenschaften, Religion und Staatseinrichtung . Ihrer Natur nach bezeichneten sie den Charakter unsers Geschlechts, Humanität, mithin die eigentliche Menschheit, indem Wissenschaft den Verstand , Religion den Willen , die Regierung unsre Fähigkeit zu wirken bestimmen und bessern sollte. Aller Menschen Bestreben gehe dahin; denn Jeder wolle wissen, herrschen und genießen ; edlere Seelen seien nach der edelsten Macht, der wahren Wissenschaft und einer unzerstörlichen Glückseligkeit begierig; sie zu befördern, opferten sie Kräfte, Mühe, ihr Leben selbst auf. In uns liegen also ewige Wurzeln zu einem Baume der Wissenschaft, der Macht und des Glücks ; Philosophie solle uns Weisheit , politische Einrichtung den Frieden , Religion innere Seligkeit geben; diese drei Dinge seien nur Eins; sie könnten nie von einander, nie vom Menschen gesondert werden, ohne daß er ein Mensch zu sein aufhöre. Sie ziemten ihm allerwege und allenthalben. Jetzt zeigt Comenius , wie und wodurch alle drei verderbt seien. Der Verstand werde von Wenigen wenig gebraucht; der Wille unterliege den Begierden ; man suche Reichthum, Ehre, Lust, Eitelkeiten, Schatten der Dinge ; man suche sich außer, nicht in sich selbst . Man wisse nicht , was man wollen, thun, wissen solle; man theile sich in philosophische, politische Religionssecten; man streite, ohne einander zu überzeugen, und doch sei es das einzige Zeichen, daß man selbst weiß, wenn man Andre überzeugt. Die Weisheit werde in Bücher gekerkert, nicht in der Brust getragen; unsre Bücher seien also weise, nicht wir. Selten habe man bei der Wissenschaft einen wahren Zweck ; man lerne, um zu lernen, oder noch zu thörichtern Absichten. Das Band der Sprache sei zerrissen, und noch habe keine einzige Sprache ihre Vollkommenheit erreicht. Die Gebrechen, deren er die Religion zeiht, führt er nur kurz und mit Bedauern an, da sie zu offen am Tage liegen. In der Politie meint er: nichts könne regieren als das Rechte, Niemand Andre regieren, als der sich selbst zu regieren weiß. Menschenregierung sei die Kunst der Künste ; ihr Zweck sei Friede . Mithin zeugen alle Kriege und Unordnungen der menschlichen Gesellschaft, daß diese Kunst noch nicht da sei; weder zu regieren, noch regiert zu werden wüßten die Menschen; von welchen Verderbnissen er sowol die Ursachen als die Schändlichkeit und den Schaden klar vorlegt. Von jeher, fährt er fort, sei das Bestreben der Menschen dahin gegangen, diesen Uebeln abzuhelfen, und zeigt mit großem Verstande, sowol was man bisher dazu gethan und auf welchen Wegen man's angegriffen habe, als auch weshalb diese Mittel unhinreichend oder unwirksam geblieben. Indessen sei der Muth nicht aufzugeben, sondern zu verdoppeln. Manche Krankheiten tilge die Zeit; in der verdorbenen Menschheit sei der Trieb zu ihrer Verbesserung unaustilgbar und auch in den wildesten Abwegen wirksam. Nur müsse die Menschheit ihr wahres Gute, so wie die Mittel dazu ganz und rein kennen lernen; sie müsse von den Ketten böser Gewohnheiten befreit werden und nicht eher nachlassen, bis sie in einer Allgemeinheit zum Zweck gelange. Zu dieser Harmonie wirke selbst der Haß der Secten, ihre bittern Verfolgungen und Kriege gegen einander in Wissenschaften, Religion und Regierungsanstalten; Alles zeige, daß eine große Veränderung der Dinge im Werk sei. Ohne uns könne diese Veränderung keine Verbesserung werden; wir müßten zu ihr, und zwar auf bisher unversuchten Wegen, auf dem Wege der allgemeinen Einheit, Einfalt und einer freien Entschließung (Spontaneität) mitwirken. Der Zweck der Einheit und allgemeinen Verbindung liege in unserm Geschlecht; nur durch Einfalt könne unser Verstand, Wille und Handlungsweise von ihren Verderbnissen loskommen; dahin wiese die einträchtige Norm unsrer gemeinen Begriffe, Fähigkeiten und Instincte; mittelst dieser, und dieser allein, käme man ohne alle Sophisterei zum reinen Gute der Wahrheit. Freiheit des Willens endlich sei der Charakter des Göttlichen in uns; Gott zwinge nicht und wolle nicht, daß Menschen gezwungen, sondern gelehrt, geleitet, unterstützt werden. So weit wir vom Wege der Einigkeit, Einfalt und Sinnesfreiheit abgewichen seien, so sei eine Rückkehr dahin möglich, sobald wir uns nur vornähmen, ohne Ausschließung Alles, für Alle, auf alle Art und Weise zu verbessern. In diesen drei Worten liege das ganze Geheimniß: » omnia, omnibus, omnimode esse emendanda «; denn alle bisherige Vereitelung guter Bemühungen sei blos daher gekommen, daß man nicht Alles, nicht für Alle, nicht auf alle Weise habe verbessern wollen, sondern zurückbehalten, geschont, geschmeichelt und dadurch das Böse oft ärger gemacht habe. Das Studium, zu particularisiren , sei die ewige Grundlage der Verwirrung; Jeder rathe, sorge für sich, für Alle Niemand. Man schaue gewöhnlich auch nicht rings umher, sondern Dieser auf dies, Jener auf jenes; dafür sei er entbrannt und vergesse, hindere, verachte alles Andere. Am Wenigsten habe man den ganzen Apparat von Kräften und Mitteln angewandt, dessen die Menschheit fähig ist, ja, den sie wirklich im Besitz hat . Sehr ernstlich begegnet Comenius den Einwürfen, daß eine allgemeine Verbesserung unmöglich sei und ein Unternehmen der Art zur Zerstörung aller bisherigen Einrichtungen gereichen würde. Möglich sei sie allerdings; das zeige die Haushaltung der Natur, der Begriff der Kunst, die Identität der Menschheit; auf dem Wege der Einfalt werde man die Möglichkeit einer solchen Verbesserung wol finden; denn sie liege allenthalben vor uns, und die Einfalt selbst sei das wirksamste Gegengift aller Verwirrung. Auch den freien Willen der Menschen glaubt Comenius auf seiner Seite zu haben, sobald man sie nur nicht täuschte, sondern in Allem für Alle rein sorgte . Nichts als das Schlechte würde zerstört; nur das Ueberflüssige würde hinweggethan; das Gute bliebe, mit unendlich vielem neuen Guten vermehrt, verstärkt, vereinigt. Hiezu ladet er nun in der einfältigsten Herzenssprache die Menschen ein; der Bischof spricht zur gesammten Menschheit wie zu seiner Gemeine. Glauben Sie nicht, daß dergleichen utopische Träume, wie man sie zu nennen pflegt, nutzlos seien! die Wahrheit, die in ihnen liegt, ist nie nutzlos. Dem Comenius konnte man sagen, was der Cardinal Fleury dem St. Pierre sagte, da Dieser ihm sein Project des ewigen Friedens und des europäischen Reichstages überreichte: »Ein wesentlicher Artikel ist darin vergessen, die Missionarien nämlich, die das Herz der contrahirenden Fürsten zu diesem Frieden und zu diesem Reichstage disponiren;« allein wie St. Pierre sich bei seinem Project auf den großen Missionar, die allgemeine Vernunft , und ihre Dienerin, die Zeit oder allenfalls die Noth , verließ, so wahrscheinlich auch Comenius . Er schrieb eine Consultation (ich weiß nicht, ob er sie umhergesandt habe), die sogar erst dreißig Jahre nach seinem Tode gedruckt ward. Comenii Historia fratrum Bohemorum. Accedit ejusdem Panegersia de rerum humanarum emendatione. Edidit Buddeus. Halae 1702. Rieger in seiner »Geschichte der böhmischen Brüder« führt an, daß in der Waisenhausbibliothek zu Halle noch mehrere Handschriften von Comenius da sein sollen. Wären nicht einige davon für unsre politisch-pädagogischen Zeiten des Drucks werth? – H. Da sie wenige Bogen enthält, wünschte ich, daß sie übersetzt erschiene, wenn auch nur zum Zeichen, wie anders man damals über die Verbesserung der Dinge schrieb, als man jetzt zu schreiben gewohnt ist. Fromme Wünsche der Art fliegen nicht in den Mond; sie bleiben auf der Erde und werden zu ihrer Zeit in Thaten sichtbar. Es schweben nach Ariosto 's schöner Dichtung Canto XXXV. 14–16. – D. immerdar einige Schwäne über dem Fluß der Vergessenheit; einige würdige Namen erhaschen sie, ehe diese hineinsinken, und schwingen sich mit ihnen zum Tempel des Andenkens empor. Ich lege Ihnen einen Aufsatz bei, der mir namenlos zukam; theilen Sie ihn unsern Freunden mit! Er ist nicht mit Comenischem Geist geschrieben; es läßt sich aber Manches darüber sagen. ——— Haben wir noch das Publicum und Vaterland der Alten? Eine von Herder zur Feier der Beziehung des neuen Gerichtshauses in Riga am 11. October 1765 (vgl. Werke, I. S. 254 ff.) herausgegebene Abhandlung liegt zu Grunde. Vgl. »J. G. von Herder's Lebensbild. Mitgetheilt von seinem Sohne Dr . E. G. von Herder. Erlangen 1846«, I. 3 a . IX. ff. – D. I. Haben wir noch das Publicum der Alten? Um eine vorgelegte Frage zu beantworten, muß man sie erst verstehen. Also: Was ist Publicum ? Ein sehr unbestimmter Begriff, der, wenn man alle Eigenheiten des einzelnen Gebrauchs und Mißbrauchs seiner Benennung absondert, ein allgemeines Urtheil , wenigstens eine Mehrheit der Stimmen in dem Kreise, in welchem man spricht, schreibt oder handelt , zu bezeichnen scheint. Es giebt ein reales und ideales Publicum ; jenes, das gegenwärtig um uns ist und uns seine Stimme, wo nicht zukommen läßt, so doch zukommen lassen kann; das ideale Publicum ist zuweilen so zerstreut, so verbreitet, daß kein Lüftchen uns aus der Entfernung oder aus der Nachwelt den Laut seiner Gedanken zuführen mag. Bei jeder Gattung des Publicums aber denkt man sich ein verständiges, moralisches Wesen , das an unsern Gedanken, an unserm Vortrage, an unsern Handlungen Theil nimmt, ihren Werth und Unwerth zu schätzen vermag, das billigt oder mißbilligt, das wir also auch zu unterrichten, eines Bessern zu belehren, in Ansehung seines Geschmacks zu bilden und fortzubilden uns unterfangen dürfen. Wir muntern es auf, wir warnen; es ist uns Freund und Kind, aber auch Lehrer, Zurechtweiser, Zeuge, Kläger und Richter. Belohnung hoffen wir von ihm nicht anders als durch Beifall, in Empfindungen, Worten und Thaten. Unter den Alten versteht man in Ansehung der Kunst die Griechen, in Ansehung der Literatur Griechen und Römer, in Ansehung Alles dessen aber, worüber das Publicum gefragt oder belehrt werden kann, jede Nation, die in früheren Zeiten auf uns gewirkt hat, mit der wir uns hier oder dort in Ansehung gefällter Urtheile zu vergleichen, zu messen haben. Man sieht, daß in diesem Gesichtspunkt sowol die Ebräer als die sogenannten Barbaren des Mittelalters von unsern Alten nicht ausgeschlossen sind; denn diese haben viele Meinungen unsers Publicums und in Manchem seinen ganzen Geschmack constituirt. Wer sind nun die Wir , die sich mit diesen Alten vergleichen? Im Ganzen möchte man die jetzige Generation der Menschen darunter verstehen. Da diese doch aber in einen Gesichtskreis oder gleichsam in einen großen Saal beschränkt werden muß, um Zuschauerin, Hörerin, Urtheilerin, Richterin zu werden, so wird dieser Kreis bald sehr weit, bald sehr enge genommen; ja, vom weitesten Kreise, den unsre Einbildung kaum fassen mag, wird oft behauptet, was nur dem engesten, einem sehr auserlesenen Kreise gebührt. Aus Erfahrungen seiner Landes- und Stadtwelt spricht man gemeiniglich für die Christenheit, für Europa, für Welt und Nachwelt, an denen man sich immer eine mystische Person oder Versammlung , eine aufgeklärte oder aufzuklärende Gemeinheit denkt. Um allen aus dieser Verwirrung entspringenden Mißverständnissen zu entweichen, wird's also nöthig sein, jedesmal den Gesichtskreis zu bestimmen und in Absicht jeder Frage, die an ein Publicum gelangt, Zeiten und Völker zu unterscheiden. 1. Vom Publicum der Ebräer. Das ebräische Volk ward von seinem Ursprunge an als ein genetisches Individuum , als ein Volk betrachtet. Der sterbende Stammvater sprach zu seinen Söhnen für die ganze Reihe zukünftiger Zeiten; ja, ehe der Sohn des Stammes geboren war, geschah schon dem ganzen zukünftigen Volk die Verheißung. Als es in vielen Tausenden um den Berg Sinai gelagert dastand, sprach der Gesetzgeber im Namen seines Gottes zu ihm, als zu einer Person , die dieses Gottes Knecht und gerettetes Kind sei; und da er vor seinem Lebensende dies Gesetz wiederholte, ließ er das Volk als einen Mann geloben. Er forderte von ihm Achtung und Liebe des Gesetzes als von einem moralischen Wesen . So sprachen alle Propheten, denen der Gesetzgeber ausdrücklich Raum zu dieser Stimme ans gesammte Volk als an ein Eigenthum Gottes gelassen hatte. So klein der Kreis sein mochte, in dem mancher Prophet sprach oder zu seiner Zeit schrieb, so groß wird er dieser seiner Idee nach. Der Bote seines Gottes spricht zum Sohne Jakob, zum Knecht Israel für alle Zeiten. Daher der hohe, weitschallende Ton des Patriotismus in den ebräischen Psalmen und Propheten. Wo und in welcher Sprache sein Nachhall ertöne, er ergreift das Herz; ein Publicum wird lebendig. Man findet sich in einer Versammlung, in der Einer für Alle steht, Alle für Einen. Die Last der Gebote, Segen und Fluch trägt das ganze Volk auf seinen Schultern. Danklieder tönen von Allen empor; auch über die kleinsten Begegnisse des Individuum werden sie angenommen, weil dies Individuum zum ganzen Volk gehört. So trägt in den Bestrafungen der Propheten jeder Israelit die Schuld des Andern; der Trost des Andern kommt auch ihm zu Statten; gemeinschaftliche Wünsche, eine gemeinschaftliche Aussicht erhebt das Herz des freudigen und des gedrängten Volkes. Auch seitdem Israel unter alle Nationen zerstreut ward, ist dieser Prophetenton eines Nationalpublicum nicht verhallt. Alle seine Gesänge und Gebete sprechen noch zu Gott mit der Stimme eines verlornen Kindes, eines gedemüthigten Knechtes. Wenn ein Geist der Poesie, der Lehre, der Ermahnung in diesem Volke wieder aufleben sollte, so kann er nicht anders als in solchem Ton zum Volk singen und reden. Haben wir dies Publicum der Ebräer? Mich dünkt, jedes Volk habe es durch seine Sprache . Diese ist ein göttliches Organ der Belehrung, Strafe und Unterweisung für Jeden, der für sie Sinn und Ohr hat. Das Band der Zunge und des Ohrs knüpft ein Publicum; auf diesem Wege vernehmen wir Gedanken und Rath, wir fassen Entschließungen und theilen mit einander Belehrung, Leid und Freude. Wer in derselben Sprache erzogen ward, wer sein Herz in sie schütten, seine Seele in ihr ausdrücken lernte, der gehört zum Volk dieser Sprache . Ich vernehme noch Otfried 's Stimme; die Kern- und Biedersprüche mancher alten Deutschen, die den Charakter meines Volks in sich tragen, sprechen zu mir; Kaisersberg, Geiler von Kaisersberg . – D. Luther predigt mir noch; und was auch von andern Nationen in meine Mundart meisterhaft überging, ist die Stimme eines Publicums worden, zu dem auch ich gehöre. Meine Stimme, so schwach sie sei, bewegt auch Wellen dieses ätherischen Weltmeers. Von den Millionen, die deutsch reden und lesen, werden auch mich Einige verstehen und hören, wären es nur so viel, als Persius I. 3: » Vel duo vel ... Nemo .« Vgl. Herder's Werke, VIII. S. 94. – D. sich anmaßt, aut duo aut nemo ; auch diese Zwei, lobend oder tadelnd, erregen ihre Wellen weiter. Im Publicum der Sprache hat sogar der Niemand ein Ohr; er lernt von oder an mir und spricht weiter. Und dies Publicum breitet sich fort, so lange die Sprache, selbst mit Veränderungen, dauert, bis sie verständlich zu sein aufhört. Kein Gesetz kann diesen Fortgang verbieten, keine Macht ihn aufheben, bis die Sprache vertilgt ist; und ehe diese vertilgt wird, dazu gehören allmächtige Kräfte der Zeiten. Nicht der Schriftsteller gehört zu diesem Publicum allein, sondern auch der mündliche Unterweiser, der Gesetzgeber, der Feldherr, der Redner und Ordner. Mittelst der Sprache wird eine Nation erzogen und gebildet; mittelst der Sprache wird sie ordnung- und ehrliebend, folgsam, gesittet, umgänglich, berühmt, fleißig und mächtig. Wer die Sprache seiner Nation verachtet, entehrt ihr edelstes Publicum; er wird ihres Geistes, ihres inneren und äußeren Ruhms, ihrer Erfindungen, ihrer feineren Sittlichkeit und Betriebsamkeit gefährlichster Mörder. Wer die Sprache eines Volks emporhebt und sie zum kräftigsten Ausdruck jeder Empfindung, jedes klaren und edlen Gedankens ausarbeitet, der hilft das weiteste und schönste Publicum ausbreiten oder in sich vereinigen und fester gründen. Daß unser Deutschland durch seine Sprache sich dies Publicum in solchem Umfange, mit solcher Festigkeit gegründet habe, wie es hätte geschehen mögen, ist sehr zu zweifeln. Ganze Länder sind davon abgerissen; Provinzen und Kreise verstehen einander kaum, nicht nur nicht in Reden, sondern oft selbst nicht in Schriften. Was in manchen Gegenden für Witz gilt, wird in andern als niedriger Scherz verachtet; das Ganze hat so wenig einen gemeinschaftlichen Schritt in der Cultur gehalten, daß schwerlich eine Vorstellungsart zu finden wäre, die auf alle Theile desselben als auf ein gemeinsames Publicum mit gleicher Macht wirkte. Nicht aber nur Provinzen und Kreise, selbst Stände haben sich von einander gesondert, indem seit einem Jahrhunderte die sogenannten obern Stände eine völlig fremde Sprache angenommen, eine fremde Erziehung und Lebensweise beliebt haben. In dieser fremden Sprache sind seit einem Jahrhunderte unter den genannten Ständen die Gesellschaftsgespräche geführt, Staatsunterhandlungen und Liebeshändel getrieben, öffentliche und vertraute Briefe gewechselt worden, so daß, wer einige Zeilen schreiben konnte, solche nothwendig vormals italienisch, nachher französisch schreiben mußte. Mit wem man deutsch sprach, der war ein Knecht, ein Diener. Dadurch also hat die deutsche Sprache nicht nur den wichtigsten Theil ihres Publicums verloren, sondern die Stände selbst haben sich dergestalt in ihrer Denkart entzweit, daß ihnen gleichsam ein zutrauliches gemeinschaftliches Organ ihrer innigsten Gefühle fehlt. Beide sind auf ihrem getrennten Wege nicht so weit fortgeschritten, als sie in Wirkung und Gegenwirkung aus einander hätten kommen mögen, indem der eine Theil meistens an Phrasen, an Worten ohne Gegenstand, leer von innerer Bildung, hängenbleiben mußte, dem andern hingegen bei aller Mühe des Fortstrebens ewig und immer eine Mauer entgegengestellt war, an welcher leere Schälle zurückprallten. Ohne eine gemeinschaftliche Landes- und Muttersprache, in der alle Stände als Sprossen eines Baumes erzogen werden, giebt es kein wahres Verständniß der Gemüther, keine gemeinsame patriotische Bildung, keine innige Mit- und Zusammenempfindung, kein vaterländisches Publicum mehr . Entweder bequemt man sich nach der fremden Denkart des Andern und buhlt ohne Dank und Kraft um dessen leere Vorstellungsweise wie um einen nichtigen Schatten, oder man spricht und schreibt nicht für ihn; er ist ein todtes oder ein hinderndes, oft feindlich wirkendes Glied der Gemeine. Wenn die Stimme des Vaterlandes die Stimme Gottes ist, so kann diese zu gemeinschaftlichen, allumfassenden und aufs Tiefste greifenden Zwecken nur in der Sprache des Vaterlandes tönen; sie muß von Jugend aus durch alle Classen der Nation an Herz und Geist erklungen sein: so nur wird durch sie ein Publicum, verständig und verstanden, hörend und hörbar. Jede fremde bleibt eine entzweiende Samaritersprache. 2. Publicum der Griechen. Daß dem also sei, wollen wir schöner an den Griechen lernen. Wahrscheinlich war ihre Sprache anfangs so ungebildet als jede Volkssprache in rohen Zeiten: da stieg Kalliope , da stiegen Götter vom Himmel hernieder. Mercur erfand die Lyra; die Zither begleitete Apollo mit herzerweckendem Gesänge; mehreren Söhnen der Muse folgte Baum und Fels, es horchten ihnen Ströme; kurz, ohne Fabel zu reden, Poesie, mit Musik begleitet, erschuf und bildete sich ein griechisches Publicum in einer feinern Sprache und einer feineren Gedankenweise. Die Fabelnamen Orpheus, Linus, Musäus sind in Absicht der Wirkung, die sie hinterließen, keine Fabelnamen; die Form ihrer Götter- und Menschengestalten, die Melodie ihrer Weisheitsprüche und Lehren, der rhythmische Gang ihrer Empfindungen und Bilder ward dem Ohr, dem Gedächtniß der Hörenden eingeprägt und ging von Munde zu Munde, endlich auch in Schriften und Gebräuchen auf die spätere Nachwelt. Die Gesänge, die Homer und andre Rhapsoden in kleineren Kreisen sangen, waren nicht verhallt; sie kamen gesammelt nach Athen, sie erklangen am panathenäischen Feste. Die Hymnen der Homeriden, Lieder und Chorgesänge der verschiedensten Art, dichterische und musikalische Wettstreite zierten und kränzten jede Volksversammlung, jedes öffentliche Spiel, jede feierliche Religions- und Staatshandlung. So ward ein Publicum der Griechen für Poesie, bald auch für Prose. Herodot las seine Geschichte dem versammelten Griechenlande, wie so viele Dichter vor ihm ihre Gedichte größeren oder kleineren Kreisen gesungen hatten: denn selbst die Gastmahle der Griechen hatten eine Art fröhlicher Publicität und waren nicht ohne Musen. Auf diesem Wege entstand das griechische Schauspiel , das allen seinen Theilen nach ein Publicum voraussetzte und ein Publicum vergnügte. Auf diesem Wege gelangte die griechische Kunst zu ihrer Höhe; die Muse, die dem Künstler seine reinen, hohen Ideen eingab, hatte sich auch Gelegenheiten, Oerter und Plätze geheiligt, wo sie solche mit Würde zeigen und einem dazu gestimmten Volk sichtbar machen konnte. Selbst in die Beratschlagungen und Zänkereien vor Gericht ging Redekunst als ein Haupterforderniß über. Indem Alles vorm Publicum verhandelt wurde, so ward dies Publicum durch Rede gefesselt, durch Kunst der Rede geführt und gelenkt. Haben wir dies Publicum der Griechen? Nein; und in mehreren Stücken ist's villeicht gut, daß wir es nicht haben. Wo über Krieg und Frieden, über Leben und Tod der Beklagten, über Verdienst und Belohnung die Kunst der Rede gebieten darf: wie vielen Verleitungen ist und bleibt die Seele eines unerzogenen Volks ausgesetzt, die mit ihrem ganzen Urtheil im Ohre wohnt! Die Geschichte der griechischen Republiken, insonderheit Athens, zeigt uns davon eine große Galerie fürchterlich schön gemalter Beispiele, bei deren Ueberblick mancher Nordländer oft mit frohem Schauder sagen wird: »O der leichtsinnigen Griechen! Wohl uns! diese Zeiten sind vorüber!« Ein Gleiches wird er vielleicht von den Religions- und Staatsfeierlichkeiten, den öffentlichen Spielen, Tänzen, Uebungen und Wettkämpfen, vielleicht auch vom ganzen Theater in Athen sagen. Und allerdings gehört Alles dorthin und in jene Zeiten. Aber warum hätten wir denn ein Theater, wenn wir kein Publicum fürs Theater haben mögen? Warum hätten wir Kunst, wenn es nicht die griechische sein kann? Warum unterfingen wir uns, Vergnügungen des Geschmacks zu haben, wenn es kein Publicum des Geschmacks geben soll? Warum endlich spielen wir mit Musik, Redekunst, Poesie und Sprache, wenn diese nicht zu Zwecken angewandt werden, zu denen sie, allein und verbunden, eigentlich bestimmt und geschaffen sind? Ihrer Natur nach erfordern sie ein Publicum ; ohne solches sind sie todt und begraben. Ein Hymnus z. B. gehört seiner Natur nach für eine Versammlung . Der Dichter, der diese nicht um sich erblickt, nimmt Himmel und Erde, Wälder und Felsen zu seinen Zuhörern und Zeugen. Die Stimme eines lyrischen Dichters ruft ein Publicum an und auf. Der Sänger , ja selbst der Geschichtschreiber großer Begebenheiten fordert einen Kreis von Männern, Weibern, Jünglingen und Kindern um sich her, denen seine Begebenheiten in Ohr und Seele tönen. Sie öffnen ihm nicht etwa nur eine Bühne, auf der er in ihrem Beifall seinen ganzen Ruhm ernte, sondern ihre Gemüther selbst sind seine Arena , der Schauplatz, das Ziel, das Maaß seiner Wirkung. Die Scene, die der epische Dichter nicht also beschreibt, daß sie den Augen des Zuhörers sichtbar wird, also daß auch in der Seele der Handelnden mit gehaltenem Interesse Alles vor seinen Augen vorgeht, ist keine epische Scene; die Begebenheit, die der Geschichtschreiber im Zusammenhange ihrer Folgen, wo möglich auch ihrer Ursachen, nicht also gegenwärtig zu machen weiß, daß dem Zuhörer sein eignes klares Urtheil darüber reift, ist eine mangelhaft erzählte Geschichte. Der lyrische Dichter , der mit seiner Kunst in der Seele des Hörenden nicht den Grad von Theilnehmung trifft, auf den seine Kunst als auf den Punkt ihrer Vollkommenheit rechnet, hat auf ein Nichts gearbeitet und verfehlt seine Wirkung. Alle diese Productionen also wollen ein Publicum , aus welchem sie gleichsam hervor-, auf welches sie zurückgehen, aus welchem sie die Regel ihrer Kunst nahmen. Wo sind nun in Deutschland die Odeen unsrer Geschichtschreiber, unsrer lyrischen und epischen Dichter? Wo sind die Schulen, in denen man die edelsten Gesänge den Jünglingen ans Herz legt und sie nebst den schönsten classischen Stellen der Alten nicht etwa blos declamirt, sondern in die Seelen schreibt? Nur was selbst Gestalt hat, kann Gestalt geben; nur Flamme kann Flamme verbreiten. Ein Athem aber kann auch aus Funken eine Flamme wecken und viele todte Kohlen entzünden. An glühenden Funken hat es Deutschland nicht gefehlt; sie sind aber nie zur Flamme angefacht worden. Der sogenannte Minnegesang war Hofgeschmack; er ging vorüber. Die Zeiten der Reformation brachten stehende Gefahr -, dankende Lobgesänge in den Mund Vieler; sie gingen mit der Gefahr vorüber. Der dreißigjährige Krieg weckte Stimmen mancher Art für beide Parteien; die Feldherrn der Ligue wurden ebensowol als die Feldherrn und Retter der Union gepriesen, und unter den Letzten sind die Namen eines Ernst von Mansfeld, Christian von Anhalt, Johann Ernst und Bernhard von Weimar, Gustav Adolph, Georg von Baden der deutschen Muse nicht fremde geblieben. Leider aber ist diese keine Tochter Mnemosynens , oder sie ist von ihr zwischen Schlaf und Wachen erzeugt. Nach dem westphälischen Frieden vergaß man aller Gefahr und hat über hundert Jahre, dann und wann unsanft aufgerüttelt, sanft geschlafen. Alle weckende Stimmen, leise und lauter, sind vergebens gewesen; unsre Dichter waren oder hießen Versmacher, Reimschmiede; seit einem halben Jahrhundert las man Voltaire und ließ die deutsche Geschichte erröthen und schweigen. Sie schweigt noch und darf an eine Geschichte des deutschen Geschmacks, der deutschen Cultur, der deutschen Festivitäten und Lustbarkeiten nicht ohne Beschämung denken. Auf dem Theater wird ein Publicum oder ein Theil desselben einem andern Publicum zur Schau vorgestellt; offenbar war dies die Idee der Griechen, im Trauerspiel mit dem Chor, im Lustspiel mit dem einzeln oder in Masse personificirten Volke. Theater und Zuschauer hingen also wie Bild und Abbild, wie Seele und Körper zusammen; sie wirkten an und gegen einander; eins wurde durch das andre gehoben und belebt. In Italien und Frankreich (England kenne ich nicht) ist dies auf den besten Bühnen auch also; daher der Theatergeschmack in diesen Ländern so lang umherirrte, bis er einen Punkt der Vereinigung mit seinem Publicum fand und sich entweder durch musikalisches oder durch dramatisches Spiel in eine Mitte des Gebens und Nehmens, des gegenseitigen Genusses und Belehrens setzte. Ich zweifle, ob dies in Deutschland, wenige Charaktere und Scenen ausgenommen, je der Fall gewesen. Daß man es wenigstens auf die Vereinigung und gegenseitige Ausbildung des Geschmacks der Bühne und des Publicums sehr spät und äußerst selten angelegt hat, ist aus der Geschichte des deutschen Theaters klar. Außer den alten Mysterien, Klosteragenden oder Marionetten kam die Bühne als Hoffeierlichkeit nach Deutschland; das Volk ward hinzugelassen, sich an diesen prächtig gekleideten Hof- und Staatsrevolutionen, die hinter den Lichtern vorgingen, als Pöbel zu erbauen. An manchen Orten Deutschlands hat die Bühne diese Hoftheater- Gestalt und Verwaltung beibehalten und steht also ganz außer dem Gebiete der Kunst , weil sie zum Hofetikette gehört. In andern Provinzen ziehen Banden umher, wie man die Schauspieler mit dem alten deutschen Heldennamen zuweilen noch jetzt nennt; sie gehen, wie es die Deutschen von jeher gern thaten, aus Bande in Bande und nehmen Dienste, nachdem sie bezahlt und gedungen werden. Wäre es nicht unvernünftig und grausam, von ihnen ein Ideal der Kunst, ein correspondirendes Publicum zu fordern? Einzelne Dichter und Schauspieler haben sich, ich möchte sagen über das Mögliche, hinaufgeschwungen; sie konnten aber keine neue Welt um und vor sich schaffen; Diese müssen aufführen, was Jene geben, wie sie es mit Andern aufführen können, und wie am Ende ihr Publicum gebietet. Da ich hier keine Kritik des Theaters schreibe, so bemerke ich nur Eins: daß bei uns, wie mich dünkt, durchs Theater das Publicum gebildet werden müsse, nicht aber durchs Publicum das Theater. Fürs Theater haben wir noch kein richtendes Publicum, eben weil die theatralische Kunst im Sinne der Griechen die Kunst der Künste ist, von der selbst nicht jeder Dichter, noch weniger jeder Liebhaber, am Wenigsten endlich der sich belustigende Pöbel Begriff hat. Schmeichelt man dessen Gaum und belustigt sich an seinem Beifall, so ist man am Rande; man verdirbt und verderbt. Welche Räume aber haben wir noch auszumessen, ehe nicht an ein gebildetes Publicum, sondern nur an die Bildung dieses Publicums nach deutscher Sitte und Lage zu gedenken ist! Und doch giebt es außer einem mit Sinn und Wohlgefallen belebten Schauspiel kein Schauspiel; es wird ein Haus voll Puppen, oder wir sind in schlechter Gesellschaft. Soll eine Nation keine Einbildungskraft haben, so wolle man diese auch nicht wecken; sie schlummere. Weckt man sie, so bilde man sie auch aus; man lasse nur Stücke, die für sie sind, und diese auf eine Weise aufführen, daß man vom bösen Geschmack des Publicums nicht abhange, sondern diesen Geschmack ausrotte oder ihn zum Guten lenke. In Athen entstand das Theater zu Aeschylus' Zeit aus dem hohen Gefühl der Freiheit und des Sieges über den großen König; dies Gefühl stimmte die Seele zum Anblick andrer großen Begebenheiten, die tragisch vorgestellt wurden. In Frankreich und England ist das Theater (die Modificationen der Zeit abgerechnet) auf ähnliche Weise entstanden; denn wenn man von großen Begebenheiten seiner Zeit hört oder liest, so will man diese auch durch Kunst bearbeitet und von ihr vorgestellt sehen. Das Publicum der Welt wird sodann von selbst ein Publicum des Theaters. Gleichergestalt fordert die Komödie, die Charaktere und Sitten vorstellt, eine anschauende Kenntniß der Nation, eine leichte Existenz, eine sich selbst bestimmende moralische Freiheit. Der dürftige Knechtessinn ist eine mephitische Luft, in der jede Flamme erstickt wird. Die Philosophie der Griechen hatte eigentlich kein Publicum, wie die Künste; ihrer Natur nach hatte sie dessen auch nicht nöthig. Die ältesten Weisen der Griechen waren Gesetzgeber; und wohl dem Volk, dessen Gesetzgeber Weise sind. Sokrates erschien in einer bedrängten Zeit: sein Publicum waren Privatgesellschaften oder einzelne Personen ; seine Methode war auf die Entwickelung der Grundsätze des Wahren, Guten und Schönen in diesen einzelnen Personen berechnet. Und dieses, dünkt mich, sei der Zweck der wahren Philosophie: Selbstbildung . Der Lehrer kann und will dabei nur eine Hebamme unsrer Gedanken, ein Mithelfer unsrer eignen, arbeitenden Kräfte werden. Sokrates hatte seinen eignen Genius, der nachher nicht oft, aber doch hie und da, z. B. in Montaigne, Addison, Franklin u. A., wieder erschienen ist und die eigne Bearbeitung des menschlichen Geistes und Willens zum Zweck hatte. Von der Stimme des Publicums hängt diese nicht ab; vielmehr wird sie oft durch solche behindert, daher Sokrates mit den Sophisten, die das Publicum stimmten und mißstimmten, fast immer im Streit lag. Die Sokratische Philosophie gedieh zu mehreren Schulen; in diesen gab's exoterische und esoterische Zuhörer – abermals ein Unterschied, den die Natur der Sache billigt. Ein großes, unausgesondertes Publicum, das Metaphysik spricht und über Metaphysik entscheidet, ist ein Ungeheuer! und wenn man von einer Nation sagen könnte, sie habe nie für etwas als für Metaphysik Enthusiasmus gezeigt, so sagte man dieser Nation nicht viel Gutes nach. Xenophon und Plato behandeln die Philosophie sehr vernünftig; allenthalben locken sie solche als eine Blüthe des menschlichen Geistes und menschlicher Geschäfte hervor. Der Denker Aristoteles schrieb für kein anderes Publicum als für seine Schule; daher die ganze Form seiner Schriften. Epikur und Zeno gingen mit veränderten Grundsätzen auf gleichem Wege; jedem ihrer Schüler blieb es frei, die Metaphysik ihrer Secte an Stelle und Ort zu lassen, dagegen aber die wahre, die praktische Philosophie für Leben und Publicum desto kräftiger anzuwenden. Dies ist der wahre Sokratismus. Wenn eine philosophische Schule als solche aufs Publicum wirken wollte und auch hie und da mächtig gewirkt hat, war's der Pythagoreismus ; wir wissen aber, wie es ihm erging. Und was damals in kleinen zubereiteten Kreisen nicht geschah, wann wird es erfolgen? Ein philosophisches Publicum ist ein höchstes Bild, zu welchem man streben kann, das man aber ja nirgend ganz und realisirt zu erblicken glaube. Wo also die Griechen standen, stehen wir in Ansehung des Publicums mehr und minder mit der Philosophie noch jetzt; Jeder, der es sein kann und werden will, muß sich selbst zum Philosophen bilden. Der Lehrer hält ihm die Wahrheit vor, damit er sich solche autonomisch zueigne; denn Weisheit läßt sich so wenig als Tugend und Genie von Andern lernen . Die Schulen der Philosophie indessen, blos als Handleiterinnen betrachtet, mit welcher erstaunlichen Macht können sie aufs Publicum wirken! Ein Lehrer der Philosophie, wie er sein soll, hat ein Reich über menschliche Seelen, in welchem er mächtiger als ein König gebietet. Er pflanzt Grundsätze, er giebt Ideen, er stellt Ideale fest, die nachher auf tausend Gedanken und Handlungen seiner Zuhörer, ja aller Derer, auf welche sie wirken, erkannten und unerkannten Einfluß haben. Unsägliche Wirkungen z. B. hat die stoische Philosophie, der Epikureismus, Platonismus, Pythagoreismus in der Reihe der Dinge hervorgebracht und wird sie hervorbringen, wenn auch unter neuen Namen, mit andern Modificationen und Formen. So lange es Vernunft und Willen im Menschen giebt, so lange wird es ein verborgenes, stilles Publicum für Philosophie geben; nur erwarte man dieses nie sichtbar auf einem Markt oder in einer Schule. Fassen wir, was gesagt ist, zusammen (denn vom politischen Publicum der Griechen wollen wir nicht reden), so ergiebt sich, daß in Ansehung der Sprache, der Kunst und des Geschmacks gegen die Griechen, wie wir sie jetzt nehmen, wir eigentlich noch gar kein Publicum haben und gehabt haben. Mit Wohlgefallen haben wir uns eine Cultur andichten lassen, von der ganze Stände und Provinzen durchaus nichts wissen, und schlummern auf diesem erträumten Ruhme. Ich fürchte und hoffe, daß uns die Zeit aus diesem Schlummer wecken werde. Unsere Nation kennt sich schwerlich, bald ist es Religions-, bald politische Partei, bald die unübersteigliche Grenze eines Standes und Ständchens, was die Stimme, ja sogar nur den Gedanken an ein teilnehmendes Publicum, selbst in Sachen des Geschmacks und der Bildung, geschweige des allgemeinen Interesse, theilt und aufhält. Welche Werke der Wissenschaft, des Fleißes, der Verteidigung Deutschlands oder irgend eines allgemeinen Nutzens sind zu Stande gekommen, zu denen der Beitritt eines ansehnlichern und reicheren Publicums aus mehreren oder allen Provinzen nöthig war? Die reichern Stände sind dabei jederzeit am Untheilnehmendsten geblieben; und jene alten Einrichtungen, die eigentlich doch für Wissenschaften und Cultur der Nation bestimmt sind, Domcapitel und Stifte , waren sammt dem ganzen Theile der Nation, der die französische Cultur liebte, für deutsche Wissenschaften gewöhnlich ganz todt; daher wir denn, trotz alles Privatfleißes, trotz mancher kühner Unternehmungen voll guten Zutrauens, das dafür büßen mußte, an Dingen dieser Art unsern Nachbarn, Briten und Franzosen, ja selbst Dänen und Schweden weit nachstehn. Die deutsche Literatur, eine rüstige Arbeiterin und Dienerin des Wissens, erscheint in einem Bettlermantel von Maculatur; sie richtete selten etwas mehr aus, als wohin Privatfleiß, einzelnes Genie reicht. Die unschätzbaren Sammlungen der Kunst, die in vorigen Jahrhunderten ein vorübergegangner Hofgeschmack zusammengebracht hat, stehen oft unter harten Gesetzen der Clausur als Heiligenbilder da, anschaubar, nicht immer brauchbar, noch weniger weckend, am Wenigsten begeisternd. Ueber den Werth unsrer besten Productionen haben sich die Stimmen unsers Publicums nach Jahren und Jahrhunderten noch so wenig vereinigt, daß, wenn nicht Ausländer den Ton angegeben und mit Gewalt festgesetzt hätten, selbst über Leibniz' Verdienst Deutschland noch in der größten Unsicherheit wäre. Indessen geht der Weg der stillen Bildung fort. Was uns nicht genommen werden konnte, ist deutsche Sprache, deutscher Verstand und guter Wille ; diese werden, wenn und sobald sie es vermögen, einmal ein deutsches Publicum bilden. Die Vernunft geht auch ihres Weges fort und ist in allen Zeiten und Erdräumen nur eine . Der Geschmack endlich ist eine Nationalpflanze; wo sie nicht gepflegt wird oder des Bodens und Klima wegen nicht anders als in schlechten Treibhäusern aufkommen kann, da geht sie durch Unfreundlichkeit des Himmels unter. Have ! 3. Publicum der Römer Von diesem werde ich nur wenig sagen dürfen. Was in ihm Kunst und Geschmack war, stammte von den Griechen her, die meistens auch seine Mithelfer blieben. Als Ueberwinderin sammelte Rom; sie erfand aber nichts Neues. Auch die Sprache der Römer bildete sich nur durch die Griechen zu einer reinen und ewigen Sprache. Das Publicum also, das für die classische Denkart in Rom blühte, war ein erbeutetes, künstliches Publicum; die Einrichtung der Stadt selbst war von einer Art, daß vielleicht keine Reichsstadt sie sich auf dauernde Zeiten wünschen möchte. Weder das Volk noch der Senat verdienen, außer der Rücksicht, daß sie Herren der Welt werden wollten und waren, absolute Hochachtung; einen Populus Romanus , der mit römischer Anmaßung für seine Stimme Brod und Circensische Spiele begehrt, wünschten wir uns auch nicht. Ebenso wenig Clienten und Candidaten nach römischer Weise. Also das Forum und den Senat an seine Orte gestellt, blieb den Römern, die ein dauerndes Publicum suchten, nichts, als was auch wir haben, der Beifall und die Stimme der erlesensten edlen Römer . Diese hörten ihren Vortrag oder kauften ihre Rolle; sie billigten und mißbilligten, wie es ihnen gutdünkte. Daß aber in den bessern Stellen ihrer Gedichte Lucrez und Catull, Horaz und Virgil, Ovid, Tibull, Properz u. A. so classisch ausgearbeitet, vollendet und schön schrieben, zeigt, daß sie sich feinere Vorbilder, schärfere Leser und ein höheres Publicum dachten, als viele unsrer Dichter und Schriftsteller zu denken gewohnt sind. Ihre eigne Bildung und die Höhe, auf welcher Rom stand, trug dazu bei. Der Geschichtschreiber Rom's schrieb die Geschichte der Weltmonarchin; ihre Dichter sangen in der römischen Sprache; in dieser stellten ihre Rechtsverständigen Urtheile aus, als die Stimme ihrer großen Redner dahin war; mit dem Allen können wir uns nicht gleichen. Wenn aber unsre Sprache eine Schwester der griechischen ist, da die römische nur die angenommene Tochter derselben war, so hätten wir, sobald wir uns zur römischen Denkart erheben könnten, eine weitere Laufbahn vor uns als Jene. Ueberwinder der Welt wollen wir nicht werden; was aber in uns römischen oder (wenn dieser einst größere Name noch einen Werth hat) deutschen Charakter enthält, warum sollten wir das einer Sprache nicht geben können, die einst in viel roherem Zustande auch eine Herrin der Welt war? Dichter und Geschichtschreiber, Rechtslehrer und Gesetzgeber, warum wurdet Ihr zu solcher Zeit nicht auch wie Jene für ein fortdauerndes Publicum Herren der Erde? 4. Publicum des Christenthums Als der Urheber des Christenthums seine Stimme erhob, verbreitete er mit derselben ein Publicum über die Völker . Er kündigte ein ankommendes Reich an, zu dem alle Nationen gehören, und das nicht in äußerlichen Cerimonien, sondern in Uebungen des Geistes, in Vollkommenheiten des Gemüths, in Reinheit des Herzens, in Beobachtung der strengsten Billigkeit und einer verzeihenden Liebe unter den Menschen blühe. Dahin zielen seine Reden, dazu rüstete er Andre aus, und das Gebet, das er seine Schüler lehrte, ist darüber ein bittendes Bekenntniß. »Es soll ein Reich zu uns kommen, in dem alles Ehrwürdige geehrt, jede heilige Pflicht gethan und der Wille Gottes auf Erden so willig und vollkommen vollbracht werde, wie ihn die seligen Geister ausüben.« Seine Stimme, die Stimme seiner Boten in Lehren und Schriften erklang; es entstand eine Gemeine , ein christliches Publicum unter mehreren Nationen, das sich zu dieser Lehre, Pflicht und Hoffnung bekannte. Haben wir noch dies Publicum? Allerdings; die kleinste christliche Versammlung ist ein Symbol der einen allgemeinen Kirche, die unter hundert Völkern der Erde lebt. Diese war und ist hie und da mit Mißbräuchen bedeckt, mit Mißverständnissen umnebelt; der reine klare Sinn der Stiftung dieser Geistesversammlung , ihr auf alle Zeiten und zum Gebäude der gesammten Menschheit wirkender Zweck bleibt aber unverkennbar. Nicht in der Prachtgestalt eines drückenden stolzen Gesetzes, in der aufmunternden, sanften Gestalt einer tröstenden Friedensbotschaft wirkt dies moralische Institut auch zu den strengsten Pflichten. Wo Zwei oder Drei versammelt sind, lebt der Stifter dieser Versammlung; im Inhalt seiner Lehre selbst liegt ihr Zweck, die Auferbauung eines moralischen Gebäudes , bis zum Ende der Zeiten. Es ist traurig, wenn dieser Zweck, auf ein seiner Natur nach fortgehendes ewiges Publicum zu wirken , hie und da verkannt wird, indem man entweder Particularmeinungen, sogar Spekulationen ins Christenthum mischte, die dazu durchaus nicht gehören, oder den todten Buchstaben todtbuchstäblich behandelt. Jedem Denkenden bleibe seine Privatmeinung über Dies und Jenes; jeder speculative Kopf schmücke sein Lehrgebäude mit seiner besten Speculation aus; nur die Christenheit, als Publicum betrachtet , bleibe damit verschont. Die Lehre und der Zweck des Stifters sei oder werde ein reiner Strom, der, was ihm von National- und Particularmeinungen wie ein trüber Bodensatz anhing, mehr und mehr niederschlägt und absetzt. So thaten es schon die ersten Boten des Christenthums mit ihren jüdischen Vorurtheilen, je mehr sie in die Idee eines christlichen Publicums, eines Evangeliums für alle Völker eintraten; und es kann nicht fehlen, daß diese Läuterung des Christenthums durch sanfte oder rauhe Mittel nicht mit den Jahrhunderten fortgehen sollte. Es ist sehr lehrreich, die Folge zu bemerken, mit der sich in der sogenannten Kirchengeschichte die harte Hülse des Christenthums gebildet, hie und da aufgelöst und jedesmal einen reicheren Kern, einen feineren Samen der Fortpflanzung gewährt hat; so wird das Werk, mit oder ohne Namen des Urhebers, fortgehen bis ans Ende der Zeiten. Manche Formen sind zerbrochen, andre werden sich auflösen; nicht durch äußere Gewalt, sondern durch den innern treibenden Keim selbst, den die Sonne ruft, dem die ganze Natur ihre Stärke zuhaucht. Glücklich, wenn man in ein Publicum tritt, an welches diese Stimme in reinem Klange tönt! Sie umfaßt alle Stände, dringt durch alle Gewölbe und trifft den wesentlichen Punkt der Menschheit. Ueber augenblickliche enge Verhältnisse, selbst über die Schranken der Fassungskraft dieser einzelnen Versammlung hinweggerückt, ahnt man ein fortgehendes erlesenes Publicum und athmet die Aura einer reinmoralischen Zukunft . 5. Publicum der Literatur Das Christenthum hatte ein Band unter Völkern geknüpft, wie es durch die Eroberungen Alexander's, der Römer und Hunnen nie geknüpft worden; seinem Zweck nach ein friedenstiftendes Band, so oft es auch zu Streit und Händeln Gelegenheit gab oder gemißbraucht wurde. In den Händen der Vorsehung ward es zugleich ein Band der Cultur , einer gemeinschaftlichen Cultur der Völker . Wechselseitige Rechte und Pflichten kamen dadurch zwar nicht in bleibenden Gebrauch, doch aber in ein anerkanntes Licht, in eine immer neu angefangene Uebung. Die Völker Europa's wurden sich nicht nur bekannter, sondern auch durch gegenseitige Bedürfnisse bei gemeinsamen Zwecken und Bestrebungen einander unentbehrlich; ihre Tendenz ward immer mehr und mehr auf einen Punkt gerichtet. Erfindungen kamen hiezu, die bei diesen gemeinschaftlichen Bedürfnissen ein Volk vom andern borgte, worin eins dem andern vorzueilen suchte; es entstand in ihrer Vervollkommnung ein Wetteifer unter den Nationen. Nun konnten nicht so leicht mehr Gedanken, Versuche, Entdeckungen, Uebungen untergehen, wie in Zeiträumen der einst von einander getrennten Völker; das Samenkorn, das hier und jetzt keine Wurzel fand, trug ein günstiger Zephyr auf einen mildern Boden, wo es vielleicht unter neuem Namen gedeihte. Im Druck der Zeiten und des Klima schlossen sich Zünfte zusammen, die mit gemeinsamer, oft etwas roher Hand dem Fleiß, der Thätigkeit, allmählig auch der Erfindung und dem Geist der Menschen Schutz und Dauer verschafften, die also, wiewol sie durch Privatleidenschaften und drückende Verhältnisse das Werk der Vorsehung oft zu hindern schienen, zuletzt dasselbe doch fördern mußten. Durch alles Reiben der Völker, der Gesellschaften, Zünfte und Glieder unter einander erwuchs immer ein größeres oder feineres Publicum , das in Streit und Friede, in Liebe und Leid an einander Theil nahm. Auf diesem Wege bekam die rohe Kunst, der vom Bedürfniß erpreßte Fleiß der Einwohner Europa's nicht nur diesen ganzen Welttheil, sondern durch ihn auch alle Welttheile zum gemeinschaftlichen Boden. Was für den Krieg und Handel, für die Seefahrt und den Luxus erfunden und ausgeübt ward, verbreitete seine guten und schädlichen Wirkungen auf alle Welttheile unsrer bewohnten Menschenerde; alle Völker Europa's greifen hiebei in einander und halten unsern Erdball für das Publicum , worauf sie zu wirken haben. Von frühen Zeiten her sind Schulen und Universitäten ein Mittel gewesen, für Kenntnisse und Wissenschaften ein Publicum zu verbreiten; ja, sie sind es noch. Selbst die Scharfsinnigen in mehreren geistlichen Orden flüchteten sich hinter ihre Schutzmauern und breiteten von da aus ihre Meinungen weit umher. Was man nicht lehren durfte, darüber disputirte man nach akademischen Gesetzen und übte die Denkkraft der Menschen. Wiclef und Luther schützte die Universität; und auch Huß hätte sie geschützt, wenn er sich nicht auf das treulose Wort eines Kaisers verlassen hätte. Mehr noch aber als Schutz gab die Universität den Meinungen ihrer Lehrer: auch Gewicht, Stärke, Ausbreitung. Tausende junger Leute aus verschiedenen Ländern, in Jahren, da die Seele Alles mit Liebe erfaßt, da Jünglinge den Lehrer nicht ohne Begeisterung ansehen, hörten ihre Stimme und trugen ihr Wort Jeder in sein Vaterland, zu seinem Geschäfte. Jahre nach Jahren wechseln diese Zöglinge der Universitäten; als Schaaren von Zugvögeln kommen sie, rauben das Wort des Lehrers und fliegen damit in ihre Lande. Ein großes, achtungswürdiges Publicum ! das bildsamste, wirkungsreichste, dessen die Menschheit in ihrem jetzigen Zustande fähig ist, und welches noch lange, in immer verbesserter Gestalt dauern möge! Die Jahre des Jünglinges auf der Akademie sind ihm zeitlebens die liebsten Jahre; was er da mit Lust zur Wissenschaft, im ersten Feuer der Begeisterung, noch unbekannt mit Lasten und Hinderungen des Lebens, oder mit jugendlichem Muth diese verachtend, als Beute des Wissens, als Regel der Uebung annahm, das bleibt ihm lang oder immer ein froh erworbener Schatz, eine heilige Regel. Haben wir noch dies Publicum der Schulen und Universitäten ? Wir haben's noch, und es hat sich (was man auch sagen möge) nicht verschlimmert, sondern verbessert. Seltner treten jetzt die rohen Heere erwachsener Streiter auf dieses Feld des Wissens und Lernens; zartere Jünglinge sind es, in denen das Wort des Lehrers auch zartere, deshalb aber nicht unkräftigere Wurzeln schlägt. Wenn sie es nicht mit der Klinge behaupten, so hangen sie ihm desto gewissenhafter an; der Lehrer sprach für sie selbst jugendlicher und weckte ihr eignes Nachdenken, ihre mit ihm wirkenden Kräfte. Einst lernte man und behauptete; er cultivirt und bessert. Statt des ehemaligen Secten- und Raufgeistes nehmen mehrere Universitäten eine feinere Tendenz an, Gesellschaften der Wissenschaft, Pythagorische Schulen zu werden, in denen sich die erlesensten Jünglinge nicht zum Wissen der Dictaten, sondern zur Wissenschaft, zur Uebung und Kunst ihres Lebens oder Geschäfts bilden. Ein schönes Publicum, wenn der Lehrer den Werth seines Geschäfts fühlt. Glaube Niemand, daß mit Wiclef, Huß, Luther diese große Wirkung der Universitäten vorüber sei; die Reformation auf ihnen in jeder Wissenschaft, Facultät und Lehre ist noch nicht stillgestanden; ja, sie wird und kann nicht stillstehen, so lange Universitäten da sind. Mehrere Lehrer einer Facultät, mehrere Facultäten, mehrere Universitäten gegen einander sind gemeiniglich in Wettstreit; dieser Wettstreit muß mit den Jahren nicht abnehmen, sondern wachsen. Je mehr die Handwerkshindernisse geschwächt werden (dies müssen sie nothwendig), je mehr das Werk der Akademien ein Werk des Geistes und einer freien Uebung wird, desto mehr entzündet sich der Wetteifer mit reinerer Flamme. Universitäten sind Wacht- und Leuchtthürme der Wissenschaft ; sie spähen aus, was in der Ferne und Fremde vorgeht, fördern es weiter und leuchten Andern selbst vor. Universitäten sind Sammlungs- und Vereinigungsplätze der Wissenschaft ; aus ihrer Zusammenstellung und gegenseitigen Befehdung oder Befreundung entspringen dort und dann neue Resultate. Universitäten endlich sollten die letzten Freistätten und eine Schutzwehr der Wissenschaften sein, wenn solche nirgend eine Freistatt fänden. Was allenthalben verkannt würde, was im Geschäft hie und da seine Stimme wehrlos erhübe, sollte hier einer unparteiischen Aufmerksamkeit und eines Beistandes genießen, der von keinem Einfluß gestört würde. Irre ich nicht, so ist dies mehrmals geschehen; die Rathschläge der Lehrer haben Verfolgungen aufgehalten, die die Rathschläge der Staatsweisen nicht unterdrücken mochten; und so sehe ich auch für die Zukunft Rathschläge der Lehrer auf Universitäten hervorgehen, denen die Rathschläge blöder Weisen kaum bestehen mögen. Bis also die Universitäten sich selbst unnoth machen, unterstütze man ihren Werth; ihr Publicum wird noch lange durch ein besseres nicht ersetzt werden. Zunächst gilt dieses von den Universitäten Deutschlands; fast sind sie die einzige Gattung deutscher Institute , die jedes Ausland mit Recht ehrt. Ein noch größeres Publicum hat uns die Buchdruckerei verschafft; es ist sehr gemischt und fast unübersehlich. Welche Mühe kostete es in ältern Zeiten, Bücher zu haben, mehrere zu vergleichen und über einen Inbegriff von Wissenschaft zu urtheilen! Jetzt überschwemmen sie uns; eine Fluth Bücher und Schriften, aus allen für alle Nationen geschrieben. Ihre Blätter rauschen so stark und leise um unser Ohr, daß manches zarte Gehör schon jugendlich übertäubt wurde. In Büchern spricht Alles zu Allem; Niemand weiß, zu wem. Oft wissen wir auch nicht, wer spreche; denn die Anonymie ist die große Göttin des Marktes. Von einem solchen Publicum wußte weder Rom noch Griechenland; Guttenberg und seine Gehilfen haben es für die ganze Welt gestiftet. Was ist darüber zu sagen? Dies, daß es, ohngeachtet aller und der schnödesten Mißbräuche, ein großes Geschenk, ein unwiderrufliches Privilegium für die menschliche Gesellschaft und ein ungeheures Mittel der Vorsehung sei, dessen Wirkungen und Folgen noch nicht vor unserm Auge liegen. Was geschehen ist, können wir nicht zurücknehmen; die Buchdruckerei ist da, nicht nur als Nahrungszweig für Handel und Arbeit, sondern als eine Tuba der Sprache , so weit dies oder jenes Product reicht. Alle Monarchen der Welt, wenn sie mit vereinten Kräften für jede Druckerstube träten, könnten die arme Familie dieses Letternkastens, das Asyl und den Telegraph menschlicher Gedanken, nicht zerstören. Ja, wer wollte es zerstören, da es nebst einigem Bösem so unsäglich viel Gutes gestiftet hat und seiner unschuldigen, aber kräftigen Natur nach nothwendig noch stiften wird. Der Redner übertäubt mich; der Schriftsteller spricht leise und sanft; ich kann ihn bedächtig lesen. Der Redner blendet mich mit seiner Gestalt, mit seinem Gefolg und Ansehn; der Schriftsteller spricht unsichtbar, und es ist meine Schuld, wenn ich mich von seinem Wortprunk hintergehen oder mir von seinem Geschwätz die Zeit rauben lasse; ich soll ihn prüfen, ich darf ihn wegwerfen. Gegenseits ist auch freilich das Irrsal und die Verführung des Redners vorübergehend und in einem Kreise beschlossen; das Gift und Irrsal des Schriftstellers, seine Ehre und Schande dauert. Er selbst kann sie nicht, als etwa durch Besserung, durch Widerruf zurückrufen; und auch dadurch wird, was geschehen ist, nicht ungeschehen. Wer weiß, ob dies Blatt des Widerrufs oder der Widerlegung in die vorige Hand kommt, oder ob es dem Irrthum gleich wirkt? Das Publicum der Schriftsteller ist also von eigner Art; unsichtbar und allgegenwärtig, oft taub, oft stumm und nach Jahren, nach Jahrhunderten vielleicht sehr laut und regsam. Verloren und doch unverloren, ja unverlierbar ist, was man in seinen Schooß schüttet. Man kann nie mit ihm abrechnen; sein Buch ist nie geschlossen, der Proceß vor und mit ihm wird nie beendet; es lernt immer und kommt nie zum letzten Resultat. Man hat diesem Ewigunmündigen Vormünder setzen wollen, die Censoren , aber, wie die Erfahrung gezeigt hat, mit fruchtloser Mühe und meistens mit dem widrigsten Erfolg. Der Unmündige kostet am Liebsten, was man ihm versagte; er sucht auf, was man ihm Hinterhalten wollte; das Verbot eines Vortrages an dies Publicum ist gerade das Mittel, selbst einem unnützen Wort Ansehen, Gewicht und Aufmerksamkeit zu geben. Und welcher bescheidene Mann wird ein Vormund des gesammten Menschenverstandes, des Publicums aller Zeiten und Länder zu sein wagen? Laß jeden Weisen und Thoren schreiben nach seiner Weise, wenn er in zweifelhaften Fällen nur sich nennt und Niemand persönlich beleidigt . Es sei mir erlaubt, mich hierüber zu erklären. Der weiseste Censor, wenn er auch die Stimme eines ganzen, ja des aufgeklärtesten Staates vorstellt, kann in dem, was Lehre und Meinung betrifft, schwerlich die Stimme des Publicums, der sich ein Schriftsteller freiwillig unterwirft, auf- oder überwiegen wollen. Wenn sein Urtheil auch die Weisheit Salomo's wäre, wenn es die Klugheit aller vergangenen Jahrhunderte enthielte und dem geprüften Verstande einer großen Zukunft voreilte: so fehlt ihm doch Eins, die Legitimation hiezu ; denn weder die Vor- noch Nachwelt hat ihn darüber beurkundet. Der Schriftsteller wird also gegen ihn immer die Einrede haben, daß er dem Urtheil der Welt vorgreife, daß er sich unbefugt eine Entscheidung anmaße, die nur dem Publicum im weitesten Sinne des Worts gebührt; er wird von diesem Papst eines kleinen Staates an das allgemeine Concilium appelliren, das allein, und zwar nur in immer fortgehenden Stimmen, ein Richter des Wahren und Falschen sein könne. Wahrscheinlich werden ihm viele Stimmen beitreten; und bei dem größten Recht wird der Censor, der Form nach und um der Folgen willen, Unrecht behalten. Ich darf nicht wiederholen, was man, wo es Wahrheit gilt, über Freiheit der Meinungen, die nur widerlegt, nicht aber unterdrückt werden dürfen, so oft und viel gesagt hat. Wenn man also dem Publicum keine, auch nicht die tollsten Meinungen rauben darf, indem der Staat, wo sie ihm falsch oder gefährlich scheinen, lieber ihre offne Widerlegung veranlassen mag, damit zum Vortheil der Welt die Finsterniß vom Lichte besiegt werde: so darf bei dieser ungebundnen Freiheit, bei der Achtung, die der Staat selbst dem Publicum erweist, da er ihm nichts vorenthält, was irgend ein Schriftsteller ihm darbringt, der Staat wol auch fordern, daß jeder Schriftsteller sich nenne, der dem Publicum etwas darzubringen gutfindet . Und zwar dies in allen Schriften, über jeden Gegenstand, Recensionen fremder Bücher nicht ausgenommen. Denn wie hätte ich ein Recht, Anonymie zu verlangen, wo ich mich vors Publicum dränge und zu ihm meine Stimme erhebe? Einen freiwilligen Lehrer der Welt und Nachwelt muß man kennen; er muß sich, wenn ihm Pflicht, Recht und Wahrheit lieb ist, nicht verbergen. Ein Mann, der öffentlich spricht, steht für sein Wort; sonst nennt man ihn einen Feigen oder Lügner. Mit diesem einzigen leichten, wie mich dünkt, nicht ungerechten Mittel, wie mancher Keckheit, wie mancher Verleumdung würde vorgebeugt, die jetzt blos hinter der Anonymie Schutz sucht! Wie vorsichtiger, überdachter und gehöriger würde man zum Publicum sprechen, wenn man wüßte, daß man nicht ohne eigne Ehre oder Schande zu ihm sprechen könnte! Und verdient das Publicum, der ehrwürdigste Name, der genannt werden kann, die Gesellschaft aller Guten und Edlen , nicht diese Achtung? Jeder Schriftsteller würde veranlaßt, in der würdigsten Gestalt vor ihm zu erscheinen, seine Stimme vor diesem großen Tribunal bescheiden hören zu lassen, dagegen aber auch, was er weise behauptet, standhaft zu vertheidigen, ein ehrlicher Bekenner zu sein der von ihm dem Publicum gemeldeten Wahrheit . Jene Winkelträgereien, aufgefangene Gerüchte, erstohlne Personalitäten verlören sich von selbst; kein Ehrliebender wollte mit solcher Waare öffentlich am Markt stehn, die schändlich ist und fürs Publicum nicht gehört. In Griechenland und Rom schämte sich kein Schriftsteller seiner Werke; auch unter uns darf sich kein Stand einer Schrift, wenn sie gut ist, schämen; dem höchsten wie dem niedrigsten Stande sollte Anonymie nicht erlaubt sein, und überhaupt dieselbe für das, was sie ist, für Hinterlist, Schimpf, niedriges Gewerbe und Feigheit gelten. Wer zum Publicum spricht, spreche als ein Theil des Publicums, also öffentlich, mit seinem Namen! Noch ein viel Mehrers wäre über das Verhältniß des Schriftstellers zum Publicum zu reden. Jede Gattung der Scribenten schreibt für ihre Gattung Leser, die sie ihr Publicum, ihre Welt nennen. Aus fröhlichen oder traurigen Erfahrungen, welche Schriften am Meisten gelesen werden, kann man also auf den Geschmack, auf das Maaß der Bildung des Publicums schließen, dem diese Schriften vor andern oder ausschließend wohlthun. Die mittelmäßigen, die leichten, üppigen, lüsternen finden natürlich die meisten Leser; viele gerühmte Schriftsteller haben nur durch Zeugnisse Anderer ihren Ruhm erlangt und stehn auf guten Glauben ungelesen in den Bibliotheken: das Publicum hallt nur ihre Namen wider. Deshalb aber wird kein guter Kopf, wenn er es nicht des Bauchs wegen thun muß, sich unwürdig, wie man sagt, zum Publicum herabstimmen oder seinem lüsternen, falschen Geschmack fröhnen. Der Schriftsteller soll das Publicum, nicht dies den Schriftsteller bilden. Delila schnitt Simson das Haar ab und übergab ihn kraftlos den Philistern; sie verspotteten ihn, und er mußte vor ihnen spielen. Nicht die Blätter des Baums, die Keime, Blüthen und Früchte sind sein edelstes Erzeugniß. Nicht das zahlreichste, sondern das verständigste Publicum ist mit seinem Beifall die Ehre des Schriftstellers, sein Zweck und Lohn. Das Urtheil dieser vielleicht wenigen Leser dauert fort und wirkt weiter. Oft findet ein Schriftsteller diese Leser nur nach seinem Tode; Minos und Aeakus sind's, die unparteiisch über ihn richten. Dem Homer schaffte Lykurg und die Pisistratiden ein größeres, ein attisches Publicum; dem Milton Addison, Garrick dem Shakespeare u. s. w. Nichts ist angenehmer, als einem verdienten Todten Gerechtigkeit zu erweisen und über seinem Grabe die Stimme eines besseren, dankbaren Publicums zu werden. So hat Rousseau nach seinem Tode die Ehre mit Wucher genossen, die Voltaire bei seinen Lebzeiten sich zuzueignen wußte; und so giebt's bei allen Nationen andre Autoren, die berühmt sind, andre, die es zu sein verdienen. An Liebe und Achtung gegen seine besten Schriftsteller, wenige ausgenommen, steht Deutschland seinen cultivirten Nachbarn, Franzosen, Engländern, Italienern, nicht vor, sondern nach; der größere Theil des Publicums kennt sie nicht und trägt wenigstens sie nicht eben in Herz und Seele. Haben wir also hierin, ich will nicht sagen das Publicum der Alten, sondern nur das Publicum der Franzosen, Engländer, Italiener? Wer diese Länder kennt und Deutschland kennt, antworte! An den Schriftstellern liegt es schwerlich; sie thaten, was sie konnten; manche vielleicht zu viel. An dem Charakter und an der Verfassung der Nation liegt es; an der Uncultur und Uncultivirbarkeit, wenn mir zu Bezeichniß eines Barbarismus ein barbarisches Wort erlaubt ist, am falschen Geschmack und der genetischen Rohheit mancher Stände und Lebensarten. Bei Weitem ist unsre Sprache noch nicht so gebildet, jedem Vortrage, jeder Art des Wissenswürdigen so zugebildet als die Sprachen unsrer Nachbarn; vielmehr haben wir mit einer benachbarten Nation zu kämpfen, daß ihre Sprache die unsere nicht ganz vertilge. Erwache also, Du schlafender Gott, wenn Du nicht etwa dichtest oder über Feld gegangen bist! erwache, deutsches Publicum, und laß Dir Dein Palladium nicht rauben! Aus dem trägen Schlummer, aus dem niedrigen Stolz, der das Beste wegwerfend verachtet, aus der Anmaßung, die dem Schlechtsten das Privilegium des Besten ertheilen zu können glaubt, aus der nie teilnehmenden Kälte, aus der völligen Seelenentfremdung , glaube mir, wird nichts und kann nichts werden. Die Zeit, da das Alles galt, ist vorüber. Unsanft aus dem Schlafe gerüttelt, erwache und zeige, daß Du kein Barbar bist, damit man Dir nicht als einem Barbaren begegne! Deine Sprache, die Schwester der griechischen, die Königin und Mutter vieler Völker, für ganz Europa hast Du zu sichern, auszubilden, zu bewahren . Sollten wir aber blos in Reden und Schriften, in Lehren und Hören ein Publicum haben? keins für unsre Handlungen? keins für unser ganzes Dasein? kein Publicum, das auf uns wirkte, worauf wir durch unser Beispiel, durch unser Vorbild schweigend wirken? Zweifle daran Niemand, ja, auch daran Niemand, daß diese stille Wirkung in einem kleinen Kreise von mächtiger Wirkung sei. Sie ist reell; in ihr ist nichts Schein und Schminke. Der Kreis, in dem Du lebst und Dein Geschäft treibst, ist Dein Publicum; sei dies klein oder groß, Du prägst in dasselbe das Bild Deiner Existenz, Deiner Denk- und Handlungsweise. Hiemit wirkst Du unvermerkt oder bemerkt auf die Deinen, die nach Deinem Muster oder mit Einflüssen von Dir fortwirken, auf Deine Mitarbeiter, Untergebene oder Vorgesetzte. Leise oder stürmisch verbreiten sich also Wellen und Wogen mit und ohne Deinen Namen auf Deine Zeitgenossen und die Nachwelt fort. So haben zu allen Zeiten die würdigsten Männer auf ihr Publicum gewirkt; sie sprachen mit der starken Stimme ihres thätigen Beispiels und dachten nicht daran, daß im größeren Publicum ihr Name genannt würde. Das schärfste und edelste Publicum waren sie sich selbst , der Aufmunterer, Zeuge und Richter ihrer Handlungen, ein Gesetz, das in ihnen lebte. Wohl uns, wenn wir uns dies Publicum sind! Wir haben sodann die laute, oft sehr unsichre und unreine Stimme der größeren Welt nicht nöthig. ——— II. Haben wir noch das Vaterland der Alten? Griechen und Römern war das Wort Vaterland ein ehrwürdig süßer Name. Wem sind nicht Stellen aus ihren Dichtern und Rednern bekannt, in denen Söhne des Vaterlandes ihm als einer Mutter kindliche Liebe und Dankbarkeit, Lobpreisungen, Wünsche und Seufzer weihen? Der Entfernte sehnt sich darnach zurück; hoffnungsvoll oder klagend schaut er zur Gegend desselben hin, empfängt die Lüfte, die daher wehen, als Boten seiner Geliebten. Wiedergegeben dem Vaterlande, umfängt er es und küßt seinen Boden mit Thränen. Der in der Entfernung Sterbende vermacht ihm noch seine Asche; auch nur ein leeres Grabmal des Andenkens wünscht er sich bei den Seinen. Fürs Vaterland zu leben, hieß ihnen der höchste Ruhm, fürs Vaterland zu sterben der süßeste Tod. Wer mit Rath und That dem Vaterlande aushalf, wer es rettete und mit Kränzen des Ruhms schmückte, erwarb sich einen Sitz unter den Göttern; Himmels- und Erdenunsterblichkeit war ihm gewiß. Dagegen wer das Vaterland beleidigte, es durch seine Thaten entehrte; wer es verrieth oder bekriegte: in den Busen seiner Mutter hatte der das Schwert gestoßen, er war ein Vater-, ein Kinder-, ein Freundes- und Brudermörder, » Cariorem decet esse patriam nobis quam nosmet ipsos .« Cic. Fin. III. 19. 64. Bei Cicero steht: » Quod deceat cariorem esse partriam nobis quam nosmet ipsos .« – D. » Dulce et decorum est, pro patria mori .« Hor. Carm. , III. 2. 13. – D. u. s. w. Haben auch wir dies Vaterland der Alten? Und welches sind die geliebten Bande, die uns daran fesseln? Der Boden des Landes, auf dem wir geboren sind, kann für sich allein dies Zauberband schwerlich knüpfen; vielmehr wäre es die härteste aller Lasten, wenn der Mensch, als Baum, als Pflanze, als Vieh betrachtet, eigen und ewig, mit Seele, Leib und allen Kräften dem Boden zugehören müßte , auf welchem er die Welt sah. Harte Gesetze gnug hat es über dergleichen Erbeigenthümlichkeit, Eigengehörigkeit u. s. w. gegeben und giebt es noch; der ganze Gang der Vernunft, der Cultur, ja selbst der Industrie und der Nutzberechnung geht dahin, diese gebornen Sclaven eines Mutterleibes oder der Muttererde mit sanftern Banden an ein Vaterland zu knüpfen und sie von der harten Scholle, die sie im Leben mit ihrem Schweiß, im Tode mit ihrer Asche düngen sollen, allmählig zu entfesseln. Als noch Nomadenvölker in der Welt umherzogen, wüste Plätze Zeiten lang innehatten und in diesen ihre Väter begruben, da gab der Boden des Landes, den diese Völker besaßen oder besessen hatten, Anlaß zum Namen eines Landes der Väter . »An unsrer Väter Gräbern erwarten wir Euch!« rief man den Feinden zu. »Auch ihre Asche wollen wir schützen und unser Land sichern.« So ist der heilige Name entstanden, nicht als ob Menschen aus dem Boden entsprossen wären. Nur Kinder können das Vaterland lieben, nicht erdegeborne Knechte oder wie Wild gefangene Sclaven. Was uns im Vaterlande zuerst erquickt, ist nicht die Erde, auf die wir sinken, sondern die Luft, die wir athmen, die väterlichen Hände, die uns aufnehmen, die Mutterbrust, die uns säugt, die Sonne, die wir sehen, die Geschwister, mit denen wir spielen, die freundlichen Gemüther, die uns wohlthun. Unser erstes Vaterland ist also das Vaterhaus , eine Vaterflur, Familie . In dieser kleinen Gesellschaft leben die eigentlichen und ersten Freuden des Vaterlandes wie in einem Idyllenkreise; in Idyllen leibt und lebt das Land unsrer ersten Jugend. Sei der Boden, sei das Klima, wie es wolle, die Seele sehnt sich dahin zurück, und je weniger die kleine Gesellschaft, in der wir erzogen wurden, ein Staat war, je weniger sich Stände und Menschenclassen darin trennten, um so weniger Hindernisse findet die Einbildungskraft, sich in den Schooß dieses Vaterlandes zurückzusehnen. Da hörten und lernten wir ja die ersten Töne der Liebe; da schlössen wir zuerst den Bund der Freundschaft und empfanden die Keime zarter Neigung in beiden Geschlechtern; wir sahen die Sonne, den Mond, den Himmel, den Frühling mit seinen Bäumen, Blüthen und damals uns so süßeren Früchten. Der Weltlauf spielte vor uns; wir sahn die Jahreszeiten sich wälzen, kämpften mit Gefahren, mit Leid und Freude; wir sommerten und winterten uns gleichsam in die Welt ein. Diese Eindrücke, moralisch und physisch, bleiben der Einbildungskraft eingegraben; die zarte Rinde des Baums empfing sie, und ohne gewaltsame Vertilgung werden sie nur mit ihm sterben. Wer hat nicht die Seufzer und Klagen gelesen, mit denen selbst Grönländer sich von ihrem Jugendlande entfernten, mit denen sie aus der Cultur Europa's durch alle Gefahren dahin zurückstrebten? Wem tönen nicht noch die Seufzer der Africaner ins Ohr, die aus ihrem Vaterlande geraubt wurden? In einfachen kleinen Gesellschaften lebten sie da, in einem Idyllenlande der Jugend. Die Staaten, oder vielmehr Städte der Griechen, denen der Name des Vaterlandes so theuer und lieb war, schlossen sich unmittelbar an diese kleinen Gesellschaften an; die Gesetzgebung begünstigte diese und leitete von ihnen ursprünglich ihre ganze Energie her. Es war das Land der Väter , das man beschützte; es waren Jugendgenossen, Geschwister und Freunde, nach denen man sich sehnte; den Bund der Liebe, den Jünglinge schlossen, billigte und nützte das Vaterland. Mit seinen Freunden wollte man begraben sein, mit ihnen genießen, leben und sterben. Und da die edlen Vorfahren dieser Stämme das Gemeinwesen, zu dem sie gehörten, unter dem Schutz der Götter errichtet, mit ihrer Mühe und Arbeit bezeichnet, mit ihrem Blute besiegelt hatten, so ward den Nachkommen der Bund solcher Gesetze als ein moralisches Vaterland heilig; denn höher schätzten die Griechen nichts als das Verdienst der bürgerlichen Einrichtung , dadurch sie Griechen geworden und über alle Barbaren der Welt erhöht waren. Die Götter ihres Landes waren die schönsten Götter; seine Helden, Gesetzgeber, Dichter und Weise waren in Einrichtungen, Liedern, Denkmalen und Festen unsterblich; hiemit prangten ihre öffentliche Plätze und Tempel; der Sieg der Griechen über die Perser allein machte ihnen ihr Land, ihre Verfassung, ihre Cultur und Sprache zur Krone des Weltalls. Im Aether solcher Ideen schwammen die Griechen, wenn sie den Namen des Vaterlandes oft edel gebrauchten, oft auch mißbrauchten. Mehrere Städte theilten diesen Ruhm, jede auf ihre Weise. Und was Rom sich an seiner Weltbeherrscherin, dem Sammelplatz alles Sieges und Ruhms, dachte, davon zeugt die römische Geschichte. In die Zeiten Griechenlands oder Rom's sich zurückwünschen, wäre thöricht; diese Jugend der Welt, sowie auch das eiserne Alter der Zeiten unter Rom's Herrschaft ist vorüber; schwerlich dürften wir, wenn auch ein Tausch möglich wäre, in dem, was wir eigentlich begehren, bei dem Tausche gewinnen. Sparta's Vaterlandseifer drückte nicht nur die Heloten, sondern die Bürger selbst und mit der Zeit andre Griechen. Athen fiel seinen Bürgern und Colonien oft hart; es wollte mit süßen Phantomen getäuscht sein. Die römische Vaterlandsliebe endlich ward nicht für Italien allein, sondern für Rom selbst und die gesammte Römerwelt verderblich. Wir wollen also aufsuchen, was wir am Vaterlande achten und lieben müssen, damit wir es würdig und rein lieben. 1. Ist's, daß einst Götter vom Himmel niederstiegen und unsern Vätern dies Land anwiesen? Ist's, daß sie uns eine Religion gegeben und unsre Verfassung selbst eingerichtet haben? Ueberkam durch einen Wettkampf Minerva diese Stadt? Begeisterte Egeria unsern Numa mit Träumen? Eitler Ruhm! denn wir sind nicht unsre Väter. Sind auf Minerva's heiligem Boden der großen Göttin wir unwerth, reimen sich Numa's Träume nicht mehr mit unsern Zeiten: so steige Egeria wieder aus der Quelle, so lasse Minerva zu neuen Begeisterungen sich vom Himmel hernieder! Ohne Bilder zu reden, es ist für ein Volk gut und rühmlich, große Vorfahren, ein hohes Alter, berühmte Götter des Vaterlandes zu haben, so lange diese es zu edeln Thaten aufwecken, zu würdigen Gesinnungen begeistern, so lange die alte Zucht und Lehre dem Volke gerecht ist. Wird sie von diesem selbst verspottet, hat sie sich überlebt oder wird gemißbraucht: »was hilft Dir«, ruft Horaz seinem Vaterlande zu, »stolzer pontischer Mast, was hilft Dir Deine vornehme Abkunft? was helfen Dir die gemalten Götter an Deinen Wänden?« Oden, I. 14. 11-15. Vgl. Herder's Werke, VIII. S.37. – D. Ein müssig besessener, von unsern Vorfahren träge ererbter Ruhm macht uns bald eitel und unsrer Vorfahren unwerth. Wer sich einbildet, von Hause aus tapfer, edel, bieder zu sein, kann leicht vergessen, sich als einen solchen zu zeigen. Er versäumt, nach einem Kranze zu ringen, den er von seinen Urahnen an schon zu besitzen glaubt. In solchem Wahn von Vaterlands-, Religions-, Geschlechts-, Ahnenstolze ging Judäa, Griechenland, Rom, ja beinah jede alte mächtige oder heilige Staatsverfassung unter. Nicht was das Vaterland einst war, sondern was es jetzt ist, können wir an ihm achten und lieben. 2. Dies also kann, außer unsern Kindern, Verwandten und Freunden, nur seine Einrichtung, die gute Verfassung sein, in welcher wir mit dem, was uns das Liebste ist, gern und am Liebsten leben mögen. Physisch preisen wir die Lage eines Orts, der bei einer gesunden Luft unserm Körper und Gemüth wohlthut; moralisch schätzen wir uns in einem Staat glücklich, in dem wir bei einer gesetzmäßigen Freiheit und Sicherheit vor uns selbst nicht erröthen, unsre Mühe nicht verschwenden, uns und die Unsrigen nicht verlassen sehen, sondern als würdige, thätige Söhne des Vaterlandes jede unsrer Pflichten ausüben und solche vom Blicke der Mutter belohnt sehen dürfen. Griechen und Römer hatten Recht, daß über das Verdienst, einen solchen Bund gestiftet zu haben oder ihn zu befestigen, zu erneuen, zu läutern, zu erhalten, kein andres menschliches Verdienst gehe. Für die gemeinschaftliche Sache nicht der Unsern allein, sondern der Nachkommenschaft und des gesammten, ewigen Vaterlandes der Menschheit zu denken, zu arbeiten und (großes Loos!) glücklich zu wirken: was ist hiegegen ein einzelnes Leben, ein Tagewerk weniger Minuten und Stunden? Jeder, der auf dem Schiff in den fluthenden Wellen des Meeres ist, fühlt sich zum Beistande, zur Erhaltung und Rettung des Schiffs verbunden. Das Wort Vaterland hat das Schiff am Ufer flott gemacht; er kann, er darf nicht mehr (es sei denn, daß er sich hinausstürze und den wilden Wellen des Meers überlasse) im Schiff, als wär' er am Ufer, müssig dastehn und die Wellen zählen. Seine Pflicht ruft ihn (denn alle seine Gefährten und Geliebten sind mit ihm im Schiffe), daß, wenn ein Sturm sich empört, eine Gefahr droht, der Wind sich ändert oder ein Schiff hinanschleudert, sein Fahrzeug zu übersegeln, seine Pflicht ruft ihn, daß er helfe und rufe. Leise oder laut, nachdem sein Stand ist, dem Bootsknecht, Steuermann oder dem Schiffer; seine Pflicht, die gesammte Wohlfahrt des Schiffes ruft ihn. Er sichert sich nicht einzeln; er darf sich nicht in den Kahn einer erlesenen Ufergesellschaft, der ihm hier nicht zu Gebot steht, träumen; er legt Hand an das Werk und wird, wo nicht des Schiffes Retter, so doch sein treuer Fahrgenoß und Wächter. Woher kam es, daß manche einst hoch verehrte Stände allmählig in Verachtung, in Schmach versanken und noch versinken? Weil keiner derselben sich der gemeinen Sache annahm, weil jeder als ein begünstigter Eigenthums- oder Ehrenstand lebte; sie schliefen im Ungewitter ruhig wie Jonas, und das Loos traf sie wie Jonas. O, daß die Menschen bei sehenden Augen an keine Nemesis glauben! An jeder verletzten oder vernachlässigten Pflicht hangt nicht eben eine willkürliche, sondern die nothwendige Strafe, die sich von Geschlecht zu Geschlecht häuft. Ist die Sache des Vaterlandes heilig und ewig, so büßt sich seiner Natur nach jedes Versäumniß derselben und häuft die Rache mit jedem verdorbneren Geschäft oder Geschlechte. Nicht zu grübeln hast Du über Dein Vaterland; denn Du warst nicht sein Schöpfer: aber mithelfen mußt Du ihm, wo und wie Du kannst, ermuntern, retten, bessern, und wenn Du die Gans des Capitolium's wärest. 3. Sollte uns also nicht, eben im Sinne der Alten, die Stimme jedes Bürgers, gesetzt, daß sie auch gedruckt erschiene, als eine Vaterlandsfreiheit, als ein heiliges Scherbengericht gelten? Der Arme konnte vielleicht nichts thun, als schreiben, sonst hätte er wahrscheinlich etwas Besseres gethan; wollt Ihr dem Seufzenden seinen Athem, der ins wüste Leere hinausgeht, rauben? Noch werther aber sind dem Verständigen die Winke und Blicke Derer, die weiter sehen. Sie muntern auf, wenn Alles schläft; sie seufzen vielleicht, wenn Alles tanzt. Aber sie seufzen nicht nur, in einfachem Gleichungen zeigen sie, vermöge einer unzweifelhaften Kunst, höhere Resultate. Wollt Ihr sie zum Schweigen bringen, weil Ihr blos nach der gemeinen Arithmetik rechnet? Sie schweigen leicht und rechnen weiter; das Vaterland aber zählte auf diese stillen Rechner. Ein Vorschritt, den sie glücklich angaben, ist mehr als zehntausend Cerimonien und Lobsprüche werth. Sollte unser Vaterland dieser Rechenkunst nicht bedürfen? Sei Deutschland tapfer und ehrlich! Tapfer und ehrlich ließ es sich einst nach Spanien und Africa, nach Gallien und England, nach Italien, Sicilien, Kreta, Griechenland, Palästina führen; unsre tapfern und ehrlichen Vorfahren bluteten da – und sind begraben. Tapfer und ehrlich ließen die Deutschen innerhalb und außerhalb ihrem Vaterlande sich, wie die Geschichte zeigt, dingen gegeneinander; der Freund stritt gegen den Freund, der Bruder gegen den Bruder; das Vaterland ward zerrüttet und blieb verwaist. Sollte also außer der Tapfer- und Ehrlichkeit unserm Vaterlande nicht noch etwas Anders noth sein? Licht, Aufklärung, Gemeinsinn; edler Stolz, sich nicht von Andern einrichten zu lassen, sondern sich selbst einzurichten, wie andre Nationen es von jeher thaten; Deutsche zu sein auf eignem wohlbeschützten Grund und Boden. 4. Der Ruhm eines Vaterlandes kann zu unsrer Zeit schwerlich mehr jener wilde Eroberungsgeist sein, der die Geschichte Roms und der Barbaren, ja mancher stolzen Monarchien wie ein böser Dämon durchstürmte. Was wäre es für eine Mutter, die, eine zweite, ärgere Medea, ihre Kinder aufopferte, um fremde Kinder als Sclaven zu erbeuten, die ihren eignen Kindern über kurz oder lang zur Last werden? Unglücklich wäre das Kind des Vaterlandes, das, dahingegeben oder verkauft, ins Schwert laufen, verwüsten, morden müßte, um eine Eitelkeit zu befriedigen, die Niemanden Vortheil gebiert. Der Ruhm eines Vaterlandes kann zu unsrer Zeit und für die noch schärfer richtende Nachwelt kein andrer sein, als daß diese edle Mutter ihren Kindern Sicherheit, Thätigkeit, Anlaß zu jeder freien, wohlthätigen Uebung, kurz, die Erziehung verschaffe, die ihr selbst Schutz und Nutz, Würde und Ruhm ist. Alle Völker Europa's, andre Welttheile nicht ausgeschlossen, sind jetzt im Wettstreit, nicht der körperlichen, sondern der Geistes- und Kunstkräfte mit einander. Wenn eine oder zwei Nationen in weniger Zeit Vorschritte thun, zu denen sonst Jahrhunderte gehörten, so können, so dürfen andre Nationen sich nicht Jahrhunderte zurücksetzen wollen, ohne sich selbst dadurch empfindlich zu schaden. Sie müssen mit jenen fort; in unsern Zeiten läßt sich's nicht mehr Barbar sein; man wird als Barbar hintergangen, untertreten, verachtet, mißhandelt. Die Weltepochen bilden eine ziehende Kette, der zuletzt kein einzelner Ring sich widersetzen mag, wenn er auch wollte. Vaterländische Cultur gehört hiezu, und in dieser auch Cultur der Sprache. Was ermunterte die Griechen zu ihren rühmlichen und schwersten Arbeiten? Die Stimme der Pflicht und des Ruhmes. Wodurch dünkten sie sich vorzüglicher als alle Nationen der Erde? Durch ihre cultivirte Sprache, und was mittelst derselben unter ihnen gepflanzt war. Die imperatorische Sprache der Römer gebot der Welt; eine Sprache des Gesetzes und der Thaten. Wodurch hat eine nachbarliche Nation seit mehr als einem Jahrhunderte so viel Einfluß auf alle Völker Europa's gewonnen? Nebst andern Ursachen vorzüglich auch durch ihre im höchsten Sinne des Worts gebildete Nationalsprache . Jeder, der sich an ihren Schriften ergetzte, trat damit in ihr Reich ein und nahm Theil an ihnen. Sie bildeten und mißbildeten; sie befahlen, sie imponirten. Und die Sprache der Deutschen, die unsre Vorfahren eine Stamm-, Kern- und Heldensprache nannten, sollte wie eine Ueberwundene den Siegeswagen Andrer ziehn und sich dabei noch in ihrem beschwerlichen Reichs- und Hofstil brüsten? Wirf ihn weg, den drückenden Schmuck, Du wider Deinen eigenen Willen eingezwängte Matrone, und sei, was Du sein kannst und ehemals warst, eine Sprache der Vernunft, der Kraft und Wahrheit! Ihr Väter des Vaterlandes, ehrt sie, ehrt die Gaben, die sie unaufgefordert und unbelohnt, und dennoch nicht unrühmlich, darbrachte! Soll jede Kunst und Thätigkeit, durch welche Mancher dem Vaterlande gern zu Hilfe kommen möchte, sich erst wie jener verlorne Sohn außerhalb Landes vermiethen und die Frucht seines Fleißes oder Geistes einer fremden Hand anvertrauen, damit Ihr solche von da aus zu empfangen die Ehre haben mögt? Mich dünkt, ich sehe eine Zeit kommen – Doch lasset uns nicht prophezeihen, sondern hinter Allem nur bemerken, daß jedes Vaterland schon mit seinem süßen Namen eine moralische Tendenz habe. Von Vätern stammt es her; es bringt uns mit dem Namen Vater die Erinnerung an unsre Jugendzeiten und Jugendspiele in den Sinn; es weckt das Andenken an alle Verdiente vor uns, an alle Würdige nach uns, denen wir Väter werden; es knüpft das Menschengeschlecht in eine Kette fortgehender Glieder, die gegen einander Brüder, Schwestern, Verlobte, Freunde, Kinder, Eltern sind. Sollten wir uns anders auf der Erde betrachten? Müßte ein Vaterland nothwendig gegen ein andres, ja gegen jedes andre Vaterland aufstehn, das ja auch mit denselben Banden seine Glieder verknüpft? hat die Erde nicht für uns Alle Raum? liegt ein Land nicht ruhig neben dem andern? Cabinette mögen einander betrügen; politische Maschinen mögen gegen einander gerückt werden, bis eine die andre zersprengt. Nicht so rücken Vaterländer gegen einander; sie liegen ruhig neben einander und stehen sich als Familien bei. Vaterländer gegen Vaterländer im Blutkampf ist der ärgste Barbarismus der menschlichen Sprache. ——— 58. Leibniz ' Weissagung ist eine alte, bewährte Wahrheit. Vgl. das Ende des 54. Briefes (S. 237). – H. Eine Gemeinheit ohne Gemeingeist krankt und erstirbt; ein Vaterland ohne Einwohner, die es lieben, wird zur Wüste, und ein Haus, an Meeres Ufer, auf Sand gebaut, als ein Platzregen fiel und ein Gewässer kam, und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und thät einen großen Fall, sagt Christus. Matth., 7. 26 f. – D. Daß diese Gebrechlichkeit zu Leibniz' Zeiten nicht angefangen, sondern sich nur merklicher gemacht habe, bewährt die deutsche, ja nach Verschiedenheit der Völker, Verfassungen und Länder, alle Geschichte. Lesen Sie, was Schmidt vom Zustande der deutschen Nation vorm Anfange des dreißigjährigen Krieges Schmidt 's »Neuere Geschichte der Deutschen« B. 4. C. 9 f. – H. sagt und mit Zeugnissen belegt; nach dem westphälischen Frieden ward die Sache gewiß nicht besser. In Sitten und Grundsätzen, politisch und moralisch ging Alles mehr und mehr nicht zu einer größeren Consistenz, sondern zu einer Auflösung hin, die auch von Moment zu Moment folgte. Daß aber durch dieses schleichende Fieber eine neue Gesundheit , wenngleich auf Kosten leidender oder abgestorbener Glieder, bereitet werde, dies ist ein des großen Leibniz würdiger Gedanke. Das menschliche Geschlecht ist ein Phönix ; auch in seinen Gliedern, ganzen Nationen, verjüngt es sich und steht aus der Asche wieder auf. Sehr übel ist's, daß wir in der Geschichte die Meinungen und Grundsätze der Völker, die dort und dann herrschten , so wenig bemerkt finden. Man sieht Erfolge, oft späte Erfolge, und muß die vielleicht längst im Verborgenen wirkende Triebfeder trüglich errathen. Noch seltner werden in ihr dergleichen herrschende Meinungen und Grundsätze in ihrer Abstammung und Fortpflanzung genealogisch verfolgt; man sieht sie hie und da wie Ströme aus der Erde brechen und sich, indeß ihr Lauf unter der Erde fortgeht, dem Auge verlieren. Am Seltensten sind Geschichtschreiber mit wirklich moralischem Blick über Vorfälle und Personen . So oft man von einem ägyptischen Todtengericht über vergangene Zeiten spricht, so selten übt man es aus, weil vielen Beschreibern die Biegsamkeit des Geistes, sich in vergangene Zeiten zu setzen, andern die Wage des Urtheils, der moralische Sinn , fehlt. Und fehlt dieser, oder ist er schief und verdorben, so wird die Geschichte selbst verderblich; ihr Urheber sieht mit falschem Blick, er wägt mit betrügerischen Gewichten. Beispiele davon anzuführen, erlassen Sie mir! Ueber Juden, Griechen und Römer, über Christen und Barbaren, über unsre und fremde Nationen sind dergleichen in Menge vorhanden. Je täuschender geschrieben, desto verderblicher; und o, wer mag den unmoralischen und unmenschlichen Stumpfsinn nennen, mit dem man Helden, Thaten, Begebenheiten und Revolutionen unter Alten und Neuen so oft knechtisch anstaunte, Lob und Tadel wie ein gedungener Elender austheilte und die unschuldig Verfolgten zuweilen noch im Grabe verfolgte! Eine Geschichte der Meinungen, der praktischen Grundsätze der Völker , wie sie hie und da herrschten, sich vererbten und im Stillen die größten Folgen erzeugten, diese Geschichte, mit hellem, moralischen Sinn , in gewissenhafter Prüfung der Thatsachen und Zeugen geschrieben, wäre eigentlich der Schlüssel zur Thatengeschichte. Wegelin , ein denkender Geschichtforscher, hat diesen Gesichtspunkt oft im Blick; weil er aber zu systematisch denkt, so verliert er sich auf der ungeheuren Bahn meistens in dunkeln, zu allgemeinen Maximen. Wegelin ist seitdem gestorben. Er ruhe sanft! Sein Geist hat viel gedacht, viel combinirt. Ich wünschte nicht, daß seine hinterlassenen Schriften untergingen; jeder seiner Aufsätze ist eine Sammlung unverarbeiteter Gedanken, die wenigstens immer eigne Gedanken veranlassen oder verbessern und bestärken. Der große König selbst hat seine Schriften gelesen und geehrt. – H. Jacob Daniel Wegelin , Professor der Geschichte und Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, in deren Mémoires viele seiner historisch-politischen Abhandlungen stehen, war am 7. September 1791 gestorben. – D. Und doch hängt von diesem scharf gehaltenen Augpunkt aller Nutzen der Geschichte ab; die Figuren des Gemäldes werden untreu, verworren und dunkel, wenn man ihnen dies Licht raubt. Wie viel z. B. ist über Macchiavell 's »Fürsten« gesagt worden, und doch zweifle ich, ob mit ausgemachtem Resultate, indem Einige dies Buch für eine Satire, Andre für ein verderbliches Lehrbuch, Andre für ein wankendes, schwachköpfiges Mittelding zwischen beiden halten. Und ein Schwachkopf war wahrlich Macchiavell nicht; er war ein Geschicht- und Welterfahrner, dabei ein redlicher Mann, ein feiner Beobachter und ein warmer Freund seines Vaterlandes. Daß er den Werth und die Form von mancherlei Staaten gekannt habe, davon zeugen seine »Dekaden über den Livius«, und daß er kein Verräther der Menschheit werden wollte, beweist jede Zeile seiner andern Schriften sowie bis zum Alter hinan sein geführtes Leben. Woher nun das Mißverständniß dieser Schrift eines Schriftstellers, der so bestimmt, rein und schön zu schreiben wußte? Woher, daß dies Mißverständniß sich zwei Jahrhunderte erhalten und den feinsten Köpfen mitgetheilt hat, so daß ihm selbst der große Verfasser des »Anti-Macchiavell's« Friedrich der Große. – D. nicht entkommen mochte? Und doch ging das Buch zweiundsiebzig Jahre umher, gebilligt und gelesen; Niemand fand darin Arges. Macchiavell hatte es einem Fürsten aus einem von ihm geliebten Hause, dem Neffen eines Papstes, zugeschrieben, der ihn hochhielt, dem er damit gewiß keine Schande machen wollte. Mich dünkt, das ganze Mißverständniß rühre daher, daß man den Punkt nicht bemerkt, auf welchem damals das Verhältniß der Politik und Moral stand . Beide hatten sich sichtbar und völlig getrennt. Die Zeiten Alexander 's VI. und Cäsar Borgia waren zwar vorüber; aber auch Julius und Leo, Frankreich und Spanien, Florenz und die kleinen Tyrannen von Italien, ja, jenseit der Alpen wollte Niemand als Regent und Politiker Moralist sein. Man lachte die Tramontaner aus, die ins Regierungswesen so enge Begriffe brachten; denn von Erlangung oder Erhaltung der Macht und von den Mitteln dazu, insonderheit von Verschmitztheit und Klugheit sei, glaubte man, hier die Rede, nicht aber von Güte und Weisheit. Die Religion, von der Moral ganz abgesondert, war selbst Politik , deren Hauptgesetz überhaupt die Staatsraison ( la ragione del stato ), deren Hauptmaxime es war: »die Dinge, jedes zu seiner Zeit, im Punkt seiner Reife nutzen zu können« ( conocer las cosas en sa piato, en sa sazon, y saber las lograr ). Eine solche Politik brachte Karl V. nach Deutschland; daher er auch die Reformation nie anders anzusehen vermochte; eine solche übten Könige, Fürsten, Staatsminister. In allen politischen Schriften war sie anerkannt; fast jede Stadt Italiens war Jahrhunderte lang ihr Schauplatz gewesen und war es noch. Hier schrieb Macchiavell seinen Principe , ganz in den Begriffen seiner Zeit, ganz nach Vorfällen, die damals Jedermann in Andenken waren. Aus diesen hatte er eben seine politischen Sätze abgezogen und belegte jeden derselben mit Beispielen begangener Fehler. »Wenn dies Euer Handwerk ist,« sagt er gleichsam, »so lernt es recht, damit Ihr nicht so unselige Pfuscher bleibt, als ich Euch zeige, daß Ihr seid und waret! Ihr habt keinen Begriff, als von Macht und Ansehen ; wohl! so braucht wenigstens die Klugheit , die Euch zur sichern Macht und Italien endlich einmal zur Ruhe leitet. Ich habe Euch Euer Werk nicht angewiesen; treibt Ihr's aber, so treibt es recht!« Daß dies die Haltung der Gedanken in Macchiavell's ganzem Buche sei, wird jeder Unparteiische fühlen. Damit wird es nun weder Satire, noch ein moralisches Lehrbuch, noch ein Mittelding beider; es ist ein rein politisches Meisterwerk für italienische Fürsten damaliger Zeit, in ihrem Geschmack, nach ihren Grundsätzen, zu dem Zwecke geschrieben , den Macchiavell im letzten Capitel angiebt: Italien von den Barbaren (gewiß auch von den ungeschickten Lehrlingen der Fürstenkunst, den unruhigen Plagegeistern Italiens) zu befreien . Dies thut er ohne Liebe und Haß, ohne Anpreisung und Tadel. Wie er die ganze Geschichte als eine Erzählung von Naturbegebenheiten der Menschheit ansah, so schildert er hier auch den Fürsten als ein Geschöpf seiner Gattung , nach den Neigungen, Trieben und dem gesammten Habitus, der ihm beiwohnt. Nicht anders hatte er in seinen »Dekaden« jede andre Regierungsform beäugt; nicht anders hatte er seine sechs Bücher von der »Kriegskunst«, seinen »Goldnen Esel«, den » Belfagor « aus der Hölle, der auf Erden ein Weib nahm, seine » Clizia « und » Mandragola « geschrieben; er ließ jedes Ding in seiner Art sein, was es war oder sein wollte. Wären Sie hiemit noch nicht befriedigt, so soll meinen redlichen Staatssecretär ein Heiliger rechtfertigen, der das, was Jener mit einer feinen Reißfeder entwirft, mit einem Kirchenpinsel ausmalt. Also spricht der h. Thomas von Aquino . – Doch ich mag meinen Text mit den barbarisch kräftigen Worten des Kirchenvaters nicht entweihen. Lesen Sie solche in Naudé, Considérations politiques sur les coups d'état , gleich im ersten Capitel. Ich wollte, daß diese kleine Schrift des Naudé , die nach seiner Gewohnheit voll Gelehrsamkeit ist, übersetzt und mit dem zu ihr gehörigen historischen Commentar, den eine spätere Ausgabe schon besitzt, begleitet erschiene. Ohne sarkastische Anmerkungen, mit dem ruhigen Blick, mit welchem Macchiavell den Livius , oder Barbeirac die Moral der Kirchenväter ansah, müßten auch Naudé's Betrachtungen über die Staatsstreiche beäugt werden. Man blickte damit in welchen dunkeln Abgrund der Zeiten! Vgl. jetzt Ranke , »Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber«. – D. ——— 59. Nun änderten sich aber viele Dinge jenseit und diesseit der Alpen. Die Reformation entstand; sie entlarvte den Unfug der kirchlichen Politik so schrecklich, daß immer auch einige, obgleich wenige Strahlen auf die Staatspolitik fallen mußten. Jesuiten entstanden, die ein feineres Gewebe zu spinnen und die Cabinette schlauer zu regieren wußten. Karl V. machte in Italien Ordnung; es krystallisirten sich die kleineren Staaten, und nur den größeren, einer Katharina von Medicis, Heinrich VIII., Karl V., Philipp II., stand es frei, in der alten großen Macchiavellischen Manier zu verfahren. Da endlich stand ein Jesuit auf, klagte das Buch an, und es wurde verdammt, 72 Jahr nach seiner Erscheinung. Macchiavell 's System ward verdammt, weil es von den Staaten zu grob, von den Jesuiten jetzt feiner ausgeübt ward; man wollte den alten Meister nicht mehr anerkennen, der diese Grundsätze zu klar exponirt hatte, und war überzeugt, der Jünger sei jetzt über den Meister. Nicht ohne; diese Politik aber stürzte sowol den Jünger als den Meister, und o wäre sie für unser Menschengeschlecht endlich begraben! – Was ist ein Principe Macchiavell's seiner Natur und Gattung nach? Der königliche Jüngling, der einen Anti-Macchiavell schrieb, hätte einen Anti-Principe schreiben sollen, wie er ihn auch nachher (außer vielleicht in Fällen der dringenden Noth oder der Convention) für Welt und Nachwelt rühmlich gezeigt hat. » Vivre et mourir en Roi « war sein großes Wort der Pflicht und Ehre. Vgl. oben Brief 9, S. 39. – D. Zu Deinem Grabe wallfahrtete ich einst, mein Anti-Macchiavell, Hugo Grotius . Du schriebst kein »Recht des Krieges und Friedens«; denn Du warst kein Prinz; Du schriebst » vom Rechte des Krieges und Friedens «. Und zwar sammeltest Du dazu nur Collectaneen; nicht aus Italien und Deiner Zeit allein, sondern vorzüglich aus den guten Alten, aus den Gesetzen der Vernunft und Billigkeit, aus der Religion selbst; woraus denn allmählig ein Recht der Völker erwuchs, wie man in den barbarischen Zeiten es nicht hatte erkennen mögen. Laß Dich das Ungemach nicht gereuen, heilige Seele, das Du Deiner guten Grundsätze und Bemühungen wegen hier erduldetest. Religionen hast Du nicht vereinigen können, wie Du es wolltest; aber Grundsätze der Menschen hast Du vereinigt, und auch Völker werden sich einst zu ihnen verbinden. Bei Gustav Adolph fand man, als er in einem Ausritt meuchelmörderisch gefallen war, Daß er nicht meuchelmörderisch fiel, ist jetzt anerkannt. – D. Grotius ' Buch im Zelte auf seinem Tisch aufgeschlagen; die edelsten Männer in Schweden, Frankreich, Holland, Deutschland liebten und ehrten ihn; die ganze europäische Nachwelt ist seine Verbündete und Verbundne worden. Was seitdem über Recht der Völker , über Natur- und Vernunftrecht geschrieben worden, geht auf Grotius ' Bahn. Nach so ungeheuren Fortschritten der Zeit konnte man freilich auch mit Institution der Prinzen nicht auf Macchiavell 's Wege bleiben. Er selbst wäre bei veränderten Zeitumständen nicht darauf geblieben; und o hätten wir von Macchiavell das Bild eines Fürsten für unsre Tage! Außer den Jesuiten, die eine Politica de Dios noch lange trieben, standen andere Prinzenlehrer, La Motte le Vayer, Nicole, Bossuet, Fénélon auf; wie ihre Grundsätze befolgt sind, zeigt die Geschichte. Nach den stürmischen Zeiten, in denen Languet, Milton, Hobbes schrieben, gaben Algernon Sidney, Locke, Shaftesbury, Leibniz mildere Grundsätze an, bis in unsern Tagen Rousseau 's Contrat social Wirkungen erregt hat, an die sein Verfasser schwerlich dachte. Wie gern kehrt man aus dem Tumult dieser Zeiten zu den friedlichen Geistern Grotius, Locke, Leibniz zurück! »Heil den Predigern der Menschenrechte !« sagt ein neuerer Lehrer des Staatsrechts; »aber versäumen sie ja nicht, vorher Menschenpflichten zu lehren. Um jene in ihrem ganzen heiligen Umfange einzuführen, müssen wir erst eine Majorität von Menschen haben, die fähig sind, diese in ihrem ganzen Umfange auszuüben.« Ich lege Ihnen das kleine Buch bei, Schlözer 's »Allgemeines Staatsrecht«. Göttingen 1793. – H. aus dem diese Stelle genommen ist; Sie werden in ihm noch weit mehrere dieser Art finden. Sein Verfasser verspricht uns noch drei Bändchen dieser Art; wir wollen ihn bei seinem Wort halten. ——— 60. Auch Leibniz unter den Propheten? Bezieht sich auf das Ende des 54. Briefes. – H. Was es mit den gewöhnlichen politischen Prophezeiungen für eine Bewandschaft habe, wußte der scharfsinnige Mann besser als Jemand. »Auf Ausrechnungen für die Zukunft,« sagt er in einem Briefe, Felleri Otium Hannoveranum, p. 108. – H. »gebe ich nichts. Jene Prophezeiungen, die man in alten Büchern gefunden haben will, sind von Denen geschrieben, die die alten Kriege zwischen Frankreich und England im Sinne hatten; die Erfahrung aber lehrt, daß Alle, die sich an so etwas gewagt haben, getäuscht wurden. Zuweilen können dergleichen Prophezeiungen nützlich sein, dem Pöbel, wie man es nennt, durch einen frommen Betrug Muth zu machen; bei Verständigen aber haben sie so wenigen Werth, daß sie vielmehr dem Ansehen und dem guten Ruf des Propheten Nachtheil bringen, indem sie keinen gründlichen Beweis zulassen, ohne welchen doch ein redlicher Mann, der seine Pflicht versteht, nicht so leicht etwas behauptet. Gewisser möchte ich,« fährt er fort, »das voraussagen, daß, wenn in Deutschland die Dinge nicht besser gemacht werden, ** einen längern Widerstand leisten werde, als wir uns einbilden. Wir Deutschen brauchen unsre Kräfte nicht gnug. – Statt also uns mit schmeichelnden Prophezeiungen einzuschläfern, ist guter Rath nöthig, daß wir unsre Nerven anspannen und mit Beiseitsetzung jeder Privatbehaglichkeit fürs gemeine Beste sorgen.« An andern Orten indeß spricht er von den Voraussagungen kluger Männer anders. »In meiner Jugend,« sagt er, Epistolae Leibnitii, edit. Kortholt , I. 366; Felleri Otium Hannoveranum, p. 217. – H. »wollte ich eine Abhandlung davon schreiben,« wobei er Seneca, Tacitus, Macchiavell, Conring, Lotichius, Dach zum Beispiel anführt. Wir thun ihm also nicht Unrecht, wenn wir noch einige Blicke seiner Uebersicht über die Dinge um ihn auszeichnen. Er blickte weithin, er sahe scharf und ohne Galle; er war frohmüthig und redlich. »So oft ich,« sagt er Felleri Otium Hannoveranum, p. 121. – H. zu seinem Freunde Ludolf , »den gefährlichen Zustand der Dinge um uns her und dabei unsre Trägheit, unsre verkehrten Rathschläge betrachte, so oft schäme ich mich unser vor den Augen der Nachwelt. Offenbar geht es dahinaus, daß in Europa sich Alles drüber und drunter kehre, und doch beträgt man sich, als ob Alles in höchster Sicherheit sei, und als ob wir Gott selbst zum Gewährsmann unsrer Ruhe hätten. Ueber Kleinigkeiten streitet man; ums Große bekümmert sich Niemand, so daß es Ekel und Ueberdruß macht, an die Geschichte der gegenwärtigen Zeit nur zu denken. So gar sehr bestätigen wir Deutschen die ungünstigen Urtheile der Ausländer von uns durch unser Betragen.« »Im Felde der Wissenschaften stecken wir noch in den ersten Wegen. Ein Schicksal verhindert uns, daß wir die Schätze der Natur nicht sorgfältiger ausspähen und größern Nutzen daraus ziehen. Ich bin der Meinung, daß die Menschen fast unglaubliche Dinge zu Stande bringen könnten, wenn sie mehreren Fleiß anwendeten. Um ihre Augen aber ist eine Binde gezogen, und man muß die Zeit erwarten, da Alles reif sei.« Ibid., p. 412. – H. »Wie die englische Societät Naturversuche zusammenträgt, so sollte eine andre sein, die Regeln des Lebens, nützliche Bemerkungen und versteckte Vorschläge, wie der Zustand der Menschen zu verbessern sei , zusammentrüge. Aus den Schriftstellern sollte man ausziehen, nicht nur was irgend nur einmal , sondern von wem es zuerst gesagt sei. Hier muß man von den ältesten Zeiten anfangen, doch aber nicht Alles erzählen, sondern was zum Unterricht des menschlichen Geschlechts dient , auswählen. Wenn die Welt noch tausend Jahre steht und so viel Bücher wie heutzutage fortgeschrieben werden, so fürchte ich, aus Bibliotheken werden ganze Städte werden, deren viele dann durch mancherlei Zufälle und schwere Zeitumstände ihr Ende finden werden. Daher wäre es nöthig, aus einzelnen und zwar den Originalschriftstellern, die andre nicht ausschrieben, Eklogen wie Photius zu machen und ihr Merkwürdiges mit den Worten des Schriftstellers selbst zu sammeln. Was aber merkwürdig sei, kann, bei der großen Verschiedenheit der Köpfe und der Wissenschaften, freilich nicht Jeder beurtheilen.« Felleri Otium Hannoveranum, p. 147. – H. »Ich glaube, daß es bei Euch viele geschickte Männer giebt. Ibid., p. 27, an einen Engländer. – H. Indessen mache ich einen großen Unterschied zwischen gründlichen Kenntnissen, die den Schatz des menschlichen Geschlechts vermehren , und zwischen der Notiz von Thatsachen, die man gemeiniglich Gelehrsamkeit nennt. Ich verachte diese Gelehrsamkeit nicht, deren Werth und Nutzen ich einsehe; dennoch aber wünschte ich, daß man sich mehr an das Gründliche hielte; denn es giebt allenthalben zu wenig Personen, die sich mit dem Wichtigsten beschäftigen. Nichts ist so schön und so befriedigend, als eine wahre Kenntniß vom System der Natur zu haben. Würden Viele dies Studium lieb gewinnen, so würde man weit gelangen, nicht nur in Rücksicht auf Bequemlichkeiten des Lebens und der Gesundheit, sondern in Rücksicht auf Weisheit, Tugend und Glück; statt dessen, daß man sich jetzt mit Kleinigkeiten abgiebt, die uns ergetzen, nicht aber vervollkommnen und veredeln. Unter Vollkommenheiten rechne ich nichts, als was uns auch nach diesem Leben bleiben kann; die Kenntniß von factis ist wie die Kenntniß der Straßen in London. Sie ist gut, so lange man dort ist.« »Das göttliche Naturlicht in uns zu vermehren , hat man Dreierlei zu thun nöthig. Zuerst sammle man eine Kenntniß der vortrefflichen Erfindungen, die schon gemacht sind; sodann erforsche man, was noch zu entdecken ist; endlich bringe man Beides, das Erfundne und noch zu Erfindende, in Lobgesänge an den Urheber der Natur, zu Erweckung der Liebe zu ihm und zu den Menschen. Wären die Sterblichen so glücklich, daß ein großer Monarch diese drei Dinge einmal für sein Werk ansähe, in zehn Jahren würde zur Ehre Gottes und zum Wohl des Menschengeschlechts mehr bewirkt werden, als wir sonst in vielen Jahrhunderten ausrichten möchten.« Ibid., p. 19. – H. »Ich hatte im Sinn, mancherlei Gedanken, die das Wohl des Kaisers und des Reichs betreffen, unter dem Namen: » Deutsche Rathschläge « ans Licht zu stellen; es ist aber verdrießlich, Worts in den Wind zu verhauchen und nach Art der Declamatoren, die in Schulen über die beste Form der Republik zu Athen oder Karthago reden, Dinge vorzutragen, die Niemand anwendet. Die besten Gedanken werden verächtlich, wenn man sie öffentlich hinstellt; unsre Feinde werden dadurch mehr gewarnt als gebändigt. Indessen besitze ich manches Ueberdachte, das auch großen Männern wichtig geschienen hat und in unsern Zeiten dem Ganzen sehr nützlich sein könnte. Vor Allem bin ich mir der Treue bewußt und der Liebe zum allgemeinen Besten.« Felleri Otium Hannoveranum, p. 4 sq . – H. Gewiß verzeihen Sie mir, daß ich von Leibniz' Weissagungen so bald auf seine Vorschläge übergegangen bin; eines klugen Mannes Weissagungen sind Vorschläge des Bessern . Nicht auf Visionen, sondern auf Erfahrungen und auf jene dauerhaften Vernunftprincipien sind sie gebaut, die auch in die fernste Zukunft reichen. Da glücklicherweise die Akademie der Wissenschaften, deren ruhmwürdiger Stifter Leibniz war, in Manchem schon zum ersten Plan desselben zurückgekehrt ist, so wäre es vielleicht gut, daß sie in Allem dahin zurückkehrte und aus Leibniz' Schriften und Briefen sämmtliche Vorschläge sammeln ließe, die er zur Erweiterung der Wissenschaften und zum Wohl des menschlichen Geschlechts seinen Freunden oder der Welt offenbarte. Ungeheuer Vieles ist seitdem noch nicht geschehen, was er zu thun sich vornahm oder von außen ausgeführt wünschte; er ist uns in diesem Allen der nähere Baco , der mit genauerer Kenntniß der Sache, als der Engländer besaß, die Lücken der Wissenschaften, die Mängel unsrer Erkenntnisse und Bemühungen ansah und seine Entwürfe, mit Gründen unterstützt, zuweilen sehr vollständig detaillirt hat. Jungen Männern würde ich daher seine Briefe und Schriften nicht nur als eine reiche Fundgrube von Gedanken, sondern auch als ein Directorium ihrer Bemühungen anpreisen, wohin sie streben sollen, was allenthalben für die Menschheit noch zu thun sei. Glücklich ist, wer einen solchen Wegweiser frühe gebraucht. ——— 61. Oft habe ich zu unsern Zeiten gedacht: »Wenn Leibniz lebte!« Er lebt indessen in seinen Schriften, und wir können aus seinen muntern Urtheilen, die sich auf alles Merkwürdige seiner Zeit erstreckten, auch für jetzt viel Nutzen ziehen. Sie wissen, mit welchem Eifer Leibniz sich um die Vereinigung der Religion bewarb und verwandte. Für die damalige Zeit blieb seine Mühe fruchtlos; indessen selbst das Fruchtlose seiner Vorschläge, die allenthalben voll Verstandes waren, ist für uns lehrreich. Ein damaliger Regent wollte die Sache kürzer angreifen und eine Vereinigung der Secten, nicht in Lehren, sondern in Gebräuchen, nicht mit gutem Willen beider Theile, sondern durch Befehle, durch Zwang bewirken. Ein untüchtiger Rathgeber schrieb zu Beschönigung dieser Mittel ein Arcanum Regium in pietistischer Form. Lesen Sie, wie sich die großen Friedensbeförderer Leibniz und Molanus darüber erklären. Leibnitii Epistolae ad diversos, editae a Christiano Kortholto Lipsiae 1734-1742. T. I. p. 88. – H. Das Gutachten endigt also: »Der neuen Regel, daß ein evangelischer Fürst Papst in seinem Gebiet sei, muß man nicht mißbrauchen. Bei den verständigen Katholischen selbst ist ein allgemeines Concilium der Kirche, wo nicht über, doch nicht unter dem Papste.« Hören Sie, was Leibniz von Spielen urtheilt: »Ich wünschte, daß Jemand alle Arten von Spiel mathematisch behandelte und sowol die Gründe ihrer Regeln und Gesetze als ihre vornehmsten Kunststücke angäbe. Unsäglich viel zur Erfindungskunst Brauchbares liegt in den Spielen. Und dieses daher, weil die Menschen im Scherz sinnreicher als im Ernst zu sein pflegen; denn überhaupt geht uns besser von der Hand, was wir mit Lust verrichten. Felleri Otium Hannoveranum, p. 165. – H. »Es könnte ein Spiel ausgedacht werden, das man das Spiel der Vorsorge oder der Zufälle nennen könnte: Wenn das geschieht, was könnte sich zutragen ? Weil diese Zufälle zum Theil allgemein und auf Vieles anzuwenden sind, müßte ein Gesetz sein, solche bei einer neuen Frage nicht wieder zu gebrauchen, oder man könnte die allgemeinen Zufälle gar ausschließen und das Gesetz machen, daß man nur Zufälle anführe, die vermieden werden können, ohne daß die Handlung selbst unterbleibe. Den möglichen Zufall könnte der Eine, das Mittel dagegen sein Nachbar sagen u. s. w. »Man hatte vormals ein Fragspiel: Wozu ist das Stroh gut ? Man könnte es das Spiel der Effecte , oder cui bono? nennen. So könnte ein Spiel der Ursachen oder Mittel eingeführt werden, z. B. Womit kann dies oder das gethan werden ? Solche Spiele schärfen den Verstand und führen zu ernsthaft Gutem, da andre Possen nur zu ernsthaft Bösem führen. »Man hat ein Gedächtnißspiel , da man sich übt, etwas auswendig Gelerntes schwer Auszusprechendes mit wachsender Rede herzusagen; dergleichen Spiele könnten noch mehr erfunden werden, nicht zu Vermehrung der Seelenkräfte allein, sondern auch zu Uebung der Tugenden. In manchen Spielen ist Bescheidenheit, Mäßigung nöthig, wie im Königsspiel u. s. w. Ich wollte, daß Comenius daran gedacht hätte, da er sein Buch: » Die Schule ein Spiel «, herausgab.« Epistolae Leibnitii , III. p . 278. – H. Bei unsern fürchterlich-großen Zeit- und Menschenspielen sind Ihnen diese Leibnizischen Gedanken nicht bisweilen eingefallen? Wenn das geschieht, was könnte sich zutragen? Wie kann es vermieden werden? und wenn es sich zuträgt, was hilft dagegen ? Ferner: Wozu ist das Stroh gut ? cui bono Dies oder Jenes ? Das ganze Leben der Menschen ist ein Spiel; wohl Dem, der es froh und mit Verstande spielt! Von Spielen zur Philosophie . Die Urtheile, die Leibniz nicht nur über die Alten, sondern auch über die Scholastiker und die Reformatoren der Philosophie , über Jordanus Brunus, Campanella, Baco, Hobbes , über Grotius, Locke, Cartes, Pufendorf, Shaftesbury u. s. w. fällt, sind, obwol immer in seinem eignen Gesichtskreise, mit einer Unparteilichkeit, einer Milde und so allgemeinen Theilnehmung entworfen, daß ich dieses großen Gemüths wegen Leibniz gern zum Schutzgeist der gesammten Philosophie wünschte. Von hundert merkwürdigen Aeußerungen hierüber hören Sie eine über Cartes : Ibid., p. 392. – H. »Ich wünschte, daß treffliche Männer die leere Hoffnung, Oberherren im Reich der Philosophie sein zu können ( arripiendae tyrannidis in imperio philosophico ), aufgäben und den Ehrgeiz, eine Secte stiften zu wollen, fahren ließen; denn eben hieraus entspringen jene ungeschickten Parteilichkeiten, jene leeren und eitlen Bücherkriege, die der Wissenschaft und dem Gebrauch der kostbaren Zeit so sehr schaden. In der Geometrie kennt man keine Euklidianer, Archimedianer, Apollinianer; Alle sind von einer Secte, der Wahrheit zu folgen, woher sie sich anbieten möge. Auch wird Niemand geboren werden, der sich das ganze Patrimonium der Gelehrsamkeit zueigne, der das ganze Menschengeschlecht an Geist übertreffe und alle Sterne um sich her auslösche wie die ätherische Sonne. Wir wollen den Descartes loben, ja gar bewundern; deshalb aber wollen wir Andre nicht vernachlässigen, bei denen sich viele und große Dinge finden, die Jener nicht bemerkt hat. Nichts steht dem Fortkommen der Wissenschaft so sehr entgegen als jener Knechtsdienst, in der Philosophie eines Andern Gedanken zu paraphrasiren; und eben diese Paraphrasirkunst halte ich für die Ursache, warum von den Blos-Cartesianern ebenso wenig Neues und Ausnehmendes geleistet werde, als von den Aristotelikern geleistet worden, nicht aus Mangel des Genies, sondern des Sectengeists, der Parteisucht halben. Wie nämlich unsre Einbildungskraft, wenn ihr eine Melodie allein vorschwebt, schwerlich und mit Mühe zu einer andern übergeht; wie Der, der unablässig einer geschlagenen Straße folgt, keine neuen Wege entdecken wird: so sind auch Die, die einem Autor sich einverleiben, leibhafte Knechte dieses Autors, die er durch Gewohnheit in Dienst und Besitz hat; zu etwas Neuem und Verschiednem können sie ihr Gemüth nicht erheben. Und doch ist bekannt, daß den Wissenschaften nichts so sehr fortgeholfen hat als die Verschiedenheit der Wege, auf denen man die Wahrheit gesucht hat.« Nichts verehre ich an Leibniz mehr als diese große, unparteiische Jugendseele , die bis ans Ende seiner Tage Alles mit Freuden aufnahm, was irgend der Wissenschaft diente. Keine Form wies er verächtlich ab; in Allem suchte er das Beste. Von ausschließenden Leibnizianern hatte er so wenig Begriff, daß vielmehr seine Schriften und Briefe darauf arbeiten, in Zukunft alle Secten zu vernichten, aus Alten und Neuen die Wahrheit zu lernen und auch einer sonst schlechten Schrift den Beitrag nicht abzuleugnen, den sie dem Gemeingute der Menschheit liefert. Ich wünschte, daß seine Gedanken, seine Urtheile über die verschiedensten Schriftsteller in ihrer ganzen großen Unparteilichkeit für Jünglinge ausgehoben und als Leibniz' Geist , als die einzige, immer frische und neu strömende Quelle der Wissenschaft dargestellt würde. Vor einigen Jahren erschien, wie mich dünkt, eine Schrift, die der » Geist des Herrn von Leibniz « hieß; wahrscheinlich aber ist's nicht der rechte Geist gewesen; denn er ist ohne Wirkung bald verschwunden. Doch was sage ich Wirkung ? Hat Leibniz auf die deutsche Nation gewirkt? Sogar seine Schriften sind von uns noch nicht gesammelt; und nachdem ein Ausländer Christian Kortholt war zu Kiel geboren, aber schon 1730 nach Leipzig gekommen und 1742 Professor in Göttingen geworden. Von dem Commercium epistolicum Leibnitianum von Gruber erschien 1745 nur der Anfang, und in demselben Jahre der Briefwechsel mit Bernoulli . Ein paar einzelne Briefwechsel mit Leibniz gaben Michaelis (1755) und Vesenmeyer (1788). Erst in unserm Jahrhundert ist auch für den Briefwechsel von Leibniz Bedeutendes geschehen. – D. sie für uns zu sammeln die Mühe nahm, haben wir sie noch nicht einmal ergänzt. ——— 62. Wollen Sie Sich überzeugen, daß Leibniz auch bei seinen Lebenszeiten in Deutschland eine ziemlich fremde Pflanze gewesen, so lesen Sie das Leben , das sein nächster Bekannter, Eccard , von ihm geschrieben; seine Bekanntmachung haben wir dem gelehrten Murr »Journal zur Kunstgeschichte«, Th. 7. S. 123 ff. – H. zu danken. Die blühende Aloe sandte reiche Gerüche um sich her; allenthalben wollte sie Wurzeln schlagen und neue Absenker pflanzen. Es gelang ihr hie und da, ohngeachtet des sträubigen Erdbodens, und wäre Leibniz die Stiftung einer Akademie der Wissenschaften zu Wien und Dresden so geglückt, wie ihm die Akademie zu Berlin glückte, welche unnennbar gute Folgen hätten sich seitdem verbreitet! Sein Geist lebte in einer idealischen Welt, im Reich aller denkenden, fürs Wohl der Menschheit wirkenden Geister. Für diesen großen Staat schrieb er seine Aufsätze, meistens auf Veranlassung fremder Aeußerungen, und unterhielt einen so ungeheuren Briefwechsel, daß man ihn einen Mitarbeiter und Präsidenten der Gesammtakademie aller europäischer Wissenschaften nennen könnte. In seinen näheren Verhältnissen aber war er hier Kanzleirevisionsrath, dort Geschichtschreiber des fürstlichen Hauses; hier schrieb er für einen Pfalzgrafen, der König von Polen werden, dort für deutsche Fürsten, die Gesandte beim Friedensschluß haben wollten, u. s. w. Er unterhielt die Fürsten mit Curiosis , wenn es auch nur ein wunderbar gestalteter Rehbock sein sollte, Fürstinnen mit sinnreichen philosophischen Gedanken, Neugierige mit dem, was sich in andern Ländern zutrug; erfand für den Bergbau Werkzeuge, Maschinen, Windmühlen und – that doch nicht zur Gnüge. Zwei Jahre vor seinem Tode ward dem alten Mann nachdrücklich befohlen, »die Historie des Hauses vor allen Dingen fertig zu machen«, und als er begraben ward, »war das Einzige zu verwundern,« sagt sein getreuer Amanuensis und College Eccard , »daß, da der ganze Hof ihm zu Grabe zu folgen invitirt war, außer mir kein Mensch erschienen, so daß ich dem großen Mann die letzte Ehre einzig und allein erwiesen.« Zur Erläuterung dieses Umstandes wird in den schätzbaren Zusätzen zu Eccard 's Lebensbeschreibung Folgendes angegeben: »Der König war damals nicht mehr in Hannover. Der Monarch stand eben nicht allzu wohl mit dem Wiener Hofe, und es mißfiel ihm, daß Leibniz 1713 ohne Erlaubniß nach Wien gegangen und über anderthalb Jahre außen blieb, auch die Reichshofrathsstelle angenommen hatte. Se. Majestät sagten daher einstmals, da ein Hündchen, welches verloren gegangen, zu Hannover ausgetrommelt wurde, halb im Scherz, halb im Ernst: »Ich muß wol meinen Leibniz auch austrommeln lassen, um zu erfahren, wo er jetzt stecken mag.«« – Eine merkwürdige Erläuterung. – H. Im Jahr 1695 schrieb er an Burnet : »Unbequem ist mir's, daß ich nicht in einer Stadt wie Paris oder London lebe, wo viele gelehrte Männer sind, deren Hilfe man sich bedienen, von denen man lernen kann; denn viele Dinge sind von der Art, daß ein Mensch allein sie nie zu Stande bringen mag. Hier findet man kaum Jemand, mit dem zu sprechen ist, oder vielmehr es ist hier zu Lande nicht hofmännisch, sich von gelehrten Dingen zu unterhalten.« Noch das Jahr vor seinem Tode hatte er sich vorgenommen, nach Paris zu reisen und da sein Leben zu beschließen. »Weil er nicht zum Abendmahl ging,« sagt Eccard , »schalten die Prediger oft öffentlich auf ihn; er blieb aber bei seiner Weise. Gott weiß, was er vor Motiven dazu gehabt; die gemeinen Leute hießen ihn daher insgemein auf Plattdeutsch Lövenix , welches qui ne croit rien heißt.« Aus seinen Schriften und Bemühungen für die Vereinigung der Kirchen kennen wir seine reinen und aufgeklärten Religionsgrundsätze gnugsam; gewiß kann man ihm nicht den Vorwurf machen, daß er zu wenig geglaubt habe. »Kurz vor seinem letzten Augenblick wollte er noch etwas aufschreiben. Als ihm Papier, Tinte und Feder gereicht wurden, fing er an zu schreiben, das er aber nicht mehr lesen konnte, als er es bei dem Licht durchsehen wollte. Er zerriß das Papier, warf es weg und legte sich zu Bette. Er versuchte nochmals zu schreiben, verhüllte sich die Augen in seine Schlafmütze, legte sich auf die Seite und entschlief sanft, nachdem er sein ruhmvolles Alter auf 70 Jahre, 4 Monate und 24 Tage gebracht hatte.« Lesen Sie Eccard's Lebensbeschreibung; das Barbarus hic ego sum Aus Ovid ( Trist ., V. 10. 16), mit dem Schlusse: » quia non intelliger ulli .« – D. wird Ihnen manche Seite ins Ohr flüstern. Fontenelle sagt in seiner Lobschrift gar artig: »Aus vielen Hercules habe das Alterthum nur einen Hercules gemacht; er sehe keinen andern Rath, als den einen Leibniz in viele Gelehrte zu decomponiren; denn sonst würde bei dem beständigen Uebergange von Schriften des verschiedensten Inhalts, alle zu einer und derselben Zeit geschrieben, diese unaufhörliche Mischung von Gegenständen, die in Leibniz' Kopf seine Ideen nicht verwirrte, eine Verwirrung und ein embarras in sein Eloge bringen.« Und doch wünschte ich fast, daß Leibnizens Vaterland diesen embarras , diese passages brusques et frequens d'un sujet à un autre tout opposé, qui ne l'embarrassoient point , in Leibnizens Arbeiten nicht gebracht hätte, um den einen Hercules in mehrere Hercules zu decomponiren. Wie anders konnte Newton in England seine Werke vollenden! Sie wissen, daß Leibnizens Verlassenschaft in der landesherrlichen Bibliothek zu Hannover aufbewahrt wird, und es ist zu erwarten, daß die Regierung, die für alle und allerlei Wissenschaften mehr als irgend eine andre in Deutschland thut und gethan hat, einem dazu tüchtigen Manne, unter gegebner bürgerlichen Treue, die Bekanntmachung des Inhalts derselben auftrage. Der einzige Band, den Raspe mit Kästner 's Vorrede von daher ans Licht stellte, ist vielleicht mehr werth als Leibnizens »Theodicee« selbst; und wer unternähme es, für den kleinsten Zettel Leibnizens in Ansehung der Idee verantwortlich zu werden, die er darauf nur hinwarf? Dankbar erkenne ich jede Blume, die eine würdige Hand nicht auf Leibniz' verscharrte Asche, sondern dem ewigen Ehrenmal streut, das er sich selbst errichtet hat. Die Wolffische Schule, so ungleich sie seiner Denkart war, hat ihm gleichsam ein Kenotaphium gebaut; durch sie ist eine Klarheit der Begriffe und eine Präcision des Ausdrucks in unsre Sprache gebracht worden, die ihr vorher unbekannt waren. Sollte, da ihre Periode vorüber ist, Jemand noch jetzt Bedenken tragen, Leibnizens Briefwechsel mit Wolff herauszugeben, der, was er auch enthielte, dem Letztern nicht anders als zur Ehre gereichen könnte? Auch außer dieser Schule, wie jugendlich lieb ist mir Alles, was Leibniz ehrt und in sein Licht stellt! Jede Zeile, die Kästner in mancherlei Art und Form zur Ehre und zum Verständniß seines Landsmannes schrieb, von Cochius jede kleine Abhandlung in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin (wären doch von ihm noch ungedruckte Abhandlungen vorhanden!) sind mir schöne Reste von Philosophen der alten Zeit . Hören Sie, was Leibniz von seinem Censorgeist sagt: »Niemand hat weniger Censorgeist, als ich habe. Sonderbar ist's; aber mir gefällt das Meiste, was ich lese. Da ich nämlich weiß, wie verschieden die Sachen genommen werden, so fällt mir während dem Lesen meistens bei, womit man den Schriftsteller vertheidigen oder entschuldigen könnte. Sehr selten ist's, daß mir im Lesen etwas ganz mißfällt, obgleich freilich dem Einen dies, dem Andern das mehr gefallen möchte. Ich bin einmal so gebauet, daß ich allenthalben am Liebsten aufsuche und bemerke, was lobenswerth ist, nicht was Tadel verdient.« Könnte der Geist der Philanthropie selbst billiger und milder denken? Und doch, warum erfuhren eben die friedliebenden, die billigsten Gemüther, Erasmus, Grotius, Comenius, Leibniz , so manchen übeln Dank ihrer Zeitgenossen? Die Ursache ist leicht zu finden: weil sie parteilos und jene mit Vorurtheilen befangene streitende Parteien waren. Diesen gaben Unwissenheit, Eigennutz, blindes Herkommen, gekränkter Stolz und zehn andre Furien das Streitgewehr oder den Dolch der Verleumdung in die Hände; Jene kämpften friedlich hinter dem Schilde der Wahrheit und Güte. Der goldene Schild der Wahrheit und Güte bleibt; ihre Streiter können persönlich fallen, aber ihr Sieg ist wachsend und unsterblich. ——— Sechste Sammlung. (1795.)   63. Auch die griechische Kunst ist eine Schule der Humanität ; unglücklich ist, wer sie anders betrachtet. Als die Natur, die sich in allen ihren Hervorbringungen einwohnend und lebendig offenbart, auf unsrer Erde zur höchsten Höhe ihrer Wirkung stieg, erfand sie das Geschöpf, das Mensch heißt, in dessen Gliederbau sie alle Regeln der Vollkommenheit, nach denen sie in ihren andern Werken, theilweise und zerstreut, mit ungeheurer Kraft und unübersehlichem Reichthum gearbeitet hatte, im kleinsten Raum, im wirksamsten Leben zusammendrängte. Kräfte, die sie in andern Elementen, dem Wasser, der Luft, oder auch auf der Erde in großen Organen auszubilden sich Zeit und Raum nahm, deutete sie im Menschen oft nur an, ordnete aber alle diese Millionen Kräfte und Gefühlsarten in ihm so künstlich, so harmonisch zusammen, daß er nicht nur als ein Inbegriff aller dieser Fühlbarkeiten unsrer Erde , wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, sondern auch als ein Gott dasteht, der diese in ihr zusammengedrängten, in seiner Natur begriffenen Gefühle selbst zusammenstellt, schätzt und ordnet. Die ganze Natur erkennt sich in ihm wie in einem lebendigen Spiegel; sie sieht durch sein Auge, denkt hinter seiner Stirn, fühlt in seiner Brust und wirkt und schafft mit seinen Händen. Das höchst- ästhetische Geschöpf der Erde mußte also auch ein nachahmendes, ordnendes, darstellendes, ein poetisches und politisches Geschöpf werden. Denn da seine Natur selbst gleichsam die höchste Kunst der großen Natur ist, die in ihm nach der höchsten Wirkung strebt, so mußte diese sich in der Menschheit offenbaren. Der Bildner unsrer Gedanken, unsrer Sitten, unsrer Verfassung ist ein Künstler ; sollte also, da Kunst der Inbegriff und Zweck unsrer Natur ist, die Kunst, die sich mit dem Gebilde des Menschen und allen ihm einwohnenden Kräften darstellend beschäftigt, für die Menschheit von keinem Werth sein? Von einem sehr hohen Werthe! Sie hat nicht nur Gedanken, sondern Gedankenformen, ewige Charaktere sichtbar gemacht, die mit solcher Energie weder Sprache, noch Musik, noch irgend eine andre Bemühung der Menschen ausdrücken konnte. Diese Formen ordnete, reinigte sie und stellte sie selbst in deutlichen, ewigen Begriffen dem Auge jedes Sehenden für alle Zeiten dar, in welchen sich Menschheit in diesen Formen genießt und fühlt, in welchen Menschheit nach diesen Formen wirkt. Sie giebt uns also nicht nur eine sichtbare Logik und Metaphysik unsers Geschlechts in seinen vornehmsten Gestalten, nach Altern, Sinnesarten, Neigungen und Trieben, sondern indem sie diese mit Sinn und Wahl darstellt, ruft sie als eine zweite Schöpferin uns schweigend zu: »Blicke in diesen Spiegel, o Mensch! Das soll und kann Dein Geschlecht sein. So hat sich die Natur in ihm mit Würde und Einfalt, mit Sinn und Liebe geoffenbart. Also erscheint das Göttliche in Deinem Gebilde; anders kann es nicht erscheinen.« Auf diesem Wege gingen die Griechen; zu dieser Idee arbeiteten sie hin. Ohne ihre Kunst würden wir manche Gedanken ihrer Dichter und Weisen nicht verstehen; als öde Worte schwebten sie vor uns vorüber. Nun hat sie die Kunst sichtbar gemacht und damit auch den ganzen Geist der Composition ihrer Schriften, den Zweck ihrer Sittenformung, und was sie sonst unterscheidet, in anschaulichen Bildern dem menschlichen Verstande vorgestellt, kurz, anschauliche Kategorien der Menschheit gegründet. Davon verstanden nun freilich jene Barbaren nichts, die in einem Basaltkopfe Jupiter 's nichts als den schwarzen Kopf eines Satans, im schönen Apollo einen wahrsagenden bösen Geist und in der himmlischen Aphrodite eine unzüchtige Dirne zerstörten. Der einzige Begriff, daß alle diese Kunstwerke Gegenstände der Abgötterei, Behausungen orakelgebender, lustverführender, böser Dämonen seien, hing wie ein schwarzer Nebel vor ihren Augen, daß sie den wahren Dämon, das Ideal der Menschenbildung in ihren reinsten Formen , nicht zu erkennen vermochten. Auch Keinem von Denen wird er sichtbar, die in der Statue nur die Statue, in der Gemme den Edelstem und in Allem nur Pracht, Zierrath, herkömmlichen Geschmack oder Alterthums- und mechanische Kunstkenntnisse suchen. Am Weitsten entfernt davon eine falsche und enge Theorie, die sich gegen jede Aeußerung und Offenbarung des menschenfreundlichen, wahrheitdarstellenden Gottes hinter Wortlarven mit einem kalten Stolze brüstet. Zu uns wird der Dämon der Menschennatur aus den Werken der Griechen rein und verständlich sprechen können; denn wir werden ihn mitfühlend, sympathetisch hören. Schwärmerei und Begeisterung können uns hier nicht helfen, wo es auf helle Begriffe über die Frage ankommt: » Wie zeigt sich der Genius der Menschheit? auf wie verschiedene Art in Hauptformen? welches sind unter diesen die höchsten Punkte, gleichsam die consonen Stellen der gespannten Saite, in welchen Harmonie tönt ?« Hätten Sie Lust, mit mir unter diesen Himmel glänzender Sternbilder zu treten? Nur aus einem tiefen Thale kann ich von fern auf sie weisen; dennoch aber wird sich Ihr Geist beflügeln, daß Sie ausrufen: »Siehe da den hellen Zodiakus der sichtbar gewordenen bedeutenden Menschheit !« ——— 64. Die erste Kindheit , als ein noch unreifes Gewächs der Natur, haben die Griechen seltner gebildet. Hercules an der Brust der hohen Juno ist die einzige mir erinnerliche Darstellung eines Säuglinges, obgleich mehrere Kinder in Armen zart getragen werden. Sei es, daß sie diese süße Pflicht der Mutter zu den Geheimnissen der häuslichen Kammer rechneten, die nicht jedem Blick offen stehen müßte, oder daß sie solchen Geheimnissen lieber das Gebiet der Malerei anwiesen, indem diese eine Mutter und ihr Kind durch Blick und Liebe so viel sanfter in Eins zu verschmelzen weiß: gnug, das bloße Bedürfniß eines bedürftigen Wesens gaben sie bildend weniger dem Auge preis. Die schönen Kinder, die die griechische Kunst schuf, waren schon in Spielen begriffen, in Neckereien mancher Art, am Liebsten mit einem sanften Thier, einem Vogel, mit einem Neste von Vögeln oder mit Früchten. Diese Vorstellung setzt uns jedesmal in das Leben der Kinder, in die unschuldigen Vergnügungen der Kindesjahre. Ihre Natur athmet die volle Gesundheit, die offne Fröhlichkeit, die uns Kinder so lieb macht. Die höchste Idee aller Kinder – was konnte sie also sein? Im Himmel und auf Erden nichts anders als Eros, Amor, Unschuld und Liebe . Sind Kinder nicht sichtbar gewordene Darstellungen eines Moments der Liebe , in dem sie ihr Wesen empfingen? Und in welche Gestalt konnten die mancherlei Spiele und Neckereien, die Vergnügen und Unbesonnenheiten, die uns die Liebe spielt, die wir ihr unschuldig spielen, besser gekleidet werden als in die Gestalt des Kindes oder Knaben Amor's? Bei den Dichtern, insonderheit des Idylls oder der Fröhlichkeit und Freude, hatte er so viele Scherze begonnen; er begann sie auch in der Kunst , und aus manchen Vorstellungen derselben wäre noch viel Niedliches zu dichten. Seine Geschichte mit der Psyche ist der vielseitigste, zarteste Roman, der je gedacht ward, über den schwerlich etwas Höheres auszudenken sein möchte; auch seine Tändeleien mit der Mutter und mit andern Göttern sind voll Grazie und Schönheit. Setzt man nun hinzu, daß die meisten dieser Spiele Amor's und seiner Gesellen, die man Liebesgötter oder kindliche Genien zu nennen pflegt, nur zur Verzierung, auf schmalen Basreliefs, wo ihnen der Ort ihre Kleinheit erlaubte, ja solche nöthig machte, oder auf geschnittenen Steinen, Siegelringen und sonst an Plätzen oder Plätzchen vorkommen, an denen diese Tändeleien ein angenehmes Mehr als nichts waren, so tritt Amor mit seinen Brüdern gerade in das Licht, in welchem er auf der Tafel der Menschheit zu stehen verdient. Der kleine Gott der Götter wird ein Amulet der Brust oder ein angenehmes Nebenwerk, das sich hie und da einschleicht, das man immer gerne sieht, und den man zum verschwiegenen Boten lieber als den Boten der Götter selbst braucht. Außerdem aber war Amor nicht ein Kind; ein schöner Genius war er, und Hymen sein Bruder. Hiemit komme ich zu Euch, Ihr Genien der Jünglingschaft , schönste Blüthe des menschlichen Lebens. Was Winckelmann von Euch in seinen schönen Träumen gedichtet hat, ist kein Traum; auch der Name Genius, den man Euch gegeben, ist ein treffender Name; denn welcher holderen Idee könnte man am Geburtstage seines Daseins opfern? So dachte sich die Natur ihre schönsten Kinder, Engel in Menschengestalt, oder vielmehr Menschen, aus deren Gestalt man den Engel abzog. Süße Ruhe, holde Einfalt, ein nüchternes Insichgekehrtsein , dem das Leben selbst noch wie ein Traum der Morgenröthe vorschwebt, die unbefleckte Rose der Jugend , die noch von keinem Sturm gebrochen, von keiner Mittagssonne versengt ist, o wie liebe ich Euch, Ihr zarten Sprossen der Menschheit, und ehre mich, daß ich Euch liebe! Ein Blick auf Dich, Du Vatikanischer oder Borghesischer Genius, vernichtigt die Verleumdungen, die man über die Liebe zu Jünglingen den edelsten Griechen gewacht hat; wie rein war die Idee, in welcher diese Geschöpfe, die Blüthe der Menschheit , gedacht und gebildet wurden! Es haben Einige ein Trauriges, einen düstern Zug an diesen Genien bemerken wollen; sie haben aber, wie mich dünkt, Zeiten und Gattungen verwirrt. Die Antinous haben freilich einen düstern Zug, wie sie auch ihrem Urbilde nach haben sollten; so wie überhaupt die Kunst zu Hadrian 's Zeiten schon sehr repräsentirt und aus sich selbst heraustritt . Aber jene Genien einer ächten Gattung sind in sich gesenkt, als ob keine Welt um sie wäre, und fühlen sich im leisesten Selbstgenusse zufrieden. Die Idee, der Traurigkeit, die wir in sie legen, kommt wahrscheinlich von uns selbst her; wir empfinden ihre Blüthe nämlich auf so zarter Sprosse, daß uns, mitten im Genuß, der Unbestand derselben zu schmerzen anfängt. Wir, zumal fremde Nordländer, fühlen, der zarte Ton verhalle, die Rosenknospe entwickle sich und ersterbe. Das sollten wir indeß nicht fühlen, vielmehr dem Schöpfer der Natur danken, daß er uns eine solche Blüthe menschlichen Daseins zeigte. Was Anakreon und die Anthologen, Die Dichter der Anthologie . – D. was Sappho, Platon und, wenn er noch vorhanden wäre, Ibykus von schönen Jünglingen gedichtet und gesungen haben, bliebe uns ohne diese sichtbar gewordenen Ideen vielleicht ein leerer Hall, an den wir kein Bild heften könnten; jetzt überzeugt uns das Auge von der Wesenheit jener lieblichen Träume und bestimmt sie uns in Bildern. Das männliche Geschlecht ging in der Kunst der Griechen dem weiblichen vor; doch ward auch diesem sein reicher Antheil an der Kunst nicht versagt. Nymphen, Grazien, Horen , ja die Parzen, Furien und Medusa selbst empfingen ihr Antheil an dieser Blüthe jungfräulicher Jugendschönheit. Warum bist Du von Hercules' Knieen entrückt, Du Göttin mit der Schale ewiger Jugend, blühende Hebe ? Ihr Horen um Jupiter's Haupt, Ihr Schwester-Grazien , die Ihr, in untrennbarer Liebe verschlungen, am Cephisusstrom Eure ewigen Tänze feiert, warum erscheint Ihr uns in Nachbildern, die uns nur Eure Idee gewähren? Indessen haben wir Figuren des Alterthums gnug, um den Begriff der weiblichen Jugendschöne aus ihnen zu schöpfen. Und Ihr heiligen Musen , vor Allen Du, hochaufsteigende Melpomene , mit Deinem Antlitz voll edlen Unmuths und hoher Würde, so oft ich bei Euch (ungleich an Kunst, wie Ihr dastehet) im Vaticanischen Tempel war, dünkte ich mich, zwar nicht auf dem Parnaß zu sein und Eures begeisterten Führers Apollo Stimme zu hören; aber in der Gesellschaft reiner Wesen fand ich mich, deren Jede uns mit ihrer Bildung, mit ihrem Anstande, ihrer Aufmerksamkeit und Geberde mehr sagt, was Dichtkunst, Musik, Wissenschaft und Muse des Lebens sei, als eine Encyklopädie uns sagen könnte. Ihr kehrt den Blick gewaltig in uns und macht uns scheu, Euren Namen nur auszusprechen oder den Saum Eures Gewandes zu berühren. Im Capitolium rupft die Muse der Sirene mit Schmerz den Flügel, und in mehreren Darstellungen wird Marsyas dem Apoll ein gräßliches Opfer. Wenn die griechische Kunst der weiblichen Jugend Grazientanz, fröhlichen Leichtsinn oder Schüchternheit, Spröde , endlich jenen noch ungebändigten Stolz zum Charakter gab, den mehrere griechische Dichter in Worten charakterisirt haben, so sei es erlaubt, mich von ihnen zu einer unglücklichen Familie zu wenden, die für mich in ihrem heiligen Stil die hohe Tragödie der Kunst ist, Niobe mit ihren Kindern . Ich will sie mit Worten nicht entweihen; aber einige Töchter und einige Söhne machen einen so reinen und tiefen Eindruck, daß jeder Vater, jede Mutter wünschen müßte, Kinder ihrer Art zu erzeugen, jede Braut und jeder Bräutigam, sich in diesem Geschlecht zu verloben. In dem Zimmer zu Florenz, wo ich mich mit den Eingekerkerten einschloß, kamen mir alle Unglücksfälle vor Augen, die je auf Erden eine schuldlose schöne Familie betroffen haben möchten; statt aller stand sie mir da, im Mutter- und Jugendschmerz eine heilige Krone. Vgl. Herder's Werke, I. S. 237 f. – D. Soll ich nach ihr alle Scenen durchgehn, wo Empfindungen der Bruder - und Schwester -, der Freundes - und Gattenliebe in stummen Bildern rührend dastehn? Nie bin ich, Ihr schönen Jünglinge, die man Orest und Pylades nennt, nie von Euch, Ihr stillen Vertrauten, die man als Hippolytus und Phädra fälschlich anklagt, nie von so mancher andern Gruppe, da sich auf dem Grabsteine noch, das Kind in ihrer Mitte, liebende Hände den Bund der ewigen Treue schwören, weggegangen, ohne daß mein Herz durch die Innigkeit der Gefühle, die aus diesen Gebilden sprachen, innig erweicht war. Vgl. Herder's Brief an seinen Sohn August in den »Erinnerungen«, III. 291 ff. – D. Ich war in einer andern Welt gewesen und sprach zu mir: »Könntest Du mit ihnen leben und wärest Einer derselben! Der ganze Habitus der Menschheit , wäre er in Unschuld, Liebe und Einfalt noch nach diesem Bilde gebildet!« Solche Gefühle hatten mir zur Aufmerksamkeit auf Alles, was diese meine geliebten Menschen anging, auf die Verhältnisse ihrer Glieder, ihren Stand, ihre Geberde und Sitte , den Grad der Leidenschaft , dessen sie fähig schienen, auf ihre Kleidung und ihren Wink das Auge geschärft. Soll ich Ihnen aus dieser stummen Schule der Humanität Einiges noch erzählen? Ich darf voraussetzen, daß den Lesern dieser Briefe die in ihnen angeführten Denkmale der Kunst, wenn nicht in den Urbildern, so doch in Abgüssen, Abdrücken, Zeichnungen, Kupfern oder aus Beschreibungen, z. B. in Winckelmann 's »Geschichte der Kunst«, Stolberg 's »Reisen« u. A., endlich wenigstens aus der Mythologie bekannt sind, ihnen also eine Classification nach der reinsten und höchsten Bedeutung nicht unangenehm sein werde. – H. ——— 65. Von Menschen komme ich zu Helden - und Göttergestalten , ob ich deren gleich auch schon einige vorübergehend berührt habe; wir betrachten sie hier, wie sie es auch waren, als reine Formen der Menschheit . Jeder Held erscheint in seinem Charakter . Der schöne Kopf, den man den Achilles nennt, sowie Ulysses, Ajax u. s. w., sie zeigen, in welcher hohen Idee die Griechen sich jene Helden Homer's gedacht haben. Und hierin sind sie im gehörigen Maaß des Abstandes von so vielen Köpfen der Dichter, der Dichterinnen und Weisen nicht verschieden; die meisten davon sind idealisch gebildet, nicht weniger als Apollo und die Musen. Eben aber durch diese idealische Formerfindung werden sie lehrreich. Man sieht, wenn das Bild alt und ächt ist, wie die Kunst sich aus dem Inbegriff der Gesänge und Sagen einen Homer , wie sie sich einen Pythagoras und Plato dachte. Der Held der Helden ist Hercules ; er ist es auch in der Kunst, sofern diese ihr Ideal nicht höher hinauftreibt, als daß sie unbezwingbare Stärke , unerschöpfliche Kräfte in einem Menschenkörper darzustellen zum Zweck hat. Mittelst solcher Glieder hat er seine Thaten gethan und den Olymp ersiegt; die Fabeln hievon hat die Kunst mit großer Energie ausgebildet. Hercules in mehreren seiner Gefahren, insonderheit wie er den Höllenhund bezwingt, gab eine schöne Gruppe, und sein Torso, in welchem er von seinen Mühseligkeiten ausruht, ist durch Michael Angelo der neuern Kunst ein großes Vorbild worden. Köpfe vom jungen Hercules sind von unbeschreiblicher Schönheit, und seine Jole, Omphale Dejanira sind von der Kunst und Dichtkunst sehr wohl gebraucht worden. Da indessen die bloße Uebermacht körperlicher Stärke in der menschlichen Natur noch kein höchstes Ideal giebt, eine wohlthätige Güte aber in Hercules' Thaten schwerlich sichtbar gemacht werden könnte, so ging seine Idee gleichsam mit der Zeit nicht mit; er blieb ein Kolossus der alten Fabel. Uns zumal dünken seine riesenhaften Schenkel auch in Glykon 's Kunstgebilde ungeheuer und geistlos. Lieber verweilen wir z. B. an Laokoon 's Bilde. Der heilige Mann, der durch seinen verständigen Rath ein Retter des Vaterlandes werden wollte und dadurch die feindliche Göttin erzürnte, wird mit seinen geliebten Kindern, die am Altar neben ihm dienen, von ungeheuren Schlangen ergriffen und mit Jenen zu einer Todesgruppe verschlungen. Sein Arm, seine Brust, seine Seele hat ausgekämpft; das Gesicht gen Himmel gekehrt, athmet er sie aus in einem unermeßlich tiefen, langen Seufzer. Fürchterlich schöne Gruppe; ein Ideal der Kunst auch für das Gefühl der Menschheit. Reiner kann schwerlich ein Märtyrer gedacht, rührender und zugleich bedeutend schöner im Kreise der Kunst schwerlich vorgestellt werden. Die Schlangen verunzieren nichts, und in ihren Banden macht der stumme Seufzer des Leidenden eine Wirkung, die St. Sebastian, Lorenz und Bartholomäus nicht gewähren mögen. Hercules auf dem Berge Oeta war zu solchem Zweck nicht bildsam. Zu welcher schrecklichen Sprache könnte der Seufzer Laokoon's lautbar gemacht werden, wenn wir ihn wie den Philoktetes auf Lemnus jammern hörten! Vgl. Herder's Werke. I. S. 236 f. – D. Nicht aber Laokoon, Ihr seid meine Helden der Kunst, Kastor und Pollux auf dem Quirinalischen Berge; in Euch lebt mein Pindar. Großes Werk, eines Phidias und Polyklet 's nicht unwürdig, uns wenigstens außer Griechenland und nach dessen zerstörten Heiligthümern statt der Werke des Phidias und Polykletus . Ebendaselbst, S. 234. – D. »Lebten Menschen wie Ihr?« fragte mein emporklimmender, umwandelnder Blick. »Nein!« antwortete der Geist, der Euch umschwebt; »aber uns dachten, uns bildeten Menschen. Heldenjünglinge wie wir waren einst in der Seele vieler junger Männer und Helden. Auch den Dichtern sind wir erschienen, und das Vaterland hat auf uns gerechnet.« Lebt wohl, Idole der Menschheit! Das Wetter ziehe Euch vorüber, und eine freche Faust müsse Euch nie berühren! Ehe wir höher hinaufsteigen, lassen Sie uns auf dieser Höhe des Heldenideals verweilen! Zu den Füßen dieser göttlichen Menschen sitzen wir nieder, die Idee des Weges zu sammeln, den wir zurückgelegt haben. Die griechische Kunst kannte, ehrte und liebte die Menschheit im Menschen . Den reinen Begriff von ihr zu erfassen, hatte sie sich auf vielseitigen, mühsamen Wegen, über schroffen Felsen, durch tiefe Abgründe mit manchen Uebertreibungen und Härten unablässig bestrebt, bis dann selbst diese übertreibende Mühe, die die Wahrheit um so schärfer verfolgte, nicht anders als zum Gipfel der Kunst führte. In allen Menschenaltern und jeder ihrer merkwürdigsten Situationen in beiden Geschlechtern hatte sie die Blüthe des Lebens gewonnen, die auf solchem Stamme blüht; denn die Griechen besaßen noch Einfalt des Geistes, Reinheit des Blickes, Muth und Kraft gnug, diese als eine vollständige, durch sich bestehende Idee in ihren Werken darzustellen und zu vollenden. Im Kinde dachten und bildeten sie die Kindheit, im Jünglinge den Frühling des Lebens, im Manne den Göttersohn voll Selbstgenusses in Kraft und Würde. An dieser Heldenidee nahm auch das weibliche Geschlecht Theil, wie jene schönen Bilder der Amazonen zeigen, deren manche im Geist eins Schwester des Kastor und Pollux zu sein verdiente. Nachdem in allen diesen Formen die Kunst der reinen Idee Selbstständigkeit, Würde , eine in allen Theilen lebendig gewordene Bedeutung gegeben und sie von jedem Ungewissen, schwankenden oder fremden Beiwerk wie durchs Feuer gereinigt hatte, so war von diesen Gebilden nothwendig auch jene Kraft, die ausfüllend zum Verstande und zum Herzen in höchster Einfalt spricht , unabtrennlich. Der Zwang der Materie war überwunden; Geschlecht, Alter, Charaktere waren in ihrer Verschiedenheit und leisen Angrenzung aufs Sicherste bemerkt; und mit gegebenen großen Vorbildern in jeder Art und Gattung waren dauerhafte Kategorien der edelsten und schönsten Menschenexistenz geordnet. Auf wie wenige Hauptformen tritt die formreiche menschliche Natur in Gesinnungen, Leidenschaften und Situationen zurück, wenn wir sie mit dem weisen und nüchternen Auge der Griechen ansehn! Der biegsame, kraft- und schönheitreiche Gliederbau der Menschheit, in wie wenige Hauptbedeutungen löst er sich auf, sobald die Seele Kraft hat, diese in jedem Theil, in jeder Stellung ganz zu behaupten! Unvergeßlich und ewig lehrreich sind mir die Stunden, da ich vor den Kunstgebilden der Alten, wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, die Mechanik und Statik menschlicher Seelenkräfte im menschlichen Gliederbau ruhig betrachtete und abwog. Welche Freuden schöpfte ich in Erwägung der Symmetrie und Eurhythmie , noch mehr aber der schönen Gegenstellung , die in Ruhe und Bewegung nach verschiedener Art der Charaktere diesen göttlichen Körpern mitgetheilt ist, also daß sich die Seele liebreich strenge, bis im Wurf des Gewandes und in seinen Falten, wie ein wehender Geist offenbart! Ihr habt unsre Natur gekannt und geadelt, Ihr Griechen; Ihr wußtet, was das menschliche Leben in seinen vorübergehenden Scenen sei, das Ihr auf so manchen Sarkophagen ebenso richtig und wahr als einfältig und rührend vorgestellt habt. Da erfaßtet Ihr die Blüthe jeder flüchtigen Scene und heiligtet sie in einem nie verwelkenden Kranz der Mutter des Menschengeschlechtes. Wenn unsre Art je so entartet werden sollte, daß wir diese innere Kraft und Anmuth der Menschheit , das hohe Siegel unserer Existenz, gar nicht mehr erkennten, dann zerbrich, o Natur, die Form Deines ausgearteten edelsten Geschöpfes! oder vielmehr sie zerbräche von selbst und zerfiele in Staub und Scherben. Und wodurch kamen die Griechen zu diesem Allen? Nur durch ein Mittel: durch Menschengefühl , durch Einfalt der Gedanken und durch ein lebhaftes Studium des wahrsten, völligsten Genusses, kurz, durch Cultur der Menschheit . Hierin müssen wir Alle Griechen werden, oder wir bleiben Barbaren. ——— 66 Mit heiligem Ernst treten wir zu Olymp hinauf und sehen Götterformen im Menschengebilde . Jede Religion cultivirter Völker, die christliche nicht ausgenommen, hat ihren Gott oder ihre Götter mehr oder minder humanisirt ; die Griechen allein wagten es, humanisirte Gottheiten, ihrer und der Menschheit würdig, in Kunst , d. i. auf eine dem Gedanken rein und völlig entsprechende Weise darzustellen . Oder vielmehr sie läuterten alles Schöne, Vortreffliche, Würdige im Menschen zu seiner höchsten Bedeutung , zur obersten Stufe seiner Vollkommenheit , zur Gottheit hinauf und theisicirten die Menschheit. Andre Nationen erniedrigten die Idee Gottes zu Ungeheuern; sie huben das Göttliche im Menschen zum Gott empor. Unten sahen wir einen Reiz der Jugend , dessen flüchtige Blüthe wir bedauerten; unter den Göttern ist er verewigt, eben dadurch, daß er aufs Höchste geläutert ward. Als das himmlische Sinnbild aller Jünglingsgenien auf Erden steht Dionysos hier, dessen zarte Idee die niedern Sterblichen so mißkennen, daß ich seinen Namen Bacchus kaum zu nennen wage. Er ist die sichtbar gewordene ewige Fröhlichkeit , im Genusse sein selbst, ohne Anstrengung und dennoch mit der leichtesten Elasticität ein süßer Beglücker der Götter und Menschen . Im schönen Charakter dieses thätigen süßen far niente rettete er einst den Olymp und cultivirte die Welt durch Gaben und Geschenke. Sein Dasein ist ein ewiger Triumph unter Trauben, mit denen er die Sterblichen erquickt und getröstet hat, unter dem ewigen Freudenliede jauchzender Mänaden. Und an seiner Seite senkt den liebetrunknen Blick auf ihn die durch ihn gerettete selige Ariadne . Von ewigem Dank und innigem Ergehen strömt der gerührte Blick, den keine Mänas, keine Baccha mit ihr theilt. Ohne Kinder, in seligem Anschaun des Genusses feiern die Zwei ihr unzerstörbares Triumphleben, in welchem Bacchus selbst die Blüthe der Weiblichkeit in seiner Natur genießt. Lebt wohl, Ihr glücklichen Beiden, Du Gerettete und Du ihr Retter! habt viel Nachfolger auf der Erde, die unter Scherz und Freude die Menschheit beseligen, die retten und wohlthun, ohne daß sie es Zwang kostet! Den Triumphwagen solcher Gemüther umjauchzen dankende Chöre. Schöne Statuen sind vom Bacchus da, und das Capitolinische Haupt der Ariadne ist ganz ihr Charakter. Neben Bacchus steht Apollo , das höchste Symbol aller Heldenjünglinge der Menschheit . Ueber Kastor und Pollur erhaben ist seine Gestalt, ein sichtbar gewordener Heldengedanke . Seine Thätigkeit ist Blick, Gang, Dasein, Sieg mit der Schnelle des Pfeiles. Und dieser kühne, rasche, selbst zornige Jüngling rührt in andern Gestalten die Leyer, der alle Musen horchen. Ihr horcht der Schwan oder Greif zu seinen Füßen, ihr horcht die Natur. Aller Musen Künste sind diesem Heldenjünglinge eigen, der ein Ideal griechischer Cultur ist zur thätigen und musenhaften Heldenjugend . In seinen drei Hauptstellungen, als Sieger, Sänger und ruhender Jüngling, ist er immer Apollo, auch wenn er sanft angelehnt nur die Eidechse tödtet. Und neben ihm seine unermüdliche Schwester Diana . Sie, die Jungfräulichkeit , daher auch die Keuschheit und immer muntre Thätigkeit selbst , ohne welche jene nicht bestehn konnten. In der grünenden Natur, mit Nymphen umgeben, eine Göttin unter den Nymphen, eilt sie dahin wie ein jugendlicher Hirsch, unbewußt ihrer Schönheit; ihr Blick ist in der Ferne. Und wenn in ihrem Herzen der Funke der Liebe zündet und sie den Endymion belauscht, wie rein und stille verschwiegen ist dieser Anblick! wie rührend stellte ihn auf Grabmalen die griechische Kunst vor! Jünglinge und Mädchen sangen das Lob des Apoll's und der Diana in Wechselchören; denn beide Gottheiten waren das Abstractum ihrer Tugend . Erst nur wenn Hymen den Gürtel der Jungfrau löste, trat die Verlobte aus dem Dienste der strengen Diana ins Gebiet der schamhaften Aphrodite. In Apoll 's schönen Darstellungen ist also eine der höchsten Zierden menschlicher Tugend erhalten; und wenn die Bildnisse der Schwester dem Ideal des Bruders nicht gleich sein möchten, so verleugnet dennoch keine Vorstellung den Charakter einer Artemis oder der sanfteren Luna . Eine dritte Jünglingsart steht dort an der Pforte des Olympus; es ist Mercur , der Gott schlauer Beredsamkeit , der behendesten Betriebsamkeit in allen Geschäften . Er hat den Apoll überlistet, hat mancherlei Anschläge erfunden und trägt den Beutel. Auch trägt er Botschaften und geleitet die Seelen selbst zum Orcus, geflügelt an Füßen und Haupte. Es ist ein geschäftiger, munterer Gott, das Haupt einer großen Gemeinschaft, die in ihm personificirt ist, ein unentbehrlicher Gott im Himmel und auf der Erde. Fabel und Kunst haben ihn so vollkommen ausgebildet als den Jupiter oder die Minerva; er ist aber ein Erdgeborner, der Maja Sohn, subaltern an Dienst und Charakter. Wir wollen den schönen Gott, schön an Haupt, an Füßen und Händen, nicht ohne Betrachtung vorbeigehn. Bemerken Sie, wie er lauscht, wie er mit sich selbst und seinem Schlangenstabe und seinem Hahn und Beutel so ganz Eins ist, ein vortrefflicher Gott an der Pforte. Dir nahen wir uns, himmlische Aphrodite , unübertroffenes Ideal des weiblichen Liebreizes , einer sittlichen Schönheit . Aus der Welle des unruhigen Meeres stiegst Du hervor, vom lauen Zephyr getragen; da legten sich die Wellen, Deine sittsame Gegenwart machte sie zum Spiegel der Lüste. Bescheiden trocknetest Du Dein Haar, und jeder fallende Tropfe Deines irdischen Ursprunges ward ein Geschenk, eine Perle der Muschel, die Dich wollüstig in ihrem Schooß wiegte. Du stiegst zum Olymp, und die Götter empfingen Dich in Deiner Gestalt; denn sie selbst war Deine Hülle; die Grazie, mit der Du Dich, durch und durch sichtbar, dem Auge unsichtbar zu machen weißt, diese in sich gehüllte Scham und Bescheidenheit ist Dein Charakter. Auch auf dem häuslichen Altar der Griechen standst Du nicht anders als unter diesem Bilde; denn nur Scham kann Liebe erwecken und zeugen. Es ist ein verfehlter Charakter, wenn Aphrodite zurückblickt oder sich mit Wohlgefälligkeit zeigt; ihre Schönheit ist die, daß sie, sich vor ihr selbst gleichsam und vor Allem verbergend, Himmel und Erde entzückt, dem wegschlüpfenden Thautropfen einer jungen Rose ähnlich, in dem sich die anbrechende Morgenröthe spiegelt. Das bedeutet ihr Apfel, das ihre Taube; dahin hat sie der Sinn der Griechen, selbst mit ihrem zu kleinen Köpfchen und was man sonst an ihr tadelte, gedichtet. Bescheidenheit und eine kunstlose Scham, die selbst die höchste Kunst ist, sind und wecken den Liebreiz. Es giebt keine feinere Zunge dieser Wage. Neben ihr stehe die verschleierte Vesta. Als die große Mutter der Natur kennen wir sie nur auf Gemmen oder in der Flamme ihres Altars; aber ihre Vestalen, die Dienerinnen ihres heiligen Herdes, sind uns ehrwürdige Jungfrau-Matronen . Aus jeder Falte ihres Gewandes hätten Nonnen und Heilige lernen können, was zu beobachten sei, um in einer reinen Menschheit also ehrwürdig zu erscheinen, daß man bei einer kaum sichtbar gewordnen Hand und dem engelreinen Antlitz den großen dichten Schleier heiliger Gelübde verehrt. Wieder lasse ich mich am Kuß dieser Vestale nieder und frage: »Was helfen uns diese Bilder? diese so groß und rein und richtig bestimmten Menschenideale?« – und antworte mir selber: »Viel! sehr viel!« Dort nahm Pallas dem Diomed die Wolke vom Auge hinweg, daß er einen Gott und einen Sterblichen unterscheiden konnte; eben diese Wohlthat wird uns durch dies Studium der griechischen Kunst gewährt. Leibhaft wandeln unter uns keine Apollos und Dianen umher; jene Anlagen des Charakters aber, die eine Diane oder Vestale, eine Ariadne oder Anadyomene, einen Mercur, Bacchus, Apollo, im höchsten Ideal gaben, sind in zerstreuten, oft sehr verworrenen Zügen vor uns. Diese Anlagen nur zu erkennen, ist eine Charakteristik menschlicher Denkarten und Seelenformen nöthig, die sich auf wilden Wegen schwerlich erlangen läßt. Sind Linneus' genera plantarum das Inventarium der Botanik worden, schätzt man seine nach Naturkennzeichen gegebnen Thierclassen hoch: sollte es nicht auch Menschenclassen nach Natureigenschaften geben? und wären diese, auf die reinsten Begriffe gebracht und in unzerstörbaren Formen dargestellt, nicht aller Betrachtung werth? Daß die Griechen den Menschen mit einem unbefangeneren, schärfern Blick angesehen haben als wir, wird Niemand leugnen; daß unsre Temperaments- und physiognomischen Einteilungen zu nichts Sicherm führen, muß Jedermann klar einsehn: warum liegen uns denn jene von Meistern erfundenen scharfen und großen Formen der Unterscheidung so weit ab? Warum sonst, als weil wir sie nicht verstehen oder zu gebrauchen nicht vermögen? Wir fühlen, daß der edelste Same, unter uns aufkeimend, kein Klima zum Aufkommen, geschweige einen Olymp zur Gottesgestalt findet, und tappen also fort im Nebel. Wenn aber die liebliche Scham, die seelenverhüllte Vestale oder Dianens keusche Tochter keinen Olymp verdienen, genießen sie nicht eines häuslichen Altars? Eine reine Kritik dieser der erlesensten Menschenformen , die man Göttergestalten nennt, prüft und sichert unser Urtheil auch für alle sittlichen Compositionen . Von wie manchem Nebenbegriff bin ich frei geworden, wie manche Meinung habe ich vergessen lernen, seitdem die Kunst der Griechen, gestützt auf ihre Weisheit und Sittenlehre, meine Führerin ward! Demüthig wie ein Fragender zu Delphi frage ich mich: »Hat diese Composition, hat dies Urtheil, hat dies Werk einen Werth ? haben sie einen sittlichen Charakter ? Von welcher Art ist dieser? hoch oder niedrig? und ist er sich selbst treu, in sich beständig?« Durch diese ernsten Fragen, wie Manches lernt man vergessen und wegthun! Dies Urtheil über eine Composition z. B. kann nur auf zwiefache Weise, subjectiv und objectiv, ein Gewicht haben. Subjectiv , indem der Urtheilende den ganzen Sinn des Werkes, das er beurtheilt, treu erfaßt, ihn in allen Theilen festhält und dessen Bestandheit oder Unbestandheit wie in einem Kunstwerk zeigt. Objectiv , indem er uns das reine Richtmaaß vorhält, nach welchem und nach keinem andern es gebildet werden konnte und sollte. Thut der Urtheiler Keins von Beiden, oder verwirrt er beide Arten mit einander; ist er so schwach, daß er den Sinn des Gedankenwerks oder der Handlung weder zu begreifen noch darzustellen vermag, oder so anmaßend, daß er eine ungeprüfte mangelhafte, falsche Regel aus Unkunde oder Vermessenheit uns als ein Gesetz vorhält: wer wird darüber ein Wort verlieren? Seitdem ich über den Vaticanischen Apollo, über Laokoon und die tragische Muse, über das Ideal der Alten u. s. w. gehört und gelesen habe, was ich darüber gehört und gelesen, kümmern mich wenige Urtheile mehr, aber das Urtheil der Wenigen, die eine vollständige Idee des Werks als eines griechischen Kunstwerks haben, gehen mir auf Leib und Leben. Was endlich die Anwendung dieser großen Gedanken betrifft, wozu sind die Bilder meiner Götter und Helden nicht angewendet worden? Das muß den Meister eines Werks nicht kümmern; gnug, sie stehen da und leben. Wenn ihr inwohnender Genius sie nicht schützt und aus ihnen spricht, so ist alle Wache und Fürsprache verloren. ——— 67. Die Idee des Kriegesgottes unter dem Bilde des Mars ( Ares ) war den Griechen seit dem Homer nicht so geehrt, als sie es den Römern ward, die von diesem Gott ihr Geschlecht ableiteten. Seine Statue ist selten, und wo man sie dafür hält, wird sein Ansehn durch Ruhe oder durch Amor und Venus gemildert. Die nackte Idee eines Kriegers kann als ein unbestimmter Begriff kein hohes Ideal geben. Eben also Vulcan . Der Gott aller Künstler, der nur als ein Werkmeister bei seiner Arbeit vorgestellt werden konnte, war eines hohen Ideals unfähig. Prometheus selbst gab mit seiner Menschenbildung zu schöneren Ideen Anlaß, insonderheit unter dem Beistande der Minerva. Feierlicher erscheint jene große und zärtliche Mutter, die Hausmutter der Erde, Ceres, Demeter . Ruhig und hausmütterlich ist ihr Anstand; wie erschreckt und eilig aber schwingt sie die Fackeln, wenn sie ihre verlorne Tochter Proserpina sucht! Diese Geschichte, eine der sinnreichsten und bedeutendsten des Alterthums, ist in ihren schönen Vorstellungen auf Grabmälern der Menschheit so lieb als die Geschichte Endymion's, der Psyche oder die Scenen des menschlichen Lebens von Prometheus an bis zum schüchternen Eintritt der Seele ins Reich des Aïdes . Traurig und milde thront Proserpina da, sie selbst eine geraubte Königin des Orcus . Noch drei Göttercharaktere sind vor uns, Pallas, Jupiter und Juno . Das Bild der Pallas , die zuerst eine fürchterliche Kriegesgöttin war, ist viel bedeutender und edler als Mavors ausgebildet worden; denn eine mächtige Städtebeschützerin war sie, keine tobende Wilde. Sie vereinigte Muth mit Verstand und war dadurch von jeher dem roh angreifenden Mars überlegen. Vor ihrer Brust das Haupt der Medusa und jenen Schild, den Homer lebendig beschrieben, in ihrer Hand den mächtigen Speer, den schrecklichen Helm auf ihrem Haupte, war und blieb sie selbst die heilige Jungfrau, die, aus dem Haupte Jupiter's entsprossen, gleichsam sein sichtbar gewordener mächtiger Schreckgedanke und in der Folge die Göttin aller Weisheit , insonderheit des häuslichen ruhigen Fleißes war. In beiden Eigenschaften ward sie gebildet; bald als jene furchtbare Göttin, deren plötzliche Gegenwart Verwirrung und Flucht bringt, bald als die friedliche Städtebeschützerin, die Mutter aller nützlichen Künste. In beiden Vorstellungen ist ihre dämonische, mächtig stille Gegenwart wirksam. Wie vor einem hinabgeschwebten olympischen Wesen steht man vor der Minerva Giustiniani; man wagt ihr kaum zu nahen, und doch ist ihr Dasein so in sich geschlossen und friedlich. Keine andre Göttin führt diese Gattung heiliger Majestät bei sich, die eine Pallas auch nicht verläßt, wenn sie in häuslichen Künsten arbeitet. Dank dem glorreichen Athen, das seine Göttin so schön ausgebildet! Es weihte ihr alle Kränze, die aus seinem Flor entsproßten, indem das Fest der Gedankentochter Jupiter's sein großes Fest war. Mit Andacht opferte ihr Mutter und Kind, der Krieger wie der Weise. Das verschlossene Bild der Juno Ludovisi stellt die Königin des Himmels dar, des höchsten Gottes Schwester und Gemahlin. Alle weibliche Majestät, Pracht und Größe ist in dies ruhige Antlitz gesenkt. Sie hat nicht Ihresgleichen; Ihresgleichen kann sie nicht haben, die göttliche, königliche Juno. Besäßen wir vom Jupiter selbst ein Bild wie dieses! Dennoch aber, ob uns gleich ein Phidiasbild vom höchsten Gott fehlt, ist sein Charakter in allen Vorstellungen merkbar, Macht, Weisheit und Güte in ein unsterbliches Haupt versammelt. Was sein Weib in stolzem Anstande zeigt, das ist er in ruhiger Würde, Vater der Götter, König des Himmels und mit seinem Stabe ein Hirt der Völker. Der Blitz in seiner Hand hat die Riesen zerschmettert und die Lüfte gereinigt, sein Blick hat den Elementen Frieden geboten; darum feiern um seinen Thron Grazien und Horen unzertrennbare Reigentänze. Sein Haupthaar, dessen Wallen den Olymp erschüttert, fällt in ruhigen Locken nieder; sein Mund ist gütig, und der Wink seines Augenbrans verheißt dem Flehenden, der sein Knie berührt, väterlichen Beistand. Heil dem Gott der Götter! Er gebe seinen erdgebornen Söhnen, was er hat und ist, mächtige Güte, gnädige Weisheit ! Nach Jupiter darf ich von seinen beiden Brüdern nicht reden; sie tragen seinen Charakter, nur in niedrigern Reichen. Neptun in den Wellen des Meers zeigt den Sturm desselben, aber nur in seinem Haar; sein Anblick glättet das Meer und gebietet Stürmen und Wellen Friede. Pluto 's (Jupiter-Serapis) Antlitz mit seinem düster gütigen Blick eröffnete mir jedesmal die dunkle Unterwelt, wenn ich ihn ansah. In düstern Gegenden ist dieser traurig ernste und doch milde Jupiter König. So charakterisirten die Griechen Leben und Tod, Himmel und Orcus. O wären uns von so manchen Gottheiten, die im Pausanias genannt sind, Abbildungen übrig! wir hätten eine Charakteristik selbst aller Leidenschaften der Seele . Wenn dieser mein Brief öffentlich bekannt würde, so könnte es schwerlich anders sein, als daß er Manchem enthusiastisch vorkäme. Diesem aber hätte ich nur Eins zu sagen: »Gehe hin, sieh und betrachte! Je kälter, desto besser; um so mehr wirst Du, was ich andeutete, finden. Nur habe kein vorgefaßtes System!« Alle wissen wir, daß die Götter der Griechen, in verschiedenen Gegenden entsprossen, hie und dort anders gedacht, mit Nebenumständen oft verkleidet, von Dichtern äußerst verschieden behandelt, von Philosophen endlich mit Allegorien dergestalt überladen worden sind, daß man in jedem Gott einen ganzen Olymp von Göttern finden könnte. Aus diesem Allen folgt aber nichts, was meiner in Denkmalen vorliegenden Wahrheit zuwider wäre. Der Mytholog zähle jede örtliche Gottheit mit ihren Attributen und Namen her: eine sehr lehrreiche Tempelreise. Der Ausleger bemerke jede Verschiedenheit der Götterfabel nach Zeitaltern, Dichtungsarten und einzelnen Dichtern: eine sehr lehrreiche Reise, wenn sie mit Aristoteles ' Scharfsinn angestellt wird. Unter andern guten Folgen würde sie uns auch vor der unseligen Uebertragung des Bildes einer Dichtungsart in eine von ihr verschiedene, ja vor hundert andern unnützen Anführungen bewahren. Der Kunstliebhaber reise die Kunstwerke durch, sowol die noch vorhanden sind, als auch von denen die Alten reden. Er untersuche das Spiel der Künstlerideen nach Zeiten, Gelegenheiten, am Meisten nach dem Ort und Zweck ihrer Anwendung; denn unmöglich können doch Statuen, Basreliefs, Gemmen und Münzen auf einen Fuß genommen, Zeiten und Länder verwirrt und Alles wie auf einer Tafel betrachtet werden. Hierüber ist noch wenig geleistet worden, zumal so viele schöne Basreliefs noch nicht bekannt und wenige Kunstliebhaber in dem glücklichen Fall sind, alles Bekanntgewordene zu kennen oder mit Muße zu gebrauchen. Endlich vergleiche dieser Kunstliebhaber Künstler und Dichter – von allen vorigen das schwerste Werk, das nicht nur Gelehrsamkeit, sondern auch Verstand und einen wirklichen Kunst- und Dichtersinn fordert. Hier brach Lessing eine große Bahn, auf welcher aber noch nicht weite Schritte gemacht sind. Eine feste Kritik hierüber würde uns vor mancher unglücklichen Anwendung der Kunst auf die Dichter, die in theuren Werken vor uns liegen und doch bloße Barbarei sind, bewahren. Alle diese und noch mehrere Erwägungen aber verrücken den Gesichtspunkt nicht, den ich verfolgte, nämlich: » Welche reine Idee lag der Kunst, und zwar in ihren heiligsten Werken vor, die öffentlich dargestellt und für die Ewigkeit geschaffen wurden? Wie kam die Kunst zu ihr? wie hat sie solche ausgeführt ?« Dies dünkt mich gleichsam das letzte, innigste Resultat beim Ueberschauen ihrer Werke, in denen der Künstler nicht eigenmächtig spielen, sondern den Charakter seines Gegenstandes als eine bleibende, ja gar als eine höchste Idee angeben wollte. Würde mir also Jemand gegen meinen Jupiter die Vase zeigen, auf der er als Maske die Rolle des Amphitruo spielt, oder gegen meine Juno ihren Zank im Homer anführen, so könnte ich ihm nichts sagen als: »Für Dich habe ich nicht geschrieben.« Ich schrieb von den Idealen der Humanität in der griechischen Kunst , und diese bleiben fest, wenn auch bei Dichtern und Künstlern tausend Inhumanitäten vorkämen; von diesen möge ein Andrer schreiben. ——— 68. »Aber, mein Freund, die Faunen , die Satyren, Pan, Silen , der indische Bacchus , die Mänaden , die Centauren , an mehrere Ungeheuer nicht Zu denken – wie bestehen diese mit Ihrem Ideal der Humanität in griechischen Kunstwerken? »Zweitens. Und hätten die Griechen uns denn Alles vorweggenommen? wären außer diesen und hinter ihnen nicht noch andre, feinere sittliche Ideale möglich? Ja, wären diese von mehreren Künstlern nicht wirklich gegeben? »Endlich, was hilft uns diese Humanität der Griechen, da wir nicht Griechen sind? Unser Himmel, unsre Einrichtungen, unsre Lebensweise legen uns andre Bedürfnisse auf und fordern von uns andre Pflichten. Wir lüsten also, wenn wir jene, soll ich sagen feinere oder gröbere Sinnlichkeit alter Zeiten, jugendlicher Völker der Welt begehren, nach einer uns versagten, dazu gefährlichen Traube. Unsre Humanität blüht in philosophischen Begriffen ohne sinnliche Darstellung. Die Blüthenzeit ist vorüber; wir kosten Früchte. »Wollten Sie uns wohl einige dieser Zweifel lösen?« ——— 69. Die Satyren der Griechen sind ebensowol Denkmale ihrer humanen Weisheit als die erhabensten Götterbilder. Nicht Alles läßt sich in der Menschheit zum Helden und Gott idealisiren; deshalb aber ist dieser Theil unsers Geschlechts so ganz und gar nicht verwerflich. Es giebt eine geringere, eine Faunen - und Satyrennatur in der menschlichen Bildung, die wir nicht verleugnen können; sie ist behend, aufgeweckt, lustig, munter in Einfällen, in ländlichen Scherzen und Spielen, dabei lüstern, üppig, übrigens einem Theil nach (denn es giebt auch grobe, böse Faunen) gutartig, dienstfertig, wohlgefällig, freundlich. Warum sollte man diesen Geschöpfen, die einst die Besitzer der jungen Welt waren, ihre Freuden und Spiele stören? Warum sollte man diesem Satyrus, der mit so unendlichem Appetit die süße Traube kostet, jenem Faunchen, das die Nymphe belauscht oder hascht, jenem andern, der mit kindischer Freude die Flöte bläst oder gaukelnd aufhüpft, ihre jugendliche Freude, ihre unerfahrne Lüsternheit und Neugier rauben? Vergnügungen oder Lustkeime dieser Art machen ja einen so großen Theil der Jugendfreuden aus, die man unschuldige Freuden zu nennen gewohnt ist; und manche Charaktere haften daran zeitlebens. Also bemächtige sich auch die Kunst dieser Classe der Menschheit; nur sie sondre sie ab und charakterisire sie also, daß man sogleich ihre Natur wahrnimmt . Dies hat die Kunst gethan, und zwar (ich gehe Alles vorüber, was für lüsterne Augen, in Wollustkammern oder Gärten gemacht wurde) auf eine dem Genius dieser Gattung ganz gemäße Weise. Diesem jungen Satyr sprießt ein Hörnchen, jenem ein Schweifchen; sein spitzes Ohr lauscht, sein Blick, seine Zunge lüstet: also ist er schon seiner Art nach zum gaukelnden Sprunge, zur lüsternen Fröhlichkeit gemacht; in dieser Art hat die Kunst ihn ergriffen und charakterisirt. Es giebt Satyren von großer Schönheit; nur sobald sie Satyren sind, zeichnete sie die Kunst aus, als der reinen Menschheit nicht ganz würdig. War es Grobheit oder zartes Gefühl, das diesen Unterschied machte? Unser Auge würde vielleicht nicht beleidigt, wenn ein ganz menschlicher Jüngling mit einer Nymphe scherzt; das Auge der Griechen ward es. Die Gestalt eines Jünglinges war heilig; aber ein Satyr durfte so scherzen und tändeln. Diese charakteristische Unterscheidung, die Begierden solcher Art gleichsam an die Grenze der menschlichen Natur rückte, war also höchst sittlich gedacht, und die reine menschliche Natur, insonderheit der menschliche Jüngling ward durch sie sehr geehrt. Ueberhaupt machen wir uns von dieser ganzen Gattung Geschöpfe zu grobe Begriffe, weil unserm Klima die ländlichen Spiele und Feste, die dazu Gelegenheit gaben, fremde sind. Wir denken uns allenthalben grobe Waldfaunen und Waldteufel, von denen dort nicht die Rede war; es waren bekannte fröhliche Masken . Die Griechen hatten sogar eine eigne Gattung Schauspiele, wo nur Satyren sprachen und hüpften: Schauspiele, die unmittelbar hinter den größten Stücken Aeschylus' und Sophokles' gespielt wurden, und deren sich die größten Meister nicht schämten. Diese Stücke waren Denkmale der Freiheit und Fröhlichkeit alter Zeiten; ein Satyr durfte sprechen, was der ehrsame Mann nicht sprach, und man durfte es hören; denn es sprach's aus den Kindeszeiten der Welt ein Satyr. Neuere Künstler haben dies sittliche Costume, was einem Menschen und einem Satyr zieme, nicht eben so genau unterschieden. Damit habe ich zugleich dem Silen , dem sogenannten indischen Bacchus , den Centauren, Sirenen , noch mehr aber jenen Ungeheuern, die sich ganz von der menschlichen Natur absondern, das Wort geredet. Bei uns laufen alle diese Dinge durch einander; der Silen heißt ein ehrlicher Mann, der gerne trinkt; Jahrhunderte lang waren unsre Trimalcions Vgl. Brief 47 (S. 212). – D. Leute von der großen Welt; ihre Sitte hieß Hofsitte und Kunst zu leben. Bei den Griechen nicht also: Silen und Trimalcion waren Masken ausgezeichnet niedriger Charaktere. Haben Sie in dieser Rücksicht überdacht, welchen Vortheil solche Masken der griechischen Kunst, welchen Adel sie der menschlichen Bildung gaben? Durch sie ward von unsrer Natur abgesondert, was sie verzerrt, was ihr nicht ziemt. Alle Carricatur nämlich war in Masken verlegt, classificirt und geordnet. Damit blieb sie vom edlen menschlichen Körper getrennt; kein Hogarth durfte Prometheus sein und Menschen bilden; wohl aber konnte das Kind, der Knabe mit Masken spielen, selbst Jupiter und Mercur konnten in Masken agiren, wenn sie's gut fanden. Sie waren jetzt nicht Götter, sondern Mißgestalten; denn wer eine solche Maske trägt, bezeugt eben damit, daß er jetzt kein Mensch oder Gott, sondern das Thier, der Thor sei, in dessen Gestalt er erscheint; der edeln Menschengestalt, die bei den Griechen über Alles galt, hat er entsagt. Selbst an die griechische Classification und Ordnung dieser der Menschheit unwürdigen Formen hat kaum ein neuer Begriff gereicht. Die Centauren der Griechen, insonderheit Chiron , der den Achilles unterweist, haben mich immer lehrreich vergnügt. Ich kann den Gedanken, daß eine verständige, zärtliche, tapfere und keusche Thierheit die Erzieherin und Wiederherstellerin des Menschengeschlechts sei, nicht zarter ausdrücken, als er hier ausgedrückt ist; denn Swift 's edle, verständige und keusche Huynhms , im Contrast seiner Yahoos , Vgl. Herder's Werke, II. S. 291. – D. sind gegen die Dichtung der Griechen barbarische, in sich selbst nicht bestehende Gedanken. Chiron unterweiset den Achill nicht etwa in der Jagd allein, sondern in allen Künsten der Musen, sorgsam, strenge und zärtlich. Die Leyer in der Hand eines Centaurs, eine mit ihren menschlichen Mutterbrüsten nährende Centaure, auf deren Rücken Amor sitzt, würde den Stoff zu einer äußerst sittlichen Unterhaltung geben, auf welche die Deutungen der Fabel, daß dergestalt die Helden der Vorwelt cultivirt worden, selbst weisen. So auch Ihr, Ihr schönen Medusen, Gorgonen, Sirenen, Scylla und Charybdis , Ihr Bacchen, Mänaden, Titanen und Cyklopen , wo und wie Ihr in der Kunst der Griechen erscheint, seid Ihr an Eure Plätze geordnet. Unter uns lauft Ihr umher; ein Titane läßt sich als Held, eine Meduse als Charis, eine Baccha als die Königin des Himmels anschauen und physiognomisch malen. Wären wir den Griechen nicht Dank schuldig, daß, was wir nicht können, sie gethan und nach unveränderlichen Regeln und Kennzeichen Classen geordnet, Abarten ausgezeichnet und die reine Form von der Unform getrennt haben? Auch die Barbaren und den sogenannten Trimalcion haben sie treffend bezeichnet. ——— 70. Ihre zweite Frage: »Haben die Griechen uns Alles vorweggenommen, und sind nicht nach und hinter ihnen andre, feinere und sittlichere Ideale möglich? Ja, sind diese nicht vielleicht schon längst in der neueren Kunst gegeben?« – diese Frage wird sich, wie mir es scheint, aus dem Vorigen von selbst beantworten. Die Griechen nämlich haben, indem sie Alles ordneten, als Räuber nichts vorweggenommen; sie haben der Erfindung keines sterblichen Menschen geschadet, sondern dieser Raum gemacht und sie geleitet. Im Anbeginn der Dinge, sagen die Dichter, schwebte Alles in wüster Unordnung, und es war zu nichts Raum. Da begann eine Welt; Jedes ordnete sich zu Seinesgleichen; es wurden Planeten und Sonnen. Elemente sonderten sich; es entstanden Kunstgeschöpfe. Nun ward Raum; denn die harmonischen Töne der Weltleyer waren erklungen, und Alles gesellt sich seitdem zu seinem Geschlecht, zu seiner Ordnung. Noch jetzt erhalten sich alle Classen der Lebendigen also; so reihen noch jetzt sich Sonnen an Sonnen, Nebelsterne ziehen sich zu Systemen zusammen und gewähren Raum; so ward und so wird die Schöpfung. Auch die Kunst, die Schöpfung der Menschen, nicht anders. Die Griechen erfanden und vollendeten Ideale ; sie schufen Classen der Menschheit und trennten ab, was nicht zu ihr gehört. Damit bildeten sie den reinen göttlichen Begriff unsers Geschlechts zart und vielseitig aus; wem haben sie hiemit geschadet? Wer sich edler als Kastor und Pollux, schöner als Dionysos oder Apollo, jungfräulicher als Diana, dämonischer als Minerva fühlt, der trete her, und die Kunst wird ihm opfern. Ein König, der über Jupiter, eine Königin, die über Juno herrlich, eine Geliebte, die zärtlicher ist als Psyche, trete her, und die Kunst wird ihr opfern. Die hohen Sternbilder, die geordneten Sonnensysteme stehen da, und zwischen ihnen ist Raum zu andern Systemen. Jede reine Idee, die ein vollendetes Bild giebt, theilt nachbarlichen Ideen Klarheit mit; dies zeigt die griechische Kunst in hohem Grade. Aus jener bescheidenen Aphrodite ward mit einer kleinen Veränderung eine Nemesis ; aus ihr und aus allen ursprünglich wenigen Götterformen, wie viel Ideen sind erwachsen! Parzen und Eumeniden, Grazien und Horen, Nymphen allerlei Art, Schutzgöttinnen der Länder und Personen, personificirte Tugenden und Ideen. Eine Genealogie dieser Gestalten würde zeigen, von wie wenigen Hauptformen sie entsprossen sind, und wie sich der einmal festgestellten Ordnung nach immer Gleiches zu Gleichem gesellte. Bis auf die Münzen der Römer in ziemlich späten Zeiten erstreckte sich diese Fruchtbarkeit jener kleinen Anzahl griechischer Ideen; auf ihnen erhielten sich Bilder sittlicher Humanität selbst in Zeiten, da Alles dem Gesetz und Kriege, dem Zwange und der Noth diente. Sollten also jene Denkbilder reiner Formen der Menschheit je einem Sterblichen den Weg zu Ideen verschließen oder verschlossen haben? Niemals; nur lange Jahrhunderte waren in so dunklem Nebel, daß auch der Umriß solcher Formen nicht erkannt werden mochte. Endlich zerfloß der Nebel; der menschliche Geist gelangte wieder zu einigermaßen hellen Begriffen; Andacht und Liebe verkürzten den Weg dahin, und so sind jene Bildnisse erschienen, die wie Morgensterne aus der weichenden Nacht hervorschimmern. Man humanisirte seine Religionsbegriffe, und so trat vor allen andern die gebenedeite Jungfrau , die Mutter des Weltheilandes, in einer eignen Idee hervor, zu der ihr die griechischen Musen nicht halfen. Der Gruß des Engels half ihr dazu, der sie die Holdselige , die Gottesgeliebte , ihre eigne Demuth half ihr dazu, in der sie sich die Magd des Herren nannte. Aus diesen beiden Zügen floß ihr liebliches Wesen zusammen, das sich dem menschlichen Herzen sehr vertraut machte. Dichter hatten sie mit der Stimme des Engels in zarten Worten oft gegrüßt, zutrauliche Gebete sie liebreich angeredet: jetzt trat die Kunst hinzu, sie auch sichtbar zu machen, sie und das Kind in ihren Armen, die selige Mutter und die heilige Jungfrau . Keuschheit also und mütterliche Liebe, Unschuld des Herzens und jene Demuth, die in der größten Hoheit sich selbst nicht kennt, die in tiefer Armuth die Seligste ihres Geschlechts ist, diese neue Form der Menschheit ward vom Himmel gerufen – ein Mariencharakter . Sein unterscheidender Zug ist, wenn ich so sagen darf, jene christliche Unbefangenheit , in der die Mutter von ihr selbst, von ihrer Herrlichkeit, kaum von ihrem Kinde zu wissen scheint, das sie dennoch, das dennoch sie liebreich umfängt und den Menschen hold ist. Eine humane Gruppe, die Kind und Knabe, Mädchen und Jungfrau, Braut und Mutter, Mann und Greis, der Sterbende selbst zutrauend sanft, gleichfalls mit christlicher Unbefangenheit gern ansehn; da übrigens Raphael 's Marien, gewiß die höchsten und reinsten ihrer Art, alle Landmädchen sind, nur sehr innig gedacht und rein idealisirt. Jene Glorreiche selbst, die, das Kind im Arm, über den Wolken schwebt, kennt sich selbst nicht und ist in einer sanften Verwunderung über die Hoheit, die ihr zu Theil wird. Außer Raphael haben Wenige diese Idee erreicht; die gebeugte Schmerzensmutter gelang ihnen viel mehr. Den Sohn Gottes in Menschengestalt haben außer Raphael, da Vinci, del Sarto Wenige würdig gedacht und empfunden, also nämlich, daß die göttliche Menschheit des Erlösers der Menschen nicht zugleich Niedrigkeit würde. Das Bild des ewigen Vaters fand noch mehrere Schwierigkeiten, die Idee des gefallenen mächtigen Engels nicht minder. In Allem aber, was der nähere Kreis unsrer Menschengestalten einschließt, welchen Reichthum schöner Compositionen haben in Neueren eben die Alten erweckt und befördert! Wer hat je Raphael 's Schule zu Athen und seine andern Vaticanischen Gemälde gesehen, ohne zu empfinden: »In ihm war eine griechische Seele.« Engelsangesichte sind in seinen Gemälden; seine Muse war ein schaffender Geist, der Gestalten hervorruft und jedem Charakter mit Grazienhand das Seinige anweist. Was Angelo und so viel Andere den Alten schuldig sind, haben sie selbst bekannt; in glücklichen Zeiten der Kunst werden Andere kommen und neu erfinden. Der ideenbildende Geist ist nicht ausgestorben und kann nicht aussterben; in den griechischen Kunstwerken ist ein ewiger Same zu seiner Neubelebung. ——— 71. »Was in unserm Klima, in unsrer Verfassung uns die griechische Kunst solle,« fragen Sie? und ich antworte kurz: » Wir wollen nicht sie, sondern sie soll uns besitzen ;« gerade das Gegentheil, was jener Grieche Aristipp sagte von der Laïs: »Ich besitze sie, nicht werde ich von ihr besessen.« – D. von sich in Ansehung der Laïs rühmte. Diese Laïs verführt nur schlechte Gemüther; die besseren wird sie als eine Aspasia bilden. Wir wollen , meine ich, die griechische Kunst nicht besitzen , da so wenige nordische Seelen sie kaum fühlen. Die griechischen Kunstwerke selbst sind ja unserm unfreundlichen Klima fremde, und es dauerte mich stets, wenn ich Schätze dieser Art nach Britannien hinübergeschifft sah. Ein Raub der Proserpina! Wer wird sie in jenen Plutonischen Hainen, wo sie unverstanden, zerstreut und verschlossen dastehn, suchen und von ihnen lernen? Lasset, Ihr Weltüberwinder, den Raub Griechenlandes und Aegyptens ihrer alten Beherrscherin, dem milden und ewigen Rom, wo Jedermann, dem das Glück den Weg dahin nicht versagte, um ein Nichts zu ihnen Zutritt findet! Sendet Eure Künstler dahin, oder gewährt Euch selbst ihren mildernden Anblick; nur macht sie nicht zu Boten unter den Völkern oder zu Hermessäulen auf Euren glorreichen Wegen! Vgl. Schiller's Gedicht: »Die Antiken zu Paris« (Werke, I. S. 197). – D. Die griechische Kunst , meine ich, soll uns besitzen , und zwar an Seele und Körper. Allenthalben z. B. gingen die Völker bekleidet umher und schämten sich des Gottgebildes, das sie verhüllten; die Griechen wagten es, den Menschen in der Herrlichkeit zu zeigen, die ihm Gott anschuf. Welcher Vater, welche Mutter wünscht sich nicht gesunde, wohlgestaltete Kinder? wer erfreut sich nicht an ihrem Anblick und fühlt seine Brust erweitert, wenn er einen schamhaften Jüngling, eine züchtige Jungfrau sieht? In dieser Jugendkraft, die, von einer glücklichen Natur erzeugt, durch Mäßigkeit und Uebung allein gedeiht, fühlt Jedermann die Anlage zu einem thätigen, heitern Leben und bedauert die Gelegenheit, die ihm zu Ausbildung dieser Gestalt und Kräfte versagt ward. Wenn nun ein unfreundlicher Dämon uns die Brust zusammendrückte, sollten wir künftigen Geschlechtern nicht einen glücklichern Dämon gönnen? Und da vom Menschenschicksal viel, sehr viel in der Hand der Menschen, in ihrem Willen, in ihrer Verfassung und Einrichtung liegt, könnte uns zu Beförderung solcher Anstalten wol ein Grönländer, der aus seiner Höhle gezogen ward, oder nicht vielmehr ein Grieche, der ein Mensch wie wir war und als ein Gottesbild dasteht, erwecken und reizen? An den Körpern betrachte man der Griechen Kleidung. Die unsre hat Penia , die Dürftigkeit, selbst erfunden und eine Megära des Luxus und der Unvernunft vollendet. Die Kleidung unsrer Weiber entsprang aus der armen Schürze, die man noch bei Negern und Wilden sieht. Als sie endlich rings die Lenden umgab, ward sie zu einem Rock, der aus drückender Armuth kaum über den Nabel den Unterleib zusammenschnürt. Jahrtausende hin haben diese schnürenden Lendenschürzen fortgedauert, und um ihren Reichthum zu zeigen, legten manche nordische Volkstrachten sogar sieben dergleichen Lendenschürzen dick über einander, daß das abenteuerliche Geschöpf dem Ansehen nach auf einer Tonne ruhen möchte. Man wagte es oft nicht, diese Schürze bis zu den Füßen hinab zu verlängern, geschweige, daß man sie zu einem Gewände zu erheben sich getraut hätte, und zeigte lieber seine ungestalten Glieder. Die Bekleidung des nordischen Weibes an der Brust entsprang aus einem Mieder, das man nach und nach mit mehreren Theilen zusammensetzte, woraus dann jener unselige Seiten- und Brustharnisch entstand, der tausend Müttern und Kindern ihre Wohlgestalt, ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Freuden an Muttergeschäften gekostet hat und dennoch fortdauert. Da man einmal auf dem Wege der Mißgestalt war, so wurden mancherlei Kleidungen erdacht, um diese oder jene einzelne Mißgestalt zu verbergen, denen sodann unter dem Gesetz der Mode auch die blühendste Gestalt nachahmen mußte. Bei jeder unsinnigen Tracht nämlich kann man zeigen, welchem körperlichen Fehler zu gut sie entstanden sei, so daß man fast auch keinen körperlichen Fehler gedenken kann, den unsre weibliche Tracht nicht verbergen möchte. »Bist Du das Alles?« sagte jene Griechin zu einem europäischen Reifrock; und was der Reifrock hätte antworten können, hat Lady Montague frei gesagt. Die männliche Kleidung der Europäer hat einen ebenso barbarischen Ursprung. Zum Reiten sind wir da; das zeigt die Bekleidung unsrer Beine. Die übrigen Fetzen haben wir uns nach und nach, insonderheit der Taschen wegen, zugelegt, und als ob wir uns des Stranges unaufhörlich bewußt sein sollten, insonderheit unsern Hals jämmerlich zugeschnürt; eine Kleidung, in der wir allen Nationen der Erde lächerlich werden. Da blicke man eine Muse, eine Juno, ja nur irgend eine bekleidete griechische Nymphe an und erröthe. Man betrachte einen griechischen Mann, er sei Jüngling, Held oder Weiser, in seinem Gewände und sehe beschämt auf sich selber. Fühlten beide Geschlechter die Würde ihrer Körpergestalt und hielten ihre Zwecke für Pflicht, hätten sie sich diesen Fesseln barbarischer Dürftigkeit nicht längst entwunden? Ohne Zweifel müssen Sie in Statuen sowol als auf allen griechischen Denkmalenden bescheidenen und festen Stand, die ruhige Stellung der Personen beiderlei Geschlechts, die nicht Fechter oder Faunen sind, bemerkt haben; Winckelmann hat darüber seine für die Schönheit sehr empfindliche Seele reich ausgeschüttet und den zarten Gemüthscharakter , den diese Ruhe verräth, unübertrefflich geschildert. Vergleichen Sie damit unsre alten Gemälde in spanischer Tracht mit ihrem Ritter- und Heldentritte, oder alle jene gewohnten Geberden, die uns das Etikett der Gesellschaft auflegt. Beide Geschlechter haben in ihrer Kleidung fast keine natürliche Stellung mehr; Hände und Füße sind uns zur Last, und jene ruhige Innigkeit, die von keiner Repräsentation weiß, die auch in der Bewegung ganz für sich da ist, wir sehen sie kaum noch an einigen glücklichen Ausnahmen, in denen wir sie Unerzogenheit oder Naivetät zu nennen gewohnt sind. Und doch ist diese nüchterne Innigkeit die Grundlage aller wahren und ruhigen Besinnung im Menschen, so wie sie das Kennzeichen einer reinen Unbefangenheit , eines richtigen Gefühls , eines tieferen Mitgefühls , kurz, der einzigen und ächten Humanität ist. Wer in seinen Bewegungen zeigt, daß er nicht Zeit habe, zwei Augenblicke in sich selbst zu verweilen und ohne Rücksicht der Dinge, die außer ihm sind, sein Geschäft zu treiben, ist ein unreifes Geschöpf der Menschheit. Nur Antriebe von außen, Sturm und Zwang können ihm gebieten; er fühlt nichts von jener innern Seelenruhe, die auch im Gegengewicht und Kampf lebendiger Kräfte vermöge der Symmetrie und Eurhythmie des Körpers und der in ihr sanft ergossenen Seele auf sich selbst haftet. Aber wie soll ich das freundliche Beisammensein der griechischen Körper und Seelen unter und mit einander bezeichnen? jene Ruhe, mit der sie einander anschaun und hören? Die Ueberredung wohnt auf ihrer Lippe, ob man gleich kein Wort vernimmt; es ist ein gegenwärtiger Geist , der den Hörenden und Sprechenden bindet . Und wenn ihre Hände einander berühren, wenn dieser sanfte Arm auf der Schulter oder nur das Auge auf dem Anblick des Andern ruht, welche süße Harmonie, welche liebende Anhänglichkeit offenbart sich zwischen Beiden! Nie habe ich eine griechische Gruppe, man nenne sie Orest und Pylades , oder Orest und Elektra , Byblis und Kaunus, Pätus und Arria, Amor und Psyche , oder wie man wolle, bemerkt, ohne diese liebliche Zusammenstimmung zu fühlen, die Beide zu Einem vereint. Nie habe ich in den wenigen Gemälden, die von ihnen übrig sind, oder in ihren zahlreichern Basreliefs eine griechische häusliche Gesellschaft gesehen, in welche nicht jener Geist der Ruhe ergossen war, der unsern tumultvollen Compositionen so oft fehlt. Raphael hatte von diesem Geist empfangen; Mengs hat ihn, wenn das antike Vorgeblich Herculanische, von Winckelmann bekannt gemachte. – D. Gemälde, in welchem sich Ganymedes dem Jupiter naht, sein ist, sowol in dem Annahen selbst als auf dem Munde des Vaters der Götter in dem ewig freundlichen Kuß ausgedrückt, mit dem er ihn aufnimmt. In allen Compositionen der Angelica Angelica Kauffmann , mit welcher Herder in Italien in innigste Verbindung getreten war. Vgl. Herder's Reise nach Italien etc. Herausgegeben von H. Düntzer und F. G. v. Herder, S. 195, 266 f., 280, 294, 301 f., 322 f., 333 f. – D. ist diese ihr eingeborne moralische Grazie der Charakter ihrer Menschen. Selbst der Wilde wird durch ihre Hand milde; ihre Jünglinge schweben wie Genien auf der Erde; nie war ihr Pinsel eine freche Geberde zu schildern vermögend. Wie etwa ein schuldloser Geist sich menschliche Charaktere denken mag, so hat sie solche aus ihren Hüllen gezogen und mit einem schönen Verstande, der das Ganze aufs Leiseste umfaßt und jeden Theil wie eine Blume entsprießen läßt, harmonisch sanft geordnet. Ein Engel gab ihr ihren Namen, und die Muse der Humanität ward ihre Schwester. Meinen Sie noch, daß die Kunst der Griechen ihrem Geiste nach nicht für uns gehöre? Dem Worte selbst nach hätten Sie uns damit zu einer ewigen Barbarei verdammt. Denn, um aller Musen willen, wozu lesen wir die Griechen? Ist's nicht, daß wir eben diesen zarten Keim der Humanität, der in ihren Schriften wie in ihrer Kunst liegt, nicht etwa nur gelehrt entfalten, sondern in uns, in das Herz unserer Jünglinge pflanzen? Wer in Homer , ja in allen Schriftstellern von ächt griechischem Geist bis zu Plutarch und Longin hinab, blos Griechisch lernt oder irgend eine Wissenschaft in ihnen blos und allein mit nordischem Fleiße verfolgt, ohne den Geist ihrer Composition , diese feine Blüthe, mit innerer Zustimmung seines Herzens zu bemerken, der könnte, dünkt mich, an ihrer Statt Sinesen und Mongolen lesen. ——— 72. Der Schluß Ihres letzten Briefes scheint auf den alten Satz hinauszukommen, »daß für uns Menschen das Wahre, Gute und Schöne nur Eins sei.« Sollte es nicht aber auch ein Wahres und Gutes ohne schöne Form geben? ja, müßte sich nicht eben das höchste Wahre und Gute von aller Form entkleiden? Die Griechen lebten im Jünglingsalter der Menschheit; bei ihnen lief oft die Einbildungskraft mit dem Verstande davon, oder wenigstens lief sie ihm voran und kleidete sinnlich ein, was doch allein für den Verstand gehört. Schonend haben Sie die Mißbräuche verschwiegen, die von den Künsten des Schönen gemacht wurden und täglich noch gemacht werden. Ist's also nicht eine wohlthätige Hand, die diese Dinge scheidet? Wir Nordländer sind einmal nicht wie die Griechen organisirt; laßt Jenen statt der Wahrheit eine Aphrodite auf ihrem Altar! unsre Wahrheit ist ein unsichtbarer Geist, unsre Moral eine Gesetzgeberin für alle rein denkende Wesen, in welcher Körperform diese auch erscheinen mögen. Sinnlichkeit schadet dem Verstande; durch seine Liebe zum Schönen ging Griechenland unter. 73. Und wodurch gingen denn so viele Barbaren unter? Durch Unverstand und Tollkühnheit, durch eine erschlaffende Ueppigkeit, die ohne alle Empfindung des Schönen war, oder durch sclavische Trägheit. Also lassen Sie uns die Schicksale der Völker, die im Wurf der Zeiten von so mancherlei Umständen bestimmt werden, nicht in unsre Frage mischen. Mißbrauch bleibt überall Mißbrauch, Laster allenthalben Laster, unter welcher Larve es auch erscheine. Auch reden wir nicht von einer Sinnlichkeit , die dem Verstande entgegengesetzt wäre. Eine solche sollten wir nicht kennen, so wenig uns ein Verstand ohne Sinnlichkeit und eine Moral völlig reiner Geister bekannt ist. Nach meiner Philosophie erweisen sich alle Naturkräfte, die wir kennen, in Organen; je edler die Kraft, desto feiner ist das Organ ihrer Wirkung. Körperlose Geister sind mir unbekannt. Außer der Menschheit kenne ich überhaupt keine vernünftige Wesen, deren Denkart ich erforschen könnte; ich schließe mich also in meinen engen Kreis, ich wickle mich in den armen Mantel meines irdischen Daseins. Und in diesem finde ich durchaus keine formlose Güte und Wahrheit . Ich spreche nicht von Wortformen , die als bloße Mittel des Empfängnisses und Ausdrucks unsrer Gedanken ganz an ihrem Ort bleiben; ich rede nicht von Grundsätzen , die als Grundsätze freilich nicht dargestellt werden können, sondern von Gegenständen und Sachen , von der Natur unser selbst und der Dinge, die uns umgeben . Jede Wahrheit, die aus diesen abgezogen ward, muß auf sie zurückgeführt werden können, und eine Menschenmoral kann sich nicht anders als in menschlichen Gesinnungen, Neigungen, Handlungen äußern. Mithin hat Alles Form und Weise ; eine Form, die erkannt, eine Weise, die sichtbar gemacht werden kann und muß. Und diese Form des Wahren und Guten (verzeihen Sie meine Unphilosophie!) ist Schönheit . Je reiner sie erscheint, je lebendiger in ihr Erkenntniß und Güte ausgedrückt sind, desto mehr behauptet sie ihren Namen und übt ihre Kraft auf menschliche Gemüther und Organe. Wie das heilige Wort Güte und Schönheit (ϰαλὸν ϰἀγαϑόν) vom Pöbel gemißbraucht werde, darf und muß uns nicht irren; denn wer legte uns die verwirrte Sprache des Pöbels zum Gesetz auf? Es giebt aber keine häßliche Wahrheit, so wenig es ein häßlich Gutes geben kann: dem Erkennenden sowol als dem Ausübenden sind beide von der höchsten Schönheit . Lassen Sie uns z. B. bei der Moral bleiben. Ihr Grund liegt im Verstande und Herzen des Menschen; im Wesentlichen ist er auch von allen Völkern anerkannt; die Griechen aber haben ihren höchsten Grundsatz der Sprache nach schön ausgebildet. So verschieden ihre Philosophen sich ausdrückten, so war ihnen allen Tugend das höchste Geziemende der Menschheit in Gesinnungen, Handlungen und der ganzen Lebensweise, kurz, das Sittlich-Schöne. Plato suchte es in ewigen Ideen, Aristoteles als die feinste Mitte zwischen zwei Extremen, die stoische Schule als das höchste Gesetz aller Vernünftigen in einer großen Stadt Gottes; Alle aber kamen darin überein, daß es ein ϰαλὸν, ein πρέπον, das höchste Anständige der menschlichen Natur sei. Dies Anständige nun hat keinen Maaßstab von außen; durch politische Gesetze kann mir die reine Gemüthstugend nicht aufgelegt werden; auch die Meinungen Andrer erkennt sie als ihr Gesetz nicht. Noch weniger die Bequemlichkeit, den Nutzen, die Eitelkeit des Artigen von innen und außen; äußerst mißverstanden sind Griechen und Römer, wenn man ihr honestum , ihr pulcrum et decens dahin erniedrigt. In jedem zweifelhaften, schweren Fall setzten sie es dem Nutzen, der Bequemlichkeit, der äußerlichen Ehre und Schande gerade entgegen; Arbeiten und Mühe, Marter und Tod wählten sie für diese schöne Braut, den höchsten Kampfpreis des Lebens, das rectissimum, optimum , die Tugend . Und mich dünkt, dies höchste Anständige der Menschheit enthalte sowol die schärfste Bestimmung als den innigsten Reiz der Tugend. In ihr befolge ich nämlich nicht sowol ein Gesetz, das ich mir selbst aufgelegt habe oder als Gesetzgeber allen vernünftigen Wesen auflege. In der stolzen Monarchie mein selbst verwechseln sich oft Gebieter und Sclave; Einer betrügt den Andern; Dieser sträubt sich, Jener brüstet sich; und überhaupt ist ein Gesetz als Gesetz ohne Reiz und inneres Leben . Das mir selbst , das der Menschheit Anständige reizt; es reizt unaufhörlich als ein nie ganz zu erringender Kampfpreis, als meiner innern und äußern Natur, als meines ganzen Geschlechts höchste Blüthe. Wer dafür keinen Sinn hätte, der würde sich zwar selbst nicht verachten; er bliebe aber eben dadurch ein Unmensch, weil ihm dies Anständige , diese innere Wohlgestalt , das Gefühl und Bestreben des honesti fehlte. Er ist, in der Sprache der Griechen zu reden, ein Thier oder Halbthier, ein Centaur, ein Satyr. In der Menschheit hat dies Ideal des moralischen Anstandes so viele Stufen der Annäherung, daß es nicht etwa nur Gesinnungen für sich und die Seinen, sondern Vaterland und zuletzt die ganze Menschheit unter sich begreift. Der wäre der Edelste und Schönste, der mit den größten Gefahren, der schwersten Mühe, der langsamsten Aufopferung sein selbst nicht Freunde, nicht Kinder, nicht das Vaterland allein, sondern die gesammte Menschheit zu dieser innern süßen Würde, dem lebendigsten Gefühl des honesti jeder Art, mithin zum endlosen Bestreben nach der reinsten Menschenform heben könnte. Hier hört Despot und Sclave völlig auf; auch wenn ich mir gebiete, bin ich unter dem Evangelium, in einem Wettkampf liberaler Uebung . Wenn ich das Schwerste und Größte gethan hätte, habe ich nichts gethan; ich weiß nicht, daß ich es gethan habe; aber dem Ziel fühle ich mich näher, ein Retter , ein Erhöher der Menschheit in mir und Andern zu werden aus innerer Lust und Neigung. Sie sehen, in welchen unendlichen Plan diese Idee des Moralisch-Schönen (χαλόν χάβαδόν) gehört. »Die Erziehung der Alten,« sagt Winckelmann , Allegorie, S. 13. – H. »war der unsrigen sehr entgegengesetzt. Bei ihnen in ihren besten Zeiten wurden nur heroische Tugenden geschätzt, diejenigen nämlich, welche die menschliche Würdigkeit erheben, da andere hingegen, durch welche unsre Begriffe sinken und sich erniedrigen, nicht gelehrt noch gesucht, viel weniger auf öffentlichen Denkmalen vorgestellt wurden. Jene Erziehung war bedacht, das Herz und den Geist empfindlich zu machen für die wahre Ehre, die Jugend zu einer männlichen großmüthigen Tugend zu gewöhnen, welche alle kleinen Absichten, ja das Leben selbst verachtete, wenn eine Unternehmung der Größe ihrer Denkungsart nicht gemäß ausfiel. Bei uns wird die edle Ehrbegierde erstickt und der dumme Stolz genährt.« ——— 74. Wie wäre es, wenn ich Ihren Gang in Arkadien unter den Kunstgebilden der Griechen mit einigen Stimmen der griechischen Muse begleitete? Sie zeigen wenigstens, daß das Menschengefühl, das Werke der Kunst schuf, sie auch ansah, daß man den milden Sinn des Künstlers zu erfassen und auszudrücken strebte. Die griechische Anthologie giebt uns hiezu mehr als einen Wink, und Heyne hat in ein paar Vorlesungen diese gesammelt. Priscae artis opera ex epigrammatibus graecis partim eruta partim illustrata. Comment. I., II. (Commentationes Societatis Gottingensis historicae et philologicae, T. X.) – H. Der stolzen Juno hat wahrscheinlich ein griechisches Epigramm ihren Todfeind, den Hercules , an die Brust gelegt. Brunck, Analect ., III. 202. – H. Anthol ., IX. 589. – D. Der Dichter fand, daß die marmorne Brust, dem Kinde die Milch versagend, die Brust einer Stiefmutter, einer Juno sein müßte – nicht ohne Grund. Diese zarte Pflicht mütterlicher Liebe gehört wirklich mehr für den Pinsel des Malers als für den harten Marmor. Kräftiger drückten die Griechen die mütterliche Liebe im Kampf der Leidenschaft aus. Wie jene Henne, die, von Schnee und Kälte erstarrt, auch im Tode noch das Nest ihrer Geliebten deckt und es vor dem Tode beschirmt, Herder's Werke, VII. S. 87. – H. Wir haben die Anführungen Herder's aus den »Zerstreuten Blättern« nach unserer Ausgabe bestimmt. – D. so steht in der Kunst die für alle ihre Kinder leidende Niobe da, und die Stimme der Musen bezeichnet das Ideal der mütterlichen Heroide: Von Julianus; Anthol. Plan ., 130. – D. »Schau das lebendige Bild der unglückseligen Mutter! Noch im Tode beweint ihre Geliebtesten sie Mit unhörbarer Klage; sie steht erstarret. Der Künstler Bildete sie, wie im Schmerz lebend zum Felsen sie ward.« Und da die Bildsäule der Mutter mit den um sie getödteten Kindern einen entfernten Anblick forderte, so sprach der Dichter: Theodoridas. Plan ., 132. Das griechische Epigramm besteht aus vier Distichen. – D. »Stehe von fern und wein', anschauender Wanderer! Tausend Schmerzen zeigen sich hier, die ein unglückliches Wort Dieser Mutter gebracht. Zwölf Kinder, Brüder und Schwestern, Liegen von Artemis' Pfeil, liegen von Cynthius' Pfeil Schon danieder; die andern ereilt ihr Köcher. Es ächzet Sipylus dort auf der Höh. Schaue, die Mutter erstarrt!« In einem andern Epigramm Des Antipater. Daselbst, 133. – D. hebt sie die Hände empor; es löst sich ihr Haar; seufzend schaut sie umher; dieser Tochter schlägt das Herz in der Angst des Todes, jene schmiegt sich sterbend an sie, eine andre ist schon erblaßt. So ihre Söhne. Gram folgt der Mutter ins Todtenreich nach. Eine andre Stimme bringt der Erstarrenden die Nachricht vom Tode ihrer Kinder. Anthol. Stephani , IV. 9. – H. Nach der Reiske'schen Ausgabe, Plan ., 134. Das Epigramm ist von Meleager. – D. Kurz, Niobe steht im Namen aller Unglücklichen da, die je ein blühendes Geschlecht beweinten. Wie manche Töne der Vater- und Mutterliebe kommen uns hierüber aus der Anthologie wieder, wenn wir, wie z. B. dort auf der Mnasylla Grabe, die Tochter im Arm der Mutter verscheiden sehen Brunck, Analecta , III. 4. – H. Anthol . VII. 730. Von Herder übersetzt: Werke, VII. S. 154. – D. und sonst in mancherlei Art Denkmale der Liebe auf den Grüften der Gestorbenen erblicken. So oft mir das bekannte Bild erscheint, da Mercur eine schüchterne Seele dem gütigen Pluto und der Proserpina darstellt, höre ich jene fragende Stimme: »Du, der Proserpina Bote, wer ist es, den Du, o Hermes , Schon so frühe dem Reich dunkeler Schatten gesellst? »Jener Ariston ist's von sieben Jahren. Du siehest Zwischen den Eltern ihn dort stehen im traurigen Mal.« Thränenliebender Pluto , Dir reift ja Alles, was athmet; Und Du mähest die Frucht früh in der Blume Dir schon?« Vgl. Werke, VII. S. 101, wo das zweite Distichon anders lautet. – D. Um den Schmerz der Mutterliebe zu hören, lesen Sie der Hekuba, Prokne , der Andromache Klagen; hören Sie, wie von den Stürmen des Meeres umhergetrieben die Danaë ruft: Brunck, T . I. 121. – H. Aus einem Threnos des Simonides ( Bergk, Poëtae lyrici Graeci , 1129-1132). – D. »Als um die kunstgezimmerte Kiste Brauste der Wind und das wogige Meer, Da sank erstarret vor Schrecken Der Mutter das Herz. Mit thränenbedeckter Wange Schlang sie um Perseus ihren liebenden Arm und sprach: ›O Kind, was leid' ich um Dich! Und Du schlummerst mit Deinem unschuldigen Herzen In dieser grausen, erzumklammerten, nächtlichen Wohnung, In schwarzer Finsterniß so sanft. Der Welle, die um Dein weiches Haupthaar schlägt, Und der Winde Sausen achtest Du nicht, Da im Purpurkleide verhüllet Dein schönes Antlitz ruht. Gewiß, wenn dieses Erschreckliche Dir schrecklich wäre, Du vernähmst Von meinen Klagen ein kleines Wort. Doch schlafe sanft, mein Kind! Schlaf' auch das Meer, mein unermeßliches Unglück schlafe! Vereitle, Vater Zeus, der strafenden Eltern Rath, Und sprach ich jetzt ein zu verwegnes Wort, Verzeih, um dieses Deines Kindes willen verzeih!‹« Sie erinnern Sich jenes stürzenden Gipfels, der ein schlafendes Kind nicht trifft, weil auch der harte Stein den Schmerz der Mutter fühlte. Werke, VII. S. 54. – H. Sie erinnern Sich der Mutter, die ihr Kind vom Rande des Abgrundes mit ihrer Mutterbrust hinweglockt und ihm zum zweiten Mal das Leben schenkt. Daselbst, S. 85. – H. Diese und so manche andre Stimmen der Mutterliebe erklären uns die heilige Innigkeit, die um alle Gebilde des Alterthums in dieser Gattung schwebt. Der höchste Triumph der Kunst im Ausdruck dieser Empfindung erscheint endlich im Bilde der Medea , der Kindesmörderin selbst. Den Streit der wüthenden Eifersucht mit der mütterlichen Liebe wußte Timomachus so sichtbar zu machen, daß man sah, sie wolle tödten und retten. Im drohenden Auge hing eine Thräne, in ihr Erbarmen war Zorn gemischt; sie zögert, zur That zu schreiten: »Gnug,« sagte zum Künstler der Weise, »Gnug die Zögerung, gnug! Der Kinder Blut zu vergießen, Ziemet Medeens nur, nicht des Timomachus Hand Epigramm des Antiphilus; Plan ., 136. Eine Uebersetzung des Epigramms hatte Herder bereits im achten Buche seiner »Blumen« gegeben. Vgl. Werke, VII. S. 128 f. – D. Was hier der Weise sprach, sagte das edlere Menschengefühl dem Künstler selbst. Eine Reihe von Sinngedichten preisen diese seine Schonung; Plan ., 137-143. – H. Vgl. Werke, VII. S. 129. – D. Andre stellen das Bild der Medea als ein Schreckbild vor, an welchem auch die Schwalbe nicht nisten sollte. Werke, VII. S. 51. – H. » Athamas zürnete selbst nicht seinem Sohne Learchus Wie Medea ; sie ward Mörderin ihres Geschlechts. Eifersucht ist ärger als Wuth. Vermag eine Mutter Kinder zu morden, o, wem sollen sich Kinder vertraun?« Von Leonidas aus Alexandrien; Anthol ., IX. 345. – D. Wer, wenn er dergleichen Anwendungen der griechischen Kunst liest, wird nicht mit Freude fühlen, daß Menschen sie für Menschen geübt haben? ——— 75. Reizend wie die Kunst der Griechen, wenn sie die Kindesjahre darstellt, ist auch die Stimme der Musen, die sie erklärt. Gehen Sie alle Tändeleien durch, in welche Dichter und Künstler den kleinen Gott gesetzt haben, und nehmen ihm die Flügel, so sind es gewöhnliche Kinder- und Knabenspiele, womit er sich belustigt. Was ist holdseliger als ein schlafendes Kind? Die Kunst und das Epigramm erfreute sich also sehr am schlummernden Amor. »Man solle ihm nicht nahen,« sprach diese; »auch im Schlafe traue man ihm nicht.« Oder er wird im Schlummer gefesselt, seine Pfeile werden ihm genommen; seine Fackel wird in eine Quelle getaucht, damit sie erlösche, und es erglüht die Welle, sie wird ein Lustbad der Liebe. Was ist Kindern erfreulicher, als mit Pfeil und Bogen zu spielen, sich zu kränzen, Blumen zu brechen, Schmetterlinge zu verfolgen, wol auch zu quälen, mit dem Schwan, der Gans, der Taube zu tändeln, auf jedem Lebendigen zu reiten, sich in die Kleider, in den Waffenschmuck der Erwachsnen zu setzen, sich zu verstecken und finden zu lassen, einander zu erschrecken, sich zu maskiren! Lauter Spiele des Amor's, in Kunst und Dichtkunst, mit immer neuer Veränderung und Bedeutung. In Spielen der Kinder und einer Mutter mit Kindern ist Amor's ganzes Reich, seine Scherze und Unfälle, seine Begegnisse mit Paphia , mit der Psyche , mit Hercules , mit dem Löwen, der Biene, den Kränzen u. s. w. uns vor Augen; alle mit zartem Kindessinn gedacht und mit griechischer Lieblichkeit angewendet. Aus dem einzigen Wort Psyche , das den Schmetterling und die Seele bedeutet, sind hundert sinnreiche Anwendungen in Kunst und Dichtkunst entsprossen, deren eine die andre erklärt hat. Wenn Amor und Psyche beide als Kinder einander küssen, meint man nicht, in diesem Augenblick, im ersten Gefühl ihrer unschuldigen Liebe sproßten Beiden die Flügel? So wenn Psyche dem Amor fleht, wenn er sie peinigt oder tröstet. Glaube man doch nicht, daß Appulejus diese Fabel ersonnen habe; sie war lange vor ihm da in Denkmalen, die sein Zeitalter nicht bilden konnte, ja selbst in der Sprache. Er that nichts, als die einzelnen Auftritte zu einem Märchen dichten, und dazu auf eine sehr africanische, der Venus unanständige Weise. Selbst die Symbole beider Personen, den Schmetterling und die Fackel, hatte die Dichtkunst vielfach angewandt; Liebenden ließ sie die Fackel Amor's bis in die Unterwelt leuchten. Die Schönheit der Jünglinge in der Kunst hat die griechische Poesie ebenso süß begleitet. Ich darf Sie nicht an die zwei Oden Anakreon 's erinnern, die Franz Junius für die Kunst commentirt hat; Die siebzehnte und achtzehnte der Anakreontischen Sammlung. – D. in Dichtern und Weltweisen, von Plato bis zu Plutarch , von Homer bis zum letzten Romanschreiber der Griechen wird dieser Jugendblüthe der Schönheit wie auf einem Altar der Grazie geopfert. Der Kuß jenes jüngern Plato , in welchem seine Seele ihm auf den Lippen schwebte, haucht noch; sein geliebter Stern (άστήρ), den er mit tausend Augen anzusehen wünschte, glänzt noch unter den Sternen. Vgl. Werke, VII. S. 57 f. – D. So mehrere Gedichte Meleager 's; und o wäre die Stimme der Lyra nicht verhallt, die diese Blume der Menschheit mit höchstem Wohlgefallen pries! Die griechische Sprache hat in Bezeichnung der Jugendgrazie einen anerkannten Reichthum an Ausdrücken, unter Andern auch deswegen, weil diese meistens auf die Kunst anspielen. Die Kunst machte ihre Begriffe klar und gab ihren Empfindungen die Gestalt der Worte. Unter Andern z. B. finde ich, daß die Jungfräulichkeit des Jünglinges, die holde Scham auf seinem Gesicht, in seinem Anstande und in seinen Sitten ebenso hoch von der Muse gepriesen ward, als die Kunst sie fein ausdrückte. Beide bemerkten die zarte Blüthe des Lebens, in der sich die Geschlechter gleichsam trennen wollen und doch noch zusammen wohnen (ein Punkt, der von den Neuern sehr mißverstanden ist, und den auch die spätere Kunst vielleicht zu üppig ausgebildet), als den wahren Reiz der Schönheit. Kein Jüngling, dünkt mich, kann einen dieser Jünglinge anschauen, ohne daß die heilige Scham sich sanft auf seine Stirn senke und jeden Frevel, jede Frechheit von ihm verscheuche. Fügen wir hiezu die Stimme der Musen, die das Gefühl der Freundschaft , der Schwester - und Bruderliebe , der Pietät gegen Eltern , gegen Wohlthäter des Menschengeschlechts , gegen Götter und Helden singt; hören wir bei dem Dichter die Klagen Achill 's um seinen Patroklus , der Elektra um ihren Orest , der Antigone um ihren Bruder Polynices ; hören wir den Priamus um die Leiche seines Sohnes bitten, den Ajax sein nachbleibendes Kind segnen; begleiten wir bei Euripides die jungfräuliche Iphigenia zum Opferaltar, die Polyxena zu Achill 's Grabe und sehen Jene den Orest wiedererkennen am Altar der Diana , und hören Hippolytus' Klagen über die Liebe seiner Mutter u. s. w., so schließt sich uns das Herz auf zu diesen edlen Gestalten, auch wenn sie in der Kunst erscheinen. Wir verstehen die Sprache, die um Orest' und Pylades' , um Iphigeniens und Hippolytus' stumme Lippen schwebt; wir begreifen die seelenvolle Einfalt, die uns in jeder griechischen Gruppe, bei jedem friedlichen Zusammensein mehrerer Personen innig vergnügt. Wir verstehen die Trunkenheit des Danks im Haupt der Ariadne , die Scham in der Andromeda , die vom Felsen niedersteigt, im Antlitz der wiedererkennenden Iphigenia Wuth, Erbarmen und zärtliche Erinnerung wunderbar gemischt, und lesen, wie der Dichter sagt, den ganzen Trojanischen Krieg in der Polyxena Augen. Zur Erläuterung mögen dienen die aus der Anthologie übersetzten Epigramme: Werke, VII. S. 53 f. (»Der Schlaf« bis »Die Freundschaft«); 55-57 (»Anakreon's Grab« bis »Der neue Stern«); 58 f. (»Die sterbende Tochter« bis »Stimme eines Sohnes«); 62 (»Ein häuslicher Altar«. »Die Seele«); 63 f. (»Aristodice«. »Die Beweinenswerthen«); 66 (»Die sterbende Tochter«. »Grab der Schwester«); 68-70 (»Ein Wunsch« bis »Das Spiel«); 71 f. (»Sophokles' Grab«. »Die Rose«); 73 (»Erinna« bis »Anakreon's Grab«); 74 (»Die Insel der Liebe«); 75-79 (»Die Sängerin« bis »Das Grab der Ehegatten«); 84 (»Die Spartanerin«. »Aeneas«); 86 (»Das Grabmal der Ehegatten«); 88 (»Grab einer Tochter«. »Der Ausgang und Eingang des Lebens«); 91 (die beiden letzten Epigramme); 95-99 (»Der warme Quell« bis »Der brennende Strahl«); 104-107 (»Die Bienen« bis »Der trügende Spiegel«); 108 f. (»Die Grabesstätte« bis »Der Tod«); 116-119 (»Die Quelle« bis »Das Bild der Berenice«); 124 (»Die Echo« bis »Auf das Bild eines schlummernden Satyrs«); 127 (»Der Tempel Jupiter's«. »Die Pforte des Tempels«); 128 (»Auf das Bild der Polyxena«. »Auf die Bildsäule der Niobe«); 131 f. (»Ajax' Tod« bis »Hektor's Grab«). Die Stellen bei Homer, Sophokles und Euripides , auf welche sich der Brief bezieht, sind Jedermann bekannt. Die Epigramme, die Stolberg, Voß, Conz u. A. übersetzt haben, wünschte ich gesammelt zu finden. – H. Das Epigramm auf Iphigenie hat Herder in den Werken, VII. S. 129 übersetzt, das auf Polyxena daselbst, S. 128. – D. Ohne jene erklärende Stimme der Dichtkunst würden uns die Kunstgestalten der Griechen vielleicht Wundererscheinungen sein; jetzt werden sie unserm Herzen innig zusprechende Freunde. Da endlich die höchste Blüthe der schönen Gestalten Griechenlands eine Heldentugend in jeder Art und in beiderlei Geschlecht war, so wird hierüber die Stimme der Musen gleichsam ein fortgehender Hymnus. Von jener Vorstellung an, da die Nymphe den Jupiter als Kind tränkt, bis zur Erziehung Achill 's bei seinem freundlichen Centaurus, vom Hercules , der in der Wiege die Schlangen erdrückt, durch alle Gefahren hin, bis er zum Olymp und zum Besitz der Hebe gelangt, stehen Helden und Heldinnen, Ringer, Kämpfer, Wetteiferer um den Ruhm eines großen Verdienstes für ihr Vaterland, für ihre Freunde und Gesellen in Stellungen vor uns, wie sie die Muse verkündigt und ihnen den Kranz der Unsterblichkeit darreicht. Ohne dieses Gefühl der Ehre wären keine schöne griechische Körper und Seelen, keine Helden und Götter, auch keine Kunst, die sie würdig darstellte, entstanden; denn auch die griechischen Götter und Göttinnen sind Helden der Tugend, d. i. einer Virtuosität , jeder in seiner Art. So preisen sie die Hymnen: den Zeus als den Mächtigsten und Besten, dem Themis zur Seite sitzt und mit ihm weise Gespräche pflegt; die Pallas , aus seinem Haupte geboren, als eine Beschützerin der Städte, die Meisterin des Krieges, die Erfinderin der schönsten Künste des Friedens; so den Hephästus , der den Sterblichen die nützlichsten Werkzeuge und Gaben geschenkt hat; Hermes und Vesta , die Wächter des Hauses; Bacchus und Apollo , die Ideale griechischer Heldenjugend in zwei verschiedenen Gestalten; sammt der Artemis, Demeter, Aphrodite , selbst Ares und Here . Alle sind Ideale der Werkthätigkeit und Vollkommenheit in einer gewissen Art und als solche Vorbilder der Menschen. Der Hymnus des Homeriden an Apollo ist der glorreichste Commentar des Gedankens, der den Künstler bei der Darstellung des Gottes belebte; so in verschieden Stufen die andern Homerischen Hymnen. Die Weihgesänge des Orpheus und Proklus verdunkeln oft die Gestalt des Gottes und verhüllen sie in einen heiligen mystischen Nebel. Aber Homer und Pindar , die tragischen Chöre und jeder Laut einer ältern Stimme simplificirt die Gestalt und kommt der Kunst nahe. Alle zeigen, der höchste Kampfpreis der Griechen sei in den frühesten Zeiten Männlichkeit (Tugend), in den spätern Nutzbarkeit fürs gemeine Beste, schöner Wohlstand und die Blüthe eines unsterblichen Ruhmes gewesen. In solcher Rücksicht schaue man Götter und Helden an; sie ermuntern uns alle, unsre Tage nicht in üppiger Trägheit langsam zu verdauen, sondern, worin es sei, nach dem edelsten, höchsten Kranz in einem bestimmten und vollendeten Charakter zu streben. Kräftiger kann dies schwerlich gesagt werden, als es uns die Bildsäulen und Denkmale der Götter und Helden, der Dichter und Weisen von Theseus bis zu Antonin 's Zeiten hinab, begleitet von der Stimme der Musen, sagen. Sei Deine äußre Gestalt dem Gott und Helden unähnlich, Dein Gemüth darf es im Besten ihres Charakters nicht sein; denn dies Beste ist in jedem ihrer edlen Geschäfte Virtuosität, Tugend . ——— 76. Die bestimmte und schöne Art, wie die griechische Kunst in menschlichen Charakteren die Form von der Unform trennte und diese in Regeln einschloß, ist ein Meisterwerk ihres sondernden Verstandes. Daher, daß wir so wenig Porträte und so viel Ideale der ältern griechischen Kunst sehen; daher, daß auch in ihren Ungeheuern und verworfenen Gestalten so viel Bedeutung wohnt. Ihr Volk der Satyren hat mich nie erschreckt; Gestalten dieser Art gehörten dahin, wo sie standen, und zeigten an, daß auch unter dem ländlichen Volk Freude herrschen sollte. Wo diese verstummt, wo kein Pan und Satyr die Flöte bläst, keine Nymphen im Hain und auf den Wiesen ländliche Feste feiern, da stehen freilich sowol die Satyren als die Götter und Helden am unrechten Ort, sie sind bedeutungslose Götzenbilder. Aber auch darin muß der schöne Verstand der Griechen gepriesen werden, wie sie die Denkmale der Götter gesellten . Oft standen die verschiedensten neben einander, und einer milderte des andern Bedeutung; die Ueberschrift bemerkte dieses. So fügte die Kunst nicht etwa nur den Mars und die Venus, Vulcan und Pallas , sondern auch Bacchus und Pallas, Bacchus und Hercules , die Hoffnung und die Nemesis, Vergessen und Erinnerung und so manche andre Dinge zusammen, die sich einander gleichsam beschränkten oder belehrten. Ein angenehmer Lustweg wäre es, den Pausanias und die griechischen Dichter in dieser Absicht zu durchwandeln; denn was die Allegorie der Griechen eben so schön macht, ist ihre holde, ich möchte sagen, wahre Einfalt . Nie wollte sie zu viel sagen; sie ward nur gebraucht, wohin sie gehörte, wo man durch sie sprechen mußte . Nach Gelehrsamkeit strebte sie nur in den schlechtern Zeiten; was sie aber sagte, deutete sie so an, daß, wenn man das Bild auch nicht verstand, man doch ein schönes Bild sah und von der Vorstellung selbst geneigt gemacht wurde, ihr einen Sinn anzudichten. Ein Vorzug, den wenige neue Allegorien erreichen. Aber es kam die Zeit, da dieser schöne Kunstsinn untergehen und eine gedrückte, mystische Vorstellungsart die Gemüther der Menschen benebeln sollte. Lange barbarische Jahrhunderte hindurch waren dem Schmetterlinge die Flügel genommen; er kroch als Raupe daher oder lag eingesponnen in rauhen Windeln. Als er wieder erwachte, zeigte sich, wir wollen es nicht verhehlen, eine neue sittlichere Kunstgestalt , von welcher in manchem Betracht die Griechen nicht wußten. Das weibliche Geschlecht, das bei ihnen in Gynäceen eingeschlossen war und, wenige Fälle ausgenommen, nur in Gestalt der Göttinnen und Amazonen, der Musen und Nymphen der bildenden Kunst einverleibt werden konnte (von den griechischen Gemälden können wir nicht urtheilen), dies Geschlecht hatte durch das Zusammentreffen christlicher und nordischer Sitten gleichsam einen öffentlichen Charakter und mit diesem eine sittliche Bildung erhalten, von der vielleicht die Griechen nicht wußten. Ich möchte sie die christliche Grazie ( Carità ) nennen, die, nachdem sie in den Lobgesängen auf die heilige Jungfrau lange gepriesen war, auch auf ihre Nachbilder überging und in den Gesängen der Trobadoren zuerst jene züchtige Anmuth schuf, in der sich Religion, Liebe und häusliche Sittsamkeit wie drei Huldgöttinnen zusammengesellten. Diese christliche Grazie ist es, die zuerst in den Bildern der Maria erschien, aus ihnen sodann in die Gesänge der Dichter überging und von den Zeiten der wiederauflebenden Kunst die Compositionen der Neuern mit einem eignen Geist durchhauchte. Gewiß hatte die Welt während der barbarischen Jahrhunderte nicht geschlafen; Völker, Sitten, Ideen hatten sich mannichfaltig gemischt und geläutert. Von diesem vielleicht etwas dumpfen, aber nicht verwerflichen Geschmack zeugt schon die ältere Florentinische Schule. Raphael klärte ihn durch Formen der Alten, ganz in eigner Weise, auf; andre Glückliche folgten. Selbst die Uebertreibungen des Giulio Romano und Mehrerer seinesgleichen zeigen in ihrer Trunkenheit einen Reichthum neuer Begriffe, obwol ohne Maaß und Ziel; einige neu erfundene Gehilfskünste gaben ohnedies dem Ganzen eine andre Ansicht. Welch ein schöner, fast noch unberührter Kranz blüht für Den, der Raphael 's Genius in seiner eignen holdseligen Gestalt durch alle seine Werke verfolgen und aufs Bestimmteste zeigen wird, was er gegen die Alten sei. Eben dieser Genius wird ihn nothwendig vor- und einige Schritte rückwärts führen. In Ansehung der Humanität taucht er damit in ein weites, hie und da kaum zu berührendes Meer. Wo stehen wir jetzt mit unserm Kunstgeschmack? »Neulich,« sagt Petron , Sat ., 2. 7–9. – D. »ist jene windige und enorme Schwatzhaftigkeit aus Asien nach Athen gewandert und hat die Gemüther der Jünglinge, die nach etwas Großem streben, mit dem Hauch der Pestilenz vergiftet. Das Richtmaaß der Beredsamkeit ist verfälscht, die wahre Beredsamkeit ist verstummt. Wer hat sich seitdem zur Höhe des Thucydides , wer zum Ruhm des Hyperides erhoben? Kein Gedicht sogar hat mit gesunder Farbe hervorgeglänzt; Alles ist von demselben Brei genährt und kann zu einem rühmlichen grauen Alter nicht gedeihen. Auch die Malerei hat keinen andern Ausgang haben können, seitdem die Keckheit der Aegypter ein Compendium dieser so großen Kunst erfand .« Petron ist ein Prophet für alle Zeitalter; die Compendienkunst unsrer Aegypter liegt vor uns. Ein andermal davon mehr! ——— 77. Bei unsrer weitverbreiteten deutschen Sprache, die auch in fernen Ländern gesprochen und geschrieben wird, kommen nicht selten kleine Schriften zum Vorschein, die einer allgemeinen Aufmerksamkeit und Theilnehmung werth wären. Aus Dänemark, Preußen, Polen, Kur - und Livland , wol gar aus Amerika wären dergleichen zu nennen; jetzt werde ich Ihnen aus einer kleinen Schrift: » Bonhommien , geschrieben bei Eröffnung der neu erbauten - - schen Stadtbibliothek«, einige schöne Gedanken auszeichnen. Damit mich aber nicht eine Jugendliebe zu der Stadt, für die die Schrift zunächst geschrieben ist, angenehm täusche, will ich ihren Namen nur ans Ende versparen und blos das Allgemeinnützliche bemerken. Der Verfasser fängt, wie es sein muß, von den Grundfesten seiner Stadt, den bürgerlichen Tugenden , an. »Ehrenbenennungen,« sagt er, »welche Betriebsamkeit, Mäßigung, Liebe zur Ordnung andeuten, die gebt dem Städter! Sie erinnern ihn an Tugenden, auf welche sein Wohlstand gegründet ist. Ein Gewerbe, das ohne diese Stadttugenden durch blindes Glück, durch träge Schlauigkeit getrieben werden könnte, ist nicht das unsrige. Sie glänzen nicht, diese Tugenden; aber sie wärmen. Sie erhalten die Gemüther ruhig; die Neigung zu städtischen Gewerben und Beschäftigungen wird dadurch gestärkt, so wie die Sucht nach äußern Vorzügen diese Gewerbe verleidet. In Städten ist eine Ehre, die Regierungen nicht geben, nicht nehmen können. Wohlstand ist das Wort für Städte. Man denkt sich dabei Mittel und Genuß häuslicher Glückseligkeit. Wohl erworben zu haben ist hier das gute Aequivalent von dem Wohlgeborensein des ersten Standes, dessen edelster Vorzug es ist, den zweiten zu beschützen. Jene heroische Zeit verlangte Aufopferungen; Armuth, Entbehrungen waren damals auch Bürgertugenden. Sie sind es nicht mehr. Die Anmuthungen an den Stadtbürger sind jetzt: er soll erwerben, soll das Erworbene genießen; aber zu einem festen Wohlstande ist nur durch Rechtschaffenheit und Betriebsamkeit zu gelangen. Zu diesen Bürgertugenden Anleitung geben, das ist in der Macht der Regierung, und es thut dem Herzen wohl, bei Eindringung in den Geist einer Verfassung auf Anleitungen und Antriebe zu ihnen zu treffen. Bei neuen Einrichtungen ist insonderheit daran gelegen, den Geist davon gleich richtig aufzufassen. Dieser erkannte Sinn der Gesetzgebung, in Blut und Saft verwandelt, geht sodann in gute Grundsätze über, die zu Aufrechthaltung der öffentlichen Glückseligkeit so kräftig mitwirken. Der gute Geist ist in einer Gemeine leicht zu erhalten, wo derselbe bereits lange gewaltet hat.« Diese Grundsätze, denen der Verfasser viel Localinteresse einstreut, führen ihn bei seiner neu errichteten Bibliothek zum großen Hauptsatz: » Praktische sittliche Aufklärung ist gute Volkserziehung .« »Die Bücher in der alten Stadtbibliothek,« sagt er, »waren größtentheils aus den aufgehobnen Klöstern gesammelt; und so standen nun hier, wie vormals in Zellen, dicke Mönchsgelehrsamkeit in Thierhäuten, seltene Bibelausgaben an Ketten, Alles ungelesen, in lichtscheuen Gemächern. »Religion und Gelehrsamkeit wohnten unter einem friedlichen Dache; sie gingen aber nicht Hand in Hand, sondern eine jede dieser ernsten Bewohnerinnen ging für sich ihren einsamen dunkeln Pfad. Die Diener der Religion waren Sammler und Bewahrer der zu einer künftigen Anwendung modernden Schätze der Weisheit. Ueberhaupt hätte die Religion der Christen, deren praktische Lehren im Testament für diese so klar sind, den Aufwand von Gelehrsamkeit auch entbehren können. Sie behielt aber nicht lange ihre edle Einfalt; es entstand die Wissenschaft, Theologie genannt, die von gelehrten Zusätzen wie von frommen Täuschungen durch alle neue Kraft noch nicht hat gereinigt werden können. Diese Religion, welche geoffenbarte Vernunft und die reinste Moral ist, würde mit sittlicher Aufklärung zugleich hieher gekommen sein, wenn sie nicht bereits in Süden im Grunde verdorben gewesen wäre, wie sie von da nach dem treuherzigen Norden kam.« (Hier geht der Verfasser die nähern Umstände dieser Ankunft durch.) »Die Religion also, welche Schützerin der Menschheit sein sollte, trat diese mit herrschsüchtigen Füßen; sie predigte nicht mehr Würde der Menschen, die Quelle aller Moral, sondern Erniedrigung. Sie führte Leibeigenthum ein und hob jedes andre Eigenthum auf; sie herrschte, statt durch Beispiel gehorchen zu lernen.« Der Verfasser verfolgt das daher mehr noch im Frieden als im Kriege bewirkte Sittenverderbniß und fährt edel fort: »Wir wollen diese Mißgeburten der Zeit nehmen, wie sie damals nach den Meinungen und der Denkungsart der Menschen darin geformt werden konnten. Wir würden in derselben Lage dasselbe Gepräge angenommen haben. Laßt uns aber auch mit derselben Billigkeit das gute, durch Religion nicht belehrte , sondern unterjochte Volk behandeln. Es war von Natur nicht unfähig zum Guten; denn es war schon auf dem letzten Grade der Cultur der bürgerlichen Gesellschaft; es trieb Ackerbau, es lebte in Dörfern. Als es aber durch seinen Unglauben Freiheit und Eigenthum verwirkt haben sollte, als Dörfer zu Hoffeldern gemacht wurden und der Sauerteig der Sclaverei Jahrhunderte lang in seinem Eingeweide gewüthet hatte, da – verlangte es selbst nichts mehr als – Brod und Ruthen von seiner Herrschaft. Es verlangte nicht Freiheit. »Wie ist denn ein Volk zu zwingen, glücklicher zu sein, als es selbst sein will? Zwang und Furcht sind Polizeimittel. Das moralische Gute, wovon hier die Rede ist, kann nur durch Besserung des Willens bewirkt werden. »Dazu gab man ja dem Volke Lehrbücher ? Lehrbücher einem Volke, das nicht lesen konnte, nicht lernen wollte. Auch Lernen ist eine Arbeit , der es sich so unwillig unterzieht als jeder andern Arbeit, weil es dafür hält, daß nicht ihm, sondern seinem Herrn die Früchte aller Arbeit gebühren . Gebt dem Volke mehr als trocknen Unterricht, gebt ihm Erziehung ! Gewöhnt es zu Begriffen von Eigenthum , und Ihr werdet es einer bürgerlichen Glückseligkeit empfänglich machen! Durch ein zugesichertes Eigenthum würde das Volk Zutrauen zu sich und zu seinem Herrn wieder erhalten. »Gebt ihm Erziehung! macht den Menschen in ihm froh und empfindend! Jetzt muß es arbeiten; dann wird's arbeitsam werden. »Gebt ihm Erziehung! Lehrt den Sclaven genießen ! Schafft ihm mehr Bedürfnisse als Schlaf und Trunk! laßt ihm mehr von dem Ersten als von dem Letzten. Jener König gab den Befehl in seinem Lande, daß der Bauer nicht anders als in Stiefeln des Sonntags zur Kirche kommen sollte. Durch dies befohlne Bedürfniß vermehrte er die Cultur auf dem Lande und den Fleiß in den Städten. Wenn unser Landbauer seinen Fuß mit der Haut des für sich geschlachteten Viehes statt wie jetzt mit den Häuten der dazu ausgerotteten Bäume bekleiden wird, dann wird er sich achten und sowol sich als das Land besser cultiviren lernen. »Diese Mittel, Eigenthum, Frohsein und Bedürfniß , sind Sach- und Lageerziehung, die zur Bildung wirksamer ist als Wortunterricht. Ein Gutsherr gab seinen Landbauern reinlichere Wohnungen und einen Spiegel darin, um sich ihre Gestalt vorhalten zu können. Diese Anleitung zur Selbstschätzung, zur Reinlichkeit ist auch gute Volkserziehung. »Wozu aber alle diese Verfeinerungen? Die gegenwärtige grobe Anwendung unwilliger Kräfte schafft schon dem Lande Ueberfluß und zieht auswärtige Reichthümer dahin. Glaubt davon nichts! Ein Land ist arm, wo die Wenigsten genießen und die Mehrsten arbeiten müssen . Es ist alsdann nicht der Ueberfluß, der aus dem Lande geht, sondern der entzogene Genuß. Was dafür ins Land gezogen wird, ist nicht wahrer Reichthum, und wenn dieser in baarer Münze dahin käme. Reichthümer sind die, welche durch größere Cultur des Landes entstehen und im Lande genossen werden. Auch war bei den Mitteln zur Bildung des Volks nicht die directe Bereicherung der Herrschaft die Absicht, wenngleich die Vermehrung der Einkünfte eine Folge ihrer Auslagen bei dieser Bildung sein würde. »Ein in sich erniedrigtes Volk kann, wie gesagt, nur durch langsame geduldige Leitungen auf den Weg, sich seiner Existenz zu freuen, wieder gebracht werden. Und es ist billig, daß Die, welche Güter erben, die darauf haftenden Schulden bezahlen . »So sollte also wol ein jeder Gutsbesitzer der Erzieher seiner der Erde zugeschriebenen Arbeiter sein? Allerdings. Und der Regent ist aus angestammter Schuldpflicht der Erzieher des Landes. »Die besoldeten Volkslehrer sind zu dieser Erziehung die zugeordneten Räthe der Landesbesitzer. Dieser ehrwürdige Stand denkt jetzt allgemein über seine Bestimmung nach und findet, daß dieselbe nur dadurch auf die künftige Glückseligkeit wirken kann, wenn er die gegenwärtige befördern hilft. Durch praktische Anweisungen aus der Natur- und Sittenlehre, durch Anleitungen in Gewerben und Wirthschaftsangelegenheiten, worin derselbe auf dem Lande ohnedies mit verflochten ist, werden diese Volkslehrer jetzt mehr ausrichten, als jemals durch unfruchtbare Dogmen zu bewirken ist. Warum gesellen sie sich nicht, diese unsre Volkslehrer, den Eingebornen des Landes zur Hilfe? »Heil Dir, Gerechter auf A. **, der Du mit Deinen Erbmenschen wie mit Mitmenschen einen gesellschaftlichen Vertrag über gegenseitige Pflichten errichtetest! Leicht sei Dir dafür Deine Erde! Zu Deinem Grabe sollten die Söhne des Landes und der Stadt wallfahrten, um gemeinnützige Gesinnungen, richtige Einsichten über ihr gemeinschaftliches Interesse als Reliquien von da mitzubringen.« Der Verfasser kehrt nach dieser menschenfreundlichen Umsicht zu seiner geliebten Vaterstadt zurück. »Die kleinere Menge in Städten,« sagt er, »ist eher zu beleuchten, insonderheit in einer Handelsstadt, wo Freiheit und Duldung bald nothwendig werden. Hier war anfangs der öffentliche Unterricht ein Monopol der Domherrn. Kaufleute, Feinde von allem Zwange, entzogen sich auch diesem Lehrzwange und schickten ihre Söhne nach einer auswärtigen Schule, die damals wegen einer bessern Lehrmethode berühmt wurde. Diese kamen mit ihrem dort verfolgten Lehrer zurück und zündeten hier das erste neue Licht an, das man damals nicht so bescheiden wie jetzt Aufklärung , sondern dreister Reformation nannte. Die Verbesserung kam also von daher, woher eine jede ausgehen muß, wenn sie Grund und Bestand haben soll: von der Jugend und vom Unterrichte . »Bücher trugen damals noch wenig zur Aufklärung bei. Was auf einheimischen Gymnasien und Akademien damals geschrieben und gelehrt wurde, mag wol Gelehrsamkeit gewesen sein, beförderte aber nach Materie, Form und Sprache, in der sie verschlossen war, keine Art der Aufklärung. Und so verschließt immerhin fruchtleere Gelehrsamkeit, abstracte politische Speculationen, aber gute praktische Wahrheiten behaltet nicht in verschlossener Hand! Sittliche ruhige Aufklärung vollendet, was das schnelle Licht der Erleuchtung nur beginnen konnte. Sie hat vollendet, wenn die tiefe Einsicht in die Natur der moralischen Dinge allgemein geworden ist: »daß alles öffentliche und Privat-Böse Unsinn und Thorheit sind, daß Rechtschaffenheit Stadtweisheit und Staatsklugheit ist.« »Zwar ist Vollendung nicht das Loos von hienieden, aber eine jede vermehrte sittliche Aufklärung erleichtert den bürgerlichen Regierungen die Sorge für die öffentliche Glückseligkeit.« Werden Sie nicht geneigt, nach einem solchen Eingange unsern Oberbibliothekar weiter zu hören? »Dann gedeiht,« sagt er, »Aufklärung, wenn auf die untere Masse Licht von oben herabfällt .« ——— 78. Als Geschenke der Gutmütigkeit stehen vor dem Eingange seiner Bibliothek zwei Köpfe: Homer und Montesquieu . »Der Erste mit dem Stempel der noch nicht verschliffenen Natur flößt Ehrfurcht ein; man findet sich, auf seinem Angesicht verweilend, so behaglich und mit sich selbst zufrieden. Der Zweite drückt bei aller Offenheit seiner edlen Züge die höchste gesellschaftliche Cultur ab; ihm gegenüber wird man aufmerksam auf sich und empfindet Unruhen. Guter Alter, wie würdest Du in einer Unterredung mit dem Präsidenten bei seiner Darstellung der neuern politischen Einrichtung in der Welt staunen! Der Ariadnische Faden dieses Staatsweisen würde Dir kaum aus dem anscheinenden Gewirre heraushelfen. Zu Deiner Zeit, welch einfacher Gang der Dinge! die Tugenden, wie einförmig! die Sitten, wie schlicht! Die Männer waren alle tapfer, die Weiber alle häuslich. Jetzt Stände, deren jeder verschiedne Pflichten, verschiedne Tugenden, verschiedne Ehre hat. Welche Federn sind bei Vervollkommnung der bürgerlichen Gesellschaft in die vergrößerten Staatsgebäude gelegt, daß Alles, ohne sich zu hindern, zu einem Zweck wirke! Sie sind: geordnete bürgerliche Freiheit, eine gesetzliche ausübende Gewalt und Ehrfurcht für beide.« Der Verfasser führt uns über China , das treffend geschätzt wird, zu seinem Grundsatz: Sitten unterstützen die Verfassungen . »Städtische Gebräuche,« sagt er, »belacht von dem Hofmann, dem nur Etikette wichtig ist, ehrwürdig dem Staatsmann, der einsteht, wie sie an Tugenden hangen und zusammen das bilden, was wir Sitten nannten. Wenn vordem laute Hausandachten gehört wurden, so war dies nicht größere Frömmigkeit (die wohnt nur im Herzen), es war gute Sitte , welche Ehrerbietung gegen Hausväter, Ordnung im Hauswesen, Regelmäßigkeit in Geschäften und Gewerbe vermehrte. Hat doch die einzige gute Manufactur, die bei uns Bestand gehabt hat, der Gebrauch eingeführt. Die Töchter der Stadt sind wie die Lilien auf dem Felde: sie spinnen nicht, aber – sie stricken. Alles, von der arbeitsamsten Hand bis zur schönsten, strickt, auch bei freundschaftlichen Besuchen und bei größern Zusammenkünften. Bringt diese gesellschaftliche Handarbeit, die hier in Ehren ist, in Verachtung (dies ist das Mittel, Gebräuche abzuschaffen): wie viel Tugend und Wohlstand gingen zugleich verloren!« Der Verfasser geht mehrere gute Gebräuche seiner Stadt mit feinen Bemerkungen durch und kommt zu einem andern Satze: Arbeit und Geduld führen zum Wohlstande . »Die neuen Erzieher,« sagt er, »suchen den Schulweg ebner zu machen; sie dürften ihn nur für die Jugend zu ihrer praktischen Bestimmung gerade ziehen. In Lehranstalten würde alsdann die Bildung des künftigen Bürgers so anfangen, wie sie in Dienstjahren fortgesetzt wird. So leicht in den Gewerben des bürgerlichen Lebens die Theorien sein mögen, so erfordern sie doch in der Anwendung anhaltende Uebungen, um die in Geschäften nothwendige Fertigkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sich eigen zu machen. Die in Städten von bedächtigen Vorfahren angeordneten längeren Dienst- und Lehrjahre waren wol gut, den brauchbaren Mann in der bürgerlichen Gesellschaft zu bilden. Der Ritter wie der Kaufmann, der Kaufmann wie der Handwerker mußten durch die Grade von Knappen, Burschen und Gesellen gehn, ehe sie ein Meisterrecht erhielten. Der ungeduldige Genius unsers Zeitalters bricht lieber herbe Früchte, als daß er ihre Reife abwarte. Es gehört nunmehr auch schon dazu ein Hercules , um auf dem Scheidewege der Tauglichkeit oder Untauglichkeit im Staat, jener Verführerin, die mit Seifblasen zum unzeitigen Genusse lockt, nicht zu folgen, sondern mit langsamen Schritten die Höhe zu ersteigen, wo der grünende Kranz des Wohlstandes aufgesteckt ist.« Auf dieser Höhe spricht der Verfasser vom Gemeingeist , der Alles in Rücksicht des Ganzen betrachtet, dem wahren Schutzgeist der Städte . »Das Alterthum,« sagt er, »hatte so viel öffentliche Gebäude, prächtig durch ihre Größe: Akademien, Coliseen, Theater u. s. w., die wie die Luft zum freien Gebrauch waren. Die neuere Zeit hat lauter eingeschränkte Besitzungen, öffentliche Gebäude, wo der Eintritt vor der Thür bezahlt wird. Sind in unsern engen Kreisen Herz und Geist beschränkter wie in jenem uns romantischen Alter, so streben wir jetzt desto sicherer nach einem nicht zu hoch gesteckten Ziele. » Gemeingeist ( public spirit ), diese Benennung stammt von der britischen Insel; wir verehrten ihn aber lange vorher unter dem ehrbaren Namen: der Stadt Bestes . Dieses Wort hatten unsre Voralten oft im Munde. Ihre Errichtungen und Verwaltungen, von welchen wir noch die Vortheile genießen, bezeugen, daß sie die Sorge für das Beste der Stadt auch im Herzen getragen haben. Die Stadt ist ebenso glücklich auf die Vorstellung: »Wir arbeiten zusammen für uns und unsre Kinder,« als auf ihre Lage gegründet. »An der tödtenden Gleichgiltigkeit für ein örtliches allgemeines Beste waren Regierungen weniger Schuld als Theologen, Staatsbeamte, Philosophen . Die Theologen zuerst sagten: »die Erde sei ein Gasthaus für Durchreisende, die nur im Himmel Bürger wären;« als wenn Der dort ein guter Bürger werden könnte, der hier ein schlechter war. Die niedern Staatsbeamten redeten nur von einem Kronsinteresse; ein Wort, worin kein Sinn ist, wenn dieses Interesse mit dem allgemeinen Wohl in Widerspruch genommen wird. Und nun die Philosophen mit ihrer Alleweltsbürgerschaft, die nirgend zu Hause ist! Ich bin ein Bürger der Stadt, und nichts, was meinen Mitbürger darin angeht, ist mir fremd . Diese Gesinnung ist beschränkter, hat aber mehr Energie als der Terenzische Ausspruch vom Theater gesagt: » Homo sum « etc. » Da bist Du was Rechts !« antwortete Lessing von der neuern Bühne. Und was ist auch in einer bestimmten bürgerlichen Gesellschaft der Mensch in abstracto und ein Bürger in concreto der ganzen Welt?« Der Verfasser verfolgt den Gemeingeist seiner Stadt auch in die öffentlichen Gesellschaften; denn »wo nistet,« würde der Späher Montaigne sagen, »die Tugend sich nicht zuweilen hin?« Andringend und local zeigt er, daß praktische Gelehrte seiner Stadt unentbehrlich sind , und wie sie ihr nützlich werden; er kommt endlich auf die Geschichte der Lectüre . »Bücher,« sagt er, »die Einfuhr fremder Gedanken, ist hier zollfrei. Eine Censur wäre nützlich: nur Werke von wahrem innern Werth sollten eingeführt und gelesen werden können. »Zu uns schießen von Messe zu Messe so unendlich viele einander durchkreuzende, auf die veredelten Lumpen Deutschlands geworfene Lichtstrahlen, daß vor zu vielem Licht der Tag oft nicht zu sehen ist. Durch welchen Wust von Schriftchen mußten wir uns durcharbeiten, ehe wir auf die wenigen Bogen: » Etwas, das Lessing gesagt hat «, Etwas, das Lessing gesagt hat. Ein Commentar zu den Reisen der Päpste nebst Betrachtungen von einem Dritten. 1781. Der Verfasser war Johannes Müller. – D. geriethen, worin so stark die Wahrheit gesagt wird, daß das Gute in der bürgerlichen Gesellschaft nicht befohlen, sondern nur aus freiem, aufgeklärtem Willen entstehen kann. Wie viel große Bände mußten wir durchblättern, ehe wir auf die » Ueber die Einsamkeit « Von J. G. Zimmermann. Vier Bände. 1784–1785. – D. kamen. Diese flößen Geschmack an häuslichen Freuden ein, erregen Widerwillen gegen geist- und zeitverderbende Zerstreuungen, gegen müssige Beschäftigungen u. s. w. »Wirkungen vom Bücherlesen waren nicht so selten, wie noch weniger gedrucktes Papier zu uns kam. Damals waren hier von Zeit zu Zeit herrschende Werke. »Pamela«, »Clarissa«, »Grandison« folgten sich in der Regierung und theilten diese mit keinen andern Romanen. Auch wurden sie nicht für Romane gehalten, sondern täuschten lehrreich das noch treuherzige Publicum. Dieser gute Glaube an die Existenz vollkommener Muster ist, zum Schaden der Nacheiferung, durch die nachherigen vielen Carricaturen verloren gegangen, so daß sich ein Romanheld in dem zur Wirkung nöthigen Credit seiner Existenz kaum noch erhalten mag. Als unsre Hausväter nur noch den alten Sirach vorzulesen hatten, leiteten seine weisen Lehren Jugend und Alter. Als unsre Töchter nur noch den frommen Gellert lasen, wußten sie seine Moral auswendig. Eine Geschichte der Lectüre hängt mit der Geschichte der Sitten sehr zusammen.« Gern möchte ich auszeichnen, was der Verfasser über die Naturgeschichte sagt, wenn es nicht zu local wäre. Er reclamirt alle Naturmerkwürdigkeiten aus Privatsammlungen in die öffentliche Sammlung; »diese hieher zu liefernden Stücke blieben einem Jeden und würden zugleich ein allgemeines Gut .« »Es giebt also noch,« fährt er fort, »auf dieser mit Maaß und Gewicht zugetheilten Erde Güter, die gemeinschaftlich besessen werden müssen. Müssen : denn aus den drei Reichen der Natur haben die einzelnen Stücke erst einen Werth, sind zu Betrachtungen und zum Unterricht erst geschickt, wenn sie in ein jedem Lernbegierigen offenes Behältniß gebracht sind. In geizenden Privatbewahrungen werden sie der Aufmerksamkeit ebenso entzogen, als wie sie in der weiten Welt zerstreut lagen.« Mit edlem Enthusiasmus zeigt er die praktische Nutzbarkeit dieser Wissenschaft für seine Stadt. »Gewiß,« sagt er, »hängt von einem veredelten Geschmack eine veredelte Thätigkeit ab. Der Geschmack an Naturkenntnissen verleidet das Gefallen an aller Frivolität und giebt seinen Liebhabern den Drang zu mancherlei nutzbaren Ausführungen. Alles, was die Vegetation befördert und der Natur die Eier unterlegt, worauf sie brütet, aller Wegwurf, sogar todte Nachbleibsel von Allem, was Othem und Wachsthum gehabt hat, von Naturkenntnissen begleitet wird es mit Interesse angesehen werden. »In diesem Cabinet, wie vormals in den Tempeln, sind die inländischen Naturbeobachtungen niederzulegen. Diese Wetter- und Krankheitsjournale, mit der jährlichen Ernte und den Mortalitätslisten in Vergleichung gebracht, würden zu einer allmähligen Kalenderverbesserung Stoff geben; mit einer plötzlichen Verbesserung hat es nirgend glücken wollen. Der Mensch, der einmal vom Denken abgebracht ist, befindet sich bei seinen Zeichen und Wundern so behaglich wie der Philosoph bei seinem einmal angenommenen System. Naturkenntnisse bringen auf den Weg der Wahrheit zurück und lehren Aberglauben kennen und verachten.« ——— 79. Leicht werden Sie denken, mit welcher Gemüthsstimmung der Verfasser in den großen Büchersaal der vier Facultäten eintritt. Er läßt einen Peripatetiker funfzig Denkschritte in die Länge machen und ihn fragen: »Alle die ungeheuren Packete, Theologie, Jurisprudenz bezeichnet, müßt Ihr studiren, jene, um Gott verehren zu lernen, diese, um mit Euren Mitbürgern in Friede zu leben? So ist es wol bei Euch eine gelehrte, schwer zu erlernende Kunst, wie fromme Gesinnung zu erregen und darnach zu handeln ist? Ihr habt besondre Gelehrte, die die Gesetze wissen, die alle Andern doch auch befolgen sollen? Wenn Eure Gelehrten diese Wissenschaften für die übrige Menge lernen und anwenden, so ist es bequem für diese Menge, wenn dies fremde Wissen im Leben und im Sterben ihr zugut kommt. »Welch ein Schatz da in dem anstoßenden Schrank für die Heilkunde! Ihr werdet wol seit Hippokrates , der nur noch den Gang der Krankheiten beobachtete, die Mittel gefunden haben, sie alle zu heben? Zu seiner Zeit war das Leben kurz, die Kunst lang; jetzt ist's wol im umgekehrten Verhältniß? »Aber die angelegentlichste Frage des Mannes im Mantel würde gewesen sein, wie viel speculative Wahrheiten von den neuern Philosophen gefunden worden und im philosophischen Schrank aufbewahrt ständen.« »Eine einzige,« antwortet der Verfasser, »von meinem Freunde Kant , diese: daß wir noch keine Philosophie, keine reine hatten. Eine Wahrheit, die er bewiesen hat, und die Sokrates vor ihm, ohne Beweis, so ausdrückte: »Wir wissen nichts.« Durch schwelgerische Speculationen über übersinnliche Dinge abgeleitet, ließen wir das uns zum Bearbeiten angewiesene Feld mit dem eingestreuten Samen in uns verwachsen daliegen. Nachdem der Schutt des angemaßten Wissens, wodurch die Vernunft mit sich selbst in Widerspruch kam, vom Herzen geräumt ward, konnte dasselbe für das Sittlich-Gute frei schlagen. »Wir erfahren nämlich durch unsern innern Sinn die unbedingte Forderung: recht zu thun . Wir erfahren in uns die Freiheit , nach dieser Forderung zu handeln. Von diesen beiden Thatsachen können wir sicher ausgehn und sicher schließen: » Wir sind moralischen Ursprungs .« Ein höchstes moralisches Wesen hat dies Gesetz und diese Freiheit in uns gelegt; unsre Bestimmung ist moralisch, selbstverdiente Glückseligkeit . »Wer mir in meinen letzten Augenblicken noch eine gute Handlung vorzuschlagen hat, dem will ich danken,« sagte Kant zu seinem ihn besuchenden Freunde.«« Unnennbar schön und nützlich wäre es gewesen, wenn diese reine Absicht Kant 's von allen seinen Schülern (von den bessern und besten ist's geschehen) erkannt und angewandt worden wäre. Das Salz, womit er unsern Verstand und unsre Vernunft abreibend geschärft und geläutert hat, die Macht, mit der er das moralische Gesetz der Freiheit in uns aufruft, können nicht anders als gute Früchte erzeugen. Und Niemand wäre es eingefallen, seiner Absicht gerade zuwider das Dorngebüsch, womit er die verirrte Speculation eben verzäunen wollte und mußte, zu einem Gartengewächs auf jeden nutzbaren Acker, in jede populäre Kunst und Wissenschaft zu verpflanzen. Und Niemand wäre es eingefallen, die Arznei, die er zur Reinigung vorschrieb, als einziges und ewiges Nahrungsmittel nicht anzuempfehlen, sondern durch gute und böse Künste aufzudringen und anzubefehlen. Jedoch ging es dem griechischen Sokrates in seinen Schulen anders? Ich habe das Glück genossen, einen Philosophen zu kennen, der mein Lehrer war. Er, in seinen blühendsten Jahren, hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglinges, die, wie ich glaube, ihn auch in sein greisestes Alter begleitet. Seine offne, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die gedankenreichste Rede floß von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang. Mit eben dem Geist, mit dem er Leibniz, Wolff, Baumgarten, Crusius, Hume prüfte und die Naturgesetze Keppler's, Newton's , der Physiker verfolgte, nahm er auch die damals erscheinenden Schriften Rousseau 's, seinen »Emil« und seine »Heloise«, sowie jede ihm bekannt gewordene Naturentdeckung auf, würdigte sie und kam immer zurück auf unbefangene Kenntniß der Natur und auf moralischen Werth des Menschen . Menschen-, Völker-, Naturgeschichte, Naturlehre, Mathematik und Erfahrung waren die Quellen, aus denen er seinen Vortrag und Umgang belebte; nichts Wissenswürdiges war ihm gleichgiltig; keine Cabale, keine Secte, kein Vortheil, kein Namenehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken ; Despotismus war seinem Gemüth fremde. Dieser Mann, den ich mit größter Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist Immanuel Kant ; sein Bild steht angenehm vor mir. Ich will ihm nicht die barbarische Inschrift setzen, die einst ein sehr unwürdiger Philosoph empfing: » Noster Aristoteles, Logicis, quicunque fuerunt, Aut par aut melior, studiorum cognitus orbi Princeps, ingenio varius, subtilis et acer, Omnia vi superans rationis« etc ., sondern mit dem Verfasser der »Bonhommien« ihn seiner Absicht nach Sokrates nennen und seiner Philosophie den Fortgang dieser seiner Absicht wünschen, daß nämlich nach ausgereuteten Dornen der Sophisterei die Saat des Verstandes, der Vernunft, der moralischen Gesetzgebung reiner und fröhlicher sprosse, nicht durch Zwang, sondern durch innere Freiheit. Verzeihen Sie diese mir angenehme Erinnerung; ich komme zurück zu meinem Autor. Eine Hilfswissenschaft für seine Stadt, die bürgerliche und Wasserbaukunst , ist ihm in der Ordnung die nächste. Seine Urtheile darüber sind scharfsinnig, seine Wünsche wohlgemeint. Der Mann im Mantel geht die Stadt durch und um; endlich kommt er an sein geliebtes Thor zurück, das die Inschrift hat: »Ungestörte Betriebsamkeit, Pax , Theilnehmung an einander, Concordia , Und am Ganzen, Pietas . Diese, nicht Wall, nicht Festung, erhalten die Stadt.« Jetzt treten wir zum encyklopädischen Schranke. »Der gelehrte Thurm, von Diderot und d'Alembert sammt ihren Mitarbeitern aufgeführt, sollte den Schatz aller göttlichen und menschlichen Kenntnisse enthalten. Diesem gallischen Ton hat die bürgerliche Gesellschaft Verbindlichkeit. Er schaffte schüchternen Gelehrten und ihren Schriften da Eingang, wo sie ihn nie gehabt hätten. Es entstand in Büchern eine Berathschlagungsstimme, gegeben von dem freidenkenden Verstande, vernommen in Cabinetten, gehört bei Verwaltungen, wo bisher die stupide Göttin Routine ihr Wesen getrieben hatte. Wahrheiten kamen in lebhaftern Umlauf, und gelehrte Kenntnisse wurden ein gemeines Gut für jede Wißbegierde.« Wie wahr! Die französische Encyklopädie, so unvollkommen sie war, hat selbst durch die Verfolgungen, die sie erlitt, eine Wirkung hervorgebracht, die ihr so leicht keine vollkommnere Encyklopädie wird abgewinnen können und mögen. Jetzt die classische alte und neue Literatur , die schönen Künste der Handelschaft , wo der Verfasser im Scherz eine neue Muse, die Kochkunst, den ältern, vornehmeren Musen beifügt. »Schöne Kunst oder Wissenschaft,« sagt er; »die Erziehung eines jeden Volks fängt elementarisch mit dem Essen an. Wo dieses noch nicht mit Ordnung, Reinlichkeit und Geschmack geschieht, da ist die Cultur noch nicht beim Anfange. Dieser Tafelgenuß, der in einer Handelstadt, wo man auf innere Güte achtet, zuerst den guten Grad der Vollkommenheit erreicht, hilft bilden . Unsre Töchter, unter der Anführung ihrer Mütter, mögen also immer die Ehre des Hauses beim hellen Herde behaupten, wofür die Männer jetzt arbeiten und vordem stritten. Nehmt sie, ehe sie zu den schönen Wissenschaften übergeht, in Eure Mitte, Ihr neun Schwestern, diese keusche Muse mit der reinlichen Schürze, mit der kostenden Zunge und Salz in der verständigen Hand. Sie läßt ihren geistreichern Schwestern gern ihren unbestrittenen Rang.« Der Verfasser geht die andern schönen Künste, den Blick auf seine Stadt geheftet, durch und endet mit dem wahren Spruche: »Der für das Schöne gebildete Sinn leitet den guten Aufwand. Dem verderblichen Aufwande des Bürgers setzt nichts Schranken als die Bildung eines festen Sinnes für Gerechtigkeit und Pflicht. Häusliche Weisheit im Nationalgeiste sucht zu pflanzen durch jede Kraft der Religion, der Beispiele und Staatskunst! Dieser moralische Sinn streitet nicht mit dem Sinne für Schönheit; beide sind vielmehr nahe mit einander verwandt, beide führen auf des Menschen letzten Zweck, seine Veredlung.« Ich übergehe den Abschnitt, der von einer uns ziemlich fremden Literatur und von der dem Verfasser vaterländischen Geschichte redet, so manche patriotische und feine Bemerkung, z. B. über das Verhältniß der Stände gegen einander, jetzt und in andern Zeiten, er enthält. Vor der historischen Wand endlich, wo die Reisen zu Wasser und zu Lande, die Welt- und Völkergeschichten vorkommen, fügt der Verfasser hinzu: »Möchten zu allen diesen, mit historischer Kritik aufgestellten Thatsachen, die dem gemeinen Auge so bunt durch einander laufen, die » Ideen « unsres Compatrioten Nicht leicht ist mir ein Andenken unerwartet erfreulicher gewesen als das in dieser Schrift; denn von den »Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit« ist hier die Rede. Dankbar gebe ich's zurück, ob es gleich, was das Buch betrifft, in die Wolke eines leisen Zweifels gehüllt scheint. Gebe mir das gute Glück Raum und Zeitumstände, jene »Ideen«, zu denen diese Briefe vorbereitend mit gehören, zu vollenden! Ohne ein Newton zu sein wußte ich den Charakter unsers Geschlechts, seine Anlagen und Kräfte, seine offenbare Tendenz, mithin auch den Zweck, wozu es hienieden bestimmt ist, in kein simpleres Wort zu fassen als: Humanität, Menschheit . Andre vortreffliche Denker sind mir seitdem hierin gefolgt (wobei es einem Jeden überlassen bleibt, sich den Begriff der Humanität enger zu denken), unter denen ich nur eine neuere gedankenreiche Schrift anführe: » Ueber Humanität «, Leipzig 1793, deren Verfasser ich nicht kenne. Im folgenden Theil dieser Briefe werden einige Blätter über die Kräfte der menschlichen Intelligenz eingerückt werden, die der bezweifelten Aufgabe ein großes Licht geben. – H. Dieses Versprechen erfüllte Herder nicht. – D. – der öffnende Schlüssel sein! So wäre denn trotz aller unschuldigen Leiden in und außer der bürgerlichen Gesellschaft, trotz der beständigen Fort- und Rückschritte in derselben und des immer wechselnden Zerstörens und Aufbauens, trotz aller Wirrungen und anscheinenden Zwecklosigkeit in der Geschichte des Menschen, doch darin ein immer stärkeres Aufblicken der Humanität dem philosophisch forschenden Auge sichtbarer Zweck. Vernunft und Billigkeit nähme in der Gesellschaft zu, der Mensch würde darin immer menschlicher. Ein Altar, dem Schutzgeist der Erde errichtet! »Es gehört für die Newtone , in dem Sturz eines Apfels die Ordnung des Weltsystems zu finden. Wir Andern, deren Theodicee sich damit behilft, die moralische Ordnung der Dinge sei durch einen Apfelbiß gestört worden, drehen uns ohne tieferes Nachdenken ruhig um unsre Achse, ohne zu wissen, wie wir bei den großen Umwälzungen ins Ganze eingreifen, und lassen die Vorsehung darüber bei unsrer Betriebsamkeit walten.« ——— 80. Wider Willen muß ich den Artikel der Handelsbibliothek mit allen seinen schönen Vorschlägen übergehen, um zu einem Briefe zu kommen, in dem sich die Seele des Verfassers der »Bonhommien« ganz zeigt. Er hatte einen Schrank für Publicität bestimmt; »in ihm hätten alle öffentlichen Verhandlungen, die das gemeine Stadtwesen betreffen, Berathschlagungen, Vorschläge, Vorstellungen, abgelegte Verwaltungsrechnungen zur Belehrung und zur Rechtfertigung niedergelegt werden können«; das Wort ging nicht durch. Auch statt der Materialien zur vaterländischen Geschichte aus dem Archiv hatte der Bibliothekar eine schöne Sammlung von Kirchenvätern unterzubringen, u. s. w. Da dieser Brief auf einer Reise in Deutschland geschrieben ist und auf allen Seiten Blicke des feinen Staatsmannes, gemildert mit der Bonhommie des Bürgers, verräth, so zeichne ich einige Bemerkungen mit dem Andenken einiger Personen aus, die auch uns werth sind, z. B. über die preußische Staatsverfassung. »Ist mehr Freiheit im Handel und weniger Freiheit im Denken dem preußischen Staat ersprießlich? Der Handel kann nicht ohne Freiheit, der preußische Staat aber wohl ohne großen auswärtigen Handel blühen. Der wahre Handelsvortheil eines Landes ist immer in dem lebhafteren inneren Verkehr. Weniger als die Freiheit im Handel leidet die Geistesfreiheit Einschränkung zum Besten der preußischen Staaten. Diese Staatsmaschine ist ganz das Werk der Freiheit des Geistes , die, durch die karge Natur des Bodens aufgefordert, so viel vermochte, daß sie ein Land, welches nur einer geringen Macht fähig zu sein schien, weit über das Mittelmäßige erhoben hat, durch Beleuchtung der Grundsätze, die daher desto standhafter befolgt wurden. Die preußische Kriegsmacht ist zur Beschützung des Landes fürchterlich; aber ohne seine, unabhängig von derselben frei wirkenden Geschäftsmänner würde Friederich selbst dies Werk der Regierungskunst nicht zu der Vollkommenheit gebracht haben. »Ich fühle mich glücklicher, unter einer Regierung geboren zu sein, welche die bürgerliche Freiheit weniger einschränkt; glücklicher in einem Lande, dessen Natur reicher ist, als daß es nöthig wäre, dem Unterthan die Staatssparbüchse beständig vorzuhalten; Geist und Herz des Bürgers haben hier mehr Spielraum. Aber in der benachbarten Monarchie ist es doch nicht Kleinheit in der Staatskunst, diese Einschränkung wie eine aus Kenntniß der Sache nothwendige Diät vorzuschreiben und zu beobachten.« Der Verfasser nimmt dabei die preußische Regierung gegen den Vorwurf, daß sie militarisch sei, in Schutz: »Was würde auch aus dem Staat werden,« sagte ein Hauptmann, »wenn Die, welche Gewalt in Händen haben, deswegen auch Alles thun dürften?« »In Berlin ,« fährt er fort, »suchte ich nicht Sparta , sondern Athen , wozu die Stadt mehr als das Thor hat. Für wissenschaftliche Unterhaltung, worin Cicero die Belustigung der Alten setzt, ist hier gesorgt. Gelehrte in und außerhalb Geschäften versammeln sich; wider gelehrten und politischen Betrug, für Wahrheit waren alle eingenommen; außer dieser Uebereinstimmung für gute Aufklärung fand ich übrigens die Meinungen über Personen und Sachen so verschieden, daß der Berlinismus hier wenigstens seinen Sitz nicht hat, wenn überhaupt das Wort Sinn haben mag und nicht vielmehr Freimüthigkeit bedeuten soll. Diese Freimüthigkeit ist hier rechtskräftig. Vor die höchste Instanz des Denkens werden sowol öffentliche Anordnungen als richterliche Aussprüche gezogen. Nur die Kanzelvorträge wurden privilegirt.« Hier ein Opfer der Achtung »dem liebenswürdigen Greise, der die Lehren des Christenthums mit Sokratischer Weisheit vortrug und auch in seiner Abschiedspredigt nicht Stachel zum Andenken seiner ehrwürdigen Person, sondern an seine, mit wahrer Salbung vorgetragenen Lehren nachlassen wollte.« Spalding. – D. Und ein reicheres Andenken »dem schlichten großen Mann , der da sagte: »Wenn ich das Gesetzwerk endige, habe ich gnug gelebt.« Auf dieser nun aufgeführten Pyramide lebt der Name Carmer .« Der Methode zu Errichtung dieses Werks, der deshalb fortwährenden Commission, auch dem Verfasser der »Annalen der preußischen Gesetzgebung«, der sich gegen den Satz: »daß Gerechtigkeit der Fürsten wol nur Gnade sein möchte«, freimüthig erklärte, wird bescheiden ihr Lob ertheilt. Auf einer Reise in Kursachsen kommt zwischen den Reisenden die Frage vor: »ob in diesem betriebsamen Lande ein Perikles bei der Verwaltung gemeinnütziger sein würde als jetzt ein Aristides ?« Und in Leipzig wird das Lob des Mannes sehr edel bemerkt, der »bei Allem, was in dieser eleganten Bürgerstadt der Verfasser Schönes sah, Kirche, Bibliothek, Concertsaal, Promenade u. s. w., immer als Der genannt wurde, der Alles dies angelegt oder verschönert habe.« Karl Wilhelm Müller , geb. den 15. September 1728 zu Knauthain bei Leipzig, seit 1778 Bürgermeister von Leipzig. Er starb, nachdem er, ohne die Steuern zu erhöhen, ungemein viel für den Neu- und Umbau öffentlicher Gebäude und für nützliche Einrichtungen gethan hatte, erst am 27. Februar 1801. – D. Die Einfachheit und Eleganz in seinem Hause ( Oeser 's Dieser für Leipzig höchst bedeutende Künstler, der mit Weimar in näherer Verbindung stand, starb erst 1799 in höherm Alter. – D. dabei unvergessen) wird anständig beschrieben, mit dem Geschmack und der Würde eines andern Mannes von diesem Stande, den der Verfasser in Königsberg wiederfand, parallelisirt und hinzugefügt: »Ich weiß nicht, oder vielmehr ich weiß es, warum ich mich durch das, was ich so unempfindsam beschreibe, so gerührt fühle. Wahrlich, es ist nicht Neid, es ist Freude über die glückliche Lage dieser würdigen Männer. Sollte denn ein geschmackvoller bescheidner Lebensgenuß, sollte ein sorgenfreies Alter eine zu große Belohnung der Wachen für den Wohlstand und selbst für die Annehmlichkeiten des Lebens seiner Mitbürger sein?« Auf seiner Rückreise durch Pommern und das vormalige polnische Gebiet, in Preußen, war es dem Verfasser erfreulich, zu erfahren, wie auch hier Humanität seit seiner ersten Reise vor vierzig Jahren zugenommen hatte: »denn,« sagt er, »für Bezahlung freundliche Begegnung und Sicherheit erhalten, ist der Wohlgeruch der blühenden europäischen Humanität. Wenn nur in dieser beruhigenden Hypothese des beständigen Fortschreitens die wilden Auftritte bei einem durch Klima und Künste humanisirten Volke jetzt nicht einen so schrecklichen Knoten schürzten.« Auch dieser Knote wird sich lösen, guter Wandrer, und gewiß, wenn auch nur warnend und belehrend, zum Fortschritt des Ganzen; denn ein so großer, so unterstützter Versuch ist in unsrer bekannten Völkergeschichte noch nie gemacht worden. Ueberdem ist das Ziel, wornach wir zu streben haben, nicht bloße Behaglichkeit auf Wegen oder daheim, wie sehr diese auch wohlthut; das Ziel liegt weiter, höher hinauf. Der Strom der Dinge fließt auch hier nicht gerade; er reißt ab, setzt an, dringt aber doch weiter. »Näher der ungekünstelten Humanität in unserm Norden, wo sie nicht in Treibhäusern aufblüht,« nahm der Verfasser noch einen Umweg, den er mit einem »Friede mit dem Manne!« schließt. Und auch Friede von mir dem Manne! Denn zu lange habe ich die Theilnehmung verborgen, die ich beim Auszuge dieser »Bonhommien« am Verfasser sowol als an seiner Stadt und mehreren dabei bemerkten Personen herzlich genommen habe. So an den Letzten, denen er Friede im Grabe oder in ihrer Ruhe wünscht; so an ihm selbst, der in seiner geliebten Dunkelheit endigen wollte. »Dieser schlichte Denkstein,« sagt er, »sei dem vormaligen Rathsstande am Wege gesetzt!« und ich muß dabei die hohe Gerechtigkeit, Güte und Sanftmuth bemerken, mit welcher der Verfasser den neuen Rath sowol als jedes Kind seiner Vaterstadt zur Pflicht und Würde derselben hinweist. Unter dem unscheinbaren Titel einer neu errichteten Bibliothek und eines Reisebriefes ist ein Bürgerkatechismus seiner blühenden Vaterstadt enthalten, der er damit gleichsam sein Herz vermacht hat. Lesen Sie, was sein und mein Freund, der mir die »Bonhommien« zusandte, Bürgermeister Wilpert ? – D. von ihm schrieb: »Das Buch in Ihre Hände zu wünschen, habe ich keinen andern Beruf als die Liebe gegen unsern Freund, den ich allgemein geliebt, geschätzt und geehrt gesehen habe, aber von Wenigen nach seinem ganzen Werth und als Schriftsteller von sehr Wenigen verstanden glaube. Diesem seinem Buch also, dem eigensten Eigenthum seines Geistes und Herzens, dem reifsten Nachlaß der Gedanken und Empfindungen, in denen und mit denen er lebenslang lebte und wirkte, den er krank, schwächlich und oft niedergeschlagenen Gemüths auf den Altar des Vaterlandes als ein Andenken der Liebe gutmüthig niederlegte und gleich darauf mit seinem Tode besiegelte, diesem möchte ich bei Ihnen auch eine gute Stätte wünschen. »So liebenswürdig unser Freund im Umgange, so allgemein anerkannt seine Güte war, so sehr ich ihn in seinem Collegium geehrt und Männer wie *.*. an der Rede seines Mundes hangen gesehen habe, so glücklich er Wissenschaft und Liebe zur Kunst zu Bildung seines Geistes und zu Verschönerung seines Lebens anzuwenden wußte: so ist oder war doch Patriotismus die Seite, von der er mir vorzüglich unaussprechlich ehrwürdig war und lebenslang bleiben wird. »In einem Leben, wo oft in seinen Aemtern und vielfachen Bestrebungen Arbeiten von heterogener Natur, im Grunde seiner Neigung so fremde, seinen Geist niederschlagen und das Herz in die Enge ziehen mußten, hat er doch immer seine Stellen geliebt, sie mit Kräften und Redlichkeit ausgefüllt; und zuletzt noch, nachdem sein Leben ganz seiner Stadt gehört hatte und nur der letzte Rest desselben durch die Umstände der Wirksamkeit entzogen war, suchte er ihr durch seine Schrift noch nützlich zu werden. Hielt es Filangieri für gut, daß Männer, die in öffentlichen Aemtern gelebt, nach ihrer Weise Unterricht geben, mich dünkt, so darf man auch bei seiner freimüthigen Redlichkeit seinem Herzen folgen; denn er schrieb, wie er redete, redete und lebte, wie er dachte, und starb, wie er gelebt hatte. »In seinem letzten Sommer begegnete er mir, da er eben im Begriff war, für den Ueberrest der Jahrszeit die Stadt zu verlassen, um seine Gesundheit auf dem Lande herzustellen; er sagte mir, daß er im Begriff sei, etwas drucken zu lassen. »Meine Absicht ist,« sagte er, »bei manchen unserer guten Bürger der Indifferenz entgegen zu wirken, womit man sich allen öffentlichen Geschäften jetzt zu entziehen anfängt, auf gleichviel welchen Wegen, und immer damit sich entschuldigt: ›es hätte doch jetzt Alles aufgehört! die vorigen Zeiten des Patriotismus seien nicht mehr‹ – und was dann so der Zeitgeist spricht.« Hier wollte er zeigen, wie der gutdenkende Bürger sich an die neue Stadtordnung anschließen könne. Dies Nämliche hat er noch in den letzten Tagen an seinen Arzt wiederholt und bat ihn, seinen Freunden zu sagen, daß der Gegenstand seines Buchs seine Stadtmoral sei.« So sein Freund. Die Stadt, für welche dieser edle Bürger und Senator schrieb, ist Riga ; sein Name ist: Johann Christoph Berens ; Vgl. Herder's Lebensbild, vor dem ersten Bande S. XLI. Der Raths- und Weltherr J. Chr. Berens war am 19. November 1792 gestorben. 1787 war von demselben zu Mitau erschienen: »Die Bombe Peter's des Großen in der Stadtbibliothek zu Riga, eine Denkschrift. Statt einer Beschreibung der wieder zu eröffnenden Stadtbibliothek; von einem vormaligen Mitgliede des alten Magistrats«. – D. und der gleichfalls treffliche Mann, an welchen auf seiner Reise in Deutschland der angeführte Brief geschrieben war, Johann Christoph Schwarz , Bürgermeister des alten Rathes derselben. Empfindlich wird meine Seele gerührt, wenn ich an die Zeiten, in denen ich in ihrem Kreise lebte, an so manche vortreffliche Charaktere ihrer edlen Geschlechter, an meine Freunde in denselben, und unter ihnen an den Verfasser der »Bonhommien« zurück gedenke. Wollte ich, was meine Erfahrung von ihm kennen lernte, in wenig Worten sagen, so wäre es jene Inschrift alten Gehalts, die Kleist seinem Freunde setzte: »Witz, Einsicht, Wissenschaft, Geschmack, Bescheidenheit Und Menschenlieb' und Redlichkeit, Des Bürgers Tugenden, des feinsten Mannes Gaben, Besaß er, den man hier begraben. Er lebte seiner Stadt, er starb mit stillem Muth Ihr Winde, wehet saust, wo seine Asche ruht!« Lebe wohl, geliebte, gutmüthige Seele! ——— Siebente Sammlung (1796.)   81. Ihnen ist der berühmte Streit bekannt, der unter Ludwig XIV. über den Vorzug der alten oder der neuern Nationen in Wissenschaften und Künsten mit großer Wärme geführt ward, und an welchem auch außer Frankreich Gelehrte und Künstler Antheil nahmen. Da man nicht allemal gnug bestimmte, von welchen Alten oder Neuern, von welchen Künsten und Wissenschaften die Rede sei, es übrigens dabei auch mehr auf einen Rangstreit damals lebender Personen als auf eine unparteiische Schätzung alter und neuer Verdienste angesehen war, so konnte wenig ausgemacht werden, obgleich von beiden Theilen viel Gutes gesagt ward. In der Cultur zum Schönen , die wir der Kürze halben Poesie nennen wollen, springt uns der Unterschied alter und neuer Zeiten, d. i. der Griechen und Römer in Vergleich aller neueren europäischen Völker ins Auge. Wir mögen italienische, spanische, französische, englische; deutsche Dichter, aus welchen Zeiten wir wollen, lesen, der Unterschied ist unverkennbar . Und doch wird es schwer, ihn sich im reinsten Umriß aufzuklären, noch schwerer, ihn bis auf seine ersten Ursachen zurückzuführen und dabei jeder Nation und Zeit ihr Recht widerfahren zu lassen. »Wie?« kann man fragen, »blüht diese schöne Blume der Humanität, Poesie in Denkart, Sitten und Sprache , nicht überall und allezeit gleich glücklich? Und wenn zu ihrem Aufkommen ein besondrer Boden, eine eigene Pflege und Witterung gehört, welches ist dieser Boden, diese Witterung und Pflege? Oder wenn sie mit jeder Zeit, unter einem andern Himmelsstrich auch ihre Gestalt und Farbe verändern muß, welches ist das Gesetz dieser Veränderung? geht sie ins Bessere oder Schlechtere über?« Ueber diese Fragen, die man oft gethan hat, sind mir einige Fragmente zu Händen gekommen, die mir der Aufmerksamkeit unsrer Gesellschaft nicht unwerth scheinen. Die Blüthe der alten Cultur unter Griechen und Römern setzen sie entweder als bekannt voraus, oder es fehlt die Untersuchung darüber in den mir zugekommenen Blättern. Vgl. dagegen die Anmerkung Herder's auf dieser Seite. – D. Diese bemerken vorzüglich, wie sich die mittlere und neue europäische Cultur in und durch Dichtkunst, und zwar bei den verschiedenen Nationen Europas nach besondern Veranlassungen, Hilfsmitteln und Zwecken gebildet habe. Das Endurtheil, in manchen Stücken die Vergleichung selbst, überlassen sie dem Leser. Da in ihnen die Poesie in einem weiten Verstande genommen und als Werkzeug oder als Kunstproduct und Blüthe der Cultur und Humanität nach Nationen und Zeiten im Allgemeinen betrachtet wird, mich dünkt, so werden wir bei jedem Fragment zu eignen Gedanken Gelegenheit finden, und dies ist doch der schönste Zweck einer schriftlichen Unterhaltung. ——— Erstes Fragment. Verfall der Poesie bei Griechen und Römern. Im Frühlinge und in der Jugend singt man; in der Winterzeit und im Alter verstummen die Töne. Die lebendigste Poesie Griechenlandes traf auf eine gewisse Jugendzeit des Volks und der Sprache, auf einen Frühling der Cultur und Gesinnungen, in welchem sich mehrere Künste, keine noch im Uebermaaß, glücklich verbanden, endlich selbst auf einen Frühling von Zeitumständen und Weltgegend, in welchem entsprießen konnte, was entsprossen ist. Von der Poesie der ältesten Sänger und von Bildung der Sprache durch ihren Gesang, von Alcäus und der Sappho , von Pindar und dem Chor der Griechen haben wir geredet Diese Fragmente fehlen. – H. und allenthalben einen jugendlich aufstrebenden Geist, jene erste Blume der Cultur bemerkt, die, wenn sie verblüht und zur Frucht gediehen ist, der laueste Zephyr nicht wieder erwecken mag. Alles in der Welt hat seine Stunde. Es war eine Zeit, da Poesie alle menschliche Weisheit in sich faßte oder deren Stelle vertrat. Sie sang die Götter und erhielt die ruhmwürdigen Thaten der Vorfahren, der Väter und Helden; sie lehrte die Menschen Lebensweisheit und war, sowie das einzige und schönste Mittel ihres Unterrichts, so auch an Festen und in Gesellschaft ihr geistigstes Vergnügen. Ehe die Schrift erfunden, oder so lange sie noch nicht häufig im Gebrauch war, sangen die Töchter der Erinnerung , die Musen, und wurden mit Entzücken gehört. Dichter waren der Mund der Vorwelt, Orakel der Nachwelt, Lehrer und Ergetzer des Volks, Lohner großer Thaten, Weise. Je mehr die Schrift aufkam und sich durch sie die Sprache ausbildete, je mehr mit der Zeit Wissenschaften aus einander gingen und einzeln bearbeitet wurden, desto mehr mußte der Poesie allmählig von ihrer Allgemeinherrschaft entnommen werden; denn sobald man schreiben tonnte, wollten Viele eine wahre Geschichte lieber in Prose, die der Poesie nachgebildet war, lesen oder lesen hören, als Fabel und Geschichte fernerhin in Hexametern durch Gesang vernehmen. Allmählig verstummte also die erzählende Muse oder sang aus Sagen ihrer altern Schwester künstlich gearbeitete Töne nach. Je mehr die Philosophie aufkam, je mehr man die Natur der Dinge, insonderheit des Menschengeschlechts und seiner Verfassungen untersuchte, desto weiter entfernte man sich von jener alten Einfalt moralischer Sprüche , denen die Poesie einst Glanz und Nachdruck geben konnte. Philosophische Unterredungen und Systeme konnte der Dichter nicht mit derselben Kraft wie alte Begebenheiten und sinnliche Gegenstände darstellen; er war hier in einem fremden Lande. Auch die Mythologie selbst, die der Poesie einst so viel Schwung gegeben hatte, ward mit der Zeit eine alte Sage. Der kindliche oder jugendliche Glaube der Vorwelt an Götter und Heroen war dahin; was tausendfach gesungen war, mußte zuletzt, blos dem Herkommen gemäß, mit trockner Kälte gesungen werden; es hatte seine Zeit überlebt. Endlich, da Scherz und Freude die Eltern des Gesanges sind, wo waren diese hingeflohen in jenen traurigen Zeiten, die Griechenland zuletzt erlebte? In- und auswärtige Kriege zerstörten, lösten auf und mischten Alles unter einander. Der lebendige Geist aufblühender Pflanzvölker, fröhlicher Inseln, im Ruhm und Gesänge wetteifernder Städte war längst entwichen; und ob man gleich die Anstalten, durch welche er gewirkt hatte, öffentliche Gebräuche, Tempel, Spiele, Wettkämpfe, Theater u. s. w., so lange es möglich war, erhielt oder wiederherstellte, so war doch jene Jugend nicht zurückzurufen, in welcher dies Alles wie durch sich selbst entstanden und veranlaßt war. Auch Hadrian rief diesen Genius nicht aus Hektor 's Grabe. Vgl. Werke, VII. S. 102. – D. Zuletzt kamen die Barbaren heran; und als die christliche Religion über Griechenland herrschte, da sang z. B. Synesius der Bischof Synesius ward im Jahr 410 Bischof zu Ptolemaïs und bedung sich dabei ausdrücklich, daß er weder seine Frau verlassen, noch eine Auferstehung des Leibes glauben dürfe. Seine »Hymnen« sowol als seine andern Schriften sind ein Gemisch des Christentums und der Alexandrinischen Philosophie, in welcher Hypatia seine Lehrerin gewesen war. – H. Der Hymnus, dessen Anfang Herder giebt, ist der erste. – D. von jenen alten Zeiten also: »Wolauf, klangvolle Zither! Nach Tejer Melodieen, Nach Lesbischen Gesängen In feierlichern Tönen Ein dorisch Lied zu singen; Ein Lied, doch nicht von Nymphen, Die Aphrodisisch lächeln, Auch nicht von holden Knaben In süßer Lebensblüthe. Ein himmlisch reines Feuer Von gottgeweihter Inbrunst Treibt mich, daß ich die Zither Zu heil'gen Liedern schlage Und jeder süßen Sünde Der Erdenlust entweiche. Was ist denn Macht und Schönheit, Was ist denn Ruhm und Reichthum Und alle Königsehren Entgegen frommer Andacht? Der sei ein schöner Reiter, Ein schneller Schütze Jener , Ein Anderer bewache Gehäufte goldne Schätze; Dem hange seine Locke Zierlich hinab die Schulter; Von Jenem sei gepriesen Bei Jünglingen und Mädchen Sein glänzend holdes Antlitz: Mir sei ein stilles Leben, Ein heiliges vergönnet, Unscheinbar vor den Menschen, Doch nicht vor Gott verborgen! Mir stehe bei die Weisheit, Die stark ist, mich zu leiten Durch Jugend und durch Alter! Sie , Königin des Reichthums, Die auf unebnen Wegen Das harte Joch der Armuth Mit leichtem Muth erträget; Sie , die in bittrem Kummer Des Lebens heiter lächelt! So viel sei mir gewähret, Daß, schwarzer Sorg' entnommen, Ich eines Nachbars Hütte Im Mangel nie bedürfe. Horch auf! Cicada singet, Von Morgenthaue trunken. Schau, wie die Saite stärker Mir schlägt und eine Stimme Begeisternd mich umtönet! Was giebst Du für ein Lied mir, Du heilige Begeistrung?« Und so geht der Gesang in Platonisch-christliche Ideen über. Für Verständige bedarf es der Erinnerung nicht, daß es auch im christlichen Zeitalter, bis zur Eroberung Constantinopel's und fernerhin griechische Dichter gegeben habe. Es gab griechische Dichter, aber keine Poesie Griechenlandes in dem Sinne, von dem hier die Rede ist. – H. ——— Die Geschichte der Römer endete nicht anders. Ihnen war die Poesie, insonderheit der lyrische Gesang, gewissermaßen immer eine fremde Kunst geblieben; die Oden Catull 's und Horaz ' sind nur ein Nachhall der griechischen Lyra. Auch hat es ein Gelehrter unsrer Zeit wahrscheinlich gemacht. Meierotto , » De rebus ad auctores quosdam classicos pertinentibus ,« Berolini 1785, p . 131 sqq .: » Judicium aequalium de Horatio .« – H. daß selbst Horaz' Oden zuerst lange nicht so viel Celebrität hatten, als sie in der Folge, insonderheit seitdem die lateinische Sprache eine todte Sprache war, mit Recht erhielten. Nachfolger fand dieser schöne Dichter unter den Römern wenige, und keinen, der an ihn reichte. Bis auf ein paar Stücke des Statius und einige arme Gedichte der Grammatiker sind diese auch untergegangen, so daß in Latium das Feld der lyrischen Poesie von Augustus' Zeiten hinab für uns am Oedesten daliegt. Was übrig geblieben ist, hat Wernsdorf in den Poetis Latinis minoribus, T . III. sammt den Nachrichten von dem, was untergegangen ist, mit großem Fleiß gesammelt. – H. Die Ursachen hievon sind fast dieselben wie in der griechischen Geschichte. Die alte Mythologie war den Römern von Anbeginn an ungleich fremder und entfernter, als sie es in den neueren Zeiten den Griechen je werden konnte. Schon bei Virgil und Ovid , bei Properz und Horaz bemerkt man dies Fernhergebrachte zuweilen mit einigem Anstoß; bei Seneca, Statius , beim blühenden Claudian, Ausonius u. s. w. noch viel mehr. Man fühlt, die alte Götterlehre habe sich überlebt. Ohne Zweifel war dies mit eine Ursache, warum die meisten römischen Dichter, z. B. Ennius, Lucan, Silius, Claudian , lieber historische als rein heroische Gedichte schrieben und einige sogar ziemlich unpoetische Gegenstände wählten. Der alte Blumengarten war abgeblüht. Die Thebaïden- und Achilleïdendichter, noch mehr aber die schrecklichen Atridensänger hatten nicht nur den Reiz der Neuheit verloren, sondern die Satirendichter gingen ihnen auch hart entgegen. Der Zustand Italiens und der römischen Provinzen unter den meisten Kaisern lockte noch minder einen neuen Frühling hervor. Wahnsinnige Tyrannen bedrückten die Welt; Kriege, bald auch die Anfälle der Barbaren verheerten sie, und unter den wenigen guten Kaisern ward aus mehreren Ursachen lieber griechische Philosophie als römische Dichtkunst gepflegt. Jener hatte nach damaligen Umständen die trost- und hilfbedürftige Zeit mehr als dieser nöthig. In Zeiten, die Tacitus beschreibt, in andern, die nachher folgten, wollte man wahrlich oft weniger singen als seufzen. Der letzte Römer, Boëthius , endlich suchte auch in lyrischen Silbenmaaßen Trost gegen sein Unglück; seine Philosophie gewährte ihm aber nicht sowol Gedichte als philosophische Sentenzen. Boëthius' und Auson 's Gedichte sind zur Zeit des allgemeinen Verfalls der römischen Sprache und Poesie merkwürdige Erscheinungen. Beide Dichter waren Christen, und doch lassen sie es sich in ihren Gedichten wenig merken, der Erste gar nicht, der Zweite ist gleichsam wechselsweise Christ und Heide. Beide suchen wie ans Trümmern vergangener Zeiten Schätze hervor. Jener Philosophie, die er in alle Silbenmaaße seines Seneca ordnet. Dieser das Andenken an alle ihm werthe Sachen und Menschen. Beide, insonderheit Boëthius , sind den folgenden dunkeln Jahrhunderten leitende Sterne gewesen; wie denn auch in ihm und in mehreren Dichtern der letzten Zeit bereits sichtbarerweist ein neuer Geschmack hervorgeht, der den folgenden Zeiten verwandt und ihnen daher lieber war als der große Geschmack der alten classischen Dichter. Von Boëthius haben wir nach zwei merkwürdigen Uebersehungen des vorigen Jahrhunderts (Nürnberg 1660. Sulzbach 1667. letzte vom Tulzbach'schen Kanzler Knorr von Rosenroth ) neulich eine unsrer Zeit gemäßere erhalten, aus welche viel Fleiß gewandt ist: »Trost der Philosophie, aus dem Lateinischen des Boëthius, von F. C. Freitag «. Riga 1794. In den Silbenmaaßen ist der Uebersetzer dem Dichter nicht gefolgt; die seinen aber sind edel und streben im Rhythmus der Jamben dem Milton nach. Boëthius ist ein Philosoph für alle Zeiten. – H. Längst schon war nach und nach das Christentum ins Reich gedrungen, es hatte den Sieg erlangt und erfüllte bald alle heilige Orte mit christlichen Gesängen und Hymnen. ——— Nachschrift. So weit das erste Fragment. Sammeln wir seine Winke, so werden wir gewahr, daß in Griechenland und Rom die ächte Poesie mit Religion, Sitten und dem Staate selbst untergegangen sei; denn woran sollte sie sich außer diesen ihren drei Grundstützen haltend Waren die Götter zu Märchen worden, an welche Niemand mehr glaubte, so ward man ihrer Lobgesänge, zuletzt auch des Gelächters über sie bald überdrüssig; der Hymnus sowol als der Mimus hatte sich an ihnen erschöpft. Mit dem Ernst und der Anständigkeit in Sitten hatte die Poesie ihren gesundesten und festesten Nerv verloren; denn das Lachen eines Kranken ist nicht ein Zeichen seiner Gesundheit. Die niedrigen Zwecke, wozu man im üppigen Rom die Poesie anwandte, machten sie verächtlich, zuletzt abscheulich; so wie gegentheils die strafende Poesie , die ihre Geißel dagegen erhob, nothwendig auch oft über die Grenzen des Schönen und Wohlgefälligen streifen mußte. Sank endlich der Staat, so sank alles Edle mit ihm, nichts konnte sich retten; denn wohin hätte es außer dem Staat sich retten mögen? Wie in einbrechender Nacht sehen wir also allmählig die Sonne, die Abendröthe, zuletzt auch die hie und da noch funkelnden Sterne verschwinden; das Firmament umziehen dunkle Wolken, es wird Nacht. Vermutlich wäre das ganze südliche Europa eine so dunkle Nacht und ein Chaos worden, wenn nicht aus Orient ein sonderbarer Strahl die Finsterniß zertheilt und einer neuen Morgenröthe von fern den Weg gebahnt hatte. Das zweite Fragment wird hievon reden. ——— 82. Zweites Fragment. Christliche Hymnen Den Hymnen, die das Christentum einführte, lagen jene alten ebräischen Psalmen zum Grunde, die, wo nicht als Gesänge oder Antiphonien, so doch als Gebete sehr bald in die Kirche kamen. Das Denkmal, das die bleibende Gegenwart des Stifters unter den Seinigen darstellen sollte, das Abendmahl , war unter Lobgesängen aus dem Psalmbuch eingesetzt; er, der Stifter des Christenthums selbst, hatte sich mit Worten aus dem Psalmbuch getröstet; dem Psalmbuch also gaben Apostel und Kirchenväter mit Recht, auch seiner Popularität wegen, das größte Lob, da sowol die Stimme einzelner Personen als eines ganzen Volks in ihm so herzlich, so stark und lieblich erschallte. Luther , bei sehr veränderten Zeitumständen, nennt es einen Blumengarten von allerlei Blumen , einen ganzen Weltlauf von Zuständen des menschlichen Herzens und Lebens . Luther's Vorrede zum Psalter. – H. Da ist keine Klage, meint er, kein Schmerz, kein Jammer, aber auch keine Hoffnung, kein Trost, keine Freude, die in ihm nicht ihren Ausdruck finde. Und weil es mit der größten Einfalt abgefaßt ist (denn lyrisch einfacher kann nichts sein als der Parallelismus der Psalmen, gleichsam ein doppeltes Chor, das sich einander fragt und antwortet, zurechtweist und bestärkt), so war es einer einfältigen Christengemeine, sowol in Zeiten des Drucks als in Empfindungen der Freude und Hoffnung wie vom Himmel gegeben. Daher der frühe Gebrauch dieses Buchs in der christlichen Kirche; daher von den ersten Zeiten an, ehe es christliche Dichter geben konnte, jene lauten Gesänge, dadurch sich ihre Zusammenkünfte den Römern merkbar machten; Plinius' Brief an Trajan. – H. Plin. Epist ., X. 97: » Carmenque Christo quasi Deo dicere secum invicem .« Daß dies carmen Psalmen gewesen, ist nichts weniger als wahrscheinlich. – D. es waren Psalmen . »Das schöne Buch, das Richtscheid guter Sitten, Die starke Kraft, den Himmel zu erbitten, Des Lebens Trost, der Muth zum Sterben giebt, Was der Held sang, den Gott grundaus geliebt, Ward durch den Saal der ganzen Welt gesungen Und regte sich in aller Christen Zungen«, sagt Opitz . Nicht nur von Seiten des Inhalts , sondern auch von Seiten der Form ward dieser Gebrauch der Psalmen dem Geist und Herzen der Menschen eine Wohlthat. Wie man in keinem lyrischen Dichter der Griechen und Römer so viel Lehre, Trost und Unterweisung wie hier beisammen fand, so war auch schwerlich irgendwo sonst (wenn man die Psalmen nur als Oden betrachtet) eine so reiche Abwechselung des Tons in jeder Gesangesart wie hier gegeben. Zwei Jahrtausende her sind diese alten Psalmen oft und vielfach übersetzt und nachgeahmt worden, und doch ist noch manche neue Bildung ihrer vielfassenden reichen Manier möglich. Sie sind Blumen, die sich nach jeder Zeit, nach jedem Boden verwandeln und immer in frischer Jugend dastehn. Eben weil dies Buch die einfachsten lyrischen Töne zum Ausdruck der mannichfaltigsten Empfindungen enthält, ist es ein Gesangbuch für alle Zeiten Vgl. Herder's Werk: »Vom Geist der ebräischen Poesie«. Abschnitt IX bis XI. – D. Den näheren Ton zu christlichen Gesängen gaben indeß die Lobgesänge Zacharias' und der Maria, der Gruß des Engels, der Abschied Simeon's u. s. w., mit denen das Neue Testament anfing. Ihre sanftere Stimme war dem Geist des Christenthums gemäßer als selbst der laute Paukenschall jener alten frohlockenden Hallelujah, obgleich auch diese vielfach angewandt und mit Stimmen der Propheten oder andrer biblischen Gesänge bald verstärkt, bald gemildert wurden. Ueber den Gräbern der Verstorbenen, deren Auferstehung man im Geist schon gegenwärtig erblickte, in Einöden und Katakomben ertönten zuerst diese Buß- und Gebet-, diese Trauer- und Hoffnungspsalmen, bis sie nach öffentlicher Einführung des Christenthums aus dem Dunkel ins Licht, aus der Einsamkeit in prächtige Kirchen, vor geweihte Altäre traten und jetzt auch in ihrem Ausdruck Pracht annahmen. Schwerlich wird Jemand sein, der z. B. im Gesange des Prudentius : » Jam moesta quiesce querela «, nicht von rührenden Tönen sein Herz ergriffen fühlte, dem der Todtengesang: » Dies irae, dies illa « nicht Schauder einjagte, den so viel andre Hymnen, jeder mit seinem Charakter bezeichnet, z. B. » Veni, redemtor gentium «, » Vexilla Regis prodeunt «, » Salvete, flores Martyrum «, » Pange, lingua gloriosi « etc. ..., nicht in den Ton versetzten, den jeder Hymnus will und in seiner demüthigen Gestalt, mit allen seinen kirchlichen Idiotismen mächtig gebietet. In diesem tönt die Stimme der Betenden, jenen könnte nur die Harfe begleiten, in andern schallt die Posaune; es ruft und tönt die tausendstimmige Orgel etc. Fragt man sich um die Ursache der sonderbaren Wirkung, die man von diesen altchristlichen Gesängen empfindet, so wird man dabei eigen betroffen. Es ist nichts weniger als ein neuer Gedanke , der uns hier rührt, dort mächtig erschüttert; Gedanken sind in diesen Hymnen überhaupt sparsam. Manche sind nur feierliche Recitationen einer bekannten Geschichte, oder sie sind bekannte Bitten und Gebete. Fast kommt der Inhalt aller in allen wieder. Selten sind es auch überraschend seine und neue Empfindungen , mit denen sie uns etwa durchströmen; aufs Neue und Feine ist in den Hymnen gar nicht gerechnet. Was ist's denn, was uns rührt? Einfalt und Wahrheit . Hier tönt die Sprache eines allgemeinen Bekenntnisses, eines Herzens und Glaubens. Die meisten sind eingerichtet, daß sie alle Tage gesungen werden können und sollen, oder sie sind an Feste der Jahreszeiten gebunden. Wie diese wiederkommen, kommt in ewiger Umwälzung auch ihr christliches Bekenntniß wieder. Zu fein ist in den Hymnen keine Empfindung, keine Pflicht, kein Trost gegriffen; es herrscht in ihnen allen ein allgemeiner populärer Inhalt in großen Accenten. Wer in einem Te Deum oder Salve regina neue Gedanken sucht, sucht sie an unrechtem Orte; eben das täglich und ewig Bekannte soll hier das Gepräge der Wahrheit sein. Der Gesang soll ein ambrosisches Opfer der Natur werden, unsterblich und wiederkehrend wie diese. Es ergiebt sich hieraus, daß, da man bei christlichen Hymnen auf die Schönheit eines classischen Ausdrucks, auf die Anmuth der Empfindung im gegenwärtigen Moment, kurz, auf die Wirkung eines eigentlichen Kunstwerks gar nicht rechnete, diese Gesänge, sobald sie eingeführt waren, die sonderbarsten Folgen haben mußten. Wie nämlich die Hand der Christen Bildsäulen und Tempel der Götter dem unsichtbaren Gott zu Ehren zerstörte, so hielten diese Hymnen auch einen Keim in sich, der den heidnischen Gesängen den Tod bringen sollte. Nicht nur wurden von den Christen jene Hymnen an Götter und Göttinnen, an Heroen und Genien als Werke der Ungläubigen oder der Abergläubigen angesehen, sondern und vorzüglich ward auch der Keim, der sie hervorgebracht hatte, die dichtende oder spielende Einbildungskraft , die Lust und Fröhlichkeit des Volks an Nationalfesten , als Vor »als« stand im ersten Drucke noch irrig »und«. – D. eine Schule böser Dämonen verdammt, ja der Nationalruhm selbst , auf welchen jene Gesänge wirkten, als eine gefährlich glänzende Sünde verachtet. Die alte Religion hatte sich überlebt; die neue Religion hatte gewonnen, wenn die Thorheit des heidnischen Götzendienstes und Aberglaubens, die Unordnungen und Gräuel, die an den Festen des Bacchus, der Cybele, der Aphrodite vorgingen, ins Licht kamen. Also auch, was von der Poesie dahin gehörte, war ein Werk des Teufels. Es begann eine neue Zeit für Poesie, Musik, Sprache, Wissenschaften , selbst für die ganze Richtung der menschlichen Denkart . Denn 1. Fortan war die Poesie keinem Volk, keinem Lande eigen , weil dieser Geist christlicher Hymnen mit Zerstörung aller Nationalheiligthümer die Völker insgesammt umfaßte und glauben lehrte. An die Stelle jener längst verlebten Heroen und Nationalwohlthäter traten jetzt neue Heroen , die Märtyrer, die auf der Erde ihre Festtage, Kirchen und Patrimonien bekamen, wie sie als Schutzpatronen und Fürbitter bei Gott angesehene Plätze droben besaßen. Himmel und Erde war also den Heiligen gegeben, die christliche Welt war unter sie vertheilt. Statt einzelner irdischer Wohlthaten sang man eine große Wohlthat, die Erlösung der Welt vom Aberglauben und den Dämonen . Statt eingeschränkter irdischer Hoffnungen sang man eine große Hoffnung, die Erwartung der Ankunft des Richters über Lebendige und Todte , mit welcher die Gesammtherrschaft in seinem Reiche wesentlich verknüpft war. Jahrhunderte lang hielt man diese Ankunft für nah; alle traurige Zeichen der Zeit, an denen man großenteils selbst Schuld war, wurden auf sie gedeutet, und ungeheure Dinge, Verfolgungen, Schenkungen, Die »Schenkungen« stehen doch hier sonderbar zwischen Verfolgungen und Kriegen unter den »ungeheuren« Dingen. Ebenso steht in den »Ideen« (Werke, XII. S. 119. Z. 24) auffallend »Zinsen«. Das ungehörige Wort ist wol dort wie hier als aus Versehen hereingekommen zu streichen. – D. Kriege, wurden durch sie befördert. Hymnen an die Märtyrer, Hoffnungen der Auferstehung und der Wiederkunft Christi machen also einen großen Theil der Dichtkunst dieser Zeiten aus; sie waren auch eine mächtige Triebfeder. Von heidnischer Poesie mochte untergehen, was untergehen wollte; was man rettete, ward etwa der Sprache, der Silbenmaaße, der späteren Platonischen Philosophie oder zufällig eines dem Christenthum zuträglichen Umstandes wegen erhalten. Selbst die jüdischen Psalmen wurden jetzt blos und allein christlich verstanden und gegen Ketzer, ja gegen die Juden selbst zeitmäßig gedeutet; es ward mit ihnen gebetet, geflucht, verbannt, exorcisirt. Was irgend man in der Literatur fand und anwenden wollte, verlor seinen alten Zweck und ward christlich . 2. Die Musik bekam durch die christlichen Hymnen mit der Zeit eine ganz andre Art und Weise. Da der Inhalt dieser Gesänge gleichsam ein Chor der Völker und so allgemein war, daß sich die Töne dem einzelnen Ausdruck einer individuellen Empfindung weder anschließen konnten noch sollten, so ging dabei der Strom der Musik allumfassend in seinem großen Gange desto ungehinderter und prächtiger fort. Wenig achtete er auf Füße des Silbenmaaßes, auf den Inhalt einzelner Strophen, auf einzelne Worte; mit der Strophe, welches Inhalts sie auch war, kehrte der Gesang wieder; das Feierliche verbarg jede Verschiedenheit in seinen weiten Mantel. Bei den Griechen war dies anders gewesen; bei ihnen war die Poesie herrschend, die Musik dienend. Jetzt ward die Musik herrschend, die im Silbenmaaß gebrechliche Poesie diente. Ein einziger Umstand, der schon einen völligen Unterschied zwischen der alten und neuen Poesie, der alten und neuen Musik gründet. Die jetzt herrschende Musik, die gleichsam von einem unermeßlichen Chor in den Wolken getragen ward, mußte nothwendig, später oder früher, für sich selbst ein Gebäude der Harmonie ausbilden, da bei den Hymnen des Christenthums auf Melodie wenig, auf einzelne Glieder des Versbaues und der Empfindungen noch weniger und auf ein daraus entspringendes momentanes Kunstvergnügen gar nicht gerechnet war. Der Tonkünstler dagegen war Zauberer in den Wolken, der mit seinen Schritten im großen Gange der Harmonie desto gebietender den Inhalt des Ganzen verfolgte und auf andächtige Gemüther in diesem vollstimmigen Gange desto stärker wirkte. Durch den christlichen Gesang war also die Harmonie der Stimmen im Concert der Völker gleichsam gegeben . 3. Auch die Sprache ward durch diese neue Einrichtung der Dinge sehr verändert. Wenn bei Griechen und Römern jener alte ächte Rhythmus, nach welchem jede Silbe ihr bestimmtes Zeitmaaß an Länge und Kürze, an Tiefe und Höhe hatte, nicht schon verloren gegangen war, so ging er jetzt, wie die christlichen Hymnen zeigen, bald verloren. Man achtete auf ihn wenig und folgte dagegen, weil auf Popularität Alles gerechnet war, der gemeinen Aussprache , ihren Perioden und Cadenzen , kurz, dem Wohlklange des plebejen Ohrs . Ohne Quantität der Silben brachte man also Reime und Assonanzen ins Spiel; man formte einen gewissen Numerus der Strophe, der dem alltäglichen Gehör gemäß war, den aber die Griechen und Römer nur in den sogenannten politischen oder gemeinen Volksversen erträglich gefunden hatten. Im Innern konnte die Sprache ebenso wenig rein bleiben, da jetzt in Poesie und Rede der Genius fast aller Völker mit einander vermischt ward . Ausdrücke der Ebräer und andrer Asiaten, der Griechen und Römer in den verschiedensten Provinzen, endlich der Barbaren, die Sieger waren und Christen wurden, flossen zusammen; so ward dann nach Ort und Zeit das Griechische und das Latein der mittleren Zeiten gebildet, das man mit Recht die Mönchssprache nennt. Sie bildete sich einen Reichthum neuer Ausdrücke nach ihren Bedürfnissen und Umständen, der alte Römergenius aber war verschwunden. 4. Wie manche Wissenschaften das damalige Christenthum entbehrlich glaubte, erweist die Geschichte der mittleren Zeiten. Gesänge, Predigten und Ordensregeln, die vom Untergange der Welt ( seculi hujus ), von der Eitelkeit aller irdischen Dinge, von der Trüglichkeit des menschlichen Geistes, von der Nähe eines Reichs sprechen, in welchem Alles anders sein wird und sein muß, fachen nicht eben die Lust an, den gegenwärtigen Zustand der Welt, wie er ist, zu beleben. Im Himmel war das Vaterland der Christen; dahinauf strebten ihre Gesänge; das Schema der gegenwärtigen Welt war ihnen vergänglich, ob sie es übrigens gleich für sich sehr gut, und ein Theil mit Bedrückung eines größeren andern Theils der Menschheit, zu gebrauchen wußten. 5. Dagegen ward bald hie und da jene mystische Empfindungs-Theologie ausgesponnen, die, ihrer stillen Gestalt ungeachtet, vielleicht die wirksamste Theologie in der Welt gewesen. Im Christenthum schlang sie sich dem jüngeren Platonismus an, der ihr viel Zweige der Vereinigung darbot; aber auch ohne Platonismus war sie bei allen Völkern, die empfindend dachten und denkend empfanden, in jeder Religion, die beseligen wollte, am Ende das Ziel der Betrachtung. Sinnliche Völker selbst haben zuweilen auf die sonderbarste Weise einen Mysticismus gesucht und sich in ihm berauscht; vernünftelnde Völker suchten ihn auf ihre Weise. Der Grund dazu liegt in der Natur des Menschen. Er will Ruhe und Thätigkeit, Genuß und Beschauung auf die kostenfreieste, dauerhafteste, zugleich auch auf die untrüglichste, auf eine gleichsam unendliche Weise. So gern möchte er mit Ideen leben und selbst Idee sein . Die träge Zeit, den leeren Raum, die lahme Bewegung um sich her möchte er gern überspringen und vernichten, dagegen Alles an sich ziehn, sich Allem zueignen und zuletzt in einem Ideal zerfließen, das jeden Genuß in sich faßt, wohin seine Vorstellung reicht. Viele Umstände der damaligen und folgenden Zeit kamen zusammen, diesen Mysticismus zu nähren und ihn dem Christenthum, zu welchem er ursprünglich nicht gehörte, einzuverleiben. Ein speculirender Geist, dem es an Materie zur Speculation fehlt, ein liebendes Herz ohne Gegenstand der Liebe geräth immer auf den Mysticismus. Einsame Gegenden, Klosterzellen, ein Krankenlager, Gefängniß und Kerker, endlich auch auffallende Begebenheiten, die Bekanntschaft mit sonderbar liebreichen und bedeutenden Personen, Worte, die man von ihnen gehört, Zeichen der Zeit, die man erlebt hat u. s. w., alle diese Dinge brüten den Mysticismus, dies Lieblingskind unsrer geistigen Wirksamkeit und Trägheit, in einer groben oder seidenen Umhüllung aus und geben ihm zuletzt die bunten Flügel des himmlischen Amor's. Man liebt und weiß nicht, wen; man begehrt und weiß nicht, was. Etwas Unendliches , das Höchste, Schönste, Beste . So unentbehrlich dem Menschen diese Tendenz nach dem Vortrefflichsten und Vollkommensten ist, ohne welche er wie eine Raupe umherkröche und vermoderte, so leer bleibt dennoch die Seele, wenn sie, blos auf Flügeln der Imagination im Taumel der Begeisterung fortgetragen, in ungeheuren Wüsten umherschweift. Das Unendliche giebt kein Bild; denn es hat keinen Umriß; selten haben diesen auch die Poesien, die das Unermeßliche singen. Sie schwingen sich entweder in ein Empyreum des Urlichts voll gestaltloser Seraphim auf, oder wenn sie von da in die Tiefen des menschlichen Herzens zurückkehren, kann die erhöhte Speculation dennoch nur aus ihm jene Urbilder himmlischer Schönheit holen, die sie über den Wolken begrüßt und in ein Paradies der Liebe und Seligkeit hinaufzaubert. Die Hymnen der mittleren Zeiten sind voll von diesen goldnen Bildern, in die unermeßliche Bläue des Himmels gemalt. Ich glaube nicht, daß es Ausdrücke süßerer Empfindungen gebe als die bei der Geburt, dem Leiden und Tode Christi, bei dem Schmerz der Maria, bei ihrem Abschiede aus der Sichtbarkeit oder bei ihrer Aufnahme in den Himmel und bei dem freudigen Hingange so manches Märtyrers, bei der sehnenden Geduld so mancher leidenden Seele, meistens in den einfachsten Silbenmaaßen, oft in Idiotismen und Solöcismen des Affects geäußert wurden. Wer sich davon überzeugen will, lese die frommen Liebesgesänge des heiligen Bernhard 's und Thomas' , des Cardinals Bona , der heiligen Therese , des Juan de la Cruz und Ihresgleichen, oder vielmehr er höre sie mit Musik begleitet. Das Stabat Mater dolorosa (Jacobus de Benedictis ist sein Verfasser) Auch Jacoponus genannt. Er starb 1306. Seine geistlichen Dichtungen gab zuerst Frisati 1558 zu Rom heraus. – D. ist in Pergolesi 's Composition sehr bekannt; dergleichen süße Schmerzen- und Liebesgesänge giebt's in der Mönchssprache viele, die ganz dazu geschaffen scheint. Wilder Silbenmaaße bediente man sich dabei nicht, vielmehr äußerst anständiger und sanfter. Selbst das verzückte Metrum des sogenannten Pervigilii : » Cras amet, qui numquam amavit «, das in den Hymnen oft gebraucht ist, erhält in ihnen einen Triumphton und eine Würde, die uns gleichsam aus uns selbst hinaussetzt und unser ganzes Wesen erweitert. Wie konnte dies auch anders sein, da, wo man die Bibel nur aufschlägt, im Hohenliede, Propheten, Psalmen, in den Evangelien, Briefen und der Offenbarung, man Ausdrücke bald der erhabensten Einfalt, bald der innigsten Zärtlichkeit und Liebe findet? Wer Händel 's »Messias«, einige Psalmen von Marcello , und Allegri's, Leo's, Palestrina's Compositionen der simpelsten biblischen Worte gehört hat und dann die lateinische Bibel, christliche Epitaphien, Passions-, Grab-, Auferstehungslieder liest, der wird sich, trotz aller Solöcismen und Idiotismen, in dieser christlichen wie in einer neuen Welt fühlen. ——— Nachschrift Da ich es nicht voraussetzen kann, daß Jedem von Ihnen eine Menge der Hymnen bekannt sei, von denen das Fragment redet, so lasse ich von einigen der angeführten nur Strophen abschreiben, die ich etwa mit einer Anmerkung begleite. Die Solöcismen und Idiotismen darin gehören zur Sprache der Zeit; überhaupt sind diese Verse nicht zu lesen, sondern mit der ihnen gebührenden Musik zu hören. 1. Jam moestra quiesce . Von Prudentius Cathemerinon 10 . Unser alter Gesang: » Hört auf mit Klagen !« ist eine Nachahmung einiger Strophen dieses alten Hymnus, der beim Prudentius anfängt: » Deus, ignee fons animarum «. – H. Die hier gegebenen Strophen bilden Strophe 30, 32, 35. – D. Jam moestra quiesce querela! Lacrimas suspendite, matres! Nullus sua pignora plangat; Mors haec reparatio vitae est . – Der Gedankenstrich deutet die Auslassung von Strophen an. – D. Nunc suscipe, terra, fovendum Gremioque hunc concipe molli; Hominis tibi membra sequestro, Generosa et fragmina credo. – Veniant modo tempora justa, Cum spem Deus impleat omnem: Reddas patefacta, necesse est, Qualem tibi trado figuram . ——— 2. Dies irae Der Graf Roscommon übersetzte diesen Gesang ins Englische: » The Day of Wreath, that dreadful day «, und starb mit den Worten aus ihm: » Prostrate, my contrite heart I rend, My God, my Father, and my Friend, Do not forsake me in my End .« Unser deutsches Lied: » Es ist gewißlich an der Zeit « ist eine Nachahmung dieses Gesanges. – H. Dies irae, dies illa Solvet saeculum in favilla Teste David cum Sibylla. Quantus tremor est futurus, Quando judex est venturus, Cuncta stricte discussurus! Tuba mirum spargens sonum Per sepulcra regionum Coget omnes ante thronum. Mors stupebit et natura, Cum resurget creatura, Judicanti responsura. Liber divus tunc pandetur , Richtiger: » Liber scriptus proferetur .« – D. In quo totum continetur, Unde mundus judicetur Judex ergo cum sedebit, Quidquid latet, apparebit, Nil inultum remanebit. Quid sum miser tunc dicturus? Quem patronum rogaturus? Cum vix justus sit securus. Rex tremendae majestatis, Qui salvendos salvas gratis, Salve me, fons pietatis etc . ——— 3. Lauda, Sion, Salvatorem, Lauda Ducem et Pastorem In hymnis et canticis! Quantrum potes, tantum aude, Quia major omni laude, Nec laudare sufficis. – Sit laus plena, sit sonora, Sit jucunda, sit decora Mentis jubilatio. Dies enim agitatur, In qua mensae ruminatur Hujus institutio etc . Nach anderer Fassung: » Namque dies est sollemnis, Qua recolitur perennis Mensae institutio .« – D. ——— 4. Pange, lingua, gloriosi proelium certaminis, Et super crusis trophaeo dic triumphum nobilem, Qualiter redemtor orbis immolatus vicerit! – Crux fidelis, inter omnes arbor una nobilis! Nulla talem silva profert fronde, flore, germine; Dulce lingnum, dulce signum, dulce pondus sustinens etc. ——— 5. Ave, maris stella, Dei mater alma Atque semper virgo, felix coeli porta! – Virgo singularis, inter omnes mitis, Nos culpis solutos mites fac et castos etc . ——— 6. Uebersetzt von Wieland im »Deutschen Mercur«, Februar 1781. – H. Stabat mater dolorosa Juxta crucem lacrimosa, Dum pendebat filius, Cujus animam gementem, Contristatam et dolentem Pertransivit gladius. O quam tristis et afflicta Fuit illa benedicta Mater Unigeniti, Quae moerebat et dolebat Et tremebat, cum videbat Nati poenas incliti. – Fac me cruce custodiri, Morte Christi praemuniri, Confoveri gratia! Quando corpus morietur, Fac, ut anima donetur Paradisi gloria! ——— 7. Vom deutschen Mönch Gottschalk (älter als Otfried ), dem sehr hart begegnet ward. Er schrieb dies als ein Vertriebner im Gefängniß. – H. Ut quid jubes, pusiole? Quare mandas, filiole, Carmen dulce me cantare, Cum sim longe exsul valde Intra mare; O cur jubes canere? Magis mihi miserale Flere libet puerale, Plus plorare quam cantare Carmen tale jubes quare? Amor care, O cur jubes canere ? ——— 83. Mit Ihrem » Dies irae, dies illa « haben Sie mir eine schöne Welt zu Grabe geläutet, die Welt der Erscheinungen des Alterthums in ihren bestimmten, lieblichen Formen, in ihren bedeutenden Geberden, in ihren gleichsam organisirten Tönen . Sie wird nicht wiederkommen auf unsrer Erde, so wenig uns unsre Jugend zurückkommt. Jene ersten Versuche der Menschen, sich das Unsichtbare sichtbar , das Vergangene und Entfernte gegenwärtig zu machen, eine Welt von Gegenständen, von Bildern und Empfindungen durch Worte und Töne darzustellen , und zwar also darzustellen, daß auch ihre Folge sprechend, daß ihre Veränderung in Licht und Farben bis zum Kleinsten empfunden oder bemerkt werde; diese Versuche, in einer gegebnen langen Zeit zu Meisterwerken der poetischen Kunst erhöht, von einer Nation, der die Kunst Natur , der Geschmack am Schönen Charakter gewesen zu sein scheint, werden ihresgleichen schwerlich in Zeiten finden, die Ihre angeführten Hymnen eingeläutet haben. Nichts ist von zarterem Wesen als der ächte Natur - und Kunstgeschmack . Durch Frömmigkeit und Andacht, selbst durch Gelehrsamkeit und Fleiß läßt er sich nicht erlangen; er ist eine himmlische Grazie, die auf unsrer Erde nur hie und da, dann und wann erscheint. Sie kann ebenso leicht weggebetet als wegstudirt werden; einmal vertrieben, kommt sie selten oder spät wieder. Und doch ist mit diesem Natur- und Kunstgeschmack selbst der richtige Sinn , die wahre Vernunft des Menschen so innig verbunden. Schwerlich werde ich in Ihrem Athanasius und Ambrosius so schlicht und rein zu lesen bekommen, was mich Cicero 's »Pflichten«, Horaz ' Briefe und Sermonen lehren. Die Litaneien und Legenden der Heiligen, ja das ganze Breviarium dieser Sittenlehre und Weisheit wird das ächte Richtmaaß menschlicher Moralität kaum so strenge an mich legen, als es die festen Lehren des Alterthums , seine mit sichrer Hand, im bestimmtesten Umriß gezeichneten Charaktere zu thun vermochten. Ist einmal der Gesichtskreis und das Ziel der Bestimmung verrückt, zu welchem die Menschen auf Erden leben, so erscheinen durch katoptrische Spiegel zurückgeworfene seltsame Bilder und Vorbilder des Lebens. Eine Zauberlaterne bringt Gestalten hervor, die in Schrecken und Verwunderung setzen können, denen man aber nicht ohne Gefahr folgt. Ihr Fragment meldete uns an, daß sich fortan die Musik von der Poesie scheiden und in eignen Regionen ihr Kunstwerk treiben werde ; fürs unbewehrte menschliche Geschlecht eine gefährliche Scheidung. Musik ohne Worte setzt uns in ein Reich dunkler Ideen; sie weckt Gefühle auf, Jedem nach seiner Weise, Gefühle, wie sie im Herzen schlummern, die im Strom oder in der Fluth künstlicher Töne ohne Worte keinen Wegweiser und Leiter finden. Eine Musik, die über Worte gebietet, ist nicht viel anders; sie herrscht despotisch . Erinnern Sie Sich in Dryden 's Ode am Cäcilientage, wohin die Gewalt der Musik den Alexander reißt? Der Halbgott sinkt der Buhlerin in den Arm, er schwingt die Fackel zu Persepolis' Brande. Auf gleiche Weise kann durch eine geistliche und, wenn man will, eine himmlische Musik die Seele dergestalt aus sich gesetzt werden, daß sie sich, unbrauchbar und stumpf gemacht für dies irdische Leben, in gestaltlosen Worten und Tönen selbst verliert . Unsre zarte, fehlbare und fein empfängliche Natur hat aller Sinne nöthig, die ihr Gott gegeben; sie kann keinen seines Dienstes entlassen, um sich einem andern allein anzuvertrauen; denn eben im Gesammtgebrauch aller Sinne und Organe zündet und leuchtet allein die Fackel des Lebens. Das Auge ist, wenn man will, der kälteste, der äußerlichste und oberflächlichste Sinn unter allen; er ist aber auch der schnellste, der umfassendste, der hellste Sinn; er umschreibt, theilt, bezirkt und übt die Meßkunst für alle seine Brüder. Das Ohr dagegen ist ein zwar tief dringender, mächtig erschütternder, aber auch ein sehr abergläubiger Sinn. In seinen Schwingungen ist etwas Unabzählbares, Unermeßliches, das die Seele in eine süße Verrückung setzt, in welcher sie kein Ende findet. Behüte uns also die Muse vor einer bloßen Poesie des Ohrs ohne Berichtigung der Gestalten und ihres Maaßes durchs Auge ! Nochmals gehe ich Ihr Fragment durch und frage: »Wie, wenn aus dieser heiligen Mönchspoesie eine Volksdichtung hervorgehen sollte, wie wird sie werden? Gewiß anders, als die Poesie der Griechen war, nicht nur im Inhalt des Gesanges, sondern auch in desselben ganzer Art und Weise.« 1. Von Mythologie wird in ihr nicht die Rede sein können, da man diese als eine Dämonensage ansah. Wenn eine derselben gebildet werden sollte, wird sie aus dem Glauben der Kirche, aus Sagen des gemeinen Volks, aus Nationalmeinungen und Abenteuern hervorgehn. Jede solcher Gestalten wird die Kirche weihen und ordnen. 2. Reine Umrisse der Phantasie und des Natursinnes nach Art der Griechen wird diese Dichtkunst schwerlich enthalten, da diese Welt ihr nur ein vorübergehender Schatte zur künftigen Welt ist. Zwischen beide wird sich der Blick theilen, mithin jene sich in eine Art Dämmerung verlieren. Höchstens also werden Allegorien auftreten, statt reiner und bestimmter Begriffe; auch wirkliche Personen werden gern als Allegorien und Larven oder als heilige Nebelgestalten erscheinen, die sich in der Ferne verlieren. 3. Das Interesse , das diese Poesie giebt, wird selten ein Nationalinteresse sein, wie bei Griechen und Römern, vielleicht aber ein allgemeineres Interesse christlicher Völker , die alle das heilige Bad besprengt hat, die, als Begünstigte des Himmels mit dem Kreuz bezeichnet, eine eigne christliche Providenz über sich erkennen, Engel zu ihrer Seite haben und von der Erde gen Himmel wandern. In der Erzählung wird dies den Ton der Geschichte und Dichtung ganz ändern. 4. Allen Handlungen und Leidenschaften der Menschen, ihren Tugenden und Lastern wird hiemit eine eigne religiose Farbe , ein Anzug gegeben werden, den die alte Welt nicht kannte. In die Liebe wird sich Andacht mischen und die Ueppigkeit dagegen vielleicht desto sinnlicher ihr Werk treiben. Statt des Verdienstes der Vorfahren um ein enges Vaterland wird ein andächtiger Ruhm , eine Ehre hervorgehn, die Stand ist und nach Ständen wirkt . Auf diesem Wege wird eine Sentimentalität zum Vorschein kommen, von der die Poesie der Alten nicht wußte, eine anerzogne Sentimentalität der Stände . 5. Endlich, da der Rhythmus der Griechen verloren ist und sich der poetische Genius hier ungebildeten, mit dem römischen Volksdialekt vermischten Sprachen mittheilen soll, so werden in dieser Verwirrung ohne Silbenmaaße der Alten sich ohne Zweifel rohere Volksgesänge nach dem Modell der Mönchspoesie formen . Was das innere Maaß und Gewicht der Silben nicht thun kann, wird der Reim ersetzen sollen, mit dem von jeher das Ohr und die Zunge des Volks spielte. Poesie wird also eine gereimte Prose in Versperioden werden, deren Abwechselung und Ründung etwa auch ein unwissendes Ohr verfolgen kann; dagegen die Musik, vom Bau der Silben getrennt, in ihrer eignen Region ihr Werk treibt. Lassen Sie uns bald einige Glocken- und Posaunen- und Orgeltöne, aber wenn ich bitten darf, auch einige Töne der Harfe aus diesem neuen christlichen Odeum aller europäischen Nationen hören! ——— 84. Drittes Fragment. Bildung eines neuen Geschmacks in Europa und dessen erste Verfeinerung. Alle deutsche Nationen, die das römische Reich unter sich theilten, kamen mit Heldenliedern von Thaten ihrer Vorfahren in die ihnen neue Welt; es sind auch Zeugnisse vorhanden, daß diese Gesänge unter ihnen sich lange erhalten haben. Wie auch anders? Diese Gesänge waren ja die ganze Wissenschaft und Geistesergetzung solcher barbarischen Völker, das Archiv ihres Ruhmes und Nachruhms. Was zu den Zeiten der griechischen Sänger (άοιδών;) der Fall gewesen, kam jetzt auf eine rohere Weise wieder. Völker, die das Schreiben nicht viel kannten und noch weniger liebten, erhielten durch Lieder das Andenken ihrer Vorfahren, und jedes Volk hatte dabei seine eignen Lieblingshelden, seine eignen Lieblingstöne. Sehr nützlich wäre es, wenn wir diese alten Wurzeln des Stammes der Denkart und Sprache unsrer Vorfahren noch besäßen; wenn wir die Lieder von Mann und Hermann , Vgl. Herder's Werke, 1. S. 281, 285. – D. Dietrich von Bern, Alboin, Hildebrand, Rüdiger, Siegfried , die Engländer ihr Horn-Child, Hervart, Grym, Hanelock , und so jedes deutsche Volk die seinigen noch hätte. Es gilt aber von allen diesen, was Horaz von jenen uralten griechischen Helden sagt, die vor Homer lebten: »Sie liegen Alle, weil sie der heiligen Gesänge darben, unbejammert. Ruhmlos in ewiger Nacht begraben.« Oden, IV. 9. 26-28. Vgl. Herder's Werke, VIII. S. 35. – D. Die Veränderung und Mischung der Sprachen, bei den wandernden Völkern die Verschiedenheit des nördlichen und südlichen Klima, wol aber am Meisten der Fortgang der Sitten selbst hat uns dieser wahrscheinlich in rauhen Tönen besungenen Heldengestalten beraubt. Wie verschieden nämlich die Mundarten der deutschen Sprache nach den verschiednen Volksstämmen, Zeiten und Gegenden waren, dergestalt, daß man die Gothen am Schwarzen Meer, in Italien und Spanien, die Vandalen in Pommern und Africa, die Angeln zu Hengst' und zu Wilhelm des Eroberers Zeiten nicht für eins nehmen darf, so ist doch in Allem, was wir von ihren Sprachen wissen, ihr nordisches Gewand unverkennbar. Die deutsche Sprache nämlich, zumal in rauhen Gegenden, liebt einsilbige Töne . Hart wird der Schall angestoßen, stark angeklungen, damit, so viel möglich, Alles auf einmal gesagt werde. Eine Silbe soll Alles fassen; die folgenden werden zusammengezogen und gleichsam verschlungen, so daß sie selten aushallen und kaum zwischen den Lippen als erstickte Geister schweben. Die ganze Bildung unsrer Sprache, am Meisten die aus dem Latein bei uns aufgenommenen Worte und Namen beweisen dies; es sind hart zusammengedrängte Laute, und was noch sonderbarer ist, mit dem Verfolg der Jahrhunderte hat sich dies Zusammendrängen der Buchstaben nicht vermindert, sondern vermehrt. Ulfila 's und Otfried 's Sprache sind ungleich tönender, als wie man z. B. im vorigen Jahrhundert oder noch jetzt aus dem Munde des Volks die Worte schreibt. Das Angelsächsische schlich mit viel stummen e in mehreren Silben langsam fort; das Englische, das sich unter den Normännern bildete, warf Buchstaben weg, drängte sie zusammen, schnitt vorn und hinten ab die Silben; so entstand ein ganz neuer Gang und Rhythmus der Sprache. Aus dieser beliebten Einsilbigkeit der nordischen Mundarten, bei der man aus Trägheit oder wie in böser Luft die Lippen kaum zu öffnen wagt und immer nur hm! hm! sprechen möchte, war es natürlich, daß, wenn man Worte gegen einander künstlich stellen wollte, dies insonderheit im Anklange bemerkt werden mußte, indem der Ausgang der Worte gern im Dunkeln blieb. Dies ist nun jenes berühmte System nordischer Alliterationen (Annominationen), Nähere Kenntniß von diesem sonderbaren System der nordischen Prosodie findet man in Olaus Wormius' Literatura Danica , Hickes' Thesaurus linguarum septentrionalium , und ähnlichen Werken. Wer ihrer entbehrt, ziehe die »Briefe über Merkwürdigkeiten der Literatur« (Schleswig 1767), I. S. 150, zu Rath; eine Sammlung Briefe, die weit mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie erlangt. Das System der Alliterationen , daß gewisse Worte im Anfange und in der Mitte des Verses von einem Buchstaben anfangen und einen ähnlichen Vocal haben, ist, wie mich dünkt, mehr angestaunt als erklärt worden; sein natürlicher Grund ist der Bau der Sprache selbst, der Genius des Volks, das sie sprach, und die Art, wie man die Worte antönte. – H. Diese Erklärung beruht doch auf einer unerwiesenen Voraussetzung. – D. das um kein Haar unnatürlicher als der Reim ist, indem man hier nur in der Mitte oder vorn reimt. Den Alten, d. i. Griechen und Römern, waren beide Arten eines solchen Wohlklanges Uebelklänge; ähnliche Anklänge der Worte suchten sie wie den Reim zu vermeiden. Auch für die Gegenden eines besseren Klima war dieser nordische rauhe Silbentritt nicht; die spanischen Romanzen, die vielleicht nach gothischen Volksliedern geformt sind, haben jenen wilden, männlichen Jambus, der ursprünglich in Wäldern zum Jagd- und Kriegshorn tönte, fahren lassen und statt dessen langsame Trochäen in weiblichen Ausgängen mit dem zuletzt prächtig verhallenden ar gewählt. In Italiens Luft zerfloß gleichfalls der gothische und longobardische Silbenanklang in weiche und immer weichere Töne. Kein Wunder also, daß jene alten Heldenmelodien in dieser sanfteren Luft den Tönen nach allmählig verhallten. Dabei aber gingen nicht sofort auch die Erzählungen selbst, jene Heldensagen zu Grunde, die gleichsam die Seele dieser Völker, ihr Trank und ihre geistige Speise waren. Sie konnten nicht zu Grunde gehen, weil diese Völker, wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, abenteuerlich dachten und entweder gar nicht oder im Abenteuer lebten. Ein Volk, von wenigen, aber starken Begriffen und Leidenschaften geregt und getrieben, hat wenig Lust zu ordnungsmäßigen, gewöhnlichen, ruhigen Geschäften; es bleibt gegen sie kalt und träge. Dagegen flammt's auf, wenn ein Abenteuer ruft, wenn wie ein Jagd- und Kriegshorn die Abenteuersage ertönt. In eingepflanzten Trieben, in angebornen Begriffen und Neigungen ging diese Liebe zum Abenteuer auf Geschlechter hinab; der geistliche Stand, in dessen Händen die Bildung der Menschen nach Begriffen der Zeit war, bemächtigte sich dieses Triebes; er fabelte, dichtete, erzählte. Von Erzählungen fängt alle Cultur roher Völker an; sie lesen nicht, sie vernünfteln nicht gern, aber sie hören und lassen sich erzählen. So Kinder, so alle Stände, die insonderheit unter freiem Himmel ein halb müssiges Leben führen. Wo sie auch leben, Norweger und Araber, Perser und Mongolen, der Gothe, Sachse, Frank und Katte des Mittelalters, noch jetzt alle halb müssige Abenteurer, Krieger, Jäger, Reisende, Pilger haben hierin einerlei Geschmack, einerlei Zeitkürzung. Unwissenheit ist die Mutter des Wunderbaren, unternehmende Kühnheit seine Ernährerin, unzählige Sagen seine Nachkommenschaft und ihr großer Mentor der Glaube. Wenn Mönche dergleichen Erzählungen in ihre Chroniken aufnahmen und ihre Legenden selbst darnach schrieben, so thaten sie es nicht immer aus Lust zu betrügen. Es war Geschmack und sogar Kreis des Wissens, Denkart der Zeit; eine ächte Mönchschronik mußte vom Anfange der Welt anfangen und in bestimmten Zeiträumen durch Fabel und Geschichte der Griechen und Römer (Geschichte und Dichtung auf einem Grunde betrachtet) bis zum Ende der Welt fortgehn; das war der gegebene Umriß. Eben nach den Begebenheiten der Zeit, die allesammt geistliche und weltliche Abenteuer waren, formte sich der Umriß der Erzählung, bildete sich der Ton des Ganzen. Mehr als eine Chronik der mittleren Zeiten ist wie ein cyklisches Gedicht zu lesen. Wann aber und wie wird aus diesen vermischten Sagen und Abenteuermärchen so verschiedner Völker in so verschieden Gegenden und Umständen eine Ilias, eine Odyssee erwachsen, die Allem gleichsam den Kranz raubte und jetzt als Sage der Sagen gelte? Dazu gehört viel, insonderheit aber, daß die Sprache und der Witz der europäischen Völker einigermaßen verfeinert werde, daß Völker mit einander in Verbindung oder in Wettkampf gerathen, dadurch sie einander verstehen lernen, endlich daß, wenn's sein kann, hier oder da ein Homer aufkomme, dem Alle horchen. Aeußerst schwer und langsam konnte diese Aufgabe aufgelöst werden, da einestheils die Völker durch Stammesvorurtheile und Leidenschaften blind getrennt, anderseits die Sitten so grob oder verderbt waren, daß schwerlich ein Lorbeerbaum für ganz Europa sprossen konnte. Tapferkeit und Witz sind nicht immer beisammen; ebenso selten sind es Witz und Klosterandacht, wie die Esels- und Narrenfeste, das Hez, Sir Ane, Hez , und andre Anstalten zeigen. Wenn in die Sprachen Europa's Bildung, in seine Sitten Geschmack, in seine Poesie Unterhaltung kommen sollte, so mußten diese anderswoher kommen als vom Waffenplatz und aus dem Kloster. Sie mußten aus einer Gegend kommen, wo ein fremder Umgang etwas anders als den bloßen Mönchs- und Klostergeist zeigte. Kurz – Spanien war die glückliche Gegend, wo für Europa der erste Funke einer wiederkommenden Cultur schlug, die sich denn auch nach dem Ort und der Zeit gestalten mußte, in denen sie auflebte. Die Geschichte davon lautet wie ein angenehmes Märchen. Spanien nämlich, so sagt die Geschichte, hatte unter der Herrschaft der Mauren eine sehr blühende Gestalt gewonnen; mit dem Ackerbau, dem Fleiß, dem Handel waren in ihm mehrere Wissenschaften und Künste, unter diesen auch die Dichtkunst, cultivirt worden. Die maurische Galanterie hatte sich unter dem schönen Himmel von Granada, Murcia, Andalusien veredelt; glänzende Ritterspiele waren im Gebrauch, an denen als Preisaustheilerinnen auch die Damen Theil nahmen. Ohne Zweifel war die Nachbarschaft dieses gebildeten Volks mit andern eine Ursache, daß unter dem gleich schönen Himmel von Valencia, Catalonien, Aragonien und den südlichen Provinzen Frankreichs sich die sogenannte provençal - oder limousinische Sprache auch aus der Barbarei riß und eine frische Blüthe, die provençalische Dichtkunst , hervorbrachte. Von Valencia an über die Inseln Majorca, Minorca, Iviza , über Aragonien und Catalonien , jenseit der Alpen über die Provence, Languedoc, Guyenne , das Delphinat , bis nach Poitou hinein erstreckte sich diese Sprache, die nach damaligen Zeitumständen allgemach die gebildetste in Europa ward. In Crescimbeni 's Istoria della volgar Poesia , in Velazquez-Diez' »Geschichte der spanischen Dichtkunst« und den daselbst angeführten Schriften, in mehreren Abhandlungen des um die Provençalen sehr verdienten Curne de St. Palaye in der »Akademie der Aufschriften« Académie des Insciptions , Millot 's Histoire des Troubadours , Abt Andrès ' Storia d'ogni letteratura , T.I.,II. kann man sich über diese merkwürdige Erscheinung weiter belehren. Sie ist die Morgenröthe der neueren europäischen Cultur und Dichtkunst. – H. Vgl. Mary-Lason » Tableau historique et littéraire de la Langue Provençale « und Fauriel , » Histoire de la Poesie provençale (1819). – D. Regierende Fürsten und Grafen, Ritter und Edle von jedem Range sahen es als eine Ehre an, sie an ihren Höfen und in ihren Schlössern, die kleine Höfe waren, zierlich zu sprechen. Die Damen nahmen daran Theil, nicht nur als Richterinnen und als der vielfältige Gegenstand der Gedichte, sondern zuweilen auch als Dichterinnen selbst. Die Provençalpoesie ward das Organ des galanten Rittergeistes in allen Zweigen seiner Denkart . Man besang die Liebe und warf Fragen der Liebe auf, die in sogenannten Corte d'amore verhandelt wurden; man nannte ihre Versart Tenzonen . Tensons , Wettkämpfe – D. Kleine und große Abenteuer, Begebenheiten des Lebens und der Geschichte, auch geistliche Dinge wurden in Canzonen, Villanescas und andern Gedichtarten besungen, unter welchen man die Satiren Sirventes nannte. Doch erst später; ursprünglich waren diese Dienstgedichte geistliche Loblieder auf die Heiligen, besonders die Mutter Gottes. – D. Auch Lehre und Unterricht trug man in mancherlei Einkleidungen vor; ja, es ereigneten sich keine Händel der damaligen Zeit, die an großen Ereignissen und Verwirrungen sehr reich war, an denen hie und dort nicht irgend ein Provençal Antheil genommen hätte. Kreuzzüge und andre Kriege, Vererbungen der Reiche und Schlösser, Sitten der Fürsten, der Damen, der Geistlichkeit, der Päpste selbst, Alles berührte diese Dichtkunst, oft mit einer kühnen Freiheit. Finder, Trobadoren nannten sich die Dichter, die vorher in der bäurischen Römersprache Fatisten ( Macher , faiseurs ) geheißen hatten. Ihre Kunst hatte den Namen der fröhlichen Wissenschaft ( gay saber, gaya ciencia ), so wie auch ihr entschiedener Zweck fröhliche, angenehme Unterhaltung war. Eichhorn schrieb am 9. October 1796 an Herder: »Ihre Ableitung der Troubadours aus Spanien ist der Lage der Dinge so angemessen und natürlich, daß ich sie der meinigen vorziehen möchte. Eine ähnliche Deduction hatte ich selbst nach Massien berührt; nur die Spuren von den spanischen Troubadours, welche die Geschichte zeigt, fingen später an. Dies allein hat mich abgehalten, der andern Vorstellung zu folgen. Aber wie Vieles muß die historische Combination wieder herstellen, was die geschriebene Geschichte hat untergehen lassen!« – D. Der erste Garten, wo diese Blume aufsproßte, war vielleicht der Hof zu Barcelona ; sehr bald aber müssen andre gefolgt sein; denn der älteste Provençaldichter, den wir haben, Wilhelm IX., Graf von Poitou , Herzog von Aquitanien , am Ende des elften und im Anfange des zwölften Jahrhunderts, sang schon in einer zur Poesie völlig gebildeten Sprache. Auch in Galicien, Castilien, Portugal finden sich zu eben dieser Zeit ähnliche Uebungen der Verskunst ohngefähr in demselben Gedankenkreise. Die sogenannten Jeux floraux aber, eine Blumengesellschaft , wo der Preis der Dichtkunst ein goldnes Veilchen war, ist von weit späterem Datum (1324). Ihre Stifterin war Clemencia Isaura , Gräfin von Toulouse . Man hat über den Ursprung des Reims viel gestritten und ihn bei Nordländern und Arabern, bei Mönchen, Griechen und Römern gesucht; mich dünkt, mit unnöthiger Mühe. Man könnte über ihn das bekannte Kinderspiel mit dem Motto: »Alles, was reimen kann, reimt« spielen. Mönche reimen, Otfried reimt, die Araber reimen, Mahomed im Koran, der Engel Gabriel reimt, der alte Lamech vor der Sündfluth reimte. Auch die Sinesen und Indier reimten in der ältesten Zeit. Der Reim ist wie Dichtung und Gesang allen gebildeten Völkern gemeinsam und keine zufällige Erfindung eines einzelnen Volkes. – D. Aber Griechen und Römer in ihren schönsten Zeiten vermieden die Reime und suchten einen fortgehenden, höheren Wohlklang. Vgl. indessen W. Grimm , »Zur Geschichte des Reimes« in den »Abhandlungen der Berliner Akademie«, 1851. S. 627–654. – D. Die Trobadoren, die in jedem Innern die Poesie der Araber nicht nachahmen konnten , sondern sich eine Poesie, wie sie ihnen ihr Zeitgeist , ihre Sprache und das nähere Vorbild der lateinischen Mönchspoesie gab, finden mußten, sie mußten reimen, ja sogar in die Mannichfaltigkeit gereimter Versarten einen großen Theil der Anmuth ihrer Poesie legen, weil sie ihrer Zeit und Sprache nach nichts anders thun konnten. Die limousinische Mundart, wie jedes andre Kind der lingua rustica Romana , wußte vom Rhythmus der alten Römerpoesie ganz und gar nichts; also konnten die Provençalen ihre Verse nicht nach der Grammatik der Alten scandiren; sie accentuirten sie, wie Spanier, Portugiesen, Italiener und Franzosen noch bis jetzt ihre Verse accentuiren, solche daher auch nicht nach einer eigentlichen Quantität der Silben, sondern zur artigen, verständigen Declamation einrichten. Dieser Unterschied zwischen der alten Prosodie, von dem Viele keinen deutlichen Begriff haben, und der doch zum Unterschiede der alten und neuen Poesie viel beiträgt, ist am Besten in Isaak Voß' bekannter Abhandlung De cantu veterum (übersetzt in der Sammlung vermischter Schriften , Th. I. Berl. 1759), in des Abt Du Bos Betrachtungen über Poesie und Malerei, in Muratori 's Abhandlung De rhythmica Veterum poesi (Antiquitates Italiae medii aevi , III. p . 664 sqq .), sonst aber auch in Klopstock 's u. A. grammatischen Schriften vorgetragen, wie er denn zur Prosodie jeder neueren Sprache gehört. – H. Diese accentuirte Declamation ward eine eigne Kunst, auf welche sich die Rhapsoden der damaligen Zeit, die auch Erzähler hießen ( Conteours ), legten. Mit den Gedichten der Trobadoren reisten sie an den Höfen umher und begleiteten sie theils mit einem Instrument, theils mit Geberden; daher man sie auch Jongleours (Joculatores), Musars, Comirs, Plaisantins nannte. Sie unterhielten die Gesellschaft mit Liedern und Erzählungen, den bekannten fabliaux vergangner und damaliger Zeiten, bis sie es zuletzt so arg machten, daß sie von mehreren Höfen verbannt wurden. Die ursprüngliche fröhliche Wissenschaft ( gaya ciencia ) ging also von Artigkeiten des Gesprächs, von Fragen und Unterredungen, von einer angenehmen Unterhaltung aus; auch in Sonnetten der Liebe, im Lobe und im Tadel, ja bei jedem Inhalt blieb dieser Charakter den Provençalen; ein höherer poetischer Ton war ihnen ganz fremde. Also mußte das angenehme und mannichfaltige Spiel der Reime, an welche damals in geistlichen und Volksliedern das Ohr gewöhnt war, den Mangel des hohen lyrischen Wohlklanges und Rhythmus der Alten, von dem ihre Sprache und ihr Organ nicht wußte, ersetzen. Jede Versart bekam ihre Strophe, d. i. ihren abgemessenen Perioden der Declamation in einer angewiesenen Ordnung und Art der Reime; in welcher Wissenschaft eben die Kunst der Trobadoren bestand. Und so haben wir die Gestalt der neuern europäischen Dichtkunst, sofern sie sich von der Poesie der Alten unterscheidet, auf einmal vor uns. Sie war Spiel , eine amüsirende Hofverskunst in gereimten Formen , weil der damaligen Sprache der Rhythmus und der damaligen Denkart der Zweck der Poesie der Alten fehlte. Sie war ein Hofgarten, in dem hier ein Baum zum Sonnett, dort zur Tenzone, zum Madrigal u. s. w. künstlich ausgeschnitten ward; eine höhere Gartenkunst war dem Geschmack der damaligen Zeit fremde. ——— 85. Glück also zum ersten Strahl der neueren poetischen Morgenröthe in Europa! Sie hat einen schönen Namen: die fröhliche Wissenschaft ( gaya ciencia, gay saber ); möchte sie dessen immer werth sein! Wir wollen uns nicht in den Streit einlassen, ob die spanische oder limousinische Sprache die ersten Dichter gehabt, ob in dieser dies- oder jenseit der Pyrenäen früher und glücklicher gedichtet worden. Ich rücke diese Briefe hier ein, weil der so lange geführte Streit über den Antheil, den die Römer, die Araber, die Normänner u. s. w. an der Bildung unsers Geschmacks und unsrer Literatur haben, noch nichts weniger als beigelegt ist. Warton z. B. in der »Geschichte der englischen Dichtkunst«, Thyrwitt in seinen Anmerkungen zu Chaucer, Arteaga in der »Geschichte der italienischen Oper«, Andrès in der » Storia d' ogni letteratura « u. A. sind noch weit aus einander; und doch liegt alles Material so nahe beisammen vor uns. – H. Auch in dem Gedichte »Reim, Verstand und Dichtkunst« (Werke, I. S. 126 f.) bezeichnet Herder den Reim als einen Araber. Neuerdings nimmt man mit Recht allgemein an, daß der Reim aus der spätern lateinischen Dichtung in die romanische und auch in die altdeutsche gekommen. Vgl. F. Wolf , »Ueber die Laïs«, S. 161–166, und die in der 2. Note auf S. 388 angeführte Abhandlung von W. Grimm . – D. Die Erscheinung selbst, daß an den Grenzen des arabischen Gebiets sowol in Spanien als in Sicilien für ganz Europa die erste Aufklärung begann, ist merkwürdig und auch für einen großen Theil ihrer Folgen entscheidend. Unleugbar ist's nämlich, daß die Araber in ihrem weiten Reiche, das sich von China bis Fez , von Mozambique bis fast an die Pyrenäen erstreckte, Sprache und Wissenschaften, Handel und Künste sehr cultivirt hatten. Wie anders nun, als daß in Spanien, wo ein Hauptsitz dieser Cultur war, wo Jahrhunderte lang die Christen mit ihnen in Streit oder ihnen unterwürfig gelebt hatten, neben diesem hellen Licht nicht ewig und immer die Dunkelheit verharren konnte? Es mußten sich mit der Zeit die Schatten brechen; man mußte sich seiner schlechten Sprache und Sitten, der ungebildeten Rustica schämen lernen, und da die meisten Spanier Arabisch konnten, auch eine unsägliche Menge arabischer Bücher und Anstalten in Spanien Jedermann vor Augen war, so konnte es ja nicht fehlen, daß jeder kleine Schritt zur Vervollkommnung auch unvermerkt nach diesem Vorbilde geschah. Was sie nicht hatte, konnte die Mönchspoesie nicht geben; gegentheils konnte und wollte auch die Provençalpoesie nicht nachahmen, was bei den Arabern für sie nicht gehörte, Mahomed's Lehre , so wenig einst die Araber den Homer und die griechische Mythologie hatten aufnehmen mögen. Aber was sich aufnehmen ließ, der Genius des Werks , die arabische Denk- und Lebensweise , sie sind in den Versuchen der Provençalen, diese mögen schlecht oder gut sein, wie mir dünkt, unverkennbar. Bei welch anderm Volk in Europa waren poetische Fragen und Antworten in Gebrauch als bei den Arabern? Es wurde Kunst und Lebensart darin gesetzt, auch unvorbereitet witzig in gereimten Versen zu antworten. Zahlreiche Proben und Nachrichten hierüber finden sich in Herbelot 's Bibliothèque Orientale , W. Jones' Poeseoa Asiaticae commentarii , Richardson 's Vorrede zu seinem Persischen Wörterbuch (übersetzt Leipz. 1779), Andrès' Storia d'ogni letteratura aus Casiri , ja in der Geschichte der Araber selbst. – H. Daher also die Fragen und Antworten der Liebe bei den Provençalen. Welch andres Volk in Europa hielt die Sprache für eins seiner edelsten Heiligthümer und feierte Wettkämpfe des schönsten poetischen Ausdrucks in ihr? Kein andres als die Araber. Die angrenzenden Christen, beschämt über ihre Rohheit, zuerst vielleicht auch nur aus Nachahmungssucht, folgten ihnen nach. Ihre Großen und Edlen thaten aus Mode, was die Araber seit Jahrhunderten aus Trieb und aus Nationalstolz gethan hatten, sich der Wissenschaften anzunehmen und in der Sprache der Dichter selbst zu glänzen. Welch andres Volk in Europa verband in seinen Vorstellungen Tapferkeit, Liebe und Andacht wie die Araber? Von den ältesten Zeiten an war es bei ihnen die gewöhnliche Regel eines Gedichts, von Gott und vom Propheten anzufangen, sodann der Liebe ihren Zoll zu entrichten und darauf gegen Freund oder Feind seine Tapferkeit zu bezeugen. Wie übel auch oft diese Stücke zusammenhingen, es war das angenommene poetische Gesetz , dem sich, wiefern es Religion und Sitte erlaubte, nun auch die Christen bequemten. Die festgesetzten Gattungen der Poesie der Araber, Preis und Tadel, Frohlocken und Klage, Liebe und Haß, Lehre und Beschreibung, wurden auch hier der Inhalt verschiedener Gesangesarten; selbst die Prosodie der Provençalen ward nach der blos accentuirten und declamirten arabischen Verskunst, in welcher der Reim unentbehrlich war, eingerichtet. Hören Sie darüber das Zeugniß des vielleicht gelehrtesten Arabers, den unsre Nation gehabt hat, Reiske : Neuer Büchersaal, X. S. 220 ff. – H. »Die allerältesten Schriften der Araber, sowol in gebundner als freier Rede , sind in Reimen abgefaßt. Die Art, ohne Reime zu reden und zu schreiben, ist neuer als jene. Noch heutiges Tages pflegen sie auch in ihren ungebundenen Schriften , wenn sie recht schön schreiben wollen, den Reim beizubehalten, so daß sie, wenn sie einen Reim drei-, vier- oder mehrmal wiederholt haben, alsdann einen andern vor die Hand nehmen und es mit diesem ebenso machen, und dann wiederum einen andern. Auf diese Weise ist der ganze Harîrî geschrieben, der für den Cicero der Araber gehalten wird; imgleichen des Tamerlan 's arabische Lebensbeschreibung. »In der Poesie sind ihre ältesten Stücke gereimt. Die alten Araber übten sich, auch sogar ihre häuslichen und vertraulichen Gespräche in Reimen vorzutragen. So hat man ein noch vor dem Muhamed verfertigtes, etliche achtzig bis neunzig Verse langes Gedicht, das ein gewisser Haretsch Ben Helza ohn' einiges vorhergegangnes Bedenken, sich auf seinen Bogen lehnend, hergesagt hat. Die Uebung hierin muß bei ihnen sehr groß gewesen sein. »Wie die erste Hälfte des Verses sich schließt, schließt sich auch die andre Hälfte ebendesselbigen Verses; und wie sich der erste Vers in der Mitte und am Ende endigt, so endigen sich auch alle andre folgende, wenn ihrer auch noch so viel wären, bis zwei-, dreihundert und noch mehr. Doch pflegen sie ihre Gedichte so lang nicht zu machen. Schon zu Christi Zeiten und kurz hernach müssen sich die Araber der Reime bedient haben, weil ihre Dichtkunst schon einige Jahrhunderte vor Muhamed vollkommen gewesen und nicht die geringste Spur von einem reimlosen Gedicht bei ihnen gefunden wird, es sei lang oder kurz, heroisch oder jambisch. Doch sind ihre jambischen Gedichte so beschaffen, daß sie den einmal gefaßten Reim nicht beständig beibehalten, welches sonst ein wesentliches Erforderniß der heroischen Gattung ist, sondern sie wechseln mit dem Rhythmus ab, beinahe wie wir. Haben sie einen Rhythmum drei-, viermal wiederholt, so fallen sie auf einen andern« u. s. w. Ich glaube nicht, daß die Erbauung der Sonnette, Madrigale und andrer Versarten der Provençalen ihrem Ursprunge nach einer hellern Erklärung fähig sei oder bedürfe als dieser. Ursprünglich waren sie eine Art gereimter, oft aus dem Stegreif gereimter Prose ; die meisten Poesien der Provençalen sind offenbar nichts anders. Daß viele unsrer Poesien diesen arabischen Schmuck noch an sich tragen, wissen wir Alle; Wenige aber wissen den Ursprung dieser Fesseln, daß ein Volk nämlich sich dieselbe aus Uebermuth der Begeisterung sogar im gemeinen Leben angelegt und damit so leicht umzugehen gewußt habe, daß es lange Reden durch sogar einen und denselben Reim beibehalten konnte. Auch bei den Provençalen war es in mehreren Silbenmaaßen offenbar aufs öftere Wiederkommen desselben Reims angesehen, womit denn weder unser Ohr noch unsre Sprache sonderlich zufrieden sein dürfte. Wenige wissen es, daß die Poesie der Araber zwar leidenschaftlich und bildervoll, nicht aber im besten Geschmack abgefaßt war; Proben davon geben W. Jones , Poeseos Asiaticae commentarii , und alle von ihm und Andern bekannt gemachten Poesien der Araber. An Leidenschaft und Bildern sind sie reich; ihr Geschmack aber in Composition dieser Bilder ist von dem unsrigen ganz verschieden. – H. daher auch schon die Provençalen von diesem ganz und gar asiatischen Geschmack sehr abgehen mußten. Da ihnen nun mit der Leidenschaft und dem Scharfsinn dieses fremden Volks auch dessen ausgebildete Sprache fehlte, was Wunder, daß ihnen oft nur die Form des Gedichts, angenehm wiederkommende Schälle übrig blieben, in die sie das Wesen der Dichtkunst setzten? Diese sollte ja nur Unterhaltung in einer angenehm gereimten Prose sein und bleiben. Ganz anders wird die Sache für uns, die wir einen artigen Umgang in häuslichen und vertraulichen Gesprächen nicht eben in Reime setzen, uns auch von Jugend auf nicht geübt haben, sinnreich ex tempore zu reimen. Einzig in der Poesie haben wir diese alte arabische Höflichkeit beibehalten, das Ohr unsrer Freunde mit Reimen zu vergnügen. » Rhythmi cum alliteratione avidissimae sunt aures Arabum . In florilegio hoc (Elnawabig vel Ennawawig, quod vocabulum designat scaturientes partim poëtas, partim versus vel rythmos nobiliore quadam vene se commendantes) linguae Arabicae genius egregie relucet, nativum que illum cernere licet characterem , qui per rhythmos et alliterationes mera vibrat acuminia .« Schultens in der Vorrede zu Erpenius' Grammatica Arabica 1730 . Mich dünkt, weder unsre Sprache noch unsre Nation habe diesen angebornen witzsprudelnden Reimcharakter. – H. Und dennoch würde auch das reimsüchtigste Ohr es sich verbitten, wenn wir wie die Araber denselben Klang oder Endbuchstaben einige hundert Mal wiederkommen ließen und in heroischen Gedichten unsern Helden durch einen Reim zehntausendmal wiederkommend priesen. Füge ich nun zu dieser Reimgalanterie der Araber noch das andre Geschenk hinzu, damit sie, andre Nationen nicht ausgeschlossen, die Poesie der Europäer beschenkt haben, jene Phantome asiatischer Einbildungskraft nämlich, die vom Berge Kaf über Africa und Spanien, über Palästina und die Tatarei zu uns gekommen sind, Die morgenländischen Märchen, in der durch Galland 1704 in Europa verbreiteten Sammlung »Tausend und eine Nacht«. – D. gewiß, so sind wir ihnen, wie in der Chemie und Arzneikunst, so auch in der Dichtung viele gebrannte Wasser schuldig. Gegen den Reim hatte sich auf das Schärfste Klopstock erklärt in der 1786 im »Musenalmanach von Voß« erschienenen Ode: »An Johann Heinrich Voß«. – D. ——— 86. Den Reim lasse ich unsrer Poesie nicht nehmen; vielmehr zeigt der bemerkte Ursprung desselben zugleich auch seine glücklichste Anwendung . Er gehört: 1. Für Kirchen- und andre Volkslieder . Umsonst führten ihn nicht die heiligen Väter von Ambrosius an in ihre Chöre und Hymnen ein. Der gute Prudentius ging ihm noch aus dem Wege; Sedulius, Fortunatus u. s. w. gebrauchen ihn schon häufig, ohne ihn von den Arabern gelernt zu haben. Sie wußten, was fürs Volk gehöre. Zuletzt ward er insonderheit in den lateinischen Liebesgesängen so überfließend gebraucht, als ihn wol kein Araber gebraucht hat. 2. Denksprüche fürs Volk klingen in Reimen prächtig! Daher die Macht unsrer gereimten Sprichwörter, unsrer alten Oden und Alexandriner. Ein berühmter Dichter hat von einem ungezwungenen Reim gesagt: »Er stützt und hebt die Harmonie und leimt Die Rede ins Gedächtniß.« Dies ist wahr. Wohlgereimte Sentenzen sind Machtsprüche; sie tragen im Reim das Siegel der ewigen Wahrheit. Von Anfange der Welt an hat man Räthsel und Denksprüche gereimt. 3. Lebhafte Antworten sind für den Reim, nicht nur in Arabien, sondern bei allen Völkern. Vom französischen Theater werden Sie Sich solcher unerwarteten Ausgänge gnug erinnern, aus Epigrammen, wohin sie eigentlicher gehören, noch mehrerer. Es ist ein Fehler des Versificators, wenn er, um einen glücklichen Reim zu erhaschen, fünf unglückliche vorhergehn oder folgen läßt; But those that write in rhyme still make The one verse for the other's sake; For one for sense and one for rhyme I think sufficient for a time . Butler's »Hudibras«, P. II. C. I. – H. ein solcher ist kein Haretsch Ben Helza , der auch im Staatsrath seines Königes sein Votum für den Krieg in donnernden Reimen hinstellte. 4. Es giebt mehrere Gattungen angenehmer Conversationspoesie , die ohne Reimen nichts sind. Der gesuchte sowie der ungesuchte, der versteckte sowie der klingende Reim sind in ihnen kunstmäßig geordnet. Man sollte sie Arabesken nennen; denn eben auch den Arabern galt der Reim für ein Siegel des vollendetsten Ausdrucks. 5. Endlich müssen Sie der Gewohnheit nachgeben und Sprachen sowol als Dichtern erlauben, sich auf ihre Art zu vergnügen. Diesem Dichter ist der Reim ein Steuer, jenem ein Ruder der Rede; ohne ihn litte jenes poetische Fahrzeug Schiffbruch, dieses strandete auf dem niedrigsten Sande. For Rhyme the rudder is of verses, With which, like ships, they steer their courses . Butler. – H. Einem andern Versificator ist er noch etwas Wertheres, ein Erwerbmittel der Gedanken; wollten Sie ihm also mit dem Reim seine hyperusische Ueberirdische, übernatürliche; ein späterer, besonders von Kirchenschriftstellern gebrauchter Ausdruck. – D. Nahrung nehmen? Einem Dritten ist der Reim eine Werbtrommel, Bilder zu versammeln; zwar kommen die Geworbenen oft etwas bunt zusammen, aber was schadet's? Desto stärker fallen sie ins Auge. Nehmen Sie Pope, Cowley und ihren fünf Brüdern Dryden, Gay, Prior, Waller, Thomson? – D. den Reim, so haben Sie ihnen Moses und die Propheten genommen; wen sollen sie fürder hören? Nehmen Sie der französischen Sprache den Reim – hören Sie, was darüber ihre eignen Autoren sagen: » Nos Vers affranchis de la rime ne paroissent différer en rien de la Prose .« Prévost. Prévost d' Exiles , » Pour et contre. Ouvrage périodique «, von 1733 an. – D. » Je n'ai garde de vouloir abolir les rimes; sans elles notre versification tomberoit .« Fénélon. Lettre sur l'éloquence . – D. » Les Italiens et les Anglois peuvent se passer de rime, parceque leur langue a des inversions et leur poésie mille libertés qui nous manquent. Chaque langue a son génie; le génie de notre langue est la clarté et l'élégance: nous ne permettons nulle licence à notre Poésie, qui doit marcher comme notre Prose dans l'ordre précis de nos Idées. Nous avons done un besoin essentiel du retour des mêmes sons pour que notre Poésie ne soit pas confondu avec la Prose . – »Nos sillabes ne peuvent produire une harmonie sensible par leurs mésures longues ou brèves; la rime est donc nécessaire aux vers François .« Voltaire. Préface de l'Oedipe (1729). Discours sur la Tragédie de Brutus (1730). – D. Hier sind klare Bekenntnisse; schonen Sie also in mehr als einer Sprache der Reime, dieser unschuldigen Kinder! Auch bei uns gehören rime und raison zusammen wie bei den Arabern. Ungereimt ist uns, was – sich nicht reimt. ——— Nachschrift. Ernsthaft gesprochen, läßt sich an diesem Ursprungs der europäischen Cultur in Vergleich mit der Poesie der Alten noch Manches bemerken. 1. Bei den Griechen war Poesie mit der Sprache entstanden; jene hatte diese gleichsam von innen heraus gebildet; ehe schriftstellerische Prose entstand, war Gesang und Poesie – gewesen. In der limousinischen Sprache sowie in allen ihren Schwestern hatte man nicht nur längst Prose gesprochen, ehe man durch Versarten mit abgezählten Silben und Reimen diese gemeine Sprache ( lingua volgare ) zu veredeln suchte, sondern die Vulgarpoesie selbst sollte eine gereimte, cadenzirte, schönere Prose sein und bleiben. Die Silbenmaaße der Alten fanden in ihr nicht Platz , weil sie eigentlich blos von der Conversation ausging und auf diese hinführte. 2. Die Poesie der Alten hatte in ihrem Ursprunge viel mehr Wichtigkeit, Zweck und Anlage in sich, als diese neuere haben konnte. Vor Erfindung der Schreibekunst vertrat jene die Stelle aller Wissenschaft; sie war die Sprache der Götter, der Gesetzgeber und Weisen; was der Nachwelt würdig geachtet war, ward in sie gelegt, daher auch von ihr fast jede Wissenschaft ausging. In Europa war Alles anders. Die Sprache des Heiligthums war und blieb die lateinische , in welcher sich denn auch lange Zeit hin die Wissenschaften fortgebildet haben; die Vulgarpoesie wollte weder gelehrt noch andächtig, sondern unterhaltend sein. In allen Sprachen, denen die Provençalpoesie den Ton gab, ist dies ihr Hauptcharakter geblieben. 3. Dagegen aber ward Etwas, worauf die Poesie der Alten ihre Segel nicht hatte richten dürfen, dieser Poesie Ziel und Zweck, nämlich Freiheit der Gedanken . Durch die Provençalpoesie und durch das, was sie hervorbrachte, so viel oder wenig es war, ward zuerst das Joch zerbrochen, das alle Völker Europa's unter dem Despotismus der lateinischen Sprache festhielt; und damit war viel geschehen. Sollten Europa's Völker denken lernen, so mußten ihre Landessprachen gebildet werden; sie mußten in ihrer Volkssprache witzige, sinnreiche, anmuthige Dinge hören, an denen sich ihr Verstand schärfte. Wenn dieses zuerst auch nur in den obern Ständen und auf eine sehr unvollkommene Weise geschah, so gelangte es doch bald weiter. Mit Fragen der Liebe fing man an, zu weit wichtigern schritt man fort; die mittleren Zeiten haben manche Dinge sehr scharf und rein erörtert. Mit Erzählungen fing man an und wußte in sie einzukleiden, was man nackt nicht sagen durfte; ja, was die Erzählung nicht sagte, gesticulirte das rohe Schauspiel. Den besten Erweis, daß durch die Ausbildung der Provençalsprache für ganz Europa Freiheit der Gedanken bewirkt worden, zeigt die in ihr entstandene erste Reformation , die sich von den Pyrenäen und Alpen nachher in alle Länder verbreitete. In dieser Sprache nämlich wurde die edle Unterweisung ( la noble leyçon ), der erste Volks- und Sittenkatechismus geschrieben; in sie wurde zuerst die Bibel übersetzt, An den schon 1665 herausgegebenen Ulfilas erinnerte sich Herder hier nicht. - D in ihr das apostolische Christenthum erneuert. Mit großem Muth ging sie den Aergernissen der Klerisei entgegen und hat, wie den poetischen Lorbeerkranz, so auch unsäglicher Verfolgungen wegen die Märtyrerkrone der Wahrheit für ganz Europa verdient. Sind wir den Provençalen und ihren Erweckern, den Arabern, nicht viel schuldig? Mehrere Nachrichten hierüber giebt die Geschichte der sogenannten Waldenser, Albigenser, bons hommes u. s. w., deren verschiedne Namen sowol als erlittene grausame Verfolgungen bekannt sind. In Leger 's »Geschichte der Waldenser« Historie générale des églisas évangéliques des Vallées de Piémont , (Leyden 1699), deutsch von H. F. von Schweinitz . 1750. – D. sind ihre in der Provençalsprache geschriebenen Schriften angeführt; ausführlichere Nachricht giebt die Historie générale de Languedoc, T . III. Des Wiclef , mithin auch Huß' und Luther 's Reformation hangen mit dieser ersten Insurrection gegen den herrschenden Klerus zusammen wie die feinere Cultur in Europa mit den ersten Versuchen der provençalischen Dichtkunst. – H. ——— 87. Viertes Fragment. Einfluß der Povençalen in die europäische Kultur und Dichtkunst. Die Verskunst der Provençalen ging auf alle benachbarte Nationen über, ja, sie ist das Vorbild der Poesie aller südlichen Völker Europa's , in Manchem sogar der Engländer und Deutschen worden; denn mit den Kaisern aus dem schwäbischen Hause kam die provençalische Dichtkunst auch nach Deutschland. Die Minnesinger sind unsre Provençalen. Zu Dante 's Zeiten waren schon sieben Gattungen dieser Verskunst in der italienischen Sprache: Sonnett, Ballade, Canzone, Rodondilla, Madrigal, Servente, Stanze; sie haben sich seitdem zahlreich vermehrt, vielfach verändert, immer aber ist die italienische Sprache jenem Richtmaaß treu geblieben, das zu Dante's, Boccaz' und Petrarca 's Zeiten die Provençalpoesie ihr anwies. Die Silbenmaaße der Griechen und Römer, so oft sie versucht worden, haben in Italien, Spanien und Frankreich ihr Glück nie machen mögen. Nun müßte es wol ein sehr barbarisches Ohr sein, das nicht, zumal unter jenem Himmel, die Musik dieser Versarten fühlte. Der weit verhallende Wohlklang einer regelmäßigen italienischen oder spanischen Stanze , die schön verschlungene Harmonie eines vollkommenen Sonnetts, Madrigals oder einer vortrefflichen Canzone , die abwechselnde leichte Melodie einer schönen Canzonette, Rodondilla oder Seguidilla tönt so anmuthig, der Tanz ihrer Silben ist so ätherisch, daß ihn unsre deutsche Sprache, die ein ganz andrer Genius belebt, vielleicht auch nicht nachahmen sollte. Die Poesien so vieler lyrischen und epischen Dichter in Italien und Spanien sind gleichsam so viel Hesperische Zaubergärten, wo die Bäume singen und an jedem Zweige des singenden Baums ein Glöckchen tönt. Die Poesie der Alten singt nicht also; aber das Rauschen des Baumes selbst, das Wehen seiner Zweige im zartesten Sprößling ist begeisternd, ist heilig. So im Aeußern. Ist's aber auch anders, wenn man die Poesie der Italiener mit den Alten im Innern vergleicht? Nehmet z. B. ein Sonnett, ein Madrigal, eine Canzone, eine Stanze, und führt sie auf Formen der Griechen und Römer zurück. Hier, findet man oft, mußte der Ausdruck des Gedankens gedehnt, dort die Empfindung gelängt und geweitert werden. Einschiebsel und fremde Zusätze mußten zu Hilfe kommen, um ein regelmäßiges Sonnett, ein klingendes Madrigal zu werden; als ein Epigramm , als ein Bild (εἶδος) und Skolion der Alten würde Alles in natürlichem Maaß einfacher und reiner dastehn. Eine Canzone oder Ode der Italiener, mit Pindar oder Horaz verglichen, hat, wie es uns Deutschen scheint, viel Declamation, viel prosaische, rednerische Schönheit. Wie anders? Auf diese schöne gereimte Declamation war die Canzone angelegt. Die Stanzen ( ottave rime ) sind hallende Kammern, Anspielung auf das Wort Stanza , das ein Zimmer, eine Kammer bedeutet. – H. jede Abtheilung in ihnen, zuletzt der Schluß jeder Stanze ( il clave ), hält uns melodisch an, damit er uns weiter fortführe. Vortrefflich! Aber der Hexameter der Alten ist ein langer unermeßlicher Gang, wo nichts uns aufhält; wir wandern ungestört fort und haben den Blick immer am Ziele. So könnte man mehr vergleichen; wozu aber die Vergleichung, wenn sie den Genuß stört? Die Poesie der Italiener ist, was sie ihrem Ursprunge nach sein wollte, Unterhaltung, accentuirte Conversation ; das ist ihr Standpunkt. Ein Sonnett, ein Madrigal wird adressirt; eine Canzone wird abgesandt und bekommt am Schluß eigne Verse als ein Creditiv mit, ein Siegel der Sendung ( il commiato della Canzone ). Ariost schrieb seinen unsterblichen Orlando , daß er in Gesellschaften gelesen werden, daß er als ein Fabelbuch angenehm unterhalten sollte. Dazu schrieben Bernardo Tasso, Fortinguerra, Tassoni, Marino und jene unzählbare Schaar italienischer lustiger Dichter. Wenn Torquato nebst wenigen Andern sich höher erhob, so erhebt ihn der Inhalt seines Gedichtes; im Ganzen aber verfolgt er den Zweck aller seiner Brüder. Ob diesen Zweck jede dieser Poesien erreicht habe, darüber kann kein Ausländer entscheiden; indessen scheint's. In Italien sind die Sonnette eigentlich nichts als feinere Anreden in einem gegebnen Ton der Gesellschaft; beinahe jeder gebildete Mensch macht ein Sonnett, ohne daß er deshalb ein Dichter zu sein sich einbildet. Die Werke ihrer großen Dichter sind jedem Gebildeten bekannt; ihre Sprache ist ins Ohr der Nation übergegangen, und man hört Stellen aus Dichtern oft von Personen, von denen man sie am Wenigsten erwartet. Der gemeine Mann, das Kind sogar gebraucht Ausdrücke, die man diesseit der Alpen in viel andern Kreisen weder sucht noch hört. Die ganze Dichtkunst Italiens hat etwas sich Anneigendes, Freundliches und Holdes , dem die vielen weiblichen Reime angenehm zu Hilfe kommen und es der Seele sanft einschmeicheln. Dagegen freilich steht die Poesie der Alten für sich selbst da , in schweigender Würde, in natürlicher Schönheit. Sie spricht und läßt sich sprechen; die italienische Poesie buhlt zwar nicht, aber sie declamirt angenehm vor, sie conversirt . Ungerecht wäre es also, wenn man selbst bei der eigentlichen Empfindungspoesie dieser Sprache, z. B. den Schäfergedichten , einen Maaßstab gebrauchen wollte, der ihr nicht geziemt. Wie viel Unzeitiges z. B. ist über den Aminta des Tasso , über den Pastor fido des Guarini und über ähnliche Gedichte gesagt worden! Unsre Schäfer freilich, unsre Liebhaber räsonniren so nicht von Liebe oder mit der Liebe; nimmt man indessen das Local der Italiener, die Zeit, in welcher diese Dichter lebten, die einmal getroffene arabisch-provençalische Convention, über die Liebe in Reimen zu conversiren , auch viele kleine Umstände der damaligen Lebensweise zusammen, so werden uns diese musikalischen Liebesconversationen nicht nur erklärlich, sondern beinahe natürlich erscheinen. Das ganze lyrische Drama der Italiener beruht auf dieser Conversation; Nationen, denen sie fremde ist, wird die ernsthafte sowol als die komische Oper der Italiener dem eigentlichen Motiv nach immer fremde bleiben. So kommen wir denn auf das poetische Meisterwerk dieser Nation, die Oper, das lyrische Drama . Wol nirgend anders als in Italien konnte es entsprießen und zugleich zu der Blüthe gelangen, zu welcher es zuletzt in Metastasio gelangt ist. Er, ein Schüler des philosophischen Kenners der Alten, des Gravina , er, dem das Glück ward, hinter den Verdiensten des Apostolo Zeno und so viel andrer großen Männer in Italien und Frankreich dies Drama in einer Sprache zu bearbeiten, die zum Gesange geschaffen ist, brauchte seines Glücks und erhob aus ihr alles Singbare ( cantabile ) in jeder Art des Affects, in jedem Perioden des Recitativs, der Arien und Chöre zur Blume des Gesanges und Vortrags. Zeige man ein singbares Wort, das er nicht, und zwar aus der besten Stelle, gebraucht, eine unsingbare Wendung, die er nicht gemildert oder vermieden hätte! Auch aus der menschlichen Seele, aus Fabel und Geschichte zog er jeden singbaren Gegenstand, jede melodische Gesinnung und Empfindung auf die zierlichste Weise hervor und wußte sie zu einem musikalischen Sentiment im zartesten und vollsten Ausdruck zu bilden. Jede Arie des Metastasio ist gleichsam ein poetisch-musikalischer Kanon worden. Um hieher zu gelangen, welchen langen Weg hatte das Melodrama zurückgelegt, seit es in rauhen provençalischen Canzonen nach Italien gekommen und von umherziehenden Minstrels, mit einer Art theatralischen Vorstellung verbunden, hie und da gespielt war! Durch Maitänze ( Maggiolate ), Carnevalesken , Chöre mit Zwischenspielen u. s. w. hatte es einen beschwerlichen Weg nehmen müssen, bis es unter der Beihilfe vieler fremden Künstler, Franzosen, Spanier, Niederländer, Deutscher, nur zu einiger Regelmäßigkeit gelangte. Italienische Fürsten, die Pracht und Vergnügen liebten, hatten ihm dazu Raum und Kosten verschafft; der Geschmack der Nation in beiden Geschlechtern hatte es mit Freude empfangen; Florenz insonderheit hatte ihm zuerst seine glänzende Gestalt gegeben. Unwissend hatten, von Dante und Petrarca an, alle Dichter dazu gearbeitet; Tasso und Guarini mit ihren Schäferpoesien hatten dazu näher den Ton gegeben, hundert Componisten geistlicher und weltlicher Melodien die Pforten geöffnet: Metastasio kam und setzte der ganzen Gattung den Kranz auf. Indessen auch bei Metastasio denke man nicht an die Griechen; vielmehr hat vielleicht er aufs Weiteste von ihnen verführt und steht wie auf einem andern Hemisphär da. Bei Jenen sprach die Poesie, die Musik begleitete ihre Worte in jeder Wendung des Ganges der Rede zwanglos. Hier malt die Musik, und die Worte dienen. Gesetzt, daß es ihr auch gefiele, sie zehnmal dienen zu lassen, sie umher zu kreisen und wie im Spott zu wiederholen: sie tanzt ihren Tanz, und unter ihrer Herrschaft durfte der Dichter nichts als das ihr Wohlgefällige wählen. Keiner Leidenschaft durfte er tiefer nachgehn, als es die Musik ertrug, und mußte sich daher überall an das Weichste, das Zarteste, die Liebe halten. Mit Verletzung jedes Costüme der Zeiten und Orte sind Metastasio 's Helden Schäfer, seine Prinzessinnen Schäferinnen; erhabne Frescogestalten der Geschichte werden durch ihn Miniaturgemälde des lyrischen Theaters; denn auf diese und auf keine andre Darstellung hat er gerechnet. Wenn also Metastasio in jedem seiner Stücke einen zierlichen Porzellanthurm mit klingenden Silberglöckchen erbauen wollte, so sollte und konnte dieser kein griechisches Odeum werden. Indessen hat auch diese Poesie ihre Zwecke erreicht. Sie ward, was sie sein wollte, ein Vergnügen feinerer Seelen, die auf die angenehmste Weise in süßen Tönen sich schöne Gesinnungen einflößen lassen und sich singend belehren. Wer sich durch eine übermäßige Liebe dieses Dichters und dieser Kunst den Geschmack verwöhnt und ihn zum Unmännlichen erweicht, der hat daran selbst die Schuld; gewiß aber wird durch Metastasio 's Gesänge Niemandes Herz verderbt, vielmehr kann seine moralische Empfindung, wenn er sie aufwecken lassen will, erweckt und zart geläutert werden. Kurz, in allen italienischen Dichtern ist Conversation und Gesang herrschend; sie conversiren singend, sie singen dichtend . ——— Der Zweig der provençalischen Dichtkunst, der sich in Frankreich verbreitete, trug andere Früchte. Die französische Sprache, die lange nicht so sangbar war als die italienische, hatte desto mehrere Lust zu erzählen und zu repräsentiren . Sie nahm also von ihren Provençalen einerseits vorzüglich die Contes und Fabliaux auf, die bald zu großen Romanen ausgebildet wurden; andererseits gefielen der Nation die Geberdenspiele der Musars, Comirs, Plaisantins so sehr, daß sie mit der Zeit auch Spiele der Nation wurden, aus welchen zuletzt das französische Theater hervorging. Wir wollen von beiden Charakterzügen dieser Nation, vom Erzählen und Repräsentiren , den großen Erweis der Zeiten bemerken. Muntre Erzähler sind die Franzosen von jeher gewesen; das ganze Gebilde ihrer Sprache trägt davon den Charakter. Schon unter Philipp August reimte man Märchen; unter Philipp dem Kühnen fanden die Fabelerzähler allenthalben Zutritt; zahlreiche Romane von Artus und seinen Rittern, von Karl dem Großen und seinen Pairs, vom Amadis und so vielen andern Helden der Tapferkeit und Liebe wurden in Frankreich zwar nicht erfunden, aber ausgebildet, als die Normänner diesen Zweig der Dichtkunst blühend machten. Sie verbreiteten sich nach England, Spanien, Italien, zuletzt nach Deutschland. In der Periode des neueren französischen Geschmacks, wer waren ihre ersten Meister? Villon und Rabelais, Marot und Seinesgleichen, die durch muntre Einfälle und Erzählungen bleibenden Eindruck machten; die ernsthaften Dichter gingen in die Vergessenheit über. Frankreichs Philosoph war Montaigne , der so Vieles von sich selbst und von Andern zu erzählen wußte. Im goldnen Zeitalter Ludwig 's endlich war ein Erzähler, La Fontaine, wol das eigenthümlichste Genie, dessen Grazie nicht veralten wird, so lange die französische Sprache dauert. Eine zahlreiche Menge von Erzählern in jeder Gattung des Stils, prosaisch, poetisch, burlesk, komisch, war vorhergegangen und folgte. Bei Voltaire ist lustige Erzählung vielleicht sein glücklichstes Talent; die Prophetin von Orléans » La Pucelle «. Jeanne d'Arc weissagt dem König den Sieg über die Engländer und seine Krönung. – D. und Guillaume Vadé Seine eigenen muthwilligen Erzählungen hatte Voltaire als » Contes de Guillaume Vadé « erscheinen lassen. – D. gelangen ihm besser als die Henriade . Dies Talent, das in Marmontel, Diderot, Cazotte und so vielen Andern immer neue Früchte gebracht hat, solche wahrscheinlich auch bringen wird, so lange ein Franzose oder eine Französin die Lippen bewegt, hat ihrer Sprache in Allem, selbst in den ernsthaftesten Wissenschaften, jene Klarheit und Nettigkeit, jene muntre Präcision gegeben, die beinah ganz Europa zur Nachahmung erweckt hat. Discours heißt der Genius ihrer Schreibart. Alles ist ihnen klar; was sie wissen und nicht wissen, können und dürfen sie erzählen . Repräsentation ist der zweite Zug ihres entschiedenen Charakters. Das Volk repräsentirt gern und liebte von jeher Repräsentationen. Schon unter den ersten barbarischen Königen spielten die Histrionen an allen Staatsfesten ihre Rollen, denen die Jongleurs und Jongleuresses , die Joueurs de Farces, Bateleurs u. s. w. folgten. In mehreren und wiederholten Reglements mußte Diesen bei Gefängniß- und Leibesstrafe verboten werden, nur nicht an Sonn- und Festtagen während des Gottesdienstes, in geistlichen Kleidern an öffentlichen Orten ärgerliche Farcen zu spielen. Zur Zeit der Kreuzzüge und der Wallfahrten nach dem heiligen Lande kamen die Pilgrime wieder, um in ihrem Vaterlande zu repräsentiren . In abenteuerlicher Kleidung erzählten und agirten sie ihre Geschichten von weither , Wunderdinge, Abenteuer, Visionen; man repräsentirte die Geschichte des Alten und Neuen Testaments, unter Andern La Passion de N. S: Jesus Christ en vers burlesques . Brüder der Passion ( les Confrères de la Passion ) entstanden; sie zogen die Privilegien des Narrenprinzen ( Prince des sots ) und des Narrenfestes ( de la fête des foux ) an sich; man räumte ihnen Hôtels ein; so ward das erste französische Theater, das bald darauf devans leurs Majestés dans la salle du Château Moralitäten spielte. Der Geschmack dieser »Moralitäten«, in denen sich das Heilige und Profane sonderbar mischte, ist bekannt; sie hießen Jeux des pois pilés , Spiele zerstoßener Erbsen , und blieben es so lange, bis aus ihnen die französische Komödie hervorging, in welcher denn, sowie auf dem französischen Theater überhaupt, Repräsentation von jeher der Hauptgesichtspunkt gewesen und geblieben ist, nach welchem sich Alles ordnet. Es ist zu erweisen, daß alles Gute und Mangelhafte des französischen Theaters offenbar aus Repräsentation , aus französischer Repräsentation erwachsen sei, als einem der Nation unableglichen Charakter. Jene Lebhaftigkeit und Natur des Spiels, mit Anstand und Gefälligkeit begleitet, jene Klarheit nicht nur in der Exposition, sondern auch in der ganzen Oekonomie des Stücks, insonderheit in der Folge und Bindung seiner Scenen, in der Oper das Feierliche der Chöre, die Pracht der Decoration u. s. w., kurz, was Repräsentation fordert und geben kann, ward dort gegeben und ausgebildet. Dagegen was Repräsentation nicht leistet, was manchmal, z. B. im Trauerspiele, sie sogar nicht wünscht und gern verbirgt, die tiefere Wahrheit und Natur der Leidenschaften dem französischen Theater, verglichen mit dem griechischen und englischen, oft fremd blieb. Sowol der Heroismus als die Liebe erscheinen in der französischen Theaterkunst (von vortrefflichen Ausnahmen ist hier nicht die Rede) nach dem Gesetz einer Nationalconvention repräsentirt ; diese Convention herrscht in Allem, im Ton der Stimme, in der Kleidung und Geberde, in jedem Schritt und Tritt des Acteurs und der Actrice. Wenn Der oder Jener aus diesem Gleise des Anstandes glücklich herauszutreten wußten, so ward ihre Ausnahme bald selbst zur conventionellen Regel. Fast auf alle Werke des Geistes, selbst der Wissenschaft, erstreckt sich diese französische Repräsentationsgabe: auf ihre gerichtlichen und Kanzelreden, auf ihre Akademien und Elogien, selbst auf ihre Staatsverhandlungen und Staatsgrundsätze; in ihnen erscheint die Gerechtigkeit, die Andacht, die Gelehrsamkeit, das Lob, die Politik, die Wissenschaft repräsentirend . Es wird der Nation schwer, für sich allein zu sein; sie ist gern im Auge Andrer, am Liebsten im Auge des Universum sprechend, schreibend, agirend . Die größte Repräsentantin ist die französische Sprache. Mit dem Schein, Alles aufs Genaueste, aufs Feinste zu sagen, umschreibt sie in geltenden Ausdrücken, die Jeder zu verstehen glaubt, und giebt, was sie in so großer Menge hat, ins Ohr fallende Worte, gemein gewordne Abstractionen . Unendlich reich an Ausdrücken der Höflichkeit, der guten Lebensart, der Kunstphilosophie u. s. w., hütet sie sich wohl, mit diesen Ausdrücken etwas mehr zu meinen, als zum conventionellen Alltagsverständniß derselben gehört. Wehe Dem, der sich auf ein französisches Modewort, auf eine Formel und Wendung des französischen Stils verließ; die Mode ändert sich, und das Wort bedeutet ganz etwas Andres. ——— Sollen den Franzosen jetzt die Spanier nachtreten, wie auch sie etwa von den Provençalen gelernt haben? Nein. Die Cultur der Spanier ist von den Provençalen nicht erborgt, sondern an ihrer Seite stolz und eigentümlich erwachsen. Und doch läßt Herder oben die Araber auf die äußere Form der spanischen Dichtung, ja auch auf den Inhalt einen bedeutenden Einfluß üben! – D. Jahrhunderte lang hatten die Araber ihr schönes Land besessen und in alle Provinzen desselben ihre Sprache und Sitten verbreitet. Jahrhunderte gingen hin, ehe es ihnen entrissen ward, und in diesem langen Kampf zwischen Rittern und Rittern hatten sie wohl Zeit, den Charakter zu erproben, der sich auch in Werken des Geschmacks als ihr Genius zeigt; es ist die Idee eines christlichen Ritterthums, den Heiden und Ungläubigen entgegen. Als alte, vom heiligen Jacobus bekehrte Christen waren sie in die Gebirge geflohen; als solche hielten sie sich in ihnen fest und eroberten ihr Land wieder. Als solche waren sie zu stolz, sich mit maurischem Blute zu vermischen, und entvölkerten dadurch ihr Land; als solche waren sie in fremden Welttheilen stolz und grausam. Ihr Vortreffliches und ihre Fehler kommen aus einer Quelle, aus welcher mit beiden, mit Fehlern und Tugenden, auch ihre Poesie und Sprache floß. Diese steht zwischen der italienischen und altrömischen in der Mitte, an Majestät und Würde der Mutter ähnlicher als eine ihrer Schwestern, voll Wohlklanges für die Musik, und in dieser fast eine heilige Kirchensprache. Nicht lief sie, wie die Provençalin, auswärts umher; sie war stolz und blieb zu Hause, brachte aber in ihrer schönen Wüste unter manchem Sonderbaren und Abenteuerlichen edle Früchte. Vielleicht giebt es keine scharfsinnigern Sprüche und Sprichwörter als in der spanischen Sprache; von Alphons dem Weisen an hat sie in allen Productionen diesen Charakter behauptet. Ihre Erzählungen, Theaterstücke und Romane sind voll Verwickelungen, voll Tiefsinnes und bei vielem Befremdenden voll feiner und großer Gedanken. Ihre Silbenmaaße sind sehr wohlklingend, und die Leidenschaft der Liebe steigt in ihnen oft bis zum schönen Wahnsinn. Sie sind veredelte Araber; auch ihre Thorheit hat etwas Andächtiges und Erhabnes. ——— 88. Wie mir immer eine Furcht ankommt, wenn ich eine ganze Nation oder Zeitfolge durch einige Worte charakterisiren höre (denn welch eine ungeheure Menge von Verschiedenheiten faßt das Wort Nation , oder die mittleren Jahrhunderte , oder die alte und neue Zeit in sich!), ebenso verlegen werde ich, wenn ich von der Poesie einer Nation oder eines Zeitalters in allgemeinen Ausdrücken reden höre. Die Poesie der Italiener , der Spanier , der Franzosen , wie viel, wie mancherlei begreift sie in sich! und wie wenig denkt, ja, wie wenig kennt Der sie oft, der sie am Wortreichsten charakterisirt! Wenn ich meinen Dante und Petrarca, Ariosto und Cervantes las und jeden dieser Dichter wie meinen Freund und Lehrer von Innen aus kennen lernen wollte, so war es mir angenehm, ihn als einen Einzigen zu betrachten. Zu diesem Zweck suchte ich Alles auf, was in ihm liegt, was rings um ihn zu seiner Bildung oder Mißbildung beigetragen. Die ganze Dichterwelt vor und nach ihm verschwand vor meinen Augen, ich sahe nur ihn. Und doch wurde ich bald an die ganze Reihe der Zeiten erinnert, die vor ihm war, die nach ihm folgte. Er hatte gelernt und lehrte; er folgte Andern, Andre ihm nach. Das Band der Sprache, der Denkart, der Leidenschaften, des Inhalts knüpfte ihn mit mehreren, ja zuletzt mit allen Dichtern: denn – er war ein Mensch , er dichtete für Menschen . Unvermerkt werden wir also darauf geleitet, zu untersuchen, was Jeder gegen jeden Aehnlichen in und außer seiner Nation, was seine Nation gegen andere vor- und rückwärts sei; und so zieht uns eine unsichtbare Kette ins Pandämonium , ins Reich der Geister . Wenn Poesie die Blüthe des menschlichen Geistes, der menschlichen Sitten, ja, ich möchte sagen das Ideal unsrer Vorstellungsart , die Sprache des Gesammtwunsches und Sehnens der Menschheit ist, so dünkt mich, ist Der glücklich, dem diese Blüthe vom Gipfel des Stammes der aufgeklärtesten Nation zu brechen vergönnt ist. Es ist wol kein geringer Vorzug unseres inneren Lebens , außer den Morgenländern und Alten mit den edelsten Geistern Italiens, Spaniens, Frankreichs sprechen und bei Jedem bemerken zu können, wie er die Begriffe und Wünsche seines Herzens, die ihn am Meisten entflammten, auf die würdigste Art einzukleiden und für Welt und Nachwelt angenehm, ja hinreißend vorzutragen suchte. Hingerissen in Eure süßen und bittern Träumereien, Ihr Dichter, wandeln wir mit Euch in einer Zauberwelt und hören Eure Stimme, als ob Ihr lebtet. Andre erzählen von sich und Andern; Ihr versetzt uns in Euch selbst, in Eure Welt von Gedanken und Empfindungen des Leides und der Freuden. Und ach, wie klein ist unsre Welt! wie oft wiederholen sich Empfindungen und Gedanken! Enge ist der Kreis des menschlichen Tichtens und Trachtens; in wenige, wenige Knoten ist alle unser Interesse geknüpft. In dieser Rücksicht nun kann man freilich die Geschichte der Dichtkunst, d. i. die Geschichte menschlicher Einbildungen und Wünsche , und wenn ich so sagen darf, des süßen Wahns der Menschheit , der aufs Feurigste ausgedrückten Leidenschaften und Empfindungen unsers Geschlechts nicht allgemein und im Großen gnug nehmen. Wie ganzen Nationen eine Sprache eigen ist, so sind ihnen auch gewisse Lieblingsgänge der Phantasie, Wendungen und Objecte der Gedanken, kurz, ein Genius eigen, der sich, unbeschadet jeder einzelnen Verschiedenheit, in den beliebtesten Werken ihres Geistes und Herzens ausdrückt. Sie in diesem angenehmen Irrgarten zu belauschen, den Proteus zu fesseln und redend zu machen, den man gewöhnlich Nationalcharakter nennt, und der sich gewiß nicht weniger in Schriften als in Gebräuchen und Handlungen der Nation äußert: dies ist eine hohe und feine Philosophie. In den Werken der Dichtkunst, d. i. der Einbildungskraft und der Empfindungen, wird sie am Sichersten geübt, weil in diesen die ganze Seele der Nation sich am Freiesten zeigt. So ist es auch mit dem Geist eines oder mehrerer Zeitalter , so viel dieser Name unter sich begreift; denn jedes Zeitalter hat seinen Ton, seine Farbe, und es giebt ein eignes Vergnügen, diese im Gegensatz mit andern Zeiten treffend zu charakterisiren. Mir sind z. B. die sogenannten mittleren Zeiten auch in ihren Märchen, in dem guten Glauben und Aberglauben, der sie beherrschte, in der ganzen Richtung, die die europäische Denkart damals nahm, sehr merkwürdig. Dieser Wahn liegt uns näher als die Mythologie der Griechen und Römer; manche Züge davon haben wir vielleicht in angebornen Neigungen und Vorstellungsarten, gewiß aber in Resten der Gewohnheit von unsern Vätern geerbt. ——— 89. Fünftes Fragment. Vom Werth der europäischen Dichtung mittlerer Zeiten. Wir haben jetzt Umfang gnug gewonnen, die europäische Cultur durch die Poesie der mittleren Zeiten in dem weiten Raum, den sie durchging, unparteiisch zu schätzen und ihren Werth oder Unwerth zu zeigen. Ein großer Nachtheil war für sie die allenthalben mit fremden Sprachen vermischte, in ihr selbst verfallene Römersprache . Mit Recht hieß diese rustica , eine Bauernsprache; die Dichtkunst, die in ihr aufkam, konnte mit Noth und Mühe auch nur eine vulgare Dichtkunst werden. Alles war hier durch einander gemischt und verdorben. Nordische Völker kamen mit einer harten, sclavische, in Feigheit versunkene Völker sprachen eine vernachlässigte Sprache. Unruhe und wiederkommende Verwüstung, Nacht und Aberglaube verheerten die Welt; was aus diesem Chaos über einander stürzender Völker und Sprachen hervortönte, konnte nicht oder sehr spät der Gesang jener Muse sein, die einst in Ionien, Athen und Tibur reingestimmte, harmonische Saiten beseelt hatte. Hier schrieb man Reime ( coplas, rime ). Einen noch herbern Feind hatte die Bildnerin der Sitten, die Poesie, an den Sitten dieser Nationen selbst im mittleren Zeitalter . Kriegerischen Völkern ertönte nur die Tuba; unterjochte, bäurische Völker sangen rohe Volksgesänge, Kirchen und Klöster Hymnen. Wenn aus dieser Mischung ungleichartiger Dinge nach Jahrhunderten ein Klang hervorging, so war's ein dumpfer Klang, ein vielartiges Sausen. Schon der Charaktername des Inhalts der Zeiten sagt dies. Er heißt Abenteuer, Roman ; ein Inbegriff des wunderbarsten, vermischtesten Stoffs, der ursprünglich nur ununterrichteten Ohren gefallen sollte und sich, fast ohne Kenntniß der Natur, Kunst und Geschichte, von der Vorwelt her über Meer und Länder in wilder Riesengestalt erstreckte. Von den Arabern her bestimmten drei Ingredienzien den Inhalt dieser Sagen, Liebe, Tapferkeit und Andacht ; schöne Namen, wäre ihre Bedeutung nur immer auch in der Anwendung der Namen werth gewesen! * Liebe . Gewiß aber war's nicht immer jene zärtlich bewundernde Liebe, die man aus einem guten Vorurtheil den Erzählungen und Liedern des Mittelalters gemeiniglich als Charakter zuschreibt. Viele Gesänge und Geschichten zeigen ein Andres, das sich auch zu jenen gedankenlosen und dabei unternehmenden Zeiten besser schickt und fügt. In müssigen, reichen und üppigen Ständen, in Schlössern, an Höfen, deren es damals so viel gab, hatte man Zeit und Mittel, jene Galanterie , die gepriesene Blüthe der Ritterjahrhunderte, oft in einem Geschmack zu treiben, wie sie des Boccaz »Decamerone« oder Brantôme und so manches üppige Capitolo schildert. Man rühmte sich dessen, was man erfahren haben wollte, nicht immer auf die feinste und sittlichste Weise. * Tapferkeit . Ein edles Wort; die damaligen Zeiten aber gebrauchten es nicht immer in der edelsten Anwendung. Der Ritter, der in die Welt zog, Ungläubige oder Ketzer zu vertilgen, und sich außer den Pflichten gegen Ebenbürtige, gegen Damen, gegen seinen Lehnsherren und die Kirche Alles erlaubt hielt, war eben nicht das reinste Ideal männlicher Tugend. Eine Poesie also, die solche Ritterzüge besang oder erzählte, mußte oft dumpf umherschwärmen und bis zum Ermüden singen und sagen, was Ritterthum und Ritterehre erfordert. Oder um diesem Einerlei zuvor zu kommen, mußte sie sich ins Ungeheure, ins Unmögliche verlieren, hier eine brutale Macht loben, dort Ahnenstolz, Räuberglück oder leeren Glanz preisen. Wider Willen mußte sie oft langweilig, oft geistlos und unmoralisch werden, weil sie geistlose Menschen in zwecklosen oder unmoralischen Thaten zu schildern hatte und auch bei großen und guten Zwecken sie mit zu viel falschem Glanz vergolden mußte. * Andacht endlich. Blos als Feierlichkeit behandelt, ermüdet sie und läßt die Seele bald leer; als eine Verbindung mit dem Unendlichen, als Anschauung des Unermeßlichen betrachtet, erhebt sie zwar die Seele, entzückt sie aber auch in einen Glanz, in welchem der Poesie zuletzt jede Form schwindet. Soll Andacht aber sogar Missethat versöhnen, es sei mit leeren Gebräuchen oder mit Geschenken und Vermächtnissen, ohne daß dem Unterdrückten Erstattung geschehe: o, da wird sie dem Menschensinn, dem moralischen Gefühl widrig und auch im schönsten poetischen Nachbilde verächtlich! Alle diese Mängel und Laster entsprangen aus dem Verderben der Religion und Sitten damaliger Welt in obern und untern Ständen; eine fröhliche Wissenschaft, die an Höfen entstanden, von Großen genährt und nur zur Zeitkürzung gebraucht ward, konnte und wollte die Schwächen des Jahrhunderts weder abthun, noch versöhnen. Sie dachte an den Inhalt einer Erzählung nur sofern, als dieser Inhalt vergnügte , und es war Sitte der Zeit, sich bisweilen auch langweilig und gemein zu vergnügen. Das Ohr des Volks, vor welches zuletzt diese Divertissements auch kamen, nahm sie mit Freuden auf, weil sie bei Hofe erfunden waren, weil man sie in höheren Ständen belachte. Es war eine Hofart ( cortesania ), sie schön zu finden. So gewiß ist's, daß nichts bleibend schön sein kann als das Wahre und Gute. Keine Kunst, kein Künstler vermag von einem falschen Schimmer der Macht und Hoheit, vom geschminkten Reiz der Wollust und Ueppigkeit oder von der Schwärmerei ein Ideal zu borgen, das bestehe und fortdaure. Was unrein dem menschlichen Gemüth ist, muß ihm früher oder später auch in der Poesie unrein erscheinen; denn nur fürs menschliche Gemüth wird gedichtet. Jene Romane voll Langweiligkeiten des Ritterthums, voll falschen Glanzes der Hofsitten, oder gar jene Gemälde des Gartengottes und der Göttin Crapula , Rausch. – D. was sind sie unter dem Fuß der Zeit worden? Schlamm und Moder. Es ist Gesetz der Natur, daß auch in der Poesie und Kunst nur das Wahre und Gute bleibe . Der Keim, der davon auch in der Dichtkunst der mittleren Zeiten lag, ist nicht verwest. Fruchtreich hat ihn die Zeit ausgebildet; denn in den drei großen Namen Liebe, Ehre und Andacht liegt Alles, was die Menschheit wecken, die Poesie beleben kann. Sie sind mehr als Patriotismus; ein weites und tiefes Meer der Seligkeit, aus dem die Schönheit entsprang, und in welchem sie sich spiegelt. 1. Andacht . Freilich ist's nicht jedem Geist in seiner sterblichen Hülle gegeben, sich formlos ins Flammenmeer der Gottheit zu versenken; aber auch nur im Abglanz diese Sonne, das höchste Ideal menschlicher Gedanken zu betrachten, erquickt und erheitert. Die Poesie der mittleren Zeiten hatte sich hiezu das Bild des ewigen Vaters , des Sohnes Gottes und seiner Mutter, der heiligen Jungfrau , ausgemalt und in das letzte insonderheit ein hohes Ideal weiblicher Tugend, alle Grazie ihres Geschlechts gelegt. Jungfräuliche Keuschheit, Huld und Anmuth, eine sich selbst unbewußte Hoheit und Würde, mütterliche Liebe, schweigende Geduld, Großmuth, Hoffnung, endlich ein stiller Dank- und Freudegenuß jenes überschwänglichen Lohns, dessen sich die Wohlthätige jetzt in Ewigkeit werth macht – Alles dies ward nach und nach von der dichtenden Andacht in sie gesenkt, in ihr besungen und gepriesen. Der Werth der Heiligen , die Märtyrer waren, scheint von geringerer Art; die Tapferkeit der Seele aber, die um des Bekenntnisses der Wahrheit willen Leiden erträgt und Martern erduldet; jene stille Großmuth , die verkannt einhergeht, die Reichthum, Wollust und niedrigen Ruhm verschmäht, unbillige Verachtung, Schmach und Hohn für nichts achtet und dennoch wohlzuthun fortfährt; die Heiterkeit der Seele endlich, die, durch Einfalt, Unschuld, Zuversicht und Erfahrung bewährt, in der Wolke des Todes den offnen Himmel sieht und das Lied der Vorangegangenen hört: eine Andacht dieser Art ist mehr als eine Heldenwürde von außen. Und es sangen sie so viele Hymnen, so prächtige Canzonen. 2. Tapferkeit . Auch der Werth eines Mannes, der nach reinen Begriffen des Ritterthums um Ehre streitet, ist nicht von geringer Art. Schwache zu beschützen, die Unschuld zu vertheidigen, auch im heftigsten Streit sich nichts Unwürdiges zu erlauben, im Feinde noch den Mann zu erkennen, im Ueberwundenen den Tapfern zu ehren, endlich die wehrlose, die kranke Menschheit mit ritterlicher Hand zu pflegen, zu warten: dies Alles waren Pflichten des Ritterthums, die, freilich mit großen Ausnahmen, allesammt auch nur unter dem Mantel der Religion und noch nicht als reine Obliegenheiten des Menschen gesungen und eingeschärft wurden. Sie öffneten indeß einer allgemeinern, reineren und höheren Tugend die Schranken, als selbst in einem weit engeren Bezirk von der alten Heldensage der Griechen und Römer gepriesen werden konnte. Wenn Andacht, Liebe und Tapferkeit reiner Art sich ritterlich in einander verweben, erniedern sie den männlichen Charakter nicht. 3. Liebe . Hier findet wol kein Zweifel statt, daß die Hochachtung und zarte Behandlung des weiblichen Geschlechts , welche Araber und Normänner in Romane und Poesie brachten, die sich auch mit dem Dienst der heiligen Jungfrau und dem Christenthum überhaupt wohl vertrug, eine Blume sei, die Griechen und Römer eben nicht vorzüglich cultivirten. Größtentheils besangen diese im Weibe nur das Weib oder gar eine Buhlerin, eine Hetära. Da das nördliche Klima Lustbarkeiten, wie sie Horaz oder Petron schildern, keinen Raum gab, auch in diesen Gegenden die später entwickelte und desto länger dauernde Jugend des Weibes eine sittlichere, reifere Liebe fordert, so wandte sich jetzt allmählig die Poesie auf etwas, darauf jene Zeiten nicht ausgehen konnten, auf Cultur des Umganges beider Geschlechter mit einander , von welchem unsre nordische Wohlerzogenheit größtentheils abhängt. Das Weib war von der Religion geehrt; warum sollten sie nicht auch Menschen ehren? Sie gaben den Männern Rath, dem Leben Anmuth; sie bewegten das Herz des roheren Mannes und waren gleichsam Mittlerinnen im Himmel und auf Erden. Nach christlichen Begriffen schlang die Liebe nicht nur in dieser Sichtbarkeit einen unauflöslichen Knoten, sondern auch das Band der Freundschaft in einer ewigen Welt. Durchs Christenthum sahe man dort lichtere Gegenden vor sich als den traurigen Orcus; in ihnen besang Dante seine Beatrice, Petrarca eine himmlische Laura u. s. w. ——— 90. Das unvollendete Fragment vom Werthe der Poesie mittlerer Zeiten möchte ich, gleichfalls für und wider , mit Vortheil und Nachtheil also ergänzen: Erstens . Fügt man dem Vorigen hinzu, daß die Poesie der mittleren Zeiten nach und nach mit mehreren Wissenschaften bekannt ward, als jene Poesie der Jugendwelt je kennen lernen konnte, so war ihr hiemit, eben wie bei Andacht, Liebe und Ehre , ein großer, aber auch ein sehr gefährlicher Knäuel in die Hand gegeben. Sie konnte daraus Vieles entwickeln, aus jeder Wissenschaft sich zu eigen machen, was für sie diente; jede Erfindung, jedes neuentdeckte Land stand ihr zu Gebote. Sie konnte aber auch auf diesem Wege zu gelehrt, spitzfindig und scholastisch werden; und wäre sie es nicht hie und da reichlich geworden? Der größere Boden von Wissenschaft indeß, den der menschliche Geist gewann, war ein beträchtliches Erwerbniß. Die neuere Poesie hat davon Nutzen gezogen und wird davon Vortheile ziehen, so lange Wissenschaften wachsen , Erfindungen sich mehren , so lange der menschliche Geist fortschreitet . Nicht vergebens hat der Vater der neueren Dichtkunst, Dante , mit einem Werk begonnen, das eine Art von Encyklopädie des menschlichen Wissens über Himmel und Erde enthält; er hat seinem von jeder Vorzeit unterrichteten Kinde hiemit den Weg eines immer fortschreitenden Verdienstes gewiesen. Zweitens . Und da in der mittleren Zeit viele Nationen, die gesammten Völker des römisch-christlichen Europa, auf einem Kampfplatz des Ruhms standen und durch mehrere Verbindungen in einer Schule der Unterweisung lernten, so bekam, ungeachtet aller Nationalunterschiede von Sitten und Sprachen, die europäische Poesie und Lehre hiemit eine gemeinschaftliche Richtung . Mit so vielem Unreinen sie hie und da vermischt war, so trug sie allenthalben dazu bei, das Schwert der Barbaren, das noch nicht gestumpft war, einzuhalten, zu weihen, zu veredeln. Rittern und edlen Herren ward ein Kranz des Ruhms und der Verdienste vorgehalten, ohne welchen sie, wie die Geschichte mehrerer Länder zeigt, harte Herren, Trunkenbolde, räuberische stolze Barbaren blieben. Selbst die Griechen des östlichen Kaiserthums, die an den Rittergesetzen der Westwelt keinen Antheil nahmen, erlaubten sich Niederträchtigkeiten gegen Feinde und Ueberwundene, die in Spanien, Italien und Frankreich kein Ritter sich jemals erlaubt haben würde. Als üppige Treulose gingen sie unter. Alles also, was Menschen, Stände und Völker mit einander verband, was die Geschlechter einander freundlich, Gemüther einander geneigt machte, was zu einem gemeinschaftlich anerkannten Zweck und gleichsam zu der Lehrform beitrug, nach welcher man von Jugend auf, wenngleich auf rohe Weise, der Tapferkeit, Liebe und Andacht huldigen lernte, offenbar bahnte dies der Menschenliebe oder zuvörderst jener christlichen Herzensgüte den Weg, die als Carità die Grazie der Grazien ist und jede Huldigung verdient. Die Poesie des Mittelalters wirkte zu diesem Zweck unverkennbar. Aus den Händen der Araber hatten die Europäer Andacht, Liebe und Tapferkeit als einen Kranz der Ritterwürde empfangen; sie verschönten ihn nach christlicher Weise. Und da gerade diese Poesie es war, die auch das Volk nicht verachtete, die sich auf öffentlichen Plätzen und Märkten hören ließ und durch Geist, Witz und Spott eigene Gedanken und ein freies Urtheil auch über Zeithändel, über die Sitten geistlicher und weltlicher Stände, über das Verhältniß derselben gegen einander weckte: so ward, wie die Geschichte zeigt, Poesie der erste Reformator . Immerhin wird dies auch die fröhliche Wissenschaft ( gaya ciencia, gay saber ) sein und bleiben. Ich weiß es sehr wohl, daß zum innern Verständniß dieser Fragmente und Briefe eine Kenntniß nicht nur der Geschichte, sondern auch der Dichtungen aller mittleren Jahrhunderte gehört, und ich stand lange bei mir an, ob ich nicht hie und da, so wie von christlichen Hymnen, so auch von Arabern, Provençalen, Italienern, Franzosen und Spaniern Proben einrücken sollte. Das Buch hätte sich vergrößert, ich fürchte aber, nicht der innere Verstand dessen, was hier vorgetragen ist; denn die Producte des Geistes, worauf sich das Vorgetragene bezieht, müssen im Zusammenhange erwogen und nach so vielen National- und Zeitumständen unterschieden werden, daß der Commentar hierüber ein neues, siebenfach größeres Buch geworden wäre. Entweder muß der Leser also den Verfassern dieser Fragmente und Briefe glauben, oder er muß die Früchte genannter Zeiten selbst kosten, zu denen ihm J. A. Fabricius in seiner Bibliotheca Latina medii aevi , Hamberger im dritten und vierten Theil seiner »Zuverlässigen Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern«, und die Geschichte jeder Nationaldichtkunst dieser Völker das Verzeichniß liefert. Beides, sowol Briefe als Fragmente, sind Resultate von so mancherlei Untersuchungen und Zusammenstellungen, daß nur Der ein Urtheil darüber haben kann, der denselben weiten Weg gegangen, den die Verfasser dieser Aufsätze genommen zu haben scheinen. – H. ——— Achte Sammlung. (1796.)   91. Sechstes Fragment Wiederauflebung der Alten Was der Poesie des Mittelalters fehlte, war nicht Stoff und Inhalt, nicht guter Wille und Endzweck; es fehlte ihr nicht an Idealen, auf welche sie hinarbeitete und sich bemühte; aber Geschmack, innere Norm und Regel fehlte ihr. Keine äußere Form des Sonnetts, Madrigals oder der Stanze, der Reim am Wenigsten, keine Scholastik, selbst die arabische Philosophie nicht, sie mochte aus Spanien, Africa oder Palästina kommen, konnte ihr diese Regel gewähren; nur ein Mittel war dazu, die Wiedererweckung der Alten . Immer hatten diese, auch in den dunkelsten Jahrhunderten, einige Liebhaber, sogar Nachahmer gefunden, ob man von ihnen gleich nur Wenige kannte und diese Wenigen in einer finstern Luft durch einen häßlichen Nebel ansah. Bekanntlich war Petrarca einer der Ersten, der sich durch unablässigen Fleiß eine fast classische Denkart angebildet hatte, ohne welche er seine liebliche Vulgarpoesie schwerlich hätte erschaffen mögen. Ihm folgten mehrere Liebhaber und Bewunderer der Alten, bis nach einer langen Morgenröthe endlich heller Tag anbrach. Von Orient aus kamen die vertriebenen griechischen Musen nach Italien; mit einem wunderbaren Enthusiasmus für die Sprache, die Werke und Wissenschaften der Griechen wurden sie aufgenommen, und Alles belebte sich neu. Laß es sein, daß fortan, insonderheit im nächsten Jahrhundert, die Landessprache keine Dichter bekam, wie Dante und Petrarca gewesen waren; Beide, insonderheit der Letzte hatte in seiner Art die Blüthe hinweggebrochen, so daß kein Nachahmer ihn übertreffen konnte . Dafür aber öffnete sich eine Aussicht, die zehntausend Petrarchisten nicht hätten eröffnen mögen. Poliziano, Pico, Bembo, Castiglione, Casa und so viel andre Geschichtschreiber, Dichter, Philosophen und Philologen schrieben nicht nur classisch Latein, sondern Einige derselben dachten auch classisch und erwägten die Werke der Alten. Die Strozza, Sannazar, Fracastor, Vida und so viele, viele Andre schrieben nicht etwa nur elegante lateinische Verse, man las, man übersetzte die Alten; Macchiavell u. A. dachten ihnen männlich nach. Künstler erschienen, die im Geschmack der Griechen und Römer verzierten, bauten, bildeten, malten; das himmlische Genie Raphael erschien, von einer griechischen Muse mit einem Engel erzeugt. Da erklang ein Lied im höheren Tone; es fing wirklich eine neue Denkart mit einer neuen Zeit an; denn auch die Buchdruckerkunst war erfunden, eine neue Welt war entdeckt, die Reformation entstand u. s. w. Es hieße klein und eingeschränkt denken, wenn man diese neue Gedankenform blos nach dem beurtheilte, was sie damals hervorgebracht hat, nicht nach dem lebendigen Samen, der in ihr zu künftigen Hervorbringungen dalag. Sei es, daß die ersten Nachahmungen der Alten zu sclavisch waren, daß die erste Kritik sich zu sehr an Worte hielt und darüber oft den Geist nicht erreichte; sei es, daß kein lateinischer Dichter dieses glücklichen Jahrhunderts einem alten Dichter gleich käme: was schadet's? Die ersten gedruckten Ausgaben alter Autoren waren auch die vollkommensten nicht; indessen kamen sie weit umher und machten die Grundlage nicht nur zu bessern Ausgaben, sondern auch zu vielen, vielen neuen Gedanken. Ohne Wiedererweckung der Alten wäre keine neue Philosophie und Beredsamkeit, keine Kritik, Kunst und Dichtkunst entstanden; Europa säße noch in der Dämmerung und labte sich an abenteuerlichen Ritterromanen. Das Licht der Alten ist's, das die Schatten verjagt und die Dämmerung aufgeklärt hat; mit ihnen haben wir empfangen, was allein den Geschmack sichert, Verhältniß, Regel, Richtmaaß, Form der Gestalten im weiten Reiche der Natur und Kunst , ja der gesammten Menschheit . Warum z. B. ist die bloße Galanterie der Liebe ein falscher, mithin auch ein unpoetischer Geschmack? Weil sie etwas Unwahres in sich hält, das der reinen Sprache des Herzens und Geistes , wie es die Poesie sein soll, unwerth ist. Jene Galanterie giebt Dingen einen Werth, den sie unsrer eignen Ueberzeugung nach nicht haben; sie malt Schönheit und Liebe mit falschen Reizen und vergißt darüber der herzergreifenden Wahrheit. Aus Mangel des Gefühls übertreibt sie; sie spielt mit Bildern und Wendungen, mit Witz und Worten. Aechte Poesie also und eine falsche Galanterie sind unvereinbar. Möge ein verdorbner Geschmack der Zeit, möge die Mode sie dafür erkennen: der Zeitgeschmack geht vorüber, die Mode wird lächerlich, und späterhin macht die falsche Schminke das schöne Gesicht sogar häßlich . Warum ist die übertriebne Ritterwürde ein falscher Geschmack? Weil sie als bloßes Ritual herz- und seelenlos, steif und lächerlich ist. Feierlichkeiten wird ein Werth gegeben, den sie nicht haben; Mißverhältnisse werden mit einem Schaumgolde überdeckt; geistlose Härte wird als ein Ideal der Männlichkeit gepriesen. Die Zeit kommt und streicht mit rauher Hand das Schaumgold hinweg; sie rückt die Stände anders, und sofort ist jene Mißgestalt unter einem eisernen Harnisch sichtbar. Alles Geklirr an Mann und Roß kann uns, wo Verstand, Zweck, Ebenmaaß, Güte des Herzens fehlt, kein Klang einer himmlischen Muse werden. Warum ist jene übertriebene Andacht , jenes Haschen nach dem Unendlichen, das Calculiren der Gottheit in unnennbaren Gefühlen ein falscher Geschmack? Weil sie eine Uebervernunft sind, die weder in Sprache noch Kunst einen Ausdruck findet. Das Unermeßliche hat kein Maaß, das Unendliche hat keinen Ausdruck. Je länger Du also an diesen Tiefen schwindelst, desto mehr verwirrt sich Deine Zunge, wie sich Dein Haupt verwirrte; Du sagst nichts, wenn Du etwas Unaussprechliches sagen wolltest. Schwieg nicht jener Entzückte von dem, was er im dritten Himmel gesehen hatte? Alle wahre Gottbegeisterten schwiegen vom Unaussprechlichen und sagten, was sie in der Sprache der Menschen, zumal in den Grenzen einer Kunst sagen konnten. Der Ausdruck, der der Religion geziemt, ist nicht Schwärmerei, sondern Einfalt und Wahrheit. Ist Alles, was uns Umriß lehrt, was unsrer Natur die ihr angemessnen Schranken zeigt und sie auf wirklichen Begriff, auf Wahrheit der Empfindung zurückführt, ein göttliches Geschenk: wie sehr thut dieses, recht verstanden und angewandt, die Poesie, die Kritik, die Philosophie und Denkart der Alten ! Diese z. B. weiß nichts von jener Höflichkeit eines übertreibenden, falschen Witzes, der Galanterie und Courtoisie sein soll: am Hofe der griechischen und römischen Musen hatte diese Kunst keinen Werth. Sie weiß nichts von jenem leeren Pomp , der dem Helden und Gott den Menschen auszieht: die heroische Poesie der Alten ist menschlich. Wozu endlich ward von den klügsten Völkern die Mythologie , wo nicht erfunden, so wenigstens an den schönsten Stellen gebraucht? Dem, was keine Gestalt hat, eine für uns lehrreiche und angenehme Gestalt zu geben, den Abglanz der blendenden Sonne im Spiegel des Meers oder in den Farben des Regenbogens zu zeigen. Uns sind im Grunde alle Einkleidungen, wo und wann sie erfunden wurden, gleich; wir wollen sie zwar nicht unzeitig vermischen, aber alle mit Verstand gebrauchen. Aristoteles, Horaz und Quintilian sind uns nicht etwa über die Mythologie der Griechen allein, über die Mythologie jeder Nation und Religion sind ihre Grundsätze Gesetz und Regel. Alles also, was den Geschmack der Alten unter uns befördert, sei uns werth, Ausgaben, Uebersetzungen, Commentare, Nachahmungen; unter diesen Nachahmungen auch die neuere lateinische Poesie zu nennen, scheue ich mich nicht. Sie war immer ein Zeichen, daß man die Alten kannte und liebte, daß man über neuere Gegenstände im Sinne der Alten dachte, daß man ihr Richtmaaß an diese neuen Gegenstände zu legen wagte. Sie hat viel Gutes gewirkt. Latein sagte man, was man in der Landessprache nicht sagen konnte oder durfte; nachahmend sprach man gleichsam den Alten nach und sagte ihnen seine Lection auf ; man freute sich, daß man sie aus ihnen gelernt und ungefährdet aufsagen konnte. Ueber die Vorurtheile seiner Zeit, seines Ordens, Volks und Standes hob Mancher sich, ohne daß er's wußte, auf Schwingen irgend eines alten Dichters empor; oder wenn er hiezu nicht Kraft gnug hatte, kam er doch nachahmend dem Geschmack und bessern Verständnis des Dichters, in dessen Weise er schrieb, näher und ward, auch nachlallend, mit ihm vertrauter . Endlich schloß sich durch die neuere lateinische Poesie eine Gesellschaft zusammen, von der vorher noch keine Zeit gewußt hatte: in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, den britannischen Inseln, den nordischen Königreichen, in Livland, Polen, Preußen, Ungarn, in Deutschland, Holland u. s. w. hat man lateinisch nicht nur versificirt, sondern hie und da gewiß auch gedichtet. Italien, Frankreich, Deutschland, Polen, vor allen Holland hat Männer gehabt, die mit dem Latein wie mit ihrer Muttersprache umzugehen wußten und in ihm Gedichte gaben, die in jeder Landessprache Aufmerksamkeit gebieten würden. Selbst die vortrefflichen Dichter, Das Wort »Dichter« fehlt im ersten Drucke. Müller schrieb: »die Vortrefflichen«. – D. die der Sprache und Poesie ihrer Nation eine bessere Gestalt gaben, hatten diese meistens im Lateinischen zuerst versucht, wie außer den Italienern die Beispiele Milton's, Cowley's, Grotius', Heinsius', Opitz' u. s. w. zeigen. Fast alle Reformatoren, Erasmus, Luther, Zwingli, Melanchthon, Camerarius, Beza u. s. w., waren Liebhaber der Alten, Liebhaber der griechischen und lateinischen Dichtkunst. Die gebildetsten Staatsmänner, wie Thomas Morus, de Thou, Hôpital u. s. w., Botschafter, Päpste, Cardinäle waren lateinische Dichter. Ein Helikon vereinigte sie und weckte Stimmen vom Aetna bis zum Hekla, vom Ausfluß des Tajo bis zur Weichsel und der Düna. Ich will mich nicht auf den Gemeinplatz einlassen, daß alle ächte Kritik und Philosophie der Neueren nur eine palingenesirte Pflanze der Alten sei; denn woher hatten neben den weltbekannten Commentatoren Erasmus, Grotius, Heinsius, Boileau, Gravina , der edle Shaftesbury und die Wenigen sonst, die ins Herz der Kritik drangen, ihre Weisheit als von den Alten? Eine spanische, deutsche, irländische Kritik gibt es nicht; aber eine griechische und römische Kritik giebt es. Mit ihr fängt die Cultur aller europäischen Landessprachen in Poesie und Prose , ja durchaus das Bestreben nach einem bessern Geschmack in ganz Europa an; den Beweis hievon liefert die Geschichte. ——— 92. Es thut mir leid, daß ich Ihrem Fragment einige Einwendungen entgegensetzen muß; wozu aber wäre die Heuchelei auch im Lobe des Geschmacks der Alten nöthig? Zuerst giebt Ihr Fragment es selbst zu, daß auch vor der sogenannten Erweckung der Alten in jedem Fach große Männer, Denker und Dichter gelebt haben; und ebenso wenig wird bezweifelt werden können, daß seit dieser Entdeckung große Männer gelebt und geschrieben haben, die von den Alten wenig oder nichts wußten. Ich darf von den Ersten nur Dante , von den Letzten nur Shakespeare anführen; wie viel Andre möchten zu nennen sein! Die größten Erfindungen sind in den Zeiten gemacht, die wir barbarische, rohe Zeiten nennen; vielleicht haben in ihnen auch die größten Männer gelebt. Damals standen die Köpfe noch nicht so dicht an einander; jeder hatte zum eignen Denken freien Raum; um sie war Dämmerung; desto munterer aber wirkten sie und durften in der Mittagssonne der Alten eben noch nicht erblinden. Wie ein Roger Baco vor hundert Commentatoren des Aristoteles gilt, so giebt es romantische Gedichte der mittleren, selbst der neueren Zeit, bei denen man den Geschmack der Alten gern vergißt und in ihnen wie im Feenreich lustwandelt. Ich erinnere Sie an so manche Romane, die uns der Graf Tressan und seine Gehilfen gegeben, In den » Corps d'extraits de romans de Chevallerie «, Paris 1782. – D. ja seit Wiederauflebung der Wissenschaften an die größten Lichter aller cultivirten Nationen. Woher nahmen Ariost und die ihm vorgingen, woher Spenser, Shakespeare , und zwar in seinen rührendsten Stücken, Form und Inhalt? Nicht aus den Alten, sondern aus der Denkart des Volks und seinem Geschmack in ihren und den mittleren Zeiten . Glauben Sie, daß Shakespeare , auch wenn er die Alten mehr gekannt hätte, als er sie kannte, ihnen ängstlicher nachgegangen wäre? Wie leicht konnte er sie kennen lernen, da schon so manche in englischen Uebersetzungen neben ihm existirten! Er ließ diese den Ben Jonson studiren und hielt sich an das Märchen, an die Novelle der mittleren Zeit, aus denen er seine dramatische Schöpfung hervorrief. Seitdem haben die Briten den Aeschylus, Sophokles, Euripides gelesen, commentirt, übersetzt und emendirt; aus dem Allen aber ist kein zweiter Shakespeare worden. Zweitens . Zu viele Proben haben es erwiesen, daß die Alten kennen und nachahmen, uns ihnen noch nicht gleich stelle, da ihre gelehrtesten Kenner oft die unglücklichsten Schöpfer gewesen. Wie ging es dem Trissino mit seinem »Befreiten Italien«? dem Gravina und Maffei mit ihren Dramas im Geschmack der Alten? Die gelehrten Kenner der Alten, Casa, Bembo u. s. w., überstiegen den Petrarca nicht; den Chiabrera, Redi, Filicaja, Lemene vermochte ihre Kenntniß der Alten und ihre Gelehrsamkeit sogar vor dem bösen Geschmack ihrer Zeit nicht zu sichern. Unter den Engländern war Cowley mit den Alten sehr bekannt; er schrieb und dichtete selbst lateinisch; seine prosaischen Aufsätze sind mit der Bescheidenheit und Würde eines Römers geschrieben, und welches sonderbare Phantom bildete sich dieser gelehrte Dichter an Pindar ein! In wie bösem Geschmack erschuf er jene Odengattung , die seinen Landsleuten wirklich ein Verderb des Geschmacks ward! Also hilft auch hier das Alter für Thorheit nicht; jeder Neuere behält seine natürliche Größe, falls er in seinem Studium auch den griechischen und römischen Helikon auf einander thürmte und sich droben hinauf stellte. Drittens . Nun kann ich zwar gegen die schöne lateinische Schreibart vieler Neueren in Poesie und Prose nichts einwenden und finde in ihnen für mich ein großes Vergnügen; für sich selbst aber, was thaten diese Schriftsteller mehr, als daß sie ihre Pflicht erfüllten? Muß Jeder , der in einer Sprache schreibt, in ihr gut zu schreiben suchen, so wäre es ja dreifache Schande, die Sprache, in welcher jene Römer schrieben, schlecht zu behandeln. Wer in ihr nicht schreiben kann, wie er soll, schreibe, wenn er's vermeiden kann, in ihr gar nicht; hat er in ihr leidlich oder gut geschrieben, so ist's ihm nicht mehr Lob als jedem Andern, der in seiner Sprache gut spricht, oder einem Flötenspieler, der seine Flöte gut spielt. Wenn Schriftsteller durch eine sogenannte schöne Schreibart , die bei keinem Vernünftigen von einer guten Denkart getrennt werden kann, wenn vor Allen lateinische Schönschreiber sich von einer guten Denkart durch diese Sprache freigesprochen glauben: wo sind wir denn mit der Regel der Alten? Dieser scriptor denkt an Worte; an Sachen und Gründe wenig. Uebersetzt sein Latein in eine gemeine Sprache, und Ihr findet die trivialsten Dinge in einem Ton gesagt, vor dem die demüthige Landessprache beinah verstummt. Dort ging das gelehrte Kind in einem Gängelwagen, oder vielmehr der Gängelwagen ( ambitus verborum ) ging statt des gelehrten Kindes und nahm es mit; dem rund-viereckten Vehicul entnommen, wie erbärmlich ist seine Gestalt, wie schwach und dürftig! und doch machte man so oft die Erfahrung, daß unter allen literarisch Stolzen es fast keine Stolzeren als die Lateinschreiber gebe. Sie sind die alten Barone , deren Diplom rückwärts über das Christenthum, deren Unsterblichkeit vorwärts über den jüngsten Tag der Landessprache hinausreicht. Sie schreiben nicht für ihre Nation in der sogenannten Vulgar- oder Pöbelsprache, sondern für Welt und Nachwelt in der einzig-unvergänglichen Göttersprache. Wie wohl wird dem Leser in der Geschichte der Literatur, wenn nach zu Grabe getragenen Schoppen ( Scioppiis ) Irrig stand hier Scioppiorum . Caspar Schoppe , der sich Scioppius latinisirte, der sogenannte »grammatische Hund«, war durch seine Anmaßung und Schmähungen gegen die bedeutendsten Gelehrten berüchtigt. Er hatte sich besonders gegen die geisttödtende Erklärung der Alten und das abscheuliche Notenlatein gewandt. – D. die Periode der eigentlichen Wissenschaften (Scienzen) anfängt, in welcher man sich nicht mehr über Worte und Autoritäten Schoppisch zankte! Endlich . Wahre Kenner der Alten hat es immer nur wenig gegeben! Die Kritik der Silben und Worte ist eine unentbehrliche, nützliche Kunst, sie erfordert Genie, Tact und vor andern viel Kenntnisse, Fleiß und Uebung; daß sie aber die Kenntniß der Alten noch nicht sei, von der das Fragment eine Palingenesie der Dinge herzuleiten scheint, dies ist wol sonnenklar. Kritiker, wie Ruhnken an Hemsterhuis schildert, Im Elogium Tiberii Hemstehusii , Vgl. Herder's Werke, VIII. S. 119. – D sind selten; auch von Denen, die die Alten mit Geist lesen, wählt Jeder sich gern seinen Alten, den er über Alle hinaussetzt, nach welchem er dann, auch mit Fehlern und Schwächen, seine Denkart prägt. Eine Reihe von Beispielen wäre anzuführen, aus welchen erhellen würde, wie selten wir in den Alten sie selbst , wie noch seltner wir in ihnen ihr Höchstes , das ϰαλόν ϰάγαϑόν der Griechen- und Römerwelt, ihre Regel des Geschmacks im Wahren, Guten und Schönen , studiren. Am Oeftersten schauen wir sie wie Narcisse an, denken daran, was wir über sie zu sagen haben, und bewundern unsre Gestalt in dem flüssigen Spiegel der alten heiligen Quelle. Statt an ihnen gehen zu lernen, verlieren Manche durch sie den gesunden Brauch ihrer eignen Glieder. ——— 93. Ihre Einwendungen könnte ich mit Sprichwörtern beantworten, z. B. »Rom ist nicht in einem Jahr gebaut.« »Je schwerer die Kunst, desto mehr Pfuscher.« »Je organisirter der Körper, desto böser seine Fäulung« u.dgl. Ich will aber mit Gründen antworten; in der Hauptsache sind wir eins. Daß zu allen Zeiten und unter allen Völkern Talente ans Licht kommen, ist eine Erfahrung, die eben ja jeder Bemühung um Ausbildung der Talente zum Grunde liegt . Nicht in Athen und Rom allein wurden dämonische, göttliche Männer geboren; sie bedurften auch von dorther keiner Beurkundung, daß sie solche waren. Die Gabe der Muse ist eine angeborne Himmelsgabe, die kaum mit Mühe vergraben werden kann. Großer Leidenschaften und Vorstellungen fähig, sehen Einige nichts als diese Bilder, sprechen in Leidenschaft, laben sich in Tönen des Wohllauts und fühlen sich geschaffen, die Gemüther Andrer mit dem, was sie erfreut und anregt, auch zu erfreuen und anzuregen. Wenn Poesie noch nicht erfunden wäre, würden solche Menschen sie erfinden, und erfinden sie täglich. Aber wie sehr Talente dieser Art unter dem Druck einer schlechten Sprache und einer sinnlosen Mitwelt leiden, zeigt eben ja die Geschichte sowol der rohen als der mittleren dunkeln Zeiten . Giebt es eine Kunst der Sprache, was vermag ohne Werkzeuge der Künstler? Ueberdem, wie schwer wird's eben dem feurigsten Kopf, sich innerhalb der Grenzen zu halten, in denen das Wahre, Gute und Schöne Eins ist , und eben auf diese, die einzige Weise, in Form und Inhalt, dadurch, was man sagt und wie man es sagt, ewig zu werden. Ihm also sowol als Denen, für die er arbeitet, ist Lehre nöthig, eine Disciplin , die uns für Andre, Andre für uns zubereite, Beide vor Ausschweifungen sichre und dem arbeitenden Genius leere Versuche, von denen er mit Reue zurückkommen müßte, erspare. Oft ist das Genie ein Edelstein, der tief im Schacht liegt, in einer harten Rinde begraben; die Rinde muß gesprengt, der Edelstein von der Hand des Künstlers bearbeitet werden u. s. w. Wem gab nun die Natur das eigentliche Kunsttalent in größerm Maaße als den Griechen? Auf der ganzen Erde keinem Volke wie ihnen. Gleichsam vom Instinct geleitet, erfanden sie jeder Gestalt und Wissenschaft Maaß, Ziel und Umriß . Nicht nur das Zuviele, das Ungehörige sonderten sie ab, sondern auch dem Bleibenden, der Gestalt selbst, gaben sie Fülle, Leben und Anmuth . Wollen aber Griechen und Römer, sofern sie Griechen und Römer sind, hiemit eine Monarchie errichten? wollen sie Nationalcharaktere unterdrücken, lebende Sprache verdrängen oder verschlimmern? Nichts von Allem! Aufmunterung, Ordnung, Verbesserung ist ihr einziger Zweck; man darf also von ihnen nicht mehr fordern, als sie zu leisten vermögen. Sie wollen Kräfte wecken, aber nicht geben; sie sind Vorbilder, keine Schöpfer. Da indessen im Reich der Gedanken von Aufmunterung , zumal durch thätige Vorbilder, von Ordnung und Erziehung viel abhängt, so ist die Herrschaft, die jeder Verständige den Alten freiwillig einräumt, zwar keine Monarchie, aber ein Rath der Besseren zum Besten. Lassen Sie also die würdigsten Schriften zuweilen von den unwürdigsten Händen behandelt werden, was schadet's? Geht nicht auch das Gold durch die Hände niedriger Bearbeiter und Sammler? Verlor der Diamant dadurch, daß ihn die Dürftigkeit selbst aufgrub? Wenn unter dem Text eines alten Autors sich in den Noten oft über Nichts ein schreckliches Gezänk erhebt, so laßt uns vom blutigen Spiel dieser Gladiatoren, die sich zu Ehren des Verstorbenen neben seinem Grabe würgen, hinwegsehn und sie für das halten, was sie sind, Sclaven. Die Worte des Autors werden uns werther, wenn wir uns über die Wasser der Sündfluth, die unten den Text überschwemmt hat, zum Gipfel emporheben und da den friedlichen Oelzweig finden. Da endlich der Geist, den wir aus den Schriften der Alten ziehn sollen, gesunder Verstand und ein gesundes Herz , die wahre Philosophie und Richtung des Lebens , bona mens und Humanität ist, so ist die Einführung dieser Gottheiten für uns und unsre Nachkommen ein Werk von fortdauernder, wachsender Wirkung . Zuerst mußten diese Schriften gefunden, vervielfältigt, erklärt, erläutert, von Fehlern gereinigt, verstanden werden, ehe ihr besserer, ihr weiserer Gebrauch in jeder Anwendung ein Hauptzweck werden konnte. Hie und da ist er es schon geworden; er wird's noch mehr werden. Die Zeit der Solipsorum »Betrachtungen, Gespräche mit sich selbst«. Das ganz willkürlich später gebildete Wort heißt eigentlich »selbst allein«. – D. geht zu Ende, zu einem gemeinen Besten arbeiten wir Alle . ——— Nachschrift. Jener Amerikaner glaubte, daß in jedem Brief ein Geist eingeschlossen sei; ich wollte, daß ich diesem Briefe einen Geist einschließen könnte: den Geist der Alten. Hören Sie darüber einen apokryphischen Schriftsteller. »Gerade, als ob unser Lernen blos ein Erinnern wäre, weist man uns immer auf die Denkmale der Alten, den Geist blos durch das Gedächtniß zu bilden. Wir wissen selbst nicht recht, was wir in den Griechen und Römern bis zur Abgötterei bewundern. »Gleich einem Manne, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschaut, nachdem er sich aber beschaut hat, von Stund an davongeht und vergißt, wie er gestaltet war, ebenso gehen wir mit den Alten um. Gar anders sitzt ein Maler zu seinem eignen Bilde. »Da ich blos dem Geist der Alten nachspüre, so geht mich das Schulmeistergesicht nichts an, womit die ** ihren Autor Lesern und Zuhörern verekeln. Ich will sehr zufrieden sein, wenn ich mein Griechisch nur ungefähr so verstehe, wie Ueberbringer dieses seine Muttersprache. Wer die Alten ohne die Natur zu kennen studirt, liest Noten ohne Text, und an Petron 's Ausgabe in groß Quart über ein klein Fragment sich wenigstens zu einem Doctor. Wer kein Fell überm Auge hat, für den hat Homer keine Decke. Wer aber den hellen Tag noch nie gesehen, an dem werden weder Didymus noch Eustathius Wunder thun. – – Der Zorn benimmt mir alle Ueberlegung, wenn ich daran gedenke, wie solch eine edle Gabe Gottes, als die Wissenschaften sind, verwüstet, von starken Geistern zerrissen, von faulen Mönchen zertreten werden, und wie es möglich, daß junge Leute in die alte Fee , Gelehrsamkeit, ohne Zähne und Haare (etwa falsche) verliebt sein können.« So spricht ein Eifrer für den guten Gebrauch der Alten; und wie viel mehr könnte man davon sagen! Aber wie Jemand ist, so thut er ; wie wir selbst denken, so nutzen wir die Alten. ——— 94. Die Nachschrift Ihres Briefes hat mir eine alte Wunde aufgerissen, die ziemlich verharscht war, nämlich wie wir, insonderheit mit unsrer Jugend , die Alten lesen. »Das Salz der Gelehrsamkeit,« sagt Ihr Apokryphus, »ist ein gut Ding; wenn aber das Salz tumm wird, womit soll man salzen?« Matth., 5. 13. – D. Bloße Gelehrsamkeit zerstreut und ermüdet; Alles macht sie zu nacktem, vielleicht unnöthigem Wissen von Worten, Stellen und Gebräuchen; sie wirft die Seele hin und her. Das Gemüth der Jugend will gesammelt , will auf den Kern gerichtet, will fürs Leben gebildet und gestärkt sein. Ich begreife selbst, was für eine schwere Aufgabe es ist, so viele, so mannichfaltige Schriftsteller der Griechen und Römer, Dichter, Redner, Geschichtschreiber und Philosophen mit unsrer Jugend nutzbar zu lesen; der Grundsatz indessen, nach welchem sie gelesen werden müssen, ist außer Zweifel. Es ist der Sinn der Alten selbst, das Gefühl vom Wahren, Guten und Schönen , diese alle zu einem System verbunden, in eine Gestalt geordnet. Man nenne diese Gestalt das Anständige , das sich Geziemende , honestum, decorum , χαλόυ, πφέποου, oder wie man wolle; sie ist ein unterscheidender Zug der Composition und Denkart der Alten in ihren besten Schriftstellern und würdigsten Männern, auf welchen das Auge der Jugend sich vorzüglich heften müßte. In der Composition der Alten nämlich hat Alles Zweck, Plan und Ordnung. Nichts steht am unrechten Ort, nichts ist müssig und unschicklich dahin geworfen; und im Ganzen herrscht, wo es irgend sein kann, lebendige Darstellung und Handlung. Die griechische Sprache z. B. ist von der Bildung der Worte an bis zum Bau ihrer Silbenmaaße und Perioden ein Muster des Wohlklanges, der Zusammenfügung, der Bedeutsamkeit und Grazie des Ausdrucks; die lateinische Sprache eifert ihr nach. Wie in Statuen und Gebäuden die Kunst der Alten Einfalt und Würde , Bedeutung und Anmuth zu vereinigen wußte, so vereinigen es die Meisterwerke ihrer Sprache. Wer in Homer und Pindar , in Herodot, Plato, Cicero, Livius und Horaz diese Schicklichkeit und Congruenz der Theile zur Eurhythmie des Ganzen weder zu finden noch anschaulich zu machen weiß, der ist des Geistes, in dem sie arbeiteten und dachten, nicht inne geworden. In wenige Werke der Neueren hat sich dieser organische Geist ergossen; wo er erscheint, macht er ein Werk seiner Natur nach unsterblich. Einfalt also und Würde, Bedeutsamkeit und Wohlordnung haben wir von den Alten zu lernen, um unsrer Denkart und Sprache im Kleinsten und Größten eine solche Gestalt zu geben. Aber das Anständige der Alten erstreckt sich weiter, indem Charaktere, Sitten, Grundsätze und Meinungen nicht etwa nur zu schildern, sondern darzustellen und zu verknüpfen der Zweck ihrer erlesensten Werke war. Die Tugend ist ein χαλόυ, ein Anständiges und Vortreffliches , das mit Liebe gesucht werden will und nur durch unablässige Uebung erlangt wird. Ihre besten Schriftsteller jeglicher Art zeigen darauf als auf das Zünglein der Wage menschlicher Handlungen und den edelsten Kampfpreis des menschlichen Lebens. Licht und Schatten stellen sie dar, sie contrastiren und gruppiren Gestalten, Sinnesarten und Meinungen ohne jene neuere überspannende Heuchelei, die im Grunde jede Anwendung verwirrt und zuletzt die ganze Sittlichkeit aufhebt. Haben wir das Gefühl des Anständigen, des Großen, Schönen, Anmuthigen und Edlen verloren, was hält uns zurück, daß wir nicht ärger als Thiere werden? Verächtlicher sind wir gewiß. Dies Gefühl moralischer Schicklichkeit, Würde und Grazie durch Lesung der Alten in uns zu wecken und zu erhalten, ist um so nöthiger, da in der gegenwärtigen Welt eine Convenienz in niederträchtigen, frechen Meinungen, die für Grundsätze gelten und im offenen Gebrauch sind, dasselbe ganz zu ersticken drohen. Daß sich zwischen uns und Jenen einige äußere Umstände verändert haben und sowol der Heroismus als der Patriotismus eine andre Gestalt gewonnen, darf jenem Gefühl, dem Charakter der Menschheit , nicht schaden. Wir können edlere Heroen sein als Achill , schönere Patrioten als Horatius Cocles . Hier also liegt meines Erachtens die Regel ; sie ist eine logische, poetische, ethische Regel. Barbaren kennen sie nicht; losgebundene Willkür verachtet sie, zerstreuende Gelehrsamkeit geht vorüber. Wer sie fand, wer in seiner Jugend nach ihr gebildet wurde, der kann sie nicht vergessen; sie hat sich seinem Gemüth eingedrückt als das Herz seines Herzens, als die Seele seiner Seele. » Id facere laus est, quod decet, non quod licet .« Sen. Oct ., 456. – D. » Quod decet, honestum est, et quod honestum est, decet .« Cic. Off ., I. 27. 93. – D. ——— 95. Siebentes Fragment. Schrift und Buchdruckerei. Als bei den Griechen die Schrift noch nicht oder wenig im Gebrauch war, erklang die Sprache als ein lebendiges Wort ; die Stimme des Dichters und seines Sängers war eine Aufbewahrerin aller menschlichen Empfindungen und Gedanken. Daher die Gestalt der ältesten Poesie in ihrem Reichthum an Bildern und Tönen, in ihrer Naturpracht und Naturschönheit, aber auch in ihrer Wandelbarkeit, ihrer Ungewißheit, ihren Fehlern und Mängeln. Mit Einführung der Schrift ging der größte Theil dieses alten Worts zu Grabe; nur Weniges von ihm ward aufbehalten und allmählig geregelt. Mit Einführung der Schrift kam Prose auf, Geschichte und Beredsamkeit wurden ausgebildet; und wenn sich jetzt die Poesie neben ihnen hervorthun wollte, so lief sie Gefahr, stolz, aufgeblasen und, wo sie vom lebendigen Vortrage ganz entfernt war, unverständlich und schwindelnd zu werden. Eben nur der lebendige Vortrag hatte sie ehmals im Kreise einer schönen Anschaulichkeit erhalten; auf dem Theater (die Chöre ausgenommen) erhielt er sie noch lange in diesem glücklichen Kreise. Da indessen bei einem so lebhaften Volk, wie die Griechen waren, auch das Geschriebene zum lebendigen Vortrage geschrieben war, indem Herodot z. B. einige Bücher seiner Geschichte zu Olympia wie ein Gedicht vorlas, und in den griechischen Republiken die öffentliche Beredsamkeit jeder Art des Vortrages, selbst der Philosophie, den Ton angab, so mußte nothwendig auch in Schriften der Griechen sich lange Zeit jene alte, wenn ich so sagen darf, poetische Weise erhalten, zu schreiben, als ob man spräche . Schreibend trug man vor ; man schrieb gleichsam laut und öffentlich , als ob zu jedem Buch ein Vorleser wie sein Genius gehörte. Ohne Zweifel ist dieses die Ursache, warum in der Prose der griechische Periode so künstlich und schön wie in keiner andern Sprache ausgebildet worden; der offne Mund der Griechen, die Poesie, die ihm vorging, und der öffentliche Redevortrag , der den Rhapsodien der Poesie folgte, hatten ihn geformt. Bei den Römern nicht anders; denn auch bei ihnen herrschte die Beredsamkeit und der öffentliche Vortrag . Ihre Gedichte lasen sie öffentlich vor; aus Persius, Juvenal, Plinius u. A. wissen wir, mit welcher Sorgfalt, mit welchem Aufwande von Kunst, zuletzt von Ziererei und Thorheit. Bei Griechen und Römern war das Bücherwesen anders wie bei uns bestellt. Man las viel weniger; große Bibliotheken waren selten und die Büchermaterialien kostbar. Man schrieb also auch weniger. In Rom schrieb nicht jeder Sclave und Bürger, sondern nur die zur Gelehrsamkeit oder zu Geschäften Erzogenen, Menschen von gutem Ton, Feldherren, Staatsmänner, Kaiser. Man hielt das Schreiben für etwas Edles, und aufs Beste zu schreiben für einen Ruhm, der länger als ein Triumph währte. Man nahm sich daher im Schreiben eine bestimmte Bahn; Zeitgenossen und Freunde theilten sich in dieses oder jenes Feld der Bearbeitung, und wie die römische Sprache imperatorisch gebot, so liebte sie auch in der Schreibart die Kürze, die Bestimmtheit. Oft kehrte man den Stil um und löschte aus; man glättete und zierte, wie die Schreibtafel, so auch die Gedanken. Der mühsamere Weg, wie man damals zu Büchern kommen konnte, machte Bücher auch werther; bei einem höheren Begriff von dem, was sie enthielten, wandte man auch mehr Fleiß auf das, was sie enthalten sollten. Welchen Werth legte Horaz auf seine wenigen Schriften! lange polirt, ließ er ein kleines Buch nach dem andern erscheinen, das bei uns wie ein Tropfe in den Ocean fließen würde. Höchst ausgearbeitet sind Virgil 's Werke, und dennoch war ihm die »Aeneïs« nicht ausgearbeitet gnug, er wollte, daß sie ihn nicht überlebte. So sorgfältig hervorgetrieben sind fast alle Schriften, insonderheit die Gedichte der Römer. Mit drei kleinen Büchern seiner Elegien wollte Properz vor der Proserpina erscheinen; in sie alle Schönheiten der griechischen Elegie gebracht zu haben, diese Ehre war der Zweck seines Lebens. Setzt ihn, setzt Horaz , und wen Ihr wollt, in unsre bücherreichen Zeiten : schwerlich hätten sie mit so viel Zuversicht, mit so umfassendem, tief dringendem Fleiße gedichtet. Bis zu Boëthius und Ausonius hin ist fast jedes kleinste römische Werk ein Mosaik , ein gearbeitetes Fresco - oder Miniaturgemälde . Jedermann ist bekannt, daß in den mittleren Zeiten die Barbarei einestheils auch vom Mangel an Büchern und Schreibmaterialien herkam. Wie manche schöne Schrift der Alten ward von den Mönchen unwiederbringlich verlöscht, damit sie auf das dadurch gewonnene Pergament ihre Chorgesänge und Homilien schreiben konnten. Heil dem Erfinder des Lumpenpapiers ! wo er begraben liege, Heil ihm! Mehr als alle Monarchen der Erde hat er für unsre Literatur gethan, deren ganzer Betrieb von Lumpen ausgeht und so oft in Maculatur endet! Wie der Sonnenschein die Fliegen, so hat er Schriftsteller geweckt und die Sofien Buchhändler, nach Horaz' Epist ., I. 20. 2; A. P . 345. – D. bereichert. Denn man bemerke: eben in dem Jahrhunderte, in dem das Lumpenpapier in Gebrauch kam, traten auch jene längeren Romane hervor, die vorher Jahrhunderte lang kurze Volksmärchen oder Lieder und Fabeln gewesen waren. Wie entfernt z. B. hatte Karl der Große vom Erzbischof Turpin , König Artus von Gottfried von Monmouth, Wolf-Dietrich von Eschilbach und jeder andre Romanheld von seinem Chronik- oder Romanschreiber gelebt! Keiner von diesen Schreibern erfand die Fabel, die er in die Büchersprache brachte; sie war längst im Munde der Sänger oder des Volks gewesen und in ihm vielfach verändert worden. Jetzt nahm sie der Genius der Unsterblichkeit auf; denn das Lumpenpapier war erfunden. Allgemach lernte man lesen, da man sonst den Sänger und Fabelerzähler nur hatte hören können. So vermehrten sich Chroniken, Romane, allmählig auch Abschriften der Alten. Wäre die Erfindung des Lumpenpapiers früher gekommen, wie viel weniger wäre untergegangen! wie viel Schätzbares hätten wir ihr zu danken! Und noch sind wir ihr sowol durch Ueberschreibung aus älteren Pergamenten als durch die von ihr veranlaßten Umarbeitungen alter Sagen und sonst viel schuldig. Was indessen ehemals das ägyptische Schilf (βίβλος) gethan hatte, daß es nämlich die griechischen Rhapsoden allmählig verstummen machte und statt ihrer lebendigen Gesänge Bücher (βιβλία) in die Hand gab, das thaten mit der Zeit auch die Baumwoll - und Lumpenschriften . Provençalen und Trobadoren, Fabel- und Minnesinger schwiegen allmählig; denn man saß und las. Je mehr sich Schriften vermehrten, desto mehr verminderten sich ganz eigentümliche, freie Gedanken; endlich ward der menschliche Geist ganz in Lumpen gekleidet. Auf diese ward geschrieben, was man lesen und nicht lesen wollte; mochte es am Ende sich selbst lesen! Nun trat die Buchdruckerei hinzu und gab beschriebenen Lumpen Flügel. In alle Welt fliegen sie; mit jedem Jahr, mit jeder Tagesstunde vom ersten erwachenden Morgenstrahl an wachsen dieser literarischen Fama die Schwingen, bis an den Rand der Erde. Jenes Orakel: »Wenn Menschen schweigen, so werden die Steine schreien,« ist erfüllt; worüber Menschenstimmen schweißen, darüber sprechen und schreien gegossene Buchstaben, mercantilische Hefte. Nach so vielen andern eine Lobrede der Buchdruckerei zu halten, wäre ein sehr unnöthiges Werk; wir wissen Alle, was wir an ihr haben. Nur durch sie, erst durch sie ist zusammenhängende und verglichene Erfahrung des menschlichen Geschlechts. Kritik, Geschichte und eine Welt der Wissenschaften worden. Aber auch was wir an ihr nicht haben, ist zu bemerken; was sie nämlich nicht geben kann, ja, worin sie stört. Eignen Geist nämlich kann sie nicht geben; lebhafteren, tieferen Genuß an der Quelle des Wahren, Guten und Schönen mag sie durch die unzählbare Concurrenz fremder Gedanken hier befördern, dort aber auch hindern. Mit der Buchdruckerei nämlich kam Alles an den Tag; die Gedanken aller Nationen, alter und neuer, flossen in einander. Wer die Stimmen zu sondern und jede zu rechter Zeit zu hören wußte, für den war dies große Odeum sehr lehrreich; Andre ergriff die Bücherwuth, sie wurden verwirrte Buchstabenmänner und zuletzt selbst in Person gedruckte Buchstaben . Von Anbeginn ist dies nicht also gewesen. Ursprünglich dachte der Mensch, er handelte und genoß, er sprach und hörte. Wenn er schreiben konnte, schrieb er, nur aber was zu schreiben war; nicht ward er selbst, ohne zu sehen und zu hören, ein schreibender Buchstab; jetzt – – Ist dessen die menschliche Natur fähig? kann sie es ertragen? Verwirren sich in diesem gedruckten Babel nicht alle Gedanken? Und wenn Dir jetzt täglich nur zehn Tages- und Zeitschriften zufliegen und in jedem nur fünf Stimmen Mimen, wo hast Du am Ende Deinen Kopf? wo behältst Du Zeit zu eignem Nachdenken und zu Geschäften? Offenbar hat's unsre gedruckte Literatur darauf angelegt, den armen menschlichen Geist völlig zu verwirren und ihm alle Nüchternheit, Kraft und Zeit zu einer stillen und edlen Selbstbildung zu rauben. Selbst in der Gesellschaft sind die menschlichen Stimmen verhallt; Romane sprechen und Journale. Diderot hat irgendwo die Frage an sich gethan, die wol Jeder thut, wenn er aufs Land oder auf eine Reise geht: »welche Bücher er als Freunde mit sich nehmen möchte.« Wie im Leben, so hat auch im Lesen der Mann von Herz nur wenige geprüfte Freunde, und bei eigner Composition bleibt er gern allein. Würden Homer und Sophokles, Horaz, Dante und Petrarca , würden Shakespeare und Milton ihre Werke im Kreise unsrer Bücher- und Lesewelt gemacht haben? Schwerlich. Denn unverkennbar ist's, daß, je mehr durch die Buchdruckerei die Werke aller Nationen Allen gemein wurden, der ruhige Gang eigenthümlicher Composition großentheils aufgehört hat. Wer fürs Publicum schreibt, schreibt selten mehr ganz für sich als den innersten Richter; daher Pascal und Rousseau unter so vielen Autoren so wenige Menschen fanden. Wird nun das Publicum gar wie ein blinder Maulesel gelenkt, und schmeichelt der Schriftsteller der Zunft, die es äfft und leitet: »Wie bist Du vom Himmel gefallen. Du schöner Morgenstern?« Jesaias, 14.12. – D. möchte man sodann jedem Schriftsteller sagen, der aus Noth oder Feigheit dem häßlichen Götzen Modegeschmack dient. »Schreibe!« sprach jene Stimme, und der Prophet antwortete: »Für wen?« Die Stimme sprach: »Schreibe für die Todten! für Die, die Du in der Vorwelt lieb hast.« »Werden sie mich lesen?« »Ja; denn sie kommen zurück als Nachwelt.« ——— 96. »Απέχου άνέχου!« »Enthalte Dich, dulde!« Sind wir denn mit der Literatur aller Welt vermählt? Ist kein Riegel zu finden, der uns gegen das Andringen schwarzer Buchstaben schütze? kein Seil zu finden, das uns am Mastbaum halte, indem wir mitten durch den Gesang Derer, die da wissen, was war, ist und sein wird , gerade hindurchfahren? Gehört fremden Meinungen unser Geschmack und Verstand, unser Wille und Gewissen? Gehören den Seeleverkäufern unsere Seelen? Wahr ist's: mit der Buchdruckerei hat sich im Reich der Gedanken Vieles geändert, und es kann wol sein, daß, wenn die Wissenschaften durch sie steigen, der Geschmack sich durch sie verwirren, Genie und Sitten endlich vielleicht gar zu Grunde gehen müßten, wenn sich nicht ein hilfreicher Genius des menschlichen Geschlechts annähme. Lassen Sie uns aber an diesem hilfreichen Genius nicht zweifeln. Ehe Buchdruckerei da war, ging jede europäische Nation in einem engeren Bezirk von Ideen umher; ihr Charakter war vielleicht fester. Durch Reisen und Lesen ist allem Bösen und Guten fremder Nationen die Thür geöffnet, und wenn es sich durch den Namen » Geschmack «, » neuer, fremder Geschmack « Aufmerksamkeit erwerben kann, so hat es ohne weitere Ueberlegung die Menge für sich. Welchen Thorheiten haben wir nicht nachgeahmt? welchen werden wir noch nachahmen! Nicht etwa nur im spanischen, englischen, französischen, griechischen, ebräischen, selbst im arabischen, tatarischen, sinesischen Geschmack haben wir Deutsche gesungen und gedichtet. Die Sprache aller Wissenschaften, Bilder und Ausdrücke der verschiedensten Völker sind in unsre Poesie, in jeden Vortrag, der das Volk angehen soll, geflossen, so daß von jener tonhaltenden, gleichmüthigen Denk- und Schreibart, in welche Griechen und Römer das Wesen der Schreibart setzten, Wenige einen Begriff zu haben scheinen. Aus allen Völkern wird für alle Völker, aus allen Sprachen für alle Sprachen geschrieben; die subtilste Abstraction und die niedrigste Popularität finden in demselben Buch, oft auf derselben Seite neben einander Raum. Wenn wir das Richtmaaß, das Samuel Johnson an einige englische, von ihm genannte metaphysische Dichter angelegt hat, an jede Production unsrer Sprache anlegen wollten, wo stünden wir ? Vor der Buchdruckerei war es möglich, diese und jene Schrift vor diesen und jenen Augen zu verbergen; kaum ist dieses jetzt mehr möglich. Alles liest Alles, es möge von ihm verstanden werden oder nicht; nach der verbotnen Speise lüstet man am Meisten. Und da die Thorheit Derer, die dies zu frühe, zu viele, zu vermischte Lesen auf die unvorsichtigste Art befördern, mit dem Eigennutz, dem Stolz, der Eitelkeit, dem Erwerb Andrer im festesten und schädlichsten Bunde steht, so kann nur eine Macht in der Welt diesen Unfug hemmen. Es ist bessere Erziehung , die ihre Zöglinge nicht erst durch Schaden klug werden läßt, und ein stiller Bund aller Guten unter einander, nichts Unwürdiges zu verbreiten oder zu loben. Möge Gift mischen, wer da will, und das am Feinsten gemischte Gift die lautesten Ausrufer finden: von uns sei der Giftmischer sowie der Ausrufer verachtet! Mit der Verwirrung des Geschmacks und dem Despotismus fabricirender Schriftstellerei ist's so weit gekommen, daß, da das Schlechteste ohn' alles Erröthen auf die unverschämteste Weise gelobt werden darf, dieser unverschämte Despotismus sich selbst seinen Fall bereitet. Er muß sich selbst einen Widerstand erwecken, der ihn einschränke und bezäume, oder wir gehen durch unsre Licenz zu Grunde; denn da durch die Buchdruckerei die Kritik selbst feil geworden ist, so hat sie auch bei den Niedrigsten ihr Ansehen verloren. Ihre Fascen gelten so wenig mehr als ihr Lorbeer. Ich komme zurück auf meinen Bund der Freunde. Wie die Buchdruckerei, so wird die Kupferstecherkunst gemißbraucht; jene hat den Geschmack in Werken des Geistes, diese in Werken der Kunst beinahe zu Grunde gerichtet. Nur ein Mittel ist gegen sie wirksam, entschlossene äußerste Verachtung. Niemand kaufe ein Buch, das schlechter Kupferstiche wegen da ist, Niemand besudle mit diesen Verderberinnen des Geschmacks seine Wände; denn so wie durch schlechte Bücher gute verhindert werden, so wird durch schlechte Kupferstiche die wahre Kunst getödtet. Aegyptische Schwarzkünstler wollen wir Die heißen, die diese beiden großen Erfindungen unsrer Nation zu einem niedrigen Erwerb entweiht haben, und Schwarzkünstlerknechte Diejenigen, die ihnen zu ihrer schändlichen Fabrikwaare artistisch oder literarisch helfen. ——— 97. Achtes Fragment Reformation, Handel und Wissenschaften Großen Begebenheiten sind immer Revolutionen des Geschmacks gefolgt. Ohne in die Geschichte der Griechen und Römer, der Mönchs- und Ritterzeiten zurückgehen zu dürfen, sehen wir dies insonderheit in den Jahrhunderten, die der Reformation vorangingen und ihr folgten. Europa ward allgemach ruhiger. Städte, Handel, Gewerbe, mit ihnen auch einige Künste fingen an zu blühen; nach und nach verfeinte sich der Geschmack mit ihnen. Dante, Petrarca, Boccaz erschienen; es erwachten die Alten in ihren Gräbern. Constantinopel ward erobert; die Griechen flohen nach Italien, und es entstand ein Enthusiasmus ohne seinesgleichen. Die schönen Künste und die Literatur der Alten war, wiefern es die Zeit gestattete und angab, auf ihrem höchsten Gipfel. Die Entdeckung fremder Welttheile, ein veränderter Zustand der Finanzen, des Krieges, der Stände folgte; die Buchdruckerei kam in Gang; ihr folgten neue, zumal Naturwissenschaften; dies Alles läutete der Poesie der mittleren Zeiten völlig zu Grabe. Die Entdeckung fremder Welttheile mochten späterhin Camoens, Ercilla u. A. singen; der Gegenstand war groß und neu; Wunder der Natur, ungesehene Dinge wurden beschrieben; in Wissenschaften kam ein neues Universum zum Anblick, und doch thaten die Gesänge von ihnen bei Weitem nicht die Wirkung, die einst vielleicht ein kleiner Fabelgesang gethan hatte. In dem Verhältniß, als hie und da der Reichthum, die Pracht und Freigebigkeit alter großer Familien sank, erlosch auch der Glanz ihrer alten Thaten; mit ihren Hofhaltungen gingen auch ihre Lobgesänge hinunter. Die Reformation endlich und die Philosophie, die ihr folgte, schufen der Poesie völlig eine andre Zeit. Jahrhunderte lang hatte man Klagen angestimmt über den verderbten Zustand der Klerisei und aller Stände; die Zeit war gekommen, da die Erbitterung aufs Höchste stieg und nicht minder in Versen als in Prose ihre scharfen Pfeile abschoß. Eine Menge Satiren dieses Inhalts, zum Theil voll Geist und Herz, erschienen; Schade, daß sie sich mit der Zeit selbst überlebt haben; denn dauernde Gesänge konnten sie nicht bleiben. Die Reformation selbst ist weniger eines heroischen Lob- als eines philosophischen Lehrgedichts fähig; die Verdienste der Reformatoren zeigen sich würdiger in ihren Lebensbeschreibungen und eignen Schriften als in Heldengesängen und Oden. Ueberhaupt verjagte das neue Licht und die zugleich mit ihm aufkommende Streittheologie aller christlichen Parteien in Europa sowol die Schatten des Aberglaubens als manche schöne Einkleidungen, die für die Einfalt der mittleren Zeiten sehr weise ersonnen waren. Hier beginnt nun eine große Scheidung der Völker. Nationen, die ihrem alten Lehrsystem zugethan blieben, hielten auch an ihrer alten Dichterweise, z. B. Italiener, Spanier und andre katholische Völker. Je früher sie zum guten Geschmack gelangt waren, je vielseitiger er sich bei ihnen eingewurzelt hatte, je größere Vorbilder sie besaßen, desto fester hingen sie an ihren Stanzen und Reimen. Italien ließ sich seinen Dante und Petrarca , Spanien seinen Lope, Garcilasso u. s. w. nicht nehmen; auch hat sich seitdem das Aeußere ihrer Poesie völlig erhalten, obgleich deswegen, wie man oft glaubt, der Geist dieser Nationen seitdem nicht stillstand. Die alten Formen dünkten ihnen gut, und sie gossen darein, wenn der Genius sie antrieb, neue Gedanken. In der protestantischen Welt dagegen kam eine neue Poesie auf. Nicht etwa nur Gegenstände der Religion wurden durch das Medium der neuen Aufklärung gesehen, sondern die gesammte Vorwelt ward durch eben dieses Medium betrachtet. In Spanien und Italien hätten Shakespeare, Milton, Butler u. s. w. nicht schreiben können, wie sie schrieben; eine Freimüthigkeit im Denken, die ein Vorbote der Philosophie war, hatte sich in den protestantischen Ländern über Manches schon verbreitet; andern Gegenständen nahte sie sich nach eben der Regel. Unvermerkt also nahm die Poesie der neuen Glaubensverwandten eine philosophische Hülle um sich, die der Sinnlichkeit vielleicht schadete, dem menschlichen Geist aber nothwendig war. Ein Italiener z. B. wird in den meisten Oden der Engländer durchaus nichts Lyrisches finden, da ihnen, seinem Ohr und Auge nach, Wohlklang, Fortleitung und Bestandheit der Bilder, Zusammenhang der Empfindung, kurz, Melodie und Harmonie fehlt. W. Jones zergliedert hinter seinem Commentar über die Poesie der Morgenländer den Anfang von Milton 's »Paradiese« und kann in ihm nach morgenländischer Weise nichts Poetisches finden. Vielen deutschen Dichtern würde es nicht besser ergehen; denn offenbar sind die meisten nur durch Reflexion Dichter. In den ältern Zeiten, in denen man sich der Natur freier hingab, diese in sich stehen und auf sich unbefangen wirken ließ oder sie, so gut man's vermochte, zur Kunst umschuf, war und blieb man ein Natursänger , der auf gleichgestimmte Gemüther seine Wirkung nicht verfehlte. In mancher alten englischen Ballade ist vielleicht mehr freier Wohlklang und poetischer Geist als in Young und Pope mit einander. Durch Reflexion sind Diese Poeten; eine denkende ist die britische Muse. Seit der Reformation und dem hell aufgegangnen Licht der Wissenschaften gelangen also keine persönlichen Heldengedichte mehr, mit dem Wunderbaren der alten Zeit bekleidet. Ariost konnte die Märchen, die man ehemals geglaubt hatte, seinen Italienern zierlich in Stanzen kleiden; ihm und ihnen waren sie zeitkürzende Märchen, die Niemand glauben sollte. Uns kann Wieland die Geschichte Hüon 's mit allem Zauber der Feenwelt darstellen; in seinem Märchen ist Oberon eine so wahre Person wie Hüon und Karl der Große . Wenn aber Tasso eine für wahr gehaltne Religion mit in seine Dichtung mischte, so stehen beide schon nicht auf einem Grunde; selbst dem katholischen Glauben nach wird er in diesen zwischen Wahrheit und Trug gemischten Scenen eine schwächere Wirkung hervorbringen, als die ein reines Märchen hervorbrächte. Protestanten werden den Milton wie einen Bramante und Michael Angelo bewundern, schwerlich aber sein Gedicht mit so ungestörtem Glauben lesen, wie sie ein reines Märchen lesen würden; das Religionssystem schadet seinem Gedichte. Historische Epopöen haben daher in der neueren Zeit fast keine Wirkung gethan, weil ihnen als Gedichten durchaus der Glaube fehlt. Das Zeitalter der Elisabeth, ob sie gleich selbst eine Dichterin war und Schmeicheleien sehr liebte, ward nur in Sonnetten besungen oder in Allegorien, Cromwell und die Wiederherstellung Karl's II. nur in Oden gepriesen. Auch mit größeren Talenten, als Chapelain hatte, wäre seine Jeanne d' Arc so wenig die bleibende Nationalheldin einer Epopöe geworden, als wenig es Voltaire's Heinrich IV. worden ist. Nur in Stellen kann seine »Henriade« etwa als ein philosophisches Lehrgedicht gelten; der Streit zwischen Dichtung und Geschichte ist und bleibt in ihr widrig. Auch kein Held der Deutschen hat hinter Otnit, Dietrich von Bern , dem Könige Giebich und dem Zwergenkönige Laurin den epischen Lorbeer erlangen mögen, weder Heinrich , der Befreier Deutschlands, noch Maximilian, Gustav Adolph u. s. w. Durch eine aufrichtige Beschreibung ihrer Thaten werden sie mehr geehrt als durch eine mit Wahrheit gemischte Fabel, der am Ende Niemand glaubt. Wir sind aus dieser Dämmerung hinaus und wollen durchaus Märchen als Märchen, Geschichte als Geschichte lesen. Ein Theil der Platonischen Gesetzgebung in Ansehung der Dichter ist also ohne Hinaustreibung derselben blos und allein durch die linde Hand der Zeit bewirkt worden; eine verwirrte Mischung der Fabel und Wahrheit widersteht unserm Gedankenkreise. Was vom Lobe gesagt ist, gilt auch vom Tadel ; die ächte Muse haßt auch in ihm alles zu Bittere, geschweige die Verleumdung. Warum fallen persönliche Satiren so bald in Vergessenheit oder Verachtung? Ihrer Ungerechtigkeit und Uebertreibung, kurz, des unedlen Gemüths wegen, das der Begeistrung einer Muse nicht werth war. Es giebt z. B. kaum ein witzigeres, ein lehrreicheres Gedicht gegen die Schwärmerei, als Butler's Hudibras ist; auch hat es zur damaligen Zeit seinen Zweck mehr erreicht, als wenn der Dichter auf den königlichen Märtyrer das frömmste Heldengedicht geschrieben hätte; wer indessen wird es jetzt ohne einigen Ueberdruß, wenigstens ohne den Wunsch lesen, daß sein Verfasser die Gabe der Muse, die er besaß, edler angewandt hätte? Swift , vielleicht der strengste Verstandesmann , den England unter seine Schriftsteller zählt, der unbestochenste Richter in Sachen des Geschmacks und der Schreibart, gab sich, von bösen Zeitverbindungen gelockt, ins Feld der Satire; wer aber ist, der von Anfange bis zu Ende seines Lebens ihn deswegen nicht bitter beklagt? So treffend seine Streiche, so vernünftig seine Raserei in Einkleidungen und Gleichnissen sein mag, wie anders sind seine Sätze und Sprüche, wo er reine Vernunft redet! Alles, was die Engländer humour nennen, ist Uebertreibung; ein verzeihlicher Fehler der Natur, der hie und da zur Schönheit werden kann, nur aber zu einer National- und Zeitschönheit. Die Alten kannten das Reizende eines kleinen Eigensinnes auch; sie waren aber weit entfernt, die ganze Gestalt eines Menschen als Unform diesem einen Zuge aufzuopfern. Nur dahin ist humour zu sparen, wohin er gehört, und die gemeine humoristische Poesie hat das Unglück, daß sie sich mit der Stunde selbst überlebt. Was vom Lobe und Tadel gilt, gilt auch von der sogenannten poetischen Beschreibung . Alle Poesie ist von der Zeit abgedankt oder wird von ihr abgedankt werden, die durch Bilder und Gleichnisse die Sache selbst, die durch Farben und Zierrath das Bild verdunkelt. So manche poetische Landbeschreibung der Engländer steht da, daß sie uns mit sehenden Augen blind mache; so manche andre, daß wir bei Umschreibungen bekannter Gegenstände oder Begriffe gar nichts denken sollen. Die meisten metaphysischen Gedichte aller Nationen hat ein neues System der Folgezeit sanft in Vergessenheit gebracht; die Dichtkunst vollends, die Wir haben nach »die« die hier, wo von keinem Vorwande die Rede sein kann, ungehörigen, nur aus einem Versehn stehen gebliebenen Worte »unter dem Vorwande« gestrichen'. – D. neue Erfindungen zu schildern und das Wörterbuch neuer Künste und Handwerke poetisch zu ergänzen sich anmaßt, sie gehört völlig unter die unfreien Künste. Der Muse sind bessere Schilderungen angewiesen als die, worin sie der Handwerker selbst durch eine schlichte Erzählung bei Vorzeigung der Instrumente übertreffen möchte. Endlich das Unmoralische des Dichters. Hier hat die Zeit gewaltsam den Vorhang aufgezogen und in ihrem strengen Gericht keiner falschen Grazie geschont. Wo sind ***? Wo sind sie? Wer will, wer mag sie lesen? Und nicht auf unzüchtige Dichter allein geht dies Urtheil des Rhadamanthus, sondern auch auf jeden widernatürlichen, wahre Verhältnisse des Lebens zerstörenden Dichter. Wie manches Beispiel haben wir auch hierüber schon erlebt! Dies Licht, diesen Tag haben Reformation, Philosophie und der unbestechliche Zeuge in uns, das reine Menschengefühl , verbreitet. ——— 98. Der Unterschied, den das Fragment zwischen Poesie aus Reflexion und (wie soll ich sie nennen?) der reinen Fabelpoesie macht, ist mir aus der Geschichte der Zeiten, auf die das Fragment weist, ganz erklärlich worden. So lange nämlich der Dichter nichts sein wollte als Minstrel , ein Sänger, der uns die Begebenheit selbst phantastisch vors Auge bringt und solche mit seiner Harfe fast unmerklich begleitet, so lange ladet der gleichsam blinde Sänger uns zum unmittelbaren Anschauen derselben ein. Nicht auf sich will er die Blicke ziehen, weder auf sein graues Haar, noch auf sein Gewand, noch auf den Schmuck seiner Harfe; er selbst ist in der Vision der Welt gegenwärtig, die er uns ins Gemüth ruft. Dies war der Ton aller Romanzen- und Fabelsänger der mittleren Zeit, und (um bei der englischen Geschichte zu bleiben, aus der das Fragment Beispiele holt) es war noch der Ton Gottfried Chaucer's, Edmund Spenser's und Ihresgleichen. Der Erste in seinen Canterbury-Tales erzählt völlig noch als ein Troubadour ; er hat eine Reihe ergetzender Märchen zu seinem Zweck der Zeitkürzung und Lehre charakteristisch für alle Stände und Personen, die er erzählend einführt, geordnet; er selbst erscheint nicht eher, als bis an ihn zu erzählen die Reihe kommt, da er denn seinem Charakter nach als ein Dritter auftritt. So Spenser , obgleich er schon weit künstlicher singt, indem er die Gestalten seiner Welt schon emblematisch ordnet. Der Fehler, den man ihm zur Last gelegt hat, Warton on Spenser's Fairy-Queen u. A. Wenn wir den gelehrten Fleiß betrachten, den die Engländer auf ihre alten Dichter, z. B. Warton auf Spenser, Tyrwhitt auf Chaucer, Percy auf die Balladen, und so viele, viele der belesensten Männer auf ihren Shakespeare und ihr altes Theater gewandt haben, und sodann uns betrachten – was sagen wir? – H. daß jedes seiner Bücher ein für sich bestehendes Ganze sei, ist ja eben die Natur und der Zweck seiner Erzählung; übrigens hat er seine Ritter- und Feengestalten viel vorsichtiger als Ariost geordnet. Zur Zeit der Reformation verschwand mit der Welt solcher Gesänge, der Ritter- und Feenwelt, auch die Art ihrer Darstellung ; die Dichter waren nicht mehr einfache Sänger fremder Begebenheiten, sondern gelehrte Männer , die uns das Gebäude ihres eignen Kopfs zur Schau bringen wollten, indem sie dasselbe wohl durchdacht niederschrieben, damit wir's lesen. Dies giebt Allem eine andre Art und Gestalt. Lassen Sie mich zu dem Zweck einige englische Dichter parteilos durchgehn. Von Shakespeare fangen wir an. Er steht zwischen der alten und neuen Dichtkunst, als ein Inbegriff beider da. Die Ritter- und Feenwelt, die ganze englische Geschichte und so manch anderes interessantes Märchen lag vor ihm aufgeschlagen; er braucht, erzählt, handelt sie ab, stellt sie dar mit aller Lieblichkeit eines alten Novellen- und Fabeldichters. Seine Ritter und Helden, seine Könige und Stände treten in der ganzen Pracht ihrer und seiner Zeit vor, die in so manchen Gesinnungen und dem ganzen Verhältniß der Stände gegen einander uns jetzt wie eine aus den Gräbern erstehende Welt vorkommt. Wie oft müssen wir über die wundersame Einfalt und Befangenheit jener Zeiten lächeln! In dem Allen ist er ein darstellender Minstrel , der Personen, Auftritte, Zeiten giebt, wie sie sich ihm gaben und zu seinem Zweck dienten. Nun aber, wenn er in diesen Scenen der alten Welt uns die Tiefen des menschlichen Herzens eröffnet und im wunderbarsten, jedoch durchaus charakteristischen Ausdruck eine Philosophie vorträgt, die alle Stande und Verhältnisse, alle Charaktere und Situationen der Menschheit beleuchtet, so milde beleuchtet, daß allenthalben das Licht aus ihnen selbst zurückzustrahlen scheint: da ist er nicht nur ein Dichter der neuern Zeit, sondern ein Spiegel für theatralische Dichter aller Zeiten. Laßt dem alten guten W. Shakespeare Alles, was ihm und seinen Zeiten gehört; gebt uns aber mit seiner unendlichen Bescheidenheit, die nirgend in Person repräsentirt, in welchen Gestalten es sei, so viel innere Charakteristik, so viel tiefe und schneidende Wahrheit, als er aus seiner alten Welt uns darbrachte! Mit Milton fängt sich die neuere englische Dichtkunst an; mich dünkt, er zeige die Summe dessen, was Reflexion in der Dichtkunst zu leisten vermöge. Der unglückliche blinde Mann war in Zeiten gefallen, in üble Zeiten, » fall'n on evil days, On evil days though fall'n and evil tongues; In darkness and with dangers compass'd round, And solitude; yet not alone .« Paradise lost , VII. 25-28. Erst dreizehn Jahre nach seiner Erblindung vollenden Milton sein Gedicht. – D. Er rief seine Urania vom Himmel, die ihn im nächtlichen Schlummer oder am frühen Morgen besuchte und seinen Gesang beherrschte. Dem gelehrten, starkmüthigen Mann stand bei einer großen Kenntniß der alten und italienischen Dichter auch eine Welt voll Sachen, insonderheit aber seine Sprache dergestalt zu Gebot, daß er bei seinem erwählten Thema, an welchem er sich etwas sehr Großes dachte, in jedem Wort und Laut, in jeder Zusammenstellung und Verknüpfung der Worte sich eine eigene altneue classische Sprache nach Mustern der Alten als Philosoph und Meister ausschuf. Sein großes Gedicht sollte kein Märchen der alten Zeit, sondern in Form der Erzählung ein heiliges Gedicht über Himmel und Hölle, über Paradies, Unschuld und Sünde, mithin eine Aussicht über unser ganzes Geschlecht werden. Nicht wollte er etwa blos zeitkürzend vergnügen, sondern belehrend erbauen und seine Encyklopädie von Wahrheiten in einer heiligen Sprache feststellend verewigen. Daher wählte er weder Chaucer 's Reime noch Spenser 's Stanzen; den prächtigen Jambus wählte er, der in manchem englischen Psalm und alten Volksgesange wie zur Trompete ertönt, auch in Shakespeare 's tragischen Stücken auf der Bühne viel Wirkung gethan hatte. Er brauchte ihn aber nicht wie Shakespeare leicht und fließend, sondern, dem Inhalt seines Gedichts und seinem Geist angemessen, wie in heroischem Schritt, obwol abwechselnd und mannichfaltig, dennoch eintönig, prächtig und edel. Weder Young noch Thomson , weder Glover noch Akenside haben ihn hierin erreicht. Jede Cadenz, jedes Bild und Gleichniß, jede ungewohnte Redart ist von dem blinden Mann sorgfältig ausgedacht und an ihre Stelle geordnet. Vielleicht giebt's keinen englischen Dichter, der die viel- und einsilbigen Wörter dieser fast einsilbigen Sprache angenehmer zu wechseln und die barbarische Dissonanz seiner Zeiten, » the barbarous dissonace Of Bacchus and his revelers ,« Milton, a. a. O., VII. 32 f. – D. kunstvoller von sich zu treiben gewußt hätte als Milton. Und wie in seinen beiden »Paradiesen« ward er in seinem »Lycidas« und »Comus«, in seinem »Allegro« und »Penseroso«, selbst im »Samson« und andern Gedichtarten in Ansehung der Sprache und Anordnung der Gedanken, insonderheit in seinem musikalischen Versbau, ein von seiner Nation noch unerreichtes Muster. So lange die englische Sprache lebt, wird Milton der Anführer ihres Chorgesangs in Jamben, der erzählenden Naturbeschreibung in eben diesem Silbenmaaße uno im Ausdruck des Affects jener monodischen Klage bleiben, die seine Nation nach ihm so vielfach gebraucht hat. In jeder Zeile des Gesanges ist er der Vater eines poetischen Numerus und Rhythmus, den der blinde Barde mit Ueberlegung erfand und seiner unharmonischen Sprache mit sehr harmonischem Ohr gleichsam aufzwang. Neben Milton lebte Cowley , ein gleichfalls gelehrter, von ihm aber sehr verschiedener Dichter. Geübt in der Sprache der Römer, durchdrungen von der Schönheit der Natur, deren Pflanzen und Bäume er mit liebendem Fleiß besang, noch mehr durchdrungen von der praktischen Philosophie der Alten (wovon seine schönen Versuche in Versen und Prose zeigen), hatte er dennoch das Unglück, mit seiner sogenannten Pindarischen Ode ein glänzend böses Beispiel aufzustellen, dem man nur zu oft nachgefolgt ist. Pindar , nämlich in seiner Ode ist nie trunken; jedes Bild, jede mythologische Geschichte, ja jeder Spruch in ihm steht umschrieben da, und der ganze Gang des Gesanges ist weise geordnet. Der böse Geschmack, der zu Cowley 's Zeiten, insonderheit an Hofe herrschte, verführte ihn, sowol in seinen Anakreontischen als Pindarischen Oden statt des Ausdrucks der Empfindung Pfeile des Witzes zu werfen und hiezu Versart und Reim anzuwenden. Unter seinen witzigen sind oft auch große Gedanken, ja verschiedne Oden wären ohne diese gesuchte Manier Muster schöner Phantasien ; denn es ist in ihnen viele Wissenschaft und viel Scharfsinn. Die Ode Cowley 's ist nachher von Andern, Mason, Gray, Akenside u. s. w., sittsamer, wol auch gelehrter gemacht worden; ich zweifle aber, ob auch harmonischer im Sinne der Alten. Sie ist und bleibt ein gothisches Gebäude, unzusammenhängend und unübersehbar in ihren Theilen, übertrieben in Bildern, mit Zierrath überladen, in der Abwechslung des Rhythmus ungleich und unharmonisch. Seitdem sich gar die Laune oder Satire derselben bedient hat, mißgönnt man ihr den Namen Ode ganz; britisches Capriccio sollte sie heißen. Cowley war also selbst im Fehlerhaften ein Dichter aus Reflexion , oft nur ein witziger Dichter; demohngeachtet aber ist er ein guter Gesellschafter, von dem man angenehm lernt. Mit Cowley lebte Waller und gab einer andern Manier den Namen, die den französischen Artigkeiten nahe kommt; aber warum ist sie nur artig? Galanterie ist eine Modeschönheit; sie ändert sich mit den Zeiten. Auch sind von Waller fast nur noch die Stücke beliebt, die Empfindung verrathen. Von Prior, Littleton , und wer auf eben dem Wege ging, gilt dasselbe. Die fashionable Poetry der Engländer hat sich in Ausdrücken und Wendungen dergestalt wiederholt, daß man nicht nur bei jedem Reim den folgenden, sondern oft auch bei der ersten Zeile des Stücks die letzte zuvor weiß. Mit dem verderbten Hofe Karl's II. ging die Herrschaft des spielenden Witzes zu Ende; die britische Muse ward, was sie anfangs gewesen war, eine denkende Muse. Ich übergehe die Beiträge Denham's, Roscommon's, Dorset's, Garth's zu Gründung eines bessern Geschmacks; Dryden voran, Pope nach ihm zeigten, worin die Poesie der Neueren am Natürlichsten bestehe, nämlich in versificirtem gesundem Verstande . Beide Dichter, mit ihnen Gay, Parnell, Prior u. A., haben fast alle Einkleidungen versucht, deren ihre Sprache fähig war; sie konnten's aber nicht weiter bringen, als gesunden Verstand in nachgeahmten, hie und da selbsterfundnen Einfassungen zu reimen. Pope brachte es darin aufs Höchste. In seiner unsangbaren Sprache hat er in englischer Manier das gethan, was Metastasio in einer Sprache, die ganz Gesang ist, auf eine ungleich angenehmere Weise that; er brachte nämlich alle schöne Sentenzen, philosophische Grundsätze und Lebensregeln aufs Kürzeste und Zierlichste in Reime , und wird darin schwerlich übertroffen werden. Zehn Dichter hatten ihm hierin vorgearbeitet; er kam zu rechter Zeit und brach die Blume. Bolingbroke, Shaftesbury, King und Leibniz gaben ihm zu seinem Essai on Man Philosophie in die Hand; er reimte ihre Systeme, so gut er konnte, und hat sie fast durchgehends vortrefflich gereimt. Auch Charaktere reimte er meistens in Gegensätzen, scharf und schneidend, insonderheit wo der Affect ihm die Feder schärfte; also daß Pope 's Gedichte für eine gereimte Blüthensammlung aller Moral, auch vieler Weltkenntniß und Weltklugheit dienen können. Höher hinaus aber reichte sein Genius nicht. Von Horaz' liebenswürdiger Satire, geschweige von seiner praktischen Welt- und Lebensweisheit hatte Pope 's Gemüthsart keinen Begriff, und man muß durchaus Engländer sein, um in seinem Homer den alten oder gar den bessern Homer zu finden. Die von ihm den Römern nachgeahmten Stücke zeigen den fürchterlichen Unterschied, der zwischen ihrer und unsrer, wenigstens ihrer und Pope 's Poesie war. Ihre Muse geht im natürlichen Gange der Sprache edeldenkend melodisch einher; die Popische Muse geht zwangvoll und gebrechlich, oft sogar unedel daher, über und über bedeckt mit einem Geklingel von Reimen. Noch zwei vorzügliche Dichter folgen auf Pope, Young und Thomson . Jener, der durchaus ein Original sein wollte, wetteiferte in seinen »Nachtgedanken« mit Shakespeare, Milton, Pope und allen Lehrdichtern der Welt, in seinen Satiren mit Swift , den er sehr unwerth behandelt, mit Pope und allen Satirendichtern, in seinen Trauerspielen mit Shakespeare, Otway u. s. w. Ein kühner Versuch, original zu sein, mit welchem er aber doch am Ende nichts als »Sermons«, Predigten zu Stande brachte, er mochte sie Nachtgedanken oder Oden, Satiren oder Trauerspiele überschreiben. Seine höchste und liebste Figur in den Nachtgedanken heißt Parenthyrsus ( Uebertreibung ), die zwar allenthalben die witzigsten Tiraden, eine aus der andern, hervortreibt und unsäglich viel schöne machen sagt, am Ende aber doch nichts thut, als den menschlichen Verstand über seine natürliche Höhe schrauben. Mich wundert, daß man Young je für einen tiefsinnigen Dichter gehalten hat; ein äußerst witziger, parenthyrsisch-beredter, nach Originalität aufstrebender Dichter ist er auf allen Seiten. Reich an Gedanken und Bildern, wußte er in ihnen weder Ziel noch Maaß; wie er auf Pope 's scherzhaften Rath in Thomas von Aquino die englische Theologie studirte, so würde er diese allenfalls auch im Koran studirt haben. Wenige Dichter sind daher mit so viel Vorsichtigkeit wie er zu lesen; in seinen »Nachtgedanken«, wie der Name sagt, ist er als ein Denker zu prüfen und jede Koketterie des Witzes für das zu halten, was sie ist, wenn sie auch die heiligsten Sachen beträfe. Thomson , wie unser Geßner und Kleist ein liebenswürdiger Name. Erfunden hatte er seine Gedichtart nicht, ob sein Verehrer Aikin ihm gleich diesen Ruhm zuschreibt; in Milton u. A. lag sie vielleicht in einem Keime, der künftig einer noch schöneren Entwickelung fähig ist, längst da. Thomson aber hat den Keim überlegend erzogen; dessen gebührt ihm die Ehre. Zu gut wußte er selbst, daß Jahrszeiten sich in Worten und einförmigen Jamben nicht malen lassen; er behandelt also sein Thema, wie er die »Freiheit«, die »Burg der Trägheit« und andre Gegenstände behandelte, philosophisch. Schildernde Lehrgedichte sind seine »Jahreszeiten«; denn mit Empfindung zur Lehre muß eine Gegend geschildert werden, wenn sie als Poesie in die Seele des Hörenden wirken soll; eine Kunst, die alle Nachahmer Thomson's nicht eben verstanden haben mögen. Er verstand sie, und so wird aus dem, was ich beigebracht habe, ziemlich klar, daß die Poesie der Engländer von Milton 's Zeiten an eine reflectirende Poesie gewesen. Die italienische singt, die französische Prosa-Poesie räsonnirt und erzählt, die englische in ihrer äußerst unmusikalischen Sprache denkt . ——— 99. Das wahre Feld der englischen Poesie haben Sie nicht berührt; es ist die einkleidende Prose . Sobald Chaucer 's Reime und die alten Balladen abgekommen waren, man auch merkte, daß Spenser 's Stanzen dieser Sprache ebenso schwer als langweilig werden müßten, suchte man nach dem Beispiel Frankreichs die leichteste Auskunft, Prose . Auch hier gab den Engländern ein Engländer, Shakespeare , Art und Weise. Er hatte Charaktere und Leidenschaften so tief aus dem Grunde geschildert, die verschiedenen Stände, Alter, Geschlechter und Situationen der Menschen so wesentlich und energisch gezeichnet, daß ihm der Wechsel des Ortes und der Zeit, Griechenland, Rom, Sicilien und Böhmen, durchaus keine Hindernisse in den Weg legten, und er mit der leichtesten Hand dort und hier hervorgerufen hatte, was er wollte. In jedem seiner dramatischen Stücke lag also nicht nur ein Roman, sondern auch ein in seiner Art aufs Vollkommenste nicht etwa beschriebener, sondern dargestellter philosophischer Roman fertig, in dem die tiefsten Quellen des Anmuthigen, Rührenden, wie anderntheils des Lächerlichen, Ergetzlichen geöffnet und angewandt waren. Sobald also jene alten Ritter- und Liebesgeschichten, von denen zuletzt Philipp Sidney 's »Arcadia« sehr berühmt war, einer neueren Denkart Platz machten, so konnte man in England kaum andre als Romane in Shakespeare's Manier , d.i. philosophische Romane erwarten. Der Weg zu ihnen war freilich ein beschwerlicher Weg; er ging durch Politik und Geschichte. Da England das erste Land in Europa war, in welchem der dritte Stand über Angelegenheiten des Reichs mitsprechen durfte, und von den Zeiten der Elisabeth an es ein so bewerbsamer Handelsstaat geworden war. so gingen die eigenthümlichen Sitten seiner Einwohner natürlicherweise freier aus einander . Nicht Alles war und blieb blos König, Baron, Ritter, Priester, Mönch, Sclave. Jeder Stand zeichnete sich in seinen Sitten ungestört aus, und durfte nicht eben, um der Verachtung zu entgehen, Sitten und Sprache seiner höhern Mitstände nachahmen; kurz, er durfte sich auch in seinem humour zeigen . Ohne Zweifel ist dies der Grund, warum die Engländer diese Eigenschaft so eifrig zu einem Zuge ihres Nationalcharakters gemacht haben; ihr humour nämlich war ein Sohn der Freimüthigkeit und eines eignen Betragens in allen Ständen. Witz, Eigensinn, gute und böse Laune, tolle Einfälle u. s. w. haben andre Nationen wie sie, oft besser als sie; nur keine Nation (ehemals vielleicht die Holländer und einige deutsche Reichsstädte ausgenommen) glaubte sie so offenbar äußern zu müssen, weil jede andre Nation das Gesetz der Gleichstellung mit Andern zu hoch hielt. Wie aber der Italiener seinen Capricci, der Franzose seiner Gasconnade freien Lauf läßt, so gab der Engländer seinem trägeren humour nach; ein großes Feld für Komödien und Romane. Wie die Parlamente in England das öffentliche Reden in Gang brachten, so die öffentlichen Blätter das Schreiben über Meinungen und Charaktere. Zeitungen und Pamphlets , Wochenblätter und Monatschriften hatten Einkleidungen und Schreibart dem englischen Roman gleichsam zugebildet; daher es kein Wunder ist, daß der französische, spanische und italienische Roman eine ganz andre Straße nahm. Insonderheit ist der englische Roman den Triumvirn der englischen Prose, Swift, Addison und Steele , den größten Dank schuldig. Der Erste schrieb seine Sprache in der höchsten Genauigkeit (Proprietät), die er in einer Menge von Einkleidungen zu erhalten wußte. Sein Roman der Menschenfeindschaft, Gulliver , ist vielleicht vom menschenfreundlichsten, aber kranken, tiefverwundeten und seines Geschlechts überdrüssigen Denker geschrieben. Der glückliche Addison war von einer froheren Gemüthsart. Er und sein Gehilfe, Steele , besaßen eben die goldne Mittelmäßigkeit , die zu guten Proseschriftstellern gehört. Als Männer von Geschmack und von Weltkenntniß, hatten sie das Richtmaaß in sich, für die Menge zu schreiben, in keine Materie zu tief zu dringen und zu rechter Zeit ein Ende zu finden. Sie haben der englischen Prose Cours gemacht und ihr das Mittelmaaß gegeben, über und unter welchem man nicht schreibt. Nun konnten also nach und nach, viele andre Vorarbeiten ungerechnet, die drei glücklichen Romanhelden auftreten, Fielding, Richardson, Sterne , die zu ihrer Zeit Epoche machten. So verschieden ihre Manier ist, so wenig schließen sie andre glückliche Formen aus, wie Smollet's, Goldsmith's, Cumberland's und in andern Nationen andre schätzbare Originale zeigen. Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten Bearbeitung fähig; denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten – in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz interessirt, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegend, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche selbst kann und darf in einen Roman gebracht werden, sobald es unsern Verstand oder unser Herz interessirt. Die größten Disparaten läßt diese Dichtungsart zu; denn sie ist Poesie in Prose. Man sagt zwar, daß in ihren besten Zeiten die Griechen und Römer den Roman nicht gekannt haben; dem scheint aber nicht also. Homer 's Gedichte selbst sind Romane in ihrer Art; Herodot schrieb seine Geschichte, so wahr sie sein mag, als einen Roman, als einen Roman hörten sie die Griechen. So schrieb Xenophon die »Cyropädie« und das »Gastmahl«, so Plato mehrere seiner Gespräche; und was sind Lucian 's »wunderbare Reisen«? Wie jeder andern haben also auch der romantischen Einkleidung die Griechen Ziel und Maaß gegeben. Daß mit der Zeit der Roman einen größeren Umfang, eine reichere Mannichfaltigkeit bekommen, ist natürlich. Seitdem hat sich das Rad der Zeiten so oft umgewälzt und mit neuen Begebenheiten auch neue Gestalten der Dinge zum Anschauen gebracht; wir sind mit so vielen Weltgegenden und Nationen bekannt worden, von denen die Griechen nicht wußten; durch das Zusammentreffen der Völker haben sich ihre Vorstellungen an einander so abgerieben, und überhaupt ist uns der Menschen Thun und Lassen selbst so sehr zum Roman worden, daß wir ja die Geschichte selbst beinah nicht anders als einen philosophischen Roman zu lesen wünschen. Wäre sie immer auch nur so lehrreich vorgetragen als Fielding's, Richardson's, Sterne's Romane! Viel denkende Dichter hat also England in Poesie und Prose hervorgebracht, und die Nation ist auf sie unermeßlich stolz; die Dichter selbst aber starben meistens eines elenden, wol gar des Hungertodes. ——— 100. Der poetische Himmel Britanniens hat mich erschreckt. Wo sind unsre Shakespeare , unsre Swifts, Addisons, Fieldings, Sterne ? Wo ist jene Menge von Edlen, die vorangingen oder wenigstens mit am Werk waren, die Philipp Sidney, Walter Raleigh, Baco, Roscommon, Dorset, Algernon Sidney, Shaftesbury, Halifax, Sommers, Bolingbroke, Littleton, Walpole u. s. w.? Wir wachten auf, da es allenthalben Mittag war und bei einigen Nationen sich gar schon die Sonne neigte. Kurz, wir kamen zu spät . Und weil wir so spät kamen, ahmten wir nach ; denn wir fanden viel Vortreffliches nachzuahmen. Franzosen, Spaniern, Italienern, Briten, selbst Holländern ahmten wir nach und wußten nie recht, wozu und weswegen. Unser verdiente Opitz war mehr Uebersetzer als Dichter. In Weckherlin u. A. ist der größte Theil fremdes Gut. Rudolph Weckherlin's (1584-1651) »Zwei Büchlein Oden und Gesänge« waren bereits 1618 zu Stuttgart erschienen. Seine Sammlung »Geistliche und weltliche Gedichte« gab er zuerst 1641 zu Amsterdam heraus; die Vorrede ist am »königlichen Hof in Engelland« (1639) geschrieben. Herder hatte 1779 im »Deutschen Museum« wieder an ihn erinnert, im achten Briefe des »Andenkens an einige ältere deutsche Dichter«, wieder abgedruckt im fünften Bande der »Zerstreuten Blätter« (1793). – D. So sind wir fortgeschritten; und wer ahmt uns nach? Wenn in Italien die Muse singend conversirt, wenn sie in Frankreich artig erzählt und vernünftelt, wenn sie in Spanien ritterlich imaginirt, in England scharf- oder tiefsinnig denkt, was thut sie in Deutschland? Sie ahmt nach. Nachahmung wäre also ihr Charakter, eben weil sie zu spät kam. Die Originalformen waren alle verbraucht und vergeben. ——— 101. So übel steht's nicht mit der deutschen Muse, wie Sie fürchten. Es ist vielleicht der Hauptfehler unsrer Nation, daß sie aus zu großer Gefälligkeit gegen Fremde sich selbst nicht kennt und achtet. Wahr ist's, wir kamen spät; desto jünger aber sind wir. Wir haben noch viel zu thun, indeß Andre ruhn, weil sie das Ihrige geleistet haben. Und waren wir in jenen Zeiten müssig? Nichts weniger; durch andre, vielleicht wichtigere Geschäfte wurden wir von einer Bahn zurückgehalten, die uns immer noch blieb. Für ganz Europa standen wir damals vor den Riß, sowol gegen Rom's Despotie als gegen eindringende Hunnen und Tataren. Daß Europa nicht zum Kalmukenlande oder zur Türkei ward, haben Deutsche verhindert; Raum zu dem friedlichen Garten, den die Musen lieben, haben sie mit ihrem Blut erfochten. Unsre Sprache ist im Besitz älterer Poesie, als deren sich Spanier, Italiener, Franzosen uno Briten rühmen können; S. Schilter 's Thesaurus antiquitatum Teutonicarum . – H. einzig nur unsre Verfassung war Schuld, daß wir Jahrhunderte lang dies Feld ungebaut ließen. Wir zogen nach Italien und sonst in der Welt umher, haben aber doch, selbst in diesen fürchterlichen Zeiten, für ganz Europa manches Nützliche erfunden. Endlich, da die Reformation aus unsrer Mitte hervorbrach und uns nach vielem andern Ungemach mit dem dreißigjährigen Kriege eine fast allgemeine Verwüstung und die so gefährliche Bekanntschaft mit fremden Nationen auf den Hals zog: müssen wir, wenn wir die Geschichte Deutschlands durchgehn, uns nicht wundern, daß noch so viel ward, als geworden ist? Denn nun reisten die Fürsten, die Edeln. Sie staunten das Ausland an und sprachen, lasen, schrieben fremde Sprachen. Und unsre gutherzigen Dichter freuten sich jeder neuen Sonne, die aufging, fanden sich geehrt, wenn sie Gesänge auch nur zueignen durften, ohne daß sie gelesen wurden. In Siebenbürgen dichtete der gute Opitz, Weckherlin in England und Frankreich, Flemming am kaspischen Meer deutsche Gedichte; Niemand dankte es ihnen, daß sie es thaten. Und wer verdankte es dem Andreas Gryphius , dem von Lohenstein , daß sie unter ihrer Bürde bürgerlicher Geschäfte für Sprache und Poesie das thaten, was sie gethan haben? Dank also auch dem guten von Logau , daß er in den wilden Zeiten des dreißigjährigen Krieges seine dreitausend Sinn- und andre Gedichte aufschrieb; ob er gleich ein deutscher Baron war! Dank einem Dietrich von dem Werder , daß er den Tasso übersetzte und gleichwol Hofmarschall sein konnte, ja gar ein Regiment commandirte! Dank – o wie tief haben wir Deutsche anfangen, aus welcher drückenden Barbarei uns hervorarbeiten müssen, die uns noch allenthalben sogar als Ehre, als Vorzug, als Stammes- und Nationalruhm anklebt! »Welcher Mann von Ahnen wird ein Poète , ein Savant , ein Philosophe sein wollen, wenn er auch ein Tasso , ein Baco , ein Shaftesbury werden könnte?« Solon und Alexander, Cäsar und Augustus , so viele Fürsten und Edle in Italien, Spanien, Frankreich, England dachten anders. »Weil wir also spät kamen, so ahmten wir freilich viel nach; denn wir fanden viel Vortreffliches nachzuahmen.« Vgl. Brief 100, S. 450. – D. Dies war Natur der Sache, nichts mehr und nichts minder; wer zuletzt kommt, thäte sehr unrecht, wenn er nicht nachahmte. So folgten die Römer den Griechen, den Römern die Mönche, Mönchen und Arabern die Provençalen, den Provençalen mittel- oder unmittelbar alle gebildete Nationen Europa's: warum sollten diesen nicht die Deutschen folgen? Alle Kunst ist Nachahmung; nur durch Nachahmung ist der Mensch zur Kunst gelangt; nur durch sie ist er Mensch worden . Wäre also auch Nachahmung der Charakter unsrer Nation, und wir ahmten nur mit Besonnenheit nach, so gereichte dieses Wort uns zur Ehre. Wenn wir von allen Völkern ihr Bestes uns eigen machten, so wären wir unter ihnen das, was der Mensch gegen alle die Neben- und Mitgeschöpfe ist, von denen er Künste gelernt hat . Er kam zuletzt, sah jedem seine Art ab und übertrifft oder regiert sie alle. Zu diesem Zweck haben wir ein vortreffliches Mittel in unsrer Gewalt, unsre Sprache ; sie kann uns das sein, was dem kunstnachahmenden Menschen die Hand ist. Man rühmt den slavonischen Sprachen nach, daß sie zur Nachbildung fremder Idiome in jeder Wendung, in jedem Uebergange geschickt seien; die deutsche Sprache hat diese Fähigkeit vor allen Töchtern der lateinischen, selbst vor der englischen Sprache. Alle diese sind von Zwitternatur; aus ihren engeren oder weiteren Schranken können sie nicht hinaus, um sich einer fremden Sprache nur einigermaßen zu bequemen. Vor allen ist die französische Sprache die gebundenste, die gleichsam gar nicht übersetzen, gar nicht nachbilden kann; eine ewig Ungetreue , muß sie Alles nur auf ihre , d.i. auf eine sehr mangelhafte Weise sagen. Die deutsche Sprache, unvermischt mit andern, aus ihrer eignen Wurzel blühend und eine Stiefschwester der vollkommensten, der griechischen Sprache, hat eine unglaubliche Gelenkigkeit, sich dem Ausdrucke, den Wendungen, dem Geist, selbst den Silbenmaaßen fremder Nationen, sogar Griechen und Römer, anzuschließen und zu fügen. Unter der Bearbeitung jedes eigenthümlichen Geistes wird sie gleichsam eine neue, ihm eigne Sprache. Mithin halte ich's nicht nur für keine Schande, wenn man uns Nachahmung vorwirft; vielmehr vermehrt es den Reichthum unsrer Gedanken und Wendungen, unsrer Vorstellungs- und Sprachweisen, wenn wir, wie keine andre Nation thun kann, die Gestalt fremder Idiome mit überlegendem Verstande und weiser Hand nachbilden. Möge Hagedorn dem Horaz , dem Pope, Chaulieu und vielen Andern, die er nicht verschwiegen, möge Gleim dem Anakreon und, wenn man will, auch dem Aesop, Phädrus, Tyrtäus, Moncrif, Bernard u. s. w. nachgeahmt haben; ahmten sie als Männer nach, also daß ihre Nachbildung in unsrer Sprache ein Werk war, um so besser, so haben sie ihre Nation mit vortrefflichen Denkweisen mehrerer Geister und Völker bereichert. Einem reichen Dichter unsrer Sprache Wieland. – D. hat man nachgerechnet, daß er in Homer's, Pindar's, Xenophon's, Lucian's, Ariost's, Cervantes', Pope's, Fielding's, Sterne's , sogar des Königes David 's und der Sultanin Scheherazade Art und Manier Psalmen und Märchen, Helden- und Lehrgedichte, epische Gesänge und Romane geschrieben, gedichtet und gesungen habe. Desto besser! Um so reicher sind wir durch ihn worden. Die Ananas, die tausend feine Gewürze in ihrem Geschmack vereint, trägt nicht umsonst eine Krone. ——— 102. Und wäre es denn wahr, daß die Deutschen so ganz charakterlos nachahmen? Das mindeste Gefühl des Genius unsrer Sprache und unsrer Schriften zeigt etwas Anders von den urältesten Zeiten her. Lest Otfried , lest das alte Siegslied unter Ludwig; In Schilter's Thesaurus . – D. der gutmüthige und biedre Charakter der Nation ist schon durchaus kennbar. Er ist's in den lateinischen Schriftstellern der mittleren Zeiten wie in unsern altdeutschen Sprichwörtern, Apophthegmen und Reimen. Allenthalben findet Ihr altdeutschen Witz und Verstand in den kürzesten ungekünstelten Worten. Wer am Charakter der deutschen Nation zweifelt, darf irgend nur ein Wörter- oder Sprichwörterbuch, Agricola, Frank, Zincgref, Lehmann , oder eine Sammlung von Geschichten, Lehrsprüchen, Liedern, Fabeln und Erzählungen durchgehen. In Trimberg, Kaisersberg, Brant, Luther, Rollenhagen, Opitz, Logau, Dach, Tscherning u. s. w. spricht dieser verstand- und lehrreiche Genius auf allen Seiten. Vergleicht unsre deutschen Minnesinger mit den Provençalen: nicht nur von Seiten der Sitte gewinnen die unsern, sondern oft auch in Rücksicht der innigen Empfindung. In Süden, wenn Ihr wollt, ist mehr Lustigkeit und Frechheit, hier mehr Liebe und Ehre, Bescheidenheit und Tugend, Verstand und Herz. Rechtliche Ehrlichkeit also, Richtigkeit in Gedanken, Stärke im Willen und Ausdruck, dabei Gutmüthigkeit, Bereitschaft zu helfen und zu dienen: dies ist die Gemüthsart unsers Volks, die es auch im Nachahmen, selbst im ungeschickten Nachahmen des Fremden nie verleugnen konnte. Denn woher fiel das Nachahmen der Deutschen oft so ungeschickt aus? Weil sie es allenthalben zu ehrlich meinten, so wurden sie oft getäuscht und betrogen. Die ganze Nachahmungssucht der Deutschen rührt von ihrer Gutmüthigkeit her. Sie dachten zu bescheiden von sich und wollten immer lernen, auch wo sie allenfalls lehren konnten. Der üble Geschmack, in den sie sich zu Hofmannswaldau 's und Lohenstein 's, zu Talander's, Weise's und Menantes' Zeiten stürzten, rührte von ihrer gutmüthigen Gefälligkeit gegen die sogenannten Leute von Welt , gegen ihre Großen und Hofleute her, die in diesem übeln Geschmack das Paradies fanden. Besser's, König's, Heräus', Neukirch's Kanzleipoesien gingen auf eben diesem plattgetretenen Hofwege ins Verderben. Sobald aber der deutsche Verstand wieder zu Kräften kommen konnte, zeigte sich sogleich unsere Gemüthsart wieder: Ueberlegung, Biederkeit und Herz. Welche kindliche Gutmüthigkeit herrscht z. B. in Brocke 's Schriften! Wie ein Liebhaber an der Geliebten, hängt er an einer Blume, an einer Frucht, an einem Gartenbeet, einem Thautropfen! Mit überströmender Wortfülle malt er seinen Gegenstand voll Liebe und Bewunderung, um ja keine andre als gutmüthige Empfindungen zu erregen. Gegen Cowley 's Beschreibung von Pflanzen und Blumen werden wir unsern Brockes nicht tauschen. Die Poesie der Niedersachsen ging auf eben dem Wege fort. Hagedorn ist ihr schöner classischer Gipfel. Lege man mir Waller, Denham, Gay, Roscommon, Dorset und noch eine Reihe solcher Helden zusammen: Hagedorn bleibt mir. Wir haben in ihm die Blüthe von hundert lehrreichen, angenehmen, moralischen, fröhlichen Dichtern. Ihm gegenüber steht Haller , der eine Alpenlast der Gelehrsamkeit auf sich trug. Was von Haller mit Pope verglichen werden kann, ist über Pope ; was aus Pope 's lebendiger Welt an feinen Satiren und Charakteren in seinem Reimgeklingel dasteht, würde Haller redlicher aufgestellt haben. Bewahre uns die Muse vor Dichtern, bei denen Verstand ohne Herz oder Herz ohne Verstand ist. Zwei Popische Gedichte wünschte ich indessen meinem Vaterlande wol eigen, seinen »Versuch über den Menschen« und »über die Kritik«. Ich habe nicht den mindesten Zweifel, daß wir beide besser, als Pope sie schrieb, zu ihrer Zeit bekommen werden. Unsers Haller 's Gedichte sind ein Richtmaaß der Sitten sowie der Wissenschaft und Gedenkart. Man kann von ihnen und den Werken mehrerer deutscher Dichter sagen, daß kein falscher Gedanke (Religionsvorstellungen etwa ausgenommen) in ihnen sei; welches man von wenig ausländischen Dichtern sagen möchte. Wie Haller 's Ode auf die Ewigkeit ist, erscheint nichts Aehnliches in Pope . Und noch hatte Haller außer seinen großen Verdiensten um mehrere Wissenschaften ein Glück, dessen sich der Engländer nicht rühmen konnte: er ward wie Opitz der Vater eines besseren Geschmacks in Deutschland, da Pope nichts anders als Dryden 's und mehrerer Vorgänger feinerer Nachgänger war. Ohne Zweifel erwarten Sie nicht, daß ich jede gutmüthige Bemühung der Deutschen nach Jahren durchgehen soll, wie sie z. B. den Verstand und Witz ihrer Landesleute bald belustigten , bald erweiterten , oder dazu hieher und dorther beitrugen . Anspielung auf Titel von Zeitschriften, der »Bremer Beiträge«, der »Belustigungen des Verstandes und Witzes«, der »Erweiterungen des Erkenntnisses und Vergnügens«. – D. Jeder that, was er thun konnte; und Gellert's, Cramer's , der beiden Schlegels, Rabener's u. A. guter Wille wird dabei gewiß aufwiegen können, was die Richer, La Motte und J. B. Rousseau , oder die Kings, Philipps u. s. w. auswärts geleistet haben. In ihrer Lage sind mir die Namen Lange und Pyra werther Ihre Gedichte erschienen unter dem Titel: »Thyrsis' und Damon's freundschaftliche Lieder« (1745). – D. als hundert schreibselige Namen späterer Zeiten. Kleist kommt; und wer verkennte an ihm sein deutsches Herz, seinen edeln Charakter? Als Künstler der Poesie, dazu in mancherlei Arten, möchte ich lieber Thomson sein, Thomson insonderheit, seit er Italien gesehen hatte; aber als Mensch und Dichter gilt es keine Frage. Kleist 's Herz lebt in seinen Gedichten, in seinem »Frühlinge«, in mehreren seiner »Oden« in seinem »Geburts- und Grabesliede«, in seiner »Sehnsucht nach Ruhe«, in »Cissides und Paches«. Nach seinem »Seneca« wollen wir ihn nicht messen; aber den edlen Geist, das patriotisch-menschliche Gemüth, das mitten unter Kriegesscenen in diese kleinen Gedichte wie in ein Asylum floh und jetzt dann wie in einer zerstückten Urne sein ewiges Denkmal findet, wollen wir werth halten und lieben. Ihm füge ich Lessing und Gleim bei. Des Ersten Genius lebt in jeder Zeile seiner Schriften, zumal in seinem »Nathan«; und in Gleim 's Schriften schlägt gewiß ein Herz vom wahrsten deutschen Charakter. Zu seinen Kriegsliedern war Lessing der Vorredner; in seinen Fabeln, Liedern und mehreren seiner Gedichte verbinden sich Muth und Treue, Freundesgefühl, Einfalt und Stärke. Klopstock 's Ode »An Gleim« ist ein Bild des Dichters und seiner Gedichte. Man ist gewohnt, Klopstock den deutschen Milton zu nennen; ich wollte, daß Beide nie zusammen genannt würden, und wol gar, daß Klopstock den Milton nie gekannt haben möchte. Beide Dichter haben heilige Gedichte geschrieben; ihre Muse aber ist nicht dieselbe. Wie Moses und Christus , wie das Alte und Neue Testament stehen sie einander gegenüber: Milton 's Gedicht ein auf alten Säulen ruhendes durchdachtes Gebäude, Klopstock's Gedicht ein Zaubergemälde, das in den zartesten Menschenempfindungen und Menschenscenen von Gethsemane aus über Erd' und Himmel schwebt. Die Muse Milton 's ist eine männliche Muse, wie sein Jambus, die Muse Klopstock 's eine zärtere Muse, die in Erzählungen, Elegien und Hymnen unsre ganze Seele, den Mittelpunkt ihrer Welt durchströmt. In Ansehung der Sprache hat Klopstock auf seine Nation mehr gewirkt, als Milton vielleicht auf die seinige wirken konnte; wie er denn auch ungleich vielseitiger als der Brite über dieselbe gedacht hat. Eine seiner Oden im Geschmack des Horaz ist nach dem Richtmaaß der Alten mehr werth als sämmtliche hochaufgethürmte britische Odengebäude. Daß Klopstock zu seinem »Hermann« einen Gluck fand, daß er durch seine Gesänge ihn und Andre seines Geistes zu dieser Gattung einfacher Musik weckte, gehört mit zu den glücklichen Begegnissen seines Lebens; dem blinden Barden in Britannien ward mit seinem »Lycidas« und »Samson« dies Glück nicht. Wenn überhaupt die Muse der Tonkunst in der Einfalt und Würde, die ihr gebührt, zu uns zurückzukehren würdigte, wessen Worte würden sie freundlicher hernieder zaubern als Klopstock 's? Wollten wir die goldnen philosophischen Oden unsers Uz gegen die Oden des Cowley, Hagedorn gegen Waller, Cronegk's bessere Gedichte gegen Prior, Withof (in seiner ersten Ausgabe) Herder hatte ihn schon in der dritten Sammlung seiner »Fragmente zur deutschen Literatur« (III. 2) höchst ehrenvoll genannt. J. Ph. L. Withof's Gedicht »Die moralischen Ketzer« erschien 1751, neu bearbeitet 1755, ganz umgearbeitet in seiner Sammlung »Akademische Gedichte« (1782). – D. gegen Akenside, Gerstenberg selbst gegen Otway und Waller vertauschen? Ich bleibe bei meinen Landesleuten; bei wenigerm Glanze der Kunst ist in ihnen mehr Gemüth , mehr wahre Empfindung . In allen Liedern, die von unsrer Jugend gesungen werden, so verschieden der Genius der Dichter sei, in Claudius, Hölty, Stolberg, Jacobi, Voß, Schiller , Ist hier Goethe 's Name zufällig ausgefallen? In anderer Weise wird seiner in Brief 104 (S. 460) gedacht. – D. ist der Charakter unsrer Nation, Gemüth , kennbar. Selbst die Art, wie sich die Deutschen fremder Erscheinungen angenommen haben, zeigt die Herzlichkeit ihres Charakters. Wo ist dem Milton und Ossian wärmer gehuldigt worden als in Deutschland? Stand in England Jemand auf, der sich des galischen Sängers angenommen hätte wie Denis ? den er beseelt hätte wie z. B. Kosegarten und mehrere unserer Landsleute? Nehmt eine ausgewählte Sammlung deutscher Lieder und stellt sie der besten englischen entgegen; an innerem Werthe, wohin wird die Wage sinken? Ihre Gesänge der Empfindung sind meistens schottische Lieder. Gern nenne ich noch zusammen Wieland und Geßner . Den Ersten hat man sehr unzeitig mit Voltaire verglichen, mit Voltaire, der bei dem hellsten Kopf und der schlausten Gewandtheit doch nur ein witziger Satyr war, und zwar im Grunde nur in einer Manier des Witzes, die er tausendfach zu verändern und nach dem Geschmack seines Zeitalters, ja wo möglich jeder Person in demselben zu modificiren wußte. Die Muse unsers Landsmannes ist ein reinerer Genius, der in jeder Gestalt, die er annimmt, gewiß einen edleren Zweck hatte, als uns blos witzig zu amüsiren. Ein ächter Jünger jener alten gaya ciencia , ob er uns nach Delphi oder Tarent , nach Sicilien oder Salerno , ins Faß des Diogenes oder an die Tafelrunde , nach Bagdad oder ins Feenland geleite. Der Geist der Sokratischen Schule verließ ihn selten; denn seine oft mißverstandene Philosophie ist am Ende doch Weisheit des Lebens . Warum ist Geßner von allen Nationen, die ihn kennen lernten, mit Liebe empfangen worden? Er ist bei der feinsten Kunst Einfalt, Natur und Wahrheit . In Darstellung einer reinen Humanität sollte ihn selbst das Silbenmaaß nicht binden; wie auf einem Faden, der in der Luft schwebt, läßt er sich in seiner poetischen Prose oder prosaischen Poesie jetzt auf blühende Fluren hinab, jetzt schwingt er sich in die goldnen Wolken der Abend- und Morgenröthe. bleibt aber immer in unserm blauen Horizont gesellig, froh und glücklich. Mit Kindern ward er ein Kind, mit den ersten Menschen einer der ersten schuldlosen Menschen, liebend mit den Liebenden und selbst geliebt von der ganzen Natur, die ihm in seiner Unschuld ihren Schleier wegzog. Gerade der einfachste Dichter, dessen ganze Manier Verbergung der Kunst war, ist unser berühmtester Dichter worden und hat manche Ausländer mit dem süßen Wahne getäuscht, als sei alle unsre Poesie reine Humanität, Einfalt, Liebe und Wahrheit . Vgl. Geßner 's Vergleichung mit Theokrit in der zweiten Sammlung der »Fragmente zur deutschen Literatur« (IV. 5). – D. ——— 103. Bei der gutmüthigen Lehrhaftigkeit, die Sie den Deutschen zuschreiben, vergessen Sie, daß Form das Wesen der Poesie ist; und wer begreift schwerer, was Form sei, wer kann sich in sie minder fügen, geschweige sich dieselbe an- und zubilden, als ein Deutscher? Unser Leben, unsre ganze Verfassung ist ja Unform. Ihr gelehrter Opitz übersetzte aus allen Sprachen; aber wie schwer! wie einförmig! Lesen Sie seine »Antigone«, seine »Trojanerinnen«, seinen »Apoll und Daphne«, eine italienische Oper, seine Sonnette und Sinngedichte; wie schwer und einförmig! Zweitens. Kritik muß die Poesie als Kunst ausbilden; was ist aber Kritik bei den Deutschen? Eine verpachtete Bude, eine verachtete Lästerschule. Was ist vom Geschmack einer Nation zu halten, die auf ihren Richterstühlen des Geschmacks namenlose feile Lictoren verehrt? Was ist von ihrer Gutmüthigkeit zu halten, wenn sie falsch Maaß und Gewicht des Urtheils öffentlich duldet? Endlich scheint's, daß die deutsche Poesie auf die von Ihnen angezeigte Weise eine Kinderpoesie sei und sein werde. Sie unterhält uns mit schönen Bildern und Abstractionen, oder zaubert uns in ein Arkadien voll Unschuld, Liebe und Einfalt, das nirgend ist als in der Phantasie der Dichter. Es ist also leicht zu begreifen, daß Männer von Geschäften und reell denkende Menschen sich mit Phantastereien solcher Art wenig abgeben werden. Sie sind Spielwerke der Weiber und Kinder, überhaupt aber excentrischer, müssiger Menschen. ——— 104. Form ist Vieles bei der Kunst, aber nicht Alles. Die schönsten Formen des Alterthums belebt ein Geist, ein großer Gedanke, der die Form zur Form macht und sich in ihr wie in seinem Körper offenbart. Nehmt diese Seele hinweg, und die Form ist eine Larve. Vollends poetische Form ist vom Gedanken und von der Empfindung dergestalt abhängig, daß ohne diese sie wie ein schön gezimmerter Block dasteht; denn Poesie wirkt durch Rede . Rede aber enthält nicht nur, sondern sie ist eine Folge von Gedanken . Ohne diese ist das schönste Sonnett ein Klinggedicht, nichts weiter. Soll ich wählen, Gedanken ohne Form oder Form ohne Gedanken, so wähle ich das Erste. Die Form kann meine Seele ihnen leicht geben. Und wären die Deutschen denn von jeher so formlos gewesen? Bei den Minnesingern finde ich dies nicht, bei »Reineke dem Fuchs« noch minder. Ihre alten Lieder, Sprüche und Erzählungen haben eine so gedrungene, oft so geistige Form, daß es schwer sein würde, ein Wort hinzuzuthun oder hinwegzunehmen. Opitzens Manier ist freilich einförmig; Dank ihm aber für diese Einförmigkeit, die zum Zweck hatte, uns bei der Scansion der Silbenmaaße festzuhalten. Hätte er sich wie seine Vorgänger an der bloßen Declamation gereimter Verse begnügt, so wäre er freilich abwechselnder worden; er hätte uns aber auch auf den Irrweg aller der Nationen geführt, die bis auf den heutigen Tag noch keine ächte Quantität der Silben haben. Unsre Sprache gebietet gleichsam Form, mehr als irgend eine andre; die französische, die englische Sprache sind, mit ihr verglichen, in der Poesie formlos; denn nur Willkür und Uebereinkunft hat bei ihnen hier diese Art des Reims, dort jene Regel des Geschmacks festgestellt, die der Sprache selbst nach unbestimmt waren. Unsre Sprache strebt der schwersten, zugleich aber auch der schönsten und bestimmtesten Form nach, der Form der Alten . Zuerst versuchten wir dieses lyrisch; wer ist, der ein Ode Uz', Klopstock's, Ramler's formlos nennen dürfte? Der letztgenannte Dichter hat in dem, was Form der Sprache ist, in Oden, Liedern, Cantaten, Idyllen und Sinngedichten, so viel geleistet und an den beliebtesten Formen eigner und fremder Werke so oft gebessert, daß des Boileau Feile gegen die seinige ein stumpfes Werkzeug scheint. Klopstock 's kleinste Ode, Gerstenberg 's kleinstes Gedicht ist eine lebendige Form; und wer hat uns mehrere und angenehmere Formen gegeben als unser Götz , den man den vielförmigen nennen könnte? Auf jedem Hügel des Helikon's suchte seine Muse die zartesten Blumen und band sie auf die vielfachste, zierlichste Weise in Kränze und Sträußchen. Sanft ruhe die Asche dieses während seines Lebens unbekannt gebliebenen Dichters! Seine Gedichte erschienen gesammelt erst vier Jahre nach seinem Tode. 1785. – D. mit jedem Frühlinge blühe fortan sein Andenken auf! Sind Kleist 's sämmtliche kleine Gedichte ohne Form? Sind Wieland 's Erzählungen, vom leichtesten Märchen bis zu seinem »Agathon« und »Oberon« hinauf, formlos? Lessing 's Stücke vom Epigramm und Liede bis zu seiner »Minna« und »Emilie«, »Philotas« und »Nathan«, jede Fabel und Parabel, ja ich möchte sagen, jedes Urtheil und Fragment dieses scharfsinnigen Weisen hat Form und ist Form, auch wo er vielleicht irrt, auch wo er nur lernte. Ein andrer Dichter hat sich der Form der Alten auf einem neuen Wege genaht, durch eine theilnahmlose genaue Schilderung der Sichtbarkeit und durch eine thätige Darstellung seiner Charaktere, Goethe . Sein »Berlichingen« ist ein deutsches Stück, groß und unregelmäßig, wie das deutsche Reich ist, aber voll Charaktere, voll Kraft und Bewegung. In jedem seiner späteren Stücke hat er eine einzelne gewählte Form im leichtesten Umriß zu ihrer Art vollendet. So sein »Clavigo«, seine »Stella«, sein »Egmont«. »Tasso« und jene schöne griechische Form, »Iphigenia in Tauris«. In ihr hat er wie Sophokles den Euripides überwunden. Auch aus dem Reich der Unformen rief er Formen hervor, wie sein »Faust«, sein »Kophta«; auch andre Gedichtarten sind nach Form der Alten glücklich von ihm bearbeitet worden. Wer nach diesen und andern Productionen, auch in Uebersetzungen aus fremden Sprachen, die Poesie der Deutschen formlos nennen will, der zeige mir unter Italienern, Spaniern, Franzosen und Engländern bessere Formen. Wenn man mehrere ihrer Dichter das Richtmaaß gelegt würde, das Lessing in einigen Stücken an Corneille und Voltaire legte, wo bliebe Form und Umriß? Bei dem Allen aber komme ich auf den Anfang meines Briefes zurück: Form ist nicht Alles in der Dichtkunst; auch muß man einer Nation Formen nicht aufdringen, die ihr durchaus fremd sind. Was in der Welt schadete es uns, wenn wir keine italienische Oper oder keine englische Komödie hätten? Diese mit allen ihren humoristischen Launen und Charakteren ist bei uns in der Natur nicht da, und ich sehe kein Uebel darin, daß sie fehle; auch ist die ganze Wirthschaft dieser Komödie keine deutsche Haushaltung. Wer verbände uns also, fremde Carricaturen anzustaunen und aus ihnen ein erzwungenes Vergnügen zu schöpfen? So die kleine italienische Oper; sie will in Italien gesungen und gespielt sein. Wo sie dies nicht werden kann, was ist natürlicher, als daß, trotz der besten Musik, ein fremdes Volk an ihrem fremden, oft unbedeutenden Inhalt, an Ränken und Scherzen, die bei ihm nicht in Gebrauch sind, keinen Geschmack findet? Der angenehme Müssiggang, das dolce far niente bei dem man sich öffentlich auch an Possen als an Kunststücken vergnügt und die Zeit hintändelt, ist unter unserm härtern Himmel nicht zu Hause. Wer aus einem mühseligen Leben ins Schauspiel tritt, will sich nicht blos an der Form als an einem Kunststück freuen, sondern durch etwas Innigeres geweckt sein. Viele Kunstproducte fremder Nationen sind Kinder der Ueppigkeit und eines Verderbens der Sitten, von dem glücklicherweise manche Provinz unsrer arbeitseligen Nation noch nicht weiß; sollen wir ihr diese Producte mit den Ursachen wünschen, die sie erzeugten, und den Geschmack an ihnen verbreiten? Führt einen gesunden jungen Mann, ein gesundes keusches Mädchen in die Kammer des abgelebten Lüstlings oder der feilen Unzucht: werden sie, denen ein besserer Trieb im Herzen schlägt oder sich in leisen Wünschen regt, an den frechen Reizungsmitteln dieser Ausgearteten und Abgestorbenen Vergnügen finden oder sie mit Entzücken ansehn? Schont der Unschuld unsrer Nation, wenn Ihr sie auch eine dumme Unschuld nennen solltet! beim belohnenden Gefühl ihrer Gesundheit will sie gern mancher lüsternen Form entbehren. Jedes Volk hat seinen Kreis des Wohlanständigen in sittlichen Begriffen und Gefühlen, aus welchem es keine erjagte Licenz eines fremden Volks reißen muß. Daß übrigens die feine Komödie bei uns manche Schwierigkeiten findet, ist unleugbar, aber auch sehr erklärlich. Erzieht die Nation, und sie wird auch an feineren Zügen der Sittlichkeit Geschmack finden. Da jetzt Alles sich lesend vergnügen will, meistens aber das Schlechtste liest, wären nicht hundert Mittel da, diese Lesereien aufs Bessere zu leiten? Bedient Euch nur einiger dieser Mittel, und das Verderben ist noch abwendbar. Sehr undeutsch wäre es, wenn bei uns die Moralität ein verspotteter Name würde; der alten Sitte nach gehört sie mit zu unserm Charakter und kann uns durch nichts ersetzt werden. Uns fehlt Witz und leichte Natur, uns fehlt ein schöner Himmel, die Unmoralitäten nur einigermaßen lustig und leidlich zu machen; deutsche Ueppigkeit war daher von jeher grob, weil sie in unser Klima, in unsre Lebensart und überhaupt zum deutschen Charakter nicht gehört. Lassen Sie mich diesen Brief noch mit dem Andenken eines fröhlichen Dichters schließen, der uns unvergessen sein sollte, Zachariä . Seine komischen Epopöen, seine lyrischen und musikalischen Gedichte enthalten in einer leichten Form so viel Schönes und bei einer glücklichen Natur ein so geselliges Leben , daß ich sie statt mancher neueren Ziererei jungen Leuten in die Hand wünschte. Und nun zur Kritik der Deutschen! ——— 105. Mangel an Kritik sollte die Krankheit nicht sein, an der der Deutsche litte; unsre Langsamkeit, unsre ruhige Ueberlegung macht uns, dächte ich, zu gebornen Kunstrichtern. Gesunder Verstand war von jeher das Lob, nach welchem der Deutsche strebte. Hundert Sprichwörter und Redarten unsrer Sprache zeigen, daß wir auch im gemeinen Leben es auf ein Richtmaaß der Sitten treu und ehrlich anlegten. Und wir hatten Muth, unser Urtheil zu sagen. Die Reformation, die von Deutschland ausging, war eine laut und scharf gesagte Kritik über eine Menge damals geltenden Unfugs. So lange diese Streitigkeiten dauerten, übten wir Kritik angriffs- und vertheidigungsweise; andre Nationen folgten uns nach. Und zwar thaten wir dies, wenige vielleicht nöthige Fälle ausgenommen, mit einer Bescheidenheit, in der uns andre Nationen eben nicht nachfolgten. Unter allen Reformatoren der Philosophie z. B. war Leibniz der bescheidenste Reformator. Alle Systeme der Alten, glaubte er, ließen sich vereinigen, weil in jedem etwas Wahres und Vorzügliches sei; eine solche friedliche Vereinigung war von Jugend auf der Lieblingsplan unsers Weisen. Mit unüberwindlicher Gelassenheit stellte er seine Meinungen mit den Meinungen Des Cartes', Shaftesbury's, Locke's, Newton's zusammen; vor so parteiischen Ohren der letzte Streit geführt ward, blieb seine Kritik dennoch ebenso fest als bescheiden. Ich bewundere die Geduld, die er sich zu Vereinigung der Kirchen in Beantwortung theologischer Zweifel nahm; er antwortete Jedem, wie er's fassen und ertragen konnte. Mit Leibniz starb dieser Geist philosophischer, friedlicher Kritik nicht aus; auch Wolff und seine Schüler erwiesen ihn selbst gegen ihre bittersten Feinde. Allen Freunden der Leibnizischen Denkart ist eine gesunde Kritik heilig, weil sie sich in der Mathematik an Genauigkeit der Begriffe und des Ausdrucks gewöhnt haben und keine menschliche Wissenschaft verachten. Der friedliche Alexander Gottlieb Baumgarten ward mit seiner seltenen, fast ängstlichen Präcision, ohne daß er's wußte und wollte, der Vater einer Schule ächter Kritik, auch der schönen Wissenschaften und Künste in Deutschland. Lambert und Kant haben ihre Architektonik und Kritik an seinen Lehrbüchern geschärft. Wie nun? und dennoch hätte Ihr Vorwurf Grund, daß eben in diesem Felde, der Region des Geschmacks und Vortrages, in Deutschland eine parteiische Kritik mit falschem Maaß und Gewicht handle? Sie klagen die Gutmütigkeit unsrer Nation an, die sich Alles gefallen lasse, Alles ertrage und dulde? Mich dünkt, die Geschichte der Zeit gebe hierüber einige Auskunft. Als Opitz , Logau , Tscherning u. s. w. im bessern Geschmack zu schreiben anfingen, warfen sie sich nicht zu Richtern jedes fremden Geschmacks auf; ihre Werke waren Kritik; die Anweisungen, die Opitz und seine Nachfolger gaben, betrafen meistens nur Sprache und Verskunst. Und sie haben hierin auf eine friedliche Art viel geleistet. Wenn ich Schottel's, Stieler's, Frisch's, Bödiker's, Wachter's, Haltaus' u. A. stille Verdienste um unsre Sprache mit den heftigen und nutzlosen Streitigkeiten unwissender Schriftsteller in den folgenden Zeiten vergleiche, so sehe ich dort fleißige Ameisen und Bienen zusammentragen, hier laute Wespen schwirren und stechen. Es ist wahr, man lobte sich damals etwas zu viel unter einander; die Glieder der fruchtbringenden Gesellschaft, des Blumen- und Schwanenordens u. s. w. munterten sich einander durch gegenseitiges, oft zu reiches Lob auf. War dies indessen nicht sehr verzeihlich? Nach so langen Trübsalen theologischer Streitigkeiten und des dreißigjährigen Krieges freuten sich diese alten Kinder, daß sie auch eine Sprache hätten, in der sie schreiben und reimen könnten; und ist nicht viel, viel Gutes durch die Mitglieder dieser Gesellschaften bewirkt worden? Wie Viele schreiben denn jetzt in Prose, wie Zincgref, Opitz, Harsdörfer, Rist, Lohenstein u. A. schrieben? Laßt uns doch die guten Bemühungen unsrer Vorfahren nicht verkennen! auch über uns wird man einst als über Vorfahren richten. Es ist schon bemerkt worden, daß an der französischen Sprachenmengerei und an dem italienisch-falschen Geschmack, der im Anfange unsers jetzt abgehenden Jahrhunderts einriß, eigentlich die deutschen Höfe Schuld waren. Ihnen bequemten sich die Schriftsteller; und auch Leibniz , der zu Fortbildung der deutschen Sprache so vortreffliche Grundsätze nicht nur hatte, sondern auch bei der Akademie in Gang bringen wollte, auch er schrieb ein Deutsch, das seiner Zeit gemäß war. Noch mehr frohnten Christian Thomasius, Tenzel u. A. diesem Geschmack, der damals für Artigkeit galt; daher Thomasius die gesunde Kritik, die er an die Rechtswissenschaft und andre Scienzen wandte, auf den Geschmack nicht anwenden konnte. Canitz , als Hofmann, gab nur durch seine Gedichte, deren wenigste leider zu uns gekommen sind, ein besseres Muster. Der Erste, der mit scharfen Pfeilen auf den Lohensteinischen Geschmack losging, war meines Wissens Wernike , ein Preuße. In England und Frankreich an einen bessern Geschmack gewöhnt, wollte er sowol durch seine Sinngedichte (»Ueberschriften«) als durch die Anmerkungen, mit denen er sie begleitete, diesen auch den Deutschen zu kosten geben. Nicht mit vielem Erfolg; denn seine »Ueberschriften« waren hart und die Anmerkungen doch nur Spöttereien. Sollte man an jene, die »Ueberschriften« nämlich, das Maaß der Griechen und Römer legen, wie viel Ueberwitz, wie mancher falsche, erzwungene Zierrath müßte hinweggethan werden, auf welchen er doch, wie die verschiedenen Ausgaben derselben zeigen, selbst den mühsamsten Fleiß gewendet. Also war auch sein Geschmack bei Weitem nicht rein und vollendet. Die Hofverse dauerten fort, bis fern von Höfen in seinem Garten Brockes die Natur und, ebenso fern von Höfen, Bodmer und Breitinger Sitten malten. Immer bleibt Deutschland diesen Reformatoren des Geschmacks sowie dem Hamburgischen Patrioten Dank schuldig; sie thaten, was sie zu ihrer Zeit thun konnten. Breitinger 's »Dichtkunst« und Abhandlungen zeigen durchaus einen Kenner der Alten, der seinen Geschmack an ihnen bewährt hat; auch Bodmer 's Bemühungen, aus neueren, sowol ausländischen als unsrer alten deutschen Sprache uns einen größeren Reichthum an Gedanken, Bildern, Fabeln, Einkleidungen und Ausdrücken als Kunstrichter und Dichter zuzuführen, haben ihren Zweck nicht verfehlt. Er hat viel aufgeregt und sich fast über Vermögen bemüht, indem er bis in sein greises Alter wie der frischeste Jüngling an jedem neuen Product unsrer Sprache Theil nahm. Warum aber mußte diese Kritik, die doch Philosophie ist, und ein besserer Geschmack am Schönen und Guten durch einen unwürdigen Federkrieg eingeführt werden? That nicht auch Gottsched , was er thun konnte? Die Weisesten in diesem Streit, Haller und Hagedorn , schwiegen. Der Erste hat auch als Prosaist so viel Verdienst um den bessern Geschmack im Vortrage der Wissenschaften, daß ihm auch die deutsche Kritik vielleicht den ersten Kranz reicht. Mitten unter stürmischen Factionen brachte er ein schmales Blatt deutscher Kritik unter den Schutz einer Societät der Wissenschaften selbst und gründete ihm dadurch nicht nur Unparteilichkeit, Billigkeit und Gleichmuth, sondern auch Theilnahme am Fortgange des menschlichen Geistes in allen Weltgegenden und Sprachen. Seitdem sind die »Göttingischen gelehrten Anzeigen« nicht nur Annalen , sondern auch Beförderinnen und, ohne ein Tribunal zu sein, consularische Fakten und Hilfsquellen der Wissenschaft worden, zu denen man, wenn manche einseitige Kritik verstummt ist, wie durch libysche Wüsten zum stillen, Kenntniß gebenden Orakel der Wissenschaft reist und dabei immer noch Haller 's und seiner Nachfolger Namen segnet. Die Drommete war erklungen; es war bestimmt, daß der bessere Geschmack der Deutschen im Schlachtgetümmel empfangen und geboren werden sollte. Wo Zwei streiten, gewinnt der Dritte. Nicolai schrieb seine »Briefe über den Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland« mit Uebersicht der Fehler von beiden Seiten; denn schon hatten während dieses langen Streits mehrere Schriftsteller von Genie das, worüber man stritt, durch die That entschieden. Lessing war einer von ihnen. Seine mancherlei Vorzüge an Kenntnissen, Geschmack und Schreibart gaben ihm ohne sein Wollen das natürliche und erworbene Recht, durch ein Weniges der Anfang zu Vielem zu sein, das wol nicht sein Plan war. Durch Nicolai, Mendelssohn und ihn fing die »Bibliothek der schönen Wissenschaften«, durch ihn, Mendelssohn und Nicolai fingen die »Literaturbriefe« an; unstreitig mit einem Urtheil von feinerer Bestimmtheit, in einem größeren Umfang von Ideen und einer schärferen Unparteilichkeit, als jene Parteien geäußert hatten. Der »Bibliothek« nahm sich, nachdem ihre Urheber vom Werk abtraten, ein Schriftsteller an, der als dramatischer und lyrischer Dichter unsrer Nation werth geworden ist, Weiße. Winckelmann, Hagedorn, Heyne, Garve u. A. machten sie eine Reihe von Jahren hindurch (in den neuesten Jahren kenne ich sie nicht) zu einer Leiterin des guten Geschmacks, die uns zugleich das Merkwürdigste fremder Nationen bekannt machte. Die »Literaturbriefe«, zu welchen nach Lessing 's Entfernung Abbt trat, Irrig steht im ersten Druck »zu welchem ... bei trat«. – D. thaten dadurch einen merklichen Schritt weiter, daß sie bei strengem Tadel selbst oft eigene bessere Ideen entwickelten und in der gewählten Form einer Privatcorrespondenz keine Orakel der Welt sein wollten. Lessing insonderheit war ein bescheidner, gegen Andre, auch wo er es nicht sein durfte, ein nachgebender Mann, und Mendelssohn , wenn ihn die Jünger der zehnten neueren Philosophie als Philosophen ganz zum Kinde werden gemacht haben, wird in der philosophischen Kritik Deutschlands lange noch als ein schätzbarer, verdienter Name gelten . Was nach diesen Zeiten geschehen sei, weiß ich nicht, da ich außer einem kleinen Blatt gewöhnlich kein kritisches deutsches Journal lese. Vernommen habe ich, daß man seitdem Alles umfaßt und dazu aus allen Ecken Kunstrichter versammelt habe; wie sie gerichtet haben, wie sie richten und richten werden, ist mir völlig fremde. Hier ist besonders die seit 1785 in Jena erscheinende »Allgemeine Literaturzeitung« gemeint, die freilich eine ehrenvollere Erwähnung verdient hätte. Herder hatte sich von ihr fern gehalten und grollte ihr besonders wegen Kant's Beurtheilung seiner »Ideen«. Den Anfang unserer »Briefe« hatte sie sogleich günstig angezeigt. – D. Zu beklagen wäre es freilich, wenn auf diesem Wege alle Kritik in Deutschland Gewicht und Glauben verloren hätte, welches ich aber weder hoffe noch glaube. Laß es sein, daß zuweilen unbärt'ge Jünglinge Denen, von denen sie gelernt hatten, das Kinn rasiren, um doch auch an ihnen berühmt zu werden; jeder honnete Mann, der da sieht, wie mit seinem Nachbar gehandelt wird, und wer also handelt, wird sich allmählig aus diesen anonymischen Beckenstuben zurückziehen. Und so thut auch hier die Zeit ihr Werk; sie übt eins scharfe Kritik an der Kritik der Zeiten. Wir, meine Freunde, die wir nicht zu Dictatoren der sinkenden Republik wegen bestellt sind, wollen von uns selbst, von den Alten, von unsern Freunden und Feinden und von Jedem lernen, der Gründe giebt und mit offnem Visir redet. ——— 106. Auch die Kritik ist ohne Genius nichts. Nur ein Genie kann das andre beurtheilen und lehren, nur Der, der selbst Kenntnisse hat und Kräfte zeigt, kann Kräfte wecken und Kenntnisse befördern. Seit geraumer Zeit, wie unbekannt sind wir z. B. mit den schätzbarsten Producten des Auslandes selbst im Felde der Kritik geblieben! Lessing übersetzte Warton 's »Versuch über Pope«; der zweite Theil, im Jahr 1782 erschienen, ist uns auch nicht im Auszuge bekannt worden. Eschenburg gab in seinem »Britischen Museum« ein paar Abhandlungen aus Warton 's »Geschichte der englischen Dichtkunst«; einen Auszug des ganzen Werks, so wie andrer nützlichen Werke über diesen Gegenstand, konnte er nicht geben; denn sein Museum selbst verschloß sich. Blankenburg gab den Anfang von Johnson 's »Lebensbeschreibungen der englischen Dichter«, ein Werk voll Kritik, lehrreich auch für uns Deutsche, obgleich nichts weniger als unparteilich; die Fortsetzung unterblieb. Eschenburg gab uns Brown 's Buch »Ueber die Verbindung der Poesie und Musik«; Brown 's wichtigeres Werk »Ueber die Sitten «, das bereits im Jahr 1757 herauskam und als ein schreckender Spiegel viel Aufsehen erregte, ist noch nicht übersetzt worden. So viel interessante Aufsätze aus Henry 's, aus Littleton 's Geschichte, manche auch für uns merkwürdige Abhandlung aus den Societäten der Alterthumsforscher, im gleichen von Dublin, Edinburgh, Manchester , den »Transactionen« u. s. w. sind da, als ob sie für uns nicht wären. Auch mit Georg Forster , wie viel ist uns in diesem Betracht gestorben! Ein böser Genius scheint sein Spiel zu haben, indem er (und wogegen?) den Faden zu zerreißen sucht, der uns mit den Gedanken andrer Nationen verknüpft. Wir sollen auf unserm eignen Grunde metaphysiciren oder uns damit bemühen, womit sich Andre längst bemüht haben. Hierhin sollte die Kritik wirken! uns ins Universum sämmtlicher gebildeten Nationen versetzen und auf unserm einsamen Gange von ihnen uns Licht und Hilfe zufördern. Ueberhaupt glaube ich, daß dem Charakter unsrer Nation nach die Kritik durchaus belehrend, fördernd, gutmüthig, human sein müßte; nur auf diesem Wege kann sie etwas und würde gewiß viel erreichen. Unsrer gelehrten Republik mangelt äußere Aufmunterung und Achtung; wollte sie sich zum Spott der Unwissenden und zur allgemeinen Verachtung machen, indem sie sich selbst verspottet, würgt und auffrißt? Gnug von der Kritik! Sie äußerten den merkwürdigen Gedanken, daß die Poesie der Deutschen eine Kinderpoesie sei; ich hoffe, sie soll es bleiben. So Ihr (im guten Verstande) nicht werdet wie die Kinder , Nach dem Ausspruch des Heilands (Matth., 18. 3). – D. so ist weder Tempe noch Elysium für Euch. Vor allen Dingen verschonen Sie die Poesie mit Staatsmännern, die über sie richten; das Reich der Poesie ist nicht die Staatswelt. Wenn Sophokles seinen »Oedipus« mit der Scene des flehenden Volks eröffnet (die Pest wüthet; ein geheimes Verbrechen ruht auf dem Vaterlande; Jünglinge und Greise jammern), so ist diese Situation ganz menschlich. Ob Oedipus oder Lajus regiere, kümmert mich nicht; daß aber um eines Verbrechers willen das ganze Volk leide, diese Scene eröffnet ein Trauerspiel würdig. Wenn Aristophanes Scenen der Menschheit darstellt, weswegen Friede gemacht werden müsse , so ist dies ein Gegenstand der Muse. Ob aber Kleon der Wurstmacher oder Kleon der Riemenschneider das Volk lenke, In den »Rittern« tritt neben dem Lederhändler Kleon , der mit dem Namen »der Paphlagonier« bezeichnet wird, ein Wurstmacher Agorakritos auf, der an Kleon's Stelle die Herrschaft erhält.« In Herder's Text hat auch Müller das zweimalige irrige »Kreon« stehen lassen. An ersterer Stelle wollte Herder wol »Agorakritos« schreiben. Besser fiele »Kreon« an beiden Stellen aus. – D. diese politische Wichtigkeit ist der poetischen Muse sehr gleichgiltig. Nichts verunreinigt den heiligen Quell mehr als politischer Parteigeist; er macht die Muse zur Lügnerin, parteiisch, übertreibend, am jetzigen Augenblick als an einer Ewigkeit hangend und ihm damit die Ewigkeit ertheilend. Die Tochter des Himmels wird unter den Händen der Politik eine kurzsichtige, leidenschaftliche Verleumderin, ein Kind der Erde. Die politische Poesie der Engländer sei davon ein Beispiel. Warum hat Butler den Ruhm nicht erlangt, den sein »Hudibras« so sehr verdient? Das witzreiche Gedicht ist für ein bloßes Gespött zu lang, für die darin enthaltene Lehre und Warnung zu sehr mit Zeitanspielungen überhäuft, zu politisch . Jenes gewaltige Vernunftgenie Swift , was hat ihn für den größten Theil der Nachwelt unbrauchbar gemacht? Die politischen Umstände, aus welchen er sein Gespinnst zog, und in welche er seine köstlichen Gedanken webte. Die Politik der damaligen Zeit ist ein Traum worden; es macht uns Mühe, jeden seiner tiefen bleibenden Gedanken von einem verlebten Traume zu sondern. Wer liest jetzt Churchill 's Gedichte? und wer wird Peter Pindar John Wolcot , der seine gefürchteten Flugschriften eben gesammelt hatte. – D. mit reinem Vergnügen lesen, wenn unsere Zeit vorbei ist? Beklagen wird man so viel verschwendete goldne Talente. Mit Unwillen höre ich's also, wenn man unsrer Nation einen Swift wünscht, einen bedauerns- und hochachtungswürdigen Mann, der nur durch Mißfälle ward, was er geworden ist, und vom Glück begleitet ein Genius der Gerechtigkeit und der Klugheit geworden wäre. Und ein Swift in Deutschland? Später hat sich Herder über Swift in seiner »Adrastea« weiter ausgelassen. – D. Hinweg also Politik aus dem Gebiet der Musen! und verwünscht sei jede Aftermuse, die der Politik fröhnt! Treue und Glauben, Unschuld der Sitten, Biederkeit und Einfalt – das seien unsre Kastaliden! alles Andre ist vergängliche Thorheit. Zur italienischen acutezza , zur spanischen grandezza , zur französischen légèreté ,zum britischen high-spirit wird sich der Deutsche nie hinaufschwingen; was er aber ist und von jeher gewesen, davon ist seine eigne Geschichte eine durch Jahrhunderte erprobte Stimme der Wahrheit. Was alle Dichter singen, wohin sie wider Willen streben, was ihnen am Meisten glückt, was bei Denen, die sie lesen und hören, die größte Wirkung hervorbringt, das ist Charakter der Nation, wenn er auch als eine unbehauene Statue noch im Marmorblock daläge. Dies ist Vernunft, reine Humanität, Einfalt, Treue und Wahrheit . Wohl uns, daß uns dies sittliche Gefühl ward, daß dieser Charakter gleichsam von unsrer Sprache unabtrennlich ist, ja, daß uns nichts gelingen will, wenn nur aus ihm schreiten! Lehrgeld in erzwungenen Nachäffungen haben wir gnug gegeben. Mit diesem Charakter, wie viel können wir entbehren! Wenn andre Nationen sich im Geschmack hie- und dorthin verirrten, so wird unsre Regel feststehn, die im Mannichfaltigsten die wahrste Einfalt sucht und uns die Poesie sein läßt, was sie sein soll, ein Spiegel der Natur und Sitten, Humanität im gefälligsten, reinsten Gewande, Philosophie des Lebens. Dies war einst Orpheus' und Apollo's Kunst. ——— 107. Neuntes Fragment. Resultat der Vergleichung der Poesie verschiedener Völker alter und neuer Zeit. Die Poesie ist ein Proteus unter den Völkern; sie verwandelt ihre Gestalt nach Sprache, Sitten, Gewohnheiten, nach dem Temperament und Klima, sogar nach dem Accent der Völker. Wie Nationen wandern, wie sich die Sprachen mischen und ändern, wie neue Gegenstände die Menschen rühren, wie ihre Neigungen eine andre Richtung, ihre Uebungen ein andres Ziel nehmen, wie in der Zusammensetzung der Bilder und Begriffe neue Vorbilder auf sie wirken, selbst wie die Zunge, dies kleine Glied, sich anders bewegt und das Ohr sich an andre Töne gewöhnt: so verändert sich die Dichtkunst nicht nur bei verschiedenen Nationen, sondern auch bei demselben Volke. Die Poesie zu Homer 's Zeiten war bei den Griechen ein andres Ding als zu Longin 's Zeiten, selbst dem Begriff nach. Ganz ein Andres war's, was sich der Römer und der Mönch, der Araber und der Kreuzritter, oder was nach wiedergefundenen Alten der Gelehrte und in verschiednen Zeitaltern verschiedner Nationen der Dichter und das Volk sich an Poesie denken. Der Name selbst ist ein abgezogner, so vielfassender Begriff, daß, wenn ihm nicht einzelne Fälle deutlich untergelegt werden, er wie ein Trugbild in den Wolken verschwindet. Sehr leer war daher der Streit über den Vorzug der Alten oder der Neuern , bei welchem man sich wenig Bestimmtes dachte. Er ward noch leerer dadurch, daß man keinen oder einen falschen Maaßstab der Vergleichung annahm; denn was sollte hier über den Rang entscheiden? Die Kunst der Poesie als Object ? Wie viel feine Bestimmungen gehörten dazu, das Höchste der Vollkommenheit in jeder Art und Gattung nach Ort und Zeit, nach Zweck und Mitteln auszufinden und auf jedes Verglichene unparteiisch anzuwenden! Oder sollte die Kunst des Dichters nach dem Subject betrachtet werden, wie viel Dieser vor Jenem glückliche Gaben der Natur, eine günstigere Lage der Umstände, mehreren Fleiß in Nutzung dessen, was vor ihm gewesen war und um ihn lag, ein edleres Ziel, einen weiseren Gebrauch seiner Kräfte, dies Ziel zu erreichen, zu seinem Eigenthum machte: welch ein andres Meer der Vergleichung! So manchen Maaßstab der Dichter einer Nation oder verschiedener Völker man aufgestellt hat, so manche vergebliche Arbeit hat man übernommen. Jeder schätzt und ordnet sie nach seinen Lieblingsbegriffen, nach der Art, wie er sie kennen lernte, nach der Wirkung, die Der und Jener auf ihn machte. Der gebildete Mensch trägt, wie sein Ideal der Vollkommenheit, so auch seinen Maaßstab, diese zu erreichen, in sich, den er nicht gern mit einem fremden vertauscht. Keiner Nation dürfen wir's also verargen, wenn sie vor allen andern ihre Dichter liebt und sie gegen fremde nicht hingeben möchte; sie sind ja ihre Dichter. In ihrer Sprache haben sie gedacht, im Kreise ihrer Gegenstände imaginirt; sie fühlten die Bedürfnisse der Nation, in welcher sie erzogen wurden, und kamen diesen zu Hilfe. Warum sollte die Nation also nicht auch mit ihnen fühlen, da ein Band der Sprache, Gedanken, Bedürfnisse und Empfindungen sie fest an einander knüpft. Italiener, Franzosen und Engländer schätzen ihre Dichter, oft mit ungerechter Verachtung andrer Völker, parteiisch hoch; der einzige Deutsche hat sich verführen lassen, das Verdienst fremder Völker, insonderheit der Engländer und Franzosen, unmäßig zu übertreiben und darüber sich selbst zu vernachlässigen. Zwar einem Young (denn von Shakespeare, Milton, Thomson, Fielding, Goldsmith, Sterne ist hier nicht die Rede) gönne ich seine vielleicht etwas überspannte Verehrung Die am Uebertriebensten Klopstock in der Ode »An Young« 1752 ausgesprochen hatte. – D. bei uns gern, da er durch Ebert 's Uebersetzung eingeführt ward, eine Uebersetzung, die nicht nur alles Verdienst eines Originals hat, sondern auch die Uebertreibungen ihres englischen Originals durch den Bau einer harmonischen Prose und durch die reichen moralischen Anmerkungen aus andern Nationen gleichsam zurecht fügt und mildert. Sonst aber wird es den Deutschen immer den Vorwurf einer unentschlossenen Lauigkeit zuziehn, daß die reinsten Dichter ihrer Sprache in Schulen und der Erziehung der Jugend überhaupt so vergessen und hintangesetzt werden, wie keine benachbarte Nation es thut. Wodurch soll sich unser Geschmack, unsre Schreibart bilden, wodurch unsre Sprache bestimmen und regeln als durch die besten Schriftsteller unsrer Nation? Ja, wodurch sollen wir Patriotismus und Liebe zu unserm Vaterlande erlangen als durch seine Sprache, durch die vortrefflichsten Gedanken und Empfindungen, die in ihr ausgedrückt, die wie ein Schatz in sie gelegt sind. Gewiß irrten wir nicht nach einem Jahrtausend, in dem unsre Sprache geschrieben ist, in manchen Wortfügungen noch jetzt zweifelnd umher, wenn wir von Jugend auf unsre besten Schriftsteller kennten und sie uns zu Führern wählten. Indessen soll keine Liebe zu unsrer Nation uns hindern, allenthalben das Gute zu erkennen, das nur im großen Gange der Zeiten und Völker fortschreitend bewirkt werden konnte. Jener Sultan freute sich über die vielen Religionen, die in seinem Reich, jede auf ihre Weise, Gott verehrten; es kam ihm wie eine schöne, bunte Aue vor, auf der mancherlei Blumen blühten. So ist's mit der Poesie der Völker und Zeiten auf unserm Erdrunde: in jeder Zeit und Sprache war sie der Inbegriff der Fehler und Vollkommenheiten einer Nation, ein Spiegel ihrer Gesinnungen, der Ausdruck des Höchsten, nach welchem sie strebte ( oratio sensitiva animi perfecta ). Nach der Begriffsbestimmung des Gründers der Aesthetik, Alexander Gottlieb Baumgarten , auf die auch Lessing in der Abhandlung »Pope ein Metaphysiker« sich stützt. – D. Diese Gemälde (minder und mehr vollkommene, wahre und falsche Ideale) gegen einander zu stellen, giebt ein lehrreiches Vergnügen. In dieser Galerie verschiedner Denkarten, Anstrebungen und Wünsche lernen wir Zeiten und Nationen gewiß tiefer kennen als auf dem täuschenden, trostlosen Wege ihrer politischen und Kriegs-Geschichte. In dieser sehen wir selten mehr von einem Volke, als wie es sich regieren und tödten ließ; in jener lernen wir, wie es dachte, was es wünschte und wollte, wie es sich erfreute und von seinen Lehrern oder von seinen Neigungen geführt ward. Freilich aber mangeln uns noch viel Hilfsmittel zu dieser Uebersicht in die Seelen der Völker. Griechen und Römer beiseite gesetzt, hangen über dem Mittelalter, aus welchem bei uns Europäern doch Alles hervorging, noch dunkle Wolken. Meinhard 's schwacher »Versuch über die italienischen Dichter« J. R. Meinhard , »Versuche über den Charakter und die Werke der besten italienischen Dichter«. Vgl. Herder's Werke. I. S. 251. – D. ist nicht einmal bis auf Tasso fortgesetzt, geschweige etwas Aehnliches bei andern Nationen ausgeführt worden. Ein »Versuch über die spanischen Dichter« ist mit dem gelehrten Kenner dieser Literatur, dem Herausgeber des Velasquez, Diez , gestorben. Auf drei Wegen kann man sich eine Uebersicht dieses blumen- und fruchtreichen Feldes menschlicher Gedanken verschaffen, und jeder ist betreten worden. Eschenburg 's beliebte »Beispielsammlung« Seine »Beispielsammlung zur Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften« in acht Bänden war im Jahre vorher vollendet worden. – D. wählt, seiner Theorie gemäß, den Weg der Gattungen und Arten ; für Jünglinge ein lehrreicher Weg bei einem geschickten Führer; denn oft kann ihn ein Name, der sehr verschiedene Dinge bezeichnet, ganz irre leiten. Homer's, Virgil's, Ariost's, Milton's, Klopstock's Werke tragen einen Namen der Epopöe und sind doch selbst nach dem Kunstbegriff, der in den Werken liegt, geschweige nach dem Geist, der sie beseelt, ganz verschiedene Productionen. Sophokles, Corneille und Shakespeare haben als Trauerspieldichter nur den Namen gemein; der Genius ihrer Darstellungen ist ganz verschieden. So bei allen Gattungen der Dichtkunst bis zum Epigramm hinunter. Andre haben die Dichter nach Empfindungen geordnet, da denn insonderheit Schiller S. die »Horen«, November, December 1795; Januar 1796. – H. Der Aufsatz, der in Schiller's Werken (in unserer Ausgabe XV. 468 ff.) unter der Aufschrift: »Ueber naive und sentimentalische Dichtung« steht. – D. viel Feines und Vortreffliches gesagt hat. Allein wie sehr laufen die Empfindungen in einander! welcher Dichter bleibt einer Empfindungsart dergestalt treu, daß sie seinen Charakter, zumal in verschieden Werken, bezeichnen könnte? Oft rührt er ein Saitenspiel von vielen, ja von allen Tönen, die sich eben durch Disharmonien heben. Die Welt der Empfindungen ist ein Geister-, oft ein Atomenreich; nur die Hand des Schöpfers vermag daraus Gestalten zu ordnen. Die dritte, wenn ich so sagen darf, Naturmethode ist, jede Blume an ihrem Ort zu lassen und dort ganz, wie sie ist, nach Zeit und Art von der Wurzel bis zur Krone zu betrachten. Das demüthigste Genie haßt Rangordnung und Vergleichung; es will lieber der Erste im Dorf sein als der Zweite nach Cäsar. Nach einem bekannten Ausspruche Cäsar's, er wolle lieber in einem kleinen Städtchen der erste als zu Rom der Zweite sein ( Plut., Caes . 11). – D. Flechte, Moos, Farrenkraut und die reichste Gewürzblume, jedes blüht an seiner Stelle in Gottes Ordnung. Man hat die Dichtkunst subjectiv und objectiv , nach den Gegenständen, die sie schildert, und nach den Empfindungen, mit denen sie Gegenstände darstellt, geordnet; ein wahrhafter und nützlicher Gesichtspunkt, der auch zu Charakterisirung einzelner Dichter, z. B. Homer 's und Ossian's, Thomson's und Kleist 's u. A., der rechte scheint. Homer nämlich erzählt die Geschichten seiner Vorwelt ohne merkliche besondre Theilnehmung; Ossian singt sie aus seinem verwundeten Herzen, aus seiner traurig-fröhlichen Erinnerung. Thomson schildert Jahrszeiten, wie die Natur sie giebt; Kleist singt seinen Frühling, mit oft einbrechenden Gedanken an sich und seine Freunde, als eine Rhapsodie, von Ansichten mit Empfindung beseelt. Indessen auch dieser Unterschied bezeichnet Dichter und Zeiten der Dichtkunst sehr leise; denn auch Homer nimmt Theil an seinen Gegenständen, als Grieche, als Erzähler, wie in den mittleren Zeiten die Balladensänger und Fabliers , wie in neueren Zeiten Ariost und Spenser, Cervantes und Wieland . Ein Mehreres zu thun, wäre außer seinem Beruf gewesen und hätte seine Erzählung gestört. In Anordnung und Bezeichnung seiner Gestalten aber singt auch Homer auf die höchste Weise menschlich; wo es uns nicht also scheint, liegt der Unterschied an der Denkart der Zeiten und ist sehr erklärbar. Ich getraue mich, in den Griechen jede reine menschliche Gesinnung, vielleicht im schönsten Maaß und Ausdruck, aufzufinden; nur Alles an Ort und Stelle. Aristoteles' »Poetik« hat Fabel, Charaktere, Leidenschaften, Gesinnungen unübertrefflich geordnet. Zu allen Zeiten war der Mensch derselbe; nur er äußerte sich jedesmal nach der Verfassung, in der er lebte. Sehr mannichfaltig ist die Poesie der Griechen und Römer, in ihren Wünschen und Klagen, in ihren Beschreibungen voll Lust und Freude. So die Poesie der Mönche, der Araber, der Neueren. Den großen Unterschied, der zwischen dem Morgen- und Abendlande, zwischen Griechen und uns eintrat, hat keine neue Kategorie, sondern die Vermischung der Völker, der Religionen und Sprachen, endlich der Fortgang der Sitten, der Erfindungen, der Kenntnisse und Erfahrungen bewirkt; ein Unterschied, der schwerlich mit einem Wort auszudrücken sein möchte. Wenn ich bei einigen Neuern das Wort Dichter aus Reflexion gebrauchte, so war auch dies unvollkommen; denn ein Dichter aus bloßer Reflexion ist eigentlich kein Dichter. Der Poesie Grund und Boden ist Einbildungskraft und Gemüth , das Land der Seelen . Ein Ideal der Glückseligkeit, der Schönheit und Würde, das in Deinem Herzen schlummert, weckt sie auf durch Worte und Charaktere; sie ist der Sprache, der Sinne und des Gemüths vollkommenster Ausdruck. Kein Dichter kann dem Gesetz entgehen, das in ihr liegt; er zeigt, was er habe Der erste Druck liest statt habe : »hat«. – D. und nicht habe. Auch kann man in ihr Ohr und Auge nicht sondern. Die Poesie ist keine bloße Malerei oder Statuistik, die Gemälde, wie sie sind, ohne Absicht darstellen könnte; sie ist Rede und hat Absicht . Auf den innern Sinn wirkt sie, nicht auf das äußere Künstlerauge; und zu jenem innern Sinn gehört bei einem gebildeten oder zu bildenden Menschen Gemüth, moralische Natur , mithin bei dem Dichter vernünftige und humane Absicht . Die Rede hat etwas Unendliches in sich: sie macht tiefe Eindrücke, die ja eben die Poesie durch ihre harmonische Kunst verstärkt. Nie kann also der Dichter blos ein Maler sein wollen. Er ist Künstler vermöge der eindringenden Rede, die das Object, das sie malt oder darstellt, auf einen geistigen, moralischen , gleichsam unendlichen Grund, ins Gemüth , in die Seele malt. Sollte also nicht auch bei dieser, wie bei allen Reihen fortgesetzter Naturwirkungen, ein Fortgang unumgänglich sein? Ich zweifle daran, den Fortgang recht verstanden, gar nicht. In Sprache und Sitten werden wir nie Griechen und Römer werden; wir wollen es auch nicht sein. Ob aber der Geist der Poesie durch alle Schwingungen und Excentricitäten, in denen er sich bisher nationen- und zeitenweise periodisch bemüht hat, nicht dahin strebe, immer mehr und mehr, so wie jede Grobheit des Gefühls, so auch jeden falschen Schmuck abzuwerfen und den Mittelpunkt aller menschlichen Bemühungen zu suchen, nämlich die ächte, ganze, moralische Natur des Menschen, Philosophie des Lebens – dieses wird mir durch Vergleichung der Zeiten sehr glaubhaft. Auch in Zeiten des größten Ungeschmacks können wir uns nach der großen Regel der Natur sagen: » Tendimus in Arcadiam, tendimus !« Nach Virgil's: » Tendimus in Latium« (Aen . I. 205). – D. Nach dem Lande der Einfalt, der Wahrheit und Sitten geht unser Weg. ——— Neunte Sammlung (1797.)   108. In den Fragmenten über die Poesie der neueren Völker als einer Fördrerin der Humanität S. Brief 81, 82, 84, 87. 89, 91, 95, 97. 107. – H. fanden unsre Freunde Manches bedenklich. A. glaubte, daß seiner Lieblingsnation, den Franzosen, B., daß seinem begünstigten Volk, den Briten, im Anschlage ihres Verdienstes nicht Gnüge geschehen sei. C. meinte, daß die Poesie der Trobadoren sich anderswoher leite, und daß man auch dem Reim nicht gnug Gerechtigkeit widerfahren lassen; er sei wirklich ein Zuwachs des Wohlklanges und der Schönheit. D. E. F. sind der Meinung, daß die Verdienste unsers Vaterlandes gegen andre Völker viel zu hoch gesetzt seien, und daß ein unverdientes Lob dieser Art nur den Bettel- und Bauernstolz unsrer Landsleute nähre. Sie hätten, meinte F., bei der ungeheuren Gutmüthigkeit , die Sie den Deutschen als einen Grundzug ihres Charakters zuschreiben, auch die ihnen angeborne Lust zu dienen , gefällige Sclaven und mit ganzer Gutmüthigkeit freudige Werkzeuge der Gewaltthätigkeit, des Uebermuths zu sein, nicht vergessen sollen. Da er Europa durchreist hat, so führt er ein langes Register der Ehrennamen an, die alle civilisirte und uncivilisirte Nationen, nah und fern, Italiener, Spanier, Franken, Briten, Dänen, Schweden, selbst Russen, Wenden, Liven, Esthen und Polen, den Deutschen geben. Worüber ganz Europa einig sei, meint er, müsse doch wol etwas Wahres in sich enthalten. Geschichte, Sprichwörter, selbst der Staatskalender zu Peking standen ihm dabei zu Hilfe, in welchem letzten die Deutschen als ein Volk charakterisirt sein sollen, das in aller Völker Diensten ist und zwischen zwei Federbetten schläft. G. wunderte sich, warum Sie die Politik von der Poesie ausgeschlossen haben wollten, da dem, was die Menschen humanisire, jedes Feld offen, jede Materie zu Gebot stehen müsse. H. begriff nicht recht, wohin Sie für die Poesie mit Ihrer Einfalt und Wahrheit wollten, so daß es noch lebendige, abwechselnd reiche Poesie bliebe. Und I. fragte, woher unsern Dichtern diese Einfalt und Wahrheit kommen solle. Antworten Sie Ihren Freunden! ——— 109. Kein Vorwurf ist drückender als der, fremden Nationen Unrecht gethan zu haben, zumal wenn sie in Werken des Geistes unsre Wohlthäterinnen waren; er muß also zuerst abgewälzt sein. Daß es schwer sei, eine Nation in einem so vielumfassenden, feinen und vielseitigen Geschäft, als das Humanisiren durch Sprache und Werke des Geschmacks ist, mittelst einiger Worte zu charakterisiren, haben Fragmente und Briefe gern und oft gestanden. Eher könnte man alle Gestalten Proteus' in ein Wort, alle Verwandlungen Ovid 's in ein Bild fassen, als mit ein paar Worten den Geist der verschiedensten Völker, wie er sich Jahrhunderte hinab erwiesen, darstellend zu zeichnen. In dieser Verlegenheit zeichnet man eine Außenlinie von innen mit wenigen Zügen und überläßt es dem Gemüth des Anschauenden, dieses Sbozzo zu ergänzen. Die Geschichte des Volks, seine Geistesproducte müssen ihm bekannt sein, sonst war für ihn der Umriß vergebens gezeichnet. Was man bei solchen Charakterzeichnungen nicht angiebt, leugnet man deshalb noch nicht. Vielleicht ward es vorausgesetzt, vielleicht folgt's; nur als der erste hervorspringende Charakterzug konnte es nicht angeführt werden, weil es dieser – nicht war. Wenn z. B. der französischen Nation eine vorzügliche Ausbildung ihrer Sprache zur Klarheit , zur Präcision , zur Politesse als ein Lob angerechnet wird, sollte damit gesagt sein, mit dieser hellen, präcisen, politen Sprache könne sie nicht rühren ? In eines jeden großen Schriftstellers Händen ist die Sprache ein eigenes Ding: er braucht und formt sie nach seinem Gefallen; sein Charakter, sein Geist, sein Herz belebt sie. Montaigne 's und Rousseau's, Pascal's und Diderot's, Voltaire's und Fénélon 's Schreibart ist dem Charakter nach gewiß nicht dieselbe; und doch schrieben sie in der auch zu Corneille 's und Bossuet 's Pracht, zu des Racine empfindlichen Zartheit, zu Fontenelle 's witzigen Nettigkeit ausgearbeiteten Sprache. Kann man der Rede überhaupt ein größeres Lob beilegen, als daß sie sich der Klarheit und Präcision, der Gewandtheit und Artigkeit befleißigt? In einer solchen Sprache wird sich Alles ausdrücken lassen. Wie sie zu unserm Verstande spricht, wird sie auch zu unserm Herzen zu sprechen wissen und dies, als wäre es der Verstand, sanft überreden, verständig rühren. Als aus der alten romanischen Sprache die französische sich mit ihren Schwestern, der italienischen, castilianischen, gallicischen u. s. w., bildete, zeigte sich bald ihr Charakter. Nach dem Verfall des römischen Reichs, unter den Königen des ersten und zweiten Stammes war sie jenen ihren Schwestern noch sehr ähnlich; allmählig aber legte sie die Fesseln, selbst der Harmonie, des italienisch-castilianischen Wohllauts ab, wo er ihr eine schwere Rüstung dünkte; sie warf Buchstaben, Silben, ganze Worte hinweg und flog leicht in die Lüfte. Man erzählte, sang, sprach, lachte, gesticulirte. Als die Scholastik aufkam, disputirte man; die Abstractionen des lateinischen Schulgeistes gingen in die verwandte Sprache des Landes und Volks unvermerkt über. Einer Sprache, die Zweideutigkeiten unablässig ausgesetzt ist, mußte man, als sie sich regelte, durch eine desto genauere Construction und Wortordnung helfen. Keinem Volk wäre dies eingefallen, dem nicht schon eine Art sprechender Vernunft zur Regel geworden war; und so wurde die französische Sprache, was sie ist, eins an leichten Abstractionen reiche Sprache, die sich durch Ordnung, durch Wendungen helfen mußte und zur Ehre des Geistes der Nation tausendfach geschickt aushalf. Welch einen bedächtigem Gang nahmen die italienische, spanische, und welchen schwereren die deutsche Sprache! Man entnimmt einer Nation nichts, wenn man ihr das Eigentümliche ihrer Ausbildung zum Ruhme anrechnet. Dahin gehört auch, daß sie gern repräsentire . »Was heißt hier repräsentiren?« fragt unser Freund. Ich antworte: aus sich selbst etwas machen, sich werth halten und ein natürliches Bestreben äußern, daß auch der Andre unsern Werth anerkenne; mit einem Wort, sich ihm vorstellen, vorspiegeln . Wenn diese Selbstschätzung auf etwas Wahres und Gutes geht, ist sie nicht verwerflich; mancher andern Nation möchte man wünschen, daß sie sich selbst mehr anerkenne und ehre. Auch die Tendenz, in Andrer Augen zu sein, was man gern sein möchte, ist aufmunternd, ein Sporn zu vielem auszeichnend Guten und Edeln. Nenne man's Eitelkeit, Selbstliebe; diese Eitelkeit, die uns mit Andern bindet, sie zum Spiegel unsrer Vorzüge macht, ist, ohne Aufdringlichkeit und Arroganz, ein sehr verzeihlicher Fehler. Wer kann es leugnen, daß die französische Nation, so oft sie konnte, der Welt ein Schauspiel gab ,daß sie immer gern die zündende Lunte vortrug und aufregtet War sie es nicht, die unter Karl dem Großen die alte Römermacht in gothischer Form zurückbringen wollte und auf kurze Zeit wirklich zurückbrachte? War sie es nicht, die mit ihrem Rittergeist ganz Europa zum heiligen Grabe trieb? Französische Familien waren es, die zu Jerusalem und eine Zeit lang in Constantinopel herrschten. Ein französischer König war es, der siebenzig Jahre lang Rom nach Avignon verlegte und durch diesen Zug im Schachspiel die Päpste zu seinen folgsamen Dienern machte. Nach Frankreich wanderten Jahrhunderte lang Edle und Fürsten, um dort die Rittersitte, das Hofcerimoniel, die leichteste und beste Lebensart zu lernen, bis endlich von Paris und Versailles aus der französische Ton, die französische Sprache als Mode sich über die Welt ausgoß. Sein Kleinstes hat Frankreich bemerkbar zu machen gesucht; in allen Staatsveränderungen und Unterhandlungen hatte lange es die Hand und trat gern hervor, zu sagen: »Seht, daß ich da bin, und wie ich 's treibe!« Hieße dies nicht repräsentiren ? Der Ton der guten Erziehung, des Unterschiedes der Stände, der anständigen Lebensart, des höflichen Ausdrucks, der ganze Charakter der französischen Sprache ist eine Art Repräsentation. Selbst wenn der Franzose mit Gott spricht, er repräsentirt. Aber auch diese Eigenheit ist kein Vorwurf. Denn bei dem Scheinen kann man ja auch sein , beim Repräsentiren auch leisten . Außer den Griechen ist mir kein Volk der Geschichte bekannt, das beide Eigenschaften so leicht zu verbinden, so unvermerkt zu verschmelzen wußte, als dieses. Das Sprichwort sagt: »Der Franzose scheint oft klüger, als er ist; der Spanier ist oft klüger, als er scheint.« Mit dem Wort Repräsentation auf dem Theater, in Gesellschaften, bei Aufzügen, Feierlichkeiten sollte gar nichts Nachtheiliges gesagt sein. Einmal sind die Helden des Corneille und Racine keine römische Helden; das französische Theater sollte kein griechisches, sondern ein französisches Theater sein: wer hätte etwas dagegen? Die Nation war über die Regeln des Geschmacks, der guten Lebensart, des Ausdrucks der Empfindungen mit sich selbst übereingekommen ; welcher Ausländer hätte Recht, dies zu tadeln? Er dürste ja nicht hingehen, um jene Repräsentation des Hofes, der Akademien, des Theaters, der Oper, der Parlamente, der Lustschlösser und Gärten zu bewundern . An ihnen, auch in ihren Fehlern zu lernen, blieb ihm ein weites Feld. Eben nun in dies Feld lockt die allgemeine Charakteristik der Völker . Daß jede Nation zu ihrer Zeit, auf ihrer Stelle nur das war, was sie sein konnte, das wissen wir Alle; damit aber wissen wir noch wenig. Was jede in Vergleich der andern war, wie sie auf einander wirkten und fehlwirkten, einander nutzten oder schadeten, aus welchen Zügen nach und nach das Bild zusammengeflossen sei, das wir als die Tendenz unsers gesammten Geschlechts , als die höchste Blüthe der Schönheit, Wahrheit und Güte unsrer Natur verehren, das ist die Frage. ——— 110. Da wendet sich nun freilich das Blatt. Germanus fragt nicht, was Nachbar Gallus ihm, dem Gallus, sondern ihm, dem Germanus gewesen sei, sein könne und sein dürfe. Und hierüber giebt die Geschichte klare Auskunft. Die alten Gallier und Germanen wollen wir ruhen lassen. Sie waren gegen einander bald Freunde, bald Feinde, die Germanen das rohere Volk, beide aber nicht von einerlei Stammesart, Sprache, Sitten und Gebräuchen. Von Karl dem Großen fängt die unglückliche Vereinigung an, die Deutschland Leides genug gebracht hat, ob Karl gleich selbst ein Frank und Deutscher war und in bester Absicht seine Anstalten machte. Ihm sind wir die dreißigjährigen blutigen Kriege und Verheerungen des damaligen Sachsenlandes, ihm die Unterjochung Deutschlands bis über die Elbe zur ungrischen Grenze hin, ihm die erste Zerstörung der alten germanischen Verfassung, die den Römern nie hatte gelingen wollen, die Einführung des römisch-gallischen Christenthums, ihm und seinen Nachkommen die Pflanzung so vieler Bischofssitze, Domcapitel und Abteien längs dem Rhein und der Donau, ihm und ihnen die Sündfluth von Uebeln schuldig, unter denen Germanien endlich zum stehenden und abgestandenen, verwachsenen Teich ward. Die kurze Verbindung Germaniens mit der fränkischen Monarchie hat Deutschland in ein Labyrinth gezogen, aus welchem es der Lauf tausend folgender Jahre nicht hat erretten mögen. Sobald beide Reiche getrennt wurden, suchte Frankreich sich zu consolidiren; Deutschland blieb von außen und innen im ewigen Streit mit einer furchtbaren, der geistlichen Macht, die es im Namen der Christenheit in Schranken halten sollte, wenn es darüber auch selbst zu Grunde ginge und sich ganz und gar vergäße. Dies Amt hatte ihm das gallische Christenthum, die fränkische Monarchie aufgebürdet; ein deutscher Kopf hätte schwerlich nach solchem gefährlichen Diadem gestrebt. An den Ritter- und Kreuzzügen, die Frankreich ausbrachte, hat kein Land so viel Theil und so viel Schaden genommen als Deutschland. Jene Cultur, die man Blüthe des Rittergeistes nennt, ließ sich durch Kreuzzüge nicht erringen, wenn der Same dazu nicht in den Menschen selbst vorhanden war; leider aber haben der französische und deutsche Ritter sich immer wesentlich unterschieden. Was in dem einen Lande zur Verfeinerung der Sitten, zur Veredlung gereichte, ging in dem andern auf Plünderung und Unterdrückung, zuletzt aufs rohe Faustrecht hinaus. Um französische Ritter auf den Thronen Palästina's aufrecht zu erhalten, zogen deutsche Kaiser mit gewaltigen Heeren gerade in einem Zeitalter aus, da ihre Anwesenheit in Deutschland am Nöthigsten war; denn nachdem andre Länder in ihrer inneren Verfassung und Consolidation stark vorgeschritten waren, sollte eben die Zeit der schwäbischen Kaiser für Deutschland entscheiden. Sie entschied so, daß nach dem Tode des letzten kreuzziehenden Kaisers Friedrich II. das deutsche Reich dreiundzwanzig Jahre lang öffentlich ausgeboten ward und fast Niemand eine so drückende Krone annehmen wollte. Wie oft zog auch in den folgenden Zeiten Frankreichs trügender Glanz die Deutschen an sich, um sie angenehm zu vergolden! Wer will uns eine Geschichte der Fürsten, Prinzen, Grafen und Ritter geben, die Jahrhunderte hinab in Frankreich Bildung, Fortkommen, Ehre suchten und getäuscht zurückkamen? »Die den Deutschen ohnehin seit langer Zeit eigne Nachahmungssucht erhielt ungemeine Nahrung durch das immer mehr zur Gewohnheit werdende Reisen. Man wird kaum die Lebensbeschreibung eines etwas bedeutenden Mannes vom Adel der damaligen Zeiten finden, wo nicht seiner gethanen Reisen Erwähnung geschähe. Fremde Sprachen, Sitten und Moden waren dasjenige, woraus ihre Landesleute nach der Heimkunft schließen sollten, was sie für einen Mann vor sich hätten. Selbst die Vielen vom Adel sowol als dem Volk, die wegen der Kriegsdienste so häufig nach Frankreich und den Niederlanden zogen, brachten meistens, anstatt des fremden Geldes, das sie zu erhaschen geglaubt, nichts zurück als fremde Moden und Grimassen. Dadurch ward der Abstand von den vorigen Sitten in kurzer Zeit so groß, daß mehrere deutsche Fürsten selbst in ihren Testamenten ihre Söhne vor fremder Pracht warnten.« Schmidt 's Geschichte der Deutschen, Th. 9. S. 129 f. – H. Die Universität zu Paris, zu der man ebenso gewaltig hinströmte, hat in Vielem eben also die Welt getäuscht. Als endlich die Sonne des französischen Hofes in ihrem Mittage strahlte, als die Sprache, die Sitten, die Verhandlungen desselben fast allenthalben in Europa den Ton angeben wollten: wer ist, insonderheit seit dem westphälischen Frieden, dadurch mehr zu kurz gekommen als Deutschland? Jeder kleine Hof sollte ein Versailles, jede adlige Gesellschaft ein Cirkel französischer Ducs et Marquis, Princesses et Comtesses werden. In Erziehung, Sitten, Sprache, Lebenszweck und Lebensführung trennten sich die Stände. Was diese über ein Jahrhundert fortdauernde französische Propaganda und Propagata den Deutschen für Unheil geboren, davon soll ein andrer Brief reden. Beschämt und verwirrt lege ich die Feder nieder; spreche darüber ein Franzose selbst. ——— Prémontval gegen die Gallicomanie oder den falsch-französischen Geschmack. Gelesen in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1759. – H. Die sieben Abhandlungen von A. P. Le Guay Prémontval , der mit den Berliner Gelehrten in genauer Verbindung stand: » Préservatif contre la corruption de la langue Française en Allemagne «, waren in zwei Bänden 1759–1764 erschienen. Prémontval starb am 3. September 1764 als Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin, wohin er 1752 gekommen war. – D. Die Gallicomanie oder der falsch-französische Geschmack, worauf hat er sich nicht heut zu Tage fast durch ganz Europa verbreitet? Sitten, Gebräuche, Moden, Kleider, Manieren, Phantasien, Capricen, in alle diesem wie viel ungeschickte Affen, wie viel schlechte Copien von leidlichen Originalen giebt's nicht allenthalben? Man hat nicht ohne Grund gesagt, daß der Franzose meistens nur lächerlich sei, indeß der Fremde, der ihn in seinem Lächerlichen nachahmt, aufs Aeußerste widrig und abgeschmackt werde. Wollte ich diese Wahrheit verfolgen und die zahllosen Porträte zeichnen, die sie sehr sinnlich machen, welch ein weites Feld läge vor mir! Ich will mich aber nur an die französische Sprache und Literatur halten. 1. Woher der französische Geschmack in Deutschland? Unter allen europäischen Nationen ist's ohne Widerrede die deutsche Nation, die sich am Meisten bestrebt, unsern Geschmack nachzuahmen; bei ihr hat sich unsre Sprache am Allgemeinsten verbreitet. Und das aus verschiedenen Ursachen. Die erste ist ihr gemeinschaftlicher Ursprung. Beide Nationen können sich als Schwestern ansehen, oder die deutsche kann sogar mit einigem Wohlgefallen die französische als eine Tochter betrachten, die ihr oft Ehre gemacht hat. Die zweite Ursache ist die nahe Nachbarschaft beider Nationen. Keine unersteiglichen Berge, kein gefahrvolles Meer trennt sie, sondern ein bloßer Strom, mit Städten besetzt, in welchen man zum Theil schon beide Sprachen redet. Auch giebt es drittens keine Rivalität und Eifersucht zwischen beiden Völkern. Nie haben sie so lange, grausame und große Angelegenheiten betreffende Kriege gegen einander geführt, als z. B. Frankreich mit England und Spanien. Dazu kommt viertens , daß unsre Armeen entweder als Freunde oder als Feinde zu verschieden Zeiten in alle Theile von Deutschland gedrungen sind und die Völker mit unsern Gebräuchen und mit unsrer Sprache bekannt gemacht haben. Auch findet die deutsche Nation Geschmack am Reisen und reist gewöhnlich zuerst nach Frankreich. Fünftens hat die Auswanderung der refugiés unsre Bücher, unsre Manufacturen, unsre Künste, unsern Geschmack, unsre Gebräuche, unsre Sprache nirgend so leicht verbreitet, nirgend so viel und so zahlreiche Colonien gestiftet, als in Deutschland. Darf ich noch hinzusetzen, daß die große Anzahl von Höfen und Souveräns, die den deutschen Staatskörper theilen, auch eine der Ursachen gewesen, die zu Verbreitung des französischen Geschmacks in Deutschland mächtig gewirkt? Nichts ist gewisser als dieses. In Deutschland giebt's große und kleine Höfe, diese in einer großen Anzahl, von jenen acht oder neun. Beide haben hiebei auf verschiedne Art mitgewirkt. Die kleinen Souveräns, Prinzen, Grafen, Barons sehen eine Ehre darin, wie Personen von niederm Range zu reisen, ja mehr als diese gereist zu sein. Fast Alle gehen nach Frankreich, fast Alle bringen ganze Jahre zu Paris oder am Hofe zu, mit einem ansehnlichen Gefolge. Werden sie nicht ihren dort angenommenen Geschmack in ihre Residenzen, d. i. in hundert und hundert Orte in Deutschland, mitnehmen? Diesen theilen sie sodann zuerst ihren kleinen Höfen und Unterthanen durch den Einfluß mit, den jeder Souverän, groß oder klein, über die Geister Derer hat, die in seiner Dependenz sind. Von da aus verbreitet sich dieser Geschmack mit Hilfe des Triebes, den alle Menschen zur Nachahmung haben, allmählig weiter. Das Alles wäre nicht so, wenn diese kleinen Souveräns nur reiche Hofleute ( grands Seigneurs ) wären, die nach ihrer Rückkunft aus Frankreich sich in einer Hauptstadt, wie Madrid, London u. s. w., sich in einer Menge verlören. An einem Hofe, wo ein Einzelner für seine Person wenig bedeutet, im Ganzen aber ein festgesetzter, bestimmter Ton und Charakter herrscht, wird ein englischer Lord, ein spanischer Grand den Firniß, den er nachahmend auf Reisen an sich gezogen hatte, bald wegthun, und zwar aus ebendemselben Principium der Nachahmung. Er wird sich mit Andern, die ihn umgeben, in Unison setzen, oder wenigstens wird sein Restchen fremder Farbe keinen großen Einfluß haben. Glückes gnug, wenn man ihn nicht lächerlich findet! 2. Folgen der Gallicomanie in Deutschland Der erste Mißbrauch, der aus diesem verbreiteten französischen Geschmack entspringt, ist, daß man seine eigne Sprache vernachlässigt – woran man gewiß Unrecht hat; ich kann es nicht gnug wiederholen – ein schreiender Mißbrauch. Mit einem Wort, es geht so weit, daß eine ungeheure Menge von Personen sich piquirt , nur französisch zu lesen, und daß sie es endlich so weit bringen, ihre eignen Schriftsteller nicht mehr verstehen zu können. Ich habe, ja, ich habe Deutsche gekannt, Leute von Geist und Verdienst, die das Beste, das wir in unsrer Sprache prosaisch und poetisch haben, mit Nutzen lasen und gestanden, daß sie die Dichter ihrer eignen Sprache durchaus nicht verstünden, sogar behaupteten, daß die Schuld hiebei an den Dichtem, nicht an ihnen selbst liege. Ich mußte ihnen zeigen, daß an ihrer Seite die Schuld sei, da ihnen alle Uebung und Bekanntschaft mit einer Sprache fehle, die sich über die gemeine Volkssprache nur etwas erhebt. Sie verwunderten sich, wenn ich ihnen versicherte, daß mich diese Sprache nicht abschreckte, daß sie mir vielmehr leichter würde als die platte, schwatzhafte Prose der Zeitungsschreiber. Diese völlige Unbekanntschaft mit den Dichtern ihrer eignen Nation ist in Deutschland der Fall bei so vielen Personen, daß es ein wahres Wunder ist, daß man in diesem Lande dennoch die Musen cultivirt. Sehr wenige Deutsche also wissen ihre Sprache, außer einem gewissen Geschwätz des täglichen gemeinen Lebens; denn man weiß eine Sprache nicht, deren Dichter man nicht versteht. Und da der ausschweifende Geschmack an der französischen Literatur daran Schuld ist, so wundert mich der Verdruß und Unwille nicht, mit dem ihm mehrere Gelehrte Deutschlands begegnen. Ein andrer nicht weniger empfindlicher Mißbrauch, der die Deutschen von Einsicht aufbringt, ist die tolle Wuth, jeden Augenblick französische Worte und Redarten im Deutschen anzubringen – eine Raserei, die auch die besitzt, die selbst kein Französisch wissen. Unsre Sprache, wer sollte es glauben? die Sprache eines Volks, das der Pedanterei so feind ist, ist zur andringlichsten, unausstehlichsten Pedanterei selbst bei der deutschen Nation worden. Alles dies ist bizarr und dient zu nichts Gutem. Beide Sprachen leiden dabei, selbst wenn man die eine und die andre Sprache vollkommen inne hat; meistens fährt eine von beiden dabei sehr übel. Ein jargon wird daraus, unwürdig jedes verständigen und vernünftigen Wesens! In Wahrheit, der Geschmack für die französische Sprache hat der deutschen Nation einen übeln Dienst gethan, und zum Unglück darf man kaum hoffen, einem so tief eingewurzelten Uebel abzuhelfen. Ich sage dies Alles gegen meinen Privatvortheil; denn ich verstehe das Deutsche nur in Büchern. Die beiden Mißbräuche, deren äußerstes Uebermaaß ich bemerkt habe, gereichen beiden Sprachen, der erste der deutschen, der zweite der deutschen und französischen, unendlich zum Schaden; sie sind aber nichts gegen einen dritten Nachtheil, der auf nichts Geringeres ausgeht, als den Geist und Geschmack der Nation selbst im Grunde zu verderben. Und dies geschieht unfehlbar durch die Wahl einer üblen Lectüre und durch den schlechten Gebrauch der besten Schriften. Glaube man doch nicht, daß diese übertriebnen Liebhaber der französischen Sprache, die sie radebrechen, ihre wahren Schönheiten und die in ihr geschriebenen schätzbarsten Werke je gekannt haben! Sind sie dazu fähig? Guter Gott! Die Geistesgestalt, die ihnen die Schönheiten ihrer eignen Sprache so ganz und gar mißkenntlich macht, daß sie sie vernachlässigen und auf die erbärmlichste Art verderben, diese Geistesbildung, oder vielmehr diese für jede Sprache, für jede Literatur mißgebildete Schiefheit und Unform bringt zu unsern Schriftstellern eine Grundlage von Pedanterei, die ein wahrer Antipode von aller Delicatesse des wahren französischen Geschmacks ist. Oder sie bringen einen Leichtsinn zu ihnen, der nur den Namen des schlechtesten, eines falschen französischen Geschmacks verdient. Wissen sie nur einmal, was es sei, gute Schriftsteller lesen? Wissen sie, daß es nicht zu viel ist, sie zehn-, zwanzig-, dreißigmal mit Geschmack, mit Fleiß und Anstrengung lesen, um sie zu verdauen, um ihren Inhalt in Blut und Saft zu verwandeln? Nichts weniger als dieses. Eine einmalige flüchtige Lectüre. Und wessen? Einer kleinen Zahl von Werken, die den meisten Ruf hat, die man sich rühmen will gelesen zu haben; ein zwanzig vielleicht, von denen ihnen nichts blieb, selbst die bekanntsten Anspielungen nicht, die in der Gesellschaft oder in den Schriftstellern vorkommen. Viele große Liebhaber der französische Lectüre wußten nicht, wer Cotin sei, und verwandelten ihn sehr gelehrt in Catin . – Prémontval. Endlich nur neue Bücher, nur Zeitschriften! In Frankreich unterscheidet man gute und schlechte Bücher; man tadelt den falschen Geschmack und seufzt über den Verfall der Wissenschaft, indeß in Deutschland die Verfechter der französischen Literatur weit entfernt sind, so etwas auch nur zu vermuthen. Leute von Geschmack wissen es und schweigen; man schwimmt nicht gern gegen den Strom. Und ich, der ich es zuerst wage, welchen Widersprüchen und Tracasserien setze ich mich aus! Welch eines Muths, welcher Geduld habe ich nöthig! Woher kommt's, daß in England der falsch-französische Geschmack die bösen Wirkungen nicht hervorgebracht hat wie in Deutschland? Die Ursache ist klar. Die Neigung für unsre Literatur und Sprache war da viel gemäßigter. Der Nationalhaß erregte Mitbewerbung; man las nicht sinnlos, man starrte nicht bewundernd an, sondern eiferte nach und voran. Diese Eifersucht, so ungerecht sie manchmal war, hatte für die Nation eine gute Wirkung. Man ließ sich nicht unterjochen, am Wenigsten so weit, daß man seine eigne Sprache aufgegeben, die Werke seiner Mitbürger verachtet und diese durch den Mangel an Aufmerksamkeit für ihre Bemühungen ganz muthlos gemacht hätte, wie man es in Deutschland gethan hat, und am Ende wozu gethan hat? Um eine fremde Sprache schlecht zu verstehen, sie noch schlechter zu sprechen und in ihr nichts als Thorheiten zu lesen. Schöner Gewinn dafür, daß man in seinem Lande ein doppelter Barbar wird! Lohnte dies der Mühe, sich mit unsrer Literatur zu überstopfen, gesetzt, diese hätte auch tausendmal mehr Verdienst, als man ihr zugesteht, um solchen Preis? Verhehlen kann man sich's also auch nicht, daß der Fortgang beider Nationen, der englischen und deutschen, sich wie ihr verschiedenes Betragen verhalte. Hier entscheidet die That; ich will und kann nicht entscheiden. Daß die englische Literatur die deutsche an Verdienst übertreffe, erweist sich augenscheinlich dadurch, daß man in Deutschland, wie in ganz Europa, englische Werke sucht und liest, dahingegen England sowol als ganz Europa um deutsche Werke sehr unbekümmert ist. Gegen diesen Beweis läßt sich nichts einwenden; die deutsche Nation giebt hier ihre Stimme wider sich selbst. Uebrigens bin ich weit entfernt, zu glauben, daß es zwischen den Nationen wesentliche Verschiedenheit, unabhängig von ihrer Geistescultur, gebe. Der Deutsche wird Delicatesse zeigen wie der Franzose, Tiefsinn und Erhabenheit wie der Engländer, wenn er auf dem rechten Wege sein wird; er ist aber noch nicht darauf. Und die Ursache davon liegt, wie ich glaube, in seiner Leidenschaft nicht für die französische allein, sondern für jede Sprache, sobald sie nur nicht die seinige ist. Nur in dieser falschen und schiefen Neigung liegt es. Seine Sprache ist jedes Ausdrucks empfängig; warum baut er sie nicht an, wie er sollte? Meinethalb lerne er auch Französisch; nur auf eine Art, die ihm Ehre bringe und nicht gar lächerlich macht. Er halte sich in ihr an die unsterblichen Werke, die den Ruhm Frankreichs ausmachen, und nähre sich in ihnen mit Geschmack. Geistige wie körperliche Nahrung, wenn sie gedeihen soll, will gekostet, genossen werden. Man muß zu ihr von einer Begierde, einem Hunger getrieben werden, der nicht erkünstelt, nicht der Appetit einer verdorbenen Gesundheit sei. Die deutsche Nation, im Grund eine Nation von festem und edeln Sinn (ein fester Sinn aber haßt Frivolität, so wie ein edler Sinn jedes Niederträchtigen Feind ist); um diesen lobenswürdigen Eigenschaften treu zu bleiben, lasse der Deutsche fortan und immer sowol jene nichtswürdige, falsch schimmernde französische Schöngeisterei, als jene unförmlichen Plattheiten, deren vieljährige Geltung ihm gnugsam zeigt, in welchem Irrthum er sei, und mit welchem Uebel, von welchem er nicht die geringste Ahnung hat, er behaftet gewesen. So weit Prémontval . Lange vor Prémontval hatten Deutsche über diesen Mißbrauch geklagt; eine Bibliothek von Beschwerden der Deutschen und Spöttereien der Ausländer wäre hierüber anzuführen. Piccart ,ein ebenso gescheiter als gelehrter Mann ( Observationes historico-politicae, Decas III. Cap . 10), zeigt, wie anders Griechen und Römer über den Gebrauch fremder Sprachen in ihrem Vaterlande gedacht haben. Michael Piccart war bereits 1620 gestorben. – D. Desgleichen viele Andre. Was half aber Alles dieses? » Gens peregrinandi avida et exterorum morum, dum se receperit domnum, aut simulatix aut retinens «, sagt Barclai in seinem Icon animorum (c. 5) , wo er die Deutschen seiner Zeit in mehreren Zügen treffend schildert. – H. Diese Stelle führt Schmidt an dem auf S. 484 in der Note angegebenen Orte an. – D.) ——— 111. Eine viel tiefere Wunde hat uns die Gallicomanie ( Franzosensucht müßte sie deutsch heißen) geschlagen, als der gute Prémontval angiebt. An seinem Ort konnte er nicht mehr sagen und hatte gewiß schon zu viel gesagt. Wenn Sprache das Organ unsrer Seelenkräfte, das Mittel unsrer innersten Bildung und Erziehung ist, so können wir nicht anders als in der Sprache unsers Volks und Landes gut erzogen werden; eine sogenannte französische Erziehung , wie man sie auch wirklich nannte, in Deutschland muß deutsche Gemüther nothwendig mißbilden und irre führen. Mich dünkt, dieser Satz stehe so hell da als die Sonne am Mittage. Von wem und für wen ward die französische Sprache gebildet? Von Franzosen für Franzosen. Sie drückt Begriffe und Verhältnisse aus, die in ihrer Welt, im Lauf ihres Lebens liegen; sie bezeichnet solche auf eine Weise, wie sie ihnen dort jede Situation, der flüchtige Augenblick und die ihnen eigne Stimmung der Seele in diesem Augenblick angiebt. Außer diesem Kreise werden die Worte halb oder gar nicht verstanden, übel angewandt, oder sind, wo die Gegenstände fehlen, gar nicht anwendbar, mithin nutzlos gelernt. Da nun in keiner Sprache so sehr die Mode herrscht als in der französischen; da keine Sprache so ganz das Bild der Veränderlichkeit, eines wechselnden Farbenspiels in Sitten, Meinungen, Beziehungen ist als sie; da keine Sprache wie sie leichte Schatten bezeichnet und auf einem Farbenclavier glänzender Lufterscheinungen und Strahlenbrechungen spielt: was ist sie zur Erziehung deutscher Menschen in ihrem Kreise? Nichts oder ein Irrlicht. Sie läßt die Seele leer von Begriffen oder giebt ihr für die wahren und wesentlichen Beziehungen unsers Vaterlandes falsche Ausdrücke, schiefe Bezeichnungen, fremde Bilder und Affectationen. Aus ihrem Kreise gerückt, muß sie solche, und wäre sie eine Engelssprache, geben. Also ist es gar nicht vermessen, zu sagen, daß sie unsrer Nation in den Ständen, wo sie die Erziehung leitete oder vielmehr die ganze Erziehung war, den Verstand verschoben, das Herz verödet, überhaupt aber die Seele an dem Wesentlichsten leer gelassen hat, was dem Gemüth Freuds an seinem Geschlecht, an seiner Lage, an seinem Beruf giebt. Und sind dies nicht die süßesten Freuden? Haben Sie je den Cours einer deutsch-französischen Erziehung kennen gelernt? Für Deutsche eine schöne Einöde und Wüste! Und doch besteht der ganze Werth eines Menschen, seine bürgerliche Nutzbarkeit , seine menschliche und bürgerliche Glückseligkeit darin, daß er von Jugend auf den Kreis seiner Welt , seine Geschäfte und Beziehungen, die Mittel und Zwecke derselben genau und aufs Reinste kennen lerne, daß er über sie im eigensten Sinn gesunde Begriffe, herzliche, fröhliche Neigungen gewinne und sich in ihnen ungestört, unverrückt, ohne ein untergelegtes fremdes und falsches Ideal, ohne Schielen auf auswärtige Sitten und Beziehungen übe . Wem dies Glück nicht zu Theil ward, dessen Denkart wird verschraubt, sein Herz bleibt kalt für die Gegenstände, die ihn umgeben; oder vielmehr von einer fremden Buhlerin wird ihm in jugendlichem Zauber auf lebenslang sein Herz gestohlen . Hat Ihnen das Glück nie einen deutsch-französischen Liebesbriefwechsel zugeführt? Vielleicht die schönste Blumenlese auswärtiger Empfindungen; auf deutschem Boden dürres Heu mit verwelkten Blumen. Jetzt muß man lachen, jetzt sich verwundern, am Ende aber möchte man über die nicht ausgebrannte, sondern so früh ausgespülte, flache Sentimentalität weinen. Kennen Sie Swift 's Tea-table Miscellanies ? Gehen Sie in die galanten Cirkel der deutsch-französischen Conversation und suchen Gedanken, suchen wahre und angenehme Unterhaltung: Sie werden den alten Swift in Leerheit sowol als anmuthigen Fortleitungen des Gesprächs übertroffen finden. »Deutsch spreche ich nicht in dieser Gesellschaft; im Deutschen sagt man immer zu viel, und hier will ich nichts sagen. Wir zählen einander Zahlpfennige zu; die deutsche Sprache will wahre Münze. Sie ist so ehrlich, so herzlich wie eine Bauerdirne. Wir sind hier in guter, d. i. leerer Gesellschaft.« Ein solches Leben, ein solcher Ton der Seele, eine Gewohnheit dieser Art, von Kindheit auf sich zur Form gemacht, sind sie nicht traurig? Was haben wir denn in der Welt Schätzbareres als die wahre Welt wirklicher Herzen und Geister? Daß wir unsre Gedanken und Gefühle in ihrer eigensten Gestalt anerkennen und sie Andern auf die treueste, unbefangenste Art äußern, daß Andre dagegen uns ihre Gedanken, ihre Empfindungen wiedergeben, kurz, daß jeder Vogel singe, wie die Natur ihn singen hieß? Ist dies Licht erlöscht, diese Flamme erstickt, dies ursprüngliche Band zwischen den Gemüthern zerrissen oder verzaust: statt des Allen sagen wir auswendig gelernte, fremde, armselige Phraseologien her. O des Jammers! der ewigen Flachheit und Falschheit! Eine Geist und Herz austrocknende Dürre und Kälte! Den eigentlichen Besitzern dieser Sprache genügt solche; denn sie leben in ihr; sie beleben sie mit ihrer fröhlichen Leichtigkeit und sprachseligen Anmuth. Wir Deutsche aber, mit unsrer Leichtigkeit, mit unserm französischen Scherz! O alle Grazien und Musen! Jedermann muß bemerkt haben, daß es im ganzen Europa keine verschiedenere Denk- und Mundarten gebe als die französische und deutsche, so nachbarlich sie wohnen. Aus keiner Sprache ist so schwer zu übersetzen als aus der französischen, wenn der deutschen Sprache ihr Recht, ihre ursprüngliche Art bleiben soll; vollends das Eigenste derselben, ihr Geist und Scherz, ihre flüchtigen Malereien und Bezeichnungen, Spiele der Phantasie und der leichtesten Bemerkung sind uns ganz fremde. Wie schwerfällig geht die französische Komödie auf unsern Theatern einher! wie hölzern klingen im Deutschen ihre fröhlichsten Gesellschaftslieder! Und ihre Versification, der Ton ihrer Contes à rire , ihre tausend Uebereinkommnisse über das Schickliche und Unschickliche im Ausdruck, welches Alles sie Regeln des Geschmacks zu nennen belieben: wem ist es fremder als der deutschen Sprache und Denkart? Viel leichter können wir uns unter Griechen und Römer, unter Spanier, Italiener und Engländer versetzen, als in ihren Kreis anmuthiger Frivolitäten und Wortspiele. Geschieht dies endlich, zwingen wir uns von Jugend an diese Form auf, gelangen wir mit saurer Mühe zu der Vortrefflichkeit, wozu Wenige gelangen, französisch zu denken, zu scherzen und zu amphibolisiren: was haben wir gewonnen? Daß der Franzose den deutschen Ungeschmack , die »Tudeske Muse« Vgl. Klopstock's Oden: »Die Verkennung« und »Die Rache«. – D. lobend verhöhnt, und wir unsre natürliche Denkart einbüßten. Schwerlich giebt es eine schimpflichere Sclaverei als die Dienstbarkeit unter französischem Witz und Geschmack, in französischen Wortfesseln. Und sie macht uns andrer, stärkerer Eindrücke so unfähig, so in uns selbst erstorben! Sagen Sie einer flachen Seele von deutschfranzösischer Erziehung das Stärkste, das Beste in einer andern Sprache: man versteht sie französisch . Lassen Sie es Sich wiedersagen, und Sie werden Sich vor Ihrem eignen Gedanken oft schämen. Die sprachrichtigsten Franzosen, wie interpretiren sie die Alten? wie übersetzen sie aus neueren Sprachen? Läse sich Horaz in einer französischen Uebersetzung, was würde er sagen? Da nun die deutsche Sprache, ohne alle Ruhmredigkeit sei es gesagt, gleichsam nur Herz und Verstand ist und statt seiner Zierde Wahrheit und Innigkeit liebt, so zerstäubt ihr Nachdruck einem gemeinen französischen Ohr wie der fallende Strom, der sich in Nebel auflöst. Wie manchen hohen Begriff, wie manches edle Wort auch der alten Römersprache hat die gallische Eitelkeit geschminkt, entnervt, verderbt! Wenn sich nun, wie offenbar ist, durch diese thörichte Gallicomanie in Deutschland seit einem Jahrhunderte her ganze Stände und Volksclassen von einander getrennt haben ; mit wem man Deutsch sprach, der war Domestique (nur mit denen von gleichem Stande sprach man Französisch und forderte von ihnen diesen jargon als ein Zeichen des Eintritts in die Gesellschaft von guter Erziehung, als ein Standes-, Ranges- und Ehrenzeichen); zur Dienerschaft sprach man, wie man zu Knechten und Mägden sprechen muß, ein Knecht- und Mägdedeutsch , weil man ein edleres, ein besseres Deutsch nicht verstand und über sie in dieser Denkart dachte; wenn dies ein ganzes reines Jahrhundert ungestört, mit wenigen Ausnahmen, so fortging: dürfen wir uns wol wundern, warum die deutsche Nation so nachgeblieben, so zurückgekommen und ganzen Ständen nach so leer und verächtlich worden ist, als wir sie leider nach dem Gesammturtheil andrer Nationen im Angesicht Europa's finden? Bis auf die Zeiten Maximilian 's war die deutsche Nation, so oft auch ihre Ehrlichkeit gemißbraucht ward, dennoch eine geehrte Nation, standhaft in ihren Grundsätzen, bieder in ihrer Denkart und Handlungsweise. Seit fremde Völker mit ihren Sitten und Sprachen sie beherrschten, von Karl V. an, ging sie hinunter. Die Reformation trennte, das politische Interesse trennte. Zuerst kam spanisches Cerimoniel zu uns; bald schrieben die Fürsten, Prinzen, Generale italienisch, bis seit dem glorreichen dreißigjährigen Kriege nach und nach fast das ganze Reich an Höfen und in den obern Ständen eine Provinz des französischen Geschmacks ward. Hinweg war jetzt in diesen Ständen der deutsche Charakter! Frankreich ward die glückliche Geburtsstätte der Moden, der Artigkeit, der Lebensweise. An Höfen bekam Alles andre Namen; in manchen Ländern ward die ganze Landesverwaltung französisch eingerichtet. Den Landesherrn, die voreinst deutsche Fürsten und Landesverwalter waren, ward jetzt wohl, wenn sie sich unter Ihresgleichen durch eine fremde Sprache in einem andern Lande finden konnten und an Geschäfte nur von einer abgesonderten Classe Menschen (der Nation, die sie nährte) in grobem Deutsch erinnert werden durften. Die Edeln und Ritter folgten ihnen; der weibliche Theil unsrer, nicht mehr unsrer , Nation (denn von den Müttern hängt doch fast aller gute oder schlechte Geschmack der Erziehung ab) übertraf beide. So geschah, was geschehen ist; Adel und französische Erziehung wurden Eins und Dasselbe; man schämte sich der deutschen Nation, wie man sich eines Fleckens in der Familie schämt. Deutsche Bücher, deutsche Literatur in diesen obern Ständen – wie niedrig, wie schimpflich! Der mächtigste, wohlhabendste, einflußreichste Theil der Nation war also für die thätige Bildung und Fortbildung der Nation verloren ; ja, er hinderte diese, wie er sie etwa hindern konnte, schon durch sein Dasein. Denn wenn man nur mit Gott und mit seinem Pferde deutsch sprach, so stellten sich aus Pflicht und Gefälligkeit auch Die, mit denen man also sprach, als Pferde. Werden Sie nicht müde, meine Jeremiade auszuhören; ich schreibe sie nicht aus Haß und Groll, wozu ich persönlich nie die mindeste Ursache gehabt habe, sondern mit reinem Gemüth, aus dem weltbekannten Buch der Zeiten, und – sie ist bald zu Ende. Nachdem also der Theil der Nation, der sich das Haupt und Herz derselben nennt, ihr entwendet war, was sollten die armen Schriftsteller thun? Sie betrugen sich auf verschiedene Weise. Ein Theil fuhr fort, lateinisch zu schreiben; und wiewol der deutschen Sprache hiedurch ihr Beitrag zur Cultur abging, so gewann die Wissenschaft dennoch mehr, als wenn sie damals, in der seit Luther sehr verfallenen Sprache, deutsch geschrieben hätten. Auch anmuthige Sachen, auch Gedichte schrieben sie lateinisch, deren wir aus den beiden letztvergangnen Jahrhunderten viele gute, einige vortreffliche haben. Andre, edle Gemüther, suchten die deutsche Sprache empor zu bringen; sie ahmten aus fremden Sprachen nach, was sich nachahmen ließ; so erschienen Opitz, Logau und andre Schlesier, die wenigstens verhinderten, daß die deutsche Sprache nicht ganz und gar zum pöbelhaften Streitgewäsch damaliger Zeit oder zur erbärmlichen Kanzleisprache herabsank. Einige Fürsten Z. B. von Anhalt , von Weimar , von Braunschweig , von Liegnitz u. s. w. Einige derselben übersetzten selbst, und zwar sehr gute Bücher, aus dem Italienischen, Französischen, Spanischen. Mehrere Fürstinnen sahen das Uebel und flehten und warnten. S. Moser 's »Patriotisches Archiv der Deutschen«, und seine andern Schriften hin und wieder. – H. hatten ein Ohr für sie und suchten ihr durch Gesellschaften, sogar durch eigne Arbeiten aufzuhelfen. Andre, schlechtere Gesellen, ahmten den französischen Witz nach, und so entstand jene Zunft Schulfüchse , die nicht nur beide Sprachen erbärmlich mengten, sondern auch, um sich ihren altern Brüdern gefällig zu machen, galant wie Boiture , affectirt wie Balzac , erhaben wie Corneille schrieben. Wie schämt sich ein Deutscher, der, nicht französisch erzogen, altdeutscher Scham noch fähig ist, wenn er die deutsch-französischen witzigen Schriften dieses Zeitraums mit der Denk- und Schreibart Kaisersberg's, Luther's, Hans Sachs ' (in seinen prosaischen Aufsätzen!) Es wäre zu wünschen, daß diese Aufsätze, kurze Gespräche, von Häslein oder von einem andern Kenner der Sprache gesammelt, oder im » Bragur « wieder erschienen. Sie sind's werth. – H. J. H. Häslein , Mitherausgeber von Gräter's » Bragur «, hatte 1781 einen Auszug aus dem ersten Buche der Gedichte, Fabeln und Schwänke von Hans Sachs mit Anmerkungen, Wörterbuch und einer Abhandlung von dessen Leben und Schriften erscheinen lassen. Er war bereits am 24. Oktober 1796 gestorben. – D. überhaupt mit Allem, was vor dem Ausgange des sechzehnten Jahrhunderts geschrieben ward, vergleicht! Endlich blieb uns nichts als die Flüssigkeit ; und noch jetzt rühmen sich alle deutsche Kanzleien, die Regensburgische nicht ausgenommen, daß sie, der wahren Courtoisie getreu, außerordentlich einnehmend, kurz und flüssig schreiben. Wer sollte es glauben? Unsre Kanzleicourtoisie, meinen wir, ist ächt französisch. Da that sich endlich (denn die Barmherzigkeit wollte, daß es mit uns nicht gar aus würde), ferne vom Hof- und Schulgeschmack, hie und da Einer hervor, der glaubte, daß auch in Deutschland die Sonne scheine und die Natur regiere. Brockes wählte den Garten zu seinem Hofe; Bodmer stahl sich über die Alpen und kostete einen Athemzug italienischer Luft; kurz, man wagte den kühnen Gedanken, daß Deutschland auch außer den französirenden Höfen Etwas sei, und schrieb und stritt und dichtete, so gut man konnte. Für wen? darauf ward anfangs nicht gerechnet; es schloß sich aber bald ein Kreis von Freunden und Feinden. Die ächten Gottschedianer waren jetzt hinter Neukirch, Heräus und König der Hofgeschmack; sie schrieben flüssig ; was irgend mystère und Tibère reimen konnte, war für sie. Gewiß, wir sind undankbar gegen den unbelohnten und unbelohnbaren Eifer, von dem damals einige bessere Köpfe für einen besseren Geschmack brannten. Welche Mühe übernahmen sie! welchen Befehdungen setzten sie sich aus! Und wie wenige Lust, wie wenig äußere Vortheile sie dabei eingeerntet haben, erweist die Privatgeschichte ihres Lebens. * Nachschrift . Neulich sind mir einige Blätter zu Händen gekommen, der Auszug aus den Schriften eines Mannes, der von 1729 bis 1781 lebte und gewiß mehr als Jemand dazu beigetragen hat, daß Deutschland sich einst (wir wollen es hoffen) rühmen kann, einen eigenen Geschmack gewonnen zu haben. Die Blätter nennen sich Funken , wahrscheinlich weil Der, den sie redend einführen, eine seiner Schriften selbst fermenta cognitionis Schütz , »Ueber Lessing's Genie und Schriften«, S. 86, 117, bedient sich des Ausdrucks in Bezug auf Lessing. – D. nannte; überdem war der Name Funken ( scintillae ) in den mittleren Zeiten sehr gewöhnlich. Mir sind sie gewesen, was sie dem Sinn des Sammlers nach sein sollten, ein Charakterbild vom Leben des vielverdienten Mannes, und ich stelle mir einen Jüngling des neunzehnten Jahrhunderts vor, der, mit classischen Kenntnissen in der Schule ausgerüstet, ehe er die Akademie beschreitet, diese Funken , nachher auch mit Ordnung und Wahl die mannichfaltigen Schriften dieses vielverdienten, gewandten Schriftstellers selbst liest; was wird er sagen? »Wie?« wird er sagen; »lebte dieser Mann in einer Wüste? Bei seinem mühsamen, für sein Vaterland rühmlichen, gleichsam allbestrebenden Gange, war denn Niemand, der ihm half, der seinen Ideen, deren Nützlichkeit Jedermann lobpries, einen Spielraum, seinen Fähigkeiten, die Jedermann anerkannte, Wirksamkeit und ihm nur einige Bequemlichkeit verschaffte, diese Ideen auszubilden, auszuführen?« Ich wage es nicht, diese Fragen zu beantworten; mir ist's gnug, den männlichen Verstand , die biedere Denkart zu bemerken, die sich in jedem seiner Lebenszeichen äußert. Heil dem Jünglinge, der sich diese Bogen zum Kanon seines Geschmacks wählt und zugleich frühe lernt, was er zu thun und zu vermeiden, endlich auch, was er von seinem Vaterlande zu erwarten habe! ——— Funken aus der Asche eines Todten. ——— 1. » Theophrast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirke einer klostermäßigen Schule mit aller Bequemlichkeit studirte. Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe!« Lessing 's sämmtliche Schriften, Berlin 1792. Th. 8. S. 44. – H. In der Vorrede zu den beiden ersten Theilen seiner vermischten Schriften von 1753.–D. 2. »Ich komme jung von Schulen, in der gewissen Ueberzeugung, daß mein ganzes Glück in den Büchern bestehe. – Stets bei den Büchern, nur mit mir selbst beschäftiget, dachte ich ebenso selten an die übrigen Menschen als vielleicht an Gott. – Doch es dauerte nicht lange, so gingen mir die Augen auf. – Ich lernte einsehn, die Bücher würden mich wol gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter Meinesgleichen. Guter Gott! was für eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und Andern gewahr! – Ich empfand eine Scham, die ich niemals empfunden habe, und die Wirkung derselben war der feste Entschluß, mich hierin zu bessern, es koste, was es wolle.« Lessing's Leben nebst seinem noch übrigen litterarischen Nachlasse. Herausgegeben von K. G. Lessing, Th. I. S. 82, – H. Aus einem Briefe an seinen Vater vom 20. Januar 1749. – D. 3. »Mein Körper war durch Leibesübungen ein Wenig geschickter geworden, und ich suchte Gesellschaft, um nun auch leben zu lernen. Ich legte die ernsthaften Bücher eine Zeit lang auf die Seite, um mich in denjenigen umzusehen, die weit angenehmer und vielleicht ebenso nützlich sind. Die Komödien kamen mir zuerst in die Hand. Es mag unglaublich vorkommen, wem es will; mir haben sie sehr große Dienste gethan. Ich lernte daraus eine artige und gezwungene, eine grobe und natürliche Aufführung unterscheiden. Ich lernte wahre und falsche Tugend daraus kennen und die Laster ebenso sehr wegen ihres Lächerlichen als wegen ihres Schändlichen fliehen. – Ich lernte mich selbst kennen, und seit der Zeit habe ich gewiß über Niemanden mehr gelacht und gespottet als über mich selbst.« Daselbst, S. 84. – H. 4. »Man darf mich nur in einer Sache loben, wenn man haben will, daß ich sie mit mehrerem Ernste treiben soll. Ich sann daher Tag und Nacht, wie ich in einer Sache eine Stärke zeigen möchte, in der, wie ich glaubte, noch kein Deutscher sich sehr hervorgethan hat.« Daselbst, S. 85. – H. 5. »Wenn man nicht versucht, welche Sphäre uns eigentlich zukommt, so wagt man sich öfters in eine falsche, wo man sich kaum über das Mittelmäßige erheben kann, da man sich in einer andern vielleicht bis zu einer bewunderungswürdigen Höhe hätte schwingen können. – Meine Neigung war, mich in allen Arten der Poesie zu versuchen, und ward müde, mich blos in Kleinigkeiten zu üben.« Lessing's Leben, Th. I. S. 95. – H. Aus einem spätern Briefe an seinen Vater. Der letzte Satz geht zum Theil dem vorigen vorher und ist anders gewendet. – D. 6. »Seneca giebt den Rath: » Omnem operam impende, utte aliqua dote notabilem facias »Wende alle Mühe an, daß Du Dich in Etwas merkbar machest.« – H. Aber es ist sehr schwer, sich in einer Wissenschaft notabel zu machen, worin schon allzu Viele excellirt haben. Habe ich denn also sehr übel gethan, daß ich zu meinen Jugendarbeiten etwas gewählt, worin noch sehr Wenige meiner Landsleute ihre Kräfte versucht haben? Und wäre es nicht thöricht, eher aufzuhören, als bis man Meisterstücke von mir gelesen hat?« Lessing's Leben, S. 96. – H. 7. »Man darf nicht glauben, daß ich meine Lieder Kleinigkeiten nennte, damit ich der unerbittlichen Kritik mit Höflichkeit den Dolch aus den Händen winden möchte. Ich erklärte schon damals, daß ich der Erste sein wolle, dasjenige mit zu verdammen, was sie verdammt; sie, der zum Verdruß ich wol einige mittelmäßige Stücke könnte gemacht haben, der zum Trotze ich aber nie diese mittelmäßige Stücke für schön erkennen würde. – Ich habe geändert, ich habe weggeworfen. – Das Elende streicht sich selbst durch, und schlechte Verse, die Niemand lieset, sind so gut, als wären sie nicht gemacht worden.« Sämmtliche Schriften, Th. 8. S. 30 f. – H. Vorrede der beiden ersten Theile seiner »Schriften« von 1753. – D. 8. »Den wenigen Oden gebe ich nur mit Zittern diesen Namen. Sie sind zwar von einem stärkern Geiste als die Lieder und haben ernsthaftere Gegenstände; allein ich kenne die Muster in dieser Art gar zu gut, als daß ich nicht einsehen sollte, wie tief mein Flug unter dem ihrigen ist. Und wenn zum Unglücke gar etwa nur das Oden sein sollte, was ich der schmalen Zeilen ungeachtet für Lehrgedichte halte, die man anstatt der Paragraphen in Strophen eingetheilt hat, so werde ich vollends Ursache mich zu schämen haben.« Sämmtl. Schr., Th. 8. S. 35. – D. Meines Erachtens verdienen Lessing's wenige Oden diesen Namen sehr wohl; sie haben ihren eignen Gang und Charakter. In die vollständige Sammlung seiner Schriften ist ein neues schätzbares Stück gekommen, »Der Eintritt des Jahres 1754 in Berlin« (Th. 2. S. 31), und vier »Entwürfe zu Oden« (S. 202-214), durch die man den Geist der Horazischen Ode, » den Flug, der irrt und sich nicht verirrt ,« vielleicht besser kennen lernt, als durch lange Commentare über den römischen Dichter. – H. 9. »Ich habe in Sinngedichten keinen andern Lehrmeister als den Martial gehabt und erkenne auch keinen andern; es müßten denn die sein, die er für die seinigen erkannt hat, und von welchen uns die Anthologie einen so vortrefflichen Schatz derselben aufbehalten. – Daß ich zu beißend und zu frei darin bin, wird man mir wol nicht vorwerfen können, ob ich gleich beinahe in der Meinung stehe, daß man Beides in Sinnschriften nicht genug sein kann.« Sämmtl. Schr., Th. 8. S. 37. – H. In der S. 501, Note   erwähnten Vorrede. – D. 10. »Man nenne mir doch diejenigen Geister, auf welche die komische Muse Deutschlands stolz sein könnte! Was herrscht auf unsern gereinigten Theatern? Ist es nicht lauter ausländischer Witz, der, so oft wir ihn bewundern, eine Satire über den unsrigen macht? Aber wie kommt es, daß nur hier die deutsche Nacheiferung zurückbleibt? Sollte wol die Art selbst, wie man unsere Bühne hat verbessern wollen, daran Schuld sein? Sollte wol die Menge von Meisterstücken, die man auf einmal, besonders den Franzosen abborgte, unsere ursprünglichen Dichter niedergeschlagen haben? Man zeigte ihnen auf einmal, so zu reden, Alles erschöpft und setzte sie auf einmal in die Notwendigkeit, nicht blos etwas Gutes, sondern etwas Besseres zu machen. Dieser Sprung war ohne Zweifel zu arg; die Herren Kunstrichter konnten ihn wol befehlen, aber Die, die ihn wagen sollten, blieben aus.« Geschrieben im Jahr 1754. Sämmtl. Schr., Th. 8. S. 47 f. – H. Vorrede zum dritten und vierten Theile der »Schriften« von 1754. – D. 11. »Wenn ich von den allweisen Einrichtungen der Vorsehung weniger ehrerbietig zu reden gewohnt wäre, so würde ich keck sagen, daß ein gewisses neidisches Geschick über die deutschen Genies , welche ihrem Vaterlande Ehre machen könnten, zu herrschen scheine. Wie viele derselben fallen in ihrer Blüthe dahin! Sie sterben reich an Entwürfen und schwanger mit Gedanken, denen zu ihrer Größe nichts als die Ausführung fehlt. Sollte es aber wol schwer sein, eine natürliche Ursache hiervon anzugeben? Wahrhaftig, sie ist so klar, daß sie nur Derjenige nicht sieht, der sie nicht sehen will. Nehmen Sie an ..., daß ein solches Genie in einem gewissen Stande geboren wird, der, ich will nicht sagen der elendeste, sondern nur zu mittelmäßig ist, als daß er noch zu der sogenannten goldenen Mittelmäßigkeit zu rechnen wäre. Und Sie wissen wol, die Natur hat einen Wohlgefallen daran, aus eben diesem immer mehr große Geister hervorzubringen als aus irgend einem andern. Nun überlegen Sie, was für Schwierigkeiten dieses Genie in einem Lande als Deutschland, wo fast alle Arten von Ermunterungen unbekannt sind, zu übersteigen habe. Bald wird es von dem Mangel der nöthigsten Hilfsmittel zurückgehalten, bald von dem Neide, welcher die Verdienste auch schon in ihrer Wiege verfolgt, unterdrückt, bald in mühsamen und seiner unwürdigen Geschäften entkräftet. Ist es ein Wunder, daß es nach aufgeopferten Jugendkräften dem ersten starken Sturme unterliegt? Ist es ein Wunder, daß Armuth, Aergerniß, Kränkung, Verachtung endlich über einen Körper siegen, der ohnedem schon der stärkste nicht ist, weil er kein Körper eines Holzhackers werden sollte? Und glauben Sie mir ..., in diesem Falle war unser Mylius , oder es ist nie Einer darin gewesen. Daselbst, S. 56 ff. Wie viele, viele Andre! – H. Aus einem Briefe vom 20. März 1754 in der Vorrede zu den »Vermischten Schriften« von Mylius. – D. »Das ist sein Lebenslauf. Ein Lebenslauf, ohne Zweifel, in welchem das Ende das Unglücklichste nicht ist. Und doch behaupte ich, daß er mehr darin geleistet hat, als tausend Andere in seinen Umständen nicht würden geleistet haben. Der Tod hat ihn früh, aber nicht so früh überrascht, daher keinen Theil seines Namens vor ihm in Sicherheit hätte bringen können. – Er gewinnet im Verlieren und ist vielleicht eben jetzt beschäftiget, mit erleuchteten Augen zu untersuchen, ob Newton glücklich gerathen und Bradley genau gemessen habe. – Er weiß ohne Zweifel schon mehr, als er jemals auf der Welt hätte begreifen können. Sämmtl. Schr., Th. 8. S. 60 f. – H. In dem S. 503, Note  ) erwähnten Briefe, – D. 12. »Ein gutes Genie ist nicht allezeit ein guter Schriftsteller, und es ist oft ebenso unbillig, einen Gelehrten nach seinen Schriften zu beurtheilen, als einen Vater nach seinen Kindern. Der rechtschaffenste Mann hat oft die nichtswürdigsten, und der klügste die dümmsten; ohne Zweifel weil dieser nicht die gelegensten Stunden zu ihrer Bildung, und jener nicht den nöthigen Fleiß zu ihrer Erziehung angewendet hat. Der geistliche Vater kann oft in eben diesem Falle sein, besonders wenn ihn äußerliche Umstände nöthigen, den Gewinnst seine Minerva, und die Nothwendigkeit seine Begeisterung sein zu lassen. Ein solcher ist alsdann meistentheils gelehrter als seine Bücher, anstatt daß die Bücher Derjenigen, welche sie mit aller Muße und mit Anwendung aller Hilfsmittel ausarbeiten können, nicht selten gelehrter als ihre Verfasser zu sein pflegen.« Daselbst, S. 62 f. – H. Im zweiten Briefe derselben Vorrede. – D. 13. »Warum giebt es gewisse schwer zu vergnügende ekle Kunstrichter, die zum Lustspiel eine anständige Dichtung, wahre Sitten, eine männliche Moral, eins feine Satire, eine lebhafte Unterredung und, ich weiß nicht, was noch sonst mehr verlangen? – Und ich weiß überhaupt nicht, was ich von der Satire halten soll, die sich an ganze Stände wagt. – Doch Galle, Ungerechtigkeit und Ausschweifung haben nie ein Buch um die Leser gebracht, wohl aber manchem Buche zu Lesern verholfen.« Sämmtl. Schr., Th. 8. S. 76 f. – H. Im vierten Briefe derselben Vorrede. – D. 14. »Den schönen Wissenschaften sollte nur ein Theil unsrer Jugend gehören; wir haben uns in wichtigern Dingen zu üben, ehe wir sterben. Ein Alter, der seine ganze Lebenszeit über nichts als gereimt hat, und ein Alter, der seine ganze Lebenszeit über nichts gethan, als daß er seinen Athem in ein Holz mit Löchern gelassen: von solchen Alten zweifle ich sehr, ob sie ihre Bestimmung erreicht haben.« Th. 28. S. 245. – H. Im Briefe an Mendelssohn aus dem December 1757, wo unmittelbar vorhergeht: »Denn Sie haben in der That Recht.« – D. 15. »Auch Freunde sind Güter des Glücks, die ich lieber finden als suchen will.« Th. 27. S. 4. – H. Im Briefe Lessing's an Ramler vom 11. December 1755. Die Stelle heißt wörtlich: »Ueber meine eigensinnige Denkungsart, auch die Freunde als Güter des Glücks anzusehen, die ich ... will.« – D. 16. »Gesegnet sei Ihr Entschluß, Sich selbst zu leben. Um seinen Verstand auszubreiten, muß man seine Begierden einschränken. Wenn Sie leben können, so ist es gleichviel, ob Sie von mäßigen oder von großen Einkünften leben. – Wie viel lieber wollte ich künftigen Sommer mit Ihnen und unserm Freunde zubringen als in England! Vielleicht lerne ich da weiter nichts, als daß man eine Nation bewundern und hassen kann.« Daselbst, S. 429. – H. Aus einem Briefe an Nicolai vom 29. November 1756.– D. 17. »O was ist unser Grenadier Verfasser der »Preußischen Kriegslieder«. Die Vorrede, mit der Lessing diese Lieder gesammelt herausgab, ist ein Muster von Bestimmung des Werths und des Charakters dieser Gedichte als einer neuen individuellen Gattung, die sie auch sind. Die ganze Vorrede verdient hergesetzt zu werden; sie trägt den Charakter der Lieder selbst. S. Lessings's Schriften, Th. 8. S. 98 ff. – H. für ein vortrefflicher Mann! – Zu einer solchen unanstößigen Verbindung der erhabensten und lächerlichsten Bilder war nur er geschickt! Nur er konnte die Strophen: »Gott aber wog bei Sternenklang« etc. und: »Dem Schwaben, der mit einem Sprung« etc. machen und sie beide in ein Ganzes bringen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn man das ganze Lied ins Französische übersetzen könnte! – Aber hören Sie, wollen wir unsern Grenadier nicht nun bald avanciren lassen? – Versichern Sie ihn, daß ich ihn von Tag zu Tag mehr bewundere, und daß er alle meine Erwartung so zu übertreffen weiß, daß ich das Neueste, was er gemacht hat, immer für das Beste halten muß. Ein Bekenntniß, zu dem mir noch kein einziger Dichter Gelegenheit gegeben hat.« Sämmtl. Schr., Th. 29. S. 24, 30. – H. Aus den Briefen an Gleim vom 12. December 1757 und vom 6. Februar 1758. – D. 18. »Der Grenadier erlaubt es doch noch, daß ich eine Vorrede dazu machen darf? Ich habe Verschiedenes von den alten Kriegsliedern gesammelt; zwar ungleich mehr von den Kriegsliedern der Barden und Skalden als der Griechen. Das bekannte Heldenlied der Spartaner: »Streitbare Männer waren wir, Streitbare Männer sind wir« u. s. w., von Lessing übersetzt, steht jetzt in dieser vollständigen Sammlung seiner Schriften. Th. 2. S. 195. – H. – Der alten Siegeslieder wegen habe ich sogar das alte Heldenbuch durchgelesen, und diese Lectüre hat mich hernach weiter auf die zwei sogenannten Heldengedichte aus dem schwäbischen Jahrhunderte gebracht, welche die Schweizer jetzt herausgegeben haben. Ich habe verschiedene Züge daraus angemerkt, die ... wenigstens von dem kriegerischen Geiste zeugen, der unsere Vorfahren zu einer Nation von Helden machte. – Die griechische Grabschrift, die ich dem Grenadier ... gesetzt habe, Am Schluß der Vorrede der »Kriegslieder«. – H. sind zwei alte Verse, die bereits Archilochus von sich gesagt hat: Ich bin ein Knecht des enyalischen Königs (des Mars) und habe die liebliche Gabe der Musen gelernt . – Würden sie nicht auch vortrefflich unter das Bildniß unsers Kleist 's passen? Sämmtl. Schr., Th. 29. S. 31, 55. – H. Aus den Briefen an Gleim vom 6. Februar und vom 5. September 1758. – D. 19. »Vielleicht zwar ist auch der Patriot bei mir nicht ganz erstickt, obgleich das Lob eines eifrigen Patrioten nach meiner Denkungsart das allerletzte ist, wonach ich geizen würde; des Patrioten nämlich, der mich vergessen lehrte, daß ich ein Weltbürger sein sollte. – Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es thut mir leid, daß ich Ihnen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs Höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.« Daselbst, S. 65, 77. – H. Aus den Briefen an Gleim vom 19. October 1758 und vom 14. Februar 1759. – D. 20. »Der Krieg hat seine blutigste Bühne unter uns aufgeschlagen, und es ist eine alte Klage, daß das allzu nahe Geräusch der Waffen die Musen verscheucht. Verscheucht es sie nun aus einem Lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige Freunde haben, wo sie ohnedem nicht die beste Aufnahme erhielten, so können sie auf eine sehr lange Zeit verscheucht bleiben. Der Friede wird ohne sie wiederkommen; ein trauriger Friede, von dem einzigen melancholischen Vergnügen begleitet, über verlorene Güter zu weinen.« Literaturbriefe, Brief 1. – H. 21. »Man behauptet, der Kunstrichter müsse nur die Schönheiten eines Werkes aussuchen und die Fehler desselben eher bemänteln, als bloßstellen. In zwei Fällen bin ich selbst der Meinung. Einmal, wenn der Kunstrichter Werke von einer ausgemachten Güte vor sich hat; die besten Werke der Alten zum Exempel. Zweitens, wenn der Kunstrichter nicht sowol gute Schriftsteller als nur blos gute Leser bilden will. Sollte dies bei der ganzen Kunstrichterei nicht das erste Erforderniß sein? Der Schriftsteller schreibt für Leser ; sind diese verdorben, so schreibt jener und der Verleger verlegt für ihren verdorbenen Geschmack. Die vielen schlechten Schriftsteller Deutschlands schreiben alle für ihr Publicum und kennen es sehr gut, ebenso auch die Verleger. Leser zu bilden , muß also der Kunstrichter erste Bestrebung sein; die Schriftsteller werden selbst wider Willen folgen. In den höheren Wissenschaften wird jeder Stümper ausgezischt und verachtet; denn sein kleines, aber bestimmtes Publicum ist der Sache verständig. – H. – Die Güte eines Werks beruhet nicht auf einzeln Schönheiten; diese einzelne Schönheiten müssen ein schönes Ganze ausmachen, oder der Kenner kann sie nicht anders als mit einem zürnenden Mißvergnügen lesen. Nur wenn das Ganze untadelhaft befunden wird, muß der Kunstrichter von einer nachtheiligen Zergliederung abstehen und das Werk so wie der Philosoph die Welt betrachten. Wann ist dies? Hier schleicht sich eben die schädlichste Parteilichkeit ein. Will man ein Werk schön finden, so singt man Theodiceen und bemäntelt die Fehler. Ueberhaupt ist das Gleichniß von der Welt, wie sie der Philosoph betrachtet, auf Werke der Menschen, zumal auf Kunstwerke, unanwendbar. Ist das Ganze schön, so kann die strengste Zergliederung ihm keinen Nachtheil bringen; denn ein lebendiges Ganze besteht nur in Theilen; und daß bei diesem schönen Ganzen die mangelhaften Theile mit strenger Unparteilichkeit bemerkt werden, ist um so nothwendiger, weil in ihnen das Fehlerhafte und Uebertriebene gewöhnlich zuerst Nachahmer findet. Zwiefaches Maaß und Gewicht ist, wie allenthalben so auch in der Kritik, der Gerechtigkeit ein Gräuel und der Sache des Ganzen äußerst verderblich. – H. Die Stelle ist aus dem sechzehnten Literaturbriefe, wo sie beginnt: » Sie (die Herren der »Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste«) behaupten «, und weiter statt » der Meinung« » ihrer Meinung« steht. – D. 22. »Kömmt es denn bei unsern Handlungen blos auf die Vielheit der Bewegungsgründe an? Beruhet nicht weit mehr auf der Intension derselben? Kann nicht ein einziger Bewegungsgrund, dem ich lange und ernstlich nachgedacht habe, ebenso viel ausrichten als zwanzig Bewegungsgründe, deren jedem ich nur den zwanzigsten Theil von jenem Nachdenken geschenkt habe?« Aus dem neunundvierzigsten Literaturbriefe, der Beurtheilung des »Nordischen Aufsehers«. – D. 23. »Die edelsten Worte sind eben deswegen, weil sie die edelsten sind, fast niemals zugleich diejenigen, die uns in der Geschwindigkeit und besonders im Affecte zuerst beifallen. Sie verrathen die vorhergegangene Ueberlegung, verwandeln die Helden in Declamatores und stören dadurch die Illusion. Es ist daher sogar ein großes Kunststück eines tragischen Dichters, wenn er, besonders die erhabensten Gedanken in die gemeinsten Worte kleidet und im Affecte nicht das edelste, sondern das nachdrücklichste Wort, wenn es auch schon einen etwas niedrigen Nebenbegriff mit sich führen sollte, ergreifen läßt. Von diesem Kunststücke werden aber freilich Diejenigen nichts wissen wollen, die nur an einem correcten Racine Geschmack finden und so unglücklich sind, keinen Shakespeare zu kennen.« Sämmtl. Schr., Th. 26. S. 184. – H. Aus dem einundfunfzigsten Literaturbriefe, der Beurtheilung des »Nordischen Aufsehers«. – D. 24. »Ueberhaupt glaube ich, daß der Name eines wahren Geschichtschreibers nur Demjenigen zukömmt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibet. Denn nur Der kann selbst als Zeuge auftreten und darf hoffen, auch von der Nachwelt als ein solcher geschätzt zu werden, wenn alle Andere, die sich nur als Abhörer der eigentlichen Zeugen erweisen, nach wenig Jahren von Ihresgleichen gewiß verdrungen sind. – Die süße Ueberzeugung von dem gegenwärtigen Nutzen, den sie stiften, muß sie allein wegen der kurzen Dauer ihres Ruhmes schadlos halten. Und kann ein ehrlicher Mann mit dieser Schadloshaltung auch nicht zufrieden sein?« Literaturbrief 52. – H. Aus der Beurtheilung von Gebauer's »Geschichte Portugals«. – D. 25. »Krank will ich wol einmal sein; aber sterben will ich deswegen noch nicht. – Alle Veränderungen unsers Temperaments, glaube ich, sind mit Handlungen unserer animalischen Oekonomie verbunden. Die ernstliche Epoche meines Lebens nahet heran! ich beginne, ein Mann zu werden, und schmeichle mir, daß ich in diesem hitzigen Fieber den letzten Rest meiner jugendlichen Thorheiten verraset habe. Glückliche Krankheit! Ihre Liebe wünschet mich gesund! Aber sollten sich wol Dichter eine athletische Gesundheit wünschen? Sollte der Phantasie, der Empfindung nicht ein gewisser Grad von Unpäßlichkeit weit zuträglicher sein?– Wünschen Sie mich also gesund ..., aber wo möglich mit einem kleinen Denkzeichen gesund, mit einem kleinen Pfahl im Fleische, der den Dichter von Zeit zu Zeit den hinfälligen Menschen empfinden lasse und ihm zu Gemüthe führe, daß nicht alle Tragici mit dem Sophokles neunzig Jahr werden; aber, wenn sie es auch würden, daß Sophokles auch an die neunzig Trauerspiele, und ich erst ein einziges gemacht. Neunzig Trauerspiele! Auf einmal überfällt mich ein Schwindel!« Sämmtl. Schr., Th. 27. S. 23 f. – H. Aus dem Briefe an Ramler vom 5. August 1764. – D. 26. »Ihnen gestehe ich es am Allerungernsten, daß ich bisher nichts weniger als zufrieden gewesen bin. Ich muß es Ihnen aber gestehen, weil es die einzige Ursache ist, warum ich so lange nicht an Sie geschrieben habe. – »Nein, das hätte ich mir nicht vorgestellt!« aus diesem Tone klagen alle Narren. Ich hätte mir es vorstellen sollen und können, daß unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden müßten als das anstrengendste Studiren; daß in dem Zirkel, in welchen ich mich Hineinzaubern lassen, erlogene Vergnügen und Zerstreuungen über Zerstreuungen die stumpf gewordene Seele zerrütten würden; daß – Ach, bester Freund, Ihr Lessing ist verloren. In Jahr und Tag werden Sie ihn nicht mehr kennen. Er sich selbst nicht mehr. O meine Zeit, meine Zeit, mein Alles, was ich habe – sie so, ich weiß nicht was für Absichten aufzuopfern! Hundertmal habe ich schon den Einfall gehabt, mich mit Gewalt aus dieser Verbindung zu reißen. Doch kann man einen unbesonnenen Streich mit dem andern wieder gut machen?« Sämmtl. Schr., Th. 28. S. 292 f. – H. Aus dem Briefe an Mendelssohn vom 30. März 1761. – D. 27. »Meine werthesten Eltern betrachten mich, als wenn ich hier in Breslau schon etablirt wäre; und dieses bin ich doch so wenig, daß ich gar leicht meine längste Zeit hier gewesen sein dürfte. Ich warte nur noch einen einzigen Umstand ab, und wenn dieser nicht nach meinem Willen ausfällt, so kehre ich zu meiner alten Lebensart wieder zurück. – Ich habe mit diesen Nichtswürdigkeiten Den »elenden Beschäftigungen de pane lucrando «, welche Lessing unmittelbar vorher in dem von Herder nicht mitgetheilten Satze erwähnt. – D. nun schon mehr als drei Jahr verloren. Es ist Zeit, daß ich wieder in mein Geleise komme. Alles, was ich durch meine jetzige Lebensart intendirte, das habe ich erreicht: ich habe meine Gesundheit so ziemlich wieder hergestellt, ich habe ausgeruht. – Ich bin über die Hälfte meines Lebens, und ich wüßte nicht, was mich nöthigen könnte, mich auf den kürzeren Rest desselben noch zum Sclaven zu machen. – Wie es weiter werden wird, ist mein geringster Kummer. Wer gesund ist und arbeiten will, hat in der Welt nichts zu fürchten. Langwierige Krankheiten und, ich weiß nicht was für Umstände befürchten, die außer Stand zu arbeiten setzen können, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung. Ich habe ein besseres und habe Freunde.« Lessing's Leben und Nachlaß, Th. I. S. 250 ff. – H. Aus Briefen an seinen Vater vom 30. November 1763 und vom 13. Juni 1764. – D. 28. »Fragen Sie mich nicht, auf was ich nach Hamburg gehe. Eigentlich auf nichts. Wenn sie mir in Hamburg nur nichts nehmen, so geben sie mir ebenso viel, als sie mir hier gegeben haben. Doch Ihnen brauche ich nichts zu verhehlen. Ich habe allerdings mit dem dortigen neuen Theater und den Entrepreneurs desselben eine Art von Abkommen getroffen, welches mir auf einige Jahre ein ruhiges und angenehmes Leben verspricht. Als ich mit ihnen schloß, fielen mir die Worte aus dem Juvenal VII. 89. – D. bei: » Quod non dant proceres, dabit histrio .« »Was die Großen nicht geben wollen, möge das Schauspiel geben.« – H. Ich will meine theatralischen Werke, welche längst auf die letzte Hand gewartet haben, daselbst vollenden und aufführen lassen. Solche Umstände waren nothwendig, die fast erloschene Liebe zum Theater wieder bei mir zu entzünden. Ich fing eben an, mich in andre Studien zu verlieren, die mich gar bald zu aller Arbeit des Genies würden unfähig gemacht haben. Mein Laokoon ist nun wieder die Nebenarbeit. Mich dünkt, ich komme mit der Fortsetzung desselben für den großen Haufen unserer Leser auch noch immer früh genug. Die Wenigen, die mich itzt lesen, verstehen von der Sache ebenso viel wie ich, und mehr.« Sämmtl. Schr., Th. 29. S. 141. – H. Aus dem Briefe an Gleim vom 1. Februar 1767. – D. 29. »Und hat es nicht das Publicum in seiner Gewalt, was es an Geschmack und Einsicht mangelhaft finden sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es komme nur, und sehe und höre, und prüfe und richte! Seine Stimme soll nie geringschätzig verhöret, sein Urtheil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden! Nur daß sich nicht jeder kleine Kritikaster für das Publicum halte und Derjenige, dessen Erwartungen getäuscht werden, auch ein Wenig mit sich selbst zu Rathe gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht jeder Liebhaber ist Kenner; nicht Jeder, der die Schönheiten eines Stücks, das richtige Spiel eines Acteurs empfindet, kann darum auch den Werth aller andern schätzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre Geschmack ist der allgemeine, der sich über Schönheiten von jeder Art verbreitet, aber von keiner mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als sie nach ihrer Art gewähren kam. Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von dieser Höhe natürlicherweise noch weiter entfernt, und ich fürchte sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist. Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verliert, geht noch immer geschwinder, als der ohne Ziel herumirret.« Ankündigung der »Dramaturgie«, des reichsten kritischen Werks Lessing 's. Aus dem reichsten Vorrathe sind hier nur wenige Stellen gewählt, die Lessing's Charakter näher zeigen; seinen durchdringenden, schneidenden Verstand sowie seine Billigkeit und Schonung beweist die Dramaturgie von Anfange bis zum Ende. – H. 30. »Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück Derjenigen, deren Umstände den unsrigen am Nächsten kommen, muß natürlicherweise am Tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen und nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzelnen Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstracter Begriff für unsere Empfindungen.« Dramaturgie, Stück 14. – H. 31. »Wenn es dieses Stück Ein bekanntes Drama die »Belagerung von Calais« von Du Belloy . – H. nicht verdiente, daß die Franzosen ein solches Lärmen damit machten, so gereicht doch dieses Lärmen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf seinen Ruhm eifersüchtig ist, auf das die großen Thaten seiner Vorfahren den Eindruck nicht verloren haben, das, von dem Werthe eines Dichters und von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den Gegenständen zählt, um die sich nur geschäftige Müßiggänger bekümmern. Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stücke noch hinter den Franzosen! Es gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren! Barbarischer als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersänger ein sehr schätzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgiltigkeit gegen Künste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde oder Einer, der mit Bärfellen und Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre, sicherlich für die Frage eines Narren gehalten hätten. Ich mag mich in Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebaut werden, von der sich erwarten ließe, daß sie nur den tausendsten Theil der Achtung und Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben würde, die Calais gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer für französische Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit fähig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein genug, die Nation in der Geringschätzung Alles dessen zu bestärken, was nicht geradezu den Beutel füllt. Man spreche von einem Werke des Genies, von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man äußere den Wunsch, daß eine reiche, blühende Stadt der anständigsten Erholung für Männer, die in ihren Geschäften des Tages Last und Hitze getragen, und der nützlichsten Zeitverkürzung für Andere, die gar keine Geschäfte haben wollen (das wird doch wenigstens das Theater sein?), durch ihre bloße Theilnehmung aufhelfen möge: – und sehe und höre um sich.« Dramaturgie, Stück 18. – H. 32. »Es ist einem Jeden vergönnt, seinen eigenen Geschmack zu haben, und es ist rühmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine Allgemeinheit ertheilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit hätte, ihn zu dem einzigen wahren Geschmacke machen müßte, heißt aus den Grenzen des forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen Gesetzgeber aufwerfen. – Der wahre Kunstrichter folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfordert.« Der Anfang von Stück 19. – H. 33. »Ich weiß einem Künstler, er sei von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu machen, und diese besteht darin, daß ich annehme, er sei von aller eiteln Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm über Alles, er höre gern frei und laut über sich urtheilen und wolle sich lieber auch dann und wann falsch als seltner beurtheilt wissen. Wer diese Schmeichelei nicht versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht werth, daß wir ihn studiren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal, daß wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, daß wir auch Augen und Gefühl für seine Schwäche haben. Er spottet bei sich über jede uneingeschränkte Bewunderung, und nur das Lob Desjenigen kitzelt ihn, von dem er weiß, daß er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.« Dramaturgie, Stück 25. – H. 34. »Wie schwach muß der Eindruck sein, den das Werk gemacht hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die Figur des Meisters dagegen zu halten. Mit Bezug auf die Vorstellung von Voltaire's »Merope« zu Paris, nach welcher das Publicum nicht ruhte, bis der Dichter selbst vor ihm erschienen war. – D. Das wahre Meisterstück, dünkt mich, erfüllt uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Urhebers darüber vergessen; daß wir es nicht als das Product eines einzelnen Wesens, sondern der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es wäre Sünde in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so groß, so überschwänglich, daß es dem rohern Menschen zu verzeihen, daß es sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlichkeit, keinen Glanz denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei; wenn er sich also in der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, daß er an den Schöpfer der Sonne nicht dachte. Ich vermuthe, die wahre Ursache, warum wir so wenig Zuverlässiges von der Person und den Lebensumständen des Homer 's wissen, ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung dabei, es zu vergessen, daß Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so entzückt. Er bringt uns unter Götter und Helden; wir müßten in dieser Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Thürsteher so genau zu erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muß sehr schwach sein, man muß wenig Natur, aber desto mehr Künstelei empfinden, wenn man so neugierig nach dem Künstler ist.« Dramaturgie, Stück 36. – H. 35. »Kann es nicht ebensowol sein, daß er Es ist von Weiße's »Richard III.« die Rede. – D. das, was ich für dergleichen Flecken halte, für keine hält? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß er mehr Recht hat als ich? Ich bin überzeugt, daß das Auge des Künstlers größtentheils viel scharfsichtiger ist als das scharfsichtigste seiner Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich von neunzehn erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht und sie auch schon sich selbst beantwortet zu haben. Gleichwol wird er nicht ungehalten sein, sie auch von Andern machen zu hören; denn er hat es gern, daß man über sein Werk urtheilet; schal oder gründlich, links oder rechts, gutartig oder hämisch, Alles gilt ihm gleich; und auch das schalste, linkste, hämischste Urtheil ist ihm lieber als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die anders Art in seinen Nutzen zu verwenden wissen; aber was fängt er mit dieser an? Verachten möchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn für so etwas Außerordentliches halten, und doch muß er die Achseln über sie zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz möchte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes Lob auf sich sitzen lassen.« Daselbst, Stück 73. – H. 36. »Der Gedanke ist an und für sich selbst gräßlich, daß es Menschen geben kann, die ohne alle ihr Verschulden unglücklich sind. Die Heiden hätten diesen gräßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht als möglich, und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Schauspielen vergnügen, die ihn bestätigen? wir, die Religion und Vernunft überzeugt haben sollte, daß er ebenso unrichtig als gotteslästerlich ist?« Dramaturgie, Stück 82. – H. 37. »Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den Letztern zu erkennen; aber nur weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern. Nicht Jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen sind in den Jahren hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie hält. Was in den neueren Erträgliches ist, davon bin ich mir sehr bewußt, daß ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich empor arbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt; ich muß Alles durch Druckwerk und Röhren aus mir heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrießlich geworden, wenn ich zum Nachtheil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahe kömmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die Krücke unmöglich erbauen kann. Sollte diese bescheidne Aeußerung Lessing 's nicht etwas ungerecht gegen ihn selbst sein? Jeder muß sich am Besten kennen, und Lessing war kein Demüthiger, der durch eine falsche Bescheidenheit ein größeres Lob zu erjagen suchte, noch ein Fauler, der Talente in sich ableugnete, um sie nicht brauchen zu dürfen. Nichts aber ist trüglicher als die Meinung, die wir von uns selbst in einzelnen Lebensperioden fassen und hegen; wir bringen die Umstände außer uns oft zu wenig, oft zu viel in Anschlag. Setzt Lessing in ein Land, an einen Ort, in Umstände, unter denen die lebendige Quelle von Jugend auf sich emporarbeiten konnte, wo ihr tausend lebendige Kräfte, ungesehen und unbemerkt, halfen: er hätte weniger des Druckwerks, der Röhren nöthig gehabt, aus sich herauszupressen, was von selbst mit reichen, frischen, reinen Strahlen aufgeschossen wäre. Nicht die Kritik, sondern der leere Luftraum erstickt und tödtet. Er preßt unter Bedürfnissen, unter Verhältnissen, die dem Geist keinen Tropfen Erquickung ( pabulum vitae ) geben, und jagt zuletzt den Verzweifelnden hie- und dorthin, allenthalben an flache Wände. Lessing's Lebensumstände dringen dem Verwundernden die Frage ab, nicht, warum er nicht mehr hervorgebracht, sondern wie er in seinen Lagen das und so viel und so kräftig habe hervorbringen können, was er geleistet. Dazu half ihm, wie er sagt, Kritik ; aber Kritik kann Kräfte nicht geben, sondern nur regeln, ordnen. Also war die Kenntniß der Alten, die Bekanntschaft mit fremden Sprachen, mit glücklichern Genies unter lebhaftern Völkern in bessern Zeiten das Feuer, daran er sich wärmte, das künstliche Glas, wodurch er sein Auge stärkte. Und wehe dem besten deutschen Kopf, der sich nicht aus seiner in diese alte oder fremde Welt zuweilen zu setzen weiß! Er wird und muß in die Zunft jener Geschöpfe gerathen, die (s. Dramaturgie, Stück 22) in deutscher Alltagskleidung, in einer engen Sphäre kümmerlicher Umstände innerhalb ihrer vier Pfähle herumträumen. Alle wissen wir, welche Witterung es sei, die die Senne des besten Bogens erschlafft und die gefüllteste Maschine ihrer elektrischen Kraft sanft entladet. – H. Doch freilich, wie die Krücke dem Lahmen wol hilft, sich von einem Orte zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Läufer machen kann, so auch die Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zu Stande bringe, welches besser ist, als es Einer von meinen Talenten ohne Kritik machen würde, so kostet es mich so viel Zeit, ich muß von andern Geschäften so frei, von unwillkürlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muß meine ganze Belesenheit so gegenwärtig haben, ich muß bei jedem Schritte alle Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so ruhig durchlaufen können, daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit Neuigkeiten unterhalten soll, Niemand in der Welt ungeschickter sein kann als ich. »Was Goldoni für das italienische Theater that, der es in einem Jahre mit dreizehn neuen Stücken bereicherte, das muß ich für das deutsche zu thun folglich bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es auch könnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch schon nicht für Eingebungen des bösen Feindes, weder des eigentlichen noch des allegorischen, halte: Life and Opinions of Tristram Shandy, Vol. V. p . 74. (Anm. Lessing's). – D. so denke ich doch immer, daß die ersten Gedanken die ersten sind. – Meine erste Gedanken sind gewiß kein Haar besser als Jedermanns erste Gedanken; und mit Jedermanns Gedanken bleibt man am Klügsten zu Hause.« Dramaturgie, Stück 101–104. – D. 38. »Seines Fleißes darf sich Jedermann rühmen; ich glaube die dramatische Dichtkunst studirt zu haben, sie mehr studirt zu haben als Zwanzig, die sie ausüben. – Ich verlange auch nur eine Stimme unter uns, wo so Mancher sich eine anmaßt, der, wenn er nicht dem oder jenem Ausländer nachplaudern gelernt hätte, stummer sein würde als ein Fisch. Aber man kann studiren und sich tief in den Irrthum hineinstudiren. Was mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sei, daß ich das Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen Meisterstücken der griechischen Bühne abstrahirt hat. – Indeß steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht werden!), daß ich sie für ein ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiß, nur freilich nicht so faßlich, und daher mehr der Chicane ausgesetzt als Alles, was diese enthalten. – Ich wage es, hier eine Aeußerung zu thun, mag man sie doch nehmen, wofür man will! Man nenne mir das Stück des großen Corneille , welches ich nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette? – Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es zuverlässig besser machen und doch lange kein Corneille sein, und doch lange noch kein Meisterstück gemacht haben. Ich werde es zuverlässig besser machen und mir doch wenig darauf einbilden dürfen. Ich werde nichts gethan haben, als was Jeder thun kann, der so fest an den Aristoteles glaubt wie ich.« Dramaturgie, Stück 101-104. – H. 39. »Ich gehe künftigen Februar von Hamburg weg. Und wohin? Geraden Weges nach Rom. – Was ich in Rom will, werde ich Ihnen aus Rom schreiben. O, daß er gegangen wäre! damals gegangen wäre! Er lebte vielleicht noch. – H. Von hier aus kann ich Ihnen nur so viel sagen, daß ich in Rom wenigstens ebenso viel zu suchen und zu erwarten habe als an einem Orte in Deutschland. Herder hat die Worte weggelassen: »Hier kann ich des Jahres nicht für 800 Thaler leben, aber in Rom für 300 Thaler.« – D. – So viel kann ich ungefähr noch mit hinbringen, um ein Jahr da zu leben; wenn das alle ist, nun, so wäre es auch hier alle, und ich bin gewiß versichert, daß es sich lustiger und erbaulicher in Rom muß hungern und betteln lassen als in Deutschland.« Th. 27. S. 159 f. – H. Aus dem Briefe an Nicolai vom 28. September 1768. – D. 40. »Noch erwartet man vielleicht vom Verfasser der »Antiquarischen Briefe«, daß er sich über den Ton erkläre, den er in ihnen genommen. » Vide, quam sim antiquorum hominum !« »Siehe, wie sehr ich ein Mann aus der alten Welt bin!« – H. antwortete Cicero dem lauen Atticus, Ad Att ., IX. 15. – D. der ihm vorwarf, daß er sich über etwas wärmer, rauher und bitterer ausgedrücket habe, als man von seinen Sitten erwarten können. Der schleichende süße Complimentirton schickte sich weder zu dem Vorwurfe, noch zu der Einkleidung. Auch liebt ihn der Verfasser überhaupt nicht, der mehr das Lob der Bescheidenheit als der Höflichkeit sucht. Die Bescheidenheit richtet sich genau nach dem Verdienste, das sie vor sich hat; sie giebt Jedem, was Jedem gebühret. Aber die schlaue Höflichkeit giebt Allen Alles, um von Allen Alles wieder zu erhalten. Die Alten kannten das Ding nicht, was wir Höflichkeit nennen. Ihre Urbanität war von ihr ebenso weit als von der Grobheit entfernt. Der Neidische, der Hämische, der Rangsüchtige, der Verhetzer ist der wahre Grobe, er mag sich noch so höflich ausdrücken. Doch es sei, daß jene gothische Höflichkeit eine unentbehrliche Tugend des heutigen Umganges ist. Soll sie darum unsere Schriften ebenso schal und falsch machen als unsern Umgang?« Vorrede zu den »Antiquarischen Briefen«. – H. 41. »Die wahre Bescheidenheit eines Gelehrten besteht ... darin, daß er genau die Schranken seiner Kenntnisse und seines Geistes kennet, innerhalb welchen er sich zu halten hat; daß er für jeden Schriftsteller so viel Achtung hegt, ihm nicht eher zu widersprechen, als bis er ihn verstanden; – daß er in den Streitigkeiten, die er sich selbst zuzieht, rund zu Werke geht, nicht tergiversiret. – Mit solchen Wendungen macht sich nur die beleidigte Eitelkeit aus dem Staube, und ein eitler Mann ist zwar höflich, aber nie bescheiden.« Antiquarische Briefe, Brief 51. – H. Herder hat hier mehreres Bedeutende weggelassen. – D. 42. »Jeder Tadel, jeder Spott, den der Kunstrichter mit dem kritisirten Buche in der Hand gutmachen kann, ist dem Kunstrichter erlaubt. Auch kann ihm Niemand vorschreiben, wie sanft oder wie hart, wie lieblich oder wie bitter er die Ausdrücke eines solchen Tadels oder Spottes wählen soll. Er muß wissen, welche Wirkung er damit hervorbringen will, und es ist nothwendig, daß er seine Worte nach dieser Wirkung abwäget. Aber sobald der Kunstrichter verräth, daß er von seinem Autor mehr weiß, als ihm die Schriften desselben sagen können; sobald er sich aus dieser nähern Kenntniß des geringsten nachtheiligen Zuges wider ihn bedienet: sogleich wird sein Tadel persönliche Beleidigung. Er höret auf, Kunstrichter zu sein, und wird – das Verächtlichste, was ein vernünftiges Geschöpf werden kann – Klätscher, Anschwärzer, Pasquillant.« Antiqu. Briefe, Brief 57. – H. Der Anfang des Briefes. – D. 43. Es thut mir leid, wenn mein Stil irgendwo blos satirisch ist. Meinem Vorsatze nach soll er allezeit mehr als satirisch sein. Und was soll er mehr sein als satirisch? Treffend . – »Aber die Höflichkeit ist doch eine so artige Sache.« Gewiß! denn sie ist eine so kleine! Aber so artig, wie man will; die Höflichkeit ist keine Pflicht, und nicht höflich sein, ist noch lange nicht grob sein. Hingegen, zum Besten der Mehrern freimüthig sein, ist Pflicht; sogar es mit Gefahr sein, darüber für ungesittet und bösartig gehalten zu werden, ist Pflicht. Wenn ich Kunstrichter wäre, wenn ich mir getraute, das Kunstrichterschild aushängen zu können, so würde meine Tonleiter diese sein: Gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger, mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Meister, abschreckend und positiv gegen den Stümper, höhnisch gegen den Prahler, und so bitter als möglich gegen den Cabalenmacher. Der Kunstrichter, der gegen Alle nur einen Ton hat, hätte besser gar keinen. Und besonders der, der gegen Alle nur höflich ist, ist im Grunde, gegen die er höflich sein könnte, grob.« Daselbst. – H. 44. »Gewisse Dinge verdienten freilich nie gesagt zu werden, und doch müssen sie wenigstens einmal gesagt werden. Die persönlichen Verhältnisse der Schriftsteller gegen einander interessiren nur kaum den kleinsten Theil des zeitverwandten Publici. Welcher wünscht, daß sein Buch auch bei den Nachkommen nicht ganz vergessen sei (und welcher sollte es nicht wünschen?), muß über nichts streiten, was nur ihn selbst angeht.« Sämmtl. Schr., Th. 12. S. 169. – H. Aus der Fortsetzung der »Antiquarischen Briefe«. – D. 45. »Er sei ein Deutscher oder ein Wale, oder was er will, gewesen, Von Adelmann ist die Rede. – D. er war Einer von den ganz gemeinen Leuten, die mit halboffnen Augen, wie im Traume ihren Weg so fortschlendern. Entweder weil sie nicht selbst denken können oder aus Kleinmuth nicht selbst denken zu dürfen vermeinen oder aus Gemächlichkeit nicht wollen, halten sie fest an dem, was sie in ihrer Kindheit gelernt haben, und glücklich genug, wenn sie nur von Andern nicht verlangen, mit Gutem und Bösen verlangen, daß sie ihrem Beispiele hierin folgen sollen. – Das Ding, was man Ketzer nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der mit seinen eigenen Augen wenigstens sehen wollen . Die Frage ist nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Ja, in gewissen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die größte Empfehlung, die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden können, noch größer als der Name Zauberer, Magus, Teufelsbanner ; denn unter diesen läuft doch mancher Betrüger mit unter.« »Berengarius Turonensis«, Sämmtl. Schr., Th. 13 S. 11 f. – H. 46. »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit aufzuopfern; wenigstens sind Muth und Entschlossenheit, welche dazu gehören, keine Gaben, die wir uns selbst geben können. Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren; sie klar und rund, ohne Räthsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft und Nützlichkeit zu lehren, und die Gaben, welche dazu erfordert werden, stehen in unserer Gewalt. Wer die nicht erwerben oder, wenn er sie erworben, nicht brauchen will, der macht sich um den menschlichen Verstand nur schlecht verdient, wenn er grobe Irrthümer uns benimmt, die volle Wahrheit aber vorenthält und mit einem Mitteldinge von Wahrheit und Lüge uns befriedigen will. Denn je gröber der Irrthum, desto kürzer und gerader der Weg zur Wahrheit; dahingegen der verfeinerte Irrthum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns einleuchtet, daß er Irrthum ist. – Der Mann, der bei drohenden Gefahren der Wahrheit untreu wird, kann die Wahrheit doch sehr lieben; und die Wahrheit vergiebt ihm seine Untreue um seiner Liebe willen. Aber wer nur darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminke an den Mann zu bringen, der möchte wol gern ihr Kuppler sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen. Ich wüßte kaum etwas Schlechtes als einen solchen Kuppler der Wahrheit .« Sämmtl. Schr., Th. 13. S. 26 f. – H.(Aus »Berengar. Turon.« – D. 47. »Wozu diese fruchtlosen Untersuchungen, wenn sich über die Vorurtheile unserer ersten Erziehung doch kein dauerhafter Sieg erhalten läßt? wenn diese nie auszurotten, sondern höchstens nur in eine kürzere oder längere Flucht zu bringen sind, aus welcher sie wiederum auf uns zurückstürzen, eben wenn uns ein andrer Feind die Waffen entrissen oder unbrauchbar gemacht hat, deren wir uns ehedem gegen sie bedienten? Nein, nein! einen so grausamen Spott treibet der Schöpfer mit uns nicht. Wer daher in Bestreitung aller Arten von Vorurtheilen niemals schüchtern, niemals laß zu werden wünschet, der besiege ja dieses Vorurtheil zuerst, daß die Eindrücke unserer Kindheit nicht zu vernichten wären. Die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in unsrer Kindheit beigebracht werden, sind gerade die allerflachsten, die sich am Allerleichtesten durch selbsterworbene Begriffe auf ewig überstreichen lassen, und Diejenigen, bei denen sie in einem spätem Alter wieder zum Vorschein kommen, legen dadurch wider sich selbst das Zeugniß ab, daß die Begriffe, unter welchen sie jene begraben wollen, noch flacher, noch seichter, noch weniger ihr Eigenthum gewesen als die Begriffe ihrer Kindheit. Nur von solchen Menschen können also auch die gräßlichen Erzählungen von plötzlichen Rückfällen in längst abgelegte Irrthümer auf dem Todbette wahr sein, mit welchen man jeden kleinmüthigern Freund der Wahrheit zur Verzweiflung bringen könnte. – Freilich muß ein hitziges Fieber aus dem Spiele bleiben; und was noch schrecklicher ist als ein hitziges Fieber, Einfalt und Heuchelei müssen das Bette des Sterbenden nicht belagern und ihm so lange zusetzen, bis sie ihm ein paar zweideutige Worte ausgenergelt, mit welchen der arme Kranke sich blos die Erlaubniß erkaufen wollte, ruhig sterben zu können.« Sämmtl. Schr., Th. 13. S. 46 f. – H.(Aus »Berengar. Turon.« – D.) 48. »Was ich Ihnen ... nicht verzeihe ..., ist, daß Sie nicht vergnügt sind. – Alles in der Welt hat seine Zeit, Alles ist zu überstehen und zu übersehen, wenn man nur gesund ist. – Wahrlich, ich spiele eine traurige Rolle in meinen eignen Augen. Und dennoch, bin ich versichert, wird sich und muß sich Alles um mich herum wieder aufheitern; ich will nur immer vor mich weg und so wenig als möglich hinter mich zurücksehen. Thun Sie ein Gleiches! – Vergnügt wird man unfehlbar, wenn man sich nur immer vorsetzt, vergnügt zu sein.« Freundschaftlicher Briefwechsel zwischen G. E. Lessing und seiner Frau. Herausgegeben von K. G. Lessing, Th. 1. S. 26, 37. – H. Aus den Briefen an Madame König vom 8. und 20. September 1770. – D. 49. »Sie werden sagen, daß ich eine besondere Gabe habe, etwas Gutes an etwas Schlechtem zu entdecken. Die habe ich allerdings, und ich bin stolzer darauf als auf Alles, was ich weiß und kann. – Nichts kann uns mit der Welt zufriedner machen als eben diese Gabe. – Fast fange ich an zu zweifeln, ob man eben in Wien mehr als an andern Orten Gelegenheit hat, die nur gedachte Gabe ... in Ausübung zu bringen. – Wie ich hier lebe, wundern sich mehr Leute, daß ich nicht vor Langerweile und Unlust umkomme, als sich wundern würden, wenn ich wirklich umkäme.« Freundschaftl. Briefw., Th. 1. S. 52, 100. – H.(Aus den Briefen an Madame König vom 25.October 1770 und vom 12.Februar 1771. – D.) 50. »Was kann ich für Lust haben, an Leute zu schreiben, mit denen ich nur sehr selten Lust haben würde, zu sprechen? – Sie wissen ..., was ich Ihnen oft gestanden habe, daß ich es auf die Länge unmöglich hier aushalten kann. Ich werde in der Einsamkeit, in der ich hier leben muß, von Tag zu Tag dümmer und schlimmer. Ich muß wieder unter Menschen, von denen ich hier so gut als gänzlich abgesondert bin. – Besuche sind kein Umgang, und ich fühle es, daß ich nothwendig Umgang, und Umgang mit Leuten haben muß, die mir nicht gleichgiltig sind, wenn noch ein Funken Gutes an mir bleiben soll.« Daselbst. Th. 2. S. 15. – H.(Aus den Briefen an Madame König vom 12. Mai 1771 und vom 26. October 1772. – D.) »Ich kann mir es leider nicht länger bergen, daß ich hypochondrischer bin, als ich jemals zu werden geglaubt habe. – Sobald ich aus dem verwünschten Schlosse wieder unter Menschen komme, so geht es wieder eine Weile. Und dann sage ich mir: »Warum auch länger auf diesem verwünschten Schlosse bleiben?« Wenn ich noch der alte Sperling auf dem Dache wäre, ich wäre schon hundertmal wieder fort.« Daselbst, Th. 2. S. 49. –H.(Aus dem Briefe an Madame König vom 8. Januar 1773. – D.) 51. »Ich habe über keine Zeile meiner neuen Tragödie eine Seele, weder hier noch in Hamburg können zu Rathe ziehn; gleichwol muß man wenigstens über seine Arbeit mit Jemand sprechen können, wenn man nicht selbst darüber einschlafen soll. Die bloße Versicherung, welche die eigene Kritik uns gewährt, daß man auf dem rechten Wege ist und bleibt, wenn sie auch noch so überzeugend wäre, ist doch so kalt und unfruchtbar, daß sie auf die Ausarbeitung keinen Einfluß hat.« Sämmtl. Schriften, Th. 30. S. 167 f. – H. Aus dem Briefe an seinen Bruder Karl vom 25. Januar 1772. – D. 52. »Wer wird durch Mitteilung und Freundschaft die Sphäre seines Lebens auch zu erweitern suchen, wenn ihm beinahe des ganzen Lebens ekelt? Oder wer hat auch Lust, nach vergnügten Empfindungen in der Ferne umherzujagen, wenn er in der Nähe nichts um sich sieht, was ihm deren auch nur eine gewähren könnte? – Ich habe gearbeitet, mehr als ich sonst zu arbeiten gewohnt bin. Aber lauter Dinge, die, ohne mich zu rühmen, auch wol ein größerer Stümper ebenso gut hätte machen können. – Solche trockne Bibliothekararbeit läßt sich so recht hübsch hinschreiben, ohne alle Theilnehmung, ohne die geringste Anstrengung des Geistes. Dabei kann ich mich noch immer mit dem Troste beruhigen, daß ich meinem Amte Genüge thue und Manches dabei lerne, gesetzt auch, daß nicht das Hundertste von diesem Manchen werth wäre, gelernt zu werden. Doch ich will mich gern noch weit mehr aller Gesellschaft entziehen, um hier in der Einsamkeit zu kahlmäusern und zu büffeln, wenn ich nur sonst von einer andren Seite Wegen seiner Schulden. – D. meine Ruhe wieder damit gewinnen kann.« Daselbst, Th. 30. S. 214 ff. – H. Aus dem Briefe an seinen Bruder Karl vom 28. October 1772 – D. 53. »Daß ich etwas wieder für das Theater machen sollte, will ich wohl bleiben lassen. Kein Mensch unterzieht sich gern Arbeiten, von welchen er ganz und gar keinen Vortheil hat, weder Geld, noch Ehre, noch Vergnügen. In der Zeit, die mir ein Stück von zehn Bogen kostet, könnte ich gut und gern mit weniger Mühe hundert andre Bogen schreiben. Zwar habe ich, nach meinem letzten Ueberschlage, wenigstens zwölf Stücke, Komödien und Tragödien zusammengerechnet, deren jedes ich innerhalb sechs Wochen fertig machen könnte. Aber wozu mich für nichts und wieder für nichts sechs Wochen auf die Folter spannen? – Jeder Künstler setzt sich seine Preise, jeder Künstler sucht so gemächlich von seinen Werken zu leben als möglich: warum denn nun nicht auch der Dichter? Wenn meine Stücke nicht hundert Louisd'or werth sind, so sagt mir lieber gar nichts mehr davon; denn sie sind sodann gar nichts mehr werth. Für die Ehre meines lieben Vaterlandes will ich keine Feder ansetzen, und wenn sie auch in diesem Stücke auf immer einzig und allein von meiner Feder abhangen sollte. Für meine Ehre aber ist es mir genug, wenn man nur ungefähr sieht, daß ich allenfalls in diesem Fache etwas zu thun im Stande gewesen wäre. Also Geld für die Fische – oder beköstigt Euch noch lange mit Operetten! Es wäre auch närrisch, wenn ich den einzigen Weg, Geld zu verdienen, mir wenigstens nicht offen halten und das Publicum erst mit meinen Stücken sättigen wollte. Das Geld ist gerade das, was mir fehlt, und mir mehr fehlt, als es mir jemals gefehlt hat. Ich will schlechterdings in Jahr und Tag keinem Menschen mehr etwas schuldig sein, und dazu gehört ein besserer Gebrauch meiner Zeit als für das Theater.« Sämmtl. Schriften, Th. 30. S. 223 ff. – H. Aus dem Briefe an seinen Bruder. Karl vom 5. December 1772. – D. 54. »Mein Stillschweigen hat noch immer die nämliche Ursache ... Ich bin ärgerlich und arbeite, weil Arbeiten doch das einzige Mittel ist, um einmal aufzuhören, jenes zu sein. – Ich bin in meinem Leben schon in sehr elenden Umständen gewesen, aber doch noch nie in solchen, wo ich im eigentlichen Verstande um Brod geschrieben hätte. Ich habe meine »Beiträge« Beiträge zur Geschichte und Literatur aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. 1773. – H. blos darum angefangen, weil diese Arbeit fördert, indem ich nur einen Wisch nach dem andern in die Druckerei schicken darf und ich doch dafür von Zeit zu Zeit ein paar Louisd'or bekomme, um von einem Tage zum andern zu leben. – Wer nun noch daran zweifelt, daß es die absolute Unmöglichkeit ist, warum ich gewisse Pflichten nicht erfülle, mein Versprechen in gewissen Dingen nicht halte, den bin ich sehr geneigt, ebenso sehr zu verkennen, als er mich verkennt.« Sämmtl. Schr., Th. 30. S. 236 f. – H. Aus dem Briefe an seinen Bruder Karl vom 8. April 1773. – D. »Vor einiger Zeit ließ es sich hier an, als ob man mir glücklichere Aussichten machen wollte. – Aber ich sehe wol, daß man mir nur das Maul schmieren wollen. – Denkt man aber gar nicht oder nicht so bald darauf ..., so können sie sehr versichert sein, daß ich für nichts in der Welt mich hier halten lasse, und in Jahr und Tag längstens schreibe ich Dir aus einem andern Orte als aus Wolfenbüttel! Es ist ohnedies zwar recht gut, eine Zeitlang in einer großen Bibliothek zu studiren, aber sich darin vergraben, ist eine Raserei. Ich merke es so gut als Andere, daß die Arbeiten, die ich jetzt thue, mich stumpf machen. Aber daher will ich auch je eher je lieber mit ihnen fertig sein und meine »Beiträge« ununterbrochen bis auf die letzte Armseligkeit, die nach meinem ersten Plan hineinkommen soll, fortsetzen und ausführen. Dieses nicht thun, würde heißen, die drei Jahre, die ich nun hier zugebracht, muthwillig verlieren wollen.« Sämmtl. Schr., Th. 30. S. 237 f. – H. Aus demselben Briefe. – D. 55. »Hier haben Sie einen ganzen Mistwagen voll Moos und Schwämme . Ebengenannte »Beiträge«. – H. Eine Frage fällt mir dabei ein, die Sie mir gelegentlich beantworten können. Ist, es die Eiche oder ist es der Boden, worin die Eiche stehet, welcher das Moos und die Schwämme um und an der Eiche hervorbringt? Ist es der Boden, was kann die Eiche dafür, wenn endlich des Mooses und der Schwämme so viel wird, daß sie alle Nahrung an sich ziehen und der Gipfel der Eiche darüber verdorret? Doch er verdorre immerhin! Die Eiche, so lange sie lebt, lebt nicht durch ihren Gipfel, sondern durch ihre Wurzeln.« Sämmtl. Schr., Th. 29. S. 385 f. – H. Brief an Ebert vom 12. Januar 1773. – D. 56. »Mit dem Ferguson Wahrscheinlich »Ueber die bürgerliche Gesellschaft«. – H. will ich mir nun ein eigentliches Studium machen. Ich sehe schon aus dem vorgesetzten Inhalte, daß es ein Buch ist, wie mir hier gefehlt hat, wo ich größtenteils nur solche Bücher habe, die über lang oder kurz den Verstand sowie die Zeit tödten. Wenn man lange nicht denkt, so kann man am Ende nicht mehr denken. Ist es aber auch wol gut, Wahrheiten zu denken, sich ernstlich mit Wahrheiten zu beschäftigen, in deren beständigem Widerspruche wir nun schon einmal leben und zu unsrer Ruhe beständig fortleben müssen? Und von dergleichen Wahrheiten sehe ich in dem Engländer schon manche von Weitem, wie auch solche, die ich längst für keine Wahrheiten mehr gehalten. Doch ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich gewisse Vorurtheile weggeworfen, ich ein Wenig zu viel mit weggeworfen habe, was ich werde wiederholen müssen. Daß ich es zum Theil nicht schon gethan, daran hat mich nur die Furcht verhindert, nach und nach den ganzen Unrath wieder in das Haus zu schleppen. Es ist unendlich schwer zu wissen, wenn und wo man bleiben soll, und Tausenden für Einen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wo sie des Nachdenkens müde geworden.« Sämmtl. Schr., Th. 28. S. 329. – H. Aus Lessing's Brief an Mendelssohn vom 9. Januar 1771. – D. 57. »Die Ode an die Könige Von Ramler . – H. will ich mir dreimal laut vorsagen, so oft ich werde Lust haben, an meiner antityrannischen Tragödie zu arbeiten. Ich hoffe mit Hilfe derselben aus dem »Spartacus« einen Helden zu machen, der aus andern Augen sieht als der beste römische. Aber wenn! wenn!« Sämmtl. Schr., Th. 27. S. 36. – H. Aus dem Briefe an Ramler vom 16. December 1770. – D »Kritik, will ich Ihnen nur vertrauen, ist das einzige Mittel, mich zu Mehrerem aufzufrischen oder vielmehr aufzuhetzen. Denn da ich die Kritik nicht zu dem kritisirten Stücke anzuwenden im Stande bin; da ich zum Verbessern überhaupt ganz verdorben bin ...: so nutze ich die Kritik zuverlässig zu etwas Neuem. Also ... wenn auch Sie es wollen, daß ich wieder einmal etwas Neues in dieser Art machen soll, so sehen Sie, worauf es dabei mit ankömmt: mich durch Tadel zu reizen, nicht dieses Nämliche besser Zu machen, sondern überhaupt etwas Besseres zu machen. Und wenn auch dieses Bessere sodann nothwendig noch seine Mängel haben muß, so ist dieses allein der Ring durch die Nase , an dem man mich in immerwährendem Tanze erhalten kann.« Sämmtl. Schr., Th. 27. S. 39 f. – H. Aus dem Briefe an Ramler vom 21. April 1772. – D. 58. »Die öftere Abänderung der Arbeit ist noch das Einzige, was mich erhält. Freilich wird so viel angefangen und wenig vollendet. Aber was schadet das? Wenn ich auch nichts in meinem Leben mehr vollendete, ja, nie etwas vollendet hätte, wäre es nicht eben das? Vielleicht wirst Du auch diese Gesinnung ein Wenig misanthropisch finden, welches Du mich in Ansehung der Religion zu sein im Verdacht hast. Ohne nun aber zu untersuchen, wie viel oder wie wenig ich mit meinen Nebenmenschen zufrieden zu sein Ursache habe, muß ich Dir doch sagen, daß Du ... mein ganzes Betragen in Ansehung der Orthodoxie sehr unrecht verstehst. Ich sollte es der Welt mißgönnen, daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen wünschen, daß ein Jeder über die Religion vernünftig denken möge? Ich würde mich verabscheuen, wenn ich selbst bei meinen Sudeleien einen andern Zweck hätte, als jene große Absichten befördern zu helfen. Laß mir aber doch nur meine eigne Art, wie ich dieses thun zu können glaube. Und was ist simpler als diese Art? Nicht das unreine Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen, will ich beibehalten wissen; ich will es nur nicht eher weggegossen wissen, als bis man weiß, woher reineres zunehmen; ich will nur nicht, daß man es ohne Bedenken weggieße, und sollte man auch das Kind hernach in Mistjauche baden. Und was ist sie anders, unsere neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie als Mistjauche gegen unreines Wasser. Mit der Orthodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber was thut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns unter dem Vorwande, uns zu, vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftig Philosophen. Ich bitte Dich ..., erkundige Dich doch nur nach diesem Punkte genauer und siehe etwas weniger auf das, was unsere neuen Theologen verwerfen, als auf das, was sie dafür in die Stelle setzen wollen. Darin sind wir einig, daß unser altes Religionssystem falsch ist; aber das möchte ich nicht mit Dir sagen, daß es ein Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen sei. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm. Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßt. Und doch verdenkst Du es mir, daß ich dieses alte vertheidige? Meines Nachbars Haus drohet ihm den Einsturz. Wenn es mein Nachbar abtragen will, so will ich ihm redlich helfen. Aber er will es nicht abtragen, sondern er will es, mit gänzlichem Ruin meines Hauses, stützen und unterbauen. Das soll er bleiben lassen, oder ich werde mich seines einstürzenden Hauses so annehmen als meines eigenen.« Wie nimmt man sich seines eignen baufälligen Hauses an? Man bessert es ernstlich oder reißt es nieder und baut ein andres; in beiden Fällen aber erkundigt man sich, was denn eigentlich Schadhaftes an ihm sei. Der Ungenannte gab Vieles dafür aus, was es nicht ist; Lessing nahm Vieles, was er dafür erkannte, gewandsweise, gymnastisch in seinen Schutz. Dies ist nicht der reine Weg zur Wahrheit, obgleich darauf sehr viel Scharfsinn, hie und da unnöthig, angewandt worden ist. Ich kann also den Weg, den Lessing in Führung dieser Streitigkeit nahm, nicht ganz billigen, wie er denn auch seine eigentliche Absicht nicht erreicht hat. – H. (Die Stelle ist aus Lessing's Brief an seinen Bruder Karl vom 2. Februar 1774. Sämmtl. Schr., Th. 30. S. 284 ff. – D.) 59. »Da ich es nur allzu sehr empfinde, wie viel trockner und stumpfer ich an Geist und Sinnen diese vier Jahre, trotz aller meiner sonst erweiterten historischen Kenntniß, geworden bin, so möchte ich es um Alles in der Welt willen nicht noch vier Jahre thun. Aber ich muß es auch nicht ein Jahr mehr thun, wenn ich noch sonst etwas in der Welt thun will. Hier ist es aus; hier kann ich nichts mehr thun. Du wirst diese Messe auch nichts von mir lesen; denn ich habe den ganzen Winter nichts gethan und bin sehr zufrieden, daß ich nur das eine große Werk von Philosophie (oder Poltronnerie) zu Stande gebracht – daß ich noch lebe. Gott helfe mir in diesem edlen Werke weiter, welches wohl werth ist, daß man alle Tage darum ißt und trinkt. – Ich hasse alle die Leute, welche Secten stiften wollen, von Grund meines Herzens. Denn nicht der Irrthum, sondern der sectirische Irrthum, ja sogar die sectirische Wahrheit machen das Unglück der Menschen, oder würden es machen, wenn die Wahrheit eine Secte stiften wollte.« Sämmtl. Schr., Th. 30. S. 309 f. – H. (Aus dem Briefe an seinen Bruder Karl vom 20. April 1774. – D.) 60. »Fast könnte ich Sie beneiden, daß Sie noch Blumen lesen , Mit Bezug auf Ramler's »Blumenlese«. – D. da ich verdammt bin, nichts als Dornen zu sammeln . »Das ist Ihre Schuld;« werden Sie sagen. Ich sollte nicht meinen. Ich sehe auf meinem ganzen Felde nichts als Dornen; und einmal ist es nun mein Feld. Umsonst erinnern Sie mich unserer gemeinschaftlichen Entschlüsse, ein blumenreicheres anzubauen. Es hat nicht sein sollen! Mit mir ist es aus, und jeder dichterische Funken, deren ich ohnedies nicht viel hatte, ist in mir erloschen. – Leisten Sie allein , was wir zusammen leisten wollten. – Ich, der ich die ganze Welt ausreisen wollte, werde allem Ansehen nach in dem kleinen Wolfenbüttel unter Schwarten vermodern.« Sämmtl. Schr., Th. 27. S. 42 f. – H. Aus dem Briefe an Ramler vom 12. November 1774. – D. 61. »Von gewissen Dingen läßt sich gar nicht sprechen ...; sprechen zwar wohl, aber nicht schreiben. Man schreibt immer zu wenig, oder zu viel, wenn man bei sich selbst noch kein Resultat gezogen; im Sprechen aber kann man sich alle Augenblicke corrigiren, welches im Schreiben nicht angeht. So viel dürfte ich Dir im Vertrauen doch fast sagen, daß auch die Mannheimer Reise In Mannheim wollte man ihn für das dortige Nationaltheater gewinnen. – D. noch bis jetzt unter die Erfahrungen gehört, daß das deutsche Theater mir immer fatal ist; daß ich mich nie mit ihm, es sei auch noch so wenig, bemengen kann, ohne Verdruß und Unkosten davon zu haben. Und Du verdenkst es mir noch, daß ich mich dafür lieber in die Theologie werfe? Freilich, wenn mir am Ende die Theologie ebenso lohnt als das Theater.« Daselbst, Th. 30. S. 391 f. – H. Aus dem Briefe an seinen Bruder Karl vom 20. März 1777. Die folgenden enge damit zusammenhängenden Worte: »Es sei! Darüber würde ich mich weit weniger beschweren« sind von Herder weggelassen.– D. 62. »Will es denn eine Classe von Leuten nie lernen, daß es schlechterdings nicht wahr ist, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe? Es ist nicht wahr, sag' ich, aus keinem geringern Grunde, als weil es nicht möglich ist. Was wollen sie denn also mit ihrem Vorwurfe muthwilliger Verstockung, geflissentlicher Verhärtung, mit Vorbedacht gemachter Plane, Lügen auszustaffiren, die man Lügen zu sein weiß? Was wollen sie damit? Daß es leichtsinnige sowie muthwillige Verblendungen aus gewohnten Vorurtheilen, ja aus mancherlei Leidenschaften, einen bittern Haß gegen die Wahrheit oder gegen ernste Untersuchungen der Wahrheit nicht nur geben könne, sondern wirklich gebe, hat Lessing nicht leugnen wollen und auf seinem Lebenswege selbst erfahren. – H. Was anders, als – – Nein; weil ich auch ihnen diese Wahrheit muß zu Gute kommen lassen, weil ich auch von ihnen glauben muß, daß sie vorsätzlich und wissentlich kein falsches verleumdrisches Urtheil fällen können: so schweige ich und enthalte mich alles Wiederscheltens. Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Werth des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusätze, mich immer und ewig zu irren, D. i. der Wahrheit immer zu nahen; denn das schließt der Trieb nach Wahrheit und ihr Begriff selbst ein. – H. verschlossen hielte und spräche zu mir: »Wähle!« ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke und sagte: »Vater, gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!«« Sämmtl. Schr., Th. 5. S. 145 ff. – H. Aus der Schrift: »Eine Duplik« (1778). – D. 63. »Wann wird man aufhören, an den Faden einer Spinne nichts weniger als die ganze Ewigkeit hängen zu wollen? Er spricht von kleinen historischen Umständen der Geschichte des Christenthums im Anfange derselben. – H. Diese Stelle, die sich auf die Wunder bezieht, steht bei Lessing nach der folgenden. – D. – Welcher Thor wühlet neugierig in dem Grunde seines Hauses, blos um sich von der Güte des Grundes seines Hauses zu überzeugen? Setzen mußte sich das Haus freilich erst an diesem und jenem Orte. Aber daß der Grund gut ist, weiß ich nunmehr, da das Haus so lange Zeit steht, überzeugender, als es Die wissen konnten, die ihn legen sahen. – Ich lobe mir, was über der Erde steht, und nicht, was unter der Erde verborgen liegt! Vergieb es mir, lieber Baumeister, daß ich von diesem weiter nichts wissen mag, als daß es gut und fest sein muß; denn es trägt, und trägt so lange. – An der Schönheit des Ganzen will ich meine Betrachtungen weiden; in dieser, in dieser will ich Dich preisen, lieber Baumeister!« Sämmtl. Schr., Th. 5. S. 165, 160 f. – H. Aus »Eine Duplik«. – D. 64. »Luther, Du! Großer, verkannter Mann! – Du hast uns von dem Joche der Tradition erlöset, wer erlöset uns von dem unerträglichen Joche des Buchstabens! Lessing wollte damit nicht sagen, daß wir den Buchstaben, d.i. den literaren Sinn nach seiner wahren, zeitmäßigen, ungezweifelten Bedeutung, nicht kennen lernen sollten. Eben diesen, mithin den Geist der Schriften des Christenthums, sollten wir kennen lernen. – H. Wer bringt uns endlich ein Christenthum, wie du es itzt lehren würdest, wie es Christus selbst lehren würde! Wer –« »Der wahre Lutheraner will nicht bei Luther's Schriften, er will bei Luther's Geiste geschützt sein; und Luther's Geist erfordert schlechterdings, daß man keinen Menschen in der Erkenntniß der Wahrheit nach seinem eigenen Gutdünken fortzugehen hindern muß. Aber man hindert Alle daran, wenn man auch nur Einem verbieten will, seinen Fortgang in der Erkenntniß Andern mitzutheilen. Denn ohne diese Mittheilung im Einzeln ist kein Fortgang im Ganzen möglich.« Sämmtl. Schr., Th. 6. S. 23, 162. – H. In den Schriften »Eine Parabel« und »Anti-Goeze« I (1778). – D. 65. »Jeder Mensch hat seinen eignen Stil ... Was kann ich dafür, daß ich nun einmal keinen andern Stil habe? Daß ich ihn nicht erkünstle, bin ich mir bewußt. – Es kömmt wenig darauf an, wie wir schreiben, aber viel, wie wir denken. Und Sie wollen doch wol nicht behaupten, daß unter verblümten, bilderreichen, Worten nothwendig ein schwanker, schiefer Sinn liegen muß? daß Niemand richtig und bestimmt denken kann, als wer sich des eigentlichsten, gemeinsten, plattesten Ausdruckes bedienet? daß, den kalten symbolischen Ideen auf irgend eine Art etwas von der Wärme und dem Leben natürlicher Zeichen zu geben suchen, der Wahrheit schlechterdings schade? Wie lächerlich, die Tiefe einer Wunde nicht dem scharfen , sondern dem blanken Schwerte zuschreiben! Wie lächerlich also auch, die Ueberlegenheit, welche die Wahrheit einem Gegner über uns giebt, einem blendenden Stile desselben zuschreiben! Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein giebt ächten Glanz und muß auch bei Spötterei und Posse, wenigstens als Folie, unterliegen. Also von der , von der Wahrheit lassen Sie uns sprechen und nicht vom Stil. Ich gebe den meinen aller Welt preis.« Sämmtl. Schr., Th. 6. S. 174 f. – H. Anti-Goeze II. – D. »Ich suche allerdings durch die Phantasie mit auf den Verstand meiner Leser zu wirken. Ich halte es nicht allein für nützlich, sondern auch für nothwendig, Gründe in Bilder zu kleiden und alle die Nebenbegriffe, welche die einen oder die andern erwecken, durch Anspielungen zu bezeichnen. Wer hiervon nichts weiß und verstehet, müßte schlechterdings kein Schriftsteller werden wollen; denn alle gute Schriftsteller sind es nur auf diesem Wege geworden. – Der Begriff ist der Mann; das sinnliche Bild des Begriffes ist das Weib, und die Worte sind die Kinder, welche beide hervorbringen. Ein schöner Held, der sich mit Bildern und Worten herumschlägt und immer thut, als ob er den Begriff nicht sähe! oder immer sich einen Schatten von Mißbegriff schafften welchem er zum Ritter werde!« Daselbst, Th. 6. S. 261 ff. – H. Anti-Goeze VIII. – D. 66. »Meine Frau ist todt; und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin ganz leicht.– Wenn ich noch mit der einen Hälfte meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andre Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben, wie gern wollt' ich es thun! Aber das geht nicht; und ich muß nur wieder anfangen, meinen Weg allein so fortzuduseln.« Sämmtl. Schr., Th. 27. S. 74 f. – H. Aus den Briefen an Eschenburg vom 10. und 14. Januar 1778. – D. 67. »Vor allen Dingen laß mich Deinen Erstgebornen mit meinem besten Segen hienieden bewillkommen! Er werde besser und glücklicher als Alls seines Namens! – Itzt ist man hier auf meinen »Nathan« gespannt und besorgt sich davon, ich weiß nicht was. – Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als ich nur immer gemacht habe, und Herr Moses Mendelssohn. – D. hat ganz recht geurtheilt. daß sich Spott und Lachen zu dem Tone nicht schicken würde, den ich in meinem letzten Blatte angestimmt ... Er soll schon sehen, daß ich meiner eigenen Sache durch diesen dramatischen Absprung im Geringsten nicht schade.« Daselbst, Th. 30. S. 463 ff. – H. Aus dem Brief an seinen Bruder Karl vom 20. October 1778. – D. 68. »Mein »Nathan« – ist ein Stück, welches ich schon vor drei Jahren ... vollends aufs Reine bringen und drucken lassen wollen. – Mein Stück hat mit unsern jetzigen Schwarzröcken nichts zu thun, und ich will ihm den Weg nicht selbst verhauen, endlich doch einmal aufs Theater zu kommen, wenn es auch erst nach hundert Jahren wäre. – Nur mit dem Pränumeriren möchte ich gern nichts zu thun haben. Denn wenn ich nun plötzlich stürbe? So bliebe ich vielleicht tausend Leuten einem Jeden einen Gulden schuldig, deren Jeder für zehn Thaler auf mich schimpfen würde. – Nach meinem ersten Anschlage sollte noch ein Nachspiel dazu kommen, genannt »Der Derwisch«, welches auf eine neue Art den Faden einer Episode des Stücks selbst wieder aufnähme und zu Ende brächte. Aber auch das muß Wie die beabsichtigte Vorrede. – D. wegbleiben.« Daselbst, Th. 30. S. 471 ff., 490. – H. Aus den Briefen an seinen Bruder Karl vom 7. November 1778 und vom 15. Januar 1779. – D. 69. »Wenn man ... sagen wird, daß ein Stück von so eigner Tendenz nicht reich genug an eigner Schönheit sei, so werde ich schweigen, aber mich nicht schämen. Ich bin mir eines Ziels bewußt, unter dem man auch noch viel weiter mit allen Ehren bleiben kann. Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon itzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird!« Lessing's Leben und Nachlaß, Th. 1. S. 410. – H. Aus dem Entwurf einer Vorrede zum »Nathan«. – D. 70. »Mein Ungenannter Die von ihm als »Fragmente eines Ungenannten« herausgegebenen Angriffe auf die christliche Ueberlieferung, von Reimarus. – D. scheint ein Wenig Luft zu bekommen. – Und nun wird sich der Ungenannte schon selbst so weit helfen, als er sich nach den Gesetzen einer höhern Haushaltung helfen soll. Auf mein eignes Glaubensbekenntniß habe ich mich bereits eingelassen, wenigstens mich darüber ausgelassen ; denn zum Einlassen gehören Zwei; und nachdem ich es als ein ehrlicher Mann gethan, hat Niemand davon etwas weiter zu wissen verlangt. Vermutlich weil es noch zu orthodox war und hierdurch weder der einen noch der andern Partei gelegen kam. »Ist er noch so weit zurück?« dachten die Einen. »Wenn er nur das will,« dachten die Andern, »was haben wir denn für einen Lärmen über ihn angefangen?« – Die Versatilität des Geistes verliert sich, glaube ich, von seinen Eigenschaften am Ersten. Es kostet so viel Arbeit, mich umwälzen zu lassen, daß es kaum mehr der Mühe verlohnt, wenn ich nicht eine geraume Zeit in der neuen Lage wieder verweilen kann.« Sämmtl. Schr., Th. 29. S. 496 ff. – H. Aus dem Briefe an Herder vom 25. Juni 1780. – D. 71. »Der Reisende, den Sie mir vor einiger Zeit zuschickten, Alexander Davison. – D. war ein neugieriger Reisender . Der, mit dem ich Ihnen itzt antworte, ist ein emigrirender . Diese Classe von Reisenden findet sich unter Yorick 's Classen nun zwar nicht, und unter diesen wäre nur der unglückliche und unschuldige Reisende , der hier allenfalls paßte. Doch warum nicht lieber eine neue Classe gemacht, als sich mit einer beholfen, die eine so unschickliche Benennung hat. Denn es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wol immer fehlen lassen. – Dieser Emigrant will von Ihnen nichts ..., als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden giebt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der Erste, der ihm folgt. An Ihrem Briefchen ... kaue und nutsche ich noch. Das saftigste Wort ist hier das edelste. Und wahrlich, ... ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr nöthig, wenn ich nicht ganz mißmuthig werden soll. Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tödtend, doch erstarrend. Auf Lob der Journale zielt dieses nicht, sondern auf die ganze Wirkung, die Lessing mit seinen letzten Bemühungen zu machen hoffte, und die er freilich zu kurz nahm. Alles hat seine Wirkung gethan, und wird sie thun, seine »Beiträge«, seine Schriften über die »Fragmente«, sein »Nathan«; in der Hand der Vorsehung ist nichts verloren. Nur seine Laufbahn war vor der Zeit zu Ende; er verlechzte. – H. Daß Ihnen nicht Alles gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, das wundert mich gar nicht. Ihnen hatte gar nichts gefallen müssen; denn für Sie war nichts geschrieben. Höchstens hat Sie die Zurückerinnerung an unsre besseren Tage noch etwa bei der und jener Stelle täuschen können. Auch ich war damals ein gesundes, schlankes Bäumchen und bin jetzt ein so fauler, knorrigter Stamm! Ach, lieber Freund, diese Scene ist aus! Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen!« Geschrieben den 19. December 1780 (Sämmtl. Schr., Th. 28. S. 355 f.) (An Mendelssohn. – D.) Der letzte seiner gedruckten Briefe ist vom 26. Januar 1781 (a. a. O., Th. 29. S. 498). (An Breitkopf. – D.) Er starb den 15. Februar 1781. – H. Lessing . ——— Und so fiel er, der edle Hirsch, viel verwundet und unüberwunden. Da, wo er erstarrte, sagt man, stehe sein Bild in Stein. ——— 112. Die » Funken aus der Asche eines Todten « haben mich wie ein stummes Trauerspiel im Innersten gerührt. Das also war Lessing 's Privatleben! so leitete es sich fort! so hat es geendet! Dank seinem Bruder und dessen Gehilfen, daß sie uns eine Sammlung Lessing 'scher Schriften gegeben, wie wir sie noch von keinem deutschen Schriftsteller gehabt haben! Wünschten wir nicht Alle, daß Leibniz einen solchen Herausgeber gehabt hätte? Ueber die Art der Herausgabe hat er sich, meinem Bedünken nach, gnugsam gerechtfertigt. S. Vorrede zum zweiten Theil Lessing'scher Schriften, Berlin 1784. – H. Die von Lessing selbst 1771 begonnene Sammlung seiner »Sämmtlichen Schriften« setzte Karl Lessing in Verbindung mit Eschenburg und Nicolai fort. – D. Die Wahl der Männer. die ihm beistanden, ganz und völlig endlich rechtfertigt ihn die oft und frei bekannte Denkart seines Bruders. »Einmal,« sagt dieser, Anti-Goeze VI; Lessing's Schr., Th. 6. S. 233. – H. »habe ich nun eine ganz abergläubische Achtung gegen jedes geschriebene und nur geschrieben vorhandene Buch, von welchem ich erkenne, daß der Verfasser die Welt damit belehren oder vergnügen wollen . Es jammert mich, wenn ich sehe, daß Tod oder andere dem thätigen Manne nicht mehr und nicht weniger willkommene Ursachen so viel gute Absichten vereiteln können, und ich fühle mich sofort in der Befassung, in welcher sich jeder Mensch, der dieses Namens noch würdigest, bei Erblickung eines ausgesetzten Kindes befindet. Er begnügt sich nicht, ihm nur nicht vollends den Garaus zu machen, es unbeschädigt und ungestört da liegen zu lassen, wo er es findet; er schafft oder trägt es in das Findelhaus, damit es wenigstens Taufe und Namen erhalte. – Gerade so wünschte ich wenigstens (denn was wäre es nun, wenn auch darum noch so viel Lumpen mehr dergestalt verarbeitet werden müßten, daß sie Spuren eines unsterblichen Geistes zu tragen fähig würden?), wünschte ich wenigstens alle und jede ausgesetzte Geburten des Geistes mit eins in das große für sie bestimmte Findelhaus der Druckerei bringen zu können; und wenn ich deren selbst nur wenige wirklich dahin bringe, so liegt die Schuld gewiß nicht an mir allein. Ich thue, was ich kann, und Jeder thue nur ebenso viel.« So dachte Lessing , und so habe er's denn seiner eignen Nemesis Dank, daß nach dem Maaß, nach dem er fremde Handschriften hervorzog, die seinigen auch ans Licht gestellt werden. Ehre gnug für Jeden, Schriftsteller oder nicht, dessen kleinstes Blättchen, dessen eiligster Brief mit so viel Ehre ans Licht treten darf! Gens sui tantum similis , Ein anders gemeintes Wort des Tacitus ( Germ . 4). – D. ein gar absonderliches Volk sind wir Deutsche. Unsre Nachbarn rühmen sich ihrer Schriftsteller; sie sammeln ihre Werke, Aufsätze, Briefe, Fragmente mit größtem Fleiß und setzen darin ein edles Eigenthum, eine Nationalehre. So sind (nur wenige anzuführen) in Frankreich die Werke nicht etwa nur der Corneille, Racine, Molière, Voltaire, Rousseau, Fénélon, Bossuet , sondern auch der Motte le Bayer, Motte Houdart u. s. w., in England Shakespeare's, Bacon's, Milton's, Swift's, Pope's, Hume's Werke zum Theil mit einer Pracht erschienen, mit welcher der eitelste Schriftsteller selbst zuweilen unzufrieden sein würde; und wo irgend ein Brief, ein Einfall, eine Anekdote von Diesem oder Jenem aufgegriffen ward, wird er bekannt gemacht und verherrlicht. Unsre deutschen Journale sagen nach, rühmen und preisen. Nur gegen unsre eigensten Verdienste sind wir undankbar, verachten, was nach der sorgfältigsten Bearbeitung in der bescheidensten Tracht vor uns tritt, und entziehen selbst dem Todten, was ihm gebührt. Für Höfe schrieb Lessing nicht, auch nicht für den großen Maaßstab alles Geschmacks, den Geschmack der Franzosen. Gegen diesen schreibt man ihm vielmehr (obwol meines Erachtens mit Unrecht) einen ungerechten Widerwillen zu; sie mögen ihn also nicht lesen. Ueber das Mikrologische mancher seiner Untersuchungen so wie überhaupt über die Bildung seines Stils hat Lessing sich frank und frei erklärt. S. Sämmtliche Schriften, Th. 13., Vorrede, IX u. S. 390; Th. 6. S. 174 f. – H. Wir Deutsche wollen ihn lesen; theoretisch und praktisch war er der Sprache Meister. Wenn es auch keine deutsche Nation gäbe, die sich um Dies oder Jenes, worüber er geschrieben hat, kümmerte, so sollte es, dünkt mich, deutsche Gelehrte geben, denen Dies und Jenes nicht gleichgiltig sein darf, und der verständige Mann in seiner Sinnes- und Denkart ist für einen gebildeten Mann bei jedem Schriftsteller das Wichtigste, das Beste. Auch ich stelle mir Ihren Jüngling vor, der, »mit klassischen Kenntnissen in der Schule ausgerüstet, ehe er die Akademie beschreitet,« Vgl. oben Brief 111 (S. 498). – D. eben auf diese Sammlung Lessing'scher Schriften geriethe. Natürlich wird er Vieles in ihnen überschlagen; wobei er aber verweilt, an den Werken seines Genius, an den Grundsätzen und Urtheilen seiner Kritik, an seinen unvollendeten Entwürfen, an seinen hie und da kaum genannten Vorsätzen, an seinen Meinungen über das, was ihm leicht und schwer, nothwendig oder erläßlich schien, an seiner Wage des Billigen und Rechten, des Zweckmäßigen, Edlen und Schönen, an seiner Kunst zu disputiren, nach Ort und Zeit zu reden, Wahrheit zu verhüllen, ohne sie zu beleidigen, sie nicht immer unmittelbar, sondern auf gewählten Umwegen geschickt zu befördern, vor Allem an seinem festen und bescheidnen Charakter, der nie mehr von sich hielt, als sich gebührt zu halten, der auch im Spiele ernst, auch gegen Feinde gerecht, über die menschliche Bestimmung rein und sicher, über das menschliche Wissen und Bestreben demüthig und bescheiden, seinen Grundsätzen treu blieb und in den widrigsten Fällen des Lebens den herben Apfel oft mit Scherz, immer aber mit männlicher Heiterkeit kostete: an diesem Mann und Schriftsteller wird er viel zu lernen finden! Seine Winke, seine Fehler werden ihn das Wichtigste lehren; er wird ihn hochschätzen und bedauern . Hochschätzen , daß er sich in so Vieles wohlgerüstet, muthig und glücklich warf, wo es ihm mißlang, sich am Ziel selbst nicht irre machen ließ, sondern es auf andern Bahnen suchte. Bedauern wird er ihn. Doch wozu die nutzlose Wiederholung? Mit Lessing ist das Problem abermals aufgelöst. Gebt diesem reinen Stahl in dephlogisirter Luft nur einen Funken, welch Schauspiel einer herrlichen Flamme an Glanz und Farbe werdet Ihr erblicken bis zum letzten Moment der Erscheinung. Bringt diese helle Flamme dagegen – Der bescheidne Lessing erwartete von seinem Vaterlande nichts; das schmerzlichste aller Gefühle, das Gefühl der Kränkung, mäßigte er, selbst wenn man ihn täuschte . »Noch sind mir,« sagte er, Sämmtl. Schr., Th. 25. S. 376. – H. Dramaturgie, Stück 101–104. – D. »in meinem Leben alle Beschäftigungen sehr gleichgültig gewesen; ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur erboten, aber auch die geringfügigste nicht von der Hand gewiesen, zu der ich mich aus einer Art von Prädilection erlesen zu sein glauben konnte.« Seine erste Jugendrede (1743) handelte von der Gleichheit eines Jahrs mit dem andern ; Lessing's Leben und Nachlaß, Th. 2. S. 103. – H. in Ansehung seiner Erwartungen scheint er dieser Jugendphilosophie zeitlebens treu geblieben zu sein. Kurz, das Trauerspiel »Spartacus«, das er uns auf der Bühne nicht geben konnte, hat er uns durch seinen Lebenslauf gegeben. – Fahren Sie mit Ihrer Geschichte der französischen Propaganda in Deutschland fort. Was ist zu thun? Was wird werden? ——— 113. »Was ist zu thun? Was wird werden?« Da wir die sieben Weisen Griechenlands nicht aufrufen können, so dünkt mich: 1. Laßt geschehen sein, was geschehen ist; es ist geschehen. Hätten die obern Stände Deutschlands sich in den Kopf gesetzt, statt Französisch Kalmukisch zu sprechen (das Mongolische ist auch eine sehr ausgebildete Sprache): was wolltet Ihr dagegen? Die Jahrhunderte sind verloren , und nicht Ihr, sondern sie tragen die Schuld. 2. Ihr seht, daß die Zeit das Blatt wendet. Ein Theil des französischen Geschmacks, der Hofgeschmack nämlich, ist bei den Franzosen selbst antiquirt . Wartet, ob ihn die Deutschen beibehalten, oder ob sie gar aus Mode Republikaner werden. Deutsch-französische Republikanerinnen und Republikaner! 3. Schmäht nicht, sondern bemitleidet, schweigt, ehrt, und wenn Ihr es könnt, belehrt! Es ist ein pöbelhafter Wahn, daß wir der obern Stände nicht bedürfen ; wir bedürfen ihrer, wie sie unser bedürfen. Wir sollen ihr Auge, wir müssen ihre Hand sein; sie hingegen sind's, von deren Willen und Meinung im Guten und Bösen fast Alles abhängt. Zum Wohl des Ganzen sind sie unentbehrlich. Ebenso falsch ist die andre Behauptung, daß es Deutschland vorteilhaft sei, wenn Schriftsteller blos für Schriftsteller schreiben. Der Koch kocht für Gäste, nicht für Köche; und wenn Köche sich in Deutschland zu Häuptern einer gelehrten Republik aufwerfen und statt der von ihnen verachteten Höfe schmähende Jahrs- und Monatsbuden errichten, so ist die öffentliche Kritik, die jeder Nation ein Palladium des guten Geschmacks, des gesunden und redlichen Urtheils sein sollte, in Deutschland dazu geworden, wozu sie Weltleute mit verachtendem Spott aus innrer Abneigung gegen alles deutsche Bücherwesen nur wünschen mochten. Welcher Mann, ich will nicht sagen, von Stande, sondern nur von Achtung für seinen Namen wird sich in eine Gesellschaft mischen, die auf solche Art für sich selbst schreibt? 4. Glaube man nicht, daß die untersten Stände die obern ersetzt haben, sobald irgend nur das Product abgeht. Der größte Theil deutscher Schriftsteller schreibt jetzt für Lesegesellschaften , und manche derselben scheinen sich an diesen das Gesinde der deutschen Nation zu denken, für welches ihre Producte gewiß auch die unterhaltendsten sind. Dadurch bessern wir unsern Geschmack nicht; dadurch erwerben wir keine Ehre. Der Namenlose, der solche Werke schrieb, schämte sich ihrer zuerst selbst, bis er (denn man gewöhnt sich an jedes Handwerk) in Kurzem auch die Scham ablegte. Er weiß , daß er die Nation mit seinen Hefen der Aufklärung verderbe; die Hefenfabrik aber bringt ihm Geld und ist gut zu Leihbibliotheken , der großen Gesindstube des deutschen Witzes und Unraths. 5. Wir haben Gäste um uns, deren manche endlich schon sich entschließen, das barbarische Deutsche zu lernen, die also (bei Franzosen kann es nicht fehlen) uns bald in die Schule nehmen werden. Schon hat Einer den Anfang gemacht Humaniora , Stück 2 oder 3 des Jahrs 1796. – H. und uns verwiesen, daß wir »so gern Originale und Fürstensclaven « sein mögen, daß es uns an Wörterbüchern , an einer richtigen Orthographie und an lateinischen Lettern mangle; solcher Belehrer werden sich mehrere finden. Und mit Verehrung werden die deutschen Zeitschriften diese Seltenheiten aufnehmen, nicht gnug zu rühmen wissen, wie sehr unsre Literatur dadurch in Aufnahme komme, indem sogar Ausländer sich endlich um sie bekümmern. Jeder, dem sein Vaterland lieb ist; hüte sich vor ihren beschämenden Schmeicheleien und mache sich ebenso viel aus dergleichen längst bekannten Rathschlägen . Was von Franzosen über unsre Literatur gesagt werden kann, ist hundertfach gesagt; wir aber wissen selbst am Besten, wo uns der Schuh drückt, woran das Uebel liege. Ich schämte mich, wenn die besten deutschen Schriftsteller sich aus einem Lobe wie z. B. im Journal étranger so viel machten und die Reservationen nicht bemerkten, mit denen jedes Lob gesagt war. Behüte Gott jeden Deutschen, daß er nicht um französischen und englischen Ruhm schreibe! Wo die Natur durch Sprache, Sitten und Charakter die Völker geschieden, da wolle man sie doch nicht durch Artefacta und chemische Operationen in Eins verwandeln. 6. Mich dünkt, wir bleiben auf unserm Wege und machen aus uns, was sich machen läßt. Sage man über unsre Nation, Literatur und Sprache Böses und Gutes; sie sind einmal die unsern . Mit der französischen Sprache wollen wir nicht tauschen, ihr auch nicht beneiden, daß sie die Sprache der Welt sei. Büsch hat die Frage: »Gewinnt ein Volk in Absicht auf seine Aufklärung, wenn seine Sprache zur Universalsprache wird?« scharfsinnig und meinem Bedünken nach wahr beantwortet. Berlin 1787. – H. Als demüthige Deutsche wollen wir das gesammte Universum noch nicht lehren, sondern von jeder Nation, von der wir lernen können, lernen. Von den Altfranzosen sowol als von den Neufranken wollen wir fortfahren zu lernen; denn eben von jenen ist uns ihrer bösen Einführung wegen, unparteiisch betrachtet, noch Vieles zu lernen übrig. Der eine Theil unsrer Nation nahm sie, ohne alles Verhältniß zu unserm Dasein, mit blinder Verehrung auf und gewann an ihnen gerade das lieb, was für uns nicht diente, Plaisanterienen über die Religion und Zoten; der andere verabscheute sie um so mehr und betrug sich überhaupt etwas pedantisch. Vielleicht waren wir zum richtigen Empfang und zu Beurtheilung dieser mannichfaltigen Zeit- und Geistesproducte an beiden Theilen noch zu sehr im Nebel. Jetzt hat sich die Wolke zertheilt; Frankreich selbst hat die Folgen vom Mißbrauch mehrerer Grundsätze Rousseau's, Voltaire's, Helvetius ' gekostet; die Zeit hat über sie gerichtet und der Zuschauer Urtheil gereift. Selbst über Montesquieu sind wir noch in Schulden; denn mir ist kein deutsches Werk bekannt, das das französische für uns brauchbar oder entbehrlich gemacht hätte. Die ganze ältere französische Literatur erwartet zur Anwendung für uns noch ein ruhiges Auge. 7. Bei allen Mißleitungen einer so vielfach zerteilten Nation, wie die deutsche ist, bei Verirrungen, die Jahrhunderte lang gedauert haben und sich noch jetzt fast in jedes Urtheil mischen, müssen wir am Meisten auf die große Alliirte , die weise Lenkerin menschlicher Thorheiten, die Providenz , rechnen. Ihr wollen wir's zuglauben, daß auch die Gallicomanie der Deutschen, die lächerlichste Thorheit, deren sich ein ernsthaftes Volk bewußt sein kann, ihr Gutes haben werde; wäre es auch kein anderes, als Fehler zu entblößen, die man noch lange verschleiert hätte, und gegen welche kein Salz der Komödie wirksam gewesen wäre. Die Mutter Zeit hat entschleiert; das Salz ist gekostet; thue es die beste Wirkung! Den ganzen Gallicismus unsrer oberen Stände gelinde abzuführen und den kalten, besonnenen Deutschen den Satz begreiflich zu machen, daß wir nirgend anders als in unserm Ulubrä Mit Beziehung auf Horaz' Epist ., I. 11. 30. – D. nach deutscher Weise, mit der Nation, die die unsrige ist, wo nicht witzig, so doch vernünftig und glücklich sein sollen. Jedes Andre, fremde Alfanzerei, ist vom Dämon. Noch sollte ich mich über den Vorwurf, als ob wir Deutsche die Engländer nicht gnug geehrt hätten, rechtfertigen; der aber widerlegt sich selbst. Mit den Briten stehen wir in reinerem Verhältniß; wir ehren sie aus Neigung über Gebühr , von ihnen keine Ehre erwartend. Unser Herz sagt uns nämlich, »auch wir hätten in den vorigen Jahrhunderten einen Bacon, Shakespeare, Milton haben können;« wir fühlen sie als Gebein von unserm Gebein, als Menschen unsrer Art; sie sind die auf eine Insel verpflanzten Deutschen. Daher sind von den Engländern selbst ihre trefflichsten Schriftsteller kaum mit so reger, treuer Wärme aufgenommen worden, als von uns Shakespeare, Milton, Addison, Swift, Thomson, Sterne, Hume, Robertson, Gibbon aufgenommen sind. Richardson 's drei Romane haben in Deutschland ihre goldne Zeit erlebt; Young 's »Nachtgedanken«, » Tom Jones «, » Der Landpriester « haben in Deutschland Secten gestiftet; in englischen Zeitschriften haben wir bewundert, selbst was wir nicht verstanden, was für uns nicht geschrieben war. Und wer wäre es, der die Schotten Ferguson, Smith, Stewart, Millar, Blair nicht ehrte? Auf diesem demüthigen Wege wollen wir bleiben und nicht erwarten, daß man uns verstehe und ehre. Der Nationalruhm ist ein täuschender Verführer. Zuerst lockt er und muntert auf; hat er eine gewisse Höhe erreicht, so umklammert er den Kopf mit einer ehernen Binde; der Umschlossene sieht im Nebel nichts als sein eigenes Bild, keiner fremden neuen Eindrücke mehr fähig. Behüte der Himmel uns vor solchem Nationalruhm ; wir sind noch nicht und wissen, warum wir noch nicht sind! Wir streben aber und wollen werden. ——— Der deutsche Nationalruhm Eine Epistel Bist Du, Geliebter, noch so neu und jung, Daß ein Gespenst, der Nationenruhm , Dich äffet und betrübt? O sage mir, Wo ist denn unsre Nation? Und Du, Ich, er und wir, wir Alle, sind wir sie? »Da,« sagst Du, »lies im Briefe Winckelmann 's, An den Baron von Riedesel, vom 30. März 1765. – D. Des Deutschen, wie der deutsche Reichsbaron In Rom sich stolz und dumm geberdet!« – Gut! So der Baron; das sind gottlob nicht wir, »Da,« sagst Du, »lies, wie ein Tanzmeister einst ( Helvetius erzählt's) den Deutschen anfuhr: »Ihr ein Engländer, Herr? das seid Ihr nicht; Ein deutscher Fürstendiener seid Ihr. Das Seh' ich an Eurem Gang, an Eurem Blick.«« – Und jedem Deutschen, der sich in Paris Für einen kecken, stolzen Briten giebt, Und jedem Unverschämten in der Zunft Der Fürstendiener wünsch' ich den Marcel . A la démarche, à l'habitude du corps se danseur Marcel prétend connoître le caractère d'un homme. Un étranger se présente un jour dans la salle. »De quel pays êtes-vous?« lui demande Marcel. »Je suis Anglois.« »Vous Anglois?« lui réplique Marcel. »Vous seriez de cette Isle où les citoyens ont part à l'administration puplique et sont une portion de la puissance souveraine? Non, Monsieur! ce front baissé, ce regard timide, cette démarche incertaine ne m'annoncent que l'esclave titré d'un Electeur.« ( Helvetius , De l'esprit. Disc. II. Chap. 1. Note a .) – H. Aus dieser Anekdote erklärt sich auch »der Tanz-Marcell« im Gedichte »An den Genius von Deutschland« (Herders Werke, I. S. 283). – D.1 Doch was soll uns das? – »Wie? Gelüstet nicht Den Deutschen stets, der Vorderste zu sein? Und weil es ihn gelüstet, dünkt er sich Voran. Ein Shakespeare, Milton, Swift und Young – O hier ist mehr als Shakespeare, Milton, Young Und Swift und Thomson ! Lies einmal!« – Du thust Den Deutschen Unrecht. Wenn ein Thor so spricht, Spricht darum so die deutsche Nation? Doch wenn ein armer Wicht das Präparat Von Lieberkühn , von Meckel Berühmte Anatomen. – D. sieht und murrt Bescheiden traurig: »Ach, das könnt' ich auch! Mir fehlet's nur am Besten !« – wolltest Du Den Jüngling tadeln, daß er in sich fühlt, Was er sein könnte und wol nie sein wird, Weil's ihm am Besten fehlet? Wolltest Du Den Knaben schelten, der: »Das kann ich auch!« Mit kühner Freude ruft, indeß der Arm Ihm schwach versaget? Denn er kann noch nicht Den Bogen spannen. »Knabe!« rufet ihm Der Vater zu, »noch sieben Jahre, und Du spannest ihn; sei wacker! übe Dich!« Wir Deutsche sind der arme Jüngling, wir Der schwache Knabe. Ach, wir könnten wohl! Du weißt, woran es liegt; wir können nicht. Doch nicht verzweifelt! giebt es Zeit und Glück, So können wir dereinst. Sieh rings umher! Wer sind die Fleißigen, die Künstler in Britannien und Rußland, Dänemark Und Siebenbürgen, Pensylvanien Und Peru und Granada? Deutsche sind's, Nur nicht in Deutschland. Vor dem Hunger flohn Sie nach Saratow , in die Tatarei . Vgl. Klopstock's Oden »Wir und Sie« und »Mein Vaterland«. – D. Du sahest Augsburg, Nürnberg ; blutete Dein Herz Dir nicht, wenn Du aus alter Zeit Die Dürers und Sanct Sebald, Sanct Johann , Die alten Drucke, Holz- und Kupferstich', Und Fensterscheiben und so manche Kunst Der Nürenberger, der Augsburger sahst Und dann die hungernd Arbeitseligen Der jetz'gen Zeit besuchtest? Vgl. Herder's Reise nach Italien, S. 18 f. – D. Lies einmal Mit Winckelmann 's auch Lambert 's Briefe, In dessen »Vermischten Schriften«. – D. was In Deutschland die Erfindung gilt! In Rom Sah ich den Fleißigsten der Deutschen; » Ah, Il povero Tedesco !« sprach zu mir Der Römer. »Warum povero ?« »Warum? Santa Maria ! dieser junge Mann, So fleißig (und er lebet fast von nichts!), Kommt er mit aller seiner Kunst dereinst Dort über die Gebirge, spricht zu ihm Sein Landesherr: »Ich mag des Zeugs nicht mehr!« So muß er betteln!« – Ah, il povero ! Du kennst doch unsern Luther , Freund, und hast Den armen Bettelbrief gelesen, den Bald nach dem Tode des großmüthigen, Wohlthät'gen Mannes seine Ehefrau, Die Mutter vieler Kinder, dürftig schrieb. Wohin? Nach Deutschland? Nein, nach Deutschland nicht! An Seine Majestät von Dänemark Schrieb sie demüthig: da doch auch sein Reich Lutherisch heiße, möchte gnädigst er Des Luther's armer Wittwe und den Kindern Etwas verleihen. Und der König that's. Du kennst auch Keppler 's Leben? Lies, o Freund! Es ist merkwürdig: er verhungerte! Dann lies auch Newton 's Leben zum Vergleich! Willst Du noch mehr der Leben? – »Warum schrei'n Die Deutschen nicht?« – Ja, schrei und schrei und schrei! Der Wald hat keine Ohren. Kennst Du nicht Das Epigramm: »Dem unglücksel'gen Pan Ist Echo selbst auch in der Welle stumm?« Vgl. Herders Werke. VII. S. 117. – D. – »Und doch sind sie in ihrer Herren Dienst So hündisch treu ! Sie lassen willig sich Zum Missisippi und Ohiostrom, Nach Candia und nach dem Mohrenfels Verkaufen. Stirbt der Sclave, streicht der Herr Den Sold indeß, und seine Wittwe darbt; Die Waisen ziehn den Pflug und hungern. Doch Das schadet nicht; der Herr braucht einen Schatz.« – Grausam genug! Doch sollten darum denn Die Väter treulos werden? Liegt das Ach, Der Wittwen und der Waisen Seufzer, liegt Des Vaters Leben und sein Seufzen denn Nicht auch in seines Herren Schatz? Geduld! – »Armselig Volk! Wie's Einer macht, so hat er's !« – Nicht also, Freund! » Wie Einer ist, so thut er ,« So heißt's. Der gute Deutsche thue Guts! Was sollte Rache? Und was hälfe sie? Stockprügel und die Kugel vor den Kopf! Er lasse Gott es über. – »Gott! Der hat Was Anderes zu thun, als für den Deutschen Zu sorgen, der die Sache nicht versteht.« – So muß sie Gott verstehen! O, es flammt Kein brennender Altar wie dieser! Sieh, Der Wittwen Angstgebet ist Weihrauch; sieh, Des Vaters und der Waisen Seufzer fachen Die Gluth an. Wie die Flamme steigt! Sie sprüht! Die Kohlen glühn auf des Verkäufers Haupt. – »Moral der alten Zeiten! Doch wohin Sind wir verirrt? Vom Nationenruhm Zu deutschen Negern!« – Wohl, der erste Ruhm Der Nation ist Unschuld ; nie die Hand Im Blut zu waschen, auch gezwungen es So zu vergießen als sein eignes Blut. Der zweite Ruhm ist Mäßigung . Es ruft Der Hindus und der Peruaner Noth, Die Wuth der Schwarzen und der Mexicaner Gebratner Montezuma Herder verwechselt Montezuma mit Guatimozin. Vgl. Werke, I. S. 82 f. – D. rufen noch Zum Himmel auf und flehn Entsündigung! O glaube, Freund, kein Zeus mit seinem Chor Der Götter kehrt zu einem Volke, das, Mit solcher Schuld- und Blut- und Sündenlast Und Gold- und Demantlast beladen, schmaust! Er kehrt bei stillen Aethiopiern Und Deutschen ein, zu ihrem armen Mahl. Der dritte Nationalruhm ist Weisheit ; Nicht schlaue Truglist, schöne Worte nicht. Die Welt mit Worten äffen, ist ein Dunst Des Dämons, der den Blendenden erstickt. Wer alle Welt zum Thoren hat, ist selbst Der größte Thor; er spielt die blinde Kuh. Aufrichtigkeit ist Weisheit, Billigkeit Und Rechtthun ist Verstand. – »Doch Du verschweigst Die Grazien des Lebens. Gilt die Kunst, Witz und Genie für nichts?« – Für Vieles, Freund, Doch nicht für Alles. Kunst, Genie und Witz Ist nicht der Nationen einziger Und höchster Ruhm, es sei denn jene Kunst, Die Kunst der Künste, Weisheit . Daß ein Narr Mit angeborner Kunst sich vor mir spielt, Und Jene singt und Diese liebend tanzt, In Ohnmacht sinket und mit Reiz erwacht; Daß auf der Bühne Jener, auf dem Seil Das Herz der Weiber regt, ein Andrer dort Den Brummbaß streichet und durch Löcher bläst, Und Dieser Verse drechselt, Jener Punsch Zu Eis bereitet: gut mag es zwar sein, Doch nicht das Beste, das Nothwendigste. Pythagoras, Confuz und Sokrates , Sie wußten nichts davon und rechneten Auch nicht darauf. Ein gar armselig Volk, Das sein Verdienst nur auf der Bühne, nur Auf Brettern hat und es aus Löchern bläst! – »Und dennoch ist's Verdienst!« – Ein örtliches! Der Himmel theilt die Gaben, wie er will. Nicht jedes Klima, jeder Boden giebt Dieselben Früchte; nicht auch jede Zeit, Noch jeder Baum und Wurzel, Halm und Strauch Dieselben. Wer vom Baume Most, vom Eis Die Ananas begehret, ist – »Ereifre Dich nicht, o Freund! Es bleibet Ananas Und Schlehbeer' unterschieden. Shakespeare, Homer und Ossian und Raphael Sind doch wol Nationenruhm ?« – Mit nichten! Dem Menschengeist gehören sie, und nicht Der Nation. Mir ist es Gräuel, wenn Der gröbste Brite Shakespeare's sich rühmt, Als sei er's selbst , als hätt' er ihn gezeugt Und zimmern helfen. Ihn geschmähet hat Die Nation durch manche Aefferei Und blinden Stolz. Des Dichters Auge, das In schönem Wahnsinn über Meer und Land Und Erd' und Himmel flog und jede Welt In ihrer Schönheit sah – dies Auge war Nicht in Cambridge , auch von Dollond nicht Geschliffen; Auge war es der Natur . Die göttliche Idee, die Raphael Begeisterte, war eines Engels Traum, Kein Urbinat'sches Töpferwerk. Urbino, Raphael's Vaterstadt, hatte große Töpfereien. – D. Und ist Urbino denn Italien? Der Ruhm, Der auf den Farbenreiber überging Vom Maler, ist ein wahrerer als der, Wenn hundert Jahre drauf der Römer ruft: »Wir hatten einen Raphael !« Warum, Ihr guten Römer, habt Ihr ihn nicht mehr? Der Glanz, o Freund, der von dem göttlichsten Genie die Nation bestrahlet, ist Ein Götterglanz, der nur die Würdigsten Erleuchtet und verklärt; dem Schwachen nimmt Er seiner Augen Licht, dem Thoren, oft Der Nation enthüllt er wie ein Blitz Nur ihre Niedrigkeit. Verschmachtete Der Kanzler Baco nicht und lechzete Umsonst im Sterben nur nach besserm Bier? Wilson in his life of the King James says: Though Lord Bacon had a pension lowed him by the King, he wanted to his last; living obscurely in his lodgings at Gray's Inn , where his loneless and desolate condition wrought upon his igenious and therefore then more melancholy temper, that he pined away. And he had this unhappiness after all his height of plentitude, to be denied beer to quench his thirst . For having a sickly tast, he did not like the beer of the house, but sent to Sir Folk Greville , Lord Brook in his neighbourhood (now and then) for a bottle of his beer, and after some grumbling, the butler had order to deny him. »Lord Chancellor Bacon ,« says Howell in his letters, »is lately dead of a long languish illness. He died so poor, that scarce left money to bury him, which did argue no great wisdom, it being me of the essential properties of a wise man to provide for the main chance .« Die Niederträchtigkeiten im Factum und Urtheil sind der Uebersetzung unwürdig. – H. Der vierte Nationenruhm ist That Zum Wohl der Menschen . Was ein ganzes Volk Gezwungen und in Trunkenheit gethan, Das that es nicht. Und was die Königin Titania , die Zeit , durch ihren Puck Im Scherz hinspielte, Anspielung auf Shakespeare's »Sommernachtstraum«. – D. noch viel weniger. Das Werk der Einzelnen zum Wohl der Welt, Jetzt in Erfindung, auch im Willen nur – Heil ihnen, wenn es einst die Nation Mit dankendem Gefühl begrüßet, bis Es allen Völkern zum Gedeihen kommt! Wer diesen Aether des Verdienstes trinkt, Wie schwinden ihm die Namen! Hoch aufgehn Läßt er die Sonn' auf eine halbe Welt Und regnet allen Nationen Heil. – Mich wundert, daß Du nicht die Druckerei Der Deutschen rühmest; sie sind stolz darauf!« – Nicht stolz, nur dankbar. Giebt sie nicht dem Wort Allgegenwart, Gemeinnutz, Ewigkeit? An Zeiten bindet sie die Zeiten, knüpft Gedanken an Gedanken, Fleiß an Fleiß! Ein Genius der wachsenden Vernunft, Das Band getrennter Seelen, sie, die Schrift Der Schriften, einigt aller Menschen Herz Und Sinn und Geist; sie wehrt der Barbarei Und spottet des Naturgesetzes, das Jedweden Einzelnen so bald begräbt. In Schriften lebt von ihm der bessre Theil, Durch sie unsterblich. Aber hör, o Freund, Das Alles ist im Nationenruhm Das Höchste nicht. – »Und gäb's ein Höheres?« – Ein Höchstes: nützende Verborgenheit ! Wenn Dein Verdienst der leichte Nachbar Dir Entwendet und der reichere genießt; Wenn bettelnd Du zu ihm hinwandern mußt Und flehen ihn, daß er Dein Gutes doch Als seines nütze; wenn Dein Weib und Kind Zu Hause darbt, und Du mit Leibsgefahr Dich aus dem Lande stahlest, das Dir nichts Als eine rothe Binde zum Geschenk Zu geben hatte, dennoch Dir das Herz Vor Freude schlägt zu Deinem Werk und Du Den kalten Hohn der Thoren trägest, liebst Dein Vaterland, in ihm die tausend guten Mitduldenden; Du liebst das deutsche Weib, Den deutschen Mann und Freund und Unterthan Und Bürger und Arbeiter, liebest selbst Die deutsche Dumpfheit und Verlegenheit , Und Treu ' und Einfalt mehr als jeden Stolz Begüterter Barbaren: bleibe Der! So wohnt in Dir die deutsche Nation. – »Da wohnt sie eng und sehr incognito . Ich merk', es geht aufs alte Sprichwort aus: So Ihr, doch nicht für Euch !« Sic vos, non vobis ! – H. Virgil hatte ein schönes Distichon an die Thüre des Augustus ohne seinen Namen geschrieben. Da ein anderer Dichter, Bathyllus , behauptete, das Distichon sei von ihm, schrieb er darauf an dieselbe Thüre: » Sic vos, non vobis .« Niemand wußte diesen Vers auszufüllen. Als endlich Virgil darüber befragt wurde, sprach er die Verse: Hos ego versiculos feci, tulit alter honores. Sic vos, non vobis nidificatis, aves. Sic vos, non vobis vellera fertis, oves. Sic vos, non vobis mellificatis, apes. Sic vos, non vobis fertis aratra, boves .« Ich schrieb dieses Gedicht, einem Anderen wurde die Ehre. So Ihr, doch nicht Euch machet Ihr, Vögel, das Nest. So Ihr, doch nicht Euch traget Ihr Schafe, das Vließ. So Ihr, doch nicht Euch schaffet Ihr, Bienen, den Seim. So Ihr, doch nicht Euch traget Ihr, Stiere, den Pflug.« – D. – Ein hohes Wort, Wenn uns die Schickung werth hält, nicht für uns, Für Andere zu sein. Es wendet sich Der Zeiten Blatt. Was sinket, ist darum Das Schlechtre nicht! Wir lernen jetzt und stets; Stets laßt uns lernen! Laßt uns fröhlich sä'n Im Nebel auch! Die Ernte kommt gewiß. ——— Zehnte Sammlung. (1797.)   114. Aber warum müssen Völker auf Völker wirken, um einander die Ruhe zu stören? Man sagt, der fortgehend wachsenden Cultur wegen; wie gar etwas Anders sagt das Buch der Geschichte! Hatten jene Berg - und Steppenvölker aus Nordasien, die ewigen Beunruhiger der Welt, es je zur Absicht, oder waren sie je im Stande, Cultur zu verbreiten? Machten die Chaldäer nicht einem großen Theil der alten Herrlichkeit des Vorderasiens eben ein Ende? Attila , so viele Völker, die ihm vorgingen und nachfolgten, wollten sie die Fortbildung des Menschengeschlechts befördern? Haben sie sie befördert? Ja, die Phönizier , die Karthager mit ihren gerühmten Colonien, die Griechen selbst mit ihren Pflanzstädten, die Römer mit ihren Eroberungen, hatten sie diesen Zweck? Und wenn sich durch das Reiben der Völker an einander hier etwa diese Kunst, dort jene Bequemlichkeit verbreitete, leisten diese wol Ersatz für die Uebel, die das Drängen der Nationen auf einander dem Siegenden und dem Besiegten gaben? Wer vermag das Elend zu schildern, das die griechischen und römischen Eroberungen dem Erdkreise, den sie umfaßten, mittelbar und unmittelbar brachten? Die französische Schrift: » De la, félicité publique ou considérations sur le sort des hommes dans les différentes époques de l'histoire .« Amsterd . 1772, behandelt ein Thema, dem nicht gnug Aufmerksamkeit gewidmet werden kann. Wozu die Geschichte, wenn sie uns nicht das Bild der glücklichen oder unglücklichen, der verfallenden oder sich aufrichtenden Menschheit zeigt? – H. Selbst das Christentum , sobald es als Staatsmaschine auf fremde Völker wirkte, drückte sie schrecklich; bei einigen verstümmelte es dergestalt ihren eigenthümlichen Charakter, daß keine anderthalb tausend Jahre ihn haben zurechtbringen mögen. Wünschten wir nicht, daß z. B. der Geist der nordischen Völker, der Deutschen , der Galen, Slaven u. s. w., ungestört und rein aus sich selber hätte hervorgehen mögen? Und was nutzten die Kreuzzüge dem Orient? Welches Glück haben sie den Küsten der Ostsee gebracht? Die alten Preußen sind vertilgt; Liven, Esthen und Letten im ärmsten Zustande fluchen im Herzen noch jetzt ihren Unterjochern, den Deutschen. Was endlich ist von der Cultur zu sagen, die von Spaniern, Portugiesen, Engländern und Holländern nach Ost- und Westindien, unter die Neger nach Africa, in die friedlichen Inseln der Südwelt gebracht ist? Schreien nicht alle diese Länder mehr oder weniger um Rache? Um so mehr um Rache, da sie auf eine unübersehliche Zeit in ein fortgehend wachsendes Verderben gestürzt sind. Alle diese Geschichten liegen in Reisebeschreibungen zu Tage; sie sind bei Gelegenheit des Negerhandels zum Theil auch laut zur Sprache gekommen. Von den spanischen Grausamkeiten, vom Geiz der Engländer, von der kalten Frechheit der Holländer, von denen man im Taumel des Eroberungswahnes Heldengedichte schrieb, sind in unsrer Zeit Bücher geschrieben, die ihnen so wenig Ehre bringen, daß vielmehr, wenn ein europäischer Gesammtgeist anderswo als in Büchern lebte, wir uns des Verbrechens beleidigter Menschheit fast vor allen Völkern der Erde schämen müßten. Nenne man das Land, wohin Europäer kamen und sich nicht durch Beeinträchtigungen, durch ungerechte Kriege, Geiz, Betrug, Unterdrückung, durch Krankheiten und schädliche Gaben an der unbewehrten, zutrauenden Menschheit, vielleicht auf alle Aeonen hinab, versündigt haben! Nicht der weise, sondern der anmaßende, zudringliche, übervortheilende Theil der Erde muß unser Welttheil heißen; er hat nicht cultivirt, sondern die Keime eigner Cultur der Völker, wo und wie er nur konnte, zerstört. S. unter hundert andern des menschlichen Le Vaillant 's »Neuere Reisen ins Innere von Africa«, Berlin 1796, mit Reinhold Forster 's Anmerkungen. »Nicht nur am Vorgebirge der guten Hoffnung ,« sagt dieser schätzbare Gelehrte (Th. 1. S. 69), »sondern auch in Nordamerika , an der Hudsonsbay , in Senegal , am Gambia , in Indien , kurz, allenthalben, wohin Europäer kommen, betrügen sie die armen Eingebornen im Handel. Besonders macht England, das neue Karthago, den Namen der Europäer in allen andern Welttheilen verabscheuet.« – So Forster . Und wäre es mit dem Betrügen allein ausgerichtet! Der Hefen von Europa hat Gährungen gemacht und erhält Gährungen in allen Welttheilen. – H. Vgl. auch Herder's »Ideen«, VII, 2. (Werke, X. S. 47 f.). – D. Was ist überhaupt eine aufgedrungene, fremde Cultur? eine Bildung, die nicht aus eignen Anlagen und Bedürfnissen hervorgeht? Sie unterdrückt und mißgestaltet oder sie stürzt gerade in den Abgrund. Ihr armen Schlachtopfer, die Ihr von den Südseeinseln nach England gebracht wurdet, um Cultur zu empfangen, Ihr seid Sinnbilder des Guten, das die Europäer überhaupt andern Völkern mittheilen! Unparteiische und unübertriebene Bemerkungen darüber findet man in Reinhold Forster 's Anmerkungen wie zu mehreren in seiner Sammlung von Reisebeschreibungen – D. , so zu Hamilton 's Reise um die Welt. Berlin 1794. – H. Nicht anders also als gerecht und weise handelte der gute Kien-Long , da er dem fremden Vicekönig schnell und höflich mit tausend Freudenfeuern den Weg aus seinem Reich zeigen ließ. Möchte jede Nation klug und stark gnug gewesen sein, den Europäern diesen Weg zu zeigen! Wenn wir nun sogar lästernd vorgeben, daß durch diese Beeinträchtigungen der Welt der Zweck der Vorsehung erfüllt werde, die uns ja eben dazu Macht und List und Werkzeuge gegeben habe, die Räuber, Störer, Aufwiegler und Verwüster aller Welt zu werden: wer schauderte nicht vor dieser menschenfeindlichen Frechheit? Freilich sind wir, auch mit Thorheiten und Lasterthaten, Werkzeuge in den Händen der Vorsehung; aber nicht zu unserm Verdienst, sondern vielleicht eben dazu, daß wir durch eine rastlose höllische Thätigkeit, im größten Reichthum arm, von Begierden gefoltert, von üppiger Trägheit entnervt, am geraubten Gift ekel und langweilig sterben. Und wenn einige Neulinge mit Anmaßungen solcher Art alle Wissenschaften beflecken; wenn sie die gesammte Geschichte der Menschheit dahin abzweckend finden, daß auf keinem andern als diesem Wege den Nationen Heil und Trost widerfahren könne: sollte man da unser ganzes Geschlecht nicht aufs Empfindlichste bedauern? Ein Mensch, sagt das Sprichwort, ist dem andern ein Wolf, ein Gott, ein Engel, ein Teufel; was sind die auf einander wirkenden Menschenvölker einander? Der Neger malt den Teufel weiß, und der Lette will nicht in den Himmel, sobald Deutsche da sind. »Warum gießest Du mir Wasser auf den Kopf?« sagte jener sterbende Sclave zum Missionar. »Daß Du in den Himmel kommest.« – »Ich mag in keinen Himmel, wo Weiße sind,« sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb. Traurige Geschichte der Menschheit! Neger-Idyllen. ——— Die Frucht am Baume. Ich ging im schönsten Cedernhain Und hörete der Vögel Lied, Bewundernd ihrer Farben Glanz, Bewundernd ihrer Bäume Pracht, Als plötzlich aus der Höhe mich Ein Aechzen weckte. Welch Gesicht! Ein Käfig hing am hohen Baum, Umlagert von Raubvögeln, schwarz Umwölket von Insecten. Als Die Kugel meines Rohres sie Verscheucht, sprach eine Stimme: »Gieb Mir Wasser, Mensch! Es dürstet mich.« Ich sah den menschenwidrigsten Anblick. Ein Neger, halb zerfleischt, Zerbissen; schon ein Auge war Ihm ausgehackt. Ein Wespenschwarm An offnen Wunden sog aus ihm Den letzten Saft. Ich schauderte Und sah umher. Da stand ein Rohr Mit einem Kürbis, womit ihn Barmherzig schon sein Freund gelabt. Ich füllete den Kürbis. »Ach!« Rief jenes Aechzen wieder, »Gift Darein thun, Gift! Du weißer Mann, Ich kann nicht sterben.« Zitternd reicht' Ich ihm den Wassertrank: »Wie lang', O Unglücksel'ger, bist Du hier?« »Zwei Tage, und nicht sterben! Ach, Die Vögel! Wespen! Schmerz! o Weh!« Ich eilte fort und fand das Haus Des Herrn im Tanz, in heller Lust. Und als ich nach dem Aechzenden Behutsam fragte, höret' ich, Daß man dem Jünglinge die Braut Verführen wollen, und wie er, Das nicht ertragend, sich gerächt. Dafür dann büße nun sein Stolz Die Keckheit und den Uebermuth. »Und der Verführer?« fragt' ich. »Trinkt Dort an der Tafel.« Schaudernd floh Ich aus dem Saal zum Sterbenden. Er war gestorben. Hatte Dich, Unglücklicher, mein Trank zum Tode Gestärket, o so gab ich Dir Das reichste, süßeste Geschenk. ——— Die rechte Hand. Ein edler Neger, seinem Lande frech Entraubet, blieb auch in der Sclaverei Ein Königssohn , that edel seinen Dienst Und ward der Mitgefangnen Trost und Rath. Einst als sein Herr, der weiße Teufel, wüthend Im Zorn der Sclaven einem schnellen Tod Aussprach, trat Fetu bittend vor ihn hin Und zeigte seine Unschuld. »Widersprichst Du mir? Du selbst, Du sollst sein Henker sein!« »Sogleich!« antwortet Fetu . »Nur noch einen , Noch einen Augenblick!« Er flog hinweg Und kam zurück, in seiner linken Hand Die abgehau'ne Rechte haltend, die Den Henkersdienst vollführen sollte. Tief Gebückt legt' er sie vor den Herren: »Fordre, Gebieter, von mir, was Du willst, nur nichts Unwürdiges!« Er starb an seiner Wunde, Und seine Hand ward auf sein Grab gepflanzt. ——— »Wie manche Arme lägen« – Nein doch, nein! Gar viele lägen nicht; die Willkür wird Ohnmächtig, wenn es ihr am Werkzeug fehlt. Sprichst Du hingegen: »Wie der Herr gebeut!« Und: »Thu' ich's nicht, so thut's ein Anderer; Lieb ist ja Jedem seine rechte Hand!« So henken Sclaven, das Gefühl des Unrechts In ihrem Herzen, andre Sclaven frech Und scheu und stolz, bis sie ein Dritter henkt. Mit Recht nennen die französischen Geschichtschreiber die Namen Derer, die 1572 zum Bartholomäusfest ihre Hände nicht bieten wollten. » La cour ordonna dans toutes les provinces les mêmes massacres qu'à Paris; mais plusieurs commandans refusèrent d'obéir. Un Sr. Herem en Auvergne, un la Guiche à Macon, un Vicomte d'Orte à Bayonne et plusieurs autres écrivirent à Charles IX. la substance de ces paroles: qu'ils périroient pour son service, mais qu'ils n'assassineroient personne pour lui obéir .« Was diese Männer mit gesunder Hand schrieben, zeigte der Neger. – H. ——— Die Brüder. Mit seinem Herren war ein Negerjüngling Von Kindheit an erzogen; eine Brust Hatt' sie genährt. Aus seiner Mutter Brust Hatt' african'sche Bruderliebe Quassi Zu seinem Herrn gesogen, hütete Sein Haus und lebte, lebte nur in ihm. Der Neger glaubte sich von seinem Herrn, Einst seinem Spielgesellen, auch geliebt, That, was er konnte, lebend nur für ihn. Und (bittre Täuschung!) einst um ein Vergessen, Das auch dem Göttersohn begegnen kann, Ergrimmete sein Herr und sprach zu ihm Von Karrenstäupe . Die entehrendste Negerstrafe. – H. Wie vom Blitz gerührt, Stand Quassi da, der treue Freund, der Bruder, Der liebende Anbeter seines Herrn. Das Wort im Herzen, deckte schwarzer Gram Die ganze Schöpfung ihm. Verstummt entzog Er sich des Herren Anblick. Meinet Ihr, Er floh? Mit nichten! Sicher hoffend noch, Daß ihn ein Freund, daß die Erinnerung Der Jugend ihn versöhne, rettet' er Sich in der niedern Sclaven Hütte, die Ihn hoch verehreten. Da wartet' er Ein nahes Fest ab, das sein Herr dem Neffen Bereitet' und ein Tag der Freude war. »Dann,« sprach er bei sich selbst, »wird ihm die Zeit Der Jugend wiederkehren. Billigkeit Und meine Unschuld, meine Lieb' und Treu' Wird für mich sprechen. Er vergaß sich; doch Er wird sich wiederfinden.« Jetzt erschien Der Tag; das Fest ging an, und Quassi wagte Sich auf den Hof. Doch als sein Herr ihn sah, Ergrimmet wie ein Leu, der Blut geleckt, Sprang er auf ihn. Der Arme floh. Der Tiger Erjagt ihn; Beide stürzen; stampfend kniet Sein Herr auf ihm, ihm jede Marter drohend. Da hub mit aller seiner Negerkraft Der Jüngling sich empor und hielt ihn fest Danieder, zog ein Messer aus dem Gurt Und sprach: »Von Kindheit an mit Euch erzogen. In Knabenjahren Euer Spielgesell, Liebt' ich Euch wie mich selbst und glaubte mich Von Euch geliebet. Ich war Eure Hand, Eu'r Auge. Euer kleinster Vortheil war Mein eifrigster Gedanke Tag und Nacht; Denn das Vertrau'n auf Eure Liebe war Mein größter Schatz auf dieser Welt. Ihr wißt, Ich bin unschuldig; jene Kleinigkeit, Die Euch aufbrachte, ist ein Nichts. Und Ihr, Ihr drohtet mir mit Schändung meiner Haut . Das Wort kann Quassi nicht ertragen; denn Es zeigt mir Euer Herz.« Er zog das Messer Und stieß es – meint Ihr in des Tigers Brust? Nein! selbst sich in die Kehle. Blutend stürzt Er auf den Herren nieder, ihn umfassend, Beströmend ihn mit warmem Bruderblut. ——— Wie manche Kugel in Europa fuhr In des Beleidigten gekränktes Hirn, Die den Beleid'ger fromm verschonete! Wie manches »Ich der König« fraß das Herz Des Dieners auf mit langsam-schnellem Gift! C'est à même Cardinal Espinosa que Philippe II. donna le coup de la mort par un mot de réprimande: Cardinal , lui dit-il, souvenez-vous que je suis le Président ! Espinosa en mourut de douleur quelques jours après. Dans une syncope qui lui prit, on se pressa tant de l'ouvrir pour l'embaumer, qu'il porta la main au rasoir du Chirurgien, et que son coeur palpita encore après l'ouverture de l'estomac. La crainte qu'on avoit que ce Cardinal ne revint en santé, fit hâter sa mort, pour contenter le Prince, les Grands etc. Mémoires historiques politiques par Amelot de la Houssaye , T. I. P . 210. – H. O, wenn Gerechtigkeit vom Himmel sieht, Sie sah den Neger auf dem Weißen ruhn! ——— Zimeo. Ein Lärm erscholl; die weite Ebne stand In Flammen; zwei-, dreihundert Wirbelsäulen Von rothem, grünem, gelbem Feuer stiegen Zum Himmel auf, und vom Gebirge drückt' Ein langer schwarzer Rauch sich schwer herab, Durch den die Morgensonne ängstlich drang, Kaum seinen Saum vergüldend. Traurig blickten Der Berge Spitzen aus dem Rauch hervor, Und fern am Horizont das helle Meer. Die heerdenvolle Ebne war voll Angst- Geschrei der Fliehenden, verfolgt von Schwarzen, Die unter blüh'nden Pflanzungen Kaffee, Cacao, Zuckerrohr und Indigo Und Ruku, in Pom'ranzenlauben sie Erwürgten. In der Vögel Lied ergoß Sich Weh und Ach der Sterbenden. Da trat Ein Mann vor uns, mit Blute nicht befleckt, Und Güte sprach in seinen Zügen, die Im Augenblick mit Zorn und Trauer, Wuth Und Wehmuth wechselten. Gebietend stand Er wie ein Halbgott da, geboren, zu befehlen. Und milde sprach er: »Höret, hört mich an, Ihr Friedensmänner, wendet Eure Herzen Zum unglücksel'gen Zimeo ! Er ist Mit Blute nicht befleckt; zwar wär' es nur Gottloser Blut; denn meiner Brüder Qual Rief vom Gebirge In Jamaica ist eine freie Negerrepublik, deren Unabhängigkeit im Jahr 1738 von den Engländern anerkannt und bestätigt werden mußte. – H. mein Geschlecht herab, An Tigern sie zu rächen. Aber ich Begleitet' sie, sie einzuhalten; wo Ich irgend Milde fand, verschont' ich. Ich Verschmähte, selbst mit schuld'ger Weißen Blut Mich zu beflecken. Sclaven, tretet her, Wie lebt Ihr hier? O wendet Eure Herzen, Ihr Friedensmänner, nicht vom Zimeo !« Er rief die Sclaven unsers Hauses, sie Befragend um ihr Schicksal. Alle traten Mit Freude vor ihn hin, erzählend ihm Ihr Leben. »Komm, o Edler,« sprachen sie, »Sieh unsre Kleider, unsre Wohnungen!« Sie zeigten ihm ihr Geld; die Freigelassnen Umringten uns und küßten unser Knie Und schwuren, nie uns zu verlassen. Tief Gerührt stand Zimeo , die Augen jetzt Auf uns, dann auf die Sclaven wendend, dann Zum Himmel: »Mächtiger Orissa , der Die Schwarzen und die Weißen schuf, o sieh, Sieh auf die wahren Menschen; dann bestrafe Die Frevler! Reicht mir Eure Hand! Von nun an Will ich zwei Weiße lieben.« Nieder warf er Auf eine Matte sich im Schatten. »Hört Den unglücksel'gen Zimeo! Er ist Nicht grausam! beim Orissa! nicht; nur tief Unglücklich.« Laut aufschluchzend hielt er ein. Da stürzten zu ihm zwei von unsern Sclaven: »Wir kennen Dich, Sohn unsers Königes, Des mächt'gen Daniel 's. Ich sah Dich oft Zu Benin .« »Ich zu Onebo .« Sie traten Zurück. Er rief sie freundlich zu sich: »Bleibt, Ihr meine Landesleute, bleibt mir nah! Zum ersten Male wird Jamaica 's Luft Mir angenehm, da ich mit Euch sie athme.« Er faßte sich und sprach: »Ihr Friedensmänner, Hört meine Qual! Mein Vater sandte mich, Daß mich des Hofes Schmeicheleien nicht Verderbeten, zum Dorfe Onebo , Ein fleißig Dorf von Ackerleuten. Da Erzog Matomba mich, der weiseste Der Menschen. Ach, verloren ist er mir Und seine Tochter, meine Elavo , Mein Weib.« Er weinete; dann fuhr er fort: »Ihr Weiße habt nur eine halbe Seele, Die nicht zu lieben, nicht zu hassen weiß. Nur Gold ist Eure Leidenschaft. Doch höret! »Als ich in Onebo (o schönes Land Voll süßester Erinn'rung!) mit Matomba Ein Ackersmann und froh und glücklich war Mit meiner Elavo im ersten Traum Der Liebe, sieh, da kam ein schwarzes Schiff Der Portugiesen an die Küste. O, Hätt' ich es nie gesehn! Zu Benin werden Verbrecher nur verkauft. Zu Onebo War kein Verbrecher. Also luden uns Die Räuber auf ihr Schiff. Ein Fest begann; Musik erklang, ein Tanz. Noch hör' ich ihn, Den fürchterlichen Schuß der Abfahrt, mitten In der Musik. Man lichtete die Anker; Die Küste floh, sie floh. Da half kein Flehn, Kein Bitten, Rufen! Ach, verschone mich, Du Angedenken! Hart gefesselt lagen In tiefem Gram, in schwarzer Trauer wir. Drei Jünglinge von Benin nahmen sich Das Leben; ich nahm mir es nicht, um meiner Geliebten Elavo , um meines guten Matomba willen. »Ihnen kannst Du doch Vielleicht noch helfen,« dacht' ich; »sie verlassen, Das kannst Du nicht.« Ihr Anblick gab mir Trost. »So kamen wir nach vielen Leiden in Den Hafen. Und, o bittrer Augenblick! Da wurden wir getrennt. Vergebens warf Mein Weib, ihr Vater sich dem Ungeheu'r Zu Füßen, ich mit ihnen. Wilden Blicks Stürzt' Elavo auf mich; ich faßte sie Mit eiserm Arm. Umsonst! Man riß sie los. Noch hör' ich ihr Geschrei! ich seh' ihr Bild! Sie trug ein Kind von mir in ihrem Schooß. – Ich seh' Matomba !« – Plötzlich stürzte Franz , Mein guter Franz , den von den Spaniern Aus Mitleid über seine Qualen ich Mit seiner schönen Tochter losgekauft Und mit mir hergeführt (er war bisher Im Innersten des Hauses zur Bedeckung Der Frau'n gewesen), plötzlich stürzet Franz Mit Mariannen hin auf Zimeo . » Matomba! Elavo !« »Mein Zimeo ! Sieh Deinen Sohn! Um seinetwillen nur Ertrugen wir das Leben, bis wir hier Die Guten fanden. Zimeo ! Dein Sohn!« Er nahm das Kind in seinen Arm. »Er soll Kein Sclave eines Weißen werden, er, Der Sohn, den Elavo gebar!« »Ohn' ihn Hätt' ich die Welt schon längst verlassen,« sprach Die Weinende, »jetzt hab' ich Dich und ihn!« Wer spricht das Wiedersehn der Liebenden, Die kaum einander mehr zu sehen hofften, Mit Worten aus? des Vaters Auge, das Vom Säugling auf die Mutter, auf Matomba Und dann zum Himmel flog und wieder dann Sanft auf dem Kinde ruhte? Herzensdank, Wie nie ein Weißer ihn ausdrücken mag, Wahnsinn des Dankes sageten sie uns Und schieden zum Gebirg'. O führete Ein freundlich Schiff sie bald zum Vater, der Den Sohn beweinet, hin gen Onebo , Den Ort der ersten Liebe, in die Luft Des süßen Vaterlandes Benin ! ——— Der Geburtstag. Am Delaware feierte ein Freund , Delaware , ein Fluß in Nordamerika. Die Quacker nennen sich Freunde . – H. Ein Quacker, Walter Miflin , seinen Tag Des Lebens so. »Wie alt bist Du, mein Freund?« »Fast dreißig Jahre,« sprach der Neger. »Nun, So bin ich Dir neun Jahre schuldig; denn Im einundzwanzigsten spricht das Gesetz Dich mündig. Menschheit und Religion Spricht Dich gleich allen weißen Menschen frei. In jenem Zimmer schreibet Dir mein Sohn Den Freiheitbrief; und ich vergüte Dir Das Capital, das in neun Jahren Du Verdienetest, landüblich, acht pro Cent. Du bist so frei als ich; nur unter Gott Und unter dem Gesetz. Sei fromm und fleißig! Im Unglück oder Armuth findest Du An Walter Miflin immer Deinen Freund.« »Herr! lieber Herr!« antwortet Jakob ; »was Soll ich mit meiner Freiheit thun? Ich bin Bei Euch geboren, ward von Euch erzogen, Arbeitete mit Euch und aß wie Ihr. Mir mangelt nichts. In Krankheit pflegete Mich Eure Frau als Mutter, tröstete Mich liebreich. Wenn ich denn nun krank bin« – »Jakob, Du bist ein freier Mann, arbeite jetzt Um höhern Lohn; dann kaufe Dir ein Land, Nimm eine Negerin, die Dir gefällt, Die fleißig und verständig ist wie Du, Zur Frau und lebe mit ihr glücklich! Wie Ich Dich erzogen, zieh auch Deine Kinder Zum Guten auf und stirb in Friede! Frei Bist Du und mußt es sein. Die Freiheit ist Das höchste Gut. Gott ist der Menschen, nicht Allein der Weißen Vater. Gäb' er doch In aller meiner Brüder Sinn und Herz, Nach Africa zu handeln, nicht daraus Euch zu entwenden, Euch zu kaufen und Zu quälen!« »Guter Herr, ich kann Euch nicht Verlassen; denn nie war ich Euer Sclav'. Ihr fordertet nicht mehr von mir, als Andre Für sich arbeiten. Ich war glücklicher Und reicher als so viele Weiße. Laßt Mich bei Euch, lieber Herr!« »So bleibe denn In meinem Dienst, Du guter Jakob , doch Als freier Mann! Du feierst diese Woche Dein Freiheitfest, und dann arbeitest Du, So lange Dir's gefällt, um guten Lohn Bei mir, bis ich Dich treu versorge. Sei Mein Freund, Jakob!« Der Schwarze drückt' die Hand Des guten Walter Miflin 's an sein Herz: »So lange dieses schläget, schlägt's für Euch! Nur heute feiern wir, und morgen frisch Zur Arbeit! Freud' und Fleiß ist unser Fest.« ——— Ging schöner je die Sonne nieder als Denselben Tag am Delawarestrom? Jedoch ihr schönster Glanz war in der Brust Des guten Mannes, der für kein Geschenk, Der nur für Pflicht hielt seine gute That. Zu diesen sarkastisch als »Neger-Idyllen« bezeichneten Gedichten gehört auch: »Der Gastfreund« (Werke, I. S. 154 f.) Vgl. auch die Gedichte »Guatimozin«, »Die beiden Mexicaner«, »Magellan«, »Der Krieger und die Pelzhändler«, »Das gegebene Wort« (Werke, I. 82-84). Es liegen bei ihnen wol zum Theil Missionsberichte zu Grunde. – D. ——— 115. Allerdings eine gefährliche Gabe, Macht ohne Güte, erfindungsreiche Schlauigkeit ohne Verstand . Nur können, haben, herrschen, genießen will der verdorben cultivirte Mensch, ohne zu überlegen, wozu er könne, was er habe, und ob, was er Genuß nenne, nicht zuletzt eine Ertödtung alles Genusses werde. Welche Philosophie wird die Nationen Europa's von dem Stein des Sisyphus, vom Rade Ixion's erlösen, dazu sie eine lüsterne Politik verdammt hat? In Romanen beweinen wir den Schmetterling, dem der Regen die Flügel netzt, in Gesprächen kochen wir von großen Gesinnungen über, und für jene moralische Verfallenheit unsers Geschlechts, aus der alles Uebel entspringt, haben wir kein Auge. Dem Geiz, dem Stolz, unsrer trägen Langenweile schlachten wir tausend Opfer, die uns keine Thräne kosten. Man hört von dreißigtausend um nichts auf dem Platz gebliebenen Menschen, wie man von herabgeschüttelten Maikäfern, von einem verhagelten Fruchtfelde hört, und wird den letzten Unfall vielleicht mehr als jene bedauern. Oder man tadelt, was in Peru, Ismail, Warschau geschah, indem man, sobald unser Vorurtheil, unsre Habsucht dabei ins Spiel kommt, ein Gleiches und ein Aergeres mit verbissenem Zorn wünscht. So ist's freilich. Es ist ein bekannter und trauriger Spruch, daß das menschliche Geschlecht nie weniger liebenswerth erscheine, als wenn es nationenweise auf einander wirkt. Sind aber auch die Maschinen, die so auf einander wirken, Nationen, oder mißbraucht man ihren Namen? Die Natur geht von Familien aus. Familien schließen sich an einander; sie bilden einen Baum mit Zweigen, Stamm und Wurzeln. Jede Wurzel gräbt sich in den Boden und sucht ihre Nahrung in der Erde, wie jeder Zweig bis zum Gipfel sie in der Luft sucht. Sie laufen nicht aus einander, sie stürzen nicht über einander. Die Natur hat Völker durch Sprache, Sitten, Gebräuche, oft durch Berge, Meere, Ströme und Wüsten getrennt ; sie that gleichsam Alles, damit sie lange von einander gesondert blieben und in sich selbst bekleidten. Eben jenes Nimrod 's weltvereinigendem Entwurf zuwider wurden (wie die alte Sage sagt) die Sprachen verwirrt; es trennten sich die Völker. Die Verschiedenheit der Sprachen, Sitten, Neigungen und Lebensweisen sollte ein Riegel gegen die anmaßende Verkettung der Völker, ein Damm gegen fremde Ueberschwemmungen werden; denn dem Haushalter der Welt war daran gelegen, daß, zur Sicherheit des Ganzen, jedes Volk und Geschlecht sein Gepräge, seinen Charakter erhielt. Völker sollten neben einander, nicht durch und über einander drückend wohnen. Keine Leidenschaften wirken daher in allem Lebendigen so mächtig, als die auf Selbstvertheidigung hinausgehn. Mit Lebensgefahr, mit vielfach verdoppelten Kräften schützt eine Henne ihre Jungen gegen Geier und Habicht; sie hat sich selbst, sie hat ihre Schwäche vergessen und fühlt sich nur als Mutter ihres Geschlechts, eines jungen Volkes. So alle Nationen, die man Wilde nennt, mögen sie sich gegen fremde Besucher mit List oder mit Gewalt vertheidigen. Armselige Denkart, die ihnen dies verübelt, ja gar die Völker nach der Sanftmuth, mit der sie sich betrügen und fangen lassen, classificirt. Mich dünkt, der Brief ziele hier auf eine Stelle in Home 's »Geschichte der Menschheit«, der es bei großem Reichtum der Materialien in mehreren Stücken an festen Grundsätzen mangeln dürfte. In den meisten Commerz- und Eroberungsreisen werden die Völker auf gleiche Weise geschichtet. – H. Gehörte ihnen nicht ihr Land, und ist's nicht die größte Ehre, die sie dem Europäer gönnen können, wenn sie ihn bei ihrem Mahl verzehren? Um in Büsching 's »Geographie« genauer aufgezeichnet zu stehn, um in gestochenen Kupfern den müssigen Europäer zu ergetzen und mit den Producten ihres Landes den Geiz einer Handelsgesellschaft zu bereichern: ich weiß nicht, warum sie sich dazu sollten geschaffen glauben? Leider ist's also wahr, daß eine Reihe Schriften, englisch, französisch, spanisch und deutsch, in diesem anmaßenden, habsüchtigen Eigendünkel verfaßt, zwar europäisch, aber gewiß nicht menschlich geschrieben seien; die Nation ist bekannt, die sich hierin ganz zweifellos äußert. » Rule, Britannia, rule the waves «, mit diesem Wahlspruch, glaubt Mancher, seien ihnen die Küsten, die Länder, die Nationen und Reichthümer der Welt gegeben. Der Capitän und sein Matrose seien die Haupträder der Schöpfung, durch welche die Vorsehung ihr ewiges Werk ausschließend zur Ehre der britischen Nation und zum Vortheil der indischen Compagnie bewirke. Politisch und fürs Parlament mögen solche Berechnungen und Selbstschätzungen gelten; dem Sinn und Gefühl der Menschheit sind sie unerträglich. Als Dunbar , von dem einige Beiträge zur Geschichte der Menschheit auch unter uns bekannt sind, des D. Tucker 's, eines eifrigen Staatsschriftstellers, » True basis of civil government las, sagte er: » When the benevolence of this writer is exalted into charity, when the spirit of his religion (er war ein Geistlicher, Dechant von Bristol) corrects the rancour of his philosphy , he will aknowledge in the most intutored tribes some glimmerings of humanity, and some decisive indications of a moral nature .« Manchem Schriftsteller möchte man diesen Geist der Anerkennung der Menschheit im Menschen wünschen. – H. Vollends wenn wir arme, schuldlose Deutsche hierin den Briten nachsprechen – Jammer und Elend! Was soll überhaupt eine Messung aller Völker nach uns Europäern ? Wo ist das Mittel der Vergleichung? Jene Nation, die Ihr wild oder barbarisch nennt, ist im Wesentlichen viel menschlicher als Ihr; und wo sie unter dem Druck des Klima erlag, wo eine eigne Organisation oder besondre Umstände im Lauf ihrer Geschichte ihr die Sinne verrückten, da schlage sich doch Jeder an die Brust und suche den Querbalken seines eignen Gehirnes. Alle Schriften, die den an sich schon unerträglichen Stolz der Europäer durch schiefe, unerwiesene oder offenbar unerweisbare Behauptungen nähren, verachtend wirft sie der Genius der Menschheit zurück und spricht: »Ein Unmensch hat sie geschrieben!« Ihr edleren Menschen, von welchem Volk Ihr seid, Las Casas, Fénélon , Ihr beiden guten St. Pierre , Vgl. Brief 57. – D. so mancher ehrliche Quacker, Montesquieu, Filangieri , deren Grundsätze nicht auf Verachtung, sondern auf Schätzung und Glückseligkeit aller Menschen-Nationen hinausgehn; Ihr Reisenden, die Ihr Euch, wie Pages und Andre, in die Sitten und Lebensart mehrerer, ja aller Nationen zu setzen wußtet und es nicht unwerth fandet, unsre Erde wie eine Kugel zu betrachten, auf der mit allen Klimaten und Erzeugnissen der Klimate auch mancherlei Völker in jedem Zustande sein müssen und sein werden; Vertreter und Schutzengel der Menschheit, wer aus Eurer Mitte, von Eurer heilbringenden Denkart giebt uns eine Geschichte derselben, wie wir sie bedürfen? ——— Nachschrift des Herausgebers. Da es verschiedenen Lesern angenehm sein möchte, etwas mehr von den ebengenannten Vorsprechern der Menschheit zu wissen als ihre Namen, so füge ich zu Erläuterung des Briefes dies Wenige bei. * De Las Casas (Fray Bartolomé), Bischof von Chiapa , war der edle Mann, der nicht nur in seiner kurzen Erzählung von der Zerstörung von Indien, sondern auch in Schriften an die höchsten Gerichte und an den König selbst die Gräuel ans Licht stellte, die seine Spanier gegen die Eingebornen Indiens verübten. Man warf ihm Uebertreibung und eine glühende Einbildungskraft vor; der Lüge aber hat ihn Niemand überwiesen. Und warum sollte das, was man glühende Einbildungskraft nennt, nicht lieber ein edles Feuer des Mitgefühls mit den Unglücklichen gewesen sein, ohne welches er freilich nicht , auch nicht also geschrieben hätte? Die Zeit hat ihn gerechtfertigt und seinen Gegner Sepulveda mehr als ihn der Unwahrheit überwiesen. Daß er mit seinen Vorstellungen nicht viel ausgerichtet hat, vermindert sein Verdienst nicht. Friede sei mit seiner Asche! * Fénélon 's billige und liebreiche Denkart ist allbekannt. So eifrig er an seiner Kirche hing und deshalb über die Protestanten hart urtheilte, Theils in seinen Pastoralschriften, theils in den Aufsätzen seines Zöglings, des Herzogs von Bourgogne, ist dieses ersichtlich. – H. Vgl. oben Brief 49. – D. weiter sie nicht kannte, so sehr verabscheute er, selbst als Missionar zu Bekehrung derselben, ihre Verfolgung. »Vor allen Dingen,« sagt er zum Ritter St. Georg , »zwingt Eure Unterthanen nie, ihre Weise des Gottesdienstes zu ändern. Eine menschliche Macht ist nicht im Stande, die undurchdringliche Brustwehr, Freiheit des Herzens, zu überwältigen. Sie macht nur Heuchler. Wenn Könige, statt sie zu beschützen, sich in die Gottesverehrung gebietend mengen, so bringen sie dieselbe in Knechtschaft.« In seiner » Anweisung, das Gewissen eines Königes zu leiten «, Directions pour la Conscience d'un Roi . Nachgedruckt à la Haye 1747. – H. giebt er Nachschläge, die, wenn sie befolgt würden, jeder Revolution zuvorkämen. Ich führe von ihnen nur einige an, blos wie sie der vorstehende Brief fordert. »Habt Ihr das wahre Bedürfniß Eures Staats gründlich untersucht und mit dem Unangenehmen der Auflagen zusammengehalten, ehe Ihr Euer Volk damit beschwertet? Habt Ihr nicht Nothdurft des Staats genannt, was nur Eurer Ehrsucht zu schmeicheln diente, Staatsbedürfniß, was blos Eure persönliche Anmaßung war? Persönliche Prätensionen habt Ihr blos auf Eure Privatkosten geltend zu machen und höchstens das zu erwarten, was die reine Liebe Eures Volks freiwillig dazu beiträgt. Als Karl VIII. nach Neapel ging, um sich die Succession des Hauses Anjou zu vindiciren, unternahm er den Krieg auf seine Kosten; der Staat glaubte sich zu Unternehmung derselben nicht verbunden. »Habt Ihr auswärtigen Nationen kein Unrecht zugefügt? Ein armer Unglücklicher kommt an den Galgen, weil er in höchster Noth auf der Landstraße einige Thaler raubte, und ein Eroberer, das ist ein Mann, der ungerechterweise dem Nachbar Länder wegnimmt, wird als ein Held gepriesen. Eine Wiese oder einen Weinberg unbefugt zu nutzen, wird als eine unerläßliche Sünde angesehen, im Fall man den Schaden nicht ersetzt; Städte und Provinzen zu usurpiren, rechnet man für nichts. Dem einzelnen Nachbar ein Feld wegnehmen, ist ein Verbrechen; einer Nation ein Land wegnehmen, ist eine unschuldige, Ruhm bringende Handlung. Wo ist hier Gerechtigkeit? Wird Gott so richten? » Glaubst Du, daß ich sein werde wie Du ?« Muß man nur im Kleinen, nicht im Großen gerecht sein? Millionen Menschen, die eine Nation ausmachen, sind sie weniger unsre Brüder als ein Mensch? Darf man Millionen ein Unrecht über Provinzen thun, das man einem Einzelnen über eine Wiese nicht thun dürfte? Zwingt Ihr, weil Ihr der Stärkere seid, einen Nachbar, den von Euch vorgeschriebenen Frieden zu unterzeichnen, damit er größeren Uebeln aus dem Wege gehe, so unterzeichnet er, wie der Reisende dem Straßenräuber den Beutel reicht, weil ihm das Pistol vor der Brust steht. »Friedensschlüsse sind nichtig, nicht nur wenn in ihnen die Uebermacht Ungerechtigkeiten erpreßt hat, sondern auch wenn sie mit Hinterlist zweideutig abgefaßt werden, um eine günstige Zweideutigkeit gelegentlich geltend zu machen. Euer Feind ist Euer Bruder; das könnt Ihr nicht vergessen, ohne auf die Menschheit selbst Verzicht zu thun. Bei Friedensschlüssen ist nicht mehr von Waffen und Krieg, sondern von Friede, von Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Treu' und Glauben die Rede. Im Friedensschluß ein nachbarliches Volk zu betrügen, ist ehrloser und strafbarer, als im Contract eine Privatperson zu hintergehen. Mit Zweideutigkeiten und verfänglichen Ausdrücken im Friedensschluß bereitet man schon den Samen zu künftigen Kriegen, d. i. man bringt Pulverfässer unter Häuser, die man bewohnt. »Als die Frage vom Kriege war, habt Ihr untersucht und untersuchen lassen, was Ihr für Recht dazu hattet, und dies zwar von den Verständigsten, die Euch am Wenigsten schmeicheln. Oder hattet Ihr nicht Eure persönliche Ehre dabei im Auge, doch etwas unternommen zu haben, was Euch von andern Fürsten unterschiede? Als ob es Fürsten eine Ehre wäre, das Glück der Völker zu stören, deren Väter sie sein sollen! Als ob ein Hausvater durch Handlungen, die seine Kinder unglücklich machen, sich Achtung erwürbe! Als ob ein König anderswoher Ruhm zu hoffen hätte als von der Tugend, d. i. von der Gerechtigkeit und von einer guten Regierung seines Volks!« Dies sind einige der sechsunddreißig Artikel Fénélon's, die allen Vätern des Volks Morgen- und Abendlection sein sollten. Zu gleichem Zweck sind seine »Gespräche«, sein »Telemach«, ja alle seine Schriften geschrieben; der Genius der Menschlichkeit spricht in ihnen ohne Künstelei und Zierrath. »Ich liebe meine Familie,« sagt der edle Mann, »mehr als mich, mehr als meine Familie mein Vaterland, mehr als mein Vaterland die Menschheit.« * Der Abt St. Pierre Vgl. oben Brief 57, S. 244 ff. – D. ist ungerechterweise fast durch nichts als durch sein Project zum ewigen Frieden bekannt; eine sehr gutmüthige, ja edle Schwachheit, die doch so ganz Schwachheit nicht ist, als man meint. In diesem Vorschlage sowol als in manchen andern war er mit Fleiß etwas pedantisch; er wiederholte sich, damit, wie er sagte, wenn man ihn zehnmal überhört hätte, man ihn das elfte Mal anhöre; er schrieb trocken und wollte nicht vergnügen. Ueberhaupt hielt er von bloßen Ergetzungsschriften nicht viel; bei unsern Urenkeln, glaubte er, würden sie ganz außer Mode sein. Als unter lautem Beifall ein dergleichen Gedicht vorgelesen ward und man ihn fragte, was er von diesem Kunstwerk denke, » Eh mais, cela est encore fort beau ,« antwortete er und meinte, dies encore werde nicht ewig dauern. S. Eloge de St. Pierre von d'Alembert. – H. Schwerlich giebt's eine honnetere Denkart, als die der Abt St. Pierre in allen Schriften äußert. Allgemeine Vernunft und Gerechtigkeit, Tugend und Wohlthätigkeit waren ihm die Regel , die Tendenz unsers Geschlechts, und dessen Wahlspruch: donner et pardonner , geben und vergeben . Dazu las, dazu sah und hörte er ohne Anmaßung. »Eine Eintrittsrede in die Akademie,« sagte er, »verdient höchstens zwei Stunden, die man darauf wendet; ich habe vier darauf gewandt und denke, das sei honnet gnug; unsre Zeit gehört dem Nutzen des Staates.« Ueber den körperlichen Schmerz dachte er nicht wie ein Stoiker, sondern hielt ihn für ein wahres, ja vielleicht für das einzige Uebel, das die Vernunft weder abwenden, noch schwächen könne; die meisten andern Uebel, meinte er, seien abwendbar oder nur von einem eingebildeten Werthe. Seine Mitmenschen des Schmerzes zu überheben, sei die reichste Wohlthat. Man ist nicht verbunden, Andre zu amüsiren , wohl aber Niemand zu betrügen .« Und so befliß er sich aufs Strengste der Wahrheit. Einzig beschäftigt, das hinwegzubringen, was dem gemeinen Wohl schadete, war er ein Feind der Kriege, des Kriegesruhms und jeder Bedrückung des Volkes; dennoch aber glaubte er, daß die Welt durch die schrecklichen Kriege der Römer weniger gelitten habe als durch die Tibere , die Neronen . »Ich weiß nicht,« sagt er, »ob Caligula, Domitian und Ihresgleichen Götter waren; das nur weiß ich, Menschen waren sie nicht. Ich glaube wol, daß man sie bei ihren Lebzeiten über das Gute, das sie stifteten, gnug mag gepriesen haben; einzig Schade nur, daß ihre Völker von diesem Guten nichts gewahr wurden.« Er hatte oft die schöne Maxime Franz ' I. im Munde: »Regenten gebieten den Völkern, die Gesetze den Regenten.« Da er nicht heirathen durfte, so erzog er Kinder, ohne alle Eitelkeit, nur zum Nützlichen, zum Besten. Er freute sich auf eine Zeit, da, von Vorurtheilen frei, der einfältigste Kapuziner so viel wissen würde als der geschickteste Jesuit, und hielt diese Zeit, so lange man sie auch verspätete, für unhintertreiblich. Trägheit und böse Gewohnheiten der Menschen, vorzüglich aber den Despotismus, klagte er als muthwillige Ursachen dieses Aufhaltens an; denn auch die Wissenschaften, meinte er, liebe man nur unter der Bedingung, daß sie dem Volk nicht zu gut kämen. So sagte jener Karthäuser, als ein Fremder seine Karthause, wie schön sie sei, lobte: »Für die Vorbeigehenden ist sie allerdings schön.« Eine andre Ursache der Verspätung des Guten in der Welt fand St. Pierre darin, daß sowenig Menschen wüßten, was sie wollten , und unter diesen noch weniger das Herz hätten, zu wissen, daß sie es wissen, zu wollen, was sie wollen . Selbst über die gleichgiltigsten Dinge der Literatur folge man angenommenen fremden Meinungen und habe nicht das Herz, zu sagen, was man selbst denkt; hingegen, meint er, sei nur ein Mittel, daß jeder Mann von Wissenschaft ein Testament mache und sich wenigstens nach seinem Tode wahr zu sein getraue. Er schrieb eine Abhandlung, wie »auch Predigten nützlich werden könnten«, und war insonderheit der mahomedanischen Religion feind, weil sie die Unwissenheit aus Grundsätzen begünstigt und die Völker thierisch macht (abrutirt). Christliche Verfolger, meinte er, müsse man als Narren aufs Theater bringen, wenn man sie nicht als Unsinnige einsperren wollte. Hinter seine Abhandlungen setzte er oft die Devise: » Paradis aux Bienfaisans !« Und gewiß genoß dieser bis an seinen letzten Augenblick gleich- und wohldenkende Mann dieses innern Paradieses. Als man ihn in den letzten Zügen fragte, ob er nicht noch etwas zu sagen habe, sagte er: »Ein Sterbender hat wenig zu sagen, wenn er nicht aus Eitelkeit oder aus Schwäche redet.« Lebend sprach er nie aus diesen Gründen; und o möchte einst jeder Buchstab von dem, das er damals in einem engen Nationalgesichtskreise schrieb, im weitesten Umfange erfüllt werden! Nach seiner Ueberzeugung wird er's werden. Oeuvres de Morale et de Politique de l'Abbé de St. Pierre (Charles Irenée Castel) T . 1-16. Rotterd . 1741. – H. * Sein Namensgenannter, Bernardin de St. Pierre , ein ächter Schüler Fénélon's, hat jede seiner Schriften bis zur kleinsten Erzählung im Geist der Menschenliebe und Einfalt des Herzens geschrieben. Gern verbindet er die Natur mit der Geschichte der Menschen, deren Gutes er so froh, deren Böses er allenthalben mit Milde erzählt. »Ich werde glauben,« sagt er, Reise nach den Inseln Frankreich und Bourbon, Altenb. 1774. Vorrede, S. 3. – H. »dem menschlichen Geschlecht genutzt zu haben, wenn das schwache Gemälde vom Zustande der unglücklichen Schwarzen ihnen einen einzigen Peitschenschlag ersparen kann und die Europäer (sie, die in Europa wider die Tyrannei eifern und so schöne moralische Abhandlungen ausarbeiten) aufhören, in Indien die grausamsten Tyrannen zu sein.« In gleich edelm Sinn sind sein »Paul und Virginie«, »Das Kaffeehaus von Surate«, »Die indische Strohhütte« und die »Studien der Natur« geschrieben. Etudes de la Nature, Par . 1776. Man erwartet jetzt von ihm ein Werk: Harmonie de la Nature pour servir aux élémens de la Morale , das nicht anders als in einem guten Geist abgefaßt sein kann. Während der Revolution hat er sich weise betragen – H. Seine Harmonies de la Nature erschienen 1815. – D. Mit Seelen dieser Art lebt man so gern und freut sich, daß ihrer noch einige da sind. * Die Quacker , an welche der Brief denkt, bringen, von Penn an, eine Reihe der verdienstvollsten Männer in Erinnerung, die zum Besten unsers Geschlechts mehr gethan haben als tausend Helden und pomphafte Weltverbesserer. Die thätigsten Bemühungen zu Abschaffung des schändlichen Negerhandels und Sclavendienstes sind ihr Werk; wobei indes; überhaupt auch Methodisten und Presbyterianern, jeder schwachen oder starken Stimme jedes Landes ihr Verdienst bleibt, wenn sie taubsten Ohren und härtesten Menschenherzen, geizigen Handelsleuten, hierüber etwas zurief. Eine Geschichte des aufgehobenen Negerhandels und der abgestellten Sclaverei in allen Welttheilen wird einst ein schönes Denkmal im Vorhofe des Tempels allgemeiner Menschlichkeit sein, dessen Bau künftigen Zeiten bevorsteht; mehrere Quackernamen werden an den Pfeilern dieses Vorhofes mit stillem Ruhm glänzen. In unserm Jahrhundert scheint's die erste Pflicht zu sein, den Geist der Frivolität zu verbannen, der alles wahrhaft Gute und Große vernichtet. Dies thaten die Quacker. * Montesquieu verdiente unter den Beförderern des Wohls der Menschen genannt zu werden; denn seine Grundsätze haben über die Mode hinaus Gutes verbreitet, gesetzt, daß er auch den ganzen Lobspruch, den ihm Voltaire gab, Der Lobspruch ist bekannt: » L'humanité avoit perdu ses titres; Montesquieu les a retrouvé « Voltairen selbst ist, was man auch dagegen sage, die Menschheit viel schuldig. Eine Reihe von Aufsätzen zur Geschichte, zur Philosophie und Gesetzgebung, zur Aufklärung des Verstandes u. s. w., bald in spottendem, bald in lehrendem Ton, sind ihr geschrieben, seine »Alzire«, »Zaïre« u. s. w. desgleichen. – H. nicht hätte erreichen mögen. Am Willen des edeln Mannes lag es nicht; viele Capitel seines Werks sind, wie die Aufschrift desselben sagt, flores sine semine nati Vgl. Herder's Werke, II. S. 294. – D. Blumen, denen es an einem Boden und an ächten Samenkörnern gebrach; eine Menge derselben aber sind heilbringende Blumen und Früchte. Auch seinen »Persischen Briefen«, seiner Schrift »Ueber die Größe und den Verfall der Römer«, ja seinen kleinsten Aufsätzen fehlt es daran nicht; mehrere Capitel seines Werks »Vom Geist der Gesetze« sind in Aller Gedächtniß. Montesquieu hat viele und große Schüler gehabt; auch der gute Filangieri ist in der Zahl. System der Gesetzgebung übersetzt von Link , Ansbach 1781-1793. – H. Filangieri's Werk » La scienza della legislazione « erschien in acht Bänden 1788-1793. – D. * Da der vorstehende Brief der Schotten und Engländer, eines Bacon, Harrington, Milton, Sidney, Locke, Ferguson, Smith, Millar und Anderer nicht erwähnt, ohne Zweifel, weil er einen vielgepriesenen Ruhm nicht wiederholen wollte, dagegen aber einige Neapolitanische Schriftsteller nennt, so sei es erlaubt, das ziemlich vergessene Andenken eines Mannes zu erneuern, der zu einer Schule menschlicher Wissenschaft im ächten Sinne des Worts an seinem Ort vor Andern den Grund legte, Giambattista Vico . Ein Kenner und Bewunderer der Alten, ging er ihren Fußtapfen nach, indem er in der Physik, Moral, im Recht und im Recht der Völker gemeinschaftliche Grundsätze suchte. Plato, Tacitus , unter den Neuen Bacon und Grotius waren, wie er selbst sagt, seine Lieblingsautoren; in seiner »Neuen Wissenschaft« Principi di una scienza nuova , zuerst herausgegeben 1725. – H. Vgl. Goethe's Brief aus Neapel vom 5. März 1787; Fr. Aug. Wolf im »Museum der Alterthumswissenschaft«, I. 561 ff. – D. suchte er das Principium der Humanität der Völker ( dell' umanità delle nazioni ) und fand dies in der Voraussicht ( provedenza ) und Weisheit . Alle Elemente der Wissenschaft göttlicher und menschlicher Dinge setzte er in Kennen, Wollen, Vermögen ( nosse, velle, posse ), deren einziges Principium der Verstand , dessen Auge die Vernunft sei, vom Lichte der ewigen Wahrheit erleuchtet. Er gründete den Katheder dieser Wissenschaften in Neapel, den nachher Genovesi, Galanti betraten; Antonio Genovesi 's »Politische Oekonomie« ist im Deutschen durch eine Uebersetzung bekannt, Galanti 's »Beschreibung beider Sicilien« desgleichen. Des Ersten » Storia del Commercio della gran Bretagna « von Cary wörtlich: » scritta da John Cary, tradotta da Pietro Genovesi, con un ragionamento sul Commercio universale di Antonio Genovesi, Napoli 1757«, 3 Bände – D. , und seine Lehrbücher zeigen ebenso viel Kenntnisse als philosophischen und bürgerlich thätigen Geist. Auch Montesquieu hat er mit Anmerkungen herausgegeben, – H. über die Philosophie der Menschheit, über die Haushaltung der Völker haben wir treffliche Werke aus jener Gegend erhalten, da Freiheit im Denken vor allen Ländern in Italien die Küste von Neapel beglückt und werth hält. ——— 116. Sie wünschen eine Naturgeschichte der Menschheit in rein menschlichem Sinne geschrieben: ich wünsche sie auch; denn darüber sind wir einig, daß eine zusammengelesene Beschreibung der Völker nach sogenannten Racen, Varietäten, Spielarten, Begattungsweisen u. s. w. diesen Namen noch nicht verdiene. Lassen Sie mich den Traum einer solchen Geschichte verfolgen. 1. Vor Allem sei man unparteiisch , wie der Genius der Menschheit selbst; man habe keinen Lieblingsstamm, kein Favoritvolk auf der Erde. Leicht verführt eine solche Vorliebe, daß man der begünstigten Nation zu viel Gutes, andern zu viel Böses zuschreibe. Wäre vollends das geliebte Volk blos ein collectiver Name (Celten, Semiten, Chuschiten Der von Chusch , dem Vater Nimrod's, benannte äthiopische Stamm. – D. u. s. w.), der vielleicht nirgend existirt hat, dessen Abstammung und Fortpflanzung man nicht erweisen kann, so hätte man ins Blaue des Himmels geschrieben. 2. Noch minder beleidige man verachtend irgend eine Völkerschaft, die uns nie beleidigt hat. Wenn Schriftsteller auch nicht hoffen dürften, daß die guten Grundsätze, die sie verbreiten, überall schnellen Eingang finden, so ist die Hut, gefährliche Grundsätze zu veranlassen, ihnen die größte Pflicht. Um schwarze Thaten, wilde Neigungen zu rechtfertigen, stützt man sich gern auf verachtende Urtheile über andre Völker. Papst Nicolas V. hat (es ist schon lange) die unbekannte Welt verschenkt; den weißen und edleren Menschen hat er, alle Ungläubige zu Sclaven zu machen, pontificalisch erlaubt. Mit unsern Bullen kommen wir zu spät. Der Kakistokratismus behauptet praktisch seine Rechte, ohne daß wir ihn dazu theoretisch bevollmächtigen und deshalb die Geschichte der Menschheit umkehren müßten. Aeußerte z. B. Jemand die Meinung, daß, »wenn erwiesen werden kann , daß ohne Neger keine Kaffee-, Zucker-, Reis- und Tabakspflanzungen bestehen können , so sei zugleich die Rechtmäßigkeit des Negerhandels bewiesen, indem dieser Handel dem ganzen menschlichen Geschlecht, d. i. den weißen, edleren Menschen, mehr zum Vortheil als zum Nachtheil gereicht,« so zerstörte ein Grundsatz der Art sofort die ganze Geschichte der Menschheit. Ad majorem Dei gloriam privilegirte er die frechsten Anmaßungen, die grausamsten Usurpationen. Gebe man doch keinem Volk der Erde den Scepter über andre Völker wegen » angeborner Vornehmigkeit « in die Hände, viel weniger das Schwert und die Sclavenpeitsche. 3. Der Naturforscher setzt keine Rangordnung unter den Geschöpfen voraus, die er betrachtet; alle sind ihm gleich lieb und werth. So auch der Naturforscher der Menschheit. Der Neger hat so viel Recht, den Weißen für eine Abart, einen gebornen Kakerlaken zu halten, als wenn der Weiße ihn für eine Bestie, für ein schwarzes Thier hält. So der Amerikaner, so der Mongole. In jener Periode, da sich Alles bildete, hat die Natur den Menschentypus so vielfach ausgebildet, als ihre Werkstatt es erforderte und zuließ. Nicht verschiedne Keime (ein leeres und der Menschenbildung widersprechendes Wort) Hierüber hat der Verfasser dieses Briefes eine besondre Abhandlung entworfen, die aber hieher nicht gehört. – H. , aber verschiedne Kräfte hat sie in verschiedner Proportion ausgebildet, so viel deren in ihrem Typus lagen und die verschiednen Klimate der Erde ausbilden konnten. Der Neger, der Amerikaner, der Mongole hat Gaben, Geschicklichkeiten, präformirte Anlagen, die der Europäer nicht hat. Vielleicht ist die Summe gleich, nur in verschiednen Verhältnissen und Compensationen. Wir können gewiß sein, daß, was sich im Menschentypus auf unsrer runden Erde entwickeln konnte, entwickelt hat oder entwickeln werde; denn wer könnte es daran verhindern? Das Urbild, der Prototyp der Menschheit , liegt also nicht in einer Nation eines Erdstriches; er ist der abgezogne Begriff von allen Exemplaren der Menschennatur in beiden Hemisphären. Der Cherokese und Huswana , der Mongole und Gonaqua ist sowol ein Buchstab im großen Wort unsers Geschlechts als der gebildetste Engländer und Franzose. 4. Jede Nation muß also einzig auf ihrer Stelle, mit Allem, was sie ist und hat , betrachtet werden; willkürliche Sonderungen, Verwerfungen einzelner Züge und Gebräuche durch einander geben keine Geschichte. Bei solchen Sammlungen tritt man in ein Beinhaus, in eine Geräth- und Kleiderkammer der Völker, nicht aber in die lebendige Schöpfung, in jenen großen Garten, in dem Völker wie Gewächse erwuchsen, zu dem sie gehören, in dem Alles, Luft, Erde, Wasser, Sonne, Licht, selbst die Raupe, die auf ihnen kriecht, und der Wurm, der sie verzehrt, zu ihnen gehört. Daß Sammlungen von Besonderheiten des Menschengeschlechts hie und da, hierin und darin als Register, als Repertorien zu gebrauchen sind, wollte der Verfasser dieses Briefes nicht leugnen; nur sie sind als solche noch keine Geschichte. – H. Lebendige Haushaltung ist der Begriff der Natur, wie bei allen Organisationen, so bei der vielgestaltigen Menschheit. Leid und Freude, Mangel und Habe, Unwissenheit und Bewußtsein stehen im Buch der großen Haushälterin neben einander und sind gegen einander berechnet. 5. Am Wenigsten kann also unsre europäische Cultur das Maaß allgemeiner Menschengüte und Menschenwerthes sein; sie ist kein oder ein falscher Maaßstab. Europäische Cultur ist ein abgezogner Begriff, ein Name. Wo existirt sie ganz? bei welchem Volk? in welchen Zeiten? Ueberdem sind mit ihr (wer darf es leugnen?) so viele Mängel und Schwächen, so viel Verzuckungen und Abscheulichkeiten verbunden, daß nur ein ungütiges Wesen diese Veranlassungen höherer Cultur zu einem Gesammtzustande unsers ganzen Geschlechts machen könnte. Die Cultur der Menschheit ist eine andre Sache; ort- und zeitmäßig sprießt sie allenthalben hervor, hier reicher und üppiger, dort ärmer und kärger. Der Genius der Menschennaturgeschichte lebt in und mit jedem Volk, als ob dies das einzige auf Erden wäre. 6. Und er lebt in ihm menschlich . Alle Absonderungen und Zergliederungen, durch die der Charakter unsers Geschlechts zerstört wird, geben halbe oder Wahnbegriffe, Speculationen. Auch der Pescheräh ist ein Mensch, auch der Albinos . Lebensweise ( habitus ) ist's, was eine Gattung bestimmt; in unsrer vielartigen Menschheit ist sie äußerst verschieden. Und doch ist zuletzt Alles an wenige Punkte geknüpft, in der größten Verschiedenheit zeigt sich die einfachste Ordnung. Der Neger offenbart sich in seinem Fußtritt, wie der Hindu in seiner Fingerspitze; so Beide in Liebe und Haß, im kleinsten und größten Geschäfte. Ein durchschauendes Wesen, das jede mögliche Abänderung des Menschentypus nach Situationen unsers Erdballs genetisch erkennte, würde aus wenig gegebnen Merkmalen die Summe der ganzen Conformation und des ganzen Habitus eines Volks, eines Stammes, eines Individuums leicht finden. Zu dieser Anerkennung der Menschheit im Menschen führen treue Reisebeschreibungen viel sicherer als Systeme. Mich freute es, daß Ihr Brief Brief 115. – H. unter Denen, die sich in die Sitten fremder Völkerschaften innig versetzt, auch Pages nannte. De Pages, Voyage autour du monde, Berne 1783.– H. Man lese seine Gemälde vom Charakter mehrerer Nationen in Amerika, S. 17. 18-62. – H. der Völker auf den Philippinen, S. 137-148, 155-195. – H. und was er vom Betragen der Europäer gegen sie hie und da urtheilt; wie er sich der Denkart der Hindu 's, der Araber , der Drusen u. s. w. auch durch Theilnahme an ihrer Lebensweise gleichsam einzuverleiben suchte. Band 2. – H. Reisebeschreibungen solcher Art, deren wir (Dank sei es der Menschheit!) viele haben, Unter vielen andern nenne ich G. Forster 's und Le Vaillant 's, vom Letzten insonderheit seine neuern Reisen. Die Grundsätze, die in ihnen herrschen, wie Menschen und Thiere zu betrachten und zu behandeln sind, geben eine Hodopädie , die insonderheit den Engländern zu mangeln scheint. Ihre Urtheile über fremde Nationen verrathen immer den » divisum toto orbe Britannum ,« nach Virgil's Buc ., 1. 67. – D. , wo nicht gar den monarchischen Kaufmann, da ein Reisebeschreiber eigentlich kein ausschließendes Vaterland haben müßte. – H. erweitern den Gesichtskreis und vervielfältigen die Empfindung für jede Situation unsrer Brüder. Ohne darüber ein Wort zu verlieren, predigen sie Mitgefühl, Duldung, Entschuldigung, Lob, Bedauern, vielseitige Cultur des Gemüths, Zufriedenheit, Weisheit. Freilich sucht auch in Reisebeschreibungen, wie auf Reisen, Jeder das Seine. Der Niedrige sucht schlechte Gesellschaft, und da wird sich ja unter hundert Nationen eine finden, die sein Vorurtheil begünstige, die seinen Wahn nähre. Der edle Mensch sucht allenthalben das Bessere, das Beste, wie der Zeichner malerische Gegenden auswählt. Auch hinter dem Schleier böser Gewohnheiten wird Jener ursprünglich gute, aber mißgebrauchte Grundsätze bemerken und auch aus dem Abgrunde des Meers nicht Schlamm, sondern Perlen holen. Eine Classification der Reisebeschreibungen, nicht etwa nur nach Merkwürdigkeiten der Naturgeschichte, sondern auch nach dem innern Gehalt der Reisebeschreiber selbst, wiefern sie ein reines Auge und in ihrer Brust allgemeinen Natur - und Menschensinn hatten – ein solches Werk wäre für die zerstreute Heerde von Lesern, die nicht wissen, was rechts und links ist, sehr nützlich. Wer könnte es besser als Reinhold Forster geben? auch nur, wenn er ein schon gedrucktes Verzeichniß von Reisebeschreibungen mit seinen Urtheilen begleiten wollte. – H. ——— Die Waldhütte. Eine Missionserzählung aus Paraguay. Vom ehrlichen Dobritzhofer erzählt in seiner »Geschichte der Abiponer,« Th. I. S. 113 ff. Wien 1783. Eine ähnliche erzählt er S. 83 ff., die eine gleiche Darstellung verdiente. – H. Vgl. Herder's Werke. X. S. 35. – D Um Paraguayer-Thee und wilde Völker Für unsre Colonieen aufzusuchen, Durchgingen wir jenseit des Empalado Die tiefsten Wälder. Nirgend eine Spur Von Menschen! Alles, Alles war geflohn Und aufgerieben von den Blattern. Bis uns Fußtapfen in ein armes Hüttchen führten. Ein Mütterchen, ihr zwanzigjähriger Sohn Und eine funfzehnjähr'ge Tochter hatten Hier lang' und still gewohnt. Der Vater war Vom Tiger aufgefressen, als die Mutter Mit ihrer Tochter schwanger ging. Der Sohn Hatt' allenthalben sich ein Weib gesucht Und keins gefunden. Außer ihrem Bruder Hatt' Arapotija , des Tages Blüthe So heißt bei den Paraguayern die Morgenröthe. – H. (So hieß das Mädchen), keinen Mann gesehn. Hier wohnten sie am Monda-Miri -Ufer In einer Palmenhütte. Wasser war Ihr Trank; Baumfrüchte mancher Art, Die Wurzel des Mandijobaums, Geflügel, Das Aba schoß (so hieß der Jüngling), Korn, Das seine Schwester säte, Ananas Und Honig, der aus Bäumen reichlich floß, Genossen sie. Von Caraquatablättern War ihr Gewand gewebet und ihr Bett Bereitet. Eine scharfe Muschel war Ihr Messer. Seine Pfeile schnitzte sich Der Jüngling mit zerbrochnem Eisen aus Dem härtsten Holz; er stellte Fallen auf Den Elennthieren; reichlich nährte er Sein kleines Haus. Ihr Teller war ein Blatt, Der Kürbis ihre Flasche. Feuer schafften Sie sich aus Bäumen. Also lebten sie Zufrieden und gesund; sie liebten sich Wie Mutter, Bruder, Schwester, die einander Die ganze Welt sind. Unschuld kleidete Das Mädchen ohne Scham. Sie wand das Tuch, Das wir ihr schenkten, zierend um ihr Haupt; Ihr flatternd Baumgewand war ihr genug, Kein fremder Schmück entstellte ihr Gesicht; Ein Papagei auf ihrer Schulter war Ihr Freund, mit dem sie scherzte, wenn sie Hecken Und Hain wie eine Cynthia durchstrich, An Frohsinn und Gestalt ihr ähnlich. Scherzend Empfing sie uns und unbetroffen. So Die Mutter, so der Sohn. Ich sprach zu ihnen Guaranisch , ob sie mit uns ziehen wollten Aus dieser Wüstenei, und schildert' ihnen Die glücklichen, die frohen Tage, die Sie mit uns leben würden. »Gerne,« sprach Die Mutter, uns vertrauend, »kämen wir. Auch fürchten wir den Weg nicht; aber sieh, Dort hab' ich drei Wildschweinchen aufgezogen, Seit ihre Mutter sie gebar. Die müßten Umkommen, wenn wir sie verlassen, oder (Sie werden uns gewiß als Hündchen folgen) Verschmachten auf dem Wege, wenn sie sehn Das ausgebrannte Feld, darauf die Gluth Der Sonne liegt.« »Darüber fürchte nichts,« Sprach ich; »wir wollen uns im Schatten lagern, An Bächen sie erfrischen. Kommet nur!« So kamen sie mit uns. Wir duldeten Viel auf dem langen Wege, watend jetzt Durch wilde Ströme, jetzt in Ungewittern Von Güssen überströmt. Es lauerten Auf uns die Tiger. Endlich kamen wir In unserm Flecken an. Dem Jüngling war Beschwerlich unsre Kleidung; eingepreßt, Konnt' er in ihr nicht schreiten, klettern nicht Auf Bäume, die hier fehlten. Er vermißte Das schöne Grün, den dunkeln kühlen Wald. Und ob wir dann und wann mitleidig auch Sie in entlegne Schatten führten, ach, Es war nicht ihr geliebter Schatte. Brennend, Verzehrend lag auf ihnen hier die Gluth Der Sonne. Fieber, Kopf- und Augenweh Und tiefe Schwermuth, Ekel aller Speisen, Kraftlosigkeit, Auszehrung folgeten. Am ersten schwand die Mutter hin; sie ward Getauft und starb mit christlicher Ergebung. Die Tochter, Arapotija, die Blüthe Des Tages sonst, man kannte sie nicht mehr. Verblühet war sie und verdorrt; sie folgte Der Mutter bald ins Grab. Ihr folgeten Viel Thränen; denn sie war die Unschuld selbst. Der tapfre Bruder überstand die Reihe Der Uebel, überstand sogar zuletzt Der Uebel schrecklichstes, die Blattern. Er War folgsam, fleißig und gefällig, fand Sich ein zum Unterricht, doch immer still. Ich ahnte nichts. Da kam ein Indianer Und sprach geheim: »Mein Pater, unser Waldmann (Ich fürcht' es) ist dem Wahnsinn nah. Er klagt Zwar keine Schmerzen; aber »Jede Nacht,« Spricht er, »erscheint mir wachend meine Mutter Und meine Schwester. Immer sprechen sie: Ich bitte, laß Dich taufen; denn wir holen Dich bald und unvermuthet ab, o Sohn, O Bruder, in die grünen Schatten.« Also Spricht täglich er und kennt den Schlaf nicht mehr.« Ich eilte zu ihm, sprach ihm Muth zu. Heiter Erwidert' er: »Mir fehlt, o Vater, nichts. Ich kenne keine Schmerzen, aber schlafen Kann ich nicht mehr; denn alle Nächte sind Die Meinigen um mich und sprechen flehend: »Ich bitte, laß Dich taufen; denn wir holen Dich bald und unvermuthet ab, o Sohn, O Bruder, in die grünen Schatten.« »Freund, Die Deinigen sind jetzt im Himmel,« sprach ich; »Jedoch die Taufe soll Dir werden.« Sehnlich Erfreut' er sich; es ward der Tag bestimmt, Johannis Tag. Zehn Uhr am Morgen ward er Getauft; er war so heiter, war so froh! Am Abend, ohne Krankheit, ohne Schmerzen War er entschlafen. So erzählt der Priester Und lässet Jeden denken, was er mag. Ich denke: »Guter Vater, warum ließest Du nicht die Blumen, wo sie standen, und Erquicktest sie? Du hörtest, was die Mutter Für ihre Thierchen fürchtete: »Sie werden Verschmachten in der Sonne Gluth!« O lasset Doch jede Pflanze blühen, wo sie blüht! Die Schattenblume zehrt der Mittag auf.« ——— 117. Gewiß, es ist nicht gleichgiltig, nach welchen Grundsätzen Völker auf einander wirken; und doch giebt es nicht eine Geschichte der Völker, der alle Grundsätze über das Verhalten der Nationen gegen einander fehlen? Giebt es nicht eine andre, in der die verderblichsten Grundsätze als billige und preiswürdige Maaßregeln aufgestellt sind? Eben deshalb wissen Manche nicht, warum sie nur das Betragen der Europäer gegen die Neger und die Wilden verdammen sollen, da ja ähnliche Grundsätze in der gesammten Völkergeschichte mit mehr oder minder Modifikationen zu herrschen scheinen. Die meisten Kriege und Eroberungen aller Welttheile, auf welchen Gründen beruhten sie? welche Grundsätze haben sie geleitet? Nicht etwa nur jene Streifereien der asiatischen Horden, auch die meisten Kriege der Griechen und Römer, der Araber, der Barbaren. Vollends die Ketzer- und Kreuzzüge, das Verhalten der Europäer gegen Zauberer und Juden, ihre Unternehmungen in beiden Indien. Wie bedauert man in Allem diesem manchen großen Mann, der fast übermenschliche Thaten als ein Betrogner, als ein Verrückter that! Mit der edelsten Seele ward er ein Bestürmer und Räuber der Welt, der für seine Thaten von Höfen, die so undankbar gegen ihn als barbarisch gegen die Völker waren, meistens auch bösen Lohn erntete. Man erstaunt über die Gegenwart des Geistes, die Vasco di Gama, Albuquerque, Cortez, Pizarro und Viele unter ihnen in Umständen der größten Gefahr zeigten; See- und Straßenräuber zeigten oft ein Gleiches. Wer aber, der kein Spanier und Portugiese ist, wird sich getrauen, die Thaten dieser Helden, Cortez', Pizarro 's oder des großen Albuquerque , vor Suez, Ormuz, Kalekut, Goa, Malakka zum Gegenstande eines Heldengedichts zumachen und die damals geltenden Grundsätze noch jetzt zu preisen? Einer unsrer Dichter versuchte es mit Cortez ; er hörte aber weislich auf. – H. Von Zachariä's »Cortez, ein Heldengedicht« erschien nur der erste Band im Jahre 1766. – D. Die Lobredner der Bartholomäusnacht, der Judenermordungen sind mit Schimpf und Schande bedeckt; zu hoffen ist's, daß auch die Räuber und Mörder der Völker, trotz aller erwiesenen Heldenthaten, blos und allein den Grundsätzen einer reinen Menschengeschichte nach, einst damit bedeckt stehen werden. Ein Gleiches gilt von den Grundsätzen über das, was man sich im Kriege erlaubt hält. Erkennt man Plündern, Verstümmeln, Schänden, Vergiften der Brunnen und der Waffen für ehrlose Mittel des Krieges: sind es inwärtige Aufhetzungen der Unterthanen, die nicht zum Heer gehören, Vendéekriege, Entwürfe zur Aushungerung der Nationen, treulose Vorspiegelungen nicht ebensowol? Jedermann verabscheut Albuquerque 's Entwürfe, der ganz Aegypten in eine Wüste verwandeln wollte, indem man ihm den Nil nähme, der Mekka und Medina , Länder, die in keinem Kriege mit den Portugiesen begriffen waren, plündern wollte. Dergleichen Gewaltsamkeiten gegen fremde, ruhige Völker, Anstiftungen von Treulosigkeit im Herzen des Feindes u. s. w. strafen am Ende sich selbst. Wer einen offnen und geheimen Krieg zugleich führt, verläßt sich meistens auf die Wirkung seiner geheimen Mittel so sehr, daß auch die offnen ihm mißrathen. Aufwiegelung und Verrath lohnten selten ihre Urheber anders als mit Verlust und Schande. Wer Grundsätze wegdrängt, auf denen einzig noch der Rest von Ehre und gutem Namen der Völker im Kriege beruht, vergiftet die Quellen der Geschichte und des Rechts der Völker bis auf den letzten Tropfen. Eine traurige Uebersicht gäbe es, wenn man jede geschriebene Geschichte der Völker in ihren Kriegen und Eroberungen, in ihren Unterhandlungen, in ihren Handelsentwürfen nach den Grundsätzen durchginge, in welchen gehandelt und geschrieben wurde. Wie ehrlicher waren unsre Väter, die alten Barbaren, die bei ihren Zweikämpfen nicht nur auf Gleichheit der Waffen sahen, sondern Platz, Licht und Sonne unparteiisch theilten! Wie ehrlicher sind die Wilden in ihren Unterhandlungen und Friedensschlüssen, in ihrem Tausch und Handel! Gewalt und Willkür mögen gebieten, worüber sie Macht haben, nur nicht über Grundsätze des Rechts und Unrechts in der Menschengeschichte . Von der Denkart der Römer hierüber in ihren besten Zeiten lese man den Lipsius ( Doctrina politica mit ihrem Commentar), den Grotius ( De jure belli et pacis ), oder auch den guten Montaigne (B. I. C. 5, 6). Sie ist für unsre Zeiten sehr beschämend. – H. ——— Der Hunnenfürst. Ein Hunnenfürst ward von raubgierigen Tataren oft befehdet. Jetzo fordern Sie zum Geschenk von ihm sein bestes Pferd . Die Feldherrn rufen: »Krieg!« »Wie?« sprach er; »Krieg Um eines Pferdes willen? Gebets hin'.« Bald, kamen wieder die Tataren, fordernd Sein schönstes Weib . Die Feldherrn rufen: »Krieg!« »Wie?« sprach er; »Krieg um einer Sclavin willen, Die mir gehört, um ein Vergnügen Krieg? Gebt hin die Sclavin!« Und sie kamen wieder, Land fordernd. »Was sie fordern, hat so viel Nicht zu bedeuten,« sprach der Feldherrn Zelt. »Nein!« sprach der Fürst; »so lang' es mich nur galt, Mein Pferd , die Sclavin , gerne gab ich's hin, Des Volkes Blut zu schonen; doch mein Land , Des Staates Eigenthum, muß ich als Fürst Verwalten, nicht verschenken. Auf! zur Schlacht!« Sie stritten, siegten, schützeten ihr Land, Und im Triumph zurück kam Roß und Weib. ——— Das Kriegsgebet. Zum Kriege zog ein Schach und sein Vezir, Zum Kriege mit dem Bruder. Eben ging Die Straße eines Heil'gen Grab vorüber; Sie stiegen ab und beteten am Grabe. »Was betetest Du?« sprach der König zum Vezir. »Daß Gott Dir Sieg verleihe.« »Ich,« Erwiderte der König, »betete, Daß Gott ihn meinem Bruder gebe, wenn Er ihn des Thrones Werther hält als mich.« ——— Kahira. Kahira , Königin der Berbern, ahnend Des Reiches Untergang, versammelte Das Volk und sprach also: »Was sollen uns die Schätze? Was soll uns Gold und Silber, Das uns die gier'gen Räuber Mit neuen Kräften anzieht? Ich that, was ich vermochte; Ich handelte großmüthig, Gab frei die Kriegsgefangnen, Und ihrem tapfern Feldherrn, Dem Letztgefangnen, sehet, Begegn' ich noch als Schwester! Auf, meine guten Berbern, Vielleicht verschafft uns Armuth, Was Großmuth nicht verschaffte. In edler Freiheit Ruh'. Laßt uns das Gold im Schutte Der Wohnungen begraben; Uns gnüget die Natur!« Sie sprach's, und Jedermann gehorchte. Schnell Verwandelte sich die zerstörte Stadt In eine frohe Zeltenwüstenei. Jedoch umsonst. Die Räuber Erscheinen mächt'ger wieder. »Geh,« sprach sie zu dem Feldherrn, »Geh zu dem Heer der Deinen, Und wie ich Dir begegnet, Begegne meinen Söhnen! Ich kann sie nicht beschützen. Nun, Brüder, auf zur Schlacht!« Die Schlacht begann; Kahira stritt voran Und sank. Mit ihr ersank der Berbern Reich, Nicht ihre Großmuth. Die der Königspflicht Nicht Schätze nur, nicht nur Bequemlichkeit Aufopferte, die selbst ihr Mutterherz Dem Feind hingab, sie gab's dem edeln Mann. In ihren Söhnen ehrete der Feldherr Kahira , die großmüth'ge Königin. ——— Das Kriegsrecht. Mahmud Der Ghasnevide. der im Jahre 1030 starb. Die Liebe zur Gerechtigkeit und Wahrheit dieses fanatisch grausamen Eroberers wird sehr gerühmt. – D. beherrschte Indien . Da trat Ein armer Inder vor ihn: »Herr, es kommt Aus Eurem Heer ein Mächtiger zu mir, Der fordert, daß ich ihm das Meinige, Mein Haus und Weib; abtrete. Ungestüm Ist seine Fordrung.« »Wenn er wiederkommt, So sage mir's.« In dreien Tagen kam Der Inder nicht zum Sultan. Endlich schlich Er scheu heran, und Mahmud eilt' ins Haus Mit seiner Leibwach'. Es war Nacht. »Hinweg Die Lichter!« rief er; »tödtet ihn!« Gesagt, gethan. »Jetzt bringet Licht herbei!« Der Sultan sah den Leichnam und fiel betend Zur Erde nieder. »Gebt mir Speise jetzt!« Er hielt vergnügt ein armes Mahl und sprach: »Hört, was ich that! In meinem Heere, glaubt' ich, Kann Niemand die Gerechtigkeit so frech Verletzen, solche Forderung zu thun, Als meiner Liebling' oder Söhne einer. Drum ward das Licht hinweggeschafft, daß dies Des Richters Auge nicht verblendete. Ich sah den Leichnam an mit Furcht, und Allah Sei Dank! es ist nicht meiner Lieben einer. Ich kenne diesen todten Frevler nicht. Dafür dann dankt' ich Gott und esse jetzt; Denn seit ich auf den Ausgang wartete, Aß ich bekümmert keinen Bissen Brod.« Des Brutus That war strenge und gerecht, Des Sultans strenge, menschlich, fromm und zart. ——— Das Seerecht. Die See war wild, das Schiff dem Sinken nah, Und alles Schiffvolk sah den Abgrund vor sich; Da wagt der edle Hauptmann in den Hafen Des Feindes sich: »Ich übergebe Dir Mich und mein Volk; ich rettete ihr Leben.« »Bei Gott!« sprach der Gebieter, »keine Schmach Werd' ich an Dir auf meinen Namen laden. Auf freier See, hätt' ich Dich da ertappt, So wärst Du mein Gefangner, und Dein Schiff, Dein Schiffvolk wäre mein; doch jetzo, da Der Sturm Dich in den Hafen wirft, so seid Ihr mir nicht Feinde, seid Unglückliche, Seid Menschen. Ladet aus, um Euer Schiff Zu bessern; handelt in dem Hafen, frei Wie wir. Dann segelt fort mit gutem Glück! Erst wenn Ihr über die Bermudas seid Auf hohem Meer, dann seid Ihr Feinde mir; Jetzt seid Ihr mir vom Unglück und dem Sturm In meinen Schutz empfohlen. Ladet aus!« ——— Der betrogne Unterhändler. Als Irokesen und Franzosen sich In Canada bekriegten, lud der Feldherr Der Gallier die Irokesenhäupter Zur Friedensunterredung. Ein beglaubter Missionar bewegte sie dazu In guter Meinung; doch der Feldherr fand Es rühmlicher, die Irokesenhäupter In Ketten der Galeere zuzusenden. Betäubet von der unerhörten Schmach, Entflammete die Nation. Da schlich Der Aelteste der Wilden eilig zum Missionar: »Wir haben Dir vertraut Und sind mit unerhörtem Schimpf betrogen. Ich weiß, Du bist nicht Schuld daran; Du meintest Es redlich; doch nicht jeder Jüngling denkt In unsrer Nation wie ich. Drum flieh! Flieh, Fremder! Eher lass' ich nicht von Dir, Bis ich Dich sicher weiß.« Er ließ ihn über Die Grenze hin geleiten. Edler Mann! ——— 118. Da jetzt im unseligsten Kriege, in dem ein zeitiger Friede so schwer wird, von Entwürfen zum ewigen Frieden viel gesprochen wird, so theile ich Ihnen einen zu diesem Zweck gemachten wirklichen Versuch in den Worten Dessen mit, der ihn berichtet. Zum ewigen Frieden. Eine irokesische Anstalt. Die Delawaren wohnten ehedem in der Gegend von Philadelphia und weiterhin nach der See zu. Von da aus thaten sie oftmals Einfälle in die Dörfer der Cherokesen, mischten sich unerkannt in ihre nächtlichen Tänze und ermordeten während derselben plötzlich Viele. Noch heftiger und älter waren die Kriege der Delawaren mit den Irokesen. Nach dem Vorgeben der Delawaren waren sie den Irokesen immer überlegen, so daß diese endlich einsahen, daß bei längerer Fortsetzung des Krieges ihr völliger Untergang die unausbleibliche Folge sein müßte. Sie sandten also Gesandte an die Delawaren mit folgender Botschaft: »Es ist nicht gut, daß alle Nationen Krieg führen; denn das wird endlich den Untergang der Indianer nach sich ziehen. Darum haben wir auf ein Mittel gedacht, diesem Uebel vorzubeugen; es soll nämlich eine Nation die Frau sein. Die wollen wir in die Mitte nehmen; die andern kriegführenden Nationen aber sollen die Männer sein und um die Frau herum wohnen. Niemand soll die Frau antasten, noch ihr etwas zu Leide thun; und wenn es Jemand thäte, so wollen wir ihn gleich anreden und zu ihm sagen: »Warum schlägst Du die Frau ?« Dann sollen alle Männer über Den herfallen, der die Frau geschlagen hat. Die Frau soll nicht in den Krieg ziehen, sondern so viel möglich den Frieden zu erhalten suchen. Wenn also die Männer um sie herum sich einmal mit einander schlagen und der Krieg heftig werden will, so soll die Frau Macht haben, selbige anzureden und zu ihnen zu sagen: »Ihr Männer, was macht Ihr, daß Ihr Euch so herumschlagt? Bedenkt doch, daß Eure Weiber und Kinder umkommen müssen, wo Ihr nicht aufhört. Wollt Ihr Euch denn selbst vom Erdboden vertilgen?« Und die Männer sollen alsdann auf die Frau hören und ihr gehorchen.« Die Delawaren ließen sich's gefallen, die Frau zu werden. Nun stellten die Irokesen eine große Feierlichkeit an, luden die Delawar-Nation dazu ein und hielten an die Bevollmächtigten derselben eine nachdrückliche Rede, die aus drei Hauptsätzen bestand. In dem ersten erklärten sie die Delawar-Nation für die Frau , welches sie durch die Redensarten: »Wir ziehen Euch einen langen Weiberrock an, der bis auf die Füße reicht, und schmücken Euch mit Ohrgehängen,« ausdrückten und ihnen damit zu verstehen gaben, daß sie von nun an mit den Waffen sich nicht weiter abgeben sollten. Der zweite Satz war so gefaßt: »Wir hängen Euch einen Kalabasch mit Oel und mit Arznei an den Arm. Mit dem Oel sollt Ihr die Ohren der übrigen Nationen reinigen, damit sie aufs Gute und nicht aufs Böse hören; die Arznei aber sollt Ihr bei solchen Völkern brauchen, die schon auf thörichte Wege gerathen sind, damit sie wieder zu sich selbst kommen und ihr Herz zum Frieden wenden.« Der dritte Satz, darin sie den Delawaren den Ackerbau zu ihrer künftigen Beschäftigung anwiesen, war so ausgedrückt: »Wir geben Euch hiemit einen Wälschkornstengel und eine Hacke in die Hand.« Jeder Satz wurde mit einem Belt of Wampon (Gürtel von Muschelschalen) bekräftigt. Diese Belte sind bis daher sorgfältig aufgehoben und ihre Bedeutung von Zeit zu Zeit wiederholt worden. Seit diesem sonderbaren Friedensschluß sind die Delawaren von den Irokesen Schwesterkinder benannt worden; die drei Delawar-Stämme heißen einander Mitgespielinnen . Diese Titel aber werden nur in ihren Rathsversammlungen, und wenn sie einander etwas Erhebliches zu sagen haben, gebraucht. Von besagter Zeit ist die Delawar-Nation die Friedensbewahrerin gewesen, der der große Friedensbelt in Verwahrung gegeben und die Kette der Freundschaft anvertraut ist. Sie hat darüber zu wachen, daß dieselbe unverletzt erhalten werde. Nach der Vorstellung der Indianer liegt die Mitte der Kette auf ihrer Schulter und wird von ihr festgehalten, die übrigen Indianer-Nationen fassen das eine Ende und die Europäer das andre an. Loskiel 's Missionsgeschichte in Nordamerika, S. 160. – H. So die Irokesen . Es waren Zeiten in Europa, da die Hierarchie die Stelle dieser Frau vertreten sollte. Auch sie trug das lange Kleid; Oel und Arznei waren in ihrer Hand. Man giebt ihr Schuld, daß sie, statt ihr Friedensamt zu verwalten, oft selbst Kriege zwischen den Männern erregt und angefacht habe; wenigstens hat ihr Oel die Ohren der Völker noch nicht gereinigt, ihre Arznei die Kranken noch nicht geheilt. Sollen wir statt ihrer in der Mitte Europa's einer wirklichen Nation Weibskleider anziehen und ihr das Friedensrichteramt auftragen? Welcher? Wie könnte sie's aber verwalten, da oft über einige Pelze an der Hudsonsbai, über einige Flecken am Paraguaystrom, in deren Lage bisweilen die Kriegführenden selbst sich geirrt haben, über einen Hafenplatz im Stillen Meer, über Neckereien der Gouverneurs gegeneinander weltverwüstende Kriege geführt werden? Ja, wie oft entsprangen diese aus einer Grille des Monarchen, aus einer niedrigen Cabale des Ministers! Eine Geschichte vom wahren Ursprunge der Kriege in Europa seit den Kreuzzügen wäre ein siebenfacher Hudibras , das niedrigste Spottgedicht, das geschrieben werden könnte. In einer Welt, in der dunkle Cabinette Kriege anspinnen und fortleiten, wäre alle Mühe der Friedensfrau verloren. Leider auch bei den Wilden selbst erreichte diese Anstalt ihren Zweck nicht lange. Als die Europäer näher drangen, sollte auf Erfordern der Männer selbst die Frau an der Gegenwehr mit Antheil nehmen. Man wollte, wie man sich ausdrückte, zuerst ihr den Rock kürzen, sodann gar wegnehmen und ihr das Kriegsbeil in die Hand geben. Eine fremde, unvorhergesehene Uebergewalt störte das schöne Project der Wilden zum Frieden unter einander; und dies wird jedesmal der Fall sein, so lange der Baum des Friedens nicht mit festen, unausreißbaren Wurzeln von Innen heraus den Nationen blüht. Wie manche andre Mittel haben die Menschen schon versucht, streitsüchtigen Nationen Einhalt zu thun und ihnen die Wege zu sperren. Zwischen Gebirgen wurden ungeheure Mauern errichtet, Zwischenländer zur Wüste gemacht, abschreckende Fabeln ersonnen und in diese Wüste gepflanzt. In Asien sollte ein heiliges Reich den Streifereien der Mongolen ein Ziel setzen; der große Lama sollte die Friedensfrau sein. In Africa wurden Obelisken und Tempel die Freistätten des Handels, die Mutter von Gesetzgebungen und Colonien. In Griechenland sollten Orakel, Amphiktyonen , das Panionium, Panätolium, der Achäerbund u. s. w. wo nicht einen ewigen, so doch einen langen Frieden bewirken; mit welchem Erfolg, hat die Zeit gelehrt. Am Besten wäre es, wenn, wie bei jenem Handel im innern Africa, die Nationen einander selbst gar nicht sehen dürften . Sie legen die Waaren hin und entfernen sich, bieten und tauschen. Einander erblickend, ist Betrug und Zank unvermeidlich. Meine große Friedensfrau hat einen andern Namen. Ihre Arznei wirkt spät, aber unfehlbar; vergönnen Sie mir dazu einen andern Brief. ——— Al Hallil's Rede an seinen Schuh. Diese und einige der folgenden Beilagen sind aus einer kleinen Schrift von vier Bogen gezogen, » Reden al Halill's «, Stendal 1781. Der Verfasser, den ich zu kennen wünschte, verzeiht gewiß, daß sie hier in einer veränderten Gestalt erscheinen. – H. Der Verfasser nennt sich »Mathias Raufrost, Canonicus zu St. Gertrud, Catholischer Pfarrherr, auch Seelsorger der Gemeine zu St. Damian in Schleestadt« (französische Namensform für Schlettstadt ), und eignet die »Reden« seinen »lieben Pfarrkindern« zu. Herder ließ sich hier durch eine ziemlich offen vorliegende Mystifikation täuschen. Vgl. Herder's Werke. VI. S. 129, 132 ff., 257 ff., 261 f. – D.) Mit Tausenden von meinem Volke zog Ich auch einher am Tage jenes Zorns, Der alle Ebnen Ubeda 's mit Blut Und Rach' erfüllte. Rosse wieherten Beim Schalle der Drommeten; Staub erhob Zum Himmel sich. Die Mächt'gen jubelten; Die Ketten klirrten, die vor Abend noch Der Ueberwundnen Thräne netzen sollte. Einmüthig reichten Untergang und Tod Die Hände sich und schritten vor dem Heer. Da schlug in mir das Herz noch eins so stark: »O Rüstung zum Verderben!« sprach ich tief Im Winkel meiner Brust. »Allmächtiger'. Wir können keinen Floh erschaffen, und Wir tödten Menschen. Blut vergießen wir, Und loben Dich.« Mein Herz schlug stärker; ich Trat in den Sumpf. Vergeblich mühte sich Mein Fuß, den Schuh hinauszuziehen«, fest War er. Die tapfern Heere schritten fort; Die Lanzen blinkten; Schwerter funkelten; Ein Feldgeschrei, ein wüstes Sausen füllte Mein Ohr; ich stand betäubt und sprach also Zu meinem Schuh: »Wie, mein Begleiter, jetzt Verlassest Du mich und erwartest lieber Den Moder hier? Und soll ich Dich denn auch Verlassen, wie in dieser Welt zuletzt Sich Alles flieht? Du Guter, gingest freilich Nie mit mir böse Wege; keinem Pfade Der Frevler drücketest Du je Dich ein. Die Augen, die von Blute strömen, blieben Uns fremd; dem zügellosen Sieger eiltest Du nimmer nach. Wir gingen sanfte Wege, Jetzt, wenn die Sonn' im Abendmeer ersank, Jetzt in den Schatten der friedsel'gen Nacht, Der Ruhegeberin, der Reichen, die Uns ihre Schätz' am weiten Himmel zeigt Und nieden uns der Freuden schönste schenket. Dann sagte leise mir der Mond ins Ohr: »Sohn der Aëscha , geh zu Deiner Treuen! Sie wartet Deiner, lieblicher als ich.« Die Wege gingen wir, nicht jene, denen Du strenge jetzt unwillig Dich entziehst. Ich folge Deinem Rath. Gehabt Euch wohl, Ihr Helden, jetzt durch Mord und Todtschlag! Mögen Die Löwen Eure Siege brüllen; wetze Der Tiger seine Klau'n dazu; es singen Erschlagne Heere drein, und Drachen zischen Aus Wüstenei'n zerstörter Wohnungen! Du stiller Mond, den sie mit Mordgeschrei Erschrecken, scheine nicht auf sie, und nie Umfange sie mit Deinem sanften Arm, Die sie verscheuchen, Du friedsel'ge Nacht! ——— 119 Meine große Friedensfrau hat nur einen Namen: sie heißt allgemeine Billigkeit, Menschlichkeit, thätige Vernunft . Ich habe ein sehr sinnreiches Manuscript gelesen, in dem der Menschengeschichte folgende Sätze zum Grunde lagen: »1. Menschen sterben, um Menschen Platz zu machen. 2. Und da ihrer weniger sterben, als geboren werden, so macht die Natur durch gewaltsame Mittel Raum. 3. Dahin gehören nicht nur Pest, Mißwachs, Erdbeben, Erdrevolutionen, sondern auch Völkerrevolutionen, Verwüstungen, Kriege. 4. Wie eine Thierart die andre vermindert, so setzt das Menschengeschlecht sich selbst in Proportion und wehrt der Ueberzahl. 5. Es giebt in ihm also erhaltende und zerstörende Charaktere.« Schreckliches System, das uns vor unserm eignen Geschlecht Schauder und Furcht einjagt, indem wir nach ihm Jedem ins Angesicht, auf seinen Gang und auf seine Hände sehen müssen, ob er ein fleisch- oder grasfressendes Thier sei, ob er einen erhaltenden oder zerstörenden Charakter an sich trage. Gewiß hat uns die Natur an Mitteln nicht entblößt, uns vor dieser zerstörenden Gattung unseres eignen Geschlechts zu sichern; nur sie gab uns diese Mittel als Waffen nicht in die Hände, sondern in Kopf und Herz. Die allgemeine Menschenvernunft und Billigkeit ist die Matrone, die Oel und Arznei am Arm, die einen Fruchtstengel in der Hand trägt, nicht etwa nur als Symbole, sondern als die still wirkenden Mittel, wo nicht zu einem ewigen Frieden, so gewiß doch zu einer allmähligen Verminderung der Kriege. Lassen Sie Hier steht noch »mich« im ersten Drucke. – D. , da wir hier auf des ehrlichen St. Pierre Wege gerathen, auch seiner Methode uns nicht schämen und die große Friedensfrau ( pax sempiterna ) mit festen Grundsätzen in ihr Amt weisen. Sie ist dazu da, ihrem Namen und ihrer Natur nach Friedensgesinnungen einzuflößen. Erste Gesinnung Abscheu gegen den Krieg Der Krieg, wo er nicht erzwungene Selbstvertheidigung, sondern ein toller Angriff auf eine ruhige, benachbarte Nation ist, ist ein unmenschliches, ärger als thierisches Beginnen, indem er nicht nur der Nation, die er angreift, unschuldigerweise Mord und Verwüstung droht, sondern auch die Nation, die ihn führt, ebenso unverdient als schrecklich hinopfert. Kann es einen abscheulichern Anblick für ein höheres Wesen geben als zwei einander gegenüberstehende Menschenheere, die unbeleidigt einander morden? Und das Gefolge des Krieges, schrecklicher als er selbst, sind Krankheiten, Lazarethe, Hunger, Pest, Raub, Gewaltthat, Verödung der Länder, Verwilderung der Gemüther, Zerstörung der Familien, Verderb der Sitten auf lange Geschlechter. Alle edle Menschen sollten diese Gesinnung mit warmem Menschengefühl ausbreiten, Väter und Mütter ihre Erfahrungen darüber den Kindern einflößen, damit das fürchterliche Wort Krieg, das man so leicht ausspricht, den Menschen nicht nur verhaßt werde, sondern daß man es mit gleichem Schauder als den St. Veitstanz, Pest, Hungersnoth, Erdbeben, den schwarzen Tod zu nennen oder zu schreiben kaum wage. Zweite Gesinnung Verminderte Achtung gegen den Heldenruhm Immer mehr muß sich die Gesinnung verbreiten, daß der ländererobernde Heldengeist nicht nur ein Würgengel der Menschheit sei, sondern auch in seinen Talenten lange nicht die Achtung und den Ruhm verdiene, die man ihm aus Tradition von Griechen, Römern und Barbaren her zollt. So viel Gegenwart des Geistes, so viel zusammenfassende Vorsicht und Voraussicht und schnellen Blick er fordern möge, so wird der edelste Held vor und nach der Schlacht nicht nur das Geschäft beweinen, dem er seine Gaben aufopfert, sondern auch gern gestehen, daß, um Vater eines Volks zu sein, wenn nicht mehr, so doch edlere Gaben in fortgehender Bemühung und ein Charakter erfordert werde, ein Charakter , der seinen Kampfpreis weder einem Tage zu verdanken hat, noch ihn mit dem Zufall oder dem blinden Glück theilt. Alle Verständige sollten sich vereinigen, durch ächte Kenntniß alter und neuer Zeiten den falschen Schimmer wegzublasen, der um einen Marius, Sulla, Attila, Dschingis-Khan, Tamerlan gaukelt, bis endlich jeder gebildeten Seele Gesänge auf sie und auf Lips Tullian gleich heroisch erschienen. Dritte Gesinnung Abscheu der falschen Staatskunst Immer mehr muß sich die falsche Staatskunst entlarven, die den Ruhm eines Regenten und das Glück seiner Regierung in Erweiterung der Grenzen, in Erjagung oder Erhaschung fremder Provinzen, in vermehrte Einkünfte, schlaue Unterhandlungen, in willkürliche Macht, List und Betrug setzt. Die Mazarins, Louvois, Du Terrais und Ihresgleichen müssen nicht nur im Angesicht des ehrlichen Volks, sondern der Weichlinge selbst, wie sie sind, erscheinen, so daß es wie das Einmaleins klar wird, daß jeder Betrug einer falschen Staatskunst am Ende sich selbst betrüge . Die allgemeine Stimme muß über den Werth des bloßen Staatsranges und seiner Zeichen , selbst über die aufdringendsten Gaukeleien der Eitelkeit, selbst über früh eingesogene Vorurtheile siegen. Mich dünkt, man sei im Verachten einiger dieser Dinge jetzt schon weit und vielleicht zu weit fortgeschritten; es kommt darauf an, daß man das Schätzenswerthe bei Allem, was uns der Staat auflegt, auch redlich und um so höher achte, je mehr es die Menschheit der Menschen fördert. Vierte Gesinnung Geläuterter Patriotismus Der Patriotismus muß sich nothwendig immer mehr von Schlacken reinigen und läutern. Jede Nation muß es fühlen lernen, daß sie nicht im Auge Andrer, nicht im Munde der Nachwelt, sondern nur in sich, in sich selbst groß, schön, edel, reich, wohlgeordnet, thätig und glücklich werde, und daß sodann die fremde wie die späte Achtung ihr wie der Schatte dem Körper folge. Mit diesem Gefühl muß sich nothwendig Abscheu und Verachtung gegen jedes leere Auslaufen der Ihrigen in fremde Länder, gegen das nutzlose Einmischen in ausländische Händel, gegen jede leere Nachäffung und Theilnehmung verbinden, die unser Geschäft, unsre Pflicht, unsre Ruhe und Wohlfahrt stören. Lächerlich und verächtlich muß es werden, wenn Einheimische sich über ausländische Angelegenheiten, die sie weder kennen noch verstehen, in denen sie nichts ändern können, und die sie gar nicht angehn, sich entzweien, hassen, verfolgen, verschwärzen und verleumden. Wie fremde Banditen und Meuchelmörder müssen Die erscheinen, die aus toller Brunst für oder gegen ein fremdes Volk die Ruhe ihrer Mitbrüder untergraben. Man muß lernen, daß man nur auf dem Platz Etwas sein kann, auf dem man steht, wo man Etwas sein soll . Fünfte Gesinnung. Gefühl der Billigkeit gegen andre Nationen. Dagegen muß jede Nation allgemach es unangenehm empfinden, wenn eine andre Nation beschimpft und beleidigt wird; es muß allmählig ein gemeines Gefühl erwachen, daß jede sich an die Stelle jeder andern fühle. Hassen wird man den frechen Uebertreter fremder Rechte, den Zerstörer fremder Wohlfahrt, den kecken Beleidiger fremder Sitten und Meinungen, den prahlenden Aufdringer seiner eignen Vorzüge an Völker, die diese nicht begehren. Unter welchem Vorwande Jemand über die Grenze tritt, dem Nachbar als einem Sclaven das Haar abzuscheren, ihm seine Götter aufzuzwingen und ihm dafür seine Nationalheiligthümer in Religion, Kunst, Vorstellungsart und Lebensweise zu entwenden; im Herzen jeder Nation wird er einen Feind finden, der in seinen eignen Busen blickt und sagt: »Wie, wenn das mir geschähe?« Wächst dies Gefühl, so wird unvermerkt eine Allianz aller gebildeten Nationen gegen jede einzelne anmaßende Macht. Auf diesen stillen Bund ist gewiß früher zu rechnen, als nach St. Pierre auf ein förmliches Einverständniß der Cabinette und Höfe. Von diesen darf man keine Vorschritte erwarten; aber auch sie müssen endlich ohne Wissen und wider Willen der Stimme der Nationen folgen. Sechste Gesinnung Ueber Handelsanmaßungen Laut empört sich das menschliche Gefühl gegen freche Anmaßungen im Handel, sobald ihm unschuldige fröhnende Nationen um einen Gewinn, der ihnen nicht einmal zu Theil wird, aufgeopfert werden. Handel soll, wenn auch nicht aus den edelsten Trieben, die Menschen vereinigen , nicht trennen; er soll sie, wenngleich nicht im edelsten Gewinn, ihr gemeinschaftliches und eigenes Interesse wenigstens als Kinder kennen lehren. Dazu ist das Weltmeer da, dazu wehen die Winde, dazu fließen die Ströme. Sobald eine Nation allen andern das Meer verschließen, den Wind nehmen will, ihrer stolzen Habsucht wegen, so muß, je mehr die Einsicht ins Verhältniß der Völker gegen einander zunimmt, der Unmuth aller Nationen gegen eine Unterjocherin des freiesten Elements, gegen die Räuberin jedes höchsten Gewinnes, die anmaßende Besitzerin aller Schätze und Früchte der Erde erwachen. Ihrem Stolz, ihrer Habsucht zu dienen, wird kein fremder Blutstropfe willig fließen, je mehr der wahre Satz eines vortrefflichen Mannes anerkannt wird, » daß die Vortheile der handelnden Mächte einander nicht durchkreuzen, und daß diese Mächte von einem gegenseitigen allgemeinen Wohlstande und von der Erhaltung eines ununterbrochenen Friedens vielmehr den größten Nutzen haben würden .« Pinto , »Ueber die Handelseifersucht«; übersetzt in der »Sammlung von Aufsätzen, die größtentheils wichtige Punkte der Staatswissenschaft betreffen«, Liegnitz 1776. Der Verfasser erstgenannter Abhandlung hat ihr folgende Stelle aus Büffon vorgesetzt: »Diese Zeiten, wo der Mensch sein Erbtheil verliert, diese barbarischen Jahrhunderte, wo Alles umkommt, haben jederzeit den Krieg zu ihrem Vorläufer und fangen mit Hungersnoth und Entvölkerung an. Der Mensch, der nur durch die Menge etwas vermag, der blos in der Vereinigung und Verbindung mit Seinesgleichen stark ist, der nicht anders als durch den Frieden glücklich ist, hat die Wuth, sich zu seinem Unglück zu bewaffnen und zu seinem Untergange zu streiten. Gereizt durch einen unersättlichen Geiz, verblendet durch eine noch unersättlichere Ehrsucht, entsagt er den Empfindungen der Menschlichkeit, wendet alle seine Kräfte gegen sich selbst an, bemüht sich, Einer den Andern zu Grunde zu richten, und verursacht endlich seinen wirklichen Untergang. Und nach diesen Blut- und Mordtagen, wenn der Nebel des Ruhms verschwunden ist, so sieht er mit einem traurigen Auge die Erde verwüstet, die Künste begraben, die Nationen geschwächt, sein eigen Glück zu Grunde und seine wahre Macht vernichtet.« – H. Siebente Gesinnung. Thätigkeit. Endlich der Kornstengel in der Hand der indischen Frau ist selbst eine Waffe gegen das Schwert. Je mehr die Menschen Früchte einer nützlichen Thätigkeit kennen und einsehen lernen, daß durchs Kriegsbeil nichts gewonnen, aber viel verheert wird; je mehr die schmähenden Vorurtheile von einer mit göttlichem Beruf zum Kriege gebornen Kaste, in der von Vater Kain, Nimrod und Og zu Basan an Heldenblut fließe, verächtlich und lächerlich werden: desto mehr Ansehen wird der Aehrenkranz, der Apfel- und Palmzweig vor dem traurigen Lorbeer erhalten, der neben dunkeln Cypressen wächst und sammt Nesseln und Dornen nur Lacerten und Bubonen unter sich liebt. Die sanfte Verbreitung dieser Grundsätze sind das Oel und die Arznei der großen Friedensgöttin Vernunft , deren Sprache sich endlich Niemand entziehen kann. Unvermerkt wirkt die Arznei, sanft fließt das Oel hinunter. Leise tritt sie zu diesem und jenem Volk und spricht in der Sprache der Indianer: »Bruder, Enkel, Vater, hier bringe ich Dir ein Bundeszeichen und Oel und Arznei. Damit will ich Deine Augen reinigen, daß sie scharf sehen; ich will damit Deine Ohren säubern, daß sie recht hören; ich will Deinen Hals glätten, daß meine Worte geschmeidig hinuntergehen; denn ich komme nicht umsonst, ich bringe Worte des Friedens.« Und der Angeredete wird antworten: »Schwester, dieser String of Wampum Oben Brief 118 (S. 596) steht »Belt of Wampon«. – D. soll Dich willkommen heißen. Ich will die Dornen aus Deinen Füßen ziehen, die Dir etwa möchten hineingefahren sein. Ich will die Müdigkeit, die Dich auf der Reise befallen hat, wegschaffen, daß Deine Knie wieder stark und muthig werden. Das rothe Kriegsbeil und die Keule sollen in die Erde verscharrt sein, und über sie wollen wir einen Baum pflanzen, der bis in den Himmel wachse. So lange Sonne und Mond scheinen und auf- und niedergehen, so lange die Sterne am Himmel stehen und die Flüsse mit Wasser stießen, soll unsre Freundschaft dauern. Lauter Ausdrücke der Amerikaner bei ihren Friedensschlüssen und bei der Einweihung ihrer Friedensfrau . – H. Wenn, wie ich fast glaube, ein ewiger Friede förmlich erst zum jüngsten Tags geschlossen werden wird, so ist dennoch kein Grundsatz, kein Tropfe Oel vergebens, der dazu auch nur in der weitsten Ferne vorbereitet. ——— 120. Jede Aufmunterung zu guten Gesinnungen, ohne auf die Förmlichkeit ihrer Ausführung ängstliche Rücksicht zu nehmen, ist eine Trostpredigt. Oft sagt der Blöde: »Wann wird, wann kann dies geschehen?« und thut darüber gar nichts. Oft hält er sich zu früh und zu genau an die Bestimmung der Förmlichkeiten des Ausgangs uno vergißt darüber das Wesentliche der Hilfsmittel, diesen Ausgang zu fördern. Viele Beispiels der Geschichte legen dies klar an den Tag. In den alten Schriften der ebräischen Nation z. B. waren schöne Wünsche und Entwürfe für die Zukunft gepflanzt. Hoffnungen eines großen Lichts, das allen Völkern aufgehen, eines Bandes der Freundschaft, das alle Nationen umfassen sollte, einer Religion, die ins Herz geschrieben, eines goldnen Friedens, an dem Alles teilnehmen würde, glänzten wie eine Morgenröthe. Sobald man in diesen Entwürfen und Ahnungen den Geist des Weissagenden, seinen Zweck und die herrschende Gesinnung der Rede verkannte, als man sich an den Buchstaben hing und die Erfüllung förmlich bestimmte, da kamen Thorheiten ans Licht-Träumereien, mit deren jeder man um so weiter vom Sinn der Weissagung abwich, je förmlicher man bestimmte. Nicht anders war's im Christenthum, als man auf die sichtbare Ankunft des Herren hoffte. In allen Schwärmersecten. die das tausendjährige Reich zu Stande bringen wollten, war's nicht anders. Mit mancher neuen Philosophie, fürchte ich, ist's eben also. Wie nahe der Erfüllung hat man sich bei manchen Systemen geglaubt, und wie schrecklich ward man betrogen! Die glänzende Höhe, die man dicht vor sich sah, rückte weiter und weiter. Da giebt der Getäuschte dann alle Hoffnung auf und läßt die Hände sinken. Verbreiter guter Gesinnungen, schadet ihnen, schadet Euch selbst nicht durch Bezeichnung eines Aeußern, das blos von der Zeit und von Umständen bestimmt werden kann! Pflanzt den Baum! er wird von selbst wachsen; Erde, Luft, Sonne werden ihm Gedeihen geben. Sichert gute Grundsätze! durch eigne Kraft werden sie wirken – nicht anders aber als mit Modificationen, die Zeit und Ort ihnen allein geben können und geben werden. ——— Der Fürst Zertheile Dich, trübes Gewölk! Denn unter Dir wandelt der Edle, Auf dessen Scheitel ein Strahl Göttliches Glanzes traf. Es leuchtet Segen durch Länder und Reiche, Die seinem Winke gehorchen, Die an den Stufen seines Throns Suchen und finden ihr Glück. Lob dem Erbarmenden, der ihn zum Pfleger Der Menschheit setzte! Heil der Stunde, da Sein großes Herz zum ersten Male schlug! Edler! siebenmal edler als Tages Licht, Was soll Dir Glanz des Goldes? Was soll Dir Schimmer des Lobes? Größe, die Du willst, ist Glückseligkeit der Völker, Name, den Du suchst, ist der Name Vater . Führ ihn! denn Dein heilig Herz Ist Wohnung väterlicher Huld, Und jedes Blut der Deinen ist das Deine, Und jedes Leben Deiner Kinder Deins. Der Fürsten Feinde, das scheue Gevögel der Nacht, Heuchler und Schmeichler scheuen das Licht, Welches der Himmel Dir gab, Die Demuth, womit er Dich hoch belieh; Sie nahen nicht dem Thron, worauf der Herr der Welt Dir gab zu sitzen; fern ihm schwärmen sie. Weisheit und Menschenliebe treten, Du winkest sie herbei, vor Deinen Stuhl; Du hörest ihre Rede, die Dir sagt: »Du bist ein Mensch! Auch Du, o Fürst, bist Staub! Sei Deines Thrones werth, sei groß und gut! Sei gut! dann bist Du groß.« ——— Ruhm und Verachtung. Du Thal des Irrthums, dahinab nur selten Der Wahrheit Sonne scheinet, soll ich mich Verwundern, wenn, erhitzt von Phantasie, Die Dich bewohnen, schneller noch erkalten Als glühend Eisen unter Schmiedes Hand? Du mit dem Fluch von Täuschereien schwer- Beladne Erde, soll ich staunen, wenn Auf Dir Bewundrung bald Verachtung wird, Da Zufall, Glück und Gunst und eitler Schimmer Zu Deiner Achtung gnug ist? Jenem, der, Den Donner in der Hand, auf Nationen Verderben schleudert und der Völker Glück Zerschmettert, Jenem knieest Du und rufst: »Hier Arm der Gottheit!« Und wenn ihn das Glück, Die falsche Braut, verließ, wenn ihn der Sieg Nicht seinen Liebling nennet, kehrest Du Dein Antlitz von ihm weg. Oft führet Wahn Zum Altar eines Götzen, den auch Wahn Und Trug erschufen; Schwärmerei und Wahn Streun ihren Weihrauch ihm; da rufest Du Entzückt: »Hier ist der Weisheit letzter Spruch!« Weh ihm, dem Götzen! weh dem Altar! Bald Wird über ihn die Maus hinlaufen, bald Der Sperling auf ihm hüpfen. Tolles Ding Um Ehr' und Schand', um Ruhm und um Verachtung Des Menschenvolks! Mit beiden Händen theilt Der Thor sie Thoren aus. Du fromm Geschlecht! O suche Ruhm und Achtung nur bei Dem, Der nicht wie Menschen nur Gebräuchen fröhnt, Bei dem der Werth des Guten ewig gilt. Wer bei dem Ewigen den Wechsel sucht, Wer bei dem Höchsten Ungerechtigkeit Erwartet, der verleugnet ihn. Bewahre Mich, Herr! bewahre mein Geschlecht für Ruhm Bei Thoren! Schand' und Spott ist er vor Dir. ——— Al Hallil's Klagegesang. Vgl. oben S. 599, Anm., und Werke, VI. S. 129 f. u. 264. – D. Laßt mich weinen! das Weinen bringt nicht Schande. Laßt mich klagen! denn klagen soll der Betrübte. O Humane ! Al Hallil nennt ihn Houmana . – H. wie soll ich Dich jetzt nennen? Himmlische Namen hast Du; wer kann sie sprechen? Schaut, o schauet den Schmerz in meiner Seele, Engel, die ihn ins Thal des Todes führten! Gottesboten, Ihr führtet ihn als Brüder, Euren Bruder. Ich seh' ihn freundlich lächeln Mitten im Todesthal. Er warf die Hülle Leicht von sich und ersah den offnen Himmel. Laßt uns folgen, Ihr Brüder! Beider Welten Vater wird uns auch dort die Hütte bauen. O Humane , wie soll ich Dich jetzt nennen? Himmlische Namen hast Du; wer mag sie sprechen? Heil der keuschen Mutter, die Dich geboren! Denn sie mehrte die Zahl der Engel mit Dir. Wie der Bach, der das Paradies durchschlängelt, War Dein Herz, wie der Morgenstern Dein Innres. Sanft wohlthätiges Licht der Sonne, freundlich Wie die Sommernacht, wie der Silbermondstrahl! Auge warst Du dem Fürsten wie dem Armen; Eins nur kanntest Du nicht, das Gift der Schlangen. Worte des Trostes gabst Du uns, nicht Wermuth, Heucheltest nie uns Demuth, nie uns Freundschaft. Ungesehen auch warst Du edel, übtest Im Verborgenen Guts, wie Gott, Dein Vater. Nie erwartetest Du, was Du nicht selber Leisten konntest, o Du der Menschheit Zierde! Und gewelket so bald sind Deine Blüthen! Deine Zweige, wie sinken sie zur Erde! Klagt mit mir, Jungfrauen! o klagt, Ihr Knaben! Seine schöne Gestalt ist uns entnommen! Nie eröffnet sich uns sein holder Mund mehr. ——— 121. Wenn in einem Felde der Wissenschaft menschliche Gesinnungen herrschen sollten, so ist's im Felde der Geschichte ; denn erzählt diese nicht menschliche Handlungen? und entscheiden diese nicht über den Werth des Menschen? bauen diese nicht unsers Geschlechts Glück und Unglück? Man sagt, die Geschichte erzähle Begebenheiten , und ist beinah geneigt, diese für so unwillkürlich, ja für so unerklärbar anzusehen, wie man in den dunkelsten Jahrhunderten die Naturbegebenheiten nicht ansah, sondern anstaunte. Ein erregter Krieg oder Aufruhr gilt der gemeinen Geschichte wie ein Ungewitter, wie ein Erdbeben; die ihn erregten, werden als Geißel der Gottheit, als mächtige Zauberer betrachtet, und damit gnug! Eine Geschichte dieser Art kann die klügste oder die stupideste werden, nachdem der Sinn ihres Verfassers war. Die stupideste wird sie, wenn sie in einem sogenannt großen und göttlichen Mann Alles bewundert und keine seiner Unternehmungen an ein Richtmaaß menschlicher Vernunft zu bringen sich erkühnt. Manche morgenländische Geschichte von Nadir-Schah, Timur-Leng u. s. w. sind so geschrieben; wir lesen eine lobjauchzende Epopöe, mit einer dürren oder abscheulichen Thatenreihe fröhlich durchwebt. Europa hat an diesem morgenländischen Geschmack vielen Antheil genommen, nicht etwa nur in den Zeiten der Kreuzzüge, sondern auch in den meisten Lebensbeschreibungen einzelner Helden, in der Geschichte ganzer Secten, Familien und Familienkriege . Man staunt, wenn man die Andacht und Anhänglichkeit des Schriftstellers an seinen verehrten Gegenstand wahrnimmt, und kann nichts Anders sagen, als: »Er hat aus dem Becher der Betäubung getrunken; Wein der Dämonen hat ihm die Sinne benebelt.« Die klügste Geschichte dieser Art ist die kälteste, etwa wie Macchiavell sie trieb und ansah. Auch sie vergißt Recht und Unrecht, Laster und Tugend, indem sie, rein wie ein Geometer, den Erfolg gegebener Kräfte ausmißt und fortgehend einen Plan berechnet. Daß aus dieser Macchiavellischen Geschichte, wenn sie scharf sieht und richtig rechnet, viel zu lernen sei, ist keine Frage. Beschäftigt sie sich nicht mit dem verflochtensten, wichtigsten Problem, das unserm Geschlechte vorliegt? Menschenkräfte im Verhältniß ihrer Wirkungen und Folgen . Wäre nur dies Problem auch rein aufzulösen! Auf dem Schauplatz der Erde, selbst in ihren engsten Winkeln, läuft so Vieles durch einander; gegenseitige Kräfte stören einander, und in Alles mischen sich Umstände, Zeit, Glück, der tausendarmige Zufall. Der Klügste ward hintergangen; der Besonnenste verfehlte seinen Zweck. Also wird diese Schule des Unterrichts oft eine Romanschule , da man dem glücklichen Helden Klugheit leiht, die er nicht hatte, und von schimmernden Erfolgen nach einem falschen Calcül rückwärts rechnet, oder sie wird, wenn die besten Kräfte durch einen Zufall mißrathen, eine niederschlagende Lection, eine Schule der Verzweiflung . Ueberhaupt aber macht dieser Wetzstein der Klugheit das Gemüth leicht zu scharf, zu schartig. Wer kann Macchiavell 's »Prinzen« ohne Schauder lesen? Wenn ihm auch Alles gelänge, wäre er ein würdiger Fürst? wäre er in seinem Busen glücklich? Entsetzlich ist's, die Menschheit nur als eine Linie zu betrachten, die man nach Gefallen zu seinem Zweck krümmen, schneiden, verlängern und verkürzen darf, damit ein Plan erreicht, damit die Aufgabe nur gelöst werde. Also können wir uns vom Menschengefühl nicht trennen, indem wir die Geschichte schreiben oder lesen; ihr höchstes Interesse , ihr Werth beruht auf dieser Menschenempfindung, der Regel des Rechts und Unrechts . Wer blos für Klugheit schreibt, geräth leicht in Dünkel; wer nur für die Neugierde schreibt, schreibt für Kinder. Was bestimmt aber diese Regel des Rechts? Auch hier giebt's eine zu warme und zu kalte Geschichte. Die erhitzte will zur Ehre Gottes Alles bewirken und erlaubt sich zu diesem vermeinten Zweck Frevel und Unsinn. So unterjochte Timur eine halbe Welt, den Mohammedanischen Glauben auszubreiten, und wollte im höchsten Alter noch das ruhige China bekriegen; so zogen die Nationen Europa's zum heiligen Grabe; so würgten die Spanier in Amerika; so marterte und verfolgte die Inquisition. Schreckliche Leidenschaften der Menschen umhüllten sich mit dem Mantel Gottes und zerstörten und quälten. Die kalte Geschichte rechnet unter der Regel eines angeblichen positiven Rechts nach Staatsplanen , und auch sie wird in Befolgung dieser oft sehr warm. Wohl des Vaterlandes, Ehre der Nation wird in ihr das Feldgeschrei und bei trüglichen Unterhandlungen die Staatslosung. Die Athener, die Römer – was rechneten sie nicht zum Wohl ihres Vaterlandes , zu ihrem Ruhm , mithin zu ihrem Recht ? Was erlaubten sich der Papst, die Klerisei, die christlichen Könige nicht zum angeblichen Wohl ihrer Reiche? Erzählt die Geschichte dies Alles gleichgiltig oder gar zutrauend, glaubend, so geräth man mit ihr in ein Labyrinth der verflochtensten, widrigsten Staatsinteresse, persönlicher Anmaßungen und Staatslisten. Ein großer Theil der Begebenheiten unsrer zwei letzten Jahrhunderte, die sogenannten Denkwürdigkeiten ( mémoires ), Lebensbeschreibungen, politische Testamente sind in diesem Sinn, dem Geist Richelieu's, Mazarin's und früher noch Karl's V., Philipp's II., Philipp's des Schönen, Ludwig's XI., XIII., XIV ., kurz, im Geist der spanisch-französischen Staatspolitik geschrieben. Ein fürchterlicher Geist, der sich zum Wohl des Staats, d. i. zum Ruhm und zur größeren Macht der Könige, zur Sicherheit und Größe ihrer Minister Alles erlaubt hielt! In welcher Geschichte er durchblickt, schwärzt er das Glänzendste mit dem Schatten der Eitelkeit, der Truglist, der Anmaßung, der Verschwendung. Vergessen ist in ihm die Menschheit, die nach ihm blos für den Staat , d. i. für Könige und Minister, lebt. Allgemach sind wir auch diesem Nebel entkommen; aber ein anderes Glanzphantom steigt in der Geschichte auf, nämlich die Berechnung der Unternehmungen zu einer künftigen bessern Republik, zur besten Form des Staats, ja aller Staaten . Dies Phantom täuscht ungemein, indem es offenbar einen edleren Maaßstab des Verdienstes in die Geschichte bringt, als den jene willkürliche Staatsplane enthielten, ja gar mit den Namen Freiheit, Aufklärung, höchste Glückseligkeit der Völker blendet. Wollte Gott, daß es nie täuschte! Die Glückseligkeit eines Volks läßt sich dem andern und jedem andern nicht aufdringen, aufschwätzen, aufbürden. Die Rosen zum Kranze der Freiheit müssen von eignen Händen gepflückt werden und aus eignen Bedürfnissen, aus eigner Lust und Liebe froh erwachsen. Die sogenannt beste Regierungsform , die unglücklicherweise noch nicht gefunden ist, taugt gewiß nicht für alle Völker auf einmal, in derselben Weise; mit dem Joch ausländischer, übel eingeführter Freiheit würde ein fremdes Volk aufs Aergste belästigt. Eine Geschichte also, die bei allen Ländern auf diesen utopischen Plan nach unbewiesenen Grundsätzen Alles berechnet, ist die glänzendste Truggeschichte . Ein fremder Firniß, der den Gestalten unsrer und der vorigen Welt ihre wahre Haltung, selbst ihre Umrisse raubt. Viele Schriften unsrer Zeit wird man zwanzig Jahr später als wohl- oder übelgemeinte Fieberphantasien lesen; reifere Gemüther lesen sie jetzt schon also. Also bleibt der Geschichte einzig und ewig nichts als der Geist ihres ältesten Schreibers, Herodot 's, der unangestrengte, milde Sinn der Menschheit . Unbefangen sieht dieser alle Völker und zeichnet jedes auf seiner Stelle, nach seinen Sitten und Gebräuchen. Unbefangen erzählt er die Begebenheiten und bemerkt, wie allenthalben nur Mäßigung die Völker glücklich mache und jeder Uebermuth seine Nemesis hinter sich habe. Dies Maaß der Nemesis , nach feineren oder größeren Verhältnissen angewandt, ist der einzige und ewige Maaßstab aller Menschengeschichte. »Was Du nicht willst, daß Dir geschehe, das thue keinem Andern!« Die Rache kommt, ja, sie ist da, bei jeder Verirrung, bei jedem Frevel. Alle Mißverhältnisse und Unbilligkeiten, jede stolze Anmaßung, jede feindselige Verhetzung, jede Treulosigkeit hat ihre Strafe mit oder hinter sich; je später, desto schrecklicher und ernster. Die Schuld der Väter häuft sich mit zerschmetterndem Gewicht auf Kinder und Enkel. Gott hat den Menschen nicht erlaubt, lasterhaft zu sein, als unter dem harten Gesetz der Strafe. Wiederum belohnt sich auch in der Geschichte das kleinste Gute. Kein vernünftiges Wort, was je ein Weiser sprach, kein gutes Beispiel, kein Strahl auch in der dunkelsten Nacht war je verloren. Unbemerkt wirkte es fort und that Gutes. Kein Blut des Unschuldigen ward fruchtlos vergossen; jeder Seufzer des Unterdrückten stieg gen Himmel und fand zu seiner Zeit einen Helfer. Auch Thränen sind in der Saat der Zeit Samenkörner der glücklichsten Ernte. Das Menschengeschlecht ist ein Ganzes ; wir arbeiten und dulden, säen und ernten für einander. Wie milde, wie sanft aufmunternd, aber auch wie ernst und zusammenhaltend ist dieser Geist der Menschengeschichte! Er läßt jedes Volk an Stelle und Ort; denn jedes hat seine Regel des Rechts, sein Maaß der Glückseligkeit in sich. Er schont alle und verzärtelt keines. Sündigen die Völker, so büßen sie, und büßen so lange und schwer, bis sie nicht mehr sündigen. Wollen sie nicht Kinder sein, so erzieht die Natur sie als Sclaven. Keiner politischen Verfassung tritt dieser Geist der Geschichte zerstörend in den Weg. Er wirft nicht das Haus dem Ruhigen über den Kopf zusammen, ehe ein anderes besseres da ist, zeigt aber dem zu Sichern mit freundlicher Hand Fehler und Mängel des Hauses und führt mit stillem Fleiß Materialien herbei zur Stützung des alten oder zum Bau eines bessern. Nationalvorurtheile tastet er nicht an; denn in ihnen als Hülsen oder harten Schalen muß manche gute Gesinnung wachsen. Er läßt sie wachsen; wenn die Frucht reif ist, verdorrt die Hülse, die Schale zerspringt. Ihm ist's recht, wenn der Franzmann und der Engländer sich ihre humanité und humanity englisch und französisch malen; desto weniger wird der Ausländer um sie zu seinem Verderb buhlen. Aus seinem Herzen muß eine Geliebte hervorgehn, die für ihn gehört. Am Heiligsten sind dem Geist der Menschengeschichte gutmüthige Thoren und Schwärmer; sie sind ihm unter der besondersten göttlichen Obhut. Ohne Begeisterung geschah nichts Großes und Gutes auf der Erde; die man für Schwärmer hielt, haben dem menschlichen Geschlecht die nützlichsten Dienste geleistet. Trotz alles Spottes, trotz jeder Verfolgung und Verachtung drangen sie durch; und wenn sie nicht zum Ziel kamen, so kamen sie doch weiter und brachten weiter . Lebendige Winde waren sie über dem abgestandenen Sumpf, oder sie dämmten ihn und machten ihn fruchtbar. Leeren Spott über sie erlaubt sich nie der Geist der Geschichte; höchstens bedauern wird er sie, nicht brandmalen. Alle überfeinen Eintheilungen der Menschen nach Principien, aus denen sie ausschließend handeln sollen, sind dem Geist der Geschichte ganz fremde. Er weiß, daß in der Menschennatur das Principium der Sinnlichkeit , der Einbildungskraft , des Eigennutzes , der Ehre , des Mitgefühls mit Andern , der Gottseligkeit , des moralischen Sinnes , des Glaubens u. s. w. nicht in abgetrennten Kammern wohnen, sondern daß in einer lebendigen Organisation, die von mehreren Seiten geregt wird, viele von ihnen, oft alle lebendig zusammenwirken. Jedem von ihnen läßt er seinen Werth, seinen Rang, seinen Ort, seine Zeit der Entwicklung, überzeugt, daß alle, auch unbewußt, zu einem Zweck, dem großen Principium der Menschlichkeit, wirken. Alle also läßt er zu ihrer Zeit an Stelle und Ort blühn, Sinnlichkeit und die Künste der Phantasie, Verstand und Sympathie, Ehre, moralischen Sinn und heilige Andacht . Er zwingt so wenig den Magen, zu denken, als den Kopf, zu verdauen, und quält Niemand mit der Zergliederung, ob auch jeder Bissen Brod, den er in den Mund steckt, ein allgemeines moralisches Grundgesetz aller vernünftigen Wesen im Kauen und Verdauen gebe. Kaue Jeder, wie er kann; die Geschichte behandelt die Menschen nicht als Wortfinder und Kritiker, sondern als Thäter eines moralischen Naturgesetzes, das in ihnen Allen spricht, das zuerst linde warnt, dann härter straft und jede gute Gesinnung durch sich und ihre Folgen reich belohnt. Reizt Sie nicht dieser Geist der Menschengeschichte ? ——— 122. Sie scheinen zu glauben, daß eine Geschichte der Menschheit nicht statthabe, so lange man den Ausgang der Dinge nicht weiß oder, wie man zu sagen pflegt, den jüngsten Tag noch nicht erlebt hat. Ich bin nicht dieser Meinung. Möge sich das Menschengeschlecht verbessern oder verschlimmern; möge es einst zu Engeln oder Dämonen, zu Sylphen oder zu Gnomen werden: wir wissen, was wir zu thun haben. Nach festen Grundsätzen unsrer Ueberzeugung von Recht und Unrecht betrachten wir die Geschichte unsers Geschlechts, möge sein letzter Act ausgehn, wie er wolle. Monboddo z. B. sieht in seiner Geschichte und Philosophie des Menschen Ancient Metaphysics, Vol . III. London 1784. Dieser Theil des großen Werks wäre wegen der gesammelten Thatsachen eines deutschen Auszuges gewiß werth. – H. ihn als ein System lebendiger Kräfte an, in welchem sich das Elementarische, das Pflanzen-, Thier- und Verstandesleben unterscheide. Das animalische Leben, meint er, sei im besten Zustande gewesen, da die Menschen thierähnlich lebten. Er findet hievon noch Aehnlichkeit bei den Kindern. Die Alter, die der Mensch als Individuum durchgehe, hält er auch für die Laufbahn des ganzen Geschlechtes. Dies führt er also in seinen ersten nackten Zustand in freier Luft, in Regen, in Kälte zurück und zeigt, was die Bekleidung, das Wohnen in Häusern, der Gebrauch des Feuers, die Sprache auf das Menschengeschöpf gewirkt haben. Er zeigt die Fähigkeiten, die es hatte, zu schwimmen, aufrecht zu gehen, Uebungen anzustellen, und findet in diesem Zustande den Grund jenes längeren Lebens, jener größeren Gestalt und Stärke, von der uns die Sage der Urwelt erzählt. Aus Beispielen und Nachrichten erweist er, wie durch Veränderung der Lebensweise, durchs Fleischessen und den Trank geistiger Getränke, durch die sitzende Lebensart bei Künsten, Gewerben, Spielen, durch feinere Nahrungsmittel, Wollüste und Zeitvertreibe der Körper des Menschen geschwächt, verkleinert, sein Leben verkürzt worden. Dagegen zeigt er, wie der Verstand des Menschen durch Gesellschaft und Künste zugenommen, wie die Sagacität eines Naturmenschen von der Klugheit des civilisirten Mannes sich unterscheide, wie alle Künste aus Nachahmung entsprungen und die Idee des Schönen blos dem civilisirten Zustande eigen sei. In beiden Altern der Menschheit findet er Nationen, Familien, Individuen unterschieden, unser Geschlecht aber überhaupt in Abnahme animalischer Kräfte und hat hierüber Erinnerungen gegeben, die Jeder anwende, wie er mag und kann. Gehen wir in dies Alles ein (wie denn Monboddo 's System einiger Eigenheiten des Verfassers wegen gewiß nicht lächerlich gemacht zu werden verdient), nehmen wir an, was auch die Geschichte lehrt, daß fast alle Völker der Erde einmal in einem roheren Zustande gelebt und nur von wenigen die Cultur auf andre gebracht sei, was folgt daraus? 1. Daß auf unsrer runden Erde noch alle Zeitalter der Menschheit leben und weben . Da giebt's Völkerschaften im Kindes-, Jünglings-, Mannesalter, und wird deren wahrscheinlich noch lange geben, ehe es den seefahrenden Greisen Europa's gelingt, durch gebrannte Wasser, Krankheiten und Sclavenkünste sie zum Greisesalter zu befördern. Wie uns nun jede Pflicht der Menschlichkeit gebeut, einem Kinde, einem Jünglinge sein Lebensalter, das System seiner Kräfte und Vergnügen nicht zu stören, so gebietet sie solches auch Nationen gegen Nationen. Sehr angenehm sind mir in diesem Betracht mehrere Unterredungen der Europäer, insonderheit der Missionare mit ausländischen Völkern, z. B. Indiern, Amerikanern; die naivsten Antworten voll guten Herzens und gesunden Verstandes waren fast immer auf Seite der Ausländer. Sie antworteten kindisch treffend und richtig, dagegen die Europäer mit Aufdringung ihrer Künste, Sitten und Lehren meistens die Rolle abgelebter Alten spielten, die völlig vergessen hatten, was einem Kinde gehörte. 2. Da die Unterscheidung elementarischer, animalischer, vegetativer und Verstandeskräfte nur ein Gedanke ist, in dem jeder Mensch aus allen diesen, wenngleich in verschiedenem Verhältniß, besteht, so hüte man sich, diese und jene Nation ganz für animalisch zu halten , um sie als Lastthiere zu gebrauchen. Der reine Intellectus bedarf keines Lastthiers, und so wenig also der intellectuellste Europäer der Pflanzen- und Thierkräfte in seinem Lebenssystem entbehren kann, so wenig ermangelt irgend eine Nation ganz des Verstandes. Vielgestaltig ist dieser allerdings in Ansehung der ihn regenden Sinnlichkeit nach der verschiedenen Organisation der Völker, indessen ist und bleibt er in allen Menschengestalten nur ein und derselbe . Das Gesetz der Billigkeit ist keiner Nation fremd; die Uebertretung desselben haben alle gebüßt, jede in ihrer Weise. 3. Wenn intellectuelle Kräfte in mehrerer Ausbildung der Vorzug der Europäer sind, so können sie diesen Vorzug nicht anders als durch Verstand und Güte (beide sind im Grunde nur eins) beweisen . Handeln sie impotent, in wüthenden Leidenschaften, aus kaltem Geiz, in niedrig vermessenem Stolze, so sind sie die Thiere, die Dämonen gegen ihre Mitmenschen. Und wer leistet den Europäern Bürgschaft, daß es ihnen nicht an mehreren Enden der Erde wie in Abessinien, China, Japan ergehen könne und ergehen werde? Je mehr ihre Kräfte und Staaten in Europa altern, je mehr unglückliche Europäer einst diesen Welttheil verlassen, um dort und hier mit den Unterdrückten gemeinschaftliche Sache zu machen, so können intellectuelle und animalische Kräfte sich in einer Weise verbinden, die wir jetzt kaum vermuthen. Wer sieht in die vielleicht schon gepflanzte Saat der Zukunft? Cultivirte Staaten können entstehen, wo wir sie kaum möglich glauben; cultivirte Staaten können verdorren, die wir für unsterblich hielten. 4. Sollte in Europa auf Wegen, die wir zu bestimmen nicht vermögen, die Vernunft einmal so viel Werth gewinnen, daß sie sich mit Menschengüte vereinigte: welch eine schöne Jahrszeit für die Glieder der Gesellschaft unsers ganzen Geschlechtes ! Alle Nationen würden daran Theil nehmen und sich dieses Herbstes der Besonnenheit freuen. Sobald im Handel und Wandel das Gesetz der Billigkeit allenthalben auf Erden herrscht, sind alle Nationen Brüder; der Jüngere wird dem Aelteren, das Kind dem verständigen Greise mit dem, was es hat und kann, willig dienen. Unter vielen Andern erinnere ich hier abermals an Le Vaillant 's neuere Reise. Der Unterschied, den er zwischen Nationen, die von Europäern verderbt sind oder mißhandelt werden, und zwischen autonomischen Völkern bemerkt, ist schneidend. Seine Grundsätze, wie mit diesen umzugehen sei, sind auf der ganzen Erde anwendbar. – H. 5. Und wäre diese Zeit undenkbar? Mich dünkt, sie müsse selbst auf dem Wege der Noth und des Calcüls erscheinen. Selbst unsre Ausschweifungen und Lasterthaten müssen sie fördern . In Verhältnissen des Menschengeschlechts müßte keine Regel, in seiner Natur keine Natur herrschen, wenn nicht durch innere Gesetze dieses Geschlechts selbst und den Antagonismus seiner Kräfte diese Periode herbeigebracht würde. Gewisse Fieber und Thorheiten der Menschheit müssen mit Fortrückung der Jahrhunderts und Lebensalter abbrausen. Europa muß ersetzen, was es verschuldet, gutmachen, was es verbrochen hat, nicht aus Belieben, sondern nach der Natur der Dinge selbst; denn übel wäre es mit der Vernunft bestellt, wenn sie nicht allenthalben Vernunft und das Allgemeingute nicht auch das Allgemeinnützlichste wäre. Die Magnetnadel unsrer Bestrebungen sucht diesen Pol; nach allen Irren und Schwankungen wird und muß sie ihn finden. 6. Daß also Niemand aus dem Ergrauen Europa's den Verfall und Tod unsers ganzen Geschlechts augurire ! Was schadete es diesem, wenn ein ausgearteter Theil von ihm unterginge? wenn einige verdorrte Zweige und Blätter des saftreichen Baumes abfielen? Andre treten in der verdorrten Stelle und blühen frischer empor. Warum sollte der westliche Winkel unsers Nordhemisphärs die Cultur allein besitzen? Und besitzt er sie allein? 7. Die größten Revolutionen des Menschengeschlechts hingen bisher von Erfindungen oder von Revolutionen der Erde ab ; wer kennt diese in der unabsehlichen Folge der Zeiten? Klimate können sich ändern; aus mehreren Ursachen kann manches bewohnte Land unbewohnbar, manche Colonie zum Mutterlande werden. Wenige neue Erfindungen können viele ältere aufheben, und da überhaupt die höchste Anstrengung (unleugbar der Charakter fast aller europäischen Staatskunst) nothwendig nachlassen oder überstürzen muß, wer vermag die Folgen hievon zu berechnen? Wahrscheinlich ist unsre Erde ein organisches Wesen; wir kriechen auf dieser Pomeranze wie kleine, kaum merkbare Insecten umher, quälen einander und bauen uns hie und da an. Wenn der Himmel fällt, sagt das Sprichwort, wo bleiben die Sperlinge? Wenn hier oder dort die Pomeranze modert, tritt vielleicht eine andre Generation auf, ohne daß deshalb die erste eben am intellektuellen Theil ihres Systems, am Verstande , untergegangen wäre. Was sie eher hinrichten konnte, war Ausschweifung, Laster, Mißbrauch ihres Verstandes. Gewiß sind die Perioden der Natur in Ansehung aller Geschlechter auf einander calculirt, daß, wenn die Erde Menschen nicht mehr wärmen und nähren kann, Menschen ihre Bestimmung auf ihr auch erfüllt haben werden. Die Blüthe welkt, sobald sie ausgeblüht hat, sie läßt aber auch Frucht nach. Wäre also die höchste Aeußerung intellectueller Kraft unsre Bestimmung, so forderte eben diese von uns, dem künftigen, uns unbekannten Aeon einen guten Samen nachzulassen, damit wir nicht als weichliche Mörder sterben. Monboddo sieht unsere Erde als eine Erziehungsanstalt an, aus der unsre Seelen gerettet werden. Der einzelne Mensch kann und darf sie nicht anders ansehen; denn er kommt und geht vorüber. Auf der Stelle, auf welcher er ohne sein Wollen erscheint, muß er sich helfen, so gut er kann, und das System seiner elementaren und vegetativen, seiner animalischen und intellectuellen Kräfte ordnen lernen. Allmählig sterben sie ihm ab, bis der ausgebildete Geist verfliegt. Auch hier ist Monboddo 's System consequent, das ich, unvollendet wie es ist, mancher andern kaufmännisch-politischen Geschichte der Menschheit vorziehe. Zu einer Geschichte unsers Geschlechts gehören kaufmännisch-politische Considerationen nur als ein Bruchstück; ihr Geist ist sensus humanitatis , Sinn und Mitgefühl für die gesammte Menschheit . ——— Der Geist der Schöpfung Auch ich war Pilgrim in der Wüstenei, Und matt vom Wege, sprach ich: »Herr der Welt! Ein Blick von Dir verjüngt die Schöpfung. Sieh! Die Sonne brennt auf mich; im Sande glüht Mein nackter Fuß, und meine Zunge lechzt. Ich wanke. Herr, mein Licht erlischt.« Da sah Ich vor mir einen schmalen Rasen, rings Umflochten von Gebüsch. Ein Palmbaum stand An einer Quelle, und auf Baum und Büschen Hing unter Blüthen manche schöne Frucht. Ich kostete, ich trank, ich dankte Gott Und legte mich zur Ruhe nieder. Sanft Umhüllete der Schlaf mein Auge, bis Ein Wundertraum mich schnell erweckete. Der Geist der Schöpfung stand vor mir und sprach: »Steh auf, o Mensch! Du hast genug geruht Auf diesem Beet von zehentausend Pflanzen Und Kräutern meines Herrn. Du bist gestärkt. Die Hindin dort will auch verschmachten. Scheu Erwartet sie, daß Du aufstehest.« Auf Sprang ich und sah die Hindin mir zu Füßen, Die Mutter war. Sie blickte froh mich an Und sprang zu ihrer Weide. »Guter Gott,« Rief ich, »der Du für Alles sorgest! Wenn Dein Wink dort Sonnen lenkt, so denkst Du auch Des Wandrers in der Wüste, daß sein Stab Nicht breche, daß die Hindin nicht verschmachte« ——— Die Zeitenfolge Komm, Unzufriedner, näher! Tritt herzu, An dessen Herzen Mißvergnügen nagt! Schuf Irgendwen der Allmacht Hand zur Qual? Er, der nur Huld ist, schuf er je zum Unglück? Es sprach der Mächtige (die Wahrheit spricht In allen seinen Werken): »Euer Tagwerk Sei Seligkeit! Mit diesem Segen lass ich, Geschöpfe, Euch aus meiner Hand.« Und sieh! Da standen sie, die Lebenden, unwissend, Was Leben war. Sie schöpften Othem wie Nach einem schweren Traum; sie sahn die Welt! Und Engel ließen sich auf Wolken nieder, Bewundernd dieser Schöpfung neuen Raum, Die Wohnung süßer Freuden, sahn im Geist Glückselige zukünft'ger Zeiten wallen Und riefen, voll von himmlischem Gefühl: »Du hast hier reiche Saaten ausgestreut. Allgütiger! Wer kann die Ernte fassen In diesen Segensgründen? Trauen wird Der Gute Dir! Gelingen wird sein Werk.« So sangen sie. Hebt Eure Augen auf, Ihr Menschen, sehet Eures Vaters Schöpfung Und hofft auf ihn! Auch in der Menschheit kann Sein Werk nicht fehlen. Du der Welten Vater! Ich weiß es, Worte thun es nicht vor Dir; Beredsamkeit verstummet. Wie sich Kinder Der Blumen freun, freun wir uns Deiner Schöpfung. Wie ihrer zeitlichen Versorger sie Zutrauend harren, hoffen wir auf Dich Und üben froh Dein Werk. Die schönste Gabe Des Sterblichen ist ein zufriednes Herz. ——— Das Gegengift Preis sei dem Geber! jede seiner Gaben Ist Huld- und weisheitvoll. Er theilte sie, Er wog sie ab zur langen Dauer und Vollkommenheit der Schöpfung. Seine Erde Gab er nicht Engeln, Menschen gab er sie. Der Menschen Bester ist, wer selten strauchelt, Ihr Edelster, wer bald vom Fall aufsteht. Tief keimete das Laster in der neu- Geschaffnen Erde; wild schoß es empor, Gift seine Blüthe, seine Früchte Tod. Da schuf er ihm ein mächtig Gegengift, Für Thorheit ein Verwahrungsmittel, Arbeit . Sie macht' er uns zum heiligsten Gesetz, Den Fleiß zur Pflicht. Arbeitsamkeit verriegelt Die Thür dem Laster, das dem Müssigen Zur Seite schleicht, und hinter ihm das Unglück. Willst Du dem Feinde fluchen, wünsch ihm Muße; Auf Muße folgt viel Böses, und des Kummers Gar viel. Arbeitsam, wirkt die Seele froh; Langweil'ger Müssiggang beschäftigt sie Zur Reue, zum Verderben. Thorheit leitet Den Müssigen; Muthwill' und Vorwitz führen Ins Dunkel ihn, wo Gott nicht ist. Arbeitet, Ihr Weisen in dem Volk, befördert Euer Und Vieler Glück! Wo wohnt Beruhigung? Wo Segen der liebreichen Gottheit? wo Genuß der Tage? wo das edelste Vergnügen? Nur in Arbeit ! – – – ——— 123. Von frühen Jahren habe ich mich auch in die fremdesten Hypothesen zu setzen gesucht, und ich kam fast von allen mit dem Gewinn einer neuen Seite der Wahrheit oder ihrer Bestärkung zurück; darf ich aber bekennen, daß ich der Hypothese von einer radicalen bösen Grundkraft im menschlichen Gemüth und Willen durchaus nichts Gutes abgewinnen kann? Von der sogenannten Erbsünde ist hier nicht die Rede; denn diese ist Krankheit. – H. Herder wollte sich hier, freilich auf etwas sonderbare Weise, gegen die Theologen den Rücken freihalten. – D. Ich lasse sie jedem Liebhaber; meinem Verstande bringt sie kein Licht, meinem Herzen keine freudige Regung. Gewöhnlich leitet man die Hypothese von zweien einander feindseligen Grundursachen der Dinge von den Persern her; ihre böse Anwendung aber sollte man nicht daher leiten. In der Physik war's offenbar Kindheit der Wissenschaft, wenn man die Nacht für böse, den Tag für gut erklärte; die Gesetze, die beide hervorbringen, sind gut und höchst einfach. In der Moral sind sie es ebenso sehr, und die Philosophie der Perser ging gerade darauf hin, dies auszuführen. Die Finsterniß, sagte sie, sei Unform, das Licht, seiner Natur nach, bilde, leuchte und erwärme. Trotz aller Widerstrebungen sei Ahriman schwach, Ormuzd werde und müsse ihn überwinden. Ihre Religion forderte also in Gedanken, Worten, Handlungen zu diesem Siegeskampf als zum eigentlichen Geschäft des menschlichen Lebens auf. Licht zu schaffen und fortzubreiten, wirksam zu sein in jedem Guten, zu reinigen, zu erfreuen, sei unser Geschäft. Ebendeshalb stehen wir zwischen Licht und Dunkel. Das Christenthum ging mit tiefergreifenden Regungen auf diesem Wege fort. Kein sclavisches Volk, das sich ewig unter dem Joch krümmt und an Ketten windet, sollte nach ihm das Menschengeschlecht sein, sondern ein freies, fröhliches Geschlecht, das, ohne Furcht eines machthabenden Henkergeistes, das Gute des Guten wegen, aus innrer Lust, aus angeborner Art und höherer Natur thue, dessen Gesetz ein königliches Gesetz der Freiheit , ja dem eigentlich kein Gesetz gegeben sei, weil die Gottesnatur in uns, die reine Menschheit, des Gesetzes nicht bedürfe. Unverkennbar ist dies der Geist des Christenthums, seine native Gestalt und Art. Nur dunkle barbarische Zeiten haben den großen Lehnsherren des Bösen, dessen angebornes Erbvolk wir seien, von dem uns Gebräuche, Büßungen und Geschenke zwar nicht wirklich, aber gewandsweise befreien könnten, der Stupidität und Brutalität antichristlich wiedergegeben. Wer wollte in diese Milton'sche Hölle greifbarer Nacht und solider Finsterniß zurückkehren? Ueber der Erde sehen wir von dieser massiven Urhölle nichts. Wo Böses ist, ist die Ursache des Bösen Unart unsers Geschlechts, nicht seine Natur und Art. Trägheit, Vermessenheit, Stolz, Irrthum, Hartsinn, Leichtsinn, Vorurtheile, böse Erziehung, böse Gewohnheit, lauter Uebel, die vermeidlich oder heilbar sind, wenn neues Leben, Munterkeit zum Guten, Vernunft, Bescheidenheit, Billigkeit, Wahrheit, eine bessere Erziehung, bessere Gewohnheiten von Jugend auf, einzeln und allgemein, einkehren. Die Menschheit ruft und seufzt, daß dieses geschehe, da offenbar jede Untugend und Untauglichkeit sich selbst straft, indem sie keinen wahren Genuß gewährt und eine Menge Uebel auf sich und auf Andre häuft. Offenbar sehen wir, daß wir dazu da sind, dies Reich der Nacht zu zerstören, indem Niemand es für uns thun kann und soll. Nicht nur tragen wir die Last unsers Unglücks, sondern unsre Natur ist zu diesem und zu keinem andern Werk eingerichtet ; es ist Zweck unsers Geschlechts, der Endpunkt unsrer Bestimmung, uns dieser Unart zu entladen. Das ganze Universum treibt, wenn uns die Früchte des Werks nicht locken, mit Nesseln und Dornen. Was soll also Verzweiflung als unter einem nie abzuwerfenden Joch? Wozu der Traum einer von der Wurzel aus unwiederbringlichen Menschheit? Keine Hypothese kann uns werth sein, die unser Geschlecht aus seinem Standort rückt, die es bald an die Stelle der gefallenen Engel stellt, bald unter ihre Vormundschaft und Oberherrschaft erniedrigt. Die gefallenen Engel kennen wir nicht, aber uns kennen wir und wissen, wann und warum wir gefallen sind, fallen und fallen werden. Das Dasein jedes Menschen ist mit seinem ganzen Geschlecht verwebt. Sind unsre Begriffe über unsre Bestimmung nicht rein, was soll diese und jene kleine Verbesserung? Seht Ihr nicht, daß dieser Kranke in verpesteter Luft liegt? Rettet ihn aus derselben, und er wird von selbst genesen. Beim Radicalübel greift die Wurzeln an; sie tragen den Baum mit Gipfel und Zweigen. Das Werk ist groß, es soll aber auch so lange fortgesetzt werden, als die Menschheit dauert; es ist das eigenste und einzige, das belohnendste und fröhlichste Geschäft unsers Geschlechtes. Und wie wird dies Geschäft betrieben? Blos durch Erweiterung und Verfeinerung der Verstandeskräfte ? Intelligenz ist des Menschen edler Vorzug, das unentbehrliche Werkzeug seiner Bestimmung. Wissenschaft alles Wissenswürdigen, Verstand alles Brauchbaren, Schönen und Edeln ist erleuchtender Sonnenglanz in der dunkeln Dunstkugel der Erde; er darf und muß sich so weit erstrecken, als er sicherstrecken kann, vom letzten Nebelstern über die gesammte Natur an die Grenzen der werdenden Schöpfung. Verstand ist der Gemeinschatz des menschlichen Geschlechts; wir Alle haben daraus empfangen, wir Alle sollen unsre besten Gedanken und Gesinnungen hineintragen. Wir rechnen mit Kombinationen der Vorzeit; die Nachwelt soll mit unsern Kombinationen rechnen, und allerdings geht dieser Calcül ins Große, Weite, Unendliche hinaus. Wer unternimmt's zu sagen, wohin das Menschengeschlecht in seinen fortgesetzten, auf einander gebauten Bemühungen gelangen könne und vielleicht gelangen werde? Jede neu erlangte Potenz ist die Wurzel zu einer zahllosen Reihe neuer Potenzen. Verstand indessen thut's nicht allein; auch den Dämonen schreiben wir einen dämonischen Verstand zu; der unsre sei menschlich von thätiger Güte begleitet. Blicke umher! Wie viel wahre und ächte Wissenschaft ist ungebraucht in der Welt! wie viel Verstand liegt unterdrückt und begraben! wie viel andrer wird mißgebraucht! Scheinwahrheit, starres Vorurtheil, heuchelnde Lüge, träge Lust, vernunftlose Willkür verwirren unser Geschlecht. Ein gestärkter großer und guter Wille also, Uebungen von Jugend auf, Kampfpreise und Gewöhnung, daß uns das Schwerste zum Leichtesten werde, und vor Allem jenes unerläßliche Bestreben nach dem Nothwendigen , was unser Geschlecht fordert, mit Vorbeilassung alles Entbehrlichen und Schlechten, sie allein können den Verstand zum Guten geltend machen , ihm aufhelfen und das Werk fördern. Wie lange haben wir uns mit dem Unnützen beschäftigt! Zeigen uns nicht Jahrtausende der Menschengeschichte unsern Unverstand, unsre kindische Trivialität und Feigheit? Einheit unsrer Kräfte also, Vereinigung der Kräfte Mehrerer zu Beförderung eines Ganzen im Wohl Aller – mich dünkt, dies ist das Problem, das uns am Herzen liegen sollte, weil Jedem es sein innerstes Bewußtsein wie sein Bedürfniß stille und laut sagt. »Gesetzgeber, Erzieher, Freunde der Menschheit,« sagt ein edler Mann unsrer Nation, Essai sur la Science , Erfurt 1796, vom Herrn Coadjutor von Dalberg . In diesem Entwurf sowol als in der Schrift »Vom Bewußtsein, als allgemeinem Grunde der Weltweisheit« (Erfurt 1793), in den »Betrachtungen über das Universum« (Erfurt 1777) und in jedem kleinsten Aufsatz ist das Thema dieser Schrift, » l'unité composée de l'infini « Inhalt und Sinnbild und » le caractère vrai, pur, énergique et moral « Charakter. – H. »laßt uns unsre Kräfte vereinigen, um dem Menschen zu beweisen, dahin den unendlich verschiedenen Lagen des Lebens er das innere Glück nirgend finde als in der wirksamen und thätigen Einheit seines Charakters . Strebend nach eigner Vollkommenheit, die Vorschriften einer allgemeinen und wohlthätigen Vernunft frei und standhaft befolgend, wird er Verirrungen, Verbrechen, inneren Vorwürfen entgegen. Als Mensch und Bürger wird er die Glückseligkeit im Zeugniß seines Gewissens finden. So bringt der Mensch die unendliche Verschiedenheit seiner Empfindungen, Gedanken, Bestrebungen zur Einheit eines wahren, reinen, wirksamen moralischen Charakters .« Und darf ich dies edle Bild weiter hinausprägen, so liegt im Menschengeschlecht eine unendliche Verschiedenheit von Empfindungen, Gedanken, Bestrebungen zur Einheit eines wahren, wirksamen, rein moralischen Charakters, der dem ganzen Geschlecht gehört . Wie jede Classe von Naturgeschöpfen ein eignes Reich ausmacht, auf andre Reiche bauend, in andre hineingreifend, so das Menschengeschlecht mit dem besondern und höchsten Abzeichen, daß die Glückseligkeit Aller von den Bestrebungen Aller abhängt und in ihm bei der größten Verschiedenheit in dieser sehr erhabnen Einheit allein stattfinde. Wir können nicht glücklich oder ganz würdig und moralisch gut sein, so lange z. B. ein Sclave durch Schuld der Menschen unglücklich ist; denn die Laster und böse Gewohnheiten, die ihn unglücklich machen, wirken auch auf uns oder kommen von uns her. Die Anmaßung, der Geiz, die Weichlichkeit, die alle Welttheile betrügt und verwüstet, haben ihren Sitz bei und in uns; es ist dieselbe Herzlosigkeit, die Europa wie Amerika unter dem Joch hält. Dagegen auch jede gute Empfindung und Uebung eines Menschen auf alle Welttheile wirkt. Die Tendenz der Menschennatur faßt ein Universum in sich, dessen Aufschrift ist: »Keiner für sich allein, Jeder für Alle, so seid Ihr alle Euch einander werth und glücklich!« Eine unendliche Verschiedenheit, zu einer Einheit strebend, die in Allen liegt, die Alle fördert. Sie heißt, ich will's immer wiederholen, Verstand, Billigkeit, Güte, Gefühl der Menschheit . ——— Freude. Freue Dich, edles Herz, das hold der Freude ist! Schuf nicht der Schöpfer der Welt Alles zur Freude? Wer sich freuet, erfüllt der Schöpfung Zweck. Süße Gabe des Gebers, gieße Dich ganz in mich! Noch ist mein Herz von Tücke nicht befleckt. So hüpfe denn das vergängliche Paradies hindurch, Du nicht mit drückenden Lasten beschwertes Herz! Sei froh des Vergangenen! Jeglicher Labung froh, die Du dem müden Pilger Darreichen konntest, danke dem Herrn der Welt, Der Dir zu reichen sie gab. Häuser, die Deine Hände gestützt, Hütten, die Deine Hände befestigten, Siehe sie froh! Besuche des Greises Grab, Der sich an Deinen Troststab lehnete! Komme der große Tag, an welchem der Schöpfung Herr Gericht hält! wenn die Schaaren um ihn stehn, Voll heiliger Erwartung. Sanfte Stille Verbreitet sich die sieben Himmel hindurch. Du trittst, ein Jüngling, mit tausendmal Tausend hervor, Anzubeten. Der Spruch des Richters ist: »Was Ihr der Menschheit thatet, thatet Ihr Mir selbst. Geht ein zu Eures Herren Freude!« ——— 124. Und warum verhehlen wir eine Norm der Ausbreitung des moralischen Gesetzes der Menschheit, die uns so nahe liegt? Das Christentum gebietet die reinste Humanität auf dem reinsten Wege . Menschlich und für Jedermann faßlich, demüthig, nicht stolz autonomisch, selbst nicht als Gesetz , sondern als Evangelium zur Glückseligkeit Aller gebietet und giebt es verzeihende Duldung, eine das Böse mit Gutem überwindende thätige Liebe. Es gebietet solche nicht als einen Gegenstand der Speculation, sondern giebt sie als Licht und Leben der Menschheit, durch Vorbild und liebende That, durch fortwirkende Gemeinschaft . Es dient allen Classen und Ständen der Menschheit, bis in jeder jedes Widrige zu seiner Zeit von selbst verdorrt und abfällt. Der Mißbrauch des Christenthums hat zahlloses Böse in der Welt verursacht – ein Erweis, was sein rechter Gebrauch vermöge. Eben daß, wie es gediehen ist, es so viel gutzumachen, zu ersetzen, zu entschädigen hat, zeigt nach der Regel, die in ihm liegt, daß es dies thun müsse und thun werde. Der Labyrinth seiner Mißbräuche und Irrwege ist nicht unendlich; auf seine reine Bahn zurückgeführt, kann es nicht anders als zu dem Ziel streben, das sein Stifter schon in dem von ihm gewählten Namen » Menschensohn « (d. i. Mensch) und im Gerichtsspruch des letzten Tages ausdrückte. Wenn die schlechte Moral sich an dem Satz begnügt: »Jeder für sich, Niemand für Alle!« so ist der Spruch: »Niemand für sich allein, Jeder für Alle!« des Christenthums Losung. ——— Der Himmlische. Heil und Gebet dem Mann in Himmelsglanz, Zu dessen Füßen jetzt die Sterne wallen! Wie Mond und Sonne glänzt sein Angesicht. Er denke unser, wenn wir beten, wenn Sich unser Herz zum Armen freundlich neigt, Und lasse jeden Wandrer Schatten finden, Und jedem Durstenden zeig' er den Quell. Er war es selber einst, der Menschlichkeit Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmuth Und Milde zur Religion uns gab. Heil und Gebet dem Mann, der Menschlichkeit Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmuth Und Milde zur Religion uns gab! ———